
        
                                  Louise Otto
                               Schloss und Fabrik
                                     Roman
                                   Erster Band
                                     Vorwort
An dem Tage, wo ein Autor zu seinem Buche die Vorrede schreiben kann, sagt Jean
Paul irgend wo, ist er glücklich.
    Jean Paul hat mit diesem Wort so Recht, wie mit manch' anderm - ich fühle
das jetzt und heute. Aber wenn ein Mensch eine glückliche Stunde hat, wie sie
ihm selten kommt, so macht sie ihn öfter stumm, als beredt, so dass er zu all'
denen, welche ihm begegnen, oder zu ihm kommen, nicht anders zu reden weiss, als
durch einen herzlichen Druck der Hand.
    Und so denn auch Euch, meine Leser, jetzt kein Wort weiter, aber Gruss und
Handschlag von
                                                                der Verfasserin.
    Meissen, im Januar 1846.
 
                            I. Die Erziehungsanstalt
 »Was er mir ist? O, frage Blumenkelche,
 Was ihnen wohl der Tau, der sie besprengt?«
                                                                    Betty Paoli.
Zehn Uhr Abends. Um diese Stunde mussten in dem grossen Hause des Herrn Doctor
Nollin alle Lichter verlöscht und sollten alle Augen geschlossen sein. Und es
waren viel schöne Augensterne, die da mit den Lichtern um die Wette zu leuchten
aufhören mussten, statt dass manche von ihnen gewiss noch so gern abendlich
geschwärmt und geblinkt hätten. Denn mehr als zwanzig junge Mädchen bewohnten
dieses Haus auf der breiten, aber etwas einsamen Königsstrasse einer Deutschen
Residenz zweiter Grösse. Herr und Madame Nollin leiteten nämlich ein Institut zur
Erziehung und Ausbildung junger Mädchen aus den höheren Ständen. Das Institut
war eben so vornehm, als kostspielig eingerichtet und daher auch nur von den
Töchtern solcher Familien besucht, welchen Rang und Reichtum einen grossen
Aufwand gestattete. Dasselbe das erste der Residenz nennen zu können, war der
Stolz von Madame Nollin.
    Zehn Uhr Abends. Auch die junge Gräfin Elisabet von Hohental hatte ihr
Licht verlöscht und, der Hausregel folgend, das Lager gesucht. Aber sie richtete
sich bald wieder unruhig auf, zog mit der kleinen Hand die Vorhänge ihres
Himmelbettes auseinander, streckte das Köpfchen hervor und vom matten Mondlicht
unterstützt, blickte und lauschte sie nach der nebenan offen stehenden Türe,
dann rief sie halblaut:
    »Aurelie!«
    Kichernd sprang auf diesen Ruf ein junges, leichtfüssiges Mädchen, in den
leichten Schlafrock gehüllt, die niedlichen Pantoffeln, um Geräusch zu
vermeiden, in den Händen, herein und warf sich in den Sessel neben Elisabets
Lager.
    »Nun, gestrenge Herrin,« lachte sie, »da bin ich zu Dero Befehl - ich brenne
nämlich vor Neugier, zu wissen, warum Du heute den ganzen Tag so blass und
schmachtend ausgesehen hast, und mit welchen grossartigen Plänen Du umgingst, als
Du heute Deine Stickerei drei Mal auftrennen musstest, ehe sie sich vor
kritischen Augen sehen lassen konnte - nun beichte -«
    »Kann man nicht ernstaft mit Dir reden, Aurelie?« fegte Elisabet mit etwas
vorwurfsvoller Betonung.
    »Nun, warum denn nicht? Wer weiss denn, dass Deine Geständnisse so gewaltig
wichtig sind? Aber wirklich, was hast Du denn?« und Aurelie, indem sie die
letzten Worte mit liebreich teilnehmender Stimme sprach, nahm die Rechte der
Freundin zwischen ihre beiden kleinen Hände.
    »Talheim,« begann diese, »ist heute abermals aussen geblieben -«
    »Nun, und was weiter?«
    »Was weiter? Wäre nicht dies allein schon genug, um -«
    »Um Dich zu ärgern? Möglich!« sagte Aurelie, indem sie zu gähnen begann, »es
tut mir zwar sehr leid, dass du dadurch verhindert worden bist, Deinen letzten
geistreichen Aufsatz vortragen zu können, dass Du heute sein Lob nicht
eingeärntet hast - allein hat Deine heutige Sentimentalität keinen andern Grund,
als diesen etwas lächerrlich ehrgeizigen, so tut es mir wirklich leid um den
Schlaf, den ich jetzt versäume.«
    »Es sollte mir leid tun, hielte ich Dich von irgend einem Vergnügen zurück;
ist Dir der Schlaf ein solches, dann, gute Nacht!« versetzte Elisabet kalt und
lehnte sich in die Kissen zurück.
    Aurelie stand stumm auf, öffnete leise das Fenster und sah hinaus. Sie tat
dies nur, um ein wenig Luft zu schöpfen oder vielmehr um Zeit zu gewinnen, sich
mit der Freundin wieder auszusöhnen; zu schnell wollte sie dieselbe aber nicht
versöhnen, um sich selbst Nichts von ihrer eignen Würde zu vergeben. Bald jedoch
ward ihre Aufmerksamkeit durch Stimmen, welche sich auf der Strasse hören liessen,
gefesselt.
    Zwei männliche Gestalten gingen unten vorüber und die Lauschende hörte die
Worte:
    »So viel ist gewiss, dies ist das Institut, welchem sie angehören, aber wie
aus einer so scharfbewachten Heerde gerade die Eine herausfinden, die man im
Sinne hat und von der man nicht einmal weiss, ob sie Pauline oder Aurelie heisst
-«
    Das Wort »Heerde« klang Aurelien zwar etwas anstössig, sie konnte es nicht
ohne Nasenrümpfen hören, doch als sie ihren eignen Namen verstanden hatte,
strengte sie ihr Gehör auf's Äusserste an, um vielleicht noch ein die erregte
Neugierde befriedigendes Wort zu vernehmen, und so hörte sie noch eine zweite
Stimme sagen:
    »O, ich habe mir das Engelsgesicht zu deutlich gemerkt, um es je wieder
vergessen zu können, wer sie auch sei, wie tyrannisch sie vielleicht auch
bewacht sein mag, ich werde Mittel finden, mich ihr zu nähern.«
    Die erste Stimme liess darauf ein wieherndes Gelächter vernehmen - darüber
schien die vorher friedliche Unterhaltung in ein Gezänk überzugehen, von dem
Aurelie, da die Sprechenden sich immer weiter entfernten, kein Wort mehr
verstehen konnte. Ueber diesem kleinen Vorfalle vergass Aurelie ganz und gar, dass
sie noch vor ein paar Minuten mit Elisabet nicht im besten Vernehmen gewesen
war - sie trat zu dieser und berichtete, mit einem »Denke Dir« beginnend,
umständlich und patetisch das Erlauschte und stellte in einem langen
Wortschwall Tausend Vermutungen auf, die sich daran knüpfen liessen.
    Elisabet hörte geduldig zu und sagte dann lächelnd: »Nun Du ein solches
Abenteuer erlebt, bereust Du wohl nicht mehr die wenigen Minuten des verlornen
Schlafes?«
    Da besann sich Aurelie erst wieder, dass jene ihr vorhin gezürnt und sie
sagte weich: »Vorhin wurdest Du mir böse - ich will Dir zugeben, dass mir mit
Deinen Worten Recht geschah, und so soll es wieder gehen wie immer - ich bin
vorlaut, Du bist stolz - wir gestehen uns dies ein, und ich selbst bin die
Erste, welche nachgibt. So ist denn wieder Alles bei'm Alten und fiel ich Dir
vorhin in's Wort, so hast Du nun die Güte, es zu vollenden.«
    Elisabet drückte die dargebotne Hand und begann nach einer Weile mit
niedergeschlagenen Augen: »Ihr nennt mich eitel und ehrgeizig und die Meisten
der Gefährtinnen witzeln über mich. Ich bin es nicht, ich will nur den grossen
Vorteil nicht unbenutzt lassen, der mir zu Teil geworden, indem ein Talheim
unser Lehrer ist. Ich würde mich dieses Gefühlsunwert fühlen, wenn ich nicht
danach streben wollte, dies auch zu verdienen - - Aber wie kannst Du denken, nur
Eitelkeit sei im Spiel, wenn ich darüber klage, dass Talheim nicht gekommen?«
    »Nun wirklich,« lachte Aurelie pfiffig, »da machst Du ein naives Geständnis,
so bist Du wohl gar in Talheim verliebt?«
    »Welch' einfältiges Wort und welcher noch einfältigerer Gedanke! Siehst Du
dort«, und Elisabet legte sich mit dem Oberkörper ein wenig vor und deutete mit
der Hand nach dem geöffneten Fenster, »siehst Da da oben den kleinen Stern am
Himmel, der gerade unter dem Orion steht? Er ist verschwindend klein gegen dies
glänzende Sternbild und Niemand, der jenes nennt, nennt und zählt ihn mit - aber
deshalb ist er doch des Orion steter Begleiter. Was wär' es denn weiter, wenn
ich jener kleine Stern wäre und Talheim mein Orion? Wenn ich in seiner Bahn ihm
nachwandelte, unzertrennlich von ihm und doch immer in derselben Ferne wie ein
Stern neben dem andern?«
    »Was schwärmst Du wieder?«
    »Ja, so seid ihr,« seufzte Elisabet und wieder den gewöhnlichen
Gesprächston annehmend, sagte sie kurz: »Talheim's Gattin ist dem Tode nahe, er
will nicht von ihrem Schmerzenslager weichen und deshalb hat er sich bei uns
entschuldigen lassen. Aber das ist nicht Alles. Erst gestern, als ich bei meiner
Tante zum Besuch war, habe ich dort zufällig gehört, was mich in's Innerste
bewegt hat.«
    »Nun, das wäre? -«
    »Talheim soll so arm sein, dass er sich seiner Frau wegen die grössten
Entbehrungen auferlegt und jetzt durch ihre Krankheit in die grösste Not
gestürzt Tag und Nacht allein an ihrem Lager wacht, jeden Dienst ihr leistet und
unter den quälendsten Sorgen ringt. Ach, Aurelie, in diesem Augenblick, wo wir
friedlich zusammen sprechen, kniet er vielleicht in Verzweiflung, dass er der
sterbenden Gattin irgend einen Wunsch nicht erfüllen kann, an ihrem
Schmerzenslager, und eine Hand voll elenden Goldes könnte sie zwar nicht dem
Leben erhalten, aber es ihr doch leichter machen, zu sterben, und er wäre doch
der niedrigsten aller Sorgen entoben.«
    »Das tut mir wirklich leid, wenn er so unglücklich ist - Armut muss doch
sehr schlimm zu ertragen sein - Aber wie können wir es ändern? Einem Bettler
könnte man schon helfen - ihm aber nicht.«
    »Es ist freilich hier nicht so leicht, aber doch nicht unmöglich. - Das ist
es, worüber ich heute den ganzen Tag nachgedacht habe. Ich muss aber vor allen
Dingen wissen, ob jenes Gerücht von Talheim's Armut wirklich wahr ist. Ich
habe mich heute bei unserm Laufmädchen nach seiner Wohnung erkundigt und
erfahren, dass eine Blumenmacherin mit ihm in einer Etage wohnt, zu ihr will ich
morgen gehen und hoffentlich erhalte ich da genaue Auskunft, vielleicht wird es
mir auch gar durch diese möglich, ihm helfen zu können, oder der Zufall gibt
mir irgend ein andres Mittel an die Hand. Willst Du mich nun morgen zu der
Blumenmacherin begleiten? Wir sagen, dass wir zu Deinem Verwandten Obrist
Treffurt gehen, schicken an der Haustüre den Bedienten heim, tun dann erst
unsern Gang und begeben uns dann zu Treffurt's, wo der Bediente uns wieder
abholen mag. Du kannst sie ja morgens von unserm Besuch benachrichtigen, den wir
längst versprochen.«
    Aurelie war mit Allem zufrieden, hatte vermutlich aber heute weiter keine
Lust, noch mehr von Talheim zu hören, und sagte deshalb der Freundin herzlich,
aber schnell gute Nacht und legte sich zur Ruhe. Sie überliess sich den Gedanken
über die am heutigen Abend gehörten Worte, die ihr anmutige heitre Bilder vor
die Seele zauberten, bis der Schlaf dieselben in wirrer gaukelnder Weise
fortsetzte. Aber aus Elisabet's Augen schlich leise eine Träne nach der andern
und bis zum Morgengrauen entwarf sie sinnend einen Plan nach dem andern, wie sie
ihren Zweck, Talheim zu helfen, erreichen könne, und doch ward jeder dieser
Pläne wieder von ihr verworfen. -
    Elisabet war das einzige Kind eines Grafen von Hohental. Schön, begabt mit
einem glänzenden Verstande und mannichfachen Talenten war sie der Eltern Stolz;
all ihr Streben, ihr Ehrgeiz war auf diese gerichtet. Schon frühe war es dahin
gekommen, dass fast jeder von Elisabet's Wünschen als Befehl galt, dass Alles im
väterlichen Hause sich ihr unterordnete. Es konnte nicht anders kommen, als dass
sie, dadurch irre geleitet, schon in früher Jugend etwas Herrisches und
Gebieterisches annahm, das besonders die schwache, aber engelmilde Mutter
zuweilen erschreckte und für das künftige Glück der teuren Tochter besorgt
machte. Ein Hauslehrer und eine Gouvernante hatten Elisabets Erziehung bis zu
ihrer Confirmation geleitet; so war sie einsam, ohne Jugendgespielinnen, ohne
Lerngefährtinnen aufgewachsen auf dem einsamen Stammschloss ihres Vaters. Den
alten Grafen hielt auf denselben mittelalterliche Grille fest. Er konnte sich
nicht mit dem neuen Zeitgeist befreunden, welcher allen alten Vorurteilen,
mitin auch der Würde des alten Adels den Krieg erklärt hat und seinen Feldzug
gegen denselben allmälig immer siegreicher fortsetzt. Deshalb lebte er
zurückgezogen auf seiner Herrschaft Hohental, wo er die ihn Umgebenden noch als
seine Untertanen betrachten und in ehrfurchtsvoller Ferne von sich halten
konnte, wo man ihn trotz seines Stolzes, da er gerecht, freigebig und wohltätig
war, wie einen Vater und Fürsten verehrte und aus ehrfurchtsvoller Ferne mit
Hochachtung zu ihm aufsah. Er hatte sich besonders, seit der Regent seines
Vaterlandes diesem die mehr abgenötigte als freiwillig verliehene Constitution
gegeben hatte, nicht wieder entschliessen können, in der Residenz zu erscheinen,
welche durch die veränderte Zeitrichtung auch ein ganz verändertes Ansehen und
Leben gewonnen hatte. Die Gräfin Hohental, die von fürstlicher Herkunft war,
teilte die stolzen aristokratischen Ansichten ihres Gatten, doch in ihr hatten
sie eine mehr poetische Grundlage und prägten sich auch poetisch und deshalb
minder verletzend als bei dem prosaischen Grafen in ihrem sanften Charakter aus.
Wenn der Graf mit allen neuen Zeitbestrebungen grollte, welche auf eine
Ausgleichung der Verhältnisse, auf das Zunichtwerden veralteter Vorurteile
hinarbeiten, welche der Aristokratie die Uebermacht entreissen und bald jede
frühere Willkühr und Ungebühr ihr unmöglich machen, war die Gräfin vorzüglich
deshalb mit der Gegenwart zerfallen, weil alle jene äussern
Lebensverherrlichungen, welche früher nur bei den höchsten Ständen zu finden
gewesen, jetzt auch Eigentum der bürgerlichen Stände wurden, welche, wie die
Gräfin meinte, dieselben misbrauchten. Die Geldaristokratie, diese Geburt der
neuen Zeit, die Macht in den Händen der Industriellen war es, welche ihr
vornämlich die neue Zeit verhasst machte, so dass auch sie, halb mit dem Leben
zerfallen, es wünschenswert fand, von seinen weitern Kreisen sich
zurückzuziehen. Der nächste Nachbar ihrer Besitzungen trug jedoch noch
unausgesetzt nicht wenig dazu bei, sie in der Trauer über die Sitten und
aristokratischen Vorrechte entschwundener Zeiten zu bestärken. Es war dies Herr
Christian Felchner, welcher vom Vater des jetzigen Grafen Hohental, als dieser
durch einen Prozess, den erst der Sohn gewann, seine Vermögensumstände sehr
zerrüttet sah, ein ansehnliches Stück der zu den Hohental'schen Gütern
gehörigen Ländereien gekauft und sie zur Anlegung einer grossen Wollfabrik
benutzt hatte. Graf Hohental, besonders durch seine Gattin dazu aufgemuntert,
hatte dem Fabrikbesitzer enorme Summen geboten, um wenigstens teilweise und so
viel, als irgend möglich, wieder den früher zu seinen Gütern gehörigen Grund und
Boden in seinen Besitz zu bekommen - allein Christian Felchner war nicht der
Mann, der, wo er einmal sich angesiedelt, sich wieder vertreiben liess, nicht der
Mann, der je seine Ansprüche vor den Forderungen einer Aristokratie der Geburt
gemässigt hätte. Auf die Anträge des Grafen gab Christian Felchner nur kurz zur
Antwort: er könne durchaus nicht darauf eingehen; und als jener seine
Anerbietungen noch steigerte und nachdrücklicher zu machen suchte, traf er eines
Tages an einer Stelle, die seinen Park begränzte und in Felchner's Besitz war,
eine Menge Arbeiter daselbst beschäftigt. Bald erhob sich an diesem Platz eine
neue Spinnerei und bald schallte das Getöse der arbeitenden Dampfmaschinen weit
hinüber in die stillsten Plätze des gräflichen Parkes, und die Fabrikarbeiter
verzehrten an seinen mit prachtvollen Blumen und majestätischen Baumgruppen
verschöntem Ausgang ihr Frühstück unter derben Scherzen oder rohem Gezänke. Der
nächste Umgang des Grafen Hohental war ein Herr von Waldow, Rittmeister ausser
Dienst, dessen Rittergut auf der andern Seite das Eigentum des Fabrikanten
begrenzte. Herr von Waldow hatte während eines flotten Militärlebens ungleich
mehr ausgegeben, als eingenommen, und um sich seinen guten Namen zu bewahren und
zugleich sein glänzendes Leben fortsetzen zu können, liess er willig von seinem
Besitztum ein Stück nach dem andern an Felchner gelangen, so dass dessen
Besitztum sich immer weiter ausbreitete, und was Hohental ihm an seiner
Westgrenze gern wieder streitig gemacht hätte, das trat im Osten Waldow mit
Vergnügen an Terrain ihm ab. -
    So verging Elisabet's Kindheit einsam im Schloss des Vaters, ohne dass eine
Gespielin dieselbe erheitert hätte. Lehrer und Gouvernanten, welche man ihr
hielt, betrachtete sie nicht als Personen, denen sie Gehorsam schuldig sei,
sondern als solche, welche ihrem Willen sich zu fügen hätten. Bei ihren
bedeutenden Geistesgaben und Talenten, verbunden mit einem angebornen Triebe
nach Wissen, und einem früh erwachten Ernste und geistigen Stolz entwickelte sie
sich früh und schnell, so dass die, welche ihre Erziehung leiteten, dies Geschäft
dennoch belohnend fanden, obwohl Elisabet immer eigenwillig, oft herrisch sich
gegen sie zeigte und zeigen durfte. So war sie siebzehn Jahr alt geworden, als
eine Verwandte ihrer Mutter, Baronin von Treffurt, mit ihrer Tochter Aurelie
auf einige Zeit nach Hohental zu Besuch kam. Aurelie war zwei Jahr jünger als
Elisabet, weniger schön, weniger talentvoll und lernbegierig als diese - aber
lebendiger, kindlicher, heitrer. Frau von Treffurt bewohnte ebenfalls ein
einsames Landgut und hatte deshalb beschlossen, die Erziehung ihrer ältesten
Tochter in dem ersten Institut der Residenz vollenden zu lassen. Aureliens
Abgang dahin war bereits bestimmt, und da sie und Elisabet einander
liebgewonnen hatten, so gab die Letztere bald den Wunsch zu erkennen, das
elterliche Schloss auf einige Zeit mit jenem Institut zu vertauschen. Gräfin
Hohental vernahm dies mit Freuden, denn sie hoffte auf diese Weise vielleicht
den stolzen Eigenwillen ihrer Tochter brechen und im Kreise gleichfühlender
Gespielinnen sie sanfter und zufriedener werden zu sehen, wie sie bis jetzt war.
    So kam es, dass Elisabet und Aurelie in Nollins Institut zusammen waren.
    Als Elisabet bei ihrer Ankunft sich die Namen ihrer Gefährtinnen hatte
nennen lassen, ward bei jedem derselben ein »Comtesse« - »Baronesse« u.s.w.
vorgesetzt, nur eines dieser Mädchen nannte man ihr kurzweg als Pauline
Felchner.
    Als Elisabet die Genannte befremdet mit kaltem Blicke mass, sagte ein
schnippisches Fräulein bitter: »Sie werden einander wohl nicht kennen, obwohl
Sie eigentlich Nachbarinnen sind, denn Fabrikant Felchner's Dampfmaschinen hört
man ja wohl bis in das Schloss des Grafen Hohental lärmen.«
    »Nein, wir kennen uns nicht,« versetzte Elisabet kalt.
    »Es wäre auch anders nicht möglich,« nahm Pauline errötend und mit bebender
Stimme das Wort, »denn seit meiner frühesten Kindheit, wo ich mutterlos ward,
bin ich vom Vaterhaus entfernt gewesen. Desto mehr,« fügte sie hinzu, indem ihre
sanften blauen Augen unwillkührlich nass wurden, »sehne ich mich nun dahin
zurück.«
    Ward Pauline als das einzige bürgerliche Mädchen unter so vielen
hochgeborenen zurückgesetzt und von diesen selbst geringschätzig behandelt, oder
doch wenigstens allen Andern nachgesetzt, so hegte Elisabet noch ein anderes
Vorurteil gegen sie; ihre Kameradin sollte die Tochter desselben Fabrikherrn
sein, dessen Nachbarschaft mit dem Hohental'schen Schloss für dessen Besitzer
schon so unbequem, als widerwärtig war. Zwar verschmähte es Elisabet, die
sanfte, bescheidne Pauline gleich den andern Mädchen absichtlich zu kränken und
sich fühlbar über sie zu erheben, allein sie hielt sich immer fern von ihr, eine
Annäherung schien zwischen Beiden unmöglich und sie waren gegenseitig nicht da
für einander. Dies konnte Paulinen von Elisabet aber weniger verletzen, als von
jeder Anderen, denn für Elisabet schienen überhaupt nur die Wenigsten da zu
sein, nur an Aurelie schloss sie sich mit Wärme an, aber doch immer nur so, dass
diese die geistige Ueberlegenheit Jener fühlte, sich ihr freiwillig unterordnete
und ihr auch sonst in Allem zu Willen war.
 
                               II. Ein Geständnis
 »Herz ward vom Herzen blutend losgerissen,
 Und jetzt auf meinem Sterbelager muss
 Ich Deines Anblicks süssen Trost vermissen.«
                                                                    Betty Paoli.
In derselben Nacht, in welcher Elisabet und Aurelie den Namen Talheim
flüsterten, wachte der, von dem sie sprachen, einsam und sorgenvoll am
Krankenlager der Gattin.
    Eine düster brennende Lampe beleuchtete matt das kleine Gemach. Die Fenster
waren dicht verhangen. In der Nische des einen hing ein hölzerner Vogelbauer,
dessen kleiner Inwohner zuweilen das bunte Köpfchen aus der dichten Federhülle
hervorsteckte, als wolle er sehen, ob es noch nicht bald tage. Hie und da sang
er auch leise unruhige Töne im Schlafe. Eine grosse Stutzuhr, deren prachtvolles
Gehäus von Silber und Alabaster auffallend von der einfachen, ja armseligen
Meublirung der Stube abstach, folgte mit hellem, forttönendem Klange den
fliehenden Minuten. Ausser ihr und den einzelnen Lauten des Vögelchens vernahm
man Nichts, als die langen, unruhigen Atemzüge der Kranken.
    In der dunkelsten Ecke des Gemaches sass der Gatte der Kranken in einem
schwarzen Lehnstuhl. Sein Arm stützte sich auf eine Seitenlehne des Sessels, so
dass die emporgehaltene Hand das müde herabgesenkte Haupt trug.
    Talheim mochte einige dreissig Jahre zählen. Die Züge seines Antlitzes waren
von männlicher Schönheit und antiker Regelmässigkeit; aber aus den leichten
Furchen seiner hohen, breiten Stirn, Furchen, welche nur der Schmerz gezogen
haben konnte, war bald zu lesen, dass manch hartes Geschick den Mann getroffen
haben mochte, und die Blässe seines Antlitzes, das dunkle Feuer, das in seinen
tiefblauen Augen brannte, das schmerzliche Zucken um den Mund, das die Oberlippe
emporzog und ihn halb öffnete, so dass man eine Reihe grosser mormorweisser Zähne
gewahrte, deutete auch jetzt auf ein schmerzlichbewegtes Innere. Bei All' dem
aber konnte Talheim's Anblick auch in seiner jetzigen niedergebeugten Stellung
weniger Mitleid, als Ehrfurcht erwecken. Etwas Unaussprechliches, Unnennbares
prägte sich in seiner Gestalt, auf seinem Gesichte aus, etwas Heiliges,
Unüberwindliches.
    Er stand jetzt auf, denn die Kranke, welche er im Schlummer glaubte, hatte
sich jetzt plötzlich rasch aufgerichtet und rief ungeduldig:
    »Johannes!«
    Im Augenblick stand er geräuschlos neben dem Bett und legte sanft seine Hand
auf die fieberheisse seines Weibes, indem er flüsterte:
    »Willst Du etwas, gute Amalie?«
    »Sterben!« ächzte sie, indem sie beide Hände vor ihre Stirn schlug und das
Haupt auf ihre Kniee legte. So zusammengebeugt seufzte sie laut und ungeduldig
unter ihren Schmerzen. Er legte ihr die in einander gewühlten Kissen wieder
zurecht, schlang den Arm sanft um ihre Schultern und wollte sie zärtlich
aufrichten. Aber sie zuckte zusammen, als mache seine Berührung ihr Schmerz,
verzog den Mund bitter und flüsterte ein zurückweisendes: »Geh!« und: »Lass!«
    Talheim nahm seinen Arm zurück und blieb eine Weile schweigsam stehen,
seine Augen weilten unverändert mit zärtlicher Teilnahme auf der Kranken, die
jetzt ihren Kopf aufrichtete, und hastig flehend sprach: »Nur einen Wunsch
erfülle mir noch, damit ich sterben kann -« auch mit bitter'm Tone hinzufügte:
»Du kannst es - er kostet kein Geld.«
    Talheim warf einen Blick an die Decke des Zimmers, einen Blick, der den
Himmel suchte - aber es schien kein Himmel über ihm zu sein, sein Blick traf nur
die graue Decke. Amalie war schon lange krank, und er war arm - diese Armut
wagte er Niemand einzugestehen, denn in der Stadt, in der er jetzt lebte, hatte
er keine Freunde, die er um Hülfe hätte angehen können, und Bekannte in Anspruch
zu nehmen, war er zu stolz. Sein Gehalt reichte nur gerade hin, ihn mit Weib und
Kind zu ernähren, weiter nicht - die lange Krankheit hatte ihn bereits in
Schulden und Verbindlichkeiten verwickelt, die ihm unerträglich waren, und um
sie nicht noch zu mehren, um nicht sich und seine Familie noch immer tiefer in
eines jener Labyrinte des Elends zu führen, aus welchen der Rückweg so schwer
zu finden ist, hatte er der Kranken hie und da einen jener grilligen Wünsche
unerfüllt lassen müssen, an denen Kranke gewöhnlich so reich sind, und deren
Erfüllung ihnen weder Erleichterung noch Freude gibt, deren Verweigerung sie
aber unmutig macht. Talheim hatte das Bewusstsein, dass er mit Aufopferung aller
seiner Kräfte Alles für seine Frau tat, was ihm irgend möglich war. Er hatte
nie ein Wort des Dankes, der Anerkennung von ihr verlangt, denn er sagte sich,
dass er nur seine Pflicht tue, - aber statt eines milden Liebesblickes, nach dem
er sich sehnte, gab sie ihm Vorwürfe. - Aber jener einzige Blick aufwärts und
ein schnell wieder unterdrücktes Zucken um den Mund war Alles, wodurch er einen
Moment seiner heftigen innern Bewegung einen Ausdruck geben musste, er sagte mit
unveränderter Freundlichkeit: »Und welchen Wunsch hast Du? Gewiss, ich werde
Alles aufbieten, ihn Dir zu erfüllen!«
    »Du weisst, dass ich sterben muss,« begann sie milder, als sie vorhin sprach,
und er fiel ihr in's Wort und rief:
    »O, sprich nicht so!«
    Aber sie bat weiter: »Unterbrich mich nicht, um mich zu schonen, es ist mir
ja Erleichterung, wenn ich einmal frei sprechen darf. Suche mir das nicht zu
verheimlichen, was ich ja doch wünschen muss. Lass mich reden. Höre mir zu. Du
hast es selbst mit angesehen, wie oft der Tod zu mir gekommen ist - er packte
mich, warf mich hin und her, dass ich vor unsäglichen Schmerzen stöhnen und
wimmern musste, wie ein Kind - aber die Stunde ging vorüber, und der Tod mit ihr
- ich blieb immer noch sein zuckendes Opfer - und nun ist es mir klar geworden,
warum ich nicht sterben kann - ich soll nicht unversöhnt aus dem Leben gehen.
Ich bedarf der Verzeihung zweier Menschen, an denen ich mich schwer vergangen
habe - Deiner und seiner - - -«
    Sie hielt inne - er sah sie fragend an und sprach kein Wort. Nach einer
Pause fuhr sie fort:
    »Johannes! - Auf dem Sterbebette lass' mich nicht mehr heucheln. Nicht aus
Liebe ward ich Dein Weib - in diesem Herzen hat ewig nur das Bild eines Andern
gelebt!« sie sprach die letzten Worte kaum hörbar und mit niedergeschlagenen
Augen, dann aber heftete sie dieselben weitgeöffnet ängstlich auf ihren Gatten,
um zu erforschen, welchen Eindruck dieses Geständnis auf ihn mache.
    Ueber seine ganze Gestalt riesselte es wie ein eisiger Schauer - seine Hände
liessen die Bettpfoste los, auf die sie sich vorhin gestützt hatten - er sah auf
sie, eben so starr, eben so fest, wie sie auf ihn - doch lag ein ungläubiges
Forschen in diesem Blick und eine innige Zärtlichkeit, welche flehte: nimm das
Wort zurück - ich verstehe Dich nicht.
    Sie hielt diesen vertrauenden Liebesblick nicht aus, und indem sie ihr
Gesicht abwendete, schrie sie auf: »Fluch mir lieber! Ich kann das eher
ertragen, als Deine Engelmilde, als Deine blindvertrauende Liebe - - ich habe
Dich geachtet, ich habe Ehrfurcht vor Dir gehabt - ich habe mir tausend Mal
gesagt, dass Du edler, besser seist, als all' die andern Männer - auch als er -
mein Geist hat es mir gesagt, nicht mein Herz - mein Verstand, aber nicht mein
Gefühl - und so habe ich Dich niemals lieben können, wie Du Dich geliebt
glaubtest - niemals wie ihn - - und so habe ich doppelt gefehlt, an ihm, dem ich
die Treue brach, und an Dir, dem ich Liebe heuchelte - ich habe Euch Beide
unglücklich gemacht, Ihr müsst mir Beide vergeben, damit ich versöhnt aus dem
Leben gehen kann.«
    Johannes trat noch ein paar Schritte zurück und lehnte sich an den Ecktisch,
auf dem die Nachtlampe stand - durch den kleinen Stoss an den Tisch tauchte das
Lämpchen unter das Oel, auf dem es schwamm, und verlöschte. Amalie schrie auf -
ihm gab der kleine Umstand die Fassung wieder - er erinnerte ihn daran, dass er
ja der Wärter einer Kranken sei, welche Schonung bedürfe. Er nahm das Feuerzeug
zur Hand, und gab der Lampe ihre Flamme wieder, sie brannte aber jetzt
unruhiger, flackernder als zuvor. Johannes sah, wie Amalie im Fieber glühte - er
warf einen besorgten Blick auf sie und setzte sich stumm neben ihr Bett.
    »Bin ich keines Wortes mehr wert?« fragte Amalie seufzend.
    »Du wolltest mir einen Wunsch nennen, den ich Dir erfüllen könnte,« sagte er
ruhig und bezwang sogar das Beben seiner Stimme - »Warum nennst Du ihn nicht?
Ich bin zu Allem bereit, was Du verlangst, wenn es in meiner Macht ist.«
    »Versöhne mich mit ihm!« rief sie.
    »Mit wem?« fragte er tonlos.
    »Mit Jaromir von Szariny!« flüsterte sie und drückte ihr erglühendes Antlitz
in die Kissen. »Ich kann nicht sterben, wenn er mir nicht vergeben! - Ach, lass'
Dich beschwören,« fuhr sie fort, »der Tod lös't ja alle Bande der Convenienz,
macht Alles gleich - im Angesicht seiner dürfen alle Schranken fallen und Seele
zur Seele reden, wirf mit mir alle Vorurteile bei Seite und erfülle meine
Bitte, ich muss ihn sehen!«
    »Wie wäre das möglich?« sagte Johannes bestürzt. »Ist der Graf denn hier?
Und dann - und -« er war zu betroffen von dem nun eben Gehörten, in dem er ja
noch gar keinen Zusammenhang fand, um darüber ruhig denken und sprechen zu
können, und dabei sagte er sich selbst unaufhörlich, dass er die Tod ranke
schonen, jede Aufregung vermeiden müsse - und doch war sein Herz so voll von
eben darin erweckten Qualen, dass es Tausend verzweiflungsvolle Fragen, welche
der Mund nimmer auszusprechen wagte, an die Gattin tat.
    »Ach, Johannes,« begann sie wieder, »ich habe Dir Alles sorgfältig
verborgen, was mich gemartert hat bis zu dieser Stunde. Darüber bin ich oft
launenhaft und hart gegen Dich gewesen, denn es ist nicht leicht, sein Herz zu
einem Gefühl überreden zu wollen, zu dem es ewig nein sagt.«
    »Aber Amalie, ich beschwöre Dich! -« sagte er mit gepresster Stimme.
    »Still, Johannes,« fiel sie ihm in's Wort, »ich weiss, was Du sagen willst,
schone mich nicht - doch Du willst dies, und so will ich denn selbst für Dich
reden. Du willst mich fragen, warum ich Dein Weib ward, da ich doch einen Andern
liebte. - - - Ach, ich war ein törigtes, eitles Mädchen. Jaromir studirte in
meiner Vaterstadt - wir hatten uns gesehen, erst nur aus der Ferne, als wir uns
schon liebten - der schöne, stolze Graf, der liebenswürdige Pole, um dessen
Zuneigung sich die vornehmsten Frauen und Fräuleins der Stadt vergebens bemühten
- er lag zu meinen Füssen, zu den Füssen des armen Mädchens, das Niemand kannte,
Niemand beachtete, das um Lohn manche Stickerei für jene reichen Damen liefern
musste, die ihn in ihre Netze ziehen wollten. O, ich war selig! Meine Mutter
machte erst Einwendungen gegen unser Liebesverhältniss, der Abstand der
Verhältnisse machte sie misstrauisch - aber Jaromir besiegte ihre Einwendungen -
re wechselte den Ring mit mir, er erklärte uns, dass er selbst ziemlich so arm
sei, wie wir, dass er ein Geächteter sei, dessen Güter der Russischen Krone
verfallen, dass er keine Familie habe, die seine Wahl misbilligen werde, dass er,
wenn er selbst ein andres Mädchen als mich lieben könne, doch zu stolz sei, als
Bettler und Geächteter um die Hand einer Reichen und Hochgestellten zu werben -
und Allem fügte er hinzu, dass er mich über Alles liebe und dass dies ja der beste
Grund sei, ihn nicht abzuweisen. - Ach, wie beredt er immer sprach, und welch'
selige Stunden wir verlebten, als meine Mutter selbst unsere Liebe beschützte!
-« Und Amalie lächelte, als sie so sprach, und blickte vor sich nieder, in
selige Erinnerungen versunken, Erinnerungen, welche eine solche Gewalt über sie
hatten, dass sie jetzt ihrer Sprache einen lebhafteren Ausdruck gaben, dass vor
ihnen die Schwäche des kranken Körpers zu weichen, seine Schmerzen aufzuhören
schienen. Unter entsetzlichen Qualen rang Johannes während dieses Geständnisses,
er vermochte nicht mehr, die begeistert Sprechende anzusehen, er blickte vor sich
nieder, und blieb stumm.
    Nach einer Weile begann sie wieder: »Niemand ahnte unser verborgenes Glück -
Jaromir galt in der Gesellschaft als ein Sonderling, den nur die Einsamkeit
reize - o, es war die Einsamkeit meines kleinen Zimmers, das für uns ein
Paradies war. Aber so schön, so geistreich, wie er war, so unbedeutend kam ich
mir neben ihm vor, und je leidenschaftlicher ich ihn liebte, desto häufiger
quälten mich auch eifersüchtige Befürchtungen! - Ein halbes Jahr, nachdem wir
uns kennen gelernt, ward er auf der Universität in Händel verwickelt, welche ihn
zwangen, diese und die Stadt zu verlassen. Wir nahmen traurig Abschied, und
gelobten uns ewige Treue. - Mein Leben ward furchtbar öde, da er fort war - wir
schrieben uns oft, wenn auch die Mutter darüber schalt, dass ich Tage lang
schrieb, ohne zu nähen, und über das viele Postgeld. Aber nun ward die
Eifersucht zu meinem Dämon - ich hatte keine ruhige Minute mehr. Schrieb er mir
einmal länger nicht, als gewöhnlich, so sprach ich im nächsten Brief meine
Unruhe darüber aus, machte ihm Vorwürfe, nannte ihn untreu -« die Kranke
unterbrach sich hier, sie fing an zu schluchzen, nach einer Weile sammelte sie
sich wieder und fuhr fort: »So war in stiller Pein ein halbes Jahr verstrichen,
da wurdest Du der Lebensretter meiner Mutter - sie war auf den vom Eise glatten
Stufen gefallen, hatte den Arm gebrochen, Du hobst sie auf, brachtest sie zu dem
Chirurgen, dann in unsre Wohnung - Du sahest, wie arm wir waren, wie wir noch
ärmer werden mussten, da die Mutter nun nicht mehr arbeiten konnte, Du bezahltest
den Arzt, Du halfst überall, und doch warest Du selbst arm. So war ich Dir
gleich, als ich Dich kennen lernte, zu Dank und Lohn verpflichtet.«
    »Verpflichtet? O, mein Gott!« rief jetzt Talheim, sich vergessend, ausser
sich. »Pflicht - wo ich ein Herz bot für ein Herz, Dank und Lohn, diese Kinder
des Hochmutes und des Egoismus, wo ich nach wahrer Liebe mich sehnte! O,
Amalie, wie jämmerlich klein musst Du von mir gedacht haben!« Und er sprang mit
diesen Worten auf, ging an's Fenster und drückte die brennende Stirn an die
kühlen Glasscheiben.
    »Bleibe hier, Johannes,« bat sie, »ich gestehe Dir jetzt meine Schuld, damit
ich versöhnt sterben kann. Warum klagst Du in schmerzlicher Ueberraschung? Ich
habe es Dir zuvor gesagt, dass ich Deiner Vergebung ja so sehr bedarf! Komm,
komm!«
    »Vergieb mir,« sagte er, »diese Aufwallung, ich will still anhören.« Und er
setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz, drückte schmerzlich-lächelnd
Amaliens Hand, die sie ihm entgegen streckte, und sah dann aufmerksam lauschend
vor sich nieder. Niemand konnte es ihm mehr ansehen, welche widerstreitenden
Gefühle in seiner Seele tobten.
    Die Kranke begann wieder: »Lass' mich kurz sein. Du gingest oft bei uns aus
und ein, meine Mutter hing mit der wärmsten Hochachtung und zugleich
zärtlichsten Mutterliebe an Dir - ich bewunderte Deine Grossmut, Deine
Aufopferungen, Deine stete Milde - aber mir war ewig, als stündest Du auf einer
kalten, klaren Höhe, die ich nimmer erklimmen könnte, die mich auch nimmer
lockte. Da war es wieder einmal, dass mir Jaromir lange nicht geschrieben, ein
Gerücht nannte ihn als den Liebhaber einer schönen verwittweten Gräfin - ich
machte ihm eifersüchtige Vorwürfe, die er stolz ignorirte, endlich antwortete er
aufgebracht, ich möge ihn nicht so unzart quälen, er tue es ja auch mir nie,
denn er vertraue mir - - In diesen edlen Worten sah ich nur die Sprache der
Gleichgültigkeit, mein Stolz überredete mich, dass er mich so sehr in seiner
Gewalt zu haben glaube, dass neben ihm für mich jeder andere Mann verschwinden
müsse - dafür wollt' ich ihn demütigen, ich schrieb ihm begeistert von Dir, war
auch freundlicher als zuvor gegen Dich, um ihm zu zeigen, dass noch andere edle
Männer um meine Gunst sich bewerben könnten. O, er kannte mich nur zu gut! Er
machte einen Scherz aus meinem Bestreben, seine Eifersucht zu erregen, wie er es
durchschaute, und schrieb mir, dass er trotz dem meiner unveränderten Liebe gewiss
sei - - ich hatte kaum diesen Brief, der meinen Stolz empörte, durchflogen, und
ihn zürnend weggeworfen, als Du kamst, mir Deine Liebe gestandest, mir Deine
Hand botest - und wenn ich nun Ja! sagte, rief eine teuflische Stimme in mir, so
wäre Jaromir doch gedemütigt, und ich sagte Ja in derselben Stunde, und meine
Mutter kam und segnete uns.«
    Amalie hielt erschöpft inne, und Johannes flüsterte zwischen den Lippen:
»Unüberlegte, kindische Rache eines eitlen Mädchens, und meine wahre,
riesenstarke Liebe!«
    Sie fuhr nach einer Weile fort: »Du warst so gütig, so edel, ich sah mich so
unendlich geliebt, Du übtest einen mächtigen Zauber über mich - meine Mutter
dankte Dir ihr Leben und mehr, sie hatte längst gehofft, mit der Zeit werde mein
Verhältnis zu diesem Jaromir enden, denn sie sah nicht ab, was daraus werden
sollte - sie war glücklich über meine Handlung, ich war wie eine Träumerin -
erst nach Wochen, als ein Brief Jaromir's anlangte, worde er sein Befremden über
mein längeres Schweigen ausdruckte, und ängstlich zärtlich fragte: ob ich krank,
oder was sonst geschehen sei? - da kam ich erst eigentlich zum klaren Bewusstsein
dessen, was ich getan hatte. Ich war in Verzweiflung - meine Mutter schrieb für
mich an Jaromir, besinnungslos unterschrieb ich den Brief - ich ward krank,
dadurch entging Dir mein tiefes Herzeleid. Ich hoffte immer noch, er würde
wieder schreiben, mich beschwören, zu widerrufen - dann wollte ich mein Wort von
Dir zurückverlangen, es möchte daraus entstehen, was da wolle. Aber er schickte
mir meinen Ring wieder und schrieb kein Wort dazu. Da wollte ich glücklich sein
- ihm zum Trotz. In solchen Momenten war ich dann so zärllich gegen Dich, wie
ich es nur immer gegen ihn gewesen - und es war doch nur eigentlich er, den ich
in Dir liebkoste. Ach, ich habe untreu gegen ihn gehandelt, mein Gefühl konnte
ihm nie untreu werden!«
    Sie hielt wieder inne, von Erinnerungen überwältigt. - Das Nachtlicht
flackerte unruhig, die Uhr im Zimmer schlug helltönend Mitternacht. -
    Nach einer langen Pause begann Amalie auf's Neue: »Meine gute Mutter starb,
ich wäre verlassen und hilflos gewesen, wenn Du Dich meiner nicht angenommen. Du
führtest mich zum Altar. Ich musste das Schicksal segnen, das mir in Dir diese
Stütze gab - aber doch war ich nicht ruhig, nicht glücklich, ich konnte Jaromir
nicht vergessen! - Ach, Johannes, kannst Du mir das Alles vergeben? Kannst Du
mir es vergeben, damit ich ruhig sterben kann?«
    »Vergeben ist eine heilige Pflicht,« sagte Johannes aufstehend und
feierlich, aber mit gepresster Stimme. »Ich vergebe Dir Alles!«
    »Du vergiebst mir - nur aus kalter strenger Pflicht, nicht aus zärtlichem
Herzen, Du vergiebst mir, weil es Deine strenge Tugend Dir so befiehlt -«
flüsterte sie vorwurfsvoll, »doch ja, ich verdiene das - Du vergiebst doch - ich
danke Dir! Aber vollende, kröne Dein Werk, wenn ich, mit Dir versöhnt, sterben
darf, so versöhne mich auch mit Jaromir, ich habe an ihm unrecht gehandelt, wie
an Dir, ich habe ihn unglücklich gemacht, wie Dich - -!«
    Johannes sah sie fragend an und schwieg.
    Nach einer Pause begann Amalie wieder hastig: »Du willst mich nicht
verstehen - Jaromir ist hier, ich habe ihn wiedergesehen!«
    »Auch noch das!« sagte Johannes tonlos.
    »Einige Tage vorher, eh' ich krank ward, sah ich ihn unter meinen Fenstern
vorübergehen - die fünf Jahre unsrer Trennung hatten ihn sehr verändert, er sah
blass und abgezehrt aus, und ein tiefer Gram wohnte in seinen früher so fröhlich
glänzenden Augen, Mehrmals des Tages ging er vorüber, immer sah er herauf - aber
ich bezwang mich, und verbarg mich immer hinter den Blumen am Fenster - nur ein
Mal in der Abenddämmerung warf ich ihm eine geknickte Rose zu, an die ich einen
Zettel mit den Worten gebunden hatte: Wir dürfen uns einander nicht nähern, aber
mein Herz bewahrte für Jaromir immer dasselbe Gefühl. Er drückte die Rose an
seine Brust, bedeckte sie mit Küssen, und obwohl es schon dunkelte, sah ich doch
an allen seinen Bewegungen die eines Glücklichen. Am andern Tag ward ich so
krank, dass ich das Bett nicht wieder verlassen konnte. - Weiter habe ich ihn
nicht gesehen und Nichts von ihm gehört, denn ich wagte nicht, Jemanden nach ihm
zu fragen. Nun geht es mit mir zu Ende - ich kann nicht sterben, bis ich ihn
nicht noch ein Mal gesehen, bis er mir nicht vergeben. Der Sterbenden darfst Du
es nicht verweigern, den letzten Abschied von dem zu nehmen, der dem Herzen, das
bald nicht mehr schlägt, Alles war.«
    »Tue, was Dir Dein Herz gebietet,« sagte er, »Du bist mir für keinen Deiner
Wünsche, Deiner Gefühle mehr verantwortlich, seitdem ich weiss, dass ich Deine
Liebe nie besessen. - Du betrachtest Dich als eine aus dem Leben Scheidende -
aber Du kannst Dich irren; Du betrachtest den Mann Deiner Liebe als einen durch
fünf lange Jahre sich gleich Gebliebenen - und Du kannst Dich auch irren.
Bedenke, dass es Dich dann reuen könnte, durch ein Wiedersehen, wie Du es
ersehnst, dem Herkömmlichen, dem man Achtung schuldig ist, zuwider gehandelt zu
haben.«
    »Bemühe Dich nicht, mich von meinem Wunsch abzubringen -« fiel sie ihm
bitter in's Wort, »seiner bin ich gewiss! Ich habe mich bezwungen, so lang' ich
lebte, dem Tod gegenüber hört dies elende Spiel auf, wie bald das elende Leben.
Ich bin eine hilflose Kranke, es steht in Deiner Macht, mir meinen letzten
Wunsch nicht zu erfüllen, und mich unversöhnt und qualvoll sterben zu lassen -
tu' es - und mein verzweifelnder, brechender Blick wird ewig vor Deiner Seele
stehen - Du wirst -!«
    »Spare Deine Worte,« sagte er mild zu der Heftigen, »gönne nun endlich
Deinem Körper Ruhe, das viele Sprechen macht Dich matt. Ich will dem Grafen
schreiben, dass er zu seiner sterbenden Amalie kommen soll - und er wird kommen.«
    Aber länger konnte sich Johannes nicht beherrschen, er eilte zur Türe
hinaus in den finstern Vorsaal, riss draussen das Fenster auf und starrte in die
Nacht hinaus.
    Es wäre vergebens, schildern zu wollen, was ihn jetzt so heftig bewegte. Er
liebte seine Gattin - und all' die Stunden, in denen er früher an ihrer Seite
glücklich gewesen, sanken vor ihm in Nacht - er war auch um seine Erinnerungen
betrogen - ein Betrug waren diese vier Jahre - sie hatte ihn nie geliebt.
 
