
        
                                  Louise Aston
                            Aus dem Leben einer Frau
                                     Vorwort
Das Leben ist fragmentarisch; die Kunst soll ein Ganzes schaffen!
    Diese Blätter gehören in Dichtung und Wahrheit dem Leben an, und machen
nicht Anspruch auf künstlerischen Wert! Darum sind sie fragmentarisch, wie
diese ganze moderne Welt, aus deren gährenden Elementen sie hervorgegangen, ein
Beitrag zur Charakteristik unseres Lebens! Wer den reichen Zauber der Gestaltung
besitzt, und die Idee zu bannen versteht in ewige Formen: der wird nach Mass und
Regeln der Schönheit, auch dies zersplitterte, moderne Leben zu einem
harmonischen Kunstwerk zusammenfassen, ihm dauernde Bedeutung geben und sich
selbst mit ihm unsterblich machen! Wir andern aber können nur einzelne Blätter,
vielleicht Früchte von den Lebensbäumen dieser Zeit pflücken! Wir schreiben
flüchtige Zeilen; aber wir schreiben sie mit unserem Herzblut! Findet dies
Fragment Anklang, hat der Kern dieses Lebens und sein Schicksal eine allgemeine
Bedeutung: so schliesst sich vielleicht ein zweites Fragment daran, das manche
Entwicklungen weiter führt, und manche »confessions« vollendet.
Hamburg, im März 1847.
                                                                   Louise Aston.
 
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Eine altertümliche Pfarrerwohnung gilt von jeher für das heimatliche Reich der
Idylle. Hier quartiert, seit Vossens Louise, die gemütliche Phantasie der
Dichter ihre behaglichen Gestalten ein, welche in dem Comfort eines stillen, in
sich befriedigten Lebens das letzte Ziel und den ganzen Wert der Existenz zu
erschöpfen wähnen. Etwas Lindenschatten und Abendrot, Mittagessen und Gebet,
eine Promenade durch die Kornfelder, die Bereitung des Kaffees und wenn es hoch
kommt, eines Hochzeitbettes - das genügt dieser friedlichen Poesie, welche die
breite Prosa des Lebens in ihre langatmigen Verse übersetzt. Doch der
idyllische Kuhreigen hat in unserer Litteratur ausgetönt, da die Beschränkteit
solcher Existenzen auch nicht auf Natur und Wahrheit Anspruch machen kann;
sondern mit Recht als ein affectirtes Ignoriren des Lebens in der Welt und ihrer
Geschichte angesehen wird, das Utopien einer spiessbürgerlichen Phantasie. Diese
Genrebilder ohne Perspective und Hintergrund finden kein Publikum mehr; denn sie
sind poetische Grillen, welche der Wirklichkeit fern liegen. Selbst in das
abgeschlossenste Pfarrhaus hinein dringt das Leben mit seinen Beziehungen und
Gegensätzen, mit seiner Not und Bedeutsamkeit; dringt der Zeitgeist mit seinen
Kämpfen und seinen Zielen. In eine solche Pfarrwohnung, die nur äusserlich den
idyllischen Frieden zur Schau trägt, während in ihrem Innern das moderne Leben
seine socialen Schlachten schlägt, versetzen wir jetzt die Phantasie unserer
Leser.
    Die ersten Strahlen der Maiensonne drangen verstohlen durch zwei kleine,
runde Schiebfenster, über welche dichtbelaubte Kastanienbäume die ehrwürdigen
Schatten warfen, in ein traulich enges Gemach, und beleuchteten hier eine
eigentümliche Scene. Auf einem altmodischen mit grossblumigen Kattun überzogenen
Sopha sass ein Greis mit finstern, unheimlichen Zügen. Die kleinen, grauen Augen,
der stechende Blick kontrastirten unangenehm mit dem silberweissen Haar, und
störten den Eindruck des ehrwürdigen Alters. Vor diesem Greise knieete ein
liebliches Mädchen von siebenzehn Jahren. Lichtbraune Locken fielen noch
ungeregelt auf den weissen Hals und Nacken nieder, und gaben dem zarten Oval des
Angesichts eine süsse, träumerische Färbung. Die grossen blauen Augen sahen in
tiefem Schmerz zu dem Greis empor, während ihre Hände krampfhaft gefaltet auf
dem Busen ruhten, als wollten sie den heftigen Schlag des Herzens hemmen. Die
ganze Erscheinung des Mädchens hatte etwas Rührendes; denn ihre Züge waren von
jener eigentümlichen Schönheit, deren Reiz durch den Ausdruck des Schmerzes
erhöht wird, denen der Menschenkenner schon im Voraus prophezeiht, dass sie einst
den Stempel tiefen Leidens tragen werden. - Die Einrichtung des Gemachs
entsprach dem Sinn der Bewohnerinn. Sie war einfach und klar, und entbehrte
aller unnützen Zierraten, mit denen sich sonst die Eitelkeit der Damen zu
umgeben pflegt. Ein blankgebohnter Nussbaumtisch, drei geflochtene kleine
Rohrsessel, ein Spiegel in Duodezform bildeten mit dem Sopha das ganze
Meublement. In einer Ecke lehnte eine Harfe, mit einem halbverwelkten
Immortellenkranz geschmückt, während auf dem niedrigen Fenstergesimse wie zum
Hohn für das abgestorbene Bild der Unsterblichkeit üppig blühende Geranien und
Rosen prangten. Die Wände des Zimmers waren blendend weiss, nur hin und wieder
mit schwarzen Kreidezeichnungen dekorirt, denen Nussbaumholz zum rohen Rahmen
diente, wahrscheinlich Reminiscenzen aus der frühesten Jugend des Mädchens.
Mitten in dieser Einfachheit tat es dem Auge fast weh, auf dem Roccoco-Tisch
Gegenstände des feinsten Luxus zu finden. In chaotischer Unordnung lagen die
kostbarsten Preciosen umher. Ein elegantes, rotes Saffian-Etui liess einen
prachtvollen Rubinschmuck hervorschimmern; Blonden und Kanten blickten neugierig
aus ihren halbgeöffneten Kartons zu einem Atlas-Kleid hinüber, das über der
Sophalehne hing, gleich als ob sie sich sehnten, an dem schweren, weissen Gewand
als blendender Schmuck zu prangen.
    »Es ist fest und unwiderruflich, Johanna,« sprach der Greis mit heiserer
Stimme; »heute wirst Du die Gattin des Herrn Oburn. Ich habe mein Wort gegeben;
ich halte mein Wort. Der Mann ist reich, sehr reich; Du wirst ein glänzendes,
vielfach beneidetes Leben führen, da vergisst sich rasch die sentimentale
Jugendliebe, das Spiel einer müssigen Phantasie, das vor dem Ernst des Lebens
verschwinden muss. Du wirst es mir später Dank wissen, dass ich Dein Geschick
gewählt.«
    »Mir schaudert, Vater,« entgegnete das Mädchen, »wenn ich an den Mann nur
denke, von dem man so viel Unheimliches sagt, dessen ganzes Wesen mir
widerwärtig ist. Aus seinen Zügen spricht ein Geist, der mir ewig fremd bleiben
wird, den ich nicht verstehe, nicht verstehen will, der mir wie eine feindliche
Macht gegenübertritt und mein Gefühl empört. Nie, nie könnte ich diesem Manne
angehören! D'rum, lass mir mein Glück, meinen Frieden, Vater! Sieh', ich bin noch
so jung! Du hast mich so oft Deine holde Blume genannt! O lass' mich hier
fortblühen ungestört bei Dir, und wachsen und werden, was der innere Trieb
gebietet. Dort muss ich verwelken, verdorren - ich fühl's - dort ist meine
Heimat nicht. Und dann,« fuhr sie fort mit lieblicher Schüchternheit, »Du weisst
es ja mein Vater, ich liebe, heiss und innig, habe dem Geliebten das Wort
gegeben, ihm allein auf immer anzugehören. Und Du willst mich zwingen, meineidig
zu werden, Du, ein Diener des Herrn? Du musst es ja wissen, wie fluchwürdig eine
Untreue vor Gott ist.«
    Der Greis hörte in höchster Aufregung die Worte der Tochter an; doch er
bekämpfte die Aufwallung seines Innern, die aus seinen feurigen Blicken und
seinen Zügen sprach, und erwiederte ruhig: »Höre aufmerksam zu, Johanna! Was ich
Dir jetzt sage, wird Dir jede weitere Einrede ersparen. Ich tadle Dich nicht;
denn auch mir war die Liebe, als ich noch jung war, das Höchste, das einzig
Begehrenswerte, dem man jedes Opfer willig bringen muss. Ich war sehr arm, hatte
früh die Eltern verloren, und stand unter der Aufsicht eines Vormundes, eines
redlichen, aber strengen Mannes, der mich für den Handwerkerstand bestimmte,
weil mir die Mittel zu einer höheren Ausbildung fehlten. Doch ich traute mir
Kraft und Talente zu, eine andere Laufbahn zu wählen: und brachte es durch
eifriges Studium dahin, dass ich die Universität zu H. beziehen konnte. Ohne
Geld, ohne Connexionen, mit dem bittersten Mangel kämpfend, verlebte ich meine
Studienjahre. Die Freuden der Jugend, das Glück eines frischen Lebens, die
ungehemmte Freiheit der Existenz - mir war das alles unbekannt. Ich suchte
diesen Verlust zu verschmerzen, in eifrigem Studium, in begeistertem
wissenschaftlichen Streben Ersatz zu finden für ein sonst freudloses Dasein.
Aber auch die Schätze der Wissenschaft sind der Armut verschlossen; und nur das
Gold ist die Zaubersalbe des Abdallah, welche den Zutritt zu ihnen öffnet, und
dem Auge erlaubt, in ihre Tiefen zu schauen. Mit grosser Mühe musste ich mich
durchkämpfen zu den Quellen des Wissens, welche den begüterten Studenten mühlos
und leicht zuflossen. Da schien mir dieses Metall eine Zaubermacht, gegen die
anzukämpfen, nutzlos ist, mit der man sich verbünden muss, um das Leben zu
besiegen. Seit jener Zeit ist mir der Reichtum ein hohes Gut, das ich gehasst
und doch mit Gier erstrebt; dem ich nachjagte, während es mich floh, wie mein
eigener Schatten. Du, mein Kind, kennst die Not und den Hunger nicht! Das waren
die Gefährten meiner Jugend, die mich von Tag zu Tag hetzten durch ein Leben,
das keinen andern Zweck kannte, als den, sich selbst zu behaupten, sich selbst
fortzufristen. Wie oft schlich ich mich des Nachts auf die Aecker der begüterten
Bürger, um mit den Früchten des Feldes, dem fremden Eigentum, mich vor dem
Hungertod zu erretten. - Doch auch diese qualvolle Zeit ging vorüber. Ein
glänzendes Examen, das ich nach dreijähriger Studienzeit zurücklegte, verschafte
mir die Gunst und Empfehlung eines Professors und durch dieselbe eine
Hauslehrerstelle in einer gräflichen Familie. Ein achtjähriger Knabe wurde
meiner Sorgfalt anvertraut, während ich der fünfzehnjährigen Tochter nur
Musikunterricht erteilen sollte. Hier in diesem Hause war ich täglich den
empfindlichsten Demütigungen ausgesetzt. Die ungebildete, hochmütige Familie
behandelte mich, den Erzieher ihres Kindes, gleich einem Domestiken. Wenn ich
oft nahe daran war, das Haus zu verlassen - da tödtete der Gedanke an meine
Armut, an eine Zukunft ohne Mittel und Aussicht, den freien Entschluss.
Allmählig fand ich in meinen Zöglingen Ersatz für die bittern Kränkungen, welche
die Eltern mir zufügten. Elise, die Tochter des Hauses, machte mir das Leben zum
erstenmale wünschenswert. Unsere gegenseitige Neigung wurde bald zur Liebe; die
Liebe zur heftigsten Leidenschaft, die nicht nur über mich, sondern auch über
die Schülerinn masslosen Jammer brachte. Die Mutter, eine herzlose Kokette,
eifersüchtig auf die Reize der Tochter, entdeckte bald mein Verhältnis zu Elisa.
Ich wurde in einer entehrenden Weise, die meinen Namen an den Pranger stellte,
aus dem Hause gejagt. Ohne eine andere Stellung zu finden, irrte ich lange Zeit
in der Welt umher, im Herzen verzehrende Liebe, von Not und Sorge treu
begleitet. Die bewegtesten Schicksale waren an mir vorübergegangen; - Jahre voll
Arbeit und Mühe lagen hinter mir; - ich hatte tüchtig mit dem Leben gerungen,
bis ich diese Pfarrstelle erhielt, ein bescheidenes Loos, das meine Existenz
sicherte; ohne mein Streben nach höheren Lebensgenüssen jener Welt, die der
Reichtum zu schaffen vermag, zu befriedigen. Meine Liebe war nicht erloschen -
unter allen Kämpfen des Lebens dachte ich mit Sehnsucht an den kurzen Traum
meines Glücks. Sechs Jahre lang hatte ich nichts von der Gräfinn gehört; ich
glaubte sie längst vermählt, und hätte ihr keinen Vorwurf daraus gemacht, wenn
sie mir ihr gegebenes Wort gebrochen. Da hörte ich von einem Freund, dass, jedem
Zwang, allen Misshandlungen zum Trotz, mir die Geliebte treu geblieben und mein
in unveränderter Liebe gedenke. Diese Nachricht machte mich unaussprechlich
glücklich. So geliebt, um seines Selbst wegen so geliebt zu sein, ist für den
Mann ein berauschendes Glück, das mir alle Ruhe und Ueberlegung raubte. Ich fand
Mittel, mich der Gräfinn zu nahen. Sie wollte mein Weib werden, mir der Eltern
Liebe, Rang und Reichtum zum Opfer bringen; und ich war nicht edel genug, dies
Opfer abzulehnen. Ohne den Segen der Eltern wurde Elise meine Gattinn - Deine
Mutter.« - Erschöpft hielt hier der Greis einige Augenblicke inne; dann fuhr er
bewegter fort: »Aus grosser, alles bezwingender Liebe war diese Ehe geschlossen
worden; dennoch war sie nicht glücklich. Glaube mir, Mädchen, Liebe beglückt nur
auf kurze Zeit! Deine Mutter ist edel und liebenswürdig; - dennoch waren wir
Beide elend; deine Mutter, weil sie alle gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens
entbehren musste; ich, weil ich nicht im Stande war, sie ihr zu verschaffen. So
sind uns freudlose Jahre vorübergegangen, welche mir die traurige Lehre gaben,
dass unter bedrückten äussern Verhältnissen jede Hoffnung auf Glück getäuscht
wird. Das Glück kehrt nur bei den Glücklichen ein! Du bist mein einziges Kind -
die Erfahrung meines Lebens soll Dir zum Heile werden! Du sollst einer
jugendlichen Täuschung nicht den wahren Genuss des Daseins opfern! Ich muss Dich
schützen vor all' dem Jammer, den Deine Mutter erlebt.«
    Mit sichtlicher Spannung hatte Johanna den Worten des Vaters gelauscht, und
schien in einer kurzen Pause über ihren Inhalt nachzudenken. Aus ihren Zügen sah
man, dass dies Denken ein Erleben war, das ihr Wesen in seinen innersten Tiefen
fasste; dass sich in diesem Augenblick die ganze Zukunft bedeutsam in ihr zusammen
drängte. Plötzlich begann sie mit jener Entschiedenheit, welche, wie mit einem
gewaltsamen Ruck, alle Zweifel abschüttelt:
    »Deine Geschichte, Vater, passt nicht auf mich! Ich bin keine Gräfinn, bin an
Entbehrungen gewöhnt. Mir wird ein einfaches Leben genügen. Und dann -« fuhr sie
fast feierlich fort, - »meine Mutter war Dir treu; auch ich werde meiner Liebe
treu sein, als ihre echte Tochter. Ich lasse mich nicht verhandeln gegen
schnödes Gold; ich kenne etwas Edleres, als dies Metall - meine Liebe! Ich
schwöre Dir's - nie werd' ich Oburns Gattin!« Alle Heftigkeit, die der Greis
bisher bezwungen, kam nun bei ihm zum Ausbruch. »So wagst Du, mit mir zu
sprechen, törichtes Kind? Bist Du nicht mein Geschöpf? Ist nicht mein Wille Dir
Gesetz? Du musst ihm gehorchen; denn ich bin Herr über Dich! Es bleibt dabei:
heute Abend wirst Du dem Herrn Oburn ehlich angetraut! Ich will es und befehle
es!« Bei diesen Worten blitzte es im Auge der Tochter dämonisch auf; das
blühende Antlitz wurde marmorbleich; doch fest und ruhig erhob sie sich; sah den
Vater durchdringend scharf an, und sprach mit Bestimmteit: »Aber ich - ich will
es nicht! So weit gehen die Rechte eines Vaters nicht, einer flüchtigen Laune
die Jugend, ja das ganze Leben eines Kindes zu opfern. Hier hört der Gehorsam
auf, und mir allein gebührt die Entscheidung. O sieh' mich nicht so zornig an,
als zöge ich mit diesen Worten auf ewig eine Scheidewand zwischen unsere Herzen!
Ich bin jung - noch sehr jung - kenne die Welt und ihre Freuden nicht; dennoch
ahnt es mir, dass es ein Glück geben muss, ein Glück der Liebe und des Genusses,
in das sich zu versenken höchste Befriedigung ist! Und ich will glücklich sein,
mein Herz hat die Kraft dazu, die Kraft, in der Seligkeit aufzugehn. Das fühl'
ich jetzt, denn Du verurteilst mich, des Lebens unschätzbarste Güter einem
ungeliebten Manne hinzuopfern, dessen verlebte Züge nur das Todesurteil
aussprechen über meine Jugend. Mich reizt nicht all' diese Pracht der äussern
Existenz, die seelenlos auch der Seele nichts zu bieten vermag, sie nur fesseln
kann in blendender Sklaverei. Nie werde ich diese Fesseln ertragen!« Bei diesen
Worten nahm sie mit zitternder Hand eine schwere goldene Kette vom Tisch; und
ihre zarten Finger rüttelten und spielten gedankenlos mit den Ringen und
Gliedern des prächtigen Geschmeides. Doch über den Greis kam der Sturm des
Unwillens, und unterbrach gewaltig die kurze Pause sprachlosen Erstarrens, in
das ihn die Rede der Tochter versetzt. Die unbeherrschte Leidenschaft
triumphirte! An dem braunlockigen Haar riss er die Tochter wild hin und her, und
stiess sie dann mit den Füssen von sich, in masslosem Zorn ausrufend: »Ungeratene!
Ich fluche Dir!« Erschöpft, todesmatt, mit blauen Lippen und festgeschlossenen
Augen sank der Greis, nach diesem Ausbruch der Wut, ohnmächtig auf das Sopha
zurück. Der gellende Schrei: »Mein Vater ist todt,« tönte in dem sonst so
stillen Pfarrhaus wider.
 
                                       2
Es war Mittag geworden. Schwüler drangen die Sonnenstrahlen durch die Fenster,
die sie des Morgens nur angenehm erhellt hatten. Todtenstille herrscht in dem
Gemach. Noch liegt der Kranke bewusstlos da. Eine Matrone steht vor ihm, reibt
die erstarrten Hände, küsst die blauen Lippen, um sie zu erwärmen, und sieht,
nach dem vergeblichen Versuch, trostlos zum Himmel empor. Der Arzt steht neben
ihr, und prüft ruhig nach seiner goldenen Cylinderuhr den Pulsschlag des
Kranken. Dann unterbricht er das Schweigen; »Es war ein Nervenschlag, verehrte
Frau, der ihren Gatten getroffen. Doch hoffen Sie - seine Erstarrung wird
nachlassen; er wird zum Leben zurückkehren; nur fürchte ich, mit einer Lähmung
mancher edeln Organe!«
    Mit einem seligen Lächeln schaute die Frau den glückverheissenden Arzt an. So
traurig auch das Ende seiner Rede war - sie hatte es überhört; und nur die
Worte: »er wird zum Leben zurückkehren«, freudig aufgefasst und ihrem Gedächtnis
eingeprägt. Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises, schlich
leise in eine Ecke des Zimmers, wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem
Estrichboden lag. Segnend legte sie die Hand auf des Mädchens Haupt, und sprach
weich: »Johanna, mein Kind, wache auf! Dein Vater wird nicht sterben - Gott ist
uns gnädig! Er lässt diesen Kelch an Dir vorübergehen. Doch bete, bete, Kind, dass
auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen, den sie über Dich ausgesprochen;
denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift für's Leben.« Mit irren Mienen
richtete sich das junge Mädchen auf, strich sich die ungeordneten,
tränenfeuchten Locken von der Stirn, und erwiederte klanglos: »Was soll ich
tun, Mutter? Soll ich beten - soll ich heute noch Oburns Weib werden? Mein
Mut, mein Herz ist gebrochen. Dieser unselige Morgen hat mich willenlos
gemacht. Ich bin bereit - lass' die Hochzeitglocken läuten - flicht mir den
Brautkranz!« Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren Stumpfsinn; und
kein äusseres Zeichen gab den innern Kampf der Seele kund. Wieder waren einige
bange Stunden vorübergegangen, Stunden, die ein ganzes Leben voll Freude quitt
machen. Da hob der Greis matt die Augenlieder auf; die Lippen regten sich; er
versuchte zu sprechen; - doch die Zunge war auf immer gelähmt!
 
                                       3
Ein fröhliches Postorn schmetterte in der Ferne. Näher kam's und näher, zum
einsamen Pfarrhaus hinan. Bald hielt ein eleganter englischer Reisewagen, den
vier prächtige schwarze Rosse zogen, vor demselben still, Herr Oburn, der
glückliche Bräutigam, sprang jugendlich keck aus dem Wagen, und stürzte auf das
Zimmer seiner Braut zu, wie ein Raubvogel auf seine Beute. Am Abende dieses
Tages standen die Türen der altmodischen Dorfkirche weit offen. Der mit
hölzernem Schnitzwerk verzierte Altar war reich mit Kränzen und mit frischem,
grünen Laube geschmückt; zwei Wachskerzen brannten auf kolossalen
Messingleuchtern. Eine Bibel, in schwarzem Sammet eingebunden, lag auf dem
Betpult, vor dem zwei rote, dem Anschein nach neu angeschafte Sammetsessel
standen. An dem Weg von der Kirche bis zum Pfarrhaus, der mit weissem Sand und
Blüten bestreut war, bildeten die festlich geputzten Dorfbewohner ein Spalier,
durch welches das Brautpaar nach alter Observanz, hindurch gehen musste. Jetzt
ertönte das Geläute der einzigen Glocke; ein Zeichen, bei dem sich alle Blicke
nach der Türe der Pfarrwohnung richteten. Gravitätisch überschritt Herr Oburn
die Schwelle, und überschaute das Volk mit triumphirendem Blick. Seine
Persönlichkeit gab der Menge zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung, in denen
der idyllische Witz der Landleute sich mit vielem Behagen erging. Herr Oburn war
ein Mann von 50 Jahren, klein und fett, mit einem würdevollen Hängebauch, einem
vollen, aufgedunsenen, dunkelroten Gesicht, mit einer unförmlichen, grossen
Nase, neben der sich eine zweite kleinere, wie eine Tochterloge, etablirt hatte.
