
        
                                  Louise Aston
                                     Lydia
  So bitter ist ein ganzes Meer von Galle nicht,
 als eines stolzen Weibes Träne,
 der eig'nen Schmach geweint!
 
                                 Erstes Kapitel
»Das nenn' ich in der Tat ein eigentümliches Spiel des Zufalls, Cornelia, dass
ich Sie hier wiedertreffen muss!« - rief ein junger Mann in elegantem Reisekostüm
auf der Promenade des deutschen Bades Pr---t einer nicht minder elegant, aber
weniger geschmackvoll gekleideten Dame zu, deren ganze Erscheinung den Eindruck
machte, als wollte sie den natürlichen Reiz der Jugend, welcher den Zügen ihres
Gesichts bereits entflohen war, durch künstliche Mittel mit Gewalt an sich
fesseln.
    »Des Zufalls, lieber Baron? des Glücks, wollen Sie sagen. - Wahrhaftig des
Glücks, für mich wenigstens« - setzte sie mit halb aufrichtiger, halb ironischer
Stimme hinzu, während ein eigentümliches Lächeln um ihren farblosen, dünnen
Mund spielte.
    Bekanntlich hat der Mensch vor den Tieren - den Affen etwa ausgenommen -
unter vielen anderen Vorzügen hauptsächlich zwei, die ihn ganz besonders
charakterisiren: das Lachen und das Weinen. Von diesen ist aber wiederum das
Lachen eine Fähigkeit, die die meisten und mannichfaltigsten Modificationen
besitzt, vom Grinsen des Kretins und des Affen bis zum feinen, viel deutigen und
nichts sagenden Lächeln des Diplomaten, vom einfältig ehrlichen Ausbruch der
derben Fröhlichkeit des Bauernsohns bis zum huldreichen Beifallslächeln eines
erhabenen Mäcen. In allen diesen verschiedenen Arten und den unzähligen
dazwischen liegenden helleren oder dunkleren, zarteren oder gröberen
Schattirungen zeigt sich mehr als in irgend einer andern geistigen Funktion und
Seelenäusserung des Menschen das treueste und markirteste Abbild seines
individuellen Gepräges, nicht bloss in intellektueller, als auch in sittlicher
Beziehung.
    Corneliens Lachen hatte besonders das Eigentümliche, dass die übrigen Züge
ausser dem Munde meistens ganz unberührt davon blieben. So zeigte sich auch jetzt
auf ihrem Gesichte nicht die geringste Veränderung weder in Ausdruck noch in der
Farbe.
    Der Baron von Landsfeld - so hiess der junge Mann - bot ihr lachend den Arm.
»Seid wie lange sind Sie aus Venedig zurück, Cornelia? Ich erinnere mich, dass
Sie bei unserem letzten Zusammentreffen dort die Absicht aussprachen, nach
Palermo zu gehen.« Er warf einen schnellen, aber stechenden Blick auf sie.
Wirklich schien es, als ob durch die unangenehme Empfindung, welche in Cornelien
durch die Worte ihres Begleiters erregt wurde, die harten steinernen Züge ihres
Gesichts einen noch schärferen Ausdruck annahmen. Sie mochte dies fühlen, denn
sie bemühte sich augenscheinlich, den starren Ernst ihrer Mienen, unter dem sie
die Bewegung ihres Innern zu verstecken pflegte, in ihr gewöhnliches Lächeln
umzuschmelzen, welches aber diesmal sich zu einer unheimlichen Grimasse
verzerrte.
    »Lassen wir das, Baron« - sagte sie freundlich. »Ueberhaupt möchte ich Ihnen
einen Kontrakt vorschlagen für die Dauer unseres hiesigen Beisammenseins, im
Falle Sie nämlich gesonnen sind, längere Zeit hier zu verweilen. Ich gebe Ihnen
in voraus die Versicherung, dass für das kleine Opfer, welches Sie mir bringen
müssen, Ihnen reichliche Entschädigung werden soll. Es gibt hier unglaublich
viel Namen, resp. Menschen mit Eitelkeit und Pedanterie im Kopfe oder Wärme im
Herzen, an denen Sie Ihr Mütchen kühlen können. Doch davon später. Was mich
betrifft, so gestehe ich Ihnen offen, dass mir an Ihrer Gesellschaft viel, sehr
viel gelegen ist, dass ich trotzdem aber entschlossen bin, sie zu entbehren, wenn
Sie mir nicht das Versprechen geben - mich zu schonen.« -
    Die letzten Worte sprach Cornelia mit einem gewissen Zögern, indem sie
zugleich die Stimme etwas sinken liess.
    Der Baron liess ihren Arm los und sah ihr mit unverkennbarem Erstaunen, aber
auch mit unverhehlter Freude in's Gesicht.
    »Ist's möglich, Cornelia? Sie fangen an, Empfindung zu bekommen? Sie
gestehen ein, dass auch Sie der Schonung bedürftig sind, dass Sie folglich
verletzt werden können? Nun wahrhaftig, wenn das kein wunderbares Naturspiel
ist, dann weiss ich nicht, ob es noch etwas Anderes sein kann, als ein eben so
wunderbares Meisterstück - der Kunst.«
    »Sie irren sich in Beidem. Ich bin weder aufgelegt, sentimental zu werden,
noch die Sentimentale zu spielen. Die einfache Tatsache ist die, dass ich einmal
Vergnügen daran finde, aufrichtig zu sein - natürlich nur gegen Sie.«
    »Sehr verbunden,« sagte der Baron, indem er ihren Arm wieder in den seinigen
legte. »Und womit habe ich diese unschätzbare Gunst verdient, wenn die Frage
gestattet ist?« »Es ist weder eine Gunst, lieber Baron, noch wüsste ich, womit
Sie sie verdient hätten, wäre es eine. Nein, nein. Sie sind in dieser Rücksicht,
glaub' ich, nicht eitel genug, als dass ich Sie mit Erfolg täuschen könnte,
vorausgesetzt, dass ich Zwecke durch Sie zu erreichen wünschte, deren Wichtigkeit
mich für die Mühe eines solchen Täuschungsversuches entschädigte. Alles dies
findet nicht statt; Sie haben also die Gewähr für meine Aufrichtigkeit. Sind Sie
mit dieser Erklärung zufrieden?«
    »Allerdings, in so fern ich wohl mit Recht vermuten darf, dass Sie mich in
die weiteren und positiven Zwecke Ihrer Aufrichtigkeit zu mir nicht einweihen
werden.«
    »Ich bewundere eben so wohl Ihren Scharfsinn, Baron, als Ihr Zartgefühl, und
danke Ihnen, dass Sie mir eine abschlägige Antwort erspart haben.«
    »Gut« - erwiederte Landsfeld nach einer kurzen Pause, in der er über Etwas
nachzusinnen schien - »ich nehme die Bedingung an; schon deshalb, weil auch ich
Ihren nähern Umgang schmerzlich vermissen würde. Aber die Entschädigung -
sprachen Sie nicht davon?«
    Cornelia lachte.
    »Wie plump gebehrdet Ihr Männer Euch doch, so bald Ihr zu heucheln versucht.
So haben Sie an meinem Umgange also doch nicht genug? Sie sind so wenig galant,
dafür noch eine besondere Belohnung zu verlangen, dass ich Ihnen Gelegenheit
gebe, Ihre malitieuse Natur etwas zu humanisiren, indem ich Sie zu einem
rücksichtsvollen Benehmen gegen mich zwinge? - Sie zucken die Achseln? Gut denn,
aber ich wasche meine Hände in Unschuld. - Hm! was würden Sie zum Beispiel zu
der Nachricht sagen -« fuhr Cornelia, den Zeigefinger auf die Kinnspitze legend
und mit lauerndem Blicke von unten herauf den Baron fixirend, eine Mischung von
feierlicher Langsamkeit und banaler Gleichgültigkeit im Ton fort - »was würden
Sie dazu sagen, dass Alice von Rosen hier ist?«
    Cornelia fühlte es an dem leisen Zittern seines Arms, dass der abgeschossene
Pfeil sein Ziel nicht verfehlte. In der Tat wäre selbst dem unbefangenen
Zuschauer seine Bewegung nicht entgangen. Sein Gesicht überflog eine schnelle,
fieberhafte Röte. Doch im nächsten Augenblicke antwortete er mit grosser Ruhe:
    »Ich würde sagen, dass es eine abscheuliche Lüge ist.«
    »Auch wenn ich Sie versichere -«
    »Eben deshalb« - erwiederte er mit einer Lebhaftigkeit, die ihm von neuem
das Blut in's Gesicht trieb.
    »Fangen auch Sie an, Empfindung zu bekommen, Sie armer Freund« - sprach
Cornelia in mitleidig ironischem Ton, während ihre Züge teils den Ausdruck
tiefen Hasses, teils dämonischer Schadenfreude annahmen.
    »Ich habe meine Empfindung« - entgegnete der Baron in immer grösserer
Aufregung, obwohl er äusserlich gefasst in die blaue Luft hineinstarrte - »noch
nie hinter einer erbärmlichen Maske von Trockenheit und Kälte zu verstecken
nötig erachtet, gnädiges Fräulein, auch nicht nötig gehabt, da sie nicht so
rein aristokratisch ist, wie die Ihrige. - Doch wozu ärgern wir einander,
Cornelia? Haben Sie den Kontrakt nur vorgeschlagen, um das wohlfeile Vergnügen
zu haben, ihn zuerst brechen zu können? Sagten Sie nicht, ich sollte Sie
schonen? Ha, ha! Tor, der ich war, in diese Falle zu gehen.« Er fing wieder an
zu lachen.
    
    »Wir sind nun quitt, Baron, und bedürfen meines Erachtens jetzt keines
Kontrakts mehr. Indes täuschen Sie sich diesmal über meine Absicht, wie Sie sich
nachher überzeugen werden. Jetzt aber will ich Ihnen erzählen, warum ich nicht
nach Palermo gegangen; vielleicht wird das Ihr Blut so weit abkühlen, dass Sie im
Stande sind, anderweitige und für Sie interessantere Mitteilungen anzuhören,
ohne mir den Dank in Sottisen abzutragen. Seien Sie ruhig, ich schweige schon« -
fügte sie beschwichtigend hinzu, als sie seine Stirn sich in drohende Falten
legen sah - »und nun hören Sie:
    Sie wissen, dass ich kein Hehl aus dem eigentlichen Zweck meiner
italienischen Reise machte. Zwei Jahre hatte ich bereits in Berlin geweilt, wo
Schattenfrei bei der französischen Gesandtschaft angestellt war, und noch immer
war es mir nicht gelungen, mit ihm zusammen zu kommen, geschweige ihn an mich
von Neuem zu fesseln. Seine Frau, die übrigens, wie man so sagt, ein
liebenswürdiges, gutmütiges und harmloses Ding sein soll, war mir sehr im Wege.
Ich zerbrach mir Tag und Nacht den Kopf über die Auffindung eines geeigneten
Mittels, das ihn veranlassen könnte, mich zu besuchen -«
    »Man will wissen, dass Sie sich einmal doch im Teater trafen, ich glaube der
Liebestrank wurde gegeben« - - sagte der Baron mit hervorgehobenem Accent.
    Cornelia warf einen stechenden Blick auf ihren Begleiter »Schweigen Sie, bis
ich zu Ende bin. -«
    Der Baron lachte. »Das sind die Folgen davon, wenn man einen Kontrakt
vorschlägt, und ihn zuerst bricht. Jetzt fahren Sie fort, ich werde Sie nicht
mehr unterbrechen.«
    Cornelia unterdrückte eine Antwort, die ihr auf der Zunge lag und erzählte
weiter:
    »Nach vielen vergeblichen Versuchen hatte ich mein Vorhaben fast aufgegeben,
als ich zufällig in einer Gesellschaft davon reden hörte, Schattenfrei werde zur
Wiederherstellung seiner Gesundheit eine Reise nach Palermo machen. Ich forschte
genauer nach. Richtig, in vierzehn Tagen wollte er abreisen und zwar allein,
ohne seine Frau. Mein Plan war kurz gefasst. Ich wollte ihm zuvorkommen, ihn in
Venedig, das er doch ohne Zweifel passiren würde, erwarten und empfangen. In
vier Tagen war ich reisefertig, - in einer Woche war ich in Venedig. Das
Abenteuer, das ich mit dem jungen schwärmerischen Menschen dort hatte, kennen
Sie, es half mir wenigstens die Zeit verkürzen.
    Endlich war meiner Berechnung nach der Zeitpunkt gekommen, an dem
Schattenfrei eintreffen musste. Alle Vorbereitungen waren getroffen. So bald er
das Tor passiren würde, sollte ich davon benachrichtigt werden. Aber vergeblich
harrte ich auf die frohe Botschaft. Zwei Tage waren schon über den Termin hinaus
vergangen, da kamen Sie mit Frau von Rosen nach Venedig. Auch Sie wussten mir
Nichts über den Erwarteten mitzuteilen. Meine Unruhe nahm von Stunde zu Stunde
zu. Sie hielten mich und Alice damals für die innigsten Freundinnen.« -
    »Und Sie waren es nicht?« - fragte der Baron erstaunt.
    »Im gewissen Sinne allerdings, in so fern wir uns redlich in Rücksicht auf
unsere besondern Pläne in die Hände arbeiteten. Ausserdem aber hassten wir uns
eben so redlich, verleumdeten uns nach Frauenweise und heuchelten einander die
innigste Seelengemeinschaft vor.« -
    »Und warum das?«
    »Teils aus rein künstlerischem Vergnügen, teils auch, um uns in Uebung zu
erhalten, damit wir uns vor Andern, besonders vor Ihnen, nicht durch ein
unvorsichtiges Wort oder eine impertinente Miene kompromittirten.«
    »Vor mir?«
    »Freilich. Hören Sie nur weiter. Alicen lag viel daran, Sie auf eine kürzere
oder längere Zeit aus Venedig zu entfernen.«
    »Wahrhaftig?« - fragte der Baron ironisch - »und wozu, wenn ich bitten
darf?«
    »Einen Augenblick Geduld. Wie war das zu machen, ohne Ihren Verdacht zu
erregen und ohne an Ihrer Weigerung zu scheitern. Alice zeigte sich also sehr
bekümmert über meine Unruhe, die auf den höchsten Grad gestiegen war, als ich
die Nachricht erhielt, Schattenfrei habe die Tour über Genua eingeschlagen, um
von dort zur See nach Palermo zu gehen. Zugleich aber war die Nachricht zu wenig
verbürgt, als dass ich auf's Geratewohl Venedig verlassen konnte. In dieser Not
wandte sich die über meine verzweifelte Lage sehr betrübte Alice an Sie mit der
Bitte, auf etwa acht Tage nach Genua zu gehen und mich, im Fall Schattenfrei
dort eintreffen sollte, sogleich davon zu benachrichtigen. Durch welche Gründe
Alice Sie von der Notwendigkeit ihres Zurückbleibens in Venedig überzeugte,
weiss ich nicht.«
    »Sie fühlte die sittliche Verpflichtung, in diesem Falle die Liebe auf kurze
Zeit der Freundschaft zu opfern - und wollte Sie in dieser angstvollen Stimmung
nicht allein lassen.«
    Cornelia lachte höhnisch. - »Wie waren Sie damals blind, armer Baron. Im
Grunde ihrer Seele war Alice über Nichts erfreuter, als über meine Angst, und
sie hätte nicht einen Finger gerührt, mich davon zu befreien, hätte es nicht in
ihrem Plan gelegen. - Sie reis'ten ab und kurz nach Ihnen machte Alice mit dem
Herrn Berger, der ihr, unbemerkt von Ihnen, aber nicht von ihr, bis nach Venedig
gefolgt war, einen Ausflug ins Tyroler Gebirge. Beim Abschiede bat sie mich,
alle Briefe an Sie von Venedig aus zu befördern. So war jeder möglichen
Entdeckung ihrer Entfernung vorgebeugt. Es vergingen abermals acht Tage.
Schattenfrei kam immer noch nicht, Ihnen wurde in Genua die Zeit lang, Alicen
wurde sie in Tyrol kurz: der Augenblick nahte, den wir zur Wiedervereinigung
bestimmt hatten. Aber ich wartete vergeblich. Weder Sie, noch Alice kehrten
zurück. Ueberdies erhielt ich einen Brief aus Deutschland, worin mir mitgeteilt
wurde, dass Alice Schattenfrei mit meiner Absicht, ihn in Venedig zu erwarten,
bekannt gemacht und ihm den Rat gegeben, weder über Venedig noch über Genua
nach Süd-Italien zu gehen, wenn er überhaupt es nicht vorzöge, anders wohin
seine Schritte zu lenken, im Fall er ein Zusammentreffen mit mir vermeiden
wolle. So war ich nun völlig im Unklaren. War er doch nach Palermo gegangen oder
nicht? Sollte ich auf die Ungewissheit hin die weite und gefahrvolle Reise
unternehmen, abgesehen davon, dass meine Kasse nicht zum Besten bestellt war? Ich
fasste einen schnellen Entschluss und ging nach Deutschland zurück, mit der
Absicht, ihm bei seiner Zurückkunft in den Weg zu treten. Daraus, dass Alice mir
diesen hinterlistigen Streich aus Italien, oder wo es sonst sein mag, gespielt
hatte, ersah ich jedoch mit einer Art von Genugtuung, dass Sie mein
Leidensgefährte sein mussten, weil sie sonst in Betreff meiner mit mehr Vorsicht
gehandelt hätte.« - Bei diesen Worten warf Cornelia einen forschenden Blick auf
den Baron und fuhr dann fort: - »Es konnte ihr also nichts mehr daran gelegen
sein, ob ich Ihnen die wahre Sachlage mitteilte; folglich musste sie den
Gedanken an eine Wiedervereinigung mit Ihnen schon aufgegeben haben, als sie an
Schattenfrei schrieb. - Ich begab mich bald darauf nach Genua auf den Weg, um
Sie aufzusuchen, fand Sie aber nicht mehr anwesend, da Sie zwei Tage vorher nach
Venedig abgereiset waren. Wahrscheinlich hatten wir uns begegnet und ohne es zu
wissen verfehlt.« Die Ironie, mit der die letzten Worte gesprochen wurden,
liessen zweifeln, was der eigentliche Sinn derselben sein sollte.
    Mit dem Baron war während dieser Erzählung eine grosse Veränderung
vorgegangen. Zwar schien in diesem Augenblicke keine bestimmte Leidenschaft
seine Seele erfüllt zu haben, weder Hass noch Liebe, weder Verachtung noch Hohn
zeigte sich in seinen Mienen, aber eine Todtenblässe hatte seinem Gesicht einen
Ausdruck gegeben, der auf ein tiefes inneres Leiden schliessen liess. Eine Art
geistiger Lähmung schien sich seiner bemächtigt zu haben, als er mit tonloser
Stimme sprach:
    »Ich kam nach Venedig an demselben Tage, wie Schattenfrei. Ich suchte ihn
auf, um ihn sogleich zu Ihnen zu führen; aber vergebens forschte ich nach Ihrer
neuen Wohnung, denn ich konnte nicht auf den Gedanken geraten, dass Sie Venedig
verlassen hätten.
    Schattenfrei war erfreut, Sie in Venedig zu wissen, und bedauerte es
ernstlich, dass er Sie nicht finden konnte.«
    »Wie Schade« - unterbrach ihn Cornelia in der früheren ironischen Weise.
    »Uebrigens beruhigen Sie sich wegen des hinterlistigen Streiches Seitens
Alicens. Die Sache verhält sich anders. Sie hat mir selber geschrieben, dass sie
einen Ihrer beiderseitigen Bekannten in Berlin zu dieser unschuldigen
Mystifikation bereden wolle, um Ihnen dann durch das wirkliche Erscheinen
Schattenfrei's eine desto grössere Ueberraschung zu bereiten.«
    »Und Sie haben es natürlich für Wahrheit gehalten.«
    »Warum nicht? - Sie sollten glauben gemacht werden, Alice hätte jenen Brief
geschrieben, was aber nicht der Fall war.«
    »Wäre es gewesen, wie Sie sagen, so können Sie sich darauf verlassen, dass es
aus der Absicht geschehen ist, entweder mich in April zu schicken - oder aber zu
einer Rückkehr nach Deutschland zu veranlassen, die ich nachher zu bereuen
hätte, wenn ich die Wahrheit hörte.«
    »Sie scheinen in der Tat den Charakter Alicens gut zu kennen« sagte der
Baron mit einer tiefen Bitterkeit - »und weiter haben Sie Nichts von ihr und -
ihm gehört?«
    »Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, dass sie hier ist.«
    »Es ist wahr!« - rief er mit zitternder Stimme, indem seine Lippen bebten.
    »Wahr!«
    »Und er?«
    »Auch!«
    Mit leuchtenden Blicken sah er umher, als suche er den Gegenstand seiner
Rache. Cornelia fasste ihn beim Arm.
    »Kommen Sie!« - sagte sie leise und bedeutungsvoll.
    Sie führte ihn bei diesen Worten in einen schmalen Seitenweg ein, der tiefer
in die Mitte des Parks hineinführte. Schweigend und schnellen Schrittes gingen
sie neben einander daher, ohne auf die sie umgebenden reizenden Anlagen auch nur
einen flüchtigen Blick zu werfen.
    Ein klarer Bach, dessen Quelle nur einige Stunden weiter im Gebirge hinauf
lag, durchströmte in mannichfachen Windungen den Park, auf beiden Ufern mit den
herrlichsten Erlen- und Trauerweiden-Gruppen eingefasst. Zuweilen schimmerten
auch anmutig geschwungene Brückenbogen mit durchbrochenem weissen Geländer durch
das grüne Laubwerk, oder es klang das eintönige Rauschen einer kleinen bald
natürlichen, bald künstlichen Cascade in das Ohr des einsamen Spaziergängers.
Der grösste Reiz aber bestand in der völligen Zwanglosigkeit und scheinbaren
Unabsichtlichkeit, welche durch sämmtliche Anlagen herrschte. Unbefangenen
Gemütern, - das heisst solchen, die von der metodischen Entseelung, der wir
durch die Civilisation unterworfen werden, mehr oder minder unberührt geblieben
sind und die daher das Goldkorn ihrer innersten Menschenwürde noch nicht aus dem
Schacht ihres Herzens heraufgeholt und nach Aussen getrieben haben, damit es sich
als wertloser Goldschaum um ihre Oberfläche legt, um von denen da draussen
bewundert, betastet und - abgegriffen zu werden, - allen solchen unbefangenen
Gemütern muss der Anblick von Kunstanlagen, bei denen die Kunst gewöhnlich eben
solchen entseelenden Einfluss ausübt, wie die Civilisation auf die Menschen,
notwendig ein peinliches, drückendes Gefühl erregen. Die abgezirkelten, mit
gelbem Kies bestreuten Wege, die beschnittenen Hecken, die gespreizten Spaliere,
Alles benimmt der freien Brust den Atem; denn der Geist fühlt sich gerade in
der Freiheit, in der Unendlichkeit und Mannichfaltigkeit verwandt mit der Natur.
Jede Beschränkung, jedes kleinliche, nach der engherzigen Anschauungsweise
Zugeschnittene in ihr bedrückt auch den Menschengeist und macht den Schmerz der
Natur zu seinem eigenen.
    Ganz anderer Art mochten die Gedanken der beiden schweigenden Wanderer sein,
deren Blicke auf einen Punkt starrten, der stets zwei Schritte von den Spitzen
ihrer Füsse entfernt auf dem festgetretenen Boden ihnen voraus zu eilen schien.
    Der Baron von Landsfeld konnte im Sinne gewisser Frauen für einen schönen
Mann gelten. Hoch und schlank gewachsen, prägte sich in seine ganze Gestalt das
Bewusstsein von Mannhaftigkeit aus. Sein schöner Kopf, obwohl in diesem
Augenblicke etwas gesenkt, als wenn die Gedanken drinnen durch ihre Last ihn
gebeugt hätten, zeigte selbst in dieser Biegung des Nackens die Gewohnheit, ihn
stolz und aufrecht zu tragen. Wenn sein Haar nicht mehr die Elasticität und
Fülle der ersten Jugend besass, so war es doch glänzend und von schöner
dunkelbrauner Farbe. Dasselbe Gepräge von Energie lag auch auf der breiten
hochgewölbten Stirn und auf der edel, fast zu scharf hervorspringenden Nase. Der
zartgeformte und kleine Mund wurde fast ganz bedeckt von dem kräftigen und
sorgfältig gepflegten Barte, unter dessen dunklen Wellen das Kinn völlig
verschwand. Sein Auge war von eigentümlichem Glanze und tiefer durchdringender
Schärfe. Die Farbe war schwer zu bestimmen, da sie mit der grösseren oder
geringeren Stärke der augenblicklichen Empfindung zu wechseln schien. Im ruhigen
Gespräch hätte man es für ein mattes aber glänzendes Grau gehalten. In solchen
Augenblicken zeigte sein Gesicht einen fast gewöhnlichen Ausdruck. - Wenn
dagegen in seiner Seele irgend eine Leidenschaft ihren Sitz aufgeschlagen hatte
- und das war meistens der Fall - so erhielten seine Züge eine so
charakteristische Umgestaltung, dass man in Zweifel über die Identität der Person
geraten konnte. Die kurz aber fest zusammengezogenen Augenbrauen drückten dann
eine strenge Bestimmteit aus und der halbgeöffnete Mund mit der aufgeworfenen
Oberlippe, die scheinbar noch schärfer hervorspringenden Linien der Nase und vor
Allem die unter den tiefer herabgezogenen Brauen gross und dunkel
hervorstrahlenden Augen gaben dem bleichen Gesichte einen Ausdruck von
leidenschaftlicher Kälte und energischer Entschlossenheit, deren blosser Anblick
einem Geiste von geringerer Intensität Furcht einflössen musste.
    Der Baron trug gegenwärtig einen enganschliessenden Reitüberrock von
dunkelgrünem Tuch, der die muskulösen aber biegsamen Formen seines graziös
gebaueten Körpers vorteilhaft hervortreten liess. Seine weissen weiten
Beinkleider fielen in natürlichen Falten bis auf den eleganten Stiefel herab,
der eben so wie die eben bezeichneten Kleidungsstücke eine Abneigung gegen die
Herrschaft der Mode bekundete, ohne indes den Geschmack des Trägers irgend wie
zu kompromittiren. Im Gegenteil zeigte sich auch bis in diese scheinbar
unwesentliche Kleinigkeit hinein die in seinem ganzen Charakter begründete tiefe
Opposition gegen jedwede Autorität, die in so fern aber ihre eigene
Rechtfertigung in sich trug, als sie den Kampf gegen die Autorität nur auf
Kosten des einfachen, künstlerischen Geschmacks zu führen schien. Dieser Zug
seines Charakters, gegen die Willkühr der Menschensatzung, wie immer sie sich
zeigte, zu opponiren und das Schöne und Natürliche dagegen geltend zu machen,
stammte bei ihm jedoch nicht sowohl aus einem Entusiasmus für die Idee
überhaupt und für deren Rechte, als aus der selbstgefälligen Freude, dass seine
eigene Erkenntnis und Anschauungsweise über die Begriffe der gewöhnlichen
verkünstelten und kleinigkeitskrämerischen Welt dadurch erhaben sei, dass sie
jedes Vorurteil abgestreift. Aus dieser selbstsüchtigen Richtung seiner idealen
Erkenntnis - weil es ihm weniger um die Schönheit und Wahrheit dessen, was sie
in sich schloss, als um den eigenen Besitz desselben zu tun war, erklärte sich
einerseits die ironische Verachtung, welche er gegen die Menschen im Allgemeinen
hegte, anderseits der Skepticismus, mit dem er jede in der Welt ideale
Erscheinung von vornherein als Heuchelei oder Dummheit betrachtete. Vielleicht
könnte hieraus geschlossen werden, dass er den Respekt, welchen er allen Uebrigen
versagte, auf sich selbst beschränkte, weil er allein seiner Ueberzeugung nach
die richtige Erkenntnis von der Unwirklichkeit der Idealität besass. Allein in
der Tat schöpfte er aus der Verachtung der Uebrigen noch keinen Grund zur
Achtung seiner selbst. Er fühlte wohl, dass nur in dem Streben, die Idealität in
sich selbst zu verwirklichen, etwas Achtungswertes liegen könnte. Um dies aber
zu versuchen, fehlte ihm die sittliche Kraft, und daher der Glaube an die
Möglichkeit dieser Verwirklichung. Er war also nur in dem egoistischen Irrtum
befangen, dass er von der Ueberzeugung ausging, diese Verwirklichung sei nicht
ihm allein, sondern überhaupt unmöglich.
    So isolirt er durch diese Richtung seines Innern der Welt überhaupt
gegenüber stand, so gab es doch einen Menschen, der mit ihm in diesem sittlichen
Skepticismus sympatisirte und gerade gegen diesen fühlte er sonderbarer Weise
noch grössere, noch tiefere Verachtung, als gegen die gewöhnlichen Menschen. Aber
diese Verachtung hatte ihren Grund nicht darin, dass er das, was er an sich
selbst für unwürdig hielt, an Andern noch abscheulicher fand - sondern weil
jener Andere ein Weib war; denn beim Weibe schliesst die Verachtung der Idealität
noch grössere Würdelosigkeit in sich, als beim Mann. Ausserdem fehlte ihr jede
Spur von Entusiasmus, der wenigstens beim Baron die Quelle seines Skepticismus
gewesen war. Bei ihr war es reine Freude am Bösen - hämische Zerstörungssucht,
die ihm verächtlicher noch war, als Gemeinheit, Trivialität und Selbsttäuschung.
Dieses Weib war Cornelia.
    Cornelia von Hohenhausen hatte eine kleine, zartgebaute Gestalt. Ihre
Bewegungen waren trotz der Magerkeit ihrer Arme, ihres Nackens und Halses doch
weder eckig steif, noch kokett und manirirt, sondern so durchaus gefällig und
graziös, dass man darüber bei längerm Umgange die natürlichen Unvollkommenheiten
leicht vergessen konnte. Der Ausdruck in ihren Zügen war für gewöhnlich nicht
besonders auffallend und charakteristisch. Es gibt jedoch eine Art von
Gesichtern, deren charakteristische Merkmale weniger in den Hauptzügen, als in
scheinbar unwichtigen Nebenlinien liegen, die, weil sie weniger in die Augen
fallen, sich auch unbewachter und gleichsam unabhängiger vom Bewusstsein des
Menschen selbst entwickeln und gestalten. Hauptsächlich ist dies bei geistig
begabten aber unedlen Naturen der Fall; denn edle Naturen sind zu stolz für eine
solche Ueberwachung der Mienen Seitens des Bewusstseins, und einfältige Menschen
haben nicht die geistige Kraft und Stärke der Reflexion dazu. So sprach sich
auch die dämonische Natur Corneliens nicht in dem allgemeinen Schnitt des
Gesichts und in den einzelnen Hauptzügen aus, die vielmehr einen Charakter von
Bonhommie und gutmütiger Freundlichkeit an sich trugen, sondern in den fein
zusammengekniffenen Augenwinkeln, in dem unsichern, mattglänzenden grauen Auge
und in einer schmalen, langen Furche, die sich von beiden Seiten der Nase mit
einer unanmutigen Wendung um die Mundwinkel herum schlang, aber nur sichtbar
wurde und dann dem Gesicht einen sonderlich unheimlichen Ausdruck verlieh, wenn
sich der untere Teil des Gesichts zu einem Lächeln verzog. Ihr Mund war eher
klein als gross zu nennen, aber sehr dünn, farblos und ohne schönen Schnitt,
während die Nase so wie die Stirn keine unedle Bildung zeigte. Der unangenehme
Eindruck, den die wirklich auffallende Magerkeit ihres Gesichts, Halses und
Nackens in Jedem hervorbrachte, der an schönere Formen gewöhnt war, wurde noch
durch die dunkle Schattirung ihres Teints erhöht, welche vielleicht mit der
Farbe des Pergaments hätte verglichen werden können, wenn das Gelb des letzteren
mehr Grau und weniger Glanz entielte. Ihre Kleidung schien zwar im Gegensatz zu
der des Barons jede auffallende Abweichung vom herrschenden Geschmack der Mode
absichtlich zu vermeiden, ohne indes sowohl in Rücksicht auf die Wahl der
Stoffe, als auf deren Zusammenstellung, den reinen Geschmack und den feinen Sinn
für elegante Einfachheit und ungezwungene Harmonie zu bekunden, worin jener eine
eben so grosse Zarteit als Sicherheit besass.
    Cornelia trug an diesem Tage ein Kleid von schwerer hellgrüner Seide, dessen
weiter Ausschnitt dem Auge vollkommene Freiheit liess, nach den Reminiscenzen
früherer Fülle und Schönheit des Halses zu suchen. Ein italienischer Strohhut,
mit einer Straussfeder geschmückt, - Cornelia trug nur diesen Putz - ein
chinesischer Sonnenschirm und eine weisse Atlas-Mantille bildeten das übrige
Kostüm.
    »Treten Sie leiser auf« - sagte Cornelia zum Baron, als sie eben in eine
Kreisallee eintraten, die, wie man schon aus den hier und dort zwischen den
Gipfeln der Bäume durchbrechenden breiteren Lichtstellen schliessen konnte, einen
freien Platz umgab. Nur auf einem schmalen Steige, der die eine Seite der
dichten, aus jungen Buchen bestehenden Allee durchbrach, gelangte man in das
Rondel selbst und überzeugte sich dann, dass das, was man für einen freien Platz
gehalten hatte, ein kleiner Teich war, der von einem in seiner Mitte sich
erhebenden Springbrunnen gespeisst wurde. Rings um das Bassin, dessen Ufer nur
mit einer niedrigen Rosenhecke eingefasst war, lief ein schmaler Fussweg. An der
äusseren Wand der Buchenhecke standen quarreeartig geordnet vier gusseiserne, grün
angestrichene Ruhebänke, von denen die einander gegenübergelegenen von dem
breiten pyramidalartig gebaueten Springbrunnen maskirt wurden, so dass die auf
der einen Bank sitzenden Personen von denen auf dem jenseitigen Ufer
befindlichen nicht gesehen werden konnten. Cornelia bog vorsichtig ein paar
Zweige auseinander und warf einen forschenden Blick in das Rondel. Sie schien
mit dem Resultate ihrer Beobachtungen unzufrieden, denn sie wandte sich an den
Baron mit den Worten:
    »Bleiben Sie hier einen Augenblick stehen und geben Sie mir das Versprechen,
kein Lebenszeichen von sich zu geben, was Sie auch sehen mögen.«
    Der Baron nickte mit dem Kopfe. Er hatte jetzt, wo der entscheidende Moment
gekommen war, seine ganze Besonnenheit wieder erlangt. Mit übereinander
geschlagenen Armen stand er an einen Baum gelehnt und wartete, bis Cornelia, die
sich auf die andere Seite begeben hatte, zurück kehrte.
    Mit triumphirender Miene winkte sie ihm.
    »Allzugrosse Vorsicht ist nicht nötig« - sagte sie. »Das Geplätscher des
Springbrunnens dämpft jedes Geräusch bis zur Unhörbarkeit. Doch vorher eine
Frage: Was gedenken Sie zu tun?«
    »Sie werden es sehen, wenn ich gesehen habe Haben Sie indes keine Furcht« -
setzte der Baron mit leiser Stimme hinzu. - »Sie werden doch nicht glauben, dass
mein Ehrgeiz dahin geht, vor Ihnen ein romantisches Spektakelstück aufzuführen?
Verlieren wir keine Zeit mit unnützen Redensarten.« - Sie waren unterdess ein
Paar Schritte fortgegangen. »Hier« - sagte Cornelia, indem sie auf eine kleine
Öffnung zwischen den Blättern wies. Der Baron beugte sich vor.
    Auf der schräg gegenüber liegenden Bank sass, halb noch vom Wasserstaub des
Springbrunnens verdeckt, ein junger Mann von sehr einnehmendem blühenden
Äußern, das echte Bild der jugendlichen Frische und Anmut. Er starrte jetzt
vor sich auf den Boden nieder, in dem sein Spazierstock allerlei Arabesken und
Namenszüge eingrub. Neben ihm sass eine sehr bleiche, nicht mehr ganz jugendliche
Dame, deren schöngeformter Kopf von einer Menge kurzer anmutig geordneter
Locken umgeben war, welche die einzelnen Züge um so weniger klar erkennen
liessen, als sie sich auf ein Buch niederbeugte, aus dem sie dem jungen Manne
etwas vorzulesen schien. Obgleich ihr Oberkörper in halb sitzender halb
liegender Stellung bis an die Rücklehne der Bank zurückgebeugt war, konnte man
doch die graziösen Formen ihrer Gestalt bemerken.
    Sie liess jetzt das Buch sinken und sah den jungen Mann, der diese Bewegung
nicht zu bemerken schien, eine Weile schweigend an.
    »Was phantasiren Sie da, Artur?« - sagte sie mit sehr sanftem und
wohllautenden Accent, indem sie auf seine Zeichnungen wies.
    Erschreckt wie aus einem Traume fuhr er empor, dann strich er sich über die
Augen.
    »Ach, Alice« - entgegnete er mit einer Art von Wehmut im Ton, »ich dachte
eben darüber nach, wie so klein ich Dir erscheinen muss; wie es möglich sei, dass
ich Dir, dem hochherzigen, die ganze Menschenwelt mit Liebe umfassenden Weibe
mit meiner engherzigen Empfindung genügen kann. Ich fühle wohl, dass gerade in
meiner Verehrung für Dich, in dem Kultus meines Herzens für Deine Grösse mein
grösster Stolz, und in dem Bewusstsein, in Deinem schönen Körper Deine ganze
schöne Seele zu umfassen, mein höchstes Glück liegen muss - und doch liegt
zugleich mein grösster Schmerz darin.«
    »Schmerz?« fragte Alice mit demselben sanften, halb melancholischen Ton, der
ihr eigen zu sein schien.
    »Ja, Schmerz, rasender Schmerz« - rief der junge Mann aufspringend.
»Begreifst Du nicht den Schmerz, welcher in dem Gedanken, ganz Liebe und
Hingebung zu sein, in dem Gedanken, dass Du mein Gott, meine Welt, mein All bist,
und Du -«
    »Nun? und ich?« - sagte Alice, ebenfalls sich erhebend.
    »Du bist wie ein Fürst in seinem Park, wo nur das Ganze, die Harmonie aller
Einzelnen sein Wohlgefallen erregt, während er eine einzelne Blume ohne Kummer
zertreten mag. Ich bin wie der Arme, der nur diese Blume hat, und sein Liebstes
verliert, wenn sie ihm verloren geht. Glaube mir, Alice: dieser Gedanke verlässt
mich nicht mehr. Wie eine Ahnung Deines Verlustes schwebt es gleich dem kleinen
Sturmwölkchen am fernen Horizont meines Liebehimmels und selbst, wenn Du mich so
innig an Dein liebeglühendes Herz drücktest, blieb jener Gedanke als bittere
Hefe am Rande hängen und verbitterte mir so das schönste Glück, das Glück, Dich
ganz zu besitzen.«
    Sie waren indes Beide an das Bassin getreten. Arturs Gesicht glühte,
während er sprach; und Alice fütterte die Goldfische, welche schaarenweise auf
die hingeworfenen Brocken zuschwammen.
    »Du bist ungenügsam, Freund« - sagte sie sanft - »und wenn ich so sagen
dürfte, undankbar. Soll ich, um Dich von der Wahrheit meiner Liebe zu
überzeugen, Dich an die Opfer erinnern, die ich Dir gebracht, an - -.« »Verzeih
mir, Verzeihung Alice« - rief Artur mit Tränen in den Augen, indem er Alicens
Hand heftig an die Lippen presste und dann an die Brust drückte. »Du hast Recht.
Ich bin nicht wert, von Dir geliebt zu werden. Aber nimm hier mein Versprechen!
Was Du mir giebst, will ich dankbar hinnehmen, als spendete es mir eine
seegenbringende Göttin. Ich will nicht klagen, selbst dann nicht, wenn Du mich -
nicht mehr liebst« - setzte er mit bewegter Stimme hinzu.
    »O mein Geliebter« - rief plötzlich Alice, indem sie beide Arme um seinen
Hals schlang und seinen Kopf an ihren Busen presste. »Ruhig, mein Artur, ruhig«
setzte sie nach einer Pause hinzu, indem sie den Glühenden sanft von sich
abwehrte - »wir könnten belauscht werden - gieb mir den Arm. Wir wollen in den
Kursaal gehen.« Indem sie ihren Arm in den seinigen legte, traten sie in die
Allee ein.
    »Geben Sie mir den Arm, Cornelia,« sagte der Baron ruhig. Sie schlugen die
entgegengesetzte Richtung ein, so dass sie notwendig auf der andern Seite der
Kreisallee, an dem Punkte, wo der schmale Ausgang war, zusammentreffen mussten.
    »Was Teufel, Alice, Du hier? und so gut versehen. - Ich wünsche guten
Appetit, mein Herr!«
    Nach diesen, mit launigem Ton und unbefangenem Lachen begleiteten Worten,
welche der Baron dem andern Paare schon auf sechs Schritt zurief, zog er mit
ironischer Courtoisie den Hut und ging mit Cornelia gemächlich, und ohne weitere
Notiz von jenen zu nehmen, voraus.
    »Sie sind ein grausamer und, was mehr ist, ein gefährlicher Mensch, Baron;
die arme Alice! Wie blass wurde sie bei Ihrem Anblick. Und der junge Seladon mit
seinem Liebesschmerz - - haben Sie sein Gesicht gesehen? - hatte es nicht die
frappanteste Aehnlichkeit mit einem Schulknaben, der bei ungerechter Strafe
zwischen seinem Ehrgefühl und der angeborenen Pietät schwankt? - - Ich bin
neugierig, ob er die Sache so ruhig nehmen wird. - - - Was gedenken Sie zu tun,
Baron? - Aber mein Gott, so sprechen Sie doch! Warum antworten Sie denn nicht.
Sind Sie etwa gerührt? Fühlen Sie Gewissensbisse ob Ihrer Barbarei?« -
    »Schweigen Sie, Cornelia, ich bitte Sie dringend. Was sollen jetzt diese
Kindereien? Denken Sie daran, dass wir gehört und gesehen werden können, und dass
wir schon in der nächsten Minute einer höflichen Anrede von Herrn Artur
entgegen sehen dürfen.«
    »Sie haben Recht. Lassen Sie uns von gleichgültigen Dingen sprechen. Blicken
Sie einmal nach dieser Richtung hin. Sehen Sie dort in der Seitenallee die junge
Dame, die eine ältere am Arme führt?«
    »Nun?«
    »Das ist die Braut Arturs, der beiläufig gesagt ein sehr beliebter
Lieder-Componist, Namens Berger, ist. Merken Sie sich das, verehrtester Freund,
für vorkommende Fälle, und nun sehen Sie einmal dies junge Mädchen genauer an.
Nicht war, eine leibhaftige Hebe?«
    Der Baron konnte als Kenner in dieser Beziehung gelten, und doch musste er es
sich selbst gestehen, eine so durchaus anmutige Erscheinung war ihm noch
niemals zu Gesicht gekommen. Die zarteste Weiblichkeit und gefühlstiefste und
dennoch völlig ahnungslose Unschuld lag über den lieblichen Zügen dieses
reizenden, halb kindlichen, halb jungfräulichen Gesichts ausgebreitet. Sie
blickte, als der Baron mit Cornelia nahe gekommen war, unbefangen auf, schlug
aber wie innerlich zusammenschaudernd vor dem bleichen, leidenschaftlichen
Ausdruck des Ersteren schnell die Augen zu Boden, während eine tiefe Röte ihr
halbabgewandtes Gesicht und ihren Hals bedeckte.
    »Sie liebt ihn, glauben Sie?« fragte der Baron.
    »Wie es allgemein heisst und scheint, ja.« - erwiederte Cornelia.
    »Desto besser. - Wie heisst sie? - Ich will nur den Vornamen wissen.«
    »Lydia. - Warum wollen Sie nicht ihre Familie kennen lernen?«
    »Weil es überflüssig ist.«
    »Ueberflüssig? Ich sollte meinen, dass sie eine so anziehende Persönlichkeit
hat, die schon der Annäherung wert ist?«
    »Eben darum.«
    »Ich verstehe Sie nicht?«
    »Ich brauche ihren Familiennamen nicht zu wissen, weil sie ihn nach einem
Vierteljahre doch verlieren wird.«
    »Sie sprechen in Rätseln.«
    »Nun, zum Teufel! Sie wird dann meine Frau sein. Ich werde sie heiraten;
rede ich jetzt deutlich genug?«
    Cornelia sperrte diesmal vor wirklichem Erstaunen die Augen weiter auf, als
gewöhnlich. Indessen blieb ihr keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen, da in
demselben Augenblicke die Stimme des jungen Mannes, dessen Gespräch mit Alicen
sie belauscht hatte, neben ihr sich vernehmen liess.
    »Mein Herr, ich wünschte zu wissen, ob Sie die Absicht gehabt haben, die
Dame, welche in meiner Begleitung war, oder mich selbst persönlich zu
beleidigen.«
    »Haben Sie darin eine Beleidigung gefunden, so kann ich das weder Ihnen,
noch jener Dame wehren. Uebrigens pflege ich meine Absichten für mich zu
behalten.«
    »Sehr wohl, mein Herr.« - »Auf Wiedersehen, mein Herr,« sagte der Baron,
sich artig verbeugend, und verliess mit Cornelia den Park.
 