                                  III. Jaromir
 »Zu lieben mit dem reinsten, wärmsten Triebe,
 Bis Dir das Herz im Rausch der Weihe bricht -
 Und grüsst Dich dennoch keine Gegenliebe,
 Das ist der Leiden bitterstes noch nicht.«
                                                                      Karl Beck.
In einer geschmackvoll meublirten Stube lag im modischen Schlafrock ein junger
Mann auf dem weichen Sopha bequem und schief ausgestreckt. In der einen feinen,
weissen Hand hielt er eine glimmende Cigarre, mit der andern, an der ein
kostbarer Siegelring blitzte, hielt er die Blätter eines Romanes, der vor ihm
aufgeschlagen auf dem Tisch lag und in dem er eifrig las. Der junge Mann hatte
eines jener Gesichter, deren ganzer Ausdruck in den Augen ruht; wenn sie mit
diesen vor sich nieder sehen, so ist das ganze Gesicht höchst unbedeutend, sind
dieselben aber gerad aus oder aufwärts auf irgend einen Gegenstand gerichtet, so
genügen sie allein, den, dem sie gehören, schön und interessant zu machen. Die
Augen des Lesenden waren von einem dunklen Braun, aber so glänzend und hell bei
dieser tiefen Dunkelheit, dass man oft nicht wusste, ob man sie licht oder dunkel
nennen sollte. Lange Wimpern beschatteten sie, und gaben ihnen einen
schwärmerischen Ausdruck. Die braunen Haare fielen zu beiden Seiten des blassen
Gesichtes in leichten Wellenlinien, ringsum in gleicher Länge die Halsbinde
berührend, herunter, ein kleiner Bart umgab den Mund, um welchen ein
verächtliches Lächeln spielte.
    Eine malerische Unordnung herrschte in der Stube. Bücher lagen auf den
Stühlen, ja hie und da auch darunter. Leere Cigarrenkistchen standen auf einem
Bücherbreie, und mancher gelbe Glacehandschuh steckte seine fünf Finger aus
einem Winkel des Schreibtisches, wie bedenklich drohend, hervor. Ein feiner
schwarzer Filzhut sass verwegen genug auf einer weissen Büste Götes, und eine
gefüllte Geldbörse lag zu den Füssen einer niedlichen Statuette der Taglioni. Auf
einem Seitentisch lagen Briefe, Visitenkarten, Journale u.s.w. wirr genug
durcheinander. An den Fenstern hingen mehrere zierliche Diophonieen von
Porzellan, an den buntgemalten Wänden hingen einige wertvolle Stahlstiche in
goldenen Nahmen und manche niedliche Stickerei, die als irgend ein brauchbares
Meubel diente. Luxus und Nachlässigkeit, die doch immer noch geschmackvoll und,
wenn man will, ästetisch blieb, reichten einander in diesem Zimmer die Hand.
Sein Bewohner war Graf Jaromir von Szariny. -
    Die Türe ward geöffnet, und ein junger Mann trat herein. Er war ziemlich
lang und blond, hatte sehr lichte Augen, und sah überhaupt sehr farblos und sehr
langweilig aus. Es war Baron von Füssli.
    Die Herren begrüssten einander heiter und freundschaftlich, und Szariny
entschuldigte sich leichtin, dass er noch nicht zum Ausgehen fertig sei, indem
er die Zeit unbeachtet habe verstreichen lassen. Er schritt darauf zur
Vollendung seiner Toilette, während sich Füssli in den Lehnsessel am Fenster warf
und gähnend sagte:
    »Aber, mein Bester, wissen denn auch Sie gar nichts Neues?«
    »O, ich sage Ihnen, diese Residenz ist eines der langweiligsten Nester, die
ich kenne, selbst auf dem Gute meines Oheims war es nicht langweiliger, und
Berlin würde ich im Leben nicht verlassen haben, wenn nicht Bella auf den
wahnsinnigen Einfall gekommen wäre, sich hier engagiren zu lassen - und ganz
aufrichtig gestanden, auch sie fängt jetzt an mich zu langweilen. - Wäre sie nur
noch einige Monate in Berlin geblieben, so war meine Leidenschaft ruhig
abgekühlt, und ich hätte sie ruhig reisen lassen, statt dass ich den dummen
Streich machte, ihr zu folgen. Sechs Wochen bin ich nun schon hier! Und warum?
Um mich so zu langweilen, dass mir diese sechs Wochen wie eben so viel Monate, -
ach, was sage ich, eben so viel Jahre erscheinen.«
    »Nun,« versetzte Jener, »ich fange seit Kurzem an, mir einiges Amüsement zu
versprechen. Neulich im Teater hab' ich ein bildhübsches, muntres Mädchen
gesehen, von dem ich jetzt weiss, dass es eine Pensionärin des Nollin'schen
Instituts ist. Sie war jugendfrisch, wie eine Obstbaumblüte, hatte blitzende
Augen, die sich munter und keck nach allen Seiten drehten, lebendige
Beweglichkeit - kurz, ich glaube ein muntres Fischlein, das leicht zu fangen -
und wenn es dann an meiner Angel hängt - wer weiss, im Nollin'schen Institut sind
nur reiche Mädchen - -«
    »Wahrhaftig, Sie amüsiren mich - ein hübsches Kind gefällt Ihnen auf dem
ersten Anblick, und Sie knüpfen sofort weitläufige Combinationen daran, welche
bis zum Traualtar gehen. - Alle Liebesverhältnisse arten in Langeweile aus -
aber bis zur Langeweile des ehelichen Lebens nein, dahin soll es mit mir nicht
kommen, daran können auch Sie nicht ernstaft denken!«
    Der Baron sagte achselzuckend: »Je nun, eine reiche Partie ist oft das
einzige Mittel, einige finanzielle Lücken auszufüllen - man spielt eine neue
Rolle in der Welt, wenn man das eigne Haus zum Mittelpunkt glänzender Feste
machen kann. - Und was wollen Sie? Eine fashionable Ehe lös't doch nur ein
Liebesverhältniss auf - das, welches wir mit unsrer Gattin hatten, bevor sie
solche war - jedes andere wird dann nur um so pikanter.«
    Jaromir lachte und sagte dann kopfschüttelnd: »Dann wählen Sie nur kein
harmloses, unschuldiges Mädchen, sondern eine Kokette, die mit Ihren Grundsätzen
übereinstimmt - sonst sollte mir das arme Wesen leid tun. Zu einer solchen
Scheinehe bin ich zu stolz, zu stolz, einem Wesen meinen Namen zu geben, dem ich
nicht für immer mein Herz zu geben gedenke - und da mich dieser Jugendwahn nicht
mehr befallen kann - so bleibt es denn bei meinem Entschlusse.«
    »Aber es ist göttlich!« rief der Baron mit lautem Lachen. »Wie wir hier über
Sein und Nichtsein der Heirat philosophiren, während wir uns doch anders
amüsiren könnten - wir machen eine Runde um die Stadt, und dann begleite ich sie
zu Bella, sie war gestern göttlich als Lukrezia.«
    »Gut, so wollen wir zu ihr gehen - nach einer grossen Opernpartie ist sie
immer angegriffen, schmachtend, sanft und macht weniger ihre eigenwilligen
Launen geltend, als an Tagen, wo sie sich heiser melden lässt, und in ihrem
Mutwillen ausgelassen lustig darüber ist, ihren Mitsängern und der Direction
einen ärgerlichen Streich gespielt zu haben.«
    Als sie zur Vorhaustüre heraustraten, kam der Briesträger die Treppe
herauf. »Von der Stadtpost,« sagte er, und gab Jaromir einen Brief.
    »Eine unbekannte Hand und ein T im Siegel -« bemerkte der Empfänger. -
    »Eine unbekannte Hand - das ist in den meisten Fällen interessant, wenn es
nicht von einem unsrer Handwerksleute und Lieferanten kommt - doch die
Mahnbriefe sind immer unfrankirt. Es scheint eine niedliche Damenhand zu sein -
so öffnen Sie doch nur, ich bin ungeheuer neugierig.«
    »Nein, das ist eine Teologenhand,« sagte Jaromir, der in Folge eines
unerklärlichen Gefühls sich beinahe scheute, den Brief zu öffnen und ihn sinnend
in der Hand hielt. Endlich war das Siegel gelös't. Er las:
    »Klingt Ihnen der Name Amalie noch bekannt? Amalie, die Sie einst liebten,
ist eine Sterbende, und hat auf dieser Welt nur noch den einen Wunsch, sich
sterbend mit Ihnen zu versöhnen, Ihre Vergebung zu erlangen. Wenn Ihnen je der
letzte Wunsch einer Sterbenden heilig war, so kommen Sie heut' Nachmittag
zwischen 4 und 6 Uhr in die Klosterstrasse Nr. 18, zwei Treppen, links, wo Sie an
der Türe den Namen finden: Doctor Talheim.«
    Eine ganze Vergangenheit wachte plötzlich vor Jaromir auf - er starrte
regungslos auf das Papier, und stand wie angewurzelt fest - - »Amalie, Talheim
- ganz recht, das war der Name ihres Gatten - -«
    »Nun,« fragte der Baron, »wollen Sie ewig hier stehen bleiben? Worüber sind
Sie so ausser sich geraten? Kommen Sie - Bella wird Sie wieder beruhigen.«
    »Bella? Gehen Sie allein zu ihr, ich kann nicht mitgehen. - Aber was ist
denn das?« fuhr er fort, auf das Papier starrend. - »Klosterstrasse Nr. 18 - da
wohnt ja Bella auch! -«
    »Aber was haben Sie denn? So kommen Sie doch nur! - Was ist denn das für ein
verhängnissvolles Billet, das Sie so gedankenlos, so verdreht macht - so lassen
Sie doch sehen! - Oder ist es ein zu zartes Geheimnis, das einen Vertrauten
nicht duldet?«
    »Ja,« rief Jaromir, indem er den Brief einsteckte, »es ist ein Geheimnis,
das einer frühern Zeit und einem frühern Menschen angehört, als der Szariny ist,
der Ihr Freund ward!« und ruhiger fügte er in seinem gewöhnlichen Ton hinzu:
»Rechnen Sie es mir nicht als Unart an, wenn ich Sie heute nicht zu Bella
begleiten kann. -«
    »Was, und Sie versprachen mir noch gestern, mich sobald als möglich bei ihr
einzuführen?«
    »Sie werden ihr auch ohne Einführung von meiner Seite willkommen sein - oder
kommen Sie noch eine Augenblick in mein Zimmer, ich gebe Ihnen ein Billet von
mir an sie mit, das ist der sicherste Weg zu ihr.«
    Jaromir kehrte eilig wieder in sein Zimmer zurück, und schrieb, während der
Baron langsam und kopfschüttelnd nachkam, hastig an seinem Schreibtisch:
    »Leider ist es mir heute unmöglich, selbst nachzufragen, wie meiner schönen
Freundin die gestrige Anstrengung bekommen ist. Ich lasse mich durch meinen
vertrauten Freund, Baron von Füssli, bei Ihnen vertreten, der schon längst nach
dem Glück Ihrer Bekanntschaft strebte. - Sie werden in ihm einen geistreicheren
und liebenswürdigeren Gesellschafter finden, als in ihrem ergebenen
                                                                       Szariny.«
    Er las diese Zeilen hastig vor, siegelte sie dann rasch ein, und trieb damit
den Baron zum Fortgehen, indem er ihm nochmals zurief: »Sie werden Bella sehr
schön finden, und ich bin es gern zufrieden, wenn sie alle Rechte, die mir ihre
Freundschaft gewährt, auch auf Sie überträgt.«
    Der Baron fand Jaromir heute so sehr in seiner von ihm so genannten
Sonderlingslaune, dass er es wirklich für das Beste hielt, nicht neugierig in ihn
zu dringen, und so ging er.
    Als er fort war, warf sich Jaromir in das Sopha, nachdem er die Türe
verriegelt hatte, und sagte: »Endlich bin ich ihn los!«
    Er lehnte sein Haupt mit der Stirn auf das Sophakissen, drückte noch beide
Hände vor, als wolle er gar Nichts sehen von der Aussenwelt, und versank in ein
tiefes Sinnen.
    Polen war gefallen, und Jaromir war in den ersten Jünglingsjahren mit seiner
deutschen Mutter nach Deutschland geflüchtet. Der Vater war im Kampf geblieben -
ein Bruder der Mutter nahm die armen Flüchtlinge auf seinem Gute auf. Die Gräfin
Szariny, die in der letzten Zeit so viel erlebt hatte, alle Schrecknisse des
Kriegs, alle Gefahren und blutigen Scenen der Revolution, den blutigen Tod des
Gatten, den Verlust ihrer grossen Standesherrschaft und all' ihres Reichtums, so
dass sie zuletzt in rascher Flucht Nichts retten konnte, als das Leben des
einzigen, teuren Sohnes und ihr eigenes - erlag bald so vielfachen
Lebensstürmen und starb. Ihr Bruder, Graf Galzenau, versprach der Sterbenden,
sich ihres Sohnes anzunehmen. Der Graf war verheiratet, und hatte selbst eine
zahlreiche Familie, und ein im Verhältnis zu dieser und seinem Stand nicht eben
beträchtliches Vermögen. Er selbst tat für den Schwestersohn, was er tun
konnte, aber die Seinigen sahen immer ein Wenig scheel auf den. Polenflüchtling,
und behandelten ihn nie mit verwandtschaftlicher Herzlichkeit, sondern oft mit
kaltem Stolz, mit verächtlicher Zurücksetzung. So lernte Jaromir früh das Leben
von der ernstesten Seite kennen; er bezog ein Gymnasium, und dann die
Universität. In den Ferien kam er nur auf den ausdrücklichen Wunsch seines
Oheims in dessen Haus, wo er sich gedrückt fühlte. Jaromir war fest
entschlossen, so bald als möglich die Wohltaten seines Oheims nicht mehr
anzunehmen, deshalb studirte er. - Aber was konnte es ihm nützen? Konnte ein
vertriebener Pole auf eine Anstellung in Deutschen Staaten rechnen? - Er griff
zu dem einzigen Mittel, welches ihm übrig blieb, um wenigstens im Augenblick
eine kleine Quelle des Erwerbes sich zu öffnen - er ward Schriftsteller! Er
hatte Genie - und er schrieb mit Begeisterung - er wählte den neuen Beruf nicht
allein aus Not, und weil keine Wahl ihm blieb, er war ihm zugetan mit Lust und
Liebe. Aber trauriges Schicksal des Armen, der in Deutschland der Muse leben
will, und zugleich auch gezwungen ist, von ihr zu leben! Jaromir entging ihm
nicht - - - oft, wenn er sich gedrungen fühlte, die Feder zur Hand zu nehmen,
und ein Lied niederschreiben wollte, wie er es tief im Herzen fühlte - oft warf
er das kleine Blatt Papier wieder weg, auf das er die erste Zeile geschrieben,
und griff nach einem grossen Bogen, denn noch heute musste der Journalartikel
fertig sein, den er zu liefern versprochen hatte, und den man ihm gut bezahlte;
das Lied aber bezahlte ihm Niemand, kaum dass es im Winkel irgend einer
Zeitschrift überhaupt auf einen Platz rechnen konnte, und so wurde es in der
Geburt erstickt, der bestellte Artikel hingeschrieben ohne Lust und Behagen, und
dann mit einem: »Gott sei Dank, dass ich fertig bin!« die Feder ärgerlich
weggeworfen. Oder wenn er irgend eine Skizze, die ihm just durch den Sinn fuhr,
für die er aber nicht gleich einen Verleger wusste, niederschreiben wollte, so
sandte man ihm Polnische und Englische Blätter, und verhiess für die schnelle
Uebersetzung ein gutes Honorar - und er übersetzte - - - dann warf er die Feder
mit Ekel weg, und konnte sich oft lange nicht überwinden, sie wieder anzurühren,
aus Verachtung vor ihr und sich selbst, dass er sie so oft halb gezwungen führen
musste. - Er hatte es seinem Oheim gesagt, dass er allein für sich selbst sorgen
könne, und nur mit Mühe hatte dieser ihn vermogt, wenigstens so lange, als die
Zeit seiner Studien bestimmt sei, für diese das Geld von ihm anzunehmen. Jaromir
hatte jenen edlen Stolz unabhängiger Charaktere, der Nichts gemein hat mit jenem
gemeinen Stolz auf Rang und Ansehen. Daher hielt er sich auch entfernt von der
höhern Gesellschaft, die seinen Rang und Stand, aber nicht seine übrigen
Verhältnisse kannte, und begierig den schönen, geistreichen jungen Mann in ihre
Kreise zu ziehen suchte. Da dies vergebens war, erklärte man ihn für einen
Sonderling und Grillenfänger - dadurch ward er nur noch mehr zum Gegenstand des
allgemeinen Interesses, und manches zärtliche Briefchen kam auf einem geheimen
Weg zu ihm, das ihm Teilnahme und Tröstung bei dem Kummer verhiess, der ihn zu
drücken scheine. Er warf diese Billets, verächtlich lachend, in's Camin, und
ging zu seiner Amalie. - Er hatte das schöne, arme Mädchen kennen und lieben
gelernt - er sah sich von ihm angebetet, und gab sich mit aller Innigkeit des
ersten Liebeserwachens in einem noch von keinem unlautern Gefühl entweihten
Herzen demselben hin. - Er liebte Amalien wirklich und wahrhaftig mit der reinen
Glut, deren seine schwärmerische Seele fähig war, mit all' der edlen Hingabe
seines starken Charakters. Dass sie ein armes, bürgerliches Mädchen war, das
kümmerte ihn nicht - er war auch arm, und sein Grafentitel galt ihm Nichts. Er
hoffte, sich später eine sorgenfreiere Existenz zu sichern, die er ihr bieten
könnte, und ob seine Verwandten ihm über die Mesalliance zürnen würden -
kümmerte ihn nicht, er war ihnen nicht mehr verpflichtet. Von seiner eignen,
festvertrauenden Liebe schloss er auf die Amaliens - er hielt ihre Liebe für so
fest, wie die seine, er war ruhig und glücklich im Besitz ihres teuren Herzens.
Er wusste es, wie sie ihn liebte. - Musste nicht auch sie es wissen, da er es ihr
einmal gesagt, wie wechsellos und treu er sie liebte? Wozu bedurfte es immer
neuer Wiederholungen? Sein schönes Vertrauen nahm sie für Kälte. Ihr Geständnis
gegen ihren Gatten erklärt, wie es zwischen ihr und Jaromir zum Bruch kommen
konnte. Er lebte, wie in ***. als er es hatte verlassen müssen, eingezogen und
einsam. Er war bald wieder in literarischen Verbindungen, da er sie suchte, denn
der angenommene Name, unter dem er schrieb, hatte einen guten Klang bekommen. Er
dachte an sein Liebchen, und schrieb fleissig an einem grössern Werke, auf das er
manche Hoffnung für sich und Amalien baute. Wohl kränkte ihn zuweilen ihre
Eifersucht, allein er hielt diese mehr für eine weibliche Laune, die nur auf der
äussern Oberfläche erscheine, nimmer aber aus der Tiefe des Herzens komme - wusste
er sich doch so frei von jeder kleinsten Regung, die einen Vorwurf verdient
hätte. Es beruhte in Wahrheit: eine Polnische Gräfin, in deren Hause er zufällig
wohnte, hatte ihn zu sich einladen lassen, und er hatte keinen Grund gehabt, die
Einladung auszuschlagen. Aber bald fand er, dass es in ihrem Hause ein Wenig
frivol zugehe, dass die Gräfin all' ihre Koketterie-Künste anwende, um in ihm
einen galanten Ritter zu finden - da zog er in ein entlegenes Stadtviertel, und
schickte der Gräfin eine Abschiedskarte. Ein Bekannter der Gräfin, der ihn in
diesem Cirkel kennen gelernt hatte, traf ihn einige Zeit darauf zufällig, und
als er ihm seine Verwunderung aussprach, dass er noch in Berlin sei, da er der
Gräfin doch eine Abschiedskarte geschickt habe, sagte Jaromir: »Für die
Personen, denen man Abschiedskarten schickt, ist man nicht mehr da - gleichviel,
ob man die Stadt gewechselt hat, oder nur die Strassen.« - So selbstbewusst nun
durch diese und ähnliche Handlungen Jaromir sich fühlte, von Amalien auch nicht
den kleinsten Zweifel an seiner Liebe zu verdienen, so glaubte er auch nicht
daran, dass sie im Ernst an seiner Treue zweifeln, und dass sie selbst je anders
handeln und fühlen könne, als er - so fiel es ihm doch, wie er nun den Brief von
Amaliens Mutter und seinen Ring mit der Anzeige ihrer Verlobung mit Talheim
erhielt, plötzlich wie Schuppen von seinen Augen. - Sie hatte ihn nie geliebt,
nie geliebt, wie er allein geliebt sein wollte! - Sie hatte nie das grosse,
heilige Gefühl verstanden, das ihn bewegte; er hatte seine edelsten
Empfindungen, sein ganzes grosses Herz weggeworfen an ein Wesen, das nur damit
gespielt hatte! - Es war über ein Jahr vergangen, und er hatte keinen andern
Gedanken gehabt, als den: Amalie! - Für sie hatte er gearbeitet, für sie gedarbt
- für sie seine Nächte am Schreibtisch, oft seine Neigungen in der Literatur dem
sicheren Erwerb geopfert - und jetzt sah er sich von ihr bei Seite geworfen,
einem Andern geopfert! - Wäre sie ihm entrissen worden durch den Tod, durch
irgend eine Allgewalt der Verhältnisse, er hätte es mit edler, männlicher
Entsagung ertragen - aber durch ihre Untreue wurden die bittersten Gefühle in
ihm rege, durch ihren Verrat sah er sich um das schönste Jahr seines Lebens
schrecklich betrogen. Er musste die Erinnerung an dieses Liebesglück fliehen denn
dieses selbst erschien ihm jetzt als nichts Anderes, als eine ungeheure Lüge. Er
schickte Amalien ihren Ring wieder, ohne ein Wort des Vorwurfs, ohne irgend eine
Erklärung - sie war seinem stolzen, edlen Herzen plötzlich so verächtlich, als
sie ihm erst teuer gewesen. Er suchte jeden Gedanken an sie zu verbannen - -
aber wie nun die tödtende Leere ausfüllen, die dadurch in seinem Innern, in
seinem ganzen Leben entstand? Er stürzte sich in einen Strudel von
Zerstreuungen, er trank und spielte, und wenn der Schlaf nach durchschwärmten
Nächten auf ihn herabsank, so fand er ihn selten nüchtern. Wenn er schreiben
wollte wie sonst, und er allein in seiner stillen Stube sass - da stand Amaliens
Bild plötzlich vor ihm, und er schaute es liebesselig an wie sonst - aber dann
besann er sich, dass das Alles ja vorüber und Nichts gewesen sei, als ein langer
Betrug, und sprang auf, floh das Nachdenken, floh die Einsamkeit, um nur auch
ihrem Bild zu entrinnen, und suchte wieder den goldnen Stern der Vergessenheit
im goldnen Wein, Dies wilde Leben stürzte ihn in Schulden, er hatte bald mit der
entsetzlichsten Not, den peinlichsten Sorgen zu kämpfen. Da erhielt er einen
Brief seines Oheims. Ein Verwandter Jaromirs in Russland hatte diesem
geschrieben. Jaromirs Standesherrschaft war der Russischen Krone verfallen, und
er selbst durfte nicht wieder dahin zurückkehren, aber der Verwandte, der auf
Rassischer Seite stand, und daselbst viel Einfluss hatte, hatte es dahin
gebracht, dass Jaromir sein übriges beträchtliches Vermögen erhielt. Das schrieb
ihm Golzenau, und übersandte ihm die betreffenden Documente. Der arme Jaromir
erwachte eines Morgens und fand sich reich. Er frohlockte, der Reichtum gab ihm
ja die Mittel, sich zu zerstreuen, zu betäuben. Er verliess Berlin und ging auf
Reisen. Nach einem Jahre kehrte er wieder zurück. Er war nunmehr auch ein gern
empfangner Gast auf Schloss Golzenau - kam zuweilen dahin, weil der Graf ihn wie
einen Sohn liebte, und weil er den alten Mann schätzte, der früher, trotz den
Widersprüchen der eignen Familie, so väterlich an ihm gehandelt hatte. Jaromir
hatte ihm Alles wieder erstattet, was er früher von ihm empfangen, und um so
unbefangener konnte er ihm jetzt seine Dankbarkeit bezeugen. Uebrigens lebte
Jaromir die folgenden Jahre in Berlin unter der grossen Welt, der er so lange
fremd geblieben war. Er galt für einen der ersten Salonherrn in diesen Kreisen
und da er unter ihnen nicht nur seinem Äußern nach der schönste, sondern
zugleich auch der geistreichste war, da man es sich zuflüsterte, dass er ein
Dichter, ein Journalist sei so gab dies seiner ohnehin bedeutenden
Persönlichkeit noch einen besondern Glanz, der ihn für die Frauen besonder
anziehend machte, und nicht wenig dazu beitrug, dass manch Männer ihn halb mit
Neid, halb mit Furcht betracheter So beherrschte er die Gesellschaft durch
hundert Eigenschaften, vor welchen eben diese Gesellschaft sich bewundernd
neigt. Es war ein neues Leben im Äußern für ihn aufgegangen. Er war ein andrer
Mensch geworden. Er huldigte jeder Modetorheit, jeder Grille, die in ihm
aufstieg - er war heute der dienstbare Sklave irgend einer schönen Frau, um sich
morgen über sie lustig zu machen. Er liess heute wirklich sein Herz und seine
Sinne von irgend einer blendenden, weiblichen Erscheinung verführen, und morgen
stand sie wieder vor ihm all' dieses Glanzes bar, den seine Phantasie um sie
gewoben, und er wandte sich mit bitterm Lächeln ab. Er redete sich heute selbst
ein, zu lieben und selig zu sein, wenn ein schönes Weib die Arme berauscht und
berauschend um ihn schlang - aber morgen verhöhnte er das eigne Gefühl und
lös'the zürnend das raschgeknüpfte Band. Er achtete nicht darauf, dass wohl viel
Tränen still um ihn flossen, dass manche Wange bleich ward, die er einst geküsst
- er hatte längst aufgehört, an das weibliche Herz zu glauben, was galten ihm da
noch weibliche Tränen, Seufzer und Worte? - Und sein eignes Herz blieb so leer
und öde, wie eine Wüste, so hatte er ja das weibliche genannt. Er dachte nicht
mehr an Amalien, die Erinnerung an sie war verloren. Nicht um den Gedanken an
sie zu entfliehen, führte er ein zerstreuendes Leben - ihr Bild erschien ihm
schon lange niche mehr, sondern nur um die Leere seines Innern in den
Augenblicken auszufüllen, wo er diese Leere am drückendsten fühlte, und jeder
solcher Versuch zeigte ihm doch nur, welche vergebliche Mühe es war, ihn zu
machen. - Er war noch Schriftsteller, und jetzt glücklich: er brauchte nicht
mehr für Geld zu schreiben - diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichtum von
ihm genommen; er konnte schreiben, was der Geist ihm eingab, und er tat es. In
solchen Stunden war ihm dann am wohlsten. Aber seine Anonymität behauptend, war
er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen. Seine
Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde, und erwarben seinem
angenommenen Namen Anerkennung - aber er war und blieb allein, da er sich eben
nicht selbst dazu bekannte, der Träger dieses Namens zu sein. Nicht die warmen,
ehrlichen Herzen, die mit ihm zugleich schlugen, und auf dem Tummelplatz der
Journale kämpften für Freiheit und Recht, waren seine Gefährten, sondern jene
vornehmen, blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen, deren Augen
nicht weiter reichten, als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons,
und denen die wirkliche grosse Welt, die über und ausser ihrer sogenannten grossen
Welt lag, ein unbekanntes Reich war. Mit einigen von ihnen teilte Jaromir ein
gemeinschaftliches Interesse: das Teater. Während jene aber zumeist die
Operngucker auf die verführerischen Bewegungen der Ballettänzerinnen richteten,
sass Jaromir sinnend im Schauspiel, im Lustspiel, in der Oper, und war ein
aufmerksamer, kritischer Beobachter, ob die Darsteller ihre Rollen richtig
auffassten, ob sie ihre schwierigen Aufgaben lös'ten. Er hatte in dieser Zeit
eine förmliche Leidenschaft für das Teater, für die Kunst, und liess es dann an
öffentlichen oder privaten Aufmunterungen oder Zurechtweisungen nicht fehlen, wo
ihm dies der Mühe wert schien. In der Rolle der Norma sah er Bella zuerst, und
noch nie hatte er gesehen, wie diese Rolle, welche alle Leidenschaften und
Gefühle des weiblichen Herzens zur Anschauung bringt, so vollkommen dargestellt
würde. Gesungen hatten wohl schon Andere diese Arien und Recitative eben so gut
- aber Keine mit seelenvollerer Stimme, Keine hatte das Hochtragische in dieser
Rolle so edel und richtig aufgefasst, als Bella. Ihre schöne Gestalt, ihre
anmutigen Züge waren es nicht, was Jaromir zu ihr hinzog, sondern das grosse
Künstlertalent, das ihn einen verwandten Genius, eine der seinen verwandte
Begeisterung für die Kunst ahnen liess. - Er musste sich ihr nähern, aber es war
nicht leicht, Zutritt bei Bella zu finden - sie war noch unvermählt, und lebte
unter dem Schutze einer alten Verwandten, ziemlich eingezogen, und wusste ihre
Schmeichler und Bewunderer immer in gehöriger Entfernung zu halten. Endlich
aber, da Jaromir erst unter seinem Dichternamen einen Briefwechsel über ihre
Kunst mit ihr angeknüpft hatte, nahm sie seinen Besuch an. Es währte nicht lange
und Jaromir galt als Bella's Liebhaber. Eine Zeit lang war dieses Verhältnis
eine Quelle reinen Glückes für Beide - aber bald bemerkte er, wie er sich
getäuscht hatte, wenn er geglaubt, dass Bella's Dienst am Altare ihrer Kunst der
einer Priesterin sei, welche in edler Begeisterung auf demselben Alles opferte.
Es war wahr, Bella liebte ihre Kunst, sie weihte sich ihr mit Eifer und tat
sich selten in einer Rolle genug, denn sie hatte ihren grossen Beruf begriffen -
aber deshalb war sie nicht frei von jenem trotzigen Eigenwillen, jenen
kleinlichen Ränken, mit denen Publikum und Teaterdirection sich so oft zum
Besten haben lassen müssen. Der Weihrauch, den die entusiastischen Berliner ihr
streuten, verfehlte seine unheilvolle Wirkung nicht, sie ward eitler, stolzer,
zugleich auch leichtfertiger und trotziger, als sie je gewesen war, und endlich
überwarf sie sich in hochmütiger Laune mit der Teaterintendanz, und
vertauschte sofort Berlin mit der kleineren Residenz, in welcher sie jetzt
lebte. Jaromir, obwohl er sie nicht mehr wirklich verehrte, wie einst, war doch
noch zu sehr durch Hundert Bande zärtlicher Gewohnheit an sie gefesselt, als dass
ihm Berlin ohne sie nicht bald hätte verödet sein sollen. Er folgte ihr also
nach wenig Wochen in ihren neuen Wohnort. Noch eh' er sie selbst gehend von
Berlin mit ihr entzweit, und sie waren nicht in friedlicher Stimmung von
einander geschieden, ging er mehrmals an dem Hause vorüber, das man ihm als ihre
Wohnung bezeichnet hatte. Er hoffte, auf diese Weise sie zufällig zu sehen,
einen Wink, einen Ruf von ihr zu erhalten - lange war es aber vergebens, bis
endlich eines Abends eine Rose zu seinen Füssen fiel, an welcher ein Zettel
befestigt war. Wo anders her als von Bella konnte dieses Zeichen kommen, er
drückte es entzückt an seine Lippen und las dann bei'm Schein der nächsten
Laterne den Zettel. Es war offenbar hastig und mit zitternder Hand geschrieben -
es war nicht Bella's zierliche Handschrift - aber in der Eile war es wohl
möglich, dass sie so nachlässig geschrieben hatte. Er las verwundert lächelnd:
»Wir dürfen uns einander nicht nähern, aber mein Herz bewahrt für Jaromir
unverändert dasselbe Gefühl.«
    Er wusste sich diese Worte nicht recht zu deuten - hatte Bella irgend ein
andres Verhältnis angeknüpft, dass er sich ihr nicht nähern dürfe? Er musste
darüber Gewissheit haben, und eilte am nächsten Morgen zu ihr. Sie empfing ihn
mit fröhlicher Ueberraschung. Er wollte endlich Ausschluss über die Rose - das
war vergebens, denn sie war nicht von Bella gekommen - diese vermutete endlich,
eines ihrer Kammermädchen habe sich vielleicht einen schlechten Spas damit
machen wollen - man liess die Sache auf sich beruhen, und vergass sie bald in den
ersten frohen Tagen zärtlichen Wiedersehens. Aber Wochen waren vergangen, und
Jaromir erlag wieder dem Dämon, der ihn unaufhörlich verfolgte, seitdem er in
der vornehmen Welt lebte: der Langeweile. Auch Bella war ihm langweilig
geworden.
    In solcher Stimmung erhielt er Talheims Billet.
    Er las den Namen: Amalie - und die Erinnerungen seiner frühen Jugend wachten
wieder auf.
    Nicht Amaliens Bild war es, was ihn jetzt am Meisten bewegte, denn er hatte
längst aufgehört, sie zu lieben - ihn bewegte das Bild dessen, der er selbst in
jenen Tagen gewesen war: glücklich und zufrieden bei allen Sorgen, denn er
nannte ein Herz sein, für das er sich mühen, und an dem er dann ausruhen konnte
- er hatte stolz und selbstbewusst in's Leben schauen können - er hatte markige
Jugend- und Geisteskraft in sich gefühlt, die ganze Welt zu erobern, er hatte
sich vertrauend in die Arme des bewegten Lebens geworfen, und fröhlich auf die
eigne Kraft gebaut - er hatte wohl Schmerz und Kümmerniss empfunden - aber nie
Langeweile - er hatte nie mit seinen Gefühlen gespielt, nie über das eigne Herz
sich lustig gemacht, wie er es jetzt so oft tat.
    Und er streckte jetzt sehnend seine Arme aus nach dieser Vergangenheit, und
er hatte sie für ewig verloren.
    Amalie, die erste, die einzige reine und allmächtige Liebe seiner Jugend,
war eine Sterbende - und sterbend, wie sie, das fühlte er, war sein besseres,
unentweihtes Selbst!
    Er drückte die Hände vor die Stirn und versank wieder in lange, bange
Gedanken.
 
                        IV. Nr. 18 in der Klosterstrasse
 »Die Kette, die die Herzen band,
 ist nun zerstückt, zerschellt«
                                                              Otto v. Wenkstern.
Die beiden Pensionärinnen, Elisabet von Hohental und Aurelie von Treffurt,
waren im Begriff, ihr Vorhaben auszuführen, welches sie in später Nacht
beschlossen hatten. Sie wollten zu der Blumenmacherin gehen, welche mit Talheim
in einer Etage wohnte. Elisabet, sonst nicht gewohnt, viel Zeit auf ihre
Toilette zu verwenden, machte sie heute mit besondrer Sorgfalt. Sie war ganz in
Weiss gekleidet, nichts Farbiges war in ihrem Anzug. Als sie in den Garten trat,
wo Aurelie sie erwarten wollte, und die andern Mädchen versammelt waren, blieb
Elisabet in der Türe stehen, weil sie die Gefährtinnen in Aufregung, wie es
schien, in einem Streit gewahrte, und erst von fern sehen und hören wollte, was
es gäbe, ehe sie sich in eine Sache mische, für welche sie vielleicht kein
Interesse hatte. Sie ehnte sich an das von Ephen umrankte Portal des Einganges,
die rechte Hand auf das zierliche Sonnenschirmchen gestützt, und blieb in
lauschender Stellung.
    Pauline Felchner stand in der Mitte der andern jungen Mädchen, welche teils
mit hohnlachenden, teils hochmütigen, zürnenden Blicken auf sie sahen.
    »Solches Gesindel in unsre Gesellschaft zu bringen!«
    »Ich habe es immer gesagt, sie taugt besser zu dem Bettelvolk, als zu uns -
es ist ja ihres Gleichen.«
    »Ihr Geld ist ja das Einzige, worauf sie stolz sein kann!«
    So und ähnlich schallten die Reden von Paulinen's Gefährtinnen. Sie selbst
brach endlich in Tränen aus und sagte: »Ihr mögt mich schelten, wie Ihr wollt,
hättet Ihr nur das arme Mädchen in Frieden gelassen - ich bin es ja schon
gewohnt, um Nichts von Euch verachtet zu werden.«
    »O, sie tut noch hochmütig -« sagte Aurelie, »aber dort steht Elisabet -
es ist Schade, dass sie nicht da war - ein Wort von ihr würde Paulinen so
imponirt haben, dass sie nicht zu antworten wagte.«
    »Elisabet ist kalt und stolz, aber sie ist nicht ungerecht, sie hat mich
niemals beachtet, aber sie ist nicht fähig, Jemandem absichtlich Unrecht zu
tun,« sagte Pauline entschieden.
    Elisabet trat vor - sie sah Paulinen gross und verwundert an - womit hatte
sie es verdient, um Paulinen verdient, dass diese eine so ehrende Meinung von ihr
hegte? In diesem Augenblicke, als die stille Pauline ihre grossen blauen
Kinderaugen o vertrauend auf Elisabet richtete, als suche sie bei ihr Schutz
gegen die Unbilligkeiten der Andern, drang dieser Blick so tief in den Grund
ihrer Seele, dass sie sich davon ungewohnt bewegt fühlte. Sie näherte sich ihr,
ergriff ihre Hand freundlich und sagte: »Rede doch! Was gibt es?« Nie hatte
Elisabet so liebreich zu Paulinen gesprochen, wie sie jetzt diese wenigen Worte
sagte - Pauline drückte ihr die Hand und liess sie nicht wieder los, während sie
ihre Rede nur an sie richtete:
    »Wir waren hier bei einander, und warfen Reifen, als wir draussen an der
Türe eine weinende, bittende Stimme hörten, dazwischen scheltende Worte eines
unsrer Dienstmädchen - dabei ward mein Name genannt - ich war deshalb Eine der
Ersten, welche hinliefen, um zu sehen, was es gäbe. - Ich muss durchaus mit
Mamsell Paulinchen sprechen, der liebe Gott wird's Ihnen segnen, wenn Sie mich
zu ihr lassen - hörte ich wieder sagen - da macht' ich rasch die Gartentüre auf
- und ein ärmlichgekleidetes, blasses Mädchen, ein altes Körbchen mit Blumen am
Arm, stand vor mir. Es sah sehr leidend und kummervoll aus, und sein Anzug war
aus vielen Stücken mühsam zusammengenäht. - - - Die Armut musste die andern
Mädchen wohl sehr belustigen, sie brachen in ein lautes Gelächter aus, dass die
Fremde hoch errötete, und die Augen niederschlagend ein paar helle Tränen
verschluckte. Ich nahm sie bei der Hand, indem ich ihr sagte, dass ich Pauline
Felchner sei, und die Andern bat, doch nicht zu lachen - sie lachten aber nur
desto mehr, sagten, ich habe wohl solche Jugendfreundinnen - die reichen
Fabrikanten hätten immer Bettelvolk zu Verwandten, und liessen solche hämische
Worte mehr fallen, so dass jene immer verwirrter ward, mir zu Füssen fiel, und
schluchzend bat: Ach, Mamsell Paulinchen, meine Mutter hat Sie oft mit mir auf
einem Arme zugleich getragen - jetzt liegt sie hier auf den Tod, und die kleinen
Geschwister sterben vielleicht auch bald vor Hunger. Sie hat mir oft erzählt,
wie gut sie es in Ihrem Hause gehabt - und wie ich nun hörte, dass Sie hier
wären, so dacht' ich in meinem Innern: die hilft euch vielleicht. Ich sah einmal
bei Doctor Talheim's, wo ich die Aufwartung habe, ein Buch, auf welches Ihr
Name gedruckt war - da fragte ich den guten Herrn Doctor, ob er Etwas von Ihnen
wisse - und er erzählte mir, wie Sie hier so fromm und gut wären, dass Sie mir
gewiss helfen würden - nicht mir, sondern der kranken Mutter, den hungernden
Kindern - da fasst' ich mir ein Herz und lief her, und da bin ich nun - sie hielt
inne, und barg ihr Gesicht unter der Schürze, es war vielleicht das erste Mal,
dass sie fremdes Mitleid in Anspruch nahm - und diese vornehmen Fräuleins
antworteten ihr mit Gelächter -« sagte Pauline mit Bitterkeit, indem sie inne
hielt.
    »Es war auch ein ganz närrischer Auftritt,« sagte ein Fräulein - »die
Bettlerin nahm sich sehr possirlich aus, und Pauline machte die Scene
vollkommen, indem sie uns trotz dem besten Kanzelredner eine hochtrabende
Strafpredigt hielt - ihr Eifer war es, über den wir natürlich noch mehr lachen
mussten, und darüber, dass sich überhaupt Mamsell Paulinchen unterstand, sich zu
unsrer Gouvernante und Sittenrichterin aufzuwerfen.«
    »Es kann sein, dass ich mich vergessen habe,« sagte Pauline, »aber ich war
jetzt nicht die Erste von uns, der dies geschah -«
    »Lass' das gut sein,« unterbrach Elisabet. »Was antwortetest Du der Armen?«
    »Ich hatte zum Glück in meiner Schürzentasche einen Taler, da ich mir eben
Etwas wollte holen lassen - den gab ich dem Mädchen mit dem Bemerken, dass ich
nächstens zur kranken Mutter kommen würde. Wenn sie Talheim zu mir geschickt,
so würde er mir auch sagen können, womit ihrer Not am Besten geholfen sei. -
Sie wollte mir die Hand küssen, aber das duld' ich von Niemand, so umarmte ich
sie, und bat sie, so schnell als möglich zur kranken Mutter zu gehen, und
drängte sie fort, denn ich wollte sie so schnell als möglich den Demütigungen
hier entziehen - ich weiss ja, wie weh sie tun! Ich wollte dadurch, dass ich sie
küsste, sie vergessen machen, was die Andern an ihr verbrochen - - und nun hast
Du nur einen Teil von dem gehört, wie sie mich deshalb verhöhnen. - -«
    Elisabet fiel Paulinen um den Hals, und sagte: »Vergieb mir, dass ich Dich
mit törigtem Hochmut gekränkt habe - ich habe Dich früher ja nicht gekannt -
nun aber kenne ich Dich, und bitte Dich: sei meine Freundin! - Und Ihr Andern,
wenn Ihr sie wieder kränkt - so kränkt Ihr mich auch. Das wird Euch freilich
einerlei sein, und wie Ihr vorhin sie ausgelacht habt, so werdet Ihr mich jetzt
auslachen - aber Du, gute Pauline, wirst nicht mehr allein und unverstanden
unter uns sein!«
    Und Pauline erwiderte innig die herzliche Umarmung, und vermochte weiter
Nichts zu sagen, als: »Ich danke Dir!« und eine grosse, helle Freudenträne fiel
aus ihrem Auge auf Elisabet.
    Diese hatte eine solche Autorität bei sämmtlichen Pensionärinnen, dass ihr
wenigstens in's Gesicht keine ein Wort zu erwidern wagte. - Einige griffen
wieder zu den Reifen, als seien sie durch Nichts unterbrochen worden. Andere
rümpften die Nasen, und tauschten halblaut spitzige Bemerkungen über die neue
Freundschaft - nur Aurelie, die immer mutwillig, und in ungezähmter heitrer
Laune war, sagte: »Ach, ich bitte Euch, welche sentimentale Scene! Ich glaubte
eine solche heute wenigstens an einem ganz andern Ort, als hier, zu erleben, und
niemals hätte ich mir träumen lassen, dass Du, Elisabet, über eine Kinderei
unsern wichtigen Ausgang ganz vergessen könntest! Ich warte schon lange auf
Dich, und wir müssen sehr eilen, wenn Du nicht Dein ganzes Vorhaben aufgegeben
hast. -«
    »Ja, wir haben Eile,« sagte Elisabet, »aber auch Du, Aurelie, konntest? -«
    »O, ich war nicht im Geringsten besser, als die Andern. - Wenn ich aber eine
zu erwartende Strafpredigt von Dir ohne Unterbrechung anhören soll, so muss ich
mir dabei ein Liedchen singen.« Und indem sie dies gesagt hatte, fieng Aurelie
an eine Tyrolienne zu jodeln.
    Elisabet antwortete nicht, nahm Aureliens Arm, und so gingen sie, von dem
längst harrenden Diener gefolgt, schweigend durch die Strassen. Im Hause von
Obrist Treffurt, als sie den Diener fortgeschickt hatten, sagte Elisabet; »Es
ist zu spät geworden, als dass wir Beide zu der Blumenmacherin gehen könnten,
geh' Du nur immer herauf zu Deinen Verwandten, hier durch den Garten ist es
nicht weit, und ich komme bald zurück.«
    Aurelie sah sie erstaunt an: »Du willst uns Alle hofmeistern, und dies soll
die Strafe sein, die Du für mich ausgesonnen hast,« sagte sie erbittert, »aber
Du bist in meiner Hand, sobald ich Alles sage. - -«
    »Du bist mutwillig, aber Du bist nicht hinterlistig - - Du wirst mich also
nicht verraten - und wenn Du es tun könntest, so scheue ich auch das
Unangenehme nicht, was mich allein trifft.«
    Elisabet schlüpfte schnell durch den Garten, und hatte dann nur wenig
Schritte zu gehen, so stand sie in der Klosterstrasse vor dem Hause Nr. 18.
    Mit klopfendem Herzen trat sie hinein und eilte schnell die breiten, hohen
Treppen hinauf. Sie hatte sich ausser Atem gelaufen, und musste ein Wenig
ausruhen, als sie in der 2. Etage anlangte. An der Türe links, die nach dem
Hinterteile des Hauses zu führen schien, stand der Name: Doctor Talheim.
Unwillkührlich lief Elisabet nach der entgegengesetzten Türe, und zog hastig
an der Klingel: Wenn er jetzt käme! dachte sie ängstlich. An dieser Türe war
ein grosses, rotes Schild befestigt, worauf mit goldnen, stattlichen Buchstaben
zu lesen war: »Blumenfabrik von Henriette Krauss.«
    Ein Dienstmädchen kam heraus, bat Elisabet, einzutreten, indem sie ihr auch
eine zweite Türe öffnete.
    Es war ein grosses, helles Zimmer, ringsum mit Glasschränken, in welchen die
von Sammt und Seide und andern kostbaren Stoffen künstlich geschaffenen Blumen
in den mannigfaltigsten Gestalten und Farben prangten. Aus einer Nebenstube
schallte helles Gelächter vieler weiblicher Stimmen. Es war das Arbeitslocal -
aus ihm trat jetzt die Leiterin dieses Geschäftes, Henriette Krauss, ein Mädchen
von ungefähr dreissig Jahren, eine verblühte Schönheit, welche derselben durch
etwas auffälligen, dabei nachlässigen Putz nachzuhelfen suchte. Ein Kind von
etwa drei Jahren, mit einem braunen Lockenköpfchen und wunderbar grossen,
tiefblauen Augen drängte sich ihr nach.
    »Womit kann ich dem Fräulein dienen?« fragte Henriette mit verbindlichem
Knix, und Elisabet verlangte ein Hutbouquet. Während sich nun das Gespräch um
die Wahl dieser Blumen drehte und Elisabet, dabei verlegen nachsinnend, wie sie
wohl das Gespräch auf Talheim bringen könnte, eine Anzahl blauer Blumen in der
Hand hielt, sagte das Kind, sie gross ansehend:
    »Blau gefällt dem Papa am Besten - nicht wahr blau? Und ich gehe auch blau,«
fügte es, auf sein blaues Kleidchen deutend, hinzu.
    »Geh hinein, Annchen,« sagte die Verkäuferin, »Du sollst nicht immer mit
heraus kommen, wenn Damen da sind.«
    »Ich habe aber die schönen Damen lieb,« versetzte die Kleine.
    Elisabet neigte sich zu ihr: »Mich auch?« fragte sie. »Kennst Du mich
denn?«
    »Nein,« antwortete Annchen kleinlaut, und fing an mit der goldnen Kette zu
spielen, welche an Elisabets Halse herabhing. Diese fragte:
    »Wie heisst Du denn weiter, Anna?«
    »Es ist das einzige Kind vom Doctor Talheim, der mit mir in einer Etage
wohnt,« antwortete Henriette für das Kind. - »Die arme Mutter ist so krank,
überhaupt immer so hässlich gegen das liebe Kind, dass ich es seit mehreren Wochen
ganz mit zu mir herüber genommen habe.«
    Da war nun auf einmal Elisabet der Erreichung ihres Zweckes so nahe!
    »Ist die Doctor Talheim ohne Aussicht auf Rettung krank?« fragte sie.
    »Es wäre ihr wohl eine baldige Erlösung zu wünschen, freilich mehr noch für
Mann und Kind, denn sie ist die grilligste Kranke, die mir vorgekommen, und
dadurch ist die Not auf's Höchste bei ihnen gestiegen - man sieht es dem Doctor
an, wie viel er leidet, obwohl er es Allen zu verbergen strebt - er ist der
edelste Mann, den ich kenne.«
    Während die Blumenfabrikantin so sprach, spielte das Kind noch immer mit
Elisabets Fingern unter dem seidnen Handschuh, und diese sagte jetzt zu jener
leise: »Ich möchte Etwas mit Ihnen allein reden, vor Allem darf es das Kind nicht
hören.«
    Letzteres war bald entfernt, und Elisabet nahm Henriettens Hand und sagte:
»Darf ich auf Ihre Verschwiegenheit rechnen? Ich bin beauftragt, diese
Kleinigkeit an Doctor Talheim gelangen zu lassen - aber ich wusste nicht, wie
ich es anfangen sollte, um ihn nicht zu beleidigen, und zugleich auch zu dessen
Annahme zu vermögen. Sagen Sie ihm, dass es aus der Hand des Reichtums kommt,
die sich am Fröhlichsten öffnet, wo sie es für Notleidende kann, dass man es für
seine Gattin bestimmt, dass es die Dankbarkeit sendet - sagen Sie ihm Alles,
wodurch Sie ihn bewegen können, es nicht zurückzuweisen, aber verschweigen Sie
ihm, dass man mich als erste Mittelsperson gewählt hat - wenn Sie mich kennen
sollten - verschweigen Sie überhaupt, dass es ein Mädchen Ihnen übergeben hat -
wenn Sie es nicht verschweigen,« fuhr sie mit ängstlicher Stimme fort, »könnte
es leicht traurige Folgen für die Personen haben, welche Talheims beste Freunde
sind -« mit diesen Worten gab sie an Henriette ein Couvert, welches eine
Banknote von 50 Talern entielt, und empfing dafür das feierlichste
Versprechen, sowohl der pünktlichsten Abgabe, als des strengsten Schweigens.
    Als Elisabet an der Vorhaustüre, welche ihr Henriette öffnete, eben den
letzten Knix empfing, öffnete sich auch die entgegengesetzte Türe. Eine Scene
anderer Art hatte unterdess in dem Zimmer Statt gehabt, zu welchem diese Türe
führte.
    Es war eben vier Uhr vorüber, als Graf Jaromir von Szariny an Talheims
Türe schellte.
    Er öffnete selbst.
    Sie standen sich gegenüber.
    Sie standen sich gegenüber, Jaromir, dem die Braut, Talheim, dem die Gattin
untreu geworden - und Braut und Gattin waren eine Person.
    »Man hat mich hierher beschieden -« sagte Jaromir.
    »Es war Amaliens Wille,« antwortete Talheim.
    »Sind Sie Amaliens Gatte, und kamen die Zeilen, die ich diesen Morgen
erhielt, von Ihrer Hand? - Nur dann habe ich das Recht, hier zu erscheinen.«
    »Ich bin Talheim - Sie werden unser Zusammentreffen hier seltsam finden,
aber der Wille einer Sterbenden war mir heilig. Sie wartet jetzt auf uns mit
Ungeduld, und deshalb muss unsere Unterredung hier kurz sein. Es wird später Zeit
sein zu einer nähern Erklärung. Amalie meint, nicht eher sterben zu können, bis
sie Ihre Vergebung für ergangenes Unrecht und Weh erlangt hat. - Sie werden sie
ihr nicht verweigern. Sie haben sich hier wiedergesehen -«
    »Wiedergesehen?« fragte Jaromir, Talheim unterbrechend, »ich habe gar nicht
gewusst, dass sie hier ist. -«
    Talheim sagte, mit einem langen Blick auf den Grafen: »Sie hat Ihnen eine
Rose mit einem Zettel zugeworfen, als Sie unter ihren Fenstern weilten -«
    »Unter ihren Fenstern - die Rose kam von Amalien?« rief Jaromir, immer
verwunderter und bestürzter. »Wahrhaftig, der Zufall treibt ein närrisch Spiel
mit mir!« und ein bittres und schmerzliches Lächeln zuckte dabei um seinen Mund.
    Talheim starrte ihn verwundert an - auch um seinen Mund zuckte ein bittres
Lachen - er verstand jetzt Alles: der Graf hatte Amalien längst vergessen, und
nicht um ihret Willen sah er leidend aus, nicht um ihret Willen war er in diese
Stadt gekommen - aus andern zarten Händen hatte er gehofft, Rosen und
geschriebene Worte zu empfangen, als aus ihren - es war der Selbstbetrug der
Liebe, welcher Amaliens Herz und Sinne gefangen genommen. So sagte er jetzt sehr
ernst, beinah feierlich zu Jaromir:
    »Herr Graf, Amalie glaubt sich von Ihnen noch geliebt - schonen Sie die
Sterbende, ohne sie zu täuschen - vergeben Sie ihr als ein milder, mitleidiger
Richter.« Er trat jetzt aus dem Vorsaal, in dem beide leise diese Unterredung
geführt, in das Zimmer, in welchem Amalie angekleidet auf dem Bette lag, und
sagte zu ihr mild:
    »Bist Du stark genug, Szariny zu empfangen? Er wartet draussen.«
    »Ich hörte seine Stimme längst, warum lässt Du ihn warten?« rief sie
ungeduldig.
    Szariny trat ein.
    Welch ein Wiedersehen!
    Er ein glücklicher, lebensfroher und lebensfrischer Jüngling, Sie ein
glückliches, blühendes Mädchen - beide glücklich allein durch die zärtliche
Liebe, in welcher sie für einander schwärmten und glühten - so hatten sie einst
einander verlassen mit den heiligsten Liebesschwüren.
    Vier Jahre waren seitdem vergangen.
    Jetzt sahen sie sich wieder. Sie hatte ihn wieder erkannt, denn sie liebte
ihn noch, und das liebende Frauenherz findet aus Tausenden den wieder heraus,
dem es in' Liebe schlägt - und trotz der Macht der Jahre, jedes äusseren
Einflusses den Gemütsbewegungen und Leidenschaften, äussere und innere Leiden,
ja selbst Lebensverhältnisse und Tracht auf eine Menschengestalt und ein Antlitz
ausüben. So hatte sie ihn erkannt. Aber hätte man ihm nicht gesagt, diese
bleiche Kranke sei Amalie - er hätte es nimmer geglaubt.
    Vielleicht hatten die innern, steten Kämpfe Amaliens - dieses stete Ringen
in einem zuckenden Herzen, das es sich selbst nicht einmal wissen lassen will,
wie es stündlich kämpft - dieses Ringen, das vielleicht nur die Frau mit seinen
ganzen grässlichen Qualen ganz verstehen kann, welche selbst an einen Mann
gefesselt ist, den sie hochachten muss, aber für den ihr Herz sich vergebens
bemüht, Liebe zu empfinden - vielleicht hatte dieses Ringen Amalien schon vor
ihrer Krankheit verändert. Es hatte ihr inneres Leben verbittert - und dieses
Verbittertsein prägte sich deutlich auf ihrem Gesicht aus, ihr Charakter war
heftig und herrisch geworden, und dadurch, dass sie für Alles, was sie im Stillen
litt, Niemand und nichts Anders verklagen konnte, als sich selbst, so nagte das
Bewusstsein, nur selbst verschuldetes Weh zu tragen, und zwar durch Leichtsinn
und Unrecht verschuldetes, nur um so zehrender an ihrem Innern. - Und weder dies
Bewusstsein, noch die Reue, die sie verbergen musste, war geeignet, sie ergeben
und friedlich zu machen - sondern sie ward dadurch nur immer heftiger - und so
war auch aus ihrem Antlitz längst jede Spur von Milde und Friede gewichen - ein
unheimliches Etwas, das immer Unzufriedenheit und Unbehagen ausdrückte, war an
dessen Stelle getreten. Anderen Frauen verleiht die Mutterwürde und das
Mutterglück einen neuen, oft einen heiligen Zauber, auch dem Äusseren, besonders
dem Ausdruck der Züge - bei Amalien war das nicht so. Sie liebte ihr Kind nicht,
denn es war das Kind eines ungeliebten Gatten, und da sie allein sich seiner
mühsamen Pflege hatte unterziehen müssen, oft kämpfen mit täglichen
Entbehrungen, und manches Opfer bringen musste, so erschien es ihr oft eher eine
Last als ein Glück - Mutter zu sein. Sie fühlte sich einmal nicht glücklich, und
so ward Alles, was in andern Fällen geeignet ist, das Glück zu erhöhen, für die
einmal Unzufriedene eine neue Quelle zur neuen Unzufriedenheit. Durch all'
dieses hatte ihr Gesicht schon längst jeden Ausdruck von Milde und Lieblichkeit
verloren. Nun hatte die Krankheit ihre Wangen bleich und hohl gemacht, ihre
Augen waren matt geworden, und hatten ihren früher schönen Glanz verloren; ihren
bleichen Lippen konnte man es nicht ansehen, wie glühend sie einst geküsst
hatten, und so glich ihre ganze Erscheinung einer verwelkten Blume.
    Jaromir stand erschüttert vor ihr. Es war eine lange, peinliche Pause.
    Jaromir, als er so das Weib seiner heiligen, ersten Liebe vor sich sah,
hielt den Anblick kaum aus. Er drückte die eine Hand vor die Augen, und ihm war,
als sehe er so seine eigene Jugend selbst vor sich, verwelkt und vergiftet, und
langsam dahinsterbend - diesem Weibe hatte er seine Jugend gegeben, und wie ein
Gespenst, das keine Ruhe finden kann, stand sie jetzt vor seiner Seele - wie ein
schöner Traum, den er nur ein Mal geträumt, nicht wieder träumen kann, und der
ihn doch immer mit Erinnerungen quält. Er konnte sich nicht fassen, er stand
regungslos da, und war keines Wortes mächtig.
    Talheim hatte das Zimmer verlassen.
    »Nun Jaromir,« flüsterte endlich Amalie, »Du bist gekommen, aber Du hast
kein Wort für mich?«
    »Es liegt Viel zwischen dem Heut und unserer letzten Zusammenkunft,« sagte
er, »aber auch eine lange Zeit ist seitdem verflossen, und wir könnten einander
jetzt ruhig gegenüberstehen, wenn der Zufall uns anders zusammengeführt hätte,
als heute und hier.«
    »Als durch meinen Gatten, meinst Du? - Jaromir, kannst Du mir vergeben, wenn
ich Dir sage, was ich um Dich gelitten?«
    »Sei ruhig,« sagte er, »ich habe Dir längst vergeben. - Warum überhaupt
diese Erinnerungen wecken an Schmerzen, die ja nun überwunden, an Kämpfe, die
nun ausgekämpft sind? - -«
    »Ja, ausgekämpft, wenn das Leben aus ist - bei mir nicht eher! - Jaromir -
ich habe es wohl gesehen, wie Du verlangend nach meinen Fenstern spähtest, bis
ich Dir die Rose sandte - ich sah, wie ich Dir noch teuer war, und deshalb
dachte ich, wir müssten uns noch ein Mal in diesem Leben wiedersehen.«
    Es war ihm peinlich - aber er nahm ihr ihren süssen Wahn nicht - Talheim
hatte ihn ja selbst gebeten, ihn zu schonen.
    Eine Träne trat in seine Augen, er nahm ihre Hand und die Träne fiel
darauf.
    Amalie zuckte zusammen, die innere Aufregung rief einen heftigen Anfall
ihrer Körperschmerzen herbei. Talheim eilte sogleich in das Zimmer, und an ihr
Lager. Es war ein heftiger Krampfanfall, der sie in Zuckungen hin und her warf.
- »Ich sterbe!« stöhnte sie dazwischen. »Vergebt mir Beide!«
    »Beide!« riefen Talheim und Jaromir feierlich zugleich.
    »Ich danke Dir,« sagte sie zu Jaromir. - »Seid Beide glücklich, ich segne
Euch - jetzt sterb' ich schön und in Frieden.«
    Ihre Augen schlossen sich, und so sank sie in die Kissen zurück. Aber der
Tod kam noch nicht.
    Es war nur eine Ohnmacht, welche auf diese Krämpfe folgte, und dann ein
sanfter, stiller Schlaf.
    »Mag sie es für einen Traum nehmen,« sagte Jaromir, »ich will sie verlassen,
damit sie aufwachend mich nicht wiederfinde, und auf's Neue sich aufrege. -
Doctor Talheim - ich danke für Ihr Vertrauen - Amalie war meine erste Liebe -
aber ich habe ihr entsagt von da an, wo sie freiwillig sich von mir wandte - für
mich war sie nun längst gestorben - und wie auch jetzt ihre Krankheit sich
gestalte, und welchen Ausgang sie nehme - für mich ist Amalie keine Lebende
mehr, so hab' ich sie immer betrachtet, wenn ich jetzt einmal träumend meiner
Jugend und ihrer gedachte - und so wird es immer bleiben.«
    »Herr Graf,« versetzte Talheim, »nur der sehnliche Wunsch einer Sterbenden
konnte meine Aufforderung an Sie und diese Scene entschuldigen und heiligen - es
ist in Ihrer Macht, mich und Amalien dem allgemeinen Spott preiszugeben - aber
ich denke besser von Ihnen.«
    »Das hoff' ich zu verdienen. Sie werden nie Ursache haben, es zu bereuen,
mir gegenüber der Stimme des Gefühls gefolgt zu sein. Ob und wie wir uns auch
wieder im Leben begegnen, wir werden es mit dem Bewusstsein können, einander
vertrauen zu dürfen.«
    So schieden sie von einander.
    Als Talheim die Vorsaaltüre geöffnet hatte, bot ihm Jaromir noch die Hand,
die jener schweigend drückte.
    Dies war der Augenblick, in welchem Elisabet aus der entgegengesetzten
Türe trat, welche zu der Blumenfabrikantin führte.
    Talheim trat zurück und schloss die Türe, ohne sie bemerkt zu haben. Aber
sie hatte ihn und den Händedruck gesehen, mit dem er von dem Grafen schied, und
war deshalb unwillkührlich einen Augenblick auf ihrem Platze stehen geblieben.
    Jetzt begegnete ihr Auge dem des Grafen - sein Blick auf sie ward immer
schwärmerischer, leuchtender - sie senkte schnell ihre Augenlider und eilte die
Treppe hinab. Sein Weg führte ja auch hinunter, aber er folgte ihr nur langsam.
    Für Amalien hatte er Nichts mehr empfinden können, als Mitleid - er empfand
jetzt dasselbe beinahe für sich selbst. Ihr Leben schien vergiftet und elend
geworden zu sein von dem Augenblick an, wo sie das Liebesverhältniss zu ihm
aufgelös't hatte, und so war es ihm selbst auch ergangen. Von jenem Augenblick
an hatte für immer seine glückliche Jugend mit all' ihren glücklichen
Zukunftsträumen geendet - er war ein anderer Mensch geworden. Er dachte jetzt an
dieses Jugendglück. - Da fiel sein Blick auf Elisabet - - auf diese schlanke,
weissgekleidete Gestalt mit den schwärmenden Augen, der stolzen Stirn und den
ernsten, fest aneinander geschlossenen Lippen, diese ganze Erscheinung, um
welche der Zauber der heiligsten Jungfräulichkeit schwebte, einer schönen
Unschuld, welche doch nicht mehr die eines spielenden Kindes war - es war eine
Unschuld, die Würde und Grazie zugleich hatte und von hohem Ernst zeigte neben
dem Ausdruck unentweihten Engelfriedens.
    Jaromir fühlte in diesem Augenblick ein neues Gefühl in seinem Herzen, das
er aber nicht einmal zu fragen vermochte: woher kommst Du mir?
    Als er so hinter ihr in ihrem Anblick verloren langsam die Treppe
herabschritt, trat die Schauspielerin Bella aus dem Garten am Arme eines
geschwätzigen Leutnants.
    »Sie suchten mich in meinem Zimmer, lieber Graf?« sagte Bella zu Jaromir.
»Vermutlich um Ihr unartiges Billet von diesem Morgen wieder zurückzufordern,
oder wenigstens dessen Ausdrücke zu corrigiren? Nun - kommen Sie als reuiger
Sünder, wer weiss, ob nicht Vergebung für Sie zu hoffen ist - ich bin gerade in
gnädiger Laune.«
    Bella hätte zu jeder andern Stunde eher Jaromir begegnen und ihn wieder zu
ihrem Sclaven machen können - aber nur jetzt nicht!
    Der Contrast der Stimmungen und der Erscheinungen war zu gross - er fühlte
plötzlich einen heftigen Widerwillen gegen Bella, und alle Höflichkeit, sogar
alle gewöhnlichen Rücksichten vergessend, antwortete er heftig:
    »Es tut mir leid, dass ich in meiner jetzigen Stimmung unfähig bin, Ihr
Gesellschafter zu sein,« und eilte mit flüchtigem Gruss an ihr vorüber.
    Elisabet war eben zur Haustüre herausgegangen, Bella hatte sie vorher auch
begegnet, und war von der idealischen Schönheit des Mädchens überrascht gewesen.
- Wer ist diese junge Fremde, fragte sie sich jetzt, mit welcher Szariny es
wagt, sich in demselben Haus ein rendez-vous zu geben, welches ich bewohne, und
mit der er es zugleich verlässt? Dass sie den höchsten Ständen angehört, sah man
auf den ersten Blick. - Und trotz dieser stolzen Haltung und diesem hochmütigen
Ausdruck im Gesicht wagt sie es, um des Grafen willen, die Etiquette zu
verletzen? - Ja, Szariny ist ein Zauberer! - Und indem Bella dies dachte, fühlte
sie heute mehr, als jemals, welche Macht Jaromir über Frauenherzen besitzen
müsse, da das ihre, das er so eben schwer verletzt, gerade heute glühender, als
jemals, für ihn schlug.
 