Beide waren mit den Farben von Burgunder und Rum malerisch schattirt. Die
Stirne, gewiss von der Natur dazu bestimmt, in diesem Gesicht die beste Partie
zu sein, war durch veilchenblaue Adern, die dick hervorquollen und sich
kreuzten, wie Heereszüge auf strategischen Karten, unangenehm entstellt. Um den
gemeinen breiten Mund zog sich ein Lächeln grober Sinnlichkeit, das an ein
tierisches Grinsen erinnerte. Um das Gesicht würdig einzurahmen, fiel
spärliches rotes Haar, genial vernachlässigt, von dem ziemlich kahlen Scheitel
auf die Schläfe herab. Dies Meisterwerk der Natur war durch eine
modisch-elegante Kleidung verhüllt. Der schwarze, feine Anzug, die Weste und
Kravatte von weissem Atlas, suchten nach Kräften mit dem Gesichtsteint zu
harmoniren, dem das feste Zuschnüren der Halsbinde zu der traurigen Aehnlichkeit
mit einem gekochten Krebse verhalf. Das ganze Bild erinnerte an den Mann im
feurigen Ofen, obgleich jeder Anstrich alttestamentlicher Salbung fehlte.
    An der Seite dieses Feuerkönigs schwankte ein bleiches Engelsbild, ein
Mädchen mit dem höchsten Liebreiz geschmückt, voll Harmonie und Ebenmaass. Ein
echter Madonnenkopf mit unaussprechlich schönen Augen, einer kleinen,
feingeschnittenen Nase, und einem Munde, den die Grazien um sein Lächeln hätten
beneiden können; eine hohe, schlanke Figur, an der dennoch jede Form, rund und
weich, eine selbstständige Vollendung erstrebte; Hals, Hand und Fuss von seltener
Schönheit - alles das schien diesem Wesen von der Natur mitgegeben, auf dass es
beglückend in Liebe glücklich sei. Darum empörte der Anblick des Zerrbildes,
das, wie ein wahrer Popanz, an der Seite dieses schönen Menschenbildes,
einhertrottirte. Heute war das feine Rot, das sonst die jugendlichen Wangen
zierte, verschwunden, der Mund festgeschlossen, und das Auge blickte starr und
regungslos umher. Ein weisses Atlaskleid umgab in malerischen Falten die
frischen, edeln Glieder; ein Kranz von blühenden Myrten schmückte die hohe
Stirn - sonst war alles an ihr schmucklos und einfach. Während das ungleiche
Brautpaar der Kirche zuschritt, sprach sich in den verschiedensten Äusserungen,
in Lauten der Bewunderung und des Spottes, die Stimme des Volkes aus. Ein
pietistischer Prediger, den man rasch aus der Nachbarschaft herbeigeholt, hielt
eine salbungsvolle Traurede, durchdrungen von überschwänglichem Christentum;
und suchte besonders die grosse Güte des lieben Gottes nachzuweisen, die sich der
Braut so sichtbar offenbarte, indem sie ihr einen mit Glücksgütern vielfach
gesegneten Ehegemahl zu Teil werden liess. Als endlich die Ceremonie zu Ende
war, und der Prediger nach christlichem Gebrauch die Worte der Bibel vorlas:
»und er soll dein Herr sein,« da zuckte es schmerzhaft um die Lippen der Braut;
und als sie das ewigbindende Ja! aussprach, da richtete sie die Augen gegen den
Himmel, ein Blick, aus dem das verzweiflungsvolle Bewusstsein sprach, dass sie mit
diesem Wort ihr Leben zu einem ununterbrochenen Opferfeste mache. Die Ehe war
geschlossen.
    Es war ein schöner, warmer Maiabend; der Vollmond stand gross am Himmel, die
Blumen dufteten stärker und zarter; Nachtigallen sangen süsse Lieder der Liebe;
die Natur war still und ruhig, und schwelgte in ihren ewiggleichen Harmonieen,
als wäre sie bewusst des sichern Gesetzes, das ihren wandellosen Kreislauf
beherrscht. Was kümmerte es sie, dass ein Herz gebrochen, ein junges Leben
gemordet war?
    Eine Stunde später hielt der Reisewagen des Herrn Oburn vor der Türe.
Koffer und Schachteln, mit Garderobe und Weisszeug, der einzigen Aussteuer der
eben vermählten Madame Oburn, wurden in den bequemen Wagen gebracht. Herr Oburn
sah den Vorkehrungen gemütlich zu, rieb sich seelenvergnügt die weichlichen und
doch unzarten Hände, spielte mit der übermässig dicken Uhrkette, und sah mit
widerlichem Lächeln von Zeit zu Zeit auf seine Uhr. »Gott sei Dank,« murmelte er
vor sich hin, »der langweilige Tag neigt sich zu Ende, und näher kommt die
Stunde, in der mein Weib ganz mein eigen wird. Wie will ich schwelgen in ihren
jungfräulichen Reizen! Wahrhaftig, sie ist schön, und wert, meine Frau zu
sein!« Und sich zum Diener wendend, fuhr er fort: »James, höre! Du giebst dem
Postillon dreifaches Trinkgeld, wenn er mich rasch, sehr rasch zur nächsten
Station führt; Du nimmst ein Pferd, reitest meinem Wagen voraus; jage, so rasch
Du kannst, wenn auch das Pferd drauf geht - darauf kommt es nicht an - nur
schnell, schnell wie der Teufel! Bestelle im Hotel Zimmer zur Nacht für mich und
meine Frau; hörst Du, James, so schön wie möglich! Ich hab' ja Geld; ich kann's
bezahlen! Nur schnell, schnell! Ich komme gleich nach mit meiner Frau!« Während
dieses Gesprächs verweilte die Heldinn unserer Erzählung allein in dem stillen,
freundlichen Gemach, in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben. Ihr
Auge haftet unverwandt auf der Stelle, wo am Morgen der alte Vater den Fluch
über sie ausgesprochen. Sie wirft sich auf die Kniee, faltet die Hände und will
beten; doch ihr fehlen die Worte - sie kann es nicht; ihr Elend ist zu gross
selbst für die Gnade des Himmels. Tränenlos sieht sie sich um in den
unbegränzten Räumen, die sie seit frühester Jugend bewohnt. Hier hatte sie ein
kurzes, ideales Liebesglück genossen; und durch die Reihe der Jahre hindurch
verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen, die hier in traulicher
Dämmerstunde ihre Brust geschwellt. Nun lag alles hinter ihr - abgeschlossen,
ein Paradies, aus dem sie verbannt war. Sie blätterte in dem Buch dieser schönen
Vergangenheit, in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt!
Noch war es ein Stammbuch voll duftiger, zarter Blätter, Blumen der Freundschaft
und Liebe; auch manches unbeschriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen, über
das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog! Dies Buch war geschlossen
auf immer; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben!
»O, könnte ich nur weinen!« seufzt sie, und schlägt mechanisch einige Töne auf
der Harfe an, als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören, und
bewusstlos geht sie dann in eine ihr unendlich teuere Melodie über. Diese Töne
versetzen sie ausser sich; ihr ganzer Körper zittert krampfhaft; jede Fiber bebt;
ihr Wesen ist im Innersten erschüttert - und doch bleibt das Auge trocken; keine
Träne kühlt die innere, verzehrende Glut. Noch einmal faltet sie ihre Hände zum
Gebet - dann springt sie unheimlich rasch auf, und ruft: »Beten kann ich nicht -
wohlan so will ich fluchen. Es gibt keinen Gott der Liebe; warum leide ich
sonst: Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist, wie sein Regen und sein
Sonnenschein; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend
herniedersteigt: dann ist sie ja nichts, als ein Traum der Glücklichen, die ihr
süsses Vorrecht in so schöne Bilder kleiden. Ich will nicht länger zu diesen
Träumen schwören. Meine Träume hat die Wirklichkeit zertrümmert, die
Wirklichkeit dieser Welt und ihre eherne Macht! Wohlan, so will ich sie
anerkennen, und mit ihr kämpfen um jeden Fuss breit Landes, den ich mir
umschaffen will in ein Paradies.«
    »Für die Welt, die den Sieg davongetragen über mein Herz,« fuhr sie feuriger
fort, »für die Welt nur will ich leben. Das Geld, mit dem der Seelenhandel
getrieben wird, dem ich die Ideale meiner Jugend geopfert, ist ja der Schlüssel
zu dem Reich dieser Welt, zu allen Quellen des Genusses und der Freude! Geld war
mein Verhängnis - es soll mein Verhängnis bleiben, dem ich willig folge; gegen
das ich länger nicht töricht kämpfe! Ich gelobe es mir fest in dieser
qualvollen Stunde; und breche mit den frommen Träumen und heiligen Gelübden
meiner Jugend.«
    Das Äussere der jungen Frau war wie umgewandelt durch den innern Kampf. Mit
stolzer, fester Haltung erhob sich die früher so weiche, kindliche Gestalt, und
überschritt mit einer Entschiedenheit, welche auffallend gegen den frühern,
schwankenden und zögernden Gang abstach, die Schwelle, um von ihren Eltern den
letzten Abschied zu nehmen. Der Vater lag, zwar lebend, doch für immer der
Sprache beraubt, ermattet auf seinem Bette. Bei dem Eintritt der Tochter erhob
er mit grosser Anstrengung seine Hände und legte sie auf ihr Haupt, das noch
immer mit dem bräutlichen Kranze geschmückt war; doch die Lippen bewegten sich
nicht und konnten den Fluch nicht zurücknehmen. Mutter und Tochter hielten sich
darauf, einige Minuten lang, fest umschlungen; das Haupt der Tochter ruh'the an
dem eingefallenen Busen der Matrone, wie eine geknickte Blume an dem
mütterlichen Erdreich; und ihre Tränen vermischten sich. Ihr Schmerz war stumm
- noch ein Kuss auf die heissen Lippen der Mutter, auf die eiskalten des Vaters -
und rasch stürzte sie zum Pfarrhaus hinaus. Herr Oburn hob mit geckenhafter
Galanterie seine Gattin in den Wagen. Die Tür wurde zugeschlagen; der Postillon
blies das alte Lied: »Welche Lust gewährt das Reisen!« und schnell entschwand
der Zug dem schmerzlich nachblickenden Mutterauge.
 
                                       4
Die Saison des Jahres 18** war glänzender, als alle früheren des an Pracht
gewöhnten Karlsbad. Drei gekrönte Häupter waren hier versammelt, nicht, um
Genesung zu suchen für irgend ein Leiden, sondern um über das Wohl ganzer
Nationen zu entscheiden. Von Karlsbad aus wurde schon einmal das Schicksal der
Welt bestimmt, als die mürrische Diplomatie über die jugendlichen
Freiheitsbestrebungen der Völker den Stab brach, und alle, der neuen Entwicklung
günstigen Paragraphen, mit feinen Wendungen aus der Bundesakte hinaus
interpretirte. Damals strömten in Karlsbad alle gewandten Verteidiger und
Anhänger des status quo zusammen, welche aus den nationalen Bewegungen der
Jugend das revolutionaire Element herauswitterten, das den bestehenden Mächten
und ihrem wohlgeordneten System Gefahr drohte. Die ganze Camarilla des
Absolutismus, die Diplomaten mit der eleganten Beweisführung, die aus
juristischen, historischen und teologischen Fetzen dem gottesgnädigen Königtum
den Mantel zusammenschneiderte, die heilige Legitimität proklamirte, das
unwandelbare Gesetz der politischen Welt; die Aristokraten jeder Art, welche
ihre alten Rechte zu wahren hatten, gegenüber den Anforderungen einer neuen Zeit
- alle schienen hier ein Schutz- und Trutzbündniss zu schliessen, eine heilige
Ligue des neunzehnten Jahrhunderts. Doch auch in dem Jahre, in dem unser
sociales Drama spielt, hatte die Zusammenkunft des Kaisers von Russland, des
Königs von Preussen und des Königs von Hannover alle treuen Vasallen dieser
Potentaten in Karlsbad versammelt. Der ganze Ort wimmelte von Fürsten und
Grafen. Wem daher nicht ein sehr grosser Reichtum zu Gebote stand, der konnte in
diesem Sommer nicht daran denken, in Karlsbad ein Unterkommen zu finden. - An
einem drückendheissen Juli-Morgen, an dem die Natur in Glutgedanken zu träumen
schien, war die höchste Aristokratie auf der weltbekannten Wiese versammelt.
Unter den schönen, blühenden Lindenbäumen hatten sich Coterieen gebildet, die
Chocolade schlürften, Blätter lasen, oder durch leichtes Plaudern die Stunden
verkürzten, die sich vom Brunnentrinken bis zum Diner träg und langweilig
dahinschleppten. Schönheiten aller Art, bleich und blühend, im ersten und
letzten Stadium, junge, reiche Wittwen, interessante, geschiedene Frauen, Mütter
mit mannbaren Töchtern - alles war wie noch heute, auf diesem Markt der
Schönheit anzutreffen. - Auf der Promenade von der Wiese zum Freundschaftssaal
lustwandelten zwei junge Männer von höherem Rang, in lautem Gespräch, das für
sie ein besonderes Interesse zu haben schien. Plötzlich unterbrach der Eine
seine Rede, mit dem Ausruf: »ach, da kommt sie!« Diese begeisterten Worte galten
keiner berühmten Persönlichkeit, keiner Prinzessin oder Schauspielerin, sondern
einer jungen Frau in einfacher eleganter Kleidung, die rasch an den Herren
vorüberging, als wollte sie ihre frechen Blicke fliehen. »Ich möchte nur wissen,
wer sie eigentlich ist,« sprach Graf Reitzenstein zu seinem Gefährten, dem Baron
Stein, »sie lässt sich Madame Oburn nennen: aber ich glaube nicht an das
Mährchen. Dies Gesicht, diese Tournüre, diese Toilette, Baron - ma foi, das passt
nicht zu einer spiessbürgerlichen Madame! Und lebt sie nicht fürstlich? Sie hat
vor ihrem Wagen die schönsten Pferde, die ich je gesehen, Pferde, in die der
Fürst Metternich gänzlich vernarrt ist, die er als diplomatische Flügelrosse
gern vor seinen Triumphwagen spannen möchte. Er bot ihr tausend Dukaten; doch
Madame antwortete mit Stolz: Durchlaucht, ich will so gut wie Sie, edle Pferde
vor meinem Wagen haben. Ma foi, hier werden nicht alle Trümpfe ausgespielt! Ich
möchte wohl in die Karten sehen können! Hier muss irgend ein Coeur-König Trumpf
sein, Baron! wer weiss, was hinter dem unscheinbaren Namen steckt!« Stein
erwiederte nichts auf diese Vermutungen, sah nur der schönen Frau mit glühenden
Blicken nach, bis er den Entschluss fasste, ihr mit dem Grafen zu folgen. Die
junge Dame hatte von alle dem, was um sie vorging, nichts gemerkt; teilnahmlos
und der Aussenwelt unzugänglich, schwebte sie auf kleinen Füsschen mit grosser
Schnelligkeit weiter. Nur in der Nähe des Freundschaftssaals sah sie sich
ängstlich um, ob Niemand ihren Schritten folge, verliess dann plötzlich den
gewöhnlichen, breiten Weg, und schlug einen Seitenweg ein, der durch eine
Nebenpforte zu dem grossen, parkähnlichen Garten führt, welcher zu diesem
beliebten Etablissement gehört. Hier sass in einer blühenden Fliederlaube, die
fast undurchdringlich von dem grünen Gezweig umschlungen war, ein schöner,
ernster Mann von 30 Jahren, in dessen regelmässigen, römischen Zügen sich
deutlich die Ungeduld der Erwartung und ihre ängstliche Spannung malte. Als er
die Pforte leise öffnen hörte, sprang er auf, stürzte mit ausgebreiteten Armen
aus der Laube, umschloss mit unbeschreiblicher Leidenschaft das junge Weib, das
eben eingetreten, und sagte mit dem Ton der glühendsten Liebe: »meine Johanna,
Du kommst! O ich danke Dir!« Dann zog er sie zärtlich in die Laube, nahm ihr den
feinen Strohhut ab, strich die vollen Locken, die sich zu üppig vorgedrängt, von
der Stirn, kniete dann zu ihren Füssen nieder, presste die kleinen Hände fest in
die seinen, und drückte lange, brennende Küsse auf ihre Lippen. So sassen sie
stumm eine geraume Zeit - alles war still und heimlich; kein fallendes Blatt
unterbrach die Ruhe ringsum. Es war jene Mittagsstille in der Natur - das
orientalische Brüten, die Ruhe, die sich selbst geniesst, welche die Fühlhörner
des Lebens zurückzieht und ihre grossen Wünsche, die in fernen Blitzen aufzucken
am Horizont, in schwülen Schlummer wiegt. Doch des Menschen Herz hat den
rastlosen Pulsschlag des Lebens; und mächtiger wird sein heisses Begehren, wenn
alles ringsum wünschelos und regungslos schlummert. Die Blicke des jungen Weibes
zogen den Zauberkreis immer enger um den Geliebten. Er flüsterte: »Sieh' mich
nicht so an, - das ertrag' ich nicht! Du willst mir nicht gehören; du willst
nicht mein werden - o so lass' Deinen Blick sanft sein wie den Blick der Taube,
ein stilles, argloses Glück spiegeln, die Idylle der Unschuld, den süssen Wahn
der Kindheit! Lass' ihn ohne Verlangen sein, wie die stille, abendliche Flut, die
keinen Sturm und keine Brandung kennt! Doch selber glühend, weckst Du meine
Glut, die mich verzehrt, die mich ringen macht nach Deinem Besitz!«
    »Und Du siehst es nicht, dass ich Dich besitzen will, besitzen muss!« - Er
sprang auf, wie von bachantischer Wut erfasst, von dem Taumel des Gottes
ergriffen, drückte krampfhaft die Frau an sich - küsste Busen und Schultern in
flammender Leidenschaft. »Franz, vernichte mich nicht! Du weisst es ja, wie ich
Dich liebe! Jede Fiber sehnt sich nach Dir, jeder Nerv zuckt nach Vereinigung.
Ach, ich möchte Dir ja alles geben, was Dich glücklich macht; und doch flehe ich
zu Dir: schütze mich vor mir selbst, schütze uns Beide. Du bist der Stärkere!
Deinem Schutz muss ich vertrauen! O warum bist Du so heftig? Nun ist's das letzte
Mal, dass ich Dich hier gesehn! Unterbrich mich nicht - lass' mich ganz ausreden!
Ich muss Dir jetzt Alles sagen, was mich schon lange gequält. Seit ich Dich
gesehen, liebe ich Dich, mein Leben - bis dahin ohne Gehalt und Bedeutung, hat
in Dir seine wahre Erfüllung gefunden. Ich habe mich diesem berauschenden Glück
überlassen, ohne zu fragen: wie kann, wie soll das enden? Jetzt aber sehe ich
klar - wie unrecht ich daran getan, wie gefährlich uns Beiden dieser
Dämmerzustand des Herzens geworden. Als ich vor vier Jahren gezwungen wurde,
meinen Gatten zu heiraten, wider meine Neigung - da glaubte ich zu lieben, ein
süsser Irrtum, in dem jedes junge Mädchen befangen ist. Schon damals
unterdrückte ich dies Gefühl; nicht aus moralischen Grundsätzen; nicht aus
Pflichtbewusstsein; sondern aus Stolz. Ich war die Frau eines Andern; ich wollte,
den Menschen gegenüber, vorwurfsfrei dastehen. Seit ich Dich kenne - weiss ich
wohl, dass ich früher nie geliebt. Und die Seligkeit zu lieben, so mit aller
Kraft lieben zu können, hat mir nie Zeit gelassen zur Reue. Und ich werde es nie
bereuen, Dir die ganze Stärke meiner Leidenschaft offen gezeigt zu haben. Ich
bin keine von den christlichen Hausfrauen, welche die heissen Wünsche ihres
Herzens, aus Furcht vor moralischer Abkanzelung oder ewiger Strafe,
unterdrücken, und in ihrem Tugendbewusstsein reichlichen Ersatz für alles
geopferte Glück finden. Ich bin nichts weiter - als stolz - ich will keine
Seligkeit, die ich mir stehlen, über die ich vor der Welt erröten müsste. Darum
und darum allein - gehöre ich Dir nicht ganz in Liebe an. Erschwere mir nun
durch kein Wort, keine Bitte, mein Opfer! Beklage mich auch nicht - ich bin
durch die Liebe zu Dir so selig gewesen, als eine Sterbliche sein kann. Was sie
auch für Schmerzen in ihrem Gefolge haben mag - ich scheue sie nicht; ich werde
Dir ewig für das höchste Glück meines Lebens dankbar sein.« Eine Pause folgte
diesen Worten. Den Kopf fest in die Falten des Kleides gedrückt, sass der Mann
unbeweglich da. Als er das Gesicht erhob, war es bleich zum Erschrecken, doch
ruhig. Seine Hand zitterte sichtbar, als er die andere, ihm so teure Hand
erfasste. Doch fest stand er auf, und erwiederte: »Ich verstehe Dich, Johanna,
wir müssen uns trennen! Ich habe in Dir gefunden, was mir von Jugend an
vorgeschwebt, als das Ideal des Weibes! Und wenn der Traum eines ganzen Lebens
zur Wirklichkeit geworden - so verrauscht er nicht mit den andern flüchtigen
Wellen der Zeit; sondern er prägt sich tief ein in das innerste Wesen mit ewig
bleibender Bedeutsamkeit. So standest Du vor mir - so wirst Du immer vor mir
stehen, in dem schalen Marionettenspiel aufgeputzter Puppen mit dem Hauch des
Lebens und seiner Würde! Doch dass auch die Weiblichkeit, die sich selbst
behauptet, die nimmer herabsteigt zu unedlem Tun und Treiben, und dem Pariatum
trotzt, zu dem das Gesetz dieser Gesellschaft die Frau verurteilt - dass auch
diese Weiblichkeit der rohen Gewalt verfällt, und schmachvoller Misshandlung, dass
ein roher Wüstling Macht hat über eine Seele, deren Heiligtum ihm verschlossen
ist, deren unendlichen Reichtum er nicht ahnt - das empört mein Innerstes gegen
dies unverständige Gesetz der Welt, das solche Frevel zu heiligen Rechten, und
solche Tempelschänderei zu einem gottgefälligen Wandel stempelt!
