
        
                               Jeremias Gottelf
                                Uli der Pächter
                                     Vorwort
Der erste Teil dieses Buches entielt die Geschichte eines Knechtes, welcher
durch Treue aus einem Knechte zum Meister wurde. Dieser zweite Teil entält die
Geschichte eines Meisters, welcher in den Banden der Welt lag und welchen der
Geist wirklich frei machte. Der erste Teil war den Einen zu weltlich; was nun
dieser Teil den Einen oder Andern sein wird, lässt der Verfasser dahingestellt.
Der Verfasser behauptet nicht, das Rechte getroffen, sondern bloss das: mit
ehrlichem Willen nach dem Rechten gestrebt zu haben. Ob das Publikum billig und
damit zufrieden ist, weiss der Verfasser nicht. Mag es aber nun so oder anders
sein, so ist das sein Trost, dass ihm, so Gott will, nirgends ein gedankenloses
oder feiles Segeln mit herrschenden Winden wird nachgewiesen werden können.
Lützelflüh, den 13. Oktober 1848.
                                                               Jeremias Gottelf
 
                                 Erstes Kapitel
                                Eine Betrachtung
Drei Kämpfe warten des Menschen auf seiner Pilgerfahrt. Drei Siege muss er
erkämpfen, will er dem vorgesteckten Ziele sich nahen, bei seinem Scheiden sagen
können: Vater, es ist vollbracht, in deine Hände befehle ich meinen Geist. In
einander hinein schlingen sich die drei Kämpfe, doch bald der eine, bald der
andere drängt sich in den Vordergrund, bald nach dem Lebensalter, bald nach den
Umständen.
    Wenn der Frühling des Lebens blüht, die Kräfte sich entfalten, das Herz von
Wünschen schwellt, die Seele zum Fluge nach oben die Flügel regt, aus dem
sichern Hafen des väterlichen Hauses hinaus ins Leben, hinaus auf des
trügerischen Meeres Höhe das Schifflein strebt, da wenden die reinsten und
edelsten Kräfte sich dem Suchen einer Seele zu, im Ringen nach ihrem Besitz
erglänzt zum ersten Male des Mannes göttliche Gestaltung. Es lebt ein tief
Gefühl im Manne, und Gott hat es gepflanzt in den Mann, dass er, um zu kämpfen
mit des trügerischen Meeres wilden Wellen, um zu besiegen die andringende Welt,
eine zweite Seele bedürfe, dass er ein Weib bedürfe, um sich in dieser Welt zu
schaffen und zu gründen ein bleibend Denkmal, die schönste Ehrensäule: eine
tüchtige Familie, fest gewurzelt in der Erde und kühn und fromm hoch zum Himmel
auf die Häupter hebend. Hat er die Seele gefunden, mit welcher vereint er sich
getraut ein Haus zu erbauen, eine feste Burg gegen die lockende, andringende
Welt, dann will er diese Seele an sich fesseln durch der Ehe heilig Band,
welches nur Gott lösen soll. Nur wer des Lebens Bedeutung und seinen Ernst
verkennt, das Leben hält für ein Schaukeln auf den Wellen der Lust ohne Ziel und
Zweck, nur der verkennt der Ehe hohe Bedeutung, verhöhnt sie als veraltet, als
eine morsche Schranke gegen wahre Kultur. Der ist dann aber auch kein Sohn der
Ewigkeit, sondern ein Kind des Augenblicks; wie ein Irrlicht hüpft im Moor, so
ist sein Wandel durchs Leben, wie ein Irrlicht versinkt im Moor, so sein Leben
im Schlamme der Welt.
    Hat er das Gefundene errungen, mit sich vereint durch der Ehe heilig Band,
dann hat er den ersten Sieg erkämpft. Aber wehe dem, der mit dem Siege allen
Kampf zu Ende glaubt. Das Wahren des Sieges ist oft schwerer als desselben
Erringen, wie ein rascher, kühner Anlauf leichter ist als ein fest und standhaft
Ausharren; diesen Wahn hat mancher Sieger mit Schmach und Tod gebüsst. Jetzt gilt
es, die Ungleichheiten der Seelen auszugleichen, vor der Selbstsucht sich zu
hüten und das innere geistige Band, die Liebe, zu wahren, die da langmütig ist
und freundlich, sich nicht aufbläht, nicht ungebärdig stellt, nicht das Ihre
sucht und sich nicht verbittern lässt.
    Dem Ehemann beginnt so recht eigentlich der Ernst des Lebens, der Kampf mit
der Welt. Wahrscheinlich hat er schon lange mit ihr gehändelt, manch Scherzspiel
mit ihr getrieben, aber so recht mit Bewusstsein beginnt doch erst jetzt die
ernste Schlacht.
    Dem Feldherrn vor beginnen der Schlacht gleicht der Hausvater am Morgen nach
geschlossener Ehe. Wenn bei grauen, dem Morgen am Schlachttage aus seinem Zelte
der Feldherr tritt, ist ernst bewegt sein Herz, prüfend schweift sein Auge
durchs Gefilde, ermisst die Höhen, erforscht die Schluchten, erwägt die Kräfte,
die ruhen hier und dort, schlummern viel, leicht den letzten Schlaf, die bald
sich messen werden in graulichem Gewühle. Er überschlägt den Anfang und denkt an
das Ende. Während er sinnt und denkt, erwacht um ihn die Welt, Schildwachen
rufen, Tritte rasseln, Pferde wiehern, Bajonette blitzen in der aufsteigenden
Sonne, Rauch steigt auf, und zum Aufsitzen ruft die Trompete die Reiter. Des
Tages Getöne verbreitet sich, es erwacht aus seinen Sinnen der Feldherr. Er
rafft sich zusammen, ordnet die Kräfte, ruft zur Schlacht. Über dem Gewirre
wacht sein Auge, mit starker Hand lenkt er dasselbe, rollt es auf, zieht es
zusammen einem Netze gleich, in welchem der Fischer seine Fische fängt. Er
beginnt den Kampf, die Kräfte messen sich, wie ein Wirbelwind wirbelt die
Schlacht durch Schluchten, Felder und Berge. Der Donner der Kanonen erfüllt die
Luft, blutrot färben sich die Waffen, schwarz und dunkel, ein grausig
Leichentuch, legt der Rauch sich über Leichen und Lebendige, verhüllt den Augen
der Gebietenden das Wogen der Schlacht. Da bedarf der Feldherr ein scharfes
Auge, eine feste Seele, um mit starker, sicherer Hand die Wirbel der Schlacht zu
schürzen und zu lösen nach seinem Sinne, sie zu behalten in seiner Macht, dass
das Ende der Sieg ist und gebunden und ohnmächtig der Feind zu seinen Füssen
liegt.
    Glänzt endlich auf des Siegers Haupt des Sieges Krone, so gilt es, sie zu
bewahren, nicht ein Opfer seiner Siege zu werden, schmählich zu enden. Es ziehen
Siege und Kronen gar zu leicht ins Herz hinein, schwellen das Herz, regieren das
Herz, trüben den Blick, lähmen die Hand, jagen den Sieger in den Untergang, das
Ende so vieler Sieger.
    Wie der Feldherr vor die Schlacht, trittet vor die Welt der junge Hausvater.
Er will ihr abringen eine sichere Stätte, Platz zu einer Ehrensäule; er prüft
die Welt, misst seine Kräfte, beginnt endlich den Kampf mit den vorhandenen
Kräften und im Vertrauen auf sie. Tausende werden rasch niedergerannt von der
Welt, verlieren alsbald Mut und Leben; sie waren nicht befähigt zum Kampfe, ihr
Dasein war und ist ein trostloses.
    Viele ringen immer und kommen nimmer zum Siege. Ihr Dasein ist ein
mühseliges, das Schöpfen in ein durchlöchertes Fass, das Rollen des Steines, der
immer wieder niederrollt, den Berg hinan; zu einem festen Sitz kommen sie nicht,
die Krone der Ehre schmückt ihre Scheitel nicht, der Welt ringen sie nichts ab,
eitel und voll Mühe war ihr Leben, und keine Beute ward ihnen, weder eine äussere
noch eine innere. Andere dagegen scheinen glücklich, siegreich zu kämpfen mit
der Welt, grosse Beute von allen Seiten fällt ihnen zu, aber diese Beute ist eben
das trojanische Pferd, welches die Mauern ums Herz sprengt, dem verräterischen
Feind den Zugang öffnet. Wie die Siege dem Sieger zieht sie ein in des Eroberers
Herz, wirft dort zum Herrn sich auf; zum Knechte wird der Mensch, zu immer neuen
Kämpfen hetzt sie den armen Sklaven, jagt ihn gleichsam alle Tage Spiessruten;
was er auch erbeuten mag von der Welt, ihren Schätzen und Genüssen: Ruhe und
Genügen findet er nimmer, jeder neue Gewinn ist Öl in die alte Gier und Glut,
neue Jagd durch die Wüste beginnt an jedem neuen Morgen, bis er endlich
elendiglicher verendet als der, welcher der Welt nichts abgewonnen hat. Und so
wird es jedem ergehen in höherem und geringerem Grade, augenscheinlicher und
minder bemerklich, in welchem nicht ein dritter Kampf sich erhoben hat und
siegreich, nicht zu Ende geführt, aber doch dem Ende zugeschritten ist. Er ist
der höchste der Kämpfe, aber auch der schwerste, es ist der Kampf mit dem
eigenen Herzen, der Kampf des neuen Menschen mit dem alten, der Kampf des
Geistes mit der Materie. Glücklich gefochten, bringt er aber auch den höchsten
Lohn: hier ein Genügen, welches über allen Verstand geht, drüben die Krone der
Gerechtigkeit, die Kampfgabe des ewigen Jerusalems.
    Im Herzen steckt von Anfang an und von Natur der alte Mensch, der da böse
ist und verkehrt, Gott und den Nächsten hasst, sich allein liebt, lüstern ist
nach der Welt, ihren Genüssen und Schätzen, der da einen Boden hat für alles
Unkraut empfänglich, nicht für die Lust allein, absonderlich auch für Neid,
Zorn, Hass und Rachgierigkeit. Dieser alte Mensch, vom Fleische geboren, ist es,
der von der Welt sich locken lässt und gefangen genommen wird dem Affen gleich,
dem man in einer Flasche Nüsse beizt; in den engen Hals der Flasche zwingt wohl
der Affe die leere Pfote, aber die mit Nüssen gefüllte bringt er nicht durch den
engen Hals, die Nüsse fahren lassen will er nicht, lässt lieber Freiheit und
Leben. Dieser alte Mensch ist der Zwillingsbruder der Welt draussen; je mehr
derselbe der Schwester abgewinnt, desto üppiger schwillt er auf, desto üppiger
wird die Welt drinnen, desto grösser ihre Gewalt, desto grausiger ihre Tyrannei
über die arme Seele, wenn nämlich der dritte Kampf nicht entbrannt ist um die
Emanzipation der Seele oder des neuen Menschen, der Kampf um das Himmelreich. Im
dritten Kampfe soll eben nämlich der Himmel gewonnen und dieser gezogen werden
ins Herz hinein, dass die Welt nicht Platz habe darin, dass man sie hat, als hätte
man sie nicht, sie geniesst, als genösse man sie nicht, übrig haben davon und
Mangel leiden kann daran und beides unbeschwert.
    Der alte Mensch ist der erste, der erstgeborne, wenn man will. Es schlummert
aber im gleichen Gehäuse ein zweiter Mensch, geschaffen nach dem Ebenbilde
Gottes, aber gefesselt in dunkler Höhle, gefangen gehalten durch den alten
Menschen, dem alten Barbarossa ähnlich, der da auch schlummern muss in dunklem
Bergesschosse, bis ihn ein junger Tag zu frischem Heldentume weckt. Der neue
Mensch muss eben auch geweckt werden und zwar durch den Geist, dessen Brausen man
wohl hört, aber von dem man nicht weiss, woher er kommt noch wohin er fährt. Auf
ihm liegt, schwerer als der schwerste Stein auf märchenhaften Schätzen, Moder
und Schutt von Welt und Sünde. Gewaltiger als das Wehen der Winde, welche das
Gebirge sprengen wollen, das auf den himmelstürmenden Riesen liegen soll, muss
der Hauch des Geistes sein, welcher wegfegt Moder und Schnitt von Welt und
Sünde, hebt den Stein vom engen Gehäuse, in welchem gefesselt liegt der neue
Mensch, ihn kräftigt, dass er sich erhebt, den Kampf mit dem alten Menschen
beginnt um den Besitz des Herzens, um des Lebens Ziel und Richtung.
    Ohne Gott kann hier nicht gekämpft werden, am allerwenigsten glücklich, aber
wo Gott mitkämpft, muss der Kampf zum Siege führen. Doch nie zum vollständigen,
solange in sterblichem Gehäuse die Seele wohnt; erst im Grabe, das ist des
Christen Hoffnung, versenkt er mit dem Leibe auch Sünde und Sündhaftigkeit. Der
alte Mensch, wenn auch vom Trone gestossen, ergibt sich auch in Fesseln nicht,
erhebt alle Tage sich neu, gleich dem Satan, gegen Gott, wie hoffnungslos das
Beginnen auch ist. Mit dem letzten Atemzuge erst legt er sich in ewige Ohnmacht.
Darum bleiben fort und fort so bedeutsam die Worte: Wachet und betet, dass ihr
nicht in Versuchung fallet! Je schwächer der Bruder darum ist, desto mehr
verliert die Schwester, die Welt draussen, ihre Macht über den Menschen, sie hat
nicht mehr Platz im Herzen, sie regiert nicht mehr, sondern wird regiert. Der
Kampf mit ihr nimmt in dem Masse ab, als der gegen den alten Menschen sich dem
Siege nähert. Wer also kämpfet, der ist ein guter Kriegsmann Jesu Christi, darf
hoffen, gekrönt zu werden; des Lebens Bestimmung hat er erfüllt, das ewige Leben
ergriffen, darf befehlen seinen Geist in des Vaters Hände.
    Oh, gross und wunderbar ist des Lebens Bedeutung und eng und schwer durch das
Leben der Weg, der zum Ziele führt! Oh, und wie leichtfertig und vermessen
schlendern die Menschen durchs Leben, als ob sie weder Ohren noch Augen hätten,
keinen Verstand, die Tage mit Weisheit zu zählen, als ob sie hundert Leben
hätten, hundertmal von vornen wieder beginnen könnten, wenn eins in
Liederlichkeit, Torheit und Sünde schmählich zu Ende gelaufen, als ob der Glaube
abgeschafft sei und erlaubt, nach vieltausendjähriger Erfahrung erst sich zu
bekehren, durch hundert verlorne Leben endlich klug geworden.
    Heil denen, welchen in diesem Leben Augen und Ohren aufgehen und das rechte
Verständnis kommt, dass mitten in der Welt der Himmel errungen werden muss, wenn
wir die Liebe bewahren, die Welt überwinden, den Himmel jenseits schauen wollen,
dass wir Gott hienieden finden, unser Herz seine Herberge werden muss, wenn er
droben uns herbergen, unser Teil werden soll in alle Ewigkeit!
 
                                Zweites Kapitel
                             Der Antritt der Pacht
Dieses alles dachte Uli nicht, als er am Morgen nach seiner Hochzeit vor das
Haus trat, unwillkürlich am Brunnen vorbei hinter das Haus schritt, von wo man
einen grossen Teil des Hofes übersah, aber Ähnliches regte sich doch in ihm. Ein
Weib hatte er errungen, ein besseres gab es nicht, das wusste er. Aber vor ihm
stund nun die Welt, an dieser besass er so viel als nichts; das bedachte er, und
bange ward es ihm. Er hatte sie angefasst, diese Welt, den Kampf mit ihr
begonnen, die Pacht um ein grosses Gut war geschlossen, in wenig Tagen musste er
sie antreten, übers Jahr mehr als achtundert Taler Zins ausrichten, und diese
achtundert Taler überstiegen sein Vermögen. Woher sie nehmen, wenn das Glück
nicht auf seiner Seite stund, wem die Welt stärker war als er, ihm nichts
ablassen wollte von ihren Schätzen, ihm entriss, was er bereits hatte? Bangen kam
über ihn, des Bangens Unruhe fuhr ihm in die Glieder, trieb ihn durch die
Ställe, trieb ihn ums Haus herum, bis er wieder stillestund hinter demselben.
Äcker und Wiesen rechnend übersah, rechnete und rechnete, dass ihm Hören und
Sehen verging darob, dass er nicht wusste mehr, stund er auf dem Kopfe oder auf
den Füssen, die Rechnungen sich verschlangen in einander, dass er nicht mehr
wusste, wo der Anfang war, geschweige dass er das Ende finden konnte.
    Plötzlich wurde er umschlungen; hochauf fuhr er, als ob es wirkliche
Schlangen wären. Es war auch eine an Klugheit, aber eine ohne Gift und Galle,
wie wir jedem Christen eine ins Haus wünschen möchten; es war Vreneli, das
freundlich vor ihn trat, traulich ihm ins Auge sah, beide Hände ihm auf die
Schultern legte und sagte: »Aber Uli, Uli, hast die Ohren verloren? Das
Frühstück steht auf dem Tische, dreimal rief ich dir und allemal lauter und
allemal umsonst. Uli, lieber Uli, fange mir nicht schon an mit Sinnen und
Rechnen, weisst nicht, wie leicht man sich erst verrechnet und dann hinter,
sinnet? Lass uns beten und arbeiten, das Andere auf Gott stellen, der soll unser
Rechenmeister sein. Der wird schon rechnen, dass es gut kömmt, und der böse
Kummer und das plaghafte, ängstliche Wesen, welches immer auf dem Trocknen
ertrinken will und an der Sonne erfrieren, kommen nicht an uns. Uli, lieber Uli,
wollen wir?« frug Vreneli fast wehmütig und streckte ihm die Hand dar. Uli
schlug ein, folgte zum Frühstück, aber heiter ward doch sein Gesicht nicht.
    Wahrscheinlich wusste er auch kaum so recht, was er seinem Weibchen
versprochen hatte. Es gibt gar viele Menschen, welche sich von einem
Gedankenzuge, der sich ihrer bemächtigt hat, kaum mehr losmachen können. Der
Gedankenzug reisst sie dahin, und wenn sie schon Rede und Antwort geben, so
wissen sie doch nicht worauf und was. Sie sind wie Solche, die in einem
Eisenbahnzug dahinfahren und ihre Lieben schreien ihnen nach und sie schreien
den Lieben zurück, aber Keines weiss, was geschrieen wird.
    Es ist aber wirklich dem guten Uli zu verzeihen, wenn seine Gedanken
gefangen und unwillkürlich in einer Richtung dahingerissen wurden, seine Lage
war auch darnach. Vor ihm stund in nächster Nähe der Tag, wo er, wie man
heutzutage zu sagen pflegt, ein Geschäft übernehmen sollte, welches weit, weit
über sein Vermögen, das er so schwer und langsam erworben, ging, ihn in
Jahresfrist ohne Wunder und absonderliche Greuel zugrunde richten konnte. Nun,
Vielen hätte dieses nichts gemacht. Hunderte springen, wenn sie nur irgend, wie
ein Geschäft erblicken, mit beiden Beinen hinein, Tausende gar mit dem Kopf
voran, ohne sich zu kümmern, mögen die Beine nach oder nicht. Uli gehörte nicht
zu dieser Rasse. Uli hatte eine der bedächtigen Berner Naturen und war nicht
demoralisiert durch den Zeitgeist, das heisst durch den Schwindelgeist der Zeit.
Er besass tausend Gulden, zirka sechshundert Taler. Vermögen legt der Berner
gerne auf solides Unterpfand an, ehedem bloss auf dreifaches, jetzt nimmt man
schon mit nur doppeltem vorlieb. Uli aber setzte das seine aufregen und Sturm,
auf Hagel und Dürre, auf Blitz und Seuche. Nicht bloss konnte ihm alles verloren
gehen, sondern namentlich wenn Unglück in die Ställe brach, konnte er zwei-,
dreimal mehr verlieren, als er besass. Dann war nicht bloss der beste Teil seines
Lebens scheinbar verloren, sondern der Rest desselben schien kaum hinreichend,
sich dürftig von dem Schlage zu erholen. So ist es wohl erlaubt, dass es einem
bange wird ums Herz, dass Vertrauen und Sorgen mit einander ringen. Wem es nicht
so geht, der müsste wirklich sehr leichtfertig, neumodisch genaturt sein.
    Die Vorbereitungen zur Übernahme wurden allmählich getroffen. Joggeli und
seine Frau liessen nach und nach in den Stock schleppen, was sie behalten
wollten, und Vreneli half treulich der Base einhausen, war ihr Kind nach wie
vor, und wenn es auch das Eigene darob versäumen musste, verzog es doch keine
Miene. Es fanden sich eine Unmasse von Dingen vor, welche Uli nicht brauchte und
Joggeli nicht. Diese wurden sämtlich in eine grosse Kammer zusammengetragen und
aufgestapelt. An einer Steigerung hätte man daraus eine Summe gelöst, welche
eine herrliche Erquickung für den Baumwollenhändler gewesen wäre. Aber auf der
Glungge sollte keine Steigerung abgehalten werden. Überhaupt in allen soliden
Häusern liebt man das Alte mehr als das Neue, Kleider verkauft man nicht. An
jedes Stück knüpfen sich Erinnerungen, und an diese Erinnerungen knüpfen sich
Lehren und Erfahrungen, und gar mancher Bauer zieht aus seiner Rumpelkammer und
allen Winkeln seines Hauses weit mehr Weisheit ein als englische Lords und
deutsche Gelehrte aus den kostbarsten und grössten Biblioteken, angefüllt mit
Büchern, gebunden in Schweinsleder oder halb oder gar ganz Franzband.
    Das Inventar von dem Geräte und dem Viehstand war gross, und die Schatzung,
obgleich alles äusserst billig, machte Uli die Haare zu Berge stehen, Man denke
sich zum Beispiel nur acht Kühe und jede durchschnittlich zu sechzig Talern.
Dieses Inventar überstieg mehr als um das Vierfache Ulis Vermögen, musste zu vier
Prozent verzinset und später allfälliger Abgang ersetzt werden. Uli hatte grossen
Vorteil dabei, aber bedenklich war es doch in alle Wege.
    Endlich kam der verhängnisvolle fünfzehnte März, an welchem, wie man zu
sagen pflegt, Uli Nutzen und Schaden angingen. Es war ein schöner, heller
Märztag, und doch kam er allen trüb und unheimlich vor. Es tat allen weh, die
Alten ausziehen zu sehen. Als man ihr Hinterstübchen ausräumte und namentlich
das grosse Bett hinüberschleppte, war es fast, als trage man ihnen einen grossen
doppelten Sarg voran. Die Base hatte den ganzen Tag das Wasser in den Augen,
aber lauter heitere, aufmunternde Worte im Munde, sie hatte eine Gewalt über
sich, welche allen Gebildeten zu wünschen wäre. Man sah es ihr an, sie
betrachtete dieses Überziehen aus dem grossen Hause in das kleine als eine
Vorübung auf das Beziehen des allerkleinsten Häuschens, welches Armen und
Reichen aus wenig Brettern zusammengeschlagen wird. In diesem kleinen Häuschen
schläft man auch, doch wie wohl oder wie übel, das weiss Gott.
    Als aber das alte Ehepaar zum erstenmal in ihrem grossen Bette im Stocke
schlafen wollte, da wollte der Schlaf nicht kommen; er war nicht gewohnt, sie
hier in diesem Stübchen zu suchen. Ob Joggeli es zürnete, wissen wir nicht, es
schien fast, als sei die Nacht ohne Schlaf ihm willkommen, um seiner Alten alle
ihre Sünden bis weit in die Urwelt hinauf vorzuhalten und sie für alle Folgen
derselben verantwortlich zu machen, nicht bloss bis auf Kinder und Kindeskinder,
sondern bis drei Tage nach dem Jüngsten.
    Die gute Alte schwieg lange, endlich lief es ihr doch über. »Ich hoffte,«
sagte sie, »wenn dir die Last abgenommen werde, so werdest du einmal mit Gott,
dir selbst und der Welt zufrieden. Aber wie ich leider sehen muss, bleibst du
immer der gleiche Stürmi. Du hättest eigentlich zu einem armen Mannli, einem
Korbmacher oder Besenbinder geraten und dreizehn oder neunzehn lebendige Kinder
haben sollen, dann hättest du klagen können, vielleicht dass Gott es gehört
hätte. Aber jetzt ists nur ein böser Geist, der dich immer klagen lässt, und der
ist mit mir hinübergekommen und wird bei uns bleiben sollen. Ich muss mich
versündigt haben, dass ich mich damit muss plagen lassen. In Gottes Namen, ich muss
es so annehmen. Unser Herrgott wird doch hoffentlich bald finden, jetzt sei es
Zeit. Warum ich nicht von dir lief, als ich noch junge Beine hatte, die laufen
konnten, und so weit weg, als sie mich tragen mochten, das begreife ich noch auf
die heutige Stunde nicht. Jetzt trüge Fortlaufen nicht viel mehr ab, und meine
alten Beine trügen mich kaum so weit, dass mir dein Stöhnen und Klagen um nichts
oder wieder nichts nicht noch zu Ohren käme, besonders wenn der Wind ein wenig
ginge.« Das wollte Joggeli doch fast gemühen. »Wer laufen will, kann,« sagte er,
»ich will niemand dawider sein, und mit Nachlaufen werde ich niemand plagen.
Wenn ich schon wollte, täten es meine Beine nicht; wenn andere ausgestanden
hätten, was sie, sie wären auch froh, an die Ruhe zu kommen.« Ihm wäre es je
eher je lieber. Gutes hätte er nie viel gehabt, und was ihm noch warte, könne
denken, wer Verstand habe. Jetzt vermöchte er doch noch seinen Sarg schwarz
anstreichen zu lassen, gehe es länger so, sei es wohl möglich, dass man froh sei,
wenn man noch so viel bei ihm finde, um die ersten besten rohen Bretter zu
bezahlen. »Du bist doch immer der Wüsteste, wirst dich versündigen wollen, dass
es keine Art hat«, sagte seine Frau. »Schweigen wird am besten sein, es weiss
sonst kein Mensch, was du noch stürmst.« Darauf drehte die Mutter sich gegen die
Wand und blieb stumm. Joggeli mochte gifteln und klönen, so stark und so lange
er wollte.
    Drüben im grossen Hause ging es anders zu. Die Bauart des Hauses brachte es
mit sich, dass die Meisterleute im Hinterstübchen wohnen mussten. Dasselbe war
gleichsam des Hauses Ohr, jeder Schall aus Kammern und Ställen, von vornen und
hinten, schien dort landen zu müssen; das ist kommod für einen rechten
Hausmeister!
    Uli und Vreneli mussten dieses Stübchen auch beziehen, aber sie taten es
ungern, sie schämten sich fast, als Knecht und Magd nun zu schlafen, wo früher
der Meister und die Meisterfrau. Sie kamen sich wirklich im Stübchen als so gar
nichts vor, und auch bei ihnen wollte der Schlaf nicht einbrechen.
    »Ja, ja,« stöhnte Uli, »es wäre schön hier und im Winter bsonderbar warm, da
liesse sich sein. Wenn es nur immer währte, aber das Ändern tut weh. Wenn man am
Ende doch wieder in eine kalte Kammer muss, so wäre es hundertmal besser, man
hätte sich nie an ein warmes Stübchen gewöhnt.« Aber zwängt sei zwängt, und
jetzt müsse man es nehmen, wie es sei. So jammerte Uli ähnlich wie Joggeli, der
Unterschied war bloss der, dass sein Jammer nicht aus einem zähen, verhärteten
Herzen kam, sondern aus einem jungen, warmblütigen, demütigen, welches sich in
seine höhere Stellung nicht finden konnte. In einem solchen finden gute Worte
noch gute Stätte. An solchen liess es auch Vreneli nicht fehlen, tröstete, so gut
es konnte, sprach vom Werte des Hofes, von seinem guten Willen, von dem
Vertrauen zu Gott, der alles wohl machen werde, dass Uli die Ruhe kam und er
andächtig mit Vreneli beten konnte; darauf kam leise der Schlaf gezogen, hüllte
die Beiden in seinen dicksten Schleier, und als die Sonne kam, schlummerten
Beide noch süss und fest darin, und lange ging es, bis ihre Strahlen die Schläfer
zu wecken vermochten.
    Hui, wie Beide auf die Füsse fuhren, als vor ihren langsam sich öffnenden
Augen plötzlich der helle Tag stund in vollem, sonnigem Gewande! Draussen
polterte das Gesinde, prasselte das Feuer, gackelten bereits die Hennen, und
Meister und Meisterfrau hatten sich noch nicht gerührt. Wohl, da schämten sie
sich und durften fast nicht aus dem Stübchen. Sie hatten sich wohl schon mehr
als einmal verschlafen, aber so ungern es wirklich doch nie gehabt als heute.
Wie die Leute das auslegen würden, dachten sie.
    Der Frühling ist eine herrliche Zeit, eine ahnungsreiche, wonnevolle.
Darüber werden doch wohl die Parteien von allen Farben einig sein, wie weit sie
sonst auseinandergehen mögen! Wie prosaisch und trocken ein Bauer auch sein mag,
im Frühling wird ihm doch das Herz grösser und er denket weiter als die Nase
lang. Er hat es seinen Äckern. Wiesen und Gärten gegenüber wie ein Vater, der
mitten in einem Dutzend blühender Kinder steht. Was wird aus ihnen werden, was
werden sie für Früchte tragen? muss er unwillkürlich denken. Wie der Kinder
Gesichter blühen, Gesundheit ihre Glieder schwellt, blühen und schwellen Freude
und Hoffnung in seiner Seele. So hat es auch der Landmann, besonders der junge,
welcher noch nicht manchen Frühling auf eigene Rechnung erlebt hat. Jede
Pflanzung wird ihm zum Kinde, und je üppiger sie grünt und blüht, desto üppiger
grünen und blühen seine Hoffnungen.
    Der Frühling, von welchem wir sprechen, war ein ganz eigen von Gott
gespendeter, als wollte er die Probe machen, ob die Menschen so weit in der
Aufklärung gekommen, dass sie zu begreifen imstande seien, sie selbst könnten
keinen solchen machen, auch sei es unmöglich, dass er von ungefähr käme, sondern
dass er von Gottes väterlicher Hand müsse gegeben sein.
    Mit Fleiss und Kunst bestellte Uli Saat und Acker, und Vreneli machte nicht
bloss fast alleine seine schwere Haushaltung, sondern half doch noch draussen, dass
männiglich sich wunderte, sorgte für den Garten, dass Kraut darin wuchs und Salat
nebst allerlei Kräutlein, welche einer vernünftigen Suppe wohl anstehen und
sonst in gesunden und kranken Tagen gut zu gebrauchen sind.
    Vrenelis rührigem Treiben sah die Base mit der grössten Freude zu. Alle Tage
war sie im Garten oder guckte wenigstens über den Zaun, besah die andern
Pflanzungen, und häufig kam sie, setzte sich zu Vreneli, half ihm das Essen
rüsten oder sagte: »Gehe nur, wenn du was zu machen hast, ich will dir zum Feuer
sehen und sorgen, dass das Essen nicht anbrennt.« Wollte Vreneli sich wehren oder
danken, so meinte sie: »Ich habe Ursache zu danken, dass du es annimmst. Was
meinst, müsste die Langeweile mich nicht töten, wenn ich auf einmal von allem
käme und nichts mehr anrühren dürfte?« Kam sie dann heim, hatte sie zumeist ein
lachend Gesicht (denn dass es drüben so gut ging, freute sie sehr, und was sie im
Herzen hatte, zu verbergen, war ihr nicht gegeben) und sagte wohl zu Joggeli:
»Gottlob, es geht da drüben gut, besser noch, als ich gedacht. Wenn die es nicht
zu was bringen, so gelingt es niemanden mehr. Vreneli läuft, als wenn es Räder
unter den Füssen hätte, und Uli schafft, als sei er aus lauter Uhrenfedern
zusammengesetzt. Es ist mir ein recht schwerer Stein ab dem Herzen, hätte mir ja
mein Lebtag ein Gewissen machen müssen, wenn es nicht gut gegangen wäre.«
    Joggeli, welcher wohl auch herumgetrippelt war an seinem Stocke und hinter
Zäunen und Bäumen hervor dem Treiben zugesehen hatte, zog auf solche Reden sein
grämliches Gesicht und meinte: »Glaub es, wie sollte es anders sein, wenn ihnen
alles hilft, die Fische in das Netz zu jagen, sogar das Kraut in den Hafen.
Hätte man für mich halb gearbeitet und gesorget wie für sie, ich wäre noch
einmal so reich. Aber mir hat niemand helfen wollen, ja wenn man mich hätte auf
die Gasse bringen können, man hatte es getan und dazu noch den Hals voll gelacht
und dazu noch die, denen es dabei am übelsten gegangen wäre, und zuletzt hätte
ich denn doch an allem schuld sein sollen. Ja, die Welt ist bös. Trau, schau,
wem, heisst es nicht umsonst.« »Ja, da hast einmal recht,« antwortete die Base,
»die Welt ist wüst und Trauen bös, aber von den Allerwüstesten bist du, und
wegen Trauen solltest schweigen. Wenn das Gewissen nicht wäre und deine Frau,
weiss Gott, was du für ein Unflat geworden wärest. So alt bist schon und wirst
doch noch alle Tage wüster, denkst nicht an deine arme Seele und was Gott mit
ihr anfangen soll.«
    So verschiedene Gedanken wachsen bei gleicher Witterung in den Herzen der
Menschen, es ist aber eben der Grund der Herzen verschieden. Giftkräuter wachsen
auf dem einen. Heilkräuter treibt der andere. Du mein Gott, wie sollte es dem
Menschen, welcher den Gärtner vorstellen sollte, in seines Herzens Garten so
himmelangst werden, wenn er in seinen Garten kömmt und es weht ihm entgegen ein
giftiger Hauch und gleich Schlangenaugen glitzern ihm lauter Giftkräuter
entgegen! Ach Gott, nein, denen wird gar nicht himmelangst, die bleiben
kaltblütig, ja sie haben noch Freude und Spass an den giftigen Kräutern, lassen
sie nicht bloss nach Belieben wuchern, sondern pflegen sie noch sorgsamst, als
obs die kostbarsten Pflanzen wären, und je üppiger sie aufschiessen, mit desto
grösserem Behagen weisen sie als grosse Raritäten dieselben vor allen, welche sie
zum Betrachten herbeibringen können.
    Fröhlich wie im Fluge rannen die Tage dem jungen Ehepaare dahin, wie es zu
gehen pflegt, wenn voll Arbeit die Hände sind, voll Sinnen der Kopf, die Arbeit
wie ein Uhrwerk läuft und das Erdachte zur Tat wird ohne Säumnis und Hindernis.
Es war, als ob der liebe Gott erst nachsehe, was Uli meine und Vreneli sinne,
ehe er das Wetter mache, regnen lasse oder die Sonne scheinen. Dachte Uli, jetzt
wäre ein warmer Regen gut, so kam ein warmer Regen, man wusste gar nicht woher,
und wenn er dachte: Jetzt ists genug, die Sonne wäre wieder gut, so ging der
Regen, man wusste nicht wohin, und die Sonne war da. Wer auf Sonne und Regen nur
des Spazierens wegen achtet und nicht weiss, welche Bedeutung beide für den
Landmann haben, der weiss gar nicht, welch Unterschied, wir wollen nicht sagen im
Gedeihen der Pflanzen, sondern im Betrieb der Arbeit ist bei günstigem oder
ungünstigem Wetter.
    Es gibt Jahre, in welchen man bei gedoppelter Anstrengung und Kosten
nirgends hinkömmt, immer im Rückstand ist, alles pfuschen muss, wenn man das
Dringlichste machen will, ehe der Winter wieder da ist, und wiederum Jahre, wo
alles geht wie auf einer Eisenbahn, nirgends ein Rückstand ist, Hasten und Jagen
nie nötig sind, man Zeit zu allem hat und keinen Kummer vor dem Kommen des
Winters, wo alles wohl gerät und wo es ist, als sei Meister der Mensch, seine
Hand ein Zauberstab, sein Mund allmachtsvoll; er streckt die Hand aus, so
springt der Schoss der Erde auf, er gebietet, und es stehet da. Es sind
gefährliche Jahre, diese Jahre, sie füllen wohl Spycher und Scheuren, aber sie
leeren das Herz von Demut und Gottvertrauen, darum müssen dann wiederum böse
Jahre kommen, wo der Mensch mit allem Fleiss und aller Kunst nichts machen kann.
Sie leeren wohl Spycher und Scheuren, aber dafür füllen die Herzen sich wieder
mit Demut und die Augen gewöhnen sich wieder, nach oben zu sehen und das
Gedeihen von Gott zu erwarten.
    
    Uli wuchs sein Glück fast über das Haupt, dass er vor lauter Bäumen den Wald
nicht mehr sah, das heisst vor lauter Hoffnungen und Erwartungen sein Glück nicht
mehr berechnen konnte, weil es seine Rechenkunst zu übersteigen anfing; wie aber
Manchem über dem Essen der Appetit kommt und das Begehren nach immer Mehrerem,
so ging es auch Uli. Uli hatte Ställe voll Pferde und Kühe übernommen um eine
sehr billige Schatzung. Bei allfälligem Abgeben der Pacht musste er wieder für
die gleiche Summe Ware einliefern oder den Abgang ersetzen oder hatte den
Mehrbetrag zu fordern. Er konnte also mit der übernommenen Ware ganz schalten
und walten nach seinem Belieben; was bei seinem Abgang in den Ställen stund,
wurde wieder geschätzt, und je nachdem es sich fand, fanden Vergütungen von der
einen oder andern Seite statt.
    Joggeli hatte auf dem Handeln nicht viel gehalten und selten zu rechter Zeit
abstossen können. Uli kalkulierte anders; er hatte namentlich zwei Pferde und
drei Kühe übernommen, welche auf dem höchsten Punkte ihrer Reife stunden;
behielt man sie länger, fielen sie stetig im Preise, verkaufte er sie, kaufte
dagegen junge Tiere, so stiegen diese im Preise, bezahlten neben der Nutzung
noch ihre Fütterung. Uli entschloss sich alsbald zu diesem Handel, Vreneli
wehrte: »Recht hast,« sagte es, »aber merkt es Joggeli, so gibt es böses Blut,
das muss man verhüten so lange als möglich; übrigens sind die Tiere so geschätzt,
dass sie nach einem Jahre noch die Schatzung gelten, du also jedenfalls dazumal
noch nichts daran verlierst.« Geld hätten sie eben auch noch nicht so nötig, und
im Fall es gegen Herbst rarer werden sollte, so konnte man immer noch verkaufen,
nur nicht jetzt gleich, wo Joggeli es als eine absichtliche Prellerei ansehen
könnte, wenn Uli vielleicht hundert Taler in Sack mache oder doch fünfzig. Uli
hatte recht, aber Vreneli noch rechter, und wie es geht in der Welt, das Beste
geschieht am seltensten. Uli gewann ein Erkleckliches und meinte, Joggeli
vernehme es nicht.
    Aber die Leute, welche früher Joggeli alles zugetragen hatten, lebten noch,
und wären sie gestorben gewesen, so wären aus ihrem Grabe herauf alsbald neue
aufgewachsen, von wegen diese Sorte stirbt nie aus. Joggeli wusste richtig
alsbald bei Heller und Pfennig, was Uli gelöst, das gab böses Blut. Die Base und
Vreneli mussten viel leiden deretwegen. Uli hätte das nicht tun und den Frieden
auch für etwas rechnen sollen, da Gott es so gut mit ihm meinte und er es so
wenig nötig hatte.
    Das Frühjahr ist für den Landmann, welcher nicht Vorräte hat, sonst eine
Zeit, welche Geld frisst oder zu Schulden nötigt; das war bei Uli nicht der Fall,
seinen Handel nicht gerechnet. Vreneli löste aus Butter und Milch viel Geld, so
dass nicht bloss die Hauskosten bestritten wurden, sondern hie und da noch ein
grosses Silberstück beiseitewanderte, um bei der Hand zu sein, wenn der Pachtzins
gezahlt werden musste. Ferner wurde er mit einigen Prachtkälbern beschenkt. Diese
mästete er, bis sie nahe an zwei Zentner wogen, half zuweilen sogar mit Eiern
nach, welche er entbehrlich glaubte. Solche Kälber sind rar, gehen in die Bäder,
nach Basel usw. und werden schwer bezahlt, so dass Uli wirklich Glück in allen
Ecken hatte, das Geld nicht von ihm wollte, sondern immer vermehrt zurückrann,
einer guten Taube gleich, welche nie ausfliegt, ohne mit einem neuen verlockten
Tauber zurückzukehren.
 
                                Drittes Kapitel
                        Das Erntefest oder die Sichelten
Dennoch setzte sich Uli ein Wurm ans Herz, von wegen was er einnahm, das gehörte
ihm, versteht sich, was er ausgeben musste, das verstand sich nicht von selbst;
er kehrte es sieben mal um, bis er sicher war, dass er es schuldig sei. Es ist
eine eigene Geschichte, wenn ein grosses Bauernhaus sich umwandelt in ein blosses
Pächterhaus. Ein grosses Bauernhaus, welches seit hundert und mehr Jahren im
Besitz der gleichen Familie war und absonderlich, wenn gute Bäurinnen darinnen
wohnten, ist in einer Gegend fast was das Herz im Leibe; drein und draus strömt
das Blut, trägt Leben und Wärme in alle Glieder, ist, was auf hoher Weide eine
vielhundertjährige Schirmtanne den Kühen, unter welche sie sich flüchten, wenn
es draussen nicht gut ist, wenn die Sonne zu heiss scheinet, wenn es hageln will
oder sonst was im Anzuge ist, was die Kühe nicht lieben; ist der grosse,
unerschöpfliche Krug, welcher nicht bloss einer Witwe und ihrem Söhnelein das
nötige Öl spendet, sondern Hunderten und abermal Hunderten Trost und Rat, Speise
und Trank, Herberge und manch warmes Kleid jahraus jahrein. Ein solches Haus ist
das Bild der grössten Freigebigkeit und der sorglichsten Sparsamkeit. Da liest
man die Strohhalme zusammen und zählt die Almosen nicht, da findet man die
Hände, welche nie lässig sind im Schaffen und im Geben, denen zur Arbeit nie die
Kraft ausgeht und nie die Gabe für den Bedrängten. So ein Haus ist ein wunderbar
Haus, aber darum ist es auch eine Art heiliger Wallfahrtsort, wohin wandert, wer
bedrängten Herzens ist, Not leidet am Leibe oder an der Seele. Zieht aber nun
aus einem solchen Hause die Seele, das heisst die Bäurin oder der Bauer, so
bleibt das Haus, und wie Kinder immer wieder zum toten Körper ihrer Eltern
zurückkehren, forschen, ob die Seele nicht zurückgekehrt, so kommen die Leute
immer und immer noch zum Hause, klopfen an die alte Türe, horchen, ob die alte
treue Hand, die nie leer ward, nicht wieder da sei, Gaben spendend, begleitet
von einem freundlichen Worte. Sind Bauer und Bäurin auch nur neben dem Hause in
den Stock oder das Stöcklein gezogen, so gehen doch nur die Bekanntern oder die
Bettler von Profession dahin, denn das Stöcklein ist kein Haus, es ist kein
Stall daran und acht Milchkühe drinnen, sind nicht Keller, nicht Kammern,
gespickt mit allen möglichen Vorräten. Zum Stöcklein gehört der Hof nicht,
gehören die unzähligen Obstbäume nicht, gehören alle die reichen Quellen nicht,
welche einer guten Bäurin Hand unerschöpflich machen. Es sind wohl Zuflüsse da,
aber in bestimmten Grenzen und nach kleinerem Massstabe. Zieht nun ein Pächter in
das Haus ein, in die Schatzkammer des Hofes, den Wallfahrtsort der Armen und
Bedrängten, so er, lischt des Hauses Heiligenschein nicht alsobald; die Menge
wallfahrtet noch immer zu demselben nach alter Gewohnheit, achtet nicht der
geänderten Verhältnisse, macht ans Haus die nämlichen Forderungen. Die Menge
nimmt an, die Guttätigkeit des Hauses sei Pflichtigkeit, welche jeder Bewohner,
sei er wer er wolle, zu übernehmen habe. Geschieht dieses nicht vollständig, so
spricht eine bedeutende Anzahl: »Ach Gott, da hat es auch böset! Gottlob, dass
ich so alt bin! Müsste sonst noch erleben, dass die guten Leute alle aussterben.«
Eine andere Anzahl aber wird erbittert im Gemüte als wie über versagte Rechte
und sagt: Das werde gehen und gehen, bis es endlich zu dem komme, wovon man
immer rede, wie man auch von der Fasnacht rede, bis sie komme, dass man selbst
zugreifen müsse, wenn man etwas erhalten wolle.
    Ähnliches geschah in der Glungge. Vreneli war schon unter der Base
Almosnerin gewesen, hatte dabei wohl auch unverschämten Bettlern einen Zuspruch
gegeben, der ihnen ins Leben ging. Vreneli war jetzt seine eigene Almosnerin,
machte wohl die Stücke Brot etwas kleiner als früher, und Kleider oder
Leinenzeug konnte es nicht austeilen; in einer neuen, jungen Haushaltung findet
es sich nicht. Das ging bös an. Eine Bettlerin sagte Vreneli ins Gesicht: »Du
warst von je ein Wüstes und gönntest keinem Armen was und wirst eher zehnmal
schlimmer als einmal besser, von wegen es wird noch immer sein, wie es im
Sprichwort heisst: Es ist keine Schere, die schärfer schiert, als wenn ein
Bettler zum Herren wird.« Die Meisten jedoch sagten Vreneli ihre Gedanken nicht
an den Kopf heraus, aber sie verlästerten es desto jämmerlicher hinterwärts. Da
sie nichts Böses wussten, ersannen sie um so Greulicheres; namentlich machten sie
geltend, wie sie den Hof fast um nichts hätten, den Kindern das Brot von dem
Munde wegstöhlen; da sei es kein Wunder, wenn sie auch gegen die Armen wären wie
Türken und Heiden. Schlecht sei schlecht und schlechte Leute habe es immer
gegeben, aber Leute wie die, ohne Religion, seien doch noch nie erlebt oder
erhört worden. Das alles tat Vreneli sehr weh, denn begreiflich wurden ihm alle
diese Reden wieder hinterbracht und wahrscheinlich von denen selbst, welche sie
gehalten, nur dass sie dieselben dann Andern in den Mund legten. Doch sagte es
davon Uli nichts, es verarbeitete das in seinem eigenen tüchtigen Sinn. Es
dachte, Klagen trage nicht viel ab, warum ein zweites Herz betrüben, wenn man
imstande sei, es alleine zu verwinden; Hülfe leisten könne ihm Uli nicht, und
alle Armen diese Wehtat entgelten lassen wollte es nicht. Uli war wenig zu Hause
und hatte den Kopf so voll von Geschäften und Gedanken, dass er gar keine Augen
für diese Dinge hatte. Er war es gewohnt, Leute an den Türen zu sehen oder bei
Vreneli in der Küche, achtete sich derselben nicht, frug nicht, was sie wollten,
dachte gar nicht daran, dass es jetzt über ihn ausging und um seine Sache, liess
Vreneli also ganz gewähren nach seinem Belieben.
    Der Heuet war vorbeigeflogen wie gewünscht, die Kirschen mit den Sperlingen
im Frieden geteilt worden und die Ernte vor der Türe, ehe man sich dessen
versah.
    Die Ernte ist dem Landmann eine wichtige Zeit, eine heilige Zeit, von ihrem
Ertrage hängt sein Bestehen ab oder wenigstens sein Wohlergehen. Er erkennt
dieses auch an, und als Zeichen dieser Erkenntnis richtet er am Schlusse
derselben eine Art von Opfermahlzeit aus, er speiset Arme, speiset und tränket
Knechte, Mägde, Tagelöhner, deren Weiber und Kinder und den Fremdling, der da
wohnet innerhalb seiner Tore. Solche Mahlzeiten bilden die Glanzpunkte in dem
Leben so Vieler; würden sie aufhören, wäre es über dem Leben gar Vieler, als
wenn alle Sterne erlöschen würden am Himmel. Es ist traurig, wenn über einem
Leben keine andern Sterne stehen als Mahlzeiten, aber es ist dumm, wenn man
ihnen Wert, Bedeutsamkeit absprechen will.
    Die Ernte war prächtig, das Wetter schön, der Acker reich. Uli war
glücklich, Joggeli knurrte. Er schrieb des Ackers Fülle Uli zu, der im Herbste
dichter gesäet, besser hätte arbeiten lassen und im Frühjahr stark gewalzt.
Einen solchen Acker voll Korn habe er sein Lebtag nie gehabt. Dicht wie die
Haare einer Bürste stünden die Halme, und doch sei nicht einer gefallen. Der
arme Joggeli bedachte nicht, dass säen und wässern der Mensch kann, aber nicht
das Gedeihen geben. Ob dicht oder dünn das Korn auf dem Acker steht, ob aufrecht
oder ob es auf dem Boden liegt, das ist Gottes Sache. Wer es zu treffen wüsste
allezeit, wüsste, ob viel oder wenig säen gut sei, ein kalter Winter käme oder
ein milder, der wäre eben ein Hexenmeister, aber solchen gibt es nicht; es ist
ein Einziger, der dieses weiss, und der ist eben der, der kalte oder milde Winter
macht, und der ist Gott.
    Bei allem Segen hatte Vreneli das Herz voll Angst. Niemand besser als es
wusste, was jene Opfermahlzeit, Sichelten genannt, verzehrt hatte unter Joggelis
Regiment. Im ersten Teile vom Uli steht auch was darüber zu lesen. Dass sie
dieselbe nicht nach dem gleichen Masse auszurichten vermöchten, das wusste Vreneli
wohl, aber wieviel Uli abbrechen wolle und wieweit es das Verlästert werden zu
fürchten hätte, das wusste es nicht. Vreneli war tapfer, das wissen wir, aber es
fürchtete sich doch vor böser Weiber bösen Zungen; es wusste, dass weiter, als die
Blitze fahren, weiter, als die Winde wehen, böser Weiber böse Töne tönen. Einige
Wochen vorher hatte Vreneli Uli Milchgeld eingehändigt mit dem Bemerken, es
werde eine Zeitlang nicht mehr viel geben; was es immer erübrigen könne an
Milch, müsse zu Butter gemacht werden für die Sichelten. Darauf hatte Uli
gesagt: »Allweg wird es was brauchen, aber den Narren wirst nicht machen wollen,
ich bin nicht Joggeli und du einstweilen keine Bäuerin.« »Weiss wohl«, sagte
Vreneli. »Zu tun wie sie, kömmt mir nicht in Sinn, aber wenn man es nur gering
macht, so wird es dir grauen. Du weisst gar nicht, was es braucht an solchen
Tagen.« »He«, sagte Uli, »so macht man es noch geringer, bis es einem nicht mehr
darüber graut. Gesetz darüber, wieviel einer ausrichten müsse, wird keines
sein.« Dieses Gespräch hatte Vreneli nicht vergessen, darum war ihm so bange. Es
sah voraus, dass Verdruss kommen müsse. Uli wollte es nicht gerne böse machen,
abbrechen ganz und gar brachte es nicht übers Herz, auszuhausen im ersten Jahre
begehrte es auch nicht, da wars fast noch böser als anderwärts, die rechte Mitte
zu treffen. Es suchte mit Sparen abzuhelfen, brach sich die Milch am Munde ab,
und doch ward ihm fast schwarz vor den Augen, wenn es seine Vorräte musterte und
dann dachte, wie manchen Kübel voll geschmolzener Butter ehedem an diesem Tage
die Base verbacken hatte.
    Eines Tages nun, als Vreneli im Schweisse seines Angesichts haushaltete und
eben dachte, kommod wäre es ihm, wenn es vier Hände hätte, mit zweien könne es
kaum alles beschicken zu rechter Zeit, kam die Base, setzte sich aufs Bänklein
und frug: »Kann dir was helfen, so sags. Die Leut werden hungerig, wollen lieber
früher essen als später, und eine alleine kommt fast nicht zurecht, habs oft
erfahren.« »Wahrhaftig. Base.« sagte Vreneli. »Ihr kommt mir akkurat wie ein
Engel vom Himmel; wenn ich Euch nicht hätte, ich wüsste wahrhaftig nicht, wie ich
es machen sollte. Will die Erdäpfel vom Brunnen holen, Ihr seid dann so gut und
beschneidet mir diese.« Flugs war Vreneli wieder da, stellte das Körbchen der
Base dar samt einem Kessel mit Wasser, in welchen die zerschnittenen und
gerüsteten Kartoffeln zu werfen waren, und half ab- und zugehend der Base. »Habt
ihr es abgeredet mit der Sichelten, wie ihr es machen wollt?« frug diese.
»Nein,« sagte Vreneli, »aber sie macht mir grossen Kummer. Es ist Gottlob ein
gesegnetes Jahr, und wir können Gott nicht genug danken, dass wir einen solchen
Anfang haben, aber Uli ist doch ängstlich wegem Zins, und ich kann es ihm nicht
verargen. Es ging ihm gar schwer, bis er hatte, was er hat, und dass er nicht
gerne plötzlich darum kömmt, ist begreiflich. Ich fürchte daher, er werde nicht
Geld brauchen wollen, sagen, es trage nichts ab, und schuldig sei man niemand
was; man solle zufrieden sein, wenn man am Ende des Jahres alles ausgerichtet
habe, was man schuldig sei. Aber es käme mir schrecklich vor, wenn wir im
Trockenen sitzen, an Käs und Brot kauen müssten und dies noch an einem solchen
Orte.« »Selb nicht, daran wird er nicht denken«, sagte die Base. »Ich dachte
auch daran, die Sache mache euch Ungelegenheit. Dass ihr es nicht haben könnt wie
wir, versteht sich; es machte mir manchmal fast übel, wenn ich zwei Tage lang
küchelte und unter den Händen gingen mir die Küchli an den Türen weg, dass mir
für uns keine bleiben wollten. Aber ungerne hätte ich es doch, wenn auf einmal
alles aufhörte, alle Leute umsonst kämen und z'leerem fortgewiesen würden. Du
weisst, wie Meiner ist, sonst könnte ich im Stöcklein küchlen und den Armen
ausrichten, was üblich und bräuchlich. Darum will ich dir was an die Kosten
steuern, viel nicht; seit uns der Tochtermann, Gott behüte uns davor,
ausgeplündert hat, ist das Geld auch rarer geworden bei mir. Rede dann mit Uli,
wie ihr es ausrichten wollt, anständig, nicht übertrieben. Lieb wäre es mir, ihr
lüdet Meinen auch ein, viel, leicht kommt er, vielleicht nicht, aber er sieht
doch den guten Willen.« »Allweg,« sagte Vreneli, »und Ihr fehlt auch nicht, es
wäre sonst wie ein Tag ohne Sonne oder eine Nacht ohne Sterne, es freute mich
nicht, dabeizusein.« »Bist immer ein Narrli,« sagte die Base. »Und Uli tut sonst
gut?« frug sie; »wenigstens arbeitsam ist er, dass ich nie einen so gesehen.«
»Ja, Base.« sagte Vreneli. »und wenn ich klagen wollte, so wäre es, dass er es zu
ängstlich nimmt und dass ich Kummer haben muss, er mache es nicht lang, sondern
arbeite sich zu Tode.« »Bist ein Tröpfli,« sagte die Base lachend, »das
Mannevolk stirbt nicht so bald, und besser, er tue zu nötlich, als er sei zu
gelassen. Sieht er, dass er auskommen mag, so bessert es ihm von selbst, aber ist
einer zu gelassen, da ists nicht zu machen. Brennt das Haus, so ist ein Solcher
imstande, er stopft erst die Pfeife und zündet sie an, ehe er Anstalt macht, das
Haus zu verlassen.«Vreneli lachte, sagte jedoch mit einem kleinen Seufzer: »Zu
wenig und zu viel verderben alle Spiel,« nahm die Erdäpfel und setzte sie übers
Feuer.
    Noch selben Abend eröffnete Vreneli die Verhandlungen mit Uli. Uli sagte, es
sei ihm schon lange zuwider gewesen, nur daran zu denken. Schon als ihn die
Sache nichts angegangen, sondern alles über den Meister ausgegangen sei, habe er
sich darüber geärgert, wie so viel durchaus unnütz und überflüssig draufgehe.
Wenn er einmal was dazu zu sagen haben sollte, so müsste es ihm anders gehen,
habe er immer gedacht. Viel wohler sei man bei Wenigem, und dass jeder arme
Mensch an diesem Tage Küchli essen müsse, bis sie ihm zum Mund heraushingen,
selb stehe nirgends geschrieben. Wenn sie Küchli haben wollten, so möchten sie
sehen, wo sie welche bekämen, sollten zu Joggeli gehen, der könne den alten
Gebrauch fortsetzen. »Rede mir nicht so, Uli,« sagte Vreneli, »das ist ungut.
Sieh, der liebe Gott speiste von deinem Acker auch seine Vögel. Wie lustig waren
sie nicht dabei, es war ihre gute Zeit im Jahre und du musstest es geschehen
lassen. Und nun, wie viel besser sind doch Menschen als Spatzen, und die sollten
nicht einmal einen guten Tag haben, und wenn Gott sie dir vor die Türe schickt,
um deinen guten Willen zu sehen, zu erfahren, ob du weisst, wer dir den guten
Anfang gibt, denen willst du dann nichts geben? Selb, Uli, wirst du nicht
machen!« »Bin ich denn Pächter geworden, um Bettlern zu küchlen? Was brauchen
die solche Speise, Brot, wenn was sein muss, tuts. Oder meinst etwa, man solle
auch den Vögeln küchlen und Schüsseln voll in den Acker stellen?«
    »Lieber Uli, rede dich doch nicht in Zorn hinein, denn das ist dein Ernst
nicht. Christenbrauch ists ja, dass man die Armen wie Brüder hält und nicht wie
Hunde abspeiset, und gibt man ja selbst den Hunden Brosamen vom Teller, jagt sie
nicht mit ungesättigten Gelüsten vom Tische weg. Sollte man dann einem armen
Fraueli oder einem armen Kinde, welches das ganze Jahr durch nichts Gutes hat,
kaum Salz zu den Kartoffeln hat, nicht eine gebackene Brotschnitte geben oder
sonst ein Küchli? Soll es umsonst den ganzen Tag, wohin es kommen mag, den Duft
der in der Pfanne brodelnden Butter in der Nase haben? Denke doch an die
Geschichte vom reichen Manne und vom armen Lazarus.« »Soll ich jetzt etwa noch
gar der reiche Mann sein?« frug Uli nicht sanft. »Aber Uli,« sagte Vreneli,
»versündige dich doch nicht, ich kenne dich ja gar nicht wieder. Bist du nicht
der reiche Mann, so bist du doch ein gesegneter Mann. Welch gut Jahr haben wir
nicht, und das hat Gott gemacht. Leicht hätte er die Hälfte weniger geben
können, und damit hätten wir auch müssen zufrieden sein. Willst du nun mutwillig
die Armen erbittern, machen, dass ihre Flüche ums Haus fliegen wie die Schwalben,
willst nicht lieber, sie wünschen uns alle Gottes Glück und Segen? Was haben wir
ja nötiger als dies? Dem ohne dies wären wir nichts, ohne dies werden wir
nichts.«
    »Das wäre alles gut, und bös meine ich es ja nicht, das weisst du« sagte Uli.
»Aber fangen wir einmal an mit Grosstun und Austeilen, so müssen wir so
fortfahren; ist denn jedes Jahr ein gesegnetes, dass es es ertragen mag? Sollte
man nicht gleich anfangs so anfangen, wie man zu jeder und aller Zeit fortfahren
kann?« »Ja sieh,« sagte Vreneli, »verstehe mich recht, nicht wie ehedem begehre
ich es zu machen, dies wird kein vernünftiger Mensch uns zumuten. Man kann die
Schnitten ungleich gross abschneiden, sie ungleich backen, kann das Pack
abweisen. Ich kenne seit Jahren die Leute, welche kommen, glaube, mit Wenigem
will ich weit reichen, zudem sieh, die Base hat mir vier Taler gegeben; sie
hätte es ungern, hat sie gesagt, wenn die Leute alle umsonst kämen und z'leerem
wie, der fort müssten.« »Das wäre wohl gut, wenn es mit dem gemacht wäre; aber
denk, was wir noch alles kaufen müssen für die eigenen Leute und denen dann auch
noch jedem ein Tuch voll heimgeben. Die Weiber der Tagelöhner werden wir noch
einladen müssen, und einige davon sind imstande, sie bringen uns noch die Kinder
mit. Schlachte ich ein Schaf, so braucht man kein anderes Fleisch, mit dem Weine
mache ich es kurz. Wenn ich auf zwei Personen eine Mass rechne, die Mass vier
Batzen höchstens, so kostet mich das schon ein Sündengeld.« »Das tue nicht,«
sagte Vreneli, »es wäre unser eigener Schade. Vergiss nie, wie es uns war, als
wir noch dienten, was wir gesagt hätten, wenn man uns die Sichelten so spärlich
zugemessen hätte. Die Arbeiter haben, solange Joggeli lebt, nie so angestrengt
gearbeitet, können nichts dafür, dass wir nur Pächter sind, und eine Mahlzeit ist
immer eine Mahlzeit, macht auf Fromme und Nichtfromme, auf Reiche und Arme einen
seltsamen Eindruck. Der Arme, welcher Monate lang weder Fleisch noch Wein sieht,
freut sich darauf wie ein Kind auf Weihnacht, und warum sollte er nicht? An
einer Mahlzeit will man genug haben, von allem satt werden; was man noch möchte
und nicht bekömmt, das kömmt viel höher in Anschlag als das, was man erhält.
Mahlzeiten sind im Leben, was Sterne am Himmel in mondloser Nacht, und nicht
bloss wegen Essen und Trinken. Es tauen auch die Herzen auf, es wird einmal
wieder Sonntag darin, es bricht die Liebe einmal wieder hervor; wie aus den
Wolken die Sonne und wie aus Holland der Nebel, flieht aus mancher Seele der
böse Kummer, das Elend wird vergessen, sie wird einmal wieder froh, fasst
frischen Mut und danket einmal wieder Gott von Herzen. Nein, lieber Uli, zu
mager mach es nicht, mach es um der Menschen willen nicht! Gott hat uns so grosse
Ursache zu Lob und Dank gegeben, gib du jetzt deinen Leuten nicht Ursache zu
Groll und Widerwillen, sondern zu Lob und Dank, zu Mut und Freude. Vielfältig
bringen wir dieses ein, denn wenn bei allen guter Wille ist, so wird rasch viel
wieder eingebracht, während bei bösem Willen unendlich viel zuschanden geht. Das
hat Joggeli viele tausend Gulden gekostet, bei ihm habe ich gesehen, wie das
gehen kann. Schlechten Wein nimm nicht, er freut niemand, wird getrunken wie
Wasser und ist also der teuerste. Nimm guten Wein, der er, freut die Herzen, sie
rechnen ihn dir hoch an und trinken weniger als vom Wein, der keine Tugend hat,
als die Köpfe bös zu machen. Denke doch, es ist mir so gut daran gelegen, dass
wir mit Ehren bestehen, als dir; es geht auch mich was an, denn gewöhnlich soll
die Frau daran schuld sein, wenn der Mann zugrunde geht, aber Sparen und Sparen
sind zwei. An einer Kuh, welche Milch geben soll, das Heu, an einem Pferde,
welches springen soll, den Hafer sparen wollen, hat noch niemand grossen Nutzen
gebracht, wie man Beispiele von Exempeln an manchem Bauer sehen kann.«
    Uli begriff Vreneli und hatte sogar Glauben zu ihm, aber gegen Glauben und
Verstand stritten Geld und Angst, trieben Uli vielen Schweiss und manches Aber
aus. Indessen siegten doch die Erstern, denn Vreneli half ihnen mit all seiner
Liebenswürdigkeit. Uli schaffte guten Wein an und so viel dass er nicht bei jeder
Flasche, welche er aus dem Fässlein zog. Kummer haben musste, es möchte die letzte
sein, und in Versuchung kam, Käsmilch aufzustellen in Ermangelung des Weines,
ein bös und dünn Surrogat desselben. Ein Schaf wurde geschlachtet, indessen auch
dem Rind- und Schweinefleisch die landesüblichen Stellen angewiesen.
    Nun war Vreneli hellauf, es glaubte alles gewonnen, aber die Angst kam ihm
wieder und zwar am Tage der Sichelten selbst und nicht von Uli her. Als das
Sieden und Braten an, ging, die Feuer prasselten, die Butter brodelte und
zischte, die Bettler kamen, als schneie es sie vom Himmel herunter, die Pfannen
zu alles verschlingenden Ungeheuern wurden, Vreneli, wie viel es auch
hineinwarf, immer frisch wieder angähnten mit weitem, ödem, schwarzem Schlund,
da kam die Angst über ihns, aber sie half ihm halt nichts; wie die Sperlinge den
Kirschbaum wittern, welcher frühe Kirschen trägt, weiter gezogen kommen mit
ihren raschen Schnäbeln und nimmersatten Bäuchlein, so kamen die Bettler daher,
vom Duft der brodelnden Butter gezogen, schrieen heisshungrig von weitem schon:
»Ein Almosen dr tusig Gottswille« und trippelten ungeduldig an der Tür herum,
weil sie vor süsser Erwartung die Beine nicht stillehalten konnten. Vreneli
begann Schnittchen zu backen, dass es sich fast schämte, so klein und so dünn die
Kruste, und alles half nichts; es war, als ob sie Beine kriegten und selbst
zuliefen einem Schreihals vor der Tür. Es ward ihm immer himmelängster, für die
eignen Leute konnte es gar nicht sorgen.
    In der grössten Not erschien die Base unter der Kuchentüre, wahrhaftig wie
ein Engel und zwar einer von den schwereren, denn sie wog wenig unter zwei
Zentnern. »Es dünkt mich, es sei noch nie so gegangen mit Betteln,« sagte der
dicke Engel, »es ward mir himmelangst für dich; die Leute haben doch je länger
je weniger Verstand, und wenn es nicht die Halben versprengt vom Küchlifressen,
so meinen sie, es sei ihnen übel gegangen. Da habe ich dir eine kleine Steuer,
denn Viele werden meinen, wir seien noch auf dem Hofe, und kommen unsertwegen,
und vielleicht kann ich dir sonst noch helfen.« Sie stellte einen bedeutenden
Butterkübel, den sie hinter Joggelis Rücken aus ihrem Keller stibjetzt hatte, dem
besten Schmuggler zum Trotz, auf den Küchentisch.
    »Aber Base, Base, nein, das hat doch wirklich keine Art, jetzt noch so viel
Butter! Ihr seid doch gewiss die beste Base unter der Sonne! Was kann ich Euch
dagegen tun, Vergelts Euch Gott zu hunderttausend Malen!« »Tue nicht so
nötlich,« sagte die Base, »und sag, wo ich dir helfen soll. Es wäre ja unsere
Pflicht, auszurichten, was üblich und bräuchlich ist, und dass ihr schon zum
erstenmal aufgefressen werdet wie das Kraut von den Heuschrecken, selb meinte
sicher selbst Joggeli nicht. Bloss dass ihr scharf gebürstet werdet, das wohl, das
möchte er euch gönnen.« »Base, glaubt nur, geben tue ich gar gerne; ich fühle es
recht, dass Geben seliger ist als Nehmen. Es kommt mir dabei immer vor, als sei
ich Gottes selbsteigne Hand, welche er öffnet zur Stunde, damit sich sättigt,
was da lebt. Aber wenn es dahergeflogen kömmt wie Krähen im Winter über einen
spät gesäeten Acker, dann wird es einem doch angst ums Herz, man kömmt in
Versuchung und versündigt sich fast, wird ungeduldig, wenn die Zeit verrinnt,
der Abend kommt und unsre Leute hungrig kommen und nichts finden.« »Allweg,«
sagte die Base, »aber wart, ich will dir helfen.«
    Nun half die Base, sie machte die Schaffnerin und Spenderin nun wirklich so,
dass Vreneli Zeit und Stoff für seine Leute die Fülle blieb. Ging jemand
unzufrieden weg, so fiel der Groll auf die Bäuerin, deren bekannte Gestalt unter
die Tür stund und ihn abgefertigt hatte.
    Wie Vreneli in der Küche, schwitzte Uli auf dem Felde. Es war ein Tag, in
welchen sich fast mehr Arbeit drängte, als hinein mochte. Zweitausend Garben
sollten eingeführt werden. Mit zwei Stieren führte er den Wagen auf dem Acker,
war er geladen, so fuhren vier Pferde denselben heim. Eine Partie lud zu Hause
die Garben ab, eine andere band Garben, die dritte lud sie. Zu dieser gehörte
Uli, er gab alle Garben selbst auf den Wagen, alles griff in einander, ward in
halbem Lauf getan, Uli hatte keinen Augenblick zum Verschnaufen. Aber Uli hatte
zwei Augen und die sahen einen bedeutenden Teil der Bettler, welche bei dem
Hause ab- und zugingen.
    Anfangs achtete er sich nicht so viel derselben. Erst als einer sagte: »Es
geht heute aber stark, so wie noch nie,« ward er aufmerksam, wollte sie zählen;
aber zugleich sollte er die Garben zählen, welche er auf den Wagen gab, und
Bettler und Garben kamen ihm untereinander, dass er nicht mehr wusste, woran er
war. Dies machte ihn noch giftiger, auslassen durfte er seinen Grimm nicht,
höchstens den Stieren konnte er rauhere Worte geben als sonst und unsanfter sie
zerren an ihren Hörnern. Aber sie nahmen keine Notiz davon und frassen gemütlich
das vorgelegte Gras und liessen sich behaglich durch einen Knaben Fliegen und
Bremsen wehren. »Wart nur bis ich heimkomme,« dachte Uli, »dann will ich sehen,
was übrig geblieben. Hoffentlich gibt es Gelegenheit, die Narrheit ein für alle
Male abzustellen.«
    Indessen bis er mit dem letzten Wagen heim konnte, stund er eine Hitze und
Ungeduld aus, dass er von nun an vollkommen wusste, wie es den Menschen im
Fegfeuer zumute sein muss. Auf dem Wege begegnete ihm Joggeli. »Führe nur brav
ein,« sagte ihm dieser, »hast es nötig, Bettler und Mäuse bedürfen viel und das
Jahr ist lang.« Uli antwortete nicht, aber wer sich auf das Knallen einer
Peitsche versteht, konnte an demselben dessen Gedanken abnehmen. Es war viel,
dass er den Wagen nicht umwarf oder keinen Abweisstein umfuhr, aber Gewohnheit
macht viel. Aber sobald die Pferde stillestunden, übergab er das Abspannen
dienstbaren Geistern und ging der Küche zu. Gewaltig nahm er sich zusammen, um
nicht mit der Türe ins Haus zu fallen, sondern gemässigt aufzutreten mit dem
Anstand, welcher dem Meister ziemt. Gepolter und Aufbegehren an diesem Tage
würde sein Ansehen bedenklich geschädigt haben. Das bedachte Uli. Als er unter
der Küchentüre erschien, stiess er auf die Base, vor welcher er auch Respekt
hatte, so dass er fast kleinlaut frug: »Wie stehts? In einer halben oder ganzen
Stunde höchstens sind wir fertig!«
    Freundlich kam Vreneli aus Rauch und Qualm ihm entgegengesprungen, glühend
von Schweiss und Arbeit. »Gut.« sagte es, »kommt wann ihr wollt, es ist alles
zweg, und lieb ists mir gar sehr, wenn es mit der Arbeit nicht geht bis tief in
die Nacht hinein; habe es an diesem Tage sehr ungern, denn gewöhnlich geschieht
noch was Ungeschicktes. Aber zu tun haben wir gehabt, du glaubst es nicht; wäre
die Base nicht gekommen und hätte mir geholfen, ich darf nicht sagen wie, du
hättest mich nicht mehr gefunden, ich wäre davongelaufen, so weit mich die Beine
hätten tragen wollen. Komm und sieh, was wir geschafft.« »Muss gehen und helfen.«
sagte Uli, »die Pferde sind nicht ausgespannt, müssen noch geputzt und
abgerieben sein.« »Wärest mir ein schöner Meister, wenn du immer dabeisein
müsstest, wenn der Wagen laufen soll, und nicht einen Augenblick Zeit hättest zu
sehen, was dir deine Frau zeigen will. Komm.« rief Vreneli schalkhaft, »Base,
seht zur Pfanne!« und sprang die Kellertreppe hinab, dass Uli folgen musste, er
mochte wollen oder nicht. Weit sperrte Vreneli die Kellertüre auf, und drinnen
auf dem üblichen Tische sah er mit grossem Erstaunen Berge von Küchlein von allen
Sorten. »Sieh, hier diese sind für diesen Abend, diese für morgen mittag, jene
dort für nach Hause zu geben, und für Unbestimmtes backen wir noch, man weiss
nie, was es geben kann. Was meinst, haben wir genug?«
    Ganz verstaunet stund Uli vor den hohen Türmen, machte Augen wie
Pflugsräder, und doch konnten sie das Wunder nicht fassen; fast wäre er
davongelaufen, weil er dachte, dieser Segen könne nur durch den Rauchfang
heruntergekommen sein, endlich sagte er: »Gott behüt uns davor! Woher dies alles
und so viel Bettler!« »Bst! Bst!« sagte Vreneli schalkhaft »das frägt man nicht
und darfs nicht sagen; wenn es die Erdmännchen hörten, sie zürnten es, denke,
wie kommod, wenn man nur ein Küchlein auf eine Schüssel zu legen braucht, um
handkehrum noch sieben andere darauf zu haben.« »He ja, kommod wärs,« sagte Uli,
»aber vielleicht, dass du das Hexli warest,« machte aber dabei doch ein Gesicht,
dem man es ansah, dass er nicht wusste, was er glauben sollte, wandte sich und
wollte wieder die Treppe auf: »Nit, nit,« sagte Vreneli und fasste ihn am Arm,
»es ist noch was anders da, welches du auch sehen musst, es wartet dir schon
lange.« Hinter einer Schüssel voll Küchli holte es eine Flasche und ein Glas
her, vor, schenkte ihm ein und sagte: »Weisst nicht, dass es Brauch ist, dass der
Meister an heissen Erntetagen zuweilen selbst ein Fuder nach Hause fährt und dann
was Kühles im Keller findet? Ein andermal vergiss es nicht; aber nicht wahr, du
wolltest kommen und sehen, ob ich noch was hätte, hattest Angst, die Bettler
hätten alles vorweggegessen, wolltest mörderlich aufbegehren und hättest fast
Freude daran gehabt, wenn ich in Schmach und Schande gekommen wäre. Da, du
wüster Kerli du, da nimm noch eines und schäme dich; nicht wahr, bist halb böse,
dass alles anders ist, als du dachtest und du nicht Freude haben kannst an meiner
Schmach? Komm und gib mir ein Müntschi, aber nur leise, dass es die Base nicht
hört, und denke daran, du hättest dich an mir versündigt und wollest nicht mehr
so tun und so sein.« »Sagte ja kein Wort,« meinte Uli, »kam nur, zu sehen, ob du
fertig seist.« »Meinst,« erwiderte Vreneli, »ich kenne dein Gesicht nicht und
wisse nicht am Trappen deiner Füsse, wie das Herz dir schlägt, und am Ton der
Worte, was hinter denselben steckt? Arme Weiber sind wir, aber schlauer, als ihr
denkt, und was euch durch den Kopffahrt und was ihr brütet im Herzen, das merken
wir von weitem; jetzt weisst es, kannst dich hüten, und in einer halben Stunde
ist das Essen fertig, mach, dass wir nicht warten müssen,« und husch war es die
Treppe auf und schon mitten in der Küche.
    Uli war guten Mutes geworden. Er zog die Kellertüre zu mit lachendem
Gesichte, und lustig pfeifend ging er den Ställen zu. Er dachte, ein solch
Weibchen sei doch kommod und rar, fleissig und lustig, immer mehr gemacht, als
man gedacht, und immer gute Worte und ein hell Gesicht, dass man auch ein solches
machen müsse, man möge wollen oder nicht. »Was hat er gesagt?« frug droben die
Base. »Augen hat er gemacht wie Pflugsräder und weiss noch jetzt nicht, ists mit
rechten Dingen zugegangen oder nicht. Aber Gottlob zufrieden ist er, und das ist
die Hauptsache,« antwortete Vreneli. Es steht einem Bauernhause nichts
schlechter an, als wenn abends, wenn Feierabend gemacht ist, oder Sonntag
mittags oder an einer Sichelten die Leute stundenlang herumlungern müssen, ehe
sie zum Essen gerufen werden. Es gibt Häuser, in welchen dieses Verspäten
regelmässig ist. Die Weiber in diesen Häusern müssen eine wahre Hausplage sein,
es nimmt einem recht wunder, was die für ein Eingericht in ihrem Kopf haben und
was sie auch denken? Wahrscheinlich werden sie erst das Ross beim Schwanz zäumen,
dann lange es betrachten hinten und vornen, endlich wird es ihnen langsam
kommen: eigentlich zäume man ein Ross beim Kopf und nicht beim Schwanz, und dann
wird es ihnen kommen und wiederum langsam, das Beste wäre, sie täten den Zaum
hinten wegnehmen und brächten ihn nach vornen, dann endlich schreiten sie zur
Ausführung dieser Einsicht, aber langsam, begreiflich. Was während dieser Zeit
in den Magen und Köpfen der hungrig Harrenden vorgeht und zwar nicht langsam,
daran zu denken haben sie nicht Zeit, begreiflich. Eigentlich wäre es
interessant zu untersuchen, ob solche Weiber wirklich denken? Wir glauben, sie
bringen es höchstens nur zu einem Quasidenken und auch dieses nur ein-oder
zweimal des Jahres, etwa wenn sie den Schneider ins Haus kriegen oder Schweine
zu ringen sind.
    In der Glunggen ging es aber nicht so, in Kopf und Beinen hatte Vreneli ein
ander Eingericht. Kaum hatten die Leute die Arbeit beendigt, Staub und Schweiss
sich abgewaschen, erscholl der willkommene Ruf zum Essen. Dieser Ruf kommt nicht
vom Himmel her noch ruft er in den Himmel, aber am Wohllaut desselben mag der
arme Sterbliche abnehmen, wie herrlich und süss einmal der Ruf dortin klingen
wird. Diesmal zögerten die Leute nicht so unerträglich, wie es sonst der Fall
ist, es war etwas, welches sie schneller in Bewegung setzte. Sie hatten alle ein
gutes Vorurteil für Vreneli, es war allen lieb, ein solcher Verstand bei einer
so Jungen sei selten, hiess es. Uli schien ihnen dagegen wohl streng und
allzusehr den Meister zu machen. Sie meinten, einer, der selbst Knecht gewesen
sei, sollte Verstand haben und begreifen, dass man sich nicht gerne zu Tode
arbeite, das heisst nichts darnach frage, in einem Tage zu schaffen, woran man
füglich zwei Tage trödeln könne. Es nahm sie nun aber doch sehr wunder, und
darüber war die ganze Ernte durch gesprochen worden, wie Vreneli aufwarten und
aufstellen werde: ob gehörig, dass man dabeisein könne, oder Speise und Trank
apotekermässig ihnen zugeteilt werden würden?
    Als so rasch gerufen wurde, dachten sie: Von zweien ist eins; entweder geht
es verdammt mager zu, oder verdammt brav hat Vreneli sich gestellt, denn fast
die ganze Last lag ihm alleine ob. Die Neugierde, welches von den zweien der
Fall sei, machte ihnen so rasche Beine. Sie kamen fast in die Stube wie Kinder
ins Zimmer, wo zu Weihnachten ihnen beschert wird, bemerkten aber nichts
Besonderes, es schien alles akkurat wie ehedem, so dass es ihnen ganz traulich
und heimelig ward ums Herz und Einer zum Andern sagte: Er hätte geglaubt, das
ändere hier, von wegen was einem recht und gut sei, das ändere, das Schlechte
könne man behalten. Es sei aber nichts als billig, dass es einmal umgekehrt gehe.
Das Beste und Schönste, was zu sehen war, war Vreneli, welches mit
Freundlichkeit und Sicherheit alles ordnete, für jeden ein gutes Wort hatte,
jeden mit dem Hauche der Heiterkeit berührte, welches ein wunderbar Ding ist,
aber die allerbeste Würze, ohne welche das reichste Mahl nichts ist als eine
schädliche, gefährliche Abfütterüng. Uli war es eigen zumute, es war das
erstemal, dass er so gleichsam präsidierte und als Gastgeber eine Gesellschaft
bewirtete und mit selbsteigenen Speisen; wer es gewohnt ist, tut es mit einem
eigenen Behagen und einem gewissen Selbstgefühl, welches wir nicht Stolz nennen
möchten. Uli tat noch linkisch, das Behagen kam erst später, aber er zeigte
Geschick dazu, die Leute waren mit ihm zufrieden. Sie freuten sich auch der
alten Frau, welche mit einer grossen Schüssel Fleisch erschien und dann zu ihnen
sich setzte. Besonders erquickte ihr Anblick die alten Tagelöhner, welche seit
Jahren auf dem Hofe gearbeitet und in gesunden und kranken Tagen ihre milde Hand
erfahren hatten. Da war keiner, der ihr sein Glas nicht brachte, wollte, dass sie
ihm Bescheid tue. Wenn sie jedem seinen Willen hätte tun wollen, so wäre sie
nicht bloss zwei Zentner schwer geblieben, sondern so schwer geworden, dass
wenigstens zweimal vierundzwanzig Stunden lang ihre Beine sie nicht mehr hätten
tragen können.
    Da kam in die Herrlichkeit hinein die Botschaft, die Base solle heimkommen,
Joggeli lasse es sagen. Diese Botschaft machte ungefähr den Eindruck, wie wenn
in eine prächtig dampfende Fleischsuppe, nach welcher alle Löffel sich
ausstrecken, plötzlich eine Kröte plumpsen würde. Nach Joggeli war schon
mehreremal gesandt worden, aber Joggeli liebte es, Pfeffer in die Milch zu
rühren; hintendrein hätte er ihn wohl wieder herausgefischt, aber dies ist nicht
allemal mehr möglich. Als die Base aufstehen wollte, kam Vreneli und sagte:
»Nit, nit, Base, was denket Ihr doch. Ich will hinüber zum Vetter und ihm die
Mucken ausklopfen. Was gilts, in wenig Minuten bin ich mit ihm da.«
    »Bist immer die gleiche Hexe,« sagte die Base und lachte herzlich, und ein
alter Tagelöhner sagte: »Frau, nicht für ungut, aber dem Alten wäre zu gönnen
gewesen, Ihr wäret vor ein paar Jahren gestorben und er hätte Vreneli
geheiratet. Wohl, die hätte ihn tanzen lassen, bis er gelernt hätte nach Gott
schreien und es ihm verleidet wäre, andere Leute zu plagen und ihnen die Freude
zu verderben.« Es war wirklich sonderbar, wie Joggeli Vreneli so wenig leiden
mochte und doch durch niemand so regiert werden konnte wie durch Vreneli.
    Es ging wirklich lange nicht zehn Minuten, so hatte das Fraueli den Alten
knurrend und brummend auf den Beinen. »Warte,« sagte er, als er zur Türe des
Stöckleins aus war, und ging in den Keller, welcher unter demselben war, kam mit
einer grossen Strohflasche herauf, welche mehrere Mass fasste, gab sie Vreneli und
sagte: »Nimm die und schenke mir davon ein, habt heute Schmarotzer genug, möchte
nicht auch noch euch in den Kosten sein.« »O Vetter,« sagte Vreneli,
unwillkürlich oft von Mutwillen gestachelt, »das lasst euch nicht kümmern; der
Hof mag das alles ertragen, und Vetter Joggeli kann einen Pächter erhalten,
welcher alles auszurichten vermag, was einem stolzen Bauernorte wohl ansteht.
Wenn der Pachtzins verfallen ist und das Geld ist nicht da, so vermag Vetter
Joggeli zu warten oder gar zu schenken. Indessen, den Wein nehme ich doch gerne
und mit gar grossem Danke, allweg ist er viel besser als der unsere und es hat
mir Kummer gemacht, wir könnten dem Vetter nicht recht aufwarten. Uli hat zwar
angewendet und meint, er habe recht guten Wein, aber aufwarten könnten wir Euch
doch nicht so recht damit. Johannes hat Euch allzusehr verwöhnt.« »Du hast immer
das gleiche Schlangenmaul,« sagte Joggeli. »Aber warte du nur, dir wird es
schwer werden, wenn du abweinen musst, was du gelacht hast, und vergehen werden
dir deine Flausen vor der letzten Weihnacht.« »Nehmts nicht für ungut, Vetter,«
sagte Vreneli, »weiss wohl, dass die Flausen vergehen werden, aber vertreiben soll
man sie nicht, so wenig als die Muttermäler, sonst gehen Haut und Knochen damit
weg. Aber kommt, alle verlangen nach Euch, alle fragen, wo der Bauer sei, ob
krank oder sonst nicht recht im Strumpf, dass man ihn nicht sehe?« Was Joggeli
hinter Vreneli her brummte, verstand es nicht, machte die Türe auf und sagte:
»Seht, da hab ich ihn!« Nun entstand Lärm und Lachen, sehr fröhlich wurde
Joggeli empfangen und von allen Seiten begrüsst und mit Gläsern bestürmt, dass er
fast nicht wusste, wo wehren. Anfangs wusste er nicht recht, wie er das Lachen
deuten solle, als aber alle so freundlich blieben und ihn als eine
Respektsperson bewillkommneten, da ward ihm auch wohl; er fühlte sich als der
Glunggenbauer, liess sich obenansetzen und hart nötigen, bis er nach Speise
griff, und wenig war, was er ass; er liess es bei jedem Bissen durchblicken, dass
er sie doch nicht in zu grosse Kosten bringen möchte.
    Die Leute hatten tapfer gearbeitet, assen nun auch tapfer und nicht mit der
angebornen Gemächlichkeit, nicht viel anders als das Klappern der Löffel und
Teller ward gehört. Doch nicht lange, so kam ihnen die Besonnenheit; sie
gedachten, dass sie die ganze Nacht zum Essen hatten, und je langsamer sie es
täten, desto mehr möchten sie und desto länger könnten sie. Da begann das Reden,
und zwischendurch scholl Gelächter. Die Jüngern wechselten Witze, trieben
Neckereien, die Alten erzählten die Heldentaten ihrer Jugend: wie Viele sie
geprügelt und wie manchen Bauer, der gemeint, er sehe das Gras wachsen und höre
die Flöhe husten, sie angeschmiert, und was der Dinge mehr waren. Dann
schwatzten auch die Honoratioren unter einander, doch so laut wie drüben ging es
nicht her. Lange machte hier Joggeli den Hauptredner und erzählte eine Menge
Geschichten, wie es Pächtern ergingen, ungesühnt Seuchen ihnen die Ställe
geleert, Hagel die Ernte zerschlagen, dass ihnen nichts übrig geblieben sei, als
in den Wald zu gehen und sich zu hängen an den ersten besten Baum. Er erzählte
von andern, welche den Pachterren bestohlen, die Milch von der Kuh, welche sie
ihm futtern sollten, nicht halb gegeben, alles auf das Aller, schlechteste
ausgerichtet, hinterrücks Holz aus dem Walde verkauft, bis ihnen endlich der
Bauer über die Schelmerei gekommen und sie mit Schimpf und Schande weggejagt,
und wie sie Bettelleute geworden und ihr Brot vor den Türen hätten suchen
müssen, da ihnen niemand mehr eine Pacht habe anvertrauen wollen. So erzählte
Joggeli, legte ein Gedächtnis an den Tag wie eine Heuscheuer, bis ihm endlich
seine Frau sagte: »Jetzt schweig mir bald mit deinen Lausgeschichten, du
könntest einen zu furchten machen, dass sie einem im Traum vorkämen.« Vreneli
aber, welches dem Vetter, seit er in der Stube war, auch nicht eine witzige
Antwort gegeben hatte, sondern die artige Wirtin machte, als ob es in einer
sechshunderttalerigen Pension gewesen, sagte: »Lasst den Vetter reden, Base, ich
habe ihn lange nicht so kurzweilig gesehen, ich könnte ihm zuhören bis am
Morgen, es schläferte mich nicht.« Jä, so hatte es Joggeli nicht gemeint, an
Vrenelis Kurzweil war ihm wenig gelegen; er brach daher mit seinen
Höllengeschichten ab und machte sich zu den ältern Tagelöhnern. Hier hörte er
eine Zeitlang zu, gab selbst Einiges zum Besten, freilich keine Heldentaten,
denn von einem Helden hatte Joggeli kein Haar an sich, aber pfiffige Streiche:
wie er sich aus der Patsche gezogen und Andere hineingestossen. Er erregte viel
Gelächter, dass selbst die Jüngern ihre Ohren ihm zuwandten, denn Fuchsenstreiche
sind leider eine beliebte Speise für alte und junge Ohren von je gewesen und
werden es bleiben, leider.
    »Ach ja,« sagte er endlich, »selbe Zeit war eine lustige Zeit, da hatte man
noch Zeit hie und da zu einem lustigen Lumpenstücklein und meinte nicht, es
müsse alles in einem Tage erhastet und erjagt sein.« Er erinnere sich noch an
die Zeit, in welcher man mit der Sichel das Korn geschnitten; langsam sei es
gegangen, aber lustig. Schnitter und Schnitterinnen seien aus dem Berglande
gekommen scharenweise wie Rinderstaren im Herbst. Ganze Haufen hätte ein
einziger Bauer angestellt und doch so drei bis fünf Wochen zu ernten gehabt. Da
sei man nicht so müde geworden wie jetzt, wo man am Abend kein Glied mehr rühren
möge. Er wisse, dass man oft nach dem Feierabend noch bis gegen Mitternacht
getanzt hätte im Grase oder in der Tenne. Unter der Schar sei immer einer
gewesen, der ein Tänzlein hätte pfeifen können auf dem Blatte oder sonst, und
nicht selten hätten die Schnitter neben der Sense eine Geige mitgebracht oder
eine Ziter. »Jetzt ists mit Pfeifen und Tanzen aus und es kommt noch die Zeit,
wo man in einem Tage alles macht. Ja ja, die Leute werden alle Tage gescheuter
und abgerichteter auf ihren Nutzen. Wann habt ihr angefangen, und seid schon
fertig?« frug Joggeli mit einem andächtigen Seufzer. Auf erhaltene Antwort sagte
er: »Das ist nie erhört worden, und wenn man das früher jemanden gesagt hätte,
er hätte gesagt, es fehle einem im Kopfe. Aber Uli ist auch ein Ungeheuer zum
Arbeiten, es geht ihm von der Hand, ich habe noch niemand so gesehen. Wenn ihr
es von ihm lernet, so kömmt es euch in alle Wege kommod.« Nun schlug er Ulis
Ruhm auf dieser Saite in allen möglichen Variationen an, bis ihm die Base,
welcher es katzangst dabei ward, rief, sie möchte ihn was fragen. Ob es nicht
Zeit wäre heimzugehen, meinte sie, es sei über Mitternacht? Als Joggeli nicht
Lust bezeigte (wahrscheinlich hatte er wieder was Neues, Interessantes im
Kopfe), warf sie so hin: Man könne nie wissen, aber es gebe schlechte Leute in
der Welt und zwar immer mehr; wenn die merkten, dass der Stock leer und alles
hier sei, so könne sie die Lust ankommen, nachzusehen, ob sie drinnen nicht was
fänden, welches ihnen anständig sei. Jä wohl, das wirkte und machte Joggeli
Beine. Wenn sie es erzwungen haben wolle, so sei es ihm am Ende gleich. Ob,
gleich nun Uli und Vreneli einredeten und von seiner Flasche mit Wein sprachen,
welche noch nicht halb leer sei usw., so hatte er doch kein Bleiben mehr; die
Alte hatte ihm den schwachen Punkt berührt, sie kannte den so gut wie ein Husar
den Fleck an seinem Pferde, wo man es nicht anrühren darf, wenn es nicht hinten
und vornen ausschlagen soll. Nachdem Beide abgegangen, ward es einförmiger am
Mahle, wenn auch lärmender mehrere Stunden lang. Zuweilen legte einer den Kopf
auf die Arme und schlief; wachte er wieder auf, so trank er erst ein Glas Wein,
dann begann er zu essen, als komme er neu zum Tisch. Andere gingen hinaus; was
sie trieben, wissen wir nicht, aber kamen sie wieder, so assen und tranken sie
ebenfalls so, als hätten sie noch sehr wenig gehabt. Wenige blieben sitzen, als
wären sie da fürs ganze Leben angenagelt; es waren die Veteranen, welche an
fünfzig Sichelten sich die kaltblütige Ruhe erworben hatten, welche imstande
ist, vierundzwanzig Stunden lang, wenn es sein muss, zu essen und zu trinken,
ohne je zu viel zu kriegen. Aber furchtbar langweilig wurden sie und schienen
nur dar, auf zu horchen, ob sich die verschluckte Masse nicht setzte, so dass sie
einen Bissen hinunterschieben und einen Schluck nachtrinken könnten. Dazu kam
nun allgemach der Tag herauf, und nicht leicht was Grausigeres gibt es, als wenn
der Tag durch die Fenster kömmt, hinter welchen herabgebrannte Lichter glimmen,
Tabaksqualm schwer über grauen, blassen Menschen mit gläsernen Augen liegt, über
Menschen, welche essen, trinken, rauchen, reden, singen, aber alles in
unsäglicher Schwerfälligkeit und Langsamkeit wie im Traume, zu nichts mehr
tauglich sind, nicht einmal zum Aufstehen und zu Bette zu gehen. Ja das ist
wüst, aber nicht bloss so einfach wüst, sondern gleichzeitig eine Geduldprobe;
für den Wirt, und besonders wenn er bloss Pächter ist, kann kaum eine ärgere
erdacht werden. Er muss also aushalten, vielleicht geht auch seine Frau ins Bett,
da sie zur Zeit wieder auf dem Platz sein muss, um das Mittagsmahl zu bereiten,
während der Mann schlafen kann, bis es auf dem Tische steht. Er ist müde von der
Arbeit, schläfrig von kurzem Schlafe in vergangener Zeit, hat Wein getrunken,
eine Nacht ganz durchwacht und sitzt da und sieht den Tag kommen, sehnt sich
nach dem Bette, dortin zieht es ihn mit Himmelsgewalt, aber da herum sitzen
noch die Angenagelten und nageln auch ihn fest.
    So wie der Tag kam, kam es Einen nach dem Andern an wie die Eulen: er suchte
die Finsternis, nachdem er noch in sich geschafft hatte, was die Haut ertragen
mochte; aber die alten verpichten Häute bleiben und der Wirt muss auch bleiben.
Es sieht der Gastgeber, dass sie sich offenbar Gewalt antun, dazubleiben, zu
essen, zu trinken, dass sie es ihm offenbar zum Trotz tun, nicht bloss um ihm so
wenig als möglich übrig zu lassen, so viel als möglich abzuessen, sondern um ihn
zu peinigen mit dem Dableiben, ihn zu versuchen, dass er ungeduldig wird, endlich
in die Worte ausbricht: »Es dünket mich, ihr solltet einmal genug haben und euch
ins Bett packen, das würde euch wohl anstehen, und schöner als dort seid ihr
nirgends.« Dann hätten sie, was sie wollten, würden einige spitzige Worte sagen,
gehen, aber dann während ihrer ganzen übrigen Lebenszeit an jeder Sichelten und
sonst noch bei jedem Anlasse es rühmen, wie sie es einmal dem Meister gemacht,
was er gesagt und was sie gesagt.
    Das Aushalten in Ruhe und Würde hat etwas Ähnliches mit dem gelassenen
Aushalten eines indianischen Häuptlings, welcher von einem feindlichen Stamme
langsam dem Tode entgegengemartert wird, um schliesslich skalpiert zu werden. Was
dabei das Unerträglichste, ist, dass solche Peiniger sehr oft nicht etwa die
schlechtesten Arbeiter sind oder die feind, seligsten, sondern die fleissigsten,
mit denen man das Jahr durch im besten Verhältnisse gestanden hat, von denen man
freundschaftliche Rücksichten erwarten sollte, ein Eingehen in des Meisters
Pein. Aber es ist, als ob sie einmal des Jahres geniessen wollten, Herren zu
sein, den Meister zum Knecht zu haben, ihn ihre Laune empfinden zu lassen so
recht bis auf den Grund. Ein ganz ähnliches Gefühl herrscht da vor, welches bei
den Römern das merkwürdige Fest erzeugte, wo die Herren ihre Sklaven bedienten,
als seien diese zu Herren, sie zu Sklaven geworden. Darin lag Sinn und Witz und
beide tief; die Herren sollten ein ganzes Jahr lang nicht vergessen, dass ein
Sklave fühlt und wie er fühlt, die Sklaven sollten im Glücke dieses Tages ihr
Elend vergessen, nicht vergessen, dass sie Menschen seien und den Göttern
angehörten so gut als ihre Herren. Nun, so an einer Sichelten erfahrt auch der
Berner Bauer, was es heisst, von Launen abhängen, aus der Haut fahren mögen und
es nicht dürfen.
    Uli musste aushalten bis morgens halb sechs. Da erst sagte der Letzte: Wenn
niemand mehr bleiben wolle, so werde er auch gehen müssen, sonst müsse er aber
der Unverschämteste heissen und wäre ihm doch noch wohl da. Es dünke ihn, er sei
erst abgesessen. Indessen ging er und zwar so, dass man wohl sah, er müsse eine
geraume Zeit abgesessen gewesen sein, denn er fand die Türe kaum, und als er sie
endlich hatte, sah er die Türklinke nicht, obgleich die Sonne daran schien. Uli
hatte die Geduldprobe männlich bestanden, aber nicht aus selbsteigener Kraft.
Der liebe Gott hatte zur Geduld den Schlaf gesandt; dieser, wenn in Uli der Zorn
aufbrennen wollte, drückte ihm rasch die Augen zu, lähmte die Zunge, gaukelte
ihm ein klein Traumbild vor, dann wich er wieder.
    Uli fuhr auf, aber erfrischt, als hätte er ein kühlend Bad genommen. Die
Nerven hatten sich abgespannt, das Sieden des Blutes sich gelegt, eine halbe
Stunde konnte er sich wieder halten, dann brannte es wieder in ihm, dann kam der
Schlaf wieder, kühlte ihn rasch ab; so gings, bis er endlich vom letzten wüsten
Gaste erlöset war.
 
                                Viertes Kapitel
Wie zwei Säemänner an zwei Äckern stehn und wie verschiedenen Samen sie aussäen
Den folgenden Tag wollen wir nicht beschreiben, denn dieser ist schauerlich
langweilig. Allen ists, wenn er nur vorüber wäre, verschiedene Mittel werden
angewendet, ihn vorbeizubugsieren. Schlafen, Essen, Trinken und wieder Schlafen,
das sind die Hauptfaktoren, welche angewendet werden. An einigen Orten kommen
noch Tanzen und Mädchen dazu. Jedenfalls sind diese beiden Bugsiermittel nur auf
die Jugend berechnet, und da, wo das Erntefest meist in die Häuser ein, gegrenzt
ist, ziehen beide auch nicht sonderlich, sondern bloss da, wo das Wirtshausleben
in vielen Beziehungen das häusliche überragt.
    In der Glunggen ging es nicht kurzweiliger. Als der Letzte das Schlachtfeld
verlassen hatte, konnte Uli nicht einmal ins Bett, er musste sich seines Viehs
erbarmen. Als es Mittag war, hatte man grosse Mühe, die Schläfer aus Löchern und
Winkeln zusammenzutrommeln und zu-schleppen. Als sie mal sassen, sassen sie
wieder, doch nun diesmal nicht so lange, besonders da es ein schöner Tag war.
Als Uli nach aufgehobener Tafel vor das Haus trat, um seine Sonntagspfeife zu
rauchen, rief ihn Joggeli. »Willst hineinkommen und eine Flasche trinken mit
mir,« sagte er, »oder bist genug gesessen?
    Wenn selb ist, so komm mit mir nach Gramslige, hätte dort was zu verrichten,
kriegen morgen den Schuhmacher und haben noch keine Nägel.« Uli war das
anständig; er kannte diese ehrbaren Vorwände der Männer, wenn sie zu einer guten
Flasche kommen wollen, bei einer solchen und allfälliger Gesellschaft verdämmert
man am besten die langen Stunden. Zu Gramslige, setzte Joggeli hinzu, bekomme er
das Tausend Nägel drei Kreuzer wohlfeiler als hier, und dabei seien sie auch
noch recht gut. Kreuzer seien freilich nur Kreuzer, aber wenn man viele
derselben beisammen habe, gebe es auch einen Haufen, und wer zu ihnen nicht
Sorge tragen könne, komme auch nicht zu den Talern. »Dir braucht das freilich
keinen Kummer zu machen, du hast einen Anfang wie selten einer. Du kannst es dir
und Andern gönnen, und allweg nehmen es die Leute je besser desto lieber, wie
sie aber auch recht haben. Du hast gestern es laufen lassen, es hätte es mancher
Bauer nicht vermögen, und mit den Heischleuten ist es gegangen, es hat mir
selbst anfangen wollen zu grausen, wenn es mich schon nichts anging. Das Vreni
wird wohl wissen, was es erleiden mag, und wenn es es nicht weiss, so ist es doch
schwer anders zu brichten; was das einmal im Kopfe hat, das bringt man ihm mit
einem Dutzend Purganzen nicht mehr raus. Das hat ein Köpflein, wohl, es weiss es
niemand, als wer es erfahren hat! Nun, jetzt macht es sich; im Sommer ist es
eine gute Zeit, besonders bei solchem Wetter, da geht nur ein, Ausgaben hat man
keine. Die kommen erst im Winter: Zinsen, Steuern, Dienstenlöhne; dann ists
freilich kommode, wenn man nicht leere Hände hat. Die Dienstlöhne werden dir zu
Weihnacht eine tüchtige Lücke machen, von wegen du hast kostbare Knechte,
mancher Bauer vermöchte sie nicht so teuer. Man meint sonst, wenn der Meister
immer mit und dabei sei, könne er es mit wohlfeilen Knechten auch machen.« So
sprach Joggeli im Verlauf der Zeit, entwickelte eine grosse Unterhaltungsgabe,
legte Weisheit und Gutmeinen an den Tag fuderweise, zahlte nicht bloss eine,
sondern zwei Flaschen Wein, wahrscheinlich aus den auf den Schuhnägeln ersparten
drei Kreuzern, und ein Herz und eine Seele, wie Vater und Sohn, wanderten sie
zusammen heim. Schon ging die Sonne nieder, aber nicht in den klaren Hintergrund
der Berge, sondern hinter eine schwarze Wolkenwand, welche sich über den Kamm
der Berge gelagert hatte.
    »Es ist gut, sind wir fertig,« sagte Uli, »das Wetter ändert, hinter Wolken
geht die Sonne nieder.« »Ja,« sagte Joggeli, »Pressieren ist gut, und bei den
Löhnen, welche man jetzt den Dienstboten gibt, kann man wohl pressieren, es mags
ertragen. Und wie man sie jetzt speisen muss, potz Sacker, es hat keine Art mehr,
und sind doch niemals zufrieden, und ehedem hätte ein Bauer gemeint, er lebe wie
ein Herr, wenn er es gehabt hätte, wie jetzt der schlechteste Knecht leben will.
Ich mag mich noch erinnern, dass man Kaffee selten sah auf einem Tische und Brot
selten. Man hatte Rüben, Kraut, Obst, grünes, solange es dauerte, dann
gedörrtes, Hafermus, Haferbrei und Milch; das ass man, und dabei war man wohl und
mochte arbeiten wohl so gut als jetzt. Fleisch hatte man an den meisten Orten
bloss den dritten Sonntag. Schon beim Frühstück stellte man es auf, liess es den
ganzen Tag auf dem Tische, dass jeder gehen und nehmen konnte, so oft es ihm
beliebte. Aber zu Tode ass sich Keiner, grünes Fleisch war es selten, sondern
dürres, gut gesalzen, oft drei Jahre alt, und mit Einlegen ins Wasser gab man
sich nicht grosse Mühe. Brav Durst gab das, der Bauer ging in den Keller und
löschte ihn mit Milch, das Gesinde hing den ganzen Tag an der Brunnenröhre, dass
man hätte glauben sollen, es müsste jeder zur Feuerspritze geraten, und dabei
waren alle wohl zufrieden, man wusste nichts anders. Dann erst vom Bettlervolk
wusste man wenig oder nichts. Es waren kaum halb so viel Leute und zu essen für
alle da. Zur selben Zeit meinte es unser Herrgott noch gut mit den Menschen und
nahm zuweilen den Zehnten mit Pestilenz oder Krieg. Aber jetzt muss ihm das
erleidet sein, er lässt alles aufwachsen; es dünket einen, das schwächste Kind
könne nicht mehr sterben, es müsse leben, und so kommt es dann, dass man sich die
Haut abreibt und zuletzt noch einander fressen muss, wie die Ratten es machen
sollen. Und wie muss man den Menschen noch dazu aufwarten! Brot darf auf dem
Tische nie fehlen, Kaffee wollen sie wenigstens zweimal im Tage, Kraut sehen sie
kaum mehr an, und wenn man ihnen mehr als dreimal des Jahres mit Rüben kömmt, so
schreien sie zu Gott, sie seien ganz erkältet und wenn er sie nicht von den
Rüben erlöse, müssten sie zu lebendigen Eiszapfen werden. Alle Sonntage muss
Fleisch sein per se und grünes noch, welches man kaufen muss, wovon einer, wenn
er noch drei gute Zähne im Maul hat, in einer halben Stunde ein ganzes Pfund
frisst, wenn er es kriegt nämlich. Ja jetzt wollen sie morgens um neun Uhr noch
was, wollen um drei Uhr wieder was, wollen nichts mehr als liegen und fressen
und sind doch nie zufrieden, wie man es auch machen mag, man wird den Löffel
ganz aus der Hand geben sollen. Wenn mein Vater selig wüsste, wie es ginge jetzt,
er kehrte sich noch im Grabe um, und wer weiss, ob er nicht aufstände und
versuchte, Ordnung wieder zu schaffen, von wegen das war ein Mann, der nicht
meinte, er müsse alles annehmen, wie es kommt, und über sich ergehen lassen, was
jedem Maulaffen gefalle. Der wollte zu allem, was ihn anging, ein Wörtlein
sagen, liess sich die Ordnung nicht machen, sondern machte sie selbst, und nicht
bloss so eine auf dem Papier, sondern eine, nach der er ging, und eine, die er
hielt. Ja, ich bin froh, dass ich daraus bin, es wird je länger je böser, und wer
erst anfangen muss, kann mich dauern, begehre nicht an seinem Platze zu sein,
wüsste nicht, wie machen.«
    Joggeli war zu einem Einheizer geboren, namentlich würde er auf einem
amerikanischen Dampfboote, wo man bekanntlich liebt, die Kessel zu heizen, bis
sie springen, die vortrefflichsten Dienste geleistet haben. So heizte er
allentalben ein, wo er an einen Menschen kam, und wie es schien, um so heisser,
je älter er ward. So heizte er auch Uli ein, dass derselbe zu dampfen begann,
doch sprang der Kessel, der Kopf, ihm nicht, denn nun begann ein Anderer das
Heizen und zwar bei Joggeli. Der liebe Gott rollte mit seiner Hand den mächtigen
Donnerwagen durch des Himmels unendliche Räume gewaltig und hehr. Es war, um
sich menschlich auszudrücken, als ob der Herr über seinen Fluren dahinfahre, zu
schauen, was seine Kinder machen, ob heilige Sabbatsruhe sei auf Erden oder ein
wüst heidnisch Getümmel, oder ob irgendwo ein töricht Menschenkind sich beigehen
lasse, sein Korn, welches des Herren Hand ihm wachsen liess, vor des Herrn
Wettern zu bergen, als ob man irgendwo hinfliehen könne vor des Herrn Macht. Nun
begann Joggelis Herz zu beben, und seine Stirne rauchte, denn er fürchtete das
Donnern sehr; er fürchtete es mehr als den Herrn selbst, denn erst wenn es
donnerte gedachte er an seine Ohnmacht und seine Sünden, an des Herrn Wort und
Macht. Er war ein Kind geblieben sein Leben lang, aber der Art eines, welche
hinter dem Rücken der Eltern alles sich erlauben, nie ihrer gedenken, sobald
dieselben ausserhalb dem Bereich ihrer Sinne sind, aber in die Knie fallen
zitternd und bebend, wenn unerwartet sie derselben Stimme hören, und bitten und
betteln um Schonung und Milde oder in Ecken sich zu bergen und zu sichern
suchen, Adam und Eva gleich, als sie des Herrn Stimme hörten. Als ernst und
feierlich des Herrn Stimme aus den Wolken brach, da strebte Joggeli mit
schwachen Beinen vorwärts und sagte: Er helfe pressieren. Aber die Wolken riefen
dem Sturme, und schneller reiten auf des Sturmes Flügeln die Wolken, als so ein
Joggeli mit schwachen Beinen höpperlet. Das komme streng daher, sagte er, wenn
sie nur irgendwo schirmen könnten; Bäume wären wohl, aber bei solchem Wetter
hülfen sie wenig und seien sehr gefährlich. Wilder, gewaltiger schmetterte der
Donner, blendend fuhren die Blitze, rot glühte die Strasse, und doch wars noch
heller Tag, gross und schwer fielen Tropfen nieder und tief beugten die Bäume
sich. Es war, als ob sie die Nähe des Herrn fühlten. Er würde was geben, wenn er
zu Hause wäre, sagte Joggeli, es blende ihn gar in den Augen, das möge er nicht
ertragen. Der Mensch sei doch dumm, zu laufen, wenn er zu Hause auch sein
könnte. Wegen drei Kreuzern bringe ihn niemand mehr fort. Kreuzer hin, Kreuzer
her, am Ende sei ihm das Leben lieber, und was man an den Kleidern verderbe,
wenn man so nass werde, an einen Regenschirm hätte er gar nicht gedacht. »Ein
schöner Regen schadet allweg nichts,« sagte Uli, »wenn es nur nicht hagelt, mein
Korn habe ich Gottlob unter Dach.« Gewaltig prasselte der Regen nieder, jeder
Regenstrahl einen Finger dick. »Nass, nass wird man, und du mein Gott, wie das
donnert, so habe ich es lange nicht gehört! Ja, du hättest deines unter Dach,
aber denk an Andere! Gewiss war noch Mancher dumm genug und machte heute nicht
Garben, weil es Sonntag ist. Es gibt Leute, welche nie weise werden; was wird
das doch unserm Herrgott machen, ob einer Garben macht oder nicht am Sonntag?
Die Leute sind doch noch so« - und ein glühender Blitz zuckte vorüber, geblendet
schlossen sich ihre Augen, und ein Donner krachte nach, als ob der Himmel
geborsten wäre wie eine gläserne Decke und in Millionen Scherben zur Erde
rieselte. »Das walte Gott,« sagte Joggeli, »wir kommen nicht lebendig heim; wenn
ich nur den Brief bei mir hätte, welchen einst die Mutter Gottes zur Erde fallen
liess. Ich kaufte ihn einem Luzerner ab für zwei Gulden. Wer den bei sich trägt,
dem tun die Elemente nichts und der Blitz nichts und das Wasser nichts, aber ich
dachte heute nicht dar, an, dass es gut sein könnte.«
    Fortan ward Joggeli stille, wahrscheinlich sagte er den Brief her, den er
vom vielen Lesen auswendig wusste, und glaubte, er werde im Munde so gut sichern
und schirmen als in der Tasche. Er tat es wirklich auch, sie kamen lebendig
heim, aber so nass, wie sie ihr Lebtag wohl nie gewesen. Uli meinte, wenigstens
einen halben Fuss tief durch die Haut in den Leib hinein habe es ihm geregnet. Er
wird wohl übertrieben haben, denn wenn dies auch bei Joggeli der Fall gewesen
wäre, so hätte es in der Mitte zusammengeregnet und sicher eine Wassernot
abgesetzt, und wir haben nichts davon vernommen. Hingegen schlotterte Joggeli
bedenklich, brachte vor Zittern die nassen Kleider kaum vom Leibe, kroch so
schnell als möglich zu Bett, zog den Umhang fest zu, damit er das Leuchten der
Blitze nicht sehe, und hütete vier Tage das Bett, dieweil er Fieber zu haben
glaubte. Noch viel länger aber als vier Tage brummte er, wie das ein sauber
Eingericht sei in der Welt, dass wer sparen und hausen wolle, von unserm Herrgott
beregnet werde, dass er fast ums Leben komme. Sein Lebtag versetze er wegen
Schuhnägeln und drei Kreuzern keinen Schritt mehr. Dass ihm noch ganz was anderes
im Kopf gestochen als Schuhnägel und drei Kreuzer, als er den Uli nach Gramslige
gelocket, dass er dem Uli Kopfnägel einklopfen wollte und dass unser Herrgott mehr
als recht gehabt hätte, wenn er ihn nicht bloss beregnet, sondern auch behagelt
hätte, das dachte Joggeli nicht von ferne. Er war nicht bloss von denen einer,
die nimmerdar zur Wahrheit kommen können, sondern von den Unglücklichen einer,
welche Menschen, Gott und sich selber immerfort belügen und es nicht einmal
merken.
    Es gibt Worte, sie gehen in den Kopf wie Splitter ins Fleisch: man merket es
nicht. Erst nach einer Weile fangen sie an zu schmerzen und zu eitern, und oft
hat man seine liebe Not, ehe man sie wieder rauskriegt.
    Im August ist die Zeit, wo man die Dienstboten und namentlich die Knechte
frägt, ob sie bleiben wollen oder nicht, oder wo man, wenn man sie nicht mehr
will, andere sucht und dingt. Der Wechsel findet erst auf Weihnacht statt oder
eigentlich nach dem Neujahr. Die zwischen beiden Tagen liegende Zeit gibt man
meist frei, besonders den Mägden zum Zurechtmachen ihrer Kleider, und weil sie
doch das ganze Jahr gearbeitet, will man sie nicht um das Neujahren, das heisst
eine ähnliche Mahlzeit wie die Sichelten, bringen. Rechte Meister und rechte
Dienstboten versehen sich in dieser Zeit, machen, dass sie wissen, woran sie
sind. Was leichtere Ware ist, läuft noch lange herum um Meister aus oder lässt
auf den Zufall es ankommen oder verspricht einer Dienstbotenmäklerin einige
Batzen, wenn sie ihm einen Platz zuhanden habe. Spekulative oder kaltblütige
Meister warten auch oft bis zuletzt. Sie sagen, es gebe Leute genug, warte man
bis zu Weihnachten, so kriege man die, welche noch keine Plätze hätten ganz
wohlfeil, wie man ja auch auf Viehmärkten zumeist das Vieh zuletzt am
wohlfeilsten kriege, weil es den Leuten zuwider sei, dasselbe unverkauft wieder
nach Hause zu treiben. Die Leute kalkulieren verschieden, und fast jeder Mensch
hat nicht sowohl eine andere Rechnungsweise, sondern er wertet die verschiedenen
Faktoren anders und auf seine Weise. Und das ist eben eine Kunst, welche Wenige
verstehen, jedem Faktor den wahren und echten Wert beizulegen, und dies allein
schützt doch vor dem fatalen Verrechnen.
    Es war August und Uli sagte nichts von Dingen oder Wechseln, es ward Vreneli
ganz angst dabei, und doch fing es nicht gerne davon an. Es gibt in jeder Ehe
Punkte, von welchen das Eine oder das Andere nicht gerne anfängt, Punkte, wo man
fürchtet, man möchte verschiedener Meinung sein, Punkte, wo dem Einen oder dem
Andern sein Gewissen sagt, es sei auf dem Holzweg, während es diesen Holzweg dem
Andern zulieb nicht verlassen mag, Punkte, wo das Eine oder das Andere den
Schein vermeiden möchte, als wolle es meistern und regieren. So zum Beispiel
regieren alle Weiber für ihr Leben gerne, aber die sind selten, welche es
eingestehen und den Namen, dass sie regieren, haben wollen. Vreneli fürchtete
eben diesen Schein auch. Es kam ihm oft dazu, einen Entscheid geben zu müssen in
aller Liebe oder für dieses oder jenes reden zu müssen, da Ulis Kopf für die
Meisterschaft und das Rechnen und Sorgen ums Auskommen fast nicht gross genug war
und er alle Tage klagte, er glaube, es komme nicht gut mit ihm, er werde gar
vergesslich. Der gute Uli dachte nicht daran, dass jeder Kopf sein Mass hat, dass
man Weniges leicht fassen und behalten kann, aber von gar zu Vielem einem eine
Menge entfallen muss, ohne dass deswegen das Gedächnis schwächte. Zu viel ist zu
viel. Äpfel kann man in einem guten Korbe behalten, aber häuft man sie zu sehr
auf, so rollen sie herab, und will man es zwingen, so kann man seine ganze
Lebenszeit mit Auflesen und Drauftun und wieder Auflesen zubringen. Das wäre was
für Pädagogen, wenn die noch was lernen könnten, aber eben sie haben mit dem
Auflesen mehr als genug zu tun. Vreneli wollte nicht gerne der Treiber Jehu
sein, auch nicht gerne etwas zur Sprache bringen, wo es eine geheime Ahnung
hatte, Uli möchte an etwas denken, was ihm nicht anständig sei.
    Doch einmal war Vreneli mit seiner bessern Magd alleine zu Hause, sie hatten
Flachs und Hanf gekehrt und fochten jetzt in den Bohnen. Es ist nun nicht bald
ein vertrauter Plätzlein und geschickter zu vertraulichen Mitteilungen als ein
Bohnenplätz. »Los Vreneli,« sagte die Magd, »du sagst nichts ich muss dich doch
fragen: kann ich bleiben oder muss ich weitersehen?« »Ich weiss nichts anders,«
sagte Vreneli, »es wäre mir zuwider, wenn du gehen wolltest; ich muss noch mit
Uli reden, aber es wird ihm auch das Rechte sein, wenn du bleibst, er weiss am
besten, was man beim Ändern gewinnt und was das fördert, wenn man an einander
gewöhnt ist und weiss, wie man es gerne hat.«
    Am Abend, als sie im Allerheiligsten des Hauses waren, sagte Vreneli: »Mädi
hat mich gefragt, ob es bleiben könne oder weitersehen müsse? Ich habe ihm
gesagt, ich wüsste nichts anders, wolle aber erst mit dir reden, ehe ich
bestimmten Bescheid gebe.«
    »Ja,« sagte der Uli, »das ist eine Sache, sie hat mich schon lange zu sinnen
gemacht,« und kratzte dabei am Kopf, als ob er einen Splitter aus dem Fleische
ziehen wollte; es war einer der Kopfnägel, welche Joggeli unvermerkt ihm
eingetrieben. »Sieh, wir sind gar zu teuer drin. Für die Dienstenlöhne, welche
ich zahlen muss, könnte man ein ordentlich Gut in Pacht nehmen; denke,
zweihundert Taler, die Taglöhner nicht gerechnet, und Schmied und Wagner und
Schneider und Schuhmacher nicht. Ich weiss weiss Gott nicht, wo ich all das Geld
auftreiben soll. Da habe ich gedacht, ich könnte es mit wohlfeilern Diensten
ebenso gut machen und wenigstens fünfzig Taler an einem Punkte ersparen.
Daneben, wenn du Mädi behalten willst, so habe ich nichts dawider. Vielleicht
dass es mit etwas weniger Lohn auch zufrieden ist, denk, es hat vierundzwanzig
Taler im Jahr, ein Paar Schuhe und zwei Hemden, das ist ja ein Knechtenlohn.«
»Zweifle, dass es weniger nimmt.« sagte Vreneli, »ein Mädchen im besten Alter
schlägt mit dem Lohne eher auf als ab, und Mädi verdient ihn wirklich besser als
mancher Knecht, der einen doppelt so grossen Lohn hat.« »Habe nichts dawider,
aber mit einem Mindern könnte man es auch; denk, vierundzwanzig Taler ohne
Zugaben!«
    »Aber Uli,« sagte Vreneli, »was denkst und wie rechnest!
    Ja, das Jahr geht vorbei, habe man gute oder schlechte Dienstboten, und alle
Tage hat man dreimal gegessen, geheuet, geerntet und geemdet; aber wie ging
alles und wie viel Zorn und Galle hat man geschluckt und wie selbst schaffen
müssen! Und am Ende für was? Um zu erfahren, dass man nicht alles alleine machen
kann und erzwingen, so wenig als ein Hauptmann ohne Soldaten keine Schlacht
gewinnt.« »Ja, alleine wollen wir diesen Hof auch nicht arbeiten,« sagte Uli,
»so dumm, wie du meinst, bin ich doch nicht, aber mit wohl, feilern Leuten. Wenn
man diese recht anführt und brichtet, so sind sie oft besser als die teuersten,
welche Köpfe machen und alles besser wissen wollen. Der beste Soldat war einmal
Rekrut.« »Lieber Uli, disputieren unnütz wollen wir nicht, du weisst ja am
besten, wie ich es meine, du weisst am besten, wie man so mit halbbatzigem Zeug
daran ist. Auf alles muss man ihm die Nase stossen, ist man nicht immer dabei, so
ist nichts gemacht. Was sie im Stall beim Füttern, kurz überall verwahrlosen
können, weisst, musst das Meiste selbst machen, bleibst in allen Arbeiten zurück,
und wenn man am Ende zusammenrechnen würde, ohne noch zu rechnen, was man für
das Abtreiben der Galle gebraucht, so hat man sicher mehr als doppelt so viel
Schaden, als man am Lohn erspart hat, du würdest es erfahren.«
    »Das frägt sich noch,« sagte Uli, »wenn man recht zur Sache sieht und jedes
von uns tut, was es kann. Man kann die Leute dressieren; sieh, Grosstun ist
lustig, aber es kömmt bei reichen Leuten nicht gut, geschweige bei armen. Was
würden die Leute sagen, wenn wir fortfuhren gross tun mit kostbaren Dienstboten?
Da erst würden die Bettler kommen und uns fressen von Haus und Heim, die Leute
glauben, wie eine geringe Pacht wir hätten. Joggeli hat mir das schon um die
Nase gerieben, und er ist imstand, er lässt sich aufweisen, kündet uns die Pacht
unter irgend einem Vorwand.« »So, ist der alte Schelm dahinter, dachte ich es
doch,« sagte Vreneli. »Der kann sein Lebtag nichts anders als Unheil stiften.
Das ist einer, der einmal dem Teufel ab dem Karren fiel, als derselbe eine
Ladung heimkutschierte. Indessen mach, was du willst, ich will nicht regieren,
am Ende musst du dabei sein; der Leute wegen würde ich es weder so noch anders
machen, sie helfen dir doch nicht, wenn du nicht kommen magst, sei es mit der
Arbeit, sei es mit dem Gelde. Hast du mich aber lieb, so lass mir Mädi. Wenn ich
dahinten bleiben muss, wer sollte die Haushaltung machen? Mädi ist treu wie Gold
und weiss alles; wenn ich einer Fremden alles in die Hände geben sollte, ich wäre
keine Stunde ruhig im Bette.« »Wider Mädi habe ich nichts, daneben wäre es für
ein paar Tage nicht gefochten,« antwortete Uli. »Du weisst nicht, wie es gehen
kann,« sagte Vreneli, »manchmal geht es ein paar Wochen, und manchmal kann man
sterben und ist dann aller Not und Elend ab.« »Bist bös?« sagte Uli, endlich
aufmerksam werdend. »Bös wollte dich nicht machen. Zürn mir nicht, ich meine es
für mich und dich gut. Wäre es dir anständig, wenn im ersten Jahre wir mit dem
Schelmen draus müssten, wie es schon so Vielen ergingen, wie Joggeli an der
Sichelten erzählt hat? Ja, und die Sichelten, was die gekostet hat, weisst du;
wenn wir nicht so fortgefahren hätten, im Gleichen mit den gleichen Dienstboten,
so wären die Bettler auch nicht so dahergekommen. So hätte er es nie gesehen,
hat Joggeli mir gesagt, er hätte ein rechtes Bedauern mit uns bekommen, es hätte
ihm übel gegraust.«
    »So, das alles hat dir der alte Schelm gesagt, Ich wollte, dass der wäre
z'hinderst am hintersten Stern, wo nirgends eine Seele mehr ist, nicht einmal
ein Teufel. Wenn Teufel dort wären, so hätte er noch seine Freude, er könnte
ihnen die Haare zusammenknüpfen und sie hintereinander bringen. Wo aber niemand
ist zum Aufweisen, wo er alleine ist, da ist seine Hölle und er der einzige
Teufel darin, der Unflat was er ist, der Allerweltsvergifter!«
    Vreneli war zornig, und wenn Vetter Joggeli in der Nähe gewesen wäre, so
hätte er Sorge tragen können zum Rest seiner Haare. Uli besänftigte, aber es
gibt wenige Leute, welche, statt zu besänftigen, nicht Öl ins Feuer giessen.
Besänftigen ist eine rare Kunst; um sie zu üben, muss man das Herz, welches man
besänftigen will, vollständig kennen und aller seiner Schwingungen Meister sein.
Uli rühmte den Joggeli, wie er es gut meine, ein erfahrener Mann sei, von allem
einen guten Begriff habe, und wie man ihn in Hulden behalten müsse, denn er sei
ihre eigentliche Stütze. Man müsse nicht so sein und einen Menschen, wenn er es
so gut meine, mit Händen und Füssen von sich stossen, man könnte sich einst reuig
werden.
    »Das meine ich auch« sagte Vreneli, »man könnte reuig werden, wenn man
einfältig genug ist, wegen ein paar guter Worte und einiger Gläser Wein zu
vergessen, was man an einem Menschen seit Jahren oder wie ich von Kindesbeinen
auf erfahren hat, und einem zu glauben, der keinem Menschen traut und nur daran
Freude hat, alles hintereinander zu hetzen. Wie hat er es gehabt mit seinen
Leuten, Hätte er einen guten Begriff gehabt vom Bauern und wie man es machen
müsse, um vorwärtszukommen, es wäre ihm besser gegangen. Weisst du schon nicht
mehr, wie du es angetroffen hast und wie er es dir gemacht«
    »Nun, du weisst, jeder Meister kann mit seinem Gesinde bös zwegkommen, und
ist einmal ein böser Geist eingerissen, so hat man es damit wie mit dem Schwamm
in den Häusern, man bringt ihn nicht weg, wenn man schon ein- oder zwei- mal
ändert. Daneben musst du denken, die Menschen können sich ändern. Joggeli weiss,
wer wir sind, darum hat er uns den Hof gegeben. Ein Mann, der so viel betrogen
worden ist wie er, der darf wohl misstrauisch sein, aber sieht er einmal, dass man
es gut mit ihm meint, so kann er ganz anders auch sein. Gegen mich, ich muss es
sagen, hat er sich ganz geändert, er ist fast wie ein Vater gegen mich, ich muss
es sagen, ich hätte nie gedacht, dass er so sein könnte!« Solche lange Rede tat
Uli dar.
    »Nun so dann, so halte ihn als Vater, dann kömmt es gut. Kratzen wirst du
einst in den Haaren, aber es wird zu spät sein. Lebt wohl, Friede und Einigkeit!
Wo der Teufel dazu kann, da ists vorbei damit, und dass du so verblendet werden
könntest, hätte ich nie geglaubt! Ach, ach, ich wollte lieber, es wäre uns die
Ernte verhagelt worden, es wäre ein kleines Unglück gewesen!« Und bitterlich
weinte und schluchzte Vreneli.
    Uli ward sehr missstimmt, fast böse. Hatte er doch so vernünftig und
sachgemäss geredet, hatte zum Frieden ermahnt, wie es einem Christen ziemt, und
Vreneli wollte keinen Verstand brauchen, sich nicht begütigen lassen. Dass es so
aus dem Häuschen fahren könnte, hatte er gar nicht geglaubt, und eine Frau alles
erzwingen lassen dürfe man doch nicht, am wenigsten mit Wüsttun, dachte er.
»Ja.« sagte Uli, »wenn du so tun willst und nicht Verstand brauchen, so kann man
nicht mit dir reden. Gut Nacht!« Vreneli schluchzte laut auf, konnte nicht
einmal »Gute Nacht auch,« erwidern.
    Das war das erste Ehegewitter, welches bei ihnen stattfand. Kleine Stäupeten
oder Schauer hatte es wohl schon gegeben, aber war die Wolke vorübergezogen,
schien die Sonne wieder. Das erste Gewitter dagegen zieht gerne trüb und
namentlich kalt Wetter nach sich, denn es verzehrt allzu viel Wärme, und die
wäre der frisch erwachten Erde so nötig, sie vermisst sie so schmerzlich! Trübe
wars auch am folgenden Morgen an ihrem Ehehimmel, dass das Gesinde sich fragte:
was es wohl gegeben zwischen der Meisterfrau und dem Meister? Sie hätten sich
heute noch nicht angesehen, geschweige ein Wort zu einander gesagt.
    Vreneli war am Morgen im Garten und zog Salat aus. Es hatte seit jenem
Gewitter nicht geregnet, es war sehr trocken; wahrscheinlich glaubte Vreneli,
ein weicher, warmer Regen, komme er nun aus dem Himmel oder aus eines armen
Weibes Augen, täte dem Kraut wohl. »Bist fleissig,« erscholl hinter ihm der Base
währschafte Stimme. »Muss den Salat nehmen, er stengelt sonst auf, und wenn es so
heiss ist, essen die Leute nichts lieber als Milch und Salat, süss und sauer
durcheinander, wie es auch geht in der Welt,« entgegnete Vreneli, sah aber nicht
auf. »Ja, warum ich komme,« sagte die Base, »habe was Merkwürdiges vernommen,
muss es dir erzählen, aber mach nur. Wenn du genug Salat hast, so will ich dir
ihn rüsten. Denk, diesen Morgen war ein Besenmann da aus dem Emmental, wo die
guten Birken wachsen, und sagte, was da oben einem Bauer, der Gott und Menschen
nichts nachfrägt und bloss nach dem eigenen Kopf fahren will, begegnet ist. Am
Sonntag nach eurer Sichelten, wo unser Alter so nass geworden ist, dass er drei
Tage im Bette lag und immer klagte, er könne nicht erwarmen und nicht
ertrocknen, am selben Sonntage hatte bei ihnen oben ein Bauer viel Korn draussen
liegen gehabt. Als er nachmittags an den Bergen die Wolken gesehen und die nasse
Brunnröhre, die ordentlich tropfte, da habe er das Gesinde zusammengerufen und
gesagt: Rasch hinaus, gehäufelt und gebunden! Es wettert auf den Abend, bringen
wir tausend Garben trocken ein, so gibts darnach Wein genug. Das habe seine
Grossmutter gehört, die sei achtzig Jahre alt und gehe an zwei Krücken; die sei
mühsam dahergekommen und habe gesagt: Johannes, Johannes, was denkst doch auch?
So lange ich mich zurückerinnern mag, ward hier am Sonntag nie eine Handvoll
eingeführt, und meine Grossmutter hat mir gesagt, sie wisse auch nichts darum,
und doch sei immer Segen bei der Sache gewesen und von Mangel habe man hier
nichts gewusst. Und wenn es noch Not am Mann wäre, Johannes, ein nass Jahr! Aber
trocken wars bis dahin und trocken wird es wieder werden, und nass werden schadet
dem Korne nichts, und würde es ihm schaden, so hast du zu denken, der Herr, der
das Korn gegeben, gibt auch den Regen, und wie ers gibt, hast du es anzunehmen.
Johannes, tue es nicht, ich halte dir dringlich an. Das Gesinde sei
umhergestanden, die Alten hätten ernstafte Gesichter gemacht, die Jungen
gelacht und unter sich gesagt, das Altväterische sei abgetan, jetzt sei es eine
neue Welt. Grossmutter, habt nicht Kummer, hat der Bauer gesagt. Alles muss einmal
zum erstenmal geschehen, und deretwegen ists nicht bös. Unserem Herrgott wird
das nicht viel machen, ob wir heute schaffen oder schlafen, und ebenso lieb wird
ihm das Korn am Scherm als am Regen sein. Was drin ist, ist drin, man braucht
deswegen nicht Kummer zu haben, denn wie es morgen sein wird, weiss niemand.
Johannes, Johannes, drin und draussen ist die Sache des Herrn, und wie es diesen
Abend sein wird, weisst du nicht; aber das weisst, dass ich deine Grossmutter bin
und dir den tusig Gottswille anhalte, lass heute dein Korn draussen! Ich will,
wenn du es sonst nicht machen kannst, ein ganzes Jahr kein Brot mehr essen.
Mutter, hat darauf der Johannes gesagt, deretwegen sollt Ihr nicht desto weniger
Brot haben, aber eine Zeit ist nicht alle Zeit, es gibt alle Jahre neue Bräuche
und dSach sucht man alle Tage besser zu machen. Aber Johannes, hat die Mutter
gesagt, die Gebote bleiben die alten und kein Düpflein wird daran vergehen, und
hast du dein Korn unter dem Dache, was hilft es dir, wenn du Schaden leidest an
deiner Seele, Für die kümmert nicht, Mutter, hat der Johannes gesagt, und jetzt,
Buben, auf und gebunden, was das Zeug hält! Die Zeit wartet nicht. Johannes,
Johannes! hat die Mutter gerufen, aber Johannes hörte nicht, und während die
Mutter betete und weinte, führte Johannes Garben ein, Fuder um Fuder, mit
Flügeln schienen Menschen und Tiere behaftet. Tausend Garben waren unter Dach,
als die ersten Regentropfen fielen; schwer, als wären es Pfundsteine, fielen sie
auf die dürren Schindeln. Jetzt, Mutter, sagte Johannes in die Stube tretend mit
seinen Leuten, jetzt ists unter Dach, Mutter, und alles ist gut gegangen; mag es
jetzt stürmen, wie es will, und morgen schön oder bös Wetter sein, ich habs
unter meinem Dach. Johannes, aber über deinem Dach ist des Herrn Dach, sagte die
Mutter feierlich, und wie sie das sagte, ward es hell in der Stube, dass man die
Fliegen sah an der Wand, und ein Donner schmetterte überm Hause, als ob das,
selbe mit einem Streich in millionenmal Millionen Splitter zerschlagen würde.
Herrgott, es hat eingeschlagen, rief der Erste, der reden konnte, alles stürzte
zur Türe aus. In vollen Flammen stand das Haus, aus dem Dache heraus brannten
bereits die eingeführten Garben. Wie stürzte alles durch einander! Wie vom Blitz
geschlagen war jede Besonnenheit. Die alte Mutter alleine behielt klare
Besinnung, sie griff nach ihren beiden Stecken, sonst nach nichts, suchte die
Türe und einen sichern Platz und betete: Was hülfs dem Menschen, wenn er die
ganze Welt gewönne und er litte Schaden an seiner Seele? Dein und nicht mein
Wille geschehe, o Vater! Das Haus brannte ab bis auf den Boden, gerettet wurde
nichts. Auf der Brandstätte stand der Bauer und sprach: Ich habs unter meinem
Dach! Aber über deinem Dache ist des Herrn Dach, hat die Mutter gesagt. Und seit
dieser Stunde spricht er nichts mehr als: Ich habs unter meinem Dach! Aber über
deinem Dache ist des Herrn Dach, hat die Mutter gesagt. Gar grausig soll das
anzusehen sein. Viele Leute gehen hin und nehmen ein Exempel daran, dass alles in
des Herrn Hand ist, sei es auf dem Acker oder unter einem Dache, dass was man vor
dem Regen geflüchtet, vom Blitz ereilt werden könne, wohin man es auch
geflüchtet.«
    So sprach die Base. Unterdessen hatte Vreneli den Salat ausgezogen; wie
langsam es auch machte und wie andächtig und gsatzlich die Base erzählte, so
musste es doch endlich aufstehen, und wenn es schon nicht die Augen aufschlug, so
sah die Base doch alsbald, dass es geweint hatte.
    »Was hast? Meitschi, hätte ich bald gesagt, du und weinen! Was zum Tütschel
hast du Unebenes? Oder etwa Kummer, du kommest mit dem Leben nicht davon? Du
Tröpflein, alte Soldaten gibt es ja mehr als genug und erst alte Weiber ganze
Dörfer voll, du dummes Tröpflein! Aber das wird wohl was andres sein. Was hast?
Wenn du Glauben an mich hast und ich dir helfen kann, so sags. Meinst, du
könnest es alleine verwerchen, so schweige, sag es aber auch sonst niemanden!«
»Base,« sagte Vreneli halblaut, »es kam ein Jemand zwischen uns.« Da fuhr die
Base einen Schritt zurück und rief: »Was du nicht sagst! Mädi?« »Nein, Base, was
denkt Ihr! So schlecht ist Uli nicht, deretwegen habe ich nichts zu fürchten und
kann ruhig sein.« »Wer dann,« frug die Base, »wenn es nicht selb ist?« »Sollte
es nicht sagen« entgegnete Vreneli, »aber kann weiss Gott nicht anders, waret Ihr
doch immer Mutter an mir. Euer alter Gnäppeler ists, der hat Uli über Ort
gebracht.«
    Da lachte die Base, dass es sie schüttelte über und über, und sagte: »Oh,
wenn ich ein so jung, hübsch Fraueli wäre, wegen einem ganz grauen und
halblahmen Mannli wollte ich nicht aus der Haut fahren; wäre es ein hübsch
Dirnchen, selb wäre eine andere Geschichte, du Babeli, was du bist! Uli kennt ja
den Alten so gut als du; du wirst ihn unrecht verstanden haben, da hat er den
Kopf gemacht und du hast ihn gemacht, aber das kommt schon alles wieder gut.
Glaube mir, es ist nicht das erstemal, dass das so gegangen ist in der Welt.«
    »Kommt, Base,« sagte Vreneli, »Ihr seid meine Mutter gewesen von je, Euch
darf ich es wohl klagen, sonst vernimmt es niemand in der Welt.«
    Nun erzählte ihr Vreneli, wie der Vetter sich an Uli gemacht, ihm den Kopf
gross gemacht wegen vielem Brauchen und kostbaren Dienstboten und ihn
eingenommen, dass Uli auf einmal das beste Zutrauen zu ihm habe, glaube, es meine
es niemand auf der ganzen Welt so gut mit ihm als der Vetter Joggeli, und alles
vergessen habe, was er vorher an ihm erfahren. So dumm und leichtgläubig hätte
es sein Lebtag Uli nicht geglaubt, wenn das so sei, so könne jedes alte Weib ihm
den Kopf kehren, und so komme es wahrhaftig nicht gut. Es habe ihm sagen wollen,
wie die Sache sei, da habe er ihm abgeputzt und den Vetter erhoben, als ob er
ein Seraphim oder gar ein Cherubim wäre, das alte Giftbecherli! »Und dass er
glaubt, so einer meine es besser mit ihm als ich, selb will mir fast das Herz
abdrücken.«
    Erst ward die Base bös und sagte: »Dä Tüfels Alt, kann der das nicht lassen!
Ich glaube, er wäre imstande, die Engel im Himmel hintereinander zu bringen.«
Doch, erfahren im Besänftigen, sagte sie: »dSach würde mich auch böse machen,
daneben danke Gott, dass es nur das ist, es könnte leicht was anders sein,
welches hundertmal schlimmer wäre.« »Aber Base, wenn Uli mit wohlfeilen
Dienstboten fahren will, kommen wir in ein Wesen hinein, dass ein Wespennest ein
Himmelreich dagegen ist, und wenn Uli andern Leuten mehr glauben will als mir,
so begehre ich gar nicht mehr dabeizusein,« eiferte Vreneli.
    Da lachte die Base und sagte: »Zürne nicht, dass ich lache, das Weinen wäre
ja freilich anständiger, aber ich kann nicht anders. Was meinst, wenn alle
Weiber sich hängen oder ersäufen wollten, deren Männer andern Leuten zuweilen
mehr glauben als ihren Weibern, was meinst, Vreneli, wie manches lief lebendig
herum? Meinst nicht, es hingen mehr Weiber an den Bäumen als Kannenbirnen,
schwämmen mehr in den Flüssen als Hechte und Forellen, Die Sache ist auch nicht
halb so schlimm, als man meinen möchte, wenn man sie nur so von ferne ansieht;
hab es selbst erfahren, kann davon reden. Meinte es auch so wie du, hatte auch
Ursache dazu; war eine Bauerntochter, von Jugend auf bei der Sache, und kam
nicht mit leeren Händen, dass Joggeli hätte meinen können, es ginge bloss um seine
Sache. Aber ich musste mich anders gewöhnen, es hielt hart und war doch gut. Es
ist nicht gut, wenn man sich gewöhnt, alles nach seinem Kopfe erzwingen zu
wollen. Das gibt am Ende einen Zwang, unter dem die Andern leiden, alles
versteht man doch nicht, und wenn es nicht gut kommt, so muss man dann auch
alleine an allem schuld sein. Wenn die Andern auch ihr Recht haben, ihrem Kopf
nach fahren oder anderer Leute Räten und es kommt nicht gut und sie sagen, dass
es gut gewesen, wenn sie nur geglaubt, so ist das kommod für ein andermal, es
stärkt das Vertrauen. Denn sieh, liebes Kind, man muss nie glauben, das Vaterland
hänge an einem Haar und alles Heil daran, dass es so und nicht anders gehe. Man
wird gar unglücklich, wenn man so den Kopfmacht, und zuletzt wird man auch mit
dem lieben Gott unzufrieden und hadert mit ihm alle Tage. Nein, lieb Kind, so
den Kopf machen muss man nicht. Denken, sagen, tun muss man so gut als möglich,
aber dann daran festalten, dass, es geschehe was da wolle, es denen, die Gott
lieben, zum Besten und zur Seligkeit dienen müsse, und dies ist am Ende doch die
Hauptsache. Man muss sich nur nie lassen verbittern, nie rachsüchtig werden oder
schmollsüchtig, sondern sanftmütig bleiben und demütig, grad zu machen suchen,
was Andere krumm gemacht. Die Sache mag sein, wie sie will, wenn man nur kann
zufrieden bleiben dabei mit einander, das Hauptglück ist doch immer im Gemüte.
Es ist freilich eine schwere Sache, und manchmal kam es mir vor, ich hätte einen
halben Zentner Pulver im Leibe, es gehe an und ich müsse bolzgrad auf in die
Luft, und kein gut Wort wolle ich mein Lebtag mehr einem Menschen geben. Am Ende
wurde ich wieder zufrieden, die Sache machte sich auch nicht so schlecht, als
ich dachte; es ging nicht ums Leben, nicht um Hab und Gut, und allweg lernte ich
was, ward weiser und erkannte von Tag zu Tag besser die Hand Gottes in allem und
wie er alles zum Besten leitet. An den musst du denken, wenn es dir übers Herz
kommen, dich dünken will, es werde dir schwarz vor den Augen, und vor den Füssen
sei dir die Hölle. Bete und lasse nicht ab, zähle darauf, es wird dir wieder
heiter vor den Augen und leicht werden dir die Füsse, dass es dich dünkt, du
könnest springen eines Satzes über die Hölle hinweg in den Himmel mitten hinein.
Was ich ausgestanden, weisst du nicht, und Uli ist noch lange nicht Joggeli. Es
ist allweg dumm von Uli, wenn er mit halbbatzigem Zeug fahren will, es wird ihm
schon erleiden, er ist am meisten plaget damit, aber z'töten geht es doch allweg
nicht, und ist man genug dabei gewesen, so kann man das wieder ändern. Ach Gott,
es gibt Sachen, welche man nicht mehr ändern kann, und wenn man das Leben dafür
geben wollte; da ists böse, sich hineinzuschicken, und doch muss man, was will
man anders! Mach nur kein so trübes Gesicht, tue, als sei gar nichts
vorgefallen, schmollen tut nie gut.« So sprach die Mutter, ward selbst gerührt
und fuhr oft mit der Hand über die Augen, besonders als sie davon sprach, dass es
Dinge gebe, welche man nicht ändern könne. Sie dachte an Elisi und dass sie da
auch etwas habe machen helfen, welches bodenbös sei.
    Vreneli hatte manchmal dreingeredet, endlich sagte es noch: »Ach ja, Base,
recht werdet Ihr haben, mehr als recht, aber wer wollte das können, so sich in
alles schicken wie ein Lamm, besonders wenn man genaturt ist wie ich und so
heisses Blut hat!«
    »He, Kind, für was bist auf der Welt? Etwa für Lehenmannin auf der Glungge
zu sein, ein Dutzend Kinder aufzustellen und ein paar tausend Gulden an einen
Haufen zu kratzen? Eben um dich zu ändern, zu lernen, was du nicht kannst, statt
der alten Natur nach einer neuen zu trachten, dafür bist du da, dafür bist du
getauft und unterwiesen. Sieh, ich rede von solchen Dingen nicht gerne, die
gehören in das innerste Herzkämmerlein. Wie ein jung Mädchen nicht gerne von
seinem Schatz redet als mit der allerbesten Freundin und allemal rot wird, wenn
es dessen Namen hört, so habe ich es mit dieser Sache und mit dem, der mich
allein selig machen kann. Dir will ich sagen, dass er mein einziger Trost ist im
Leben und im Sterben, und ohne ihn hätte ich es wahrhaftig nicht ausgestanden
hier auf der Welt. Am Morgen Verdruss und am Abend Verdruss. Da hätte ich unsern
Herrgott fragen müssen: Herr, warum bin ich da, woran habe ich mich so schwer
versündigt, oder ist die Welt ein Narrenspiel? Aber so fragte ich nicht, ich
erkannte, warum ich da war: ich sollte Gott erkennen, seinen Willen tragen
lernen, mich ändern und bessern, dass ich geduldig und sanftmütig aushalten könne
vom Morgen bis zum Abend, wie Gott ja auch alle Menschen ertragen muss und doch
langmütig bleibt, was uns wohl kommt. Als ich das einmal begriffen hatte, ward
das, was mir vorher Hauptsache war, Nebensache, und woran ich nicht gedacht,
ward mir zur Hauptsache. Butter, und Milchgeld am Abend zu zählen, war nicht
mehr meine grösste Freude, sondern zu rechnen, was ich an der Seele gewonnen und
gewerchet. Von da an ward mein Leben anders; ich konnte es aushalten, konnte
wieder lachen, konnte Gott danken für alles, was er tat, stach er mich oder hieb
er mich. Aber was ich dir da sage, sage niemanden, ich schämte mich, wenn jemand
wüsste, wie es mir wäre im Gemüte. Dir wollte ich es sagen, du lachst mich nicht
aus und willst, was recht ist, und hast du mal was ergriffen, so lässest du es
nicht los. Du erbarmtest mich, als ich dich über Kleinem so trostlos sah, du
armes Tröpfli, dir werden wohl noch ganz andere Punkte warten. Da dachte ich, es
möchte ein Gotteslohn dabei zu verdienen sein, wenn ich dich an den wahren
Tröster weisen würde. Aber hörst: was ich dir sagte, behalt für dich.«
    »Base,« sagte Vreneli, »ganz habe ich nicht vergessen, was Ihr mir sagtet,
als ich zum erstenmal zum Nachtmahl ging. Der liebe Gott wolle es Euch
vergelten, dass Ihr mich daran mahnet zu rechter Zeit, ich will es nicht mehr
vergessen. Aber die Welt will immer obenauf, und je weniger man von der Welt
hat, desto mehr will sie einem den Kopffüllen und stellt sich vor die Augen, dass
man gar nicht darüber weg mehr sehen kann. Was man sinnen sollte, sinnet man
nicht, und was man nicht sinnen sollte, das liegt einem Tag und Nacht im Sinn,
lässt nicht einmal den Schlaf kommen, damit man es nicht etwa vergesse oder
seiner los werde. Man kanns nicht erwehren, und dann kömmt die Natur, versündigt
sich an Gott und Menschen und will Meister sein und bleiben. Wäret Ihr abermal
nicht wie ein guter Engel gekommen, so wäre ich wohl unwirsch geworden und
finster in meinem Gemüte. Aber Base, ists nicht seltsam, dass der liebe Gott mir
und Uli so gleichsam zwei Engel zum Geleit gegeben, einen guten und einen bösen,
mir den guten und ihm den bösen? Und warum hat er Euch Beide zusammengetan und
Euch eine solche Qual geordnet, dass Ihr mit so einem zusammengebunden gehen müsst
durchs Leben? Ich habe einmal gehört, dass man auf den Galeeren immer Zwei und
Zwei zusammenschmiedet, dass sie Tag und Nacht nicht von einander können; da
geschehe es oft, dass man unschuldig Verurteilte mit den grössten Bösewichtern
zusammenschmiede, und das sei das Schrecklichste für die Besten oder gar
Unschuldigen, denn die Andern quälten sie teuflisch und hätten noch grosse Freude
dran. Gerade daran mahnt Ihr mich, und was der liebe Gott damit gewollt,
begreife ich nicht.«
    »Kind, schweige, versündige dich nicht an Joggeli und am lieben Gott; du
bist noch gar zu rasch mit dem Urteilen und Verdammen und weisst doch, dass ein
Einziger ist, der das kann und will. Begreifst du nicht, dass wenn ich schon
schrecklich ungeduldig werde und bitterlich mich auslasse, wenn er seine Art an
Andern auslässt, ich ihn doch eigentlich als einen guten Engel betrachten und
Gott für seine Sendung danken muss? Er hat mich zum wahren Tröster geführt, denn
wenn ich ein so gutes Mannetoggeli gehabt hätte oder einen währschaften Bauer,
so wäre es mir kaum je in Sinn gekommen. Hätte ja gemeint, keinen Trost nötig zu
haben. Darum wird es gewesen sein, dass ich den Joggeli vorzog und haben wollte.
Der liebe Gott schickt keine bösen Engel, lauter gute, denn wer ihn liebt, dem
ist jeder Mensch ein guter Engel, der ihn zum Guten führt, es kommt eben nur auf
das Herz an. Der arme Joggeli ist nicht halb so bös; er kann mich oft von Herzen
dauern, dass er es nicht anders nehmen kann, dass er so misstrauisch ist, er lebt
selbst am übelsten dabei. Wenn er mich am bösten gemacht hat, dass es mich dünkt,
es sei mir nicht mehr zu helfen, so muss ich doch sagen, sobald ich wieder bei
mir selbst bin, ich hätte den bessern Teil und gegen ihn eine ganz leichte
Bürde. Von wegen er hat ein gar grosses Leiden, nie zufrieden zu sein und immer
misstreun; warum ihm das Gott auferlegt habe, sinnete ich schon oft und mag es
doch nicht ergründen. Helfen kann ich ihm nicht, und das plaget mich. Wollte ihm
schon drauf deuten, wo es fehle, aber er spottet mich aus, und mit Johannes und
Elisi ists noch ärger, und das ist das grosse Leiden, welches ich habe. Ich habe
die Hoffnung, dass Gott gnädig ist, ihm tue ich sie anbefehlen, und ansehen wird
er mich wohl.«
    »Ja, Base, ich stünde es bei Joggeli nicht aus, ich wunderte mich oft, wie
Ihr es könnet. Aber Ulis böser Engel ist er doch, er gibt ihm das Gift ein,
welches alles verderben wird.« »Das weisst du nicht,« sagte die Base, »so darfst
nicht urteilen, den Ausgang kennst nicht; Joggeli kann auch Ulis guter Engel
sein, das kömmt auf Uli an, und wenn er sein böser Engel bleibt, ist Uli selbst
schuld; wehr du auch, was du magst, dass ers nicht bleibt.« »Ach Mutter,« sagte
Vreneli, »es ist mir so bange. Es ist mir, es stehe ein schwer, gross Unglück
vor, und bald ists mir, wenn ich nur sterben könnte, und bald muss ich weinen,
wenn ich denke, ich müsste sterben, denn gerne stürbe ich doch nicht.« »Du hast
es wie die Andern auch, das bessert von selbst; wollte Gott, jeder Plage würde
man ein so bestimmtes Ende sehen. Doch potz, wie habe ich mich verschwatzt,
schon läutet es zu Kuhwyl Mittag. Es gibt noch nicht ander Wetter, wenn man es
dort läuten hört.« Vreneli sah der rasch dahin sich schiebenden Base nach und
sagte für sich: O Base, du hast recht, das böse Wetter hat erst angefangen, es
wird seine Zeit haben wollen wie alles in der Welt. Du hast geredet wie ein
Engel und deine Worte waren Samen vom rechten. Aber Base, der Same ist noch
nicht Frucht, erst muss er verwesen, dann keimen, dann grünen, dann blühen, dann
reifen. Ach Base, wie lange wird es gehen, bis er Früchte trägt bei mir, von
wegen meine Natur ist hitzig und wild, und wenn die Sonne höher steigt, wird das
Beste verwelken.
    Vreneli bangte nicht umsonst, seine Natur war eine echt aristokratische, sie
hatte grosse Anlagen zum Regieren. Solchen Naturen wird die christliche Ergebung
und das Unterordnen unter einen Willen, der eng ist, kleinlicht, vielleicht auch
verderblich, gar zu schwer, gar zu schwer, sich selbst Gott zu fügen in allen
Dingen und zu sagen: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Schmutzige
Naturen haben heisse Reinigungsfeuer nötig, bis sie christliche Naturen geworden
sind, aber edle, grossartige Naturen haben nicht weniger schwere Prüfungen zu
bestehen, bis sie zu Kindern Gottes sich aufgeschwungen haben. Satan war nicht
der niedrigste der Engel.
    Doch wohl verstanden, wir reden von aristokratischen Naturen, welche auch im
Zwilchkittel zu finden sind, nicht von aristokratischen Angewöhnungen und einem
gemachten aristokratischen Äussern. Es gibt solche gemachte Figuren, welche zu
den aristokratischen Gebärden noch die christlichen annehmen. Dann ist es aber
ein wunderlich Zusehen, wie bald eine Sorte von Gebärden und Redensarten
sichtbar wird, bald die andere, wie im Umgang mit der einen Klasse von Menschen
die christlichen Gebärden vorstehen, bei einer andern die aristokratischen. Als
Regel kann man annehmen, dass das Christliche vorherrscht, solange weder
Befürchtung äusserer Beeinträchtigung der Ansprüche oder Widerspruch stattfinden.
Über beide erhebt das Christliche sich nicht, sondern gegen sie werden die
aristokratischen Manieren und Gebärden Meister. Überhaupt werden in solchen
gemachten Figuren Aristokratisches und Christliches nie sich verschmelzen, sie
treiben sich abgesondert im Leibe herum wie Kraut und Rüben in einer
Bettlersuppe. Es gibt aber auch eine gewisse Sorte Christentum, welches sich für
das aristokratische hält, welcher die Plätze zur Rechten und zur Linken im
Himmelreich gehören. Die Christen, welche zu dieser Sorte gehören, mühen sich
auch ab mit Gebärden, welche fast wie aristokratische aussehen, diese ihre
Meinung von sich selbst auszudrücken. Sie sollten es nicht tun, es steht so
übel.
 