                               V. Eine Genesende
 »Du aber, Mensch, dem Gott die Mittel gab
 Das Elend Deines Bruders zu vermindern -
 Du legtest ihm zu seiner Not die Qual
 Der Täuschung noch und des Verlassenseins! -«
                                                                      H. Riedel.
Der Tag, wo Jaromir und Amalie einander wiedersahen, war für den Zustand dieser
ein entscheidender gewesen. Eine grosse Krisis war in ihrer Krankheit
eingetreten. Von diesem Tage an besserte es sich mit ihr.
    Ihr Arzt erklärte bald, dass jede Gefahr für sie vorüber sei. Schon hatte sie
wieder Kraft, das Lager zu verlassen.
    Unterdess waren die Sorgen in Talheim's Familie auf's Höchste gestiegen.
Henriette Krauss hatte ihm zwar Elisabet's Geld gegeben, aber da sie hartnäckig
den Namen der Person verschwieg, von der sie es empfangen, und da sie es an
demselben Tag erhalten, an welchem Jaromir bei Talheim gewesen war, so glaubte
dieser nicht anders, als die Gabe komme von dem Grafen. Von ihm aber eine Gabe
anzunehmen, vermochte er nicht; weder sein Stolz, noch sein Ehrgefühl duldeten es
- er siegelte die Banknote ein, und ohne ein Wort hinzuzufügen, adressirte er
sie an den Grafen. Dieser liess durch öffentliche Blätter bekannt machen, dass er
durch einen Irrtum eine Banknote von funfzig Talern zugeschickt erhalten, und
forderte zu einer Erklärung darüber auf. Die Erklärung blieb aus, er gab später
eine gleiche Summe an die Armencasse der Stadt.
    Talheim versah wieder pünktlich sein Lehramt am Institut. Aber wie
verändert fanden ihn die Pensionärinnen, als er wieder in ihrer Mitte erschien!
Die stille, edle Heiterkeit, welche sonst oft über sein ganzes Wesen gehaucht
war, und den hohen Ernst seines Antlitzes milderte, war spurlos davon
verschwunden. Gram und Sorgen schienen immer tiefere Furchen in seine Stirn zu
graben. Er brachte keine Freudigkeit mehr mit zu seinem Geschäft, denn alle
Freudigkeit seines Herzens war verschwunden. Amalie hatte ihm gestanden, dass sie
ihn hintergangen, dass sie ihn nie geliebt hatte. Der letzte Sonnenblick war mit
dem kalten Wettersturm dieses einzigen Wortes für immer aus seinem ehelichen
Leben verschwunden; diese ganze Ehe war für ihn selbst zu einer entsetzlichen
Lüge geworden; und wie sollte er eine solche Lüge ruhig ertragen, dessen ganzes
Reden und Handeln Wahrheit war? - Amalie war stiller, in sich gekehrter, sie
behandelte den Gatten mit mehr Zartgefühl und Sanftmut, als früher - aber das
verhängnisvolle Wort war doch gesprochen worden, es konnte nicht wieder
zurückgenommen werden. Talheims Milde gegen sie war unveränderlich, wie früher
- aber er näherte sich ihr mit keinem zärtlichen Wort, keinem innigen Blick
mehr, er schlang nie mehr, wie sonst, seinen Arm um sie, er drückte keinen Kuss
mehr auf ihre Lippen. Von Jaromir, von jener Stunde war zwischen ihnen niemals
mehr die Rede, und doch stand die Erinnerung an sie immer lebendig vor Beiden,
und also auch immer zwischen Beiden.
    Talheims Entschluss war gefasst. Er hatte ihn lange geprüft und erwogen, nun
stand er unerschütterlich fest. - Freiherr von Waldow und Graf Osten suchten für
ihre beiden Söhne einen Lehrer, welcher dieselben zugleich als Mentor auf Reisen
begleiten könne. Er hatte sich dazu gemeldet, und war mit Freuden angenommen
worden. Der Gehalt, den man ihm zusicherte, war bedeutender, als sein
bisheriger.
    Er hatte diesen Schritt getan, weil er fühlte, er könne nicht mehr an der
Seite seiner Gattin leben, er musste fort von ihr, andere Luft, andere Menschen
um sich haben.
    Er liebte seine Gattin - auch noch jetzt, wo er wusste, dass dieses Gefühl nie
eine ähnliche Erwiderung gefunden. Ihre Fehler und Schwächen, die er nicht zu
verkennen vermogt hatte, nahm er nicht für individuelle, er entschuldigte sie
mit der Schwäche des ganzen weiblichen Geschlechtes. Amalie war sein nach Recht
und Gesetz, nach dem Ausspruch und Segen der Kirche, sein durch jahrelange
Gewohnheit des innigsten Miteinanderlebens, und er liebte sie als sein trautes
Weib - aber von jenem Augenblicke an, als sie ihm die ganze Wahrheit ihrer
Gefühle gestanden hatte, ward dieses Verhältnis für ihn zu einer ungeheuern Lüge
- er konnte sie nicht mehr vor Gott als die Seine betrachten, und dass er es noch
vor den Menschen musste, war ihm peinlich. Deshalb suchte er eine Stelle, welche
ihm Gelegenheit bot, sich von ihr zu trennen, ohne dass deshalb ihre Umgebung ihr
ganzes Verhältnis durchschauen konnte.
    Auch ihn hatten Sorgen und Arbeit kränklich gemacht, der Arzt riet zu einer
Reise. Talheim hatte dazu keine Mittel, wenn er nicht diese Reise selbst mit
seinem Beruf als Lehrer oder mit irgend einem Amt verbinden konnte - er ergriff
also die Gelegenheit, die jungen vornehmen Leute zu begleiten, und kehrte dann
neugestärkt zu seiner Gattin zurück. Von diesem Standpunkt aus konnte seine
Umgebung die Veränderung seiner Verhältnisse betrachten, obwohl nebenbei auch
nicht gehindert werden konnte, dass andere Gerüchte darüber im Publikum umliefen.
    Während er nun noch daheim weilte, und Amalie, welche wieder kräftig genug
war, in den Zimmern umherzugehen, der neben ihr wohnenden Blumenfabrikantin den
ersten Besuch gemacht hatte, und bei dieser unverholen klagte über die tägliche
häusliche Not, kam die Sängerin Bella auch herab, um für sich selbst einen
Blumenschmuck auszuwählen.
    Henriette Krauss war geschwätzig und gutmütig zugleich, und erzählte Bella
im Nebenzimmer, wie krank Amalie gewesen, und in welche Not sie dadurch
gekommen, und bat zugleich um eine Unterstützung für sie. Bella war leicht
gerührt und immer überaus wohltätig, sobald ihr dies keine grosse Mühe machte.
Ihre Wohltaten erteilte sie immer auf eine einfache, vertrauliche und deshalb
ungewöhnliche Weise. Sie schrieb einfach an Amalie:
    »Die Glücksgüter auf der Erde sind ungleich verteilt. Indem ich mir einen
Abend das Vergnügen mache, öffentlich zu singen, verdiene ich zuweilen Hunderte.
- Andere vermögen dies bei angestrengter Arbeit in Jahren nicht. Ich halte es
also für meine Pflicht, wenigstens im Kleinen für eine Ausgleichung dieser
Ungleichheiten zu sorgen, und da ich gehört habe, dass Sie minder glücklich sind,
als ich, bitte ich, die beifolgende Kleinigkeit von meinem Überfluss anzunehmen.
Lassen Sie aber von dem, was zwei Frauen unter sich ausmachen, keinen Mann etwas
wissen, der männliche Stolz hat für mich oft etwas Beleidigendes. Wenn Sie mein
Anerbieten nicht annehmen, kommt es in minder gute Hände, und das sollte mir
leid tun. Bella.«
    Mit diesen aufrichtigen Worten erhielt Amalie am andern Tag eine kleine
Summe in Geld, welche durch die ungezwungene Art, mit der sie geboten ward, ihr
doppelt willkommen war. Sie erfüllte den Wunsch der Geberin, sprach mit ihrem
Gatten nicht darüber, und befriedigte davon einige Bedürfnisse, deren
Notwendigkeit dem Männerauge entgangen war.
    Nach einigen Tagen, als sie auch die Treppen allein zu gehen wagen konnte,
ging sie zu Bella, um derselben ihren Dank zu sagen.
    Die Kammerfrau öffnete sogleich die Türe, welche in das Zimmer der Sängerin
führte.
    Amalie trat ein.
    Sie warf einen Blick im Zimmer einher und sank an der Schwelle mit einem
Schrei bewusstlos in sich selbst zusammen.
    Amalie hatte auf dem Sopha neben Bella Jaromir gesehen.
    Nur einen Blick hat die unglückliche Frau hingeworfen: er hatte ihr gezeigt,
wie schön und lebendig Bella war - wie geschmackvoll und prächtig Alles, was sie
umgab, mit welchem feurigen Blick sie zu Jaromir aufsah, wie vertraulich ihre
kleine weisse Hand auf seinem Arm ruhte. Mir diesem einen Blick sah Amalie, wie
Jaromir es gewohnt sein müsse, diesen Platz einzunehmen - wie heiter er eben
jetzt gescherzt haben mochte - sie liebten einander und waren glücklich und
heiter - vielleicht waren sie verlobt - es war nur ein Moment, in dem Amalie
dies Alles dachte, und in demselben Moment vergingen ihr die Sinne.
    »Mein Gott, die arme Frau ist gewiss noch kränker, als sie denkt!« rief
Bella, indem sie, aufstehend, die Klingel zog, und die Hingesunkene aufhob.
    »Kennen Sie diese Frau?« sagte Jaromir, der auch aufgesprungen war, und mit
unruhigen Blicken zu Amalien hinstarrte.
    »Sie wohnt mit in diesem Hause,« sagte Bella unbefangen, »es ist die Frau
des Doctor Talheim, mit dem Sie neulich das geheime Geschäft abzumachen hatten,
wodurch Sie so verstimmt, und deshalb so unhöflich geworden waren. Ach, ich weiss
es noch recht gut.« Sie drohte dabei lächelnd mit dem Finger, und fuhr dann
weiter fort: »Sie kommt das erste Mal zu mir, vielleicht ist es ihr erster Gang
die Treppe herauf, und das wird sie zu sehr angegriffen haben.«
    Jaromir verstand die Ursache von Amaliens Zustand besser, er schwieg jetzt,
und griff nach seinem Hut, während eine eingetretene Kammerfrau sich um die
Ohnmächtige beschäftigte.
    »Warum wollen Sie nun plötzlich fort?« fragte Bella.
    »Es ist besser, ich gehe jetzt, fragen Sie weiter nicht,« antwortete Jaromir
in einem sanften Tone, aber mit jenem eigentümlichen entschiedenen Ausdruck der
Stimme, welcher keinen Widerspruch gestattet. Er warf noch einen Blick zurück
auf Amalie und ging.
    Dieser Blick brachte sie wieder zum Bewusstsein. Sie schlug in demselben
Moment die Augen auf, als er die seinen eben wegwandte, und hastig das Zimmer
verliess.
    »Er geht,« flüsterte sie leise, dann suchte sie sich zu fassen, und stand
auf.
    »Ist Ihnen schon besser?« fragte Bella, indem sie sich wieder nach ihr
umgewandt hatte.
    »Ich bitte um Vergebung, dass ich gestört habe - man wiess mich sogleich in
dieses Zimmer, es war nicht meine Schuld, dass ich eintrat - ich wusste nicht, dass
ich noch so schwach war.«
    Amalie sagte dies mit zitternder Stimme, aber nicht ohne leise Bitterkeit,
welche der Sängerin nicht entging. Sie konnte aber eher dazu jeden anderen Grund
vermuten, als den wahren, denn wie hätte sie je glauben können, dass Jaromir, um
dessen freundliches Lächeln sich so manches schöne Weib umsonst bemühte, er, der
in den höchsten Zirkeln lebend, schon von Manchem angewidert ward, was dem
anmutigsten und, wenn man so sagen will, ästetischsten Luxus nicht genügte,
dass er, der Alles besass, was ein Leben beneidenswert machen kann, Reichtum und
Standesvorteil, Ruf und Ruhm, Jugend und Schönheit - in irgend einem Verhältnis
stände zu einer armen, beinah hässlichen Frau, welche jetzt Krankheit und Elend
fast zehn Jahre älter erscheinen liessen, als sie wirklich war? - Bella nahm
Amaliens Ohnmacht für ein wahres Zeichen einer noch nicht gehobenen Krankheit,
und den bittern Ton ihrer Stimme schob sie auf Rechnung eines kleinbürgerlichen,
philiströsen Sinnes, welcher es unschicklich finde, eine Dame an der Seite eines
schönen Mannes allein zu treffen - und ob zwar sich Bella gestehen musste, dass
durch Jaromirs plötzliches Entfernen es wirklich scheinen konnte, als hätte sie
Ursache gehabt, sich nicht gern in seiner Nähe überrascht gesehen zu haben, so
verdross sie es doch, dass Amalie, welche gewiss kam, um ihr zu danken, ganz im
Gegenteil davon sie mit einer Art von Vorwurf begrüsste.
    Bella geriet dadurch selbst unwillkührlich in eine bittere Stimmung gegen
Amalien, welche sie gegen diese weniger freundlich erscheinen liess, als sie
ausserdem gewesen sein würde.
    Amalie begann wieder: »Ich kam nur, um Ihnen zu danken -«
    »Lassen Sie das,« fiel ihr Bella in's Wort und wollte noch Etwas beifügen,
als zum Glück für die ziemlich peinliche Stellung, in welcher sich beide Frauen
einander gegenüber befanden, Baron von Füssly gemeldet ward, und auch sogleich
eintrat.
    Amalie bat um Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen, um sich von der gehabten
Ohnmacht auf ihrem Lager zu erholen.
    Bella's Kammerfrau begleitete sie die Treppe hinab.
    »Sagen Sie mir doch,« begann Amalie mit vertraulichem Tone, obwohl dabei
ihre Stimme merklich zitterte, »kommt der Graf oft zu Ihrer Dame?«
    »Meinen Sie den Grafen Szariny oder den Herrn, welcher eben jetzt kam? Sie
wohnen mit uns in einem Haus, und sollten nicht wissen, was die ganze Stadt
weiss?« gegenfragte die Kammerfrau.
    »Mein Gott, so ist es wohl ihr Verlobter? - Den Graf Szariny mein' ich,«
sagte Amalie immer aufgeregter.
    Die Antworten der Kammerfrau blieben unbefangen: »Nun, das geht doch wohl
nicht so schnell - eh' sich eine so gefeierte Sängerin, wie meine Herrschaft, zu
einer Heirat entschliesst, kann schon manches Jahr vergehen, und ein eben so
gefeierter, als reicher Graf, wie dieser, findet es auch bequemer, den Liebhaber
zu spielen, als den Ehemann. Die Sache ist einfach die, dass er schon in Berlin
meiner Dame ihr grösster Günstling war, und dass er ihr hierher nachgereist ist,
um es wieder zu sein. - Natürlich ist meine Dame durch diesen Beweis von
Anhänglichkeit sehr gerührt, denn sie weiss recht gut, dass es dem Grafen an
Eroberungen weiblicher Schönheiten weder jemals gefehlt hat, noch fehlen kann,
da er neben allen seinen bestechenden Eigenschaften zugleich eine sehr glänzende
Partie ist - daher kommt es denn, dass sie sich von ihm sogar manche unhöfliche
Sonderbarkeit gefallen lässt, die sie niemals einem andern Mann nachsehen wird. -
- Aber es scheint, als würde Ihnen wieder unwohl? Sie zittern ja so, halten Sie
sich fester an mich, damit Sie nicht etwa auf der Treppe hinsinken.«
    Amalie zitterte allerdings heftig - sie dachte aber immer noch, sie habe
nicht recht gehört, es sei vielleicht doch noch ein Irrtum möglich, und fragte
wieder:
    »Sie nannten den Grafen reich - ich habe geglaubt, er sei sehr arm - er habe
in Polen Alles verloren.«
    »Sie scheinen sehr über den Grafen unterrichtet. - Haben Sie ihn gekannt?«
    »Nein, nein! - Aber man hört doch, was die Leute reden.«
    »Er hat sein Vermögen wieder; jetzt ist es gewiss, dass er sehr reich ist -
aber ich habe ihn manchmal darüber scherzen hören, wie elend er früher gelebt -
dadurch ist er den Leuten nur noch interessanter geworden.«
    »Leben Sie wohl,« sagte jetzt Amalie schnell, indem sie vor ihrer Türe
stand, und deren Schloss hastig erfasste, wie um sich daran zu stützen, »ich danke
für Ihre Begleitung.«
    Sie öffnete schnell, ging hinein, verschloss die Türe wieder hinter sich,
und warf sich mit einem lauten. Schrei und krampfhaften Zucken auf ihr Bett.
    Sie war allein.
    Erst fühlte sie gar Nichts.
    Dann kam sie nach und nach zum Gefühl, zum Gefühl eines einzigen
riesenhaften Schmerzes.
    Dann dachte sie über diesen Schmerz, über sein Entstehen, seine Ursachen,
über Alles, was sie soeben erlebt, über Alles, was sie soeben gehört hatte.
    Es schien ihr Alles plötzlich klar geworden: Jaromir hatte sie vergessen -
er war reich geworden, er lebte in einer andern, in der grossen Welt, er dachte
ihrer nicht mehr, er verachtete sie vielleicht jetzt, und priess das Schicksal
und ihre Untreue, die ihn vor einer Mesalliance bewahrt hatten. Er liebte Bella
jetzt, wie einst sie, und war um Bella's willen hierher gekommen, um Bella's
willen an diesem Hause vorübergegangen - und sie hatte geglaubt, es sei das
unerloschene Feuer der Liebe für sie selbst, was ihn dazu treibe, sie hatte ihm
die Blumen zugeworfen, und wer weiss, wie er sich darüber lustig gemacht hatte -
sie hatte ihn zu sich beschieden, und er war gekommen, aus Mitleid gekommen -
nur aus Mitleid, wo sie an Sehnsucht gedacht hatte. Vielleicht war er von ihrem
Sterbebette in Bella's Arme geeilt, und hatte ihr die Scene, die sie sich so
erhaben gedacht hatte, als eine Lächerlichkeit erzählt - hatte ihre Armut
gesehen, und das Geld, was Amalie durch Bella empfing, war gewiss aus seinen
Händen gekommen, er hatte vielleicht diesen Weg gewählt, um sich so nicht
verraten und die Gabe abgewiesen zu sehen - und deshalb hatte sie Bella in
ihrem Billet gebeten, es dem Gatten zu verheimlichen - wie sie bei diesen
Gedanken ankam, verhüllte sie ihr Gesicht, und schrie auf:
    »Es gibt keinen grössern Fluch, als die Armut!«
    Sie hätte so gern das Geld zurückgegeben, das sie nun so drückte und so
beschämte und so demütigte - aber sie war es nicht mehr im Stande, sie besass es
nicht mehr, sie hatte es ausgegeben. Und wo war die Möglichkeit, bald im Besitz
einer gleichen Summe zu kommen?
    »Die Armut darf ja keinen Stolz und keine Scham haben,« sagte sie stöhnend
zu sich, »was bei den Reichen Tugend und Recht ist, ist bei den Armen Verbrechen
und Unrecht.«
    Von diesem einen Augenblick an war ihre Liebe zu Jaromir in Hass umgewandelt.
    Sie war es zufrieden, ja sie war froh darüber, dass sich Talheim von ihr
trennen wollte. Für sie sorgen würde er, das wusste sie - seine Gegenwart aber,
seine Nähe vermochte sie, wie nun sich Alles vor ihren Blicken entüllt hatte,
noch weniger ohne Scham zu ertragen, als selbst damals, wo sie ihm das
Geständnis gemacht hatte, ihn nicht zu lieben. Denn wie sich jetzt Amalie in
ihren eignen Augen gedemütigt fühlte, so fühlte sie sich es noch um so mehr
ihrem Gatten gegenüber. Konnte er es nicht schon vielleicht längst wissen, dass
Szariny Bellas Geliebter sei, dass er niemals mehr der einstigen Braut gedacht
habe, welche ihm die Treue gebrochen? - Amalie fühlte, dass das, was ihr ihre
heiligsten Gefühle geboten hatten - ohne dass sie selbst es geahnt, sie zu einer
Lächerlichkeit geführt hatte - und man weiss, wie eher ein Unrecht Vergebung
findet, als eine Lächerlichkeit; darum konnte Amalie jetzt um dieser willen am
Meisten mit sich zerfallen. Von einer zu bereuenden Tat sich wieder zu erheben,
würde sie Kraft gefunden haben - aber von einer Handlung, welche sie nicht als
eine unbesonnen Fehlende, sondern als eine eitle Törin erscheinen liess,
vermochte sie nicht, ihre niedergeworfenen Gefühle wieder aufzurichten. - Sie
fühlte das Alles schon in dieser ersten Minute der bittern Enttäuschung, und wie
um ihrem Groll nur in Etwas Luft zu geben, öffnete sie hastig eine Commode, nahm
aus derselben ein kleines verschlossenes Kästchen, öffnete auch dieses, welches
Briefe und verwelkte Blumen entielt. Es waren Liebespfänder von Jaromir. Sie
nahm sie heraus, öffnete die kleine Türe des Ofens und warf die Blumen da
hinein. Auch die Briefe wollte sie folgen lassen. Plötzlich aber zog sie die
Hand wieder zurück, tat die Briefe wieder in das Kästchen, und murmelte für
sich:
    »Liebespfänder können ja auch zu Rachepfändern werden - ich werde sie
sorgfältig bewahren, wie sonst.«
 
                                 VI. Trennungen
 »Und ich sah's, und habe sinnend
 An das Einst und Jetzt gedacht:
 An ein Leben, das beginnend,
 Und ein Leben, das vollbracht. -«
                                                                 Eduard Mautner.
Elisabet und Pauline waren die Wohltäterinnen des kleinen Mädchens geworden,
welches bei jener Gartenscene, wo es nach Mamsell Paulinchen gefragt hatte, so
arg von den Pensionärinnen verhöhnt worden war. Durch diese mein schaftliche
Handlung hatten sich jene Beiden einander sehr genähert, und einander
liebgewonnen, indem sie sich gegenseitig, was unter Mädchen so zarten Alters
allerdings selten ist, mehr Achtung abnötigten, als sich gerade Vertrauen
zollten. Die arme Christiane, so hiess das Mädchen, welches Paulinens Schützling
war und in Talheims Dienst stand, hatte zuweilen ein Wort über dessen
häusliches Unglück fallen lassen, welches Elisabet auf's Schmerzlichste
erschütterte. »Ach,« sagte sie dann wohl zu Paulinen, »hast Du es gesehen, um
wie viel ernster und bleicher er jetzt geworden ist? - So tief kann Armut
allein einen solchen grossen Menschen nicht beugen, eher, eher kann dies
vielleicht - unglückliche Liebe.«
    »Kennst Du die Macht der Liebe?« sagte Pauline. »Mir klingt das Wort wie aus
einem Mährchenlande, darin es wunderbare Formeln gibt, die man wohl niemals zu
lösen vermag, ja, welche vielleicht nicht einmal eine Lösung haben - aber die
Macht der Armut, der bin ich schon hundertfach im Leben begegnet - ich glaube,
das ist eine furchtbare Gewalt, welche aus guten Menschen Verbrecher machen
kann, aus sanften Charakteren wütende und erbitterte, eine Macht, welche auch
die grössten Geister so herabdrücken kann, dass sie ganz und gar von dem Staube,
der sie wider ihren Willen herabzieht und seine Rechte fordert, bedeckt und
überwältigt werden.«
    Es war im Garten, wo die beiden Mädchen so allein in einer Laube sprachen -
sie bemerkten nicht, wie Talheim während Paulinens Rede sich ihnen genähert
hatte; noch verbargen ihn grüne Ranken halb - auch hatten die Mädchen ihre Augen
auf den Boden geheftet, und sahen Beide sinnend nieder. Elisabet drückte
Paulinens Hand, indem sie sagte:
    »Vielleicht hast Du Recht - was ich Liebe nenne, muss immer nur erheben
können, ja, beseligen, allein durch sich selbst - aber die Armut muss
niederdrücken, ja vielleicht gar vernichten.«
    »Aber es ist auch ein Segen darin für die Andern,« begann Pauline. »Siehst
Du, wen Liebe unglücklich macht, den muss man es schon sein lassen - aber wer
durch Armut unglücklich ist, dem kann man helfen - darum freue ich mich darauf,
wenn ich in das Vaterhaus komme, ich werde dort wohl den Armen, denen mein Vater
Arbeit und Brod gibt, noch manche Wohltat erzeigen können. Wenigstens soll
dies mein Streben sein - es wird dort in der friedlichen Einsamkeit mein Glück
ausmachen. Die Gefährtinnen hier haben oft gesagt, dass ich mit ihnen Nichts
gemein habe, dass ich zu den Niedriggeborenen gehöre - so will ich es beweisen,
dass es mein Stolz sein soll, eine Schwester dieser Armen zu sein.«
    Talheim hatte mit einem schmerzlichen Lächeln diese naiven Worte eines
unschuldigen Kindes angehört, welches es sich so leicht dachte, Elend zu lindern
- aber um so mehr rührte ihn diese edle kindliche Gesinnung, und indem er jetzt
vortrat, sagte er:
    »Pauline - versprechen Sie es in die Hand Ihres Lehrers, niemals diesem
edlen Vorsatz untreu zu werden - versprechen Sie es mir, wenn nicht die
Schwester, doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein, und niemals
die schönen Regungen des Mitgefühls dadurch ersticken zu lassen, weil Sie
vielleicht gewaltsam daran gewöhnt werden, das Elend um sich zu sehen, weil Sie
vielleicht eines Tages sich sagen werden: was ich tun kann, um die Not zu
verringern, ist nur ein Tropfen, den ich hinwegschöpfe von der Flut des
Unglücks, die Alles überschwemmt - - - - versprechen Sie mir das in dieser
Stunde, wo ich Sie vielleicht zum letzten Male sehe!«
    »Gewiss, ich verspreche es!« sagte Pauline gefühlvoll, indem sie ihre Hand in
die seinige legte, die er ihr bot.
    Aber Elisabet blieb regungslos sitzen, und sah ihn starr an, keines Wortes
fähig.
    Er fühlte diesen Blick, verstand, was er fragte, und sagte erklärend: »Ja,
ich komme, um Abschied zu nehmen. Man hat mich aufgefordert, ein paar junge
Leute auf Reisen zu begleiten - ich fand es unnötig, vorher davon zu sprechen -
ich habe den Stellvertreter gefunden, der mich bei Ihnen ersetzt, und bin nun im
Begriff, in wenig Tagen abzureisen.«
    Elisabet war todtenblass geworden - sie senkte ihre Augen nieder, öffnete
ihre Lippen, als ob sie sprechen wollte, brachte aber kein Wort heraus.
    »Auch für Sie,« sagte er, indem er sich zu Elisabet ewandte, »habe ich ein
letztes Wort. Sie werden dem Lehrer eine aufrichtige Mahnung gestatten -
besonders jetzt, wo wir ohne fremde Zeugen sind, und wo ich von ihnen scheide,
wo Sie bald meiner nur vielleicht wie eines ernsten Traumbildes gedenken
werden.«
    Sie winkte ihm mit einem flehenden Blick, zu reden, aber selbst vermochte sie
Nichts zu sagen. Ihr Herz schlug laut und stürmisch, ihre Züge versuchten
umsonst, die leisen Schauer, welche über Stirn und Wangen glitten, durch den
Ausdruck der Ruhe zu verscheuchen.
    »Meine erste Bitte,« sagte Talheim, »ist an Beide. Versprechen Sie mir,
einander Freundinnen zu bleiben! - Ich war überrascht, aber erfreut, als ich
diesen Bund entstehen sah - versprechen Sie mir, ihn niemals zu lösen. Sie,
Pauline, bedürfen es, an ein starkes, mutiges Herz sich zu schliessen, und Sie,
Elisabet, bedürfen eine sanfte und milde Seele, um sich ausruhend an sie zu
schmiegen - darum müssen Sie beisammen bleiben.«
    Elisabet umarmte Paulinen und Beide sagten: »Wir geloben Alles!« - »Alles,
was Sie gebieten,« fügte Elisabet errötend hinzu.
    »Vielleicht,« sagte Talheim, »wird dieser Bund nicht ohne Prüfungen sein -
und gerade deshalb freut er mich. - Sie werden Beide stark genug sein, sie zu
bestehen, Sie werden zu stolz sein, um Ihre Neigung irgend einem Vorurteile
auszuopfern - wenn Sie das Leben kennen lernen, so werden Sie finden, dass immer
das Beste den grössten Kampf kostet aber auch nur das Beste ihn verdient - dann
wird es gut sein, wenn Sie sich vorher geübt.«
    Er nahm Elisabets Hand, sie zitterte krampfhaft in der seinen, er hielt sie
so fest, dass sie nicht mehr zittern konnte, und sagte: »Sie schrieben einmal
einen Aufsatz über das Bibelwort: Wem Viel gegeben, von dem wird man Viel
fordern - beherzigen Sie das wohl - machen Sie die grossen Erwartungen wahr, zu
denen Ihr Charakter berechtigt - und nun leben Sie wohl, und weihen Sie mir
zuweilen einen Augenblick freundlicher Erinnerung.«
    »Leben Sie wohl,« sagte Pauline unter Tränen, »wir werden Sie niemals
vergessen, wir werden oft zusammen von Ihnen sprechen, vergessen Sie auch Ihre
Schülerinnen nicht ganz.«
    »Leben Sie wohl,« antwortete Elisabet - sah ihn noch mit einem
unaussprechlichen Blick an, und wie er ihre Hand los liess, warf sie sich an
Paulinens Brust.
    Talheim verliess schnell den Garten.
    Jetzt erst brach Elisabet in lautes Schluchzen aus - nach einer Weile sagte
sie: »Es kann, es darf nicht sein!«
    In diesem Augenblick kam Aurelie in den Garten und in die Laube. »Ei,« sagte
sie lachend, »Ihr befindet Euch ja in einer ganz besonders zärtlichen Stellung -
wenn diesem weinerlichen Duo etwa ein schmachtendes Finale vorhergegangen, wobei
Talheim, wie die Teaterkritiker sagen, einen glänzenden Abgang gehabt, so bin
ich froh, dass er von mir in corpore mit den andern Mädchen Abschied genommen,
und mir nicht die Auszeichnung mit Euch zu Teil geworden ist.«
    Die Beiden würdigten sie keiner Antwort. Dies gefühllose Geschwätz Aureliens
drängte diese vollends und für immer aus Elisabets Herzen.
    »Nun, das ist ja allerliebst,« fuhr Aurelie spöttisch fort, »die Damen sind
nicht einmal mehr so höflich, zu antworten, und ich kam gutmütig genug hierher,
um Dir, Elisabet, zu sagen, dass ich mich wahrscheinlich verloben werde.«
    »Was ist das wieder für ein schlechter Spass?« fragte Elisabet ärgerlich,
und nachdem sie hastig ihre Tränen zurückgedrängt hatte.
    »Gar kein Spass - da ist der hübscheste Liebesbrief, das formellste
Anhalteschreiben vom Baron von Füssly, derselbe, der sich auf den ersten Blick im
Teater sterblich in mich verliebt hat, mich dort öfter gesehen, und im letzten
Conzert so Viel mit mir gesprochen hat. Er weiss, dass heute mein Teatertag ist,
und wenn ich ihm Hoffnung gebe, soll ich eine rote Rose anstecken, ausserdem
eine weisse. Nach diesem Zeichen meines Einverständnisses will er bei meinen
Eltern um mich anhalten. Ist das nicht allerliebst, mit sechzehn Jahren schon
die Braut eines so zierlichen Herrn zu sein? Damit er ja keinen Zweifel hat,
will ich lieber gleich einige rote Rosen anstecken, und um mir diese zu holen,
kam ich eigentlich herab.«
    »Aber Aurelie - Du wirst doch keine leichtsinnige Uebereilung begehen?«
sagte Elisabet warnend.
    »Lass jetzt Deinen Gouvernantenton, er macht keinen Eindruck auf mich, und
ich habe jetzt nicht einmal Zeit, Dich anzuhören, denn meine Toilette muss heute
besonders niedlich werden, und da brauch' ich wenigstens ein paar Stunden Zeit,
und habe also gar keine dazu übrig, langweilige und abgeschmackte Moralpredigten
anzuhören.«
    Und indem sie dies sagte, entfernte sich Aurelie trallernd und tänzelnd.
    »Pauline,« sagte Elisabet, »ich muss Talheim noch ein Mal sehen - noch ein
Mal wenigstens! - Lass die kleine Christiane herkommen, wir können uns von ihr ja
Blumen bringen lassen - sie muss dann für uns erfahren, wann Talheim, und auf
welcher Strasse er abreis't - das Weitere wird sich finden.«
    Ein paar Tage waren vergangen - der Morgen von Talheims Abreise war
angebrochen. Es war noch sehr früh. Amalie hatte ihm zum letzten Mal das
Frühstück bereitet, sie war ihm freundlich behilflich, wie er sich reisefertig
machte, aber sie sprachen Wenig zusammen. Die kleine Anna schlief noch sanft in
ihrem kleinen Bettchen. Sie hatte sich die Wangen rot geschlafen, und ihr
rechtes Händchen ruhte auf ihren goldnen Locken - so glich sie einer rosigen
frischen Apfelblüte mit goldenen Fäden. Der Vater neigte sich auf das Bettchen,
ganz verloren in den holden Anblick des teuren, einzigen Lieblings - eine
Träne fiel aus des Vaters Augen.
    Ach diese Träne! Wie viel Sorgen und Schmerzen lagen nicht darin, wie viel
bange Fragen an das Schicksal ohne Antwort, wie viel stumme Gebete gen Himmel.
    Er zog seine Hand an die andere Seite des Bettchens, er reichte ihr über
dasselbe hinweg seine Hand.
    »Das ist eine heilige Stelle, an der wir stehen,« sagte er, »ich kenne keine
heiligere. Ich verlasse Dich, weil wir jetzt nicht ohne Selbstvorwürfe,
Heuchelei oder Bitterkeit und Kummer neben einander zu leben vermögen - wir
werden so eher wieder Frieden finden, und vielleicht kommt noch ein Tag, der uns
wieder durch Vereinigung glücklich macht. - Aber unsere Anna! Von ihr scheide
ich mit schwerem Herzen. Du musst ihr nun Beides sein - Vater und Mutter
zugleich. Ach Amalie - nimm mir die Liebe unsres Kindes nicht! Lass es mein Bild
rein und treu bewahren, bis ich es wieder einmal selbst an das Vaterherz drücken
darf. Lass es fromm und gut werden, und störe den heitern Frieden seiner
Unschuldsjahre nicht. Versprichst Du mir, Alles das wenigstens zu versuchen?«
    »Ich verspreche,« sägte sie gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn ich
Deinen Aufentalt weiss so werde ich Dir zuweilen von Anna schreiben - und sobald
sie es selbst kann, will ich sie lehren, den ersten Brief an ihren Vater zu
schreiben.«
    »So scheide ich ruhiger,« sagte er, »aber nun muss es sein - der Wagen wartet
unten. - Lebe wohl, Amalie, lebe wohl, Anna!« Und er küsste das Kind noch ein Mal
- es zuckte leise im Schlaf zusammen, aber schlief dennoch ruhig und ahnungslos
fort.
    Talheim eilte die Treppe hinab, und sprang in den Wagen, in welchem Graf
Osten ihn auf sein Gut, wo sein Sohn des Reisebegleiters wartete, abholen liess.
    Es war ihm seltsam zu Mute, unendlich traurig und unendlich leicht zugleich
- er hatte nun die Trennung hinter sich, mit all' ihrem Weh, und ein neues Leben
vor sich - aber er hatte sich auch aus alten Banden gerissen, die ihn einst
beglückt hatten - und immer musste er wieder an seine kleine Tochter denken, und
wie leicht Amalie sie falsch erziehen könnte - da wurde ihm bang und traurig zu
Sinn.
    Elisabet hatte die Stunde von Talheims Abreise erfahren. Sie fühlte nur,
dass sie ihn noch ein Mal sehen müsse - weiter war sie sich in Nichts klar, aber
dies Eine war bei ihr unumstösslichste Gewissheit geworden.
    Beim ersten Morgengrauen war sie aufgestanden nach einer schlaflosen Nacht.
Sie hatte sich angekleidet, und war leise aus ihrem Zimmer durch den Corridor
und die Treppen hinab geschlichen. Alles im Hause schlief noch, und Todtenstille
herrschte. Sie weckte den schlafenden Portier: »Oeffnen Sie mir die Haustüre!«
sagte sie ihm. Der Portier zauderte. Sie gab ihm ein grosses Geldstück und sagte,
auf den Nelkenstrauss deutend, den sie in ihrer Hand hielt: »Es gilt eine
Ueberraschung bei einem Geburtstage, ich habe Niemand ein Geheimnis daraus
gemacht, und wenn ich zurückkomme, werde ich Alles verantworten.«
    Geld öffnet ja so viele Türen - warum nicht auch die einer
Erziehungsanstalt? Elisabet durfte sie ungehindert verlassen. Die
Entschiedenheit, mit der sie es als ein Recht verlangte, frappirte ihn - er
dachte, um das zu wagen, müsse sie wohl wissen, dass sie es wagen dürfe - und so
öffnete ihr der Portier.
    Sie eilte hastig durch die noch ziemlich menschenleeren Gassen dem Tore zu,
durch welches Talheim fahren würde. Es war noch nicht fünf Uhr - um diese
Stunde hatte er fort gewollt - das rasche Klopsen ihres Herzens benahm ihr oft
fast den Atem, ihre Pulse bewegten sich fieberhaft, stürmisch - sie hatte gar
keinen klaren Gedanken, nur auf einen Punkt richtete sich ihr Geist: sie musste
ihn noch ein Mal sehen - zum letzten Mal - alles Andere lag vor ihr in Nebel
gehüllt, wie die Täler und Bäche und all' die Fernen, über welche der Morgen
erst leise aufdämmerte - nur die Berge hatte er schon mit blitzendem Sonnengold
gekrönt.
    Sie ging ein Stück auf der Strasse fort bis zu einem kleinen Rasenhügel, auf
dem eine Steinbank zwischen hohen Lindengruppen angebracht war. Hierher setzte
sie sich, denn von hieraus konnte sie den Wagen schon von Weitem kommen sehen.
Sie nahm ihren Hut ab, und legte ihn auf die Bank, damit er sie nicht etwa am
Sehen hindere. Bange Minuten vergingen ihr - sie fühlte und dachte dabei aber
sonst Nichts, weil sie immer nur auf den einen Punkt der Gegend hinstarrte, von
wo der Wagen kommen musste, der Wagen, den sie so sehnlich erwartete, und vor
dessen Nahen sie doch auch wieder so zitterte, weil dann bald der Augenblick für
immer vorüber sei, wo sie noch ein Mal vor dem teuren Menschen gestanden.
    Jetzt wirbelten Staubwolken auf - ein zurückgeschlagener Wagen ward sichtbar
- ein einzelner Mann sass darinnen - er war es - sie sprang auf den Wagen zu, wie
er bei ihr vorüberfliegen wollte, warf den Strauss hinein, und rief: »Mein
Lehrer!«
    Er befahl hastig, den Wagen zu halten - er sprang heraus.
    »Sie hier, Elisabet?« fragte er sanft im Tone der höchsten Verwunderung.
    Sie stand zitternd vor ihm mit gesenktem Blick, und wie die Morgenröte am
Ostimmel aufflammte, so erglühte auch ihr Gesicht wie im sanften Wiederschein -
und gleichsam, als fühle sie jetzt bei Talheims Befremden über ihr Hiersein,
dass der Schritt, den sie getan, vielleicht nicht nur ungewöhnlich, sondern auch
unmädchenhaft sei, hauchte sie leise »Vergebung« und senkte ihr Haupt auf seine
Hand herab, welche die ihrige hielt, so dass sie in einer gebeugten, halb
knieenden Stellung vor ihm verharrte, bis er selbst sagte:
    »Richten Sie sich auf, Elisabet, Sie haben mir vielleicht noch Etwas zu
sagen, zögern Sie nicht - ist es ein Wunsch, vielleicht ein Auftrag, ich werde
wenigstens versuchen, Ihnen Nichts unerfüllt zu lassen.«
    Sie richtete sich plötzlich auf mit aller Kraft, welche ihr zu Gebote stand,
und sagte unter Tränen, lächelnd: »Ich habe um Nichts bitten wollen, als dass
Sie diese Blumen mitnehmen - Nelken sind ja Ihre Lieblingsblumen - und deshalb
kam ich hierher - und zu einem letzten Lebewohl.«
    Sie hatte diese Worte mit ruhiger Fassung gesagt: »Ich werde Sie niemals
vergessen, Elisabet - ich habe es sie immer ahnen lassen: Sie sind meine
teuerste Schülerin gewesen, und es wird mir eine süsse Genugtuung sein, wenn
Sie mir ein freundliches Andenken bewahren.«
    Sie zitterte, und vermochte Nichts zu antworten, er nahm ihre Hand, führte
sie zu der Steinbank unter den Linden, und sagte: »Ruhen sie hier aus in der
schönen Morgenfrische, und lassen Sie uns Beide dieser Stunde ein dauerndes
Andenken bewahren. Leben Sie wohl und glücklich.«
    »Leben Sie wohl!« rief sie ihm noch nach, als er sie hastig verliess und in
den Wagen sprang, blieb aber wie angewurzelt auf der Bank sitzen, an welche er
sie geführt hatte.
    Der Wagen rollte davon.
    Sie sah ihm starr nach - wie er ganz verschwunden war, glitt sie von der
Bank herab auf ihre Kniee, drückte die bleichwerdenden Wangen auf die kalte
Steinplatte der Bank, und liess ihr Antlitz von den feuchtgewordenen Locken
verhüllen. So lag sie regungslos da. Ihr schwarzes Morgenkleid umfloss weit, wie
das Trauerkleid einer Büsserin, die knieende Gestalt.
    Nachdem sie eine lange Weile so gelegen, hauchte sie: »Nun ist Alles aus,«
und wollte sich langsam erheben. Da - plötzlich, wie sie ihr Gesicht wandte,
blickte sie in ein paar Augen, in welche sie schon ein Mal geblickt - sie
erschrak - denn eine hohe Männergestalt hatte sich über sie geneigt - sie
bemerkte es erst jetzt, als sie rasch und erbebend aufsprang.
    Es war Jaromir von Szariny, welcher sich ihr genähert hatte.
    Jaromir war nicht früh aufgestanden - für ihn war der heutige Tag noch
gestern. Er hatte die Nacht mit Bekannten bei einem Trinkgelag zugebracht - er
hatte wieder einmal für die Leere, die Unbefriedigteit seines Herzens
Vergessenheit gesucht in den goldnen Fluten des Weines - er hatte sie auch
gefunden, er hatte sich einige Stunden unbeschreiblich amüsirt, und wie Einer
nach den Andern lärmend oder stumm gegangen war, so war er doch noch geblieben,
und hatte Füssly und noch ein paar andere Herren mit zurückgehalten. Endlich
waren sie auch aufgebrochen. Drinnen das grosse, durch geschlossene Laden gegen
das Morgengrauen verwahrte Zimmer, in welchem Cigarrenrauch mit hellem Gaslicht
kämpfte, in welchem der Dunst starken Weines und dampfenden Grogs eine
betäubende warme Luft hervorbrachte, hatte wohl zu dieser nächtlichen Orgie
gepasst. - Aber wie passte zu dieser Aufregung derer, welche sie gefeiert, nun die
frische Morgenluft, in welche sie traten? Der reine, blaue Himmel mit dem
sanften Morgenrot und ziehenden Silberwölkchen über ihnen? - Die geschäftige
Tätigkeit, mit welcher die vom Schlaf noch roten und frischen Gesichter der
Dienstmädchen, welche zum Brunnen liefen? Wie die fröhlichen Morgenlieder, mit
welchen die Handwerker zur Arbeit gingen? Wie das »guten Morgen«, was
Vorübergehende ihnen zuriefen? »Gute Nacht!« sagten die vorhin so Heitern und
Glücklichen plötzlich übelgelaunt und verstimmt zu einander, und an den
verschiedenen Strassenecken sich trennend, ging Jeder, verdriesslich vor sich
ausschauend, den Weg nach seiner Wohnung.
    Jaromir war plötzlich ernüchtert - vielleicht auch noch nicht ganz - er
fühlte nur auf ein Mal wieder, dass sich eine Last auf sein Herz senkte, welche
er vorhin für immer abgeschüttelt zu haben meinte. So fremd und unharmonisch er
jetzt seine eigne, verstörte Erscheinung fand in und mit dieser frischen,
tätigen Morgenwelt - so unharmonisch kam ihm wieder sein ganzes Sein zur ganzen
grossen Erdenwelt, so unharmonisch seine innere Sehnsucht zu seiner Stellung im
Leben, zu seiner Umgebung, der Gesellschaft vor - in seiner innern Gefühlswelt
vernahm er wieder nur lauter schrillende Mistöne - er fühlte, dass er heute noch
ganz derselbe zerrissene Mensch sei, wie gestern, ja dass er dies Bewusstsein
heute nur tiefer hatte, als jemals. - Und so war er denn jetzt auch wieder
unglücklicher und nüchterner als jemals erwacht aus dem kurzen Taumel des
Vergnügens.
    Er hätte heimgehen, und den Morgen verschlafen können, wie andere Male, sich
in sein Lager vergraben, damit er auf ein paar Stunden wenigstens Nichts sehe
und höre von dieser Welt, deren Treiben ihn eben jetzt so anekelte - aber er
kehrte wieder um, als er an seiner auch schon offen stehenden Türe ankam, und
eilte die Strasse entlang, durch das Tor, hinaus in's Freie.
    Erst verdross ihn die Lerche, die jubelnd neben ihm aus der Saat aufwirbelte,
und sich in's Blaue des Himmels hineinstürzte - verdross ihm der Tau, der in
luftigen Silberketten von Grashalm zu Grashalm schwebte, sah er die Blumen, die
gross und wunderbar dem jungen Sonnenstrahl entgegen die Augen aufschlugen,
verdriesslich an. - Aber wie er so hastig immer weiter lief, und auf eine Höhe
kam, von welcher herab er plötzlich einen weiten Blick tun konnte in die ganze
lachende Gegend hinein: da ging ihm plötzlich das Herz auf - da fühlte er, dass
die Erde so schön sei, und die Natur so reich - und immer heller ward sein
Blick, und er sah die Natur an, wie eine erste, jungfräuliche Geliebte, von der
ihn lange ein feindliches Schicksal und der eigne unstäte Sinn getrennt - die
aber jetzt ihm entgegentrat in aller Anmut einer erblühten Schönheit, und ihn
wieder zu sich zu ziehen strebte an ihre treue Brust. - Da war ihm, als habe er
hastig hintereinander viele Masken im wechselnden Spiel getragen, bald habe er
sich für einen Salonmenschen, bald für einen Trunkenbold bald für einen
teatralischen Liebhaber, bald für einen leidenschaftlichen Spieler ausgegeben,
und so immer wieder eine Maske mit der andern vertauscht - jetzt aber hatte er
sie alle weggeworfen, und in dem Spiegel, welchen ihm die Natur vorhielt,
schaute er sein wahres Gesicht - er fühlte sich wieder, er erkannte sich wieder
- er war ein Poet! -
    Er war nicht mehr in Verzweiflung, er verachtete sich nicht mehr selbst, wie
vorher, aber er fühlte, dass sein Herz schmerzlich allein sei - allein,
unverstanden, und dass in der Sehnsucht, die Wünsche des Innern zum Schweigen zu
bringen, eben dieses Herz sich so oft zum Unwürdigen verirrte. Er versank in
tiefes Sinnen - endlich schienen seine Gedanken und Gefühle zu dem Resultat zu
kommen, das er leise vor sich hin sprach: »Ideale, wie ein Dichterherz sie
träumt, gibt es in der Wirklichkeit nicht - und einer wirklichen Erscheinung
das Ideal, das ich ersehne, anzudichten - dazu reicht meine Phantasie nicht mehr
aus!«
    Wie er das gesagt hatte, war er auf der andern Seite der Höhe
herabgeschritten - er stand jetzt auf dem Hügel, wo zwischen den Linden sich die
Steinbank befand, vor welcher Elisabet auf die Kniee hingeworfen lag.
    Er blieb hastig, beinah erschrocken stehen - er erkannte sie wieder.
    Es war dieselbe hohe Jungfrau, welcher er begegnet war, als er von dem
erschütternden Wiedersehen Amaliens gekommen war. So begegnete ihm diese schöne
Erscheinung zum zweiten Male - ja zum zweiten Male in einem Moment, wo in ihm
all' seine Gefühle im Sturm sich erhoben hatten. Aber wie anders jetzt, als
damals! Damals hatte ein leuchtender Friede auf ihrem Gesicht gelegen, mit
festen, leichten Schritten war sie an ihm vorübergegangen - jetzt lag sie hier
hingeworfen, wie innerlich vernichtet - ihre goldenen Locken bemühten sich
vergebens, ihre Tränen zu verschleiern, ihre gefalteten Hände zeugten wohl vom
Gebet, aber doch von keinem Gebet, das Frieden und Erhörung gefunden.
    Langsam näherte er sich ihr, bis er ganz dicht neben ihr stand - da fuhr sie
auf, und mass ihn mit einem langen, fragenden Blick der Bestürzung.
    »Sie sind noch so jung, und schon so unglücklich?« sagte Jaromir mit der
sanftesten Stimme des Mitgefühls.
    Sie griff nach ihrem Hut, und wollte sich rasch entfernen, ohne zu antworten
- da warf sie unwillkührlich noch einen vorübergehenden Blick auf ihn - und er
erwiderte ihn so aus tiefster Seele, so ernst und voll innigster,
schmerzlichster Teilnahme, dass sie leise sagte: »Schonen Sie mich!« und wieder
in einen Strom von Tränen ausbrach.
    »Fürchten Sie keine beleidigende Annäherung von mir,« sagte er mit sanftem
Ernst, »ich werde Sie nicht stören, wenn Sie in diese morgentliche Einsamkeit
flüchteten, um Ihren Schmerz auszuweinen - glauben Sie mir, ich kenne das, und
ich weiss jede Träne zu ehren! Bleiben Sie hier, ich störe Sie nicht, mein Weg
führt nach der Stadt.«
    »Ich kann nicht länger hier bleiben, ich muss zurück!« sagte Elisabet.
    »Nun dann,« antwortete er, »will ich bleiben an dieser Stelle, welche
Tränen geheiligt haben.«
    »Ich danke Ihnen, Sie scheinen auch nicht glücklich - mögen Sie an dieser
Stelle mehr Beruhigung finden, als ich.« Nachdem sie diese Worte gesagt hatte,
entfernte sie sich hastig.
    Er setzte sich auf die Bank, welche sie verlassen hatte, sah ihr nach, und
überliess sich dann wunderlichen Träumen.
 
