
        
                                  Louise Aston
                        Revolution und Contrerevolution
                                     Vorrede
Die folgenden Blätter führen dem Leser Skizzen aus dem Revolutionsdrama des
Jahres 1848 vor. Ich übergebe sie der Oeffentlichkeit, weil dadurch vielleicht
hie und da eine kleine Lücke in dem Intriguennetz der Contrerevolution
ausgefüllt wird, die es selbst manchem Politiker von Profession unmöglich
machte, den roten Faden, der sich durch das scheinbare Gewirre der
revolutionairen und reactionairen Bewegungen unsrer Zeit hinzieht, überall zu
folgen. In Rücksicht auf die poetische Darstellung mag statt jeder
Entschuldigung für deren Mangelhaftigkeit daran erinnert werden, dass es leicht
ist, Romane zu schreiben, wenn der Zeitgeist vor Langerweile den Griffel aus der
Hand fallen lässt, mit dem er die Tafeln der Weltgeschichte beschreibt, - sehr
schwer aber, wenn er, in den Strudel der gewaltigen Taten hineingerissen, die
Geschichte selber aber in ein romantisches, oft sogar märchenhaftes Gewand zu
kleiden gezwungen wird.
    Je märchenhafter unser heutiges politisches Leben ist, desto weniger bedarf
die Darstellung desselben einer Ausschmückung. Ein Vorteil für meinen Leser,
wie für mich selbst.
    Bremen, den 1. Juni.
                                                                Die Verfasserin.
                                  Erstes Buch
                                        I
Ein milder und sonnenheller Frühlingshimmel blickte zum ersten Male wieder nach
dem an Stürmen mancherlei Art so reichen, unfreundlichen Februarmonat auf die
Kaiserstadt Wien nieder und lockte Jung und Alt vor die Tore hinaus in die
langen, schnurgeraden Alleen, welche die breiten Plätze und Anlagen zwischen der
inneren Stadt und den Vorstädten durchschneiden. Es war der fünfte März 1848.
Wer hätte es - nach der unbefangenen und sorglosen Miene dieser rasch durch
einander wandelnden Gruppen von Spaziergängern, damals zu schliessen gewagt, dass
Wien, berühmt durch seine ans Patriarchentum erinnernde Pietät, mit der es an
dem Kaiserhause hing, auf einem Krater der Revolution stand, der in wenig Tagen
seinen Schlund öffnen werde, um das Kaiserhaus nebst Pietät, und anderen
Sentimentalitäten - fast zu verschlingen. Fast - dieses »Fast« ist der Fluch
unsrer Zeit, das Haar, an dem der Teufel der Reaktion das betrogene Volk
festält, um es bald wieder ganz beim Schopf zu fassen und in das alte Joch der
Knechtschaft zu spannen. - Auch in Preussen ist ein solches unseliges »Fast« die
Mutter einer eklatanten Contrerevolution geworden. - Doch am fünften März waren
die guten Wiener freilich noch nicht so klug, denn sie wussten noch gar nicht,
was eine Revolution zu bedeuten habe. Vielleicht tue ich jedoch den
gemütlichen Wienern Unrecht; vielleicht gab es doch Manche unter ihnen, die den
im Westen ausgebrochenen Sturm mit ungeheurer Eile seinen Weg nach Osten
fortsetzen sahen, und sogar die Minute berechneten, in der er die schöne
Kaiserstadt erreicht haben würde.
    Unter den Spaziergängern, welche die den Exerzierplatz durchschneidende
jetzt noch blätterlose Allee hinabschritten, würde des Lesers Aufmerksamkeit
besonders von einer Gruppe erregt worden sein, die ich deshalb, weil das von
ihnen geführte Gespräch zum Verständnis unsrer Erzählung notwendig ist, kurz
skizziren will. Sie bestand aus drei Personen, die eine davon, - dem runden,
breitkrämpigen Hut, so wie der schwarzen, eigentümlich geschnittenen Kleidung
nach zu urteilen, ein katolischer Priester - war ein Mann von etwa vierzig und
einigen Jahren. Aus seinem magern, aber starkknochigen und bleichen Gesicht,
dessen Muskeln selbst beim Sprechen in unveränderter Ruhe blieben, traten als
Hauptzüge vorzüglich eine grosse Entschiedenheit neben eben so grosser
Besonnenheit hervor. Das Haar, welches unter der breiten Krämpe seines schwarzen
Rundhutes schlicht herabfiel, war schwarz und von grosser Feinheit. Der Schnitt
seiner edelgeformten Nase liess auf eine sehr ernste Stirn schliessen, die jetzt
grossenteils ebenfalls vom Hute überschattet wurde. Am charakteristischsten aber
waren die tiefliegenden schwarzen Augen, in denen sich eine fast unnatürliche
Mischung von Leidenschaft und Kälte, Schärfe und Sanfteit, List und
Gutmütigkeit abspiegelten. Fügen wir noch hinzu, dass der Mann, wir wollen ihn
Pater Angelicus nennen, beim Gehen eine etwas gebückte Haltung hatte, so weiss
der Leser von dem äussern Erscheinen desselben, - und weiter wissen wir jetzt
selbst nichts von ihm - genug.
    Die beiden Begleiterinnen des frommen Herru zeigten dem Anscheine nach ein
sehr verschiedenes Interesse an dem Gespräch. Denn während die Aeltere - eine
junge Frau von etwa 27-30 Jahren - mit gespannter Aufmerksamkeit den mit einer
absichtlich tonlos gehaltenen Stimme gesprochenen Worten lauschte, schritt ihre
jüngere Begleiterin mit teilnahmloser Miene und, ob aus Zerstreuteit oder
Gleichgültigkeit, war schwer zu entscheiden, zu Boden geschlagenen Augen neben
ihnen her. Ueberhaupt war nicht leicht ein grösserer Unterschied zwischen zwei
Freundinnen zu finden. Beide hatten ein schönes dunkelbraunes Haar und tiefblaue
Augen, aber das Haar Alicens umschattete mit seinen tausend wallenden Löckchen
eine erhabene, freie Stirn, während das ihrer Freundin Lydia glatt und
gescheitelt die Schläfe bedeckte. Beide waren von anziehender Schönheit, aber
wie verschieden war der Typus der Schönheit Alicens von der Lydias. Jene
leuchtend, intelligent, fast ritterlich stolz um sich blickend -: der Charakter
eines seines eigenen Wertes bewussten und in diesem Bewusstsein starken Weibes;
diese verschleiert, in sich zurückgezogen, von beinahe melancholischer
Bescheidenheit - der Charakter eines nur in seiner innern - vielleicht
vereinsamten - Welt hinein lebenden Mädchens. - Und doch umschlang diese beiden
Frauen ein Band unzerstörbarer Freundschaft, geknüpft durch gemeinsame
Erfahrungen, durch gemeinsamen Schmerz. Es war ein Band, dessen Knoten unter dem
Deckel eines Sarges verborgen war, das Herz eines Mannes, den sie beide einst
glühend geliebt - Alice bis zur Verachtung der Männer, Lydia bis zum Wahnsinn.
    »Jetzt habe ich Ihnen Alles mitgeteilt« - fuhr der Pater nach einer Pause
sein Gespräch wieder aufnehmend fort - »Alles wenigstens, was Ihnen zu wissen
nötig. Hier sind die beiden Briefe. Diesen hier geben Sie in dem ersten
Städtchen jenseits der Grenze auf die Post, - den zweiten an den Probst Bergmann
müssen Sie bis nach Berlin mitnehmen und dort eigenhändig Seiner Hochwürden
überreichen. - Wann werden Sie reisen?« -
    »Wenn es notwendig ist, noch heute Abend - doch wie? dieser Brief lautet,
wie ich sehe, an die Herzogin von Nagas -«
    Ein lautes Gelächter schien zu dieser mit unendlichem Mutwillen
accentuirten Frage einen Commentar zu liefern, dessen Sprache dem gelehrten
Pater jedoch völlig fremd war. Indessen verschmähte er es, sich durch eine Frage
darüber aufzuklären, sondern wiederholte nur, indem er Anstalt machte, von
seinen Begleiterinnen Abschied zu nehmen, noch einmal die Worte Alicens: »Also
noch heute Abend.«
    »Wenn es notwendig ist, habe ich gesagt. Und dann, ich besinne mich eben, -
nein, heute Abend geht es nicht, aber morgen früh bestimmt.« Eine kleine Falte
legte sich bei diesen Worten Alicens zwischen die dunkeln Augenbrauen des
Paters. Nach einer Pause sagte er, einen kurzen aber forschenden Blick auf das
Gesicht seiner schönen Begleiterin werfend:
    »Verzeihen Sie meine Indiscretion - aber bei den grossen Ereignissen, denen
wir in kurzer Zeit entgegen gehen, müssen dergleichen kleinliche Bedenken
wichtigeren Motiven nachstehen - Sie haben heute Abend um 9 Uhr ein Rendez-vous
verabredet. Darf ich fragen, mit wem?«
    Die flüchtige Röte, welche Alicens Wangen bei Erwähnung des Rendez-vous
bedeckte und welche mehr durch Ueberraschung über die Mitwissenschaft des
Paters, als durch die Verlegenheit, in welche sie etwa hätte gesetzt werden
können, hervorgerufen schien, machte bald ihrer gewöhnlichen, halb schalkhaften,
halb schwermütigen Miene Platz, als sie mit dem natürlichsten Tone der Welt
erwiederte:
    »Glauben Sie, dass ich conspirire, Pater?«
    »Ich habe das nicht gesagt. Indessen liegt darin nichts Unwahrscheinliches.
Sie wollen mich also in dies Geheimnis nicht einweihen?«
    »Du lieber Himmel - - das grosse Geheimnis, was zwischen der liebenswürdigen
Alice und dem ebenso liebenswürdigen Fürsten Lizinsky verhandelt werden könnte.«
    Der Name Lizinsky brachte eine ebenso plötzliche als gewaltige Veränderung
in dem Antlitz des Paters hervor. Sein früher bleiches Gesicht verlor alle noch
übrige Farbe. Seine bisher marmornen Züge wurden plötzlich beweglich, als
zuckten in seinem Innern Blitze, deren Widerschein in ihnen abglänzte. - Doch
bedurfte dieser gegen Aufregungen aller Art abgehärtete Mann nur eine kurze
Minute, um über die Gewalt der Leidenschaften, welche jener Name in ihm
entfesselt, vollständig Herr zu werden. Nur einige Schweisstropfen, welche auf
seiner Stirne perlten, liessen die Grösse des innern Kampfes ahnen.
    »Also der Fürst - Lizinsky ist hier?« - sprach er mit der ihm
eigentümlichen Ruhe in Ton und Geberde.
    
    »Und was finden Sie Auffallendes darin, dass Lizinsky in Wien ist?« fragte
Alice, die sich die ungeheure Aufregung, in die ihr geistlicher Freund durch
jenen Namen versetzt wurde, gar nicht erklären konnte. - »Steht etwa der Fürst
bei Ihnen ebenfalls in dem Verdachte, dass er conspirire - - vielleicht mit mir
conspirire?« - setzte sie laut lachend hinzu.
    Der Pater blickte sich besorgt um. Es war Niemand in der Nähe, der die
letzten Worte hätte hören können.
    »Sprechen Sie nicht so laut. Sie wissen noch nicht, was zuweilen an einem
Namen hängt, doch das ist jetzt Nebensache.«
    Es trat eine Pause ein, in welcher der Pater über das nachzudenken schien,
was er in Folge der eben gemachten Entdeckung gegen Alice beobachten müsse. Noch
war er zweifelhaft, ob Alice wüsste, dass eine Beziehung zwischen dem Fürsten
Lizinsky und der Herzogin von Nagas existire. Wüsste sie hievon Nichts, so wäre
es vielleicht besser, darüber zu schweigen, wenn nicht die Möglichkeit zu nahe
lag, dass dem Fürsten bei dem heutigen Rendez-vous der Brief an die Herzogin
zufällig in die Augen fallen könnte. Er hätte den Brief zurückfordern können,
allein dies würde Alicen jedenfalls aufmerksam gemacht und sie vielleicht zur
unmittelbaren Entdeckung geführt haben. Auch hatte sie ja die Adresse bereits
gelesen und konnte sich durch eine einzige Frage an den Fürsten völlig darüber
aufklären. Dies aber musste unter jeder Bedingung verhindert werden. Andrerseits
aber schien Alice in der Tat etwas davon zu wissen. Wenigstens sprach für diese
Vermutung der Umstand, dass das Lesen der Adresse an die Herzogin sie zugleich
an das auf heute Abend mit dem Fürsten verabredete Rendez-vous erinnerte. - Des
Paters Entschluss war gefasst.
    »Sie kennen« - sprach er mit so leiser Stimme, dass Lydia, auch wenn sie,
statt ihrer völligen Indifferenz, dem Gespräche die gespannteste Aufmerksamkeit
gewidmet hätte, keinen Laut davon vernahm - »Sie kennen das Verhältnis, welches
zwischen dem Fürsten und der Herzogin besteht?«
    »Besteht? - bestand wollen Sie sagen, frommer Vater -« erwiederte sie mit
schelmischer Miene.
    Der Pater sah sie mit grossen Augen an. Darauf schüttelte er unter ironischem
Lächeln den Kopf: »Sie dürften sich diesmal im Irrtum befinden, teuerste
Freundin. Die Bande, welche den Fürsten an jene Frau fesseln, sind nicht Ketten
von Rosen und Vergissmeinnicht, sondern von Perlen und Diamanten.«
    »Sie sind heute nicht galant gegen mich, Pater. Indes Vertrauen um
Vertrauen. Sie gehen mit einem Plane in Betreff Lizinskys um. Doch! Doch! Mich
überzeugt Ihre verwunderte Miene nicht vom Gegenteil. Also wir sind in gleichem
Falle. Auch ich habe meinen Plan. Tauschen wir unsre Geheimnisse aus. Die Frucht
unsrer Aufrichtigkeit kann möglicherweise ein Bündnis auf Leben und Tod werden.«
    »Auf Leben und Tod« - wiederholte langsam der Pater, indem er einen Finger
auf's Kinn legte, was er immer tat, wenn er zu einem wichtigen Entschlusse
kommen wollte. -
    »Wohl, es sei, doch unter einer Bedingung, dass ich, versteht sich -
unsichtbarer - Zeuge des Gesprächs bin, welches sie heute Abend mit ihm führen
werden.«
    »Gut, dass Sie schon vorhin Ihre Indiscretion befürwortet haben. Ein frommer
Diener der Kirche Zeuge eines Rendez-vous zweier zärtlich Liebenden. Das
Verlangen ist wenigstens originell. Ich willige ein.«
    Der Pater drückte ihr die Hand. »Was meinen Plan oder vielmehr den der
Kirche betrifft - denn ich handle hier nur als Diener der Kirche - so beschränkt
sich derselbe darauf, das unsittliche und fast unnatürliche Verhältnis zwischen
den beiden vorhin erwähnten Personen aufzulösen.«
    »Und zu welchem Zwecke wird dieser Plan verfolgt?«
    Der Pater lächelte: »Das geht über unsre Verabredung hinaus.«
    »Es ist wahr. Indessen liegt der Schlüssel neben dem Rätsel. Die Herzogin
ist über die Funfzig hinaus, kinderlos und Besitzerin eines ungeheuern
Vermögens, das sie, im Falle kein Fremder darauf Anspruch macht, nicht abgeneigt
ist, zu milden Stiftungen zu verwenden. Habe ich richtig geraten, mein frommer
Freund?«
    »In der Tat, Sie sind der Wahrheit ziemlich nahe gekommen. Doch nun zu
Ihrem Plane.«
    »Ha, das ist etwas ganz Anderes, tief angelegt, künstlich construirt, von
unberechenbaren Folgen - kurz ein Riesenwerk.«
    »Wenns gelingt« - sagte halb zweifelnd, halb spöttisch der Pater. Die stolze
Gestalt Alicens richtete sich noch höher auf, als sie mit dem Lächeln des
Triumpfs auf den Lippen und einer unnachahmbar graziös gebieterischen
Handbewegung erwiederte:
    »Es wird gelingen. - Hören Sie mich an, Pater. Sie kennen mich noch nicht,
darum will ich mich Ihnen so zeigen, wie ich bin. Wir haben beide ein Geheimnis,
wir sind bereit, eins gegen das andere auszutauschen; ich weiss wohl, dass im
Falle des Verrates meinerseits mein Leben keinen Papierschnitzel wert ist. -
Unterbrechen Sie mich nicht, genug, ich weiss es und sage es nur deshalb, weil
ich mit Ihnen in demselben Falle mich befinde. Sie sind eine Macht, eine
ungeheure Macht: sie heisst die allein seligmachende Kirche. Wohlan, auch ich bin
eine Macht, ein Weib, schutz-und hülflos, wie ich hier neben Ihnen herschreite,
wage ohne Bangigkeit den Kampf mit Ihrer allein seligmachenden Kirche
aufzunehmen. - Diese Macht heisst: Aristokratie und Proletariat. Haben Sie mich
verstanden, frommer Vater?«
    Der Pater war nachdenklich geworden. Nach einer Pause sagte er: »Fahren Sie
fort!«
    »Sie haben mich also verstanden?«
    »Wozu die Frage? Ich habe Sie verstanden!«
    »Und Sie wollen noch wissen, was mein Plan mit dem Fürsten Lizinsky ist? -«
sagte Alice mit einer gewissen spöttischen Verachtung in Ton und Blick. »Gehen
Sie, ich habe Ihnen mehr Talent in der höhern Intrigue zugetraut. - Leben Sie
wohl!« Alice nahm den Arm Lydiens und entfernte sich mit ihr schnell durch eine
Nebenstrasse, während der Pater, ihr nachsehend, die Worte vor sich hinmurmelte:
    »Dieses Weib müssen wir gewinnen oder - vernichten.« Er hüllte sich in
seinen langen schwarzen Mantel und verlor sich in der Menge.
 
                                       II
Wir hatten den frommen Vater Angelicus in der Altstadt verlassen, wo er in den
dichten Haufen, welche die Quais der Donau sich hinabwälzten, unsren Augen
entschwunden war. Wir finden ihn bald darauf jenseits des Flusses, in der
Leopoldstadt wieder, wie er mit langen Schritten, die, obgleich keinesweges den
Schein von Eile verratend, ihren Besitzer doch sehr schnell weiter beförderten,
auf den Gastof zum »goldenen Lamm« zusteuerte. Hier angekommen, fragte er den
Portier, ob kein Brief für ihn abgegeben sei.
    »Nein, ehrwürdiger Herr« - erwiederte dieser, respektvoll die goldbetresste
Kappe ziehend. -
    »Hat auch Niemand in meiner Abwesenheit nach mir gefragt?« Der Pater schien
mit der Antwort auf diese Frage, die ebenfalls verneinend ausfiel, unzufrieden
und wollte sich eben nach seinem Zimmer begeben, als des Portiers Zuruf ihn zur
Rückkehr bewegte. »Eines habe ich vergessen, ehrwürdiger Herr; aber es ist auch
kaum der Rede wert. Es war allerdings Jemand hier, der nach Ihnen fragte; aber
da es ein zerlumpter junger Bursche war, der wahrscheinlich nur betteln -
    »Gerade den erwartete ich« - unterbrach der Pater den verblüfften
Türsteher. - »Ich bin,« sagte er, seinen Fehler bemerkend mit salbungsvollem
Ton hinzu, »für die Hungrigen und Entblössten immer zu Hause. Ihr habt Unrecht
getan, ihn hart fort zu weisen.«
    »O, habe ich gesagt, dass ich ihn hart fort gewiesen? Nein, ehrwürdiger Herr,
das sei ferne von mir. Ich glaube übrigens, dass er nicht weit sein wird, denn
solch Lumpengesindel lungert überall umher.«
    Der Pater warf einen strafenden Blick auf den menschenfreundlichen
Türsteher, der diesen zum Schweigen brachte und befahl, ihm den armen Knaben
sofort zuzuführen, sobald er sich zeigen werde.
    Brummend und kopfschüttelnd kehrte der Portier wieder in seine Klause zurück
und war eben im Begriff, sich dem vorhin unterbrochenen Schlummer von Neuem
hinzugeben, als ihn ein Klopfen am Fenster seiner Bude abermals störte.
    »Ach, da bist Du ja wieder, Du kleiner schwarzer Taugenichts« - fuhr er auf
- »hast wohl schon gewittert, dass Se. Ehrwürden zurückgekehrt ist, he?«
    Der Angeredete war ein Knabe von etwa 15 Jahren. Sein wunderlich finsteres
Aussehen und der frühreife Ernst in seinen dunkeln braunen Zügen musste einen -
man wusste nicht ob anziehenden oder abstossenden - Eindruck auf Jeden, der ihn
zum ersten Male sah, machen. Sein langes rabenschwarzes Haar fiel in vollen und
glänzenden Locken auf den braunen Hals und Schultern herab, die von einem
zerrissenen Hemdkragen nur schlecht verhüllt wurden. Seine übrige Kleidung war
sonst fragmentarisch: ein Paar faltige, weisse, weite Beinkleider von grober
Leinwand und eine abgetragene blaue Sammetjacke mit kurzen Schössen und blanken
Messingknöpfen. In je schlechterem Zustande sich diese Stücke befanden, um so
mehr stach davon eine rotseidene Schärpe ab, welche der Knabe sich um den Leib
gewunden und deren mit goldenen Franzen besetzte Enden kokett über die linke
Hüfte herabhingen. Ein italienischer Strohhut, den er in diesem Augenblicke in
der Hand hielt und ein Paar Schnürstiefeln, die noch in passablem Zustand waren,
vollendeten die Toilette des Knaben.
    »Pater Angelicus ist zu Hause?« - fragte er mit dem Accent eines Südländers,
ohne die Höflichkeiten des Portiers eines Wortes zu würdigen. - »Welche Nummer?«
    »Nummer 21, vorn heraus, eine Treppe« - brummte der Portier.
    Mit einigen raschen Sprüngen eilte er die Treppe hinauf und öffnete, ohne
anzuklopfen, mit geräuschloser Hand die Tür und verschloss sie in derselben
Weise. Darauf ging er langsamen Schrittes auf den Pater zu, welcher, an einem
eleganten Büreau sitzend und mit Schreiben beschäftigt, entweder das Eintreten
des Knaben gar nicht gehört hatte, oder, mit seiner Weise schon bekannt, sich
darüber nicht verwunderte.
    »Buen tio« - sagte der Knabe, indem er sich mit einem Knie auf den Teppich
an der Seite des Paters niederliess und einen Kuss auf dessen Hand drückte. Pater
Angelicus wandte seinen Kopf und sah mit einem Blick leidenschaftlicher
Zuneigung auf das schwarzlockige Haupt in seinem Schoss herab.
    »Bist Du endlich gekommen, Salvador! - - Was macht Inés, Deine Mutter? Hat
sie mir nicht geschrieben?« -
    Salvador richtete sich empor und griff in seine Schärpe. Aus den Falten der
rechten Seite zog er einen zierlichen Brief.
    »Allá, Sennor« - sagte er, dem Pater den Brief überreichend. Dieser
beschaute mit der grössten Sorgfalt das Siegel, dessen Wappen aus zwei Rosen
bestand, darüber eine Grafenkrone, darunter die Worte: El no tiene fortuna ni go
tampoco1. Er lächelte bitter, als er diese Worte las und erbrach darauf den
Brief. -
    »Gut« - sagte er mit zufriedener Miene - »Wann wird die Sennora hier
eintreffen, Salvador?« -
    »Noch heute Abend« - erwiederte der Knabe in seiner Muttersprache, obwohl er
deutsch verstand und sprach, so bediente er sich desselben doch nur im
Notfalle.
    »Und sie ist wohl, mein Sohn, nicht wahr?« - fragte der Pater, jetzt
ebenfalls spanisch redend, mit einer an Zärtlichkeit grenzenden Milde. - »Este
corazon orgulloso no se puede rompes2,« erwiederte Salvador mit zitternder
Stimme, indem sich seine Augen senkten. »O tio« - fuhr er fort, indem plötzlich
seine schlanke Gestalt sich aufrichtete und sein Nacken die schwarzen Locken
zurückwarf - »Ich bin stolz auf meine Mutter. Wann aber wird der Tag kommen, wo
die stolze Inés sagen kann: Ich bin stolz auf meinen Sohn« - Seine Augen
sprühten ein vulkanisches Feuer und seine Hand fuhr krampfhaft nach seinem
Herzen. - Der Pater folgte dieser Bewegung mit aufmerksamem Auge. -
    »Ruhig, Salvador, mein Sohn. Es wird die Zeit kommen. Siehst Du dort den
Vollmond sich aus den dunkeln Fluten der Donau erheben? Wohlan, höre, was ich
Dir sage. Bevor er zum 5. Male um diese Zeit an dieser nämlichen Stelle steht,
wird Dein Dolch das Herzblut dessen getrunken haben, der das Herz Deiner Mutter
gebrochen hat.«
    »Este corazon orgulloso no se puede rompes« - murmelte der Knabe, indem er
langsam die Hand von der Schärpe sinken liess. -
    »Du hast ihn nie gesehen, Salvador?« -
    »Nie.«
    »Du wirst ihn heute sehen, Salvador.«
    Der Knabe taumelte einen Schritt rückwärts. Sein Gesicht überzog eine
Leichenblässe. Seine Brust hob sich in krampfhaften Zuckungen. Abermals fuhr er
mit der Hand nach der linken Seite. Dann lächelte er verächtlich, kreuzte die
Arme über einander und sprach mit verhaltener Stimme, als wollte er seine innere
Bewegung verbergen:
    »Ich höre tio« -
    »Du bist ein braver Junge, Salvador - und Deiner Mutter würdig. - Was ich
Dir zu sagen habe, ist kurz. Heute Abend halb 9 Uhr wirst Du mich in die Stadt
begleiten. Du wirst mich in ein Haus hineingehen sehen und mich dort erwarten.
Du wirst mich mit einem Manne, der mir zur rechten Seite gehen wird, wieder
herauskommen sehen. Auf der Donaubrücke werde ich ihn verlassen. Sieh ihn Dir
genau an, Salvador. Dieser Mann ist's, den Du suchest.«
    Die intelligenten Augen des Knaben waren mit ängstlicher Sorgfalt auf die
Lippen des Paters geheftet gewesen, als wolle er jede Silbe tief in sein Inneres
einsaugen.
    »Und was soll ich mit dem Manne tun, Sennor?« -
    »Du wirst suchen, in seinen Dienst zu treten, Salvador.« Einen halb
ängstlichen, halb verachtenden Blick des Knaben übersehend, fuhr er fort:
    »Hier hast Du Geld, Du wirst Dich davon kleiden, wie es hier Sitte ist. Du
begreifst, mein Sohn, dass Dein jetziger Aufzug Dich nur auffällig macht und
Verdacht erregt. Gedenke Deiner Mutter und des Gelübdes, welches Du mir
abgelegt. - Und nun lebe wohl, um 1/2 9 Uhr findest Du mich hier.« Salvador war
während der Rede des Paters in einem tiefen innerlichen Kampfe begriffen. Die
letzten Worte aber schienen seinen Entschluss befestigt zu haben; denn er küsste
mit heftiger, leidenschaftlicher Innigkeit die Hand des frommen Vaters und war
bald darauf ebenso geräuschlos, als er gekommen, aus der Tür verschwunden.
Pater Angelikus aber schien in tiefes Nachdenken versunken. Ein Seufzer endlich,
der unwillkürlich, wie ein schwermutsvoller Gruss an ehemaliges Glück, seiner
Brust entstieg, brachte ihn wieder zum Bewusstsein der Gegenwart zurück. Er nahm
den Brief, küsste ihn mit einer Inbrunst, die man von diesem verknöcherten kalten
Manne, in dem alle Leidenschaften längst abgestorben schienen, nicht erwartet
hätte, und legte ihn dann sorgfältig in eine verschliessbare Brieftasche, die er
sofort zu sich steckte. - Darauf setzte er sich - es war indes dunkel geworden -
in die Ecke des Sophas und überliess sich von neuem seinen Träumereien. -
 
                                      III
In einem kleinen, aber höchst geschmackvoll eingerichteten Boudoir im zweiten
Stocke eines der elegantesten Häuser der »Wallzeile« finden wir unsere beiden
Freundinnen, Alice und Lydia wieder. Während diese, in nachlässiger Stellung in
einen Polsterstuhl gelehnt, mit der Linken auf den Tasten eines Kisting'schen
Flügels umherphantasirte und sich in die Aufsuchung der melancholischsten
Mollübergänge zu vertiefen schien - ging Alice, die Hände über die Brust
gekreuzt und gesenkten Hauptes mit raschen, aber durch die elastische Weichheit
des Teppichs bis zur Unhörbarkeit gedämpften Schritten das Zimmer auf und
nieder. Es war Abend, aber der herrliche Vollmond, welcher bereits die
Turmspitzen der über die jenseitige Häuserreihe hinausragenden Stephanskirche
versilberte, hatte das Azur des unbewölkten Abendhimmels mit einem so intensiven
Lichtglanz getränkt, dass der Reflex desselben das Zimmer hinlänglich erhellte.
Mochten es die abgebrochenen tiefschwermütigen Accorde sein, welche Lydia den
Saiten des Instruments entlockte - oder waren es vielleicht die wunderbaren
Tinten, welche das falbe Mondlicht in das Zimmer warf, oder war die Spannung,
worin Alice durch das bevorstehende Gespräch versetzt wurde, davon Ursache: sie
befand sich in einer sonderbaren, an Unruhe grenzenden Aufregung.
    Die Töne des Instruments klangen immer sanfter und schienen sich aus
mannichfachen Verschlingungen endlich in eine wohltuende Harmonie auflösen zu
wollen, als sie plötzlich in einem schreienden Disaccord, der das ganze
Instrument erzittern machte, schlossen. - Mit einem Schrei des Entsetzens war
Lydia aufgesprungen und stand nun unbeweglich mit geisterhaftbleichem Gesichte
da, die starren Augen auf die rotseidenen Vorhänge des Alkovens gerichtet, die
in diesem Augenblicke, gerade vom vollen Mondenlichte bestrahlt, sich zu bewegen
schienen. Alice hatte sich erschreckt umgewandt: Was ist's? Was hast du, Lydia?
- fragte sie.
    Lydia antwortete nicht. Alice trat auf sie zu und legte die Hand auf ihre
eiskalte Stirn: da hob sich die Brust der Unglücklichen in einem tiefen Seufzer:
aus ihren Augen perlten zwei grosse Tränen nieder und ihr Kopf senkte sich in
die Hand der Freundin.
    - Du bist nicht wohl, mein Kind - sagte Alice liebevoll - Du solltest Dich
zur Ruhe legen. Lydia schüttelte den Kopf. Sie schlug ihre Augen, in denen eine
verzehrende tiefe Schwärmerei glänzte, zum Himmel auf, machte sich sanft von der
Umarmung der Freundin los und verliess langsam das Zimmer.
    - Sie wird wieder beten gehen - murmelte Alice.
    In diesem Augenblicke klopfte es an die Tür.
    - Endlich - sagte Alice für sich - als der Pater Angelikus mit leisem Tritte
die Schwelle überschritt, offenbar verwundert über die Dämmerung, welche im
Zimmer herrschte.
    - Sie sind allein - fragte er, vorsichtig sich im Zimmer umschauend.
    Alice schellte. Ein Diener brachte Lichter und verliess lautlos, wie er
gekommen, das Zimmer.
    - Mein armer, frommer Freund - sagte sie, ohne die Frage des Paters zu
berücksichtigen, mit ihrer gewohnten liebenswürdigen Ironie, deren Bitterkeit
sie durch die sentimentale Weichheit des Tones zu lindern wusste -
    - Weshalb bedauern Sie mich? - antwortete, einen misstrauischen Blick auf das
Gesicht Alicens heftend, der Pater.
    - Sie sind ein schlechter Menschenkenner, Angelikus, und, was die Folge
davon ist, ein noch schlechterer Seelenarzt. Sie glaubten das arme Kind heilen
zu können durch den Glauben an die alleinseligmachende Kirche, nicht wahr?
    - Nun?
    - Nun, ob sie Glauben hat, weiss ich nicht; aber dass Sie ihr eine tüchtige
Portion Aberglauben eingeflösst haben, so dass sie jetzt im Schoss ihrer
alleinseligmachenden Kirche Gespenster sieht, das weiss ich.
    Der Pater blickte die schöne Frau durchdringend scharf an. - - Darauf
schüttelte er mit einem Anflug von Hohn den Kopf und erwiederte: Ich könnte
Ihnen den Vorwurf zurückgeben. Aber ich will Sie nur fragen: wie, wenn ich das,
was Sie mir erzählen, nun gerade vorausgesehen und gewollt hätte? - -
    - Sie mögen Recht haben, Pater. - Indessen kann ich Ihnen die Furcht nicht
verhehlen, dass der Einfluss, den Sie auf die Schwärmerin gewinnen, den meinigen
mit der Zeit paralysiren möchte; und das - werden Sie begreifen - kann
wenigstens nicht mein Zweck sein. -
    Jetzt war die Reihe an Alice, einen forschenden Blick auf die kalten Züge
des Paters zu werfen. - Jener lächelte - Sie tun sich selber Unrecht, Alice,
wenn sie ihren Einfluss so gering anschlagen. - Indessen - fuhr er rasch fort, um
das Ausweichende in seiner Antwort zu verstecken - da zu hoffen steht, dass wir
stets gemeinsam handeln werden, so sind Ihre wie meine Befürchtungen in dieser
Rücksicht wohl nutzlos.
    Alice hielt es für klug, nicht weiter zu gehen und brach daher ab. Denn so
viel ihr daran gelegen sein musste, einen Blick in die Pläne des Paters zu tun,
so war sie einerseits doch ihrer Herrschaft über Lydia gewiss, oder - wenn sie es
nicht war - so durfte sie ihre Besorgnis deswegen nicht allzusehr durchblicken
lassen.
    In diesem Augenblicke warf die grosse Glocke des Stephansturms ihre volle
Töne über die Stadt hin.
    - Es ist Zeit - sagte Alice, einen flüchtigen Blick auf das Zifferblatt
einer prächtigen Alabasteruhr werfend, welche auf der vergoldeten Console über
dem Sopha stand. Die Zeiger wiesen auf 20 Minuten nach 2 Uhr. Der Pater, dem
keine Bewegung Alicens entging, folgte ihrem Blicke und bemerkte, dass sie
aufgezogen werden müsse.
    - Lassen Sie - sagte Alice - die Kette ist gesprungen. Doch jetzt kommen Sie
- fuhr sie fort, indem sie den rotseidenen Vorhang vor dem Alkoven
zurückschlug. Er war leer und in seinem Fond eine offene Tapetentür. Pater
Angelikus trat hinein und blickte, als er die Tapetentür öffnete, eine schmale
und sehr steile Treppe hinab. Er zauderte einen Moment und blickte fragend
rückwärts.
    - Sie gelangen, für den Fall, dass man uns überraschte, hier auf dem
kürzesten Wege in die Seitenstrasse. Haben Sie Misstrauen gegen mich, so will ich
mit dem Lichte Ihnen vorangehen.
    - Es bedarf dessen nicht - erwiederte Angelikus kurz, indem er seine Hand an
die Brusttasche steckte und mit der andern die Tapetentür von Innen
verriegelte.
    In diesem Augenblicke hörte man das Klirren eines Säbels auf dem Korridor.
    Alice zog rasch die Vorhänge des Alkovens zu und rief auf ein hastiges
Klopfen an die Tür ein unbefangenes und lautes: Herein!
    Fürst Felix Lizinsky war wie männiglich bekannt, ein schöner,
liebenswürdiger und kluger Mann. Mehr als alle diese Eigenschaften
charakterisirte ihn - wie ein ebenfalls liebenswürdiger und kluger Mann sich
ausdrücken würde, der überdies mit ihm in manchen andern Dingen viel
Aehnlichkeit besitzt - eine
         »selbst in ihrer Uebertreibung noch anmutige Ritterlichkeit«
oder vielmehr chevalereske Schwärmerei, die, um ihn zum modernen Donquichote zu
machen, nur Zweierlei entbehrte, Tiefe und Wahrheit. Lizinsky wird nie eine
historische Person werden, nicht weil er für die Geschichte zu früh gestorben,
sondern weil er dafür zu leben nie angefangen. Zu leben aber hat er nie
angefangen, weil Er nur für sich und seine Eitelkeit gelebt. - Sein Gott war der
Schein, der anmutige Schein, der nach Triumph lüsterne und des Sieges sichere
Schein. Den Schein betete er an, weil er sich selbst anbetete, denn er war vor
Allem eitel. Die Eitelkeit, die mit sich selbst liebäugelnde Anmut ist der
erste Grundzug seines Charakters. - Diese Eitelkeit des Scheins, der sich selbst
und nur sich selbst geniessen will, machen ihn frivol. Frivolität ist der zweite
Grundzug seines Charakters.
    Als er hereintrat, fiel ein erster Blick auf die in ruhiger Haltung auf dem
Sopha sitzende und scheinbar in die Lektüre einiger Briefe vertiefte Alice, und
dieser Blick schien zu sagen: Sieh', bin ich nicht schön? - In der Tat, er war
schön, schön wie ein Adonis würden wir sagen, wäre dieser Vergleich nicht
abgenützt, und hielten wir es nicht für lächerrlich, einen Adonis in Uniform uns
zu denken. Des Fürsten schlank und wohlgebauter Körper war bekleidet mit der
einfachen, doch reichen Uniform eines spanischen Generals. Sein volles
dunkelblondes Haar streichelnd, das mit seinen weichen elastischen Wellen die
eine Seite der edeln, aber vielleicht nur einige Linien zu niedrigen Stirn
bedeckte, trat er an das Sopha heran, küsste mit Grazie die Hand der schönen Frau
und sagte statt jeder andern Begrüssung mit einem Blicke auf die Briefe:
    - Wir werden also heute Politik treiben, schöne Frau? -
    - Was verstehen Sie unter Politik, ritterlicher Fürst? - gegenfragte Alice,
indem sie auf die letzten Worte einen ironischen Nachdruck legte, der noch durch
ein Lächeln ihrerseits unterstützt wurde.
    - Sonderbare Frage!
    - Sagen Sie lieber: »Schwierige Frage!« Die Wahrheit ist, dass Jeder etwas
Anderes darunter versteht.
    - Auch Sie und ich? - der Fürst studirte mit seinen schwarzen grossen Augen
die Züge Alicens, indem er diese, scheinbar leichtin geworfenen Worte sprach.
    - Doch wohl. Beweis dafür ist, dass wir einander unterstützen. Sie werden bei
sich denken: um einander zu benutzen. Das gebe ich zu. Allein beweist das nicht
für mich?
    - Sie meinen? sagte der Fürst, indem er seinen schönen Schnurrbart strich -
Hätten wir dieselbe Politik, oder mit andern Worten, verfolgten wir dieselben
Zwecke, so würden wir einander weder unterstützen noch vertrauen, selbst nicht
um einander zu benutzen. Indessen -
    - Fahren Sie fort, Fürst: Indessen -
    - Indessen liegt der Unterschied zuweilen nicht sowohl in der Richtung, als
in der Länge des Wegs. - Wieder liess er seinen feurigen und durchdringenden
Blick über das bleiche Gesicht Alicens schweifen.
    Diese aber wusste wohl, was der Fürst sagen wollte, ja sie hatte sogar eine
ziemlich richtige Vorstellung von seinen an's Abenteuerliche streifenden
Plänen, sie hütete sich jedoch, ihm zu zeigen, dass sie ebenso schlau als schön
sei.
    Andrerseits hatte sie dem Gespräch gleich zu Anfang diese Wendung gegeben,
um dem lauschenden Pater einen Beweis für das Misstrauen zu geben, welches in
ihrem Verhältnis zum Fürsten ebenfalls eine Rolle spielte. So weit war die
Stellung, welche sie augenblicklich zu einander eingenommen, wahr. Freilich aber
wusste der gute Angelikus nicht, dass die Rolle, welches dies Misstrauen bei ihnen
spielte, nur eine sehr untergeordnete war, und dass der Grundton ihres
Verhältnisses, besonders zu gewissen Stunden, eine schrankenlose Offenherzigkeit
- wenn nicht von Alicens so doch von des Fürsten Seite bildete. Mochte es nun
der Umstand sein, dass des Fürsten Lieblingspferd gerade heute gestorben, oder
hatte ihm Alice eine Andeutung darüber zukommen lassen, dass sie heute wichtige
politische Angelegenheiten abzumachen hätten - für das Letztere schien
wenigstens seine erste Frage zu sprechen; kurz der Fürst befand sich heute zur
grossen Genugtuung von Alicen in einer Stimmung, wie sie sie für die
gegenwärtige Situation nur wünschen konnte.
    - Ich bin überzeugt, teure Baronin - fuhr der Fürst fort - wir können eine
lange Strecke miteinander gehen, bis - - - -
    - Bis unsere Wege sich trennen?
    - Nein, bis der Eine von uns sein Ziel erreicht hat. Der Andere wandert dann
allein weiter.
    - Eitler Narr - murmelte Alice für sich, indem sie lachte. - Gestehen Sie,
Felix - sagte sie laut - dass dies Rätselspiel unendlich albern ist. Sprechen
wir vernünftig und deutsch. Ich reise morgen nach Berlin. Haben Sie mir einen
Auftrag mitzugeben? Vielleicht an Carolotta, die Göttliche? Oder an die kleine
Tänzerin? Wie heisst doch die Himmlische? - Helfen Sie mir, Fürst! Mein Gott, was
sind Sie heute unbehülflich! Ich kenne Sie gar nicht wieder.
    - Sie reisen morgen wirklich nach Berlin? - fragte der Fürst, welcher sich
von seinem Erstaunen teils über die unerwartete Nachricht, teils über die
plötzlich veränderte Stimmung Alicens noch nicht erholt hatte, indem er vom
Stuhle aufsprang. - Oder ist es ein Scherz, Alice? -
    - Ein Scherz? Im Gegenteil: Die Angelegenheit, welche mich dortin führt,
ist sehr ernster Natur. - Alice sagte dies in so bestimmten Tone und mit solchem
Accent der Wahrheit, dass das ironische Lächeln, welches dabei um ihre
feingeschnittenen Lippen schwebte, offenbar eine andere Beziehung hatte, als
die, dem Sinn der eigenen Worte zu widersprechen. Lizinsky ging, mit hastigen
Schritten im Zimmer auf und ab und warf, wenn er vor Alicens Platz vorüberkam
einen bald forschenden, bald unentschlossenen Blick auf sie. Sie liess ihn ruhig
gewähren und blätterte indes in den vor ihr liegenden Briefen. Endlich blieb er
vor ihr stehen und sagte:
    - Alice, haben Sie Vertrauen zu mir?
    - Wenig.
    - Warum?
    - Weil Sie nicht offen sind. Nicht, ob ich Vertrauen zu Ihnen hätte, sondern
ob Sie mir trauen dürften: das wünschten Sie zu wissen. Also woher der Umweg?
Aus Misstrauen. Können Sie verlangen, dass ich Ihnen mehr vertraue, als Sie zu
erwiedern geneigt sein möchten?
    Der Fürst biss sich in die Lippen. - Sie sind ein gefährliches Weib, Alice -
sagte er seufzend.
    - Diese Schmeichelei scheint Ihnen schwer geworden zu sein. Vielleicht weil
sie diesmal eine Wahrheit entält. In der Tat, ich bin ein gefährliches Weib.
Fahren Sie fort.
    Der Fürst setzte sich wieder - Alice - begann er mit gedämpfter Stimme - ich
habe eine Bitte an Sie. Doch ehe ich sie ausspreche, hören Sie. Sie wissen, was
vor 14 Tagen in Paris vorgegangen. Es mag wenige geben, die sich schon mit dem
Gedanken befreunden können, dass die französische Republik Bestand habe. Ich
gehöre zu diesen Wenigen, ja ich bin sogar der festen Ueberzeugung, dass die
französische Revolution des Jahres 1848 keine französische, sondern eine
europäische ist, und dass wir grossen und ernsten Stürmen entgegengehen: ich meine
Deutschland, und vor Allem Oesterreich und Preussen.
    Der Fürst schien eine Antwort zu erwarten. Alice aber winkte ihm
fortzufahren.
    - Ich glaube, dass die Wenigen, von denen ich sprach, und zu denen ich auch
Sie rechne - Alice lächelte dankend - auf die kommenden Ereignisse gerüstet sein
müssen, ja dass sie die Leitung derselben womöglich in die Hand nehmen müssen.
Denn wenn die beiden Mächte, Absolutismus und Volksbewusstsein, einander
gegenübertreten, so kann der Kampf nur ein Kampf auf Leben und Tod sein. Wenn,
glauben Sie nun wohl, werden wir gewinnen? Wenn der Absolutismus oder wenn das
Volksbewusstsein siegt?
    - Vielleicht weder in dem einen noch in dem andern Falle, sagte Alice mit
Indifferenz.
    - Desto schlimmer für uns. Doch aber nur, wenn wir neutral bleiben wie
bisher. -
    - Oder mit beiden Parteien liebäugeln, wie bisher - persiflirte Alice.
    Diese Anspielung auf die Tätigkeit bei dem Landtage, - - verletzte den
Fürsten.
    Aber Meister in der Schauspielkunst, lächelte er höchst anmutig zu diesem
Stich und sagte in scherzendem Tone:
    - Eben darum müssen wir Partei nehmen, schöne Freundin.
    - Und welche Partei würden Sr. Durchlaucht der Fürst Felix Lizinsky
ergreifen - anticipirte sie ihn - vielleicht die, welche die meisten Chancen auf
Erfolg hat.
    - Das zu entscheiden ist eben die grosse Frage. -
    - Deren Beantwortung Sie sicherlich nicht von mir erwarten werden.
    - Und warum nicht? Denn Sie werden mir gegenüber nicht behaupten wollen, dass
Sie weder mit den Mitteln noch mit den Führern der Parteien bekannt genug sind,
um den wahrscheinlichen Erfolg voraus bestimmen zu können. - Also warum nicht?
    - Vielleicht darum, weil Sie Ihre Ansicht schwerlich nach der meinigen
ändern werden.
    - Das käme auf den Versuch an - der Fürst legte ein gewisses Gewicht auf
diese Worte. Alice schüttelte den Kopf. Sie hatten mir eine Bitte mitzuteilen?
Lizinsky runzelte die Stirn und schwieg einige Sekunden.
    - Dann sagte er - ich sehe, Sie sind unbezwinglich. So will ich den Anfang
des Vertrauens machen. - Sie wissen, dass sich hier in Wien in aller Stille ein
revolutionairer Verein gebildet hat. Eben jetzt komme ich aus einer Versammlung,
fast die ganze Aula hat sich definitiv erklärt. Aber darin liegt auch die
Gefahr. Es sind schon zu viele Mitwisser. Es könnte sich leicht ein Verräter
unter ihnen finden.
    - Er hat sich bereits gefunden - sagte kalt Alice.
    Der Fürst erbleichte. - Woher wissen Sie -? Alice bat ihn fortzufahren. -
    - Die Zeit drängt. Die Bewegung beginnt bereits in dem Volke sich durch ein
dumpfes Vorgefühl kund zu geben. Der Hof selbst ist noch ruhig, aber die
Metternichsche Partei ist schon aufmerksam geworden.
    - Durch wen? - fragte Alice mit derselben Kälte, indem sie ihn durchdringend
anblickte.
    Sie misshandeln mich, Alice, durch ihr massloses Misstrauen. Was solls mit
diesen Blicken?
    Reden Sie! Wollen Sie mich absichtlich beleidigen? Das müsste, dächte ich,
Ihnen schon Ihre Klugheit verbieten.
    Alice lachte: Sie haben ein empfindliches Gewissen, teurer Fürst. Ich
dachte nur daran, dass die Fürstin Metternich eine schöne Frau ist. -
    - Lassen Sie das jetzt - so stehen also die Sachen hier in Wien. Höchstens
gebe ich noch eine Woche: dann bricht der Sturm los. Vielleicht, ja
wahrscheinlich - denn jeder Anlass muss benutzt werden - schon früher. Wir sind
nun aber der Ueberzeugung, dass es hiebei sein Bewenden nicht haben dürfe. Wien
allein macht nur eine österreichische, keine deutsche Revolution. Berlin ist das
Herz Deutschlands. Hier müsste eigentlich der erste Schlag fallen, allein das
wird nach allen Anzeichen und Nachrichten nicht geschehen. Aber Berlin muss rasch
folgen; und - fügte der Fürst leiseren Tones hinzu - es wird folgen.
    Auch in Berlin sind alle Vorbereitungen getroffen; das Uebrige aber hängt
von der Gestaltung der hiesigen Verhältnisse ab. Heute nun sind diese zum
bestimmten Abschluss gekommen. Wollen Sie - dies ist meine Bitte - ausser dem, was
ich Ihnen eben mündlich mitgeteilt und was ich Ihnen in weiterer Ausführung,
besonders in Rücksicht auf den nötigen Verteidigungsplan der Stadt,
aufgezeichnet, noch einige Briefe an Personen mitnehmen, die teils der einen,
teils der andern Partei angehören?
    - Gern, doch unter einer Bedingung, nämlich der, dass Sie mir offen sagen,
für welche Partei Sie sich schliesslich zu erklären die Absicht haben. Denn da
ich bereits entschlossen bin, so würde ich mir oder vielmehr meiner Partei
möglicherweise durch Uebernahme ihrer Aufträge entgegenarbeiten.
    - Ich kann diese Bedingung zwar nicht eingehen, doch glaube ich, werden Sie
zufrieden sein, wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe, dass Ihre Befürchtungen in
jedem Falle grundlos sind.
    - Also hatte ich vorher doch Recht mit meinen Vermutungen. Indes kommen wir
zu Ihren Aufträgen.
    - Hier ist zunächst der Plan, von dem ich vorhin sprach. Verwahren Sie ihn
wohl. Sie übergeben ihn dem Ingenieurofficier Latorp. Sie finden seine
vollständige Adresse ebenfalls hier aufgezeichnet. Von ihm werden Sie vielleicht
in die nähern Verhältnisse der Berliner Bewegung eingeweiht werden, wenn Sie
eine Rolle darin übernehmen wollen. Dann sehen Sie hier ein Packet Briefe, die
Sie eigenhändig an die Adresse überreichen müssen. -
    Als Alice die Briefe ansah, konnte sie ein lautes Lachen nicht unterdrücken.
Es fanden sich darunter auch ein Brief an die Herzogin von Nagas und einer an
den Probst Bergmann. Sie warf einen raschen Blick auf die Vorhänge des Alkovens,
und zog dann die beiden, ihr von Pater Angelikus übergebenen Briefe aus dem
Busen, und hielt sie dem Fürsten vor.
    Dieser sprang erschreckt in die Höhe. - Was ist das? - rief er fast drohend
aus. In diesem Augenblicke geriet die eine Seite des Vorhangs in eine zitternde
Bewegung. Alice legte den Finger auf den Mund. Der Fürst trat einen Schritt
zurück und sagte, indem er die Hand an den Säbel legte, mit zitternder Stimme
und bleichen Lippen: Wir sind nicht allein? Zugleich sah er sich in dem Zimmer
nach allen Richtungen um und liess seinen Blick zuletzt auf dem Vorhange ruhen.
In dem nächsten Augenblick stürzte er aber auch schon darauf zu und riss ihn mit
krampfhafter Hand auseinander. - Er hatte sich getäuscht in seinem Verdacht: der
Alkoven war leer.
    Alice hatte diese Scene durch ihre eigene Unvorsichtigkeit hervorgerufen und
schwebte eine Secunde in wirklicher Angst um den Fürsten, denn sie wusste, dass
der Pater stets bewaffnet war. Jetzt aber hatte sie ihren Gleichmut so völlig
wiedergefunden, dass sie vortrefflich die Erstaunte zu spielen im Stande war.
    - Nun - sagte sie mit gekränktem Tone - wahrhaftig, Felix, ich weiss nicht,
ob ich Ihre Angst lächerrlich oder beleidigend finden soll. Sie erzählen mir mit
der geheimnissvollsten Miene von der Welt Dinge, die mir längst bekannt sind und
geraten, als ich anfange, Ihr Vertrauen zu erwiedern, ausser sich, glauben sich
belauscht, verraten. - Habe ich mich in Ihr Vertrauen einzudrängen gesucht?
Jämmerliche Schwachheit der Männer, die nur mit Zittern etwas wagen, und wenn
sie es gewagt haben, von Angst und bösem Gewissen gefoltert werden.
    - Verzeihen Sie, Alice. - Was Sie mir zeigten, überraschte mich, um so mehr
als mir die Handschrift nicht bekannt dünkte. Doch lassen wir das, ich will
nicht indiskret sein, empfehle Ihnen jedoch die höchste Vorsicht. Diesen Brief -
fuhr er fort, indem er auf die vor ihm liegenden Briefe wies - geben Sie nicht
eher ab, als bis Sie den Ausbruch der Revolution in Wien durch die Zeitungen
erfahren haben.
    Der Prinz - Alice warf in diesem Augenblicke, unbemerkt vom Fürsten,
abermals einen raschen Blick auf die Vorhänge, und lächelte, als eine neue
Bewegung derselben ihre Vermutung bestätigte - der Prinz ist in Berlin und wird
aller Wahrscheinlichkeit nach die Truppen selbst befehligen wollen. Es ist
jedoch notwendig, dass dies nicht geschieht, weil - möge nun der Ausgang sein,
welcher er wolle - er nicht eher in den Conflict gezogen werden darf, bis sein
Interesse mit dem des Königs selbst in Conflict gerät. Ich kann Ihnen daher
offen sagen, dass dieser Brief bezweckt, den Prinzen zur vollständigsten
Neutralität aufzufordern. Er ist datirt vom 16. März, und kann demnach schon -
wenn es nötig ist - am 18. in seine Hände gelegt werden. Nicht wahr, ich bin
von Ihnen vollkommen verstanden? -
    - Vollkommen.
    - Und Sie werden meine Bitte erfüllen?
    Alice besann sich eine kurze Zeit. Darauf sagte sie mit festem Tone, indem
sie dem Fürsten die Hand reichte: Ja.
    - Gut, das wäre abgemacht. Nun kommt der letzte, aber auch der wichtigste
und vielleicht für Sie, als Weib, der schwierigste Punkt. Der Fürst machte hier
eine Pause, als sei er unschlüssig, in welche Worte er diesen letzten Auftrag
kleiden sollte. Endlich sagte er zögernd: Sind Sie im Voigtlande3 bekannt? -
    Alice erbleichte und konnte sich einer Bewegung nicht erwehren, die dem
Fürsten ein abermaliges Schweigen auferlegte.
    Alice erhob sich und sagte rasch, indem sie mit der einen Hand nach der Uhr
zeigte, während sie mit der andern dem Fürsten einen Schlüssel überreichte.
Verzeihen Sie meine Schwäche, Felix. Ich fühle mich unwohl. Auch bin ich der
Ruhe bedürftig, da ich früh Morgens mich schon auf die Reise begeben muss. Leben
Sie denn wohl, ich werde Ihre übrigen Aufträge getreulichst erfüllen. -
    Der Fürst war bestürzt und schien nicht übel Lust zu einer abermaligen
Untersuchung des Alkovens zu haben. Aber der Blick Alicens dominirte ihn. Er
steckte den Schlüssel zu sich, prägte sich die auf der Uhr angezeigte Stunde ein
und verliess mit hastigen Schritten das Gemach.
 