                                Fünftes Kapitel
      Kraut und Rüben durcheinander, wie es sich gibt in einer Haushaltung
Uli wurde von so freundlichem Winde nicht angeweht, sondern blieb sich selber
überlassen. Ihn dünkte, er hätte nicht bloss recht in der Sache, sondern er müsse
einmal zeigen, dass er auch jemand sei und zwar eigentlich der Mann, der die
Hosen anhabe. Wenn er das immer so gehen liesse, so könnte seine Frau zuletzt ein
Recht daraus machen wollen und meinen, er solle zu keiner Sache was sagen. Zu
solchen Ansprüchen berechtige sie doch endlich ihr Vermögen nicht; was sie
eingebracht, habe an einem kleinen Orte Platz. Er nahm da, her das Gespräch über
das Gesinde nicht wieder auf, nahm Vrenelis Freundlichkeit mit dem Misstrauen,
als ob es auf diesem Wege probieren wolle, was es auf dem andern nicht zuwege
gebracht. Da er sich auf dieser Seite schwach fühlte, so verpalisadierte er sich
mit desto düstererer Miene.
    Noch ungerner als mit Vreneli sprach Uli mit dem Gesinde selbst darüber, nur
daran zu denken war ihm zuwider. Es waren eine gewisse Schüchternheit und eine
gewisse Unbehülflichkeit bei einander, von wegen nicht bloss Meister zu sein,
sondern sich auch als Meister darzustellen auf die rechte Weise und in allen
Dingen, ist eine Kunst, zu welcher viele alte Bauern nie gelangen; wie sollte
man sie von einem jungen Pächter fordern können, der erst noch selbst Knecht
gewesen? Darüber wurden die Knechte ungeduldig. »Hat er mit dir gesprochen?«
frug einer den andern, »dich gefragt, ob du bleiben oder gehen wollest?« Der
eine der Knechte sagte: »Ich halte ihm nicht an, mein Brauch war es nie, dass ich
um den Dienst fragte; der Meister musste mich fragen, und frägt er mich bis
Sonntags nicht, so sage ich dem Kabismüller zu. Es ist ein schwerer Dienst, aber
der Lohn auch darnach, und verdienen muss man, während man jung ist.« Ein anderer
sagte: »Wollte nicht pressieren, er wird das Maul schon noch auftun; mir wäre es
zuwider fort, wechsle nicht gerne.« »Wartet, am Samstag soll ich mit dem Meister
Spreu holen, da gibt vielleicht ein Wort das andere.« »Meinetalb,« sagte der
andere, »aber dass es mir viel machen würde, weiterzudingen, kann ich nicht
sagen. Er ist nicht mehr der Gleiche. Man kann nicht genug schaffen, und doch
ist er nie recht zufrieden. Es dünket mich, er habe schon vergessen, was ein
Knecht gerne oder ungerne hat, und meint, er müsse aus Äckern und Wiesen, Vieh
und Menschen das Äusserste, das letzte Tröpflein Saft herauspressen, damit er ein
reicher Mann werde. Bloss wegem Zins hätte er das nicht nötig. Wie ich habe
merken mögen, ist der so, dass er deswegen keinen Kummer zu haben braucht. Warum
nun alle bös haben sollen, um einen zu mästen, weiss ich eben auch nicht, es wäre
ein Anderes, wenn Not am Mann wäre.« »Oh,« sagte der Erste, »so viel wirst doch
nicht zu klagen gehabt haben, einmal wegen der Speise nicht, die ist, wie man
sie nicht an allen Orten antrifft.« »Einstweilen wohl« sagte der Erste, »aber ob
es so bleibt, frägt sich. Was ich merken mochte, nimmt man aus der Metzg alle
Samstag ein Pfund bis zwei weniger Fleisch, und in letzter Woche hatten wir
zweimal keine Milch auf dem Tisch, und bin ich recht berichtet, so mussten sie
vorgestern dem Brot erst den Bart abmachen, ehe sie es auf den Tisch stellen
konnten. Wenn es so käme, so wäre dies mir nicht anständig, von wegen ein Jahr
ist lang und aus dem Jahr zu laufen, ist nicht meine Sitte.« »Man muss nicht
immer das Bösere glauben, und mit dem grauen Brot kann das allentalben
geschehen; am Geschmack merkte man nichts, und der Müller kann vielleicht auch
noch daran schuld sein.
    Die Haglen netzen manchmal das Mehl, dass man Schneeballen daraus machen kann
oder es als Mehlsuppe brauchen, ehe es noch in der Pfanne ist,« entgegnete der
Erste.
    Am Samstag also fuhren sie nach Spreuer aus und luden in Bern an der Matte
ein gewaltig Fuder. Spreuer war sehr wohlfeil und die Müller froh, wenn er ihnen
aus dem Wege kam. Manchmal wird er rar, ist schwer und teuer zu bekommen, wenn
man ihn am nötigsten hätte. Mit dem Spreuer unter den Menschen ists umgekehrt,
da wird er am teuersten, wenn er am zahlreichsten ist, da schätzt er sich dann
selbst und zwar wie ein Jude seinen lumpichten Trödel. Obgleich Uli wohlfeilen
Spreuer kaufte, so war er doch sehr übler Laune. Der Müller hatte ihn
aufgezogen, wie wohlfeil der Bauer das diesjährige Korn werde geben müssen; da
sollten sie nicht Kummer haben, dass sie die Zeit versäumen müssten, Müller in
ihre Spycher zu führen, um das Korn zu zeigen. Da versetze wahrlich kein Müller
einen Fuss. »Die Bauern können zu uns kommen, es vor das Haus bringen, das beste
wollen wir auslesen, uns noch sehr bedenken, ob wir für das Malter drei Taler
geben wollen.« Uli wollte das in Abrede stellen, behaupten, die Preise würden
eher steigen als fallen. »Pah, pah, Junge, belehre einen Alten nicht, stehe
zuerst ein paar Jahre an der Sonne und lasse dich trocknen hinter den Ohren,«
sagte der Müller. »Die Spycher sind ganz voll altes Korn, neues wird es geben,
es weiss kein Mensch wie viel, und auf der Strasse nach Deutschland hanget ein
Schwab am andern, jeder hat einen vierspännigen Wagen voll Korn und man sagt,
sie würden bald den Leuten anhalten, um Gottes willen umsonst es ihnen
abzunehmen, nur damit sie Platz kriegten für das neue draussen im Schwabenland.
Jetzt wollen wir den Bauern die Preise machen, sie haben uns lange genug das
Blut unter den Nägeln hervorgepresst.«
    Wer mit Metzgern, Müllern und Schweinhändlern Umgang zu haben das Glück
gehabt, kennt diese Sprache wohl und weiss sie zu erwidern in ähnlicher Tonart.
Indessen macht sie doch Eindruck. Ein alter Pfiffikus weiss alsbald, was an der
Sache ist, bleibt kaltblütig und richtet sich darnach. Jüngere, zartere Gemüter,
wie zum Beispiel Uli noch eins hatte, die empfinden den Eindruck solcher Reden
nicht bloss, sondern sie können ihn auch nicht verbergen. Je weniger sie das
können, desto grössere Freude hat so ein alter Müller oder Metzger, ihnen recht
heiss, sie so ganz klein zu machen, dass er sie füglich in einen Darm stossen und
als Bratwurst präsentieren könnte. So machte es auch der Müller Uli, dass der
ganz mürbe und klein von ihm wegging und dachte, wie er doch der Unglücklichste
sei und das doch so schrecklich sich treffen müsse, dass er eine Pacht
übernommen, jetzt wo das Korn nichts gelte, ja Schwaben es ins Land brächten und
anhielten um Gottes willen, dass man es ihnen abnehme, nur damit sie daheim Platz
kriegten für das neue.
    Dass es nicht halb so schrecklich sei, zu ernten hundert Malter statt nur
fünfzig und die hundert Malter einen Drittel wohlfeiler zu verkaufen, daran
dachte Uli nicht. Uli dachte nicht, dass das das Schrecklichste ist, wenn man
nichts geerntet, nichts hat als einen Tisch voll hungriger Leute und doppelt so
teuer als sonst das Brot ist. Er kalkulierte wie die Meisten und dachte nicht,
wie töricht, ja sündlich ein solcher Kalkul ist. Er kalkulierte, dass er am
weitesten kommen täte, wenn er recht viel Korn mache und es recht teuer
verkaufen könnte. Um die, welche es kaufen müssten, kümmerte er sich nicht, aber
dass es nun nicht gehen wollte, wie er dachte, nicht alles Wasser alleine auf
seine Mühle laufen wollte, das zürnte er schrecklich an Gott und Menschen.
    Der arme Knecht, welcher in diesem Augenblick sein Nächster war, musste es
zuerst entgelten. Es ist sonst Sitte, dass man bei solchen Gelegenheiten sich und
dem Knechte so einigermassen gütlich tut, ein ordentlich Mittagessen macht, ohne
sich eben aufwarten zu lassen. Der Knecht erwartete auch nichts anders,
besonders da man den Spreuer fast umsonst erhalten. Da kann man denken, wie ein
lang Gesicht er machte, als Uli, gefragt, was er verlange, hastig sagte: »Eine
Flasche Wein und Suppe!« »Und Fleisch nachher?« fragte die Wirtin. »Ho,« sagte
Uli, »wenn man eine gute Suppe hat, so kann man es schon machen, es wäre Mancher
zufrieden, wenn er alle Tage eine hätte!« Die Wirtin hatte schon mehr mit Bauern
zu tun gehabt, sie trat nicht weiter ein, sondern fragte: »Was für Wein soll ich
bringen?« »Sechsbatzigen«, sagte Uli, »der ist gut für den Durst und es macht
heiss!« »Potz,« dachte der Knecht, »das geht mager zu.« stopfte sein Pfeifchen,
um nachzubessern, und machte ein tiefsinniges Gesicht. Wein und Suppe kamen; mit
eingestützten Armen wartete die Wirtin, bis die letztere halb gegessen war, dann
fragte sie: »Fleisch werde ich doch auch bringen sollen? Hätte Voressen,
bsunderbar schöns Rindfleisch und Speck zum Kraut, wie es üblich und bräuchlich
ist, wenn man weit herkommt, weit heim muss. Wenn man läuft, so ist so ein
Süpplein gleich runter, und so z'leerem z'laufen oder z'fahren ist nicht gut,
man ist gar übel dabei.« »Magst, so sags,« sagte Uli zum Knecht. »Es ist nicht
an mir zu befehlen,« sagte der Knecht, »wer zahlt, der befiehlt.« Auf dieses
Wort hin machte die Wirtin rechtsum und sagte: »Ich hole, Ihr seid gewiss nicht
reuig. Daneben könnt ihr immer noch nehmen oder nicht, wie es Euch beliebt.« Nun
machte Uli ein tiefsinnig Gesicht, und als die Wirtin brachte reichlich, gab es
ein seltsam Hin- und Herschieben der Herrlichkeiten. Keiner wollte zuerst
nehmen. »Kannst nehmen, wenn du magst,« sagte Uli. »Es ist nicht, dass es sein
muss, kann es sonst auch machen. Allweg nehme ich nicht zuerst,« sagte der
Knecht, und das Ende vom Lied war, dass Beide böse wurden: Uli, weil er mehr
gebraucht, als er gedacht, der Knecht, weil er sah, wie ungern es ging.
    Es ist sehr leicht, bei solchen Gelegenheiten an einem Knechte drei Batzen
zu ersparen, aber sehr schwer zu berechnen ist es, wie gross der Schade werden
kann, welcher aus drei ersparten Batzen erwächst.
    Der Knecht muckelte stark im Gemüte und war anfangs willens, dem Meister das
Wort nicht zu gönnen, denn wenn es so seinen Fortgang haben solle, so sei am
wohlsten, wer am weitesten davon weg sei. Indessen der Abend war so mild und
lieblich, dass sein Schimmer unwillkürlich die düstersten Gemüter verklärte, wie
ja auch die untergehende Sonne die schwärzesten Berge vergoldet. Uli hatte die
Zeche verwunden und sprach mit dem Knechte erst über die Rosse, dann über die
Arbeit der nächsten Woche, die vorzunehmende Ansaat usw. Dem Knecht war es auch
nicht mehr so säuerlich ums Herz; der Wüstest sei er doch noch nicht, dachte er.
»Und, Uli,« sagte er, die Pfeife ausklopfend, »was bist Vorhabens wegen den
Dienstboten? Solls beim Alten bleiben, oder willst ändern,« Da fuhr eine Wolke
über die Sonne, und Uli sprach: »He nun, weil du davon anfängst, so will ich dir
sagen, was ich gedacht. Ein Bauer und ein Pächter sind zweierlei, selb weisst.
Anständig wäret ihr mir, gegen Keinen habe ich was, aber mit den Löhnen mag ich
nicht gfahren, besonders wenn das Korn nichts giltet und ein Schwab am andern
hängt vom Bodensee bis nach Zürich, wie mir der Müller gesagt hat. Wenn ich es,
weil die Zeitläufe bös sind, mit weniger Lohn machen könnte, so begehrte ich
nicht zu ändern.« »An selb denk nicht,« sagte der Knecht, »mehr arbeiten und
weniger Lohn reimt sich nicht, und zu uns selbst müssen wir auch sehen, es tuts
niemand anders. Eher solltest du noch mit dem Lohn nach; wenn man jung ist, so
muss man sehen, dass man zu etwas kömmt, und für den alten Mann sorgen, selb hast
du uns oft gesagt und wie dich dein früherer Meister darüber berichtet.« Er habe
nichts dagegen, sagte Uli, aber das Gleiche gelte für ihn auch. Er müsse sehen,
wie er den Zins aufbringe, daneben Steuer und Brauch ausrichte, da helfe ihm
auch niemand, und was das heisse, stelle sich niemand vor, als wer es erfahren.
Wenn das Korn nicht mehr gelten solle als drei Taler das Malter, so wüsste er
nicht, wie das gehen solle. »Aber meinst du dann, mit wohlfeilen Knechten
gewinnest du was?« antwortete der Knecht. »Zwischen einem Schuhmacher, der des
Tages einen Schuh macht, und dem, der ein Paar macht, ist ein Unterschied, und
so auch zwischen einem Weber, welcher zehn Ellen, und dem, welcher sechs Ellen
wibt, selb weiss man. Aber bei einem Knechte will man das nicht wissen, man sieht
nur den Unterschied im Lohn und meint, der Unverschämtest fordere auch am
meisten, und doch ists ebenso wie bei den Handwerkern. Auch in der Arbeit ist
ein Unterschied, denn Weben und Weben sind zwei, und zum Beispiel Mähen und
Mähen auch. Daneben mach, was du willst, es ist deine Sache; du wirst bald genug
erfahren, wie es gehen kann, wenn du es schon vergessen hast.« »Mit Schein
rechnest du den Meister nichts,« sagte Uli gereizt. »Ein guter Meister macht mit
wohlfeilen Knechten mehr als ein schlechter Meister mit guten Knechten. Es ist
schon aus manchem Klotz ein rechter Bursche geworden, wenn ihn ein guter Meister
recht auseinandernahm.« Darwider hätte er nichts, sagte der Knecht, wenn er es
probieren wolle, so solle er es machen. Gehört hätte er zwar nie, dass einer aus
einem Zwilchsack einen Sammetrock gemacht oder aus einem Kalbe einen Hengsten.
    Hier wurden sie unterbrochen, und das Gespräch ward nicht wieder angeknüpft.
Die Folge davon ward, dass die zwei besten Knechte andere Plätze annahmen, welche
ihnen längst angeboten waren. Uli vernahm dieses alsbald, denn es ist eine gar
rege Aufmerksamkeit unter dem dienenden Volke um diese Zeit, sie visieren und
gucken nach guten Plätzen schärfer noch als auf ihren Sternwarten die Astronomen
nach neuen Kometen und derlei Dingen. Da kamen die Bursche daher, und einer gab
sich für einen Karrer aus, ein anderer für einen Melker, redeten, als kämen sie
vom Himmel her, und gebärdeten sich, als seien alle Fürstentümer und Gewalten
über Kühe und Pferde unter ihre Füsse getan. Von diesen hörte dann Uli, der sich
über das Geläufe für bestimmte Plätze wunderte, sein Karrer hätte zum
Kabismüller gedungen und sein Melker in den Krautboden. Das machte ihn böse, dass
sie dieses getan, ohne mit ihm zu reden, ihm das Wort zu gönnen. Er dachte nicht
daran, dass er es akkurat so gemacht hatte, dass gute Knechte ihr Bewusstsein
haben, sich weder am Lohn abbrechen lassen noch um Plätze betteln. Er hielt es
ihnen nicht vor, aber gab ihnen kein gut Wort mehr und suchte andere Knechtlein,
aber so wohlfeil als möglich.
    Wer Landmann ist, weiss, welche verhängnisvolle Zeit der Herbst ist, wie man
alle Hände voll zu tun hat, eigentlich gar nicht in das Bett sollte oder es
machen, wie man von reichen Bauern zu Raxligen erzählt: sie hingen, wenn sie zu
Bette gingen, ihre Hosen an die Stange auf, welche um den Ofen läuft, aber
sobald die Hosen aufhörten zu blampen, stünden sie wieder auf und machten sich
frisch an die Arbeit. Im Herbst ists nun Not, dass alles flink sich rührt und
geschickt in die Hände arbeitet, Menschen und Vieh. Schmollen aber Meister und
Dienstboten, gönnen sich die Worte nicht, dann hat es gefehlt, dann harzet es
überall und es ist, als ob die Glieder der Arbeitenden mit Blei gefüllt wären.
Vreneli machte gut, so viel es konnte, musste aber oft die Augen trocknen, wie
Uli unwirscher wurde, damit aber die Arbeit nicht förderte. Es wäre sonst ein so
gesegneter Herbst gewesen, aber was ist aller Segen des Landes, wenn die Gemüter
nicht gesegnet sind mit Frieden! Es war viel Obst, und da Uli das Holz zum
Dörren nicht zu kaufen brauchte, sondern Holz nach Notdurft zur Pacht hatte, so
ward ein reicher Vorrat für Fehljahre gesammelt. Erdäpfel gabs, dass man sie kaum
unterzubringen wusste, Rüben und Möhren wie sonst selten. Man hätte ganze Fuder
zu Markte führen können, wenn man entbehrliche Leute und Rosse gehabt hätte.
Indessen löste Uli doch schön Geld aus der sogenannten Stümpelten, weit mehr,
als er sich vorgestellt hatte. Auf jedem Gute sind nämlich Hauptprodukte, auf
welche man hauptsächlich und alle Jahre zählt: Heu, oder wo das Heu abgefüttert
wird, Käs oder Milch oder Korn oder Vieh. Dann gibt es noch eine Menge
Nebensachen, welche zugleich zufällig sind, Obst zum Beispiel und Erd- speisen,
das heisst Speisen, die in der Erde wachsen: Erdäpfel, Kohl, Rüben usw., Hanf,
Flachs, in unsren Gegenden auch Ölpflanzen, welche anderwärts zu den
Hauptprodukten gehören. Je besser nun ein Gut bewirtschaftet wird und je besser
namentlich die Frau ist, desto mehr wird auf diese Weise gleichsam so nebenbei
gewonnen. Es wird gar manche Frau hoch gerühmt über ihr Geschick, aus der
Stümpelten ein bedeutend Geld zu machen, indem sie alles zu Ehren zu ziehen weiss
und es zu Nutzen bringen kann, während andere Weiber nichts zu machen wissen,
das Entbehrliche weder bemerken noch an Mann zu bringen wissen, es brauchen,
wenn und wie der Gebrauch es mit sich bringt, oder es sich selbst überlassen,
wenn sie es nicht selbst brauchen können. Das sind die Weiber, denen das Denken
eine Pein ist oder die ihre Gedanken allentalben haben, nur nicht bei ihrem
Hauswesen. Dies macht natürlich einem Mann einen bedeutenden Unterschied, ob
seine Frau die Kleinigkeiten alle zu verwerten verstehe oder nicht. Auf grössern
Gütern kann es in die hundert Gulden gehen.
    Vreneli nun verstund das Ding vortrefflich und machte es dem Uli doch nicht
ganz recht; es ging nach dem Sprüchwort, dass über dem Essen der Appetit wachse.
Uli freute sich des schönen Geldes, aber er hätte lieber noch einmal so viel
gehabt. Vreneli war eine von den altväterischen Seelen, welche gerne Vorräte
haben im Hause auf mehr als einen Tag, welche gerne die Schränkefüllen mit
Leinenzeug. Andenken guter Jahre. Vreneli meinte, sie sollten anfangen zu
sorgen, dass sie eigenes Bettzeug hätten in alle Spiel, nicht an Joggelis
gebunden seien, oder wenn sie einmal hier wegkämen, dann alles auf einmal
anschaffen müssten. Fange man frühe an, so komme man weit, und anfangen müsse man
in guten Jahren, wie sie jetzt eines hätten, da merke man es nicht, weil man
sonst kommen möge mit dem Gelde.
    Aber Uli ärgerte sich fast an allem, was über das Notwendige hinaus im Hause
blieb. Geld zu machen, dass man sich in alle Spiele kehren könne, selb sei die
Hauptsache, meinte er. Für das Haus könne man noch lange sorgen, wenn Gott einem
das Leben lasse; das wäre gut, dass man sein Korn nicht verkaufen müsse, wenn es
so wohlfeil sei, sondern den Zins sonst machen könne. Nun gab Vreneli etwas
nach, und etwas machte es nach seinem Kopf. Da ist aber keine rechte
Freudigkeit, wenn Eines hieraus zerrt, das Andere dortaus, das Eine als Beute
betrachtet, was es erzerrt, das Andere als Raub, was man ihm abgezerrt.
    Vreneli zog die Base zu Rat, ob es nicht gut wäre, einmal verflümert
abzustellen und aufzubegehren, dass Uli wüsste, woran er sei, und dass es sich bei
solchem Schaffen und Sorgen doch nicht meistern lasse wie ein klein Kind. »Mach
es nicht,« riet die Base. »Was trägt es dir ab? Kannst etwas an Vorräten erobern
und etwas an Bettzeug, und wenn dir dann die Mause darüber kommen, was hast du
dann davon? Hundert Jahre, wenn ihr das Leben habt, musst du es noch hören.
    Fahre in Gottes Namen fort, wie du angefangen hast, und verkauft er dir noch
mehr, so lasse es auch geschehen; denke, an einigen Ellen Leinenzeug und einigen
Metzen Obst hängen Heil und Seligkeit nicht.« Während die Base so sprach, strich
Joggeli um ein Wägelchen herum, welches geladen wurde, um auf den Markt gefahren
zu werden. »Ja, ja,« sagte er. »so ist es recht, das müsste mir auch verkauft
sein, und je mehr je lieber; die Weiber sehen es freilich nicht gerne, wollen
Vorräte haben, aber wofür? Um die gute Frau zu machen oder einen Kreuzer Geld,
von dem der Mann nichts weiss. Meine Frau hat mir damit geschadet, es weiss kein
Mensch wie viel, und Vreni wird wohl von ihr was davon gelernt haben. Daher hast
recht, gleich anfangs zu zeigen, wer Meister ist und welchen Weg es gehen muss.
Das Geld wirst brauchen können, allweg fressen es die Mäuse nicht, und die
Motten kommen nicht darein.« Solche Reden gefielen natürlich Uli wohl, stärkten
seinen Glauben an Joggelis Wohlmeinenheit, an die Notwendigkeit, den eigenen
Willen durchzusetzen, und in der Ansicht, Geld machen sei unter allen Künsten
die erste und dringlichste.
    Als Weihnacht kam, hatte Uli wirklich ein schön Stück Geld aus all der
Stümpelten gelöst, weit, weit über den Bedarf zu den Gesindelöhnen, und doch war
es keine fröhliche Zeit, und das Neujahr war ebenfalls kein heiteres. Es ist oft
der Fall, dass wenn man Dienstboten ändert, man den Wendepunkt, wo die alten
aus-, die neuen einziehen, nicht er, warten mag und zwar beidseitig nicht. Das
Verhältnis ist so giftig geworden, dass man sich nicht bloss kein gut Wort mehr
gibt, nicht bloss zornig wird, wenn man sich sieht, sondern sogar, wenn man sich
aus der Ferne husten hört. So war es aber in der Glungge nicht, im Gegenteil;
als der Zeitpunkt rückte, wo geschieden werden müsste, mochten beide Teile nicht
gerne daran denken, hätten gerne dem Rade der Zeit den Hemmschuh untergelegt.
Selbst Uli kam es jetzt, er hätte sich doch vielleicht den unrechten Finger
verbunden, allweg habe er sich eine schwere Bürde aufgeladen und Jahre werde es
gehen, ehe er aus den Klötzen, welche er angestellt, ordentliche Knechte
herausgehauen und zurechtgemeisselt. Begreiflich gestand er es nicht, nicht
einmal vor sich selbst wollte er so recht den Namen haben, dass es ihm so sei.
Den Knechten ging es ähnlich, sie verliessen ungern die Glunggen, zeigten es
jedoch nur Vreneli, wie es ihnen war und dass sie wohl wüssten, wenn es nach
seinem Kopfe gegangen, sie beisammen geblieben wären. Äusserlich hatten alle das
Aussehen, als ob sie sich bitterlich hassten, aber innerlich war bloss ein
Grollen, und zwar ein Grollen, dass man von einander musste und zwar ohne
Notwendigkeit, sondern weil jeder einen aparten Kopf hatte und Uli den
allerapartesten, gespickt mit Joggelischen Brocken.
    Abgehende Dienstboten feiern, wie bekannt, das Neujahrsmahl noch mit, es ist
das Abschiedsmahl, nach welchem sie weiterziehen auf ihrer Pilgerreise nach
einer neuen Station. Viele essen und trinken da noch zum Platzen, um die alten
Meisterleute zu ärgern und von ihren Rechten den ausgedehntesten Gebrauch zu
machen, und leben doch am besten am Gedanken, wie zornig sie ihre Meisterleute
verlassen. Das ist auch ein wüst Zeichen der verkehrten Natur der Menschen, eine
wahre Teufelsüchtelei. So gings in der Glungge nicht, man war karg mit den
Worten, mit Essen und Trinken ging es auch nicht recht, wie sehr Vreneli
nötigte. Daher kam die Offenheit nicht, welche der Wein manchmal bringt, die
frostigen Bernernaturen tauten nicht auf, kurz machte man die Sache und düster
zog das Jahr auf der Glungge ein, und als am folgenden Morgen die Abgehenden
Abschied nahmen und sagten: »Lebet wohl und zürnet nüt«, waren die Gesichter
auch duster, doch war keine Stimme, die nicht gebebt hätte, wenn sie Vreneli
sagte: »Leb wohl und zürne nüt.« »Leb wohl«, sagte dann Vreneli, »und wenn du
vorbeigehst, so komme ins Haus und berichte, wie es dir geht. Hörst, und vergiss
es nicht, ich zürnte es, wenn du es nicht tätest. Je besser es dir geht, desto
mehr wird es mich freuen. Aber es ist keine Gefahr um dich; stellst dich gut, so
gehts dir gut; gibts dir etwas Ungesinnetes und können wir dir helfen, so vergiss
uns nicht und denke an uns.« Selbst Uli sagte: Sie sollten ihm nicht zürnen;
wenn sie einmal selbst in seine Lage kämen, so würden sie ihn begreifen. Wenn
einer einen Anfang hätte wie er, so müsse er sich sturm sinnen, woher er die
Kreuzer alle nehmen wolle. So schieden sie im Frieden auseinander, und dies ist
allemal schön. Wer aus allen Häusern im Frieden scheidet, darf hoffen, einst
auch im Frieden zu scheiden aus dieser Welt und einzuziehen mit Freuden in
Gottes himmlisches Haus.
    Am Nachmittag und am folgenden Tage zogen die neuen Dienstboten ein, und
Vreneli ward es ein um das andere Mal übel.
    Es ist ein wunderlich Geschöpf, so ein Menschenkind, und noch wunderlicher
krabbelt es ihm im Kopf herum, noch viel wunderlicher, als in einem chinesischen
Wörterbuche die achtzigtausend Schriftzeichen, welche die chinesischen Gelehrten
ersonnen haben sollen, krabbeln mögen. Ja, müssen noch ganz andere Gelehrte
haben, die Chinesen, als wir, haben aber auch um so längere und dickere Zöpfe,
begreiflich! Was so in eines Knechtleins Kopfe krabbelt, stellt sich selten ein
Mensch vor, und wäre es auch ein Gelehrter, selbst ein deutscher. Sie kamen
daher wie Dampfkessel, auf zwei schlechte Beine gestellt zwar, aber aus allen
Löchern pfiff und schurrte der Dampf, sintemalen sie aufgeblasen waren, was die
Haut ertragen mochte. Erstlich bildeten sie sich schrecklich viel ein, dass sie
wirklich einen Platz hatten und noch dazu an einem so berühmten, grossen
Bauernorte. Wer ihnen begegnete, frugen sie, wie weit es noch bis zur Glungge
sei, und jeder musste vernehmen, dies sei der Berühmte, man werde schon davon
gehört haben, der dort als Melker oder Karrer einziehe oder gar als
Meisterknecht, denn so genau nahmen sie es nicht. Sie bildeten sich auch
wirklich ein, Solche wie sie seien noch nie diese Wege gewandelt, denn sie
gingen nicht, sie wandelten. Als sie endlich an Ort und Stelle angewandelt
kamen, mussten sie natürlich zeigen, wer da angewandelt käme, und so kamen sie
wirklich wie aufrechte Dampfkessel auf zwei Beinen. Vreneli weinte zuletzt, doch
bloss für sich. Uli stunden die Haare bolzgerade auf vor Zorn, er verwerchete ihn
jedoch auch im Stillen. Joggeli sass hinter dem Fenster und verwerchete nur
Galgenfreude, jedoch auch im Stillen, erfürchtete sich doch zuweilen vor den
Kernsprüchen seiner Frau.
    Nach und nach langte auch die Bagage an; die war traurig, es war, als käme
sie aus dem siebenjährigen Kriege und härte alle Schlachten mitgefochten. Mädi
wars, welche rekognoszierte und sichere Berichte darüber brachte. Mädi war also
geblieben, Vreneli zu Lieb und Ehr. Uli konnte es nicht verzeihn, dass er die
Andern zum Abzug gebracht. Mädi hatte keinen Liebhaber unter den Abgehenden,
aber das Ehrgefühl rechter Mägde, welchen alles daran gelegen ist, dass es gut
gehe da, wo sie dienen, dass es heisst: da werde recht gearbeitet und bessere
Ordnung sehe man nirgends. So viel Verstand hatten zur selben Zeit die
Dienstboten, dass die Ehre des Orts auch auf die fiel, welche zu dieser Ordnung
beitrugen. Mädi hatte Schadenfreude und sagte, es geschehe Uli recht, dass er
solchen Zeug gekriegt, der werde das Jahr über für mehr als zweihundert Taler
Zorn und Verdruss zu schlucken haben. Nur sei es nicht recht, sagte es zornig,
dass die Unschuldigen mitleiden müssen. Das werde eine Zuversicht geben, dass man
vor Zorn nicht mehr werde die Augen auftun mögen. Aber was ihns am zornigsten
mache, sei, dass man die Lumpen alle Wochen werde waschen müssen und dann die
halbe Woche ums Haus herum werde zu hängen haben, das werde doch der Glungge
wohl anstehen! Die Leute werden glauben, es sei da ein Lumpensammler eingezogen
und trockne an den Zäunen, was er nass zusammengetragen. Es hasse nichts mehr,
als so verhudelte Hemdchen zu waschen. Anrühren dürfe man sie nicht, das Wasser
ertrügen sie nicht, an der Sonne führen sie auseinander und das leiseste
Lüftchen trage die Fetzen dem Teufel zu, und wenn dann nichts mehr sei, so müsse
man alles gestohlen haben. Am besten sei es, Uli wasche selber, Vreneli solle es
ihm sagen, Mädi wolle damit hell nichts zu tun haben. Vreneli sagte nichts, aber
Mädi konnte sich nicht entalten, Uli zu fragen: »Sag, Uli, in der hintern
Kammer sind noch zwei grosse alte Tröge; soll ich diese etwa ausputzen, damit die
neuen Knechte Platz haben für ihre Sachen?« »Wenn es nötig ist, so will ich es
dir schon befehlen,« schnauzte Uli. »Einstweilen siehe nur zu dir und mache, dass
du immer Platz hast.« »Jä so« sagte Mädi, »ist das so gemeint? Das wird eine
strenge Obrigkeit geben sollen, wo man nicht mehr das Maul auftun soll und
sagen, was einem dreinkommt.« »Höre. Mädi,« sagte Vreneli, »schweig und lass der
Sache den Lauf.« »Aber darf man dann kein Wort mehr sagen hier? Soll das so
streng gehen?« »Reden kannst, so viel du willst, aber Öl ins Feuer schütten,
selb tue mir nicht, selb ist nie erlaubt und war es zu keinen Zeiten. Aber es
ist halt eine böse Zeit; was klar war, wird finster, und je mehr die Menschen
sich einbilden auf ihre Weisheit, desto dümmer gehen sie mit allem um, und was
gesetzlich beschränkt war, soll jetzt gesetzlich erlaubt sein, Gift und Feuer in
jedes Kindes Hand zu freiem Gebrauch gestellt werden.«
    Es war in der Tat nicht nötig, bei Uli Öl ins Feuer zu schütten, es brannte
ohnehin sattsam in ihm. Uli hatte sich vorgestellt, wenn er wohlfeile Knechtlein
dinge für seine höhern Stallstellen, so kämen die demütig daher im Gefühl, wie
ihre dermaligen Kräfte ihrer Aufgabe nicht gewachsen seien, und mit dem Vorsatz,
das Fehlende baldmöglichst zu ergänzen. Aber potz Himmeltürk, wie gröblich hatte
Uli sich geirrt! Den Bürschchen kam nicht von weitem in Sinn, dass sie noch was
zu lernen hätten; so wie sie ihre Posten hatten, hatten sie auch das Bewusstsein
vollständiger Vollkommenheit. Sie hätten es immer so gemacht, sie seien es so
gewohnt, allentalben, wo sie gewesen, sei es so recht gewesen, sie wüssten
nicht, warum es hier nicht auch recht sein sollte. Das war ihre Antwort, mit
welcher sie bei jeder Zurechtweisung bei der Hand waren. Um so trotziger gaben
sie diese Antwort, weil sie Uli als ihresgleichen betrachteten. So einer, der
auch nur erst Knecht gewesen, solle nicht kommen und sie dressieren wollen; von
einem, der nicht mehr sei als sie, liessen sie sich nicht kujonieren, dem wollten
sie es zu merken geben, dass sie wohl wüssten, wer er gewesen, wenn er es etwa
vergessen wolle; solche liebliche Gedanken hatten sie. Man kann sich denken,
welch lieblich Dabeisein Uli hatte, und durfte nicht klagen. Selbst getan,
selbst haben, musste er denken.
    Aus der Tenne war viel Korn getragen worden, was nicht immer der Fall ist,
wenn auch viel Garben eingefahren worden sind. Aber aufschlagen wollte es nicht,
die Müller taten sehr wählig und selten sah man einen bei einem Bauernhause.
Dagegen schneite es mächtig, regnete drein, fror wieder zu, schneite wieder, so
dass Uli dachte, es lege sich eine Eiskruste über die Äcker, unter dieser
ersticke der Samen oder die Mäuse täten ihn fressen. Im Frühling oder gegen den
Sommer müsse das Korn allweg aufschlagen, und da sei es doch hart, unter dem
Preise verkaufen zu müssen, um den Zins zahlen zu können, den Joggeli durchaus
nicht nötig hatte. Die Pachterren haben es gar verschieden gegenüber ihren
Pächtern. Es ist hier nicht von irländischen, nicht von englischen Pachterrn
die Rede, sondern von schweizerischen, begreiflich. Einem Pachterrn, der noch
lebt, brachte einmal ein Pächter den Zins gleich am Verfallstage. Der Pachterr
fuhr ihn schrecklich an: »Meinst, ich habe das Geld so nötig wie so ein
Lumpenbub von deinem Kaliber?« Und fast hätte er den armen Teufel vom Hofe
gejagt. Der Pächter hatte gemeint, wie gut er es mache, hatte das Geld in allen
Ecken zusammengelesen, kam stolz daher im Hochgefühl freudiger Erwartungen und
wurde angefahren, dass ihm die Knie noch lange nachher wackelten. So kann man
sich täuschen in seinen Erwartungen, wenn man die Menschen nicht kennt; der kam
aber sein Lebtag nie mehr am Verfalltage mit dem Zins daher. Ein anderer Pächter
kam zu seinem Pachterren auch ohne langes Warten mit dem vollen Zins und
meinte, was er tue und wie wohl er ankäme. »Es scheint,« sagte der Pachterr,
»die Pacht sei gut, dass Ihr den Zins so schnell machen könnt. Ja, ja, die Zeiten
sind gut für die Pächter, alles gerät wohl und gilt viel, ein Birnstiel ist wie
bar Geld. Apropos, was ich habe sagen wollen: ich gönne Euch die Pacht, aber per
Jucharte muss ich zwei Taler Zins mehr haben, anders tue ich es nicht. Für mich
sind die Zeiten bös, alles ist teuer, ich muss sehen, wie ich mich durchbringe.«
Wart, du alter, verfluchter Schelm, dachte der Pächter, der auch nicht dumm war,
dir bin ich schlau genug für die Zukunft, wenn du mich jetzt nicht kriegst. Und
demütig tat er, rutschte fast auf den Knien herum und redete verblümt von einem
Erblein, welches ihn in den Stand gesetzt, die Pacht zu zahlen, kurz er brachte
es dahin, dass der Herr bei dem gleichen Pachtgelde blieb. Von da an kriegte
selber Herr den Zins nie schnell und ganz, sondern erst auf langes Mahnen hin
verstückelt und unter hundert Seufzern und Bitten, doch abzulassen, dieweil der
Zins nicht zu erschwingen sei, das Blut unter den Nägeln hervorgepresst werden
müsse, um ihn aufzubringen. Das freut dann den Herrn gar sehr, dass er sein Land
so hoch angebracht, den Pächter so hart gepresst, lässt aber nicht ab, schlägt
aber auch nicht auf, und er und der Pächter sind herzlich wohl zufrieden mit
einander. Sind doch zuweilen kuriose Leute, die Menschen!
    Uli wusste aber, dass Joggeli weder zu der einen noch zu der andern Sorte
gehörte. Er war zu misstreu, um gerne lange Geld ausstehend zu haben, hatte es zu
gerne in den Händen und trieb Kurzweil mit Zählen, als dass er es gerne lange
misste. Sollte er also verkaufen um geringen Preis, um den Zins zu machen, sollte
er sein Geldlein einziehen und das Korn sparen? Das ging ihm im Kopfe herum, dass
er oft aussah akkurat wie eine wandelnde Brummelsuppe.
    Das dritte Ding (an zweien wäre es mehr als hinreichend gewesen, um einen
Uli rappelköpfig zu machen) war Vrenelis Zustand. Vrenelis Zustand war eben kein
besonderer, aber es war das erstemal, dass Vreneli darin war, Uli so was erlebte,
und da meint man dann wunder, wie apart alles sei und das Allerschrecklichste
vor der Türe stehe. Je inniger die Liebe, desto grösser auch die Angst. Und Uli
hatte Vreneli von Herzen lieb, er sah gar wohl, was er an demselben hatte, aber
seine Liebe war halt nicht besser als ein Diamant, der, selbe läuft im Nebel der
Welt auch an, ja sogar mit irdischem Kote kann man ihn bedecken.
    Wie sehr Uli Vreneli auch liebte, den rechten Verstand in solchen Dingen und
Zuständen hatte Uli doch nicht, bei aller Angst. Die Weiber haben es gerne, wenn
man sie an Ruhe mahnt und die Arbeit ihnen wehrt, sie tun dann gerne noch einmal
so viel als sonst und ohne sich zu beklagen. Uli kannte das nicht, und wenn
Vreneli nicht immer bei allem war wie sonst, so vermisste er es, frug ihm nach,
fragte, ob ihm was fehle, dies und jenes sollte gemacht sein; wenn man nicht
immer hinten und vornen sei, so sei nichts gemacht usw. Er merkte in seiner Hast
nicht, dass er damit Vreneli weh tat; er meinte es gut, hatte aber halt den
Verstand nicht. Wer ihn halt nicht habe, dem müsse man ihn machen, meinte die
Base. Sie hielt Uli eine scharfe Predigt, machte ihm himmelangst und die Hölle
heiss, er versprach das Beste. Fortan, wenn er fragte: »Wo ist Vreneli? Vreneli,
das und das sollte gehen, das und das solltest machen«, so setzte er allemal
hinzu: »Oder magst etwa nicht, so sag es, ich will dann sehen, wer es macht oder
wie es geht.« Die Base sagte oft: Ein Kalb sei dumm, aber so mit einem jungen
Mann sei es doch noch lange nicht zusammenzuzählen. »Selbst mit manchem alten
nicht«, brummte sie manchmal nachsätzlich. So geduldig die Alte mit dem lieben
Gott war, so sehr sie überzeugt war, dass alles komme aus seiner väterlichen Hand
zu unserm Besten, Käfer sogar und Mäuse, so geduldig war sie auch mit dem
Mannevolk; aber sie betrachtete es eben wie Käfer und Mäuse, wie eine Art
Ungeziefer, welches man in Geduld und Langmut zu ertragen habe, weil es eben von
Gottes väterlicher Hand geordnet sei. Ihre Ansicht darüber freimütig aus,
zudrücken, hielt sie erlaubt. Es war Uli aber auch etwas zu verzeihen. Wo er
nicht war, ging was Krummes, bald was mit den Rossen, bald was mit den Kühen.
War er im Walde, so gabs daheim was Dummes, war er daheim, so kam man aus dem
Walde mit einem zerbrochenen Wagen heim oder einem blessierten Rosse. Da kommt
dann gerne so eine all, gemeine Ungeduld in die Glieder. Wie es gehen solle,
wenn Vreneli ganz dahinten bleiben müsse, das begriff Uli nicht. Indessen so was
muss man begreifen lernen, man mag wollen oder nicht.
 
                                Sechstes Kapitel
                      Ein Kindlein kommt und wird getauft
Unwiderstehlich rücken die Tage vor, einer nach dem andern, unerwartet kommt der
rechte, der die Entscheidung bringt, Leben oder Tod, Weh oder Freude hält in
seiner Hand und eben darum ein so banger ist, weil man nicht weiss, welches von
beiden er birgt in der verschlossenen Hand. So kam er auch unerwartet auf der
Glungge, eben als Vreneli noch eine kleine Wäsche abtun wollte, damit die
Knechtlein wieder was Sauberes am Leibe hätten. Er brachte weder Weh noch Tod,
sondern ein klein Mägdelein, das mörderlich schrie, den Mund aufriss bis hinter
die Ohren, von welchem jedoch die Base versicherte, dass sie ein so hübsches nie
gesehen hätte. Elisi sei auch hübsch gewesen und kein Mensch würde gedacht
haben, dass es am Ende nur so zu einem dürren Birnenstiel auswachse, aber gegen
dieses sei es doch nur ein Schatten gewesen. Die Freude war gross bei Uli und
Vreneli, doch konnte Uli sich nicht entalten, merken zu lassen, wie er lieber
einen Buben gehabt, wegen der Hülfe. So ein Bub könne man gar früh brauchen und
glaube nicht, wie kommod er einem Vater komme. »Warte nur, du wirst noch Buben
genug kriegen, darum hat dir Gott das Kindermädchen vorausgesandt,« sagte die
Base. »Mit den Buben ist es halt nichts, als dass sie in allem sind und man ganze
Tage ihnen abwehren muss. Mädchen hangen der Mutter an der Schürze, und wie sie
auf den Füsschen stehen können, hat man Hülfe von ihnen; sie heben was auf, sie
tragen was nach, sie sehen zur Milch auf dem Feuer, dass sie nicht überläuft, zum
Kraut im Hafen, dass es nicht anbrennt. Klein können sie es, gross vergessen sie
es manchmal,« setzte sie seufzend bei.
    Die Base war der Wächter über Mutter und Kind. Sie sorgte, dass Beide das
Nötige erhielten zu rechter Zeit, Vreneli sich nicht selbst darum mühen musste
oder sonst zu früh in Anspruch genommen würde. Da Mädi bereits bei der Base
gedient, so gab es keine Kompetenzstreitigkeiten, wie sie bei ähnlichen
Gelegenheiten sonst nicht selten sind, namentlich zwischen einer allfälligen
Frau Schwiegermutter, welche in solchen Fällen eigens herkommt, und dem
Gesindepersonal. Es musste schon mancher arme Schwiegersohn taufen lassen über
Hals und Kopf, damit er der mit aller Welt im Kriege liegenden Schwiegermutter
los und wieder zu Frieden käme. Solch ein vernünftiger Wächter täte jeder
Wöchnerin wohl, aber eben ein friedlicher, der nicht mit Krieg und
Kriegsgeschrei sie in neue Nöten und gefährliche Fieber bringt. Diese Wächter
müssen sich aber freiwillig eben in befreundeten Personen finden, fremde irren,
allfällige Vereine sind auf dem Lande was Treibhauspflanzen, versetzt in
bäuerische Gärtchen. Solche Wächter finden sich auf dem Lande unter den älteren
Frauen, soweit es ihre Geschäfte erlauben. Wie alte Offiziere immer bereit sind,
Freiwillige vor, zustellen, und wenn das nicht mehr möglich ist, doch gar zu
gerne ihre alten Kriegszüge repetieren und sich dieselben so recht lebendig
vergegenwärtigen, so lieben Weiber, welche die Zeit unbarmherzig über die Tage
der Kindbetten hinausgetragen, die Betten junger Weiber und erquicken sich dabei
an der Vergegenwärtigung der eigenen Feldzüge.
    Die Base war wirklich da wie der gute Engel, und wenn Joggeli schon brummte,
sie täte dümmer als eine Grossmutter und wenn er sterben täte, sie merkte es
kaum, so nahm sie es kaltblütig hin und tat, was ihr not schien. Mehr ärgerte
sie sich über Uli, der ihr alles zu kaltblütig nahm und so in seinem Treiben und
Jagen befangen war, dass er weder Zeit nahm zu besonderen Vaterfreuden noch recht
Zeit, der Sache, wie man zu sagen pflegt, nachzulaufen, und doch war es Winter.
Kaum dass er Zeit hatte, die Taufzeugen auswählen zu helfen. Begreiflich war
Patin die Base, des Bodenbauern Frau die zweite, mit der Wahl des Paten hatte es
Not. Endlich ward dazu ein alter Vater erwählt, von dem die Base sagte: Der
müsse doch einmal auch herbei, wüst getan habe der sein Lebtag. Es nehme sie
wunder, was der für ein Gesicht mache und ob er daran denke, eins zuwege zu
bringen, welches er dem lieben Gott zeigen dürfe, von wegen in Sinn werde es dem
doch kommen, dass wenn man siebenzig Jahre alt sei, das Abmarschieren nicht mehr
fern sein könne.
    Vreneli schüttelte den Kopf dazu, dies Gesicht hätte es lieber nicht
gesehen. Von diesem Manne hatte es immer nur mit dunkeln Worten reden gehört als
wie von einem Gespenst, und wenn es weiterfragen wollte, so hatte man gesagt:
»Das ist ein Wüster, am besten ists, man rede nicht von ihm.« »Ein Unflat war
er, du hast recht.« sagte die Base, »und ich werde das Unservater auch zweimal
statt nur einmal beten an selbem Tag, wo ich ihn sehen muss. Aber sieh,
vielleicht kommt es ihm in Sinn, gut zu machen, vielleicht denkt er dabei an
seine Sünden und an ein Gesicht, welches unser Herrgott gerne sieht, und es
fehlt ihm die Gelegenheit dazu; die wollen wir ihm geben, er hat doch dann
keinen Vorwand, wenn der Richter ihn frägt: Hans! Und Vreneli? Tut er dann nicht
darum, je nun so dann, so haben wir doch das Unsere getan.«
    »Aber Base,« sagte Vreneli, »wer soll ihn zu Gevatter bitten,« »Uli,
versteht sich,« sagte die Base. »Nein, Base,« sagte Vreneli, »dies darf ich Uli
doch wirklich nicht zumuten, er könnte mich dauern, das Gevatterbitten ist ihm
ohnehin schrecklich zuwider. Sehet nur, was er für ein Gesicht macht, wenn er
Euch die Sache vorbringt, und sieht Euch doch alle Tage und hält Euch fast für
die Mutter. Auch zu Bodenbauers Frau zu gehen, macht ihm Kummer. Erst dann noch
zu dem Vetter, den er nicht kennt, der sein Lebtag nie was von mir wissen
wollte, der jagt ihn mit dem Stock vom Hause weg. Jahrelang vergisst mir Uli das
nicht, wenn wir ihn an einen solchen Ort schicken.« »Schweige nur, er muss gehen,
das tut ihm nur wohl; die Manne müssen nicht meinen, dass sie nur das zu machen
hätten, was ihnen anständig ist und für gut dünkt.« sagte die Base. »Wofür hätte
man sie sonst, die Tabakstinker, wenn man sie nicht zuweilen an etwas
hinschicken könnte, welches man nicht selbst anrühren mag?« »Aber Uli geht Euch
nicht, Base, und warum ihn böse machen so für nichts und wieder nichts?« sagte
Vreneli. »Das verstehst du nicht,« sagte die Base. »Uli geht, man muss es nur
machen wie der Tüfel mit den Menschen, zu guten Sachen wird das wohl erlaubt
sein. Man muss ihn bei der schwachen Seite nehmen. Da kömmt er. Will dir gleich
zeigen, wie man das macht.«
    Vreneli wollte noch einreden, wie das ihm auch nicht anständig sei, aber Uli
trat schon ein, und die Base sprach: »Du hast mich noch nicht zu Gevatter
gebeten, und die Leute sagen doch, ich solle Pate sein; lass doch sehen, wie
kannst du das und was für ein Gesicht machst du dazu?«
    »Wenn Ihr das verrichten wolltet, so wäre es mir grausam anständig, und dass
Ihr Euch deretwegen gar verköstigen solltet, selb meinten wir nicht,« sagte Uli.
»He nun, kurz und gut, es ist immer besser als so ein Gestürm, wo man nicht
weiss, was hinten, was vornen ist,« sagte die Alte. »Die andern Male machst es
schon besser, besonders beim Pate musst anwenden.« »Wenn wir nur schon einen
hätten.« sagte Uli, »das Andere würde sich schon machen. Wir haben uns schon die
Köpfe kraus gedacht, und Keinen brachten wir heraus, bei dem nicht ein Wenn oder
ein Aber war.« »So geht es gerne beim Ersten« sagte die Base, »später nimmt man
es schon nicht halb so genau mehr. Wir haben schon an einen gedacht, rate mal.«
    Uli riet, aber erriet nichts. »Hagelhans im Blitzloch« sagte endlich die
Base, »nicht wahr, an den hättest nicht gedacht?« »Ihr vexiert, Base,« sagte
Uli, »das soll ja der grösste Unflat sein, und mit dem werdet Ihr nicht begehren
zu Gevatter zu stehen.« »Euretwegen wohl,« sagte die Base. »Er ist eigentlich
Vrenelis nächster Verwandter, hat keine Kinder, und man weiss nie, was solchem
Menschen am Ende noch ins Gewissen kommt. Man hat Beispiele von Exempeln, wie
die Wüstesten lind wurden, wenn es zum Abfahren ging. Man ists seinen Kindern
schuldig, den Verwandten sich zu zeigen und dass man noch an sie denkt. Und wer
weiss, wenn er dich mal kennt, könnte er dir auch noch kommod kommen mit seinem
Gelde, man kann nie wissen, was so einem grauen Hagelhans durch den Kopf fahren
kann. Daneben ists auch möglich, dass er dich mit dem Stock vom Hause wegjagt,
aber fressen wird er dich nicht, und wenn er in Kurzem sterben sollte, so
brauchst doch nicht in den Haaren zu kratzen und zu sagen: Wer weiss, wenn ich
gegangen wäre, käme jetzt auch was an mich. Aber ich machte den Kopf, bin jetzt
reuig, gefressen hätte er mich allweg nicht, und einen Verwandten zu Gevatter
bitten ist noch lange nicht gebettelt.«
    »He ja, wenn Ihr meint. Base,« sagte Uli zu Vrenelis grosser Verwunderung.
»so könnte ich probieren. Zuwider ists mir, aber der Kinder wegen wird man sich
noch Manches gefallen lassen müssen, habe ich mir sagen lassen, und wenn dies
das Ärgste wäre, so wollte ich nicht klagen; es ist mir nur, dass ich deretwegen
einen ganzen Tag versäumen muss.« »Ach Base,« sagte Vreneli, als Uli nach
abgemachter Sache wieder gegangen war, »ich sollte lachen und das Weinen ist mir
zuvorderst. Das hätte ich von Uli nicht erwartet, und dass das arme Kindlein den
Hagelhans zum Paten haben soll, das, Base, ist doch wahrlich nicht recht, von
ganzem Herzen erbarmt es mich; sehen mag ich ihn nicht, ich bleibe im Bett.«
    »Dies wäre kurios, wäre das erstemal, dass du vor einem Menschen dich nicht
zeigen dürftest. Der liebe Gott gibt ganz schlechten Eltern Kinder, dass man es
gar nicht begreifen kann, warum er das den armen Würmchen zuleide tut. Man muss
sich damit trösten, dass er am besten weiss, warum er es macht, aber darum wird es
wohl erlaubt sein, einem Kind einen Paten zu geben, der nicht der Sauberste ist;
bin doch ich noch da und die Bodenbäuerin, du, Uli, da wird doch Hagelhans am
Kind wenig machen können, und lässt Gott es zu, nimmt er die Gevatterschaft an,
so weiss niemand, für was das gut ist, vielleicht dass es Hagelhans herumführt und
zum Frieden bringt. Darum lass es jetzt gehen, wie es angesponnen ist, mach mir
Uli nicht etwa abwendig, hörst!« Vreneli gehorchte, Uli ging. Das Blitzloch, wo
Hagelhans wohnte, war von der Glungge ungefähr fünf Stunden entfernt und lag in
einer Gegend, welche ziemlich unbekannt ist, aus einem grossen Hügelknäuel
besteht, durch den keine Heerstrasse führt, aber von Metzgern, Fürkäufern,
Hühnerträgern, Taubenkrämern und Haberhändlern fleissig besucht wird, denn da
kriegt, wer Geld hat, zu kaufen, was er an Landesprodukten sucht, zum Handel
oder eignen Gebrauch. Uli war noch nie in der Gegend gewesen, geschweige denn im
Blitzloch selbst. Anfänglich marschierte er wie ein Pfarrer, der seiner Predigt
noch nicht recht sicher ist und sie auf dem Kirchweg noch einmal probiert,
halblaut und mit Händeverwerfen. Er studierte seine Gevatterbitte ein, sagte die
Worte bald so, bald anders, und war er hinten aus, so wusste er nicht, wie er
angefangen hatte, musste frisch an das Studieren. Nun kennt ein Pfarrer seinen
Kirchweg, die Steinchen alle sind ihm wohlbekannt, er verirrt sich nicht, er
stolpert kaum mit den Beinen. Uli aber kannte weder den Weg noch viel weniger
die Steine auf demselben, daher er tapfer stolperte, seine Nase bedenklich
gefährdete und am Ende noch verirrte. Er war genötigt, sein Studieren zu lassen
und auf den Weg zu achten, denn wo keine Heerstrasse ist, da laufen desto mehr
kleine Wege durcheinander, und in einem Hügellande verliert man auch die
Richtung leicht.
    Das Blitzloch war ein grosser Hof, lag, wie es sich von selbst versteht, in
einem Loch und hatte seinen Namen daher, weil vor hundert Jahren, als der Hügel
gegen Westen abgeholzt war, fast alle Jahre der Blitz dort eingeschlagen hatte,
so dass man sich lange nicht mehr getraute, ein Haus daselbst aufzurichten.
Hagelhans war ein Bauer, gross von Statur und reich an Geld, hatte Knochen wie
ein Ochs, ein Gesicht wie ein Löwe und Augen wie eine Katze, wenn weder Sonne,
Mond noch Sterne am Himmel stehen. Lieb war er, so weit man wusste, niemanden,
kam er in einen Stall, so schlotterte das Vieh, sah ihn ein armer Mensch auf der
Strasse, so floh er über alle Zäune weg, kam er in ein Wirtshaus, so floh das
Stubenmädchen auf den Estrich und rief den Wirt, als täte es am Messer stecken;
einen Hund hatte er, gross wie ein vierteljährig Kalb, der begleitete ihn Tritt
für Tritt, und Tauben trippelten furchtlos um seine Füsse.
    Uli kannte ihn nicht, aber was er von ihm gehört, veranlasste ihn,
stillezustehen und sich bestmöglichst zu fassen, als er auf der Höhe stund, wo
man ihm das Blitzloch zu seinen Füssen gezeigt. Er repetierte seine Rede, aber er
musste zwischendurch auch seinen Augen Gehör geben, welche das Blitzloch
musterten, und darum kam er mit dem Repetieren nicht weit. Im Blitzloch sah es
schön aus, das heisst für eines Landmanns Augen, nicht für Herren, oder eines
Dämchens Augen. Die Gebäulichkeiten aller Art waren nicht elegant, aber Uli
sagte für sich: Verdammt kommod. Was er sah an Äckern und Wiesen, Bäumen und
Zäunen, war so, dass er sagte: Da könnte man noch was lernen. Er vergass endlich
seine Rede ganz und gar und schaute sich das Ding da unten an wie ein Künstler
ein Gemälde, ein Liebhaber eine Dame. »Wo willst?« erscholl plötzlich eine tiefe
Stimme neben ihm. Erschrocken fuhr er auf, sah sich um, sah hinter einem
Haselzaun eine Gestalt, welche die seine fast um Kopfslänge überragte, und
zwischen den grünen Blättern ein grau Gesicht, mächtig wie ein Löwengesicht.
Zollang stund ein grauer Bart im Gesichte, nicht nach Wiedertäuferart, sondern
weil es dem Eigentümer beliebte, denselben bloss alle Monate oder alle sechs
Wochen herunterzuholen. »Wo willst, oder hast im Sinn, das Gschickli zu kaufen?«
frug noch einmal das graue Gesicht, und ein grosser Hund legte seine vordern
Tatzen auf den Zaun, tat das Maul auf und sah seinen Herrn an.
    Da fand Uli, es sei Zeit zu reden, und sagte: Er habe sich umgesehen, ob er
wohl recht gegangen sei? Er wolle ins Blitzloch zum Bauer.
    »Was willst bei ihm?« frug das graue Gesicht und über, blitzte Uli mit
seinen kuriosen Augen, dass Uli alsbald wusste, wen er vor sich hatte. »Seid Ihr
ihn etwa selbst?« frug er. »Was willst?« frug der Alte, dumpf knurrte der Hund.
»Ich hätte einen Paten gemangelt und hätte fragen wollen, ob Ihr die Sache
verrichten wollet?« sagte Uli erschrocken und ganz ausser allem Gestudierten. »Du
Hagels Lümmel! Habe ich den Leuten dies noch nicht sattsam vertrieben?« sagte
er. »Ist immer noch einer dumm genug und kommt mit der alten Bettelei?« sagte
der Alte mit einer Stimme wie dumpfer Donner; laut schlug der Hund an und
rüstete sich zum Sprung.
    Das fuhr Uli in die Glieder, er stellte sich fest, denn er gehörte zu den
Leuten, welchen der Mut mit der Gefahr kömmt, und nicht zu denen, welche Helden
sind, solange keine Gefahr da ist, denen es aber geht, sobald die Gefahr kommt,
wie Schönen, welche eine ungeheure Keuschheit zu Felde tragen, solange keine
Gelegenheit zur Sünde sich zeigt. Uli stellte sich fest und sagte: Er sei nicht
zum Betteln da, sondern um einen Paten zu suchen, wie es üblich sei unter
Verwandten.
    »Verwandten?« sagte der Alte, »wer bist?« »Bin Pächter auf der Glungge, habe
dort das Mädchen geheiratet, welches sie auferzogen,« antwortete Uli. »Die Base
lässt Euch grüssen, Ihr werdet sie wohl noch kennen, hat sie gesagt.« »So,
erinnert sich die noch an mich?« sagte der Mann, nachdem er Uli scharf
betrachtet hatte, »und du willst dem Mädchen, welches sie auferzogen, sein Mann
sein, so? Wenn du doch ein Vetter sein willst und nicht ein Bettler, so kannst
hinunterkommen.«
    Somit stellte der Alte seinen Stock über den Zaun, ergriff zwei Zaunstecken,
und ohne mit einem Fuss den wenigstens fünf Fuss hohen Zaun zu berühren, hob er
sich hinüber, wie kaum ein Zwanzigjähriger es ihm nachgetan hätte; in hohem
Satze sprang der Hund ihm nach. Wie ein alter Riese wandelte Hagelhans
schweigend seinem Gehöfte zu, Uli unbehaglich hintendrein, ungewiss, ob er als
Vetter oder Bettler behandelt werden solle. Ein andermal, dachte er bei sich,
könne die Base selber gehen; das sei gar kommod, zu befehlen und dann daheim
zu bleiben.
    Der Weg, fest und eben, wie man bei Schlössern sieht, führte durch einen
prächtigen Baumgarten, wo die Bäume in guter Ordnung sauber und reinlich
stunden, schöner als manch Regiment, wenn es zur Musterung zieht. Ungewöhnlich
gross war das Haus und still wie das Grab lag es da, kein Leben schien dasselbe
zu bergen, wenn nicht Tauben es rings umflattert hätten. Tauben sassen auf dem
Dache an der Sonne, Tauben stunden auf dem Brunnen und nippten den köstlichen,
süssen Trank, Tauben beinelten rund ums Haus. Uli sah Mägde spinnen in der Stube,
aber keine drehte ihre neugierige Nase dem Fenster zu oder streckte sogar das
ganze Gesicht durch das Schiebfensterchen; sie spannen emsig, wussten es, dass es
sie hell nichts anging, kam einer oder ging einer.
    Blank wars im Hause, aber düster sah es aus; keine Art von Schmuck war in
der weiten Stube, in welche Hagelhans ihm voranging, kein Glasschrank, kein
Geräte irgend einer Art, nicht einmal der grosse Ofen trug einen Zierat, einen
ein- gebrannten Spruch oder ein eingehauen Bild. Da hiess Hans ihn absitzen,
klopfte mit dem Stocke; ein Gesicht erschien unter der Türe, nach einem kurzen
Befehl ging es, kam bald wieder mit Brot, Käs und Schnaps, verschwand dann
wieder, ohne einen Laut von sich gegeben zu haben.
    »Also Pächter auf der Glungge bist?« unterbrach der Alte endlich das
unheimliche Schweigen und begann nun eine Art von Examen trotz dem besten
Professor. Wie ein alter Edelmann die Geschlechter kennt und mehr oder weniger
um den Bestand der Familien sich kümmert, so hatte es auch Hagelhans, lebte aber
geschieden von der Welt, suchte Gelegenheit, Bericht einzuziehen, nicht; kam sie
aber zufällig, benutzte er sie. Lange hatte er von der Gegend, woher Uli kam,
nichts vernommen, daher war ihm das Meiste neu, was Uli berichtete. Aber ob er
an dem Einen oder dem Andern mehr oder weniger Anteil nehme, verriet er weder
mit einem Wort noch einer Miene. Er lachte nicht einmal, als Uli vom Elisi und
dem Baumwollenhändler erzählte, von der Trinette und dem Johannes, er nahm es
mit der gleichen Gleichgültigkeit hin wie den Ruhm, den Uli seinem Vreneli
spendete und der Base, sagte zu allem nichts als endlich: Es sei ein verwegen
Stücklein, mit keinen Mitteln eine so grosse Pacht zu übernehmen. Aber so sei es
halt, jeder mache, was er könne, denke, er sei nicht der Erste, der über nichts
komme, ob einer mehr oder minder, sei ja gleichgültig. Nun legte sich Uli des
Langen aus, wie er das nicht so habe, wie er es zu machen gedenke, dass es ihm
nicht so gehe. Während er erzählte, schielte er so unvermerkt als möglich nach
der Türe, der Magd gewärtig, welche warmes Essen bringe. Aber er spähte umsonst,
es erschien keine Magd. Da sagte er endlich, er müsse machen und gehen, der Weg
sei lang, die Tage kurz. »Kannst mich einschreiben lassen,« sagte endlich der
Alte. »Aber um es zu verrichten, bestelle jemand anders oder mache es selbst,
ich habe keine Kutte für die Kirche.« »Werde der Base Euern Gruss ausrichten
sollen?« fragte Uli. »Selb mach, wie du willst, aber das sage ihr, dass wenn sie
mir wieder jemanden zusende, mich nicht ruhig lasse, Hagelhans noch immer der
gleiche Unflat sei.« Mit diesem Bescheid entliess er Uli, und er und sein Hund
sahen ihm nach, bis er oben am Hügelrand verschwunden war.
    Missmutiger, ärgerlicher war Uli kaum je von einem Hause weggegangen als
jetzt vom Blitzloch. So behandelt hatte man ihn wirklich lange nie, und einen
zum Paten einschreiben lassen zu müssen, der ihm kein gut Wort gegeben, ihn wie
einen Bettler gehalten statt wie einen Vetter, selb kam ihm in den Hals fast wie
eine Kannebirne, welche bekanntlich die würgende Kraft haben, an welcher Kinder
wohl leben, aber nicht erwachsene Leute. Dass das Gevatterbitten nicht eben die
angenehmste Verrichtung sei, hatte er immer gehört, aber sich doch nicht
vorgestellt, dass man dabei wie ein Hund behandelt werde. Ein andermal könne dann
wer anders gehen, und wenn die Base befehlen wolle, so könne sie es auch
ausrichten. Nicht einmal was Warmes anbieten und noch dazu über Mittag und noch
dazu einem Vetter, selb war unerhört. War er doch nur Pächter und hätte sich
sein Lebtag geschämt, wenn er jemanden, der um diese Zeit zu ihm gekommen, ohne
was Warmes aus dem Hause gelassen. Uli dachte nicht, dass die Vettern von links
nicht gleich wert kommen wie die Vettern von rechts und dass man ihnen nicht die
gleichen Ansprüche zugesteht. Er dachte ferner nur, was man dem Uli schuldig
sei, und nicht, was bei Hagelhans bräuchlich sei. Wäre der heilige Bastian
gekommen oder eine lebendige Majestät, Papst oder Kaiser, was Warmes hätten sie
im Blitzloch nicht gekriegt, und es ist hohe Frage, ob Hagelhans so höflich
gegen sie gewesen wie gegen Uli und sie hätte heissen in die Stube kommen.
Hagelhans war Hagelhans, und wegen irgend einem Menschenkinde tat er keinen
Schritt mehr oder weniger, machte eine Miene anders, er frug allen den Teufel
gleich viel nach. Wir ihm am nächsten kam, war ihm am widerlichsten, gleich viel
ob Bettler oder Kaiser. So war Hagelhans und so konnte er sein, denn er wollte
nichts, bedurfte nichts, mit den Menschen hatte er ab- und ausgerechnet ein, für
allemal, wie er glaubte.
    Was Warmes müsse er haben, machte Uli bei sich aus, und im nächsten
Wirtshause kehrte er ein. »Einen Schoppen, Suppe und sonst noch was auf einem
Teller« befahl er. Der Wirt war selbst daheim, ein schwerer Mann am Leibe; sein
Schritt war so gewichtig, dass es den Gästen allemal angst wurde, wenn er
ihretwegen einen Tritt versetzte, sie müssten ihn bezahlen, eben weil er so
gewichtig war. Sein Geldbeutel und sein Ansehen waren desto leichter, daran aber
dachte Uli nicht; er war noch so gewohnt, von der äussern Schwere auf die innere
zu schliessen und von einem doppelten Kinn auf einen doppelten Geldsack, hier
voll Silber, dort voll Gold. Grosse, aber hohle Bäuche, aussen fix und innen nix,
war damals noch nicht so gebräuchlich.
    »Gar weit seid Ihr nicht gewesen?« sprach der stattliche Wirt mit einem
Gesicht wie ein klösterlicher Kellerherr oder ein oberkeitlicher Korn- oder
Amtsschaffner ihn an. »Ich sah Euch diesen Morgen vorbeigehen.« »Nein,« sagte
Uli, »ganz zunächst, nur im Blitzloch oder wie man sagt.« »Potz,« sagte der
Wirt. »Nehmt es nicht übel, aber besehen muss ich Euch, ob Ihr noch ganze Knochen
habt, von den Kleidern will ich nichts sagen. Mit ganzen Beinen kömmt selten
einer aus dem Blitzloch, oder wenn die Beine ganz, so ist er doch halb
gefressen, bsunderbar wenn er wohl am Leibe ist. Um Verlaub zu fragen: was habt
Ihr mit Hagelhans wollen? Kauscher bei dem ists nicht.« Er hätte eine
Verrichtung gehabt, von einer Base von Hans, sagte Uli, aber es wäre ihm auch
lieber, er wäre nicht gegangen, obgleich er ungeschlagen und ungebissen
davongekommen. »Ja, das ist einer,« sagte der Wirt, »zwei Solche laufen nicht
auf der Welt herum. Nicht dass ich meine, dass ich alles glauben müsse, was die
Pfaffen stürmen, selb ist nicht; aber wenn ein Teufel ist, so glaube ich,
Hagelhans mache Halbpart mit ihm, wenn er ihn nicht selber ist. Allweg mit
rechten Dingen geht das nicht zu. Keinem Menschen gibt er ein gut Wort, keinem
armen Menschen ein Almosen. Geld hat er wie Steine, sein Hof wird gearbeitet wie
keiner, er selbst tut keinen Streich. Sein Gesinde hält er wie Sklaven, und doch
läuft selten jemand fort und klagen wird Keins, wie bös sie es auch haben und
wie gut man es mit ihnen auch meint und es ihnen auf die Zunge legt. Aber es
heisst, wie man es mit den Hunden mache, welche man kauft, dass sie nicht
fortlaufen, mache es Hagelhans auch mit den Dienstboten. Es nimmt mich ds Tüfels
wunder, was seine Dienstboten für ein Trank trinken müssen, dass sie so bei ihm
aushalten, oder ob sie sich gleich verschreiben müssen mit Leib und Seele, wie
man sagt, dass es der Teufel im Brauch habe. Wenn er einem Menschen aus der Not
helfen könnte, er liess sich eher schinden, als dass ers täte. Wie wüst der ist,
es glaubt es kein Mensch, ein jedes Kind auf der Gasse weiss Euch hundert Proben
davon. Nur für Euch ein Beispiel zu sagen. Wer in Handel und Wandel ist, weiss,
wie es geht: das Geld geht aus und zahlen sollte man doch, wenn die Termine um
sind. Es gibt immer Leute, welche keinen Verstand haben, wie gut Freund sie auch
sind, solange man zahlen kann, und wenn man schon hundertmal reicher ist als sie
und hundertfach Unterpfänder hätte, so kommen sie einem nicht daran und wollen
Geld, und aus Land und Häusern kann man nicht Geld machen, versteht sich! Nun
wie geht es mir? Ich bin stark im Handel, wie bekannt, und so ein Grosskopf sagt
einst zu mir: Andreas, wenn du Geld mangelst, so komm zu mir, habe zweitausend
Gulden liegen daheim, weiss nicht wo aus damit, würde sie niemanden lieber geben
als dir, und wegen Wiedergeben brauchst nicht Kummer zu haben. Mir war es
anständig, war damals gerade gut was zu machen, wenn man Geld hatte. Ich, dumm
genug, nehme es, dachte nicht daran, dass das mich je plagen werde. Aber was
macht mir der Schelm? Dem kömmt es anders in Kopf, will das Geld plötzlich
wiederhaben; ich konnte es weiss Gott nicht aus den Steinen schlagen, und er,
nicht faul, lässt mich betreiben darum. Das werde nicht alles machen, dachte ich,
Geld, für den zu zahlen, werde genug im Lande sein. Aber wohl, da habe ich es
erfahren, was es heisst, Geld suchen in der Not; die, welche es haben, haben es,
die Andern können zusehen, wo sie es nehmen und wie sie es machen. Ich wusste,
dass Hagelhans manchtausend Gulden im Hause hatte, und dachte, es werde doch
erlaubt sein darum zu fragen, und dann nicht etwa auf die nackte Hand, sondern
gegen Versicherung, wo jeder Vernünftige sich hätte ersättigen können. Ich
hinauf an einem schonen Morgen, hatte noch eine Flasche vom Besten in der
Tasche, unter dem Vorwand, ich wollte ihm den zum Versuchen bringen, wenn er
wieder etwa kaufen wollte. Dachte, der werde ihm den Mund schon süss machen, und
er hätte es gewiss gemacht, wenn es dazu gekommen wäre. Aber ich kam eben nicht
in die Stube; vor dem Hause ist er gestanden, so breit wie eine Stallstüre, und
neben ihm der verfluchte Hund. Ich mache mein Kompliment und zwar honett, wie es
nur immer der Brauch ist, und sage, ich hätte was mit ihm wollen. Aber er nichts
mit mir, sagte er mir gleich an den Kopf heraus. Ich dachte nicht daran, dass das
so gröblich Ernst sei, sondern sagte: Es werde doch erlaubt sein, ein paar Worte
mit ihm zu reden. Du hast es gehört, sagte er, ich will nichts mit dir, und
jetzt streiche dich, rate ich dir. Das kam mir in Kopf, dass er mich so wegjagte
wie einen Hund oder Bettler, ich sagte: Schon mit manchem vornehmen Herrn hätte
ich geredet, Gehör hätte mir jeder gegeben, abgehen werde ihm nichts an seiner
Hübsche, wenn er schon ein paar Worte höre. Und jetzt packe dich, sagte er, und
so stark als du magst. Ich komme auch nicht, dich zu plagen, darum lass auch mich
in Ruhe, du Lumpenwirt, willst dich packen oder nicht? Mein Seel, gerade so
sprach er zu mir, und mit dem ists nicht genug gewesen. Der verfluchte Hund kam
langsam auf mich zu, mit aufgehobenem Schwanze und brummend wie ein Ochse. Ich
wollte mich nicht erschrecken lassen und vom Hause weg wie ein Dieb. Ich sagte
ihm, wie er ein wüster Mann sei und dies keine Manier. Da mir nichts dir nichts
schiesst mir der Hund ins Gesicht und kriegt mich zu Boden. Das ging so
ungesinnet, ich konnte nichts dazu sagen. Ich will auch auf den Hund dar. Pump,
liege ich wieder am Boden, mit der Nase tief in der Erde, und allemal, wenn ich
aufstehen wollte, schoss der Hund mich nieder, aber ohne zu beissen. Wer auf allen
Vieren vom Hause weg und den ganzen Hügel hinauf muss wie ein Unvernünftiges, das
war ich, und erst als ich oben im Weg war, liess mich der Ketzer aufstehen.
    Da wollte ich noch ein paar Worte sagen, aber wohl, ich hatte Zeit, zu
gehen. Ja, die ganze Seite hinauf, auf allen Vieren, ich werde allemal krank vor
Zorn, wenn ich daran denke. Es dünkt mich, es freue mich nicht zu sterben, wenn
ich es Hagelhans nicht noch eingetrieben.«
    So erzählte der Wirt, dass Uli sich sehr verwundern musste, wie er
ausnahmsweise mit Höflichkeit behandelt worden, indem er auf den Beinen sich
habe entfernen dürfen. Der Wirt wusste nun eine Greueltat nach der andern zu
erzählen und sagte oft: Es sei Mancher gehangen worden, er habe nicht die Hälfte
getan, was der. Aber er sei mörderlich reich, und mit Geld habe man zu allen
Zeiten viel gemacht und es dünke ihn, je länger je mehr. Je ärmer die Herren
würden, desto besser gefiele ihnen das Geld.
    Bei einem geschwätzigen Wirte hat man sich leicht länger versäumt, als man
dachte. Es war schon ziemlich über Mittag, als Uli aufbrach. Die Gevatterrede
war abgetan, und zwar kurz, die plagte Uli nicht mehr auf dem Heimweg, wohl aber
der Ärger, für sein Mädchen einen solchen Paten zu haben, und das Werweisen, ob
es nicht am besten wäre, den Hagelhans gar nicht einschreiben zu lassen, sondern
einen andern zu suchen. Je mehr er darüber nachdachte, desto deutlicher kam es
ihm vor, von dem wolle er nichts, und da er keinen andern Paten wusste, so kam es
ihm als das Gescheuteste vor, sich selber einschreiben zu lassen. Es war nicht
mehr Tag, als er durch das Pfarrdorf ging, doch noch zu einer Zeit, wo man zum
Pfarrer darf, ohne Angst zu haben, ihn aus dem Bette herauszuklopfen. Bei
weltlichen Beamteten wird man freilich auch um diese Zeit selten Audienz suchen,
man setzt voraus, ob mit Grund oder ohne Grund lassen wir dahingestellt, sie
seien anderswo als daheim.
    Er klopfte also im Pfarrhause an, freundlich empfing ihn der Pfarrer und
holte alsbald ein Buch hervor, fast grösser als der Pfarrer selbst. »Ich weiss
schon,« sagte derselbe, »warum Ihr kömmt, am Sonntag wollt Ihr taufen lassen.
Die Frau ist doch wohl, und was habt Ihr, einen Knaben oder ein Mädchen?« »Nur
ein Mädchen.« »Nun, wenn es Eurer Frau gleicht, so habt Ihr bald viel Hülfe von
ihm, und nur Geduld, die Buben werden schon noch nachkommen. Im Anfang hat man
grosse Sehnsucht nach ihnen, aber zählt darauf, bald kommen sie einem lange
schnell genug. Indessen wo rechte Eltern sind, sind Kinder immer eine reiche
Gabe Gottes. Wo viele Kräfte tätig sind, recht gerichtet und im rechten Grunde
gewurzelt, da bauen sie ein Haus, sind Säulen für die Eltern. Wen soll ich als
Pate einschreiben?« »Denk mich selbst,« sagte Uli, »brauche dann niemanden
weiter zu plagen.« »Es ist mir leid,« sagte der Pfarrer, die Feder niederlegend,
»das darf ich nicht. Niemand kann sein eigener Bürge sein.« »Da weiss ich
wahrhaftig nicht, was ich machen soll,« sagte Uli. »Hört, Herr Pfarrer, wie es
mir heute gegangen ist.« Als Uli auserzählt hatte, sagte der Pfarrer: »Ich denke
doch, ich schreibe den Hagelhans ein, ein schöner Name ist es freilich nicht für
ein Kirchenbuch. Aber, Uli, die Sache ist so: Ihr habt es ihm gesagt, er hat es
angenommen, und namentlich in solchen Dingen darf man nicht stürmen, da muss das
einmal gegebene Wort gelten. Es ist leicht möglich, Hagelhans käme nicht
darüber, aber würde er es vernehmen, denkt, was er glauben würde! Für einen
Preller müsste er Euch halten. Ich kenne den Mann nicht und habe wenig von ihm
gehört, aber selten ist einer so böse, dass er nicht noch Gutes an sich hat, und
wie Viele schlechter sind, als sie scheinen, so ist doch auch hier und da einer
besser, als er scheint. Ich täte es an Euerm Platze.« »Nun, wie Ihr meint, Herr
Pfarrer, so schreibet, aber zuwider ists mir und das Kind kann mich dauern. Wenn
ein Vater oder eine Mutter im Zuchtbaus waren oder am Galgen starben, als das
Kind noch in der Wiege war, so sagt man es dem Kinde auch nicht gerne, wer Vater
oder Mutter gewesen sind; so wird es mir mit dem Paten gehen, wenn das Kind nach
ihm frägt.« »Wer weiss,« sagte der Pfarrer. »Manchmal geht es ganz anders, als
man denkt. Die Mutter wird wohl ihre Gründe gehabt haben, als sie Euch sandte.«
»Weiss es nicht.« sagte Uli. »Manchmal zwingen die Weiber was, nur um das
Mannevolk zu plagen, und ich glaube schier, die Base habe es auch so gehabt und
hat nur so aus Bosheit mich an den Vetter gehetzt, gegen den sie einen Zahn zu
haben scheint, so wie er gegen sie.« »Man muss immer das Bessere glauben. Uli,«
sagte der Pfarrer. »Vielleicht wollte sie eine Gelegenheit zur Versöhnung
suchen.« »Ja, ja, man sollte,« sagte Uli, »aber man kann nicht immer.«
    Die Sache war also verrichtet, aber einen zufriedenen Bericht brachte Uli
nicht heim und der Base gab er manchen Tag kein gut Wort, und nur hintenum durch
Vreneli vernahm sie, wie es Uli ergingen. »Ihr hättet das Uli nicht anrichten
sollen,« setzte Vreneli bei. »Warum nicht?« antwortete die Base, »einen Paten
musstet ihr haben und gefressen hat er Uli nicht. Mich nahm aber wunder, mal
wieder was von ihm zu vernehmen, dem Unflat. Er ist scheints immer der Gleiche;
schade ists um ihn, wäre der anders ausgefallen, aus dem wäre was geworden,
einen Kaiser hätte er abgegeben wegen Befehlen und Regieren, aber dann hätte der
liebe Gott den Leuten die Köpfe anders befestigen müssen, sonst wäre in Hanse
Reich bald keiner mehr auf einem Halse gestanden.« Der Tauftag eines Kindes ist
in all Wege immer ein sehr feierlicher Tag. Die Eltern heiligen ein Pfand der
Gnade Gottes und drücken damit öffentlich das Bewusstsein aus, dass sie es von
Gott empfangen und dass es einst aus ihrer Hand wieder werde gefordert werden;
sie drücken ihre Freude aus, denn wo gibt es auf Erden reinere und süssere
Freuden, als aus einem Kinde erblühen können, aber zugleich auch die
Überzeugung, dass wie Gottes Hand und Macht auf dem Acker walten müssen, wenn der
Same gesegnet sein und zur reichen Ernte reifen soll, so auch seine Huld und
Gnade über dem Kinde, wenn es zum Weinstocke erwachsen soll, von welchem die
Eltern Trauben lesen können, und nicht zum Dornenstrauch, an welchem die Dornen
wachsen, an welchem so gern elterliche Herzen verbluten.
    Der Täufling ward an diesem Tage zum kleinen Herzkäfer, den ganzen Tag liess
er keinen einzigen Schrei aus, bloss hier und da machte er ein kleines Dureli,
wie man zu sagen pflegt, sonst allezeit das lieblichste Mieneli von der Welt,
dass alle die grösste Freude dran hatten. Ein bsonderbar Kind sei das, meinte die
Bodenbäuerin, sie hätte noch keins so gesehen, es sei akkurat, als ob das mit
Freundlichkeit gut machen solle, was Hagelhans mit Sauersehen sich versündige.
»Mich nimmt nur wunder, was der für ein Gesicht machen würde, wenn das Kind ihm
unter die Augen käme, ob er auch den Hund an ihns hin hetzen würde? Was hat er
geschickt zum Einbund und sonst?« frug sie halblaut die Base. »Nichts, gar
nichts« sagte die Base, »das macht mich eben so böse, er ist noch ein ärgerer
Unflat, als ich dachte.« »Hans tat nie wie andere Leute,« sagte die
Bodenbäuerin; »je nun, man kann immer nachbessern, seinetwegen sollen sie nicht
in Schaden kommen, und lieber ists mir, er sei nicht etwa selbst gekommen mit
seinem Hunde, ich wäre den ganzen Tag in Angst gewesen, was für ein Zeichen er
tun werde und hoffentlich muss ich ihn nie sehen, habe am Hören schon zu viel.«
    Der Bodenbauer war Uli sehr willkommen, er dürstete ordentlich nach dessen
reifen Räten, die gar gediegen kamen aus dessen reicher Erfahrung. Vor allem aus
sollte derselbe ihm sagen, ob er Korn verkaufen oder sein Geld einziehen solle?
Gegeben müsse der Zins werden, es liesse Joggeli nicht leben, wenn derselbe nur
einige Tage ausstünde. Überdem glaube er, jetzt habe derselbe das Geld nötig.
»Ich an deinem Platz täte das Korn verkaufen,« sagte der Bodenbauer, »solange du
nicht reicher bist, darfst mit Spekulieren dich nicht befassen; Spekulieren ist
gar ein seltsam Ding, ungesühnt schlägt es einem das Bein unter; das Geld hast
du sicher, über das Korn kann dir gar allerlei gehen. Zudem, wer sagt dir, dass
übers Jahr das Korn teurer ist und nicht wohlfeiler? Dann musst du doch in alle
Wege verkaufen, denn für zwei Zinse reicht dein Vermögen kaum aus, was hast du
dann gewonnen? Verkaufe, was du musst, hast übrig, so behalte es, betrachte es
als Vorschlag und Sparbüchse, womit du dir aus, helfen kannst, wenn dir sonst
was anderes fehlt. Es ist sehr gut, wenn man so nach und nach in einem Hause zu
recht vielen Vorräten von allem, was das Land bringt, kömmt. Das macht sich so
nach und nach, man weiss nicht wie, rechnet es nicht, aber wenn Zeiten kommen, wo
man die Sachen braucht, oder Zeiten, wo man Geld nötig hat, so hat man einen
Schatz im Hause, den man gesammelt, ohne es zu merken; das ganze Haus ist
gleichsam eine Schatzkammer, in allen Ecken findet man Schätze, und wenn man
alles zusammenträgt, so hat man einen grossen Reichtum, an den man kaum dachte.
Dagegen, wenn man alle Jahre aufräumt, das Entbehrliche alles zu Gelde macht, so
scheint kein Segen in den Sachen zu sein, man ist mit allem immer fertig, und
wenn mal ein Fehljahr kömmt, so kann man dreifach wie, der ausgeben, was man
einfach eingenommen, ist übel dabei in Not und Sorge. Ich hasse die
Hudelwirtschaften, wo oben und unten nichts Vorrätiges ist, die Mäuse die
Schwindsucht kriegen und elendiglich verkümmern.« Uli sagte nicht viel zu dieser
Predigt, er dachte bloss, es sei gut, dass Vreneli sie nicht höre.
    Dem Vetter Johannes gefiel es sonst wohl in den Ställen, nur warf er einige
seltsame Blicke durch die Gänge in den Ställen und ums Haus. Uli fasste diese
Blicke beschämt auf und sagte: »Ja, wenn man nicht immer hinten und vornen ist,
so machen sie auf und davon, und obs allentalben aussieht wie in einem
Schweinestall, dem fragen sie nichts nach, wenn nur der Tag umgeht und zu
rechter Zeit das Essen auf dem Tische steht; es ist ein Leiden mit dem
Lumpenpack, man glaubt es nicht.« »Hast geändert auf Weihnacht?« frug Johannes.
»Getroffen,« antwortete Uli, »ich habe müssen,« und erzählte nun des Langen und
Breiten, wie er es gemeint und wie er gerechnet. »Hast bass gemacht?« frug
Johannes. Uli gestund den Irrtum in seiner Rechnung nicht ein, sondern erzählte
bloss, wie übel er es getroffen, wie an seinen Bürschchen nichts sei als Hochmut;
trügen die Nasen so hoch, als wollten sie die Sterne vom Himmel runterstüpfen,
und was das Ärgste von allem sei, sie wollten sich gar nicht weisen lassen,
meinten, sie verstünden alles, sie seien so viel als er der ja auch nur Knecht
gewesen. So einer, dächten sie, wie er wohl merke, solle nicht kommen und sie
kujonieren wollen, so einem stehe es übel an. Habe geglaubt, er könne auch was
verdienen, dass er halbbatzige Bürschchen zu brauchbaren Knechten mache. »Das
wäre wohl gut,« sagte Johannes, »aber du wolltest es nur zu gut machen. Für
Plätze, wie du sie hast stelltest du die Bürschchen viel zu leicht an; sie
begreifen, wie es scheint, gar nicht, was sie versehen sollen, sondern bloss, dass
sie Karrer und Melker sind. Wo einer nicht weiss, was er zu tun hat, sieht er
alles Zurechtweisen als Kujonieren an. Nimm ein Mensch, welches sein Lebtag nur
den Schweinen gekocht hat, und stelle es in eine Herrenküche als Köchin, so wird
es Jahre gehen, ehe es begreift, dass ein Unterschied ist zwischen einem
Schweinetrog und einem Herrentisch, und die Frage ist, ob es je dahin kömmt,
menschlich zu kochen für die Herrschaft. Das Gleiche hast mit dem Handwerker. Am
übelsten fährst immer mit denen, welche aus Lehrjungen sich eigenmächtig zu
Meistern avancierten. So hast du es allentalben. Mache aus einem gemeinen
Schreiber oder Schreibersknecht einen Staatsrat oder einen Kreispräsidenten, so
wird er sein Lebtag nie lernen, was er soll, nie die rechte Wurde kriegen,
sondern nur Hochmut und eine Anmassung vom Teufel.« »Ja, ja,« sagte Uli, »ich
hatte nicht Glück, ein andermal hoffentlich geht es mir besser.« Wetter, dachte
Johannes, ist der auch schon so avanciert, dass er seine Böcke nicht mehr für
Böcke ansehen kann?
    Übrigens hatten sie einen recht gemütlichen, heimeligen Tag. Sie hatten das
Taufemahl daheim, besondere Gäste waren nicht geladen; was auf die Zunge kam,
handelte man traulich ab, wurde nicht alle Augenblicke gezwungen, die besten
Faden im Gespräche abzureissen, weil Unberufene in die Stube stürmten. Gut und
währschaft wartete Vreneli auf, dass selbst Vetter Joggeli sagte, eine Wirtin
hätte es werden sollen, es verstünde es und dazu stehe es ihm noch wohl an, zwei
Dinge, die nicht immer beisammen seien. Die Bodenbäurin erzählte viel von ihren
Kindern, namentlich von der ältesten Tochter, welche am Heiraten war. Eine
Mutter kann nie glücklicher sein, selbst an ihrem eigenen Hochzeittage nicht,
als wenn sie ihrer Tochter die Hochzeitpredigt halten kann; ohne Tränen geht sie
nie ab, das reinste Glück presst bei echt weiblichen Herzen immer Tränen aus den
Augen. Wie am herrlichsten im Himmelstau die Blumen funkeln, so weibliche Augen
in Tränen der Wonne.
    So eine rechte mütterliche Hochzeitpredigt hat unabänderlich drei Teile. Im
ersten Teile laufen die Augen an, im zweiten trocknen sie wieder, im dritten
laufen sie über. Es gibt aber auch selten schönere, herzlichere Predigten als
die, welche quellen aus treuen Mutterherzen. Im ersten Teile erzählt die Mutter,
wer ihre Tochter sei, was sie sei und was sie könne. Sie erzählt, wie sie
einstehe in der Haushaltung, keine Magd wert sei, ihr die Schuhriemen
aufzulösen, unverdrossen früh und spät, und wenn sie an etwas sinne, so sei es
schon gemacht. Sie rühmt aber ganz besonders ihren Verstand, wie sie auf Frieden
halte, das Klapperwerk hasse, den Vater nie böse mache, und wenn sie sehe, dass
irgendwo was Ungerades sei, sie nicht ruhe, bis sie dasselbe ausgeebnet und
gerade gemacht. Sie könne nichts weniger leiden, als wenn irgendwer im Hause,
und sei es nur der Rossjunge, nicht zufrieden sei. Aber erst wenn jemand was
fehle, erfahre man, was das für ein Kind sei. Von weitem sehe es einem an den
Augen es an, wenn man nicht wohl sei, und plage einem da nicht mit Frägeln und
Reden. Es wisse, was man nötig hätte, und bringe es einem ungesinnet und
ungeheissen. Es sage bloss: »Mutter, jetzt lass mich machen, gehe und halte dich
still, schlafen täte dir gut. Habe nicht etwa Kummer, dass was vergessen werde,
du weisst ja, ich habe das schon oft gemacht.« Wenn sie dann nachsehe, so sei es
so, sie wüsste nichts zu verbessern. Dem Vater mache sie es gerade so; er sage
oft, er hätte gemeint, nur an Buben könne man Freude haben, was ein rechtes
Mädchen sein könne, das habe er nicht gewusst. Er müsse sagen, er tauschte das
seine nicht an ein Dutzend Buben. »Es war aber auch berühmt, es sahen noch
andere Leute, was mit ihm ist; wenn es unser einzig Kind wäre und wir noch
einmal so reich, es hätte nicht stärker um ihns gehen können und dazu von
vornehmer Seite her, wo ich nicht daran hätte denken dürfen. Aber darauf hat es
nicht gesehen, und wir liessen ihns machen, wir dachten, es hätte den Verstand
selbst. Und Gottlob, als es ihm war, den möchte es jetzt und keinen Andern, da
kam es und sagte, es möchte Vater und Mutter was sagen aber es dürfe fast nicht,
der und der setze ihm stark nach und wolle nicht nachlassen, und es müsse es
sagen, wenn es einmal einen möchte, so sei es diesen. Aber es wolle uns dieses
zuerst sagen; wenn wir im Geringsten etwas dawider hatten, so sollten wir es nur
sagen, es sei nicht, dass es meine, das müsse sein, es wolle sich uns
unterziehen. Es hat meinen Alten selbst gedünkt, es hätte keine Art, wie das
Meitschi sich unterzog und alles in unsere Hand legte. Wenn sie alle so wären,
es würde weniger Unglück geben, hat er gesagt. Was wollten wir dagegen sagen? Es
las aus, wir selbst könnten es nicht besser, und dass es bloss unseretwegen ledig
bleiben solle, das meinen wir nicht, das wäre ja gottlos. Es ist ein Bursche von
den bravsten und hübschesten einer, hat einen bezahlten Hof, versteht das
Bauernwesen aus dem Fundament, ist selbst dabei früh und spät und selbst voran.
Zu scheuen ist nichts in der Familie, weder leiblich noch geistlich, wir haben
gute Nachfrage gehalten und lauter gut Lob gehört. Es sei eine berühmte Familie
gewesen, solange man sich erinnern möge. Nur die Mutter lebt noch, bsunderbar
eine brave Frau; sie hat gesagt, sie möge die Stunde nicht er, warten, bis mein
Meitschi ihr ins Haus komme, dann solle es Meisterfrau sein vom ersten
Augenblick an. Sie habe genug regiert, danke Gott, wenn sie abgeben könne. Nein,
besser hätte das Kind es nie machen können! Aber wie es dann bei uns gehen soll,
das weiss ich nicht, nein, ich weiss es nicht, darf nicht daran denken, wie übel
es mir geht, niemanden es sagen.« Da nun geht das Überlaufen recht an, und doch
ist der Schmerz ein süsser. Zweifacher Trost steht ihm zur Seite, das Bewusstsein,
eine solche Tochter zu haben, und die Hoffnung auf ein jüngeres Mädchen, das
zwar noch nicht Verstand hat an der ganzen Hand, was jenes am kleinen Finger,
das aber einsehen werde, was jetzt an ihm sei, und so viel Gedanken, dass es der
Schwester nicht ganz werde nachstehen wollen. »Aber« usw.!
    Das war die Hochzeitpredigt, welche die Bodenbäurin aus der Fülle ihres
Herzens hielt und welcher die Glunggenbäurin in rührender Andacht zuhörte. Sie
konnte keine solche halten, die arme Frau. Sie wünschte Glück von ganzem Herzen,
sagte aber auch aufrichtig, sie erfahre das Gegenteil. Wenn die Bodenbäurin ihre
Tochter einmal sehen werde daherfahren mit ihrem Manne, werde sie absitzen
müssen vor Freude, sehe sie aber Elisi und seinen Mann dahergefahren kommen, so
müsse sie absitzen vor Kummer und Angst. Das Elisi könne sie aber doch erbarmen
von ganzem Herzen, an allem sei es nicht schuld; es sei ihnen zu wert gewesen
von Jugend auf, und kränklich sei es auch gewesen, darum habe man es mit Arbeit
verschont, dummerweise, sie hätten den Verstand nicht besser gehabt. Man habe
ihnen gesagt, Elisi müsse gebildet werden mit Welsch und Brodieren, dann könne
es eine vornehme, gebildete Frau werden und brauche nicht zu arbeiten, dazu sei
es zu zart, und wer reich sei, solle eigentlich gut haben und Andere machen
lassen um den Lohn. Es hätte ihr geschienen, etwas sei an der Sache. Wenn sie so
oft des Abends mit müden Beinen abgesessen sei und fast nicht mehr habe
aufstehen können vor Schmerzen, sei es ihr oft vorgekommen, es sei dumm, sich so
zu mühen, wenn man das Geld hätte, jemand den Lohn zu geben, dass er es für einen
mache. Da habe sie gedacht, man könne das mit Elisi so probieren; wenn die
Schulmeister und sonst die Gelehrtesten es so meinten, so werde es wohl auch so
sein. »Wie dumm man ist, kann ich jetzt erfahren, und wie es einem geht, wenn
man Gottes Wort nicht achtet und auf das Klügeln der Menschen hört. Es heisst:
Sechs Tage sollst du arbeiten, und: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht
essen, und da heisst es nicht von Reich und Arm, von Zart und Grob, es heisst: Du
sollst. Und das wird wohl alle angehen, nenne man eine Elisi oder Lisi. Wenn
eines nicht arbeiten kann, so ist es der ärmste Tropf von der Welt. Nicht von
wegen dessen, weil niemand weiss, wie es ihm noch einmal gehen kann, dass Gott
erbarm, sondern weil eines nicht befehlen kann, wenn es nicht weiss, wie etwas
gemacht werden muss. Eine Frau ist der ärmste Tropf von der Welt, wenn sie nicht
in jedem Augenblick die Magd vorstellen kann. Weiss sie nicht, wie man eine Sache
macht, so hat keine Magd Respekt vor ihr, hält sie zum Besten. Sie ist nicht
bloss am schlechtesten bedient, hat das ganze Jahr das Herz voll Verdruss und
Gift, sondern sie muss sich auch verschreien lassen in der ganzen Welt als die
böseste Hexe, welche je dem Teufel von dem Karren gefallen. Ach Gott, das
erfahre ich an Elisi. Ich mag ihm Mägde herbeischaffen, so viele ich will, es
plagen ihns alle, es verschreien ihns alle; es klagt und jammert oft darüber,
hat schrecklich böse dabei, und ich weiss in Gottes Namen nicht zu helfen. Wenn
ich schon sehe, wo der Fehler ist, so kann ich doch nichts daran machen, so
wenig als bei Johannes Frau, die auch ein Narr ist vom Kopf bis zu den Zehn. Die
wäre grob genug zur Arbeit, aber man hat sie auch nichts gelernt als den Narren
zu machen, dass Gott erbarm!«
    So ergoss sich die Glunggenbäurin, und dass auch ihre Augen nicht trocken
blieben, versteht sich. Aber weder neidisch auf die Bodenbäurin noch unglücklich
war sie dabei. Wer hat nicht schon erfahren, wie durch eine flotte
Herzensergiessung in gemütlicher Traulichkeit der Geist sich erleichtert und
aufheitert wie nach strömendem Regen der Himmel? Die Zeit schwand wie den
Seligen die Ewigkeit, unbemerkt, und dunkel wards, ehe jemand daran gedacht.
Entschieden weigerten sich der Bodenbauer und seine Frau, über Nacht zu bleiben.
Es sei ihnen nicht wohl an einem andern Orte, sagten sie, über Nacht. Solange
sie verheiratet seien, seien sie nie Beide mit einander ausserhalb dem Hause über
Nacht gewesen und Eins ohne das Andere nicht oft. Man wisse nie, was es geben
könne. Dieses Gefühl, welches heimzieht an allen Haaren, dem Manne Kraft gibt,
dass er jeder Überredung unzugänglich wird, an allen Wirtshäusern vorüberwandelt,
die Müdigkeit der Glieder überwindet und heimkehrt, wenn auch erst nach
Mitternacht, ist ein eigentümliches, es ist ein Kind der Treue, welche auf dem
einmal erkornen Posten stehen will in der Nacht, die niemandes Freund ist.
    Solche in trauter Gemütlichkeit verbrachte Tage, wo Sterblichen die Zeit
verrann wie Seligen die Ewigkeit, glänzen durchs Leben wie ein goldenes Gestirn
am hohen Himmelsbogen, weite Räume erhellen sie, und einmal erlebt, werden sie
nicht wieder vergessen. Solche Tage sind manchmal eingestreut ins Leben wie am
Himmel die Sterne, manchmal gleichen sie der klaren Morgensonne, welche einen
hellen Tag bringt, manchmal der Abendsonne, nach welcher die Nacht kömmt und
nach der Nacht stürmische Tage.
    Diesmal war dieser Tag wirklich der Abendsonne ähnlich, welcher erst die
Nacht, dann wilde, trübe Zeiten folgen.
 