                                VII. Ein Empfang
 »O, meiner Mutter blasse Wangen,
 Im ganzen Haus kein Stückchen Brod!
 Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen -«
                                                          Ferdinand Freiligrat.
Das Jahr hatte sich seinem winterlichen Ende genaht. Elisabets sehnlichster
Wunsch war, aus dem Institut, in dem ihr der Aufentalt, nachdem es Talheim
verlassen, unerträglich schien, sobald als möglich zu scheiden. Ihre Eltern
hatten diesen Wunsch erfüllt. Sie verliess die Residenz zu Weihnachten mit
Paulinen zugleich.
    Aber sie reis'ten in verschiednen Wagen, und zu verschiedenen Stunden ab.
»Vielleicht,« sagte Pauline bei'm Scheiden, »vermögen wir uns in der ersten Zelt
nicht wiederzusehen; wir wollen uns aber ein grosses Zeichen unsres
Einverständnisses geben, ein Zeichen, das unsere ganze Umgebung sehen soll: wir
wollen am Christmorgen den armen Kindern bescheeren, Du denen des Dorfes, ich
denen unsrer Fabrik. Willigst Du ein?«
    »Von ganzem Herzen - es würde Talheim freuen, wenn er unsern Entschluss
ahnen könnte - aber wir werden uns bald wiedersehen, wir werden einander
bleiben, was wir uns bisher gewesen sind.« Die Freundinnen fielen einander noch
ein Mal in die Arme, und Pauline fuhr zuerst davon; bald folgte auch Elisabet.
    Pauline atmete frei und leicht auf, als sie die Residenz hinter sich hatte.
Sie hatte dort ausser Elisabets Freundschaft, welche ihr doch auch erst in der
letzten Zeit zu Teil ward, Nichts als Kränkungen erfahren, sie hatte sich
überall zurückgesetzt gesehen - nur weil sie aus bürgerlichem Stande war. Nun
war sie geschützt gegen all' die bittern Wirkungen dieser festsitzenden
Vorurteile, denn das traute Vaterhaus erwartete sie. Wie sehnte sie sich nach
dem heitern Frieden dieses ländlichen Lebens, wie freute sie sich, in die Arme
ihres teuren Vaters zu fliegen, den sie so lange nicht gesehen hatte. Mit
welcher Zärtlichkeit und Umsicht gedachte sie seinen Wünschen nachzukommen, wie
wollte sie sein Alter erfreuen und erheitern! - Seit ihren Kinderjahren war sie
nicht wieder in die Fabrik des Vaters gekommen, wenn auch dieser selbst sie hier
und da besucht hatte. Sie besass ein grosses Bild von dieser Fabrik. Wie schön
erschien darauf das von Bäumen umgebene palastartige Wohnhaus - daneben die
nicht minder grossen Gebäude mir den vielen hohen hellen Fenstern, hinter denen
viele Maschinen und Hunderte von Menschen arbeiteten! Wie malerisch nahmen sich
auf diesem Bilde die Hütten aus, welche die Arbeiter bewohnten - und in der
Mitte des hofartigen Platzes der kleine Turm mit der Uhr, welche man weitin
sehen konnte, und der grossen, freischwebenden Glocke. Auch ein prachtvoller
Garten mit Terrassen blühender Blumen und seltner Bäume fehlte nicht. »Und
dieser reizende Aufentalt,« dachte Pauline, »wird mein bleibender Aufentalt
sein, ist meine Heimat! Wie glücklich werde ich sein! -« Jetzt freilich war es
Winter, wie sie ankam. Sie reis'the allein, ihr Vater und ihr ältester Bruder
hatten nicht Zeit gehabt, sie abzuholen - ihr jüngerer Bruder wurde selbst erst
später erwartet. Es tat ihr doch leid, dass der Vater keine Zeit hatte für sein
Kind, das er so lange nicht gesehen - doch sie dachte, es müsse wohl einmal so
sein, und beruhigte sich dabei. - Sie hatte einen Tag lang zu fahren. Es war
Abend geworden, als sie auf der Höhe ankam, von welcher aus sie die Fabrik
zuerst konnte liegen sehen.
    »Da,« sagte der Kutscher, und zeigte auf die seitwärts liegende Ebene, in
welche sie jetzt einen Blick tun konnten.
    »Dort ist das Haus des Vaters!« rief Pauline jubelnd, klopfte fröhlich in
die kleinen Hände, und eine Träne der Rührung und Freude fiel aus ihren Augen.
»Aber was ist denn das?« sagte sie nach einem Weilchen, als sie genauer
hingesehen hatte, »so helles Licht kann doch nicht in allen Zimmern sein? Und
sogar draussen die Terrassen schimmern hell, und am Himmel breitet sich ein
lichter Schein über das Ganze aus.«
    »Ei, ja doch,« sagte der Kutscher, »der Herr Vater hat Ihretwegen
illuminiren lassen. Das nimmt sich ganz schön aus!«
    »Der gute, liebe Vater, wie lieb er mich haben muss!« sagte Pauline immer
fröhlicher und gerührter.
    »Ja, er hat es sich Etwas kosten lassen, Sie recht grossartig zu empfangen,«
versetzte der Kutscher wieder.
    Sie hatten nur noch eine kleine halbe Stunde zu fahren - dann fuhren sie an
den ersten Häusern vorbei, welche von Fabrikanten bewohnt waren.
    »Da kommt sie!« rief eine Schaar versammelter Kinder, und näherte sich mit
Hallogeschrei dem Wagen.
    »Macht keinen solchen Lärm!« sagte eine barsche Männerstimme.
    »Lassen Sie den guten Kindern immer ihren Spass,« sagte Pauline zu dem Wagen
heraus, der jetzt langsam fuhr, damit die Pferde vor dem nahen Lichtglanz sich
nicht scheuen mögten. »Lassen Sie die Kinder, ich freue mich, wenn sie mich mit
solchem Jubel empfangen.«
    Ein grobes, bittres Gelächter antwortete diesen Worten, es klang Paulinen so
unheimlich und widerwärtig, dass sie sich beinah erschrocken in eine Wagenecke
zurückzog. - »Halt's Maul, Canaillen!« antwortete der Kutscher auf dies
Gelächter und knallte drohend mit der Peitsche.
    Pauline erschrak vor diesen derben Redensarten eben so sehr, wie vor dem
Gelächter, und wünschte um Alles bald vor dem Wohnhaus zu halten. Bis dahin war
aber immer noch ein gutes Stück zu fahren.
    Ein paar zerlumpte Frauen, die Eine von ihnen ein schreiendes Kind auf dem
Arm, sassen auf einem Stein, an dem der Wagen nahe vorbei kam. Eine Rakete stieg
als Zeichen der Ankunft vor dem Turme auf, und die Glocke wurde gelauten.
    »Gar noch Feuerwerk!« sagte die Eine der Frauen. »Machen's denn die Lichter
nicht hell genug, unser Elend zu beleuchten?«
    »Das ist doch wahrer Spott,« versetzte die Andre, »lässt sein sündhaft
erworbnes Geld lieber in Feuerkugeln aufgehen, als dass er sich unsrer Not
erbarmte.«
    »Lasst's nur gut sein, Else,« sagte ein zerlumpter Mensch, der hinzutrat,
»der Feuerstrahl schreit für uns um Rache zum Himmel auf - und mag sich der
Himmel nicht erbarmen, nun zum Teufel auch, wir haben ja Fäuste! Sind schwielig
von der Arbeit geworden, werden schon gut dreinschlagen können« - und er schwang
die Arme drohend in der Luft. Weiter fuhr er fort: »das sag' ich, Else, wenn Dir
der Wurm auch noch verhungert an der Brust, wie die Andern, die auf dem Kirchhof
liegen - da seh' ich nicht mehr mit ruhig zu.«
    Pauline hörte das Alles mit Grausen - Schrecken und Angst erfasste sie - sie
riss hastig den Geldbeutel aus ihrer Tasche, nahm das Geld, was sich darm befand,
heraus, ein paar Taler in kleiner Münze, und warf es zum Wagen heraus:
    »Nehmt, nehmt, wenn Ihr wirklich so arm seid, und seid nicht böse, wenn es
nicht mehr ist!« rief sie hinaus mit ihrer kindlichen, von noch nie empfundnem
Schauer bebenden Stimme.
    Sie hörte nur noch, wie die Leute mit einem tierischen Freudengeschrei sich
nach dem Gelde bückten, dann darum schlugen und zankten. Sie drückte den
Sammtut fester an ihre Ohren, um nur diese rohen Stimmen nicht länger zu
vernehmen. »Sind wir denn noch nicht vor dem Haus?« rief sie vor Angst
ungeduldig dem Kutscher zu. »Wir wellen doch schneller fahren.«
    Ein Betrunkner wankte noch vorbei und sang ein freches Lied. - »Fahr zu,
Kutscher!« rief Pauline ausser sich.
    »Nun, was ist's denn weiter?« sagte der Kutscher kopfschüttelnd. »Das
Fabrikvolk ist einmal nicht anders, so hört man's alle Tage, das werden Sie
schon noch gewohnt werden.«
    Endlich war das überstanden - der Wagen hielt.
    Zwischen der Haustüre stand der Vater der Ankommenden. Herr Felchner war
ein kleines, mumienartig zusammengetrocknetes Männchen. Seine Gesichtsfarbe war
gelb, die Haut lederartig und in vielen Runzeln zusammengezogen, die Nase war
ungemein spitzig, und zwischen ihr und der Stirn befand sich ein tiefer
Einschnitt. Die Augen lagen dicht bei einander, sie waren klein, grau und
stechend, und konnten, ohne gerade schielend genannt zu werden, nach beiden
Seiten verschiedene Blicke auf verschiedene Gegenstände werfen. Die Augenlider
zeigten in diesem fahlen Gesicht die einzige Spur von Rot auf, besonders in den
Winkeln. Die Augenbrauen trafen über der Nase fast zusammen, und waren buschig
und grau, die Haare spielten ebenfalls aus lichtem Braun in Grau hinüber, waren
nur sehr spärlich und dünn, ebenso der Backenbart, den man eigentlich nur einen
Versuch dazu nennen konnte, denn in der Nähe des Ohrläppchens erschien er wie
förmlich ausgerissen - oberhalb und unterhalb dieser Stelle fanden sich aber
einige Haarpartieen, die jedoch mehr einzelnen Stachelbüschen glichen, als einem
Bart. - Herr Felchner trug einen grauen, abgetragenen Ueberrock, auf dem die
Nähte weiss schimmerten, und die Aermelaufschläge von langem Gebrauch spiegelhaft
glänzten, jeder seiner Knöpfe war gewissenhaft zugeknöpft vom obersten bis zum
untersten Knopf, den dritten ausgenommen, weil das zu diesem gehörige Knopfloch
ausgerissen war. Ein beschmuztes, bis zur Schmalheit eines Strickes
zusammengedrehtes Halstuch von weisser Leinwand befand sich unter dem spitzen
Kinn, die dürren Beine umgaben weit umschlotternde Beinkleider, welche nur bis
zum Knöchel reichten, grauwollne Socken und ein paar buntgestickte Schuh, an
derem einen sich der Lederbesatz an der rechten Seite widerspenstig von dem
bunten Zeug getrennt hatte, so dass er noch wie eine zweite verschobene oder zu
breite Sohle erschien - dies war das vollständige Bild eines Mannes, dessen
Vermögen man nicht mehr nach Tausenden, sondern nach Millionen zählte, welcher
neben dieser Fabrik, die er selbst bewohnte und verwaltete, noch im Ausland
grosse Fabriken besass, und dessen Reichtum Tausende von Menschen, denen er
Arbeit und Elend zugleich gab, zu weissen Sklaven erniedrigte. Das war der Mann,
welcher eine von solcher ahnungslosen reinen Kindlichkeit, einem so heitern
Vertrauen für die Menschen und das Leben erfüllte, mit einer so warm für alle
Menschen, für all' ihr Glück und ihre Not schlagendem Herzen begabte Tochter
besass, wie Pauline.
    »Guten Abend, mein Kind!« sagte er munter und zärtlich, als Pauline rasch
aus dem Wagen in die Hausflur sprang, und sich in die Arme des harrenden Vaters
warf. »Guten Abend, mein liebes Kind! - Aber Du siehst mir ja ganz erfroren und
blass aus, bist Du nicht warm angezogen? 's ist ja eben für eine Decembernacht
gar nicht kalt. Nun komm nur herein in die Stube, da wird Dir schon warm werden,
oder willst Du, ehe wir essen, erst oben in Deinen Stuben ablegen, mein
Püppchen?«
    »Nein, das ist nicht nötig,« sagte Pauline.
    »Nun, so komm nur herein, Kind, Du zitterst ja am ganzen Leibe!« Und der
Vater schob sie in die grosse Stube im Erdgeschoss, wo der Tisch gedeckt war.
Warum sie so zitterte, und so blass aussah, konnt' er freilich nicht wissen.
    Die grosse Stube war einfach eingerichtet, besonders trugen die Dielen Spuren
von vielen schmuzigen Stiefeln. An der Öffnung, aus welcher der heisse
Luftstrahl der Dampfheizung hereinströmte, stand Georg, Paulinens ältrer Bruder,
und liess sich den heissen Strom an den Rücken wehen. Sie lief auf ihn zu und
umarmte ihn. Er erwiderte den Gruss kalt, und als sie freundlich zu ihm sagte:
»Nun, wie geht es, lieber Bruder? Wir haben uns lange nicht gesehen!« antwortete
er finster:
    »Wie soll's gehen? Es sind schlechte Zeiten, da weiss man wohl wie's gehen
kann!«
    »Was meinst Du?«
    »Nichts als Aerger den ganzen Tag mit dem verfluchten Pack, das bald von der
Arbeit laufen, bald höhern Lohn verlangen will, und noch Gesichter schneidet,
wenn man ihm viel Geld oder gute Waaren auszahlt für Pfuscherarbeit.«
    Pauline wandte sich an den Vater, der sich schon an die Tafel gesetzt und
sie neben sich gewinkt hatte: »Lieber Vater, lass doch die vielen Lichter
auslöschen - es blendet so, ich bin ja nun da.«
    »Sie können immerhin noch ein Weilchen brennen, damit die Leute sehen, wie
ich mein Kind empfange,« sagte Felchner schmunzelnd.
    »Und brennen sie mir zu Ehren,« fiel ihm die Tochter wieder in's Wort, »so
wollen wir sie heute auslöschen, und noch an einem andern Tage für mich
anzünden.«
    »Nun, meinetwegen, lass sie brennen oder auslöschen, aber jetzt wird
gegessen.«
    Georg setzte sich neben Felchner, Pauline stand noch ein Mal auf und rief
zur Türe hinaus: »Wer die Lichter angezündet hat, soll sie wieder auslöschen,
die Illumination ist vorbei.« Dann setzte sie sich wieder auf den vorigen Platz.
In demselben Augenblick läutete draussen die Glocke, es war sieben Uhr, und damit
ward das Zeichen zum Abendessen gegeben. Der Tisch war noch für acht Personen
gedeckt - es waren die unverheirateten Factoren und Buchhalter Felchners,
welche bei ihm den Tisch hatten. Sie traten rasch und geräuschvoll ein, mit
einer stummen Verbeugung vor Paulinen, und nahmen stumm ihre Plätze ein. Pauline
sah sie verstohlen der Reihe nach an, wie sie hastig zulangten, und
unbeschreiblich schnell assen, mit Messer und Gabel auf Teller und Tisch
klirrend. Es waren noch einige junge Leute unter ihnen - aber alle hatten
mürrische, halbvertrocknete, teilnahmlose Gesichter, in deren Falten es war,
als ob lauter Zahlen verzeichnet stünden. Dieses stumme Essen, wobei Keines auf
das Andere Rücksicht nahm, Keines dem Andern irgend einen tischnachbarlichen
Dienst erwies, hatte für Paulinen etwas Befremdendes, Widerliches, ja es kam ihr
sogar tierisch vor - die Stille bei Tische war ihr namentlich peinlich.
Felchner liess jetzt einige Weinflaschen die Runde den Tisch hinab machen, indem
er dabei sagte: »Wir wollen die Ankunft meiner Tochter feiern.«
    Das war das einzige Wort, womit er diese den Anwesenden vorstellte - diese
machten als Antwort darauf einige hastige Bewegungen mit Schultern und Köpfen,
Bewegungen, welche wohl dankende Verneigungen vorstellen mochten, schenkten sich
ein, tranken aus, standen dann auf, schoben geräuschvoll die Stühle zurück, und
indem Einer nach dem Andern zur Türe hinausging, murmelte Jeder halb
unverständlich:
    »Ich wünsche wohl zu schlafen!«
    Der Fabrikherr und sein Sohn antworteten mit einem einzigen
halbverschluckten: »Gleichfalls.«
    Auch Pauline erhob sich, und sagte zu dem Vater: »Kann ich nun nicht mit Dir
in Deine Stube gehen?«
    »In mein Comptoir, Kind? Was wolltest Du dort?«
    »Nein in Deine Stube, wo Du Dich aufhältst, wenn Du nicht arbeitest - oder
in die Wohnstube, wo wir noch oft zusammen sitzen und traulich plaudern werden!«
    »Nun, wenn ich nicht mehr arbeite, bin ich in dieser Stube hier, es ist
meine und Deine Wohnstube.«
    Die Magd räumte eben lärmend ab - der Kutscher trat ein, und nahm aus einem
an der Wand befestigten colossalen Schlüsselschrank ein Bund klirrender
Schlüssel, mit dem er wieder hinausging, kurz nachher lief ein Factor stumm
durch die Stube in das Zimmer neben an, holte da ein Buch heraus, und ging mit
demselben unter dem Arm wieder zu derselben Türe hinaus, durch welche er
gekommen.
    Dieses geschäftige, rücksichtslose und stumme, aber doch keineswegs stille
Tun kam Paulinen so ungewohnt und wunderlich vor, und machte darum einen so
unfreundlichen, ja verletzenden Eindruck auf sie.
    »Das ist meine Wohnstube?« sagte sie deshalb befremdet zu dem Vater.
    »Nun, nun,« sagte er, »der glänzenden Stellung, welche Du einnehmen sollst,
wird Nichts vergeben, wenn Du auch manchmal in einem weniger brillanten Zimmer
bist. Du findest oben die schönsten für Dich, und wenn Gäste kommen, wie sie
keine Prinzessin schöner haben kann; aber für gewöhnlich ist der Luxus unbequem,
und da befinde ich mich in dieser Stube ganz gut. Willst Du hinauf, so mag Dich
Deine Rieke hinaufführen, wenn Du etwa auspacken und Dich oben umsehen willst,
Du wirst auch müde sein von der Reise.«
    »Ja, sehr müde und erschöpft,« sagte sie. »Aber erst hätte ich eine Bitte an
Dich, wenn sie nicht gleich heute von meinem Herzen herunter kommt, so kann ich
nicht ruhig schlafen.« Georg hatte die Stube verlassen. Sie hing sich
schmeichelnd an den Hals des Vaters, mit dem sie jetzt allein war.
    »Herzensmädel,« sagte er, »ich kann Dir Nichts abschlagen - wenn's nur nicht
wider meine Grundsätze ist.«
    »Nein, das ist's gewiss nicht!« sagte sie zuversichtlich. »Ich bat Dich
vorhin, die Lichter auslöschen zu lassen - erlaube mir, sie am Christmorgen
wieder anzubrennen für die armen Kinder, die in unsrer Fabrik arbeiten, erlaube
mir, diesen armen Kleinen zu bescheeren.«
    Herr Felchner machte ein sehr böses Gesicht: »Das ist eine einfältige Idee,
für solche Narrenspossen habe ich kein Geld, das ist wider meine Grundsätze.
Geh' zu Bette und träume etwas Bessers, als solches dummes Zeug.«
    »Liebes Väterchen,« sagte sie, »das ist nicht Dein Ernst, und wäre es: lass
die Christbescheerung für mich nur halb so reich sein, wie voriges Jahr, und
gieb mir die Hälfte für die Kinder.«
    »Nein, mit solchen Narrheiten richtet man bei mir Nichts aus, das lass Dir
ein für alle Mal gesagt sein, ich will von solchen Possen Nichts hören, das
merke Dir!«
    Herr Felchner ging aufgeregt in der Stube hin und her, und seine Augen
blinzelten und funkelten unruhig und verdrossen nach beiden Seiten, seine Nase
schien noch spitziger zu werden, als sie ohnehin schon war. Er nahm eine Prise,
und niesste mehrmals so laut, dass Pauline bei jedem Male zusammenfuhr. Sie sass
zitternd in der Sophaecke, und sah stumm vor sich nieder - nach langer Pause
sagte sie schnell, und man hörte an ihrer Stimme, dass sie weinte:
    »Wie wird sich nun die gräfliche Herrschaft über uns lustig machen - die
Gräfin Elisabet will allen Kindern des Dorfes bescheeren, um damit ihre Ankunft
zu feiern, und ich soll nun zurückstehen.«
    Der Fabrikherr stand horchend still: »Ist das wahr? Auch gewiss?«
    »Wie könnt' ich es sonst behaupten? Du wirst es erfahren, man wird die
Herrschaft rühmen, und uns verhöhnen.«
    »Freilich, freilich, das ändert Alles - ich werde sie beschämen - unsre
Bescheerung soll noch ein Mal so prachtvoll sein, als die ihrige, Du magst Alles
besorgen, ich will Dir morgen das Geld dazu geben. Freilich, freilich, es wird
mich ärgern, für die nichtsnutzigen Würmer - aber nun kann es einmal nicht
anders sein, nun muss ich schon.«
    »Herzensvater!« rief Pauline, ihn umarmend, und dankte mit liebkosenden
Worten Tausend Mal. Aber so recht von Herzen ging es ihr doch nicht - sie
schämte sich beinah vor sich selbst, dass sie nur dadurch zu ihrem Ziel gekommen
war, dass sie hinterlistig, wie sie es nannte, ein minder edles Gefühl, als sie
gewünscht hätte, in ihres Vaters Innerm hatte wecken müssen - ja, sie schämte
sich mehr noch als vor sich selbst in ihres Vaters Seele hinein - und das tat
ihr noch weher. Sie nahm daher bald gute Nacht von ihm, und klingelte dem
Mädchen, welches sie in ihr Schlafzimmer führte.
    Ihr Vater hatte Recht gehabt, es war prachtvoll eingerichtet, wie das einer
Fürstin, nur zu prachtvoll, es war durch Prunk überladen. Die Tapete war
silbergrau mit roten Blumen, die Vorhänge von gelber Seide mit goldnen Quasten,
die Fussteppiche ebenfalls gelb mit roten Kanten - es herrschte ein grelles,
geschmackloses Bunt durch das ganze Zimmer - das Licht darin war so hell, dass es
ihre Augen kaum aushalten konnten. Sie verlöschte es so bald als möglich, und
begab sich zur Ruhe.
    Da war sie nun in dem ersehnten Vaterhaus - und seitdem sie da war, hatte
sie noch keine andern, als verwundende Eindrücke empfangen.
    Glänzend im Lichtermeer hatte ihr die heimatliche Wohnung zuerst wie ein
Feenpalast entgegengelacht - da hatte sie schon den schneidenden Hohn und die
Jammerflüche des Elendes und der Not gehört, von diesen Menschen gehört, in
deren Mitte sie sich glücklich waltend träumte, von denen sie wähnte, dass ihr
Vater auch ihnen Vater sei, und sie ihn kindlich verehrend liebten - und weiter
liess sie Alles an sich vorüberziehen, was sie in diesen wenigen Stunden erlebt -
und es war Nichts, was sie hätte beruhigen, oder heitrer stimmen können. Sie
seufzte. Aber sie war müde von dem taglangen Fahren, der kalten Luft, von all
dem Erlebten dieses Tages, dieses Abends, sie schloss die müden Augen, und
schlief sanft und fest bis in den spätanbrechenden Tag hinein.
 
                            VIII. Ein Fabrikarbeiter
 »Aus dem Munde des Heloten
 Strömen die Rätsel des neuen Bundes.«
                                                                 Alfred Meissner.
Elisabet war bei ihrer Ankunft in dem väterlichem Schloss mit keiner
Illumination empfangen worden, aber von einem zärtlichen Mutterherzen und einem
glücklich stolzen Vater. Sie fühlte sich stolz und befriedigt, als sie wieder
diese alten ehrwürdigen Räume betrat, welche sie seit Jahrhunderten in dem
Besitz ihrer Väter wusste. Sie fühlte, dass sie hier Herrin sei, und dies
Bewusstsein gab ihr wenigstens auf Augenblicke Befriedigung.
    Die beiden Freundinnen hatten sich am Christmorgen das leuchtende Zeichen
ihrer einigen Freundschaft gegeben. Nach dem Schloss hinauf zogen die Kinder der
ärmeren Landleute und empfingen dort die Gaben, welche Elisabet unter den
flimmernden Christbäumen für sie ausgebreitet hatte - und zu derselben Stunde
zog eine ungleich grössere Schaar von Kindern in den ebenfalls glänzend
geschmückten Saal des Fabrikgebäudes. Aber dies waren bleiche, schmächtige,
dürftig in unreinliche Lumpen gehüllte Kinder, welchen man es ansah, dass ihre
kleinen Hände und halbverkrüppelten Glieder schon an schwere Arbeit gewöhnt
waren, auf deren Gesichtern man es las, wie oft ihr kleiner Mund mit den blassen
Lippen umsonst nach Brod verlangen musste, wie in diesen trüben,
niedergeschlagenen Augen ein Ausdruck tierischen, stummen Duldens lag. Diese
kleinen, blassen Kinder hatten einander seltsam angestarrt, wie man sie zu den
schimmernden Christbäumen geführt, und ihnen dann die warmen Röckchen und Schuh
mit den roten Aepfeln und klappernden Nüssen gegeben hatte. Sie hatten die
Gaben hingenommen ohne Dank und Jubel, beinah ohne Freude - und nur einem groben
Instinkt folgend das Obst zum Munde geführt - so sehr ohnmächtig jeder
Gefühlsregung hatte sie das tägliche Elend und die stete Arbeit gemacht, Pauline
hatte laut weinen müssen, als sie diese unglücklichen Kleinen um sich versammelt
sah - aber sie weinte nicht aus stiller Rührung, wie sie sich es wohl ausgemalt
hatte, sondern aus tiefem, unendlichem Jammer, bei dem sie meinte, er müsse ihr
ganz das weiche Herz durchschneiden.
    Seitdem waren einige Tage vergangen, die Freundinnen hatten sich noch nicht
wiedergesehen. Da sagte sich Elisaht, dass sie, als die Höhergestellte, den
ersten Schritt zu ihrer Wiedervereinigung tun müsse. Sie wusste, dass dies ihre
Eltern kränken würde, aber länger, fühlte sie, durfte sie es ihnen nicht
ersparen. Aber als sie sich anschickte in die Fabrik zu gehen, sagte sie noch
nicht, wohin sie ihre Schritte lenkte.
    Es war ein Sonntag Nachmittag. In der Fabrik ward gefeiert. Elisabet hatte
deshalb absichtlich diesen Tag gewählt, weil sie da weniger glaubte jenes
Getreibe roher und lärmender Arbeiter dort zu finden, welches ihr so lästig war,
und für das sie eben so viel Furcht als Abscheu empfand.
    Sie ging allein durch den Park, an welchen bereits die ersten Fabrikgebäude
grenzten. Es war ein kalter, heller Wintertag, denn seit Weihnachten war der
Winter in seiner ganzen empfindlichen Strenge gekommen, eine grosse Menge Schnee
war gefallen, und von einer spätern festen Eiskruste überzogen, lag er
undurchdringlich über den Fluren. Die Sonne schien hell, aber ihr Strahl
vermochte nicht, auch nur einen Tautropfen hervor zu locken. Auf den Tannen im
Wald lagen die weissen Flocken wie dichte Federdecken, krächzende Krähen flogen
darüber hin, und ihr Geschrei war der einzige Laut, welcher die winterliche
Todtenstille störte. Nur Elisabets Pelzstiefelchen hörte man auf den halb ganz
verschneiten Wegen knarren, auf welchen man keine andere Spur eines Trittes
gewahrte, als hier und da die kleine eines Eichhörnchens oder eines Hasen.
    Sie wusste nicht, welchen Weg sie einzuschlagen hatte, als sie aus dem Park
getreten war, und nun eine Menge kleiner, unregelmässiger Wege gewahrte, die bald
in diese, bald in jene Hütte, bald in dieses oder jenes Fabrikgebäude sich
verliefen. Da kam ein junger Mann aus einer der Hütten. Er trug einen alten
kurzen grauen Rock, einen roten Shwal unter dem weissen herausgeschlagnen groben
Hemdkragen um den Hals gewunden, wollne blaue Faustandschuh, und eine hohe
Pelzmütze, aus welcher ein roter Sack mit langer Quaste auf der linken Seite
heraushing. Dieser an sich zwar nicht ungewöhnliche, zwar sehr abgetragene, aber
doch reinliche Anzug, gab doch dem jungen Mann etwas Abenteuerliches - sein
Gesicht aber machte auf Elisabet einen seltsamen Eindruck, so dass sie ihn eine
Weile aufmerksam betrachtete. Er hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit
Talheim. Dieselbe lange, schmächtige Gestalt, dieselbe blasse Gesichtsfarbe.
Auch das Haar zeigte dieselbe Farbe, nur dass es länger als das Talheims zu
beiden Seiten des Gesichtes lockig herabfiel. Seine Augen waren blau und
glänzend. Aber auf diesem Gesicht, das übrigens noch das eines Jünglings von
etwa 24 Jahren war, tronte neben dem Zug des Schmerzes, welcher es wie das
Talheims charakterisirte, nicht wie bei diesem jener heilige Friede, sondern
eine bittre Unzufriedenheit, ein kecker Ungestüm, welcher Ausdruck jedoch nicht
hinderte, dass dieses Gesicht, besonders wenn man es öfter und länger
betrachtete, von edlen und liebevollmilden Empfindungen zeugte.
    An diesen Jüngling wandte sich Elisabet mit der Frage: »Welcher von diesen
Wegen führt zunächst in Herrn Felchners Wohnhaus?«
    »Hier rechts, gerade aus, ich gehe jetzt auch dahin,« antwortete der
Angeredete mit einer schönen klangreichen Stimme, welche nicht den entferntesten
gemeinen Ausdruck hatte, ohne jedoch etwa einen sehr höflichen oder
unterwürfigen Ton anzunehmen.
    Nachdem sie durch verschiedene kleine Strassen und Höfe gekommen waren,
langten sie vor der Haustüre zu Felchners Wohnung an. Der Führer trat zur
Seite, und nahm ehrerbietig die Mütze zwischen die Finger - ein Fabrikarbeiter
trat aus dem Hause, und sagte, ohne Elisabet zu grüssen, oder irgend auf sie zu
achten: »Willst Du zum alten Herrn, Talheim? Da wirst Du jetzt Wenig
ausrichten, denn er hat ganz schlechte Laune.«
    »Ist gleich,« sagte der junge Mann kalt. »Für uns wird er ja doch niemals
gute haben.«
    Elisabet konnte sich des Ausrufs grösster Ueberraschung nicht entalten:
»Sie heissen Talheim?«
    »Zu dienen, Franz Talheim,« antwortete Jener mit einer Art von
Selbstgefühl.
    »Siehst Du,« sagte der Andre, »die Mamsell wird Deinen Namen wohl kennen, in
der Stadt lesen sie Alles, was Du schreibst.«
    Franz schüttelte mit dem Kopfe.
    »Sie sind also wohl Literat?« fragte Elisabet.
    »Literat!« versetzte Franz. »Das Wort klingt zu vornehm für einen armen
Fabrikarbeiter, welcher nur in seinen wenigen Mussestunden hier und da ein offnes
Wort geschrieben hat für seine armen geplagten Brüder - und was ein schlichter
Arbeiter in seiner Einfalt schreibt, lesen doch die vornehmen Leute nicht - -«
    In diesem Augenblick hüpfte Pauline, welche soeben Elisabet bemerkt hatte,
durch eine rasch geöffnete Zimmertüre und warf sich jubelnd an den Hals der
Freundin. Sie zog sie mit sich die Treppe hinauf in eines jener mit Glanz und
Bunt überladenen Prunkgemächer, welche ihr Vater speciell für sie bestimmt
hatte.
    »Was ist das für ein Mensch, der mich hierher geleitete, und der sich Franz
Talheim nennt?« fragte Elisabet nach der ersten herzlichen Begrüssung. »Er
sieht ihm so ähnlich!« fügte sie bei, indem sie sinnend vor sich nieder sah.
    »Ja,« antwortete Pauline lächelnd, »das hättest Du wohl nicht gedacht? Er
ist nur ein gewöhnlicher Arbeiter in unsrer Fabrik, aber ein jüngerer Bruder
unseres Lehrers Talheim.«
    »Wär's möglich!« rief Elisabet.
    »Ja, dieser Franz hat mir es selbst erzählt, sein Vater ist Schuhmacher
gewesen, und da sein ältester Sohn viel Anlagen gehabt, so hat er ihn zum
Studiren bestimmt. Darüber ist aber der Vater gestorben, und da unser Lehrer das
Studium nicht hat aufgeben wollen, so hat er sich auf der Universität sehr
kümmerlich behelfen, und allerhand kleine Erwerbsquellen aufsuchen müssen. Die
andern Knaben haben an die Erlernung eines Handwerkes gehen müssen, und so
befindet sich denn seit Kurzem dieser Franz in unsrer Fabrik. Er ist nicht roh
und ungesittet, wie die andern niedriggestellten Fabrikarbeiter, aber diese
scheinen ihn mehr als irgend einen zu lieben, trotzdem, dass er ihnen manchmal
mit strafenden Worten die Wahrheit sagt.«
    »Ich hörte einen Andern davon sprechen, dass er schreibe - wohl für's Volk?«
    »Ja, er hat einige einfache, aber rührende Geschichten geschrieben, welche
die Not der Fabrikarbeiter, der arbeitenden Classen überhaupt schildern - er
hat mir selbst am Tage nach unsrer Christbescheerung ein Exemplar davon
geschickt, und eine gefühlvolle Dedication für mich beigefügt. Bei dieser
Gelegenheit war es auch, wo ich überhaupt zuerst von ihm hörte, ihn sah und er
mir seine Familiengeschichte und die Verwandtschaft mit unserm Lehrer erzählte.«
    »O, erzähle mir Alles wieder, es interessirt mich Alles, was ich von seinem
Bruder höre, lass Nichts aus, erzähle, wie Du ihn zuerst sprachst, und was er
sagte,« bat Elisabet.
    »Gern,« antwortete Pauline mit einem leichten Erröten, »denn ich muss Dir
gestehen, dass auch mich dieser junge Mann lebhaft interessirt, welcher so
verschieden von den andern Arbeitern der Fabrik ist, mit denen ich hier und da
gezwungen bin, ein Wort zu wechseln.«
    »Es war an demselben Tag,« begann sie zu erzählen, »wo wir den Kindern
bescheert hatten. Weder mein Bruder, noch mein Vater waren dabei gegenwärtig,
denn die ganze Sache war ihnen unangenehm, mein Bruder hatte längst gestrebt,
sie zu verhindern, und mein Vater mir nur auf lange Bitten die Erlaubnis dazu
gegeben. Wie ich nun so die armen Kinder, die über den hellen Lichterglanz mehr
vor Furcht, als vor Freude schrieen, an ihre kleinen Tische geführt hatte, vor
denen sie mit halbblöden Blicken still und ohne sich zu regen standen, wie ich
sie eben gestellt hatte - wie dann ihre Angehörigen, die sich zur Aufsicht der
Kinder, und aus Neugier mit hereingedrängt hatten, den Raum der Stube erfüllten,
wie von dieser meist in zerlumpte und unreinliche Sachen gekleideten Menge ein
erstickender Dunst in der geheizten Stube entstand, und Viele dieser Leute unter
sich unschickliche Spässe machten, und in groben Ausdrücken sich unterhielten,
wohl hier und da auch halblaut die Gaben tadelten, oder darüber lachten - so
ward mir unheimlich zu Mute, und ich fing an zu weinen. Mein Kammermädchen
Friederike, welche ich mitgenommen hatte, mir bei der Bescheerung behilflich zu
sein, erschien mir unter diesen Leuten wie das einzige mir gleichstehende Wesen,
und als ob es meine beste Freundin sei, sucht' ich an ihrer Seite Schutz vor
dieser beängstigenden Umgebung, und indem mich ein kalter Schauer überrieselte,
sagte ich leise ausrufend zu ihr: O, mein Gott, und das sind auch Menschen, wie
wir!«
    »In diesem Augenblicke war es,« fuhr sie weiter fort, nachdem sie einige
Momente lang in sinnendem Schweigen vor sich niedergesehen hatte, »als ich Franz
Talheim zuerst sah. Er stand mir zunächst, und hatte meine unvorsichtigen Worte
gehört. Er warf einen unbeschreiblichen Blick voll Schmerz und Vorwurf auf mich,
vor dem ich beschämt und zitternd meine Augen senkte - er öffnete den Mund zum
Sprechen, und ich fürchtete tadelnde, vielleicht rohe Worte von ihm zu hören -
ich fühlte, dass ich sie verdient hatte - aber er sprach mit sanfter,
bescheidener Stimme, indem er aber ganz dicht neben mich trat, dass ausser
Friederiken Niemand weiter hören konnte, was er sagte. Ja, Fräulein, es sind
Menschen, wie Sie, aber es ist eben ihr Unglück, dass man diesen Tausenden ihre
Menschenrechte genommen, und deshalb sogar auch die Fähigkeit, sich über das
Tier, zu dem man sie herabgestossen, zu erheben. Ich fühlte, dass in diesen
Worten eine grosse Wahrheit lag, ja, ich empfand auch zugleich, dass ich ihm eine
Abbitte, und für seine Klage ein tröstliches Wort schuldig war, und ich
erwiderte: Mich jammert jede Not, und was ich tun kann, um ihr abzuhelfen,
will ich versuchen. Er lächelte kummervoll bei diesen Worten, und statt der
Antwort gab er mir eine dünne Broschüre. Ich bitte Sie, das zu lesen, wenn Sie
einmal ein Wenig Zeit haben für diese Unglücklichen alle, welche Sie hier
umgeben. Dann trat er ehrerbietig mit einem Grusse zurück und sprach mit einer
Frau, welche zwei kleine Kinder auf den Armen hatte. Diese kam dann auf mich zu
und dankte mir, ihrem Beispiel folgten dann noch viele der Leute; Manche taten
es unmutig und förmlich. Andere herzlich und mit Tränen, ich glaube, es
geschah nur auf Franz Talheims Aufforderung, dass sie mir dankten - ich hätte es
ihnen gerne erspart, obwohl ich mir dabei sagte, dass es auch Hochmut sei, ihren
Dank nicht annehmen zu wollen, so gut als es Hochmut sei, ihn zu fordern, -
denn was mir bei diesem Dank unwillkührlich lästig war, waren die vielen
unreinen, derben und schwieligen Hände, welche die meinen drückten, und die
Annäherung dieser schmuzigen Lumpen, welche sie trugen.«
    Pauline stand auf, und holte aus ihrem Bücherschrank eine Broschüre, welche
sie an Elisabet gab. Diese las den Titel.
    »Aus dem armen Volke. Erzählungen von Franz Talheim, allen Menschenfreunden
gewidmet.« Auf das leere Blatt hinter dem Titel hatte der Verfasser geschrieben:
»Dem Fräulein Pauline Felchner mit besondrer Hochachtung gewidmet.« - »Wie ein
Engel in der Christnacht sind Sie unter uns, den armen Sclaven Ihres Vaters,
erschienen. Sie wollen die Herzen dieser armen Kinder erfreuen, welche niemals
eine Ahnung von dem gehabt haben, was man Glück der Kindheit nennt. Wir Alle
segnen Sie dafür! Aber wir mögten Ihnen auch zurufen: vergessen Sie über den
Segen, welchen Ihre Milde über diese unglücklichen Kleinen bringt, niemals, dass
eben diese Kinder einem Elend entgegengehen, von welchem Sie gewiss keinen
Begriff haben, Frost und Hunger ist noch das Geringste, das ihrer wartet - ihr
Geist erstarrt ohne die Nahrung des Schulunterrichts, und ihr Herz vertrocknet
mit ihrem kleinen Körper unter der anhaltenden Arbeit, zu welcher man sie
benutzt, Ihre Sitten werden verderbt, alle ihre edleren Gefühle erstickt, weil
man sie gänzlicher Verwilderung Preis gibt. Bei diesem Frevel an der
menschlichen Würde rufe ich Ihnen zu: mögten Sie diesen Verstossenen auch als ein
Engel erschienen sein, welcher sie aus dem Abgrund emporhebt, in dem sie täglich
immer tiefer versinken. - Vergeben Sie, wenn diese Worte zu kühn sind für einen
armen Fabrikarbeiter, wie der Verfasser.«
    »Ja,« rief Elisabet erschüttert, als sie noch eine Weile in diesem Buche
geblättert hatte, »das ist ein unabsehbares Elend, von dem ich bis jetzt Nichts
gewusst habe,« und ihre Haut überlief ein leiser Schauer.
    »Wie ich Alles gelesen,« sagte Pauline, »versuchte ich, meinem Vater
Vorstellungen zu machen, ob er, wenn einmal Kinder arbeiten müssten, ihre Zahl
nicht noch vermehren könnte, aber so, dass sie, einander ablösend, nur wenig
Stunden des Tages arbeiteten, und Schulunterricht haben könnten. - Er antwortete
mir: den hätten sie, und ob ich denn den Lehrer noch nicht kenne? Wie ich aber
weiter sprechen wollte, ward er so böse, wie ich ihn noch niemals gesehen, und
verbot mir bei seinem höchsten Zorn, jemals wieder über solche Dinge zu
sprechen, welche ich nicht verstände - ja er lachte mich geradezu aus, und
schloss endlich damit, dass ein längeres Leben hier mich wohl überzeugen würde,
wie seine Arbeiter ganz glücklich wären, und auch alle Ursache dazu hätten,
während nur Einige über Elend jammerten, weil ihre unverschämten Forderungen
nicht erfüllt würden. Nach Allem, was er sagte, fühlte ich, dass ich gegen meinen
Vater schweigen müsse.« Sie seufzte, und fuhr dann weiter fort: »Ich sagte ihm
Nichts von Franz Talheims Buche, ich verbarg es unter meinen andern Büchern.
Ich schickte aber nach Talheim, als eines Sonntags Nachmittags mein Vater in
die Stadt im Schlitten gefahren war. Franz kam, ich will ihn nun so nennen,
damit wir nicht immer an unsern Lehrer denken, oder ihn doch mit diesem
verwechseln, denn auch die Fabrikarbeiter nennen ihn nur bei seinem Taufnamen.
Franz trat leise ein, und blieb bescheiden mit der Mütze in der Hand an der
Türe stehen, aber er war nicht verlegen, wie ich gedacht hatte; wenn Jemand von
uns Beiden verlegen war, so glaube ich eher, ich bin es gewesen. Ich hatte mich
auf sein Kommen vorbereitet, und nun wusste ich eigentlich nicht, was ich ihm
sagen sollte. Ich danke Ihnen für Ihr Buch, begann ich endlich, aber ich würde
Ihnen raten, damit vorsichtiger zu sein, wenn es in die Hand meines Vaters,
Bruders oder irgend eines Factors unserer Fabrik käme, so könnten Sie wohl einen
schweren Stand bekommen. - Franz erwiderte: Kann man die Wahrheit schonender
sagen, als ich es getan? Ich habe ja auch in diesem Buch gar nicht von den
Einrichtungen dieser Fabrik gesprochen, sondern was ich versucht habe, ist
weiter Nichts, als darauf aufmerksam zu machen, dass die Not der arbeitenden
Classe gross ist, und dass, wenn Einzelne unter ihnen zu Verbrechern herabsinken,
nicht sie allein dafür verantwortlich sind, sondern diejenigen, denen es ein
Leichtes gewesen wäre, sich ihrer Not zu erbarmen, und welche es doch nicht
getan haben. Verzeihen Sie, wenn ich zu laut und zu heftig spreche, setzte er
hinzu, indem er wieder zurücktrat, und seine Augen senkte, aber ich kann nicht
anders. Ich suchte ihn darauf deutlich zu machen, wie glücklich es mich selbst
machen würde, wenn ich all' dies Elend verschwinden sähe, wie ich aber selbst
ganz unbekannt sei mit aller Leitung des Fabrikwesens, und wie es mir nicht
zukomme, ich mitin auch nicht im Stande sei, andere Einrichtungen zu
bewerkstelligen, durch welche die Arbeiter besser gestellt, und die Kinderhände
erspart würden - ja dass ich nicht einmal wisse, ob dies wirklich möglich sei,
wenigstens sagten mir Alle, welche Fabriken zu leiten hätten, es sei nicht
möglich - und das mache mich selbst am Allertraurigsten. Unwillkührlich traten
mir, als ich dies Alles sagte, Tränen in die Augen, und ich konnte nicht weiter
sprechen. - Ja, ich glaube es wohl, sagte er. Diejenigen, welche gern helfen
möchten, können es nicht, und Alle die, welche es recht wohl vermöchten und
sollten, die wollen nicht helfen. Ich liess das unbeachtet, und sagte: Ich liess
Sie rufen, ein Mal, um Sie zu warnen, von Ihren Büchern wo möglich meinem Vater
Nichts wissen zu lassen, und dann wollte ich Sie bitten, da, wo Sie eine
augenblickliche Not welcher zu helfen ist, in den Familien unsrer
Fabrikarbeiter sehen, mich davon zu unterrichten, und da werde ich Alles tun,
was ich vermag. Oder haben Sie selbst nicht ausreichenden Verdienst? Nehmen Sie
dies Geld für Diejenigen, welche es am Meisten bedürfen. Er nahm, was ich ihm
gab, mit leuchtenden Augen, sagte, er habe für sich schon Erwerb genug, aber er
wisse Viele, die es brauchen könnten - und er drückte mir herzlich, mit edler
Freimütigkeit die Hand. Darauf fragte ich ihn, ob er ein Bruder des Doctor
Talheim in *** sei, und er erzählte mir kurz, was ich Dir bereits mitgeteilt.
Ehe jener weiter gereis't war, hatte er Franz hier besucht, da er vorher ein
paar Tage auf Waldow's Gut gewesen, und er habe gesagt, wiederholte mir Franz:
Fräulein Pauline ist ein edles Mädchen, das, wo es kann, sich Eurer Not
annehmen wird.«
    Elisabet umarmte die Freundin, und sagte: »Also war es deshalb, als
Talheim Dir das Versprechen abnahm, immer, wenn nicht die Schwester, doch die
Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein - es ist sein Befehl, sein
Wunsch, darum ist er so heilig.«
    Während dieses langen Zwiegespräches der Freundinnen war bereits das
spärliche Sonnenlicht längst verlöscht, und der frühe Abend begann
hereinzudunkeln. Elisabet brach auf. Pauline schlug vor, sie zu begleiten, um
sie noch länger sprechen zu können. Beide hüllten sich in ihre warmen
Schleierhüte und dichten Pelzmäntel, und gingen.
    Es war kalt.
 