    O wie viel wirst Du noch leiden müssen unter den Menschen, die Deines Wesens
Bedeutung nicht verstehn! Und ich, der ich sie verstehe, der ich wert bin sie
zu verstehn, der ich, beseligt von jeder neuen Offenbarung, auch aus dem
kleinsten Zug seine ganze Tiefe herausfühle; der ich Dich, wenn die
verständnisslose Kälte der Welt Dich eisig anhaucht, mit meinem Odem erwärmen,
mit meinen Pulsen beleben möchte - ich - kann nichts tun - als Dich fliehn!«
    Der Schmerz des Mannes musste gross sein: denn eine Flut schwerer Tränen
entstürzte seinen Augen; doch er schämte sich dieser Zeichen seiner Qual,
drückte noch einen innigen Kuss auf die Augenlieder seiner Geliebten, und
verschwand rasch.
    Sie selbst sass starr und unbeweglich, so lange sie noch die verhallenden
Tritte hören konnte. Dann bedeckte sie noch einige Minuten mit beiden Händen die
Augen - und erhob sich plötzlich mit entschiedener Willenskraft. Nur den
verstörten Zügen war es anzusehn, dass sie erst nach schwerem Kampf diesen Sieg
über ihr Gefühl errungen. Mit fester Haltung, das Haupt kühn und frei erhebend,
ging sie dann nach ihrer Wohnung, dem lieblichen Wiesentale.
    »Wieder einmal ein Schäferspiel gratis, ohne Entrèe, eine rührende Scene,«
liess sich die kreischende Stimme des Grafen Reitzenstein vernehmen; »was sagen
Sie dazu, Baron? Irgend eine wohlmeinende Fee führt uns a tempo herbei, wenn von
dem Gott der Liebe eine Episode in Scene gesetzt wird. Doch zum Teufel, wer war
denn der Glückliche, der diesen Schäfer spielen und im Schatten dieses
Paradieses flott d'rauflos lieben konnte? Ein beneidenswertes Loos! Im Salon
dürfen wir armen Weltkinder die Liebe nur mit Glacéhandschuhen anfassen; hier in
Gottes freier Natur wird die Aktion lebhafter; es arrangirt sich alles
ungenirter, wie weiland im seligen Olympos. Doch wer mag der Kavalier gewesen
sein, der in diesem romantischen Irrgarten herumtaumelte, bis er seiner Dulcinea
an's Herz sank? Ich muss ihn schon irgendwo gesehen haben - es ist eins von jenen
Kupferstich-Gesichtern, die an den Läden zu hängen pflegen - etwas Apartes, was
den Weibern gefällt; etwas in seinem Wesen, was sich nicht nach dem gewöhnlichen
Versmaass unserer Salons skandiren lässt! Ach, nun fällt mir ein! Es ist ja der
Leibarzt des Prinzen C., ein sehr liebenswürdiger Doktor, der schon manche recht
glückliche Kuren, besonders bei den Frauen gemacht haben soll! - Aber
wahrhaftig, Stein, die Oburn ist süperb! Wie trefflich sie die kleine
Tugendhafte spielte! Man hätte fast glauben können, es wäre ihr damit Ernst!
Doch ich möchte wohl sehen, wie weit ihr gerühmter Stolz ausreichen würde, wenn
unser Prinz selbst einmal mit dem Leibarzt die Rollen vertauschte!« -
    »Glauben Sie an die Tugend dieser Frau? Heuchelei, nichts als Heuchelei! Die
Tugend einer Frau, das perpetuum mobile, die Unsterblichkeit der Seele - das
sind so verschiedene Variationen zu dem unerschöpflichen Tema der Chimären;
lauter Erfindungen müssiger Köpfe, patentirter Unsinn! Wie wär' es, lieber Stein,
wenn wir selbst unser Glück versuchten? Sollte es uns so schwer werden, ihr
Trost zu spenden und ihrem Stolz ein wenig unter die Arme zu greifen?« Kühn und
siegsgewiss strich der Graf nach dieser Philippika seinen Schnurrbart, trällerte
eine beliebte Opernmelodie und spielte mit der Reitgerte. Doch Stein entgegnete
empfindlich: »Ich muss Sie bitten, ein für allemal über diese Dame in einem
andern Ton mit mir zu sprechen. Nach dem Auftritt, dessen Zeugen wir eben waren,
achte ich sie sehr hoch, wer sie auch sein mag; und wenn Sie es wagen sollten,
über diese Scene, die wir unritterlich genug waren, zu belauschen, frivole
Klatschereien zu verbreiten, so werde ich die Ehre der Dame zu vertreten
wissen.« »Aha, steht es so mein Freund? Nun ich gratulire, und wünsche besseren
Erfolg, als Daphins der Erste erlangt,« entgegnete hämisch Graf Reizenstein.
 
                                       5
Am Abende dieses Tages gab der Grossfürst Constantin von Russland der haute-volée
Karlsbads einen glänzenden Ball. Dieser Ball war ein Ereignis für die Badewelt,
die sich in mancherlei spöttischen und geistvollen Bemerkungen über die
persönlichen Beziehungen des Fürsten, über sein Familien- und Herzensleben
erging. Denn diese Verhältnisse waren keinem der Karlsbader Gäste ein Geheimnis.
Sah man doch seine Gemahlin, die edle Fürstinn Helene, täglich bleicher und
kränker am Brunnen erscheinen, während das Auge ihrer Hofdame, der üppig schönen
Gräfinn Sidonie von Lichtenfels jeden Morgen freudiger strahlte, wenn es den
flammenden Blick des Fürsten traf. Daraus schloss denn die natürliche Logik der
Karlsbader Gesellschaft, dass dieser Ball von dem Fürsten, weniger zu Ehren der
kranken Gemahlin, als zur Unterhaltung der Gräfinn Sidonie gegeben wurde, welche
den Tanz leidenschaftlich liebte.
    Da Schönheit und Reichtum sich überall Geltung verschaffen, so war auch
Madame Oburn mit zu diesem Feste geladen. Es war nicht Leichtsinn, dass sie
erschien, nach so tiefen schmerzvollen Erlebnissen des Herzens: es war der
Stolz, der weder andern, noch sich selbst einräumen wollte, dass sie unendlich
litt.
    Als sie am Morgen ihre Wohnung wieder erreicht, schloss sie ihr Gemach, liess
die Vorhänge nieder, drückte das Gesicht tief in die Kissen des rotseidenen
Divans, und presste die Hände fest an das Herz. Das war die Feierstunde, in der
sie alle Bilder der Seele heraufbeschwor, den Schmerz walten liess mit aller
Macht, bis die wilden, zerreissenden Akkorde allmählich übergingen in sanftere
Melodien, bis sie schwelgen konnte in diesen phantastisch-süssen Uebergängen, und
so den Schmerz besiegte, indem sie sich ganz ihm hingab. Als die Zeit der
Toilette kam, erhob sie sich ruhig, klingelte ihrem Kammermädchen, und liess sich
zum Ball schmücken. Gleichgültig betrachtete sie in dem hohen Mahagoni-Spiegel
ihr Bild. Und wenn sie auch ohne Eigenliebe sich zugestehen konnte, dass es
reizend war - so konnte dies Geständnis doch kein Lächeln der Befriedigung
hervorrufen. Ein echtes Weib ist nur dann eitel, wenn sie den Geliebten durch
ihre Reize beseligen will. Was lag ihr Heute an ihrer Schönheit, da ihr
Geliebter sie nicht bewundern konnte?
    Ihr Anzug war einfach, aber schön. Sie trug ein weisses Blondenkleid, mit
Rosa-Atlas gefüttert, einen Kranz von natürlichen Rosen in den langen braunen
Locken, und um den marmorweissen Hals eine Schnur echter Perlen. »O Madame, wie
engelsschön sind Sie heute,« sprach die treue Lisette, die schon Jahrelang die
Dienste einer Kammerjungfer versah; dabei musterte sie die holde Erscheinung von
allen Seiten. »Wie werden die alten, hässlichen, vornehmen Damen noch hässlicher
werden vor Neid, und gelber, als sie schon jetzt sind; und wie glücklich werden
all' die schönen, feinen Fürsten und Grafen sein, wenn sie nur einen Blick von
Ihnen erhaschen.« »Schweig doch, Lisette, mit diesen albernen Reden; Du weisst es
ja zu gut, wie traurig mein Herz unter diesem Atlas schlägt. Ich bin wohl
kindisch, dass ich solche Angst habe; doch ich fürchte mich fast, allein in diese
Gesellschaft zu gehn. Der heutige Tag steht so bedeutsam vor meiner Seele, als
müsste er ein Wendepunkt meines Geschickes sein, der mich unvermeidlich in ein
neues Verhängnis hineinreisst.« Sinnend und ernst sah sie sich darauf noch einige
Sekunden im Spiegel mit prüfendem Blick an - liess sich dann die weisse
Spitzen-Mantille um den edlen Nacken legen, sprang graziös in den Wagen, und
rief mit jugendlich heller Stimme dem Kutscher zu: »Zum Palais des Grossfürsten
Constantin!«
    Hier sass im Empfangzimmer die Fürstinn auf sammetnem Divan, neben ihr die
ältesten und vornehmsten Damen, und hatte für jeden der ankommenden Gäste ein
freundlich-gewinnendes Lächeln in Bereitschaft. Doch hinter diesem Lächeln,
hinter all' dem Glanz, der sie umgab, lauerte der schadenfrohe Dämon, welcher
den Grossen dieser Welt auf der Ferse folgt.
    Noch am Abend waren die Augen der Fürstinn trübe und geschwollen durch
anhaltendes Weinen! Vergebens umstrahlte sie die Pracht der Diamanten; vergebens
borgten ihre eingefallenen Wangen von der Schminke einen lügnerischen Glanz. Ihr
unseliges Schicksal sprach allzu beredtsam aus ihrem Blick. Der jüngere Teil
der Damen ging indes gruppenweise, auf die ersten Töne des Orchesters
sehnsüchtig harrend, im Saale auf und nieder. Unter den jugendlichen Gestalten
zeichnete sich die Gräfinn Lichtenfels auffallend aus. Es war eine Junonische
Figur, mit tiefschwarzen Locken, brennenden grossen, braunen Augen und
strengregelmässigen Zügen. Ihr Teint war blendendweiss, äterisch gehoben durch
ein feuerrotes Creppkleid, das den üppigen Busen, die Schultern und Arme frei
liess. Aehren von Diamanten waren überreich in die Locken genestelt und zeugten
von dem feinen Geschmack und dem Reichtum der Dame. Mit herausforderndem,
frechem Blick musterte sie durch die geöffneten Flügeltüren die Herren, die in
dem nächsten Salon versammelt waren. Bei aller Schönheit war diesem Wesen doch
der Stempel einer Sinnlichkeit aufgedrückt, die jedes geistige Element
ausschloss, und sich, im vollen Bewusstsein ihrer alleinigen Berechtigung breit zu
machen suchte. Unangenehm berührt wandte die reine Fürstinn ihr gekränktes Auge
von ihr, so oft sie eine unfreiwillige Zeugin von der heissen Glut war, mit der
ihr Gemahl an jeder Bewegung dieser Circe hing. - Ein Geräusch im Vorzimmer
verkündete den Eintritt eines neuen Gastes. Die Herren hielten ihre Lorgnetten
unverschämt vor die blöden Augen, und nahmen die widerlich süssesten Minen an.
Auch Gräfinn Sidonie wandte ihr schönes Köpfchen dortin, und ein unangenehmer,
höhnischer Zug um den kirschroten Mund liess erraten, dass die neue Erscheinung
gerade keinen erfreulichen Eindruck machte. Mit grosser Verachtung, die sich
besonders im Ton der Stimme aussprach, wandte sich die Gräfinn zu einer neben
ihr stehenden Dame mit den Worten: »Nein, das ist empörend; das ist zu arg!
Sehen Sie nur - da erscheint sogar die Madame Oburn in unserem Kreis. Ich
begreife wirklich nicht, wie der Fürst die Rücksichten, die er der Gesellschaft
und seinem Range schuldig ist, so sehr vergessen kann, dass er diese Bürgerliche
hier einführt. Aber so sind die Männer! Wo sie ein hübsches Lärvchen entdecken,
da übersehen sie die fehlenden Ahnen, und ergehen sich noch in lächerlichen
Phrasen, in denen die guten und bösen Geister eine Hauptrolle spielen, der gute
Zeitgeist, der den bösen Kastengeist besiegt, und wie die schönen Redensarten
alle heissen. Ich werde aber nie vergessen, was ich mir schuldig bin. Auf denn,
meine Damen, wir wollen uns gegen diese Toleranz der Herren opponiren, und für
den heutigen Abend auf die Freude des Tanzes verzichten, wenn wir sie mit Madame
Oburn teilen sollen. Sie muss es fühlen, dass sie in diese Gesellschaft nicht
gehört, und uns künftigen Skandal ersparen.« »Sehen Sie nur, sehen Sie nur,«
zischelte es von vielen süssen Lippen, »wie unbeholfen und ängstlich sie scheint;
wie haltlos sie nach Rat und Hülfe sucht! Und welche gewöhnliche Schönheit -
ein frisches Landgesicht, wie man's bei der Heuernte dutzendweise sieht; nichts
weiter! Und darüber machen die Kavaliere so viel Geschrei, dass man in allen
Gesellschaften von dieser obskuren Person hören muss!« Die junge Frau, welche den
hochadligen Damen so grosses Ärgernis verursachte, schien indes nichts weniger
als verlegen. Mit einer Sicherheit, als sei sie von Jugend auf an so prächtige
Räume und an so geistlos vornehme, nichtssagende Physiognomien gewöhnt, schritt
sie stolz durch das Vorzimmer in den Empfangssalon der Fürstinn Helene, sah die
unglückliche Frau mit lieben, unschuldsvollen Augen so bittend, so
verständnissinnig an, dass sie bei ihr augenblicklich das regste Mitgefühl
erweckte. Die Fürstinn verliess ihren Platz, trat der Oburn einen Schritt
entgegen, reichte ihr freundlich, wie zum Schutze die Hand, und zog sie neben
sich auf ein leeres Tambourett nieder. Die Hofgesichter wussten nicht, wie sie
bei diesem unerwarteten Anblick ihre Mienen zurecht legen sollten. Zum Glück für
sie wurden jetzt die Türen des Ballsaals geöffnet und ein rauschender Walzer
des in jenem Sommer so beliebten Componisten Labitzki überhob sie aller Zweifel.
Die beatlasten Füsschen der Damen trippelten vor Ungeduld, ob der Vornehmste der
Gäste, Prinz C**, nicht das Signal zum Tanze geben werde! Alle hatten den
grossartigen Entschluss, mit einer ahnenlosen Frau nicht in die Reihen zu treten,
über der verführerischen Melodie vergessen. Gräfinn Sidonie stand graziös in
stummer Erwartung; denn es handelte sich um die Frage, mit welcher Dame wohl der
Prinz den Reigen eröffnen werde. Obgleich sie die erklärte Geliebte des
Grossfürsten war, hatte sie doch alle ihre Koketterieen angewandt, während der
Saison die Aufmerksamkeit des Prinzen auf sich zu ziehen, dessen Empfänglichkeit
für weibliche Schönheit keineswegs zu den Mysterien Carlsbads gehörte. Bis jetzt
hatte er allen ihren Lockungen ein kalt höfliches Benehmen entgegengesetzt, und
ihren Hochmut dadurch bitter gekränkt. Gerade deshalb war sie bereit, zu dieser
Eroberung alle ihre Kräfte aufzubieten, und hoffte viel von dem heutigen Abend,
weil sie die Königinn dieses Festes war, welcher der Prinz, nach allen Regeln
der Etikette, sich nähern musste. Schon eine geraume Zeit hindurch ertönte die
Musik, und noch immer stand der Prinz, vornehm nachlässig, in der Salontüre,
den reich und bunt geschmückten Frauenkreis mit gleichgültigem Blick übersehend.
Endlich ging er, dem Ceremoniell gemäss, langsam auf die Grossfürstinn zu, um mit
ihr, als der Dame vom Hause, die Polonaise aufzuführen. Als er ganz nahe vor ihr
stand, blieb er plötzlich, wie verzaubert, stehen - ein unbeschreiblicher
Ausdruck der Ueberraschung und des Entzückens überflog seine Züge. Starr blickte
er einige Sekunden die Madame Oburn, die neben der Fürstin sass, an; ging, wie
bewusstlos, zu ihr, und bat sie fast schüchtern um das Glück mit ihr zu tanzen.
Freundlich reichte sie ihm den Arm, und, von den Wellen der Musik getragen,
schwebte das schöne Paar durch den Ballsaal. Das Geflüster der Medisance,
aufgeregt durch so unerhörten Vorfall, zischelte rechts und links. Nur wenige
Herren, namentlich der Grossfürst, räumten ein, dass der Prinz ganz vernünftig
handle, wenn er, unbekümmert um Rang und Etikette, mit der Dame tanze, die ihm
am besten gefalle. Zu jener Zeit war der Prinz C** ein verführerischer Mann, mit
einem schönen Kopf, geistreichen Augen, einer edeln griechischen Nase, einem
überaus feinen Mund, der bei dem eigentümlich-angenehmen Lächeln zwei Reihen
auffallend kleiner, weisser Zähne blicken liess, mit einer eleganten, grossen und
schlanken Figur. Auch lag in seinem Wesen eine Ritterlichkeit, deren Zauber
durch echt modernen esprit erhöht wurde und dem Prinzen da, wo es ihm darauf
ankam, all' die brillanten Pointen seiner Persönlichkeit zusammen zu fassen,
unwiderstehlich machte. Zum ersten Male in seinem Leben war dieser feine
Weltmann befangen, und um Worte verlegen. Dieser Frau gegenüber wollte ihm eine
gewöhnliche Ball-Conversation nicht gelingen. Er fühlte wohl, dass er hier andere
Saiten berühren müsse. Mit leidenschaftlichem Blicke versenkte er sich in das
reizende Formenspiel dieser Frau, fester, als es die Sitte des Tanzes verlangt,
umschlang er ihre zarte Taille; für alles andere waren seine Sinne verschlossen.
Er bemerkte weder die boshaften Blicke der Gräfinn Sidonie, noch die
ängstlich-besorgten der Fürstinn Helene; frei und ohne Zwang überliess er sich
seinem Gefühl. Doch seine Tänzerinn verriet deutlich die Angst, die sie über
diese sichtbare Auszeichnung fühlte. Sie entzog sich ihm, wo es nur irgend
möglich war, obgleich der Prinz sie fast keinen Augenblick verliess. In höchster
Bedrängnis irrte ihr Auge umher, Schutz suchend bei irgend einem befreundeten
Wesen. Doch alle Gesichter waren ihr fremd - alles sah sie an mit lauernd kaltem
Blick; Niemand tanzte mit ihr, aus Respekt vor dem Prinzen, dessen Gewalt sie
ganz anheim gegeben schien, und so Reden ruhig anhören musste, die ihr das Blut
immer heisser in die Wangen trieben. Endlich, als der Prinz sich einen Augenblick
entfernt, um ihr ein Glas Eis zu holen, trat ein ernster junger Mann, der Baron
Stein zu ihr und bat sie um einen Tanz. Freudig, als sei sie erlöst von einer
grossen Qual, sah sie ihn an, und schloss sich, als der Prinz wieder eintrat,
fester an seinen Arm. Der junge Mann verstand dies stumme Zeichen der Furcht und
flüsterte ihr zu. »Vertrauen Sie mir; ich schütze Sie, und müsste ich mein Blut
für Sie opfern!« Mit grosser Heftigkeit drängte sich der Prinz an den Baron Stein
heran - versuchte auf jede Art, ihn zu reizen - und geriet fast ausser sich, als
er die Ruhe bemerkte, mit der Stein sich selbst bezwang. Den nächsten Tanz
eröffnete er wieder mit der Oburn. Unter dem Vorwand, sie müsse sich in einem
kühlen Zimmer durchaus etwas erholen, zog er sie in ein kleines Gemach, über das
Orangenblüten ihren Duft und eine dunkelrote Kristall-Ampel ihr dämmerndes
Licht ausgoss, führte sie zu einem Atlas-Divan, und nahm neben ihr Platz. Stumm
sassen beide da; ihr Busen flog heftig; die Hände bebten; sie hatte nicht den
Mut, in seine flammenden Augen zu sehen. Stürmisch sprang er auf, kniete vor
ihr nieder, und rief in höchster Extase: »Sie sind das göttlichste Weib, das ich
je gesehen! Ich liebe Sie, liebe Sie wahnsinnig, will Sie besitzen um jeden
Preis! Wohin Du auch gehst, süsses Weib, ich werde Dir folgen; ich werde nicht
eher ruhn, bis ich Deine Liebe errungen! Das schwöre ich Dir bei meiner
fürstlichen Ehre!« Mit leiser, aber fester Stimme erwiederte die Frau, ohne ihre
innere Bewegung zu verraten: »Was hab' ich Ihnen getan, mein Prinz, dass Sie es
wagen, mich so tief zu kränken; mir Worte zuzurufen, aus denen ich nur sehe, wie
tief Sie mich verachten. Mögen Sie Ihre galanten Phrasen an Damen von Stande
richten, die das zu würdigen verstehen; mir ist eine Liebe, wie sie aus Ihren
Worten spricht, gänzlich unverständlich. Sie kennen mich nicht; was lieben Sie
denn an mir? O, Sie profaniren die heilige Liebe, denn das, wesshalb ich
vielleicht wert wäre, geliebt zu werden - das ahnen Sie nicht. Sie lieben die
flüchtigen, jungen Reize meines Körpers; und darin liegt die Schmach und
Entwürdigung für mich.« Nach diesen Worten wollte sie sich erheben; doch er
hielt sie gewaltsam zurück, und rief leidenschaftlich: »Weib, so darst Du nicht
von mir gehen, um Gottes Willen, Weib, so nicht. Sieh, ich bin reich; ich bin
Fürst; allen Glanz, alles Glück der Erde lege ich zu Deinen Füssen nieder. Du
sollst Herrinn werden über alles, was ich besitze - nur liebe, liebe mich! Und
wenn Dein zögernder Mut Dir nicht hinweghilft über alle Schranken und Hemmnisse
zu raschem Entschluss - o so lass mir wenigstens die Hoffnung, dass ich einst nach
Wochen, Monaten - oder selbst nach Jahren Dich besitzen werde.« Mit einem
prächtigen, stolzen Blick sah die junge Frau den Prinzen an, und erwiederte nur:
»Ich verachte Ihren Glanz - und Sie selbst von Herzen!« Ausser sich vor
Leidenschaft, umklammerte der Prinz Ihre Kniee und drückte heftige Küsse auf ihr
Gewand. In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und das schöne,
doch maliciöse Gesicht der Gräfinn Lichtenfels schaute hinein. Ein spöttisches
Lächeln verklärte gleichsam ihre Züge und bildete den besten Commentar zu ihren
Worten: »Entschuldigen Ew. Königl. Hoheit, wenn ich störe; ich wünschte nur,
mich hier an diesem kühlen Ort etwas von der Hitze des Balles zu erholen.« -
    Gräfinn Sidonie sorgte, nach den Grundsätzen der christlichen Liebe und
weiblichen Ritterlichkeit dafür, dass nach wenigen Minuten die ganze
Ballgesellschaft über die Liebesscene im Klaren war. Ueberall flüsterte man von
der zärtlichen Attitüde, in der Prinz C** mit Madame Oburn im einsamen Gemach
betroffen worden, und fügte natürlich hinzu, dass die Frau den Bewerbungen des
Prinzen ein williges Ohr geschenkt. Die Stimmung in der Gesellschaft war
hierüber sehr verschieden. Die jungen Fräuleins, nebst den altadligen Müttern,
konnten es einer Bürgerlichen nimmer vergeben, zu der Ehre einer fürstlichen
Maitresse, nach der sie alle selbst strebten, erhoben zu werden. Darum sprach
man das Anatem über sie aus; aus Neid wurde sie geächtet. Bei den Männern hatte
die Frau dadurch an Ansehen gewonnen; und man war nur unschlüssig, wie man das
Betragen gegen sie einrichten müsse, um die hohe Gnade des Prinzen nicht zu
verscherzen. Doch auch nicht einem Einzigen in der Gesellschaft schien es
möglich, dass eine bürgerliche Frau zu stolz sein könne, Maitresse zu werden. Nur
Baron Stein entgegnete dem Grafen Reizenstein, der sich auf seine
Prophezeihungen viel zu Gute tat: »Nach dem, was ich heute Morgen gehört, werde
und kann ich nimmer glauben, dass die Oburn, dem Prinzen gegenüber, sich nur das
Geringste vergeben habe; es ist ein Etwas in dieser Erscheinung, was mich
durchaus an eine edle Natur glauben lässt.«
    Fürstinn Helene hatte sich, ihrer Kränklichkeit wegen, früh in ihre
Privatzimmer zurückgezogen - Gräfinn Sidonie, geärgert und gelangweilt, war
weniger liebenswürdig, als sie es sonst zu sein pflegte, und folgte bald dem
Beispiel der Fürstinn. Dies war das Signal zum allgemeinen Aufbruch; und zeitig
trennte sich die Gesellschaft. Prinz C** führte die Oburn zu ihrem Wagen, hob
sie scheinbar vertraut hinein, wurde aber von zwei nervigen Armen unsanft
zurückgeschoben, als er sich selbst ohne Umstände mit hinein setzen wollte. Er
wandte sich um; und ihm entgegen blitzten die zornigen Augen des Baron Stein,
der ihm die Worte: »Du Schurke« verständig ins Ohr flüsterte. -
    Im Innersten aufgeregt und erschüttert, betrat die Oburn ihr trauliches
Gemach. »O das war ein böser, böser Tag für mich,« sprach sie zu ihrer
vertrauten Lisette, froh, ein Wesen zu finden, dem sie alles mitteilen konnte,
was auf ihrem Herzen lastete; »ach wäre ich doch fort, weit fort von hier, fort
von allen diesen Erinnerungen! Wie reizend dachte ich mir als Kind das Leben der
Welt; wie verwebten sich stets in alle meine Träume Bilder des Glanzes und
Glücks - und nun? Wie fade erscheint mir alles; wie hat doch so Nichts von all'
dem Glück mich befriedigt! Ich bin doch recht elend,« fuhr sie in einem Tone
fort, der für die Wahrheit der Worte die beste Bürgschaft war; »so jung und so
freudlos hinsterben zu müssen; mein Herz so heiss - und nirgends Erquickung; die
Eltern todt - und mein Mann - o mein Mann - das ist ja gerade mein Elend! denn
in meiner Ehe fühle ich mich am einsamsten, weil ich nie verstanden werde; weil
mein Herz, mit all' seinem glühenden Ringen nach einem edeln Leben, hier an
Gemeinheit und Bosheit scheitert - o das ist wohl ein tiefes Unglück!« Einzelne
Tränen entströmten den schönen Augen; dann fuhr sie leise, doch
leidenschaftlich fort: »Vergieb mir, Franz! Nein, ich bin nicht elend; ich habe
Dich ja gefunden, und die Liebe zu Dir ist Erlösung von all' der Not, von all'
dem Schmerz des Lebens! Welche Seligkeit liegt darin, den Mann, den man liebt,
in jeder Beziehung edel und gross zu wissen! Ob ich ihn wohl lieben könnte,«
sprach sie träumerisch weiter, »wenn diese Grösse eine erlogene wäre, zu der ihn
die Sophistik eines vielgewandten Geistes emporgeschwindelt oder die trunkene
Phantasie meiner Liebe? Ob ich ihn lieben könnte, wenn ich ihn verachten müsste?«
Ahnungsvoll hielt sie hier inne, bedeckte die Augen mit der Hand, als wolle sie
ein Bild verhüllen, das unheimliche Angst in ihr erwecke!