                                Zweites Kapitel
Das Bad Pr - - - t, welches eine weniger zahlreiche, aber mehr ausgewählte
Gesellschaft, als die meisten deutschen Bäder in seinem lieblichen Tale zu
vereinigen pflegte, hatte eine überaus reizende Lage am obern Abhange des
Gebirges, an dessen Fuss es sich gleich einer Perlenschnur hinschlang. Dieser
Vergleich war um so passender, als die meisten der kleinen, durch Gärten
getrennten Häuser weiss angestrichen waren, was dem aus der Ferne kommenden
Reisenden einen gar erquicklich heitern Anblick gewährte. Es besass nur eine
Strasse, die, der Böschung des Gebirges folgend, in mancherlei Windungen zwischen
Gärten und Häusern hinlief, und etwas aufsteigend zu dem höher gelegenen
eigentlichen Bade hinführte, welches aus zwei Brunnenhäusern und den dazu
gehörenden Nebengebäuden bestand und durch den grossen Park, welchen wir schon im
vorigen Kapitel kennen gelernt, von dem noch höher hinauf bis zum Kamm des
Gebirges sich erstreckenden Gebirgswalde getrennt wurde. Landsfeld hatte sich
bald nach der oben erzählten Scene von Cornelien getrennt. Er liess sie im
Kursaal und begab sich in den Park zurück, um einen Ausgang nach der Seite der
Gebirges zu suchen. Denn er liebte es, auf den unwegsamsten höchsten Abhängen
der Berge umherzuklettern, nur von sich und seiner Gefahr begleitet, in dem
Bewusstsein, ein Paar hundert oder tausend Fuss erhaben zu sein über dem
Menschentross da unten. Fand er aber gar durch Zufall eine Stelle, von der er auf
das Ameisentreiben der Ebene, etwa einen hervorspringenden Felsblock, von dessen
Spitze er in's Tal schauen konnte, oder eine tiefe Schlucht, die seinem Blick
einen schmalen Durchgang gewährte, so konnte er Stunden lang dort sitzen und
beobachten und sich freuen, wie sie doch wirklich so klein seien, diese
Menschen, und nicht verdienten, dass man sich mit dem Einzelnen anders
beschäftigte, als um ihn zu einem Mittel zu verwenden oder ein Experiment mit
ihm anzustellen. Er vergass dabei freilich, dass, wenn diese kleinen Menschen, die
er mit einiger poetischer Steigerung mit Ameisen - zuweilen auch wohl, wenn er
gerade übler Laune war, mit Mistkäfern verglich, ihn dort oben zufällig
erblickten, er ohne Zweifel von ihnen für eine Krähe oder sonst ein kleines
Getier gehalten werden würde, worin sie sich immer noch gerechter und
toleranter bewiesen als er.
    Langsam und gemächlich schlendernd nach Art anderer Spaziergänger - denn er
wusste wohl, dass er in einem Bade durch Nichts so sehr die Aufmerksamkeit erregt
hätte, als durch einen hastigen Gang - schlug Landsfeld die Richtung nach dem
Rondel ein, was er, durch seinen vorzüglichen Ortssinn unterstützt, bald
erreichte. Er schritt durch den kleinen Durchgang und blieb an der Bank stehen,
auf dem das von ihm belauschte Paar gesessen hatte. Darauf setzte er sich selbst
und versank in ein tiefes Nachsinnen. Der Kopf sank ihm auf die Brust, über der
er die Arme verschlungen hielt; sein Blick ruhte starr und teilnahmlos auf dem
Bassin, aus dessen stets bewegter Oberfläche dann und wann ein Goldfisch seinen
kleinen roten Kopf neugierig oder um Luft zu schöpfen herausstreckte. Ausser dem
einförmigen Plätschern des Springbrunnens, dessen herabfallender Wasserstrahl
durch eine schön gearbeitete marmorne Muschel aufgefangen wurde, von der das
Wasser in eine zweite grössere einfloss, um endlich von dem Bassin aufgenommen zu
werden, hörte man keinen Laut. Die Sonne durchglänzte nur noch die höchsten
Gipfel der Bäume, denn obwohl es noch nicht spät war, nahte der Abend diesem
Tale doch früher als selbst den tiefer gelegenen Gegenden, weil das in Westen
sich hineinziehende Gebirge die Strahlen der neigenden Sonne abschnitt.
    Eine Viertelstunde schon mochte Landsfeld in der bezeichneten Stellung
gesessen haben, ohne dass irgend eine Bewegung verriet, dass Leben in ihm sei,
hätte nicht ein fast unmerkliches krampfhaftes Zucken der rechten Hand, die der
linke Arm umfasste, einen Beweis vom Gegenteil gegeben.
    »Auch dies Weib« - murmelte er zwischen den Zähnen, indem er aufsprang. Er
warf einen forschenden Blick umher, als fürchtete er beobachtet zu werden. Sein
Gesicht war noch bleicher als sonst, aber in seinen Augen brannte eine dunkle
verzehrende Glut. Wie um die ihn störenden Gedanken zu verscheuchen, strich er
sich das über die Stirn herabgefallene Haar aus dem Gesicht und richtete sich
frei und hoch auf.
    Als er sich noch einmal nach dem eben verlassenen Sitz umwandte, als wollte
er noch einen letzten Abschiedsblick auf ihn werfen, fiel ihm ein weisses Blatt
in die Augen, welches wahrscheinlich zwischen den Fugen der Bank durchgefallen
und beim Fortgehen von einer der hier früher anwesenden Personen vergessen
worden war. Rasch nahm er es auf. Es war ein Billet, wie es schien von einer
Damenhand geschrieben. Die Adresse fehlte. Landsfeld sah nach der Unterschrift.
    »Lydia« - sagte der Baron. »Das ist ein Wink des Schicksals. Nun bei Gott,
der soll mir nicht umsonst gegeben sein.« Er schickte sich zu lesen an, als er
plötzlich inne hielt, und, das Billet zu sich steckend, an einer Stelle, die dem
kleinen Durchgange gegenüber lag, zwischen den Bäumen durchbrechend verschwand.
    Einen Augenblick später erschien an dem Durchgange der junge Mann, welchen
wir unter dem Namen Artur Berger kennen gelernt haben. Er schien etwas zu
suchen, denn er bückte sich unter die Bank, die so eben der Baron verlassen
hatte, ging dann noch mit zur Erde gerichteten Blicken um den Teich herum und
verliess endlich auf demselben Wege das Rondel. Landsfeld trat aus seinem
Versteck hervor. Ein triumphirendes Lächeln lag auf seinen Zügen.
    »Ich werde Dich lehren, Freund, in meinem Gehege zu jagen« sagte er, ihm
nachsehend. »Unbegreiflich bleibt es mir doch, dass Alice mich um diesen blonden
Schäfer aufgeben konnte. Aber sie sollen es Beide büssen« - setzte er mit einem
Ausdruck innerlicher Wut hinzu, der seinen Zügen einen wahrhaft unschönen
Charakter verlieh.
    Mit schnellen Schritten verliess er jetzt den Platz und schlug durch den
immer dichter werdenden Park, ohne die gebahnten Fusswege, die in grossen
Krümmungen einander durchkreuzten, zu berücksichtigen, die Richtung nach dem
Gebirge ein. Bald hatte er die Grenze des Parks, die durch eine dichte Hecke und
einen hinter demselben strömenden Arm des Bergstroms gebildet wurde, erreicht.
Mit kräftiger Hand bog er die Dornsträucher auseinander, um sich einen Durchgang
zu verschaffen, und stand am Ufer des Flüsschens, das hier ziemlich reissend und
durch mehrtägigen Regen höher als gewöhnlich angeschwollen war. Er war deshalb
gezwungen, einige hundert Schritte stromaufwärts zu gehen, wo ein mächtiger
Baumstamm, der teils vom Alter, teils vom Sturm gefällt zu sein schein, sich
wie eine natürliche Brücke über das unter ihm dahin rauschende Wasser gelegt
hatte. Indes war der Uebergang nicht leicht. Denn durch die Feuchtigkeit von der
Borke entblösst, bot die nach Oben gekehrte Seite des Stammes nur eine halbrunde,
schlüpfrig glatte Fläche dar, welche zu betreten mit nicht geringer Gefahr
verbunden war, da bei dem geringsten Fehltritt ein Sturz in das, wenn auch nicht
tiefe, doch mit einer Menge scharfer Felstrümmer besäete Flussbett unvermeidlich
war. Landsfeld wurde jedoch von keinem Gefühl weniger beherrscht als von der
Furcht. Im Gegenteil suchte er gerade solche Schwierigkeiten mit einer Art von
Liebhaberei auf, teils weil er in ihrer Ueberwindung die Aufregung fand, die er
zum Gefühl seiner Lebenskraft brauchte, teils auch darum, weil sein
Selbstgefühl durch den Gedanken erhoben wurde, dass tausend Andere an seiner
Stelle davor zurück schrecken würden. Denn das Gefühl der Superiorität war
dasjenige, welches bei ihm der grössten und kräftigsten Nahrung bedurfte. Hätte
er bei solchen Gelegenheiten Zuschauer gehabt, so würde er ohne Zweifel von dem
Versuch abgestanden sein, denn Nichts erschien ihm erbärmlicher als ein
leichtsinniges Renommiren. Auch achtete er die Menschen, die mit ihm nicht
wetteifern konnten, viel zu wenig, um ihren Beifall nicht widerwärtig, ja selbst
demütigend zu finden. Anders wäre es vielleicht gewesen, hätte er sich von
Jemandem belauscht und bewundert gewusst, der im Glauben stand, von ihm nicht
bemerkt zu werden. In solchem Falle nahm er den Triumph wohl mit, da keine
Demütigung damit verbunden war. Auch hätte er dann nach der Tat nie
zugestanden, von dem Lauscher gewusst zu haben, vielmehr versichert, dass er sie
gewiss unterlassen hätte, wenn er sich nicht allein geglaubt.
    Mit sicherem Fuss und festen Blick betrat er den schlüpfrigen Pfad und ging
ruhig, ohne Zögern und ohne Schrecken hinüber. Ohne einen Blick zurück zu
werfen, stieg er nun bergan. Nach halbstündigem Steigen gelangte er auf einen
schmalen, wohl nur von Hirten betretenen Fusssteig, der ihn in kurzer Zeit auf
des Berges höchsten Punkt führte.
    Eine herrliche Aussicht bot sich hier seinen Blicken dar. Vor ihm lag in
goldig blauen Duft gehüllt der Kamm des Gebirges, der von Norden nach Süden sich
hinziehend in den Strahlen der eben von den höchsten Gipfeln verschwindenden
Abendsonne erglühte. Mit gekreuzten Armen betrachtete Landsfeld das feierliche
schöne Schauspiel des sinkenden Gestirns, das noch einen letzten Abschiedsblick
und Kuss auf die allmählich zur Ruhe versinkende Erde zu werfen schien. Die Tage
seiner Jugend dämmerten in seiner Erinnerung auf mit allen ihren reinen Freuden,
mit allen schuldlosen Genüssen und harmlosen Spielen. Damals auch war er auf dem
Gebirge seines Vaterlandes umhergeklettert, damals auch fühlte er dies
innerliche Sehnen, auf den höchsten Spizzen zu stehen und herabzublicken auf die
Täler, wenn sich die Schatten auf sie lagerten, während die Gipfel und er
selbst auf ihnen noch von der dunkelsten Glut der Sonne erleuchtet wurde. Damals
auch kannte er keinen grösseren Schmerz als den, dass er die höchsten,
schneebedeckten Gipfel nicht erreichen konnte, die weit, weit hinter ihm noch
lagen und ihm in ihren weissen Häuptern bald zu winken, bald zu höhnen schienen.
Damals und heut! -
    Welche Bilder hatten sich seitdem durch seine Seele gedrängt, welche Reihe
von Gedanken seinen Geist bestürmt! - Jene Bilder waren verblichen und
verstümmelt, jene Gedanken hatten sich selbst verzehrt, oder waren von andern
verzehrt worden, von scharfen, bittern, schmerzlichen Gedanken, die seine Brust
ausgehöhlt und sein Herz verdorrt hatten.
    Aber die Erinnerung weckte die Leichen in seiner Brust und in seinem Herzen.
Wie Schatten zogen sie vor seinem innern Gesicht her, die heitern Bilder, die
ihn traurig und die düstern, die ihn bitter stimmten. Ein unendliches Gefühl des
Alleinseins ergriff ihn; eine Seele wollte er haben, in die er sich ergiessen,
aus der er Hoffnung und Trost schöpfen könnte.
    Hoffnung, worauf? Trost, wofür?
    Noch war in Landsfeld die Sehnsucht nach dem lebendigen Ideal nicht
untergegangen. Ja, in dieser Erinnerung an seine Jugend selbst konnte er die
Gewähr dafür schöpfen. Aber er sagte zu sich: »Wohl ist die Erinnerung das ewig
mit sich selbst ringende, ewig an sich selbst zweifelnde Bewusstsein des Ideals,
aber gepaart mit der Ueberzeugung, dass seine Erreichung unmöglich sei. Denn
warum wäre sie sonst schmerzlich, auch bei sogenannten guten Menschen? Sie ist
nicht die Vorstellung eines wirklich gehabten Genusses, sondern das zwecklose
Idealisiren desselben, das unwahre, selbsttrügerische Reinigen desselben von
allem Materiellen, Unbequemen, Hinderlichen, Unangenehmen, - kurz
Schlackenartigen, von dem jeder Genuss seinen Teil und jeder Schmerz den
seinigen hat, denn kein Genuss ist ohne Sinnlichkeit und kein Schmerz ohne
Egoismus. Darum stimmt uns eine Erinnerung nicht traurig, weil wir fühlen, dass
es nichts Wirkliches ist, was wir verloren, auch nicht froh, weil wir fühlen,
dass die Vergangenheit eine ewige ist, sondern wehmütig: - Und was liegt mehr
darin, als eine jämmerliche Inkonsequenz, die ohnedies sich durch ihre
Sentimentalität lächerrlich macht? - Mit der Hoffnung bin ich fertig« - fuhr er
nach einer Pause, in der er unverwandt nach dem immer tiefer sich färbenden
Gebirgskamm gesehen, als erwartete er noch ein Zeichen von dorter, das seine
Hoffnung noch einmal belebte, fort - »und der Trost, der mir werden soll?« Er
lächelte bitter - »den werde ich mir selber erringen. In der Trostlosigkeit der
Andern werde ich meine Ruhe finden. - O Alice, du hast mich fürchterlich
bestohlen.«
    Er wandte sich um. Eine Träne, vielleicht von dem Strahl der jetzt völlig
verschwundenen Abendsonne in sein Auge gelockt, zitterte in seiner Wimper. Mit
Unmut wischte er sie ab und sah hinab in das Tal. Das Bad lag vor ihm. Er
schritt weiter auf dem Rücken des Berges, zur Rechten den Gebirgskamm, der nur
noch wie eine graue Nebelmasse am Horizonte lag, zur Linken unter sich den Park
und dahinter die weisse Häuserreihe des Bades, die sich bis zu dem Punkte hinzog,
wo der Berg sich in's Tal hinabsenkte. Er stieg herab. Am letzten Hause, dessen
Dach sich fast unter den hohen mächtigen Kastanienbäumen, die es umgaben,
versteckte, blieb er einen Augenblick stehen.
    »Wir wollen sehen, Lydia, ob Du mir den Glauben an Weiblichkeit wirst
wiedergeben können. Du wirst eine harte Probe zu bestehen haben, armes Kind.
Aber ich kann sie Dir nicht ersparen Möge Dein guter Engel geben, dass Du fest
bleibst, so will ich Dich verehren und zu Dir beten.« Er zog ein Blatt Papier
aus der Tasche und nahte sich dem hellerleuchteten Fenster, das von aussen mit
einem Blumenbrett versehen war, worauf verschiedene Gewächse in zierlich weissen
und roten Töpfen standen.
    An dem hellen Scheine des Lichts schrieb er mit Bleifeder ein paar Worte auf
das weisse Blatt, wickelte darin das Billet, welches er heute im Rondel gefunden
hatte, hinein, und schob Beides zwischen zwei Blumentöpfe, überzeugt, dass die
liebliche Bewohnerin des Hauses, wenn sie am andern Morgen ihre Lieblinge
versorgen würde, es finden müsste.
    Noch einen Blick warf er in das Fenster und entfernte sich dann schnell, um
sich nach seiner Wohnung zu begeben, die einige hundert Schritt tiefer in's Dorf
hineinlag.
    »Es hat Jemand nach Ihnen gefragt, Herr Baron« - sagte sein Bedienter, indem
er seinem Herrn den rotsammetnen Schlafrock reichte.
    »Ein Herr oder eine Dame?«
    »Ein Herr. Er würde wieder kommen, meinte er. Hier ist die Karte.«
    »Artur Berger« sagte der Baron für sich. »Gut. Das Spiel hat begonnen.
Jetzt heisst es geschickt die Karten mischen.«
    Von dem weiten Spaziergange ermüdet und den mancherlei Aufregungen ermattet,
warf Landsfeld sich in die Ecke des Sophas, um durch einige Augenblicke der Ruhe
die Klarheit und Ruhe des Geistes wieder zu erlangen, welche er zum Empfange des
erwarteten Besuchs nötig zu haben glaubte.
    »Karl« - sagte er zu seinem Bedienten, der eben beschäftigt war, einen
brennenden Fidibus an die Cigarre zu halten, deren aromatischen Duft sein Herr
mit sybaritischem Behagen einzog, indem er die Füsse auf dem untergeschobenen
Tabouret ausstreckte.
    »Was befehlen der Herr Baron?«
    »Du hast heute Abend und morgen früh Deine fünf Sinne zusammen zu nehmen.«
    »Sehr wohl, Herr Baron.«
    »Weder auf ein gutes Trinkgeld noch auf eine hübsche, schnippische
Kammerzofe Jagd zu machen.«
    »O, Herr Baron.« -
    »A propos, Karl. Ich glaube bemerkt zu haben, dass Du Dir schon ein Liebchen
angeschafft hast. Wie stehts damit?«
    »Seit gestern schon? Der Herr Baron scherzen?«
    Landsfeld fixirte ihn.
    »Also nicht? hm, das tut mir leid« - sagte er vor sich hinmurmelnd.
    »Das heisst, gnädiger Herr - ich könnte wohl sagen - ich wünschte vielleicht
- hm, hm!!« -
    »Hast Du den Schnupfen?«
    »Nein. Ich wollte nur sagen, dass ich hier in der Nähe, da am Ende des Dorfes
unten ein allerliebstes Kind -«
    »Allerliebstes Kind?« - fragte Landsfeld, sich halb aufrichtend. - »Bist Du
des Teufels, Karl? Du unterstehst Dich? -«
    »Der Herr Baron befahlen doch« - erwiederte kleinlaut der erschreckte
Diener, einen Schritt zurücktretend.
    »Du hast Recht,« sagte Landsfeld sich besinnend und in seine frühere bequeme
Stellung zurücksinkend. »Fahr nur fort, - fahr fort in's Teufels Namen!« befahl
er, als Jener zögerte. »Du brauchst keine Furcht zu haben. Also das allerliebste
Kind -«
    »Ja sehen Sie, - gnädiger Herr, als ich da so herunterschlenderte, um - um
-«
    »Um die Gegend etwas anzusehen,« half gutmütig der Baron nach.
    »Richtig, um mir die Gegend etwas anzusehen, da war ich schon bis an's Ende
des Dorfs gekommen - und wollte eben wieder umkehren -«
    Der Baron lachte. »Denn ausser dem Dorfe gab es natürlich für Dich keine
Gegend mehr, nicht?«
    »Nun gut. Also da kam aus dem letzten Häuschen, wissen Sie, links, wo die
grossen Kastanienbäume vor der Türe stehen -«
    »Schon gut.«
    »kam eine junge Dame heraus, mit einer Giesskanne in der Hand. Aber sie musste
wohl kein Wasser drin haben, denn sie drehte sich wieder um und rief in's Haus
hinein: Linchen, Linchen! - Schön, dachte ich bei mir, jetzt wirst du was zu
sehen kriegen. Und richtig. Ein allerliebstes Kind.«
    »Wie sah denn die Dame aus?«
    »Ja, danach habe ich nicht gesehen. Aber Linchen -«
    »War noch eine andere Dame dabei?«
    »Ja, eine alte, wahrscheinlich die Mutter der jungen.«
    »Wahrscheinlich? woraus schliesst Du das?«
    »Nun, sie nannte sie liebes Kind und Lydia. Es mag wohl ihr Vorname gewesen
sein - ein kurioser Vorname - aber das -«
    »Ich glaube, es hat geschellt; sieh' einmal nach, Carl. - Ist es der Herr
von vorhin, so wird er mir angenehm sein. - Noch Eins. Besorge zwei Flaschen
Rotwein und drei Gläser.«
    »Sie wollen sagen: zwei Gläser.«
    »Tue, was ich Dir befohlen; und schnell.«
    Ein Paar Sekunden später trat Berger ein. Landsfeld sprang vom Sopha auf und
ging ihm einige Schritte entgegen.
    »Ich habe bedauert,« sagte er mit freundlicher Urbanität im Ton und Wesen,
»dass Sie mich schon einmal vergeblich aufgesucht. Darf ich fragen, was mir die
Ehre Ihres Besuchs verschafft?«
    Hätte die geringste Andeutung von Spott oder Ironie im Tone des Barons
gelegen, so würde dies absichtliche Ignoriren des heutigen Vorfalls ein Grund
mehr für Berger gewesen sein, auf den frühern Geliebten Alicens erbittert zu
sein. Als er diesen daher mit ruhiger, unbefangener Höflichkeit sich entgegen
treten sah, wusste er Anfangs nicht sogleich die rechten Worte zu finden und
geriet fast in Verlegenheit. - Der Baron konnte sich eines Lächelns nicht
erwehren, welches durch die Leichtigkeit dieses neuen Triumphs seiner
Geistessuperiorität unwillkührlich hervorgelockt wurde. Berger bemerkte es und
erlangte dadurch seine verlorene Fassung wieder. Mit ernstem Ton wandte er sich
an den Baron:
    »Mein Herr, Sie haben heute Morgen mich und noch mehr die Dame, deren
Begleiter zu sein ich die Ehre hatte, beleidigt -«
    Landsfeld verbeugte sich schweigend.
    »Ich habe kein Recht, nach dem Grunde dieses Betragens zu fragen, obwohl ich
gestehen muss, dass es mir um so auffallender war, als ich mich nicht erinnere,
jemals das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft gehabt zu haben.«
    »Da bin ich glücklicher gewesen. Denn ich bin der festen Ueberzeugung, dass
ich, obwohl unbewusst, schon lange der Ehre teilhaftig war, von Ihnen gekannt zu
sein.«
    Berger errötete.
    »Ich irre wohl nicht, wenn ich bei Ihnen die Absicht, zu beleidigen,
voraussetze?«
    Landsfeld verbeugte sich abermals, als ob ihm eben die grösste Schmeichelei
gesagt worden.
    »Sie sind bereit, mir Genugtuung zu geben?«
    Abermalige Verbeugung.
    »Bestimmen Sie gefälligst die Waffen.«
    »Erlauben Sie mir eine scheinbar indiskrete, aber, wie ich Sie auf mein
Ehrenwort versichere, in der wohlmeinendsten Absicht gestellte Frage. - Sind Sie
auf Säbel eingeschlagen?«
    »Nein, - weshalb?«
    »So wollen wir Pistolen wählen.«
    »Herr Baron, ich hoffe, dass Sie mit neuen Beleidigungen bis nach Tilgung der
ersten warten werden Was soll diese Schonung und Grossmut bedeuten?«
    »Mein lieber Herr« - sprach der Baron mit herzlichem Ton - »Sie irren sich
in mir. Ich will Ihnen die Gründe sagen, weshalb ich Pistolen vorziehe. Der
Säbel ist meine Lieblingswaffe. Wählte ich ihn, so würden Sie den Mangel an
Kunst in der Führung durch die Metode zu ersetzen suchen, die man Naturalisiren
zu nennen pflegt. Sie würden blind darauf los schlagen. Unter solchen Umständen
ist Hundert gegen Eins zu wetten, dass Einer von uns lebensgefährlich verwundet
wird.«
    »Glauben Sie denn, dass wir ein Possenspiel aufführen wollen?«
    »Das nicht. Aber ich bekenne Ihnen aufrichtig, dass ich weder Lust habe,
einen Stich in den Leib zu bekommen, noch Ihnen einen ähnlichen Liebesdienst zu
erweisen.«
    Das Gespräch wurde durch das Eintreten des Dieners unterbrochen, der seinem
Herrn einige Worte leise ins Ohr flüsterte.
    »Gut.« - sagte der Baron - »Ich lasse bitten, im Vorzimmer einige
Augenblicke zu verziehen. - Sieh' zu, Carl,« fügte er leiser hinzu - »dass dieser
Herr nichts bemerkt. Wenn er fort ist, werde ich rufen.«
    »Ich muss gestehen« - sagte Berger zum Baron - »dass Sie eine eigentümliche
Anschauung dieser Angelegenheit haben. Weshalb schlagen wir uns denn?«
    »Das frage ich Sie. Ich sehe keinen Grund dazu. Aber da Sie behaupten, von
mir beleidigt zu sein, so bin ich bereit, Ihnen das Vergnügen zu machen,
vorausgesetzt, dass wir es Beide nicht mit zu grossen Opfern bezahlen.«
    »Sie sind ein merkwürdiger Mensch« - bemerkte Berger, der nicht wusste, was
er dazu sagen sollte, da er sich vergeblich Mühe gegeben hatte, der Sache ein
feierliches Ansehen zu geben, und sein ganzes Vorhaben jetzt fast lächerrlich
fand. Am liebsten wäre er ganz davon abgestanden, wenn er die Sache nicht noch
zu verschlimmern gefürchtet hätte. Ausserdem gab es noch einen Gedanken in seiner
Seele, der ihn davon zurückhielt. Alice. Nicht als wenn er durch dieses Duell,
selbst wenn es glücklich für ihn enden sollte, einem Wunsche von ihr zu genügen
geglaubt hätte. Im Gegenteil hatte Alice alle Mittel ihrer Ueberredungskunst
aufgeboten, um ihn davon abzubringen, und hatte zuletzt nur geschwiegen, als er
sie fragte, ob sie den Gedanken ertragen könnte, ihren Geliebten öffentlich und
vor ihren Augen entehrt und beschimpft zu sehen. Hauptsächlich und der
vielleicht ihm selbst nicht ganz klar im Hintergrunde seines Bewusstseins
schlummernde Grund aber war der Ehrgeiz, vor den Augen seiner Geliebten auch mit
andern Waffen, als denen der Liebe, seine Mannhaftigkeit zu beweisen. - Einen
Augenblick schwebte ihm zwar das Bild der harmlosen Lydia vor, aber so fest und
tief war er bereits in den Liebesbanden Alicens verstrickt, dass die Erinnerung
an die Wonne, welche er in ihren Armen gefunden, jenes vorwurfsvolle Bild
schnell in ihm verwischte.
    »Gut« - sagte er nach einer Pause, während deren er von Landsfeld, der dem
Gange seiner Gedanken gleichsam mit den Augen zu folgen schien, scharf
beobachtet wurde - »ich nehme Ihren Vorschlag an. Auch steht mir ja ohnehin
keine Wahl zu. Bestimmen Sie das Weitere.«
    »Dreissig Schritt Distance und zehn Schritt Barrière, wenn's Ihnen so recht
ist. Wir wechseln Jeder zwei Schüsse, ob zugleich, ob nach einander, will ich
Ihnen überlassen. Im letzteren Falle bleibt derjenige, welcher den Schuss getan,
stehen, während der Gegner das Recht hat, bis an die Barrière vorzuschreiten.«
    »Und die Sekundanten?«
    »Ich glaubte, da Sie Ihren eigenen Cartelträger abgaben, würden Sie auch in
Verlegenheit um einen Sekundanten sein?«
    »In der Tat, ich wüsste nicht -«
    »Nun wohl. Was bedürfen wir der Zuschauer. Auch ich habe keinen Bekannten
hier, der mir diesen Dienst leisten könnte. Aber was meinen Sie dazu, dass wir
unsere beiden Damen, die ohnehin schon Zuschauer der Scene gewesen sind, welche
unseren Kampf hervorgerufen hat, bäten, diese Funktion zu übernehmen. Dass sie
sich darauf verstehen und ihre Sache gut machen werden, dafür bürge ich Ihnen.«
-
    Der letzte Zusatz berührte Berger unangenehm, da er eine Anspielung auf die
frühere genaue Bekanntschaft des Barons mit Alicen entielt. Indes gab er
freudig seine Zustimmung, weil er dann unter den Augen Alicens kämpfen würde.
    »Nun bleibt noch die Zeit und der Ort zu bestimmen übrig.«
    »Morgen in der Frühe um 6 Uhr, wenn's Ihnen gelegen ist. Wozu langer
Aufschub?«
    Berger eilte seiner Wohnung zu, um noch einen Brief an Lydia zu schreiben -
und dann in die Arme Alicens.
    Einen Augenblick blieb Landsfeld, nachdem ihn Berger verlassen, regungslos
auf derselben Stelle sitzen. Dann stürzte er schnell ein Glas Wein hinunter und
sprang auf. Nach einigen raschen Gängen durch das Zimmer trat er vor den Spiegel
und studirte einige Sekunden die Züge seines Gesichts. Das Resultat seiner
Forschungen schien nicht allzugünstig zu sein.
    »Verdammte Bewegung« - murmelte er vor sich hin, »die ich noch immer nicht
bemeistern kann. Was ist doch die menschliche Willenskraft für ein erbärmliches
Ding, wenn sie trotz aller Uebung nicht einmal diesen Linien und Falten gebieten
kann, dass sie eine beliebige Form und Wendung nehmen, gleichviel ob es im Innern
stürmt oder Windstille ist. Und was bewegt mich so, was weckt in meiner Brust
die schlummernde Windsbraut, dass sie die Blutwogen durch die Adern peitscht, als
sollte die rote Brandung alle Ufer durchbrechen? - Ein Weib - nur ein Weib!
Richard, wie klein bist du. Fühlst du es nicht, dass es vom Erhabenen zum
Lächerlichen nur ein Schritt ist? Hüte dich vor dem Coturn, Alicen gegenüber;
sonst bist du verloren. - Und doch, zwanzig Kugeln will ich lieber mit dem
blonden Schäfer über dem Schnupftuch wechseln, als einen Kampf der Verstellung
mit Alicen wagen. Genug der Reflexionen. Es ist die höchste Zeit zum Handeln. -
Carl!« - rief er mit lauter und ruhiger Stimme. -
    Die Türe öffnete sich. Landsfeld war überrascht, als er statt seiner
frühern Geliebten eine männliche Gestalt über die Schwelle schreiten sah. Ein
zweiter schärferer Blick überzeugte ihn jedoch, dass er sich in seiner Erwartung
nicht getäuscht habe. Es war Alice. Sie war in Männerkleidern, über die sie
einen weiten, faltigen Mantel geworfen. Schweigend wies Landsfeld auf das Sopha.
Sie liess den Mantel fallen und stand vor ihm da in jener geschmackvoll
phantastischen Tracht, die Landsfeld für sie in Venedig nach eigener Erfindung
hatte fertigen lassen und in der sie so oft mit ihm Ausflüge auf die Lagunen
gemacht.
    Eine dunkelblaue, kurze, mit goldenen Schnüren besetzte Sammetkasawaika,
die, durch einen schmalen goldenen Gürtel gehalten, den schlanken Leib umschloss,
reichte bis zu dem vollen biegsamen Hals hinauf, der von einem einfach, aber
sehr fein gestickten Brüsseler Kragen umschlossen war, und sich glatt, aber
ungezwungen über das blaue Kleid legte. Weite und faltenreiche weisse seidene
Beinkleider fielen bis auf den zartgebauten Fuss herab, welcher in einem kleinen
schwarzen Sammetstiefel steckte.
    Als sie die Wachsmaske abnahm, die ihr Gesicht bedeckte, wäre ein Maler
vielleicht überrascht worden durch die Bemerkung, dass die Schönheit ihrer Züge
keinesweges der Anmut und antiken Grazie ihrer Formen entsprach, denn sie
zeichneten sich weder durch Regelmässigkeit, noch durch eine besonders
auffallende geistige Harmonie aus. Zwar war Alles in diesem Gesicht klein und
zart, aber zugleich von so eigentümlichem Schnitt, dass dadurch, und durch die
Mischung von Sanfteit und Energie in ihren strahlenden Augen, alle ihre Züge
einen etwas unbestimmten, proteuischen Charakter annahmen. Wenn auch die erste
jugendliche Frische dieses Gesicht bereits verlassen hatte, so war es doch von
grosser Weisse und Feinheit der Zeichnung und gewann durch die an beiden Seiten es
beschattenden kurzen braunen Locken einen höchst interessanten Ausdruck.
    Sie legte die Maske auf den Tisch und folgte der Einladung des Barons,
welcher ihr mit grosse Ruhe eine Cigarre bot und ein Glas Wein präsentirte.
    »Du hast mich erwartet, Richard?« - fragte sie mit dem ihr eigentümlichen
mollartigen Tone, indem sie die Cigarre in Brand setzte.
    »Woraus schliesst Du das?« - sagte der Baron schnell, weil sein
Selbstgefühl sich durch den scharfen Blick Alicens, welche seine Ruhe richtig zu
beurteilen verstand, verletzt sah.
    Sie wies auf die drei Gläser. Landsfeld biss sich auf die Lippen.
    »Ich habe Cornelien erwartet« - sagte er.
    »Ich wünsche guten Appetit, mein Herr« - lachte Alice, indem sie den Baron
mit seinen eigenen Worten persiflirte. »Das war kein kluger Streich von Dir,
Richard« - fuhr sie mit melancholischer Stimme fort - »den armen Berger so zu
kränken; und inhuman ohnehin.«
    Landsfeld zuckte die Achseln.
    »Du kennst ja mein aufbrausendes Wesen, Alice. Du hättest mich nicht so früh
aus Deiner Schule entlassen sollen, denn wo hätte ich die Humanität besser und
praktischer lernen können, als bei Dir?«
    »Du bist bitter, Richard. Hast Du so wenig Erhabenheit der Seele, um dem
guten Artur sein kurzes Liebesglück nicht zu gönnen, und was mehr ist - so
wenig Stolz, um in ihm einen wirklichen Nebenbuhler zu sehen? Du bist
eifersüchtig, mein Freund, und das ist schmachvoll.«
    »Du bist hinterlistig, meine teure Freundin, und das ist mehr als
schmachvoll, es ist -«
    »Sprich nicht aus, Richard, ich bitte Dich. Ich weiss ohnehin Alles, was Du
mir sagen kannst, und erwiedere auf dies Alles nur Eins:
    Entweder warst Du ein blinder Tor, als Du mich liebtest, denn ich habe Dir
meine Ansichten über die Autonomie der Liebe nie verhehlt, ja ich bin überzeugt,
dass Du mich dieser Freiheit wegen selbst geliebt hast - oder Du bist ein eitler
Egoist, der nur dann für allgemeine Ideen sich entusiasmiren kann, so lange er
sich als den Mittelpunkt dieses Universums weiss.«
    »Vielleicht bin ich Beides, Alice« - sagte der Baron mühsam lächelnd, da er
sich getroffen fühlte.
    »Was gedenkst Du zu tun? Berger hat Dich gefordert?« sagte Alice nach einer
Pause.
    »Wir werden uns morgen in der Frühe schlagen. Er wird Dich bitten, ihm zu
sekundiren.«
    »Das wird nicht gehen. Denn ich habe Cornelien gefordert; wir duelliren uns
um dieselbe Zeit.«
    Landsfeld schlug ein schallendes Gelächter auf. - »Das ist ja eine
wundervolle Idee. Und Cornelia hat die Forderung angenommen, natürlich.«
    »Ich habe noch keine Antwort, aber ich zweifle nicht daran.«
    »O, sie muss. Ich will sogleich an sie schreiben.«
    »Du kannst sie ja morgen abholen, wenn's Zeit ist.«
    »Es ist wahr. Womit schlagt ihr euch?«
    »Auf Hieber. Es war dies eben auch ein Grund, weswegen ich so spät noch zu
Dir komme. Kannst Du mir ein Paar besorgen?«
    »Leider besitze ich solche nicht, aber ein Paar kurze Stossrappiere stehen zu
Deiner Disposition.«
    »Gut, - doch - was gedenkst Du zu tun mit Berger?«
    »Es tut mir leid, Deine Unruhe nicht beschwichtigen zu können. Du wirst es
morgen selbst sehen.«
    »In der Tat bin ich in Unruhe um ihn. Denn er ist ein Mensch von seltener
Reinheit und Tiefe des Gemüts. Du solltest ihn näher kennen lernen, Richard.
Ich wette, Du würdest ihn liebgewinnen.«
    »Möglich« - sagte der Baron kalt.
    »Kennst Du noch diesen Anzug?« - fragte Alice, indem ein plötzliches Feuer
in ihren Augen aufloderte.
    »Wie oft hat Dich der blonde Schäfer darin bewundert?« gegenfragte
Landsfeld, indem er seine Lippen zu einem sybaritischen Lächeln zwang, das
jedoch nicht völlig frei von Bitterkeit war.
    »Nie« - erwiederte Alice melancholisch - »aber ich werde mich morgen darin
schlagen.«
    Es lag eine solche Wahrheit in der tragischen Ruhe, mit der Alice diese
Worte aussprach, dass selbst Landsfeld einen kurzen Schauer fühlte. - Alice legte
sich in die Ecke zurück und schloss die Augen.
    Sie bot einen verführerischen Anblick dar.
    Er warf einen langen, glühenden Blick auf sie. Sein Herz pochte. Er hatte
dies Weib übermenschlich geliebt, er war ein Gott in ihren Armen gewesen. Jetzt
war nur noch die Wahl, ob er den Göttersitz, von dem sie ihn selbst um eines
Andern Willen verstossen - ihn verstossen, wieder einnehmen oder ihn zertrümmern
müsse. Es war ein Augenblick des gewaltigsten Kampfes, indem alle Mächte seiner
Seele gleich Titanen gegen den Olymp seiner Energie anstürmten. - Seine Lippe
zitterte, sein Auge glühte und eine fahle Blässe bedeckte sein Gesicht. Er stand
auf. Alice öffnete die Augen, halb träumerisch, halb verlangend war ihr feuchter
Blick auf Landsfeld gerichtet. - Aber der Kampf war in ihm bereits ausgekämpft.
Seine Lippe zitterte nicht mehr und seine Züge hatten ihren gewöhnlichen
Ausdruck und ihre natürliche Farbe wieder erlangt. Nur in seinen Augen loderte
noch die Glut des innern Ringens nach.
    »Es ist spät, Alice« - sagte er mit grosser Besonnenheit. »Ich habe noch zu
tun. Und auch Du -.« Er vollendete nicht die Bitterkeit, welche auf seinen
Lippen lag, als er Alicen erblassen und in einen Strom von Tränen ausbrechen
sah.
    »So ist es wirklich aus?« - sagte sie nach einer Weile, indem sie sich
erhob. »O Richard. Jetzt, wo mein Stolz sich zwischen uns gelagert hat, kann ich
Dir sagen, dass es nur eines Wortes von Dir bedurft hätte, um jedes andern
Glückes ausser des von Dir mir gewährten zu entsagen. - Vielleicht aber ist's
besser so.« -
    Sie warf den Mantel um und legte die Maske vor das Gesicht.
    »Auf Wiedersehen morgen früh, oder vielmehr heute früh, denn Mitternacht ist
wohl längst vorüber. Lebe wohl, Richard.« Sie reichte ihm die Hand. »Lass uns
ohne Groll scheiden. - Du hast mir sehr, sehr wehe getan, aber ich schwöre es
Dir bei Gott - nein, das ist eine Redensart - bei der Seele meines Kindes - das
Du so oft auf Deinem Schoss gewiegt, ich werde Dich nie, nie hassen können.
Denn Du bist der einzige Mann, den ich als Mann kennen gelernt. Lebe wohl.«
    Ehe noch Landsfeld ihren Abschiedsgruss erwiedern konnte, hatte sie bereits
das Zimmer verlassen. Er öffnete das Fenster. Eben trat sie auf die Strasse. Ihr
faltenreicher schwarzer Mantel, unter dem zuweilen die weissen Beinkleider
hervorblickten, flatterte noch lange im Scheine des hellen Mondlichtes und
verschwand endlich den Blicken des Nachsehenden.
    Landsfeld trat vom Fenster zurück. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn,
als wolle er einen quälenden Gedanken davon verscheuchen. Dann richtete er sich
hoch auf. Ein Siegeslächeln schwebte auf seinen Lippen, aber ein reineres als
jenes höhnische Lächeln triumphirender Schadenfreude, das seinen Mund verzerrte,
als er das Billet Lydia's gefunden.
    »Ich will eine Entscheidung« - sagte er im lauten Selbstgespräch - »der
letzte mögliche Beweis muss geprüft werden. Soll ich mich ewig mit der quälenden
Ungewissheit foltern, ob es sich lohnt, an die Menschen zu glauben oder nicht?
Soll ich immer wieder aus der Seelenruhe gleichgültiger Verachtung aufgestört
werden durch die heuchlerische Hoffnung, es sei doch wohl ein Irrtum von mir,
mit jeder Wahrheit in der Menschenbrust abschliessen zu wollen? - Ich will
Gewissheit haben, ich will ganz versöhnt sein mit den Menschen - und ich bin es,
sobald ich Einen finde, von dessen Wahrheit ich so fest überzeugt bin, dass auch
die Möglichkeit eines Zweifels undenkbar wird - oder ich will für immer das
Recht haben, überall Schein zu sehen! - Darum, Alice, mussten wir uns trennen, Du
giebst mir nur halben Glauben, bei Dir wird meine Sehnsucht nach der lautern und
ungeschminkten Reinheit des weiblichen Herzens nur brennender und qualvoller.
Aber Du kannst diesen Durst nicht löschen; und ich will nicht länger dürsten;
wie der Wanderer in der Wüste suche ich nach der grünenden Oase - ich will nicht
länger suchen. Noch einen Schritt will ich tun, noch einer Spur will ich
folgen. Führt auch diese mich nur in die Irre, so will ich sagen:
    Es gibt keine Quelle der Wahrheit in dem Weibesherzen.«
    Er setzte sich, um ein Billet an Cornelien zu schreiben, worin er ihr sagte,
dass sie sich um 5 Uhr früh bereit halten sollte. Er siegelte es und rief seinen
Diener.
    »Carl, Du gehst sogleich nach dem Gastof zum weissen Strauss, weckst den
Portier, wenn er schon schläft, und giebst ihm dieses Billet mit der Weisung, es
entweder gleich oder noch vor Sonnenaufgang an seine Adresse zu geben.«
    Dann schrieb Landsfeld noch einen andern Brief, an Lydia, worin er sie bat,
sich um das etwaige Ausbleiben ihres Verlobten nicht zu ängstigen. Er gab als
Grund das Duell an, da sie doch möglicher Weise durch einen Dritten davon hören
könne, und dann ihre Unruhe noch grösser sein würde; versicherte ihr aber auch
zugleich auf sein Ehrenwort, dass er fest entschlossen sei, seinem Gegner kein
Haar zu krümmen. Sie könne folglich ohne Sorge sein. Der Ton des Briefes ging in
keiner Weise über die Forderungen conventioneller Höflichkeit hinaus. Ohne eine
Andeutung über die Gründe des Duells zu geben, stellte Landsfeld das Motiv
seiner Mitteilung auf kein persönliches Interesse für die Empfängerin, sondern
stellte als solches einfach seine Pflicht als Mensch und Ehrenmann hin, und
vermied es, über seine Beteiligung und seine Gesinnung in Rücksicht auf diesen
vorliegenden Fall auch nur entfernt zu berühren.
    Als er mit dem Schreiben und der Schliessung des Briefes fertig war, hatte
sich auch bereits sein Diener des Auftrags an Cornelia entledigt.
    Er hatte die Letztere noch sprechen können, und das Billet selbst übergeben.
    »Sie würde zu jeder Stunde bereit sein, da sie sich gar nicht zur Ruhe
begeben würde« - war ihre Antwort.
    »Jetzt kannst Du ein Paar Stunden schlafen. Um vier Uhr musst Du bereit sein,
mich auf einem Spaziergange zu begleiten. Gute Nacht.«
 