                               IX. Sonntag-Abend
 »Es ist so leicht, die Menschen zu verachten,
 Weil sie die Quintessenz des Staubes nur;
 Viel grösser ist's, sie liebend zu betrachten,
 Und kennen ihre arme Staubnatur!«
                                                                 Alfred Meissner.
Es war kalt, ach schneidend kalt draussen. Der Himmel schien sich immer höher
wölben zu wollen, als mög' er gar Nichts mehr wissen von der armen erstarrten
Erde, und die Sterne kamen funkelnd heraus, einer nach dem andern, und es war
als wetteiferten sie alle mit einander im hellen Flimmern und Prunken.
    Es war kalt, ach schneidend kalt drinnen. Drinnen in den elenden Wohnungen
der Fabrikarbeiter. Auf den meisten Heerden war längst das letzte im Walde
aufgelesene Reisholz verbrannt, und wo ja noch ein paar Stücklein Kohlenvorrat
waren, da glimmten sie in einem alten grossen Ofen, der nur die empfangene Wärme
von sich gegeben hätte, wenn ein grosses Feuer ihn hätte zu durchhitzen vermogt.
Durch die halb mit Papier verklebten, mit Lumpen verstopften Fenster drang
unaufhörlich ein eisiger Luststrom ein. - Auf verfaultem Stroh lagen die
halbnackten Kinder, und rieben mit den blauen erstarrten Händen in den blöden
Augen, die gar nicht zubleiben wollten, weil Frostschauer, die über die kleinen
Gestalten liefen, sie immer wieder aufrissen. Die Mutter lag daneben in einer
grossen, weiten Bettstelle - das Weib lag weder auf Stroh, noch auf Federn,
sondern auf den Latten des Gestelles, zum Kopf hatte sie die zerrissene
Pelzjacke ihres Mannes, zur Decke einen alten wollnen Rock, den sie am Tage
trug.
    Es war kalt, ach schneidend kalt drinnen.
    Dem Manne war es zu kalt, drum war er fortgegangen in die Schenke.
    In der Schenke war es warm, da brauchte Niemand zu frieren, und Branntwein
hatte der Wirt auch - und der Branntwein wärmte dann noch fort zu Hause die
wenigen Stunden der Nacht bis die Glocke zur Arbeit geläutet ward.
    Es war eine grosse von Rauch geschwärzte Stube. Einige Talglichter, meist
schon herabgebrannte Stümpfchen, erleuchteten sie spärlich. Branntweindunst, der
Qualm aus vielen Tabakspfeifen und das Atmen vieler Männer verdichteten die
Luft in dieser Stube so, dass es den darin Versammelten unmöglich war, einander
in grösserer Entfernung, als der von ein paar Schritten, zu erkennen.
    An zwei Tischen sassen Einige dieser Männer in zerlumpten Kleidern mit teils
bleichen, teils vom Trunk glühenden Gesichtern, und spielten mit beschmuzten
Karten, auf denen man kaum noch die Figuren unterscheiden konnte, Schafkopf und
Solo. In ihren Augen las man teils ängstliche Spannung, teils verzweifelnde
Gleichgültigkeit, teils den Ausdruck tierischen Abgestumpftseins gegen Alles,
teils endlich eine halb wahnwitzige Lustigkeit, welche in ihren lärmenden
Äusserungen selbst auf die meisten Andern der Anwesenden einen widerwärtigen
Eindruck machte. Die Aeltesten unter diesen Spielern waren die rohesten, so auch
unter denen, welche trinkend, fluchend und schimpfend den übrigen Raum füllten.
    Nur wenige der jüngern Fabrikarbeiter befanden sich unter dieser
Gesellschaft, aber diesen Wenigen sah man es an, dass sie zu den Verworfensten
und Liederlichsten gehörten.
    Die Meisten der jungen Fabrikarbeiter waren in einer andern Stube
versammelt, deren Anblick in der Tat nicht im Entferntesten den widerlichen
Eindruck machte, wie jene.
    Diese jungen Leute trugen zwar auch wenig bessere Kleidungsstücke, als die
alten, aber sie waren meist reinlicher, und zum Wenigsten alle mit einiger
Sorgfalt angelegt. Ihr Haar war glatt gekämmt und unverwildert.
    Vor ihnen standen Gläser mit Vier, daneben lagen die kleinen Pfeifen, welche
wenigstens jetzt nicht brannten. Kein Glas Branntwein, keine Karte war in dieser
Stube zu sehen.
    Sie sassen Alle an einer langen Tafel auf hölzernen Bänken sich gegenüber,
und sangen.
    Franz Talheim und Wilhelm Bürger sassen obenan - sie waren Vorsänger.
    Diese beiden jungen Arbeiter waren innige Freunde und hatten gemeinsam
endlich die Einrichtung zu Stande gebracht, von welcher wir jetzt Zeuge sind.
    Sie hatten die sämmtlichen unverheirateten Arbeiter aufgefordert, mit ihnen
zu einem Verein zusammen zu treten, dessen hauptsächlichste Regeln waren:
    Keine Karten anzurühren.
    Keinen Branntwein zu trinken.
    Keine Schulden in der Schenke zu machen.
    Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn voraus bezahlen zu lassen.
    Dies war der negative Zweck dieses Vereins. Er hatte aber auch einen
positiven.
    Die Arbeiter hatten eine gemeinschaftliche Kasse, in welche jedes Mitglied
wöchentlich eine Kleinigkeit beisteuerte. Aus dieser Kasse bezahlte man an den
Schenkwirt, bei dem man Sonntags und Mittwochs Abends zusammenkam, das Bier
gemeinschaftlich. Auch bezahlte man davon die Noten-, Sing- und Lesebücher,
welche sich der Verein anschasste, um gemeinschaftlich zu singen und zu lesen.
In dieser Kasse hielt man immer auf einen kleinen Fonds, von welchem man auch,
wenn eines der Mitglieder krank ward, dasselbe unterstützen konnte.
    Diese Einrichtung war nicht ohne die heilsamsten Folgen für die Linderung
der äussern Not, und die Erhebung und Veredlung des Innern für Alle, welche ihr
angehörten, deshalb war ihr nicht einmal der Fabrikherr entgegen, obwohl es ihm
ziemlich einerlei war, wie es um die Moral seiner Arbeiter stand, und wiewohl
ihm die Bedingung: »Sich von dem Fabrikherrn niemals Arbeitslohn vorausbezahlen
zu lassen« ziemlich verdriesslich war, denn wenn dies die Arbeiter taten, konnte
er dann ihre Arbeit leicht zu einem geringen Preis erhalten, und hatte dadurch
die Leute ganz in seiner Gewalt. Dies eben hatten die Arbeiter nur zu oft schon
erfahren müssen, und suchten daher, eh' sie noch ferner zu diesem äussersten
Mittel griffen, lieber, wenn sich ein Mitglied durch irgend einen Unglücksfall
in dringender Not befand, durch die gemeinschaftliche Kasse zu helfen, und wenn
es auch oft nur in der Art eines Darlehns geschehen konnte.
    Zum Kassirer war Wilhelm Bürger erwählt worden. Er sass jetzt obenan. Es war
ein junger Mann, der einige Jahr über zwanzig zählen mochte. Seine Figur war
klein und gedrungen, von kräftigem Gliederbau. Er hatte krausses, schwarzes Haar,
dunkle Augen und eine frische, gesunde Gesichtsfarbe. Er trug eine Art Blouse
von grau und schwarz melirter Wolle, eben solche Beinkleider, und ein rot und
gelb gewürfeltes Tuch um den Hals geknüpft, dass zwei ziemlich lange Enden davon
herabhingen.
    »Ich dächte, drüben in der grossen Wirtsstube ginge es recht laut zu? Da
sind wohl schon wieder Einige trunken?« sagte Wilhelm, als der Gesang, welchen
man soeben gesungen hatte, zu Ende war, und eine augenblickliche Stille
herrschte, in welche plötzlich lautes Geschrei, wie von rohem Gezänk vieler
Stimmen, herein schallte.
    »Viele sind ja den ganzen Sonntag betrunken,« erwiderte einer der andern
jungen Arbeiter. »Da kann es wohl bald zu einer Prügelei kommen.«
    »Ich höre August's Stimme,« sagte wieder ein Andrer. »Der Junge sollte sich
schämen, lässt sich da mit verführen von den Alten - nun die alten Arbeiter sind
einmal von Jugend an den Branntwein gewohnt, können einmal nicht anders leben,
Vielen tut er gar Nichts mehr - da mag es schon sein, aber der August sollte
sich doch schämen.«
    »Ja, er lacht uns nur immer aus,« versetzte ein Dritter. »Mich sollt's aber
freuen, wenn ihn die alten Kerle drinnen einmal recht durchhieben.«
    »Hätte es wohl verdient,« sagte Franz Talheim, »aber dass eine grosse
Prügelei wird, wollen wir doch nicht wünschen, da heisst es dann gleich in der
Fabrik, es sei grosses Unrecht geschehen und ein Exzess verübt worden, dass dabei
die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden müssen.«
    Der Lärm, der hereinschallte, ward immer grösser.
    »Nun, wenn's was Ernstliches gibt, muss ich auch mit dabei sein!« riefen
Einige der jungen Arbeiter, und sprangen hinaus.
    »Mengt Euch doch lieber nicht hinein, und bleibt!« riefen Andre. Aber es war
schon zu spät, Viele waren trotz der Warnung hinausgeeilt.
    »Pass Du doch auf, dass sie keine dummen Streiche machen,« sagten Einige zu
Franz. »Du hast ja schon manchmal gewusst, sie von Prügeleien und unvorsichtigem
Gelärm zurückzuhalten.«
    Franz trat in den Hausflur. Die Türe, welche derjenigen gerade
entgegengesetzt war, aus welcher er kam, führte in die grosse Wirtsstube, in
welcher die älteren Fabrikarbeiter zechten und spielten. Diese Türe war jetzt
weit aufgerissen, und Viele Derer, welche vorhin in dieser Stube sassen, hatten
sich dazwischen gedrängt.
    Im Hausflur wand sich ein junger Bursche - es war der vorerwähnte August -
unter den derben Fäusten von einigen der älteren Arbeiter, deren Kräfte durch
die Wut verdoppelt erschienen, und deren Wut durch die Trunkenheit
verdreifacht war. Die entsetzlichsten Flüche und Schimpfworte sandte man von
allen Seiten auf ihn.
    »Was hat denn der August getan?« fragte Franz die Umstehenden.
    »Falsch gespielt! - Er hat dem alten Böttcher den letzten Dreier auch noch
abgewonnen. Er hat uns Alle um's Geld betrogen - uns, wo zu Hause Frau und
Kinder fast erfrieren und verhungern - uns hat er das Letzte abgewonnen - ist
erst zwanzig Jahr, und doch so ein Gauner!« So riefen viele Stimmen zugleich,
und grobe Schimpfreden hallten immer dazwischen.
    »Nun aber die Prügelei hilft Euch doch zu Nichts - spielt nicht wieder mit
ihm, seht ihn nicht mehr an, da wird er schon bestraft sein,« redete Franz zur
Sühne.
    »Können wir uns jetzt anders rächen, als wenn wir ihn zu Schanden treten?«
rief Einer der Wütendsten. »Sollen wir ihn etwa verklagen und einstecken
lassen, dass wir dann wochenlang umsonst arbeiten können, weil man uns die
Gerichtskosten vom Lohne abziehen würde?«
    »Franz, Franz!« schrie der unglückliche August, welchen eine starke Faust an
den Haaren gefasst hielt und zur Erde auf die Steintafeln drückte, während ein
Anderer einen Fuss, den ein schwerer mit Nägeln beschlagener Stiefel bekleidete,
auf seinen Rücken setzte. - »Franz, ich habe schon Alles wieder herausgegeben -
Du bist ja sonst menschlich und gerecht! Lass es nicht zu, dass sie mich
todtschlagen!«
    »Wir wollen ihn hinauswerfen,« sagte Franz. »Da seid Ihr ihn los, und Euer
Aerger hat ein Ende, denn er kommt gewiss nicht wieder - das Geld hat er Euch
doch herausgegeben?«
    »Ja, das haben sie ihm alles wieder abgenommen, und sein eignes dazu,«
schrieen Einige, welche gemässigte Zuschauer abgegeben hatten.
    »Nun,« sagte Franz, »so wollen wir ihn hinauswerfen,« und mit Riesenkraft
schob er den Fuss des Einen von Augusts Schultern, und unwillkührlich liess der
Andere, welcher sein Haar gefasst hielt, los, und Franz schleppte nun mit einem
raschen Griff den Geschlagenen vor die Haustüre und rief: »Nun lauf, wenn Du
noch laufen kannst!«
    August lief wirklich. Einige der Arbeiter sprangen ihm nach, Andere
schimpften wenigstens hinter ihm her.
    In diesem Augenblicke hörte Franz eine zarte, schluchzende Stimme rufen:
    »Helft mir! Erbarmen, wenn ich noch unter Menschen bin!«
    Franz kannte diese Stimme, er kannte auch diese Worte, welche er voll
desselben entsetzlichen Vorwurfes schon einmal vernommen hatte. Wie ein
zweischneidiger Dolch drangen sie wieder in sein Herz, aber wie ein Dolch,
welchen eine reine Kinderhand führt, ohne zu ahnen, wie schwer sie verwunden
kann.
    Er kannte diese Stimme, und sprang in demselben Moment dahin, woher er sie
kommen hörte.
    Es war dunkel.
    Er sah nur eine kleine weibliche, zitternde Gestalt neben einem taumelnden
Mann, welcher ihren Schleier mit der einen Hand wegzog, und mit der andern ihren
Arm hielt - dabei lachte er, und führte unanständige Reden.
    Aber mit starkem Arm schleuderte ihn Franz auf die Seite, dass er taumelnd zu
Boden fiel.
    Pauline atmete auf - aber sie fürchtete auch den Befreier, und begann zu
laufen.
    »Gehen Sie lieber langsam,« sagte Franz. »Ich bin es, Franz Talheim, ich
werde Sie sicher bis in Ihr Haus begleiten, gehen Sie nicht schneller, als
gewöhnlich, ich folge Ihnen, Sie haben Nichts zu fürchten.«
    Er sagte dies mit so schmerzlich bewegter Stimme, weil es ihm weh tat, dass
nun Pauline vor jedem Fabrikarbeiter fliehen werde, da sich Einer erlaubt hatte,
ihr roh zu begegnen - und Pauline erriet an dieser wehmütigen Stimme, was in
ihm vorging, und noch an allen Gliedern zitternd, blieb sie stehen, gab ihm ihre
Hand, und sagte unendlich mild:
    »Ich danke Ihnen, ich bin so erschrocken, dass ich kaum weiss, wie ich noch
das kleine Stück bis nach Hause gehen soll - und Ihnen meinen Dank ganz
auszudrücken, vermag ich jetzt auch noch nicht.«
    Sie liess diese kleine Hand mit dem weichen, gefütterten Handschuh in seiner
groben Hand, welche nur leise ihre Fingerspitzen zu fassen wagte, und so liess
sie sich von ihm führen. Bald waren sie an dem Wohnhause angelangt - die
Laternen davor brannten schon hell.
    »Ich danke Ihnen nochmals,« sagte sie freundlich, »und wenn ich wüsste, womit
ich Ihnen diesen grossen Dienst besser als mit Worten vergelten könnte -«
    »Nein, dafür dürfen Sie mich nicht bezahlen!« rief er rasch und wie ausser
sich - Pauline sah, dass bei diesen Worten seine Augen seltsam glänzten, und eine
grosse Träne in sie trat, während ein schmerzliches Zucken seinen Mund bewegte,
und doch über sein ganzes Gesicht eine Art von Freudenglanz flog - er eilte
hastig von dannen.
    Friedericke kam Paulinen an der Treppe entgegen. »Da sind sie ja endlich,
mein Fräulein! Mein Gott, welche Angst habe ich um Ihretwillen gehabt! Es ist
schon acht Uhr vorüber, Sie sind ganz allein gegangen, und wir wussten nicht, wo
Sie waren, um Ihnen Jemand entgegen zu schicken.«
    Während Pauline ablegte, sich in den Lehnstuhl warf und die kleinen
erstarrten Hände wärmte, erzählte sie: »Ich hatte meine Freundin bis an das
kleine Haus begleitet, welches in der Nähe des Parkes steht, und in dem unser
Oberfaktor mit seiner Frau wohnt. Da fing es sehr heftig an zu schneien, es
schien uns vorübergehend, und da wir die Oberfaktorin allein zu Hause sahen,
gingen wir Beide hinein, um dort die Schneewolke vorüber zu lassen. So kam es
denn, dass wir dort länger blieben, als wir erst gedacht hatten, denn Elisabet
schickte einen Knaben nach ihrem Schlitten in's Schloss, und es dauerte ziemlich
lange, ehe dieser kam. Dann hatte es aufgehört zu schneien, ich fürchtete mich
nicht, da es so sternenhell war, und nahm nur den Knaben auf Zureden als
Bedeckung mit, denn weiter war Niemand zu Hause. Als ich bei der Schenke vorüber
kam -«
    »Ach, liebes Fräulein, Sie zittern ja am ganzen Körper - es wird Ihnen doch
Nichts begegnet sein?« sagte das besorgte Mädchen.
    »In der Schenke war ein entsetzlicher Lärm - auf einmal umringte mich ein
Trupp Männer und führten gemeine Reden - ich lief stumm fort so schnell ich
konnte - da kam mir ein Trunkener von ihnen nach - fasste mich an - und was er
sagte, mag ich nicht wiederholen - ich weinte und schrie nach Hilfe - da kam
Franz - - er führte mich sicher hierher.«
    Pauline hatte dies unter immer heftigerem Zittern erzählt, und sank jetzt
ohnmächtig in die Kissen des Lehnstuhls zurück. Friedericke war auf's
Teilnehmendste um sie beschäftigt, und weinte selbst mit über die doch bereits
überstandene Angst ihrer Herrin. Als diese wieder zu sich kam, fragte sie:
    »Ist mein Vater schon zurück?«
    »Nein.«
    »Wenn er kommt, so lass ihm sagen, es sei mir nicht ganz wohl, ich habe mich
zeitig niedergelegt - sage aber Niemand, was mir begegnet ist - hörst Du,
Niemand!«
    »Wenn Sie es wollen, so kann ich schweigen, als wäre ich stumm,« versprach
Friedericke. Pauline liess sich von ihr entkleiden, und legte sich zu Bette.
    Sie war so erschöpft, aber doch zugleich so aufgeregt, dass sie lange
vergeblich zu schlafen suchte. Endlich gelang es - aber auch durch ihren Traum
klangen immer noch die rohen, schreienden Stimmen hindurch, welche sie im Wachen
so geängstet hatten, bis denn auch im Traum Franz Talheims Bild wie das eines
Schutzengels vor ihr auftauchte, dass sie selbst im Schlafe beruhigt und
friedlich lächelte.
    Auf Franz wartete man an diesem Abend vergeblich in der Schenke, er ging
nicht wieder dahin, obwohl es erst acht Uhr war, und bis gegen zehn Uhr pflegten
sie gewöhnlich dort beisammen zu bleiben.
    Er ging in seine kleine Kammer, er zündete sich nicht erst seine kleine
Oellampe an - er hing beim Sternenlicht den Rock, den er auszog, an seinen
Nagel, den Shwal über den hölzernen dreibeinigen Schemel, und legte sich auf
seinen Strohsack. Es war kalt, aber seine Wangen brannten. Zuweilen aber doch
überrieselte ihn ein kalter Schauer - es kam aber nicht nur vom Frost und weil
es kalt durch das kleine, in seinen Rahmen klappernde Fenster hereinzog - dieser
Schauer kam in den Momenten, wenn er daran dachte, dass Pauline gesagt hatte:
    »Helft mir, wenn ich noch unter Menschen bin!«
    Und immer wieder musste er daran denken. Sie hatte diese vielen Stimmen
gehört, diese Stimmen Derer, welche arme Arbeiter waren, wie er auch - und sie
hatte daran gezweifelt, unter Menschen zu sein - ja sie hatte ihn in der Angst
ihres Herzens herausgeschrieen diesen ungeheuern Vorwurf! Ach, freilich! Sie
hatte diese Trunkenen, diese rohen Schreier gehört, welche sich sogar mir
niedrigen Worten an ihr vergangen hatten - an Menschenwürde hatte sie ja da wohl
zweifeln müssen! Und ach, das war es ja eben - sie war auch vor ihm geflohen,
denn er war ja auch unter diesen armen, unglücklichen Menschen ohne
Menschenrechte, an deren Fähigkeit zur edelsten Menschenwürde Niemand glauben
will - sie dachte nun es sei Keiner unter ihnen im Stande, Recht zu handeln -
sie war auch vor ihm geflohen, als er sich ihr genähert.
    Aber da leuchtete es wieder hell auf in seinem kummervollen Antlitz, und er
sagte sich selbst, wie sich plötzlich besinnend: Nein - vor ihm war sie nicht
geflohen - - nur vor dem ungekannten Mann. Als er seinen Namen genannt, hatte
sie ihm vertrauend die Hand gegeben - sie hatte ihn nicht hinter sich gehen
lassen, wie einen Diener, wie er bescheiden gewollt - sie hatte ihm die Hand
gegeben, und war neben ihm gegangen, wie neben einem Freund - und dann hatte sie
ihm gedankt. Aber gewiss hätte sie ihn dafür gern mit irgend einer Gabe gelohnt -
aber das sollte sie nicht, nein, dies Mal gewiss nicht, sie sollte ihn nicht
bezahlen, wie die reichen Leute die armen für jeden Liebesdienst, womit sie oft
so weh tun - sie sollte ihn nicht bezahlen, weil er ein paar Minuten so
glücklich gewesen war.
    Und so dachte und grübelte er noch lange fort, bis endlich der Schlaf kam,
und mit ihm der Traum, und mit diesem Paulinens Bild.
 
                               X. Der Rittmeister
 »Wie drunten die Puppen rennen,
 So winzig, so käferklein,
 Die selbst nicht vor Stolz sich kennen,
 Will jede was Mehres sein.«
                                                                   C. Schreiber.
Monate waren verstrichen - der Frühling war gekommen.
    Der Frühling ist gekommen! Das war wie ein Jubelruf über die ganze, vom
langen schweren Wintertraume erwachende Erde gezogen. Alle Fluren waren wieder
grün geworden, alle Märzblümchen und Veilchen blühten wieder, alle Schwalben
waren gekommen und suchten die verlassenen Nester wieder, und alle Lerchen
sangen wieder - und dieser ganze lebende, lachende Frühling klang und blühte
auch in manchem Herzen wieder.
    Elisabet und Pauline waren glücklich, als sie Beide, dem verschwiegensten
Leben und Weben der Natur so nahe, den Frühling kommen sahen. Beide sahen sich
jetzt öfter, und genossen die schönen Tage zusammen.
    Zwar sahen Elisabets Eltern diese Freundschaft so ungern, als Paulinens
Vater sie gern sah, weil es ihm immer Freude machte, wo er die Aristokratie der
Geburt sich vor der seinen, vor der des Geldes, demütigen sah. Aber wie oft
auch Anfangs die Gräfin sanfte Vorstellungen an Elisabet versuchte, in welchen
sie Pauline als einen unpassenden Umgang schilderte - Elisabet erklärte fest
und bestimmt, dass sie dieser Freundin nie entsagen werde - und so war Pauline
auf Schloss Hohental vorgestellt und hatte immer freien Zutritt. Die Gräfin war
zu hoch und fein gebildet, um je dem bürgerlichen Mädchen merken zu lassen, dass
seine Gegenwart ihr unangenehm sei - sie behandelte es immer mit zuvorkommender
Herablassung, aber zugleich mit kalter Förmlichkeit. Von dem Grafen galt
dasselbe.
    Uebrigens hatte man im Schloss den Winter ganz einsam verlebt. Nur
Rittmeister von Waldow war mit seiner Gattin öfter gekommen - ein langweiliges,
unbedeutendes, langsam alterndes Ehepaar - und einige andere alte
aristokratische Herren, welche in der Nähe lebten, und an einem bestimmten Abend
zum Spiel mit dem Grafen kamen. Unter diesen langweiligen Verhältnissen, fühlte
die Gräfin selbst, wäre es Grausamkeit gewesen, Elisabet Paulinens Umgang zu
entziehen - allein das Frühjahr brachte die ebenbürtigen Nachbarn zurück, welche
im Winter die Einsamkeit ihrer Landgüter mit dem Leben in der Residenz
vertauscht hatten.
    Es war also auch an einem schönen Frühlingsmorgen, als die beiden
Freundinnen Arm in Arm durch die saftgrünen Wiesen gingen. Sie hatten sich
Veilchen und Maasliebchen gepflückt, und um daraus kleine Kränze zu winden,
setzten sie sich nebeneinander auf eine Bank.
    Es war ein liebliches Bild. Pauline trug einen runden Strohhut mit
flatternden Enden; ihr blondes Haar war darunter glatt gescheitelt, ihre kleine,
zarte Gestalt umgab ein luftiges Kleid von rosaer Farbe mit einer Art von
schwarzem, den Hals umschliessenden Sammetmieder. Ihre ganze Erscheinung hatte
etwas Idyllisches. Eine Art Gegensatz zu diesem Eindruck empfing man durch
Elisabets Bild. Um ihre langen blonden Locken hatte sie einen Tüllschleier
geknüpft, ihre edle, schlanke Gestalt umschloss ein schwarzes Wollenkleid mit
weiten Aermeln und einer langen Gürtelschnur um die zarte Taille, so glich sie
halb einem Burgfräulein, halb einer Nonne vergangener Zeit.
    Als so die beiden Mädchen im kindlichen Naturgenuss mit den Veilchen auf
ihrem Schoos spielten, und ihre Blicke darauf gesenkt hatten, ahnten sie nicht,
dass sie plötzlich der Gegenstand einer lebhaften Unterredung geworden.
    Jaromir von Szariny und ein jüngerer Baron von Waldow, Neffe des
Rittmeisters, waren in einem Seitenweg, und von ihnen ungesehen,
vorübergegangen.
    »Da ist sie wieder!« rief Jaromir, und blieb traumverloren stehen. Es
befremdete ihn gar nicht, dass er die Unbekannte wieder sah, obwohl er sie am
Wenigsten jetzt und hier erwartet hätte - aber dass er ihr einst wieder begegnen
werde, hatte ihm Tausend Mal sein Herz gesagt, und er hatte diesem seltsamen
prophetischen Herzen immer geglaubt.
    »Ah, Sie meinen die Damen dort, Schade, dass ich meine Lorgnette vergessen
habe,« sagte Waldow nachlässig, indem er auch stehen blieb.
    »Ich bitte Sie, Waldow, Sie waren schon öfter hier, Sie müssen die Damen
dieser Umgegend kennen - sagen Sie mir endlich, wer dieses Mädchen ist!«
    »Was denn endlich?« erwiderte Waldow, der die Dringlichkeit seines Freundes
nicht begriff. »Ich habe sie noch niemals gesehen - doch ja, ich entsinne mich,
gestern sah ich die Eine von ihnen mit dem alten Felchner, dem Fabrikanten,
fahren, man sagte mir, es sei seine Tochter.«
    »Seine Tochter? Aber welche meinen Sie?« fragte Jaromir ziemlich befremdet.
    »Die Kleine.«
    »Die Kleine - aber die Schlanke, wer ist sie?«
    »Nun jedenfalls auch so ein Fabrikantenmädchen, vielleicht eine Untergebene,
eine Verwandte - was weiss ich. Etwas Nobles kann es keines Falls sein,« sagte
Waldow leicht, und fuhr scherzend fort: »Indessen Sie wissen, der Adelsverein
erlaubt eine Mesalliance mit diesen schönen bürgerlichen Kindern, sobald sie die
Töchter reicher Fabrikanten oder Bankiers sind, und man mit ihrer reichen
Mitgift den Glanz eines durch die fluchwürdigen Verhältnisse dieser
neuerungssichtigen Zeit herabgekommnen adligen Hauses wieder auffrischen und
erhöhen kann. - Sie haben das freilich nicht nötig, aber leider Gottes gibt es
Leute mit sehr viel Ahnen, und doch keiner Aussicht auf ein andres Erbe, als
einen Namen, und das gilt jetzt kaum so Viel -« er schnippte mit den Fingern,
welche der gelbe Glacéhandschuh bedeckte, in die Luft, und fuhr dann geschwätzig
plaudernd fort: »Kommen Sie, wir wollen diese Mädchen begrüssen, wir wollen uns
einen Spass mit ihnen machen, man kann dies mit diesen bürgerlichen Püppchen,
ohne sie zu erzürnen, sie werden entzückt sein, in der Einsamkeit ihrer
Dampfmaschinen und prosaischen Wasserwerke ein Abenteuer mit ein paar Löwen der
feinsten Salons zu erleben. Kommen Sie -« und er wollte Jaromir am Arme mit
fortziehen.
    Gewaltsam widerstand dieser und hielt ihn zurück. »Sind Sie bei Sinnen - ich
glaube, Sie wären im Stande, sich auch gegen dieses Mädchen einen unziemlichen
Scherz zu erlauben,« rief er ausser sich.
    »Unziemlich oder nicht,« sagte Waldow, »darüber liesse sich ein langer
Monolog halten - aber ich begreife wahrhaftig nicht, warum heute unpassend sein
soll, was unter gleichen Verhältnissen Ihnen selbst sehr amüsant war - es kann
auch nichts Spasshafteres geben, als das halb verlegene, halb erzürnte Erröten
eines niedlichen bürgerlichen Dingelchens.«
    Die Mädchen waren unterdess, ohne das Geringste von dem zu ahnen, was man
unweit von ihnen über sie verhandelte, und ohne die Sprecher nur zu sehen, einen
Pfad herabgegangen, welcher sie von diesen noch weiter entfernte.
    Um Alles in der Welt nicht hätte Jaromir das heilig stille Geheimnis seines
Herzens von seiner Begegnung Elisabets an diesen seichten Salonmenschen
verraten, und noch weniger wäre er im Stande gewesen, sich ihr mit ihm zugleich
zu nähern - als Ausfluchtsmittel sah er daher nach der Uhr, und sagte:
    »Aber Sie vergessen, dass uns Ihr Onkel um 10 Uhr zum Frühstück erwartet, und
dass dies schon vorüber ist - lassen Sie uns eilen, zurück zu kommen, nicht in
allen Fällen ist es guter Ton, auf sich warten zu lassen.«
    »Besonders wenn man selbst Appetit hat,« sagte Waldow, und indem er über der
Aussicht auf ein gutes Frühstück die schönen Mädchen vergass, ging er rasch mit
Jaromir dem Herrnhause zu, wo sie jetzt Beide als Gäste wohnten.
    Wirklich waren sie von dem Paar bereits zum Frühstück erwartet worden, bei
dem sie noch einen fremden Gast fanden. Man stellte ihn als Hofrat Wispermann
vor. Es war ein langer, hagerer Herr, den man, wenn man diese dünnen Beine und
Arme, diesen langen Hals, auf welchem ein grosses Haupt mit spärlichen braunen
Haaren und einem leichenblassen, abgezehrten Gesicht sich befand, recht wohl für
einen riesigen Schatten halten konnte.
    Und dieser Schatten war ein Sohn des Aesculap, welchem einer der kleinsten
deutschen Fürsten den Titel als Hofrat gegeben. Er hatte mit seinen Curen
nirgend grosses Glück machen können. Manche Patienten waren ihm unter den Händen
gestorben, gerade in den Augenblicken, als er sich geschmeichelt hatte, dass er
durch die starke Dosis einer modernen Arzenei, welche freilich aus giftigen
Substanzen bestand, sie auf der Stelle und urplötzlich curiren werde. Wie sich
nun die Sachen oft so ganz anders verhielten, als er vorausgesagt hatte, und
endlich von allen seiner ehemaligen Freunde und Bekannten nur der Todtengräber
und die Leichenfrau ihm treu blieben, erklärte er plötzlich aller modernen
Medicin den Krieg, und ward ein Verkündiger des neuen Evangeliums vom Wasser.
    Er hatte ein ziemlich ansehnliches Kapital zusammengespart, und es jetzt zur
Anlegung einer Wasserheilanstalt, und zwar in der Nähe des Schlosses Hohental,
benutzt, wo eine kleine Villa zu verkaufen gewesen war, welche er Hohenheim
nannte. Eine kleine Anzahl elender Häuser umgaben sie, die meist von
Fabrikarbeitern Herrn Felchners bewohnt waren.
    Der Wasserdoctor machte nun Herrn von Waldow seine Aufwartung, um ihm die in
allen öffentlichen Blättern pomphaft angekündigte Eröffnung seiner
Wasserheilanstalt noch besonders mündlich anzuzeigen.
    »Nun, das wird Leben und Gesellschaft in unsere Umgegend bringen,« sagte der
Rittmeister vergnügt. »Gesunde werden die Kranken begleiten, und vielleicht
entwickelt sich noch ein ganz comfortables Leben in unsrer Nähe.«
    »Das wäre sehr schön!« stimmte seine Gemahlin ein. »Man brauchte dann nicht
selbst in ein Bad zu reisen, wenn das Bad umgekehrt selbst zu uns kommt. Wie
viel haben Sie schon Kurgäste, Herr Hofrat?
    Diese naive Frage machte den langen Doctor ein Wenig verlegen, er sah vor
sich nieder, scharrte mit dem Fuss, und sagte dann lispelnd: Bis jetzt ist nur
ein kranker Herr da -« gleichsam aber als wolle er den für ihn niederschlagenden
und beschämenden Eindruck dieser Antwort gänzlich vernichten, setzte er mit
Nachdruck und Stolz hinzu: »aber es ist ein Engländer.«
    Der jüngere Waldow konnte sich des Lachens kaum erwehren, und brach jetzt
heraus: »Wahrhaftig, nur ein Engländer ist es im Stande, in einem verlassenen
deutschen Erdwinkel der einzige Kurgast einer Wasserheilanstalt zu sein.«
    »Man muss bedenken, wie früh es noch im Jahre ist,« sagte der Doctor sehr
ernst.
    »Und dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht,« fiel Waldow ein. »Aber
wahrhaftig,« fuhr er begütigend fort, »ich versichere Ihnen, mein Herr Hofrat,
Ihre Anstalt muss berühmt, von vielen Fremden besucht werden - es soll in der
feinen Welt bald zum guten Ton gehören, ein paar Wochen in Hohenheim zu leben. -
Alles kommt ganz darauf an, ob mein Freund, Graf Szariny, will: - erklärt er
Hohenheim für berühmt, so wird es dasselbe auch in Kurzem sein - und dass ein
Engländer gerade schon da ist, wird uns sehr zum Nutzen gereichen, man braucht
da weniger aufzuschneiden. - Was meinen Sie, mein Freund?«
    Jaromir hatte nur scheinbar dem Gespräch zugehört, seine Gedanken waren
anders beschäftigt gewesen, er glaubte jetzt den Kern des Gespräches ganz
richtig erfasst zu haben, als er antwortete: »Man wird doch in Deutschland nicht
immer so bornirt sein, alles dumme Zeug nachzuäffen, was ein Engländer angibt.«
    Der Hofrat stand entrüstet auf.
    Die gnädige Frau war unbeschreiblich verlegen.
    Der Rittmeister nötigte zum Trinken.
    Jaromir sah sehr harmlos die ganze bestürzte Gesellschaft der Reihe nach an.
    Waldow wusste sich nicht mehr zu helfen, und hielt sich laut lachend die
Seiten - endlich sagte er: »Sie sehen, Herr Hofrat, an welchem fürchterlichen
Spleen mein armer Freund bereits leidet - Sie werden eine glänzende Genugtuung
von ihm erhalten, denn über kurz oder lang werden Sie ihn in Ihrer Anstalt
finden.«
    Eh' man über dieses Missverständnis sich deutlicher erklären konnte, fuhr
unten ein Wagen vor, und ein Diener meldete Herrn Felchner.
    Der Rittmeister ward ein Wenig blass. »Der Mensch kommt in Geschäften zu mir,
welche keinen Aufschub leiden,« sagte er, und fügte eilig, wie sich besinnend
hinzu: »Es betrifft Grenzstreitigkeiten und Ablösungsverhältnisse. Ich bitte zu
entschuldigen, wenn ich mich in mein Zimmer zurückziehe.«
    Auch der Wagen des Hofrats hielt unten, und so trennte man sich für den
Augenblick schnell von einander. Die Gattin des Rittmeisters warf diesem einen
flehenden Blick zu, und ging ebenfalls in ihr Zimmer - Waldow warf sich gähnend
in eine Sophaecke, wo er alsbald entschlief, während Jaromir ein Packet
Zeitungen ergriff, eine Cigarre anzündete, und damit in den Garten ging.
    Es war ein unerquickliches Geschäft, was der Rittmeister mit Herrn Felchner
abzutun hatte.
    Er trug auch hier seinen alten grauen Hausrock - diese Misachtung aller
conventionellen Sitte im Haus eines Aristokraten war für ihn charakteristisch.
    »Gehorsamer Diener,« sagte er im Eintreten, »wollte mir nur selbst die
Antwort auf meine beiden Briefe holen, welche Sie mir schuldig geblieben sind.«
    »Es freut mich, dass ich das Vergnügen habe, Sie selbst persönlich bei mir zu
sehen,« sagte der Rittmeister höflich, aber Felchner fiel ihm in's Wort: »Sie
entschuldigen, dass ich Ihre höflichen Redensarten unterbreche, allein wir
Geschäftsleute haben immer nicht viel Zeit, dergleichen zu erwidern und
anzuhören, und heute bin ich ganz besonders pressirt. Wir wollen uns einander
nicht unnötig mit höflichen Redensarten aufhalten. Mein Besuch, fürcht' ich,
wird Ihnen nicht erwünscht sein, denn Sie werden wohl wissen, weshalb ich komme,
sollken Sie sich dessen, was wir zusammen verabredet haben, jedoch gar nicht
mehr erinnern, so werde ich mir selbst die Freiheit nehmen.« Mit diesen Worten
zog Herr Felchner aus seinen grossen Rocktaschen einige actenmässig aussehende
Papiere.
    »Herr Felchner,« sagte der Rittmeister vertraulich, »wir haben immer gute
Nachbarschaft gehalten, wir wollen nicht um eines solchen Bagatells willen -«
    »Bagatell!« unterbrach ihn dieser, und seine kleinen Augen funkelten, seine
Nase ward noch spitzer, als sie ohnehin war. »Bagatell! Wenn es Ihnen das ist,
so zahlen Sie mir meine zehn Tausend Taler aus! Für einen Fabrikanten gibt es
kein Bagatell, dem Industriellen ist jeder Groschen ein Kapital, das seine
Zinsen tragen muss, sonst stocken die Geschäfte - sprechen Sie nicht von
Bagatell!«
    »Beruhigen Sie sich, ich meinte nur nicht dieses Geld allein, sondern Geld
überhaupt sei eine Bagatell dem Glücke uns nahestehender Personen gegenüber, von
welchen ich mit Ihnen vor allen Dingen zu sprechen wünschte.«
    »Ich verstehe Sie nicht, aber ich muss Sie bitten, zur Sache zu kommen, ich
habe durchaus nicht viel Zeit.«
    »Nun - Sie haben eine erwachsene, liebenswürdige Tochter -«
    »Ja, wahrhaftig! Sie ist mein Stolz und meine Freude.«
    »Ich habe einen einzigen Sohn, welcher jetzt auf Reisen ist -«
    »Ich bitte - zur Sache, zur Sache!« und Herr Felchner rutschte ungeduldig
auf seinem Stuhle hin und her.
    »Wir sind Nachbarn, unsere Besitzungen stossen aneinander -«
    »Weiss es, weiss es, verschmelzen immer mehr in einander,« sagte Felchner
höhnisch.
    »Das ist auch meine Meinueg,« fiel der Rittmeister rasch in's Wort, ohne den
Hohn in der Stimme des Fabrikherrn zu bemerken, oder bemerken zu wollen, und
fuhr freundlich fort: »Es würde Sie schmerzen, jemals Ihre Tochter weit von sich
zu entfernen - nun, ich denke, Sie schlagen mit Freuden ein, Sie müssen meinen
Sohn von früher kennen, Sie haben den Vorteil, dass Ihre Tochter Ihnen
unentführt bleibt, den Vorteil ihrer Standeserhöhung - schlagen Sie ein, mein
lieber Freund - wir wollen aus unsern Kindern ein glückliches Paar machen -« und
der Rittmeister hielt dem Fabrikanten mit freundlichem Lächeln die Hand hin.
    Dieser aber, statt, wie Jener wohl erwarten mochte, mit seiner Hand in die
dargebotene einzuschlagen, schlug heftig mit dem Actenstück darauf, das er in
der Hand hielt, warf aufspringend den Stuhl um, auf dem er gesessen, und
zitternd vor Wut brachte er nur die Worte heraus:
    »Nein, das ist zu unverschämt.« Bleich stand er da, sein lederartiges
Gesicht zuckte in jedem Fältchen seiner Haut, die zornsprühenden Augen drehten
sich wild nach zwei verschiedenen Seiten, die einzelnen Haare seines Hauptes
sträubten sich zur Decke.
    Auch der Rittmeister sprang auf, und indem er einige Schritte gewissermassen
furchtsam zurücktrat, sagte er: »Welches Benehmen, mein Herr - in meinem
Zimmer!«
    »Ich frage Sie,« sagte Herr Felchner, auf's Äusserste gereizt, »wie kamen
Sie dazu, mir dieses unverschämte Anerbieten zu machen? Wie konnten Sie denken,
ich werde die Hand meiner einzigen Tochter einem Krautjunker geben, ja einem
Krautjunker, von dem ich noch dazu weiss, dass er in Kurzem ein Betteljunker sein
wird, da ich die Wirtschaft seines Vaters kenne! Oder konnten Sie sich wirklich
einbilden, ich solle es mir zur Ehre schätzen, wenn meine Tochter eine gnädige
Frau würde? Die adligen Freier werden sich zu Duzenden finden, denn das Mädchen
ist ein Engel, und wäre sie hässlich wie die Sünde, ihr Geld würde sie in den
Augen altadliger Hungerleider doch zu einem Engel machen. - Aber bilden Sie sich
nicht ein, dass heut zu Tage ein Industrieller noch Respect hat vor einem grossen
Wappenschilde und einem vornehmen Namen - Herr Rittmeister - das sind Bagatellen
- Bagatellen, zu erbärmlich, sie nur zu beachten.«
    »Es ist gut,« fuhr er ruhiger fort, nachdem er die heftige Rede abgebrochen
und hochaufatmend frische Kraft zum Weitersprechen gesammelt hatte - »das Wort
Bagatell bringt mich wieder auf die Ursache meines Kommens, und auf die zehn
Tausend Taler zurück, welche Sie für ein Bagatell erklärten, und welche ich
Ihnen wahrscheinlich mit meinem Kinde schenken sollte - Sie haben das Vaterherz
so in Wut gebracht, dass ich beinah Narr genug gewesen wäre, darüber meine zehn
Tausend Taler zu vergessen - sie waren schon vor einem Monate gefällig - Sie
werden meine Nachsicht zu schätzen wissen - ich bin da, um das Geld in Empfang
zu nehmen.«
    »Mein Herr Industrieller,« sagte der Rittmeister, der unterdess mühsam nach
Fassung gerungen, und vergebens überlegt hatte, wie er sich noch am Besten aus
der Schlinge ziehen könnte, mit beleidigtem Ton in der Stimme und einem Anflug
von Spott, »es ist mir unmöglich, mit Leuten, welche alle Rücksichten und
Höflichkeiten aus den Augen setzen, auf die jeder Mensch von Bildung Anspruch
macht, zu verhandeln, ich werde Ihnen Ihr Geld noch heute in Ihre Wohnung
schicken -« und der Rittmeister kehrte dem Fabrikanten vornehm den Rücken, und
war im Begriff, das Zimmer zu verlassen.
    »Sie können bleiben,« sagte dieser, »ich werde gehen - Ihre elende Ausflucht
ist eines Aristokraten des neunzehnten Jahrhunderts würdig. Sie haben das Geld
nicht, ich sehe sehr wohl ein, dass ich es also nicht mitnehmen kann, und werde
daher gehen. Brechen Sie aber Ihr Wort abermals, und ich erhalte das Geld nicht
noch heute, so begebe ich mich morgen mit dieser Verschreibung zu den Gerichten,
und Ihre Waldung ist mein Eigentum. Ich empfehle mich Ihnen.«
    Mit diesen Worten ging der kleine graue Mann zu der grossen Flügeltüre
hinaus, und fuhr dann in seinem glänzenden Staatswagen heim. Während er einen
Blick auf die nahe Waldung warf, rieb er sich vergnügt die Hände, und sagte zu
sich selbst:
    »Es ist nicht möglich, dass er das Geld bis heute Abend schafft, der Wald ist
also mein, und ich habe im Grunde keinen schlechten Handel gemacht. Den Wald
lasse ich umhauen, benutze den Platz zu einer Bleiche, der Bach, welcher
durchfliesst, lässt sich zu einem Graben machen, und kann eine neue Walkmühle
treiben - nein, nein, es ist wirklich kein schlechter Handel - es ist gut, wenn
ich auf so billige Art, und ganz allmälig meinen Grundbesitz vergrössern kann«
    Dem Rittmeister merkte man bei Tafel nicht an, welchen grossen Aerger er kurz
vorher gehabt, in welcher innern Aufregung er sich noch befand, welche schlimmen
Sorgen er sich machen musste. Er war der liebenswürdige Wirt, wie gewöhnlich.
    Als man die Tafel aufhob, sagte er: »Ich muss heute noch einen Besuch bei
Graf Hohental machen, wollen mich die Herren begleiten, so werde ich mich
freuen, Sie vorstellen zu können.«
    Jaromir und der Neffe waren mit Vergnügen dazu bereit.
                                XI. Wiedersehen
 »Ein Tor, wer auch die Hefen schlürfte,
 Weil er den Becher ausgeleert;
 Wir wären, wenn's so enden dürfte,
 Eines des Andern nimmer wert.«
                                                              Franz Dingelstedt.
Die Langeweile war es, welche Jaromir noch lange an Bella gefesselt hatte,
obwohl sein Herz längst Nichts mehr wusste von diesem Bande. Auch hatte sich das
Verhältnis geändert, früher war er der Sklave ihrer Launen gewesen, später musste
sie die seinen ertragen.
    Zuweilen war er lange aussen geblieben, aber endlich war er doch immer wieder
zu ihr gegangen, weil er für die Stunden, die er bei ihr zuzubringen pflegte,
doch nirgends andern Ersatz fand. Um es mit einfachen Worten kurz zu sagen: es
fehlte ihm Etwas, wenn er lange nicht bei ihr gewesen war, und so ging er immer
wieder zu ihr. Wollte sie ihn dann mit Vorwürfen empfangen, dass er so lange
nicht da gewesen, so setzte er ihrer leidenschaftlichen Heftigkeit eine ernste,
fast schwermütige Ruhe entgegen, welche sie bald entwaffnete - ja sie selbst
war auch so an ihn gewöhnt, dass sie oft über der Freude, den lang Vermissten
wiederzusehen, vergass, dass sie ihm hatte grollen wollen.
    Einmal jedoch, als eine ganze Woche vergangen war, ohne dass Jaromir bei
Bella gewesen war, erwachte die Eifersucht in ihr - sie fürchtete, dass er eine
Andere liebe. Das schöne junge Mädchen - Elisabet - fiel ihr wieder ein, mit
welchem ziemlich zugleich sie einst Jaromir hatte das Haus, welches sie
bewohnte, verlassen sehen. Zwar hatte ihr später Jaromir gesagt, dass er von
Talheim gekommen sei, mit dem er ein Geschäft abzumachen gehabt - sie mochte
denken, ein literarisches - aber sie war sich doch genau bewusst, dass seit diesem
Tage Jaromir's Stimmung verändert war, dass er von diesem Tage an aufgehört hatte
ihr Sclave zu sein. Baron Füssly, welcher mit Aurelie Treffurt wirklich ein
kleines Liebesverhältniss angesponnen, und bei ihren Eltern um ihre Hand geworben
hatte, da er sie für eine gute Partie betrachtete, war zurückgewiesen worden, da
umgekehrt Aureliens Eltern, welche von seinen Schulden und ausschweifendem,
tatlosem Lebenswandel hörten, ihn für eine sehr schlechte Partie hielten, und
ihre Tochter seinen Ueberredungskünsten dadurch entzogen, dass sie dieselbe aus
der Residenz in ihren Familienkreis zurückriefen, wo Aurelie, die erst stolz
darauf war, sich bald verheiraten zu können, es nun auch darauf war: einen Korb
ausgeteilt zu haben, und sich über diese Trennung weiter nicht grämte. Füssly
aber war über diese fehlgeschlagene Hoffnung ziemlich verstimmt, und suchte bei
der schönen Schauspielerin seine üble Laune zu vergessen. Er fand auch ziemlich
Gnade vor ihren Augen, und von ihm, als Jaromirs intimsten Bekannten, konnte sie
wohl erfahren, welche Gesellschaften dieser jetzt besuche, und welches neue
Interesse ihn fesselte. Es wäre nun vielleicht in Füsslys Interesse gewesen,
Jaromir bei Bella zu verdrängen, aber in seinem noch grösseren war es, ihn sich
zum Freund zu erhalten, denn ausser von der Nachsicht seiner Gläubiger lebte
Füssly jetzt nur noch von Jaromirs Grossmut. Daher suchte er Bella die reine
Wahrheit zu sagen, dass Jaromir in keiner Gesellschaft eine Dame besonders
auszeichne, dass er überhaupt meist nur in Herrengesellschaft gehe, und dass sein
verändertes Benehmen wohl Nichts sei, als eine Dichterlaune, da er jetzt an
einem grösseren Werke arbeite. Bella war dadurch noch nicht vollkommen beruhigt,
und verschmähte es nicht, auch durch ihr Kammermädchen, welche mit Jaromirs
Diener vertraut war, über ihn Erkundigungen einzuziehen. Aber auch hier blieb es
dabei: Jaromir erhielt weder Briefe oder Billette von einer Dame, noch schrieb
er dergleichen an solche, ging auch nicht heimlich aus, noch fand sich überhaupt
bei seinem ganzen Tun irgend etwas Geheimnisvolles. Bella konnte sich
beruhigen.
    Eines Tages, als er nach langer Abwesenheit wieder bei ihr eintrat, und wie
gewöhnlich neben ihr auf dem Sopha Platz nahm, schmiegte sie sich zärtlich an
ihn, und sagte:
    »Ist es auch Recht, dass Sie jetzt über Ihren Dichtungen das wirkliche Leben
ganz vergessen? Ist es Recht, dass Sie über Ihren Traumbildern Ihre Geliebte
vernachlässigen?«
    Er sah sie halb erschrocken an, machte sich von ihr los, stand auf, und
sagte sehr ernst: »Also immer noch diesen Traum, Bella? Diesen Traum, aus dem
ich längst aufgewacht bin, in dem ich Sie schon lange nicht mehr befangen
glaubte.«
    Sie erhob sich rasch, ihr Gesicht glühte. »Und das sagen Sie so ruhig. - Sie
bekennen, dass Sie mich getäuscht haben, dass Sie eine Andere lieben!« rief sie
ausser sich.
    Er schüttelte langsam die dunkeln Locken: »Getäuscht? Was sind alle
Liebesverhältnisse, ja alle Lebensverhältnisse überhaupt anders, als eine Kette
oft gezwungener, immer wenigstens absichtsloser Täuschungen? Ich eine Andere
lieben? Nein, das ist für mein Herz vorbei - das hat gelernt, dass das Glück der
Liebe nur ein Traum ist. In der Zeit, wo aus der knospenden Kindheit ein
heiliger Zauberschlag die volle Blüte reifer Jugend entfaltet - da liebt man
ganz und wahrhaftig, da lebt man im lachenden Frühling, wo der Himmel ewig blau
ist, und die ganze Natur grün und blühend und ein seliges Paradies. - - Aber
jeder Mensch muss sein Paradies verlieren; die Einen treibt der Racheengel
gewaltsam fort, die Andern kehren ihm langsam, aber freiwillig den Rücken,
freiwillig - bis sie plötzlich gewahr werden, was sie verloren, und nicht mehr
zurück können.«
    Er hielt inne - er hatte begeistert, aber sanft gesprochen, als wenn er
daheim allein an seinem Schreibtisch sässe, und nur sein Papier zum Zeugen hätte
- seine Augen glänzten, seine Lippen zuckten schmerzlich lächelnd, ein sanftes
Rot lag auf seinen Wangen - sie hatte ihn nie schöner gesehen. Sie setzte sich
wieder, und wagte Nichts zu entgegnen, endlich sagte sie:
    »Sprechen Sie so weiter,« und während ihre Augen innig an ihm hingen, fuhr
er fort:
    »Was man später von Liebe spricht, so ist es ein Spiel, das man nicht mit
dem fremden Herzen allein, sondern auch mit dem eignen treibt - aber das Spiel
ermüdet, man lässt das Spiel auch fallen - und wenn es dabei zerbricht, so sagt
man mit einem Seufzer, wie das Kind: ich habe Nichts dafür gekonnt; ich hab' es
nicht zerbrechen wollen - oder man wendet sich mit Ekel ab - oder -«
    »Jaromir!« fiel sie ihm ausser sich in's Wort.
    Er fuhr ruhig fort, wo er abgebrochen: »Oder man sagt einander: Wir sind zum
Spielen zu alt, wir wollen das aufgeben, und nicht mehr kindisch sein - unsere
Puppen taugen nicht mehr, sie sind schlecht geworden, wir wollen das elende Zeug
bei Seite werfen, es soll uns nicht mehr quälen!« Er setzte sich wieder neben
sie, und nahm ihre Hand:
    »Bella, unsere Liebe war ein Spiel, unsere Freundschaft wird uns dauernd
beglücken.«
    Sie sah stumm vor sich nieder.
    »Bella,« wiederholte er wieder, »erinnern Sie sich noch des Abends in
Berlin, als Sie die Armida gegeben hatten? Sie waren wirklich diese allgewaltige
Zauberin gewesen, welcher Niemand widerstanden hatte, Rinaldo nicht auch Jaromir
nicht. Ich begleitete Sie in Ihre Wohnung. Sie waren erschöpft von der
Anstrengung der Rolle - ich trug Sie halb ohnmächtig in Ihr Zimmer; ich legte
Sie auf Ihr Sopha, und knieete zu Ihren Füssen - ich war nicht um Sie
beschäftigt, Sie wieder zum Bewusstsein zu bringen, ich hielt nur Ihre kleine
Hand zwischen der meinen, und schaute Sie unverwandt an - Sie kamen wieder zu
sich, und wir lagen einander in den Armen, aber wir sprachen nicht. Wir waren
allein, Ihre Verwandte lag krank in einem entfernten Zimmer, bei ihr waren Ihre
Dienerinnen - - ich vergass Alles, ich vermeinte in den Zaubergärten Armidens zu
sein - von einer andern Wirklichkeit wusste ich Nichts, als von der, dass mich
Armida in ihren Armen hielt.«
    »Warum diese Erinnerung?« fragte sie errötend. »Warum das jetzt?«
    »Eben weil es eine Erinnerung ist, die niemals wieder Gegenwart werden
kann,« versetzte er, und fuhr fort: »Wir waren allein, unsere Küsse wurden
Flammen - da riefen Sie plötzlich: Schonung! Ich bin ein schwaches Weib - da
besann ich mich, ich erwachte aus meinem Sinnentaumel - ich hatte mich einer
Zauberin ergeben - an ein schwaches Weib hatte ich nicht gedacht - ich sagte: ja
ich muss fort - und schied plötzlich. - Sie sind stumm?« fügte er nach einer
Pause hinzu.
    »Es ist nicht zart, dass Sie mich bei einer solchen Erinnerung zum Antworten
zwingen wollen,« sagte sie, und sah vor sich nieder.
    »Wir müssen einmal wahr gegen einander sein, sonst kann es zu keiner
Freundschaft kommen, wie ich sie ersehne; wir müssen uns einander keine
Erklärung schuldig bleiben. Wir haben ja keine Tat begangen, vor der wir
erröten müssten - und was Sie Hundert Mal auf der Bühne ohne Erröten
geschildert haben, und schildern gehört, das können wir ja einander auch ein Mal
ohne Vorstellung und ohne Redepomp im wirklichen Leben sagen,« antwortete er
ernst mit unveränderter, sanfter, freundlicher Stimme.
    »Nun,« erwiderte sie, »seit jenem Abend sagte ich mir: Jaromir ist kein
Lüstling, wie die andern Männer, er ist edler - ich muss ihn höher achten, als
die andern - aber vielleicht hat er auch keine Leidenschaften, vielleicht auch
kein Herz.«
    »Es kann sein, dass man mir das Herz ertödtet hat,« sagte er dumpf, »erkältet
wenigstens hat man es gewiss. - Nach jenem Abend sahen wir uns einige Tage nicht
- ich war mit mir zufrieden. Ich prüfte mein Herz - ich fragte mich, ob uns
Beide die Ehe beglücken könnte. - Sie lächeln?«
    »Ich werde mich nie vermählen,« sagte Bella. »Sie wissen es, eine
verheiratete Schauspielerin ist eine Art Amphibie - sie muss dem verwässerten
Element der Ehe angehören, und doch zugleich auf dem Land der Bühne leben - sie
wird weder vom Gatten, noch vom Publikum vernachlässigt sein wollen - und
vielleicht wird sie es gerade von Beiden sein. Nein, nein! Niemand kann zweien
Herren dienen, ich wäre eine sehr schlechte Gattin, und hätte dabei vielleicht
auch die Aussicht, eine schlechte Sängerin zu werden,« fügte sie mit munterm Ton
hinzu.
    »Jetzt endlich sind Sie wieder Sie selbst,« rief Jaromir, »und legen die
Sentimentalität ab, mit welcher Sie mich vorher empfingen, und die mir an Ihnen
so fremd ist. - Was Sie da von sich selbst gestehen, dacht' ich auch, und noch
mehr: wenn ich mir sagte, dass sie keine hingebende Gattin, und als solche auch
nicht glücklich sein würden, so sagte ich mir auch noch, dass ich als Gatte
vielleicht der unerträglichste, bestimmt aber der unglückseligste aller Menschen
sein würde.«
    »Das ist ein sehr naives Geständnis!« sagte Bella.
    »Gewiss,« fuhr Jaromir lebhaft fort, »ich sagte mir, dass ich nicht einmal
einige armselige Tage in der Ehe würde glücklich verträumen können, wie es doch
die Andern im Stande sind, eben weil ich mir mitten in jedem leidenschaftlichen
Rausch sagen konnte: morgen wirst Du nüchtern und ermüdet sein. Ich fühlte, dass
Ihr Besitz mit einem elenden, gefesselten Leben zu teuer erkauft sei - und weil
ich dies fühlte, erkannte ich, Sie nicht wahrhaft zu lieben, denn der Liebe ist
kein Preis zu teuer! Und dazu, Bella, liebte ich Sie eben zu sehr - oder, wenn
das deutlicher ist: Sie waren mir zu wert, ich stellte Sie zu hoch, um Ihnen
Reue und Kummer zu bereiten. - Bella! Sie sind mir heute so teuer und so wert,
ja so unentbehrlich, als irgend einmal - aber niemals haben Sie wieder jenes
stürmische Verlangen in mir erweckt, wie an jenem Abend in Berlin -: urteilen
Sie, ob ich noch leidenschaftlicher Liebe fähig bin. Nein, ich habe Sie für
immer begraben! - Und wissen Sie, wenn das war? - An jenem Tage, als Sie sich
zuerst darüber beklagten, dass ich gegen Sie verändert und unhöflich gewesen. Ich
sage Ihnen Alles. Meine erste Liebe war ein allmächtiges, heiliges Gefühl, das
mein ganzes Dasein, mein ganzes Streben ausfüllte - meine erste Geliebte ward
mir untren - begreifen Sie, was das heisst? Meine Liebe war mein Leben gewesen,
sie allein hatte ihm Farbe und Glanz gegeben, und diese Liebe ward verhöhnt, in
den Staub getreten, und dadurch ward mein ganzes Leben zu einem wesenlosen,
finstern Schemen. O, es ging Alles sehr natürlich zu - es war gar nichts
Aussergewöhnliches - das Mädchen war gewiss sehr vernünftig,« sagte er höhnisch,
indem er dabei innerlich zitterte - »es machte eine gute Partie - es war arm,
und ich damals auch, und hätte auf mich noch lange warten müssen - der Andere
wandte ihr den Brautkranz sogleich in's Haar - so Etwas geschieht alle Tage -
warum nicht auch eines Tages mir? - Jahre sind vergangen, ich hatte meine
Verzweiflung und das Mädchen vergessen - an jenem Tage, wo sie zuerst über mich
klagten, stand ich an dem Sterbebette dieser Einstgeliebten - wohin sie mich
verlangt hatte. Ich brachte keine Liebe mehr mit zu ihr - keine Liebe - sie war
für immer aus meiner Brust gerissen - und das war der Fluch ihrer Tat! - Aber
ich kam zu der Erinnerung von ehemals, ich hatte wieder das klare Bewusstsein von
dem, was Liebe eigentlich sei, was sie einst aus mir gemacht, wie sie mich
beglückt und erhoben hatte - und da fühlte ich, dass es für mich damit aus sei.«
    Er hielt beinahe erschöpft inne, sie hatte sanft seine Hand ergriffen, und
drückte sie teilnehmend, indem er fortfuhr: »Vielleicht begreifen Sie nun, dass
mich plötzlich wieder jedes Liebesspiel anekelte, dass ich keinen zärtlichen
Liebhaber spielen mag, da ich erkannte, dass ich nur ein Mal es wirklich gewesen,
und ausserdem Nichts als ein gemeiner Gaukler, der aber seine Kunst so weit
gebracht hat, dass er sogar sich selbst zu betrügen gelernt! - Darum, Bella,
fordern Sie keine zärtlichen Worte und Blicke mehr von mir, aber seien Sie
meiner Freundestreue gewiss. Sie sind mir unentbehrlich, lassen Sie mich bei
Ihnen die Stätte finden, wo ich meine besten Freuden geniesse!«
    Sie fühlte, wie Recht er hatte, sie hatte Mitleid mit ihm, sie war gerührt -
und ihr Stolz war geschmeichelt, dass er sich nicht ganz von ihr losreissen
konnte, ihrer Eitelkeit war genug getan, dass er keine Andere liebte - sie
selbst hatte auch keine tiefe Leidenschaft für ihn empfunden, aber sie vermisste
ihn schmerzlich, wenn sie ihn entbehren musste, und deshalb sagte sie in heiterm
Tone:
    »Nun, so sollen Sie denn das Recht haben, ein ungalanter Liebhaber zu sein,
wenn Sie nur ein desto treuerer Freund sind - ich werde mir andere Anbeter
suchen müssen, sie sind ja auch keine Seltenheit - aber treue Freundschaft ist
eine, und so wollen wir denn davon ein musterhaftes Exemplar zu Stande bringen.«
    So aufrichtig war dies neue Bündnis zwischen diesen Beiden geschlossen
worden. Aufrichtig, denn was Jaromir verschwieg, das schlummerte selbst in
seiner Seele Tiefen als ein ungelöstes, heiliges Rätsel.
    Er hatte Elisabet zum zweiten Male gesehen, er war von diesem Augenblicke
an wieder ein begeisterter Dichter geworden. Aber er hatte nicht nach ihr
geforscht, er hatte sie nirgends gesucht. Wie ein wunderherrliches Traumbild war
sie ihm erschienen, so, sagte er sich, sollte sie in ihm fortleben. Warum auch
diese himmlische Erscheinung hereinziehen in die gemeine Wirklichkeit? Sie würde
in ihr doch auch in ein leeres Nichts zerfliessen, so meinte er, und das wollte
er sich ersparen; er wollte nicht auch dieses Ideal vernichten, um es mit zu den
andern umgestürzten Göttern seines Innern und seines Lebens zu werfen, deren
Fall er schon beweint oder verspottet hatte. Dieselbe Macht, welche sie ihm zwei
Mal in den Weg seltsam geführt, die werde es auch noch ein drittes Mal so fügen,
er wusste es - aber er fragte weiter nicht darnach, er bemühte sich nicht darum.
Aber wie eine leuchtende Gestalt stand sie immer vor seiner Seele, und es gab
Momente, wo er sinnend in selige Träumereien versank - sie kamen ihm dann, wenn
er ihrer gedachte.
    Der Frühling war gekommen. Bella nahm Urlaub zu einer Kunstreise. Jaromir
hatte sich nun noch mehr, als je gelangweilt. Er hatte daher mit Vergnügen den
Vorschlag eines seiner Bekannten, von Waldow, angenommen, ihn auf das Gut seines
Oheims, welchen er früher schon einmal kennen gelernt, zu begleiten, um fern von
der Stadt in Bergen und Tälern den Frühling in seinem ersten Kommen zu
belauschen.
    Und so hält denn jetzt der Wagen, in welchem der Rittmeister von Waldow mit
seinem Neffen und Jaromir sitzt, im weiten Hofe des Schlosses Hohental.
    Die Ankommenden wurden gemeldet, und in das Empfangzimmer geführt. Die
Gräfin, eine sehr hohe Gestalt, mit edlen, feinen Zügen, welche noch im Alter
Spuren einer stolzen Schönheit zeigten, sass auf dem Sopha - der Graf trat einige
Schritte nach der Türe den eintretenden Gästen entgegen. Jaromir ward
vorgestellt, und mit besondrer Huld begrüsst. Bereits hatte man sich eine Weile
ziemlich lebhaft unterhalten, und der Rittmeister dem Grafen fein zu verstehen
gegeben, dass er ihn allein und in Geschäften zu sprechen wünsche; man stand eben
auf, um, weil jetzt gerade die Sonne noch so warm schien, einen Spazier gang in
den Park zu unternehmen, als sich eine Seitentüre öffnete, und Elisabet
eintrat.
    »Meine Tochter Elisabet - Graf von Szariny - Herr von Waldow -« sagte die
Gräfin.
    Elisabet verneigte sich mit einem leisen Erröten, und einem Ausdruck der
Ueberraschung im Blick, als sie diesen auf Szariny richtete.
    Szariny verneigte sich tief, und warf einen seelenvollen, bittenden Blick
auf sie, welcher zu flehen schien: verrate unser Geheimnis nicht - lass es vor
diesen gleichgiltigen Augen Niemand sehen, dass es heute nicht zum ersten Male
ist, wo wir uns gegenüber stehen - - denn er hatte es auf ihrem Antlitz gelesen,
dass sie ihn erkannt hatte. Ihn selbst hatte ihre plötzliche Erscheinung
geblendet - er war nicht gleich eines Wortes fähig, aber er war zu sehr
Weltmann, um länger, als durch einen Augenblick stummer Bestürzung sein
Erstaunen zu verraten.
    Der Rittmeister ging mit dem Grafen in dessen Zimmer. Die beiden jungen
Herren begleiteten die Damen des Hauses in den Park. Jaromir wusste sich davon
keine Rechenschaft zu geben - aber er war nicht im Stande, mit Elisabet eine
Unterhaltung anzuknüpfen, er ging an der Seite der alten Gräfin, welche in ihrer
frühesten Jugend Jaromirs Mutter, ehe dieselbe nach Polen gezogen war, als
Mädchen gekannt hatte, und daher mir warmer Teilnahme Jaromir nach derselben
befragte. Dadurch kamen sie Beide in ein mit Innigkeit geführtes Gespräch,
welchem Waldow wenig Aufmerksamkeit schenkte, und er schien an Elisabets Seite
schlendernd diese mit seinem seichten Salongeschwätz mehr zu langweilen, als zu
unterhalten.
    Man nahm in einem sonnigen Bosquet Platz, da die Gräfin niemals weit zu
gehen vermochte, als plötzlich hinter einem meldenden Diener eine lange, hagere
Gestalt mit klapperdürren Beinen einhergeschritten kam.
    »Hofrat Wispermann« - ward angemeldet, und erschien auf einem leichten Wink
der Gräfin unter tiefen Verbeugungen.
    »Mein Gott,« sagte Waldow, noch eh' Jener herzutrat, halblaut zu Jaromir und
Elisabet, zwischen denen er sass, »da ist wieder dieselbe stereotype Gestalt von
heute Morgen, welche ich nun nicht anders, als den Unvermeidlichen nennen werde
- denn jetzt ist gewiss kein Haus und Schloss in unsrer Nachbarschaft, in welchem
sein Schatten nicht erschienen.«
    Wie der Hofrat mit bei der Gesellschaft sass, war natürlich wieder die neue
Wasserheilanstalt der Kern des Gesprächs.
    Elisabet fand das sehr langweilig, und da sie in nicht geringer Entfernung
ein Maiblümchen blühen sah, so ging sie hin und bückte sich, dasselbe zu
pflücken.
    Jaromir stand auch auf und folgte ihr, indem er sich stellte, als sei er der
Meinung, sie wolle etwas Verlorenes aufheben. »Ach, Sie wollten nur das arme
Maiblümchen pflücken, das so silberschön aus dem feuchten Moose hervorschaut,«
sagte er, wie sich berichtigend.
    