                                       IV
Lydia war, als sie Alicens Zimmer verlassen, nach dem ihrigen gegangen, um - wie
Alice richtig vermutet hatte - zu beten. Das arme Kind war unmittelbar nach der
fürchterlichen Katastrophe, die der Leser aus der mit ihrem Namen betitelten
Erzählung kennt, in eine tiefe Apatie gefallen, welche sie gegen Alles, was sie
umgab, selbst gegen Alicens aufopfernde Freundlichkeit, fast gänzlich
unzugänglich machte. Aber Alice wusste diese Stimmung eines gebrochenen Herzens
zu würdigen. Aufopferungsfähig und liebenswürdig, wie sie überall da war, wo
ihre Empfindung wirklich angeregt wurde, widmete sie während der ersten Monate
ihrer gemeinsamen Reise der unglücklichen Freundin und Leidensschwester ihre
ganze Teilnahme, bis sie in Paris die Bekanntschaft Lichninsky's machte, und
dadurch in kurzer Zeit in das Gewirre des politischen Lebens hineingezogen
wurde. Es entging ihr nicht, dass der Fürst ihre unglückliche Freundin »bemerkt«
hatte. Sie seinen Augen und Wünschen zu entziehen, beschloss sie aus doppelter
Rücksicht, für sich selbst wie für Lydia. Sie reiste deshalb mit ihr nach
Strassburg zu einer Freundin, wo nun Lydia unter angenommenen Namen ruhig und
harmlos ihren Erinnerungen und - bald auch einer - neuen Liebe lebte. Aber der
Fürst hatte seine Absichten auf die schöne Freundin Alicens nicht aufgegeben.
Einer seiner Kundschafter wurde in Strassburg durch einen Zufall auf sie
aufmerksam. Die Arme schien in der Tat vom Schicksal dazu ausersehen, die
Gewalt der Liebe nur aus der Qual und den Schmerzen, welche sie spendet, kennen
zu lernen. In Strassburg blühten die Rosen ihrer Wangen wieder auf - sie begann
sich mit dem Leben auszusöhnen, denn es war die Liebe wieder in ihre kindliche
Brust gezogen. - Da plötzlich streckte der Verrat seine Hand aus gegen die süsse
Liebeswelt - und sie stürzte wie ein Kartenhaus zusammen. - Lydia verschwand
plötzlich aus Strassburg. - Alice erfuhr es durch ihre Freundin früher, als
selbst der Fürst durch seine Spione. Schnell entschlossen reiste sie der
Flüchtigen entgegen. In einer kleinen französischen Stadt, wenige Meilen von
Paris entfernt, traf sie den Entführer. So war zwar die Unglückliche gerettet,
aber zugleich ihr Liebesglück zerstört. Nun reisten die beiden Frauen, da sie
sich in Paris nicht sicher glaubten, nach Wien. Denn Alice hatte es über sich
genommen, das arme Kind, das sie als ein letztes heiliges Vermächtnis aus einer
Zeit betrachtete, wo sie selbst noch wahrer Liebe fähig war, vor dem Pestauch
frivoler Verhältnisse zu bewahren. Von Wien aus schrieb sie an den Fürsten,
machte ihm wegen seines Verrats Vorwürfe und kündigte ihren festen Entschluss
an, ihre Freundin gegen seine Verfolgungen zu schützen.
    Er kam darauf selbst nach Wien und versprach Alicen, von nun an keinen
Schritt zu tun, der ihr Missfallen erregen könne. - So kehrte das alte vertraute
Verhältnis zwischen ihm und Alice zurück und durch seine Vermittlung war sie in
den engeren Kreis des Metternichschen Hauses eingeführt worden, wo sie durch
ihre unendliche Anmut und durch den unwiderstehlichen Reiz, welcher ihr ganzes
Wesen durchwehte, sich in kurzer Zeit ein festes Terrain zu erobern, und
besonders das Vertrauen der Fürstin zu erwerben gewusst hatte. Der Einfluss,
welchen sie durch ihre Zurückhaltung und die Kunst bescheidener und feiner
Schmeichelei gewann, wurde in ihrer geschickten Hand zu einem Schlüssel für
manches bald diplomatische bald neotische Geheimnis, und nur ihrer grossen
Vorsicht hatte sie es zu danken, wenn dieser Schlüssel ihr nicht wieder genommen
wurde. So hatte sie es bald dahin gebracht, dass sie in dem Hause der Fürstin
keinen Feind - ja - was noch mehr sagen will - keine Feindin und nur sehr wenige
Beobachter hatte. Unter diesen fürchtete sie jedoch nur einen; es war der
Beichtvater der Fürstin - Pater Angelikus. Vor seinen Blicken - das fühlte sie
wohl - konnte die Rolle, welche sie spielte, nicht ganz undurchschaut bleiben:
so fasste sie - - nach dem Grundsatz: »nur ganzes Vertrauen schützt gegen den
Missbrauch des halben« - den Plan, nicht etwa, ihn zu ihrem Vertrauten zu machen,
sondern sich selbst, durch den Schein ihres Vertrauens, zu seiner Vertrauten zu
machen. Und dies gelang ihr endlich, nachdem sie lange vergebens alle ihre
Mittel verschwendet. Schon das erste Mal, als sie mit dem Beichtvater und
Lichninsky bei der Fürstin Metternich zusammentraf, gewahrte sie durch die dicke
Rinde, mit der der Pater seine Brust und die darin gährenden Leidenschaften
umpanzert hatte, den tiefen Hass desselben gegen den Fürsten hindurchscheinen.
Ein zweiter Blick auf Lichninsky belehrte sie, dass dieser, dessen Charakter zu
studiren sie hinlänglich Gelegenheit gehabt, zwar keine Ahnung von diesem Hasse
hatte, dennoch aber die Gesellschaft des Paters gerade nicht aufsuchte. - Die
Ursache dieses eigentümlichen Verhältnisses zu erforschen, wollte ihr lange
Zeit nicht gelingen. Endlich griff sie zu dem äussersten Mittel, den Pater als
Seelenarzt bei Lydia einzuführen. Der Eindruck, welchen das Schicksal und der
wehmütige Anblick des guten Kindes auf Angelikus hervorbrachte, war ein
gewaltiger. Der harte, kalte Priester war bis ins Innerste erschüttert. Jetzt
hatte Alice, die während der ganzen Scene keinen Blick von seinen Zügen
verwandt, auch den Schlüssel zu diesem Geheimnis gefunden. Es ist wahr, ihre
arme Freundin verdiente gewiss das tiefste Mitgefühl, aber solchen Eindruck, wie
sie ihn auf den Pater hervorbrachte, konnte nur aus ähnlicher Erfahrung, aus
gleichen Leiden hervorgehen. Ein Gedanke an Lichninskys frivolen Charakter
führte Alicen schnell auf die richtige Vermutung, dass ihr eigenes Schicksal
vielleicht mit dem des Paters grosse Aehnlichkeit habe.
    - Gestehen Sie, Angelikus - sagte sie einige Wochen nach jener Scene,
während dessen der Pater seine Besuche bei Lydia eifrig fortgesetzt hatte, im
Verfolg eines Gesprächs über den religiösen Trost gegen das Unglück der Liebe -
gestehen Sie, dass im Grunde damit nur erreicht wird, dass man eine Schwärmerei
gegen die andre austauscht. Oder glauben Sie - Alice legte einen Nachdruck auf
das letzte Wort - dass die Religion gegen den Schmerz betrogener Liebe wirklich
tröstet? Bei Lydia würden Sie sich gewiss täuschen.
    - Ich verstehe Sie nicht, teure Freundin - erwiederte Jener, der sehr gut
verstand, indem er seine Bewegung zu verbergen suchte.
    - Sie verstehen mich sehr wohl. Sind Sie, antworten Sie aufrichtig, durch
den Trost der Kirche von allen Leidenschaften, von Liebe und Hass, geheilt? - O,
frommer Vater, Sie täuschen mich nicht. Sie lieben und hassen noch, eben so
glühend wie früher, vielleicht noch glühender. - Der Pater schwieg, aber eine
flüchtige fieberhafte Röte bedeckte seine Stirne, als er aufstand und, Alicen
die Hand reichend, mit bebender Stimme und düsterer Miene sagte:
    Wohlan, Sie mögen Recht haben, und weil Sie Recht haben, so will ich von
diesem Augenblick Ihr Freund sein, weil ich Ihr Feind zu sein nicht den Mut
habe. Sie sehen, dass ich aufrichtig bin. Aber nun dringen Sie nicht in mich.
Später werde ich Ihnen den Beweis geben, dass, wo ich liebe und hasse, ich Grund
zu Beidem habe. Mit einem Blicke, in dem eine bis zur Wildheit tiefe und
verzehrende Leidenschaft blitzte, verliess er sie schwankenden Schrittes.
    Seit diesem Gespräch hatten sie absichtlich dies Tema vermieden. Alice war
nicht neugierig, und sie beruhigte sich über das Schweigen des Paters mit dem
Grunde, dass er selber nicht wissen konnte, wie weit sie bereits in sein
Geheimnis eingedrungen sei. Selbst als sie seiner Forderung, Zeuge des Gesprächs
mit Lichninsky zu sein, nachgab, hatte sie keine derartige Bedingung gestellt,
weil sie in dieser Forderung selbst schon eine Concession erblickte.
    Kehren wir nun nach dieser Abschweifung zu Lydia zurück.
    Als sie in ihr Zimmer getreten war, schritt sie sogleich auf eine Nische zu,
welche durch ein hohes, aus glänzend weissem Elfenbein gearbeitetes Kruzifix
ausgefüllt wurde. Sie knieete auf den rotsammtnen Betschemmel nieder, senkte
den Kopf in ihre beiden Hände und schien bald in ein tiefes und inbrünstiges
Gebet versunken. Der Mond warf sein volles Licht auf die schöne Beterin und die
weissen Gebeine des Christusbildes, während der übrige Teil des Zimmers fast
ganz in Dunkel gehüllt war. Von Zeit zu Zeit, wenn sie ihr tränenfeuchtes
Antlitz zum Gekreuzigten emporrichtete, mit den von Schwermut und holdem
Irrsinne erfüllten Augen, zeichnete sich das reine und jungfräuliche zarte
Profil in wunderbarer Schönheit auf dem dunkeln Hintergrunde ab. O, wer sie in
diesem Augenblicke geschaut, mit dem von ungehörten Seufzern geschwellten Busen
und den zarten ineinander gerungenen Händen - gegenüber dem kalten,
unempfindlichen Christusbilde, das mit derselben kunstvoll kalten
Schmerzensmiene herabblickte auf den lebendigen heissen Schmerz der sündenlosen,
geknickten Madonna: Wer hätte da noch den Glauben bewahren können an Andacht und
göttliche Vorsicht -? Konnte ein Gott der Barmherzigkeit kalt bleiben gegen
diese Schmerzen, konnte der Vater des Himmels sein väterliches Ohr verschliessen
vor diesen Seufzern? - Ungetröstet und klagelos erhob sie sich. Noch einen Blick
warf sie, einen Blick voll tiefer, unaussprechlicher Wehmut auf den
Gekreuzigten - dann nahm sie ihr Gebetbuch, warf rasch den Mantel um die
Schultern, zog den Schleier über das Gesicht und verliess das Zimmer. Sie ging
zur Messe. Als sie aus dem Hause trat, mochte sie sich wohl daran erinnern, dass
es schon zu spät sei, um ohne Begleitung sich in die Strassen zu wagen. Sie
zauderte einen Augenblick und war im Begriff zurückzukehren, da sah sie an der
Balustrade des Perrons eine Gestalt lehnen, welche jetzt, durch ihre zaudernde
Stellung aufmerksam gemacht, auf sie zutrat und in gebrochenem Deutsch fragte,
ob »Sennora« etwas befehle.
    Lydias Furcht verschwand, als sie sich überzeugte, dass es ein Knabe in
Livrée war, der vermutlich hier auf seinen Herrn warte. - Ein unerklärliches
Gefühl von Neugierde trieb sie an, ihn zu fragen, auf wen er hier warte. Der
Knabe, in dem der Leser schon längst unsern Salvador erkannt haben wird, geriet
durch diese Frage in augenscheinliche Verlegenheit, endlich erwiederte er, Pater
Angelikus habe ihn hier her bestellt, auf ihn zu warten.
    - Willst Du mich nach der Kirche begleiten, mein Kind? - fragte Lydia.
    - O, wie gern, Sennora, erwiederte Salvador.
    Lydia gab ihm, ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln, ihr Messbuch und
ging rasch auf den Stephansplatz zu.
    Salvador war - obgleich Südländer, noch ein ganz unbefangenes Kind. Doch kam
er heute zum ersten Male darüber zum Nachdenken, dass die »Sennora« ihn Kind
genannt, und er stellte an sich die Frage, ob er denn noch sehr »kindisch«
aussehe. Auch war er zwar von dem Vertrauen der »Sennora« zu ihm - denn es
konnte ja eine Lüge sein, dass er im Dienste des Paters sei - gerührt; gleichwohl
dünkt es ihn, als ob seine Rührung noch grösser sein würde, wenn sie weniger
schnell Vertrauen zu ihm gefasst hätte. Diese Widersprüche, welche er sich gar
nicht erklären konnte, beschäftigten ihn, während er still neben Lydia daher
schritt, so sehr, dass er fast vergessen hätte, beim Eintritt in die Kirche die
Finger ins Weihwasser zu tauchen und ein frommes Kreuz auf Brust und Stirn zu
zeichnen. Die Kirche war fast leer; vereinzelt knieten hier und dort einige
Beter, unbeweglich und stumm, so dass man versucht gewesen wäre, sie für eine
jener leblosen Steingruppen zu halten, mit denen die Nischen und Pfeiler der
Kirche geschmückt waren, wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer ihrer Brust
entstiegen und mit dem Schmerz der Reue auch das Leben in ihr kund getan. Lydia
kniete hinter einer Säule, die ihren breiten Riesenschatten über sie hinwarf, so
dass sie unbemerkbar bleiben konnte. Salvador liess sich hinter ihr auf ein Kniee
nieder. Der harmonische Donner der mächtigen Orgel, welche ihre vollen
Klangmassen durch die weiten Hallen der Kirche wälzte, wiegte sie in jenes
verführerische Entzücken, welches mit der Ueberzeugung göttlicher Erregung das
Herz in alle Reize einer hingebungsvollen, glühenden Einbildungskraft versenkt.
Denn das Herz - wie rein und schuldlos oder wie befleckt von Begierden es sein
mag - bedarf des Gefühls einer vollen Hingabe. Es ist sein Beruf, sich
aufzulösen in ein Meer von selbstgeschaffner und selbstgewährter Wonne; und es
ist nur eine Täuschung, wenn wir glauben, dass die Hingabe eines gläubigen
Herzens an den Zauber der Musik und der andern Künste, welche die katolische
Kirche mit so feiner Raffinerie zur Ehre des »Herrn« zu gebrauchen versteht,
eine andere Art der Erregung voraussetzt, als etwa die Hingebung des Herzens an
den Geliebten. Darum hatte Alice recht, zu sagen, es hiesse nur eine Schwärmerei
gegen eine andre eintauschen, wenn man den süssen Schmerz der Liebe durch den
schmerzensreichen Trost religiöser Schwärmerei heilen wolle. Eine halbe Stunde
mochte bereits verflossen sein, und immer noch lag Lydia auf den harten, kalten
Fliesen, ihre Hände, denen das Messbuch entfallen war, hingen schlaff in den
Schoss herab, die Augen waren halb geschlossen, aber wer einen Blick zwischen
diese noch von den Tränen feuchten Lider hätte tun können, würde erschreckt
worden sein von der innern Glut, welche sich in ihnen concentrirt hatte, jedoch
mehr nach Innen als nach Aussen strahlte. Die Blässe ihrer Wangen war geisterhaft
und stach um so mehr von der tiefen Röte ihrer halbgeöffneten Lippen ab, die
sich von Zeit zu Zeit bewegten. Waren es Gebete, die sie zum Himmel sandte, oder
Seufzer einer ungestillten Liebessehnsucht? -
    Die Orgel schwieg. Lydia fuhr aus ihrem traumartigen Zustande empor.
Sogleich kehrte die Röte auf ihre Wangen zurück; es schien, als sei ihre fromme
Sehnsucht gestellt. Sie blickte um sich und gewahrte Salvador, der sie
unverrückt angeblickt hatte. Er hatte weder die Orgel gehört, noch die Litanei
des Priesters nach dem Gesang des Chors, er hatte überhaupt nicht gehört, nur
gesehen - Lydia. Er erschrak fast, als Lydia sich erhob. Taumelnd folgte er ihr
hinaus auf die jetzt fast menschenleere, mondbeschienene Strasse. Sie hatten nur
wenige Schritte bis zu Lydias Wohnung. Als sie den Perron in die Höhe stiegen,
öffnete sich die Türe und eine tief im Mantel gehüllte Gestalt trat mit
hastigen Schritten heraus. Es war Lichninsky, der von Alicen kam. Lydia hatte
ihn zuweilen vom Fenster aus gesehen und kannte ihn durch Alice. Er erkannte sie
sogleich wieder und erstaunt über die wunderbare Schönheit - sie hatte vergessen
den Schleier herabzulassen - blieb der Fürst einige Sekunden auf der Schwelle
stehen, in ihren Anblick versunken. Lydia war unwillig über diese Störung und
sagte mit sanftem aber festem Tone: - Fürst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege.
    Der Name Lichninsky brachte auf Salvador, der den Fürsten gar nicht beachtet
hatte, eine elektrische Wirkung hervor. Seine erste Bewegung war ein Griff nach
der Schärpe. Er vergass, dass er sie abgelegt. Da ballten sich seine Fäuste in
krampfhaften Zuckungen, seine Lippen bebten. So trat er neben Lydia, dem Fürsten
gegenüber aber ausser Stande, seine Gefühle in Worte zu fassen, wiederholte er
nur die Worte Lydias, die in seinem Munde eine ganz andere Bedeutung erhielten:
    Fürst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege.
    Lydia sah, erschreckt über diese Unart, den Knaben an, der bisher so folgsam
und sanft sich gezeigt. Der Fürst mass ihn mit einem erstaunten, doch kalten
Blick, und schlug darauf ein lautes Gelächter auf. - Jetzt war Salvadors Wut
bis zur äussersten Grenze gebracht. Er machte sich bereit, dem Fürsten einen
Faustschlag ins Gesicht zu versetzen, da fühlte er eine feste Hand sich auf
seine Schulter legen. Erzürnt blickte er sich um, als er jedoch in das ruhige,
vorwurfsvolle Gesicht des Paters schauete, liess er den Kopf sinken und Tränen
glänzten in seinen Augen.
    Lydia hatte mit Neugierde diese Scene, welche fast nur den Zeitraum einer
Sekunde umfasste, zugeschaut. Jetzt wandte sie sich an Angelikus mit der Bitte um
seinen Segen für die Zeit ihrer Trennung.
    - Ich segne Dich von Herzen, meine gute Tochter - sagte der Pater mit
bewegter Stimme. - Mögst Du anderwärts die Ruhe finden, die Du bisher vergeblich
gesucht. Ich habe dafür gesorgt, dass Dir auch in Deinem neuen Aufentalt der
geistliche Beistand nicht mangelt. Darauf drückte er einen väterlichen Kuss auf
ihre Stirn und entliess sie.
    Als Lydia sich entfernt hatte, standen Lichninsky und der Pater einander
gegenüber.
    - Armes Kind - sagte, wie zur Erklärung der Letztern - Sie hat die beiden
Eltern in kurzer Zeit verloren und steht nun ganz verwaist in der Welt da, ohne
Freunde und Verwandte. Auf meine Bitte hat unsere Freundin Alice sich erboten,
sie mit sich nach Berlin zu nehmen, und dafür zu sorgen, dass sie dort eine
passende Stellung findet. Eben war ich im Begriff, zu ihr zu gehen. Es scheint,
als kommen Sie jetzt von einem Besuche bei ihr.
    Der Pater war, der Anweisung Alicens folgend, die Treppe hinabgestiegen und
von dort durch das Hintergebäude in die Seitenstrasse gelangt, so dass der Fürst,
welcher jenen Ausweg nicht kannte, von der Grundlosigkeit seines Verdachts fast
gänzlich zurück kam, als er sah, dass der Pater, eben von der Strasse kommend, ihm
auf der Schwelle begegnete. Dennoch wollte er noch eine letzte Probe machen.
    - Sie ist sehr angegriffen und bedarf der Ruhe, wie sie mir sagte -
entgegnete er auf des Paters Äusserung, dass er Alicen besuchen wolle.
    - Nun, es ist nichts Wichtiges, was wir zu verhandeln haben. So will ich sie
denn nicht weiter stören. Gehen wir eine Strasse miteinander, Fürst, wenn's Ihnen
gefällig ist.
    - Von Herzen gern - erwiederte dieser, jetzt vollständig beruhigt, indem er
dem Pater den Arm reichte.
    Sie schritten eine Zeit lang lautlos neben einander her. Beide waren
unruhig: Lichninsky, weil er über den Sinn der geheimnisvollen Art, mit der
Alice auf die Uhr gewiesen und den Schlüssel ihm in die Hand gedrückt, zwar
klar, aber über die Gründe zu diesem Verfahren vollständig im Dunkeln war. War
Jemand Zeuge ihres Gesprächs gewesen oder nicht? Der Pater, - der einzige
Mensch, welchem Alice, wie er glaubte, vielleicht eben so viel Vertrauen
schenkte, wie ihm selber, und dem sie die Stunde des Rendez-vous auf dem
heutigen Spaziergange mitgeteilt haben konnte - konnte es nicht sein, davon war
er jetzt überzeugt. Wer also konnte es sein? Ueber diese Frage grübelte er lange
nach, ohne ihrer Lösung deshalb näher gerückt zu sein. -
    Der Pater seinerseits hatte aus den Lücken, welche das Gespräch zwischen
Alicen und Lichninsky einige Mal erhielt und in Folge deren der Fürst die
Untersuchung des Zimmers vorgenommen, mit Recht geschlossen, dass Alice statt der
Worte sich der Zeichensprache bedient habe, die, wie sie wohl wusste, dem Pater
verloren gehen musste, da der Vorhang des Alkovens sehr dicht war. Was waren das
nun für Zeichen gewesen? Eines freilich hatte er bemerkt, die Stunde, auf die
der Zeiger der Uhr gerichtet war. Es konnte Zufall sein, es ist wahr: aber der
Pater wollte sicher gehen: sein Entschluss war gefasst.
    Als die beiden Männer, von denen Jeder den Anfang eines Gesprächs vom Andern
erwartete, weil Jeder sich zu verraten fürchtete, wenn er den Andern
auszuforschen versuchen wollte, waren schweigend bis zur Ferdinandsbrücke
gekommen, wo sie sich trennten. Der Pater schritt über die Brücke fort nach
seinem Gastofe zu, Fürst Lichninsky begab sich nach seiner Wohnung, welche im
Schottenviertel lag. Auf der Brücke blieb der Pater stehen und sah sich nach
Salvador um. Er hatte ihn, in seine Gedanken vertieft, gänzlich vergessen.
    - Er wird dem Fürsten gefolgt sein - murmelte er vor sich hin.
    Salvador war in der Tat dem Fürsten gefolgt, aber nicht, wie der Pater
vermutete, um in seine Dienste zu treten, sondern um seine Wohnung
auszukundschaften. Er merkte sich genau Strasse und Nummer des Hauses und eilte
dann mit schnellen Schritten durch das Schottentor über das Glacis, die
Alsengasse hinab bis zu deren letzter Querstrasse. Hier bog er ein und schritt
durch den Torweg eines kleinen unansehnlichen Hauses über den Hof nach dem
Seitengebäude. Auf seinen Ruf zeigte sich ein Licht am Gibelfenster des zweiten
Stocks, das nach dem Garten hinaussah. Bald darauf hörte man den leisen Tritt
eines weiblichen Fusses die Treppe hinabkommen. Die Türe wurde aufgeschlossen.
    - Bist Du's, Salvador, mein Sohn - fragte eine Stimme in spanischer Sprache.
    - Ja, Mutter.
    Die Türe öffnete sich. Es war Ines, die verlassene Geliebte des Fürsten.
 
                                       V
Es war eine kleine ärmliche Wohnung, die Ines und Salvador inne hatten, denn sie
bestand nur aus einer Stube mit wurmstichigen Möbeln, und einer Kammer, die
nichts entielt, als einen Strohsack und einen daneben stehenden hölzernen
Schemel. Hier wohnte oder vielmehr schlief Salvador, denn wenn ihn sein
rastloses Temperament nicht auf der Strasse umhertrieb, so sass er wohl Abends
zuweilen neben seiner Mutter auf dem altmodischen Sopha, dem Prachtstück des
Zimmers und erzählte ihr von den blühenden Mandelwäldern in den schönen Tälern
Kataloniens. Dann pflegte der schwere Trübsinn, der wie eine düstre Wolke auf
ihrer edlen Stirn gelagert war, einer sanfteren Stimmung zu weichen und das Eis
stolzer Gleichgültigkeit, welche den majestätischen Zügen ihres bleichen
Gesichts tief eingegraben war, in einige warme Tränen der Wehmut zu schmelzen.
Das waren des Knaben glücklichste Stunden - denn mit dem zartfühlenden Instinkt
halb barbarischer Naturen vermied er jeden Versuch des Trostes, der Ines nur
beleidigt und gereizt, aber nicht beruhigt hätte, während für sie, die von der
Zukunft nichts erwartete, als den einstigen Triumph der Rache über den, der
ihres Lebens Keim für immer vergiftet, die Erinnerung an die schöne
Vergangenheit noch die einzige Quelle milderer Gefühle war. Ines Charakter war
aus zwei - scheinbar widersprechenden und doch bei höheren Naturen so oft
zusammenkommenden - Elementen gebildet: aus ruhiger, nie ihres Zieles
vergessender Consequenz im Handeln und massloser Leidenschaftlichkeit im
Empfinden. Die Einheit dieser beiden Elemente prägte sich auch in ihrem ganzen
Wesen aus. Ihre stolze schlanke Gestalt - Ines zählte erst 32 Jahre - war in
Bewegung und Ruhe der vollkommenste Ausdruck eines festen, tatkräftigen aber
zugleich sich selbst beherrschenden Geistes: wenn sie einherschritt, oder sich
mit irgend Etwas - mochte es auch das Unbedeutendste sein - beschäftigte, stets
lag auf jeder ihrer Bewegungen das Gepräge einer ihres eigenen Wertes und ihrer
Macht bewussten, königlichen Seele. Regte aber irgend eine Erinnerung, ein
vergilbtes Blättchen aus den Zeiten ihres Glücks oder auch nur ein Gedanke an
jene für sie unvergessliche Zeit ihre Empfindung an, so gab augenblicklich der
düstere glutgetränkte Glanz, welcher aus ihren grossen schwarzen Augen strahlte
und das Zittern ihrer feingeschnittenen Lippen Zeugnis von den tiefern Wogen der
Leidenschaft in ihrem stolzen Herzen.
    Ines Gefühle und Gedanken bewegten sich wie der Magnet nur stets nach einer
und derselben Richtung. Das ehemalige Glück ihrer Liebe und der Verrat ihrer
Liebe: das waren die beiden Pole ihrer Empfindung. War ihre Liebe gewaltig und
Titanen gleich gewesen, so war es jetzt ihr Hass und das Bedürfnis der Rache.
Aber sie verschloss beide Gefühle, die Erinnerung an ihre Liebe und die Hoffnung
auf Rache tief in ihrer Brust. Selbst mit Salvador hatte sie nur einmal davon
gesprochen; es war an seinem 15. Geburtstage, als sie ihn in ihr ganzes Leiden
einweihte. Salvador hatte mit zerrissenem Herzen zugehört, aber ohne auch nur
durch einen Laut zu verraten, was in jenen Augenblicken in ihm vorging: aber
als sie geendet, war er zu ihren Füssen gekniet, und hatte ihr mit fester Stimme
den Schwur geleistet, sie zu rächen. Da hatte Ines die rotseidene Schärpe
hervorgeholt und sie dem Knaben um den Leib gewunden, und einen Dolch aus dem
Busen gezogen und ihn in die Schärpe gesteckt. - Salvador hatte sie verstanden -
und es war weiterhin keine Rede mehr darüber zwischen ihm und seiner Mutter,
aber das natürliche, unbefangene Verhältnis zwischen ihnen war seitdem verändert
worden. Nicht als wenn die Liebe und Verehrung, welche Salvador für seine Mutter
empfunden, an Tiefe und Innigkeit verloren; im Gegenteil, er gelangte nun erst
zum vollen Bewusstsein darüber, wie heiss diese Liebe, wie lebendig diese
Verehrung war: aber es mischte sich diesen rein kindlichen Gefühlen eine neue
bis dahin ihm unbekannte Empfindung bei, welche mit einem Worte zu bezeichnen
unmöglich ist. Er wurde seit jenem Tage stiller und in sich gekehrter. Sein
Frohsinn, seine muntere Laune war verschwunden. Er war, ein 15 jähriger Knabe,
zum Manne gereift. Er fiel jetzt nicht mehr, wie früher, wenn er von seinem
tagelangen Umherschweifen nach Hause zurückkehrte, seiner Mutter jubelnd um den
Hals, um ihre Vorwürfe über sein langes Fortbleiben durch Küsse zu ersticken -
er fragte nicht mehr, wie früher, wenn sie zuweilen seinen Liebkosungen mit
einem schweren Seufzer oder gar mit Tränen antwortete, mit trauriger Miene, ob
sie ihm zürne: er küsste nur zuweilen ihre noch immer schönen Hände und blickte
sie - wenn sie es nicht bemerkte - mit einem Blicke an, in dem sich eine an
Schwärmerei grenzende Liebe und Verehrung abspiegelte.
    Ines beunruhigte sich zuerst über diese plötzliche Aenderung in dem
Charakter ihres Sohnes, allmälig aber gewöhnte sie sich daran, besonders als sie
gewahrte, dass seine Liebe zu ihr keinen Abbruch erlitt. Denn sie besass ja nichts
weiter, als dieses Kindes Liebe.
    Es ist natürlich, dass zwei Menschen, die einen gemeinsamen Schmerz haben,
selten, ja fast nie davon mit einander reden, obgleich jeder weiss, dass derselbe
in des Andern Gedanken eben so wie in seinen eigenen fortlebt. So war's auch mit
Ines und Salvador. Sie zeigten einander nie ihre Trauer, noch sprachen sie
davon, so dass ein Dritter, der sie nicht kannte und nicht in ihr Inneres zu
schauen vermochte, vielleicht glaubte, dass sie wenig für und mit einander
fühlten, sondern in frivoler Gleichgültigkeit neben einander hinlebten. Denn da
ihre Gedanken fast stets dem einen Gegenstande, der ihrem Leben die Richtung
gegeben hatte, zugewandt waren, so waren sie überhaupt einsylbig und äusserlich
indifferent in ihrem täglichen Umgange, ausser wenn - wie wir schon erwähnt -
Salvador Abends in der Mussestunde von der Heimat erzählte, dann brach durch die
Rinde jener scheinbaren Indifferenz die tiefe Gemeinschaft ihrer Empfindungen
und Gedanken durch - dann weinten sie wohl lautlose Tränen, Salvador, indem er
seinen Kopf in den Schoss der Mutter legte, Ines, indem sie ihren heissen Mund in
die schwarzen Locken des Sohnes drückte.
    Heute aber war Salvador ein Anderer.
    Er hatte Lydia kennen gelernt; er hatte dem Fürsten in's trotzige Auge
geblickt: zwei Erinnerungen, deren jede - so entgegengesetzter Natur und Wirkung
auf ihn sie waren - hinreichte, um seine Bewegung zu rechtfertigen. Vielleicht
wäre diese noch heftiger gewesen, wenn nicht der Eindruck der einen,
wechselsweise von dem der andern paralysirt worden wäre.
    Ines bemerkte mit einem Blicke seine Unruhe. Doch schwieg sie, weil sie
wusste, dass er ihr nie Etwas verhehlte, das von Wichtigkeit war. Als er aber, im
Zimmer angelangt, anfing, die Livree, welche er auf Geheiss des Paters angelegt,
von seinem Körper zu reissen und mit Füssen zu treten, während die Röte des Zorns
und der Schaam aus seinen Augen blitzte und seine Wangen mit tiefem Purpur
bedeckte: - da konnte Ines ihr Erstaunen nicht länger verbergen.
    - Salvador!? - fragte sie mit halb vorwurfsvollem, halb fragendem Tone.
    Aber Salvador hörte nicht. Halb entblösst stand er mitten in der Stube auf
den Trümmern der unschuldigen Livree, die Hände geballt und Tränen der Wut in
den Augen.
    - Salvador!? sagte noch einmal Ines, deren Erstaunen zur Bestürzung wurde,
mit dem Accent mütterlicher Angst, indem sie die Hand auf seine Schulter legte.
    Da brach des Knaben Leidenschaft in ein wildes Schluchzen aus. Er sank in
die Kniee und barg sein Haupt in der Mutter Schoss.
    - Was ist Dir, Kind? Sprich, was ist geschehen? -
    Lange konnte der arme Knabe keinen Laut hervorbringen. Endlich stammelte er
die Worte:
    - Ich habe Ihn gesehen, Mutter. -
    Wie ein Blitzstrahl, so erschütterten diese wenigen Worte das stolze Herz
der Spanierin. Sie erbleichte und schwankte. Salvador fing sie in seinen Armen
auf und so knieten sie beide, die Arme in einander geschlungen, das Haupt auf
des andern Schulter gelehnt. Mochte es der furchtbare Eindruck sein, den
Salvador durch die Mitteilung auf seine Mutter hervorgebracht, und der eine
beruhigende Rückwirkung auf ihn ausübte, oder war es vielleicht auch der Gedanke
daran, dass er nicht nur »ihn«, sondern auch sie gesehen: genug, er richtete sich
zuerst empor und sagte fast vorwurfsvoll:
    - Warum weint die stolze Ines? Deine Tränen kommen zu früh, meine Mutter.
Ich habe gesagt, dass ich Ihn gesehen. Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn
getödtet. -
    Ines sprang empor. Der Pfeil hatte getroffen.
    - Du hast recht, Knabe. Aber ich glaubte, wenn mein Salvador sagte, dass er
ihn gesehen, so wäre es überflüssig, zu fragen, ob er ihn getödtet. -
    Salvador senkte den Kopf, dann wies er auf die an der Erde liegende Livree
und murmelte: - Der Tio ist daran schuld, dass er noch lebt.
    - Und er wird recht gehabt haben - erwiederte Ines, die sich jetzt gefasst
hatte. - Verzeih' mir, mein Sohn, Beides: meine kleinliche Schwäche und meinen
ungerechten Vorwurf.
    Salvador erzählte jetzt seine Abenteuer vom heutigen Tage. Als er Lydias
erwähnte, stockte er anfangs. Doch Ines war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken
beschäftigt, um darauf zu merken. Er hatte vollendet. Doch schien es, als habe
er seiner Mutter noch eine andere Mitteilung zu machen, über deren Einkleidung
er nur noch zweifelhaft war. Er erwählte den kürzesten Weg.
    - Ich werde Dich Morgen verlassen, Mutter - sagte er mit niederschlagenden
Augen und leiser Stimme.
    - Verlassen? Ich verstehe Dich nicht.
    - Auf einige Wochen - oder Monate - oder -
    - Und wohin willst Du gehen? - fragte Ines erstaunt.
    - Nach dem Norden, in eine grosse Stadt. Berlin, glaube ich, heisst sie.
    - Und morgen schon? das ist hart von Angelikus, uns so schnell und gerade
jetzt wieder zu trennen.
    - Der Tio weiss nichts davon, Mutter. Es ist mein eigener Entschluss. -
    - Dein eigener Entschluss?! So geht Er auch nach dem Norden? - - -
    - Ich weiss es nicht. Aber sie geht nach dem Norden. - Nur mit Zittern
brachte er diese Worte heraus.
    - Sie? - fragte erstaunt Ines, die an Lydia nicht mehr dachte, jetzt aber
genauer nachforschte. Salvador erzählte das Zusammentreffen zwischen Lydia, dem
Fürsten und dem Pater noch einmal. Jetzt begriff sie seinen »Entschluss« und war
sehr bestürzt darüber, nicht nur, weil sie sich von dem Sohne ungern, zumal
jetzt, trennte, sondern besonders, weil sie die Gewalt fürchtete, die eine so
frühzeitige Liebe über ihn ausüben würde, und die ihn vielleicht von ihrem
gemeinsamen Plane, wenn nicht entfremden, so doch für einige Zeit entfernen
könnte. Sie versuchte ihm das Zwecklose seines Unternehmens darzustellen.
Vergebens, er blieb fest und bat seine Mutter, nicht ferner in ihn dringen zu
wollen. Er könne nicht anders. Eine innere Stimme sage ihm, dass sein »Entschluss«
gut und nützlich sei. Auch werde Pater Angelikus schon dafür sorgen, dass Ines
ihm bald nachfolgen könne.
    Während sie eben im Begriff war, das letzte Mittel - die Erinnerung an
seinen ihr geleisteten Schwur - anzuwenden, um ihn zum Bleiben zu zwingen, trat
Pater Angelikus ein und sah mit erstauntem Blick bald auf den entkleideten
Salvador, bald auf die am Boden liegende Livree.
    - Was bedeutet das, mein Sohn? - fragte er mit leisem Stirnrunzeln, nachdem
er Ines mit einem warmen Händedruck begrüsst hatte. Salvador bückte sich, die
Stücke aufzuheben, um sein Erröten zu verbergen.
    - Ich bin gekommen, teure Ines - fuhr der Pater fort, ohne die Antwort des
Knaben abzuwarten - nun Euch auf eine neue Trennung von Eurem Sohne
vorzubereiten. Er wird schon morgen in Begleitung zweier Damen nach Berlin
reisen.
    Salvador horchte hoch auf. Sein Herz klopfte ungestüm, doch wagte er nicht
zu fragen, was für Damen es seien, mit denen er reisen solle.
    Während Salvador sein bescheidenes Bündel packte, und vor allen Dingen seine
Schärpe und seinen Dolch sorgfältig einwickelte, teilte Angelikus mit leiser
Stimme Ines die Gründe mit, die ihn bewogen hätten, ihren Sohn als Begleiter
Alicens und Lydias nach Berlin reisen zu lassen. Diese Gründe mussten wohl sehr
überzeugender Natur sein, denn Ines drückte befriedigt beim Abschiede dem Pater
die Hand, presste Salvador einen Kuss auf die Stirn und empfahl sie Beide dem
Schutze ihres Heiligen.
 
                                       VI
Es schlug gerade Mitternacht, als der Pater und Salvador durch die stillen
Strassen der Vorstadt wandelten.
    -- Salvador - sagte jener mit ernster Stimme - Du bist heute zwei Mal
ungehorsam gewesen. Deine Heftigkeit kann uns Alle ins Verderben stürzen. Du
musst Dich beherrschen lernen, mein Sohn; nur durch Selbstbeherrschung gelangt
man zum Ziel, präge Dir das wohl ein. Und nun merke auf. Du kennst jetzt den
Fürsten, Du wirst ihm gefolgt sein und seine Wohnung erspäht haben. Dass Du nach
jener unvorsichtigen Scene auf dem Perron nicht in seine Dienste einzutreten
versuchen würdest, konnte ich mir leicht denken. Es ist auch besser so, wie es
jetzt ist. Aber das ist nur ein Zufall, dass es besser ist, ein Zufall, der Dich
nicht berechtigt, abermals ungehorsam zu sein. - Habe Acht, was ich sage. Du
wirst um 2 Uhr wieder auf dem Perron oder vielmehr in der Nähe sein, damit Du
nicht gesehen wirst; Du wirst Acht geben, ob der Fürst um 2 Uhr 20 Minuten ins
Haus geht; hörst Du? genau 2 Uhr und 20 Minuten. Es ist notwendig, dass Du auch
die nächste Querstrasse rechts vom Hause beobachtest. Dort ist ebenfalls ein
Eingang. Wenn er hinein ist, so merkst Du Dir genau die Zeit, während welcher er
darin bleibt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er nicht aus derselben Türe
herauskömmt, durch die er hineingegangen. Richte Dich darnach. Sobald er das
Haus verlassen, eilst Du zu mir und stattest mir genauen Bericht ab.
    Salvador versprach Alles getreulich zu erfüllen. Doch war seine Neugierde in
Betreff der beiden Damen zu gross, als dass er nicht wenigstens die schüchterne
Frage wagen musste, ob er nicht die Eine davon bereits gesehen.
    - Was kümmert Dich das? - fragte lächelnd der Pater, indem er ihn forschend
anblickte. - Allerdings, die Eine von Ihnen ist dieselbe, welche Du nach der
Kirche begleitet, und zwar ohne meine Erlaubnis. - Und nun sei wachsam und lasse
die überflüssigen Gedanken fahren. Gute Nacht. Der fromme Pater hatte seine
guten Gründe, weshalb ihm die keimende Liebe Salvadors zu Lydia nicht unlieb
war. Wir werden sie später kennen lernen. Salvador eilte leichten Herzens auf
seinen Posten.
 
                                      VII
Wir müssen jetzt kurz dem Leser davon Rechenschaft geben, wie es zuging, dass
Pater Angelikus noch einen so späten Besuch bei Ines machte. Er - nämlich der
Leser - wird sich erinnern, dass der ehrwürdige Herr, nachdem er sich vom Fürsten
getrennt hatte, über die Ferdinandsbrücke schritt, um sich nach Hause zu
begeben.
    Als er jedoch an dem jenseitigen Ufer angelangt war, fiel ihm ein, dass er
von Alicen keinen Abschied genommen, indem er, sobald der Fürst sie verlassen
hatte, die geheime Treppe hinab, über den Hof geeilt und durch die Seitenstrasse
in die Wollzeile einbog, gerade in dem Augenblicke, wo der Fürst das Haus
verlassen wollte. Es fiel ihm, wie gesagt, ein, dass er von Alicen keinen
Abschied genommen. Das war unartig, es war wahr: es war undankbar, und vor allen
Dingen: es war unklug. - Was musste Alice daraus schliessen? sie, vor deren
Klugheit er einen gewissen Respekt hatte - - und das wollte bei Angelikus viel
sagen. - Würde sie nicht auf die Vermutung kommen, dass er mehr ahne, als ihr
lieb sei? Dass er vielleicht mit dem Fürsten gesprochen und von diesem durch
unschuldig scheinende Fragen mehr erfahren, als ihr zweckdienlich scheinen
mochte? Und würde diese Vermutung ihm nicht ihr Misstrauen, ihren Hass zugezogen
haben? - Der Pater war empfindlich gegen diesen Hass, er fürchtete die
Feindschaft dieser Frau nicht nur deshalb, weil er ihrer notwendig bedurfte,
sondern auch darum, weil sie ihm, das heisst: seinen Plänen gefährlich werden, ja
sie vollständig vernichten konnte.
    Er wandte also seinen Schritt dahin, woher er gekommen, zu Alicens Wohnung.
    Unterwegs durchleuchtete ein neuer Gedanke sein grübelndes Gehirn.
    Er wollte Alicen einen ihm mit Leib und Seele ergebenen und verschwiegenen -
Begleiter mitgeben: Salvador. Es passte sich vortrefflich, dass Lydia den
Schwarzkopf schon kannte und, wie es schien, Vertrauen zu ihm gefasst hatte. Er
würde also von dieser Seite keinen Einwand zu bekämpfen, ja vielleicht Beistand
bei seinem Antrage zu erwarten haben.
    Zugleich entfernte er dadurch den leidenschaftlichen Jungen aus der Nähe des
Fürsten, da ihm - aus Gründen, die später deutlicher sich darlegen werden -
Alles daran gelegen war, dass der Fürst für's Erste unangetastet blieb. Während
er diese Reflexionen machte, war er bei Alicen angelangt, deren forschenden
Blick er glücklich zu ertragen wusste. In Bezug auf seine Bitten wegen des Knaben
kam ihm Alice auf halbem Wege entgegen. Sie ahnte die Schlinge nicht, die ihr
damit gelegt wurde. Nachdem noch das Nähere und Weitere verabredet war, und
Angelikus versprochen hatte, Salvador des Morgens früh, eine Stunde vor ihrer
Abreise, bei ihr einzuführen, empfahl er sich und eilte, froh darüber, die
doppelte Verlegenheit so schnell und leicht überwunden zu haben, zu Ines.
    Wir kehren nunmehr zu unserm jungen Nachtwandler zurück.
    Mit schnellen Schritten eilte er dem Stephansplatze zu. Hier wurde sein Gang
langsamer, bis er endlich das bezeichnete Haus erreicht hatte. Es war ganz
dunkel, nur das äusserste Eckfenster des zweiten Stocks war erhellt. Des Knaben
Phantasie brachte ihn sofort zu der Ueberzeugung, dass dies ihr Fenster sei: und
wirklich hatte er diesmal recht. Die beiden Frauen mochten mit Einpacken
beschäftigt sein, denn Salvador sah häufig bald einen bald zwei Schatten auf den
weissen Rouleaux, welche zum Schutz gegen neugierige Blicke der
gegenüberliegenden Etagen niedergelassen waren, hin und her gleiten. Salvador
setzte sich auf einen Prellstein an der Ecke eines gegenüberstehenden Hauses,
und sah unverwandten Blickes zu dem Fenster empor. Mitternacht war längst
vorüber; dumpf hallte die Glocke des Stephansturms die erste Stunde des Morgens
durch die schweigende Nacht. - Salvador hatte seinen Blicken noch keine andere
Richtung gegeben. -
    Wieder war eine Stunde vorüber. Es schlug zwei: der Knabe rührte sich nicht.
»Merke genau« - hatte der Pater gesagt - »zwei Uhr und zwanzig Minuten.«
Salvador hatte es vergessen. Aber als die Wellen des letzten Schlages in die
reine Luft verflossen waren, wollte es ihm bedünken, als ginge eine Veränderung
in dem Zimmer vor. Es wurde plötzlich lichter als zuvor, dann trat die frühere
matte Helligkeit wieder ein, aber bald darauf erhellten sich zwei an der andern
Seite des Gebäudes gelegene Fenster in derselben Etage. - Da kam Salvador zum
Bewusstsein; er raffte sich empor und besann sich darauf, dass es zwei Uhr
geschlagen. Zugleich fielen ihm die Worte des Paters ein: Zwei Uhr und zwanzig
Minuten. Er zog seine blaue Jacke, die er über die Livree gezogen, fester um
sich, drückte seinen Strohhut tiefer ins Gesicht und begann jetzt, langsam die
Strasse auf und niederzuschreiten, indem er rings spähende Blicke umherwarf, die
jedoch zuweilen auch das Eckfenster trafen.
    Sein Herz klopfte, als sollte er ein Verbrechen begehen, stärker und
stärker, je näher es dem festgesetzten Zeitpunkt kam. Endlich sah er eine tief
in den Mantel gehüllte männliche Gestalt vom Stephansplatz her die Wollzeile
heraufschreiten. Er erkannte sogleich den Fürsten, und ging ihm schlendernden
Ganges, und als bemerke er ihn gar nicht, entgegen. Der Fürst eilte an ihm
vorüber, ohne ihn zu beobachten. Jetzt musste er an der Haupttüre sein; Salvador
wandte sich um: die Türe öffnete sich - der Fürst war verschwunden.
    Salvador nahm wieder seinen Platz auf dem Eckstein ein: das Fenster Lydias
war dunkel; - dagegen strahlten die andern beiden, später erhellten Fenster
einen durch keine Rouleaux gebrochenen Glanz ihm entgegen. - Jetzt trat eine
männliche Gestalt an das Fenster. Da fuhr es ihm wie ein Dolchstich durch die
Seele und er fühlte zum ersten Male den schmerzhaften Stachel der Eifersucht in
seinem Herzen, das in diesem Augenblicke seine Unbefangenheit für immer
verloren.
    - Fürst Lichninsky - flüsterte halb träumerisch der arme Knabe, indem er
drohend die Hand gegen den Himmel erhob:
    - Fürst Lichninsky, Sie stehen mir im Wege. -
    Folgen wir nun dem Fürsten zu Alicen.
    Rasch stieg er die Treppen hinan und war wenige Sekunden darauf bei Alicen.
    Der Fürst stellte den Hut aufs Fenstergesims und warf mit jener graziösen
Nachlässigkeit, die nur bei wirklich aristokratischen Naturen nicht affectirt
erscheint, seine Handschuhe hinein.
    - Ich habe Sie also verstanden - sagte er mit gleichgültigem Tone - Sie
erwarteten mich.
    - Freilich, ich erwartete Sie und nun will ich Ihnen vor allen Dingen
Aufklärung darüber geben, was heute oder vielmehr gestern Abend Sie zu jenem
absonderlichen Missverständnisse verleitete, als würden wir belauscht.
    Der Fürst erwiederte nichts. Er rückte einen Stuhl an den Tisch, hinter
welchem Alice auf dem Sopha sass und blätterte in einem Reisealbum, das sie auf
allen ihren Streifzügen mit sich führte und mit ihren Erinnerungen bereicherte.
    - Sie scheinen nicht begierig darauf - fuhr Alice mit gereiztem Tone fort,
froh darüber, einen Grund zum Streit gefunden zu haben, der sie vielleicht der
Notwendigkeit einer solchen »Aufklärung« - überheben könnte. - Schweigen wir
also davon, wenn Sie es so wünschen.
    - Ich wünsche es nicht - sagte lakonisch der Fürst.
    Alice glaubte sich durchschaut und errötete unwillkührlich. Sie musste zu
einer andern Taktik ihre Zuflucht nehmen, das fühlte sie wohl. - Sie setzte der
Einsylbigkeit des Misstrauens die Einsylbigkeit des Stolzes entgegen.
    - Was wünschen Sie also, Durchlaucht? - fragte sie fast hochmütig.
    Der Fürst blickte empor: - Sie haben gewünscht, gnädige Frau - erwiederte er
mit derselben hochmütigen Kälte - dass ich um diese Zeit hier mich einfinden
solle, wenn ich Sie richtig verstanden. Nun denn, ich bin hier, auf Ihren Wunsch
nämlich. Es könnte demnach auffallend scheinen, dass jetzt, wo ich Ihrem Wunsche
gehorsam, mich eingestellt, Sie mich fragen, was ich wünsche. -
    Der Fürst erhob sich. - Das Umgekehrte wäre naturgemässer, sollte ich meinen.
Indessen war ich zu bescheiden, um eine solche, gegen alle gute Lebensart
sündigende, Frage an Sie zu richten. Ich wartete ab: voilà tout. -
    Der Fürst warf seinen Mantel über die Schultern.
    Alice erbleichte, als sie sah, dass der Fürst entweder wirklich beleidigt war
oder den Beleidigten spielte. In beiden Fällen war er gegen sie im Vorteil;
aber ihr Benehmen musste für jeden der beiden Fälle ein durchaus verschiedenes
sein. Schnell wie sie die Notwendigkeit dieser Unterscheidung erkannte,
beantwortete sie sich auch die Frage, ob die kalte Gereizteit des Fürsten nur
eine Maske war, vermittelst deren er über sie zu triumphiren versuchen wollte,
oder ob er diesmal wirklich beleidigt war. Im ersten Falle konnte sie es wagen,
Trotz dem Trotzigen zu bieten, denn sie war sich ihrer grösseren Consequenz
bewusst; im andern Falle war ihre Lage schwieriger; und - sie konnte es sich
nicht abläugnen, dass sie sich in dieser schwierigen Lage wirklich befand. - Der
Fürst ergriff seinen Hut und steckte die Handschuhe in die Rocktasche. -
    Vielleicht wird der Leser lachen, wenn wir ihm mitteilen, dass in diesem
einzigen Umstande, dass der Fürst die Handschuhe in die Tasche steckte, Alice die
Ueberzeugung gewann, der Fürst sei ernstlich erzürnt auf sie. Er hätte sie
sicher - so reflektirte sie - mit hastiger Langsamkeit angezogen, um für sich
Zeit zu gewinnen und ihr zu lassen. Ihr Operationsplan war gefasst. Sie schwieg
und lehnte sich, die Hand über die Augen haltend - als blendete sie das Licht, -
in das Sopha zurück. Ihr ganzes Wesen nahm den lebendigen Ausdruck einer aus
Misskennung stammenden Resignation an. -
    Der Fürst war zum Abschiednehmen fertig. Er stand vor ihr, erwartend, dass
sie sich emporrichten würde. Aber sie reichte ihm - ohne ihre Stellung zu
verändern - die linke Hand und sagte mit leiser Stimme, als fürchte sie durch
lauteres Sprechen ihre Bewegung zu verraten: - Leben Sie wohl, Felix! - Es lag
ein solcher Zauber in diesem Ton, dass des Fürsten Zorn schon halb gebrochen war.
Er hielt ihre kleine zierliche Hand noch in der seinigen, schwankend, was er
sagen, was er tun solle. Jetzt überflog sein Auge die vor ihm liegende reizende
Gestalt, welche durch ein schneeweisses, leichtes Negligee noch mehr gehoben,
einen verführerischen Anblick darbot.
    - Alice - sagte sanft der Fürst, indem er ihre Hand nach einem leisen Drucke
fahren liess.
    Alice liess ihre Rechte von der Stirn gleiten. Zwei grosse Tränen glänzten in
ihren Augen. Sie blickte ihn durch dieselben mit unaussprechlicher Traurigkeit
an.
    Jetzt war es um des Fürsten Kälte geschehen. Er warf Hut und Mantel weit von
sich und kniete vor Alicen nieder, ihren schlanken Körper umfassend und an seine
Brust drückend. Sie beugte sich über ihn und drückte einen Kuss in sein schwarzes
reiches Haar.
    - Du hast mir wehe getan, Felix - sagte sie mit demselben sanften Tone der
Resignation.
    - Verzeihung Alice -
    - Höre mich jetzt, ich will Dir erklären -
    - So willst Du mir nicht verzeihen? - bat der Fürst. - Ich glaube Dir, ich
vertraue auf Dich und bitte Dich zum Zeichen, dass Du mir verziehen, mich nicht
demütigen willst durch die Erinnerung an meine gestrige Tollheit, von jeder
Erklärung abzustehen. - Versprich mir das, Alice! Die Strafe wäre zu hart,
wolltest Du darauf bestehen; denn es wäre eine Mahnung daran, dass ich Dir
misstraute. Noch einmal: Verzeihung Alice! -
    Alice hatte vollständig gesiegt.
    Sie hatte gezittert bei dem Gedanken an die Notwendigkeit einer Aufklärung.
Jetzt wurde es von ihr als eine Gnade erbeten, darüber zu schweigen. Konnte ein
Sieg vollständiger sein? Aber Alice verstand nicht nur zu siegen, sie verstand
auch ihren Sieg mit Vorsicht zu benutzen. - Sie entzog sich nicht den
Liebkosungen Lichninsky's, sie gab ihnen aber auch nicht nach. Sie wollte seine
Leidenschaft in diesem Augenblicke weder bis zur Glut anfachen, noch bis zur
Kälte dämpfen. - Denn in beiden Fällen würde sie nicht erreicht haben, was sie
wollte: einen Blick in die letzte Perspektive seiner Pläne zu werfen.
    - Schweigen wir also davon, wenn Sie es so wollen - sagte sie mit
schalkhaftem Lächeln, welche die Ironie milderte, die in der Wiederholung dieser
am Anfange des Gesprächs von ihr gebrauchten Worte lag. - Und nun erheben Sie
sich aus dieser für Sie demütigenden Stellung und setzen Sie sich an meine
Seite.
    - Sie sind grausam, doppelt grausam in diesem Augenblick. Ich nehme es aber
als gerechte Strafe hin, und gehorche. - Er sprang auf, und ging mit grossen
Schritten im Zimmer auf und ab. - Alice beobachtete ihn. -
    - Sie sind heute sonderbar aufgeregt, Felix. Ist es erlaubt, nach dem Grunde
zu fragen?
    - Glauben Sie an Ahnungen, Alice? - fragte der Fürst, indem er vor ihr
stehen blieb.
    - An Ahnungen? - Je nachdem - wenn ich gerade in der Stimmung bin. -
Indessen, Sie wissen, dass ich Ateistin bin. Wer keinen Glauben hat, sollte ich
denken, ist noch weniger dem Aberglauben zugänglich.
    - Das ist kein Grund. Die radikalsten Freidenker sind wie die
sentimentalsten Pietisten am abergläubischsten. Les extrêmes se touchent.
    - Mag sein; ich will mit Ihnen nicht philosophiren. Wie kommen Sie jedoch
darauf?
    - Weil ich seit gestern Abend das Gefühl nicht los werden kann, als - aber
Sie müssen nicht lachen! - als weile irgend eine feindliche Macht, ein
Unbekannter, ein je ne sais quoi in meiner Nähe, das - nun ja, das mir den
Garaus zu machen bestimmt ist.
    Alice lachte laut auf. - Sie haben ein böses Gewissen, Freund, schämen Sie
sich.
    - Ein böses Gewissen? - Der Fürst schüttelte den Kopf. - Sehen Sie, das
ist's eben, was mich zur Verzweiflung bringt, dass ich diesem Gefühl keinen
Stoff, keinen Anhalt geben kann. Es ist eine Albernheit, eine Verrückteit - ich
gebe es zu: aber das ändert die Sache nicht.
    - Schade, dass ich heute abreisen muss, ich könnte Sie sonst Morgen Abend zu
einer berühmten Sybille führen, die Ihnen aus den Karten Ihr Schicksal wahrsagen
würde.
    - Scherzen Sie nicht. Ich sage Ihnen, dass ich seit gestern Abend den
Damokles für keinen Feigling halte, wie ich sonst getan.
    - Vielleicht hat sich irgend Eine Ihrer verlassenen Geliebten auf den Weg
gemacht, um den Verräter zu strafen, eine wütende Römerin, oder - was
wahrscheinlicher ist - eine rasende Spanierin. -
    Alice hatte in ihrer gewöhnlichen scherzhaften Weise gesprochen, ohne daran
zu denken, dass ihre Worte mehr als eine Neckerei entalten könnten. Wie
erstaunte sie, als sie den Fürsten plötzlich bis an den Rand der Lippen
erbleichen sah. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, schüttelte sich, wie
Jemand, der einen schweren Traum gehabt und brach sodann in ein Gelächter aus. -
    Dies Lachen aber klang unheimlich und misstönend.
    - Zum Teufel mit der Gespensterfurcht! - Im Arm der Liebe werden die
Phantome weichen, wie die Nebel vor dem Sonnenstrahl.
    Wieder warf er sich vor Alicen nieder. Sein Auge brannte fieberhaft und
seine Wangen glühten in dunklem Purpur. Mit Heftigkeit riss er das schöne Weib an
sich, das in diesem Augenblicke ihr Herz etwas rascher schlagen fühlte.
    - Ruhig, Felix - ein leises Zittern beschlich ihre Stimme - wir haben noch
Vieles und Wichtiges mit einander zu sprechen. Hören Sie, schon ist's 3 Uhr;
noch drei Stunden und ich habe Wien verlassen, um es vielleicht auf lange Zeit
nicht wieder zu sehen. - - - - Felix, ich bitte Dich - -
    Vielleicht wäre Alicens Widerstand geringer gewesen, wenn sie nicht
gefürchtet hätte, dass der Fürst in seiner Leidenschaftlichkeit alles Andere, um
das es ihr bei diesem Rendezvous gerade zu tun gewesen, vergessen würde. Aber
die Grenze war bereits überschritten, wo sie ihn zur Besinnung zurückzuführen
noch vermocht hätte. Er war in einer, durch mannigfache Eindrücke, denen sein
phantastisches Gemüt so zugänglich war, verstärkten Aufregung, deren Wellen sie
durch nichts mehr als durch die schnellste Flucht in ihre Ufer zurückdämmen
konnte. - Sie riss sich daher aus seinen Armen los, und eilte in das Nebenzimmer.
    Der Fürst gehörte zu jenen Naturen, die einmal im Innern von einer Idee
erfasst, im nächsten Augenblicke alle Mittel anwenden, sie zu erreichen, und die
bei ihrem gewaltsamen Anstreben keine Schranke achten und keine Autorität
respektiren. Ist der Widerstand grösser als ihre Kraft, so erschlaffen sie
freilich eben so schnell und beruhigen sich bei dem Gedanken der Unmöglichkeit
um so leichter, als in den meisten Fällen ihr wandelbares Herz schon wieder
durch ein neues Objekt in Anspruch genommen wurde.
    Der Fürst sprang empor wie ein verwundeter Tiger. Sein Auge rollte, seine
Lippen schäumten, seine Brust hob und senkte sich krampfhaft. So stand er vor
der verschlossenen Tür. - Einen Augenblick war sein Blick auf die Scheidewand
zwischen ihm und seinen Wünschen gerichtet, dann stürzte er mit einem
verzweifelten Satz darauf los: die Türe krachte in ihren Fugen und flog mit
einem ungeheuren Knall auf.
    Alice stand bleich und zitternd mitten in ihrem Schlafzimmer. Endlich brach
sie in ein lautes Gelächter aus.
    - Nun wahrhaftig - ich habe geglaubt, dergleichen Rittertaten seien nur in
Italien oder Spanien an der Tagesordnung. Ich weiss Ihnen Dank für diesen
Liebesbrief in Frakturschrift, Felix, und werde mich erkenntlich beweisen.
Nehmen Sie Platz.
    Das Schlafzimmer Alicens bot einen Anblick von raffinirter Verschmelzung von
orientalischem Luxus und aristokratischer Einfachheit dar.
    Die herrschende Farbe desselben war ein mattes Blau, welches in bald
hellerer, bald tieferer Schattirung die schweren seidenen Gardinen, die
Teppiche, die Tapeten und den wollüstigreichen Divan bedeckte. Die eigentliche
Bedeutung dieses Blaues aber war in einer kleinen dunkelroten Ampel entalten,
welche von der Decke herabhängend, aus ihren tausend scharf geschliffenen
Façaden einen Purpurglanz ausstrahlte, der sich auf's Innigste mit dem Blau des
Zimmers vermählend, das Letztere in eine Teinte hüllte, deren mannichfaltiges
zauberhaftes Farbenspiel ein Abglanz der Empfindungen darzustellen schien,
welche in dem Busen der schönen Bewohnerin dieses Zimmers auf und ab wogten.
    Der Fürst stand noch immer lautlos vor Alicen. Endlich sagte er mit düsterm
Blicke, einer Stimme, die vor Bewegung zitterte:
    - Sie spielen mit mir Alice. - Sagen Sie mir den Grund, so will ich
zufrieden sein. - - Sie antworten nicht?
    - Weil ich Sie nicht verstehe.
    Der Fürst lächelte ironisch. - Wir scheinen heute dasselbe Unglück zu haben.
Schade, dass die Zeit zu kurz ist, um ein gründliches Verständnis herbeizuführen.
So hören Sie denn, was meine Meinung darüber ist. Wenn ich von Ihnen gehe, ohne
dass die heutigen Rätsel zwischen uns gelöset sind, so hüten Sie sich - ich rede
als Freund zu Ihnen - mir künftighin noch andere aufzugeben. Ich könnte das
Unglück haben, für Sie ein Oedipus zu werden.
    - Halten Sie mich in der Tat für ein Ungeheuer? - lächelte Alice mit
schelmischer Koketterie. Seien Sie kein Tor, Felix, und lassen Sie Ihre
düsteren Sentimentalitäten bei Seite. Was ich von Ihnen fordere, ist vor allen
Dingen Mässigung, im Uebrigen werden wir uns, hoffe ich, verständigen, wenn Sie -
woran ich nicht zweifle - von der Wahrheit des Satzes durchdrungen sind, dass
halbes Vertrauen bedenklicher ist, als vollständiges Misstrauen. - Und nun setzen
Sie sich und reden wir vernünftig.
    Alice fasste den kaum Widerstrebenden bei der Hand und zog ihn auf den Divan
nieder.
    - Gut - sagte der Fürst - ich will Ihnen Alles sagen, doch vorher eine
Frage: Wer hat Ihnen den Brief an die Herzogin von Nagus gegeben und was ist
sein Inhalt?
    Alice besann sich eine kurze Zeit. - Der Brief ist von Angelikus. Seinen
Inhalt kenne ich nicht.
    - Ich dachte es mir - murmelte der Fürst. - Nur zu, ihr Heuchler und
Schleicher. Eure Schlingen sind fein angelegt. Nehmt euch in Acht, dass nicht
zuletzt euer eigener Hals darin stecken bleibt.
    - Es bedarf von meiner Seite nicht der Aufforderung an Sie, von dieser
Mitteilung keinen Gebrauch zu machen.
    - Seien Sie ruhig. Es liegt in meinem eigenen Interesse, dass Sie mich
getäuscht glauben. - Nehmen wir nun unser heutiges Gespräch wieder auf. Hier
habe ich Ihnen sämmtliche Adressen, welche Sie brauchen, aufgeschrieben. Er
reichte Alicen einen Zettel. - Nehmen Sie auch für alle Verbindungen, die ich in
Berlin besitze, diese Erkennungskarte, die Ihnen alle Türen öffnen wird.
    Alice lächelte. - Sie rechnen sich also auch zu den Kindern des Achtzehnten?
Das habe ich nicht gewusst.
    Der Fürst sprang, wie von einem Zauberschlage getroffen, empor. Langsam
setzte er sich wieder nieder.
    - Sie gehören zu den Eingeweihten; desto besser. So bedarf es der Einführung
nicht, und wir können deutlicher mit einander sprechen. - Des Fürsten Stimme
wurde plötzlich ernst, eine tiefe, innere Bewegung schien ihn zu durchströmen,
als er fortfuhr: Alice, teures Weib, wenn je ein Augenblick günstig war, um
Vertrauen gegen Vertrauen auszutauschen, so ist es dieser. Ich sage Ihnen offen,
dass ich über das, was die Achtzehner wollen, hinaussehe. Was jene wollen, ist
für mich nur der Anfang des Anfangs. Es wird an uns liegen, ob wir das Ende
erreichen. Gehen Sie denn hin und seien Sie aufmerksam. Nehmen Sie an den
Versammlungen Teil, aber compromittiren Sie sich nicht durch irgend welche
Demonstration. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, die Führer zu vertraulichen
Mitteilungen zu veranlassen. Behalten Sie getreulich Namen und Sachen, aber
schreiben Sie nichts auf. - Alice, wollen Sie mit mir kämpfen, mit mir die
Früchte des Sieges geniessen? Der Fürst schlang seinen Arm um den schönen Leib
Alicens, die ihren Kopf an seine Schulter gelehnt hatte. Ihre Lippen fanden
sich. Alice wusste jetzt genug, um länger zu widerstreben. In dem Rausche der
Leidenschaft, in den sie den schönen Mann versetzte, legte sich seine Seele
völlig klar ihren Augen dar und war noch eine Falte übrig gewesen, so hatte sich
diese unter der liebkosenden Hand der schönen verführerischen Frau schiegsam
geglättet.
    Es schlug 5 Uhr, als sich Alice aus den Armen des Fürsten emporraffte. -
Lebe wohl, Geliebte - in Berlin sehn wir uns wieder.
 