                               Siebentes Kapitel
                    Eine Überraschung, aber keine angenehme
Am folgenden Morgen wollte Vreneli eben die Base rufen, dieweil es im
Hinterstübchen noch einige Schinkenschnittchen und eine Flasche Wein
zweggestellt hatte, um den Nachdurst zu löschen und den blöden Magen zu
verbessern, wie es sagte, als ein schlecht Fuhrwerk um das Haus gefahren kam,
aber noch viel blöder, als irgend ein Magen nach einem Kindtauftag sein kann.
    Vreneli hatte gute Augen. »Herr Jeses, Herr Jeses!« sagte es. »Was ist, was
ist?« frug die Base, »es wird doch nicht etwa eine Bettelfuhre sein?« »Nein,
Base, nein,« sagte Vreneli, sich fassend, »ich weiss nicht, wo ich meine Augen
gehabt; es ist ja ds Elisi, es wird zu Besuch kommen wollen.« »So ungesinnet, du
mein Gott, was hat es wohl gegeben?« jammerte die Base.
    Unterdessen war das Pferd blöde herangeschritten, und drinnen sass wirklich
Elisi, so mager und grüngrau wie ein vorjähriger Rosmarinstengel, hatte ein
eingewickelt Päcklein auf dem Schosse, und im Päcklein quakte was, man wusste
nicht, wars ein Laubfrosch oder sonst eine lebendige Kreatur. »Da nehmt, und da
bin ich.« sagte Elisi und reichte das Paket hinaus, in welchem es gar heiser und
jämmerlich quakte. »Jetzt müsst Ihr mich behalten, Ihr mögt wollen oder nicht,
ich bin hier daheim.« Vreneli half ausladen, musste dem Fuhrmann einen Platz für
das Ross im Stalle zeigen, da das Mannsvolk im Walde war, hörte also die
reichlichen Ausrufungen der Base nicht. Die gute Alte ward inne, dass das
quiekende Paket aus einem Kindlein bestand, welches fest eingewickelt war in ein
Umschlagetuch, und liess es aus Schreck fast fallen. »Du bist doch immer das
schrecklichste Babeli auf dem ganzen Erdboden,« sagte sie zu Elisi, »ein Kind so
einzumachen; ein Wunder ists, dass es nicht dreimal erstickt und siebenmal
erfroren ist. Nein aber, das arme Tröpflein! Es ist nichts grässlicher, als wenn
ein Mensch keinen Verstand hat und dazu noch eine Mutter vorstellen soll.« »Dass
ich eine bin, daran seid gerade Ihr allein schuld,« sagte Elisi, »warum geht Ihr
und erzwingts, dass ich den Hudelbub heiraten muss? Ledig wäre es mir noch lange
lange wohl gewesen.« »Was?« sagte die Alte, »ich soll an deiner Heirat schuld
sein und dir wäre es noch lange wohl gewesen ledig? Jawohl, dass Gott erbarm, und
wie! Gerade wie dem armen Würmli da, Gott verzeih mir meine Sünde! Aber was
bringt dich Böses? Denn nach dem Guten darf ich dich nicht fragen.« Da begann
Elisi ein schreckliches Geheul, wie es ihm jetzt ergehe, weil man es gezwungen
habe, den verfluchten Möff zu heiraten. Es habe gedacht, die müssten doch auch
was davon haben, welche an all dem schuld seien. Wüst sich sagen lassen den
ganzen Tag, Hund sein sollen und nichts fressen, obendrein noch Schläge, diese
Lebweise habe es satt, es könne sie seinetalben jemand anderes auch probieren.
    Da kam Vreneli mit Schinkenschnittchen, Backwerk, Wein, mit allem, was im
Hinterstübchen für die Base aufgehoben gewesen. Es habe gedacht, es könne
vielleicht was helfen und Elisi werde hungrig und durstig sein, sagte Vreneli in
allem guten Meinen und dachte, wie es da was Gescheutes mache. Aber kurios, im
Verkehr mit dummen Leuten wird gerade das Gescheuteste zum Verkehrtesten, mit
Minus ist halt gerade das umgekehrte Rechnen als mit Plus. Wie Elisi Wein und
Schinken sah, fing es ein ganz mörderlich Geschrei an, akkurat als ob Vreneli
Elisis eignen Schinken da präsentiere, wohlgeräuchert auf einem Teller. Man
begriff lange an dem Geheule nichts, bis man endlich aus einigen artikulierten
Tönen entnehmen konnte, dass es Elisi das Herz zerriss, wie man auf der Glungge
ein Leben führe, seit es fort sei. Während es Hunger leide, kaum hartes
Kuhfleisch habe und schlechte Kartoffeln samt Wasser, wenn es möge, habe man
hier schon des Morgens Schinken und Wein wie die vornehmsten Engländer. Aber vor
Gott sei es nicht recht und sie würden es einst zu verantworten haben, dass man
die eigenen Kinder ins Elend stosse und mit Fremden und Lumpenleuten die Sache
verfresse und versaufe! Jetzt sehe es, wie man es mit ihm meine und immer
gemeint habe.
    Man sagte ihm, gestern sei Taufe gewesen und was da stehe, sei übrig
geblieben. Aber mache jemand einem zornigen Weibsbild was begreiflich! Zudem tat
das Kindlein erbärmlich, dass es der Grossmutter himmelangst wurde und sie und
Vreneli ihm ihre Hauptsorge zuwenden mussten. Sie liessen also das Elisi heulen
und suchten das Kind zu beschwichtigen.
    Umsonst heult selbst ein Elisi nicht gerne; sobald es also sah, dass man
seiner sich nicht mehr achte, setzte es ab mit Heulen und sich hinter Schinken
und Wein und sagte, es wolle zugreifen, wenn es schon niemand heisse, es wolle
nehmen, während noch was da sei, es merke wohl, wie das gehen solle, die Leute
werden halt nie aussterben, welche Andere um ihre Sache brächten oder eheliche
Kinder aus dem Neste stiessen. Man liess es reden und essen, beides brachte es
nach und nach zu sich selbst und auf den rechten Grund seines Herkommens.
    Gestern spät am Abend war der Mann heimgekommen, fand kein Licht im Hause,
nichts Warmes für sich, da tat er wie ein Menschenfresser und prügelte Elisi. Am
Morgen wollte er frühstücken, da war weder Holz noch Kaffee da, alles sollte
erst zusammengeholt werden, hierher, dorter; da ward das Untier wieder zornig
und prügelte Elisi wieder ab, und zwar mit der Elle. »Soll ich für alles sorgen?
Soll ich an alles denken? Soll mir alles in den Sinn kommen? Der Unteufel, der
er ist! Für was ist er da? Für was hat man eine Magd? Und wenn man nicht wüsste,
dass er kein Geld hätte, so würde man uns solche Sachen ins Haus senden, man
brauchte nicht lange darnach zu laufen. Wenn meine Mutter einen Batzen wert
wäre, hat er gesagt, so würde sie kein solch Lumpenmensch erzogen haben, denn
keinen faulen Pfennig sei ich wert, und wenn ich schon einen Taler im Maul
hätte; von schlechten, verfluchten Leuten her müsste ich sein, dass ich so
nichtsnutz geraten, zu einem Mensch, welches kein Bettler auf dem Mist auflesen
würde, und dabei hat er mich nun geschlagen, bis ich aus dem Bette sprang, in
die Kleider fahr und fortlief. Bringt mir nun nicht der Unflat von Magd das Kind
nach und sagt, der Herr schicke es! Was jetzt machen? Fahren wollte mich
niemand, gehen mochte ich nicht, zurück wollte ich nicht; der könnte mich töten
oder gar vergiften, ihm war das Schlimmste zuzutrauen. Endlich erbarmte sich
Lugihausi meiner, er war früher auch ein vornehmer Mann und weiss jetzt, wie es
jemand ist, dem niemand helfen und glauben will; der spannte endlich an, und
jetzt bin ich da und jetzt, Mutter, musst du Fuhrlohn zahlen.«
    Das waren begreiflich keine erfreulichen Nachrichten und Aussichten; gerne
hätte Vreneli den doppelten Fuhrlohn bezahlt, wenn Elisi wieder weitergefahren
wäre. Der Base war es wahrscheinlich ebenso, sie wusste, was das Fortlaufen für
eine missliche Seite hat, nämlich das Wiederkommen. Dass der Mann die Frau
geprügelt, fand sie freilich sehr fatal, besonders für den geschlagenen Teil.
Indessen musste sie gestehen, dass ein Mann ungeduldig werden muss und
wirbelsinnig, wenn die Frau für nichts sorgt, nichts denkt, immer nichts da ist,
was man eben brauchen sollte, wenn sie ist, als wäre sie ohne Gehirn oder hätte
höchstens das Gehirn einer Gänsin; in einem solchen Gehirn steckt gewöhnlich
noch die Unart, dass man es nicht einmal mahnen darf; da soll eine Magd probieren
und sagen: Frau, dies, Frau, jenes wäre nötig, sollte man holen!, sie würde
allemal einen Schnauz kriegen eine Elle länger als der längste Husarenschnauz.
Da kriegt denn so eine Magd auch Bosheit in den Leib und denkt: Meinetalb!,
wird stumm wie ein Fisch, hat erstlich Freude, wenn man auskömmt mit einer Sache
und die Frau merkt es nicht, und zweitens noch eine grössere Freude, wenn der
Mann darüberkömmt und mit einem Haselstecken am Gedächtnis seiner Frau
herumflickt, wenn auch mit schlechtem Erfolg.
    Was die gute Grossmutter dabei tröstete, war das Erbarmen mit dem armen
Kinde; so heillos verwahrloset war ihr die längste Zeit kein Bettelkind vor
Augen gekommen, so mager, unsauber, gelb, blau und grau, es war ein Elend. Sie
sagte Elisi, sie hätte gute Lust, noch nachzubessern, was ihm der Mann zu wenig
gegeben, vor Gott sei es nicht zu verantworten, wie es mit dem Kinde umgehe; sie
müsste sich schämen, eine Tochter zu haben, welche nicht halb so viel Verstand
gegen ein Kind habe als eine Katze gegen ihr Junges. Wenn sie mehr hätte, sagte
Elisi, so sollte sie das Kind nehmen; dass es nicht mehr habe, dafür könne es
nichts, sie hätten ihns erzeugt und erzogen; traurig genug sei es für ihns, dass
man ihns so verwahrloset, dass es so dumm geblieben. Es trat gar deutlich hervor,
dass Elisis ganze Lebenskraft im Maul sich zentralisiert habe.
    Es ist sehr oft der Fall, dass die geistige und körperliche Kraft eines
Menschen sich in ein Glied oder ein Talent zusammenzieht, da Ausgezeichnetes
leistet, im Übrigen aber schwach oder kreuzdumm ist. Man hatte ausgezeichnete
Maler, und nebenbei waren sie einfältige Menschen, man hatte Menschen, denen
alle Kraft in den Füssen lag, schlaff hingen die Arme am Leibe nieder, Hasenfüsse
nannte man sie, kommode Leute, besonders bei einer Retirade. Bei Elisi zogen
alle geistigen und leiblichen Kräfte sich in einem Gliede zusammen, und zwar in
der Zunge. Die Zunge ist ein klein. wunderbar Ding, »ein klein Glied,« wie der
Apostel Jakobus sagt, »und erhebet sich doch gewaltiglich. Siehe ein klein
Feuer, wie einen so grossen Haufen Holz zündet es an! Also ist auch die Zunge ein
Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit; also stehet die Zunge unter unsern
Gliedern, welche den ganzen Leib befleckt und zündet das Rad unserer Geburt an
und wird angezündet von der Höllen.« Ja, das ist ein Ding, die Zunge, und zwar
eines von doppelter Natur, ein geistig und ein leiblich Werkzeug, dem Geiste,
dem Leibe unentbehrlich. Es ist aber nichts merkwürdiger als die Wahrnehmung,
dass die Zunge, sobald sie zum herrschenden Gliede im Körper wird, sie sich in
beiden Richtungen, geistig und körperlich, geltend macht und das grosse Wort
führt. Das Wort »Kaffeeschwestern« ist ein altes, wohlbekanntes, und niemand,
der es hört, ist so einfältig, wenn er es hört, zu glauben, es sei da die Rede
von Schwestern, welche bloss den Kaffee lieben, er weiss alsbald, dass es
zungenfertige Dinger sind, welche nebst Kaffee das Geschwätz lieben über alles.
Es ist halt mit der Zunge akkurat wie mit einem Wagenrad, wird dieses viel
umgetrieben, so muss es auch viel und gut gesalbet werden. Die Sache ist ganz
natürlich; wie Krieger mit dem Degen, fechten die Diplomaten mit der Zunge, sind
aber auch allbekannte Gutschmecker, und diplomatische Mahlzeiten sind
wohlbekannt von alters her. Wenn nun ein ganzes Volk sich auf die Diplomatie
legt und mit Schwadronieren sich befasst, Herrgott, was da gesalbet und
geschmiert werden muss! Man frage einen Waadtländer, der wird auch was erzählen
können über diesen Punkt. Es wird also niemand ungläubig den Kopf schütteln ob
unserer Äusserung über die Doppelnatur der Zunge, die zwei ist und doch eins, und
also niemand sich wundern, wenn sie auch bei Elisi scharf hervortrat. Wir haben
im Berndeutsch gar herrliche Worte, die verschiedenen Sorten und Abarten des
Geschwätzes zu bezeichnen: dampen, dämperlen, klapperen, stürmen,
schwadronieren, poleten, hässelen, giftlen, schnäderen, ausführen, kifeln,
rühmseln usw. Hässeln und schnädern möchten die beiden bezeichnendsten Worte für
die Richtungen von Elisis Unterhaltungen sein. Am liebsten salbete es seine
Zunge mit was Süssem und was Rotem, doch verschmähete es auch Fische, Pasteten,
Geflügel nicht, so wenig als weissen Wein vom Jahre 1834 und Muskatwein, welcher
bekanntlich gelb ist. Von Arbeiten war gar keine Rede mehr, selbst nicht mehr
von Korallenanziehen, zog es doch nicht einmal sein eigen Kind an, hätte es,
wenn es niemand anders tat, tagelang liegen lassen.
    Die eilf ägyptischen Plagen sind bekannt, eben angenehm sind sie nicht zu
nennen; aber auf einem Bauernhofe, wo alles arbeiten soll, jeder sein
angewiesenes Tagewerk hat, eine Person zu haben, welche nichts tut als
allentalben herumstehen, alle versäumen mit Schnädern und Befehlen, mit Gerede
von allen Sorten, alle Augenblicke was wollen, welches nicht zu haben und zu
machen ist, und dann ein Geschrei und einen Jammer verführen ärger als ein
junges Schwein in eines ungeschickten Metzgers Händen, das ist eine Plage, an
welche Moses nicht gedacht zu haben scheint. Mach, wie wenn du daheim wärest, so
sagt man zu einem Menschen, wenn man wünscht, dass es ihm recht behaglich und
heimlich werde. So brauchte man aber zu Elisi nicht zu reden; es tat wirklich,
als wäre es daheim, und nahm von dem neuen Verhältnis, nach welchem Uli und
Vreneli im Hause Meister waren, keine Notiz. Es lief im Hause herum wie im
Stock, es stellte sich bei Mägden und Knechten, nahm sie in Anspruch bald für
dieses, bald für jenes, strich besonders Uli nach; wenn es ihn irgendwo merkte,
hatte es keine Ruhe, bis es bei ihm war. Bitterlich dagegen hasste es Vrenelis
schönes Kind und zeigte das so unverhohlen, dass man es so wenig allein bei ihm
lassen durfte, als man eine Katze bei einem Kinde lässt; Elisi wäre imstande
gewesen, es zu kneifen und zu kratzen, und da es das nicht durfte. grinste es
ihns wenigstens an, so dass dasselbe allemal sich zu fürchten und zu weinen
anfing, wenn es Elisi von weitem sah. Nun sollte auch sein eigen Kind auf einmal
so hübsch werden, und dazu wusste es kein ander Mittel, als demselben den ganzen
Tag zu essen zu geben oder geben zu lassen, es förmlich zu mästen, und zwar mit
dem grössten Unverstand; gute Milch gab es ihm keine mehr, es musste dicker Rahm
sein, stopfte ihm den ganzen Tag Brei in den Leib, schüttete ihm Wein darüber,
stiess Zuckerbrot oder so was nach, dass das Kind erst fast erstickte und dann
Bauchweh oder so was kriegte, jämmerlich schrie, bis es himmelblau wurde im
Gesicht. Wollte die Mutter wehren, dann schrie Elisi, die Mutter gönne ihm kein
schönes Kind, sie halte es mit Vreneli und dessen Balg; wenn es wüsste, wie dem
vergeben, es täte es noch heute, sparte es nicht bis morgen; sie sollten sich in
acht nehmen, wenn es dasselbe einmal in die Hände kriege, wolle es ihm die
Hübsche vertreiben für sein Leben lang. Dann kam Joggeli und begehrte auf über
das fortwährende Geschrei; es sei eine halbe Stunde in der Runde kein Winkel, wo
man einen ruhigen Augenblick haben könne, höre Eines auf, so fange das Andere
an. Dass es ihm in seinen alten Tagen noch so gehen könne, daran habe er nie
gedacht, aber er wisse wohl, wer an allem schuld sei, man möge es glauben wollen
oder nicht.
    Die gute Base hatte wirklich böse Tage, Tage von denen sie sagen musste, sie
gefielen ihr nicht. Sie sah alle Tage eine Sache heller ein, an welche sie
früher nicht gedacht hatte; sie war ihr nie so recht vor die Augen gekommen, und
die Erfahrung ists, welche Wissenschaft und Weisheit bringt. Sie hatte nämlich
nie gesehen, was eine Person von Elisis Schlage für eine Mutter wird. Man
kümmert sich manchmal darum, welche Haushälterin ein Mädchen werde, aber was es
für eine Mutter werde, daran denkt man nicht oder man meint, der Verstand dazu
werde ihm schon kommen, es wer, de ihns schon lehren. Ja, dass Gott erbarm,
lehren! Mutter wird Manche, ungesinnet, aber eine rechte Mutter sein, das ist
ein schwer Ding, ist wohl die höchste Aufgabe im Menschenleben. Schon alleine
der blosse Anblick der Mutter ist von unnennbarem Einflusse auf das Kind, kann
das Kreuz mit der Schlange sein, bei welchem die Juden in der Wüste Heilung und
Sicherheit vor den Schlangen fanden. Was gewährt aber nun so ein grinsend,
unfreundlich, unsauber Ding wie Elisi einem Kinde für einen Anblick? Welche
Eindrücke saugt es ein? Oder was meint man, muss es dem Kinde nicht ganz anders
werden im Gemüte, wenn ihm an seiner Wiege des Tages und in der Nacht ein
holder, schöner Engel erscheint, der mit süssen Tönen tröstet, mit milden Händen
die rechte Labung spendet, als wenn an der Wiege Rand ein hässlicher, grüngrauer,
keifender Kobold auftaucht, ein unsauber Ding, von dem man lange nicht weiss, ist
es eigentlich ein Mensch oder ein Affe, über die Wiege hereingrännet, hässliche
Töne von sich gibt, heftig und krampfhaft reisst und stösst und schaukelt, dass
Glied um Glied davonfahren möchten? Was meint man, sollte man nicht solch
grinsenden, keifenden, nichtsnutzigen, selbstsüchtigen Dingern, seien es
meinetalb Gräfinnen, Bauerntöchter oder Stallmägde, das Heiraten verbieten von
Obrigkeits wegen und jede, welche es doch versucht, einsperren lassen hinter
Gitter, und zwar enge und eiserne, und bis zum dreiundfünfzigsten Jahre? Die
Base wäre sicherlich dieser Meinung gewesen, wenn man ihr den Fall vorgelegt
hätte. Es lag ihr unendlich schwer im Gewissen, dass sie daran nicht gedacht oder
geglaubt, es werde Elisi der nötige Verstand seinerzeit schon kommen, dass sie
nicht mit Händen und Füssen sich jeder Heirat widersetzt. Es beelendete sie
unendlich, wenn sie sah, wie Elisi das arme Kind misshandelte, aus unverständiger
Eitelkeit, wie eine Hoffartsnärrin ein beliebig Kleidungsstück, welches sie in
die Form zwingen will, die ihr gerade in die Augen geschienen.
    Am wohlsten schien bei dem ganzen Handel der Baumwollenhändler zu sein,
wenigstens nahm er Elisis Abwesenheit höchst kaltblütig, zeigte sich nicht nur
nicht, sondern liess auch kein Wörtlein von sich hören. Die Unbequemlichkeiten
des Fortlaufens dagegen fingen nachgerade an, recht unangenehm sich fühlbar zu
machen. Anfangs ärgerte sich Elisi bloss, dass der Unflat ihm nicht nachgelaufen
kam, um ihm alles sagen zu können, was es ihm eingebracht hätte. Nach und nach
stieg ihm die Eifersucht zu Gemüte, es nahm ihns bitter wunder, was der Unflat
jetzt vornehme, da er keine Frau mehr habe?
    Wenn nur einmal eine Frau auf diesen Punkt gekommen ist, dann kriegt die
dickste Phantasie Leben, fängt sich an zu bewegen in den schauerlichsten Bildern
und malt der Frau Dinge vor, dass sie das Zittern kriegt in alle Glieder. Noch
ungeduldiger ward Joggli. Der Lumpenhund habe ihn geplündert, kein Spitzbub
könne es besser; jetzt schicke er ihm Frau samt Kind über den Hals, um ihn des
Todes oder des Teufels zu machen. Aber das wolle er nicht so. Dem Schelm wolle
er seine Familie nicht erhalten, in seinen alten Tagen noch Kindbette halten und
dazu keinen Augenblick Ruhe, weder Tag noch Nacht.
    Endlich liess Joggeli Bescheid machen dem Tochtermann, er solle seine Frau
holen. Dieser liess sagen: Er hätte sie nicht gehen heissen, er hiesse sie auch
nicht wiederkommen, sie werde den Weg wohl noch wissen, er werde ihr ihn nicht
zu zeigen brauchen. Am liebsten sei ihm, sie bliebe, wo sie sei, sie dünke ihn
dort am schönsten. Potz Blitz, wie gab das Feuer! Auf der Stelle sollte Uli mit
ihm fahren, meinte Elisi und dann müsse er ihm den Unflat prügeln in seinem
Namen, bis derselbe kein Glied mehr rühren könne, dem wolle es zeigen, dem
Hagel, wo es schön sei. Das wollten aber weder Vater noch Mutter tun. Es sehe
jetzt, was Fortlaufen sei ein andermal möge es die Sache besser bedenken und
denken auch an seine Fehler. Sei es so lange schon dagewesen, so könne es ein
paar Tage auch noch warten. Elisi zeterte gewaltig, und wenn es gewusst hätte,
wie zu Fusse gehen, es wäre gelaufen, aber eine halbe Stunde zu Fusse zu gehen,
war ihm ein Greuel. Schuhe hatte es auch keine, welche einen solchen greulichen
Feldzug ausgehalten hätten. Die Base hatte gewünscht, Joggeli wäre selbst zum
Tochtermann gefahren und hätte ihn zum Verstand gebracht, denn sie waren Beide
der Meinung, Elisi hätte ihm so viel zugebracht und noch so viel zu erwarten,
dass Geduld haben und sich auch in etwas unterziehen ihm wohl anstehen würde.
Wenn man den Geldsäckel in der Hand habe, so wüsste man nicht, warum man so mit
einem Bürschchen nicht ein ernstaft Wort sollte reden dürfen? Sie waren Beide
akkurat gleicher Meinung, bloss darin wichen sie ab, dass Joggeli dies nicht
selbst ausrichten wollte, er war nicht der Mann, jemanden unter den Bart zu
stehen. Er wollte den Johannes schicken, der tue es gerne, sagte er, und wenn er
den Spitzbuben schon ein wenig in die Finger nehme, so werde es ihm wenig
schaden, allweg schlechter werde er dadurch nicht. Gegen das sträubte die Base
sich. Es könnte doch zu böse gehen, meinte sie. Sie hätte nichts wider Johannes,
aber wenn es sei, um Frieden zu machen, so schickte sie lieber nicht ihn,
sondern jemand anders. Elisi müsse doch alles wieder abbüssen, was von ihrer
Seite dem Manne angetan werde. Die gute Alte hatte selbst eine Art von Mitleiden
mit dem Tochtermann, so sehr er ihr sonst zuwider war. Sie müsse bekennen, sagte
sie oft zu sich selbst, sie würde auch ungeduldig, wenn Elisi ihre Frau wäre,
und wenn es dazu noch so böse sei wie hier, so könne sie sich nicht einmal
verwundern, wenn es ihm zuweilen in die Finger käme, von wegen Mannevolk sei
immer Mannevolk, und bekanntlich gehöre das Mannevolk nicht unter die geduldigen
und sanftmütigen Kreaturen.
 
                                 Achtes Kapitel
 Wie Zögern wechselt mit Überraschen, aber ebenfalls nicht auf angenehme Weise
So verzögerte sich die Ausführung einige Tage, bis endlich die Mutter nachgab
und erkannt wurde, es müsse dem Johannes geschrieben werden, dass er die Sache
alsbald verrichte. Aber wer sollte schreiben? Die Mutter konnte nicht, Joggeli
war eine Feder ärger zuwider als ein angezündet Schwefelholz unter der Nase.
Elisi schmierte endlich einen Bogen voll, von dem aber erkannt wurde, den könne
man nicht abgehen lassen, denn der gelehrteste Professor könne nichts daraus
machen. Elisi heulte, aber damit entstund kein verständlicher Brief. Joggeli
musste endlich das Wort geben, er wolle morgen selber einen machen. Am Morgen
fiel es Joggeli plötzlich ein, heute sei der Tag, an welchem der Lehenzins
verfallen sei, und nun plagte ihn die Neugierde, ob Uli wohl zahlen werde oder
nicht? Er hatte gesehen, dass der Müller Korn geholt, hatte auch die Zahl der
Malter gezählt, den Preis zu vernehmen gesucht und daraus geschlossen, Uli werde
im Sinn haben zu zahlen. Joggeli hatte nicht Angst, er könne um seine Sache
kommen, aber er freute sich auf das Geld. Kinder und alte Leute sind auch darin
sich ähnlich, dass sie gerne mit Geld spielen, es zählen, es rollen lassen durch
die Finger, Häufchen machen, es durcheinanderwerfen, es transportieren aus einem
Sack in den andern Sack. Er vergass den Brief ganz, sah gleich mit Tagesanbruch
erst lange durch die Fensterscheiben, ob Uli nicht anrücke. Später träppelte er
ums Haus herum, zeigte sich, in der Erwartung, Uli lasse sich dann auch hervor
mit einem grossen Bündel Geld. Da kein Uli erschien, trippelte er hinüber zum
Hause, kam zu den Knechten, frug wie von ungefähr, ob der Meister daheim sei
oder fort? Sie wüssten nichts anders, sagten die Knechte, sie hätten ihn erst
noch gesehen und gsunntiget sei er nicht gewesen. Er scheuet sich vor mir,
dachte Joggeli, darf oder will sich nicht sehen lassen; entweder hat er das Geld
nicht oder er will mich nicht bezahlen, eins ist so schlimm als das Andere, aber
wenn es vierzehn Tage geht, so schreibe ich Vetter Johannes, er ist Bürge, er
kann zur Sache sehen. Doch trotz diesem Rückhalt hatte er den ganzen Tag keine
Ruhe, er trappete herum, als ob er ein Wurmpulver im Leibe hätte, und trotz
seinem Trappen sah er Uli den ganzen Tag mit keinem Auge.
    Uli lebte, er lebte einen grossen Tag, er machte seine Jahresrechnung, zog
seine Bilanz, verglich mit der Rechnung die Kasse. Das ist ein Stück Arbeit für
einen Uli! Zehn Jucharten Roggen säen in einem Tage ist Kinderspiel dagegen. Ja,
Rechnen hat eine Nase, besonders wenn man es nicht wohl kann.
    Uli hatte begreiflich das Jahr durch schon gar oft gerechnet, vielleicht nur
zu viel, doch so recht bis auf den Grund noch nie, und das sei notwendig, hatte
er gehört, besonders für Anfänger. Es sei schon gar Mancher zugrunde gegangen,
weil er nie nachgesehen, wie er stehe, ob er vorwärts oder rückwärts gehe. Am
Jahrestag seiner Meisterschaft übernahm er nun diese Arbeit. Er zählte zuerst
das Geld, welches er hier in einem Bündelchen, dort in einem Körbchen,
anderwärts in einem Strumpfe hatte. Ein reicher Bauer hatte ihm gesagt, wenn man
viel Geld im Hause habe, müsse man es verteilen; kämen Diebe, so kriegten sie
doch niemals alles, sondern nur einen Teil. Das Zählen schon trieb ihm den
Schweiss aus, denn so oft er zählte, so oft gestaltete sich die Summe anders. Zu
der Gewissheit kam er, dass jedenfalls über tausend Taler seine Kasse entielt.
Nun versuchte er die richtige Summe aus seinem Buche zu finden, das war aber
erst ein Hexenwerk, aus welchem noch ein ganz Anderer als Uli nicht gekommen
wäre. Uli hatte aufgemacht und hatte nicht aufgemacht. Grössere Posten waren
aufgeschrieben, aber kleinere begreiflich nicht. Verkaufte Kühe waren
aufgemacht, aber von verkauften Kälbern fand man wenig Spuren, von verkauften
Ferkeln gar keine; so wollten im Buche sich nicht reimen Ausgaben und Einnahmen,
und mit dem vorhandenen Gelde passte die Bilanz im Buche erst nicht. Im Buche
fehlten alle kleinen täglichen Ausgaben, nur die grössern Summen stunden da. Wer
aber einige Zeit hausgehalten hat, weiss, wie viel Kleines zu was Grossem sich
summiert. Kurz ins Reine brachte er es nicht, er kam bloss so weit ins Klare, dass
er mehr als zweihundert Taler in bar gespart. Das Vieh im Stall war von
geringerem Werte als das, welches er übernommen, dagegen besass er noch ein
ziemlich Quantum Korn, weit mehr als für den Hausbedarf bis zur Ernte. Vorräte
von allen Sorten, wie sie einer Haushaltung wohl anstehen, hatte Vreneli doch
gemacht; seit der Bodenbauer seine Vorlesung über Hausökonomie gehalten, war es
von Uli weniger gehindert worden. Was er an Vorräten harte, schätzte er zu
ungefähr hundert Talern, so dass also sein Gewinn oder Arbeitslohn zum wenigsten
dreihundert Taler betrug. Zuerst wollte er sich freuen darüber, dieweil das ein
so schöner Anfang sei, aber nach und nach flogen ihn allerlei Mücken an. Er
fand, dass dies doch eigentlich nichts sei. Es sei ein ausgezeichnet gutes Jahr
gewesen, sagte er, und nur dreihundert Taler! Jetzt habe er bar auf der Hand,
dass er in ordinären Jahren nichts verdiene, nicht so viel als sein schlechtest
Knechtlein. Sollte es aber Fehljahre geben, könne er nicht bloss dreihundert,
sondern sechshundert Taler verlieren so gut als einen Batzen! Wo dann die
nehmen? Und gesetzt, meinte er endlich, was seien doch dreihundert Taler für so
viel Not und Mühe und so grosse Gefahr, um alles zu kommen! Da müsse man es sein
Lebtag böse haben und komme doch zu keinem Vermögen. Dann sei es nicht gesagt,
dass man immer gesund bleibe und arbeiten möge wie ein Hund bis in das höchste
Alter. Am Ende wäre es besser gewesen, er wäre Knecht geblieben, dachte Uli, so
finster kam es ihm ins Gemüt. Der Uli, der vor Jahren dreihundert Taler für ein
unerschwinglich Vermögen angesehen hatte, der achtete sie jetzt für nichts und
hatte gute Lust, wirbelsinnig zu werden, weil er in einem einzigen Jahre bloss
dreihundert Taler verdient. So kann der Mensch sich ändern, so wunderlich kann
es ihm in den Kopf kommen.
    Vreneli sprach ihm zu und sagte ihm: Er mache ihm recht angst. Das sei
Undank gegen Gott, und wo der sei, da zeige Gott gerne, dass die Sache an ihm
liege, und wenn man nicht zufrieden sei mit seiner Güte, man sich fügen müsse in
seine Strenge. Es wären Tausende, welche Gott auf den Knieen danken würden, wenn
sie zu dreihundert Talern kämen. Es sei noch kein grosses Vermögen, aber doch ein
schöner Anfang, es decke den Rücken und um so getroster könne man der Zukunft
warten. Dass es so viel sei, hätte es nicht geglaubt, und wenn nur Uli zufrieden
sei, so habe es den festen Glauben, es komme alles gut; aber zu viel auf einmal
wollen, das sei vom Bösen, damit verderbe man es gerne bei Gott und bei den
Menschen. Zur Beredsamkeit enfaltete Vreneli noch seine ganze Liebenswürdigkeit
und brachte es wirklich dahin dass es aus Ulis Kopf die Mücken ausjagte und
dieser, als er sich endlich aufmachte, um Joggeli den Zins zu bringen, ein ganz
zufriedenes Gesicht hatte.
    Derselbe hatte wirklich schon alle Hoffnung aufgegeben, heute sein Geld zu
sehen. Das sei Bosheit vom Uli, sagte er seiner Frau. Derselbe hätte es, er
wisse es wohl, aber er wolle ihn nur plagen; doch das solle ihn nichts nützen,
je länger er mit dem Gelde warte, desto mehr schlage er ihm mit dem Zinse auf.
Er tat noch viel nötlicher als drüben Uli, so dass auch hier das Weib das
Mittleramt übernehmen musste. Er solle sich doch schämen, so nötlich zu tun. Das
wäre wohl gut, wenn sie kein Geld mehr hätten oder sonst nicht zu leben. Es
könnte sein, dass ihm zuletzt noch lieber wäre, Uli sei ihm das Geld noch
schuldig, als dass er es in Händen habe. Es sei heute der erste Tag, wo es
verfallen sei, er solle doch denken, wie Viele froh wären, wenn sie den Zins im
ersten Jahre erhielten. Selten einem komme es in Sinn, den Zins auf den ersten
Tag zu bringen, und Mancher hätte es noch ungern, wenn sein Pächter am ersten
Tage käme, als ob der Herr ohne das Geld nicht mehr auskommen könne. »Das ist
mir hell gleich« sagte Joggeli, »wie es Andern dünkt, aber mir hat er
versprochen an die Hand zu gehen, und wenn einer was verspricht, sollte er es
halten, sonst halte ich nichts mehr auf ihm.« »Du hast mir auch manchmal schon
was versprochen und es nicht gehalten,« sagte die Frau. »Ja, das ist was ganz
anderes,« sagte Joggeli, »ich bin nicht dein Pächter und du nicht mein
Lehenherr,« antwortete Joggeli. »Habe gemeint, Halten sei Halten,« entgegnete
die Frau. Da klopfte es. »Sieh doch, Frau, lauf doch, kannst nicht vom Platz,
vielleicht ist ers noch, wäre brav von ihm! Aber vielleicht hat er falsches Geld
und hat gedacht, wenn es Nacht sei, sehe ich es nicht. Muss die bessere Brille
nehmen, wenn er es ist.«
    Richtig war es Uli. »Bin wohl spät,« sagte derselbe, »wenn man so viel Geld
in allen Winkeln zusammenlesen muss, kann man sich darob versäumen. Aber ich
wollte den guten Willen zeigen. Da wärs alles in einem Seckel, es ist ein grosser
Bündel! Aber wenn es Euch wohl spät ist, so kann ich ja morgen wieder kommen. Es
ist eine Zeit, wo man so viel nicht versäumt.« »Nein, nein, bleib, bleib!« sagte
Joggeli. »Hat man einmal Geld im Hause, wäre es ja dumm, es wie der forttragen
zu lassen. So ein Zinschen ist bald gezählt, und wenn es auch grösser wäre,
könnte man daran machen, bis man fertig ist.« »Ja,« sagte Uli, »glaube, für Euch
sei es nicht viel, Ihr würdet ihn auch noch grösser nehmen, aber Geben ist nicht
gleich wie Nehmen. Wenn Ihr ihn geben solltet und herausschlagen aus den
Steinen, dann würde er Euch mehr als gross genug scheinen und billig und recht,
wenn er kleiner wäre und abgemacht würde.« So zählten sie und fochten mit
Worten, wie es üblich ist, wenn Pachtzinse gegeben und genommen werden. Joggeli
brauchte die schärfere Brille, fand jedoch trotz derselben kein falsches Geld.
Die Sache sei recht, sagte er, wie er es erkennen möge. Sollte aber am Tage sich
was noch zeigen, so werde Uli nicht dawider sein, es zurückzunehmen. Er glaube
nicht, dass was sei, sagte Uli, daneben könne man sich irren, ja freilich. Und
wenn Joggeli was finde, ehe er dieses Geld mit dem seinen zusammengetan, so
nehme er es schon wieder. »Du wirst doch nicht etwa glauben, dass ich dich
betrügen wolle?« fragte Joggeli. »Bewahre,« sagte Uli, »aber man kann sich
irren.«
    Joggeli tat wirklich das erhaltene Geld nicht zu dem seinen; den Genuss, mit
Zählen und Sortieren desselben den folgenden Morgen sich zu verkürzen, liess er
sich nicht rauben. Am folgenden Morgen sagte seine Frau: »Schreibe doch dem
Johannes, ehe du was anders anfangst, sonst wird heute wieder nichts daraus; ich
muss es sagen, es wäre mir lieb, wenn die Sache an ihren Ort käme, ds Elisi tut
so wüst, ich halte es nicht lange mehr aus.« »Freilich, freilich,« antwortete
Joggeli, »geschrieben muss werden, aber jetzt muss das Geld gezählt sein, das
wirst doch begreifen! Tue ich es mal weg und komme Uli hintendrein mit Irrtum
oder falschem Gelde, so will er nichts mehr davon und ich habe das Nachsehen,
begreifst?«
    Nun setzte sich Joggeli zurecht zu einem behaglichen, flotten
Privatvergnügen; beide Brillen legte er neben sich, Bleistift und ein Stücklein
weisses Papier ebenfalls, schüttete den Sack aus, reihete das Bild recht
auseinander und begann nun eine vergnügliche Musterung, welche bei der
speziellen Inspektion der einzelnen Stücke anfing. Wo sie geendet hätte, wissen
wir nicht, denn wie Joggeli am besten daran war, erschien unter der Türe die
breite Gestalt von Sohn Johannes. »Ho, da komme ich gerade recht,« tönte es wie
aus einem mächtigen Weintrichter hervor.
    Wenn ein Blitz ins Stübchen gefahren wäre, Joggeli hätte nicht ärger
zusammenfahren können; die bessere Brille fiel auf den Boden und zertrümmerte,
mit beiden Händen fuhr Joggeli über den Haufen her als wie zum Schutze. »Gerade
recht, beim -, komme ich, nie hätte es mir anständiger sein können, einen so
grossen Haufen Geld beisammen zu sehen,« sagte Johannes, »den kann ich brauchen,
mit dem lässt sich was machen.« »Ja, ja,« sagte Joggeli, »glaubs; es weiss ein je,
der was zu machen, einen guten Schick hier, einen guten Schick dort, wenn ich
auch nur mal was davon hätte! Aber ob den guten Schicken komme ich am Ende um
meine Sache, darum will ich nichts mehr von guten Schicken hören, diesmal
brauche ich das Geld selbst; aber eine feine Nase musst haben, dass du so manche
Stunde weit es gerochen hast, dass ich einen Kreuzer Geld im Hause habe.« »Nicht
wahr, Vater?« sagte Johannes, »die Nase ist noch gut, die habe ich noch nicht
versoffen, die muss erst zuletzt an den Tanz. Aber Scherz beiseite, Vater, die
Sache ist die, ich muss Geld haben, um mit Wein zu spekulieren; jetzt ist was zu
machen, gerade jetzt, beim Abzug. Wenn einer jetzt mit Geld ins Welschland
kömmt, so kann er einen prächtigen Schnitt machen, fünfzig Prozente hat er so
gut als einen Kreuzer; ich habe mit einigen Wirten es abgeredet, hineinzufahren,
sie sind gut bekannt, kennen die besten Plätze, aber mit dem Gelde steht es bei
ihnen schlecht; da dachte ich an Euch und komme eben recht, so mit tausend
Talern bar lässt sich schon was machen.«
    Potz Kuckuck, wie speite Joggeli Feuer über diesen Vorschlag! »Meinst, ich
solle einen Geldseckel halten für das ganze Vaterland und mit demselben jedem
Hudelwirte zu Gevatter stehn? Das Geld habe ich schon lange selbst nötig gehabt,
brauche es selbst, habe es verheissen, musste ein ganzes Jahr mit Bangen darauf
warten; es ist der Pachtzins, und kaum habe ich ihn im Hause, so führt dich der
Kuckuck daher, als ob das Geld ein Aas wäre und du ein Fleischvogel. Aber da
wird nichts daraus, gehe zu deinem Schwäher, der tut immer so gross, hat das Maul
voll Gold, soll mal auch die Hand in Sack stossen und dir helfen, es ist an ihm
so gut als an mir; er soll mal zeigen, dass er Geld noch wo anders hat als nur im
Maul.«
    Während der langen Rede strich Joggeli unwillkürlich den Haufen zusammen und
suchte nach dem Sacke, er wähnte wahrscheinlich, wenn es mal darin sei, so sei
es geborgen. Aber Johannes kannte den Vater und die eigene Macht. Potz
Himmeltürke, wie liess er eine Rede fahren, was das von einem Vater gemacht sei,
wenn er dem Sohne vor seinem Glück sein wolle! Was er mit seinem Reichtum
anfangen wolle, mit in den Boden werde er ihn doch nicht nehmen wollen? Der
Schwäher sei nur der Schwäher, einstweilen ein Unflat; tue er aber mal die Augen
zu, so werde er im Ausmetzgen desto besser ausfallen. Dann sei es ja nicht, dass
er das Geld um Gottes willen begehre, er wolle Papier dafür ausstellen, es
genügend verzinsen, wenn es sein müsse. Ja, ja, sagte Joggeli, Papiere hätte er
viele, er könnte drei Jahre die Pfeife damit anzünden, etwas anders würde er
damit wohl nicht anfangen können; jetzt habe er mal Geld, und zu demselben wolle
er jetzt Sorge tragen, und während er sprach, packte er so unmerklich als nur
möglich Geld in den Sack. »Nun,« sagte Johannes kalblütig und klopfte seine
Pfeife aus, »wenn das so gemeint ist und Ihr mir nicht helfen wollt, Wirt zu
sein, wie es sich gehört, so kann ich es anders machen; ich gebe mein Wirtshaus
in Pacht oder verkaufe es, wie es sich besser schickt, komme her und will da
Bauer sein.«
    Das war ein Kernschuss! Joggeli hörte alsbald mit Einpacken auf und sagte:
»Bist doch gleich so aufbegehrisch, man kann nicht mehr vernünftig mit dir
reden; habe ja nie gesagt, dass ich dir nicht helfen wolle, aber alles Geld
fortgeben kann ich doch auch nicht, ich und meine Alte müssen auch leben. Du
glaubst nicht, welch weit Maul eine Haushaltung hat, was man alles kaufen muss.«
»He,« sagte Johannes, »wenn Ihr die Zinse von dem Kapital braucht, welches Euer
Herr Tochtermann Euch eingehändigt hat für verkaufte Vorräte, so kommt Ihr schon
weit damit.« »Schweig mir von dem Lumpenhund, wegen ihm wollte ich dir
schreiben, er bringt mich noch vor der Zeit ins Grab; der Lumpenhund prügelt
Elisi, Elisi läuft fort, ist jetzt hier, verpestet uns das Leben, und er tut
kein Lebenszeichen, lässt das Mensch uns auf dem Halse.« »Warum gabet Ihr es
ihm?« sagte Johannes. »Bin nicht schuld daran,« antwortete Joggeli, »wollen
lieber nicht davon reden. Aber wahrhaftig, das Geld kann ich dir nicht alles
geben, wieviel musst haben?« »He, mit sechshundert Talern liesse sich schon was
machen,« antwortete Johannes. Endlich marktete Joggeli bis auf fünf hundert
Taler hinunter, leerte den Sack wieder aus, zählte sie langsam mit bedenklichen
Seufzern zweg. Johannes sah mit behaglichem Lächeln zu, seit langem hatte er
nicht mit solcher Freude an einer Pfeife gezogen als an der, welche er eben im
Maul hatte. Als Joggeli endlich fertig war, betrachtete er wehmütig den Rest, es
war, als dünke es ihm, es lohne sich kaum der Mühe, denselben wieder in den Sack
zu tun.
    Da ging die Tür auf, und unter derselben stand der Lumpenhund, der
Tochtermann. Wohl, da kam Leben in Joggelis Hände: hui, wie die fuhren nach dem
Gelde und es bergen wollten im Sacke! Aber allzu grosse Eile tut nicht gut, unter
den Tisch, statt in den Sack, rollten die Taler mit grossem Gepolter, und mit
schlauem Lächeln sagte der Baumwollenhändler: »Da treffe ich es doch gut, der
Vater wird was zu teilen geben wollen und ich komme wie gerufen.« Johannes sah
ihn an mit dem Blicke eines Stiers, der einstweilen noch an der Kette liegt.
Joggeli aber sagte, sie hätten zusammen gerechnet und er käme gerade recht, auch
mit ihm hätte er noch zu rechnen, wenn es ihm recht im Kopfe sei. Das sei ihm
ganz recht, sagte der Baumwollenhändler, Besseres wünsche er nicht, gleiche
Kinder, gleiche Rechnung der Herr Schwager werde selbst es billig finden so. Es
hätte ihn schon lange gelüstet, mit ihm abzurechnen, sagte Johannes, besser
treffen hätte er es nicht können. Mit ihm hätte er einstweilen keine Rechnung,
sagte der Baumwollenhändler, es könnte eine Zeit kommen, wo es freilich noch
eine muntere absetzen werde; jetzt wolle er davon nichts sagen, sondern sich an
den lieben Vater halten, der habe dem Herr Schwager Geld zurechtgelegt, er wolle
sich jetzt auch rekommandiert haben, es sei ein Kind wie das andere.
    Nun gab es einen wüsten Lärm, der mehr als einmal in Handgemenge überzugehen
drohte, dass mehr als einmal man Uli zu Hülfe zu rufen drohte, der endlich damit
endete, dass Johannes mit fünfhundert Talern, der Tochtermann mit vierhunderten
davonfuhren, Joggeli nichts übrig blieb als der leere Sack, an dem er seinen
Zorn ausliess, ihn mit seinem Stecken in der Stube herumtrieb, bis derselbe unter
das Bett fuhr, wo er einstweilen in Sicherheit war. Der Tochtermann hatte eine
so gute Handhabe am Geldseckel als Johannes Er drohte Elisi dazulassen, selbst
nachzukommen, da eine kleine Fabrik einzurichten, kurz Dinge, ob welchen dem
Vater und der Mutter die Haare zu Berge stunden und vierhundert Taler ihnen als
ein sehr billig Lösegeld aus so grossen Plagen er, schienen, wenigstens solange
Elisi und sein Mann noch da waren. Aber als die Plagegeister abgefahren waren,
nichts da war als der leere Sack unterm Bette, da kam grosses Elend über Joggelis
Gemüt. Aus den Händen hatte er den Hof gegeben aus den Händen rissen ihm die
Kinder das Geld, nahmen ihm wie mit Gewalt den Löffel, ehe er gegessen hatte!
Das hatte er also vom Verleihen, welches man ihm so herrlich vorgestellt hatte!
Aus dem Regen war er unter die Traufe gekommen. Er hatte nun Ruhe, aber eine
Ruhe vom Teufel, wie er sagte, ob welcher er verhungern konnte, und wer war
daran schuld als seine Frau, welche auch zum Verleihen geraten, dasselbe ihm so
dringlich geraten und gleichsam mit Gewalt erzwungen hatte? Die gute Frau hatte
einen schweren Abend und wusste nicht, sollte sie wirklich bereuen, ein Wort zur
Sache gesprochen zu haben; denn erzwungen hatte sie dieselbe nicht, erzwingen
tat sie ja nie was, nur reden, wie es sie dünkte und wo sie es in ihrer Pflicht
glaubte. Auch das wird dem Menschen oft erleidet und verkümmert, so dass ihm die
Vorsätze kommen, fürderhin zu schweigen und zu keiner Sache mehr was zu sagen.
Wenn solche Vorsätze stichhaltig wären, so hätten die Pfarrer in den Kirchen für
nichts anderes zu bitten als für plötzlich stumm gewordene Weibspersonen, nach
dem Beispiele, welches einst ein Pfarrer gab. Seine Frau war auch zum Vorsatze
des Schweigens gekommen, der Pfarrer, darüber wahrscheinlich geängstigt, da die
verstummte Zunge sonst nicht zu den schweigsamen gehörte, führte am nächsten
Sonntage, wo seine Frau in der Kirche sass, unter den Kranken, welche der
Fürbitte der Gemeinde empfohlen wurden, eine plötzlich stumm gewordene
Weibsperson an. Man sagt, der Erfolg soll wirklich so auffallend gewesen sein,
dass der Pfarrer darüber erstaunt und in grossen Schrecken gefallen. Es ist
allerdings sehr schwer, abzugrenzen zwischen Reden und Schweigen, und unmöglich,
wenn man die Grenze bestimmen möchte nach den Reden eines Joggeli, der in seiner
Schwäche das Beste verkehrte, die besten Ratschläge zunichte machte und dann die
Schuld, dass er wirklich Dornen las von Weinstöcken, Andern zuschob, Schweigen
und Reden beides gleich zum Vorwurf machte. Bei solchen Gemütern entrinnt man
Vorwürfen nimmer, darum muss man tun nach seiner Pflicht und nach dem Masse seiner
Stellung. Ein Mann darf gebieten, ein Weib darf sagen, mahnen, warnen.
    Joggeli gehörte zu den unglücklichen Menschen, welche weder was Gutes
ausführen können noch was Gutes ausführen lassen. Wollte er, was recht war, so
lähmten ihn böse Einflüsse, welche stärker waren als seine Kraft, wollte jemand
anders was Gutes, so stach ihn der alte böse Mensch in der eigenen Seele, dass er
diesem Willen hemmend in den Weg trat und ihn, wenn nicht ganz hinderte, so doch
lähmte. Das sind unglückliche Menschen, ihnen geht alles schief; sie selbst sind
immer Klagens voll, aber sie erkennen nun und nimmer, wie ihr Charakter ein
Gemisch von Schwäche und Bosheit ist, ein bitterer Kelch, aus dem sie und Andere
trinken müssen und der nie leer wird, sondern stets neu sich füllt, weil eben im
Kelch eine lebendige bittere Quelle ist, das dem Eigentümer unbekannte Gemüt.
Alle Leute können nicht Helden sein, aber alle Leute sollten doch zu der
Erkenntnis gebracht werden, dass zwischen unglücklichen Verhältnissen und
Gemütskrankheiten ein wunderbarer Zusammenhang ist, und zu dem ernstlichen
Bestreben, diesen Zusammenhang zu fassen, um namentlich zu der Weisheit zu
kommen, welche nie Ursache mit Wirkung, nie Wirkung mit Ursache verwechselt, nie
die Quelle des Unglücks in der Luft sucht, wahrend sie tief im eigenen Ich
sprudelt.
 
                                Neuntes Kapitel
                           Vom Gemüt und vom Gesinde
Ein Jahr ist nicht alle Jahre, so sagt ein Sprüchwort, die Wahrheit desselben
erfuhr Uli. Es war ein spät Frühjahr, war wetterwendisch Wetter, man musste die
Zeit zur notwendigen Arbeit stehlen, musste in Wind und Wetter, in Schneegestöber
manchmal aushalten, fast wie die Franzosen in Russland. Nun, die waren
diszipliniert, darum schlugen sich noch so viele durch und kamen mit dem Leben
davon. Wäre es lauter undiszipliniertes Volk gewesen, kein Mann wäre aus Russland
gekommen. Nun aber hatte der arme Uli weder alte noch junge Garde, sondern
undiszipliniertes Volk in der Mehrzahl. Das war ein schrecklich Fuhrwerken mit
demselben. Wer hat wohl schon an einer Ziege gerissen, damit sie rascher
marschiere? Der hat es erfahren, wie die Ziege, statt rascher zu marschieren,
mit all vier Beinen verstellt und gar nicht mehr vom Platz will. So geht es auch
mit Dienstboten, welche undiszipliniert sind, sie halten zurück, sie machen
immer langsamer, am Ende gar nichts mehr. Jeder stellt so gleichsam einen
Knittel vor, der sich dem Meister zwischen die Beine wirft, wenn er rascher
zufahren will. Von dieser Widerspenstigkeit wurden allgemach auch die Tagelöhner
angesteckt, es entstand eine heillose Wirtschaft. Uli arbeitete sich ab wie ein
Ross in einer Tretmühle; wie das Rad umgeht, liefen die Tage vorbei, aber wie das
Pferd nicht weiter, kommt, so schien Uli gebannt und nicht vorwärts zu kommen.
Je schlechter man arbeitete, desto mehr klagten die Leute über Ulis
Unverständigkeit, wie man ihm nie genug arbeiten könne, auch wenn man sich quäle
wie ein Hund. Natürlich hatte man immer später Feierabend, Uli immer mehr zu
treiben und zu tadeln, daher die Leute scheinbar Grund zu klagen. Begreiflich
suchten sie den Splitter in Ulis Augen, den Balken im eigenen sahen sie nicht.
Sonst hatte Uli den Sonntag respektiert, Misten, Grasen und sonstige Arbeit
vermieden, war gerne am Sonntag zur Kirche gegangen, hatte ordentlich Appetit
nach Gottes Wort; er hatte die Natur, welcher die Worte des ewigen Lebens wohl
taten, Bedürfnis waren, gleichsam eine Nahrung, welche die Natur verlangte. Wie
aber Nebel in Täler sich drängen allgemach, bis die Täler endlich voll Nebels
sind und unsichtbar die Sonne geworden ist, so drängte sich allgemach die Arbeit
in den Sonntag hinein; er ward finster, das ewige Licht schien immer düsterer,
schien am Ende gar nicht mehr hinein. Was sonst am Samstag gemacht worden war,
ward verlegt auf den Sonntagmorgen, und wenn Uli nicht selbst dabei war, ward es
gar nicht gemacht. Die lumpigsten Knechtlein waren Nachtschwärmer, wie es die
meisten sind, stunden am Sonntag nicht auf, und was Uli darüber sagen mochte, es
half alles nichts, sie hatten keinen Glauben zu ihm, sondern das Vorurteil gegen
ihn, dass allem, was er sage, eigennützige Absichten zum Grunde lägen. Wo das
einmal so ist, hat es gefehlt, da hilft alles Zureden nichts. Bei den meisten
Menschen muss der Glaube es machen, zum Erwägen und Erkennen einer Sache sind sie
untauglich. Dieses fühlen sie dunkel, daher das Misstrauen, namentlich gegen
alle, welche über ihnen stehen, daher die unbegreifliche Hartnäckigkeit, mit
welcher sie das Verderblichste treiben, wenn es ihnen von Leuten eingebläuelt
ist, zu welchen sie den Glauben haben. Die Menschheit steht unendlich mehr unter
der Herrschaft des Glaubens, als man wähnt. Freilich frägt sich dann immer, an
wen man glaubt. Je nachdem die Gemüter sind, hat ein Glaube Gewalt über sie, wie
die verschiedenen Stoffe verschieden empfänglich sind für das Licht, daher auch
in verschiedenen Farben sich darstellen. Nur kann nie genug gesagt werden, dass
der Glaube nicht abhängt von Verstand oder Bildung. Bei Verstand oder Bildung
findet man sehr häufig eine Glaubensweise oder eine Leichtgläubigkeit, welcher
jeder Christ sich schämen müsste. Es gibt sogar Gelehrte, welche glänzende Examen
gemacht, sie verachten die Evangelien, aber sie schwören mit einem wahren
Köhlerglauben zu den Kollegienheften eines versoffenen Professors.
    Ulis Knechtlein ists also nicht zu verargen, dass sie das Heilsame in seinen
Ratschlägen nicht begriffen, dieweil sie halt keinen Glauben zu ihm hatten. Aber
Uli ist zu bedauern, dass er sich den Sonntag rauben liess, gleichsam so
unvermerkt, wie Diebe die Börsen stehlen sollen, denn war er vormittags nicht in
der Predigt, kam er nachmittags noch viel weniger in die Kinderlehre, kam aber
auch zu keinem Buche. Nachmittags musste er irgendwo aus, wo er an den
Arbeitstagen sich nicht Zeit nahm, einem Handwerksmann nach oder um eine Kuh aus
oder wollte Geld von einem Müller für Korn oder einem Wirte für eine fette Kuh.
Es war immer etwas zu laufen, und manchmal lief er sich ausser Atem und ward doch
nicht fertig.
    Man glaubt aber nun gar nicht, was das für einen Einfluss auf ein Gemüt hat,
wenn kein Lichtstrahl von oben es mehr erleuchtet, kein Himmelsbrot es mehr
kräftigt, die Dornen und Disteln des Lebens es überwuchern, die Sorgen und
Gedanken um Gewinn und Gewerbe es dichten Nebeln gleich umschleiern. Man denke
sich eine wilde Kluft, in welche die Sonne nie scheint, aus welcher die Nebel
nie weichen, man denke sich, was da wächst, was da kriecht und flattert; man
denke sich das grausige Leben, wenn man gebannt würde in eine solche Kluft, da
leben müsste in den Nebeln unter dem giftigen Gezüchte und ohne Sonne, nicht
einmal sich heben dürfte empor über den Rand der Kluft, nicht einmal mehr den
Kopf recken könnte über die Nebel empor in frische, gesunde Luft hinein! Ähnlich
nun ist es, wo der Geist des Herrn nicht über den Wassern schwebt, das Wort von
oben nicht mehr die Sonne ist, welche die Nebel niederschlägt, wo im Dunkeln
kriechen und wachsen kann, was dem finstern Gemüt entwächst, was die Welt
ablagert in das finstere Gemüte. Man denke sich doch, wie es werden muss, wenn
die Gedanken, welche dem Leibe entstammen, die Empfindungen, welche Hass und Neid
gebären, die Sorgen, welche das Gefühl der eigenen Ohnmacht emportreibt, die
Kümmernisse ums tägliche Brot und des äusseren Daseins Bestand alle bleiben,
kriechen und schleichen durchs Gemüte, wie es da frostig und finster und
unheimlich werden, was da für ein Leben sich gestalten muss, wenn des Herren Wort
die Empfindungen nicht läutert, Kümmernis nicht verscheucht, die Gedanken und
das Trachten nicht nach oben zieht, wenn es immer und immer nur tönet: Was
werden wir essen, womit werden wir uns kleiden, wie kann ich meinen Bruder
übervorteilen im Handel, wie kann ich mich rächen, mich erhöhen, ihn
erniedrigen? Eine unerhörte Verkümmerung der Gemüter wird täglich sichtbarer,
die Bande der Liebe und der Verwandtschaft faulen und lösen sich, das Hohe und
Edle bleibt unbegriffen, ungesucht. Begeisterung wird lächerrlich, Selbstsucht
zur Sittlichkeit, und woher wohl das? Weil die Sonne fehlt, die den Nebel
niederschlägt, weil das Wort fehlt, welches die Seelen speiset, die Liebe
zeuget, zum Himmel zieht.
    Diesen Wandel bei Uli fühlte niemand schmerzlicher als Vreneli. Es tat ihm
vor allem weh, dass die Sonntagsruhe von der Glungge wich, das Getümmel der
Arbeitstage nicht verstummte, das rechte Feierkleid, so glänzend rein und schön
Haus und Hof nie mehr so recht angezogen wurde. Wie Uli auch trieb und selbst
zuweilen Hand anlegte, so recht aufgeräumt wurde nicht mehr, Zeit und Hände
fehlten; Zeit und Hände mussten immer mehr da verwendet werden, wo ihr Tun was
eintrug. Aber mehr noch grämte sich Vreneli wegen der Verdunklung von Ulis
Gemüt. Seine Gedanken waren bloss auf Gewinn und Gewerb gerichtet. Sinn für was
anderes zeigte sich immer weniger, immer weniger konnte Vreneli ein hoher,
besser Wort mit ihm reden, auf der Stelle war er bei Haushaltungssachen und dem,
was in Mein und Dein einschlug. Er hatte selten Zeit mehr, das liebliche Mädchen
auf den Knieen zu schaukeln oder auf den Armen ums Haus zu tragen, und machte
ein ärgerliches Gesicht, wenn zuweilen sich jemand mit ihm versäumen musste, was
doch bei einem so jungen Kinde nicht anders möglich war. Ja manchmal schien es
Vreneli, als sei Uli bereits auf dem Punkte angekommen, wo man nicht mehr frägt:
Was ist recht vor Gott und macht das Herz nicht schwer, wenn es noch heute
gestorben sein muss?, sondern: Wie komme ich am weitesten und was trägt mir am
meisten ein? Das ist ein so gewöhnlicher, gemeiner Standpunkt und es stehen so
viele Menschen darauf, dass man es nicht einmal merkt, auf was man steht und wer
darauf steht. Vreneli stund aber nicht auf diesem Standpunkte. Ehrlich währe am
längsten, daran glaubte es, und für unehrlich hielt es, was man nicht gern
hatte, dass es einem in Handel und Wandel angetan würde. Es sah zu seiner Sache,
nahm gerne einen guten Preis dafür, über, vorteilte jedoch niemand, hing niemand
was Schlechtes für was Gutes an. Es hatte die ganz sichere Ansicht, dass bei der
Ehrlichkeit der grösste Vorteil sei. Betrüge ich jemand, so hütet sich der vor
mir und sagt es noch Andern. Gebe ich ihm die Sache recht und gut, so kömmt er
wieder und sagt es Andern. So habe ich guten Absatz und gerne gibt man mir, was
ich fordere. Ich möchte mir nicht nachreden lassen, dass ich jemand verkürzt
hätte, sei es Reich oder Arm, so kalkulierte Vreneli. Uli im Nebel seines
Treibens verlor die Fassungskraft für diese Grundsätze, sein Gesichtskreis zog
sich zusammen, er begann dafür zu halten, dass ein Spatz in der Hand besser sei
als eine Taube auf dem Dache, dass man nicht einen Kreuzer nach einem Taler
werfen solle, indem man leicht um beides kommen könne, dass jeder heute machen
müsse, was er könne, dieweil er nicht wisse, ob morgen noch ein Tag für ihn sei.
Das ist die kurzsichtige Politik kurzsichtiger Menschen, welche nie an die
Folgen denkt, eine Politik, an welcher so unendlich Viele verarmen an Leib und
Seele, eine Politik, welche jedoch durchaus nicht zu verwechseln ist mit dem
Ausspruch des Herrn: Sorget nicht für den morgigen Tag! Es ist genug, dass jeder
Tag seine eigene Plage habe. Der führt uns bloss zu Gemüte, dass wir uns nicht
kümmern sollen um das, woran wir nichts machen können, was aus Gottes Hand
alleine kommt, dass wir trachten sollen nach dem Reiche Gottes und seiner
Gerechtigkeit, also darum uns kümmern sollen, das Rechte zu tun, in allen Dingen
den Willen Gottes zu vollbringen wie die Engel im Himmel, dass zu uns komme sein
Reich, dass geheiligt werde sein Name.
    Es schien Vreneli, als ob es kalt werde um ihns. Es war ihm, wie es dem
Frühling sein muss, wenn er, in der Liebe der Sonne aufgeblüht, allmählich
abnehmen fühlt der Liebe Wärme, kalte Winde um ihn wehen, eisig, tödlich der
Reif sich naht; wie es der Erde sein müsste, wenn feindselig unwiderstehlich eine
Macht ihr ins Herz dringen würde und dort ausblasen wollte mit eisigem Munde die
Feuer, welche des Herrn Hand selbsteigen sich angezündet auf dem aller,
heiligsten der Altäre, auf dem Herzen der Erden. Die Sterne über seinem Leben
schienen erbleichen, sein Leben sich gestalten zu wollen zum Leben eines Hundes
in einer Tretmühle, wo die Tage umgehen, aber das Trippeln und Trappeln alle
Morgen neu angeht in gleicher Pein und gleichen Ängsten, bis am Abend die
Glieder steif geworden und die Ruhe gesetzliche Notwendigkeit. Es war nicht die
Arbeit, welche Vreneli beschwerlich fiel, es war die Atmosphäre, in welcher die
Arbeit verrichtet werden sollte. Mit erfrornen Fingern macht man keine Knoten
auf, mit erkältetem Gemüte wird Leichtes schwer verbracht. Liegt wohl hier ein
bedeutender Teil der Schuld, dass Arbeit so schwer wird, die Klagen darüber so
laut, die Sucht nach blossem Genuss so mächtig, der Neid gegen Begünstigtere so
giftig, die Menge oben und unten so weichlich? Sehr möglich, dass der Dunstkreis
des Gemütes der Arbeit so günstig ist bei uns wie der Dunstkreis in Grönland
Äpfeln und Birnen, von Trauben wollen wir nicht einmal reden.
    Es ging schwer und alle Tage schwerer, das fühlte Vreneli wohl und mit alle
Tage grösserem Schmerze. In Beziehung auf den Landbau gehörte das Jahr zu den
mühseligen zwar und doch zu den gesegneten. Es gibt solche Jahre zuweilen, wo
man alles so mühsam stehlen muss, und wenn man am Ende alles übersieht, so hat
man einen reichen Segen gewonnen, Jahre, wo unser Herrgott das ganze Jahr
hindurch es selten jemand recht macht, ein beständiger Jammer ist, es sei nicht
gut, es komme nicht gut, und am Ende ist alles wohl geraten, alles gut gekommen,
und jedermann muss sagen: Es ist doch gut, dass ein Anderer als ich das Wetter
macht und dass unsere Gedanken nicht seine Gedanken und unsere Ungeduld nicht
seine Ungeduld ist. Uli machte mehr als hundert Taler mit Raps oder Reps, mit
Klee und Flachssamen, hatte eine Masse überflüssiger Kartoffeln, war glücklich
im Stall gewesen; er hatte das Meiste selbst besorgt, so dass er aus Sachen,
welche man sonst eben weniger rechnet, eine bedeutende Summe löste. Es lässt sich
mit solchen Pflanzungen aller Art viel machen, aber sie brauchen fleissige Hände.
Sie nehmen Leute und Zeit in Anspruch, und wo man ohnehin von beiden zu wenig
hat, schaden sie mehr, als sie nützen. Man versäumt entweder sie oder die
Hausarbeiten, und nichts ist beim Landbau nachteiliger als unrechte Zeit und
schlechte Arbeit. Was man an der Arbeit spart, muss man doppelt und dreifach am
Lande büssen, manchmal alsbald, manchmal erst nach zwei, drei Jahren. Das nun
fasste Joggeli ins Auge und behauptete, Uli nutze ihm den Hof aus und so sei es
keine Kunst, Geld zu machen. Wenn der Hof dann nichts mehr abtrage, so gebe er
ihn ihm wieder an die Hand und er könne zusehen, was damit machen; er ward
hässig darüber, er sagte, er hätte es auch machen können, wenn er gewollt, aber
er hätte nicht das Haus zum Fenster aus werfen wollen; die, welche ihm zu einem
Pächter geraten, sollten jetzt kommen und sehen, wie es ihm ergehe: geraubet
werde ihm das Geld, verhunzet das Land, und wer sich das alles müsse gefallen
lassen und froh sein, wenn man ihm nicht noch die Kleider nehme, das sei er,
Joggeli, der Glunggenbauer.
    Aber neben diesem grossen Verdruss hatte er doch auch seine grosse Freude, und
diese Freude erwuchs ihm aus dem Missgeschick, welches Uli mit seinem Gesinde
hatte. Es war ein edler Stoff. Ulis alter Meister, der Bodenbauer, hatte ihn
belehrt über die Bedeutung, welche ein guter oder böser Name für einen Knecht
oder eine Magd hat, und dieses hatte Uli vollkommen begriffen, darnach gelebt
und den Erfolg erfahren. Nun hätte der Bodenbauer Uli auch Vorlesungen halten
sollen über den Wert des guten oder bösen Namens für Meisterleute, das hatte er
leider unterlassen. Wahrscheinlich dachte er, Uli werde die allgemeine Regel
auch auf sein neu Verhältnis anwenden können, aber im Anwenden, insbesonders auf
sich und seine eigenen Verhältnisse, sind nicht alle Leute stark. Gar viele
haben es wie der Vogel Strauss, der, wenn der Jäger ihm an der Ferse liegt, den
Kopf unter einen Flügel steckt und meint, der Jäger sehe ihn nun so wenig als er
den Jäger. Überhaupt haben die meisten Menschen die Meinung, sie seien gerade
recht, wie sie seien, und wer anders sei als sie, der sei nicht recht. Diese
Meinung findet man auf allen Stufen der Gesellschaft, sie macht sich geltend in
allen Lebens, gebieten, vom absoluten Staate weg bis ins Bettlerhandwerk hinein.
Einem Absoluten oder einem mit absoluter Meinung von sich selber kömmt es nie
in Sinn, dass er nicht den rechten Namen habe, dass er mit besonderer Vorsicht für
einen guten zu sorgen hätte. Von solch absoluter Gesinnung sind nun unendlich
viele Meisterleute, es fällt ihnen nicht ein, dass in der Masse der Dienstboten
jedes Haus, jeder Meister und jede Meisterfrau einen viel ausgeprägtern Namen
haben als Dienstboten unter den Herrschaften. Es ist unter den Dienstboten ein
viel grösserer Zusammenhang, ein viel inniger Zusammenhalten als unter den
Herrschaften. Ach Gott, wenn so manches gute, liebe Frauchen wüsste, wie sie
betitelt wird unter dem Gesinde, wie schwarz ihr Name angeschrieben stünde in
der Weltgeschichte der Gesindestube, welch schrecklich dumme, lächerliche
Geschichten man ihr nacherzählte, sie kriegte sicherlich Ohnmachten. Sie meint
es nicht böse, aber sie hat keinen Begriff von diesen Verhältnissen, darum
tölpelt sie darin so schrecklich herum. Es ist merkwürdig, wie dumm die Leute
sind, besonders die Gebildeten. Da lassen sie zum Beispiel ihre Töchter bilden,
mit grosser Not und Geld, im Ausland und im Inland, in Klöstern und Pensionen,
mit Gouvernanten und Tanzmeistern, damit der Tölpel abgeschliffen werde, damit
sie sich in gebildeter Gesellschaft, in Salons und auf Dampfschiffen ohne
Anstoss, aber mit Anstand leicht und angenehm bewegen könnten. Denn, wohl
gemerkt, dies müsse gelernt sein, sagen sie, und eingeübt, von selbst gebe das
sich nicht; so viel Verstand haben sie und richten ihre Töchter zum einfachen
Teeservieren zum Beispiel monatelang ab. Aber so viel Verstand haben sie nicht,
zu begreifen, dass man auch das Bewegen nach unten, in Gesindestube und Küche,
erlernen und einüben muss, dass man da mit Anstand und taktfest sich bewegen
lerne, nicht tölpelhaft werde und verhöhnt von Spandau bis Magdeburg. Man glaube
es doch nur, es kömmt unendlich mehr Elend ins Haus, ins Gemüt, ins tägliche
Leben, wenn die Herrschaft, namentlich die Frau, taktlos und tölpelhaft in der
Küche und unter dem Gesinde hantiert, als wenn sie linkisch im Salon tut und
eben nicht graziös sich zu beugen und zu neigen weiss. Ach Gott, wie manches
gute, liebe Frauchen sah dies nach Jahren, nachdem sie unsäglichen Jammer
ausgestanden, ein Elend geschluckt hatte, ein zehnmal grösseres als Napoleon im
Feldzug von Russland, endlich ein, lernte, was sie versäumt hatte, suchte gut zu
machen, den Ruf zu verbessern, aber wie lange versuchte sie dies umsonst! Ein
guter Name geht in Augenblicken verloren, ein schlechter wird in Jahren nicht zu
einem guten. Ist bei einer Herrschaft, welche nicht im guten Geruch steht, eine
Stelle leer, so melden sich diejenigen nicht, welche etwas auf ihrem Rufe
halten. Ein guter Knecht hält sich für hundertmal mehr als ein schlechter
Meister und es tief unter seiner Würde, bei ihm sich zu melden, er findet
überall sein Fortkommen. Es meldet sich also lauter mittelmässig oder schlecht
Zeug, und auch dieses tritt mit vorgefasster Meinung ein. »Da mache nur, was du
willst, und lass dich nicht kujonieren; da bleibst doch nicht lang, da ist noch
Keins lange geblieben,« heisst es in allen Ecken. Ja, so ein Mägdlein würde es
für eine eigentliche Schmach halten, wenn es länger bliebe als die Andern, und
was es während der kurzen Zeit der Madame zu schlucken gibt und für Ärger macht,
wer spricht es aus, wer schreibt es nach! Und dies alles rühmt es als
Heldentaten beim Brunnen, beim Bäcker, beim Fleischer, und wenn es beten täte
würde es dasselbe sagen, es Gott rühmen, so verdienstlich kömmt es ihm vor. Dass
endlich dabei das Gemüt eines Meisters oder einer Meisterfrau versauert und
verbittert, wen will das wundern, Was ist dies für ein Dabeisein; Wir fragen.
Aber kann es anders kommen, wenn man mit solchen Vorurteilen in ein Haus kömmt,
oder wer will von ungebildeten, rohen Menschen erwarten, dass sie alsbald
Misstrauen und Vorurteile ablegen, die Verhältnisse sehen, wie sie sind? Wer will
das Aufgeklärten zumuten? Jeder neue Dienstbote erneuert also den alten Ruf, ob
mit Recht oder Unrecht, das untersucht niemand mehr, man nimmt es als einmal
gegeben an, als ein fait accompli, frischt also damit das alte Elend neu auf,
und fast unmöglich wird es beim besten Willen, diesem Ruf bei Lebzeiten noch ein
Ende zu machen.
    Daran hatte eben Uli nicht gedacht und musste es erfahren, hatte nur eines im
Auge gehabt; musste erfahren, wie es einem geht, der nur nach den Sternen am
Himmel guckt und nicht auch auf die Steine im Wege. Uli hatte den Karrer
fortgejagt, den Melker einmal geprügelt, er hatte die Ruhe eines
altaristokratischen, gewiegten Bauern noch lange nicht. Kaum ein Bauer verstund
die Arbeit besser als er, war befähigter zu befehlen, und das machte ihn am
zornigsten, dass sein Gesindel dieses nicht einsehen wollte, sondern ihn immer
betrachtete als seinesgleichen, dass wenn er was befahl, mit groben Zügen auf
ihren Gesichtern zu lesen war: Du bist nicht mehr als wir, warum solltest du das
besser wissen?, dass sie so gar keinen Respekt vor ihm hatten, mit seiner Sache
umgingen, als wäre sie die ihre, als hätte er gar nichts darnach zu fragen. Er
erfuhr, was es heisst, Knechte und Mägde dressieren; der Faden seiner Geduld riss,
und nach jedem Riss war es schwerer, ihn zusammenzuknüpfen. Immer weniger
Komplimente machte er mit seinem Gesindel, wie er es nannte. Es seien deren wie
Sand am Meere, welche froh seien über solchen Dienst und gerne was lernten; er
wolle besser auslesen, da habe er gefehlt, sagte er. Aber der fortgejagte
Karrer, der geprügelte Melker, Andere, welche fort sollten, Tagelöhner, welche
es mit den Dienstboten gehalten und die Uli entlassen, alle kriegten Mäuler wie
Trompeten und verschrien Uli zehn Stunden in der Runde, als ob er Hörner hätte
auf dem Kopfe, Krallen an den Fingern und Klauen an den Füssen, und logen
nebenbei noch klafterhoch, dass man eigentlich darüber hätte stolpern können.
Aber es glaubten dieses die Bauern gerne, denn Uli gehörte nicht zu ihnen, hätte
aber gerne werden mögen, was sie; es glaubten es die Dienstboten gerne, weil er
einer war, der sich über sie er, heben wollte, und weil es alle gerne glaubten,
so glaubten sie es um so fester.
    So war der Zudrang zu Ulis Dienst nicht halb so gross, als er gedacht. Die
Besten kamen nicht, weil er nur Pächter war. Man sage, was man will, im Grunde
des Herzens sind alle Menschen Aristokraten, denn so hat sie unser Herrgott
geschaffen. Bei einem Bauer dient der Knecht, der sich für einen Pächter zu gut
glaubt, bei einer Herrschaft eine Magd, welche für ihr Leben nicht eine
Bauernmagd gewesen wäre, und wenn ein Dienstbote sich was Gutes zu Gemüte führen
oder sich recht rühmen will, so sagt er: Er habe in lauter vor, nehmen Häusern
gedient, nur so zu gemeinen Bürgersleuten hätte man ihn mit keiner Gewalt
gebracht. Die Zweitbesten schreckte der böse Ruf ab. Man sage, ein Jahr sei bald
um, meinten sie, aber wenn man es in der Hölle zubringen müsse, so strecke es
sich, dass man verzweifeln müsse, das Ende zu erleben; einmal hätten sie es schon
erfahren, probierten es ferner nicht.
    Bloss unter den Drittbesten hatte Uli auszulesen. Ja, da ists schwer auslesen
und was Gutes treffen! Diese Drittbesten zerfallen zumeist in zwei Abteilungen:
die erste besteht aus angehendem Volke, undisziplinierter Miliz; zu vergessen
ist dabei nicht, dass die besten Angehenden nicht unter diese Klasse gehören. Die
besten machen ungefähr den Kurs durch, den Uli machte. Die zweite Abteilung der
dritten Klasse wird aus denen geschaffen, welche was Unrichtiges haben, daher in
nächster Nähe nicht Dienst finden, sondern ihr Heil weiter suchen müssen. Sie
kennen mehr oder weniger den Dienst, wissen sich als Gediente darzustellen,
haben aber was an sich, welches nicht jedermann liebt: die Einen haben zu lange
Finger, Andere zu weiten Schluck, zu langen Durst, Andere zu langsame Beine,
Andere ein zu geläufig Maul, Andere zu heissen Zorn, Andere zu heisse Liebe, kurz
was, welches nicht passt und namentlich für einen Meister sehr unbequem ist. Das
Ding, welches nicht jedermanns Sache ist, ist in der Nähe bekannt geworden, sie
müssen daher ihre Platze in der Ferne suchen, wohin ihr Ruf noch nicht gedrungen
ist, müssen vorlieb nehmen mit allem, was sie finden. Solche unbeliebige
Eigentümlichkeiten sollten von Rechtswegen in Zeugnissen bemerkt oder wenigstens
angedeutet sein, denn wofür hat man eigentlich Zeugnisse? Aber gerade hier ist
ein fauler Fleck im ganzen Verhältnis, und eine Meisterschaft schmiert die
andere auf das schmählichste an.
    Ein solches Zeugnis soll entalten den Ausdruck der Zufriedenheit oder
Unzufriedenheit mit einem Dienstboten; die Gründe von beiden sollen, wenn auch
nicht ausdrücklich bemerkt, so doch angedeutet sein. Denn ein Zeugnis soll
Wahrheit entalten, es wird als Wahrheit bezeugt durch Namensunterschrift, man
soll dazu stehen können mit einem Eide. Diese Zeugnisse wurden eingeführt um der
Meister und der Dienstboten willen. Einem Hausvater darf und soll es nicht
gleichgültig sein, wen er in sein Haus aufnimmt. Jeder Mensch hat seine
Bedeutung in einem Hause, trägt mehr oder weniger zur Stimmung des Hauses bei,
kann vergiftend und verpestend des Hauses grösstes Unglück sein, ein Laster
einschleppen wie ein Pestkranker die Pest. Darum will ein Hausvater wissen, wen
er in sein Haus aufnimmt. Wenn derselbe Fehler hat, so kann er vor denselben
sich in acht nehmen, aufpassen, bessern, Bedingungen stellen usw. Die Zeugnisse
sind aber noch wichtiger für die Dienstboten selbst. Wenn ein Knecht weiss: Ich
verdiene in diesem Jahre nicht bloss den Lohn, sondern auch ein Zeugnis, und zwar
eines nach der Wahrheit, akkurat wie ich mich aufführe, ein gutes oder ein
böses, so kommt dieses seiner Schwachheit zu Hülfe, lehrt ihn aufpassen, stärkt
seine Kräfte. Sie sind, was dem Studenten seine Examen, Promotionen und daherige
Testimonien sind. Ach, wir sind gar armselige, schwache Geschöpfe! Mit allen
möglichen Mitteln muss man unserer Schwachheit aufhelfen, uns auf klepfen aus
unserer Faulheit und Selbstvergnüglichkeit und dahin bringen, dass wir unsere
Tage mit Weisheit zählen, damit wir Erfahrungen ins Herz bringen. Dienstboten
haben solche Stärkungen wohl so nötig als Studenten. Leichtsinn und
Gedankenlosigkeit kömmt über das rohere Gesindel wohl so häufig als über
gebildete Jünglinge, welche denn doch täglich geistige Speise zu sich nehmen.
Und wie oft schleicht sich die Bosheit ein, welche die Herrschaft absichtlich
plagt, mit Vorbedacht allen möglichen Schabernack ihr antut und weder durch
Bitten noch Drohungen sich abwendig machen lässt! Wenn nun rechte, wahr, hafte
Zeugnisse wären, wenn jeder Dienstbote wüsste: was er treibt, kömmt in die
Rechnung, ins Zeugnis, und da steht es geschrieben und bleibt geschrieben, bei
jedem neuen Meister muss ich mich ihretwegen entschuldigen und kann den Fleck
nicht tilgen, sondern bloss durch gute spätere Zeugnisse bedecken, so gleichsam
annullieren: es würde gar Mancher grössere Aufmerksamkeit auf Tun und Dienst
verwenden, würde allmählich zu einem tüchtigen Wesen heranwachsen, zu
selbsteigenem Nutz und Frommen. Es würde wirklich ganz anders aussehen in der
Gesindewelt.
    Nun aber ist das Ding verpfuscht, die meisten Zeugnisse sind untreu, lügen
an, wer sie liest, und warum? Vor allen Dingen wahrscheinlich aus einem gewissen
Mitleiden, einer falschen Barmherzigkeit. Das Mensch weinte, flehte, bat, man
möchte ihm doch verzeihn, es nicht unglücklich machen, seine Sünden ihm nicht im
Zeugnis verewigen, es wolle sich gewiss und wahrhaftig bessern. Die weichen
Meisterherzen liessen sich bewegen, dachten, es wäre doch wirklich hart, das
Mensch unglücklich zu machen, ihm sein Lebtag mir ein paar Buchstaben so schwer
zu schaden, und bedecken die Menge der Sünden mit dem Mantel der Liebe. Und das
Mensch geht triumphierend mit dem schönen Zeugnis ins neue Jahr hinein, treibt
sein wüstes Wesen fort, denkt, mit einer Stunde Heulens erpresse es zuletzt doch
wiederum ein gut Zeugnis, und eine Stunde zu heulen gehe ihm doch allweg viel
leichter, als ein ganzes langes Jahr hindurch gut zu tun. Es lebt sein schlecht
Leben wohlgemut und trotzig fort, verschanzt sich keck hinter seine guten
Zeugnisse, macht die Schanze alle Jahre um ein Zeugnis stärker und höher. Sagt
ihm eine Meisterfrau was, so brüllt es ihr ins Gesicht, wie manch gut Zeugnis es
habe, wie es allentalben wohl angewesen, es allen habe treffen können, nur ihr
alleine nicht! Aber man kenne sie wohl, sie sei bekannt von Spandau bis
Magdeburg, und wenn ein Engel vom Himmel käme, keine Stunde könnte er es ihr
recht machen! Die Meisterfrau gibt wiederum ein prächtig Zeugnis, sie denkt, sie
wolle doch nicht allein die Böse sein; hätten die Andern die schönen Worte über
das Gewissen gebracht, so werden sie ihr das ihrige auch nicht abdrücken; besser
sei es, sie bringe das Mensch im Frieden fort als unter Donner und Blitz, der
ihr zündend in Galle oder Nerven fahre, oder dass sie gar noch mit ihm vor den
Richter müsse. Das Mensch aber hebt triumphierend das Stück Papier empor und
sagt: »Es kömmt Euch wohl, dass Ihr Verstand gebraucht und mir ein Zeugnis
gegeben, wie ich es verdient und mit den andern Zeugnissen beweisen kann. Das
waren brave Leute, welche sie ausgestellt, es wäre wohl gut, es würde keine
schlimmern geben. Es kömmt Euch wohl, sonst hätte ich es probieren wollen, ob
noch Gerechtigkeit sei auf der Welt, es gibt Gottlob noch Richter, welche
wissen, was Recht ist.« Das Mensch wusste wohl, worauf es pochte, denn es gibt
wirklich viele Richter, welche aus Grundsätzen der Humanität allen Mägden recht
geben gegen ihre Meisterleute, und es gibt Richter, welche ganz besondere
Vorliebe zu schlechten Menschern haben und streng an den christlichen Grundsatz,
wie sie sagen, sich halten: Wer viel liebt, dem wird viel vergeben werden. So
kommt das Mensch denn endlich dahin, dass es sich selbst für ein Tugendmuster
hält, denn es hat es ja schriftlich und mehr als ein dutzendmal, und wenn es
endlich in Laster und Not untergeht, so schreit es über die schlechte Welt, und
wenn es so schlecht hätte sein wollen wie die Andern, so wäre es ihm auch besser
ergangen. Was für eine Gerechtigkeit auf Erden sei, habe es erfahren, wenn im
Himmel keine bessere sei, so -. So geht es mit falschen Zeugnissen, und so
wirken sie.
    Aber, wird man schreien, soll man Menschen zeitlebens unglücklich machen?
Was, sind nicht ebenso viele oder mehr schlechte, boshafte, niederträchtige
Meisterleute als Dienstboten? Soll es dann in Willkür stehen, arme Unschuldige,
welche vom Schicksal ohnehin so hart geschlagen sind, dass sie dienen müssen,
zeitlebens um ihr einzig Eigentum zu bringen, um den guten Ruf, sie zeitlebens
unglücklich zu machen usw. usw. Es ist eine so herrliche Teilnahme für alle
Armen, Unterdrückten, Geplagten, Gestraften aufgetaucht, dass es uns gar nicht
wundern würde, wenn man nächstens auf den Richtstätten Altäre errichten, die
Gebeine der Gefangenen als Reliquien verehren und Galeerensklaven und andere
Zuchtäusler als Priester bei diesem neuen Dienste anstellen würde. Wir geben
gerne zu, dass es schlechte Meisterschaften gibt, aber deswegen soll man mit dem
Bade nicht das Kind ausschütten wollen. Es ist akkurat das gleiche
Humanitätsgeschrei, welches, weil mal einer unschuldig gestraft worden, nun
niemand mehr gestraft wissen will. Entweder keine Zeugnisse oder wahre, entweder
oder, und das Weitere Gott überlassen. Das ist auch eins von den vielen Dingen,
worüber die Weisen dieser Welt hundert Jahre disputieren und prozedieren können,
ohne klug zu werden darüber, und welches den Unmündigen geoffenbaret ist, welche
da recht zu tun suchen in kindlicher Treue und niemanden scheuen als Gott.
    Bei Uli meldete sich also die dritte Klasse in beiden Abteilungen. Der Buben
hatte er satt, er wandte sich mehr der zweiten Abteilung zu. Freilich wusste er,
dass es in dieser oft nicht sauber sei. Er inquirierte streng, besonders warum
man so weit herkomme und nicht lieber in der Nähe des früheren Wohnortes bleibe,
Da erzählte ihm dann Einer, er sei vor seiner Meisterfrau niemals sicher, er
habe siebenmal Strengeres ausgehalten als Joseph, und wenn er in der Nahe sich
aufhalte, so laufe er Gefahr, dass sie am hellen Tage ihm nach, laufe. Ein
Anderer erzählte von Verwandten, welche an ihm saugen, denen er den ganzen Lohn
opfern müsse. Wenn er in die Welt gehe, hoffe er Ruhe zu finden vor ihnen. Ein
Dritter hatte seinem Meister ein Schelmenstücklein ausgebracht oder ihn daran
verhindert, jetzt sage er nicht bloss alles Schlechte von ihm, sondern er sei
selbst seines Lebens nicht sicher. Eine Magd weinte bitterlich, welche
Nachstellungen sie erleiden müsse wegen ihrer Schönheit. Vor keinem Manne sei
sie sicher, selbst der Ammann, der siebenzig Jahre alt sei und dreizehn
erwachsene Kinder habe, laure ihr auf, deretwegen hassten sie alle Mädchen und
die Weiber noch viel verfluchter. Darum wolle sie fort, so weit die Beine sie
tragen möchten, vielleicht dass an einem anderen Orte brävere Leute angetroffen
würden. Dass unser Herrgott sie so schön erschaffen und nicht wüster, dessen
vermöge sie sich nichts. So viele dieser Tugendbilder kamen, die um ihrer
Gerechtigkeit willen verfolget wurden. Uli dachte, alles könne doch nicht
erlogen sein, er wisse ja selbst am besten, wie es gehe, wenn man dienen müsse.
Aus dieser Klasse wählte er sich sein Volk, mit der grössten Vorsicht, aber auch
mit Sparsamkeit, mit dem Lohne hielt er nieder. Er dachte, wenn es ihnen so
daran gelegen sei, weiter zu können, so werde der Lohn ihnen nicht die
Hauptsache sein. Das sagten sie denn auch, ein paar Taler täten sie nicht
ansehen, es sei ihnen nur darum zu tun, weiterzukommen, und er sei ihnen
besonders angerühmt; da könnte man was lernen, und es heisse auch, er habe
Verstand. Das tat Uli wohl, dem guten Uli! Wäre der dreissig Schritte von seinem
Hause hinter einem Kirschbaume gestanden oder im nächsten Wirtshause gesessen,
so hätte er was ganz anderes gehört. Er hätte gehört, wie so ein Knechtlein
gesagt hätte, er hätte Unglück gehabt, sein Meister habe ihn versäumt; so sei er
dienstlos geworden und es sei ihm, wenn er nur wieder mal abstellen könnte für
einstweilen. So sei er zum Pächter in die Glungge gekommen, derselbe hätte von
ihm gehört und ihm Bescheid machen lassen. Gedinget hätte er endlich, aber
gefallen habe es ihm nicht, dort sei sein Bleiben nicht. Es sei ein hoffärtig
Wesen, man sollte meinen, wer sie seien, und doch sei er nur Knecht gewesen und
sie eine Uneheliche. Nun, einige Wochen könne er schon dort sein derweilen könne
er dem Mannli den Hochmut vertreiben.
    Worte sind Münzen. Wie es Kinder gibt, welche das Geld nicht kennen und
unterscheiden lernen können, denen man fast ihr Lebtag Zahlpfennige anhängen
kann, so gibt es noch viel mehr Menschen, welche ihr Lebtag nie dahin kommen,
die Worte richtig zu würdigen. Das gilt namentlich mit dem Renommieren und
Aufweisen, Grosssprechen und Schmeicheln oder mit dem Rühmen seiner selbst oder
Anderer. In dieser Beziehung klebt ein unheilbarer Unverstand den Menschen an,
halt eine Familienkrankheit von Mutter Eva her. Der Ruhmredige macht schnellen
Eindruck, der Demütige findet erst in die Länge Gnade.
 
                                Zehntes Kapitel
          Wie bei einer Taufe Weltliches und Geistliches sich mischen
Noch ehe der zweite Lehnzins gegeben werden sollte, er, hielt Vreneli das zweite
Kind, und diesmal einen munteren Buben. An diesem hatte Uli sehr grosse Freude,
er rechnete schon, wie schnell er ihn brauchen könne, was er ihm ersparen werde,
nur war er noch ungewiss, ob er ihm als Karrer oder Melker erspriesslichere
Dienste leisten werde. Die Gevatterschaft gab auch diesmal viel Redens, Uli und
Vreneli wurden lange nicht einig; endlich musste Vreneli nachgeben, Uli hielt ihm
den Hagelhans vor. Es handelte sich absonderlich um die beiden Paten; die Gotte
ward einhellig erwählt in der Schmiedin, welche Vreneli noch weitläufig verwandt
war. Die Paten waren Wirt und Müller, mit welchen Uli im Verkehr stand, aber
nicht zu Vrenelis Freude; es war ihm immer, als könnten die Uli verderblich
sein, als suchten sie ihn in ihre Gewalt zu erhalten, um ihn auszubeuten. Ihre
zärtlichen Worte schienen ihm eben falsche Münze zu sein. Der Wirt war ein
dicker, schwerer Mann, jeder Zoll an ihm ein Zentner Holdseligkeit, mit welcher
man eine grosse Stadt voll saurer Engländer hätte süss machen können. Die
Freundlichkeit ist die freundlichste aller Tugenden, hat unter allen das
lieblichste Gesicht, sie ist der Schlüssel zu allen Herzen, sie ist eine
erquickende Essenz, erscheine sie am Krankenlager oder im Gesellschaftszimmer,
bei der Magd im Schweinestall oder bei dem Regenten auf dem Trone; sie wird
viel zu wenig beachtet, viel zu wenig bei den Kindern darauf gesehen, tausendmal
des Tages sollte man daran erinnern. Gott gibt sie den begabtern Menschen
umsonst, aber desto wüster ists, wenn sie auf Gewinn ausgelegt wird, benutzt,
wie man den Honig braucht, wenn man Fliegen fangen will, mit ihr auf Menschen
spekuliert, mit durch sie gewonnenem Zutrauen Wucher treibt, Gewinn und Gewerbe,
dem Anderen ablockt, was er hat, mit der grössten Gewissenlosigkeit, unbekümmert
darum, hängen die Betrogenen sich, springen sie ins Wasser oder gehen sie
einfach und simpel zu Grunde.
    Eine Person der Art war unser Wirt; mit schlauem Verstand, kaltem Herzen und
holdseligem Wesen hatte er ein schönes Stück Geld verdient. Wer mit ihm handeln
wollte, dem tat es im Herzen wohl, und seine Worte schienen viel besser zu sein
als anderer Leute bares Geld. Er hatte eine grossherzige Weise, die Leute
glücklich zu machen. »Sieh, weil du es bist, gebe ich dir einen Gulden mehr. Die
Sache ist mir recht, da braucht man nicht Kummer zu haben, man kriege seine
Sache nicht oder schlecht; ja, wenn alle wären wie du, dann könnte man handeln.
Sieh, du bist mir zu hoch im Preise, aber weisst du was? Versuche, was du lösen
kannst, halte die Sache feil, wem du willst; sieh, was dir geboten wird, und
einen Gulden mehr als der Höchstbietende will ich dir geben; es kann Keiner
geben was ich, ich habe den Absatz und Leute an der Hand, welche zahlen, welche
um eines Kreuzers willen nicht reden, bis sie Löcher in die Zunge kriegen,
reiche Leute, und wenn sie schon nicht auf den Tag zahlen, von wegen sie sind in
gar vielen Dingen, so kömmt es dann zusammen, da gibt es Haufen Geld; du magst
mir es glauben oder nicht, mein Rösslein hat mich manchmal übel erbarmet, wenn es
heimziehen musste.« Nebenbei war er auch den meisten Weibern lieb. Er kannte das
Handwerk des Flattierens aus dem Grunde und wusste ihnen so zärtlich in die Augen
zu gucken, dass sie die Fusse nicht mehr stillehalten konnten unterm Tische. Ihn
vorzüglich hasste Vreneli. »Du wirst dich mit ihm abgeben, bis du einen Schuh
voll herausnimmst,« sagte es oft zu Uli.
    Den Müller hasste Vreneli etwas weniger, doch immer noch genug, um ihn nicht
zum Götti zu wollen. Er hing sich auch an Uli, war alle Augenblicke da, war
nicht ganz mit Honig bestrichen, doch wusste er sich auch zu rühmen und zu
ködern, dass Uli ihn für einen trefflichen Freund hielt. Bald holte ihn der
Müller, um ein Pferd zu besehen, bald sollte er ihm eine Kuh kaufen helfen: das
kenne niemand wie Uli, bald holte er einige Malter Getreide und sagte, er müsse
es haben, er solle für diesen oder jenen Bäcker besonders schönes Mehl haben,
und Korn wie bei Uli fände er nirgends, er wolle es ihm dann aber auch darnach
bezahlen, sobald sie mit einander rechneten. Das wusste er immer ganz
vortrefflich zu karten, dass sie mit einander in Rechnung blieben, von welcher
Rechnung er beständig auch sprach, sehr selten aber sie zum Abschluss machte,
sondern immer so, dass etwas auf neue Rechnung blieb. Es ist wirklich auch nichts
Bequemeres im Handel, als wenn man immer sagen kann: »Ich zahle dir das jetzt
nicht, es geht zum Andern; behalte alles gut in Rechnung, die Sache wird sich
dann schon finden.«
    Wenn Vreneli Seufzer über solche Rechnungen ausstiess, so sagte Uli: »Sieh,
dies verstehst du nicht, die Sache findet sich, und was brauche ich einstweilen
Geld Es ist mir sicherer dort, als wenn ich es daheim hätte, ich begreife gar
nicht, was du wider die Männer hast, und weisst doch, wie kommod sie uns kommen
und wie da nie Nein ist, man mag wollen was man will. Gehe ich zum Wirt, so
bringe ich das beste Fleisch, Wein, wie er sagt, wie man ihn sonst nirgends
findet, nimmts mit Gewicht und Mass nicht spitz, meint nicht, dass ich jeden
Schoppen zahlen müsse. Ein Fass hat er uns zum Einbeizen geliehen und mir
hundertmal gesagt, wenn ich was mangle, sei es Tag oder Nacht, so solle ich nur
herkommen, er zürne, wenn ich an einen andern Ort gehe, und wenn niemand
gegenwärtig sei, nur nehmen ungeniert, was ich bedürfe; einen behülflicheren
Mann habe ich nirgends angetroffen, solche Leute sind rar, wo man sie findet,
muss man Sorge zu ihnen tragen. Ich muss sagen, es freut mich allemal, wenn ich
ihn sehe, und wenn ich schon nur Pächter bin, so schämt er sich meiner doch
nicht. Er hätte noch Keinen so wie mich angetroffen, hat er mir schon manchmal
gesagt, wenn ich so fortfahre, werde es nicht lange gehen, so sei ich Bauer
trotz einem. Beim Müller ist es gerade so; fehlt mir Spreuer, so sind für mich
da, wenn für niemand sonst da sind, mit Pferdefutter ists auch so und um einen
Preis, wie ich es sonst nirgends bekomme; aus dem Getreide lässt er mir gehen,
was Keiner sonst. Mein Lebtag habe ich gehört, es sei nichts kommoder auf der
Welt als gute Leute, zu solchen müsse man mehr Sorge tragen als zum Brote. Ich
kann gar nicht begreifen, was du gegen sie hast.« »Ja, Uli, gute Leute sind
kommod, das haben wir am besten erfahren, ohne gute Leute wären wir nicht, wo
wir sind,« antwortete anfangs Vreneli, »aber es ist auch ein grosser Unterschied
zwischen guten Leuten und guten Leuten. Es gibt gute Leute, welche einem
aufhelfen und am besten sich zeigen, wenn man in der Not ist, und es gibt Leute,
welche gut scheinen, solange sie jemand ausnutzen können, und ist er
ausgenutzet, so lassen sie ihn hängen wie eine Spinne die Fliege im Netz, wenn
sie ausgesogen ist. Wenn die es gut meinten, sie wären nicht halb so
schmeichelhaft und machten dir den Kopf so gross. Mit der Dienstfertigkeit gehe
mir, ich möchte doch wissen, wer mehr dienet, ob sie dir oder du ihnen Haben sie
je was zu fahren oder ein Pferd nötig, so stehn sie vor der Türe, und wie viel
sie dir dafür geben, weisst du; es steht zu verdienen, werden sie dir sagen, und
hast was nötig, so sprich auch zu! Leiht man ihnen etwas, einen Wagen oder ein
Wertzeug, so geben sie es nicht wieder, und lässt man es endlich holen, so ist es
entweder nicht da oder es weiss niemand, wo es ist, oder es ist zerbrochen und
wir haben die Kosten, es ausbessern zu lassen. Ein alter Pfarrer hat immer
gesagt: Fründ wie Hünd, und die mahnen mich wohl daran. Du wirst es aber wohl
noch erfahren, ob ich recht habe oder nicht.«
    Uli dachte, es sei doch eine verfluchte Sache mit der Eifersucht der Weiber.
Stelle man dem Weibervolk nicht nach, so erstrecke sie sich auch auf das
Männervolk, und am Ende dürfe man mit niemand mehr reden als mit seinem Weibe
und dem Hund, doch mit diesem nur halblaut. Das dürfe er nicht aufkommen lassen,
und jetzt sei ein Anlass, zu zeigen, wer Meister sei. Der gute Uli hatte was
läuten hören, und das ist das Verfluchteste, wenn man was läuten hört, aber
weder weiss, woher das Läuten kömmt, noch was es bedeutet. Die Weiber sind
eifersüchtig, das versteht sich, und zuweilen nicht bloss auf Mannsvolk und
Weibervolk, sondern wirklich auch auf Hund und Katze. Nun ist es mit dieser
Eifersucht wirklich wunderlich. Eigentliche Eifersucht halten wir kaum durch
äussere Mittel zu heilen, weder durch Reizungen noch durch die strengste Treue.
Reizungen machen Krämpfe, und je offenbarer die Treue ist, desto verdächtiger
erscheint sie der Eifersüchtigen, scheint Deckmantel von was Geheimem. Diese
Eifersucht kann bloss von innen heraus geheilt werden, und zwar bloss durch den
Sinn, der von oben kommt, der den Splitter in des Nächsten Auge nicht sieht,
aber den Balken im eigenen, der Misstrauen hat in die eigene Tugend und nicht in
die der Andern, der durch Liebenswürdigkeit zu gewinnen und festzuhalten sucht,
was ein schnödes Wesen behandelt wie ein Kind eine Uhr: sie zernichtet, zerstört
und doch fordert, dass sie in regelrechtem Gange gehe und die Stunden gehörig
zeige.
    Dann aber wird wirklich Manches Eifersucht geheissen und als Eifersucht
ausgelegt, was es nicht ist. Wenn eine Frau den Mann vor Menschen warnt, sei es
männlichen oder weiblichen, wenn sie ihn nicht gern tagelang herumlaufen sieht
oder ganze Nächte schwärmen lässt, so kann dieses sehr edle Beweggründe haben:
Sorge um den Bestand des Hauswesens, Sorge für die Kinder, Sorge für Ehre und
Wohlergehen des Mannes selbst. Wir halten dafür, dass bei Vreneli die letzteren
Gründe alleine vorwalteten und nicht wirkliche Eifersucht. Wir halten Eifersucht
immer als den Ausbruch des Bewusstseins der eigenen Schwäche oder der eigenen
Unliebenswürdigkeit, und nun müssen wir sagen, dass Vreneli kräftiger im
Charakter und liebenswürdiger in seinem Wesen war als Uli, dass wir daher Vreneli
nicht der eigentlichen Eifersucht untertan glauben. Uli nun aber nahm es
freilich so, wollte ein Exempel statuieren und erzwang die beiden Paten. Dass bei
Vreneli nicht Eifersucht im Spiel war, hätte er daraus sehen können, dass Vreneli
darüber nicht wüst tat, nicht schmollte. Billig und recht wäre es eigentlich,
dass eine Mutter, welche das Kind geboren, in derlei Dingen das erste Wort haben
sollte, aber wenn er es erzwingen wolle, nun so dann in Gottes Namen, so solle
er es. Er werde die Leute schon kennen lernen, nur dauern tue es ihns, dass das
arme Bubi zwei solche Paten haben müsse, von denen es einst denken werde, wenn
es nur niemand wüsste, dass sie ihm zu Gevatter gestanden. Die kindliche Freude an
Ehrenhäuptern, welche man zu Paten habe, sei doch so schön und eine gar mächtige
Kraft in kindlichen Gemütern. Aber in Gottes Namen, die Base habe gesagt, man
solle nichts erzwingen, sondern denken, was geschehe, sei sicher gut für etwas,
und wenn man es recht nehme, diene es zum Besten. dabei musste es aber an den
Hagelhans im Blitzloch denken und fragen: Es nehme ihns nur wunder, was da Gutes
herauskommen werde, dass er des Mädchens Götti sei, derselbe hätte nichts von
sich hören lassen. Aber strenge sei es doch, dachte das Weibchen, dass es an
keiner Gevatterschaft so eine rechte, vollständige Freude haben solle.
    Am Tauftage selbst hätte man von dieser Stimmung nichts bemerkt, denn
kreuzlustig war die Gesellschaft und kurz, weiliger hätte es nicht zugehen
können. Die Drucke, worin die Schnurren und lächerlichen Erzählungen aufbewahrt
liegen im Gedächtnis der Menschen, war aufgesprungen. Erzählungen, eine lustiger
als die andere, jagten sich; Joggeli lachte laut auf und die Base fuhr ein über
das andere Mal mit der dicken Hand über die Augen, wischte die Tränen aus,
welche das Lachen hineingetrieben, und bat um Gottes willen, man solle doch
aufhören, es versprenge sie sonst. Mit diesen Drucken ists wunderlich, denn es
gibt deren mehrere in der Schatzkammer der Seele; da ist zum Beispiel die
Liederdrucke, die Gespensterdrucke, die Krankheitsdrucke, die Liebesdrucke und
die grosse Grümpel- oder Plauderdrucke. Diese letztere ist immer bei der Hand,
offen fast Tag und Nacht, ohne Boden wie der Himmel, und entält alles, was wir
vom Nächsten gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, gefühlt, gedacht, gemeint,
vermutet und geglaubt haben. In dieser kramt man beständig herum, gibt auf die
freigebigste Weise zum Besten, was man in die Hände kriegt. Die andern Drucken
dagegen liegen verwahrt und verschlossen, man merkt ihr Dasein oft die längste
Zeit nicht. Dann, wie von einem Zauberstäbchen berührt, springt die eine der
Drucken bei einem Menschen plötzlich auf, und hervor quillt der Inhalt, und
allgemach gehen bei allen Anwesenden die gleichnamigen verschlossenen Drucken
auf; ihr Inhalt quillt herauf, mischt sich mit dem Strome der Andern. Und wo
dieses Quellen mal begonnen, ist es schwer zu stillen; mit schwerem Seufzen
schliessen diese Drucken sich wieder, denn gross war die Wonne, solang die Quellen
rannen, es war wie ein Säuseln aus der Ewigkeit, in welchem die rinnende Zeit,
die ganze Gegenwart vergessen wird, und je schauerlicher der Inhalt der Drucken
ist, desto grösser die Wonne, desto mächtiger, er, greifender das Säuseln aus
einer andern Welt.
    Es war aber sonderbar, bei Vreneli wollte die Drucke mit den lustigen
Geschichten nicht aufspringen, obgleich es auch eine hatte und zwar eine grosse
und wohlgefüllte. Wenn den Andern die Lachtränen die Augen füllten, waren die
seinigen auch voll, aber eine unerklärliche Wehmut hatte sie heraufgetrieben,
und wenn die Base bat, man möchte um Gottes willen schweigen, das Lachen
versprenge sie sonst, hätte es auch so bitten mögen, aber aus dem
entgegengesetzten Grunde. Die Wehmut stieg ihm auf, es wusste nicht woher, warum.
Als sie da war, machte es entsprechende Gedanken hinein, wie ein Lehrer
Buchstaben oder Zahlen auf eine schwarze Tafel oder eine Dame Menschen, Vieh und
sonst allerlei auf sogenanntes Beuteltuch, ein gelöchert Zeug, welches vornehme
und andere Damen mit schönen Dingen flicken. Nicht unkommod wäre es für manchen
Mann, wenn seine gelöcherten Strümpfe zuweilen geflickt würden und nicht einmal
mit schönen Dingen, sondern mit simplem Baumwollengarn oder ebenso simplem
flächsernem Faden. So machte Vreneli sich auch Gedanken und dachte: Es sei doch
eigentlich nicht recht, an einem Taufrage so liederlich und lustig zu sein, das
sei keine Weise für ein christlich Kind zu einem christlichen Leben. Wenn das
lustige Leben dem Kinde nur nicht angetan werde, dass es auch meine, es müsse
sein Lebtag so zugehen in Saus und Braus, in Lust und Lachen. Vreneli war
himmelweit von einer Kopfhängerin, aber Vreneli war ein Weib, welches was auf
Ahnungen hielt und meinte, man könnte sich versündigen, dieses oder jenes könnte
einem nachgehen und die Sünden der Eltern kämen bis in das zweite und dritte
Geschlecht. Es war weit entfernt zu glauben, man sollte an einem Tauftage nicht
fröhlich sein, nicht was Gutes essen und trinken, aber doch alles so in einer
ehrbaren Gsatzlichkeit, so dass man der ganzen Gesellschaft es ansehe, dass sie
Christen seien und zur Ehre Gottes gleichsam essen und trinken täten und nicht
so wie eine liederliche Wirtshausgesellschaft, welche keinen andern Zweck hat,
als sich lustig zu machen. Es wusste der Sache eigentlich keinen rechten Namen zu
geben, und es wäre in grosse Verlegenheit gekommen, wenn es hätte beschreiben
sollen, was ihm nicht recht sei und wie es es eigentlich haben möchte.
    Nur eines wars, was es bestimmt nennen konnte und um welches endlich alle
seine Wehmut zusammenlief und sein Glaube, dass man sich versündige und das Kind
es einst büssen müsse, sich klammerte, und zwar Folgendes. Als es später war und
die Schmiedin von Aufbrechen sagte, was bekanntlich immer eine geraume Zeit vor
dem wirklichen Aufbruch geschieht, sagte der muntere Wirt: Man solle noch
warten, er hätte da noch was, das müsse man versuchen, dann wisse man erst, was
Wein sei. Er zog nun Champagner, Haschen hervor, welche er unvermerkt
herbeigeschmuggelt hatte. Nun wehrte man von allen Seiten, er solle doch nicht
aufmachen, man hätte bereits zu viel getrunken und was er doch denke, so
köstlichen Wein! Eben, sagte er, müsse man den trinken, wenn man vom andern
genug hätte, der mache einem dann ganz wohl wieder und leicht, dass es einem
dünke, man möchte fliegen. Und als man von den Kosten sagte und wie solcher Wein
nicht in ein Bauernhaus gehöre, so sagte er: Darüber sollten sie sich keinen
Kummer machen, allweg koste er sie nichts, ihn hätte er auch nichts gekostet
oder doch nicht viel. Er hätte in Frankreich einen guten Freund, einen ganz
charmanten Herrn, einen so freundlichen, der gemeinste Bauer könnte nicht so
gemein sein mit allen Leuten. »Wenn er zu uns kommt, so isst er, ihr mögt es
glauben oder nicht, mit uns an einem Tische, wo die Kinder essen und Knechte und
Mägde. Dem komme ich manchmal kommod, er handelt mit Kühen, Rossen, Kirschgeist,
kurz mit vielen Sachen. Es ist ein gar grausam vornehmer Herr« (die Base
flüsterte Vreneli, der und der Tochtermann werden einander wohl kennen), »aber
nicht ganz fest mit der Sprache, da muss man ihm zuweilen zurechtelfen. Die
Leute sind gar unverschämt, man glaubt es nicht, und wenn sie ihn betrügen
könnten, sie täten es, und noch dazu Leute, man glaubt es nicht. Aber das tue
ich nicht und das sieht er wohl und erkennts auch. So schickt er mir alle Jahre
was Gutes und dieses Jahr einen Korb Champagner. Man hat ihn in Körben, der Korb
entält fünfzig Flaschen, und ihr mögt es mir glauben oder nicht, drinnen
angenommen, kostet die Flasche geringsten zwei Gulden. Es ist aber auch Wein,
der König in Frankreich wäre froh, wenn er solchen kriegte. Aber er kriegt ihn
nicht, der wird heillos betrogen, der Herr hat es mir erzählt. Dieser Wein sei
nur für gute Freunde, hat mir der Freund gesagt. Auf meine arme teure, wenn er
zu uns kommt, er klopft mir den ganzen Tag auf die Achsel, und wie oft er mir
mon ami, das ist auf deutsch mein guter Freund, sagt, könnte kein Mensch
zählen.« Beiläufig gesagt war an der ganzen Geschichte nicht ein wahres Wort.
Jedenfalls war der Wein nicht aus Frankreich, sondern aus dem Waadtlande, wo man
auch Champagner fabriziert, aber Champagner, der so schwer im Kopfe liegt wie
dreijähriges Sauerkraut im Magen. Nun aber war es gar schön, wie der Wirt mit
der Flasche umging, mit welchem schmunzelnden Behagen er zeigte, wie die
zugemacht sei. Und dann werden sie noch was hören, sagte er. Bedenklich ward
sein Gesicht, als der Pfropf gelöst, es ans Knallen gehen sollte, aber es lange
zweifelhaft blieb, ob es wirklich knallen werde oder ob es nur eine der vielen
Waadtländer Flaschen sei, welche ein Gesicht machen, als ob sie knallen konnten,
und am Ende doch nicht knallen. Doch endlich sprang der Pfropf, es knallte
wirklich, ja, und mit glücklichem Gesichte sah der Wirt rundum, stillschweigend
fragend: »Habt ihr je so was gehört?« Und mit grossem Behagen führte er sich alle
Verwunderung zu Gemüte, welche er auf den Gesichtern sammelte, und prägte sie
tief in sein Gedächtnis, um gelegentlich sie hervorzunehmen und zu zeigen, wie
die Verwunderung aussehe, welche man einmal in einem Bauernhause gemacht, als er
Champagner habe springen lassen.
    Das nun schmerzte Vreneli sehr, dass man am Tauftag seines armen Bubli solch
köstlichen Wein trinke, zwei Gulden die Flasche, von dem man sagte, dass ihn der
König von Frankreich nicht einmal so trinke. Das arme Kind vermöge sich dessen
nichts, und doch werde es diesen gottlosen Aufwand mitbüssen müssen, denn Hochmut
komme vor dem Falle. Sie hätten kein Vermögen, die Andern nicht viel mehr, und
da könne man doch denken, ob das gut kommen könne, wenn solche Leute solchen
Wein trinken wollten, wo sie ja nicht einmal den Verstand hätten, zu wissen, ob
er gut sei oder nicht. »Wenn bei Leuten, wie wir sind, solch Aufwand getrieben
wird, was sollen erst die Leute anfangen, welche tausendmal reicher als wir
sind? Einer, der mit solchem Weine kömmt, dem fehlt es entweder im Kopf oder es
weiss der Teufel, was er im Sinn hat, allweg nichts Gutes, und wir können den
verfluchten Wein vielleicht einmal noch ganz anders bezahlen als zu zwei Gulden
die Flasche.« Es fand auch den Wein bitter, ganz abscheulich, während die Andern
ihn nicht genug rühmen, freilich heimlicher unwillkürlicher Grimassen sich nicht
entalten konnten. Es ist allentalben Sitte, gut zu finden, was kostbar ist,
und schlecht, was wohlfeil ist und was man alle Tage haben kann. Darum sind so
schrecklich viele Leute so schrecklich unglücklich, dieweil sie so schrecklich
dumm sind, dass sie meinen, sie müssten auch alles Schlechte haben, was viel
kostet, und das Gute verachten, dieweil es wohlfeil ist. Da ist unser lieber
Herrgott gescheuter, und es wäre gut, wenn all unsere dummen Leute ein Beispiel
nehmen würden an ihm und so gescheut werden würden, wie er es ist. Er hat die
Kartoffel so wohlfeil gemacht, das Brot nicht teuer, lässt Kraut wachsen, mehr
als Manchem lieb ist, lässt die Kühe süsse Milch geben, und Schlächter lernen das
älteste Kuhfleisch als kräftiges Ochsenfleisch verkaufen, lässt den Ärmsten die
kühnsten Zähne wachsen, das nahrhafteste Fleisch zu verarbeiten. Was meint man
wohl, wenn unser Herrgott den Armen Austern, Schnecken, Frösche, Konfitüren,
Bittersüsses samt chinesischen Vogelnestern und passabler Limonade wohlfeil
gemacht und darauf sie angewiesen hätte? Wäre man wohl da, bei, oder würde man
schreien über schreckliche Ungerechtigkeit? Was kriegten die Armen bei den
wohlfeilen Fröschen und Schnecken, Limonaden und Polnisch Bittern für dünne
Wangen und lasterhafte Zähne! Wie würden sie doch wieder schreien nach den
teuren Kartoffeln und dem unbezahlbaren Schwarzbrot! Aber so ist halt die Welt,
hat das ganze Paradies und will halt nichts als Äpfel vom schlechten Baume, an
welchen man sterben muss. So hatten sie es auch in der Glunggen, gränneten über
den waadtländischen Göttertrank und rühmten ihn doch über die Massen und redeten
ihr Lebtag davon, sie hätten Champagner gesehen und sogar davon getrunken.
Vreneli allein sagte, es finde ihn nit e Tüfel nutz und man solle ihns ruhig
lassen damit. Der Wirt tat sehr gekränkt. »Musst eine wunderliche Zunge haben,«
sagte er, »daneben will ich niemand zwingen, es wird schon jemand sein, der ihn
nimmt,« und darin täuschte er sich wirklich nicht. »Mag sein,« sagte Vreneli,
»dass ich nicht weiss, was gut ist, daneben bin ich froh darüber. Mich dünkt gut,
was ich habe und was wir vermögen und Gottlob alle Tage, solange wir gesund
sind. dabei bin ich wohl und habe Ursache, Gott zu danken. Es dünkt mich, ich
möchte es nicht anders, denn was hätte ich davon, wenn mich die Krankheit
ankäme, nur das gut zu finden, was ich nicht hätte und nicht vermöchte, eine
Gluste, die ihre Zunge in allem haben möchte, was man selbst nicht hat, aber
Andere. Habe von dieser Krankheit schon gehört, aber bis dahin geglaubt, sie sei
bloss eine vornehme Krankheit. Sollte sie aber auch unter das gemeine Volk
kommen, wie es den Anschein hat, dann gnade Gott den armen Menschen, dann adiess
Zufriedenheit, dann wird der Teufel Meister.«
    Endlich brachte es die Schmiedin doch zum Aufbruch, obgleich der Wirt sagte:
So sei es in der Welt, wenn es am lustigsten gehe und es einem am besten
gefalle, so müsse man aufprotzen und fort. Früher hätten sie bloss so Flausen
getrieben wie etwa an andern Orten auch, jetzt aber wäre das Predigen
angegangen, das wäre was Neues gewesen; es hätte ihn wunder genommen, dies zu
hören, es scheine ihm, die Frau Gevatterin könnte es noch besser als mancher
halbsturme Pfaff. Er müsse sagen, mit dem, was sie da von der Kanzel runter
pralatzgeten, könne er hell nichts machen, er verstehe nichts davon, und in
diesen Zeiten, wo man nicht mehr so dumm sei, werde es den Meisten so gehen; es
nehme ihn wunder, ob er es nicht erlebe, dass das Zeug ganz aufhöre.
    Vreneli ward blass, da sagte die Base, sie hätte auch schon gehört, dass
solche Dinge geredet würden, selbst sei sie aber nicht dabeigewesen und habe es
nicht glauben wollen; jetzt wisse sie es, es wäre ihr aber lieber, sie erführe
es nicht noch einmal. »Dir, Wirt, wird es auch noch anders kommen, entweder hier
oder dort. Wie es dir dann sein wird, wenn du draussen stehst und klopfst und
hören musst: Ich kenne dich nicht, selb wirst dann erfahren, aber leider wird es
zu spät sein. Aber eins will dir sagen: wenn im Winter Stein und Bein gefroren
ist und so recht eisig der Wind durch die dicksten Kleider zieht bis ins Mark
hinein, und es steht ein arm Bettlerkind im dünnen Kleidchen zitternd vor deiner
Türe und bittet um Gottes willen, dass man ihns hineinlasse, nur einen
Augenblick, um sich zu wärmen, es müsse sonst erfrieren, und man tut ihm die
Türe nicht auf und von innen her, aus tönt eine Stimme: Packe dich fort! Wir
kennen dich nicht, denk, wie es dem armen, bebenden Kinde sein muss, denk, Wirt!
Und doch findet es nicht weit davon eine andere Türe und einen barmherzigeren
Hausvater, sterben muss es noch nicht. Denk, wenn du aber einmal so vor der Türe
dort stehst, zitternd, und klopfst und hörst: Ich kenne dich nicht, so ist keine
Türe für dich, kein barmherziger Hausvater, es ist der Allerbarmer, der dich
nicht kennen will; denk, wie wird dir dann sein?« »Ich sehe, die Glunggebäuerin
kann das Predigen auch, und wenn unser Pfarrer abgeht, so brauchts keinen
Pfarrer mehr, eine von euch oder abwechselnd könnt ihrs auch machen, und
vielleicht macht ihrs besser und wohlfeiler als der jetzige. Es will niemand
rühmen, dass er ein sehr Geschickter sei, daneben frage ich dem nicht viel nach;
lieb ists mir allweg, dass meine Frau auf das Predigen sich nicht so versteht, es
könnte mir missfallen! Nun so dann, so wollen wir,« schloss der Wirt, der jetzt
zum Aufbruch sehr bereitwillig sich zeigte, den Predigten wollte er entrinnen
und sein Champagner war zu Ende. »Die Flaschen nehme ich wieder mit,« sagte er,
»oder braucht ihr sie zu was?« Seine Freigebigkeit hatte ihre Grenzen, wie man
sieht.
 
                                 Elftes Kapitel
     Von einer Falle, welche Uli abtrappet, aber diesmal noch ohne Schaden
Joggeli hatte das ganze Jahr hindurch Verdruss gehabt mit seinen Kindern; der
Tochtermann betrachtete sein Elisi wie ein Schröpfhörnchen, wenn er Geld nötig
hatte, setzte er es dem Vater auf den Hals. Der Johannes dagegen kam selbst
angefahren mit Gepolter und Schnauben und holte seinen Teil unter Donner und
Blitz. Jedesmal, wenn eine solche Operation vornüber war, Joggeli in Schmerzen
lag und Lust zu einer Ohnmacht hatte, verschwor er sich hoch und teuer, das
müsse die letzte sein, möge es gehen wie es wolle, bei Lebzeiten gebe er keinen
Kreuzer mehr. Und wenn sie wieder kamen, so ging es doch wieder und Joggeli
musste sich am Geldseckel operieren lassen, er mochte sich winden und drehen, wie
er wollte. Als nun die Verfallzeit des Lehnzinses heranrückte, welche Sohn und
Tochtermann kannten so gut als er, war er in grosser Verlegenheit, was machen.
Sollte er an Uli wachsen und versuchen, ob derselbe nicht eine Woche oder zwei
früher zahlen wolle, oder aber dass er warten solle, bis der Sturm abgeschlagen
sei mit dem Vorwande, der Pächter habe nicht bezahlt und könne nicht bezahlen?
Beides hatte seine zwei Seiten; kriegte er den Zins früher, so hatte er ihn
also, und das ist immer schön, wenn man einmal was hat, aber was dann machen? Im
Hause durfte er das Geld nicht behalten, und brachte er es unter, so musste er
angeben, wo es sei. Sage er das, so ruhten die Hagle, Gott verzeih mir meine
Sünde, nicht, bis sie es haben. »Das ist ein Elend,« jammerte er. Sage er Uli,
er solle nicht bezahlen auf den Termin, so sei das wohl gut, aber dann habe Uli
das Geld und nicht er, könnte es ihm weiss Gott wann geben und vielleicht gar ein
Recht daraus machen und alle Jahre später kommen mit dem Zins, bis er ihm
zuletzt gar keinen gebe. Darauf könne er es also nicht ankommen lassen,
kalkulierte er.
    Endlich schoss ihm ein Blitzgedanke durch das Haupt, er rieb mit
vergnüglichem Gesichte die Hände und dachte: Für solche Gedanken zu kriegen, muss
man Joggeli in der Glungge sein. Man könnte manches Dorf aus laufen, ehe man
einen fände, dem beifiele, was ihm. Der gute Joggeli war noch nicht zu der
Erfahrung gekommen, was Einfälle, auf die man sich am meisten zugute tut, für
Schwänze haben! Er dachte, er wolle Uli sagen, derselbe solle ihm den Zins acht
Tage zum voraus geben, denselben wolle er gehörig in Sicherheit bringen, und
wenn dann seine Blutsauger kämen, sagen, im Einverständnis mit Uli, Uli habe
noch nicht bezahlt, er werde den Zins einstweilen nicht geben können. Er trug
seinen Gedanken alsbald seiner Frau vor. »Was Tüfels ersinnest du aber Dummes,«
sagte ihm diese, »das kömmt nicht gut, zähle darauf.« »Ich wüsste eigentlich auch
nicht, wann du etwas gut gefunden hättest, was mir beigefallen, es war von
Anfang so und wird so bleiben bis ans Ende.« So sprach Joggeli in zornigem
Brummen, drehte sich und ging ab, ging zu Uli und trug ihm den Handel vor. Uli
war das sehr zuwider. Er glaube, sagte er, das Geld könne er geben, aber mit dem
Verleugnen wollte er lieber nichts zu tun haben. Man könne am Ende nicht wissen,
was das für Folgen haben könne, jeden, falls begehre er keinen Streit mit den
Beiden, denn wenn sie ihm etwa auf den Hals steigen und wüst sagen würden, so
nehme er dies nicht gelassen hin. »Habe nicht Kummer,« sagte Joggeli, »ich will
das schon machen, und Folgen hat es keine, gebe dir eine gesetzliche Quittung
und schreibe es als, bald ein. Es ist ein blosser Gefallen, dich kostet es nichts
und mir ists ein grosser Dienst, und etwas wirst mir doch auch tun wollen, oder
meinst etwa, es wäre nicht recht?« Uli fügte sich, Vreneli hatte nichts dawider,
begehrte bloss über den Alten auf, der immer was erlisteln wolle und Andere
hineinstossen und doch nichts ausrichte, weil er keinen Mut hätte, sondern
allezeit das Herz in den Hosen.
    Uli musste ans Rechnen gehen vor der Zeit, und das war ihm sehr zuwider,
nicht deswegen, weil er dachte, es könnte der Pünktlichkeit schaden, wenn er
acht oder vierzehn Tage vor der Zeit die Rechnung schliesse. Nein, daran dachte
er gar nicht; so einen Ketzer von Rechnung könne man ja stellen, wie man wolle,
einige Wochen vorwärts oder rück, wärts, wie man wolle, darauf komme es nicht
an, wenn es ihm so recht sei. Akkurat wie er mit dem Zeiger seiner Uhr auf zehn
oder zwölf fahren könne, je nach seinem Belieben, weil es ja seine Uhr sei und
niemand weiters angehe. Aber solch Rechnen war ihm zuwider, solch Rechnen, nicht
alles Rechnen, denn er rechnete eigentlich, wo er ging und stand, wir hätten
fast sagen mögen, alle seine Gedanken hätten sich ins Rechnen aufgelöst; aber er
rechnete im Kopf, was dieses ihm eintragen, jenes kosten würde, wie viele Malter
er aus jenem Acker machen, wieviel Flachs, wieviel Reps usw., was er davon
beiseitelegen und was er brauchen müsse, das ging ihm fort und fort im Kopf
herum akkurat wie ein Mühlrad, kam ihm im Traum vor, machte ihn zuweilen
glücklich, zumeist aber steinunglücklich. Er wollte halt reich werden, viel
gewinnen, stellte daher alle seine Rechnungen auf Gewinn, dachte hauptsächlich
bloss an die Einnahmen, Ausgaben sah er nicht und dachte nicht daran. Die
Einnahmen sieht der Landmann vor sich in Äckern und Wiesen, die Ausgaben kommen
ungesinnet; zerbrochene Wagen, abgesprengte Rosseisen fallen nicht zum voraus
ein, und an eine Masse von Haushaltungsausgaben denkt ein Mann, namentlich ein
junger, nicht. Alle diese ungesitteten Ausgaben verdarben immer die Rechnung, er
musste immer von vornen anfangen, verdarb damit alle andern Gedanken und kam doch
nicht zu Ende. Aber auf dem Papier rechnen, zusammenziehen alles, was man
gemacht hat, und zwar so, dass es sich treffen soll, ja, das ist was anders, Uli
hatte es erfahren, und obendrein noch so viel Geld zählen, und zwar so, dass man
allemal gleichviel hat, das ist noch was viel anderes, und Uli hatte es
ebenfalls erfahren. Nachdem er einen halben Tag gezählt hatte und zweimal
endlich die gleiche Summe herausgebracht, fand Uli, dass er mehr Geld hatte, als
der Pachtzins betrug, doch ziemlich weniger als im vergangenen Jahre. Es blieben
ihm, wenn er die Schuld abgetragen, noch ungefähr hundert Taler übrig, dagegen
hatte er mit Wirt und Müller bedeutend zu rechnen. Der Wirt namentlich war ihm
zwei fette Kühe, von denen jede über sechzig Taler wert gewesen, und vier
Schweine, welche zusammen wohl zwölf Zentner gewogen schuldig, dagegen hatte er
was genommen, aber eben viel nicht; eben darum stunden sie in Rechnung, und Uli
hatte das Geld nicht. Der Müller stand ebenfalls mit Uli in Rechnung für eine
ganze Menge von allerlei. Uli hatte auch was genommen, aber von ferne glich es
sich nicht aus; da hatte er sicherlich sehr viel zu fordern, aber wie viel,
wusste er doch nicht bestimmt.
    Bei solchen Rechnungen, namentlich wo sie en détail gehen und lange nicht
bereinigt werden, hat es eine ganz verfluchte Bewandtnis; sie sind imstande zu
wachsen, während man sie macht, zu einer ganz unglaublichen Grösse, ungefähr wie
Blutegel, welche ganz schmächtig sind, wenn man sie anlegt, und fast faustdick,
wenn sie abfallen. Wer mit einem Müller oder einem Wirte in Rechnung steht, der
hat ein ganz verflucht Zeug am Halse. Kriegt er endlich den Müller zwischen die
Knie, um mit ihm zu rechnen, so hat er eine grosse Reihe voll Semmelmehl,
Kuchenmehl, Kleien, Spreuer, Taubengrütze, Hühnerfutter, von welchem allem der
Bauer nichts weiss. Sagt er dem Müller in hohem Zorn: »Donner, von dem allem weiss
ich nichts, wird auch nicht sein!«, so sagt der Müller: »Wirst doch nicht
glauben, ich hätte falsch aufgesetzt ? Sieh, mache mich nicht böse, das ist mein
Gebrauch nicht. Das hat deine Magd geholt, welche letzte Weihnacht fort ist, und
dies das arme Mädchen, welches du im vorigen Jahr von der Gemeinde hattest, und
dies der Knecht, welchen du vor vier Wochen fortjagtest; das Eine kam von deiner
Frau gesandt, und ein Anderer sagte, er habe von dir den Befehl, und da schicket
es sich doch unsereinem nicht, solches alles schriftlich zu wollen oder gar auf
Stempelpapier. Was meinst, was würde deine Frau sagen, wenn die Magd zurückkäme
und sagte, der Müller gebe nichts, wenn er es nicht schriftlich von dir hätte?«
Wer will sich nun an alles erinnern, Und wenn gar die Rechnung sich hinauszieht,
bis Knecht, Kind, Magd fort sind, wer Teufel will alles erforschen? Und wenn man
es zu erforschen versucht, was gewinnt man? Uneinigkeit, Misstrauen usw., und am
Ende bleibt die Rechnung Rechnung; so lang sie war, so lang bleibt sie. Ja, es
ist ein kurios Ding mit solchen Rechnungen, gar Mancher hat sich mit solchen um
Hab und Gut verrechnet; doch das wusste Uli nicht, und wenn es ihm schon jemand
gesagt hätte, er hätte den Glauben nicht gehabt, dass es so sein könnte, er
hielt, was er an Wirt und Müller zu fordern zu haben glaubte, wie bar Geld.
    Wenn er Geld, Vorräte, Rechnungen überschlug, hatte er wieder ein gut Jahr
gehabt und mehr gemacht als im vorigen Jahr. Bös hätte er gehabt, sagte Uli, ein
Jahr verlebt, er möchte es keinem Hund gönnen, aber es sei doch was dabei her,
ausgekommen, die geringern Dienstbotenlöhne seien doch wirksam. »Weiss nicht,«
sagte Vreneli, »ob der Gewinn daher kömmt und ob wirklich ein Gewinn da ist.«
»He,« sagte Uli, »wenn du weisst, was zweimal zwei ist, so sieh, was da ist: so
viel bar und noch so viel in Rechnung.« »Ja,« sagte Vreneli, »das Geld sehe ich,
und wenn ich auch das sehen könnte, was noch in Rechnung ist, wäre es mir noch
lieber.« Da fuhr Uli auf, gab einen bösen Blick von sich und ging hinaus. »Haben
es ihm die Ketzer schon so weit angetan,« sagte Vreneli, »dass er blind ist und
man ihm über sie weniger sagen darf als einem Christen über seinen Herrgott?«
    Diesmal konnte Joggeli mit Behagen sein Geld zählen und hatte grosse Freude
daran. Uli hatte darauf gehalten, schönes Silber zu geben, was Kindern und
andern Leuten den Wert desselben bedeutend erhöht, jedenfalls immer ein Zeichen
von Achtung und dem Wunsche ist, in Huld zu bleiben. Als Joggeli es genug
gezählt hatte, ging die Sorge für das Verbergen an, welche nicht grösser hätte
sein können, wenn er fremdes Volk, Kosaken, Italiener, eine Nation, welche sich
im Krieg auf das Mausen versteht, erwartet hätte. Wie einen Feldherrn, auch wenn
er mit dem grössten Vorbedacht seine Dispositionen gemacht hat, immer ein kleines
Herzklopfen anwandelt, wenn die Stunde naht, wo der Feind kommen soll, so hatte
es auch Joggeli, und zwar schon am Verfalltag selbst, am Vorabend grosser
Ereignisse, wie er dachte.
    Aber es war der Ereignisse selbst nicht der Vorabend, sondern der wirkliche
Tag. Dem Johannes fiel es ein, wenn er einen Tag früher käme als das letztemal,
kriegte er vielleicht das Ganze. Dem Tochtermann fiel akkurat das Gleiche ein,
denn sie hatten innerlich ungeheure Ähnlichkeit und äusserlich auffallend gleiche
Sympatien, wenn sie auch körperlich kein Haar von einander hatten. Der
Baumwollenhändler glich einem halbverkohlten Schwefelholz, Johannes einem fünf
Fuss zehn Zoll langen Kürbis. Beide kamen gleich nach, mittags angefahren, und
nicht nur die Rosse schnauften entsetzlich, sondern auch beide Aspiranten,
Prätendenten oder wie man sie sonst nennen will. Jetzt hätte Joggeli gern das
Hasenpanier ergriffen. »Ware ich nur gegangen,« murmelte er für sich, als es
dahergefahren kam wie das Donnerwetter, noch viel ärger, als an einem englischen
Wettrennen die langbeinigen Lords daherrennen. Joggeli hatte es wie ein
Renommist, und zwar hatte er es siebenzig Jahre lang so gehabt und kannte doch
diese Schwäche nicht. Er war ein Held weit vom Geschütz oder wenn er hinter
seiner Frau stund, kam er aber auf die Mensur, so kriegte er den Schotter, und
stund nicht seine Frau, sondern ein Mann vor ihm, so drückte er sich gerne
beiseite. Springen hätte jetzt Joggeli wenig geholfen, er musste warten. Eben
freundlich empfing er die beiden Herren wirklich nicht, und wenn sie eine Haut
gehabt hätten, welche empfindliche Redensarten nicht hätte ertragen mögen, sie
wären Beide alsbald wieder abgefahren. Aber Beider Häute waren sattsam gegerbt,
nicht bloss in solches Wetter, sondern wenn man Stiefel daraus gemacht hatte, sie
wären ohne besondere Salbe wasserdicht geblieben bis zum letzten Fetzen.
    Es ging nicht lange, so musste er ihnen sagen, er habe den Zins noch nicht
empfangen und werde ihn einstweilen auch nicht empfangen; der Pächter sei nicht
bei Gelde, er habe ihm Stündigung gestattet. Sie sollten doch nicht tun wie
Hunger, leider, welche den Lohn immer zum voraus einzögen. Wenn sie Hungerleider
wären, so sei niemand anders schuld als er, weil er sie Hunger leiden lasse, und
wenn da was zu schämen sei, so komme es an ihn, sagte der Tochtermann und ging
hinaus. Nun setzte Johannes mit Ungestüm auf den Vater ein, brach aber plötzlich
ab und fuhr auch zur Türe hinaus. Er hatte durch das Fenster den Schwager
hinüber zu Uli gehen sehen und fasste alsbald, was der drüben wollte, und machte
sich ihm nach. Joggeli lächelte ihm nach, kriegte aber alsbald Angst, Uli möchte
vielleicht mit der Wahrheit ausrücken. Gut sei es, dass er ihm die Quittung noch
nicht gegeben, dachte er, er könne es allweg nicht beweisen, und da wüssten die
Blutsauger nicht, woran sie seien und wem sie glauben sollten.
    Drüben ging ein tapferer Lärm an. Erst biss der Baumwollenhändler nach dem
Schwager, was er ihm nachzulaufen habe, darauf fertigte Johannes den Schwager
grob genug ab. Darauf manöverierten Beide gegen Uli. Erst kamen sie mit Manier
und wünschten auf Abschlag so viel Geld, als er im Hause hätte, es sei des
Vaters Wille und Begehr, dass er gebe. Da komme er schön in die Klemme, dachte
Uli, der Alte stelle ihm zum Ausessen die Suppe dar, welche er selbst nicht
möge. Uli entschuldigte sich, er habe nur das nötigste Geld für die Hauskosten
bei der Hand, am Zins könne er nichts machen; er habe ein böses Jahr gehabt,
Mehreres ausstehen, Anderes nicht verkaufen können, so sei es ihm unmöglich,
ihnen mit Geld an die Hand zu gehen. Nun redeten die Beiden erst von Lumpenware
und Hudelbuben, so komme man dran, wenn man Leute von der Gasse nehme, da hätte
man keine Sicherheit, die machten sich nichts daraus, mit dem Schelmen
davonzugehen. Das kam Uli über den Magen. Wenn es mit dem Schelmen davongelaufen
sein müsse, so sei er in alle Wege der Letzte von ihnen Dreien, welcher laufe,
sagte er. »Zuletzt,« sagte der Tochtermann, »ist das ein abgeredet Spiel, sie
stecken Beide unter einer Decke. Es war schon lange der Gebrauch hier, die
Kinder zu betrügen zum Besten von Lumpenpack, welches uns unsere Sache
abstiehlt. Lass sehen, du Hagels Lehenmannli, jetzt gib Bescheid, kurz, Ja oder
Nein. Hast bezahlt oder nicht bezahlt, Wir wollen wissen, woran wir sind.« Uli
stutzte, sagte aber bald, mit ihnen hätte er nichts zu tun; ob er bezahlt habe
oder nicht, gehe sie nichts an, sie sollten ihre Wege gehen, ihn ruhig lassen,
die Sache mit ihrem Alten ausmachen Johannes hätte beinahe an Uli seine Kraft
versucht, denn von einem Fremden lasse er sich aus seinem Hause weder stellen
noch weisen, sagte er. Aber Uli sagte, er gedenke weder das Eine noch das Andere
zu tun, aber plagen um etwas, welches sie nichts anginge, lasse er sich ebenso
wenig, und wenn sie nicht gingen, so ginge er. Da sagte der Tochtermann: »Zanken
mit dir wollen wir nicht lange, aber zähl darauf, innerhalb einer Stunde wissen
wir, woran wir sind, und wollen dich dann in den Schraubstock spannen, dass du
nach Gott schreien lernst. Du sollst es erfahren, wie es so einem vierschrötigen
Kuhstrumpf ergeht, der sich einfallen lässt, Leute von unserm Schlage zum Besten
haben zu wollen. Warte nur, Bürschli, du wirst froh sein, andere Saiten
aufzuziehen.« Darauf ging er ab, husch Johannes ihm nach.
    Das Horchen ist auf dem Lande nicht halb so verpönt als in den Städten. Man
hat meist vergebene Mühe, wenn man Mägden das Schmähliche, welches darin liegt,
begreiflich machen will. Weiber behaupten förmlich das Recht dazu zu haben, so
gut als zum Schlüssel zum Bureau, denn wo Zwei Eins sein sollen, wie sollte da
ein Geheimnis zwischen ihnen sein können! So hatte auch Vreneli gehorcht, und
als die beiden Unholde abgefahren waren, kam es mit der Frage auf Uli zu: »Du
hast doch eine gesetzliche Quittung?« »Nein,« sagte Uli, »Joggeli hatte nicht
Stempelpapier, und seiter ging die Zeit herum, ich wusste nicht wie, und daran
mahnen durfte ich ihn nicht.« »Du bist doch ein Tropf, nimm es mir nicht übel!
Aber gehst, sagst, du habest nicht bezahlt, hast keine Quittung in Händen, und
Joggeli ist Joggeli, du solltest ihn doch kennen. Was die jetzt mit ihm anfangen
und wozu sie ihn nötigen, das weiss Gott. Achtundert Taler ohne den Zins für die
Schatzungssumme kannst du verklappert haben mit einem Worte.« Da ward es Uli
katzangst, sein Mund tat nichts als donnern, auf der Stelle wollte er hinüber.
»Nein,« sagte Vreneli, »jetzt gehst nicht, mache dich nicht selbst zuschanden!
Ich gehe zur Base, dass sie aufpasse, was vorgeht; sie lässt uns nicht betrügen,
und ists nötig, kann sie dich rufen.«
    Als die Base hörte, worum es sich handle, entrannen ihr aber einige
herzhafte Seufzer über das Mannevolk, wo Keiner was rechts, sondern wer nicht
Esel, Schelm sei, und sagte: »Sei nur ruhig, denen will ich den Marsch machen,
dass es eine Art hat. Aber sage Uli, ein Lümmel sei ein Lümmel, und wenn er einer
bleibe, so könne er sich und Andere plagen mit Arbeit und Sparen und doch
zuletzt im Winter barfuss laufen und ein schön Liedlein pfeifen, statt eine warme
Suppe essen.« Alsbald begab sich die Base auf die Lauer und vernahm an der Türe,
wie der Tochtermann vorbrachte: Sie müssten allerdings glauben, der Zins sei
nicht bezahlt, ob mit Guteissen vom Schwäher oder nicht, sei ihm gleichgültig,
er verlange bloss eine Anweisung auf Uli, er wolle dann sehen, ob er Geld kriege
oder nicht, er kenne solche Geschäfte. Johannes ging plötzlich ein Licht auf, es
war das erstemal, dass er eine Art Respekt vor dem Schwager kriegte. Er wolle
auch eine, brüllte er, der Teufel solle ihn lotweise zerreissen, wenn er vom
Platze gehe, ehe er eine hätte. Erst weigerte sich Joggeli mit allerlei
Ausflüchten, als aber die Andern immer heftiger in ihn drangen, ward sein
Widerstand schwächer. Die Base an der Türe dachte: Was Tüfels ist ihm aber in
Sinn gekommen. Er ist Hunds genug, er tuts. Richtig, endlich ging Joggeli nach
Tinte und Papier und suchte die bessere Brille, welche er seiter angeschafft
hatte.
    Da tat sich die Türe auf, die Base trat ein. Es verzogen sich ärgerlich oder
verlegen alle Gesichter, sie aber liess sich dies nicht anfechten, sondern sagte,
es nehme sie wunder, was es gebe und was da geschrieben werden solle? Sie musste
zweimal fragen, da munkelte Joggeli: »Nicht viel anders.« Der Tochtermann aber
sagte: »Der Vater sieht ein, was recht ist, und tut, was der Brauch ist. Es ist
in allen vornehmen Häusern der Fall, dass die Eltern, wenn sie alt werden, nicht
mehr kapitalisieren, sondern ihre Ersparnisse den Kindern austeilen, weil
jüngere Leute das Geld besser zu nutzen verstehen. Da will der Vater so gut sein
und uns Anweisungen auf den rückständigen Pachtzins geben.« »Welch rückständigen
Pachtzins?« frug die Base. »Geh, Frau,« sagte Joggeli, »lass uns machen, die
Sache ist bald richtig, mach dass wir dann was zu essen und zu trinken haben.«
»Essen und Trinken ist da und die Sache ist richtig, denn du schreibst die
Anweisungen nicht,« sagte die Base. Joggeli wollte ihr zublinzen, der
Tochtermann sagte: »Aber Mutter, wollt Ihr denn wüster gegen uns sein als der
Vater? Ihr waret sonst Eurer Kinder Stütze, und jetzt redet Ihr wider sie. Warum
wollt Ihr uns z'böst sein? Was haben wir Euch zuwider getan?« »Warum? Darum,«
sagte die Base, »weil der Zins bereits bezahlt ist, ihr ein Hudel- und
Schelmenpack seid, Alt und Jung, und ich nicht zugeben will, dass unter meinem
Dache solche Schelmenstücke verübt werden.« »Mutter, das sind Flausen«, sagte
der Tochtermann, »der Pächter hat selbst gesagt, er habe den Zins nicht bezahlt,
und so was sagt man sonst nicht, wenn es nicht wahr ist. Er zeige uns die
Quittung, wenn wir es glauben sollen; der Vater würde auch nicht Anweisungen
schreiben, wenn der Zins bezahlt wäre, so schlecht ist der Vater nicht.« »Was er
ist, das weiss ich nicht,« sagte die Base, »aber der Sache will ich ein kurzes
Ende machen, schreibt dann meinetalben Anweisungen ein ganz Fuder voll.«
    Rasch ging sie zum Bette, warf den untern Teil auf den obern zurück, zog aus
dem Strohsack einen schweren, klingenden Beutel, den sie kaum heben mochte,
sagte, das sei die rechte Quittung, und wenn die sei, wo sie hingehöre, so werde
die Sache sich schon machen. Ehe die Andern recht wussten, was geschah, war sie
zur Türe hinaus. Unter der Haustüre sah sie Vreneli, welches aufgepasst hatte,
stellte den Beutel ab und winkte. Rasch war es drüben. »Nimm, lauf, der Atem
fehlt«, sagte die Base. Vreneli nahm, lief und war in ihrem Hause, ehe die
Andern sich gefasst hatten und nach, gestolpert kamen. Nun, das Ende vom Liede
war, dass Joggeli wieder um den grössten Teil des Geldes kam.
    »Aber Base,« sagte Vreneli, »ist der Vetter wirklich so schlecht, dass er
begehrte, arme Leute um Hab und Cut zu bringen, ihr Eigentum ihnen abzuleugnen?«
»Nein, so schlecht ist er nicht,« sagte die Base, »aber so ist er, dass er alles
macht, um das Unangenehme von sich ab und auf Andere zu walzen, und wenn dann
was Schlechtes daraus entstünde, so würde er sagen, er vermöge sich dessen
nicht, sondern der oder jener sei schuld daran. Warum habe zum Beispiel Uli
selbst gesagt, er hätte den Zins nicht bezahlt? Dazu habe ihn niemand gezwungen,
ihm hätte es in Sinn kommen sollen, was daraus entstehen könne; er mische sich
nicht darein, die Andern, wo was mit einander hätten, könnten es ausmachen.«
»Aber Base, ist das recht?« fragte Vreneli. »He, das weisst,« antwortete
dieselbe, »aber ists gescheut von Uli, keine Quittung zu haben und zu sagen, er
habe nicht bezahlt Gefälligkeit hin, Gefälligkeit her, Wahrheit ist Wahrheit; er
sollte sich doch nicht in Sachen einlassen, welche er nicht versteht und von
denen er nicht weiss, wie weit sie gehen. Mit solchen Lumpensachen kann man nicht
bloss um Hab und Gut, sondern auch um den ehrlichen Namen kommen..« »Base, Ihr
habt recht und mir macht solches Kummer; Uli möchte gerne der Gute sein, lässt
sich gerne zum Grossen machen, und je schneller er reich wäre, desto lieber hätte
er es. Es scheint mir oft, der Teufel habe eine Angelschnur mit drei Haken nach
ihm ausgehängt, an welcher noch hängen bleibt, weiss Gott. Base, ich habe einen
Kaffee gemacht, bleibt bei mir; drüben habt Ihr doch böse Gesichter, hier möchte
ich Euch zu hunderttausend Malen danken, und Uli hätte auch Ursache dazu.«
»Nein, muss hinüber, gucken, was es gibt, schlimm wird es nicht gehen. Ich habe
ein gut Gewissen, sie böse, ich mache ein keck Gesicht, und sie wissen nicht,
welche sie schneiden sollen. Wenn ich komme, so werden sie lange schweigen,
endlich viele Redensarten ins Feld führen, wie sie ja keinen Betrug im Sinne
gehabt, und wenn ich das erstemal hinausgehe, kömmt mir Johannes nach und sagt:
Mutter, du bist immer die Beste, hättest mir nicht noch einen schönen Kram für
Trients, das Pflaster ?«
    Kaum hatte der Johannes gemacht, wie die Mutter es vorausgesagt, kam der
Tochtermann, hätte die Mutter gerne gestreichelt und gehätschelt, wenn sie nicht
drei Schritte rückwärts gegangen wäre, und sagte, ob sie ihm nicht was Gutes
hätte für Elise: einen Schinken, eine Wurst, Käse, Butter usw.; Elise liebe
derlei Dinge sehr und er gönne sie ihm von Herzen, zuweilen sei sie etwas
wunderlich, aber er habe die Hoffnung, mit Ernst sei sie ganz zu kurieren. Ernst
sei gut, sagte die Mutter, aber mit der Fünffingerkur solle er nicht mehr
probieren, in St. Gallen oder wo er daheim sei, die Menschen noch halb wild
seien, da sei sie vielleicht gut, aber im Bernbiet schlage sie schlecht an, man
nehme sie von der Regierung nicht an, geschweige denn so von einem
halbbaumwollenen Mannli. Probiere sie eine Regierung, so könne sie darauf
zählen, ehe ein Jahr umgehe, liege sie im Graben. Aber das gutmütige Wesen tat
ihr doch wohl, der Tochtermann ging auch bei ihr nicht leer aus. In Gottes
Namen, dachte sie, Elisi hats desto besser, und dass ich an nichts schuld sei,
will ich nicht sagen. Wir möchten einen hohen Preis auf die Beantwortung der
Frage setzen, wie arm eine Mutter sein müsse, dass sie für das Kind, welches ihr
oder für welches man ihr ans Herz klopfe, nichts mehr zu geben habe.
    Vreneli suchte den Zuspruch der Base Uli beizubringen, aber er war nicht
mehr empfänglich dafür; er sah den Fehler selten mehr auf seiner Seite, war in
einen Widerspruchsgeist hineingeraten, der schwer zu bekämpfen ist, wo er sich
einmal eingebürgert hat. Es sei böse, wenn man nicht mehr den Nächsten trauen
könne, sagte er, übrigens sei die Geschichte lange nicht so gefährlich gewesen,
wie sie ausgesehen. Joggeli habe nur die Beiden vom Halse schaffen, Ruhe haben
wollen, wenn sie fortgewesen, hätte er ihm die Quittung gegeben; wenn auch das
nicht, so wäre die Sache, wenn sie zum Prozess erwachsen, bald aus gewesen, so
viel kenne er von der Sache. »Uli, das glaube doch nie,« sagte Vreneli, »die
Prozesse kriegen eigene Köpfe, laufen meist ganz anders, als der Mensch in
seinem Kopfe gehabt. Was man sich ganz kurz gedacht, wird lang, lang, länger als
ein Bandwurm, und nimmt kein Ende. Vor den Prozessen muss man sich hüten, wahr
sein, lauter, in keine Kniffe und Anschläge sich einlassen, alles rund abmachen.
Ist man einmal darin, ist man auch nicht mehr Meister.« »Man kann nicht vor
allem sein,« sagte Uli, »ungesinnt wird man in einen Prozess verflochten, und
wenn man zu allem Ja sagen wollte, was Andere vor, sagen, käme man lustig weg.«
»Ja,« sagte Vreneli, »vor allem kann man nicht sein, aber vor dem hättest sein
können, und gerade das war so eine Geschichte, welcher man hätte eine Nase
drehen können, wie man sie haben wollte. Wenn die Beiden geschworen hätten, du
hättest selbst gesagt, du seist den Zins noch schuldig, was meinst dann?« »Ah
bah, das verstehst du nicht,« sagte Uli und ging weiter.
 