    Sie zog die Hand von dem zarten Stengel wieder hinweg, den sie noch nicht
geknickt hatte, und sagte, zu ihm aufblickend:
    »Soll das eine Bitte sein, das Maiblümchen nicht zu pflücken? Es ist das
erste, welches ich blühen sehe in diesem Frühling.«
    »Das erste - ja alles Erste muss man schonen,« sagte Jaromir. »Dann freilich
brechen Sie es wenigstens nicht eher, als bis alle seine kleinen Glöckchen
aufgeblüht sind - morgen ist der erste Mai, den haben sie einläuten wollen.«
    »Alles Erste muss man schonen,« wiederholte Elisabet sinnend. »Warum alles
Erste gerade - warum nicht alles Letzte?«
    »O,« sagte er, »weil alles Erste von hoher Bedeutung ist - eine erste Blume
und eine erste Begegnung und ein erstes Wort.«
    Sie errötete leicht, und sagte nur, auf den Rasen umschauend.
    »Es werden bald noch mehr nachfolgen.«
    »Das lassen Sie mich hoffen,« erwiderte er.
    Sie waren nur wenige Schritte von der sitzengebliebenen Gesellschaft
entfernt gewesen, und traten jetzt wieder zu dieser zurück.
    Der Rittmeister und der Graf kamen jetzt auch in den Garten - Beide sahen
sehr aufgeregt und verstimmt aus, und bemühten sich vergebens, diese Stimmung
den Anwesenden zu verbergen.
    Der Rittmeister mahnte zum Aufbruch. Die Aufforderung der Gräfin, zum Abend
zu bleiben, ward von ihm unter einem unbedeutenden Vorwand höflich abgelehnt.
Man empfahl sich einzeln von einander. Jaromir sagte dabei zu Elisabet: »Geben
auch Sie mir die Erlaubnis, Sie öfter zu sehen, wenn ich hier bleibe?«
    Und Sie antwortete leise: »Bisher waren Ihre Gedichte für mich eine
angenehme Gesellschaft, warum sollte es nicht ihr Dichter sein.«
    Er blickte sie froh überrascht an - aber er antwortete weiter Nichts, denn
Waldow trat eben hinzu, um auch Abschied zu nehmen.
    Jaromir wandte sich jetzt an den Wasserdoctor, welcher ihm seine
Impertinenz, wie er die Zerstreuung und das daraus entstandene Missverständnis
von demselben Morgen nannte, noch nicht vergessen, ihn deshalb nur scheel und
von der Seite angesehen hatte, und übrigens seiner Nähe ausgewichen war, und
jetzt nur eine steife Neigung mit dem Kopfe machte, als der junge Graf auf ihn
zutrat, dieser aber sagte freundlich:
    »Ich werde mir morgen erlauben, Ihrer Anstalt einen Besuch abzustatten, und
wenn mir die Localitäten gefallen, auf einige Wochen mich dahin zurückziehen.«
    Da auf einmal heiterte sich das Gesicht des Hofrates urplötzlich auf, es
war, als hätten bisher lauter Gewitterwolken dasselbe verdunkelt, und ein
einziger unerwarteter Westwind trieb sie alle auseinander, und machte sie
spurlos verschwinden. Der Doctor erwiderte mit einem tiefen Bückling, und begann
lächelnd und schmunzelnd einen langen Sermon zu halten, wie sehr ihn die
Bekanntschaft des Herrn Grafen ehre und freue, und wie er dem Himmel nicht genug
für den günstigen Zufall danken könne, diese Begegnung herbeigeführt zu haben.
Eine zweite Rede, welche er über die vortreffliche Einrichtung seiner Anstalt
halten wollte, ersparte Jaromir sich und ihm, indem er versicherte, sich das
Alles lieber morgen am schicklicheren Orte erklären zu lassen, und sich mit den
andern Herren, mit denen er gekommen war, entfernte.
 
                           XII. Folgen eines Besuches
 »In jenen Räumen des lebendigen Todes
 Zeigt Deine Hand das Elend kalt und tief,
 Die Not - die Kinder mordet, wie Herodes,
 In deren Schaar vielleicht ein Heiland schlief.«
                                                                 Alfred Meissner.
Als die drei Herren wieder in dem Hause des Rittmeisters angekommen waren, zog
sich Letzterer sogleich in sein Zimmer zurück, um nötige Geschäftsbriefe zu
schreiben, wie er sagte. Er hatte vorher eine lange Unterredung mit seiner
Gemahlin, welche sich nach dieser bei den jungen Herren entschuldigen liess, und
wegen Kopfschmerzen auf ihrem Zimmer blieb.
    »Im Grunde ist es sehr langweilig hier,« sagte Waldow, als er bei dem
einsamen Abendessen Jaromir gähnend gegenüber sass.
    »Wissen Sie,« begann dieser, »dass mir Ihr Wort von diesem Morgen nicht
wieder aus dem Sinne will: es ist leicht, Hohenheim berühmt zu machen?«
    »Gewiss eine göttliche Idee von mir!« rief Waldow »Wir wollen den Ort in die
Mode bringen - Sie brauchen sich nur zu entschliessen und die Presse in Bewegung
setzen, sie für diese Idee gewinnen, und wir erreichen unser Ziel - die Presse
ist eine Macht -«
    »Ja, eine Macht, der man selten gestattet, etwas Grosses und Gutes zu
bewirken, und welche man dafür doch negiren möchte, der man aber ungestört
gewähren lässt, wenn es ihr einmal gefällt, eine Narrheit zu erfassen - und es
soll mir Spass machen, dies den Leuten zu zeigen.«
    »Sie brauchen nur einige emphatische Artikel über Hohenheim zu schreiben,
eine Novellette, welche dort spielt, und unser Ziel ist erreicht.«
    »Ich werde noch mehr tun - ich werde selbst nach Hohenheim ziehen.«
    »Sie scherzen.«
    »Mein voller Ernst. Ich habe mich bereits bei dem Wasserdoctor vorhin
angemeldet.«
    Waldow hielt sich vor Lachen die Seiten, wie seine Gewohnheit war - und er
hatte sie nötig, denn er pflegte immer ungewöhnlich laut und lärmend zu lachen.
»Das ist göttlich! Ich an Ihrer Stelle würde das bis über's Jahr versparen, wo
der Ort Mode ist - jetzt werden Sie sich mit dem Engländer allerliebst amüsiren,
und das Spazierenlaufen zu dem einsamen Brunnen, die frugale Kost muss eine
süperbe Sache sein.«
    »Die Narrheiten der Kur werde ich nicht mitmachen - was ich will, ist nur,
mich in eine romantische Natureinsamkeit zurück zu ziehen, dort ungestört zu
arbeiten, der tödtlichen Langeweile des Salonlebens mich zu entziehen, und was
mir dabei Spass machen soll, ist, nach und nach die Kurgäste ankommen zu sehen,
von deren Kommen ich die einzige Ursache sein werde, und die doch niemals weder
dies, noch überhaupt einsehen werden, dass sie doch eigentlich nur mystificirt
sind. Man muss endlich raffinirte Mittel ersinnen, um sich die Langewcile zu
vertreiben.«
    »Ein königlicher Spass!« rief Waldow ein Mal über das andere. »Sie verdienten
dafür den roten Adlerorden oder eine Civilverdienstmedaille.«
    »Scherz bei Seite,« sagte Jaromir, »vielleicht können wir Eines oder das
Andere dem unvermeidlichen Hofrat verschaffen, der natürlich auch ein berühmter
Mann werden muss - ein Glück, dass er bereits Hofrat ist - das empfiehlt sehr -
wir wären sonst auch noch in die Verlegenheit gekommen, ihm einen Titel zu
kaufen. - Morgen fahren, reiten oder gehen wir hin, und dann schildere ich
sogleich mit poetisch begeisterter Feder den reizend gelegenen Ort als ein
wahres Paradies. Die Anstalt wird als im ersten Erblühen geschildert, in der
aber bereits ein reicher Graf, ein junger Pole, ein berühmter Schriftsteller und
Engländer eingetroffen sind. dabei ist nicht die geringste Lüge, denn die ersten
drei Personen vereinige ich alle in einer, und ich werde da sein. Die Umgegend
wird als eine von vielen der ersten aristokratischen Familien bewohnte
geschildert - einige Sagen werden von den Schlössern, welche sie bewohnen, mit
eingewebt.«
    »Und vergessen Sie nicht, einzuschalten, dass schöne Burgfräuleins und
hübsche Fabrikkinder in dieser Umgegend zu sehen sind. - Apropos - es war also
kein Fabrikmädchen, sondern Comtesse Elisabet, welche wir diesen Morgen sahen;
indessen find' ich es höchst sonderbar, dass sie so vertraut mit dieser Tochter
ihres bürgerlichen, gemeinen Nachbars tat. - Nun, und wie gefiel Ihnen
Elisabet? Ich muss gestehen, mein Geschmack sind diese schlanken, kalten Damen
nicht. Wie gefiel sie Ihnen?«
    »Ich urteile selten nach erstem, flüchtigem Eindruck,« sagte Jaromir
ausweichend, und fuhr dann wieder, zu dem ersten Tema schnell zurückkehrend,
fort: »Ich lasse meine romantische Schilderung von Hohenheim die Runde durch
mehrere Journale machen - gefällige literarische Freunde ersuche ich, kleine
Notizen daraus noch auszumalen, meinen Bekannten in meinem letzten Wohnorte und
Berlin schreibe ich privatim - und es müsste in der Tat seltsam zugehen, wenn es
nicht innerhalb weniger Wochen für viel fashionabler gälte, in die
Wasserheilanstalt nach Hohenheim zu wallfahrten, als nach Gräfenberg, und selbst
nach Teplitz, Baden, Kissingen u.s.w.«
    »Nun, und Niemand wird darüber erfreuter sein, als ich, da eigentümliche
Verhältnisse es für mich vorteilhaft machen, einige Monate bei meinem Onkel
noch auszuhalten, wo man, wie Sie sehen, nicht immer auf's Beste unterhalten
wird.«
    Während so diese Beiden frohgelaunt den Abend heiter verplauderten, befand
sich der Rittmeister unterdess in einer ganz andern Stimmung; seine Laune war
viel eher grau in grau zu nennen, als rosenfarben.
    Er hatte vorher im geheimen Zwiegespräch dem Grafen von Hohental den höchst
unangenehmen Fall vorgetragen, welcher ihn nötigte, entweder sogleich zehn
Tausend Taler zu schaffen, oder einen der besten Teile seiner Besitzung zu
verlieren. Er hatte zuerst von dem Grafen die bittersten Vorwürfe erhalten, dass
er, wie dieser sich ausdrückte, eher zu einer gemeinen Krämerseele seine
Zuflucht genommen, als zu einem Genossen seines Standes, und dass er ihn
wenigstens nicht früher von dem ganzen unglückseligen Contrakt unterrichtet
habe. Es müsse ihm doch viel leichter werden, den Wald an einen adligen Besitzer
abzutreten, als an einen Industrieritter, der ihn gewiss umhauen, und als Brenn-
und Nutzholz verwerten lasse, und das schöne Wild daraus vertreibe, so dass, wo
bisher in der feierlichen Waldstille nur die Flinte eines herrschaftlichen
Jägers geknallt, bald der elende Lärm irgend einer Fabrik sich werde hören
lassen. Endlich fragte der Graf, was der Rittmeister denn nun zu tun gedenke?
Dieser meinte, wie ihm keine Wahl bliebe, als entweder noch vor Nacht dieses
Geld an Herrn Felchner zu schicken, oder gewärtig zu sein, dass dieser morgen von
dem Walde Besitz nehme. Dies war dem Grafen ein so entsetzlicher Gedanke, dass er
sogar seine Ausführung für eine Unmöglichkeit erklärte - endlich öffnete er
seinen Sekretär, sah viele Fächer und Papiere durch, und überreichte nach langem
Suchen und Zählen dem Rittmeister fünf Tausend Taler in Staatspapieren und
Actien. Mehr war ihm für jetzt nicht zur Hand, in acht Tagen, sagte er, würde es
ihm möglich sein, auch die andere fehlende Hälfte der Schuldforderung zu
liefern. Er liess sich darüber von dem Rittmeister eine Bescheinigung geben, und
gab ihm selbst schriftlich das Versprechen, in wenig Tagen ihm fünf Tausend
Taler auszuzahlen, damit sich dieser dessen als einer Beglaubigung Herrn
Felchner gegenüber bedienen könnte, da dieser Nichts mehr auf seinen Credit gab.
    Der Rittmeister musste sich nun wieder zu einem höflichen Brief an den
Fabrikherrn entschliessen. Er legte die fünf Tausend Taler und die Bürgschaft
des Grafen Hohental für das fehlende bei, und bat nun, sich noch einige Tage zu
gedulden. - Der Brief war ein seltsames Gemisch von höflichen Redensarten,
kriechenden Bitten und aristokratischen Anmassungen. - Er sandte diesen Brief
sogleich durch einen erpressen Boten an Herrn Felchner.
    Dieser sass eben mit Pauline, Georg und den Factoren beim Abendessen, welches
so hastig und schweigsam eingenommen ward, wie immer, als man ihm des
Rittmeisters Brief überbrachte. Er riss das Siegel verdriesslich auf - »sollte er
doch noch das Geld aufgetrieben, und mich so um den guten Handel, den ich so
leicht mit dem Walde gemacht hätte, betrügen?«
    Als er gelesen, und die Papiere durchgesehen, stand er halb ärgerlich, halb
lächelnd auf, und ging in sein Comtoir. Hier schrieb er an den Rittmeister:
»Euer Hochwohlgeboren haben mir kein baares Geld geschickt, sondern elende
Papiere, zum Teil von sehr relativem Wert. Wer wird eine Schuldzahlung in
Actien annehmen? Die Bürgschaft des Grafen Hohental ist für mich ohne Wert,
denn sie ist nicht gerichtlich. Ein Mann, ein Wort - ich habe sechs Wochen
Geduld gehabt, und Ihnen heute erklärt, dass dieselbe zu Ende ist. Bemühen Sie
sich ja nicht weiter, mit höflichen Redensarten mich andern Sinnes zu machen.
Ich schicke Ihnen Ihre Papiere wieder, und übergebe morgen unsere Sache dem
Gericht.«
    Er versiegelte Alles, und gab das Paquet dem Boten des Rittmeisters. Dann
rief er seine Tochter.
    »Mein Kind,« sagte er freundlich, »ich habe heute in Deinem Namen einen Korb
erteilt, ist Dir das recht, oder hättest Du schon Lust, Dich zu verheiraten?«
    »Nein, gewiss nicht, lieber Vater,« sagte Pauline halb errötend, halb
lachend. »Es kann auch nur ein Scherz von Dir sein, denn ich wüsste nicht, wer
könnte im Ernst um mich angehalten haben.«
    »Ei doch, es ist gar kein Scherz - der junge Baron von Waldow, dessen Vater
dadurch aus seinen Schulden kommen wollte - ein neues Mittel für einen Vater -
in der Tat ein neues Mittel, sonst suchen nur die adligen Taugenichtse eine
reiche Partie, um ihre Schulden zu bezahlen, und ihr faules und lockres Leben
bequem fortsetzen zu können - aber der Speculationsgeist dieser Herren macht
immer riesenhaftere Fortschritte - jetzt suchen die herabgekommenen adligen
Gutsbesitzer für ihre Söhne die Goldfischchen zu angeln, um durch einen guten
Fang zugleich sich selbst mit aufzuhelfen - eine sehr bequeme Art, sich zu
bereichern, eine allerliebste Industrie! - Wie, oder wärst Du etwa selbst gern
gnädige Frau geworden, Pauline - auch wenn - -«
    Der Alte hatte sich selbst immer mehr in Heftigkeit geredet, so dass Pauline,
um ihn zu begütigen, die kleine Hand auf seinen Arm legte, und sanft sagte:
»Aergere Dich nicht unnütz, ich habe gar keine Lust, an's Heiraten zu denken,
und die adligen Herren sind mir eben so uninteressant gewesen, als die
bürgerlichen.«
    »Das ist gut, Kind,« sagte der Fabrikant, »denn ich sage Dir, wenn ein
reicher Graf kommt und um Dich wirbt, ich werde es mir noch überlegen, aber das
sage ich Dir, ehe ich zugebe, dass so ein herabgekommener Krautjunker, der Nichts
hat, und Nichts gelernt hat, und Nichts verdienen will, eh' ein solcher Tagedieb
Dein Mann wird - eher gebe ich Dich lieber dem Geringsten meiner Leute, der
seine Sache versteht, und redlich arbeiten gelernt hat.«
    Pauline wusste nicht, wie es kam, aber die letzten Worte ihres Vaters taten
ihrem Herzen wohl.
    Ein Factor trat ein, um eine Geschäftsangelegenheit mit Herrn Felchner zu
besprechen, und das Zwiegespräch hatte ein Ende.
    Der Abend war noch schön, die Dämmerung brach nur langsam herein, und
Pauline ging noch in's Freie. Sie war noch nicht lange im Garten, und hatte sich
nur eben in die stille, knospende Hollunderlaube gesetzt, als Franz Talheim
leise in den Garten trat, und sich schüchtern näherte, und ehrerbietig grüsste.
    »Guten Abend,« sagte sie freundlich, »was bringen Sie mir?«
    »Ja, Fräulein, ich komme schon wieder,« antwortete er traurig, »und immer
nur mit Bitten -«
    »Lassen Sie die Bedenklichkeiten,« fiel sie ihm mild in's Wort, »ich habe es
Ihnen ein für alle Mal gesagt: es ist nicht in meiner Mache, der allgemeinen
Not abzuhelfen, und dabei mein einziger Trost, wenn ich im Kleinen sie lindern
kann.«
    »Und Sie werden Niemals müde werden, unser guter Engel zu sein, auch wenn
Sie für uns leiden müssen:« sagte er flüsternd, fragend.
    »Ich verstehe Sie nicht recht,« antwortete sie, »aber sagen Sie mir, welche
Bitte Sie herführt.«
    »Ein Kind, ein Mädchen von sieben Jahren, hat die Hand nicht zeitig genug
unter der sägenden Dampfmaschine weggezogen, und dadurch ist ihm der Arm halb
zersägt und abgerissen worden.«
    Pauline verhüllte ihr Gesicht und ward bleich. »O, mein Gott, ein Kind!«
seufzte sie leise.
    »Die Mutter hat die kleine, halb todte Lise mit zu Hause genommen. Einer von
uns, der es mit angesehen, bat den Factor, er möge nach dem Chirurgen schicken,
von welchem Herr Felchner seine Leute curiren lässt, denn die armen Eltern haben
Nichts, wovon sie dem Chirurgen seinen Weg bezahlen könnten, und ohne Geld - Sie
wissen ja - -«
    »Mein Vater wird gewiss -« begann Pauline.
    Aber Talheim fiel ihr in's Wort: »Ach nein, leider kennen wir Herrn
Felchner besser - wir haben zur Antwort erhalten, dass es eine lächerliche
Zumutung wäre, wenn er für jedes Kind, das rein aus blosser Ungeschicklichkeit
einen Schaden nähme, sorgen solle - dann würden wohl gar die Arbeiter ihre
Kinder versichtlich verstümmeln, damit sie gut gepflegt würden, und faullenzen
könnten - ach, Fräulein, so schlecht denken die Reichen von den armen Leuten.«
    Pauline warf einen flehenden Blick zum Himmel, aber sie wusste Nichts zu
antworten. Franz fuhr fort:
    »In ihrer Verzweiflung lief die Frau zu dem Factor, um von seiner Frau nur
ein wenig alte Leinwand zu erhalten, damit sie selbst das blutende Kind
wenigstens reinlich verbinden könnte - der Factor stand selbst an der Türe, er
warf sie zum Hause hinaus, und sagte, dass die Bettelei jetzt gar nicht aufhörte
- da kam ich dazu, ich sagte der Unglücklichen, ich könne ihr vielleicht
Leinwand verschaffen - da bin ich nun, und bitte um weiter Nichts, als um ein
paar Stücke alte Leinwand.«
    »Ich komme gleich wieder,« sagte Pauline, und lief schnell in das Haus.
    Monate sind vergangen seitdem Pauline in ihres Vaters Fabrik lebt und Franz
Talheim unter den Fabrikarbeitern als den gebildetsten und intelligentesten, ja
zugleich als den besten und edelsten kennen gelernt hat. Sie hatten Beide
einander ihr Versprechen gehalten - er, dass er ihr mitteilte, wo in den
Familien der Fabrikarbeiter einer augenblicklichen grössten Not abzuhelfen
möglich war - sie, indem sie dann Nichts unversäumt liess, die beste Hilfe zu
bringen.
    So war er mehrmals zu ihr gekommen, so hatten sie gemeinschaftlich
gehandelt. Immer aber war er in ehrerbietiger Ferne von ihr geblieben, immer war
sie ihm mit gleich unbefangener Freundlichkeit begegnet.
    Er hatte es immer so einzurichten gewusst, dass er in den Stunden zu Paulinen
kam, wo er Herrn Felchner entweder fern, oder doch beschäftigt wusste, denn wie
er ihn kennen gelernt, fürchtete er, dass er gewiss auch der Wohltätigkeit seiner
Tochter Schranken setzen würde, sobald er von derselben eine hinreichende
Kenntnis erhielte - und aus gleichem Grunde, wiewohl ihn Pauline aus kindlicher
Schonung für ihren Vater nicht auszusprechen wagte, hatte sie Talheim gebeten,
nicht immer zu sagen, woher die Hilfe kam. So bestand zwischen Beiden ein
stillschweigendes Einverständnis, und der Schleier des Geheimnisses war über
ihren Bund gebreitet - dies Alles trug dazu bei, denselben eine freilich nie
ausgesprochene, aber grössere Innigkeit zu geben, als er ausserdem vielleicht für
sie gehabt hätte.
    Jetzt trat Pauline aus dem Hause wieder in den Garten, einen schweren Korb
am Arme, und sagte zu Franz:
    »Führen Sie mich zu der armen Mutter - ich will selbst hingehen.«
    Franz war im ersten Augenblick fröhlich überrascht - nach einer kleinen
Pause sagte er aber: »Sie wurden schon vorhin blass, wie ich Ihnen nur von dem
zerrissnen Arm des Kindes sagte - es wird Ihnen widerlich sein, diesen Anblick
wirklich zu haben - wer weiss, vielleicht halten Sie ihn gar nicht einmal aus.«
    »Halten Sie mich nicht für so schwach - und wird mir der Anblick weh tun -
die andern Leute müssen ihn ja auch haben, und empfinden dabei gewiss dasselbe.«
    »Aber die Wohnung der grossen Lise ist sehr schmuzig und schlecht, die Frau
selbst ist roh, und war durch die Verzweiflung heute zur Wut aufgestachelt -
sie wäre im Stande -« er hielt plötzlich inne, und fügte dann bei: »ersparen Sie
es sich.«
    »Was wäre die Frau im Stande? Warum reden Sie nicht aus? Sie wissen, dass Sie
vor mir Alles sagen dürfen.«
    »Sie wäre im Stande, Sie verletzende Reden hören zu lassen, weil Sie heute
Schlimmes erfahren.«
    »Sie würde Grund dazu haben, uns zu verurteilen - es war in unserm Dienst,
dass ihr Kind verunglückt ist - sie hat von meinem Vater harte Worte hören
müssen, der Factor hat sie noch härter behandelt - sehen Sie, deshalb will ich
hin, ich fühle, dass ich diesen armen Leuten eine Genugtuung schuldig bin.«
    »Mein Fräulein - Sie sind mehr als ein Engel der Armen!« rief er mit
Begeisterung. »Sie wissen, was die reichen Leute niemals glauben wollen, dass es
auch für die armen Leute süsser ist, das Brod, um das sie betteln müssen, mit
einem freundlichen Blick geboten, als mit einer zürnenden Miene vor die Füsse
geworfen zu erhalten -« er fasste ihre Hand, er hatte es nie wieder gewagt seit
jenem Wintersonntagabend, wo er ihr Beschützer gewesen war, und sie ihm die
ihrige gegeben hatte - aber jetzt konnte er nicht anders, er fasste sie mit
raschem Drucke.
    Sie erwiderte diesen leise, sah ihn mit einem unbeschreiblich innigen Blicke
an, und sagte sanft: »Wer hat mich denn gelehrt, die Gefühle dieser
Unglücklichen zu verstehen?«
    Beider Augen glänzten feucht - in diesem Glanz spiegelte Eines das Bild des
Andern zurück - so standen sie einander still gegenüber, ihre Lippen schwiegen,
nur diese Blicke sprachen, diese Blicke erzählten das ganze Geheimnis von zwei
gleichschlagenden Herzen, und ihre Hände blieben sanft in einander.
    Nachdem so eine stille, feierliche Minute über sie hingezogen war, sagte
Pauline: »Wir gehen zusammen - lassen Sie und nicht länger zögern.«
    »Ja, wir gehen zusammen!« rief er fröhlich. »Ich widerspreche Ihnen nicht
mehr.«
    Sie zog ihre Hand aus der seinen, er nahm ihr den Korb ab, welchen sie trug,
und folgte ihr. Die Dämmerung brach immer schneller herein. Bald stand Franz vor
einem kleinen aus Holz und Lehm erbauten Hause still, Die Haustüre stand offen.
Er wies auf eine kleine, schmuzige Treppe von Holz, welche hinauf führte, er bat
Paulinen, hinauf zu gehen, und folgte ihr mit dem Korbe, der Druck auf eine
verrostete, feuchte Türklinke öffnete die armselige Kammer, in welcher die Frau
wohnte, welche man in der Fabrik nicht anders, als »die grosse Lise« nannte.
    Auf einem Haufen von verfaultem Moos und Stroh, das ein alter Fetzen von
grobem Zeug von vielen Schlitzen und Löchern nur wenig überdeckte, lagen zwei
wimmernde Kinder, ein Knabe von etwa zehn, und ein Mädchen von sieben Jahren, in
einem andern Winkel hockten noch zwei kleine Mädchen, die etwa fünf und vier
Jahre zählen mochten. Alle diese Kinder sahen bleich und abgezehrt aus, und ihre
Augen glotzten stumpf und blöde vor sich aus; durch den matten Schein der düster
brennenden, kleinen Oellampe wenig beleuchtet, ward ihr Ansehen noch
unheimlicher, und sie glichen in den schmuzigen Lumpen, in welche sie gehüllt
waren, mit den struppigen Haaren, die ungekämmt in die ausdruckslosen Gesichter
hereinhingen, eher unheimlichen Kobolden, als lebenden Menschenkindern. Ein
Tisch, auf welchem das rauchende Oellämpchen unter einigen andern halb
zerbrochenen und berussten irdenen Geräten stand, und daneben zwei alte hölzerne
Stühle mit zerschljetztem Leder beschlagen, und eine alte Lade - das war der
ganze Hausrat einer Familie.
    Zwei Frauen standen in dieser Stube; die eine war hager, aber von
riesenhafter Grösse. Sie hatte mit einem bunten Tuch um den Kopf die schwarzen
Haare aufgebunden; ihr Gesicht war bleich und starr - aus ihren Augen und dem
Zucken um ihren welken Mund sprach ein verwilderter Ausdruck. Das war die lange
Lise, die Mutter dieser vier Kinder.
    Die andere Frau war eine Fabrikarbeiterin, welche Frau Marta genannt ward,
und welche nur aus Mitleid mit zu der langen Lise gegangen war. Sie war kleiner,
als diese, aber von stärkerem Gliederbau, hatte ein rotes, offnes Gesicht, und
war in der äussern Erscheinung weniger abschreckend, als Jene, vor welcher
Pauline gleich auf den ersten Anblick einen innerlichen Schauer empfand. Pauline
war nun zwar schon an das Rohe und Abschreckende bei Manchen dieser Proletarier
gewöhnt, aber sie erschrak doch wieder, als die lange Lise sich rasch nach ihr
umdrehte, und mit zorniger Stimme heftig fragte:
    »Was gibt's?«
    »Ich bringe Euch Leinwand, um das Kind zu verbinden, das -«
    Liese liess Pauline, welche mit schüchterner Stimme, fast zitternd gesprochen
hatte, nicht ausreden, sondern sagte halb lachend:
    »Nun, wenn Eure schöne, weisse Leinewand nur wieder ganz machen könnte, was
Eurr verfluchten Maschinen zerreissen - ja, ja Eure verfluchten Maschinen, die
der Teufel erfunden hat - aber Ihr könnt Euch darauf verlassen, wir haben gerade
Lust, ein Mal Gottesgericht zu halten mit unsern schwachen Händen über diese
Teufelswerke - wenn sie auch die Hände unsrer armen kleinen Kinder zerdrücken,
unsre Fäuste sind stark genug, mit den Maschinen einmal ein Ende zu machen.«
    »Ich bringe etwas Essen für Eure Kinder - und wenn Ihr selbst Hunger habt -«
sagte Pauline, und hatte, indem sie suchte sich zu stellen, als habe sie die
drohende Rede nicht gehört, während dessen den Korb geöffnet, den Franz herein
getragen hatte. Dieser hatte sich entfernt, und sie nahm Brod aus dem Korb,
welcher noch andere Lebensmittel entielt, und gab den beiden kleinsten Mädchen
ein paar Semmeln, welche gierig darüber herfielen.
    »Da tut Ihr ein Gotteslohn,« sagte Frau Marta.
    Die lange Lise aber sagte in demselben Tone, wie vorher: »Ja, die Würmer
sind alle dem Verhungern nahe - dort der Junge, der hat sich schon lange zu
Schanden gearbeitet - das kann kein Kind aushalten, tagelang auf dem Bauche
kriechend zu arbeiten - konnt's auch nicht länger, nun liegt er da, und wenn er
nicht schläft, wimmert er und will essen, und wo soll's herkommen? Mir haben sie
neulich auch vom Lohne abgezogen, nun bringen sie mir heute auch die kleine Lise
als Krüppel von der Arbeit - wer soll nun verdienen? Nun muss man's so mit
ansehn, wie Eins nach dem Andern verkommt, die man erst unter Angst und Weh auf
die Welt gebracht hat. Was? Verkommt? Todt gemacht werden die Kinder von Euch in
Eurer verfluchten Fabrik!«
    Pauline wusste vor Erschütterung Nichts zu sagen, sie sah sich ängstlich nach
Franz um, aber er war nicht da, und so sagte sie zu Marta: »Haben denn die
Kinder keinen Vater, der für sie arbeitet?«
    Marta zischelte ihr leise in's Ohr: »Das ist's ja eben - fragt darnach
lieber nicht, da wird sie vollends wütend.«
    Aber die Warnung kam zu spät, die lange Lise hatte die Frage gehört, und
fuhr jetzt heraus:
    »Vater, der für sie arbeitet? Ei ja doch, auf dem Zuchtause! Haben wohl
einen Vater die armen Würmer, 's sind keine unehelichen Kinder, deren ich mich
schämen müsste - aber seht einmal, da war der Winter so hart, und die Kinder halb
erfroren und verhungert - und wie der Lohntag kam, da hiess es, mein Mann habe
Fehler in seiner Arbeit, und statt des Lohnes bekam er gar Nichts, nur harte
Worte - da ist er in seiner Wut hingegangen, und hat gedacht, eh' die Kinder
verhungern, mag es werden, wie's will - und was sie mir heute an Lohn verweigert
haben, das hol' ich mir, es ist mein ehrlich Verdienst, und ich bin kein
Spitzbube, sondern die sind's, die mir meinen Lohn nicht geben - aber es war zum
ersten Mal in seinem Leben, drum hat er's nicht geschickt angefangen, und sie
haben ihn erwischt, nun sitzt er - denn hören Sie, wir haben ein gutes altes
Sprüchwort unter uns, das heisst: die kleinen Diebe hängt man, die grossen lässt
man laufen. Seht, so habt Ihr uns Alles genommen: erst den Lohn, dann den Mann
und Vater, dann den Jungen hier, der's nicht lange mehr machen wird, und heute
ist nun auch das Mädel zum Krüppel geworden, und soll dran sterben, denn Ihr
wollt mir nicht einmal den Chirurgen schicken, und werft mich selber zur Türe
hinaus.«
    Pauline fasste sich, und fiel ihr in's Wort: »Der Chirurg wird bald kommen,
wir haben schon nach ihm geschickt, an all' Eurer Not bin doch ich nicht
Schuld, und bin hergekommen, weil Ihr mich dauert - und wenn Ihr noch Etwas
wollt, so sagt es mir, oder wenn Ihr später Etwas braucht, sagt es Franz -«
    Lise aber hörte nicht mehr, sondern kauerte bei ihren wimmernden Kindern
nieder, und sagte, indem sie die weisse Leinwand um den verstümmelten Arm des
Mädchens wand, mit zürnender Verzweiflung: »Das macht doch Niemand wieder ganz!«
    Marta sagte zu Pauline: »Ihr seid ein gutes Mamsellchen, aber geht lieber.«
    Pauline folgte der Weisung. Franz hatte unten auf sie gewartet.
    »Ach, Franz,« sagte sie, »solches Elend, und ein gütiger Gott!«
    »Wenn auch die Engel so fragen, die er sendet, was sollen dann die armen
Menschenkinder?« versetzte Franz.
 