                                  Zweites Buch
                                        I
Es war ein unfreundlicher Märzabend. Auf den Strassen Berlins lag ein dichter
Nebel, den zu durchdringen die zahlreichen Gasflammen sich vergebens
anstrengten. Mit raschen Schritten und tief in Mäntel gehüllt oder unter
schützenden Regenschirmen sich bergend eilten die geschäftigen Bewohner der
preussischen Residenz auf dem feuchtglänzenden Trottoir an einander vorüber.
    Auf dem Turme der Nikolaikirche in der Poststrasse schlug es 8 Uhr.
Zahlreich strömten aus den Tabaksfabriken der Königsstadt die Arbeiter und
Arbeiterinnen, um sich nach ihren Familien in den Vorstädten zu begeben. Nicht
wie die Schnitter und Schnitterinnen auf dem Lande unter fröhlichem Scherz und
munterem Gelächter, wenn sie dem mit Garben hochbeladenen Wagen folgend am Abend
nach vollbrachtem Tagewerk ins Dorf ziehen: - lautlos und finster schlichen sie
dahin, und nur eine Hoffnung beflügelte ihre Schritte, im Schlaf das Bewusstsein
ihres qualvollen Daseins los zu werden. - Und wohl ihnen, wenn dies Bewusstsein
in ihnen noch lebendig war, aber bei den meisten war statt dessen eine stumpfe
Indifferenz vorhanden, die sie gegen Trost und Hoffnung, wie gegen den Schmerz
und die Entbehrung gleicherweise unempfindlich machte. Unter den jungen Mädchen,
welche aus dem hellerleuchteten Laden des Fabrikanten P.. in der Königsstrasse
heraustraten, wäre dem aufmerksamen Beobachter vielleicht nur eins aufgefallen,
in dessen Gesicht sich noch das Gefühl der Herabwürdigung abspiegelte; und doch
war gerade dieses eine der ältesten Cigarrenwicklerinnen der Fabrik. Sie hiess
Anna und war 16 Jahre alt. Um sich besser gegen den allmälig zum Regen
gewordenen Nebel zu schützen, hatte sie ein dunkelbraunes, grobwollenes Tuch um
den Kopf und Hals geschlungen, so dass man nur ihre dunkelblauen Augen, aus denen
eine in diesem Alter selten verständige Resignation sprach, so wie ihre
feingeschnittene Nase erkennen konnte, so richtete sie, abgesondert vom grossen
Haufen, einsam ihren Weg nach einer der düstern nordöstlich gelegenen Vorstädte.
    Es war heute Zahltag gewesen: sie brachte den Lohn für die Arbeit einer
ganzen Woche mit nach Hause. Sie rechnete nach, wie viel jede Stunde, die sie in
der Fabrik angestrengt gearbeitet, ihr eingetragen habe und brachte endlich
heraus, dass es im Durchschnitt fünf Pfennige ausmache. Fünf Pfennige für eine
ganze lange Stunde - das war freilich wenig, um eine ganze Familie damit zu
ernähren. Denn Anna musste ausser ihren Eltern noch fünf Geschwister, vor denen
das jüngste noch an der Mutter Brust war, unterstützen. Zwar hatte sie noch
einen ältern Bruder - Rudolph, oder wie er gewöhnlich genannt wurde: Ralph - ein
fleissiger und geschickter Maschinenbauer. Aber der war seit einiger Zeit ein
ganz anderer Mensch geworden: früher heiter und lebensfroh, jetzt düster und in
sich gekehrt. Ihr Vater, der alte Naumann, war ein geschickter Tischler, da er
jedoch schon lange keine Arbeit mehr erhielt und die Not gross war, so hatte er
sein Arbeitszeug verkaufen müssen und flocht jetzt Körbe. Aber das brachte auch
wenig oder nichts ein. Der Winter war sehr hart gewesen, sie hatten die Miete
nicht bezahlt und es war vorauszusehen, dass der Wirt des Familienhauses - sie
wohnten in einem Familienhause im Voigtlande - ihnen im Kurzen, wie man zu sagen
pflegt, den Stuhl vor die Türe setzen würde.
    Bei der Klasse von Menschen, zu denen die Naumannsche Familie gehörte, ist
es etwas sich ganz von selbst Verstehendes, dass die Kinder, sobald sie die Jahre
erreicht haben, wo die Sprösslinge »anständiger Leute« anfangen, das Gymnasium
oder die höhere Töchterschule zu besuchen, ihre Schuld an die Familie durch
Arbeit abtragen. Darin liegt nicht etwa ein sentimentaler Anstrich von Edelmut,
oder Aufopferungsfähigkeit, oder Elternliebe - im Allerentferntesten nicht;
sondern die Kinder sind in dieser Sphäre der Gesellschaft ein Kapital, dessen
Herstellung bis zu dem Punkte, wo es seine Zinsen trägt, »gekostet« hat und nun
von diesem Punkte an nicht nur durch sich selbst existiren, sondern auch einen
Überschuss zur Amortisation der Beschaffungskosten abwerfen muss. - Es war
deshalb der guten Anna auch nie in den Sinn gekommen, aus ihrer arbeitsamen und
entsagungsreichen Lebensart das erhebende Bewusstsein einer sie ehrenden
Handlungsweise zu schöpfen, ein Bewusstsein, das sie vielleicht gestärkt und
ermutigt hätte: Diese Reflexion lag ihr durchaus fern, sie sah darin nichts
weiter als ihre »Bestimmung«, der sie nicht entgehen könne. Zwar stieg wohl
zuweilen, wenn sie ihre kleinen, aber von der beissenden Lauge, worin sie die
Tabaksblätter wusch, zerfressenen, harten Hände betrachtete, in ihr die Frage
auf: warum denn gerade sie und so viele andere ihrer Mitarbeiterinnen zu dieser
beschwerlichen und wenig lohnenden Arbeit »bestimmt« seien, während es so viele
junge Mädchen gibt, die ihren Tag damit hinbringen, sich zu putzen und ins
Teater zu fahren - aber solche Vergleichungen kamen erstens sehr selten und
gingen auch, da sie sich keine Antwort darauf zu geben wusste, spurlos vorüber.
    Als sie heute ihre Rechnung überschlug, wurde wieder jene Frage in ihr wach
und eine Bitterkeit, wie sie sie bis jetzt noch nicht gefühlt hatte, regte sich
in ihrem Herzen.
    »Bist Du etwa schlechter als jene vornehmen Damen, die mit verächtlichem
Lächeln auf die Dirne herabsehen, wenn ihr Auge zufällig auf Dich fällt? Ist es
Deine Schuld, dass Du so wenig gelernt hast? Ach, wenn ich schneidern lernen
könnte, ich wollte doppelt so viel arbeiten.« Die arme Anna - sie kannte kein
höheres Ideal, als das Schicksal einer Putzmacherin. - - Tränen traten in ihre
Augen. -
    Vertieft in ihre Gedanken bemerkte sie nicht, dass schon seit längerer Zeit
Jemand ihr auf dem Fusse gefolgt war. Es war - so viel man in der trüben
Atmosphäre bemerken konnte - ein noch junger, seiner Kleidung nach den höheren
Ständen angehörender Mann, der Anna beim Heraustreten aus dem Laden bemerkt und
sie seitdem mit keinem Blicke verlassen hatte. In der Nähe des Tors schien er
zu einem Entschlusse gekommen zu sein.
    - So spät und in dieser Gegend allein, schönes Kind? Fürchtest Du Dich
nicht? -
    Anna erschrak zuerst bei dieser plötzlichen Anrede einer unbekannten Stimme.
Dann sah sie den unberufenen Frager gross an.
    - Warum sollte ich mich fürchten? - gegenfragte sie. - Diese »Gegend« ist
mein Vaterland.
    Es war gewiss ein sonderbarer Ausdruck, die Gegend einer Stadt sein
»Vaterland« zu nennen. In Anna's Munde klang es jedoch ganz unaffektirt, obschon
die Bitterkeit ihres Herzens sich darin mit einer für den Indifferenten nicht
erkennbaren Wahrheit kund gab. In der Tat, wer im Berliner Voigtlande geboren
und erzogen ist, für den gibt es keine Vaterstadt, sondern nur ein Vaterland,
das Vaterland der Entbehrung, der Menschenknechtung, der Seelenschändung. Die
Bewohner und Bewohnerinnen des Voigtlandes stehen ausserhalb der menschlichen
Gesellschaft, sie haben ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Sitte, ihren eigenen
Glauben. Sie bilden eine Nation für sich, eine Nation der Entwürdigung im
Schoss der glänzenden Residenzstadt des mächtigen, frommen, intelligenten
Preussens.
    Auch den Unbekannten musste jener sonderbare Ausdruck frappiren, denn er
konnte sich nicht entalten zu fragen: Du willst sagen, dass Du Berlinerin bist,
nicht wahr?
    - Nein - antwortete Anna in demselben kalten und bittern Tone - ich bin
Voigtländerin. Doch was geht Sie das an? Was kann Ihnen daran liegen, wo ich
geboren bin?
    - Sehr viel - erwiederte der Fremde, fast verwirrt. - Ich gehe ein Stück mit
Dir, wenn es Dir recht ist.
    - Es ist mir gleichgültig - erwiederte Anna, ohne sich weiter an ihren
Begleiter zu kehren.
    Dieser war offenbar in Verlegenheit. Nach einer Pause, während welcher sie
das Tor bereits passirt hatten, bot er ihr seinen Arm an. Anna sah ihn erstaunt
an, lehnte es jedoch nicht ab, ihn anzunehmen.
    - Hast Du noch Eltern? -
    - Ja und fünf Geschwister -
    - Da lebt ihr wohl sehr kümmerlich -
    Anna seufzte und schwieg.
    - Sei offen zu mir, Kind. Ich interessire mich für Dich. Vielleicht kann ich
Dir helfen - wenn Du hübsch freundlich zu mir sein willst.
    - Und was würde Ihnen meine Freundlichkeit nützen? Sie treiben Scherz mit
mir.
    - Nein, wahrhaftig nicht - beteuerte der Fremde, welcher in Anna's Antwort
eine halbe Nachgiebigkeit zu erkennen glaubte. - Damit Du siehest, dass ich nicht
scherze, so höre meinen Vorschlag. Ich weiss, Du arbeitest jetzt bei P...., nicht
wahr?
    - Ja - sagte Anna erstaunt, da sie sich nicht erklären konnte, woher der
Unbekannte dies erfahren haben mochte.
    - Wie viel verdienst Du dort?
    - Je nachdem; wenn ich fleissig bin und des Tages 11 Stunden arbeite, 4 bis 5
Silbergroschen.
    - Wohlan, ich will Dir das Dreifache geben.
    - Fabriciren Sie auch Cigarren? - fragte Anna naiv.
    Der Unbekannte lachte. - Nein, aber ich rauche welche, - antwortete er
scherzend.
    - Dann kann ich nicht zu Ihnen kommen.
    - Und warum nicht? - fragte Jener erstaunt.
    - Weil ich nichts Anderes verstehe.
    - Ah, dummes Zeug. Du wirst doch Stuben reinigen können? -
    - Ja, das kann ich - sagte Anna erfreut.
    - Und Geschirr blank putzen? -
    - Ja wohl, das kann ich auch - sagte sie, und ihre Freude stieg.
    - Und Gänge in die Stadt machen und einkaufen auf dem Markte? -
    - Ei, versteht sich. Ich kann sogar etwas kochen.
    - Vortrefflich. So sind wir also einig.
    - Einig? vorüber?
    - Nun, dass Du zu mir ziehst, in meinen Dienst, meine ich. Ich gebe Dir
monatlich 15 Taler und freie Wohnung. Bist Du damit zufrieden?
    - Gehen Sie, Sie wollen mich zum Besten haben.
    - Du bist sehr ungläubig, mein Kind. Um Deine Zweifel zu lösen, sieh' hier
Dein Handgeld. Er drückte ihr ein Goldstück in die Hand. - Mein Name ist Möller
und meine Wohnung Behrenstrasse **. Morgen Vormittags um 11 Uhr erwarte ich Dich.
Adieu.
    - Und Sie fragen gar nicht, wer ich bin und wo ich wohne.
    - Wozu? - Morgen wirst Du mir's sagen.
    - Aber, wenn ich nicht komme?
    - Nun, dann?
    - Dann hätte ich das Goldstück umsonst bekommen.
    - Du bist eine Närrin - dann gingen Dir ja die 15 Taler verloren und
ausserdem weiss ich ja, dass Du bei P.. arbeitest.
    - Das ist wahr.
    Sie waren indes an ein grosses, finster aussehendes Gebäude gekommen. Kein
Licht zeigte sich an den Fenstern, so dass es ganz unbewohnt schien. Nur aus den
Ritzen der festverschlossenen Kellerläden blickte ein schwacher Lichtschimmer
hindurch.
    - Hier müssen wir uns trennen - sagte Möller stille stehend.
    Anna blieb ebenfalls stehen und schien zu erwarten, dass ihr Begleiter sich
entferne.
    - Du wohnst doch nicht in diesem Hause? - fragte dieser endlich.
    - Nein, aber mein Bruder ist darin. Er wartet auf mich.
    - Wie heisst er? Ich werde ihm sagen, dass er heraus kommen soll, denn ich
habe darin zu tun.
    - Rudolph Naumann.
    - So? - sagte lang gedehnt Möller. - Nun, dann versprich mir, ich habe meine
Gründe dazu, versprich mir, Rudolph noch nichts von unserer Verabredung zu
sagen, auch nicht, dass Du Geld erhalten hast.
    - Ei bewahre. Das bringe ich nach Hause.
    - Gut. Dann warte einen Augenblick.
    Möller stieg die Treppe hinab und verschwand im Innern des Hauses. Nicht
lange darauf erschien Ralph.
    - Gut, dass Du kommst, ich habe schon gewartet. Nun, was bringst Du? - fragte
er Anna.
    - Hier - sagte sie, ein Pack Cigarren aus ihrem Handkorbe nehmend - Ebert
lässt Dich grüssen; er habe nichts bekommen können.
    - Nichts wie Ausreden, - brummte Ralph - aber er mag sich in Acht nehmen.
Die Zeit ist nahe, wo wir Abrechnung halten. Sonst nichts Neues? Was ist Dir? Du
zitterst ja.
    - Mich friert - sagte Anna - auch hab' ich Hunger. Ich bin zu Mittag in der
Fabrik geblieben.
    - Hier - entgegnete Ralph, ihr ein Stück trocken Brod reichend - und nun
mache, dass Du nach Hause kommst.
    - Kommst Du nicht auch bald nach? - fragte Anna schüchtern.
    - Was kümmerts Dich? - erwiederte er barsch und kehrte, als Anna sich
entfernte, wieder in den Keller zurück.
    Sollte man aus dem Ton, der zwischen den Geschwistern herrschte, wohl
schliessen, dass sie einander liebten, mit einer Liebe wie man sie in den »höhern
Regionen« der Gesellschaft selten oder nie findet? Anna und Rudolph waren für
einander jedes Opfers fähig, aber sie wussten es kaum, am allerwenigsten zeigten
sie es in ihrem äussern Benehmen. So presst des Proletariers Dasein sein Siegel
selbst auf die bessern Gefühle, die sich im Herzen der in seinen Fesseln
Schmachtenden etwa noch vorfinden.
    Als der Begleiter Anna's in den Keller trat, tönte ihm schon von fern ein
wildes Geschrei und Gläsergeklirr entgegen.
    - Die verdammten Jungen - brummte er - werden uns noch die Polizei zu früh
auf den Pelz locken. Er trat in einen engen Gang, dessen Windungen ihm aber
bekannt zu sein schienen, und der durch eine schwere, eisenbeschlagene Tür
begrenzt wurde. Er steckte leise einen Schlüssel in die Tür und öffnete sie.
    Ein dichter Tabacksqualm, der die beiden auf einem langen mit Gästen
besetzten Tisch brennenden Lichter fast erstickte, strömte ihm entgegen.
    Als sich seine Augen und seine Lunge an diese Atmosphäre etwas gewöhnt
hatten, unterschied er - unter der Türe stehen bleibend - die einzelnen
Gestalten. Es mochten 15 bis 20 junge Männer sein, ihrem Äußern nach zu
urteilen, meist dem Arbeiterstande angehörig, kräftige Gestalten und
intelligente, aber meist düstere Physiognomien. Vier oder fünf unter ihnen
gehörten offenbar einer gebildeten Klasse der Gesellschaft an, doch war es
schwer zu entscheiden, waren es Künstler, Gelehrte oder Kaufleute. Die
Gesellschaft schien in einen heftigen Streit geraten zu sein, den der an einem
Ende des Tisches sitzende Präses vergebens zu beschwichtigen versuchte. Er war
mit dem Rücken nach der Türe zugewendet, so dass er den Neuhinzugekommenen nicht
bemerkte; die Andern waren zu sehr in ihren Streit vertieft, um auf irgend etwas
anders als auf ihre Gegner Acht zu geben: so stand Jener wohl eine halbe Minute,
indem er sich an dem Wirrwarr zu ergötzen schien.
    - Holla, ihr Grossmäuler, nennt Ihr das eine geordnete Debatte? Warum ist
keine Wache ausgestellt, Ralph? Antworten Sie, Herr Präsident!
    Diese unerwartete Anrede brachte eine plötzliche Verwandlung in der
Versammlung hervor. Alle sprangen von ihren Sitzen empor und drängten sich
begrüssend, fragend um den Eingetretenen mit dem Rufe: Das ist Gilbert!
Willkommen Gilbert!!
    - Ruhig Brüder! Bezähmt Eure Neugier - sagte der Unbekannte, welcher sich
der guten Anna, wie es scheint, unter falschem Namen bekannt gemacht hatte. -
Zum Teufel, so lasst mich in Ruhe und setzt Euch wieder um den Tisch. Du, Ralph,
wirst draussen verlangt. Beeile Dich aber, dass Du wieder herein kommst.
    Ralph entfernte sich, und Möller, oder vielmehr - wie er von der
Gesellschaft genannt wurde - Gilbert nahm seinen Platz ein. Sogleich trat ein
allgemeines Schweigen ein; Aller Augen richteten sich mit gespannter
Aufmerksamkeit auf Gilbert. Dieser aber schien ihre Neugierde noch nicht
befriedigen zu wollen, sondern sagte nur:
    - Nun, worüber seid Ihr denn so in Hitze geraten?
    Ein Dutzend Köpfe streckten sich vor, um zu antworten, aber die aufgehobene
Hand Gilberts band ihre Worte an die redelustigen Zungen.
    - Hartwig, mein braver Junge, antworte Du. Ich sehe hier Meister Proudhons
Buch »über das Eigentum« aufgeschlagen. Es war also eine socialistische Frage,
die Euch so in Harnisch brachte.
    Hartwig, der Angeredete, seines Berufs ein Mechaniker, war ein junger Mann
von einnehmendem Äußern. Verschieden von den Andern sprach sich eine derbe
Offenheit in seinem heiteren, jetzt von der Leidenschaft des Streites gerötetem
Gesicht aus. In seinen hellblauen Augen lag Entschlossenheit des Charakters; das
Gefühl des »Sich auf sich selbst Verlassen könnens« war unverkennbar seinem
ganzen Wesen aufgeprägt. Hartwig war ein durchaus zuverlässiger Mensch, oder wie
Gilbert sagte: »ein braver Junge.«
    - Was wird's gewesen sein - sagte er halb ironisch, als die Frage über die
Quadratur des Zirkels für alle Proletarier, das Eigentumsrecht.
    - »Eigentumsrecht« - brummte Hartwigs Nachbar, ein alter Griesgram mit
weissen Haaren, der mit ihm in derselben Werkstätte arbeitete, - dummes Zeug: das
ist ja eben die Frage, ob Recht oder Unrecht. Schwatzt der Gelbschnabel von
Eigentumsrecht; ich aber sage, es gibt kein Eigentumsrecht, es gibt nur ein
Eigentumsunrecht.
    - Bravo, Vater Steiger! - rief Gilbert aus - Du kennst Deinen
socialistischen Katechismus wie das Vaterunser, oder noch besser. Aber stör' uns
jetzt nicht. Fahr fort, Hartwig, mein Junge.
    - Ralph, der immer den Superklugen spielen will, fing damit an, den ersten
Satz Proudhons, »das Eigentum ist Diebstahl«, zu erklären und meinte, man müsste
ihn eigentlich umdrehen und sagen: der Diebstahl, oder noch deutlicher, der Dieb
ist der wahre Eigentümer.
    - Und das ist auch ganz vernünftig - brummte Vater Steiger.
    - Das lässt sich hören - meinte gravitätisch Gilbert. - Und wer unternahm es,
dem zu widersprechen?
    - Ich - sagte mit Stolz Hartwig. - Und ich glaube, ihn vollständig
geschlagen zu haben.
    - Nun lass hören - sagte lächelnd Gilbert
    - Wenn der Dieb der wahre Eigentümer sein soll, und dies allgemein
anerkannt wird, so kann dies nur soviel heissen, als: die Menschen sind berufen,
Diebe zu sein; damit hört aber zugleich der Diebstahl auf, ein Unrecht zu sein,
und man kann folglich gar nicht mehr davon reden. Wenn aber kein Dieb mehr
existirt, so kann man auch gar nicht mehr den Satz aufstellen, dass der Dieb der
wahre Eigentümer ist. Soll also dieser Satz einen Sinn haben, so kann er nur
der sein: ein wahrer Eigentümer existirt nicht, sondern wer sich als
Eigentümer gerirt, der allein ist als Dieb zu betrachten, weil er für sich
allein behalten will, was Allen gehört. -
    - Dummes Zeug! - meinte der alte Steiger.
    - Bist ein tüchtiger Logiker, mein Junge - sagte beifällig lächelnd Gilbert
- und nun der Schluss?
    - Sagen wir also - fuhr jener fort - was ich bewiesen habe: Wer als
Eigentümer für sich auftritt, ist als Dieb an dem Eigentum der Gesellschaft zu
betrachten - so sind wir damit auf den Proudhon'schen Satz: la propriété c'est
vol zurückgekehrt, woraus folgt, dass wenn die Umkehrung des Satzes einen Sinn
haben soll, dieser kein anderer sein kann, als der in dem nicht umgekehrten
Satze liegt.
    Ein grosser Teil der Gesellschaft, welche der mit überzeugungsvoller
Bestimmteit vorgetragenen Schlussfolge mit der grössten Aufmerksamkeit zu folgen
versuchte, ohne dass ich indes behaupten will, dass das Resultat der Bemühung
eines Jeden entsprochen hätte, spendete dem Redner einen lauten Beifall, welcher
sofort eine eben so laute Opposition von der andern Seite hervorrief.
    - Ruhig - rief Gilbert mit donnernder Stimme dazwischen, indem er mit
geballter Faust auf den Tisch schlug. - Könnt Ihr nicht Ordnung halten?
    In diesem Augenblicke trat Ralph wieder ein. Gilbert warf einen schnellen
forschenden Blick auf ihn, um in seinen Gesichtszügen zu lesen, ob ihm seine
Schwester über ihr Gespräch Mitteilungen gemacht. Ralphs Miene war nicht
düsterer wie sonst und beruhigt wandte sich Gilbert mit der Frage an ihn:
    - Und was ist denn Deine Ansicht hierüber? - Er wies auf das vor ihm
aufgeschlagene Buch. - Ist es wahr, dass Du, wie man erzählt, eine
Spitzbuben-Republik stiften willst? - Es lag ein Beigeschmack von höhnender
Ironie in diesen mit lächelnder Miene vorgetragenen Worten, welche den stolzen
Sinn Ralphs verletzte. Indes teilte er die Scheu, welche seine Gefährten vor
Gilbert hatten, wenigstens in so weit, um seinem ausbrechenden Zorn einen Zügel
anzulegen. Nur seine Stirn war noch finsterer und seine Augen tiefer, als er,
einen langen verächtlichen Blick über die Gesellschaft werfend, erwiederte:
    - Meine Meinung ist die, dass wir endlich mit dem Hin- und Herreden aufhören
und mit dem Handeln beginnen. Lassen wir also den läppischen Streit über das
Eigentum und kommen wir zur Sache. Du versprachst uns heute Nachrichten aus
Wien, Gilbert. Wie steht's damit?
    - Wahrhaftig Du hast recht, Ralph - versetzte Gilbert mit seiner
gewöhnlichen Bonhommie, ohne von dem fast drohenden Ernst in Ralphs Ton Notiz zu
nehmen. - Es ist Zeit, dass wir zu handeln beginnen. Aber meinst Du - fuhr er
fort - meinst Du, dass ich unterdess geschlafen habe, während Ihr hier Euch an
fruchtlosen Debatten ergötztet? Habt Acht, Freunde, dass, wenn die Stunde des
Handelns kommt, ihr eben so darauf vorbereitet seid, wie ich. Und diese Stunde
ist Euch näher als Ihr in diesem Augenblicke vermutet. Darum lasst uns vor Allem
unsere Kräfte prüfen. Ich komme so eben von der Gräfin. Die Blüte unserer
Aristokratie war wieder versammelt. Unsere Junker vom Heere und von der
Diplomatie haben keine Ahnung von den Dingen, die ihrer warten. Zwar beunruhigt
sie der Gedanke an die französische Republik und die Flucht Louis Philipps, des
bösen Blutes wegen, das so ein Beispiel diesseits des Rheins hervorbringen
könnte. Doch sind sie eben so sehr davon überzeugt, dass die Republik keinen
Bestand haben könne, wie davon, dass dies böse Beispiel in unserm lieben
Deutschland keine Nachahmer finden werde. Ich erwähne diese Stimmung in den
»höheren Regionen« übrigens nur beiläufig, als schlagenden Beleg für die
Wahrheit, dass Gott den mit Blindheit schlägt, den er verderben will. Denn im
Uebrigen ist unsere Sache nach allen Anzeigen so weit gediehen, dass wir teils
nicht mehr Rücksicht auf »Stimmungen« zu nehmen brauchen, teils auch nicht mehr
können. Auch die Nachrichten aus den Provinzen lauten günstig. Man spricht sogar
von einer Lossagung der Rheinlande von Preussen und einer Anschliessung an die
französische Republik. Schlesien ist noch ruhig, aber hält seine Blicke fest auf
den Rhein gerichtet. Vorzugsweise aber regt sich's in Posen. Es wird dort
bedeutend gearbeitet. Was mich tief niedergeschlagen hat, ist die Bemerkung, dass
alle Briefe, die ich erhalten, von Berlin nichts erwarten. Nun, ich hoffe,
Berlin wird sich Achtung zu erzwingen wissen. - Aus Wien habe ich ebenfalls
Nachrichten vom Präsidenten der Achtzehner und vom Pater Angelikus. Beide lauten
günstig und übereinstimmend dahin, dass Alles auf's Beste vorbereitet ist und der
Hauptschlag wahrscheinlich schon erfolgt ist, wenn wir dieses lesen.
    Ein Gemurmel des Beifalls lief über die Lippen der Anwesenden bei dieser
Nachricht.
    - Diese Briefe habe ich vor einer halben Stunde von einer Freundin erhalten;
und nun ratet einmal, wer sie mir gebracht hat? - - Unsere Präsidentin. Diesmal
hatte es nicht bei einem blossen Gemurmel sein Bewenden. Die Gesellschaft brach
in einen Schrei des freudigsten Erstaunens aus und bestürmte den lächelnden
Gilbert mit Vorwürfen, dass er Alicen nicht mitgebracht. Nur Ralph verharrte
düster und in sich gekehrt auf seinem Platze.
    - Es war unmöglich - fuhr Gilbert fort - Alice war zu angegriffen von der
schnellen Reise, auch war ich nicht gewiss, ob die Versammlung vollzählig sein
würde. Auf Morgen denn. - Nun kommt die Reihe an Euch, Rapport abzustatten.
    Wo ist der Lieutenant?
    - Er ist heute nicht hier gewesen - lautete die Antwort.
    - Ha, - das ist fatal. Was kann die Ursache davon sein? - sagte Gilbert
nicht ohne Unruhe - Ihr hättet nach ihm schicken sollen. Holm!
    - Hier - antwortete eine Stimme am Ende des Tisches.
    - Gut - sagte Gilbert, eine Schreibtafel hervorlangend. - Was hast Du von
den Künstlern zu berichten?
    - Wir sind jetzt auf 85 angewachsen, lauter sichere Leute, meistens
Bildhauer und Maler. Mit den Musikern will's nicht recht gehen. Die Kerls sind
unzuverlässig und feige. Schade, sie sind der Zahl nach am stärksten. Aber wir
mussten vorsichtig sein. Mit der Bewaffnung will's auch nicht recht vorwärts. Wir
haben einige zwanzig Büchsen, aber keine Munition. Hier ist mein
Beglaubigungsmandat für den Fall, dass Beschlüsse gefasst werden sollten.
    - Wo ist Euer Versammlungslokal? -
    - Unser Versammlungslokal? - fragte der junge Maler erstaunt.
    - Nun, allerdings. Was wunderst Du Dich darüber? Oder haltet Ihr keine
Versammlungen?
    - Freilich halten wir Versammlungen. Allein -
    Ralph, der bei der ersten Frage Gilbert schon mit aufmerksamem Auge
betrachtet, sagte jetzt, einen festen Blick auf ihn richtend: Die einzelnen
Versammlungslokale werden nicht angegeben; wir haben das so ausgemacht, damit,
wenn ja ein Verräter unter uns sein sollte, wenigstens nur wir, die Vertreter
der verschiedenen Corps, nicht die ganzen Corps compromittirt werden können. Wir
müssen sicher gehen, das werdet Ihr einsehen.
    Gilbert antwortete kein Wort, doch wer, wie Ralph, ihn mit misstrauischem
Auge betrachtete, würde bemerkt haben, dass ihm diese Einrichtung nicht angenehm
war.
    - Ausserdem - fuhr Ralph in demselben düstern Tone fort - ist ausgemacht, dass
Niemand Etwas unter uns aufschreibe von Dingen, die die Gesellschaft betreffen,
und deshalb nehme ich mir die Freiheit, dieses Blatt zu zerreissen. - Er ergriff
mit diesen Worten die Schreibtafel Gilberts und war im Begriff, sie in den Kamin
zu werfen, in dem noch einige Kohlen brannten, als Gilbert mit einer Hast, die
von Ralph nicht unbemerkt blieb, ihm in den Arm fiel und ihn so an seinem
Vorhaben hinderte.
    - Was soll das bedeuten, Bursche? - rief er aus, indem er krampfhaft die
Faust ballte. - Hast Du Lust, hier den Diktator zu spielen?
    Es herrschte während dieser Scene ein peinliches Stillschweigen in der
Gesellschaft, bis endlich der alte Steiger, von seinem ihm durch das Alter
gewährten Vorrecht Gebrauch machend, sich in's Mittel legte.
    - Das fehlte noch, dass die Beiden einander in die Haare gerieten. Seid
gescheut, Gilbert, und nehmt's Euch nicht zu Herzen. Und Du, Freund Grobian,
machst mir keine dummen Streiche, hörst Du? -
    Ein vielsagender Blick, den Ralph vom alten Steiger erhielt, schien endlich
auf ihn zu wirken.
    Er reichte demselben die Hand und verliess, ohne ein Wort weiter zu sagen,
das Gemach.
    Gilbert fühlte sich durch Raph's Entfernung offenbar erleichtert und wandte
sich jetzt an Steiger mit dem Ersuchen, seinen Rapport abzustatten.
    - Nun bei uns - sagte dieser - steht's besser, mein' ich, das kann der
Gelbschnabel da - er zeigte auf Hartwig, den er nächst Ralph am meisten liebte,
was er dadurch zu erkennen gab, dass er am meisten mit ihnen zankte - das kann
der Gelbschnabel da am besten bezeugen. Wir sind unser nahe an 400, lauter
»stramme Burschen,« hart wie Eisen, das wir bearbeiten. Und was das Uebrige
betrifft, Waffen und so weiter, so wird's uns auch wohl nicht fehlen, wenn wir
auch gerade keine Büchsen haben. Eine tüchtige Brechstange tut auch ihre
Dienste.
    - Bravo, Vater Steiger - lächelte Gilbert, der seinen Gleichmut
wiedergefunden hatte. - Nun kommt an Dich die Reihe, Straubig. - Straubig war
Student.
    - Lass mich in Ruhe - sagte der mürrisch - die Berliner Studenten taugen den
Teufel nicht wozu. Räsonniren können sie genug, aber wo es darauf ankommt, etwas
zu tun, da bekommen sie das Kanonenfieber wie der jämmerlichste Fuchs, wenn er
zum ersten Mal auf der Mensur steht. Unter den zweitausend Burschen gibt's kaum
150, auf die wir uns verlassen können. Aber diese 150, das ist wahr, die sind
tüchtige Kerle. Sie sind in Sektionen geteilt und beziehen sektionenweise ihre
bestimmten Kneipen. Mit den Waffen sieht's freilich auch bei uns nicht besonders
aus. Hieber und Rappiere haben wir wohl genug, auch einige 50 paar Pistolen,
aber das will nicht viel sagen.
    Schadet nichts - erwiederte Gilbert - die Waffen werden sich finden, verlasst
euch darauf. Ist's erst so weit, dass wir losschlagen können, so ist jeder
Waffenladen ein Zeughaus für uns. Vor allen Dingen lasst euch durch den Mangel an
Waffen nicht abhalten, so viel Pulver und Blei im Einzelnen einzukaufen, als ihr
irgend könnt, ohne Aufsehen zu erregen. -
    In diesem Augenblick wurde die Tür mit einer Hast aufgerissen, die eine
allgemeine Bestürzung hervorbrachte. Es war Ralph. Seine verstörten Gesichtszüge
schienen nichts Gutes zu verkünden.
    - Die Polizei ist uns auf der Spur - rief er aus. - Schnell die Lichter
ausgelöscht bis auf Eins. - Es geschah. - Folgt mir jetzt. - Er ergriff das
letzte Licht und schloss eine kleine, mit Eisen beschlagene Türe auf, die durch
einen langen unterirdischen Gang nach dem Hintergebäude führte. Nachdem er sie
hinter sich wieder verschlossen hatte, eilte die ganze Gesellschaft mit
schnellen aber unhörbaren Schritten den Gang entlang. Bald darauf erschien das
Licht auf der andern Seite des Hofes und verschwand endlich. Eine Minute später
traten zehn Gensdarmen und ein Polizei-Commissarius mit Blendlaternen in den
Keller.
    - Das Nest ist leer - rief der Anführer.
    - Aber die Vögel können noch nicht lange ausgeflogen sein - antwortete der
Commissarius, indem er, um den Grund zu seiner Behauptung deutlich zu machen,
auf die glimmenden Kohlen zeigte. Nichts blieb ununtersucht. Die
eisenbeschlagene Tür war bald aufgefunden, aber sie widerstand allen
Oeffnungsversuchen.
    Die Häscher mussten unverrichteter Sache wieder abziehen.
 
                                       II
Als Anna sich von ihrem Bruder getrennt hatte, eilte sie zuerst in einen
Viktualienkeller, und dann mit den gemachten Einkäufen frohen Mutes nach Hause,
um ihren Eltern das glückliche Ereignis, welches ihr wiederfahren war,
mitzuteilen. Fast atemlos und mit pochenden Herzen eilte sie die drei alten
morschen Treppen des Familienhauses hinauf und stand endlich vor der Tür ihrer
Wohnung - wenn man so den Aufentaltsort für eine aus 7 Personen bestehende
Familie nennen konnte, der in einer weissgetünchten 20 Fuss langen und 15 Fuss
breiten Bodenkammer bestand. - Drinnen vernahm sie die polternde Stimme ihrer
Mutter, die über das lange Ausbleiben der »faulen Dirne« und des »liederlichen
Buben« schalt, die gewöhnlichen Bezeichnungen für sie und Ralph. Sie war es
gewohnt, hart und ungerecht behandelt zu werden; und doch seufzte sie heute und
öffnete mit einer ihr sonst fremden Bangigkeit die Türe.
    -- Bist endlich da, Rumtreiberin? - grollte die Mutter mit erstickter
Stimme, als Anna in die Stube trat. - Um 8 Uhr wird die Fabrik geschlossen und
jetzt ist's schon 9 vorbei. Wo hast' unterdess 'rumgelumpert, he? Und wenn Du
noch was dabei verdientest! - Aber Du bist zu Nichts nütze.
    - Schweig' doch, Alte - sagte der alte Naumann, welcher mit dem jüngsten
Kinde auf dem Schoss sich vor dem kleinen Ofen niedergekauert hatte, in dem noch
ein paar Coakskohlen glühten. - Es ist ja heute Zahltag gewesen, und da wird sie
länger aufgehalten sein. Die Anna ist ein gutes Mädchen, auf die lass ich nichts
kommen. Aber der Junge, der Junge - er stützte den Kopf in die Hände und starrte
in die verglimmende Kohlenglut.
    Anna sagte Nichts, weil sie wusste, dass Widerspruch von ihrer Seite ihre
Mutter noch mehr aufzubringen pflegte. Sie holte ein Talglicht aus ihrem
Arbeitskorbe, steckte es in den Hals einer alten Flasche und zündete es an einer
Kohle an. Während die Mutter fort und fort zankte, wie ungebildete Menschen es
tun, die den Groll über ihr trauriges Schicksal an denen auszulassen pflegen,
die am wenigsten daran schuld sind - benutzte Anna den Augenblick, wo sie am
Ofen beschäftigt war, um ihrem Vater das von Gilbert empfangene Goldstück in die
Hand zu drücken, damit es nicht etwa in die habgierigen Hände ihrer Mutter
gelangte, die ihre Nahrungssorgen nicht selten in Branntwein zu ertränken
pflegte. Der alte Naumann sah bald seine Tochter, bald das Goldstück an,
begnügte sich jedoch, als Anna bezeichnend den Finger auf den Mund legte,
verwundert den Kopf zu schütteln, als wollte er sagen: die Sache kommt mir nicht
ganz geheuer vor.
    Anna setzte das Licht auf den Tisch und langte nun aus ihrem Arbeitskorbe
ein grosses Brot und eine fusslange Wurst heraus. Darauf holte sie aus dem alten
Spinde ein paar gebrochene irdene Teller und setzte sie ebenfalls auf den Tisch.
Ihre Eltern sahen mit einem Erstaunen, das bei der Mutter in Zorn überzugehen
drohte, dem geschäftigen Treiben ihrer Tochter zu. Diese aber schien mit dem
entfalteten Luxus ihrer Anordnung noch nicht zufrieden zu sein. Zum grössten
Schreck ihres Vaters warf sie mit rascher Hand alle Kohlen, die derselbe für den
morgenden Tag reservirt hatte, in den Ofen, so dass derselbe bald rotglühend
wurde, legte die Wurst auf eine Pfanne und stellte diese auf den Ofen. Bald
füllte der Dampf der schmorenden Wurst die Stube und weckte die beiden in einer
Ecke des Bettes zusammengekauerten Geschwister - ein Aroma für die
ausgehungerten Magen - Annas auf. Ihr erster Laut war ein Geschrei nach Brot,
auf das indes Niemand achtete. Annas Mutter erhob sich endlich schwerfällig von
ihrem Lager, stemmte beide Arme in die Seite und wollte eben der Tochter ihren
ganzen Unwillen über diese Verschwendung zu erkennen geben, als diese endlich
das lange Schweigen durch die Mitteilung des Gesprächs brach, welches sie mit
Gilbert gehabt hatte.
    Dies ausserordentliche Glück, so wie der oben erwähnte angenehme Duft, den
die Wurst verbreitete und der auch auf die bissige Natur von Annas Mutter einen
mildernden Einfluss ausübte, schien diese bis zu dem Grade besänftigt zu haben,
dass sie - was sie noch nie getan - Annen ihre »vernünftige Tochter« nannte, die
endlich einsehen lerne, was zu ihrem wahren Besten diene. - Sie liess darauf noch
einige Ermahnungen über die Art und Weise folgen, wie Anna dieses Glück benützen
müsse, welche dem armen Kinde das Blut ins Gesicht trieben. Da hielt sich der
alte Naumann, welcher bisher bloss mit dem Kopfe geschüttelt, nicht länger. Er
setzte das Kind, welches er auf dem Schoss gehalten, auf die Erde, und trat mit
geballter Faust vor seine Frau.
    - Weib - rief er - bist Du denn ganz des leibhaftigen Satans geworden, dass
Du an Deiner eigenen Tochter Dir 'nen Kuppelpelz verdienen willst? An Dir hat's
freilich nicht gefehlt, dass die Anna nicht längst schon gemein geworden. Aber
ich sage Dir, noch einmal solche verfluchte Redensarten und Du sollst sehen, dass
der alte Naumann Ordnung im Hause machen wird, dass Dir die Augen übergehen
sollen.
    - Seid ruhig, Vater - begütigte Anna - es verschlägt bei mir nicht.
    - Ja es ist ein wahres Wunder, dass Du so aus der Art geschlagen bist - fuhr
Naumann in zorniger Ironie fort; aber ich sage euch Allen, und besonders Dir, Du
Rabenmutter, wenn ich da bei dem feinen Herrn, der sie in Dienst nehmen will,
Unrat merke, so kommt sie mir entweder nicht mehr vor die Augen, oder die
Geschichte hört auf.
    - Tust auch gerade, als wenn ich sie um ihr Seelenheil bringen will -
meinte etwas eingeschüchtert die Frau, die recht gut wusste, dass, wenn ihr Mann
einmal wirklichen Grund zum Zorn hatte, dann auch mit ihm nicht zu spassen war. -
Es war ja nur ein Scherz.
    - Schöner Scherz das - brummte Naumann und wandte sich dann zu seiner
Tochter: - Ich werde selber mit Dir hingehen zu dem Herrn - wie heisst er doch?
    - Möller. -
    - Also zum Herrn Möller und sehen, wes Geistes Kind er ist. Gefällt er mir
nicht, dann wird nichts daraus, das sage ich Dir im Voraus.
    Anna hatte indes die dampfende Wurst auf den Tisch gesetzt und die Familie
wollte eben das leckere Mahl beginnen, als sich die Türe öffnete und ein
kleiner vertrockneter Mann eintrat, dessen Erscheinung, obwohl nichts weniger
als furchterregend, doch selbst auf die Frau Naumann einen Eindruck
hervorbrachte, welcher mit dem Gefühl eines ertappten Verbrechers grosse
Aehnlichkeit hatte.
    - Vortrefflich - röchelte das Männchen, mit Affektation den Wurstgeruch
einschlürfend - ganz vortrefflich! Sind wir also auf einen grünen Zweig
gekommen? Haben wir vielleicht in der Lotterie gewonnen oder gar eine reiche
Erbschaft gemacht? So werden wir ja auch wohl die paar lumpigen Taler Miete
bezahlen können, he?
    - Wollen Sie nicht bis morgen warten, Herr Klingemann?
    - Und warum denn bis morgen, mein verehrter Meister? Wenn wir heute Abend
schon Braten essen können, so brauchen wir ja mit der Miete nicht bis morgen zu
warten.
    - Meine Tochter hat Hoffnung, morgen in einen guten Dienst zu treten, morgen
entscheidet es sich. - Also nicht wahr, Sie sind so gütig und warten bis morgen.
    - Papperlapapp - grinste der Verwalter des Familienhauses - wir kennen die
Flausen. Habe lange genug gewartet. Jetzt ist meine Geduld aus.
    Anna sah ihren Vater bittend an. Aber er widerstand diesem Blick, weil er
nicht eher an das Geldstück ein Recht zu haben glaubte, als bis er sich
überzeugt haben würde, dass es auf ehrliche Weise verdient worden.
    - Nun, wird's bald? - fuhr der Verwalter fort - oder soll ich etwa
wiederkommen, bis die Herrschaften abgespeist haben? Gezahlt muss heute werden,
es ist der letzte Termin. -
    In diesem Augenblicke erschien die kräftige Gestalt Ralph's in der Türe,
ohne von dem Verwalter bemerkt zu werden, der in seinem höhnischen Tone
gemächlich fortfuhr:
    - Wozu mietet Ihr Volk Euch solche Wohnung, ja warum wohnt Ihr überhaupt
zur Miete, wenn Ihr sie nicht bezahlen könnt?
    - Sollen wir etwa im Tiergarten schlafen, Herr Verwalter? - ertönte Ralph's
tiefe Stimme hinter des Verwalters Rücken. - Nicht wahr - fuhr er fort, indem er
ihm gegenüber trat - nicht wahr, Leute Ihres Gelichters möchten am liebsten die
Armen hinauswerfen, wenn's auch draussen stürmt. Aber nehmt Euch in Acht, Ihr
Herren; es kommt einst ein Tag, an dem wir Abrechnung mit Euch halten werden, an
dem Ihr alle Zinsen doppelt und dreifach erhalten sollt für die Wohltaten, die
Ihr den armen Leuten erzeigt habt.
    - Ralph! - mahnte Naumann - bezähme Dich etwas.
    - Nein, ich will mich nicht bezähmen. Es ist mir eine Wollust, dass ich
diesen Blutsaugern einmal den ganzen Hass und Abscheu in's Gesicht schleudern
kann, der in dem Herzen des Volkes für seine Bedrücker wurzelt. - Was wollen
Sie, Herr?
    Bei dieser plötzlichen Frage zuckte der kleine Mann sichtbar zusammen,
obschon damit nicht behauptet werden soll, dass er bei der vorhergehenden
Apostrophirung Ralph's sich gerade allzuwohl gefühlt habe. Der ihm von der Stirn
herabträufelnde Schweiss schien eher Zeugnis vom Gegenteil abzulegen. Indessen
wollen wir - um ihm nicht Unrecht zu tun, die Möglichkeit zugeben, dass die
Ursache in seiner zu nahen Position bei dem glühenden Ofen liegen konnte.
    - Ich - stammelte er erschrocken - oh ich - ich wollte mich erkundigen, ob -
wie - wenn. - Ein hartnäckiger Husten, der ihn überfiel, unterbrach seine Rede.
    - Sie haben gehört, dass mein Vater sich erbot, Morgen die Miete zu zahlen.
Sind Sie damit zufrieden?
    - Vollkommen, oh unbedingt. Sie müssen gar nicht glauben, bester Herr Ralph,
dass ich zu Denjenigen gehöre, die, wie man zu sagen pflegt, den armen Leuten das
Fell über die Ohren ziehn; davor soll mich der Himmel bewahren.
    Anna hatte während dieses Zwiegesprächs ein paar Worte mit ihrem Vater
gewechselt, die diesen endlich überzeugt zu haben schienen.
    Wie viel bin ich Ihnen doch schuldig, Herr Klingemann? - fragte er den
Verwalter.
    - Bitte, es ist ja nicht der Rede wert. Bis morgen, lassen wir die ganze
Sache bis morgen.
    - Nein, nein, es ist besser heute. Also, wie viel bin ich Ihnen schuldig?
    - Nun, wenn Sie durchaus wollen. Aber ich bitte Sie zu erwägen, Herr Ralph,
dass ich gewissermassen nur gezwungen - nun denn also, es beträgt seit Michaeli
präenumerando gerade 8 Taler.
    - Hier, - sagte Naumann - ist ein Friedrichsd'or und zwei Taler zehn
Silbergroschen in Courant. Haben Sie die Quittung bei sich?
    - Wahrhaftig, ein wirklicher, ächter Friedrichsd'or - murmelte der Kleine,
das Goldstück von allen Seiten besehend - hm, das ist wunderbar: das wollen wir
uns doch merken - die letzten Worte wurden begreiflicherweise leise gesprochen.
- Hier ist die Quittung, Herr Naumann. Danke verbindlichst. - Mit einem
hündisch-höflichen und zugleich boshaft-listigen Blick empfahl sich der kleine
Mann, um sich mit dem empfangenen Goldstück sofort zu seinem Freunde, dem
Polizeicommissarius des Reviers zu begeben.
    Er war indes nicht der Einzige, dem das Vorhandensein von Gold in der
Naumannschen Familie aufgefallen war. Anna's Mutter, welche sich bei der Scene
ganz passiv verhalten hatte, wollte eben ihre Verwunderung in gewohnter Weise
aussprechen, als Ralph mit einem strengen Blicke auf Anna die Frage an sie
richtete, ob sie etwa in der Fabrik heute mit Gold bezahlt worden sei.
    Anna war in Verlegenheit; sie hatte Gilbert versprochen, Ralph davon nichts
mitzuteilen. Jetzt aber hatte sie durch ihre eigene Unvorsichtigkeit, indem sie
ihren Vater zur Bezahlung überredete, sich in die Alternative versetzt, entweder
eine Lüge zu erfinden, oder ihr Versprechen zu brechen. Wenn das Erstere auch
durch die Mitwissenschaft ihrer Eltern nicht schon unmöglich geworden wäre, so
würde sie Ralph gegenüber doch nicht fähig gewesen sein, zu lügen. Sie erzählte
ihm also den ganzen Vorfall und verschwieg auch nicht, dass der Unbekannte sie
gebeten, ihrem Bruder nichts mitzuteilen.
    Ralph dachte einige Minuten darüber nach, was er gehört hatte. Was konnte
Gilbert - denn dass Möller und Gilbert dieselbe Person sei, hatte Ralph bald
erraten - für Gründe haben, um seine Schwester, ein Mädchen, das er auf der
Strasse gesprochen, in seinen Dienst zu nehmen? Und sie zu verführen, war sie -
wenn auch hübsch genug, - so doch für Gilbert, wie er ihn kannte, nicht
gebildet, oder besser, nicht raffinirt genug. Er wollte sie also als Mittel zu
andern Zwecken brauchen. Was waren das für Zwecke? Dies zu erforschen, war für
Ralph wichtig.
    - Du gehst morgen zu dem Herrn hin, Anna, und zwar allein.
    - Das kann nicht Dein Ernst sein - sagte der Vater.
    - Allerdings. Ich kenne den Mann. Er gehört zu unserer Gesellschaft. Was Ihr
fürchtet, darüber könnt Ihr ruhig sein. Aber ich traue ihm in anderer Weise
nicht. Anna tritt ihren Dienst an. Das Andere wird sich finden.
    - Hast recht, mein Junge - sagte die Mutter - hab's auch gesagt. Aber sie
lassen ja nicht mit sich reden. - Damit warf sie sich wieder aufs Bett und war
in Kurzem fest eingeschlafen.
    Ralph begann, seine Schwester jetzt mit leiser Stimme genau zu instruiren,
wie sie sich gegen Gilbert zu verhalten habe. Dann suchte jedes sein Lager.
    Nur der alte Naumann sah noch immer in die glühenden Kohlen, als wolle er
darin die Antwort auf die Frage lesen, warum in der Welt ein so ungeheurer
Unterschied zwischen Reichen und Armen existire.
 
                                      III
Als die »Gesellschaft« so plötzlich durch die Anmeldung so ungebetener Gäste
gestört worden war, wurde, ehe sie sich ganz trennte, noch Zeit und Ort der
nächsten Zusammenkunft beraten, worauf die einzelnen Mitglieder durch
verschiedene Ausgänge das alte Gebäude verliessen. An der Ecke der nächsten
Strasse trafen Ralph, Hartwig und der alte Steiger wieder zusammen. Sie schritten
eine Zeit lang neben einander hin, ohne zu sprechen. Ralph war, wie sein zu
Boden gesenkter Kopf und sein bald langsamer bald hastiger Schritt es bekundete,
in Gedanken versunken, die sein ganzes Interesse so in Anspruch nahmen, dass er
seine Begleiter gänzlich zu vergessen schien. Diese aber warfen abwechselnd
einen Blick auf Ralph, als erwarteten sie, dass er zuerst reden solle. Endlich
brach Steiger das Schweigen.
    -- Hör' mal Ralph - fing er an - Du bist ein Kopfhänger geworden seit
einiger Zeit und das will mir nicht gefallen. Was hast Du? sag' an. Ich hoffe
nicht, dass Du schwankend geworden bist.
    - Schwankend? Wie man's nehmen will.
    Die beiden Andern sahen sich mit bedeutungsvollen Blicken an. Ralph aber
fuhr, ohne es zu bemerken, fort:
    - Ja, könnten wir uns Alle auf einander verlassen, dann wäre das Ding
anders. So aber weiss man nicht, ob man mit Freund oder Feind zu tun hat.
    - Was soll das heissen? - fragte der alte Steiger stirnrunzelnd.
    - Das soll heissen - erwiederte Jener düster - dass ein Verräter unter uns
ist.
    - Ein Verräter? - fragte Hartwig und Steiger erbleichend.
    - Ja, ein Verräter! Ich wiederhole es. Aber ich werde Mittel finden, ihn zu
entlarven.
    Es folgte eine Pause. Dass Gilbert gemeint sei, konnte nach der zwischen
diesem und Ralph heute vorgefallenen Scene nicht zweifelhaft sein. Aber weder
Steiger noch Hartwig glaubten an Gilbert's Verräterei, sondern suchten den
Grund von Ralphs Missstimmung in der Eifersucht zwischen ihm und dem von ihnen
Allen sehr geachteten und selbst gefürchteten Gilbert.
    Mochten nun dieser Eifersucht noch andere Motive zu Grunde liegen, so war
die Vermutung der beiden Freunde Ralphs wenigstens nicht ganz unwahrscheinlich.
Ehe Gilbert nach Berlin und durch einen Zufall, den wir in einem der folgenden
Capitel erwähnen werden, in die Gesellschaft der »Achtzehner« - ein Name, der
von der Anzahl der Mitglieder gebildet war - gekommen, hatte Ralph durch seine
Energie und Gewandheit die Gesellschaft, deren Stifter er war, wenn nicht zu
beherrschen, so doch in ihr sich ein bedeutendes Ansehen zu erwerben gewusst. Als
die Kunde von der Februarrevolution das erstaunte Europa durchflog, war es sein
erster Gedanke gewesen, die Gesellschaft, welche bis dahin mehr einen
gesellschaftlichen Charakter getragen, politisch zu organisiren und durch die
vielfach verzweigten Verbindungen, welche jedes einzelne Mitglied in der Stadt
und selbst der nächsten Umgebung besass, zum Centrum einer revolutionären
Propaganda zu machen. Grade als diese Organisation durch den rührigen und
verschwiegenen Ralph ihrer Vollendung nahe war und die revolutionäre Propaganda
bereits erfreuliche Fortschritte gemacht hatte, erschien plötzlich Gilbert,
welcher durch seinen Entusiasmus für die französische Revolution, welche er
selbst mitgemacht hatte, und besonders durch die lebendigen Schilderungen,
welche er davon den hörbegierigen »Achtzehnern« entwarf, in wenig Tagen sich das
Vertrauen der ganzen Gesellschaft - mit Ausnahme eines Einzigen - erwarb. Dieser
Einzige war Ralph. Mit misstrauischem, vielleicht durch Eifersucht geschärftem
Auge beobachtete er den gewandten Franzosen. Dieser, schnell den Grund der Kälte
Ralphs ahnend, schloss sich ihm um so fester an und vermied Alles, wodurch seine
Eitelkeit - denn dafür hielt er es - verletzt werden konnte. Aber je mehr Jener
sich ihm näherte, desto weiter entfernte sich Ralph von ihm, bis Gilbert das
Vergebliche seiner Bemühungen einsehend und ohnehin in dem Vertrauen der
Gesellschaft hinlänglich befestigt, ihm Gleiches mit Gleichem erwiederte.
Scenen, wie die früher beschriebenen, gehörten daher keineswegs zu den
Seltenheiten, und hatten dem alten Steiger schon oft Gelegenheit zu Vorwürfen
gegen seinen jungen Freund gegeben. Auch diesmal hatte er, unmittelbar nach
jenem Vorfall sich vorgenommen, ihm »tüchtig den Kopf zu waschen«. Die
Hindeutung auf Gilberts Verräterei hatte den Alten vollends in Harnisch
gebracht, so dass er jetzt, einen kräftigen Fluch voranschickend, in ganz
unverholener Weise und harten Ausdrücken Ralph einer jämmerlichen »Eitelkeit«
und »kindischen Eifersucht« beschuldigte.
    - Du - schloss er seine Apostrophe - der Du grade uns immer davor warntest,
nur nicht über persönliche Vorteile und die kleinlichen Interessen des Standes
das grosse allgemeine Ziel aus den Augen zu verlieren, Du, der Du als erste
Bedingung zur Aufnahme in unsern Bund die Fähigkeit stelltest, sich und seine
Kräfte zu opfern - für die Befreiung des ganzen Arbeiterstandes von der
Knechtschaft des Geldes und des Ansehens - Du grade fällst in diesen Fehler! -
Pfui, schäme Dich, ein solches Beispiel zu geben. Ich hatte Dich für grösser und
uneigenütziger gehalten.
    Von jedem Andern, selbst von Hartwig, würde Ralph diese Vorwürfe nicht
geduldet haben, den alten Steiger aber liess er ruhig zu Ende reden. Nur
zuweilen, wenn es nicht zu dunkel gewesen, würden seine Begleiter ein
schmerzliches Lächeln über seine bleichen Züge zucken, oder ihn den Kopf leise
schütteln gesehen haben.
    - Du tust mir grosses Unrecht - sagte er endlich mit leidenschaftslosem Tone
- ja wahrlich, grosses Unrecht. Mein Herz weiss von dem Allen nichts, was Du
sagst. Und fühlte ich Eifersucht, wie Du meinst, so könnte es nur darum sein,
weil ich sehe, wie Ihr Euch Alle von diesem glattzüngigen Franzosen betören
lasset, statt meinem Rate zu folgen, der besser gemeint ist. Ihr werdet das
früh genug einmal einsehen. Doch gleichviel. Ich kann noch nichts beweisen und
darum will ich schweigen, darum will ich die Stimme in meiner Brust
unterdrücken, welche mir laut und unablässig zuruft: Traue ihm nicht, er meint
es nicht ehrlich mit Euch, er ist ein Verräter. Und nun lebt wohl. Vergesst
nicht, morgen heraus nach den Zelten zu kommen. Auf Wiedersehn.
    Hiermit trennten sie sich. Als Ralph seinen Begleitern die Hand reichte, lag
ein wohltuendes Gefühl in der Bemerkung, dass Hartwig, welcher während des
ganzen Gesprächs kein Wort geredet, seine Hand fester als gewöhnlich drückte,
gleichsam als teile er Ralphs Befürchtungen, wage jedoch nicht, sie laut werden
zu lassen.
    Ralph ging darauf graden Weges nach Hause. Das Gespräch mit seiner Schwester
bestärkte ihn nur noch mehr in seinem Verdachte gegen Gilbert, flösste ihm jedoch
die Hoffnung ein, den Verräter zu entlarven.
 