    Bei dem Auskleiden übergab ihr Lisette einen Brief ihres Mannes. Er lautete:
»Meine liebe Johanna!
    Es freut mich herzlich, dass Dir das Leben in Carlsbad auch ohne mich
gefällt. Wie ich höre, sollst Du und unsere schönen Pferde allgemeines Aufsehen
bei den Männern machen. Mir ist das recht! Sehen doch die Leute daraus, dass ich
einen guten Geschmack habe. Meine Frau muss bemerkt werden; das verlange ich -
denn ich bin ein reicher Mann. Dass Du mein Vertrauen nicht täuschest, das ich,
in Betreff Deines Umgangs mit den Männern in Dich setze, weiss ich sehr gut; denn
ich kenne ja Deine platonische Liebe, von der ich nichts verstehe und nichts
verstehen will, weil sie dummes Zeug ist. Adieu, liebe Frau! Morgen reise ich
von hier ab, um Dich zurückzuholen, und hoffe, Dich recht blühend und kräftig
anzutreffen.
    Dein Dich liebender Mann.
                                                                   David Oburn.«
Seufzend legte die Frau das zarte Billet wieder zusammen; und suchte auf ihrem
einsamen Lager Schlaf - und Vergessenheit!
 
                                       6
Das Wiesental bei Karlsbad ist eine überaus nette, kleine Meierei, und zugleich
ein sehr beliebter Vergnügungsort der Kurgäste. Es liegt ungefähr 1/8 Meile von
der Stadt entfernt, dicht unter dem Kreuzberge, in einer entzückenden Umgebung.
Ein sehr, schöner, grosser Garten mit den reichsten Blumenpartieen und
dichtverwachsenen Laubgängen, durch den sich die Eger gleich einem Silberbande
schlängelt, umgibt das freundliche Wohngebäude. Alles war hier so friedlich und
still, und bildete einen schneidenden Contrast mit all' den Leidenschaften der
Menschen, die das bewegte Karlsbad umschloss. Madame Oburn mit ihrer Dienerschaft
bewohnte in diesem Sommer die für Badegäste eingerichteten Zimmer der Meierei.
Mit den Fremden, die Nachmittags dort herauskamen, um ihre Tasse Kaffee mit
Schmellen und Hörnchen zu trinken, kam sie in keine weitere Berührung. Nur an
Concerttagen öffnete sie wohl die Flügeltüren ihres Gartensaales oder setzte
sich in die Geisblattlaube, die eigens zu ihrem Logis gehörte. Doch sah man sie
gewöhnlich allein. Nur dann und wann liess sie einen Musiker, bei dem sie ein
bedeutendes Talent entdeckte, zu sich einladen. Weil sie Musik leidenschaftlich
liebte, zeigte sie sich, solchen Künstlern gegenüber, stets artig und generös,
und wurde in manchen Kreisen die Beschützerin der Kunst genannt. Auch kam sie in
den Ruf eines beispiellosen Reichtums. Die Besitzerin der Meierei, eine gewisse
Frau Meyer, war ein originelles Weib, das eine nähere Charakteristik verdient.
Von ihrem wahren Namen und ihrer Herkunft wusste man nichts. Der Sage nach war
sie vor vielen Sommern mit einem polnischen Grafen, der sie seine Frau nannte,
nach Carlsbad gekommen. Obgleich ziemlich roh, hatte sie doch während der Saison
die Aufmerksamkeit vieler stattlichen Cavaliere auf sich gezogen, und da sie
glänzend lebte, war sie sogar eine von den Damen geworden, welche den Ton in der
Gesellschaft angaben. Eines Morgens war der Graf plötzlich verschwunden, und die
trauernde Gattinn blieb allein zurück, ohne Geldmittel dem allgemeinen Hohn
preisgegeben. Doch die Pseudo-Gräfinn fasste sich kurz, verkaufte ihre Juwelen
und kostbaren Gewänder, und erstand für das daraus erlöste Geld die Meierei
Wiesental, die gerade zum Verkauf ausgeboten wurde. Hier lebte sie nun schon
seit 10 Jahren still und zurückgezogen von der übrigen Welt - eine echte
Philosophinn, ruhig weiter, bis sie, durch die vielen Fremden, die dort eifrig
die Gegend durchstreifen, vielfältig dazu aufgefordert, ihr kleines Eldorado zu
einem öffentlichen Lustort umschuf. Zu den schwächsten Seiten dieser Frau
gehörte eine grosse Schwatzhaftigkeit, die besonders mit vielem Behagen bei den
Taten ihrer Jugend, und all' den Eroberungen, die sie gemacht, verweilte. Die
jungen Herren, die namentlich in diesem Sommer sehr häufig zu ihr herauskamen,
hatten diese Schwäche bald bemerkt, hörten mit übergrosser Geduld Stundenlang den
Erzählungen ihrer Erlebnisse zu, bis es ihnen gelang, ganz unvermerkt die Rede
auf die jetzige Einwohnerin der Meierei, die Madame Oburn, zu bringen. So hatten
sie glücklich entdeckt, dass die junge Frau sehr unglücklich sein müsse, dass sie
viel, viel weine, und ihr Mann in einigen Tagen erwartet werde, um seine
Gemahlinn zurück zu holen. Diese Notizen genügten den neugierigen Forschern, um
selbstgefällige Hoffnungen und Folgerungen daran zu knüpfen, wie es junge Männer
immer tun, wenn sie von einer unglücklichen Ehe hören.
    Es war schon spät am Morgen, als Madame Oburn nach jener Ballnacht erwachte.
Ihr fieberhaft gerötetes Antlitz, ihr wogender Busen, zeugten von keiner süss
durchträumten Nacht. Im Zimmer war es unerträglich schwül; rasch zog sie die
grün seidenen Vorhänge zurück, öffnete das Fenster, und sah, ungenirt, noch im
weissen Nachtkleide und Schlafhäubchen, in den blühenden Garten hinaus. Der
frische, von Blumenduft durchwehte Morgen tat ihr unendlich wohl, die Brust
atmete geregelter; die unnatürliche Röte wich ihrer gewöhnlichen, gesunden
Farbe. Heiter, wie ein Kind, schlug sie die tiefinnigen Augen bald zum
Himmelsgewölk auf; bald liess sie den Blick auf einer durch die Nacht
erschlossenen Blume haften. Da plötzlich schrack sie sichtbar zusammen: sie
erblickte den Prinzen C**, der höchst leutselig im eifrigen Gespräch mit Frau
Meyer, im Hauptgang des Gartens auf und ab promenirte. Wie ein gescheuchtes Reh
sprang sie vom Fenster, und zog sich in die entfernteste Ecke des Zimmers
zurück. Der gestrige, bewegte Abend, den sie noch vor wenigen Minuten, wie einen
bangen Traum ansah, stand lebendig vor ihr; verworrene Ahnungen eines nahen und
grossen Unheils ergriffen sie; und als wollte sie dem eigenen, dunklen Verhängnis
entfliehen, vertiefte sie sich in die Lektüre der »Indiana.« Während sie
andächtig alle Empfindungen und Leidenschaften nachfühlte, die in diesem Buche
so hinreissend geschildert sind; während sie in dem Geschick der »Indiana« das
Walten derselben Mächte erkannte, die ihre Gegenwart beherrschten und mehr noch
ihrer Zukunft verhängnisvoll zu werden drohten: wurden in dem Nebenzimmer, mit
geschäftiger Hast, die Waffen geschmiedet zu ihrem Verderben. Das dicke,
morchelartige Gesicht der Frau Meyer strahlte vor Wonne und Glück. Geschäftig
lief sie hin und her, blieb dann vor ihrem Schenkmädchen, einer verschmitzten
Wienerin, stehen, und sprach mit Mund und Händen: »Terese! Schnell! Spute Dich!
Prinz C** wollen höchsteigen heute Mittag hier speisen. Schlachte die Hühnel,
pflücke Schoten, oder rühr' lieber erst die Mehlspeise ein! Nur rasch, rasch,
Mädchen! Wir haben wenig Zeit, und der Prinz wird viele Gerichte essen wollen.
Gott,« fuhr sie mit komischem Patos fort, »ist das ein liebenswürdiger Prinz!
Terese, denke nur! Se. Durchlaucht haben lange mit mir gesprochen, und finden
alles so schön bei mir, dass Sie hier häufig diniren wollen! Das ist noch ein
Prinz, so familiair, so leutselig; an dem sollten alle Kavaliere sich ein Muster
nehmen! Es ist recht schade, meinen der Prinz, dass mein Logis schon vermietet
ist, sonst würden Sie es gern bewohnen; doch vertreiben wollen Sie die Oburn
nicht, um keinen Preis! Nun, das ist wahr, sie zahlt auch gute Miete - doch,
nicht wahr, Terese, schöner würde es klingen, Prinz C** nebst Gefolge logiren
im Wiesental, als Madame Oburn nebst Dienerschaft. Doch es ist nun einmal so;
und weil es dem Prinzen hier gar so sehr gefällt, und er doch inkognito leben
will, so habe ich ihm mein eigenes Wohnzimmer abgetreten. Terese! Ich verbiete
Dir, darüber zu sprechen, am wenigsten mit der zimperlichen Jungfer Lisette;
denn wenn die Oburn das erführe, wäre sie im Stande, gleich abzureisen. Bei Tage
wollen Se. Durchlaucht auch gar nicht hier sein; nur des Nachts, um hier ruhiger
zu schlafen, als in der geräuschvollen Stadt. So kann es auch Niemand erfahren.
Wenn Du klug bist und schweigst, haben Dir der Prinz 3 Friedrichsd'or Trinkgeld
versprochen; - danach richte Dich, Mädchen!« Mit einer sehr bezeichnenden
Pantomime gelobte die würdige Gehülfinn der Frau Meyer Verschwiegenheit; und
beide fuhren eifrig in ihrem Gespräche fort. Ganz vertieft in dasselbe, hatten
sie die leisen Fusstritte eines Mannes nicht gehört, und erschracken gewaltig,
als der Baron Stein mit lauter Stimme um eine Tasse Chokolade bat. In
lebhaftestem Selbstgespräch schritt er hierauf dem Garten zu: »Ist's Dir und
allen Deines Gelichters nicht genug, euch zu nähren von dem Schweiss und Blut der
geknechteten Völker; müsst ihr auch noch tief hineingreifen in das Allerheiligste
der Herzen, und Seelen vergiften, Seelen, deren innerstes Leben ein Gottesdienst
ist aller grossen und edeln Gedanken? Und jetzt, da Rang, Schönheit und Geld
machtlos sind, gegenüber dieser innern, stillschaffenden Gewalt der Seele, die
an sich selber ein unwandelbares Gesetz hat - jetzt verbindest Du Dich,
Nichtswürdiger, mit einer Kupplerinn, um das Weib, das Dich stolz verschmäht
hat, durch List und Gewalt zu besiegen. Doch solchem frechen Beginnen will ich
entgegentreten; und beglücken soll es mich, wenn Du Schiffbruch leidest mit
Deinen nackten Hoffnungen und Wünschen, und die Qual unbefriedigter Liebe Dich
aufzehrt! - - Die Oburn soll nichts erfahren von dem Gewölk, das sich an ihrem
Himmel zusammenzieht! Sie schlafe in Frieden; ich selbst will ihren Schlummer
bewahren!« Zum erstenmale besuchte Baron Stein heute das Wiesental; und es
gefiel ihm, in seinen Phantasieen diesen bedeutungsvollen Zufall einem dunkeln
Beruf zuzuschreiben, der ihn zum Schutzgeist der Oburn bestimme. Der Zug der
Sympatie führte ihn in die Geisblattlaube; hier sass er träumerisch, und schrieb
Hieroglyphen in den gelben Sand, der die Erde bedeckte. Nachdem Madame Oburn
sicher war, dass ihr Schreckbild, der Prinz C**, den Garten verlassen, nahm sie
Buch und Handschuhe und ging ihrer Laube zu. Verwundert und zögernd blieb sie
einen Augenblick stehen, als sie den fremden, jungen Mann, dessen Anblick die
Erinnerung an den letzten, verhängnisvollen Abend in ihr erweckte, darin sitzen
sah. Dann trat sie jedoch rasch ein, und sprach, als sie bemerkte, dass er sich
entfernen wolle, freundlich zu ihm: »O bleiben Sie doch, wenn Ihnen der Platz
gefällt. Ich verdränge Niemanden von da, wo es ihm wohl ist!« Dann setzte sie
sich dem jungen Manne gegenüber, und las, ohne die geringste Notiz von seiner
Gegenwart zu nehmen, ruhig in ihrem Buche weiter. Regungslos sass Stein da; in
seinen Zügen wechselten Farbe und Ausdruck; er wollte gehen; aber es hielt ihn
mit unsichtbaren Händen zurück. Was ihn so magisch hinzog zu dieser Frau: war es
Liebe, war es Mitleid? Er wünschte, sie möchte zu ihm sprechen; denn die
Lieblichkeit ihres Wesens gewann durch den geistigen Ausdruck, der bei'm
Sprechen ihre Züge verklärte; und ihre Worte klangen so einfach und innig, ein
Evangelium des Herzens.
    Es war eine liebenswürdige Eigentümlichkeit der Oburn, mit den fremdesten
Menschen, sobald sie mit sicherem Blick einen geistig verwandten Zug in ihnen
entdeckt, so vertraut umzugehen, als sei sie längst mit ihnen befreundet, ohne
die Furcht, dies off'ne Entgegenkommen könne missverstanden werden. So sah sie
auch hier den ihr gegenübersitzenden Mann traulich an, und sprach, während sie
das Buch fortlegte und einige Geisblattblüten zerpflückte: »Ich las eben in der
Indiana, und bin von der lebenswahren Schilderung der Leidenschaft und des
Schmerzes so ergriffen, dass ich heute nicht weiter lesen kann.«
    »Im Glücke, gnädige Frau,« entgegnete Stein, »muss man ein solches Buch nicht
lesen, so schön es auch sein mag. Sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst!
Eine edle Natur muss ein reines, ungetrübtes Glück geniessen; und wie ein
gerechtes Geschick den Schmerz und die Trauer von ihr fern halten würde, so muss
sie selbst jede Berührung mit diesen unheimlichen Gewalten vermeiden, gleich als
würde sie dadurch entweiht und herabgezogen.«
    »Das sind ideale Träume! Und wissen Sie denn so sicher, ob ich glücklich
bin; ob nicht ich gerade ein Recht habe, alle Schmerzen der Indiana
mitzufühlen?«
    Stein sah ihr mit prüfendem Blick, den sie nicht vermied, in das
tränenfeuchte Auge:
    »Wohl, ich will glauben, dass Sie leiden; und bin gewiss, dass Sie wert sind,
solche Schmerzen zu ertragen!«
    »Nun, das klingt sonderbar,« entgegnete sie mit erzwungener Heiterkeit; »Sie
wünschen mir Kummer und Elend, so ernstaft, so von Herzen, wie die gewöhnliche
Welt Freude und Glück zu wünschen pflegt.«
    »Wenn ich einer Frau Schmerzen wünsche, wie sie Georges Sand die Indiana
fühlen lässt, heilige Schmerzen über die Entwürdigung des Weibes und ihre
modernste Knechtschaft - dann muss ich diese Frau sehr hoch stellen, und ihr
grosse Kraft und eine alles bezwingende Liebe zutrauen.«
    Wiederum trat eine längere Pause ein, die beiden gleich peinlich war. Sie
fühlte nur zu gut, dass die innerste Quelle ihrer Leiden entdeckt sei, und er
erkannte, dass es nicht in seiner Macht stehe, diese Schmerzen zu heilen. Sie
reichte ihm stumm und ohne Ziererei die Hand; es war ein geistiges Verständnis,
das diese edeln Naturen einander näher führte.
    »Es tut mir wirklich leid,« brach die Oburn das Schweigen, »dass uns das
Schicksal erst jetzt, kurz vor meiner Abreise zusammengeführt; wir hätten doch
manche gemütliche Stunde verplaudern können! Wie habe ich mich während der
ganzen Zeit meines hiesigen Aufentalts nach einem echten, wahren Menschen
gesehnt! Diese Puppen und Zerrbilder, dies ganze Marionettenspiel einer
innerlich hohlen Gesellschaft, diese platten, indifferenten Gesichter, denen
eine Spur zurückzulassen der Gedanke und das Gefühl, der Schmerz und die Freude,
wie aus gerechtem Stolz verschmähn: das alles mattet mich innerlichst ab, und
lässt mich an der menschlichen Natur verzweifeln!«
    »Sie wollen Carlsbad wirklich so bald verlassen?« fragte Stein gepresst.
    »In einigen Tagen wird mich mein Gatte von hier abholen,« erwiederte sie
leise.
    »Und gehen Sie gern von hier? O verzeihen Sie diese unbescheidene Frage,
gnädige Frau! Nicht wahr, Sie sehnen sich nach der Heimat, nach dem
Familienleben! Wohl kann ich mir denken, wie Sie dort vermisst werden, welchen
Segen Sie über Ihre Umgebungen verbreiten!«
    »Ich habe keine Heimat; ich kenne kein Familienleben,« entgegnete sie
tonlos; »überall stehe ich allein! deshalb ist es mir gleichgültig, wo ich lebe!
Vielleicht würde ich mich, wenn mir die Wahl freistünde, gerade für Carlsbad
entscheiden; denn hier hatte meine Seele auf kurze Zeit eine Heimat gefunden.«
    Stein fühlte zu zart, um hierauf etwas zu erwiedern; er bemühte sich nur,
den Trübsinn der Frau durch eine leichte Unterhaltung zu verscheuchen. Als er
bemerkte, dass sie sich entfernen wolle, bat er sie innig um die Erlaubnis, sie
in diesen Tagen noch öfter sehen zu dürfen, er wolle eine teure Erinnerung mit
fortnehmen: dies zu gewähren, sei ihr so wenig, ihm so unendlich viel!