                                Zwölftes Kapitel
                                Dienstbotenelend
Anfangs war Uli mit seinem Dienstbotenpersonal so übel nicht zufrieden gewesen.
Er glaube, er habe es getroffen, es gehe besser als im letzten Jahre, sagte er
zu Vreneli. »Rühme nicht zu früh,« sagte Vreneli, »neue Besen kehren gut.«
Natürlich plumpst so ein neuer Knecht oder eine neue Magd, welche zur zweiten
Abteilung der dritten Klasse gehören, nicht so mit allen Lastern zur Türe
herein. Der Knecht macht ein Sonntagsgesicht und stellt sich gut nach Vermögen,
teils will er ein gutes Vorurteil für sich erwerben, teils muss er doch erst die
Gelegenheit erkundschaften, die Faden suchen, sein alt Leben am neuen Orte
anzuknüpfen. Zudem mag in Manchem wirklich der Sinn sich regen, anders tun wäre
besser, so komme es am Ende doch nicht gut. An einem neuen Orte, wo die alten
Gefährten, die alten Gelegenheiten fehlten, er das Auslachen nicht zu fürchten
hätte, liesse es sich schon tun. Er nimmt sich zusammen, tut gut einige Wochen,
bis der Teufel ihm nachgeschlichen ist, ihn wieder gefunden, neue Gelegenheit
bereitet hat, die Begierden im Leibe recht gierig und hungrig geworden sind; da
geht es wieder los, und der neue Besen ist handkehrum zum alten geworden.
    Das erfuhr Uli allgemach. Uli hasste das Rauchen in der Scheuer und bei der
Arbeit. Auf die Mahnung des Bodenbauers hatte er es sich nach und nach abgewöhnt
und sich sehr wohl dabei befunden; jetzt, da er Meister war, begriff er erst
recht, wie lästig und unangenehm dasselbe einem Meister ist. Wenn man alle Hände
voll zu tun hat, jeder versäumte Schritt von so grossem Nachteil ist, und
gelassen klopfen Knechte und Tagelöhner die Pfeifen aus, stopfen ein, reichen
sich gegenseitig den Tabak, versuchen Feuer zu machen, erst mit Zündhölzchen,
welche sie in offener Tasche tragen, endlich, wenn das nicht gehen will, mit
abgenutztem Feuerzeug, und wenn endlich alle Feuer erhalten, einer wieder
spricht: »Du, gib mir wieder Feuer, es ist mir erloschen,« und wenn der endlich
hat, ein Zweiter, ein Dritter sagt: »Du, gib mir Feuer, es ist mir erloschen,«
was da für angenehme Empfindungen dem Meister in alle Glieder fahren, erfuhr er.
Wenn er dazu rauchen sieht um das Heu herum, ins Stroh die Pfeifen ausklopfen,
die Zündhölzchen hinwerfen sieht, wo es sich eben trifft, da kömmt zum Ärger die
Angst, was aus solchem Leichtsinn werden solle. Wie unendlich viele Häuser sind
durch diese Ursachen abgebrannt, von denen man hintendrein sagte, sie seien
angezündet worden! Bei einer allfälligen Untersuchung ergeben sich keine
Ursachen des Brandes, man nimmt also einfach Brandstiftung an, das ist wirklich
das Simpelste. Ein Knecht wird natürlich nicht sagen, er habe beim Heurüsten
geraucht, habe Zündhölzchen verloren, er wisse nicht wo, habe die Laterne mit
den Fingern geputzt und den glimmenden Docht in den Mist geworfen, der
möglicher, weise trocken habe sein können. Das alles und noch viel anderes,
woraus ein Brand entstehen kann, vernimmt man nicht. Da nun die dickköpfigen
Juristen dieses nicht begreifen, auf der andern Seite an keine Wunder glauben,
so finden sie, in Erwägung, dass sie sonst nichts wissen, sich veranlasst,
Brandstiftung anzunehmen. Uli hasste also jetzt das Rauchen mehr, als er es
früher geliebt, fragte die Knechte, wenn es ums Dingen zu tun war, ob sie
rauchten. Wenn einer sagte: Ja, aber nicht dass es ihn zwinge und er meine, es
müsse sein; so am Feierabend habe er gerne sein Pfeifchen oder am Sonntage statt
eines Schoppens, so sagte Uli: Dawider könne er nichts haben, lieber wärs ihm
freilich, es würde gar nicht geschehen. Aber bei der Arbeit und in der Scheune
wolle er es durchaus nicht haben, das sage er rundweg. Begreiflich, sagte der
Knecht, das verstehe sich von selbst, hatte aber natürlich keinen Augenblick im
Sinn, auch also zu tun.
    So hatte er es auch mit dem Karrer gehabt und der auch gesagt: »Das versteht
sich von selbst.« Nun aber merkte Uli, dass derselbe sein Wort nicht hielt,
sondern mehr und mehr bei der Arbeit rauchte, und starken Verdacht hatte er, er
rauche auch abends oder morgens, wenn er glaube, der Meister komme nicht dazu,
im Stalle. Wenn Uli kam unversehens, sah er natürlich keine Pfeife mehr, und
wenn er fragte, wer geraucht habe, er rieche Tabak, so erhielt er zur Antwort,
man wisse es nicht, es sei vielleicht jemand rauchend vorübergegangen. Sah er
ihn rauchen und mahnte, es wäre ihm lieber, es geschehe nicht, so steckte der
Karrer anfangs schweigend die Pfeife in die Tasche, später sagte er, sie sei
bald ausgebrannt, endlich meinte er: Oh, ein Pfeifchen werde doch wohl erlaubt
sein, er hätte noch keinen Meister angetroffen, der so unvernünftig in der Sache
gewesen. Der gute Karrer war durchaus ungebildet, aber er kannte aus Instinkt
die Art und Weise, wie man in Gesetz und Ordnung einbricht und am Ende sie mit
Füssen tritt. In Friesland dem Meere nach, im Emmental der Emme nach sind Deiche
oder Dämme; lässt man in einem solchen Damm ein Mauseloch unverstopft und
unverstampft, so kann man darauf zählen, es geht nicht lange, so bricht durch
das kleine Löchlein die gewaltige Flut, reisst es auf zu weitem Bruch, bringt
Graus und Zerstörung über das dahinter liegende Land.
    Es ist wirklich sehr schön, wie es zugeht in der Welt! Erst kommen Mörder,
Diebe und sonstige Spitzbuben von allen Sorten und machen in Gesetz und Ordnung
die Mauselöcher, dann kommen Richter mir blöden Augen, blödem Verstand und
blödem Gewissen und übersehen die Mauselöcher, und hintendrein kommt die
Springflut sturmköpfiger Juristen, reisst Gesetz und Ordnung ein, beweist aus der
Vernunft, klar wie eine Wurstsuppe, dass Gesetz und Ordnung unvernünftig seien,
Hemmschuhe der Humanität und des entschiedenen Fortschrittes, und machen Platz
der aufgewühlten Grundsuppe des menschlichen Herzens, der tierischen
Begehrlichkeit, welche dem reinen Lichte, welches in schwarzen Wolken den
Regenbogen bildet und in der trüben Welt ein tausendfältig Farbenspiel, ähnlich
ist. Denn das Tierische im Menschen ist überall im Herzen das gleiche, während
es die Welt berührend in hundert und abermal hundert Brechungen schillert, eine
schmutziger als die andere. Von der allerschmutzigsten jedoch würde so ein
rechter Jurist von der wahren Sorte aus der reinen Vernunft auf das Klarste
beweisen, dass sie der reinste Ausdruck des wahren Menschlichen sei, rein wie das
reinste ungebrochene Sonnenlicht. Es ist merkwürdig, wie die Resultate der
hochgebildetsten Juristen mit dem einfältigen Instinkt eines ungebildeten, rohen
Karrers zusammentreffen. Die Extreme berühren sich, sagt ein Sprüchwort; könnte
man vielleicht nicht auch sagen, sie fielen in eins zusammen und deckten sich
wie gleichschenklige Dreiecke?
    Uli verstund das Ding noch nicht so recht, was ihm nicht zu verübeln ist,
verstehen es doch dato mancher König und manches Volk nicht. Er wollte nicht der
Wüstest sein, nicht noch mehr verbrüllet werden, als er bereits war; er hielt
den Karrer nicht einfach an seinem Versprechen, sprach nicht: »Entweder oder,
folg oder marsch;« er fürchtete, das könnte inhuman, illiberal geheissen werden.
Er verschluckte schrecklichen Zorn, drückte nur hie und da und noch dazu halb
verbissen ein zornig Wort hervor, kriegte dazu noch Angst und Bangen. Uli merkte
nach und nach auch, dass der Karrer ein förmlicher Trinker war. Im Wirtshause sass
er nicht viel, die Glungge stund abhanden, und die gnädige Obrigkeit war noch
nicht so ungnädig gewesen, dem Glunggenbauer gegen seinen Willen eine
obrigkeitliche Zersittlichungsanstalt vor die Fenster zu setzen. Freilich, wenn
er mit dem Zug auf der Strasse war, kam er selten nüchtern heim. Merk, würdig
war, wie er allemal, wenn er einen Stich hatte, mit der Peitsche ganz eigen
knallte, so dass Uli von weitem hörte, was Trumpf war, und nachsehen konnte. Aber
besonders daheim war er angestochen, roch nach Branntenwein auf Schussesweite,
setzte die Beine auseinander und verstellte zu beiden Seiten wie ein Matrose,
der drei Jahre hintereinander ununterbrochen zur See gewesen. Uli stellte ihn
zur Rede, er möchte doch wissen, was das zu bedeuten hätte. Da begann der Karrer
gar wehlich zu wimmern, wie er einer grausamen Krankheit unterworfen sei,
Magenkrämpfe sage man ihr. Es sei akkurat die gleiche, an welcher der Bonaparte
gestorben. Er hätte gemeint, er müsse sich totkrümmen, kein Doktor habe ihm
helfen können. Da sei einmal einer zu ihm gekommen, ganz ungefähr, und habe
gesehen, wie er tun müsse, wenn die Krämpfe ihn ankämen. Der habe gesagt, er
wolle ihm schon helfen, das seien eben akkurat die gleichen Krämpfe, welche der
Bonaparte gehabt, Magenkrebs sage man ihnen. Hätte er es zu rechter Zeit
vernommen, so hätte er Ross und Wägeli genommen und wäre zu ihm gefahren; dem
hätte er helfen wollen, da wäre er ein reicher Mann geworden. Als er es
vernommen, sei er schon tot gewesen, da hätte er begreiflich nichts mehr machen
können. »Aber wenn er jemanden helfen könne, so helfe er, und wenn ich wolle, so
wolle er mir auch helfen. Was habe ich anders wollen? Wenn ein Mann wie der
Bonaparte dran hat sterben müssen, was hatte ich zu er, warten? Ihr, Meister,
Wisst nicht, was solche Krämpfe bedeuten, wo es einem ist, als hätten zwei
Wäschweiber den Magen in den Händen und drehten ihn und drehten ihn, und wenn
sie mit den Händen nicht mehr mögen, mit Stöcken, dass man meint, die Seele fahre
zum Hirn aus. Ich nahm also das Mittel, es ist starkes Zeug, es gleicht dem
Wacholderbranntwein; wenn ich davon nehmen muss, weiss ich oft lange nicht, stehe
ich auf dem Kopfe oder auf den Füssen. Aber was sein muss, muss sein, und Ihr
werdet es mir nicht verbieten wollen, so unvernünftig war noch kein Meister, bei
welchem ich gewesen.« Was sollte Uli machen? Sollte er so unvernünftig sein, wie
der Karrer noch Keinen getroffen Er konnte unter Angst und Bangen Tag und Nacht
nachsehen, damit kein Unglück geschehe und er eine Gelegenheit finde, den Kerl
fortzujagen, ohne ihm den ganzen Jahrlohn bezahlen zu müssen.
    Während Uli mit dem Karrer seine Nöten hatte und sie seiner Frau nicht
merken lassen durfte in zusammenhängen, der Rede, höchstens in einzelnen
Ausrufungen, stund Vreneli andere Qualen aus und mochte sie Uli auch nicht
klagen; es fürchtete, nicht Glauben zu finden, weil es nicht Beweise hatte. Es
suchte welche. Vreneli merkte nämlich, dass etwas geschehen müsse im Stalle mit
der Milch. Es schien ihm, es werde nicht gemolken wie sonst. Es wollten ferner
im angehenden Frühjahr die Hühner nicht legen, wie man es sonst gewohnt war. Es
konnte nicht recht glauben, dass sie ihre Natur geändert und zu dem Korps sich
geschlagen, welches nur fressen will und nichts dafür tun.
    Vreneli war eine von den Hausfrauen, welche nicht miss, trauisch sind, aber
es im Gefühl haben, wenn etwas nebenausgeht. Sie haben die zweite Art von
Instinkt, welcher nicht sowohl angeboren als von Jugend auf angewöhnt wird, eben
wenn man von Jugend auf bei einer Sache ist. Es warf natürlich sein Auge auf den
Melker, Mädi, seine Adjutantin, unterstützte es getreulich, aber sie konnten
nichts erkunden. Der Melker war eine bequeme Natur, machte nicht mehr, als er
müsste, und tat so liederlich er durfte, ohne ausgescholten zu werden. Aber er
war nicht undienstfertig, brauchte gute Worte, kurz er hatte etwas, welches
namentlich dem Weibervolk gar nicht unangenehm ist. Er war oft nachts nicht da,
heim, doch am Morgen zumeist zu rechter Zeit da, so dass weiter nicht viel gesagt
werden konnte. Man musste es als eine Unart betrachten, welche leider noch Viele
haben. Da der Melker unschuldig schien, die Hühner aber wie verhexet, begann
Vreneli Verdacht auf Marder oder auf Katzen, welche zuweilen auch Eierliebhaber
sind, zu werfen, obschon man keine Schalen fand. Es war stark die Rede von
Beizen, Fallenstellen usw. Da solche Massregeln zumeist lange in Rede stehen, ehe
sie zur Ausführung kommen, werden sie oft durch etwas Unvorhergesehenes ganz
überflüssig gemacht.
    Wie gewohnt, kam einmal die Eierfrau und hätte gerne eine mächtige Ladung
Eier gekauft für einen Bäcker, welche; das Backwerk zu einer grossen Hochzeit zu
liefern hatte. Vreneli konnte wenige geben und klagte seine Not. Wenn es an
Hexen glaubte und eine in der Nähe wüsste, so müsste es jetzt glauben, dass man es
den Hühnern antun und das Legen verhalten könnte. Da meinte die Eierfrau:
Vielleicht dass sie ihm über den Marder, welcher seine Eier fresse, kommen könne,
oder über die Hexe, welche das Legen verhalte. Sie hätte einen Ton gehört, wenn
was dran sei, so würde der Marder sich bald finden. Vielleicht dass sie ihm schon
das nächste Mal Bericht geben könne. Mehreres wollte sie durchaus nicht sagen.
Gar lange ging es nicht, so kam sie wider und zwar mit einem Gesicht, welchem
man es von ferne ansah, hinter dem stecke eine wichtige Botschaft. »Hör« sagte
sie zu Vreneli, »ich kann dir drauf helfen, aber bei Leib und Leben verrat mich
nicht.« Nachdem das Versprechen in bestmöglicher Form abgelegt war, rückte sie
aus: Drüben im Mühlengraben stehe ein Häuschen am Walde, man könne dazu und
davon, es sehe es kaum ein Mensch. Dort sei nach dem Neujahr ein Mensch
eingezogen, angeblich eine Wollenspinnerin, aber sie sei die meiste Zeit daheim,
mit Arbeit viel verdienen werde sie nicht. Doch lebe sie gut. Es rieche manchmal
so gut ums Häuschen, als ob Engländer da wohnten mit einem vornehmen Koch.
Pfannkuchen, Eierbrot und dergleichen könne man alle Tage riechen, und Kaffee
mache das Mensch des Tags wenigstens dreimal. Lange habe man geglaubt, es trinke
ihn schwarz, denn es kaufe selten für einen Kreuzer Milch und wo es die Eier
hernehme, habe man lange nicht begriffen. Hühner habe das Mensch keine,
herbeitragen hätte man auch keine gesehen. Die Leute hätten bald geglaubt, es
lege sie selbst, und hätten ihm das gerne abgelernt, denn kommode wärs; für eine
Hexe hätte es ihnen wohl jung geschienen und zu wenig Runzeln an den Backen
gehabt und Kröpfe am Hals. Nicht dass es gar jung und hübsch sei, aber ein
appetitlich Weibervolk, eine muntere Witwe im besten Alter, wie sie am
liederlichsten seien. Sie hätten ihr aufgepasst und endlich ihr Leghuhn entdeckt.
Es komme ein Mann zu ihr und von dem komme alles, Milch, Eier, und sie wollten
sagen, noch mehr Sachen. »Der Bursche ist von der Grösse Euers Melkers, das
Gesicht konnten sie noch nicht sehen, er kömmt spät und geht früh, aber nicht
den Weg, welcher hier, her führt, daneben kann er einen Umweg machen, um auf
falsche Spur zu leiten, wie ich glauben muss. Von wegen dir zulieb, Fraueli, war
ich mal selbst dort, wo er früher diente, und frug unter der Hand nach, warum er
dort fortging. Da hiess es nun, wegen einem Mensch, dem er alles zutrage, was er
erreichen möge; aber er wisse die Sache schlau anzufangen, denn sie hätten ihn
nie darob erwischen können. Was sie ihm bloss auf den Verdacht hin zugemutet,
habe er abgeleugnet, dass sie ihn bald hätten besser machen müssen, als er sein
Lebtag je gewesen sei. Nun sei dort das Mensch mit ihm verschwunden, und es
werde nicht fehlen, er werde dasselbe an irgend einem Orte in seiner Nähe
haben.«
    So berichtete die Eierfrau. Das war eine schöne Geschichte. Also im Rossstall
war es nicht sauber, musste wegen Tabak und Magenkrämpfen aufgepasst werden, im
Kuhstall war es nicht sauber, dort ging es an Milch und Eier, das war doch wohl
viel auf einmal. Vreneli musste es Uli sagen, der ward anfangs böse und meinte
nur, Mädi rupfe dem Melker was auf. Es hasse ihn, weil es denselben lieben
möchte und der Melker dieser Liebe nichts nachfrage. Er wisse selbst, wie das
gehe, und der Melker habe so was merken lassen, wenn auch nicht gerade
herausgesagt. Da stellte indessen Vreneli ab und sagte: Es nehme ihns wunder, ob
es keine Wahrheit mehr sagen könne und auf einmal nichts verstehe. Nicht Mädi
habe es aufgerupft, sondern es selbst habe gesehen, dass da was nebenausgehe,
nachgefragt und nun so und so Bericht erhalten. Glaube er nicht daran, so solle
er mal selbst hingehen und Nachfrage halten, von wegen die Sache sei zu wichtig,
als dass man sie so hingehen lassen könne ein ganzes Jahr lang. Uli passte dem
Melker auf, konnte aber hell über nichts kommen. Der Melker hatte keine Art von
Gefäss im Stalle beim Melken als das übliche, man mochte dazukommen, wenn man
wollte, oder ihn belauschen von der Futtertenne aus. Man sah auch nicht das
geringste Verdächtige, und Uli ward unwillig, hätte fast Verdacht gefasst, das
Unrichtige komme von ganz anderer Seite her.
    Da kam einmal ein schöner Sonntagnachmittag, und Mädi trug sein
Herzkäferchen, das kleine Vreneli, an der schönen Sonne herum, stellte es auf
den Boden, liess es träppeln und stampfen, segelte mit ihm in der Richtung, nach
welcher das kleine Ding mit den Füsschen strebte, mit den Händchen zeigte. Sie
lebten selig zusammen, das Mädi hatte volle Zeit, dem lieblichen Spiele sich
hinzugeben. Der Ruf des Gewissens, dass es den Lohn habe zur Arbeit und nicht zum
Tändeln, versalzte ihm die Freude nicht, die weil es Sonntag war, und das
Vreneli wurde nirgends hingesetzt mit einem Steinchen oder Blümchen, welche
weder reden noch laufen konnten, um mit ihnen sich die Zeit zu vertreiben. Es
ist eine gar strebsame, bildungshungerige Zeit, die Zeit vom zehnten Lebensmonat
hinweg. Da ists über einem freundlichen Kinde alle Tage wie über der Erde an
jedem schönen Frühlingsmorgen. Neue Herrlichkeit hat sich entfaltet, es ist ein
Anderes geworden und doch das Gleiche geblieben, denn die Freude ist über Nacht
neu geworden, hat neue Pracht entdeckt, über Nacht erblüht. Aber stumm sind die
Blümchen, keine Beine haben die Steinchen, wohl spielt das Kind mit ihnen, aber
nicht lange, es wird ihm öde dabei und unheimlich, unbewusst ist es ihm, als
solle es nicht reden lernen, als müsse es sitzen bleiben auf der gleichen Stelle
lebenslang. Darum aber wird es dem Kinde wie dem Fischlein im Bache, wenn eine
gute Seele mit ihm springt und spricht, spricht und springt; es trampelt mit den
Füsschen, schlägt mit den Händen, hell jauchzt es auf, ihm ist, als gehe es zum
Himmel auf. Weiter und weiter strebet es, hinaus in die Welt. Plötzlich kehrt es
sich um, streckt die Händchen auf nach dem Halse des Gefährten, birgt das
Gesichtchen an seiner Brust, segelt mit allen Kräften heimwärts. Ein fremd
Gesicht hat es gesehen, etwas Ungewohntes hat seine Sinne berührt, es fühlt
plötzlich sich fremd in der weiten Welt; das Heimweh taucht auf in seinem
kleinen Herzen, es beruhigt sich nicht, bis dass die Heimat es wieder umfängt. Zu
klein waren noch die Flügel für die weite, grosse Welt.
    So waren Mädeli und Vreneli trappelnd und jauchzend auf Reisen gegangen,
waren nach vielen Irrfahrten endlich hinter einen alten Holzschopf gekommen, um
welchen allerlei Gräbel lag und namentlich altes sogenanntes Zäuneholz, mit
welchem man im Herbst beim Weidgang provisorische Zäune herzustellen pflegt. Der
alte Schopf stund tagelang einsam und verlassen, und hätte er ein Gesicht
gehabt, er würde ein sehr verwundertes gemacht haben, dass zwei Menschen auf
einmal durch seine stille Einsamkeit trappelten und jauchzten.
    Indessen gab es doch ein verwundert Gesicht. Vreneli hatte plötzlich eine
Erscheinung. In den alten Zaunstecken raschelte es, ein prächtig gelbes Huhn
trat majestätisch aus denselben und verkündete der Welt mit hellem Geschrei
seine eigene Heldentat, es habe nämlich ein Ei gelegt. »Ja so, du Ketzers
Täsche, legst du da? Das wäre mir nicht beigefallen,« sagte Mädi, »so geht es in
der Welt immer anders und schlechter. Hier zu legen fiel noch keinem Huhn ein,
aber es ist alles gleich, Menschen und Hühner, es muss alles verstohlen und
verschleppt sein, da ist niemand mehr zu trauen.« Vreneli, welches am gackelnden
Huhn seine Freude hatte, ward ins Gras gesetzt, und Mädi kroch dem entdeckten
Schatze nach ins alte Holz hinein. »Tüfel! Tüfel!« rief es plötzlich aus dem
Holze. Doch sah Mädi nicht wirklich den Teufel, sondern was anderes. Es fand
nicht so viel Eier hier, als es gehofft, nur etwa vier oder fünfe. Das Nest fiel
ihm auf, es schien nicht von einem Huhn, sondern von einem Menschen gemacht,
zudem war ein altes Nestei darin. Mädi war Expertin im Hühnerfach, es wäre gut,
es würden in keinem Fache schlechtere Experte gebraucht. Mädi schloss alsbald,
das sei nicht bloss eine einfache Hühnerverlegete, wo einfach ein Huhn sein
Naturrecht geltend macht, seine Eier legt, wohin es will, und nicht wo die Frau
Prinzipalin will, um brüten zu können, wenn es ihm ankömmt, ohne es der Willkür
der Frau Prinzipalin zu unterstellen, welche imstande ist, ihm zum Dank für
seine Bereitwilligkeit das Nest mit Nesseln zu reiben. Mädi schloss alsbald auf
eine menschliche Schelmerei welche den Hühnern hier, an dem abgelegenen Orte,
ein Nest gemacht und sie durch bekannte Mittel verführt, ihre Eier an den Ort zu
legen, an den kein ehrlicher Mensch dachte. Als Mädi sich kundig umsah nach
allen Merkmalen, welche zu einem sichern Schlusse führen konnten, sah es
nebenbei im alten schwarzen Holz was Weisses, und als es dasselbe hervorzog, war
es eine grosse Milchflasche von weissem Bleche und voll Milch. Das trieb ihm den
»Tüfel« ins Maul, und triumphierend kroch es hervor, die Eier in der Schürze,
die Flasche in der Hand, und im Triumph ging es dem Hause zu. Endlich hatte es
ihn erwischt, hatte auch ein Heldenstücklein vollbracht wie noch keines, von dem
die Leute reden würden als wie vom Tellenschuss, so lange nämlich, als die
Schweizerberge stehen. Noch viel lauter als das gelbe Huhn gackelte Mädi, dass
alles, was im Hause war, herausschoss und Mädi nach, dem Vreneli zu. Da ward
alles besichtigt um und um, endlich fragte Uli, den Mädi auch herbeigegackelt
hatte: »Jetzt möchte ich doch wissen, wer der Spitzbube ist. Seh, wem ist die
Flasche?« Da blieb es stille ringsum, kein Eigentümer meldete sich, niemand
wollte die Flasche gesehen haben, niemand um das Einest wissen hinterm alten
Holzschopf. Uli mochte fragen, drohen, wie er wollte, Keiner wollte sagen:
»Meister, ich bin der Schelm!«
    Es gibt auf der Welt nichts Fatalers, frage man nur jeden Knaben, als wenn
man am seichten Bache stund, einen grossen Fisch unter einen alten Weidstock
fahren sah, rasch sich niederlegte, mit der Hand nachfuhr, Lebendiges in die
Hand kriegte, rausfuhr, und man hat eine Kröte in der Hand, nicht den Fisch, und
wenn man die Hand wieder nachstreckt, ist kein Fisch mehr da, man hat nichts
mehr als das Gramseln in der Hand von der Kröte her und den Ärger über den
falschen Griff. Mädi hatte gemeint, was es habe an Flasche und Eiern aber den
Fisch hatte es doch nicht, der Fisch war fort. Als nun der Fisch sich gar nicht
finden wollte, sagte Uli unwillig: »Du bist immer das gleiche dumme Mädi, wirst
dein Lebtag nicht gescheut, warum musste nicht jemand anders die Sachen finden!
Wenn man Vögel fangen will, brüllt man nicht die Haut voll. Hättest alles am
Orte gelassen, wo du es gefunden, und mir es gesagt, dann wäre ich auf der Lauer
gestanden, hätte den Dieb mit den Sachen in der Hand erwischt und der Handel
hätte eine Nase gehabt. Jetzt ist es aus, denn wenn man einen Dieb nicht kriegt,
wenn er die Sache genommen hat, und sieben Zeugen, welche gesehen haben, dass er
sie wirklich genommen und nicht bloss gefunden, so hat man das Nachsehen und kann
die Kosten bezahlen.« »Ist das jetzt mein Dank?« begehrte Mädi auf. »Wenn es dir
Ernst ist, den Schelmen an Tag zu bringen, so frage nur den Melker, der kennt
ihn wohl, hat ihn vielleicht in seinen eigenen Hosen.« Potz Himmel, da gab es
Spektakel! Der Melker war dabei, als Mädi so sprach, und husch, hatte es eine
Ohrfeige weg, ehe jemand es hindern konnte, und hätte auch die Haare lassen
müssen, wenn Uli nicht mit starkem Arme Halt gemacht.
    Mit der Ohrfeige hatte aber der Melker dem Mädi den Zapfen aus dem Redefass
geschlagen, und heraus sprudelte eine Zornesflut, in welcher der Melker
sicherlich zuschanden gegangen, wäre er nicht ein hölzernes Kamel und an solche
Fluten längst gewohnt gewesen. Alles, was die Eierfrau gesagt und nicht gesagt
von seinem Mensch und seinem Leben, das warf Mädi dem Melker an den Kopf. Der
brüllte wie ein angestochener Urochs und begehrte auf von wegen seiner Unschuld,
schrecklich, und schlug mit seinen Zeugnissen alle Anschuldigungen tot. Da könne
man sehen, was er sei und was er nicht sei, und zwar auf Stempelpapier. Aber der
Teufel sei Meister in der Welt und Menschen gebe es, welche kein einzig Zeugnis
hätten und wollten Andere zu Schelmen machen, die verfluchten Luder. Denen wolle
er es zeigen, sie müssten erfahren, wer er sei, und selbst den Namen tragen, den
sie ihm gerne angehängt hätten. Der Melker tat schrecklich, wie zu Olims Zeiten
der Gouverneur von Magdeburg, der sich vermass, Hundsleder zu fressen, ehe er die
Festung übergebe, war aber kuraschierter als derselbe Gouverneur und sass nicht
allsogleich auf den Nachtstuhl, als der Feind stand, hielt und sogar
näherrückte. Der Melker wusste, dass schlechter die Welt wird, das Recht immer
mehr dem zufallt, der am meisten aufbegehrt, am wüstesten tun kann, alles von
wegen der Unschuld. Aber Mädi war eine Batterie, welche nicht so bald zum
Schweigen zu bringen war, sondern immer schärfer schoss, je wilder die andere
feuerte. Scheltungen waren hin- und hergeflogen wie Hagelsteine, wenn es recht
ha, gelt, dass ein gewöhnlicher Richter acht Tage gebraucht hätte, sie
auseinanderzulesen und ordentlich zu sortieren.
    Endlich, lange hatte er es umsonst versucht, kam Uli zu Worten, hob alles
Gesagte auf von Amtes wegen, jagte Mädi in die Küche, den Melker in den Stall,
machte so den Feindseligkeiten einstweilen ein Ende, jedoch nicht der
Feindschaft. Dem Melker grollte es im Kopfe wie einem Vulkan im Bauche, den
Ausbruch fand er jedoch nicht rätlich, speite Rauch und Flammen bloss, wenn der
Meister und die Meisterfrau es nicht hörten, redete alle Tage, morgen mache er
die An, zeige beim Richter, und machte sie doch nicht. Er war ein alter
Praktikus und wusste, dass wenn man mal was einem Richter oder Advokaten zur Hand
gegeben, man nicht mehr Meister sei zu sagen: bis hierher und nicht weiter,
sondern das Ding mit einem durchgehe wie wilde Rosse mit einem sturmen Kutscher
und ein Ende nehme mit Schrecken. Es ist gar schlimm, in mürbes, blödes Tuch
einen kleinen Riss machen zu wollen; wie leise man macht, husch, reisst es durch,
und die Stücke bleiben einem in der Hand.
    Mädi glich einer lebendigen Schlüsselbüchse, pfupfte den ganzen Tag, tat
aber niemand weh als ihm selbst. Auf seiner Heldentat hielt ihm niemand viel als
Vreneli, welches aber doch oft über das ewige Pfupfen sich beklagte und Mädi
schweigen hiess, was Mädi begreiflich sehr übel nahm, über unsern guten Herrgott
böse ward, dass er die Welt so schlecht werden liesse und keine Dankbarkeit mehr
sei auf Erden. Es wollte den Leuten zeigen, wer Mädi sei und was es könne, legte
sich nun dem Melker an die Fersen und lauerte ihm auf Tag und Nacht. Aber das
gute Mädi fing nichts mehr, der Fisch war fort. Es trug ihm nichts ein als
einige Kübel verdammt kalten Wassers, mit welchen es auf seinen nächtlichen
Gängen begossen wurde, es wusste nicht woher und von wem. Der Melker habe es
getan, winselte es. Es wolle keine gesunde Stunde mehr haben, wenn es nicht so
sei, darum solle Uli ihn fortjagen, er treffe sicher den Rechten, und wenn auch
nicht der Milch oder der Eier wegen, so habe derselbe es doch ob ihm verdient.
»Wärst im Bette geblieben,« antwortete Uli endlich unwillig, »es hiess dich
niemand herumstreichen. Wenn es gemacht sein muss, so lass es an die, denen es
zukömmt, willst aber den Haushund machen, so musst auch nehmen, was ein Hund.«
Uli hatte das nicht böse gemeint, sondern es im bittern Unmute ausgestossen. Von
Mädis Entdeckung hatte er keinen Nutzen gehabt, aber ein andauernder Verdruss
schien ihm daraus erwachsen zu wollen. Mädi aber gingen diese Worte tief und
eiterten. Das ist das schlimmste aller Übel, wenn Worte eitern, und doch wissen
so viele Menschen nichts von dieser Krankheit. Mädi hatte einen Schwung
genommen, es hatte sich ihm der Himmel aufgetan zu einer grossen Tat, aber nur
von ferne hatte es das gelobte Land gesehen; als es über die Schwelle wollte,
entschwand die ganze Herrlichkeit gleich der Fata Morgana in den Wüsten Afrikas,
es sollte bloss das wüste, böse Mädi sein, recht in keinen Schuh. Das schlug ihm
ins Gemüt, machte es unwirsch, misstrauisch, böse gegen alle. Nie dachte es
daran, dass in ihm eine Schuld des ganzen Elends liege, statt Vrenelis Hülfe ward
es Vrenelis Plage. Der dümmste Junge kann ein Glas Wasser färben mit einigen
dunkeln Tropfen, aber getrübtes Wasser klar machen, gesalzenes Wasser wieder
süss, eine überpfefferte Suppe geniessbar, das kann kein dummer Junge, das kann
mancher Gelehrte nicht, es ist Arbeit für eine höhere Hand. Es ist gar
wunderbar, wie die Mischungen in den Gemütern sich machen, und wer achtet auf
die Tropfen alle, welche in die Gemüter fallen, sie zuckern oder pfeffern,
säuren oder salzen, und wer verstehts, Salz und Pfeffer zu tun ans rechte Ort,
wieder wegzubringen vom unrechten und zu passender Zeit?
    Mädi hatte einen von den Köpfen, für welche man im Bernerland ein prächtig
Wort hat, das Wort »eitönig«, einen Kopf, in welchem nur ein Ton Platz hat, und
klingt der einmal, weder mit Liebe noch Gewalt ein anderer Ton hervorzubringen
ist, im Gegenteil, je mehr man es anders tönen machen will, desto stärker tönet
der gleiche alte Ton.
    Indessen der Krug geht so lange zum Wasser, bis er bricht. Den Melker
ertappte man freilich nicht als Dieb, fand weder Eier noch Milch mehr, aber die
Kühe bekamen kranke Euter, die Milch ward ziegerig. Uli, der sich auf Kühe
verstund, suchte alsbald die Schuld beim Melker. Er sah ihm zu, er visitierte
einige Male die Kühe, ob der Melker etwa nicht gehörig ausmelke, Milch in den
Eutern lasse, was höchst verderblich ist, aber er fand alles in der Ordnung. Er
ging zu einem Vieharzt, der war ein schlauer Kundius und half ihm auf die Spur.
»Sieh,« sagte dieser, »das ist von den Feinern einer, dem kannst lange
aufpassen, der riecht hinten und vornen, nimmt nicht die leere Guttere zur
gewohnten Zeit zum Melken und stellt sie neben sich, als hätte sie das Recht
dazu oder lässt einzelne Kühe oder Stricke an den Eutern ungemolken; der rupft
dir an den Kühen, wenn er sich ganz sicher weiss, um Mitternacht, um Mittag, kurz
wenn nichts zu furchten ist. Der treibt das nicht zum erstenmal und nicht zum
letzten. Was willst du dich plagen, dich auf die Lauer legen, bis du halbtot
bist Mach dass du von ihm kömmst so bald als möglich. Begehre mit ihm auf aus dem
ff wegen den kranken Kühen, sage ihm, er sei ein Bub, kein Melker; vielleicht
wirft er dir den Bündel dar, und magst du ihn nur mit dem kleinen Finger
erreichen, so hebe ihn auf und mach Weihnacht. Der Lumpenkerl verpfuscht dir in
einem Jahr zehnmal mehr, als sein Lohn beträgt.«
    Das begriff Uli, aber der Melker biss nicht in den Apfel, der wollte nicht
töricht sein und um seinen Platz kommen, ehe das Jahr um war; er nahm seinen
Worten gehörig das Mass und sagte höchstens, er sei schon an manchem Orte Melker
gewesen, noch habe ihm niemand gesagt, er könne nicht melken, man solle doch
seine Zeugnisse nachsehen, ob was darin stehe, dass er nicht melken könne, den
Kühen die Euter verderbe. Aber was für ein Meister er sei, sei zu Stadt und Land
bekannt, und wenn er ihm nicht recht sei, könne er ihn senden, er gehe auf sein
Geheiss die erste Stunde, aber dann wolle er auch den Lohn für das ganze Jahr
nach Brauch und Gesetz. Das war Uli auch nicht anständig, er marterte sich
lieber mit Zorn, Angst und Aufpassen, ward immer saurer und übler im Gemüte; es
war nichts mehr da, welches die Wolken zersetzte, den Nebel auflöste, die
finstern Stimmungen abklärte in milde und freundliche. Sonst tut dieses das Auge
Gottes oder das Licht von oben, wenn eine Seele sich ihm aufschliesst, hinein die
hellen Strahlen leuchten, oder es tuts der Hauch der Liebe, wenn er leise
säuselt um die düstere Stirne, oder es tuts eines Kindes Lächeln, wenn es dem
beängstigten Vater aufgeht wie dem Verzagten der Regenbogen, das Zeichen der
Gnade und Verheissung am Himmel. In die Dornen und Disteln des Lebens drangen die
hellen Strahlen nicht mehr, die Nebel der Welt waren zu dick, Lächeln und Liebe
vermochten nichts mehr über sie. Nichts drang mehr durch und gab lichtere
Stimmungen als der Gewinn an einem Ross, welches schlecht war und für gut hatte
verkauft werden können, das Rühmen des Müllers, wenn er Uli Korn abdrang, oder
Spässe des Wirtes, wenn er Uli für eine Kuh zehn Taler mehr versprach, als irgend
ein Metzger geboten, indessen einstweilen nicht bar zahlte. »Sieh,« sagte er
gewöhnlich, »du kannst das Geld haben, welche Stunde du willst, aber du hast es
nicht nötig, ich weiss es, willst es ja nur beiseitelegen, um im Frühjahr den
Zins zu machen. Bis dahin verdient mir das Geld viel, jetzt ist mit bar Geld
viel zu machen; dein Schade solls nicht sein, und einem Freund wirst doch einen
Gefallen tun. Hör, Uli, ich habe es meiner Frau schon manchmal gesagt, lieber
ist mir auf der ganzen Welt niemand als du, man kann das Land auf und ablaufen,
ehe man dir einen Gespan findet. Unter Tausenden kömmt Keiner so weit, in ein
paar Jahren bist ein Mann, und wenn du nicht noch Ammann wirst, so verstehe ich
mich auf nichts mehr. Ja Uli, so ists! Frau, hol eine Flasche vom Bessern.« Von
Geld war keine Rede mehr, denn Uli lebte wohl an den Worten und dachte an den
Ammann.
    Aber übel steht es doch in dem Gemüte, in welchem ein Wirt und ein Müller
und ein Rosshandel Sonne, Mond und Sterne vorstellen, und wie viel tausend
Menschen haben kein ander Licht in ihren Gemütern als das, welches von solchen
Lichtern kömmt oder noch viel schlechtern! Man muss sich immer wundern, dass die
Menschen, deren eine so grosse Zahl nur von solchen Talglichtern und stinkenden
Öllämpchen erleuchtet werden, nicht noch unendlich schlechter sind und mit
rasender Schnelligkeit noch schlechter werden, wie Krebse auch um so schneller
gesotten werden, je heisser das Wasser wird und je schneller man es zum Sieden
bringt. Aber eben daraus sieht man, dass Gott die Welt regiert und nicht der
Teufel, noch viel weniger ein Seminardirektor, sie wäre sonst seit vielen Jahren
schon unheilbar verpfuscht. Doch muss man sich durchaus nicht vorstellen, Uli
sei, was man zu sagen pflegt, gottlos geworden. Die Menschen machen das Kreuz
vor dem Worte gottlos, und doch ist kein Mensch, der nicht gottlos ist. Bei
jeglicher Sünde und namentlich, wenn jemand sein Handeln nicht durch Gott und
sein Wort bestimmen lässt, sondern durch sein eigen Fleisch und Blut oder andere
Kreaturen, ist der Mensch immer gottlos, und in dem Sinn war es Uli auch oft,
und je länger je öfter. Aber Uli merkte es nicht, sein Entfernen von Gott merkte
er nicht, und von einem Lossagen von Gott war keine Rede. Der eigentliche
Gottlose ist eben ganz los von Gott, sowohl im Erkennen als Bekennen, sowohl in
Worten als Taten, der eigentliche Gottlose wird ein Rekrut des Teufels und
versucht zu lernen den Kampf gegen Gott und sein Reich, den unseligen Kampf, wo
nichts zu lernen ist als Gottes Macht und des Teufels Ohnmacht und nichts zu
gewinnen als der eigene Untergang und die Überzeugung, dass Gott der Wahrhaftige
sei und des Reiches Feinde zu des Herrn Fussen lege, wie er es verheissen hat.
    Dass es so ist, zeigte Gott. Es war gegen Herbst, als man mitten in der Nacht
ein mörderlich Geschrei vernahm, das durch das ganze Haus drang und selbst die
Kinder weckte. Uli fuhr auf, zündete alsbald, wie es einem guten Hausvater
ziemt, die Laterne an, um zu sehen, was es für ein Unglück gegeben. Uli hielt
dafür, es seien Kiltbuben aneinandergekommen und einer schwer getroffen oder
gestochen worden. Als er vor das Haus kam, war es stille draussen. Von den
Knechten, welche herbeikamen, wollte der eine es dort vernommen haben, ein
anderer in entgegengesetzter Richtung. Man suchte hier, man suchte dort und
allerwärts umsonst, Man horchte in die stille Nacht hinein, man vernahm weder
Fusstritte Fliehender noch Seufzen oder Röcheln eines Verwundeten. Das Ding ward
unheimlich, den Meisten rieselte es kalt den Rücken auf, doch nur einer sprach
es aus und sagte: Er möchte zu Bette gehen, das Ding gefalle ihm nicht, es sei
nicht ein Schrei gewesen wie ein anderer, und wer zu neugierig sei, lese leicht
eine geschwollene Nase auf oder gar ein böses Bein sein Lebtag. Man habe der
Beispiele viele und man sollte sich ihrer achten, was nützen sie sonst Die Worte
fanden Anklang. Sie müssten doch noch einmal sehen und etwas weiter gehen, der
Schrei sei gar zu nötlich gewesen; der, welcher ihn getan, sei nicht weit mehr
gelaufen, und dass es ein Gespenst sei oder sonst der Art was, könne er nicht
glauben, man hätte sonst wohl schon was gehört, sagte Uli. »Das erstemal ist
eins, hat Hamglaus gesagt«, sagte einer. Er möchte doch nachsehen, sagte Uli,
wer sich fürchte, solle ins Bett. Uli ging und alle kamen nach, Einer dicht am
Andern, aber nicht wegen Heldenmut und Nächstenliebe, sondern weil Keiner
alleine heim ins Bett durfte. Sie gingen und fanden in einer wilden Ecke hinten
bei einem Schopf einen Menschen bewusstlos liegen. Als man zündete, war es der
Melker, dessen Abwesenheit aufgefallen war. Er schlafe gar hart, hatte darauf
der Karrer gesagt, und sei nicht zu erwecken. Neben ihm lag eine nagelneue
blecherne Flasche, und zerbrochene Eierschalen knatterten unter den Füllen. »Da
wäre also doch der Dieb, hat es ihn einmal! So wäre es recht, so wüsste man doch
bestimmt, ob ein gerechter Gott im Himmel sei oder gar keiner«, hiess es von
allen Seiten. Der Melker war hinaufgestiegen gewesen unters Dach in sein
Versteck, im Herabsteigen hatte ihm ein Tritt gefehlt, er stürzte hinab, brach
ein Bein, beschädigte sich sonst übel, blieb sein Lebtag ein Krüppel.
    Einige Tage lang war auf der Glungge stark die Rede vom Melker und von Gott,
man ging sogar in die Kirche, die Einen, weil sie wirklich dachten, es könne
nicht schaden, und wenn ein gerechter Gott im Himmel sei, so möchten sie es
wirklich nötig haben, Andere in der Hoffnung, der Pfarrer ziehe den Melker in
der Predigt an, und wenn er schon nicht alle nenne, welche ihn gesucht und
gefunden, könnten sie doch hintendrein sagen: »War auch dabei! So sollte es
allen gehen, welche es so machen und damit ihre ehrlichen Nebendiensten in
Verdacht bringen. Daneben dünkt es mich doch, der Pfarrer habe es wohl stark
gemacht. Nicht, dass ich mich mit dem Melker zusammenzähle, bewahre mich davor,
aber wir sind alle arme Sünder und der Pfarrer wird nicht besser sein als
Andere.« In diesen Tagen liess Uli manchen Zuspruch fahren, worin er auf den
deutete, der an die Sonne bringe, was im Verborgenen geschehe, und den rechten
Meisterleuten beistehe, wenn, sie mit schlechten Dienstboten nicht auskommen
könnten. »Was fängt er dann mit schlechten Meisterleuten an, wenn es einen
gerechten Gott gibt, denn er wird doch nicht bloss für Dienstboten da sein wie
Käsmilch und Mehlsuppen ohne Mehl, sondern auch für schlechte Meisterleute?«
frug ein naseweises Bürschchen, welches eine Zeitlang in einer Schenke gedient
hatte und nichts glaubte. Das sei ein leer Gerede, dass Gott dem Melker das Bein
gebrochen. Sei er gerecht, so müssten alle Diebe die Beine brechen, da hätte er
wohl viel zu tun, und er mochte wissen, wieviele auf ganzen Beinen herumliefen.
Am übelsten ginge es dabei den Geigern, denn das Tanzen liessen wohl die Meisten
sein. Das habe niemand anders getan als Mädi, das habe dem Melker leise die
Leiter weggestellt, und als der darauf treten wollte, sei er hinuntergestürzt,
das sei der ganze Handel. Mädi verdiente Kettenstrafe, wenn nicht den Galgen,
denn auf diese Weise könne ein Mensch den Hals brechen, nicht bloss ein Bein, und
Mörder solle man hängen, heisse es. Wenigstens müsste es ihm den Melker heiraten
und ihn ernähren, und billiger als dieses sei nichts und besser könne es selbst
Gott nicht machen, wenn einer sei nämlich.
    Mädi begehrte schrecklich auf über diese Zumutung, aber nicht weil es sich
ein Gewissen daraus gemacht hätte, die Tat zu tun, sondern weil es sie nicht
getan und doch jetzt schuld sein sollte. Es sei nur da, um Sündenbock zu sein,
und das sei ihm erleidet, und jetzt sollte es noch den Melker erhalten. Je böser
Mädi wurde, desto mehr hatten die Andern Freude daran; da half alles Zureden
nichts, nichts bei Mädi, nichts bei den Andern, ein täglicher Krieg war los, so
dass wenn der Melker schon fort war, das Leben um nichts freundlicher wurde.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                 Von Haushaltungsnöten und daherigen Stimmungen
Vreneli ward das Leben wirklich schwer. Sie hatten zu allem Verdruss im
Inwendigen auch nach aussen nicht Glück gehabt. Es war nicht eigentlich Misswachs,
aber ein mager Jahr, wo es wenig zu verkaufen gab. Das sogenannte Beiwerk fiel
grösstenteils weg; der Lewat geriet nicht, der Flachs war nicht gut, Obst gab es
keins, hinter den Kartoffeln waren die Käfer, das Gras war nicht melchig, das
heisst die Kühe gaben wenig Milch dabei, es hatte zu viel geregnet, das Korn war
gefallen, brandig, gab wenig aus in der Tenne; das Geld im Schranke wollte sich
nicht mehren, die Kasten im Speicher sich nicht füllen, es füllte sich nichts
als Ulis Seele mit Ungeduld und Missmut und Vrenelis Seele mit Wehmut.
    Vreneli hatte, wie wir wissen, aristokratisches Blut in seinen Adern und
einen nobeln Sinn, wie er einer wahren Bäuerin so wohl ansteht und ihr eine
Bedeutung im Volksleben gibt, welche selten ein Mann erringt. Drei Dinge hat so
eine Bäuerin: einen verständigen Sinn, einen goldenen Mund und eine offene Hand.
Ein gut, mild Wort tut einem armen Weibe, welches nur an Schelten und harte
Worte gewöhnt ist, viel besser als eine schöne Gabe, und ein verständiger Rat
ist oft weit nötiger als ein reiches Almosen. So ein »Chumm mr zHülf« in aller
Not ist ein Posten, der weder erschlichen noch ererbt werden kann, er wird aus
freier Wahl nach Verdienst vergeben. So war es auch Vreneli allmählich gegangen.
Die Weiber der Tagelöhner, anderer Arbeiter usw. hatten sich ihm allmählich
zugewandt, da es häufiger mit ihnen in Verkehr kam als die Mutter, auch rüstiger
Hand bieten konnte an einem Krankenlager oder wenn eine Kindbetterin in Nöten
war. Begreiflich nahm dieses Amt etwas Zeit hinweg und noch allerlei anderes,
wenn man zum Beispiel im Küchenschrank einer Wöchnerin nicht so viel fand, um
eine stockblinde Suppe zu machen, und im ganzen Häuschen kein Hüdelchen gross
genug, den kleinen Staatsbürger darein zu wickeln.
    Seit der ersten Ernte hatte Uli nicht viel mehr gesagt. Vreneli nahm sich in
acht, tat verständig, das heisst nicht reicher, als sie waren, schonte Uli
bestmöglichst und suchte ihm doch wirklich nichts geflissentlich zu verbergen.
Es gibt nicht leicht was Schlimmeres, als wenn die Weiber sich gewöhnen, des
Mannes Rücken lieber zu sehen als sein Gesicht, als ihren besten Freund, der
ihnen nichts ausplaudert. Nun aber, da das Jahr ein mageres war, wenn auch kein
eigentlich Fehljahr, die Brünnlein alle versiegt schienen oder spärlich flossen,
ward Uli ängstlich. Wird einer aber ängstlich, spitzt er Augen und Ohren, und
was er fürchtet, sieht und hört er all, überall. Fürchtet einer das Feuer, so
riecht er allentalben Rauch, hört Flammengeknister, träumt vom Verbrennen.
Fürchtet einer Gespenster, so kriechen ihm solche aus allen Gräbern nach, gucken
durch alle Zäune, reissen ihm regelmässig alle Nächte das Deckbett vom Leibe. Wird
einer mit der Eifersucht behaftet, fürchtet, seine Frau kriege die Untreue, so
wird ihm alles gefährlich, Katzen, Spatzen und Zaunstecken, und sieht er eine
Mannsperson durchs Fernrohr, greift er nach Säbel und Pistolen und schreit:
»Jetzt weiss ichs und habs endlich klar, und jetzt muss mir der Donner erschossen
sein; hilft es dann nicht, so schlage ich ihm mit dem Säbel Kopf und Beine ab,
und wenn das noch nicht hilft, vergrabe ich den Hund schliesslich lebendig«. Nun
ward es Uli nicht angst ums Reichwerden, sondern angst vor dem Armwerden, und da
ward es ihm, als helfe alles dazu, als habe die ganze Welt sich verschworen, ihn
um alles zu bringen. Auf alles guckte er und allem sah er nach, alles, was
gebraucht wurde, biss ihn, und was fortgetragen wurde, ging durch seine Seele.
Uli hatte ein nicht ganz so beschränktes Hirn als Mädi, aber wenn ihn was recht
erfasste, ward er immer so eintönig, nur eines und immer das Gleiche klang in ihm
nach.
    Jetzt fiel ihm Vrenelis Ehrenamt spitzig in die Augen. »Du kannst geben, bis
wir selbst nichts mehr haben, sieh dann zu, wer dir geben wird. Die und die ist
abermal eine ganze Stunde bei dir gestanden, hat nichts getan und dich versäumt.
Wundern muss man sich nicht, dass es so arme Leute gibt. Wie sollte es anders
kommen, wenn die Weiber ganze Tage herumstehn und nichts tun! Lieber wäre es
mir, es ginge uns nicht auch so. Was doch das für eine verfluchte Unvernunft
ist, wenn eine sieht, dass man alle Hände voll zu tun hat, und dann einem vor der
Nase steht, dass man nicht vom Platz kann. Ich begreife nicht, wie du ihnen
zuhören magst. Es dünkt mich, es sollte dir dabei himmelangst werden. Den
Verstand könntest du ihnen machen, wenn sie ihn nicht selbst haben: du hättest
nicht Zeit, ihrem Geklatsch zuzuhören, du hättest Schweine, welche gefüttert
werden, und Menschen, welche arbeiten müssten und essen wollten zu rechter Zeit.«
Umsonst entschuldigte sich Vreneli, es hätte dabei nichts versäumt, sondern
immer zugeschaft und aufs Essen hätte niemand warten müssen, weder Menschen
noch Schweine. Umsonst entschuldigte Vreneli die armen Weiber damit, sie hätten
ihns um Rat gefragt oder es tue ihnen so wohl, ihr Elend klagen zu können. Wenn
jemand ihnen freundlich zuhöre, so leichtere es ihnen wenigstens um die Hälfte.
Umsonst entschuldigte Vreneli die Gaben, dieweil sie nur so klein seien; wenn
sie es ohne die nicht machen könnten, so sei es bös bestellt mit ihnen, und wenn
sie Gottes Gnade und Hilfe so nötig hätten, so seien sie doch um so mehr
schuldig, zu tun nach seinem Wort und Befehl. Er solle doch nur denken an der
armen Witwen Scherflein im Gotteskasten. Umsonst war das alles, Ulis Augen
wurden immer spitziger, sein Ärger beim kleinsten Anlasse grösser.
    Vreneli hielt seine Kinder sorgfältig, wie ein Mädchen seine Blumen,
reinlich mussten sie ihm sein um und um. Narrenzeug mochte es für sein Leben
nichts an ihnen leiden. Es hatte nicht Augen wie so manche Mutter, welche nicht
Farben genug an ihrem Kinde anbringen kann und es am schönsten findet, wenn
dasselbe Dinger am Leibe hat, wie sie niemand hat, und grelle, glitzernde, die
in allen Gassen schrei, en und haben doch keine Zunge im Munde. Nun hatte zum
Beispiel der Wirt oder dessen Frau dem Johannesli ein Ungeheuer von Turban
geschenkt, hochrot von Farbe, mit blauem Borde, eine Elle hoch, oben eine Elle
breit, mit Ohrenlappen, gross wie die Blatten an einem Pferdekommet, und einem
handbreiten gelben Bande, ihn unter dem Kinn zu binden. Das arme Kind sah darin
aus wie ein Zwerg in einer Grenadiermütze oder ein klein Spätzlein, welchem man
einen grossen Hahnenkamm aufs Köpflein gepflanzt. Vreneli konnte es nicht übers
Herz bringen, das Bübchen in das Ungetüm zu stecken. Aus einem Kinde eine
Vogelscheuche zu machen, sei eine Sünde, sagte es, so was könne einem Kinde sein
Lebtag nachgehen. Wer ein Kind so spöttisch verpuppt gesehen, der erinnere sich
daran, wenn das Kind ihm längst erwachsen vor die Augen komme, nehme es für dumm
und lächerrlich und gewöhne sich mit Mühe daran, die Sünden der Eltern zu
vergessen und das verständig gewordene Kind als verständig anzunehmen. Vreneli
kaufte dem Bürschchen ein klein Käpplein, wohlfeil und doch schön, und was will
man mehr? Darüber ward Uli auch wieder sehr böse. Unnütz Geld auszugeben sollte
man sich hüten in solchen Umständen, sagte er. Es werde sehen, wie weit man
komme damit, aber dann werde es zu spät sein. Die Hoffart habe reichere Leute
auf die Gasse gebracht, und dümmer sei nichts, als vorstellen zu wollen, was man
nicht sei, was man erst mit Mühe und Not werden könne. Übrigens begreife er
nicht, was ihm an der Kappe nicht recht sei, ihm gefalle sie und zwar besser als
die, für welche es Geld verschleudert. Es sei aber nur Weiberwunderlichkeit;
weil es die Wirtin hasse, so gefalle ihm nichts, was von ihr komme. So eine
Wirtin, welche an einer Strasse wohne, wo alle Tage Herrschaften vorbeiführen,
Engeländer und Huttwyler, werde doch wohl besser wissen, was schön sei und Mode,
als so eine Pächtersfrau, welche jahraus jahrein niemand sehe als die Eierfrau,
den Hühnerträger und zuweilen einen Lumpensammler. Und dass es das Bübli nur den
- er wusste selbst nicht, wie er dem roten Turm sagen sollte - tragen lasse! Wenn
die Wirtin mal käme und das Kind hätte ihn nicht auf dem Kopfe, so hätte sie es
ungern und meinte, man schätzte ihn nicht.
    Uli hatte für derlei Dinge durchaus keinen Sinn. Was nichts kostete, gefiel
ihm am besten, daneben dann, was so recht buntscheckigt war, so recht
himmelschreiend. Er meinte auch, für Kinder sei gleich alles gut, und je weniger
man an sie wende an Zeit und Kleidern, desto besser kämen sie fort, desto
weniger ungezogen würden sie, an desto weniger gewöhnten sie sich. Uli dachte
nicht daran, dass keine Zeit kostbarer angewendet wird als die, welche man an das
Reinigen der Kinder wendet, und dass keine versäumte Zeit sich schwerer rächt als
die, welche man zu wenig dazu braucht. Der Landmann mistet fleissig, wäscht den
Schweinen den ganzen Leib, den Pferden Schwänze und Fusse usw., und der gleiche
Landmann lässt seine Kinder in nassen Betten liegen und tut, als ob jeder Tropfen
Wasser Champagner wäre, den man bekanntlich nicht alle Tage braucht. Ja es gibt
Leute, welche ihr Lebtag nie am ganzen Leibe gewaschen wurden als am Tage ihrer
Geburt, diese Waschung hielts dann bis zum Tage des Todes, war eine währschafte.
Er dachte ferner nicht daran, dass die Art, wie ein Kind gekleidet wird in der
Jugend, ihm gerne nachgeht im Leben, und Kleider machen ja Leute. Es gibt nicht
bloss Familien, sondern ganze Geschlechter bis ins dritte und vierte Glied,
welche ihr Lebtag ungewaschen scheinen, alle Kleider an ihnen schmutzig, ja Leib
und Seele schmutzig, sie mögen sich gebärden, kleiden, so kostbar sie wollen.
Wir glauben, Demanten würden auf ihren Personen den Glanz verlieren und Farbe
kriegen wie abgestandener Froschlaich. Wenn sie auch vornehm werden, diese
abgestandenen Gesichter, und nach Seife und Pomade langen, erst im dritten und
vierten Glied fängt man an zu merken, dass da was Ungewöhnliches in Gebrauch
gekommen. Uli gehörte nicht zu diesem Schmutzgüggelgeschlecht, er war im
Gegenteil, er mochte machen was er wollte, immer sauber anzusehen, aber er war
von Natur so und wusste nicht, wie schnell man in die Familie der Schmutzgüggel
geraten kann.
    Je mehr Mädi aus dem Häuschen kam, desto mehr kam an Vreneli. Viel machen
macht sich noch, aber viel machen und nicht das Rechte machen und daher nicht
genug schaffen können, das ist hart und drückt schwer aufs Herz, besonders wenn
man noch was unter dem Herzen hat. Auch am Essen mäkelte er, es war ihm nicht
mehr recht. Es klagen gar viele Weiber, sie könnten es ihren Männern nicht gut
genug geben; das ist von den Weibern dumm, sobald ihnen die Männer Geld genug
geben und Geld dafür da ist. Lernen sie halt besser kochen, nehmen sie sich die
Mühe nachzusehen, ob was in der Küche ist, und nachzudenken zu rechter Zeit und
nicht erst, wenn es auf den Tisch sollte, was sie in die Küche geben, so wird
das Ding sich wohl machen, der Mann müsste denn gar ein Unflat sein. Aber wenn
die Frau es zu gut gibt, schlechter geben soll, als es sich mit ihrem Gewissen
verträgt, weil sie denkt, Dienstboten seien doch eigentlich, genau genommen,
keine Hunde, wenn sie zehn und mehr Jahre gekocht mit Verstand und zur
Zufriedenheit, und auf einmal ists nicht mehr recht, sie sollte es mit dem
Halben machen und hat doch gleich viel Mäuler zu sättigen oder noch mehr (denn
je schlechtere Arbeiter man hat, desto mehr muss man ihrer haben, und schlechte
Arbeiter essen zumeist mehr als gute), dann ists böse, denn es ist nichts böser,
als wenn man mit Bewusstsein und wider Willen unverständig handeln soll. Es ist
wohl nichts dümmer auf der Welt, als wenn man zu schlecht zu essen gibt und es
besser geben könnte. Es ist dumm und schlecht, wenn man es der eigenen Familie
zu schlecht gibt, da wachsen keine Kräfte nach, die Kinder müssen es oft büssen
lebenslang, hat ähnliche Folgen, wie wenn man das Land, den Boden ermagern lässt.
Es ist aber noch viel dümmer, wenn man fremde Leute zu schlecht hält; erstlich
wird man tapfer verbrüllet, und zweitens stehlen sie wieder an der Arbeit ab,
was man ihnen am Essen abstiehlt, das fehlt nicht. Das Sprüchwort »Eine Hand
wäscht die andere« erwahrt sich wohl nirgends unfehlbarer als hier.
    Es ist sonderbar, wie Menschen in einfachen Dingen so wunderliche Augen oder
Gedanken haben können. Uli wollte es nicht schlecht geben, aber minder gut. Ihm
möge es eine grosse Summe bringen im Jahr, die Andern merkten es nicht oder
hätten jedenfalls nicht weniger, meinte er. Der gute Uli hatte vergessen, wie
feine Nasen die dümmsten Dienstboten in dieser Beziehung haben und wie hoch sie
den geringsten Abbruch anschlagen, er dachte jetzt so wenig daran als früher an
der Ernte, denn es sind gar viele Leute, welche meinen, sie alleine hätten ein
Hirn zum Merken und eine Nase zum Riechen.
    Vreneli war übel daran. Diese Zumutungen alle waren nicht in einem Tage zu
übersehn, sondern sie wurden alle Tage neu, sollten die Regel für das Tägliche
werden, und Vreneli konnte sie wirklich nicht erfüllen, wenn es des Hauses
Bestes im Auge hatte, konnte nicht denken: Meinetalben, wenn er es so haben
will, so habe er es, es ist seine Sache. Es redete mit der Base. Die Base riet,
leise zu tun, nicht viel zu widerreden, und wenn es geredet sein müsste, ohne
Hitz, mit Liebe. »Vorschreiben wird er dir nicht, wieviel Butter oder Schmalz du
ins Gemüse tun sollst und wieviel Kaffeepulver in die Kanne, wird dir weder die
Eier nachzählen noch das Mehl kellenweise messen; so kannst du immer das rechte
Mass halten, wie du es vor Gott und Menschen zu verantworten meinst. Verliere den
Mut nicht, sonst ist alles verloren. Lass dich auch nicht unterdrücken in Gram
und Sorgen, dass du lauter trübselige Gesichter machst und lauter massleidige
Worte von dir gibst. Dann hat es auch gefehlt. Ich meine nicht, du sollest
jubilieren wie ein Hagspatz oder ein Buchfink, das klänge wie Trotz und würde
Uli ärgern; aber freundlich sollst du sein, lieblich fragen und antworten, kein
bös Wort aus deinem Munde lassen. Sieh, in solcher Trübsal sollte die Frau immer
die Haussonne vorstellen. Du weisst ja, wie wohl einem Kranken, welcher das
Fieber hat oder die Auszehrung, die Sonne tut, wie er sich gestärkt fühlt und
halb gesund, wenn er eine Stunde daran gesessen ist. So geht es auch einem
Menschen, der an der Seele krank ist und das Bessere in ihm die Auszehrung hat;
Freundlichkeit und gute Worte tun ihm doch wohl, sie alleine vermögen zu
erhalten das Bessere, bringen wieder gute Stunden, mildes Hauswetter, die
vergangene Traulichkeit, habe das vielhundertmal erfahren. Ich sagte Joggeli
wohl harte Worte, so hart, wie er sie ertragen mochte, aber waren sie gesagt, so
wars vorbei. Ich gab guten Bescheid, zeigte guten Mut, dann war er auch wohl
dabei und froh, mit mir ein vertraulich Wort reden zu dürfen. Das machte, dass er
mir nicht von Hause schlug und ich immer wusste, was er tat und wollte. Mag einer
die Freundlichkeit nicht mehr ertragen, macht sie ihn nur böser oder flieht er
sie, dann steht es schlecht, dann hat seine Seele die beste Handhabe verloren,
und zumeist schlägt er auch von Hause.«
    Die Weiber mögen urteilen, ob der Rat der Base richtig oder unrichtig war;
Vreneli glaubte daran und versuchte ihn, wenn er auch schwer war in seiner
Ausführung. Das Andauernde, Stätige ist viel schwerer als einzelne Heldentaten,
oft Früchte flüchtiger Aufwallungen. Schwer ists, immer liebenswürdig zu
bleiben, wenn das Herz voll Leid und Kummer ist. Man stosse sich nicht etwa am
Worte liebenswürdig; wir halten dafür, Weib sei Weib, stehe es am Herde oder im
Tanzsaale, manöveriere es im Salon oder vor dem Schweinestall, und meinen, es
könne und solle allerwärts wahrhaft liebenswürdig sein. Denn die wahre
Liebenswürdigkeit hängt nicht am seidenen Kleide oder an himmlisch gekämmten
Haaren, sondern am Herzen, welches sich auf einem freundlichen Gesichte
spiegelt. Man halte es auch nicht für Heuchelei, wenn man ein freundlich Gesicht
mache, während das Herz voll Leid und Kummer ist. Leid und Kummer sind Zustände,
welche man immer zu überwältigen, ihr Weitergreifen zu verhindern hat. Jeder
Zoll Haut, welche man von ihnen befreit, ist grosser Gewinn. Gewinnt man ihnen
gegenüber ein ganz freundliches, gesundes Gesicht ab, so hat man nicht bloss
ihnen etwas abgenommen, sondern man hat eine Macht gegen sie gewonnen. Denn
solange man ein freundlich Gesicht macht, fühlt man Leid und Kummer weniger, sie
verlieren ihre Schärfe, milder wird ihr Schmerz. Und die Kraft, welche man zu
einem freundlichen Gesichte braucht, ist ja eben auch die Kraft, welche Kummer
und Leid verzehrt, welche zu der Stärke führt, welche spricht: Der Herr hat es
gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Kömmt einmal
der Mensch dazu, diese Kraft zu suchen und zu versuchen, dann ist das Bessere in
ihm erwacht, der erste Schritt zur Genesung getan.
    Nun ist auf der Welt nichts vollkommen, vor allem alle Anfänge nicht, und
nichts Böses weicht aus dem Menschen ohne den hartnäckigsten Widerstand. Es
geschah Vreneli, dass das zurückgepresste Weh unwillkürlich ausbrach, dass es
weinen musste die hellen Tränen, es mochte wollen oder nicht. Dann machte es, wie
es sein soll, den Pfarrer und versuchte sich selbst tapfer abzukanzeln, dass es
so nötlich tue. Es sei ihnen doch eigentlich gar kein Unglück begegnet, kein
Kind sei ihnen gestorben, keine Krankheit habe sie geschlagen, Not sei keine da,
wenn auch das Jahr ein ungünstiges sei; das wisse man ja zum voraus und müsse
sich darauf gefasst machen, dass gute Jahre mit bösen wechseln, und sie vermöchten
es doch zu ertragen, Rückstände hätten sie ja keine, sondern Geld im Vorrat. Und
wenn sie schon Verdruss von den Dienstboten hätten, so sei das allerwärts, wo man
solche habe, das sei nicht wohl anders zu machen, in einem andern Jahr sei es
vielleicht besser.
    Aber es ging Vreneli mit seinem Predigen, wie es vielen andern Pfarrern auch
geht; wie schön und richtig es auch predigte, es wollte doch nicht anschlagen,
der böse Feind nicht weichen. So sei es wohl, sagte der Teil in ihm, welcher
nicht den Pfarrer machte, aber es könne in Gottes Namen nicht helfen. Nicht Geld
und Not liege ihm im Herzen, sondern was ganz anderes, es könne fast nicht sagen
was. Aber es sei nicht mehr wie ehedem, es sei, als tappten sie im Nebel, wüssten
nicht mehr Steg und Weg und fänden ihn nimmermehr. Wie man in einen bösen Luft
kommen könne, man geschwollen werde über und über, dass man die Augen nicht mehr
sehe, so müsste auch an sie ein böser Luft gekommen sein, aber an ihre Seelen,
dass sie einander selbst nicht mehr kennten, und seien sie doch Mann und Frau.
Dann liege ihm so schwer auf dem Herzen ein Bangen, es wisse nicht vor was, aber
vor einem grossen Unglück. Es sei ihm, als stehe vor ihm eine grosse schwarze
Wolke und in der Wolke ein grausig Etwas, es wisse nicht was, aber es erwarte
mit Zittern und Beben, dass es herausfahre und ihns verschlinge und alles alles
mit. Dieses Weinen, Predigen, Bangen versteckte Vreneli bestmöglichst vor allen,
aber am Neujahrstage vermochte es dieses nicht, die Brunnen der Tiefe brachen
unwillkürlich auf. Wie der liebe Gott grössere und kleinere Lichter gemacht hat
am Himmel, welche Tag und Nacht regieren und die Jahre zumessen den
Menschenkindern, so hat er auch diesen Menschenkindern ein Gefühl in die Seele
gelegt, welches die schwindenden Tage mit Bangen zählt und mit Zagen jedes neu
zugemessene Jahr betrittet; denn am Ende der Tage ist der Tod, und im neu
angetretenen Jahre kann man treten auf diesen Tod. Es ist überhaupt jedes Jahr,
welches kömmt mit seinen 365 Tagen, eine dunkle Wolke, schwanger mit Tod und
Not, mit Freude und Lust. Wie diese Wolke tritt in die Zeit hinein, wird es
lebendig in ihrem Schosse; die Wolke glüht, speit Blitze aus, zahllos,
ununterbrochen, blitzt ins ohnmächtige Menschengeschlecht hinein Not und Tod,
Lust und Freude, Millionen fallen, Millionen weinen, Millionen jauchzen auf,
verstummen wieder, wenn von entgegengesetzter Seite her millionenfacher Jubel
schallt.
    Als nun früh am Neujahrsmorgen Vreneli erwachte, berührt sich fühlte von der
schwarzen Wolke Rand, war es ihm, als höre es das Schmieden der Blitze, welche
fahren sollten durch sein Herz, es füllen mit Not und Tod. Ein unendlich Bangen
ergriff ihns, ein unaussprechlich Weh, in lautes Schluchzen brach es
unwiderstehlich aus. Uli erwachte darob, fragte bestürzt: »Vreneli, was hast,
was fehlt« Lauter noch schluchzte Vreneli, aber Worte fand es nicht. Uli ward
angst, er wollte Licht machen, wollte nach Hoffmannstropfen gehen, endlich
konnte Vreneli sagen: »Ach, Uli, mein Uli, es ist mir so bang, so angst, aber
Tropfen helfen nichts. Es ist nicht mehr wie ehemals, die böse Welt kam über uns
und zwischen uns, und mir ists, als stehe vor uns ein gross gross Unglück; noch
ist Nacht darum, ich höre wohl sein Schnauben, aber seine Gestalt sehe ich
nicht. Wie soll das gehen, wie wollen wir es ertragen, wenn wir einander nicht
mehr verstehen, du so misstrauisch, so unzufrieden bist mit mir, allen Andern
mehr glaubst als mir Ach Uli, mein Uli, das dauert mich so sehr, drückt mir fast
das Herz ab.« Uli war nicht hart, stiess das sich öffnende Herz nicht wieder zu,
und warum? Weil Vreneli nicht alle Tage jammerte, weil dieser unwillkürliche
Ausbruch der erste dieser Art war, welchen Uli erlebte. Wer alle Tage Pillen
schlucken muss, den widern sie entweder so an, dass er das Gesicht jämmerlich
verzieht oder kaltblütig schluckt, als ob es gewöhnliche Brotkügelchen wären.
Uli war auf eine gewisse Weise freudig erschrocken. Er hatte Vrenelis
Freundlichkeit nicht begriffen, sie nicht selten für Gleichgültigkeit,
Leichtsinn oder gar Bosheit genommen.
    Es geht so, wenn man nicht alle Tage zusammen ein traulich Wort spricht oder
nicht in einem Höhern den Einklang findet. Es geht so in der Richtung dieser
Zeit, wo jeder Lümmel jeden, der nicht in sein Horn bläst, nicht bloss für einen
Esel, sondern für seinen Todfeind hält, in der Richtung dieser Zeit, wo der
dreckigste Kuhjunge oder der vierschrötigste Bärenwirt mit Dolch und Pistolen
umherfährt und jeden ersticht und dann erschiesst, der nicht Gax nachsagt, wenn
er Gix vorgesagt; es geht so bei der zunehmenden Dummheit, welche man für
Weisheit hält, welche aber nichts ist als die eintönigste Janitscharenmusik,
verbunden mit Spiessen, Hängen und Kopfrunter, wenn einer einen Ton fehlt. Es
reisst eine Intoleranz ein, gegen welche die der Pharisäer ein Liebkosen war,
welche alle Gebärden der französischen Revolutionsmänner nachäfft. Es ist aber
kurios, wenn mal dieser Wind weht, man heisst ihn den Zeitgeist, so wird alles
davon ergriffen mehr oder weniger, jeder in seinem Verhältnis. Wer hat schon
einen grossen Wirbel in einem Flusse gesehen, oder wenn man will einen
Wasserfall, den Rheinfall zum Beispiel? Da kommen die Wasser angezogen, klar,
ruhig, majestätisch. Wie sie in Bereich des Wirbels kommen, werden sie unruhig,
verlassen den natürlichen Lauf, müssen in den Wirbel hin, ein, müssen schäumen,
sich drehen, müssen auf den Grund. Allmählich löst sich der Zwang, sie werden
frei, ziehen weiter, aber noch schäumend, kochend, bis allmählich die Ruhe
wiederkehrt, der feierliche Gang, die majestätische Haltung. Solche Wirbel sind
auch im Strome der Zeiten, und wenn der Mensch je als Tropfen eines Meers
erscheint, so ist es im Zwange dieser Wirbel, und dieser Zwang herrscht nicht
bloss in der Mitte der Strömung, wo die hohen Häupter schwimmen, die sogenannten
Lichter des Jahrhunderts. Ach nein, und dieses ist eben das Erbärmliche und
Demütigende: ins gleiche Loch werden gewirbelt die Grössten, die Kuhjungen, die
Irländer, die Waadtländer und Hausväter, welchen die Weiber nicht Gix nachsagen
wollen, wenn sie Gax vorgesagt, und Hausweiber, welche Zeter schreien, wenn der
Mann nicht alle anspuckt, welche ihns angrännen.
    Um Politik bekümmerte sich nun Uli nichts, aber der Wirbel hatte ihn doch
erfasst, der Wirt hatte die Verbindung vermittelt. Darum war er diesmal um so
teilnehmender und meinte: »Jä, ja lueg, es ist mir auch schon lange bange und es
freut mich, dass es dir auch kömmt.« Nun musste Vreneli freilich sich erläutern,
und das ist nicht leicht bei solchen Umständen und bedarf einer zarten Hand.
Indessen diese hatte Vreneli, und indem es Ulis Bangen nicht schnöde und radikal
zurückwies, sondern in seinem Werte gelten liess, fand es auch mehr oder weniger
Geltung für das seine, fand ein schönes Neujahrkindlein, fand eine freundliche
Verständigung, hatte einen milden Tag, und doch wollte die Beklommenheit nicht
von ihm weichen, das Weinen war ihm immer zuvorderst. Es war ihm, als sollte es
von jemand Abschied nehmen, und wusste nicht von wem. Hatte es das kleine Vreneli
auf dem Schosse, so meinte es, es gelte dem, und küsste es, bis auch ihm das
Weinen kam. Hatte es den Johannes, so war es ihm ebenso und es machte es ihm
gleich. Es ging ihm mit der Base so, liess sie aber nicht, bis Beide die hellen
Tränen weinten und die Base endlich sagte: »Nimm dich zusammen und tue es aus
dem Kopf! Du machst mir sonst Angst, solches bedeutet manchmal etwas und
manchmal nichts, aber was nützt es, wenn man vorher so ängstet und sich grämt?
An der Sache macht man doch nichts. Am besten ists immer, man sei zweg auf alles
und nehme unterdessen, was kömmt, mit Dank. Komm, ich habe ein Kaffee zweg, nimm
ein Kacheli, es bessert dir dann ums Herz.« Es ist wohl nichts auf der Welt und
von der Welt, was einem Weibsbilde so wohl macht und so guten Trost gibt, als
ein Kacheli guten Kaffee.
                              Vierzehntes Kapitel
                 Von Verträgen und allerlei Künsten und Kniffen
Drei Jahre waren bald verflossen, seit Uli die Pacht angetreten hatte. Der
Akkord war ziemlich vorsichtig geschlossen, dank dem Bodenbauer, welcher in
solchen Dingen Erfahrung hatte. Es ist wohl nichts schwerer, als solche Akkorde
so abzufassen, dass nicht jeder Artikel ein Tor zu Misshelligkeiten oder zu einem
Prozesse wird. Es gibt Spitzbuben von Lehenherren, hohe und niedere, welche eine
eigene Kunstfertigkeit im Abschliessen solcher Verträge haben, eine
Kunstfertigkeit ähnlich der, welche Katzenhändler haben sollen. Es soll nämlich
solche geben, welche so geschickt eine gekaufte Katze zu entäuten wissen, dass
dieselbe lebendig davonläuft und unversehens ihren frühern Eigentümern vor der
Türe sitzt. Also Pachterren gibt es, welche regelmässig alle ihre Pächter
entäuten, so dass diese sich noch glücklich preisen, wenn sie endlich mit dem
nackten Leben entrinnen können. Solche Pachterren hat man nicht bloss in Irland,
sondern auch in der Schweiz, und zwar Liberale von Farbe! Kurios! Oder aber der
Akkord wird in holdseliger Stimmung geschlossen. Man ist gut Freund oder
verwandt oder hat sich endlich gegenseitig gefunden in süsser Liebe. Der Pächter
sagt dem Lehnsherrn, er sei ein Engel, der Lehnsherr sagt dem Pächter, er sei
ein halber Engel, sie reden vom ewigen Frieden; und nicht selten ists, dass sie
wirklich zu singen anfangen, und wenn sie auch nicht singen wie die Engel im
Himmel, so meinen sie es doch. In einer solchen Stimmung findet man hundert
Dinge nicht nötig auf das Papier zu bringen. Bald sagt der: »Das versteht sich
von selbst, ich müsste mich ja schämen,« bald sagt es der Andere. Ja es würde
nichts zu Papier gebracht, wenn es nicht wäre wegen dem allgemeinen Gebrauch
oder wegen Leben und Sterben, was aber Beide nicht zu erleben hoffen, wie sie
sagen. Ja, aber Stimmungen sind veränderlich, besonders wo Weiber dabei sind und
eine Pacht im Spiel, wenn allerlei Produkte zu entrichten sind und allerlei
Vettern und Basen ab- und zugehn. Stimmungen sind gar wunderlich; was uns
lieblich dünket in einer Stimmung, kömmt in einer andern uns schauerlich vor,
der Mensch, mit dem wir sangen in himmlischer Harmonie als wie die Engel, kann
uns später als das bockfüssigste Untier erscheinen, mit Lastern gespickt ärger
als der alte Hiob mit Eiterbeulen. Dann geht erst das Jammern an. »Ei nein aber,
dem hätte ich es doch nicht angesehen, wie man sich doch täuschen, wie ein
Mensch sich verstellen kann! Ei nein aber, das hätte ich doch niemand geglaubt!«
Nach dem Jammern kömmt das Zanken und endlich das Prozedieren. Wo liegt der
Fehler Gewöhnlich auf beiden Seiten, wie man zu sagen pflegt. In ihrer
holdseligen Stimmung hatte jeder dem Andern das Beste verheissen, im Grunde aber
jeder auf des Andern Gutmütigkeit spekuliert, von ihr viel grössern Vorteil
erwartet als von geschriebenen Bedingungen; der ganzen schönen Geschichte lag
also eigentlich Eigennutz zugrunde, freilich Vielen unbewusst, und wenn Eigennutz
an Eigennutz wächst, so gibt es Reibungen, Zank, und endlich geht es ans
Prozedieren.
    Nun, auf solch wandelbarem Fundamente ruhte Ulis Akkord nicht, aber nicht
durch seine Schuld, sondern der Bodenbauer hatte Vorsehung getan. Einen Punkt
hatte er jedoch nicht umgehen können, den Joggeli ausdrücklich begehrte und
wider den Uli nichts hatte, weil er ihn für sich selbst vorteilhaft erachtete.
Der Akkord war auf sechs Jahre gestellt, aber im dritten Jahre hatten beide
Teile das Recht, aufzusagen, wenn es ihnen nicht mehr anständig sei. Joggeli
dachte, wenn er sehe, dass es Uli zu gut gehe oder zu schlecht, so könne er zu
rechter Zeit das Heft wieder zur Hand nehmen. Uli dachte, wenn es ihm übel gehe,
er sein Auskommen nicht hätte, könnte er das Joch abschütteln, ehe er ganz
zugrunde gerichtet sei.
    Nun ward Joggeli von seinen beiden Kindern gerupft, viel ärger als eine Gans
von ihrer Meisterfrau. Eine Frau rupft ihre Gans doch selten mehr als zweimal im
Jahre, wartet, bis Flaum und Federn einigermassen nachgewachsen sind. Der arme
Joggeli konnte kaum zählen, wie oft des Jahres an ihm gerupft wurde. Man rupfte
und fragte nicht, wie gross Flaum und Federn seien, wenn sich nur irgend was
rupfen liess. In einem so gerupften Menschen entsteht der Trieb, den Schaden
einzuholen und wieder zu rupfen. Wenn einer einen Verlust erleidet, sei es im
Handel, im Spiel oder durch Nachlässigkeit irgendwie, so entstehen
augenblicklich Gedanken, wie die Lücke auszufüllen sei, an wem man sich wieder
er, holen könne. Da wird die Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit verdammt in
Versuchung geführt. Solange es einem gut geht, da ist ehrlich sein leicht, aber
wenn das Glück; umschlägt, wird der Teufel los. Dass der baumwollene Tochtermann
beständig auf den Pachtakkord schimpfte, Joggeli vorwarf, wenn er gehörig aus
seinem Gute zöge, hätte er auch mehr und bessere Federn, versteht sich von
selbst. Nun war Joggeli dieser Punkt im Vertrage beigefallen. Er dachte, der
liesse sich wohl zur Rupfmaschine machen, aber von diesen Gedanken sagte er
seiner Frau wohlweislich nichts. Joggeli hatte auch ein Gewissen, aber es
merkwürdigerweise nicht auf Gott, sondern auf seine Frau gestellt. Bei allen
Kniffen und Schelmereien, welche ihm beifielen, schämte er sich nie vor Gott,
sondern er sagte: »Musst machen, dass sie es nicht merkt; vernimmt sie es, muss ich
wieder der wüsteste Hund, der grösste Unflat sein,« oder: »Ja, wenn die nicht
wäre, da liesse sich was machen, dem wollte ich es zeigen; aber wenn sie es
vernehmen würde, weiss der Teufel, wie die täte, ich wäre niemals sicher. Es wird
doch besser sein, ich lasse es unterwegs.« Joggeli wird nicht der einzige Mann
sein, der ein also gestelltes Gewissen hat, und wir denken, Gott wird nichts
darwider haben, sondern hat eben deswegen einem solchen Züttel von Manne eine
solche Frau geordnet.
    Er begann bei Uli sachte anzuklopfen, wie sie es mit einander hätten, er
werde es wissen, dass es jetzt Zeit sei, zu oder abzusagen; wie er willens sei?
Uli hatte allerdings diesen Punkt vergessen, und weil er ihm weiter keine
Bedeutung gegeben, so sagte er: Er wisse nichts anders und sei gesinnet zu
bleiben, wenn er Joggeli anständig sei und ihm nicht zuwider gedient. Reich
werde er nicht dabei, aber wenn er zum Lande recht sehe, es verbessere, dass es
mehr Sachen gebe, so gehe es in Zukunft besser und es sei auch Joggelis Nutzen.
Klagen wegen Ausnutzen oder schlechter Arbeit oder sonst wolle er nicht, sagte
Joggeli, aber Uli gebe schier zu wenig Zins, das dünke ihn und Andere auch. Uli
hätte die Pacht um einen hellen Spott. Erst gestern habe ihm einer gesagt,
zweihundert Taler mehr wolle er ihm Zins geben und bar vorauszahlen, wenn er
wolle.
    Da ward Uli zornig und sprach: »So macht es mit ihm,« und ging in den Stall.
Da stund Joggeli wie Butter an der Sonne, denn es war nicht wahr, dass ihm jemand
etwas geboten. Freilich war es möglich, diesen Augenblick so viel Pacht zu
erhalten, aber vielleicht von einem Pächter, der sich mästete und das Gut
ermagern liess. Einen Pächter wie Uli, der zahlte und zum Gut sah, als wäre es
sein eigen, verlor Joggeli nicht gerne, so viel Verstand hatte er. Wie ein Kind,
welches einen Topf mit Milch umgestossen und es der Mutter eröffnen will, ohne
Schuld daran zu haben, steckelte er endlich heim, setzte sich auf den Ofentritt
und sagte endlich: »Mit dem Uli ists nicht mehr auszuhalten, er ist ganz
kolderig und so brutal wie ein junger Landjäger.« »Was hast mit ihm?« frug die
Mutter, »ihr werdet ja sonst so gut mit einander fertig.« »Gesagt hat er mir,«
antwortete Joggeli, »ich könne seinetwegen einen andern Pächter suchen, er
begehre das Gut nicht wieder.« »Du wirst ihn böse gemacht haben,« antwortete die
Base, »so mir nichts dir nichts hat er dir das nicht gesagt, das weiss ich.«
»Nichts habe ich gesagt,« antwortete Joggeli, »gar nichts. Ich habe ihn bloss
daran erinnert, dass die drei Jahre da seien, wo wir einander aufsagen könnten,
und es nehme mich wunder, was er denke.« »Ah bah,« sagte die Base, »das ist eine
Sache, von der ich nichts hören mag.«
    Drüben tat Uli wie ein angeschossener Eber; der Streich kam ihm ganz
unerwartet, erschien ihm wie eine förmliche Brandschatzung, und gerade jetzt, wo
es ihm den Schweiss austrieb, wenn er daran dachte, dass bald der Zins verfallen
sei, und er sein vorrätig Geld übersah. Er wollte auf der Stelle fort, andere
Schuhe anziehen, um ein ander Gut aus, ein Mann wie er brauche nicht lange zu
suchen, er finde was so Gutes als dieses hier! Der Wirt sei gut bekannt in Bern,
dort sei mancher Herr schrecklich froh über einen vertrauten Hausknecht oder
einen hablichen Pächter, und solche Plätze seien hundertmal besser als ein solch
Gut, wo man sich totarbeiten müsste und am Ende nichts davonbringe als dürre
Erdäpfelschalen und einen Haufen Kinder. Er möge die Stunde nicht erwarten, wo
er wegkäme von dem alten Schelm, der meine, er wolle ihn jetzt ausnutzen, wie er
sich von seinen beiden Blutsaugern ausnutzen lasse. Vreneli tat alles Mögliche,
um ihn zu besänftigen, aber seine Worte waren 01 ins Feuer. Alles, was es
abbrachte, war, dass er erst zu Mittag esse, ehe er gehe; es sei bald gekocht, es
wolle pressieren.
    Aber Vreneli dachte nicht ans Pressieren, sondern passte auf die Base, welche
um diese Zeit sich gerne unter ihrer Küchentüre sehen liess. Diesmal liess sie
nicht lange auf sich warten, und alsbald war Vreneli bei ihr und alsbald wussten
Beide, woran sie waren. »Er ist immer der gleiche alte Unflat«, sagte die
Mutter. »Wenn es mal ordentlich geht, ist es ihm nicht wohl, er muss alles
untereinanderrühren; wenn er Garn abwindet, so ist ihm nicht wohl, wenn es glatt
läuft, er ruht nicht, bis er die Strange verhürschet hat, dass man sie bloss mit
Messer und Schere lösen kann. Als Junger soll er die grösste Freude daran gehabt
haben, den Mägden die Spinnräder zu traktieren, dass sie nicht mehr darüber noch
darunter wussten. Aber warte, dem wollen wir diesmal den Marsch machen, denn
Ernst ist es ihm nicht. Daneben kann er mich dauern, er muss fort und fort Geld
auftreiben und muss daher sehen, woher er es nimmt, und bekömmt er solches, so
ist es ihm in acht Tagen wieder abgedreht.« »Ja,« sagte Vreneli, »mich erbarmet
er auch, er plagt sich selbst am meisten und merkts nicht. Es gibt viele solche
Menschen, welche ihre eigenen Feinde sind und sich immer selbst das Ärgste
antun. Es nimmt mich eigentlich nur wunder, warum unser Herrgott, der doch alles
so gut gemacht, solche Leute erschaffen hat und immer noch schafft«. »Das wirst
einmal vernehmen,« antwortete die Base. »Aber ich denke, wenn sie die rechte
Salbe brauchten, so würden die Blinden sehend und die Hinkenden wären nicht mehr
lahm. Unser Heiland hat nicht umsonst leiblich Blinde und Lahme geheilt, er will
damit sagen, dass er auch da sei für die geistig Blinden und die da hinken auf
Gottes Wegen, und wenn sie begreifen, dass sie krank sind, und zu ihm kommen,
will er sie heilen, das ist seine Barmherzigkeit. Wer nun den wahren
Lebensbalsam, die Wundersalbe nicht brauchen will, der wird ein Blinder und
Lahmer und hinterlässt die Krankheit seinen Kindern. Verkehrt hat Gott die
Menschen nicht erschaffen, aber verkehrt lässt er sie werden und immer
verkehrter, je leichter sie zum wahren Lebensbalsam kommen könnten, denn wer des
Herren Willen weiss und ihn nicht tut, wird mit doppelten Streichen geschlagen
werden. Doch gehe, mach dass Uli nicht pressiert, dann kann er seine Schuhe
abziehen und wieder in die Holzböden fahren.«
    Rasch brachte die Base Joggeli das Essen auf den Tisch, stellte ihm dann
seine Schuhe frisch gesalbet unter den Ofen und seine Kamaschen dazu. »Habe
nichts gesagt, dass ich fort wolle,« sagte Joggeli, »warum stellst mir die Schuhe
zu recht?« »Du musst um einen neuen Pächter aus,« sagte die Base. »Uli will fort,
Vreneli hat mir berichtet von einem Herrn, der hinter ihm sei wegen einem
bsunderbar guten Platz. Nun will er gehen und sehen, wie die Sache ist, eher als
nicht kann die Sache abgemacht werden.« Da tat der alte Gnäppeler sehr zornig,
im Grunde aber war er in seinem Herzen sehr erschrocken. So seien die Leute
heutzutage, begehrte er auf, kein vernünftig Wort könne man mehr mit ihnen
reden. Wenn man ein Wörtchen rede, protzen sie auf, werfen den Bündel vor die
Türe. Es werde doch erlaubt sein, seinen Pächter zu fragen, wie sie es mit
einander hätten. Was geschrieben sei, sei geschrieben, es nehme ihn wunder, ob
es nicht auch für ihn geschrieben sei, und Fragen werde erlaubt sein. »Du hast
ja nicht gefragt,« sagte die Frau, »du hast gefordert.« »He nun, so hätte er
sich wehren können, das wäre ihm wohl angestanden und erlaubt gewesen, aber
nicht so den Kopf zu machen,« zürnte Joggeli. »Nun,« sagte die Frau, »ich war
nicht dabei, mach was du willst, ich kann mich darein schicken, habe mich schon
in vieles geschickt. Aber such jetzt alsbald einen Pächter, der dir zum Land
sieht, die Sach in Ehren hält und zinset auf den Tag.« Es seien viele Leute auf
der Welt, sagte Joggeli. Aber rechte zu finden, selb sei schwer, antwortete die
Alte, schenkte Kaffee ein und schwieg, während Joggeli allerlei brummte. Noch
hatte Joggeli sein erstes Kacheli nicht ausgetrunken, als er sagte: »Geh sieh,
ob der Kolder noch daheim ist, er soll hinüberkommen! Dem will ich sagen, was
Manier ist und was gekoldert.« »Ich kann gehen, aber ich will mich dann nicht
dareingemischt haben, hörst, will nicht schuld sein, wenns doch Lärm gibt,«
sagte die Frau. »Und wer sollte dann daran schuld sein,« sagte Joggeli, »etwa
ich?« Darauf gab die Frau keine Antwort, sondern ging, Joggeli aber ärgerte sich
ingrimmiglich über die verfluchten Weiber, welche alles zwängen wollten und doch
an nichts schuld sein. Das komme auch immer ärger, dachte er. Seine Mütter hätte
es dem Vater so machen sollen, wohl der würde er die Faxen vertrieben haben!
    Es ging eine Zeitlang, ehe Uli kam. Seine erste Antwort war gewesen, Joggeli
hätte so weit zu Uli als Uli zu Joggeli, und wenn der etwas von ihm wolle, so
könne er herkommen. Dem setzte aber die Alte den Kopf zurecht und wusch ihm
denselben mit scharfer Lauge, dass Uli begriff, was Waschen heisst. Er hatte vor
der Alten Respekt und wusste, dass sie es gut meinte, wenn er auch wohl darüber
klagte, sie hielte es immer mit seiner Frau und gebe ihr alle Listen und Ränke
an, welche je von Weibern gegen ihre Männer ersinnet worden seien.
    Als die beiden Männer wieder zusammengebracht waren ging es gegen alles
Vermuten sehr ruhig zu. Joggeli sagte: Es sei dann nicht halb so bös gemeint
gewesen, und ehe man so zornig werde, sollte man doch erst recht sehen, ob es
Ernst oder Spass sei oder halb Ernst und halb Spass, besonders wenn man schon so
lange beisammen gewesen. Uli entschuldigte sich nun auch: Kurz zuvor hätte er
etwas nachgerechnet und sei erschrocken, wie böse das Jahr gewesen; er wisse
nicht, ob er den Zins aufbringe oder nicht, allweg habe er umsonst sich halbtot
gearbeitet. Und jetzt noch mehr Zins! Das sei ihm zu Haupt gefahren, von wegen
wenn man sich solche Gedanken mache wie er, so denke man nicht an Spass, sondern
nehme die Sache ernstaft. So gab ein Wort das andere. Joggeli liess eine Flasche
Wein holen, sagte, wie er dran sei mit dem Gelde und es ihn dünke, Uli könnte in
bessern Jahren wohl etwas mehr tun, doch begehre er ihn nicht zu drücken und
sehe wohl, dass das vergangene Jahr nicht das beste gewesen, aber Uli solle an
die zwei frühern denken, dass Uli zugab, er begehre nicht weiter, es sei ihm hier
recht, und wenn wieder gute Jahre kommen, so wolle er sehen, was etwa billig und
recht sei. Jetzt wüsste er wirklich nicht wie machen, um den Zins zu geben, er
habe ihn noch nicht vorrätig. »Wirst aber einzuziehen haben«, sagte Joggeli, dem
es angst zu werden anfing. »Das wohl,« antwortete Uli, »und ziemlich viel. Aber
es sind gute Leute, welche mir schuldig sind, plagen mag ich sie nicht; wenn ich
was zu verkaufen habe, gibt mir niemand darum was sie, und dazu ohne Markten,
und wenn es abgeliefert ist, sind sie zufrieden damit und klagen nicht noch
sieben Jahre hinterher, wie sie an der Sache verspielt, auch wenn sie das Halbe
daran gewonnen, wie es Andere zu treiben pflegen.« »Weiss wohl, wen du meinst,«
sagte Joggeli, »sind gute Leute, stark im Handel, kehren ihr Geld; ich muss
sagen, anständiger als der Wirt ist mir nicht bald einer, und wenn dir der
schuldig ist, so kann ich dies, mal vielleicht etwas warten, es ist mir
vielleicht sicherer in seinen Händen, als wenn ich es selbst hätte, daneben sieh
was du bekommen kannst, die Welt ist schlimm, man weiss fast nicht mehr, wem
trauen.« So kamen sie in die schönste Einigkeit, gaben sich die besten Worte,
kurz kamen in die friedseligsten Stimmungen hinein, in welchen man sich das
Himmelreich nicht bloss verspricht, sondern verschreibt und nicht daran denkt,
was für Stimmungen eintreten könnten, wenn es ans Halten käme.
    Achtundert Taler sind ein schönes Geld, und im Raume eines Jahres muss gar
mancher Batzen zum andern gelegt wer, den, bis man es beisammen hat. Uli hatte
es nicht beisammen, bei weitem nicht, aber allerdings bei Müller, Wirt usw.
bedeutende Summen einzuziehen, das heisst nach seiner Rechnung. Wunder nahm es
ihn, ob die andern Rechnungen mit seiner übereinstimmten. Er setzte durchaus
keinen Zweifel in ihre Ehrlichkeit, aber er hatte die Erfahrung, dass er im
Aufmachen noch kein Hexenmeister sei, dass es sich ihm in den eigenen Rechnungen
nie so recht treffen wollte. Darum nahm es ihn wunder, wie seine Rechnung zu den
Rechnungen der Andern passte: er hoffte, da werde es besser gehen. Aber der gute
Uli kam einstweilen nicht aus dem Gwunder. »Ja freilich,« sagte ein jeder, »wann
du willst, es ist alles aufgemacht, punktum, habe nicht Kummer. Doch die nächste
Woche schickt es sich mir nicht.« Der eine musste um Korn aus oder um Hafer oder
um Vieh oder um Bauholz oder hatte sonst was, aber in vierzehn Tagen, drei
Wochen oder gar den oder den Tag sollte er mit seinem Buche kommen, da wollten
sie sehen, wie sie stünden. »Aber da habe keinen Kummer, keinen Kreuzer wird es
fehlen, einmal wenn du recht aufgemacht hast, was allweg sein wird.« Aber vor
jenem abgeredeten Tage kam Bescheid, der Müller habe ungsinnet Bescheid bekommen
und könne an jenem Tage nicht daheim sein. Oder Uli kam zum Wirte, da hiess es,
es sei ein Herr gekommen, ein Weinkäufer, und er habe mit ihm müssen trinken, er
habe mögen wollen oder nicht. Es sei ein gar grausam guter Herr, den er nicht
habe böse machen dürfen. Nun ging es wieder lange, bis neue Termine bestimmt
waren, und als die wieder kamen, gings mit allerlei Variationen wieder so und
Uli kam nicht zur Rechnung.
    Als er endlich ungeduldig ward und sagte, er müsse auch zu sich sehen, sein
Zins sei verfallen und wenn er ihn nicht auf den Tag gebe, so wisse kein Mensch,
wie es ihm gehe, lachten sie ihn aus und sprachen ihm gar herzlich zu, er solle
doch nicht so dumm sein und meinen, er müsse exakt zahlen. Dem alten Geizhals
tue es nur wohl, wenn er ein Jahr oder zwei auf den Zins warten müsse, und kein
vernünftiger Mensch meine mehr, dass er alles auf den Tag zahlen müsse, was er
schuldig sei. Seit Mannsdenken sei das nicht mehr der Gebrauch, und wer es tue,
werde nur ausgelacht. Ja, sagte Uli, hier sei eine Sache so, dort anders;
Joggeli sei misstrauisch, zahle er nicht, so werde er geplagt. »Dem wollte ich
das Plagen vertreiben, der müsste mir lernen, was Brauch ist« usw., hiess es von
allen Seite; man machte Uli den Kopf so gross, dass er kaum zur Stubentür aus kam.
Indessen so ganz z'leerem abspeisen wollte Uli sich doch nicht lassen. »Ja,«
hiess es, »Geld kann ich dir wohl geben, Geld, bewahre, habe ich immer im Hause,
wenn ein guter Schick einem zuhanden kömmt, dass man ihn machen kann. Aber meine
Meinung ist eben die, dass man das Geld nutzen soll, so gut man kann. So einem
alten Geizhals schuldig bleiben, kostet nichts; je mehr man auf diese Weise
schuldig bleibt, desto mehr Geld kann man im Handel abträglich anlegen. Hat
einmal so ein Batzenklemmer das Geld zwischen seinen fünf Fingern, so ist nichts
mehr damit zu machen. Das musst du lernen, Uli, dein Schade soll es nicht sein,
von einem wie du möchten wir den Profit nicht nehmen, bewahre, du sollst deinen
Teil dar, an auch haben. Aber was man so einer hundshärigen Bauernseele
ausdrehen kann, das ist sicherlich Gott und Menschen wohlgefällig.« Uli erhielt
Geld auf Abschlag, doch ohne zu rechnen, und als er von Rechnen sprach, sagte
man ihm: »Du hast nun für einmal Geld, deine Sache ist all aufgemacht, und
sobald es sich mir schickt, will ich dir Bescheid machen; dann bring deinen
Kalender, die Sache wird bald fertig sein, und viel fehlen wird es kaum zwischen
uns.«
    In solchem Aufschieben des Rechnens liegt allerdings Spekulation, aber
ebenso sehr eine grosse Schlaffheit der Seele, ein Widerwille, zu irgend einem
bestimmten Resultat zu kommen. Ach, und das ist so begreiflich! So eine
gemästete Menschenseele, gehöre sie nun einem Wirte, einem Müller oder sonst
einem zweibeinigen Geschöpf, welch Schlussresultat soll sie ziehen, und soll es
ihr nicht grauen vor demselben, muss sie nicht den Gedanken daran zu entfernen
suchen so lange als möglich? Unwillkürlich muss immer als Resultat der Spruch
sich vor Augen stellen: Wer auf das Fleisch säet, wird vom Fleisch das ewige
Verderben ernten. Und weil es ihnen vor der allerletzten Rechnung graut, graut
es ihnen vor allen übrigen; sie mögen nicht, ehrlich können sie nicht bestehen,
müssen alle betrügerisch stellen, und am Ende hilft doch alles nicht. Der Krug
geht zum Wasser, bis er bricht. Ach es ist so merkwürdig, einen zwei bis drei
Zentner schweren Wirt tanzen zu sehen auf allen Ästen herum, dem aller, besten
Eichhörnchen zum Trotz! Verwegener werden nach jedem Sprünge die spätern
Sprünge; pauz, glaubt man ihn am Boden, auf dem dicken Rücken, aber husch ist er
wieder auf den Beinen, tanzt lustiger als nie, bis es doch endlich sein muss und
patsch er auf dem Rücken liegt; denn geht der Krug so lange zum Wasser, bis er
bricht, so tanzt auch ein Wirt nicht länger, als bis er liegt.
    Uli brachte nicht den ganzen Zins auf, wenn er auch alle Schubfächer
ausräumte, aber weil Joggeli getan hatte, als sei ihm dies mehr als halb recht,
brachte er getrost, was er hatte. Diesmal war die Stimmung bei Joggeli aber
anders, er machte ein sauer Gesicht und sprach von nicht warten können, das Geld
nutzen zu wollen, denn ihm trage es auch Zins, wenn er es anlegen täte usw. Uli
merkte, Joggeli meine, er ziehe Zins von seinen Ausständen, wie es allerdings
Manche treiben, tapfer schuldig bleiben und das Geld anderwärts gebrauchen und
nutzen. Es treiben dieses schmähliche Spiel grosse Herren, und zwar mit armen
Handwerkern und andern Arbeitern. Die arme Handwerksfrau muss oft das
Schlechteste kaufen auf dem Markte, muss die günstigste Zeit zum Einkaufen
unbenutzt vorüberlassen, weil das Geld rar ist bei ihr und die Batzen spärlich
in ihrem Beutelchen. Den Koch oder die Köchin eines grossen Herrn sieht sie das
Köstlichste kaufen an Fischen und Geflügel, Geld auswerfen, als ob es
Kieselsteine wären, und das Geld gehört eigentlich dem armen Handwerksmann; der
grosse Herr ist ihm schuldig, aber der Mann kann nichts vom Herrn kriegen als
grobe Worte, muss darben, während jener schwelgt. Was das Weib denken muss, wenn
es die Hände voll Geld sieht und aus seinem Beutelchen den letzten Groschen
drückt! Wenn es ein keck Weib ist, so vernimmt es der ganze Markt, wie ein
grosser Herr am armen Manne den Schelm macht. Wie muss es einem Schneider oder
Schuster oder Bäcker zumute sein, der eine bedeutende Ausgabe machen sollte für
das Gewerbe, sein Haus, seine Kinder, und die bedeutendsten Ausstände bekommt er
nicht ein, denn die Herren spekulieren in Staatspapieren, gerade jetzt sind die
Zeiten günstig, wer Geld hat, ist glücklich, spekuliert jetzt, um seine
Gläubiger kümmert er sich nicht, und um so weniger, je ärmer sie sind, je
nötiger sie das Geld selbst hätten, denn je kleiner die Götter sind, desto
weniger sehen sie die, welche niedrig gehen. Die armen Schelme alle können
warten; gewinnt der Vornehme, kriegen sie nichts, und verliert er, so kriegen
sie noch nichtser, haben ihre Gesellen bezahlt, haben Zeit versäumt, Arbeit
gehabt und können dem Herrn nachseufzen, der an der Sonne herumspaziert im
Glanze ihres Geldes und ihres Schweisses. Und solch Pack schämt sich nicht, solch
Pack tut vornehm, solch Pack begehrt auf, wenn man es an seine Schulden mahnt,
ja solch Pack tut sogar auch fromm, aber wahrlich auf eigene Rechnung! Und wie
viel Seligkeit wirft den armen Tröpfen die eigne Rechnung ab! Ach, das sind
nicht die Unmündigen, denen Gott im Geiste sich geoffenbaret, sonst würden sie
wahrlich die fasslichen Worte fassen: Was ihr einem von diesen tut, das habt ihr
mir getan.
    Doch Uli gehörte unter diese Schächerkinder nicht, er war zu jung und zu arm
dazu. Wenn mit dem Gelde, welches Joggeli zu wenig erhielt, spekuliert wurde,
taten es reifere Füchse. Übrigens hatte Uli von diesem Mangel an Barschaft viel
grösseren Schaden als Joggeli, er war ihm ein Hemmschuh in Handel und Wandel. Uli
wusste eigentlich wohl, dass ein Bauer immer mit etwas Geld versehen sein muss,
wenn es gut gehen soll. Behalten und kaufen können und immer zur gelegenen Zeit
ist eine Hauptsache in bäuerischer Staatswirtschaft, aber es ging Uli wie
Vielen: Wissen und Halten sind zwei, man kann die besten Grundsätze haben und
doch ganz entgegengesetzte Wege gehen. Die sogenannten Grundsätze haben halt
keine Kraft, die bewegende Kraft wird entweder durch eigne Triebe regiert oder
durch fremde Personen. Uli sollte seinen Kuhstall instand stellen, er hatte den
Winter durch weniger Kühe gehabt als sonst, weil er das Heu sparen musste.
Zweihundert Gulden bedurfte er zu gehöriger Ergänzung, zu verkaufen hatte er
nichts Erkleckliches; Korn und Hafer hatte er wohl noch, aber er hielt ratsam,
bis nach glücklich eingebrachter Ernte nicht zu verkaufen. Es war ihm, als seien
Hände und Füsse ihm gebunden, ja als liege er krummgeschlossen in einem Loche. Er
ward sehr böser Laune, alle Welt sollte schuld daran sein, und wenn alle Welt an
einer Sache schuld sein soll, so muss es das Weib entgelten. Eigentlich billig
und von Rechts wegen! Denn ist nicht durch das Weib die Sünde in die Welt
gekommen und dadurch dieselbe so schlecht und miserabel geworden, dass ein Mann
wie Uli nicht einmal zweihundert bare Gulden hat, um mit denselben den Kühen
nachgehen zu können nach Herzenslust? Uli war oftmals in der Laune welche die
Suppe kalt haben will, wenn sie heiss ist, und heiss, wenn sie kalt ist; da
braucht es wirklich einer eignen und leider noch nicht erfundenen Kunst, wenn
man es jemanden recht machen will. Diese Laune ist gewöhnlich der erstgeborne
Sohn der Unzufriedenheit mit sich selbst, die man begreiflich nicht an sich
selbst auslässt, das wäre ja dumm, sondern an allen, welche einem über den Weg
laufen.
    Vreneli litt bitter; es war in der Aufklärung und Bildung weiter gekommen
nicht bloss als mancher Schulmeister, sondern sogar als Professoren, es begriff,
dass wenn man Missgeschick habe, mit bösen Launen und Zanken mit Leuten, die
dessen sich nicht vermögen, man demselben nicht abhelfe, im Gegenteil neues
schaffe. Wie bei unfreundlicher, nasskalter Witterung aller Wachstum stockt, so
mehr oder weniger auch die Arbeit bei bösen Launen und launenhaftem Gezänke.
Vreneli hatte voll, wie man zu sagen pflegt. Das ist ein eigentümlicher Zustand:
das Herz ist voll, die Seele ist voll, der Kopf ist voll, es will zu den Augen
aus, man fühlt es im Halse, man fährt mit der Hand bald an die Stirne, bald auf
die Brust, als ob man was halten wolle, was zerspringen möchte.
    Es war an einem wüsten Apriltage, sie hatten ackern wollen, aber Sturm,
Schnee und Regen hatten sie heimgejagt, denn draussen war es nicht zum Aushalten.
Sie hatten alten Grasboden auffahren, die Furchen gründlich hacken wollen, denn
bei schwerem Schweizer Lande muss man gründlich bis auf den Boden die Furche
hacken, wenn ein zahm Gewächs gesund wachsen soll, sie ist zäh und schwerfällig,
eben wahrhaft die Schweizer Natur. Sie wird auch krank, tut, als ob sie am
Sterben wäre, zu nichts mehr tauglich als zu Schling, und Schmarotzerpflanzen;
aber dann kömmt sie ein Winden und Drehen an, wilde Wehen rühren alles
durcheinander wie die Köchin eine Krautsuppe, dann kriegt sie ein schrecklich
Erbrechen, gibt von sich zum Grauen und Erstaunen ganze Knäuel Ungeziefer von
allen Sorten, die wir nicht nennen mögen, kleines, grosses, und ist das mal aus
dem Leibe und da, wo es hingehört, da stillen sich die Wehen, das Grimmen,
Winden, Krümmen hört auf und frisch und gesund ist wieder die alte Natur, den
hohen Alpen gleich, wenn die wilden Stürme verrauscht sind, der holde Frühling,
der immer junge Frühling vom Himmel wieder auf die hohen Alpen steigt.
    Je nach der Länge der Furche steigt die Zahl der Hacker, steigt wohl auch
auf grossen Gütern bis auf ein volles Dutzend an, vielleicht noch darüber. Jagt
nun der liebe Gott die hackende Truppe mit scharfem Geschütz vom Acker dem Bauer
heim über den Hals, so muss der sehen, was er mit den Leuten anfängt. So ein
hartölziger Bauer, mit Schweinsleder überzogen, macht es kurz, er schickt die
Taglöhner nach Hause, unbekümmert darum, haben sie dort was zu beissen und zu
brechen, berechnet ihnen den Lohn nach den Stunden, welche sie gearbeitet, und
da nicht er, sondern Gott das Wetter gemacht, so überlässt er auch diesem die
allfällige Entschädigung. Warum nicht machen, was man kann, und dümmer sein als
nötig? Sorge der Vater im Himmel für die Tiere des Feldes und die Vögel des
Himmels, so werde er um so viel mehr für einen Taglöhner mit Weib und einem
halben Dutzend Kinder sorgen, wenn der Bauer ihm statt zwölf Kreuzer Taglohn
bloss die Hälfte oder ein Drittel gibt, und werde seinen Segen der Mahlzeit
geben, welche eigentlich für die Kinder bereitet war, an welcher jetzt aber auch
der Vater, der bei dem Bauer sich hungrig gearbeitet hat, teilnehmen will.
    Nun, Andere machen es auch nicht so; wenn unser Herrgott die Leute
heimschneit oder heimhagelt, überlassen sie ihm dieselben nicht, dass er sie
jetzt auch speise und tränke, dieweil er sie angehagelt oder angeschneit,
sondern tun dies selbst und geben ihnen was zu tun, bis der Tag ganz um ist. Es
gibt Zeiten, wo das geht, man sogar froh ist über einen wilden Nachmittag, um
Arbeiten zu verrichten, die man des schönen Wetters wegen immer verschoben
hatte. Es gibt andere Zeiten, wo man wirklich nicht recht weiss, was mit machen,
und fürs Zähnetrocknen im Winde gibt man doch nicht gerne den Taglohn.
    In solcher Zeit eben war Uli mit seinem Volke nach Hause gejagt worden; er
sandte die Taglöhner nicht fort, wusste für sie aber auch nichts zu tun, welches
viel abtrug, rechnete, wie manchen Batzen er ausgeben müsse um nichts und wieder
nichts, und ging gegen das Haus, um Vreneli mit Brummen und Klönen zu
unterhalten. Dort stund Vreneli im Gespräch mit einem Mannli, der einen Hut auf
dem Kopfe hatte. »Es ist gut, dass du kommst,« sagte Vreneli, »da ist einer, er
will mich zur Gotte, seine Frau ging mit mir in die Unterweisung, wir sassen
neben einander und waren bsunderbar wohl für einander. Ich sagte ihm zu, doch
behielt ich dich vor. Was sagst dazu?« »Ho,« sagte Uli, »wenn du zugesagt hast,
so wird wenig mehr zu sagen sein,« und ging weiter.
    Vreneli zuckte zusammen, aber mit angeborner adeliger Art begabt, fasste es
sich alsbald, hiess das Mannli hinein, kommen, wartete ihm nach üblicher Sitte
mit Speise und Trank auf. Eine schöne Sitte, die aber manchem ausgehungerten
Kindbettmannli gefährlich wird, besonders wenn er dazu noch das Reden liebt. Man
denke, was das kann, wenn so ein arm Mannli, der selten einmal im Tag sich satt
isst, nun in einem Tage dreimal genötigt wird, zu essen und zu trinken, bis er
genug hat. Das bringt Manchem die Beine in Verlegenheit, wenn er vom dritten
Gevatter wegstolpert. Aber noch in viel grössere kömmt schliesslich der Kopf, wenn
er endlich zum Pfarrer stolpert und dort die Namen der Gevattersleute angeben
soll. Da wird manchmal das Denken bedenklich, und je länger einer denkt, desto
weniger kann er an einen Namen kommen, und doch hatte er ihn noch gewusst, als er
zur Türe hereingekommen, sagt er. Es ist bedenklich, wie Fleisch und Geist in
die seltsamsten Kollisionen kommen bei den ernstaftesten Gelegenheiten. Wo Gott
ein Zeichen seiner Huld gibt, legt der Teufel einen Stein des Anstosses.
    Das Mannli war bereits am dritten Orte und glücklich innen und aussen. Er
hatte nirgends eine Abfertigung erhalten, sondern guten Bescheid und tapfer zu
essen und zu trinken. Solchen glücklichen Menschen wächst ein eigenes Redwerk im
Munde, und dieses liefert Lob, Ruhm und Preis für sich und seine Frau und all
das Seine in einer Stunde mehr als manche St. Galler Baumwollenspinnerei Garn in
einer Woche. Die St. Galler sollten, wären sie gescheut, mit dem Maul zu spinnen
anfangen; in diesem Gliede sind sie stark, ganz verflucht, ja brauchen nicht
einmal Most, geschweige Wein, um ganze Ballen Eigenlob, -ruhm, -preis tschuren
zu lassen in die Welt hinaus, siehe Tagsatzungsprotokolle. Vom schmählichsten
Renommage wollen wir nicht einmal reden. Das Männlein war nun freilich kein St.
Galler, aber es konnte doch nicht fertig werden mit Rühmen, wer er sei und was
sein Fraueli sei und wie er Kinder habe und was sie täten und wie sie sich
erzeigen wollten in der Welt, dass man weit und breit von ihnen reden müsse, man
möge wollen oder nicht.
    Vreneli ward wind und bange, aber es konnte nicht von ihm kommen, und gehen
heissen mochte es ihn auch nicht. So viel Mitgefühl hatte es, dass es niemand
einen Kübel kalt Wasser über den Kopf goss, wenn er in süssen Träumen befangen
lag. Solch Glück ist gar zu selten in der Welt, und wer ein gut Herz hat, jagt
sicherlich niemanden, der in solcher Wonne liegt, süsser als in einem warmen
Bette, daraus auf.
    Vreneli wusste, dass ihm ein Gewitter wartete, und je länger eine schwarze
Wolke stocket, das heisst mit Elektrizität sich auf bläht, desto härter kracht
es, wenn es mal losbricht. Der Mann ass nicht mehr, dann trank er auch nicht
mehr, endlich gab er selbst das Sitzen auf und stund, so gut er konnte, aber das
Reden wollte kein Ende finden; es war akkurat, als ob er auch so ein auf ein
Pfäfflein gepfropfter St. Galler Diplomat sei, und doch war er nur ein ganz
gemein Knechtlein, schwatzte nicht einmal um den Taglohn, nicht einmal, um dann
daheim sagen zu können: »Dunder, denen hab ichs gesagt, habt ihrs gelesen?«,
sondern wirklich von Herzen, und schwatzte und stund, und ging und stund und
schwatzte, dass es Vreneli den Schweiss austrieb und es ihm, als es endlich dessen
Rücken sah, leichtete, als hätte es wenigstens eine halbe Kindbetti glücklich
überstanden.
    Nun musste es ans Zweite hin, musste die geschwollene Wolke sich entladen
lassen. Das Ding ging aber nicht halb so leicht als eine andere elektrische
Flasche, welche man nur mit einem Finger zu berühren braucht, um sie in allen
Gliedern zu fühlen. Uli schmollte eine Weile, indessen endlich brachs doch los
und wüst. Es habe sich alles gegen ihn verschworen, um ihn zu Boden zu machen,
polterte er, sogar den Herrn des Regens und des Sonnenscheins rechnete er
darunter. Der heutige Tag koste ihn wenigstens drei Gulden, nicht gerechnet, was
die verspätete Arbeit schade. Wenn er genug hätte bis obenaus, so stehe noch so
ein Hagel vor dem Hause und bitte zu Gevatter. Das sei sonst nicht erhört
gewesen, dass man fremde Leute, welche ihr Brot mit Mühe verdienen müssten, zu
Gevatter genommen, sondern reiche Leute, welche es hätten und vermöchten. Das
käme aber nur daher weil Vreneli die vornehme Frau spiele; da meinten die Leute,
was dahinterstecke, und wüssten nicht, dass sie bald fertig seien. Das sei wieder
so ein Spass von zehn Gulden, nicht gerechnet, was später ausgerichtet werden
müsse. Er hätte geglaubt, Vreneli hätte so viel Verstand, den Lümmel mit ein
paar Batzen und einer langen Nase weiterzuschicken. Aber nein, da müsse das
Gebettel angenommen sein; die vornehme Frau habe es gemacht, werde gedacht
haben, welche schöne Gotte es vorstellen werde. Nun könne es aber sehen, wie es
es mache, er gebe keinen Kreuzer dazu, es wisse dann ein andermal, ob es zusagen
solle oder nicht. Er hätte nie geglaubt, dass es es ihm so machen würde, aber
wenn es nicht gute, so wolle er stossen, wo es ziehe; je eher der Karren über
Bord fahre, desto lieber sei es ihm.
    Vreneli kam diese Rede über den Magen, die Augen blitzten, doch vergass es
die Manieren nicht. »Weisst du, wie die Base dem Vetter sagt, wenn er so wüst tut
wie du jetzt?« frug Vreneli. »Er sei der wüsteste Unflat unter der Sonne, und
gute Lust hätte ich, dir auch so zu sagen. Ganz unbegründet fährst du über mich
aus, und wenn was geht, das dir nicht recht ist, dreschest du es auf meinem
Rücken aus. Dass du kein Geld hast, dafür kann ich nichts, ich habe weder Wirt
noch Müller was verkauft, und wenn du mit ihnen zur Rechnung kämest, so würdest
du sehen, wo dein Vermögen steckt. Heute habe ich weder hageln noch schneien
lassen, und dass ich zu Gevatter gebeten wurde, ist nicht meine Schuld, und wenn
du wieder bei dir selbst bist, so wirst du einsehen, wie wüst es gewesen wäre,
wenn ich es ausgeschlagen hätte. Du weisst, wie es einem ist, wenn man zu
Gevatter bitten muss, aber erfahren hast noch nicht, wie es einem tut, wenn man
grob abgefertigt wird, und was meinst, wie hätte es dem armen Fraueli getan,
wenn der Mann ihr den abschlägigen Bescheid heimgebracht Da hätte es geheissen,
ich sei vornehm geworden und schäme mich seiner, und es hätte geweint, weil
seine letzte Freundin ihm untreu geworden; denn je weniger Leute man hat auf der
Welt, desto weher tut es einem, wenn diese abfallen, und wenn man endlich
niemanden mehr hat, dann sollte einem das Herz brechen, mir wenigstens würde es.
Merke dir das! Das gute Weibchen freut sich sicher, mich zu sehen, denn manch
Jahr ist verflossen, seit wir als die besten Freundinnen uns getrennt, und wird
auch nicht viele gute Freunde haben auf der Welt. Denk, Uli, wenn wir so wüst
sein wollten, was mussten wir von andern Leuten erwarten, und wenn wir diesen
Augenblick nicht im Überflusse sitzen, hören deswegen unsere Pflichten auf?
Sollen wir des, wegen nicht mehr Christen sein Denk auch, wenn wir später wieder
zu Geld kommen sollten, so könnten wir das doch nicht mehr gut machen, was wir
den Leuten weh getan, und was man uns deshalb nachgeredet hätte, wäre an unserm
Namen kleben geblieben unabänderlich. Kosten soll es dich nichts. Ich habe auch
noch Geld, welches mein ist, womit ich machen kann, was mir beliebt, dir geben
oder andern Leuten, je nachdem ich es nötig finde, und habe ich keines mehr, so
will ich schon zu Gelde kommen, das sage ich dir frank und frei. Betrügen will
ich dich nicht, obgleich es mir ein sehr Leichtes wäre, des Jahrs viele viele
Gulden in meine Tasche zu machen, ohne dass du das Geringste merken solltest.
Aber weisst, das Geld, welches wir haben, sei es viel oder wenig, ist mein so gut
als dein, ich verdiene daran so viel als du; ich regiere die Haushaltung, du das
Feld, stehe mit dir auf, gehe mit dir zu Bette, bin nicht deine Magd, sondern
deine Frau. Zu billigen Dingen nehme ich Geld, frage oder frage nicht, nach
meinem Belieben. Hältst du mir dieses vor, so rechne ich mit dir und will dir
zeigen, wer daran schuld ist, dass wir kein Geld haben, du oder ich.«
    Uli war noch Keiner von denen, auf welche eine feste Sprache keinen Eindruck
macht. Er besass noch das Gerechtigkeitsgefühl, welches die Streitsucht dämpft,
sobald das Recht des Andern klar ist. »Tue nur nicht so,« sagte er, »wie eine
Katze am Strick. Es hat dir noch niemand gesagt, du sollest kein Geld haben oder
du vergeudest, du tuest nichts. Dass du mit den Leuten bekannt bist, das wusste
ich nicht, und wenn es einem zuweilen wunderlich in den Kopf schiesst, das soll
dich nicht wundem. Da sollte ich eigentlich Kühe kaufen, mit Pferden wäre auch
was zu machen. Schweine müssen auch gekauft sein, du redest ja alle Tage davon,
und kein Geld! Ich liege da wie ein Hungriger, dem die Hände gebunden, das Maul
verstopft ist, mitten unter Brot und Würsten.«
    Dieses Einlenken von Uli führte zu einer ehelichen anständigen Ratssitzung,
in welcher man in reiflicher Erwägung, dass man kein Geld habe und solches
bedürfe, beschloss: es solle das Nötige von Ulis Ersparnissen aus der Kasse
erhoben werden. Vreneli schlug als zweiten Artikel vor, dass die übrigen
ausstehenden Gelder mit allen Mitteln eingetrieben, die Schuldner zur Rechnung
angehalten würden. Auf die Versicherung von Uli, das verstehe sich von selbst
und bedürfe keines weitern Beschlusses, liess Vreneli den Artikel fallen, und es
wurde zur Tagesordnung geschritten.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
      Wie viel man an einem Tage gewinnen und wie viel man verlieren kann
Am Sonntag also musste Vreneli zu Gevatter stehen, da gab es einen kleinen
Streit. Uli sagte: »Nimm das Fuhrwerk, es ist weit und die Rosse haben nicht
viel geschafft.« »Will nicht die vornehme Frau machen,« sagte Vreneli, »das
würde sich übel schicken für uns.« »Bist noch immer böse?« sagte Uli, »das wäre
dumm.« »Nein,« sagte Vreneli, »bin weder böse noch dumm, aber wo du recht hast,
da gestehe ich es gerne. Ich will nicht über meinen Stand hinaus und nie
vergessen, dass wir nichts haben und nichts sind als Arbeitsleute. Wir haben wohl
Rosse im Stall, aber sie sind nicht unser, das grosse Bauernwesen ist wohl da,
aber wir sind nicht der Bauer, und den Schein, als wären wir es, will ich mir
nicht geben. Fahren ist für vornehme Leute oder wenigstens für solche, welche es
scheinen möchten.« Und was Uli auch sagte, Vreneli blieb auf seinem Sinn. Als am
Morgen in aller Frühe Vreneli zum Gehen fertig stund und noch links und rechts
befahl, wie es gehen solle den Tag über, da wollte Uli dem Vreneli wieder
kanzeln. Vreneli war ganz einfach angezogen, hatte nicht etwa die
Hochzeitkleider an, um im Glanze aufzutreten, hatte nicht einmal seine schweren
silbernen Göllerkettelein eingehängt und gar nichts von Seide am Leibe und doch
derlei Dinge im Schranke. »Wann willst dann dies brauchen?« frug Uli. »Das wäre
ein Anlass gewesen, die Kleider verderben dir, wenn du sie nicht brauchst.« »Habe
deswegen nicht Kummer,« sagte Vreneli, »dafür lass mich sorgen, und wenn wir mal
Bauer und Bäurin sind, dann sollst du Wunder erleben, wie ich aufziehen will.
Bis dahin will ich lieber, die Leute sagen: Die kömmt doch gering da, her, sie
werden es nicht besser vermögen, als: Die mag wohl, wird meinen, man wisse
nicht, wer sie ist; der wird es noch anders kommen. Sieh, Mannli, vornehm täte
ich gerne; im Guttätig-, nicht im Hoffärtigsein, da ist ein Unterschied, den
musst du noch lernen, er hat viel auf sich. Doch behüte dich Gott und lebe wohl,
muss pressieren, es ist ohnehin wohl spät.« Als Uli dem Weibchen nachsah, musste
er sich gestehen, dass heute, trotz der einfachen Kleidung, wohl kaum ein
schmuckeres Weibchen auf Berner Wegen gehen werde, als eins eben von seinem
Hause ablief.
    Es war das erstemal seit seiner Heirat, dass Vreneli so weit von Hause sich
entfernte, mehr als drei Stunden weit. Es war ein klarer, aber rauher
Frühlingsmorgen, ein starker Reif lag auf den Feldern, Schnee bedeckte die
niederen Höhen. Noch sah man bedeutendere Sterne am Himmel, die minderen hatte
der beginnende Tag verschlungen, das heisst für Vrenelis Augen. Andere Augen, nur
einige Stunden weiter, sahen es anders und Gottes Augen noch ganz anders. So
geht es mit den Augen und der Sterne Bedeutung, und noch ganz anders mit den
Menschen, welche man sinnbildlich Sterne nennt. Sterne hier könnte man zwanzig
Stunden weiter nicht für Stallaternen brauchen, und noch zehn Stunden weiter
wären sie nichts als schmutzige Öltöpfe oder winzige Talgstümpfchen.
    So einmal aus dem Gesurre des täglichen Getriebes herauszukommen, ist
äusserst wohltätig. Es ist, als ob die Sinne freier würden, als steige man auf
ein Berglein und übersehe nun den Wald, den man sonst vor lauter Bäumen nicht
gesehen. So ging es Vreneli. Ihre ganze Lage rollte sich vor ihm auf wie eine
Landkarte. Es sah die schönen Punkte, die steilen Höhen, die gefährlichen Pässe,
es sah, wie mit Gottes Hülfe keine Gefahr für sie wäre, wenn die gehörige
Vorsicht gebraucht würde, eine weise Sparsamkeit am rechten und nicht am
unrechten Orte, kein närrisches Vertrauen in unbewährte Menschen. Wenn schon das
letzte Jahr nicht das beste gewesen, so war es mit ihnen doch vorwärtsgegangen,
nur hatten sie leider das Geld nicht beisammen, das machte Vreneli seufzen.
Hätten wir es doch nur, dachte es. Was hilft viel lösen, wenn man nichts kriegt?
Viel versprechen kostet ja nichts, zahlen ist die Hauptsache. Mit Behagen
dagegen überschlug es, wie sich ihr Hausrat gemehrt und ihre Vorräte, mehr als
Uli dachte. Wenn es sein müsste, ein paar hundert Gulden liessen sich lösen aus
Entbehrlichem, meinte es. Mit Behagen dachte es an seine Kindlein, deren es
bereits drei hatte, die so lustig blühten, als wären sie drei Röselein im
Garten, zählte sich die kleinen Handbietungen auf, welche Vreneli bereits
leistete. Es freute sich, wie sie mehren würden, fast Tag um Tag, und dachte an
die Zeit, wo das Mädchen sein rechter Arm sein werde, seine wahre
Meisterjungfrau. Wenn nur die Pässe nicht gewesen wären mit ihren Grün, den und
Schlünden. Es hätte Vreneli keinen Kummer gemacht, sie zu durchfahren, wenn es
die Peitsche geführt, das Fahren in seiner Hand gelegen wäre; es glaubte zu
sehen, wo man mehr hüst und wo mehr hott fahren müsse, wenn man sicher
durchkommen wolle. Aber das ist das Peinliche auf Fahrten und gar auf der
Lebensfahrt, wenn man sich fuhr, werken lassen muss, sieht sich bald rechts am
Abgrunde, bald links in den Lüften, kann nichts dran machen als höchstens hüst
oder hott schreien. Der, welcher fährt, sieht Abgründe und Wände nicht, hört das
Schreien nicht, fährt zu, immer blinder und toller, je mehr man wehrt und
schreit, express hüst, wenn er hott fahren sollte, und hott, wenn hüst ihn retten
könnte, er fährt, bis es aus ist mit dem Fuhrwerk, dann fängt er mörderlich zu
brüllen an, wie man mit dem Wehren und Geschrei schuld sei am Unglück, hätte man
ihn alleine machen lassen, es wäre ganz anders gegangen. Ach wie viele solche
Fuhrwerke holpern wohl nicht auf dem Lebenswege, es wackeln die Räder, taumeln
an den Rändern der Ab, gründe, Eins fährt, das Andere schreit, sie wackeln, sie
taumeln, bis endlich das Fahren aus, das Fuhrwerk geborsten ist. Wie peinlich
und angstvoll ein solches Fahren ist, ist so begreiflich, aber am wenigsten
begreifts, wer die Zügel führt und die Peitsche; kann er, so haut er, wer
schreit und Pein zeigt. Wenn Staatswagen so karren und taumeln, ists noch
schauerlicher und graulicher als bei Familienwagen! Daran dachte Vreneli und wie
das Ding wohl anzufangen sei, dass Uli so recht auf ihns höre, sich nicht
umgarnen lasse von falschen Freunden, nicht umstricken von den Netzen des
Geizes. Es fehlte ja nirgends als da, aber das war doch so gefährlich, dass ihm
angst und bange ward bei dem Sinnen und Denken, der Weg ihm unter den Füssen
schwand, ohne dass es es merkte, es am Häuschen stand, wo das Patekind lag, ehe
es daran dachte.
    Im Häuschen sah es armütig aus und wehmütig das Hausgeräte und die
Hausbewohner. Vreneli hätte seine Gespielin nicht wieder erkannt, hatte Mühe,
sich zu überzeugen, dass sie es wirklich sei. Zu einem alten Weibe war das
lustige Mädchen zusammengealtert, die blanke Haut war gelb geworden, und matt,
sehr matt waren Gebärden, Schritte, ja selbst das Gangwerk ihrer Rede. Die
Kinder glichen Zwetschgen, über welche ein früher Reif gegangen, der Kaffee war
so dünn, die Milch so blau, dass sie, als beide zusammengegossen waren, aussahen
akkurat wie der blaue Himmel, wenn ein leiser Nebel darüberliegt. Der Tisch
wackelte, die Kaffeekanne machte ein weinerliches Gesicht, denn sie hatte
Spalten, die Tassen waren zusammengeborgt, die Untertassen kamen hierher, die
Obertassen dorter, sie sahen aus wie die Gevatterschaft selbst, welche aus
einem kleinen, dummen Bauernsöhnchen und einer alten, grauen Frau und also
Vreneli bestund. Die Kindbetterin war anfangs gegen Vreneli schüchtern und tat
fremd, es schmerzte Vreneli fast. Zehn Jahre waren zwischen ihnen
durchgeflossen, seit sie ein Herz und eine Seele gewesen; diese zehn Jahre, wie
weit hatten sie sie auseinandergerissen! Jahre verknöchern sich gerne zu Bergen,
stellen sich zwischen die Menschen, scheiden sie durchaus, höchstens sehen sie
sich noch, kennen einander aber nicht. Wenn nun so nach zehn Jahren der Strom
der Zeit Zwei zusammenschwemmt in ein Stübchen, dass sie bei einander sitzen,
sich ansehen und Rede stehen müssen, so sehen sie einander an und lesen sich
gegenseitig ein Blatt Weltgeschichte ab, und was sie sich gegenseitig ablesen,
macht die Einen neidisch, die Andern dankbar, Andere demütig, Andere hoffärtig,
Andere giftig, Andere wehmütig. Als das arme Weiblein Vreneli vor sich hatte,
war es eben demütig und wehmütig, denn der Grund seines Gemütes war gut und
treu. Es sah mit Demut an Vreneli auf, dem seine einfache, nette Kleidung so
vornehm stund, Respekt einflösste, denn wer eine so einfache Kleidung so zu
ordnen und zu tragen wusste, der war von Jugend auf in guter Kleidung und hatte
daheim noch bessere, als es am Leibe trug, während man oft scheinbar kostbarer,
aber verschliffener Kleidung von weitem ansieht, dass unter derselben ein
verlumpt Hemd stehet und daheim nicht drei ganze sich vorfinden würden. Dachte
mit Demut, wenn es gewusst, wie es geworden, es hätte nicht an ihns sprechen
dürfen, aber schön sei es von ihm, dass es doch gekommen und seiner sich nicht
geschämt. Dachte aber auch mit Wehmut, wie die Zeit sie verschieden gestellt, an
ihm gezimmert und genagt, Vreneli zu einer Frau gemacht, dachte mit Wehmut, wie
es erst in zehn Jahren sein werde, wie da wohl es zusammengemagert und, ein
verdorret Laub, von der Erde verschlungen sein werde, während Vreneli
vollständig zu einer Bäuerin sich abgerundet habe. Je mehr Vrenelis
Freundlichkeit auf blühte, desto weh - und demütiger ward das arme Frauchen;
zwischenein kam die Freude, es zu sehen und zu gedenken der vergangenen Zeit
ohne Gram und ohne Sorgen.
    Die Armütigkeit trat erst so recht hervor, als man das Kindlein schmücken
wollte zur Kirche. So rein und schön, als sie können, zieren die Eltern das
Taufkind aus; es soll diese Sorgfalt so gleichsam ein Pfand sein, dass sie es
schmücken und zieren wollen nicht bloss äusserlich zum Gang in den Tempel des
Herrn, sondern von Stunde an auch innerlich und es auf, erbauen zu einem Tempel,
darin der Herr wohnen mag. Da waren gelbgewaschene Windeln und keine ganze
Käppchen, gar erbärmlich dünn das Decklein, in welches man es legte, und
verschossen und schlecht das Tuch, mit welchem man es deckte. Das arme Kind
musste sich früh gewöhnen, dass des Lebens rauhe Winde ihm hart an die Haut
gingen. Die alte Gotte hatte das grausam ungern, konnte sich gar nicht darein
schicken, mit einem so schlecht angekleideten Kinde zur Kirche zu gehen. Wenn
sie das gewusst hätte, sagte sie, sie hätte die Magd gesandt, die hätte dieses
auch verrichten können. Das arme Frauchen hatte die Tränen in den Augen,
entschuldigte sich bestmöglichst. Sie hätte Besseres leihen wollen, aber, fremd
hier, hätte man allentalben Ausreden gehabt; da hätte sie gedacht, wegem lieben
Gott hätten sie sich nicht zu schämen, den Leuten aber nicht mehr nachzufragen
als sie ihnen. Da hätte sie es ja den Gevattersleuten können sagen lassen, die
würden ihretwegen schon dafür gesorgt haben, zürnte die graue Alte, die eben
auch nicht sehr appetitlich aussah.
    Da trat Vreneli ins Mittel, durch dieses unwürdige Geträtsche sehr bemüht.
Es wolle das Kind schon tragen, sagte es, es schäme sich seiner gar nicht;
vielleicht sei das Kind welches Jesus unter die Jünger gestellt und gesagt: So
ihr nicht werdet wie dieses Kindlein, werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen,
nicht besser geschmückt gewesen als dieses, und allweg wollten sie Gott danken,
wenn sie Beide Gott so wohl gefielen als dieses Kindlein, und ein Beispiel hätte
man, dass ein Kind, welches nicht einmal ein Deckeli gehabt, sondern bloss in
Windeln gewickelt gewesen sei, gross geworden sei und noch jetzt allen armen
Sündern zum Heil. »Du wirst eine Stündlerin sein mit Schein,« grinste die Alte.
»Nicht, dass ich wüsste,« antwortete Vreneli, »aber mich dünkt, man sollte sich in
die Umstände schicken können, auf die Hauptsache sehen, an Nebensachen sich
nicht stossen, und dies um so mehr, je älter man ist.« »So,« sagte die Alte, »das
wird sollen gestochen sein. Ja ja, es gibt Leute, sie meinen, sie hätten die
Weisheit mit dem Breilöffel gefressen, und sehen den Dreck auf der eignen Nase
nicht. He nun so dann, so gehts! Bin alt, habe darum schon manchmal erfahren,
dass unser Herrgott Solchen den Verstand mit der Muskelle anrichtet, und dann
sagten ich und Andere: So recht, nur angerichtet, und je mehr, je besser. So
sollte es allen gehen, welche besser sein wollen als andere Leute oder gar noch
fromm.« »Ich sehe dich doch noch?« frug das Fraueli weichmütig Vreneli. »Gewiss,«
sagte Vreneli, »aber jetzt ists Zeit! Gebt mir das Kind in Gottes Namen, und
gehen wollen wir in Gottes Namen, und dass des Kindes Eingänge und Ausgänge sein
ganz Leben lang alle geschehen in Gottes Namen, das wolle Gott.« Wie nötig das
arme Würmlein das hätte, musste Vreneli denken den ganzen Weg entlang, während
die andere Gotte alle möglichen Manövers machte, damit die Leute nicht meinten,
sie gehöre zum Kinde; sie dachte nicht daran, wie wenig ihr alle Künste hülfen,
da sie in der Kirche vor aller Leute Augen doch zum Kinde stehen musste.
    Man kann allerdings nicht genug daran denken, wenn man ein arm Kind zur
Kirche trägt, wie nötig dasselbe Gott habe, wenn das Elend der Sünde es nicht
verschlingen soll.
    Der Taufschmaus oder, wie man merkwürdigerweise sagt, die Kindbetti
(wahrscheinlich, weil der Mann die Kosten dazu mit Weh und Schmerzen aufbringt)
wurde im Wirtshause ausgerichtet. Die eigentliche Kindbetterin blieb zu Hause,
wohin auch das Kind getragen wurde. Vreneli verarbeitete grausam viel
Langeweile, ehe die Mahlzeit aufgetragen wurde. Mit seiner Mitgevatterin stund
es auf gespanntem Fusse, mit den Andern war nicht viel zu reden, die Wirtin war
nicht redselig und der Wirt handelte mit Juden um Kühe. Der Wirt gehörte nämlich
unter die Wirte, welche weder Sonntag noch Sabbat kennen, um alles handeln und
die eigne Seele verschachern würden, wenn man sie an einen vierkreuzerigen
Strick binden und weiterführen könnte. Wahrscheinlich um solcher Wirte willen
wird der liebe Gott die Seele unsichtbar gemacht oder keinen Strick geschaffen
haben, an dem man sie halftern kann. Der kleine Bauernsohn war ein
Dorfrenommist. Ungeheure Heldentaten hatte er vollbracht, aber alle waren mit
Schmutz angemacht oder nahmen ein schmutziges Ende. Vreneli kriegte grossen Ekel
darüber. Sobald es das Nötigste gegessen und getrunken hatte, verschwand es ganz
in grossem Stile. Der Wirtin trug es auf, später seine Entschuldigungen zu
machen, nahm noch Wein und Fleisch mit sich, versteht sich für sein Geld, und
machte dem verlassenen Fraueli sich zu.
    Über den so frühen Besuch war dieses fast erschrocken, denn so früh verlässt
sonst selten eine Gotte den Patenschmaus; es fürchtete, der Mann könnte es an
ihm zürnen, dass Vreneli so frühe fortgelaufen. Indessen verlor sich dieser
Schreck in der Freude, die alte Gespielin vor sich zu haben. Das Herz ging ihm
auf, es erzählte Vreneli seine Geschichte. Diese war nicht viel anders als die
Geschichte von Tausenden, aber sie ging Vreneli doch zu Herzen, als sei sie ihm
neu von Anfang bis zu Ende. Leichtsinnig hatte sie sich mit einem
Nebenknechtlein eingelassen, musste ihn heiraten, hatten nichts erspart, bekamen
ein Kind nach dem andern; sie konnte nichts verdienen, er war von den
Mittelmässigen einer, welche nur geringen Lohn erhalten. Er war wohl fleissig,
aber er war kein Meister in irgend einer Arbeit, konnte nur taglöhnern oder als
Nebenknecht in einem Dienste stehen, wo er keinen besondern Zweig der
Landwirtschaft eigen zu beschaffen hatte; er war von denen einer, welche einen
Tag nach dem andern hinnehmen, wie er kömmt, ohne Streben und Anspannung, durch
Ausbildung seiner Kräfte oder tüchtigere Anwendung derselben seine Lage zu
verbessern. So erzählte nun das Weib Vreneli so ganz ins Einzelne hinein, wie
kümmerlich sie sich durchbringen müssten, wie Kreuzer um Kreuzer abgezählt werden
müsste, welche Angst und Sorgen es verursache, wenn unerwartet Schuhe geflickt
werden müssten, und welche Freude, wenn unerwartet ein Stück Brot ins Haus käme
oder ein altes Kleidungsstück.
    Vreneli kannte diese Art von Haushaltungen im allgemeinen ganz gut, aber so
ganz ins Kleinste hatte es sie nicht verfolgt, die ängstliche tägliche Pein nie
so anschaulich vor Augen gehabt, als sie ihm jetzt durch seine Freundin
dargestellt ward, so dass es ihm wurde, als sei es selbst mitten drin und müsste
sie mitmachen Tag für Tag. Es hatte unsägliches Erbarmen mit dem armen Weibe, es
fühlte, wie es in solchem Zustande, in welchem man zu wenig hat, um zu leben,
und zu viel, um zu sterben, wo man keine Aussicht hat, ihn zu verbessern, die
höchsten Hoffnungen nicht einmal mehr bis an eine Ziege reichen, höchstens bis
an ein Huhn, namenlos unglücklich wäre, ihn nicht ertragen könnte. In einem
solchen Zustande, gleichsam mit gebundenen Händen und Füssen, jahrelang bis ans
Lebensende zu zappeln, in täglicher endloser Not zu verkümmern, die Brosamen
zählen zu müssen und immer zu wenig zu haben, den eigenen und der Kinder Hunger
zu stillen, das ist das Schrecklichste unter der Sonne. Es schauderte zusammen
bei dem Gedanken, wenn es doch das erleben müsste, es konnte nicht begreifen, wie
die arme Frau das so erzählen konnte ohne Jammer und Weinen. Es konnte nicht
begreifen, wie sie fast noch mit einer Art von Behagen erzählen konnte, wie sie
ihre Armütigkeit verwalte, es dachte nicht daran, wie der Mensch nach und nach
an alles sich gewöhnt und auch daran, im engsten Raume sich zu bewegen und seine
Tätigkeit in die kleinsten Schranken gebannt zu sehen. Wer an weite Aussichten
gewohnt ist, an grossen Geschäftsverkehr und weitin reichendes Wirken, dem
scheint ein so eng beschränktes Dasein die schrecklichste Pein auf Erden, und
doch würde er sich im Laufe der Jahre vielleicht daran gewöhnen, es erfahren,
dass die Bürden, welche alle Menschen tragen, wohl anders aussehen, aber nicht so
verschieden sind, als sie scheinen, dass ihre Schwere oder ihre Leichtigkeit
nicht vom eigenen Gewicht abhängt, sondern von der Gewohnheit und dem Gemüte,
welches sie trägt. Schwer trägt ein Kind an einem Pfunde, leichter der starke
Mann einen Zentner.
    Vreneli fühlte das wahre Mitleid, fühlte, wie es ihm wäre im Mieder des
armen Fraueli, gab ihm, was es bei sich hatte, und hiess es, ihns bald mit dem
Kinde zu besuchen. Jetzt schossen dem armen Weibchen Tränen die Backen herunter,
es stund vor Vreneli und konnte lange nicht reden. »Du bist immer das Beste, das
gleiche Vreneli,« sagte sie, »bringst schon für das Kind schier mehr, als ich
nehmen durfte, kömmst vom Wirtshaus, hockest da in meiner Armut, hörst einen
ganzen halben Tag mein Gestürm an und gibst mir jetzt noch mehr, als ich dir
abnehmen darf« Als Vreneli auf der Annahme bestund, dieweil es komme aus gutem
Herzen und es nichts desto weniger es machen könne, sagte das Fraueli: »He nun
so dann, so will ich es nehmen und alle Tage für dich beten, anders kann ich dir
nicht vergelten. Du weisst nicht, aus welcher Not du mich ziehst und wie
glücklich du mich machst, und ich kann es nicht sagen. Jetzt kann ich drei
Batzen hier, sieben Batzen dort bezahlen, die ich geliehen hinter dem Rücken
meines Mannes und die mich schon lange schlaflos gemacht. Ich brauchte sie nicht
für mich, sondern für den Arzt; mein Mann hatte gemeint, es sei nicht nötig, es
werde dem Kinde schon bessern, wenn es Gottes Wille sei. Ich habe mein
Sonntagsmieder versetzen müssen, das kann ich auslösen und vielleicht einmal
Schuhe machen lassen. Nein, du gutes Vreneli, du weisst nicht, was du an mir
tust, ein rechter Engel vom Himmel bist du mir, und unser Herrgott wolle es dir
vergelten an dir und deinen Kindern. Gott Lob und Dank, jetzt werde ich wieder
schlafen können, und wenn Gott uns gesund lässt, so wird es schon noch besser
kommen, ich zweifle nicht.«
    So glücklich hatte Vreneli lange niemand gesehen, kaum Uli, als es ihm
endlich Ja sagte, glücklicher gemacht als dieses arme Fraueli. Kaum konnte es
sich von ihm trennen, was doch endlich sein musste.
    Als Vreneli wieder allein war und seines Weges ging, da wogten die Gedanken
stromsweise durch seine Seele. Das Glück des armen Weibes schwebte ihm vor den
Augen. Das ist doch gross und schön, von Kleinem so glücklich werden zu können,
das ist ein gross Gegengewicht gegen das tägliche Elend. Solch Glück wird denen
nicht, welche man gewöhnlich die Glücklichen nennt, welche sich in einem
Zustande befinden, welcher allen Wünschen zu genügen scheint, ein Glück, welches
aber so langweilig und peinlich werden kann, dass schon mancher Engländer oder
anderer Narr in Verzweiflung geriet und sich vor den Kopf schoss. Es überschlug,
was es wohl noch alles hätte für das arme Weib, und erstaunte, wie reich es war
an alten Schuhen, Strümpfen und andern Herrlichkeiten, welche es nicht mehr
brauchen konnte und welche Schätze waren in diese Armut hinein. Es über, schlug,
ob es sie nicht in seine Nähe ziehen, zu einem bessern Dasein ihnen verhelfen
könnte; das wäre ihm reich vergolten durch eine treue Seele, welcher es
vertrauen und die es gebrauchen könnte im Hause für Dinge, welche man nicht
gerne allen anvertraut, und von welcher es sicher wäre, dass sie nicht Partie mit
den Andern gegen sie machen würde.
    Dann musste es denken, in welcher ganz andern Lage es sei als seine Freundin,
welche vor zehn Jahren, gleich berechtigt an das Glück der Welt, mit ihm auf
einer Bank gesessen. Es hatte so oft Gott und der Base geklagt, hatte sich in
gedrückter Lage gefühlt, Angst gehabt um ihr Dasein, Kummer, Sorgen aller Art,
gemeint, die Zukunft sei eben eine schwarze Wolke voll Blitz und Donner, hatte
es sich nicht schwer damit versündigt? Es hatte gesehen nach denen, welche über
ihm stunden, und nicht mit den Millionen sich verglichen, welche die untern
Stufen der menschlichen Gesellschaft füllen, oder es hatte gar nichts
verglichen, sondern bloss bitterlich geseufzt über seine Bürde, ohne zu bedenken,
dass ohne diese kein Mensch sein darf auf Erden, so wenig als ohne Druck der
Luft. Vreneli fühlte sich als eine reiche, vornehme Frau gegenüber der armen
Freundin, es konnte schenken Schätze, konnte ihr Herz glücklich machen trotz
einem Kaiser, hatte zu essen vollauf, Vorräte, brauchte mit dem Kreuzer nicht zu
knausern, konnte seine Kinder kleiden lassen nach Bedürfnis und Verstand, hatte
Hoffnung, es zu etwas zu bringen. Es stund vor ihnen eine weite Bahn, freilich
vielen Wechselfällen ausgesetzt, auf welcher aber doch schon so Viele durch
Fleiss und Nachhaltigkeit reich geworden. Da schämte sich Vreneli bitterlich und
bis zum Weinen. So gehe es einem, wenn man nicht von Hause komme und bloss seine
Sache sehe und seine Lage, warf es sich vor; da werde man ungeduldig, undankbar,
wisse nicht, wie gut man es habe, und werde unverträglich. Man wisse nicht mehr,
wie alle Menschen an einander zu tragen hätten, meine, nur die, mit welchen man
lebe, hätten ihre Fehler, wollten sie aus Bosheit nicht ablegen, machten einen
mit Fleiss unglücklich; sehe man sich aber um, so sei es anders, der alte Mensch
sei überall und nur da am wenigsten drückend, wo man mit Geduld ihn trage, mit
Sanftmut arbeite am neuen Menschen. Es kam ihns so eine rechte Wehmut an, wenn
es dachte, wie viele Menschen sich versündigten mit Klagen und Undankbarkeit und
so glücklich sein könnten im Vergleich gegen Andere, wenn sie nur den Verstand
hätten, es zu begreifen.
    Wenn sie nur einen Augenblick sich in andere Strümpfe denken könnten, so
käme sie eine unendliche Dankbarkeit an. Es schauderte ihns, wenn es dachte, es
sollte an seiner Freundin Platz nur eine Woche lang und ihr Mann sollte sein
Mann sein. Da war doch dann Uli ein ganz Anderer, und wenn es schon zuweilen
Vreneli dünkte, Uli sollte auf festern Füssen stehen, so war er doch ein Mann und
nicht so ein Züttel, ein Fösel und Höseler. Erst wenn man mit eigenen Augen so
recht in andrer Menschen Verhältnisse hineinsehe, begreife man, wie gut man es
habe, wie gütig Gott sei, wie grob man sich versündige mit Unzufriedenheit,
sehne sich heim und fühle sich erst glücklich, wenn man alles so finde, wie man
es verlassen und zwar in aller Unzufriedenheit.
    Je mehr es so dachte, desto mehr trabte es vorwärts, es war ihm, als könnte
ihm sein Heim gestohlen werden und wenn es hinkomme, sei nichts mehr da als eine
Öde, das Haus verbrannt, die Kinder tot, Uli weg. Aber es ging Vreneli wie
vielen Weibern, welche nicht viel vom Hause kommen, seine Schuhe fingen ihns an
zu plagen. Die Hausgeschäfte werden in Holzschuhen oder sonst bequemen, grossen
Schuhen verrichtet, die bessern, eleganten Lederschuhe zieht man selten an; sie
trocknen wohl aus, und wenn dann zur Seltenheit weiter gegangen werden soll,
vertragen sich die bequem gewordenen Füsse schlecht mit den knappen, spröden
Schuhen. Es gibt viele unangenehme Verhältnisse in der Welt, aber das Verhältnis
zwischen einem weichen Fuss und spröden Schuh wo der eine zu breit ist, der
andere zu eng, ist doch eins der allerunangenehmsten, besonders wenn soll
gelaufen werden und zwar stundenweit. Es gibt Leute, welche kein Verhältnis
begreifen und namentlich dieses Verhältnis nicht. Köchinnen und selbst
Kammerzofen, vorzüglich aber Stall, und andere Untermägde befinden sich in
diesem Falle. Wenn der Schuhherr kommt, das Mass zu nehmen, biegen sie die Zehen
zusammen oder unter die Sohle, befehlen dazu: »Ganz klein, ganz klein,
Sonntagsschuhe!«, wahrscheinlich Betmaschinen, um sie zum Seufzen und Beten zu
zwingen. Nun, da gehts dann eben wie bei allen unnatürlichen Verhältnissen;
solange man in denselben lebt, ist man sauübel, schrecklich unglücklich, man
schreit nach Gott, und hat man genug geschrieen, platzen sie endlich. Ganz
jämmerlich musste Vreneli pilgern, wie wenn es Erbsen in den Schuhen hätte. Auf
Wallfahrten büsst der Mensch halt seine Sünden. Ehedem wallfahrtete man nach
heiligen Orten, Jerusalem, Loretto, Einsiedeln, mit Erbsen in den Schuhen oder
gar rückwärts nach Rom. Heutzutage pilgern die Mädchen nach Tanzplätzen, stehen
grosse Qualen aus dabei; barfuss trifft man sie oft an, an Orten, wo sie meinen,
es sehe sie niemand, oder rückwärts gehend von Wirtshäusern, vorwärts Buben
lockend, bis sie plumps liegen in schmutzigem Loche. Nun, Vreneli pilgerte auf
guten Wegen, aber auf solchen muss man oft leiden, was auf schlechten Wegen und
noch mehr, und nicht böse werden darüber. Das ward Vreneli auch nicht, seufzte
bloss zuweilen, ward in seinen Gedanken unterbrochen und dachte endlich wenig
mehr als, es wollte, es wäre daheim. Es schämte sich seines hinkenden Ganges,
sah so wenig als möglich auf, in der Hoffnung, wenn es sich um die Begegnenden
nicht kümmere, kümmerten sie sich auch nicht um ihns, was jedenfalls ein sehr
einseitiger Schloss ist.
    Da hielt neben ihm ein Wägelchen, von demselben herab kam eine Stimme:
»Wieweit noch heute?« Da zuckte Vreneli zusammen, sah auf, und auf dem Wägelchen
sass Uli. Der lachte über Vrenelis Studieren, ob welchem es nicht wisse, wer an
ihm vorbeikomme, und Vreneli war es eine höchst angenehme Überraschung, erstlich
wegen den Füssen und zweitens wegen Uli. Wer einmal schlimme Füsse in engen
Schuhen gehabt hat und noch zwei lange Stunden wenigstens vor sich, der weiss,
wie hell es plötzlich vor den Augen wird und wie eine Stimme von einem Fuhrwerke
herab, welche aufsteigen heisst, ungefähr tönet wie eine Stimme aus dem Himmel.
Wenn es dann noch gar die Stimme des Mannes ist, welcher seiner Frau ungeheissen
und unerwartet entgegengefahren aus blosser Liebe und Zärtlichkeit, ja dann
fehlen alle Vergleichungen, um auszudrücken, wie die Stimme tönet im Herzen der
angerufenen Frau. Vreneli konnte nicht satt werden, Uli Dank und Freude
auszusprechen für seine Güte und dass er ihm seine Höllenqualen abgekürzt, Uli
dagegen entschuldigte sich, dass er nicht weiter gekommen: Erstlich sei er
aufgehalten worden, und zweitens habe er nicht gedacht, dass Vreneli so früh sich
heimmachen werde, das Heimgehen falle manchmal Gotten erst ein, wenn es zu spät
sei. Nun erzählte Vreneli, wie es ihm ergangen, wie es die Gesellschaft
verlassen, ehe der Braten gekommen, und wie es den Rest des Nachmittags
zugebracht. Es konnte sich nicht innig genug ausdrucken, wie zufrieden es
geworden mit seinem Schicksal, Uli nicht sattsam genug zu Gemüte führen, wie sie
Ursache hätten, Gott zu loben und zu preisen für seine Güte an ihnen. Wenn sie
nur genügsam wären, so hätten sie mehr als genug, brauchten sich nicht so zu
kümmern ums - tägliche Brot und hätten doch immer noch was übrig, dem Dürftigen
zu helfen in seiner Not.
    Uli hatte die Not nicht selbst angesehen, hatte überhaupt nicht die
Fertigkeit, sich in eine fremde Lage hineinzudenken, als ob es die eigene wäre,
er nahm daher die Sache kaltblütiger und widerredete; er war fast anzuhören wie
ein alter Bauernaristokrat oder Dorfmagnat und stund doch so nahe in jeglicher
Beziehung der Grenze, innerhalb welcher die Menschen wohnen, von denen er so
über die Achsel hin sprach. Man müsse das nicht so nehmen, sagte er, das komme
ihnen nicht halb so streng vor als andern Leuten, sie seien daran gewöhnt und
kennten es nicht besser. Sei der Verdienst auch nicht gross, so hülfen sie mit
Bettelei nach und Stehlen, und je mehr Kinder sie hätten, desto mehr trügen sie
ein, wie die Bienenstöcke auch den meisten Honig hätten, in welchen die grössten
Schwärme wohnten. Übrigens müsse man sich hüten, ihnen alles zu glauben, zumeist
sei es schon an der Hälfte zu viel. Betteln sei halt ihr Handwerk, je nötlicher
sie zu tun wüssten, desto mehr trüge es ihnen ab, und je mehr sie gewahreten, dass
man ihnen höre und glaube, desto dicker lögen sie, das sei halt nicht anders. Es
gebe Leute, sie wüssten einem nicht bloss das Geld aus der Tasche, sondern fast
die Augen aus dem Kopfe zu schwatzen; wahrscheinlich gehöre das Mensch, bei
welchem Vreneli so viel Mitleid und Rührung aufgelesen hatte, auch zu dieser
Sorte. »Und was nicht zu vergessen, diese Leute haben gar viele Sorgen und
Plagen nicht, welche wir haben. Haben sie gegessen, so sind sie fertig, legen
sich schlafen, und wenn es wieder Zeit zum Essen ist, stehen sie auf, verlassen
sich darauf, dass wieder was auf dem Tische sei. Unsereiner muss für alles sorgen,
sorgen, wo er den Zins nehme, woher er Speise schaffe, am Ende noch grossen Lohn,
und tut er obendrein nicht jedem alles, woran er sonst noch denkt, muss er ein
wüster Hund sein. Hat man endlich dieses alles überstanden und gemeint, man sei
mit jedem fertig, so kömmt einem unerwartet was zwischendrein, ob welchem man
aus der Haut fahren möchte.«
    »Mein Gott, was ist, hat es einem Kinde was gegeben?« frug Vreneli
erschreckt. »Das nicht,« sagte Uli, »sie sind alle wohl, haben nur nicht viel
nach dir geweint (ein schlechter Beruhigungsgrund), aber da kam einer wegen der
Kuh, welche ich letztin verkauft, sagt mir wüst, droht mir mit einem Prozess,
oder ich soll die Kuh zurücknehmen, Kosten zahlen und der Teufel weiss was alles.
Ich habe ihn unsauber vom Hause weggejagt, aber die Sache ist mir doch nicht am
rechten Ort. Geht er zu einem Agenten, so habe ich einen Handel am Halse, und
wie recht ich auch habe, so weiss man wohl, wie es geht, wenn mal die Hagle die
Finger darin haben.« »Was klagt er, was ist ?« frug Vreneli. Nun trug Uli die
Geschichte vor, soviel er aus des Mannlis Gestürm hätte klug werden können, wie
er sagte. Er selbst trug aber auch nicht zu der Verdeutlichung der Geschichte
bei, denn es war einer von den zahllosen Händeln, welche sittlich und christlich
schlecht sind, wo bloss das formelle Recht in Frage gestellt werden konnte,
welches in der Schweiz nach Ordnung verzwickt werden kann, da bei den engen
Grenzen der Kantone, wo täglich hinüber und herüber gehandelt wird, gezankt
werden kann, nach welchen Gesetzen der Handel geschlossen worden oder nach
welchen er entschieden werden solle. Vreneli begriff die Sachlage alsbald und
sagte: »Aber Uli, wie kannst du so handeln! Wie oft habe ich dir doch
angehalten, du möchtest ehrlich sein und niemand anführen (betrügen soll man ja
nicht sagen), auch den fremdesten Menschen nicht! Das bringt nicht Segen, macht
einen schlechten Namen, und wie wenig oder nichts trägt es dir ab!«
    »Oh,« sagte Uli, »es machte mir wenigstens zehn Taler Unterschied, und zehn
Taler sind nicht zu verachten, besonders wenn man sie so nötig hat wie ich, zehn
Taler findet man nicht auf der Gasse.« »Aber Uli, was sind zehn Taler, wenn du
nun allgemeinverbrüllet wirst, wie du einen angeschmiert!« »He,« sagte Uli, »es
macht jeder, was er kann. Warum ist er ein Narr und glaubt mir? Ich bin nicht
der Erste und werde nicht der Letzte sein, der zu lösen sucht, so viel er kann,
da, gegen wird wohl kein vernünftiger Mensch viel haben können.«
    »He ja,« sagte Vreneli, »das ist so; rühmst du den Handel in einem
Wirtshause, so wird dir jedermann beipflichten, sagen, gerade so müsse man es
machen, und jeder wird zu er, zählen wissen, wie er diesen oder jenen noch
zehnmal ärger angeschmiert, und der sei froh gewesen, sich stillzuhalten und zu
schweigen, denn machen hätte er nichts können und das Auslachen gefürchtet.
Kömmt dann der Handel vor Gericht und verlierst du ihn, so wird es allgemein
heissen, es geschehe dir ganz recht, man hätte dir das vorher sagen können. Man
hätte aber nicht geglaubt, dass du so schlecht seist, vor so einem müsse man
sich in acht nehmen; werdest aber das Geld nötig haben, es hätte ihnen schon
lange geschienen, es gehe nicht am besten. So werden sie reden, Uli, darum mach
aus, ich bitte dich um Gottswillen; leide Schaden, er wird nicht gross sein, und
wie gross er ist, weisst du. Wie gross er aber werden kann, wenn du prozedierst,
das weisst du nicht und davor graut mir.«
    »Ho,« sagte Uli, »gesagt ist nicht, dass es einen Handel gebe, er wird sich
wohl bedenken, ehe er angreift. Dumm wäre es ja von mir, wenn ich gleich
nachsagen wollte, was man mir vorsagt, dafür bin ich doch endlich nicht auf der
Welt. Aber das Gescheuteste wäre, man würde von solchen Dingen den Weibern
nichts sagen, sie verstehen nichts davon, meinen es doch und haken es gewöhnlich
mit allen andern Menschen, nur nicht mit dem Manne.«
    »Rede doch nicht so!« sagte Vreneli, »es tut mir sonst weh, und ich verdiene
es gewisslich nicht. Mit wem wollte ich es halten als mit dir, denn wen habe ich
auf der Welt als dich Wenn es dir gut geht, geht es mir gut, und geht es dir
übel, wer muss zuerst aushalten als ich? Aber ich bitte dich, sei doch nicht wie
die andern Menschen mit ihrem Gestürm von Mit, halten und nicht Mitalten, das
hat mich schon oft fast die Wände aufgetrieben. Der hält es mit mir und der hält
es nicht mit mir, hört man alle Tage, und wenn ich es höre, möchte ich allemal
beten: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Wer einem Menschen,
der über Vater und Mutter schimpft, über die Meisterleute flucht, die Obrigkeit
lästert, schimpfen, fluchen, lästern hilft, ihm den Zorn noch heisser anbläst,
den Kopf noch grösser macht, von dem heisst es: Das ist ein braver Mensch, hat
Verstand, der hält mit mir; oh, wenn die Leute alle so wären, dann wäre es noch
zu leben in der Welt! Wenn ich aber einem verirrten Kinde, einer erbosten Magd,
einem Taugenichts zuspreche in wahren Treu, en, weil ich Erbarmen mit ihnen habe
und mit unverblendeten Augen den Ungrund ihres Geschreis sehe und den Ausgang,
wenn sie so fortfahren, so schreien sie, ich sei wider sie, halte es mit den
Andern, begehren schrecklich auf gegen mich, und grossen Verdruss habe ich von
meinem Zuspruch. So haben es die Menschen mit dem Mitalten. Wer akkurat ins
gleiche Horn bläst, in welches sie blasen, und akkurat in der gleichen Tonart,
in welcher sie blasen, von dem sagen sie der sei ein Guter, halte es mit ihnen,
und wer das nicht tut, sondern redet der Sache gemäss, über den erzürnen sie
sich, schimpfen; nach einigen Tagen und einigen Jahren sehen sie, wer es
eigentlich gut mit ihnen gemeint, das heisst es mit ihnen gehalten. Denn mit
einem halten, meine ich, heisse nicht mit einem dumm tun, ihn noch dümmer machen,
sondern seinen Vorteil im Auge haben, oder wie es heisst im Eid: Schaden wenden,
Nutzen fördern. Nun, lieber Uli, halte ich es fort und fort, in Freud und Leid,
in gesunden und kranken Tagen mit dir, wie ich es dir verheissen habe, des sollst
du überzeugt sein, aber ich möchte eben auch Schaden wenden und Nutzen fördern,
und wo meine Augen anders sehen als deine, da sage ich es dir, und das nimm mir
ja nicht übel, vier Augen sehen ja, wie das Sprüchwort sagt, mehr als zwei, und
deswegen auch wird der liebe Gott den Ehestand eingesetzt haben.«
    »Oh,« meinte Uli, »wegen selbem wird es ihm wohl nicht gewesen sein. Ich
weiss eigentlich wohl, dass du es gut meinst, aber gut Meinen und Verstehen sind
zwei, und nebendem regieren die Weiber gerne; jedes will den bessern Daumen
haben von wegen der Ehre, und die grösste Kunst ist das, Meister sein und alles
zwängen und doch die Gute sein und vor den Leuten als eine Demutsvolle gelten.«
    »Sei nicht böse,« sagte Vreneli, »lass deinen Verdruss mich nicht entgelten,
ich meine es so gut. Es ist schlimm, wo über die Meisterschaft geredet wird,
denn da ist Streit. Ich meine, das Beste solle immer geschehen, da solle man
nicht fragen, welche von den vier Augen, welche Gott zusammengefügt, es gesehen,
sondern eben alles prüfen und das Beste erwählen. Und mit dem Verstehen ists so,
wie unser Heiland sagt: oft begreift ein Unmündiger, was den Weisen der Welt
verborgen bleibt. So weiss sicher oft ein dumm Weib besser, was schlicht und
recht ist, als so ein Kabinettskopf und Rechtsfresser in all seiner gestudierten
Weisheit.«
    »Ho,« sagte Uli, »das kann zuweilen der Fall sein zur Seltenheit, dass eine
Frau noch schlauer ist als der schlimmste Rechtsagent, welcher dem Teufel von
dem Karren gefallen ist, aber für so eine wirst du dich nicht ausgeben wollen?«
    »Nein, das nicht,« sagte Vreneli, »aber du willst nicht verstehen, was ich
meine, und das geht mir zu Herzen. Ich will nichts mehr sagen als: prozediere
nicht, das ist des Teufels ärgster Lockvogel, wer mal anbeisst, den fasst er beim
Ohr.« »Und lieb wäre es mir auch,« sagte Uli, »du würdest mir keine Stündelerin,
sonst gut Nacht Friede und Hausen. Uha, Kohli! Sollte was füttern, unterdessen
können wir eine Flasche trinken, dir wirds auch recht sein, da du so frühe vom
Mahl gegangen,« sagte Uli. »Wie du willst,« sagte Vreneli, um nicht zu
widersprechen. Es verlangte ihns nach seinen Kindern, schon mehr als zwölf
Stunden hatte es sie nicht gesehen und dies noch nie erlebt.
    Es war sogenannter Tanzsonntag, das heisst ein Sonntag, wo so gleichsam von
Obrigkeits wegen getanzt werden muss. Es besteht nämlich im Kanton Bern ein
Gesetz, welches im Jahr sechs Sonntage bestimmt, an welchen allentalben getanzt
werden darf. Das junge Volk legt dies nun oft so aus, als ob wirklich getanzt
werden müsse. Diese Auslegung haben schon viele Wirte und noch mehr Väter
erfahren. Die Auslegungskunst ist eine ganz eigentümliche. Nun gibt es viele
Jungens und Mädchen, welche in Kritik und Auslegungskunst noch viel stärker sind
als Strauss und es noch weiter treiben, so dass selbst die Allerstraussigsten (um
einen allgemein gewordenen Ausdruck zu brauchen) in ihrer Schule noch
entschiedene Fortschritte machen könnten.
    Das Wirtshaus war sehr angefüllt, das stampfte und trampelte, als ob da eine
Trittmühle für viele hundert Personen angelegt sei. Es war das Wirtshaus, in
welchem Ulis Freund wirtschaftete; dies war Vreneli noch unangenehmer als das
Stampfen und Trampeln, welches alle Augenblicke das Zusammenbrechen des
hölzernen Hauses befürchten liess. Sie konnten sich kaum durchdrängen, doch
sobald der Wirt sie bemerkte, machte er ihnen mit seinem kolossalen Buckel
stattlich Raum und verhalf ihnen zu gutem Platz. Es war schade, dass er nicht ein
päpslicher Schweizer geworden, er hätte zu nichts besser getaugt, als an grossen
Kirchenfesten in Rom Platz zu machen für die rotgestrümpften Herrn Kardinäle.
Vreneli war lange nie an einem solchen Sonntage in einem Wirtshause gewesen, um
so schärfer liess es in dem ihm neu gewordenen Gewimmel seine Augen schweifen. Es
kam ihm erst vor, als sei es entweder selbst verrückt oder es sei in ein
Tollhaus geraten. Es sah da halbbatzige Knechtlein, noch wohlfeilere Mägde,
Lehrbuben, sogenannte Bauernsöhne, deren Väter mehr schuldig waren, als der
Hofwert war, die seit Jahren unbezahlten Zinse nicht gerechnet,
Handwerksbursche, an denen es durch die Woche keinen ganzen Schuh gesehen, ja
Bettelpack, welches es oft vor seiner Türe gehabt, durcheinanderwimmeln, in
glitzerndem Staate, aufgeschwollen von Hochmut, Trotz und tierischer Lust,
vollgefressen und -gesoffen zum Verspritzen, tun, als wäre nicht bloss die ganze
Welt die ihre, sondern als hätten sie, wenn sie diese Welt verklopft oder
verkegelt hätten, noch sieben siebenmal grössere Welten zum Verklopfen und
Verkegeln. Es war ihm wie einem, der einen Trupp Flöhe betrachtet durch ein
Vergrösserungsglas und sie ihm vorkommen wie langhärige Elefanten. Es waren ganz
ungeheuer andere Leute, als es in der Woche gesehen, ein einzig Stück schien die
Stube zu füllen. Es duckte und drückte sich bestmöglichst in einer Ecke, und
doch fürchtete es, gequetscht und erdrückt, ja durch den Luftzug der
aufgerissenen Mäuler durch einen der aufgesperrten Schlünde in einen
unterirdischen Schlauch gewirbelt zu wer, den, so trampelten und
himmelsappermenteten sie im ganzen Hause herum. Als es sich ein bisschen gefasst,
da rief es das Bild, welches es heute ins Gemüt gefasst, hervor, und es war ihm,
als hätte es eines Rätsels Lösung, als stelle das Bild sich in den Hintergrund
dieser Herrlichkeit, und was im Vordergrund so gross und himmelsappermenterlich
sei, werde nach und nach dem Hintergrunde zugedrängt, werde kleiner, dürftiger,
erbärmlicher, jämmerlicher, zu einem Stübchen voll halbnackter, gramselnder,
hungriger Kinder, zu einem Stübchen voll Elend und Not, ohne Kleider, ohne Brot.
    Diese Wandlung der Gegenwart in die Zukunft, dieses Zusammenschrumpfen
einiger Jahre in einen Augenblick, diese Art von Vision oder Gesicht, lebendig
in der Phantasie, hatte Vreneli selbst der Gegenwart entrückt, so dass ihm
entging, wie Uli mit dem Wirte, welcher der vielen Leute ungeachtet Zeit machte,
um neben Uli abzusitzen, in ein Gespräch geriet und ihm den Kuhhandel vortrug.
Erst als der Wirt mit seiner mächtigen Stimme sagte: »Sei nur ruhig, lass den
anlaufen, zeige ihm den Meister, du kannst nicht verlieren; du hast recht, ja,
wenn dies nicht erlaubt wäre, wer wollte handeln, das käme mir sauber heraus«
usw. Vreneli erschrak sehr, es hätte, weiss kein Mensch was, gegeben, sie wären
nicht hier eingekehrt. Es sagte: »Ich habe immer gehört, ein magerer Vergleich
sei besser als ein fetter Prozess, die Sache wirft nicht viel ab, und was ein
Prozess kosten kann, weiss man nicht. Mich dünkt, wenn du es gut mit Uli meintest,
so würdest du zu Uli sagen: Vergleicht euch, wenn du auch viel oder wenig leiden
musst, so ists doch besser als prozessieren.« »Das verstehst du nicht, Fraueli,«
sagte der Wirt, »das ist Männersache; darin habt ihr gar nicht zu reden, am
besten ists, man sage euch nichts davon. Schweine mästen und kochen, Kaffee
trinken und alle Jahre ein Kind haben, das ist eure Sache und damit punktum. Du
musst das machen wie ich,« sagte er zu Uli, »meine Frau ist mir lieb und wert,
warum nicht; was man nicht ändern kann, darin muss man sich schicken, aber was
über die Haushaltung aus geht, von meinem Geschäft, gebe ich nicht Bericht.
Warum? Darum: sie versteht es nicht und würde doch meinen, sie müsse das Maul in
alles hängen, und was trüg das ab?« Vreneli wurde böse und spitzig. »Es meine«,
sagte es, »wenn man hülfe das Geld verdienen, so habe man auch das Recht, ein
Wort dazu zu sagen, wie es solle gebraucht werden. Es liefe mancher Lump weniger
in der Welt herum, wenn er zu rechter Zeit auf seine Frau gehört hätte. Auf den
Männern, welche ihren Weibern nicht alles sagen dürften, halte es nicht viel,
gewöhnlich stecke was Verdächtiges dahinter, etwas, was besser wäre, sie täten
es nicht.« »Ist das gestichelt oder sonst getrümpft?« frug der Wirt. »Nimm es,
wie du willst,« antwortete Vreneli, »so viel kann ich dir bloss sagen, es ist mir
Ernst damit!« »Du hast eine handliche Frau, Uli, die wäre mir nur zu böse,«
sagte der Wirt, »die musst du nicht Meister werden lassen, sonst bleibt die
Kirche nicht mitten im Dorfe. Ein wenig böse schadet nicht, gerade so wie ein
Haushund; wenn der nicht bellen kann und im Notfall beissen, so ist nichts mit
ihm, aber Bettlerpack und Fremde muss er anbellen und beissen, nicht den Meister,
da muss er wedeln mit dem Schwanze und kusch machen.« Da wurde der Wirt
abgerufen, sonst hätte er wahrscheinlich er, fahren, dass Vreneli wirklich zu den
Haushunden gehöre, welche bellen und beissen können.
    Auf dem Heimwege versuchte Vreneli noch einige Male, den Kuhhandel zur
Sprache zu bringen, aber Uli gab uneinlässlichen Bescheid, sagte endlich: »Hast
nicht gehört, was der Wirt gesagt hat? Man solle den Weibern über solche Sachen
nicht Bericht geben, sie verstünden sich nicht darauf.« »Verstehst du dich denn
darauf?« fragte Vreneli; »du weisst von den Gesetzen und dem Prozedieren gerade
so viel als das Kind, welches wir heute getauft, und darum dünkt mich, du
solltest dich nicht damit abgeben wollen.« »Darum, weil ich und du davon gleich
viel verstehen,« antwortete Uli böse, »kann ich nicht bei dir zu Rate gehen,
sondern muss zu jemand gehen, der mehr von der Sache weiss als ich und du, und
damit punktum, wie der Wirt sagte.«
    Dieser Schluss des Tages jammerte Vreneli sehr. Es hatte an diesem Tage so
viel erlebt, erfahren, gedacht, es war gleichsam von den allezeit strömenden
göttlichen Offenbarungen umflossen gewesen; wie ein schöner Abendstern hatte ihm
Ulis Entgegenkommen geleuchtet, und nun zum Ende Ulis Erkalten, Abwenden zu
Andern, Zuwenden einer Klippe, an welcher schon das Dasein von Millionen
zerschellte. Es weinte bitterlich, weil Uli den Glauben an es ganz verloren
hatte und öffentlich ihm gleichsam abschwur. Jedermann hat einen Glauben, es
kömmt eben nur darauf an, was, und hauptsächlich, an wen er glaubt. Der Glaube
ist abhängig von der Richtung des Gemütes; ein Sprichwort sagt, man glaube, was
man gern habe oder was einem in den Kram diene. Man glaubt den Personen, welche
reden, was einem in den Kram dient oder was man sonst gerne hört. Wer hat nicht
schon Katzen gesehen, wie gerne sie am Kopfe sich krauen lassen, wie behaglich
es ihnen wird, wenn jemand ihnen mit Manier den Balg streicht, wie sie sich auf
die Seite legen, alle Viere von sich strecken, jetzt das Bein, jetzt ein anderes
aufheben, dass man ihnen auch da krauen solle, dass es auch hier dem Balg
wohltäte, wenn er gestrichen würde mit Manier. Wer hat nun nicht auch schon
erfahren, dass es so viele Menschen akkurat haben wie die Katzen, manierlich
Krauen und Streichen lieben und nicht zufrieden werden, bis man ihnen den Balg
an allen vier Beinen gestrichen. Wer nun dieses Streichen und Krauen, welches
sich begreiflich nach dem Balge richten muss (ein Winterbalg mag mehr er, tragen
als ein Sommerbalg, so wie auch Stubenkatzen und Feldkatzen anders zu traktieren
sind), wohl versteht, der findet Glauben. Tausende erheben sich nicht über
diesen Glauben; an alles und an alle dagegen glauben sie nicht, wer oder was
ihnen nicht wohl macht, nicht ihre Behaglichkeit vermehrt, was sie beisst oder
juckt. Mit Abscheu und Hohn wenden sie sich davon ab, werfen gewaltig, wie Buben
mit Steinen, mit Aberglauben, Pfaffen, Jesuiten und altväterischem Gedampe usw.
um sich.
    Dieser Glaube wurde durch den Teufel schon im Paradiese eingeführt, als er
der Eva den Balg strich. Er verträgt aber keine gewisse Erkenntnis, das hat Eva
alsbald erfahren; aber bis auf den heutigen Tag sind Millionen nicht klug
geworden, haben die Erfahrung von der Eva nicht geerbt, sondern bloss den Balg,
der sich gerne streicheln lässt, und die Lust an allem, was wohl macht und
behaglich sein lässt. Zum rechten Glauben bedarf es schon rechter Leute, dass
heisst ganz anderer als solcher, welchen es nur um das Behagen des Balges zu tun
ist. Der rechte Glaube geht vom Unbehagen aus, nicht vom Behagen, nicht vom
Gefühle des Wohlseins, sondern vom Gefühl der Armut und des Wehs, will nicht
behaglich den Leib pflegen, sondern gesund machen die kranke Seele, erkennt es,
der Mensch sei keine Sau, für den Schlamm geboren, sondern ein Wesen, das
gereinigt werden müsse, um zum Leben in höhern, reinern Regionen zu gelangen.
Dieses Gefühl ist kein angebornes, entstammt nicht dem Fleische. Wie eine Taube
aus den Himmelshöhen mag es sich zuweilen niederlassen auf erwählte
Himmelskinder, sonst ist es ein Kind der Zucht, der Zucht von Gott, der Zucht
von denen, durch deren Hand Gott die Menschen erziehen will. Wen der Herr lieb
hat, den züchtigt er und lässt ihn züchtigen, und diese Zucht wirket die
friedsame Frucht der Gerechtigkeit. Die Zucht wirket das Gefühl der Armut und
des Krankseins, ist die wahre Augensalbe, welche den Blinden das Gesicht gibt,
sie schauen lässt des Übels wahren Sitz, welche die Erfahrung gibt, aus welchem
Samen das Gute wächst, aus welchem das Böse, welche eben den Glauben gibt, dass
lieb der Herr die hat, welche er züchtigt, weil es nach den Züchtigungen dem
Menschen leichter, wohler wird, seine Kräfte sich gestählt, seine Freudigkeit
zugenommen hat. Diese Zucht wirkt ganz was anderes als die Unzucht der heutigen
grossen Pädagogen und anderer Schulmeister. Diese Unzucht führt die Schüler nicht
weiter als dazu, Gott und Menschen zu hassen und unter allen Menschen die grossen
Pädagogen und sonstigen Schulmeister am allermeisten. Man frage nach dem
Respekte der Schüler gegen die Lehrer, man frage nach Liebe und Anhänglichkeit,
nach Gehorsam und lebendigem Fleisse, nach gläubigem Vertrauen, man suche Trauben
auf Dornenbüschen! Unter der Zucht bildet sich der zarte Keim der Erkenntnis
dessen aus, was gut und heilsam ist den Menschen, bildet sich die Kenntnis der
Menschen aus. Man lernt unterscheiden, wer es gut meint oder gut zu meinen
scheint, wer bloss der Katze den Balg zu streichen oder den Menschen an der Seele
zu doktern weiss, da bildet sich der Glaube an Gott und seine väterliche Liebe,
der Glaube an die Erlösung durch Christum, der gekommen, zu suchen das Verlorne,
der durch Leiden gegangen, am Kreuze gestorben, um zu erquicken die Mühseligen,
Ruhe zu schaffen für ihre Seelen, der Glaube an den engen Weg mit Dornen besäet,
der zum Himmel führt.
    Es bildet sich überhaupt der Sinn für die Wahrheit aus, sei sie bitter oder
süss, komme sie vom Freund oder Feind, und der Hunger nach der Wahrheit, der in
ehrlicher Treue nach Befriedigung strebt, um ein immer erleuchteterer Christ zu
werden. Dieser Hunger ist, beiläufig gesagt, was ganz anderes als das Jagen nach
was Neuem, bloss um Professor zu werden und nichts weiter! Vom Vater der Lügen
und all seinen Propheten wendet man sich mit Abscheu ab und kriegt einen
förmlichen Ekel ob allem Balgstreichen und sonstigem Kitzeln des Fleisches.
Diese verschiedenen Richtungen treten auf das Klarste ins Leben hinaus, in allen
Verhältnissen, in allen Ständen, in allen Altern. Es gibt auch Menschen, welche
an jeder Wahrheit zweifeln, Misstrauen haben gegen jeden ehrlichen Menschen,
welche immer sagen: »Weiss nicht, kann sein, wird sein, ist möglich, weiss aber
doch nicht«; so bei den klarsten Wahrheiten, welche man mit Pelzhandschuhen
greifen könnte. Die gleichen Leute glauben den schlechtesten Leuten, freilich
keine tausendjährige Wahrheit, sondern am liebsten die allerneusten und
widersinnigsten Lügen, und lügen sie hundertmal im Tage, so glauben sie es
hundertmal; waren sie hundertmal in einem Tage schon angeführt, sie liessen zum
hundertundersten Male sich noch anführen, natürlich bei gehöriger Bearbeitung
des Balges von einem dieser kunstfertigen Gerber. Je mehr das Fleisch im Preise
steigt, desto mehr und häufiger tritt diese schauerliche Verkehrteit zu Tage.
Ein ehrlicher Mensch muss des Tages, es kann kein Mensch zählen wie oft, nach dem
Kopfe greifen, um zu erfahren, ob er ihn noch habe, und stundenlang grübeln, ob
er bei Verstand sei oder nicht, wenn er unter Menschenkindern sich befindet,
welche auf dieser Kulturstufe sind: Musterreiter, Postalter oder gar
Schulmeister, Maurer- oder andere Gesellen.
    Jetzt kann man sich denken, wie es einer ehrlichen Frau zumute werden muss,
wenn sie diese Glaubensrichtung in ihrem Manne sich entwickeln sieht, wenn er
ihren wohlgemeintesten Räten, seit tausend und tausend Jahren bewährt (beiläufig
gesagt, erschlugen die alten Deutschen in den Hermannsschlachten mit besonderer
Vorliebe Schreiber und Rechtsmenschen; werden einen natürlichen Grund gehabt
haben!), die Ohren verschliesst und den Balgstreichern sich zuwendet; wenn sie
sieht, wie er umgarnt wird und eingesponnen gleich einer Fliege im Spinnennetz;
wenn sie erfahren muss, wie ihm ein Dünkel eingepflanzt wird absichtlich, um
denselben ihr zu entfremden, seine Ohren gleichsam verpicht werden
grundsätzlich, ungefähr wie man denen, welche man erschiessen will, die Augen
verbindet; wenn sie wohl weiss, der Mann liebt sie, aber der Esel, der Mann, lässt
sich aufweisen; weiss ferner, wie man sie lächerrlich macht, ihm Misstrauen
einflösst, ihre Einsicht verdächtigt, ihr Recht, etwas zur Sache zu sagen, in
Abrede stellt. Und doch geht es um ihre Sache, geht um der Kinder Sache, und sie
soll, stumm wie ein Fisch, den Esel fuhrwerken lassen je nach der Lust und der
Bosheit einiger Spottbuben, welche die Sache bloss so weit angeht wie
einbrechende Diebe eine Geldkiste. Das ist wirklich ein hart Ding und besonders
für eine Frau, welche glaubt, einen gescheuten Mann geheiratet zu haben, einen
Ausbund; der wird auf einmal rappelköpfig, sturm am Hirn, viel ärger, als wenn
ein Ross den Koller hat. Wenn sie wirklich aus der Haut fahren täte, es könnte
ihr es niemand verübeln; aber was ist erst erlaubt, wenn diese Richtung des
Mannes in einem bestimmten Fall klar hervortritt, wenn er an den äussern Rändern
des Wirbels schwebt?
    Uli verstand von Recht und Gesetz, Formen, Terminen, Kosten usw. gar nichts;
er war in diesem Gebiete einem Wanderer gleich, der in stockfinsterer Nacht in
einem Urwalde tappet. Wer das erfahren hat, weiss, wie man da dran ist. Wenn nun
so ein stockdummer Mensch noch einen stockblinden Glauben hat zu irgend einem
der Propheten, welche Lügen predigen, welche der Teufel angestellt hat, die
Leute ins Unglück zu reiten, wie ein Stallmeister Stalljungen hat, um die Pferde
in die Schwemme zu reiten, so kann man sich etwas davon denken, wie es geht;
aber um es so recht zu wissen, muss man solche Leute selbst reden gehört haben,
so aus blosser Phantasie, en téorie, kann man sich dies doch nicht vorstellen.
Sie sind akkurat wie Kinder, welchen man die Buchstaben A B C zeigt. Das Lernen
des A B C beruht auf dem Glauben, denn dass die wunderlichen Striche diesen und
jenen Laut repräsentieren, müssen die Kinder glauben, und wenn sie einmal durch
Zucht dazu gebracht sind, dass sie wissen, welches Zeichen den grossen A bedeutet,
so drücken sie mit ungeheurem Nachdruck den Zeigefinger oder Daumen auf den
grossen A und schreien gewaltiglich »A« und dünken sich gross absonderlich. Mit
Zeit und Weile lernen sie auch B und C kennen, daran glauben, kommen vielleicht
noch weiter, dünken sich alle Tage grösser und schreien alle Zeichen gewaltiger;
aber den Zusammenhang der Zeichen kennen sie noch nicht, und wenn man ihnen
denselben schon zeigt, so begreifen sie ihn nicht. Deswegen dünken sie sich
nicht minder gross, sondern eben desto grösser. Von einem Zusammenhang der
Buchstaben wissen sie nichts, dar, um scheint es ihnen lächerrlich; sie wissen,
was sie können, und können, was sie wissen, darum scheinen sie sich so wichtig,
und wer was mehr weiss, scheint ihnen dumm oder schlecht.
    Nun, so ein Uli, der einen Prozess anfängt und sein Lebtag kein Gesetzbuch
gesehen hat, geschweige gelesen, der ist akkurat so ein ABC-Bub, der eine neue
Fibel oder Namenbuch, wie wir hier sagen, unter dem Arme hat und zur Mutter
läuft mit grossem Geschrei: »Mutter, Mutter, das grosse A, wo ist es, wo das grosse
A?« Zeigt ihm die Mutter das grosse A, so schreit er wochenlang »A, A,« tut wie
ein Elefant in den ersten Hosen. Kriegt der Uli einen Prozess unter den Arm, so
läuft er damit zu den Gelehrten, diese sagen: »A heisst A, und auf das A folgt
das B, das kann nicht fehlen, punktum, hier steht es geschrieben, siehst? Der
Prozess ist gewonnen, ich nähme es nicht zum voraus, wenn man mir es schon geben
wollte.« Das glaubt nun der Uli steif und fest und bildet sich ein, ein
Rechtsgelehrter zu sein, weil er das A auswendig weiss und etwas vom B kennt; wer
ihm Zweifel äussert, der hält es nicht mit ihm, mag ihm sein Glück nicht gönnen,
ist ein Lumpenhund und meint es mit dem Gegner gut. Es ist ein förmlicher
Fanatismus in diesem Glauben, und je blinder und beschränkter er ist, desto
leidenschaftlicher, unduldsamer äussert er sich. Wenn so ein Uli könnte, er würde
jeden köpfen oder gar hängen lassen, welcher den geringsten Zweifel schimmern
lassen würde, als hätte er den besten Handel von der Welt. So ein Uli würde
immer so stark verfahren als ehemals der Grossinquisitor von Spanien oder die
ehemaligen Ketzerriecher und Ketzerrichter in Deutschland. Die Eintönigkeit, wo
kein anderer Ton mehr anklingt, die Wut, wenn doch ein anderer zu den Ohren
tönet, werden nie aussterben im Menschengeschlechte und zutage treten allemal,
wenn man der Katze lange genug den Balg gestrichen hat. Die Erfahrung machte
nicht bloss Vreneli, die Erfahrung macht man dato im ganzen Schweizerlande. Was
dabei noch sehr merkwürdig ist, ist die Festigkeit des Glaubens, wenn er sich
einmal gehörig an eine Person geheftet hat. Wie der Tiroler zum Beispiel an
seine Amulette glaubte, welche hieb- und schussfest machen sollten, und daran
glaubte, so oft er auch verwundet wurde, indem er allemal einer besondern
Ursache oder eigener Schuld die Zulassung der Wunde zuschrieb, wie man einen
Schatzgräbertoren siebenmal prellen konnte und zum achtenmal doch noch Glauben
fand, gerade so hat es so ein zum Prozess angedrehter Uli. Es gibt Leute, welche
durch rechtskundige Spitzbuben um ihr ganzes Vermögen gekommen sind und dennoch
an die Spitzbuben glauben, und wenn sie wieder zum Vermögen kämen, wieder durch
sie sich darum bringen liessen. Man möchte manchmal vor Zorn die Wände auf
springen oder vor Wehmut sich die Augen aus dem Kopfe weinen, wenn man die
altertümliche und volkstümliche Balgstreicherei und ihre Folgen sieht: blinden
Glauben, narrochtiges Treiben und endliches Verderben.
    Wenn man das Obige begriffen hat, so wird man auch begreifen, wie es Vreneli
war, dass Uli in diesen Wirbel gezogen wurde. Der gute Uli begriff nicht, was
Menschen zu reden und zu tun imstande sind, wenn in ihren Bereich eine Kuh
läuft, welche sie hoffen mit Streicheln und Sanfttun dahin zu bringen, dass sie
sich melken lässt. Vreneli versuchte mehr als einmal noch, ihn vom Prozesse
abzubringen, denn das Mannli liess die Sache nicht liegen, wie man Uli, um ihn
trotzig zu machen, vorgespiegelt hatte. Aber das half alles nicht, er hatte
einmal jetzt den Glauben nicht zu ihm, sondern zu Andern. Vergebens stellte
Vreneli ihm vor, es sei bei dem Prozess nichts zu gewinnen, nur einen kleinen
Schaden zu leiden, wenn man den Prozess unterlasse; verliere man denselben aber,
so könne der Schaden leicht zehnmal grösser werden, Verdruss und versäuerte Zeit
nicht gerechnet. Aber da half alles nichts. »Das verstehst du nicht,« hiess es.
»Ja, wenn ich reich wäre und vermöchte zu schenken; aber ich muss zum Kreuzer
sehen, es sieht mir sonst niemand dazu.« Wenn dann Vreneli frug: »Aber magst du
solche Kreuzer? Hast du nie gehört, dass ein ungerechter Kreuzer zehn gerechte
frisst? Und recht hat das Mannli, du magst es mir glauben oder nicht!« »Das
verstehst du aber nicht,« sagte Uli, »das eben wird sich zeigen, wer recht hat,
darum prozediert man ja. Wenn man es vorher wüsste, so prozedierte man ja nicht.
So ists, und weiser als alle Leute wirst doch nicht sein wollen.« Vreneli musste
sich darein ergeben, aber es hielt ihns hart. »Es wird in Gottes Namen sein
müssen. Uli wird eins von den Kindern sein, welche sich brennen müssen, um das
Feuer fürchten zu lernen; Gott wird sorgen, dass mit der Zeit die Erfahrung kömmt
und mit der Erfahrung die Weisheit. Wenn das ist, in Gottes Namen, so prozediere
er, und wenn alles drauf muss; wenn nur am Ende die Hauptsache gewonnen wird, so
ist alles gut, denn was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele!« So fasste
sich Vreneli bestmöglichst, aber schwer; zu diesem Verdruss kam ein Bangen,
welches den Verdruss verschlang.
 