                                       IV
Gilbert hatte indes einen ganz andern Weg eingeschlagen, nämlich nach dem Hotel
der Gräfin Bedford, welche heute Abend ihren grossen Salon geöffnet hatte. Die
Gräfin Bedford war eine Frau von nahe an vierzig Jahren, was sie jedoch
keineswegs hinderte, noch eben so schön als liebenswürdig zu sein, eine
Bemerkung, die, da sie nicht nur von ihr selbst, sondern auch von einer
zahlreichen Menge eleganter Verehrer gemacht wurde, die Gräfin vollkommen dafür
entschädigte, dass in den engern Zirkeln der »honetten Bourgeoisie« und der
»Aristokratie comme il faut« ihr Ruf zuweilen mit dem Prädikat der
Zweideutigkeit charakterisirt wurde. Ihren Salon, in welchem, - wenn nicht der
sogenannte »beste« - so doch gewiss ein Ton herrschte, der an Feinheit dem der
»höhern Zirkel« die Spitze bot, an Lebendigkeit und Geschmack dagegen ihn bei
weitem hinter sich liess, füllten die Elegants aus allen Nüançen und Schichten
der sogenannten »höhern Gesellschaft;« Barone, Grafen, selbst Sprösslinge
erlauchter Häuser, Diplomaten, Künstler, Gelehrte, Banquiers: sie hatten Alle
Zutritt unter der einzigen Voraussetzung, dass sie gebildet genug waren, um die
grosse Wahrheit zu begreifen, dass es nur eine Schranke für den Gegenstand einer
öffentlichen Unterhaltung gibt: die Langeweile - und interessant genug, um die
seltene Kunst zu verstehen, sich innerhalb dieser Schranke mit taktvoller
Eleganz und pikanter Feinheit zu bewegen. Kurz der Grundsatz: »Die Form
(versteht sich die schöne, die anmutige Form) ist die alleinige Bedingung für
jedweden Inhalt des bon ton« kam in dem Salon der Gräfin Bedford zur
ausgedehntesten Geltung. Diesem Grundsatz gemäss hatte die schöne Wirtin dafür
gesorgt, jedem der verschiedenen Elemente, aus denen ihre Gesellschaft
zusammengesetzt war, einen den besonderen Interessen und Neigungen
entsprechenden Spielraum und Stoff darzubieten. An den grossen Saal, in welchem
das Gespräch allgemein war, stiessen mehrere kleine Säle und Zimmer, zur
Benutzung für diejenigen, welche, an diesem allgemeinen Gespräch kein Interesse
findend, die Lust der Absonderung in sich verspürten. In einem dieser Zimmer
waren Spieltische aufgestellt, ein anderes bot eine grosse Auswahl der
gelesensten Journale des In- und Auslandes dar, ein drittes war zu einer kleinen
Bildergallerie eingerichtet, welche Gemälde und Kupferstiche der berühmtesten
Meister der Gegenwart entielt. Ausser diesen Zimmern gab es noch eine Menge
kleiner, reizend eingerichteter Boudoirs, in welche man sich allein oder zu
einem vertrauten tête-à-tête zurückziehen konnte. In allen aber - wie
verschieden sie auch sonst waren - herrschte dieselbe raffinirte Verbindung von
materiellem Luxus und geistigem Comfort.
    An dem heutigen Abend jedoch schien über der Stimmung der zahlreicher als
sonst versammelten Gäste eine verdüsternde Wolke zu schweben. Die Gespräche
waren weniger laut und allgemein. Der grosse Salon war fast leer. Desto gefüllter
waren die Nebensäle und Boudoirs. Das Journalzimmer schien heute vorzugsweise in
Anspruch genommen zu werden. - Kein Wunder, weil die kaum 14 Tage alte
Revolution in Paris und die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung Aller
Gemüter beschäftigte.
    Wer in diesem Augenblicke an den runden Tisch getreten und die verschiedenen
Physiognomien der über die Zeitungen gebückten Köpfe beobachtet hätte, würde die
Bemerkung gemacht haben, dass in den Salons der Gräfin nicht nur die
verschiedensten Typen des socialen Lebens, sondern auch die heterogensten
politischen Ueberzeugungen und Sympatien vertreten seien. Besorgnis, Ironie,
Freude, Zorn, Begeisterung und höhnische Wut leuchtete aus den Blicken der
eifrigen Leser, und machte sich in einzelnen Ausrufen Luft. -
    Da jedoch diese einsylbigen Monologe die einzigen Lebensäusserungen waren,
die sich in diesem Zimmer kund tun durften, so würde auch dem, für dergleichen
unwillkührliche mimische Darstellungen empfänglichste Beobachter bald einen
Mangel an Stoff gefühlt und sich nach einem andern für die Beobachtung mehr
Interesse darbietendem Orte begeben haben. Wir wenigstens fühlen uns hiezu
bewogen und fordern den Leser auf, ein Gleiches zu tun.
    In einem der vom Hauptsaale entferntesten Boudoirs, welches unmittelbar mit
den Privatzimmern der Gräfin zusammenhing, sassen zwei Damen in einem - wie es
schien - für sie sehr interessanten Gespräch vertieft, auf dem weichen, mit
Sammet gepolsterten Divan. Eine Astrallampe mit silbernem, kunstvoll ciselirtem
Fusse warf auf die beiden Frauen einen matten Schein, der ihre Züge jedoch
hinlänglich erkennen liess. Die Jüngere von ihnen war eine jener lieblichen
Erscheinungen, welche nie altern, da ihre Schönheit nicht in dem Schnitt des
Gesichts und der einzelnen Teile, sondern im geistigen Ausdruck der Züge
beruht. Obgleich sie schon dreissig Jahre zählte, so besass ihr Gesicht doch die
ganze Lieblichkeit und Zarteit eines 17jährigen Mädchens, und keine Falte
deutete an, dass die glühendsten Leidenschaften in diesen »sanften Zügen« gewühlt
hatten. Sie lehnte ihren Kopf auf die linke Hand, welche sich auf die Sophalehne
stützte und schien mit Neugierde den Worten zu lauschen, welche dem beredten
Munde ihrer Freundin entströmten. Diese, vielleicht acht bis zehn Jahre älter,
von stolzer, imposanter Figur, war nicht minder schön, als Jene, wenn auch im
ganz andern Genre. Die Fülle ihrer Formen berührte nahe die Grenze, jenseits
deren Schönheit und Anmut sich trennen, und würde vielleicht mehr aufgefallen
sein, wenn sie durch den Adel der ganzen Haltung und fast majestätischen Würde
in allen Bewegungen nicht gewissermassen motivirt worden wäre.
    - Ich begreife Ihre Indifferenz nicht, teure Baronin - sagte die Gräfin
Bedford, denn dies war die zuletzt geschilderte der beiden Frauen, in eifrigem
Tone - kann es Ihnen gleichgültig sein, eine Rolle, die Sie allein mit dem
richtigen Takte zu spielen verstehen würden, in ungeschicktere und unwürdigere
Hände fallen zu sehen? Gestehen Sie, dass Sie blasirt sind; nur so kann ich mir
diese seltsame Apatie erklären. Oder sollten Sie Grund haben, blasirt zu
scheinen - auch mir gegenüber? - Alice!
    Es lag ein leiser Vorwurf in dem Tone, mit dem die Gräfin die letzten Worte
und besonders den Namen »Alice« aussprach. Die Antwort darauf war ein leises
Kopfschütteln und ein halbes Lächeln.
    - Blasirt? - sagte Alice, ohne ihre Stellung zu verändern - Sie können recht
haben. Sehen Sie sich doch alle diese Marionetten an, welche in der Welt
»Männer« heissen - ich nehme selbst die nicht aus, welche Sie bei sich sehen,
Gräfin, obgleich ich zugebe, dass sie zu der bessern Sorte gehören. - Sehen Sie
sie sich an, und dann fragen Sie sich, ob es sich lohnt, dass man ein Glied
rührt, um Einen derselben zu betrügen. - Nein, nein; der Triumph ist zu leicht
und darum zu wenig lohnend. Ja, wenn es sich nicht immer um den Einzelnen
handelte, sondern um das ganze Geschlecht, dann liesse sich davon reden. Geben
Sie mir - fuhr sie fort, indem sie sich halb aufrichtete und ihre kleine Hand
ausstreckte - geben Sie mir das ganze Geschlecht in die Hand, um es mit einem
Schlage demütigen zu können, und ich will anerkennen, dass das Ziel der Mühe
wert ist, die man daran setzt, es zu erringen; ja, ich will Ihnen danken.
    Nach den letzten Worten, welche Alice mit erhobener Stimme und geröteter
Wange gesprochen hatte, fiel sie wieder in ihre frühere teilnahmlose Stellung
zurück.
    - Sie vergessen, dass es sich hier nicht um eine blosse Person und deren
Empfindungen handelt, sondern um eine ganze Partei, welche diese Person mit
diesen Empfindungen vertritt. Wohlan, machen Sie sich zur Herrin dieser
Empfindungen, so sind Sie Herrin der ganzen Partei und was mehr, des Prinzips,
welches diese Partei regiert. Und dann vergessen Sie auch, dass hier von einem
Fürsten die Rede ist.
    Alice lachte. - Und wenn ich nun weder das Eine, noch das Andere vergessen
hätte? Wenn nun gerade der Grund meines Widerstrebens darin läge, dass ich es
nicht vergessen, wie dann Gräfin?
    - Freilich dann - sagte diese gedehnt - dann habe ich hierüber nichts mehr
zu sagen, als mein Bedauern darüber auszudrücken, dass Sie diese wahren Motive
nicht eher erklärten. Ich hätte meine Gründe sparen können.
    Die Gräfin erhob sich.
    - Sie sind beleidigt - begütigte Alice, ohne dass dies meine Absicht war.
Hören Sie meinen Grund und die Bedingung, von der mein Entschluss abhängt, so
werden Sie mir nicht zürnen.
    Sehen Sie, teure Gräfin, mir ist nichts mehr zuwider als diese ewigen
inhaltslosen Koketterien, welche doch nur stets dasselbe einfältige Ziel haben.
Wäre ich nicht zu bescheiden, so könnte ich auf mich die Worte des grossen
Friedrich anwenden: »Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen.« Und dennoch -
Sie werden es vielleicht für Heuchelei oder mindestens für Beschränkteit
halten, was ich jetzt sagen werde - dennoch ist es mir leichter, in Ermangelung
einer bessern Beschäftigung, dieses kindische Spiel mit Männerherzen
fortzusetzen, als unter der Maske desselben anderweitige »politische« Zwecke zu
verfolgen. In jenem Falle entwürdigen sich wenigstens nur die Männer, in diesem
entwürdige ich mich selbst; dort fällt die ganze Schmach auf den Besiegten, hier
noch weit mehr auf die Siegerin. Trotzdem, Gräfin, würde ich - schon aus
Gefälligkeit für meine Freunde - nicht abgeneigt sein, mit dem Fürsten
anzubinden, wenn ich nicht sonst - gebunden wäre - -
    - Ich verstehe Sie nicht - rief die Gräfin erstaunt aus.
    - Nehmen Sie es wörtlich, was ich gesagt habe.
    - Und das soll für mich als Grund gelten? Sie wollen mich zum Besten haben.
    - Die Fäden könnten sich kreuzen, und dann kann man für die Folgen nicht
stehen. Doch, sagen Sie mir, liebe Gräfin, warum wollen Sie selbst nicht diese
Rolle übernehmen?
    - Ich? - Unmöglich.
    Alice dankte mit einem ironischen Lächeln für diese indirekte Schmeichelei.
    - Erstlich würde ich zu ungeschickt dazu sein und dann ist meine Stellung
eine viel zu offene, als dass man mir nicht leicht in die Karten sehen sollte.
    - Ich glaube gerade, dass je offener Ihre Stellung ist, desto leichter sollte
es Ihnen werden. Nächst dem entlegensten Schlupfwinkel gewährt Nichts eine
grössere Sicherheit als Orte, die Allen zugänglich sind. Man sieht nicht, wo man
nichts vermutet. Indes ich gebe zu, Sie mögen Ihre Gründe haben. Um so mehr
hoffe ich Nachsicht bei Ihnen für die meinigen zu finden. Und dann - soll ich
Ihnen noch einen Grund sagen? Ich habe eine unbezwingliche Abneigung gegen alle
Politik.
    - Ich will nicht weiter in Sie dringen. Die Sache ist abgetan, sprechen wir
nicht mehr darüber.
    Die beiden Frauen erhoben sich, um sich in den grossen Gesellschaftssaal zu
begeben.
    - Ich werde Sie en passant mit unseren Notabilitäten bekannt machen - sagte
die Gräfin, während sie Arm in Arm mit Alicen durch die Säle schlenderte, und
sich beide eben im Zeitungszimmer befanden. - Sehen Sie dort den schmächtigen
jungen Mann mit der feinen Nase und den klugen Augen, welcher den Pariser
Constitutionel studirt, das ist der Professor Lips, der sich durch seine Reisen
nach Aegypten einen Namen und durch die Heirat mit einem reichen Gänschen ein
glänzendes Vermögen erworben hat. In seinem Nachbar zur Rechten, ich meine jenen
kurzen, dicken Herrn mit der grünen Brille, die fast das halbe hochrote Gesicht
bedeckt, erblicken Sie einen unserer bekanntesten Millionärs, der das doppelte
Verdienst besitzt, in eben so naher Verwandtschaft zu der weiland berühmten
Sängerin S...., als zu der nicht minder berühmten Hofbuchdruckerei von D... zu
stehen. - Ihm gegenüber sitzt der Prinz A.. Betrachten Sie ihn genau und
antworten Sie mir dann aufrichtig, ob Sie sein Gesicht interessant finden. Herr
von St. Just, mit dem ich gestern über den Prinzen sprach, ist freilich vernarrt
in ihn.
    A propos, kennen Sie Herrn von St. Just? Doch nein, das ist ja unmöglich, da
er erst seit kurzer Zeit hier ist und Sie kaum von der Eisenbahn gestiegen sind.
Desto besser, so steht Ihnen noch eine interessante Bekanntschaft bevor. Ich
hoffe, Ihn noch heute hier zu sehen, dann werde ich ihn Ihnen sogleich
vorstellen.
    In diesem Moment öffneten sich die Flügeltüren des grossen Saals, in welchen
die beiden Frauen eben eintraten, und der Jäger meldete den »Chevalier Artur
von Saint Just.«
    Unwillkührlich erhoben sich die Blicke Alicens auf den Neuangekommenen und
blieben erstaunt einige Sekunden auf seinem Gesichte ruhen. Fast in dem
nämlichen Augenblicke begegnete ihrem Auge auch schon das blitzende Auge des
Chevaliers, und Alice wendete sich mit scheinbarer Gleichgültigkeit zu ihrer
Begleiterin.
    - Wohlan, folgen wir dem Winke des Schicksals - sagte sie lächelnd - das uns
in derselben Minute den Chevalier entgegentreten lässt, in welcher Sie mich auf
seine interessante Bekanntschaft neugierig machen.
    Nachdem der Chevalier der Gräfin begrüssend die Hand geküsst hatte, stellte
sie ihn ihrer Freundin vor, und verliess darauf Beide, um sich der übrigen
Gesellschaft zu nähern.
    Um den Grund des Erstaunens zu erklären, mit dem Alice auf den Chevalier St.
Just geblickt hatte, müssen wir den Leser benachrichtigen, dass Herr von St. Just
Alicen keineswegs unbekannt war, da sie auf den ersten Blick in ihm die Person
erkannte, mit der sie heute bereits eine Zusammenkunft gehabt hatte, um ihr
einen Brief des Fürsten Lichninsky zu überreichen. Die Adresse des Briefes
lautete aber nicht an den Chevalier St. Just, sondern schlichtweg an Herrn -
Gilbert.
    - Was soll ich von Allem dem denken, Chevalier? - sagte sie fast beleidigt.
    - Hoffentlich nichts Anderes, als dass ich ein vorsichtiger Mann bin. Setzen
Sie den Fall, dass der Brief von Ihnen verloren - oder Ihnen genommen und von dem
neuen Besitzer an mich abgegeben worden sei, um, wer weiss, welche Geheimnisse
bei mir zu spüren, wäre ich nicht in grosse Verlegenheit gekommen, wenn ich ohne
Weiteres meinen Namen genannt hätte? Gilbert und der Chevalier St. Just haben
Nichts mit einander gemein. Auch kennt mich hier Niemand unter jenem Namen.
    - Selbst die Gräfin nicht? - fragte Alice hingeworfen.
    - Am allerwenigsten.
    - So habe ich mich also an den Absender zu halten, und gerade bei diesem ist
mir dieser Mangel an Vertrauen unerklärlich.
    Gilbert lächelte.
    - Vielleicht hatte er einen ähnlichen Grund, die Furcht, der Brief möchte
verloren gehen.
    - So konnte er mir den rechten Namen mündlich mitteilen - sagte Alice
zornig.
    - Das war unmöglich.
    - Und warum? wenn ich bitten darf - fragte Alice stolz.
    - Weil er ihn selbst nicht kannte. Se. Durchlaucht, der Präsident des Wiener
akademischen Vereins, kennt keinen Chevalier von St. Just.
    - Und wozu denn dieses Verstecken spielen mit doppelten Namen? Wissen Sie
wohl, Chevalier, dass dies abgeschmackt und lächerrlich erscheinen kann?
    - Wenn nichts weiter dahinter steckt, als Geheimnisskrämerei, allerdings.
Aber die Notwendigkeit werden Sie schon einsehen. Doch davon ein ander Mal.
Jetzt will ich vor allen Dingen Rapport abstatten. Die Achtzehner erwarten Sie
mit Sehnsucht, ja mit Begeisterung. Ich habe in Ihrem Namen versprochen, dass Sie
morgen in ihrer Mitte erscheinen werden. Die Vorbereitungen sind getroffen: es
bedarf nur eines Winks und die Bombe platzt. Uebrigens muss noch in dieser,
spätestens im Anfange der künftigen Woche etwas geschehen, um die Stadt im
Allgemeinen in Bewegung zu bringen, und die Gemüter auf den entscheidenden
Punkt hin zu concentriren. Geschieht dies nicht durch uns, so geschieht es von
selbst: und dann gleitet uns der Faden aus den Händen.
    - Sie haben recht in der Sache. Ueber das »Wie« sprechen wir morgen. Ich
habe Ihnen Vorschläge zu machen, die Ihnen gefallen werden. Aber nun wünschte
ich, Ihre Meinung, Ihre wahre Meinung - Alice betonte diese Worte - zu hören
über die Richtung, welche wir der Bewegung geben. - Sie verstehen mich nicht,
wie es scheint.
    - Nicht ganz.
    - Wohlan, ich will deutlich sein. Wer wird die Früchte davon geniessen: die
Aristokratie oder das Proletariat? Was ist Ihre Parole, Gilbert, Revolution oder
Contrerevolution, Demokratie oder Absolutismus?
    - Sprechen Sie nicht so laut, ich bitte Sie. Man ist schon aufmerksam auf
uns geworden. Eine solche Frage ist meiner Meinung nach kaum zu stellen,
geschweige zu beantworten. Oder erlauben Sie mir die Gegenfrage: Sind Sie schon
für das Eine oder Andere entschieden?
    Alice senkte den Kopf, als besönne sie sich, ob sie antworten sollte oder
nicht. Dann sagte sie kurz und entschieden: Ja! -
    Es lag in der Weise, wie sie den Kopf stolz emporrichtete und in dem
Ausdruck, mit dem sie dieses »Ja« aussprach, eine solche Energie des Willens und
eine solche Kraft der Ueberzeugung, dass Gilbert sich nicht entalten konnte, das
schöne, schmächtige Weib mit einem Blicke zu betrachten, der seine volle
Bewunderung aussprach.
    - Ich muss gestehen - sagte er leise - dass ich mich dieser Entschiedenheit
nicht rühmen kann. Worin wir aber, wie ich hoffe, übereinstimmen, das ist der
Hass und die Verachtung gegen die Bourgeoisie und alle Erbärmlichkeiten, die an
dem Zopf des Philistertums hangen.
    Alice reichte ihm schweigend die Hand, die er fest drückte. -
    - Haben Sie meine Bitte wegen des jungen Mädchens erfüllt? - fragte sie,
nach einer Pause zu einem andern Tema übergehend.
    - Ja wohl. Sie werden sie morgen früh bei sich sehen. Ich weiss weder, woher
Sie dies junge Mädchen kennen, noch warum Sie sich gerade dafür interessiren.
Aber ich fürchte, dass - wenigstens für mich - Unannehmlichkeiten daraus
entstehen können.
    - Wie so? -
    - Sie ist die Schwester eines Führers aus der Gesellschaft der Achtzehner,
welcher mich schon seit mehreren Tagen mit eifersüchtigen Blicken betrachtet,
weil er sich einbildet, dass ich darauf ausgehe, ihm seine Popularität zu rauben.
    - Meinen Sie Ralph?
    - Sie kennen ihn? - fragte Gilbert erstaunt.
    - Natürlich. - Sie vergessen, dass ich in vergangenem Herbst hier war und die
Gesellschaft, welche früher dem Handwerkervereine angehörte, organisiren half.
Ich begreife Ihre Besorgnis. Doch haben Sie nichts zu fürchten. Nehmen Sie
meinen Dank für Ihre Bemühungen und vergessen nicht, morgen zu mir zu kommen.
Jetzt aber lassen Sie uns der Gesellschaft uns anschliessen. Ich habe schon
mehrere forschende Blicke sich hieher richten sehen.
    Sie waren eben im Begriff, sich zu trennen, als der Prinz A.. auf der
Schwelle der nach dem Journalzimmer führenden Türe erschien. Jetzt war es des
Prinzen Blick, welcher dem Alicens begegnete. Aus der Richtung, welche diese und
der Chevalier eingeschlagen hatte, um sich dem Gros der Gesellschaft
anzuschliessen, konnte der Prinz erkennen, dass sie mit einander gesprochen
hatten. Dem fragenden Ausdruck, welcher in Folge dieser Bemerkung im Auge des
Prinzen sich zeigte, antwortete Alice mit fast unbemerkbarem Schütteln des
Kopfs. Des Prinzen Stirn verfinsterte sich, doch nur einen Augenblick. Im
nächsten näherte er sich wie zufällig dem Chevalier und bald waren Beide in
einem politischen Gespräche vertieft.
    - Nun, wie finden Sie ihn? - fragte die Gräfin Alicen.
    - Welche Frage! Würde ich Ihnen nicht gerechten Grund geben, an meinem
Geschmack zu zweifeln, wenn er mir nicht eminentes Interesse einflössen müsste, da
er sogar das Ihrige zu erregen verstanden? antwortete Alice mit ironischem
Doppelsinn.
    Die Gräfin schien die Ironie zu fühlen. Sie senkte den forschenden Blick,
welchen sie auf das feine Gesicht Alicens geworfen hatte, das in diesem
Augenblick von einem melancholischen Lächeln überglänzt wurde.
    - Und der Prinz? fragte sie weiter - Sie erinnern sich, dass Sie mir noch
eine Antwort schuldig sind.
    - Da Sie nach Ihrer Äusserung von vorhin über den Prinzen eine andere
Ansicht haben als der Chevalier, so bin ich in Verlegenheit, wem ich recht geben
soll. Ich fürchte in beiden Fällen, Ihnen wehe zu tun. -
    Die Gräfin errötete, denn es lag in den Worten und besonders in dem
Lächeln, die nicht undeutliche Vermutung ausgesprochen, dass das Interesse der
Gräfin für den Chevalier von etwas tieferer als bloss socialer Natur sein mochte.
Alice wollte aus der Antwort der Gräfin beurteilen, ob ihre Vermutung richtig
sei. Als die Gräfin schwieg, war Alice ihrer Sache gewiss. - Sie sah den Prinz
scharf an - und wurde verstanden.
    Bekanntlich hat Solon das Gesetz gegeben, dass derjenige, welcher in
politischen Parteikämpfen sich zu keiner Partei schlüge, mit dem Tode bestraft
werden solle. Es ist meine Aufgabe nicht, die Weisheit dieses Gesetzes an den
Tag zu legen; doch kann ich nicht umhin, an dem Beispiel des Chevalier St. Just
die darin entaltene Wahrheit zu versinnbildlichen.
    Er hatte aufrichtig gesprochen, als er Alicen erklärte, dass er über die zu
ergreifende Partei noch unentschieden sei; aber die Strafe dieser
Unentschiedenheit zeigte sich schon jetzt. Da er es vorläufig noch mit beiden
Parteien hielt, es weder mit dem Proletariat noch mit der Aristokratie verderben
wollte, so musste er sich in beiden Lagen für etwaigen Rückzug eine Türe offen
erhalten. Diese Rücksicht legte ihm aber Fesseln an und verhinderte ihn, nach
einer der beiden Seiten die ganze Energie zu entwickeln, deren er fähig war, und
welche ihn bald über alle Eifersüchteleien von Nebenbuhlern hätte triumphiren
lassen - und Eifersüchteleien sind gefährlicher als offne Angriffe von erklärten
Feinden. Auf der einen Seite stand Ralph - auf der andern - freilich ohne seine
unmittelbare Schuld, - der Prinz A. ihm gegenüber. Der Prinz A. liebte die
Gräfin und hasste in Folge dessen den Chevalier, weil dieser - wie es ihm schien
- mehr Glück bei der Gräfin hatte als er selbst sich rühmen konnte. Es könnte
auffallen, dass Alice gegen Gilbert zu intriguiren schien, indem sie den Prinzen
in seinem Verdachte von einem innigeren Verhältnis zwischen dem Chevalier und
der Gräfin bestärkte. Allein wir kennen Alicen hinlänglich, um nicht den Grund
dieses scheinbaren Verrates zu durchschauen - sie - die selbst ohne
Leidenschaft, oder wenigstens von keiner Leidenschaft jemals übermannt, mit der
Leidenschaft Anderer zu spielen gewohnt war, um aus dem daraus gewonnenen
Triumpfgefühl sich eine Staffage für ihre eigene materielle Unabhängigkeit und
geistige Selbstständigkeit zu gewinnen - musste - vor allen Dingen dahin zu
gelangen suchen, diejenigen, welche die leitenden Fäden der im Spiel begriffenen
Intrigue in Händen hielten, ihrem Willen zu unterwerfen, und ohne dass sie es
merkten, von sich abhängig zu machen, damit sie selber das Centrum würde, in
welchem alle die verschiedenen Fäden wieder zu einem Knoten zusammenliefen. Sie
wusste, dass die Gräfin Rücksicht auf den Prinzen nehmen musste, weil ihre
Existenz, ihre jetzige glänzende Existenz, hauptsächlich sein Werk war: deshalb
liess sie jene Andeutung fallen, aus welcher die Gräfin zu ihrem grössten
Erstaunen ersah, dass ihre Teilnahme für den Chevalier dem scharfen Auge ihrer
Freundin keineswegs entgangen war. Die Gräfin begann Alicen zu fürchten und
diese Furcht war der erste Ring zu einer Kette, welche sie an dieselbe fesselte
und ihrem Willen gehorsam machte. Den Prinzen zog nicht nur das Gefühl der
Dankbarkeit für die erhaltene Aufklärung, sondern auch das weit kräftigere des
Beistandes, dessen er bedurfte und das allein sie ihm gewähren konnte, zu Alicen
hin; vielleicht kam noch ein drittes Moment hinzu: nämlich die Erinnerung an
eine noch nicht gar lange verschwundene Zeit, in welcher er die schöne Frau
einst sein eigen genannt hatte.
    Und Alice verstand die grosse Kunst, diejenigen, welche sie einst geliebt
hatten, sobald diese Liebe verschwunden war, als ihre wärmsten und
aufrichtigsten Freunde sich zu erhalten. Sie zeigte allen diesen Verhältnissen
und Personen gegenüber dieselbe anmutige Liebenswürdigkeit, welche es ihr
möglich machte, oft Wahrheiten zu sagen, die aus anderm Munde verletzt haben
würden, in dem ihren aber nur dazu beitrugen, das Band noch fester zu knüpfen,
welches Alle, die sich einmal in ihre Nähe gewagt hatten, an sie fesselte. Was
Gilbert betraf, so war er schon durch ihre Mitwissenschaft von seiner Teilnahme
an der Verbindung der Achtzehner ein Sklave ihres Willens. Mit ihm brauchte sie
am wenigsten Rücksicht zu nehmen. Es gab unter allen denen, die sie kannten, nur
zwei Personen, für welche sie ein innigeres Gefühl in sich trug; und grade diese
beiden befanden sich nicht im Salon der Gräfin:
              es waren Lichninsky und - Ralph, der Fürst und - der
                                   Arbeiter.
    Das Gespräch, in welchem der Prinz A. mit dem Chevalier begriffen war,
schien für Beide ein grosses Interesse zu haben. Ersterer hatte von der Gräfin
gehört, dass der Chevalier am 23. Februar in Paris gewesen; es war mitin
natürlich, dass es ihn interessirte, dies Ereignis von einem Augenzeugen
geschildert zu hören. Aber der Prinz hatte - vielleicht unbewusst - noch einen
andern Zweck dabei im Auge. Gilbert war für Alle, mit denen er Umgang hatte, ein
rätselhafter Mensch. Niemand konnte sich seines besonderen Vertrauens rühmen,
Niemand kannte den Zweck seines Aufentalts in Berlin und den Grund, weshalb er
Paris grade in jener denkwürdigen Zeit verlassen hatte - Ursache genug, um den
eifersüchtigen Prinzen mit Misstrauen gegen ihn zu erfüllen und um den Versuch zu
machen, den Absichten dieses fahrenden Ritters - dafür hielt ihn der Prinz - auf
die Spur zu kommen. Der brave Chevalier merkte jedoch bald, wohinaus die Fragen
des Prinzen zielten, und wich geschickt jeder bestimmten Antwort aus. Dennoch
würde es ihm auf die Länge schwer geworden sein, dieses gefährliche Frag- und
Antwortspiel fortzusetzen, hätte ihn nicht seine schöne Freundin aus der Not
geholfen. Die Gräfin rief ihn mit einem entschuldigenden Blick auf den Prinzen
zu sich, um einen Streit zu schlichten, der zwischen ihr und dem Professor Lips
über Classicität der ägyptischen Kunstdenkmäler ausgebrochen war.
    Gilbert, der längere Zeit im Orient sich aufgehalten, konnte wohl als
Autorität in dieser Streitfrage gelten.
    Während an dem hellerleuchteten Gesellschaftstisch die ästetische Frage
über die hohe Entwickelung der ägyptischen Kunst erörtert wurde, blieb der Prinz
nachdenklich in der Fenster-Nische stehen, halb verdeckt durch die faltigen
dunkel gelbseidenen Gardinen, die das Lichtmeer des Saales fast zu einem
Halbdunkel abschwächten. Da fühlte er plötzlich einen leisen Druck auf seinen
Arm. Er sah sich überrascht um.
    - So tief in Gedanken, Königliche Hoheit? - sagte eine tiefe Stimme. Es war
der Polizei-Präsident v. M.
    - In der Tat, die Zeit gibt uns hinreichenden Stoff zum Denken, sollt' ich
meinen - erwiederte lächelnd der Prinz. Ich danke Ihnen, dass Sie mich daraus
erweckt haben, denn meine Gedanken waren nicht erfreulicher Natur.
    - Ich wusste das. Sonst hätte ich mir nicht erlaubt, Sie darin zu stören,
mein Prinz.
    - Sie kannten meine Gedanken? - fragte ironisch der Prinz.
    - Nicht nur, weil ich sie kenne, sondern weil ich auf die Fragen, die Sie in
diesem Augenblicke bewegen, antworten kann, weckte ich Sie aus Ihrem Nachdenken.
    - Verzeihen Sie - versetzte der Prinz - ich vergass, dass zu Ihrem Beruf
gehört, ein wenig allwissend zu sein, oder in Ermangelung dessen, es wenigstens
zu scheinen.
    - Als Antwort auf Ihren Spott sage ich Ihnen nur ein Wort.
    Er flüsterte dem Prinzen einen Namen ins Ohr, der diesen sichtbar
überraschte.
    - Wohlan - sagte dieser nach kurzem Nachdenken - und Ihre Antwort?
    - Dass der Stern nicht das Irrlicht zu fürchten hat. Ihr Misstrauen gegen
diesen Menschen ist vollkommen gerechtfertigt, um so mehr gerechtfertigt, als
ich es teile. Ihnen kann ich es gestehen, dass auch ich noch nicht ganz klar
über ihn bin.
    - Und warum, wenn es so gefährlich ist, befindet er sich noch auf freien
Füssen?
    - Eben weil ich nicht klar bin. Ich habe Indicien über ihn, die sich
widersprechen. Dass er conspirirt, darüber habe ich zahllose Beweise, aber für
welche Partei er conspirirt? - das weiss ich nicht. - Entweder ist er ein sehr
gewandter Diplomat - oder ein charakterloser Schwachkopf.
    - Und was gedenken Sie zu tun?
    - Ihn beobachten und sobald ich Gelegenheit habe, ihn unschädlich machen.
    Der Prinz wandte sich unbefriedigt ab.
    - Dieser Zeitpunkt ist näher als Sie glauben, fuhr der Polizeipräsident mit
geheimnisvoller Miene fort. - Schon Morgen wird sich Vieles entscheiden. - Eine
Frage erlauben mir Königliche Hoheit?
    - Nun?
    - Baronin Alice ist Ihre Freundin?
    Der Prinz sah Herrn v. M. mit grossem Blicke an. - Ich verstehe Sie nicht,
Herr Polizeipräsident, - sagte er - auf den Titel einen Nachdruck legend.
    Herr v. M. lächelte.
    - Sie sind sehr misstrauisch, mein Prinz. Fast so misstrauisch, wie ein -
Polizeipräsident. Ich tat jene Frage nur, um Sie zu bitten, Ihrer Freundin den
gutgemeinten Rat zu geben, dass Sie es unterlassen möge, in dieser Woche das
bewusste Haus vor dem Hamburger Tore zu besuchen, weil ich in Verzweiflung
geraten würde, wenn sie einen Beleg zu der Wahrheit des Sprüchworts geben
sollte: »Mitgefangen - Mitgehangen«. Zugleich fällt mir auch ein, dass Ihre
Freundin sicherlich noch besser als ich selbst über den Chevalier unterrichtet
ist. In Rücksicht darauf, dass ich besser im Stande wäre, Ihnen mit meiner Hülfe
zu dienen, würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie diese Quelle prüften und mir
das Resultat Ihrer Untersuchungen mitteilen wollten.
    Mit diesen Worten empfahl sich Herr von M. dem Prinzen, um mit dem Banquier
S. eine gründliche Untersuchung über die Ursache der gegenwärtigen Finanzkrisis
anzustellen.
    Der Prinz trat aus der Nische heraus und mischte sich wieder unter die
Gesellschaft. Unwillkürlich suchte sein Blick Gilbert, dessen forschendes Auge
dem seinigen begegnete. Einen Moment hafteten ihre Blicke auf einander, worauf
beide zu gleicher Zeit und mit gleicher Indifferenz sich nach andern Seiten
richteten.
    Als der Prinz vor dem Stuhle Alicens vorbeikam, beugte er sich zu ihr herab.
Was er ihr zuflüsterte, konnte Niemand verstehen. Alice aber, welche dem alten
süsslichen General von Klausewitz eine Beschreibung des Wiener Salonlebens in dem
verflossenen Winter machte, zuckte bei den Worten des Prinzen etwas zusammen,
ohne indes den Satz, welchen sie eben begonnen hatte, zu unterbrechen. Im
nächsten Augenblicke war sie wieder vollkommen Herrin ihrer selbst; nur eine
schwache Röte auf ihren Wangen und ein leises Zittern der langen Augenwimpern
bewies dem genauen Beobachter die Bewegung ihres Innern.
    Es war indes spät geworden. Viele Gäste hatten sich bereits zerstreut. Die
Zurückgebliebenen, meist aus den bekannten Personen bestehend, hatten sich zu
einem engern Zirkel um den Tisch gruppirt. Doch schien sich grade über die,
welche sonst den meisten Stoff zu lebhafter Unterhaltung dargeboten, heute eine
trübe Wolke gelagert zu haben, die sie in sich gekehrt und schweigsam machte.
Jeder schien sich mit seinen eigenen Gedanken zu unterhalten und so sehr die
schöne Gräfin etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen sich bemühte, hatten
ihre Anstrengungen doch so wenig Erfolg, dass sie sich endlich bewogen fühlte,
das Zeichen zum Aufbruch zu geben.
    Der Prinz A. bot Alicen seinen Arm und verliess unmittelbar nach dem
Chevalier den Saal. Sie gingen zusammen hinaus. An der nächsten Strassenecke
trennten sie sich. Der Prinz geleitete Alicen in ihre Wohnung; Gilbert kehrte
auf einem Umwege nach dem Hause der Gräfin zurück.
 
                                       V
Am folgenden Morgen sass Alice mit ihrer bleichen Freundin Lydia am Fenster und
sah gedankenlos in den trüben Nebel hinein, der sich zwischen die Häuser der
Strasse gedrängt hatte. Lydia war mit einer Handarbeit beschäftigt; man hätte sie
für teilnahmlos halten können, wenn sich nicht bei jedem Seufzer, der unbewusst
den Busen ihrer gütigen Beschützerin hob, ihr grosses feuchtes Auge einen
Augenblick auf das Gesicht der Letztern gehoben hätte. Alice konnte diese Blicke
nicht bemerken, da sie halb abgewendet von Lydia hinausschaute; auch war sie
gewohnt, Lydia so sehr mit sich selber beschäftigt zu wissen, dass sie sich in
ihrer Gegenwart weniger, als sonst ihre Gewohnheit war, Zwang auferlegte. Nicht
als wenn Alice vor Andern, selbst vor Männern, ihre Seufzer stets unterdrückt
hätte - aber sie tat es dann gewiss nicht unwillkürlich, am wenigsten ohne
Bewusstsein. Sie setzte ihren Stolz darein, stets Herrin ihrer selbst zu sein;
denn sie wusste, dass die Herrschaft über sich selbst zugleich die erste Bedingung
und die sicherste Garantie für die Herrschaft über andere war. -
    Noch eine dritte Person, die wir fast vergessen hätten, befand sich im
Zimmer: Salvador. Er hatte sich in dem entferntesten Winkel niedergekauert und
klimperte auf einer alten Mandoline eine spanische Romanze. Sein dunkler Blick
war starr auf Lydia gerichtet, die ihn entweder nicht bemerkte oder - vielleicht
aus dem Gefühl, dass sie dem seinigen begegnen würde - ihr Auge absichtlich nicht
nach dem Winkel richtete.
    Alice fuhr plötzlich vom Fenster zurück, so dass Lydia erschreckt nach der
Ursache fragte.
    - Sieh' dort das junge Mädchen, mit dem braunen Tuch um den Kopf geschlungen
- was mag sie von mir wollen? Sie starrt fortwährend zu uns herauf, als suche
sie Jemanden.
    - Wie bleich sie ist! - bemerkte Lydia - Mich dünkt, es liegt ein Zug von
verzweifelter Resignation auf ihrem Gesichte.
    - Sollte es Anna sein? - sagte halblaut Alice, als stelle sie diese Frage an
ihre eigene Erinnerung. - Beim Himmel, sie ist's - aber wie verändert; es muss
ein Unglück geschehen sein. - Alice winkte auf die Strasse hinab. Lydia verliess
das Zimmer. Salvador hörte auf zu summen und zu klimpern.
    Bald darauf klopfte es leise aber hastig an der Türe, und ein zitterndes
junges Mädchen stand auf der Schwelle.
    - Komm zu mir, Anna - sagte Alice mit jenem Zauber, welchen das Mitleid in
der weiblichen Brust erzeugt. - Kennst Du mich nicht mehr, Kind?
    Anna hatte gleich bei dem ersten Ton von Alicens Stimme den Kopf erhoben;
eine tiefe Röte überflutete ihre bleichen abgehärmten Züge. - Einen Schrei,
halb von der Angst, halb von Freude ausgepresst, ausstossend, stürzte sie auf die
schöne Frau zu und warf sich stumm zu ihren Füssen, die sie mit ihren Armen
umklammerte. -
    - Was ist Dir, gute Anna? -
    - Mein Bruder - mein Vater - im Gefängnis! - - - brachte sie endlich mit
Mühe hervor.
    Alice erbleichte.
    - Ralph im Gefängnis? - Warum? Sprich, unglückliches Kind, wann geschah es?
    - Heute Nacht - erzählte Anna, ihre noch immer reichlich fliessenden Tränen
trocknend - kamen vier Gensdarmen und nahmen den Vater und Ralph mit sich. - Der
arme alte Vater! Was wird aus ihm werden in dem kalten, dunkeln Gefängnis! O,
gnädige Frau, retten Sie ihn, retten Sie den guten Ralph, wenn Sie können. Alice
hatte sich erhoben und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab.
    - Und weisst Du den Grund der Verhaftung?
    - Ach ja - sagte Anna und erzählte den gestrigen Vorfall mit dem von Möller
empfangenen Goldstück. - Herr Klingemann, unser Wirt, begleitete die
Gensdarmen. Gewiss hat er die Anzeige gemacht.
    - Abscheulich - murmelte Alice, die durch den Grund der Verhaftung indes
ziemlich beruhigt wurde; obschon es nicht unmöglich war, dass man einen andern
Verdacht gegen Ralph geschöpft hatte und ihn durch dieses Mittel unschädlich
machen wollte. - Sie schickte Salvador zu Gilbert mit der Aufforderung, sogleich
zu ihr zu kommen.
    - Beruhige Dich - tröstete sie Anna - wenn nur jenes Goldstück an ihrer
Verhaftung schuld ist, so ist die Sache leicht aufgeklärt.
    - Wohnt nicht Herr Möller hier in dem Hause? fragte Anna schüchtern.
    - Wer ist Herr Möller?
    - Der Herr, welcher mir gestern das Goldstück gegeben und mir befahl, heute
früh hieher zu kommen.
    - Der Herr hiess Möller, und nicht Gilbert? - fragte Alice, die von der neuen
Namensveränderung Gilberts nicht wusste.
    Anna sah Alicen verlegen an. Sie wusste von ihrem Bruder, dass Möller und
Gilbert ein und dieselbe Person seien, zweifelte aber zugleich daran, ob sie
dies, Alicen gegenüber, eingestehen sollte.
    Alice, welche die Wahrheit ahnte, half ihr aus der Verlegenheit.
    Liebes Kind, der Herr hat auf meine Bitte Dich gestern Abend aufgesucht, um
Dich zu mir zu bestellen. Nicht in seinen, sondern in meinen Dienst sollst Du
eintreten - wenn es Dir so recht ist. Ob dieser Herr sich Möller oder Gilbert
genannt hat, kann uns Beiden gleichgültig sein. Ohnehin wird er gleich hier
sein, Du wirst Dich dann überzeugen können, ob es derselbe ist, der Dich gestern
hieher geladen hat.
    Anna, erfreut über diese unerwartete Wendung der Dinge, küsste dankbar die
Hand Alicens, als draussen Schritte hörbar wurden und bald darauf Gilbert,
gefolgt von Salvador, eintrat.
    Ersterer sah erhitzt und angegriffen aus. Er warf sich nach einem flüchtigen
»Guten Morgen« erschöpft auf einen Stuhl.
    Was konnte diesen kalten Menschen so aufgeregt haben?
    Diese Frage lag in Alicens halb spöttischen, halb besorgten Blicken.
    - Nun? unterbrach sie endlich das peinliche Schweigen.
    - Die Wahnsinnigen! - murmelte er, nur Alicen verständlich. - Sie werden uns
Alle zu Grunde richten.
    - Wo? reden Sie doch! Was beunruhigt Sie so heftig? -
    - Sie haben also noch nichts gehört? -
    - Wovon soll ich gehört haben? -
    - Von der Sturmpetition, die heute Abend unter den Zelten beraten und
morgen durch eine grossartige Demonstration vor dem Schloss ausgeführt werden
soll?
    - Und das beunruhigt Sie? - fragte mit ironischem Mitleid Alice, deren Augen
bei dieser Nachricht einen eigentümlichen Glanz annahmen. - Sie Aermster! -
    - Spotten Sie immerhin. Ich sage Ihnen, es wird nicht gut ablaufen. Die
Polizei hat bereits Notiz davon bekommen und ihre Massregeln getroffen. Ich bin
draussen gewesen in der Gesellschaft, weil ich vermutete, dass sie beraten
würde. Ich täuschte mich nicht, sie waren Alle beisammen, nur Ralph fehlte. -
Gilbert warf, indem er diesen Namen aussprach, einen Blick auf Alicen, der eine
Verläumdung gegen den Bruder Annas entielt. Diese schien ihn nicht verstehen zu
wollen.
    - Gut, dass Sie mich daran erinnern - sagte sie kalt. - Ralph ist im
Gefängnis und durch Ihre Schuld.
    Gilbert erbleichte. - Durch meine Schuld? fragte er mit unsicherem Tone. In
diesem Augenblick bemerkte er Anna, die bei seinem Eintritt sich zurückgezogen
hatte.
    - Ja, Sie sind, wenn auch nicht gerade schuld, so doch Ursache davon. - Hier
ist Ralphs Schwester. Sie wird Ihnen das Nähere mitteilen. Eilen Sie, die armen
Kinder aus ihrer Angst um Vater und Bruder zu befreien. An der Bereitwilligkeit,
mit der Sie meinen Wunsch erfüllen, werde ich sehen, ob Sie an diesem Irrtum
keine wissentliche Schuld haben. -
    Dann wandte sie sich zu Anna: Begleite den Herrn, liebes Kind, und gieb
dieses Papier in die Hand deines Bruders. - Verwahre es sorgfältig; nachher
wirst Du mir Alles erzählen.
    Gilbert und Anna verliessen die Wohnung. Alice eilte mit einer schnellen
Bewegung ins Nebenzimmer, aus dem sie nach wenigen Minuten als junger Mann
heraustrat. Salvador, der Alicen noch nie in Männerkleidung gesehen, riss vor
Ueberraschung eine Seite auf seiner Mandoline entzwei und starrte mit offnem
Munde auf die plötzliche Erscheinung, bis die Stimme Alicens, die ihm eine
Kutsche zu rufen befahl, ihn seines Irrtums überführte.
    Hotel des Prinzen A...., rief sie dem Kutscher zu, welcher ihr die Fahrmarke
in den Wagen reichte. - Nach einer kurzen Fahrt war sie am Hotel angelangt, und
von dem vertrautesten Kammerdiener des Prinzen in einen Gartenpavillon geführt.
    Hunderterlei blühende exotische Gewächse füllten das phantastisch
geschmückte Zimmer, mit einem fast betäubenden narkotischen Wohlgeruch an. Der
Prinz in einem orientalischen Kostüm, das ihm als Negligee diente, war in
halbliegender Stellung auf einer Ottomane hingestreckt und über ihn hin
breiteten mächtige Faisenpalmen ihre eleganten, fussbreiten Blätter aus. Der vor
ihm stehende milchweisse Marmortisch war mit einer Menge Zeitungen und Journale
bedeckt.
    Beim Eintritt Alicens erhob sich der Prinz und führte sie schweigend zur
Ottomane. Alice warf einen Blick auf den Zaubergarten, der sie umgab und
seufzte.
    Es war nicht das erste Mal, dass sie als Knabe verkleidet hier eingetreten
und vom Prinzen in derselben Weise, wie heute, empfangen wurde. Aber jene Zeit
gehörte der Vergangenheit an. -
    - Was bringen Sie mir, Alice? - fragte der Prinz nach einer Pause.
    - Ich wünschte, das Ihnen bringen zu können, was ich bei Ihnen zu suchen
gekommen - Trost in Verzweiflung.
    Jetzt war die Reihe zu seufzen am Prinzen. Doch sagte er lächelnd: worüber
oder woran könnten Sie verzweifeln, meine Freundin? Oder ists ein Dritter, für
den Sie Trost bei mir suchen?
    Alice erzählte die Gefangenschaft Ralphs und bat den Prinzen um Verwendung
für den Unglücklichen bei dem Polizeipräsidenten v. M. Ich glaube nicht - fuhr
sie fort - dass auf den blossen Verdacht hin, das Goldstück könne auf
unrechtmässige Weise in die Hände der Familie gekommen sein, so streng gegen den
alten Naumann und seinen Sohn verfahren worden wäre, wenn man nicht andere,
tiefer liegende Gründe zu haben vermeinte. Uebrigens habe ich zur Aufklärung
derselben sogleich den Chevalier St. Just zum Herrn von M. geschickt, da von ihm
das Goldstück herrührt.
    - Glauben Sie mir, Alice, erwiederte der Prinz, dieser St. Just wird unser
Aller böser Dämon. - Hüten Sie sich vor ihm! - Sie lächeln? Meinen Sie
vielleicht, dass mein Hass gegen ihn mich verblendet? Und nun schicken Sie ihn
vollends zum Polizeipräsidenten. Fürwahr, ich fange an, Ihre sonst so bewährte
Klugheit in Zweifel zu ziehen.
    Wissen Sie denn nicht, dass Herr v. M. es war, der mir gestern mit Rücksicht
auf St. Just jene Warnung für Sie zukommen liess, die ich selbst nicht einmal
verstand?
    Alice erbebte. Sie schien mit sich über einen Entschluss zu kämpfen. Vom
Divan aufspringend, schritt sie hastig zwischen den Gewächsen auf und ab.
Endlich blieb sie vor dem Prinzen stehen. Ihr Anblick war völlig verändert. Ihr
dunkles Auge strahlte wunderbar, ihr lockiges Haupt war hoch aufgerichtet.
    Wir müssen uns Gewissheit verschaffen, Prinz. Dies aber ist nur möglich, wenn
wir gemeinsam handeln. Dann aber Vertrauen um Vertrauen. - Schlagen Sie ein. -
    Sie streckte ihm die Hand entgegen.
    - Ich sehe noch nicht, was uns selbst die Gewissheit von seiner Verräterei
nützen kann - sagte ungläubig der Prinz; doch legte er seine Hand in die
dargebotene Alicens und zog sie zärtlich an seine Lippen.
    - Sie, wie ich, werden dieselbe Frucht pflücken - erwiederte Alice, einen
köstlichen Granatapfelbaum eines seiner rotwangigen Kinder beraubend - eine
sichere Ueberzeugung für unsere zweifelvolle Seele und einen festen Mut für
unsere schwankenden Entschlüsse.
    Der Prinz, welcher die Worte Alicens auf den Chevalier bezog, lächelte
ungläubig, weshalb Alice plötzlich, allen Rückhalt verschmähend mit
leidenschaftlichem Tone ausrief:
    - Mein Freund, ich nenne Sie in dieser Stunde so, weil ich im Begriff bin,
eine schwere Pflicht gegen Sie auszuüben, deren nur die Freundschaft fähig ist,
mein teurer Freund, lassen Sie von der Bedford; diese Frau ist ihrer nicht
würdig.
    Der Prinz, auf welchen der Name der Gräfin den Eindruck eines elektrischen
Schlages gemacht hatte, zitterte heftig. Sein flammendes Auge bohrte sich tief
in das auf ihn niederblickende Auge Alicens, dessen Ausdruck sich nicht
veränderte. Ungestüm entriss er ihr seine Hand und flüsterte mit gebrochener
Stimme:
    - Sie sind eine Lügnerin, Alice.
    Das sanfte Lächeln, welches Alicens Züge überstrahlte, wurde selbst durch
diesen harten Vorwurf nicht verwischt, nur mischte sich der Ausdruck einer
leisen Ironie hinein, als sie mit Ruhe erwiederte:
    - Soll ich Ihnen Beweise geben, Prinz?
    Ein stummer Wink hiess sie fortfahren.
    - Von dem Verhältnis der Gräfin mit St. Just will ich gar nicht reden. Eine
solche Untreue, wie demütigend auch für Sie, mein Prinz, könnte doch nur ein
halber Beweis sein. Denn wer vermöchte den Beweis zu liefern, dass nicht St. Just
eben so betrogen wird wie Sie. Aber was würden Ew. Königliche Hoheit zu einem
Plane sagen, Sie durch die fein berechnete Koketterie einer geschickten Buhlerin
von Ihrer Leidenschaft zur Gräfin, und diese von Ihnen befreien zu lassen?
    - Ich würde dazu sagen - dass die Gräfin, wenn sie einen solchen Plan fassen
sollte, sich schlecht auf wahre Leidenschaft verstehen, oder eine grosse Achtung
vor dem Talente der »Buhlerin« haben müsste.
    - Vielleicht ist Beides der Fall. Und raten Sie, wen man für würdig
erachtet hat, diese Rolle bei Ihnen zu übernehmen?
    - Also ist es nicht ein blosser Einfall, dieser Plan? Man hat in der Tat an
dergleichen gedacht?
    - Freilich, aber raten Sie!
    - Wie kann ich wissen - sagte der Prinz zerstreut. - Vielleicht Fräulein
S.... oder unsere Primadonna H....?
    - Bewahre. Wie sollte man darauf geraten. Sie besuchen ja die Teater fast
gar nicht. Nein, ich will es Ihnen sagen: Mich! -
    - Sie? - -
    - Glauben Sie, mein Prinz, dass ich Scherz mit Ihnen treibe?
    - In der Tat, ich glaube es fast; darum geben Sie mir bessere Beweise.
    - Es sei! So hören Sie denn: Die Gräfin ist von einer gewissen Partei, in
deren Diensten sie steht, beauftragt, Alles anzuwenden, um Sie dieser Partei
zuzuführen. Sie selber hat Rücksichten zu nehmen, weil sie ein offnes Haus hält,
das gewissermassen von allen Parteien als ein neutrales Bereich angesehen wird.
Büsst sie diesen Vorteil ein, so ist's um ihre gesellschaftliche Stellung
geschehen. Auch stand ihr Ihre Leidenschaft zu ihr im Wege. Darum musste sie
indirekt zum Ziele zu kommen suchen. Man weiss, mein Prinz, dass Sie beim Volke
durch Ihre Freisinnigkeit und Freigebigkeit - beides gilt dem Volke oft
gleichviel - beliebt sind und deshalb bei etwa ausbrechenden Unruhen sich leicht
einen grossen und gefährlichen Anhang zu verschaffen im Stande wären. Man hat
versucht, Sie von hier zu entfernen, man hat ferner, als dies nicht gelang,
Schritte getan, um Sie der öffentlichen Meinung gegenüber zu compromittiren, ja
man hat es nicht gescheut, zu dem Mittel der Verläumdung zu greifen. Alles ist
fehlgeschlagen. So hat man denn zum äussersten, aber - der Meinung gewisser Leute
nach - sichersten Mittel gegriffen, Sie zu verführen. Man hält mich für eine
eingefleischte Aristokratin, dies und das Vertrauen, welches man in meine
Fähigkeit setzt, hat jene Partei veranlasst, mir Avançen in dieser Beziehung zu
machen. Ich habe sie anfangs nicht verstehen wollen, da ist man dringender
geworden und endlich offen mit dem Plane herausgetreten. Der Prinz hatte mit
wachsender Unruhe dem Berichte Alicens zugehört. Als sie geendet, lag auf seinem
bleichen Gesicht der Ausdruck eines tiefen Hohns.
    - Wie sehr muss ich in den Augen dieser Menschen gesunken sein, dass sie es
wagen können, in dieser Art ihr Spiel mit mir zu treiben. - Er stützte den Kopf
in die Hand, um die Träne zu verbergen, welche wider seinen Willen in sein Auge
trat. - Fahren Sie fort - sagte er nach einer Pause.
    - Ich habe nur wenig noch zu sagen. Dass St. Just ein falsches, ein doppelt
falsches Spiel treibt, werden Sie wohl selbst bemerkt haben. Es gilt jetzt, dass
wir uns davon Ueberzeugung verschaffen, um den Plänen der Partei, welcher er aus
Interesse für die Gräfin dient, entgegenzuarbeiten, ohne dass sie es merkt, um
sie schliesslich in ihrer eigenen Falle zu fangen. Mein Rat ist nun der: Sie
begeben sich sofort zu Herrn v. M. und suchen zu erfahren, ob St. Just an der
Verhaftung des braven Ralph schuld ist, oder doch nachträglich bei Herrn v. M.
gegen ihn intriguirt hat. Sind Sie bereit dazu?
    - Ja - sagte der Prinz sehr ernst. - Sie haben recht, es ist Zeit, mich
dieser erbärmlichen Fesseln zu entwinden und ich danke Ihnen, dass Sie mir die
Kraft dazu gegeben. Doch habe ich noch eine Bitte, deren Motiv Sie jedoch nicht
in irgend einem Zweifel an ihren Worten suchen müssen. Können Sie mir irgend ein
materielles Zeichen geben, dass ich von der Gräfin betrogen bin? Ich glaube eine
grössere moralische Bestimmteit in der Ausführung unserer Pläne dadurch gewinnen
und der Verräterei mit grösserer Festigkeit gegenübertreten zu können.
    - Ich wünschte, teurer Prinz, Sie liessen diese für Sie unangenehme
Angelegenheit auf sich beruhen; noch mehr aber wünschte ich - Alice ergriff bei
diesen Worten seine Hand - ich könnte Sie für unsere Sache, für die Sache der
Demokraten, deren Sieg näher bevorsteht, als Sie ahnen, gewinnen.
    Der Prinz lächelte. Aber dieses Lächeln entielt, so wollte es Alicen
bedünken, Etwas von Misstrauen in sich. Sie zog einen Brief aus ihrer
Schreibtafel und reichte ihn dem Prinzen.
    - Diesen Brief, wie Sie am Postzeichen ersehen, erhielt ich in Wien vor 8
Tagen. Er ist von St. Just und entält die Aufforderung an mich, schnell nach
Berlin zu kommen, um den Plan, welchen ich Ihnen mitteilte, ausführen zu
helfen. Die »hohe Person«, welche darin erwähnt ist, sind Sie und die
Unterschrift -
    - Gilbert! - rief aufspringend der Prinz - Sie kennen diesen Elenden! -
    Alice erschrak über die Heftigkeit des Prinzen. - Was ist Ihnen? Ums
Himmelswillen -
    - Antworten Sie, Alice, ich bitte, ich beschwöre Sie, keuchte der Prinz in
fast sprachlosem Zorn.
    Der Brief knitterte in den krampfhaft zitternden Händen, und seine Augen
rollten wild, als suchten sie den verborgenen Feind.
    - Gilbert - sagte Alice - ist Ihr Nebenbuhler, er ist der Chevalier von St.
Just.
    Während der Pause, welche Alicens Worten folgte, hörte man nur das Rauschen
des Briefes, der des Prinzen Hand entfiel. Dann taumelte er ohne Bewusstsein auf
den Divan nieder. Nach einer qualvollen halben Stunde schlug der Prinz die Augen
auf und blickte noch halb betäubt um sich. Endlich erkannte er Alicen, deren
Anblick ihm die ganze Erinnerung über das, was mit ihm vorgegangen war,
zurückgab. Ein Schauer durchzitterte seinen Körper - doch versuchte er zu
lächeln.
    - Seien Sie ruhig, meine Freundin - es ist vorüber. Doch verlassen Sie mich
jetzt - ich muss allein sein. - Heute Nachmittag werde ich Sie besuchen.
    Schweigend schritt Alice auf die Türe zu.
    - Alice! - sagte noch einmal der Prinz.
    Sie kehrte zurück und sah ihn fragend an.
    - Alice! Sie nannten sich heute meine Freundin. Ich halte Sie beim Wort und
erinnere Sie daran, dass in der Freundschaft Zweierlei vor Allem gilt: Vertrauen
gegen einander und Verschwiegenheit gegen den Andern.
    - Seien Sie ruhig, mein Prinz - auch wenn Sie nicht mein Freund wären, würde
diese Stunde ein Heiligtum für mich sein, in das ich nie einen Menschen schauen
lassen würde.
 
                                       VI
Der 18. März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preussischen - ich wollte
sagen: deutschen Geschichte. Nicht etwa darum, weil Mailand und Berlin an diesem
Tage »Revolution« gemacht haben - eine Tatsache, die übrigens von der extremen
Demokratie, und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmütig
bestritten wird; - noch viel weniger darum, weil in Preussen an diesem Tage der
Absolutismus gestürzt wurde - denn auch daran wird von den roten - und
schwarzweissen Entusiasten nicht geglaubt; - am allerwenigsten aber darum, weil
der 18. März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr, jener durch
ihr Motto des »passiven Widerstands« auf deutsch: der aktiven Feigheit berühmten
Phalanx, war: - sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet,
mit Füssen getreten und in den Himmel erhoben, betrauert und gefeiert, geschmäht
und besungen ist, und das Alles mit Unrecht. - Der 18. März ist unschuldig wie
ein neugebornes Kind, das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen, dass es
mit ihm gespielt hat, wie mit einem Kinde. Denn man muss wissen, dass das Berliner
Volk selbst noch ein Kind war, obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr
- wie Schiller sagt - als ein »unendlicher Raum« erschien, wie bisher, weshalb
es denn auch herauszusteigen versuchte; dass der Versuch nicht gelang, dass es
sich nachher, als der rechte Zuchtmeister kam, in den Winkel des passiven
Widerstands verkroch und schliesslich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln
und in die alte Wiege hineinlegen liess, das ist für ein Kind, dem die Rute
gezeigt wird, ja ganz natürlich. Also warum so viel Aufhebens vom 18. März? -
    Die Bewegung, deren Schlussakt die Nacht vom 18. zum 19. März bildete, hatte
sich schon einige Wochen vorher angekündigt. Eine dumpfe Gährung, über deren
Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten, hatte sich der Gemüter
bemächtigt. Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und
Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersäet, die entweder zu
Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten, die aus ihrem
Mittelpunkt hervordrang, oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften
Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris
diskutirten. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen,
Kaffeehäusern und Conditoreien. Besonders in der »Zeitungshalle« und bei
»Stehely« fand sich gegen 6 Uhr Abends, wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein
ankamen, stets ein zahlreiches, aus Gelehrten, Künstlern, Beamten, Officieren
u.s.w. zusammengesetztes Publikum ein, und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit
angehaltenem Atem auf die Worte Dr. R-s, welcher bei Stehely meist das Amt des
»Vorlesers« übernahm. War die Vorlesung, welche häufig mehrere Stunden dauerte,
und nur durch einzelne halbunterdrückte Exklamationen unterbrochen wurde, welche
entweder dem Staunen über das Vorgelesene oder einer unzeitigen Störung galten,
beendet, so lösete sich die lang gefesselte politische Phantasie der Zuhörer
zunächst in einem unverständlichen Summen auf, das nicht unpassend mit dem
fernen Brausen des Meeres oder dem düstern Grollen eines nahenden Orkans
verglichen werden kann, bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer
allgemeinen politischen Discussion ausbrach. Ungefähr eine Woche vor dem 18.
März war wieder Abends eine zahlreiche Gesellschaft bei Stehely versammelt,
welche mit Ungeduld die »Kölnische Zeitung« erwartete. Das Gedränge in den engen
Zimmern war gross, so dass man sich nur mit Mühe hindurchzudrängen vermochte. Fern
oder wenigstens unberührt von dem lauten Treiben der politischen Menge sassen in
einer ziemlich dunkeln Ecke zwei Männer, welche sich von Zeit zu Zeit kurze
Bemerkungen über die einen oder andern Gäste zuflüsterten. Der Aeltere von ihnen
mochte zwischen 40-45 Jahre zählen, obschon sein Alter schwer zu bestimmen war.
Denn seine breite, kluge Stirn war bereits mit vielen Runzeln bedeckt, während
das hellbraune nach oben strebende Haar noch seine ganze Fülle und das
hellbraune Auge noch seinen vollen Glanz besass. Der militärisch kurz gestutzte
Schnurrbart trug viel zu dem Ausdruck offner Männlichkeit bei, welcher der
ganzen Erscheinung aufgeprägt war. Sein Begleiter sass fast ganz im Schatten, so
dass man die Züge seines auffallend bleichen Gesichts nicht genau erkennen
konnte.
    - Lassen wir diese Phantasten - sagte der Letztere - und erzählen Sie mir,
wie der König die Nachricht von der beabsichtigten Demonstration aufnahm.
    - Er war mehr davon alterirt, als es meiner Ansicht nach der Gegenstand
verdient. Auf der andern Seite hat er den Excedenten mehr Rücksicht bewiesen,
als zuträglich war. Ich fürchte, mein Prinz -
    - Nennen Sie mich hier nicht so, Herr von M. Nun fahren Sie fort, was
fürchten Sie?
    - Ich fürchte, die halbe Massregel, welche er anwendet, wird weder
befriedigen noch entmutigen, und daher erbittern und zur Aufregung beitragen.
Hätte mir der König für das Gespräch, welches ich mit den »Führern« vorgestern
in der Zeitungshalle hatte, plein pouvoir gegeben, so stände die Sache jetzt
anders. Man muss, wenn man einem ungekannten Feinde gegenübersteht, seine
Entschlüsse nach dem Eindruck des Augenblicks formiren. Und vollends diesem
Feinde gegenüber war es ein Kinderspiel zu siegen. Soviel Untiefe, Taktlosigkeit
- ja Knabenhaftigkeit habe ich nicht vermutet. Werden Sie es glauben, dass sie
nicht wussten, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollten?
    Sie fühlen sich Alle geschmeichelt in dem Gedanken an die Wichtigkeit ihrer
Person, die dadurch dokumentirt wurde, dass der Polizeipräsident in Höchsteigener
Person und in voller Gallauniform zu ihnen kam, um zu unterhandeln; aber die
Einen suchten ihrer Eitelkeit dadurch Luft zu machen, dass sie grob wurden, die
Andern wurden im Gegenteil verwirrt und äusserst höflich gestimmt. Aber bei
keinem Einzigen fand ich eine Spur von Selbstbeherrschung und wahrem Bewusstsein.
Sie wollen politische Würde zeigen, und werden tölpelhaft, sie möchten den
grossmütigen Feind spielen und machen sich lächerrlich. - Wäre es nach meinem
Sinne gegangen, so hätte man ihnen gewähren lassen. Die Kinder, wissen Sie,
werden ja zuletzt jedes, auch des schönsten Spielzeugs überdrüssig.
    Herr v. M. hatte, während er in dieser Weise von der seit einigen Tagen in
der Stadt begonnenen Bewegung sprach, seinen Blick mit scheinbarer
Unbefangenheit auf die edlen aber abgespannten Züge des Prinzen geheftet, als
wollte er darin den Eindruck lesen, welchen seine Worte auf ihn hervorbringen
würden. Aber der Prinz hatte wohl kaum darauf gehört; er blickte zerstreut in
die auf- und abwogende Menge und schaute erst wieder auf, als jener schwieg.
    - Und Sie glauben also - sagte er, seine Gedanken sammelnd - dass hinter
dieser Demonstration nichts Tieferes steckt?
    - Es ist möglich, dass geheime, hinter den Kulissen verborgene Kräfte die
Drähte bewegen, welche diese Marionetten in Bewegung setzen, ja ich bin fast
davon überzeugt. Auch habe ich über gewisse Personen sogar schon meine
Vermutungen. - -
    Das rasch aufblickende Auge des Prinzen, der in diesem Augenblicke an den
Chevalier dachte, begegnete dem forschenden Blicke des Polizeipräsidenten. Jeder
bemerkte den Ausdruck in den Blicken des Andern. Nur der Prinz hatte eine
richtige Ahnung von dem, was Herrn v. M. in diesem Moment beschäftigte, während
dieser in Betreff des Prinzen auf ganz falscher Fährte sich befand.
    - Verehrtester - sagte der Prinz mit ironischem Lächeln - welchen Preis
würden Sie für die Entdeckung einer Verschwörung in optima forma zahlen?
    - Königliche Hoheit - -
    - Ich habe Sie schon einmal gebeten - unterbrach ihn ungeduldig der Prinz -
auf mein Inkognito Rücksicht zu nehmen; viel zu oft schon für einen
Polizeipräsidenten. Und nun einen freundschaftlichen Rat: Ich liebe die
Spionage selbst vom Chef der Polizei nicht. Wenn Sie also einen Anspruch auf
mein Vertrauen machen, so legen Sie mir gegenüber Ihr Polizeibewusstsein ab.
    - Ihre Vermutung beruht auf einem Irrtum - erwiederte lächelnd Herr v. M.
Er lächelte immer, wo andere Menschen in Zorn oder in Verlegenheit geraten
wären - auf einem doppelten Irrtum. Wie, wenn mir aus ganz andern Gründen, als
Sie vermuten, daran gelegen wäre, zu erfahren - -
    - Ob ich conspirire?
    - Nein, das ist Nebensache; welcher Partei Sie eventuell angehören würden?
    - Und welche Motive könnten dies etwa sein?
    - Die - wenn ich so sagen darf - freundschaftlichsten.
    - Also zum Exempel?
    - Weil ich wünschte, dass wir über gewisse politische Herzensneigungen
sympatisieren und -
    - Eventuell dafür conspiriren möchten?
    - Eventuell, wenn's sein muss, diplomatisiren möchten.
    - Wissen Sie denn nicht, dass es für einen Polizeichef schon gefährlich ist,
wenn er überhaupt »politische Herzensneigungen« besitzt?
    - Wenn er sie besitzt - nein; aber wenn er diesen Besitz gesteht - ja.
    Doch wir beginnen bereits zu diplomatisiren, merke ich und ich wünschte, mit
Ihnen in der Tat offen verkehren zu können.
    Es lag eine nicht zu verkennende Herzlichkeit in dem Tone des
Polizeipräsidenten, so dass der Prinz nicht umhin konnte, ihm die Hand zu
reichen.
    - Das können Sie - sagte er mit Wärme - indem er sich erhob.
    Arm in Arm verliessen sie als wirkliche Freunde den Saal, in dem die
Vorlesung bereits begonnen hatte.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Man wird sich erinnern, dass später Herr v. M. - wie man sagte, wegen zu
grosser Popularität seines Postens entoben und auf - Reisen geschickt wurde.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als sie die Linden hinabschritten, machte Herr v. M. den Prinzen auf die
grosse Menge der nach der Versammlung unter den Zelten hin Ausströmenden
aufmerksam.
    - Zwei Drittteile von ihnen - sagte er - sind Neugierige, die mit demselben
Interesse nach einer Menagerie wie nach einer Volksversammlung ziehen. Von dem
übrig bleibenden Drittteil derer, die aus wirklichem Interesse an der Sache
teilnehmen, müssen wir mindestens ein neues Drittteil Phantasten rechnen und
ein anderes Drittteil Unzufriedene aus Prinzip, oder Eigennützige, die aus
Eitelkeit oder andern Motiven sich einen Namen erwerben wollen. Das letzte
Drittteil aber besteht aus Spionen und den wenigen ehrlichen und wirklich
politischen Gebildeten. -
    - Was ist Ihnen, Prinz? - wandte sich plötzlich Herr v. M. an diesen - Sie
zittern. -
    Die Lippen des Prinzen zuckten convulsivisch, aber es drang kein Laut aus
Ihnen hervor. Er deutete nur auf einen elegant gekleideten Mann vor ihnen, der
mit einer an seinem Arm dahinschreitenden Dame in lebhaftem Gespräch begriffen
war.
    Herr v. M. lächelte. Es ist der Chevalier St. Just - sagte er leise, wie zur
Beruhigung des Prinzen.
    - Ich weiss es - flüsterte dieser - und die Dame?
    - Die Dame - erwiederte Herr v. M. mit Unbefangenheit - ist eine gute
Freundin von mir.
    Der Prinz atmete wieder auf: es war also nicht die Gräfin Bedford.
    - Eine gute Freundin des Polizeipräsidenten - meinte der Prinz, welcher sich
zur Gleichgültigkeit zwang - in der Tat, ich hätte nicht gedacht, dass sogar Sie
das allgemeine Schicksal teilten, betrogen zu werden.
    - Betrogen zu werden? - wie so? Weil meine gute Lucie mit dem Chevalier nach
der Volksversammlung unter den Zelten geht? Wahrlich, Sie haben recht, ich wäre
nicht wert, Polizeipräsident zu sein, wenn meine Geliebte es wagen dürfte, mich
auf offner Strasse zu compromittiren.
    - Also wussten Sie um diesen Spaziergang?
    - Er geschah auf meine ausdrückliche Bitte.
    - Ah so. Der Zweck ist also ein Staatsgeheimniss?
    - Im Gegenteil: es geschah in Ihrem Interesse.
    - Sehr verbunden. Und Sie meinen, es wird Ihrer Freundin gelingen?
    - Es ist bereits gelungen. Als wir sie passirten, hat sie mir den Stand der
Dinge mitgeteilt.
    - Sie hat uns ja nicht bemerkt - sagte der Prinz, dessen Erstaunen wuchs.
    - Dass es Ihnen so schien, ist mir ein Beweis mehr für das Talent meiner
Freundin. Doch ich vergass, Sie zu fragen, ob Ihnen Baronin Alice über den
Chevalier Mitteilungen gemacht?
    - Ja, und wie mir dünkt, sehr wichtige. Erlauben Sie mir vorher eine Frage:
Ist Ihnen der Name Gilbert bekannt?
    - Gilbert? - Gilbert? sagte Herr v. M. mit bedächtigem Tone, als suche er in
dem Schatze seiner polizeilichen Erinnerungen nach Etwas. - Ists mir doch, als
hinge dieser Name mit einem gewissen Vorfall in Strassburg zusammen, der grosses
Aufsehen machte. Es handelte sich dabei um den Raub einer jungen Dame von hohem
Adel, veranlasst, wie man damals sagte, durch den Fürsten Lichninsky. Richtig,
jetzt erinnere ich mich. Gilbert ist seit langer Zeit im Dienste des Fürsten und
von diesem zu Mancherlei benutzt worden, zum Beispiel als Unterhändler bei der
Herzogin Nagas und bei andern dergleichen Geschäften. Auch hier in Berlin hat er
vor einigen Jahren eine Rolle gespielt. Er war es, welcher den famösen
Perlhalsbandbetrug gegen die Solotänzerin Philippine durchführte, wegen dessen
der Fürst von dem verstorbenen Könige aus Preussen verbannt wurde und nach
Spanien ging.
    Gilbert ist von Geburt ein Deutscher, aus Wien, wenn ich nicht irre. Aus
unbekannten Ursachen, das Gericht sagt: aus unglücklicher Liebe, ging er nach
Frankreich und nannte sich nach seiner Mutter, welche eine Französin war,
Gilbert.
    In Paris lernte er den Fürsten kennen, liirte und compromittirte sich mit
ihm bei dem Strassburger Vorfall und wurde zu lebenslänglicher Galeerenarbeit
verurteilt. Er bewerkstelligte jedoch bald seine Flucht, trieb sich dann in
Algier und Italien umher und kehrte unmittelbar vor der französischen Revolution
nach Paris zurück. So weit reichen meine Berichte. Gestern ist mir dieser Name
wieder hier in Berlin begegnet - bei welcher Gelegenheit, weiss ich mich nicht
mehr zu entsinnen, - doch, der Gefangenwärter eines des Diebstahls verdächtigen
Maschinenarbeiters aus der Borsigschen Fabrik, Namens Ralph - -
    - Der völlig unschuldig ist - bemerkte der Prinz.
    - Sie kennen ihn?
    - Durch Alice.
    - Hm!! - Also dieser Gefangenwärter zeigte mir an, dass Ralph einige Mal im
Selbstgespräch mit drohendem Tone den Namen Gilbert ausgerufen.
    - Ist der arme Mensch schon wieder frei?
    - Nein. Zwar hat der Chevalier St. Just das Missverständnis mit dem Goldstück
aufgeklärt, doch habe ich höhern Orts Befehl erhalten, die Freilassung noch zu
verschieben. Wie kommen Euer Königliche Hoheit jedoch auf Gilbert?
    - Alice hat recht gehabt: er ist ein Verräter - sagte leise der Prinz, und
fuhr dann fort:
    Dieser Mensch scheint vom Schicksal bestimmt, mir überall, wo ich ihn finde,
hindernd den Weg zu versperren, meine liebsten Wünsche zu vernichten. Zuerst
trat er mir in Strassburg entgegen. Jenes Mädchen, es war nicht von hohem Adel,
wie Sie sagten, aber ein Engel an Liebreiz und Unschuld - jenes Mädchen, das,
nachdem sie den schändlichsten Verführungsversuchen und den niederträchtigsten
Verläumdungen, welche auf meine Rechnung geschmiedet wurden, widerstanden,
endlich durch eine teuflische List dem fürstlichen Wüstling in die Arme geführt
wurde, war - meine Geliebte, und der Nichtswürdige, welcher das Bubenstück dem
Fürsten ausführen half, war jener Gilbert, den wir bei der Gräfin Bedford unter
der Maske des Chevalier St. Just kennen gelernt haben.
    Herrn v. M. entfuhr ein Ausdruck des Erstaunens.
    - Wo waren meine Augen - fuhr der Prinz in verbissener Wut fort - dass ich
den Elenden nicht gleich erkannte! Aber eine geheime Stimme sagte mir, dass ich
ihn hassen müsse. Ich glaubte aber den Grund dieses Hasses in meiner Eifersucht
rücksichtlich der Gräfin suchen zu müssen.
    - Vortrefflich - sagte nach einer Pause Herr v. M. - der Vogel ist so gut
wie gefangen. - Lassen Sie mich dafür sorgen.
    Inzwischen waren sie bei den »Zelten« angelangt, wo bereits um die fast in
der Mitte des Platzes stehende Tribüne eine grosse Menge Volks versammelt war.
Die an den Pfeilern der Tribüne angebrachten Oellampen warfen ein trübes Licht
über die Menge und auf die düstern Rumpfe der blattlosen Bäume des Tiergartens.
    Das unheimliche Colorit der ganzen Scene wurde durch den herabrieselnden
feinen Nebelregen noch mehr verdüstert.
    Auf der Balustrade der Tribüne, den linken Arm um den Pfeiler geschlungen,
stand ein junger Mann, welcher mit lauter, fast schreiender Stimme die an den
König gerichtete Adresse verlas, welche nun, da der König die zur Ueberbringung
derselben gewählte Deputation nicht empfangen wollte, auf anderm Wege an ihn
abgesandt werden sollte. Man hatte die Stadtverordneten, welche ebenfalls eine
Adresse vorbereitet hatten, ersucht, die von der Volksversammlung beschlossene
der ihrigen beizulegen. Dies war abgeschlagen worden. Es traten Redner auf,
welche für Wiederholung des Gesuchs um eine Audienz sprachen. Andere erklärten
offen, man müsse für die Deputation eine Audienz erzwingen, und schlugen daher
eine Ministerpetition vor. Wie gewöhnlich bei solchen Versammlungen ernteten
auch hier die extremsten Redner den meisten Beifall.
    Diese psychologische merkwürdige Tatsache lässt sich aus demselben Grunde
erklären, der uns den Aufentalt in warmen Zimmern desto angenehmer macht, je
drohender draussen der Sturm tobt und der Regen die Fensterladen peitscht. Der
Wanderer draussen hat natürlich einen andern Begriff davon. Es beruht dies nur
auf »Ansichten.« Die Petition wurde also beschlossen. Gegen 12 Uhr trennte sich
die Menge, und zog in grossen Trupps singend und disputirend dem Tore zu.
    - Welches Prognostikon stellen Sie dieser Bewegung? - fragte Herr v. M...
den Prinzen, indem sie sich von dem Strome des Volks mitforttragen liessen.
    - Ich muss gestehen, dass trotz des vielen Unpolitischen, Uebertriebenen und
Abenteuerlichen in ihrer Begeisterung die Menge dennoch ein - wenn auch nur
halbbewusstes - Bedürfnis ihrer politischen Rechte fühlt. Und dann liegt in der
Macht, welche ein Gedanke, wie absurd er auch sonst sein mag, auf eine grosse
Menge ausübt, sie wie ein Mann zu fühlen und zu denken zwingt, immer etwas
Imposantes, selbst Ehrfurchtgebietendes für mich. Und Sie?
    - Sie sind glücklich, sich so in die objektive Gegenwart vertiefen zu
können. Ich habe denselben Eindruck gehabt wie Sie, aber es war kein
erfreulicher. Ich denke mit bangem Herzen an die Ströme Blutes, welche dieser
Entusiasmus der Menge für eine politische Idee als Consequenz fordern wird.
    - Sie sehen zu schwarz - mein Lieber. -
    Herr v. M. lächelte. Ein Vorwurf, der mir in diesem Falle schmeichelhafter
ist, als Sie denken. Denn es liegt darin die Anerkennung, dass das
Polizeihandwerk mich nicht bornirt hat. Aber im Ernste: ich bin fest überzeugt,
dass die Begeisterung des heutigen Abends das Signal zu einem Bürgerkriege sein
wird, dessen Ende sehr zweifelhaft sein dürfte. Oder glauben Sie, dass das einmal
erwachte Rechts- und Freiheitsbewusstsein des Volks sich eben so leicht wieder in
Fesseln schlagen lässt, als es in den Fesseln zu halten war? Nein, nein! Gerade
der Glaube an die Möglichkeit, oder doch an die Leichtigkeit einer solchen
Wiederfesselung wird den Sieg zweifelhaft machen.
    - Wie aber, wenn man an die Wiederfesselung nicht dächte, dem Strome seinen
Lauf liesse, wie dann? So hätten wir eine Ueberschwemmung zu fürchten, nicht
wahr?
    - Nein, oder doch eine, welche nicht verheert, sondern befruchtet. Aber das
sind Chimären, an deren Möglichkeit Sie im Ernste nicht denken können.
    Der Prinz schwieg.
    - Haltet ihn fest! Lasst ihn nicht los! Schlagt ihn todt, den Spion! - tönte
es plötzlich im Rücken der beiden Dahinwandelnden. Eine gährende Bewegung
flutete durch die Menge. Man drängte, fluchte, stürzte durch einander, ohne in
der Dunkelheit weder Freund noch Feind zu erkennen. Der Prinz trat mit seinem
Begleiter aus dem betretenen Wege heraus zwischen die Bäume, um besser
beobachten zu können. Das Geschrei und Getose kam näher. -
    - Nach der Laterne! nach der Laterne! rief man plötzlich.
    - Die Rasenden werden ihn ermorden - rief der Prinz, mitten in den Haufen
springend. Kaum vermochte ihm sein Begleiter zu folgen, der ihm zurief, nicht
unnütz sein Inkognito abzulegen. Herr v. M. kannte das Berliner Volk besser, er
vermutete ganz richtig, dass man nicht um ein blutiges Exempel zu statuiren,
sondern einfach, um den Beschuldigten besser erkennen zu können, nach dem Lichte
sich hindränge.
    Als man bei einer Laterne angelangt war, die die Hauptgänge des
Tiergartens, trotz ihrer enormen Entfernung von einander, die sie als blosse
Irrlichter erscheinen lässt, zu erleuchten die Anmassung haben, erblickte Herr v.
M. einen alten Graukopf, welcher mit vor Zorn bebenden Lippen auf einen bleichen
Menschen wies, den er mit der linken Hand beim Halstuch gefasst hielt, während
ein junger Mann sich alle erdenkliche Mühe zu geben schien, die Wut des Alten
zu beschwichtigen.
    - Ins Dreiteufels Namen, Steiger - hörte Herr v. M., der sich dicht neben
Letzterem befand, ihn dem Alten ins Ohr flüstern - wollt' ihr uns denn Alle ins
Unglück stürzen? ... Das Weitere war nicht zu vernehmen, doch schienen die Worte
ihre Wirkung auf den Zornigen nicht zu verfehlen. Er liess das Halstuch fahren
und packte den Angegriffenen beim Arm.
    - Schlagt ihn todt, den Spion - ertönte es wieder aus der Menge, die um so
lauter diesen Ton ertönen liess, je weniger sie vom Vorgange bemerken konnte, als
wolle sie sich dadurch für die Entbehrung des Schauspiels entschädigen.
    - Was ist mit Ralph geschehen? - donnerte der alte Steiger. - Sprich
Halunke?
    - Was weiss ichs? - erwiederte trotzig der Angeredete, in welchem Herr v. M.
jetzt den Chevalier erkannte. - Habt Ihr ihn mir zur Aufsicht übergeben?
    Herr v. M.. dachte hier an den alten Spruch der Bibel: Soll ich meines
Bruders Hüters sein? Aber er schwieg.
    - Schon recht, Du willst nicht bekennen, weil ichs Dir nicht beweisen kann.
Aber nimm Dich in Acht, Judas, ich werd's schon erfahren und dann werd' ich Dich
schon auch zu finden wissen. Jetzt -
    Herr v. M..., der den alten Steiger als ehrlichen, obgleich wunderlichen
Menschen kannte, trat näher zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr:
    - Nehmt Euch vor unnützen Reden in Acht, Steiger, es könnte Euch schaden.
Auch sorgt, dass der Kerl seines Wegs geht. Morgen, wenn Ihr Vormittags zu mir
kommt, sollt Ihr Ralph sehen. Und nun macht dem Dinge ein Ende.
    Verwundert drehte sich beim Ton dieser Stimme der Alte um, aber während er
sprach, stand Herr v. M... im Schatten, und war gleich darauf im Dunkeln
verschwunden.
    - Schlagt ihn todt! erschallte es wieder aus der ungeduldig werdenden Menge.
    - Ruhe, Ihr da hinten - brüllte Steiger. Man konnte jetzt das Fallen der vom
Winter übriggelassenen Blätter hören. - Wir wollen ruhig nach Hause gehn,
Kinder, so muss's sein. Es ist ein Irrtum gewesen mit dem Spion. Dummes Zeug,
weiter nichts. Und nun kommt!
    Während noch Steiger sprach, hatte Gilbert die Gelegenheit benutzt, und war
still durch die Menge hindurch in den Wald geschlüpft. Erst als er mehrere
hundert Schritte vom Schauplatz, der eben erzählten Begebenheit entfernt war,
hielt er an und sah sich um. Er hörte noch die letzten Worte des alten Steiger
herübertönen. Dann setzte die Menge ihren Weg zum Tore fort.
    - Das Verderben über die Canaille - sagte er laut, und erhob drohend die
Hand. Aber bald wird der Tag der Vergeltung kommen, und dann wehe Euch!
    - Ja, der Tag der Vergeltung wird kommen - tönte eine Stimme hinter ihm.
    Der Mond warf in diesem Augenblick einen matten Strahl zwischen den Bäumen
hindurch. Gilbert erkannte des Prinzen bleiches Gesicht.
    - Königliche Hoheit! Sie! - So spät in dieser Waldeinsamkeit. -
    Der Prinz achtete auf den Spott in dem Tone Gilberts nicht, sondern blickte
ihn stolz verächtlich an, und sagte, sich zur Ruhe zwingend:
    - Was hat Dir Deine Heldentat in Strassburg eingebracht, Seelenverkäufer! -
Nicht von der Stelle, Elender. Mich gelüstet's, den Beichtiger an Dir zu
spielen. -
    Gilbert fühlte die kalten Läufe eines Doppelterzerols an seinen Schläfen. Er
sank in die Kniee. -
    - Wo ist sie geblieben? - donnerte der Prinz. - Was habt Ihr mit der
Unglücklichen gemacht? sprich!
    - Tödten Sie mich nicht, Prinz. Ich werde reden.
    - Wo ist sie?
    - Als die Herzogin hinter den Streich des Fürsten kam, verlangte sie ihre
Auslieferung, als Geissel, wie sie sich ausdrückte. - Der Fürst gehorchte,
wahrscheinlich war er auch schon ihrer überdrüssig.
    - Und die Herzogin?
    - Darüber weiss ich nichts Bestimmtes. Der Fürst sprach nicht gern davon.
Doch habe ich zufällig gehört, dass -
    - Nun?
    - Dass die Herzogin den Ausdruck »Geissel« wörtlich genommen, das arme
Mädchen, auf einer ihrer »Herrschaften« eingesperrt, und mit Ruten gegeisselt
habe, um sie für ihren künftigen Beruf vorzubereiten.
    - O Himmel! - rief der Fürst aus, indem er das Gesicht mit den Händen
bedeckte. - Weiter!
    - Nachher soll sie sie in ein böhmisches Kloster geschickt haben.
    - Genug! - Und Elend, Schmach, Verzweiflung haben die Aermste nicht
getödtet?
    Gilbert schwieg.
    - Geh' von mir! Ich will meine Hände nicht mit Deinem Schurkenblut besudeln.
-
    - Zum Danke - sagte höhnisch Gilbert - will ich Ihnen eine Nachricht geben,
die Sie erfreuen wird: Morgen kommt der Fürst Lichninsky nach Berlin.
    Mit diesen Worten war er verschwunden.
    Der Prinz aber setzte sich auf einen verdorrten Baumstamm - und weinte.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Als der alte Steiger am Arm seines Freundes Hartwig das Brandenburger Tor
passirte, erblickten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen den »Pariser Platz«
mit Dragonern besetzt. Verrat fürchtend, wollten sie wieder zurück, da traten
ihnen zwei Jäger mit vorgestreckten Karabinern entgegen. Auf den Pistons
blitzten wie Johanniswürmchen die roten Zündhütchen im Mondenschein.
    - Zurück hier! - herrschte man den harmlosen Arbeitern entgegen. Die Hähne
knackten. Steiger und Hartwig traten verdutzt einen Schritt zurück und wussten
nicht, nach welcher Seite sie sich wenden sollten. Hatte man ihnen eine
Mausfalle gestellt? - Eine Droschke fuhr eben zum Tore herein und hielt in
ihrer Nähe.
    - Geht nach Hause, Kinder, und fürchtet nichts - tönte aus der Droschke eine
Stimme, welche Steiger heute schon einmal gehört. Rasch trat er an den Schlag,
um Aufklärung über diese drohende Massregel zu gewinnen. Aber er erblickte
nichts, als einen Herrn mit einer Dame; im nächsten Augenblicke wollte der Wagen
schon fort.
    Es war Herr von M. und seine Freundin Lucie.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - Wir erleben noch was in der andern Woche - sagte bedenklich der alte
Steiger, als er mit seinem Freunde Hartwig die vier Treppen zu ihrem
gemeinschaftlichen Schlafgemach hinanstieg. - Was sollte das heute mit den Weiss-
und Grauröcken bedeuten? - -
    - Gut; sie fangen an, uns zu fürchten. Wisst Ihr wohl, Steiger, dass ich mich
heute mit einem Gefühl - na, wie soll ich sagen, mit 'nem Gefühl von Stolz auf's
Stroh lege.
    - Narrheiten sind's, mein Junge, damit holla! Aber denk daran heute über 8
Tage, wenn Du noch daran denken kannst, es wird blutige Köpfe setzen, passe auf!
Damit legten sie sich zu Bett. Der alte Steiger war ein Prophet. 8 Tage später
um diese Zeit hatte der »stolz gewordene« Hartwig die Worte des »alten Vaters«
Steiger bereits vergessen. - Eine Kartätschenkugel hatte ihm den Kopf und damit
auch das Gedächtnis weg gerissen. -
 