    »Gern gewähre ich das,« entgegnete sie lächelnd; »und damit Sie sehen, wie
ernst es mir damit ist, bitte ich Sie, mit mir heute Nachmittag nach meinem
Lieblingsplatz Schlackenwert zu reiten!« Bei diesen Worten erhob sie sich, und
ging auf ihren Salon zu. Hier wandte sie sich noch einmal um, und rief
freundlich: »Bitte, Sie Unbekannter, Ihr Name?« - »Eduard von Stein!« - »Das
klingt ja ritterlich genug; und erinnert an die ganze, reichsunmittelbare
Romantik! Also auf Wiedersehen, mein lieber Ritter!« Der junge Mann sah ihr in
stillem, Entzücken nach. Diese Erscheinung übte eine Macht über ihn aus, der er
sich nicht entziehen konnte. Gerade die liebenswürdige Kindlichkeit, vereinigt
mit einem tiefsinnigen Zug, der Zauber einer seltenen Harmonie, der, alle
Gegensätze versöhnend, über ihr ganzes Wesen ausgebreitet war, mussten einen Mann
fesseln, den Denken und Leben in allen Widersprüchen herumgeworfen; der gerade
nach einer Harmonie suchte, in der die schreienden Missklänge aufgelöst würden.
Doch dass sie selbst nicht glücklich war, sie, die zum Glücke berufen schien, die
den Mann ihrer Liebe zum Gott beseligen musste: das war ein neuer, schmerzlicher
Riss in der harmonisch vollendeten Schöpfung, die er im flüchtigen Traume dieser
seligen Minuten sich zusammenphantasirt!
 
                                       7
Um vier Uhr hielten die gesattelten Reitpferde vor dem Wiesentale. Madame Oburn
sah reizend aus in ihrem stahlgrünen, enganschliessenden Reitkleide, mit dem keck
in die Locken gedrückten schwarzen Sammetbarett. Sie ritt sicher und kühn, mit
Grazie in jeder Bewegung. Stolz auf seine Begleiterinn ritt Stein ihr zur Seite.
Unter leichten, scherzhaften Gesprächen, den Eingebungen des Augenblickes,
erreichten sie den Schlossgarten Schlackenwerts. Leicht sprang die Reiterinn vom
Pferde, übergab es dem Diener und warf sich nachlässig auf eine geflochtene
Weidenbank, die in der alten Kastanienallee, unter dem Schatten hoher Bäume,
stand. »Hier ist mir wohl und heimlich,« rief sie aus; »hier erinnert mich alles
an meine Jugendzeit! Drüben die alte Dorfkirche, das kleine trauliche Pfarrhaus.
O welches friedliche Glück mag jene engen Räume bewohnen! Wie töricht, sich
immer hinauszusehnen in's Weite, während allein in dem nächsten Kreis, in enger
Umgränzung wahre Befriedigung möglich ist!«
    »Sie sind auf dem Lande erzogen, gnädige Frau? O schildern Sie mir Ihre
Kindheit! Meine aufrichtige Teilnahme macht mich ihres Vertrauens wert.«
    »Mein Vater war Prediger auf dem Lande; ich sein einziges Kind! Aus den
engen Lebensverhältnissen sehnte ich mich hinaus und vor meiner Seele stand, als
einzig erstrebenswert, ein bewegtes Leben mit allen Freuden der Welt: Ich war
bis zu meinem sechszehnten Jahre fast nie über die Gränzen unseres Dorfes hinaus
gekommen; nur meine Phantasie, deren angeborene Glut durch mannigfache Lektüre
genährt war, schuf mir, jenseits des idyllischen Bereichs, ein Eldorado voll
unbestimmten Glückes. Jedes Postorn, das von ferne her durch die einsame Gegend
schmetterte, entlockte mir Tränen der Sehnsucht. Ich wollte in die Welt; ich
wollte glücklich sein! Jetzt« - fuhr sie bewegter fort; - »jetzt habe ich die
Welt, und was darin Glück heisst, kennen lernen; Reichtum, ein glänzendes Leben
hat mir das Schicksal geschenkt, und nun ich alles das erreicht, alles genossen
- nun ist es mir wertlos - hat in Wahrheit nie für mich Wert gehabt. Das habe
ich mir längst mit Schmerz bekannt, und fühle es stündlich drückender! Und so
sehne ich mich jetzt zurück nach der friedlichen Heimlichkeit engumschlossener
Verhältnisse, die ich einst in jugendlicher Hast zu durchbrechen wünschte!«
    »Sie sind ungerecht gegen sich, gegen andere, gnädige Frau! Ein freundliches
Schicksal hat sie in die Welt geführt - uns allen zum Heil! Es liegt in Ihrem
Wesen etwas Freies und Frisches, das Erlösung bringt von all' den verknöcherten
morschen Verhältnissen, von all' der Heuchelei einer in sich zerfallenen
Gesellschaft! Und ist es nicht lohnender Beruf genug, auch nur einzelne Geister
erquickend aufzurichten, welche in der allgemeinen Erschlaffung und Zerrüttung
sonst ratlos untergehen würden! Solche Erlösung haben Sie mir gebracht; solche
Erlösung werden Sie noch Vielen bringen!«
    »O Egoismus der Männer! Auch die besten denken nur an sich selbst!«
entgegnete die Oburn scherzend.
    Der Abend war drückend schwül geworden; ein schweres Gewitter war am
Horizont heraufgezogen, einzelne Blitze zuckten durch grauschwarze Wolken, denen
kein kühlendes Nass enttropfte. Es ging ein stummer, drückender Schmerz durch die
Natur, und das Auge des Himmels schien fast krampfhaft seine Tränen
zurückzuhalten. Die Blitze fuhren hin und her, angstvoll, wie prophetische Boten
eines nahen Unheils, und unheimlich dumpfe Ahnungen bemächtigten sich der
Gemüter der Menschen. Schweigend ritt Madame Oburn mit ihrem Begleiter wieder
dem imposanten Carlsbad zu. Sie war sehr ernst geworden. Ihre Brust hob sich
unter tiefen Seufzern, und ihr Auge folgte den kreuzenden Blitzen in stiller
Melancholie. Stein sah nichts ausser ihr. Fast verzückt, mit der Inbrunst des
Sünders, der die verklärte Himmelsköniginn um Gnade fleht, hingen seine Blicke
an ihrem Antlitz, an der jugendlich idealen Gestalt, und nahmen dies Bild in
sich auf, unvergesslich, unverlöschbar! Er suchte ihre Gedanken zu enträtseln
und erkannte wohl an dem schmerzlichen Ausdruck ihrer Züge, dass sie nicht von
Liebe träumte; denn die Liebe musste diese Züge ja wunderbar lichten und
erhellen, wie die Frühlingssonne die Erde nach starrem Winter! Mit einer ihr nur
eigenen, holden Biegung des Halses sah die Oburn jetzt zu ihrem Begleiter
herüber: »Ich bin masslos langweilig, lieber Stein, vergeben Sie mir! Ich gab
meinen Gedanken Audienz! Wie wechselvoll ist doch das Innere des Menschen!
Früher erfasste mich stets eine grosse Bangigkeit während des Gewitters! Um den
Blitz nicht zu sehen, verbarg ich als Kind mein Köpfchen in den Schoss der
Mutter, als wäre ich hier gegen jede Gefahr gefeit. Heute weitet sich meine
Brust bei dem Rollen des Donners, mein Auge labt sich an den feurigen Strahlen,
die so keck, wie junge, lebensfrische Gesellen, den Wolkenvorhang zerreissen, als
wollten sie der Natur in's Herz sehen. Ja, ich kann es mir schön denken, zu
verglühen, von diesen Strahlen getroffen! O, die Welt mit ihren Freuden ist mir
oft zu verächtlich!« Auf diese Worte aus dem Munde einer ein und
zwanzigjährigen, schönen, gefeierten Frau wusste der junge Mann nichts zu
erwiedern, und stumm langten Beide in dem Wiesentale an.
    »Mögen die guten Geister der Liebe Sie in dieser Nacht umschweben!« rief der
Baron bedeutungsvoll zum Abschiedsgruss.
    Kaum war Madame Oburn unter ihr schützendes Dach getreten, als sich das
Gewitter gewaltig entlud. Frau Meyer, als gute Katolikinn, lag vor ihrem
Kruzifix, das auf einer Art Betpult im Schlafzimmer stand, auf den Knieen. Sie
betete ihr Ave Maria, flehte die Mutter Gottes um Schutz an, zankte dann wieder
mit ihrer Terese, und wechselte so mit himmlischen und irdischen Gedanken.
Sobald die Heftigkeit des Donners etwas nachgelassen, öffnete sie die Haustüre
und sah sich rings mit spähenden Blicken um. Endlich gab ein heftiger,
grosstropfiger Regenguss dem krampfhaft zusammengezogenen Gewölk, das in schwüler
Spannung am Himmel lagerte, und den durch Angst zusammengepressten Menschenherzen
die ersehnte Erleichterung. Frau Meyer wünschte der Madame Oburn, wie sie es
gewöhnlich zu tun pflegte, eine sanfte Nacht, versicherte »Dero Gnaden,« das
Gewitter sei vorüber; sie brauche sich nicht zu ängstigen, und solle es ja
wiederkehren, so schlafe sie dicht neben Madame und sei zu jedem Dienst bereit.
Hierauf öffnete sie noch einmal die Pforte, um den Himmel zu observiren, und
liess dabei leise eine hohe, dicht in den Mantel gehüllte Gestalt
hereinschlüpfen. Dann verrichtete sie ihr übliches Nachtgebet und entschlief mit
dem stolzen Bewusstsein, einen wichtigen Tag verlebt zu haben.
    Madame Oburn hingegen ging unruhig im Zimmer auf und ab. Endlich öffnete sie
die Fenster wieder und sah in die schöne, nun stille Nacht hinaus. Die Luft war
prächtig frisch und kühl geworden. Die Oburn konnte dem Verlangen nicht
widerstehen, noch im Freien umherzuwandeln. Rasch warf sie über das leichte
Nachtkleid eine Mantille, steckte die zarten Füsschen in feste Schuhe, und
huschte gedankenleise zum Saal hinaus. Es war gerade die reichste, üppigste
Blütezeit des Jahres; tausend erschlossene Blüten strömten süss betäubenden
Duft aus, der wie ein magisches Netz die Sinne gefangen hielt. Von Rose zu Rose
ging die junge Frau, trank mit durstigen Lippen aus jedem Kelch die frischen
Regentropfen, und nachdem sie so erquickende Frische eingesogen, brach sie noch
tyrannisch die beraubten Blüten und warf sie zerpflückt den Wellen der Eger zu.
Einzelne helle Sterne lauschten dem kindischen Spiel und blickten doch so heilig
ernst dazu, als begriffen sie des Spieles tiefe Bedeutung. »Ich bin mild gegen
euch, ihr schönen, schönen Blumen; ich vernichte euch in eurer Schönheit; ich
erspare euch den Schmerz nach und nach verwelken zu müssen! Ich bin gerechter
als die Natur, die auch uns nur so kurze Zeit das Recht auf Glück und Liebe
erteilt, und uns dann, wenn die Tage der Jugend vorüber, zu den Qualen langer
Entsagung verdammt!« So wühlte die junge, schöne Frau gedankenvoll in den
unheimlichen Tiefen des Lebens. Am Ufer des Flusses stehend, sah sie starr in
das Wasser hinein, so lange, bis es ihr unheimlich wohl ward und die Flut sie
lockend herab zu ziehen drohte! Da eilte sie rasch fort, als wollte sie der
Gefahr entfliehen, und es war ihr, als ob sie hinter sich leise Fusstritte hörte.
Geängstigt beflügelte sie ihren Schritt, dem Schlafgemach zu.
 
                                       8
Mitternacht war vorüber. - Madame Oburns Gemach war ganz von frischem, würzigem
Dufte durchdrungen, den es, aus tausend Blumenkelchen, nach dem Gewitterregen
eingeschlürft hatte durch die offenen Fenster. Es wurde erhellt durch eine weisse
Alabaster-Ampel, die zwischen den faltigen, durchsichtigen Vorhängen des
Himmelbettes hing, das auf bronzenen Füssen ruh'the. Das trauliche Helldüster, die
üppigen, bunten Fussteppiche, eine kleine Orangerie, die auf zierlichen
Blumentischen am Fenster stand, und nur einzelne, grosse Silberflecken des
anschwellenden Mondlichtes auf den Fussboden durchfallen liess: alles das gab dem
Zimmer einen so malerischen Anstrich, dass die hohe dunkle Gestalt, welche so
eben die Türe öffnete, und dann fest hinter sich verschloss, eine Zeitlang wie
festgebannt dastand, und hochaufatmend die Blicke umherschweifen liess. Es war
der Prinz C**, in ein feines, etwas phantastisches Negligée gekleidet. Leichte
mit Gold gestickte Stiefel von weissem Sammet machten sein Auftreten fast
unhörbar. Weite, orientalische Beinkleider von rosenroter Seide, und ein
faltiger kurzer Rock von dem selben Stoff bildeten die übrige Bekleidung. Ein
weisser, schöner Männerhals, von dichtem schwarzem Bart beschattet, stieg aus dem
zurückgeschlagenen Battist-Hemdkragen hervor, und machte der Weisse einer
schöngeformten Hand, an der es von wertvollen Steinen blitzte, den Preis
streitig.
    Eine fieberhafte Glut hatte sich auf seinen Schläfen gelagert, und mit jedem
Schritte, den er vorwärts tat, fing sein Herz lauter an zu schlagen. Von einem
tiefen gesunden Schlaf leise gerötet, lag die junge Frau auf ihrem Bette,
dessen leichte, rot seidene Decke sich gesträubt zu haben schien, die vollen,
reizenden Formen ganz zu verhüllen. Sie lag dem Zimmer zugewandt, die Hände auf
dem Busen gefaltet. Ein süsser Traum schien im Vorüberschweben sich in dem
seligen Lächeln ihres Mundes gefangen zu haben. In dem ganzen, zauberhaft
wirkenden Bilde lag nichts Ueppiges, nichts Kokettes. Keine herabwallenden
Locken, keine entblösste Schulter. Aber das Nachtäubchen, welches die
aufgewickelten Haare barg, umschloss mit seinem Rahmen von feinen, Brüsseler
Kanten ein so liebliches Madonnenantlitz, zwei übereinandergeschlagene Füsschen
sahen am Ende des Bettes so unschuldig aus den weissen Leinen hervor, dass dies
ganze reizende Bild mehr zur Andacht einlud, als zu wilder Begierde. Dem Prinzen
aber, dem jede höhere Regung fern lag, weil er nur eine Liebe kannte, die dem
Schimmer des Goldes feil war oder der Eitelkeit zum Opfer fiel - zog es mit
stets wachsender Gewalt zu dem Bette der schönen Frau. Zitternd vor Aufregung,
gepresst und heissatmend war er nur noch einen Schritt von der Schläferinn
entfernt. Leise liess er sich auf ein Knie nieder, hob, noch unschlüssig über
seinen Angriff, die Decke in die Höhe, und küsste den rosigen Fuss der Madame
Oburn. Das aufwallende Blut rötete seine Augen. Einen Augenblick verweilte er,
halb betäubt von so vollendeter Schönheit; dann plötzlich, mit den Zähnen
knirschend, stürzte er mit den Worten: »Weib, Du musst mir gehören!« über sie,
schloss ihren Mund fest durch den seinigen, so dass sie nur einen schwachen Laut
von sich zu geben vermochte, zerriss mit gewaltiger Kraft ihr Nachtgewand, und
schleuderte es mit der Decke weit in das Zimmer hinein. Madame Oburn hatte ihn
erkannt; doch trotz der gewaltigsten Anstrengungen war es ihr unmöglich, sich
loszuwinden; sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, als der Prinz, der ihre
allmählige Abspannung für ein Zeichen der Nachgiebigkeit hielt, das Haupt
emporhob, um etwas zu sprechen. Diesen Augenblick benutzend, stiess die Oburn
einen Schrei aus, der seine Wirkung nicht verfehlte. Man hörte eine
Fensterscheibe klirren, sah eine kräftige Männerfaust durch die Öffnung
hindurch, nach dem Fensterriegel langen, während der Prinz, durch den Lärm aus
seinem Taumel geweckt, aufsprang, und regungslos dastand; die Oburn aber alles,
was sie von Leinenzeug und Gardinen zusammenraffen konnte, um sich zog, damit
zur Türe hinstürzte, wo die Klingel für ihre Dienerschaft hing, heftig
schellte, und dann ohnmächtig niedersank. In diesem Augenblick sprang Herr von
Stein - denn er war es, der die ganze Nacht hindurch unter dem Fenster der von
ihm so hochgeehrten Frau zugebracht - in das Zimmer, und stand, bleich vor Wut,
mit funkelnden Augen, vor dem Prinzen, der nicht mehr wusste, was um ihn vorging.
Die Worte des Barons, voll heftigster Beleidigung, brachten ihn endlich wieder
zur Besinnung. Er, der mit dem Bewusstsein eines ertappten Schulknaben, dem Baron
gegenüberstand, schien plötzlich einen raschen Entschluss zu fassen, und sprach
in spöttischem Ton: »Es tut mir leid, lieber Baron, Ihnen hier zuvorgekommen zu
sein,« und ging auf die Türe zu, vor welcher man schon die Tritte der nahenden
Dienerschaft hörte. Seine Absicht war augenscheinlich, wenigstens den guten Ruf
der Oburn zu vernichten. Die Dienerschaft kannte ihn nicht - und wäre auch seine
Anwesenheit im Zimmer dieser Dame bekannt geworden, so hätte doch Niemand
vorausgesetzt, dass der schöne geistreiche Mann hier Widerstand gefunden. Im
schlimmsten Fall liess sich die Geschichte mit einem geringen Aufwand von
Escamotage drehen, indem man das Gerücht verbreitete, dass der Prinz die Madame
Oburn vor den Zudringlichkeiten des Herrn von Stein gerettet. Natürlich wäre es
hier wiederum allen einleuchtend gewesen, dass der Prinz nicht unbelohnt einen
solchen Ritterdienst geleistet. Stein, ein Mann von vieler Geistesgegenwart und
raschem Ueberblick, hatte in einem Moment alle diese Möglichkeiten erfasst und
überdacht. Schnell sprang er nach der Wand zu, wo ein Paar Pistolen des Herrn
Oburn hingen; ein Blick überzeugte ihn, dass sie geladen seien, und so bewaffnet
trat er zwischen den Prinzen und die Türe, an welcher schon die Kammerjungfer,
von Zeit zu Zeit, um Hülfe rufend, mit aller Anstrengung rüttelte. Oben im Hause
war alles lebendig geworden. »Noch einen Schritt weiter,« flüsterte Stein, »und
bei Gott, ich schiesse Ihnen diese Kugel vor den Kopf! durch das Fenster ist
unser Weg.« Der Prinz wollte vorwärts; Stein legte an. Der starre, durchbohrende
Blick, der festzusammengepresste Mund dieses Mannes zeugten dafür, dass er es bei
einer blossen Drohung nicht lassen würde. Der Prinz, dem die nahe Mündung einer
Pistole ein unerwarteter Anblick schien, ward kreideweiss, wandte sich rasch um,
und schwang sich über das Fenstergesimse des hohen Parterres hinab in den
Garten, wo er im Dunkel verschwand. Stein folgte ihm sogleich, nachdem er noch
einen Blick unaussprechlicher Trauer auf die ohnmächtig daliegende Frau
geworfen, und einen Rubinschmuck, der sich auf den Toilettentisch befand, zu
sich gesteckt. Die fast gleichzeitig durch die aus ihren Angeln gehobene Türe
eindringenden Diener sahen ihn noch am Fenster verschwinden, und fanden auf dem
Boden das leere Schmuck-Etui! Der Ruf: »Diebe, Diebe!« tönte durch das ganze
Wiesental; Laternen zeigten sich in der Ferne; alles war in Aufruhr und
Bewegung; bis zum lichten Tage dauerten die Nachforschungen; doch weder von den
Dieben, noch von dem Schmucke war irgend eine Spur aufzufinden.
 
                                       9
Aus einem kurzen und unruhigen Schlummer wurde Madame Oburn nach jener Nacht
durch die Ankunft ihres Gatten geweckt. Lärmend und pfeifend, wie es seine
gewöhnliche Art war, polterte er in's Zimmer und rief: »Gott verdamme mich! Da
finde ich Dich noch Mittags in den Federn! Habe ich Dich nicht nach Carlsbad
geschickt, damit Du mit den Hühnern aufstehn lernst, Brunnen trinkst und tüchtig
spazieren läufst? Na, Kleine, mach' nur nicht ein gar zu betrübtes, weinerliches
Gesicht! Es ist ja nicht böse gemeint; aber mach' nur rasch, lass' Dich ankleiden
und komme zum Frühstück in den Garten; denn ich trinke gern ein Gläschen Wein
mit Dir! Donnerwetter,« unterbrach er sich plötzlich selbst; »was ist denn das?
Da liegen ja meine Pistolen auf der Erde; die Fensterscheiben sind
eingeschlagen; Du siehst bleich und angegriffen aus; was ist hier geschehen?
Verschweige mir nichts! Denn ich bin strenge und wütend, wenn Du mich
hintergehst!«
    Am ganzen Körper zitternd und sichtbar mit sich selbst kämpfend, schlug die
Frau das Auge scheu zu Boden. Sie war immer wahr gewesen. Ohne dass sie ihren
Mann liebte, hielt sie die Ehe doch für so heilig, dass sie aus ihren Erlebnissen
ihm nie ein Geheimnis machte. So wollte sie auch jetzt treu die Vorfälle der
letzten Nacht schildern; doch als sie erschreckt von dem zornigen Blick ihres
Gatten, sich umwandte, sah sie das leere Schmuck-Etui. Wie ein Blitz durchzuckte
sie der Gedanke, dass Stein, um ihre Ehre zu retten, mindestens allen
Klatschereien, die das Abenteuer nach sich ziehen könnte, vorzubeugen, ihren
Schmuck zu sich gesteckt. Sobald ihr diese Absicht klar geworden, stand auch ihr
Entschluss fest. Die Farbe vom zartesten Weiss bis zur Purpurglut wechselnd,
erwiederte sie erschöpft und zitternd:
    »In vergangener Nacht müssen hier Diebe eingebrochen sein und meinen
Rubinschmuck entwandt haben. Als ich durch das Klirren der Fensterscheiben aus
meinem festen Schlaf geweckt wurde, sah ich zwei männliche Gestalten durch das
offne Fenster dringen. Trotz meines grossen Schrecks hatte ich noch die
Besonnenheit, rasch aufzuspringen und meine Leute durch das heftige Ziehen der
Klingel zu wecken. Dann schwand mir das Bewusstsein, und ich sank ohnmächtig zu
Boden. Was weiter geschehen, weiss ich nicht. Als ich nach langer Zeit wieder zu
mir kam, fand ich mich im Bett, und neben mir die gute Lisette, die mir unter
dem heftigsten Weinen meinen Verlust mitteilte.«
    Eine Flut von Tränen verhinderte sie, weiter zu reden. Herr Oburn, der
diese Tränen dem verlornen Schmuck zuschrieb, dem überhaupt nichts in der Welt
verhasster war, als das Weinen, sprach liebkosend: »Nun, gräme Dich nicht zu sehr
um das bisschen Gold, mein Herzchen! Ich kaufe Dir wieder einen andern Schmuck;
aber nun sei auch heiter; zeige mir ein freundliches Gesicht; das ist mir
lieber, als alle Deine Preciosen.« Durch diese unerwartete Milde ihres Gatten
weich gestimmt, lehnte sie ihr Haupt an seine breite Brust, und flüsterte: »Du
hättest mich nicht so lange allein hier lassen sollen, lieber Oburn! Ich sehnte
mich fort von hier; nun lass' uns aber auch schnell abreisen - heute noch; oder
lieber gleich in dieser Stunde.« Herr Oburn, geschmeichelt, durch diese
Sehnsucht seiner Frau, nach Hause zurückzukehren, strahlte vor Glückseligkeit,
nahm sie jubelnd in seine Arme, tanzte mit ihr im Zimmer umher, und erdrückte
sie fast vor lauter Zärtlichkeit.