                                Drittes Kapitel
Schon lange bevor die Sonne am östlichen Horizont, der die in weisslich grauen
Dunst eingehüllte Ebene begrenzte, ihre ersten Blitzstrahlen gegen die dichte
Nebelmasse ausgesandt und ihr Nahen nur erst durch einen breiten, langen, aber
schwachen Purpurstreifen, der zuweilen durch den, wie zum Widerstande sich
scheinbar immer mehr verdichtenden Nebelflor verwischt wurde, glänzten die im
Westen gelegenen Spitzen des Gebirges in dunkelroter Glut, die sich immer
tiefer und tiefer senkte. Endlich erschien auch auf der entgegengesetzten Seite
ein blutroter feuriger Streifen. Immer höher und höher sich erhebend,
gestaltete er sich zuletzt zum leuchtenden Feuerball, welcher auf der scharf
hervortretenden Linie des Horizonts tanzend zu schweben schien. Es war ein
wundervoller Anblick, wie ihn nur der verstehen und nachempfinden kann, der ihn
einmal in seiner ganzen Grösse und Schönheit genossen hat. Jede Beschreibung ist
matt und farblos gegen eine solche Wirklichkeit. Die zuckenden, sprühenden
Strahlen der Sonne, welche wie feurige Pfeile des zürnenden Gottes durcheinander
schiessen, bis sie die kämpfenden Nebelmassen zerstreuen, die sich nun fliehend
um die Gipfel der Bäume schaaren, als wollten sie im Schatten der Wälder ein
schützendes Bollwerk gegen die Macht des Lichts suchen - die glühenden
Bergspitzen und vor Allem der frische balsamische Duft, welcher wie ein
phantastischer Traum der halb noch träumenden Erde auf Berg und Tal, auf Wald
und Flur schwebt -: Wer vermag jemals alle die stillen Wonneschauer und die
schweigende Begeisterung zu vergessen, die ihn bei der Feier dieses erhabenen
Naturkultus durchbebte?
    Als die Strahlen des sich höher aufschwingenden Sonnenballs auf die Dächer
des noch grösstenteils im tiefen Schlaf ruhenden Dorfes fielen, und nur erst
einzelne Badegäste, denen der Arzt einen frühen Spaziergang als Kur verschrieben
hatte, gähnend und fröstelnd sich zu diesem unbequemen Geschäfte bereit machten,
öffneten sich auch die grünen Läden des letzten weissen Häuschens, über dessen
Dach die, uns aus der Beschreibung Carls schon bekannten mächtigen
Kastanienbäume ihre schützenden Zweige ausstreckten.
    Das Fenster war jedoch mit zwei übereinanderstehenden Reihen von
Blumentöpfen so bestellt, dass man Anfangs nichts von dem menschlichen Wesen
bemerken konnte, das so früh den schönen Morgen begrüssen zu wollen schien, als
eine niedliche, feine Hand und einen runden Arm von überraschender Zarteit und
Weisse. Die Läden waren nun wohl geöffnet, allein sie mussten noch von beiden
Seiten des Fensters befestigt werden. Dies schien auch die Besitzerin der
kleinen Hand und des reizenden Arms für notwendig zu erachten, denn sie öffnete
auch den andern Fensterflügel und nahm die oberste Reihe der Blumentöpfe
behutsam ab und schien einen nach dem andern auf einen neben dem Fenster
stehenden Tisch zu setzen. Nach Beendigung dieses Geschäfts beugte sie etwas den
Kopf vor, indem sie einen schnellen Blick über den Gartenzaun auf die nächste
Umgebung und seitwärts auf die Strasse warf, ob sie auch nicht von einem
unbefugten Zuschauer belauscht werde. Durch die tiefe Stille ringsumher
beruhigt, richtete sie nun ihre Blicke in die Ferne. War es die Glut des
östlichen Himmels, an dem eben die Sonne in ihrer vollsten Pracht sich erhoben
hatte, welche auf ihrem lieblich schönen Gesicht wiederstrahlte, oder war es die
stille Wonne ihres Innern, die halb wehmütige Freude über die unfassbare und
doch die ganze Menschenbrust erweiternde Schönheit der Natur: ihre Wangen
röteten sich tiefer, ihre Augen wurden glänzend und feucht und ihre Hände
legten sich unwillkührlich, wie in lautloser, heiliger Andacht über dem
schneller wogenden jungfräulichen Busen zusammen. Eine tiefe ruhige Sehnsucht
lag auf ihren Zügen und in dem blauen Auge, das wie in schmerzlich inniger
Empfindung nur halb aufgeschlagen in die Ferne blickte. Es war ein überaus
lieblicher Anblick, ein Anblick, der dem zweifelsüchtigen Landsfeld gewiss den
vollen Glauben an reine Weiblichkeit wiedergegeben hätte.
    Sie seufzte tief, ohne wohl zu wissen, warum. Denn was konnte dieses
Kindesherz schon getroffen haben, dass es von Schmerz erfüllt war? Ein
unbestimmtes Sehnen nur war es, was ihre Brust bewegte und zugleich erweiterte.
Denn es war ihr, als müsste sie alles das Schöne, Herrliche und Grosse, was sich
da draussen vor ihren Blicken entfaltete, hineinziehen in die Brust, oder als
müsste sie selbst sich hinausstürzen und sich auflösen in die allgemeine
Seligkeit der Natur. Ein innerlich tiefer, aber lautloser Jubel durchzog
zugleich ihr ganzes Wesen - sie weinte, ob vor Schmerz oder vor Wonne, sie wusste
es selbst nicht. Eine Träne fiel auf ihren vollen, weissen Busen herab, der in
ungestümen Wallungen sich unter dem lose befestigten Nachtkleide hervorgedrängt
hatte, als wolle er sich in dem taufeuchten Balsam der kühlen Morgenluft baden.
Unwillkührlich errötend, obschon sie sich allein und unbelauscht wusste, zog
sie, zum schnellen Bewusstsein der Wirklichkeit erwachend, das Kleid über der
Brust zusammen und bog sich, nachdem sie noch eine Träne aus dem Auge
getrocknet, über die Blumentöpfe hinaus, um die Laden zu befestigen.
    In diesem Augenblicke kam Landsfeld, in Begleitung Corneliens und des
nachfolgenden Dieners, der die Waffen unter dem Mantel trug, um die Ecke. Lydia
sprang schnell vom Fenster zurück, doch hatte bereits der scharfe Blick des
Barons sie erreicht, was er indes durch keine Bewegung verriet. Vielmehr ging
er ruhig und wie in ein eifriges Gespräch mit seiner Begleiterin versenkt, ohne
einen zweiten Blick nach dem Fenster zu werfen, vor demselben vorüber.
    Lydia holte tief Atem, ihre Farbe, die einen Augenblick das Gesicht völlig
verlassen hatte, kehrte allmählig wieder zurück. Ueber ihren eigenen Schreck
lächelnd, trat sie wieder an das Fenster, indem sie jedoch vorher noch einen
Blick in den Spiegel warf, um sich von der Ordnung ihrer Toilette zu überzeugen.
In der Tat hatte sie zu einer so ängstlichen Flucht keine Veranlassung, denn
das sehr reizende Morgenhäubchen, welche das kindlichreine Oval ihres Gesichts
umschloss, war eben so untadelhaft, wie das lange faltige, blendend weisse
Morgenkleid, das bis hoch über die Schulter hinaufreichte. - Nachdem sie noch
die Vorsicht angewendet, das letztere unter dem Halse mit Hülfe einer Nadel zu
einem festeren Anschluss zu zwingen, wobei sie abermals errötend die Augen
niederschlagen musste, weil ihr einfiel, wie gering der Zeitraum war, welcher
zwischen dem Erscheinen des vorhererwähnten Paares und dem Fall der Träne, die
sie aus ihrer Träumerei erweckt hatte, lag - trat sie abermals an das Fenster,
um endlich einmal ihr Geschäft zu vollenden.
    Diesmal wurde sie von Niemandem beunruhigt. Nachdem die Laden befestigt
waren, begann sie die in die Stube gestellten Töpfe wieder an ihren früheren
Platz zu stellen, als sie zwischen den beiden mittelsten Töpfen der unteren
Reihe ein zusammengewickeltes Blatt Papier bemerkte. Sie zog es neugierig
hervor, und öffnete es. Da erblickte sie auf der Einlage ihre eigene Schrift.
Als sie das Blatt entfaltete, erkannte sie ein Billet, das sie vor einigen Tagen
an ihren Verlobten geschrieben.
    Um so neugieriger ergriff sie nun das andere Blättchen, in dem jenes
eingeschlagen war, und las unter wachsendem Erstaunen folgende mit Bleifeder
geschriebenen Worte:
    Unsere Freuden sind wie Stäubchen, die von den Rädern des Lebenswagens
    fliegen, um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln.
Eine ihr selbst unerklärliche Angst ergriff Lydia bei diesen Worten; es war ihr,
als sei ein grosses Unglück geschehen, und doch hatte sie keine Vorstellung
davon, was es eigentlich sei, das sie so in Furcht setzte. Es lag in den Worten
des Zettels - das fühlte sie wohl - etwas Düsteres, Unheil Andeutendes, das sie
zur Resignation und Fassung aufforderte. Zuweilen schien ihr eine Art
melancholischen Trostes darin zu liegen, für einen grossen unbekannten Verlust,
der ihr drohte, oder der sie gar schon betroffen hatte. - Eine unnennbare Unruhe
ergriff sie. Sollte sie die mit Bleistift geschriebenen Worte mit dem Inhalt des
Billets in Verbindung setzen, das sie an ihren Verlobten geschrieben? Oder hatte
den Letzteren ein Unfall getroffen? Der Gedanke trieb alles Blut nach ihrem
Herzen. Wieder und wieder las sie die rätselhaften Worte, ohne den tieferen
Sinn, den sie darin vermutete, zu begreifen. Sie eilte in das Nebenzimmer, um
zu sehen, ob ihre Mutter, zu der sie ein unbedingtes, schrankenloses Vertrauen
hatte, schon wach geworden. Diese wollte sie um Rat fragen.
    »Liebes Kind« - sagte die würdige und liebenswürdige Frau, nachdem sie mit
Aufmerksamkeit beide Zettel durchlesen - »Du beunruhigst Dich, wie es mir
scheint, mit Unrecht. Was sollte Berger widerfahren sein? Vielleicht haben die
Worte, die Dir solche Angst machen, schon auf dem Zettel gestanden, ehe ihn der
unbekannte Finder des Billets zum Umschlag für das Letztere gebraucht. Auch muss
es wohl ein Bekannter sein, denn wer anders, als ein solcher, kennt Deinen
Vornamen und Deine Wohnung? - Vielleicht ist es auch ein Scherz von irgend
Jemand. Alles dies scheint mir der Wahrheit näher zu liegen, als Deine gänzlich
unbegründete Ahnung von irgend einem Unglück. Beruhige Dich deshalb. - Heute
Nachmittag wirst Du ja ohnehin Berger sehen, denn er versprach uns ja zu einem
Spaziergang abzuholen. Teile ihm dann offen die Tatsache, aber auch nur diese,
mit. Er wird Dir gewiss genügende Erklärung darüber geben können.«
    Die Ruhe, mit der die Mutter sprach, wirkte auf Lydia wohltätig ein. Sie
wurde ebenfalls ruhiger und begriff zuletzt nicht, wie sie sich einer so
kindischen Furcht habe hingeben können. Bald war von der ganzen Unruhe weiter
kein Gefühl in ihr zurückgeblieben, als das der Erwartung und Neugierde, wie
sich bei Bergers Erscheinen die Sache aufklären würde. Sie eilte leichten
Schrittes in den Garten hinter dem Hause hinab, um die Blumen zu tränken, ehe
die Sonne zu hoch gestiegen. Mit einem halb wehmütigen, halb freudigen Blicke
sah ihre Mutter ihr nach. Sie war keineswegs so ruhig und unbesorgt, als sie es
Lydien gegenüber geschienen hatte. Denn seit einigen Tagen war sie durch
verschiedene Äusserungen einiger Badegäste, die das Verhältnis Lydiens zu Berger
nicht kannten, oder nicht zu kennen sich den Anschein gaben, aufmerksam auf das
Betragen des Letzteren geworden. Es hatte ihr geschienen, als würde sein Name
nicht selten in Verbindung mit dem einer vor einigen Tagen angekommenen Dame
genannt, die durch ihre eigentümliche Stellung in der Welt, da sie nur in
Begleitung einer jungen Dienerin zu reisen schien, so wie durch die Freiheit und
Selbstständigkeit ihres Benehmens allgemeines Aufsehen erregte. Sie hatte bisher
ihre Vermutungen und Befürchtungen vor Lydia verborgen, weil sie zuvor klar
sehen wollte, ehe sie das harmlose Kind beunruhigen wollte. Es war zwar möglich,
dass Berger auf seiner Reise nach Italien, die er seiner künstlerischen
Ausbildung wegen unternommen, Frau von Rosen irgendwo kennen gelernt und nur die
Bekanntschaft, die vielleicht ganz oberflächlicher Natur war, wieder aufgenommen
hatte. Aber diese Vermutungen lösten die Bedenken, welche der Mutter Lydiens
aufgestiegen waren, nicht; vielmehr gewannen die letzteren durch den Umstand,
dass Berger bisher noch mit keiner Sylbe seiner neuen Bekanntschaft erwähnt
hatte, in ihr ein so grosses Gewicht, dass sie zuletzt sogar auf den Verdacht
fiel, das Zusammentreffen Bergers mit Frau von Rosen im hiesigen Bade sei nicht
ganz einem glücklichen oder unglücklichen Zufalle zuzuschreiben. Unter diesen
Umständen musste auch der Vorfall, welcher ihrer Tochter einen so grossen Schreck
verursacht hatte, für sie eine ganz andere und wichtigere Bedeutung gewinnen,
als sie Lydia gegenüber ihm beizulegen geschienen hatte. Schon mehrmals hatte
sie den Vorsatz gefasst, mit Berger offen über sein Betragen zu sprechen. Doch da
sie bisher in dem Benehmen gegen Lydia im Grunde nichts auszusetzen gehabt
hatte, vielmehr über seine achtungsvolle Zurückhaltung nur erfreut sein konnte,
so war sie immer wieder von demselben zurückgekommen, da sie wohl wusste, wie
nachteilig ein solches Gespräch auf die Unbefangenheit und Klarheit des
Verhältnisses wirken musste, im Fall ihre Verdachtsgründe sich als nichtig
ergeben sollten. Dieser letzte Vorfall aber gab eine genügende und sich durch
sich selbst rechtfertigende Veranlassung, um an Berger eine Frage zur Erklärung
desselben zu richten. So fasste sie denn in demselben Augenblicke, als sie nach
Lesung der mit Bleifeder geschriebenen Worte Lydia zu beruhigen versuchte, den
Entschluss, noch heute über alle ihre Bedenken und Zweifel in's Klare zu kommen;
ein Entschluss, der, je länger sie darüber nachdachte, um so grössere Festigkeit
erlangte, als sie in jenen rätselhaften Worten, die an Lydia gerichtet zu sein
schienen, nur eine Art Bestätigung ihrer Befürchtungen erblicken zu müssen
glaubte.
    Indessen hatte Lydia ihre Beschäftigung im Garten beendet, und war im
Begriff, ihren Vogel, dessen Bauer sie bereits zwischen den Blumentöpfen des
nach dem Garten hinaussehenden Fensters aufgestellt hatte, mit Nahrung zu
versehen, als ihre Mutter sie rief.
    »Ich glaube, es wird jetzt Zeit sein, dass wir uns ankleiden, liebes Kind.
Die Stunde, da ich zur Quelle muss, naht heran, und im Fall Du nicht vorziehest,
zurückzubleiben -«
    »Ach nein, lass mich mit Dir gehen, liebe Mutter. Du wirst so leicht müde,
wenn Du keinen Begleiter hast, auf den Du Dich stützen kannst. Ich mag auch
heute nicht allein zu Hause bleiben, mir ist so bange, ich weiss selber nicht
warum.«
    »Furchtsames Kind, Du« - lächelte die Mutter, der im Grunde nicht minder
bange zu Mute war.
    Nach einer halben Stunde war die Toilette der Damen beendet. Arm in Arm
traten sie aus dem Hause und begaben sich langsam nach der ziemlich entfernten
Quelle. Da diese an dem entgegengesetzten Ende des Dorfs höher hinauf am Abhange
des Berges gelegen war, so hätten sie das Dorf seiner ganzen Länge nach
durchmessen müssen. Indes führte hinter der rechts gelegenen Häuserreihe, am
Ufer des Bachs, der nach seinem Austritt aus dem Park an dem Dorfe sich
hinschlängelte, ein schmaler, nur höchstens für zwei Personen betretbarer
Fusssteig, den die beiden Damen sonst wegen seiner Feuchtigkeit des Morgens zu
vermeiden pflegten. Heute jedoch schien die Sonne so warm und erquicklich, dass
sie unwillkührlich, statt die Strasse hinabzugehen, um die Ecke des Hauses bogen,
um den erwähnten Fusssteig zu gewinnen, auf dem sie in weit kürzerer Zeit die
Quelle erreichen konnten.
    Still wanderten sie neben einander her, jede mit ihren eigenen Gedanken
beschäftigt. Durch instinktartige Furcht davon abgehalten, vermieden sie es,
über das heutige Ereignis zu sprechen, obwohl sie Beide ahnen mochten, dass dies
gerade der gemeinschaftliche Gegenstand ihres Nachdenkens und die Ursache ihres
Schweigens war. Als sie über die Hälfte des Wegs zurückgelegt, hörten sie
plötzlich in weiter Ferne einen Schuss fallen, der vom Gebirge herabzutönen
schien. Ein schnelles, aber rasch unterdrücktes Zittern des Arms ihrer Mutter,
der sich auf den ihrigen stützte, bewies Lydia, dass ihre Mutter durch den Schuss
erschreckt worden war. Sie erblasste.
    »Mein Gott, liebe Mutter -«
    »Still, mein Kind. Es war eine blosse Schwäche.«
    Ein zweiter Schuss fiel, aus derselben Richtung herüberschallend. Die innere
Aufregung Lydiens nahm zu. Ihre Mutter hatte die Fassung völlig wieder erlangt,
aber nicht ohne eine gewaltsame innere Anstrengung, die dem milden Ernst,
welcher gewöhnlich auf ihren regelmässigen und feinen Zügen lag, einen Charakter
von Erhabenheit und Seelengrösse verlieh.
    Nach einer längern Pause fiel ein dritter und unmittelbar darauf ein vierter
Schuss. - Die Schritte der beiden Damen wurden schneller, als wollten sie dem
unheimlichen Eindruck, den das Schiessen auf sie hervorbrachte, entfliehen.
Erhjetzt und fast atemlos, ob mehr vor innerer Bewegung oder von der
körperlichen Aufregung war schwer zu entscheiden, langten sie im Brunnenhäuschen
an, um das sich bereits eine grosse Zahl von Trinkenden versammelt hatte. Das
Geräusch und die gleichgültigen, zuweilen vom munteren Gelächter unterbrochenen
Gespräche wirkten beruhigend auf ihre aufgeregten Gemüter. Lydia wurde von
einigen jungen Mädchen, die ihr in der Residenz, wo sie mit ihrer Mutter die
letzten beiden Winter nach dem Tode ihres Vaters, des Forstrats von Dorntal,
zugebracht hatte, bekannt waren, umringt und vergass bald unter Scherzen und
Lachen ihre eben gehabte Angst. An die Forsträtin von Dorntal schloss sich
ebenfalls ein Bekannter an, ein Freund ihres verstorbenen Mannes, der Hofrat
Rupf, dessen geschäftiges, prunksilberartiges Wesen, gepaart mit einer
grenzenlosen Bonhommie und unerschöpflichen Laune, ihn zum allgemeinen Liebling
der Badegäste und besonders des weiblichen Teils derselben gemacht hatte, weil
er sich nichts mehr angelegen sein liess, als für das allgemeine Vergnügen und
gemütliche Zusammenleben der Badegesellschaft zu sorgen. Wenn man den langen,
aber beweglichen Mann durch die bunten Reihen der jungen Mädchen hüpfen sah, um
sich nach dem Befinden der Einen zu erkundigen, oder den Rat der Andern in
Betreff der Arrangirung einer Partie einzuholen, so musste die warme Sympatie
auffallen, die ein so ernster und ruhiger Charakter, wie ihn Frau von Dorntal
besass, gegen den maitre de plaisir an den Tag legte. Auf der andern Seite war
aber auch das Benehmen Rupf's gegen die Mutter Lydiens ein ganz verschiedenes
von dem, was er gegen jede Andere annahm. So übertrieben höflich, fast an's
Geckenhafte streifend, seine Courtoisie gegen die jungen Mädchen war, die ihre
mutwilligsten Launen an ihm ausliessen, so zurückhaltend innig und freundlich
warm zeigte er sich gegen die Forsträtin. Diese wusste sein treues, biederes
Herz, seine rührende Anhänglichkeit an ihren verstorbenen Gemahl, und
Aufopferung seiner Interessen für sie selbst und ihre Angelegenheiten wohl zu
schätzen. Sie verehrte ihn als ihren besten, wahrhaft ergebenen Freund und hatte
ein unbeschränktes Vertrauen zu ihm. Mit Herzlichkeit erwiederte sie daher auch
jetzt den Händedruck des Hofrats, der sich mit teilnehmender Besorgnis nach
ihrem Befinden erkundigte.
    »Kommen Sie, lieber Freund« - sagte sie, ihren Arm in den seinigen legend.
»Ich möchte Sie um Ihren Rat in einer Angelegenheit bitten, die mir grosse Sorge
macht.«
    »Sprechen Sie, teuerste Rätin, sprechen Sie - mein Rat, meine Hülfe, das
wissen Sie ja, kann Ihnen niemals entgehen, wenn ich sie zu geben im Stande
bin.«
    Sie schlugen einen weniger betretenen Seitenweg ein.
    Die Forsträtin teilte ihm unverholen ihre ganze Besorgnis in Betreff
Bergers mit, indem sie ihn zugleich bat, ihr Alles, was er aus glaubwürdiger
Quelle, oder aus eigener Wahrnehmung über die Bekanntschaft zwischen Lydiens
Verlobten mit Frau von Rosen wüsste, mitzuteilen. Eine halbe Stunde mochten sie
im eifrigsten Gespräch begriffen gewesen sein, das nur durch einen öfter
wiederholten Gang zum Brunnen unterbrochen wurde, als sie plötzlich durch ein
lautes Geschrei aufmerksam gemacht wurden, das mitten aus dem Kreise der noch
kurz zuvor heiter lachenden Mädchen hervorzuschallen schien. Voll trüber Ahnung
und schon durch das Gespräch aufgeregt, eilte die Forsträtin nach der Stelle
des Tumults. Die Mädchen waren um eine ihrer Gefährtinnen beschäftigt, die eben
in Ohnmacht gefallen war. Es war Lydia. Ihr schöner Kopf ruhte bewegungslos in
dem Schoss einer ihrer Freundinnen, die sich auf die Kniee niedergeworfen
hatte. Ihr linker Arm war, wie vor innerm Schmerz, auf die Brust gepresst und in
der rechten Hand hielt sie krampfhaft ein zusammen geknittertes Stück Papier.
Eine allgemeine Verwirrung herrschte in der Gesellschaft. Die Mutter Lydiens
warf sich mit einem lauten Schrei auf ihre Tochter und wäre selbst bewusstlos
hingesunken, wenn nicht die grosse Energie ihres Geistes sie aufrecht erhalten
hätte. Der Hofrat eilte, ohne sich lange nach der Ursache dieses unglücklichen
Zufalls zu erkundigen, sogleich fort, um einen Wagen zu holen, in dem Lydia nach
Hause gebracht werden konnte.
    In den ersten Minuten war die Forsträtin nicht im Stande, weder eine Frage
zu tun, noch ihrer Tochter eine wirksame Hülfe zu leisten. Glücklicherweise war
der Badearzt in der Nähe. Seinen Bemühungen gelang es bald, Lydia zur Bewegung
und zum Leben zurückzurufen. Aber sie verstand Nichts von dem, was um sie her
vorging. Ihr Bewusstsein war mit einem dichten Schleier verdeckt, der wohl das
Licht durchdringen, aber nicht die Form und das Wesen der Gegenstände erkennen
lässt. Matt und willenlos liess sie sich in den indes herbeigekommenen Wagen
heben, in den ausser ihrer Mutter auch der Hofrat mit einstieg. Rasch fuhren sie
in's Dorf hinab nach dem Häuschen unter den Kastanienbäumen.
    »Haben Sie Etwas über die Ursache von Lydiens Unwohlsein erfahren können?« -
fragte der Hofrat, der zu derartigen Erkundigungen keine Zeit gehabt.
    »Es wurde nur von einem kleinen Knaben gesprochen, der auf Lydia zugegangen
sei, als kenne er sie schon lange, und ihr einen Brief überreicht habe. Sie habe
ihn sogleich mit sichtlicher Bewegung erbrochen und, nachdem sie einen Blick
hineingeworfen, sei sie sofort bewusstlos niedergesunken.«
    »Vielleicht ist dies der unselige Brief« - äusserte der Hofrat, auf das
zerknitterte Papier in der rechten Hand Lydiens deutend.
    Rasch griff die Forsträtin danach, nachdem der Hofrat mit Mühe die
zusammengepresste Hand geöffnet und den Zettel herausgenommen hatte.
    »Gott sei Dank!« - atmete die geängstigte Mutter tief auf.
    Ein Tränenstrom, der ihrer bisher zurückgehaltenen Angst Luft machte,
stürzte aus ihren Augen. »Lesen Sie« - setzte sie hinzu, dem Hofrat das Papier
hinreichend, indem sie sich ermattet in die Wagenecke zurücklehnte.
 
                                Viertes Kapitel
Als Alice von Rosen nach dem früher geschilderten Gespräch mit dem Baron in
jener Nacht in ihre Wohnung zurückgekehrt war, warf sie hastig die
Männerkleidung von sich und rief ihrem Mädchen.
    »War Jemand hier, Marie?« -
    »Nein, gnädige Frau« - antwortete das junge Mädchen, indem sie ihrer Herrin
das Nachtkleid überwarf.
    »Desto besser« - sagte Alice zu sich selbst. - »Bringe mir ein Glas recht
kühles Wasser und eine Cigarre, dann kannst Du zu Bett gehen.«
    Als sie allein war, ging sie mit schnellen, aber ungleichen Schritten im
Zimmer auf und nieder. Die düster brennende Lampe warf ein unsicheres Licht auf
die Wand, an der der Schatten Alicens wie ein Nachtgespenst hin und niederfuhr.
    »Sollte ich mich diesmal getäuscht haben« - sprach sie vor sich hin. -
»Sollte dieser Mann mir wirklich widerstehen können? Es darf nicht sein! - O,
verschmäht, verschmäht von ihm! Jetzt fühl' ich, was es heisst, den Strom der
Sehnsucht zur Umkehr nach der Quelle zu zwingen. -
    Er war kalt, kalt wie Eis. Er kann kein Herz haben, dieser Mann - Herz?« -
Sie lächelte bitter. »Hab' ich denn ein Herz? - Aber Du täuschest Dich, Richard,
wenn Du meinst, dass ich den Kampf schon aufgegeben.« - Sie richtete sich stolz
auf bei diesen Worten. Ihre Augen blitzten und eine flammende Röte bedeckte ihr
Gesicht. - Nach einer Pause, in der sie einigemal durch das Zimmer geschritten
war, blieb sie plötzlich stehen, als hätte ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit
erregt. »Es ist Berger« - sagte sie langsam, indem eine Falte des Unmuts auf
ihre Stirn sich lagerte. »Du wählst eine unpassende Zeit, lieber Freund.«
    Sie warf sich, wie in dumpfer Resignation, auf das Sopha und bedeckte die
Stirn mit der Hand.
    Berger öffnete leise die Tür. Er sah blass und niedergeschlagen aus.
Erstaunt blieb er einen Augenblick auf der Schwelle stehen, als Alice ihm nicht
entgegen kam.
    »Bist Du krank, teure Alice?« - fragte er besorgt, indem er näher trat.
»Dein Gesicht ist erhitzt, Dein Puls fliegt. Was fehlt Dir? sprich. O, sprich
doch!« bat er ängstlich, indem er auf das zu ihren Füssen stehende Tabouret
niederkniete und ihre Hand von der heissen Stirn halb mit Gewalt niederzog und
sie mit Küssen bedeckte.
    »Es ist nichts, Artur; beruhige Dich. Ein wenig Kopfschmerz - die Aufregung
vom Morgen.« Sie machte eine Anstrengung, um die verlorene Besonnenheit wieder
zu erlangen. - »Weisst Du, was ich in Deiner Abwesenheit getan?« fragte sie
plötzlich mit heiterem Ton. »Ich habe Cornelien gefordert.« Sie fing an zu
lachen.
    »Du hast sie wirklich gefordert? Und darüber lachst Du?«
    »Warum soll ich nicht darüber lachen? Ich freue mich schon im Voraus auf
einen Gang mit ihr. Uebrigens führt sie eine gute Klinge und ist fürchterlich
erbittert auf mich. Ach, wenn wir nur erst auf der Mensur ständen« - fügte Alice
mit der gewöhnlichen melancholischen Weichheit im Ton hinzu, den ihre Stimme
gerade dann am meisten annahm, wenn der Inhalt ihrer Worte ganz
entgegengesetzter Natur war.
    »Du bist ein Heldenweib, Alice!« - sagte Berger, mit einer Art von
schwärmerischer Andacht zu ihr aufblickend. »So gross, so herrlich, wie nie ein
Weib auf Erden war. Wie bin ich stolz auf Deine Liebe. Nicht wahr, Du liebst
mich, Alice? O, sage es mir, dass Du mich liebst, denn ohne Deine Liebe bin ich
nichts mehr. An sie glaube ich, denn sie ist meine Seligkeit, meine Ewigkeit,
meine Religion. - Alice, ich liebe Dich unaussprechlich!«
    Er verbarg seinen Kopf in ihrem Schoss. Alice sah mit einer Mischung von
Freude und Mitleid auf ihn herab, wie man auf ein gutes Kind herabsieht.
Unmerklich schweiften ihre Gedanken zu Landsfeld; sie verglich seine Kälte und
Zurückhaltung mit der tiefen Wärme und Hingebung Bergers. Wunderbar. Ein Gefühl
von Hass und Verachtung durchzuckte ihre Seele, aber dieser Hass traf nicht den,
der sie gekränkt, sondern den hingebenden, in Liebe für sie aufgehenden
Schwärmer, der zu ihren Füssen lag.
    Als Berger wieder aufsah, fuhr er erschreckt empor über den Ausdruck von
unheimlicher Kälte in ihren Zügen.
    Er erblasste.
    »Lass mich« - sagte sie halb abgewandt und sich aufrichtend. »Ich bin
erschöpft. - In einigen Stunden gehen wir auf die Berge. Du wirst mich abholen,
Artur, nicht wahr?« Sie zwang ihre Stimme zu einem freundlichen Accente. »Um
fünf Uhr werde ich bereit sein. Und jetzt ist schon die zweite Stunde nach
Mitternacht vorüber. Lass uns scheiden, Artur, wir bedürfen Beide noch der
Ruhe.«
    »Wir bedürfen Beide noch der Ruhe« - wiederholte er mit tonloser Stimme. »Du
hast Recht, Alice. Ruhe! O, wer zur Ruhe käme! - Wohl« - sagte er dann mit
stiller Resignation. »In drei Stunden werde ich bei Dir sein. Lebe wohl.«
    Er sprang auf und wollte forteilen.
    »Artur!« - rief Alice, die über seinen tiefen Schmerz bekümmert war. Sie
breitete die Arme nach ihm aus. Weinend stürzte er hinein. Sie drückte einen
heissen Kuss auf seinen Mund.
    Da brach seine ganze bisher verhaltene Ruhe in lichte Flammen aus. Mit
starkem Arm umfasste er sie. Sein Atem glühte, sein Blut stürmte durch die
Adern. Immer fester umschlangen sie seine Arme, immer glühender brannten seine
Küsse auf ihren Wangen, auf ihrem Halse, auf ihrem Busen.
    »Artur!« - zürnte sie, heftig gegen seine Leidenschaftlichkeit ankämpfend.
»Bist Du so wenig Mann, so wenig Herr Deiner Gefühle, dass Du Dich nicht
beherrschen kannst, wenn ich Dich um Schonung bitte. - Artur, ich bitte Dich,
lass ab - lass ab - zwinge mich nicht, Dich zu verachten.« Sie sprang auf und
winkte ihm, wie zum Abschiede. - Er stürzte hinaus.
 
                                Fünftes Kapitel
Als der Baron nebst seiner Begleiterin die Spitze des Berges erreicht hatte,
trafen sie das andere Paar, das, um nicht Lydiens Wohnung passiren zu müssen,
von der entgegengesetzten Seite heraufgestiegen war, schon wartend.
    »Entschuldigen Sie unser längeres Verweilen« - sagte Landsfeld, nachdem er
mit seinem Gegner eine stumme Begrüssung gewechselt. »Wir vermuteten nicht, dass
Sie uns zuvorkommen würden. - Darf ich Sie bitten, mir zu folgen« - fuhr er
fort. - »Wir müssen noch einige hundert Schritte weiter in den Wald hinein, wenn
wir ungestört sein wollen.«
    Schweigend folgten ihm die Andern. Der Tau lag voll und glänzend auf dem
buschigen Haidekraut, das sie durchwaten mussten, und drang durch die Schuhe und
Strümpfe der beiden Damen. Landsfeld schien es nicht zu bemerken. Mit langen
Schritten vorausgehend drang er immer tiefer in den Wald ein, bis sie endlich
einen hellen, länglichschmalen Platz erreicht hatten, der den allgemeinen
Beifall der Teilnehmer an diesem sonderbaren Spaziergange zu haben schien, da
er völlig trocken und eben war.
    »Wir sind zur Stelle« - sagte Landsfeld. Er nahm dem nachfolgenden Diener
die Waffen ab und legte sie vorsichtig auf einen umgestürzten Baumstamm, der den
Platz der Länge nach durchschneidend, ihn in zwei fast gleich grosse Hälften
teilte. »Du kannst jetzt gehen, Carl« - wandte er sich an diesen, indem er mit
ihm einige Schritte bei Seite trat. »Hier ist ein Brief, den Du sogleich an
seine Adresse abzugeben hast; aber mit Vorsicht, dass es nicht zu sehr auffällt.«
    »Und soll ich nicht wieder herkommen, Herr Baron?« - fragte der treue
Mensch, seinen Herrn mit ängstlichen Blicken ansehend.
    »Wenn ich in einer halben Stunde nicht zu Hause bin, dann bittest Du den
Brunnenarzt sich hierher zu bemühen und bestellst zugleich einen Wagen. Adieu,
Carl, und dass Du nichts auf Deinen Kopf hin tust.«
    »Da ein doppelter Kampf stattfinden wird« - wandte sich Landsfeld an die
Andern, »so bleibt uns noch zu bestimmen übrig, welche Partei den Anfang machen
soll, die männliche oder die weibliche.« -
    »Wir wollen loosen« - bemerkte Cornelia. Diesem Vorschlag wurde allgemein
beigestimmt. Landsfeld nahm zwei Grashalme von verschiedener Länge als Symbol
der verschiedenen Waffenart und bat Alice zu ziehen. Sie tat es mit fester
Hand. Sie hatte den längern Halm gezogen. Der Baron nahm die Rappiere, trocknete
sie ab und überreichte sie den modernen Amazonen. Sie warfen ihre Mäntel ab;
Cornelia erschien in der feinsten Toilette, Alice, wie sie vorausgesagt, in der
phantastischen Männerkleidung, in der sie die vergangne Nacht den Baron besucht
hatte. Sie stellten sich einander gegenüber. Berger, der bisher stumm und
scheinbar teilnahmlos dagestanden, trat seiner Geliebten zur Seite.
    »Ich werde das Zeichen geben« - sagte der Baron. »Wenn ich das Tuch
schwinge, macht Fräulein von Hohenhausen den ersten Ausfall. -
    Auf die Mensur, meine Damen« - rief er kommandirend. Die beiden Gegnerinnen
kreuzten die Rappiere.
    »Los« - rief der Baron das Schnupftuch schwingend. In demselben Augenblicke
flog die Spitze von Alicens Rappier in die Höhe.
    Die Klinge ihrer Gegnerin streifte die linke Seite ihres goldenen Gürtels.
    »Deine Absicht war solid und gut, teure Freundin« - rief Alice, die
blitzschnell ihre Waffe wieder gesenkt hatte. Die Lust des Kampfes brannte jetzt
in ihren Augen, auf ihren Wangen. Corneliens Gesicht zeigte seine gewöhnliche
Kälte. Nur in den halbgeschlossenen Augen, aus denen zuweilen eine unheimliche
Glut hervorbljetzte, und in dem fest zugekniffenen Munde lag eine starre
Entschlossenheit. Mit grosser Geschicklichkeit schlug sie einen auf ihre Brust
gerichteten Stoss Alicens ab, wobei die Spitze ihres Rappiers sich in den Falten
des Aermels ihrer Gegnerin verwickelte. Ehe sie das unvorhergesehene Hindernis
überwinden konnte, sah sie Alicens Rappier abermals nach ihrer Brust gerichtet.
Da riss sie, ihre ganze Kraft anwendend, ihre Waffe an sich, mit einer Wendung,
wodurch die verhängnisvolle Spitze von ihrer Brust abgeschlagen werden sollte.
Wie durch einen Zauberschlag fuhren die beiden Gegnerinnen jetzt auseinander. In
der Tat musste der jetzt sich darbietende Anblick von der eigentümlichsten Art
sein, da er auf die beiden Zuschauer in doppelter Rücksicht ganz
entgegengesetzte Wirkungen hervorbrachte. Der besonnene und seiner selbst so
mächtige Landsfeld erbleichte sichtlich, während Berger in ein Gelächter
ausbrach, das in diesem Augenblick ganz ungerechtfertigt schien.
    Durch die gewaltsame Art, mit der Cornelia ihr Rappier aus dem Aermel ihrer
Gegnerin herausgerissen, hatte sie denselben von der Schulter an bis zum Knöchel
aufgeschljetzt; zugleich aber bemerkte Landsfeld, dass der weisse Arm, welcher
jetzt völlig entblösst war, einen langen blutigen Streifen zeigte.
    Berger, der, auf der andern Seite stehend, die Verwundung Alicens nicht
bemerken konnte, hatte sein Auge auf Cornelien geheftet. In dem Augenblicke, als
es ihr gelungen war, die Spitze ihres Rappiers frei zu machen, war die Waffe
ihrer Gegnerin bereits einige Zoll tief in ihre rechte Brust gedrungen. Als sie
daher durch die erwähnte Wendung die Klinge Alicens fortschlug, trennte ein
langer Schnitt, der sich von rechts nach links über die ganze Brust der
Unglücklichen erstreckte, ihr Kleid auf, aus dem nun zwar kein Strom warmen
Blutes - - aber eine Menge Watte hervorquoll. Ein Schrei, als hätte sie Alicens
Klinge im Herzen gefühlt, entfuhr ihrem Munde, indem sie zwei Schritte
zurücksprang. Mit erneuter Wut wollte sie jetzt von Neuem auf ihre Gegnerin
sich werfen, als Landsfeld mit eigener Lebensgefahr zwischen die Kämpferinnen
sprang.
    »Genug,« - rief er mit gebieterischer Stimme. »Jetzt kommt die Reihe an uns.
Sie haben beiderseits Wunden empfangen und gegeben. Sie können befriedigt sein.«
Halb mit Gewalt nahm er Cornelien das Rappier aus der Hand. »Fassen Sie sich,
Cornelia, und verderben Sie mir solcher Lappalien wegen das Spiel nicht. Wer
weiss, was noch in der Zukunft Schoss schlummert,« flüsterte Landsfeld seiner
wütenden Freundin zu, indem er einen besondern Nachdruck auf die letzten Worte
legte. Er warf ihr den abgeworfenen Mantel um, und bat sie, sich ruhig auf den
Baumstamm zu setzen.
    Berger hatte indes, so gut es gehen wollte, die Wunde Alicens, welche
durchaus unbedeutend war, da eigentlich nur die Haut geritzt war, mit einem
leinenen Taschentuche verbunden.
    »Sehen Sie, meine Herrn« - sagte sie, als auch der Baron zu ihr trat, um
sich nach ihrem Befinden zu erkundigen - »sehen Sie dort die trauernde Maria auf
den Trümmern Cartago's. Ist es nicht ein tragisches Schauspiel?« Sie zeigte auf
Cornelien.
    »Spotte nicht, Alice« - sagte Berger, während Landsfeld die Pistolen aus dem
Kästchen nahm. Er untersuchte die beiden Doppelläufe jedes Gewehrs noch einmal
sorgfältig und setzte auf den Piston jedes derselben ein Kupferhütchen. Darauf
mass er in der Mitte des Platzes eine Strecke von dreissig Schritten ab, deren
äusserste Enden er durch einen langen Querstrich bezeichnete. Sodann teilte er
diesen Zwischenraum in drei gleiche Teile, welche er auf dieselbe Weise
bezeichnete. Nachdem er dies Geschäft beendet, kehrte er zu dem eben verlassenen
Paare zurück.
    »Wählen Sie!« sagte er zu Berger, indem er ihm die Waffen verkehrt entgegen
hielt. Statt einer Antwort begab sich Berger auf das eine Ende. Alice näherte
sich dem Baron. Sie hielt den Arm in einer improvisirten Binde und sah sehr
bleich und angegriffen aus.
    »Was gedenkst Du zu tun?« - fragte sie leise den Baron.
    »Ich habe Dir schon erklärt, dass Du es sehen wirst. Doch da Dir die
Aufregung schaden könnte, so richte Deinen Blick auf jenen Knorren.« Er zeigte
auf einen Baum im Rücken Bergers. »Das ist mein Ziel.« Berger sah anscheinend
teilnahmlos auf die Beiden herüber. Aber in seinem Innern erwachte jetzt
plötzlich wieder ein Verdacht, der ihn schon heute Nacht, als er Alicen verliess,
durch die Seele gezogen war, ohne jedoch länger, als einen Augenblick, darin
gehaftet zu haben. Dies gab ihm mit einem Male die Sicherheit und Bestimmteit
zurück, welche ihn seit dem Gespräch mit dem Baron fast ganz verlassen hatte.
    »Ist's gefällig, Herr Baron?« - sagte er mit einer ruhigen Kälte, die
Landsfeld auffiel.
    »Ich bin bereit, mein Herr« - antwortete dieser, auf seinen Platz eilend. Er
stellte sich ihm so gegenüber, dass er den Knorren, auf welchen er Alicen
aufmerksam gemacht hatte, über der linken Schulter Bergers, etwa fünf Zoll von
seinem Ohr, erblicken konnte.
    Langsam, aber mit festen Schritten, näherte sich Berger dem zweiten Strich,
während Landsfeld nur einen Schritt ihm entgegen trat. Fast in demselben
Augenblicke richteten Beide ihre Waffen auf einander. Berger feuerte zuerst. Er
war noch achtzehn Schritte von seinem Gegner entfernt. Der Baron stand
unverrückt. Jetzt ging dieser bis zur äussersten Grenze vor. Nur zehn Schritte
lagen zwischen ihnen. Berger kreuzte die Arme.
    Landsfeld drückte los. Alice blickte nach dem Knorren. Er war verschwunden.
Nur einige Holzsplitter zeigten die Stelle, an der die Kugel in den Baum
gedrungen war. Die beiden Kämpfer begaben sich auf ihre Plätze zurück. Abermals
schritten sie langsam auf einander zu. Berger schien warten zu wollen, bis der
Baron gefeuert hätte. Dieser aber wünschte gleichfalls den letzten Schuss zu
haben. So hatten sich Beide der Grenze genähert. Endlich entschloss sich Berger
zum Feuern. Landsfeld wankte einen Augenblick, fasste sich aber sogleich wieder.
Sein rechter Arm hing schlaff herab, das Pistol war auf den Boden gefallen. Er
ergriff es mit der linken Hand. Da er aber mit dieser jenes Kunststück nicht zu
wiederholen wagte, aus Furcht, seinen Gegner zu treffen, was gänzlich ausser
seinem Plane lag, so schoss er es in die Luft ab und warf es dann von sich.
Berger, der sich diese Schonung nicht erklären konnte, blieb erstaunt und
verwirrt auf seinem Platze stehen. Alice eilte auf den erbleichenden Landsfeld
zu und führte ihn zu dem umgestürzten Stamm. Er liess sich darauf nieder.
    »Es ist nichts Bedeutendes« - sagte er - »wenn's nur nicht der rechte Arm
wäre. Verdammter Zufall.« Er riss die Weste und das mit Blut befleckte Hemd
auseinander. Die Kugel hatte die innere Seite des Arms gestreift und, wie es
schien, eine Sehne zerschnitten. Die Wunde blutete stark. Alice, die ihrer
eigenen Verwundung wegen ihm wenig Dienste leisten konnte, rief Berger. Aber
jener schien, obwohl unverwundet, gänzlich unfähig, irgend wie hülfreiche Hand
anzulegen. Wie im Traum trat er näher und blickte teilnahmlos auf den
Sitzenden. Landsfeld stopfte sich sein Taschentuch unter den Arm und drückte es
fest an, um eine Verblutung zu verhindern.
    »Wenn nur der Arzt bald käme« - sagte er.
    Cornelia hatte die ganze Zeit über, in ihren Mantel eingehüllt, lautlos
dagesessen. Jetzt sprang sie plötzlich auf. »Ich werde ihn zur Eile antreiben!«
- rief sie dem Baron zu, indem sie forteilte.
    »Ich begleite Sie, Fräulein!« - rief Berger ihr nach.
    »So kommen Sie schnell!« antwortete sie, ohne ihre Schritte zu hemmen. Sie
verliessen den Platz und eilten, so schnell sie konnten, den Berg herab.
    »Können Sie mir darüber Aufklärung geben, Fräulein von Hohenhausen,« - sagte
Berger - »aus welchen Motiven der Baron mich beim zweiten Schusse hat schonen
wollen?« -
    »Beim zweiten? - bei beiden, Verehrtester. Haben Sie nicht bemerkt, dass er
nicht nach Ihnen, sondern nach dem hinter Ihnen stehenden Baume zielte?«
    »Und Alice wusste es, wahrscheinlich. - Daraus kann ich mir auch ihre Ruhe
erklären. - Ich habe ihr also doch Unrecht getan, als ich es für
Teilnahmlosigkeit hielt.«
    »Er mag's ihr wohl heute Nacht gesagt haben« - bemerkte Cornelia, indem sie
mit Freude die Wirkung dieser Worte beobachtete.
    »Heute Nacht?« - Der junge Mann erbleichte. - »Das ist nicht wahr« - sagte
er drohenden Tones.
    »Sie müssten das besser wissen, meinen Sie« - fuhr Cornelia mit einer
Mischung von verhaltener Wut und cynischer Ironie im Ton fort. »Den
Gegenbeweis, mein Herr, wenn ich bitten darf!«
    Berger zögerte einen Augenblick. Darauf sagte er ruhig: »Ich selbst bin bei
ihr gewesen.«
    »Ich weiss es, mein Herr, um 2 Uhr. Doch müssen Sie am besten wissen, ob Sie
Grund haben, damit zu renommiren. Das Rendezvous war kurz, so viel ich weiss.«
    »Martern Sie mich nicht!« - bat Berger. - »Sagen Sie es heraus: hat der
Baron Alicen heute Nacht besucht?«
    »Nein!« -
    »Nun also!« Der junge Mann atmete tief auf.
    »Aber sie ist bei ihm gewesen« - schloss Cornelia. -
    Das war ein fürchterlicher Schlag. Berger schwankte. Jetzt konnte er sich
den Widerstand Alicens erklären. Von innerem Schmerz fast vernichtet, stieg
jetzt nicht mehr der leiseste Zweifel an der Wahrheit des eben Gehörten in ihm
auf.
    »Kommen Sie! wir dürfen uns nicht aufhalten.« - Halb mit Gewalt zog sie
seine Hände nieder, mit denen er die Augen bedeckt hatte. »Mein Gott! so
ermannen Sie sich doch. Wollen Sie ein Zaubermittel, das Ihren Schmerz lindern
und Ihnen die Kraft zurückgeben wird?«
    »O, für mich gibt es kein Heilmittel mehr!« stöhnte Berger.
    »Doch, doch« - versicherte sie. »Ein Wort wird Sie kuriren. Dies Wort heisst«
- sie näherte ihren Mund seinem Ohre, indem sie leise, aber mit energischem
Accent sagte: »Rache!«
    Berger fuhr empor. Seine Augen rollten. Krampfhaft ergriff er den Arm
Corneliens, so dass diese fast aufgeschrieen hätte vor Schmerz. »Sie haben Recht.
- Rache! Rache!« -
    Er sprach dies Wort langsam und mit Nachdruck, als wolle er den Wohllaut
jedes einzelnen Buchstaben geniessen. -
    Mit beschleunigten Schritten eilten sie jetzt den Berg hinab. Da erblickten
sie den Wagen, welcher eben gemächlich den Berg hinanfuhr.
    »Der Baron ist verwundet!« - rief Cornelia dem Diener Landsfelds zu, als sie
den Wagen erreicht hatten, in dem sich der Arzt befand, der nun dem Kutscher
befahl, die Pferde zu grösserer Eile anzutreiben. Bald war der Wagen ihren
Blicken entschwunden. Als sie in's Bad kamen, trennten sie sich. »Auf
Wiedersehen!« - sagte Cornelia beziehungsvoll beim Abschiede, indem sie ihrem
neuen Gefährten die Hand gab. »Vor allen Dingen lassen Sie sich zu keiner
unüberlegten Handlung verleiten.« Berger eilte nach Hause, um sich zum
Spaziergange mit Lydien umzukleiden. Jetzt, wo er sich von Alicen hintergangen
glaubte, und so seine Leidenschaft zu ihr gleichsam in sich selbst
zurückgeworfen wurde, fiel ihm mit einem Male das ganze Gewicht seines Unrechts
gegen das liebe, harmlose Kind auf die Seele und drückte sie so noch mehr
darnieder. Vielleicht war es dieses Übermass von innerer Qual, das ihm jede
Energie, seinem Schmerz in gewaltsamen Ausbrüchen Luft zu machen, nahm. Eine
trübe Ruhe lag auf seinen Zügen, als er in sein Zimmer trat. Die beiden Briefe,
welche er an seine Mutter und an Lydia geschrieben, lagen vor ihm auf dem
Tische. Er erbrach sie und las sie noch einmal durch, als kenne er ihren Inhalt
noch gar nicht. Darauf warf er sich in dumpfer Verzweiflung auf einen Stuhl und
starrte gedankenlos vor sich hin. Eine grauenvolle Stille herrschte in ihm und
um ihn, so dass einen Augenblick die fixe Idee sich seiner bemächtigte, er sei
gestorben und liege im Grabe. Eine Stunde mochte er so gesessen haben, als durch
eine rein mechanische Verbindung seiner Ideen ihm der Gedanke an den Spaziergang
mit Lydia wieder einfiel. Er stand auf und begann seine Toilette. Als er vor den
Spiegel trat, wurde plötzlich durch den Anblick seiner mehr erschlafften als
entstellten Züge sein Bewusstsein wieder erweckt und die Erinnerung an die
letzten Scenen trat mit voller Gewalt und so furchtbarer Lebendigkeit vor seine
Seele, dass seine Kniee fast unter ihm zusammenbrachen und seine Hand nach der
Stuhllehne griff, um sich daran zu halten.
    »O, ich bin unsagbar unglücklich« - jammerte er, sein Gesicht mit den Händen
bedeckend, während er in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach. - »Warum hast Du
mir das getan, Alice? Hast Du mich nur so hoch erhoben, um mir den Sturz in die
Tiefe desto fühlbarer zu machen?« -
    Wenn ein geistiger Schmerz sich in Tränen auflöset, so wird die Seele milde
gestimmt. Auch Berger fühlte bald den wohltätigen Einfluss solcher Tränen auf
seine Stimmung. Er wurde still und resignirt. Rasch beendete er jetzt seinen
Anzug und schritt langsam dem Hause unter den Kastanienbäumen zu.
    Auch hier war unterdessen der Schmerz eingekehrt, aber ihm fehlte das
bitterste, das qualvollste Element: das Bewusstsein der eigenen Schuld. Lydia lag
auf dem Sopha ausgestreckt. Ihre Züge waren durch den plötzlichen Schreck blass
und angegriffen, aber ruhig.
    Als sie jenen Brief, der ihr auf der Promenade zugestellt wurde, erhielt,
war sie zuerst durch die Gleichheit der Schriftzüge mit denen des Zettels, den
sie heute Morgen zwischen den Blumen gefunden hatte, überrascht worden. Schnell
hatte sie die Adresse abgerissen und, von böser Ahnung getrieben, einen durch
die Angst unsicher gemachten Blick hineingeworfen. Sie sah nur, dass von ihrem
Verlobten und einem Duell die Rede sei. Da fielen ihr die Schüsse ein, welche
sie mit ihrer Mutter gehört hatte. Krampfhaft, als wollte sie ihren Raub
bewahren, ballte sie den Zettel zusammen, denn sie fühlte plötzlich einen
brennenden Stich im Herzen, der ihr das Bewusstsein raubte. In diesem Zustande
hatte sie die Mutter getroffen. Als sie, zu Hause angelangt, das Bewusstsein
völlig wieder erhalten hatte, hatte die Forsträtin nichts Eiligeres zu tun,
als sie über ihren Irrtum aufzuklären, was sie durch die Vorlesung von
Landsfeld's Brief bewirkte. Doch hatten alle diese verschiedenen Eindrücke ihre
Seele so erschüttert, und ihre Körperkraft so erschöpft, dass sie zur gänzlichen
Sammlung ihres Geistes notwendig einige Stunden ungestörter Ruhe bedurfte.
Indes warteten ihre Mutter und der Hofrat vergeblich auf den Besuch des
Badearztes, welcher ihnen, als sie nach Hause fuhren, versprochen hatte, in
einer kleinen halben Stunde ihnen zu folgen, um sich nach dem Befinden des armen
Kindes zu erkundigen, und vielleicht ein beruhigendes Mittel für sie zu
verschreiben. Endlich kam er.
    Es war ein kleiner, runder Mann, dessen breites, gutmütiges Gesicht, dem
ein Paar kluge graue Augen und ein lebendiges Mienenspiel keinen uninteressanten
Ausdruck verliehen, in diesem Augenblicke dunkelrot glühte. Mit kurzen hastigen
Schritten trat er in das Zimmer und ging, ohne sich durch Grüsse aufhalten zu
lassen, sogleich auf das Sopha zu, ergriff Lydiens Hand, um ihren Puls zu
fühlen, und sagte nach einer halben Minute, zu ihrer Mutter gewandt:
    »Vortrefflich. Hier ist Alles auf gutem Wege. - Indes kann's immerhin nicht
schaden, wenn wir dem Kinde ein kühlendes Tränkchen verordnen. Haben Sie Papier
und Dinte, gnädige Frau?« - Er sah mit bezeichnendem Blicke auf die Tür des
Nebenzimmers. Die Forsträtin verstand ihn.
    »Wollen Sie sich hier herein bemühen« - sagte sie, die Türe öffnend.
    Der Hofrat stellte sich an's Fenster und trommelte mit dem Finger auf die
Scheiben.
    »Sie werden mich entschuldigen, gnädige Frau« - sagte der Arzt - »dass ich
nicht früher gekommen. - Ich bin dort oben gewesen.« Er wies mit dem Finger auf
die Berge, welche sich auf dem blauen Hintergrunde des Himmels scharf
abzeichneten.
    »Ich dachte es mir« - erwiederte die Forsträtin. - »Sprechen Sie, erzählen
Sie! Wenn ich mir auch alle Einzelheiten nicht erklären kann, so bin ich doch
über den Zusammenhang im Allgemeinen nicht mehr zweifelhaft.«
    