                                      VII
- Herr Präsident, es ist eine Dame draussen, die Sie zu sprechen wünscht.
    - Bekannt? - fragte Herr v. M. den dienstabenden Polizeidiener.
    - Nein.
    - Führen Sie sie in mein Privatzimmer. Ich werde sogleich erscheinen.
    Herr v. M. war nicht neugierig, aber eine innere Stimme sagte, dass dieser
Besuch für ihn von Interesse sei. Er beendete rasch, was ihm eben vorlag, und
eilte durch das Entree in sein Privatzimmer.
    - Ei sieh da, schöne Frau; wie komme ich zu dieser Ehre?
    - Nicht wahr, Herr Präsident - erwiederte Alice lächelnd - Sie wollen sagen,
der umgekehrte Fall sei passender?
    - Allerdings wäre es längst meine Pflicht gewesen, Ihnen meinen Besuch
abzustatten. Indes - -
    - Ach, Herr v. M., Sie wollen mir ausweichen, doch mag es drum sein.
    Was mich zu Ihnen führt? Eine Bitte, unterstützt von Ihrem Freunde -
    - Meinem Freunde? Ich wüsste nicht, dass ich Freunde hätte, welche dritte
Personen, und wären es selbst so schöne Frauen wie Sie, in das Geheimnis dieser
Freundschaft einzuweihen sich veranlasst fühlen könnten. Also dieser Freund -
    - Ist der Prinz A... - sagte Alice, ihn ruhig fixirend. - Oder sollte ich
mich irren?
    - Und die Bitte? - fragte Herr v. M., einer Antwort ausweichend, obschon er
fast versucht war, den Prinzen für seine Indiskretion durch Desavouirung dieser
Freundschaft zu bestrafen. Er lieferte damit den Beweis, dass selbst der feinste
Menschenkenner, und das war sicherlich Herr v. M., in seinem Urteile sofort
unsicher wird, wenn seine eigene Persönlichkeit dabei ins Spiel kommt. Hätte die
Sache nicht ihn, sondern eine dritte Person betroffen, so würde er den Prinzen
nicht der Indiskretion verdächtigt, sondern sich des alten Satzes erinnert
haben, dass ein Weib in Ton und Blick Geheimnisse erkennt, welche der Mund
verschweigt.
    - Mich auf eine halbe Stunde zu dem Arbeiter Ralph ins Gefängnis zu lassen.
    - Das wird nicht angehen. -
    - Haben Sie es doch dem alten Steiger versprochen. -
    - Auch das wissen Sie? - Das war etwas Anderes, es sind Cameraden.
    - Mit einem Worte, Sie wollen nicht?
    - Ich kann nicht. Sie wissen ganz wohl, dass die Polizeispione auf nichts
mehr ihr Augenmerk richten, als auf den Chef der Polizei. Der Gefangenwärter
würde mich verraten.
    - Aber nicht der Castellan, nicht wahr? - Wieder blickte Alice den
Präsidenten fragend an. Herr von M. versuchte zu lächeln. - Eine Zeile von Ihnen
an den Castellan der Hausvoigtei genügt.
    - Wohlan, es sei! sagte der Präsident nach einigem Bedenken.
    - Ich danke Ihnen, und werde Ihre Freundlichkeit zu vergelten wissen.
    - Ich nehme Sie beim Worte. Wollen Sie mir eine Frage mit Aufrichtigkeit
beantworten?
    - Jedem Andern würde ich unbedenklich mit »Ja« antworten. Ihnen gegenüber
kann ich nicht anders sagen, als: »Je nach dem.«
    - Wie stehen Sie mit dem Chevalier St. Just?
    - Mit Gilbert, wollen Sie sagen.
    - Auch das wissen Sie?
    - Durch mich weiss es der Prinz, durch diesen Sie. - Wie ich mit ihm stehe?
Er glaubt, ich kenne ihn so wenig wie die Andern, aber er täuscht sich. Ihn
kennen und verachten aber ist Eins. Dennoch sind wir einander nicht
gleichgültig.
    - Also doch!
    - Wir haben Interesse an einander, obwohl ein verschiedenes. Er fürchtet
mich und ich hasse ihn; das ist Alles.
    - Es ist ein gefährlicher Mensch.
    - Auch für Sie.
    - Warum?
    - Weil er im Solde einer Partei steht, die Sie einst stürzen wird, wenn sie
nicht selbst vorher gestürzt wird.
    - Und welcher von beiden Fällen ist der wahrscheinlichere?
    Alice zuckte die Achseln und blickte zum Fenster hinaus.
    - Darf ich Ihnen einen gutgemeinten Rat geben, Herr Polizeipräsident?
    - Wenn Sie nicht die Bedingung daran knüpfen, dass ich ihn befolgen soll, ja.
    - Sie werden ihn befolgen, denn er gibt Ihnen den einzig denkbaren Weg an,
zwischen der Scylla und Charybdis hindurch zu schiffen, ohne -
    - Drücken Sie sich ohne Allegorien aus.
    - Ich meine, dass Sie damit die beiden Extreme der entschiedenen Demokratie
und der entschiedenen Reaktion am sichersten vermeiden, und sich folglich »
möglich« erhalten können.
    - Ich bin begierig, diese Kunst zu lernen.
    - Jetzt mögen Sie spotten, erwiederte Alice, über die stereotype Ironie in
des Präsidenten Tone gereizt - nach einigen Tagen werden Sie mir danken. Mein
Rat ist: Vermeiden Sie den Schein, als wollten Sie sich populär machen; noch
vielmehr aber vermeiden Sie, in den Ruf der Unpopularität zu kommen. Das Erstere
wäre eine Schwäche, das Zweite eine Unvorsichtigkeit. Beides aber führt seine
besondern Gefahren mit sich. Praktisch gefasst würde mein Rat lauten:
    Mischen Sie die Polizei oder wenigstens Ihre eigene Person so wenig wie
möglich in die zwischen Volk und Militär ausgebrochenen Konflikte - das Alles
sind nur die Präliminarien einer grössern Entscheidung. Wenn diese kommt, und dass
sie kommen wird, wissen Sie so gut wie ich, dann ist der Augenblick für Sie
gekommen, zu handeln, das heisst: zu vermitteln. Denn, Herr v. M., ein kluger
Mann, der auf die Zukunft spekulirt, sucht nie eher zu vermitteln, als bis die
Vermittelung unmöglich geworden. Wem dann auch der Sieg zufällt, sein sind die
Früchte.
    Herr v. M. war nachdenklich geworden. Er fühlte die Wahrheit in den Worten
Alicens, aber er misstrauete ihren Motiven.
    - Und warum sagen Sie mir dies Alles? - fragte er.
    - Aus zwei Gründen: Weil ich Sie achte und weil ich für »uns« den Kampf
nicht erschweren möchte.
    Herr v. M. verbeugte sich lächelnd, ohne eine Antwort zu geben.
    Als auch Alice schwieg, sagte er, sie verlassend: - Verziehen Sie einen
Augenblick, ich werde Ihnen das versprochene Billet an den Castellan schreiben -
-
    Als Alice sich empfahl, begleitete Herr v. M. sie bis an die Treppe. Unten
angekommen, nahm sie eine Droschke und fuhr nach dem Frankfurter Eisenbahnhofe.
Als Alice dort ausstieg, bemerkte sie noch eine zweite Droschke, die dicht
hinter der ihrigen gekommen sein musste. Absichtlich merkte sie nicht darauf,
sondern stieg schnell die Stufen des Perrons hinan und trat ein. Da erst wandte
sie sich um und sah, wie eine Dame ebenfalls die andere Droschke verliess.
    - Lucie - sagte sie spöttischen Tons. - O, Herr v. M., diese Beleidigung
sollen sie mir büssen. Wenn Sie mir einen Spion nachsenden wollen, so müssen Sie
einen geschickteren wählen.
    Ein langgezogenes Pfeifen kündigte ihr die Annäherung des Breslauer Zuges
an.
    Alice eilte, ohne auf Lucie zu achten, auf einen Waggon erster Klasse zu und
rief freudig: Felix!
    Dann, über die Zudringlichkeit Luciens empört, sagte sie, - hier, lieber
Felix - habe ich das Vergnügen, Dir die Freundin unseres Polizeipräsidenten
vorzustellen. Grüssen Sie Herrn v. M. freundlichst - und sagen Sie ihm, er hätte
Ihnen den Weg hierher ersparen können, da ich es jedenfalls für meine Pflicht
gehalten hätte, ihn dem Fürsten Lichninsky vorzustellen.
    Mit diesen Worten liess sie die verschmitzte Freundin des Präsidenten stehen
und eilte mit dem Fürsten nach seinem Hotel. Unterwegs teilte er ihr die
Nachricht von der glücklich beendeten Revolution in Wien mit.
    - Meine Akademiker haben wie Löwen gekämpft. Sobald der Sieg des Volkes
entschieden und seine Friedensbedingungen angenommen, bestieg ich, da die
Eisenbahn noch nicht zu benutzen war, meinen Renner, nahm in der nächsten Stadt
Kurierpferde und war schon am andern Tage in Breslau.
    Unmöglich kann vor mir schon die Nachricht angelangt sein, wenn die
Regierung nicht auf telegraphischem Wege davon in Kenntnis gesetzt ist. Aber
auch das glaube ich nicht, da alle öffentlichen Gebäude vom Volke besetzt waren.
Lass uns die Zeit benutzen. Vorgestern war die Wiener Revolution, übermorgen muss
die Berliner vollendet sein.
    - Einer unserer einflussreichsten Volksführer sitzt im Gefängnis.
    - Wer ist's?
    - Ralph. Ich glaube, Felix, dass Gilbert ein Verräter ist.
    - Das wäre des Teufels! Hast Du Beweise?
    - Vorläufig nur Vermutungen. Doch ich werde noch heute klar sehen.
    - Was macht Lydia? - fragte der Fürst.
    Alice schüttelte lächelnd den Kopf.
    - Du bist eifersüchtig, Alice?
    - Nichts weniger. Aber was soll die Frage? Du weisst, dass ich das Mädchen wie
meine Tochter liebe und nie zugeben würde - -
    - Beruhige Dich. Ich fragte aus reinem Interesse. Doch wenn Du es nicht
wünschest, sprechen wir nicht davon.
    Die Equipage hielt am Hotel. Sie stiegen aus.
    - Jetzt lasse Dich erst herzlich umarmen, Geliebte - sagte der Fürst, als
sie auf seinem Zimmer angelangt waren.
    Alice duldete seine Umarmung schweigend, fast seufzend. Sie dachte an den
armen Ralph. Es erschien ihr wie ein Verbrechen gegen den Gefangenen, dass sie
sich den Liebkosungen des Fürsten überliess, während sie jenem, wenn nicht Hülfe,
so doch Trost hätte bringen müssen.
    - Wie? Du willst mich schon verlassen, Alice?
    - Ich habe ein nicht aufschiebbares Geschäft abzumachen. Doch heute Abend
werde ich Dich zu einem politischen Spaziergange abholen.
    - Horch, das war ein Schuss - rief plötzlich der Fürst - noch einer. -
    - In der Tat - sagte Alice ruhig - doch das ist jetzt in Berlin nichts
Ungewöhnliches mehr. Die armen Soldaten tun mir am meisten dabei leid; seit 8
Tagen müssen sie Tag und Nacht gewärtig sein, ihre Kasernen zu verlassen und
gegen das Volk zu marschiren. So häuft sich auf beiden Seiten die Erbitterung
an, bis eine allgemeine Explosion stattfindet. Doch ich will eilen. Auf heute
Abend also.
    Der Fürst war, nachdem Alice ihn verlassen, nachdenklich geworden. Ihr
kalter Empfang, ihr schnelles Forteilen erregte seine Besorgnis. Auch brachte
seine einmal durch die Furcht aufgeregte Phantasie damit die kurze Scene auf dem
Eisenbahnperron in Verbindung, deren er sich jedoch nur noch dunkel erinnerte.
Doch war er sicher, den Namen des Polizeipräsidenten dabei gehört zu haben. Was
sollte dieser im Munde Alicens? Eine unheilvolle Ahnung durchblitzte seine Seele
- er sprang auf und eilte hinaus. Denn er war jetzt fest überzeugt, dass man sich
seiner bemächtigen wolle.
    Der Fürst war im weitesten Sinne des Worts ein Phantast. Das Tatsächliche
und Reale liess ihn kalt, die Möglichkeiten mit ihrer unbeschränkten Zaubermacht
erwärmten ihn! Wie sehr ihn daher auch die Gegenwart mit ihren Bedürfnissen zur
Ironie stimmen konnte, wie rücksichtslos er gegenwärtigen Personen und Gefahren
gegenüber sich verhalten konnte, so sank sein Mut und seine Besonnenheit in
Nichts zusammen vor einem Phantom, das er sich selbst geschaffen. Der Schein
dessen Hoherpriester er war, rächte sich an ihm dadurch, dass er die Macht der
Wirklichkeit gegen ihn ausübte; eine Macht, die durch die Unbegränzteit, welche
Alles, was nur möglich ist, mit den Chicanen des Unbegreiflichen umkleidet, zur
Allmacht werden muss für Jeden, der sich von der Wirklichkeit losgesagt hat.
    Die blosse Möglichkeit, Alice könnte ihn verraten, nahm sofort für ihn den
Schein der Wirklichkeit an, und trieb ihn, den eingebildeten, aber desto
schrecklicheren Gefahren zu entfliehen. Erst als er sich plötzlich, ohne zu
wissen, wie er dahin gekommen, im Tiergarten befand, kehrte seine Besonnenheit
zurück. In Gedanken versunken wandelte er vor sich hin, als er seinen Namen
nennen hörte. Es war Gilbert.
    - Gut, dass ich Sie treffe - sagte der Fürst - was haben wir für Aussichten?
    - Schlechte bis jetzt - antwortete jener und begann, dem Fürsten Bericht
über seine Tätigkeit zu erstatten.
    - Wie kommts, dass Ralph im Gefängnis sitzt? Man sagt, Sie seien Schuld
daran.
    - Man sagt? Wer sagt das, mein Fürst? -
    - Gleichviel - ich hab's gehört und, wie ich glaube, aus guter Quelle.
    Gilbert wusste, dass der Fürst seine alten Verbindungen mit dem preussischen
Gouvernement nicht aufgegeben. Er war deshalb in Zweifel, ob er die Wahrheit
sagen müsse. Denn er war es allerdings gewesen, welcher der Regierung einen Wink
über Ralphs Tätigkeit gegeben, um sich diesen gefährlichen Aufpasser von der
Seite zu schaffen.
    - Ralph ist ein aufbrausender, leidenschaftlicher Mensch, der Alles
verderben könnte - sagte er einleitend. - Ausserdem glaubte ich zu bemerken, dass
ein Einverständnis zwischen ihm und Alice existire, welches zu manchen Gedanken
Veranlassung geben konnte.
    Gilbert wusste von der Verbindung des Fürsten mit Alicen Nichts; es konnte
ihm daher auch nicht einfallen, mit jener Andeutung auf die Eifersucht desselben
spekuliren zu wollen. Es war ein glücklicher Wurf, den er von Ungefähr tat und
er gelang über Erwarten. Als er des Fürsten Bewegung bei diesen Worten sah,
erzählte er ihm zum Beweise, wie Alice durch Ralphs Schwester die frühere
Verbindung mit diesem wieder angeknüpft hatte, schilderte den Zorn Alicens über
seine Gefangenschaft und den Versuch derselben, ihn im Gefängnis zu besuchen.
Das Letztere hatte er kürzlich durch Lucie erfahren.
    - In diesem Augenblicke, schloss er seine Rede, befindet sie sich noch bei
ihm. Hatte ich also nicht Ursache, aufmerksam zu sein? Ich weiss, Durchlaucht,
dass es Viele gibt, welche mich bei Ihnen zu verläumden versuchen werden.
    - Fürchten Sie nichts, Gilbert. Ich sehe klarer, als Sie glauben. - Das also
war das wichtige Geschäft, was nicht aufzuschieben war. Er musste Gewissheit über
alles dies haben, nicht nur über die Stellung Alicens zu ihm, sondern auch über
sein Verhältnis zur ganzen Partei, der er bisher - allerdings aus
Privatrücksichten gedient hatte.
    Er war - wie alle Phantasiemenschen - von Natur Oppositionsmann, weil die
Opposition die Politik der Möglichkeiten, die Diplomatie der Zukunft ist. Aber
wenn diese Zukunft nicht seine Zukunft war, wenn er nicht im Stande war, diese
Möglichkeit zu seiner Wirklichkeit zu machen, so hörte seine Opposition auf,
denn er gönnte Niemandem die Früchte dieser Opposition als sich selbst. Er war
ein Feind der Legitimität, weil diese Legitimität seinem Ehrgeiz Schranken
setzte, aber er wurde zum wärmsten Freunde derselben, wenn auf ihren Trümmern
nicht er und seine Diktatur, sondern die wahre Feindin der Legitimität, die
Diktatur des Volks sich erheben sollte. Seine politische Gesinnung war eine rein
persönliche. Noch glaubte er, dass es Zeit sei, sich zu entscheiden, da er noch
in keiner Weise compromittirt war, weder nach der einen, noch nach der andern
Seite hin. Die Entscheidung aber hing von der Ueberzeugung ab, die er über
Alicens Pläne sich verschaffen musste.
    Er begab sich deshalb direkt nach Alicens Wohnung. Es war indes Abend
geworden. Wie in den letzten Tagen, so zogen auch heute zahlreiche
Arbeiterschaaren die Strassen hinab, welche teilweise mit Militair gesperrt
waren. Alles drängte nach dem Schlossplatz zu. Der Fürst, welcher das Schicksal
der meisten Spaziergänger geteilt hatte, nämlich mit fortgerissen zu werden,
gewann endlich am Schloss Gelegenheit, sich aus dem Strudel des Volks
herauszuarbeiten und in das »Volpische Caffeehaus« zu flüchten. Von hier aus
konnte er den Schauplatz übersehen. Die Menge hatte sich um den grossen
Candelaber in der Mitte des Platzes versammelt und verhielt sich dem äussern
Anschein nach völlig ruhig. Da rückte Infanterie von der breiten Strasse her und
säuberte den Platz; das heisst: die Menge stob auseinander, um an einem andern
Orte wieder zusammenzufliessen. Das Spiel dauerte einige Zeit hindurch, ohne dass
es zu einem ernstaften Conflikt kam. Da sprengten plötzlich vom Lustgarten
Cürassiere und Dragoner auf den Platz, dessen Ausgänge nunmehr von allen Seiten
besetzt waren. Die Helme und die breiten Brustpranzer der Cürassiere funkelten
im Schein des Mondes, welcher sein volles Licht auf den Schauplatz ausgoss.
Jetzt, da die Aufforderung, den Platz zu räumen, eine Ironie geworden war, da
ihr zu folgen eine Unmöglichkeit geworden, sprengten die Cürassiere in die Menge
und hieben wütend auf die Wehrlosen ein. - - - Ein Schrei des Unwillens entfuhr
den in dem Caffeehause anwesenden Gästen, welche sich an die Fenster gedrängt
hatten. Der Fürst stürmte hinab, fand aber die Haustür verschlossen. Unter den
Colonaden der Stechbahn rannten einzelne Versprengte hin und wieder, vergeblich
einen Ausweg suchend. Die elenden Bourgeois hatten alle Türen gesperrt, weil
sie die Eindringlinge lieber den Säbeln der Cürassiere Preis geben, als ihnen
eine Zufluchtsstätte gewähren wollten.
    Nur der ernsten Haltung des Fürsten, welcher darin von fast sämmtlichen
Gästen unterstützt wurde, gelang es endlich, den Besitzer des Caffeehauses zum
Oeffnen der Türen zu bewegen. Er eilte die Colonaden herab und stiess an ihrer
Mündung sogleich auf eine Abteilung Infanterie.
    - Zurück! - tönte es ihm entgegen.
    - Ich melde mich als Gefangener und wünsche sofort zum commandirenden
Offizier geführt zu werden. Dies geschah. Als er von diesem erkannt, wurde er
sofort unter vielen Entschuldigungen frei gelassen. -
    - Nicht also, mein Herr - entgegnete der Fürst - ich werde die Freilassung
ohne Weiteres nicht annehmen. Wer hat Ihnen das Recht gegeben, eine solche
Hetzerei gegen waffenlose, harmlose Menschen, zu organisiren?
    Der Officier zuckte die Achseln. - Wir haben nichts zu tun, als unserer
Instruktion zu folgen. Die Verantwortung möge der übernehmen, der die
Instruktionen erlässt.
    - Und wer ist das?
    - Der General von P.
    - Ich verlange, ihn zu sprechen.
    - Das wird nicht gehen - sagte mit neuem Achselzucken der Officier. Er ist
bei Sr. Majestät dem Könige.
    - Dann werde ich das Schicksal jener Unglücklichen teilen.
    - Auch das darf ich nicht zugeben. Dort hinaus können Sie; hinein in den
Kreis kann ich Sie nicht wieder lassen.
    Der Fürst musste sich in sein Schicksal ergeben. Jetzt eilte er zu Alicen.
Doch auch hier fand er das Haus verschlossen. So musste er nach seinem Hotel
zurückkehren.
    Träumerisch schritt er die Linden hinab, die fast menschenleer waren. Nur
einzelne starke Patrouillen zogen mit einförmigem Schritt auf den Trottoirs auf
und nieder.
    - Es fragte eine Dame nach Ihnen - sagte der Portier des Hotels, und übergab
mir dies Kästchen für Eure Durchlaucht.
    Es wird Alice gewesen sein - sagte der Fürst zerstreut, das Kästchen zu sich
steckend.
    Auf seinem Zimmer angekommen, warf er sich erschöpft aufs Sopha, sich seinen
trüben Gedanken überlassend. Er ahnte, dass eine napoleonsche Kraft dazu gehöre,
der Ereignisse, die man selber hervorzurufen die Macht hatte, Meister zu
bleiben. Der Fürst war zwar eitel genug, sich einen Napoleon im Kleinen zu
dünken, aber er erinnerte sich, dass auch Napoleon auf einer kleinen wüsten Insel
an den Küsten Afrikas seine Tage geendet - und seufzte. Unwillkührlich richteten
sich seine Blicke auf die Vergangenheit; er dachte an seine abenteuerlichen
Reisen in Frankreich - in Spanien. Ein leises Frösteln durchzuckte seinen
Körper, als er an Spanien dachte. Mechanisch griff er nach dem Tische, da fühlte
er etwas Hartes, es war das Kästchen. Er erbleichte. Aber im nächsten Augenblick
schon lächelte er über die Gedanken, die eben in ihm aufgestiegen.
    Er öffnete es - - diesmal lächelte er nicht mehr. Ein Medaillon, welches ein
Miniaturbild entielt, das seine Züge trug, glänzte ihm entgegen.
    - Sie ists - stammelte er - sie ist in meiner Nähe, sie atmet dieselbe Luft
mit mir. Wohlan, ich bin gerüstet. Mag sie kommen! - - - -
    Dies Weib ist ein Dämon, der sich an meine Fersen klammert! - Was will sie
noch weiter von mir?
    - Dein Herzblut, Verräter! - tönte eine Stimme hinter ihm.
    Der Fürst drehte sich um. Ines, einen blinkenden Dolch in der Hand, stand
vor ihm. Besinnungslos stürzte er zu Boden. So verharrte sie einige Minuten in
ihrer drohenden Stellung, als erwarte sie das Wiedererwachen des Fürsten. Dann
schritt sie auf den Tisch zu, ergriff eines der Lichter und leuchtete dem
Ohnmächtigen ins Gesicht. Das Licht zitterte in ihrer Hand. Sie setzte es auf
die Erde nieder, knieete vor dem Fürsten hin und senkte den Kopf auf ihre Brust
herab. Nur ein krampfhaftes inneres Schluchzen kündete den Kampf an, der in ihr
vorgehen mochte. Dann richtete sich ihr Haupt in die Höhe. Zwei grosse Tränen
standen in ihren Augen.
    - Er ist schön wie ehemals, als ich ihn in dem blühenden Tale Valencias zum
ersten Male sah. Ich kann ihn nicht tödten. Aber ewig soll er vor mir zittern.
    Sie drückte einen Kuss auf die kalte, bleiche Stirn und erhob sich.
    Als der Fürst die Augen aufschlug, war Ines verschwunden. Schon war er
versucht, das Ganze für einen Traum zu halten, aber das Medaillon zu seinen
Füssen und der Dolch, welcher neben seinem Herzen auf dem Boden lag, bewies ihm,
dass er nicht geträumt hatte.
 
                                      VIII
- Die Tia bleibt lange - sagte Salvador, von Alicen sprechend. Er sass auf einer
Fussbank nicht weit von Lydias gewöhnlichem Platz, und hielt seine alte Ziter im
Arm.
    - Wird Dir schon die Zeit lang, Kind? - fragte schwermütig lächelnd Lydia,
von ihrer Arbeit zu ihm niederblickend.
    - Ich bin kein Kind mehr, Donna - sagte mit zusammengezogenen Brauen der
Knabe - und habe keine Langeweile. Ihr wisst recht gut, dass ich am liebsten zu
Euren Füssen sitze und Euch meine spanischen Lieder singe.
    - Nun, so spiel' und singe doch!
    - Nein - sagte Salvador kurz.
    - Warum nicht?
    - Weil's Euch traurig macht, und mich auch.
    - Nun, dann erzähle mir Etwas.
    - Gut, ich werde Euch Etwas erzählen. - Salvador rückte seine Bank näher zu
Lydia heran und begann nach seiner Weise, wie er es früher bei seiner Mutter
getan, zu erzählen, von den duftigen Tälern und grünen Bergen seiner Heimat.
Voll kindlicher Einfalt blickte sein Auge zu Lydia empor, als sähe er in das
seiner Mutter. Und Lydia selbst fühlte sich wunderbar bewegt von dem Wesen des
Knaben. Seine Erzählung bestand meist nur in einfachen Beschreibungen und
Erinnerungen aus seiner Kindheit, aber die eigentümliche Mischung von Sanfteit
und Starrheit, von fast weiblicher Milde und männlichem Trotz, die in dem Ton
seiner Stimme und in dem Glanz seines grossen schwarzen Auges lag, übte einen
Zauber auf das ideale Gemüt Lydias aus, dem sie nicht widerstehen konnte. Ihre
Hände sanken untätig in den Schoss herab und ihr Auge senkte sich tief in das
des Knaben.
    Salvador hatte aus dem ihm angeborenen feinen Takt vermieden, viel von
seiner Mutter zu sprechen, obgleich, wenn er zufällig nur ihren Namen erwähnte,
sein Gesicht jedesmal hell aufleuchtete. Lydia war jene Zurückhaltung nicht
aufgefallen. Sie glaubte ihm eine Freude zu machen, wenn sie ihn bäte, von ihr
zu erzählen.
    - Du hast Deine Mutter wohl sehr lieb?
    Des Knaben Auge funkelte bei dieser Frage, aber er antwortete nicht.
    - Oder hast Du Deinen Vater lieber?
    Lydia sah an der Blässe, welche bei diesem Worte plötzlich Salvadors Gesicht
überzog, dass sie eine unglückliche Frage getan.
    - Ich habe keinen Vater gehabt - sagte finster der Knabe.
    - Du willst sagen: Du hast Deinen Vater nicht gekannt. Er ist so früh
gestorben, nicht wahr?
    - Nein, ich kenne ihn sehr wohl, und werde ihn nie vergessen.
    Lydia begriff dies Rätsel nicht, aber sie schwieg, weil sie sah, dass dies
Gespräch den Knaben aufregte. Salvador liess seinen Kopf sinken und schien
eingeschlafen zu sein, denn er antwortete Lydia nicht, als sie ihn bat, ihr
etwas vom Tische zu reichen. Aber sie erstaunte, als sie den Knaben leise
schluchzen hörte.
    - Was fehlt Dir, Salvador? fragte sie besorgt, ihre Hand auf seinen Kopf
legend. Da warf sich der arme Junge, von dem Schmerz seines Schicksals
zerdrückt, zu ihren Füssen, umklammerte ihre Kniee und brach in lautes Weinen
aus. Und Lydia, den Schmerz des Knaben ahnend und dadurch ihm sich verwandt
fühlend, hob ihn auf, legte seinen Kopf in ihren Schoss und weinte mit.
    Es ist bekannt, dass nichts mehr tröstet, als den Wiederschein unseres
Leidens in den Tränen eines Leidensgenossen zu sehen. Alle möglichen
freundlichen Worte hätte Lydia an Salvador verschwenden können, sie würden nicht
vermocht haben, ihn zu trösten. Aber als er die erste Träne in ihrem Auge sah,
wurde er ruhiger; zuletzt kam sogar eine solche Freudigkeit über ihn, dass er
Lydia zu trösten versuchte.
    - Jetzt müsst Ihr nicht mehr weinen, Donna, sagte er schmeichelnd. - Und nun
will ich Euch auch von meiner Mutter erzählen. Seht, als ich noch klein, recht
klein war, da nahm mich meine Mutter auf den Schoss und sagte zu mir: Salvador,
morgen wird Dein Vater kommen, da musst Du Dich recht sehr freuen und artig sein.
Ich klatschte in die Hände und plapperte in einem fort: der Vater wird kommen,
der Vater wird kommen! bis er endlich da war. Das kam aber so. Am andern Morgen
ganz früh, ehe die Sonne aufging, nahm mich die Mutter aus dem Bett und zog mir
mein Festtagskleidchen von schwarzem Sammet an, schlang mir den spiegelblanken
Gürtel von Stahl um den Leib und setzte mir ein Barett auf, an dem zwei
prächtige rote Federn auf und ab wogten. Auch die Mutter war schön geputzt.
Dann nahm sie mich an der Hand und so wanderten wir den Bergen zu, von denen man
die Sonne über dem weiten blauen Meer aufgehen sehen kann. Ich wurde müde, da
trug mich die gute Mutter bis zur Spitze des Berges hinauf, und wir setzten uns
nieder und schaueten in das Meer hinab. So sassen wir eine lange Zeit, da sprang
die Mutter auf und rief: »Salvador, Dein Vater kommt!« Ich sah aber nichts. Da
hob mich die Mutter in die Höhe und zeigte nach dem Hohlwege, der zwischen den
grossen Bergen durchführt. Da sah ich einen Reiter, der langsam um den Berg ritt.
»Das ist Dein Vater, Salvador« - sagte wieder die Mutter. Ihr Herz klopfte
ungestüm, ich fühlte es pochen, als sie mich in den Armen hielt. So erwarteten
wir den Vater. Und als er den Berg herauf war und uns erblickte, sprang er vom
Pferde, eilte auf uns zu - breitete seine Arme aus und rief: »Ines!« Als die
Mutter diesen Namen hörte, sprang sie in die Höhe und fiel mit dem Ausruf:
»Felix, mein Felix!« dem Vater in die geöffneten Arme.
    - Felix hiess Dein Vater? - fragte Lydia, die sich an der kindlichen
Darstellung des Knaben ergötzte - das ist kein spanischer Name.
    - Mein Vater ist aus Eurem Lande, Donna, er ist ein Deutscher - erwiederte
Salvador und fuhr dann fort:
    Darauf nahm mich die Mutter bei der Hand und sagte: »Dies ist Salvador,
unser Kind.« Der Vater hob mich in die Höhe und sah mir lange in die Augen,
drückte mir einen Kuss auf die Stirn und den Mund, setzte mich aufs Pferd, nahm
den Zügel in die Hand und so wanderten wir alle drei nach Hause.
    - Du hast ein gutes Gedächtnis, Salvador, sagte Lydia.
    - Ich werde den Tag nie vergessen - erwiederte er traurig - es war der
letzte Tag, wo ich meine Mutter habe lachen sehen. Der Vater blieb zwar lange,
es mögen wohl Wochen gewesen sein, bei uns. Aber schon am folgenden Tage war die
Mutter nicht mehr heiter. Am dritten Tage sah ich sie weinen; aber sie klagte
nicht, wenn der Vater kam und zeigte immer ein freundliches Gesicht. Eines
Abends, als ich mich im Garten umhertummelte, hörte ich plötzlich die Stimme
meiner Mutter. Sie drang aus einer Laube her zu mir. Ich schlich mich näher.
Mein Vater sass auf einer Bank und spielte mit der Reitgerte. Die Mutter stand
vor ihm, ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, aber ihre Stimme war sehr zornig.
Endlich sank sie erschöpft nieder. Mein Vater erhob sich, er war sehr blass und
versuchte sie aufzuheben - aber sie stiess ihn von sich. Da lachte er laut und
eilte hinaus.
    Jetzt konnte ich mich nicht länger verbergen, ich stürzte aus meinem
Versteck hervor - warf mich bei der Mutter nieder und weinte mit ihr.
    Da brachte unser alter Diener der Mutter einen Brief. Hastig erbrach sie ihn
- aber schon im nächsten Augenblick entfiel er ihrer Hand. Endlich führte sie
mich in das Zimmer des Vaters, das leer war und sagte, mit trübem Lächeln sich
umschauend:
    »Du hast keinen Vater mehr, Salvador.«
    Dann warf sie sich auf das Knie und betete lange.
    Als sie sich wieder erhob, - glänzte ihr Auge wunderbar. Sie gebot mir
niederzuknieen und sagte darauf mit feierlicher Stimme:
    - Salvador, mein Knabe! Du hast es gehört: Du hast keinen Vater mehr, Du
hast nie einen Vater gehabt. Weine nicht, mein Sohn. Wenn Du keinen Vater mehr
hast, so hast Du eine Mutter und die wird Dich nie verlassen. Er war ein
Verräter, ein Elender, der meine Liebe mit Füssen trat. -
    Sie schwieg und ich weinte leise fort. Darauf wand sie diese rote Schärpe
mir um den Leib, steckte einen Dolch in die Schärpe und führte mich zu dem
Kruzifix in der Ecke des Zimmers.
    Er hat mir den Himmel aus der Brust geraubt, Salvador, mir das Leben zur
Hölle gemacht. Willst Du mich rächen an dem Verräter?
    - Ich will es - antwortete ich fest. Meine Tränen waren von dem eisigen
Hauch, der mich aus den Worten der Mutter anwehte, getrocknet.
    - Du wirst sein falsches Herz mit diesem Dolche durchbohren, Salvador.
    - Ich werde es tun.
    - Komm an meine Brust, mein Kind, schluchzte jetzt die Mutter, mich zu sich
hinaufziehend. - - Der Name des Verräters wurde zwischen uns nie mehr genannt.
    Lydia hatte mit wachsender Spannung, die zuletzt in Angst überging, auf
Salvadors Erzählung gehört. Sie konnte den Rachedurst der Spanierin nicht
begreifen, welche ihr eigenes Kind zum Vatermörder erzogen hatte. Aber sie wagte
es nicht, ihre Ansicht hierüber mitzuteilen, aus Furcht, sein Vertrauen zu
verlieren.
    
    - Und hast Du - sagte sie zögernd - Deinen Schwur gehalten?
    Der Knabe sah fragend zu ihr auf.
    - Lebt Dein Vater noch?
    - Er lebt noch - Donna! Ihr kennt ihn auch.
    - Ich?
    - Ja. Erinnert Ihr Euch noch des Abends in Wien, wo ich Euch zur Messe
begleitete? Als wir zurückkehrten nach Eurer Wohnung, da trat er Euch auf der
Schwelle entgegen.
    - Der Fürst Lichninsky? - sagte überrascht Lydia.
    - Was ist Fürst? - fragte gleichgültig Salvador.
    - Und warum hast Du ihn damals nicht getödtet? -
    - Es war noch nicht Zeit, hatte der Tio gesagt.
    - Der Tio? Wer ist das?
    - Das ist der Pater Angelikus.
    Lydias Ueberraschung war zum Entsetzen geworden. Der fromme Vater, dem sie
mit Hingebung sich überlassen, dessen Munde sie oft Worte der Liebe und
Verzeihung hatte entströmen hören; er wusste um den verbrecherischen Plan des
Knaben, unterstützte ihn vielleicht gar? Ihr schwindelte vor diesem Gedanken. Da
durchzuckte eine Idee ihre Brust, die sie plötzlich mit neuer Hoffnung belebte.
    - Mein Salvador - sagte sie mit dem weichsten Tone ihrer lieblichen Stimme -
nicht wahr, Du hast mich lieb? mein Kind.
    - Ja - sagte der Knabe mit Ungestüm, und ein Strahl blitzte aus seinen
Augen, vor dem Lydia errötend das ihrige senkte - ich habe Euch am liebsten auf
der Welt; aber ich bin kein Kind.
    - Nun, wenn Du mich lieb hast - fuhr Lydia, seinen Lockenkopf streichelnd,
fort - so musst Du das nicht tun.
    - Was nicht tun?
    - Deinen Vater tödten. -
    - Ich habe keinen Vater.
    - Salvador, versprich mir, ihn nicht zu tödten - bat Lydia fast flehend in
unschuldiger Koketterie ihre Hand auf seine brennende Stirn legend, denn sie
fühlte, dass sie eine Macht über ihn besass - die sie zum guten Zweck anwenden
wollte. Des Knaben Brust arbeitete unter dem doppelten Einfluss zweier einander
widerstrebender Gewalten. Lydia's Stimme tönte so süss in seinem Herzen, dass er
fast nicht mehr widerstehen konnte. - - Da dachte er an den Schmerz seiner
Mutter. Ihr herzzerreissendes Geschrei bei dem Abschiede von dem »Verräter«
klang in seinen Ohren, durchdringend wie ehemals - er riss sich mit Ungestüm von
Lydia los und sagte, mit flammenden Augen vor sie hintretend:
    - Nein! Nein! Nein! Ich will Euch hassen, Donna, wenn Ihr das von mir
verlangt, und wenn Ihr mich verratet, werde ich Euch ermorden.
    Aber schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füssen und bat um
Verzeihung.
    Lydia war durch die ganze Scene in eine fieberhafte Aufregung versetzt. Sie
beugte sich zu dem Knaben nieder und suchte ihn zu beruhigen; aber selbst im
Innersten bewegt, trug ihre Bemühung wenig zur Besänftigung der im Knaben
erregten Leidenschaft bei. Der Schmerz im Andenken an die Qual seiner Mutter
vermischte sich mit der Wonne, von Lydias Armen umschlungen zu sein, ohne dass er
sich der Ursache klar wurde. Durch die Tränen, welche reichlich über seine
Wangen strömten, glänzte die südliche Glut einer knospenden Liebe zu dem schönen
Mädchen, das er umschlungen hielt, hindurch. Mit übermächtiger Gewalt zog es ihn
hinauf an ihre Brust; Lydia vermochte, sich in dem Gefühl Salvadors täuschend,
nicht zu widerstehen. Im nächsten Augenblicke presste sich sein glühender Mund
auf den ihrigen, ihre Tränen vermischten sich, ihre Herzen schlugen stürmisch
einander entgegen. Beschämt über ihre Schwäche, und die ihr selbst unerklärliche
Hingabe an den Knaben - küsste sie sanft seinen Arm und sagte mit zitternder
Stimme:
    - Nicht wahr, Salvador, Du wirst ihn nicht tödten?
    Als hätte ihn eine Natter gestochen, so sprang der Knabe empor.
    - Sprich nicht davon, bei allen Heiligen, ich bitte Dich - sagte er düster -
soll ich den Fluch meiner Mutter auf mich laden? Nein, es darf nicht sein.
    Lydia seufzte. - So werde ich Dich nicht mehr lieb haben, Salvador. - -
    Der Knabe blickte sie wild an. Dann setzte er sich wieder auf seine Fussbank
und begann ein altes spanisches Lied zu singen, als Alice mit glühenden Wangen
und fliegendem Atem ins Zimmer trat. - - -
 
                                       IX
Am Morgen des 18. März schien es, als ob plötzlich aller Zwist, der seine
blutige Geissel die ganze Woche hindurch über die Hauptstadt geschwungen hatte,
verschwunden, und das Berliner Volk seinen alten Charakter der Jovialität und
Leichtfertigkeit wiedergefunden hätte. Man sah nur freudig daherwandelnde
Gruppen und heitere Spaziergänger. Alles deutete darauf hin, dass der Hader
beseitigt und das alte Verhältnis philiströser Anhänglichkeit des Volkes zum
Könige wiedergekehrt sei. Die Bürgerwehr sollte errichtet werden. Die Menge
strömte nach dem Zeughause, wo der nachherige Minister von Schreckenstein in
höchsteigener Person die Verteilung der Waffen vornehmen liess. Alles war
zufrieden. Man hatte so schnell seinen Groll vergessen, dass man sogar der
angebornen Spottlust über die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf liess.
    Dennoch hätte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren
Harmlosigkeit des Volks eine grosse Veränderung wahrgenommen. Man witzelte,
lachte, flanirte umher, wie vor zehn Tagen, aber die Witzeleien hatten eine
politische Pointe, das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegsgewissen Kämpfers,
wie ein Ei dem Andern, und in dem schlendernden Gange der Spaziergänger lag eine
Nonchalance, welche weniger das Gepräge eines absichtslosen Sich-Gehen-Lassens
als einer übermütigen Nichtberücksichtigung der Form trug, welche aus einem
Gefühl der Nichtachtung des Gegners entspringt.
    Das Volk hatte offenbar das Bewusstsein, einen ersten Sieg errungen zu haben,
und in diesem Bewusstsein die ahnungsreiche Hoffnung, dass dieser erste Sieg nicht
der Letzte sein werde.
    Sämmtliches Militär war teils in den Kasernen, teils im Schloss
consignirt. Der König hatte, durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt, am
meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Consequenzen erschreckt, ein
anderes System eingeschlagen. Man versuchte es, das Volk sich selbst zu
überlassen, um zu sehen, ob der angeschwollne Strom von selbst zu dem
gewöhnlichen Niveau herabsinken werde. So wogte denn heute die Menge wie ein
Meer nach dem Sturme auf und ab.
    Gegen Mittag hiess es plötzlich, der König werde um 2 Uhr vom Balkon des
Schlosses herab dem Volke eine Constitution erteilen und das gesammte
Ministerium entlassen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gerücht durch
die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schlossplatze in Bewegung.
    Auch Alice, welche mit dem Prinzen A. von einer Spazierfahrt zurückkehrte,
überredete ihn, sich mit ihr der Menge anzuschliessen. Bald waren sie denn auch
dem Schloss gegenüber fest eingekeilt. In diesem Moment erschien der König,
sprach zu dem versammelten Volke einige Worte, von denen aber nicht einmal der
Ton zu unsern beiden Freunden herabdrang, und entfernte sich dann wieder. Ein
vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in
mächtigen Echos an den grauen Wänden des altehrwürdigen Gebäudes.
    Abermals begann die Menge, sich in Bewegung zu setzen. Der Prinz gelangte
mit Alicen glücklich zum Hauptportal. Doch bald wurde hier das Gedränge am
stärksten. Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmänner mit
weissen Binden um den Armen eingenommen. Hinter ihnen standen die Garden, deren
Bajonette über die Köpfe ihrer Vordermänner hervorragten.
    Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein
erklärlicher Entusiasmus bemächtigt. Alle Schranken zwischen ihm und dem Könige
sollten jetzt fallen. -
    »Soldaten heraus!« tönte eine Stimme. Das war das Wort, das den Zauber löste
und das Volk zum Bewusstsein brachte, was es eigentlich wollte. Preussen war ein
Polizeistaat, noch mehr aber ein Militärstaat. Das fühlte in diesem Augenblicke
die Menge, als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgesöhnten Könige durch die
Bajonette der Gardisten ein Zügel angelegt wurde.
    »Soldaten heraus!« - schallte es jetzt aus tausend Kehlen. Man drängte nach
dem Portale zu. Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in- und durch
einander. Da hörte man plötzlich den dumpfen Schall der Trommel. Infanterie
rückte von der Schlossfreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge
um. In einem Augenblicke war der Schlossplatz durch Militär, welches von der Ecke
der Breitenstrasse bis nach dem Schlossgarten mit der Front nach der
Kurfürstenbrücke aufgestellt war, in zwei grosse Hälften geteilt. Noch als der
äusserste rechte Flügel den Bogen beschrieb, um seine Stellung einzunehmen,
sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonette
auf die Spatziergänger ein, welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den
»Fiscatischen Laden« stillstanden, um von fern dem Treiben am Schlossportale
zuzuschauen.
    Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt, sie war von der Seite des
Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militär getrennt. Sie sah, wie die
Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und plötzlich - ob durch Zufall
oder Absicht, konnte sie nicht entscheiden - sich ihrer Gewehre entluden. - -
    Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Todtenstille ein. Im
nächsten tobte der Ruf: »Rache, Rache! das ist Verrat!« - durch die Menge; die
Friedensmänner rissen die weissen Binden von dem Arme und traten sie mit Füssen.
Vor einem Augenblicke allgemeiner Jubel, Entusiasmus ohne Gleichen - im
nächsten das Wutgeschrei betrogenen Vertrauens. -
    Alice dachte in diesem Moment an die Worte, welche sie zu Herrn v. M.
gesagt:
    »Ein kluger Mann versucht nicht eher zu vermitteln, als bis die Vermittelung
unmöglich geworden.«
    - Sollte er nicht diesen Augenblick als den richtigen erkannt haben, um auf
dem Schauplatze zu erscheinen - dachte sie bei sich und ihr Blick richtete sich
unwillkührlich nach der Kurfürstenbrücke. Sie hatte sich nicht getäuscht. Herr
v. M., umgeben von der aufgeregten Menge, mehr getragen als gehend, nahte sich
dem Schloss. Sie eilte ihm entgegen und setzte ihn mit wenigen ruhigen Worten
die Lage der Dinge auseinander.
    Er begab sich sogleich zum Könige hinauf. - - - -
    Es war zu spät - - - -
    Der General von Möllendorf hatte die Kurfürstenbrücke occupirt, und sah sich
von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geist-und
Königsstrasse an. Alle Vermittlungsvorschläge wurden zurückgewiesen. Eine weisse
Fahne, welche vom Schloss herabgebracht wurde, und auf der mit grossen
Buchstaben zu lesen war:
                »Ein Missverständnis! Der König will das Beste!«
    musste unter dem Hohngelächter des Volks zurückgebracht werden.
    Die Entscheidungsstunde schlug. Nach einer Stunde waren in Berlin gegen 300
Barrikaden errichtet und 40 Feuerschlünde schleuderten Tod und Verderben unter
die wackern Kämpfer, welche hinter ihnen standen. - - - -
    Alice eilte nach Hause, um sich in ihre Männerkleidung zu werfen.
Unmittelbar nach der oben geschilderten Scene zwischen Lydia und Salvador trat
sie ins Zimmer. Ein Blick auf Lydia, welche ihre Verwirrung nicht zu verbergen
vermochte, belehrte sie, dass Etwas in ihrer Abwesenheit vorgefallen sein musste,
das zu ergründen sie auf eine gelegenere Zeit verschieben musste.
    - Mach Dich doch zurecht, mir zu folgen, Salvador - gebot sie. - Du, Lydia,
schliesse die Tür und gewähre Niemandem, wer es auch sein mag, Einlass. - - -
    Hört Ihr den Kanonendonner? Ha, der Tanz hat schon begonnen, und ich bin
noch immer nicht im Festkleide, um daran Teil nehmen zu können.
    - Um Gotteswillen, was willst Du tun, Alice? - fragte Lydia voller Angst.
    - Salvador, meine Pistolen! Sind sie geladen?
    - Ja.
    - Gut. Jetzt wirf mir den Mantel über. Beunruhige Dich nicht, Lydia. Was wir
in Wien versäumt haben, holen wir hier nach - sagte lachenden Mundes Alice,
indem ihr Herz ungestüm pochte. - Die Revolution bricht los, mein Kind.
    - Revolution? - jammerte händeringend Lydia. - Und Du willst hinaus in den
Kampf. O, ich beschwöre Dich, Alice, bleib! Was soll ich anfangen ohne Dich. Ich
ängstige mich hier zu Tode.
    - Du bist eine Närrin, meine Lydia. Aber Du hast recht. Allein darfst Du
nicht bleiben. Ich werde Salvador zurücklassen.
    Salvador wusste nicht, ob er sich darüber freuen oder betrüben solle. Er
legte schweigend seine rote Schärpe ab, setzte sich wieder auf die Bank und
nahm in scheinbarer Gleichgültigkeit seine Ziter zur Hand.
    Diese bei Salvador unerklärliche Folgsamkeit, noch mehr aber die dunkle
Röte, welche urplötzlich Lydias Wangen überzog, machte Alice stutzig. Sie
blickte auf Beide mit unverhehltem Erstaunen herab. Im nächsten Augenblicke
jedoch lachte sie über ihre Vermutung, hüllte sich tiefer in ihren Mantel und
eilte leichten Schrittes die Treppe hinab.
    Sie schritt rasch über den Opernplatz und den Lustgarten nach der
Friedrichsbrücke zu, zuweilen mitten durch das Militair hindurch, das ja den
Unbewaffneten passiren liess. Die Friedrichsbrücke, sowie die Herkulesbrücke
waren bereits verbarrikadirt, die erste von Studenten, die zweite von Arbeitern
verteidigt. Als sie die Barrikaden überstieg, wurde sie sogleich umringt.
    - Sie sollen uns anführen - hiess es.
    - Ich danke Euch, Freunde, das kann ich nicht annehmen. Aber wer kommt mit
nach der »Neuen Wache?«
    Bald hatte sich eine zahlreiche Schaar um sie versammelt, welche von Schritt
zu Schritt sich vermehrte und wie eine Lavine anwuchs. Die »Neue Wache« liegt am
Neuen Markt. Unterwegs fragte sie nach Ralph. Aber Niemand hatte ihn gesehen.
    Als sie bei der »Neuen Wache« anlangten, war das in der Nähe befindliche
Militair, etwa 25 Mann stark, unter's Gewehr getreten und entschlossen, seinen
Posten zu verteidigen. Alicens Schaar mochte etwa einige 50 junge Leute
betragen, aber nur 5 davon, darunter Alice selber, waren bewaffnet, die meisten
hielten nur Stöcke in den Händen, die Uebrigen waren völlig waffenlos. Alice
stellte ihre Leute auf und fragte sie, ob sie entschlossen wären, ihr zu folgen.
    - Bis in die Hölle - scholl es ihr entgegen.
    - So kommt! Im gemessenen Schritt rückten sie auf die Soldaten an. Der
Unterofficier, welcher sie befehligte, commandirte: »Fertig!« Die Hähne
knackten. Da rief ihnen Alice, welche nur noch etwa 20 Schritte von den Soldaten
entfernt stand, zu: »Ein Schurke, wer auf seine Brüder schiesst. Wer die Waffen
niederlegt, kann frei abziehen. Entschliesst Euch!«
    Zugleich liess sie ihre Schaar einen weiten Halbkreis um die Soldaten
schliessen. Die Soldaten schwankten. Auf einen Wink von ihr sprangen die die
Endpunkte des Halbkreises bildenden Arbeiter den Soldaten in die Flanke. So von
drei Seiten zugleich angegriffen, wagte der Unterofficier nicht mehr »Feuer« zu
kommandiren - und die Soldaten streckten ihre Gewehre. Es wurde ihnen
versprochener Massen freier Abzug gewährt und in wenigen Minuten war die Wache
vom Keller bis zu den Bodenräumen hinauf demolirt. Die Bänke, Tische, Stühle,
Tonnen und sonstiges Holzgerät wurde aus dem Fenster geworfen, als brauchbares
Barrikadenmaterial. Der beste Fund aber bestand in 200 Säbeln, welche in
mehreren Kisten auf dem Boden gefunden wurden. Schnell waren sie verteilt.
    Alice eilte nun der Königsstrasse zu. Auch hier wusste man nichts von Ralph.
    - Schrecklich wär's, sässe er noch in seiner Zelle - dachte sie bei sich -
doch das ist ja nicht möglich. Steiger hat mir ja versprochen, ihn zu befreien.
Sie schritt weiter über den Mühlendamm nach dem Petriplatze zu. - Da endlich sah
sie Ralph im fürchterlichsten Kartätschenhagel ruhig auf der Barrikade stehen.
    Einen Freuderuf ausstossend, sprang sie auf ihn zu. - -
 