                                  Zweiter Band
                                 I. Zwei Freunde
 »Doch zittert nicht! Ich bin allein,
 Allein mit meinem Grimme;
 Wie könnt' ich Euch gefährlich sein
 Mit meiner schwachen Stimme?«
                                                                  Georg Herwegh.
Dem schönen Maisonntag war eine gleich schöne, gleich milde Mainacht gefolgt.
    Es war zehn Uhr vorüber und die Arbeiter aus Herrn Felchners Fabrik, welche
unter sich den Verein der unverheirateten Arbeiter und Junggestellen gestiftet
hatten, traten eben aus der Schenke, denn dies war die Stunde, welche nach dem
einen Paragraphen der Statuten ihres Vereins zum Nachhausegehen bestimmt war.
    Mit dem gewohnten Wunsche einer guten Nacht trennten sich die jungen Männer
und Jeder schlug den Weg nach seiner Wohnung ein. Wilhelm Bürger und Franz
Talheim gingen Arm in Arm und blieben auch bei einander, als sich die Andern
trennten. Ein Dritter gesellte sich jetzt zu ihnen, es war August, derselbe
Jüngling, welcher mit den alten Arbeitern falsch gespielt hatte und dafür von
diesen so unmenschlich geschlagen worden war.
    August war noch sehr jung, aber er war immer ein ziemlich lüderlicher
Bursche gewesen. Als Franz den Verein der unverheirateten Fabrikarbeiter
bildete, war August nebst einigen Wenigen der jungen Leute nicht mit dazu
getreten, weil sie es für eine lächerliche Zumutung erklärten, dem Genuss des
Branntweins und dem Kartenspiel zu entsagen. Am Tage nach jenem Vorfall aber war
August zu Franz gekommen und hatte ihm für seinen Beistand gedankt, für diesen
Beistand, welcher eigentlich in Nichts bestanden hatte, als im Hinauswerfen.
Franz hatte ihn sehr kalt und ernst empfangen; sie hatten folgendes Zwiegespräch
gehabt:
    »Du hast falsch gespielt, also betrogen,« sagte Franz; »das ist in allen
Fällen ein schweres Vergehen und eine grosse Schlechtigkeit; allein durch den
besondern Fall wird dieses Tun noch verächtlicher, als es schon ist. Du hast
Diejenigen betrogen, welche die Verhältnisse zu Deinen Kameraden gemacht haben
und in welchen Du Deine Brüder lieben solltest; Diejenigen, welche eben so arm
sind wie Du und sich ihr Geld eben so sauer verdienen müssen - Du weisst es, wie
viel Mühe und Schweiss an dem Gelde hängt, welches ein Fabrikarbeiter in seiner
Tasche trägt, und Du hast es ihnen doch betrügerisch abgenommen; Du hast
Denjenigen ihr armseliges Eigentum schmälern wollen, welche davon ihre
notleidenden Frauen und ihre elenden Kinder ernähren müssen - Du hast Dich also
auch an diesen hilflosen und hilfsbedürftigen Geschöpfen versündigt. Wahrlich,
wenn ich Dich der verdienten Züchtigung der Kameraden entzog, an welchen Du so
himmelschreiendes Unrecht begangen, so war es nur, weil ich fürchtete, die
Trunkenen mögten Dich in ihrer blinden, tollen Wut noch todtschlagen und
dadurch sich selbst mit zu Verbrechern und Strafwürdigen machen - das wollte ich
ihnen ersparen und so half ich Dir zur Flucht.«
    »Du sprichst härter, als Du denkst,« sagte August; »ich weiss wohl, dass die
leichtsinnigen Streiche, wie ich sie mir wohl zuweilen und auch gestern habe zu
Schulden kommen lassen, ein Gräuel sind, aber ich weiss eben so gut, dass Du jene
Rohheiten verachtest, welche sich die Andern gegen mich erlaubten, und dass Du
mich ihnen eben so gut aus angebornem Edelmut entzogst, als aus kluger
Voraussicht der Dinge, welche daraus entstehen konnten. Ja, Franz, ich gebe wohl
denen Recht, welche Dich einen gescheiten Kerl nennen, aber ich habe ihnen mehr
als ein Mal geantwortet: sein Herz ist noch grösser, als sein Kopf.«
    »Ich sehe nicht ein, warum Du mir schmeicheln willst -«
    »Ich rede nur unbefangen Alles heraus, was ich denke, ich habe Dich immer
lieb gehabt -«
    »Und wenn das wäre - warum hast Du die Verbindung verhöhnt, welche ich
mühsam mit unsern Genossen zu Stande gebracht habe, warum bist Du nicht mit dazu
getreten, sondern hast es uns sogar erschwert, wie Du nur konntest? - Versuche
nicht, Dich herauszureden, denn ich weiss Alles!«
    »Alles weisst Du nicht, und um Dir dies zu erzählen, bin ich eben
hergekommen, mein Geständnis soll mein Dank sein. Du wirst bald sehen, dass ich,
wenn ich zu Eurer Verbindung getreten wäre, eine viel grössere Schlechtigkeit
begangen hätte, als dadurch, dass ich mich weiter nicht mit Euch einliess.«
    »Das ist eine sonderbare Rede - und wenn Du vielleicht auch im Lügen
geschickt sein solltest, wie Du es gestern im Betrügen warst, so bitte ich Dich
doch, mich damit nicht unnütz aufzuhalten.«
    »Du wirst es bald bereuen, wenn Du mich zum Zorne reizen willst, aber ich
werde Dich beschämen, indem ich Dir ruhig die Wahrheit erzähle. Ich war mit
Anton eines Sonntags in die Stadt gegangen, es war vor ein paar Monaten, als Du
uns immer zu dem Arbeiterverein Vorschläge machtest, die Sache aber noch nicht
zu Stande gekommen war. Wir sassen in einer Bierstube, in welcher sich noch viele
Arbeiter aus andern Fabriken befanden, auch manche Bürger und andere Leute,
welche sich wohl noch etwas mehr dünkten. Ein langer, dürrer Mann, der mir zu
diesen Letztern zu gehören schien, kam auf uns zu, nachdem ich gesehen hatte,
wie ein anderer Arbeiter, der nicht mit bei Felchner ist, aber Anton kannte, auf
diesen den dürren Mann aufmerksam gemacht hatte. Er fragte uns, ob wir in
Felchner's Fabrik arbeiteten, und als wir bejahten, fragte er uns nach Tausend
Dingen aus, wie Viel wir ihrer wären, ob wir untereinander zusammenhielten, ob
wir im Ganzen zufrieden oder unzufrieden wären. Wir sagten ihm unbefangen die
Wahrheit, dass wir Alle fleissige Arbeiter wären, aber doch wenig verdienten, und
dass besonders es erbarmungswürdig sei, wie man die Kinder behandele. - Er schien
sehr mitleidig zuzuhören und fragte weiter, ob wir Nichts täten, dieser Not
abzuhelfen, oder ob wir nicht unsere Unzufriedenheit aussprächen. - Da sprach
Anton von dem Vereine der unverheirateten Arbeiter, welchen wir bilden wollten.
Wie Jener das hörte, nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an, halb wie
vor Schreck, halb wie vor Freude. Dem ungeachtet fragte er nicht weiter danach,
sondern liess sich nur von unsern Familienverhältnissen erzählen, ich sprach von
meiner armen, kranken Mutter - Anton war sehr verdriesslich, weil er im Schafkopf
seinen letzten Groschen verloren hatte und nicht wusste, was er darauf antworten
sollte, als der Wirt die Zeche verlangte. Kaum sah dies der dürre Mann, als er
für Anton bezahlte und uns noch Jedem ein grosses Glas Schnaps geben liess. Er
sagte, dass Diejenigen, welche uns zu einem Vereine bewegen wollten, wo wir sogar
dem Branntwein entsagen sollten, unmöglich uns wohl wollen könnten, und dass alle
solche Vereine für uns höchst lästig und gefährlich werden könnten, wir hätten
ja dann gar keine Freiheit mehr, wenn wir nicht einmal mehr trinken, spielen und
in die Schänke und herausgehen dürften, wenn wir Lust hätten. Nachher sagte er,
wir mögten nur bald wieder kommen, wir gefielen ihm, er käme jeden Sonntag an
diesen Ort und er würde sich freuen, uns zu treffen. Ich war einmal
hinausgegangen, während dem hatte er mit Anton heimlich gesprochen, wie ich wohl
merkte, denn während ich nun, aufgehetzt von Jenem, ganz gegen den Verein war
und es dann Dir und Allen offen sagte, auch wegblieb, sagte Anton: ich trete
dazu, sonst weiss man ja gar nicht, wie es dabei hergeht. - Am nächsten Sonntag
beredete mich Anton, wieder mit hin in die Schänke zu gehen, wo wir den langen,
dürren Mann getroffen hatten - er war auch richtig wieder da, er gab mir Geld
für meine arme Mutter, und Anton gab er auch welches. Er sagte, wir sollten nun
wenigstens alle vier Wochen in die Schänke kommen, wo wir ihn treffen würden,
und ihm aufrichtig erzählen, was etwa unterdess in unsrer Fabrik und unter uns
Arbeitern vorginge; es wäre zu unser Aller Vorteil, zum Vorteil der ganzen
arbeitenden Classen, besonders aber solle es unser Schaden nicht sein. - Die
Sache schien uns auch gar nicht so übel, besonders da wir aufgeregt waren und es
wenigstens in meinem Kopfe nicht mehr ganz klar herging, denn er liess uns sehr
viel Branntwein einschänken. Dennoch fragte ich ihn, wer er sei, und warum er
sich so um unsre ganzen Angelegenheiten bekümmerte? Er nannte sich Stiefel und
dass er das nur aus menschenfreundlichen Absichten tue, weil ihm unsere Lage am
Herzen liege und es notwendig sei, dass er darüber alle mögliche Notizen
sammele, dann könne er vielleicht durch Schrift und Wort dazu beitragen, unsere
Lage zu verbessern. - Wie wir nun das nächste Mal wieder beisammen waren,
gestern, nannte ihm Anton Deinen Namen und gab ihm das Buch Erzählungen aus dem
armen Volke, welches Du geschrieben und nach der Aufschrift allen
Menschenfreunden gewidmet hast. Stiefel nahm es mit derselben sonderbaren Miene,
mit welcher er damals die Erzählung von der Bildung Eures Vereins anhörte und
rief: Ein Fabrikarbeiter, der solche Sachen schreibt, ist ein entsetzlicher
Mensch, nun, dessen wird man sich bald zu bemächtigen wissen - hier habt Ihr
noch mehr Geld und wer mir von Euch noch Etwas von seinen Schreibereien bringt,
der erhält das Dreifache - aber wo möglich Ungedrucktes, Papiere, die er geheim
hält. - Da ging mir plötzlich ein Licht auf, ich ward zornig, ich warf ihm das
Geld in's Gesicht und sagte, ich bin kein Judas, der seinen Bruder an einen
Elenden verrät, der vielleicht die Macht hat, ihm Uebles zu tun - und damit
lief ich schnell fort aus der Stube, aus der Schänke, aus der Stadt gerade Wegs
heim. Da fand ich meine kranke Mutter hungernd und frierend und sie machte mir
Vorwürfe, dass ich ihr kein Geld mitbringe, wie früher - ich konnt' es nicht
ertragen, sie so vor mir zu sehn, bittend und fluchend, matt vor Hunger und
Frost, wimmernd unter unsäglichen körperlichen Schmerzen - ich war noch trunken,
es kochte in mir vor kalter, stiller Wut - ich ging in unsre Schänke - ich
spielte falsch - es war ja nicht für mich, es war für meine Mutter - ich spielte
auch erst falsch, als ich sah, dass ich anders nicht gewann, denn ich dachte, ich
wär' es in der Stunde wohl wert gewesen zu gewinnen, wo ich den Versucher von
mir abgeschüttelt hatte wie eine giftige Schlange, die mich schon umringelt
hatte. - - Nun weiss ich Alles, und wenn ich mit in Euren Verein treten könnte -
nun tät ich's gern. -«
    »Sie werden Dich jetzt nicht aufnehmen,« sagte Franz, der mit wachsendem
Interesse seinen Bericht angehört hatte. »Komm aber nächste Mittwoch mit mir
hin, wir wollen sehen, was sich tun lässt.«
    Franz hatte für diesen Abend Wilhelm und einige der vertrauteren Freunde auf
das, was er unterdess erfahren, vorbereitet, und August war dann aufgefordert
worden, sein Geständnis noch ein Mal zu wiederholen. Er hatte es getan, Alle
waren nun wütend auf Anton geworden - dieser aber hatte mir ruhiger Miene
August's Aussage bestätigt, aber es Allen zugeschworen, dass er Stiefel wirklich
für einen Menschenfreund gehalten, der ihr Bestes wolle, dass er ihm auch in
diesem Vertrauen Talheims Buch gegeben habe, dass ihm aber mit August zugleich
die Augen aufgegangen wären, als man eine Schlechtigkeit von ihnen verlangt
habe, und er auch, nachdem er Stiefel noch tüchtig die Wahrheit gesagt, die
Schänke verlassen habe. Er suchte sich aus Allem herauszureden und man konnte
ihn nur dafür bestrafen, dass er Branntwein getrunken habe, und unterwarf sich
auch reumütig der üblichen Strafe. August versprach man erst dann in den Verein
aufzunehmen, wenn er einige Wochen lang dem Spiel und Branntwein entsagt und
sich überhaupt ordentlich aufgeführt habe. Diese Probe hatte er bestanden und er
ward nunmehr gern unter ihnen gesehen. Um dem Herrn Stiefel näher auf die Spur
zu kommen, hatten sich an mehrern Sonntagen Franz oder Wilhelm mit August oder
Anton selbst zur Schänke in der Stadt begeben wo er gewöhnlich sich eingefunden
hatte, aber sich niemals wieder sehen liess. Auch der Wirt, welcher übrigens
versicherte, gar Nichts als den Namen von ihm zu wissen, sagte aus, dass er seit
jenem Sonntag sich nie wieder eingestellt habe. - Man sah sich genötigt, diese
Sache auf sich beruhen zu lassen, da alle Bemühungen fruchtlos geblieben waren.
- -
    An dem Maiabend, an welchem August sich zu Wilhelm und Franz gesellte, sagte
er zu den beiden Freunden:
    »Ihr könnt Euch darauf verlassen - Stiefel ist da.«
    »Stiefel - Du hättest ihn gesehen?«
    »Saht Ihr nicht auch den Einspänner, der vorhin auf der Strasse nach
Hohenheim fuhr - und den langen dürren Mann drinnen? Das war er.«
    »Was kann er nur wollen?« sagte Wilhelm.
    »Wenn Du Deiner Sache gewiss bist, warum sagst Du es erst jetzt und teiltest
es nicht oben Allen mit?« fragte Franz.
    »Weil ich dem Anton nicht traue,« sagte August ernst.
    »Das ist nicht schön von Dir, Dein ewiges Misstrauen,« versetzte Franz.
»Sieh, Du bist gar nicht besser gewesen als er, wir haben Dir Alles vergeben und
vergessen, Niemand beargwohnt Dich, und Du allein willst Anton, der wie Du nur
getäuscht worden ist und dann auch richtig bekannt hat, noch verdächtigen. -
Geh', das ist ein hässlicher Zug, den möchte ich nicht bei Dir finden!«
    »Weil ich allein den Anton kenne -« murmelte August.
    »Lass' das alte Lied!« meinte Wilhelm. »Und wenn nun auch - Gefahr hat's ja
doch nicht, sind wir denn etwa auf unrechten Wegen, dass wir Verräter zu
fürchten hätten? Ist denn unser Verein eine geheime und gefährliche Verbindung?
Weiss nicht Jedermann darum? Und hat denn nur Herr Felchner das Geringste dagegen
einwenden mögen und können? Und ich dächte doch, weiter ginge die Sache
Niemandem Etwas an.«
    »Aber Franz hat wieder ein Buch geschrieben: Die Rechte des Armen - den
Verzweifelnden gewidmet. - Mir ist vor ihm bange,« antwortete August, »mir ist
als könne daraus noch Unheil für Dich kommen, obwohl ich gerade nicht recht
begreife, wie aus einem Buche irgend etwas Gefährliches entstehen könne. Aber
mir ist innerlich angst.«
    »Das lass' Dich nur nicht kümmern,« sagte Franz ruhig, »mein Buch entält
Nichts als eine Schilderung von dem Loose der Fabrikarbeiter, wie es Jedermann
kennt, der nur irgend einmal aufmerksam in einer Fabrik sich umgesehen hat. Ich
habe nicht das Geringste übertrieben, bin nirgends von der Wahrheit abgewichen,
habe überhaupt gar Nichts getan, als einfache Tatsachen geschildert.
Aufmerksam sollen die Leute werden auf unsere Not, das ist es ja, was ich damit
bezwecke. Wenn noch andere Leute, als die Fabrikherren, welche von unserm Elend
sich mästen - und welchen es deshalb freilich nicht sehr erwünscht sein mag, dass
es allgemein bekannt wird, wie sie uns behandeln - wenn also noch andere Leute
von unserm Elend hören, so werden weise Gesetzgeber und gerechte Regierungen uns
doch vielleicht ein besseres Loos verschaffen. Ich denke von den Menschen nicht
so gering. Ich glaube, vieles Schlimme und Unheilvolle besteht nur deshalb in
der Welt, weil allein Diejenigen, welche darunter leiden, es kennen, den Andern
es aber fremd bleibt und daher sie, welche die Macht und gewiss auch den Willen
hätten zu helfen - nur eben deshalb nicht mit ihrer Hilfe kommen, weil sie gar
nicht wissen, dass man ihrer bedarf und wie viel es zu helfen gibt!«
    Wilhelm versetzte: »Du hast immer noch gutes Zutrauen zu den Menschen, ein
viel besseres als sie verdienen - unsre täglichen Erfahrungen könnten Dich eines
Andern überzeugen.«
    »Nun, wir werden ja sehen, wer von uns Recht behält. In meinem ersten Buche
habe ich mich nur an die Menschenfreunde gewendet, in meinem zweiten an die
Verzweifelnden - ich denke, man muss es mit Beiden versuchen!« sagte Franz.
    »Ja,« rief Wilhelm, »vielleicht helfen die Menschenfreunde, wenn sie
einsehen, dass sie es ausserdem mit Verzweifelnden zu tun haben.«
    August schüttelte den Kopf und sagte: »Auf alle Fälle ist es doch besser,
wenn Ihr auch meint, dass uns Stiefel nicht schaden kann, wir suchen dahinter zu
kommen, wer und was er eigentlich ist und was er will; aber nur wir Dreie, denn
von den Andern sind einige täppisch und geschwätzig, sie könnten Alles
verderben. - Das ist mein erster Vorschlag und mein zweiter, dass wir jetzt ein
wachsames Auge auf Anton haben.«
    »Um ihn vor ungerechten Beschuldigungen zu sichern,« sagte Franz etwas
aufgeregt und fügte gelassener hinzu: »Mit Deinem ersten Vorschlag bin ich
einverstanden.«
    »Ich auch,« sagte Wilhelm. »Ueber Nacht kommt guter Rat, wir wollen's
beschlafen.«
    »Nun denn gute Nacht,« erwiderte August, »und Du, Franz, sei nicht böse. Bei
Gott, Franz, wenn ich minder Dein Freund wäre, würde ich auch minder bedenklich
sein!«
    Franz drückte ihm die Hand. »Es ist gut, Du bist ein braver Junge geworden -
gute Nacht!«
    August schlenderte der Hütte zu, in welcher seine alte Mutter krank lag, und
verschwand in der Türe.
    »Es ist ein guter Junge«, wiederholte Franz; »seitdem er sich aus seinem
unordentlichen Leben herausgerissen hat, ist Keiner fleissiger und im Guten
beharrlicher, als er.«
    »Bei Alle dem bin ich froh, dass er nicht länger mit uns ging,« sagte
Wilhelm, »ich habe noch Etwas mit Dir allein zu reden - es hat mir schon lange
auf dem Herzen gelegen und muss nun endlich einmal herunter.«
    »Wir wollen ein Stück in diese Allee gehen und uns dort auf der Steinbank
unter der Linde ein Wenig niedersetzen,« gab Franz an.
    Als sie sich gesetzt hatten, begann Wilhelm: »Du bist seit einiger Zeit
verändert - wenn wir Alle beieinander sitzen und unter Gesang und harmlosen
Reden uns von den Mühen des arbeitvollen Tages erholen - so bist Du oft still
und zerstrent, und wenn wir Dich aufmuntern, so fährst Du wie im Traume auf und
besinnst Dich endlich, wo Du bist. - Das Loos der unglücklichen Brüder hat Dir
immer Kummer gemacht, das Elend, das Dich umgibt, hat immer an Deinem
teilnehmenden Herzen gefressen. Ein Dichter, der noch andere Träume, ein
Schreibender, der noch andere Dinge zu denken hat, als wir andern nüchternen
Menschenkinder, bist Du immer gewesen - allen diesen Dingen kann man Deine
Veränderung nicht zuschreiben - auch bist Du ja nicht immer traurig - zuweilen
glänzt Dein Auge in lauter stiller Freude. - Ach! Ich weiss recht gut, was allein
über einen Menschen solche Macht hat.«
    Franz sah stumm vor sich nieder und scharrte mit seinen Füssen im Sande.
    Wilhelm fuhr fort: »Franz! Du gehst oft in Herrn Felchners Haus und wenn Du
zurück kommst -«
    »Wilhelm! Wilhelm!« rief Franz mit einem flehenden Tone, als wolle er sagen,
schone mich! fügte dem Ruf aber weiter Nichts hinzu; doch Wilhelm fuhr dumpf
fort:
    »Ich verstehe Dich - wärest Du weniger verschlossen gewesen - wer weiss, es
wäre dahin nicht gekommen, es wäre mir leichter geworden, sie zu fliehen -
hättest Du nicht geschwiegen - es wäre besser gewesen - ja wohl, wäre besser
gewesen!«
    »Wilhelm - um Gottes Willen - Du auch - Du auch?«
    »Ja, ich habe sie auch lieb, wie ich noch kein anderes Mädchen geliebt, ich
habe sie so lieb, wie sie irgend Jemand lieb haben kann, so lieb wie Du!«
    »Wilhelm! Du sprichst es aus, Du wagst es - was ich niemals wagte, niemals
gewagt haben würde? - Mir ist, als fasstest Du mit einer ruhigen festen Hand nach
meinem Herzen, rissest es mir aus der Brust und sprächest kalt, indem Du es mir
vor die zuckenden Augen hieltest: so sieht Dein Herz aus - Du Frevler!«
    »Es muss sein - Du oder ich! - Ich habe Dir Freundschaft geschworen bis in's
Grab - wir dachten damals nicht, dass ich Dir meinen Eid bewähren müsste am Grabe
meiner Liebe. Franz, ich entsage ihr, sobald ich nur weiss, dass Du ihr Deine
Liebe gestanden.«
    Franz fiel ihm ins Wort: »Wie dürft' ich das wagen?«
    Aber Wilhelm fuhr ununterbrochen fort: »Sobald ich nur weiss, dass sie gern
Dein ist -«
    »Bist Du von Sinnen?« rief da Franz ausser sich. »Wie kannst Du von Deiner
Entsagung sprechen? In dem Sinne, wie Du das Wort meinst - da müssen wir ja
Beide entsagen! - Wie kannst Du mich für so frech, so anmassend halten, dass ich
diesem Engel gegenüber ein Wort der Liebe auszusprechen wagte? Und verstummt
nicht jedes schmerzliche Gefühl, das mich fern von ihr zuweilen überfällt,
sobald ich ihr gegenüber stehe, ihr folge? Dann fühle ich weiter Nichts, als das
unaussprechliche Glück, diese sanfte Heilige unsre unglücklichen Brüder segnen
zu sehen, und in ihren Augen die Träne des Mitleids zu erblicken für die
leidenden Armen - und dann fühle ich nur Dank gegen Gott, dass er, der in ihrem
Vater uns einen Tyrannen, uns in ihrer Tochter doch zugleich einen hilfreichen
Engel sandte.«
    Staunend rief Wilhelm: »Vater - Tochter - von wem sprichst Du denn? Wer ist
Friederikens Vater?«
    »Friederike?« rief Franz in gleich staunendem Tone. »Friederike - Du liebst
Friederiken?« Und wie er erkannte, dass nur ein Missverständnis ihm das selbst nur
leise geahnte Geheimnis seines Herzens entrissen, lehnte er sich zurück an die
Linde, drückte wider ihre rauhe Rinde seine heisse Stirn, wie um sich zu
verbergen, und flüsterte: »Vergiss, was Du mich hast sagen hören!«
    »Du liebst Friederiken nicht - aber Du kennst sie, Du sprachst sie oft -
noch gestern sah ich Dich bei ihr stehen - es presste mir schier das Herz
entzwei.«
    »Ihre Herrin hat sie lieb, es ist ein gutes Mädchen - und wenn Du sie
liebst, wird sie Dich, denk ich, wieder lieben und Ihr werdet glücklich zusammen
sein. Und Du hast gedacht, ich stände dieser Liebe und diesem Glück entgegen?«
    »Nun ja - ich wusste, wie die Liebe tut - wusste es nur gar zu gut, darum
verstand ich Dein verändert Wesen, das den Andern ein Rätsel - und da ich wohl
sah, dass Deine Augen leuchteten, wenn Du in das Wohnhaus des Fabrikherrn gingst,
so wusst' ich, dass Du dort die finden müsstest, welche Du liebest - - nun versteh'
ich es anders - das hatte ich nicht denken können! Vielleicht werde ich einst
glücklich sein - und Du? - Armer Freund!«
    »Nein, nicht arm!« sagte Franz sich aufrichtend. »Sie wird mich nie aus
ihrer Nähe verbannen, sie wird mich immer dazu wählen, den Segen auszuspenden,
welchen sie für die Notleidenden hat, Sie wird mich zuweilen freundlich
ansehen, wenn ich im Vertrauen auf ihre Grossmut in ihrem Namen gehandelt habe -
ich werde glücklich bleiben, wie ich es geworden bin, seitdem ihre Erscheinung
verklärend hereintrat in mein Leben. Komm, Wilhelm, wir wollen ruhig nach Hause
gehen und schlafen und von ihnen träumen.«
 
                                II. Haussuchung
 »Auf des Lagers Kissen schlummert
 Kalt die lieblichste der Leichen.«
                                                                 F. Freiligrat.
In der Residenz, in der Stube Amaliens, der Gattin Gustav Talheims, stand ein
kleiner schwarzer Sarg.
    Eine schöne blasse Kinderleiche lag darin im weissen Sterbekleidchen, einen
Rosenkranz in den blonden Locken - die ganze kleine Gestalt zur Hälfte mit
Blumen überdeckt.
    Die kleine Anna war gestorben. Amalie kniete an dem Sarge ihres einzigen
Kindes.
    Der Schmerz einer Mutter ist riesengross und meerestief, wie kaum ein zweiter
in der Welt. Fast jede Mutter, die ein todtes Kind beweint, wird zu einer
heiligen mater dolorosa, vor welcher selbst jeder Fremde in ehrfurchtsvoller
Ferne stehen bleibt. Eine heilige Würde ist in dem Schmerz einer Mutter, welche
an das Wehe denkt, unter dem sie das Kind geboren, welches nun wie ein Teil von
ihr selbst losgerissen worden und dem Grabe verfallen ist, während sie doch
unter den Tausend Dolchstichen, unter welchen ihr blutendes Herz zuckt, noch
beten kann: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen - sein Name werde
gepriesen.«
    In Amaliens Schmerze war das Gepräge dieser ehrwürdigen Heiligkeit
verdunkelt. Erst jetzt, als ihr das anvertraute Kleinod für immer entrissen war,
begann sie zu empfinden, welches Glück sie in demselben besessen, und es traf
sie als ein entsetzlicher Vorwurf ihres eigenen Innern, dass sie das Kind nicht
mit wahrer Mutterzärtlichkeit geliebt, weil es das Kind eines ungeliebten Vaters
war. Und so war denn ihr Schmerz eine anklagende Verzweiflung, denn sie sagte
sich selbst, dass ihr das Kind vielleicht nicht genommen worden wäre, wenn sie
ihm eine bessere, zärtlichere Mutter gewesen; ja, sie machte sich selbst den
Vorwurf, vielleicht auf eine leicht verletzte Gesundheitsregel nicht genug
geachtet zu haben und dadurch selbst sogar vielleicht mit Teil an der schnellen
und so unheilvollen Krankheit zu haben. So brachte ihr der Schmerz nicht den
heiligen, stärkenden Tau frommer Ergebung und Erhebung, sondern nur verwundende
Stacheln, welche sie sich selbst wie im grausenhaften Spiel wechselnd in ihr
blutendes Innere stiess und herausriss.
    Als sie jetzt in dieser Stimmung an dem kleinen Sarge stand, in welchem in
wenig Stunden ihr die schwarzen Träger auf immer ihr einziges Kind, ihr bestes
Besitztum forttragen würden, ging die Türe auf und ein junger Mann in der
grünen Uniform eines gemeinen Soldaten trat herein. Er war gross und schlank
gewachsen, hatte lichtbraunes, lockiges Hauptaar und langen Schnurrbart - ein
freundliches offenes Gesicht, das Munterkeit und Gutmütigkeit zeigte.
Erschrocken blieb er zwischen der Türe stehen, als er sah, dass er in die
Engelkammer eines verblichnen Kindes gekommen - dann ging er auf Amalien zu,
nahm ihre abgezehrte Hand, schüttelte sie treuherzig und sagte, indem eine helle
Träne auf seinen Schnurrbart rollte:
    »Das ist ein sehr trauriger Empfang, Frau Schwägerin! - Kennst Du mich denn
noch?« fügte er nach einer Weile hinzu, wo sie wortlos dagestanden und ihm
mechanisch ihre Hand überlassen hatte.
    »Ja, Bernhard,« sagte sie. »Es ist gut, dass Du mich nicht vergessen hast und
mit zu mir kommst, es ist gut - Du darfst doch wohl meiner Anna das letzte
Geleit mit geben?«
    »Ja, ich will's - sieht wie ein Engel aus, das arme Kind, sieht wahrlich dem
Vater ähnlich.« Der Eingetretene, der dies sprach, war Bernhard Talheim, der
jüngste der drei Brüder. Er war unter die Soldaten gegangen, weil er kaum wusste,
was er sonst hätte ergreifen sollen. Er sah den Brüdern ähnlich, aber seine
Gesichtszüge hatten nicht den schwärmerischen, ernsten Ausdruck jener Beiden, er
sah freundlicher, wenn man so sagen kann, einfach-gutmütiger, aber auch
ungleich unbedeutender aus, als sie. Er hatte ein vortreffliches Herz, aber
seine geistigen Fähigkeiten, wenn er sie gleich den Brüdern besass, hatten doch
nur eine höchst untergeordnete Ausbildung erlangt - er schien aber damit
glücklicher zu sein als Jene, denn, wie gesagt, sein ganzes Ansehen zeigte von
einem heitern, lebensfröhlichen Charakter.
    »Weiss es der Bruder schon?« fragte er jetzt leise mit betrübtem Tone.
    Amalie schüttelte das Haupt und sah starr vor sich nieder.
    »Es wird ihn sehr erschüttern!« seufzte Bernhard. -
    »Schreib Du es ihm - ich kann es nicht!« ächzte sie.
    »Ein trauriges Geschäft - aber wenn du willst - nun da will ich es Dir schon
zu Liebe tun, glaub' es wohl, dass es Dir schwer wird zu schreiben.«
    »Es ist, als habe Dich mir der Himmel zur Hülfe, zur Erleichterung
hergeschickt - dass Du gerade jetzt kommen musstest. -«
    »Ja, unser ganzes Bataillon ist hierher versetzt worden - ich bleibe nun
hier - es ist doch Schade, dass Gustav nicht mehr da ist.«
    Sie hörte nicht weiter auf ihn, denn sie lauschte auf ein Geräusch von
Tritten, die unten im Hausflur klangen - dann die Treppe heraufkamen - nun immer
näher und näher - die Türe ging auf - - sie stellte sich vor den Sarg, legte
sich mit dem halben Leib darauf, schlang ihre Arme darum und rief ausser sich:
»Sie dürfen nicht, sie dürfen nicht!«
    Die schwarz gekleideten Träger waren eingetreten - die Leichenfrau war ihnen
gefolgt - sie ergriff den schwarzen Sargdeckel mit den versilberten Zierraten.
-
    Ein junges Mädchen mit blondem Haar trat ein und zog Amalien sanft von dem
Kinde auf - helle Tränen fielen dabei aus den Augen des Mädchens. »Kommen Sie
mit herauf, arme Frau,« bat es, »hier können Sie doch nicht bleiben.«
    »Ich kann nicht fort!« sagte sie mit herzzerreissendem Schrei und sank an dem
Sarge ohnmächtig zusammen. Das Mädchen kniete neben sie und legte das bleiche
Haupt der unglücklichen Mutter auf ihren Schoos, indem sie leise sagte:
    »Es ist am Besten, wenn sie bewusstlos ist - nun eilt, dass Ihr die Leiche
hinausbringt, ehe sie wieder zu sich kommt.«
    Die Träger befolgten den Rat, Bernhard selbst drückte den Sargdeckel
darauf; weil die Leute ihn hastig und geräuschvoll aufhoben, nahm er ihn ihnen
ab, damit es ohne Lärm geschehe; das Mädchen dankte ihm dafür mit einem innigen
Blick. Wie aber die Träger den Sarg zur Türe hinaustrugen, stiessen sie damit
wider die Pfoste - es klang hohl und dumpf - dieser Ton brachte Amalie wieder zu
sich, sie verstand ihn - schrie auf, wollte nachspringen, aber die Türe war
in's Schloss geworfen; das Mädchen zog Amalie mit sich auf das Sopha, wohin
Amalie, ohne ohnmächtig zu sein, aber wie vor Verzweiflung erstarrt sich ziehen
liess und regungslos sitzen blieb.
    Die beiden Frauen waren allein.
    Eine Stunde mochte vergangen sein, wo sie so stumm und unbeweglich
nebeneinander gesessen hatten.
    Amalie hatte ihr Logis, das sie früher mit ihrem Gatten bewohnt, mit einem
kleineren in der Vorstadt vertauscht. Das Mädchen, welches bei ihr sass, war die
Tochter des Hauswirtes, eines Korbmachers und hiess Auguste. Sie hatte ihrer
einsamen Hausgenossin getrenlich beigestanden bei der Pflege des kranken Kindes
- sie hatte auch in den herbsten Stunden des Leides die Unglückliche nicht
verlassen. Sie fühlte wohl, dass sie keinen Trost für sie hatte, aber sie wollte
sie ihrer Verzweiflung nicht allein überlassen. So sass sie auch jetzt still
weinend neben ihr und hatte ihre Arme um die im Schmerz wie Erstarrte
geschlungen.
    Ein starkes Pochen an der Türe schreckte sie auf von den marternden
Gedanken, welche sie sich so lange überlassen hatten.
    »Es wird mein Schwager sein,« sagte Amalie tonlos. »Er wird wieder
zurückkommen - es wird nun Alles vorbei sein! -«
    Auguste stand auf und öffnete die Türe; befremdet trat sie einen Schritt
zurück - ein fremder, langer, dürrer Mann stand draussen - hinter ihm ein
Polizeidiener.
    »Zu wem wollen die Herrn?« fragte Auguste schüchtern, bestürzt.
    »Wohnt hier nicht die Frau des Doctor Talheim?« fragte der Lange.
    »Dort ist sie -« sagte Auguste.
    Amalie blieb ruhig sitzen: »Ich habe Alles angezeigt, alle Gebühren
entrichtet.«
    »Sie haben schon Alles angezeigt, Frau Doctorin?« sagte der Lange
verwundert, aber vor Freuden schmunzelnd. »Desto besser, dann werden Sie sich
die Behörden zu grossem Danke verpflichtet haben.« Plötzlich mässigte er sich
jedoch in seiner Freude und sagte: »Allein, wenn ist dies gewesen - man würde
mich sogleich davon unterrichtet haben.«
    »Vor drei Tagen, in derselben Stunde, wo sie gestorben war, wie es das harte
Gesetz will.«
    Der Lange und der Polizeidiener sahen einander unbeschreiblich albern an und
schienen sich schweigend zu befragen. Endlich sagte der Lange zu Amalien: »Aber
wovon sprechen Sie denn eigentlich?«
    »Mein Gott! Sie fragen noch - wovon - ach, wovon!« und sie schrie laut auf
und verfiel in Zuckungen.
    
    Auguste eilte zu ihr und sagte zu den Männern: »Aus Barmherzigkeit, schonen
Sie die Unglückliche - sie spricht von ihrem einzigen Kinde, das man so eben
begraben hat.«
    Die Beiden sahen sich einander verdutzt und albern an, wie vorher.
    »Das ist ein sehr übler Zufall,« sagte der Lange verdriesslich.
    »Was wollen Sie noch - ist nicht Alles in Ordnung?« fragte Amalie, sich
wieder aufrichtend, nach einer Pause, während welcher die Beiden mit ihren
Blicken ringsum das Zimmer gemustert hatten.
    »Wir sind nicht deshalb gekommen,« sagte der Lange. »Wir sind gekommen,
einige Fragen an Sie zu richten, welche sie uns gefälligst beantworten werden.«
    Amalie schwieg.
    »Zuerst,« fuhr Jener fort: »Ihr Mann hat einen Bruder, welcher Franz heisst?«
    »Ja!«
    »Er ist Arbeiter in der Fabrik des Herrn Felchner bei Hohental?«
    »Ja!«
    »Er ist diesen Morgen bei Ihnen angekommen?«
    »Nein!«
    »Nein? - Leugnen Sie nicht - es wird Ihnen Nichts helfen, die Polizei
täuscht man nicht so leicht.«
    »Ich habe keinen Grund Etwas zu leugnen, das meinen Mann und seine Brüder
betrifft,« sagte Amalie beleidigt. »Er hat zwei Brüder, sein jüngster Bruder
Bernhard ist gestern Abend mit dem Militär hier angekommen, bei dem er steht,
und vorhin bei mir gewesen - - jetzt hilft er mein Kind begraben - -« und bei
den letzten Worten ward ihre Stimme wieder undeutlich und sie versank wieder in
ihren Schmerz.
    Die Beiden machten wieder ihre betroffenen und verdutzten Gesichter.
    Auguste zeigte als nächsten Beweis auf Bernhards Soldatenmantel, welchen
derselbe zurückgelassen hatte.
    »Sie kennen aber Ihren Schwager, den Fabrikarbeiter Franz Talheim?«
    »Er ist nur ein Mal vor drei Jahren ein paar Tage hier gewesen.«
    »Das ist wunderlich.«
    »Gar nicht - denn die armen Fabrikarbeiter haben kein Geld, das sie
verreisen könnten, um ihre Angehörigen zu besuchen. -«
    Der Lange flüsterte dem Polizeidiener zu: »Das ist eine bedenkliche
Äusserung, sie ist also auch schon angesteckt, wir müssen vorsichtig sein - wer
weiss, gelangen wir hier nicht zu überraschenden Resultaten - -« dann fuhr er
laut fort, gegen Amalien gewendet: »Sie stehen im Briefwechsel mit diesem
Schwager?«
    »Nein.«
    »Aber die Brüder pflegten einander zu schreiben?«
    »Das ist natürlich.«
    »Ihr Mann schreibt Ihnen oft?«
    »Das ist ebenfalls natürlich - aber mein Herr, ich sehe nicht ein, warum sie
mich hier wie eine Delinquentin verhören, und zwar über Familienangelegenheiten,
über welche man durchaus Niemand Rechenschaft schuldig ist -« sagte Amalie
schnell und ziemlich heftig.
    »Wer mir das Recht gibt? -« sagte der Lange. »Die Polizei -« und er wies
auf den Polizeidiener.
    »Frau Doctorin,« sagte dieser, »Sie werden sich in die Fragen und
Anordnungen des Herrn Polizeicommissairs fügen.«
    Dieser trat jetzt zu dem Pulte, an welchem der Schlüssel steckte und öffnete
es. -
    »Mein Herr! Was fällt Ihnen ein?« rief Amalie ausser sich und sprang auf.
    »Keine Widersetzlichkeit!« mahnte der Polizeidiener und hielt sie am Arme.
    »Fremde Männer kommen in mein Haus und forschen nach meinen
Familienangelegenheiten - bei einer armen hilflosen Frau, deren Mann abwesend
ist und sie beschützen könnte - deren einziges Kind man begrub,« jammerte sie.
Auguste weinte und sagte beruhigend:
    »Sie haben ja kein Unrecht zu verbergen, lassen Sie ihnen immer ihren Willen
- Ihr Widerstand wäre doch fruchtlos.«
    Der Polizeicommissair hatte jetzt ein Fach mit Briefen herausgezogen und sah
sie flüchtig durch, die meisten schob er unbefriedigt auf die Seite. »Es ist
Keiner von Franz Talheim darunter -« sagte er heimlich zu dem Polizeidiener.
»Das ist nur ein verdächtiger Umstand mehr, der Doctor wird diese Briefe als zu
gefährlich verbrannt oder mitgenommen haben. -« Jetzt zog er ein kleineres Fach
mit Briefen heraus, es entielt nur diejeninigen, welche Talheim an seine
Gattin geschrieben hatte, seitdem er von ihr getrennt war.
    Amalie trat wieder hinzu und sagte: »Mein Herr, was zwischen Gatten
verhandelt wird, gehört doch mindestens nicht vor die Augen der Polizei -«
    »Fürchten Sie Nichts!« sagte der Commissair mit widerlichem Lächeln. »Die
Augen der Polizei vergessen sogleich wieder, wenn sie auch Etwas erfahren
sollten, das nicht vor ihr Forum gehört - nur was vor diesem Forum bedenklich
und gefährlich erscheint, bewahrt ihr Gedächtnis treu - und darin lässt sie sich
nicht täuschen und irren.«
    Während er dies mit Nachdruck sagte, hatte er wieder einen Brief entfaltet
und indem er ihn überflog, nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an,
halb wie vor Schreck, halb wie vor Freude. Es war der erste Brief, welchen
Talheim an seine Gattin geschrieben, er datirte von dem Gute des Rittmeisters
Waldow und die Stelle, welche solch' eigentümliches Leben in das Gesicht des
Polizeicommissairs brachte, lautete:
    »Ich bin bei Franz gewesen - ich habe die Not und das Elend gesehen,
welches dort unter den Fabrikarbeitern herrscht - ach, Amalie, dieser Armut
gegenüber haben wir in beneidenswertem Reichtum geschwelgt! - Ich habe Franz
das Versprechen gegeben, dass, wenn mir in meinem neuen Wirkungskreise Zeit
bleibt, mich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen, ich auch über die Not
der Fabrikarbeiter schreiben werde. Vielleicht wird mir auf meiner Reise
Gelegenheit, darüber noch anderweite Notizen zu sammeln. Franz selbst schreibt
in seinen Mussestunden, aber diese einfachen Stimmen mitten heraus aus dem Volke
werden wohl von alle Denen gehört, für welche sie laut werden, welche das
geschilderte Elend teilen, aber nicht von Denen, welche es verbreiten, und
Denen, welche die Macht und Pflicht haben es aufzuheben und zu lindern. Darum
fiel er mir weinend um den Hals, als wir von einander Abschied nahmen und sagte:
Leb' wohl Du - nun doppelt mein Bruder, wenn Du derselben Sache dienen willst,
welcher ich mich geweiht habe!«
    Diesen Brief wollte der unberufene Leser erst in seine Brieftasche schieben
- er besann sich aber anders und notirte nur die angezogene Stelle
stenographisch. In den andern Briefen fand er nichts Beachtenswertes, ausser dass
er sich den jedesmaligen Ort anmerkte, von welchem aus sie geschrieben waren.
Jetzt griff er nach einem kleinen hölzernen Kästchen, zwischen dessen Schluss
unterhalb des Deckels ein Stückchen beschriebenes Papier hervorschimmerte. »Hier
sind auch Briefe darin -« sagte er. »Das Kästchen ist verschlossen - es tut mir
leid - aber ich muss um den Schlüssel bitten.«
    »Das ist unmöglich,« rief Amalie. »Ich kann es beschwören, dass es der
Polizei ganz gleich sein kann, den Inhalt dieses Kästchens zu erfahren - und
wenn Sie gekommen sind, um nach Papieren von Franz, von meinem Gatten in meinen
Sachen herum zu spüren, so wiederhole ich nochmals - ich will es beschwören -
von ihrer Hand finden Sie kein Wort in diesem Kästchen.«
    »Dieser Eifer macht die Sache nur um so verdächtiger - ich muss durchaus Sie
bitten, zu öffnen.«
    »Um keinen Preis -« sagte sie ausser sich, aber fest.
    »Es tut mir leid,« bemerkte darauf der Polizeicommissair mit feinem
Lächeln, »aber es muss sein, -« und ehe Amalie es nur bemerken, noch weniger
verhindern konnte, hatte er ein kleines Instrumentchen aus seiner Westentasche
geholt und mittelst desselben das Schloss des Kästchens geöffnet.
    »Aus Barmherzigkeit,« rief Amalie, als sie es sah und fiel auf ihre Kniee.
    Jener bemerkte es nicht - sein Gesicht strahlte vor Freude und Staunen.
»Jaromir von Szariny!« rief er leise für sich. »Das ist ja der anonyme Publizist
- nun ist kein Zweifel mehr.« Er sah die Briefe alle eifrig durch, schien aber
unzufrieden mit ihren Inhalt zu sein und dass er keine mit neuerem Datum fand -
sie waren alle schon vor sieben Jahren geschrieben.
    »Ich werde Nichts ausplaudern,« sagte er zu Amalien, welche Auguste wieder
von der Erde aufgehoben hatte. - »Nur eine Frage: Sind Sie noch mit dem Grafen
Szariny in Verbindung?«
    Sie wandte sich tief verletzt ab und antwortete nicht.
    »Ich muss Sie um aufrichtige Antwort bitten - es ist die letzte Frage, welche
ich an Sie zu richten habe - ich bedauere Ihnen lästig gewesen zu sein und wir
werden uns dann sogleich entfernen - es wäre vielleicht meine Schuldigkeit
gewesen, einige dieser Briefe mitzunehmen, allein aus schonenden Rücksichten
gegen Sie habe ich es unterlassen - meine Schonung gegen Sie verdient wahrlich
nicht diese Halsstarrigkeit von Ihrer Seite - antworten Sie; Niemand wird es
erfahren. Sind Sie mit dem Grafen Szariny noch in Verbindung?«
    »Nein - er war mein Verlobter, ehe ich in meinem jetzigen Gatten eine andere
Wahl traf - - aber nun lassen Sie diese Qualen endigen, die Sie jetzt über mich
brachten, während mein Kind begraben ward - als sei dies nicht schon entsetzlich
genug - -« rief Amalie und verhüllte ihr Gesicht.
    »Bedauere herzlich, Ihnen lästig geworden zu sein und dass wir an solchem
Unglückstage kommen mussten,« sagte der Polizeicommissair mit schlecht
erheuchelter Teilnahme und ging. Der Polizeidiener folgte ihm.
    Amalie war schon zu sehr von dem Jammer der letzten Tage angegriffen, als
dass sie sich eigentlich hätte klar darüber bewusst sein sollen, was jetzt
vorgegangen war, als dass sie fähig gewesen wäre, nur Etwas davon zu begreifen.
Sie war nur froh, dass die fremden Männer sich wieder entfernt hatten, dass sie
nun wieder ungestört ihrem Schmerz um ihr verlornes Kleinod, um ihr gestorbenes
Kind nachhängen konnte.
    Ihr Schwager Bernhard kam wieder zurück. Er ging schweigend auf sie zu und
drückte ihr die Hand - sie seufzte tief und sagte dann: »Ich danke Dir - ist
doch eine verwandte Seele dabei gewesen, ich hätt' es nicht vermogt.«
    »Ich habe die erste Hand voll Erde auf den hinabgesenkten Sarg geworfen für
Dich, dann eine für Gustav, dann für mich selbst -« sagte er und verschlang eine
Träne.
    Nun war es wieder lange stumm in dem kleinen Zimmer zwischen den drei
Menschen.
    Nachher stand Auguste auf, trat zu Bernhard und erzählte ihm Alles, was
während seiner Abwesenheit vorgekommen war und ihr so rätselhaft und unheimlich
erschien.
    Ihm war es so nicht minder - er verstand es gar nicht, fragte zu
wiederholten Malen und ward doch nicht klüger. Endlich fuhr er heraus:
    »Donnerwetter! Wär' ich da gewesen - ich hätte die Kerle die Treppe hinunter
geworfen - trotz Polizei - nicht einmal die Spürnasen vor solchem Elend
ehrfurchtsvoll ein Weilchen zurückzuziehen!«
    Dieser Vorfall hatte sich an dem Tage vorher ereignet, an welchem Franz
Talheim so unbesorgt war über die Ankunft des langen dürren Herrn Stiefel.
 