    »Sie wissen also, mit wem sich Berger geschlagen hat? - Mit dem Baron von
Landsfeld« - fuhr er fort, als Jene mit dem Kopfe schüttelte.
    »Und der Grund?« - fragte die Forsträtin zögernd.
    »Wegen einer Frau von Rosen, die der Baron früher, glaub' ich, gekannt und
in Berger's Gegenwart gestern auf der Promenade beleidigt hatte. Die nähern
Umstände sind mir unbekannt.«
    »Also doch« - sagte Frau von Dorntal vor sich hin. »Fahren Sie fort.«
    »Das Wichtigste ist, dass Berger völlig unverwundet geblieben. Ja, aus einer
Andeutung von Frau von Rosen -«
    »Sie war auch dort?«
    »Ein merkwürdiges Frauenzimmer« - brummte der Arzt, den Kopf hin und her
wiegend. »Sie hat sich auch geschlagen, und zwar auf Stichwaffen.«
    »Sie scherzen« - bemerkte die Forsträtin mit halb erstaunter, halb
ungläubiger Miene.
    »Nichts weniger, als das« - erwiederte er seufzend. »Sie hat eine lange
Schramme über den Arm bekommen. Ein merkwürdiges Frauenzimmer, hm! Ein sehr
merkwürdiges Frauenzimmer.« -
    »Aber mit wem hat sie sich duellirt? Mit dem Baron natürlich.«
    »Nein, mit einer anderen emancipirten Dame, - einem Fräulein von
Hohenhausen. Aber, was ich sagen wollte - ja, aus einer Andeutung von Frau von
Rosen schloss ich sogar, dass der Baron mit Willen fehlgeschossen.«
    »Das war mir nicht unbekannt« - erwiederte sie zum grossen Erstaunen des
Doctors. »Lesen Sie hier« - fuhr sie fort, ihm den Brief Landsfelds reichend.
    »Hm, hm« - sagte er, seinen Kopf wiegend - »ein merkwürdiger Mensch. Es wäre
Schade um ihn gewesen.«
    »Wie?« - rief Frau von Dorntal erbleichend, indem sie ängstlich die Hand
des Arztes fasste. - »Er ist verwundet?«
    Der Doctor wollte eben antworten, als der Hofrat an die Türe klopfte.
    »Berger kommt eben die Strasse herab,« sagte er, als er auf das »Herein« der
Forsträtin eingetreten war.
    »Mein Gott!« - rief diese - »was ist da zu machen? Raten Sie, helfen Sie
mir! Lydia darf er nicht sehen.«
    »Ruhig, ruhig, gnädige Frau. Uebereilen Sie nichts. Wir kennen die tieferen
Motive bei diesem ganzen Vorfall nicht hinlänglich, um von einer eigentlichen
Schuld des jungen Mannes sprechen zu können. Ueberlassen Sie es mir, darüber
in's Klare zu kommen. Ist es eine blosse jugendliche Verirrung, die ihn zu diesem
extremen Schritte verleitet, so dürfen Sie nicht zu strenge gegen ihn sein;
vorausgesetzt, dass Lydia an seinem Gefühle nicht irre, und in dem ihrigen nicht
schwankend geworden. Wenn sie stark genug ist, um ihn jetzt sehen zu können, so
möchte ich Sie bitten, einer solchen Zusammenkunft nichts in den Weg zu legen.
dabei wird die Wahrheit am ersten an's Licht kommen.« Nach diesen Worten begab
sich der Doctor, ohne eine Antwort abzuwarten, zu Lydia. Die Andern folgten. In
demselben Augenblicke klopfte es an die Türe. Der Hofrat warf einen fragenden
Blick auf den Doctor, der sich neben Lydia gesetzt hatte, welche sich indes
aufgerichtet.
    »Das ist Artur,« sagte sie, indem eine flüchtige Röte über ihre Wangen
flog. »Es ist gut, dass er kommt. Ich habe Manches mit ihm zu reden.«
    Ein bittender Blick auf die Mutter sagte dieser, dass sie allein mit ihm zu
sein wünschte. Auch der Doctor hatte den Blick verstanden. Er bot der
Forsträtin, welche einen Augenblick zögerte, den Arm und führte sie in das
andere Zimmer. Der Hofrat folgte.
    Der junge Mann öffnete die Türe und blieb, von innerer Bewegung
überwältigt, einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Lydia hatte sich erhoben.
Im entscheidenden Augenblicke war ihre volle Besonnenheit zurückgekehrt.
    »Du hast Dich geschlagen, Artur« - sagte sie, einen Sessel neben das Sopha
stellend, indem sie ihn einlud, sich zu setzen. Jetzt erst sah sie die
Verstörteit in seinen Zügen. Wieder durchflog eine Ahnung von einem grossen
Unglücke, wovon sie sich keine Rechenschaft geben konnte, ihre Seele.
    »Sag' mir, Artur,« bat sie mit sanftem Ton, indem sie seine Hand ergriff,
die eiskalt war, »warum?«
    »Du weisst also Alles?« - fragte er mit zu Boden geschlagenen Augen.
    »Nichts weiss ich, Artur, und würde auch nichts haben wissen wollen, als was
Du mir sagen konntest. Nicht wahr, Du wirst mir Alles erzählen, Alles aufklären?
Ein Paar Worte werden genügen, um mich zu beruhigen.«
    »Lydia, ich bin dieses Vertrauens nicht wert. - Verzeihung,« stammelte er,
indem er vor ihr auf die Kniee sank und die Hände Lydiens mit Tränen und Küssen
bedeckte.
    »Was soll ich Dir verzeihen?« - sagte sie bebend, indem sie unmutig ihre
Hand zurück zog. Diese Sprache erschien in ihren Augen, wenn nicht als Zeichen
eines Schuldbewusstseins, so doch der Unmännlichkeit.
    Er sprang auf. »Nein, Du kannst mir nicht verzeihen. Ich fühle es - Lebe
wohl, Lydia.« -
    »Bleib' Artur!« - rief das arme Mädchen, deren Angst zunahm. »Beruhige Dich
doch! Was ist denn Grausiges geschehen, dass Du es mir nicht sagen kannst. - Hast
Du ihn getödtet?« - fragte sie mit bebender Stimme.
    »O, hätte ich -« Er sprach nicht aus. Aber der Ausdruck von Unmut, welcher
plötzlich über sein Gesicht flog, ergänzte das Uebrige. - Lydia schauderte, denn
sie dachte an den Edelmut seines Gegners.
    Eine ungewohnte Kälte zog durch ihre Brust. Sie, die so warm und innig mit
jedem Menschen empfand, fühlte mit einem Male die Möglichkeit, dass sie hassen
könnte. Stolz und fremd war ihr Ton, als sie mit entschiedener Ruhe sagte:
    »Noch einmal, Artur, frage ich Dich, ob Du mir den Grund sagen willst?«
    »Ich habe Dich hintergangen« - erwiederte er, wie von unsichtbaren Gewalten
gezwungen, mit tonloser Stimme. »Ich habe Deine Liebe zu mir enteiligt.«
    Lydia fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Einen Augenblick schwankte sie.
    »Unsere Freuden sind wie die Stäubchen, die von den Rädern des Lebenswagens
fliegen, um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln« - sprach sie leise
vor sich hin, indem eine Träne in ihrem Auge glänzte.
    »Verzeihung, Lydia, Verzeihung!« - rief Berger mit flehender, gebrochener
Stimme, indem er abermals zu ihren Füssen sank und ihre Kniee umklammerte.
    Dies gab dem jungen Mädchen ihre ganze Kraft zurück. Sich losreissend und vom
Sopha aufspringend, trat sie einen Schritt zurück. Eine dunkle Röte bedeckte
Stirn und Wangen; als sie, sich hoch aufrichtend, mit fester Stimme zu dem
Unglücklichen sprach: »Mein Herr, wir haben hinfort Nichts mehr mit einander zu
tun.«
    Berger wurde durch die Kälte in dem Ton Lydiens noch mehr, als durch die
Worte vernichtet. Eine fahle Blässe überzog sein Gesicht. Vergeblich rang er
nach Worten. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut wurde hörbar. Als könne
er den Anblick Lydiens nicht mehr ertragen, stürzte er aus dem Zimmer.
    Die Forsträtin trat, besorgt über die plötzliche Stille, hinein. Der
Hofrat und der Doctor folgten. Lydia war noch in derselben stolzen Stellung,
den grossen kalten Blick auf die Türe gerichtet. Als sie aber den ersten Laut
ihrer geliebten Mutter hörte, knickte sie zusammen. Ein Tränenstrom entstürzte
ihren Augen. Stumm sank sie an die mütterliche Brust.
    »Veruhige Dich, mein teures, mein geliebtes Kind« - sagte diese, das junge
Mädchen nach dem Sopha geleitend. Dem Jünger Aeskulaps, welcher das ganze
Gespräch mit angehört, standen die Tränen in den Augen. »Ein merkwürdiges
Mädchen« - bemerkte er, den Kopf schüttelnd, indem er näher trat. »Lassen Sie
sie nur weinen« - fuhr er laut zur Forsträtin gewendet fort. »Das erleichtert
ihre Brust. - Kommen Sie, Verehrtester, begleiten Sie mich zu meinem neuen
Patienten. Ein merkwürdiger Mensch - der! - ein höchst merkwürdiger Mensch!« Er
nahm den Hofrat ohne Weiteres beim Arm und wollte ihn mit sich fortführen.
    Lydia machte eine Bewegung, als wollte sie sprechen. Der Arzt wandte sich
wieder zurück.
    »Ist er verwundet?« - fragte sie leise. Der Doctor verstand sie wohl.
    »Allerdings. Ich werde meine Not mit ihm haben. - Das heisst« - verbesserte
er sich, da er Lydiens Bewegung wahrnahm - »die Wunde ist nicht gefährlich, kaum
eine Wunde zu nennen. Eine Schramme, weiter nichts, aber am rechten Arm, das ist
freilich fatal. Aber wenn er sich hübsch ruhig hält, ein Paar Tage, nicht
länger. - Nun, kommen Sie, Freund, ich versichere Sie, ein höchst merkwürdiger
Mensch. Es tut mir wahrhaftig leid, dass die Kur so kurz sein wird. Ah, bah,
wenn er aufhört, mein Patient zu sein, ist er unterdess mein Freund geworden. Da
wette ich Zehn gegen Eins.«
    Auf diese Weise schwatzte der Mann fort, bis Beide in's Zimmer des Barons
traten. Sie fanden ihn auf dem Sopha sitzen, den verwundeten Arm in der Binde.
    »Nun?« - fragte Langhals, dies war, wie durch einen ironischen Zufall, der
Name des kugelrunden Doctors - »wie stehts? Sind wir hübsch munter. -
Merkwürdiges Mädchen! - Was sagen Sie dazu, Hofrat?«
    »Wer ist ein merkwürdiges Mädchen?« - fragte Landsfeld.
    »Wer wird's sein, als die kleine Lydia« - fuhr der redselige Doctor fort,
der erfreut über die Frage des Barons war, weil sie ihm Gelegenheit zum
Antworten gab. »Eine Freude war's, wie sie den winselnden Jungen zu ihren Füssen
- hm, ja so. Sie haben Recht, Hofrat, das gehört nicht hieher.«
    Die plötzliche Unterbrechung hatte ihren Grund darin, dass der Hofrat, aus
Furcht vor der Indiscretion des Doctors, ihn leise am Rockschoss gezupft hatte,
um ihn zum Schweigen zu bewegen. Indes konnte er ihn doch nicht davon abhalten,
das Resultat der Reflexionen und Bemerkungen, die er in Begriff gewesen war, von
sich zu geben, mitzuteilen, was er mit den Worten tat: »Na, der wagt auch
nicht mehr, den Fuss auf ihre Schwelle zu setzen.«
    Ein Lächeln der Siegerfreude flog über das Gesicht des Barons.
    »Ich bitte Sie, meine Herren, der Frau von Dorntal nebst ihrer Fräulein
Tochter meinen innigsten Kummer darüber mitzuteilen, ihnen so viel Sorge und
Unruhe verursacht zu haben. Sobald ich es im Stande bin, werde ich mir die
Freiheit nehmen, sie persönlich deshalb um Verzeihung zu bitten.«
    »Gut« - sagte Langhals. »Sie werden wissen, was Sie zu tun haben. Aber der
Berger macht mir Sorgen« - wandte er sich zum Hofrat. »Ich dächte, wir suchten
ihn auf. Er wird am Ende sonst des Teufels ganz und gar. - Nachmittag bin ich
wieder hier, lieber Baron. Leben Sie wohl.«
    Arm in Arm schritten die beiden Freunde zur Türe hinaus.
    Die kurze, runde Figur des Doctors nahm sich neben dem langen, hagern
Hofrat so eigentümlich aus, dass Landsfeld sich eines Lachens nicht erwehren
konnte.
 
                                Sechstes Kapitel
Mehrere Tage waren seitdem verflossen, als eines Morgens der Doctor Langhals mit
triumphirender Miene zum Baron kam. »Endlich habe ich sie so weit gebracht!« -
rief er, sich die Hände reibend und im Zimmer auf und ab trippelnd - »aber es
hat Mühe gekostet. - Doch ein prächtiges Mädchen, die Kleine. Was sagen Sie
dazu, Baron?«
    »Wozu?« - fragte dieser zerstreut. Er hatte die Worte des Doctors, an dessen
Art er sich schon gewöhnt hatte, ganz überhört.
    »Kleiden Sie sich an, das heisst, lassen Sie sich ankleiden, denn aus der
Binde darf der Arm noch nicht heraus. Wir machen heute unsern ersten
Spaziergang, denn wir sind genesen, vollkommen genesen. Nun, was denken Sie
dazu, Verehrtester?« -
    »Ich denke, dass Sie heute etwas stark gefrühstückt haben!«
    »Fehlgeschossen, teuerster Freund, gänzlich fehlgeschossen. Im Gegenteil,
ich bin so nüchtern wie ein Küchlein, das eben das Ei verlässt.« Bei diesen
Worten schenkte er sich ein Glas Wein ein, das der Baron, der seine Schwachheit
kannte, stets für ihn bereit hielt. »Aber eilen Sie, eilen Sie; sonst kommen wir
zu spät. Die Damen waren schon im Begriff, nach Hause zurückzukehren.«
    »Die Damen?« - fragte Landsfeld mit schlecht verhehltem Interesse, indem er
seinem Diener klingelte.
    »Nun freilich, die Forsträtin mit ihrer Tochter. Die verdammte Geschichte
mit dem Berger muss dem armen Kinde doch sehr zu Herzen gegangen sein. Kein
Wunder freilich. Sind mit einander aufgewachsen. Sie wissen wohl, dass die Eltern
der beiden Leutchen in demselben Orte wohnten. Bergers Vater war Prediger. Als
der starb, ging seine Mutter mit ihm nach Wien, um ihm Gelegenheit zu geben,
sein wirklich bedeutendes musikalisches Talent auszubilden. Unterdess war auch
Lydiens Vater gestorben und die Forsträtin mit ihrer Tochter nach Berlin
gezogen, wohin sich denn auch zuweilen der junge Berger begab. Dort hat er sich
mit ihr vor einem Jahre verlobt. Bald nach der Verlobung begab er sich auf eine
Reise nach Italien, wo er über ein halbes Jahr blieb, dann noch seiner Mutter
einen Besuch abstattete und endlich hier wieder mit Dorntals zusammentraf. Wann
und wo er zuerst Frau von Rosen kennen gelernt, habe ich nicht erfahren können.
Wahrscheinlich in Italien.«
    »Nein. Schon in Berlin, vor seiner Verlobung« - berichtigte Landsfeld, der
mit grossem Interesse die Erzählung des Doctors anzuhören schien. »Und Sie
glauben, dass Lydia noch immer -«
    »O« - unterbrach ihn Langhals - »im Gegenteil! Als ich ihr heute erzählte,
dass ich einen Brief von Berger aus Wien erhalten -«
    »Was natürlich ein Scherz war« - bemerkte der Baron.
    »Herr, was denken Sie? Ich scherzen? und auf so profane Weise mit diesem
herrlichen Mädchen!«
    »Nun, nun« - beschwichtigte Landsfeld den Aufgeregten, der wirklich diesmal
böse war. »Es war nur ein Scherz von mir.«
    »Schöner Scherz!« brummte der Medikus grollend. »Nun gut. - Als ich ihr also
das mitteile - was glauben Sie, dass sie sagte?«
    »Nun?« - fragte Landsfeld, dem es von Wichtigkeit war, die Gesinnungsweise
und Denkart Lydiens kennen zu lernen.
    Da sagte sie, tief Atem schöpfend: »Gott sei Dank!« und setzte alsbald kalt
hinzu: »Ich konnte es mir wohl denken. Er hatte nicht einmal dazu Kraft genug.«
- Verstehen Sie etwas davon? Ich habe mir schon den Kopf darüber zerbrochen, was
sie eigentlich damit gemeint haben mag. Doch ich sehe eben, dass Sie fertig sind.
Nun, lassen Sie uns denn gehen. - Geben Sie mir den linken Arm.«
    Als sie auf der Promenade anlangten, richteten sich Aller Blicke neugierig
auf den bleichen jungen Mann, dessen Duellgeschichte bereits allgemein bekannt
war. Als sie in eine Seitenallee einbogen, standen sie plötzlich vor Lydia,
ihrer Mutter und deren unzertrennlichem Begleiter, dem Hofrat. Vielleicht
mochte es gerade in dem scheinbar Unvorbereiteten und Unerwarteten liegen, dass
dies erste Zusammentreffen Lydiens mit dem Baron weniger peinlich war, als es
Beide gefürchtet hatten. Zwar färbten sich ihre bleichen Wangen plötzlich mit
einem zarten Rot, das auch nicht wieder verschwand. Aber ohne dies Zeichen
einer innern Bewegung hätte man nicht vermutet, dass durch das Erscheinen
Landsfelds irgend eine Veränderung in ihr vorgegangen. Mit unbefangner Anmut
erwiederte sie die stumme, ernste Verbeugung des Barons, der sich sogleich,
nachdem die Ceremonie der gegenseitigen Vorstellung durch den kleinen Doctor mit
allem ihm möglichen Patos beendet war, an die Forsträtin wandte.
    »Wir schulden Ihnen vielen Dank« - sagte diese, nachdem sie einige mehr
gleichgültige, obwohl hier nicht bloss conventionelle Fragen nach ihrem
gegenseitigen Befinden gewechselt - »dass Sie auf Gefahr ihres eigenen Lebens den
jungen Mann verschonten.«
    »Schlagen Sie mein Verdienst dabei nicht zu hoch an« - erwiederte er
bescheiden. »Berger war von Leidenschaft verblendet - ich konnte vermuten, dass
er keine sichere Hand haben und wahrscheinlich fehlschiessen würde. Die Kräfte
waren also ungleich verteilt. Ausserdem wollte ich mein Bewusstsein nicht mit
einer Tat beschweren, deren Erinnerung nur qualvoll sein kann. Ich hasste den
jungen Mann nicht, obwohl mir, als ich unmittelbar nach dem Wortwechsel, der die
Ursache des Duells war, Ihnen und Ihrer Fräulein Tochter begegnete, seine
Verirrung unbegreiflich erschien. Denn ich kannte die Dame, welche ihn so
bezaubert hatte.«
    »Sie kannten sie?« - fragte Frau von Dorntal in einem Ton, der wie eine
Aufforderung zur weiteren Erklärung klang. Landsfeld warf einen forschenden
Blick auf die ernsten Züge der Forsträtin. Dann verzog sich die eine Seite
seines Mundes zu einem fast unmerklichen Lächeln. Denn er dachte an den Grund,
den möglicherweise die Mutter Lydiens zu solcher Aufforderung haben konnte,
vielleicht unbewusst hatte.
    »Schon seit mehreren Jahren« - erwiederte er mit ruhiger Unbefangenheit.
»Zuerst lernte ich sie in Berlin kennen. Die Richtung, welche damals meine
innere Entwicklung genommen, begünstigte den mächtigen Eindruck, den sie auf
mich machte. Ich glaubte gefunden zu haben, wonach ich mich schon so lange
gesehnt hatte, einen weiblichen Charakter, in dem sich die innerliche Freiheit
des Menschengeistes mit der zarten Selbstbeschränkung edler Weiblichkeit zur
lebendigsten Harmonie zusammenschlösse, und der Widerspruch zwischen der
Ueberwindung aller Schranken des Vorurteils und des Aberglaubens mit der
energischen Aufrechtaltung sittlicher Würde gelöst hätte.« - Landsfeld schwieg.
    »Und Sie wurden in Ihrer Erwartung getäuscht?« - fragte mit sichtbar
wachsendem Interesse die Forsträtin, die selber einen für die Idealität
menschlicher Grösse und Würde schwärmenden Sinn besass.
    »Mein Bedürfnis, sie verwirklicht zu sehen, war zu gross, als dass ich nicht
jeden sich allmählig geltend machenden Zweifel geflissentlich unterdrückt hätte.
Ich bin beschämt, es Ihnen gestehen zu müssen, gnädige Frau, dass ich mich länger
als ein Jahr in meiner Selbsttäuschung so unendlich glücklich fühlen konnte.« -
    Landsfeld gehörte zu jenen eigentümlichen Charakteren, die sich in eine
willkührlich erzeugte Vorstellung so hinein zu leben im Stande sind, dass sie den
Mitteln, welche sie zur Aufrechterhaltung des Scheins in Anwendung bringen,
gegen sich selbst eine Macht einräumen, deren Kraft und Wirkung der der Wahrheit
völlig gleich ist. Als er jene Worte sagte, schlug er unwillkührlich die Augen
zu Boden und eine flüchtige Röte bedeckte seine Stirn. Es lag eine solche
Wahrheit in dieser scheinbaren Bewegung, dass die Forsträtin seine Hand ergriff
und mit Herzlichkeit drückte. Sie glaubte jetzt alles Uebrige zu verstehen, bis
auf die Beleidigung der Dame, welche sie sich bisher nur aus einem unedlen
Charakterzuge des Barons hatte erklären können. Sie begriff die Bitterkeit,
welche nach einer solchen Enttäuschung die Brust eines Mannes, wie Landsfeld ihr
erschien, erfüllen musste, wenn sie auch einen derartigen Ausbruch derselben
nicht billigen konnte. Sie wandelten eine Zeit lang schweigend neben einander
her.
    Landsfeld schien in tiefe Gedanken verloren.
    Als wolle er sich mit Gewalt daraus emporraffen, sagte er plötzlich:
    »Ich habe mich noch wegen der unüberlegten Art und Weise zu rechtfertigen,
gnädige Frau, mit der ich Ihre Fräulein Tochter auf die Ihnen Beiden
bevorstehende Gemütsbewegung vorbereiten wollte. Dass ich nur die Absicht hatte,
Ihre Besorgnis wo möglich zu heben, werden Sie wohl aus der Ungeschicklichkeit,
womit ich die Sache anfing, selbst erkannt haben.
    Jenes Billet, das ich den Abend vorher zwischen die Blumentöpfe steckte,
hatte ich unter der Bank gefunden, auf welcher der junge Berger mit Frau von
Rosen kurz vor meinem Zusammentreffen mit ihnen gesessen hatte. Ich weiss nicht,
welches Gefühl mich damals zwang, jene Worte auf den Zettel zu schreiben, in den
ich das Billet einwickelte. Es geschah, nachdem ich mich lange Zeit auf den
Bergen umhergetrieben, in dem Augenblicke, als ich an Ihrem Hause vorbei kam.
Erst als ich in meiner Wohnung angelangt war, fiel mir das Unpassende meiner
Handlungsweise ein, und ich war eben im Begriff, wieder umzukehren und den
Zettel zu zerreissen, als Berger zu mir kam, um mir in eigener Person seine
Forderung zu überbringen. Da erschienen mir jene, durch den Augenblick
hervorgerufenen Worte wie von einer höhern Ahnung eingegeben und ich beschloss,
an dem, was ich getan, Nichts zu ändern. Mit dem Briefe, den ich am folgenden
Morgen an Fräulein Lydia abschickte, hatte es freilich eine andere Bewandtnis.
Sie werden mir aus seinem Inhalt wohl keinen Vorwurf machen, hoffe ich, aber
ohne Zweifel und mit Recht daraus, dass ich mich nicht an Sie wandte.«
    »In der Tat« - sagte die Forsträtin zögernd, der es peinlich war, diesen
Punkt berührt zu sehen, welcher ihr damals einen noch grösseren Beweis für die
Taktlosigkeit des Barons abgegeben hatte, als seine Beleidigung gegen Frau von
Rosen.
    »Lassen Sie mich mit einem Worte diese Sache aufklären. Ich wusste Ihren
Namen noch nicht, gnädige Frau, da ich erst denselben Morgen angekommen. Berger
ging erst gegen eilf Uhr Abends von mir. Erkundigungen konnte ich also nicht
mehr erst einziehen. Am andern Morgen um fünf Uhr war das Zusammentreffen auf
den Bergen angesetzt. Gesprächsweise erfuhr ich von Berger, den ich unmöglich
direct danach fragen konnte, den Vornamen Ihrer Fräulein Tochter. Sobald er mich
verlassen, schrieb ich jenen Brief an Fräulein Lydia und gab ihn am andern
Morgen meinem Diener mit dem Befehl, ihn auf der Promenade abzugeben.«
    »Lassen wir diese peinlichen Erörterungen, Herr Baron« - sagte die
Forsträtin, welche durch die gegebene Erklärung befriedigt war, »für die ich
Ihnen jedoch von Herzen dankbar bin. Ohnehin möchte ich eine Bitte an Sie
richten, die Sie mir wohl nicht abschlagen, auch nicht, ich hoffe es, unrichtig
verstehen werden, die nämlich, so wenig wie möglich diese überwundene
Vergangenheit zu berühren, besonders« - setzte sie leiser hinzu - »im Gespräch
mit meiner Tochter. Nicht wahr, Sie werden mir diesen Gefallen tun?« -
    »Gnädige Frau« - erwiederte Landsfeld mit ernster Miene - »es würde mich
tief betrüben, sollten Sie das Gefühl, welches mich zu den obigen Aufklärungen
gedrängt hat, mit einem Mangel an Discretion und Zartgefühl verwechseln. Auch
ohne Ihren ausdrücklichen Wunsch wäre diese erste Erörterung auch die letzte
gewesen, da sie nur den Zweck hatte, mein Benehmen in Ihren Augen zu
rechtfertigen.«
    »Es war nicht meine Absicht, Sie kränken zu wollen« - sagte die Forsträtin
mit halb bittendem Tone. »Nicht ein Misstrauen gegen Ihr Zartgefühl, Herr Baron,
nur die Sorge gegen meine schon von so vielen Aufregungen angegriffene Tochter
trieb mich zu jener Bitte, die ich indes sicherlich unterdrückt haben würde,
hätte ich vermuten können, dass Sie darin etwas Kränkendes finden können.«
    Der Baron verbeugte sich, zum Zeichen, dass er hierdurch völlig zufrieden
gestellt sei. Und in der Tat konnte er es auch in anderem Sinne sein. Denn
dadurch, dass er die Mutter Lydiens zu einer Art von Entschuldigung gegen ihn
gebracht hatte, war seine Stellung ihr gegenüber eine in jeder Beziehung
selbstständige und freie geworden. Dass er diese ausgezeichnete Frau richtig
beurteilt hatte, bewies ihm die ganze Art und Weise, mit der sie ihn
behandelte, jene von einem Dritten gar nicht wahrnehmbare Innigkeit im Tone, wie
sie nur zwischen Charakteren möglich ist, deren gegenseitige Achtung aus einem
innern, auf ideeller Sympatie gegründeten Verständnis stammt. Und doch ist
gerade hier die Täuschung am leichtesten. Denn Derjenige, dessen Herz von
idealer Schwärmerei erfüllt ist, und folglich an sich selbst und an die Wahrheit
seiner Empfindung glaubt, ist gegen Trivialität und Schlauheit eben so sicher
gewappnet, als gegen die ideellen Phantasiemenschen schutzlos; denn da er nicht
den Unterschied zwischen der ideellen Wahrheit des Herzens und dem ideellen
Schein der Phantasie verstehen kann, so begreift er auch nicht die Möglichkeit
einer Täuschung durch den letzteren. Landsfeld hatte die Hoheit und Reinheit der
Seele von Lydiens Mutter in ihrem ersten, forschend auf ihn gerichteten Blick
gelesen und daraus sofort die Rolle erkannt, welche er ihr gegenüber zu spielen
hatte. Die Täuschung war ihm über Erwarten gelungen, was auch grossenteils
daraus zu erklären war, dass allerdings ein Teil des Charakters, den er hier
darstellte, in seinem eigenen Wesen begründet war, nur mit dem Unterschiede, dass
er ihn zu einem bestimmten Zweck und durch willkührliche Mittel nach Aussen
kehrte. Lydia war unterdess von ihren beiden Begleitern nach Möglichkeit
unterhalten worden. Besonders bot der kugelrunde Doctor seine ganze
Beredtsamkeit auf, um die trüben Gedanken, welche noch immer in ihren
niedergeschlagenen Augen zu lesen waren, zu zerstreuen. Sie hatte hiervon den
grossen Vorteil, ihren Träumereien ungestört nachzuhängen, ohne durch offene
Unaufmerksamkeit ihren redseligen Begleiter zu kränken. Denn wenn der Doctor
über jede an ihn gerichtete Frage die grösste Freude empfand, so war er doch
selbstsüchtig genug, diese Freude selbst keinem Andern zu bereiten; was ihm
jedoch merkwürdiger Weise als eine Liebenswürdigkeit ausgelegt wurde. Ausserdem
pflegte er jeden Witz, der seiner beweglichen Zunge entströmte, nicht bloss
nachher, wenn er schon heraus war, durch ein Lachen zu belohnen, sondern auf
dieselbe Weise schon vorher anzukündigen, wodurch seine Zuhörer immer in den
Stand gesetzt wurden, zu beurteilen, was der Doctor für einen Witz halte, und
folglich belacht haben wolle. Lydia lächelte auch manchmal, aber weniger über
die Scherze des unterhaltsamen Jüngers Aeskulaps, als über die komische
Ankündigung derselben, teils auch aus Gutmütigkeit und angeborener
Liebenswürdigkeit. Zuweilen erhob sie ihren Blick so weit, dass er den einige
Schritte von ihr neben ihrer Mutter hinwandelnden Baron erreichte. Wenn sie auch
nicht den Inhalt des Gesprächs verstehen konnte, so entnahm sie doch aus dem
ernsten und eindringlichen Tone, mit dem dasselbe geführt wurde, dass die
Unterhaltung keine bloss conventionelle Bedeutung hatte und keinen gleichgültigen
Gegenstand betraf. War es die Nichtbefriedigung des Interesses, das sie selber
an dem Gespräch nahm, oder das peinliche Gefühl, selber Gegenstand einer von
Anderen geführten Unterhaltung zu sein, oder war es vielleicht auch eine Art von
Verletzteit über die scheinbare Nichtachtung des Barons, der sie gar nicht zu
bemerken schien, oder endlich war es Alles dieses zusammen - was wohl das
Wahrscheinlichste sein mochte -: genug, als der Baron stehen blieb, um sich von
ihrer Mutter und den nachfolgenden Dreien zu verabschieden, konnte sie seine
fast herzlichen, obwohl höflichen Abschiedsworte nur mit einer kurzen, kalten
Verbeugung erwiedern. Landsfeld war ein zu feiner Menschenkenner, und verstand
sich besonders auf das weibliche Herz zu gut, war vielleicht auch ein zu grosser
Egoist, als dass er diese Kälte nicht richtig zu seinen Gunsten gedeutet hätte.
Wieder schwebte jenes leise Lächeln des Triumphs auf seinen Lippen, als er sich
in Begleitung des Doctors mit raschen Schritten entfernte.
    »Ein merkwürdiger Mann« - sagte die Forsträtin, wie in Gedanken vor sich
hinsprechend, als sie am Arm ihrer Tochter den Rückweg nach Hause antrat. »Warum
lachst Du?« - fuhr sie zu Lydia gewandt fort.
    »Ich dachte daran, dass der Doctor schon öfter denselben Ausspruch getan« -
erwiederte diese fast bitter. »Dasselbe sagte er aber auch über Andere.« -
    Diese Anspielung auf Frau von Rosen hatte besonders durch den Ton, mit dem
sie gemacht wurde, etwas Verletzendes in sich, welches der Forsträtin wehe
tat. Sie schwieg jedoch, weil sie fürchtete, dass eine Verteidigung des Barons
das Vorurteil, welches Lydia gegen ihn zu haben schien, nur verstärken möchte.
    Am folgenden Tage, als sie Beide die Seitenallee langsam auf und ab
wandelten, sagte nach längerem Schweigen die Forsträtin: »Es ist nun Zeit,
liebes Kind, dass wir uns bald zur Abreise fertig machen. Meine Kur geht mit
dieser Woche zu Ende. Mich wundert, dass sich der Hofrat gar nicht sehen lässt,
ich möchte gern mit ihm darüber sprechen. Vielleicht begleitet er uns.«
    Lydia erschrak über den Entschluss ihrer Mutter, doch, als wenn sie sich
selber für diese Bewegung, die sie sich nicht erklären konnte, strafen wollte,
sagte sie schnell: »Du hast Recht, liebe Mutter; es ist hohe Zeit, dass wir nach
Hause kommen. Es verlangt mich sehr danach. Pr---t hat für mich auch keinen Reiz
mehr, seit -«
    In diesem Augenblicke kam hastigen Schrittes der Doctor auf sie zu. »Wissen
Sie schon, Verehrteste - ein merkwürdiger Mensch - der! - hm! Fataler Zufall!« -
    Lydia erschrak abermals, aber sie schwieg.
    »Was ist's? Wovon sprechen Sie?« - fragte die Forsträtin. Der Doctor
lächelte über das ganze breite Gesicht, denn er hatte eine Frage zu beantworten
und begann mit patetischem Tone und in seiner gewöhnlichen abgebrochenen Weise
zu erzählen, wie der Baron gestern Nachmittag trotz seines ausdrücklichen
Verbots auf die Berge gestiegen und bis tief in die Nacht in den Wäldern
umhergeirrt. Dadurch sei die nur leicht verharrschte Wunde so entzündet worden,
dass die ganze Mühe, die er sich mit ihm gegeben, umsonst sei. Nun müsse er
wieder die Stube hüten, was ihn in die unangenehmste Laune von der Welt gesetzt
habe. »Fataler Zufall!« - schloss er seine Erzählung.
    »Das tut mir leid« - bemerkte die Forsträtin - »um so mehr, als wir nun
wohl das Vergnügen entbehren werden, ihn noch einmal zu sehen.« -
    Lydia befand sich seit mehreren Tagen schon in einer Stimmung, die ihr
selbst unheimlich und drückend war, da sie mit ihrer klaren und tiefen Natur in
vollem Widerspruch stand. Sie war sich selbst ein Rätsel. Dies machte sie
unruhig, und, was ihrem sonstigen Wesen ganz fremd war, launisch. Sie fühlte
über Bergers Handlungsweise jetzt keinen Schmerz mehr, nur wenn sie in einsamen
Stunden der vergangenen Zeit dachte, an ihre Heimat, an die süsse Gewohnheit
eines vertraulichen unbefangenen Umgangs mit dem jungen Mann, als sie mit ihrer
Mutter nach Berlin übersiedelt war, an seine Lieder, die er für sie componirt -
dann überfiel sie wohl ein Gefühl der Wehmut, und ihre Tränen strömten die
innere Trauer ihrer Seele aus. Doch bald überkam sie in solchen Augenblicken
eine andere, bittere Empfindung; wie ein frostiger Hauch durchschauerte ihr Herz
der Gedanke an die Zerrissenheit und Unwürdigkeit des früher Geliebten, und eine
trostlose Kälte, eine Leere an Empfindung verdrängte die Wehmut aus ihrer
Brust. Dass sie ihn nicht mehr liebte, ja dass sie ihn vielleicht nie geliebt
hatte, wurde ihr immer klarer, aber sie hatte noch nicht das Bewusstsein, das nur
die Erfahrung gibt, was der Grund dieser Gereizteit sei, nämlich, dass sie im
Begriff sei, einer andern Liebe Raum in ihrem Busen zu geben. Vielleicht ahnte
sie diese Veränderung in sich, wenigstens wehrte sie sich instinktmässig dagegen,
aber wenn ihr Jemand den Namen Landsfeld genannt hätte, so würde sie
wahrscheinlich mit Entrüstung eine solche Vermutung von sich abgewiesen haben.
- Was war nun aber die Quelle dieser erwachenden Leidenschaft? Der Baron hatte
eigentlich noch kein Wort mit ihr gesprochen, sie kaum beachtet, gewiss aber in
keiner Weise sich ihr genähert. Welcher geheimnisvolle Einfluss konnte also
seinerseits von ihm ausgeübt sein? War es die männliche, energische Kraft seines
Geistes, die sich in seiner Handlungsweise gegen Berger ausgesprochen hatte?
Dies hatte ihm wohl Lydiens Achtung erworben, aber wie wäre ihre Leidenschaft
dadurch rege geworden. Oder war es die ritterliche Schönheit seiner Gestalt, die
einen Eindruck auf ihre Sinne gemacht hätte? Dazu war Lydia noch zu unbefangen
und harmlos. Ihre Sinnlichkeit war eine völlig geschlossene Knospe, der sich
noch kein belebender Sonnenstrahl genaht. Was also war dieser rätselhafte
Grund? Ein einziger Blick war es, der sie in ihrem mädchenhaften Far niente
gestört, jener Blick, den Landsfeld auf sie geworfen, als er an dem ersten Tage
nach der Scene in dem Rondel ihr begegnet hatte, und den sie nie wieder
vergessen. Eine dämonische Gewalt musste in diesem Blick gelegen haben, denn sie
fühlte, wie er alles Blut ihr nach dem Herzen jagte, und es im nächsten
Augenblicke mit reissender Schnelligkeit durch alle Adern trieb. Dieser eine
Blick ruhte seitdem, ohne dass sie es ahnte, im tiefsten Winkel ihres Herzens,
und tauchte nur dann auf, wenn irgend ein grosses Ereignis ihre Kraft in Anspruch
nahm. Er hatte ihr den Mut zu jenem Gespräch mit Berger gegeben, er hatte sie
in dem Kampfe der Trennung aufrecht erhalten, aus ihm schöpfte sie jetzt ihr
ganzes inneres Leben, dessen Veränderung sie wohl fühlte, ohne über ihre
geheimnisvolle Quelle im Klaren zu sein. - Jetzt, wo die durch die Stürme der
vorigen Woche in Bewegung gesetzten Wellen sich allmählich geebnet hatten,
fühlte sie eine unendliche Leere in ihrer innern Welt. Kalt und teilnahmlos,
aber von steter Unruhe, deren Ursache sie vergeblich nachsann, hin und her
getrieben, suchte sie sich durch mancherlei Beschäftigungen zu zerstreuen. Aber
weder ihr Vogel, noch ihre Blumen, über die sie sich früher wie ein Kind hatte
freuen können, waren im Stande, ihr ein Lächeln abzugewinnen. Mit Besorgnis
blickte zuweilen die Mutter, der diese gänzliche Veränderung in ihrem Wesen
nicht entging, auf ihre bleichen Wangen und getrübten Augen. Da sie dieselbe
jedoch auf den Eindruck schob, den die peinliche und verletzende Art, in der sie
sich von ihrem Jugendfreunde und Verlobten getrennt hatte, auf sie
hervorgebracht, so vermied sie es, darüber zu sprechen, in der Hoffnung, dass die
Zeit, wie überall, auch hier als der beste Arzt sich geltend machen würde.
    Eines Tages, es war der zweite vor ihrer Abreise, als sie eben von ihrer
Morgenpromenade zurückgekehrt waren, klopfte es an der Türe und Landsfeld trat
herein. Sein Arm ruhte noch immer in der Binde und sein Gesicht war noch
bleicher als gewöhnlich. Auch Lydia erbleichte, und hatte kaum die Kraft, sich
vom Stuhle zu erheben. Die Forsträtin lud ihn mit grosser Herzlichkeit zum
Sitzen ein.
    »So sind Sie also noch nicht fort?« - sagte er hastig, indem er tief Atem
schöpfte. »Der Doctor Langhals sagte mir, Sie reisten heute ab. - Sie
entschuldigen meinen Besuch« - setzte er alsbald mit einer so natürlichen
Verwirrung über seine Hast hinzu, dass die Forsträtin unwillkührlich über den
unbefangenen Ausdruck seiner Teilnahme, die sie darin zu erkennen glaubte,
lächeln musste.
    »Wir hatten allerdings die Absicht« - sagte sie - »aber teils Furcht für
die noch immer angegriffene Gesundheit meiner Tochter -«
    »Sie sind unwohl, Fräulein?« - unterbrach sie Landsfeld, indem er sich mit
einer Mischung von herzlicher Teilnahme und ernster Zurückhaltung an Lydia
wandte. Es waren die ersten Worte, welche er an sie richtete. So allgemein ihr
Inhalt war, so vielbedeutend klangen sie ihr durch den Ton, mit dem sie
gesprochen wurden.
    Sie errötete sanft, indem sie erwiederte, dass sie sich bereits kräftig
genug fühle, um ohne Gefahr in zwei Tagen die Reise antreten zu können.
»Ueberdies« - setzte sie mit etwas mehr Lebhaftigkeit hinzu - »glaube ich, dass
die schädliche Nachwirkung von Gemütsleiden durch den Wechsel des Orts an
Stärke verliere. Man sagt ja immer, dass das Reisen zerstreue, und verordnet es
sogar als Heilmittel bei Gemütsleiden.« Das Letztere sprach sie mit einem
Anflug von Bitterkeit im Tone, die jetzt fast immer die wenigen Gedanken
begleitete, welche sie äusserte. Landsfeld war überrascht von dem hellen Glanz,
welcher in diesem Augenblick aus ihrem tiefblauen Auge strahlte, und ihrem
reizenden Gesicht einen eigentümlich fesselnden Ausdruck von geistiger Tiefe
verlieh. Er dachte sich dieses liebliche Wesen als seine Gattin - und fragte
sich, ob er im Stande sein würde, fest zu bleiben in dem Entschlusse, dem
Scheine der Wahrheit zu trotzen und zu zweifeln - bis zur letzten
unbezweifelbaren Ueberzeugung. Er fühlte die ganze Gefahr des Kampfes, den er
mit sich selbst kämpfen werde. Einen Moment schwankte er. Die Süssigkeit
gläubiger vertrauender Hingebung zog mit allen Wonneschauern durch seine Brust.
Aber er dachte an Alice. - - Er wollte ja Wahrheit, nichts als Wahrheit. - Mit
fester Hand riss er die jungen Wurzeln des Vertrauens, das sich in seinem Herzen
zu regen begann, heraus, und wiederholte seinen Schwur der Entsagung. - Es war,
wie gesagt, nur ein Augenblick, wo er von diesen hin und her wogenden
Empfindungen durchströmt wurde, aber ein entscheidender. Sein grosser feuriger
Blick bohrte sich tief in den Lydiens ein, als wollte er ihre tiefsten Tiefen
ausmessen. Es war derselbe Blick, dessen Gewalt sie bei seinem ersten Begegnen
gefühlt hatte. Ihr Busen hob sich über den ungestümen Schlägen ihres Herzens und
eine tiefe Angst durchzitterte ihre Seele. Dieser Mann erschien ihr wie ein
Dämon, welcher mit eherner Faust ihren Geist umklammern wollte, und sie fühlte
klar, dass sie ihn entweder lieben oder hassen müsste, vielleicht Beides.
    Landsfeld bemerkte die Wirkung, welche er diesmal wider seinen Willen
hervorgebracht. Er wandte seinen Blick von Lydia ab und bemerkte, sich mehr zur
Forsträtin wendend, in ruhigerem Ton: »Ich habe mich oft über die Ansicht
gewundert, dass man reisen müsse, um sich von seinem Schmerze zu zerstreuen. Aber
ist der nicht glücklicher, welcher bleibt, wenn der Geliebte scheidet? gewiss,
denn er hat zu Gefährten die mitfühlenden Plätze, die Denkmäler seiner Liebe.
Unglücklicher der, welcher scheidet, um an fremdem Orte zu erwachen. Er hat nur
sich und seinen Schmerz, in dem er sich ewig spiegelt, in den er, wenn fremde
Misstöne sein Herz zerreissen, zurückflieht, um ihn ewig wieder auf's Neue zu
fühlen.«
    »Sie haben Recht« - erwiederte Frau von Dorntal - »wenn Sie von einer
Trennung sprechen, die durch äussere Umstände oder durch die Gewalt eines Dritten
herbeigeführt worden, ohne dass einer der Getrennten selbst daran Schuld ist.«
    Der Baron hatte geflissentlich jede Anspielung auf Berger vermieden, und
Lydia wusste ihm Dank dafür. »Ich glaube« - fuhr er daher fort - »dass die Ursache
des Schmerzes für die Wirkung mehr oder weniger gleichgültig ist. Denn die
Erinnerung bleibt doch eine reine, oder ist sie nicht rein, so reinigt sie sich
von selbst im reinen Herzen. Denn ein reines Herz ist ein Läuterungsfeuer, in
dem sowohl der Schmerz, wie die Freude von allen Schlacken gereinigt werden.«
    »Jeder geistige Schmerz« - fragte Lydia - »wäre also nach Ihrer Ansicht
etwas Edles?«
    »Gewiss« - erwiederte Landsfeld. »Wenigstens wird er es mit der Zeit. Er
trägt sogar immer einen grösseren Adel in sich, als die Freude, möge diese noch
so schuldlos und rein sein. Wohl Jeder macht wenigstens einmal in seinem Leben
die Erfahrung an sich, dass das schmerzliche Gefühl ein wahres Element unserer
geistigen Existenz ist und mit dem Edelsten in unserer Natur harmonirt. Es liegt
ein Genuss darin, sich in den Schmerz zu versenken, davon die tiefste Tiefe zu
erschöpfen und die bitteren Tropfen mit wehmütiger Wollust zu schlürfen. Der
Schmerz ist das eigentlich geistige Element der Hoffnung oder Erinnerung. Und
jeder ideelle, inmaterielle Genuss ist entweder Hoffnung oder Erinnerung. Der
Schmerz ist das Flügelschlagen unserer Seele an die Stäbe des Kerkers, die Klage
des gefesselten Prometeus, an dessen Leber der Adler frisst; die Rache des
unendlichen Ideals an dem beschränkten Menschengeist.«
    Landsfeld hatte sich in einen Entusiasmus hineingesprochen, der mehr eine
Rückwirkung des überaus seelenvollen Ausdrucks in den Zügen der jüngern seiner
Zuhörerinnen war, als aus seiner momentanen Stimmung hervorging. Mit ruhigerem
Ton fuhr er fort:
    »Daher kommt es, dass wir weit mehr von den wehmütigen Zügen eines schönen
Gesichts, von der Rührung der Freude, der die Tränen an den Wimpern hangen,
angezogen werden, als von dem fröhlichen Anblick eines heiter lachenden Profils.
Deshalb dringt das melancholische Moll tief in unsere Empfindung und setzt die
innersten geheimsten Saiten unseres Gefühls in nachhallende Schwingungen,
während das hüpfende heiter versöhnende Dur nur die Oberfläche unserer Seele
durchdringt und mehr unsern Geschmack, als unser Herz befriedigt. Ja, in ganzen
Völkern zeigt sich dieser Drang nach dem Schmerzlichen, vorzüglich in der Musik;
z.B. bei den Polen, Ungarn, wogegen den Franzosen und Engländern dieser
Nationalzug ganz fremd ist.
    Woher nun dieser Drang nach dem Wehmütigen, woher die Furcht vor der
Versöhnung? Woher dieses Gefühl des Erhabenen, Edlen, Idealen im Schmerze und in
der Wehmut, welche Nicht ist, als der Genuss des Schmerzes. Nur der Mensch ist
der Wehmut fähig. Das Tier fühlt nur Freude oder Schmerz, im materiellen
Sinne. Woher diese Lust an der geistigen Qual?
    Weil der Mensch nur diese ewig mit sich selbst ringende Natur hat. Habe ich
also nicht Recht, wenn ich behaupte, dass der Schmerz ein wesentliches Element
des wahrhaften Menschenseins ist?
    Darum ist er es, weil er etwas Göttliches ist, oder doch aus ihm stammt,
nämlich aus dem unendlichen, nie ganz gestillten Drange nach der Freiheit des
Geistes. Nie gestillt - darin liegt seine Quelle. Denn die Freiheit ist ein
unerreichbares Ideal.
    Der Schmerz ist deshalb etwas Göttliches, weil er die Empfindung ist, dass
wir nicht Götter sein können, und doch Götter sein wollen. - Er ist das Mich
dürstet des Gottes, den wir in uns haben, und den wir in uns selbst kreuzigen,
weil wir ihn nicht verstehen.«
    Landsfeld sagte diese Worte mit dem Ausdruck einer tiefen Trauer auf seinem
Gesicht, als fühle er den Schmerz der ganzen Menschheit selber in seinem Innern
wühlen. Lydia war in eigentümlicher Bewegung. Als wäre plötzlich ihre bisherige
Welt aus ihren Angeln gehoben und eine andere, unendlichere an ihre Stelle
gesetzt, so überwältigend drangen seine Worte in ihre Seele, so tief
erschütterten sie sie bis in ihre letzten Wurzeln. Eine flammende Röte zog,
während Landsfeld sprach, wie der Morgenschein eines neuen Tages auf ihre Wangen
herauf, als sie mit zitternden Lippen und feuchtem Auge an seinen
schwärmerischen Blicken hing; und als er nun schwieg, und sein Auge, das bisher
halb niedergeschlagen war, sich langsam nach dem Auge Lydiens erhob, da schlug
sie die ihrigen zu Boden; aber ihr Erröten wurde noch tiefer und flammender,
als sie, ihre Bewegung bekämpfend, sagte:
    »Ihre Anschauungsweise, Herr Baron, ist mir zwar neu, doch glaube ich Sie
vollkommen verstanden zu haben. Ich gebe Ihnen zu, dass der geistige Schmerz die
Seele adelt, weil er selbst etwas Edles ist. Auch das glaube ich nicht falsch
aufzufassen, was Sie unter der Idealität des Genusses begreifen. Wie Sie aber
diese Idealität nur in der Erinnerung und in der Hoffnung, also immer doch in
der Entbehrung, im Mangel finden, das verstehe ich nicht. Haben Sie nie
Augenblicke gehabt, wo sie, von einer durchaus reinen, edlen Empfindung, oder
einem schönen und grossen Gedanken durchdrungen, sich gestehen mussten, dass die
Gegenwart und ihr Bewusstsein auch ideelle Genüsse gewähren könne? - Ist dies
aber so, so kann man dem Schmerz wohl nicht allein das Vorrecht zuerkennen,
edler als Empfindungen anderer Art zu sein. Ich meine, dass es auch geistige
Freuden gibt, die eben so reinen Ursprungs und eben so idealer Natur sind, als
geistige Schmerzen.«
    Eben wollte Landsfeld antworten, als der Hofrat Rupf eintrat. »Es ist mir
lieb, dass Sie kommen,« sagte die Forsträtin zu diesem - »ich möchte mit Ihnen
über unsere Reise sprechen.« Sie führte ihn in's Nebenzimmer, indem sie den
Baron wegen dieser Unterbrechung um Entschuldigung bat.
    »Ich vermute« - sagte dieser lächelnd zu Lydia, indem er das frühere
Gespräch wieder aufnahm - »dass Sie in der Verteidigung der Freude an den
idealen Eindruck denken, den eine grossartige oder schöne Naturerscheinung auf
uns hervorbringt. Aber denken Sie zurück an die Art dieser Eindrücke? Ist es
wirklich Freude gewesen, nur Freude, was Sie in solchen Augenblicken erfüllte?
Hat kein Gefühl der eigenen Beschränkteit, keine Sehnsucht nach der unendlichen
Freiheit diese Freude getrübt? Ich bezweifle es. Je tiefer sich der Blick in die
Ferne verliert, je höher er in den ewigen Himmel aufsteigt, desto beklemmter
wird die Brust, desto unendlicher die Sehnsucht, die Schranken der Gegenwart zu
durchbrechen und sich in die absolute Tiefe zu versenken.«
    Lydia dachte an jenen Morgen, an dem sie mit so wehmütigen Empfindungen den
Sonnenaufgang betrachtet, und eine Träne trat in ihr Auge. »Sie haben doch wohl
Recht« - sagte sie fast traurig. - »Aber ist es nicht ein entmutigender
Gedanke, dass der Mensch nur durch das Opfer seiner Unbefangenheit und seines
Frohsinns sich dem Ideale nähern kann, dass er also nur entweder in der
Erinnerung oder in der Hoffnung leben darf, wenn er sich seines geistigen Wesens
bewusst werden will?«
    »Ich denke nicht, dass diese Entbehrung so gross ist. Denn was liegt zwischen
Erinnerung und Hoffnung? Dasselbe, was zwischen Vergangenheit und Zukunft: die
Wirklichkeit, die Gegenwart. So sagt man, ohne zu bedenken, dass, wenn man anders
unter Wirklichkeit und Gegenwart das Bewusstsein davon versteht, die Wirklichkeit
nicht gegenwärtig und die Gegenwart nicht wirklich ist. Wie die Gegenwart der
Punkt ist, in dem Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen, und der ewig
fliesst, so ist die Wirklichkeit der Punkt, in dem sich Erinnerung und Hoffnung
berühren. Dieser Punkt ist aber in der Tat gleich Null. Alle Gefühle, die
unsere Seele rührten, alle Empfindungen, die unsern Geist erhoben, beziehen sich
entweder auf etwas hinter ihnen oder vor ihnen Liegendes. Und wollte er auch das
Gegenwärtige sich zum Bewusstsein bringen, so wäre es doch schon etwas
Vergangenes, ehe es in's Bewusstsein käme. So reproducirt jeder hüpfende
Pulsschlag ein neues Gefühl und jeder belebende Atemzug ist die Quelle einer
frischen Empfindung. Aber jedes dieser zitternden, rosigen Kinder des Herzens
begeht in seiner Geburt einen Muttermord, um von seinem eigenen Kinde in der
nächsten Sekunde erstickt zu werden.« -
    Es lag eine solche Trostlosigkeit in dem leisen und wehmütigen Tone, mit
dem Landsfeld diese Worte sprach, dass Lydia ihre Tränen nicht zurückhalten
konnte. Wie erstaunt und erfreut war sie daher, als plötzlich Landsfelds Blicke
zu leuchten begannen, und eine edle Begeisterung auf seinem Gesichte glänzte,
als er folgendermassen schloss:
    »Aber Eines gibt es, was nicht dem Wechsel erliegt, was weder mit der
blossen Wirklichkeit noch mit der Unwirklichkeit im Widerspruche steht, was man
weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft zu suchen braucht: es ist das
Bewusstsein dessen, was man will, das Gefühl dessen, was man glaubt, und das
Vertrauen zu dem, was man liebt - und die Quelle von diesen dreien: Die
Ueberzeugung von der Wahrheit des Guten und Schönen in sich selbst und in denen,
die man liebt.«
    Er stand bei diesen Worten auf, fasste Lydiens Hand und drückte einen warmen,
innigen Kuss darauf. Zitternd vor innerer Bewegung hatte sie nicht die Kraft, ihm
ihre Hand zu entziehen.
    Er entfernte sich schnell, als fürchte er bei längerem Bleiben nicht Herr
seiner Empfindung zu bleiben.
    Als Frau von Dorntal wieder eintrat, fiel ihr Lydia weinend um den Hals.
    »Was ist's? Was fehlt Dir, Lydia?« - fragte sie erschreckt.
    »O, Nichts, Nichts, teure Mutter. Aber lass uns bald abreisen.«
    »Beruhige Dich nur. Morgen gehen wir ganz bestimmt. - Der Baron ist schon
fort?«
    »Er wollte Dich wohl nicht stören.« - Lydia errötete über diese erste
Unwahrheit gegen ihre Mutter. Denn sie glaubte recht wohl den eigentlichen Grund
seines hastigen Abschiedes zu kennen.
 