                              Sechzehntes Kapitel
                   Es kömmt Angst, und über jedes eine andere
Die Base begann stark zu kränkeln und ernstaft, die Füsse liefen ihr auf, der
Husten plagte sie, die Nächte waren ohne Schlaf. Das sei eine beginnende
Brustwassersucht, sagte der Arzt. Wenn man Fleiss habe, die Mittel gebrauche,
hoffe er der Krankheit zuvorzukommen, tröstete er. Die Base schüttelte dazu den
Kopf; Mutter und Grossmutter seien ungefähr im gleichen Alter an der gleichen
Krankheit gestorben, das Gleiche werde ihr auch warten, sagte sie zum ebenfalls
Hoffnung machenden Vreneli. »Es ist nicht, dass ich das Sterben scheue; ach Gott,
wie vielem bin ich entronnen, wenn ich einmal im Grabe ruhe; aber was soll aus
den Meinen werden? Da ist meine Sünde, und da werde ich hart gestraft. Was ist
sterbenden Eltern der beste Trost? Wenn sie ihre Familie so hinterlassen können
wie einen gesunden Baum, der, gesund in Wurzeln und Ästen, langes Leben und ein
hohes Alter verspricht, wenn die Kinder so sind, dass man weiss, man kömmt einst
wieder zusammen. Nun weisst, wie ich es habe, habe keine Hoffnung«, und gar
bitterlich weinte die Base. »Denn,« sagte sie, »ich bin an allem viel selbst
schuld. Ich habe gemeint, mit dem Alter komme der Verstand, wo die Kinder dann
von selbst einsehen würden, was recht sei. Ich zankte nicht gerne mit Joggeli,
der grosse Freude an ihnen hatte, ihnen alles nachliess, dachte, das werde sich
später schon machen. Ich liess sie beten, aber ob sie in die Kirche gingen oder
nicht, darum kümmerte ich mich nicht; konnte ich doch selbst nicht viel gehen,
eine Bäurin hat so viel zu tun! Dachte, man könne sonst fromm sein und recht
tun, wenn man schon nicht in die Kirche gehe, man sei ja unterwiesen worden und
wisse, was man solle und nicht solle, so dachte ich. Später sah ich, dass ich
unrecht gedacht, wollte nachbessern und konnte nicht. Ich mochte sagen, was ich
wollte, so hörten sie mich nicht oder begriffen mich nicht, lachten mich endlich
gar aus, weil so altväterisches Zeug nicht mehr passe in die heutige Zeit. Von
der Welt waren ihre Herzen voll, das hatte ich sorglos zugelassen; als ich
später den rechten Samen ausstreuen wollte, hatte er nicht Platz darin, fand den
guten Boden nicht, Dornen und Disteln hatten bereits ihn bedeckt. Ihr Trachten
war auf die Augenlust, Fleischeslust, die Hoffart des Lebens gestellt; ich
konnte lange reden, ich predigte tauben Ohren und predige noch heutzutage tauben
Ohren. Was soll aus meinen Kindern, was soll erst aus ihren Kindern werden? Bin
froh, es nicht erleben zu müssen, und doch graut mir vor dem Sterben, hätte so
gerne noch was für sie getan. Denk, wenn sie sterben und am Ende ihnen die Augen
aufgehen über ihr Elend und sie dann sagen: Daran ist unsere Mutter auch schuld.
Oder wenn sie kommen an den Ort der Qual und ich sie da sehen müsste und denken
in alle Ewigkeit: Daran bist du auch schuld, könnte da wohl ein Himmel für mich
sein? Was soll aus Joggeli werden? Ist in vielen Sachen ganz wie ein Kind; hat
er noch einige Jahre zu leben, so bringen sie ihn rein um seine Sache. Ihr
dauert mich auch, denn was sie jetzt Joggeli alles angeben werden, kann man sich
denken. Macht ja, dass ihr immer den Zins geben könnt; dein Mann soll sich
losmachen von denen beiden Burschen, wo immer mit dem Maul zahlen wollen, sonst
geht es nicht gut. So ist, wohin ich sehe, bloss Trübes und Trauriges; ich bin
froh, es nicht erleben zu müssen, und sollte es doch gut machen helfen, dieweil
ich auch schuld daran bin. Ach, ich kann nicht sagen: Vater, es ist vollbracht;
wenn ich nicht die Hoffnung hätte, dass Gott gelinder strafe, als man es
verdient, dass bei ihm möglich sei, was Menschen unmöglich scheinet, dass er alles
zum Besten leite, sieh, ich verzweifelte noch in meinen letzten Tagen. Härter
liegt nichts auf dem Herzen, glaub es mir, als zwei Kinder zu sehen im Rachen
der Welt, der Pforte der Hölle, und an den Armen keine Hände zu haben, sie
herauszuziehen.«
    Vreneli wollte trösten, aufrichten, aber wie schwer ist das nicht, wenn man
das Herz selbst voll hat zum Zerspringen und wenn es einem dünkt, die Klagen
seien wahr, in gleicher Lage wäre es einem ebenso! Was hatten sie zu erwarten,
wenn die Base starb, und wen hatte Vreneli noch auf der Welt, bei dem es Rat und
Trost schöpfen, sein Herz ergiessen konnte, seit Uli seinen Glauben seinen Götzen
zugewandt, ungläubig gegen Vreneli geworden war? Es wusste nichts, als mit der
Base zu weinen, sie zu bitten, guten Mutes zu sein, ihr Leben zu fristen solange
als möglich, seinetwegen, denn wenn sie mal im Grabe sei, dann sei ihr Stern
erloschen und das Elend vor der Tür. Es hätte nicht umsonst Gotte sein müssen
einem armen Fraueli und sich entsetzen über dessen Armütigkeit, es wisse jetzt,
dass es sich dazu vorbereiten solle, und dies wolle es tun alle Tage, denn dahin
werde es mir ihnen kommen, wenn nicht noch weiter, jammerte Vreneli. »Du guter
Tropf« sagte die Base, »wenn es mir besser drum wäre, fast müsste ich lachen. Ihr
habt noch nichts erlebt; wem geht es immer wie gewünscht, ohne Angst und
Anstand? Glaubst, ihr wäret die Einzigen, welche nicht Lehrgeld zahlen müssen in
der Welt, welche Torheit büssen müssen oder welchen Gott handgreiflich darlegt,
dass man sich nicht auf Menschen verlassen müsse noch auf des Menschen
Herrlichkeit? Wenn ihr hier schon nichts verdient oder noch dazu um alles kommt,
was ihr habt, ich habe doch nicht Kummer um euch wegen Durchschlagen durch die
Welt. Du und Uli werden ihr Brot allentalben finden, solang ihr euern guten
Namen habt, dafür wirst du sorgen. Bereite dich, noch viel Härteres zu ertragen!
Was kömmt, nimm immer mit Dank auf, dass es nicht härter ist, und mache dich
wieder auf Härteres gefasst. Sorge nur dafür, dass du die Kleinen dem zubringst,
der da gesagt hat: Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihnen gehört das
Himmelreich. Absonders dieses da, mein klein Schätzeli,«sagte die Base und
drückte das kleine Vreneli, welches auf ihrem Schosse sass, an ihr Herz.
    Das kleine Mädchen war ihre Freude auf der Welt, so gleichsam das einzige
Blümlein, welches einem alten Gärtner übrig blieb. Das Kind vergalt diese Liebe
treulich. Vom frühen Morgen an war es drüben und musste abends zumeist schlafend
heimgetragen werden. Es war der Base kleine Aufwärterin: trug ihr hin und her,
was sie bedurfte; ihre Gesellschafterin: kläpperlete mit ihr, so viel sie
wollte; ihr Schulkind: sie lehrte es buchstabieren und zwar mit Sanftmut und
Geduld, so dass die Kleine Fortschritte machte wie ein klein Hexelein; dazu
erzählte sie ihm schöne Geschichten und redete ihm zu, was es Vater und Mutter
sein solle, und das Kindlein nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und
bei den Menschen, und alle sagten, und wirklich nicht ohne Grund, es sei weit
über sein Alter, sie hätten noch keins so gesehen. Mit dem Kinde gab sich jemand
ab, und zwar nicht pedantisch mit Buchstabenzeigen bloss oder sonstiger
Schulfuchserei, sondern in warmer Liebe, mit schönen Geschichten und lieblichen
Worten, welche einem Kinde sind, was im Frühling den Blumen der Tau. Es
verderben gar unendlich viele Kinder am Geiste, weil ihnen eben dieser warme,
weiche Tau fehlt; die edelsten Keime vertrocknen, gehen nie auf. Es haben gar
unendlich viele Kinder ihrer Grossmutter viel mehr zu verdanken als den
gelehrtesten Herren Professoren, welche oft nicht viel anders sind als
vertrocknete Haarseckel.
    Joggeli benahm sich eigen gegen seine Frau; er war böse über sie, zürnte
ihr, dass sie krank war. Der alte Mann fühlte wohl, was sie ihm war, seine
Stütze, sein Stab im Leben, und was er würde ohne sie; aber eben deswegen hätte
sie nicht krank sein sollen, den Ärger darüber liess er gleich einem unartigen
Kinde an ihr aus. Bald sagte er, sie bilde sich nur ein, krank zu sein, bald
schonte sie sich zu wenig, brauchte ihm nicht Arznei genug, fuhr zu wenig den
Quacksalbern nach; sie hatte ihre liebe Not mit ihm. Er schleppte ihr sogar
einmal einen Arzt herbei, sie wusste lange nicht, war es ein alter Bettelmusikant
oder ein verkleideter Kapuziner; dem Dreck nach, der rund an ihm herumlag, hätte
er am ersten das Letztere sein können, indessen die Tonsur fehlte ihm, statt
dessen hatte er altes Haferstroh vom vergangenen Jahre und Bruchstücke von
Hanfstengeln in seinen verwilderten Haarzöpfen, deren einige Dutzend ihm um
seinen ungewaschenen Kopf hingen. Denselben hatte Joggeli einmal in einem
Wirtshause erzählen hören von seiner erstaunenswürdigen Geschicklichkeit, wusste
aber nicht, dass seine Frau ihm selten anders sagte als »du Hagels Lügner.«
Derselbe erzählte, wie er schrecklich berühmt sei und manchmal gar nicht wisse,
wie wehren; von zuhinterst in Deutschland schrieben ihm die berühmtesten
Doktoren, wenn sie in Verlegenheit seien, und frügen ihn, was er meine. Er habe
schon Manchen aus der Tinte gezogen, der es nicht rühmen werde, aber er habe es
aufgeschrieben. So habe ihm einer geschrieben aus einer Stadt, man sage ihr nur
Berlin, es sei die Hauptstadt von Russland, derselbe sei Hofrat und heisse Schüli,
und ihn gefragt, was er machen solle wegen der Cholera, die wolle kommen. Das
sei eine grausame Krankheit, fange bei den Beinen an, bis zuletzt die Haare auf
dem Schädel so feurig würden, dass man Schwefelhölzer daran anzünden könnte; dem
habe er geschrieben, was er machen müsse, der Ketzer habe ihm noch nicht
gedankt. Aber so machten sie es, die Hagle, sie behielten seine Räte, würden
Hofräte, und kein Mensch in Russland wisse, dass die Sache von ihm komme. Er habe
angeraten, jedem Patienten sieben Tage, ehe bei ihm die Krankheit ausbreche
nichts zu geben als Buttermilch mit Saanenkäse, in die Mass Milch ein Pfund Käse
geschabt, alle zwei Stunden eine Portion; er sei gut dafür, die Krankheit breche
nicht aus. Nun sterbe in ganz Russland kein Mensch mehr an der Cholera, da sei er
gut dafür, aber dem Kaiser werde man nicht sagen, das habe Lürlipeterli
angegeben; er glaube seiner Seele nicht, dass er sein Lebtag je Hofrat werde. Es
nehme ihn jetzt wunder, wie es ihm mit dem Papste gehe. Es hätten ihm nämlich
zwei sonderbar vornehme Herren von Rom - er glaube, sie seien dem Papste
verwandt, wenigstens seien sie, nach allem zu schliessen, sehr gute Freunde von
ihm - geschrieben. Die hätten den Star und schrieben ihm, sie hätten von ihm
gehört, wie er berühmt sei im Stechen, Keiner so, und hätten das Vertrauen
alleine zu ihm, er solle kommen und sie operieren; wenn er es begehre, wollten
sie ihm ihre Kutsche schicken, sechsspännig, sonst solle er kommen, wie es ihm
beliebe, sie wollten zahlen, bis er zufrieden sei. Gelänge ihm die Operation, so
könne er ein steinreicher Mann werden, denn in Rom sei fast die Hälfte der
Menschen blind von wegen dem feuerspeienden Berg, welcher dort sei, der
verblende die Menschen und mache ihnen den Star, den Berg nenne man Vulkan. Er
wisse nicht, ob er gehen werde, von wegen sie wären imstande und behielten ihn
dort mit Gewalt, wenn sie merkten, was er könne, und das wäre ihm doch nicht an,
ständig, er müsste vielleicht gar noch katolisch werden, und das möchte er erst
zuletzt; er habe sein Lebtag keiner Religion viel nachgefragt, verschweige der
katolischen. So erzählte der Doktor, und je abenteuerlicher er berichtete,
desto mehr fand er Glauben und Respekt, denn die meisten Leute sind eben nicht
aus der Wahrheit, haben kein Gefühl für die Wahrheit, glauben eher zehn Lügen
als einer Wahrheit.
    Den schleppte Joggeli seiner Frau zu, wollte, dass sie ihn brauche, denn er
müsse mehr können als alle Anderen, weil man so weit herum von ihm wisse, meinte
Joggeli.
    Als er kam, machte er ein sehr bedenklich Gesicht und sagte: Die Sache sei
böse und wohl weit gegangen, wenn einer helfen könne, so sei er es, aber er
wisse nicht, gehe es noch oder gehe es nicht; der Brustkasten sei zu eng, Lunge
und Leber hätten nicht mehr Platz, das gehe vielen fetten Leuten so; so wie sie
dicker würden, würden auch Lunge, Leber und das Herz grösser, begreiflich, da
werde es ihnen dann zu eng im Kasten, von wegen der wachse nicht, der sei von
Knochen, und bekanntlich sei Knochen Knochen! Die Hauptsache sei nun, dass man
den Kasten grösser mache, damit es wieder Platz gebe; er hätte schon lange eine
Maschine ersinnet, um solch zu eng gewordenen Kasten auszudehnen, aber er hätte
noch keinen Schmied gefunden, welcher sie ihm zu Dank gemacht, von wegen die
müsse aparte fein gemacht sein wegen des Hineinbringens, dasselbe sei nicht
leicht. Einstweilen sei das Beste, die Brust alle Tage zweimal mit heissem
Hundsschmalz einzureiben, das bringe sie auch auseinander, aber nur langsam.
Dessentwegen müsse man auch etwas machen, um Lunge und Leber zusammenzuziehen
und Platz zu machen inwendig; da sei nichts besser als alle Abend vor dem zu
Bette Gehen ein Glas Branntewein und brav abführen. So hätte er einstweilen, bis
er die Maschine in Gang hätte, schon Manchem geholfen, an welchem die
geschicktesten Ärzte nichts hätten machen können. So schwatzte Herr
Lürlipeterli, und Joggeli sperrte Maul und Nase auf über solche Weisheit, welche
in Israel noch nie erhört worden. Seine Frau aber schüttelte den Kopf, wollte
keinen Glauben fassen; als der Arzt fort war, sagte sie, eine solche Kuh sei ihr
noch nie vor die Augen gekommen, mit dem solle er sie ruhig lassen.
    Joggeli war böse darüber, klagte sehr, es wäre seiner Frau noch gut zu
helfen, aber sie mache sich so köpfig, dass nichts mit ihr anzufangen sei. Die
gute Mutter wusste wohl, dass ihr Übel nicht zu heben, bloss der Verlauf desselben
zu erleichtern sei; dafür hatte sie einen Arzt, der freilich weder Hundsschmalz
noch Branntwein verordnete. Ihren Kindern hätte sie gerne geholfen, ihnen die
Augen aufgetan fürs Zeitliche und Leibliche, auf bessere Wege sie geführt, aber
alle ihre Mühe war vergeblich. Die Juden meinten, als Jesus ihnen ein, mal die
Wahrheit sagte: »Das sind harte Worte, wer mag sie hören?« und gingen hinter
sich. Nun gibt es viele Naturen, welche christliche Worte nicht mehr vertragen
mögen, so wenig wie verdorbene Magen tüchtige Speise; Widerwillen und Ekel läuft
ihnen im Munde zusammen und schüttelt den ganzen Körper. Soll man das
Christentum diesen verdorbenen Magen zu lieb akkommodieren und verdünnern, bis
sie es ertragen mögen, oder soll man diese hinter sich gehen lassen in Gottes
Namen ? Was versteht Paulus unter der Milch, welche er für Kinder bereite, und
darunter, dass er allen alles werde, damit er sie Christo gewinne? Sicherlich
nicht ein Verkümmern oder Verleugnen der Wahrheit, denn wer redet Menschen
schärfer ins Gewissen als Paulus den Korintern, und frägt er nicht: »Oder suche
ich den Menschen gefällig zu sein? Zwar wenn ich den Menschen noch gefällig
wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht, und so jemand euch ein anderes
Evangelium predigt, als ihr es empfangen habt, der sei verflucht«? Mit der
Akkommodation wird ein gar schmählich Spiel getrieben. Christus wird aus dem
Christentum herausakkommodiert, das Christentum aus den Kirchen, uns dagegen
eine Moral eingewässert, in welche jede Regierung, jeder Polizeiminister das
Beliebige rührt. Eine Moral in Juristenhänden ist ein Stücklein Wachs in
Schneidershänden! Bald rund, bald viereckig, bald so, bald anders wird es
geknetet; es ist eine Moral, dass Gott erbarm, ob welcher die Menschen nicht bloss
des Teufels werden möchten, sondern wirklich auch des Teufels werden. Es ist
eine Staatsmoral, ob welcher sogenannte Staatsmänner leiblich den Hals brechen,
und was dann aus ihren armen Seelen wird, ist Gott bekannt.
    Dem Baumwollenhändler sagte die Mutter nichts, an dem hatte sie nichts
erzogen und wusste wohl, dass man Perlen nicht vor die Säue werfen soll. So einem
geschliffenen Schliffel von Religion zu reden, dazu braucht es wirklich schon
einen grossen Mut. Selbst mit Johannes redete die Mutter nur leise und mit Zagen:
Was er auch denke und wo das hinaus solle? Er und seine ganze Familie machten
ihr so grossen Kummer. Johannes war nicht ohne Gefühl, die Mutter war ihm immer
lieb gewesen; er sagte oft, wenn sein Babi wäre wie die Mutter, er würde einen
Finger von der rechten Hand geben. Aber geistige Zusprüche mochte er doch nicht,
sie machten ihn wunderlich, sie krabbelten ihm in den Gliedern, er wurde
ungeduldig, kriegte einen seltsamen Kitzel im Halse, dass er lachen musste, wenn
es ihm schon nicht ums Lachen war. »Mutter, habt nicht Kummer,« sagte er dann,
»die Sache ist nicht halb so gefährlich, so bös gehen wird es nicht. Braucht das
Doktorzeug nur gut, so wird es Euch schon bessern. Es ist schon mancher Mensch
krank gewesen und ist wieder besser geworden«, und unter irgend einem Vorwande
machte er sich von der Mutter weg. Mit Elisi war es aber anders, das war, als ob
es ein Herz von Blech hätte; die Mutter mochte sagen, was sie wollte, es machte
ihm weder kalt noch warm, es nahm weder Anteil daran noch Notiz davon, schimpfte
über seinen Mann, hässelte mit den Kindern, plagte die Mutter fürchterlich mit
Eifersucht gegen das grosse und das kleine Vreneli, sagte höchstens, sie solle
doch aufhören mit ihrem Gestürm, sie mache ihm so Langeweile; dann konnte es
wieder angesichts der Mutter die kindlichste Freude haben an einem
Kleidungsstück, sich vor dem Spiegel hin- und her, wenden, und mitten in
Hustenanfällen sollte die Mutter ihm sagen, ob es ihm nicht gut stehe, ob es ihr
nicht bsonderbar gefalle? So eine Tochter zu haben, die schon Mutter mehrerer
Kinder ist, das ist wirklich ein hartes Kreuz auf dem Totenbette. O Mütter,
bedenkts! Und zu der Tochter eine Schwiegertochter, um kein Haar besser und auch
wieder mit mehreren Kindern behaftet, das war ein zweites Kreuz und ein nicht
minder schweres. Trinette zwar zeigte sich nicht, Kranke besuchen war nicht ihre
Liebhaberei, alte Leute verachtete sie in Bausch und Bogen. Es sei doch nichts
wüster, sagte sie, als so eine alte Frau, die nichts mehr von neuen Moden wissen
wolle und am liebsten ihre fünfzigjährigen Hochzeitskleider trüge. Pfi Tüfel!
Einmal sie begehre nicht, so alt zu werden, oder wenn es sein müsse, denn express
jung hängen möge sie sich doch nicht, so wolle sie dafür sorgen, dass kein Mensch
wisse, wie alt sie sei; sie wisse, wie man das mache, eine alte Hebamme habe es
ihr einmal gesagt; diese hätte lange in der Stadt gedient und gewusst, wie die
Stadtfrauen das machten. Trinette und Elisi waren Beide ungefähr gleich blechern
ums Herz. Trinette hatte vielleicht etwas mehr Energie und Elisi mehr Bosheit;
sie waren wie zwei Kutschenpferde von gleichem Schlag und gleicher Farbe, von
denen das eine lieber schlägt, das andere lieber beisst, eines besser ausgreift
im Trott, das andere sich aber hütet, die Stricke anzuziehen. Die gute Mutter
konnte nichts abbringen an ihren Kindern, konnte nichts als für sie beten, sie
hatte nicht einmal den Trost, dass Joggeli aufnehmen werde, was sie umsonst
versucht.
    Joggeli und die Kinder redeten mit Ärger davon, wie geistlich die Mutter
werde, frugen, wer Tüfel ihr das angetan, ob etwa ein Pfaff zu ihr komme oder
eine Betschwester? Wenn sie wüssten, wer schuld daran wäre, dem wollten sie den
Marsch machen. Sie meinten, so etwas könne bloss von aussen herkommen, von diesem
oder jenem, wie in der Tat oft, besonders bei Entstehen von Sekten, etwas an die
Leute kömmt, sieht aus wie Christentum, ists aber nicht. Sie hatten keinen
Begriff davon, dass in gesunden Gemütern ein Keim liegt, der, frühe belebt,
langsam wächst, unbemerkt im Innern sich entwickelt und vielleicht erst
leuchtend sichtbar wird, wenn das Licht des Lebens erlöschen will. Einen solchen
Keim hatten sie aber eben nicht in sich. Indem er eben nicht in ihnen war, die
Welt aber ganz anderes in ihnen ausgebildet hatte, war eine Kluft zwischen ihren
Gemütern entstanden fast wie zwischen dem reichen Mann und dem armen Lazarus;
sie konnten nicht mehr zu einander kommen, die Mutter und die Kinder. Das hatte
gewissermassen sein Gutes, sie kamen ungern und blieben nicht lange. Die Furcht,
die Mutter möchte von Vreneli ausgeplündert werden an Kleidern und Kleinodien,
hatten sie nicht, so weit hatten es Beide im Vertrauen gebracht, dass man es
weder dem Einen noch dem Andern zutraute.
    Desto mehr war Vreneli dort, es war ihm dort wie bei einer Mutter. Es ist
ein eigenes Wort: bei der Mutter sein. Es gibt Mütter, wo es den Kindern, wenn
sie zur Mutter kommen, wird wie einem Küchlein, das unter die Flügel der Henne
flieht, wenn es ihm zu kalt wird draussen in nassem Grase oder eine Krähe in der
Nähe ist. Sind dann augenscheinlich die Tage der Mutter gezählt, macht man sich
gegenseitig kein Hehl mehr daraus, dann mischen Wohl und Weh gar seltsam sich
ineinander. »Will noch bei dir sein,« sagt die Tochter, »es kömmt eine Zeit, ich
kann nicht mehr zur Mutter;« die Tränen rinnen, und schmerzlich zuckt das Herz
zusammen. Dann wird es der Tochter wohl, fast möchten wir sagen, selig bei der
Mutter, wenn die Krankheit Ruhe gibt. Beide Herzen liegen offen vor einander;
was die Tochter hofft, was die Mutter wünscht, was Beide freut oder kümmert,
schwillt ineinander, verwebt sich zu dem wundersamen Gemeingut, welches die
Mutter hinübernimmt, die Tochter hier behält, Keine mehr, Keine minder hat, jede
alles hat, welches ein kleiner Teil des grossen Schatzes ist, den die Kirche
Gemeinschaft der Heiligen nennt. Das ist das wundersame Gut, wo, je mehr einer
hat, desto mehr er den Andern gönnt, je grösser die Menge der Teilnehmer wird,
desto grösser die Teile der Einzelnen werden, mit der Zahl der Erben das Erbteil
wächst. Aus dem süssen Weh weckt wohl der Schlag der Uhr, den Verlauf der Zeit,
welche kein Erbarmen kennt, verkündend. »Muss gehen«, sagt die Tochter. »Bleibe
noch ein klein Weilchen, weisst nicht, wie lange es währt«, meint die Mutter.
Endlich muss es doch sein, es muss die Tochter gehn, aber allemal begleitet sie
bis heim der gleiche Seufzer: »Wenn die Mutter nicht mehr ist, wie wird es mir
sein?«
    Vreneli hatte vielfach Ursache, so zu seufzen. Wenn es daheim war, so sagte
es oft: »Will zur Base gehen, kann es dort vielleicht vergessen, aber wie es
gehen soll, wenn ich nicht mehr dortin kann, das weiss ich nicht.« Es war
wirklich ein bös Dabeisein; die ganze Hausgenossenschaft schien eine grosse Bande
zu sein, Einer des Andern Feind, Einer wider alle und wiederum alle wider Einen.
Sie waren vollständig in den Gesindeverruch gekommen, welcher früher schon
angedeutet wurde. Was Rechtes meldete sich gar nicht mehr bei ihnen, und je
schlechtere Leute Uli hatte, desto böser musste er mit ihnen sein, desto öfter
musste er ändern, desto mühsamer und schwerer ging jede Arbeit, desto mehr ward
er verrufen. Ist man mal in dieser Lage, so ist man wie verhexet, wie ein
Krammetsvogel auf einer Leimrute, wie ein Mensch, der in einen Sumpf gefallen;
je mehr er zappelt, desto tiefer sinkt er ein. Es verleidete Vreneli ordentlich
das Leben, wenn alle Augenblicke was Neues losbrach: eine Liebesgeschichte mit
bösen Folgen, eine Diebesgeschichte, von der man nicht wusste, wie weit sie
reichte, und schwer auszumitteln war, ob nicht wenigstens Hehler sei, wen man
des Diebstahls nicht beschuldigen konnte, eine Vernachlässigung in den Ställen,
welche Uli viel Geld kostete und fast aus der Haut trieb, oder was das
Allerärgste war, Leichtfertigkeit mit dem Feuer, ob welcher das Haus in Feuer
aufzugehen drohte. Bald hatte einer im Stall die Laterne geschneuzt, den
glimmenden Docht ins Stroh geworfen, bald einer Heu gerüstet und Feuer drein
gemacht, als er die Pfeife räumte, eine Magd heisse Asche an eine hölzerne Wand
gestellt oder war unvorsichtig mit offenem Lichte in brennbaren Stoffen
herumgefahren oder hatte Holz eingelegt wider allen Befehl, nur damit sie am
Morgen eine Minute oder zwei länger faulenzen könnte. Kurz alle Augenblicke war
so was los, und das höchste Wunder war, dass das Haus ihnen nicht längst über den
Köpfen zusammengebrannt war. Nun ist auf der Welt kaum was peinvoller als die
Angst vor Feuer, besonders wenn es Abend wird und Nacht. Man geht noch
allentalben herum und forscht, ob nichts Verdächtiges sei; hat man die Runde
gemacht, so riecht man entweder was Verdächtiges oder hört Töne wie Knistern,
Spretzeln und fängt die Runde von neuem an, legt sich endlich zu Bette, hat aber
kaum den Kopf auf dem Kissen, so fährt man von neuem auf, denn jetzt hat man es
gar zu deutlich gehört, wandert frisch im Haus herum und findet nichts, legt
sich wieder nieder, schläft ein, träumt, das Haus brenne, ist an Händen und
Füssen gebunden, kann nicht aus den Flammen. Hat man sich endlich nach
schrecklichen Qualen freigerungen, springt auf in Schweiss gebadet, so ist all
nichts, nichts als Nacht und nirgends Flammen, man hat bloss geträumt. Ja, das
sind Qualen, welche nur der kennt, welcher mal diese Angst vor dem Feuer so
recht im Leibe gehabt hat.
    Dazu kam noch der Prozess, welcher in vollem Gange war. Der kleine Handel war
von kundigen Mäulern zu einer grossen Geschichte aufgeblasen worden. Wenn Vreneli
vom Feuer träumte, träumte Uli vom Prozess, plädierte manchmal im Traume dem
besten Advokaten zTrotz, redete von Terminen, Beweisen, Zeugen und Leumden. Es
ging Uli, wie es den Meisten geht, wenn sie zum erstenmal mit einem Prozesse
behaftet werden: der Prozess frisst sich in ihre Seele, bildet den alleinigen
Mittelpunkt ihrer Gedanken. Tage-, wochenlang buchstabieren sie denselben bald
vorwärts, bald rückwärts, schlagen mit einzelnen Paragraphen, welche ihr Agent
sie gelehrt, wie mit Knütteln drein, verlieren Mut und Sinn für andere Sachen,
kommen sich nebenbei sehr wichtig vor, dieweil sie einen Prozess haben, welchen
ja nicht jeder hat, meinen, ihr Prozess müsse allen Menschen ungeheuer wichtig
vorkommen; darum geben sie ihn männiglich zum besten, der ihnen auf Schussweite
nahe kömmt. Dazu kömmt noch ein gewisses Bangen über den Ausgang; dessen sind
sie im Herzen doch nicht so ganz sicher, wie ihr Mund es ausspricht, sie suchen
daher dieses Bangen durch die Urteile zustimmender Menschen zu beschwichtigen.
Nun werden allerdings mit seltenen Ausnahmen alle, denen man in Wirtshäusern,
auf Strassen während dem Kirchengehen oder Marktgeläufe den Handel vorträgt, dem
Erzähler vollkommen recht geben. »Nur ausgefahren,« wird es heissen, »du hast
recht, deren Händel habe ich schon hundertmal erlebt, kenne die Sache, ds Land
auf, ds Land ab Keiner besser; aber glaubst mir nicht, so frage noch Andere.«
Nun geht der Prozessmann glücklich heim, schläft diesmal ruhig, aber am andern
Morgen fängt das Bangen schon wieder an zu wurmen; er läuft wieder einer
Bestätigung nach, freilich keiner richterlichen, aber doch einer, welche ihm
wohl macht einige Stunden und zu einer ruhigen Nacht verhilft, denn den Meisten
hängt vom Ausgang eines Prozesses ihre Existenz ab. Der Wert, um den prozediert
wird, mag vielleicht bloss einige Groschen betragen, aber die Kosten, welche auf
den verlierenden Teil fallen, können rasch auf einige hundert Gulden steigen;
die Herren Advokaten wissen noch ganz andere Rechnungen zu stellen als die
Herren Schneider, welche gewöhnlich an die Rechnung setzen, was sie zu wenig ans
Kleid gesetzt; es ist halt so ein kleiner Verschuss, dem sie unterworfen sind, so
von Handwerks wegen. Man hat Beispiele im Kanton Bern, dass Prozesse wegen einem
Ei und wegen einer Strohbürde über zehntausend Gulden kosten. Ja, zehntausend
Gulden machen eine Summe aus, welche ins Tuch geht und selten einer in der
Hosentasche mit sich trägt. Indessen muss man das doch den meisten Herren
Advokaten nachreden, sie nehmen bloss die Wolle, selten die Haut dazu, sie sind
kluge Schafscherer; diese schinden die Schafe auch nicht, sondern scheren sie
bloss, denn wenn sie die Schafe schinden täten, so wüchse keine Wolle mehr nach
und das Scheren wäre ein- für allemal aus, tut man aber klüglich, so kann man
alle Jahre frisch dran sein, bei Schafen mit gröberem Haar sogar zweimal im
Jahr.
    Probiere aber einmal einer, diesen Rat machten wir dringlichst geben, und
trage immer seines Gegners Sache als die seine vor, und zwar so scharf und
bündig, als sie seines Gegners Rechtskundius vorträgt, und höre dann auf das
Urteil der Menschen! Unter zehn werden ihm wiederum neune recht geben und sagen:
»Du hast recht, fahr aus, es fehlt dir nicht, habs schon hundertmal erfahren!«
Dann weiss er, woran er ist und was an dem Urteil der Menge ist. Nun, das tat
eben Uli nicht, er lief auch dem Urteil der Menge nach, um sich zu trösten; die
Summe, welche nach und nach sich aufs Spiel stellte, war nicht unbedeutend,
betrug schon mehr als doppelt so viel, als die ganze Kuh wert war. Ulis Agent
hatte ihm schon mehr als einmal gesagt: »Wenn du mir etwas Geld auf Abschlag
geben könntest, so wäre es mir anständig; es sind böse Zeiten, es geht nichts
ein, und gewiss, weisst wohl, läuft jede Sache besser gesalbet als ungesalbet. Du
gewinnst, dann kriegst alles wieder, es fehlt dir nicht.«
    Indessen lag alles noch in hängenden Rechten, der Entscheid schob sich immer
wieder hinaus. Diese Ungewissheit, dazu der tägliche Verdruss, die harte Arbeit
und doch das Nichtvorwärtskönnen zehrten gar mächtig an Uli, er sah aus wie ein
Marterbild, und Vreneli bekam recht Angst um sein Leben. Darum konnte es um so
geduldiger seine zunehmende Missstimmung, in welcher er selten einem Kinde mehr
ein gutes Wort gab, ertragen. Er hatte von seinem Gelde gekündet, aber es half
nicht viel; wenn unten in einer Flasche ein Loch ist, so kann man lange
obeneingiessen, die Flasche wird nicht voll. Bin solch Loch war der Prozess. Es
lebt selten ein Pächter auf Erden, welcher das Prozedieren ertragen mag, ohne
die Auszehrung zu bekommen. Es ist wirklich nicht angenehm, wenn man einen
Geldseckel hat, welcher einer halben Sanduhr gleicht, und zwar dem obern Teile,
wo das Sand allmählich, aber unaufhaltsam niederrinnt, bis die ganze Büchse leer
ist. Nun, an einer Sanduhr macht das nichts; ists oben leer, kehrt man den
untern Teil herauf, so ists oben wieder voll, es ist alles im Alten und das
Rinnen beginnt aufs neue. Aber bei einem Geldseckel ists eben was anders, dem
fehlt der untere Teil; ists oben leer, so ist unten auch nichts mehr, da kann
man den Geldseckel hundertmal rundum drehen, leer bleibt leer. Man könnte die
Vergleichung drehen und sagen, der obere Teil der Büchse sei der Klient, der
untere der Advokat; was oben wegrinne, laufe dem Andern ins Maul, und so, ja
freilich, drehe man das Ganze um, so finde man oben beim Advokaten wieder, was
der Klient habe rinnen lassen; die Frage sei nur, ob der Advokat Gegenrecht
halten und wieder wolle laufen lassen, was er habe. Aber die Sache ist doch
nicht so, denn drehe man lange den Advokaten, in den alles geronnen, obenauf, so
ist doch nichts oder wenig mehr in der Büchse. So ein Advokat ist noch lange
nicht der untere Teil einer Sanduhr, welcher behält, was obeneinkommt, weil er
unten kein Loch hat; ein Advokat hat gewöhnlich viele Löcher, wo rasch abrinnt,
was oben reinkömmt, dass je mehr hineinkommt, desto mehr unten ausrinnt, so dass
wenn man ihn schon lange auf den Kopf stellt, ja schüttelt und rüttelt, nichts
mehr unten ausläuft, bis man ihn halt wieder irgendwo unterstellt, Klienten oder
fette Ämtchen obenauf.
    Es kam Vreneli wirklich oft der Gedanke: Was wartet meiner noch? Die Base
stirbt, Uli ist nicht zweg, wo aus das will, ist Gott bekannt; alle Tage tiefer
darin und in einem Ghürsch, wo was kriegt, wer betrügt; darf nichts sagen, um
die Sache nicht noch schlimmer zu machen; wenn Gott nicht wäre, meines Lebens
wüsste ich wahrhaftig keinen Rat. Dieser passive, leidende Verhalt war für
Vreneli um so schwerer, da dasselbe, rasch und unternehmend, zur Regentin von
Gott geschaffen war. Das ist gar ein eigner Punkt, zu etwas erschaffen scheinen
und was anderes sollen, aber eben will uns Gott an schwachen Seiten doktern, das
sollten wir fassen; was uns leicht geht und lustig scheint, dazu bedürfen wir
keiner Ausbildung, aber da, wo wir nichts sind und nichts können und doch schön
wäre, wenn wir es könnten, da müssen wir geschult und angetrieben werden, wenn
wir was werden sollen. Die heutigen Schulherren (Schulmeister darf man nicht
mehr sagen, denn die Schule ist emanzipiert, und die, denen sie gehört, sind ja
deren Herren) und sonstigen Pädagogen sind freilich anderer Meinung, aber von
wegen der Erbsünde und einem höhern ewigen Leben sind wir ganz anderer Meinung.
Eben was uns sehr schwer geht, fast unmöglich scheint, das müssen wir lernen.
Wer zum Eingreifen, ja Einhauen sich geschaffen glaubt, soll oft eben das
Dulden, das Zuwarten, das stille Wirken und das geduldige Ertragen Solcher,
welche zum Regieren und Befehlen halt nichts taugen, aber es eben lernen
sollten, aushalten lernen, ohne sich zu hängen und aus der Haut zu fahren, siehe
Exempel dato im Vaterland. Freigebige sollen von Batzenklemmern und
Kreuzerschabern (selbst Juden schaben sonst bloss Gold, stocke) die Vorschriften
zu gesetzlicher Freigebigkeit sich machen lassen und ihre wohltätige Hand
Hochdenselben Kreuzerschabern zu gesetzlicher Verfügung stellen, damit diese
freiwillige Almosen aus anderer Leute Sack verwalten lernen, da aus ihren
eigenen Säcken nie welche geflossen wären.
    So wurde das rüstige, feldherrliche Vreneli nach innen getrieben, zum
stillen Ergeben gezwungen, zum Schweigen und Ansichhalten, zum Sammeln und
Prüfen der eigenen Gefühle und Gedanken. Aber schadet das was; Schneidet der
kundige Gärtner die am üppigsten wachsenden Bäume nicht gerade am meisten und
schärfsten zurück, damit sie nicht zu luftig in den Ästen, zu dünn im Stamm, zu
schwach in der Wurzel werden für das üppige Geäste, welches keinem Sturmwinde
widersteht? Der liebe Gott bleibt immer der allerbeste Lehrmeister, darum werden
die andern alle Tage um so weniger taugen, weil sie nach den eigenen Köpfen
fahren wollen, und zwar jeder nach seiner eigenen, gestern erdachten Metode,
statt den alten Lehrmeister zum Vorbilde zu nehmen. Daher wird es denn auch wohl
kommen, dass die meisten Kinder dieser Zeit eben nur Lehrplätze sind, so äusserst
selten mehr ein Charakter zu finden ist, so selten einer als Mann hält, was er
als Kind versprochen, so selten einer erleuchtet stirbt, wie erleuchtet er schon
vom sechsten Jahre, das heisst schulpflichtigen Alter an gepriesen wurde. Es ist
aber auch wahr, Vreneli hatte mit sich selbst eine harte Arbeit und oft musste es
unwillkürlich mit der Hand ans Herz fahren, um es zu halten, dass es nicht
zerspringe, musste sich zwingen, mit den Kindern zu reden und zu tändeln, es war
ihm, als müsse es seinen Mund verschliessen und seine Rede aussterben lassen, und
manchmal wollte ihns ein wilder, zorniger Geist ergreifen, wollte in seine Hände
fahren, sie reizen, zu turnieren mit Pfannen und Schüsseln, wollte Glut werfen
in seine Seele, um dann als zorniger Feuerstrom zu fahren aus seinem Munde in
die Schweine hinein, das heisst in Mägde und Knechte, ja manchmal auch über Uli
und Kinder. Es musste Vreneli gar heftig kämpfen mit sich selbst, um zu bewahren
einen ergebenen Sinn, Ruhe des Gemütes und ein mildes Wort. Manchmal wollte es
sich ihm schier nicht geben; es erfuhr, was es heisse: Niemand wird gekrönt, er
kämpfe denn recht.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                          Nach der Angst kommt der Tod
»Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen,« so gings auch Vreneli.
Vom Brennen hatte es geträumt, hatte seine Kinder in den Flammen gesehen, zu
ihnen gewollt und nicht gekonnt, war wie in Ketten und Banden gelegen. Ein
heftiges Klopfen am Fenster brach den Bann, mit einem Satze war Vreneli mitten
im Zimmer, riss die Augen auf, stockfinster wars; ob es geträumt oder nicht, war
ihm nicht klar. Da klopfte es noch heftiger; rasch riss es das Fensterchen auf
und rief: »Wo brennts?« »Komm geschwind, die Frau will sterben, sie kommt nicht
mehr fort mit dem Reden; sie wollte nie machen, was ich angab, drum gehts ihr
jetzt so; hätte sie gehorcht, sie hätte es noch lange machen können, so wohl am
Leibe, wie sie war.« Es war Joggeli, der so sprach. Ehe er wieder beim Stock
war, war Vreneli hinter ihm, vor ihm in der Stube und fand die gute Base im
Sterben. Nach Tropfen und Salben griff es schnell; die Base tat wohl die Augen
auf, tappte nach seiner Hand, strengte sich augenscheinlich an, etwas zu sagen,
brachte bloss undeutliche Töne hervor, man wusste nicht, wollte sie Haus oder Geld
oder Hand sagen, und wenn man nach diesem oder jenem deutete, schüttelte sie den
Kopf und deutete auch, aber man wusste nicht, nach was. Bei allem, was man ihr
vorwies oder sagte, schüttelte sie den Kopf, seufzte tief auf, schloss die Augen
und öffnete sie hienieden nimmer wieder.
    Sie habe die Sache nie zu rechter Zeit sagen können, und man habe eigentlich
nie recht gewusst, was sie meine; wenn man geglaubt, jetzt sei es ihr einmal das
Rechte, so sei es ihr eben nicht recht gewesen; wenn sie auf ihn gehört, sie
lebte noch, aber sie hätte es immer so gehabt; was er gesagt, habe nie etwas bei
ihr gegolten. Daneben sei sie eine rechte Frau gewesen, und niemanden sei es
übler gegangen als ihm; sie seien an einander gewöhnt gewesen, und so alt, wie
er sei, gewöhne man sich nicht mehr gerne anders; da dünke es ihm, sie hätte
wohl können ihm zu Gefallen mehr ums Leben tun, das Geld hätte ihn nicht gereut,
aber so sei sie immer gewesen, was sie im Kopf gehabt, das hätte man ihr nicht
mehr herausgebracht. Das war Joggelis Leichenklage, von welcher indes Vreneli
wenig hörte, denn ihm war die Mutter gestorben. Es war, als sei es vom Eckstein
seines Daseins weggestossen, schwebe über einem Abgrunde, der unergründlich,
unerforschlich seinen Schlund ihm entgegendehne. Doch seinem Schmerze gab es
nicht lange ungemessen sich hin. Vreneli hatte sich untertan gemacht der
Pflicht; wo Pflicht erschien, gehorchte es ihr mitten in jeder Bewegung, wie der
Soldat in allen Lagen, sie mögen heissen wie sie wollen, die Hand an den Tschako,
Helm oder Käppi legt, wenn ein Offizier vorübergeht. Dass wir hier nicht von
bernerischen Soldaten reden, versteht sich - zwar nicht von selbst, sondern
sonst!
    Vreneli fühlte, dass ihm jetzt hauptsächlich die Besorgung aller Formalitäten
oblag, denn Joggeli hatte weder Übersicht des Nötigen noch das schnelle Wort zur
Beschickung des Nötigen. Es drückte die Hand aufs Herz, wischte die Augen aus,
stund auf und frug Joggeli, was er meine, dass jetzt gemacht werden müsse? Eben,
sagte er, habe er gedacht, und schluchzte erbärmlich dazu, es sei doch nichts
gemacht von seiner Frau selig, dass sie nicht gesagt, wie sie es wünsche; es sei
doch sonst überall Gebrauch, dass wer sterbe, sage, wie man es mit seinem
Leichenbegängnis halten solle, und sonst befehle, was es noch möchte. Sie habe
kein Wörtlein davon gesagt, und das hätte sie doch sollen, wenn sie es gut mit
ihm gemeint. Nit, klagen wolle er nicht, es sei eine brave Frau gewesen, bravere
werde es wohl nicht viele geben, aber das Wort hätte sie ihm nicht gegönnt, und
wenn er was von sich aus gemacht, so sei es doch nicht recht gewesen; er wolle
jetzt auch nichts dazu sagen, vielleicht wäre es doch nicht recht; es solle
machen, was nötig sei, es habe es ihr sein Lebtag besser getroffen als er.
Vreneli versuchte nicht zu berichtigen oder zu widersprechen, fertigte vor allem
einen Boten an Johannes ab, sandte ein Fuhrwerk nach Elisi, tat sonst das
Nötigste, was üblich ist in solchen Fällen, und hatte noch viel mit Uli zu tun,
dem der Tod der Base auch sehr nahe ging, den Schmerz aber auf ähnliche Weise
wie Joggeli ausdrückte. Ihnen sei es viel zu übel gegangen, es sei eine brave
Frau gewesen, hätte mit allen Leuten es wohl gemeint. Jetzt könnten sie zusehen,
wie es ihnen erginge. Vor dieser Pacht hätte ihm immer gegraut, aber es hätte
müssen erzwungen sein, und jetzt werde man erfahren, wer recht gehabt und wie es
einem gehe, wenn man höher fliegen wolle, als man Flügel dazu habe.
    Vreneli gab darauf nicht einlässigen Bescheid, es war zu weich gestimmt, um
die Weise, seinen Schmerz in Beschuldigungen Anderer auszudrücken, zu züchtigen,
wie sie es verdiente. Diese Unart haben übrigens sehr viele Leute. Bei allen
Unfällen und Widerwärtigkeiten, auch wenn sie sich dieselben auf die
augenscheinlichste Weise selbst zuziehen, fassen sie rasch nach einem
Sündenbock, ziehen ihn bei den Hörnern herbei, laden ihm alle Schuld auf; finden
sie keine Menschen, denen sie die Schuld aufladen können, so muss Gott selbst
herbei und das Lamm sein, welches die Sünden und Schulden der Menschen trägt.
    Die Kinder säumten nicht, mit Johannes kam auch Trinette. Vielleicht noch
nie in ihrem Leben hatten Elisi und Trinette ihre Toiletten so schnell gemacht,
denn wenn es ans Erben geht, kriegen selbst die kriechenden Tiere Beine.
    Indessen war es mit dem Erben ein quasi heillos Ding, denn nach der Sitte
fallen Kleider und Kleinodien einer Mutter den Töchtern zu; Söhne und ihre
Weiber haben keinen Teil daran, als was allfällig im guten Willen der
Berechtigten liegt. Elisi war zuerst auf dem Platze. Kaum hatte es den Vater
gegrüsst, hatte an der Mutter Bette einige Male das Gesicht abgewischt, sagte es:
»He ja, gestorben muss sein, man wird sich drein schicken müssen, Wehren hilft
nichts, und mit Wüsttun macht man niemand wieder lebendig.« Somit drehte es sich
um, sagte, es müsse ein ander Schnupftuch haben, das seine sei ganz nass, öffnete
Schrank um Schrank, um eines zu suchen, und wahrscheinlich geflissentlich zu
allerletzt den rechten, wo die Schnupftücher, wie es wohl wusste, verwahrt lagen.
Unterdessen war auch Trinette erschienen, und als sie Elisi über geöffneten
Schränken sah, demselben zugefahren, ohne um die gestorbene Mutter sich zu
kümmern, hielt die Inspektion mit. Elisi nun war boshaft genug, dieselbe nicht
abzukürzen, sondern so recht auseinanderzulegen, was da war, es zu preisen und
zu sagen, was dieses und jenes gekostet haben möge und was es damit zu machen
gedenke. So redete es, bis der Trinette das Gift im Herzen siedete bis in den
Kopf hinauf und Funken sprühte zum Mund heraus. »Du wirst doch nicht etwa
meinen, das alles sei dein«, sagte sie giftig. »Es nimmt mich doch wunder, wo
das geschrieben steht, dass eine Tochter alles vorwegnimmt; soviel Mund, so viel
Pfund, das ist das wahre Erbrecht. Das käme mir sauber heraus, wenn die Tochter
alles alleine haben sollte, da könnte ja eine Mutter all ihr Vermögen in Kleider
stecken, und somit hätten die Söhne und ihre Weiber das Nachsehen; das wäre
kommod, da könnte jede scheinbar den Narren machen wie jene bekannte Wirtin,
welche über hundert Dutzend Hemden hatte, über hundert seidene Schürzen, die
andern nicht gerechnet, seidene Tüchlein unzählbare, fünfzehn schwere silberne,
teilweise mit Gold ausgelegte Göllerketten und alles andere in gleichem
Verhältnis, so dass in ihren Schränken ein grosses Vermögen stak. So könnte es
jede machen, und darum: soviel Mund, so viel Pfund, hörst!« »Ja, ja,« sagte
Elisi, »wenn es auf dich ankäme, so wäre es so, ich glaubs, aber es haben
glücklicherweise andere gescheute Leute vor dir gelebt und die Ordnung gemacht;
wenn deine Mutter stirbt, kannsts dann auch nehmen, heisst das, wenn was zu
nehmen ist, was ich nicht weiss.« Potz Himmel, wie es da losging und Trinette
keifte, wie sie auch irgendwo zu Hause sei, wo man noch ganz andere Sachen hätte
und das hier nur ein Bettel dagegen sei. »Warum willst du dann von diesem
Bettel?« grinste Elisi, »der ist jetzt mein und bleibt mein,« zog die Schlüssel
ab und steckte sie in die Tasche. Ja, jetzt gab es erst Wetter, mit bedeutendem
Donner drohte es loszubrechen da streckte Johannes sein schwer Gesicht zur Türe
herein und sagte: »Es wäre beim - anständig, ihr hieltet euch still, ihr Hagels
Gränne. Was werden die Leute sagen? Höre ich euch noch einmal, so hocke ich euch
kehrum aufs Maul, dass ihr das Reden für acht Tage vergesst, zählt darauf!« Die
Drohung wirkte; einen zweiundeinenhalben Zentner schweren Wirt auf dem Munde
haben, ist allerdings ein gewichtig Heftpflaster.
    Johannes hätte eigentlich nicht Ursache gehabt, so hart zu reden, sintemalen
er ein Zwiegespräch mit seinem Vater führte, freilich etwas leiser, welches die
Selige vielleicht ebenso sehr betrübt hätte, wenn ihre Ohren noch offen gewesen
wären menschlicher Rede. Aber Gott schliesst den Toten mit den Augen auch die
Ohren, er weiss wohl warum. Sie disputierten miteinander, freilich mit Anstand,
das heisst ohne Gebrüll; Keiner wollte wegen der Mutter Tod zum Pfaffen, das
heisst Pfarrer, denn so betiteln reformierte Wirte, eidgenössische Lieutenants,
sogenannte Schullehrer und andere Staatsmänner gewöhnlich die Geistlichen, und
allgemach geht die Redeweise auch auf Schneider, Schuhmacher, Schreiner,
Schinder, Sattler und andere Majestäten des Tages über; ja sogar Schulbuben
werden bei Anlass der neuen Sprachlehren in die neuen Sprachweisen eingeübt,
begreiflich! Wenn die Hexenmeister des Tages die Kinder nicht alles lehren
dürften, was sie wüssten, könnten, wollten, möchten, ja du lieber Gott, da wären
sie in einem halben Tage am Ende ihrer Weisheit, und dann was weiter? Nein, da
sind sie viel klüger, akkurat wie viele Müller, welche auch nicht meinen, dass
sie das Mehl rein geben müssten, sondern Kleien und Spreue noch beilaufen lassen,
ja Taubenmist und Hühnerbohnen und was sie irgend vom Mühlstein abkratzen
können, denn wer Liebhaber ist von reinem Mehl, kann es, wenn er es rein haben
will, selbst auseinandermachen.
    Joggeli wollte nicht gehen. Er sei zu krank und angegriffen, sagte er.
Johannes sagte, er wisse nicht, wie man dies verrichte, es sei ihm noch nie dazu
gekommen, und wenn es nicht sein müsse, gehe er zu keinem Pfaffen. Sie wurden
rätig, Uli zu senden, aber wohl, Vreneli sagte ihnen, was Ordnung sei. Sein
Lebtag hätte es nie gehört, dass man irgendwo solche Dinge durch einen Knecht
verrichten lasse, wie man etwa ein Stück Vieh mit einem Knechte zur Metzg
schicke. Solches werde durch die nächsten Verwandten verrichtet überall. Nun
nehme es ihns wunder, ob die gute Base es verdient um sie, dass niemand zum
Pfarrer wolle, um sie anzugeben. Drüben zanke man sich wegen ihren Kleidern,
hier um einen kurzen Gang. Es sei himmelschreiend und wunder nehme es ihns, ob
es irgendwo in Heidenlanden ärger zugehen könne. Wenn die Base diese Liebe
mitansehen müsste und hören die Worte, welche geredet würden, so würde ihr das
Herz zu bluten anfangen, wenn es schon aufgehört habe zu schlagen.
    Johannes hatte einen gewissen Respekt vor Vreneli und bequemte sich endlich
zu dem Gang. Begreiflich trank er erst einen Schoppen oder zwei, ehe er ins
Pfarrhaus ging, unter dem Vorwande, mit dem Wirte wegen dem Leichenmahl zu
reden, eigentlich aber um sein Herz zu stärken und Courage zu trinken. Es ist
kurios mit solchen Menschen; sie scheinen ein Herz von Eichenholz zu haben,
einen Mut, welcher den Teufel bei den Hörnern fassen darf, tun gewaltige Reden
und zeigen gegen jeden Pfaffen die gründlichste Verachtung, renommieren vor
ihren Gästen förmlich mit dieser Verachtung und predigen den Satz, wann endlich
die Zeit komme, dass man mit solchen Tagdieben abfahre, auf alle mögliche Weise.
Aber wenn sie dann mal zum Pfarrer sollen, so wird es ihnen unheimlich und öde
ums Herz, sie müssen mühsam die Bruchstücke ihres Mutes zusammensuchen und sie
dann erst noch zusammenleimen mit einem oder zwei Schoppen. Sie sagen zwar, es
sei ihnen verflucht zuwider, zum Pfaff zu gehen, meinen vielleicht selbst oder
machten wenigstens Andern es glauben machen, es sei wegen der Verachtung. Aber
es ist durchaus nicht, sondern es ist nichts als Grimmen, Krümmen, Wenden,
Aufblähen, welches nach der Sage die bösen Geister dem gegenüber, welcher sie
bannen und austreiben will, versuchen. Der böse Geist fühlt, es steht ihm
gegenüber eine feindliche Macht, vor welcher er sich beugen, welcher er weichen
müsse, wenn sie dazu kömmt, sich an ihm zu versuchen. Er bietet daher allem auf,
sie nicht an sich kommen zu lassen, sie ferne vom Leibe zu halten. Er fühlt, es
ist da eine Macht, welche gegen ihn berechtigt ist, die er fliehen oder sich ihr
unterwerfen muss; er fühlt es aber in unheimlichen Wehen, in peinlichem Regen,
zum hellen Bewusstsein kömmt es ihm nicht, wie übrigens diese Menschen selten
oder nie im hellen Bewusstsein ihrer selbst sind. Dazu mag auch kommen, dass sie
das Totenregister nicht gerne sehen, dass sie sich vor dem Gedanken furchten, wie
lange es gehen werde, bis wieder einer zum Pfarrer kömmt und sagt: »Guten Tag,
Herr Pfarrer, muss eine Leiche angeben und (ihren Namen nennend) fragen, wann wir
ihn begraben können?«
    So ging es Johannes. Der Pfarrer bedauerte während dem Einschreiben den
Verlust der guten Frau sehr, sagte viel Gutes von ihr: Der Segen, eine solche
Mutter zu haben, sei gross, es sei nur zu wünschen - »Ich werde fertig sein?«
frug Johannes aufstehend. »Die Sache ist eingeschrieben,« antwortete der
Pfarrer, »ja, und wünschen möchte ich-« »So lebt wohl, Herr Pfarrer,« sagte
Johannes, »muss pressieren, wir haben eine grosse Verwandtschaft; nur bis allen
Bescheid gemacht ist und niemand vergessen, gibt es zu tun und zu denken. Lebet
wohl!«, und wie ein Berg wälzte es sich ihm von der Brust, als er vom Pfarrhause
wegging, und immer leichter und wohliger ward es ihm ums Herz, je näher er dem
Wirtshaus kam, und als er endlich wieder drinnen sass, da ward es ihm akkurat,
als sei er zu Hause. Der Pfaff hätte ihm noch eine Predigt halten wollen, sagte
er zur Wirtin, aber dem habe er es schön gemacht, die Türe in die Hand genommen
und sei gegangen. Gewiss stehe er noch mitten in der Stube und glotze die Türe an
wie eine Kuh das neue Tennstor. So sollte man es allen denen - Pfaffen machen.
Wenn alle es so machen würden, das Predigen und Leuteplagen verginge ihnen,
denen -. Dazu stiess Johannes die Augen aus dem Kopf, dass sie anzusehen waren wie
zwei Mailänderäpfel, riss das Maul auf, dass man es füglich für das berühmte
Urnerloch hätte ansehen können; aus dem einfach geöffneten Tor flogen
abwechselnd ganze Wolken Rauch und ganze Wolken Flüche, und mit den breiten
Fäusten schlug er den Takt dazu. Kurz er gebärdete sich ganz als ein Mann, dem
ein Berg sich von dem Herzen gewälzt hat oder der einer grossen Gefahr entronnen
ist und es sich nun behaglich macht. Jetzt hatte er nichts mehr zu pressieren,
liess es sich so wohl sein, dass er geholt werden musste, um Nötiges zu beschicken.
    Vreneli verlebte die nächsten Tage voll Zorn und Wehmut, es gedachte der
Worte der Seligen über ihre Kinder und begriff sie. Es betete zu Gott, dass was
bei Menschen unmöglich sei, Gott möglich machen möge, der Seligen die Last von
der Seele nehmen und sie nicht entgelten lassen möchte, was sie in Unwissenheit
und aus gutem, wenn auch schwachem Herzen getan. Am bösten war es über die zwei
Weiber. Es war ihm unmöglich, ihnen ein gutes Wort zu geben; dass so gemein,
herzlos, blechern ums Herz zwei Menschen sein könnten, das hatte es sich nicht
vorgestellt. Fressen und Zanken war ihr Tagewerk. Am besten kam es mit Johannes
aus. Der hatte doch noch ein Herz von Fleisch und Blut, und manchmal war es
sogar, als fahre wie ein Blitz ein höheres Gefühl durch dasselbe, aber wenn man
es fassen wollte, siehe so war es schon nicht mehr da. Indessen begehrte er doch
bestmöglichst den Anstand und das Übliche zu berücksichtigen, hörte Vreneli an,
wenn es etwas anbrachte, gab ihm zumeist recht und half zuweilen selbst etwas
anordnen aus eigenem Antriebe.
    Johannes hatte eine von den brüllhaften Naturen, welche die ganze Welt voll
himmeldonnern, dass man glauben sollte, in ihnen sei die Macht aller wahren und
falschen Gotteiten, von Saturn bis auf Hegel, welche bekanntlich darin grosse
Ähnlichkeit haben, dass sie ihre eigenen Kinder fressen, konzentriert. Betrachtet
man diese Naturen in der Nähe, so sind sie zumeist ohne alle innere Kraft und
Macht, ihr ganzes Vermögen geht eben in ihrer Brüllhaftigkeit auf. Man sieht
zuweilen Menschen in Kaffeehäusern, bei Spiel und Champagner die bedeutendsten
Rollen spielen, dass man meinen sollte, sie wohnten in Palästen, schliefen auf
Schwanenfedern unter seidenen Decken, und es sind die ärmsten Schlucker von der
Welt, wohnen zur Miete oder wohnen auch gar nicht, und wenn sie Kinder haben, so
haben diese oft gar nichts, um die Nase zu wischen, als was sie auf die Welt
gebracht. Hört man sie, so glaubt man, Gott habe einmal statt Frösche, wie er
zuweilen tut, Helden regnen lassen hageldick, die halbe Welt voll; prüft man
sie, so sind es lauter Windbüchsen, bläst man nichts hinten rein, kömmt nichts
vornen raus, sind ohnmächtige Wesen, untertan jeglichem Winde, der über sie
hinfährt, haben aber grosse Fähigkeit, den Wind zu fassen, grosse Fähigkeit, ihn
verflucht ring wieder von sich zu geben; wäre aber kein Wind, so wären sie auch
nichts. Es sind moderne Naturen, oder, etwas vulgär gesagt, die Schweinsblasen
des Zeitgeistes oder jedes andern Geistes, der sein Maul an ihr Röhrchen wagt.
Derlei Naturen stolpern zu Tausenden in der Welt herum, vom Himmel geregnete
Frösche, brüllen die Welt voll, dass man in Versuchung gerät, sich zu ducken, als
wäre eine Herde von zehntausend Büffeln im Anzug. Wer aber Courage hat,
standhält, merkt gleich, dass es eben nur Frösche sind, und wer Geduld hat und
warten mag bis übermorgen, merkt Keinen mehr von ihnen; unerwartet sind sie
gekommen, unerwartet verschwinden sie, woher, wohin weiss man nicht, aber
wahrscheinlich, ihrer Natur nach, aus dem Schlamm und in den Schlamm. So war
auch der Johannes ein Koloss an Gestalt und Gebrüll, und ein klein Kind konnte
seine Grundsätze lenken, seine Redensarten bestimmen, konnte alles mit ihm
machen, Speise und Trank vorbehalten, denn in dieser Beziehung alleine besass er
grosse Selbständigkeit.
    Zu allem Peinlichen kam noch der ausgebrochene Kinderkrieg, welcher, man
möchte fast sagen, Tag und Nacht kein Ende nahm. Elisis Kinder waren da,
Trinettes ebenfalls, die letzteren grösser, die ersteren kleiner, mischten sich
unter einander und mit Vrenelis Kindern, und so unartig, zanksüchtig, meisterlos
als möglich erzogen, gab es ununterbrochenen Streit, begleitet mit einem Geheul,
ungefähr wie die Indianer heulen, wenn sie die Hütte eines Blassgesichts
überfallen. Zuweilen stürzte in das Geheul mitten hinein scheltend und schreiend
ein Weib, schlug drein links und rechts, trug zappelnd und blutend ein Kind von
dannen, und hinter ihr her scholl mit verdoppelter Macht das Geheul. Wenn es
noch eine Woche so ginge, so liefe es fort, sagte Vreneli, solcher Spektakel
sei, so lange die Glungge stehe, nicht erlebt worden. So viel als möglich schloss
es seine Kinder ein, denn mit diesen gingen die andern akkurat um, als wenn es
junge Katzen wären, welche man plagen und martern dürfe ungestraft.
    Endlich kam der Tag, an welchem die gute Mutter begraben werden sollte. Da
konnte man sehen, was eine gute Frau zu bedeuten hat in einer Gegend, sie ist,
was ein warmer Ofen im harten Winter; jeder, dem es schaurig wird in der kalten
Welt, läuft ihm zu, sucht und findet Behagen in seiner Nähe. Gar Viele legten in
lauter Wehklage Zeugnis ab, dass sie nackt gewesen, von ihr gekleidet, hungrig
und durstig, von ihr gespeiset und getränkt worden. Diese Zeugnisse werden wohl
noch ihren alten Wert besitzen; was sie diesen getan, wird der, der einst zu
richten kömmt die Lebendigen und die Toten, ansehen, als hätte er es empfangen,
und hier wird wohl auch die Sühnung liegen von allem, was sie gefehlt in
Unwissenheit und allzu grosser Milde. Indessen wem die Klage am tiefsten aus dem
Herzen floss, waren doch Joggeli und Vreneli. Joggeli fühlte, dass man seinen Stab
und Stütze zu Grabe trug; ein düsteres Ahnen der Tage, die seiner warteten,
beschlich ihn. Schon jahrelang war er immer am Stock gegangen und hatte es sich
so angewöhnt, dass er vom Tische zum Bette den Stock zur Hand nahm. Aber viel
schwächer als seine Beine war sein Wille, der änderte sich alle Tage und jedes
Kind konnte ihn meistern; seine Frau hatte ihn auch gemeistert, aber zu seinem
Besten. Solange sie lebte, klagte er dar, über bitterlich, jetzt, da sie tot
war, vermisste er dieses Meistern noch viel bitterer; er fühlte, dass er den Halt
im Leben verloren. Vreneli ging es fast ebenso; es war ihm, wie es dem Schiffer
ist, dem auf wild bewegtem Meere das Ruder entgleitet, der Kahn der Willkür der
Wellen preisgegeben ist. Es war ihm wie einem Kinde, welchem im Marktgetümmel
der Mutter leitende Hand entfährt, hin- und hergestossen wird von des Marktes
Wellen, umsonst nach der Mutter sieht und schreit.
    Das Verschwinden eines Menschen von der Erde ist schauerlich, und Wenige
werden, wenn sie an einem offenen Grabe stehen, diesen Schauer nicht fühlen,
sich nicht sagen: »Siehe, so sieht auch die Türe aus, durch die du musst zum
andern Leben, so sieht dein Grab auch aus, aber wie wird dein und aller Erwachen
sein?« So werden die Meisten denken, welche nicht mit besonderer Liebe an die
Leiche gefesselt sind. Wo die Liebe recht lebendig ist, da verzehrt sie alle
Gedanken, nur der Schmerz des Missens, das Sehnen nach Wiedersehen fluten durch
die erregte Seele. Da wird uns klar, wie wir selbst ein Geheimnis sind im Werden
und im Sterben, ein Geheimnis, welches kein Sterblicher offenbart, da begreifen
wir, dass wir wandeln müssen im Glauben, nicht im Schauen, dass wir nichts sind
als ein Hauch des Allmächtigen, aber ein wunderbarer, der kommt und schwindet
nach seinem Wohlgefallen. Da fühlen wir, dass alles Wissen und Sagen der
Gelehrten Stückwerk ist und ein kindisch Gerede und nichts Kraft und Macht hat
in den Schauern des Todes und des Grabes als die Verheissung, dass auferstehen
werde in Kraft und Herrlichkeit, was verweslich und in Schwachheit ausgesäet
worden.
    Wenn einer geht ins bessere Land, entsteht wohl eine Lücke in der Welt,
kleiner oder grösser, je nach des Menschen Stand und Bedeutung, aber schnell ist
die Lücke zugewachsen in der Welt, schneller noch, als das Gras wächst auf dem
Grabe. Nur die Lücken in den Herzen wachsen nicht zu; wenn sie aufhören zu
bluten, blüht ein freundlicher Gedanke auf, schöner, als je Rosen auf einem
Grabe geblüht.
    So verschwand auch die Base. Die Arbeit, welche sie noch getan, verrichteten
Andere, der Lauf der Welt blieb der gleiche; aber die, welche sie geliebt,
vergassen sie nimmer, und lange wird kaum ein Tag vergangen sein, dass ihrer
hienieden nicht in Liebe gedacht wurde von denen, denen sie wohl, getan. Sie
ruhte im Grabe im Herrn und darum sicher auch sanft. Desto weniger Ruhe hatte
Joggeli. Beide Kinder, oder statt Elisi vielmehr der Baumwollenhändler (denn was
frug Elisi dem Vater und allem Übrigen nach, seit es der Mutter Schätze
geerbt!), stritten sich um ihn schrecklich; jeder wollte, er solle zu ihm
ziehen, um auf den Händen getragen zu werden, dass sein Fuss an keinen Stein mehr
stosse, wie der Teufel es dem Herrn verhiess, als er ihn verleiten wollte, von der
Zinne des Tempels zu springen. Hier könne er nicht bleiben, so verlassen, wo
niemand zu ihm sehe, ihm begegnen könnte, was da wollte, niemand sich dessen
achte. Nun wollte ihn aber jeder zu sich, darüber entbrannte der Streit. Jeder
wusste, was mit Joggeli zu machen war, wenn man ihn in Händen hatte ungestört,
darum wollte ihn jeder, aber um alles in der Welt nicht, dass er zum Andern
ziehe.
    Johannes stellte ihm vor, wie kurzweilig es bei ihm sei, da habe er den
ganzen Tag Gesellschaft und zu essen, was ihm nur in den Sinn komme; er habe
eine Köchin, wo er ausbieten wolle, sie mache gebackene Fische und saure Leber
trotz dem Koch beim Falken. Der Baumwollenhändler dagegen schilderte grässlich
die Unruhe in einem Wirtshause, wo fast kein Schlaf möglich sei, man auch nie
das Essen zu der Zeit haben könne, sondern wenn es der Köchin gelegen sei, und
oft nichts als die Tellerräumeten der Fremden. Bei ihm hätte er goldene Ruhe und
ausgesuchtes Essen, welches er befehlen könne nach Belieben; wolle er
Gesellschaft, so könne er auslesen nach Belieben; im Orte, wo er wohne, seien
neununddreissig Wirtschaften, allentalben finde er ausgesuchte Gesellschaft, und
wolle er Ruhe, so finde er sie daheim, da solle er Herr sein und kommandieren,
wie er wolle, gehorcht solle ihm werden, wie wenn er der Napoleon wäre. Das
waren die Präliminarien, von denen kamen sie immer tiefer in die Materie hinein,
zerrten erst die Weiber gegenseitig im Maul herum, dass wenig gute Fetzen an
ihnen blieben, dann sich selbst, und fast wäre es zum tätlichen Abschluss
gekommen, wann Joggeli nicht selbst gemahnt hätte, was die Leute sagen würden,
wenn man sich sozusagen über der Mutter Grab prügle.
    Das endliche Resultat war, dass Joggeli bleiben durfte, so gleichsam auf
neutralem Boden, und so war es Joggeli wirklich auch am liebsten, denn wenn er
auch über niemand mehr zu klagen wusste als über Vreneli, so vertraute er sich
ihm doch am liebsten an; er wusste, er hatte es hier am besten und ruhigsten.
Sein Aufbegehren war eigentlich nichts als der Ärger darüber, dass er der hohen
Natur untertan sein müsse, während nach der äussern Stellung das umgekehrte
Verhältnis stattfinden sollte.
    Indessen traute weder Johannes noch der Tochtermann dem Handel; jeder
dachte, sobald er glaube, der Andere sei fort, so komme er wieder her und mache
mit Joggeli, was er gut finde. Begreiflich aber dachte er zugleich, der Andere
werde es auch so machen, der verfluchte Schelm sei nicht zu gut dafür. Jeder
suchte daher bei Vreneli eine Privataudienz so versteckt als möglich, versprach
ihm, man werde ihm daran denken, wenn es aufpasse, was der Andere mache, wenn er
kommen sollte. Sobald es was Verdächtiges merke, solle es Bescheid machen,
plötzlich, sein Schade solle es nicht sein.
    Vreneli aber wollte sich mit solchen Aufträgen nicht befassen; zum Vetter
wolle es sehen, dass es es einmal verantworten könne bei der Base, wenn sie
wieder zusammenkämen, sagte es. Daneben würde es ihm übel anstehen, wenn es bei
ihm den Landjäger machen wollte. Es werde ein jedes Kind das Recht haben, mit
dem Vater zu reden, ohne dass jemand anders dabei sei; einstweilen sei er bei
gutem Verstand, und trauten sie nicht, sollten sie ihn bevogten lassen, da seien
sie Kummers ledig. Aber das wollte Keiner, dieweil jeder von ihnen
Privatabsichten hatte, welche unausführbar wurden, sobald ein Vogt oder Vormund
Joggeli beschirmte und selbst verantwortlich war. Ob aber den Leuten hier zu
trauen sei? frug der Baumwollenhändler, dem diese Abfertigung verdächtig vorkam
und der Verdacht auftauchte, sie könnten Joggeli selbst melken wollen.
Gutsprechen wolle er für niemand, sagte Johannes, indessen traue er den Leuten
mehr als den nächsten Verwandten, denn bis dahin hätte er noch nichts Schlechtes
von ihnen gehört. Übrigens würde der Vater es bald genug klagen, wenn sie an ihm
rupfen wollten. Der Schwager nahm die Prise. Also aufgepasst, dachte er,
jedenfalls tue ich den ersten Zug; dann macht jeder, was er kann.
    Elisi mochte nicht warten, bis es mit seinen Sachen fort konnte, sie in
Sicherheit bringen vor Trinettes gierigen Blicken, und hatte doch wieder Freude
daran, alles so recht vor Trinettes Augen herumzuziehen, hatte eine leise
Hoffnung, sie sterbe vielleicht vor seinen Augen an Neid und Ärger. Da hatte
sich Elisi verrechnet, Trinette mochte mehr ertragen. Trinette passte auf, ob
Elisi nicht unter den Sachen der Mutter Dinge fortschaffe, welche zum Haushalt
gehörten, und hatte den festen Entschluss, wenn das geschehe, Elisi tüchtig zu
prügeln, kratzen, raufen; denn Trinette wusste sich die Stärkere, hatte sich
nicht umsonst Speise und Trank ungemessen behagen lassen, während es bei Elisi
oft knapp genug zuging. Indessen es ging gerecht zu; Trinette kam so wenig dazu,
Elisi zu prügeln, als Elisi, Trinette sterben zu sehen. Drauf und dran war es
einige Male, besonders als endlich alles geladen war, ein ziemlich gross Fuder,
schwer genug für zwei Pferde, im Hofe stund und Elisi Trinette spöttisch fragte:
»Willst mich etwa begleiten und mit Auspacken helfen? Es käme mir kommod!« Da
wars gut, stund Elisi im Hofe und war sonst noch jemand da, das Ding hätte
gefährlich werden können.
    Das gute Elisi hatte niemand nötig zum Auspacken. Uli war mit dem Fuder
vorausgefahren; der Baumwollenhändler fuhr mit Frau und Kindern nach, säumte
sich unterwegs ebenso oft und lange, und Elisi hatte allentalben so viel zu er,
zählen von den Schätzen, welche es bei seiner Mutter gefunden, dass Uli längst
auf dem Heimweg war, als sie anlangten. Uli hatte Kasten und Kisten ihnen ins
Haus gestellt, wo er Platz dazu fand, und dort liess man sie stehen. Die kurze
Zeit vor dem Schlafengehen musste Elisi verschwatzen, noch hier und dort Bericht
geben, wie es gegangen und was es mitgebracht; das war eine notwendige
Erleichterung, ohne welche es nicht hätte schlafen können. Elisi hatte zwei gute
Dinge an sich, Appetit und Schlaf, selbst die Freude über sein Heimgebrachtes
trieb ihns nicht aus dem Bette. Längst war acht Uhr vorüber, als es sich
schläfrig aus dem Bette wälzte, in den Haaren kratzte und nach dem Kaffee
schrie. Als der Kaffee kam, frug es: »Wo ist er« »Weiss nicht!« sagte die Magd.
Als der Kaffee getrunken war, ging Elisi nach seinen Kisten und Kasten, aber wo
sie am Abend gestanden, stunden sie nicht mehr, stunden nirgends mehr, wohin es
auch sehen mochte. »Tüfel, wo sind sie?« schrie Elisi der Magd zu. »Weiss nicht!«
antwortete diese.
    Ja, jetzt gabs Lärm! »Wo sind meine Sachen, wo sind meine Sachen!« erscholl
es durch Stadt und Land. Unerschütterlich blieb die Magd bei der Antwort: »Weiss
nicht!« Die Leute lächelten hinter den Fenstern, verschwanden aber, wenn das
Geschrei: »Wo sind meine Sachen, wo sind meine Sachen?« in ihre Nähe kam.
Endlich kriegte es eine Frau Nachbarin satt und erschien dem schreienden Elisi
unter der Türe und sagte: »Schweiget doch und brüllt nicht das Land voll, hilft
Euch doch nichts; diesen Morgen in aller Früh ist Euer Mann damit fort,
herbeibrüllen werdet Ihr sie nicht mehr, und solltet Ihr brüllen bis zum
jüngsten Tag und noch zehnmal so laut.« So sprach sie und verschwand. Ja, jetzt
war Elisi nicht mehr zu helfen, es wurde wirklich in allem Ernste fast gar
ohnmächtig. »O meine Sachen, meine Sachen! O Mutter, o Mutter!« Und: »Der
verfluchte Schelm!« Und usw. Ja, das ging schrecklich, ein Schlosshund ist
dagegen nur ein Anfänger. Aber es ging, wie die Nachbarin sagte: Elisi brüllte
die Sachen nicht herbei, und wenn es gebrüllt hätte wie zehntausend Ochsen. Der
liebe Gemahl war allerdings damit fort auf Nimmerwiedersehen, das heisst der
Sachen, er selbst wartete noch auf fettere Beute; er war in immerwährender,
immer engerer Geldklemme, in welcher er sich jedoch mit grosser Gewandteit zu
bewegen wusste, indessen trotz derselben hätten ihn die Gläubiger längst über
Bord geworfen, wenn nicht der reiche Schwiegervater im Hintergrunde gewesen
wäre. Trieben sie ihn zum Geltstag oder Konkurs, so war zehn gegen eins zu
wetten, dass er nichts erbte, sondern das ganze Erbe seinen Kindern zugestellt
wurde, was gesetzlich zulässig war, dann hauen die Gläubiger das blinde
Nachsehen. Man schenkte ihm also so gleichsam wie die Katze der Maus mit
aufgehobener Tatze das Leben, vertraute ihm jedoch so wenig als möglich Neues
an. Das brachte den Herrn in grosse Geldnot und setzte ihn fast vor die Geschäfte
hinaus. Der Nachlass der Mutter selig war für ihn ein prächtiger Fang, der ihn
wieder Hott machte für eine Zeit. Er machte sich keinen Augenblick ein Gewissen
daraus, die Hand darüber zu schlagen, ihn zu versilbern, so gut er konnte, so
was verstund er und kannte die Gelegenheit. Er löste eine beträchtliche Summe,
liess Elisi kaltblütig heulen und schreien und fuhr herum wie ein Fischlein,
welches vom Trocknen wieder ins Wasser gekommen. Elisi hintersinnete sich fast,
aber was half ihm das? Es war wirklich in einer sehr traurigen Lage. Vom Manne
war es verraten und verkauft, auf der ganzen Welt hatte es keinen Menschen, der
sich seiner annahm, und wenn der Bruder und seine Frau es vernahmen, wie es ihm
ergangen, so lachten sie sich den Buckel voll, das wusste es.
    So in der Welt zu stehen, ist wirklich trostlos, und Mancher wurde ein Narr
darob. Aber Elisi hatte keine so spröde, sondern eine zähere Natur; viel Heulens
mochte es ertragen, und wenn es einmal zu einem frischen weissen Brötchen kam,
einigen Cotelettes oder einigen Batzen, welche es dem Manne stehlen konnte, so
fand es darin grossen Trost für manchen Tag.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                          Ein Gericht und zwei Sprüche
Unterdessen war Ulis Prozesslein fortgelaufen, hatte sich ausgesponnen auf
wunderbare Weise zu einem langen, langen Faden. Wenn er meinte, er packe das
Ende, husch, war es ihm entronnen und weit weg wie dem Kinde das Fischlein, nach
welchem es hastig gegriffen. Schon tüchtig war Uli durch seinen Agenten
angepumpt worden, als es endlich hiess, an dem und dem Tage werde, wenn nichts
dazwischenkomme, abgesprochen, Uli müsse dabei sein, müsse auch einmal wissen,
wie dies gehe, und sehen, wie der Gegner ein Gesicht mache, wenn er verspiele,
er werde sich verwundern. Es machte indessen Uli doch angst auf diesen Tag, es
fiel ihm ein, es wäre noch immer möglich, dass er verliere, dann könnte es ihn
ärgern und der Andere zusehen; er habe schon gehört, es gehe bei den
Abstimmungen oft verflucht ungerecht zu und der beste Handel könne verloren
gehen, denn die meisten Richter verständen nichts vom Recht und die übrigen
seien sonst nicht sauber im Nierenstück, dachte er. Bekanntlich müssen die
Richter immer als Sündenböcke der Advokaten vor dem Volke paradieren.
    Die Nacht vor dem Abspruch konnte er wenig schlafen, er wäre zu einem
ziemlichen Opfer bereit gewesen, wenn er den Prozess hätte ungeschehen machen
können. »Das soll mir eine Warnung sein,« sagte er mehr als einmal halblaut,
»ist der mal aus, fange ich mein Lebtag keinen neuen an, wenn es nicht sein
muss.« Er war früh auf, und Vreneli versäumte ihn nicht mit dem Frühstück, war
freundlich, aber vom Prozess redete es nicht. Da war ein wunder Fleck in seinem
Herzen, der nicht heilen wollte und schmerzte, so oft er berührt ward. Es war
ein heisser, schwüler Sommertag, kurz vor der Ernte; der Roggen beugte bereits
seinen philisterhaften Rücken und neigte sein Haupt wie ein alter Professor,
wenn er sich der Höflichkeit befleisst. Das Korn hatte verblüht, stand keck
gradauf wie junge Fähndriche, welche Generale werden möchten. Uli dachte, in
acht Tagen muss der Roggen ab, in drei Wochen das Korn, überschlug seinen Ertrag,
machte Preise, handelte, dass er darüber fast den Prozess vergass und an Ort und
Stelle war, ehe er es sich versah. Es war noch ziemlich stille, die Stunde des
Gerichts noch nicht da, und bekanntlich gehören die Advokaten, welche früh zur
Stelle sind, entweder zu den Ausnahmen oder zu den Anfängern. Wer des Abends zu
viel Wein im Munde hat, frägt dem Golde, welches die Morgenstunde im Munde hat,
nicht mehr viel nach.
    Nach und nach trappeten die Parteien an oder fuhren wohl auch, stunden ums
Schloss, wo das Gericht sass oder sitzen sollte, oder bewegten sich der Gaststube
des Wirtshauses zu, um an einem Schnaps oder einem halben Schoppen Wein sich für
die Operationen der Gerechtigkeit zu stärken. Auch seinen Gegner sah Uli
herantrappen an einem langen Stock, gelb und mager sah unter dem breiten Rande
des schwarzen niedern Wollhutes das Gesicht hervor. Der ging nicht dem
Wirtshause zu, sondern dem Schloss, sah sich erst lange bedächtig um, lehnte
sich dann noch lange an seinen Stock, endlich sass er auf eine Bank ab, nachdem
er sich sorgfältigst überzeugt hatte, dass er am rechten Orte sei und sich nicht
verfehle, wenn er sich da setze.
    Endlich, als das Volk sich gehäuft hatte, die übliche Stunde längst
geschlagen, kamen sie daher, die Helden des Tages, die Agenten und Fürsprecher,
wie Divisionärs und Brigadiers auch erst kommen, wenn die Bataillone
aufmarschiert sind und oft schon lange stehn. In wunderlichen Kleidungen, in
Kopfbedeckungen von allen Sorten kamen sie dahergefahren, drei kamen sogar
geritten. Eben ritterlich sahen sie nicht aus, einer von ihnen sass auf seiner
Rosinante wie eine junge Laus auf einem alten Spittler. Wenige Agenten kamen zu
Fuss; was ihnen dadurch an Ansehen abging, suchten sie zu er, setzen durch die
Majestät, mit welcher sie ihre Pfeife hielten, den Stock handhabten oder den
Kopf trugen. Sie alle gingen der innern Stube des Wirtshauses zu, sammelten da
ihre Gedanken bei einem Glase Roten oder stärkten ihre Stimme mit Schinken oder
Braten, stellten sich zuweilen in die Mitteltüre gross und breit und schauten
hinaus in des niedern Volkes, welches sich in der Gaststube gesammelt hatte,
lautes Gesumme. Mit Schauer und Respekt sah das Volk auf die Helden hin, welche
die Gerechtigkeit in den Händen hatten wie der Töpfer den Lehm, um sie zu drehen
nach Belieben. »Sieh, dort ist der Meine,« sagte einer und wies mit seinem
langen Stock auf eine Figur, welche unter offenem Fenster stund. »Dort der
Meine,« sagte ein Anderer, zog seinen Hut und machte dem Seinen einen tiefen
Bückling mit langem Scharwenzel, doch umsonst, derselbe hatte ein kurzes Gesicht
und eben seine Brille in den Händen, um ihr den Morgentau auszuwischen. Ganz
verblüfft und verwundert über dieses kalte Benehmen, sagte der Klient: »Das
letztemal, als ich bei ihm war, war er nicht da, heim, und hat ihm vielleicht
seine Frau vergessen zu sagen, die Fische seien von mir. Ich sagte ihr meinen
Namen dreimal, vergessen wird sie ihn doch nicht haben.« »Ich bringe nichts
mehr,« sagte ein Anderer, »sie führen einem die Sache zu stark aus, man weiss
nicht mehr, was ihnen recht ist. Letzt, hin brachte ich meinem Fürsprecher zwei
Hasen, verflucht brave, da sagte die Frau, sie wolle nur einen, der andere
stinke. Sonst hat man geschenkten Rossen nicht ins Maul gesehen.«
    »Warte hier, muss doch noch ein Wörtlein mit dem Meinen reden,« sagte ein
Anderer, »und ihn mahnen, dass er nur ja den und den Punkt nicht vergesse und die
Satzung, welche darauf sich schickt, es ist die und die. Solche Herren sind oft
gar schrecklich vergesslich, besonders wenn sie vom Dischinieren kommen. So einer
hat so viel Händel, dass er um den einen oder den andern nicht die Hand umdreht;
verliere ich den, he nun so dann, so gewinne ich einen andern, spekuliert er.
Unsereiner, der nur einen Handel hat, kann es minder leicht nehmen, gewinnt oder
verliert er ihn.«
    So sieht man Manchen an der Tür sich drehen, um seinem Fürsprecher
abzupassen, ihm noch ein vertraut Wort zu sagen, vielleicht mitzuteilen, was man
selbst Schlagendes gedacht oder gesinnt. Der Eine oder der Andere flucht in
einer Ecke, wenn er seinen Advokaten mit dem des Gegners vertraut unter einem
Fenster reden sieht, denn er hatte geglaubt, sie Beide sollten sich mit dem
gleichen Hasse hassen, mit welchem er und sein Gegner einander hassen. »Da
werden sie mit einander abreden, wer gewinnen und wer verlieren soll, wie die
Schwinger am Ostermontage in Bern. Es ist doch von denen Hagle keinem was zu
trauen, es ist ein Schelm wie der andere, wenn man es sagen dürfte, und
Unterschied ist keiner, weder dass der eine um etwas der Schlimmere und der
andere um etwas der Dümmere ist,« so wird geurteilt.
    Endlich wird das Publikum ungeduldig, Einige steigen voran, Einige schimpfen
über das Zögern, sie hätten weit heim und seien nicht zweispännig hergefahren,
und es dünke sie, die Herren sollten an Hunger und Durst auch etwas sparen für
den Mittag, sonst möchten sie da nichts mehr. Endlich kömmt der Gerichtsweibel
und sagt den Herren des Tages: Die Richter sässen schon lange und verlangten nach
den Herren, wenn man erst mittags anfange, so finde man den Feier, abend nie.
Indessen ist der Herr Gerichtsweibel nicht halb so pressiert, dass er nicht mit
einem oder zwei Gläsern Wein Bescheid tun kann. Hätten sie drüben schon so lange
gewartet, so würden sie noch um einer kleinen Weile willen nicht aus der Haut
fahren, kalkuliert er, und gewöhnlich ganz richtig, denn sein Kalkul gründet
sich auf Erfahrung. Endlich muss doch aufgebrochen werden, denn unter all den
Helden ist denn doch kein Josua, der die Sonne stellen kann, und nach
Sonnenuntergang sind Gerichtshandlungen nicht mehr gültig. Vor Gericht beginnt
die Schlacht mit Plädieren und Replizieren und endlichem Judizieren. Partei um
Partei treten vor und treten ab, und reiche Studien macht, wer die Wirkungen
beobachtet, welche Gewinnen und Verlieren auf den Gesichtern hervorbringen, und
bemerkt manch Gesicht, dem man es durchaus nicht anzusehen vermag, ob ihns ein
günstig oder ungünstig Urteil getroffen.
    Uli war einer der Letzten, welche vorkamen, ihm war ungefähr wie einem, der
gehängt werden soll, aber erst noch einige Andere zu seiner Stärkung und
Erquickung muss hängen sehen; wer dies erlebt hat, weiss, wie es ihm war. Endlich
wurden sie vorkommandiert. Seines Gegners Agent eröffnete das Feuer, und zwar so
scharf, dass es Uli fast schwarz ward vor den Augen. Der wusch ihm den Pelz, dass
er glaubte, er könne sein Lebtag keinem Menschen mehr ins Gesicht sehen, dass er
viel Geld gegeben hätte, nicht bloss, wenn er den Handel nie angefangen, sondern
wenn er nur nie hergekommen wäre, denn fortan werde jedes Kind, wo er sich
zeige, mit Fingern auf ihn weisen und sagen: »Seht da den Betrüger, den
verlogenen Kuhhändler!«, und dass was an dem Gerede wäre, das sagte Uli was unter
dem Brustlatz. He nun, so ists, dachte er, gut für einmal! Ich merke jetzt, wie
es die Leute meinen; hätte ich der Frau geglaubt, so wäre es mir nicht so
gegangen.
    Nun trat auch sein Anwalt auf. Wenn der nur schweigen oder die Sache ganz
kurz machen würde, dass sie bald vorbei wäre, dachte Uli, aber dem Lumpenhund
wolle er es doch einmal sagen, wie er ihn hineingeführt, denn mit Schein laute
das Gesetz ganz das Gegenteil, als der Hagel es ihm angegeben. So gehe es, wenn
man von der Sache nichts verstehe, sich bloss müsse brichten lassen und noch dazu
von solchen Beinschabern. Nun aber kam sein Anwalt nach einigen Präliminarien
auch in Fluss der Rede. Potz Himmel, wie tat Uli erst das Maul auf und wie fing
es ihm dann zu wohlen an, das Ding kam heraus wie ein umgekehrter Handschuh und
Uli musste immer denken: Persche, ja so! Kuh, was ich bin, dass ich das nicht
gedacht! Er fing an zu wachsen, mit souveräner Verachtung auf den andern Anwalt
und das Lumpenmannli, das heisst seinen Gegner, herabzusehen, der zuweilen das
Maul auftat, als ob er reden, eine Bewegung machte, als ob er auf den Redner
einspringen wolle und ihn traktieren mit seiner Faust, die er immer geballt
hatte und mehr oder weniger vorstreckte, je nach dem Siedpunkte seines Zorns.
    Uli kam sich fast vor, als sei er eins von den Gespenstern, von denen man
erzählt, dass sie sichtlich wachsen und wachsen, bis ihr Kopf in den Wolken ist,
während sie mit den Beinen noch auf Erden stehen. Man hätte glauben sollen, im
ganzen Bernbiet sei kein ehrlicherer Mann und noblerer Staatsbürger als Uli. Und
wirklich hatte selbst Uli nie daran gedacht, dass er so einer sei, und fürchtete
fast, er könne künftig vor lauter Rechtschaffenheit, Tugend, Vaterlandsliebe und
entschiedenem Fortschritt sich nicht vor den Leuten sehen lassen, dieweil die
Einen aus Neid zerspringen, die Andern aus Begierde, so einen zu sehen, ihn
erdrücken könnten; recht hätte er, und ohne Laterne sehe man es, und wenn die
Richter nicht Schelme seien, so müsse er gewinnen, und dass sein Agent so reden
könne, als wäre er schon im Himmel gewesen, das hätte er ihm sein Lebtag nie
angesehen, weder hinten noch vornen, weder im Wirtshaus, wenn er die Andern im
Spiel betrog, noch daheim, wenn er die Frau prügelte. Das Gewinnen hätte er bar,
so dachte Uli, und so war es auch.
    Als sie nach kurzer Beratung des Gerichtes wieder hinein, gerufen wurden,
war sein Gegner mit seiner Klage abgewiesen und in die Kosten verurteilt. Das
Mannli ward blass, sein langer Stab tanzte auf dem Boden, und weit, weit streckte
er seine Faust vor, und es war, als wolle er sich ducken zum Sprunge auf die
Richter; dumpfe Laute quollen über seine Lippen, wahrscheinlich drückten sie
nicht den grössten Respekt aus, denn sein Agent, welcher ihm am nächsten stund,
fand sich veranlasst, ihn mit möglichster Schnelligkeit vor sich her aus dem
Gerichtssaale zu schieben.
    Uli wars wie einem, der, in eine Dornenhecke gefallen, gefürchtet hatte, er
komme nur zerfetzt und wie ein gerupftes Schaf mit Hinterlassung aller Wolle
daraus, plötzlich auf freien Fussen steht mit heiler Haut, oder wie dem Daniel,
als er ungefressen aus der Löwengrube kam, die Bestien ihn nicht angetastet, und
waren doch im Gerichtshofe acht Anwalte, sechs Agenten und Geschäftsmänner in
ungezählter Menge und alle trotz asiatischen und afrikanischen Bestien
(amerikanische sollen weniger wild und grausam sein) mit Hunger und Durst
behaftet. Also gewonnen, gewonnen! Was wird die Frau sagen? Es ist doch gut, dass
man andern Leuten auch glaubt als nur den Weibern, aber so leichtlich bringt
mich nicht mehr jeder zu einem Prozess. Es ist allweg eine verteufelte Plag, man
wäre leichter eine kleine Weile gichtisch oder sonst krank, so dachte Uli.
    So war er, ohne dass er es merkte, hinter das Mannli und seinen Agenten
gekommen und hörte, wie der Erstere zum Letzteren sagte: »Machet, was Ihr wollt,
aber einen solchen Handel zu verspielen, muss man ein Esel oder Schelm sein. Ich
habe recht vor Gott und Menschen in aller Ewigkeit, die Ochsen da oben mögen
erkennen, was sie wollen. Macht jetzt was Ihr wollt, ich habe kein Geld, habe
nichts als ein mager Höflein, Kinder und Schulden, und wenn Ihr die wollt, könnt
Ihr sie haben, welche Stunde Ihr wollt, ich will sie Euch noch vors Haus bringen
unentgeltlich. Vor und nach kann ich vielleicht was zahlen, aber überstürzt Ihr
mich, werfe ich den Schlegel, rufe den Konkurs an. Die Kinder können betteln
gehen und ich will stehlen, bis ich an obrigkeitliche Kost komme.«
    Da sagte Ulis Agent: »Mit Reden zahlt man niemand, das wäre bequem, ich habe
auch noch eine Rechnung, und die wird müssen bezahlt sein; es hat schon Mancher,
der nichts haben wollte, gezahlt, wenn man ihn recht angefasst hat.« Da drehte
sich das Bäuerlein um, sah Uli, stund still und sagte: »So, du bist auch da!
Hast mich betrogen und jetzt noch den Handel gewonnen, und ich werde mit Weib
und Kind dem heiligen Almosen nach müssen! Mein Lebtag hat mich doch kein Mensch
so verführt! Meinte, du seist ein ehrlicher Mann, den Halunken sah ich dir
nicht an! Aber ist ein gerechter Gott im Himmel, so treibt er dir dein
Schelmenstück zehnfach ein und bald oder Lässt es dich bis zum Galgen bringen und
jagt dich dann dem Teufel zu, besser verdienst du es nicht!« Als er das gesagt
hatte, drehte er sich um, ging rasch seines Weges. Es war Uli, als sehe er ihn
mit dem Ärmel über die Augen fahren.
    Die Agenten lachten sehr über den Zorn des Bäuerleins und lebten noch
manchen Tag wohl daran, ungefähr wie Buben, welche sich am Zappeln von Maikäfern
ergötzen, die sie an Faden gebunden haben und denen sie allgemach Flügel und
Beine ausreissen. Auf Uli dagegen machte die Rede Eindruck; es lag ein Fluch
darin, und solche Worte hielt er nicht für gleichgültig, besonders da sich in
seinem Herzen etwas rührte, welches sich mit dem Troste, dass, hätte er nicht
recht gehabt, die Richter ihm nicht recht gegeben, durchaus nicht beschwichtigen
lassen wollte. Anlügen ist anlügen, ein Gericht mag sagen, was es will.
    Es ist eine wunderbare Sache um die Macht des Wortes, nicht umsonst hat so
mancher Aberglaube sich damit vermischt; dass zum Beispiel das Wort des Menschen
Macht habe über Gott, so dass er müsse töten oder wettern, je nachdem, das Wort
die Macht habe, aus den Gräbern die Toten zu rufen und zu öffnen die
Schatzkammern der Erde. Aber ein fromm vertrauensvolles Wort zum Vater im
Himmel, eine Bitte aus innigem Herzen, was hat sie nicht vermacht und wie oft
hat nicht ein Wort geschlagen in das Herz des Sünders wie der Blitzstrahl aus
einer Donnerwolke! Wie oft nicht ein Wort das Andenken grosser Verstorbenen
herbei, gerufen, neues Leben geweckt in den Herzen der Enkel! Wie oft ist nicht
das Wort in Herzen gedrungen, hat Steine von den Gräbern gesprengt, unter
welchen die edelsten Kräfte begraben lagen, und ein junger, schöner Frühling
erblühte, wo früher Öde war und totes Gestein! Wie oft ward das Wort nicht zur
feurigen Röte, welche den Bösewicht unstät jagte über die Erde! Das Wort ist
unendlich mächtiger als das Schwert, und wer es zu führen weiss in starker,
weiser Hand, ist viel mächtiger als der mächtigste der Könige. Wenn die Hand
erstirbt, welche das Schwert geführt, wird das Schwert mit der Hand begraben,
und wie die Hand in Staub zerfällt, so wird vom Rost das Schwert verzehrt. Aber
wenn im Tode der Mund sich schliesst, aus dem das Wort gegangen, bleibt frei und
lebendig das Wort; über dasselbe hat der Tod keine Macht, ins Grab kann es nicht
verschlossen werden, und wie man die Knechte Gottes schlagen mag in Banden und
Ketten, frei bleibt das Wort Gottes, welches aus ihrem Munde gegangen. Aber auch
mächtiger als Dolch und Gift ist das böse Wort, das durch die Herzen fährt und
in die Seelen schleicht oder schlüpft. Schlangen und Banditen sind greuliche,
scheussliche Dinger, aber viel scheusslicher sind glattzüngige Verführer, welche
Gift träufeln in arglose Herzen, sind viele Wortführer des Tages, falsche
Propheten des Lügengeistes, der im Paradiese sein heillos Amt begann.
    Es war lange über Mittag, als sie zum Wirtshaus kamen; heiss war es zum
Ersticken, kein Lüftlein regte sich, zum Himmel heraus hingen schwarze Wolken,
Trauerfahnen, welche Gottes Hand heraushängt, wenn er seine Gerichte bereitet.
Uli begab sich ins grosse Gastzimmer; in die innere Stube, wohin die Agenten
gingen, wo auch die Richter er, wartet werden, gehören die Laien nicht. Er liess
sich etwas zu Mittag geben, er meinte, er sei sehr hungrig, aber der Appetit
fehlte ihm, als er begann zu essen. Der Wirt munterte ihn zum Essen auf: »Es ist
alles frisch und sauber,« sagte er, »und lange her, seit du etwas im Magen
gehabt haben wirst.« Eben das mache es, sagte Uli, dass er nicht essen möge; wenn
es über die gewohnte Zeit gehe, so vergehe der Hunger.
    Dem war aber nicht so, das Wort des armen Mannli hatte Uli ins Gemüt
geschlagen, gärte dort, verdarb ihm den Appetit. Was er auch anderes denken
wollte, es stund ihm immer vor der Seele, und wie er auch zum Zorn sich stacheln
wollte gegen das Lumpenmannli, welches solche Reden führe, die Rede löschte
immer den Zorn, und Bangen war da. Bah, sagte er, solchen Worten müsse man sich
nicht achten; Recht sei Recht, und wer recht habe, hätten die Richter gesagt,
die sollten es wissen! So tröstete sich Uli, und der Trost hielt doch nicht.
Solche Worte sollte man verbieten beim Hängen, zu bedeuten hätten sie nichts,
das wisse ja jedes Kind, aber man höre sie doch nicht gerne; alles Fluchen sei
ja schon von Gott verboten, und wenn er das daheim forttreibe, vielleicht noch
mit seinen Kindern, so könnte ihnen allen das an der Seele schaden, und es wäre
doch schrecklich, wenn sich die Kinder dessen entgelten müssten. Man sieht, Uli
hatte bereits viel von den Agenten gelernt.
    Der Wirt fragte: »Du wirst doch gewonnen haben? Was hast für einen Handel
gehabt?« Uli erzählte. »Da hast gewinnen müssen,« sagte der Wirt, »jedes Kind
auf der Gasse kanns ja begreifen; aber ich kenne das Mannli, das ist nicht das
richtigste, ein böses Tüfelsmannli ist das, es hat auch den Ruhm dafür. Es ist
gut, dass der einmal an den Rechten gekommen ist; gerade recht hast du es ihm
gemacht, er besinnt sich dann ein andermal, ob er die Leute plagen soll.
Brandschatzen hat er dich wollen, und gerade so sollte es allen gehen.« Aber die
Worte, welche er ihm hätte drin zugemessen, hätte er doch ungern; er möchte
nicht, dass jemand meine, er hätte sie verdient, entgegnete Uli. »Dessen musst du
dich gar nichts achten,« sagte der Wirt, »solche Worte haben gar nichts zu
bedeuten; Worte sind Worte und sonst nichts, um einen guten Schoppen will ich
dir abnehmen alles, was dir dein Lebtag angewünscht wird. Was meinst, wie bös
wäre ein Wirt daran, wenn solche Worte was zu achten wären? Jedes Hagels
Bäuerlein, wenn es meint, ich habe an einem Kalb zu viel Profit gehabt oder an
einem Leichenmahl zu viel Wein angerechnet, wo es doch gewiss nicht ist, sagt
gleich, der Tüfel solle den Wirt holen, und ich habe ihn noch nie gesehen.«
    So tröstete der Wirt, und der Trost eines Wirts ist auch gut, warum nicht?
Er währt wenigstens so lange als seine Schoppen, und dies ist auch schon was.
Durch die ins andere Zimmer einbrechenden Gerichtsmänner wurde der Wirt in
seinem Troste unterbrochen, denn wenn Priester und Krieger der Gerechtigkeit
einem Wirte zuhanden kommen, gilt so ein Uli nichts mehr, und wenn er Trost noch
so nötig hätte. Es war bereits über vier Uhr, als Uli sich auf den Heimweg
machte, er förderte rasch seinen Schritt. Der Wein, des Wirts Worte, das Gefühl,
gewonnen zu haben, drängten den empfangenen Eindruck in den Hintergrund, machten
ihn guten Muts. Es sei schon viel geschwatzt worden in der Welt, dachte er, und
habe nicht viel zu bedeuten gehabt.
    Schwarz stund im Westen ein Wetter, aber es bewegte sich nicht; in kurzen
Flügen flatterten die Schwalben um Bäume und Häuser, still und matt hingen die
Blätter an den Zweigen. In den Wiesen sah man in breiten schwarzen Hüten und
hohen Holzschuhen die eingefleischten Wässerbauern stehen und den zu erwartenden
Wassern die Wege bereiten, denn das Wasser bei Gewitterregen, welches die
Strassen fegt und die nicht wohlbewahrten Düngerhaufen umspült, ist für einen
rechten Wässerbauer oder vielmehr seine Wiesen das beste Labsal. Wer bei solchen
Umständen den Andern am besten um dieses köstliche Labsal betrügen kann, der
geht mit den erhabensten Gefühlen, mit dem gehobensten Selbstbewusstsein heim.
Das hat wohl auch zu der Sage Anlass gegeben, dass wer ein Fronfastenkind sei, vor
dem Ausbruch der heftigsten Gewitter alte, längst verstorbene Wässerbauern,
welche sich gegenseitig ums Wasser betrogen, in den Wiesen wässern sehe, Graben
auftun, Bretter einschlagen, dann stehen hinter diesem oder jenem Strauch oder
Baume, Feuer schlagend und ihr Pfeifchen rauchend. Man denkt dabei nicht an die
Sitte der rechten Wässerbauern, die alten, hundertjährigen, währschaften Röcke
ihrer Grossväter anzuziehen und uralte Hüte aufzusetzen, da modernes Zeug ins
Wasser hinaus nicht taugt. So sieht man von ferne allerdings ein uralt, längst
zu Grabe gegangenes Geschlecht in den Wiesen hantieren, und manche Gestalt mag
sich vor der andern fürchten, hinter einen Dornstrauch sich bergen. Ginge man
den Gestalten zu Leibe, würde man ganz bekannte Gesichter sehen, deren Beine
noch auf Erden wandeln, aber in den Schuhen der Väter, gehüllt in ihre Röcke,
übend ihre Sitten.
    Uli sah diese Gestalten in den Gründen. Muss pressieren, dachte er, werden
glauben, es gebe ein starkes Gewitter, muss auch profitieren; bin ich nicht
daheim, so macht es mir niemand. Er eilte durch einen Boden oder Tal, welches
ein stattlicher Bach bewässerte, und wie es schien, gut. Von weitem sah er
etwas, nicht weit vom Weg, welches ihm unheimlich vorkam, dass er dachte, er
wollte, er wäre schon vorbei. Es glich einem gestutzten ungeheuren Weidenstrunk,
und doch war es keiner, denn es schien sich zu bewegen, oder einem kleinen alten
Ofenhaus mit russichtem Dache, welches auf schwachen Stützen schwankte. Uli ging
langsamer. Er hatte noch kein Gespenst gesehen; der Drang, einem zu begegnen,
war durchaus nicht gross bei ihm und noch dazu am heiterhellen Tage. Es wäre doch
eine strenge Sache, dachte er, wenn man vor ihnen nicht mehr sicher ist, wenn
noch die Sonne am Himmel steht. Als er näher kam, schien das Ungetüm zu wachsen,
richtete sich auf und stellte sich an eine Wasserschaufel und war anzusehen wie
ein Riese aus dem Gebirge oder wie der Rübezahl geschildert wird. Da stund Uli,
einen solchen Wassermann hatte er nie gesehen. Da kam das Ungetüm mit der
Schaufel auf der Achsel auf ihn zu, und unter einem Hut hervor, den
wahrscheinlich ein Spanier im dreissigjährigen Kriege verloren hatte, rief eine
Stimme: »Komm nur, komm, fürchte dich nicht, bin kein Gespenst.« Es war die
Stimme des Wirts, seines Freundes, unter dem breiten schwarzen Hut hervor, der
seine kolossale Gestalt in einen alten Oberrock seines Vaters, der noch viel
kolossaler als er gewesen, gehüllt hatte, so dass er allerdings von weitem
anzusehen war wie ein Elefant oder ein Rhinozeros, welches auf den hintern
Beinen aufrecht stund. Es leichtete Uli, er bekannte, dass er wirklich nicht
gewusst, wer da so eine Postur mache, ein solcher Grüsel sei ihm noch nie vor,
gekommen. »Und wie ist es gegangen?« frug der Wirt, »hast gewonnen?« Als Uli es
bejahte, stimmte der Wirt einen Lobpsalmen an, aber wohlverstanden, auf sich
selbst. »Nicht wahr, ich habs gesagt, nicht wahr, es kam besser, dass du mir
Gehör gabest als deinem sturmen, auf begehrischen Fraueli; Ja sieh, geirrt habe
ich mich in solchen Sachen noch nie, wie ich sagte, ists noch allemal gegangen.
Muss ich einmal auf, hören zu wirten, fange ich an zu agenten, und nicht lange
soll es gehen, so will ich alle überwunden haben! Komm jetzt, auf den Schrecken
hin wollen wir eins nehmen, es soll dich nichts kosten.« Uli dankte, sagte, er
müsse pressieren, das Wetter gefalle ihm nicht. Es drohe grausam, und breche es
los, so könne es übel gehen, wo es durchfahre. »Komm du nur,« sagte der Wirt,
»eine Flasche ist bald getrunken. So bald gehts nicht los, und daran machen
kannst du nichts, ob du daheim seist oder nicht; das fährt durch, wo es will.
Uns tut es diesmal nichts, zähle darauf, das fährt obenein den Bergen nach.«
 