                                       X
In einer kleinen, feuchten, dunklen Zelle der »Hausvogtei« mit der Aussicht auf
ein Stück blauen Himmels, das durch die querlaufenden Eisenstäbe des zwei Fuss im
Gevierte messenden »Fensters« in viele kleine Carrees zerschnitten wurde, sass
auf seiner Pritsche der arme Ralph. Sein Kopf stützte sich auf die linke Hand,
als vermöchte er den Schmerz um den Verlust der Freiheit - des einzigen und
daher kostbarsten Gutes des Arbeiters - nicht mehr zu ertragen. Dennoch klagte
er nicht, er seufzte nicht einmal - im Gegenteil, er war glücklich in diesem
Augenblicke - denn er träumte. Er träumte von seiner Schwester, von seinem
Vater, von seinen kleinen Brüdern und - - - - Da wurde er plötzlich durch ein
verworrenes Geräusch, das vom Hausvoigteiplatz her über die Dächer
hinüberschallte, aus seinem schönsten Traume gerissen. Er blickte verstört
empor. Aber er sah nichts, als das carrirte Stück Himmel, und selbst dies nicht
einmal, da dieser von düstern Wolken bedeckt war. Er lächelte trübe vor sich
hin, denn er glaubte, jenes Getöse sei auch nur in seinem Traume vorhanden
gewesen, und wollte seine Stirn herabsenkend wieder fortträumen, da - ha, das
war kein Traum mehr - ein Schuss war gefallen. - Horch! ein zweiter, dritter
folgte - - eine volle Gewehrsalve. Mit einem Satz stand er mitten in seiner
Zelle, ein zweiter schnellte ihn zu dem kleinen Gitterfenster empor. Aber er sah
nur in den Gefangenhof hinab.
    Der Wachtposten bemerkte ihn und legte sein Gewehr auf ihn an.
    Er liess sich wieder auf den Boden seiner Zelle nieder und horchte. Angst und
Hoffnung führten einen verzweiflungsvollen Kampf in seiner Brust. - Aber er
hörte nichts mehr. Kein Laut drang mehr zu ihm, als der eintönige Schritt des
Postens auf dem Pflaster des Hofes. -
    Da däuchte es ihm, als ob ein leiser aber schneller Schritt den Corridor, an
dem seine Zelle lag, herabeilte. Das war nicht des Gefangenwärters schwerer und
schleppender Gang. Wer mochte es also sein? Immer näher und näher kamen die
Schritte, jetzt waren sie an seiner Zelle. - Der Nahende stand still. Gleich
darauf hörte Ralph, wie leise ein Schlüssel in das Schloss seiner Zellentür
geschoben wurde. - Eine ungewohnte Bewegung, von der er selbst nicht wusste, ob
er sie der Furcht oder der Hoffnung zuschreiben sollte, bemeisterte sich seiner;
es war ihm, als werde ihm irgend etwas Unerwartetes, Gewaltiges, Ungeheueres
entgegentreten, sobald die Türe sich öffne.
    Die Türe öffnete sich, das Ungeheuere aber, welches die aufgeregte
Phantasie Ralphs vermutete, war die Vollendung seines vorhin unterbrochenen
Traumes: Alice.
    Ralph konnte einen Ausruf des freudigsten Erstaunens nicht zurückhalten.
Alice legte den Finger auf den Mund. Seine Knie schlotterten, während er, die
Hände über die Brust gefaltet, Alicen anschaute. Auch diese konnte ihre Bewegung
nicht zurückhalten, als sie ihn abgezehrt vor Schmerz und Entbehrung vor sich
erblickte.
    - So sehen wir uns wieder, guter Ralph! - sagte sie nach einer Pause. - Nur
getrost, die Stunde der Erlösung wird bald schlagen.
    Ralph drückte ihre Hand an die Lippen und sagte: O, das ist's nicht, was
mich quält, dass ich hier bin. Aber man hat gesagt, ich hätte gestohlen; - -
sehen Sie, das ertrage ich nicht. Und mein Vater?
    - Sie wissen es schon?
    - Was?
    - Dass auch er im Gefängnis ist.
    Ralph lachte bitter. - Nur immer zu, es wird ja wohl auch für uns die Stunde
kommen, wo wir mit Euch rechnen können, ihr Blutsauger. - - Er streckte drohend
die Hand empor. - Und wo ist Anna? Ist sie auch eingesteckt, nicht? -
    - Nein, sie ist bei mir.
    - Gott sei Dank.
    - Sagen Sie, Ralph, halten Sie den Gilbert für einen ehrlichen Menschen?
    - Ein Schuft ist er, ich hab's immer gesagt.
    - Haben Sie Beweise?
    - Nein, aber bin ich erst frei, so kann ich welche schaffen.
    - Gut, Sie sollen morgen frei sein. Haben Sie das Schiessen gehört? Das
dauert nun so bereits die ganze Woche hindurch. Am vorigen Sonnabend, nach der
Volksversammlung, da fing es an. Die Soldaten haben eingehauen, das Volk ist
furchtbar erbittert. Montag ist der erste Schuss gefallen und der erste aus dem
Volke Gemordete begraben worden. Vorgestern und gestern hat's auf dem Opernplatz
wieder Todte gesetzt. Wie es heute werden wird, weiss ich noch nicht. - Morgen
aber wird das Maass voll sein.
    Ralph, - Morgen ist der 18. März, vergessen Sie, wenn Sie frei sind, nicht,
dass Sie ein »Achtzehner« sind. Hier haben Sie ein gutes Messer, Sie werden's
brauchen können, und hier ein paar Doppelterzerole; sie sind geladen; gebrauchen
Sie die Waffen nicht zu früh; nicht eher, als bis Sie kein Schloss mehr vor sich
haben. Und nun leben Sie wohl - bis man kommen wird, Sie hier heraus zu holen.
    Sie reichte ihm die Hand - und war im nächsten Augenblicke verschwunden.
    Ralph war's, als ob er diesmal wirklich geträumt. Als er aber den
schleppenden Gang des Wärters hörte - es war die Stunde, wo er sein Abendbrod
erhielt, steckte er schnell die Sachen in das Bettstroh, legte sich auf's Bett
und erwartete den Kerkermeister.
    Dieser, ein alter, schon gebrechlicher Mann, trat, in der einen Hand einen
Topf und in der andern ein Stück Brod haltend, ein, setzte beides auf den neben
dem Bette stehenden Stuhl und entfernte sich wieder, ohne, wie es schien, von
dem geheimnisvollen Besuche Alicens eine Ahnung zu haben.
    So war Ralph wieder allein.
    Die Mitteilungen Alicens hatten seine Spannung auf's Höchste gesteigert. Er
berührte sein Abendbrod kaum, obschon ihn hungerte. Von Zeit zu Zeit zog er sein
Messer aus dem Stroh hervor und prüfte die Spitze der Klinge. Besonders aber
freuete er sich über die Terzerolen, welche von ausgezeichneter Arbeit waren.
    Es wurde Abend und er war ohne Licht. Aber der Vollmond schien mit
herrlicher Klarheit durch das Gitterfenster. Ralph sass auf seinem Bette und liess
die Stunden an sich vorüberkriechen. Er dachte an Vielerlei, an seine freudlose
Jugend, an die traurigen Zänkereien zwischen seinen Eltern, denen er seit seiner
frühesten Kindheit als Zeuge beigewohnt. Aber er dachte auch an seine gute Anna,
an seine Spiele mit ihr, als sie noch klein war, an die mannigfachen
Entbehrungen, die sie sich selbst auflegten, um einander eine verstohlene Freude
zu bereiten - er dachte auch an Alice - und wie ein Nebelbild, wenn plötzlich
die Sonne hinter den Wolken hervorbricht, so zerfloss die Vergangenheit vor
seinem innern Blick bei diesem Namen und er dachte nur an die Gegenwart und an
die nächste Zukunft - die nächste Zukunft aber war morgen. Sein Atem flog, wenn
er an morgen dachte - sein Herz zitterte vor innerer Bewegung. Es war ihm
zuweilen, als solle morgen sein Geburtstag gefeiert werden, so kindlich war
seine Freude, wenn er sich erinnerte, dass morgen der 18. März, und er ja selbst
auch ein »Achtzehner« war. Dann plötzlich kam es wieder über ihn, wie die
Drommete eines jüngsten Gerichts, deren Schall die Welt in Trümmer stürzt. Und
er sah sich selbst auf diesen Trümmern stehen, eine Fahne hoch in der Rechten
schwingend und seine Kampfgenossen rufend zum Siegsgesang. Aber er war allein,
seine Genossen waren gefallen bis auf ihn. Da senkte er traurig seine Fahne auf
die Gefallenen, knieete an ihren Leibern nieder und - betete. Als er aber so da
lag auf seinen Knieen, siehe, da kam plötzlich der alte böse Feind, der seine
Brüder getödtet, warf ihm eine Schlinge um den Hals und schleppte ihn wieder
zurück in sein Gefängnis.
    Ralph erwachte aus seinem Traume und blickte auf. Der Mond schien nicht mehr
durch das Gitterfenster, aber die Dämmerung brach bereits an. Jetzt, als der Tag
kam, als die Stunde der Erlösung näher rückte, sprang er auf und ging mit
unruhigen Schritten in seiner Zelle auf und nieder. Jedes Geräusch trieb ihm das
Blut in das Gesicht; das Säbelklirren des Wachtpostens auf dem Hofe dünkte ihm
wie das Rasseln des Schlüsselbundes seines Gefangenwärters, welcher komme, die
Tür ihm zu öffnen.
    Vergebens. Eine Stunde verfloss nach der Andern - er hörte die Turmuhr von
der Werderschen Kirche jede verflossene Viertelstunde anzeigen - Niemand
erschien, um ihn zu erlösen. -
    Horch - endlich hörte er Jemanden den Corridor entlang kommen. Rasch steckte
er das Messer in den Gürtel, den er unmittelbar auf dem Leibe trug, auf die
Gefahr hin, sich bei der geringsten raschen Bewegung zu verwunden; die Pistolen
wanderten in die langen Stiefelschäfte. So erwartete er den Nahenden.
    Wiederum getäuscht! - Es war der Wärter, der ihm sein Mittagbrod brachte.
Schon war er im Begriff, von seinem Messer gegen den Alten Gebrauch zu machen
und zu fliehen. Aber er dachte an seinen Vater, der ungefähr in demselben Alter
war - und liess die Hand wieder sinken. -
    Die Tür war wieder verschlossen. Ralph war in düsteres Brüten versunken, er
hatte die Hoffnung fast aufgegeben - -
    Von der Werderkirche herab tönten die Schläge der Uhr; es war die dritte
Nachmittagsstunde - - da dröhnten die in ihren Fugen durch die Zeit gelockerten
Scheiben des Gitterfensters von einem dumpfen Donnerschlage - Ralph blickte in
die Höhe, der Himmel war vollkommen heiter - - Als er noch mit der Aufklärung
dieses sonderbaren Phänomens beschäftigt war, hörte er endlich die ersehnten
Schritte auf dem Corridor, welche sich eilig seiner Zelle nahten.
    Da tauchte die Vermutung der Wahrheit in ihm auf. - Es war der Donner des
groben Geschützes gewesen, was er gehört hatte.
    - Versuche von Innen, das Schloss zu sprengen - tönte eine wohlbekannte
Stimme durch's Schlüsselloch. - Wir haben keinen Schlüssel und der alte Satan -
dein Wärter' hat sich, wer weiss wo - verkrochen.
    - Es geht nicht - rief Ralph in Verzweiflung zurück, als er sah, dass die
stark mit Eisen beschlagene Tür seiner gewaltigsten Anstrengungen spottete -
ich habe keine Werkzeuge.
    - Verdammt - flüsterte dieselbe Stimme - lauf, Junge, und sieh, dass Du eine
Brechstange bekommst. -
    Diese Aufforderung war an eine zweite Person draussen gerichtet, welche sich
entfernte, aber bald mit der trostlosen Nachricht zurückkehrte, dass der Ausgang
von den Wachtposten besetzt sei.
    Dann müssen's wir für jetzt aufgeben, sonst werden wir alle drei gefasst. Wir
kommen wieder, mein Junge - erscholl es abermals durch's Schlüsselloch - eine
kleine halbe Stunde nur und dann bist Du frei.
    Ralph wartete. Die halbe Stunde war längst vorüber. Er hörte es 4 und 5 Uhr
schlagen. Niemand kam. Das Gebäude war still wie ein Grab, aber draussen
donnerten die Kanonen, knatterten die Pelotonfeuersalven herüber. Nicht hundert
Schritte von ihm musste der Kampf entbrannt sein, denn er hörte zwischen den
Salven den Hurrahruf der Kämpfenden und das Geröchel der Sterbenden.
    Seine Angst führte ihn an die Grenze des Wahnsinns.... Gefangen, während man
draussen für die Freiheit kämpfte.... Er sass am Boden und weinte wie ein Kind.
    Da durchblitzte plötzlich ein Gedanke seine Seele. - - Freudig sprang er
empor. Er zog die beiden Terzerole hervor und setzte Zündhütchen auf alle vier
Pistons. Dann kletterte er noch einmal nach dem Fenster in die Höhe und schaute
auf den Hof hinab. Er hatte richtig vermutet: der Wachtposten war verschwunden.
Er sprang herab, setzte den einen Lauf fest aus Schlüsselloch der Tür, trat zur
Seite und drückte ab. Der Knall war heftiger, als er geglaubt hatte, doch da die
Bewohner des Hauses ihre Aufmerksamkeit nach dem Gefecht draussen gerichtet, so
war der Knall von Niemandem bemerkt worden. Das Schloss aber war so stark
beschädigt, dass Ralph es mit einer geringen Kraftanwendung vollends herab-und
die Türe aufriss. Behutsam schlich er den Corridor hinab und öffnete die erste
beste Tür eines Zimmers, dessen Fenster nach dem Hausvoigteiplatze gingen.
Dort, wo die Oberwallstrasse an den Hausvoigteiplatz mündet, erblickte er eine
Barrikade. Diese aber war von Soldaten besetzt. Links am Eingange der
Jerusalemerstrasse und Rosenstrasse war ebenfalls eine Barrikade, ungleich höher
als die erstere. Auf ihr sah er die schwarz-rot-goldne Fahne aufgepflanzt -
dort waren seine Freunde. Mit einem Satz war er auf der Strasse. Eine Salve aus
der Oberwallstrasse donnerte hinter ihm her. Die Kugeln pfiffen ihm um den Kopf,
aber unversehrt gelangte er zu seinen Freunden. Der alte Steiger und Hartwig -
dieselben, welche seine Flucht zu unterstützen versucht hatten - empfingen ihn
mit lautem Jubel. Sein erster Schuss streckte einen Infanterie-Lieutenant zu
Boden. Eine Stunde mochte vergangen sein, während welcher das Feuer keinen
Augenblick aufgehört hatte, da wurde Ralph vom alten Steiger angerufen.
    - Was gibt's? - fragte dieser, das von Pulver geschwärzte Gesicht mit dem
Rockärmel abwischend. - Sucht man uns in den Rücken zu fallen?
    - Nein, die Mohrenstrasse hält sich gut. Aber nach der Barrikade der
Breiten-Strasse muss Verstärkung. Die Gefahr soll dort gross sein.
    - Ich werde hingehen. Es sind Eurer hier genug.
    - Ich begleite Dich, sagte Hartwig, der dazu getreten war und die letzten
Worte gehört hatte.
    - Gut; so komm!
    - Mit Gott, Kinder! - sagte der alte Steiger, ihnen die Hände schüttelnd -
Du, Hartwig, mein Junge, gieb mir noch 'mal die Hand. Der Donner soll drein
schlagen, wenn ich weiss, warum es mir immer so ist, als wenn - na, dummes Zeug,
auf Wiedersehen, Jungens.
    Er sah ihnen nach, bis sie um die Ecke des Dönhofsplatzes verschwunden
waren. Dann fuhr er sich mit der verkehrten Hand über's Gesicht und lud sein
Gewehr von Neuem.
    An der Breitenstrasse vom Petriplatz angekommen, meldeten sich die beiden
Freunde sogleich beim Anführer der Barrikade, welche, aus Tonnen, Wagen,
Trottoirsteinen und allen möglichen Möbeln fast 20 Fuss aufgebaut, ein Kunstwerk
eigener Art darstellte. Hinter der Barrikade und zu beiden Seiten der Strasse war
das Pflaster mehre hundert Schritt weit aufgerissen und die Steine in grossen
Pyramiden aufgehäuft.
    Die Dächer waren abgedeckt, um die Ziegel zu Wurfgeschossen zu verwenden.
Aus allen Fenstern richteten sich drohende Läufe auf die Artilleristen, welche
die beiden Zwölfpfünder bedienten, und auf die Abteilung Infanterie, welche
unter dem Schutze der Kanonen zuweilen einen Sturm versuchte.
    Das D'Heureussche Haus, dessen Front die »Breitenstrasse« begrenzt, war schon
dicht mit Kartätschenkugeln besäet.
    Hinter der Barrikade war, umgeben von Steinpyramiden, eine tiefe Grube
aufgeworfen. Darin sassen die Frauen und Kinder, welche über Kohlenfeuer Kugeln
gossen, die Gewehre luden und die Verwundeten verbanden. Andere brachten Blei
von Fenstern, Stücken Eisen, kleine Steine und was sonst in einen Gewehrlauf
hineingepfropft werden konnte, herbei. - Es war ein Getreibe, dass es schien, als
ob die grösste Unordnung herrsche; und doch stiess keiner den Andern. Der Geist
der Kampflust brachte Einheit in die scheinbare Verwirrung. Die Kanonen
donnerten, die Gewehrsalven krachten, die Steine flogen, die Verwundeten
ächzten, dazwischen tönten die Commandoworte und jubelten die Kämpfer einander
zu. Ralph stand auf dem ihm angewiesenen Posten, den Kolben seines Gewehrs
zwischen den Füssen, die Hand auf den Lauf gestützt, und schauete - auf Munition
wartend - ernst in das Kampfgewühl hinein.
    - Was sinnst Du, Kamerad? - sagte neben ihm eine weiche Stimme. Er wandte
sich um. Alice stand vor ihm, vollständig mit Büchse und Säbel bewaffnet.
    - Ums Himmelswillen, was machen Sie hier. Kommen Sie, ich will sie an einen
sichern Ort bringen.
    - Bah, denkst Du ich bin eine Memme, wenn ich auch ein Weib bin? Nenne mich
»Du«, denn hier sind wir Alle Kameraden. -
    - Hast Du Gilbert gesehen? - fragte Ralph, vor der Glut in den Blicken
Alicens die Augen senkend.
    - Nein.
    - So will ich ihn Dir zeigen. Er stieg die Barrikade hinan. Alice folgte
ihm. - Siehst Du dort den Jägerlieutenant, welcher mit dem Commandeur der
Musketiere spricht. Das ist er. Bedarfst Du noch weiterer Beweise für seinen
Verrat?
    - Ich bin zufrieden.
    In diesem Augenblicke zischte ein Feuerstrahl aus dem Zündloche der Kanone.
Ralph riss Alicen herab. Die Kartätschen wühlten in dem Holzwerk der Barrikade,
die Splitter flogen umher. Da drang ein Schmerzensschrei zu Ralphs Ohren. Er
blickte nach Hartwig, aber er sah ihn nicht mehr. Eine Kugel hatte ihm den Kopf
zerschmettert. -
 
                                       XI
Als der Prinz A. in dem Moment, als er von Alicen getrennt wurde, das Militär
anrücken und den Platz besetzen sah, bemächtigte sich seiner eine tiefe
Bestürzung. Er konnte diese Massregel in diesem Augenblicke - der
entusiastischen Freudigkeit der Menge gegenüber - nicht begreifen. Er eilte um
das Schloss herum, um von jener Seite den Versuch zu machen, zu dem König zu
dringen und ihm den Stand der Dinge wahrheitsgetreu zu schildern. Aber wie
erstaunte er, als er, nach dem Lustgarten eilend, auch hier dasselbe Schauspiel
fand, nur dass es nicht Musketiere waren, die mit gefälltem Bajonette in das
wehrlose Volk eindrangen, sondern Kürassiere, welche ihren Pferden die Sporen
einsetzend mit geschwungenem Säbel wie Rasende um sich hieben. - Die Verwirrung
und das Geschrei war sinnebetäubend. -
    Der Prinz starrte sprachlos auf das Gemetzel; dieser plötzliche Umschwung
der Dinge überstieg seine Fassung. Da dämmerte ein furchtbarer Gedanke in ihm
empor. Es schien ihm, als habe er jetzt einen schrecklichen Zusammenhang
gefunden.
    - Das ist Verräterei! murmelte er, und blickte, vor seiner eigenen Ahnung
erbleichend, mit trostlosem Blicke zum Schloss empor. Doch hier galt es zu
handeln. Sein Inkognito aufgebend, gelangte er leicht in das Innere des
Schlosses. Rasch stürmte er die Wendeltreppe empor, eilte den Corridor hinab in
die Vorzimmer des Königs. Eine Menge Deputationen hatten sich bereits
versammelt. Auch Herrn v. M. erblickte er unter ihnen.
    - Ich komme so eben vom Könige - sagte dieser, ihn auf die Seite ziehend. -
Es ist Alles vergeblich. Auch Sie werden Nichts ausrichten. Der König ist durch
einen mächtigen Einfluss in seinen besten Entschlüssen schwankend geworden.
    - Wer ist bei ihm?
    - Der Prinz von Preussen, die Königin, der Prinz Karl und einige Minister.
    - Welche Minister?
    - Bodelschwingh, Tiele und -
    - Genug. Ich werde das Äusserste versuchen. Er öffnete ohne Weiteres die
Tür. Der König sass mitten im Zimmer auf einem weiten Lehnsessel, mit dem
Gesicht nach dem Fenster, so dass er die Aussicht auf die Kurfürstenbrücke hatte.
Sein mit spärlichem Haar bedecktes Haupt war etwas nach vorn herübergebeugt, als
erliege es unter der Gewalt des Augenblicks. Neben ihm, die Hand auf die
Rücklehne seines Sessels gestützt, stand die Königin. Ihr bleiches,
tränenvolles Gesicht beugte sich auf den König. Mit unaussprechlicher Angst in
den leidenden Zügen blickte sie auf ihn herab, als erwarte sie ein unheilvolles
Wort aus dem Munde des Königs.
    Auf der andern Seite des Sessels, doch etwas entfernter, stand ein kleiner
feister Mann mit herabhängenden Armen und niedergeschlagenen Augen. Auch er
schien einen Entschluss zu erwarten. Er schien eben zum Könige gesprochen zu
haben und jetzt das Resultat seiner Worte abwarten zu wollen. Es war der fromme
Herr Minister v. T.
    Einige Schritte von dieser schweigenden Gruppe entfernt standen in einer
Fensternische im eifrigen, aber leisen Gespräch begriffen fünf Männer. Es
handelte sich auch hier um die grosse Frage des Augenblicks, das lehrte ein Blick
auf ihre teils consternirten, teils zornigen Gesichter. Nur Einer unter ihnen
blickte, scheinbar ohne andere als passive Teilnahme an der Unterhaltung, mit
aufmerksamem Auge auf die Strasse hinab.
    Der Prinz A. trat mit raschen Schritten auf diese Gruppe zu.
    - Wozu ist der König entschlossen? - fragte er den Prinzen Carl, welcher ihm
zunächst stand. Dieser zuckte die Achseln und schwieg.
    - Man muss die Hand zur Versöhnung bieten; es erfordert die Klugheit, jenes
unselige Missverständnis durch schnelle Nachgiebigkeit vergessen zu machen -
sagte ein schmächtiger, hoher Mann mit aristokratischen Zügen.
    - Sprechen Sie nicht von Missverständnissen, Graf A. - sondern von Missgriffen
, erwiederte zornig ein dritter Herr, mit schwarzen, schlichten Haaren und einem
breiten, gutmütigen Gesicht, dessen Züge in diesem Augenblicke von Zorn oder
Angst auf eigentümliche Weise verzerrt waren.
    - Keine Verdächtigung, lieber Schw. - nahm der Prinz Carl das Wort. - Lassen
Sie uns einig sein, um das Fürchterlichste abzuwenden. Der König ist noch
unentschlossen. -
    - Aber er wird sich entschliessen; ich bin dessen sicher. Wie ist seine
Nachgiebigkeit belohnt worden? Sie haben es ja gesehen. Reichen Sie dem Pöbel
den kleinen Finger, so verlangt er nicht etwa die ganze Hand, nein Kopf und
Kragen. Die einzige Rettung liegt für uns in der Festigkeit. Die Nachgiebigkeit
und Versöhnlichkeit des Grafen A. würde als Furcht ausgelegt werden und dadurch
gerade das Entgegengesetzte bewirken. -
    Es war der Minister von B., eine grosse massive Figur, in der man eher einen
derben Landwirt, als einen preussischen Minister vermutet hätte.
    - Ich sage - warf der Prinz A. ein, indem eine edle Entrüstung auf dem
feinen blassen Gesicht eine matte Röte hervorrief - ich sage, meine Herren, dass
Verrat im Spiele ist.
    - Verrat!? - rief fast laut Herr von B. aus. In demselben Augenblicke
wandten der Prinz von Preussen und der noch immer am Stuhle des Königs harrende
Herr von T. das Gesicht dem kühnen Sprecher zu, so dass ihre Blicke sich
begegneten. Beide lächelten, aber das Lächeln des Herrn von T. war ein Lächeln
der Schadenfreude, der Prinz von Preussen lächelte wie Jemand, der eine
Unschicklichkeit aus Klugheit nicht rügen will, um nicht den Schein persönlicher
Gereizteit auf sich zu laden.
    Auch A. und Schw. lächelten, jener wie ein Diplomat, der weder bejahen noch
vereinen will - dieser in offner Zustimmung.
    Der Prinz Karl blickte ernstaft auf den Sprechenden.
    - Ich werde mit dem Könige reden - fuhr der Prinz A. fort, unbekümmert um
den Eindruck, den seine Worte hervorbrachten - ich werde ihm die Stimmung des
Volks schildern.
    - Nein - sagte Prinz Karl, ihn bei der Hand fassend - stören Sie ihn in
diesem Augenblicke nicht, aber sprechen Sie mit der Königin.
    Der Prinz A. näherte sich der Königin und war eben im Begriff, sie
anzureden, als der König sich erhob. Ein tiefes Schweigen trat ein, in welchem
man deutlich von unten herauf die Worte: »Rache! Rache!« - »Waffen her!« -
vernahm.
    Graf A. - sagte der König. - Lassen Sie dem Volke die Proklamation verlesen,
welche die Errichtung der Bürgerwehr verkündet. Ich will das Äusserste
versuchen, um diesem unseligen Zustande auf friedliche Weise ein Ende zu machen.
    Graf A. bemerkte, indem er sich entfernte, um den Befehl des Königs
auszuführen, dass die Blicke der Minister T. und B. sich begegneten.
    - Majestät - sagte der Letztere, auf den König zutretend - Sie kennen meine
Ergebenheit und Anhänglichkeit. - Auf diese allein mich berufend, wage ich Ew.
Majestät zu beschwören, nur jetzt kein Schwanken, keine Unentschiedenheit! - -
    - Ich gebe ihm Recht - sagte halblaut teils zu sich selbst, teils zum
Prinzen Karl gewendet, der Prinz von Preussen. Es waren seine ersten Worte.
    Der König, welcher mit auf den Rücken gelegten Händen, die Augen auf den
Boden geheftet, mit kurzen, unsicheren Schritten hin und her ging, blieb einen
Augenblick stehen und warf einen fragenden Blick auf seine Brüder. Aber er
erwiederte nichts, sondern setzte seinen Weg wieder fort.
    - Man kann zweifelhaft sein - fuhr der Minister fort - nach welcher Seite
hin die Entscheidung ausfallen müsse, um am schnellsten, sichersten und ohne
viel Blutvergiessen zum Ziele zu gelangen. Meiner Meinung nach ist in dieser
Rücksicht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Wegen; aber
unerschütterlich fest steht meine Meinung, dass jeder in der Mitte liegende zum
Unheil führt. Entweder, Majestät, gewähren Sie Alles oder verweigern Sie Alles!
    - Und welchen Rat gebt Ihr mir? - wandte der König sich an seine Brüder.
    - Gewähren Sie - sagte Prinz Karl.
    Der Prinz von Preussen schwieg. Der König blieb eine Weile vor ihm stehen,
trat dann ans Fenster, und sah, wie von einem mit Brettern beladenen Leiterwagen
herab die Proklamation verlesen wurde. Aber die Menge schien unbefriedigt, sei
es durch den Inhalt oder durch die Unmöglichkeit, in dem Tumult das Verlesene zu
verstehen.
    In diesem Augenblicke trat der General von Pr. ein.
    - Majestät - sagte er, zum Könige herantretend - ich erwarte Ihre Befehle.
    Der König schien einen Entschluss gefasst zu haben.
    - Das Militair soll sich zurückziehen - sagte er bestimmt.
    Der General trat einen Schritt zurück. - Das ist unmöglich, Majestät -
    - Unmöglich? - fragte der König, den jeder Widerspruch erbitterte - Warum?
    - Majestät, es würde zwecklos sein, die Aufregung ist bereits zu einem Grade
gestiegen, der ein entschiedenes Handeln zur Pflicht macht.
    Sehen Sie dort - er wies die Königsstrasse hinab - die Barrikaden? In der
Friedrichsstadt ist der Aufstand bereits vollkommen organisirt. Jede Minute
Zögerung würde durch Ströme Blutes wieder eingebracht werden müssen. Ja, ich
wage zu behaupten, dass nur ein schneller und kräftiger Angriff einem grossen
Blutbade vorbeugen kann. Lassen wir der Menge Zeit, sich hinter den Barrikaden
festzusetzen, so werden tausendfache Opfer gebracht werden müssen für die
Herstellung der Ruhe - und wer kann wissen, ob sie vielleicht nicht doch
vergeblich gefallen sind.
    Der König schwieg noch immer, den starren Blick auf die Strasse geheftet.
    Hier war indes eine neue Veränderung eingetreten. Man hatte mit dem Militair
kapitulirt. Dieses wollte vom Platze zurückziehen, wenn das Volk ebenfalls die
andere Hälfte des Platzes räumen würde. Letzteres zog sich sofort bis auf die
Kurfürstenbrücke zurück. Aber statt sich ebenfalls zurückzuziehen, rückte das
Militair im Sturmschritt nach und hatte dadurch den ganzen Platz und bald darauf
auch die Kurfürstenbrücke in seine Gewalt bekommen.
    Die fortdauernde spannende Ungewissheit, in welcher sich die Umgebung des
Königs über dessen endliche Entscheidung befand, lagerte sich wie eine düstere
Wolke über alle Anwesenden. Keiner wagte mehr zu sprechen. Aber alle Blicke
hingen mit Angst an dem Gesicht des Königs, dessen Aufregung allmählig bis zur
äussersten Grenze des Möglichen gestiegen war. Kalter Schweiss stand in dicken
Tropfen an seiner hohen kahlen Stirn. Sein bald starr auf die Strasse gerichteter
bald unstätt im Saale umherschweifender Blick hatte einen unheimlichen Glanz
angenommen. -
    Erschöpft warf er sich endlich wieder in den Armstuhl zurück, als vermöchte
er die gewaltige Schwere dieser Stunde nicht länger zu tragen.
    - Elisabet - sagte er zu der Königin, welche sich wieder zu ihm
herabbeugte, und weinte -
    Elisabet, du bist krank und solltest dich zur Ruhe legen. - - - Nein, nein,
bleibe bei mir; es ist mir, als ob mein guter Engel mich verlässt, wenn du gehst
- - - - o, ich traue Keinem von diesen hier, Keinem - - Sie haben alle ihre
Absichten, ich weiss es wohl - - - wer mir sagen könnte, wer von ihnen es ehrlich
meint, wem ich trauen könnte. - Dem wollt' ich folgen. Du bist ein Weib, dich
schreckt die Gefahr - - horch, wie sie toben - - - - ah, da ist Arnim. Nun was
bringen Sie?
    Wenig Tröstliches, Majestät, doch glaube ich auch jetzt noch, dass eine
Vermittelung immer noch möglich ist, Majestät erlauben, einen Vorschlag zu
machen? - -
    - Lassen Sie hören, lieber Graf.
    - Ich habe hier in der Geschwindigkeit eine Fahne fertigen lassen. - Der
Graf entrollte ein grosses Stück Leinwand, worauf mit fussgrossen Buchstaben die
Worte standen: »Ein Missverständnis! Der König will das Beste.« -
    - Versuchen Sie es, Graf; aber eilen Sie. Gebe der Himmel, dass Ihre Hoffnung
erfüllt wird.
    Der Graf eilte fort, um seinen Vorschlag auszuführen. Der König trat
abermals ans Fenster. - - - - Die Fahne erschien bald auf dem Platze. Zwischen
zwei hohen Stangen befestigt, so dass die Worte deutlich zu lesen waren, bewegte
sie sich nach der Königsstrasse. Jetzt stand sie, die Menge umringte sie - -
    Der König hielt den Atem an - -
    - Ah, die Ruchlosen - rief er erbleichend, als er die Fahne schwanken,
fallen und mit Füssen treten sah. - Wohlan, es war das letzte Mittel. Das
Äusserste ist versucht worden. - Sie wollen es nicht Anders. - General
Prittwitz!
    - Majestät!
    - Tun Sie Ihre Pflicht, General - - und melden Sie mir, wann die Ruhe
hergestellt ist.
    Mit diesen Worten reichte der König der Königin den Arm und begab sich nach
seinem Cabinet.
    Die Zurückbleibenden sahen ihm schweigend nach.
    Unschlüssig, was er tun solle, trat auch der Prinz A. ans Fenster und
verfolgte die Bewegung, welche sich jetzt unter dem Militair kundgab. Am
Eingange der Breiten-Strasse wurden zwei Kanonen aufgefahren.
    Da erzitterten plötzlich die Fenster von dem dumpfen Donner des schweren
Geschützes.
    Unwillkürlich trat der Prinz einen Schritt vom Fenster zurück und fasste nach
seinem Degen. - Einige Sekunden später fand er sich auf der Strasse, ohne zu
wissen, wie er herabgekommen. Von einer unerklärlichen Ahnung getrieben, eilte
er nach Alicens Wohnung.
 
                                      XII
Als Alice ihre Wohnung wieder verlassen hatte, waren Lydia und Salvador zu ihrem
früheren Schweigen zurückgekehrt. Lydia wandte von Zeit zu Zeit, wenn ein fernes
Getöse von Waffen zu ihr herüberdrang oder der dumpfe Knall eines
Kanonenschusses die Scheiben erdröhnen machte, ihren Blick mit geheimem Schauder
auf die Strasse hinab. Aber noch war diese Gegend vom Gewühl des Kampfes völlig
unberührt geblieben. Die Läden waren geschlossen; an den Haustüren standen
eifrig sich unterhaltende oder mit ängstlicher Neugier die Strasse hinabschauende
Gruppen. Nur zuweilen lief ein einzelner Mensch eilig das Trottoir hinab, ohne
den Gaffern an der Haustüre, die ihn mit Fragen bestürmten, Rede zu stehen.
Salvador hatte seinen alten Sitz zu den Füssen Lydia's wieder eingenommen und
schien nicht die geringste Teilnahme für die Ereignisse draussen zu empfinden.
Mehr spielend als in ernster Absicht, zog er seinen Dolch hervor, prüfte
Schneide und Spitze und versuchte, da er etwas angelaufen war, ihm durch
Schleifen auf dem hölzernen Fenstertritt, worauf Lydia's Stuhl stand, seinen
früheren Glanz zurückzugeben.
    Das Getöse kam näher, die Schüsse donnerten stärker, die Zwischenräume
zwischen den einzelnen Salven wurden kürzer. Häufiger eilten jetzt die Menschen
die Strassen hinab; bald zeigten sich kleinere, bald grössere Trupps von
Arbeitern, welche teils mit Flinten und Säbel, teils mit grossen Eisenstangen,
Aexten, Hacken und sonstigen Werkzeugen bewaffnet waren. - Während ein Teil die
nächste Strassenecke verbarrikadirte, rissen Andere das Pflaster auf und
sammelten die Steine zu einzelnen Haufen. - Die Barrikade war fertig - - man
begann jetzt die Häuser zu befestigen.
    Mit ängstlichem Staunen blickte Lydia auf das Treiben nieder. Plötzlich
wurde sie durch ein bescheidenes Klopfen an der Türe aufgeschreckt.
    - Was tun wir, Salvador? - fragte sie bebend den Knaben. - Wenn's Anna
wäre?
    - Die Tia hat gesagt, dass wir nicht öffnen sollen - erwiederte er, ruhig in
seinem Schleifen fortfahrend.
    Das Klopfen wurde stärker. - Salvador hörte auf zu schleifen und fasste den
Dolch fester.
    - Aufgemacht - donnerte man jetzt draussen.
    - Sie werden die Türe einschlagen - Geh, öffne Salvador. -
    - Die Tia hat gesagt, wir sollen Niemandem öffnen - wiederholte er.
    - Dann werde ich selbst öffnen - - Lydia ging nach der Türe. Mit bebender
Hand zog sie den Riegel zurück, doch schon bereute sie ihre Tat, als sie einen
Haufen wild aussehender bewaffneter Männer erblickte.
    Erschreckt trat sie einen Schritt zurück. Da erblickte sie Anna unter ihnen.
    - O, fürchten Sie nichts, Fräulein - sagte diese. - Sie wollen Ihnen nichts
zu Leide tun - - sie wünschen nur Waffen von Ihnen.
    - Du weisst ja Anna, dass hier nur zwei Frauen wohnen. Wir haben keine Waffen.
    - Ich habe doch eine Waffe - sagte Salvador hervortretend, und seinen Dolch
zeigend - aber die werde ich behalten.
    Ein tüchtiger Junge - sage lächelnd der Anführer der Arbeiter. - Sie werden
die Türe nicht wieder verschliessen? - fuhr er zu Lydia gewendet in halb
fragendem halb befehlendem Tone fort - und uns die Zimmer nach der Strasse
überlassen? -
    - Mein Gott, was wird aber Alice sagen? - bemerkte Lydia zu Salvador
gewendet.
    - Alice! - sagte der Arbeiter - wohnt Alice hier?
    - Ja, sie ist meine Freundin - erwiederte Lydia - erstaunt über des
Arbeiters Frage.
    - Hierher - Cameraden - ein glücklicher Zufall hat uns in die Wohnung
unserer Präsidentin geführt. Alice wohnt hier!
    Eine freudige Bewegung gab sich in dem Haufen kund.
    - Das ist hier ihre Freundin! Sie muss eine Schutzwache haben. Wer bleibt
hier als Wache? Freiwillige vor!
    Alle drängten sich nach dieser Ehre. Der Führer wählte zehn der Stärksten
und am besten Bewaffneten aus und stellte sie Lydia zur Disposition.
    - Ihr verteidigt diese Dame bis auf den letzten Mann. Ihr andern wisst, was
noch zu tun ist. Schnell ans Werk.
    Das Haus wurde jetzt in Verteidigungszustand gesetzt. Es war die höchste
Zeit, denn der Angriff auf die Barrikade hatte bereits begonnen.
    Lydia, welcher sich eine Aufregung bemächtigt hatte, durch welche die Angst
vor der nahenden Gefahr in den Hintergrund gedrängt wurde, eilte ans Fenster. -
Sie sah, wie die Soldaten sich zu einer zweiten Salve bereit machten - aber die
hinter den Barrikaden stehenden Arbeiter kamen ihr zuvor. Auf das Kommandowort
des Führers flog ein Steinregen in die Reihen der Soldaten - die Wirkung zeigte
sich sogleich - zehn bis zwölf waren sofort gefallen, die Uebrigen zogen sich
eilig zurück.
    - Machen Sie das Fenster zu, liebes Fräulein - sagte Anna. Je weiter die
Soldaten stehen, desto grösser ist hier oben die Gefahr. Die Kugeln gehen dann
höher. - Die Richtigkeit dieser Bemerkung zu erkennen hatte Lydia sogleich
Gelegenheit. Dicht neben ihr schlug eine Musketenkugel in die Bekleidung der
Fenster. Sie bohrte sich einen Zoll tief in den Kalk ein und fiel dann matt auf
das Fenstergesims.
    - Die sollt' ihr wieder haben, - sagte ein Arbeiter, die Kugel aufnehmend.
Sehen Sie dort den kleinen Lieutenant mit dem blonden Haar; der soll sie kosten.
    Mit diesen Worten eilte er auf den Boden. - Man möchte sonst das Fenster
aufs Korn nehmen, wenn ich von hier aus feuerte - sagte er.
    Die Soldaten rückten zum zweiten Male im Sturm an. Zehn Schritte vor der
Barrikade machten sie Halt, die Kolben der Gewehre an die Wange gedrückt. So
standen sie, wartend, ob nicht ein Kopf über der Barrikade erscheinen würde. Da
hörte Lydia einen schwachen Knall über sich, in demselben Augenblicke fuhr der
»kleine Lieutenant« mit der Hand nach der Brust; der Säbel entfiel seiner Hand
und er stürzte zu Boden.
    - O mein Gott - sagte sie, das Gesicht verhüllend - er hat seine Drohung
wahr gemacht. - -
    Es ist ein eigenes Ding, dem Morde eines Menschen zuzuschauen, der in einem
Augenblick kräftig und lebensmutig in der Fülle der Gesundheit dastand, im
nächsten als Leiche auf den Boden hingestreckt liegt. Der Eindruck ist nach den
Charakteren verschieden, doch gewöhnlich nur ein zwiefacher: Man erstarrt
entweder im Innersten seiner Seele oder - bleibt gleichgültig. Nicht immer übt
ein solcher Anblick gerade auf den Neuling den erstern, auf den damit Vertrauten
den letztern Eindruck aus. Es gibt Menschen, die sich nie an dergleichen
gewöhnen können, sondern nur dann darüber hinaus kommen, wenn ihre eigene
Begeisterung und jene Trunkenheit, in welche die Hitze des Kampfes zu versetzen
pflegt, eine gewisse Höhe erreicht hat; Andre dagegen bleiben einem solchen
Schauspiel gegenüber um so kälter, je krankhafter vorher ihre Bangigkeit und je
furchtbarer ihre Vorstellung davon gewesen.
    Lydia war eine weiche Natur, welche, einem zarten Saitenspiel vergleichbar,
durch den leisesten Hauch - sei es der Freude oder des Schmerzes - in
nachhallende Bewegung versetzt wurde. Wenn sie daher durch ihre anfängliche
Aufregung gegen die unter ihren Augen andringende Gefahr gewissermassen gestählt
worden, so war doch mehr ihre Phantasie als ihr Gefühl angeregt. Die nackte
Wirklichkeit schlug daher durch ihre grausame Kälte eben so sehr die Wärme ihrer
Illusionen, wie durch ihre triviale Rohheit die Idealität ihrer Empfindung
nieder. Die künstliche Besonnenheit, welche sie gewonnen, wich einer
verzweiflungsvollen Trostlosigkeit, die sie nahe an den Rand der Bewusstlosigkeit
führte.
    Salvador hatte sie nicht verlassen. Zwar zog es ihn hinab unter die
Kämpfenden, aber da er kein besonderes Interesse am Kampf haben konnte, als
höchstens den Kampf selbst, so kostete es ihm wenig Ueberwindung, bei Lydia zu
bleiben. Hinter ihrem Stuhle stehend, verfolgte er, wie sie, alle Bewegungen des
Feindes. Als der Officier fiel, schlug sein Herz rascher und hob sich seine
Brust stolzer, als sei er selbst es gewesen, der ihn getödtet. Um so mehr war er
über den Eindruck erschreckt, den der Fall des Officiers auf Lydia
hervorbrachte, deren Angst sich zuletzt in einem Strom von Tränen auflöste.
    Salvador schauete unverwandt auf die Strasse hinab. Er sah, wie die Soldaten
nach dem Fall ihres Führers sich zurückzogen, aber nur um sich zu verstärken.
Bald rückten sie in dreifacher Menge wieder gegen die Barrikade vor. Der Kampf
wurde jetzt von beiden Seiten hitziger und mit grösserer Erbitterung geführt.
Zwar waren die Soldaten durch den Mangel jeglicher Deckung dem Steinregen und
den einzelnen Schüssen der Arbeiter mehr ausgesetzt. Dennoch waren bereits
mehrere der Letzteren durch wohlgezielte Schüsse hingestreckt worden.
    So dauerte der Kampf eine volle Stunde hindurch. Da schien es endlich, als
ob die Soldaten, des nutzlosen Angriffs müde, sich zurückziehen wollten.
    Salvador bemerkte, wie ein Officier in Jägeruniform, der ihm nicht unbekannt
schien, auf den kommandirenden Officier zueilte und ihm mit lebhaften
Gestikulationen, wobei er öfters auf die Barrikade zeigte, eine Nachricht
mitzuteilen schien. Der Officier nickte mit dem Kopfe und bog mit seiner
Compagnie um die nächste Strassenecke; die auf der Barrikade stehenden Arbeiter
erhoben ein Siegsgeschrei. Doch schon nach einigen Minuten kehrten die Soldaten
zurück, aber in geringerer Anzahl. Die Hälfte der Compagnie war nebst jenem
Jägerofficier verschwunden. Salvador vermutete eine Kriegslist und teilte
seine Furcht einem der zum Schutze Lydia's zurückgelassenen Arbeiter mit.
    - Sie werden den Versuch machen, die Barrikade im Rücken anzugreifen -
meinte Salvador.
    Anna schüttelte den Kopf. - Das ist unmöglich. Ich komme von jener Seite.
Sie ist am stärksten verbarrikadirt und am besten verteidigt.
    Die Soldaten verhielten sich vollkommen ruhig, aber in einer Stellung, als
erwarteten sie irgend ein Signal, um den Angriff zu erneuern. Salvador, dessen
Besorgnis noch nicht geschwunden war, verlor den commandirenden Officier nicht
aus den Augen. Es dünkte ihm, als ob jener von Zeit zu Zeit seinen Blick
aufmerksam auf das Obergeschoss eines der gegenüberliegenden Häuser richtete.
Auch diese Bemerkung teilte er Anna mit, die mit steigender Unruhe ihr Auge
ebenfalls auf dies Haus heftete, das etwa hundert Schritt hinter der Barrikade
lag und noch nicht besetzt worden war.
    In der Tat schien es, als ob in diesem Hause irgend Etwas vorginge. Vor
wenigen Minuten noch schien es völlig leer und unbewohnt; jetzt sahen Salvador
und Anna eine Menge Gestalten an den Fenstern vorüber eilen. - Ein Fenster im
zweiten Stock wurde geöffnet - Salvador erstarrte das Wort im Munde, als jener
Jägerlieutenant, den er vorhin mit dem Officier hatte sprechen sehen, am Fenster
erschien, ein weisses Tuch herauswehen liess und dann sogleich wieder verschwand.
    Auch Anna hatte die Erscheinung bemerkt.
    - Das ist Verrat! - stammelte sie erbleichend und stürzte hinab auf die
Strasse, um die Arbeiter von der drohenden Gefahr zu unterrichten.
    Aber es war zu spät. Kaum hatte der Officier das Zeichen erblickt, als er
den Befehl zum Angriff gab. Mit erneuerter Wut stürzten die Soldaten auf die
Barrikade zu. Ein Steinregen empfing sie, aber diesmal wichen sie nicht. In der
Gewissheit, bald im Rücken der Feinde eine Unterstützung zu erhalten, hielten sie
Stand und begannen mit vorgestreckten Bajonetten das Holzwerk zu erklimmen. -
Die tapferen Arbeiter wehrten sich mit dem Mute der Verzweiflung; da stürzten
plötzlich die Soldaten aus jenem Hause heraus und fielen ihnen in den Rücken -
der Mut entsank ihnen - sie verliessen die Barrikade und zogen sich in die
nächstliegenden Häuser zurück.
    Es begann jetzt einer jener fürchterlichen Kämpfe, von dem man nur eine
Vorstellung hat, wenn man sie aus eigener Anschauung kennen lernte. Es galt, die
Häuser von den Insurgenten zu säubern.
    Das Haus, in welchem Lydia sich befand, war eins der ersten, welche
angegriffen wurden. - Die arme Lydia war durch die fortwährende Angst in einen
bewusstlosen Zustand gefallen. Salvador legte sie mit Hülfe eines Arbeiters auf
das Sopha und eilte die Treppe hinab.
    Die Haustür war bereits erbrochen. Die Verteidiger des Hauses, deren Zahl
sich etwa auf vierzig bis fünfzig belief, hatten sich teils in den ersten Stock
zurückgezogen, wo sie die Treppe besetzt hielten, teils hatten sie sich in das
Hintergebäude begeben, um auch diese Eingänge in Verteidigungszustand zu
versetzen. An der Haupttreppe befanden sich nur zehn Arbeiter; drei von ihren
Cameraden lagen bereits von den Kugeln ihrer Feinde getroffen auf dem untern
Hausflur. Neben ihnen fünf Soldaten, deren Schädel von Steinen zerschmettert
waren.
    Die Treppe war enge, so dass immer nur zwei bis drei Soldaten neben einander
die Stufen besteigen konnten. Dadurch war der Nachteil der schlechten
Bewaffnung für die Arbeiter fast ausgeglichen. Die Wut der Soldaten stieg auf
einen fürchterlichen Grad. Immer von Neuem stürmten sie die Treppe hinan, und
immer mussten sie dem in der Nähe furchtbar wirkenden Steinregen der Verteidiger
weichen. Aber es kam der Augenblick, wo der Steinhaufen so zusammengeschmolzen
war, dass jeder Arbeiter nur noch einen einzigen Stein in der Hand hielt.
    - Lasst sie ganz nahe heran kommen - commandirte der Führer und wähle sich
jeder einen bestimmten Mann aus. Keiner werfe früher, bis ich commandire. Jeder,
der geworfen, steigt die zweite Treppe hinauf. Die Soldaten stürmten an, den
linken Arm über den Kopf gehalten, die rechte Hand das Gewehr fassend. Noch
fehlten nur fünf Stufen und sie wären oben gewesen, da donnerten die Steine auf
ihre Köpfe und schreiend, blutend, betäubt stürzten sie durcheinander und
zurück. Ueber ihre Körper drangen die Folgenden vor. Sie erreichten die letzte
Stufe. Die Arbeiter hatten sich eine Treppe höher gezogen.
    Der Kampf sollte nun von Neuem beginnen, da gebot eine Stimme von unten
herauf »Halt«! -
    - Der Verlust an Menschen und, was schlimmer ist, an Zeit, ist zu gross. Wir
müssen zu einem andern Mittel greifen - sagte der fremde Officier zu dem
Anführer der Truppe. Beide standen auf dem untersten Flur, vor den Würfen der
Arbeiter geschützt.
    - Sie haben wohl recht, aber welches Mittel? -
    - Kennen Sie die Procedur des Bienenschwefelns? - -
    - Das ist ein capitaler Einfall; aber wir werden das Nest anzünden.
    - Die Bienenstöcke sind auch von Stroh, nicht wahr? und verbrennen nicht?
    - Sie haben wieder recht, auf Ehre. Wir wollen sogleich ans Werk.
    Rasch wurde Stroh herbeigeschaft und am Fusse der Treppe angezündet. In
wenig Augenblicken wirbelte ein erstickender Dampf bis zu den höchsten
Dachsprossen empor. Aber die Rechnung schien ohne den Wirt gemacht. Denn statt,
wie man vermutete, die hartnäckigen Verteidiger zur Uebergabe zu zwingen,
rührte sich nichts. Dagegen war es den Soldaten jetzt wegen des Qualms ebenfalls
unmöglich geworden, ihre Angriffe zu erneuen. Ja, als der Rauch alle Räume des
Corridors erfüllt hatte und keinen Abzug fand, verdichtete er sich zuerst oben,
und senkte sich dann immer tiefer und tiefer, bis er endlich das Parterre
erreichte. Da drängte sich jener Unbekannte vor und rief:
    Folgt mir, Cameraden, ich werde euch führen. -
    Mit Sicherheit darauf rechnend, dass der Rauch die Feinde in die Zimmer
getrieben, auf der Treppe also weniger zu fürchten war, zumal teils der dicke
Qualm, teils die bereits einbrechende Dunkelheit eine deutliche Unterscheidung
von Feind und Freund unmöglich machte, schritt er den Soldaten voran auf eine
Türe zu und deutete mit einer verständlichen Pantomine an, dass sie
eingeschlagen werden solle. Die Soldaten gehorchten. Einige Kolbenstösse reichten
hin, sie zu zerschmettern. Man drang ein - es war ein leeres Gemach - man
gelangte zu einer zweiten Türe. - Da warf sich ihnen mit wütendem Geschrei die
Schaar der Arbeiter entgegen. Einigen Soldaten wurden die Gewehre entrissen,
Andere, und sie selbst mit ihren eigenen Waffen niedergestreckt. Man kämpfte
Mann gegen Mann. Die Schläge donnerten, die Verwundeten ächzten - endlich neigte
sich der Sieg auf die Seite der Uebermacht an Zahl und Bewaffnung. Das bis auf
fünf Kämpfer geschmolzene Häuflein der Arbeiter zog sich zurück. Die Soldaten
gewannen frischen Mut, sie drangen nach - - da plötzlich blieben sie an den
Boden gebannt und ihre Waffen entsanken fast ihren Händen - - ein bleiches
schönes Weib stand vor ihnen, wie eine überirdische Erscheinung, neben ihr ein
schwarzlockiger Knabe, in der Hand einen blinkenden Dolch haltend. Es war Lydia.
Ihr Gemach war der Schauplatz des eben beschriebenen Kampfes geworden. Die
Arbeiter hatten sich um ihr Lager geschaart, so dass sie anfangs den angreifenden
Soldaten nicht sichtbar war. In dem Augenblick, wo der Kampf in ihrer
unmittelbaren Nähe entbrannte, erwachte sie aus ihrer Betäubung, und wunderbar,
mit ihrem Bewusstsein war ein Mut, eine Geistesgegenwart in sie zurückgekehrt,
die sie inmitten der furchtbaren Scene, von der sie Zeugin war, ruhig und
besonnen erhielt. Sie sah, dass die Arbeiter unterliegen mussten, und befahl
ihnen, sich zurückzuziehen.
    Sie selbst aber erhob sich und trat den Soldaten mutig entgegen, sie
versuchte zu sprechen, aber die Stimme versagte ihr. Den rechten Arm
ausgestreckt, den linken auf Salvadors Schulter gestützt, so stand sie
regungslos den Erstaunten gegenüber.
    - Nun, was zaudert Ihr? ertönte die Stimme des fremden Officiers hinter
ihnen. Ertrat vor und er blieb ebenfalls erstarrt vor Lydia stehen.
    - Gilbert! - riefen die Arbeiter von der andern Seite erstaunt. In demselben
Augenblick sank Lydia, von der Stimme Gilberts, Gilbert, vom Dolche Salvadors
getroffen, zu Boden; im nächsten hatten sich die Arbeiter abermals auf die
Soldaten gestürzt. - Der Kampf entbrannte von Neuem. -
    Der Ausgang konnte eben so wenig zweifelhaft sein, wie vorhin. Ein Soldat
hatte Salvador ergriffen, und ihn zum offnen Fenster geschleppt. Der Knabe aber
hatte sich fest um seinen Gegner geklammert, so dass dieser sich nicht von ihm
losmachen konnten. Jetzt taumelte er rückwärts - Salvador hatte ihn ins Gesicht
gebissen. Kaum befreit, warf er sich zu Lydia auf den Boden. Doch sein Gegner,
dessen Erbitterung noch durch den Schmerz der Wunde vergrössert worden war,
ergriff ihn von Neuem. Diesmal hatte er ihn besser gefasst. Abermals schleppte er
ihn zum Fenster - da fühlte er sich plötzlich an der Schulter gepackt und zu
Boden gerissen. Der Prinz A. in Generalsuniform stand vor ihm.
    - Verruchter! - donnerte ihm dieser zu - an wehrlosen Knaben erprobst Du
Deine Tapferkeit? -
    Dem tobenden Kampfgewühl war eine Todtenstille gefolgt. Drei von den fünf
übriggebliebenen Arbeitern lagen blutend am Boden, aber eben so viel Soldaten
hatten ihren Fall mit zerschmettertem Hirnschädel gebüsst.
    - Wer hat diese Schlächterei befohlen? - fragte der Prinz weiter, einen
Blick tiefen Schauders über die Scene werfend.
    Der commandirende Officier trat vor: - Excellenz -
    - Sie haben die preussische Uniform geschändet, Herr! - In der Tat, eine
Bravour sonder Gleichen haben Sie bewiesen gegen Knaben, Weiber und
Unbewaffnete. - Gehen Sie, ich will nicht fragen, wer Sie sind, damit ich nicht
gezwungen bin, Sie kassiren zu lassen. Ein tiefes Stöhnen unterbrach die Stille,
welche abermals nach den Worten des Prinzen eingetreten war - es kam aus der
Brust Gilberts. Der Prinz wandte sein Gesicht und fuhr erbleichend zurück.
    - Wie kommt der Mensch hieher? - stammelte er.
    - Er war unser Führer - sagte der Officier.
    Der Prinz winkte mit der Hand und wandte sich ab. Die Soldaten hoben Gilbert
auf und verliessen lautlos das Zimmer.
    Salvador, welcher sich wieder über Lydia geworfen hatte, erhob sich jetzt
und rief die beiden Arbeiter. Leise traten sie näher, um die bewusstlose Lydia in
das andere Zimmer zu tragen. Da erwachte der Prinz aus seiner Träumerei und warf
einen Blick auf das Gesicht der Leblosen.
    - Terese! - rief er mit durchdringendem Schrei und stürzte neben ihr
nieder. Terese - erwache, erwache, Geliebte!!
 
                                      XIII
Mitternacht war vorüber, noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich
erleuchteten Strassen. Man illuminirte zum Wiegenfeste der Revolution. Denn wenn
Zorn über die Rohheit der Soldateska und Entrüstung über den Verrat am Volke
die Barrikaden erbauet hatte, so bedurfte es nur eines achtstündigen Kampfes, um
jene - wenn auch gerechtfertigten, doch für die Grösse jener denkwürdigen Stunden
kleinlichen - Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären
Ruhe zu versenken. Als der Kampf losbrach, war es ein Aufstand, als er acht
Stunden gedauert hatte, gab es keinen Kämpfer auf den Barrikaden, der nicht
wusste, worum es sich nunmehr allein handle - um den Fürstentron.
    Man hat sich nicht wenig mit der »Hochherzigkeit« des Berliner Volks gewusst,
welche darin liegen sollte, dass die Berliner Revolution vor dem Trone - stehen
geblieben. Ich aber meine, dass eine solche Hochherzigkeit nach aller der Schmach
und Entwürdigung, der sich das Volk seit drei Decennien hatte unterwerfen
müssen, besser Feigheit heissen müsste.
    Und doch ist diese Tatsache nicht abzuleugnen! - -
    Aber wer hat sie auf seinem Gewissen? Wahrlich nicht jene heldenmütigen
Arbeiter im groben Leinwandskittel, die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen,
gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen. - Die feigen Weissbierbourgeois waren es,
welche, während draussen die Kanonen donnerten, sich die Schlafmütze noch tiefer
und die Bettdecke noch höher, wie gewöhnlich, über die Ohren zogen. Als sie am
andern Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschaueten
auf das Strassenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des
siegreichen Volkes hörten, da schwoll ihnen plötzlich der Kamm - sie mischten
sich unter die Jubelnden, liessen sich beglückwünschend die Hände drücken und
schwärmten für die Freiheit. - Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe
erhalten, das Philistertum schlug ihnen in den Nacken, sie wurden sentimental
beim Andenken an die Angst, die ein »hohes Haupt« in jener Nacht mit ihnen
geteilt hatte - und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit, ihre
Hochherzigkeit aber zum Verrat am Volke. Das Volk aber, das gekämpft, geblutet
und gesiegt hatte, liess sich täuschen von den Philistern, die es als Brüder
betrachtete.
    Mitternacht war vorüber. Alice knieete hinter der Barrikade am Kölnischen
Rathause neben Ralph, dem ein von einer Kartätschenkugel abgerissener
Holzsplitter die Brust verwundet hatte.
    - Fühlst du dich besser? - fragte sie, dem Verwundeten so viel wie möglich
Linderung verschaffend.
    - Ich danke dir, sagte er, ihre Hand an die Lippen drückend. - Wenn ich nur
nicht hier liegen müsste. - Besser todt, als so mit Bewusstsein in seiner Ohnmacht
daliegen. Der arme Hartwig ist am besten dran. - Und was wird uns das Alles
helfen?
    - Wir werden siegen - sagte Alice mit Wärme.
    Er schüttelte traurig den Kopf. - Schau umher und zähle, wie viel von den
Unsrigen noch übrig sind. Die Hälfte ist todt oder im Verenden, der Rest
verwundet und ermüdet. Hält das Militair bis Tagesanbruch aus, so sind wir
verloren.
    - Und rechnest du die Schützen in den Häusern für nichts, die fast mit jedem
Schusse einen Soldaten zu Boden strecken? Und muss die Ermüdung des Militairs
nicht noch weit grösser sein als die unsrige, da sie seit 8 Tagen consignirt und
schlecht mit Proviant versehen sind. Ich sage, wenn wir uns bis Sonnenaufgang
halten, so haben wir gesiegt.
    - Gott sei Dank, dass ich Sie endlich treffe - rief eine Stimme hinter ihnen
- wo ist Ralph? gnädige Frau, haben Sie ihn nicht gesehen?
    - Anna! - riefen Alice und Ralph aus einem Munde.
    Das arme Kind war, als sie heruntergeeilt war, um die Verteidiger der
Barrikade von dem ihnen drohenden Verrat zu unterrichten, zu spät gekommen.
Vergebens suchte sie ins Haus zurückzukehren. Die Soldaten liessen Niemand
hinein. Da gedachte sie ihres Bruders und des Versprechens, das ihr Alice
gegeben hatte, ihn zu befreien. Schnell fasste sie den kühnen Entschluss,
Nachforschungen nach ihnen anzustellen. Sie eilte die Markgrafenstrasse hinunter,
fragte bei jeder Barrikade - Niemand hatte sie gesehen.
    Endlich wurde sie zum alten Steiger an der Barrikade des Hausvoigteiplatzes
gewiesen.
    Hier hörte sie, dass ihr Bruder an der Barrikade des »Kölnischen Rathauses«
stationire. Es war indes spät geworden; das mühsame Uebersteigen der Barrikaden
- wo sie die Pausen benutzen musste, welche zuweilen im Feuern eintraten - die
Neckereien, denen sie seitens der Soldaten ausgesetzt war, Alles dies hatte viel
Zeit weggenommen. Nach sechs langen Stunden des Umherirrens und der Angst langte
sie endlich am Kölnischen Rathause an.
    Alice ward in den Tod erschreckt über die Erzählung Annas in Betreff
Lydia's. Sie musste sich von der Sachlage überzeugen und eilte, Ralph unter der
Obhut seiner Schwester lassend, nach ihrer Wohnung, welche sie unaufgehalten
bald erreichte. Als sie den Hausflur mit Leichnamen bedeckt sah, schauderte sie,
aber furchtlos eilte sie weiter. Ihre Zimmer waren leer - - die ungeheuren
Blutlachen in der Mitte ihrer Wohnstube, die zerschmetterten Möbel und die
Kugelspuren in den Wänden hätten ihr einen hinlänglichen Beweis von der Wut des
hier stattgehabten Kampfes gegeben, wenn nicht die Menge Todter, über welche sie
dahinschreiten musste, noch lauter gesprochen hätte.
    Kein Laut - ein neuer Schauder durchrieselte ihr Gebein, als sie sah, dass
sie die einzig atmende Brust in diesem Chaos der Verwüstung und des Mordes war
- - da hörte sie einen Seufzer. Ihre Furcht überwindend schritt sie über zwei
Soldatenleichen hin nach der Ecke, aus welcher er zu kommen schien.
    - Wasser, einen Schluck Wasser - stöhnte ein Verwundeter ihr entgegen.
    Sie eilte, seinen Wunsch zu befriedigen.
    Der Mond schien hell ins Fenster hinein. Alice untersuchte schweigend die
Wunde und legte, so gut es ging, einen Verband auf. Als ihr Werk vollendet war,
fragte sie nach Lydia, ob sie noch lebe, und nach Salvador.
    - Als ich den Stich in den Kopf bekam - erzählte mit schwacher Stimme und in
langen Pausen der Arbeiter - sank ich nieder und sah nur noch, dass ein Herr in
Generals-Uniform an der Seite Ihrer Freundin stand. -
    Allerlei Vermutungen gingen Alice durch den Sinn. Sie dachte an Lichninski,
aber das war unmöglich - - an den Prinzen A. - dem Himmel sei Dank - dann war
noch Hoffnung vorhanden.
    Rasch holte sie einige Betten herbei - bedeckte den Verwundeten damit und
verliess ihn mit dem Versprechen, gleich einen Arzt zu senden.
 