    All' die vielen unangenehmen Vorbereitungen, die eine Abreise immer mit sich
bringt, waren beseitigt, Rechnungen und Trinkgelder bezahlt, die Reisekoffer
gepackt. Madame Oburn ging noch einmal in den Garten, nahm wehmütig von jeder
Lieblingsstelle Abschied, pflückte hier und da eine Blüte und band sie zum
Strauss, den sie vor den wallenden Busen befestigte. Als sie eben den Reisewagen
besteigen wollte, kam ihr Brunnenarzt, um für das reichlich übersandte Honorar
seinen pflichtschuldigen Dank abzustatten. Die unermüdliche Zunge dieses jungen
Aeskulaps erging sich noch nebenbei in mancherlei Mitteilungen aus der
Badewelt. Er schloss die Carlsbader Tageschronik mit einer interessanten, aber
traurigen Neuigkeit. »Wissen Sie schon, dass heute Morgen im Schlossgarten zu
Schlackenwert ein Duell zwischen dem Prinzen C** und dem Baron Stein
stattgefunden hat, und dass der Letztere dabei gefallen ist? Man beklagt
allgemein den liebenswürdigen, jungen Mann, und die Neugier müht sich ab, die
verborgene Veranlassung zu diesem unglücklichen Duell zu entdecken. Prinz C**
soll, wie mir eben sein Leibarzt erzählt, durch diesen Fall tief erschüttert
sein, und ist, wie Sie, meine Gnädige, eben im Begriff, Carlsbad zu verlassen.«
    Madame Oburn presste, ohne ein Wort zu entgegnen, krampfhaft ihre beiden
Hände auf das Herz. Ihrem Gatten sowohl, wie dem Arzt, entging es, welch'
unheilbaren Riss diese Worte in ihr Leben gemacht. Fast gefühllos, liess sie sich
in den Wagen heben, und lehnte das Haupt in die weichen Kissen. Bei der ersten
Barrière traf ihr Wagen mit dem Reisezug des Prinzen zusammen - dann fuhr sie
gen Osten, er nach Westen!
 
                                       10
Das traurige Schicksal des Baron Stein hatte in Carlsbad überall die regste
Teilnahme erweckt. Wenn auch die Bedeutung seines Wesens der Menge entging;
wenn ihn auch viele für einen Schwärmer, für einen Sonderling hielten, für einen
Melancholiker, der mitten in dem Leben und Treiben der grossen Welt für seine
Gedanken sich ein eigenes Reich erschuf, so wurde er doch in allen Salons gern
gesehen; denn er galt für eine interessante Erscheinung, und hatte die feinen
Manieren und den edeln Anstand eines Gentleman. Baron Stein war von seiner
Familie für die diplomatische Carriere bestimmt worden; doch sein Herz blieb der
kalten Taktik dieses Feder-Despotismus fremd, und hing mit treuer Begeisterung
an den burschenschaftlichen Idealen seiner Jugend. So war sein Inneres in einen
unlösbaren Zwiespalt zwischen Neigung und Beruf, zwischen den Ansprüchen des
Herzens und den Forderungen der Welt hineingeraten. Dieser innere Kampf, der
ihn nach aussen hin kalt und abgeschlossen machte und auch jedes versöhnende
Element fernhielt, mit dem vielleicht ein edles, weibliches Herz in treuem,
innigem Verständnis, sein Leben beglückt hätte, spricht sich, in seiner ganzen
Bedeutung, in dem Tagebuch des Barons aus. Einzelne Blätter daraus wollen wir
unsern Lesern nicht vorentalten, da gewiss die kurze Episode aus dem Leben des
Barons, die wir mitgeteilt, bei ihnen das Interesse für sein inneres Leben
erweckt.
                               Tagebuch-Blätter.
Die Feuer der Wartburg sind ausgebrannt, und die officielle Geschichte trägt
eine jugendliche Verirrung in ihre Bücher ein, während die Inquisition mit ihren
Ketten und Torturen, wiederum durch die deutschen Lande rasselt. Eine
jugendliche Verirrung! Doch diese Jugend kam ja nicht von den Schulbänken her,
träumte ja nicht von der Republik eines Cato und Brutus, mit der Inbrunst eines
schwärmerischen Lateiners, der die todten Lettern seiner Klassiker zum Leben
erwecken will in der Gegenwart. Diese Jugend hatte mitgestritten in den
Schlachten von Leipzig und Belle-Alliance, nährte sich mit dem Marke grosser
Taten, hörte die Würfel eines bedeutsamen Weltgeschicks auf den blutigen
Schlachtfeldern fallen, sah dem Tod in das Auge, und lernte die Geschichte,
indem sie dieselbe schaffen half! Das eiserne Kreuz schmückte ihre Brust! So
hatten sie das Vaterland erlös't aus langer Knechtschaft, auf dass es, von innen
heraus, nach eigenem Gesetz, sich emporringe zur Freiheit, und sie nicht
empfange als die Gabe eines fremden Volkes, als die Nachlese einer fremden
Revolution! Wohlan, ihr diplomatischen Kläger, ihr habt Recht! Ihr macht diese
Begeisterung, die eure Schlachten schlug, die an die Freiheit glaubte, sie nach
aussen errang, sie nach innen erringen wollte - ihr macht sie zu einer
jugendlichen Verirrung.
Fast wird es mir schwer, zu glauben an den Fortschritt der Menschheit, an eine
innere, heilige Notwendigkeit, an des Geistes siegreiche Macht, der in immer
neuen Formen zu immer höhern Entwickelungen reift? Aber ich muss daran glauben -
soll mir die Geschichte nicht zu einem grossen Leichenfeld werden, auf dem eine
masslose Willkühr triumphirt; auf dem des Lebens Gestalten zu gespenstischen
Schatten werden. Und doch - Griechenland und wir, das Volk der göttlichen
Schönheit und Jugend und Freiheit - und wir! der Areopag - und der Bundestag!
Oder die Zeiten des vorigen Jahrhunderts, das römische Reich, mit seinen
Reichstagen, seiner Reichsarmee, seinem Reichskammergericht, seinen lächerlichen
Reichsmittelbarkeiten, mit den Fürsten, die das Mark und Herzblut vergeudeten,
mit ihren Maitressen und Juristen und Pfaffen, mit ihren Kriegen um ein
Titelchen des Rechts oder der Etikette, um einen Fetzen Landes; mit ihren
Ministern und Juden, die sich in die Beute teilten! O, auch der Glaube an den
Fortschritt der Menschheit muss stark sein in der innersten Seele, so stark, dass
er Berge versetzen kann! Denn die Geschichte selbst scheint an ihm zu
verzweifeln; ihre Blätter stehen voll kühner Skepsis; und die Gegenwart bietet
keinen Trost und keinen Halt.
Ein blasirtes Geschlecht hält es für Torheit, an Ideen zu glauben und nach
ihrer Verwirklichung zu ringen. Die feine Welt verachtet die Ideologen, die
Schwärmer, deren Compass nicht von dem Wind der faden Mode umgetrieben wird; die
in dem flüchtigen Genuss des Augenblicks nicht aufzugehn vermögen! Da schlürfen
sie, die Diplomaten, die Aristokraten, die ganze Seligkeit eines komfortablen
Lebens, spielen, wie Mückenschwärme in der Abendsonne, während es in den Völkern
rollt und grollt, wie Donner ferner Revolutionen, und ihre Blitze aufzucken am
Horizont der Geschichte! Ein gewandter Styl, eine glückliche Wendung, ein
Federstrich, eine Laune hat über das Schicksal ganzer Nationen entschieden,
deren blutige Heldentaten nichts waren, als Tagelöhnerdienst im Sold der
Diplomatie, welche Siege und Niederlagen, das credit und debet der Geschichte,
in ihre offiziellen Contobücher eintrug! Doch die Zeit wird und muss anders
werden; es sind nicht bloss Gespenster, die in meinem Kopf herumpoltern; es ist
ein Geist, der draussen in den Völkern gross wird, eine neue Geschichte nervig und
markig, die nicht mehr in den Salons der bevorzugten Stände die diplomatischen
Polonaisen aufführt, um deren Gunst man nicht freit mit Glacé-Handschuhen und
eleganten Phrasen; nein, eine ungezogene, demokratische Geschichte mit der
wilden Musik der Ça ira's, dem stürmischen Aufjauchzen einer lang unterdrückten
Volkskraft. Die Kirche und Pfaffen der Restauration haben das Volk lange genug
mit ihren Hungersuppen gespeist! Panis et circenses - Brodt will das Volk; die
blutigen Spiele gibt es aus eigenen Mitteln dazu!
Das nennen sie: leben! Aus einem Boudoir in das andere, aus einem Salon in den
andern, tanzend über das Parquet mit gefirnissten Stiefeln, oder den Estricht
fegend mit den Schleppen ihrer Kleider! Eine Minute jagt atemlos der andern
nach; und so hetzen sie sich selbst durch das Leben! Und mit wilder Gier häufen
sie Amüsement auf Amüsement, nur die Stunden auszufüllen, und dennoch fühlen sie
immer wieder, trostlos und geängstigt, die ewige, fürchterliche Leere.
Und was ist aus den Frauen geworden? Wir Burschenschafter glaubten an das Ideal
der Jungfräulichkeit. Es war eine Reminiscens aus Tacitus oder aus dem
katolischen Glauben des Mittelalters. Doch die Zeit der alten, germanischen
Frauen ist vorübergegangen, wie die Zeit der Madonnen. Jede Zeit hat ihr eigenes
Recht. Nicht in der Entsagung, sondern in der liebenden Hingabe finden wir die
edle Weiblichkeit. Eine reflektirende Zeit, die in den Gedanken, in das
Bewusstsein die Göttlichkeit setzt, kann keinen Respekt mehr haben vor
paradiesischer Unschuld und Bewusstlosigkeit, die nur einem naiven Zeitalter
eigen ist. Darum wäre es töricht, von den Frauen solche utopische
Gedankenarmut zu fordern, oder wohl gar das weibliche Ideal in diesen
schuldlosen Zustand zu setzen, der bei unseren Verhältnissen nur gemacht sein
kann, eine affectirte Prüderie. Eine andere Schranke aber muss die Weiblichkeit
wahren; und wenn sie die Scylla der Prüderie vermeidet, nicht in die Charybdis
der Prostitution geraten. Prostitution aber ist die Hingabe der Liebe, in oder
ausser der Ehe, ist das Wegwerfen der eigenen Persönlichkeit! Diese hoch zu
halten, diese nur gegen den Preis der Liebe hinzugeben, dies schöne Mass zu
bewahren - das ist in unserer Zeit des Weibes einzige Unschuld und Sittlichkeit.
Nichts geht doch über eine harmonische Erscheinung; der Triumph, den die Natur
in ihren Schöpfungen feiert! Wenn der Körper zum lebendigen Ausdruck der Seele
geworden, jede seiner Bewegungen ihre Grazie atmet, und das Ebenmass seiner
Formen ein Abbild ist ihrer innern, massvollen Schönheit: dann ist schon der
Anblick eines solchen Wesens Göttergenuss, ein trunkenes Schwelgen in den ewigen
Rhytmen der Welt! Ich habe ein solches Weib gesehn, und ich bin andächtig
geworden! O es gibt einen schönen Katolicismus des Herzens, der mich zum
Proselyten machen könnte! Eine solche gnadenreiche Madonna in ihrer Glorie, eine
fleischgewordene Offenbarung der ewigen Schönheit kann Wunder tun an mir! Und
sie befreit den Geist und knechtet ihn nicht; denn Schönheit ist Freiheit.
Leidenschaftlich, rücksichtslos folgt er ihrem Schritt, hängt sich an ihre
Fersen! Denn die Herren der Welt machen ihre Rechte geltend, und fordern die
Schönheit als ihr Regal! Mit dem unwiderstehlichen Zauber ihrer Macht, der die
fluchwürdig erniedrigte Sclavenwelt mit den Schauern der Untertänigkeit
schüttelt, sprengen sie alle Riegel, die man vorsichtig dem Gewissen des Volkes
vorschiebt, und sanktioniren das Verbrechen, indem sie es selber begehn! Es
liegt etwas Grosses in der ungebundenen Schrankenlosigkeit eines nur sich selbst
gehorchenden Lebens! Doch wenn diese Grösse ein Recht der Menschheit ist, so darf
sie nicht ein Vorrecht Einzelner sein. So kann sie nur zerrütten, zerstören; und
ich werde ankämpfen gegen dies Monopol des Verbrechens bis zum letzten Atemzug!
Ein schöner Nachmittag! Dies Weib ist Poesie; ihr ganzes Wesen ein Gedicht! Mir
war's, als umschwebten sie all' die herrlichen Geister der Vergangenheit, von
den lieblichen Idyllen Griechenlands, über denen ein ewig heiterer Himmel ruht,
wie das klare Auge eines Gottes, bis zu Petrarkas träumender Romantik, die an
Vaucklüsens rauschendem Quell der Liebe unsterbliche Lieder singt! Und dann
wetterleuchtet's wieder auf in ihr von modernen Gedankenblitzen, aus dem Schoss
einer zerrissenen, gährenden Zeit geboren, prophetisch die dunklen Tiefen der
Zukunft erleuchtend! Der Besitz eines solchen Weibes wäre der Schlüssel zu allen
Mysterien des Lebens, zu allen Offenbarungen der Poesie.
Ich habe nie geliebt! Auch das ist nicht Liebe! Liebe ist unruhig und voller
Wünsche; stets unzufrieden mit dem Nächsten, stets hinauslangend in die Ferne!
Von einer Stufe der Seligkeit strebt sie nach der höhern hinan; und ihre
Himmelsleiter ist unendlich! Ich bin ruhig und zufrieden, glücklich, wenn ich
vor roher Hand ein vollendetes Werk beschützen kann, das die Natur in ihrem
Allerheiligsten aufgestellt. Das beseligt mich; das genügt mir! Ich bin ein
treuer Wächter, und werde es nicht dulden, dass der Vandalismus der rohen
Begierde dies harmonisch gestimmte Saitenspiel zertrümmert.
Das Gewitter hat sich entladen! So folge Schlag auf Schlag - und sei er auch
tödtlich! Er wagt sein prinzliches Blut gegen das meine - er nimmt es auf mit
dem Tod, dem uralten Demokraten! Ich seh' ihm dreist in das Auge! Ich falle, wie
der Soldat auf seinem Posten! Oder ist meine Kugel dreist genug, ihm in's Herz
zu dringen, und ihm unwiderleglich das Evangelium der Gleichheit zu predigen -
so bezieh' ich wieder meine Wacht, stumm und treu, ohne Dank zu verlangen! Doch
ich werde fallen - ich weiss es! Solcher Tod ist schön - und das Leben könnte
noch schmerzlich werden! Es könnte anders kommen! Eine Leidenschaft, so tief sie
verborgen, so schwer sie gefesselt, könnte aufsteigen, masslos, alles verlangend,
alles durchbrechend, und den treuen Hüter zum frevelnden Räuber machen! Dagegen
gibt es nur ein Radikalmittel - der Tod! Die Pistolen sind geladen! Glück auf!
 
                                       11
Im Comtoir des Fabrikherrn Oburn war wenige Monate nach seiner Rückkehr vom Bade
unter den Commis eine grosse Unruhe und Untätigkeit wahrzunehmen. Die Feder
hinter das Ohr geklemmt, sahen sie entweder neugierig in die nahe Fabrik, die
von den Fenstern des Comtoirs zu übersehen war, oder auf den Buchhalter Ehrig,
und flüsterten sich dabei verstohlen einige Worte in's Ohr. Das Gesicht des
Herrn Ehrig gab ihnen indes nicht den gewünschten Commentar - es war heute so
undurchdringlich ernst, wie es immer zu sein pflegte. Nur die hohe,
tiefgefurchte Stirn war noch etwas finsterer als gewöhnlich zusammengezogen, und
die schwarzen intelligenten Augen verschlangen gleichsam die Zahlen des vor ihm
aufgeschlagenen Hauptkassenbuchs. »Da muss es nicht richtig sein,« lispelte einer
der pomade-duftigen Comtoristen seinem Nachbar zu, der ihm ähnlich sah, wie ein
nichtssagender Abdruck; »da fehlt's, o, das habe ich schon lange bemerkt.«
    Der Buchhalter, der mit seinem Ohr diese Bemerkung gehört, wandte sich rasch
auf seinem runden, hohen Schreibsessel um, sah die faden Gestalten drohend an,
und schien im Begriff, ihnen eine Lektion geben zu wollen, als das plötzliche
Oeffnen der Tür, die zur Fabrik führte, und der Anblick, der sich ihm hier
darbot, ihn alles andere vergessen machte. Zwölf Männer aus der arbeitenden
Klasse, dem Greisenalter nah, sichtbar abgemagert, mit eingefallenen, hohlen
Augen, den Rücken krumm gezogen durch übermässiges Arbeiten, die Hände voller
Schwielen, um den elenden Leib einige Kleiderfetzen hängend, traten langsam,
einer nach dem andern, ein. Es waren die verschiedenen Werkmeister der
Oburnschen Fabrik. Kummervoll überschaute Ehrig jede einzelne Figur; doch er
suchte seine Rührung zu verbergen, und frug ziemlich barsch: »Nun, was soll das?
Warum verlasst ihr die Fabrik während der Arbeitsstunden? Ich muss euch für diese
Versäumnis die übliche Taxe eures Wochenlohns abziehn. Geht schnell zurück; was
wollt ihr hier?« Da ergriff der älteste unter ihnen, Webermeister Schmidt, das
Wort: »Was wir wollen, Herr Buchhalter, das will ich Ihnen jetzt im Namen aller
meiner Kameraden sagen. Wir sind hier um mit unserm Herrn zu reden, weil wir
nicht Hungers sterben wollen mit Weib und Kind. Das ist wahrhaftig Grund genug!
Ihr Herren wisst nicht, wie weh der Hunger tut, wie es einem alten Vater fast
das Herz bricht, wenn die Kinder, die ihm der Himmel geschenkt, vergeblich nach
Brod rufen. Ja, Herr Ehrig, so kann es nicht länger mit uns bleiben! Wir sind
Menschen und wollen auch menschlich leben. Vor Jahren, als Herr Oburn diese
Fabriken gründete, bekamen wir doch wenigstens Lohn genug, um, wenn wir des Tags
rechtschaffen und fleissig gearbeitet, des Abends ein gesundes Nachtessen zu
geniessen, und in einem reinlichen Bett Kräfte für den kommenden Morgen zu
sammeln. Sonntags ruhten wir uns aus, gingen mit unseren Kindern in die Kirche,
und dankten dem lieben Gott für die Wohltat der Ruhe. Dann gings in die
Schenke; und bei einem Kruge Bier, bei einer Pfeife Taback vergassen wir alle
Lasten des Lebens. Mehr brauchen wir nicht - dabei waren wir glückliche Leute,
und trösteten uns dafür, dass wir auf Erden nicht alle gleich sein können, mit
der Hoffnung auf ein besseres Jenseits. Denn wer hier Arbeit und Mühsal hat, dem
verspricht ja die heilige Schrift im Himmel tausendfältigen Lohn. Mit uns ist's
aber von Jahr zu Jahr schlechter geworden. Unser Herr ward inzwischen ein
reicher Mann. Unser saurer Schweiss hat die Fabriken gehoben, und das Gold in
seiner Kasse gehäuft. Wir meinen denn, da wär's recht und billig gewesen, uns
eine kleine Zulage zu geben. Es hätte uns schon gefreut, weil wir des Herrn
Freundlichkeit und Menschenliebe daraus ersehen. Und das tut wohl, und weckt
auch bei uns Liebe und Vertrauen, und in die Arbeit kommt ein guter Geist. Doch
statt einer verdienten Zulage, hat man uns nach und nach immer mehr Abzüge
gemacht, so dass jetzt unser ganzer wöchentliche Verdienst sich auf andertalb
Taler beläuft. Davon können wir mit unseren Familien nicht leben. Sehen Sie
unsere morschen, ausgemergelten Knochen - woher soll uns die Kraft kommen, Tag
für Tag sechszehn Stunden zu arbeiten? Wir wollen daher alle einstimmig unsern
Herrn bitten, uns wieder unseren früheren Lohn auszuzahlen. Sonst arbeiten wir
alle nicht mehr! Not kennt kein Gebot! Kommt keine Hülfe von oben, so müssen
wir uns selbst helfen!« Fast drohend hatte der alte Mann die letzten Worte
gesprochen, und schwieg hier erschöpft still. Seine Kniee zitterten, und
schienen ihn nicht länger tragen zu können. Der Buchhalter aber sprach
freundlich und begütigend, »Setzt euch, Meister Schmidt! Ihr seid müde geworden,
und ich hab' auf euer Anliegen doch Manches zu erwiedern. Leider ist es wahr,
dass euch in den letzten Jahren bedeutende Abzüge gemacht sind; doch nicht dem
bösen Willen des Herrn dürft ihr diese harte Massregel zuschreiben, die er nur
mit Widerstreben ergriff, von ungünstigen Conjunkturen gezwungen. Ihr wisst es
nicht, welche grossen Verluste der Herr in den letzten Messen erlitten hat durch
Gründung neuer Fabriken, welche dieselben Stoffe billiger liefern. Doch vertraut
mir eure Angelegenheit an! Ich will sie vor eurem Herrn vertreten, als wäre es
meine eigene, und alles aufbieten, dass eurer grössten Not abgeholfen werde!«
Diese Worte der Hoffnung übten einen mächtigen Zauber aus auf die Gemüter der
Bittenden. Alle diese abgemagerten Gestalten, die nicht das Alter, sondern das
Elend, der Hunger und die Sorge zu Greisen gemacht, drängten sich zu dem
Buchhalter, reichten ihm, zum Dank für diese Aussicht, die harten Hände, und
liessen sich, getröstet von diesem Hoffnungsschimmer, geduldig wieder einspannen
in das alte Joch. Während dieser Scene sass der Fabrikherr in einem eleganten
Negligée mit seiner jungen Gattinn an einem reichgedeckten Frühstückstische.