                              Neunzehntes Kapitel
                   Ein ander Gericht und ein einziger Spruch
Uli wars nicht wohl. Gewohnt, dem immer sehr bestimmt ausgesprochenen Willen des
Wirts sich zu unterwerfen, ging er wohl hin, erzählte, wie es gegangen, aber was
das Mannli ihm gesagt, verschwieg er, das wollte ihm nicht den Hals herauf;
hastig trank er den Wein und pressierte weiter, denn schon bewegte sich stark
das Laub an den Bäumen wie von unsichtbarer Hand, denn kein Wind bewegte die
dicke, heisse Luft. Fernher donnerte es dumpf, fast aneinander, als ob ein
schwerer Wagen über eine hölzerne Diele fahre. Wenn es wettern will, eilt der
rechte Hausvater heim so stark als möglich, dort ist sein Platz, wie der des
Obersten an der Spitze des Regiments, wenn der Feind naht. Man weiss nie, was es
geben kann, und beim Hausvater soll der Rat sein in allen Dingen und die Hand
zur Tat in allen Fällen. Uli eilte weiter trotz den Versicherungen des Wirtes,
er komme ohne Pressieren heim, zu rechter Zeit, und das Wetter ziehe obenein, er
solle darauf zählen.
    Es war merkwürdig am Himmel, drei, vier grosse Wetter standen am Horizonte,
eines drohender als das andere. Feurig war ihr Schoss, schwarz und weiss gestreift
ihr Angesicht, als ob mit der Nacht der Tod sich gatte, dumpf toste es. »Dort
geht es bös, dort hagelts,« sagte Uli halblaut für sich, »wie angenagelt steht
das Wetter; dort hagelt es fast alle Jahre, da möchte ich nicht wohnen, hier
durch kommen solche Wetter nicht, der Wirt hat recht. Joggeli hat gesagt, als er
die ersten Hosen getragen, da habe es einmal gehagelt, er möge sich noch gar
wohl daran erinnern, seiter nie mehr, dass es der Rede wert.« Indessen schneller
wurden ihm unwillkürlich seine Schritte, langsam rückten auch die Wetter herauf
am Horizonte, zogen sich rechts, zogen sich links, feindlichen Armeen gleich,
die sich bald in der Fronte, bald in den Flanken bedrohen, es ungewiss lassen, ob
und wo sie zusammenstossen. Das gefährlichste der Wetter zog seinen gewohnten
Weg, obenein, da kam von dorter ein ander Gewitter rasch ihm entgegen, stellte
seinen Lauf, drängte es ab von seiner Bahn. Gewaltig war der Streit, schaurig
wirbelten die Wolken, zornig schleuderten sie einander ihre Blitze zu. Wie zwei
Ringer einander drängen auf dem Ringplatze ringsum, bald hierhin, bald dortin,
rangen die Gewitter am Himmel, rangen höher und höher am Horizonte sich herauf,
und je wilder es am Himmel war, desto lautloser war es über der Erde. Kein Vogel
strich mehr durch die Luft, bloss ein Lämmlein schrie in der Ferne. Uli ward es
bang. »Das kömmt bös,« sagte er. »Ich habe es noch nie so gesehen. Da ist ein
grosser Zorn am Himmel, wenn ich nur daheim wäre. Hageln wird es, so Gott will,
nicht; es ist mir wegen Einschlagen, es liesse mir niemand das Vieh heraus. In
einer guten Viertelstunde zwinge ichs.« Wie er das für sich selber sagte, ward
er scharf auf eine Hand getroffen. Er zuckte zusammen, sah um sich, sah einzelne
Hagelsteine aufschlagen auf der Strasse, durch die Bäume zwicken, nur hier und da
einer, ganz trocken, ohne Regen, aber wie grosse Haselnüsse waren die Steine. Es
wird doch nicht sein sollen, dachte Uli, und sein Herz zog sich zusammen, dass
das Blut nicht Platz hatte in demselben, dessen Wände zu zersprengen drohte. Es
hörte wieder auf. Uli dachte: »Gottlob, es wird nicht sein sollen, böser hätte
es nie gehen können als gerade jetzt, so kurz vor der Ernte, und jetzt bin ich
daheim oder so viel als.« Uli stund auf einem kleinen Vorsprunge, wo der Weg
nach der Glungge abging und das ganze Gut sichtbar vor ihm lag, da zwickte ihn
wieder was und zwar mitten ins Gesicht, dass er hoch auffuhr, ein grosser
Hagelstein lag zu seinen Füssen. Und plötzlich brach der schwarze Wolkenschoss,
vom Himmel prasselten die Hagelmassen zur Erde. Schwarz war die Luft, betäubend,
sinneverwirrend das Getöse, welches den Donner verschlang. Uli barg sich mühsam
hinter einen Kirschbaum, welcher ihm den Rücken schirmte, verstiess die Hände in
die Kleider, senkte den Kopf bestmöglich auf die Brust, musste so stehen bleiben,
froh noch sein, dass er einen Baum zur Stütze hatte, weiterzugehen war eine
Unmöglichkeit.
    Da stund er nun gebeugt am Baume in den sausenden Hagelmassen, seines Lebens
kaum sicher, fast wie an den Pranger gebunden, vor seinen vor kurzem so schön
prangenden Feldern, welche jetzt durch die alles vernichtenden Hagelwolken
verborgen waren. Uli war betäubt, keines klaren Gedankens fähig, er stund da wie
ein Lamm an der Schlachtbank; er hatte nichts als ein unaussprechlich Gefühl
seines Nichts, ein Zagen und Beben an Leib und Seele, das oft einer Ohnmacht
nahekam, dann in ein halb bewusstlos Beten überging. Das Zagen und Beben entstund
eben aus dem dunkeln Gefühl, dass die Hand des Allmächtigen auf ihm liege.
    So stund er eine Ewigkeit, wie es ihm vorkam, in Fetzen schien Gott die Erde
zerschlagen zu wollen. Da nahm das schreckliche Brausen ab; wie eine milde,
liebliche Stimme von oben hörte man das Rollen des Donners wieder, sah die
Blitze wieder zucken, der Gesichtskreis dehnte sich aus, die Schlacht tobte
weiter, die Wolkenmassen stürmten über neue Felder, rasch hörte der Hagel auf,
freiern Atem schöpfte wieder der bis zum Tode geängstigte Mensch.
    Auch Uli hob sich auf, zerschlagen und durchnässt bis auf die Haut, aber das
fühlte er nicht. Vor ihm lag sein zerschlagener Hof, anzusehen wie ein Leichnam,
gehüllt in sein weisses Leichentuch; von den Bäumen hing in Fetzen die Rinde, und
verderblich rollten die Bäche durch die Wiesen. Aber Uli überschlug den Schaden
nicht, schlug die Hände nicht über dem Kopfe zusammen, fluchte nicht,
verzweifelte nicht. Uli war zerknirscht, war kraftlos an Leib und Seele, fühlte
sich vernichtet, von Gottes Hand niedergeschlagen. Ob er was dachte oder nicht,
wusste er nie zu sagen. Er wankte heim, merkte Vreneli nicht, welches weit vom
Hause die Knechte regierte, dass sie Einhalt täten den stürmenden Wassern, bis es
ihm um den Hals fiel mit lautem Jubel und sprach: »Gottlob bist da! Nun, wenn du
da bist, ist alles wieder gut und gut zu machen. Aber was ich für einen Kummer
um dich ausgestanden, das glaubst du nicht. Mein Gott, wo warst in diesem
Wetter! Gewiss im Freien, und kamst lebendig davon!« Die freundliche Teilnahme
weckte Uli aus der stumpfen Betäubung, doch bloss bis zu den Worten: »Es wäre
vielleicht besser anders, mir wäre es wohl gegangen und niemand übel.« »Nit,
nit« sagte Vreneli, »versündige dich nicht. Es ist übel gegangen, viel zu übel;
als es am stärksten machte, wollte es mir fast das Herz abdrücken, es war mir,
als sollte ich dem lieben Gott zuschreien, was er doch denke. Da fiel mir ein,
du könntest im Wetter sein, vom Blitze getroffen werden oder sonst übel
zugerichtet. Da war es mir weder um Korn noch Gras noch Bäume mehr; es kömmt ein
ander Jahr, und da wachsen wieder andere Sachen, aber wenn es nur Uli nichts
tut, dieser recht nach Hause kömmt, so macht alles andere nichts, ward mir. Da
fasste ich mich, und sobald man vor das Dach durfte, sah ich nach dem Wasser, und
siehe, da kömmst du daher, und jetzt ist alles gut. Jetzt komm heim, du hast es
nötig.« »Siehst?« sagte beim Gehen Uli, »kein Halm steht mehr, kein Blatt ist an
den Bäumen, alles am Boden, alles weiss wie mitten im Winter. Was jetzt,« Er
stund still und zeigte Vreneli hin über das Gut.
    Es bot wirklich einen herzzerreissenden Anblick, sah schaurig aus, ein
Schlachtfeld Gottes, wo seine Hand über den Saaten der Menschen gewaltet.
Unwillkürlich tränten Vrenelis Augen und seine Hände falteten sich, aber es
suchte sich stark zu machen, es sagte: »In Gottes Namen, es sieht schrecklich
aus, aber denk, Gott hat es getan, wer weiss warum! Wir müssen es nehmen, wie er
es gibt; er, der uns geschlagen hat, kann uns auch helfen, mit Kummern und
Klagen richten wir nichts aus. Denk, wie es heisst: Sorget nicht für den
morgenden Tag, es ist gut, dass jeder Tag seine eigene Plage habe.« »Das steht
schön geschrieben, aber wer kann es so nehmen,« sagte Uli, »bsunders -« Doch
Vreneli fiel ihm ins Wort und sagte: »Nit, nit, Uli! Immer denken muss man so,
dann kommt es einem auch so ins Herz und man weiss nichts mehr anders. Aber sieh,
was ist das? Du mein Gott!« Es war eine Brut junger Wachteln; wahrscheinlich
hatte die Mutter mit ihren Kleinen ins nahe Gebüsch fliehen wollen, und als sie
merkte, dass es nicht ging, die Jungen, welche ihr gefolgt, noch einmal unter
ihre schirmenden Flügel gesammelt und so mit ihnen den Tod gefunden. Sie lag mit
ausgebreiteten Flügeln tot, unter denselben und um sie her ihre Jungen alle, sie
war den Tod der Treue gestorben. »So wäre es einem am wöhlsten,« sagte Uli.
Vreneli antwortete nicht darauf, sondern sammelte die armen Tierchen in seine
Schürze und sagte: Die müsse ihm keine Katze fressen oder ein ander wüst Tier.
Die Alte mit ihren Kindern verdiene begraben zu werden wie ein Mensch, denn
braver als mancher Mensch hätte sie gehandelt.
    Unter dem Dache seines Stöckleins steckelte Joggeli im Hagel, der dort hoch
aufgetürmt lag, und sagte: »Gross wie Baumnüsse sind sie, so grosse Steine sah ich
nie. Es war ein schrecklich Wetter, es weiss kein Mensch, wie übel es gegangen,
gleich vor der Ernte, das wird manch Lehnmannli schütteln und erlesen. Aber sie
sind selbst schuld, warum tun sie nicht in die Assekuranz; gerade für solche
Leute, die ein Hagelwetter nicht ertragen mögen, wäre sie. Aber wunder nimmt es
mich, warum es gerade in diesem Jahre nach siebenzig Jahren zum erstenmal wieder
gehagelt hat und so grob; da muss was Apartes dahinter sein, ich wüsste sonst
nicht, warum Gott es gerade jetzt wieder hätte hageln lassen. Wenn es nur so
wegen dem allgemeinen Gebrauch wäre, so wäre es schon lange wieder geschehen,
aber warum gerade jetzt wieder? Das dünkt mich kurios.« Er erhielt keine
Antwort. Als sie ins Haus waren, sagte Joggeli: »Jetzt ist dem das Reden doch
einmal auch vergangen, es dünkt mich nicht anders. Ich will nicht sagen, dass ich
es ihm gönnen mag, aber recht ist, dass dem auch mal was auf die Nase kömmt. Wenn
ich nur schon meinen Zins hätte, da lässt sich zur rechten Zeit zusehen, dass ich
zu meiner Sache komme.«
    Vreneli unterdrückte mit aller Macht Klagen und Kummer, war mit aller
Teilnahme um Uli besorgt, legte trockne Kleider zurecht, bereitete einen guten
Kaffee, der Weiber Tröster in allen Nöten. Aber duster blieb Uli, sprach nicht,
legte statt zu essen und zu trinken den Kopf in die Arme auf den Tisch und
seufzte tief Vreneli sprach zu, guten Muts zu sein, das sei die Hauptsache. Noch
hätten sie auch noch etwas, hätten gute Leute, und an dem, was Gott tue, sei
doch noch selten jemand zugrunde gegangen, wenn er standhaft geblieben und Herz
und Kopf am rechten Flecke behalten; wer zugrunde gehe, sei gewöhnlich selbst
daran schuld. »Eben das ists,« sagte Uli, »du weisst darum nicht alles.« »Und
wenn du den Prozess auch verloren hast,« sagte Vreneli, »so macht das wieder
nichts, es geht nicht um Frankreich, es ist ein Lehrgeld für ein andermal.« »Ja,
wenn ich ihn verloren hätte, da wäre es wohl gut, ich wäre dessen noch froh,
dann hätten wir das Hagelwetter nicht und ich nichts auf dem Gewissen, welches
mir niemand mehr von demselben nimmt.«
    Nun erzählte er Vreneli, wie er den Prozess gewonnen; nach dem Gesetze habe
er recht gehabt, so hätten es die Richter gesagt. Angelogen habe er das Mannli,
das sei wahr, aber das sei nicht gegen das Gesetz gewesen, und über den Gewinn
sei er ganz froh gewesen, bis das Mannli von Weib und Kindern gesprochen und ihm
angewünscht, dass Gottes Hand ihn entweder beizeiten treffen oder er am Galgen
sterbenmöchte. Die Worte hätten ihm schwer gemacht und nicht aus dem Sinne
wollen, es sei ihm immer gewesen, wäre er nur daheim; aber an ein Hagelwetter
habe er nicht gedacht, da es ja hier nicht hagle, höchstens alle hundert Jahre
einmal. Er habe wohl gesehen, dass es hagle gegen das Oberland, er habe den
Zusammenstoss der Wetter gesehen und wie sie einander heraufgetrieben gerade
gegen ihn zu; es sei ihm kalt geworden ums Herz, er habe denken müssen: kömmt
ein Blitz und trifft er dich? Als der Hagel losgebrochen, als er wie ein armer
Sünder am Halseisen unter dem Baume gestanden, da habe er den Blitz erwartet und
nichts denken können als: Gott sei meiner armen Seele gnädig! Mit dem Leben sei
er davongekommen, aber was jetzt? Ein armer Tropf, solange er lebe, dass ärmer
keiner auf der Welt sei. Er sei nun um seine Sache, sei um ein gutes Gewissen,
müsse sein Lebelang denken, er habe sich und noch einen unglücklich gemacht, und
wenn er schon gut machen wollte, so seien ihm die Hände gebunden, da er selbst
nichts habe. Als der Alte vorhin gesagt, es nehme ihn wunder, warum es gerade
jetzt hageln müsse, da hätte er es ihm sagen können, aber nichts als wünschen,
wenn er doch nur zehntausend Klafter tief unter dem Boden wäre.
    Vreneli hatte mit Beben Ulis Beichte gehört. Es war weit entfernt, die Sache
leicht zu nehmen und Uli die Art, wie er das Gewitter auffasste, auszureden. Es
hatte einen innigen Glauben an den Zusammenhang der göttlichen Fügungen mit den
menschlichen Handlungen, glaubte an eine Vorsehung, welche die Haare auf dem
Haupte kennt und die Sperlinge auf dem Dache behütet, es glaubte an die
zeitlichen Strafen, aber als eine Zucht, welche wirken soll bei denen, welche
Gott lieben, eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit. Als es stumm dagesessen
und lange um das rechte Wort gerungen und es nicht gefunden - klagen, Vorwürfe
machen wollte es nicht, und wie trösten? -, da stund es plötzlich auf, holte das
heilige Buch, suchte, fand und las: »Betrachtet doch den, der ein solches
Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, auf dass ihr nicht matt
werdet, den Mut fallen lasset! Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden
über dem Kämpfen wider die Sünde. Und, Lieber, habt ihr schon allbereits
vergessen die Vermahnung, die mit euch als mit Söhnen redet? Mein Sohn, spricht
sie, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von
ihm gestraft wirst, denn welchen der Herr lieb hat, den züchtigt er; er geisselt
aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. So ihr die Züchtigung erduldet, so
erbeut sich Gott gegen euch als gegen Söhne; denn welcher Sohn ist, den der
Vater nicht züchtigt? Seid ihr aber ohne Züchtigung, deren sie alle sind
teilhaftig worden, so seid ihr Bastarde und nicht Söhne. Darnach so haben wir
die Väter unseres Fleisches zu Züchtigeren gehabt und sie gescheuet; sollten wir
dann nicht viel mehr untertan sein dem Vater der Geister, dass wir leben? Denn
jene haben uns gezüchtigt wenig Tage nach ihrem Gutdünken; dieser aber züchtigt
uns zunutze, auf dass wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Eine jede
Züchtigung aber, wenn sie gegenwärtig ist, dünket sie uns nicht Freude, sondern
Traurigkeit zu sein; aber darnach gibt sie denen, die durch sie geübet sind,
eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit. Darum richtet wieder auf die sinkenden
Hände und die müden Knie und machet richtige Wegleisen euren Füssen, auf dass
nicht, was lahm ist, abgestossen werde, sondern vielmehr gesund werde! Jaget dem
Frieden nach gegen jedermann und der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn
sehen wird! Und sehet darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäumet, dass nicht
etwa eine Wurzel der Bitterkeit auf, wachse und Unruhe anrichte und Viel durch
dieselbige befleckt werden!«
    »Das wäre schön,« sagte Uli, als Vreneli zu lesen aufhörte und ihn ansah,
»wer es fassen könnte.« Da wurde er abgerufen, die Knechte fühlten einmal, dass
sie den Meister bedurften. Die Ställe waren voll Vieh, und keine Hand voll Gras
wäre in diesem Augenblick auf dem ganzen Gute zu haben gewesen; die Trümmer
waren mit Hagel bedeckt, das neue Heu noch in Gärung. Da kam es Uli wohl, dass er
dafür sorgte, so viel als möglich durch den grössten Teil des Sommers altes Heu
zu haben; dies kömmt in gar vielen Fällen äusserst bequem, immer ists freilich
nicht zu machen, es gibt Jahre, wo man froh ist, wenn Heu und Gras einander
erreichen.
    Vreneli war sehr bewegt in seinem Gemüte, es fühlte wohl, wie schwer es sei,
den wahren Trost zu fassen, wie schwer, über alle irdischen Kümmernisse den
Glauben zu erheben, dass das, was Gott tue, wohlgetan sei. Es pries als ein gross
Glück das Unglück, wenn dadurch Uli aus dem Wirbel des Zeitlichen dem höhern
Ziele zugewendet worden, aber dazwischen kamen ihm doch die Sorgen: was werden
wir essen und womit werden wir uns kleiden, Am tiefsten ergriff ihns, dass indem
sie unglücklich geworden und geschlagen, das Mannli seine Sache doch nicht
wieder hätte, doch vom Höflein komme, mit den Kindern dem heiligen Almosen nach
müsse, dass sie nicht imstande seien, ihn mit Geld zu sühnen; was sie auf-und
anbringen möchten, gehöre Joggeli, dem alten Gläubiger, und wie es herauskäme,
wenn sie diesem geben würden, was sie ihm nicht schuldig seien, und da nicht
zahlen, wo die Schuld verschrieben sei? Das plagte ihns. Es sagte sich freilich,
das Mannli sei auch etwas schuld an der Sache, es habe sich immer sehr hässig
gebärdet und aufbegehrt; wenn es freundlicher getan, so hätte Uli vielleicht
nachgegeben. Indessen hatte eben das Mannli recht und Uli unrecht. Vreneli wusste
sich nicht anders zu helfen, als die Sache auf Gott zu stellen, ihn zu bitten,
dort gut zu machen, was selbst zu tun er ihnen selbst die Hände gebunden.
    Das Haus war ihnen also nicht verbrannt, aber alles, was auf dem Gute
grünte, verhagelt worden. So geht es oft; man fürchtet etwas als das grösste
Unglück, damit wird man verschont, dagegen bricht ein anderes über uns herein,
an das man nicht gedacht, welches aber viel grösser und schwerer ist.
    Der Morgen nach einem Brande ist ein trauriger Morgen, da steht man an der
Brandstätte und denkt ans Haus, wie es gewesen und was alles darin gewesen. Dann
geht man auf die Brandstätte, sucht im rauchenden Schutte dieses, jenes; das
eine findet man nicht, von anderm Bruchstücke, die nicht zu brauchen sind; dann
will man traurig weg und kann doch nicht, und immer wieder zieht es einem
zurück, zu suchen nach diesem, nach jenem, zu schauen, wie es jetzt ist, zu
denken, wie es gewesen.
    Aber nicht viel weniger traurig ist der Morgen nach einem grossen
Hagelschlag, besonders für einen Pächter, der den verschiedenen Pflanzungen
nachgeht, traurig die Stummel und Trümmer betrachtet und überschlägt: Soviel
hätte mir dieses ertragen, soviel jenes, und jetzt nichts; die Bäume betrachtet
und denkt: So manches Jahr sind sie nun unfruchtbar, und viele sterben; denken
muss: Wo jetzt zu essen nehmen, was jetzt pflanzen, dass man im Herbst doch noch
einen kleinen Ertrag hat, etwas für die allerhöchste Not, Das sind traurige
Wanderungen, besonders wenn bei der Heimkunft der Pachterr unter dem Dache
steht und sagt: »Höre du, was ich sagen wollte, es wäre mir lieb, wenn du mir
geben könntest, was du mir vom vorigen Jahre noch schuldig bist, es war diesen
Morgen jemand bei mir und ich sollte Geld haben.« Besonders wenn man dazu noch
angegriffen ist an Leib und Gemüt, alle Glieder schmerzen, die Beine so schwer
sind, dass man glaubt, sie gingen knietief in der Erde, und die Seele so voll
ist, dass man sich hinlegen, sterben möchte, der Mut zu allem fehlt. Vreneli
munterte Uli auf, gab verständigen Rat, tröstete ihn über Joggelis Unverstand,
dass der nichts zu bedeuten hätte, doch alles umsonst. Uli blieb zerschlagen in
Gliedern und Gemüt.
    Nachmittags sagte ihm Vreneli, sie wollten zusammen die mit dem Gute nicht
zusammenhängenden Äcker besuchen. Auf einem derselben, der durch einen Hügel vom
Ganzen getrennt war, hatten sie eine sehr bedeutende Kartoffelpflanzung. Mit
grosser Mühe konnte Vreneli ihn dazu bewegen und bloss durch die Vorstellung, dass
sie doch zusehen müssten, ob man noch irgend einen Ertrag erwarten könne oder
neue setzen müsse. Wenn man gleich dran hingehe, so könne man bis im Späterbst
noch Erdäpfel erwarten, besonders von rasch wachsenden, schnell reifenden
Sorten. In den nähern Äckern fanden sie die gleiche Verheerung, mit grosser Not
bewegte Vreneli den Mann, noch zu den Erdäpfeln zu gehen. Er möge nicht, sagte
Uli, es seien ihm die Beine wie zusammengebunden. Vreneli gab nicht nach. Uli
ging. Als sie auf der Höhe waren, sahen sie zu ihrer grossen Verwunderung den
ganzen Acker fast unversehrt. Je stärker ein Hagelschlag ist, desto schärfer ist
er zumeist begrenzt. Auf der einen Seite eines Weges oder eines Zaunes sieht man
alles zerschlagen, auf der andern keine Spur eines Hagelkorns. Fast laut auf
hätte Vreneli gejauchzt. Es fühlte so recht die Freude über etwas, welches man
verloren geglaubt und unversehrt wieder gefunden. Es nahm es als ein Pfand, dass
alles besser kommen werde, als es den Anschein habe. »Nun freue dich, Uli,«
sagte es; »hat man Kartoffeln, so hat man alles, die Sache wird sich schon
machen.« »Ja, wenn es mit dem Essen gemacht wäre,« sagte Uli. »Es wäre schier
besser, es wäre alles im gleichen Loch, so wüsste man, woran man wäre; was helfen
Erdäpfel?« Dem Mutlosen gilt alles nichts, dem Mutigen wenig viel.
    Am folgenden Tag fuhr ein Wägelchen an; Vreneli stiess einen Schrei der
Freude aus, Uli hob kaum den Kopf, denn ihm war noch schlimmer als am vorigen
Tag. Auf dem Wägelchen sassen der Bodenbauer und seine Frau. Sie waren lange
nicht dagewesen, hatten das Unglück vernommen, kamen nun selbst, zu sehen, wie
es stehe und welche Hülfe die beste sei; es waren wahre Freunde in der Not. Sie
sahen mit innigem Mitleid die Verwüstung, wie ihnen seit langem keine
vorgekommen, besonders erbarmten sie die armen Bäume, welche jahrelang siechen
und fruchtlos bleiben mussten. Auf Vrenelis Antrieb gingen sie allentalben
herum, und Vetter Johannes musste raten und sagen, was man vorzukehren hätte, um
noch so viel möglich Nutzen zu ziehen aus diesem und jenem, was umzufahren sei,
was man stehen lassen, was ab, mähen solle usw. Uli war wohl auch dabei, aber es
war fast, als ob er keine Ohren hätte, die Sache ihn nichts anginge. Joggeli
trappete auch nach, gab hier und dort verblümte Stiche, die niemanden trafen als
Vreneli, welches seine Redeweise am besten kannte. Es lud ihn ein, mit ihnen zu
essen, er gab jedoch zur Antwort, sie hätten ihre Sache selbst zu brauchen und
niemanden nötig, ihnen dabei zu helfen.
    Dem Bauer und der Bäuerin war Ulis Niedergeschlagenheit aufgefallen, nach
der Weise bedächtiger Leute hatten sie aber nichts davon gesagt. Nach dem Essen
stellte Vreneli nach Landessitte, wo der Wein erst nach dem Essen erscheint,
wenn nämlich welcher erscheint, eine Mass auf den Tisch und schenkte ein. »Warum
hast doch Kosten,« sagte die Bodenbäurin, »wir haben es nicht nötig und ihr das
Geld sonst zu brauchen; daneben wenn ihr was nötig habt, so sprechet zu, wenn
wir es haben, so soll es nie Nein heissen. Gerade in solchen Zeiten hat man
einander nötig, gehts gut, so kann man es alleine machen.« »So ists,« sagte der
Bodenbauer, »und was meine Frau sagt, ist nicht bloss geredet, sondern ist Ernst.
Aber sag mir, Uli, was ist mit dir? Dich kenne ich gar nicht wieder, warst sonst
doch nicht so verdrückt und ohne Mut; warst wohl manchmal obenaus und liessest
wieder die Flügel sinken vor der Zeit, aber wenn du sahest, dass man dir zu
helfen begehre, und man dir das Kinn in die Höhe drückte, so warst wieder ein
Mann. Aber heute will gar nichts anschlagen bei dir, essen und trinken tust du
nichts, reden nichts, und seit einer Weile ists, als hörtest du nichts! Rede,
was ists?« »Ich bin nicht zweg,« sagte Uli matt, »es ist mir in allen Gliedern,
es ist mir, als wäre ich unter der Erde. Es wäre gut, ich wäre es schon, denn an
allem bin ich schuld.« Vreneli wollte unterbrechen, der Bodenbauer fragte, Uli
sagte zu Vreneli: »Rede selbst und sag, wie die Sache sich verhält es tut mir
der Kopf so weh! Sage nur alles, es ist am besten, sie wissen, wie es ist.«
    Vrenelis Verstand sah alsbald, dass Offenheit hier am Platze sei. Johannes
war Bürge, und wenn jemand mit Rat und Tat beistehen konnte, so war er es. Wenn
man Beistand will, muss man offen sein; nichts schreckt hülfsbereite Menschen
mehr ab, als wenn sie merken, dass man ihnen viel oder die Hauptsache
verheimlicht, wodurch jede Hülfe nichts ist als in einen Abgrund geworfene
Schätze. Vreneli erzählte klar, aber so schonend als möglich. Als es ihre
Finanzzustände auseinandersetzte, berührte es begreiflich auch das Verhältnis
mit Wirt und Müller, aber nur leise, so dass, wer nicht die ländlichen
Verhältnisse ganz genau kannte, nichts Besonderes bemerkte. Ebenso machte es es
mit dem Prozess, als es aber zu dessen Ende kam und dessen Zusammenhang mit dem
Hagelwetter erzählte und wie Uli dies jetzt so schwer nehme, da sagte die
Bodenbäurin ein über das andere Mal: »Mein Gott, mein Gott, ist das möglich!«,
und der Bodenbauer meinte, so was sei doch wirklich seit langem nicht er, lebt
worden. Aber wenn es so sei, so solle Uli sich eben trösten, denn es sei ein
Zeichen, dass Gott es gut mit ihm meine. Eine Züchtigung, und sei es auch ein
solch Hagelwetter, sei doch immer besser, als am Galgen zu sterben. Auch vergass
Vreneli nicht zu erwähnen, wie Joggeli keinen Verstand habe, was sie auch an ihm
täten. Doch hätte dieses so viel nicht zu bedeuten, denn Ernst würde er von sich
aus nicht machen; aber Sohn und Tochtermann seien immer geldbedürftig, liessen
sich vielleicht seine Anforderungen abtreten oder beschummelten ihn auf andere
Weise, dass sie zwischen Tür und Angel kämen. Es sei Keinem zu trauen, namentlich
der Tochtermann sei des Ärgsten fähig, und Joggeli, obgleich beständig
aufbegehrend, sei so leicht einzuschüchtern wie ein Huhn, und obgleich alle
Menschen tadelnd, in vielen Dingen einfältiger als die dümmste Frau. So sei er
nicht immer gewesen, aber das Alter sei da und die Frau fehle ihm.
    Johannes ging hinüber zu Joggeli und hatte eine lange Konferenz mit ihm.
Diese Konferenz war keine Intervention, auch keine Mystifikation auf die Weise,
wie ein übermütiger englischer Junge sie wohl probiert an neugebackenen
Diplomaten, sondern sie war bloss ein Sondieren, ein freundlich Bestimmen, ein
Zusichern, man sei dann auch noch da, und deswegen solle Joggeli keinen Kummer
haben, sondern bloss Geduld, wenn es sein müsse. Das Beste versprach Joggeli,
denn Respekt hatte er vor dem Bodenbauer, und als die besten Freunde schieden
sie. Darauf hatte Johannes noch eine Privatkonferenz mit Vreneli. »Sieh,
Fraueli,« sagte er, »dein Mann ist nicht zweg, das Zeug hat eingeschlagen bei
ihm, es ist sich aber auch nicht zu verwundern, so was wird nicht alle Tage
erlebt; daneben ists besser, nicht zu viel davon zu reden einstweilen. Lass
morgen den Doktor holen, besser wärs, er würde krank, als dass es ihm ins Gemüt
schlägt, das ist schwer zu heilen. Du musst die Zügel fassen, lass alsobald dies
und jenes machen, und wenn du mich nötig hast oder Geld willst, so lass es mir
sagen. Bös stehts nicht mit euch, aber gut wärs, ihr stündet in keinen
Rechnungen; das ist ungut, besonders wenn euer Hausbuch nicht in Ordnung ist,
was kaum sein wird. Ich kenne das Hagelwerk und die Hagle, welche auf diese
Weise handeln, nie rechnen wollen und endlich, wenn es sein muss, mit Rechnungen
ausrücken, vor welchen des Teufels Grossmutter sich schämen würde. Du kannst
daran nichts machen, musst warten, bis Uli wieder zweg ist, aber dann muss die
Sache abgetrieben sein und ausgemacht bis auf den letzten Kreuzer. Können solche
Leute einem nur die Fingerspitze berühren, so wird man ihrer nie los. Dann sage
aber Uli alle Tage: Ehrlich währt am längsten, dass er es nie mehr vergisst. Von
Joggeli habt ihr einstweilen nichts zu fürchten, daneben kann man auf solche
Leute sich nie verlassen, es kömmt immer darauf an, wer zuletzt bei ihnen ist.
Sieh gut zu ihm, so viel Verstand hat er noch, dass er dies einsieht.« Vreneli
jammerte wegen Uli. Wenn man meine, man habe das grösste Unglück erlebt, welches
möglich sei, so zeige sich schon ein anderes, noch viel grösseres, dass man bitten
müsse: Nur das nicht! und versprechen, das Vergangene wolle man gerne ertragen
und nicht mehr klagen. So habe es es jetzt; vom Hagelschaden wollte es nun
nichts mehr sagen, wenn nur Uli zweg wäre, der mache ihm jetzt den grössten
Kummer. »Zeige ihn nur nicht und rede nicht zu viel mit ihm von der Sache, es
wird schon bessern, aber man muss einige Zeit vorüberlassen. Hast gehört, sei nur
nicht verzagt, es war schon Mancher tiefer drin und kam wieder zweg.«
    Auf dem Heimwege sagte er seiner Frau: »Es ist doch kurios mit dem Menschen!
Dass Uli so einfältig sei und so dumm tun könnte, hätte ich mein Lebtag niemand
geglaubt, aber es muss halt alles gelernt sein auf der Welt, und wenn einer auf
einem Platze gut ist, so ist es noch lange nicht gesagt, dass man ihn auf einem
andern auch wieder brauchen könne. Da war der Uli ein vortrefflicher Knecht,
besser war er nicht zu wünschen; jetzt als Pächter macht er dummes Zeug, und
wenn man nicht zu ihm sieht, so stellt es ihn auf den Kopf Es ist halt Mancher
ein guter Soldat und ein schlechter Oberst! Ist sparsam, häuslich, hat bös und
macht doch alles, was dumm ist und zu nichts führt, macht den guten Mann,
handelt mit Händlern, prozediert, hat schlechtes Gesinde, es fehlen nur noch die
Juden. Übersteht ers, so zweifle ich nicht daran, es gibt noch ein Mann aus ihm,
die Frau ist gut, die hält ihm den Kopf über dem Wasser. Gut ists, dass es zu
rechter Zeit so kam, später hätte es doch fehlen können, aber merkwürdig ists,
wie unser Herrgott die Menschen fasst.« »Der alte Gott lebt gewiss noch,« sagte
die Bäurin; »ich zweiflete zwar nie daran, aber wohl hart hat er es dem armen
Uli gemacht. Es ist noch die Frage, ob er es aussteht, er hat zuletzt Sachen
gesagt, wo ich nicht wusste, war er noch bei Verstand oder nicht.« »Habe nicht
Kummer,« sagte der Bodenbauer, »wen Gott doktert, der geht an diesem Doktern
nicht zugrunde; er ist kein junger Pfuscher, der sich im Zeug vergreift und
pfundweise gibt, was man bloss lotweise verträgt, er kennt das Mass, was einer
ertragen mag und was ihm gut ist, er wird es wohl machen.« »Amen,« sagte die
Frau.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                              Des Spruches Folgen
Vreneli war von den seltenen Weibern, welche regieren und gehorchen können,
beides am rechten Orte, das sind rare Vögel. Es lief nicht umher wie ein
Kiebitz, wenn er einen Frosch sieht, mit schrecklichem Geschrei: »Was soll ich
machen? Was soll ich machen?« und machte am Ende von allem, was man ihm angab,
das Gegenteil, damit die Welt merke, wer da regiere und Meister sei. Es regierte
auch nicht von vornenherein in die Kreuz und in die Quer und fuhr nachher, wenn
alles krumm kam, herum um Rat wie eine Katze, welcher man Nussschalen an die
Tälpchen oder Glöcklein an den Schwanz gebunden. Diese Sorten von Weibern sind
weniger rar. Vreneli war es weder um eine törichte Erhebung seiner Person zu
tun, noch war es von einer törichten Selbstverblendung besessen, welche so rasch
in trostlose Ratlosigkeit übergeht. Vreneli war es um die Sache zu tun; es besass
die Klarheit des Geistes, zu erkennen den besten Rat, die Selbstüberwindung, ihn
da mit Dank zu nehmen, wo es ihn fand, und die Kraft, ihn mit Energie, als ob er
in ihm selbst entstanden, durchzuführen.
    Uli mochte am andern Morgen wirklich nicht aufstehen, lag in einer
Abspannung, welcher Vreneli keinen Namen zu geben wusste. Der Doktor ward
berufen, sah den Zustand lange an und sagte endlich, er wisse nicht recht, wo
das hinaus wolle, er wolle etwas geben und ein oder zwei Tage die Wirkung
abwarten. Es war der gleiche Arzt, zu welchem die Base ihr Zutrauen gehabt und
es auf Vreneli vererbt hatte. Joggeli konnte ihn aber durchaus nicht leiden, er
behauptete immer, derselbe habe seine Frau getötet, aber sie sei selbst schuld
gewesen, hätte sie einen andern gebraucht, so hätte sie noch bis zum jüngsten
Tag leben können. Sobald der Arzt fort war, kam Joggeli dahergesteckelt und
frug, was es gegeben, dass der wieder da sei? Es wäre ihm lieber gewesen, er
hätte ihn nicht mehr sehen müssen. Er erschrak sehr, als er hörte, Uli sei im
Bett und gar nicht zweg, der Doktor wisse noch nicht recht, wo die Sache hinaus
wolle, die Krankheit habe den entscheidenden Charakter noch nicht angenommen.
Das glaube er, sagte Joggeli, das wisse der noch nicht, aber lang könne man
warten, bis es ihm in Sinn komme. Man werde doch nicht wollen den brauchen, der
verstehe sich auf das Wasser nicht, sehe es kaum einmal an, verstehe sonst
nichts; wenn man es begehre, so wolle er es Lürlipeter sagen, dass er komme; wenn
man den nur höre, so dünke es einem, es habe schon gebessert, so verstehe der
die Sache dar, zutun und könne exakt sagen, wo es fehle. Joggeli hatte sehr
Angst, nicht sowohl wegen Uli, sondern wegem Gelde, plagte daher Vreneli sehr,
bald mit dem Gelde und bald mit dem Arzte. Dazu hetzten ihn der Tochtermann und
teilweise auch der Sohn auf. Er sehe ja, dass das nicht gehe, er solle machen,
dass die Schuld nicht zu gross werde, sonst habe er das leere Nachsehen. Was er
dem Bodenbauer versprochen, war vergessen, und was Vreneli jetzt für eine Zeit
hatte, das kümmerte ihn nicht, denn Vetter Joggeli hatte sich nie in die Lage
eines Andern gedacht, zum Mitleiden war er nicht geschaffen.
    Vreneli hatte viel auf den Schultern, sehr viel; eine Menge Arbeiten mussten
rasch gemacht werden, um den Boden einigermassen noch zu benutzen und den Schaden
zu verkleinern, dazu schlechtes Gesinde, Uli in einem hülflosen Zustande, zu
welchem der Arzt den Kopf schüttelte, ein Nervenfieber hatte ihn erfasst. Wenn
man ihm zuvorkommen möchte, sagte der Arzt zwar, habe er diese Wendung so ungern
nicht, viel lieber, als wenn es sich ihm ins Gemüt verschlagen hätte. Bei
solchen Krankheiten merke der Arzt, wie alles Wissen Stückwerk sei; gar
wundersam seien leibliche und geistige Zustände in einander verflochten; diese
Verschlingungen zu verfolgen, gebe es keine Brille, man möge deren nehmen, von
welcher Sorte man wolle. Zu diesem allem immer den nachsteckelnden Joggeli mit
seinem Gestürm wegen Lürlipeter und wegen dem Gelde. Vreneli ertrug ihn mit
grosser Geduld, aber endlich wusste es sich nicht mehr zu helfen und schrieb dem
Bodenbauer.
    Der kam und wusch Joggeli tapfer den Kopf, zahlte ihm zugleich auch den
Rückstand. »Aber jetzt plaget mir die Frau nicht mehr, das ist eine, die Hosen
anhat und tüchtiger ist als mancher Mann. Wenn unser Herrgott einem Menschen
Unglück geordnet hat, so sind die andern Menschen nicht dafür da, dass sie nun
auch auf ihn losfahren und ihm vollends den Garaus machen, sondern um Geduld zu
haben und nach Kräften zu helfen.« Zugleich suchte er mit Joggeli wegen dem
Hagelschaden in Beziehung auf den laufenden Zins zu unterhandeln. Ehe eine
Hagelversicherungsanstalt da war, stund in den meisten Pachtakkorden ein
Artikel, welcher das Verhältnis bestimmte, nach welchem Pächter und Pachterr
den etwaigen Hagelschaden tragen sollten. Jetzt übergeht man entweder diesen
Punkt ganz, der Pachterr überlässt dem Pächter, zu versichern oder nicht,
kümmert sich dann aber um den etwaigen Schaden nicht, oder aber es wird
bestimmt, dass man versichern solle, und ein Beitrag des Pachterrn zu den
Versicherungsgeldern bestimmt. So etwas stund auch im Akkord auf der Glungge.
Aber nun hatte Joggeli zu Uli gesagt: »Sei doch nicht ein Tropf und versichere,
was willst du für die zahlen, welche alle Jahre verhagelt werden? Es hagelt ja
nie hier. Wenn du zehn Jahre zusammenlegst, was es dich in die Kasse jährlich
kosten würde, so kannst du ruhig im eilften hageln lassen, und vielleicht hagelt
es die nächsten fünfzig Jahre noch nicht.« Uli gefiel das, er hatte das Geld
nötig, behielt daher gerne den Kreuzer und vergass den Taler, der dadurch
gefährdet war. Er dachte nicht an die Hälfte, welche Joggeli an die Kasse zahlen
musste, und nicht daran, Joggeli zu fragen: »Und wenn es dann hagelt, tragt Ihr
mit die Hälfte des Schadens?« Auch der Bodenbauer als Bürge hatte vergessen,
dar, nach zu fragen. Er wusste, was im Akkord stund, und hielt Beide für gescheut
genug, den Artikel zu erfüllen. Er war erschrocken, als er hörte, wie es stund,
und ging nun hinter Joggeli. Joggeli gab, als er den Rückstand eingestrichen
hatte, den besten Bescheid, aber keinen einlässlichen. Das werde sich schon
machen, wenn es um das Zahlen zu tun sei, könne man dann sehen, jetzt wüsste man
ja noch nicht einmal recht, wie gross der Schade sei. »Wie teuer, Vetter,« frug
der Bodenbauer, »wollt ihr das Übriggebliebene?« »Bin nicht kauflustig,« sagte
Joggeli, »was sollte ich damit machen?«
    Mit Uli stund es bedenklich, er war tagelang verirret, wie man zu sagen
pflegt und was auf dem Lande gewöhnlich als ein sicheres Zeichen eines
hoffnungslosen Zustandes angesehen wird. Er lag bewusstlos in Fiebern und sprach
gar seltsame Sachen, dass denen, welche es hörten, ganz bange war, denn besonders
viel hatte er mit dem Teufel zu tun und den Züchtigungen, welche er ihm antat.
Wenn nun Vreneli den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war, sich fast
allgegenwärtig gemacht hatte, dass oft ein Knechtlein oder eine Magd sagte: »Die
Donners Frau, ist die schon wieder da! Wenn die nicht schon eine Hexe ist, so
wird sie eine, zählt darauf!«, so sass es des Nachts an Ulis Bett und wachte.
    Das sind schwere, bedeutsame Stunden, welche ein Weib am Bette ihres Gatten,
der zwischen Leben und Tod in der Schwebe liegt, durchwacht. Das Geräusch des
Tages ist verstummt, das Ab, und Zugehen hat aufgehört, das Schaffen und
Befehlen hat ein Ende; das wachende Weib ist ungestört und alleine beim kranken
Manne, über ihnen ist Gott, wohl ihnen, wenn er auch zwischen ihnen ist. Ist der
Mann seiner Lage sich bewusst, so werden es Stunden der Heiligung, sie gleichen
den Stunden in den Tagen der ersten Liebe; was das Herz bewegt, geht über die
Zunge, man freut sich in weicher Rührung der schönen vergangenen Tage, dankt
sich für Liebe und Treue, Geduld und Sanftmut, bespricht die gegenwärtige Lage,
und wenn das Weib jammert um die Zukunft, das Schicksal der Witwen und Waisen,
die Not einer Mutter mit Kindern ohne Vater, so tröstet der Mann, gibt weise
Räte und stärkt des Weibes Gemüte, indem er sie dem Allmächtigen empfiehlt, dem
Vater der Witwen und Waisen. Wenn sie betet um sein Leben und dass dieser Kelch
an ihr vorübergehen möchte, so sagt er Amen dazu, »doch nicht unser, sondern
dein Wille geschehe.« Das sind heilige Nächte, wie auf Engelsflügeln schweben
sie vorüber.
    Aber anders ists, wenn im Irrsinn der Mann liegt, das Weib alleine ist,
seine Gedanken ihm niemand abnimmt als Gott. Auch vor sein Auge stellt sich sein
ganzes Leben, das vergangene, das gegenwärtige, das zukünftige, und klarer jede
Nacht; immer mehr schwinden die Schatten, es wird ein grosses lebendiges
Lebensbild. Süsse Wehmut, schöne Träume, bitteres Weinen, geduldiges Ergeben,
mutvolles Erheben wechseln in des einsamen Weibes Seele. Die Bilder, welche erst
regellos durcheinanderfluteten, gestalten sich in immer festeren Zügen und
bestimmter Ordnung, immer klarer bildet sich aus der Gegenwatt die Zukunft. Auch
dieses Weib fleht: »Ists möglich, so gehe der Kelch an mir vorüber, doch nicht
mein, sondern dein Wille geschehe!« Aber weil des Herrn Wille ihm nicht offenbar
ist, bildet sich vor seinem innern Auge die Zukunft in doppelter Weise. Es sieht
sich Hand in Hand mit dem Manne durchs Leben gehen, es trägt in den nächsten
Tagen ihn zum Grabe, steht alleine mit den Waisen, muss alleine sie führen ins
Leben, sie stärken zum Leben. Wie dunkle, schwere Gewitterwolken wälzen sich
diese Bilder anfänglich an seinem Auge vorüber; aber allmählich klären sie sich
ab, gestalten bestimmter sich, gleichförmiger, nur aber schöner jede Nacht,
gestalten zu bestimmten Entschlüssen sich, zu einem Leben, den Gedanken eines
Malers ähnlich, in denen er ein Bild feststellt, in grossen Umrissen zuerst und
allmählich von Gestalt zu Gestalt bis zur Ausprägung der einzelnen Züge, an
dessen Ausführung er Jahre, ja sein Leben setzt.
    Man hat oft bewundert, mit welcher klaren Umsicht und grossen Energie Witwen
die Zügel grosser Haushaltungen fassten und führten, wie ernst und fest sie ihre
Kinder erzogen, wie mächtig sie dem Schmerze geboten, der doch sichtlich ihren
Körper schüttelte. Wer dabeigewesen wäre in jenen stillen, langen Nächten,
gesehen hätte, wie sie mit ihrem Schmerze, wir möchten fast sagen, mit Gott
gerungen hätten, bis sie zu der Kraft und Klarheit gekommen, welche sie üben bis
zum Grabe, durch welche sie hineinglänzen in das An, denken der Ihren wie Sterne
in die Nacht, der würde sich nicht wundern, woher ihnen das Wesen gekommen,
welches niemand in ihnen ahnte, welches so segensvoll wirkte. Doch auch in einer
andern Richtung bildet die Seele, schafft eigentliche Lebensbilder: sie denkt in
Wehmut, wenn Gott den Geliebten ihr wieder schenke, wie sie Beide ein neues
Leben führen wollten in mildem Frieden, teuer Liebe, wie alle Schatten fort
müssten aus dem Leben, alles Trübe, alles Zagen, alles Kümmern um Kleines, wie
sie schaffen wollten in aller Freudigkeit ihr Tagewerk, absonderlich aber
trachten nach dem Einen, das not tut. Heitere Bilder folgen einander in längerer
Reihe, glänzen immer heller, je mehr die Krankheit weicht, das Leben aus der
Krankheit wieder emporblüht, werden trüber und trüber, wenn die Krankheit
steigt; wenn der Tod kommt, erblassen sie, werden begraben im Gemüte, der wahren
Familiengruft, in welcher die geliebten Toten geistig weilen bis zum
Wiedersehen.
    Manche solche stille, lange Nacht wachte Vreneli an Ulis Bette, war
versunken in tiefe Gedanken oder horchte mit blutendem Herzen auf die Irreden
des Mannes. Mehr als eine Woche kam es nicht aus den Kleidern, wollte trotz des
Doktors Befehl niemanden anders wachen lassen, aus Liebe, aus Bangen, was die
Leute denken und sagen würden, wenn sie Ulis Reden hörten. Von Irreden haben die
Menschen keinen Begriff, kennen zumeist nur einen Grund derselben, das böse
Gewissen, das Aufwachen der Angst über geheime Verbrechen. Was hätten sie
gedacht und gesagt von Uli, der immer mit dem Teufel zu tun hatte, am Ort der
Qual sich glaubte!
    Eines Abends wars, als ob der Arzt nicht fort könnte vom Bette, er nahm eine
Prise nach der andern, endlich kehrte er sich um, stäubte den Schnupftabak von
den Kleidern und sagte: »Fraueli, wenn es was geben sollte in der Nacht, so lass
mich rufen.« »Mein Gott, Doktor, was meint Ihr? Stirbt er mir, stirbt er?«
wimmerte Vreneli. »Kann es dir nicht sagen,« antwortete der Arzt, »aber endlich
muss es einen Weg gehen, den oder diesen, so kann es nicht bleiben, die Zeit ist
um, wo es sich entscheiden soll; vielleicht, dass es diese Nacht geschieht, und
schaden tut es nichts, wenn der Arzt nicht weit ist, manchmal kann man helfen,
manchmal nicht, manchmal kann man Diener der Natur sein, manchmal muss man es
nehmen, wie Gott es will.«
    »Guten Tag, Fraueli, guten Tag, geschlafen ein wenig? Es ist kein Wunder!
Wie gehts? Mit Schein nicht bös,« Diese leisen, freundlichen Worte weckten
Vreneli, welches vom Schlafe überwältigt worden war. Hochauf fuhr es vom Stuhle,
es war helle im Stübchen; der Arzt, den die Teilnahme unberufen hergetrieben,
stund am Bette und prüfte den Kranken. »Mein Gott, mein Gott!« rief Vreneli. Da
legte der Arzt den Finger auf den Mund, winkte Vreneli vom Bette weg durch die
Türe in die andere Stube und sagte leise: »Fraueli, er kömmt dir auf, die Sache
ist gut, jetzt schläft er ruhig, schwitzt recht, jetzt nur nicht geredet.«
Vreneli wollte laut auffahren, bachweise strömten ihm die Tränen über die Backen
nieder. »Bsch, bsch,« machte der Arzt, »geh und mache mir ein Kaffee. Nehme
sonst nichts bei den Patienten, sie meinten gleich, man wolle den Lohn doppelt.
Aber ich möchte ihn erwachen sehen und hatte noch nichts diesen Morgen.
Z'pressieren hast nicht, es wird noch eine Weile gehen; will unterdessen in den
Stall, sehen, wie du haushast, und deine Knechte rühmen oder schelten, je
nachdem sie es verdienen. Ein fremd Wort wirkt manchmal, zuweilen nehmen sie es
einem übel, aber was frage ich den Hudelbuben nach!« Vreneli musste wieder ins
Stübchen, bevor es des Arztes Befehl nachkam. Was es dort machte, weiss Gott.
    Der Arzt trappete mit den Händen in den Taschen ums Haus herum und las dem
Dienstbotenpersonal in seiner barschen, aber heitern Weise tüchtig den Text.
»Was zum Teufel, den Mist, welchen du gestern aus den Ställen gemacht, noch
nicht verlegt! Wohl, das sollten mir meine Buben machen, ich führte sie beim
Hagel am Hals auf den Mistaufen! Das Jaucheloch läuft ja über! Was ist das
gemacht! Was gibt es doch einem von euch zu tun, ein Fass oder zwei auszuführen?
Aber wenn man nicht immer hinten und vornen ist, so ist nichts gemacht; wohl,
das wird sauber aussehen in den Ställen. Auf meine Seele, wenn ich es einmal so
fände, ich jagte das ganze Pack mit dem Stecken vom Hof, ihr solltet euch
schämen wie Laushunde! Auf die Ehre hättet ihr es nehmen sollen, die Sache recht
zu machen. Das Fraueli hat sich fast getötet, aber an allen Orten kann es nicht
sein. Ich habe einen alten, siebenzigjährigen Trappi und einen jungen, nur so
einen Löhl, aber es ist mir ein jeder von ihnen, der Alte und der Junge, am
kleinen Finger lieber als ihr alle miteinander. Nein, hört, Buben, so geht das
nicht, das muss anders aussehen und zwar heute noch! Ja, lacht nur, aber gebt
acht, was ihr macht, es ist Ernst. Euer Meister kommt auf, wenn er Sorg hat und
man Sorg zu ihm hat. Er ist durch die Gefahr, Gottlob! Aber kömmt er da heraus
und sieht die Schweinerei und das Gesudel, so bekömmt er das Gallenfieber; dann
streckt es ihn, dann heissts, der Doktor habe ihn getötet, und Frau und Kinder
können ihm nachweinen. Das will ich nicht; habe ich ihn mit Gottes Hülfe
gerettet, so soll solch Volk mir ihn nicht töten, da bin ich gut dafür. In zwei
Tagen komme ich wieder, macht dass es dann aussieht wie es sich gehört, sonst muss
mein Seel die Frau alle ausjagen, ich will es verantworten. Ich komme alle Tage
in zwanzig Dörfern herum, weiss Knechte für sieben solche Höfe, will dann aber
auch allentalben sagen, was ihr für Bursche seid.«
    Unter der bekannten Ecke seines Stöckleins (so gleichsam sein Wartturm oder
seine Sternwarte, wenn er ausgucken wollte, was im Hause vorging) stund Joggeli.
Die laute Stimme des Arztes, dem er sonst aus dem Wege ging, hatte seine
Neugierde gereizt. Als der Arzt ihn dort sah, marschierte er in langen Schritten
auf ihn zu und sagte: »Früh, Papa, früh; so alte Manne sollten im Bette bleiben
bis bald um Mittag. Sie sind den Leuten sonst nur zur Plage mit ihrer
Wunderlichkeit, besonders wenn sie nichts tun. Ihr hättet aber jetzt etwas
machen können, und es wäre Euch wohl angestanden, Ihr hättet es gemacht. Ja ja,
Papa, seht mich nur so sauer an, ich sage meine Sache gerade heraus und fürchte
mich nicht vor einem Paar sauren Augen, die haben noch niemand erstochen. Ihr
hättet dem Fraueli an die Seite stehen sollen und die Lumpenbuben da in Ordnung
halten, die Frau konnte nicht an allen Orten sein; Ihr hättet wohl Zeit gehabt,
es wäre aufs Gleiche herausgekommen, ob Ihr hier ums Häuschen herumsteckelt oder
dort bis zur Scheune hinunter. Aber so habt ihrs, ihr Hagels Bauern, wenn ihr
nur Geld habt, so fragt ihr keinem Menschen was nach, dem eigenen Bruder nicht.
Ja, ihr seid ein Volk, ihr, hab es erfahren! Rette ich Hunderten das Leben und
bringe sie davon, so denkt mir kaum einer daran. Tut ihm der Bauch wieder weh,
läuft er zu einem andern Arzt oder gar so zu einem verfluchten Wasserschmöcker.«
    »Ja, ja,« sagte Joggeli, »zuweilen kömmt einer davon, und oft gehts dem
Kirchhof zu, ihr tapfern Lieferanten, was ihr seid! Meine Frau selig, die
brachtet Ihr nicht davon, und der drüben wird ihr wohl nach müssen, apartig
glücklich seid Ihr hier nicht.« »Um Euere Frau ists schade; wenn sie nicht einen
so wunderlichen Mann gehabt hätte, sie lebte vielleicht noch, aber um sie
davonzubringen, hätte man Euch doktern sollen,« entgegnete der Arzt; »der drüben
kömmt davon, ja freilich, wenn Ihr mir ihn nicht hintendrein tötet mit Plagen,
Quälen, Kummern wegen dem Zins. Aber eben, das will ich Euch sagen, nehmt Euch
in acht damit; so gewiss Ihr das tut, will ich Euere Zunge spannen, dass Ihr
sieben Wochen das Reden lasset. Das Wasser gschauen tue ich nicht, aber vom
Hexenwerk verstehe ich vielleicht mehr als ein Anderer, und wenn es nötig ist,
mache ich, was ich kann. Jetzt wisst Ihr, woran Ihr seid, und behüt Euch Gott und
lebet wohl.« Joggeli sah ihm mit offenem Maule nach. »Er wärs imstand, der
Hagels Ketzer,« sagte er, steckelte in sein Stöcklein zurück und machte sorgsam
die Türe zu.
    Uli war erwacht, aber unendlich matt, es war ihm wie einem, der aus dem
Grabe kömmt. Er schloss bald wieder die Augen. »Komm,« sagte der Arzt, »lass ihn
machen, schlafen, so viel er will, rede nicht zu viel, freue dich nicht zu
sichtlich, frage ihn um nichts, und was du ihm zu essen geben sollst und
wieviel, will ich dir draussen sagen. Halte dich tapfer mit den Portionen; du
wirst deine liebe Not haben mit dem Hunger, wenn der einmal erwacht, oft hören
müssen, du gönnest ihm das Essen nicht. Aber dessen musst du dich nicht achten.
Sag nur, ich habs befohlen.«
    Vreneli hatte das Herz voll von Dank und Freude, die Augen voll Tränen, aber
reden konnte es nicht, es konnte dem Arzt bloss die Hand geben, als sie draussen
waren. Der verstund das aber wohl, drehte sich um, stund ans Fenster, tat, als
nehme er eine Prise und wische den überflüssigen Schnupf ab. Der Arzt war sehr
rauh, aber nur auswendig; es gibt andere, welche es umgekehrt haben.
    Uli war zum Kind geworden, musste in jeglicher Beziehung ein neues Leben
anfangen, so dass er es anfangs kaum merkte. Nachher beelendete es ihn, dass er
darüber weinte, Vreneli auch, und den Arzt beschied. Der tröstete, schärfte aber
aufs neue die grösste Vorsicht ein, leibliche und geistige. Es fehlten Uli die
Kräfte, er konnte nicht gehen, nicht einmal den Löffel zum Munde führen vor
Zittern. Er hatte das Gedächtnis mehr oder weniger verloren, musste seine
Erinnerungen mühsam zusammenlesen wie ein Kind Glasperlen, welche es im hohen
Grase verschüttet oder zwischen losen Steinen. Es war zum Weinen, wie das kleine
Vreneli des Vaters wartete, ihn führte und half, fast als wäre er eine grosse
Puppe. Joggeli hielt sich aus Respekt vor des Arztes Worten ferne, doch konnte
er sich einmal nicht entalten, Uli, der in der Sonne sass, näher zu treten und
ihm etwas zu sagen. Die Antwort fiel etwas linkisch aus, dass Joggeli sagte: »Dir
wärs besser, du lägest im Kirchhof.« Aber wie das Wort, welches Uli nicht einmal
verstund, heraus war, erschrak er sehr, steckelte, so streng er es vermochte,
seinem Stöcklein zu und schloss sorgfältig hinter sich die Türe.
    Indessen ging es bei Uli rascher als bei einem Kinde, jeder Tag brachte
seinen Fortschritt, derselbe ward immer entschiedener, und zwar hier auf
erfreuliche Weise. Er konnte alle Tage besser gehen, das Gedächtnis stellte sich
allmählich wieder ein, aber dazu auch ein Hunger, welcher Vreneli manchmal den
Angstschweiss auf die Stirne trieb. Wenn ein Mann um Essen bittet, noch um ein
Stücklein, um ein ganz kleines, ganz wie Kinder es tun, und die Frau sagen muss,
ganz wie einem Kinde: »Ich darf weiss Gott nicht, warte nur eine Stunde, dann
gebe ich dir wieder,« und der Mann die Minuten zählt, so ist es allerdings ein
schwer Ding für eine Frau, fest zu bleiben und nicht an das Sprüchwort sich zu
halten: Wenig schadet wenig, nicht zu denken, dass aus vielem Wenigen viel wird
und endlich um eines einzigen Tropfens willen ein Glas überfliesst. Was Vreneli
ganz besonders freute, war eine Weichheit des Gemütes, eine Ergebung in seine
Lage, von der Uli in letzter Zeit so himmelweit entfernt schien. Anfangs
erschrak es darob, hielt sie für kindische Teilnahmlosigkeit, für Mangel an
Begreifen, in welcher Lage sie seien, aber es stellte sich alle Tage deutlicher
heraus, dass es was anderes war.
    Vor seiner Krankheit waren alle seine Kräfte überspannt, seine Stimmung
unnatürlich gereizt; er glich einem Schwimmer, welcher alle seine Kräfte
zusammennimmt, die Strömung zu durchschneiden, das Ufer zu gewinnen. Je schwerer
es ihm wird, desto grosser werden seine Anstrengungen, alles bietet er auf, das
Letzte setzt er daran, bis plötzlich die Kräfte brechen, einem zu stark
gespannten Bogen gleich, und der Strom ihn verschlingt. So war auch Uli
zusammengebrochen im Kampf mit seinem Geschick, ein Krankheitsstrom war ihm über
Seele und Körper gegangen. Als er wieder auf, tauchte aus demselben, aus langer
Ohnmacht zu neuem Leben erwachte, war die Spannung vorüber, die Stimmung eine
ergebene, dankbare; es stellte sich das Vertrauen ein, die Züchtigung sei
vorüber, der Herr, der in die Hölle führt und wieder heraus, der bis hierher
geholfen, werde auch ferner helfen. Uli konnte sagen: »In Gottes Namen, komme
was da wolle, wir wollen es annehmen, wir wollen das Mögliche machen, dass
niemand an uns verliert, auch haben wir ja gute Leute, welche Geduld haben
werden. Wir sind jung, und wenn uns Gott gesund lässt, so ist nichts verloren und
es macht mir keinen Kummer, uns mit Ehren durchzubringen, was will man mehr? Das
Reichwerden wollen wir aufgeben, was hat man davon als Angst und Not und Zorn
und Streit?«
    Diesem pflichtete Vreneli vollkommen bei. Wenn sie nicht zappelten und
hasteten, nicht allzu nötlich täten und Gott ihnen ein oder zwei bessere Jahre
sende, so werde es so schlimm nicht gehen; wenn man einander treulich helfe, sei
viel zu machen und alles zu ertragen, es danke dem lieben Gott, dass es so
gekommen. Uli war auch dieser Meinung. Wohl kam ihm zuweilen eine Hast an, dass
er aufsprang, meinte, er müsse dran hin, müsse alle seine Kräfte anspannen, um
den steckengebliebenen Wagen zu heben und zu stossen, aber Vreneli konnte ihm
durch ein freundlich Wort die ihm noch so nötige Ruhe geben, dass er wieder
nachliess und sagte: »Du hast recht!«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                  Wie Uli mit Menschen rechnet und Gott sucht
Ihre Lage war allerdings trüb und bedenklich. Wenn Uli seine frühern Ersparnisse
einzog, so konnte er den Bodenbauer bezahlen und was er sonst noch schuldig war.
Sein so sauer Erworbenes war also zugesetzt; vor ihm war ein Jahr ohne Ernte, wo
er genötigt war, einen Teil des Brotes zu kaufen. Sein Freund, der Müller, hatte
ihm so viel Korn abgeschwatzt, dass sein Speicher fast leer war. Woher das
Saatkorn nehmen? Brot kaufen müssen bei einem Haufen Gesinde, ist übel. Er hatte
nichts als Heu und Kartoffeln, beides reichlich und gut. Mit Milch und Butter
konnte er etwas Weniges machen, aber es gab kaum die Hauskosten, noch viel
weniger die Dienstenlöhne; wenn man Brot sparen muss, muss man mit etwas anderm
nachhelfen.
    Aus dem Stalle konnte er etwas ziehen. Jetzt sah er ein, wie gut es gewesen,
dass Vreneli für Vorräte gesorgt, welche grösser waren, als er glaubte. Hanf und
Flachs hatte man reichlich zum Spinnen, und vielleicht war vom erhaltenen Garn
etwas zu erübrigen zum Verkauf. Dazu endlich hatte er noch die Rechnungen mit
Müller und Wirt, welche nicht erledigt waren, von denen Uli Bedeutendes
erwartete. Wie Vreneli manchmal gesagt hatte: »Mach doch die Sache fertig, ich
liesse mich nicht immer so abspeisen, du bist viel zu gut und wirst sehen, wie es
dir geht,« wehrte es jetzt vom Rechnen ab und sagte: »Wart, das pressiert doch
nicht so.« Die beiden Busenfreunde hatten in Ulis ganzer Krankheit nichts von
sich hören lassen, und während seiner Genesung liessen sie sich nicht sehen. Sie
machten vielleicht das Wort Nervenfieber fürchten, jedenfalls aber fühlt ein
Schuldner, welcher nicht gerne zahlt, kein entschiedenes Bedürfnis, sich einem
Gläubiger unter Augen zu stellen, von dem er voraussetzen muss, er sei Geldes
bedürftig. Vreneli fürchtete Ärger und Zorn für Uli, und ob jetzt eine Woche
früher oder später, darauf kam es in Beziehung auf das Geld nicht viel an, wohl
aber in Beziehung auf Ulis Gesundheit. Endlich sagte Uli: »Ich merke wohl, warum
du mir das Rechnen mit den Beiden verhalten willst, aber sei ohne Sorge, ich
kann es geduldig nehmen, wie es kömmt. Sieh, ich habe da auch was verdient, ich
sehe es je länger je besser ein. Wären sie die Freunde, wie sie sich immer
gestellt, sie wären wohl schon gekommen und hätten ihre Hülfe angeboten. Warum
stellte ich meinen Glauben auf sie und bildete mir ein, wie wunder gut sie es
mit mir meinten? Merke wohl, woher es kömmt, und damit soll mich niemand mehr
fangen, wie man mit Speck die Mäuse fängt. Es tat mir einerseits wohl, Freunde
zu haben, Männer, von denen ich meinte, sie bedeuteten was und meinten es gut.
Solche Freunde sind was, nicht nur wegen der Hülfe, sondern es tut einem wohl im
Herzen, wenn man denken kann: es mag dir gehen, wie es will, so hast du Freunde,
und rechte Männer. Ich muss es bekennen, an diesem Gedanken habe ich grosse Freude
gehabt und oft gedacht: nicht jeder hat Freunde, so wie nicht bei jedem Menschen
die Hunde bleiben. Aber wahr ists, ich lebte noch wöhler an ihren Worten; sie
rühmten mir alles und lobten mich immer, da war nichts als Uli hinten und Uli
vornen. Wenn man nichts gewesen, tut es einem so wohl, wenn man auf einmal so
viel sein soll; man weiss manchmal nicht, geht man auf dem Kopf oder auf den
Füssen, man kommt ordentlich in einen Schwindel, wo man sich dreimal grösser
sieht, als man ist, und in süsse Träume, wo man meint, man sei wirklich im
Schlaraffenland und die gebratenen Würste hingen bereits zunächst dem Maule.
Jetzt, aus diesem Traume Gottlob erwacht, schäme ich mich, kann nicht begreifen,
wie ich das nicht merkte, dass dieses eben die Speckbrocken waren, mit welchen
man die Mäuse fängt, dass ich mich so ganz blindlings fangen liess. Aber es dünkte
mich, sie täten den Nagel auf den Kopf treffen, und weil ich ihnen dieses
glaubte, glaubte ich ihnen alles andere, hielt sie für die glaubwürdigsten
Männer auf der Welt. Ungefähr so wird es der Eva im Paradiese mit dem Teufel
ergangen sein. Ward sie gestraft, werde ich billigerweise es auch. Wie ich
merke, wird es vielen Menschen schon so gegangen sein. Ich sehe erst jetzt, wie
gefährlich es ist mit dem Glauben, wie leicht man ihn am unrechten Orte
anwendet. Habe daher nicht Kummer, ich muss es nehmen, wie es ist; mich dauert
nur, dass auch du damit leiden musst.«
    An einem schönen Abend machte Uli sich endlich auf zu dem Müller; weit war
es nicht, aber müde ward er doch. Als er zur Mühle kam, wollte ihn lange niemand
sehen, dann lange niemand wissen, wo der Müller sei, dann niemand Zeit haben,
ihn aufzusuchen, und als endlich jemand sich dazu herabliess, verging eine
mörderliche Zeit, bis der Müller sich zeigte. Das sind immer schlimme Zeichen
und lassen eben auf den zärtlichsten Empfang nicht schliessen.
    Endlich erschien der Müller. »Lebst auch noch?« sagte er. »Es hielt dich
hart, wollte kommen und sehen, wie es dir gehe, es wollte sich aber nie
schicken, daneben hätte ich doch nichts helfen können.« »Du hast recht,« sagte
Uli, »da musste ein Anderer herbei; aber was ich sagen wollte, schickt es sich
dir etwa, mit mir zu rechnen? Es wäre mir sehr angenehm. Es plagte mich die Zeit
über oft, dass ich meine Sache nicht im Reinen hatte; wenn ich hätte sterben
sollen, wer hätte die Sache auseinandermachen sollen, an das sollte man immer
denken.« »Du hast recht,« sagte der Müller, »es ist auch gut für die
Überlebenden. Wie aufrichtig man ist, so sollte man am Ende doch betrogen haben;
besonders ist immer alles auf den Müllern, wenn die einmal was eingeben, so soll
es falsch und erlogen sein. Es ist akkurat, als ob alle Leute die Wahrheit
redeten und nur sie lügen könnten.«
    So begehrte der Müller in einem fort auf, und Uli musste denken: »Hat der
etwa schon auf meinen Tod hin eine Eingabe gemacht gehabt in mein Beneficium
Inventarii oder Vermögensliquidation, und erscheine ich ihm jetzt so gleichsam
als ein Gespenst oder wie ein alter Papa aus dem Grabe erblustigen Söhnen,«
»Hast das Hausbuch bei dir?« fragte der Müller. »Den Kalender habe ich,« sagte
Uli. »Hast denn kein Hausbuch?« fragte der Müller. »Ich denke,« sagte Uli, »der
Kalender werde einstweilen wohl genug sein.« Er hatte eine ganz andere Antwort
auf der Zunge, allein während seinem Prozessieren hatte er doch was gelernt, das
teure Lehrgeld war nicht umsonst ausgegeben, wie es übrigens oft genug der Fall
ist; er hatte uneinlässlich antworten lernen, dies ist keine unbequeme Redeweise.
»So gib an, was sollte ich dir schuldig sein?« sagte der Müller. »Wenn du dann
fertig bist, so will auch ich dir deine Sünden ablesen, es wird dann bald aus,
gerechnet sein.«
    Wir wollen dem Verlauf dieser Rechnung nicht folgen, das Ding wäre zu lang
und langweilig. Wir wollen bloss sagen, dass der Müller sich offenbar auf Ulis Tod
eingerichtet zu haben schien, wenigstens dem Hausbuch nach, welches er in Händen
hatte; denn vielleicht hatte er mehr als eins, eins für die Lebendigen und eins
für die Toten. Bei jedem Ansatz von Uli gab es Anstoss, bald wegen dem Preise und
bald wegen der Zahl der Säcke, und als erst der Müller seine Gegenrechnung
ablas, gab es der Anstände bei jedem Wort und nicht bloss über Mass und Preis,
sondern ob die Sache wirklich geliefert worden oder nicht. Es war da Geld
angesetzt für Mehl, Spreuer, Kleien, Abschlagszahlungen dazu und weiss Gott was
alles, von dem Uli entweder gar nichts wusste oder aber überzeugt war, dass er
dasselbe frei in den Kauf gedungen oder dass es von Mehl kam, welches er hatte
mahlen lassen, der Müller Kleien und Spreuer von Rechts wegen ihm schuldig war.
Aber man gehe und mache eine dreijährige Rechnung auseinander und dazu aus
Büchern, welche ein Uli und ein Müller führten! Uli sah mit Schrecken, dass der
Müller, dessen Rechnung nach, ihm viel weniger schuldig war, als er gedacht,
auch wenn Ulis Rechnung für Verkauftes als gültig angenommen wurde. Des Müllers
Gegenrechnung war gar greulich. Es dünkte Uli doch stark, zu jedem A, welches
der Müller vorsagte, B nachzusagen, aber was sollte er machen? Mit seinem Buch
konnte er vor dem Richter nicht viel ausrichten; ob das des Müllers besser sei,
wusste er nicht, prozedieren wollte er nicht, seinem Kopf traute er nicht, und
bei dem vielen Wechsel seines Gesindes während dem ganzen Verlaufe der Rechnung
wusste er nicht, ob nicht das Eine oder das Andere etwas auf des Meisters Namen
genommen oder nicht. Man sollte immer, wenn man das Gesinde wechselt und offene
Rechnungen sind irgendwo, wo Knechte und Mägde zu- und abgehen, bringen oder
holen, diese beim Wechsel abschliessen oder untersuchen, es gibt da manchmal
fatale Entdeckungen. Uli kam das Aufschieben in Sinn, was gewöhnlich der beste
Ausweg scheint, wenn man in Verlegenheit ist. Er solle es ihm auf ein Papier
machen, was er zu fordern habe, sagte Uli; er wolle es der Frau zeigen und mit
seinen Leuten reden, ob sie um dieses und jenes wüssten. Zudem könne man den
Karrer bescheiden, welcher früher bei dem Müller gewesen und jetzt beim
Sternenmüller sei, der habe das meiste Korn gefasst und werde wohl noch im Kopfe
haben wieviel, es sei der vernünftigste Mensch, der ihm je vorgekommen; zudem
werde er dies Jahr viel aus der Mühle bedürfen und dem Müller noch schuldig
werden, so dass es ihm im Grunde nicht so pressiere mit der Rechnung. Das alles
leuchtete dem Müller schlecht ein. Er kannte Vreneli, wusste also im voraus, was
es sagen würde; mit seinem Karrer war er in grossem Unfrieden auseinander,
gekommen, auch diente derselbe bei seinem ärgsten Feind, er wusste also im
voraus, was er von diesem zu erwarten hatte; zudem machte er mit Uli nicht
ungern fertig, er gab ihm nicht gerne mehr was aus seiner Mühle, er war
überzeugt, Uli sei zugrunde gerichtet, wer an ihn zu fordern habe, verliere. Vor
allem aus aber wollte er eine richterliche Untersuchung seiner Rechnung bei Ulis
Lebzeit nicht und am allerwenigsten eine Abtretung dieser Rechnung an Joggeli,
wo deren Bereinigung wahrscheinlich dem Baumwollenhändler übertragen worden
wäre; den kannte der Müller und hasste ihn.
    Der Müller sagte daher, sie seien jetzt bei einander, das Gestürm wegen
Rechnen sei ihm zuwider, und wenn sie nicht übereinkommen könnten, wer es denn
solle? Übrigens habe er geglaubt, er habe es mit einem braven Manne zu tun, und
nicht daran gedacht, dass hintendrein müsse gezankt sein, sonst hätte er die
Sache längst ins Reine gebracht; daneben könne Uli machen, was er wolle, aber
das wolle er ihm sagen, er, Müller, sei dann nicht das Mannli, mit welchem Uli
den saubern Kuhhandel gehabt. Wenn er dort gewonnen habe, so solle er ja nicht
denken, es gehe immer so. Das war fast zu viel für Uli, er dankte Vreneli im
Herzen, dass es ihn so lange hingehalten, die Unverschämteit des Müllers war
doch gar zu gross. Uli war es noch nicht klar, wie viele Menschen, und zwar
kleine und grosse, den Mangel an Recht durch Frechheit ersetzen. Er musste
gewaltig sich zusammennehmen, um nicht abzubrechen, sondern einzutreten in ein
Markten, welches doch endlich nach manchem harten Worte und mit bedeutendem
Schaden für Uli zum Ziele führte. Da Müller warf das Geld, welches er noch
schuldig blieb, hin fast wie einem Hund ein Stück Brot und sagte, da solle er
das ungerechte Geld nehmen, wenn er das Herz habe. Wenn er aber künftig Mehl
oder was sonst nötig habe, so sei es ihm lieber, er nehme es an einem andern
Orte. Mehr als der Verlust schmerzte Uli der Vorwurf, er sei der Betrüger, der
ungerechte Forderer und dass der Müller dabei auf seinen Kuhhandel sich stützte,
und zwar nicht ganz mit Unrecht. Er fühlte jetzt, was ein gut Gewissen wert sei
und dass der geringste Makel daran sei, was eine Spalte in einem Bogen. Wenn nun
der Makel im Gewissen auch zum Makel am Namen werden sollte, wenn es an jedem
Markttage und bei jedem Handel heissen sollte, er sei ein ungerechter Mann und
begehre die Leute zu betrügen, so war er ja für sein ganzes Leben unglücklich,
gleichsam gebrandmarkt; das fühlte er so recht lebendig, und es ward ihm
himmelangst dabei, denn welch armer Tropf war er, wenn er den ehrlichen Namen
verloren hatte, der war sein Vermögen, seine beste Bürgschaft, da er von Anderer
Vertrauen leben musste. Hatte er den nicht mehr, so war ihm der Weg zum ehrlichen
Fortkommen versperrt, er musste künftig vom Betrug oder vom Betteln leben. Da
erkannte er, wie eine einzige Handlung, unbedacht und leichtsinnig vollbracht,
als unbedeutend geachtet, entscheidend für ein ganzes Leben werden kann.
    Tief gedemütigt und niedergeschlagen kam Uli heim. Nun wäre das für manche
Frau ein wahres Herrenfressen gewesen. »Siehst, ich habe es dir gesagt, es gehe
so, habe gewarnt, habe gemeint, ehrlich währe am längsten, aber du hast mir
nicht geglaubt, hast gemeint, ich sei nur so ein Weib und du viel gescheiter;
siehst, jetzt erfährst, wer recht hat. Jetzt denkst: hätte ich nur geglaubt,
aber jetzt ists zu spät, kannst lange jammern! Ein andermal denk daran! Ich
hätte jetzt gute Lust, nie mehr was zu sagen und meinen Rat für mich zu
behalten.« Doch Vreneli war nicht von dieser Rasse; es tröstete, er solle es
nicht so schwer nehmen, das Lehrgeld sei nicht so gross; der Müller werde sich
hüten, viel von der Sache zu reden, es sei nicht das erstemal, dass er es so
mache, und er wisse wohl, dass man ihn kenne. Gut sei es, dass die Sache abgemacht
sei, so wisse man doch jetzt, woran man mit ihm sei, wenn es nur mit dem Wirte
auch in Ordnung wäre. Uli hätte gute Lust gehabt, Vreneli zum Wirte zu senden,
aber Vreneli wollte nicht gehen. Wenn es nicht sein müsse, so bleibe es lieber
einige hundert Schritte von dem weg, sagte es; der werde es aber nicht so machen
wie der Müller, der werde mit guten Worten zahlen wollen, denn man sage, das
Geld sei rar bei ihm, wenn ihm ein Taler eingehe, so seien Zehne da und möchten
ihn.
    Wie Vreneli sagte, so war es auch. »Will schon mit dir rechnen, warum nicht?
Die Sache ist punktum aufgeschrieben und in der Ordnung, zähle darauf, aber Geld
kann dir mein Seel keins geben, habe selber keins, und wo nichts ist, ist
nichts, wie du weisst,« so sprach der Wirt. »Ich glaube, wenn es mir drei Tage
lauter Taler durch den Rauchfang runterregnete, sie wären immer alle weg. So
hungrig nach Geld habe ich mein Lebtag die Leute noch nie gesehen. Wenn ich von
weitem jemand mit langen Schritten kommen sehe, so weiss ich schon, der wird auch
Geld wollen, ich muss allemal lachen; nimm, wenn du findst, denke ich. Sie wissen
wohl, dass nichts zu verlieren ist, bewahr, ich habe mehr als Sachen genug, aber
es gibt Zeiten, wirst es auch schon erfahren haben, wo man beim besten Willen
nicht zahlen kann. Da wird es den Leuten angst und sie kommen daher wie Tauben,
wenn man Hanf gesäet hat, und wollen Geld für Sachen, welche ich beim Hagel
nicht einmal mehr im Hause habe; aber denen will ich daran denken, die müssen
warten bis zuletzt. Du aber sei nur ruhig; sobald ich Geld bekomme, musst du es
haben, und lieber, als dass du einen Kreuzer an mir verlieren solltest, wollte
ich es zusammenbetteln, und sollte ich laufen müssen bis nach Konstantinopel.
Einer, der seine Sache auch nur verdienen muss, soll an mir nie was verlieren,
lieber wollte ich, so lange ich lebe, Hunger leiden und keinen Schoppen mehr
trinken. Sieh, ich habe selbst viel Geld einzuziehen, aber es läuft nicht. Du
glaubtest es nicht, wenn ich dir meine Schuldner nennen würde, aber sie können
mir in diesem Augenblick nicht an die Hand gehen. Dann habe ich auch noch was
verloren, es ist ein Nichts, das heisst es ist viel genug, aber es würde nichts
machen, wenn es nicht alle Leute wüssten und nun alle daherkämen und Geld
wollten. So könnte man dem Rotschild die Hosen umkehren, wenn er in einem Tage
alles bezahlen sollte, was er schuldig ist. Hast du das Geld so sehr nötig,
diesen Augenblick?« Ho, sagte Uli, wenn er es haben könnte, würde er es gerne
nehmen. Indessen setzte er, durch die guten Worte des Wirts bestochen, hinzu:
»So einige Wochen könnte ich im Falle der Not warten; der Lumpenhund, der
Müller, hat mir einiges Geld geben müssen, ungern genug, aber wenn man Brot
kaufen muss, so ist bald viel gebraucht.« »Es ist schlecht vom Müller, es dir so
zu machen"« sagte der Wirt, »er ist nicht der Sauberste; es gelüstete mich
manchmal, dir zu sagen, du solltest dich in acht nehmen, aber wenn ich dann sah,
wie gut ihr zusammenhieltet, und weil er der Gevattersmann ist, so wollte ich
nicht was Böses zwischen euch hineinmachen, dass es hinterher hiesse, ich hätte
euch gegeneinander aufgehetzt.« »Joggeli ist misstrauisch, er hat schon Kummer,
er müsse an mir verlieren. Wenn ich ihm zeigen könnte, dass ich noch einzuziehen
hätte, so liess er mich desto ruhiger,« sagte Uli. »Weisst was,« sagte der Wirt,
»komm ins Stübli, wir wollen sehen, wieviel ich dir schuldig bin; dann mache ich
es dir aufs Papier, auf Stempelpapier, eine rechte Obligation, mein Seel, und
verzinsbar zu vier Prozent, oder wenn du fünfe willst, so sage es. Die kannst du
ihm zeigen, sie ist so gut als bar Geld, und sobald mir Geld eingeht und du es
begehrst, so löse ich sie ein und gebe dir Geld.« Wenn es nicht anders sein
könne, sagte Uli, so lasse er es sich gefallen, Geld wäre ihm freilich lieber
gewesen.
    Ihr Rechnung hatte nicht viel Stössiges, und wo was sich zeigte, gab alsbald
der Wirt nach. »Du wirst recht haben,« sagte er, »nimm es nicht für ungut, aber
wenn man in einem so grossen Wesen ist, wie ich bin, und so viel im Kopf haben
sollte, dass es mir manchmal ist, als fahre der Napoleon mit seiner Reiterei
darin herum, so ist bald was vergessen oder bald was unrichtig aufgeschrieben.
Nimm es nicht übel, dass ich in deiner Krankheit nicht zu dir kam, aber es hiess,
du kämest nicht davon. Das hat mich zu sehr gedauert, als dass ich hätte kommen
können, ich hätte deiner Frau nur angst gemacht. Es weiss kein Mensch, wie ich so
ein lindes Herz habe, ich muss mich manchmal deretwegen schämen und darf es nicht
zeigen, es kömmt gar zu lächerrlich heraus für so einen grossen Mann, wenn er
plären muss wie ein Kind.«
    Uli musste dann noch mit ihm zu Abend essen, eine Flasche vom Besten trinken,
kurz der Wirt war die Liebe und Güte selbst. Die Wirtin brachte noch was in
einem Papier, ein alt Stück Kuchen; das sei für den Gevattersmann, sagte sie,
dass Uli ganz glücklich und Rühmens voll nach Hause kam. Es seien doch nicht alle
Menschen gleich, sagte er, und wenn man von Einem Unrecht leide, so müsse man
sich hüten, auch Andern Böses zuzutrauen, man könnte sich sonst leicht
versündigen. »Ich will dem Wirt nichts Böses nach, reden,« sagte Vreneli, »aber
urteile auch du nicht zu schnell, sondern warte, bis du das Geld hast. Hast du
dann einmal dies, dann will ich dir gegen den Wirt gar nichts mehr haben, ich
verspreche es dir.« Es ist immer das Gleiche, dachte Uli bei sich selbst; hasst
es jemanden, so hasst es ihn, und wen es liebt, den liebt es, und dann ists
fertig. Indessen versprach er, sein Urteil nicht abzuschliessen und einstweilen
vor dem Handeln mit dem Wirte sich zu hüten.
    Dass Uli wiederum so viel Glauben zu ihm hatte, freute Vreneli sehr, doch
eins freute ihns noch mehr: Ulis Gedanken hatten wieder eine höhere Richtung
genommen, verarbeiteten nicht mehr bloss in ewigem und doch mühseligem Kreislauf
das Einmaleins, sondern betrachteten Gottes Worte und Wege, forschten nach
seinem Willen und bestimmten nach ihm das Tun. Er sprach gerne mit Vreneli über
höhere Dinge und erzählte gerne göttliche Fügungen, welche die, die ihn lieben,
zur Seligkeit führen, und wie Gott das Verlorne suche und trachte selig zu
machen. Er fühlte einen unbestimmten Drang, ein Ungenügen, und dieses
verschwand, wenn er mit Vreneli sprach oder las in der heiligen Schrift oder an
göttliches Schaffen dachte, die Wunder der Welt betrachtete. Es war dies der
geistliche Hunger und Durst, welche begehren nach den Worten, welche aus des
Herrn Munde gehen, welche kennen die Speise des Erlösers, das Vollbringen von
des Vaters Willen. Es war der eigentliche Zug in ihm erwacht, ohne welchen
niemand zum Vater kömmt; das wunderbare, unerklärliche Verlangen ward in ihm
stark und mächtig, welches Christus mit den Worten ausdrückte: »Mich verlanget,
das Passahmahl mit euch zu essen.« Es verlangte ihn nach dem Pfande, dass er
einer sei, der wohl in der Irre gewesen, aber wieder gefunden worden und über
den nun Freude im Himmel sei, nach dem Bewusstsein, zu denen zu gehören, welche
lebendige Glieder sind am Leibe, dessen Haupt Christus ist.
    In gesunden Menschen lebt ein Trieb des Zusammenhaltens, des Einsseins mit
Andern, man nennt ihn auch den gesellschaftlichen Trieb. Derselbe kömmt in
hunderterlei Gestalten zum Vorschein. Wie oft ists einem Menschen, wenn er doch
nur da oder dort eingeladen, in diese oder jene Gesellschaft aufgenommen würde,
es ist der höchste Gegenstand seines Sehnens und Strebens. Ist er aufgenommen,
ist er mitten unter ihnen, sitzt er am ersehnten Tische, dann fühlt er sich
unendlich gehoben; er steht an einem Ziele, er ist glücklich, hoffnungsvoll, er
gehört einem Kreise an, der ihm Halt im Leben gibt, eine Stellung verschafft.
Ähnlich hat es das Kind mit dem Triebe, in die Kreise der Erwachsenen
aufgenommen zu werden, und einmal aufgenommen, wird es nicht fehlen, wenn der
Kreis sich sammelt, die Stunde mag es nicht erwarten, lange vor der Zeit steht
es draussen und klopfet an. Grade das gleiche Sehnen und Trachten nach der
Gemeinschaft ergreifet die, welche Christus angenommen haben. Es zieht sie zu
den Brüdern, sie sehnen sich, das Pfand zu erhalten und das Bewusstsein zu
stärken, dass sie aufgenommen seien, Christus angehören und vom Vater zu seinen
Kindern gezählt werden. Es strömt eine eigene Wonne durch die Berechtigten, wenn
sie weilen dürfen in den heiligen Kreisen und empfangen die heiligen Pfänder,
und keiner betrachtet die Berechtigung so gleichsam als ein altes Recht, welches
man ererbt hat, nichts abträgt, man jedoch nicht erlöschen lassen darf. Davon
hat natürlich keinen Begriff, wer den christlichen Zug nicht in sich trägt,
nicht geistigen Hunger und Durst hat, sondern bloss fleischliche Triebe und
moderne Richtung nach Kneipen, Kaffeehäusern, Spektakeln von allen Sorten, kurz
nach etwas Diesseitigem. Solcher Richtungen und Triebe schämt man sich
begreiflich nicht, sondern trägt sie offen zur Schau mit grossem Gepränge, rühmt
sich ihrer mit mächtigem Behagen, betrachtet sie gleichsam als ein Siegel, dass
man an der Spitze der Menschheit marschiere munter nach dem Gipfel der Kultur,
der freilich einstweilen noch verhüllt im Nebel liegt. Gepränge treiben mit dem
Zuge nach oben, mit seiner Freude an der Gemeinschaft kann der Christ nicht,
sonst hat er weder den Zug noch kennt er die Gemeinschaft, doch schämen wird er
sich der, selben nicht, sonst kennt er sie ebenso wenig. Er wird den Hohn der
Kinder der Welt nicht scheuen, der Kinder der Welt, welche in ihrem kurzen Sinne
keinen Unterschied zu machen wissen zwischen einer veralteten Mode und der
Erlösung durch Christum.
    Schüchtern tritt man in unbekannte Kreise oder in solche, denen man fremd
geworden, und eine gewisse Scheu ist immer zu überwinden, ehe man über ihre
Schwelle tritt, und eine Weile gehts, bis das Bewusstsein, dass man hierher
gehöre, das Gefühl des Fremdseins überwunden hat. Nun hatte Ulis Entfremdung
nicht so lange gedauert, um recht Wurzel zu fassen, sie glich mehr einem Wirbel,
in welchem er eine Weile halb bewusstlos herumgetrieben worden, einem Windspiel,
einer Wasserhose, welche ihn ergriffen, durch die Luft geführt, ihn wieder
hingestellt, dass ihm alle Gebeine knackten, er nicht wusste, wo er war, dass er
sich erst langsam zurechtfinden, mühsam seine alte Heimat wieder suchen musste.
Uli hatte das Glück, welches nicht jedem wird, die Brücke ins alte Heimatland in
der Nähe zu haben; es war Vreneli. Ulis Abwenden und Weggerissenwerden hatte bei
der eingerissenen Lauheit und Gleichgültigkeit wahrscheinlich niemand bemerkt
ausser eben Vreneli; hatte er nun mit diesem sich verständigt, hatten sie sich
gemütlich wiedergefunden, so achtete sich wahrscheinlich niemand seiner, und wer
sein Wiedererscheinen bemerkte, fand es sicher sehr natürlich, dass nach so
schwerer Krankheit er im Hause Gottes und an des Herrn Tisch erschien, wie ja
auch der Kindbetterinnen erster Ausgang ins Haus des Herrn ist und die nächsten
Anverwandten, welche einen Geliebten zu Grabe getragen, es nicht versäumen, am
nächsten Sonntage in der Kirche zu erscheinen.
    In der Mitte des Herbstmonats war es, als Uli mit Vreneli zur Kirche ging.
Es war ein feuchter Nebelmorgen, nicht zehn Schritte weit sah man. Kahl wie
mitten im Winter waren die armen, zerschlagenen Bäume. Emd lag gemäht in den
Matten und harrte traurig der Sonne, um sich trocknen zu lassen. Hier und da, wo
man das spärlich gewachsene Gras des Mähens nicht würdig fand, hörte man das
Läuten der weidenden Kühe. »Wie doch die Zeit vergeht und was sie alles bringt
und nimmt, in wenig Jahren wird es ganz anders um uns und immer nicht so, als
wir es uns gedacht«, sagte Uli. »Wie lange ist es wohl, dass ich das erstemal
hier zur Kirche ging? Es war im Winter und mächtig kalt, es ist mir, als ob es
erst gestern gewesen, und doch wird es schon neun Jahre sein oder mehr. Damals
dachte ich nicht daran, dass ich jetzt noch da sein werde, damals wiesen mich die
Leute auf, dass ich fast noch selben Tages fortgelaufen wäre. Jetzt bin ich noch
hier, ein verhagelter Pächter, damals ein munterer Knecht, den es dünkte, die
halbe Welt sei sein, jetzt ein geschwächter Mann, der nicht weiss, wo er übers
Jahr ist und ob Frau und Kinder zu essen haben oder nicht.« »Bist reuig, dass es
so gegangen, dass du nicht am selben Tage fortgelaufen bist?« frug Vreneli mit
weicher Stimme. »Nein, wahrhaftig nein,« sagte Uli, »dann hätte ich ja dich
nicht und die Kinder nicht, und was will ich mehr auf der Welt! Nein, ich danke
Gott aufrichtig, dass er mich so geführt hat und nicht anders. Wenn man alles,
was einem begegnet, zu Nutzen anwendet, so soll man nicht reuig werden, und wenn
man hineinkömmt, dass das Unglück über den Kopf hinausgeht, so ist das wohl grosse
Pein, aber es setzt sich auch wieder, und wenn man endlich es überstanden hat,
so ist man froh dar, über und mochte gar nicht, dass es nicht begegnet wäre. Es
freut mich nichts mehr, denn es ist mir ein Zeichen, dass die Zucht Gottes bei
mir wohl angeschlagen hat, als dass ich so zufrieden bin mit meinem Lebenslauf
und Gott aufrichtig danken kann. Ich weiss zwar nicht, wie es gehen wird. Macht
Joggeli das Wüsteste, so kündigt er uns, aber wenn wir einander verstehen und
helfen, so schadet alles nichts; der liebe Gott, der bis hierher geholfen hat,
wird ferner helfen.«
    Ulis Vertrauen und Ergebung hatte noch eine Probe zu bestehen. Als er unter
die Menschen kam, war es fast, als sei er ein Gespenst, welches aus dem Grabe
komme, frech am hellen Tage. Mit weiten Augen glotzten ihn die Leute von ferne
an, als sei er eine Giraffe aus Afrika, und kam er näher, so drehten sie sich
weg und machten sich auf die Seite. Da waren Wenige, welche ihm standhielten,
und noch Wenigere, welche ihm die Hand boten freundlich, ihm Glück wünschten
über seine Genesung, ihn bedauerten wegen seinem Unglück. Sie wussten zwar wohl,
dass er kein begrabener Mann war, aber es wäre ihnen recht gewesen, er wäre es,
dann aber auch im Grabe geblieben. Sie betrachteten ihn als einen verlornen
Mann, und von solchen hat man es lieber, wenn sie einem aus den Augen kommen,
solche setzen die meisten Leute in die grösste Verlegenheit. Bloss die, welche
allen feinern Gefühlen abgestumpft sind, die gröbste Selbst, sucht für die
grösste Tugend halten, haken ihnen kaltblütig stand und fertigen sie sackgrob ab.
Andere kommen aber eben in grosse Verlegenheit. Den Einen sagt das Gewissen, sie
könnten helfen und sollten helfen, aber sie mögen nicht; Andere fürchten, sie
möchten um Hülfe angesprochen wer, den, sie wollen sie abschlagen, natürlich,
aber ihnen fällt nicht gleich eine Ausrede ein; noch Andere glauben,
herabgekommene Leute müsse man verachten, man schade der eigenen Ehre und seinem
Kredit, wenn man mit ihnen freundlich sei, gut bekannt scheine, aber es drückt
sie eine gewisse Unbeholfenheit, mit Manier das alte Verhältnis abzubrechen und
ein neues festzustellen. Das Kürzeste und Kommodeste wäre immer in alle Wege,
einen solchen Menschen totzuschlagen und sechs Fuss hoch mit Erde zu bedecken, da
kriegte man ihn nicht mehr zu Gesichte. Wir sind halt in alle Wege von Natur
schwache, schlechte Geschöpfe und zwar ehemals und jetzt, siehe Petrus in
Kaiphas Hofe, siehe auf jeder Börse und an jeder Kirchtüre, absonderlich auf den
Rataustreppen. Das sind aber harte Erfahrungen für einen Menschen, der ohne
seine Schuld, wie man zu sagen pflegt, obgleich es nur teilweise richtig ist,
ins Unglück gekommen, wenn er sieht, wie man ihm ausweicht, ihn aufgibt. Da gibt
Mancher sich selbst auch auf. Es braucht Mut dazu, das Vertrauen festzuhalten,
wenn man sieht, dass alle keines mehr zu uns haben. An die Stelle des Vertrauens
kömmt der Zorn, der Hass und die Rache, und aus einem, der zu retten gewesen,
wird ein unversöhnlicher Feind der Menschen.
    So geschah es jedoch mit Uli nicht. Er bemerkte das Benehmen der Menschen
wohl, und Vreneli fühlte es noch besser, da sogar Bettelweiber sich seiner
verschämten und ihm auswichen. Anfangs tat es Uli im Herzen weh, als er aber in
die Kirche kam, die Orgel rauschte, die Gemeinde sang, der Pfarrer betete und
predigte, die Gemeinde zum heiligen Tische wallte, da vergingen ihm die bittern
Gefühle; er vergass das Tun der Einzelnen, er fühlte nur die Wonne, der Gemeinde
Christi anzugehören und Pfänder und Siegel zu empfangen, dass auch ihm seine
Sünden vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben um Jesu willen aus Gnaden
geschenket sei. Wenn schon die Einzelnen von ihm wichen, er blieb doch in der
Mitte der Gemeinde, blieb teilhaftig der Schätze und Gaben, welche unser grosse
Meister und Herr seiner Gemeinde erworben hat. Was hat das Abwenden Einzelner zu
bedeuten, wenn man dabei ein lebendig Glied des grossen Ganzen wird, dessen Herr
und Meister der ist, von dem sich auch alle gewandt, über den ein toll und
töricht Volk das »Kreuzige!« gerufen hat. Aber wenn einer die Gemeinde Gottes
verlassen und Fleisch für seinen Arm gehalten hat, und nun wird er auch von den
Menschen verlassen, der ist dann allerdings ein armer Verlassener, ein
unglücklicher Tropf.
    Ein Herz voll reichen Segens trug Uli aus der Kirche, sein Sinn war so mild
wie die Sonne, welche den Nebel durchbrochen hatte und gar lieblich schien, er
konnte von Herzen sagen: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Er
konnte wie ein Kind sich freuen und sagen: Weichet nur von mir, ich gehöre euch
doch an und es kommt die Zeit, wo ihr mich werdet als Bruder erkennen, euch
meiner freuen werdet und mir danken, dass ich nicht Gleiches mit Gleichem
vergalt, in Gott die Gemeinschaft festielt, als die Welt feindselig sich
zwischen uns stellen wollte. Als sie alleine auf dem Wege wieder waren und
Vreneli frug: »Und was sagst zu den Leuten?«, antwortete Uli: »Nicht viel, es
ist immer wie immer und wird also bleiben, man kann es zum voraus wissen, und
doch tut es anfangs weh, wenn man es selbst er, fährt.« Nun erzählte er Vreneli,
was ihn getröstet, das freute Vreneli sehr, und einiger als nie kamen sie heim.
Es war, als hätten sie neu ihren Bund geschlossen, und mit neuer Kraft und
Besonnenheit gingen sie an ihr schweres Tagewerk.
    Eine grosse Freude hatten sie. An einem schönen Morgen kam ein Wägelchen
daher, fast anzusehen wie ein Müller, wägelchen, denn Kornsäcke lagen darauf Den
muntern Jungen auf demselben kannten sie nicht, und erst als er den Gruss von
Vater und Mutter vermeldete, erkannte ihn Uli als des Bodenbauern Kind, welches
ihm aber aus den Augen gewachsen war. Der brachte einige Scheffel vom schönsten
Samenkorn und anderes Gesäme. Der Vater habe gesagt, sie könnten es wohl
entbehren und hier werde man es brauchen können, berichtete der Junge. Eine
solche Gabe in der Not hat nicht bloss einen äussern Wert, sondern einen noch viel
grössern innern, ist so gleichsam das Ölblatt, welches die Taube dem Noah brachte
als das Zeichen, dass Gottes Zorn im Aufhören sei und seine Güte wieder
hervorbreche im Grünen und Blühen der Erde. Joggeli ärgerte sich über des
Bodenbauern Güte, wahrscheinlich nahm er sie als Vorwurf für sich. Er fragte den
Jungen, was das Malter kosten solle? Soviel er wisse, nichts, sagte der Junge,
es sei Steuer an den Hagel, wie das so der Brauch sei unter rechten Leuten von
je. »Aber Junge, wenn dein Vater sein Korn so billig verkauft, was erbst du
dann?« frug Joggeli hämisch. »Gottes Segen, sagt die Mutter«, antwortete der
Junge. »Ja,« sagte Joggeli, »aber damit hat man nicht gegessen, und nur mit dem
kriegst du keine reiche Frau. Wenn mein Vater so gewirtschaftet hätte, es hätte
mir angst gemacht.« »Glaubs,« sagte der Junge, »Ihr und der Vater werdet darnach
gewesen sein, mir aber macht es nicht angst; habe noch nie gesehen, dass der
Vater was Unrechtes getan, und wenn er auch alles weggibt, so ist es seine Sache
und nicht meine. Und wenn ich schon nichts erbe, so hat der Vater uns so
erzogen, dass wir uns was erwerben können, und nicht zu Tagdieben und um von
seiner Sache zu schmarotzen und sie zu verbrauchen.« Das kam Joggeli in die
Nase, er kehrte sich, steckelte ins Stöcklein und machte die Türe zu.
    Ulis ruhigere Gemütsweise, sein milderes Wesen, welches nicht immer erhitzt
war zu Feuer und Flammen im Jagen nach einem unerreichbaren Ziele, einem Wagen
gleich, den man ohne Ross und ohne Schmiere dahintreibt, hatte einen wohltätigen
Einfluss auf die Arbeiter und das Gesinde. Das, selbe schaffte williger, schickte
sich in die Lage, und der Eine oder der Andere sagte: Es sei kurios, er habe
geglaubt, erst jetzt hätten sie es recht bös, das sei aber nicht, es sei ein
viel besser Dabeisein als vor Hagel und Krankheit. Der Junge wusste nicht, dass
für das Dabeisein es viel mehr ankömmt auf die Stimmung im Gemüte als auf das
Schmalz im Gemüse. Diese Ruhe muss sein, wenn die notwendige Besonnenheit, welche
alleine den Sturm der Umstände siegreich bestehen kann, sich entwickeln soll.
Napoleons grosser Heldenmut bestund bekanntlich eben in diesem besonnenen
Zusammenziehen seiner Kräfte, vermittelst welchem er nirgendwo unnütze Kräfte
liegen hatte, sondern alle schlagfertig unter Augen, nicht bloss um Angriffen zu
begegnen, sondern am geeignetsten Punkte durch rasches Durchfahren sich Luft zu
machen.
    Gelehrte, Schulmeister und andere Züchtlinge der modernen Schule werden
diese Vergleichung sehr ab Ort finden, denn Krieg und ein Hauswesen, Napoleon
und ein Uli scheinen weit ausserhalb dem Kreise möglicher Vergleichungen. Wir
bemerken einfach, dass nicht bloss jeder Christ ein Kriegsmann sein soll, sondern
dass jeder Hausvater einer sein muss, er mag wollen oder nicht, dass die Welt
ringsum auf ihn schaut Tag für Tag und dass er gegen diese Welt, bestehend aus
Umständen und Persönlichkeiten, stehen muss, wenn er nicht zu Boden getreten sein
will, dass er ihr abstreiten muss, was er sein nennen will. Die erlaubten
Streitweisen, das wahre Kriegsrecht findet sich in Gottes Gebot und nicht in
ochsenhaften Gelüsten. Wahre Grundsäue müssen aber wahr sein, im Kleinen und
Grossen sich bewähren. Daher meinen wir, Napoleons Kriegsgrundsätze, mit welchen
er die halbe Welt bezwang, dann der halben Welt standhielt, bis die Übermacht
ihn ohnmächtig machte, seien von jedem Hausvater zu brauchen, der eine Ziege und
drei Hühner hat. Es liegt eine so wunderbare Einfachheit darin, dass sicher so
mancher Holzhacker wunderbare Triumphe über die Welt feiern würde, wenn er sich
die Mühe nehmen täte, dieselben sich zu eigen zu machen. Dass aber menschliche
Berechnung und die kaltblütigste Besonnenheit ihre Schranken haben und dass nicht
ein Mensch es ist, sondern ein ganz Anderer, der sagt: Bis hieher und nicht
weiter, das hat niemand wiederum besser erfahren als eben der Napoleon. Die
Anwendung aller in ihm liegenden Kräfte und die Bestimmung der Richtung dieser
Anwendung liegen am Menschen, den Ausgang aber bestimmt Gott.
    Das sind grosse Worte für kleine Dinge, aber die kleinsten Dinge sind für
den, welcher nicht grössere erlebt, gross genug, um mit den grössten Worten sie
auszudrücken, und die Zahl derer, welche nur sogenannte kleine Dinge erleben,
ist unendlich grösser als die Zahl der Herkulesse, Alexander und Napoleon. Daher
wird dem Volksschriftsteller, welcher nicht für grosse Helden, nicht einmal für
eidgenössische schreibt, erlaubt sein, das sogenannte Kleine, aber den Weisen
das Wichtigste, auch mit den gewichtigsten Worten darzustellen, welche ihm zu
Gebote stehen.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
                            Uli erlebt ein Abenteuer
Uli zählte seine Kühe, mass sein Heu und musterte seine Pferde, übersah sein
Stroh und was sonst in Speicher und Keller, Gänterli und Kammern war, hielt
Kriegsrat mit Vreneli und entwarf mit ihm Operationspläne. Da der Wirt nie Geld
hatte, sein Papier einzulösen, die Düngungsmittel fehlten, das Futter knapp
zugemessen war, weil das zweite Gras ganz oder doch ziemlich gefehlt, so ward
angemessen gefunden, den Viehstand zu beschränken, Schafe und Kühe, welche eben
nicht besondere Nutzung gaben, zu veräussern. Uli tat es ungern, er hatte
auserlesenes Vieh im Stalle, wusste wohl, dass zu wenig Vieh dem Hof schade und
was die Leute dazu sagen würden. Indessen muss man sich eben nach der Decke
strecken, und dem Hofe glaubte er so wohl getan zu haben, dass der jetzt um eines
bösen Jahres willen ihm auch dankbar sein könne. Landmann und Land müssen
gegenseitig sich aushelfen, und ist der Landmann treu, lässt das Land sich nie
beschämen, lässt seinen Meister nie im Stich.
    Indessen scheute Uli sich doch, trotz seines guten Rechtes, mit seiner Ware
auf einen benachbarten Markt zu fahren. Er dachte, die lieben Nachbaren würden
allentalben sagen: »Klemme den recht, der bedarf Geld, er muss verkaufen. Wären
wir Pachterr, wir wollten dem das Verkaufen vertreiben! Wenn alles fort ist und
das Geld vertan ist, dann hat dieser das Nachsehen.« Auch fürchtete er das
Mannli anzutreffen und übles Nachreden. Er wählte sich daher einen entfernten
Markt aus, nahm zwei junge schöne Kühe, welche aber eben nicht viel Milch gaben,
und fuhr mit ihnen nach eingebrochener Nacht fort. Er liess sie trappen nach
Bequemlichkeit, friedlich zottelten sie ihm nach; der Mond stund im ersten
Viertel, nach Mitternacht ward es finster. So konnte er seinen Kühen alle Musse
lassen und war doch am Morgen früh auf dem Platze, selbst wenn er sie einige
Stunden in einem Wirtshause fütterte und ruhen liess. Ganz einsam war es auf der
Strasse, und mit aller Musse konnte Uli seinen Gedanken Gehör geben. Diesmal waren
sie weltlich, doch ohne Bitterkeit. Er dachte über Joggeli nach und seine
Stellung zu ihm. Der Mann schitterte, Sohn und Tochtermann waren häufig bei ihm,
was Uli sehr verdächtig vorkam. Joggeli wollte Uli wegen Vergütung beim
Hagelschaden oder Zinsnachlass kein bestimmtes Wort geben. Das werde sich schon
machen, sagte er, »sieh nur gut zum Hof und lass mir ihn nicht ermagern.« Ja, so
von sich aus Dünger kaufen, wenn man auch Brot kaufen muss, ist für einen armen
Pächter eine strenge Sache.
    Allmählich ging der Mond zur Neige, schien zu wachsen, ehe er versank. Er
glich einem mütterlichen Auge, welches noch einmal, ehe es sich schliesst, mit
besonderer Innigkeit über die Kinder strahlt, welche weinend stehen um sie her,
oder einer väterlichen Seele, welche im letzten Augenblicke noch mit erhöhter
Weisheit über die Kinder leuchtet. Wenn vor dem einsamen Wanderer Gestirne
untergehen und verschwinden, wird er selten einer gewissen Wehmut ganz fern
bleiben, es müsste denn sein Gefühl versteinert oder seine Gedanken anderswo
gefangen sein. So wie beim Untergang der Sonne der Tau fällt auf die Erde, so
kömmt es über das Gemüt des Menschen. So wanderte Uli auch, achtete sich nicht
der zunehmenden Finsternis, es war ihm, als sei er alleine auf der Welt.
    Plötzlich schlug tief und wild dicht neben ihm ein Hund an. Uli erschrak,
dass alle Glieder bebten, die Kühe nicht minder, sprangen auseinander. Die
Bewegung reizte den Hund zu wilderem Bellen und Nachspringen. Da pfiff es grell
und nah, dass Uli wieder zusammenfuhr, der Hund aber stille ward, Bellen und
Springen einstellte. Uli fasste seinen Stock fester, er sah in der Dunkelheit,
dass ein Fussweg in die Strasse sich münde, und auf demselben kam eine grosse
Gestalt auf ihn zu. Es war Uli unheimlich, denn er wusste wohl, dass an Markttagen
nachts hier und da einer auf der Lauer stehe, um einem reisenden Händler seine
Geldkatze abzunehmen, und dass es wohl geschehe, dass man sich dabei vergreife und
einen erschlage, der keine Geldkatze habe. Jedenfalls wären seine Kühe immerhin
ein schöner Fang gewesen, wenn auch ein gefährlicher.
    »Habe nicht Angst,« sagte eine tiefe, harte Stimme, »es tut dir niemand was.
Aber was tust du auf der Strasse so spät?«
    Uli gab Bericht. Der Mann gesellte sich zu ihm, ein Wort gab das andere. Es
ward schon bemerkt, wie offen ein bäuerischer Wanderer sehr oft gegen den
wildfremdesten Menschen auf der Strasse ist und ihm Dinge erzählt, welche er da,
heim nicht vor den Mund lassen würde. Es kömmt ein Bedürfnis zu reden die Leute
an, dessen man daheim sie durchaus nicht für fähig gehalten hätte. So auf der
Strasse lassen die reichsten biographischen Studien sich machen. So erzählte,
sobald er seine Kühe wieder hinter sich hatte und die friedfertige Weise seines
Begleiters sah, Uli, woher er komme, warum er verkaufen müsse und so weit zu
Markte fahre, damit es nicht heisse, er pfeife auf dem letzten Löchlein. Als Uli
sagte, was für Kühe er habe und wie lange sie trächtig seien usw., meinte sein
Begleiter: »Du musst zwei Monate länger angeben, das merkt niemand und jagt dir
manchen Taler in die Tasche.« Das mache er nie mehr, sagte Uli, um keinen
Kreuzer wolle er mehr betrügen. »Du bist ein rarer Vogel,« antwortete der Mann.
»Wie kömmst du vorwärts, wenn du so ehrlich sein willst?« Nun leerte Uli sein
Herz und erzählte, wie es ihm ergangen mit dem Mannli und dem Hagelwetter und
wie er begriffen, dass Übervorteilen nichts helfe, weil Gott es einem hundertmal
eintreiben könne. Gehe er mit der Ehrlichkeit zugrunde, was er übrigens nicht
hoffe, da er die Sache verstehe und sich selten verfahre und das Sprüchwort
»Ehrlich währt am längsten« nicht umsonst sein werde, so habe er doch den Trost,
er sei nicht selbst schuld, und die Leute täten am Ende doch sagen: »Es ist
schade um den, er kann uns fast erbarmen, daneben war er ein braver Bursche.«
Gehe er aber als Schelm zugrunde, so müsse er denken, er habe es verdient, und
die Leute würden sagen: »Dem geschieht recht, da kann man wieder sehen, was
Betrügen hilft.« »Aber was sagt dann deine Frau dazu, wenn du so fahren willst?«
fragte der Mann. »Oh, der ist es ganz recht,« antwortete Uli und erzählte, wie
sie eine sei, so eine adeliche, dass man meine, sie sei eine Bauerntochter
gewesen aus dem vornehmsten Hause, und doch so tätig, rühre alles an, und wie er
längst ein armer Mann wäre, wenn er die nicht hätte; wie sie sich in alles
schicke und ihn tröste, wenn sie sich doch eigentlich am meisten zu beklagen
hätte. »Aber das hat sie von der Base selig, die hat sie erzogen und bis auf die
letzte Stunde lieber gehabt als die eigenen Kinder und geraten und geholfen, es
hätte ein Engel es nicht besser können. Es war mir manchmal zuwider und ich
ärgerte mich, dass die Weiber immer ihre Köpfe zusammensteckten, bildete mir ein,
sie reiseten einander auf. Man erkennt gar oft erst, was ein Mensch war, wenn er
im Grabe ist.«
    »Also die Bäuerin in der Glungge ist gestorben,« sagte der Mann, »ich hörte
nichts davon. He nun, einmal muss es sein, und gewöhnlich geht es niemandem übel
und denen wohl, die sterben können.« Nun erzählte Uli, wann sie gestorben, wie
Vielen es übel gegangen und namentlich ihrem Mann, für den sie immer gesorgt wie
eine Mutter, wie wüst er auch gegen sie gewesen sei. Sie sei schon lange nicht
recht gesund gewesen, aber dass das Sterben so nahe sei, daran habe sie kaum
gedacht. In der Nacht habe man seine Frau geholt, da hätte sie schon nicht mehr
reden können. Sie hätte noch gerne was gesagt, es sei allen himmelangst geworden
dabei; man habe nicht gewusst, wolle sie Hand oder Haus oder Hals sagen, und auch
aus dem Denken habe man nicht kommen können, so dass sie gestorben sei, ohne dass
man begriffen, was sie gewollt. Das habe seiner Frau grausam weh getan. Er wolle
nicht einmal davon reden, wie übel es ihnen gegangen, da die Base selig dafür
gesorgt, dass alles in Ordnung bleibe; jetzt wisse man von heute auf morgen
nicht, was geschehen könnte, sie liefen alle Augenblicke Gefahr, aus dem Hof
vertrieben zu werden.
    Sein Begleiter fragte dies und jenes, und treulich gab Uli Bericht, und zwei
Stunden oder mehr waren dahin, ehe er sichs versah. Endlich frug er, wie hoch er
die Kühe im Preise habe? »Hundertunddreissig Taler wären sie unter Brüdern wert,«
sagte Uli. »Ob ich es lösen werde, weiss ich nicht. Aber da es nicht anders geht,
kann ich auf einige Taler nicht sehen, heimführen täte ich sie sehr ungerne.«
»Weisst was?« sagte der Mann. »Ich habe einen Nachbar, der Kühe kaufen will und
nicht nötig hat, auf ein paar Taler zu sehen; wenn er nur recht versorget ist,
das ist alles, was er will. Ist nun alles, wie du gesagt, und ich will es dir
glauben, so sind das gerade Kühe für ihn. Ich gehe bald da ab und will es ihm
sagen. Fordere dann aber herzhaft hundertvierzig Taler, er zahlt sie, und zwar
noch gerne.«
    »Ja,« sagte Uli, »wäre wohl gut so, aber wie machen, dass wir zusammenkommen?
Es gibt heute dort so viele Leute, und ich bin gar nicht bekannt.« »Weisst was,«
sagte der Mann, »stelle dort beim Wildenmann ein, er ist gleich, wenn du zum
Tore hineinkommst, links. Sage weiter niemanden was, iss ruhig deine Suppe in der
Gaststube, bis dir jemand nachfrägt, dem Mann mit den zwei Kühen. Längstens bis
um acht Uhr soll er dort sein. Kömmt er bis um diese Zeit nicht, so fahre auf
den Markt, es ist noch frühe genug, Kühe wie diese verkaufen sich immer.« Uli
dankte und fragte, ob er nicht auch auf den Markt käme? Würde der Handel
richtig, so gebe er ihm gerne ein schönes Schmausgeld oder zahle ihm das
Mittagessen und eine gute Halbe. »Bin kein Jude,« sagte der Andere, »indessen
habe Dank für den guten Willen. Möglich ists, dass wir einander sonst noch
antreffen.« »Wo?« frug Uli. »Wollen ja sehen,« antwortete der Mann, schwenkte
rechts um, und verschwunden war er im dichten Tannenbusch.
    Der Mann gab Uli viel zu denken. Es dünkte ihn, es sei an ihm etwas
Bekanntes, aber er wusste nicht was. Die Züge konnte er nicht sehen, denn diese
zu erkennen, war es zu dunkel. Der Mann war ihm überhaupt ein Rätsel, er war
sehr geneigt, ihn für einen Räuberhauptmann zu halten, welche ja ebenso
erscheinen und verschwinden, Gutes und Böses tun nach ihren Launen. Er wurde
misstrauisch und spintisierte, was wohl hinter dem Vorschlag, beim Wildenmann
einzukehren, stecken möge? Vielleicht dass dort der Wirt mit dem Unbekannten im
Bunde sei und, während er Suppe esse, die Kühe aus dem Stalle stehlen lasse. Er
hatte gute Lust, den Wildenmann zu lassen und direkt auf den Markt zu fahren.
Die Kühe hatte er wohl gefesselt und die Stricke gut um die Hand gewickelt. Er
konnte nicht klug werden aus der ganzen Sache und namentlich daraus nicht, dass
er des Mannes Nachbar zehn Taler mehr abfordern solle und der Mann doch keinen
Vorteil wolle, weder Schmaus noch Mittagessen. Solche Uneigennützigkeit wird
sonst sehr selten gefunden in Israel. Er konnte bloss denken, der Mann hasse
seinen Nach, bar und möge ihm es wohl gönnen, wenn er zehn Taler mehr zahlen
müsse als ein Anderer, wenn nämlich überhaupt an der Geschichte mit dem Nachbar
was Wahres sei.
    Der im Reden so offenherzige Uli wurde, als es zum Handeln ging, plötzlich
misstrauisch, wozu die so selten vorkommende Uneigennützigkeit des Mannes nicht
wenig beitrug. Es ist wirklich eigen, dass man bei gewissen Klassen von Menschen
sich mit nichts mehr verdächtigt als mit Uneigennützigkeit. Wer ungestraft
gemeinnützig oder uneigennützig sein will, muss wenigstens (wer es über sich
bringen kann) der Person oder der Gemeinde, welcher er Gutes tut, wacker den
Balg streichen, sagen, ihr und keiner andern täte er das, denn sie sei eine, wie
keine mehr gefunden werde zwischen Himmel und Erde. Das ist aber dann auch ein
gültiger Grund, der zwischen Himmel und Erde allentalben begriffen und hie und
da selbst dankbar beinahe anerkannt wird.
    Die Nacht verschwand allmählich, es zeigten sich Schweinhändler, ja Menschen
auf den Strassen. Da man auf Markt, wegen Gespräche beginnen darf, wenn man sich
schon nicht gegenseitig vorgestellt ist, so war Uli alsbald wieder in vollen
Mitteilungen. Er wollte sich verblümt nach dem Wildenmann erkundigen und lief,
um unverdächtig bis zu diesem zu kommen, erst das Register aller wilden Tiere
durch bis zum Ochsen herab, von welchem der Sprung bis zum Wildenmann ziemlich
unverdächtig konnte unternommen werden. Der Wildenmann wurde sehr gerühmt, der
Wirt sei Ratsherr, hiess es. Das wolle heutzutage nicht viel sagen, meinte Uli.
Nur wer nicht arbeiten möge, nicht mehr mit Ehren durchkommen könne und dem man
nichts nehmen könne, wenn der Schuss hintenaus gehe, sehe auf solche Pöstlein. Es
komme noch dazu, dass wenn man einem Ratsherr sage, der vermahne, weil er es für
eine grobe Scheltung nehme. Potz Himmeltürk, jetzt hätte Uli, der in letzter
Zeit bloss seinem Hause vorgestanden war, den Geist der Zeit in den Wirtshäusern
nicht eingeschlürft hatte, also auch nicht auf der Höhe der Zeit stund, bald
erfahren, was es heisst, mit unbekannten Menschen politisieren auf der Strasse.
Der Schweinhändler, mit dem Uli sprach, war eben neugebackener Ratsherr, kehrte
den Geisselstecken um und wollte Uli einen Begriff von neugebackener Würde
beibringen. Uli dagegen war kein ABC-Kind mehr, verstund bloss noch etwas vom
gegenseitigen Unterricht und versuchte nun seinerseits, dem Ratsherrn den
Begriff von Freiheit im allgemeinen und den Begriff von der Redefreiheit
insbesondere so recht vaterländisch einzuölen. Offenbar hatte Uli mehr
Lehrtalent und grössere Eindringlichkeit im Vortrag, wahrscheinlich waren auch
seine Lehrmittel bündiger und kürzer gefasst, kurz der Schweinhändler schrie:
»Willst aufhören, du Vieh, weisst wen du vor dir hast? Ich bin Ratsherr.«
»Meinetalben Ratsherr, Schweinhändler oder Schinder« (ein solcher sitzt
wirklich jetzt im Grossen Rate des Kantons Bern, männiglich zur Erbauung und zum
Nachdenken), »wir sind ja alle gleich vor dem Gesetz«, sagte Uli, dem das Blut
heiss war und dem daher mehr einfiel, als wenn es kalt war. »Hol der Henker das
Gesetz,« sagte der Ratsherr, »und schweigst nicht und gehst deiner Wege, so
kömmst ins Gefängnis, bis du vergessen hast, wie Sonne und Mond eine Nase
haben.« »Mach, was kannst,« sagte Uli, »Streit hast du angefangen, und wir haben
Pressfreiheit, auf der Strasse kann jeder machen, was er will. Komm verbinde mir
das Maul, wenn du darfst.« »Mach, was du willst, schreib, was du willst, aber
dsRede, das will ich dir, du verfluchter Aristokrat und Jesuit, zeigen, was das
zu bedeuten hat«, schrie der Schweinhändler. Da, von der stillschweigenden
Pressfreiheit Gebrauch machend, mass ihm Uli noch einen zweieinhalb Fuss langen
Artikel auf, stillschweigend, versteht sich, und trieb darauf seine Kühe zum
Wildenmann, obgleich derselbe Ratsherr war.
    Es war aber wirklich ein braves Haus, ein ererbtes, mit altem Schilde und
alten, wohlanständigen Sitten. Es war ein bedeutender Verkehr da und ein starkes
Zutrauen. Gar manchen Gurt voll Geld sah Uli dem Wirte übergeben zur
Aufbewahrung. Kauften sie was, so kämen sie mit den Leuten hieher, sie wollten
lieber hier bezahlen als draussen auf dem Markte, sagten die Händler. Nun begriff
Uli wohl, dass er bei keinem Mitglied einer Räuberbande sei, und doch war es ihm
nicht so recht behaglich hinter seinem guten Kaffee, denn es kam ihm immer
wahrscheinlicher vor, der Mann habe bloss eine Probe machen wollen, wie gescheut
oder wie dumm er sei. Hier könne er vielleicht die beste Zeit verpassen, dann
komme hintenher einer und presse ihm die Kühe, welche er nicht heimführen wolle,
wohlfeil ab.
    Juden schwirrten herum mit der ihnen eigenen Geschäftigkeit, beschnoberten
ganz ohne Komplimente Menschen und Vieh, um zu erfahren, ob nicht e Handel zu
machen sei. Bald trat einer zu Uli und frug, ob er nicht ein Ross kaufen wolle,
er könne ihn versorgen, wolle tauschen, begehre nicht bar Geld; ein anderer
pries ihm Uhren an, wie keine noch auf der Welt gewesen, und wollte sie
garantieren bis eine Woche nach dem jüngsten Tage; ein dritter hatte
Schnupftücher, Halstücher von echter Seide und sonst noch Tuch von allen Sorten,
wollte allen alles halb schenken aus reiner Liebe und gerade weil sie es seien
und weil ihm das Artikelchen verleidet sei. Uli war fast seines Lebens nicht
sicher, sein Kaffee wurde kalt, weil er ob dem Bescheidgeben nach allen Seiten
nicht Zeit fand, ihn zu trinken. »Was kommt er denn auf den Markt, wenn er
nichts kaufen will?« frug endlich ein Jude hässig. Er habe zwei Kühe da,
antwortete Uli. »Wo hat er die zwei Kühe, wo sind die zwei Kühe?« frugen Zwei,
Drei. Sie seien unten im Stalle, antwortete Uli. »Komm zeige sie, Bauer! Wollen
sie schauen, kaufen sie dir ab, tauschen mit dir e Ross, e Kuh, wie du willst.«
Als Uli sagte, jetzt komme er nicht runter, er müsse hier auf jemanden warten,
wollten sie wissen, wo die Kühe stünden, wollten sie schauen, sagten, wollten e
Handel mit ihm machen.
    Nicht lange ging es, so kam ein schlichter Bauersmann daher und frug, ob
nicht einer mit zwei Kühen da sei? Da fiel Uli ein Stein von dem Herzen; im Ring
der Juden war ihm ordentlich bang geworden, er wusste, wie man oft wider Willen
auf einem Markte in ihre Hände gerät und nie anders drauskömmt als geschoren und
beschnitten. »Mein Nachbar hat mir gesagt, du hättest zwei Kühe, welche mir
dienen könnten. Zeige sie mir, wollen sehn, ob wir Handels eins werden, wo
nicht, ist Keiner versäumt«, sagte der Mann zu Uli.
    Als sie hinunterkamen, hörten sie grossen Streit. Ein Jude hatte Ulis Kühe
abgelöst und wollte mit ihnen aus dem Stalle, um draussen bei Licht sie besser
beschauen zu können als drinnen im finstern Stall, wie er sagte. Der Stallknecht
wollte es nicht geschehen lassen, bis der da sei, welcher sie ihm übergeben. Er
sei verantwortlich dafür und lasse nicht jeden Schelm aus dem Stalle nehmen, was