                               Siebentes Kapitel
Ein feuchter Nordwestwind wehte die ersten gelben Blätter von den Platanen und
Linden, welche in zwei Doppel-Reihen jene berühmte Strasse Berlins, die vom
Opernplatz bis zum Brandenburger Tor sich erstreckt, in eine dreifache Allee
verwandeln. Nur wenige Fussgänger liessen sich in der grossen Mittelallee
erblicken, welche auch sonst meist nur von Spaziergängern und Obstverkäuferinnen
betreten zu werden pflegt. Dagegen drängt es sich auf den an beiden Seiten der
Häuser hinziehenden Trottoirs von geschäftig Eilenden aller Art, und die Wagen
rasselten daneben.
    Vor einem der Schaufenster der vielen reich ausgestatteten Kunstläden unter
den Linden hatten sich trotz des unfreundlichen Wetters eine Anzahl Neugieriger
versammelt, die mit emporgerecktem Halse die neuen Kupferstiche bewunderten oder
bekrittelten. Unter ihnen stand auch ein Mann mit bleichem, eingefallenem
Gesicht, welches von einem niedrigen, breitkrämpigen Hute fast ganz beschattet
wurde. Er war tief in einen kurzen schwarzen Mantel eingehüllt und starrte mit
ausdruckslosem, kaltem Blick auf eine kleine Landschaft, die ziemlich
unscheinbar von den Andern gar nicht bemerkt zu werden schien.
    »Das muss sie gemalt haben« - murmelte er vor sich hin. - »Ich kenne ihre
Manier. Es ist das Haus unter den Kastanienbäumen mit der Aussicht auf die
Berge. Kein Zweifel, dass sie es gemalt hat. So ist sie also wirklich wieder in
Berlin. Ich muss suchen, ihre Wohnung zu erfahren.« Er sprach die letzten Worte
ziemlich laut und wendete sich zum Weitergehen.
    »Wenn Sie Fräulein von Dorntal meinen, so kann ich Ihnen vielleicht dazu
behülflich sein« - redete ihn plötzlich ein elegant gekleideter junger Mann mit
höchst geistvollen und charakteristischen Zügen an. -
    Jener fuhr zurück, als hätte er auf eine Schlange getreten. Seine Hand griff
krampfhaft unter die Falten des Mantels und ein Ausdruck unnennbarer sprachloser
Wut malte sich in seinem Gesicht. - Ein Paar Secunden starrte er so in die
lächelnden Mienen und das ruhige Auge des Andern, der mit gekreuzten Armen vor
ihm stand, um seine Antwort zu erwarten. Eben öffnete er die zitternden Lippen,
aber als besänne er sich eines Bessern, hüllte er sich rasch noch tiefer in
seinen Mantel und stürzte fort.
    »Armseliger Tor« - sagte Landsfeld, dem Forteilenden nachblickend, vor sich
hin. »Wage es, den Löwen in seinem Lager aufzusuchen.« - Festen Schrittes ging
er nach der entgegengesetzten Seite der Strasse hinab. Als er das Opernhaus
erreicht hatte, blieb er vor dem unter dem Portal ausgehängten Teaterzettel
stehen, um zu sehen, was gegeben wurde. »Otello, der Mohr von Venedig.«
    Indem er diese Worte in halb fragendem, halb sinnendem Tone langsam vor sich
hin sprach, klopfte ihn Jemand auf die Schulter.
    »Guten Abend, lieber Baron.« Es war ein hübscher, mit kleinen schwarzen
Augen heiter in die Welt hineinschauender Mann, von ungefähr 40 Jahren. »Sie
überlegen, wie ich sehe, ob Sie in's Teater gehen sollen. Nun, der Mühe lohnte
sich's schon, besonders heute, wo die Rolle der Desdemona und des Mohren - da
fällt mir ein, dass heute Salon bei Cornelien ist. Sie wissen, dass ich sonst nie
hingehe. Aber wenn Sie von der Partie sind, möchte ich wohl einmal in den sauern
Apfel beissen.«
    »Halten Sie einen solchen Charakter für möglich?« - fragte Landsfeld, der,
die Worte des Andern überhörend, an Desdemona und Lydia dachte.
    »Freilich, es gehört einige Menschenkenntnis dazu, um diese seltsame Person
ganz zu ergründen. Ich habe einen gewaltigen Respect vor ihr, obwohl oder
vielmehr weil sie mir leider vorzugsweise gewogen ist.«
    »Von wem sprechen Sie denn eigentlich, Schattenfrei? Ich verstehe kein Wort
davon.«
    »Nun von wem anders, als von Cornelien, zum Henker« - setzte er hinzu, als
Jener ihn noch immer verwundert anschaute. »Werden Sie nicht auch heute Abend
ihren Salon verherrlichen helfen?« - Landsfeld machte eine abwehrende Bewegung.
»Schämen Sie sich, Sie fangen wohl auch an, den Sentimentalen zu spielen?«
    »Wer wird denn dort sein?« fragte Landsfeld, um doch Etwas zu sagen. Seine
Gedanken waren noch bei Desdemona und Lydia.
    Schattenfrei nahm seinen Arm. »Ich werde Ihnen das unterwegs erzählen.
Kommen Sie nur. Zuerst« - fuhr er fort, nachdem es ihm gelungen war, Landsfeld
in Bewegung zu setzen - »Frau von Rosen - fällt Ihnen das auf? Sie ist ja die
vertrauteste Freundin von Cornelien.
    Sodann Salomo nebst seinem Waffenträger; die Sängerin G----z mit ihrem
Geliebten, dem Assessor Tieftrunk; der junge Berger; ferner -«
    »Berger?« - fragte Landsfeld, durch diesen Namen aus seiner Träumerei
emporfahrend. »Wissen Sie das gewiss?«
    »Nun ich denke, das versteht sich von selbst, wenn Alice von Rosen da ist.«
-
    »Weiter haben Sie zu Ihrer Vermutung keinen Grund?«
    »Auch sagte er es mir selbst vor ungefähr einer halben Stunde, als ich ihm
im Tiergarten begegnete.« -
    »Wahrhaftig?« - lachte Landsfeld höhnisch. »Nun vielleicht hat er seine
Meinung bis dahin geändert« -. Er sah nach der Uhr. »Leben Sie wohl,« - fuhr er
fort, sich halb mit Gewalt losreissend. - »Ich habe noch vorher einen
notwendigen Gang zu tun.«
    »So werde ich Sie doch aber sicher dort treffen?«
    »Ja. Aber ich bitte Sie, Nichts davon zu erwähnen. Vielleicht komme ich erst
etwas spät.«
    »Der ist in kurioser Laune« - sagte Schattenfrei, dem Forteilenden
nachblickend. »Er hat alle Anlage dazu, den Salon heut' zu einem der
interessantesten Cirkel zu machen.« Sich die Hände vor Vergnügen reibend, stieg
er in eine Droschke: »Lindenstrasse Nr. 45« - sagte er zum Kutscher, indem er
gemächlich die Marke in die Westentasche steckte. Landsfeld verfolgte indes
seinen Weg zu Fuss. So sehr er es in jeder andern Beziehung vermied, den
Sonderling zu spielen, so konnte er sich doch nur schwer dazu entschliessen, in
einen Wagen zu steigen, wenn er eilig war. Denn ihm war nichts unerträglicher
als körperliche Untätigkeit, wenn sein Geist von dem Verlangen, irgend ein Ziel
schnell zu erreichen, bewegt war. Kam es ihm dagegen weniger auf Schnelligkeit
an, dann benutzte er schon ein Fuhrwerk. Am liebsten jedoch ritt er, schon
deshalb, weil das Reiten die beiden Vorteile des Gehens und Fahrens, nämlich
eigene Tätigkeit und Schnelligkeit, vereinigt. Nach einer starken
Viertelstunde, während der er mit gleicher Eile durch mehrere Strassen und über
verschiedene Plätze geschritten war, hatte er den Platz vor dem Potsdamer Tor
erreicht, der in fünf verschiedene Strassen, einen halben Stern bildend,
auseinander geht. Landsfeld schlug die mittelste ein, in der er nach wenigen
Minuten vor einem kleinen Sommerhause stehen blieb, das sich durch einen
eleganten leichten Balkon, so wie durch einen geschmackvoll angelegten kleinen
Garten auszeichnete. Er öffnete die Gartentür durch einen Schlüssel, den er bei
sich trug und begab sich auf einem Seitenwege nach der Hinterfront, wo er an
eins der niedrigen Parterrefenster anklopfte. Als es sich öffnete, erschien das
gutmütige Gesicht Carls, seines Bedienten. »Du musst mir sogleich den Fuchs
satteln, Carl, ich muss noch hinaus. Von neun Uhr an hältst Du Dich ebenfalls
bereit. Du sollst mich dann noch in die Stadt begleiten.« Bei diesen Worten
sprang der Baron aufs Pferd. Carl öffnete das Tor. Landsfeld schlug den Weg
nach Schönberg ein. Obgleich er in scharfem Trabe ritt, so dunkelte es doch
schon ein wenig, als er sein Ziel erreichte. Auf der Spitze des Hügels, von dem
sich die lange Strasse dieses reizenden Sommeraufentalts herabzieht, stieg er
vom Pferde und band es an den Gartenzaun des Hauses, dessen Perron er alsbald
mit schnellen Schritten hinaufeilte. Eben wollte er die Klingel ziehen, welche
sich neben der Glastüre des Balkons befand, als sein Blick in das Innere des
Zimmers fiel, und er, die schon ausgestreckte Hand zurückziehend, einige
Augenblicke wie in tiefe Betrachtung versunken stehen blieb.
    An einem mit verschiedenen Zeichnenmaterialen bedeckten Tischchen, das ganz
in der Nähe der Balkentüre stand, sass, dem Baron halb den Rücken zugekehrt, ein
junges Mädchen, das, wie es schien, eifrig mit Zeichnen beschäftigt gewesen war,
denn eben legte sie den Zeichnenstift nieder, lehnte sich zurück an den Sessel
und liess den Kopf ein wenig auf die Brust sinken. Doch konnte er nicht erkennen,
ob sie die Zeichnung auf diese Weise besser betrachten, oder ob sie sich ihren
Gedanken überlassen wollte.
    »Könnte ich doch in ihr Herz sehen« - dachte Landsfeld. »Was gäb' ich darum,
kennte ich den Gegenstand ihres Nachsinnens.« Er sah jetzt, dass die Balkontüre
nur angelehnt war. Er öffnete sie leise und trat hinein. Das junge Mädchen
schien ihn nicht zu bemerken.
    »Du wirst Dir die Augen verderben, Lydia« - sagte er mit sanfter Stimme.
    Wie von freudigem Schreck erbebend, war sie beim Ton seiner Stimme
aufgefahren. Abwechselnd erblassend und errötend, vermochte sie noch nicht zu
antworten. Plötzlich sprang sie vom Stuhle auf.
    »Du bist's, mein Richard?« - Sie flog an seinen Hals und presste einen
glühenden Kuss auf seinen Mund. Aber als schäme sie sich selbst wegen ihrer
Leidenschaftlichkeit, fuhr sie, einen Schritt zurücktretend, mit vor Bewegung
zitternder Stimme fort: »Wie kannst Du mich so erschrecken, Richard! Du weist
ja, wie mich das angreift.«
    »Sei nicht böse, mein liebes Kind« - erwiederte er liebevoll, indem er sie
an seine Brust zog und, die Locken, welche über ihr Gesicht gefallen waren, von
der Stirn streichend, einen langen Kuss darauf drückte. Wie vor innerer Wonne
schauernd, liess sie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen.
    »Aber ich bitte Dich, Lydia« - fuhr er fort - »nicht mehr so spät zu
zeichnen. Du musst Deine Augen mehr schonen - für mich« - setzte er leise hinzu.
»Versprich es mir!«
    »Ich verspreche es Dir, Richard. - Ich war so sehr einsam und wusste nicht,
was ich anfangen sollte. Denn wenn ich spiele, werde ich immer traurig und
möchte weinen.«
    Landsfeld zuckte mit der Hand. Er dachte an Berger, mit dem Lydia oft
zusammen gespielt und gesungen. Er war zu stolz zur Eifersucht - wenigstens
glaubte er es zu sein. - Aber in solchen Augenblicken tauchten alle Zweifel
wieder in seiner Seele auf und machten ihn hart und ungerecht gegen die
Geliebte. Ja er freute sich selbst über diese Härte, denn sie war ihm Bürge
dafür, dass er seine Selbstständigkeit noch nicht eingebüsst. Seine Stimme hatte
ihre Sanfteit ganz verloren, als er, Lydia zum Sopha führend, sagte: »Traurig?
Warum bist Du traurig? Du hast Anlage zur Sentimentalität, glaube ich.«
    Nichts schärft den Instinkt der Beobachtung mehr, als wahrhafte, tiefe,
leidenschaftliche Liebe. Lydia erschrak über die Veränderung im Wesen
Landsfelds, aber sie zwang sich zu lächeln:
    »Du magst Recht haben, Richard, ich bin ein törichtes Mädchen. Aber wenn
ich erst immer mit Dir lebe, dann werden diese albernen Launen, die Dich ärgern,
ganz verschwinden.«
    Landsfeld verstand entweder den Zwang, den Lydia sich antat, um heiter zu
scheinen und den er wohl herausfühlte, wirklich anders, oder er wollte ihn gegen
seine bessere Ueberzeugung anders verstehen, weil sie doch möglicherweise einen
andern Grund dazu haben konnte. Dem äussern Anschein nach, um dem Gespräch eine
andere Richtung zu geben, in der Tat aber, um jenem Grunde nachzuspüren, sagte
er in gewöhnlichem Conversationstone: »Rate einmal, wem ich heute begegnet bin?
Ein alter Bekannter von uns, besonders von Dir.« -
    Sie sann vergebens nach.
    »Der junge Berger« - fuhr er in demselben Tone fort, indem er Lydien
forschend ansah.
    »Berger!« - stammelte sie erschreckt, indem sie das Gesicht mit den Händen
bedeckte.
    »Warum erschrickst Du darüber so?« -
    Lydia antwortete nicht, aber ein krampfhaftes Schluchzen, das sie vergebens
zu unterdrücken sich bemühte, wühlte in ihrer Brust.
    »Antworte mir, Lydia« - bat er mit seinem frühern sanften Ton, indem er sie
näher zu sich zog. »Was fürchtest Du von ihm?«
    »Ach, Richard« - sagte sie weinend - »Wenn ich nur wüsste, woher dieser
fürchterliche Widerspruch in Dir. Du ahnst nicht die Qualen, welche mich
verzehren, wenn Du so anders bist, als sonst, so fremd Deinem eigenen Wesen. Mir
ist zuweilen, als zweifeltest Du an meiner Liebe. Mein Gott, Richard! Du weisst
ja, dass ich nur Dir gehöre, Dein Geschöpf bin, denn Du hast mein ganzes Inneres
wie durch ein Zauberwort umgeschaffen.« Wie selbst erschreckend vor dem, was sie
jetzt sagen wollte, fuhr sie leise fort: »Manchmal glaube ich sogar, dass Du mich
nicht liebst. Denn wie könntest Du sonst zweifeln an meiner Liebe?
    Richard, wäre das nicht schrecklich? - Aber nein, nein, verzeih mir,
Geliebter. Ich glaube an Deine Liebe. Denn glaubte ich nicht mehr daran« - - Sie
riss sich aus seinen Armen los und sprang auf.
    »Nun?« - fragte er, über ihre fast drohende Stellung erstaunt.
    »Dann würde ich an Nichts mehr glauben, denn ich müsste Dich verachten. Und
dann, Richard, könnte ich nicht länger leben.«
    Sie sprach diese Worte mit vollkommener Ruhe.
    Landsfeld war von der tiefen Wahrheit, welche in dieser Ruhe lag, tief
erschüttert. Mit schwer verhaltener Leidenschaft ergriff er ihre Hand und
bedeckte sie mit Küssen. - Mit einem seelenvollen Lächeln blickte sie auf ihn
herab. Die Gewissheit seiner Liebe kehrte wie ein neuer Frühling in ihre Brust
ein.
    »Du bist ein böser Mann, Richard,« sagte sie, sich wieder an seine Seite
niederlassend. »Warum quälst Du mich so grausam?« -
    Er antwortete nicht. Mit einer Heftigkeit, die sie an ihm noch nicht
gekannt, zog er sie an sich. Sie war zu glücklich, als dass sie seinen Küssen,
deren Glut sie auf ihrem Nacken und auf ihrem Gesichte fühlte, zu wehren
versucht hätte, aber sie zitterte in seinen Armen. »Richard,« - stammelte sie
endlich mit leisem Vorwurf: »Dein Atem fiebert.« - Als er, seine Gefühle
niederkämpfend, wieder ruhiger geworden war, fuhr sie fort:
    »Ist es wirklich wahr, dass Du Berger begegnet bist, Richard?«
    »Ja, es ist wahr. Ich traf ihn vor Deinem Bilde, das er aufmerksam zu
studieren schien.«
    Er erzählte ihr sein Zusammentreffen mit ihm und fuhr dann fort: »Aengstige
Dich nicht, teures Kind. Er ist viel zu feig, um wirklich Etwas zu wagen.«
    Lydia schien worüber nachzusinnen. Endlich sagte sie: »Erkläre mir, Richard,
woher es kommt, dass der Gedanke an ihn mich immer wieder mit einer mir sonst
ganz fremden Bitterkeit erfüllt, obwohl es mir doch schon damals, als ich Dich
im Park erblickte, klar war, dass ich ihn nicht liebte, weil ich erst in jenem
Augenblicke überhaupt zu ahnen begann, was Liebe sei. Also woher noch immer
jenes Gefühl der Bitterkeit, wenn ich seinen Namen höre?« Sie sah bei diesen
Worten offen und mit kindlichem Vertrauen zu ihm empor.
    »Vielleicht daher, dass er Dir durch seine Verirrung den Glauben an die
idealen Träume der Jugendzeit geraubt.«
    »Ich weiss nicht, ob das der Grund ist. Vielleicht kommt es auch daher, weil
mir sein ganzes Wesen zu wenig männlich und energisch erschien. Denn glaube mir,
Richard,« fuhr sie mit wichtiger Miene fort, »ein liebendes Weib lässt sich von
einem selbstständigen Mann lieber quälen, als von einem unselbstständigen
liebkosen.«
    »Du bist eine kleine liebenswürdige Philosophin, Lydia« - lächelte Landsfeld
gutmütig, indem er einen sanften Kuss auf ihren Mund drückte, »aber ich glaube,
es wird Zeit sein, dass Du Licht anzündest. Es ist dunkel.«
    »Mein Gott, wie konnt' ich das vergessen« - rief sie erschreckt, indem sie,
schnell aufspringend, der Aufforderung Genüge leistete. »Du weisst noch nicht,
Richard,« fuhr sie darauf von ihrer Mutter sprechend fort, »dass der Arzt die
beste Hoffnung gibt. Sie ist heute wieder aufgestanden und ein wenig im Garten
spazieren gegangen, so lange die Sonne schien. Jetzt ruht sie in ihrem Zimmer.
Ich will gleich einmal nachsehen.« Sie hatte indes die Lampe angezündet und
schlich, leise die Tür zum Nebenzimmer öffnend und die Hand vor das Licht
haltend, damit der Schein nicht so blendend sei, auf den Zehen hinein. - Bald
kam sie zurück.
    »Sie schläft noch« - sagte sie flüsternd, indem sie die Lampe auf den Tisch
vor dem Sopha stellte. »Ich will Dir nun auch zeigen, wie fleissig ich gewesen
bin.« Mit diesen Worten trug sie aus ihrem Pult ein Paar Mappen herbei und
öffnete sie.
    »Jetzt muss ich aufbrechen« - sagte Landsfeld, nachdem er eine geraume Zeit
ihre Zeichnungen besehen, gelobt und getadelt hatte.
    »Schon?« - fragte Lydia kleinlaut. »Es ist noch nicht spät, denke ich.«
    »Es ist halb zehn Uhr, - Lydia. Hast Du« - fuhr er nach einer Pause fort,
»mit Deiner Mutter gesprochen?«
    
    Sie errötete leicht. »Sie will durchaus, dass es in nächster Woche sein
soll; ihr Unwohlsein sei zu gering, um ein Hindernis abzugeben, meint sie; und
der Gedanke, dass sie dadurch unser Glück verzögere, mache sie nur noch kränker.«
    »Du hast eine vortreffliche Mutter, Lydia« - sagte Landsfeld.
    »Ach, ich weiss es, Richard. Sie ist unendlich gut; ich verdanke ihr und Dir
Alles, was ich bin.« Als wolle sie ihre Rührung verbergen, fuhr sie, durch die
Tränen lächelnd, fort: »Ich überlasse es Dir, Richard, den Tag zu bestimmen.
Ich bin, Du weisst es ja, bereit zu Allem.« Sie umschlang seinen Hals.
    »So werde ich Dich Morgen abholen, mein Herz, um Dir unsere neue Wohnung zu
zeigen.«
    »Ach, wie freue ich mich auf unsere Wohnung, Richard« - sagte sie, das Wort
mit einem gewissen Patos wiederholend. - »Leb' wohl, mein Richard. Leb' wohl.«
Sie begleitete ihn noch bis zum Pferde, das ungeduldig den Boden mit den Hufen
aufscharrte. Er schwang sich auf und sprengte im Galopp davon.
    Als er an seiner Wohnung anlangte, schloss sich ihm Carl an, der schon seit
einer Stunde gewartet hatte. In schnellem Trabe ritten sie durch das Tor in die
Stadt ein und hielten nach einer Viertelstunde vor einem grossen Hause in der
Lindenstrasse still.
    »Führe die Pferde zum Hôtel d'Angleterre und bestelle das Zimmer Nr. 19.,
oder wenn das besetzt sein sollte, Nr. 20. für mich« - befahl er. »Wenn es
geschehen, so benachrichtige mich davon.« Nach diesen Worten sprang er schnell
die Treppe hinauf.
    Fräulein Cornelia von Hohenhausen empfing ihn im höchsten Staate und mit
aufrichtiger Freude, da sie in einen Gedanken alle die Verwicklungen und
Verwirrungen zusammenfasste, welche das Erscheinen des Barons hervorbringen
konnten.
    »Ich habe eben eine heftige Philippika gegen Sie gehalten, mein
Verehrtester. Sie werden sich über die verlegenen und erstaunten Visagen
wundern, die Ihnen sogleich entgegen treten werden.«
    Sie wandte sich an die Gesellschaft. »Erlauben Sie, dass ich Ihnen einen
meiner ältesten und vertrautesten Freunde vorstelle. Es ist der Baron von
Landsfeld.«
    In der Tat malte sich ein allgemeines Erstaunen in den Gesichtern. »Wie
falsch!« - »Diese Heuchelei übersteigt allen Glauben.« So flüsterte man einander
zu, denn bei einem Gespräch, dessen Gegenstand Landsfeld gewesen war, hatte
Niemand mehr Böses von ihm zu sagen gewusst, als gerade Cornelia.
    Der sogenannte Salon, in den Landsfeld hiermit wieder eingeführt war,
bestand aus zwei aneinanderstossenden elegant möblirten Zimmern, von denen das
erstere grössere durch ein Paar schöne Astrallampen sehr hell erleuchtet war,
während das zweite vermittelst einer roten Ampel in ein magisches Halbdunkel
versetzt wurde. In Beiden hatten lebhafte Conversationen stattgefunden, die
durch das Erscheinen des Barons ein paar Minuten unterbrochen, aber nicht
gestört wurden.
    Landsfeld warf einen raschen Blick über die Gesellschaft und wandte sich
dann an eine Gruppe, aus jüngeren und älteren Männern bestehend, die sich um den
Ofen postirt hatten.
    »Und worin finden Sie die Unsittlichkeit, ich bitte Sie? Etwa darin, dass sie
die Ehe nur als etwas Aeusserliches betrachtet, da sie einmal officiell dazu
gezwungen ist?« - sagte ein Mann von etwa 35 Jahren mit interessanten, aber
verlebten Zügen.
    »Gewiss« - antwortete sein Gegner, in dem Landsfeld seinen Freund
Schattenfrei erkannte. »Ist nicht ein solches Verhältnis, bei dem der Mann nur
eine Nebenrolle spielen darf, ein durchaus widerwärtiges und unästetisches.
Eben weil es unästetisch ist, finde ich es unsittlich. Denn die Sittlichkeit
des Weibes liegt mit in seiner Grazie. Verletzt es diese, so hilft ihm alle
Keuschheit Nichts, bewahrt es sie, so kann es sich gar Manches erlauben, was man
ihm fast missdeuten würde.«
    »Unter der Bedingung, dass sie nach ihrem Instinkt handelt und in ihrer
Empfindung Wahrheit ist« - fügte Landsfeld hinzu.
    »So wäre Ihr Ideal etwa eine Isabella oder Lola?« - fragte Jener.
    »Ob das mein Ideal wäre, ist gleichgültig« - sagte Landsfeld kalt. »Aber für
sittlicher, als manche andere, über sie die Nase rümpfende, halte ich die Beiden
allerdings. Ich möchte noch mehr behaupten« - fuhr er, seine Stimme erhebend,
fort. - Denn er hatte in einer Fensternische des halb dunklen Nebenzimmers zwei
Gestalten bemerkt, deren eine er als Cornelia erkannte, während die andere grosse
Aehnlichkeit mit Berger zu haben schien. »Alle Gegensätze sind reiner und
tadelloser, als die sogenannten Mittelstrassen, mit denen sich nur die Dummen
oder die Heuchler begnügen können. So ist's beim Mann, so beim Weibe. Sich von
solcher Halbheit zu emanzipiren, gleichviel in welches Extrem man dabei geht,
darin besteht die wahre Emanzipation. Vergleichen wir zum Beispiel einen
durchaus ehrenfesten Mann, der in seiner Ehrenhaftigkeit ehrlich und vor allen
Dingen konsequent ist, mit seinem Gegensatz, einem Menschen, der die Ehre für
ein blosses Vorurteil hält und nun aus Prinzip in seiner Unehrenhaftigkeit eben
so ehrlich und konsequent ist, wie Jener in seiner Ehrenhaftigkeit, so sagt mir
das Letztere doch nimmer noch mehr zu, als ein Mensch, der zur konsequenten
Ehrlichkeit sowohl, so wie zur konsequenten Unehrlichkeit zu feig ist. Nichts
ist erbärmlicher, als ein Mann, der von Gewissensbissen geplagt wird. Was sagen
Sie dazu, Cornelia?« - Die Letztere war eben, durch den lauten Ton Landsfelds
aufmerksam gemacht, aus der Fensternische, in der sie mit Berger gestanden,
hervorgetreten.
    »Sie wissen, teurer Freund, dass wir in allen Dingen sympatisieren.« - Sie
lachte. Landsfeld ebenfalls und fuhr fort:
    »In der weiblichen Natur findet dasselbe Verhältnis statt.«
    »Wollen Sie dies Verhältnis nicht durchführen?« - bemerkte die Sängerin
G----z, eine feine Kokette, welche sehr glänzendes schwarzes Haar, sehr
glänzende Augen, sehr schwellende Lippen und einen sehr schönen Wuchs hatte.
    »Von Herzen gern. Nur müssen Sie mir eine böse Angewohnheit zu gute halten,
die nämlich, dass ich zuweilen stark individualisire.«
    »So wird Ihre Vergleichung desto pikanter werden« - erwiederte sie mutig.
    Landsfeld lächelte. »Es gibt manche Frauen, bei deren erstem Anblick man
bewundernd ausruft: Es gibt nichts Schöneres, nichts Verführerisches. Aber eine
Schönheit, die verführt, ist keine reine, ist eine Unnatur. Es liegt allerdings
etwas Dämonisches, darum Unwiderstehliches in diesem prunklosen Glanz, in dieser
flammenden, eleganten Einfachheit, in dieser frivolen Bescheidenheit und
raffinirten Unschuld. Eine simple jugendliche Landdirne, deren Herz jungfräulich
ist, und deren Gedanken keusch sind - und eine Priesterin der modernen Mylitta
mit unverhülltem Busen und kurzem Rock -. Das sind Extreme, es ist wahr; aber
jede zeigt wenigstens, was sie ist, sie verheimlichen nichts, die Eine, weil sie
nichts zu verheimlichen hat, die Andere, weil sie nichts verheimlichen will.
Denn auch das Verbrechen hat seinen Stolz. Es ist Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit
in Beiden. Engel und Teufel. Gut, aber wenn der Teufel - um christlich zu reden
- seinen Huf und Schweif nicht in moderne Pantalons und Fracks verbirgt, sondern
offen zur Schau trägt, so ist er ohne Gefahr, sollte man meinen. - Wenn nun aber
das Äussere nicht der Spiegel des Innern ist, wenn sich unter dem harmlosen
lieblichen Bilde einer züchtigen Jungfräulichkeit die Verderbnis des Innern
versteckt, wenn fromme Tauben-Augen Mühe haben, die unreine Begierde nicht in
einem unvorsichtigen Strahl zu verraten« - die Sängerin schlug vor dem Blicke
Landsfelds die ihrigen zu Boden - »wo zarten frischen Lilienwangen die
Vorstellung einer unkeuschen Umarmung zu einer reizenden Schamröte verhelfen
muss« - die Sängerin errötete - »und auf dem rosigen Munde nur der Gedanke eines
buhlerischen Kusses ein bezauberndes Lächeln hervorruft - das Herz aber kalt ist
und besudelt - - ein Engel von Aussen, ein Teufel von Innen; und zwar ein Teufel
unter der Hülle eines sanften fühlenden Kindes - - - - entschuldigen Sie, ich
bin aus der Konstruktion gefallen, und schliesse daher mit folgender Definition«
- fügte er, seinen patetischen Ton plötzlich in den gewöhnlichsten
Conversationston umwandelnd, hinzu -: »Ein kokettes Weib, das seine Kunst
versteht, ist weich anzufühlen wie eine Katze, die die Klauen einzieht, wenn man
sie streichelt, aber nach Blut lechzt, wenn sie kosend zu schnurren scheint.«
    Landsfeld hatte durch diese Standrede sich vielleicht ein Paar Feinde mehr
in der Welt erworben, aber er machte sich nichts daraus. Indessen war eine
dampfende Bowle aufgetragen worden. Man sammelte sich um den ovalen
Mahagonytisch, der vor dem mit dunkelgrünem Sammet überzogenen geschmackvollen
Rockokosopha stand. In diesem Augenblicke wurde Landsfeld abgerufen. Es war
Carl, der ihn von der Ausrichtung seines Auftrags unterrichten wollte. Als Carl
ihm referirte, dass Nr. 19. schon bestellt gewesen sei, sagte Landsfeld zu sich:
»Ich dachte es mir wohl, - aber Nr. 20.« -
    »Ist für Sie reservirt.« -
    Als der Baron wieder eintrat, war bereits die ganze Gesellschaft um den
Tisch versammelt. Auch Berger hatte seine Fensternische verlassen, und neben
Alicen Platz genommen. Der junge Musiker sah geisterhaft bleich aus. Seine
frühere Frische der Farbe und jugendliche Fülle war fast ganz verschwunden.
Landsfeld machte ihnen, als er bei ihren Plätzen vorbeikam, eine höfliche
Verbeugung, die von Seiten Alicens durch ein unbefangen freundliches Nicken, von
Seiten Bergers durch eine halb verlegene, halb zornige Wendung des Kopfes
erwiedert wurde. Er rückte sich einen Stuhl neben das Sopha, dessen Ecke die
Sängerin eingenommen hatte, weil es ihm stets grosses Vergnügen machte, grade
Diejenigen, welche er kurz zuvor absichtlich auf's tiefste gekränkt und
gedemütigt, mit der zuvorkommendsten Artigkeit zu behandeln, um sich an ihrer
Verlegenheit zu weiden. Zugleich bot ihm dieser Platz den Vorteil dar, dass er
das Gespräch zwischen Berger und Alicen, von denen er absichtlich halb
abgewendet sass, hören konnte.
    »Herr Assessor Tieftrunk ist, wie ich mit Bedauern bemerkt habe, heute nicht
hier« - sagte er mit einschmeichelndem Tone. »Oder kommt er vielleicht noch
später?«
    »Das kann ich Ihnen nicht sagen,« - erwiederte sie kalt, aber freundlich. -
»Ich glaube jedoch nicht.«
    »Darf ich in diesem Falle um die Erlaubnis bitten, Sie nach Hause zu
geleiten?« fragte er mit Herzlichkeit.
    Sie errötete. »Sie sind zu gütig, Herr Baron. Ich habe mich bereits
versagt.« Fast hätte sie hinzugesetzt »leider,« aber ein halber Blick auf Berger
setzte ohnehin den Baron sogleich von der Lage der Sache in Kenntnis. Er
beschloss einen neuen Sieg über seinen ehemaligen Gegner zu feiern. Doch gab es
noch einen andern tiefer liegenden Grund, welcher ihn dazu bestimmte. Es hätte
ihm in jedem andern Falle völlig gleichgültig sein können, ob Berger der
Günstling dieser ihm gänzlich indifferenten Dame sei oder nicht. Aber dass Jener
sie gerade heute nach Hause begleiten wollte, kam ihm deshalb höchst ungelegen;
weil er darauf gerechnet hatte, heute Nacht den Plan, welchen Berger, wie er
überzeugt war, mit Alicen gegen ihn oder Lydia angesponnen, zu ergründen. Aus
früherer Zeit wusste er nämlich, dass Alice nach dem Schluss des Salons selten noch
nach ihrer weitgelegenen Wohnung sich begab, sondern es vorzog, die Nacht in
einem Zimmer des nächsten Gastofs zuzubringen. Sie hatte zu diesem Zweck die
Einrichtung getroffen, dass ihr an den Salontagen stets ein bestimmtes Zimmer -
es war Nr. 19. - reservirt wurde. Landsfeld war diese Einrichtung sehr wohl
bekannt, aber er war ungewiss, ob es jetzt noch dasselbe Zimmer sei. Deshalb gab
er seinem Bedienten den Auftrag, gerade dies Zimmer für ihn zu bestellen und, im
Falle es besetzt sei, das Nebenzimmer, aus dem, da es nur durch eine dünne
Bretterwand von jenem geschieden war, man sehr deutlich verstehen konnte, was im
erstern vorging und gesprochen wurde. Wenn nun aber Berger nicht Alicen
begleitete, sondern die Sängerin, so war sein Plan vereitelt. Er musste also vor
allen Dingen dahin zu wirken suchen, dass die Sängerin Bergers Begleitung
ausschlug.
    »Sie werden mich für verwegen halten« - fuhr er mit leiser Stimme, aber mit
einer Intensität im Tone, die ihre Wirkung auf das erregbare Temperament der
schönen Sängerin nicht verfehlte, fort, indem er seine Hand, an der ein feuriger
Rubin strahlte, auf die Sophalehne legte - »wenn ich dennoch die Ueberzeugung
ausspreche, dass Sie mich zu Ihrem Begleiter erwählen werden.«
    Es lag eine solche Sicherheit in dem, was er sagte, und zugleich eine solche
Zarteit in dem, wie er es sagte, dass sie einen Augenblick in Verlegenheit
geriet. Vielleicht trug selbst der Umstand, dass er ihr zu trotzen gewagt, dazu
bei, ihm seinen Sieg zu erleichtern. Eben öffnete sie die Lippen, um ihm zu
antworten, als Alice, ihr bis zum Rande gefülltes Glas erhebend, die
Gesellschaft folgendermassen anredete:
    »Meine Herren und Damen! Es ist so vielfältig und auch heute in unserm
Kreise schon öfters von dem wahren Wesen der Frauen-Emanzipation gesprochen
worden, ohne dass man, wie es mir schien, eigentlich darüber klar gewesen, weder
wozu die Emanzipation diene, noch wozu man darüber spricht. Erlauben Sie mir
hierbei die Bemerkung, dass gerade der männliche Teil der Gesellschaft sich
diese Sache am meisten zu Herzen zu nehmen scheint, das heisst, am meisten
darüber spricht, vielleicht weil er am wenigsten davon begreift. Mich will es
bedünken, als müsse der Anfang zur wahren Emanzipation damit gemacht werden, dass
man sich vom Hin- und Herreden darüber emanzipirt. Zwar hat auch die
Emanzipation des Worts ihr Recht und man muss dafür kämpfen, ich gebe es zu, aber
die wahre Emanzipation ist die Emanzipation der Tat. - Meine Herren und Damen!
Wir wollen keine Wortelden werden, hoffe ich; geistreich zu sprechen und frei
zu denken, ist ein Kinderspiel gegen geistreiches Handeln und freies Tun. Giebt
es nicht Manche auch unter uns, die hinter dem freien Wort die praktische
Impotenz verstecken? Man schlage an seine Brust und frage sich, ob z.B. die
Furcht vor der Polizei für uns Alle schon eine überwundene Kategorie ist? Man
schlage zerknirscht an seine Brust und bekehre sich. Ich aber erhebe mein Glas
und rufe mit gutem Gewissen: Die Emanzipation der Tat soll leben!« -
    Ein allgemeiner Jubel folgte diesen mit sanfter Stimme und jenem
melancholischen Patos, der Alice eigen war, vorgetragenen Worten. Nachdem der
Sturm des Beifalls durch Leerung der Gläser etwas beschwichtigt war, fuhr sie in
demselben Tone fort:
    »Ich hoffe, dass Sie mir nicht den Vorwurf machen werden, als sündige ich
gegen mein eigenes Prinzip, indem ich jetzt doch über Emanzipation spreche. Es
wäre eine Beleidigung, die ich nicht verdiene, denn ich habe, wie gesagt, ein
gutes Gewissen. Meine Herren und Damen, ich glaube mir praktisch das Recht
erworben zu haben, über Emanzipation zu sprechen. Oder sollte Jemand einen
Zweifel dagegen erheben?« - Sie sah mit wahrhaft königlichem Stolz umher. Eine
feierlich komische Stille herrschte im ganzen Kreise. »Gut« - fuhr sie fort -
»ich sehe, dass Sie mich kennen. Lassen Sie sich denn sagen, was ich über
Emanzipation des Weibes denke. Meine Rede wird kurz, aber inhaltsreich sein:
Des Weibes Glück ist die Liebe,
Aber das Glück der Liebe ist die Freiheit!
Das ist mein Wahlspruch, meine ganze Philosophie. Es würde mir ein Vergnügen
machen, diesen Satz zu verteidigen, wenn sich ein Angreifer fände.« Sie setzte
sich. Nach einigen Sekunden, während welcher die bisher beobachtete Stille nicht
unterbrochen wurde, erhob sich jener Mann mit interessanten Zügen, in dessen
Gespräch mit Schattenfrei sich Landsfeld gemischt hatte.
    Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Züge dieses Mannes
deutlicher beobachten. Es war in Gesicht, von dem man sagen konnte, dass jeder
Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor
gestorbener Hoffnungen war.
    »Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie sagen, dass das Weib nur wahrhaft
lieben kann, wenn und in so fern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist,
wenn es liebt.«
    »Ja; - doch unter der Bedingung, dass Sie unter der Freiheit nicht bloss
Freiheit, das heisst Unbeschränkteit in der Empfindung, sondern Freiheit
überhaupt, sociale Freiheit begreifen.«
    »Was nennen Sie sociale Freiheit?«
    Alice dachte einen Augenblick nach: »Freiheit der Individualität« - sagte
sie endlich. »Vergessen Sie nicht, dass wir von der Emanzipation der Frauen
sprechen. Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen, lässt sich diese Erklärung
rechtfertigen. - Das wahrhaft Menschliche muss überall triumphiren. Dass es nicht
so ist' liegt in der Verkehrteit unserer socialen Verhältnisse.«
    »Vielleicht lässt sich jene Erklärung eben deshalb nicht auf
Frauen-Emanzipation anwenden, weil sie zu allgemein ist. Denn mir scheint in der
Forderung, die weibliche Individualität zu emanzipiren, ein Widerspruch zu
liegen.«
    »So meinen Sie also, dass das Weib dazu verdammt ist, ewig in den Fesseln zu
schmachten, die ihnen Willkühr und Herrschsucht der Männer angelegt.«
    »Nicht Herrschsucht der Männer, sondern die Natur« - erwiederte er ruhig.
    »Das sagen Sie, aber ich fordere einen Beweis. Ist das Weib etwa weniger
Mensch als der Mann, bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe.
Freilich, die Männer möchten es gern so darstellen.«
    »Der Mann hat seine Schranke, das Weib die seinige; und in beiden Fällen
führt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe.«
    »Oh, ich ahne, was Sie sagen wollen. Aber ich finde darin keinen Beweis.
Denn dass diese Schranke überwunden werden kann, zeigen Beispiele genug.«
    »Alle Schranken können, wenn auch nicht überwunden, so doch durchbrochen
werden, auch die Schranken der Natur. Aber zeigt sich der Barbar als ein Meister
des Kunstwerks, wenn er es zerschlägt?«
    »So beantworten Sie mir die Frage, woher es kommt, dass gerade die edelsten
gebildetsten Frauen die sogenannte Pflicht des Weibes am meisten
vernachlässigen? Nach ihrer Ansicht wäre ein recht kräftiges Landmädchen, wenn
es die Pflichten der Gattin und Mutter nur recht treu erfüllte, und den
Kochlöffel und das Waschfass zu regieren verstände, das höchste Ideal eines
Weibes. Ich wünsche aufrichtig, dass dies Ihr Ideal Ihnen bald verwirklicht
werde.«
    Ein allgemeines Gelächter belohnte sie für die argumentatio ad hominem,
welche ihr einen vollkommenen Sieg errungen hatte.
    Denn Frauen können im Streite mit Männern nur dann siegen, wenn sie entweder
auf ihr »Gefühl« sich berufen oder aber, wenn sie hierzu zu stolz sind, ihren
Gegner lächerrlich machen. Das Letztere ist jedenfalls das Sicherste, weil diese
Waffe nicht gut gegen sie selbst gekehrt werden kann. Alice hatte ihren Gegner
allerdings zum Schweigen gebracht; aber ein kaltes, bitteres Lächeln, woraus
neben dem Bewusstsein seiner Ueberlegenheit noch die Ironie über die Art seiner
Niederlage hervorleuchtete, schwebte auf seinen Lippen, als er, sich tief
verbeugend, sprach: »Ich erkenne mich für überwunden.«
    »So werde ich Ihren Kampf fortsetzen« - sagte plötzlich Landsfeld, der,
bisher mit der schönen Sängerin beschäftigt, der Unterhaltung gar keine
Aufmerksamkeit gewidmet zu haben schien.
    »Und ich den Ihrigen« - nahm Berger, zu Alicen gewendet, das Wort.
    »Dann muss ich meinen Vorsatz aufgeben, denn mit ungleichen Waffen schlage
ich mich nicht mehr« - erwiederte Landsfeld kalt.
    Berger erblasste. »Wie verstehen Sie das, Herr Baron?« fragte er in
leidenschaftlicher Aufregung?
    »Ich fürchte einen Kampf mit Ihnen.« - Er lächelte zweideutig. »Sie müssen
das aus Erfahrung wissen. Ich bitte Sie, mich zu schonen, schon aus
Gegengefälligkeit.«
    Berger schwieg, aber die ohnmächtige Wut, welche, im Gegensatz zu
Landsfelds kalter Ruhe, aus seinem krampfhaft verzogenen Gesicht sprach, hatte
die ganze Gesellschaft hinlänglich über die tiefe Feindschaft, welche zwischen
diesen beiden Männern herrschte, aufgeklärt, und eine allgemeine Verstimmung
hervorgebracht. Man teilte sich wieder in Gruppen.
    »Sie sind ein fürchterlicher Mensch« - sagte die Sängerin, welche mit
Erstaunen diesem kurzen Wortwechsel zugehört. »Was hat Ihnen der arme Mensch
getan, dass Sie ihn so demütigen?«
    »Er hat es gewagt« erwiederte Landsfeld ausweichend, mit verführerischem
Lächeln ihre Hand küssend - »seine Blicke auf Sie zu werfen. Das verdient noch
weit härtere Züchtigung.«
    »Sie sind ein Heuchler« - sagte sie halb zornig, halb geschmeichelt.
    Berger war wieder zu Cornelien getreten. »Still« - sagte diese - »wir
sprechen darüber weiter. Wollen Sie sie wirklich noch nach Hause begleiten?«
    »Ich weiss es nicht. Es ist ein göttliches Weib. - Aber dieser Mensch, ist er
nicht mein böser Genius? Tritt er mir nicht überall in den Weg, wo ich im
Begriff bin, mein Ziel zu erreichen? Auch Alice« -
    »Lassen wir das ruhen. Sie wissen, dass ich ihn Ihretwegen hasse, mehr als
je. - Wann werden Sie zurück sein?«
    »Kann man das Glück nach Minuten berechnen? Ich weiss es nicht.«
    »Wenn Laura nun aber ihre Meinung geändert hätte? Wenn Landsfeld -« fragte
sie leise.
    »So ermorde ich ihn in ihren Armen,« sagte er flüsternd, aber vor Wut
zitternd.
    »Das werden Sie nicht tun. Auch hülfe es uns nichts. Kennen Sie keine
süssere Rache? denken Sie an Lydia?« -
    »Sie haben Recht. Ich werde mich bezwingen. - Betrachten Sie diese
Koketterie, diese lüsternen Blicke« - fuhr er fort, mit dem Blicke auf Landsfeld
deutend, der zwei Schritte weit von ihnen sich auf die Lehne des Sessels
stützte, worauf Laura in verführerischer Stellung sass.
    »Jetzt ist der Augenblick gekommen« - flüsterte Landsfeld, indem er von
ihrem Stuhle zurücktrat und sich zu einer andern Gruppe gesellte, die das
Gespräch über Emanzipation fortsetzte, teils die Ansicht Alicens, teils die
ihres Gegners verteidigte.
    Die Sängerin wandte ihren schönen Kopf nach Berger um und winkte ihn zu
sich. Er setzte sich neben sie. »Sie werden böse sein, Artur« - sagte sie leise
- »aber ich fordere vor Allem Vertrauen von Ihnen.« - Er schwieg. »Sie können
mich heute nicht begleiten,« - fuhr sie, durch sein Schweigen in Verlegenheit
und durch diese Verlegenheit in Zorn gesetzt, fort. Er wollte aufstehen.
»Bleiben Sie. Sein Sie kein Tor, Berger. Ich habe wirklich einen triftigen
Grund, den ich Ihnen morgen mitteilen werde.«
    »Ich zweifle nicht an der Triftigkeit Ihrer Gründe« - sagte er bitter.
»Laura« - fuhr er nach einer Pause, seinen Ton verändernd, fort - »seien Sie
barmherzig, haben Sie Mitleid mit mir! Sie werden mich zur Raserei bringen.«
    Sie zog den Shawl, der ihr von den Schultern gefallen war, fest zusammen.
    »Es hilft Ihnen nichts« - flüsterte Berger, der diese unwillkührliche
Bewegung verstand. - »Ein Blick aus Ihrem Auge ist hinreichend, um mich in eine
Hölle von Sehnsucht und Verlangen zu stürzen.« Er ergriff ihre Hand. »Laura,
wollen Sie mich in dieser Hölle lassen? Sprechen Sie!« - Seine Stimme zitterte.
- Sie schwankte einen Augenblick, aber ein ironisches Lächeln, das sie auf den
Lippen Landsfelds, welcher, von Berger ungesehen, keinen Blick von ihr
verwandte, sich zusammenziehen sah, machte ihrem Schwanken schnell ein Ende. Sie
errötete über ihre Schwäche.
    »Es kann nicht sein, Artur, wirklich nicht. - Glaubst Du denn, dass es mich
keine Ueberwindung kostet, zu entsagen?«
    Berger liess in tiefer Mutlosigkeit den Kopf sinken. »Wohl« - sagte er, wie
zu sich selbst sprechend - »es wäre auch zu viel Seligkeit gewesen. Ein
Wahnsinniger nur konnte das für möglich halten.«
    Sie hatte wirkliches Mitleid mit ihm, aber die Wurzeln, welche das Mitleid
in ihr trieb, verdrängten die, welche die Leidenschaft für den jungen Mann darin
geschlagen hatten. Jetzt hatte sie nur noch ein Gefühl von peinlicher
Befangenheit, und den Wunsch, dieser unangenehmen Scene bald ein Ende zu machen.
    Landsfeld ahnte ihre Stimmung. Mit grosser Leichtigkeit und liebenswürdiger
Courtoisie trat er heran und bot ihr seinen Arm. »Wenn's Ihnen jetzt gefällig
ist, mein Fräulein, so gehen wir« - sagte er, ohne Berger eines Blickes zu
würdigen.
    »Gern, lieber Baron. Ich werde mich sogleich fertig machen.« Sie stand auf
und begab sich in das Nebenzimmer.
    Cornelia nahm ihre Stelle ein.
    »Nun, habe ich Recht gehabt?« fragte sie leise.
    Berger sass noch immer in der zusammengeknickten Stellung, als hätte er die
Entfernung Laura's gar nicht bemerkt. Durch den Ton Corneliens aufgeschreckt,
blickte er sie plötzlich wild an, und flüsterte ihr in's Ohr: »Und ich darf ihn
wirklich nicht ermorden?«
    »Und Lydia?« - fragte sie in derselben Weise.
    »Sie haben Recht!« er stand auf und wollte forteilen, als Alice auf ihn
zutrat mit der Frage, ob er sie begleiten wolle.
    »Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzuteilen« - sagte sie. Er zeigte sich
bereit. »So komm!«
    In wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft den Salon verlassen, um sich
nach Hause zu begeben.
 