Alles war komfortable eingerichtet in dem wöhnlichen Arbeitszimmer. Ein lustiges
Kaminfeuer wetteiferte mit der mattgelben Oktobersonne, die mitunter neugierig
einen Strahl durch das Fenster fallen liess, und dem Gemach den Schein einer
behaglichen Wärme lieh. Düfte von gebratenen Speisen und ausländischen Weinen
stiegen so lieblich auf, als sollten hier den alten Göttern Opfer dargebracht
werden. Gemütlich schlürfte Oburn ein Glas Burgunder nach dem andern,
verspeiste dazwischen mit seltener Virtuosität ein halbes Schock Austern, und
tranchirte eben ein delikates Rebhuhn, als der Buchhalter in das Zimmer trat.
»Verzeihen Sie, Herr Oburn, wenn ich jetzt störe; aber die Angelegenheit ist so
dringend, dass ich jede Verzögerung mir als ein Unrecht anrechnen müsste.«
Erschreckt durch diese Anrede, liess Oburn aus seiner Hand die schwere, silberne
Gabel fallen, und fragte heftig: »Nun, was gibts? Wieder ein neuer Verlust?
Sind die Ballen Baumwolle, welche wir von England steuerfrei erwarten, etwa in
die Hände der Zollbeamten geraten? Sprechen Sie doch, Mann! Machen Sie mir
keine Angst!«
    »Nein, Herr, das Geschäft ist gut beendet! die Ballen sind in Sicherheit. Es
erwächst Ihnen durch diesen billigen Einkauf ein grosser Gewinn, und gerade dies
gibt mir den Mut, jetzt als Abgesandter sämmtlicher Arbeiter zu Ihnen zu
sprechen. Die Not der Leute hat den höchsten Grad erreicht. Erbittert durch die
letzten Abzüge, die ich auf Ihren Befehl machen musste, haben sie fest
beschlossen, unverzüglich die Fabrik zu verlassen und die Arbeit bei Ihnen
gänzlich aufzugeben, wenn Sie den Lohn nicht wieder bis zu der früheren Taxe
erhöhen.«
    »Was,« schrie Oburn wütend, »das Volk will nicht mehr arbeiten? Ist für
solche Kreaturen nicht 1 Rtlr. 15 Sgr. wöchentlich ein reiches Einkommen? Was
brauchen sie denn mehr zum Leben? Wollen sie übermütig ein ganz besonderes
Glück in Anspruch nehmen? Ein für allemal, Herr Ehrig - reden Sie hierüber kein
Wort mehr - es bleibt so; und damit Punktum!«
    Ehrig's Blick überflog mit bedeutsamen Ausdruck den mit den feinsten
Leckereien besetzten Tisch, den er mit der kärglichen Kartoffel-Mahlzeit der
Arbeiter verglich. Seine Gedanken verweilten bei der masslosen Kluft zwischen den
Besitzenden und den Besitzlosen, nach deren Ausfüllung das Jahrhundert in
jugendlichem Streben ringt, bei jenem Bruch der Gesellschaft, den noch kein
System der edelsten Denker zu heilen vermochte, bei jenem Abgrund, an dessen
Rand die Revolutionen der Zukunft stehen. Voll Verachtung gegen die Herren der
Welt, die ihren Besitz als den sichtbaren Ausdruck der göttlichen Gnade, als ein
Monopol betrachten; die nicht einmal die bescheidensten Procente einer masslosen
Einnahme auf dem Altar der leidenden Menschheit niederlegen, entgegnete Ehrig:
»Nun denn, wenn Sie die herzzerreissende Lage Ihrer Leute nicht rührt; - ich habe
Ihrem Willen keine Macht entgegenzusetzen. Doch Sie erlauben mir, dass ich Ihr
Geschäft verlasse; denn der immerwährende Anblick von Sorge und Gram und
Verzweiflung reibt mich auf. Ich hatte mein Wort gegeben, bei Ihnen Fürsprache
zu tun. Da sie fruchtlos geblieben, so will auch ich nicht länger, auf Unkosten
der Armut, ein gutes Gehalt beziehn, und gebe hiermit freiwillig meine Stellung
auf.
    Nach diesen Worten entfernte sich Ehrig schnell. Oburn sah ihm bestürzt
nach; der Appetit war ihm vergangen; er stand hastig auf und ging im Zimmer auf
und nieder. Madame Oburn war eine stillschweigende Zeuginn dieser Unterredung
gewesen. Sie hatte sich während der ganzen Ehe nie um die Geschäfte ihres Gatten
gekümmert. Sein Reichtum überhob sie sogar jeder kleinen Sorge für die
Häuslichkeit, der auch Frauen aus den höchsten Ständen sich sonst oft
unterziehn. Besonders seit ihrer Rückkunft von Karlsbad hatte sie, der Aussenwelt
fast unzugänglich, sich ganz einem innerlichen Leben zugewendet, und träumerisch
vor ihrer Seele die Gestalten vorübergehn lassen, die so bedeutsamen Eindruck
auf ihr tiefstes Wesen gemacht. Nur auf den Klängen der Musik wiegte sie oft die
wechselnden Gefühle: Schmerz und Freude, all die Erinnerungen einer inhaltvollen
Zeit. Denn die Töne sind die sanftesten Dollmetscher des Gefühles und der
Schwärmerei, und lassen die leisesten Schwingungen der Seele ausklingen, wo das
Wort in seiner scharfen und schneidenden Bestimmteit das Gefühl verletzen
würde. Oburn hielt diesen apatischen Zustand für Krankheit, und ängstigte sich
ab, bis ihm der Arzt die Versicherung gab, dass seine Frau sich körperlich
vollkommen wohl befinde. Getröstet begann er nun, sie eine Närrinn zu schelten,
die ihm das Leben durch ihre Launen verbittere und immer ihren abgeschmackten
Träumereien nachjage. Auch zog er sich ganz von ihr zurück, und nur eine
zufällige Stimmung hatte die beiden Gatten zusammengeführt. Madame Oburn, tief
erregt durch Ehrigs Worte, folgte scharf betrachtend, jeder Bewegung ihres
Mannes; erhob sich dann plötzlich, näherte sich ihm leise, legte freundlich
ihren Arm auf den seinen, und sprach: »Du tust nicht wohl daran, den Arbeitern
Abzüge zu machen; es wird für Dich selbst schlimme Folgen haben; glaube es dem
redlichen Ehrig, und lass' es um keinen Preis dahinkommen, dass der treue Mann,
der so eifrig für Dein Wohl sorgt, das Haus verlasse!«
    Erstaunt sah Oburn seine Frau an; denn es war das erstemal, dass sie über
Angelegenheiten seines Geschäftes mitsprach. Erfreut über diese Teilnahme und
überzeugt von der Notwendigkeit, Ehrig zu behalten, sprach er in einem
liebevollen Ton: »Du hast wohl recht, liebe Johanna! doch nach den vielen
Verlusten, die ich kürzlich erlitten, bin ich wirklich nicht im Stande, die Lage
meiner Arbeiter zu verbessern! Doch das findet sich vielleicht mit der Zeit
wieder! Und dann, mein Kind, Du kennst dies Volk nicht! Wenn sie sehn, dass ich
jetzt bei meinem Willen bleibe; dass ich mich nicht schrecken lasse, so werden
sie schon ruhig fortarbeiten. Wo wollen sie denn hin? Die sind mir sicher! Grade
ihre Armut fesselt sie an mich! Ich kann ihnen noch weit grössere Abzüge machen
- sie müssen doch bleiben, und nach meiner Pfeife tanzen! Aber den Ehrig kann
ich nicht entbehren, ich will ihm das Doppelte seines Gehaltes bieten, wenn er
bleibt.« Verwundert hörte die junge Frau ihrem Manne zu: »Du hast Verluste
gehabt, lieber Oburn? Du kannst deshalb den Leuten nicht geben, worauf sie durch
mühsame Arbeit ein Recht sich erworben? Aber warum brauchen wir denn so viel?
Lass uns einfach leben! Fort mit dem übermässigen Aufwande! Die Summen, welche wir
dadurch nutzlos vergeuden, könnte die Lage aller Deiner Arbeiter sorgenfrei
machen. Hätte ich nur früher von Deinen Verlusten gewusst: ich würde schon längst
Einschränkungen im Hause gemacht haben.«
    Bei diesen Worten lachte Oburn hell auf: »Närrchen! Wir wollen uns deshalb
nichts abgehen lassen! Kümmere Dich nicht weiter darum, und sei zufrieden, wenn
Deine kleinen Füsschen auf weichen Teppichen gehen, und die niedlichen, weissen
Hände nicht durch Arbeit ihre Schönheit einbüssen.«
    Errötend mit vorwurfsvollem Blick sah Madame Oburn den Gatten an, und
entgegnete: »Oburn, hätte ich die Not Deiner Leute in ihrer ganzen Grösse
gekannt, ich würde mich geschämt haben, ihnen, mit Gold und Sammet geschmückt,
unter die Augen zu treten! O dass ich mich nicht früher darum bekümmert! Wie
mancher Not hätte ich abhelfen, wie manchen Fluch in Segen verwandeln können!«
    Rasch als könnte jeder ungenützte Augenblick ihr verderblich werden, eilte
sie in ihr Boudoir, öffnete eilig alle Fächer ihres Sekretairs, packte
verschiedene, sehr wertvolle goldene Ketten, Ringe, Geschmeide, Arm- und
Stirnspangen aus, wog mit sichtlicher Freude diese Preciosen in der Hand hin und
her, schellte, und liess den Buchhalter zu sich rufen. Als dieser bald darauf
eintrat, rief sie ihm zu: »Herr Ehrig! Ich war zugegen, als Sie meinem Gatten
die Bitte der Arbeiter um Erhöhung ihres Lohnes vortrugen! Da Oburn, selbst
bedrängt, sie für den Augenblick nicht erfüllen kann, so bitte ich Sie dringend,
meine Schmucksachen zu verkaufen, und den Erlös zum wöchentlichen Zuschuss für
die Leute insgeheim zu verwenden. Lange wird diese Summe leider nicht
ausreichen; doch wenigstens für den kommenden Winter die grösste Not lindern!
Und, im Frühjahr, hoffe ich, wird mein Gatte im Stande sein, die pekuniäre Lage
der Arbeiter für immer besser zu gestalten.«
    Ehrig sah sprachlos bald die glänzenden Preciosen, bald die liebliche junge
Frau an, und frug darauf zweifelnd: »Gnädige Frau, Sie wollten wirklich zum
Vorteile der Armut sich von ihrem Schmucke trennen?« »Das will ich in allem
Ernste! Jetzt, da ich mit den Zuständen der Armut vertraut geworden, will ich
solchen Schmuck nicht eher tragen, bis unsere Leute vor Not geschützt sind!
Aber, Herr Ehrig, bitte! Sagen Sie meinem Gatten nichts davon! Ich kenne ihn!
Sonst würde auch diese kleine Hülfe den Armen entgehn!« Stumm packte Ehrig die
Sachen zusammen, und verliess eilig das Gemach, um die ihn übermannende Rührung
zu verbergen. Sobald Madame Oburn sich allein sah, rief sie Köchinn,
Stubenmädchen, Bediente und Kutscher zu sich herein, zahlte ihnen den
rückständigen Gehalt aus, und verabschiedete sie sämmtlich. Nur die treue
Lisette behielt sie um sich. Als Herr Oburn später diese eigenmächtige Massregel
erfuhr, polterte er arg im Hause umher, schalt seine Frau eine Romanheldinn, und
beruhigte sich endlich durch die Hoffnung, dass diese Grille doch nur von kurzer
Dauer sein und das ancien régime im Haushalt bald wieder herrschen würde. Doch
Madame Oburn blieb fest in ihrem Vorsatz. Die bis dahin so verwöhnte, weichliche
Frau übernahm jede häusliche Beschäftigung, mochte sie ihr noch so ungewohnt und
fremd sein, ohne je den Wunsch nach Unterstützung zu äussern. Von früh bis spät
sorgte sie bereitwillig für die Bedürfnisse und Bequemlichkeiten ihres Mannes,
und fand immer noch Zeit genug, die Fabriken zu besuchen. Ihr natürliches,
richtiges Gefühl sagte ihr, dass freundlicher Zuspruch und menschliche Behandlung
diesen Leuten noch nötiger sei, als die Erhöhung ihres Lohnes. Desshalb sprach
sie freundlich mit allen, erkundigte sich nach den Familien und half nach
Kräften, wenn sie von einer Krankheit oder einem Unfall hörte. Die Arbeiter, die
sie bisher als die Ursache ihres gesteigerten Druckes angesehen hatten, beteten
sie jetzt an. Die bärtigen Gesichter glänzten vor Freude, wenn sie in die
Arbeitssäle trat; und von dem Wiederschein dieser Freude wurde selbst das sonst
undurchdringlich ernste Gesicht des Buchhalters verklärt, der seine Herrinn auf
diesen Gängen zu begleiten pflegte! Bei all' ihrer Milde und Menschlichkeit,
trotz des Segens, den sie überall verbreitete, konnte Madame Oburn doch bei den
Werken der Wohltätigkeit ein peinliches Gefühl nicht überwinden. Ihr richtiger
Takt gab ihr das Bewusstsein, das die tiefsten Denker dieses Jahrhunderts
erkannt, und in kühnen Problemen wissenschaftlich ausgearbeitet, das Bewusstsein,
dass in der Wohltätigkeit selbst, und mag sie mit noch so viel christlicher
Liebe prunken, eine Erniedrigung liege für die Bedürftigen, deren ewige
Menschenrechte zu einem Gegenstand frommer Herablassung herabgewürdigt würden,
zu einem Gnadengeschenk, das eine aus dem Katechismus geschöpfte Sittlichkeit
mit den andern zugleich sich selbst macht! Abgesehen von dem Posaunenton des
Pharisäertums, der noch jetzt in allen Gassen, an allen Ecken ertönt, wenn er
sich auch in den Heroldruf überschwänglicher Christlichkeit verwandelt;
abgesehen von der eigennützigen Wohltätigkeit, welche ihre Gaben nur auf
Abschlag himmlischer Belohnung spendet: wird nicht durch unsere socialen
Verhältnisse selbst die milde Humanität gezwungen, die Miene der Herablassung
anzunehmen, und einem entwürdigten Pariatum als Gnade und Segen gegenüber zu
treten? Doch allmählich beginnt auch in den Massen das Bewusstsein der ewigen
Menschenrechte, wie sie die französische Revolution proklamirt, die keine Form
der Freiheit geben ohne ihren Inhalt; sondern den Anspruch auf eine Existenz,
die in allem Reichtum der Schöpfung sich mit Freiheit auszubreiten berechtigt
ist. In den neuesten Entwickelungen des französischen Geistes gähren diese
Probleme mit dunkler Gewalt, eine Gährung, die noch keine feste Form gewinnen
kann, die proteusartig ihre Gestaltungen wechselt, oft in leere Luftbilder
verweht, in eiteln Dunst ausdampft; aber stets Zeugnis ablegt von der innern,
schaffenden Notwendigkeit, welche fortzuleugnen eine Blasphemie ist gegen den
neuen Geist der Menschheit. Die deutsche Philosophie hat die Aufgabe, diese
Erscheinungen auf ihren wahren Gehalt zurückzuführen, ihre innerste Bedeutung
aufzufassen, ihnen ihre Stelle anzuweisen in der Entwickelung des Geistes.
    In Rousseau's Urwälder zurück zu fliehen, die ganze Cultur als Flitterwerk
und Unnatur, als aufgedrungene Last von sich zu werfen, und ein vierbeiniges
Leben zu führen: das ist der neuen Menschheit nicht möglich: das hiesse ihre
innerste Entwicklung verläugnen; das ist der Gedanke der kolossalsten Reaktion,
den je ein Menschengeist gedacht! Doch die tiefern Gegensätze, welche aus dieser
Kultur hervorgegangen, müssen auf ihrem eigensten Terrain sich auskämpfen. Die
Industrie, die Mutter des Proletariats, die zugleich den Reichtum und die
Armut bringt, den Reichtum für Einzelne, welche die Nation repräsentiren; die
Armut für die Massen: sie ist das neueste Kind der Cultur, unter bedenklichen
Auspicien geboren, einer bedenklichen Zukunft entgegensehend. Sie hat die
Armut, die bisher zufällig war und isolirt oder in der Knechtschaft Rettung vor
dem Hunger fand, zuerst freigegeben und organisirt, so dass sie jetzt als eine
imposante Macht in die Geschichte tritt.
    Die Associationen der Armut, der englische Chartismus, ihre ersten
Schlachten in Lyon und Paris, ihre verzweifelte Experimental-Revolution in den
schlesischen Gebirgen: das sind Taten, mit denen ein neues Blatt in der
Geschichte beschrieben wird. Dazu der Zweifel an dem Eigentum, dessen
Heiligkeit von der kühnen Kritik eines Proud'hon aufgelöst wird; der
phantastisch organisirte Communismus eines Cabet und Weitling. Die socialen
Teorien eines Dezamy und Louis Blanc: sie alle legen Zeugnis ab von den neuen
Gedanken, welche der Gemüter der Menschen sich bemächtigen, und von dem tiefen
Bruch in unseren Verhältnissen, der sie hervorruft. In all' diesen prophetischen
Träumen, in diesen oft chimärischen Zukunftsbildern, wie in der kühnen,
zersetzenden Dialektik der Denker, welche keine bestehende Einrichtung wegen
ihres verjährten Brauches respectirt: webt und lebt ein neuer,
Menschheiterlösender Genius, eine neue, erhabene und aufopferungsfähige
Sittlichkeit, die in Frieden und Krieg, in Leben und Tod, mit der Tat des
Hasses oder dem Werk der Liebe, mit Ueberredung oder Gewalt den Segen der
allgemeinen Verbrüderung heraufführen will über eine innerlich verfallene Welt.
Du armes Proletariat, Erbe des alten Fluches vom Paradiese, verdammt, im
Schweisse des Angesichts dein Brod zu essen, und nimmer frei und unbefangen den
Blick emporzurichten mit all' der Majestät der Menschenwürde; verdammt, die
Maschine zu sein, die gedankenlos von Tag zu Tag sich abarbeitet für fremden
Genuss und nimmer die Früchte des eigenen Fleisses ärndtet: auch dir wird bald die
Sonne eines bessern Lebens aufgehen, eines Lebens, dass deine Arbeit mit
Bewusstsein und mit Genuss belohnt, und alle Entbehrung und Bedürftigkeit
kümmerlicher Verhältnisse von dir fernhält.
    Die Arbeit der Denker wird und kann nicht vergebens sein; die Macht des
Gedankens wird und muss die Welt unterwerfen. Das geheiligte Recht, das eine
sklavische Gelehrsamkeit nur zu glossiren und zu erläutern wagte, ist von der
Wissenschaft nachgewiesen als ein Unrecht, das in seinen neuesten Entwickelungen
schwer auf der Menschheit lastet und sich selbst auflösen muss. Eine Reform tief
eingreifender Uebel, die den Schein des Guten, das bestehende menschliche und
göttliche Gesetz für sich haben, muss eine Revolution verhindern.
    Die Besitzenden müssen nicht länger ihre Ohren verstopfen vor dem neuen
Evangelium der Liebe, das ihnen gepredigt wird, ein verstocktes Pharaonentum
wird ihr eigenes Verderben sein. Die kleinen Geldtyrannen, welche auf ihr Erbe
so stolz sind, wie die Herren von Gottes Gnaden auf das ihre, und einen
Despotismus en miniature ausüben, werden, wenn sie nicht freiwillig abstehen von
so quälendem régime, eine Revolution hervorrufen, welche den ganzen Bau der
Gesellschaft zusammenschüttelt; der gegenüber die französische Revolution nur
ein politisches Kegelschieben war. Darum, ihr Besitzenden! Erkennt die
unveräusserlichen Menschenrechte an, in einer Association des Friedens und der
Liebe, ehe sie euch proklamirt werden, von einer blutigen Association des Hasses
und des Krieges.
    Herr Oburn war indes von solchen Gedanken weit entfernt. Er sah, dass die
Arbeiter sich beruhigten, ohne die geheime Ursache zu kennen. Darüber
triumphirte er: »Sehen Sie, Herr Ehrig! die Leute sind, ohne Lohnerhöhung, doch
geblieben! O ich weiss sie zu beurteilen; ich verstehe, sie zu behandeln! Das
Volk muss gedrückt sein - der Druck ist sein Lebens-Element! Wenn es erst
anfängt, frei aufzuatmen, dann ist es um den Wohlstand der Fabrikherrn
geschehn!«
    Ehrig erwiederte nichts auf diese Reflexion. Seine Gedanken waren bei der
schönen, jungen Frau, die durch eine so edle Praxis der Humanität ihres Gatten
Teorieen beschämte.
 
                                       12
In der ziemlich bedeutenden Provinzialstadt, in welcher Oburn seinen Wohnsitz
aufgeschlagen, war in diesem Winter ein aussergewöhnliches reges,
gesellschaftliches Leben. Zwar nahm Oburn und seine Frau gegen die frühere
Gewohnheit keinen Teil an diesen Vergnügungen, sondern lebte still und
zurückgezogen, in einsamer Verstimmteit, während der ganze Ort wie ein in Scene
gesetzter Roman der Gräfinn Hahn-Hahn aussah, in welchem bekanntlich die
Gesellschaft und die Gesellschaften die Hauptrolle spielen und alles Heil der
Welt in den feinen Ton und in die konventionellen Formen gesetzt wird.
    Veranlassung zu diesem lebendigen Treiben mochte wohl der Aufentalt des
Prinzen C** geben. Ihm zu Ehren reihte sich Fest an Fest, Ball an Ball; die
reiche Kaufmannschaft liess ihre Goldminen springen; selbst Offiziere und Beamten
stürzten sich in ehrgeizigem Wetteifer in eine Schuldenlast, um mit der
Bewirtung eines fürstlichen Hauptes prahlen zu können, eine Begnadigung und
Ehre, die sich in heiligen Familiensagen forterbt von Kind zu Kindeskind!