ihm beliebe, da käme er sauber an.
    Als Uli kam, hingen sie an ihm wie Kletten. »Wie teuer, Bauer?« frug einer.
»Sind magere Kühe,« sagte ein Anderer, »für die ist kein Kauf«, ein Dritter; ein
Vierter wollte Ulis Begleiter, der unterdessen die Kühe untersuchte, von
denselben wegjagen. Sie seien mit dem Manne im Handel, sagte er, die Kühe gingen
ihn also nichts an, er solle gehn, das sei keine Manier, zwischen einen Handel
zu kommen. »Nun, Bauer, was willst du für die Kühe?« Doch Beide, Uli und der
Andere, waren nicht zum ersten Male auf einem Markte. Uli schätzte die Kühe
nicht, der Andere liess sich nicht stören, und als er fertig war, befahl Uli dem
Stallknecht, die Kühe wieder anzubinden, einstweilen gingen sie niemanden was an
als ihn, und Beide verliessen den Stall, um das Geschnatter sich nicht kümmernd.
Hui, die Juden ihnen nach, sortierten sich alsbald in zwei Hälften; die eine
rühmte zuhanden des Verkäufers die Tiere, die andere machte zugunsten der Käufer
die Kühe runter, dass man hätte glauben sollen, es seien zwei miserable Ziegen,
welche noch dazu kein gesundes Haar am Leibe hätten. Da der Handel ihnen
einstweilen gefehlt, zielten sie jetzt nach Schmausgeld und zwar hartnäckig, so
dass der fremde Mann, der in dem Hause bekannt schien, Uli in ein besonderes
Zimmer winkte, wohin denn doch die Juden nicht nachkamen.
    Hier wurden sie wirklich Handels alsbald einig. Mit schönem Gelde zahlte der
Käufer aus, legte noch einen blanken Taler als Trinkgeld für die Frau zu und
sagte, wenn er diesmal gut versorget sei, so solle es nicht das letztemal sein,
dass sie mit einander handelten. Er hätte ein grosses Hauswesen, müsse viel ändern
und sei froh, ohne viel Geläufe aus versorgter Hand seine Ware zu kaufen. Da es
Uli wunder nahm, wer der Mann gewesen, der ihm nachts begegnet war, so sagte ihm
der Andere, er sei ein Metzger, der aber das Geschäft nur noch für seine Freunde
treibe, nötig hätte er es nicht mehr. Er sei ein wenig wunderlich, aber ein
guter Mann; sie seien gute Freunde, und wenn Einer dem Andern dienen könne, so
spare es Keiner. Diese Auskunft setzte Uli über alles, was ihm dunkel war, ins
Klare. Er dachte, solche Wunderlichkeit, die einem Freunde zehn Taler abnimmt
und sie einem Fremden in die Tasche jagt, möchte er alle Tage erleben.
    Es mögen vom selben Markte wahrscheinlich Wenige fröhlicher aus gutem Grunde
heimgekehrt sein als Uli. Von Markten kehrt freilich gar Mancher frohgemut heim,
jauchzt das Land voll, tut, als sei er nun Hans oben im Dorfe. Aber das ganze
Glück kommt aus dem Weingrunde, ist der verdunstet, wird das Gemüt zu einer
jämmerlichen Pfütze, über welcher wie ein stinkender Nebel eine elende Stimmung
schwebt, welche das Publikum mit dem Ausdruck Katzenjammer bezeichnet. Nun, der
geht in einem oder zwei Tagen vorüber, aber Mancher trägt einen Katzenjammer im
Gewissen davon und der geht nicht vorüber, regt sich immer neu, und wenn er auch
vergangen, besonders bei schönem Wetter, kehrt er doch zurück, wenn es donnert.
Und Mancher und Manche trägt das Gift heim, welches ihr Lebensglück für ihre
ganze Lebenszeit zerstört und vielleicht noch hinüber ins Jenseits wirkt.
    Uli freute sich nicht bloss der zehn Taler wegen, sondern als er im Heimwege
das Vergangene überschlug, fiel es ihm ein, der Mann habe ihm deswegen zehn
Taler mehr zugeschlagen, weil er ehrlich sein und punktum bei der Wahrheit habe
bleiben wollen; den Mann aber habe ihm recht eigentlich Gott gesandt, um ihm
Freude über seine Umkehr zu bezeugen und zum Zeichen, dass Ehrlichkeit immerhin
die grösste Klugheit sei. Uli war weit entfernt zu glauben, nun müsse und werde
Gott ihm allemal, wenn Ehrlichkeit die Versuchung überwinde, ein besonderes
Zeichen tun und den Lohn ihm immer gleich bar auszahlen. Aber es freute ihn
diesmal, das so aufzufassen, er glaubte, er habe das Recht, was ihm begegne,
aufzufassen, wie es ihm am wohlsten tue, sein Gemüt am meisten stärke, also je
frömmer, desto besser. Er wusste wohl, dass gar Viele höhnisch ihn auslachen
würden, wenn er ihnen die Sache erzählte, als hätte Gott sich ihm da eigens
geoffenbart und ihn gestärket, aber er glaubte, wie sie das Recht zum Lachen
hätten, hätte er das Recht, Gottes Segen zu erkennen in allen Dingen und daran
sich zu erbauen. Und wie sie das Recht hätten, um seines frommen Sinns ihn
auszulachen, habe er das Recht, von ganzem Herzen sie zu bedauern, dass alles
ihnen blosser Zufall sei, dass sie des trostlosen Glaubens seien, sie seien nichts
als Rohre im Sumpfe, aufs Ungefähr von jeglichem Winde hin- und hergetrieben.
    Als er heimkam so früh, wäre Vreneli fast ob ihm erschrocken, denn wenn es
mit rechten Dingen zugegangen, konnte er noch nicht schon da sein, meinte es.
Als es nun den Verlauf hörte, hatte es grosse Freude, denn es nahm die Sache
gerade wie Uli, zu grosser Erbauung und zur Stärkung im Vertrauen, dass am Ende
alles zum Besten sich wenden werde. Diese Stärkung hatten sie aber auch sehr
nötig.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
 Joggeli erlebt auch was und was Altes: dass was einer säet, er auch ernten muss
Joggeli liess eines Abends Vreneli hinüberrufen. Es müsse ihm da etwas lesen,
sagte er; er möge Brille nehmen, welche er wolle, so könne er nichts daraus
machen, er verstehe sich gar nicht auf die neue Gschrift, welche aufkäme, man
sehe es allem an, wie der Glaube abnehme und bald keiner mehr sei. Vreneli
verstand sich, wie es schien, besser darauf, denn es ward blass, las einmal, las
zweimal, sagte endlich: »Das ist kaum, das kann nicht sein.« »Was nicht,« sagte
Joggeli ungeduldig, »was nicht? Sage es doch und stürme nicht.« »Vetter, da
steht, Ihr hättet Elisis Mann eine Gschrift gegeben, gut für fünfzehntausend
Taler, die habe er eingesetzt oder versilbert und jetzt wolle man das Geld.«
Joggeli begehrte mit Vreneli grässlich auf, es könne nicht Geschriebenes lesen
und wolle ihn zum Besten halten. Man liess Uli kommen. Mit grosser Not und vielem
Buchstabieren brachte derselbe ungefähr das Gleiche heraus. Das sei ein
abgeredet Spiel, sagte Joggeli, um solche Sachen ihm abzulesen, hätten sie nicht
gebraucht zu kommen. Wie sie das hätten abreden wollen? fragte Vreneli; sie
seien ja Einer nach dem Andern gekommen, Uli hätte nicht gehört, was es gelesen.
Wenn sie einen Narren haben wollten, so sollten sie sich einen eisernen machen
lassen; das begreife ja jedes Kind, dass sie gewusst, was im Briefe sei, sie
hätten ihn sonst nicht so punktum gleich ablesen können, wenn sie ihn nicht
auswendig gewusst hätten, belferte Joggeli. »Komm, Uli,« sagte Vreneli, »der
Vetter ist aber so wunderlich, da ist nichts mit ihm zu machen. Morgen hat er
vielleicht sich anders besonnen, dass wieder mit ihm zu reden ist.« Sie gingen
und kümmerten sich, was da für ein neuer Schelmenstreich abgekartet worden,
rieten, was sie machen sollten, und wurden endlich einig, nichts zu sagen, bis
Joggeli wieder anfange oder die Sache sich von selbst mache. Joggeli sagte
nichts mehr, sie also auch nichts.
    Einige Tage darauf kam Elisi daher und zwar zu Fuss in einem schrecklichen
Aufzuge, heulend und schreiend. Es suchte den Mann, der war verloren gegangen.
Er hatte eine kleine Reise vorgegeben, nun war er seit vierzehn Tagen fort,
niemand wusste wohin. Das Gerede schwoll an, er hätte sich mit dem Schelmen
davongemacht. Dort, wohin er vorgeblich gereist, sei er nie gewesen, an einem
andern Orte hätte er viel Geld auf Joggeli hin genommen und sei damit voraus,
wahrscheinlich den Weg aller Spitzbuben, das heisst nach Amerika. So heulte Elisi
in Absätzen und wollte seinen Mann haben, oder weil er nicht da sei, solle man
ihm ihn herschaffen. Nun, der Mann war nicht da, aber ein bös Licht ging Uli und
seiner Frau auf, doch entielten sie sich, ihre Gedanken zu äussern. Sie dachten,
jetzt sollte es doch dem Joggeli einfallen, was der Brief zu bedeuten hätte, es
sei denn, er hätte ihn vergessen. Aber Joggeli hatte ihn nicht vergessen und
sagte doch nichts. Er schweige dazu, dachte er. Wenn er nichts sage, so werden
sie auch schweigen, und er wollte ein Narr sein, da Bescheid zu geben, wo er
nichts schuldig sei. Wollten sie im Ernst etwas, so könnten sie ihn aufsuchen
wie üblich und bräuchlich.
    Da kam Johannes dahergefahren wie aus einer Kanone und blies Tabakswolken
von sich, dass man von weitem hätte glauben können, sein Charabanc sei eine
Höllenmaschine oder ein kleiner feuerspeiender Berg und blase Rauch von sich. Er
hatte auch vernommen, der Schwager sei zum Teufel und zwar mit hunderttausend
Gulden vom Vater. Man kann denken, wie der schnaubte und tobte. Joggeli wollte
nichts von allem wissen, und das kam Elisi wohl. Johannes hätte es zwar nicht
gefressen, aber doch halb zerrissen im ersten Zorn. Joggeli wollte auch nicht
glauben, dass der Tochtermann fort sei, er werde nur dem Geheul ein wenig aus dem
Wege gegangen sein; auch er hätte Lust, zu gehen, so sei es ihm erleidet, und
doch hätte er es noch nicht so lange gehört. Er wollte lieber, man liesse ihn
endlich ruhig und plagte ihn nicht bis auf den letzten Tag. Geplagt zu werden,
werde ihm beschieden sein. Viele Jahre hätte ihn die Frau geplagt, es sei nie
recht gewesen, was er gemacht, zu guter Letzt plagten ihn nun die Kinder und
seien ihm immerfort vor der Türe. So kifelte Joggeli, während die Kinder heulten
und tobten. Der Alte sei ein Kind, brüllte Johannes den Uli an, man könne kein
vernünftig Wort mehr aus ihm herausbringen. Sie hätten besser zu ihm sehen
sollen oder Bescheid machen, als sie gesehen, wie er sei, und den Schelm nicht
zu ihm lassen. Wenn etwas geschehen sei, so mache er sie dafür verantwortlich.
Jetzt wolle er der Sache nachfahren, bis er wisse, woran er sei, das werde nicht
so schwer zu erfahren sein. Und hätte er es mal, dann schone er niemand. Da
solle er machen, was er könne, sagte Uli; an Joggeli hätten sie nichts
Besonderes bemerkt, ihn auch nicht zu hüten gehabt. Sie, die nächsten
Verwandten, seien gekommen und gegangen, wann es ihnen gefallen; ihm und seiner
Frau wäre es übel angestanden, wenn sie ihnen hätten den Zugang verwehren
wollen. Er hätte es ihm doch befohlen, sagte Johannes. »Selb hast,« sagte Uli,
»aber ich und die Frau dir wiederum gesagt, dass wir mit der Sache nichts zu tun
haben wollen und können.« Johannes ging ab, ganze Mäuler voll Lumpen und
Schelmenpack, dem er es eintreiben wolle, vor sich herstossend.
    Es war Johannes allerdings nicht wohl bei der Sache, und er hatte Ursache
dazu; was der Bock an sich selber weiss, trauet er der Geiss. Er liess anspannen
und fuhr dem Gerücht nach. Das ist ein Ding, welches oft weit schwerer ist als
das Verfolgen eines flüchtigen Hirsches durch amerikanischen Urwald. Diesmal war
es Johannes viel leichter, denn das Gerücht war nicht bloss ein leises Gemurmel,
sondern ein lautes Geschrei, und nicht Johannes allein, sondern gar Viele jagten
ihm nach und suchten den wahren Grund. So vernahm man bald, dass der Bursche
wirklich einen nicht sehr alten Pass habe, den man ihm ohne Bedenken gegeben, da
er immer mit einem versehen gewesen sei, angeblich wegen Handelsgeschäften, den
er regelmässig, wenn er nach dem Gesetze ausgelaufen gewesen, mit einem neuen
vertauscht habe. Man vernahm, wo er Geld aufgenommen haben solle. Johannes fuhr
darauf los, dort fand er den wahren Grund und ein Papier mit seines Vaters
Unterschrift, auf welchem dem Schwager fünfzehntausend Taler zugeschrieben
stunden. Dem Johannes verging eine ganze Weile das Fluchen, selbst die Pfeife
löschte aus. Als er wieder Atem hatte, ging es freilich wieder los, und das
Versäumte hatte er bald reichlich eingeholt. Erst ging es über den Schwager los,
dann über den Vater und endlich über den Herrn Handelsmann oder Banquier oder
wie man ihm sage, der auf das Papier hin das Geld gegeben hätte. Dem sagte er
alle Schande, drohte ihm mit Galgen und Rad, und als dies nichts half, wollte er
ihn prügeln. Der aber war nicht dumm, hatte zu rechter Zeit für Hülfe gesorgt,
und Johannes musste abmarschieren, tat es aber nur unter Donner und Blitz und mit
dem Drohen, wann er wieder komme, so bringe er dann Leute mit Handschellen und
Stricken. Nun kam er auf die Glungge wieder gefahren, wie eine gejagte Seekuh
durch den Schilf fährt. Der Vater wollte nichts unterschrieben haben, wenigstens
nichts solches. Ein paarmal hätte der Tochtermann ihm Päcklein von der Post
gebracht, und da hätte er die Quittung unterschrieben, sonst wisse er von
nichts. Wahrscheinlich hatte ihm einmal der Spitzbube das Papier als Postschein
untergeschoben, nach, dem er ihn früher einige Postscheine über Päcklein, welche
durch seine Vermittelung Joggeli zukamen, unterschreiben lassen. Wenigstens
hatte die Schrift Ähnlichkeit mit einem solchen Postschein, und Joggeli hatte
schwache Augen, einen schwachen Sinn und war sein Lebtag kein Held im
Geschriebenen gewesen. Wahrscheinlich stak der sogenannte Banquier mit dem
Spitzbub unter einer Decke, sonst hätte er wohl bei Joggeli selbst über den Wert
des Papiers sich näher erkundigt, ehe er Geld darauf gab. Aber bei solchen
Händeln ist was zu profitieren und weit mehr als bei ehrlichen; wieviel in seine
Tasche floss, vernahm man nicht, auch würde es kaum in seinen Büchern zu finden
gewesen sein.
    Was das nun für einen fürchterlichen Spektakel auf der Glungge gab, kann man
sich denken. Vreneli musste Elisi ins Haus nehmen, um es vor Johannes und der
Trinette, welche nachgefahren kam, zu sichern. Nun aber heulte Elisi drinnen das
Haus voll, und Trinette heulte draussen ums Haus herum wie ein Hund unter einem
Baum, auf den eine Katze sich geflüchtet. Vreneli musste seine ganze Tapferkeit
aufbieten, um vor dem Ärgsten zu sein. Es musste für Joggeli in Riss stehen und
gegen die Kinder den Vater schützen, über den das ganze Wetter losbrach, den
selbst Elisi verwünschte auf eine schauerliche Weise. Vreneli war vielleicht der
einzige Mensch auf der Welt, vor dem Johannes noch einigen Respekt hatte, und
von Jugend auf mit ihm bekannt, kannte es auch, was auf ihn Eindruck machte.
Freilich musste es sich von ihm bittere Sachen sagen lassen, wie sie mit unter
der Decke gesteckt und wie man endlich sehen werde, wie sie den Vater
beschummelt und was man an ihnen verlieren müsste. Es musste sehen, wie bei
Trinette zum Zorn noch die Eifersucht kam, als sie sah, dass Vrenelis Worte Macht
über Johannes hatten. »So, von der nimmst du das an, von so einer lässest du dir
das sagen. So, jetzt merke ich, warum du immer hierher gefahren und mich nicht
hast mitnehmen wollen. Jetzt das noch zu allem andern«, und fing an zu heulen,
als ob sie hundert hungrige Hyänen im Halse hätte und gute Lust, ihre Tatzen an
Vreneli zu versuchen.
    Dann brachte man noch Elisis Kinder samt der Nachricht, daheim hätte man ihm
alles versiegelt. Johannes wollte alles mit der Peitsche fortjagen, und Trinette
wollte alles, was Joggeli hatte, aufpacken und fortnehmen, und Joggeli sass da
und stierte herum, wollte an nichts schuld sein, sagte, sie könnten seinetalben
machen, was sie wollten. Die Frau selig habe alles auf dem Gewissen, sie hätte
ihm den Spitzbub hergeschleppt, sie könne seinetwegen jetzt auch zahlen, er habe
nichts mehr und werde wohl noch dem heiligen Almosen nach müssen. Er habe ihr
oft gesagt, es käme so, aber sie habe es ihm nie glauben wollen.
    Vreneli wusste in dem greulichen Spektakel nicht anders zu helfen, als zu Uli
zu sagen:»Um Gottes willen tue mir den Gefallen, nimm das beste Ross im Stalle,
fahr, so schnell du kannst, zum Bodenbauer und bringe ihn her; der alleine kann
sie setzen und weiss den besten Rat, sonst gibt es wahrhaftig noch ein Unglück.
Ich kann nicht allentalben sein und alle hüten. Statt dass sie allmählich sich
fassen und ergeben, werden sie nur noch zorniger, erbitterter auf einander; es
ist ein greulich Dabeisein und traurig, wie ein Mensch sein Unglück sich selbst
noch unerträglich machen muss. Es ist gerade, wie wenn ein Mensch, der einen
Zentner Eisen tragen soll und schwer daran zu tragen hat, denselben noch glühend
macht, um ja recht doppelt Qual zu leiden unter ihm.«
    Uli war dieses Gedankens froh, doch bangte er um Vreneli. »Aber du bist dann
alleine,« sagte er, »und selb ist nicht richtig unter solchen Menschen.« »Habe
nicht Kummer,« antwortete Vreneli, »Johannes tut mir nichts und die Weibsbilder
fürchte ich nicht. Aber fahre rasch, es ist mir angst um Joggeli. Wenn niemand
wehrt, so plündern sie ihn vollends aus, und hintendrein, wenn die Gläubiger
kommen und nichts mehr da ist, gibt es wüste Geschichten. Mit dem Johannes ist
es auch nicht richtig, wie ich merken mochte, der wird auch gemacht haben, was
er konnte. Die Liebe war es nicht, welche so oft ihn hergebracht.«
    Uli sputete sich, schonte das Pferd nicht. »Wenn die Base das hätte erleben
müssen! dachte er. Aber, dachte er wieder, wenn sie gelebt, wäre das nicht
begegnet. Wie wenn man in einem Gebäude einen einzigen Stein wegnehme und
dadurch dasselbe aus allen Fugen, vielleicht zum Umsturz bringen könne, so gebe
es auch einzelne Personen in Familien. Auf einer einzigen Person ruhe das Ganze,
sie halte es zusammen; bei ihren Lebzeiten merke man es vielleicht nicht einmal
so recht, erst wenn sie gestorben sei, in Trümmer das Ganze auseinandergehe,
merke man, dass sie der Eckstein gewesen. Wie man doch das Gleiche verschieden
nehmen könne, dachte er, und wie man erst, wenn was zu tragen sei, merke, ob
einer Kraft habe oder keine. Er wisse wohl, er sei ein armer Sünder, aber um
alles in der Welt möchte er nicht an ihrer Stelle sein. Er sehe wohl ein, dass er
nichts davon, bringe, denn dies Unglück werde auch ihm an die Beine gehen, und
jedenfalls werde ihnen noch etwas übrig bleiben, ihm aber nichts als vielleicht
noch Schulden. Indessen wüssten er und Vreneli zu sparen und zu arbeiten, Angst
habe er nicht, er habe sich darein ergeben, es zu nehmen, wie es komme, und
damit zufrieden zu sein. Aber wie Joggelis Kinder es mit Wenigem machen würden,
da es nicht mit Vielem gegangen, dazu weder arbeiten noch entbehren könnten, das
begreife er nicht. Das gebe die unglücklichsten Leute, welche immer zwischen
Können und Mögen hingen, an allen andern Orten den Fehler suchten, nur nicht an
ihnen selbst, und da, her auch so wüst täten ohne Unterlass, sich verfeindeten
allentalben, wo sie Freunde doch so nötig hätten. Er dankte Gott nicht, dass er
nicht sei wie jene, aber er fühlte sich doch glücklich, dass er nicht in ihrer
Haut war, und das ist erlaubt. Dankbar soll man sein für alle Gnadengaben
Gottes, und ist das nicht eine grosse Gabe, wenn man die Kraft empfangen hat, dem
Willen Gottes sich zu unterziehen, und das Genügen, welches übrig haben und
Mangel leiden kann und bei, des unbeschwert? Diese Gaben sind sehr zu
unterscheiden von persönlichen Eigenschaften oder Vorzügen, auf die man stolz
wird, um deretwillen man Andere verachtet oder verfolgt. Hier liegt eben das
unterscheidende Merkmal für alle, welche auch hier den Baum nur an den Früchten
zu er, kennen vermögen. Wer um eigener Vorzüge willen sich erhebt und Gott
ihretwegen dankbar sein zu müssen glaubt, der verachtet Andere, beneidet sie,
sucht sie zu erniedrigen. Wer um Gaben Gottes willen dankbar ist, der ist
demütig; er weiss, woher er das Beste hat, er bedauert von ganzem Herzen den, der
es nicht hat, er würde von ganzem Herzen mit, teilen von seiner Gabe, um die zu
erhöhen, welche sie nicht haben.«
    Daran eben dachte auch Uli. Nicht dass er glaubte, er könne da was machen,
dazu war er zu bescheiden und allzu sehr auf dem bürgerlichen Standpunkte, als
dass er daran nur gedacht hätte, er könne was machen. Das ist nämlich der
bürgerliche Standpunkt, der im Christentum und namentlich im protestantischen
eingerissen ist, weil der Staat die Alleinherrschaft usurpiert hat, dass es auf
die äussere Stellung eines Menschen zu Andern ankömmt, ob Einer dem Andern eine
Ermahnung geben darf oder nicht, ob die christlichste Ermahnung als anständig
oder unanständig gewertet wird. Es ist in reformierten Ländern so weit gekommen,
dass der würdigste Geistliche einem unbedeutenden weltlichen Beamten, zum
Beispiel einem obrigkeitlichen Schaffner oder Stattalter oder gar
Gerichtspräsidenten, welcher den unchristlichsten Wandel zur gröbsten Ärgernis
der Gemeinde führt, nicht die geringste Vorstellung unter vier Augen machen
darf, wenn er sich erstlich nicht den ärgsten Grobheiten aussetzen, zweitens als
pfäffischer Zelot verschrieen und drittens obern Orts nicht als Jesuit
denunziert sein will. So kam es Uli wirklich nicht in Sinn, dass er als Pächter
und Schuldner da was machen könnte, aber er dachte daran, den Bodenbauer darum
zu bitten, und hätte gerne ihm gesagt, wo die armen Leute am besten zu erfassen
sein möchten. Aber er mochte denken, wie er wollte, er fand nirgends eine
Handhabe zu einem christlichen Griff.
    Seine Sendung setzte den Bodenbauer in grosse Verlegenheit. »Lieber nit, Uli,
lieber nit. Kann ich dir was zu Gefallen tun, so soll es nicht Nein sein, aber
da lass mich ruhig. Was soll ich da tun so unberufen? Wenn schon du kamest, so
sandte dich nur deine Frau und ebenfalls unberufen. Sie würden mir doch da
wunderliche Augen machen, wenn ich hinkäme und befehlen wollte.«
    »Musst doch gehen, Johannes,« sagte die Frau. »Brauchst ja nicht zu sagen,
kommst du geheissen oder ungeheissen, brauchst auch nicht mit dem Rat ins Haus zu
fallen. Du brauchst sie ja nur zu grüssen, und wollen sie nichts von dir, so
kannst wieder gehen. Sieh, tue das der Base unter der Erde zulieb und denke,
wenn unsere Kinder in einen solchen Fall kämen, wovor Gott sie bewahre, wir
wären auch unterm Boden dankbar, wenn ein guter Freund ungeheissen käme und sich
ihrer annehmen würde.«
    Kurz Johannes musste gehen, er mochte wollen oder nicht. Auf dem ganzen Wege
wand er sich als einer, der Bauchweh hat. »O Uli,« sagte er, »du weisst nicht,
wie mir das zuwider ist. Wenn man mit seinen eigenen Sachen fast mehr zu tun
hat, als man fertigen kann, in der Gemeinde zu tun hat, dass man oft lange Zeit
durch nicht zum Sitzen kommt oder tagelang sitzen muss, dass man glaubt, man sitze
auf Feuer, wenn draussen die Sonne scheint und alle Hände voll zu tun sind, und
dann noch die Nase unberufen in fremde Händel stecken, unberufen und ohne einmal
zu wissen, was man, um bei der Wahrheit zu bleiben, für ein Fürwort brauchen
soll, dass man da ist, das ist dumm. Und zu wissen, dass das noch einen langen,
langen Schwanz haben kann, und es doch tun, das ist noch viel dümmer.« »Was
meint Ihr?« fragte Uli, »was für einen Schwanz?« »He, was für einen?« sagte
Johannes. »Wenn da so einer dazwischenkommt, so mir nichts dir nichts, so denkt
man, er habe Freude an solchen Sachen und spricht ihn an, und am Ende, er mag
wollen oder nicht, muss er darhalten, mitmachen, Läuf und Gänge haben und am Ende
des Teufels Dank.« »Wenn Ihr das fürchtet, so habt Ihr ja eine gute Ausrede: Ihr
seid mein Bürge, und leider Gott kann es beide Wege gehen, und manche Sache ist
ja nicht ausgemacht. Wäre das nicht Grunds genug?« »Uli, gibst noch einen
Gemeindsvater,« sagte der Bodenbauer. »Du hast recht, dass mir dies nicht
einfiel! Aber die Sache ging mir zu rund und rasch im Kopf herum.«
    Nun traf es sich, dass der Bodenbauer nicht in einem ruhigen Augenblick
ankam, wo man Zeit hatte zu denken: »was will der und wo kömmt er her?« Es wurde
gebrüllt, gestritten, gelärmt, und als Joggeli den Bodenbauer von weitem sah,
rief er: »O Vetter, Vetter, wie gut ist doch, dass du kömmst; da haben sie mich
zwischeninne, als ob sie mich morden wollten, hilf mir, Vetter, rate mir.« Es
waren nämlich Gerichtspersonen da der bekannten Schuld wegen. Da solche
Formalitäten allentalben anders sind, so entalten wir uns aller nähern
Spezialitäten.
    Der Sohn, welcher eben erst heimkam von einer Rundreise, auf welcher er bei
Freunden Rat und Trost erst halbschoppen-, dann schoppen-, endlich flaschenweise
geschöpft, wollte sie vom Hause wegprügeln, Joggeli wollte nichts
unterschreiben, auch keinen Abschlag geben, kein Zeugnis, dass das Ding bei ihm
verrichtet worden sei. Er rühre keine Feder mehr an, sagte er, ein Narr sei, wer
es tue. Wenn er gewusst, wie man sich damit verfehlen könne, er hätte sein Lebtag
keine zur Hand genommen. Trinette und Elisi gränneten einander an, erst aus der
Ferne, rückten sich aber näher und näher, und wäre Vreneli nicht dazwischen
gestanden, so wären sie einander sicher bis auf Nagelweite nahegerückt. Weiber
liefern ihre Gefechte gern in nahen Distanzen, je näher je lieber. Männer haben
es bisweilen umgekehrt. Die Gerichtspersonen begehrten ebenfalls auf. Hinter dem
Mist krähte der Hahn, und zwei feindselige Hunde gingen zähnefletschend um
einander herum.
    Auch Vreneli verliess seinen Posten unbedacht, grüsste den Bodenbauer
freundlich; da, risch, die Trinette auf das Elisi, dann, ermutigt durch das
Beispiel, ein Hund auf den andern, und ein Brüllen, Wälzen, Spektakel entstand
von Hunden, Trinetten, Elisi bunt durcheinander, dass niemand wusste, war man ganz
im Tierreich oder noch halb und halb unter Menschen. Man riss Weiber und Hunde
auseinander, nahm es aber nicht so genau, ob die Fusstritte Weiber oder Hunde
trafen. Bekanntlich streckt man auch die Hände nicht gern zwischen streitende
Weiber oder beissende Hunde, man kriegt gern Zähne drein. Nun, am Ende stoben die
zusammengebissenen Parteien heulend auseinander, und die andere Partei, welche
eigentlich nicht beissen wollte, sondern bloss reden, konnte ihre Verhandlungen
wieder eröffnen. Die Gerichtspersonen beklagten sich bitterlich und sprachen des
Bodenbauers Vermittlung dringlichst an. Sie trügen ja keine Schuld an der Sache,
sagten sie, täten nichts als ihre Pflicht, begehrten nichts, als was gesetzlich
sei; da liessen sie sich nicht persönlich beleidigen, dafür sei ein Richter. Die
Leute ins Unglück zu bringen, begehrten sie nicht, sie seien bereits tief genug
darin; das sollten die Leute begreifen, dünke sie.
    »Ja aber, Vetter Johannes, Vetter Johannes! Der Lumpenhund, der Spitzbube
hat mich betrogen, ists dann recht, dass ich bezahle? Soll ich allein darunter
leiden, dass der Spitzbube mich betrogen hat?« Der Vetter Johannes sagte, das
könne er begreiflich nicht entscheiden, da er nicht wisse, worum es sich
eigentlich handle und was die Vorgänge seien. Nun erzählen es ihm alle, aber das
Ding war noch schwerer zu fassen als eine neubarbarische, das heisst
philosophische Vorlesung. Endlich brachte der Bodenbauer Ordnung in das Chaos,
begriff, und endlich sagte er, das sei eine fatale Sache, sie bekümmere ihn
sehr. Er könne nicht begreifen, dass man da so mir nichts dir nichts mit den
Gerichten komme, ehe man gütlichen Weg versucht, das sei sonst Sitte. Da musste
auf die Einrede der Gerichtspersonen Joggeli endlich sagen, es seien ihm zwei
Briefe gekommen mit allerlei Redensarten, die er nicht begriffen. Er habe nicht
gedacht, dass das was zu bedeuten hätte, und das Papier abseits gelegt; es könnte
ihm jeder Narr schreiben und in den Brieftun, was ihm gefalle. »Ja so,« sagte
der Bodenbauer, »also geschrieben hatten sie; aber angefragt vorher, wie die
Sache sich verhalten, das wird nicht geschehen sein. Das wäre jedenfalls
anständig gewesen, aber die Sache ist, wie sie ist, mit Prügeln macht sich das
allweg nicht. Gebt eine Antwort, dass eine Einigung Zeit und Platz hat, eines
Tages macht sich das allweg nicht.«
    So geschah es endlich, das Gerichtspersonal entfernte sich und der
Bodenbauer wollte ebenfalls gehen. Aber er musste bleiben und sollte raten. »Ja,«
sagte er, »die Sache ist schlimm. Da wird wenig anders zu machen sein als
Zahlen.« Die Unterschrift ableugnen täte er nicht, von wegen es möge gegangen
sein, wie es wolle, unterschrieben sei unterschrieben; ein Dritter vermöge sich
dessen nichts, und wenn er auch unter der Decke sein sollte, so sei es noch
nicht bewiesen. Elisis arme Kinder könnten ihn dauern, denen sei es abgestohlen;
daneben, wie er Vetter Joggelis Vermögen kenne, schade das weiter niemanden
etwas. Vielleicht dass, was Joggeli dem Tochtermann geschwitzt, als Weibergut
könne geltend gemacht werden, und was später noch auf diese Seite fallen werde,
solle er alsbald durch ein Testament bestimmen und regeln, dass der flüchtige
Vater nichts mehr dazu zu sagen habe.
    Ein Wort gab das andere, und endlich sah der Bodenbauer mit Schrecken zwei
Dinge: dass Joggelis Vermögen nicht mehr das war, was es gewesen, und Joggeli
statt ein Mann ein Kind sei, das nicht wusste, was es machte, nicht
zurechnungsfähig war. »Wisst Ihr was, Vetter,« sagte er endlich, »wisst Ihr was:
geht vor Eure Gemeinde und begehrt einen Beistand, der in diesen verwickelten
Dingen mit Verstand Euch beistehe. Ihr seiet alt, Euer Sohn weit, und was es
koste, zahltet Ihr gern.« Potz Himmel, wie fuhr da Johannes, der Sohn, auf! Ehe
dass er dulde, dass der Vater gevogtet werde, schlage er Himmel und Erde entzwei,
brüllte er. »Da würdest du zu tun haben,« sagte der Bodenbauer ruhig. »Mache was
du willst, aber wäre ich an deiner Stelle, ich besönne mich nicht zweimal;
daneben mach, was du willst, die Sache ist nicht meine, sondern ganz
hauptsächlich deine. So wie ich merken mag, hast du deinen Teil auch erhalten,
und den guten Vater habt ihr beerbt bei Lebzeiten. Es scheint da allweg viel
weggegangen zu sein. Kommt nun deiner Schwester Vormundschaftsbehörde dahinter,
so trittet sie klagend auf, beschuldigt den Vater unverständiger Handlungen usw.
Dann sieh, wie es geht. Begehrt ihr es aber selbst, so behaltet ihr die Sache in
Händen, könnt euch mit eurer Gemeinde verständigen, und die Sache läuft so böse
nicht. Wenigstens friedlich, soviel an euch.«
    Da wolle er lieber den Teufel fressen samt dem Stiel und die Grossmutter als
Dessert, als dass er seinen Vater wolle bevogten lassen. Wer es gut meine, könne
so nicht raten aber wer was Unsauberes in der Wäsche habe, kriegte es vielleicht
auf diese Weise am leichtesten ohne Wascherlohn wieder, brüllte der brüllhafte
Wirt. »Ja so,« sagte der Bodenbauer, »ist das so gemeint. Sieh, dir sagt man nur
Rubigenstrub, aber doch hielt ich dich für witziger. Ich meinte es gut, dein
Vater dauert mich, du aber nicht. Dir bessert es nicht, bis du von der tauben
Kuh gefressen hast, und dann vielleicht noch nicht. Ich habe da allerdings etwas
in der Wäsche, aber ich vermag den Wäscherlohn zu bezahlen, und wäre er noch
einmal so gross; ich bin kein Wirt, der am Verlumpen ist. Und weisst, ich zahle
den Wascherlohn noch dazu gerne, ich weiss, ich erhalte ihn wieder; ich würde für
Uli lieber zehntausend Gulden zahlen als für dich tausend, weisst! Und jetzt
behüt euch Gott und lebet wohl; wem nicht zu raten ist, ist auch nicht zu
helfen!« So sprach der Bodenbauer hochaufgerichtet und im Zorn. Denn in solchen
Punkten verstand er nicht Spass. Sie hätten ihm nicht gesagt, dass er helfen
solle; wenn sie dann seine Hülfe begehrten, so wollten sie es ihm sagen lassen,
sagte Johannes, der Rubigenstrub, halblaut. Die Frau selig habe viel auf dem
gehabt, jetzt sehe man, was er sei, sagte Joggeli, der von der ganzen Sache
wenig oder nichts mehr begriff.
    »Fraueli,« sagte der Bodenbauer zu Vreneli, »wenn du mir nicht so lieb
wärest, so wäre ich mein Lebtag böse über dich, dass du mich da hineingezogen.
Aber so habt ihr Weiber es, ihr meint, es müsse allentalben geholfen sein, und
wo eure Arme zu kurz sind, Stosst ihr die Männer hinein. Da ist nicht mehr zu
helfen, das ist, was ich euch sagen wollte. Macht euch gefasst auf alles, wo ich
wohne, wisst ihr, wenn ihr was nötig habt; und solltet ihr rasch fort müssen, so
hat mein Tochtermann ein klein Heimwesen, welches für den Aufentalt euch
vielleicht anständig wäre. So viel im Vorbeigang, damit ihr euch nicht etwa
ängstigt und nach dem ersten Besten fasst. Sie haben den Alten ausgesogen auf
eine heillose Weise, wie Spinnen eine Fliege. Vielleicht dass noch Ordnung zu
machen, etwas zu retten wäre, aber Ordnung zu rechter Zeit will der dicke Büffel
nicht, er weiss warum. Nun wird alles drüber und drunter gehen, vielleicht gibt
es Prozesse, vielleicht Gott weiss was, kurz zählt darauf, innerhalb Jahresfrist
ist das Gut verkauft und der Alte, wenn Gott sich seiner nicht erbarmt, im
Spital, oder der reiche Glunggenbauer kann von Türe zu Türe sein Essen suchen.«
»Nein, Gevattersmann, nein, das geschieht nicht; eher tue ich es für ihn, aber
solange ich sonst noch ein Stück Brot habe, hat er auch,« sagte Vreneli. »Er war
nie gut gegen mich, aber auch nicht böser als gegen andere Leute. Ich ass sein
Brot, als mir niemand welches gab, so soll er es nun auch bei mir haben.« »Das
ist brav,« sagte der Bodenbauer. »Es ist schade, dass du nicht eine grosse Bäuerin
bist, du hättest den Sinn dafür und könntest Vielen Gutes tun, daneben ist noch
alles möglich.«
    Trotz ihrer Fassung und des Bodenbauers Anerbieten erschreckte sie die Lage
der Dinge doch, so arg hatten sie dieselbe nicht gedacht, so nahe den Wendepunkt
nicht geglaubt. Ein oder zwei günstige Jahre noch, und sie hätten sich erholt
gehabt. Uli hätte gerne die Richtigkeit von Bodenbauers Ansicht in Zweifel
gezogen. Aber Vreneli sagte: Je mehr es darüber nachdenke, desto überzeugter
werde es von derselben. Die Schlingel seien nicht umsonst so oft dagewesen und
sicher nicht bloss wegen der Kurzweil. Die Beiden hätten was gebraucht. Bei einem
einfachen Bauernwesen habe man keinen Begriff, was zwei solche Bursche in einer
Wirtschaft oder im Handel durchzubringen vermöchten. Das gehe zweispännig oder
vierspännig, wenn die Weiber helfen und nichts nutz seien, wie an beiden Orten
der Fall sei. Uli meinte, wenn man nie viel gehabt, so könne man sich noch drein
schicken, nichts mehr zu haben, und es liege die Hoffnung nahe, wieder zu
gewinnen, was man verloren. Wenn aber so grosse Vermögen, mit denen man es nicht
hätte machen können, dahingingen, so komme ihm das Totgrämen sehr begreiflich
vor. »Da ist keine Hoffnung, wieder zu Vermögen zu kommen, und das Leben mit
Nichts, wo man an so viel gewöhnt war, muss eine wahre Hölle sein. Es muss einem
zumute sein, als sei man eingenäht in einen Gallensack. Die Hauptsache für uns
ist nun die, dass wir mit Ehren davonkommen, wenn schon mit sonst nichts als
vielleicht noch mit Schulden.« Sie wollten machen, was möglich, und daneben das
Beste hoffen, bis hieher hätten Gott und gute Leute sie nicht verlassen und
würden es wohl auch ferner nicht. Und wenn es sein, die Prüfung bis dahin gehen
sollte, dass sie in Pfändung fielen, so müssten sie sich auch darein schicken, sie
hätten dabei doch den Trost, dass es weder mutwillig noch verschuldet sei,
sondern hervorgebracht durch Unglück von höherer Hand, dachten sie.
    Ihr Schicksal lag allerdings in der Schwebe, hing von Gottes Segen und des
Bodenbauers gutem Willen hauptsächlich ab. Diesem waren sie dreihundert Taler
schuldig, ihr Geld, welches sie auf Zins gehabt, war eingezogen. Dagegen hatten
sie freilich eine Schrift vom Wirt von fast vierhundert Talern auf dem Papier.
Aber ob sie nicht mehr wert sei als etwa österreichisches Papier oder gar
nichts, das wussten sie noch nicht. Ein ganzer Zins von achtundert Talern war
nächstens fällig, dazu noch der Zins für die Effekten. Nun hatten sie freilich
etwas Geld vorrätig, etwas konnten sie noch machen, aber achtundert Taler sind
eine Summe. Bis zur Ernte mussten sie auch leben, und ob ihnen am Zins etwas
geschenkt werde, das war unter obwaltenden Umständen mehr als zweifelhaft.
Freigebig war Joggeli sein Lebtag nie gewesen, dazu besass er eine zu kleinliche
Natur. Eine solche Natur kann bei grossem Vermögen und einer guten Frau noch so
quasi mit Ehren durchkommen, ohne als ein Geizhals verschrieen zu werden.
    Genau genommen ist es eigentlich gar keine grosse Kunst, bei grossem Vermögen
nicht schmutzig und ungerecht zu sein. Aber wenn das Vermögen geschwunden oder
sonst klein ist, das Geld nirgends reicht, immer neue Forderungen kommen und
dazu immer neue Verluste: da nicht zu machen, was man kann, die Schere ins
Fleisch gehen zu lassen, wo man was zu scheren hat, nicht den letzten Tropfen
auszupressen, wo man das Recht zum Pressen zu haben glaubt, das ist schwer.
Darüber können so Viele sich nicht erheben, sondern halten sich an dem Spruche:
Mache jeder, was er kann. Sie mussten dieses auch von Joggeli erwarten, der dazu
alle Tage kindischer, fast ganz regiert wurde von dem Sohne, der ganz erwildet
war und im Lande herumfuhr wie der Teufel im Buche Hiob. Dazu kam noch die
Abschatzung der Effekten, welche Uli zur Nutzung hatte. Beim Abtreten des Gutes
mussten die wieder geschätzt werden. Den Minderwert musste er ersetzen, etwaiger
Mehrwert ward ihm vergütet. Hier konnte es einige hundert Gulden auf- oder
niedergehen ohne eigentliche Ungerechtigkeit, aber doch je nachdem man ihm wohl
oder übel wollte. Dann kam es wie gesagt hauptsächlich darauf an, ob er die
Pacht ausmachen oder früher davongestossen werde, was bei Verkauf des Gutes oder
Tod des Besitzers gegen eine billige Entschädnis freilich der Fall sein konnte,
und ob die Jahre gesegnet oder ungesegnet seien.
    Er überzeugte sich immer mehr, dass der Bodenbauer richtig gesehen und
richtig geraten hatte. So wie der Fall mit dem Tochtermann bekannt war, schneite
es von allen Seiten Forderungen und Abkündigungen, wie es geht in solchen
Fällen. Es hatten gar Viele Ursache zur Angst, wenn der Glunggenbauer noch mehr
solche Stücklein gemacht hätte, so könnte es ihnen fehlen. Joggeli stand noch
mancher Schuld als Bürge zu Gevatter und ganz besonders bei seinem Sohne. Diesem
wurden nun alle Schulden, welche ablöslich waren und von den unablöslichen die
ausstehenden Zinse eingefordert; das lief zu grossen Summen auf, den Forderungen
konnte auf keine Weise begegnet werden. Da machte es Johannes wie Viele, er
wehrte sich mit Prozessen; das ist aber akkurat, wie wenn man, um dem Fegfeuer
zu entrinnen, in die Hölle springt. Er verflocht auch seinen Vater in diese
Prozesse, und namentlich verführte er ihn, wegen den fünfzehntausend Talern
einen Rechtshandel zu beginnen. Das war ein Geflecht von Prozessen, Forderungen
aller Art, dass es einem vernünftigen Menschen die Haare zu Berge gestellt hätte.
    Dies ward bekannt. Allgemein hiess es, wenn der Tochtermann am Schwiegervater
den Schelm gemacht, so sei es sich nicht zu verwundern, denn der Sohn sei noch
der viel ärgere Schelm an ihm gewesen. Elisi, das nirgends anders zu sein wusste
als in der Glungge, heulte und lärmte, bis endlich der Gemeindebehörde seiner
Heimat, welche eben nicht zu den erleuchteten gehörte, die Augen aufgingen, so
dass sie auf Bevormundung von Joggeli drang. Nun erst gab es Spektakel. Dieser
Antrag kam Joggeli vor wie ein Majestätsverbrechen, und hätte er die Macht
gehabt, er hätte die Antragsteller erst köpfen lassen. Begreiflich gab das einen
neuen Prozess auf die andern alle. Diese Prozesse sind die allerangreiflichsten
für die Person, welche bevogtet werden soll und es nicht annehmen will. Die
Antragsteller sind also genötigt, ihr Begehren gehörig zu begründen. Um das zu
können, müssen sie nun alle möglichen Merkmale aufführen, dass der Besagte nicht
mehr imstande sei, sein Vermögen selbst zu verwalten. Freilich werden Kinder,
welche so was begehren, im Eingang sagen, wie das Begehren ihr Herz zerreisse,
wie sie es aber den eigenen Kindern schuldig seien; sie werden nie anders reden
als von ihrem geliebten, verehrten, unglücklichen Vater, werden dann aber dazu
alle Schwachheiten, Dummheiten, welche er von den ersten Hosen an gemacht,
aufzählen. Ja sie sind imstande, des Vaters Heirat mit ihrer Mutter als seine
grösste Dummheit, als ein Zeichen seiner momentanen Verrückteit anzuführen.
Zuweilen wird des Vaters kindischer Zustand nicht von der Heirat, sondern von
der Mutter Tod weg datiert. Dann wird aber doch gesagt, dass er eigentlich sein
Lebtag nie ein Mann gewesen, die Mutter die Hosen angehabt hätte, seit sie aber
gestorben, sei er vollends dumm geworden. Nichts wird geschont, sein Bild nicht
bloss aschgrau, sondern brandschwarz gemalt. Das alles nun muss der Betreffende
lesen, sollte es verdauen und kann nicht, geschweige sich daran erbauen. Dann
muss er ein ander Bild von sich entwerfen lassen, wo er wie ein Herrgott strahlt,
und hat er Malice auf seine verstorbene Frau, so wird der munter ausgewischt,
wobei er sie jedoch immer seine liebe Selige nennt, welche er dem lieben Gott
von ganzem Herzen gönne. Hintendrein kommen Ärzte, manchmal noch der Pfarrer und
manchmal noch Andere und untersuchen einen nach Stand und Vermögen gründlich und
nicht gründlich: ob der zu Bevogtende dumm sei oder gescheut, entweder ganz oder
halb, zurechnungsfähig oder nicht, zurechnungsfähig entweder ganz oder halb. Das
ist für den Betreffenden eine äusserst interessante und lehrreiche Untersuchung,
man kann es sich denken!
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
                 Wie Gott und gute Leute aus der Klemme helfen
Unterdessen verfiel der Zins, Joggeli wollte keinen Kreuzer daran schenken. Wenn
man das Geld nötig hätte wie er, so schenke man nichts, das wäre ja das Dümmste,
was er machen könnte. Dann wohl, dann hätte man das Recht, ihn zu bevogten! Wenn
er schon wollte, er dürfte nicht, Johannes täte viel zu wüst; er glaube, er
risse ihm den Kopf ab, sagte er. Es dünkte Uli streng, er hatte Lust, wenn auch
nicht zum Prozedieren, so doch Vermittler anzusprechen, oder wie man hier sagt,
eine Freundlichkeit anzustellen. Überdem, meinte er, könnte man ja eine
Gegenrechnung machen. Vreneli müsse so viele Zeit mit Joggeli versäumen; sie
lieferten mehr, als sie schuldig seien, und Elisi samt seinen Kindern müssten sie
ja fast alleine erhalten, die Kinder seien immer bei ihnen und über ihrem
Tischkasten, als ob es ihr eigener wäre. Vreneli wehrte: »Wo kein Verstand mehr
ist, kann man keinen machen. Bei der Vermittlung käme nichts heraus, wenn die
Männer schon einreden würden. Johannes, der Unflat, täte es nicht, der ist zu
geldhungrig. Mit dem Rechnen ists ebenso. Sie würden sagen, wenn wir mehr
gegeben, als wir schuldig seien, so sei das unsere Sache. Warum wir es getan,
warum wir Elisi und seine Kinder nicht fortgejagt? Wenn wir die Guttätigen
machen wollten, so sollten wir nicht hinten, drein abrechnen wollen, das hätte
keine Form. So würde man uns antworten, dann könnten wir prozedieren; vielleicht
täten wir es gewinnen, vielleicht verlieren, und wollen wir das?«
    So sprach Vreneli. Uli sagte, er wisse, was Prozedieren sei, die Lust dazu
habe er verloren. Er habe bloss gemeint, man könnte probieren, so gleichsam an
die Türe pochen. »Weisst nicht, Uli,« sagte Vreneli, »dass der Teufel ein Schelm
ist? Gibt man ihm einen Finger, nimmt er gleich die ganze Hand. Und dann ist
das: die Sache scheint sich in die Länge zu ziehen, wir können sicherlich
dableiben noch ein Jahr und die Aussichten sind prächtig. Wir haben ja Lewat,
der alleine macht uns wenigstens den halben Zins, wenn es gut geht. Zudem
bedenke, ich habe lange das Gnadenbrot gegessen hier. Es war freilich oft stark
gesalzen, doch nicht durch die Base, und wenn ich später auch etwas dafür
geleistet, so wussten sie doch dies nicht, als sie anfingen, es mir zu geben,
denn ich war ein böser Drache von Mädchen. Wenn wir es jetzt auch nicht
überflüssig haben, so haben wir es doch, und wer weiss, ob wir je wieder ein
Zeichen tun könnten, dass wir erkennen, was ich empfangen.« »Es wäre recht so,«
sagte Uli, »wenn wir nur wüssten, wo nehmen und nicht stehlen.« Ja, sagte
Vreneli, stehlen sei eine wüste Sache, das helfe es auch nicht. Aber als das
letztemal der Bodenbauer dagewesen sei, habe er gesagt, sie wüssten, wo er wohne.
Ja, sagte Uli, das sei alles gut, aber immer und immer wieder Bettlerwege laufen
zu sollen, sei er doch endlich satt. Vreneli verstand den Ton besser als die
Worte, und in seinem lebendigen Gerechtigkeitsgefühle war es ihm klar, dass Uli
allerdings Mehreres habe austreten müssen, was es angegeben, dass ihm das
wiederholte Hülfesuchen bei dem Bodenbauer sehr zuwider sein müsste.
    Vreneli hatte Vernunft und hielt seinen Mann nicht für einen dummen
Schweizermann, zu nichts nutz, als deutschen Jungen und Allerweltsbuben,
bankerotten Italienern und herrschsüchtigen Weibern Kastanien aus dem Feuer zu
holen, kurz es hielt ihn nicht für einen Neidgauer. »Weisst du was,« sagte
Vreneli, »unser jüngstes Kind ist noch nicht eingeschrieben; das älteste bittet
schon lange, einmal zur Gotte zu fahren, sie habe ihns eingeladen; nächsten
Sonntag nehme ich den Fuchs, er ist ein guter alter Trappi, mit dem darf ich
fahren und will suchen, was da zu machen ist. Es ist jedenfalls am
anständigsten, man verrichte solche Sachen selbst.« Uli begann keinen edlen
Wettstreit, er sagte bloss: »He ja, wenn du meinst.«
    Vreneli fuhr wirklich am nächsten Sonntage mit dem alten Fuchs und seinen
jungen Kindern. Es war ihm wie einer Henne, wenn sie zum ersten Male ihre Brut
zu Felde führt, voll Stolz und Angst. Es waren aber auch drei allerliebste
Kinder, mit welchen es ausfuhr. Sie hatten eine ganz absonderliche Freude, und
je mehr sie sich freuten, desto wehmütiger ward Vreneli. »Ihr armen Tröpflein,«
musste es immer denken, »ja, freuet euch nur, es ist das erste Mal und
wahrscheinlich auch das letzte, dass ihr mit einem Pferde fahren könnt; dann, ihr
armen Tröpflein, könnt ihr einander selbst ziehen, wenn ihr fahren wollt.« Seit
seiner Hochzeit war es nie da oben gewesen, eine rechte Hausfrau kömmt selten
weit vom Hause auf dem Lande, besonders wenn Gott sie alle Jahre mit einem Kinde
segnet, in den Schaltjahren mit zweien. Da gab es wohl Vergleichungen zwischen
den frühern Reisen zu Bodenbauers und der jetzigen. Es wäre zu wünschen, solche
Vergleichungen würde kein Gemüt peinlicher fassen. Die erste Reise war die, auf
welcher Uli Vreneli eroberte, die zweite zur Hochzeit, die dritte also die mit
drei Kindern, das jüngste war daheim geblieben. Es lag in den äussern Umständen
wohl eine Demütigung. Pläne, Hoffnungen sind zu Wasser geworden, verhagelt,
fremde Leute müssen um Geld angesprochen werden. Aber ists wiederum doch nicht
was Schönes, eine eroberte Würde darin, dass eine Frau mit solchem Vorhaben
ausfahren darf, mit unbeschwertem Gewissen und in heiterm Vertrauen, die Bitte
werde nicht abgeschlagen? Sackerlot, ihr Weiber im Oberland und Seeland, in
Baselland und Waadtland, wie Manche unter euch darf sich zu Wagen setzen, mit
keinem Vermögen als einem Häuflein Kinder zu einem alten Gläubiger fahren und
ihn ersuchen, aufs neue einzustehen, und zwar nicht etwa insgeheim, dass es unser
Herrgott selbst nicht einmal vernehmen soll, sondern offen vor Weib und Kindern?
Ja, das ist doch etwas Grosses, darin liegt ein schönes erobertes Vermögen.
    Ja, wie Manche aus aller Herren Ländern könnte mit Titeln vornen und Titeln
hinten, zu Fuss, zu Wagen, zu Ross, mit oder ohne Kinder in allen fünf Weltteilen
herumfahren, sie kriegte vielleicht mit Betteln einige Kreuzer zusammen, aber
anvertrauen, anvertrauen auf ihr ehrlich Gesicht oder ihren ehrlichen Namen
würde kein vernünftiger Christenmensch ihr drei Kreuzer! Ja, Mesdames zu Stadt
und Land, so schlecht ists mit Tausenden unter euch bestellt: nicht drei Kreuzer
auf euer ehrlich Gesicht oder euern ehrlichen Namen! Das ist verdammt wenig, von
wegen es sind beide darnach bestellt. Doch tröstet euch, Mesdames, es ist mit
den Herren oder Männern, wie man will, noch schlechter bestellt. Wie viele und
hochgestellte und hochberühmte schiessen im Lande herum wie eingeschlossene
Fledermäuse an den Fenstern, suchen Vertrauen und finden keins; ja, nicht einen
einzigen Kreuzer kriegen sie auf Gesicht oder Namen, sie mögen schiessen, surren,
stürmen, so viel und so lange sie wollen. Höchstens vertraut man ihnen das
Vaterland an, ein Zeichen, wie hoch man dasselbe achtet! Ja, wenn man alle die
sammeln und zusammenstellen würde, Weibervolk und Männervolk, welche Geld borgen
möchten und gar keines oder höchstens drei Kreuzer kriegen, man könnte mit ihnen
ganz Hinterasien bevölkern und Vorderasien wenigstens halb. Nun, wenn diese
Völkerwanderung mal stattfinden sollte, was für die Bequemlichkeit und Ruhe
Europas nicht so unpassend wäre (man denke, wie viel Stellen ledig würden in
Königstümern, in Republiken, an Höfen, in Wasch- und Ratshäusern), so kann
Vreneli daheim bleiben, es bekäm Geld und notabene gern. Das gern ist noch
seltener als Geld.
    Des Bodenbauers Frau war aber auch eine, wie man sie nicht hinter jeder
Haustüre findet. Sie dachte nicht bei sich: Gibt wohl der alte Narr der Jungen
da Geld? Wohl, dem wollte ich! Sie rief ihn auch nicht beiseite und sagte ihm:
»Probier und gib dieser! Machsts, beim -, ich lasse mich scheiden; das wäre mir
wohl, so alt wie du bist, schäm dich und denk an Kinder und Grosskinder!« Die
Bodenbäurin hatte tiefes Bedauern. »Nur nicht den Mut verlieren,« sagte sie, »es
kommt schon noch gut; ein paar Jahre, so könnet ihr euch wieder aufhelfen. Ja
freilich, helfen muss man euch. Es ist ja hundertmal nützlicher, man unterstütze
brave Leute, wo man noch den Glauben haben kann, das Geld sei nicht zum Fenster
hinausgeworfen, als man werfe es in Spekulationen, wo ein paar Spitzbuben reich
werden, während man keinen Kreuzer davon wiedersieht. Aber freilich, die Leute
sind selbst schuld, dass man nicht so Vielen aufhilft, als man wohl könnte und
möchte. So Viele begehren nicht wieder zu zahlen und werden die ärgsten Feinde,
wenn man sie mahnt ans Wiedergeben, es ist akkurat, als ob man ihnen ihre eigene
Sache stehlen wolle. Und wie wohl käme es so manchem Handwerksmann, der was
anfangen möchte und kein Geld hat, wenn das alte Vertrauen noch wäre. Früher,
wenn so einer kam, redete ich meinem Mann immer zu, jetzt freilich wehrte ich
schon öfter ab. Aber schämen muss ich mich, dass es bei unsern Verwandten,
freilich so ganz nahe sind wir ihnen nicht mehr, so geht; darum ist es nur
billig, dass wir gut machen, was sie sündigen. Haltet es dem Alten nicht für
ungut, denkt, er wisse nicht, was er mache, und dass er in der Klemme ist, und da
wird man gerne wüst gegen die Leute, will sich damit helfen und macht die Sache
immer schlimmer. Denk an die gute Base und sieh um ihretwillen zum Alten, sie
hatte auch nicht gute Zeit bei ihm und tat ihm doch, was sie konnte.«
    Das war eine schöne Rede, welche die Bodenbäurin fallen liess, in Kammern und
Parlamenten hört man langweiligere und kommt dazu doch nichts dabei heraus. Der
Bodenbauer gab das Geld. »Probiert aber,« sagte er, »und gebt dem Vetter das
Papier, welches euch der Wirt gegeben hat, an Zahlungsstatt. Er ist auch schuld,
dass Uli sich da eingelassen, und wenn er es schon nicht annimmt für immer, so
ist es doch nichts als billig, dass er dem Wirt ein wenig die Faust macht. Ein
Handel mehr oder weniger soll ihm nichts machen, und vielleicht trifft er einen
glücklichen Augenblick, wo es wieder tropfet beim Wirt.« Vreneli nahm aber auch
das Geld nicht leichtfertig, nicht mit den Worten halb Spass, halb Ernst: »Jetzt
habe ichs, jetzt könnt ihr sehen, dass ihr es wieder kriegt«, sondern mit einem
tiefen Seufzer. »Weiss Gott, wann wir es wieder geben können, aber es soll
geschehen, wenn Gott uns das Leben lässt, und sollte ich es mit Kuderspinnen
verdienen.« »Das würde dich doch noch blangen«, sagte die Bodenbäurin lachend.
»Wir wollen hoffen, es werde dir besser gehen. Ihr seid Beide jung, eine Zeit
ist nicht alle Zeit, und wer das Unglück brav ertragen hat, der wird dann wohl
auch mit dem Glück umzugehen wissen. Je schwerer es dir ist, das Geld zu nehmen,
desto leichter, hoffe ich, wird dir das Wiedergeben, oft geht es umgekehrt.«
    Sie waren also sozusagen wieder unter Dach, geborgen im Wohlwollen oder in
der wohlerworbenen Gunst guter Leute, und konnten ruhig die Tage kommen sehen.
Uli glaubte, er sei es ihrer alten Freundschaft schuldig, dem Wirt das Papier
zuerst zum Einlösen zu präsentieren, ehe er es in fremde Hände zu geben
versuche. Diese Zarteit rechnete ihm aber der Wirt nicht eben hoch an. »Mache
du mit dem Wisch, was du kannst. Wenn ihn jemand will, so gib ihn und wirf noch
die Kappe nach! Aber Geld begehre nicht von mir, und wenn du mich auf den Kopf
stelltest, nicht einen halben Gulden fändest du. Wenn es der eigene Bruder wäre,
jetzt könnte ich ihm nichts geben. Mit Betreiben habe keine Kosten, wenn ich dir
einen guten Rat geben kann. Machst du mich unglücklich, kriegst du erst nichts.
Da sind viele Hunderte vor dir, welche ihre Sache vorab wollen, wenn sie was
finden, heisst das. Wartet man mir, ist mir einmal der Schwäher gestorben und hat
unser Herrgott mir den Vater abgenommen, er muss ihm nicht lieb sein, er hätte
ihn sonst längst begehrt, so gehts dann schon. Aber einstweilen setze man ab!
Wenn ich schon wollte, beim besten Willen könnte ich nicht.« Es sei doch hart,
meinte Uli, dass er sein Geld so nötig habe und es nicht erhalten könne und
vielleicht gar für einen Andern Geld borgen müsse. »Kann dir nicht helfen,«
sagte der Wirr, »da siehe du zu,« ging und zeigte sich nicht wieder.
    Als Uli den Joggeli zahlte, kam es diesem doch selbst über das Herz, dass er
es Uli wüst mache. »Ich würde dir gerne was zurückgeben,« sagte er, »aber ich
mangle das Geld gar übel. Das andere Jahr aber, da will ich dir daran denken;
sinn daran und mahne mich.« Das künftige Jahr soll gar oft gut machen, was im
laufenden gefrevelt worden. Aber kömmt es dem Frevler immer? Mit dem Papier,
sagte er, möge er nichts zu tun haben, er wollte, er hätte es sein Lebtag so
gehabt. Er solle es dem Johannes zeigen, wenn es dem recht sei, so sei es ihm
auch recht. Dem Johannes war es aber begreiflich nicht recht. Er fluchte gar
mörderlich Uli an: Ob er auch einer von denen - schelmen sei, welche den Vater
um den letzten Kreuzer betrügen wollten! Er wisse ja, der Alte wisse nicht mehr,
was er rieche oder schmecke, geschweige denn was er lese, und doch käme er ihm
mit einem Papier daher, welches keinen faulen Heller wert sei, er möchte es
nicht für eine Pfeife damit anzuzünden.
    Uli ward böse. Er habe nichts darwider, dass Joggeli durch Schelme um sein
Vermögen gebracht worden sei, aber mit denen lasse er sich noch lange nicht
zusammenzählen, eiferte er. Er habe hier nichts gewonnen, das Widerspiel, was er
gehabt, lasse er dahinten, und warum, Weil man ihn behandle, wie es vor Gott und
Menschen nicht recht sei, zum Dank, dass er den Hof in Aufgang gebracht. Das sei
doch wohl nie erhört worden, dass man erst einen Pächter verleite, nicht in die
Assekuranz zu tun, um den Beitrag zu ersparen, - und hintendrein den
Hagelschaden alleine tragen lasse, keinen Kreuzer am Zins schenke. Dass er da
Papier hätte statt Geld, sei auch nicht alleine seine Schuld. Er werde sich aber
hüten, von einem Wirte Papier anzunehmen, deren Zeug sei mit Schein heutzutage
nicht einen faulen Heller wert. »Wie meinst das?« schnaubte Johannes. »Nimms wie
du willst, es ist mir gleich« sagte Uli. »Potz!« brüllte da Johannes, »ich will
dir zeigen, wer du bist; nackt musst du mir auf die Gasse und vielleicht noch
anderswohin!« »Meinst, ich solle dir nach?« sagte Uli, »habe keine Lust dazu,
und zwingen wird mich niemand, von wegen ich habe ein reines Gewissen und
saubere Finger.« »Wart nur,« sagte der Wirt, schwarzrot im Gesicht, »dir will
ich den Marsch machen!« »Mach, was du willst,« sagte Uli, »aber ich denke, es
gehe nicht mehr lange, so werden ich und du hier auf der Glungge akkurat gleich
viel zu befehlen haben, und wenn ich dann noch was schuldig bin, so bin ich es
sicher nicht dir schuldig.«
    Sie griffen nicht zusammen, aber grossen Zorn hatten Bei, de zu verwürgen.
Johannes konnte dieses nicht trocken tun, er musste Wein dazu giessen und zwar
brav. Er ging daher zum Wirt, dessen Papier er soeben so hart ausgescholten.
Derselbe war sein bester Freund geworden, seit Johannes öfters auf der Glungge
war. Je ähnlicher ihre Verhältnisse wurden, desto mehr näherten sich ihre
Herzen, Keiner konnte dem Andern mit Geld helfen, aber mit Rat, und wenn Einem
kein Kniff einfiel, so stolperte der Andere über einen. Ihr Hauptwitz drehte
sich um folgende drei Punkte: so viel möglich auf Borg zu kaufen, der Bezahlung
auszuweichen oder die Last von einer Achsel auf die andere zu legen, wie man zu
sagen pflegt.
    Hier erzählte nun Johannes, wie er es dem Uli gemacht und noch ferner es
machen wolle. »Du hast recht, nur ausgefahren mit dem,« sagte der Wirt. »Das ist
der dümmste Mensch auf Gottes Erdboden, jedes Kind kann ihn zum Narren halten.
Man kann ihm angeben, was man will, er glaubt alles, und rühmt man ihn erst, so
steht er dir zweg wie ein Hund, den man streichelt. Er ist mir alle Augenblicke
vor der Türe und will Geld, aber er kann noch lange kommen und wird doch keines
sehen. Da wäre man ja dumm, sein Geld zu verwerfen, um Leute zu bezahlen, welche
man nicht zu fürchten hat. Zu denen muss man sehen, welche wissen, wo angreifen,
die hat man zu fürchten; aber die, welche man zurückschrecken kann, die kann man
unbesorgt springen lassen. Einmal gibt man ihnen gute Worte, ein andermal böse,
und laufen sie endlich zu einem Agenten, so steckt man dem was und die Sach
bleibt jahrelang am gleichen Orte; der Lümmel kann nichts daran machen und kommt
nie darüber, wo es hält. So muss man es solchen Menschen machen. Gott Lob und
Dank, es gibt noch viel Solche, sonst wäre unsereiner böse bestellt.«
    Was der Wirt da so bündig auseinandersetzte, ist wirklich auch so. Es gibt
Leute, welche mit Taschenspielergewandteit dem Bezahlen auszuweichen wissen,
immer noch Kredit finden, eine unbegreifliche Schuldenmasse aufhäufen, ihre Last
jahrelang nicht einmal zu fühlen scheinen, bis endlich das künstliche Gebäude
schauerlich zusammenbricht. Hinwiederum gibt es Leute, welche verdammt zu sein
scheinen, nie zu ihrem Gelde kommen zu können, beständig verlieren. Es sind
dieses zumeist noch Leute, welche das Geld sehr nötig hätten, welche der Verlust
tief schmerzt, wie zum Beispiel Uli. Es sind zumeist gutmütige, leichtgläubige
Leute, welche man traulich zu machen weiss, eben wie Hunde mit Streicheln, Leute,
welche entweder keinen Begriff vom Rechtsweg oder nicht Mut haben, ihn zu
verfolgen, Leute, welche von den Agenten noch gerupft werden, statt bei ihnen
Hülfe zu finden. Für die ärmere Klasse ist in diesem Punkte ein schweres Leiden.
Was soll man aber zu einer Gesetzgebung sagen, welche dieser Sorte von
Taschendieben ihr Handwerk erleichtert und wohlverstanden auch sichert, während
sie den Kredit der ärmeren, aber ehrlichen Klasse zerstört?
    Wie wenn es wirbelt in Fluss oder See, die Kreise sich immer enger und enger
ziehen, bis endlich eine unwiderstehliche Kraft die Wasser und was sie tragen
niederwirbelt auf den Grund, um sie loszulassen, die Wasser in Schaum aufgelöst,
tot oder zerbrochen, was sie trugen, so zogen sich Joggelis Prozesse, an denen
er nichts begriff, enger und enger zusammen.
    So sollte er zum Beispiel einen Eid schwören, er hätte dem Tochtermann die
Schuldverschreibung nicht unterschrieben, während er auf der andern Seite
bevormundet werden sollte wegen Geistesschwäche, anderer Händel nicht zu
gedenken. Den Eid wollte er schwören durchaus gegen den klaren Buchstaben. Aber
der Sohn hatte es ihm ausgelegt mit einigen Flachen. Die Auslegung hatte Joggeli
gefasst und hielt sie fest, und was Pfarrer und Andere sagten, es war alles an
eine Mauer geredet. Vreneli machte ihm einmal Vorstellungen, ob er mit einem
falschen Eide ins Grab wolle? Um sein Vermögen habe er sich gebracht, ob er nun
zu guter Letzt auch seine Seligkeit verwerfen wolle? »Das verstehst du nicht,«
antwortete Joggeli, »Weiber sollten in solche Sachen gar nicht reden. Meine Frau
selig tat es auch immer, darum kam die Sache endlich so. Johannes hat es mir
ausgelegt, dass der Eid mich gar nicht berühre, er wird das besser wissen als du.
Ungerechteres könnte es doch nichts geben, als wenn ich so mir nichts dir nichts
ein solch Geld zahlen sollte. Das wird mir doch kein rechter Mensch zumuten?
Aber du hievest es immer mit allen Andern gegen mich. Was ich dir zuleide getan,
weiss ich nicht. Wenn wir dich nicht angenommen, als dich niemand wollte, so
könntest du jetzt sehen, was aus dir geworden. Das wird wahrscheinlich der Dank
dafür sein sollen. Ich sagte es der Frau selig immer, was du für eine seist,
aber sie wollte es nie glauben. Jetzt könnte sie es wieder erfahren.«
    Was sollte Vreneli darauf sagen? Kömmt einmal ein Mensch in diese
Verstockteit, wird er so kindisch oder hat er sich so tief in einen Wahn
festgerannt, so nützen Worte nichts mehr. Die Tränen schossen Vreneli in die
Augen. »Ja, wenn die Base noch lebte, es wäre viel anders, und manches, das noch
geschehen soll, würde unterbleiben«, sagte es. »Ich kann nichts als beten, dass
jemand anders weiser sei als Ihr und den Eid Euch nicht zulasse.«
    Diesen heillosen Eid, von welchem alle Welt wusste, dass er falsch war,
während man dem alten armen Tropf alle Tage einredete, er solle ihn tun, weil er
ihn tun könne, so dass er allein es glaubte, er schwöre recht, während er doch am
besten wissen sollte, dass er falsch schwur, bejammerte Vreneli unendlich. Es
meinte, es sei da was zu machen, nicht bloss mit Beten bei Gott, sondern auch mir
Vorstellungen bei Menschen, denn was man selbst ausrichten könne, das überlasse
Gott dem eigenen Vermögen. Es lief herum, es lief zum Pfarrer, zu diesem, zu
jenem; alle waren seiner Meinung, das Ding sei ein heilloses Spiel. Der Pfarrer
meinte, am besten wäre es, wenn der Eid verschoben werden könnte, bis der Streit
über Joggelis Zurechnungsfähigkeit entschieden sei. Dieser Aufschub sei sehr
wohl möglich, sagte er, wenn das Gericht oder der Richter den guten Willen
hätten. Diesen hatte der Richter aber nicht, er war ein Jurist von der gröbern
Sorte; er fragte einer Seele gar nichts nach, und ob ein alter Mann einen
falschen Eid tue, kümmerte ihn viel weniger, als dass zu den Bratwürsten, welche
er besonders liebte, kein Kalbfleisch genommen werde. Der Tag der Eidesleistung
blieb angesagt.
    Da, einige Tage vor demselben, fand eines Morgens Vreneli den Alten, dem es
das Frühstück bringen wollte, sprachlos im Bette, ein Schlagfluss hatte ihm die
Zunge und eine Seite gelähmt. Im ersten Augenblick erschrak Vreneli. Dann aber
hob es sein Auge auf und sagte leise: »Das hat Gott getan!« Der Arzt wurde
geholt, das Möglichste zu Joggelis Wiederherstellung versucht, doch umsonst. Der
Schlag wiederholte sich, am dritten Tage war Joggeli eine Leiche. Jetzt waren
die Prozesse zu Ende, ein höherer Richter hatte gesprochen. Das habe Gott gewiss
der Base zulieb getan, sagte Vreneli zu Uli. Es vergebe dem Vetter von ganzem
Herzen alles, was er ihm gesagt und getan, aber sagen müsse es, Gottes Güte habe
er nicht verdient, denn keinen Menschen hätte es gekannt, der Gott weniger
nachgefragt. »Aber wie es jetzt gehen wird, was meinst, Uli? Wer will die
verwickelte Strange Garn lösen, dass eine Elle gross ganz bleibt?« »Weiss Gott, wie
es geht,« sagte Uli. »Ich wollte mich in alles gerne schicken, wenn nur der
Wirrwarr vorüber wäre und die Ungewissheit einmal aufhörte. Aber ungeduldig
wollen wir nicht werden; es ist schon vieles vorübergegangen, das wird auch zu
überleben sein.«
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                          Wie der Knäuel entwirrt wird
Ein harter Schlag war dieser Tod für Johannes. Wenn er früher auch Joggeli die
Seligkeit, wie er sagte, gerne gegönnt hätte, weil es dem Vater wohl und ihm
nicht übel gegangen wäre, jetzt war dieser Tod für ihn ein grosses Unglück. Jetzt
kam die Vermögensmasse in unparteiische Hände, ihr Bestand musste ausgemittelt
werden so wie Schuldner und Gläubiger. Er war nicht gerührt, aber tobte
gewaltiglich, dass das hätte geschehen müssen; es sei gerade, als ob das ihm
absichtlich zuleid getan sei, um ihn zugrunde zu richten. Noch acht Tage, so
hätte der Vater geflucht gehabt; dann hätte er seinetalben gehen können, wohin
er gewollt, die Sache wäre gewonnen gewesen.
    Über solche Reden schalt Vreneli den Johannes fürchterlich. Er solle doch an
die Mutter im Grabe denken, wenn er auch den Vater nicht achte. Es nehme ihns
doch auch wunder, wo er so gottlos und frevelhaft geworden sei, als Junge sei er
anders gewesen. Wäre er Bauer geblieben auf der Glungge, so wäre es nicht so
gegangen, er wäre ein Anderer inwendig und auswendig. Jetzt sei es froh, dass es
bald von ihm komme und hoffentlich ihn nicht mehr sehen werde. Es sei ihm immer
angst in seiner Nähe, vom Himmel komme ein Blitz und schlage ein in sein gottlos
Maul. »So wäre es für mich,« sagte Johannes, »und dich ginge es nichts an.
Vielleicht dass es gut wäre, wenn es so ginge, dann wäre ich draus und weg und
allem los. Jetzt schweige mir aber mit dem Gestürm und mache, was zur Sache
gehört. Ich mag viel von dir ertragen, aber genug ist genug; ich will meinen
Zorn auslassen, wie ich will, magst es nicht hören, so geh weiter!«
    Vreneli ging und fiel Elisi und Trinette in die Hände, die gar jämmerlich
hintereinander waren. Beide wollten geschwind von des Vaters Sachen nun erben,
was da war, dann zum Krämer, dann zu Schneider und Näherinnen und sich neu
kleiden lassen für das Leichenbegleit. Da tat Pressieren not, innerhalb drei
Tagen musste alles geschehen sein und in der Nähe wohnten keine Pariser Künstler,
weder Schneider noch Näherin (ein Geschöpf, welches auf dem Lande auch die
Putzmacherin vorstellt). Trinette wollte jetzt alleine erben, wie Elisi bei der
Mutter auch alleine geerbt, was in ihrem Sinne so dumm nicht war. Aber Elisi
begehrte schrecklich auf, dieweil Vater und Mutter ganz verschiedene Kreaturen
seien. Es wäre so was für Lumpenhunde von Söhnen und deren Schleipfen, wenn sie
den Vater, welcher das Vermögen in Händen hätte, alleine beerben könnten. Potz
Schiess, wie spitzte Trinette die Nägel, akkurat wie ein Kater, dem ein anderer
in sein Revier kommt. So kamen die Gerichtspersonen und teilten den Kuchen, sie
versiegelten alles. Bekanntlich hatte Achilles eine Ferse, welche verwundbar
war, bekanntlich war sogar der hörnerne Siegfried zwischen den Achselbeinen so
empfindlich, dass der wilde Hagen ihn von dorter erstechen konnte; die beiden
Gerichtspersonen aber, welche kamen, waren mehr als Achill, mehr als der
hörnerne Siegfried, sie hatten keine verwundbare Stelle, sie waren ledern,
hörnern, eisern über und über. Die Weiber mochten lieblich oder grimmig tun,
Johannes blitzen oder donnern, sie versiegelten kaltblütig alles gut und
währschaft; es waren nicht bloss Halbgötter wie Achill zum Beispiel, es schienen
wirklich ganze Götter. Es waren nämlich Männer, welche Nasen hatten, die den
Braten rochen, kaltblütig ihre Pflicht taten, die Weiber auslachten, den
Johannes kurz abfertigten. Wo die Mehrzahl der Erben zahm sind und nicht viel
verstehen oder jung, daher blind wie Katzen vor dem neunten Tag, oder alles
unter einer Decke liegt, ja da lässt sich schon was machen, da können
Gerichtspersonen human, liberal, halb oder ganz blind sein, das lässt sich schon
machen und ist manchmal noch was zu verdienen dabei. Aber wo es heisst »Feinde
ringsum«, das Erbe mit Luchsaugen bewacht, gleichsam umstellt ist wie der Bau
eines eingejagten Fuchses, da lässt es sich aufpassen, wenn man nicht Schmutz an
Ärmel kriegen will statt Geld in die Tasche. Ja, felsenfest und unerbittlich
wird man, hat nicht einmal an der Ferse einen blessierlichen Fleck, wenn in
solchen Fällen nicht eine Hand die andere waschen muss, das heisst wenn der
Versucher nicht zum Andern sagen kann: »Weisst nicht mehr, was dort und dort
gegangen? Jetzt mach was du willst, aber machst es nicht, wie ich will, so rede
ich.«
    Unglücklicherweise für Johannes und die Weiber hatten sie eine solche
Handhabe an diesen Männern nicht; Johannes hatte seit langem nicht hier gewohnt,
war hier nie in Geschäften gewesen, die Männer kamen daher nicht in
Verlegenheit, und scharf ward nach Pflicht und Vorschrift gehandelt. Heulend
legte sich Trinette auf ein Bett, da stellte sich Elisi lachend davor und
schabte Rübchen, bis Johannes dem armen Tropf eine Ohrfeige gab, dass es blutend
und schreiend zu Vreneli lief, welches ihnen vergeblich vorstellte, welch eine
Schande es für alle sei, so zu tun, während ein Toter im Hause liege. Selbst die
geringsten Leute täten leise während dieser Zeit, als ob sie die Ruhe nicht
stören wollten, und hätten Respekt vor der Leiche, und sie, die vornehm und
gebildet sein wollten, täten wie betrunkene Menschen! Aber es half nichts. Es
ist gar wunderlich mit der sogenannten Bildung, sie ist gar oft nichts als ein
simpler Kleister über eine rohe Natur. Bekanntlich aber mag der Kleister das
Wetter nicht ertragen, die Sonne nicht, den Regen nicht, den Frost nicht, so
dass, wie man auch kleistert und frisiert, alle Augenblicke die Nase der alten
Natur wieder hervorguckt.
    So schied der alte Mann von der Welt, wie er in der Welt gelebt hatte, in
Missvergnügen und Uneinigkeit. Es war ein grosser Leichenzug, man sah wohl, dass
man einen grossen Bauer zu Grabe trug; den Gesichtern dagegen sah man an, dass im
Sarge weder ein bedeutender noch geliebter Mann lag, denn nicht nur weinte
niemand als Vreneli und wahrscheinlich dieses auch mehr der Base zu Lieb und Ehr
als dem Vetter, sondern es war ein Geschnatter, selbst ein Lachen oft im langen
Zuge, wie man es sonst hinter einem Sarge her nicht für anständig hält.
    Die Hinterlassenen konnten sich kaum des Streites unter einander entalten;
sobald sie ein geneigtes Ohr fanden, schimpften sie über einander, und Johannes,
sobald er ein Glas Wein im Kopfe hatte, pülverte dem Vater seinen Missmut noch
ins Grab nach. Der Vater sollte jetzt an allem schuld sein, er, der Johannes,
hatte keinen Fehler. Die Andern, welche ausserhalb der Hörweite der sogenannten
Erben sassen, ergingen sich in Mutmassungen, ob wohl etwas Vermögen übrig bleiben
werde; dass das Gut verkauft werden müsse, darüber waren sie einig.
    Sie hatten aber auch recht, die Umstände waren noch viel schlechter, als man
es sich vorgestellt hatte. Auch hier wollen wir die Formen, in welchen eine
solche Erbschaft ermittelt, gesichtet, so gleichsam bis zu ihren reinen
Bestandteilen abgeklärt wird, nicht näher bezeichnen. Jedermann in aller Herren
Ländern wird daran hauptsächlich das begreifen, dass bei einem solchen
Läuterungs- oder Aufklärungsprozess ein grosser Abgang sein muss. Ja manchmal ist
die Masse so konfus und seltsam, dass wenn man sie aus den chemischen
Apotekertiegeln herausnehmen will, man ein Erkleckliches weniger als nichts
darin findet. Die Destillation musste um so genauer vor sich gehen, da über die
eine Hälfte der Erbschaft der Konkurs verhängt, jeder Gläubiger ein natürlicher
und berechtigter Wächter war.
    Joggeli hatte keine Art von Verfügung hinterlassen. Im Gewirre der Prozesse
hatte man weder daran noch an Joggelis Tod gedacht. Es fiel Manchem auf, dass
Johannes sich den Hof nicht um halb nichts vom Vater habe abtreten lassen. Wir
wissen nicht, warum es nicht geschah. Wollte Joggeli nicht, weil er misstrauisch
geworden auch gegen den Sohn, oder wollte Johannes nicht, weil er dachte,
einstweilen sei der Hof sicherer in des Vaters Händen als in den seinen, und
wenn des Schwagers Angelegenheiten beseitigt seien, lasse dies sich besser und
sicherer machen als jetzt?
    Als die Angelegenheit vom Gericht zu Handen genommen wurde, tat Johannes
anfangs wie ein angeschossener Eber. Aber da der Gemeinde in solchen Fällen eine
gewisse Verantwortlichkeit aufgelegt ist, da sie zunächst die damit beauftragten
Personen erwählt, so hatte sie Männer erwählt, von denen sie sagen konnte: »Die
werden das Bürschli schon ebha, da haben wir keinen Kummer.« Es fanden sich so
wenige Zinsschriften und Geld vor und so viele Anforderungen häuften sich, dass
es sich bald herausstellte, das Gut müsse verkauft werden. Begreiflich wollte
Johannes nicht und sagte, er sei der Sohn und tue es nicht. »An eine Steigerung
es bringen ist gesetzlich, da kannst du bieten wie ein Anderer. Oder wenn du
einen Preis zahlst, mit welchem man kann zufrieden sein, und Geld schaffest, so
viel man nötig hat, so kann man beraten, was zu machen,« sagte ihm ein
Vorgesetzter. Aber da eben lag der Haken, wo er möglicherweise noch an andern
Orten liegen mag: wo Geld nehmen und nicht stehlen?
    Johannes hatte also ein Wirtshaus mit bedeutender Landwirtschaft. Je grösser
das Geschäft ist, welchem Menschen wie Johannes vorstehen, desto rascher geht es
dem Kuckuck zu. Es ist bekanntlich wegen Wasserverbrauch ein Unterschied, ob man
an eine Feuerspritze ein oder zwei oder ein halb Dutzend Röhren schraubt. Die
Landwirtschaft will von allen Wirtschaften den nachhaltendsten Fleiss und eine
stetige Behandlung, sonst verzehrt sie nicht bloss mehr, als sie gibt, sondern
das Kapital wird alle Tage geringer, das heisst das Land schlechter. Die
Gastwirtschaft von Johannes wurde alle Tage schlechter in dem Masse, als der Wirt
und die Wirtin die besten Gäste wurden, wenn das nämlich die besten Gäste sind,
welche am meisten brauchen und nichts zahlen. Je schlechter ihre Wirtschaft
wurde, desto mehr neue Wirtschaften entstanden um sie herum, desto weniger trug
die ihre also ein, desto mehr verringerte sie sich in ihrem Werte. Des Johannes
Besitzung war also eigentlich eine fressende, nicht eine nährende, keine
einträgliche, sondern eine austrägliche. Doch konnte Johannes nicht von ihr
lassen; das Leben eines Wirtes, der alle Tage frisches Brot, Fische und Fleisch
von allen Sorten haben kann, war seiner Natur zu zuträglich, um es lassen zu
können, auch hätte er für unsittlich gehalten, es zu lassen, denn auf der
heutigen Kulturhöhe hält man für die höchste Sittlichkeit ein Leben der Natur
gemäss. Er sagte, wenn er sie jetzt verkaufen wollte, so würde er fast die Hälfte
daran verlieren. Beide Besitzungen vermochte er nicht zu behalten, besonders da
sein Schwiegervater ihm nicht helfen wollte, sondern grobe Worte gab statt Geld,
er hatte sie wahrscheinlich auch besser. Den Vater hätte er gemolken, gab
derselbe zum Bescheid, jetzt werde er auch den Schwäher melken wollen, aber ohä,
das sei ein anderer Knebel. Wenn noch was da sei, wenn er sterbe, so komme es
allweg den Kindern kommod, es sei Zeit, dass einmal auch jemand an die denke. Er
war einer von denen, dieser Schwäher, welche immer die schönsten Fürwörter
haben, mit den Hauptwörtern dagegen desto schlechter bestellt sind. Er war einer
von denen, welche gerne viel vorstellen. Er hatte ein grosses Haus und das Haus
voll hoffärtiger Töchter, von denen jede die Schönere sein und am wenigsten tun
wollte. Dies ist freilich auch eine strebsame Richtung, führt aber selten an ein
glänzendes Ziel, sondern zumeist an ein lumpichtes. Des Vaters Betragen musste
begreiflich Trinette entgelten, dadurch wurde sie nicht liebenswürdiger.
Johannes sagte: Man solle sie nur ansehen, was er mit einem solchen Storch als
Bäurin anfangen solle; für Wirtin, um unter der Türe zu sitzen und die Hände zu
reiben, möge sie noch gehen, wenn man es nicht zu genau nehme. Aber wenn er auch
nicht selbst bauern könne wegen dem Storch, so lasse er doch des Vaters Hof
nicht, der käme einst seinen Kindern kommod; er müsste sich ja vor ihnen noch im
Grabe schämen, wenn er denselben verkaufen liesse, den schönsten im ganzen
Bernbiet! Das war auch ein schönes Fürwort, denn hätte er ihn wohlfeil erhaschen
können, so würde er sich keinen Augenblick besonnen haben, ihn zu verkaufen,
wenn der Profit ihm aus seinen Verlegenheiten geholfen hätte.
    Wir wollen jedoch nicht in Abrede stellen, dass es Johannes hart hielt, den
väterlichen Hof zu verkaufen, das adeliche Element war noch nicht ganz in ihm
verflüchtigt. Kurios, dass Kinder so oft als Fürwörter gebraucht werden von
Verschwendern und Geizigen, wobei jedoch zwischen beiden zumeist ein bedeutender
Unterschied im Gemüte ist. Der Verschwender, der nicht ganz zum Vieh geworden,
denkt wirklich an seine Kinder, aber leider zumeist hintendrein, wenn es zu spät
ist, der Geizige aber wirklich selten. Ein Geiziger ward einmal um einen Beitrag
zur Erziehung armer Kinder angesprochen. Das sei doch Verstand, ihm so was
zuzumuten, antwortete er. Wie er es im Grabe verantworten wollte, wenn er den
eigenen Kindern entzöge, um es fremden zuzuwenden. Der gleiche Geizige plagte
jedoch ganz getrost durch unverständige Arbeit die eigenen Kinder bis in den
Tod, so viel dachte er an sie.
    Aber wenn einer weder Geld hat noch Kredit, so wird er da, wo es auf Geld
ankömmt, wenig geästimiert, mag er noch so laut brüllen. Da Johannes keine
annehmbaren Bedingungen weder stellen wollte noch konnte, musste der Hof an eine
Steigerung kommen. Das tat auch Uli und seiner Frau sehr weh. Vreneli war da
aufgewachsen, wusste kaum, wie es anderwärts war. Uli hatte schöne Träume gehabt.
    An einem schönen Herbstsonntage sassen sie nachmittags vor dem Hause. Tauben,
Hühner, Kinder trippelten um sie her, in traulicher Freundschaft Keins das
Andere fürchtend. Es war ein gar freundlich Sitzen da und ein lieblicher Anblick
ringsum. Desto grösser ward in Beiden die Wehmut, und die gleichen Gedanken
stiegen in Beiden auf »Wie manchmal wohl sitzen wir noch hier?« seufzte endlich
Vreneli. »Es wird hart halten, ehe ich mich an einen andern Ort gewöhnt habe.
Schöner mag es an manchem Orte sein, wo weitin das Auge sieht, an den schönen
Seen oder wo die Berge glühen oder glitzern über das Land herein. Aber
heimeliger wird es mir wohl nirgends werden als hier, wo es grün und so still
ist, am Sonntage man wie in einer grossen Kirche ist, alles versunken in heiliger
Andacht und am Himmel das grosse Licht so mild und freundlich über der Erde und
im Herzen das ewige Licht, das da leuchtet in der Finsternis, und jetzt noch
Kinder und Tiere durcheinander glücklich und friedlich, fast wie im Paradiese.
Uli, was meinst, bekommen wir es wieder so? Das Herz will mir so schwer werden,
je näher das Scheiden kömmt; ich wähnte, ich sei gefasst und könne mich in alles
schicken, aber man kann wohl denken, wie man alles nehmen wolle, wenn es kömmt,
da erst sieht man, wie schwach man ist.«
    »Weiss nicht recht, wie mir ist,« sagte Uli; »bald dünkt mich, ich möge die
Stunde nicht erwarten, in der ich gehen kann, bald dünkt es mich, ich sei so
müde und matt, dass ich es nicht einmal ertragen möchte, auf den Kirchhof
getragen zu werden, lieber gleich hier möchte ich begraben sein. Es war eine
Zeit, wo ich viel daran dachte, wenn ich alleine arbeitete oder einsame Wege
ging, ob es nicht möglich sei, dass ich hier Bauer werden könnte? Ich dachte:
wenn die Kinder um ihre Sache kämen, Joggeli und die Base sehr alt würden, wir
glückliche Jahre hätten, reich würden, bis wir zuletzt das Gut kaufen könnten;
dann ward es mir so frei und leicht, wenn ich mich als Bauer dachte, und was mir
da alles in Sinn kam, wie ich schalten und walten wollte, du glaubst es nicht.
Gott wollte es anders, seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Es ging
umgekehrt; was wir langsam erworben, ging geschwind dahin, mehr dazu, und wie
wir jetzt stehn, weiss Gott. Was unser Gevattersmann uns schuldig ist, das wird
verloren sein, kein Mensch will das Papier ansehen. DSchrift wäre ganz gut,
sagen sie, wenn man nur das Geld hätte. Mit der Schatzung wollten uns die Leute
nicht so übel und auch mit dem Abzug nicht. Sie haben noch Erbarmen mit uns.
Dachte das nicht, als sie so schnöde mir auswichen, als ich zum erstenmal nach
meiner Krankheit zur Kirche ging. Glaubten wahrscheinlich, es werfe mich alsbald
auf den Rücken, ich begehre sie um Geld zu plagen oder Gott weiss was. Jetzt, wo
die Plage ihnen anderswoher kömmt, sind sie billig gegen mich, ich kann nicht
klagen. In den Steigerungsgedingen wird alles, was ich in der Schatzung habe,
der Zahl nach als Zugabe angeboten; gilt es gehörig und findet sich einer,
welcher es so kauft um den gehörigen Preis, so kann ich noch manches verkaufen,
womit ich das Inventar vermehrt habe. Ich kann bleiben bis im Frühjahr, oder
wenn ich abziehen muss, soll mich der Käufer entschädigen nach Ehrenmänner
Befinden. Sie hätten mich härter halten können. Da graut es mir nun bald, von
vornen anzufangen, wie einem, der von einem Baume, welchen er erklettern wollte,
heruntergerutscht, sich dreimal besinnt, ehe er wieder ans Klettern gehen mag;
bald ists mir, wenn ich nur Berg und Tal zwischen mir und hier hätte, damit ich
vergessen konnte, wie es mir hier gegangen, und wieder Mut fassen für die
Zukunft, irgendwo anhängen könnte, wo mir die Hoffnung aufginge, dass wir mit
Arbeit in Ehren fortdauern. Es ist mir fast wie einem, der zwischen Leben und
Tod schwebt und nicht weiss, was er lieber will, leben oder sterben. Nur hier
bleiben in der Schwebe, so als ein Hampelmannli zwischen Leben und Tod, zittern
müssen vor jeder schwarzen Wolke, zappeln und angsten das ganze Jahr durch und
doch am Ende des Jahres Gefahr laufen, mit einigen hundert Talern im Rückstande
zu bleiben und mit Schmach und Schande davongejagt zu werden, das möchte ich
nicht; ich glaube, ich hielte es nicht aus, am Leibe nicht und an der Seele
nicht. Ich fühle hier, so wie wir jetzt stehen, eine Ohnmacht bis zum Sterben,
fühle, dass unsere Kräfte nicht reichen, darum sehne ich mich fort, während es
mir das Herz zerreisst, vom Hofe zu lassen, der mir fast wie eine Mutter so lieb
geworden ist.«
    »Ja, du hast recht,« sagte Vreneli, und Beide begannen ein Lobpreisen des
Gutes, was zu machen wäre noch und wie trefflich es bereits sei, als wäre es ihr
neugekauftes Eigentum; sie vergassen gänzlich, dass sie es vielleicht in den
nächsten Wochen mit dem Rücken ansehen mussten.
    Auf Erden dauern schöne Träume selten lange, die rauhe Wirklichkeit lässt
ihre Rechte sich nicht nehmen, und wenn die Träume am himmlischsten sich
gestalten, macht sie einen Strich durch dieselben und streut Sand darauf.
Johannes kam dahergerasselt und brachte einen mit, um ihm das Gut zu zeigen.
Natürlich tat er, als ob er daheim sei, ging ungefragt überall herum, und wo er
was Verschlossenes fand, befahl er zu öffnen, und wenn er ein hart, bös Wort
fliegen lassen konnte, versäumte er die Gelegenheit nicht. Es ist nicht bald was
Bittereres als dieses freche Durchstöbern eines Hauses, dieses rücksichtslose
Dahinwerfen giftiger oder roher Bemerkungen. Das Gefühl, das man dabei hat, ist
ähnlich dem, welches uns ergreift, wenn jemand uns die Kleider vom Leibe reissen
will. Da fühlen wir es denn so recht, dass wir keine bleibende Stätte haben,
sondern Pilgrime und Fremdlinge seien, welche eine zukünftige suchen müssen; gar
gerne schlägt dazu das Heimweh, scheiden möchte man von hier, heim möchte man,
wo einem in jedem Falle viel besser wäre.
    Bald nach Johannes rasselte es wieder daher. Es waren Gläubiger vom
flüchtigen Schwager, welche es wunder nahm, was etwa für sie noch zu hoffen sei.
Diese machten mit der gleichen Freiheit ihre Runde, kümmerten sich um die
Bewohner bloss, wenn sie was fragen, was tadeln wollten und dozieren, wie es
hätte gehen sollen und wie es in Zukunft gehen müsse. Wollten Uli oder Vreneli
sich davonziehen, machten sich nebenaus, so wurden sie entweder gerufen oder
stiessen auf die andere Partei, gerieten von einem Arger in den andern. Es war
nicht bloss, als ob sie in keinen Schuh gut wären, sondern als glaube man, sie
seien mit Büffelhaut überzogen, fühlten Büchsenkugeln nicht, geschweige denn
Worte.
    Nun kam auch noch der Mann, welcher Uli die beiden Kühe abgekauft hatte, und
hätte wieder gerne zwei teuer gekauft. Es war, als ob es heute wieder hagle in
der Glungge, aber nicht Steine diesmal, sondern Menschen. Es war Uli sehr
unangenehm, dass der Mann sehen musste, wie er auf dem Punkte war, leer
abzuziehen. Der Mann hätte Uli gerne noch zu einem Handel verleitet, welcher
nicht redlich, indes zu machen gewesen wäre und Uli ein schön Stück Geld
abgeworfen hätte. Aber Uli wollte nicht. Er glaube, sagte er, man könnte vor dem
Richter nichts mit ihm machen, die Sache sei eigentlich noch nicht verkauft und
er hätte so noch etwas für seinen Schaden. Aber es hätten nun schon Viele alles
besehen, und wenn man schlechtere Ware hinstelle, um die Zahl der Stücke richtig
zu machen, falls jemand in Bausch und Bogen kaufen wolle, sei dieser betrogen.
Er habe mit Ehren nichts vor sich gebracht, mit Kniffen wolle er jetzt auch
nichts. Der Mann sah sich das Gut auch an. Es gefiele ihm, sagte er, ein
abträglicheres und gelegeneres hätte er nicht bald gesehen; aber es sei nicht
jedermanns Kauf, weil zu viel bar Geld gezahlt werden müsse, und um alles recht
in Gang zu setzen, müssten wieder einige tausend Taler sein; so viel Geld wüsste
er nicht aufzutreiben, es würden Wenige sein, die so viel flüssig hätten. »Bei
so einem, der dies Gut zu kaufen vermag, wäre nicht bös, wieder Pächter zu sein,
wenn derselbe einen haben will; froh wäre er sicher, dich zu behalten, weil dir
alles bekannt ist«, meinte der Mann schliesslich.
    Das war eine Möglichkeit, an welche Uli gar nicht gedacht hatte. Er warf sie
aber weit weg. Wenn er schon könnte, er wollte nicht, er möge die Stunde gar
nicht erwarten, bis er los sei. Es sei ihm wie einem Finken, der einen Fuss in
der Schlinge hätte, und Froheres könne dem Finken nicht begegnen, als wenn er
sein Füsschen frei kriegen könnte, sagte Uli. »Allweg verrede dich nicht,« sagte
der Mann, »dann kannst du immer machen, was du willst. Sieh dir die Sache von
beiden Seiten an. Mich reute es, wenn ich hier Pächter gewesen wäre und fort
müsste lebendig. Freilich, wohl zusehen muss man, wenn man solche grosse Dinge
unternimmt; wie man es macht, so hat mans, und wie man bettet, so liegt man,
aber wenns zu machen wäre, ich machte es, und wenn ich Geld hätte, ich liesse den
Hof nicht aus den Händen. Solche Höfe sind rar, und wo liegt das Geld besser als
in solchem Lande, welches nicht bloss sicheren Zins gibt, sondern wo das Kapital
alle Jahre wächst? Mach es, wenn du kannst, ein andermal handeln wir doch dann
vielleicht wieder mit einander«, sagte er und ging.
    Das ging Uli stark im Leibe rum, dem gleichen Uli, der vorhin gesagt hatte,
er möge die Stunde nicht erwarten, in welcher er endlich ziehen könne. Es war,
als habe ihm einer das Herz umgedreht und andere Augen in den Kopf gemacht. So
felsenfest ist der Mensch zumeist in seinen Ansichten und Grundsätzen, Er musste
immer denken, wie schön es doch hier sei, und wenn ein Besitzer käme und der ihm
recht anhalte und gute Gedinge stelle, so sei es noch möglich dass er ihm den
Gefallen tue; doch wolle er es auf Vreneli an, kommen lassen, wenn es diesem ein
Gefallen sei, so sei noch möglich, er tue es, es hätte auch was verdient um ihn.
    Des Mannes Rede setzte sich in dem guten Uli immer fester, aber Vreneli
sagte er nichts davon, wahrscheinlich wollte er es angenehm überraschen. Er
dachte es sich immer fester in den Leib, wie da sicher ein reicher Herr kommen
werde, das Gut zu kaufen, so ein reicher Neuenburger vielleicht oder gar ein
englischer Narr, welcher Geld hätte wie Bettler Läuse und es ebenso ästimiere
wie Bettler Läuse. Apropos von englischen Narren! Es gibt deren, welche hinter
dem Narren den Schelm verbergen, hinter dem ungezogenen Jungen den Fuchs, hinter
einem liederlichen, ärgerlichen Wandel politische Kniffe und Umtriebe, und die
noble Nation verschmäht es nicht, sich durch Jungen, welche eines solchen Wesens
sich nicht schämen, dargestellt zu sehen, durch ungezogene Jungen, welche, wenn
sie ausgescholten oder aus der Schule gejagt werden, sich mit Gassenbuben die
Zeit vertreiben, so recht wie Buben.
    Aber Uli sah sich umsonst um nach englischen Narren und englischen
Equipagen, nach reichen Neuenburgern; nicht einmal ein Basler, welche auch
schrecklich viel Geld haben, jedoch immer noch das Geld mehr lieben als das
Land, wollte kommen. Es kamen wohl Leute, aber zumeist solche in Halbleinen und
mit Stäben in den Händen, fast wie die Kinder Israel sie hatten, als sie dem
gelobten Lande zu wollten. Noch am Morgen, als am Nachmittag die Steigerung
abgehalten werden sollte, sah er sich umsonst nach Neuenburgern oder sonstigen
Herrenbeinen um; es kamen keine, sonst Leute genug, welche die Nase allentalben
hinsteckten, um dann einen Vorwand zu haben, an die Steigerung zu gehen, um da
vielleicht einige Mass Wein zu erbeuten. Denn gebräuchlich ist es, dass jedem, der
ein Gebot tut, eine Mass Wein vorgestellt wird; so kann der Unverschämte, der
keinen Batzen im Sack hat, leicht zu einer Mass Wein kommen, der Unverschämteste
zu mancher.
    Als Mittag vorüber war, ward es endlich leer auf der Glungge. Vreneli sagte,
es danke dem lieben Gott, dass dies überstanden sei; das Gschaue und immer
Gschaue hätte ihm fast das Herz abgedreht, und wenn es schuld wäre, dass die
Glungge verkauft werden müsste, es hätte sich totgegrämt. »Willst nicht hingehen
und hören, wie es geht?« sagte Vreneli zu Uli. »Du hast kürzere Zeit dort,
siehst, wie es geht, und kannst mir Bericht bringen, wenn es vorüber ist.«
»Nein,« sagte Uli, »um keinen Preis brächte man mich dahin; ich glaube, das
Wasser schösse mir in die Augen oder ich könnte mich vor Zorn nicht halten, wenn
ich so von hundshärigen Käufern den Hof müsste verlästern hören, wie er
verwahrlost sei und in zwanzig Jahren nicht zurecht zu machen. Sie redeten ja
schon hier so, die Halunken, um sich gegenseitig abzuschrecken, und Keiner
kümmerte sich darum, wie tief mir das ins Herz ging.«
    Gegen Abend bekam er doch grosse Neugierde und ward sehr ungeduldig. Es ist
allerdings ein Eigenes, einsam und in aller Stille zu verharren, wenn man weiss,
es geht in der Nähe Wichtiges und Entscheidendes vor. Man wird von einem eigenen
Bangen ergriffen und fast unwillkürlich dem Orte der Entscheidung zu gezogen.
Uli widerstand dem Zug, das Grauen vor dem, was er hätte hören müssen, war
stärker als der Zug; aber als es dunkel ward, sagte er zu seiner Frau: »Was
meinst, wenn wir den Hans schicken würden, zu hören, wie es geht, und uns
Bericht zu bringen?« »Machs,« sagte Vreneli, »wenn du nicht selbst gehen magst.
Aber er solle wiederkommen zur Zeit und nicht meinen, er müsse warten, bis alles
aus sei und der Letzte fort. Nimmts uns dann noch mehr wunder, so kann er ja
wieder gehen.«
    So lautete die Ordre. Hans schwoll die Brust, als er sie empfing samt zehn
Kreuzern zu einem Schoppen. Er wusch sich tapfer, und stolz marschierte er ab,
stellte er doch mal einen Abgeordneten oder so gleichsam einen Repräsentanten
vor. Zudem war sein Vater ein St. Galler gewesen, seine Mutter eine
Waadtländerin, und in einem Keller im Aargau ward er weiland geboren; man kann
sich das Gefühl nun denken und die Beine, welche er zu machen sich anstrengte
auf diesem wichtigen Gange.
    Es verliefen zwei lange Stunden, es zeigte sich kein Hans.
    Vreneli schickte den Benz nach, denn Uli war sehr ungeduldig aus den
Ställen, wo er sich herumgetrieben hatte, in die Stube gekommen und hatte
gedroht, Hans noch diese Nacht fortzujagen, möge es seinetalben wohl oder übel
gehen im St. Gallerlande. Benz war einstweilen noch ein ehrlich Emmentalerblut,
freilich sehr ungebildet, aber pünktlich tat er, was man ihm auftrug. Ist auch
was wert! Benz lief ab wie ein Pudelhund und gar nicht so stolz gebeinelt wie
Hans, der früher lange um Zürich herum gedient hatte, drängte sich nicht vor wie
Hans, der an einem Tische sass mit breiten Ellbogen und vom Schlaraffenland
erzählte, wo sein Grossvater, der ein Appenzeller sei, ein grosses Gut hätte,
nebenbei grosse Geschäfte mache im Lehrfache, grosses Geld verdiene, neben ihm
Keiner aufkommen könne, von wegen weil er dieses Fach verstehe. Benz stund in
eine Ecke, wo niemand seiner sich achtete, horchte gut, blickte scharf, und nach
einer halben Stunde lief er wieder ab. Viel Leute seien da, berichtete er, doch
die Meisten mehr um zu saufen als um zu bieten. Johannes brülle die Stube voll,
aber man achte sich seiner nicht viel; einer mit einem Bocksbart und Bollaugen
sei da und schiebe zuweilen ein Gebot ein, aber es scheine ihm nicht recht Ernst
zu sein. Ein alter Bauer sitze in einer Ecke, er habe nichts gesehen als seinen
Kopf, der sehe aus fast wie ein hundertjähriger Weidenstock, aus diesem komme
hie und da ein Gebot wie aus einer verrosteten Kanone. Allem an werde der
Meister, er benehme sich, wie es einer mache, wenn er es zwingen wolle. Gefallen
tue der ihm nicht, er mache eine Miene, dass er glaube, der fresse Kinder, wenn
er nicht Kalbfleisch bekommen könne. Allweg könne es nicht lange mehr gehen,
eine Unsumme sei bereits geboten; es werde zuletzt darauf ankommen, wer das
nötige Geld zeigen könne.
    »Und Hans, wo ist denn der?« frug Vreneli. »Oh, der sitzt hinter einem
Tische,« sagte Benz, »und berichtet den Leuten vom Zuchtaus in St. Gallen und
wie Viele dort Platz bekommen könnten, man hätte ihm auch einen angeboten, aber
einstweilen hätte er doch noch keinen begehrt, und vom Grossvater im
Schlaraffenland, wie der ein Gut hätte, auf welchem der Mistaufen so gross sei
als das ganze Glunggengut und wo der Grossvater bloss für Besen Jahr für Jahr so
viel ausgebe, als die Turgauer in einem Jahre verprozedierten und die
Rechtsgelehrten mit Leugnen und Lügen verdienten, was sie so wohl könnten, dass
es ihnen ihr Lebtag nach, gehe, sie möchten zu Ehren kommen, wie sie wollten,
und kämen sie in die Tagsatzung.«
    Dieser Bericht ging Uli ins Herz. Er hatte immer noch gehofft, aber was
sollte er so von einem hundertjährigen struben Weidstock erwarten? »He nun so
dann, so wissen wir jetzt, wie es ist. Das Beste ist, wir gehen ins Bett, so
wachen wir morgen auf,« sagte er und ging. Vreneli sah noch nach Feuer und
Licht, und als es ebenfalls nieder wollte, begann das jüngste Kind Spektakel.
Dessen ist man in einer Haushaltung gewohnt, und wenn die Mutter treu ist,
schläft der Vater um nichts weniger ruhig, wenn er nämlich sonst ruhig schlafen
kann, wenn schon ein Kind schreit. Wie müde auch die Mutter ist, sie nimmt das
Kind und pflegt es nach seinen Umständen; sie beklagt sich darüber nicht, ihr
ists ganz ordinäre Pflicht, welcher sie mit Liebe obliegt. Uli hatte in frühern
Nächten wachend viel geträumt, seine Träume hatten jetzt ein Ende; er konnte
schlafen und das Kind störte ihn im Schlafen nicht.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
                    Der neue Bauer in der Glungge erscheint
Endlich war das Kleine wieder entschlummert. Vreneli hatte es abgelegt,
zugedeckt, wollte eben auch die Ruhe suchen, da pochte es draussen. Der Lümmel,
dachte Vreneli, wäre der doch jetzt im Wirtshause geblieben oder drüben in sein
Bett gekrochen, was braucht der jetzt so spät mit seinem Gestürm uns unruhig zu
machen! Unwillig öffnete es die obere Tür, aber draussen stand nicht Hans,
sondern ein alter Mann mit einem Kopf, der wirklich einem hundertjährigen
Weidenstock glich. »Möchte hier über Nacht sein,« sagte rauh der rauhe Kopf.
Erschrocken sagte Vreneli: »Es ist wohl spät, mein Mann ist nieder und schläft.«
»Selb ist mir eben recht«, sagte der Mann, »deswegen brauchst du nicht zu
erschrecken. Bin kein Vagabund, sondern der neue Glunggenbauer. Im Wirtshaus ist
mir zu viel Lärm, will probieren, wie hier ein Schlafen ist.« Da blieb Vreneli
nichts übrig, als Platz zu machen vor der Türe dem grossen Mann, hinter dem ein
Hund dreinkam wie ein grosses Kalb. Um Uli nicht zu wecken, führte es ihn in die
jenseitige Stube und frug, ob es ihm mit etwas aufwarten könne. »Ein Kaffee wäre
mir recht,« sagte der Mann, »wenn es dir nicht zu viel ist,« und dazu
betrachtete er Vreneli mit zwei so scharfen Augen, dass Vreneli nicht wusste, was
das bedeuten sollte.
    Doch Vreneli war keine erschrockene Frau bekanntlich, war eine Frau von dem
Selbstgefühl, welches Frauen eigen ist, dass ihnen nichts Unanständiges begegnen
werde und dass, je ungestörter sie mit einem Menschen eine halbe oder eine ganze
Stunde zubringen könnten, sie um so besser wüssten wie sie mit ihm dran seien.
Wichtig schien es wirklich Vreneli zu wissen, woran man mit dem neuen Bauer sei,
und manierlich mit ihm zu sein, damit er nicht Ursache zum Gegenteil hätte. In
diesem Punkte traute es Uli wirklich nicht ganz, denn auch ihns kostete es Mühe,
freundlich mit ihm zu sein. Es zwang sich, hiess ihn, sichs bequem zu machen,
fragte ihn, wie er den Kaffee liebe, stark oder schwach, legte buchene Scheiter
ans Feuer, damit tannerne durch ihr Sprätzeln niemanden wecken möchten, fragte,
ob es dem Hund auch was reichen solle und was derselbe liebe? Der Alte gab ganz
kurzen Bescheid. Er sprach fast, als ob er seine Sprache aus einem
Exerzierreglement gelernt hätte. Rasch war das Kaffee fertig, sauber,
appetitlich, wackeres Hausbrot samt einer schönen Schnitte Käs stunden dabei.
Oder ob er Butter liebe, frug Vreneli, dieselbe sei aber nicht mehr recht
frisch. Mit der Milch seien sie gegenwärtig nicht am besten bestellt. Zucker
hätten sie keinen im Hause, entschuldigte es sich, dergleichen brauche ein
Pächter nicht.
    Als alles da war, der Alte es sich behaglich gemacht, zog es einen Korb mit
dürren Bohnen an sich, hülsete sie, um die Finger nicht müssig zu lassen. Ob sie
schon lange da seien? frug der Alte. »Ihr werdet euch da gewärmt haben?« »Wäre
gut,« meinte Vreneli, erzählte dann ruhig, welch Unglück sie gehabt und wie sie
jetzt davon müssten, ehe sie sich erholt. Wenn es ihm nass ward in den Augen, so
trocknete es sie so unvermerkt als möglich.
    »So gehts,« sagte der Alte, »wüste Leute tun wüst, drum gehts ihnen bös.«
Wen er damit meine? frug Vreneli. »Den Glunggenbauer und seine Frau, wen sonst?
Hätten die bräver getan, so wäre der Hof schwerlich verkauft worden,« entgegnete
der Alte. Da wurde Vreneli warm, stund ein für Ba, se und Vetter, absonderlich
für die erste, und liess die Tränen laufen ohne Scheu. »So, warst noch dazu
verwandt,« sagte der Mann, »und machten es euch so?« »Ja,« sagte Vreneli, »und
dass ich unehlich war, liess mich die Base nie entgelten, sie war mir eine Mutter
und ich ihr Kind und oft werter als das eigene Kind.« »So, und wo warst du
daheim?« sagte der Alte. Vreneli nannte kurz den Ort. »So,« sagte der Alte,
»deine Mutter wird geheiratet haben?« »Sie starb bei meiner Geburt, und wäre die
Base nicht gewesen, die Grosseltern hätten mich vielleicht nicht taufen lassen.
Aber Bericht, warum und wie, wollte mir die Base nie geben, kann also auch nicht
Auskunft geben. Doch Ihr werdet müde sein und Ruhe Euch anständig; Euer Bett ist
gemacht, ich will es Euch zeigen.«
    »Also seiter warst hier?« frug der Alte. »So so, und jetzt, wohin,« Dafür
sei gesorgt, sagte Vreneli kurz, sie hätten sich noch guter Leute zu trösten,
welche sie nicht im Stiche liessen, wenn sonst auch alles fehle. »So,« sagte der
Alte, »das ist allweg kommod. Sie sind rar, diese Leute, aber noch rarer sind
die, welche die guten Leute, wenn sie sie auch finden, auch gut behalten
können.« Das käme immer auf den Verstand an und wie man tue, sagte Vreneli. »Mit
Schein weisst du was davon, weil du deiner Base nicht davonliefest, als sie dich
erzogen hatte, wie es die Meisten machen. He nun so dann, so will ich ins Bett,
so kannst du auch hinein.«
    Somit stund er auf, Vreneli erschrak fast vor dem Mann und seiner gewaltigen
Gliedermasse. Wenn in einem Walde er ihm begegnet wäre, hätte es ihn für einen
übergebliebenen Riesen gehalten und die Flucht genommen. Auch sein Hund erhob
sich, dehnte sich, stund auf die hintern Beine, legte seine vordern Tatzen auf
Vrenelis Achseln und leckte ihm das Gesicht. Ein kleiner Schrei entfuhr Vreneli,
als das Untier ihm so nahe kam, doch fiel es nicht in Ohnmacht.
    »So,« sagte der Alte, »das ist seltsam, das hat er noch keinem Menschen
gemacht als mir. Niemanden wollte ich raten, ihn nur von ferne anzurühren.
Kurios!« »Ich gab ihm zu fressen,« sagte Vreneli, »und manchmal sind die Hunde
dankbarer als die Menschen.« »Er frisst alle Tage dreimal, aber deswegen ist er
noch nie an jemanden aufgestanden, es mag ihm das Fressen geben, wer will.«
Kopfschüttelnd suchte der Alte sein Lager, nachdem ihm Vreneli gute Nacht
gewünscht und ihn ermahnt, recht auszuruhen und am Morgen nicht zu früh
aufzustehen.
    Als Vreneli sich niederlegte, schlief Uli fest, und Vreneli weckte ihn
nicht. Als es erwachte, war Uli fort, ohne dass er um den Gast im Hause wusste. Er
hatte die Kehr, das heisst die Reihe war an ihm, das Wasser auf seine Matte zu
lassen; die versäumt kein Bauer und wacht, bis das Wasser aufgelaufen, um zu
sehen, wie es überall seine Pflicht tue, und damit nicht etwa ein guter Freund
und Nachbar in Versuchung gerate, an ihm zum Schelme zu werden und das Wasser zu
stehlen. An der Sonne sah Vreneli, dass es sich verspätet, hantierte nun um so
rascher, trieb mit kundiger Hand das Räderwerk des grossen Haushalts. Es glaubte
den Gast noch im Bette, sorgte für Stille, um so lange als möglich nicht von ihm
gestört zu werden. Am Herde hantierend, fühlte es plötzlich was Kaltes in der
Hand; erschrocken und mit einem kleinen Gix drehte es sich um, da war der
mächtige Hund, der liebkosend seine kalte Schnauze Vreneli in die Hand gestossen
hatte, und unter der Türe, dieselbe fast ausfüllend, stund des neuen Bauern
gewaltige Gestalt.
    Eben willkommen war sie nicht, doch Vreneli besass die Freundlichkeit, welche
Missliebiges überwindet, dasselbe nicht tagelang ablagern lässt, bot freundlich
einen guten Tag, hiess ihn zum Frühstück kommen, frug, wie es ihm gefalle hier
usw. Neugierig streckten die Kinder eins ums andere ihre Gesichtchen durch die
Türe, welche ins Nebenstübchen, wo sie schliefen, führte, fuhren dann mit
Schreien und Lachen zurück, wenn sie den fremden Mann und den grossen Hund sahen,
der sie noch mehr interessierte als der Mann. Der Mann war ernst, doch nicht
unfreundlich, gab gut Lob ihrer Wirtschaft, frug nach Uli, und als endlich die
Kinder sich dem Hund zulieb in die Stube wagten, war er freundlich mit ihnen,
besonders mit dem kleinen Vreneli. Der Hund liess mit ruhiger Ehrenhaftigkeit der
Kinder Streicheln sich gefallen, nahm ihnen das Brot ab, welches sie der Mutter
für ihn abgebettelt hatten. Vreneli musste von den Kindern erzählen, musste
abwehren, dass sie nicht zutäppisch wurden.
    Da ging die Türe auf. »Vater, Vater, sieh, was das für ein Hund ist, hast du
auch schon so einen gesehen?« schrien die Kinder. Uli stand da wie Lots Weib,
als es Sodom und Gomorrha brennen sah, und glotzte den Mann an mit offenem
Munde. »Das ist der neue Bauer,« sagte Vreneli, »er war hier über Nacht. Als er
kam, schliefest schon, und heute warst fort, ehe ich es dir sagen konnte.«
    Uli glotzte noch immer, so dass Vreneli es recht ungern hatte, dass Uli so
unmanierlich tat. Der neue Bauer sah Uli auch an, und seltsam zwitzerte es ihm
um den Mund und in den Augen. Endlich frug er: »Dünkt es dich etwa, du hättest
mich schon gesehen, und weisst nicht wo?« »So ists,« sagte endlich Uli, »aber es
wird nicht sein.« »Wen meinst?« sagte der Mann. »Es wird nicht sein,« sagte Uli.
»Wir haben einen, der noch unser Vetter sein soll von der Frau her, der wohnt
weit weg; bei dem war ich einmal, es ist schon lange her. An den mahntet Ihr
mich im ersten Augenblick, aber der ist ein wüster und struber Mann und es ist
besser, man rede nicht viel von ihm.« »Wirst doch nicht den Hagelhans im
Blitzloch meinen?« frug der Bauer. »Wohl, gerade den,« sagte Uli, »meine ich,
kennt Ihr ihn?« »Allweg, den kenne ich,« sagte der Mann, »von wegen gerade der
bin ich, der Hagelhans im Blitzloch und jetzt der neue Glunggenbauer.«
    Ja, jetzt gab es Gesichter, man kann sichs denken, und lange gings, bis
Vreneli sich fasste und sagte: »Seid Gottwillche, Vetter, und zürnet nicht! Böse
gemeint wars nicht, und dass ein Mensch, absonderlich ein Mann, wenn er nicht
gebartet hat, daheim strüber und wüster aussieht, als wenn er gsunntiget ist,
selb versteht sich und ist nichts Böses. Es wäre uns grausam leid, wenn Ihr es
uns nachtrüget und entgelten liesset, was Uli in der Unachtsamkeit gesagt hat.«
    »Ihr guten Tröpfe« sagte der Mann, »Hagelhans hat schon ganz andere Dinge
gehört; wenn er, was er gehört, nachtragen und eintreiben sollte, so müsste er
den ewigen Juden ablösen; Hagelhans ist aber nicht so wüst, als er scheint, und
wenn er den Menschen schon nicht die Hände unter die Füsse legt und jedem Narr
flattiert, lebt, wie es ihm gefällt, so hat er das Recht dazu, ihm ward auch
nicht flattiert; jede Katze meinte, sie könne ihm den Talpen geben, und jeder
Hund, er könne seine Schnauze an ihm abwischen. Übrigens kam ich nicht in böser
Absicht her, sondern eigentlich wegen euch. Dass ihr mich zum Gevatter nahmet,
darauf hielt ich euch nicht viel und noch viel weniger, als ich hörte, dass die
Bäurin hier dazu geraten. Sie ist viel schuld an dem, was ich geworden; den Hans
hielt sie für nichts gut, als um ihn zum Besten zu haben, die alte
Blindschleiche war glatter und ihr lieber; sie hat es erfahren, wie weit man mit
einer solchen kömmt. Wenn er nicht tot wäre, ich redete noch ganz anders von
ihm. Deine Mutter, Gott verzeihe ihr ihre Sünde, hat es mir noch viel ärger
gemacht. Möglich, dass ich es ärger nahm, als es war, als es nachher den Schein
gewann, möglich, dass der Teufel seine Hände im Spiele hatte. Dachte oft darüber,
seit das Blut kälter ward; dass der Hund dir flattiert, ist wunderlich. Du trafst
es gut, als du kamest,« sagte er zu Uli, »ein andermal wärest du übel
weggekommen. Ich hörte nicht ungern Bericht von der Glungge, freute mich
darüber, wie es ging, dachte oft: weisst jetzt, wer schuld ist, dass es dir nicht
besser geht! Aber dass ich deswegen einen Tritt versetzt, hätte ich ihr nicht zu
Gefallen getan. Ich wusste wohl, die Alte vernahm gerne etwas von mir, hätte
vielleicht gerne mich gesehen, aber jetzt war es an mir, den Kaltblütigen zu
machen. Doch kam mir seit jener Zeit das vergangene Leben oft in die Gedanken
und manches anders vor als bisher. Als ich in jener Nacht dich antraf, wo ich
eigentlich auch zu Markte wollte, den Tod der Alten und deinen Zustand vernahm,
da kam mir Mitleiden und es dünkte mich, ich möchte auch mal was tun und zeigen,
dass der Hagelhans innen besser sei als aussen schön. Dass du ehrlich warst und
aufrichtig, gefiel mir, so habe ich die Leute gerne, so sie nötig, obgleich ich
Schelmen und Lumpenpack nicht fürchte. Hagelhans weiss, wie man mit Pack umgeht,
und kennt das Pack. Aber eins hing am andern, dass nichts zu machen war, bis
endlich das Gut zum Verkaufen stund. Das liess ich nicht gerne aus der Familie;
hatte ich es einmal, konnte ich machen, was ich gut fand. Das Blitzloch ist
nicht bös, die Glungge ist aber doch was anders; dass die mal in meine Hände
kommen würde, hätte ich nicht gedacht, das freute mich sehr; wäre sie vor Zeiten
mein gewesen, wer weiss, wie alles gegangen, Der Lumpenhund, der versoffene Sohn,
wollte mir die Freude verderben, konnte es aber nicht, musste sie bloss einige
tausend Gulden teurer haben, macht aber nichts.«
    »Vernahm es beim Wässern,« sagte Uli. »Wenn Ihr dem Johannes gesagt hättet,
wer Ihr wäret und dass Ihr es eigentlich, wie es scheint, für ihn wollt, hättet
Ihr das Geld sparen können.«
    »Wer sagt es, dass ich es für ihn will? Mit dem Lumpenhund will ich nichts zu
tun haben, bin kein Narr, der, wenn ein Haus brennt, Holz herbeischleppt, damit
das Feuer nicht aus, gehe. Das Gut ist mein und fragen wollte ich: willst mein
Pächter sein einstweilen, bis mir was anderes einfällt?«
    Da waren Beide wie aus dem Himmel gefallen, daran hatten sie nicht gedacht.
Hagelhans glich so wenig einem Engländer, nicht einmal einem Neuenburger.
Vreneli schossen die Tränen in die Augen, und Uli sagte endlich: dSach wäre ihm
wohl recht und hart halte es Beide, hier fortzugehen, aber er sei zu arm, um so
was mehr übernehmen zu dürfen, und Bürgen wüsste er ihm keinen zu stellen. Dem
Bodenbauer, der wie ein Vater an ihm gehandelt habe, sei er bereits mehr
schuldig, als er ihm bezahlen könne. Ihn nun noch einmal ansprechen wolle er
nicht, die Sache könnte fehlen, dann müsste er sich sein Lebtag ein Gewissen
daraus machen.
    »Wenn der Bodenbauer vermag, dir Bürge zu sein, so vermag ich vielleicht,
dir das Gut ohne Bürgen zu verpachten; bin ich doch sogar Gevattersmann und habe
meiner kleinen Gotte noch gar nichts gegeben, nicht einmal einen Einbund. Ihr
werdet mich doch oft schmählich herumgerissen haben, du und die Base,« sagte er
zu Vreneli und blitzte scharf ihm in die Augen.
    »Nicht einmal,« sagte Vreneli. »Ich hatte es von Anfang ungern, dass man so
einen fremden, unbekannten Menschen ansprach, dem es wie eine Bettelei vorkommen
musste. Aber sie wollte es haben, und als alles ging, wie es ging, hatte sie es
ungern und man sprach nicht davon.« »Und jetzt wegen der Pacht, was meinst?«
»Ach Gott,« sagte Vreneli, »was soll ich meinen? Mein Lebtag war ich hier; wie
mirs ums Herz sein muss, hier fort zu müssen, kann man denken. Aber hier zu sein
zwischen Leben und Sterben und in beständiger Angst, die Leute müssten an uns
verlieren, das ist ein ängstlich Leben, welches ich in die Länge nicht aushielte
und Uli es nicht zumuten möchte, um am Ende doch auf die Gasse zu kommen.«
    