                                      XIV
Lange hatte Lydia in ihrer Betäubung gelegen. Als sie wieder erwachte, sass neben
ihr der Prinz.
    -- Jetzt wird uns Niemand mehr trennen, Terese - sagte dieser, ihre Hand an
die Lippen drückend.
    Lydia sah mit scheuen Blicken umher; - lass uns fort von hier, Artur - bat
sie, - die Stürmer könnten wieder aufmachen - - -
    Die Rechte auf den Arm des Prinzen, die Linke auf die Schulter Salvadors
gestützt, verliess sie das Haus des Schreckens. Der Weg bis zum Hotel des Prinzen
war nicht weit, und wenig besetzt. Dennoch brauchten sie fast eine Stunde, ehe
sie es erreichten.
    Der Prinz führte Lydia nach seinem Lieblingsaufentalt, dem Gewächshause.
Salvador hatte sich, betäubt durch die verschiedenen Eindrücke, welche er im
Laufe des Tages empfangen, in das kleine Vorzimmer in eine Ecke gekauert und war
bald in tiefen Schlaf gesunken.
    Lydia glaubte in einen Feenpallast zu treten. Durch das schräge gläserne
Dach strömte das blinkende Mondlicht mit zauberhaftem Glanze hernieder. Eine
feuchtwarme Atmosphäre, gewürzt mit dem Wollustatem von unzähligen exotischen
Blumen umfing die Eintretenden. Tausend blinkende Tropfen funkelten auf den
vielgefalteten Blättern der Gewächse, das dunkle Grün war von dem Glanz des
Mondes mit silbernem Hauch übergossen. Lydia, durch diesen Anblick übermannt,
vergass die peinlichen und schrecklichen Eindrücke, die noch vor wenigen
Augenblicken ihre ganze Seele mit ahnungsvollem Schmerz erfüllten, und gab sich
ganz dem Genusse der Gegenwart hin.
    Sie hatte sich auf den Divan hingestreckt; der Prinz sass auf einem niedrigen
Tabouret neben ihrem Lager, mit begeisterten Blicken auf ihr kindlich reines,
entzücktes Antlitz schauend. Keins von Beiden sprach ein Wort. - Aus der Ferne
rollte der Donner des Geschützes zu ihnen herüber - - - - aber in selige
Selbstvergessenheit gesenkt, hörten sie ihn nicht.
    - Artur - sagte endlich leise Lydia - - hier ists schön, schön - zum
Sterben.
    Ihr schönes Auge leuchtete voll schwärmerischen Glanzes in das des Prinzen.
    - Nicht so, Terese! warum sterben, jetzt, wo ein neues Leben für uns
aufgegangen.
    - Nenne mich nicht Terese, Artur! nenne mich Lydia.
    - Lydia! - sagte erstaunt der Prinz, der diesen Namen im Munde Alicens
gehört zu haben glaubte. - Bist du nicht Terese?
    Lydia erklärte ihm, warum sie in Strassburg den Namen »Terese« angenommen.
    Das ganze verräterische Geheimnis des Fürsten Lichninsky lag jetzt klar vor
seinen Augen. Warum aber Alice ihm die Anwesenheit Lydias verschwiegen, das
konnte er nicht begreifen. Er äusserte sein Bedenken so schonend wie möglich.
    - Nein, du tust ihr Unrecht. Sie hat ja nichts von meiner Liebe zu dir
gewusst.
    - Du hast Recht, Geliebte. - Es war also Lüge, was mir der Verräter Gilbert
erzählte, von deiner Gefangenschaft bei der Herzogin Nagas?
    - Gilbert - sagte nachsinnend Lydia, die die letzten Worte des Prinzen nicht
mehr gehört hatte - warum schauderts mich bei dem Klange dieses Namens? ists mir
doch, als bedeute er etwas Schreckliches, als sei es der Name des bösen Engels,
der mein Leben vergiftet.
    - Du wirst Ruhe vor ihm haben - sagte der Prinz düster - sein Tagewerk ist
vollendet. Er fiel unter dem Dolche Salvadors.
    Lydia fuhr mit der Hand über die Stirn. Trotz der grossen Gewalt, welche sie
ihrer Erinnerung antat, vermochte sie glücklicher Weise den Schleier, der in
dem Augenblick über ihr Bewusstsein sank, als sie Gilberts Stimme vernahm, nicht
zu durchbrechen. Jene Stimme tönte ihr aus einer Vergangenheit herauf, deren
Schmerzen sie einst zum Wahnsinn geführt hatten - - - - - - - -
    Der Prinz sah ihr ängstliches Ringen nach Klarheit: erkannte an ihren
Blicken, dass jener Schleier etwas Furchtbares bedecken müsse, und suchte sie von
ihrem Nachsinnen abzuwenden.
    - Du wirst der Ruhe bedürfen, Lydia - sagte er, sanft ihre Hand von der
Stirn ziehend.
    - Nein - erwiederte sie mit hochatmender Brust - aber es ist so schwül
hier. Meine Sinne sind betäubt. - - -
    In der schüchternen, mädchenhaften Lydia war durch eines jener Rätsel
unserer Natur, die zu lösen nie gelingen wird, wie mit einem Zauberschlage
plötzlich eine tiefe, ihr ganzes inneres Leben umkehrende Veränderung
vorgegangen.
    Lydia war einer jener seltenen weiblichen Charaktere, die eine ihnen selbst
unbekannte heroische Stärke idealer Empfindung unter der sanften Hülle
schüchterner Jungfräulichkeit verbergen. Das grosse Unglück ihres Lebens, die
furchtbaren Erfahrungen, welche sie einst in die Nacht des Wahnsinns getrieben,
waren eben so sehr eine Folge der erstern, wie der andern Eigenschaft.
    Als sie ihre erste Liebe verraten sah und durch jene entsetzliche
Katastrophe, welche den Schluss einer frühern Erzählung bildete, zum Bewusstsein
zurückgekommen war, konnte die aufkeimende Liebe zum Prinzen während ihres
Aufentalts in Strassburg noch nicht einen Aufschwung nehmen, der ihre ganze
Seele mit fortgerissen hätte. Wäre sie vom Prinzen nicht getrennt worden, wer
weiss, ob die fast leidenschaftslose Freudigkeit, mit der sie am Prinzen wie an
einem Bruder hing, je eine tiefere Saite ihres Gemüts angeschlagen hätte. Aber
ihr Gefühl einmal angeregt, entwickelte sich, so lange zurückgedrängt, mit
doppelter Macht. Getrennt vom Prinzen, suchte ihre Phantasie einen andern
Ausweg; sie geriet in die Hände des Paters Angelikus und wurde religiöse
Schwärmerin.
    Wie welkes Laub vor dem Hauche des Frühlings, zerstob ihre fromme
Sentimentalität vor dem Atem wahrer Leidenschaft. Statt einer künstlichen
geruchlosen Blume blühte die süssduftende Centifolie einer tiefen glutvollen
Liebe in ihrem Herzen empor. Lydia's Herz war nach seiner Wiedergeburt in
stiller, aber kräftiger Entwicklung bis zur vollkommenen Reife gediehen; so
bedurfte es nur eines warmen Sonnenstrahls, um die schwellende Knospe plötzlich
zur vollsten Blüte zu entfalten.
    Der Prinz selbst war überrascht über die Wärme Lydia's, die er früher nicht
geahnt hatte. Inniger umfing er die Bebende; glühender strömten seine Küsse auf
Mund und Wangen. Seine Brust klopfte gewaltig; sein Blut jagte mit rasender
Schnelligkeit durch die Adern.
    Wie übermannt von der Uebermacht seiner Empfindung entriss er sich den Armen
Lydia's und stürzte neben ihrem Lager auf die Knie.
    - Lege Deine Hand auf meine Stirn, Geliebte, und kühle die Glut, die mich
verzehrt - bat er.
    Lydia lächelte mit seliger Verklärung auf ihn herab. Ihre Augen glänzten in
wonniger, überquellender Sehnsucht, die Glut ihres Innern warf einen rosigen
Wiederschein auf ihre Wangen. Es war die Morgenröte des künftigen schönen
Liebelebens.
    Von Neuem umfing er sie; er zog sie näher zu sich heran und presste sein
heisses Gesicht auf ihr fieberhaft klopfendes Herz. - - Da - der Prinz taumelte,
von einem Faustschlage getroffen, einige Schritte rückwärts. Lydia stiess einen
Schrei des Entsetzens aus, als sie Salvadors zürnende Gestalt erblickte. Die
ungeheure Gewalt, welche sich der Knabe in diesem Augenblicke antat, um nicht
auf seinen Gegner loszustürzen, machte ihn sprachlos. Aber während seine Rechte
krampfhaft des Griffs des Dolchs hielt, sprühten Funken des Hasses und der
Erbitterung aus seinen rollenden Augen und aus seinem, von den wilden, schwarzen
Locken umdüsterten Gesicht. So stand er, den Angriff des Prinzen erwartend.
    Aber der Prinz stand kalt und regungslos ihm gegenüber.
    Es trat eine minutenlange, unheimliche Stille ein, während welcher man nur
den heftigen Schlag dreier, von Erbitterung, Angst und Verzweiflung erfüllten
Herzen hätte vernehmen können.
    Endlich erhob der Prinz sein Gesicht. Fast wehmütig sah er dem Knaben in
das von Tränen des Schmerzes erfüllte Auge.
    - Du liebst sie also? - sagte er sanft, auf Lydia deutend.
    - Nein, ich verachte sie - erwiederte mit bebender Stimme Salvador, doch
schon im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füssen.
    - Sag', dass Du ihn hassest, wie ich ihn hasse - schluchzte er - sag', dass Du
schliefst und nichts von Dir wusstest, als seine Arme Dich umfingen - so will ich
ruhig sein und Deinem Winke gehorsam. Sprich, Du liebst ihn nicht? -
    - Nein, Salvador, ich kann nicht lügen; er ist ein edler Mann und keines
Verrats fähig -
    - Aber Du liebst ihn nicht, nicht wahr? - bat dringend der Knabe, seinen
Dolch fester fassend.
    - Ja, ich liebe ihn - sagte Lydia, den leuchtenden Blick auf den Prinzen
gerichtet, der mit gekreuzten Armen dastehend, jede Bewegung des Knaben
verfolgte.
    - Dann musst Du sterben, Verräterin - rief der Knabe, den Dolch aus der
roten Schärpe ziehend.
    Aber in dem Augenblick, als die Spitze des Dolchs den Busen Lydias berührte,
fühlte Salvador seinen Arm von einer kräftigen Hand gefasst, so dass der Dolch
klirrend zu Boden fiel.
    Der Prinz, auf dessen bleiche Stirn die ruhige kalte Hoheit zurückgekehrt
war, welche gewöhnlich darauf tronte, wies mit der Hand nach der Türe.
    - Wohl Dir - rief er mit donnernder Stimme, dass Du Dir durch den Tod
Gilberts einen so gewichtigen Anspruch auf meine Dankbarkeit verschafft - und
nun hinweg!
    Salvador raffte seinen Dolch empor, erhob noch einmal seine Hand, wie zum
Fluche über Lydia, und stürzte hinaus - -
    Er irrte lange umher, ohne zu wissen, wohin. Als seine Besinnung
zurückgekehrt - fand er sich wieder am Palais des Prinzen, und vor ihm stand -
der Pater Angelikus. - - -
 
                                       XV
Es war ein kleines und niedriges Gemach. Eine schmuzige Oellampe, die in der
Mitte von der Decke herabhing, warf einen trüben Schein auf das Schmerzenslager,
das in der dunkelsten Ecke stand.
    -- Kommt er noch nicht? - stöhnte der Kranke, sich mühsam nach der Seite
wendend.
    - Ruhig, mein Sohn! erwiederte mit dem Ton des Trostes ein Mann in einem
schwarzen, talarartigen Mantel, indem er einen fragenden Blick auf ein hohes,
gleichfalls schwarzgekleidetes Weib warf, das mit prüfenden Augen den Kranken
betrachtete. Leise schüttelte sie, dem Blicke des Priesters antwortend, den
Kopf.
    Der Kranke war Gilbert, der Priester war Angelikus, die hohe schwarze Frau
war Ines.
    Gilbert hatte dem Pater gebeichtet und die Absolution empfangen, denn seine
Wunde schien tödtlich. Angelikus musste aus dem Bekenntnis, welches der sterbende
Vertraute des Fürsten vor ihm abgelegt, eine Menge erfreulicher Dinge erfahren
haben, denn durch seine sonst in tiefen Ernst gehüllte Züge blitzte zuweilen ein
Lächeln innerer Befriedigung und heimlichen Triumpfes.
    Gilbert hatte den Pater viele Jahre lang nicht gesehen, obschon er stets mit
ihm in Verbindung geblieben; eine Verbindung, die der Pater, ohne Gilbert in
seine Zwecke einzuweihen, dazu benutzte, über den Aufentalt und das Leben des
Fürsten immer die genaueste Nachricht zu empfangen.
    - Er wird uns sterben, ehe er kommt - sagte leise der Pater zu Ines, als der
Kranke wieder laut aufstöhnte.
    - Ich sage Euch, nein - erwiederte diese eben so leise. - Wüsste ich nur, wo
mein armer Salvador ist.
    - Beruhigt Euch, Senora, dem Knaben wird Niemand ein Leid zufügen.
    Ines seufzte und schwieg. -
    Da liess sich ein leises Klopfen an der Türe hören.
    - Er ist's - sagte der Pater, indem er aufstand, um zu öffnen.
    Ines trat in den Schatten hinter den Vorhang des Bettes.
    Zwei Personen traten ein, beide bewaffnet und in weite Mäntel gehüllt.
    Es waren Alice und der Fürst Lichninski.
    - Fürwahr - sagte verwundert Alice, als sie den Pater erkannte - das hätte
ich mir nicht vermutet.
    Der Pater war offenbar durch das Eintreten zweier Personen überrascht; eine
gewisse Unruhe malte sich sogar auf seinen finstern Zügen. Als er Alice
bemerkte, verwandelte sich seine Unruhe in Verlegenheit, die er jedoch unter
einem wohlwollenden Lächeln zu verbergen bemüht war.
    - Des Höchsten Wege sind wunderbar, teure Baronin - erwiederte er mit
salbungsvoller Zweideutigkeit, indem er des Fürsten Gruss durch eine stumme
Verbeugung erwiederte.
    - Man hat mir gesagt, dass ein Sterbender nach mir verlange - nahm der Fürst
das Wort.
    - So ist's, Durchlaucht. -
    Der Fürst trat an das Lager des Verwundeten.
    - Gilbert! - fuhr er erschrocken zurück - im Sterben?
    - Wer sagt, dass ich sterben werde? - ächzte die hohle Stimme des Kranken. -
Nein, ich will nicht sterben. Warum sterben? Was hindert am Leben? Sagen Sie es
ihm, frommer Vater, dass er ein Lügner ist, wenn er sagt, dass ich sterbe.
    - Kennen Sie mich nicht, Gilbert? - fragte der Fürst.
    - Ja, ich kenne Dich wohl - erwiederte der Verwundete, ihn aufmersam mit
starren Blicken betrachtend. - Warst Du es nicht, der mich zum Verrate trieb
und goldne Berge versprach, wenn ich das »Schlangennest« aushöbe? Es war aber
ein Scorpion darin - fuhr er vertraulich flüsternd fort - und der hat mich
gestochen - und sein Gift hat er mir in die Wunde geträufelt - ha, das brennt -
brennt - brennt wie die Hölle.
    Der Pater hatte seinen Blick fest auf den Fürsten gerichtet gehalten, jetzt
wandte er ihn nach Alicen, welche mit verhaltenem Atem den Phantasien des
Kranken lauschte.
    - Wozu soll dies Schauspiel führen? - fragte kalt der Fürst. - Und was soll
meine Gegenwart dabei?
    - Der Aermste verlangte dringend nach Ihnen, ich hielt es für meine Pflicht,
den letzten Trost ihm nicht zu versagen - erwiederte der Pater.
    - So rufen Sie mich, wenn er wieder bei Sinnen ist, - schloss der Fürst und
wandte sich zum Gehen.
    - Das soll gewiss geschehen - sagte jetzt Alice, an das Lager tretend. Sie
ahnte die Verräterei des Fürsten aus den Worten des Phantasirenden und wollte
Gewissheit haben.
    - Was hast Du mit Lydia gemacht? - flüsterte sie, sich an das Ohr des
Kranken herabbeugend.
    - Ha, kommt Ihr, Rechenschaft zu fordern? - fuhr schreiend der Kranke auf -
es ist gut, Alice, dass Du da bist. - Ah, mein Fürst, endlich, endlich. - - - Sie
sind wirklich gekommen. Ich danke Ihnen. - Ein schwaches Lächeln schwebte auf
seinen farblosen Lippen. - Nicht wahr, Sie werden mich nicht verlassen? - - Mein
armer Kopf will nichts mehr denken. - Ha, verdammt, ich vermutete nicht, welch
tiefer Sinn in Ihren Worten lag: »Was Sie dort finden, Gilbert, bringen Sie mir
lebendig.« - - -
    - Sie kannten den geheimen Schatz des Hauses; aber das Schätzchen ist fort,
fort mit ihrem Geliebten aus Strassburg. -
    - Wer rettete sie? - fragte angstvoll Alice.
    - Wer? Nun, der Prinz A., der mir sie in Strassburg kaperte. Nicht so,
Durchlaucht? Es war eine verfehlte Geschichte.
    Der Fürst kreuzte die Arme und schwieg. Aber in seinem Innern tauchte eine
Besorgnis auf, die er vergeblich zu verscheuchen suchte, die Besorgnis, man habe
ihn aus andern Gründen an das Lager des Verwundeten gerufen, als um einen
Verbrecher seinen letzten Atem aushauchen zu sehen.
    - Genug! - tönte eine Stimme hinter dem Fürsten, die sein Blut gefrieren
machte. - Wir alle haben uns überzeugt, dass er ein meineidiger Verräter ist,
meineidig in der Liebe, Verräter an seiner Partei. Lasst also der Rache ihren
Lauf! - - -
    - Was soll dies Gaukelspiel? - rief der Fürst, zur Seite springend. - Bin
ich hier in eine Räuberhöhle gelockt, um hinterrücks ermordet zu werden? -
    - Du bist unter Deinen Todfeinden! - fuhr Ines mit eintöniger Stimme fort.
    - Treib keinen Spott mit mir, Weib! - rief ausser sich der Fürst, seinen
Degen ziehend.
    - Spott! - sagte voller Hohn die frühere Geliebte des Fürsten - dieser Spott
wäre zu ertragen, dächte ich. Aber es gab einst eine Zeit - Ines trat einen
Schritt vor - eine Zeit, wo ein feiger Verräter Spott mit mir trieb, mit mir,
Fürst Lichninsky, und dieser feige Verräter warst Du! - - -
    - Zurück! - drohte der Fürst der immer näher auf ihn eindringenden Ines,
welche wie eine Rachegöttin ihr schwarzes Auge auf ihn heftete.
    - Wie, Du fliehst vor mir, Felix? - sagte sie mit dem Tone einer girrenden
Taube, der fürchterlicher in den Ohren des Fürsten klang, als der entsetzlichste
Hohn. - Umfingst Du mich doch sonst so feurig und drücktest glühende Küsse auf
meinen Mund, wenn ich Dir nahte. Sieh, wie meine Wangen Dir rosig
entgegenglühen, mein Busen Dir entgegenwallt. -
    - Hinweg von mir, Weib! - rief der Fürst, dessen Haare von einem nie
gefühlten Grauen anfingen, sich zu sträuben - hinweg, oder bei Gott! - - Stolz
richtete sich Ines auf, als der Fürst die Spitze seines Degens erhob.
    - Gelüstet's Dich nach meinem Blute? - - Nicht doch, Du bist ein Renommist,
Felix; ein erbärmlicher grosssprecherischer Industrieritter, weiter nichts. Ich
hasse Dich schon nicht mehr, denn Du bist es nicht wert, zu klein für die Grösse
meines Hasses. Ich verachte Dich. - - -
    Alice und der Pater hatten in gleicher Stille, aber mit verschiedenen
Empfindungen der sonderbaren Scene zugeschaut. Alice fühlte Mitleid mit ihm,
obschon ihre Liebe zu ihm durch den Verrat an der guten Sache vernichtet wurde.
Sie liebte den Phantasten in ihm und achtete den Mann, aber ihre Liebe und ihre
Achtung hatten genau dieselbe Grenze. Konnte sie den Mann nicht mehr achten, so
hatte der Phantast für sie alles Interesse verloren. - Dennoch fühlte sie jetzt
Mitleid mit ihm und legte ein fürsprechendes Wort beim Pater für ihn ein.
    - Sind Sie noch nicht überzeugt von seinem Verrat? - fragte dieser.
    - Wenigstens gebe ich ihn noch nicht ganz verloren; in jedem Falle ist er
jetzt unschädlich Pater, Sie wissen die Bedingung:
    »Der Fürst darf nicht eher fallen, als bis jede Hoffnung, ihn für die
Volkssache zu gewinnen, verschwunden ist.«
    Es ist zu wichtig für uns, einen solchen Namen auf unserer Seite zu haben.
    - Gestehen Sie es, dass Sie noch Interesse für ihn empfinden.
    - Wahrlich, nein - sagte beteuernd Alice.
    - So mag's drum sein - sagte er zögernd - haben Sie Salvador nicht gesehen?
    - Nein, ich liess ihn bei Lydia. Vielleicht wird er sie zum Prinzen begleitet
haben.
    - Ich werde ihn aufsuchen.
    - So werde ich Sie begleiten. -
    - Nein, bleiben Sie, aus Rücksicht für den Kranken, von dessen Worten keines
verloren gehen darf, und aus Rücksicht für -
    - Ich kenne die Dame nicht. -
    - Sie ist die Mutter Salvadors und Salvador der Sohn Lichninsky's. Jetzt
werden Sie Alles begreifen.
    - Du wirst gerächt werden, armes Weib - sagte Alice in sich hinein, einen
finstern Blick auf den Fürsten werfend, dessen Folterqualen in diesem
Augenblicke bis auf den höchsten Grad gestiegen waren. Der Pater verliess das
Gemach. Alice setzte sich an das Lager des Verwundeten und schien nun dessen
unzusammenhängenden Phantasien zu lauschen. Doch verfolgte sie zugleich mit
lebhaftem Interesse das seltsame Zwiegespräch des Fürsten mit der unglücklichen
Mutter Salvadors, das sich allmälig in einen Monolog der Letzteren verwandelte.
    - Ich kam zu Dir, um Dich zu tödten. Aber ich fand Dich nicht, und als ich
Dich endlich fand, da jammerte mich Deine Angst. - Und als Du da lagst, stumm
und bleich - - - da gedachte ich der ersten Nacht im Tale Valencias, da Du nach
langer Trennung wieder bei mir weiltest - - ich gedachte des Kusses, den Du auf
die kleinen, frischen Lippen Deines Knaben drücktest - - - und ich konnte Dich
nicht tödten. - - - - - Sie schwieg, ihr Kopf neigte sich auf die zitternde
Brust und eine grosse Träne entfiel ihren Augen.
    - Lass die Vergangenheit ruhen - sagte kalt der Fürst, welcher die weiche
Stimmung Ines' benutzen wollte, um sich aus der peinlichen Lage zu ziehen, in
der er sich befand.
    - Schweig - entgegnete mit Härte Ines. - Meinst Du, Deine Heuchelstimme wird
mich nochmals berücken können? Ich sage, damals dachte ich daran, weil Dein Auge
geschlossen und Dein Mund stumm war. Aber ich habe meine Schwäche bereut.
Seitdem lebt nur ein Gedanke in meiner Seele, der Gedanke an jenen Augenblick,
wo ich flehend zu Deinen Füssen lag und Du, mich von Dir stossend, enteiltest, um
nimmer wiederzukehren. Damals tat ich einen Schwur - - - und ich werde ihn
halten. Und dieser Schwur lautete: Sein eigenes Kind soll ihm einst den Dolch
ins falsche Herz bohren.
    - Wahnsinnige! - rief entsetzt der Fürst.
    Ines lachte. Fürchte nichts - heute werde ich Dich nicht tödten. Die Sühne
wäre zu leicht. - - Nein, der Gedanke des Todes soll von nun an Deinen Fersen
haften, er soll Dich als Dein Schatten begleiten, wenn der helle Tag scheint; er
soll Dir in jedem Lichtschimmer entgegen leuchten, welcher Dir in der Nacht
zuwinkt - - - denn wisse es - - - bei dem dreieinigen Gott, dass Du sterben wirst
von Deines Sohnes Hand, ehe Deutschland den Jahrestag der heiligen Nacht feiern
wird, deren heiligen Kampf dein schwarzer Verrat befleckt hat. - - - Gehe hin
und das drohende Gespenst meiner gemordeten Liebe folge Deinen Schritten!
    Einer Prophetin der Zukunft gleich stand Ines vor dem Fürsten, der bleich
und zitternd das Auge vor der erhabenen Cassandra der Rache nicht aufzuschlagen
wagte. Noch einen Blick warf sie auf ihn, in dem sich eine grauenvolle Tiefe des
Hasses offenbarte. Dann wandte sie sich schweigend ab. Vernichtet, gleich einem
flüchtigen Verbrecher, stürzte der Fürst hinaus. - - -
    Ines aber sank, als die Schritte des Fürsten verhallten, in sich zusammen, -
- und brach in ein schmerzliches Schluchzen aus.
    - Sie liebt ihn noch immer - sagte Alice zu sich, mit tiefem Mitleid auf die
Trostlose herabblickend.
    - Ermannt Euch, Sennora - sagte sie nach einer Pause, während welcher Ines'
Tränen unaufhaltsam geflossen. - Er ist Eurer Tränen nicht wert. Das Weib mag
lieben, heiss und hingebungsvoll, - - aber die Kälte wird, ohne eine Träne dem
Auge zu entpressen, in das Herz einziehen, wenn es den Geliebten als feigen
Verräter erkannte.
    - Ihr irrt - erwiederte Ines, sich aufrichtend - wenn Ihr meint, dass meine
Tränen ihm gelten. Nein, über mich selbst weine ich, über mein verlorenes
Leben, über das Andenken an jene Zeit, die ich nicht vergessen kann, über das
Schicksal, das mich verdammt hat, eine kurze Seligkeit mit Allem, was der Mensch
liebt und verehrt, zu bezahlen.
    - Habt Ihr Euch selbst nicht verloren, so habt Ihr nichts verloren; es gibt
keinen Verlust, als den des Glaubens an sich selbst.
    Die Spanierin sah Alicen mit einem grossen Blicke an. Sie ahnte die Grösse,
mit welcher Alice von dem Weibe dachte und sah mit fragender Bewunderung zu
dieser Höhe hinauf; aber sie fühlte zugleich, dass eine gewisse Kälte der
Reflexion dazu gehörte, um sich in dieser erhabenen Region heimisch zu fühlen;
eine Kälte, der sie nicht fähig war. Hass und Liebe, beides mit derselben Glut,
waren die beiden Pole, zwischen denen ihre Empfindung wählte; dazwischen gab es
keinen Ruhepunkt für sie. Sie hasste, wo sie nicht lieben konnte, und liebte, wo
sie nicht hassen konnte. Aber weder für ihren Hass noch für ihre Liebe war sie
sich der Gründe bewusst; über ihre Empfindung gab es nur eine Richterin, die
Empfindung selbst.
    - Ihr habt wohl nie geliebt? - - fragte sie nachdenklich.
    Alice lächelte, wie über die Frage eines Kindes. Sie wollte eben antworten,
als die Türe sich öffnete und der Pater, Salvador an der Hand haltend, eintrat.
    Mutter und Sohn stürzten mit einem lauten Schrei einander in die Arme.
    - Sie müssen zum Prinzen gehen - sagte leise der Pater zu Alice. - Es muss
irgend Etwas sich ereignet haben, was vielleicht für uns von Bedeutung ist. Ich
wage meine Ahnung noch nicht auszusprechen, die Reden des Knaben waren zu
verworren. Haben Sie etwa bemerkt, dass Salvador zu Lydia eine - - mehr als
kindliche Hingebung fühlt? Es ist freilich noch ein Kind, indes - -
    Alice dachte an die heutige Verwirrung Lydia's in dem Augenblicke, wo sie
ins Zimmer trat. - Es ist möglich - sagte sie langsam.
    - Und der Prinz hat Lydia schon früher gekannt?
    - Erst heut habe ich erfahren, dass er es war, welcher in Strassburg ein
Verhältnis mit ihr angeknüpft hatte, ehe sie von dort entführt wurde.
    - Dann ist kein Zweifel mehr! - erwiederte Angelikus. - Und sie war auf so
gutem Wege.
    - Sie setzen wenig Vertrauen in die Fesseln, welche die frommen Seelen an
den Himmel binden. Die Liebe zum himmlischen Bräutigam wird jeden unheimlichen
irdischen Funken wie die Sonne den kleinsten Stern überstrahlen.
    - Spotten Sie immerhin; doch sorgen Sie wenigstens, dass nicht auch Sie Ihre
Gewalt über Lydia verlieren - - vielleicht wird sie selber dann eine Fessel, in
der wir ihren Geliebten für uns gewinnen. Dann brauchen wir den Fürsten nicht
mehr.
    - Sie haben recht. Verlassen Sie sich auf mich. Jetzt leben Sie wohl, und -
    - Auf längere Zeit. Wir - er zeigte auf Ines und Salvador - verlassen noch
heute Berlin. Unser Geschäft ist hier beendet.
    - Was geschieht mit Gilbert?
    - Wenn er nicht heute Nacht noch stirbt, so dürfte er gerettet sein. Ich
lasse ihn unter Ihrer Obhut. Der Fürst aber darf ihn nicht wiedersehen.
    - Es ist gut. -
    - Kommt, Sennora. Es ist Zeit. Der Morgen graut schon, wir müssen eilen, ehe
der Kampf wieder losbricht, das Tor zu erreichen.
    Alice umarmte Salvador, drückte seiner Mutter herzlich die Hand und setzte
sich dann an das Bett des Kranken.
    Die drei aber verliessen still das Gemach.
 
                                      XVI
Nach einer kurzen zweistündigen Ruhe hatte der Kampf wieder begonnen. Aber
Kämpfer wie Kampfplatz boten eine völlig veränderte Physiognomie dar. Die
leidenschaftliche Wut des vorhergehenden Tages, der tiefe Ingrimm über am Volke
vielfach begangenen Verrat war einer kalten Entschlossenheit, die regellose
wilde Tapferkeit, mit welcher die Barrikaden verteidigt und die Wachen gestürmt
worden waren, einer festen Disciplin gewichen, welche ein durchaus
revolutionäres Gepräge trug. Einen halb kindischen, halb rührenden Anblick
gewährte die ernste Würde und Grandezza, mit der die wackern Proletarier einen
alten Säbel oder eine Flinte über die Schulter, um die grauleinenen Beinkleider
ein rotbuntes Schnupftuch statt der Schärpe geschlungen, den groben Strohhut
verwegen auf die Seite gerückt, ihre Posten bezogen.
    Auf den Barrikaden wurde es früh lebendig. Auf wenige Augen hatte sich in
dieser Nacht der Schlaf gesenkt, aber welch' Unterschied zwischen denen, die
hinter den Barrikaden, und denen, welche vor ihnen erwachten. Jene voll
lachenden Mutes und frischer Tatkraft blickten, auf ihre Flinte gestützt oder
am Wachtfeuer sitzend, dem dämmernden Morgen entgegen, der das Signal zum neuen
Kampfe werden sollte, diese lagen, in ihre grauen Mäntel gehüllt, ermattet am
Boden und starrten in dumpfer Betäubung oder angstvollem Hinbrüten in die Nacht
hinein.
    Wie konnte es anders sein.
    Das kämpfende Volk sah aus seinem Blute unvergängliche Lorbeern spriessen.
    Darum war es siegesfroh und kampfesheiter. Mochte es siegen oder untergehen:
gleichviel, dort winkte ihm die Palme des schönsten Sieges, hier die
Immortellen-Krone des blutigen Märtyrertums.
    Anders ihre Gegner. Der Sieg im unheiligen Kriege gegen ihre für die
Freiheit kämpfenden Brüder brachte ihnen keinen Ruhm.
    Die Sturmglocke liess dumpfes Gewimmer ertönen. - - Die Kämpfer eilten auf
ihre Posten. - - Von Neuem entbrannte der Kampf.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf den trümmerbedeckten Strassen hatte die Kampfeslust ihre blutigrote
Fahne aufgepflanzt - eine Welt voller Schmerz und Lust, voll unsäglichen Leidens
und unvergesslichen Entzückens. - - -
    Aber dort in dem heiligen Tempel seligen Friedens, wo auf rosenbedecktem
Trone die Liebe ihr purpurglühendes Banner entfaltet hatte, hielt noch die von
freundlichen Träumen bewachte selige Ruhe der tiefsten Gewährung die Glücklichen
umfangen. - -
    Klagend schallte die Sturmglocke herüber, ihr Geheul schwamm wie das
Schwanenlied der Freiheit auf den Wogen der Morgenluft über die ruhelose Stadt.
    Der Prinz erwachte - - hatte er von Kampf und Blut geträumt?
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eine Stunde später ging Lydia am Arme des Prinzen durch den noch ohne
Blätterschmuck dastehenden Park. Die Sonne schien freundlich durch die Zweige,
von denen einige bereits von ihrer Wanderschaft zurückgekehrte Frühlingssänger
ihr Lied ertönen liessen.
    Plötzlich stand Alice ihnen gegenüber. Sie wollte ihren Augen nicht trauen,
als sie das ihr entgegenwandelnde Paar erblickte. Sie konnte es nicht begreifen,
wie diese beiden ernsten Charaktere in diesem Augenblicke, wo draussen die Frage
des Jahrhunderts gelöst wurde, es hatten über sich gewinnen können, aus jedem
Zusammenhange mit der blutenden und freiheitschwärmenden Welt da draussen so
völlig herauszutreten.
    Lydia war ein Weib; ihr verzieh sie, und als sie in das glückstrahlende Auge
ihrer Freundin blickte, da öffneten sich ihre Arme - und Lydia stürzte weinend
hinein.
    Auch der Prinz fühlte sich von dem ernsten Wesen Alicens sonderbar erregt.
Er fühlte, dass er den Vorwurf, welcher darin lag, verdiene.
    So sonderbar hatten diese so verschiedenen Charaktere ihre Rollen getauscht.
In Alicen, deren Leichtsinn in der Politik an Frivolität grenzte, war durch die
grossen Scenen der jüngst durchlebten Revolutionsnacht eine erhabene Wehmut
erweckt worden, die sie den beiden Liebenden gegenüber als eine düstre
Schwärmerin erscheinen liess.
    - Sie sind glücklich, mein Prinz - sagte mit Bitterkeit lächelnd Alice. -
Sie wissen, wie sehr ich es Ihnen gönne. Aber erlauben Sie mir, Sie daran zu
mahnen, dass der heutige Tag ein Tag des Handelns und des Ernstes, nicht des
Liebens und des Scherzes ist. - - O, ich will Ihnen keinen Vorwurf machen; aber
eilen Sie, ehe es zu spät ist. Das Haus Hohenzollern hat sein Brennusschwert in
die eine Wagschale geworfen, das Volk ist bereit, in die andere die königliche
Krone zu werfen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Eine Stunde des
Kampfes noch - und der Sieg ist unser. - Wehe dann den Besiegten!
    Der Prinz erbleichte. - Was ist zu tun? - fragte er hastig.
    - Eilen Sie auf's Schloss und bewirken Sie das Einstellen des Feuerns. Lassen
Sie die Soldaten zurückziehen, damit nicht das verhängnisvolle trop tard! auch
an dem Hause Hohenzollern zur fürchterlichen Wahrheit wird.
    Rasch verliess der Prinz die beiden Frauen, welche schweigend sich dem
Gewächshause zuwendeten.
    Als sie dort anlangten, reichte Alice ihrer Freundin die Hand und sagte ihr
Lebewohl.
    - Du willst mich verlassen - fragte diese erschrocken.
    - Ich lasse Dich in den Armen der Liebe zurück - sagte jene traurig; denn
sie ahnte, dass das Glück Lydias nur kurze Zeit dauern werde.
    - Ich warte das Ende des Kampfes ab und dann wandre ich zum Tore hinaus.
Meine Mission ist hier beendet. Ich gehe nach dem Norden.
Der Ausgang jenes denkwürdigen Kampfes in der Nacht vom 18. bis 19. März ist
bekannt. Am Morgen des 19. - es war ein Sonntag - wurde das Feuern eingestellt
und das Versprechen gegeben, dass die Soldaten sich zurückziehen sollten, sobald
das Volk die Barrikaden niedergerissen hätte. Nur wenige Barrikaden gingen diese
Bedingung ein, die meisten blieben, wie sie waren. Dennoch gab man im Schloss
nach; man war schwankend geworden teils durch die eigene Anschauung, teils
durch die Schilderung der unbezähmbaren Wut und der unerschütterlichen
Entschlossenheit des Volks.
    Die Minister von Bodelschwingh, von Tiele, von Eichhorn hatten schon in der
Nacht in eiliger Flucht die Stadt verlassen. Auch der Prinz von Preussen hatte es
für nötig gehalten, sich dem Anblick des erbitterten Volkes zu entziehen, das -
ob mit Recht oder Unrecht, wird wohl nie klar entschieden werden - ihm die
Hauptschuld für das der Freiheit zum Opfer geflossene Blut beimass. Ueber Tausend
aus den Reihen des Volkes lagen teils verwundet in den Häusern umher, teils
bedeckten sie als Leichen den blutgedüngten Boden. Ausser denen, die später an
ihren Wunden starben, hatten gegen dreihundert auf den Barrikaden den Tod
gefunden. Unter diesen war auch der Camerad Ralphs, der junge Hartwig; der alte
Steiger, welcher jenem in prophetischer Ahnung sein Schicksal vorausgesagt, lag
in einem Keller der Jerusalemsstrasse. Beide Beine waren ihm durchschossen. Ralph
war durch die Fürsorge Alicens in ihre Wohnung gebracht, und dort von seiner
Schwester Anna treu gepflegt.
    Die Stadt, durch die Eleganz und Zierlichkeit ihrer breiten und geraden
Strassen berühmt, bot jetzt einen ernsten Anblick dar; die Trottoirs und das
Pflaster waren aufgerissen; die Wände der Häuser mit Kugelspuren bedeckt, die
Dächer ihrer Ziegel beraubt, so dass die grauschwarzen Sparren sichtbar wurden,
zwischen denen man in die schwarzen Böden hineinblickte. - - - -
    Der Kanonendonner war verstummt. Das Volk aber ruhte nicht; es bestand auf
der Ausführung der ihm gemachten Versprechungen, und verlangte, das Schloss
umwogend, dass die Soldaten die Stadt verliessen.
    Es geschah. Von Pulverdampf geschwärzt, sich kaum auf den Beinen haltend,
mit zerrissener Uniform, zogen sie stumm, die Augen zu Boden schlagend, aus dem
Schloss heraus auf den Lustgarten. Ohne Klang traten sie den Rückzug an, die
Linden hinab zu dem Brandenburger Tore hinaus.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Am dritten Tage begrub das Volk seine Todten auf dem Friedrichshain. Damals
rechneten es sich die Behörden der Stadt, welche sich die Früchte der Revolution
gut schmecken liessen, vielleicht weil sie selber die Saat gestreut, die das Volk
mit seinen Tränen und seinem Blute begossen, zur Ehre, dass ihnen gestattet
wurde, den unabsehbaren Trauerzug des Volks zu geleiten. - Es sind dieselben
Behörden, welche acht Monate später für die Fortdauer des Belagerungszustandes
Adressen sammeln und die am 18. März 1848 verstümmelten Proletarier nach der
Ostbahn schicken, um Berlin von diesem »Gesindel« zu säubern.
    Als der Zug der Leichen das Schloss passirte, erschien der König auf dem
Balkon und entblösste ehrfurchtsvoll das Haupt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Bürgerwehr wurde organisirt. Berlin war von den untersten bis in die
obersten Schichten hierauf umgewandelt.
    Der Vereinigte Landtag trat zum zweiten Male zusammen. Fürst Lichnowski
gehörte zur gemässigten Opposition, er strebte sichtbar danach, sich populär zu
machen.
    Der Landtag hatte seine Arbeiten vollendet. Die »einigen Grundlagen der
künftigen preussischen Verfassung« und das »Wahlgesetz« waren proklamirt worden.
    Das Volk murrte, aber es wartete auf die constituirenden Versammlungen.
    Die Wahlen begannen. Die alten doctrinären Liberalen standen im
Vordergrunde. Man schickte sie nach Frankfurt und nach Berlin. Auch der Fürst
Lichnowski wurde nach Frankfurt gewählt.
    Nicht sechs Wochen waren seit dem 19. März verflossen und die
Contrerevolution begann die ersten Steine zu dem Fundament zu legen, zu dem
prächtigen Pallast, den sie am 7. November vollendete und am 5. December
einweihte.
    Der grosse Zug nach dem Friedrichshain am 4. Juni 1848 war das letzte
Aufflackern des mächtigen revolutionären Geistes, und der letzte grosse
friedliche Sieg des Volkes über das wiederauftauchende Bourgeoisphilistertum.
    
    In demselben Masse, wie das Andenken an das, was man am 18. März gewollt
hatte, abnahm, nahm die im Finstern schleichende Reaktion zu. Vergebens nährten
die Redner der Clubs die Erinnerungen der Revolutionsnacht, vergebens wies die
Presse auf die Fortschritte der Reaction hin:
    Der Geist der Revolution selbst, die Vorsehung des Volkes wollte es anders.
    Nur die vollendete Contrerevolution kann die Mutter einer vollendeten
Revolution werden.
    Das ist die Lösung des Rätsels.
 
                                  Drittes Buch
                                        I
                         Die Frankfurter Septembertage.
Auf dem flachen sandigen Ufer des kleinen Belt, gegenüber der Nordspitze der
Insel Alsen, bildet das Meer eine tiefe und breite Bucht, an deren innerstem
Grunde sich die schleswigsche Stadt Apenrade anlehnt. Die rechte südliche Seite
des Ufers zieht sich in einem weiten Bogen bis zur Mündung des Hafens hin,
welche durch zwei kleine, mit den Ufern rechte Winkel bildende nach Norden und
nach Süden auslaufende Landzungen scharf begrenzt ist.
    Die nördliche Landzunge war damals militairisch benutzt worden. In einer
Entfernung von 50 zu 50 Schritten blickte die Mündung einer Kanone wie ein
lauerndes Cyklopenauge über den Wall hinaus auf das Meer. Es waren im Ganzen
vier 6- und zwei 24-Pfünder, welche diese Strandbatterie bildeten; sie schien
besonders dazu bestimmt, das Hauptquartier des General von Wrangel, welches sich
in dem sich über die andern Häuser Apenrades erhebenden Schloss des Kammerherrn
von Stehmann befand, vor einem Ueberfall zu schützen.
    Die äusserste Spitze der südlichen Landzunge bildet ein kegelförmig
gestalteter, grüner Hügel, an dessen mit dichtem Buschwerk besetzter Brust die
weissschäumenden Wogen des unruhigen Beltes sich brechen.
    Ein schmaler, sich durch das hohe Gras hinwindender Fusssteig führt den Hügel
hinan und endet auf seinem ein wenig abgeglatteten Gipfel, in dessen Mitte ein
mächtiger moosbewachsener Stein in schräger Lage aus der Erde hervorragt,
welcher - seiner regelmässigen Form nach zu urteilen - nicht durch den Zufall
der Natur hierhergewälzt zu sein schien.
    Es war ein heisser Augustabend. Das Meer sandte seine ewig rollenden Wellen
mit träger Langsamkeit an das glühende Ufer; die Blätter der jungen Birken und
Haselstauden auf dem Hügel hingen welk und glanzlos an den Zweigen nieder. Die
ganze Natur lechzte nach Kühle und Erfrischung; nur ein lebendes Wesen
unterbrach die Stille: es war ein Kuckuck, der seinen weit hinschallenden
melancholischen Ruf in langen regelmässigen Pausen ertönen liess.
    Die Sonne war hinter Apenrade niedergegangen, das Abendrot warf seinen
dunkelroten Wiederschein über den Hafen hin und einzelne Sterne zitterten
bereits mit bleichem Lichte am tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Da stieg ein Mann
in einem blauen Staubhemde und breitrandigem Strohhut den Hügel hinan. Als er
die Spitze erreicht hatte, zog er ein Fernrohr hervor, und warf durch dasselbe
rings umher einen forschenden Blick, als wollte er sich überzeugen, dass er von
Niemandem bemerkt worden sei. Seine Beobachtungen schienen ihn befriedigt zu
haben, denn er legte Fernrohr, Stock und Strohhut auf den Boden nieder und
setzte sich selbst auf den alten Stein.
    Nach einer kurzen Pause, während welcher er, wie es schien, nur mit seinen
Gedanken beschäftigt, vor sich hinblickte, nahm er das Fernrohr wieder auf und
richtete es in nordöstlicher Richtung auf das Meer, liess es jedoch bald wieder
sinken und nahm seinen Platz auf dem Stein wieder ein.
    Ein dumpfes Rollen, wie der schwache Donner eines fernen Gewitters, weckte
ihn plötzlich aus seiner Träumerei. Rasch sprang er empor und setzte das
Fernrohr abermals an das spähende Auge. -
    Ein Freuderuf entfuhr seinem Munde.
    - Ah, sie haben Wort gehalten - murmelte er vor sich. - Beim Teufel, es war
hohe Zeit.
    Wer mit unbewaffnetem Auge auf das bereits ins Dunkel versinkende Meer
hinausgeblickt hätte, würde wahrscheinlich den kleinen dunkeln Punkt am
nordöstlichen Horizonte übersehen haben, der dem Unbekannten ein so grosses
Vergnügen verursachte. Aber in dem trefflichen Glase des Rohrs zeichnete sich
deutlich eine grosse dänische Fregatte ab, welche mit vollen Segeln auf den Hafen
lossteuerte.
    Der Fremde liess jetzt wiederum sein Fernrohr sinken, vielleicht weil die
schnell herannahende Nacht das Schiff seinen ferneren Beobachtungen entzog,
vielleicht auch, weil er nichts weiter zu beobachten hatte. Aber er setzte sich
nicht wieder, sondern starrte fortwährend auf das Meer hinaus. Eine volle halbe
Stunde mochte vergangen sein, da liess sich ein regelmässiges leises Plätschern
hören, welches dem Ufer sich näherte. Endlich schwieg das Geräusch.
    Man vernahm deutlich, wie ein Boot dicht bei dem Hügel auf das Ufer gezogen
wurde. Darauf erscholl von unten herauf ein helles Pfeifen.
    - Bravo, mein Bursche! - sagte lächelnd der Fremde, indem er seinen Strohhut
aufsetzte. Darauf zog er den Knopf seines Ziegenhainers an den Mund und
antwortete mit einem ähnlichen Pfiff.
    - Hallo! - fluchte eine tiefe Stimme unten. - Zum Teufel mit diesen
verdammten Dornsträuchern, die einen ehrlichen Kerl fester halten, als die
breiteste Sandbank, und ihn ärger schinden, als das spitzeste Riff.
    - Wendet Euch rechts, Capitain; - rief der Fremde hinunter - ein Dutzend
Schritte am Ufer hin, da findet Ihr den Steg. - - Nun, was gibts jetzt wieder?
    Diese letzte Frage galt einem neuen Ausruf des unten Tappenden, der aber
mehr aus Verwunderung, als aus Unwillen zu entspringen schien.
    - Nisten in dieser erbärmlichen Wüste auch Wölfe? Es wollte mir fast
scheinen, als hätte ich so was durchs Gebüsch schlüpfen sehen. - Na, Gott sei
gelobt, wir sind zur Stelle - - guten Abend, Lieutenant! Doch wie? seid Ihrs
wirklich? In solchem Aufzuge? Ihr seht ja aus wie ein wandernder Bänkelsänger.
    - Lasst das jetzt, Capitain, es ist spät, und ich muss bald ins Quartier
zurück, wenn ich nicht vermisst werden soll. Doch zuvor sagt, was meintet Ihr
vorher mit dem Wolfe? - Er warf bei diesen Worten einen unruhigen Blick auf das
Gebüsch.
    - Ah, bah! Was wirds gewesen sein? Eine alte Eule, die wir im Schlafe
gestört - erwiederte der Neuangekommene, ein derber, kräftiger Seemann, mit
gebräuntem Gesicht und starkem Schnurr- und Knebelbart.
    - Seid Ihr allein gekommen? - fragte vorsichtig der Fremde.
    - Denkt Ihr, ich sei eine gemeine Teerratte, die den Säbel zuweilen auch
mit der Ruderstange wechselt? Meine Burschen sind unten im Boot.
    - Wie viel sinds Ihrer?
    - Zum Teufel, was soll's mit diesen Fragen?
    - Nun! - begütigte der Andere - ereifert Euch nicht. Ihr seid Eurer Leute
sicher, nicht wahr?
    - Das sollte ich meinen! - rief der Capitain. - Für den Notfall hab' ich
Mittel, sie so in Sicherheit zu bringen, dass sie ferner für keine Schutzwache zu
sorgen haben. - Er schlug bei diesen Worten seinen Mantel auseinander, wodurch
ein mit zwei Doppelpistolen besetzter Ledergurt sichtbar wurde.
    - Gut! - sagte der Fremde, sichtlich beruhigt. - Zur Sache denn! Was bringt
Ihr für Nachrichten aus Copenhagen?
    - Man ist der Sache bei Hofe herzlich satt und hätte ihr längst auf die eine
oder die andere Weise ein Ende gemacht, wenn man nicht hätte Rücksicht auf die
allgemeine Meinung, d.h. auf die wohlfeile Kriegslust des Strassenpöbels, nehmen
müssen.
    - Ihr scherzt!
    - Schauet dort den Beweis! - sagte der Capitain, auf das Meer in der
Richtung der Fregatte deutend. - Der Apenrader Hafen ist in Belagerungszustand
erklärt.
    Der Fremde trat einen Schritt zurück.
    - Und was verhandeln wir dann noch hier? - sagte er kurz und heftig. - Gute
Nacht!
    - Hoho! Gemach, mein Freund! Ihr segelt verdammt unterm Winde. Sorgt nur,
dass Ihr nicht unversehens auf ein Riff lauft. Ich bitt' Euch, lasst Euren Anker
auf dem Grunde, wir sind noch lange nicht fertig.
    - Nun, was soll's noch weiter? Ich mache nicht gern unnütze Worte!
    - Da habt Ihr ganz meinen Geschmack! Nicht wahr, Chevalier, Ihr wünscht
diese Nacht sicherlich lieber in Eurem weichen Bette, als in einer wurmstichigen
Hängematte zuzubringen.
    - Was bedeutet das nun wieder? - fragte mit einer gewissen Unruhe der mit
dem Titel »Chevalier« angeredete Fremde.
    - Beim Himmel, ich weiss nicht, was ich Euch für Grund gegeben habe, mich für
einen unbärtigen Knaben zu halten! Nicht wahr? Ihr möchtet jetzt hingehen und
Euch den Lohn, den Ihr dem Feinde nicht abverdienen könnt, bei Euren Freunden
einzubringen suchen. Still! Ich sollte meinen, dass wir uns kennen, Chevalier.
Ein Kind kann einsehen, dass der Bursche da draussen nicht umsonst die Nacht
abgewartet hat, um dem Apenrader Hafen einen Besuch abzustatten. Ich hoffe,
morgen mein Frühstück im Schloss des Herrn von Stehmann einzunehmen.
Verstanden? Gut; und nun, meint Ihr, werde ich Euch fortlassen, um dafür zu
sorgen, dass mir statt einer kalten Rebhuhnpastete von jenen lahmen Strandläufern
- er zeigte nach der andern Landzunge auf die Strandbatterie hinüber - ein
Frikassee zum Willkommen gebracht wird, das mir den Appetit für immer vergehen
machen möchte? -
    - Ihr glaubt also, ich werde Euch verraten?
    - Teufel, Ihr seid schnell von Begriffen: das meine ich, ja.
    - Ihr möchtet unter anderen Umständen so Unrecht nicht haben - lächelte
Jener - doch diesmal irrt Ihr. Meint Ihr wirklich, dass ein Mann, wie ich, aus
blosser Geldlust dergleichen unternimmt? Nein. Dänemark ist mir eben so
gleichgültig wie Deutschland, und vollends dieser lächerliche Krieg, von der
einen Seite aus Renommage, von der andern aus Hochmut und Ländergier
unternommen, von keiner mit Ernst geführt. Bei Gott, ich rührte keinen Finger
deshalb, hätte ich nicht andere Gründe.
    Es war zu dunkel, um das Gesicht des Redenden zu erkennen, aber in seinem
erregten, zitternden Tone lag ein solcher Ausdruck von Wahrheit, dass der
Capitain davon getroffen wurde.
    - Nun, ich habe Euch nicht beleidigen wollen - sagte er einlenkend.
    - Hört jetzt, was ich Euch zu sagen habe. Ich weiss bestimmt, dass Preussen
Alles aufbieten will, um einen Waffenstillstand quand même zu Stande zu bringen.
In Frankfurt wird bereits, obschon bisher ohne Erfolg, deshalb intriguirt.
Willigen die Frankfurter bis zum 20. dieses Monats, heute ist der 16., also
innerhalb 4 Tagen, nicht ein, so wird es Preussen auf einen Separatfriedensschluss
ankommen lassen. Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen. Die Ausführung
scheiterte bisher an der Hartnäckigkeit Wrangels, der eitel genug ist, sich auf
den Titel:
    
              »Oberkommandeur der Truppen der Reichscentralgewalt«
etwas einzubilden. Aber er wird sich fügen, wenn man ihm die Wahl lässt,
nachzugeben oder den preussischen Dienst zu verlassen. Habt Ihr mich verstanden?
    - Vollkommen. Fahrt fort!
    - Ihr seht hiernach ein, dass es völlig unpolitisch und gegen Euer eigenes
Interesse wäre, den Hafen zu forciren und Apenrade zu beschiessen. Denn erstlich
würde Wrangels Widerstand gegen die Abschliessung des Waffenstillstandes dadurch
hartnäckiger und zweitens würde das preussische Cabinet selbst nicht mehr seinen
friedlichen Absichten folgen können, ohne sich zu sehr zu compromittiren. Es ist
klar, dass man laut über Verrat schreien würde.
    - Hm! Ihr scheint mir in gutem Fahrwasser zu steuern. Doch Eins erklärt mir
noch. Wie soll ich mich mit meiner Instruktion abfinden, die ausdrücklich die
Beschiessung, respektive Ueberrumpelung von Apenrade anbefiehlt.
    - Habt Ihr sie bei Euch?
    - Ja wohl; aber es ist zu dunkel, Ihr könnt nicht sehen.
    - Gebt nur - erwiederte jener, eine kleine Laterne anzündend. - Stellt Euch
auf diese Seite, damit der Schein nicht nach dem Lande fällt.
    Der Chevalier entfaltete das Papier und las es aufmerksam durch, während der
Capitain leuchtete.
    - Hier steht ja noch etwas von einer zweiten, speciellen Instruktion, die
Ihr am Orte Eurer Bestimmung erbrechen sollt. Habt Ihr das getan?
    - Nein, dazu, dächte ich, wäre noch Zeit genug, wenn's zum Kampfe geht.
    - Tor, der Ihr seid. Wenn Euch nun gerade darin der Kampf untersagt würde.
Der Capitain sah seinen Gefährten verblüfft an. - Wartet einen Augenblick -
sagte er, seinen Gurt abschnallend. Eine in der einen Seite desselben verborgene
Tasche öffnend, zog er darauf die versiegelte Instruktion hervor und erbrach
sie.
    - Donnerwetter, Ihr habt, hol' mich der Teufel, recht - rief er erstaunt. -
Hier steht das Gegenteil von dem, was dort. Das begreife ein Anderer.
    - Das ist sehr leicht zu begreifen - sagte mit Ruhe der Chevalier. - Um ganz
sicher zu sein, gab man Euch in Copenhagen eine officielle Depesche, die so
lautete, wie die öffentliche Meinung, die Ihr so richtig als die Meinung des
Strassenpöbels charakterisirt habt, es verlangte, und wies Euch nur in einer
kleinen, unschuldig aussehenden Notiz auf die weitere specielle Instruktion hin,
die Ihr versiegelt erhieltet mit dem gemessenen Befehl, sie erst am
Bestimmungsort zu öffnen. Das scheint mir klar wie die Sonne.
    - Was soll ich da tun? - sagte zweifelhaft der Capitain.
    - Welche Frage? Dem gehorchen, was man Euch befohlen hat. Doch einen Rat
als Freund will ich Euch geben. Bewahrt beide Dokumente sorgfältig! Es könnte
eine Zeit kommen, wo man die Verantwortlichkeit für die insgeheim angeordneten
Massregeln auf Euch wälzen möchte. Ihr könntet dann die Papiere nötig haben zu
Eurer Rechtfertigung.
    - Ihr habt wieder recht, Chevalier - erwiederte der Capitain, ihm die Hand
schüttelnd. - Ich werde Euch dankbar sein.
    - Es ist gut! - sagte jener kalt. - Ich glaube, wir haben für heute unser
Geschäft beendet. Nicht wahr, ich werde nicht in einer Hängematte schlafen
müssen?
    - Ich bitt' Euch, schweigt davon! Es war eine Dummheit von mir. Wann sehe
ich Euch wieder?
    - Das weiss ich nicht. Sollte ich Euch sprechen müssen, so werdet Ihr hier um
diese Zeit ein kleines Licht bemerken. Setzt Euch dann in Euer Boot und kommt
herüber.
    - Vortrefflich. Nun gehabt Euch wohl! - - - Holla, Bursche! - rief er nach
dem Ufer hinunter. - Macht Euch fertig.
    Nach einem kräftigen Händedruck stieg er den Hügel hinab.
    Der Chevalier blieb mit gekreuzten Armen an dem Steine stehen und lauschte
den Ruderschlägen des sich entfernenden Bootes. Als sie verklungen waren, zog er
seine Blouse fester zusammen und stieg ebenfalls herab, nach der Landseite sich
wendend. Bald war er im Schatten der Nacht verschwunden.
    Als seine Schritte verhallt waren, bewegte sich das Gebüsch hinter dem
Steine und ein menschlicher Kopf zeigte sich.
    Sie sind fort! - sagte eine weiche Stimme. Bald darauf trat ein noch ganz
junger Mann in der grünen Uniform eines Berliner Freischärlers heraus.
    - Hallunken Ihr! - sagte er, drohend die kleine Faust erhebend - ich werde
Euer Teufelsgebräu Euch versalzen.
    Traurig liess er den Kopf sinken und setzte sich hart an das Meer.
    - Also auch dies Blut soll umsonst geflossen sein? - sagte er vor sich hin.
Es war wiederum nur ein Wahn, der uns hieher trieb, für die Grösse, Einheit und
Freiheit Deutschlands in den Kampf und Tod zu gehen. Fluch über die Erbärmlichen
, die am grünen Tische durch meineidigen Verrat die Fesseln an einander
schmieden, mit denen sie auf's Neue die deutschen Stämme in Banden schlagen
wollen! Doppelten Fluch aber über die Verräter in der Paulskirche, die das Volk
hingesandt, sein Recht gegen die Ränke der Fürsten zu verteidigen, und die nun
ruhig zusehen, wie man dies Recht mit Füssen tritt und die Sehnsucht Deutschlands
nach Freiheit verhöhnt. O Felix! Felix! Auch Du bist einer der Verräter! Aber
die Rache des Volkes wird Euch Alle ereilen.
    Er erhob sich. Sein Fuss stiess an einen Gegenstand. Er bückte sich. Es war
das Fernrohr des Chevalier.
    - Das soll mir eine Erinnerung an diese Stunde sein - sagte er, es
einsteckend. Da nahten auf's Neue Tritte. Es war der Chevalier, der sein
Fernrohr vermisste und zurückgekehrt war, es zu suchen.
    - He, was ist das?! - -
    Dieser Ausruf galt dem jungen Manne, welcher plötzlich vor dem vor Schreck
Erstarrten stand. Doch nur einige Sekunden dauerte der Eindruck, dann hatte der
Chevalier sich gefasst. Mit der linken Hand griff er rasch nach der Brust des
Knaben, während die Rechte in dem Brustlatz seiner Blouse etwas zu suchen
schien.
    - Wer bist Du? - Was suchst Du hier? - donnerte er den Knaben an, welcher
von seinem Zorn durchaus nicht bewegt schien, sondern ruhig stehen blieb.
    - Ich suchte und fand einen Verräter am Vaterlande - erwiederte Jener kalt.
    Beim ersten Laute schon war der Chevalier einige Schritte zurückgetreten.
    - Alice! - sagte er mit zitternder Stimme. -
    Elender Meineidiger! - fragte mit dem Tone schmerzlicher Verachtung das
bleiche Weib - hast Du auch wohl überlegt, was Du beginnst? Wird Deine feige
Seele den Gedanken, ein Herostrat an dem Freiheitstempel Deutschlands gewesen zu
sein, ertragen?
    - Du hast also gelauscht? - Alice!
    - Gilbert, ich habe Dich gepflegt, als Du zum Tode verwundet, Deinem Ende
entgegensahst; als Alle, auch der Fürst, Dich verlassen hatten. - - Gedenkst Du
des Schwures, den Du mir geleistet, als Du, durch meine Hand genesen, vom
Krankenlager erstandest?
    Gilbert schwieg.
    - Wirst Du auch diesen Eid brechen? Antworte!
    - Ich werde ihn halten - erwiederte er düster.
    - Das Wort hat Dir Dein guter Engel eingegeben - sagte sie mit
unveränderlicher Ruhe. Jetzt antworte mir: Weiss der Fürst Lichninsky um diesen
Cabinetsstreich?
    - Ich bin sein Bevollmächtigter. Wir haben hierin gleiches Interesse.
    - Wie? Der alte Löwe und der feige Schakal: Beide morden ihre Opfer, um sich
zu sättigen. Wann wird der Waffenstillstand ratificirt werden?
    - Noch in diesem Monat.
    - Wer ist von Seiten Preussens mit der Ratification beauftragt?
    - Der General von Below.
    - Und von Dänemark?
    - Herr von Reetz.
    - Der General von W. ist natürlich eingeweiht?
    - Er hält sich vorläufig neutral, doch wird es sich morgen entscheiden.
    - So muss ich eilen! - sagte Alice zu sich selbst und setzte dann laut hinzu:
Es ist gut, Du kannst gehen.
    Ohne ein Wort zu erwiedern, schritt Gilbert den Hügel hinab.
    Alice eilte ins Gebüsch zurück und bestieg ein Boot, das tief in einer vom
Meere ausgespülten kleinen Bucht verborgen war. Ein Mann, der der Länge nach im
Boote ausgestreckt lag, erhob sich bei der Ankunft Alicens und nahm die Ruder
zur Hand.
    - Du bist lange geblieben - sagte er, mit einem kräftigen Stoss das
gebrechliche Fahrzeug in das Meer hineinschleudernd, so dass die Wellen hoch
aufsprjetzten. - Ich war bange um Dich. Hättest Du mir nicht ausdrücklich
verboten, Dir zu folgen, so hätte ich Dich aufgesucht.
    - Guter Ralph! - sagte Alice mit Wehmut - nicht wahr, Du verrätst weder
mich noch das Vaterland?!
    Ralph sah sie erstaunt an.
    - Weisst Du, mit wem ich ein Rendezvous gehabt?
    - Wie soll ich's wissen!
    - Mit Gilbert.
    Das Ruder entsank seiner Hand, als er diesen Namen hörte.
    - Und Du hast ihm nicht den Dolch ins Herz gestossen?
    - Pfui, wer wird gleich so unhöflich sein!
    - Du hast recht - sagte lachend Ralph - wer Pech angreift, besudelt sich.
    Wohin fahren wir?
    - Nach dem Schloss. - - - Ich muss Herrn von W. noch eine Visite machen.
    - Es ist ja nahe an Mitternacht! - bemerkte Jener.
    Alice beantwortete diese Worte nicht. Sie war in tiefes Sinnen versunken.
Nach einer kurzen Zeit landete das Boot. Alice stieg aus.
    - Erwarte mich, Ralph - sagte sie, den Weg nach dem Schloss einschlagend.
    Ralph streckte sich wieder in seinem Boote aus und starrte, von der lauen
Sommernacht angefächelt, zu dem blauen Sternenhimmel hinauf.
    Das Schloss des Kammerherrn von Stehmann, der durch die wiederholten
Brandschatzungen der Dänen zu einem eifrigen Verfechter der Schleswigschen
Unabhängigkeit geworden, war, teils um den edlen Kammerherrn gegen dänische
Ueberfälle zu schützen, teils weil in diesem Augenblicke der General von
Wrangel darin sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, in eine kleine Festung
verwandelt worden. Die dem Meere zugekehrte Seite war zwar offen, indes mit
einer starken Wache versehen, die andern drei Seiten waren durch hohe Wälle
ziemlich geschützt. Ausserdem standen vor dem Haupttor des Schlosses zwei
Zwölfpfünder.
    Alice wurde auf ihr Verlangen, den General zu sprechen, sogleich durch einen
der wachhabenden Soldaten in das Schloss geführt und dem General gemeldet.
Obgleich es schon spät war, so wurde sie dennoch vorgelassen. Der General sass an
einem mit Papieren und Karten bedeckten Tisch. Sein runzliches, gelbes Gesicht
mit dem kurzen, borstenartigen Schnurrbart, wie ihn die Militairs aus den
»Freiheitskriegen« zu tragen pflegen, seine halbgeschlossenen Augen und das
graue, kurze Haar bildeten ein Ensemble, das den lebendigen Typus eines
»preussischen gedienten Soldaten« darstellte, in diesem Augenblicke aber der
eintretenden Alice trotz ihrer ernsten Stimmung ein Lächeln abnötigte, da der
General die Folie, auf welcher das Bild erst seinen eigentlichen Charakter
erhält, nämlich die preussische Uniform abgelegt hatte und wegen der grossen Hitze
in einem Leinwandrocke da sass. Alice war dem General nicht unbekannt. -
    - General! - begann sie, ihren Chef militairisch begrüssend - ich komme,
Ihnen eine wichtige Nachricht mitzuteilen. Um 9 Uhr 35 Minuten Abends hat sich
eine dänische Fregatte vor dem Apenrader Hafen gelegt.
    - Was Sie sagen! - rief der General erstaunt aus. - Ihre Nachricht beruht
auf keinem Irrtum?
    - Sie können sich selbst davon überzeugen. Unten liegt mein Boot. Wenn's
Ihnen beliebt, steuern wir hinaus, den Gast in der Nähe zu besehen. Der General
erhob sich und ging einige Mal, die Hände auf den Rücken gelegt, das Zimmer auf
und ab. Endlich blieb er vor Alicen stehen.
    - Sie sind zur glücklichen Stunde gekommen, liebe Tochter - sagte er. -
Einige Minuten später und es wäre zu spät gewesen. - - - - Es ist sicher, man
hat parlamentirt, um unter der Hand einen desto sichern Schlag auszuführen.
    Obgleich er die letzten Worte mehr im Selbstgespräch an sich selbst als an
Alicen richtete, so glaubte diese dennoch darauf antworten zu müssen.
    - Ich glaube nicht, General - sagte sie.
    - Was glauben Sie nicht? - fragte er rasch.
    - Dass der Däne den Hafen forciren wird.
    - Und woraus schliessen Sie das?
    - Der Capitain hat eine geheime Instruktion, die es ihm verbietet.
    - Eine geheime Instruktion, von der Sie Kenntnis haben? - fragte er,
ungläubig lächelnd.
    - So ist's, General. Sie glauben mir nicht, so will ich Ihnen den Beweis
geben, dass ich gut unterrichtet bin. Man trifft Vorbereitungen zu einem
Waffenstillstande, vielleicht zu einem Friedensschlusse; Vorbereitungen, die
bisher an Ihrem Widerstande gescheitert sind. Da hat man Sie auf die
republikanischen Tendenzen hingewiesen, die sich in den unter Ihrem Oberbefehl
stehenden Truppen kund gegeben und daraus die Notwendigkeit abgeleitet,
besonders die süddeutschen Truppen zu entlassen. Morgen hätten Sie sich
entschieden, und zwar für den Waffenstillstand entschieden. Deshalb bin ich
gekommen, um Ihnen zu sagen, dass das Ganze eine abgekartete Verräterei ist, der
sich als Werkzeug zu leihen für einen braven Soldaten keine Ehre sein kann.
    Das Erstaunen des Generals wuchs.
    - Der dänische Capitain hat deshalb ausdrücklichen Befehl, sich völlig
passiv zu verhalten, um Sie nicht zum aktiven Widerstande gegen ihn und dem
zufolge auch gegen den Waffenstillstand zu reizen. Ich meine, dass Sie keine
Ursache haben werden, dies Alles für blosse Träumerei zu halten. - - Denken Sie
daran, General, dass Sie in diesem Augenblicke die höchste militairische
Ehrenstelle in Deutschland bekleiden, Sie das Oberkommando der deutschen
Reichstruppen inne haben. Wollen Sie Deutschlands Ehre, Deutschlands Freiheit
den separatistischen Gelüsten der Fürsten, die Sympatieen des ganzen Volks den
absolutistischen Intriguen weniger Dutzend Diplomaten zum Opfer bringen? -
    Ich bin eine Frau, General, aber ich würde eher mein Leben hingeben, als
diese Verantwortlichkeit auf mich nehmen. - Mein Geschäft ist vollendet; leben
Sie wohl, General, und möge der Himmel Ihren Entschluss zum Segen des Volkes
lenken.
    - Ich werde die heutige Nacht nicht vergessen - sagte der General, sichtlich
bewegt. -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Auf dem Schlosshofe begegnete Alice Gilbert, welcher ebenfalls zum General
eilte, dessen Geheimsekretair er war.
    - Ha - sagte er mit unterdrückter Wut - Verräterin! Du meinst, ich habe
die Langmut eines Lammes, dass Du es wagst, mich zum Äussersten zu reizen. Du
warst beim General?
    Alice würdigte ihn keines Blicks, sondern eilte dem Ausgange zu.
    - Du sollst mir Rede stehen! Hast Du mich verraten?
    - Es steht Euch gut, Chevalier - sagte Alice mit schneidendem Hohne - Euch
gegenüber von meiner Verräterei zu reden. Indessen rate ich Euch, Eurer Zunge
nicht allzusehr den Zügel schiessen zu lassen und Euer heisses Blut etwas
abzukühlen. Meine Feldapoteke entält vortreffliche Pillen, welche eine
wunderbare Kraft der Beruhigung besitzen. Seht! - diese kleine Phiole ist damit
bis zum Rande gefüllt. Sie hielt ihm die Mündung eines niedlichen Terzerols
entgegen. -
    Adieu!
    Gilbert verharrte einen Augenblick in seiner Stellung, als sei er
unschlüssig, ob er ihr folgen solle oder nicht. Dann wandte er sich kurz um und
ging mit zögernden Schritten zum General hinauf.
 