Besonders zeichnete sich das Banquierhaus Neumann durch seine glänzenden,
geschmackvoll arrangirten Feste aus. Obgleich man gewohnt war, dass der reiche
Banquier jedes Quartal mit einem grossen diner begann, bei welchem aller Glanz
des Silbers und Tafelzeuges entfaltet wurde, so staunte man doch in's geheim
über diesen noch nie dagewesenen Pomp, zuckte die Achseln, und zischelte sich
bedeutsam in die Ohren. Man fürchtete allgemein, dieser Hochmut werde zu Fall
kommen und das Fortunatussäcklein seine Fülle urplötzlich erschöpfen. An dem
Tage, als diese Furcht grössere Begründung zu gewinnen schien, herrschte gerade
in den Oburnschen Fabriken eine besondere Freude, wie sie nur Festtagen eigen zu
sein pflegt. Die Dampfmaschinen waren polirt und blank geputzt; die Säle
reingefegt und mit frischem Sande bestreut; die Arbeiter, mit reinlicher Wäsche
bekleidet, sassen vor ihren Webstühlen, die ebenfalls von dem verjährten Staube
gesäubert waren; die Comptoiristen hatten, mit noch kunstgeübterer Hand, als
gewöhnlich, Busenstreif und Manschetten geordnet; und die blauen Fracks mit den
gelben Knöpfen angezogen. Alles schien gespannt und erwartungsvoll; am meisten
wohl der Fabrikherr selbst. Unruhig ging dieser in seinem geöffneten Prunkzimmer
auf und ab, besah dann wohl eine Minute lang seinen neuen eleganten Anzug im
Spiegel, sprach laut, wie mit einer andern Person, mit sich selbst, indem er mit
den Händen gestikulirte und tiefe Reverenzen machte. Dann öffnete er eine
Nebentüre die in das Boudoir seiner Gattin führte, sah hinein, und rief
ungeduldig: »Johanna, bist du noch nicht angekleidet? Was? in diesem einfachen,
schwarz seidenen Kleid willst Du den Prinzen empfangen? Wo ist Dein Schmuck? Ich
will nicht, dass meine Frau, wie eine Nonne einhergehen soll! Rasch! Putze Dich!
Zieh' ein reiches Gewand an, und schmücke mit den Rubinen Deinen weissen Hals.«
    Madame Oburn, die überhaupt nicht mehr so frisch und blühend aussah, wie in
Carlsbad, war gerade heute auffallend blass; doch diese edle Blässe, das Attribut
geistigen Leidens, raubte ihr nichts von ihrer Schönheit. In dem schlichten,
tiefschwarzen Kleide, das Haar auf der hohen Stirn kindlich gescheitelt, sah sie
so ideal aus, hatte ihr Wesen eine so eigentümliche Verklärung, dass es schwer
zu bestimmen war, ob sie an jenem Abend auf dem Ball des Fürsten Constantin,
oder an diesem Morgen einen grösseren Zauber ausübte. Ruhig, doch bestimmt,
erklärte sie ihrem Gatten, dass es ihre Absicht nicht sei, den Prinzen zu
empfangen, dass sie in ihrer gewöhnlichen häuslichen Toilette bleiben würde. Die
aufschwellende blaue Stirnader des Gatten liess eine heftige Gegenrede erwarten;
doch das Heranrollen der prinzlichen Equipage verhinderte den Ausbruch des
drohenden Sturms. Noch einmal musterte der Fabrikherr seine Figur in dem hohen
Trümeaux, postirte sich dann, mit seinem Comptoir-Personal, an dem Portal des
Hauses, um hier den Prinzen zu empfangen, der nur von seinem Adjutanten und
Leibarzt begleitet war. Oburn hatte, zu der feierlichen Anrede, das ganze
Wörterbuch der stammelnden Untertänigkeit auswendig gelernt; und war, in
Mienen, Bewegung und Sprache, ein leuchtendes Vorbild der treuesten Loyalität.
»In seines Nichts durchbohrendem Gefühle« stand er da mit gesenktem Haupt, und
stotterte einige Redensarten von unendlicher Ehre und Gnade heraus, in denen
sich sein zusammengepresstes Innere Luft machte. Der Prinz übersah mit vornehm
nachlässiger Miene die Befangenheit oder Unbeholfenheit des Herrn Oburn; und
verlangte gleich die Fabriken zu besichtigen. Persönlich umhergeführt von dem
Besitzer, dem das Bewusstsein seines Besitzes einigermassen eine behäbige Fassung
wiedergab, fand er alles vortrefflich eingerichtet, lobte die Intelligenz des
Gründers, sprach leutselig mit den Arbeitern, und liess ihnen von seinem
Adjutanten ein reiches Douceur überreichen. Als die Umschau vorüber war, nahte
für Herrn Oburn ein schwerer Augenblick, dessen Erwartung ihm schon seit Ankunft
des Prinzen den Angstschweiss auf die Stirn getrieben; nämlich die Bitte, der
Prinz möchten die Gnade haben, höchsteigen ein Frühstück bei ihm einzunehmen.
Doch wie es ein harmloser Witz des Schicksals ist, dass gerade das, was man im
Leben am meisten fürchtet, am glücklichsten vorübergeht, so hatte auch Oburn für
seine ausgestandene Angst, die grosse Genugtuung, dass der Prinz sichtbar erfreut
die Einladung annahm und mit raschen Schritten in die geöffneten Gastzimmer
eintrat. Die Einrichtung derselben war elegant und geschmackvoll; das servirte
Frühstück hätte die verwöhnteste Zunge eines Epikuräers befriedigen können.
Madame Oburn war nicht sichtbar. Der Prinz in irgend einer lieben Hoffnung
getäuscht, wurde verstimmt und schweigsam. Herrn Oburn überfiel bei dieser
sichtlichen Veränderung ein panischer Schrecken; auf allerlei geistlose Fragen,
die er an den Prinzen richtete, erhielt er kurze, einsilbige Antworten; seine
Verzweiflung steigerte sich immer mehr, je mehr die Aussicht schwand, dass seine
Frau ihn durch ihre Ankunft von dieser Marter erlösen werde. Der Gedanke an
seine Frau brachte ihn übrigens auf den glücklichsten Einfall. Ihr lebensgrosses,
sehr ähnliches Portrait, von einem der ersten, jetzt lebenden Künstler gemalt,
hing in reichem, goldenen Rahmen in seinem Geschäftszimmer. Schnell öffnete er
die Türe, die dahin führte, und zog den Prinzen hinein mit den Worten: »Wie
gefällt Ihnen dies Bild?«
    Wie die Sonne plötzlich durch finsteres Gewölk bricht: so erhellte sich das
verdüsterte Gesicht des Prinzen zu einem Freudenschein, der im Nachglanz noch
die Züge des Herrn Oburn verklärte. »O mein Gott! wie schön ist sie doch!«
sprach der Prinz nach langem Anschauen fast bewusstlos vor sich hin; »und wie
wunderbar ist dies Bild getroffen!« Den Schritten des Prinzen war sein Leibarzt
unmittelbar gefolgt. Auch er stand vor diesem Portrait wie festgebannt;
Erinnerungen an eine teure Vergangenheit überkamen ihn mächtig bei dem Anblick
dieser Züge. Sein Auge blitzte auf wie vor Freude und Seligkeit; die strengen,
edeln Züge wurden weicher, ein Hauch des Friedens wehte darüber hin; doch diese
stille Seligkeit wich plötzlich einem höhnischen bittern Ausdruck. Wie von
heftigen innerm Leiden erfasst, ballte er beide Hände, presste die Lippen fest
zusammen, und wandte sich dem Fenster zu. Herr Oburn hatte beide aufmerksam
beobachtet; eine Ahnung durchzuckte sein misstrauisches Gemüt, als ob nicht das
schöne Bild, sondern das Original der Gegenstand sei, der Beiden ein so
lebhaftes Interesse einflösse; doch wusste er sich zu beherrschen, und frug
unbefangen: »Kennen Sie, mein Prinz vielleicht meine Frau?«
    »Ich war vergangenen Sommer so glücklich, in Carlsbad eine Dame flüchtig zu
sehen, der das Bild sprechend gleicht. Wo die Schönheit so überraschend ist,
prägen sich alle Züge tief ein. Desshalb mag es Sie nicht befremden, wenn ich
dies Portrait mit Bewunderung betrachte. Ist diese Dame wirklich ihre Gattinn,
so sind Sie der beneidenswerteste Mann, den ich kenne.« Wie eine herbe Pille,
schluckte der Ehemann diese Schmeichelei herunter: »Ja wohl, bin ich das und ich
bedaure nur, dass meine Frau durch Krankheit verhindert ist, die Wirtin meines
hohen Gastes zu sein!«
    Alle drei Personen waren in eine Stimmung versetzt, welche den materiellen
Genuss eines feinen Frühstücks verschmähen musste. Die auserlesensten Leckereien
verliessen unberührt den Tisch; nur dem Wein, dessen Güte und Alter solchen
Vorzug verdiente, liessen sie sein volles Recht widerfahren. Als der Rebentrank
eben anfing, das Gespräch frischer und lebendiger zu machen, wurde die Türe
rasch und heftig aufgerissen; der Buchhalter Ehrig trat leichenblass in das
Zimmer, und schrie fast konvulsivisch, ohne auf den hohen Gast die geringste
Rücksicht zu nehmen: »Banquier Neumann hat fallirt!«
    Die Wirkung dieser wenigen Worte auf Oburn war unbeschreiblich. Vollkommen
erstarrt, ohne die geringste Spur des Lebens stand er, einige Minuten an die
Wand gelehnt. Dann arbeitete seine breite Brust gewaltig; und die Worte: »dann
bin auch ich ruinirt,« entrangen sich mühsam seinen Lippen. Im Innern des
Prinzen musste während dieser Scene irgend ein Entschluss reifen. Fast freudig sah
er auf die vom Schreck zerschmetterte Gestalt des Fabrikherrn, reichte ihm
herablassend die Hand, und sprach: »Adieu für Heute, lieber Oburn! Sollten Sie
in irgend einer Beziehung Hülfe brauchen, so wenden Sie sich nur an mich. Meine
Kasse und meine Connexionen stehen Ihnen gern zu Gebote.«
    Durch das Fallissement des Banquierhauses verlor Herr Oburn eine baare Summe
von 50,000 Talern. Dieser Schlag hatte ihn so unerwartet getroffen, dass er in
den ersten Tagen nach diesem Ereignis wie betäubt umherging. Dann raffte er sich
auf, nahm mit dem Buchhalter seine Credit- und Debetbücher genau durch, und
erhielt als Resultat die traurige Gewissheit, dass sein Ruin unabwendbar sei, wenn
er nicht irgendwo eine Anleihe von 50,000 Taler machen könnte. Oburn war
übrigens eine tatkräftige Natur. Sobald ihm seine verzweifelte Lage ganz klar
geworden, sah er diesem Schreckbild fest ins Auge, und versuchte Alles, um
diesem Unglück vorzubeugen. Alles, was an ihn zahlbar war, wurde eingezogen; und
wo er selbst Verpflichtungen hatte, bat er auf einige Monate um Stundung. Doch
selbst die befreundetsten Kaufleute schlugen ihm dies ab; und drangen,
vielleicht selbst durch Neumanns Bankerott gezwungen, auf augenblickliche
Zahlung. Eben so vergebens war Oburns Bitte um ein Darlehn, obgleich er selbst
in ähnlicher Lage oft seinen Freunden tätige Hülfe geleistet. Doch jetzt fand
sich keiner dazu bereit; alle lehnten es, unter diesem oder jenem Vorwande ab.
Seine Lage wurde wirklich verzweifelt, als auch noch ein englisches Haus, das
für ihn Geschäfte in Baumwollgarn machte, ihm einen bereits acceptirten Wechsel
von 10,000 Rtlr. zu augenblicklicher Zahlung präsentirt und über Oburn, im Fall
einer Zögerung, als säumigen Wechselschuldner Personal-Arrest verhängte.
    Dieser Schlag vernichtete Oburns letzte Hoffnung. Er verschloss sich 24
Stunden lang in sein Zimmer; man hörte ihn darin laut ächzen und stöhnen, Tag
und Nacht mit heftigen Schritten auf und ab gehen. Nachdem der wildeste Sturm
ausgetobt, trat er in das Zimmer seiner Frau. Er musste fürchterlich gelitten
haben, denn seine Züge waren tief eingefallen; und der hochrote Bart an dem
einen Tage grau geworden.
    Madame Oburn hatte alle diese Schreckensnachrichten mit bewundrungswürdiger
Ergebenheit aufgenommen. Der Gedanke, dass sie von jetzt ab in Armut und
Dürftigkeit leben müsse, hatte für sie nichts vernichtendes: denn sie kannte den
Wert des Geldes noch nicht, und war durch den Besitz desselben zu wenig
glücklich geworden. Liebevoll eilte sie ihrem Gatten entgegen und brach bei dem
Anblick seiner verfallenen Gestalt in heftiges Weinen aus. Dieser Beweis ihres
Mitgefühls erschütterte ihn, und als ob er sich jeder weichen Regung schämte,
unterdrückte er schnell eine hervorquellende Träne, und sprach: »Prinz C** wird
heute zu uns kommen; ich muss bei ihm eine bedeutende Anleihe machen. Ich erwarte
von Dir, Johanna, dass Du Dich vernünftig beträgst, und Deine ganze
Beredungskunst und Liebenswürdigkeit aufbietest, um den Prinzen willfährig zu
stimmen; denn von der Herbeischaffung dieser Summe hängt nicht allein unser
eigenes Glück und das Wohl unserer Arbeiter ab; sondern meine Ehre, - merke Dir,
Johanna, meine Ehre! Bis Morgen früh muss ich im Besitz dieser Summe sein, oder
mein Name ist gebrandmarkt für immer, und meiner wartet gefängliche Haft. Alles
steht auf dem Spiel; alles muss gewagt werden und daran gesetzt an die Rettung.«
Wie ein schwerer Unheil drohender Traum, aus dessen Banden sich die Seele
vergebens loszureissen sucht: so wirkten diese Worte auf Madame Oburn, und es
währte lange, ehe sie ihren ganzen Sinn gefasst. Ausser sich warf sie sich vor
ihrem Gatten auf die Kniee nieder, und rief leidenschaftlich: »Oburn, verlange
das nicht von mir! Ich will für Dich arbeiten, für Dich betteln; doch nimmer den
Prinzen um Hülfe flehen! Wenn Du wüsstest - ja wenn Du wüsstest -« ein eisiger
Frost schüttelte bei dieser Erinnerung die zarten Glieder - »welch' unseliger
Stern mich schon mit ihm zusammengeführt; Du würdest das nimmer von mir
verlangen!« »Närrinn! Ich mag, ich will nichts wissen - es ist mein fester
Entschluss, dass Du, gerade Du, den Prinzen bewegen sollst, uns zu retten. Auf ein
paar Weibertränen kann ich nicht Rücksicht nehmen, wo es darauf ankommt,
Hunderte von Menschen vor gänzlichem Verderben zu retten. Das solltest Du selbst
überlegen, wenn es Dir überhaupt mit Deinen schönklingenden Redensarten Ernst
ist. Hier ist nichts mehr zu wählen und zu besinnen!«
    Herr Oburn hatte das Zimmer schon längst verlassen, als seine Gattinn noch
immer starr dasass, bewusstlos und gefühllos. Es gibt solche Augenblicke, in
denen die Seele alle Farben und Formen des Lebens, alle festen Gedanken und
festen Gefühle verliert, und sich ganz in die einförmig schwarze Nacht der
Existenz versenkt. Nur das dumpfe Brüten bleibt, und der Alpdruck eines
namenlosen Schmerzes!
    Madame Oburn rang sich plötzlich aus dieser Apatie los, sprang hastig auf,
lief in das Comtoir, und ersuchte atemlos den Buchhalter um das Contobuch ihres
Gatten: »Ich beschwöre Sie, Ehrig, sagen Sie mir aufrichtig, wie steht es mit
meinem Mann?«
    Ehrig schaute sie mit kummervollen Blicken an, und erwiederte ganz leise:
»Gnädige Frau! Werden Sie auch stark genug sein, die Wahrheit zu ertragen?
Wohlan denn, ich schwöre es bei meiner Ehre! Wenn Ihr Gatte nicht bis Morgen die
Wechselschuld von 10,000 Rtlr. decken kann, so ist das Geschäft ruinirt und die
Fabriken werden von den Kreditoren um einen Spottpreis verkauft.«
    »Haben Sie alles versucht, alles?« frug die junge schöne Frau mit einem
flehenden Blick, der dem Buchhalter bis in's Innerste drang. »Oburn hat viele
Freunde; will ihm Niemand helfen?«
    »Niemand, gnädige Frau!«
    »Unser Mobiliar und Silberzeug ist von bedeutendem Wert! Verkaufen Sie
alles - und retten Sie die Ehre meines Mannes!«
    »Die Summe ist zu gross, und kann dadurch nicht getilgt werden. Auch ist es
zu spät. In zwölf Stunden muss die Zahlung geschehen sein - oder -«
    Madame Oburn bedeckte die Augen mit den Händen, und rief leidenschaftlich:
»Genug, Ehrig, genug!«
    Eine Stunde später hatte Herr Oburn eine lange, geheime Unterredung mit dem
Prinzen C**. Sie musste für beide befriedigend ausgefallen sein; denn das Gesicht
des Prinzen sah bei'm Abschied triumphirend aus, und auch Herr Oburn trat
sichtlich erheitert und ruhig in das Comtoir, und verkündete dem Buchhalter, dass
der Prinz bereit sei, Morgen früh die Summe von 10,000 Rtlr. vorzuschiessen. Bei
dieser Nachricht erbleichte Ehrig, und sah Oburn mit einem vorwurfsvollen Blicke
an, den dieser nicht ertragen konnte. Rasch wandte er sich ab, und ging in das
Gemach seiner Frau.
    Stumm trat er ein; es war eine unheimliche Pause! Sie lag auf dem schwarzen
Sammet-Sopha, betäubt und lautlos, er ging hastig im Zimmer auf und ab. Dann
sprach er plötzlich in bittendem Ton: »Johanna, Johanna!
    Bei meiner Ehre! Es gibt nur dies eine Mittel, uns zu retten! Glaube nicht,
dass ich leichten Sinnes mich dazu entschlossen! Es hat mich schweren Kampf
gekostet; denn ich liebe Dich! - Du musst - - - - - - -!«
    »Oburn,« schrie die Frau ihm entgegen,« Du willst mich verkaufen, wie eine
Sache, wie Dein Eigentum verhandeln! Fühlst Du nicht die namenlose Beschimpfung
und Entwürdigung, die Dich trifft, wie mich!«
    »Die Welt erfährt nichts davon; diese Beschimpfung bleibt im Stillen, und
wir können uns, wenn es uns auch schwer fällt, über Vorurteile hinwegsetzen.
Hier gilt es die Ehre vor der Welt, unsere ganze bürgerliche Stellung! davon
hängt der Wert unseres Lebens ab; und sie müssen wir gegen jedes Opfer
erretten!« »Oburn - es ist nicht möglich - noch glaub' ich nicht, dass es Dir
Ernst ist mit so schimpflicher Barbarei -«
    »Es ist mein Ernst; ich bin entschlossen. Gerade an diesem Opfer will ich
Deine Liebe erkennen! Es bleibt dabei!«
    »Du hast kein Recht, über meine Liebe und meine Ehre zu bestimmen. Ich werde
die heiligsten Rechte meines Herzens und Lebens wahren - dies ist die Stelle,
die uns auf ewig trennen muss.«
    Oburn nahm einen bittenden Ton an, ein Ton, der seinem Wesen fremd war, zu
dem ihm nur die schmerzlichste Zerknirschung seines Innern treiben konnte. Das
höchste Gut seines Lebens stand auf dem Spiel - und in die Gewalt seiner Frau
war es gegeben, den drohenden Sturm zu beschwören. Gerade der nahe Verlust
zeigte ihm den ganzen Wert des klingenden Mammons; seine fiebernde Angst liess
ihn ängstlich nach Rettung umhersuchen; das Gold stand wie ein Phantom vor
seiner Seele, unentfliehbar, ihn fesselnd mit eherner Macht; und wuchs in den
phantastischen Bildern, die durch seine Seele jagten, zu riesenhafter Gestalt.
Wie klein schien ihm dagegen das Opfer, das seine Frau bringen sollte, ein
kurzes Liebesglück an einen Fremden verschwendet, eine selige Nacht, untreu den
Laren des Hauses, unter einem fremden Gestirn geträumt! Dennoch ängstigte ihn
die fieberhafte Spannung seiner Frau. Er stand vor ihr wie ein Delinquent, der
um Gnade fleht; doch sie wies ihn mit Entschiedenheit zurück.
    Er wollte ihre Erklärung nicht als fest, ihren Entschluss nicht als wandellos
hinnehmen, und verliess das Zimmer, mit dem Versprechen, nach zwei Stunden
zurückzukehren, indem er die Hoffnung aussprach, sie dann bekehrt zu sehn, und
geheilt von ihren törichten Vorurteilen. -
    Madame Oburn war in jene Spannung versetzt, die, wenn sie nicht die Seele
aufzehren sollte, sich in äusserer Handlung rasch und entschieden betätigen
musste. Der Bruch in ihrem Leben war vollendet: sie fühlte sich durch die
Zumutung ihres Gatten entehrt, in dem innersten Kern ihres Wesens verletzt.
    Die vollständige Entfremdung liess sie nicht einen Augenblick länger mit ihm
unter demselben Dache verweilen. Er hatte sich des Rechts auf ihre Liebe unwert
gemacht, eine Liebe, die gerade jetzt im Unglück ihm treu zur Seite stehen
sollte.
    Dieser Gedanke verzögerte auf kurze Zeit ihren Entschluss; doch sie wurde
sich darüber klar, dass von Pflichten zwischen ihr und ihrem Gatten nicht mehr
die Rede sein könne. Rasch und geheim liess sie ihre Sachen einpacken, den
Reisewagen fertig machen, und fuhr, ohne von Oburn Abschied zu nehmen, aus dem
Hause, die Schande fliehend, die ihr drohte. Frei atmete sie draussen auf; es
ging der Hauptstadt zu, einer stürmischen Welt voller Klippen und Untiefen,
deren Wogen manch leuchtendes Segel zur Tiefe hinabziehen, aber auch manch
lichte Perle aus ihrem Schosse zu Tage fördern.
    Das war der erste Abschnitt ihrer Ehe, reich an allen Conflikten, welche das
Leben der Gegenwart bewegen. Gewaltsam hatte sie sich losgerissen von qualvollen
Verhältnissen, die in innerer Auflösung sie zu zertrümmern drohten. Ihren Gatten
liess sie allein, anheimgegeben dem modernen Fatum, das Menschen und Götter
beherrscht, dem Golde, das wie Saturn seine eigenen Kinder verschlingt! Sie
rettete ihr besseres Selbst vor der brutalen Gewalt, die sich in hundert
Gestalten gegen sie verschwor! Sie rettete die Heiligkeit der Ehe, indem sie
dieselbe zerriss! Doch noch hatte sie eine Gewalt nicht besiegt, die mächtiger
war, als Rang und Geld und Freiheit; die im Hintergrund zurückgedrängt, bald
siegsgewiss auftrat, ein Gestirn, das ihr Leben beherrschte von jetzt ab, eine
Kraft, welche in ureigener, angestammter Heiligkeit die Formen zerbrach, die das
Gesetz und die Sitte der Menschen geheiligt - die Liebe.
 
    