    »So, hast ein schönes Zutrauen zu mir,« sagte der Alte. »Indessen man nimmt
es, wie es ist, bis es besser kömmt. Einstweilen habe ich nicht im Sinn, euch
auf die Gasse zu bringen, und wie man es macht, so hat mans. Nach dem, was ich
gesehen habe, wirtschaftet ihr Beide nicht übel jedes an seinem Orte, habt
ziemlich Ordnung und könnt es vielleicht noch besser lernen, denn im Blitzloch
siehts besser aus. Das geht mir einstweilen über den Zins, besonders wenn es
mich noch ankäme, selbst Glunggenbauer zu werden. Ich könnte dich zum Hausknecht
machen, mag aber nicht. Hausknechte erfaulen gerne, verlassen sich auf des Herrn
Geldseckel, und scharf gibt die Frau nicht acht, wieviel Mehl und Butter sie zu
einer Suppe braucht, geht es doch über des Herrn Buckel aus; es gibt selten
etwas Gescheutes aus solchen Leuten, besonders wenn ihr Dienst lange währt, und
Lust zum Sterben habe ich einstweilen noch nicht.«
    »Ihr habt ein schlecht Zutrauen zu uns, dass Ihr glaubt, wir können zu
fremder Sache nicht so gut sehen als zu der eigenen« sagte Vreneli. »Mensch ist
Mensch,« sagte der Alte. »Aber warum sagst du nicht Vetter?« Vreneli wurde rot
und sagte: Kinder, wie es eins sei, wüssten eigentlich nie recht, ob sie
Verwandte hätten oder nicht. »Wie sagtest du der Bäurin hier?« frug barsch
Blitzhans. »Base und manchmal Mutter, wie sie auch eine an mir war,« sagte
Vreneli.
    »Ho,« sagte Hagelhans, »so ist es dir einstweilen erlaubt, mir Vetter zu
sagen; vielleicht, wenn du siehst, wie ich es meine, sagst du mir einmal auch
noch Vater. Also in den Schulden bist, dem Bodenbauer bists? Du weisst, ich habe
den Hof sehr teuer samt Schiff und Gschirr und aller Bsatzung. Wie ich mir habe
sagen lassen, hat man dich hart gehalten, und doch habest du den Hof verbessert,
was mir zugut kommt. Das musst dem Alten und dem Jungen nicht für übel nehmen;
wer ertrinken will, hält sich an jedem Rohr, denkt nicht, dass es ihm nichts
hilft, als dass er das Rohr ausreisst. Wer es aber hat und so es macht, der ist
ein Hund und ist zu achten als ein Hund. Willst es mit mir probieren, so wollen
wir zusammen hinauf zum Bodenbauer, die Sache richtig machen mit ihm, denn er
hat seine Arbeit und ich habe besser Zeit, ihm nachzulaufen, als er mir. Ich
heisse nicht umsonst Hagelhans, aber schlechter ist doch Mancher am kleinen
Finger als ich am ganzen Leibe. Nicht dass ich mich rühmen will, aber wenn mich
schon alles fürchtet, so hat doch niemand Ursache, mich zu hassen, als
vielleicht - -. Doch redet mit einander. Ists euch anständig, so gehen du und
ich diesen Nachmittag zum Bodenbauer, bleiben dort über Nacht und machen die
Sache. Wenn Hagelhans was anfängt, so fährt er gerne gleich aus bis zhinterst.
Jetzt will ich in die Schreiberei, mach dass wir was essen können, wenn ich
zurückkomme, halte nicht viel auf Warten. Bhüt euch Gott unterdes.«
    Da sassen sie nun, Uli und Vreneli, sahen einander an, wussten nicht, hatten
sie ein Gespenst gesehen oder einen guten Engel. Unerwartet wie ein Hagel vom
Himmel war der grauliche Mann in ihr Leben hineingeplumpst, aber nicht
zerstörend, sondern Gaben verheissend. Er war wie eine Gestalt in der Finsternis,
von der man nicht weiss, ist sie Freund oder Feind, die wohl ein Losungswort
gibt, von dem man aber nicht weiss, hat man es richtig gehört, ist es das rechte
oder nicht.
    »Was sagst dazu?« fragte endlich Uli. »Weiss nicht,« sagte Vreneli. »Glauben
tue ich, er meint es jetzt gut, aber wie lange das Gutmeinen währt, das weiss ich
nicht. Es ist mir gar wunderlich um ihn herum, bald wohl, bald angst, bald graut
mir vor ihm, bald dünkt mich, ich müsse ein grosses Erbarmen haben mit ihm. Die
Base selig redete immer mit Schrecken von ihm als wie von einem halben Ungeheuer
und doch glaube ich fast, die letzten Worte, welche wir nicht verstehen konnten,
haben ihm gegolten, er lag ihr doch im Sinn.« »Aber glaubst, es sei ihm Ernst,
er stelle uns nicht etwa Fallen?« frug Uli. »Glaube es nicht,« sagte Vreneli,
»dass er an so was denkt. Es möchte mir fast scheinen, als sei er so ein alter
Menschenfeind, der wieder das Verlangen nach Menschen bekömmt. Daneben aber
schadet in acht Nehmen nicht, und dass er zum Bodenbauer begehrt, gefällt mir, es
ist ein Zeichen, dass er uns nicht so ungesinnet zu übernehmen begehrt.« »Aber,«
sagte Uli, »ich kann es doch fast nicht glauben, wir wären ja viel zu glücklich,
wenn das sich jetzt so machen sollte, und wie es scheint viel besser, als es
früher war, gerade als wir meinten, wir seien auf dem Äussersten.« »So geht es
mir freilich auch« antwortete Vreneli. »Aber das erstemal wäre es nicht, dass so
was geschieht, daneben kann man immer vorsichtig sein. Du hast gehört, wie er
schon lange was im Kopf gehabt, er sagte aber nicht was, aber nicht Gelegenheit
gehabt bis zur Steigerung.«
    »Da hätte es bald Streit gegeben«, sagte Uli. »Johannes hoffte, es werde ihn
niemand abbieten, und hatte, wie man sagt, einen Käufer an der Hand und die
Aussicht, eine schöne Summe zwischenauszunehmen. Als nun Bott um Bott aus der
Ecke kam von einem alten Mann, dessen sich niemand geachtet, fing Johannes
Händel an. Jeder Lump und Stöffel könnte ihm den Hof herauftreiben um Wein oder
aus Bosheit. Der alte Hund solle schweigen oder er werfe ihn zur Türe hinaus.
Der Alte rührte sich nicht, bot kaltblütig weiter. Johannes wollte ihm auf den
Leib, da stund der Alte auf, der Hund auch, und der Alte sagte: Büebli, lass dich
nicht gelüsten, du bist am Unrechten. Ich bin der Hagelhans im Blitzloch,
vielleicht habt ihr auch schon von dem gehört. Da kann der Schreiber sehen, dass
ich nicht bloss bieten, sondern auch zahlen kann, und zwar bar, so viel man will
und so schnell man will. Er legte vor den Schreiber eine Brieftasche, und
nachdem derselbe hineingesehen, ward er höflich und sagte, ja, so sei es. Und
jetzt, frug Hagelhans und streckte seine Glieder, dass er anzusehen war fast wie
ein alter Turm aus der Römerzeit, und jetzt, will mich noch jemand hinaustun
oder mir das Bieten wehren?« Aber niemand hatte Lust dazu, weit um ihn stund
niemand mehr. Die Einen hatten von ihm gehört und hielten ihn so gleichsam für
des Teufels Halbbruder, die Andern erschreckte der grosse Mann mit dem knurrenden
Hunde. Johannes fluchte alle Zeichen, dass der Teufel den hergebracht und dass er
ihn nicht gekannt. Es sei eigentlich ein Vetter von der Mutter selig her, habe
keine Kinder, und wenn er es gewusst, so solle ihn der Teufel nehmen, den hätte
er ins Garn jagen wollen, dass es einen prächtigen Fisch für ihn abgegeben hätte.
Solche Kühe seien das lustigste Metzgen, sie fielen gut ins Gewicht, hätten
zumeist mehr Fett, als man glaube. Es müsse den Teufel tun, wenn er den Alten
nicht um den Finger wickle, ehe die letzte Halbe getrunken sei. Doch Johannes
kannte Hagelhans nicht, musste das Feld räumen, wenn er sein Fell ganz erhalten
wollte, und natürlich halfen alle, welchen mit barem Gelde gedient war, dass dem
Alten das Gut baldmöglichst zugeschlagen werde. »Jetzt wird er gegangen sein, um
Kaufbrief und Zahlung zu besorgen.«
    »Weisst, was es kostet?« frug Vreneli. »Grässlich Geld,« sagte Uli,
»sechzigtausend Gulden. Kein Christ bringt da den Zins vom Gelde heraus, und wer
weiss, ob er nicht meint, mit Gutmeinen könne er uns locken, dass wir es um diesen
Zins übernehmen.« »Zweifle,« sagte Vreneli, »er würde, wenn er das wollte, nicht
zum Bodenbauer begehren. Und was hülf es ihm, wenn er uns schon hineinsprengte;
er weiss ja, dass wir nichts haben, begehrt keinen Bürgen, und wo nichts ist, hat
ja selbst der Kaiser sein Recht verloren. Mich dauert nur der Johannes und seine
Kinder, dass die um das Gut kommen und für immer. Jetzt ist kein Pardon mehr für
sie, sie müssen herunter bis zum Bettlerbrot. Er hat uns schlimm behandelt, aber
ich kann mir nicht helfen: seine Mutter tat mir Gutes, und nichts kann mich mehr
erbarmen, als wenn Familien auf diese Weise zugrunde gehen. Hundert und
vielleicht mehr Jahre geht es, bis vielleicht wieder ein Glied derselben festen
Fuss fasst, wurzelt, aus dem abgehauenen Stamme ein Sprössling hervorwächst, der
wieder sein Haupt erhebt über das niedere Gesträuch.«
    »Und deine Kinder, erbarmen dich die nicht auch?« frug Uli, den jetzt eben
kein grosses Mitgefühl plagte. »Nicht halb so viel,« sagte Vreneli, »die werden
gewöhnt, wie sie es ihr Lebtag haben können, lernen arbeiten, kommen hoffentlich
einst mit Ehren durch, und wer weiss, was aus ihnen wird, was recht Gutes, so
Gott will. Was jene an Gut haben, verprassen ihnen die Eltern, zu was Besserm
helfen sie ihnen nicht. Was meinst, wer ist mehr zu bedauern, wenn sie nichts
erben, ihre Kinder oder unsere Kinder?« Er meine es nicht so, sagte Uli, sondern
er meine, jene Kinder gingen sie nichts an, die ihren wohl. Böses wünschen wolle
er ihnen nicht, aber sagen müsse man doch: wenn es ungeheissen komme, unverdient
sei es nicht. »Uli, Uli, nicht so,« sagte Vreneli; »sind nicht vielleicht auch
noch Leute, die sagen könnten, Gott strafe unsere Kinder um der Eltern willen?«
Uli stutzte, gab Vreneli die Hand und sagte: »Du hast recht! Wie schnell man
doch so was vergisst! Umsonst sollst du mich nicht gemahnt haben.«
    Hagelhans kam zurück, Vreneli war mit dem Essen noch nicht fertig. »Jetzt
ist das Geschäft mein, jetzt will ich mir es recht ansehen, da gibt es was zu
schaffen.« Die Sache hätte man in Ehren gehabt, so gut man gekonnt, sagte Uli,
dem die Bemerkung ins Fleisch gegangen war. Aber Joggeli hätte nicht gerne Geld
ausgegeben für Handwerksleute, er selbst hätte es sonst zu brauchen gehabt. Er
hätte auch nicht immer alles aufputzen können; wenn man das Meiste mit fremden
Leuten machen müsse, so graue es einem am Ende des Jahres über die vielen
Taglöhne. Daneben sei das Haus so alt nicht, noch währschaft, mit Wenigem komme
man weit. Der Alte sagte nicht viel darauf, guckte überall herum, und als sie
zum Essen kamen, sagte er Vreneli: »Was sagst du dazu, wenn ich ein neues Haus
da baue, eins, das einer hoffärtigen Frau besser ansteht als diese alte Hütte?«
Vreneli meinte, das werde ihm nicht Ernst sein, wäre Sünde. »Denn das hiesse das
Geld in Bach geworfen, das alte ist noch hundert Jahre gut.«
    Den Alten hatte der seltsame Baugeist ergriffen, der unwiderstehlich fassen
soll, wer sich ihm einmal ergeben hat. Das alte Haus schien ihm Reparaturen
nicht wert, zu klein, zu unkommod, zu viel Hüttchen aller Art darum herum, so
übel anzusehen, so unbequem; man müsse, sagte er, was zusammengehöre, unter ein
Dach ziehen. Er sprach, als ob morgen der Bau beginnen müsste, dass Vreneli
endlich sagte: Wenn es an seiner Stelle wäre, so wollte es sich einstweilen
damit nicht so plagen; sollten sie dableiben, so wollten sie ja zufrieden sein,
sie begehrten es nicht besser. Dann dünke ihns, man hätte ihm einstweilen stark
genug zu Ader gelassen, er sollte froh sein, frisch Atem zu fassen. »Das, Base,
wenns erlaubt ist, dies zu sagen, verstehst du nicht«, antwortete Hagelhans.
»Kommt einer mal in Zug, dem Geld den Lauf zu lassen, so ist ihm nicht wohl, bis
der letzte Kreuzer durch die Finger ist. Der Anfang ist schwer im Sparen und
Ausgeben; wenn Hagelhans was anfängt, so fährt er zu bis ans Ende, halbwegs
bleibt er nicht. Doch wegem Weg, wenn wir zum Bodenbauer wollen, so mach dich
fertig, es ist Zeit.« Er sei fertig, sagte Uli, er wolle anspannen lassen, wenn
er es befehle. »Was anspannen?« sagte Hagelhans. »Du wirst doch nicht einer von
denen sein, welche meinen, dass wenn sie drei Schritte vor das Dach hinausgehen,
es gefahren sein müsse? Das wäre mir nicht anständig.« Es sei wegen ihm, dass er
fahren wolle, die Rosse hätten eben nicht viel zu versäumen, sagte Uli.
»Meinetwegen braucht es sich nicht,« sagte Hagelhans. »Ob unsere Beine müde
werden vom Fahren oder müde vom Laufen, kommt auf eins heraus, und wenn du nicht
zu vornehm bist, so schämst dich nicht und nimmst mit mir den Weg unter die
Füsse.« Dagegen war nichts zu sagen.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
                        Die dritte Reise zum Bodenbauer
Uli musste sich anstrengen, Schritt zu halten mit dem Alten, der einherschritt
wie ein aus einem Hünengrabe erstandener Recke, dem die Leute aus dem Wege
gingen und nachsahen mit Verwundern. Uli dachte im Stillen, besonders wenn die
Rede des Alten heraufquoll wie ferner Donner: Eigentlich sei es kein Wunder,
wenn seiner Zeit die Mädchen eben nicht sonderlich durch ihn angezogen worden
seien von wegen seiner Liebenswürdigkeit, dazu sei er doch wohl zu gross und
unghürig. Sein Tun in früheren Jahren mochte seiner Gestalt entsprochen haben.
    Wenn man zusammen wandert, so gibt ein Wort das andere, unvermerkt rutscht
man der Materie zu, von welcher man gerne spricht, die Alten gerne von
Jugendzeit und Jugendstreichen. Uli hörte mit offenem Munde zu. Er glaubte auch
was verrichtet, manchen tüchtigen Streich ausgeteilt zu haben, aber gegen
Hagelhans war er ein bloss Kind gewesen. Der hatte Schlägereien gehabt, dass das
Blut durch die Strasse floss, Schabernack geübt und zwar groben, wo er konnte. Er
hatte eine eigene Freude daran gehabt, den lieben Gott zu machen und zu
züchtigen und zu plagen mit grober Hand, wen er für schlecht hielt oder wer ihm
sonst nicht gefiel; denn es ist Vielen schwer, zwischen Beiden zu unterscheiden
auf die rechte Weise. Er hatte Geld verklopft, ein Pferd hätte es kaum gezogen,
dafür aber auch einen Namen gehabt, mit dem man die Kinder zu Bette jagte; das
Wort »Wart, Hagelhans nimmt dich!« war ein Zauberspruch. Wenn er in einem
Wirtshause erschien, so wars, als sei der Kindlifresser gekommen: allgemach
schoben die Leute sich zur Türe hinaus, der Wirt räumte so unvermerkt als
möglich alles Zerbrechliche weg, und die Stubenmagd tänzelte so graziös als
möglich um ihn herum, wie ein Pudelhündchen um einen Löwen, doch wohlweislich
immer sechs Schritte ihm vom Leibe. Hans rühmte sich alles dessen eben nicht, er
sah zu wohl ein, wie er den Menschen vorkommen musste und wie schreckhaft er sich
aufgeführt, aber er erzählte doch mit einem gewissen Behagen, ungefähr wie man
überstandene Krankheiten erzählt, erlebte Gefahren, Gespenster- oder sonst
Geschichten.
    So kamen sie an das Ziel ihrer Reise, Uli wusste fast nicht wie. Bodenbauers
waren eben beim Nachtessen, als die Beiden klopften und auf ein lautes »Herein«,
in die Stube traten. Als der grosse Mann mit seinem grossen Hund in die Stube kam,
ging es fast wie ehedem in den Wirtshäusern; es erschraken alle, selbst den
Bauer überfloss ein gewisses Erschrecken. Unwillkürlich wurde das naturgemässe
Manöver ausgeführt: hinter dem Vater, dem Schild und Schwert der Familie, barg
sich alles. Befangen streckte der Bodenbauer dem Hagelhans die Hand zum Willkomm
und sagte: »Ihr seid es, aber ich hätte eher den Kaiser von Russland bei mir
erwartet als Euch. Sah Euch an die zwanzig Jahre nicht, und es hiess, Ihr ginget
nie vom Hause.« »Man sagt manches in der Welt,« sagte Hans, »was nicht wahr
ist,« bot der Bäuerin die Hand, und die schlotterte wie ein Mädchen, wenn es die
Hand zum erstenmal einem Jungen geben soll. In Hans wachte offenbar der alte
Schalk auf und hatte seinen Spass an diesem Schreck und Schlottern. Uli machte
den Vermittler, stellte Hagelhans als den neuen Glunggenbauer vor und sagte, sie
kämen, um mit Johannes über die Sache zu reden.
    Die Bodenbäuerin wurde ganz bleich, als sie das hörte. Nun, auf das Geld
habe ich so stark nicht gerechnet, dachte sie, das ist verloren und ich will
nichts dazu sagen; aber die armen Leutchen dauern mich, die sucht doch unser
Herrgott einmal um das andere wohl stark heim. Erst das Hagelwetter, jetzt noch
Hagelhans als neuer Bauer, der schindet sie lebendig. Auch Johannes konnte sich
ähnlicher Gedanken nicht erwehren, vergass jedoch die Pflichten der
Gastfreundschaft nicht, hiess sich setzen und essen. Besondern Platz zu machen am
Tische für die Gäste brauchte er nicht, denn kaum war die Tür frei, so war der
ganze Haufe verschwunden, an das Essen dachte Keiner mehr. Sie hatten manchmal
vom Hagelhans im Blitzloch reden hören als wie von einem greulichen Kobold und
manchmal gewünscht, wenn sie ihn doch einmal sehen könnten, aber nur von weitem.
Jetzt hatten sie ihn gesehen, nur zu nahe. Hagelhans hatte die alte Sünde nie
ablegen können, sich den Leuten als den zu geben, für welchen sie ihn nahmen,
wendete oft grössere Mühe an, sein Gutmeinen zu verbergen, als Heuchler anwenden,
gutmeinend zu scheinen. Merkwürdig war, wenn er gegen diese Sünde kämpfte, wie
bald das Gutmeinen hervorbrach und dann wieder desto greller die Bosheit, wie
wenn am gewitterhaften Himmel bald die Sonne scheint, bald die Blitze zucken
durchs schwarze Gewölke.
    Er habe die Glungge nicht gerne in fremden Händen gesehen, und da er niemand
hätte auf der Welt, der nach ihm frage, so habe er auch niemanden zu fragen,
wenn es ihn gelüste, einige Kreuzer mehr oder weniger wegzuwerfen, bemerkte er
dem Bodenbauer. Er würde gerne noch einige Handvoll nachwerfen, wenn er wüsste,
was jetzt die alte Glunggenbäuerin im Himmel dazu sage und was sie für ein
Gesicht mache, dass Hagelhans Glunggenbauer geworden! Nun könne er nicht alsbald
aus dem Blitzloch fort, sondern müsse einen Pächter haben auf der Glungge. Man
sei halt geschlagen mit solchen, aber der, welchen er gefunden, scheine ihm von
den weniger schlechten zu sein, und noch dazu sei er Götti von einem Kinde des
Pächters und solle sogar dessen Vetter sein; da müsse man begreiflich ein
Einsehen tun, auf die Gasse begehre er die Leute nicht zu bringen. »Uli ist dir
schuldig und du warst sein Bürge. Nun wirst du nicht ferner Lust haben, die
Finger in die Tinte zu stossen; ich habe aber auch nicht Lust, einen Pächter
anzustellen, den mir einer, sobald es ihm beliebt, auspfänden und bloss machen
kann; ich mache dies lieber selbst, wenn es sein muss. Du hast den vorigen Akkord
machen helfen, und jetzt musst auch unsern machen helfen. Uli, der Vetter, hat
das Zutrauen zu dir, weil der vorige so gut gewesen, und ich habe nichts
dawider. Er soll nicht meinen, dass ich ihn übernehmen will. Aber vergessen muss
man jedenfalls nicht, dass der Hof mich sechzigtausend Gulden kostet, nicht
gerechnet, was ich verbauen muss; daneben mag ich es den Leuten gönnen, dass sie
wieder aufkommen.«
    Du alter Schelm, dachte Johannes, bist immer der gleiche Unflat, aber
diesmal fängst du uns nicht; ehe wir eintreten, muss ich mit Uli reden. Die
Bodenbäuerin hatte sich erholt, erfüllte ihre Pflicht als Wirtin wieder, und als
man mit Essen fertig war, unterhielt sie sich mit Uli. Da sagte der Bodenbauer
zu Uli: »Komm doch geschwind mit mir in den Stall, während es noch Tag ist;
möchte dir ein Füllen zeigen und fragen, was du meinst, ob ich es fällen oder
zum Hengst geraten lassen soll.«
    »Weisst was,« sagte Hagelhans, »schick die Frau mit Uli hinaus, er ist
hübscher als ich und lieber geht sie mit ihm in den Stall, als dass sie bei mir
in der Stube bleibt. Hätte übrigens auch noch ein Wort mit dir zu reden.« Die
Bodenbäuerin kriegte einen Kopf so rot wie ein Kupferkessel, aber eine Antwort
wollte ihr nicht kommen.
    Draussen erst brach es ihr los im Halse, und hageldick flogen ihr die
Schimpfwörter aus dem Munde, dass die Kinder sagten: »Mutter, Mutter, um Gottes
willen, was hast du? So tatest du nie, mache die Haken auf am Göller, du
erstickst ja! Herr Jeses, Herr Jeses, was hast?« »Das Ungeheuer, der Unflat, der
Utüfel, was er ist! Dass doch einen Solchen Gottes Erdboden trägt! Ich habe von
dem schon gehört, als ich ein junges Mädchen war, aber gesehen habe ich ihn
nicht. Da war nichts Schlechtes, was man ihm nicht nachredete, der Schlechteste
war er, der je in einer Menschenhaut über die Erde lief. Den schönsten Mädchen
lief er immer nach, und wenn sie nichts von ihm wollten, verfolgte er sie
schrecklich, sie waren ihres Lebens nicht sicher vor ihm. So machte er es der
Glunggenbäuerin, noch viel schlechter soll er es deiner Frauen Mutter gemacht
haben. Man erzählte Sachen, ich darf sie nicht denken, geschweige aussprechen.
Er quälte sein Lebtag alle Menschen; Teufel und Hagelhans sind wie Brüder, wer
besser sei, weiss man nicht. Und jetzt muss der Unflat mir noch ins Haus kommen,
mich beschimpfen, und wir sollen helfen euch ihm ins Netz jagen und unglücklich
machen. Nein beim Hagel, der Utüfel muss doch auch er, fahren, was man auf ihm
hält und dass man ihn kennt und dass nicht alle Leute sich vor ihm fürchten und
dass er nicht machen kann bis zu allerletzt, was er will, der Unflat, der Utüfel!
Dass ihr mir aber auch nicht ds Herrgotts seid, mit dem alten Unflat euch
einzulassen, sonst halte ich mein Lebtag nichts mehr auf euch. Wir haben, wenn
es sein muss, für euch zu arbeiten und zu essen. Was er an der Mutter nicht alles
ausüben konnte, das wird er mit der Tochter treiben wollen, das Untier!«
    So begehrte die Bodenbäuerin draussen vor dem Hause auf, dass man mit keinem
Hämmerlein hätte dazwischenkommen können und es Uli ganz angst wurde, dass er
nicht hineinging, bis es dämmerte und Johannes mit seinem Gaste herauskam. »Wie
habt ihr das Füllen gefunden?« fragte Hagelhans, und der Spott zuckte ihm in
jeder Runzel. »Geht und seht selbst, Ihr versteht Euch besser darauf als ich,«
schnellte die Bäuerin und fuhr ins Haus, als ob sie auf einem Hexenbesen sässe,
der Rest ihr nach bis an Uli, der nicht wusste, sollte er auch gehen oder sollte
er bleiben.
    »Kannst es ihm jetzt sagen,« sagte Hagelhans zum Bodenbauer. »Uli,« sagte
der Bodenbauer, »wir haben einen Akkord abgeredet, ich soll ihn ausfertigen
lassen, wenn du damit zufrieden bist; ich denke aber Ja, ich hätte ihn mir nicht
besser erdenken können, wenn ich schon gewollt hätte. Du bekömmst den Hof auf
zehn Jahre, die gleichen Zugaben, brauchst hundert Taler weniger Zins zu zahlen
und kannst einen Zins immer verzinsen, wenn du das Geld zum Betrieb brauchst.
Auszurichten hast du nichts als den Bauer zu speisen, wenn er da ist, und will
er das Stöcklein beziehen, welches er sich vorbehalten, so macht sich dies dann
besonders. Das ist die Hauptsache, damit, denke ich, kannst du wohl zufrieden
sein.«
    Uli wusste nicht, was er sagen sollte, war das, was er hörte, ein Glück oder
eine Mäusefalle. Endlich frug er: »Und mit den Schulden, wie ist dies?« »Der
neue Bauer übernimmt sie,« sagte der Bodenbauer. »Ich wollte zuerst sie nicht
abtreten, aber als er es nicht anders haben wollte, machte ich es mit ihm, dass
er sie die ersten fünf Jahre nicht absagen darf, bis dahin wirst du dich
hoffentlich erholen können.« Da Uli mit der Sache immer noch tat wie mit einem
vortrefflichen Bissen, mit dem man aber den Mund zu verbrennen fürchtet und ihn
daher erst von allen Seiten anbläst, so sagte der Alte, der den Handel wohl
merkte und dem der Spott im ganzen Gesichte herumfuhr wie ein Schwärmer durchs
Gras: »Wenn du nicht weisst was du willst, so besinne dich. Gehe das Land auf,
das Land ab bei jedem Babi zRat, dann sage ab oder zu, wenn ich noch lebe! Gut
Nacht!« Uli musste mit, da sie in einer Stube schliefen, konnte es aber lange
nicht zum Schlafen bringen.
    So hatte es aber auch der Bodenbauer. Der Bodenbauer war den berüchtigten
Gardinenpredigten ganz entwöhnt. Mann und Frau lebten so einig, verstunden sich
so gut, dass ein Blick, ein Wort genügte, sich zu verständigen. Aber wohl, diesen
Abend brach eine los, dass der Mann lange seinen Ohren nicht traute, nicht wusste,
kam sie wirklich von seinem Weibe oder von einem bösen Geiste.
    »Mit einem solchen Utüfel und Untier machst du gemeine Sache,« brach es bei
der Frau los, »um zu deinen paar Batzen zu kommen und die armen Leutchen um
alles zu bringen, nicht bloss um das Geld! Das wird die Leute wundern, wenn sie
vernehmen, was der Bodenbauer, vor dem sie so lange Respekt gehabt, für einer
sei, und lange Zeit werden sie nicht wissen, ist er zu einem Esel geraten oder
zu einem Schelm und untreuen Manne. Mich selbst nimmt es wunder für welchen von
beiden man in Zukunft ihn halten solle.« Das ist so gleichsam der Text, über
welchen die Bodenbäuerin predigte. Die Predigt war viel länger und bündiger.
    Endlich konnte der Bodenbauer sagen: »Frau, du gibst dir viel zu viel Mühe,
die Sache ist anders, ganz ds Gegenteil!« Potz Himmeltürk, bisher war der
Bodenbauer im einfachen Plotonsfeuer gewesen, jetzt kam er unter
Vierundzwanzigpfünder. Wer mal dabeigewesen ist, wenn die krachten, der weiss,
was dreinreden hilft. Endlich sagte der Bodenbauer, als ihm schien, die Munition
sei am Ausgehen: »Du tust wie ein trunkenes Fraueli, weiss gar nicht, was dich
ankömmt. Habe dich nie so gesehen als sechs Wochen nach der Hoch, zeit, da du
einmal eifersüchtig wurdest auf deine eigene Grossmutter. Wann du ausgeredet
hast, so sags. Ein Wörtlein möchte ich endlich doch auch dazu sagen.« Aber es
surrete lange noch bei der Bodenbäurin, ehe sie sagte: »Nun, so rede! Es würde
mich doch wunder nehmen, was du dazu zu sagen hast?«
    Der Bodenbauer setzte der Frau die günstigen Bedingungen der Pacht
auseinander und frug, ob da böser Wille sein könne. »Du Tropf,« sagte die Frau,
»dass du das nicht einsiehst, das ist gerade so wie beim Teufel; er verspricht
alles, um nichts als nur arme Seelen in seine Klauen zu kriegen.« »Du hast
unrecht, Frau,« sagte der Bodenbauer. »Der Mann hat sich in meine Hand gegeben
und mir Sachen gesagt und aufgetragen, dass ich weiss, woran ich mit ihm bin, und
dass vielleicht nicht Viele herumlaufen, welche bräver sind als der verrufene
Hagelhans, und dass Uli ein glücklicherer Mann werden kann als bald einer.« »Was
hat er dir denn gesagt?« frug die Bodenbäurin. »Ich musste ihm versprechen, es
niemanden zu sagen, bis er es mir erlaube«, sagte der Bodenbauer. »Ho, mir doch
wirst du es sagen können«, sagte die Bodenbäuerin. »Darf nicht,« sagte der
Bodenbauer, »er hat noch extra gesagt, dir solle ich es nicht sagen, und ich
habe es ihm in die Hand versprechen müssen.«
    Potz Himmel, wie ging da das Feuer frisch auf, und wer mal selbst solch
Ehespektakel erlebt hat, kann sich den Gang des Stückes denken und wie manchen
Aufzug es gab. Doch vielleicht ist selbst dem Erfahrensten das Ende
überraschend. Der Bodenbauer hielt sein Wort; was er versprochen hatte, nicht zu
sagen, das sagte er nicht. Das ist selten! Es mag der Welt unglaublich, ja
unnatürlich scheinen, und doch ist es ganz einfach und naturgemäss. Der
Bodenbauer hatte seiner Frau keine eigenen Geheimnisse zu verschweigen, darum
konnte er fremde bewahren. Wer aber eigene Geheimnisse hat, sucht gerne mit dem
Ausplaudern fremder Geheimnisse die seinen zu verdecken, die Weiber abzulenken.
    Wir wollen offen sein und gestehen, der Schluss befriedigte die Bodenbäurin
durchaus nicht. Die Bodenbäurin verarbeitete eine schlaflose Nacht, nicht
eigentlich wegen der Neu, gierde, sondern, wie sie sagte, dass der Mann sie so
wenig liebe, ihr so wenig traue, dass er nach fünfundzwanzig Jahren ihr nicht
sagen möge, was ihm gesagt worden sei. Als es endlich gegen Morgen ging, kam es
ihr, denn sie war vernünftig wie selten eine, Versprechen sei eigentlich
Versprechen und Ausnahmen seien Ausnahmen und Löcher ins Versprechen, und wo mal
ein Loch sei, sei die Sache nicht mehr ganz. Ihr Mann hatte dem Hagelhans was
versprochen, er habe aber auch ihr versprochen Treue und sonst noch viel. Sie
begehre, dass er ihr halte, und sie glaube, er habe es getan; warum solle sie ihn
verführen, dass er jemand anders nicht halte? Genau genommen sei das schlecht von
ihr, und wenn er ihr abfalle, so geschehe es ihr ganz recht; dem Einen recht,
dem Andern billig. Es tat der Bäurin sehr leid, dass es so lange gegangen war,
ehe sie dies begriff, und als am Morgen der Mann erwachte, da bat sie ihn
dringlich, dass er ihr doch nicht zürne. Da hätte er es bei einem Haar gesagt,
denn er war noch schlaftrunken und die unerwartete Liebe war fast wie ein
englischer Zapfenzieher, welcher alles öffnet. Zu rechter Zeit noch erwischte er
das entspringende Wort beim Bein und sagte bloss: »Zähle darauf, die Sache kömmt
gut. Mache Uli guten Mut, und einst werden die Leute das Maul offen vergessen
und nicht Babi sagen können vor lauter Verwundern.«
    Am Morgen wusste die Bodenbäurin nicht recht, wie sie mit Hagelhans umgehen
solle. Hagelhans schlug ihr seine grossen Augen ins Gesicht, so gleichsam als ein
Blasenpflaster, welches wieder herausziehen konnte, was nicht drin sein sollte.
Die Bäurin merkte gleich, was das sein solle, und sagte: »Habt nicht Kummer, ich
habe einen wüsten Mann; eigentlich sind alle wüst, aber meiner vor allen, sagt
mir nichts, als was er gerne will. Nun, ich bin auch nicht halb so neugierig, es
wäre mir ein Leid, wenn ich alles wissen müsste, was mich nichts angeht. Es gibt
dagegen Sachen, welche man gerne wüsste und wo dies wohl zu verzeihen ist. Wenn
man zum Beispiel jemanden für gutmeinend halten soll, den man für einen Unflat
gehalten, so wäre einem ein Warum doch vielleicht erlaubt.«
    »Auf ein Warum von der Frau passt nichts besser als ein Darum vom Mann. Das
ist der wahre Mannsbrauch«, sagte Hagelhans. »Wie weit kam Mancher mit solchen
Bräuchen?« antwortete die Bodenbäuerin mit sanfter Stimme, aber dem bekannten
Weiberblick, welchen sie an die Worte heften, welche zünden sollen, gleich wie
das berühmte griechische Feuer ehedem auch mit Pfeilen geschossen wurde. Da tat
der Hagelhans seine Augen wieder weit auf und sagte: »Habe er es dir nun gesagt
oder nicht gesagt, so bedenke, dass wenn ein Wort von dem geschwatzt wird, was
ich ihm gesagt, aus allem nichts wird, du aber dein Lebtag reuig wirst, so wahr
ich Hagelhans heisse. Jetzt mache, was du willst.« Die Weiber haben zuweilen ein
eigen Geschick, zu treffen aufs Geratewohl, dass man meinen sollte, sie kennten
das Ziel und hätten scharf gezielt, und ist doch all nichts. Die Bodenbäuerin
beteuerte umsonst, sie wüsste wahrhaftig nichts, Hans traute nur halb. »Mach, was
du willst,« sagte er, »aber zähl darauf, was ich gesagt, das halte ich.« Der
Bodenbauer, der jetzt mit Uli das Füllen besehen hatte und mit ihm in die Stube
kam, machte dem Gespräch ein Ende.
    Hagelhans pressierte mit dem Aufbruch; die Sach sei gemacht, Gschwätz trag
nichts ab, die Zeit, welche vorbei sei, sei vorbei und nicht mehr zu gebrauchen,
sagte er. Er nahm Uli mit fort, trennte sich aber bald darauf von ihm und
marschierte dem Blitzloch zu. Wann er wiederkomme, wisse er nicht, sagte er, sie
sollten alle Tage seiner gewärtig sein.
    Uli ging heim, als wäre er trunken. Also war er wieder Pächter auf der
Glungge und unter Bedingungen, wo es ihm fast nicht fehlen konnte, und doch
wüsste er nicht, sollte er sich freuen oder nicht; es war ihm etwas Dunkles im
Hintergrunde, von dem er nicht wusste, war es gut oder bös. Bald kam ihm sogar
der Johannes verdächtig vor, der erst so bedächtig getan und dann so stark
eingeredet, und am Morgen sogar die Frau; es war gleichsam, als hätten sie kalt
und warm aus einem Munde geblasen.
    Mit grosser Spannung harrte seiner Vreneli, lief ihm weit entgegen, als es
ihn von ferne sah. »Und du bangst noch?« sagte es, als es alles vernommen, »bist
du so misstrauisch geworden? Hast den Glauben so gutmütig auf jeden faulen Stock
abgestellt, und jetzt ist dir kein Stein gut genug dafür. Sieh, Bodenbauers
sollten wir aus ihren Werken erkennen, wegen einigen Talern verkaufen die uns
nicht, und Vetter Hagelhans ist zu alt, um Bosheit mit uns zu treiben, sonst was
wäre an uns nichts zu gewinnen. Glaube mir, das ist ein Anderer als Joggeli!
Hagelhans kann einen Menschen totschlagen, aber den Wurm zertritt er nicht.
Warum er es gut meint, weiss ich nicht, aber gut meinen tut er es, dafür wollte
ich meine Hand ins Feuer halten. Den wildesten Menschen kömmt es manchmal an wie
Heimweh, wenn sie alt werden. Sie hätten niemanden, klagen sie, und suchen
jemanden, der Anteil an ihnen nimmt und dem sie zeigen können, dass sie doch noch
Menschen sind. Vielleicht dass es Hagelhans auch so kam; dazu sind wir nicht ganz
fremd, sondern verwandt, freilich nur entfernt, aber böse haben wir ihn nie
gemacht und er ist Vrenelis Götti. So habe ich alles Vertrauen, und wenn er
kömmt, will ich zu ihm sehen, als ob er mein Vater wäre. Mag kommen, was da
will, so ist die Pacht gut, und zehn Jahre, denk, da lässt sich was machen, und
dass die Sache recht gemacht wird, darauf kannst du zählen, der Bodenbauer ist
lauter wie Gold. Was meinst, soll ich Eierkuchen backen heut abend und Nidle
stossen recht dick? Lange haben wir nichts Gutes gehabt, und das ist ein kleines
Mählchen wert. Ei, wie werden die Kinder sich freuen, wenn sie wissen, dass wir
dableiben, den Anken riechen auf dem Feuer und die Nidle stossen sehen. Möchte ja
selbst springen und jauchzen wie ein Kind, weiss gar nicht, wie leicht es mir ums
Herz ist!« So jubelte Vreneli kindlich, und grosse Freude war auf der Glungge
selben Abend.
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Wie die Welt im Argen bleibt und gebesserten Menschen es gut geht mitten in der
                                   argen Welt
Als die Leute vernahmen, dass Uli frisch gepachtet und gut und welche Freude
darüber gewesen sei auf der Glungge, da wunderten sie sich sehr. Anfangs hatten
sie Mitleid gehabt mit Uli und gedacht, der wüste Mann werde ihn handlich
plagen, er könne sie übel erbarmen; verdient hätte er es nicht, wenn er schon
einige Zeit von dem Kraut, welches nichts koste, man nenne es Hochmut, wohl viel
gehabt.
    Als sie nun aber vernahmen, dass es umgekehrt gegangen, Uli besser zweg sei
als vorher, ja dass Hagelhans gar noch Vetter sei und Götti von einem Kinde, da
hielten sie alles für ein abgeredet Spiel, um Joggelis Kinder und Kindeskinder
zu verstossen. Ob es so sei oder nicht, untersuchte man begreiflich nicht,
sondern man hielt es einfach für grimmig schlecht. So viel Gutes sie dort
genossen und die Alte ihnen mehr getan als den eigenen Kindern, und jetzt es
ihnen so machen, wo sie in der Not seien, das sei über das Bohnenlied. Da könne
man wieder sehen, wie schlecht die Welt werde und dass gar keine Religion mehr
sei; ehedem hätte sich der schlechteste Hund geschämt, so was zu machen.
    Als man nun gar sah, wie Hagelhans oft auf die Glungge kam und wie da eine
Einigkeit war, die Kinder dem Alten nachliefen, der Alte kein Geld sparte zu
allerlei dem Hofe vorteilhaften Arbeiten, Uli Geld hatte und seinen Viehstand
ordnete, wie er ihm am vorteilhaftesten war, da ward es den Leuten gar zu kraus.
Sie rührten im Moder der Vergangenheit, rührten halbverweste Bruchstücke herauf
aus der Vergangenheit, setzten daraus grausame Geschichten zusammen, dass einem
die Haare zu Berge stunden, und flochten daraus Verhältnisse, alte und neue,
zwischen Hagelhans und Vreneli, an denen niemand hätte Freude haben sollen als
höchstens der Teufel. Und doch hatten gar viele Leute Freude daran und unter
andern auch die, welche so bitter klagten, wie die Welt immer schlimmer werde.
    Am bittersten missgönnten begreiflich Elisi und Trinette Vreneli ihr
sogenanntes Glück, das heisst dass sie die Pach: wieder hatten und da im Schweisse
ihres Angesichts ihr Brot essen durften. Hätten sie gearbeitet und geschwitzt
wie Uli und seine Frau, sie besässen den Hof noch eigentümlich und nicht bloss das
Recht, ihn zu bearbeiten; aber so weit denken solche Weiber nicht. Je weniger
sie taugen, je tiefer sie in selbstverschuldetes Elend sinken, desto giftiger
nagen in ihren Herzen Neid und Rache, Hass und Zorn; das sind die Schlangen,
welche schon hienieden die Herzen zu Höllen machen, während sie Tempel des
Friedens Gottes, der über allen Verstand geht, sein könnten.
    Sobald Elisi das Gebräu der Leute zu Ohren bekommen, machte es sich auf die
Füsse, um Vreneli alles, was es wusste, in die Nase zu reiben. Elisi hatte
begreiflich den Verstand nicht, zu begreifen, dass durch Hagelhanses
Dazwischenkunft ihm einige tausend Gulden zugut kamen, sondern bloss den Sinn,
Vreneli so weh als möglich zu tun, weil Vreneli auf der Glungge bleiben konnte
und Elisi nicht.
    Doch, wie es geht in der Welt, die Sache ging ganz umgekehrt, als Elisi
gedacht. Vreneli war von früh an gewohnt, Elisi zu ertragen, alle seine Tücken
und Bosheiten mit Gelassenheit geschehen zu lassen, ohne sich viel darum zu
kümmern. Freilich hatte es Vreneli viel gekostet, ehe es zu dieser Gelassenheit
gekommen war. Solange Elisi im Glück war, musste Vreneli von Zeit zu Zeit neu
ansetzen, dieselbe sich zu bewahren; nun, da Elisi im Unglück war, ward es
Vreneli leicht, in Geduld anzunehmen, was Elisi tat und sagte, und je ärger es
es trieb, desto grösser war sein Erbarmen mit der unglücklichen Person. Wer
drinnen sei wie Elisi, der Mann mit dem Schelmen davon, der grösste Teil des
Vermögens drauf, einen Rudel Kinder ohne Zucht und Hoffnung, sei geschlagen
genug, sagte es. Wenn man Verstand habe und Gottvertrauen und den Leuten lieb
sei, so mache sich alles; man habe Trost in Gott, Hülfe von guten Leuten und
Hoffnung auf die Zukunft. Aber wo weder Verstand noch Liebe, weder Religion noch
Kraft sei, da sei der Mensch geschlagen und ohne Hoffnung weder für die Erde
noch für den Himmel. Und wenn der Mensch noch so boshaft, neidisch, zänkisch
sei, dann mache er sich zu allem andern noch ein schwer Leiden selbst, dazu alle
Leute bös, dass er das Schlimmste gewärtigen müsse von ihnen.
    Das ist eben die Weise der edlern Naturen, dass das Unglück ihnen die
Personen heiliget, wie widerwärtig sie an sich auch sein mögen, so wie den
Muhammedanern die Wahnsinnigen heilig sind. Umgekehrt haben es die gemeinen
Naturen, für das Edle haben sie keinen Sinn; ists im Glanze, kriechen sie vor
ihm im Staube und lecken ihm die Füsse, ists im Unglanz, werfen sie es mit Kot,
treten sie es mit Füssen. Vide Weltgeschichte bis auf die allerneuste Zeit!
Vreneli dachte bei Elisi immer: Vater, vergib ihm, es weiss nicht, was es tut.
    Was Vreneli schmerzte, war das Benehmen der Leute überhaupt. Missgunst trat
überall zutage, und diese erzeugte das heilloseste Streben, für edles Handeln
schlechte Gründe zu er grübeln. Das ist eine heillose Weise, die, wenn sie dem
Tun nichts anhaben kann, demselben einen schlechten Sinn unterschiebt. Diese
Weise vergiftet das Leben der edelsten Menschen, zerstört Erfolge, lähmt alle,
welche über das Urteil der Menge sich nicht erheben können. Vreneli war sich so
klar bewusst, jedermann das Glück zu gönnen, mit beiden Händen und ganzem Gemüte
bereit zu sein, Anderer Glück zu fördern und ihr Unglück zu wenden, und hatte
davon so manchen Beweis geleistet, dass es ihm wirklich wehe tat, diesen Sinn der
Welt in all seiner Bitterkeit erfahren zu müssen. Indessen will es Gott so und
es ist gut so; das sind die kühlen, frostigen Frühlingswinde, welche den zu
raschen und zu üppigen Aufwuchs der Pflanzen, welcher denselben so gefährlich
ist, hemmen. Dieses Sumsen und Reden soll den Christen demütig bewahren, dass er
sein Glück nicht als ein verdientes betrachtet, sondern als einen Segen Gottes.
Um Gottes willen soll er nach seinen Fehlern und Flecken spähen, sie ausreissen
und ausreiben mit schonungsloser Hand, und gälte es das rechte Auge und wäre es
die rechte Hand, an welcher das Ärgernis klebte, damit die Menge nicht sage,
Gott teile seinen Segen blindlings aus, sei darin den Grossen der Erde gleich,
welche sehr oft ihre Gnaden an die Unwürdigsten verschwenden. Um Gottes willen
soll er sich als einen Verwalter der Gaben Gottes betrachten und treu sein, soll
durch Güte und Milde versöhnen, soll feurige Kohlen sammeln auf der Feinde
Häupter, soll zeigen, wie der Christ das Sprüchwort »Es gibt keine Schere, die
schärfer schiert, als wenn der Bettler zum Bauern wird« Lügen strafet. Der
Christ wird nie hochmütig, schämt sich nie derer, welche früher seinesgleichen
waren, verleugnet sie nicht um so greller, je mehr er fürchtet, man möchte
seiner Herkunft gedenken und die frühern Genossen ihm vorwerfen; im Gegenteil,
um so mehr Erbarmen hat er mit denen, deren Schmerzen er aus eigener Erfahrung
kennt, und um so brüderlicher hält er Herz und Hand offen, je tiefer er fühlt,
dass Gott ihn zu einem Werkzeuge erwählet und den wahren Lohn ihm nach der Treue
zumisst, in welcher er in seinem Amte steht.
    Wären nun die Emporkömmlinge Christen auf diese Weise, demütig statt
hochmütig, milde statt hart, dann würden sie nicht bloss die Menschen versöhnen
mit sich, sondern es würde auch Mancher denken: An dem habe ich mich versündigt,
habe Schlechtes von ihm geredet, ihn nicht bloss verurteilet, sondern
leichtfertig und unverhört ihn verdammt, und mit welchem Masse ihr messet, mit
diesem soll euch wie, der gemessen werden, heisst es ja. Ein andermal werde ich
anders sein, mich nicht ärgern an Gottes Güte, die er über Andere ausgiesst, dem
Kain gleich, mich nicht versündigen an Andern durch ein lieblos Verdammen, um
nicht selbst verdammt zu werden.
    Vreneli suchte diese Versöhnung, und zwar nachhaltig und standhaft. Es
meinte nicht, dass wenn es einmal einer armen Frau ihr Säcklein gefüllt, mit
einer andern freundlich gesprochen habe, nun alles gut sein solle, alle Mäuler
umgewandelt, nun nichts mehr als Lob und Preis allentalben. Für Schlechte
schlägt die öffentliche Meinung plötzlich um von einer Stunde zur andern, macht
Purzelbäume, die schrecklich sind; ins Gute aber wandelt sie sich langsam um,
und wenn man meint, jetzt sei alles wieder gut, so reibt einer die alten Flecken
wieder auf, macht neu den Verdacht, und lange geht es wieder, bis Achtung und
Vertrauen sich wiederum eingestellt.
    Was Vreneli seine Langmut erleichterte, war der Friede und das Behagen,
welche sich bei ihnen eingestellt. Uli war ein Anderer geworden. Den alten
heitern Sinn und die emsige Rührigkeit hatte er wieder, verband sie aber mit
Ruhe und Besonnenheit. Da war keine Ängstlichkeit mehr, kein Zappeln und Hasten;
er meinte nicht, dass heute alles gemacht sein müsse, als ob morgen kein Tag mehr
sei, zog dem Himmel keine schiefen Gesichter mehr, wenn es nicht regnen wollte,
wenn Regen Uli passend dünkte. Er hatte in sich die Ergebung gewonnen, welche es
nimmt, wie Gott es gibt, welche macht, was sie kann, aber nie meint, dieses oder
jenes müsse so und nicht anders gehen, müsse erzwungen sein. Er hatte die
Erfahrung gemacht, dass wo der Herr nicht das Haus behütet, umsonst die Bauleute
arbeiten, wie wenig früh Aufstehn und spat Niedergehen und sein Brot mit Sorgen
Essen helfen, wenn der Herr nicht dabei ist mit seinem Segen. Zum Innern kam
dann auch das Äussere, welches alleine aber nie die Ruhe gibt ohne innern Grund.
Er konnte sich wieder helfen mit dem Gelde. Flut und Ebbe wechselten nicht so,
dass alles, was eingegangen, wieder abfloss, es blieb wieder etwas zurück, setzte
sich so gleichsam festes Land an, auf welches er mit immer grösserer Sicherheit
seinen Fuss stellen konnte. Es schien, als ob der Hof ersetzen wolle, was Uli
eingebüsst, als ob er vergelten wolle, was Uli an ihm tat.
    Zudem half Hagelhans, der immer öfter da war, mit gar manchem nach, fast
unvermerkt. Es tut einem Hof bald dies, bald jenes not oder täte ihm wohl, aber
niemand will es machen. Der Pächter scheut die Ausgabe oder denkt, wenn er von
der Pacht müsse, entschädige ihn niemand. Der Besitzer denkt: ich kriege gleich
viel Pachtzins, sei das gemacht oder nicht gemacht, schiebt die Arbeit auf von
einem Jahr zum andern Jahr oder schlägt gar sie ab. Es gibt keine Form des
Pachtakkordes in der ganzen Welt, wo solche Nachteile, die erst der Pächter
leidet, welche aber später auf den Besitzer zurückfallen, vermieden werden
können. Von Joggeli hatte Uli gar nichts mehr erhalten können, er selbst hatte
es je länger je weniger vermocht; jetzt griff Hagelhans mit beiden Händen zu,
dass es Uli manchmal graute und er sagte: Es dünke ihn, mit dem könne man noch
warten bis das andere Jahr, es sei schon so viel geschehen, und zu viel möchte
er ihm doch nicht zumuten. »Wenn ich es zahle, was geht es dich an?« fragte
Hagelhans. »Warum aufs Jahr versparen, wozu jetzt Geld und Wille da sind?« Das
waren zwei schlagende Gründe, gegen welche nicht viel zu sagen war.
    Nur am Hause selbst wollte er nicht reparieren, nur das Nötigste in den
Ställen und an den Bschüttilöchern. Was man an die alte Hütte wende, sei
verloren, sagte er. Er hatte immer fester einen Neubau im Kopf; hier aber stiess
er auf Vrenelis Willen, welches nichts weniger als diesem geneigt war. Vreneli
hatte eine grosse Gewalt über den Alten; es herrschte zwischen ihnen die
Traulichkeit, wo Vrenelis ganzes Wesen in Ernst und Scherz seine Macht üben
konnte. Es suchte ihm das Bauen auszureden, und als das nicht möglich war, doch
Zeit zu gewinnen. Die Gründe, wie lieb ihm das alte Haus sei, wie es in einem
neuen sich nicht zu gebärden wüsste, wie es sich für einen Pächter nicht schicke,
in einem solchen Hause zu wohnen, und ihm viel Kosten nach sich ziehe, liess er
nicht gelten. Hingegen leuchtete ihm das ein, dass wenn man zu rasch baue, man
schlecht baue, und dass allemal das Land das Bauen entgelten müsse, denn während
man baue, richte man sein Augenmerk auf den Bau, brauche den Zug für das Bauen,
und gröblich werde das Land vernachlässigt. Es wäre daher zehnmal besser, man
setze erst das Gut recht in Stand, führe nach und nach in müssigen Zeiten das
nötige Material herbei; so komme man vor und nach mit allem zurecht, keines
schade dem andern und der Pächter laufe nicht Gefahr, sich und seinen Zug
zugrunde zu richten. Es müsse sagen, es würde ihm Kummer machen für Uli, wenn er
wieder so in ein Gewirre hineingestossen würde. Derselbe habe gar ein ängstlich
Gemüt; wenn man ihm schon jetzt nichts anmerke, so könnte so leicht es ihm
wieder kommen, wenn man ihn in Versuchung führe, ehe er so recht erstarket sei.
    Der Alte war seit Jahren nicht gewohnt, dass jemand ihm widersprach; was er
wollte, das wurde ausgeführt, und um so unerbittlicher, wenn er sah, dass jemand
ein schief Gesicht dazu machte, das hatte sein Gesinde oft erfahren. Der fremde
Wille von Vreneli würgte ihn im Halse wie ungewohnte, seltsame Kost, und doch
würgte er ihn herunter mit manch seltsamem Gesicht und ergab sich darein, aber
nicht wie Joggeli es getan hatte, unter Knurren und Murren und beständigem
Widerstreben, sondern als er ihn endlich hinunter hatte, sagte er: »Nun, dir zu
Gefallen, dass du es nur weisst. Aber darauf zähle ich dann auch, dass wenn ich
finde, der Hofhabe seinen Teil und die Sache sei beisammen, du kein Wort mehr
sagst. Hasse nichts mehr als das beständige Wiederkauen.«
    Vreneli zögerte noch, seine Hand in die dargebotene zu schlagen und das
Versprechen abzulegen, denn das alte Haus war ihm ans Herz gewachsen; aber da
tat Hagelhans seine grossen Augen auf, und Vreneli schlug ein.
    Über einen andern Punkt kamen sie dagegen nie zum Ein, schlagen, da war
beständiger Streit, doch nie ein feindseliger. Hagelhans hasste den Johannes,
aber mehr noch Elisi; wenn er es sah, ward es ihm wie Andern, wenn sie Mäuse
oder Kröten sehen. Johannes liess sich auf der Glungge nicht mehr sehen, seiner
Väter Gut hatte er den Rücken gewendet auf immer. Elisi hingegen hatte es wie
die Katzen, welche nicht an den Personen, sondern an den Häusern hängen sollen,
es konnte nicht von der Glungge lassen. Obgleich einige Stunden davon entfernt,
erschien es doch alle Augenblicke auf der, selben als wie vom Himmel herab,
gebärdete sich daselbst als des Hauses Tochter und behandelte Vreneli auf die
alte Weise, als ob dasselbe um Gottes willen da sei, sagte ihm das
Unverschämteste und forderte von ihm, was ihm beliebte.
    Man wusste nicht recht, war es Dummheit, war es Bosheit, war es
eingefleischter Hochmut oder war es die Art von Anhänglichkeit, die sich bloss
durch Kratzen, Beissen, Klemmen zu äussern vermag. Vreneli ertrug dieses mit
klarem Gemüte wie die Eiche die Fledermaus, welche in ihr nistet, der Berg den
Morast, der an seinen Fuss sich schmiegt. Hingegen Hagelhans vermochte das nicht,
gerne hätte er es, gleich einer Made im Käs, mit dem Fusse zertreten. Er befahl
Vreneli, mit Elisi abzubrechen, es einmal vom Hofe wegzujagen wie einen Hund,
dass es das Wiederkommen bleiben lasse, das Mensch wolle er nicht mehr antreffen.
Es könnte ihn ankommen, er stecke ihm eine, dass es mehr als genug daran hätte
für immer. Aber Vreneli wollte das nicht. Der Base Kind jage es nicht vom Hofe
weg. Lieb sei ihm Elisi nicht und werde es nicht, aber es erbarme ihns, an allem
sei es nicht schuld und sollte jetzt nirgends mehr sein in der Welt. Die Base
drehte sich noch im Grabe um, wenn sie wüsste, wie es ihren Kindern erginge. »So
drehe sie sich meinetalb,« sagte Hagelhans, »aber das Mensch lässest du mir
nicht mehr ins Haus und jagst es mit dem Besen vom Hofe, das tust.« »Und das tue
ich nicht,« antwortete Vreneli. »Und das tust du,« sagte Hagelhans, und seine
Augen glühten lichter und wurden rund wie Pflugräder. »Und das tue ich nicht,«
sagte Vreneli, und seine Augen wurden rund und flammten, »und das tue ich nicht,
und risset Ihr mir den Kopf vom Halse. Recht ist recht und schlecht ist
schlecht, und da hat mir niemand was zu befehlen als mein Gewissen und Gott.« So
hatte zu Hans noch niemand gesprochen. Erstaunt sah er die glühende Frau an,
sagte endlich: »Sollte ich wohl vor dir mich fürchten müssen?«, ging, sagte von
Stunde an nichts mehr von Elisi, aber wo er Vreneli einen Wunsch anmerkte, ward
er erfüllt.
    Es klopfte einmal an einem recht wüsten, windigen Regentage, wo Vreneli die
Küchentüre zugemacht hatte, damit der Wind ihm nicht ins Feuer komme, an der
Türe. Vreneli öffnete, draussen stand seine Freundin, welcher es zu Gevatter
gestanden, pudelnass, mit einem ebenso pudelnassen Kinde auf den Armen. »Mein
Gott, bist du es,« sagte Vreneli, »bei solchem Wetter; was denkst doch, dass du
bei solcher Zeit zur Türe aus gehst und noch dazu mit einem Kinde?« Nun begann
die Frau sich weitläufig zu entschuldigen, dass sie nicht früher gekommen, aber
bei gutem Wetter habe sie Arbeit gehabt und diese nicht versäumen wollen.
Vreneli dachte dazwischen, ihns zu mahnen an das Gutjahr hätte es nicht
gebraucht; es sei ihm leid, dass die Freundin so unverschämt geworden, aber die
Armut werde dies machen. Aber, fuhr die Frau fort, sie hätte nicht länger warten
wollen, ihm zu danken, es hätte sonst glauben können, es sei ihr nichts daran
gelegen, und doch könne sie nicht sagen, wie schrecklich es sie gefreut, dass es
so an sie gedacht, sie hätte einen ganzen Tag das Wasser in den Augen gehabt.
    »Weiss nichts,« sagte Vreneli, »was meinst?« »Vexiere nicht,« sagte die Frau,
»du oder der Bauer, wird ja auf eins heraus, kommen, haben uns ja Bescheid
machen lassen, es sei hier eine Behausung leer. Wenn wir keine hätten oder noch
nicht zugesagt, so sollten wir kommen; sie sei gut, wohlfeil und das ganze Jahr
Arbeit. Ich kann dir nicht sagen, wie das mich freute, dass du an mich dachtest
und dass ich in Zukunft doch auch jemanden haben soll, dem ich klagen darf, was
mich drückt, und Rat holen, wenn ich nicht mehr weiss wo ein und aus.« »Daran bin
ich wahrhaftig unschuldig,« sagte Vreneli, »weiss kein Wort davon.« »Verschäm
dich dessen nicht,« sagte die Frau, »sonst dauert es mich. Für einen Narren
gehalten wird mich doch niemand haben,« setzte sie erschrocken hinzu, »das wäre
doch schlecht, mein Gott!«
    »Habe nicht Kummer,« sagte Vreneli, »und wäre es so, so lässt sich aus Spass
Ernst machen. Aber mir fällt ein, was es sein könnte. Ich erzählte einmal unserm
Bauer von dir, wie du mich erbarmet, wie ich gedacht, wenn es zu machen wäre, so
möchte ich dich in die Nähe; dein Mann sei gut zur Arbeit, und eine vertraute
Person käme mir in hundert Fällen so kommod. Jetzt ist ein Häuschen, welches der
Bauer zu vermieten hat, leer; was gilts, er hat dran gedacht, was ich ihm
gesagt, und er ists, der dir Bescheid gemacht hat.« »Ists noch ein Junger?«
fragte die Frau. »Fragst wegen mir oder fragst wegen dir?« frug Vreneli mit
einer Miene, von welcher man nicht recht wusste, ob Zorn oder Spott in ihr stach.
Die Frau erschrak und wusste nicht, was sie sagen sollte. »Sieh,« sagte Vreneli,
»das macht mich am bösten, dass wenn ein Mensch tut, was recht ist, Andern zulieb
zu leben sucht, so sucht man gleich was Schlechtes dahinter, und fast ohne dass
man es weiss. Es ist ein alter Mann, ein Bölimann, ein Kindlifresser von aussen,
hat aber ein gutes Herz, und wenn er mal weiss, dass man treu ist und es gut mit
ihm meint, so tut er einem zu Gefallen, was er kann und mag. Er ist darin ganz
das Gegenteil vom frühern Bauer. Doch das kannst am besten selbst erfahren. Er
ist da, dort drüben im Stock, gehe hin und machs mit ihm ab.« Vreneli zeigte der
Frau den Weg zum Bauer, »unterdessen mache ich dein Kind trocken und lege es ins
Bett.«
    Die Frau wollte nicht gerne gehen, meinte dies, meinte das, aber Mutter
Vreneli konnte auch befehlen, besonders wenn wunde Flecken berührt worden waren.
Es ging nicht lange, so kam die Frau wieder daher mit gröblich langen Schritten,
platzte fast zur Türe herein und schrie: »Wenn ich geschwollen werde am ganzen
Leibe, so bist du schuld; mein Lebtag hab ich noch kein Ungeheuer gesehen als
heute, es zittern mir alle Glieder.« Hagelhans war wahrscheinlich im Négligé
gewesen, hatte langen Bart gehabt und die Stimme tief unten herauf genommen, als
er den kurzen Bescheid gegeben, sie solle die Sache mit Vreneli machen, wie es
sie mache, sei es ihm recht, daneben machen dass sie fortkomme, sie sei eine
Stürme. Das habe ihr doch noch niemand gesagt, und das habe er in einem Ton
gesagt, dass es gerade gemacht, als ob es donnere. Es sei ihr gewesen, als
zittere der Boden unter ihren Füssen, sie hätte gemacht dass sie fortkomme, und
ihr sei immer gewesen, als sei hinter ihr eine Hand, fasse sie am Hals und wolle
ihn umdrehen.
    »Und was dünkte dich,« frug Vreneli boshaft, »ists ein Junger oder ein
Alter?« »Verzeih mir Gott meine Sünde,« sagte die Frau. »Ich bin eine arme
Sünderin, aber die schlechteste doch nicht, aber wenn ich den sehe, wäre es mir
immer, der Leibhaftige wäre da und wolle mich nehmen.« Vreneli hatte Mühe, die
gute Frau zu beruhigen und sie zu bewegen, das Anerbieten anzunehmen. Wer weiss,
wenn ihr die Behausung nicht so anständig gewesen, die Bedingungen nicht so
eingeleuchtet hätten und Vreneli nicht so lieb, ob sie sich hätte bewegen
lassen, so hatte der Alte ihr das Herz wackeln gemacht. Sie freute sich endlich
doch der Sache, ging reich beschenkt weg. Aber sobald sie Vreneli nicht mehr
sah, kam ihr die Angst wieder, sie lief, als ob der Leibhaftige ihr auf der
Ferse sei.
    Vreneli war äusserst dankbar für des Vetters zuvorkommende Güte. Einer
vertrauten Person bedurfte es. Eine solche Person bildet die Brücke, welche die
Meisterfrau mit der ihr untergeordneten oder sie umgebenden Welt verbindet, so
wie der König mit sämtlichem Gesindel in Zusammenhang steht durch seinen
Justiz-und Polizeiminister. Nun kömmt es immer darauf an, dass der König genau
die Beschaffenheit der Brücke kenne. Zwischen einer faulen und einer soliden ist
bekanntlich ein bedenklicher Unterschied. Mit Bedauern bemerkte es freilich, wie
weit, wenn auch die Herzen eins bleiben, die Wogen des Lebens die Menschen in
ihren Anschauungen des Lebens auseinandertragen können. Die Einen werden in
Niederungen abgesetzt, wo sie keinen freien Blick haben, sondern nur anschauen
und auf Lassen, was die Fluten an ihnen vorüberführen, während Andere auf Hügel
getragen werden, wo sie weite Umschau haben, schauen können, was sie wollen, und
ein sicher Urteil sich bilden in dem Vergleichen des Vielerlei über jedes
Einzelne. Oft geschieht es, dass dabei die Herzen auseinandergerissen werden, oft
bleiben sie in Liebe eins, wenn die Treue über dem Dünkel steht das Gefühl über
der Meinung. Vreneli fühlte mit Schmerz diese Verschiedenheit des Standpunktes,
doch tröstete ihns das Bewusstsein der Überlegenheit, welche es von je auf die
Freundin geübt. Die wolle es anders machen, dachte es, die müsse es lernen, wie
es gute Leute gebe, welche das Gute wollten und das Rechte übten, weil sie es
liebten und nicht aus Hinterlist und als Deckmantel der Sünde.
    Zum Vetter ging es hinüber, um ihm zu danken für seine Güte. Dieser frug
nach Uli, er habe ihn heute nicht gesehen und möchte mit ihm reden. Er sei fort,
sagte Vreneli, wahrscheinlich komme er heute wieder, doch wisse es es nicht
bestimmt. »Wo ist er hin?« frug Hagelhans, »ist doch heute kein Markt hier
herum?« »Darf es Euch, Vetter, fast nicht sagen,« antwortete Vreneli. »So lass es
bleiben,« sagte der Vetter, »werde gleichwohl schlafen können.«
    »Vetter, es ist nichts Böses,« sagte Vreneli. »Damit Ihr nicht böse werdet,
kann ich es Euch wohl sagen jetzt, da die Sache abgetan sein wird. Vorher
wollten wir nichts davon sagen, dieweil, je mehr man von solchen Dingen redet,
man um so weniger sie tut von wegen all den Wenn und Aber, welche
dazwischengesprochen werden. Schon lange drückte uns was und besonders Uli. Ihr
wisst, wie er einen Prozess gewonnen, der im Gründe ungerecht war, und was das
Mannli ihm gesagt. Wir durften nie nach ihm fragen, wie es ihm ging, und Uli
ging immer mit Angst auf einen Markt hierherum und nur, wenn es sein musste; er
musste immer fürchten, dem Manne zu begegnen. Er sagte oft, er wollte fast lieber
einen Stich in den Leib als das Mannli vors Gesicht. Was hätte es uns geholfen,
wenn wir seine Armut vernommen, während wir nicht helfen konnten? Wir fürchteten
nur noch unglücklicher zu werden. Jetzt geht es uns Gottlob wieder gut, wir
haben Geld mehr als wir brauchen, aber keine rechte Freude daran gehabt. Es
drückte uns immer das Gefühl, es sei ungerechtes Geld, und zwar so lange, als
jemand unschuldig durch uns um seine Sache gebracht worden. Nun wisst Ihr, wie
letztin Uli so viel Geld aus dem Lewat gelöst. Als er es versorge, sagte er
mir: Was meinst, wenn ich es probierte und ab, machte mit dem Mannli? Das war
ein Wort wie aus dem Himmel; was ich sagte, könnt Ihr denken. Aber wir wurden
rätig, es im Stillen zu machen, niemanden davon zu reden. Vor der Welt sind wir
es nicht schuldig, darum hätten die Einen uns ausgelacht, Andere abgeraten, und
die Dritten wären böse darüber geworden.«
    »Meinst mich?« meinte der Alte und machte Vreneli die bekannten Augen.
»Werdet nicht böse, Vetter,« sagte Vreneli, »heute, wo Ihr mir eine so grosse
Freude gemacht, möchte ich das nicht auf mein Gewissen laden. Aber wenn Ihr mich
fragt, so muss ich Ja dazu sagen: ja, an Euch haben wir gedacht. Nicht dass wir
glaubten, Ihr seiet unter allen der Wüsteste, wir haben das Gegenteil erfahren,
aber Euch sind wir noch Geld schuldig; freilich ists nicht fällig, aber Schuld
ist Schuld. Wir meinten, es müsste Euch ärgern, wenn wir unser Geld brauchten für
etwas, was wir nicht gesetzlich schuldig sind, und unbezahlt liessen rechtmässige
Schulden. Ihr hattet das Recht zu sagen, wir sollten zuerst bezahlen, was wir
von Gottes und Rechtes wegen schuldig seien; dann, wenn dies geschehen, könnten
wir mit unserm Gelde machen, was wir wollten. Aber wir dachten, es könnte uns,
ehe dieses möglich sei, so viel dazwischenkommen, dann blieben unsere Gewissen
immer beladen, oder wir könnten Sinn ändern, was so gerne geschieht, wenn man
Gutes aufschiebt, denn es scheint dann von Tag zu Tag schwerer, bis es unmöglich
scheint und man es zu vergessen sucht, wie ich schon oft erfahren; dann bleibe
unsere Schuld vor Gott, und vielleicht bete der unglückliche Mann Tag um Tag
gegen uns vor Gott, und wenn das einmal weg sei, hätten wir um so frohern Mut,
grössern Segen, könnten um so leichter auch Euch bezahlen, was Ihr so guttätig
uns vorgestreckt. Darum wollten wir vorher niemanden was sagen. Uli hielt es
hart, zu gehen, einen schweren Tag hat er heute zu bestehen. Er erwartete, der
Mann werde ihm wüst sagen, statt zu danken, und das ist ungut zu ertragen, wenn
man es gut meint. Aber darauf kömmt es nicht an, wie er tut, dSach ist die
gleiche, und etwas ist ihm auch zu verzeihen, denn viel zu leiden darunter hatte
er allweg. Anders, als dass er selbst gehe, wussten wir es nicht zu machen. Zudem
glaubte Uli, es gehöre auch dazu, dass er sage: ich habe gefehlt, verzeih mir.«
    »So, meinst, das gehöre zur Sache?« sagte Hagelhans in seltsamem Tone. »Seid
doch ja nicht böse,« sagte Vreneli, »es wäre mir so leid, und schlimm wäre zu
sein dabei, wenn man auf der einen Seite bös macht, was man auf der andern gut
machen möchte. Glaubt nur, wir wollen schaffen früh und spät, zu kurz sollt Ihr
nicht kommen, und was ich Euch an den Augen absehen kann, will ich tun und Euch
auf den Händen tragen, so gut es mir möglich ist; aber zürnet nicht und seid
nicht böse.«
    »So, willst das?« sagte Hagelhans, »und meinst, man solle sagen: ich habe
gefehlt, verzeih mir? Kannst vielleicht noch recht haben; wenn es von dem Herzen
ist, so ist es um eine Bürde leichter. So höre, ich will dir auch was sagen. Ich
habe auch gefehlt, und du bists, die mir verzeihen muss. Ich habe gegen deine
Mutter gröblich gefehlt und sie ins Unglück gestürzt. Sie trieben es zwar auch
arg mit mir, die Alte von hier hielt mich zum Besten. Als ich meinte, ich hätte
die Sache mit ihr richtig, liess sie sich mit Joggeli verbinden. Einige Jahre
später trieb es deine Mutter noch ärger, meinte, ich sei eigentlich nichts als
ein Tanzbär, der tanzen müsse, wie sie geige. Ich hatte es mit ihr mehr als
richtig, aber das Schätzeln mit Andern konnte sie nicht lassen, hatte um so
grössere Freude, je wüster ich tat. Ich musste glauben, ich solle nur der
Deckmantel sein, sie nehme mich den Eltern und meinem Gelde zulieb; der Mann
könne ich sein, aber dass sie dann meinetwegen meine, sie müsse alle Andern
hassen, das nicht. So dumm, als man ihn hielt, war aber Hagelhans nicht, war,
wenn man ihn böse machte, ein Utüfel, und was er vornahm, ging ans Leben, war
das Ärgste, welches zu ersinnen war. Als ich des Spiels endlich satt war, trieb
ich deiner Mutter ihre Leichtfertigkeit fürchterlich ein, stellte ihr Fallen,
sprengte sie hinein, gab sie der öffentlichen Schande preis. Als dein Vater galt
ein hübscher, aber liederlicher Bursche, der um Geld tat, was man wollte, und
solange die Rache in mir frisch war, und das war sie manches Jahr, redete ich es
mir selbst ein und glaubte daran; dann trieb ich alles aus meinem Kopf, bis der
Rat der Alten, mich zum Götti zu nehmen, alles auffrischte. Sie wusste
wahrscheinlich am allerbesten den Zusammenhang der Dinge, glaubte, was deiner
Mutter niemand geglaubt, wenn sie es auch gesagt hätte, was sie aber nicht tat,
denn sie war ein wildes, trotziges Mädchen, und das war, warum sie mir so wohl
gefiel, warum ich so lange sie nie vergessen konnte im bittersten Hasse, in
welchen die Liebe sich verwandelt hatte. Was die Alte dir sagen wollte, war
sicher mein Name, an mich wollte sie dich weisen, wollte dir sagen, ich sei dein
Vater. Gut war es, dass du sie damals nicht verstundest; jetzt glaube ich es
selbst auch und gerne, Vreneli, du seist meine Tochter, und will es dir auch
bekennen. Magst es nun sein oder nicht sein, ich habe den Glauben; hier macht
die Liebe die Sache aus, und die habe ich, mein Hund hat sie auch, und der irrt
sich nicht. Für meine Tochter will ich dich halten mein Leben lang, und Vater
sollst mir sagen. Bin ich auch ein struber, will ich doch ein guter sein, darauf
zähle.«
    Den Eindruck, welchen diese Worte auf Vreneli machten, kann man sich denken.
Daran hatte es wirklich nicht gedacht, obschon es grosse Liebe zum Alten hatte
und grosses Erbarmen mit ihm. Es empfand sein gutes Herz und begriff, dass ihm
früher, weil man nur sein ungeschlacht Wesen beachtet, arg mitgespielt worden
sein mochte. Es freute ihns von ganzem Herzen, an ihm gut machen zu können, was
die Base und Andere an ihm gesündigt, ihn wiederum zu versöhnen mit den
Menschen.
    Nachdem es seinen Empfindungen den Laufgelassen, endlich den ersten Eindruck
verwürget hatte, sagte es: »Aber Vater, eins: wir wollen es niemanden sagen.« Da
fuhr Hagelhans auf, dass selbst der Hund erschrak und winselnd eine Ecke suchte:
»So schämst du dich meiner,« »Nein, Vater, o nein,« sagte Vreneli. »Aber hört
mich an, bis ich fertig bin, wie ich es meine. Uli und ich haben erst eine grosse
Krankheit überstanden, kommen langsam vorwärts; wir machten das plötzlich reich
Werden nicht vertragen, könnten uns nicht darein finden. Lasst uns die Freude,
nach und nach aufzukommen durch eigene Kräfte! Ein schöner Anfang ist gemacht,
ich zweifle nicht am Fortgange; nehmt die Zinsen, ists nötig, könnt Ihr uns
nachhelfen. Ulis Leben ist die Arbeit; was würden die Leute dazu sagen, wenn er
fürder arbeiten wollte wie ein Knecht, was würden sie überhaupt für einen Lärm
und Geschrei anfangen! Wir möchten tun, wie wir wollten, wäre es nicht recht.
Lebten wir sparsam, so würden sie schreien, liessen wir es rutschen, würden sie
wieder schreien. Niemanden könnten wir es treffen, und vielleicht würden wir
wirklich das Rechte auch nicht treffen. Sind wir in einigen Jahren in guten
Stand gekommen, so lernen wir auch so nach und nach mit dem Gelde ohne
Ängstlichkeit umgehen. Wenn dann später noch mehr dazu kömmt, ist der Sprung
nicht so gross, die Leute gönnen es uns besser und wir schicken uns besser dazu.
Ich fürchte wirklich, Uli würde irre, wenn er so auf einmal vernehmen würde, ich
sei Euere Tochter, das Geld käme ihm wieder in Kopf. Jetzt hat er nur so eben
rechte Freude daran, überlässt Gott, was kömmt, und was kömmt, darf er brauchen.«
    »Dein Mann soll es also auch nicht wissen?« grollte Hagelhans und seine
Augen brannten. »Eben meine ich: nein, und zwar von wegen mir meine ich es.
Zürnen musst mir nicht, Vater. Wir kamen zusammen und hatten Beide nichts, Keins
dem Andern was vorzuhalten; was wir hatten, verdienten wir, was sein war, war
mein, das Meine sein, wir hatten Beide daran geschafft. Beim Armwerden, beim
Reichwerden hatte Keins dem Andern etwas vorzuwerfen, und wenn schon Uli hier
oder dort eine Schuld trug, so hatte ich meine Fehler auch. Jetzt geht es
vorwärts mit uns, Beide haben wir gleiche Freude, gleichen Teil daran. Werde ich
auf einmal zu deiner reichen Tochter, zu der du mich machen willst, so hat das
ein Ende, und wer weiss, und eben da traue ich mir nicht, ob ich nicht dächte,
das Vermögen käme von mir, stolz würde und Uli es fühlen liesse, oder ob Uli
nicht misstrauisch würde und meinte, weil ich jetzt reich sei, so sei ich reuig,
dass ich ihn genommen, und verachte ihn. Wo dieser Wurm sich eingräbt, da sind
Friede und Liebe hin. So lange Uli nichts davon weiss, muss ich mich halten als
das alte arme Vreneli, und nach ein paar Jahren, wenn wir selbst warm sitzen,
macht es dann schon weniger aus. Der Sprung ist nicht so gross, wir sind Beide
vernünftiger geworden, und wenn er weiss, dass ich bereits die Probe bestanden, so
wird er mir nicht misstrauisch und hinterstellig. Darum, Vater, soll er
einstweilen nichts wissen und die Sache beim Alten bleiben. Es ist uns so wohl
jetzt, so wie Fischlein im Wasser. Warum ändern?«
    »Magst was recht haben,« sagte Hagelhans. »Lieber wäre es mir, die Sache
wäre offen und abgetan. Auf alle Fälle, es mag geben was es will, so ist
gesorget; der Bodenbauer weiss davon, hat das Nötige bei sich. Ich habe Respekt
vor dir, du bist aber auch die Erste, vor der ich ihn habe. Aber Blau Blitz, was
wärest du für ein Hagelweib geworden, wenn du zbösem geraten! Seltsam, dass die
Alte hier dich so gut und tüchtig erziehen musste, während ihr die eigenen Kinder
so arg missrieten, dass sie dem Hagelhans sein Meitschi zu einer solchen Frau
machen musste, dem Joggeli seine Kinder aber zu solchen Taugenichtsen. Nun, sei
das wie es wolle, so habe ich Ursache, ihr zu danken, und will ihr verzeihen,
was sie an mir getan. Und wer weiss, ob sie nicht an mich dachte, als sie dich
erzog, und dachte, ich werde ihr einst verzeihen, wenn ich wüsste, was sie
hintendrein für dich getan, und wer weiss - doch zu hart nachsinnen hilft nichts,
danken wir Gott, dass es jetzt so ist.«
    Das brauchte Hagelhans seinem Vreneli nicht zu sagen, sein Herz war Jubels
voll. So lange hatte es niemanden gehabt auf der Welt, jetzt auf einmal einen
Vater! Es hatte nicht gewusst, wie Schweres es sich aufgab, als es den Vater bat,
einstweilen ihr Verhältnis zu verheimlichen. Es ist schwer, es zu bergen, wenn
das Herz voll Jammer ist, aber unendlich schwerer noch ist das Bergen, wenn das
Herz voll Freude ist.
    Wäre Uli nicht selbst voll Freude heimgekehrt, Vreneli hätte sich verraten,
nun aber nahm er Vrenelis Freude für innigen Anteil an seiner Freude. Er hatte
nämlich das Mannli glücklich gefunden und in so grosser Not, wie er gefürchtet.
Anfangs hatte derselbe grosse Augen gemacht, als Uli vor ihm stand, und dessen
Frau, als sie vernommen, wer er sei, hatte die Schleusen ihrer Galle aufgezogen
und Uli mit Schmähreden überflutet, dass er fast den Atem verlor, geschweige dass
er zur Rede gekommen wäre. Indessen alles Irdische hält nicht ewig aus, selbst
der Atem eines zornigen Weibes nicht; endlich konnte Uli sagen, warum er da sei.
Anfangs sah man ihn an, als ob er Hörner habe am Kopf, denn so was war seit
Langem nicht erhört worden in Israel. Als man aber lauter verständliche Worte
hörte, die blanken Taler sah, welche er auspackte, klaren, lautern Ernst sah im
Handel, da fehlte wenig, sie hätten ihn für einen Engel an, gesehen und hätten
ihn angebetet. Er kam ihnen eben in die bitterste Verlegenheit hinein, sie waren
hinausgedrängt auf die äusserste Spitze, hinter sich eine Wand, vor sich einen
Schlund, und jetzt kam einer und schlug eine silberne Brücke; sie mussten ihn für
einen Engel halten. Es machte Uli unendlich glücklich, als er ihr freudiges
Erstaunen sah, ihr unaussprechlich Glück. Mit den reichsten Segnungen beladen
kehrte er heim und ward nicht müde, Vreneli zu versichern, wie er erst jetzt mit
rechter Freudigkeit arbeiten wolle und den Glauben habe, es werde ihnen gut
gehen, bei ihnen und ihren Kindern werde Gottes Segen bleiben. Sie hätten ihm
angewünscht, sein Lebtag habe er es nie so gehört, es käme ihm noch jetzt das
Wasser in die Augen, wenn er daran denke, und den Glauben habe er, dass frommer
Segen von Gott erhöret, von seiner Hand reich und gütig verwaltet werde zu Heil
und Frommen der Gesegneten.
    Uli wurde durch seinen Glauben nicht getäuscht. Der Herr war mit ihm und
alles geriet ihm wohl, seine Familie und seine Saat. Offen blieben ihm Herz und
Hand, und je offener sie waren, desto mehr segnete ihn Gott. Hagelhans blieb
mitten unter ihnen, als Vater geliebt, aber nicht als Vater bekannt. Vreneli
hatte die grösste Mühe, seiner Güte Schranken zu setzen, ihre Kräfte durch seine
Freigebigkeit nicht zu lähmen. Es naht der festgesetzte Zeitpunkt, wo Hagelhans
sagen will, wer er ist, wo Uli aus einem wohlhabenden Pächter ein reicher Bauer
werden soll. Vreneli sieht der Sache mit Bangen entgegen, es bebt vor der neuen
Prüfung; ob sie wohl Beide darin bestehen werden, frägt es oft am Tage sein
Gewissen. Wir glauben, sie werden es. Der Gott, der ihnen durch so manche Not,
über so manchen hohen Stein geholfen, wird ihre Füsse halten, wenn sie einmal
auch wandeln sollen auf geebneten Wegen durch ein reiches Gelände.
 
    