                                 Achtes Kapitel
In einem kleinen, aber mit orientalischer Pracht ausgestatteten Zimmer finden
wir nach einer Stunde Landsfeld wieder. Er sass auf einem niedrigen Divan, an der
Seite Laura's, die in reizendem, aber ziemlich ungeordneten Negligée darauf
ausgestreckt lag, und spielte mit ihren seidenen Locken. Ihr voller und blendend
weisser Arm ruhte unter ihrem Haupte, das in träumerischem Ermatten
zurückgesunken war.
    »Sie sind schläfrig, Laura« - sagte Landsfeld. - »Es wird Zeit sein, dass ich
Sie verlasse.«
    Sie öffnete die halbgeschlossenen Augen und lächelte. »Noch einen Kuss, mein
Geliebter« - sagte sie leise, ihren linken Arm um seinen Hals legend. Er bog
sich zu ihr nieder und küsste sie. »Dein Atem ist glühend wie das Wehen des
Sirokko, Geliebter,« sagte sie, indem ein neuer Wonneschauer durch ihren Körper
bebte. Er sprang empor und warf den Mantel um sich. Sie richtete sich ebenfalls
auf.
    »Sagen Sie mir nur noch Eins, Baron. - Aber die Wahrheit. Trieb Sie nur die
Lust dazu, über Berger einen Sieg davon zu tragen, dass Sie mir Ihre Begleitung
anboten?« - Sie sah mit ihrem grossen Auge tief in das seinige.
    Nach einer Pause erwiederte er: »Ich will aufrichtig sein, Laura. Anfangs
allerdings. Aber es war nicht der einzige Grund. Ich hatte Sie gekränkt,
absichtlich gekränkt, und dazu hatte ich kein Recht. Deshalb näherte ich mich
Ihnen. Später aber war es weder das Erste, noch das Zweite, sondern Etwas, was
ich seit langer Zeit nicht mehr gekannt: Wärme der Empfindung. Ich bin Ihnen
dankbar dafür, Laura, dass Sie mich wieder mit der Liebe versöhnt haben.«
    Sie lächelte. »Es ist gut, dass Sie aufrichtig waren. Mehr hiefür, als für
die Wärme, als deren Urheberin Sie mich darstellen wollen, will auch ich mich
dankbar erweisen.« - Mit geheimnisvoller Stimme fuhr sie fort: »Nehmen Sie Lydia
in Acht!«
    Er erschrak. Wie kam dieser Name in dieses Zimmer?
    »Es ist etwas im Werke gegen sie.« -
    »Wer?« - Seine Stimme bebte, als er dies Wort sprach.
    »Berger! und noch Jemand, den ich nicht kenne.«
    Landsfeld sann einen Augenblick nach. Dann küsste er herzlich ihre Hand und
sagte mit einer Innigkeit, zu der ihn die schöne Sängerin durch ihre süssesten
Liebkosungen nicht hatte bringen können: »Das vergesse ich Ihnen nie, Laura. -
Leben Sie wohl.«
    Sinnend ruhte ihr Blick noch einige Minuten auf der Stelle, wo er gestanden.
»Ich möchte das Mädchen kennen lernen, das einen solchen Mann so erfüllen kann«
- sagte sie halblaut, indem sie aufstand, um sich zur Ruhe zu begeben.
    Landsfeld eilte nach dem Gastofe. »Wenn es nur nicht zu spät sein wird« -
dachte er. »Sollte Alice wirklich so niedrige Gesinnung haben? Ich kann es nicht
glauben. So wenig Herz sie hat, so viel Edelmut und hohen Sinn traue ich ihr
zu. - Aber wer sollte es sonst sein? - Berger fürchte ich nicht. Doch diese
Frauen führen selbst den Teufel an, wenn sie es darauf anlegen.«
    Während dieses Selbstgesprächs hatte er den Gastof erreicht. Schnell liess
er sich den Schlüssel zu seinem Zimmer geben. Jede Begleitung zurückweisend,
nahm er dem Kellner das Licht aus der Hand und ging allein die Treppe hinan. Er
öffnete vorsichtig die Türe von Nr. 20. und verriegelte sie eben so vorsichtig,
nachdem er eingetreten war. Als er sich in grosser Stille entkleidet, setzte er
sich auf ein Sopha, das neben der Zwischentüre stand.
    »Sollten sie ein anderes Zimmer gewählt haben?« fragte er sich, weil sich
nicht das geringste Geräusch hören liess. »Oder sollten sie mein Kommen gehört
haben?«
    Nach einiger Zeit schien es, als ob in dem Nebenzimmer eine weibliche Stimme
flüsterte. Landsfeld behielt ruhig seinen Platz.
    »Ich begreife Deine Verzweiflung vollkommen« - sagte die Stimme, »und finde
sein Betragen grausam und unedel obendrein. Aber gibt Dir das ein Recht, auch
grausam und unedel zu sein? Und gegen wen? Gegen ein Wesen, das an der ganzen
Sache völlig schuldlos ist. Nein, Artur, das ist Deiner unwürdig.«
    »Nenne mir ein anderes Mittel« - erwiederte eine dumpfklingende männliche
Stimme - »so will ich es mit Freuden ergreifen. Wo ist dieser Mensch zu
verwunden? Ich kenne keine Stelle als diese. Und dann, ist sie gegen mich nicht
auch grausam gewesen? Hat sie mich nicht von sich gestossen, als ich verzweifelnd
zu ihren Füssen lag?«
    »Warum wirfst Du nicht alle Schuld auf mich?« - fragte sie traurig. »O, es
ist mein Schicksal, überall den Saamen des Unheils und des Verderbens
auszustreuen, wo ich beglücken wollte. Alle, denen ich bisher meine Liebe
geschenkt, sind dadurch elend geworden. Auch an Deinem Unglück bin ich schuld.«
    Eine lange Pause trat ein. Dann sagte die männliche Stimme: »So willst Du
also nicht die Hand dazu bieten?«
    »Nein!« -
    »So leb' wohl! - Doch noch Eins. Du wirst uns nicht verraten?«
    »Uns?« -
    »Mich - wollt' ich sagen.«
    »Das hängt von den Umständen ab. Aber ich werde Euern oder Deinen Plan
vereiteln.« -
    Er schlug ein lautes Gelächter auf: »Gieb Dir keine Mühe. Es wird Dir zu
Nichts helfen. - Leb' wohl!« -
    Landsfeld hörte eine Türe öffnen, schliessen und von Innen verriegeln.
Männliche Schritte erschallten auf dem Korridor - die Treppe hinab - die
Haustüre öffnete sich - dieselben Tritte tönten von der Strasse herauf - dann
ward's still. -
    Landsfeld erhob sich und öffnete einen Kleiderschrank, der an derselben Wand
stand. Er war leer. Seinen Mantel fest um sich schlagend, so dass er nur die
rechte Hand frei behielt, stieg er ganz in den Schrank hinein und tastete wie
suchend an der Hinterwand desselben umher. Endlich schien er gefunden zu haben,
was er suchte. Denn wie durch ein Zauberwort öffnete sich plötzlich die Wand,
welche eine verborgene Tapetentüre war, und liess Landsfeld einen Blick in das
andere Zimmer tun. Es rührte sich nichts darin. Er öffnete sie so weit, dass
sein Körper gerade hindurch konnte und schloss sie dann mit derselben
Behutsamkeit von der andern Seite. Dieses ganze Experiment war so geräuschlos
vollbracht worden, dass die Inhaberin des Zimmers, in welchem Landsfeld jetzt
war, noch nichts davon merkte, als er schon vor ihr stand. Sie lag auf dem
Sopha, den Kopf nach der anderen Seite gewandt und schien zu schlafen.
    »Alice« - sagte er sanft.
    Erschreckt hob sie den Kopf und sprang, als sie die verhüllte männliche
Gestalt erblickte, mit einem Satz empor, indem sie einen raschen Griff in ihren
Busen tat.
    »Lass ihn stecken, Alice« - er meinte den Dolch, den Alice stets bei sich zu
tragen pflegte - »hast Du den Ton meiner Stimme schon vergessen?« -
    »Du bist's, Richard! Wie bist Du hereingekommen?«
    »Das will ich Dir ein anderesmal erzählen. Jetzt hab' ich etwas Wichtigeres.
Berger war bei Dir. Was beabsichtigt er?«
    »Wenn Du weisst, dass er bei mir war, so wirst Du auch wissen, was er mir
davon gesagt hat.« -
    »Nein, ich bin erst vor wenigen Minuten zurückgekommen und habe nur das Ende
Eures Gesprächs gehört. - Was beabsichtigt er? - Warum antwortest Du nicht?« -
    »Weil ich nicht will. Du täuschest Dich in mir, Richard, wenn Du glaubst,
ich sei ein Weib, wie andere Weiber, und zu lenken, wie sie. Habe ich
Verpflichtungen gegen Dich? Hast Du noch Ansprüche auf meine Erkenntlichkeit? -
Ich sage Nichts.« -
    Darauf hatte Landsfeld nicht gerechnet; und doch war es ihm klar, dass er um
jeden Preis das Geheimnis erfahren musste; aber durch welche Mittel? Durch Furcht
war Alice eben so wenig als durch Versprechungen zu gewinnen, und an seine Liebe
würde sie nicht glauben.
    »Warum willst Du es mir nicht sagen, Alice?« fragte er endlich.
    »Ich habe keinen Grund für das Gegenteil, lieber Richard. - Es tut mir
leid, dass ich weder einfältig noch gutmütig genug dazu bin, mich als Mittel
brauchen zu lassen; und etwas Anderes würde ich Dir nie sein können. Du achtest
mich - ob mit Recht oder Unrecht, mag dahin gestellt sein - zu wenig, um mich
Deines Vertrauens würdig zu halten. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, obschon
es mir wehe tut, weil ich fühle, dass ich besser bin als Du glaubst. Mich aber
zu den vielen Nullen zählen zu lassen, zu denen Du die Eins bildest, dazu,
Richard, bin ich zu stolz. - Unterbrich mich nicht! Ich freue mich, dass einmal
der Augenblick gekommen, wo ich mich offen hierüber gegen Dich aussprechen kann.
Richard, ich halte Dich nicht bloss für einen unglücklichen, sondern auch für
einen törichten Menschen, weil Du nach Liebe umherspähest, ohne zu bedenken,
dass man selber der Liebe fähig sein muss, wenn man sich in der Liebe Anderer
befriedigt fühlen will. Nur so viel Gefühl man selbst in ein Verhältnis
hineinträgt, so viel Glück und Freude trägt es ein. Wärst Du nur Egoist,
Richard, so wäre nichts dagegen zu sagen. Jeder schafft sich seine eigene Welt.
Wolltest Du nur Liebe erwecken und Egoist bleiben, so würde auch dies noch
passabel vernünftig sein. Aber Du willst nicht bloss Egoist sein, und geliebt
werden, sondern auch wahrhaft glücklich sein, durch diese Liebe: das, Richard,
nimm es mir nicht übel, ist einfältig - denn es ist eine Unmöglichkeit.«
    Landsfeld war in tiefe Gedanken versunken, aber er antwortete Nichts. Alice
fuhr fort:
    »Sieh, Richard, das ist der Grund, weshalb Du auch mich nicht verstanden
hast. Dein Egoismus wurde durch meine Art zu lieben verletzt; Du begriffst
nicht, dass mir die Persönlichkeit des Geliebten nur der zeitweilige Träger
meines Liebeideals sein konnte. So glaubtest Du von mir hintergangen zu sein,
als ich fand, dass Du dies Ideal nur nach einer Seite hin verwirklichtest, also
die unbedingte ausschliessliche Liebe, welche Du fordertest, nicht verdientest.
Berger, wie er damals war, sein reines, kindliches Gemüt zog mich gerade durch
den Gegensatz zu Dir an. Und dennoch hätte ich an Dir festgehalten, wärst Du
nicht kleinlich genug gewesen, auf ihn eifersüchtig zu sein. Schon deshalb war
es ein Akt der Humanität, ihn glücklich zu machen. - Dass ich es ohne Dein Wissen
und Willen tat, daran warst Du selbst schuld. Du zwangst mich dazu durch Deine
despotische Eifersucht, denn -
   unbedingte Herrschaft kann ich meiner Natur nach keinem Manne einräumen. -
    Doch ich will darüber schweigen, denn die Zeiten sind vorbei. Jetzt lieb'
ich weder Dich noch Berger mehr. Aber eben darum wirst Du begreifen, warum ich
Keinen dem Andern aufopfern kann. - Ich bitte Dich aufrichtig, keine Bitte an
mich zu verschwenden. Die Versagung würde Dich nur gegen mich erbittern, und das
würde mir leid tun. Denn ich halte Dich noch immer hoch und wert.«
    Diese mit völlig leidenschaftsloser Freundlichkeit und ruhiger Herzlichkeit
gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf Landsfelds aufgeregtes
Gemüt. Er fühlte sich hier zum erstenmale einem weiblichen Charakter gegenüber,
der, an Selbstständigkeit und Festigkeit dem seinen so nahe verwandt, ihm ein
unwillkührliches Gefühl der Achtung abzwang. Er glaubte merkwürdiger Weise
diesmal an die Wahrheit dessen, was er so eben gehört, und grade diesmal wurde
er, wenn auch nicht ganz, so doch teilweise getäuscht. Alice liebte ihn
wirklich noch, und vielleicht glühender als je; aber mit jenem Scharfblick, der
nur Frauen eigentümlich ist, hatte sie den einzigen möglichen Weg, auf dem sie
sein Vertrauen, und dadurch vielleicht seine Liebe wieder erwerben konnte,
richtig erkannt und mit grosser Selbstverläugnung eingeschlagen. Nur dadurch, dass
sie eine völlig unbefangene, selbstständige Stellung ihm gegenüber einnahm, war
es möglich - das fühlte sie - ihn zur Verlassung der seinigen, und zur
Annäherung an sie zu bewegen. Sie wurde allerdings hierin durch ihren
natürlichen Edelmut, von dem er sich selbst durch Anhörung jenes Gesprächs
überzeugt hatte, so wie durch den Zufall, der sie in den Besitz eines ihm
wichtigen Geheimnisses gesetzt hatte, von dem sie übrigens weniger wusste, als er
glaubte, bedeutend unterstützt; aber alle diese Vorteile hätten ihr nichts
genützt, wäre sie schwach genug gewesen, ihm ihre vom Erlöschen noch sehr ferne
Liebe zu ihm ahnen zu lassen.
    »Ich kann Dich nicht zwingen, Alice« - sagte er mit einer Art von
Resignation, die diesem starken Menschen einen Ausdruck von Sanftmut verlieh,
welcher das Herz Alicens zu verdoppelten Schlägen trieb. »Doch noch habe ich
selbst Kraft genug, um mein Heiligtum vor Entweihung zu schützen. Wehe dem, der
es wagt, Lydia mit einem Worte zu verletzen. Wehe auch denen, die schwiegen, als
sie reden konnten.«
    »Reden werd' ich nicht, Richard. Aber dass ich nicht handeln wollte, wenn's
Zeit dazu ist, habe ich Keinem versprochen. - Jetzt lasse mich allein, der
Morgen dämmert schon.« Sie reichte ihm die Hand, er drückte sie herzlich.
    Landsfeld eilte in den Hof hinab, bestieg sein Pferd, und trabte, gefolgt
von seinem Bedienten, durch den grauen Herbstnebel, welcher sich dicht auf die
noch menschenleeren Strassen gelagert hatte.
 
                                Neuntes Kapitel
Etwa acht Tage nach den oben erzählten Scenen standen zwei tiefverhüllte
Gestalten an der langen Mauer, welche die eine Seite der Anhalt-Strasse bildet
und blickten aufmerksam nach der Bel-Etage eines der reizenden Häuser dieser
schönen Strasse hinüber. Ein dichter feiner Regen verdüsterte die Luft und schien
selbst den hellerleuchteten Gaslaternen ihren flammenden Atem zu benehmen. Eben
schlug es eilf Uhr; ein langanhaltendes immer stärker werdendes Pfeifen
durchschnitt die Luft. Es war das Ankunfts-Signal des letzten Zuges der
Anhaltischen Eisenbahn. Mit unverwandten Blicken schaueten die Beiden hinüber
nach den Fenstern. Endlich sagte die kleinere, dem Anschein nach weibliche
Gestalt:
    »Was nützt es, dass wir hier im Regen stehen und uns ennuyiren? Lassen Sie
uns nach Hause gehen! Ich leide ohnehin an Rheumatismus.«
    Ein tiefer krampfhafter Seufzer war die Antwort. - Nach einer Pause
erwiederte eine männliche Stimme:
    »Gehen Sie immer hin, Sie Glückliche, die Sie noch nicht verlernt haben sich
zu langweilen.«
    Das tragische Patos, mit dem diese Worte gesprochen wurden, musste etwas
Komisches entalten, denn Jene lachte, als sie mit demselben patetischen Accent
erwiederte:
    »Sie Glücklicher, der Sie verlernt haben, sich zu langweilen« - und fuhr
dann mit verändertem Tone fort: »Aber ernstaft gesprochen: Sie sind ein Narr,
dass Sie sich so selber quälen, nehmen Sie mir den Ausdruck nicht übel. -
Apropos. Wie weit sind Sie mit Laura gekommen?« - Es lag ein solcher Ausdruck
von boshafter Schadenfreude in der Art, wie diese Frage getan wurde, dass der
Andere zornig, aber mit leiser Stimme erwiederte:
    »Sie sind ein wahrer weiblicher Mephisto, Cornelia; Sie verstehen sich
vortrefflich darauf, den moralischen Henkersknecht zu spielen.« -
    »Mässigen Sie sich, teurer Freund, den ich gern meinen Faust nennen würde,
wäre er nicht ungeschickt genug gewesen, sich sein Gretchen fortschnappen zu
lassen.« - Sie lachte über ihren vortrefflichen Witz und wollte fortfahren, als
er ihr in's Wort fiel:
    »Schweigen Sie und reizen Sie mich nicht zum Äussersten! Ich bin gerade in
der Stimmung, um Sie dahin zu schicken, wohin Sie eigentlich gehören: in die
Hölle.«
    »Das werden Sie bleiben lassen, Berger,« erwiederte sie ruhig. »Wer würde
dann den gutmütigen Narren spielen, der seine Pfote hergibt, Ihnen die
Kartoffeln aus dem Feuer zu holen?«
    »Es ist wahr!« - erwiederte er, ohne daran zu denken, welche arge
Beleidigung er damit sagte.
    Als Erwiederung für seine Aufrichtigkeit setzte sie höhnisch hinzu: - »Aber
nicht eher, mein Freund, nicht eher stecke ich die Pfote in's Feuer, als bis die
Kartoffeln tüchtig gebraten und gar sind. Ha, ha!«
    »Weib!« - rief er zähneknirschend, indem er sie wütend an der Schulter
packte. - »Bringe mich nicht zum Rasen, sag' ich. Ich möchte bei Gott vergessen,
dass - -« die Wut erstickte seine Stimme.
    »Dass ich Dich noch gebrauchen kann« - ergänzte sie ruhig. »Meinten Sie nicht
das? - Nun gut; ich will schweigen, unter der Bedingung, dass Sie diesen verdammt
langweiligen Ort verlassen.«
    »Einen Augenblick noch« - bat er, indem er seine Aufregung bekämpfte. »Sehen
Sie« - setzte er zitternd hinzu. »Die Lichter werden schon ausgelöscht.« -
    In der Tat nahm die Helligkeit drüben sichtbar ab. Endlich schien nur noch
ein Licht in dem Zimmer zurückgelassen zu sein. Da trat ein Mann an's Fenster
und blickte hinaus.
    »Er ist es« - flüsterte Berger, den Atem anhaltend.
    Jetzt wandte sich der Mann oben um, als spräche Jemand zu ihm. Gleich darauf
wurde eine weibliche Gestalt sichtbar. Sie lehnte sich an ihn an, er drückte
einen langen Kuss auf ihre Stirn.
    »Hölle und Teufel« - knirschte Berger halblaut.
    Der Mann am Fenster schien etwas gehört zu haben. Denn noch einmal lehnte er
sich aus dem Fenster und blickte forschend auf die Strasse. Aber der Nebel war zu
dick, auch hatte sich Berger mit Cornelien hinter die Gaslaterne postirt, deren
Schein ihn blenden mochte. Er zog den Kopf zurück und schloss das Fenster. Jetzt
schien er, zu der jungen Dame gewendet, etwas zu sprechen. Denn plötzlich fiel
sie ihm um den Hals und verbarg ihren Kopf an seiner Brust. - Gleich darauf
verschwanden sie von dem Fenster und das Licht verlosch.
    Berger starrte noch immer zu dem Fenster empor, als sei er überzeugt, dass es
sich noch einmal erhellen müsse. Aber er wartete vergeblich. - Wie aus einem
schweren Traum erwachend, fuhr er sich über die Stirn und sagte mit gebrochener
Stimme:
    »Sie hatten doch Unrecht, Cornelia, als Sie mich davon abhielten, ihn zu
ermorden.« -
    »Morgen werden Sie das Vernünftige meines Rats selbst einsehen.«
    Sie ergriff ihn beim Arm und führte ihn fast willenlos fort.
    - - - - - - - - - -
    Es war der Hochzeitstag Landsfelds und Lydia's. Sie hatten ihn ganz in der
Stille gefeiert, weil Lydiens Mutter noch zu schwach war, um das Geräusch und
die Aufregung, welche eine grosse Gesellschaft stets mit sich bringt, ertragen zu
können. Nur der Hofrat und eine Jugendfreundin der Forsträtin, welche zugleich
als Zeugen der Trauungsceremonie beigewohnt hatten, waren bei diesem Feste
zugegen gewesen, hatten sich jedoch bald nach zehn Uhr von der Forsträtin und
dem jungen Paare verabschiedet.
    »Ich bin ermüdet, lieben Kinder« - sagte Frau von Dorntal, welche in einem
bequemen Lehnsessel mehr lag als sass - »und werde mich zur Ruhe begeben.«
    Landsfeld, welcher fühlte, dass er in diesem Augenblick die beiden Frauen
einander überlassen müsse, stand auf und ging in das Nebenzimmer, in welchem er
die noch brennenden Lichter eines nach dem andern bis auf's letzte auslöschte
und, dann an's Fenster tretend, auf die Strasse hinabsah. Lydia folgte ihm nach
einigen Minuten.
    »Die Mutter ist nach ihrem Zimmer gegangen« - sagte sie, sich an ihn
schmiegend. - »Sie grüsst Dich herzlich.«
    »So lass uns auf die unseren gehen« - erwiederte er, sie umfassend. - »Komm,
Geliebte, komm, jetzt gehören wir ganz einander an. Verstehst Du, Lydia, was das
heisst?« -
    Statt aller Antwort umschlang sie weinend seinen Hals und lehnte ihre Stirn
an seine Brust.
    Einen Augenblick betrachtete er sie aufmerksam, und leise den Kopf
schüttelnd; dann führte er sie mit sich fort, indem er das letzte Licht auf dem
Tische mit sich nahm.
    Das Schlafzimmer der Neuvermählten lag nach dem Garten heraus. Es war
einfach aber höchst geschmackvoll und behaglich eingerichtet. Durch ein schmales
Kabinet nach der einen Seite von dem Schlaf- und Arbeitszimmer Landsfelds, nach
der andern von dem Speisesaal getrennt, aus dem eine Tür nach dem ebenfalls mit
seinem Arbeitszimmer zusammenhängenden Wohnzimmer Lydiens, die andere nach den
auf der anderen Seite liegenden Gemächern der Forsträtin.
    Um die Mutter nicht zu stören, gingen sie, statt direkt durch den
Speisesaal, durch das Arbeitszimmer Landsfelds.
    »Geh', Geliebte« - sagte Landsfeld, sie mit Innigkeit umschlingend, nachdem
sie das letztgenannte Zimmer betreten. - »Geh', lass Dich von Gertrud
entkleiden.« -
    Gertrud war Lydiens Amme gewesen und jetzt als Wirtschafterin in den neuen
Hausstand mit eingetreten. -
    »Bist Du nicht allzu müd', mein Herz, so komme ich noch auf ein paar Minuten
mit Dir zu plaudern.«
    Wieder ruhte nach diesen mit unbefangener Herzlichkeit gesprochenen Worten
sein forschender Blick auf dem Gesicht seiner jungen Gattin. Vielleicht hoffte
er, dass sie ihm antworten werde, aber auch diesmal umarmte sie ihn nur unter
schamhaftem Erröten und eilte schnell zur Türe hinaus.
    Er blickte ihr lange sinnend nach, als suche er den Grund von Etwas, das er
sich nicht erklären könne.
    »Wer mir doch Gewissheit geben könnte« - sagte er vor sich hin. »Zwar
erstaunte sie nicht über das, was ich ihr sagte, sie schien es ganz natürlich zu
finden - aber warum errötete sie denn? - Und endlich frage ich: Kann eine
solche Unschuld, wie sie sie zu haben scheint - vielleicht nur scheint - möglich
sein bei einem Mädchen von 19 Jahren? Ist es denkbar, dass der Zufall sie vor
jedem zweideutigen Worte, vor jeder verschleierten Anspielung, vor jedem -«
Bilde, wollte er sagen, aber er sprach das Wort nicht aus, sondern schloss mit
einem bittern Lachen, da ihm einfiel, dass man sich durch dergleichen Fragen in
der keuschen Residenz, dem züchtigen Berlin - nur lächerrlich machen könnte. Und
dennoch tat er ihr durch diese Zweifel unrecht.
    Lydiens Phantasie war in der Tat völlig rein und fleckenlos. Noch hatte sie
keine Ahnung - oder doch gewiss keine Vorstellung von einer andern als wie
geistigen und gemütlichen Gemeinschaft und Einigung der Gatten. Vielleicht war
es nicht klug gehandelt von der Forsträtin, dass sie ihre erwachsene Tochter
über die Ehe nie aufgeklärt hatte. Aber sie konnte es nicht über's Herz bringen,
den Kindeshimmel dieses reinen Gemüts zu zerstören. Dass Lydia durch andere
zufällige Anlässe zu einer Kenntnis in dieser Beziehung kommen könnte, ohne dass
es von dem mütterlichen Auge wahrgenommen würde, hielt sie für unmöglich. Denn
sie wusste, dass, wenn ein jungfräuliches Herz seine Reinheit so lange ungefährdet
erhalten hat, es in dieser Reinheit selbst den besten Schild gegen jede
Verunreinigung besitzt und dass übrigens, sollte doch ein unvorhergesehener
Zufall eine ihr bisher fremde Vorstellung gleichsam gewaltsam hineinschleudern,
seine Verwirrung und sein Schmerz zu tief und gross sein würde, als dass es ihn
vor dem Scharfblick mütterlicher Liebe verbergen könnte. Die Bedenken, welche
Landsfelds Zweifel gegen die Wahrheit von Lydiens weiblicher Unschuld rege
erhielten, und welche nur bewiesen, dass er von der wahren Reinheit des
weiblichen Gemüts keinen Begriff hatte, liessen sich sämmtlich durch die
einfache Tatsache widerlegen, dass Lydiens Ohren und Augen über solche
Anspielungen und Anschauungen entweder teilnahmlos fortglitten, weil sie sie
nicht verstand, oder aber - waren sie zu deutlich und folglich zu krass - sie von
ihnen, ohne sich eigentlich des Grundes bewusst zu werden, nur einen
unangenehmen, wiederwärtigen Eindruck erhielt, den sie so schnell wie möglich
wieder los zu werden suchte. Beunruhigt oder gar erregt wurde sie nicht im
Geringsten dadurch, höchstens wurde ihr Geschmack beleidigt. Aber jetzt war sie
in einer ihr selbst unerklärlichen tiefen Bewegung. Der Gedanke, jener von den
Mädchen eben so ersehnte als gefürchtete Augenblick, welcher die Grenze zwischen
dem Jungfrauen- und Frauenleben bildet, sei jetzt gekommen, setzte sie
vielleicht in desto grössere Spannung, und liess ihren Busen vielleicht um so
ängstlicher auf- und abwogen, je weniger sie eine klare Vorstellung von seiner
wahren Bedeutung hatte.
    »Ach, Gertrud« - sagte sie zu ihrer Amme, »sag' mir nur, warum mir so angst
ist. - Fühl' einmal, wie mir das Herz schlägt.« Bei diesen Worten nahm sie die
trockene, harte Hand Gertruds, welche sie bereits entkleidet hatte und eben im
Begriff war, ihr das Nachtkleid überzuwerfen, und legte sie unter ihre linke
jugendliche Brust.
    »Lass nur gut sein, Lydchen« - erwiederte Gertrud lächelnd, welche das Recht
hatte, ihre junge Herrin noch als ihr Pflegekind zu behandeln. - »Lass nur gut
sein. Ich kenne das, bin auch mal jung gewesen und habe gezittert und gebebt,
als sie mir in der Kammer den Brautkranz aus dem Haare nahmen. Aber 's gibt
sich halt mit der Zeit.« - Sie seufzte. »Aber sag' mir, Kindchen, warum willst
Du denn noch aufbleiben, warum legst Dich nicht in's Bettchen?« -
    »Richard kommt ja noch zu mir; Gertrud!« -
    »Kommt er noch!« - erwiederte Gertrud, wie verwundert über diesen Grund, mit
fast ironischem Tone.
    »Freilich, Gertrud. Er hat es mir ja versprochen« - sagte Lydia treuherzig.
    »Hat er wirklich?« - fragte Gertrud wie vorhin, indem sie den Kopf
schüttelte.
    »Nun ja. Was fällt Dir dabei auf, Gertrud? - ist er nicht mein Mann?« - Sie
errötete, als sie mit schamhaftem Lächeln von ihrem »Manne« sprach. Die Alte
schüttelte noch immer fort.
    »Du bist ja heut' ganz wunderlich, Gertrud. - Geh' nur - Richard wird gleich
kommen.«
    Gertrud drückte sie mit einer Mischung von Zärtlichkeit und Feierlichkeit an
das Herz; - zündete dann die in einer Glocke von rosafarbenem Glase hängende
Nachtlampe an und entfernte sich langsam und leise auftretend durch den Corridor
nach ihrem Schlafzimmer neben dem Zimmer der Forsträtin.
    Lydia hatte sich in die Ecke des kleinen mit weissseidenem Zeuge überzogenen
Sopha's geworfen, und sass, den schönen Kopf in die Hand gestützt, in Gedanken
versunken da, als ein leises Pochen an der Türe sie emporschreckte.
    »Er ist's« - sagte sie fast atemlos zu sich, indem sie beide Hände über den
ungestüm wallenden Busen legte, als fürchte sie, die Bewegung möchte ihre Brust
zersprengen. Sie hatte weder die Kraft, zu rufen, noch einen Schritt zu tun.
Ein zweites stärkeres Klopfen gab ihr endlich ihre Kraft zurück.
    »Richard« - rief sie mit bebender Stimme.
    Landsfeld trat herein. Er war mit einem einfarbigen grünen sammetnen
Morgenrock bekleidet, welcher durch eine dicke Seidenschnur von gleicher Farbe
um den Leib gehalten, bis auf die feinen Morgenstiefel herabfiel. Sein Hals war
frei und nur mit einem weissen Hemdkragen umgeben, der sich leicht und glatt über
den Shawlkragen des Morgenrocks legte.
    »Du schliefst schon, Geliebte« - sagte er lächelnd, auf sie zu tretend,
indem er einen langen aber sanften Kuss auf ihre Stirn drückte.
    »Ach nein, Richard, ich schlief nicht. Dein Klopfen - ich weiss nicht warum -
nahm mir die Kraft - die Stimme versagte mir« - Er sah ihr tief, tief in das
glänzende Auge, welches sie mit offner Liebe zu ihm aufgeschlagen hatte.
    »Komm', setze Dich zu mir,« - sagte er dann hastig, indem er sie zum Sopha
führte.
    Er umschlang sie mit der einen Hand und zupfte mit der andern an den Bändern
des zierlich gestickten Nachtäubchens, welches Lydiens Haar gefangen hielt.
»Ich liebe das nicht« - flüsterte er kosend - »ist nicht die Natur überall
schöner als die Kunst, besonders wenn diese dazu dienen soll, die erstere zu
verhüllen.« Ohne ein Wort zu erwiedern, löste Lydia die Bänder und warf das
Häubchen von sich. Voll und glänzend fielen wie ein dunkelgoldiger Strom die
entfesselten Locken über ihre Schultern und ihren Nacken.
    »Wie weich und elastisch ist Dein Haar, Lydia!« - Er liess es spielend durch
die Finger gleiten. Weisst Du, wie schön Du bist? Sag' mir das, Lydia!«
    »Welche Frage, Richard! Wie schön man ist, das kann man wohl nicht wissen,
sollte ich denken. Dass ich manchmal, wenn ich vor dem Spiegel gestanden, mich
darauf angesehen, ob ich hübsch bin, will ich nicht läugnen - aber« -
    »Nun?« -
    »Aber ich tat es doch immer im Gedanken an Dich. Ich dachte dann: kann er
Dich wohl hübsch finden? Und dann freute ich mich; denn Richard, ich will es Dir
nur gestehen, ich antwortete dann gewöhnlich ganz leise: Ja. - Meinst Du nun,
dass ich eitel bin, Richard?«
    Es lag eine solche Kindlichkeit und Harmlosigkeit in dem, was Lydia sagte,
dass ein Mann von so eisernem Willen und so titanischer Selbstüberwindung, wie
Landsfeld, dazu gehörte, um dem einmal gefassten Entschluss, das höchste Glück
sich zu versagen, so lange treu zu bleiben, bis durch längere Beobachtung seine
Ueberzeugung von der Wahrheit dieses weiblichen Herzens eine unerschütterliche
Festigkeit erreicht hatte. Je mehr er gerade jetzt geneigt war, zu glauben,
desto mehr fühlte er gegen sich die Verpflichtung, sich nicht eher diesem
Glauben hinzugeben, als bis jede Möglichkeit von Zweifel verschwunden war. -
Aber diese Entsagung wurde ihm schwerer, als er es geahnt hatte. Wäre Lydia ein
Weib wie Laura gewesen, so würde er eine Art egoistischen Triumphs darin
gefeiert haben, ihre Sehnsucht ungestillt zu lassen. Denn die Macht sinnlicher
Reize, obwohl er selbst feurigen und leidenschaftlichen Temperaments war, konnte
doch die Energie seines Geistes, seinen Stolz nicht erschüttern. Aber sie war
keine solche Macht, die ihn nur zum Widerstande hätte reizen können. Ein seiner
Reize selbst unbewusstes, sich vertrauensvoll an ihn schmiegendes Kind war es,
was nicht des eigenen Genusses wegen, sondern aus Liebe zu ihm, sich ihm
überliess, auf seinen leisesten Wunsch lauschte, um ihn, kaum ausgesprochen,
erfüllen zu können. - Darauf war er nicht gefasst. - Seine Stimme zitterte fast,
als er auf ihre Frage erwiederte: »Ich glaube, dass Du ein gutes Kind bist,
Lydia.«
    »So hältst Du mich also nicht für eitel?« - sagte sie heiter lächelnd, ohne
Ahnung von dem Sturme, der in diesem Augenblick seine Brust durchwühlte. »Das
freut mich, Richard. Denn ich glaube, dass Du das besser wissen musst, als ich
selbst.« Nachdenklich fuhr sie fort: »Man weiss wohl eigentlich selten, wie es im
Grunde hier aussieht; meinst Du nicht auch, Richard?« - Sie legte den
Zeigefinger auf dieselbe Stelle, auf der vorhin Gertruds Hand gelegen. So
stürmisch es damals dort pochte, so ruhig war es jetzt.
    Landsfeld wusste nur noch zwei Mittel, um den künstlichen Damm, welchen er um
seine Empfindung gezogen hatte, vor dem Durchbruch zu bewahren. Das eine war
schleunige Flucht. Aber er schämte sich vor sich selber, als er daran dachte.
»Ich will's wagen« - sagte er zu sich, das andere Mittel erwägend.
    »Das ist der ewige Widerspruch im Menschen« - sagte er ernst. »Die Gegenwart
ist gerade das, wovon man am wenigsten weiss. Daher fürchtet man sich vor der
Gefahr und selbst, nachdem sie schon verschwunden ist, in der Erinnerung weit
mehr, als in dem Moment, wo man mitten darin ist. Wie mit der Furcht, so ist's
auch mit der Hoffnung, mit der Erwartung überhaupt, sei's des Glücks und der
Seligkeit, sei's des Schmerzes und der Trauer. Wie war Dir, Lydia, vor jenem
Augenblicke, wo ich an Deine Türe klopfte? Jetzt bist Du ruhig, warst Du es
damals auch? - Bist Du es jetzt, da Du daran denkst?«
    »Es ist wahr, Richard« - sagte sie erglühend. »Welches Gefühl es war,
welches es auch jetzt ist, ich weiss es nicht, ich kann es nicht beschreiben -
unnennbar, - überwältigend - tief beseligend - angsterfüllend. - - - - Richard!«
- Das letzte Wort sprach sie mit einem zugleich flehenden, zugleich hingebenden
Tone.
    Landsfeld hielt mit der Rechten ihre Taille umschlungen. Mit der Linken zog
er die Busennadel, welche ihr Nachtkleid über der Brust zusammenhielt, heraus. -
»Bist Du nicht mein Weib?« - flüsterte er, sich fester an sie schmiegend, mit
jenem Vibriren der Stimme, das sie nur in der tiefsten Leidenschaft anzunehmen
im Stande ist. »Fühlst Du nicht selber Sehnsucht, mein zu sein, Lydia - ganz
mein zu sein?« -
    Mit ängstlicher Erwartung blickte er ihr in das Auge, beobachtete er jede
Muskel ihres Gesichts, während in seinem Innern der Kampf gegen die Macht der
eigenen Leidenschaft fortwühlte.
    Ein feuchter Glanz schimmerte in ihren Blicken, aber es war nicht jenes
verschwimmende, in eigener Glut erstickende Feuer des Verlangens, nein, es war
eine reine Träne, die das ungewisse Bangen der Jungfräulichkeit, die Angst der
mädchenhaften Schüchternheit ihr entpresste.
    »Bin ich nicht ganz Dein« - sagte sie bebend - »Dein Weib? Kann ich es mehr
sein, als ich es bin? Gehöre ich nicht ganz Dir, bist Du mir nicht Alles, mein
Himmel, meine Seligkeit?« Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und presste sein
Haupt an ihren Busen. Landsfeld fühlte sein Wogen, er hörte die verdoppelten
Schläge ihres Herzens, und er konnte zu sich sagen:
    »Ist das nur Liebe? Sollte kein sinnliches Verlangen in diesem ungestümen
Pochen sprechen?« - Der Gedanke machte ihn kalt.
    Er glaubte das richtige Mittel gefunden zu haben. - Sanft löste er ihre Arme
und schaute sie lange, lange an.
    »Nicht wahr, Lydia,« - sagte er - »Du gewährst mir Alles, warum ich Dich
bitte - und gern?«
    »Alles, mein Geliebter, Du weisst es ja. Was hätte ich Dir zu versagen?« -
    »Und gern?« - fragte er dringend.
    Eine flüchtige Ahnung durchflog ihre Seele, dass sie noch mehr gewähren
könnte, als was sie schon gewährt hatte. Unter tiefem Erröten senkten sich ihre
Blicke. -
    »Und gern?« - fragte er noch dringender. -
    »Und gern« - antwortete sie kaum hörbar, ohne recht zu wissen, was sie damit
sagte. -
    Er erblasste, ein Zweifel stieg wieder in ihm auf. Aber er wollte
Ueberzeugung. Seine Hand zitterte, als er leise die ihrige fasste, womit sie die
keusche Brust bedeckte, deren stürmische Wellen das entfesselte Nachtkleid
fortgeschoben. Sie zögerte. Aber ein Blick aus seinem Auge, worin eine tiefe
innige Bitte glänzte, zwang sie fast wider Willen zum Nachgeben. Sie nahm die
Hand von ihrer Brust und deckte sie vor das Auge. Er beugte sich nieder und
drückte einen langen, glühenden Kuss auf ihren Busen. Eine nie geahnte Seligkeit
durchzuckte ihn. Er hätte weinen mögen vor unnennbarer Lust. Und was er nie sich
geträumt, vielweniger erlebt: es mischte sich in dieses Gefühl, das ihn bis in
seine innersten Tiefen erschütterte, keine unreine Empfindung, kein sinnliches
Verlangen. Wie geläutert durch diesen Kuss, aber vor unsagbarer Wonne erbebend,
blickte er empor. Eine edle Freude lag in seinen Zügen, denn ihm war, als sei er
selbst wieder zum reinen Jünglinge geworden.
    Und Lydia? -
    Als sie seinen heissen Atem auf ihrem Busen fühlte, durchrieselte ein
Fieberfrost ihren ganzen Körper. Sie war sich keines bestimmten Gefühls bewusst,
sie fühlte auch seinen Kuss nicht mehr - nur eine Empfindung hatte sie, die eines
anhaltenden, ihr ganzes Wesen erschütternden Schauers. Als er aufblickte, lag
noch immer die Hand vor ihren Augen und zwischen den Fingern hindurch tropften
einige brennende Tränen. Als er mit sanfter Gewalt ihre Hand von dem Gesichte
herabzog, erschrak er über ihre Blässe. Mit einem halblauten Schrei sank sie an
seine Brust.
    »Was ist Dir, Lydia?« - fragte er weich. -
    »Jetzt bin ich Dein« - antwortete sie endlich, unter Tränen zu ihm
aufblickend. »Keine Macht der Erde, keine Gewalt des Himmels kann mich von Dir
reissen, Richard! - O Richard, sag' mir, welche geheime Macht in Dir ist, die
mich so Dir zu eigen machen kann? Geliebter, weisst Du, welchen Wunsch ich in
diesem Augenblick habe?«
    »Nun?« - fragte er, ihre Locken aus dem Gesicht streichend, erwartungsvoll.
Wieder tat der Zweifel einen Griff nach seiner Brust.
    »Mit Dir, an Deiner Brust zu sterben« - sagte sie leise, indem sie
schwärmerisch lächelnd zu ihm aufblickte.
    »Und weisst Du« - sagte er atemschöpfend - »welchen Wunsch ich habe?«
    »Vielleicht denselben?« -
    »Im Gegenteil: Mit Dir, an Deiner Brust zu leben« - erwiederte er, sie
küssend. - »Jetzt aber« - setzte er schnell hinzu, als sie lächelnd die Augen
niederschlug, als fürchte er in dem Kampfe, in dem er diesmal glücklich Sieger
geblieben war, zu erliegen: »Jetzt wollen wir uns trennen. Vorher aber muss ich
doch die Ordnung, die ich selber gestört, wieder herstellen.« Er versuchte, das
Nachtkleid wieder mit der Nadel zusammenzustecken.
    »O - Du stichst mich ja, Unartiger« - rief sie, ihm auf den Finger klopfend.
»Siehst Du, wie es blutet?«
    Sie öffnete jetzt selber mit rührender Unbefangenheit das Kleid. In der Tat
quoll an der Stelle, worauf sein Mund so lange geruht, ein Purpurtropfen.
    »Lass ihn mich aufküssen« - bat er. Sie erlaubte es lächelnd, indem sie sein
Haupt umschlang und einen Kuss darauf drückte.
    »Gute Nacht, Geliebter« - sagte sie endlich, ihn fortdrängend.
    Noch einen Blick warf er auf sie. Dann entfernte er sich schnell und eilte
nach seinem Zimmer.
 