                                       II
Am andern Morgen gab sich in der Stadt Apenrade eine mehr als gewöhnliche
Bewegung kund. Zahlreiche Gruppen sammelten sich am Ufer, um die dänische
Fregatte in Augenschein zu nehmen, die sich nicht weit vor die Mündung des
Hafens gelegt hatte. Aber nicht bloss Neugierde war es, was sich in den
Gesprächen des Publikums kund gab. Es hatte sich das Gerücht von einem nahe
bevorstehenden Waffenstillstande verbreitet, womit man die Anwesenheit des
Unterstaatssekretärs und Reichskommissarius, Max von Gagern, im Hauptquartier,
in Verbindung brachte. Auch hiess es, in Rendsburg seien in Folge ähnlicher
Nachrichten Unruhen ausgebrochen.
    Gegen 9 Uhr erschien der General v. Wrangel in Begleitung des
Reichskommissarius und umgeben von einer zahlreichen Suite am Ufer und ritt nach
der nördlichen Landzunge, von welcher die Strandbatterien ausliefen. Nicht wie
sonst brach die Menge in einen Vivatruf aus, sondern machte den Reitern
schweigend Platz. Der General bemerkte die veränderte Stimmung und warf einen
forschenden Blick über die Zuschauer hin. Da traf sein Auge in das ernst zu ihm
aufblickende Auge Alicens. Schnell wandte er das seinige ab. - -
    - Komm Ralph - sagte Alice, als die Cavalkade sich entfernt hatte. - Es ist
für uns hier nichts mehr zu tun. - Auch der General hat sich entschieden.
    - Ich kann's nicht glauben - erwiederte kopfschüttelnd Ralph.
    - Es ist so, wie ich Dir sage; ich werde Dir den Beweis schaffen. - Wenn wir
den dänischen Capitain gefangen nähmen und ihn ihm überlieferten, er würde ihn
laufen lassen.
    - Schweig! - sagte jener zornig. - Spräche ein Anderer als Du solche
Verdächtigungen über den »alten Wrangel« aus, so würde ich ihm bei Gott keine
Zeit lassen, sie zu widerrufen.
    - Du bist ein Tor, guter Ralph! - Ich hoffe, Du kennst mich hinlänglich, um
zu wissen, dass ich nicht den Beweis für meine Behauptung schuldig bleibe.
    - Vortrefflich! Ich bin auf den Beweis begierig.
    - Was gilt die Wette, dass noch heute der Capitain in meiner Gewalt ist? -
    Ralph blickte Alicen an wie Jemand, der nicht weiss, ob sich der Andere über
ihn lustig macht oder aber im Ernste redet.
    - Es ist mein vollkommener Ernst, setzte sie, die Hand ausstreckend, hinzu.
    - Topp! - schlug Ralph ein - ich nehme die Wette an. Und was ist der Preis?
    - Den zu bestimmen überlass ich Dir.
    Ralph's Augen strahlten plötzlich in einem eigentümlichen Glanz.
    - Gut! - sagte er kurz, als wolle er mit Gewalt seine Empfindungen
unterdrücken.
    - Willst Du mir bei der Ausführung behülflich sein?
    - Ich würde ein unzuverlässiger Gehülfe werden, da ich an dem Misslingen des
Plans Interesse habe.
    - Tut nichts. Ich weiss, Du wirst mich nicht im Stiche lassen. Also, Du bist
bereit?
    - Natürlich.
    - So hole mich nach Sonnenuntergang in unserm Boote ab. Auf Wiedersehn!
    Zu Hause angekommen, wurde ihr ein Diener des Prinzen N....r gemeldet.
    - Lassen Sie ihn eintreten! - sagte Alice vedriesslich.
    Bald darauf erschien der Angemeldete und blieb einen Augenblick auf der
Schwelle stehen. Alice entfuhr ein Ausruf des Erstaunens, als sich der junge
Mensch plötzlich zu ihren Füssen warf.
    - Was bedeutet dies? - fragte sie einen Schritt zurücktretend.
    Da erhob sich das dunkle Auge des Knieenden mit schmerzlich fragendem
Ausdruck zu ihr empor.
    Sie erkannte ihn jetzt. In der Tat aber war das Erstaunen Alicens wohl
gerechtfertigt. Denn wer hätte in der bunten Livree, dem kurzgeschorenen und
glattgescheitelten Haar den unbändigen und träumerischen Knaben Salvador
gesucht.
    - Salvador?! - Du in dieser Vermummung? Welcher Sturm hat Dich nach diesem
Norden heraufgeweht? Sprich, mein Knabe!
    Salvador erhob sich. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Fast
um einen Kopf grösser als vor einem halben Jahre, war er in demselben Verhältnis
schlanker und schmächtiger geworden. Das bräunliche Rot seiner Wangen war einer
krankhaften ins Gelbliche spielenden Blässe gewichen und der trotzige Feuerblick
seines Auges hatte sich in den düstern Glanz einer halb verglimmenden Kohle
verwandelt.
    Alice wurde schmerzlich von dieser Umwandlung getroffen, aber sie
unterdrückte mit feinem Zartgefühl jede Bemerkung darüber.
    - Der Pater Angelikus hat es so gewollt - sagte Salvador. Alice bemerkte,
dass er den Pater nicht mehr Tio nannte. - Ich müsse nach Norden, um in Ihrer
Nähe zu sein. Sie würden mich mit nach Frankfurt nehmen, meinte der Pater.
    - Und jetzt bist du wirklich im Dienste des Prinzen von N....r? -
    - Ja - sagte Salvador, indem eine flüchtige Röte sein Gesicht färbte. - Er
hat mich gesandt, um Sie um eine Unterredung zu bitten.
    - Was will der Prinz von mir? Ich kenne ihn nicht.
    Salvador sah Alicen forschend an, als wolle er die Wahrheit dieser Äusserung
erproben.
    - Was soll ich ihm antworten? - fragte er mit weniger befangenem Ton.
    - Er mag kommen - sagte Alice nach kurzem Nachdenken.
    - Wann?
    - Heute Nachmittag.
    - Nicht wahr? - fragte er zögernd - Sie nehmen mich wieder zu sich?
    - Wenn es der Prinz zufrieden ist, gewiss.
    Freudig drückte er die Hand Alicens an seine Lippen und entfernte sich
rasch.
    Alice war durch das Zusammentreffen tiefer bewegt, als sie sich gestehen
mochte. Alle alten Erinnerungen, die sie längst begraben glaubte, tauchten mit
neuer Kraft in ihrer Seele wieder empor.
    Sie setzte sich an den Schreibtisch und ergriff mechanisch die Feder. Da
fiel ihr die Ueberschrift eines angefangenen Briefes in die Augen, und sie liess
die Feder sinken.
    - Durchlaucht - - - früher lautete es anders, wenn ich an Dich schrieb,
Felix - - - Ich mag jetzt nicht - - - vielleicht gibt mir das Gespräch mit dem
Prinzen neuen Stoff. Aber warnen will ich ihn, er sieht den Abgrund nicht, der
sich zu seinen Füssen öffnet. Wehe ihm, wenn der unselige Waffenstillstand zum
Abschluss kommt, dieser neue Verrat an der deutschen Sache. Felix, Felix! Mit
jedem Schlage, den Du gegen die Grösse Deutschlands führst, treibst Du einen
Nagel in Deinen eignen Sarg. - -
 
                                      III
Als die Sonne längst gesunken war und nur noch eine falbe Röte am
nordwestlichen Horizont die Stelle ihres Untergangs zeigte, stiess ein leichter
Nachen vom innern Ufer des Hafens ab. Drei Personen befanden sich darin. Die
eine, ein junger Mann mit gebräuntem Gesicht, führte mit kräftigen Armen zwei
Ruder, welche sich fast unhörbar in die schwärzlich-grüne Flut tauchten,
obschon die Schnelligkeit, mit der das Boot die Wogen durchschnitt, bewies, mit
welcher Kraft es in Bewegung gesetzt wurde. Am Hinterteil des Bootes, den
linken Arm nachlässig um das Steuer geschlungen, den rechten auf den Bord des
Fahrzengs gestützt sass, oder lag vielmehr ein dem feinen von unzähligen kleinen
Locken beschatteten Gesicht und der üppig schlanken Gestalt nach, um welche sie
die enge, einfache Uniform der schleswigschen Freischärler schmiegte, zu
urteilen, eine junge Dame, die mit scheinbarer Gedankenlosigkeit in die
grünliche Flut starrte. Der dritte war ein Jüngling, welcher nur erst kürzlich
das Knabenalter verlassen haben konnte. Er stand aufrecht mit im Boot und
schaute trübe der geschiedenen Sonne nach. Keines von den dreien sprach ein
Wort. Man hörte nur den eintönigen Taucherschlag des Ruders und das Zischen der
Wogen, die sich am Kiel des Bootes brachen und zuweilen hoch aufsprjetzten.
    Als der Nachen sich bereits mitten auf dem Hafen befand, wandte Ralph - den
meine Leser wohl schon in dem Ruderer erkannt haben werden - seinen Blick nach
dem Meere, dem er den Rücken zukehrte und sagte halblaut, als fürchte er das
Schweigen zu unterbrechen:
    - Ich meine, wir müssen mehr rechts halten. Hier auf offnem Hafen sind wir
zu sehr der Beobachtung ausgesetzt.
    Alice, welche das Steuer führte, fuhr aus ihrer Träumerei empor. Sie blickte
jetzt ebenfalls auf den Hafen, nickte bejahend mit dem Kopfe und wandte das
Steuer. Das Boot beschrieb einen Bogen und schoss dann in grader Richtung auf die
südliche Landzunge zu.
    - Setze dich, Salvador! - sagte sie zu dem Stehenden, zog das Fernrohr
Gilberts hervor und richtete es auf die dänische Fregatte, die einen
Kanonenschuss entfernt, wie ein dunkler Koloss über den Spiegel des Wassers
emporragte.
    Du hast heute eine Zusammenkunft mit dem Prinzen von N....r gehabt? - sagte
Ralph mit anscheinender Gleichgültigkeit.
    - Erinnere mich nicht an diese Menschen, die mit ihrem Golde Seele wie
Körper kaufen zu können glauben! Er wollte mich für die Reaktion gewinnen, und
fing nach der gewöhnlichen Manier damit an, mir Schmeicheleien zu sagen, zuerst
über meine Schönheit, als das nicht glückte, über mein Talent und meine
Kühnheit, als auch dies keine Wirkung tat, über meinen Einfluss auf die
Freischaaren. Jetzt verstand ich ihn. Man wünschte nämlich, ich solle, bei etwa
»eintretenden Ereignissen«, die nicht im Sinne unserer Partei seien, dazu
beitragen, dass keine Aufregung entstände, oder wenigstens mich passiv zu
verhalten. Ich lehnte das Anerbieten natürlich keineswegs ab, um das schön
aufblühende Vertrauen des edlen Herrn nicht zu früh zu verscherzen, ohne mich
indes zu etwas Bestimmtem zu verpflichten. So habe ich denn einen Blick in das
Intriguengewebe getan, worin die contrerevolutionäre Partei den Willen des
Volks fangen will, der mir von Nutzen sein wird. Nun, die Zeit ist nahe, wo das
Conto geschlossen und die Abrechnung gehalten wird. Wehe dann den diplomatischen
Tierbändigern, wenn der starke Löwe sich erhebt und das Netz wie Spinnengewebe
zerreisst.
    Ralph sagte nichts, aber die doppelt kräftigen Schläge, welche seine
pfeifenden Ruder dem schäumenden Meere versetzte, verrieten seinen Ingrimm.
    - Wo weilt jetzt deine Mutter, Salvador? - fragte Alice, von dem Tema
abweichend.
    - Ich weiss es nicht - versetzte dieser - aber Pater Angelikus sagte mir, ich
würde sie wiedersehen, wenn der Augenblick gekommen.
    Alice fragte nicht, welchen Augenblick der Pater gemeint habe. Sie verstand
nur zu gut. Sie seufzte. - - Dieser Seufzer barg eine tiefe, unheilvolle
Bedeutung. Sie dachte an den Fürsten Lichnowski, der Vorkämpfer der
Volksfreiheit in Wien, und Lichnowski, der Verräter an der Volkssache in
Berlin! Jenen hatte sie mit Leidenschaft geliebt, auf diesen blickte sie mit
schmerzlicher Verachtung herab. Aber nicht bloss diese Verachtung war es, die wie
ein Winterreif auf die Liebesglut in ihrer Brust gefallen war und sie bis auf
den letzten Funken gelöscht hatte, so dass nur noch die kalte Asche der
Erinnerung übrig geblieben war - nicht nur diese Verachtung war es, was ihr Herz
schmerzlich in diesem Augenblicke zusammenzog, sondern der Gedanke an das
Verhängnis, welches wie ein Damoklesschwert über seinem ahnungslosen Haupte
schwebte, und dessen Erfüllung mit Sturmschritten herannahte. Sie schauerte oft
wie in einem Fiebertraume zusammen, wenn sie auf den bleichen Salvador blickend
schon das Racheschwert in seiner Hand zu sehen glaubte.
    Sie sprach mit dem Knaben nie von seinem Vater, aber sie wusste, dass in
seiner Brust nur zwei Gedanken und zwei Empfindungen lebten, das Gefühl der
Erbitterung bei dem Gedanken an den Verführer seiner Mutter und das Gefühl der
zerstörendsten Liebe bei dem Gedanken an Lydia.
    Diese beiden Gefühle waren zuletzt trotz ihres völligen Gegensatzes zu einer
einzigen Empfindung zusammengeschmolzen, und in der Tat hatten sie Eins gemein:
das Gefühl einer stets unbefriedigten Sehnsucht und der daraus entspringenden
tiefen Bitterkeit.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Boot landete. Das letzte Rot war vom Himmel verschwunden, die Nacht
senkte sich auf das Meer herab. Ralph erhob sich zuerst. Er ergriff seine
Doppelbüchse und lehnte sie vorsichtig an eine junge Birke am Fusse des Hügels.
Dann reichte er Alicen die Hand, die diese jedoch nicht annahm, sondern mit
einem graziösen Sprunge das Ufer erreichte. Salvador folgte ihr.
    Ralph zog das Boot in die Bucht. Alle drei stiegen jetzt behutsam den Hügel
hinan. Nachdem das Terrain rekognoscirt und sicher befunden war, wurde auf dem
alten Runensteine Posto gefasst.
    - Wir müssen nach zwei Seiten hin auf Gäste gefasst sein - sagte Alice,
welche in der Erwartung des Abenteuers ihre düstere Stimmung gegen eine
ausgelassene Munterkeit vertauscht hatte. - Es ist sehr wahrscheinlich, dass
Gilbert den heutigen Abend selber zu einem Rendezvous benutzen wird. Salvador
achte du auf die Landseite und melde Alles, was du siehst.
    - Es ist notwendig, Ralph, dass mich der Capitain allein trifft - sagte sie
zu diesem. - Ist er nicht zu stark bewaffnet, so werde ich wohl schon mit ihm
allein fertig. Jedenfalls kommst du mir nicht eher zu Hülfe, als bis ich das
verabredete Zeichen gebe. Das Andre wird sich finden. Hast du die Laterne und
die Stricke in Bereitschaft?
    - Alles in Ordnung - erwiederte Ralph, die Pistons der Büchse mit
Zündhütchen versehend - schreiten wir bald zur Ausführung?
    - Noch ist's nicht Zeit! - wollte Alice sagen, aber das Wort erstarb auf
ihren Lippen; als ganz in ihrer Nähe, in der Richtung nach der Stelle hin, wo
sie Salvador postirt hatte, ein Pistolenschuss fiel. Alice erbleichte. Ralph
sprang mit dem Ausrufe: Wir sind verraten - Salvador zu Hülfe. Alice folgte
ihm.
    Als sie die Stelle erreichten, bot sich ihnen ein unerwartetes Schauspiel
dar. Gilbert lag, das abgeschossene Pistol krampfhaft in der Hand haltend,
regungslos am Boden. Salvador knieete, mit der linken Hand seine Gurgel
umschliessend, auf seiner Brust, während die Rechte den funkelnden Dolch nach
seinem Herzen zuckte.
    - Halt! - gebot Alice vortretend - tödte ihn nicht. Wir müssen ihn noch
gebrauchen.
    Salvador erhob sich und liess Gilbert frei, welcher nun mit einem raschen
Sprunge auf Alice zustürzen wollte. Da streckte sich ihm der Büchsenlauf Ralphs
entgegen und bestürzt zurücktaumelnd wollte er sein Heil in der Flucht
versuchen.
    - Ein Schritt und du bist ein Sohn des Todes. -
    Da brach die Kraft des Elenden zusammen.
    - Was wollt ihr mit mir beginnen? - stammelte er zitternd, als Salvador
Stricke herbeiholte und Gilberts Hände auf den Rücken zusammenband.
    - An uns ist es jetzt, zu fragen, an dir, zu antworten - versetzte Alice. -
Ins Boot mit ihm! - wandte sie sich zu Ralph.
    Gilbert wurde ins Boot hinabgebracht und ihm bedeutet, dass bei dem
geringsten Laut seinerseits eine Kugel sein Gehirn zerschmettern würde. Salvador
wurde ihm zur Gesellschaft zurückgelassen. Dann wurde die Laterne angezündet,
doch so, dass nur von der Meerseite das Licht sichtbar war. Hierauf begab sich
Alice zu Gilbert in das Boot hinab, welcher halsstarrig ihren Fragen ein
consequentes Schweigen entgegensetzte.
    - Da Ihr nicht antwortet, Chevalier - sagte sie endlich - so werde ich mir
auf andere Weise Aufklärung verschaffen müssen. Ralph! - durchsuche ihn und
bringe mir alle Briefschaften, welche er bei sich führt.
    Nach wenigen Minuten kam Ralph mit einem Packet Briefe den Hügel hinauf.
Alice öffnete es sogleich, begnügte sich jedoch, die Adressen und wenn sie an
Gilbert selbst gerichtet waren, die Unterschriften zu lesen. - Von der
provisorischen Regierung in Rendsburg - sagte sie - stecke ihn ein, Ralph, er
kann uns als Empfehlungsschreiben dienen. - An den Capitain Falkson am Bord des
Dannebrog. Wir wollen ihn ihm selbst vorlesen. Lege ihn zur Seite. - Vom General
von Below an den General von Wrangel. Der kommt zum ersten.
    An - - - - o Himmel! - rief Alice, den Brief sowie einen andern, zu dem
jener wohl die Antwort sein mochte, in ihre eigene Brusttasche steckend. - Es
ist gut, dass ich meinen Brief heute früh nicht abgeschickt. Wer weiss, ob ich
überhaupt noch an ihn schreibe, wenn ich diese hier gelesen. - Hier ist noch
eine topographische Karte von der Ostküste Schleswigs und - - das ist Alles - -
- -. Hatte er es sehr versteckt?
    - Er trug das Packet auf blosser Brust.
    - St! Hörtest du nichts?
    - In der Tat, es schien mir, als ob in der Entfernung sich ein Ruder ins
Meer senkte.
    - Er ists. Auf deinen Posten, Ralph!
    Man hörte jetzt deutlich das Boot sich dem Lande nähern.
    - Gieb mir doch den Brief an den Capitain zurück - sagte Alice, überlegend,
dass dieser Brief ihr als Mittel dienen könnte, wenn der Capitain, durch die
fremde Erscheinung überrascht, es für besser halten sollte, sich wieder in sein
Boot zurückzuziehen.
    Ralph seufzte, als er den Brief wieder herausgab. Denn er verstand Alicens
Gedanken sehr wohl. Auf den Rückzug des Capitains hatte er seine letzte Hoffnung
gesetzt, die Wette zu gewinnen. Wie die Sachen nun standen, musste er sie
verlieren, wenn er nicht Alicen ins Verderben stürzen wollte.
    Das Boot landete. Man hörte die Schritte des Capitains durch das hohe Gras
streifen. Jetzt hatte er den Steig, der zum Gipfel führte, erreicht.
    - Guten Abend - schallte Alicen eine Stimme entgegen. Sie erschrack. Das war
nicht das Organ des Capitains. Dennoch erwiederte sie den Gruss, vergass jedoch in
der Verwirrung ihre Stimme zu vertiefen; der Fremde stutzte und trat dann mit
grösserer Vorsicht näher. Alice hatte sich indes gesammelt.
    - Warum ist der Capitain nicht selbst gekommen? - fragte sie, einen Schritt
vortretend. - Ich kenne Sie nicht, mein Herr, und erwarte Sie auch nicht.
    - Wir scheinen in gleichem Falle - versetzte Jener, ein junger Mann in der
Uniform eines dänischen Seeofficiers - doch, eine Frage erlauben Sie: Kennt und
erwartete der Capitain Sie?
    - Natürlich, was soll die Frage? Würde er sonst meiner Aufforderung gefolgt
sein?
    Der Officier wusste nicht, was er aus der merkwürdigen Erscheinung dieses in
Freischärleruniform ihm entgegentretenden Weibes machen sollte. In ihrem
Anschauen verloren, fiel es ihm nicht ein, dass sie wahrscheinlicher Weise nicht
allein hieher gekommen sein dürfte.
    - Kommen wir zur Sache! - fuhr Alice fort. - Sind Sie im Auftrage des
Capitains hier, so wird er Ihnen ohne Zweifel eine Vollmacht ausgestellt haben.
Sind Sie damit versehen?
    - Allerdings - erwiederte jener zögernd. - Allein, dieselbe ist für den
Chevalier - - -
    - Chevalier St. Just, ich weiss es. Indes da er zu kommen verhindert ist und
mich beauftragt hat, seine Stelle einzunehmen. - - -
    - Auch Sie besitzen dann natürlich eine Vollmacht? - fragte der Officier. -
-
    - Wozu? Da mich der Capitain kennt. Indessen wird Ihnen dies genügen. Sie
hielt den Brief an den Capitain so, dass das Licht der Laterne darauf fiel.
    Der Officier verneigte sich. Ich bin befriedigt - doch habe ich einen Wunsch
- - - -
    - Der wäre?
    - Zu wissen, mit wem mich das Schicksal zu diesem wunderbaren Rendezvous
zusammengeführt hat.
    - Es tut mir leid, dass ich Ihnen in diesem Augenblicke nicht genügen kann,
doch werden Sie noch heute meinen Namen erfahren. Lassen Sie jetzt hören, wie
weit die Verhandlungen vorgeschritten sind.
    - So weit, dass übermorgen der Abschluss des Waffenstillstandes zu erwarten
steht. Es waren seitens des Reichscommissarius der deutschen Centralgewalt und
des Generals Wrangel einige Schwierigkeiten gemacht worden. Da drohte das
preussische Cabinet mit einem Separatfrieden und dem General Wrangel mit
Entlassung aus dem preussischen Dienste; und die Herren gaben nach.
    - Wie aber, wenn die preussische Regierung in Frankfurt desavouirt wird?
    - Dafür ist gesorgt. Es wird vielleicht einige Stürme setzen, und die
Majorität schliesslich die Sache als fait accompli betrachten und darüber zur
Tagesordnung übergehen.
    - Woher wissen Sie das?
    - Der Capitain hat es von Herrn von Reetz gehört. Es wird versichert, dass
der Fürst Lichninsky, Herrn von V. und einige andere Mitglieder der Rechten sich
für die Majorität verbürgt hätten.
    - Wahrhaftig! - rief Alice in einem Tone, der die bittere Ironie, welche
ihre Lippen umzog, nicht hinlänglich versteckte. - Das sind in der Tat
erfreuliche Nachrichten - - - und glauben Sie, dass dem Waffenstillstande ein
Frieden folgen wird?
    - Schwerlich. Ein Frieden liegt gar nicht in der Absicht des dänischen
Kabinets. Es würde den Krieg fortführen, wenn es die Möglichkeit eines Erfolges
sähe. Allein wir wissen recht gut, dass, wenn wir so lange warten, bis vielleicht
ein strenger Winter die Blokade der Häfen unmöglich, dagegen den Uebergang der
feindlichen Truppen nach Alsen und Fünen möglich macht, die Abschliessung eines
Waffenstillstandes seine Schwierigkeiten haben könnte. Der Zweck des
Waffenstillstandes ist kein anderer, als den Winter in Ruhe und Sicherheit auf
die Vorbereitungen zu einem Frühlingsfeldzuge bedacht sein zu können. Deshalb
wird auch derselbe spätestens bis zum März dauern.
    - Und die Paulskirche ist in diesen Landesverrat eingeweiht? - rief Alice,
die ihre Entrüstung nicht länger bemeistern konnte, voller Hohn aus.
    Der Officier sah sie erstaunt an. - Ich verstehe Sie nicht - sagte er.
    - O, armes, betrogenes Vaterland, dass diese Elenden es wagen dürfen, dich
zum Spielball der Fürstenlaunen herabzuwürdigen! - Sie sind mein Gefangener,
Lieutenant - wandte sie sich an den Erstaunten, der einen Schritt zurücktretend
die Hand an den Degen legte.
    In demselben Moment aber fühlte er sich von zwei starken Händen an den
Schultern gefasst und zu Boden gezogen. Ehe er einen Ruf nach Hülfe ausstossen
konnte, war sein Mund mit einem Schnupftuch verstopft.
    Nachdem die Hände des Officiers zusammengebunden waren, bat Alice ihn mit
der liebenswürdigsten Freundlichkeit, sich zu erheben; worauf alle Drei sich
nach dem Boote in Bewegung setzten.
    - Chevalier - sagte scherzend Alice - unsere Gesellschaft hat sich vermehrt.
    Erlauben die Herren, dass ich Sie einander vorstelle; Chevalier von St. Just
und - - - ja so, ich weiss Ihren Namen noch nicht. So muss der Chevalier noch das
Vergnügen entbehren, Ihre Bekanntschaft zu machen.
    Ralph stiess das Boot vom Lande ab. Da liess der Chevalier, dessen Mund frei
war, auf einen bezeichnenden Blick des Officiers, plötzlich einen gellenden
Pfiff ertönen.
    - Guter Gilbert, Du wirst Dich noch um Deinen Kopf pfeifen - rief Alice, auf
ihn zueilend und ihr eigenes Schnupftuch ihm zwischen die Zähne schiebend. -
Zieh' die Ruder fester an, lieber Ralph; und das Boot durchschnitt, trotz der
grossen Last, die es trug, pfeilschnell die hochaufzischenden Wogen.
    Doch zeigte es sich bald, dass der Pfiff seine Wirkung nicht verfehlt hatte.
Das Boot des Officiers, von zwei rüstigen Matrosen bemannt und fast leer, wie es
war, hatte nicht sobald die Spur des fliehenden Feindes bemerkt, als es mit
einer Geschwindigkeit, die der des Fahrzeugs unserer Freunde um das Doppelte
überlegen war, die Jagd begann.
    - Halt ein, Ralph, es nützt zu Nichts, dass wir fliehen. Du kannst Deine
Kräfte besser brauchen. Zieh' die Ruder ein und nimm die Büchse zur Hand.
Salvador, Du, nimm das Pistol Gilberts. So!
    Das Boot kam mit furchtbarer Schnelligkeit näher. Doch da die Dunkelheit,
selbst die nächsten Gegenstände, nur als ungewisse Schatten erscheinen liess, so
konnten die Angreifer unmöglich die Distance zwischen ihrem und dem feindlichen
Boote berechnen. Sie hatten sich nur durch den Schall der Ruder leiten lassen
und waren jetzt, da diese schwiegen, in völliger Ungewissheit über die Richtung,
welche sie einzuschlagen hätten. Indessen verminderten sie die Schnelligkeit
nicht, in der Meinung, dass durch ein Umschlagen des Windes der Schall nach einer
andern Seite geführt werde.
    Alice sass, den starren Blick auf das näherkommende Boot gerichtet, am
Steuer. Jetzt sah sie es heranschiessen. Ein Druck am Steuer und das gehorsame
Fahrzeug beschrieb einen Halbkreis und stiess im nächsten Augenblick dem
heranstürmenden Feinde den Kiel in die Flanke. Während es selbst nur von der
Erschütterung getroffen, tief stöhnte, verloren die beiden Männer des
feindlichen Bootes das Gleichgewicht und stürzten über Bord ins Meer.
    - Jetzt, Ralph! - sagte Alice - mit einem Lächeln der Zufriedenheit - lege
die Ruder wieder ein! -
    Von Neuem setzte sich das Fahrzeug in Bewegung, während die beiden Matrosen,
wieder auftauchend, den Bord des Bootes zu erfassen suchten. In der Tat gaben
sie, durch ihren Unfall erbittert, nachdem sie sich glücklich ins Boot
zurückgerettet hatten, nicht nur nicht die Verfolgung auf, sondern setzten sie
mit noch grösserem Eifer fort. Aber teils der Umstand, dass sie ein Ruder
eingebüsst, teils die grosse Entfernung, in der sich bereits das verfolgte Boot
befand, liessen sie bald von ihrem Vorhaben abstehen.
    Als Ralph gelandet war, wurde Kriegsrat über die Gefangenen gehalten und
beschlossen, dass sie so lange im Boote unter der Aufsicht Salvadors und Alicens
zurückbleiben sollten, bis Ralph vom General von Wrangel Bescheid darüber
erhalten, was mit dem dänischen Officier geschehen solle.
    Nach kurzer Zeit kehrte Ralph niedergeschlagen und erbittert durch die
Antwort zurück, dass, da die Abschliessung des Waffenstillstandes nahe bevorstehe,
der Officier nicht zurückgehalten werden dürfte, weil eine solche
Gefangennehmung, besonders unter den Umständen, wie sie veranstaltet worden,
moralisch als ein Friedensbruch betrachtet werden würde.
    - Ich hab's Dir ja vorhergesagt - erwiederte Alice ruhig. Binde ihnen die
Hände los und lasse sie frei.
    - Auch Gilbert? - fragte Salvador.
    - Ja! - erwiederte Alice, die ein unbezwingliches Gefühl davon abhielt, den
Elenden der tausend Mal verdienten Strafe anheimzugeben.
    Schweigend lösten Salvador und Ralph die Stricke, mit denen die Hände der
Gefangenen gefesselt waren. Ohne ein Wort zu wechseln, entfernten sich diese.
    Die drei Freunde aber bestiegen wieder ihr Boot und begaben sich, am Ufer
hinsteuernd, auf den Rückweg.
    Alice schien über einen Entschluss zu sinnen.
    - Woran denkst Du? - - fragte Ralph, sich zu ihren Füssen kauernd, während
Salvador gemächlich das Boot in Bewegung setzte.
    - Ich überlege, ob ich schon Morgen reisen soll, oder erst den Abschluss des
Waffenstillstandes abwarte.
    - Reisen! - fragte bestürzt Ralph, sich halb aufrichtend.
    - Wie kann Dich das wundern? Ich halte es hier nicht mehr aus, nachdem
abermals alle Hoffnungen verschwunden, die ich auf das frisch aufblühende Leben,
auf die politische Regeneration Deutschlands, die - wie ich meinte - hier in
Schleswig ihren Anfang nehmen würde, gesetzt hatte.
    - Du siehst zu schwarz, Alice. - Wenn irgendwo, so finden wir hier
diejenigen Elemente, welche die erste Bedingung jedes volkstümlichen
Staatslebens sind, ich meine: nirgends hat die demokratische Bildung und das
Bewusstsein des Volks über seine eigene Souverainität tiefere Wurzeln geschlagen,
als in dem »meerumschlungenen« Schleswig.
    - Du irrst, mein Lieber - sagte traurig Alice - die demokratischen und
selbst republikanischen Elemente, welche hier sein mögen, concentrirten sich in
den Freischaaren und den süddeutschen Truppen. Die Schleswiger selbst sind reine
Bourgois, die nur einen einzigen erregbaren Punkt in ihrer indifferenten Seele
besitzen, ihren Hass gegen Dänemark; und selbst über diesen Hass beginnt sich
bereits eine Decke zu legen. Ziehen die Truppen aus dem Lande, werden die
Freischaaren aufgelöst, und geht der brave Major von der Tann nach München
zurück, dann ist hier Alles zu Ende.
    - Es mag sein, dass dadurch Schleswig aufhört, der Schauplatz der
Entscheidung über das künftige Schicksal Deutschlands zu sein, indessen werden
nicht alle Truppen zurückgezogen, und wenn auch die Freischaaren aufgelöst
werden, so bleiben doch unter der Linie noch tüchtige Kräfte.
    - Zum Beispiel? -
    - Zum Beispiel der Major von H. Auch er gehörte, wie Du weisst, den
Freischaaren Tann's an, und Du wirst nicht leugnen, dass er zu den ehrlichsten
Republikanern gehört.
    - Dein Beispiel ist unglücklich gewählt. Herr v. H. ist meiner gewissen
Ueberzeugung nach der entschiedenste Absolutist, den sich die Regierung nur
wünschen kann.
    - Ah, Du scherzest! - sagte Ralph ungläubig lächelnd.
    - Ich könnte Dir die Biographie des sehr ehrenwerten Herrn Magnus H. - so
wie manche Historien über den Republikanismus unserer »entschiedensten
Demokraten« erzählen - sagte mit Bitterkeit Alice. -
    Aber die Zeit wird kommen, wo nicht nur ihre Maske, sondern der ganze Kopf
herabfallen wird. - Trotzdem - setzte sie nach einer Pause hinzu - würde ich es
jetzt als eine Pflicht betrachten, hier zu bleiben, wo ich zuerst nur aus
Vergnügen war - wenn mich nicht andere Pflichten abriefen.
    - Andere Pflichten? - sagte traurig Ralph. - Ich begleite Dich - Alice.
    - Nein, ich gehe allein. - Nur Salvador kommt mit mir. Du, Ralph, musst
bleiben, weil es auch für Dich hier Pflichten gibt.
    - Und wohin gehst Du? - fragte er noch einmal.
    - Nach Frankfurt.
    - Nach Frankfurt! - wiederholte mit zitternder Stimme Ralph, indem er einen
halb ängstlichen, halb vorwurfsvollen Blick auf Alicen warf.
    - Hast Du Vertrauen zu mir? - sagte mit Ernst Alice.
    - Ja! - erwiederte aus voller Seele Ralph, die Hand auf's Herz legend.
    - Nun, dann frage nicht weiter, leb' wohl und denke meiner. Wir sind am
Ziele.
 
                                       IV
Der Waffenstillstand war zu Malmoe am 26. August auf 7 Monate abgeschlossen
worden. Durch das deutsche Land ging nur ein Schrei der Entrüstung über die
Schmach, welche dem deutschen Namen dadurch widerfahren. In Schleswig stieg die
Aufregung selbst unter den Truppen bis zu einem so bedenklichen Grade, dass sich
General von Wrangel veranlasst fühlte, unter dem Titel einer allgemeinen
Recognoscirung sämmtliche Truppenteile bis hinauf zur jütländischen Grenze zu
inspiciren. Wohl wissend, dass nichts mehr den Gehorsam und die Subordination
erhält als eine, wenn auch übertriebene Anerkennung derselben, sprach er in
einem langen Armeebefehl seine
       »vollkommenste Zufriedenheit« über die »Haltung der Truppen« aus.
    Zwar bedauert er die »Ungleichmässigkeiten im Äußern,« die notwendig aus
der »verschiedenartigen Uniformirung« hervorgehen, und »dem Auge sich mehr oder
weniger stark bemerkbar darstellen müsse,« beeilt sich jedoch hinzuzusetzen, dass
diese »Ungleichmässigkeiten« doch wieder »vollkommen ausgeglichen« werden durch
den »Geist der Ordnung, des Gehorsams und der freudigen Hingebung,« der ihn zu
den »schönsten Erwartungen berechtigt,« wenn es ihm
   »beschieden sein sollte, hier oder auf einem andern Kriegsschauplatz, jene
                      Truppen gegen den Feind zu führen« -
    O, du ahnungsvoller Engel Du! - - - - denn man kann unmöglich annehmen, dass
der General damals schon eine wirkliche Wissenschaft darüber gehabt habe, dass er
nach Berlin als Commandeur der »Marken« berufen werde, um die
Nationalversammlung zu sprengen und den Belagerungszustand über die ruhige Stadt
zu verhängen.
    Ja, der »Geist des Gehorsams und der freudigen Hingebung,« ist dem
preussischen Kriegsheere vortrefflich eingeimpft und genährt worden.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Waffenstillstand von Malmoe war der erste Triumph, den die Fürsten dem
Volke ins Gesicht schleuderten. Sie durften es wagen, waren sie doch ihrer
Trabanten in Frankfurt gewiss.
    Die denkwürdige Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 16. September
1848 streifte dem arglosen, vertrauungsvollen Volk die Schuppen von den Augen.
In dieser eilfstündigen Sitzung wurde die Frage des Malmoer Waffenstillstandes
definitiv verhandelt. Die Commission, welche denselben zu prüfen hatte, sprach
bedenklich ihre Ansicht dahin aus, dass die Nationalversammlung ihre Anerkennung
versagen solle. In der darauf beginnenden Debatte zeichneten sich unter den
Rednern, welche für die Anerkennung sprachen, Herr von Vinke und der Fürst
Lichnowski, unter denen, welche gegen dieselbe sprachen, Robert Blum und Simon
aus Trier aus.
    Von des Morgens um 9 Uhr hatte die Discussion ohne Unterbrechung bereits bis
Nachmittags um 5 Uhr gedauert und immer noch war kein Resultat abzusehen. Das
Volk hatte sich erwartungsvoll um die Paulskirche geschaart und diskutirte nach
seiner eigenen Weise. Nur wenige teilten die allgemeine Spannung nicht; zu
diesen Wenigen gehörten drei Männer, welche dicht am Hauptgange der Kirche
standen und mit gleichgültiger, fast verächtlicher Miene auf das hin- und
herwogende Publikum blickten. Von Zeit zu Zeit flüsterten sie sich einige
Bemerkungen zu.
    - Es ist notwendig - sagte der jüngste von ihnen - dass wir hinausschicken.
Man kann immer nicht wissen, was geschieht. Seit einer halben Stunde ist das
Volk um das Doppelte angewachsen.
    - Bah! - erwiederte der Angeredete - was Du da »Volk« zu nennen beliebst,
besteht zu drei Vierteilen aus Dütchendrehern und Pfeffersackscommis. Ich kenne
die Frankfurter besser. Sie wundern sich über die lange Sitzung und meinen in
ihrem Bourgeoisverstande, dass etwas Wichtiges dahinter stecken müsse. Wenn die
Herren aus der Paulskirche herauskommen, gehen sie eben so ruhig nach Hause, als
wenn sie Sonntags drüben im Forstause ihren Schoppen getrunken.
    - So gehe ich allein, auf meine eigene Verantwortung - sagte der Erstere
entschlossen. - Sie hat uns ausdrücklich beauftragt, ihr sogleich zu melden,
wenn das geringste Merkmal da wäre, was auf einen Tumult hindeute.
    - Meinetwegen geh in's Teufels Namen. Was kümmert's mich? Aber ich sage es
frei heraus, diese Weiberhierarchie will mir verflucht schlecht gefallen.
    Was soll diese Geheimnisskrämerei bedeuten? Dummes Zeug. Wenn's ans
Losschlagen einmal kommt, was ich in diesem verdammten Messjudennest sehr
bezweifle, so kehre ich mich an Niemandem, sondern gehe meinen eignen Weg.
    - Tun, was Du nicht lassen kannst - erwiederte Jener - ich tue dasselbe.
Adieu.
    - Ich begleite Dich, Joseph - sagte der Dritte, welcher bisher schweigend an
dem Pfeiler gelehnt hatte. Sie schlugen den Weg nach der Mainlust ein.
    Auf einer der schattigsten Plätze der Mainlust, vor sich die gefüllten
Becher, sassen Alice, der Pater Angelikus und Salvador. Aus der Ferne schallten
die vollen Klänge der Harmoniemusik herüber. Aber die drei Freunde schienen
weder durch den Duft des herrlichen Rheinweins, noch durch den Zauber der Musik
erheitert zu werden. Ernst sassen sie einander gegenüber, eine wahrscheinliche
Folge des Gesprächs, das sie eben mit einander geführt hatten.
    Alice wandte zuweilen einen Blick zwischen die Bäume in der Richtung nach
Frankfurt zu, als erwarte sie Jemand. Der Pater blickte aufmerksam auf Alice,
als wolle er die Wirkung seiner letzten Worte prüfen. Salvador war noch blässer
als gewöhnlich, und auffallend gleichgültig gegen das vorhin geführte Gespräch.
    - Wozu sind Sie entschlossen, werte Freundin? - fragte endlich der Pater,
seinen Blick von Alicen abwendend.
    - Zu handeln, wenn's Zeit ist - erwiederte kurz Alice.
    - Sehr wohl - fuhr der Pater mit sanftem Tone fort. - Allein, wenn's nun
Zeit ist, zu handeln, wie weit sind Sie zu gehen entschlossen?
    - So weit die Notwendigkeit und die von mir übernommene Mission es fordert.
- - - Pater, fragen Sie mich nicht aus. Ich kann Ihnen keine bestimmte Antwort
geben. Aber Eins kann ich Ihnen sagen: Unsere Wege mögen dieselben sein, oder
auch nicht; sicherlich aber sind unsere Ausgangspunkte nicht dieselben. Bedenken
Sie wohl, dass ich mich nicht zum Werkzeuge fremder Privatrache hergebe.
    Der Pater sah sie mit einem lauernden Blicke an. Ein Lächeln des Hohns flog
über seinen zusammengekniffenen Mund, als er mit seinem gewöhnlichen ruhigen
Tone sagte:
    - Es ist ein Unglück, was ich tief beklage, dass Sie nicht eine bessere
Meinung von mir gewinnen können und nicht mehr Vertrauen in mich setzen. Sie
kennen meine Zwecke. Sie sind so allgemein wie die Ihrigen, oder halten Sie die
Interessen des Katolizismus in seiner ganzen Ausdehnung für weniger umfassend
als die Interessen der radikalen Partei in Deutschland? Nun wohl, so fällt der
Vorwurf, der indirekt in Ihren Worten liegt, dass ich nur eine Privatrache
befriedigen will, in sich zusammen. Sie haben eine Mission, ich erkenne es an,
ich habe die meinige. Die Mittel, sie zu erfüllen, sind wie das Ziel, das sie
erreichen sollen, dieselben. Wohlan, so gehen wir miteinander! Ich brauche, um
die meinige zu erfüllen, die Unterstützung der radikalen Partei, Sie, um die
Ihrige zu vollenden, das, was die katolische Partei Ihnen bieten kann.
    Alice wollte antworten, als sie die beiden jungen Männer von der Paulskirche
auf sich zuschreiten sah. Rasch erhob sie sich und ging ihnen entgegen.
    - Ist die Sitzung zu Ende? - fragte sie schnell.
    - Nein - war die Antwort - aber eine grosse Menge Menschen ist draussen
versammelt und harrt auf das Resultat. -
    Unbefriedigt kehrte sie zum Pater zurück und fuhr mit diesem und Salvador
augenblicklich nach Frankfurt. Als sie dort hörte, dass der Majoritätsantrag mit
258 gegen 237 Stimmen verworfen und demnach der Waffenstillstand, trotz des
Hohns, der darin lag, dass die Centralgewalt beim Abschluss desselben vollständig
bis auf den Namen ignorirt worden war, anerkannt sei, sagte sie, mit Tränen im
Blick und zitternder Stimme, zum Pater Angelikus, indem sie ihm die Hand
reichte:
    - Ich bin entschlossen, Pater. Ich ziehe meine Hand, die ihn bisher
beschützte, von ihm ab. -
    Des Paters Züge veränderten sich nicht. Er nickte nur mit dem Kopfe und
verliess schweigend das Zimmer.
    Die Nachricht von dem Resultate der Sitzung verbreitete sich mit stürmischer
Schnelligkeit durch die Stadt. Eine gährende Bewegung gab sich urplötzlich in
dem Volke kund. Grosse Haufen zogen, die Nationalversammlung verwünschend, durch
die Strassen nach der Westendhall; andere sammelten sich vor dem englischen Hofe,
dem Zusammenkunftsorte der Abgeordneten der rechten Seite. Fenster wurden
eingeworfen und mannigfach donnernde Pereats auf die Rechte ausgebracht.
Generalmarsch tönte. Der englische Hof wurde von zwei Compagnien Kurhessen
umzingelt, das Volk zurückgedrängt und das Haus besetzt. Aber noch hatte der
Zorn des Volks nicht den höchsten Grad erreicht. Es fehlte die Einheit des
Bewusstseins in der Menge. Um Mitternacht herrschte wieder vollkommene Ruhe.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Tausende strömten am Nachmittage des folgenden Tages von allen Seiten her
nach der Pfingstweide zur Volksversammlung. Sämmtliche demokratische Vereine der
umliegenden Ortschaften, so wie Frankfurt selbst setzten sich in corpore nach
der Pfingstweide in Bewegung. Nachdem die Redner, welche meistens wie Schlöffel,
Simon aus Trier, Wesendonck, Zitz u. A. der Linken der Nationalversammlung
angehörten, unter dem lautlosen Schweigen des Volks, das nur zuweilen durch
einen stürmischen Beifallsjubel unterbrochen wurde, gehört worden waren, wurde
beschlossen:
Die Mitglieder der gestrigen Majorität, welche den Waffenstillstand anerkannten,
für Verräter am Vaterlande, an der Ehre und Freiheit Deutschlands zu erklären,
                                      und
diesen Beschluss nicht nur dem deutschen Volke, sondern auch der
Nationalversammlung selbst durch eine Deputation mitzuteilen.
    Darauf zog das Volk in zerstreuten Gruppen der Stadt zu, um sich vor dem
»deutschen Hofe« dem Sammelplatze der Linken, nach deren Beschlüssen es sein
ferneres Verhalten einrichten wollte, wieder zu vereinigen.
 
                                       V
In derselben Nacht rückten 3000 Mann Preussen und Oesterreicher ein.
    Als die Abgeordneten sich nach der Paulskirche zur Sitzung begaben, fanden
sie dieselbe vom Militär umringt. Zwar wurden die Truppen auf die Reclamationen
der Linken Anfangs zurückgezogen, bald jedoch, als die Masse des Volks immer
grösser und seine Haltung immer drohender wurde, wieder herbeigerufen. Aber das
Volk hatte einmal Posto gefasst und setzte dem andringenden Militär Widerstand
entgegen.
    In der Paulskirche hatte man nach Absolvirung der Waffenstillstandsfrage die
Beratung der Grundrechte wieder aufgenommen und Artikel 4, welcher über
»Lehrfreiheit« handelt, zur Debatte gestellt, als plötzlich der Tumult draussen
so anwächst, dass des Präsidenten Stimme ihn kaum zu übertönen vermag. - -
    Schläge donnern an die Tür. Erschreckt springen die ehrenwerten Herren von
ihren Sitzen empor. Das Haus gerät in Unruhe - - - man flüstert sich das
Schreckenswort »Barrikade« zu - - von der Rechten begeben sich einige Mitglieder
nach der Tür, um die Soldaten zum Widerstande zu ermuntern.
    Da knallt der erste Schuss in das Volk; ein 60jähriger Greis stürzt zusammen.
    Das Volk stiebt auseinander, voller Wut über den frischen Mord. Rasch
organisirt sich der Widerstand. Barrikaden wachsen mit wunderbarer Schnelligkeit
aus der Erde empor und werden von Offenbacher, Isenburger und Hanauer
Republikanern besetzt, die in zahllosen Schaaren herbeigeeilt waren, die
Schmach, welche die Nationalversammlung über Deutschland gebracht, abzuwaschen.
Um Mittag entbrennt der Kampf auf allen Punkten, das schwere Geschütz donnert
durch die Scheuer- und Fahrgasse und gegen die Barrikaden am Römerberge.
    Das Volk kämpft mit einem Mute, den nur die Verzweiflung zu erwecken im
Stande ist.
    Die Stadt wurde in Belagerungszustand erklärt und das Standrecht proklamirt.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Zweimal begab sich eine Deputation der Linken zum Erzherzog Johann und bat
ihn, die Truppen zurück ziehen und dem Blutbade ein Ende machen zu lassen.
    Der Reichsverweser war bereit, dem Wunsche Folge zu leisten, wenn das Volk
verspräche, die Barrikaden zertrümmern zu wollen, aber die Minister verweigerten
dem schon ausgefertigten Befehl ihre Contrasignatur.
    Dagegen gestatteten die Minister um 4 Uhr eine halbstündige Waffenruhe, um
den Insurgenten Zeit zur Abtragung der Barrikaden zu gewähren.
    Die Frist lief ab und der Angriff begann aufs Neue.
    Um 8 Uhr Abends war der Kampf so gut wie beendet, obgleich noch einige
Schüsse gehört wurden. Die Kartätschen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Zu
Hunderten lagen die Verwundeten und Todten in den Häusern und auf den Strassen
umher. Blut rötete die Trümmer der Barrikaden. -
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Alice sass während des heftigsten Kampfes auf ihrem Zimmer in der
Allerheiligengasse, dort, wo sie an die Zeil mündet. Dicht unter ihrem Fenster
erhob sich eine starke Barrikade, welche von österreichischen Soldaten
angegriffen wurde. Sie dachte an die Berliner Märznacht und seufzte aus tiefer
Brust. Welch' ein Unterschied zwischen dem Jetzt und Damals! Wie freudig, mit
wie mutiger Zuversicht des Sieges war sie damals auf die Strasse hinabgestiegen
und hatte die wackern Kämpfer angefeuert - wie zaghaft, mit wie schmerzlicher
Bekümmernis blickte sie heute auf den unseligen Kampf herab.
    Unbewusst flossen ihre Tränen, da fuhr sie plötzlich mit einem Schrei des
Schreckens empor. Sie glaubte Gilbert auf der Barrikade gesehen zu haben. Eine
Reihe von Gedanken durchflog ihre Seele.
    Schnell entschlossen eilte sie hinab. Sie drängte sich durch den Haufen
hindurch, unbekümmert um die Kugeln, welche sie umsausten.
    Endlich erreichte sie ihn. -
    - Gilbert! - rief sie mit aller Anstrengung, deren sie fähig war.
    Er wandte sich und stürzte mit geschwungener Büchse auf sie zu. Unfehlbar
hätte er ihr das Hirn zerschmettert, wenn nicht ein Arbeiter, ihre Gefahr
sehend, den Rasenden zurückgerissen und festgehalten hätte.
    Angst, Verzweiflung raubten Alice im ersten Augenblicke fast die Sprache.
Die Hände über der Brust zusammenpressend, flüsterte sie ihm zu:
    - Der Fürst ist in Gefahr! Komm, ihn retten!
    In Gilbert ging bei diesen Worten eine merkwürdige Verwandlung vor. - Mit
dem Ausdruck eines unauslöschlichen Hasses, dessen Gegenstand aber nicht Alice
zu sein schien, ballte er die Faust und murmelte: - Schnell, ehe es zu spät ist!
    Die entgegengesetzte Seite der Haasengasse war noch frei. Rasch eilten sie
durch einige Quergassen und kamen ins Freie. Alice wusste, dass der Fürst sich
häufig in dem Landhause des Herrn v. Betmann aufhielt, das nicht nur seiner
reizenden Lage, sondern auch anderer reizender Gegenstände wegen, wie böse
Zungen behaupteten, die Aufmerksamkeit des Fürsten erregt hatte.
    Als sie die Chaussee Friedberg erreichten, stiessen sie auf einen Trupp
Turner, welche sie nach dem Fürsten fragten.
    - Wir suchen ihn selbst - war die Antwort. - Hier herum muss er versteckt
sein, wir hörten, er sei vor einer halben Stunde nach dem Eschenheimer Tor
geritten.
    Schweigend eilten die Beiden der Stadtmauer entlang, nach dem Eschenheimer
Tore zu. Alice vergass Alles, was der Fürst gegen sie und die heilige Sache, für
die sie kämpfte, gesündigt. In diesem Augenblicke stand nur der lebensmutige,
ritterliche Mann vor ihrer Seele, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen,
dass er sterben solle, den sie einst geliebt.
    Gilbert blieb stehen. Alice folgte der Richtung seiner Blicke. Zwei Reiter
sprengten vom Eschenheimer Tor im Galopp auf sie zu.
    - Er ist's - rief sie, Gilberts Hand fassend, der, sie heftig von sich
schleudernd, auf das kleine Gebüsch, welches den Stadtgraben bezäumt, und aus
welchem ein zweiter Trupp Turner und Arbeiter hervortrat, zueilte.
    Sie waren mit Sensen, Piken und Büchsen bewaffnet und schaarten sich um eine
blutrote Fahne, die hoch in der Luft flatterte.
    - Auf, Brüder! - rief Gilbert, seinen Säbel schwingend - seht dort! Es ist
Lichnowski.
    - Hurrah! - brüllten die Turner, den beiden Reitern entgegenstürzend.
    Die Reiter stutzten und wandten ihre Pferde. Da knallten einige Schüsse und
der Begleiter des Fürsten, der General von Auerswald, stürzte vom Pferde herab,
das, sich hochaufbäumend, in gewaltigen Sätzen queer über die Felder davonjagte.
    Der Fürst, welcher ebenfalls durch einen Streifschuss verwundet worden war,
sprengte von der Strasse hinab auf das Landhaus des Herrn von Betmann zu,
welches kaum fünfhundert Schritt entfernt war. Aber sei es, dass sein Pferd in
dem feuchten Boden nicht gut fort konnte, oder dass es ebenfalls verwundet war:
Er hielt plötzlich, stieg ab und eilte, so schnell er konnte, dem Betmannschen
Garten zu.
    Mit wütendem Geschrei folgten ihm die Turner, Gilbert voran.
    An der Ecke des Gartens steht ein kleines, freundliches Haus, das dem
Kunstgärtner Schmidt gehörte. Als Lichnowski bis zu diesem Hause gekommen war,
öffnete sich eine Tür. Er schlüpfte hinein.
    Wenige Minuten darauf hatten auch die Turner das Haus erreicht. Stürmisch
verlangten sie Einlass. Vergebens, die Tür war von innen fest verrammelt.
    - Wartet Freunde! sagte ein junger, schmächtiger Mann, welcher sich durch
eine scharlachrote seidene Schärpe, aus der der Griff eines prächtigen Dolchs
hervorsah, auszeichnete - ich werde Euch Eingang verschaffen. Folgt mir!
    Sie eilten die Gartenmauer hinab bis zu einer kleinen Pforte.
    Der junge Mann zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete. Das Haus
wurde von allen Seiten umzingelt. Wütend über den Widerstand ergriffen die
Turner einen Balken und rannten mit demselben die innere Türe ein.
    Indessen hatte Alice, welche, über Gilberts Verfahren entsetzt, keiner
Bewegung fähig, aber eine Beute wahnsinniger Angst, eine schweigende Zuschauerin
der eben beschriebenen Scene gewesen war, ihre letzten Kräfte gesammelt, um den
letzten Versuch zu seiner Rettung zu wagen.
    Sie stürzte dem Hause zu und gelangte auf demselben Wege, den die Turner
sich geöffnet hatten, hinein.
    Aber es war zu spät. Der Haufen kam ihr schon tobend und jubelnd, den
Fürsten mit sich schleppend, entgegen. Sie drängte sich durch die Menge
hindurch.
    Felix! - rief sie mit herzzerreissendem Tone, in welchem sich der ganze
unendliche Jammer ihrer Seele aussprach.
    Der Fürst, der aus mehreren Wunden blutete, wandte seinen Blick nach der
wohlbekannten Stimme. Seine Augen strömten einen geisterhaften Glanz aus, als er
Alicen sah. Er bewegte die Lippen, aber kein Laut entfuhr denselben.
    Man liess ihn auf den Boden sinken. Die Rasenden, deren Wut befriedigt war,
wollten ihn freilassen und sich entfernen.
    - Ha, ihr elenden Wichte! - rief da ein Turner, dessen edles,
feingeschnittenes Gesicht von rabenschwarzen Locken umschattet wurde. - Ist das
Eure Rache? Gedenkt Ihr nicht der höhnenden Worte, die dieser Verräter noch
heute, als der Kampf schon begonnen, an der Hauptwache sprach:
    »Ich will doch einmal zusehen, wie sich die Canaille schlägt!«
    Nein, er muss sterben, sage ich. Wir wollen ihn ausstellen, als Zielscheibe
für unsere Kugeln.
    - Hurrah! - rief der zu neuer Wut entflammte Haufen - der Verräter muss
hingerichtet werden.
    Während man die Vorbereitungen dazu traf, hatte sich Alice zur Seite des
Fürsten niedergelassen. Da trat jener Turner mit den schwarzen Locken auf sie zu
und sagte mit düsterer Stimme:
    - Das ist kein Platz für Euch, Sennora! Steht auf! -
    - Ines! - rief Alice. Ines! Ihr seid ein fürchterliches Weib.
    - Meine Rache ist furchtbar, wie mein Schmerz. -
    Mit festem Blick schaute Ines auf den Fürsten herab, dessen Augen
geschlossen waren.
    - Willst Du wissen, mein Geliebter - sagte sie kalt - wessen Hand den Dolch
führte, der zuerst in Deine Brust sich senkte? -
    - Salvador wars, Dein Sohn und meiner. -
    - O, tödtet mich! um des Ewigen Barmherzigkeit willen! -
    Alice, die jetzt bis zu demjenigen Punkte des innern Seelenschmerzes
gekommen war, in dem der Geist selbst gegen das Ungeheuerste abstumpft, fragte
mechanisch:
    - Wo ist Salvador? sein unglücklicher Sohn? -
    - Todt! - antwortete eintönig Ines. - Er stiess sich selbst den Dolch ins
Herz.
    In diesem Augenblicke kehrten die Turner aus dem Hause zurück. Einer von
ihnen trug eine Tafel, auf welcher mit grossen Buchstaben geschrieben war:
    »So stirbt ein Verräter des Vaterlandes!«
 
                                    Fussnoten
1 Deutsch etwa: »Er hat kein Glück mehr, aber ich auch nicht.«
2 »Dies stolze Herz ist nicht zu brechen.«
3 Das Voigtland ist in Berlin das Stadtviertel, in welchem die Proletarier
wohnen.
 
    