                                Zehntes Kapitel
Je tiefer das Gefühl durch eine Idee bewegt wird, desto energischer ist
natürlich auch der Entusiasmus, desto lebendiger das Interesse für dieselbe,
aber auch desto leichter die Gefahr der Einseitigkeit im Urteil über dieselbe.
Denn Unparteilichkeit im Urteil ist selten ein Beweis von Energie und
Interesse, wogegen Einseitigkeit häufig das Merkmal eines energischen,
kraftvollen Charakters ist, und nur ein angeborener Takt des Gefühls kann einen
solchen vor dem Extrem darin bewahren. Kälte und Klarheit des Urteils stehen
sehr häufig in Wechselbeziehung, daher gehört ein gewisser Fond von Egoismus
dazu, alle Gegenstände, selbst diejenigen, welche uns selbst alteriren könnten,
in der gehörigen Entfernung und Sehweite festzuhalten, damit sie nicht
verhältnissmässig zu grosse Dimensionen annehmen.
    Landsfeld war Egoist, aber sein Egoismus war von der Art, dass er den
Entusiasmus für die Idee nicht nur nicht schwächte, sondern dass er mit ihm
völlig zusammenfloss. Alle Siegeszeichen, die er in dem Kampfe für die Idee
erworben, hing er in dem Tempel auf, in welchem sein eigenes Ich als Gott
tronte. Seine Schwärmerei für Lydia - denn es war noch blosse Schwärmerei, was
ihn zu ihr hinzog, noch keine Liebe - hatte indessen seit jener ersten Nacht
nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen, dass er selbst fühlte,
wie das Verhältnis, in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt
hatte, auf dem Punkte stand, sich umzukehren, so dass nämlich in Kurzem er nicht
mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefühl, sondern vielmehr dieses der Idee
zum Opfer darbringen werde: kurz er war auf dem besten Wege, dem Glauben, dem
Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu öffnen. Von Tage zu Tage wurde sein
Benehmen gegen Lydia aufrichtiger, herzlicher und wärmer, obschon er es vermied,
Scenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizuführen. Ja,
er ertappte sich jetzt auf dem Gefühl eines leisen Vorwurfs, wenn er, seinem
Plane gemäss, zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zügen ruhen liess,
um nach irgend einer Nahrung für seine Zweifelsucht zu spähen. Lydia hing mit
einer wahrhaft überirdischen Liebe an ihrem Gemahl.
    Die völlig inmaterielle Liebe, welche das Wesen dieses unnatürlichen
Verhältnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte, übte indes einen Einfluss auf
ihr Gemüt aus, der demjenigen auf Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt
war. Während der Letztere durch Beschränkung seines Egoismus, welche eine
natürliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war, zur Ruhe, zur Einheit mit
sich selbst und zur Versöhnung mit der Welt zurückgebracht wurde, versetzte der
feine Aeter jener platonischen Seelengemeinschaft Lydia in einen Wechsel
nervöser An-und Abspannung, der zuletzt nachteilig auf ihre Gesundheit wirkte.
Ihre Gesichtsfarbe wurde allmählich bleicher, der frische Glanz ihres schönen
Auges schwächer: ihr ganzes Wesen erhielt den Ausdruck einer tiefen ihres
eigenen Ursprungs unbewussten Schwermut, die sich in unbewachten Augenblicken
zuweilen sogar in Tränen Luft machte.
    Frau von Dorntal beunruhigte sich nicht allzusehr über diese Veränderung in
Lydiens Wesen, da sie sie aus ganz natürlichen Gründen sich erklärte, und Lydia
überdies, wenn sie von ihrer Mutter gefragt wurde, ob sie sich glücklich fühle,
stets von Verehrung und Liebe für Landsfeld überströmte. Landsfeld hätte wohl am
ersten durch Lydiens Verstimmung beunruhigt werden können, in so fern er darin
einen Beweis gegen ihre weibliche Reinheit und vollkommene Unschuld hätte finden
können. Allein er fühlte selber zu fein, um sich nicht sagen zu müssen, dass,
wenn sein Zweifel sich im Geringsten gerechtfertigt halten dürfte, Lydiens Wesen
ein ganz anderes hätte sein müssen. Denn es lag weder unwilliges Erstaunen
darin, noch konnte er eine Spur von Stolz an ihr bemerken, wodurch er zu der
Vermutung hätte veranlasst werden können, sie habe ein klares Bewusstsein, ja nur
eine unbestimmte Ahnung über die Art seiner Vernachlässigung. Vielmehr blieb
ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und rührende zutrauensvolle Hingebung zu ihm
nicht bloss gleich, sondern nahm täglich an Tiefe und Leidenschaftlichkeit zu.
Und fragte er sie zuweilen, ob sie sich unwohl fühle, dass sie so bleich und
niedergeschlagen aussähe, so pflegte sie nur lächelnd und seufzend zu erwiedern:
    »Es muss wohl sein, weil ich Dich zu sehr liebe, Richard. Es ist mir
manchmal, als ob diese Liebe von meinem Herzblut sich nähre.« - »Sollte man an
Liebe sterben können, Richard?« - fragte sie einmal, statt auf seine Frage zu
antworten. »So ist mir zuweilen.«
    Landsfeld machte ihr den Vorschlag, häufiger in Gesellschaften zu gehen.
    »Vielleicht wird Dich das etwas zerstreuen« meinte er.
    Da sie in Alles willigte, was er über sie bestimmte, so hatte sie auch
hiergegen Nichts einzuwenden. Aber das Uebel nahm dadurch nur eher zu als ab.
Selbst ihre Freundinnen aus der Pension, von denen einige ebenfalls
verheiratet, und ein »Haus« machten, konnten in ihr die frühere Sympatie nicht
wieder erwecken. Häufig ereignete es sich auch, dass sie Abends, wenn sie mit
Landsfeld in ihrer Behausung wieder angelangt war, noch in sich gekehrter
erschien als gewöhnlich. Wenn er sie dann fragte, was der Grund ihrer
nachdenklichen Stimmung sei, so antwortete sie entweder ausweichend oder sie
bekannte selber den Grund davon nicht zu wissen.
    »Was ist Dir begegnet, Lydia?« - sagte er, in ihr Schlafzimmer tretend, als
sie einmal von der glänzenden Hochzeitsfeier einer ihrer Freundinnen
zurückgekehrt waren. »Du bist heute wieder so einsylbig und niedergeschlagen.«
    »Ich weiss es nicht - und suchte eben selbst darüber klar zu werden. - Hilf
mir, Richard. Ich verstehe mich selbst nicht mehr und die Andern noch weniger.«
    »Die Andern?« -
    »Ja, ich komme mir zuweilen recht albern vor. Ist denn die Welt eine andere
geworden, oder habe ich mich nur so verändert?« -
    »Erkläre Dich deutlicher, Lydia. - Ich verstehe Dich nicht.« -
    »Das ist's ja eben, was mich drückt. Aber Du, Richard, solltest mich doch
eigentlich verstehen.« -
    Sie blickte ihm fast bittend in's Auge. Er verstand sie recht gut, aber sie
über sich selbst aufzuklären, wagte er kaum noch. Mit einer wahren Angst hatte
er schon oft daran gedacht, wie er in der Schranke, die er willkührlich zwischen
sich und Lydia gesetzt, sich eine Macht geschaffen, deren Besiegung ihn
vielleicht noch grösseren inneren Kampf bereiten würde, als ihm ihre Aufstellung
gekostet hatte. War er vor drei Monaten - - so lange waren sie jetzt
verheiratet - in Verlegenheit um die Mittel gewesen, seiner eigenen
Leidenschaftlichkeit zu widerstehen, so war er es jetzt vielleicht noch mehr um
die Mittel, diesen Widerstand, der für ihn fast zu einem moralischen Zwange
geworden war, auf geeignete Weise aufzuheben. Und gerade diese ganze Umkehrung
der Verhältnisse hatte seiner allmählig erwachenden wahrhaften Liebe zu ihr eine
Intensität gegeben, die ihm jene Schranke zu einer drückenden Fessel umschuf.
Landsfeld war in der Tat unglücklicher noch als Lydia.
    »Sprich, mein teures Kind« - sagte er, sich wie an jenem ersten Abende an
sie schmiegend - »sprich, ist Dir irgend etwas aufgefallen heute Abend, hast Du
irgend etwas gesehen oder gehört, was Dir ein peinliches Gefühl erregt hätte,
oder was Dir auch nur unklar geblieben wäre?«
    »Das ist's, Richard - ja, unklar geblieben ist mir Manches, schon früher,
aber ich habe es immer meiner eigenen Unwissenheit zugeschrieben; und da es
meistens Dinge betraf, die ich nicht gut - die ich möglicherweise ganz falsch
verstanden - um die ich Dich nicht fragen wollte, aus -«
    »Nun? aus - -«
    »Aus Furcht, etwas Unpassendes zu sagen, Richard.«
    »Daran hast Du unrecht gehandelt, Lydia. - Wie kannst Du so etwas fürchten
bei mir? Ich weiss ja, dass Du Vertrauen zu mir hast, nicht wahr?« -
    »Unbegrenztes, mein Richard.«
    »Nun, also -«
    »Heute zum Beispiel - ich sprach mit Teresen über unsere häusliche
Einrichtung - Du erinnerst Dich wohl, dass sie ungefähr eben so lange
verheiratet ist, als ich, etwas länger noch - da sie jetzt in Potsdam mit ihrem
Manne wohnt, so hatte ich sie seitdem nicht gesehen - heute also fragte sie
mich, ob - ob - -« sie verbarg ihren Kopf an seiner Brust.
    Landsfeld erschrak. »Es ist die höchste Zeit« - dachte er. - »Wenn eine
indiskrete Freundin den Schleier lüftet, den ich selbst noch nicht gehoben, dann
ist mein ganzes Werk vernichtet.« -
    »Warum solltest Du mir nicht sagen können, was eine Freundin zu Dir zu sagen
wagte?« - fragte er laut.
    »Missverstehe mich nicht, Richard; Terese meinte es gewiss nicht böse. - Sie
fragte, ob - wir ein und dasselbe Zimmer bewohnten?« - Eine flammende Röte
überdeckte ihr Gesicht, als sie nach einem kurzen aber heftigen Kampfe diese
Worte herausgebracht hatte.
    Landsfeld atmete etwas freier.
    »Und was weiter?« - fragte er mit einem Lächeln, das ihr neuen Mut gab.
    »Als ich ihr mein Missfallen über das Unzarte ihres Benehmens zu erkennen
gab, erwiederte sie: das wäre blosse Ziererei und ich täte gerade so, als ob ich
noch ein Mädchen wäre. Das kränkte mich, Richard, da ich nicht begreifen kann,
warum eine Frau weniger Zartsinn haben sollte, als ein Mädchen; ich stand auf
und verliess Teresen, um mich zu ihrer älteren Schwester zu setzen. - Aber diese
war mir gefolgt und trug nun wie zu ihrer eigenen Rechtfertigung unser ganzes
Gespräch mit einer mir rätselhaften Unbefangenheit ihrer Schwester vor.
Letztere hörte aufmerksam zu und meinte dann, als ich die Wahrheit der Erzählung
bestätigt hatte: entweder sei ich selbst ein kleiner Schelm, oder mein Herr
Gemahl - wie sie sich ausdrückte - ein grosser. - Was sagst Du dazu, Richard?« -
    »Sie mag wohl nicht ganz unrecht gehabt haben - doch lasse sie reden und
kümmere Dich nicht darum« - setzte er schnell hinzu. - »Sie haben sich wohl nur
einen Scherz machen wollen.«
    »Das dachte ich auch anfangs, aber - -« Lydiens Stimme drückte von Neuem
eine so mädchenhafte Zaghaftigkeit aus, dass Landsfelds Besorgnis wieder rege
wurde.
    »Noch mehr?« fragte er aufmerksam.
    Lydia wollte eben antworten, als sie plötzlich, nach dem Fenster zeigend,
ausrief:
    »Mein Gott, was ist das? Sollte die Mutter kränker geworden sein? Was
bedeutet das Licht auf dem Korridor?«
    »Bleibe hier, liebe Lydia« - sagte Landsfeld, sie sanft zurückdrängend, da
sie das Zimmer verlassen wollte. »Du bist so leicht bekleidet. Ich werde selbst
nachsehen.«
    Bei diesen Worten verliess er das Zimmer und ging leise den Korridor hinab.
Am Ende desselben traf er Gertrud, welche eben im Begriff war, das Zimmer der
Forsträtin zu öffnen.
    »Was gibt's, Gertrud?« fragte er.
    »Ach, gnädiger Herr - 's steht gar nicht gut mit der Frau Mutter, glaub'
ich.« -
    »Still, Gertrud« - wir wollen dem Himmel nicht vorgreifen. Und vor allen
Dingen lassen Sie meiner Frau nichts von Ihren Befürchtungen merken!« -
    »Behüte der Himmel, gnädiger Herr.«
    Landsfeld kehrte zu Lydia zurück, die in ängstlicher Spannung am Fenster
seiner harrte. Nachdem er sie mit einigen Worten beruhigt hatte, drang er von
Neuem in sie, ihre Mitteilungen fortzusetzen.
    Lydia war durch diesen Zwischenfall zu sehr aus ihrer früheren Stimmung
gebracht, als dass sie seiner Bitte mit der nötigen Unbefangenheit hätte genügen
können.
    »Morgen« - sagte sie bittend.
    »Wie Du willst, liebes Kind. Morgen Abend dann; ich reite schon früh fort
und werde nicht zu Tische kommen. Du weisst, dass ich morgen zur Jagd geladen
bin.« - Er drückte einen warmen Kuss auf ihren Mund und eilte nach seinem Zimmer.
    Als Karl dem ihm gewordenen Auftrage gemäss gegen fünf Uhr an die Türe
seines Herrn klopfte, fand er denselben bereits angekleidet am Sekretair mit dem
Siegeln eines Briefes beschäftigt.
    »Dies Billet« - sagte er - »giebst Du an Gertrud, um es meiner Frau zu
überreichen, sobald sie aufgestanden.«
    »Sehr wohl, Herr Baron.«
    »Jetzt hole mir das Frühstück und dann mach' Dich selbst und die Pferde
fertig.«
    Als der Diener das Zimmer verlassen, nahm Landsfeld das Licht vom Tische und
begab sich mit leisen Schritten nach dem Schlafzimmer Lydiens. Behutsam öffnete
er die Türe und schloss sie eben so. Es rührte sich nichts. Dann stellte er das
Licht auf die Console, und verdeckte es durch einen Lichtschirm, um seinen
hellen Schein etwas zu dämpfen.
    Darauf trat er vor das Lager seiner Gattin, und versank in eine lange und
stumme Betrachtung.
    Lydiens Schlaf schien nicht ruhig gewesen zu sein. Ihr linker Arm hing
unbedeckt über die Bettlehne heraus, während der andere eine Hand breit
unterhalb ihres Busens ruhte. Der kleine weisse Fuss von vollendeter Schönheit
hatte die rotseidene Bettdecke von sich gestossen. - -
    Landsfelds Blicke ruhten mit stiller Wehmut auf diesen Reizen, ohne dass
sich in ihm ein Verlangen irgend einer Art regte. Fast schmerzlich war der
Ausdruck seines Gesichts, als er, in tiefes Sinnen verloren, vor dem Lager
stand. Plötzlich wurde er aufmerksam. Lydia bewegte die Lippen. Er bog sich
sanft über sie.
    »Richard« - sagte sie leise. - »Geliebter! warum fliehst Du mich?« -
    Vielleicht war es nur im Traume, ohne Bezug und deutungslos. Und dennoch
veränderte sich der Ausdruck in Landsfelds Gesicht; ein freudiges Lächeln
erheiterte seine düsteren Züge.
    »Diese Qual soll enden« - sagte er halblaut teils zu sich, teils zu Lydia.
- »Ja, Lydia, ich werde Dich nicht mehr fliehen. Denn ich glaube an Dich mit
voller Brust, in tiefster Seele. - Nein, unter diesem schönen Busen kann kein
unreiner, kein falscher Gedanke geboren werden.«
    Er hatte wie in Selbstvergessenheit bei diesen Worten die Hand auf ihr Herz
gelegt. Sie zuckte einen Augenblick zusammen. Dann zog ein lächelndes Erröten
über ihre Wangen und Lippen.
    »Ich wusste es ja« - sprach sie im Schlafe fort - »Du konntest mich nicht
verlassen.«
    Landsfeld war niedergekniet und drückte einen Kuss auf ihr Herz. Dann stand
er leise auf, hob die herabgefallene Decke vom Boden und breitete sie leicht
über den schönen Körper der holden Schläferin. Auch den herabgesunkenen Arm
legte er vorsichtig auf die Decke und verliess dann, nachdem er noch einen Kuss
auf ihre Stirn gedrückt hatte, eben so behutsam, als er gekommen war, das
Zimmer. - Rasch verzehrte er sein Frühstück und eilte, als ihn Carl
benachrichtigte, dass Alles bereit sei, hinunter. Es war ein kalter, aber heller
Dezembermorgen, obgleich die Sterne noch an dem tiefblauen Himmel funkelten.
Landsfelds Schritte knarrten auf dem festgetretenen Schnee, welcher sich über
Nacht mit einer leichten, frischen Flockenschicht bedeckt hatte. Er schwang sich
auf's Pferd und ritt, gefolgt von seinem Diener, dem Anhaltischen Tore zu.
    »Hier ist ein Brief vom gnädigen Herrn, Lydchen« - sagte die alte Gertrud,
als sie einige Stunden später in das Zimmer ihres geliebten Pflegekindes trat,
die eben die Augen aufgeschlagen.
    »Gieb schnell« - sagte diese, mit der Hand sich über das vom Schlaf
gerötete Gesicht fahrend - »was mag er mir schreiben? Er ist wohl schon lange
fort, Gertrud?« - fragte sie, mit dem Eröffnen des Briefes beschäftigt.
    »Was schreibt er Dir denn, Lydchen?« fragte die neugierige Alte.
    »Dass er erst spät wiederkommen werde, wahrscheinlich erst morgen. Ich möchte
mich deshalb nicht ängstigen und die Zeit benutzen, einige Besuche zu machen,
die ich mir schon lange vorgenommen. Sonst nichts von Bedeutung. Was macht die
Mutter, Gertrud? hat sie gut geschlafen? - Ich will gleich hinüber zu ihr. Wir
wollen zusammen frühstücken.«
    Gegen Mittag, als Lydia mit ihrer Mutter plauderte, trat Gertrud wiederum
mit einem Briefe in der Hand, der abermals an ihre junge Gebieterin gerichtet
war, herein.
    »Er ist von Teresen« - sagte die letztere, zu ihrer Mutter gewendet. Sie
durchflog das, wie es schien, eilig geschriebene Blatt und sagte dann: »Sie
bittet mich, heute nach Potsdam zu kommen. Sie sei unwohl und sehne sich sehr
nach mir. - Was soll ich tun, liebe Mutter? Das geht doch unmöglich; auch habe
ich seit gestern alle Lust verloren, unser früheres Freundschaftsbündniss zu
erneuern.«
    Auf die Frage der Forsträtin, was der Grund dieser plötzlichen Kälte sei,
erwiederte Lydia ausweichend und im Allgemeinen, sie habe ihr gar nicht mehr
gefallen; denn sie konnte sich aus einer ihr selbst unerklärlichen Scheu nicht
überwinden, ihrer Mutter das Gespräch mitzuteilen, dessen Anfang sie sogar
ihrem Gatten nur mit grosser Selbstüberwindung erzählt hatte.
    »Glaubst Du denn, dass es Landsfeld nicht angenehm sein würde, wenn Du allein
hinführest?« fragte die Forsträtin. »Du kannst ja Gertrud mitnehmen.«
    »O, ich fürchte mich nicht, liebe Mutter. Und Richard hat mich ja selbst zu
Besuchen aufgefordert. Auch schreibt mir Terese, dass am Bahnhofe ihr Wagen mich
erwarten werde, und dass sie darauf rechne, dass ich die Nacht bei ihr bleiben
werde. Aber gerade das möchte ich nicht gern.«
    »Ich sehe wirklich keinen Grund, warum Du diese freundliche Bitte ablehnen
willst, liebes Kind. Ich bin ganz wohl, wie Du siehest, Landsfeld kommt auch
erst morgen.« -
    »Wahrscheinlich« - verbesserte Lydia.
    »Nun, das heisst wohl diesmal so viel als bestimmt. Es ist auch nicht gut
möglich, dass er nach einer ermüdenden Jagd noch den weiten Ritt nach Hause
macht, und nicht lieber auf dem Gute seines Freundes bleibt, der ihn
eingeladen.«
    Lydia gab zuletzt der Ueberredungskunst der Mutter nach und fuhr in
Begleitung Gertruds nach dem Potsdamer Eisenbahnhofe, ohne eine tief
verschleierte und in einen Pelz gehüllte Dame zu bemerken, die ihr mit
ängstlicher Sorgfalt auf dem Fusse folgte, und, nachdem der Zug in Potsdam
angelangt war, schnell ausstieg und ohne erst zu suchen, auf eine der eleganten
Equipagen zuging, welche auf dem Bahnhofe hielten. Sie pochte darauf dreimal an
das herabgelassene Seitenfenster des Wagens, worauf es von Innen herabgelassen
wurde.
    »Ist sie da?« - fragte eine männliche Stimme.
    »Ja, - aber nicht allein,« war die Antwort. »Steigen Sie schnell aus.«
    »Nicht allein? doch er nicht?«
    »Nein, ein altes Weib. - Ich sehe sie eben auf den Perron treten. Beeilen
Sie sich!«
    Der Mann war indes ausgestiegen und befahl dem Kutscher vor dem Perron
vorzufahren, während er selbst, sich tief in den Mantel hüllend, zu Fuss nach der
Stadt eilte.
    »Habe ich die Ehre zu Frau Baronin von Landsfeld zu reden?« - sagte die
Verschleierte, welche selbst den Wagen bestiegen, zu Lydia, die sich nach allen
Seiten umsah, um die versprochene Equipage ihrer Freundin zu suchen.
    »Allerdings« - erwiederte Lydia. - »Ist dies etwa der für mich bestimmte
Wagen von Frau von Rebenstock?«
    »Ja wohl« - erwiederte die Erstere. »Frau von Rebenstock lässt sich
entschuldigen, dass sie nicht selbst -«
    »Ich weiss, sie ist unwohl.«
    Arglos stieg sie mit Gertrud in den Wagen, dessen Seitenfenster indes wieder
aufgezogen waren. Die Wagentüre wurde zugeworfen, und Lydia rollte an der Seite
der Verschleierten auf dem unebenen Pflaster Potsdams rasch dahin. Anfangs war's
ihr, als hätte sie die allerdings durch den Schleier unkenntlich gemachten Züge
der ihr unbekannten Gesellschafterin Teresens - dafür glaubte sie sie halten zu
müssen - schon einmal irgendwo gesehen. Da ihre Stimme ihr aber völlig fremd
erschien, so glaubte sie, es sei eine Täuschung, deren sie sich durch eine
indiskrete Frage nicht versichern wollte.
    »Frau von Rebenstock bewohnt also auch im Winter ihr Sommerhaus?« fragte
sie, als der Wagen vor einem einzeln stehenden ziemlich eleganten Hause
ausserhalb des Tores hielt.
    »Sie liebt die Einsamkeit, gnädige Frau« - erwiederte die Gesellschafterin,
indem sie Lydia beim Aussteigen behülflich war, ironisch, was Jener nicht
entging. »Erlauben Sie, dass ich vorangehe« - fuhr sie fort, indem sie die Treppe
hinauf eilte. »Wollen Sie die Güte haben, sich einen Augenblick in diesem Zimmer
zu verweilen, bis ich Frau von Rebenstock Ihre Ankunft mitgeteilt.«
    Sie hatten indes ein behaglich erwärmtes und sehr geschmackvoll möblirtes
Zimmer betreten, dessen Fenster auf den Garten hinauslagen, welcher jetzt in
seinem winterlichen Schmuck einen melancholischen Anblick gewährte. Lydia legte
die warmen Oberkleider ab und fragte nach Gertrud.
    »Befehlen Sie, dass sie heraufkommen soll« - fragte die zuvorkommende
Gesellschafterin, und entfernte sich nach empfangener bejahender Antwort. Bald
darauf liess sich ein leises Klopfen an der Tür vernehmen. Auf Lydiens »Herein«
öffnete sich die Türe, aber statt der erwarteten Pflegemutter erschien zu ihrem
grössten, sprachlosen Erstaunen - - Berger.
 
                                Eilftes Kapitel
»Ich habe der Gesellschaft eine kostbare Ueberraschung bereitet« - sagte der
Major von Maienberg, in dessen Wäldern die Jagd stattfinden sollte, zu dem eben
angekommenen Landsfeld. »Ich verlasse mich auf Deine Diskretion, wenn ich Dir
das Geheimnis mitteile. - Frau von Rosen« setzte er leise hinzu - »wird an
unserer Jagd Teil nehmen. - Sie hat zugesagt und mich wundert nur, dass sie noch
nicht hier ist.«
    Landsfeld war es nicht unlieb, Alicen, die er lange nicht gesehen, - einmal
wieder zu sprechen, und seine Freude, die er über dies »Geheimnis« zu erkennen
gab, war diesmal aufrichtig.
    »Eure Liaison ist wohl ganz aufgehoben;« - fuhr Jener fort. »Du warst einmal
verteufelt vernarrt in sie.«
    Landsfeld lachte. »Wir denken Beide an diese Kinderei nicht mehr.«
    »Nun, desto unbefangener wird Euer heutiges Zusammentreffen sein.«
    Indessen hatten sich die übrigen Teilnehmer an der Jagd nach und nach
eingefunden. Nur Alice fehlte noch. Nachdem Herr von Maienberg zwei volle
Stunden auf sie gewartet hatte, gab er, an ihrem Kommen überhaupt zweifelnd, das
Zeichen zum Aufbruch. Als die Sonne ihren höchsten Standpunkt erreicht hatte,
sammelten sich die Jäger zu einer kurzen Rast auf einem zuvor dazu bestimmten
Platze und nahmen ein für die Umstände ziemlich glänzendes Frühstück ein. Nach
einigen Minuten hörte man ein deutliches Pferdegetrappel, das sich dem
Sammelplatz zu nähern schien.
    »Sie ist's« - flüsterte der Major Landsfeld in's Ohr.
    Er hatte sich nicht geirrt. Im schwarzen Amazonenkleide, den Hut keck in die
Locken gedrückt, sprengte Alice, von einem Reitknecht gefolgt, auf die
Gesellschaft zu. Ihr Gesicht glühte und alle ihre Bewegungen verrieten eine ihr
sonst ungewöhnliche fieberhafte Hast.
    »Ist der Baron von Landsfeld hier?« war ihre erste Frage an Herrn von
Maienberg, nachdem sie die erste Begrüssung seitens der Gesellschaft leicht und
mit Grazie erwiedert hatte.
    »Sehen Sie dort an jenem Baume, Verehrteste. Er ist eben im Begriff
aufzusteigen.«
    Alice trat rasch auf Landsfeld zu.
    »Ich habe Dir einst gesagt, dass ich handeln würde, wenn's Zeit ist, Richard.
Die Zeit ist da.«
    »Was ist geschehen, sprich!« - fragte er, sich zur Ruhe zwingend.
    »Lydia wird oder ist vielleicht schon entführt.«
    »Entführt?« - fragte er in einem Tone, als verstünde er die Bedeutung des
Worts gar nicht.
    »Ja, sie ist durch einen untergeschobenen Brief, der sie zu einer Freundin
nach Potsdam einlud, fortgelockt worden.«
    Landsfeld schwieg, aber die fahle Blässe, welche sein Gesicht bedeckte, und
das Zittern, welches durch seinen ganzen Körper bebte, kündeten hinlänglich
seine innere Bewegung an.
    »Höre mich ruhig an, Richard« - fuhr Alice fort, »denn nur durch Ruhe ist
hier Abhülfe möglich zu machen. Du warst gestern mit Deiner Frau auf der
Hochzeit bei Krengs. Dort waren, ausser Rebenstocks und andern Bekannten Deiner
Frau, auch einige Freundinnen Corneliens, wovon die eine, zuvor instruirt, das
Geschäft übernahm, jedes Gespräch Lydiens zu belauschen. So erfuhr Cornelie, dass
Du heute auf der Jagd seist. Schnell wurde in Teresens Namen ein Brief
geschrieben, der Lydia nach Potsdam einlud. Sobald sie sich auf die Eisenbahn
setzt, folgt ihr Cornelia; am Bahnhofe steht ein Wagen, den sie in der
Eigenschaft einer Gesellschafterin der Frau von Rebenstock, als die für sie
bestimmte Equipage ausgeben wird, und der sie in eine Wohnung führen wird, wo
Berger sie erwartet.«
    Landsfeld stiess einen dumpfen Seufzer aus.
    »Noch ist nichts verloren, Richard. Jetzt ist es Mittag. Um zwei Uhr kannst
Du zu Hause sein. Dann kommst Du noch zur rechten Zeit. Sollte sie jedoch schon
fort sein, so komme gleich zurück, dann reiten wir zusammen nach Potsdam; ich
habe eine Vermutung, wo sie dort sein könnte, aber es ist zu weitläufig, jetzt
alles Einzelne auseinanderzusetzen. Bist Du in vier Stunden nicht wieder hier,
so nehme ich an, dass Du Deine Frau noch getroffen hast. Eile, eile so schnell Du
kannst.«
    Aber Landsfeld gehorchte nicht. Stumm und mit gebeugtem Haupte stand er
neben Alicen. Seine Kraft schien völlig gebrochen.
    »Richard« - rief Alice ängstlich - »hörst Du nicht. Deine Frau, Lydia, wird
entführt, wenn Du zögerst.« Sie rüttelte ihn am Arme. »Berger« - rief sie ihm
in's Ohr.
    Als hätte ein Blitz vor ihm in den Boden geschlagen, so fuhr Landsfeld bei
diesem Namen in die Höhe. Mit einem Ruck riss er sein erschrecktes Pferd herum,
drückte tief die Sporen in seine Weiche, dass es sich zuerst hoch bäumte und
sprengte dann in rasender Carriere durch den Wald.
    Lange sah ihm Alice nach, ein tiefer Seufzer drängte sich aus ihrer Brust
empor. Dann wandte sie ihr Pferd nach der entgegengesetzten Seite und ritt
langsam auf der Spur, welche die Jagdgesellschaft auf dem Schnee zurückgelassen
hatte, weiter.
    Nach drei Stunden schon war Landsfeld zurück. Dieser Zwischenfall wäre von
der übrigen Gesellschaft gar nicht bemerkt worden, wenn nicht die furchtbare
Veränderung in Landsfelds Zügen und sein schweisstriefendes Pferd Zeugnis
abgelegt, dass ihm irgend etwas Bedeutendes zugestossen sein musste.
    »Was Teufel ist Dir begegnet?« - fragte der Major von Maienberg.
    »Nichts« - erwiederte er mit harter heiserer Stimme. Ein ander Mal werde ich
Dir ausführlich Rede stehen. Jetzt gieb mir ein frisches Pferd. Das meinige hält
sich kaum noch auf den Füssen.
    Nachdem Landsfeld die Pferde gewechselt, suchte er Alice auf.
    »Ich bin zu spät gekommen. Sie war bereits auf den Bahnhof gefahren, wo ich
gerade zur rechten Zeit anlangte, um den Zug abfahren zu sehen. - Jetzt löse
Dein Versprechen, Alice.«
    »Ich bin bereit« - erwiederte sie, ihre Reitgerte brauchend und ihr Pferd
umwendend.
    In der ersten halben Stunde wechselten sie kein Wort. Nur das Schnauben der
galloppirenden Rosse, so wie der regelmässige Aufschlag ihrer Hufe auf den
harten, nur mit einer dünnen Schneekruste bedeckten Boden unterbrachen die sonst
lautlose Stille.
    »Wie erfuhrst Du es?« unterbrach endlich Landsfeld das Schweigen.
    »Berger war gestern Abend bei mir nebst einigen andern jungen Männern, die
ich zum Tee eingeladen, als gegen Mitternacht Cornelie in's Zimmer trat und
Berger einen so siegestrunkenen Blick zuwarf, dass ich Verdacht schöpfte, der
späterhin noch dadurch verstärkt wurde, dass Beide in eine Fensternische traten
und ein eifriges, aber leises Gespräch mit einander führten. Wie ich seinen
Inhalt erfahren, Richard, darüber lasse mich schweigen; nur das Eine will ich
Dir agen dass ich mich diesmal in mehr als einer Rücksicht gedemütigt, vor
Cornelien, vor Berger, am meisten - vor mir selbst.« Alice zitterte, als sie
diese Worte sprach, und warf einen trüben Blick zu Landsfeld hinüber. -
    »Nur das Eine wusste Berger nicht, wohin Lydia durch Cornelie gebracht werden
sollte. Indessen habe ich, wie schon gesagt, eine Vermutung, die mich diesmal
wahrscheinlich nicht täuschen wird. Cornelie hat nämlich eine Cousine in
Potsdam, die dort ein einsames Landhaus besitzt, welches ohne Zweifel jetzt leer
steht. Dortin wird sie gebracht sein. Ist dies aber der Fall, dann müssen wir
die grösste Vorsicht anwenden.«
    »Rede nicht von Vorsicht und Klugheit, Alice. Jetzt habe ich nur noch Einen
Gedanken, die Nichtswürdigen in meine Gewalt zu bekommen.«
    »Wenn's an der Zeit ist, magst Du handeln. Willst Du aber Alarm schlagen und
Deine Frau zum Stadtgespräch machen?«
    »Wahr, wahr!« - erwiederte Landsfeld.
    »Du musst mich allein gehen lassen. Mich werden sie nicht zurückweisen,
teils weil ich einmal um das Geheimnis weiss, teils weil sie mich fürchten.«
    Landsfeld reichte Alicen die Hand. »Du bist anders, als ich gedacht habe,«
sagte er mit herzlicher, aber gebrochener Stimme.
    »Verzeihe mir.« Eine Träne glänzte in seinem Auge.
    Alicens Hand bebte in der seinigen. »Mich frierts« - sagte sie, sie
zurückziehend - »lass uns eilen, die Sterne stehen schon am Himmel.«
    »O Gott,« rief Landsfeld, »wenn's nur nicht zu spät ist - das arme, arme
Mädchen.«
    »Mädchen?« - fragte Alice erstaunt. »Von wem sprichst Du?«
    »Von meiner Frau« - gab er rasch zur Antwort. »Es ist die gerechte Strafe
für meinen Unglauben! - Und doch - es wäre fürchterlich.«
    »Besinne Dich, Richard, Du sprichst im Fieber.«
    Er schüttelte den Kopf. »Sie ist rein, und unentweiht wie ein ahnungsloses
Kind.«
    Der Ausdruck der Wahrheit, welcher in diesen Worten lag, erschütterte Alicen
auf's tiefste.
    »Und der Grund?« - fragte sie.
    Er lachte bitter. - »O, der triftigste - ich wollte den Grad ihrer
Weiblichkeit kennen lernen.«
    Jetzt verstand ihn Alice vollkommen.
    Nach einer kurzen Pause sagte sie mit kaltem, ruhigem Ton: »Du bist ein
Narr, Richard, ich habe es Dir schon einmal gesagt.«
    »Ich weiss es« - erwiederte er in derselben Weise, und schweigend ritten sie
weiter.
 
                                Zwölftes Kapitel
Als Berger so unvermutet in das Zimmer getreten war, blieb Lydia anfangs von
Schreck gelähmt ruhig auf dem Sopha sitzen. Sie glaubte in einer heillosen
Täuschung befangen zu sein und fuhr unwillkührlich mit der Hand über die Augen,
um das vermeintliche Schattenbild ihrer Phantasie zu verscheuchen. Aber
vergeblich. Als sie die Hand von den Augen nahm, fiel wiederum ihr Blick auf die
unheimliche Gestalt ihres ehemaligen Verlobten.
    »Ich bin's wirklich, Lydia« - sagte Berger langsam, indem er einen Schritt
auf sie zutrat. Lydia stiess beim ersten Laute seiner Stimme einen leisen Schrei
aus; dann sagte sie mit fremdem und kaltem Tone:
    »Sie haben sich wohl in der Türe, vielleicht gar im Hause geirrt, mein
Herr.«
    »Nichts weniger. - Wie sollte ich auch irren können, ich habe Sie ja
erwartet.«
    Lydia erbleichte, aber noch immer war sie über die eigentliche Lage, in der
sie sich befand, vollkommen unbewusst.
    »Ich wüsste nicht, wie Sie mich hier sollten erwartet haben. - Ich muss Sie
bitten, sich zu entfernen, da ich jeden Augenblick zu meiner Freundin gerufen zu
werden hoffe.«
    Berger lachte.
    »Mein Herr, was soll das Alles bedeuten?« - sagte jetzt Lydia mit wirklicher
Angst. »Wo ist Frau von Rebenstock? Ich will zu ihr.«
    »Bemühen Sie sich nicht.« - Er hielt eine Weile, während welcher er sich
zugleich an ihrer Angst und ihrer Schönheit zu weiden schien, inne. Dann trat er
noch einen Schritt vor und sagte mit hochmütigem Tone:
    »Hier werden Sie keine Freundin, sondern nur einen Freund sehen, der Freund
bin ich.«
    Lydia schloss die Augen, denn die ganze Umgebung schien sich plötzlich mit
ihr im Kreise zu drehen. Als sie sie wieder öffnete, war Berger verschwunden.
»War es doch nur ein Traum?« - fragte sie sich. Ihre Gedanken verwirrten sich
immer mehr. Ihr war, als sei sie plötzlich in ein Labyrint geraten, in dem sie
weder Aus- noch Eingang wüsste. So sass sie eine lange Zeit, den Kopf auf die Hand
gestützt, am Fenster und starrte bewegungslos auf den Fleck, wo vorhin Berger
gestanden. Dann sprang sie auf und eilte nach der Türe. Aber wie erstarrt blieb
ihre Hand auf der Klinke liegen, als sie die Türe von der andern Seite
verriegelt fand. Da tauchte zum erstenmale der furchtbare Gedanke an die
Wahrheit in ihr auf. - Sie war hintergangen - durch Betrug hierher gelockt -
verraten, verlassen von Allen - schutz- und machtlos. Ein kurzer, aber
durchdringender Schrei entfuhr ihrer beklemmten Brust, dann sank sie leblos vor
der Türe zu Boden.
    Einige Minuten darauf trat Cornelia ein.
    »Bleiben Sie zurück, Berger« - sagte sie rückwärts sprechend, als sie Lydia
erblickte, indem sie den linken Arm wie abwehrend nach hinten streckte.
    »Was ist mit ihr geschehen?« - fragte dieser - »ist sie entflohen?«
    »Nein, wenigstens ihr Körper nicht.« - Ein cynisches Lächeln begleitete
diese Worte.
    »Lassen Sie mich hinein« - rief Berger, sie auf die Seite schiebend.
»Himmel, sie ist todt!« - setzte er erbleichend hinzu, als auch er Lydiens
ausgestreckten Körper vor sich sah.
    Cornelie knieete nieder und legte ihr Ohr an die linke Seite Lydiens. Berger
harrte in tiefem, angstvollem Schweigen auf ihre Antwort.
    Endlich erhob Cornelia ihren Kopf und sagte: »Diesmal kommen Sie mit dem
blossen Schrecken davon. Sie ist nur in Ohnmacht gefallen, doch helfen Sie mir,
es ist keine Zeit zu verlieren.«
    Berger richtete Lydia empor und umfasste sie mit seinen Armen. Er zitterte
heftig, als er durch die von Cornelien geöffnete Türe schreitend sie eine
Treppe höher in ein anderes Zimmer trug, wo er sie auf ein Sopha niederlegte.
    »Jetzt entfernen Sie sich, Berger.«
    Er warf noch einen Blick auf die bleichen Züge seiner ehemaligen Braut und
entfernte sich schweigend. Cornelie schloss die Türe hinter ihm ab, und lösete
Lydiens Kleider. Die ideale Form dieses schönen Leibes, die seelenvolle Harmonie
des Ganzen, welche ihr daraus wie lebendige Poesie entgegen leuchtete, übte
einen wunderbaren Eindruck auf das verhärtete Gemüt Corneliens. Sie konnte ihr
Auge von diesem Anblick nicht losreissen. Da störte ein leises Klopfen sie aus
ihrem tiefen Sinnen auf.
    »Berger« - rief sie wie erwachend aus, indem sie unwillkührlich eine
Bewegung machte, als wollte sie schützend zwischen ihn und sein Opfer treten.
Aber schnell besann sie sich.
    »Was will ich denn? Freilich, freilich. Dieser Jammermensch verdient es
nicht. - Aber ist meine Rache nicht desto grösser? Jetzt sollen Sie erfahren,
Herr Baron, was es heisst, um das Ziel seiner Hoffnungen betrogen werden.«
    Schnell warf sie einen Mantel über Lydia und öffnete die Türe. Wie
erstaunte sie, als anstatt Bergers ihr Alicens hohe Gestalt entgegen trat. Ohne
einen Blick auf die erbleichende Cornelia zu werfen, trat Alice zu dem Lager
Lydiens, welche eben die Augen aufschlug. Sie sah die beiden Frauen verwundert
an. Beide Gesichter waren ihr nicht unbekannt, aber sie konnte sich nicht
entsinnen, wo sie sie schon gesehen.
    »Wo bin ich?« fragte sie mit schwacher Stimme. »Was ist mit mir geschehen?«
    »Beruhigen Sie sich« - nahm Alice das Wort. »Sie sind bei Freunden.«
    Das Wort »Freund« rief Lydia plötzlich die kurze Scene mit Berger zurück.
Sie fuhr empor und sagte leise, mit scheuem Blick umhersehend:
    »Ist er fort?« - Als sie Niemand ausser den beiden Damen erblickte, fiel sie
wieder ermattet zurück und sagte fast lächelnd und die Augen vor Ermattung
schliessend: »Also war es doch nur ein Traum.«
    Berger, der das Gespräch gehört hatte, klopfte abermals. Alicens Herz schlug
hörbar, während Cornelia nach der Türe ging. Berger trat stürmisch herein.
    »Jetzt oder nie gilt es zu handeln« - sagte Alice zu sich, indem sie rasch
ihren Dolch zog und den Schlüssel der Türe, durch die Berger eingetreten war,
umdrehte und abzog. Ehe es die andern Beiden verhindern konnten, hatte sie eben
so schnell ein Fenster geöffnet und ein paar Worte hinausgerufen. Da begriff
Berger, warum es sich handelte. Wie ein Tiger sprang er auf sie zu, aber ruhig
hielt sie ihren Dolch ihm entgegen. Als die beiden Schuldigen die Schritte eines
Mannes auf dem Korridor hörten, da überzog eine Leichenblässe ihre Gesichter.
»Fort« - rief Alice mit gebietender Stimme, als Cornelia instinktartig auf die
Türe zueilte, während Berger, zitternd vor Wut und Angst, mitten im Zimmer wie
angebannt stehen blieb. Ruhig ging Alice auf die Türe zu, öffnete und verschloss
sie hinter sich, als sie das Zimmer verlassen.
    »Komm, Richard« - rief sie, seine Hand im Dunkeln ergreifend. »Doch halt -
schwöre mir, ihn nicht zu tödten.«
    »Ich werde den Schwur nicht halten können« - erwiederte er dumpf.
    »Du wirst es, wenn Du willst. Schwöre!«
    »Ich schwöre es Dir.«
    »Gut.«
    Es war in der Tat die höchste Zeit. Gegen Alicens Erwartung wollte Berger
die wenigen Augenblicke, aus einer Art von Verzweiflung und im Bewusstsein, dass
die nächsten Minuten ihm den Tod bringen konnten, nützen. - Er trat vor Lydia
und sah diese mit verwilderten Blicken an.
    »Was wollen Sie von mir?« - fragte sie erbebend.
    »Dich selbst. - Weisst Du nicht mehr, wie Du mich von Dir gestossen, als ich
zu Deinen Füssen um Verzeihung flehte, in einen Abgrund. Du hast mein Leben
vergiftet. - So will ich das Deinige vergiften.«
    »Willst Du mich morden?« - Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen.
    »Morden?« - sagte Berger lachend. »Nein. Ich will Dich nicht morden. Mein
sollst Du sein, ganz mein!«
    »Mein sein, ganz mein« - wiederholte sie mechanisch; sie dachte an ihre
Brautnacht und an die Worte, welche damals Richard zu ihr gesprochen.
    Wie damals die rosenfarbene Ampel, so warf jetzt der Mond ein magisches
Licht durch das Zimmer. Ihre Sinne verwirrten sich. Convulsivisch hob sich ihr
Busen, fieberhaft glänzte ihr Gesicht. Sie war dem Wahnsinn nahe.
    Als Berger sich über sie beugte - fühlte er eine starke Hand auf seine
Schulter, welche ihn rücklings in eine Ecke schleuderte.
    »Verruchter« - schrie Landsfeld - »Du hast es gewagt -«
    Er konnte nicht mehr sprechen. Seine keuchende Brust rang vergeblich nach
einem Laute. Endlich rief er mit donnernder Stimme: »Hinaus, wenn ich Dich nicht
ermorden soll!«
    Berger gehorchte. Die Frauen folgten ihm.
    »Ich habe noch eine Schuld an Dich abzutragen, Artur« sagte Alice, »deshalb
magst Du gehen, obgleich ich das Versprechen gegeben, Dich nicht fortzulassen.
Jetzt sind wir quitt. Lebe wohl.« Sie schloss ihm die Türe zum Corridor auf. Er
stürzte hinaus.
    Landsfeld war, nachdem Berger das Zimmer verlassen, schweigend und todesmüde
vor dem Lager Lydiens niedergesunken, die beim ersten Laute seiner Stimme aus
ihrer unnatürlichen Scheinohnmacht in wirkliche Bewusstlosigkeit zurückgefallen
war. Nach einer langen Pause hob er den Kopf empor; ein unaussprechlicher
Schmerz lag in seinen Zügen. Mit Mühe erhob er sich und setzte sich neben sie.
    »Lydia« - sagte er mit sanfter Stimme. »Geliebte, erwache!«
    Wie durch ein Zauberwort öffnete sie ihr Auge. Mit einem lauten Schrei
sprang sie auf an seine Brust und umschlang ihn krampfhaft.
    »Ich wusste ja, Du konntest mich nicht verlassen, Richard« - sagte sie
endlich mit einem wunderbaren Lächeln auf den bleichen Lippen.
    Ein langer tiefer Seufzer hob Landsfelds Brust. »So kam ich noch zur rechten
Zeit« - sagte er zu sich selbst, indem er aufstand und die Türe öffnete.
»Alice! - Alice - ich danke Dir.« Ein Tränenstrom entstürzte seinen Augen.
    Alice zitterte. »Lass es gut sein, Richard. - - Führe mich jetzt zu ihr.« -
Lydia reichte ihr weinend die Hand.
    »Wo ist Cornelia?« - fragte er.
    »Auf ihrem Zimmer, es ist das letzte am Corridor.«
    Als er die Türe öffnete und ins Zimmer trat, wurde er durch den Anblick,
der sich ihm darbot, in Verwunderung gesetzt.
    Cornelia sass auf dem Sopha, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, in dem sie
aufmerksam zu lesen schien.
    »Ihr Plan ist diesmal gescheitert, verehrte Freundin« - sagte er mit der
kalten Ironie, welche ihm gegen Cornelia geläufig war.
    »Diesmal« - erwiederte sie lakonisch.
    »Hätten Sie Lust, einige Jahre die innere Einrichtung eines jener
wohltätigen Staatsinstitute kennen zu lernen, die man im gewöhnlichen Leben
Zucht-, respektive Spinnhäuser nennt?«
    »Für den Fall, dass Sie, verehrtester Freund, Sehnsucht danach haben, Ihre
Frau Gemahlin an den Pranger der öffentlichen Meinung zu stellen, mit
Vergnügen.«
    Landsfeld biss sich auf die Lippen.
    »Was hat Sie zu dieser Tat veranlasst?« - fragte er ernst.
    »Zuerst die reine Idee selbst. Sie müssen gestehen, dass sie zu pikant ist,
um nicht zur Ausführung zu reizen. Dann - doch wozu soll ich Sie mit meinen
Gründen unterhalten?«
    »Es wäre mir doch interessant.«
    »Wenn ich Ihnen wirklich damit ein Vergnügen mache, von Herzen gern. Also,
wenn Sie es denn wissen wollen« - sie stand auf und sagte, ihm starr in's
Gesicht blickend, mit jenem Ausdruck der Wut, den sie schon bei ihrem ersten
Zusammentreffen mit Landsfeld im Bade gezeigt hatte, leise: »Rache!«
    »Gegen wen, wenn ich fragen darf?« - sagte er kalt.
    »Gegen Sie; oder halten Sie mich etwa für so bornirt, um jene Fabel zu
glauben, die Sie mir in Pr--- t erzählten? so albern, um nicht zu wissen, dass
Sie, Sie allein Schattenfrei von meinem Wege in Italien entfernten?«
    »Sie irren sich, verehrte Freundin« - erwiederte er mit derselben kalten
Ruhe. »Ich war es nicht. Hab' ich nicht mit Schattenfrei Sie selbst in Venedig
aufgesucht?«
    »Ja, als Sie wussten, dass ich es bereits verlassen.«
    »Sie sind in einem beklagenswerten Irrtum, Cornelia.«
    »Beklagenswert? für Sie, das geb' ich zu, und es freut mich, dass Sie das
erkennen; aber für mich? dass ich nicht wüsste.«
    Er war im Begriff, noch etwas zu sagen; indes besann er sich und wandte sich
nach der Türe.
    »Sie können das Haus verlassen, Cornelia.«
    »Ich weiss es, aber ich fühle keine Lust dazu. Dagegen aber muss ich Sie
ersuchen, es so bald als möglich zu verlassen. Denn ich habe hier über meine
Gesellschaft zu entscheiden.«
    »Das Weib besitzt eine göttliche Unverschämteit« - sagte er halblaut und
ging hinaus.
    Als er zu Lydia kam, fand er sie bereits völlig angekleidet neben Alicen auf
dem Sopha sitzen. »Bist Du stark genug, mein teures Kind, um die Fahrt nach
Hause zu ertragen?«
    »Zu Allem bin ich stark genug, nur nicht um länger hier zu bleiben.«
    »So will ich Alles in Bereitschaft setzen. Wo ist Gertrud?«
    »Ich weiss es nicht.«
    Alice ging hinaus und kam bald mit ihr zurück. Sei hatte ruhig wartend in
einem der unteren Zimmer gesessen, verwundert, dass sich Niemand um sie
bekümmerte. Sie wurde sogleich nach einem Wagen geschickt. In einer Stunde waren
alle Vier in Berlin. Hier trennte sich Alice von ihnen, weil sie, wie sie sagte,
zu angegriffen sei, um nicht der Ruhe zu bedürfen. Landsfeld führte Lydia
sogleich in ihr Schlafzimmer, indem er Gertrud beauftragte, sie bei der
Forsträtin zu entschuldigen.
    »Wie ist Dir, meine Lydia?« - fragte er liebevoll, indem er sich neben sie
auf das Sopha setzte.
    »Richard, es war ein Augenblick, wo ich fühlte, dass ich dem Wahnsinn nahe
sei. - Jetzt ist mir besser. Ich bin ruhig sogar, denn ich habe Dich wieder. Das
Erlebte ist nur noch wie ein Traum, oder wie eine lange Vergangenheit in meinem
Gedächtnis. Ich bin nur verwirrt und abgespannt, aber nicht unwohl. - Morgen
wirst Du mir Manches erklären müssen, Richard; aber heute nicht - heute nicht
mehr.«
    Landsfeld beobachtete sie mit ängstlichem Schweigen. Als Gertrud kam, stand
er auf. »Gute Nacht, teure Lydia.« - Sie reichte ihm ihren Mund, auf den er
einen herzlichen Kuss drückte.
    »Was soll ich ihr zur Erklärung sagen?« - fragte er sich, als er allein auf
seinem Zimmer war, in dem er mit langen Schritten auf- und abging. »Sie wird
mich nicht verstehen. - Sie muss Zeit haben, sich zu erholen.«
    Ein Klopfen störte ihn in seinen Reflexionen. Es war Gertrud. »Was gibt's?«
- fragte er erschreckend über den Ausdruck von Angst in ihren Zügen. »Ist meine
Frau unwohler geworden?«
    »O nein, gnädiger Herr. - Aber die gnädige Frau Mutter -«
    »Meine Schwiegermutter? - Was ist mit ihr?«
    »Sie wird vielleicht kaum den morgenden Tag erleben.«
    »Das wolle der Himmel nicht« - sagte Landsfeld ernst. »Ihre Angst wird wohl
die Gefahr etwas übertreiben, Gertrud.«
    »Ach nein, gnädiger Herr« - erwiederte die Alte, sich die Tränen mit der
Schürze trocknend. »Der Herr Doktor haben es auch gesagt. Er ist noch bei ihr.
Sprechen Sie selbst mit ihm.«
    »Das würde das Maass von Lydiens Leiden voll machen« - sagte Landsfeld laut
zu sich selbst sprechend.
    »Bitten Sie den Herrn Doktor auf einige Augenblicke zu mir zu kommen« -
sagte er zu ihr.
    »Ist wirklich Gefahr, lieber Freund« - sagte er zu diesem - »sprechen Sie
ohne Hehl.«
    »Ja, es ist Gefahr und sehr grosse. Sie müssen sich auf Alles gefasst machen.
Eine Krisis, die ich schon lange befürchtet, ist eingetreten. Es kann sehr
schnell zu Ende sein.«
    »Ich danke Ihnen. Gehen Sie, ich bitte dringend, zur Kranken zurück. Bieten
Sie Alles auf, was in Ihren Kräften steht. Das Leben meiner Frau steht mit auf
dem Spiele. Denken Sie daran. Ich werde Ihnen morgen erklären, was ich damit
sagen will.«
    Es gehörte eine körperlich wie geistig so riesenkräftige Natur dazu, wie sie
Landsfeld besass, um den ungeheuren Anstrengungen der letzten 24 Stunden nicht
schon erlegen zu sein. Aber jetzt war auch seine Kraft erschöpft. Bis zum Tode
ermattet, war er nicht mehr im Stande, selbst die eigene kritische Lage, den
ganzen Umfang der Gefahren, die sein ganzes Lebensglück in diesem Augenblick
bedrohten, zu ermessen. Er sank unausgekleidet auf das Sopha, und verfiel in
einen tiefen, todtähnlichen Schlaf, aus dem ihn erst gegen 6 Uhr ein lautes
Pochen an seiner Türe erweckte.
    
    Karl trat ein. - »Gnädiger Herr - erschrecken Sie nicht - es ist ein Unglück
-« Landsfeld bedeckte sich das Gesicht mit den Händen. »Die gnädige Frau Mutter
-«
    »Ist todt?«
    Karl antwortete nicht, aber er trat zu seinem Herrn und küsste seine Hand.
»Sie müssen nicht den Mut verlieren, gnädiger Herr; wenn Sie ihn verlieren, wer
sollte ihn dann noch behalten?«
    Diese einfachen Worte entielten eine Wahrheit, die ihren Eindruck auf
Landsfeld nicht verfehlte. Er drückte seinem treuen Diener die Hand und sprang
auf. -
    Als er in Lydiens Schlafgemach und an ihr Lager trat, sah sie ihn mit grossen
Augen an, ohne etwas auf seinen Morgengruss zu erwiedern. Auf ihrem Gesicht
flammte eine brennende Röte.
    »Was ist Dir, Lydia?« - fragte er, von neuen Ahnungen erschreckt.
    »Nicht wahr« - erwiederte diese - »Terese wird sich freuen, wenn ich sie
besuche. Warum soll ich auch nicht? Richard hat mich selbst dazu aufgefordert.«
    Sprachlos starrte Landsfeld auf die Phantasirende. Dann verliess er das
Zimmer, um den Arzt aufzusuchen, als dieser ihm auf dem Corridor begegnete.
    »Sie wissen es schon, Herr Baron?« - fragte er.
    »Ich weiss es« - sagte Landsfeld tonlos. »Aber kommen Sie. Ich glaube meine
Frau bedarf jetzt mehr, als irgend ein Anderer Ihrer Hülfe.«
    Sie traten zusammen an Lydiens Bett. Schweigend legte der Arzt den Finger
auf ihren Puls.
    »Es ist ein nervöses Fieber« - sagte er endlich. »Vorläufig noch keine
Gefahr, wenn nicht besondere Umstände hinzutreten.«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Wieder waren mehrere Monate vergangen. Lydia hatte indes die langwierige
Krankheit überstanden, welche durch die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter, der
ihr nicht verheimlicht werden konnte, eine gefährliche Höhe erreicht hatte. Der
Winter hatte bereits den milden Lüften des erwachenden Frühlings weichen müssen.
Draussen regte und bewegte sich Alles in neuer Frische und jugendlicher Kraft,
während auf den Strassen Berlins die weisse reinliche Schneedecke mit ihrem
Schlittengeläute und geputzten Pferden durch einen dicken Schlammüberzug, in dem
sich nur bescheidene Droschken und klappernde Hundekarren hineinwagten, ersetzt
worden war.
    Als Lydia sich stark genug fühlte, bezog Landsfeld auf Anraten des Arztes
mit seiner jungen Gemahlin das reizende Sommerhaus in Schönberg, das sie am Ende
des vorigen Sommers mit ihrer Mutter bewohnt hatte. Die frische Luft, so wie der
wohltätige Einfluss, den die Natur besonders im beginnenden Frühlinge auf jedes
kranke Gemüt und jeden leidenden Körper ausübt, stärkten auch Lydia sichtlich
von Tage zu Tage. Zwar kostete es sie noch immer einen Kampf, wenn sie das
früher von ihrer Mutter bewohnte Zimmer betrat, aber ihre Tränen flossen
sanfter und ihr Schmerz verlor allmählig an Herbe und Schärfe. Landsfeld widmete
sich ihr ganz. Seit er die tiefe Reinheit ihres Gemüts ganz kennen gelernt,
weihte er ihr seine volle Liebe. Ueber jene Scene in Potsdam hatte er noch nicht
mit ihr gesprochen, teils weil er glaubte, dass die Aufregung, in die sie
dadurch notwendigerweise gesetzt würde, bei ihrem noch nicht ganz befestigten
Gesundheitszustande gefährlich sein könnte, teils weil er voraussah, dass die
Erklärung jener Auftritte andere Erklärungen aus seinem eigenen Leben und über
seine eigene Stellung zu ihr herbeiführen müssten, an die er jetzt nur mit einem
innern Zagen dachte. Denn er fühlte wohl, dass dieser Punkt ein Wendepunkt in
seinem Verhältnis zu Lydia, und folglich auch in ihrem beiderseitigen Leben
werden musste.
    Vielleicht hätte er noch länger geschwiegen, obwohl er fühlte, dass jede
Verzögerung hierin die Schwierigkeit, diesen von ihn selbst geschürzten Knoten
zu lösen, nur vergrösserte, ja am Ende eine friedliche Lösung desselben gar
unmöglich machte, wenn nicht ein Umstand eingetreten wäre, der ihn halb wider
Willen dazu zwang, den Versuch der Lösung zu wagen, wenn er der Gefahr eines
gewaltsamen Zerreissens vorbeugen wollte.
    Gegen Ende des Maimonats war ihre Freundin Terese in Begleitung ihres
Gemahls von Potsdam zum Besuche herübergekommen, um sich nach langer Trennung
persönlich von dem Befinden ihrer Jugendfreundin zu überzeugen. Es war
natürlich, dass Lydia jener unglücklichen Fahrt nach Potsdam gegen Niemand, am
wenigsten aber gegen die schuldlose Teilnehmerin an jenem Complott, die
leiseste Erwähnung getan hatte, und auch fest entschlossen war, darüber zu
schweigen. Indessen konnte sie die tiefe Aufregung, in die sie durch den Anblick
Teresens gesetzt wurde, weil ihr plötzlich jene Scene lebendiger in die
Erinnerung zurückkehrte, vor den Blicken der Freundin schwer verbergen. Terese
deutete aber den halb traurigen, halb forschenden Blick, den Lydia auf sie warf,
ganz anders. Sie erwartete in zwei Monaten ihre Niederkunft und glaubte daher
den schmerzlichen Ausdruck im Auge Lydiens aus dem Umstande erklären zu müssen,
dass sie selbst sich dieser Hoffnung noch nicht hingeben köne. Mit jener offnen,
fast rücksichtslosen Herzlichkeit, die bei gutmütigen Naturen nicht selten mit
einem Mangel an Zartgefühl verbunden ist, suchte sie daher, sobald die beiden
Frauen allein waren, das Gespräch auf diesen Gegenstand hinzulenken, um einen in
ihrem Sinne wohlgemeinten Trost zu spenden. Da Lydia nicht bloss von ganz anderen
Gedanken erfüllt war, sondern auch jene Veränderung an ihrer Freundin, wie diese
mit Bestimmteit voraussetzte, gar nicht bemerkt hatte, so konnte sie anfangs
ihre Andeutungen gar nicht verstehen, trotzdem, dass sie ziemlich unverholen und
ungeschminkt waren. Lydiens Erstaunen rief Seitens Teresens eine nicht minder
grosse Veränderung hervor, bis die Letztere endlich, nachdem alle ihre Mühe, sich
deutlich zu machen, an der vollkommenen Unwissenheit Lydiens gescheitert war,
begriff, dass das, was sie ehemals für blosse »Prüderie« - gehalten hatte,
wirkliche baare Wahrheit war. Ihr Schreck, ja ihr Zorn gegen Landsfeld
erreichte, als ihr über das eigentliche Verhältnis zwischen den Gatten kein
Zweifel mehr übrig blieb, einen so hohen Grad, dass sie, jede Rücksicht
vergessend, nicht nur in laute Vorwürfe gegen ihn ausbrach, die Lydia zuerst mit
Befremdung anhörte, dann aber mit Entrüstung zurückwies, weil sie sich selbst in
der Seele ihres Gemahls beleidigt und gekränkt fühlte, sondern auch, um ihre
Heftigkeit selbst zu rechtfertigen, es unternahm, in kurzen, aber nicht
misszuverstehenden Worten den Schleier herabzureissen, der bisher Lydiens
kindlichen Sinn bedeckt hatte.
    Aber Lydia war weit entfernt davon, Alles, was sie eben gehört, für Wahrheit
zu halten, teils weil die Weise, in der es ihr vorgestellt wurde, ihr reines
Gefühl zu sehr beleidigte, teils weil, wäre es ihr auch in anderer zarterer
Weise dargelegt worden, sie nie hätte glauben können, dass Richard, ihr Richard,
dem sie sich mit so grenzenlosem Vertrauen hingegeben, wirklich so hätte handeln
können, wie es ihre indiskrete Freundin sie glauben machen wollte.
    Mit vor edlem Zorn hochrot gefärbten Wangen sprang sie von der Bank auf,
auf der sie neben Teresen auf dem Balkon gesessen hatte.
    »Schweige, ich bitte Dich ernstlich und zum letzten Male« - rief sie.
»Willst Du, dass unsere Freundschaft bestehen soll, so darf ich nie wieder ein
derartiges Wort von Dir hören, Terese!«
    »Armes verblendetes Kind« - entgegnete diese, sie mitleidsvoll betrachtend.
- »Doch ich will schweigen, wenn Du es verlangst. Denn Du hast vielleicht jetzt
mehr als je meine Freundschaft nötig. Aber -« In diesem Augenblicke kehrten die
Männer aus dem Garten zurück. Als Landsfeld näher getreten war, bemerkte er die
tiefe Verwirrung in Lydiens Zügen. Wie von einer Ahnung der Wahrheit durchbebt,
erbleichte er. Ein zweiter Blick auf Terese sagte ihm deutlich, dass er sich
nicht geirrt. Seine eigene Unvorsichtigkeit, die beiden Frauen allein zu lassen,
und die indiskrete Schwatzhaftigkeit Teresens verwünschend, ging er auf Lydia
zu, die ihn mit starren, fast zweifelnden Blicken ansah. »Was fehlt Dir, Lydia?«
- fragte er, seine Angst niederkämpfend, indem er ihre Hand ergriff, die eiskalt
war.
    »Lass uns hineingehen, Richard« - sagte sie zitternd. »Es wird schon kühl
draussen.«
    Es konnte hierin eine indirekte Mahnung an ihre Gäste liegen, dass es Zeit
sei, sich zu entfernen. Wenigstens wurden die Worte Lydiens so verstanden. Denn
Terese brach augenblicklich auf, um nach Hause zurückzukehren.
    Als die beiden Gatten allein waren, herrschte eine lange Pause. Lydia rang
vergeblich nach Worten, in denen sie ihr Gefühl hätte ausdrücken können; und
Landsfeld wagte es nicht, diesem Gefühle, dessen Grund und Wesen er wohl kannte,
Worte zu geben, aus Furcht, dass dadurch Lydiens Schmerz nur vergrössert werden
würde, wenn sie sähe, wie gut sie verstanden werde. Denn wurde sie verstanden,
so hatte auch ihre Freundin Recht und dann - sie schwindelte vor dem Abgrunde
zurück, der bei dem Gedanken, Landsfeld könnte sich nicht aus Liebe mit ihr
verbunden haben, vor ihren Füssen aufgähnte. Um das peinliche Schweigen zu
durchbrechen, was wie ein Alp auf ihm lastete, sagte endlich Landsfeld:
    »Meine teure Lydia, ich glaube, es wird gut sein, wenn Du Dich bald zur
Ruhe legst, Du scheinst sehr angegriffen. Ob es der ungewöhnlich lange Besuch
war, der Dich so aufgeregt, oder ob Dich etwas Anderes beunruhigt hat, darüber
wollen wir morgen sprechen.« Landsfeld stand bei diesen Worten auf und rief
Gertrud, der Lydia auch sogleich fast willenlos in ihr Schlafgemach folgte.
Landsfeld ging mit gesenktem Haupte auf und nieder. Bald wollte er Teresen
nacheilen, um Sie zu fragen, was sie mit Lydia gesprochen, bald legte er die
Hand auf den Griff der Türe, die zu Lydiens Zimmer führte, um sie aus dieser
tiefen Niedergeschlagenheit durch die Versicherung seiner unwandelbaren Liebe
herauszureissen und in einer vollständigen innigen Versöhnung jeden Nebel, der
sich am Horizonte ihrer gegenseitigen Liebe zu lagern drohte, zu verscheuchen,
und die Morgenröte der vollen ganzen Einheit wahrhafter Gattenliebe
heraufzuführen. - Aber dann dachte er sich wieder, wie Lydiens zarte
Organisation von langer Krankheit und vielfacher Gemütsbewegung ohnehin in
ihren Grundfesten erschüttert, den plötzlichen Ausbruch voller
Leidenschaftlichkeit nicht würde ertragen können, und er trat von der Türe
zurück und schritt von Neuem, sinnend über das Benehmen, das er nunmehr zu
beobachten habe, auf und nieder. Endlich glaubte er einen Mittelweg gefunden zu
haben. Er konnte das Bewusstsein, kein beruhigendes Wort gesprochen zu haben,
nicht aushalten. Ein solches wollte er, wie der Augenblick es ihm eingeben
würde, noch sagen, und das Uebrige auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschieben.
Als er in Lydiens Zimmer trat, fand er sie, den Kopf in die Hand gestützt,
nachdenklich auf dem Sopha sitzen. Schweigend setzte er sich neben sie und
ergriff ihre Hand.
    »Nicht wahr?« - sagte er - »Du hast Vertrauen zu mir, Du glaubst an meine
Liebe?«
    »Gewiss, gewiss - Richard« - rief sie, ihn umschlingend. »Den Glauben kann mir
Niemand rauben, als Du selbst.«
    Beruhigter fuhr er fort: »Und hat ihn Dir Jemand zu rauben versucht, Lydia?«
    »Sage mir nur Eins, mein Richard - ich frage nur, um mit dem einen Worte,
das Du mir sagen wirst, alle die Angst, die mich durchzittert, entschwinden zu
machen. Richard, bin ich Deine Gattin, Dein Weib im vollsten Sinne des Worts?«
    »Wie kommst Du auf diese Frage?« - fragte er ausweichend.
    Sie schüttelte den Kopf, und verbarg das Gesicht in die Hände.
    Landsfeld wünschte der Wiederholung jener Frage zuvor zu kommen, da er
begreiflicherweise sie weder bejahen, noch verneinen konnte, weil er in dem
einen Falle die Schranke zu einer ewigen gemacht, im andern ihr mit einem Worte
den Glauben an ihn zerstört hätte. Er umfasste sie mit tiefer Innigkeit und
presste einen heissen Kuss auf ihre Lippen. »Lydia, konntest Du je an meiner Liebe
zweifeln?«
    »Verzeih, verzeih, Richard!«
    »Als ich Dich kennen lernte, Lydia« - fuhr er fort, da er jetzt die
Unmöglichkeit einsah, die Erklärung, welche er ihr notwendigerweise einmal
geben musste, aufzuschieben, um jenen Zweifel ganz zu ersticken. - »Als ich Dich
kennen lernte, hatte ich den Glauben an weibliche Reinheit und Liebe verloren.
Ich war in meinen liebsten Hoffnungen getäuscht, in meinen teuersten Wünschen
betrogen und alle meine Ideale hatten sich als leere Schattenbilder erwiesen. Da
sah ich Dich - und - verzeih' mir, denn jene Zeit des Zweifels liegt jetzt
hinter mir - wollte mich überreden, dass auch Du vielleicht nur ein Scheinideal
seist, das mich in neue Träume von Glück einzuwiegen mir erschienen war. Da
schwur ich, Lydia, nicht eher an Dich zu glauben, nicht eher meiner bereits
erwachten Neigung zu Dir mich ganz zu überlassen, als bis ich eine feste
unumstössliche Ueberzeugung von der Wirklichkeit, von der Wahrheit Deiner idealen
Erscheinung gewonnen hätte.«
    Er schwieg.
    Lydia hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, denn Landsfeld hatte
sich über sein Inneres, über die Kämpfe, die früher darin getobt hatten, nie
gegen sie so aufrichtig und klar geäussert.
    »Du warst wohl recht unglücklich damals, Richard« - sagte sie liebevoll.
    »Sehr unglücklich, ja, das war ich - ja, ich bin es teilweise noch. Denn -
missdeute mich nicht, - ich habe ein Unrecht gegen Dich, oder vielmehr gegen mich
zu büssen; dies Unrecht war, dass ich mich gegen jene Ueberzeugung zu lange
gesträubt habe, dass ich fast aus Furcht, mein Ideal wieder zu verlieren, dagegen
angekämpft habe; dies Unrecht lastet auf meiner Seele und lässt mich noch heute
mein Glück nicht vollständig geniessen.«
    Das schwere Wort war gesprochen. Ob es verstanden war, das war eine andere
Frage. Seine angstvollen Blicke ruhten auf dem Gesicht Lydiens, die über den
Sinn seiner Rede nachzudenken schien.
    »Aber als Du nun jene Ueberzeugung erlangt hattest, Richard, da sträubtest
Du Dich doch nicht mehr gegen sie? Wie hättest Du sonst Dich entschliessen
können, Dich mit mir zu verbinden, wenn nicht jene Ueberzeugung in Dir schon
feste Wurzel geschlagen?«
    Diese, den eigentlichen Kern der Immoralität ihrer bisherigen Ehe berührende
Reflexion, welche unmittelbar aus Lydiens reinem natürlichen Gefühl stammte,
machte Landsfeld zittern. Gerade diesen Punkt war er zu verdecken bemüht
gewesen, und nun wurde er mit Gewalt zur Entscheidung getrieben. Jetzt blieb ihr
nur noch ein Ausweg, um zum Ziele zu kommen, und das war gerade jener, den er am
meisten gescheut hatte: der Weg der Leidenschaft.
    »Lydia« - rief er, aus tiefster Brust aufatmend, indem er ihren Kopf
zwischen seine Hände nahm und ihr lange und tief in das blaue Auge schaute.
Seine Stimme versagte ihm fast, als er, halb vor Verzweiflung halb aus
wirklicher, tiefer, überströmender Liebe, endlich in die Worte ausbrach: »Du
weisst nicht, wie unendlich, wie unsagbar meine Liebe zu Dir ist.«
    Der zitternde Ton, mit dem diese Worte gesprochen wurden, setzte ihre Seele
in eine Schwingung, der ihr ganzes Wesen zu folgen gezwungen war; sie stiess
einen leisen aber tiefen Seufzer aus, in dem sich ihre ganze noch nicht
überwundene Beklemmung verhauchte. Ihr schöner Kopf sank auf die Sophalehne
herab und ein überaus seelenvolles Lächeln umspielte ihren reizenden Mund.
Landsfeld beugte sich über sie und küsste ihre Augen, die sie geschlossen, als
wolle sie einen entzückenden Traum, in den sie durch Landsfelds Wort und Blick
versenkt war, festalten. Ihre Wangen, noch kurz zuvor so bleich, färbten sich
unter seinen Küssen tiefer und tiefer, die ein ungekanntes verzehrendes Feuer in
ihrer Brust entzündeten. Landsfeld selbst war von seiner Empfindung übermannt;
er fühlte es, dass der Augenblick kommen werde, in dem seine Willenskraft vor der
Gewalt der Leidenschaft werde ohnmächtig zusammensinken. Zagend davor, und sich
doch danach sehnend, schwankte er einige Minuten zwischen glühendem Verlangen
und zitterndem Bangen hin und her, indem er, bald kühner werdend, Lydiens sich
an ihn schmiegende Gestalt mit festen Banden umstrickte, bald, wie vor seiner
eigenen Kühnheit erbebend, die sie umschlingenden Arme sinken liess. Als er aber
sah, dass in Lydiens Seele bereits ein Funke von der Glut, die wie ein Lavastrom
durch seine Adern rollte, gefallen war, der, weiter und weiter glimmend, bald in
leuchtende Flammen ausbrechen musste, so setzte er, jede Bangigkeit und
Unentschiedenheit vergessend, dem tosenden Strome seiner Leidenschaft keinen
Damm mehr entgegen. - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In diesem Augenblicke ging in Lydiens Innern eine ungeheure, ihr ganzes
Wesen bis in die kleinsten Empfindungsfasern tief erschütternde Umwandlung vor,
indem plötzlich die Erinnerung an jene furchtbare Scene mit Berger in ihr
auftauchte. Ein Schauder durchrieselte wie Todesfrösteln ihre Glieder, als der
Gedanke in ihr lebendig wurde, dass - Terese Recht gehabt habe. Ihr Herz
durchzuckte der tiefe brennende Schmerz einer unendlichen Trostlosigkeit, die
sie in einem Nu an den Rand der Verzweiflung schleuderte. »Er hat Dich nicht
geliebt« - so tönte es wieder und immer wieder in ihrer Seele. »Du bist Ihm
nichts gewesen als eine Puppe, mit der er gespielt, als ein Instrument, mit dem
er kalte und berechnende Versuche angestellt.« Sie fühlte sich erniedrigt,
gedemütigt, bis im innersten Lebenskeime verwundet, und das unnennbare Weh'
betrogner Liebe zog wie Ahnung des Todes durch ihre Brust. Hätte sie die
physische Kraft gehabt, so würde sie den im Taumel schrankenloser Leidenschaft
Fortgerissenen von sich gestossen haben. Aber sie vermochte es nicht. Ihr
weiblicher Zartsinn war empört über seine Angriffe, ihr edler Stolz krümmte sich
wie ein ohnmächtiger Wurm unter der grausamen Hand, die den Schleier von dem
Allerheiligsten ihrer Jungfräulichkeit zerriss: aber sie vermochte es nicht, ihm
den geringsten Widerstand zu leisten. Wie der Ertrinkende im Todeskampfe
vergeblich die Hände emporstreckt, so lange er noch Hoffnung auf Rettung hat,
aber endlich eine verzweiflungsvolle Resignation sich seiner bemächtigt, wenn
die Gewissheit, keinen Boden mehr unter seinen Füssen und keinen Strohhalm zum
Anklammern zu haben, seinen Geist überwältigt und vernichtet, so kämpfte sich
auch in Lydiens Seele der ungeheure Kampf zwischen der Vernichtung ihres eigenen
Selbst und der Machtlosigkeit eines verzweiflungsvollen Widerstrebens gegen das
blinde Verlangen ungezähmter Leidenschaft in ihr durch - bis zum Wahnsinn.
    Hätte sie widerstehen können, wäre ihr Stolz hinlänglich durch ihre
physische Kraft unterstützt worden, um seine Empörung wenn auch nur durch den
Versuch eines Widerstandes betätigen zu können, dann würde ihre verratene
Liebe sie vielleicht einem frühen Tode zugeführt haben. Aber da Landsfeld,
teils weil er selbst zu sehr durch eigene Leidenschaft verblendet war, teils
weil Lydia seinem Ungestüm nicht den geringsten Widerstand entgegen setzte,
besonders aber durch ihre anfängliche Hingebung getäuscht jene entsetzliche
Umwälzung in ihr gar nicht bemerkte, vielmehr in ihrer jetzigen, an Apatie
grenzenden Ermattung nur den Widerschein seines Entzückens zu sehen glaubte:
Jetzt musste ihre ganze geistige Existenz aus ihren Fugen gehen. Es war ein
furchtbarer Augenblick. - Ein vierfacher Mord: - an ihrer Unschuld - ihrer Liebe
- ihrem Stolze - ihrer Vernunft. Die vier Elemente ihrer innern Welt, sie
zerfielen mit einem Schlage in Trümmer und der Genius ihrer reinen Seele löschte
klagend die Fackel in seinen Tränen.
    Als Landsfeld aus seinem Rausche erwachend, den Kopf erhob und sein
liebender Blick den ihrigen suchte, war er durch die fahle Blässe und
ausdruckslose Schlaffheit ihrer Züge überrascht. Ihr Auge war weit geöffnet,
aber ohne lebendigen Glanz, ohne jene Bestimmteit der Richtung und Sehweite,
welche man Blick nennt, starrte es empfindungs- und gedankenlos in ein leeres
Nichts. - »Lydia« - sagte er sanft und innig. Sie hörte nicht - »Lydia«
wiederholte er ängstlich flehend. - Vergebens. Dieser Ton, der sie einst aus der
tiefen Bewusstlosigkeit geweckt, in welche sie Angst und Abscheu in den Armen
Bergers versenkt hatte, er hatte seine Zauberkraft auf immer für sie verloren.
Landsfeld sprang auf - sie rührte sich nicht. Da zuckte plötzlich der Gedanke
ihres Todes durch seine Seele. »Ruhig« - sagte er leise zu sich selbst - »sie
wird erwachen, sie muss erwachen - solch überteuflischer Gedanke kann in keiner
Hölle erfunden werden.« Er stand vor ihr, den kalten, sinnenden Blick auf sie
gerichtet. Es war einer jener Augenblicke, in denen der Gedanke an die
Möglichkeit einer ungeheuren Tat jede Empfindung, jede Bewegung des Innern in
der kalten Resignation absoluter Verzweiflung auslöscht. Er durfte nur die Hand
auf das Herz legen, um sich davon zu überzeugen, ob sie lebe. Aber er tat es
nicht. Er klammerte sich an die in jeder Möglichkeit liegende Hoffnung vom
Gegenteil an, denn er fühlte, dass er jetzt nicht die Kraft habe, diese Hoffnung
vor seinen Augen in Nebel zerfliessen zu sehen.
    »Schrecklich wär's« - fügte er mit furchtbarem Hohn gegen sich selbst nach
einer Pause hinzu, »in dem Moment, wo das Glück beginnen soll, den Tod im Arm zu
halten. Ich will Wahrheit« - schrie er, den Arm ausstreckend - sein Finger
zuckte - mit abgewandtem Gesicht suchte er die Stelle des Herzens - - -
    Da erhob sich Lydia. Als hätte er einen Geist erblickt, so trat Landsfeld
einen Schritt zurück, denn Lydia war aufgestanden und schritt, ohne Landsfeld
anzublicken, auf die Türe zu. -
    »Lydia« - rief er. Sie zuckte einen Augenblick zusammen, aber sie ging
weiter. Da eilte er ihr nach und umschlang sie mit seinen Armen. Ein
herzzerreissender dumpfer Schrei drang aus ihrer Brust und lös'the sich endlich,
als Landsfeld sie noch heftiger umfasste, in lautes Schluchzen auf. »Mutter,
Mutter« - rief sie mit einer Stimme, die die höchste Angst ausdrückte - »Hülfe«
-
    Gertrud, die den ängstlichen Hülferuf gehört hatte, eilte vor Schrecken
bleich herzu. Mit übermenschlicher Kraft riss sich Lydia aus der Umschlingung
Landsfelds und stürzte in die Arme ihrer alten Amme. »Mutter« - rief sie
weinend, indem sie ihr Gesicht an Gertruds Brust versteckte - »rette, rette mich
vor ihm!«
    Jetzt fasste Landsfeld sie mit starken Armen und trug sie auf ihr Lager
zurück. Es wurde sofort ein Wagen nach der Stadt geschickt, um den Arzt
herauszuholen.
    Eine Stunde wohl hatte Landsfeld am Bette Lydiens gesessen und jeder
Bewegung, jedem Atemzuge der Unglücklichen gelauscht. Was in dieser Stunde in
seiner Seele vorging, welche Angst, welche Ahnungen in ihm stürmten, kann man
nicht in Worten ausdrücken. Kurz vor der Ankunft des Arztes war Lydia aus ihrer
Ohnmacht erwacht. Mit aufmerksamen, aber wirren Blicken betrachtete sie den noch
immer in derselben Stellung neben ihr Sitzenden, dann stiess sie abermals jenen
dumpfen, erschütternden Schrei aus. Sie wollte aufspringen, und verlangte, als
sie von Landsfeld mit Aufbietung aller seiner Kräfte daran verhindert wurde -
immer wieder nach ihrer Mutter.
    Während eines solchen Kampfes war es, als der Arzt eintrat. Sobald sie ihn
erblickt hatte, stürzte sie auf ihn zu, und rief ihm flüsternd und geheimnisvoll
ins Ohr: »Er hat mich nie geliebt. - Ich bin entehrt.«
    Landsfeld verbarg sein bleiches Gesicht in die Hände, und sank
verzweiflungsvoll auf einen Stuhl.
    Ein sanfter Druck auf der Schulter weckte ihn aus seiner Betäubung. »Sie
armer Mann!« - sagte der Arzt, »Ihre Frau ist wahnsinnig.« -
    Lautlos stürzte Landsfeld zu Boden.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Auf dem Balkon eines der geschmackvollen und eleganten Villen, welche das sanft
aufsteigende, mit Reben bedeckte rechte Ufer der Elbe unterhalb Dresden
schmücken, sass an einem milden Juniabend eine Dame von etwa acht und zwanzig
Jahren, den gedankenvollen Blick auf die Zeilen eines Briefes gerichtet, den sie
mit der rechten, sehr zarten und weissen Hand hielt, während die Linke nachlässig
über die Balkonlehne hinabhing. Als sie das Ende des Briefes erreicht hatte,
liess sie die Hand auf den Schoss sinken.
    »Es konnte nicht anders kommen« - sagte sie halblaut. - »Und doch - wer
kann's wissen, ob schon alle Hoffnung verloren. Sie oder Ich - vielleicht
Beide.«
    Sie seufzte und rief darauf, den Brief zusammenfaltend, in die offene
Salontüre hinein: »Marie!«
    »Mein Gott, gnädige Frau, wie bleich sehen Sie aus! Was ist geschehen?«
    »Wann ist der Brief abgegeben?« - fragte die Dame, ohne auf die Äusserungen
des jungen Mädchens Rücksicht zu nehmen.
    »Schon heute Vormittag, als Sie eben fortgeritten waren.«
    »So kann ich ihn jeden Augenblick erwarten« - sagte Jene vor sich hin, indem
eine flüchtige Röte ihre Wangen färbte.
    Einige Minuten später öffnete ein Mann die Türe des Gartens, auf den der
Balkon hinausging und näherte sich mit langsamen Schritten dem Hause. Die Dame
war aufgestanden, um den Nahenden zu bewillkommnen.
    Ihr Herz schlug fast hörbar, und eine tiefe Beklommenheit schien sich in den
ängstlichen Blicken und dem schnellen Auf- und Abwogen ihres Busens kund zu
geben.
    Endlich standen Beide einander gegenüber und betrachteten sich einige
Sekunden mit grosser Aufmerksamkeit.
    »Du hast Dich sehr verändert, Richard« - sagte die Dame sanft.
    Ein bitteres Lächeln flog über die abgezehrten und bis zur Unkenntlichkeit
gealterten Züge Landsfelds.
    »Findest Du das? - Um so mehr freue ich mich darüber, wie gut Du Dich
konservirt hast, Alice.«
    Nun lud sie ihn zum Sitzen ein. Nach einer langen Pause, während welcher
Beide sich ihren Betrachtungen überlassen zu haben schienen, sagte endlich
Landsfeld mit bebender Stimme:
    »Ich komme vom Sonnenstein -«
    »Wie befindet sie sich? - ist keine Aenderung in ihrem Zustande sichtbar?«
    »Keine - seit zwei Jahren, das heisst seit zwei masslosen Ewigkeiten - keine!«
    »Hat sie Dich gesehen?«
    Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte den Abscheu, der sie bei meinem Anblick
zu ergreifen pflegt, nicht mehr ertragen. - Aber - lassen wir ruhen, was
begraben ist. Ich habe unsagbar gebüsst, und muss Ruhe haben - Ruhe. - Im Sturm
des Oceans, wenn die Windsbraut die Elemente in einander jagte und ihr Geheul
anstimmte zu der Vermählung des Himmels mit dem Meere: da war mir auf
Augenblicke wohl - aber nur auf Augenblicke. Ich habe dem Tode in's Angesicht
gesehen, aber die Erlösung fand ich nicht.«
    Er schwieg, dann, als besänne er sich plötzlich, weshalb er gekommen sei,
fragte er: »Und Du sagst mir nichts von meinem, von - ihrem Kinde.«
    Stumm stand Alice auf und führte ihn, seine hand ergreifend, in das Haus
hinein. Nachdem sie durch mehrere Zimmer geschritten, öffnete sie endlich durch
den Druck einer verborgenen Feder eine Tapetentür und sagte, in's Innere
hineinweisend: »dort.«
    Es war ein kleines, überaus lieblich geschmücktes Gemach, welches durch die
buntgemalten Fenster mit einem sanften warmen Schein erfüllt wurde. Gerade der
Türe gegenüber stand eine kostbar gearbeitete Wiege, und darin lag, von einer
weissseidenen Decke bis zur Brust verhüllt, ein junges, sehr zartes Kind, die
kleinen Händchen über der Brust gefaltet. - Landsfeld trat näher. Eine Träne -
seit zwei langen Jahren die erste - trat in sein Auge, als er sich über die
Wiege beugte, um einen Kuss auf die weisse Stirn des schlafenden Engels zu
drücken. Aber als hätte er eine Natter berührt, so fuhr er zurück. Sein Haar
sträubte sich, seine Augen rollten fürchterlich, als wollten sie ihre Höhlen
verlassen, seine Lippen stammelten unartikulirte Laute.
    »Richard« - sagte Alice, ihn mit Gewalt aus dem Zimmer ziehend - »es ist
Alles, was Du jetzt von Deinem Glücke hast. Sei ein Mann, und fasse Dich. - Wohl
ihm, dass es gestorben ist. Was wäre sein Leben gewesen, als eine Qual?«
    Sie hatte ihn bei diesen Worten in ein anderes Zimmer geführt.
    Mit fahlen Zügen und zitternden Lippen, den irren Blick auf einen Punkt
gerichtet, hörte er die Worte Alicens, aber keine Veränderung in seinen Mienen
bewies, dass er sie verstanden. Endlich sagte er mit leiser und gebrochener
Stimme, indem er die Hände verzweiflungsvoll vor das Gesicht schlug: »Todt -
todt - Alles gemordet - Alles.«
    Alice sah mit kummervollen Blicken auf den Verzweifelnden. Sie fühlte, dass
er nie mehr glücklich werden könne, dass sein Leben ihm nur eine ewige Last sein
werde.
    »Lasse es mich noch einmal sehen, Alice« - sagte er endlich - »nur einmal
noch, ehe ich scheide.«
    Sie zauderte einen Augenblick - dann drückte sie auf's Neue an der Feder und
die Türe öffnete sich wie das erstemal.
    Landsfeld kniete an der Wiege nieder und blickte lange auf das todte Kind.
Endlich stand er auf. Seine Züge waren ruhig, fast heiter, als er zu Alicen
sprach:
    »Was würdest Du an meiner Stelle tun, Alice?«
    »Sterben« - sagte diese ruhig.
    »Das dachte ich auch - aber darf ich hier sterben?« - Er wies auf die Wiege.
    »Ja!«
    Alice wandte sich zum Gehen.
    »Alice« - rief er noch einmal. Er hatte ihr beide Hände entgegengestreckt.
Da vermochte sie sich nicht länger zu halten. Weinend stürzte sie in seine Arme
und drückte einen langen - langen Scheidekuss auf seine kalten Lippen.
    Er wandte sich sanft aus ihren Armen und blickte sie flehentlich an.
    Sie stürzte hinaus und schloss die Türe, neben der sie sich auf den Boden
niederkauerte.
    Nach einigen Minuten erfolgte eine Explosion. Sie sprang empor und trat ein.
    Landsfeld lag über der Wiege ausgestreckt. Die Kugel war ihm mitten durch
das Herz gegangen. Alice stürzte sich über ihn.
    »O, Richard« - stöhnte sie schluchzend. - »Ich, ich habe Dich allein und
wahrhaft geliebt.« -
    Eine tiefe Ohnmacht lagerte sich wie ein Schleier über ihre Sinne.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Eine halbe Stunde lang herrschte in dem kleinen Zimmer eine Todtenstille.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Abermals war eine halbe Stunde verflossen, Alice sass, noch halb betäubt, in
ihrem Wagen. Die Fahrt ging zum Sonnenstein. Sie verlangte den Arzt der
Irrenanstalt zu sprechen, welcher Lydia in der Kur hatte. Nach einem langen
Gespräch, während dessen der Irrenarzt, ein noch junger, sehr bleicher Mann, mit
raschen Schritten das Zimmer auf- und abgeschritten war, trat eine Minutenlange
Pause ein.
    »Sie können vielleicht Recht haben« - sagte endlich der Arzt, auf dessen
Gesicht sich ein tiefer, innerer Kampf abzuspiegeln schien, zu Alicen.
    »Vielleicht! - Aber wer gibt uns die Gewissheit?«
    Jetzt erhob sich auch Alice. Ausser der Marmorweisse auf ihrer Stirn und Wange
deutete keine Spur auf die vergangene furchtbare Scene, die sie kurz zuvor
erlebt. Ihr Auge glänzte mit demselben Feuer wie vorher, und ihre Stimme hatte
ihren gewöhnlichen melodischen sonoren Klang.
    »Und glauben Sie denn« - wandte sie sich zu dem Unentschlossenen - »dass dies
Wagestück, wie Sie es nennen, wirklich so bedenkliche Folgen haben kann? Ich
glaube es nicht. Gewiss wird der Anblick auf sie gar keinen oder einen
wohltätigen Eindruck hervorbringen.«
    »Wohltätig? - Was kann wohltätiger für die Arme sein, als der Mangel des
Bewusstseins, und vollends jetzt? Indes ist es möglich, dass, da sie den Lebenden
nicht kannte, der Todte sie noch weniger erschüttern wird. Verweilen Sie hier
einen Augenblick, ich werde sogleich zum Direktor der Anstalt gehen, um
persönlich die Erlaubnis auszuwirken.«
    Als Alice allein war, liess sie sich wieder auf den Sessel nieder und stützte
das Haupt leidenschwer auf die Hand. Gedanken der widersprechendsten und
vielfältigsten Art mussten sie durchkreuzen, denn bald rollte eine einzelne
Träne von den gesenkten Wimpern herab, bald strahlte ihr schönes Auge von
tieferem, fast unheimlichem Feuer. Jetzt fuhr sie mit der Hand zum Herzen, als
fühlte sie den grossen Schmerz von Neuem, jetzt hob sich ihre Brust wie von
kühnen Plänen geschwellt, um dann wieder von Verzweiflung niedergedrückt zu
werden. Sobald sie jedoch die Schritte des Arztes vernahm, glätteten sich ihre
Züge und die frühere Ruhe breitete sich wieder auf ihnen aus.
    Der Direktor hatte die Bitte gewährt.
    Rasch eilten sie Beide dem Flügel zu, in welchem Lydiens Gemach lag, wie
alle Behausungen dieser Art halb Kerker, halb Krankenstube. Bei ihrem Eintreten
fanden sie die Unglückliche auf dem Boden sitzend, den Schoss mit einer Menge
von Blumen angefüllt, aus denen sie Kränze zu flechten versuchte.
    Eine beklemmende Empfindung bemeisterte sich Alicens, als sie auf Lydia
zutrat und einen forschenden Blick auf ihre Züge warf. Es war keine sehr
bemerkbare Veränderung darauf zu sehen. Nur als ihr glanzloser und scheuer Blick
dem Auge Alicens begegnete, las diese darin die Vernichtung dessen, was den
Menschen über das Tier erhebt - des Bewusstseins.
    Ein irres, halb verwundertes Lächeln glitt über ihre bleichen Lippen, als
sie das fremde Gesicht erblickte, aber sie sagte Nichts. Fast wie ein Schwindel
ergriff es Alicen, als sie dies Lächeln sah, unwillkührlich streckte sie die
Hand nach dem Arzte aus, der sie sanft nach der Türe führte, indem er ihr leise
zuflüsterte: »Erwarten Sie mich unten. Ihre Bewegung könnte uns stören.«
    Nachdem Alice einige Minuten im Wagen zugebracht, erschien Lydia am Arme
ihres Arztes, in der Ferne von einem Wärter gefolgt. Sie stiegen ein und
rollten, nachdem der Wagen fest verschlossen war, auf der Strasse nach Dresden
hin. Während der ganzen Fahrt sprach Niemand von den Dreien ein Wort, aber als
sie vor der Gitterpforte des Gartens hielten, ergriff Alice des Arztes Hand und
sagte mit bebender Stimme:
    »Mut, Mut!«
    Langsam gingen sie den Fusssteg hinauf, den noch wenige Stunden zuvor
Landsfeld betreten hatte und standen zitternd nach wenigen Schritten vor der
Türe, die die Lösung dieses furchtbaren Rätsels verschloss.
    Jetzt war durch eine merkwürdige Verwandlung, die plötzlich in Alicens Seele
vorgegangen war, ihre ganze geistige Kraft zurückgekehrt. Mit sicherer Hand
drückte sie die Feder, während sie mit der andern Lydiens Arm ergriff, um sie
halb mit Gewalt in's Zimmer zu drängen. Eine geraume Zeit herrschte eine
lautlose Stille. Alice und der Arzt standen bewegungslos auf der Schwelle, Lydia
mitten im Zimmer dicht vor der Leiche Landsfelds, dessen Fuss fast den ihrigen
berührte.
    Sein bleiches Gesicht, aus dem der Tod jede Falte des Grams verwischt hatte,
war ihrem Blicke offen zugekehrt.
    In sprachloser Angst starrten die Beiden auf jede ihrer Bewegungen, und es
schien Anfangs nicht, als ob die Befürchtungen des Arztes und die Hoffnungen
Alicens sich verwirklichen wollten. In einem gegenüberhängenden Spiegel konnten
sie genau den irren Blicken der Wahnsinnigen folgen, die zuerst wild im Zimmer
umherschweiften und sich endlich auf den Todten senkten.
    Da fuhr es wie ein eisiger Schauer durch ihren Körper, aber kein Schrei,
kein Laut drang aus ihrem Munde und wie gefesselt wurzelten ihre Füsse auf dem
Boden, doch in demselben Augenblicke erhielten auch ihre Blicke ihre bestimmte
Richtung wieder, während sie immer fest und starr auf die Züge des Todten
geheftet blieben.
    »Sehen Sie diesen Blick?« - sagte der Arzt zu Alicen. »Noch zwei Minuten und
sie ist entweder todt oder bei Bewusstsein.«
    In der Tat konnte man fast von Sekunde zu Sekunde wahrnehmen, wie das
erwachende Bewusstsein in das immer grösser und klarer werdende Auge zurückkehrte.
Ihr Mund öffnete sich allmählig, Ihr Kopf beugte sich immer weiter und weiter
vor, als wollte sie die geschlossenen Augenlider mit dem Strahl ihres Blicks
durchdringen - - dann plötzlich wurde ihr ganzer Körper wie durch eine
unsichtbare Macht in die Höhe geschnellt - sie fuhr sich, wie aus einem
grausigen Traume erwachend, über Stirn und Augen und stürzte mit einem
furchtbaren herzzerreissenden Schrei »Richard« auf ihren Gatten nieder. - - - - -
    Einen Monat später fuhr ein schwer bepackter Reisewagen durch das Kärntner
Tor in Wien ein.
    Zwei Frauen in tiefe Trauer gekleidet sahen teilnahmlos aus demselben auf
das fröhliche Treiben der Kaiserstadt. - Es waren Alice und Lydia auf dem Wege
nach Italien.
 
    