                                III. Wiedersehen
 »An dem hellsten Sommertag,
 Unter Zweigen lichtdurchbrochen,
 Bei der Lerchen Jubelschlag
 Hab' ich Dich zuerst gesprochen.«
                                                                    Betty Paoli.
Einige Wochen waren seit dem Tage vergangen, an welchem Graf Hohental und
Rittmeister Waldow sich vergeblich bemüht hatten, Herrn Felchner zu einer
kleinen Gestundung zu vermögen - er war im Recht gewesen und er hatte von diesem
Recht Gebrauch gemacht - der Wald war ihm als Eigentum zuerkannt worden.
    Jaromir hatte eine der Hütten, welche zu der Wasserheilanstalt Hohenheim
gehörten, für sich gemietet und vollkommen Alles das ausgeführt, was er mit
Waldow in Bezug auf die Heilanstalt verabredet hatte. Ehe er sich ganz in
dieselbe begab, war er noch auf ein paar Wochen zurück in die Residenz gereist,
um dort seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, da er vorher seine
Abwesenheit nicht auf eine längere Dauer berechnet hatte. Zugleich benutzte er
die Zeit dieses Aufentaltes dazu, den idyllischen Aufentalt in Hohenheim mit
entzückenden und glänzenden Farben in einigen aristokratischen Zirkeln so
verführerisch zu beschreiben, dass ihm beim Abschied mehr als ein Mal, und von
mehr als einer Person das Wort entgegentönte: »Ich denke, wir sehen uns wieder -
in Hohenheim.«
    Vollkommen befriedigt von den Resultaten dieser Wochen, vollkommen ermüdet
und gelangweilt von der Gesellschaft in der Residenz, dagegen aber auch nach
seiner elenden Hütte sich sehnend - vielleicht auch noch verlangender nach Etwas
mehr kam er in Hohenheim an.
    Der Restauration der Wasserheilanstalt gegenüber, welche ein speculativer
Gastwirt auf Zureden des Wasserdoctors für einen geringen Pacht übernommen
hatte, befand sich eine Baute aus Brettern, welche man den Kursalon zu nennen
beliebte. Er war nach vorn geöffnet, von einigen Bäumen umgeben, mit Markisen
von grauer Leinwand versehen und sein Fussboden mit grobem Kies bestreut. Weiss
angestrichne Lattenbänke, ebenfalls weiss gefirnisste Tische und ein Duzend
Feldstühle mit Sitzen von groben Gurtbändern, dies war das Meublement dieses
Salons, welcher dazu bestimmt war, dass die Kurgäste zu den Stunden in ihm sich
versammelten. wo sie ein solches Mittelding von freier Luft und Bretterschutz
gegen diese wünschenswert fanden. In der Tat, ein Aufentalt, welcher mehr als
einfach war.
    Jaromir hatte ihn sogar zu einem Lesesalon gemacht, indem er gefällig genug
war, diejenigen Journale, welche er vermöge seiner literarischen Verbindungen
zugeschickt erhielt, daselbst zur allgemeinen Lectüre auszulegen. Niemand war
glücklicher als Hofrat Wispermann, in Jaromir eine so gute Acquisition gemacht
zu haben, er überhäufte ihn dafür mit Artigkeiten, wiewohl es ihn im Stillen
verdross, dass der Graf durchaus seine ärztliche Behandlung, seine Bäder
verschmähte.
    Gleich am ersten Nachmittag nach seiner Ankunft besuchte Jaromir diesen
Salon.
    Der junge Waldow traf am Eingang mit ihm zusammen. »Hierher ist fast mein
täglicher Spazierritt,« sagte er, »um zugleich jeden neuen Ankömmling mustern zu
können und zu erfahren, wie er die göttliche Romantik dieses Ortes findet, mit
welcher Ihre Schilderungen ihn so reichlich versehen haben. - Dort sitzt ja ein
ganzer Klubb - lassen Sie uns die Gesellschaft erst aus der Ferne in Augenschein
nehmen. Lorgnetten heraus! Dort das rotbackige Gesicht des Engländers mit dem
grossen Mund, der die verhältnissmässig gleich grossen Vatermörder zu küssen
scheint, kennen wir schon - er behauptet ewig dieselbe stereotype Figur - er
sitzt allein und liest in einem Buche. Mein Himmel! Was muss der Mensch nicht
Alles schon zusammengelesen haben, wenn er's immer so treibt wie hier - ich habe
ihn noch niemals anders als lesend gesehen, ich kann mir ihn auch gar nicht
anders vorstellen. Wie jene Wilden, welche, als sie die ersten Reiter sahen,
glaubten, Mensch und Ross wären ein Wesen, so scheint mir der Engländer mit
seinem Buch durchaus ein Ganzes zu bilden. Den eleganten Herrn mit den gelben
Glacehandschuhen und der roten Sammtweste kenne ich und werde Sie nachher
einander vorstellen. Es ist ein Kammerjunker von Aarens, der sich nur
Courmachens halber hier aufhält - er ist nämlich hierher gegangen, weil er den
Grafen Hohental kennt und eine reiche Partie beabsichtigt - er ist seit einer
Woche hier und schon sehr oft in dem benachbarten Schloss gewesen.«
    Jaromir hatte zuletzt aufmerksamer als Anfangs zugehört, den eben
Besprochenen mit prüfenden Blicken gemustert und sagte jetzt ruhig: »Der Mensch
sieht sehr unbedeutend aus.«
    »Was ihn aber bedeutend machen kann, ist ein alter Name, bedeutendes
Vermögen und grosse Gunst, welche er an seinem Hof geniesst. Den Herrn zwischen
ihm und unsern Doctor, eben so lang und dürr wie dieser, aber mit einer so
ausgesucht malitiösen Miene, kenne ich nicht, es muss ein neuer Ankömmling sein.
Der Geheimrat von Brodenbrücker daneben hat sich bis jetzt schrecklich
gelangweilt, er ist aus Gefälligkeit für seine Frau, welche vollkommnes
Pantoffelregiment geltend macht, hierher gekommen, denn sie will nämlich gern in
jeder Mode den Ton angeben und hat sich es deshalb nicht nehmen lassen, krank zu
sein und von einem gefälligen Arzt in eine Wasserheilanstalt geschickt zu
werden. Sie scheint eine sentimentale Kokette zu sein, bei welcher man sich
Etwas erlauben darf. Nun kommen Sie, ich stelle Sie den Herrschaften vor, Ihr
Name wird frappiren, wenn ihn nicht etwa der Doctor schon ausgeplaudert hat.
Bemerken Sie wohl, welche schmachtenden Blicke die Geheimrätin auf uns wirft -
ich glaube, es ist ihr lange nicht so wohl geworden, die einzige Dame in einem
Badeort zu sein.«
    Waldow trat jetzt mit Jaromir zu der Gruppe und stellte diesen vor:
    »Graf Jaromir von Szariny.«
    Der Name frappirte allerdings - aber obwohl die Geheimrätin vor freudigem
Erschrecken beinah in eine Ohnmacht gefallen wäre, war doch Niemand davon in
gleichem Maasse betroffen, als der fremde, lange, dürre Herr. Als er Szariny's
Namen nennen hörte, nahmen seine Augen einen ganz eigentümlichen Ausdruck an,
Schreck paarte sich mit Freude. Sein ganzes Wesen schien verändert zu werden, er
sah vor sich nieder, als beachte er den Grafen weiter nicht, aber wer ihn
aufmerksam beobachtet hätte, würde gewiss bemerkt haben, wie sich seine Ohren
sichtlich spitzten, als er diesen Namen hatte nennen hören.
    Als Jaromir einige Worte mit dem Wasserdoctor sprach, stellte ihm dieser
seinen Nachbar als: »Herr Schuhmacher, Doctor Juris,« vor.
    Es wurden nur wenig Worte gewechselt. Diese Gesellschaft behagte Jaromir
wenig, und als Waldow sich nach einem Stündchen wieder zum Nachhauseritt
anschickte, brach auch er auf, liess seine Droschke anspannen und fuhr hinauf
nach dem Schloss.
    Elisabet sass auf dem Balkon, zu welchem man aus dem Gesellschaftszimmer
gelangte und welcher über dem Hauptportal sich erhob. Sie war so in das Lesen
eines Buches vertieft, dass sie erst, als der Wagen auf den Steinplatten des
Hofes rasselte, durch das Geräusch aufmerksam gemacht wurde und hinab sah. Die
Droschke hielt vor dem Haupteingang. Jaromir hatte Elisabet längst gesehen -
jetzt grüsste er, als er bemerkte, dass sie aufstand und ihn gewahr ward. Sie trat
von dem Balkon in den Saal - er aus dem Hof in die Hausflur, Sie war ein Wenig
in Verwirrung, denn ihre Eltern hatten einen Spaziergang in den Park gemacht, an
dem sie nur aus zufälliger Laune nicht Teil genommen hatte. Sie wusste nicht,
wenn sie zurückkehren würden, wohin sie ihre Schritte gerichtet hatten - es war
eben so gut möglich, dass sie in den nächsten Minuten, als dass sie erst nach
Stunden zurückkommen würden. Sie wollte Jaromir's Besuch abweisen lassen, aber
er hatte sie gesehen und gegrüsst, sie konnte sich nicht selbst verleugnen lassen
- in dem Augenblick ihrer Unschlüssigkeit meldete ein Diener den Grafen.
    »Haben Sie gesagt, dass der Graf und die Gräfin ausgegangen sind?«
    »Ja, zu Befehl - der Herr Graf beauftragte mich, ihn bei Ihnen zu melden.«
    Sie sah noch einen Augenblick schweigend vor sich aus, dann sagte sie: »Ich
erwarte den Herrn Grafen.«
    Der Diener entfernte sich - gleich darauf trat Jaromir ein.
    Die gewöhnlichen Begrüssungen fanden statt. Sie sagte ihm, dass ihre Eltern
ausgegangen wären und dass sie nicht wisse, ob sie dieselben bald oder später
zurück erwarten dürfe. Er bemerkte, dass er sie, Elisabet, bei seiner Ankunft
auf dem Balkon gesehen, und dass nicht seine Gegenwart Ursache sein solle, die
freie Luft mit der des Zimmers zu vertauschen.
    So traten denn Beide hinaus auf den Balkon.
    Die Gegend breitete sich malerisch vor ihnen aus in lichter
Frühlingsklarheit. Das hochgelegene Schloss beherrschte auf höherem Bergesrücken
ein grosses Panorama.
    Es war ein schöner Nachmittag - man wusste nicht, war es noch Frühling oder
schon Mitte des Sommers. Gegend und Luft gaben die Wonnen von Beiden. Der Himmel
war ein glänzendes, lachendes Blau, die Luft ein ewiges lindes Wehen.
Durchleuchtete Wölkchen zogen wie leichte Silberschleier hin und her und warfen
kleine wandelnde Schatten auf die Gegend. Rechts erhob sich eine lange
Hügelkette, die dem Berge sich anschloss, auf welchem die Burg stand. Die einen
waren mit düstern Tannen und Fichten bewachsen, an welchen die jungen,
hellgrünen Triebe wie zarte Finger von viel Tausend emporgehobenen Händen sich
aufwärts streckten, als schwören auch die ernsten Gestalten der Tannen fröhlich
dem Frühling Treue. Und so dicht war die Waldung, dass sie, wo das Auge zu ihr in
die Ferne schweifte, wie ein grosses weiches Bett von schwellendem Moos aussah,
in dem sichs gut liegen und ruhen müsse. Andere Hügel waren von grauem Gestein
nur spärlich von dunkeln, rot blühendem Moos und lichtgrünem, niedrem Gras
bedeckt und mit getrennt stehenden Birken bewachsen. Ihre weissen Stämme standen
aufgerichtet wie heilige Friedensstäbe mit grünen, wehen den Kränzen geschmückt.
Zwischen diesen Hügeln trat ein kleiner Fluss hervor und schleppte mit seinen
blau und silbern blinkenden, tanzenden Wellen geduldig das Flössholz - die
abgehauenen Glieder des Waldes - herab in's Tal, dann stürzte er sich brausend
über ein hohes Wehr und die Scheite sprangen kühn und lustig mit dem Wasser
taumelnd hinüber. Geradaus tat dem Blick ein weites Tal sich auf, die
Landstrasse zog sich durch und auf ihr wirbelte gerade jetzt eine läutende Heerde
lichtweisser Schaafe eine gelbliche Staubwolke auf. Links gränzte an das Schloss
der weite Park. Seine Eichen standen im prangendsten Jugendgrün und ihre stolzen
Kronen überragten die andern Bäume. Alle Gesträuche blühten bunt dazwischen.
Hier schlängelte eine Allee weiss blühender Kirschbäume sich wie eine lange
Guirlande durch die blumigen Wiesen. Dort glich eine Gruppe von Apfelbäumen,
deren rote schwellende Knospen sich eben erschliessen zu wollen schienen, einem
riesenhaften, leicht hingeworfenen Rosenkranz. Und aus all' diesem malerischen
Gemisch von Bäumen, Blütensträuchen und Grasplätzen schimmerte hier ein weisser
kleiner Marmortempel, wie ein ernstes Mausoleum hervor, wehten dort die Fahnen
und Glöckchen eines japanischen Lustauses, wie im heitrem Spiel grüssend mit
Flattern und Läuten, erhob sich an einer andern Stelle ein grauer Turm, und so
noch manches abenteuerliche, malerische Gebäude. In weiter Ferne begränzte ein
hoher Berg mit einer verwitterten Burgruine den Horizont. Balsamische
Blumendüfte zogen wie wallender Weihrauch von den Frühlingsopfern der Erde aus
den nahen Gartenbeeten empor und eine Schaar wirbelnder Lerchen tummelte sich
wie trunken im Aeterblau.
    Jaromir und Elisabet hatten eine Weile stumm neben einander gesessen und
bewundernde und entzückte Blicke auf die reichen Naturschönheiten dieser
Landschaft geworfen. Jetzt sagte Jaromir:
    »Es ist das erste Mal, dass ich unwillkürlich durch Sie angeregt in
Naturbetrachtungen versinke - vergeben Sie, wenn ein Blick auf dieses feierliche
Frühlingswalten ringsum mich zu lange stumm gemacht.«
    Sie sagte mit einem leichten Erröten und ohne aufzusehen: »Mein früheres
Zusammentreffen mit Ihnen fand ausserhalb der gewöhnlichen Schranken und auf
befremdende Weise Statt - ich fühle, dass ich Ihnen dafür eigentlich eine
Erklärung schuldig wäre, aber ich weiss dennoch nicht, wie ich sie Ihnen geben
könnte, und indem ich gerade fordern muss, mir sogar den Versuch dazu zu
ersparen, fühle ich, dass ich vielleicht Viel von Ihnen verlange, wenn ich Sie
bitte, ohne zu gering von mir zu denken, diese frühere Begegnung wo möglich zu
vergessen - für sich selbst und für Andere.«
    Sie liess einen Moment ihre schönen Augen mit einem flehenden Ausdruck auf
den seinen ruhen, dann senkte sie wieder die langen Wimpern, während er rasch
das Wort nahm:
    »Vergessen?« sagte er mit sanfter Stimme. »Vergessen? Sehen Sie da unten die
weisse Blume, welche ihr Haupt der Sonne zugekehrt hat, soll sie auch vergessen,
dass der Lichtstrahl auf sie fiel, welcher ihren Kelch erschloss? Soll dort der
Wanderer, den Sie von dem höchsten Berge langsam herabsteigen sehen, auch
vergessen, dass er einen entzückenden Anblick dieser weiten Frühlingslandschaft
genossen, der ihn vielleicht trunken schwärmen machte, wie der Blick in ein
seliges Eden? Warum vergessen? Nein, ich werde ewig an diese Stunde denken
müssen,« rief er schwärmerisch vor sich aussehend, »sie ist ein Teil geworden
von meinem Leben.«
    Elisabet schlug die Augen nieder und schwieg.
    Nach einer Pause begann Jaromir wieder, aber ruhiger: »Sie schweigen -
vielleicht weil Sie die Sprache seltsam, finden, welche ich führe, vielleicht
weil Sie Ihnen ungeziemend erscheint - aber wenn Sie mir vergönnen, aufrichtig
fortzufahrrn - so werden Sie mir vergeben, wenn Sie es nicht schon jetzt tun.«
    »Sie sind ja Dichter,« sagte Elisabet, »da muss Ihnen schon gestattet
werden, Ihre Träume auszusprechen, in welcher Form Sie wollen - weiss man doch,
dass es eben poetische Träumereien sind, was man hört.«
    »Dieser Dichter hatte lange Zeit vergessen, dass er einer war, bis Sie ihn
wieder dazu machten -« antwortete Jaromir und fuhr dann fort: »Sehen Sie, Ihnen
allein gegenüber darf ich doch wahr sein? Sie haben es ja eben ausgesprochen,
dass ich ein Dichter sei - nicht jedem Wesen entschleiert ein solcher seine Seele
- und darum, als ich Sie das erste Mal in diesem Schloss sah, als ich
unerwartet in der Tochter dieses Hauses das weinende Mädchen wieder erkannte,
das ich einst fern von hier begrüsst, da fesselte nicht allein das Erstaunen
meine Zunge, dass ich es nicht aussprach, wie Sie mir nicht ganz fremd seien,
sondern ich blieb darüber stumm, weil diese Begegnung immer ein süsses Geheimnis
meiner Seele geblieben war, das ich nun nicht auf ein Mal mit gleichgültigen
Worten gleichgültigen Ohren und Herzen Preis geben konnte. Und dann - ich wusste
ja nicht, ob es nicht vielleicht auch Ihr stilles Geheimnis war, das keine
Zeugen und keine Mitwisser duldete, an jenem Tag und an jener Stelle sich
auszuweinen? Und lieber noch hätte ich mich selbst verraten, als Sie!«
    »Ich danke Ihnen für diese Rücksicht. Tränen, mit denen man sich in die
Einsamkeit flüchtet, um sie auszuweinen, werden von Andern verstanden -« sagte
Elisabet.
    Er fuhr fort: »Sie waren gewiss an jenem Morgen so früh aufgestanden, der
Schmerz hatte Sie nicht ruhen lassen - bei mir war das Anders, ich kam von einer
festlich durchschwärmten Nacht - aber wessen Herz in diesen Stunden
schmerzlicher gezuckt haben mag - das Ihre unter Ihren Tränen, das meine unter
meinem Lachen - wer mögt' es entscheiden? Ich habe das Wort nicht vergessen, das
Sie zu mir sagten: Sie scheinen auch nicht glücklich zu sein! So hatten Sie mich
allein verstanden, eine Fremde - unter all' den Hunderten, welche mich zu kennen
meinen, welche mir täglich versicherten: ich sei der glücklichste Sterbliche.«
    »Ich hatte Ihnen schon einmal begegnet, wo Sie noch trauriger aussahen -«
fiel sie ihm rasch in's Wort, aber sie hielt plötzlich inne und errötete und
fragte sich mädchenhaft schüchtern im Stillen, ob sie nicht unvorsichtig zu Viel
gesagt.
    Fast war es auch für Jaromir zu Viel, zu viel überraschende Freude, dass sie
dieses sagte - ihm wars, als müsse er ihr zu Füssen fallen, oder ihre Hand fassen
und drücken, oder sie selbst in seine Arme ziehen - aber er bezwang sich, er
blickte sie nur noch inniger an, doch wagte er nicht, sie zu berühren, oder sich
ihr leidenschaftlich zu nähern - er sagte sich, dass er das schöne Vertrauen, mit
dem sie ihn allein bei sich empfangen, nicht missbrauchen dürfe. »Ja«, sagte er,
»damals lag auf Ihrer Stirn, in Ihren Blicken leuchtender, ungetrübter Friede
und ich dachte, so müss' es immer sein - damals meinte ich nicht, dass ich nach
wenig Monaten Sie so wiedersehen würde, wie es geschah. Jener erste Moment, in
welchem ich sie sah, ist einer der erschütterndsten meines Lebens gewesen, ich
werde ihn nie vergessen, und als ich Sie zum zweiten Male sah - darf ich es
Ihnen gestehen? so hätt' ich dem Leben fluchen mögen, das auch aus Ihren Augen
Tränen presste, das auch Sie schon so schmerzlich fassen und bewegen konnte!
Aber ich lernte auch von Ihnen - ich hatte oft das Weh meines Herzens übertäuben
wollen in rauschender Lust, aber ich dachte dann, es sei besser, gleich Ihnen
dies Leid auszuweinen in Gottes freier Natur, an der Brust der mütterlichen Erde
- und so tat ich - und so kam ich auch hierher, um in der heiligen
Frühlingswelt alle kleinen menschlichen Schmerzen zu vergessen - und mir ist,
als würde das Herz gesund, wenn es wie hier neben lächelnden Blumen und
wirbelndenden Lerchen schlagen kann -« er wollte noch mehr sagen, aber er hielt
inne.
    »Das Herz wird still, wenn es wie hier auf dieser Höhe dem Himmel näher
schlägt,« ergänzte Eisabet, »ich bin jetzt zufrieden. Ich geniesse den Fühling -
was will man mehr?«
    »Die Nähe verwandter Seelen,« sagte Jaromir.
    »O, ist man nicht selber reich genug, dem Wald, dem Bach, den Blumen allen
verwandte Seelen zu geben? Und bringt nicht jede Schwalbe, die sich in unsrer
Nähe anheimelt, nicht jede Lerche, die aus der Saat zum Himmel jubelnd
emporschwirrt, jede Nachtigall, die im Stillen und Dunkel sich hören lässt, die
verwandte Seele mit, nach welcher wir uns sehnen? Fühlen Sie nicht, dass das
Lied, welches von dem wechselnden Vögelchen da drunten im Garten ertönt, alle
die Regungen zur Sprache bringt, über welche Sie mit sympatisirenden Wesen sich
unterhalten mögten? Nun und warum nicht mit diesen gefiederten Sängern?« fragte
Elisabet.
    »Nun, wer von uns Beiden ist denn der Poet?« sagte Jaromir lächelnd.
    In diesem Augenblick traten der Graf und die Gräfin in den Saal. Jaromir und
Elisabet hatten sie vorher nicht bemerkt - sie standen jetzt schnell überrascht
auf und traten zu ihnen in den Saal.
    Die Unterhaltung war allgemein und kam nicht aus der Sphäre des gewöhnlichen
Conversationstones heraus. Jaromir hielt das nicht lange aus und entfernte sich
sobald als es schicklich war.
    Später sagte die Gräfin zu Elisabet: »Du liessest gestern den Kammerjunker
von Aarens abweisen, weil Du allein warst, und nimmst heute im gleichen Falle
den Grafen Szariny an - ich liebe solche Inconsequenzen nicht.«
    Elisabet verliess ohne Antwort das Zimmer.
 
                                IV. Erklärungen
 »Doch wehe, wehe dem Mittellosen,
 Wenn siech der Leib zusammenbricht,
 Da rettet nicht des Weibes Kosen,
 Da rettet die Pflege der Mutter nicht,
 Da helfen nicht die Gebete der Kleinen.«
                                                                      Karl Beck.
Ein paar Wochen waren vergangen, seitdem Pauline sich von Franz hatte zu der
langen Liese führen lassen. Pauline hatte ihn unterdessen nur von Weitem
gesehen, wenn er in die Fabrik oder an den Zahltagen in ihres Vaters Comptoir
ging; sie war ihm auf ihren Spaziergängen, auch wenn sie dieselben nach dem
allgemeinen Feierabend machte, niemals begegnet, und niemals hatte er sie im
Garten aufgesucht, wie sonst, um irgend eine Angelegenheit, eine Bitte für die
Unglücklichen, für welche er sich schon so oft verwendet hatte, vorzutragen. Nur
ein Mal war sie ihm nahe in der Hausflur begegnet, wo er mit andern Arbeitern
bei einem Factor gestanden hatte, der sie eben Alle ziemlich hart anliess. Franz
hatte Paulinen einen schmerzlichen Blick zugeworfen, zum Sprechen war der Moment
nicht geeignet gewesen. Den Chirurgen hatte sie gleich, als er das erste Mal zu
den verunglückten Kindern auf Ihr Geheis gekommen war, im Voraus bezahlt. Sie
hatte Nichts wiedre von diesen armen Leuten gehört, denn sie selbst war nicht
wiedre hingegangen, da sie nach dem ersten Empfang der langen Liese recht wohl
einsehen gelernt, wie diese ihren Besuch weniger als eine Art Genugtuung,
sondern mehr als Verhöhung betrachte. Ihren Bruder oder die Factoren nach der
langen Liese und ihren Kindern zu fragen, hielt eine innere ängstliche Scheu sie
ab.
    Eines Abends sass Pauline allein im Garten wie gewöhnlich, denn um diese
Stunde allein spazieren zu gehen wagte sie nicht, weil sie immer fürchtete, dass
sie, wenn sie Fabrikarbeitern begegnete, von diesen roh behandelt werden möchte,
oder doch wenigstens unziemliche Redensarten anhören müsste. Sie war sehr
traurig, denn sie hatte auch Elisabet lange nicht gesehen. Herr Felchner war
sehr gegen den Grafen erbittert, seitdem dieser versucht hatte, sich mit in die
Waldow'sche Angelegenheit zu mischen und jetzt auch vor Gericht gegen ihn
auftretend gestrebt hatte, es dahin zu bringen, dass der Fabrikherr den Bach -
welcher nun durch sein neu erlangtes Gebiet floss - aber zugleich durch
Hohental'sche Besitzungen ging - nicht zu einem Graben einengen und zum Treiben
irgend eines Mühlwerks benutzen dürfe. Es war darüber ein Prozess entstanden,
welchen man nach der Art, wie er unter aristokratischen Einflüssen betrieben
ward, eine ziemlich lange Dauer vorhersagen konnte. Herr Felchner liebte aber
Alles mit Dampfschnelligkeit zu betreiben. Er hatte daher gegen den Grafen, der
ihn dies Mal so hinderlich in den Weg trat, den giftigsten und bittersten Hass
gefasst und seiner Tochter streng verboten, wieder in das Schloss seines
Todfeindes zu gehen. Diese war an Strenge gegen sich von ihrem Vater wenig
gewöhnt, denn er begegnete ihr immer mit der zärtlichsten Liebe und liess sie in
Allem frei walten. Nur durfte sie niemals versuchen, ein Wort zu seinen
industriellen Einrichtungen zu sagen, oder für die gedrückten Arbeiter eine
freundliche Bitte vorzubringen. Er hatte ihr dies mit leidenschaftlicher
Heftigkeit ein Mal für immer verboten und da sie bemerkte, dass sie durch ihre
Vorstellungen meist nur gerade das Entgegengesetzte von dem, was sie zu
erreichen wünschte, eintreten sah, so hatte sie für immer auf solche verzichtet.
So wagte sie aus kindlicher Ehrfurcht wenigstens nicht sogleich das Verbot des
Vaters in Bezug auf Schloss Hohental zu übertreten, da sie hoffte, er werde es
vielleicht eher zurücknehmen, wenn sie ihm Gehorsam zeige, so lange noch die
erste Heftigkeit seiner Erbitterung währte. Elisabet selbst war nicht in die
Fabrik gekommen, weil leichte Unpässlichkeit sie im Schloss zurückhielt.
    Noch niemals war es Paulinen einsamer vorgekommen, als jetzt, wo sie sinnend
allein im Garten weilte.
    Ein Gruss weckte sie aus ihren traurigen Träumereien.
    »Guten Abend, Mamsellchen.«
    Es war eine kleine dicke Frau mit rotem Gesicht, welche vorüber ging und
den Gruss hinein rief. Pauline erkannte sie; es war die gutmütig aussehende
Frau, welche sie bei der langen Liese getroffen hatte.
    »Guten Abend, Frau Marta,« sagte Pauline, »lauft doch nicht so vorüber. Was
macht die lange Liese mit ihren armen Kindern?«
    »Sie haben mich gleich erkannt?« sagte Marta schmunzelnd. »Sonst merken
sich die feinen Mamsellchen uns arme Weiber nicht so leicht; das ist hübsch von
Ihnen. Was die lange Liese macht? Da mag sich Gott erbarmen, die flucht Tag und
Nacht. - Sie wissens wohl gar nicht, dass die Kinder Beide todt sind, der Junge
und auch die kleine Liese!«
    »Todt - Beide?!« rief Pauline, »Das ist ja entsetzlich!«
    »Freilich wohl - aber ein Glück ist's doch auch, dass sie starben, was hätte
aus den elenden Krüppeln werden sollen? Und gut noch, dass sie Beide wenigstens
gleich an einem Tage starben, da sind sie auch in einen Sarg und ein Grab
gekommen und dadurch Kosten erspart worden.«
    Ein leichter Schauer überrieselte Pauline, als sie diese Rede hörte, es war
ein neuer tiefer Blick in das Elend der Armut, die sich über den Leichen
geliebter Kinder noch damit trösten muss, dass sie wenigstens zugleich starben,
damit nur ein Sarg für zwei nötig war.
    Marta fuhr fort: »Ja, wenn es nur wenigstens Nichts kostete, der Tod ist ja
auch nicht umsonst, wenn gleich das Sprichwort so heisst - nicht einmal die
Sprichwörter wollen auf die armen Leute passen. Ich kann sagen, mir wird wohl
manchmal Angst, wenn die lange Liese so flucht und dazwischen lacht und
schluchzt, dass sich's greulich mit anhört - denn da weiss sie nicht mehr, was sie
spricht, und versündigt sich gar gegen den lieben Gott im Himmel droben. Aber
wahr ist's, schlecht hat sie's gehabt ihr Leben lang - ich und mein Mann, wir
sind Beide gesund, und der Junge ist's auch, nun da mag's schon sein, wenn man
auch wenig verdient, wenn man nur arbeiten kann und gesund ist, da ist unser
eins schon zufrieden - aber wie ist nun die lange Liese selber elend geworden
und wie sahen die Kinder jammervoll aus, die sie mit in die Fabrik schleppt -
halten's einmal nicht aus und muss doch froh sein, wenn sie nur arbeiten dürfen.
Wenn Sie mir's nur gesagt hätten, wie die Kinder starben, ich hätte vielleicht
Etwas tun können.«
    »Ja, ich unterstand mir's nicht und dem Franz sagt' ich's ein Mal, weil der
Sie doch heimgeführt hatte - aber er schüttelte den Kopf und sagte: ich gehe
nicht wieder hin, geht lieber selbst - und sehen Sie, da dacht' ich in meinen
Gedanken: wenn's der Franz nicht mehr wagt, da wag' ich's auch nicht.«
    »Franz sagte: er wage nicht mehr zu mir zu gehen?« sagte Pauline mit dem
Tone ungläubiger Verwunderung.
    »Nun ja, er sagte wenigstens: ich gehe nicht wieder hin.«
    »Er gehe nicht wieder zu mir?«
    »Nun ja, es ist, als ob Sie Sich darüber verwunderten - ich dachte seiner
Rede nach, Sie hätten es ihm verboten, oder gesagt, dass er zu oft käme.«
    »Niemals, niemals! Sehen Sie Franz zuweilen?«
    »Selten, doch trifft es manchmal, dass er mit meinem Manne zusammengeht, denn
der hält grosse Stücke auf ihn.«
    »Nun dann sagen Sie ihm, dass ich es seltsam fände, dass er mir sein Wort
nicht mehr hielte - er wird schon wissen, was ich meine.«
    »Schon gut - aber da steh' ich hier so lange und schwatze und wollte heute
Abend noch Manches arbeiten.«
    »Damit Ihr nicht umsonst hie geblieben seid, so wartet noch einen
Augenblick,« sagte Pauline und ging in das Haus.
    Nach einer Weile kam Friederike mit einem Korb Esswaaren heraus, welchen sie
der Marta übergab. »Etwas davon mögt Ihr der langen Liese geben.«
    »Das Mamsellchen ist gar gut,« rief Marta, »ich hab' es immer gesagt. Ich
lasse mich schönstens bedanken, der liebe Gott mag's ihr vergelten, die Armen
haben Nichts zu geben als fromme Wünsche.«
    So ging denn Marta ihres Weges. Friederike tat auch einige Schritte weiter
und sah sich überall um. So stand sie eine Weile. Da rief plötzlich eine Stimme:
    »Also endlich einmal!« Es war Wilhelm Bürger, welcher hinzutrat und ihre
Hand erfasste.
    »Guten Abend, Wilhelm.«
    Wilhelm hatte gleich am andern Tage, als er erkannt hatte, dass es ein grosser
Irrtum von seiner Seite gewesen, seinen Freund Franz für seinen Mitbewerber zu
halten, Friederiken am Feierabend am Brunnen aufgesucht und ihr einfach gesagt,
wie lieb er sie habe. Das gute Mädchen hatte verschämt und errötend das
angehört, und ihm durch einen herzlichen Händedruck versichert, dass sie ihm gar
nicht gram sei, dass sein Wort ihr eine wahre Herzensfreude gegeben. So pflegten
sie nun seitdem sich oft auf gleiche Weise zu sehen. Wilhelm war heute ziemlich
ernst und sagte nach einer Weile:
    »Ist es wahr, dass Deine Herrschaft, ich meine Mamsell Paulinchen, seit
einiger Zeit so kränklich ist?«
    »Da habe ich Nichts davon bemerkt - das müsste ich wissen.«
    »Verändert sieht Sie mir auch nicht aus - gleichwohl hat es der junge Herr,
ihr Bruder Georg gesagt.«
    »Was hat der gesagt? Er weiss gar Nichts von ihr, denn die Beiden sind
verschieden wie Tag und Nacht.«
    »Du weisst, dass sie den Chirurgen für das Kind der langen Liese bezahlt hat.«
    »Und dass sie mit Franz selbst zu dem unglücklichen Kinde gegangen ist,
seitdem sind aber Wochen vergangen und Franz hat sich nicht wieder blicken
lassen, wie doch sonst.«
    »Es ist ihm schwer genug geworden.«
    »Warum ist er also nicht gekommen? Und was meinst Du mit dem jungen Herrn
und dem Chirurgen?«
    »Das wollt ich ja eben erzählen.«
    »So rede schnell, denn ich kann jetzt nicht lange hier bleiben und weiss
wirklich nicht, was Du eigentlich zu sagen hast.«
    »Drum eben lass' mich zu Worte kommen. Wie der Chirurg das zweite Mal wieder
gekommen ist, hat er Franz aufgesucht und gesagt, es sei unrecht von ihm, dass er
Fräulein Pauline immer so mit Erzählungen von Unglücklichen quäle, und sie dann
berede, das Elend selbst mit anzusehen. Eine junge zärtliche Dame, wie sie,
könne so Etwas nicht vertragen, sie werde dadurch selbst noch krank, weil es sie
immer so angreife; ihre Gesundheit sei dadurch schon ganz zerrüttet - sie setze
ihr Leben auf's Spiel, wenn sie es noch länger so treibe; sie selbst habe
freilich davon keine Ahnung, um so mehr sei es jedes Menschen Gewissenssache,
sie zu schonen. Franz war ungläubig gewesen - ich war es auch, dann sagte ich
mir: die armen Leute müssen in diesem Elend leben und es selbst ertragen und die
vornehmen Leute sollten gleich daran sterben, wenn sie es nur ein Mal erzählen
hören, oder von Weitem einen flüchtigen Blick darauf werfen?«
    »Mein Fräulein ist ganz wohl - und was will denn der Chirurg von ihr wissen,
der sie niemals behandelt hat? Sie hat Gott sei Dank noch gar keinen Arzt
gebraucht, seitdem sie hier ist. Und dieses alberne Mährchen hat Franz glauben
können?«
    »Er hat es auch nicht so recht geglaubt, aber ängstlich hat es ihn doch
gemacht. Sie gönnen uns diesen Engel nicht!« sagte er ernst und bitter - aber
wie er es sich näher überlegte, so hatte die Sache doch auch etwas
Wahrscheinliches - »diese Mädchen sind einmal so zart,« sagte er, »und wäre ich
dann daran Schuld, dass sie wirklich litte - ich vergäb' es mir nie - und geistig
leidet sie durch mich - nein, nein, ich will ihr Nichts mehr sagen - -« so
meint' er.
    »Aber welch' dummes Zeug!« rief Friederike: »Und warum hat er da nicht mich
gefragt, oder warum es Dir nicht aufgetragen?«
    »Er hat sich genug mit seinen Gedanken gequält und wie sie ihm nicht mehr
Ruhe liessen, ist er selbst hergegangen, um sie zu sehen oder Dich zu sprechen.
Der junge Herr hat ihn da zuerst getroffen und gefragt, zu wem er wolle? Er habe
jetzt hier Nichts zu tun. Er hat Dich genannt, da hat ihn Georg sehr hart
angelassen und gesagt - aber das ist zu hart!«
    »Was hat er gesagt? Rede nur gerade heraus!«
    »Er hat gesagt, dass ihn seine Schwester beauftragt habe, nicht länger den
Skandal zu dulden, dass ihre Dienstmädchen mit den Fabrikarbeitern unpassenden
Umgang hätten und dass es so schon eine Schande sei, dass die Christiane -«
Wilhelm hielt inne und besann sich, dass er hier nicht weiter fortfahren könne.
    Friederike ward rot und sagte: »Das ist eine Niederträchtigkeit! Die
Christiane wäre lange aus dem Hause, wenn er sie nicht selbst hielte, und wir
wissen recht gut, wer an ihrem Unglück Schuld ist - die armen Fabrikarbeiter
nicht, aber so will er freilich tun. Und nun gar dem Franz gleich das
Schlechteste unterzuschieben - und nur weil er nach mir gefragt hat; das ist
abscheulich!« Sie stampfte mit dem Fuss und hielt die Schürze vor das von Zorn
und Scham zugleich gerötete Gesicht.
    »Natürlich hat da Franz seine Mässigung doch ein Wenig verloren,« fuhr
Wilhelm fort, »er ist heftig geworden und der Herr hat ihm für immer verboten,
das Wohnhaus zu andern Zeiten zu betreten, als wenn er zum Zahltag in das
Comtoir kommen muss. Nun siehst Du, wie Alles gekommen ist; Franz ist seitdem
ganz traurig, nur manchmal sagte er: ich möchte doch wissen, ob ihr Alles so
recht ist, ob sie es weiss, oder ob es sie nicht einmal wundert, dass ich nicht
mehr komme - gestern sprach er auch so und weinte - nun wenn so ein starker
Junge weint wie der Franz einer ist, das kann ich nicht gleichgültig mit
ansehen, da wendet sich mir das Herz im Leibe um. Da sagt' ich mir: heute musst
Du mit Friederiken reden.«
    »Weisst Du was?« sagte diese. »Mein Fräulein ist auch recht verdriesslich
gewesen, dass Franz nie mehr gekommen, denn von All' dem, was Du mir erzählt
hast, weiss und ahnt sie kein Wort - ich muss jetzt fort von Dir, wir haben schon
zu lange geplaudert - wenn Du Franz triffst, so geh' mit ihm dort drüben in der
Allee ein Weilchen hin und her - wer weiss, macht nicht mein Fräulein noch einen
Spaziergang dahin, und Franz darf ein paar Worte mit ihr sprechen, wo es Niemand
gleich gewahr wird - denn das merk' ich nun schon, dem saubern Herrn Bruder ist
es ein Gräuel, dass sie für die armen Leute menschenfreundlich fühlt und da
helfen möchte wo er nur trannisirt - leb wohl! Wir wollen sehen, ob wir uns
heute noch wieder treffen.« Mit diesen Worten und einem raschen Händedrucke
hüpfte Friederike fort.
    Pauline war allein in ihrem obern Zimmer und hatte schon ein Mal vergeblich
nach dem Mädchen geschellt. Als es jetzt eintrat, fragte sie: »Warum kommst Du
so spät?«
    »Ich bitte Tausend Mal um Vergebung,« sagte Friederike, »ich sprach einige
Worte mit meinem guten Wilhelm.«
    »Du weisst,« begann Pauline mit ernstem, warnendem Tone, »dass ich gegen Eure
Neigung Nichts habe, allein -«
    »Liebes Fräulein,« fiel ihr Friederike in's Wort, »ich fragte ihn nach Franz
und da hatte er so Viel zu erzählen - ich wäre sonst nicht so lange geblieben.«
    Pauline vergass die mahnende Rede, welche sie begonnen hatte und fragte
rasch: »Was sagte er Dir da? Vergiss nicht, Alles genau zu wiederholen, denn
durch das, was ich von der Frau Marta erfuhr, ist mir Franz noch wunderlicher
vorgekommen.«
    Friederike kam diesem Befehle getreulich nach. Als sie Alles erzählt hatte,
ward Pauline immer nachdenklicher. »Es ist klar,« sagte sie, »mein Bruder will
nicht, dass die Fabrikarbeiter zu mir Vertrauen fassen und dass ich die
Schattenseiten einer grossen industriellen Anstalt, wie die unsere ist, kennen
lerne, er will nicht, dass ich mich mit diesen armen Leuten in eine gewisse Art
von Verbindung setze. Er verachtet sie nur und meint vielleicht, sie um so
williger zu jeder Arbeit zu finden, je ärmer und unglücklicher sie sind. Es ist
gewiss, dass er den Chirurgen zu diesem seltsamen und abgeschmackten Märchen von
meiner Krankheit verleitet hat. So werde ich freilich in Zukunft noch behutsamer
sein müssen, als ich bereits war, damit er mich nicht hindert, irgend ein Elend
zu lindern, wo ich kann und will.«
    Friederike hatte ihrer Herrin nicht gesagt, dass sie Wilhelm und Franz in die
Allee bestellt habe, sie verschwieg es auch jetzt, aber sie suchte Paulinen
dahin zu einem kleinen Spaziergang zu bewegen, indem sie ihr beredt den schönen
Sternenabend draussen schilderte und die leuchtenden Johanniswürmchen, die gerade
in jener Allee sich jetzt so lustig tummeln sollten. Pauline willigte endlich
ein, da der Weg nahe und überhaupt dort einer ihrer Lieblingsplätze war.
    Franz stand dort allein. Was er für Paulinen fühlte, hatte er dem Freund
einmal gestanden, obwohl er selbst es sich noch niemals zu gestehen gewagt
hatte, obwohl er es, was nur ein Mal seinem Innern zur Aussprache entlockt
worden war, wieder in seines Herzens Tiefen zu verbergen strebte. Was er jetzt
gelitten, wusste Wilhelm auch, und er gönnte dem Freunde die Stunde der
Genugtuung, welche jetzt vielleicht für ihr schlug, so aufrichtig aus vollster
Seele, dass er sie ihm durch seine Gegenwart nicht stören wollte - denn ein
Zartgefühl, welches bei den feinen, geglätteten Menschen der Salons fast
gänzlich in seiner Ursprünglichkeit verloren gegangen ist und nur als leere
Etikettenform noch hier und da zur Erscheinung kommt, sagte diesem einfachen,
unverdorbenen und unverbildeten Arbeiter, dass seine Gegenwart vielleicht den
Freund stören könne, dem er, ohne es zu wollen, ein Geständnis seiner Liebe
entlockt hatte, welches nun nicht mehr zurückzunehmen war, aber von dem, welchem
das stille Geheimnis gehörte, doch gern wieder vergessen gemacht worden wäre.
    Friederike, welche diese Gründe für Wilhelms Aussenbleiben nicht ahnen
konnte, weil sie Talheims wahre Gefühle nicht kannte, und welche vielleicht
auch dann Wilhelms Zartgefühl nicht ganz würde verstanden und geteilt haben,
schmollte in Gedanken ein Wenig mit ihm, dass er die schöne Gelegenheit, ein
Wenig mit ihr zu plaudern, ungenützt vorüber gehen liesse.
    »Guten Abend, Franz!« sagte Pauline freundlich zu diesem.
    Er zitterte fast, als er diese sanfte Stimme wieder hörte, welche er Wochen
lang nicht mehr, nur in seinen Träumen gehört hatte. »Sie sprechen so sanft zu
mir,« rief er erschüttert, »nicht wahr, Sie zürnen mir nicht, wenn ich -«
    »Wenn Sie eine Zeit lang Ihres Versprechens uneingedenk sein konnten, das
Sie mir gaben, als ich nicht lange hierher gekommen war, oder dass Sie denken
konnten, ich möge mein Wort nicht mehr halten - weiter habe ich Ihnen Nichts zu
vergeben. Ich weiss - aber erst seit heute - Alles - dass man Sie über mich
getäuscht und hintergangen hat - aber ich versichere Ihnen, dass ich an unserm
damaligen Versprechen, dass Sie mich von jeder augenblicklichen Not unsrer
Fabrikarbeiter, welcher abzuhelfen möglich ist, unterrichten sollten, und dass
ich dann Alles tun würde, was ich vermöge - gar Nichts geändert wissen will,
und dass wir ihm treu bleiben wollen, nur - mit mehr Vorsicht als bisher, da es
Leute geben kann, welchen es nicht recht ist, dass ich die Wunden verbinde,
welche sie erst geschlagen.«
    Franz schwieg.
    »Ich ehre ihr Schweigen,« fuhr sie fort. »Sie wissen, dass Diejenigen, welche
mir nahe stehen, die Ursache sind, welche uns verhindern sollte, unser
Versprechen zu halten, und Sie mögen deshalb keine Klagen wider sie erheben -
ich ehre das, denn Vorurteile sind gewiss auf beiden Seiten, und diejenigen, in
welchen ein Mensch erzogen ist, leben mit ihm fort und beherrschen ihn, so dass
er von einem andern Standpunkt aus ungerecht erscheint, wo er auf dem, welchen
er nun einmal einnimmt, von Gerechtigkeit reden kann. Ich aber bin in den Lehren
Ihres Bruders erzogen, welchem ich in der Stunde, wo er von mir Abschied nahm,
gelobte - ich weiss es noch wörtlich wie einen Eid, den er mir abnahm, er sagte:
Versprechen Sie mir, wenn nicht die Schwester, doch die Freundin der Armen und
Niedriggeborenen zu sein und niemals die Regungen des Mitgefühls ersticken zu
lassen, weil Sie vielleicht gewaltsam daran gewöhnt werden, das Elend um sich zu
sehen, weil Sie vielleicht eines Tages sich sagen müssen: was ich tun kann, um
die Not zu verringern, ist nur ein Tropfen, den ich hinwegschöpfe von der Flut
des Unglücks, die Alles überschwemmt.«
    »Ach, in diesen Worten erkenn' ich meinen Bruder.«
    »Die Zeit ist schon da, wo ich mir das sagen muss,« fuhr sie fort, »aber
niemals wird die Zeit kommen, wo ich diesen Schwur brechen werde.«
    »Ja,« rief er begeistert, aber mit Tränen, »wenn mehr Herzen schlügen wie
das Ihre, wenn mehr Augen wie die Ihrigen sähen, Augen, welche, wenn sie gleich
von Kindheit auf an den Glanz des Goldes und die bunten Flitter des Reichtums
gewöhnt, doch nicht davon geblendet sind, wie die jener Tausend, welche dann
das, was ausser dem Bereich ihrer eigenen Lebensverhältnisse liegt, nicht bloss
unter lauter falschen Lichtern, grauen Nebeln und düstern Spinnengeweben,
sondern so wie es wirklich ist gewahrten. Wenn Diejenigen, welche zufällig unter
seidnen Bettimmeln geboren wurden, nicht das gleiche Bruderbild verleugnen
wollten, weil es vielleicht auf elendem Stroh zur Welt kam - wenn sie nicht
fortgesetzt die edle Menschengestalt verhöhnen wollten, weil die Lumpen sie nur
schlecht bedecken und die Verwilderung des Elendes sie hässlich macht -
vielleicht würde es anders, vielleicht könnte noch Alles gut werden. Der Arme
verlangt ja so Wenig! Nur einen kurzen heitern Frühling für sein Kind, wo es
nicht zu friern und zu hungern braucht, wo es lernen darf, wie man ein Mensch
wird! Aber hier diese Kinder! Sie werden zu niedrer Tierheit herabgedrückt, und
wie die heilige Wassertaufe den Teufel austreiben soll aus den Kindern - so ist
es hier umgekehrt! Der Engel, der das Kind in's Leben begleitet, wird mit Gewalt
aus der reinen Seele des Kindes gejagt, und in der heissen Hölle, wo die
Dampfmaschinen arbeiten, zu denen man es schickt, da kommen all' die finstern
Teufel zu ihnen, welche Alle quälen, die zu ewiger Erniedrigung, zu ewiger
Stumpfheit im Leben verdammt sind. - - Und wenn dann diese Kinder, welchen man
kaum ein Wort von Christus gelehrt hat, auf dessen Namen sie doch getauft sind -
wenn sie dann Männer werden - Männer, welche eine gleich abstumpfende Arbeit
verrichten, wenn sie auch mehr Kraft dazu brauchen, als bei der, zu welcher sie
als Kinder gezwungen waren, dann verachtet man sie, weil sie fluchen und trinken
und rohe Worte haben und endlich vielleicht gar einmal auf den Gedanken kommen,
blinde Rache zu üben an ihren Peinigern - was dann? Ich gehöre selbst zu diesem
ausgestossenen Geschlecht, und doch graut mir vor ihm, denn ich kenne es! Ach,
dass es mehr gerechte Menschen gäbe, welche sich des Armen erbarmten! Nicht ihren
Reichtum, nicht ihre Schätze brauchten sie ihm zu geben - aber nur nicht ihn
für immer auch des Reichtums, des innern Lebens zu entblössen, das entehrende
Brandmahl ewiger Unfähigkeit ihm aufzudrücken! Es könnte gut werden, wenn man
die Kinder zu guten Menschen erzöge, statt zu blöden Sklaven - es ist ja der
Vorteil Aller, dass überall gute Pflanzen getrieben und erbaut werden. - Niemand
zieht ein Beet Unkraut in seinem Garten - wenn man nur das bedächte - es würde
Alles gut.«
    Franz hatte sich im Selbstvergessen zu so langer schnell und feurig
gesprochener Rede hinreissen lassen. - Plötzlich hielt er inne - ein
schrillendes, widerliches Gelächter klang höhnisch durch die friedliche
Abendruhe, und da verstummten plötzlich seine Lippen.
    Pauline, die mit ängstlicher Spannung seinen Worten gefolgt war, schrak
jetzt zitternd zusammen vor diesem lauten, grässlich hallenden Gelächter.
    Friederike, die etwas entfernt gestanden, drängte sich rasch und dicht an
ihre Gebieterin.
    Das Gelächter hatte die lange Liese ausgestossen, welche jetzt mit raschen
Schritten des Wegs gekommen war.
    »Könnte noch Alles gut werden?« rief sie mit unheimlicher, wie wahnsinniger
Stimme. »Würde Alles gut? Was denn? 's liegen viel Kinderleichen auf dem
Kirchhofe, von den verfluchten Maschinen zerrissen - das wird doch nicht wieder
gut, die stehen nicht wieder auf und kämen Engel vom Himmel! Gute Menschen aus
Kindern - ei ja doch, gute Menschen, die gut arbeiten und gutwillig sich die
Kinder verderben und sterben lassen - immer Eins von Beiden, verderben - sterben
- verderben - sterben.«
    Sie sang die letzten Worte mit kreischender Stimme ab und ging ihres Weges.
    »Sie ist wohl wahnsinnig geworden?« fragte Pauline schaudernd.
    »Das nun wohl so eigentlich nicht - aber so ist ihre Art - sie ist in
Verzweiflung über ihre Kinder,« versetzte Franz.
    »Gute Nacht, Franz,« sagte Pauline und gab ihm die zitternde Hand.
    Er drückte sie leise und sagte: »Ich darf es nun nicht wagen - durch Wilhelm
und Friederike mögen Sie erfahren, wo wir um Ihre Hilfe bitten mögten.«
    So trennten sie sich.
 
                                V. Ein Schreiben
 »Ich bin erwacht, ich fühle Kraft -
 Die Lumpen reiss' ich von den Gliedern,
 Aus freier Seel' die feige Angst,
 Den Schlaf von meinen Augenlidern,
 Der Liebe Bündnis will ich schliessen,
 Nicht länger hassend einzeln stehn,
 Des Lebens Wohltat mit geniessen,
 Nicht länger hungernd zu nur sehn.«
                                                              Herrmann Püttmann.
Franz war aufgeregt aber glücklich von dannen gegangen. Pauline hatte ihn nicht
von sich verbannt, wie er zuweilen gewähnt hatte, sie war nicht krank, wie man
sich bemühte ihn glauben zu machen; sie war sogar stark genug, sich dem Willen
derer, welche sie zunächst umgaben und welche, wie es nur zu klar war, sich
bemühten, ihre Bestrebungen des Wohltuns zu hemmen, ihnen Schranken zu
errichten - zu widersetzen. Das gab ihm hohe Freude. Er hatte sie verloren
geglaubt für sich, verloren für all' die Armen, welche das Schicksal zu seinen
Brüdern und Schwestern gemacht hatte, verloren für sie, welche bei ihrem Nahen
die Erscheinung eines Engels segnen sollten.
    Und es war nicht so! Sie war nicht ihm verloren, nicht ihnen! Sie hatte ihm
auf's Neue die Hand zu diesem schönen Bunde gegeben.
    Wer weiss? sagte er sich hoffend. Sie ist noch nicht lange hier und schon
sind viele Tränen getrocknet worden und Manches ist besser geworden, als es
jemals war. wer weiss, ob nicht, wenn sie länger hier weilt, noch bessere Zeiten
kommen! Ob sie nicht auch ihren Vater zu milderen Gesinnungen zu stimmen vermag
und nicht nur die Wunden heilt, die seine Härte schlägt, sondern seine Härte
schwinden macht, dass Alles besser wird!
    Als er eben so zukunftsfreudig vor sich hinging, kam Wilhelm ihm entgegen.
Er rief:
    »Da hat man mir einen Brief an Dich gegeben - es ist nicht die Hand Deiner
Brüder auf der Aufschrift - auch lautet sie nicht wie gewöhnlich, an den
Fabrikarbeiter Franz Talheim, sondern dem Namen ist noch beigefügt: Verfasser
der Erzählungen aus dem armen Volke. Sieh' einmal, wie schön sich das ausnimmt;
ich glaube, Du hast einen Namen - nun man merkt es doch, dass Deine Eltern gute
Bürgersleute waren und Du nicht im Strassenkot geboren bist, wie unser einer.«
    Franz errötete, als er einen Blick auf die Aufschrift geworfen, die ihm
allerdings sehr schmeichelhaft erschien. »Es ist zu dunkel zum Lesen hier,«
sagte er, »komm mit in meine Kammer, wir zünden die Lampe an und lesen
zusammen.«
    Sie traten in das Haus und stiegen hinauf in die kleine Kammer, welche Franz
bewohnte. Bald brannte die kleine Lampe und erhellte düster und spärlich den
elenden Raum. Franz hielt den Brief nahe an die düstre Flamme, öffnete das
dunkle Siegel und sah zuerst auf der letzten Seite nach der Unterschrift. Es war
unterschrieben: »Mehrere gleichgesinnte Fabrikarbeiter.« Ort und Datum waren
nicht angegeben.
    »Das ist seltsam,« sagte Franz, »und das Schreiben ist so lang.«
    »Weisst Du was?« sagte Wilhelm. »Du hast gewiss davon gehört, wie es seit
einiger Zeit unter denen, welche sich um die Staatswirtschaft bekümmern, oder
doch darum bekümmern mögten, Mode geworden ist, an Diejenigen, welche in diesen
Angelegenheiten einflussreiche Schritte getan haben, oder tun könnten, ein
Schreiben zu richten, welches von Einem verfasst und von Vielen unterschrieben
wird.«
    »Ja, man nennt das eine Adresse,« sagte Franz.
    »Nun sieh! Vielleicht haben diese Fabrikarbeiter in Bezug auf Dein Buch, das
sie doch auf der Aufschrift erwähnten, eine solche beifällige Adresse an Dich
verfasst. Wenn sie auch ihre Namen darunter gesetzt hätten, so wären uns
dieselben doch unbekannt gewesen und deshalb ist es gleich, wenn sie es
unterlassen haben. Das ändert in der Hauptsache ja doch Nichts.«
    »Nun lass' uns lesen,« sagte Franz, »Deine Ansicht gefällt mir wohl, aber
ich weiss nicht, ob Du Recht hast - ich kann nicht glauben, dass man mir eine
solche Ehre erweisen würde.«
    »Ei, alle Donnerwetter!« rief Wilhelm heftig, »ich wüsste nicht, warum Jemand
Dir nicht dieselbe Ehre erweisen könnte, wie Denen, welche oft unnützere Bücher
schreiben, als Du und weniger Herz für die Sache haben, welche sie führen
wollen, als Du.«
    Franz seufzte und sagte: »Wir wollen doch lieber lesen.« Wilhelm sah über
seine Achsel hinweg mit in das Papier.
    Das Schreiben begann:
    »Lieber Franz Talheim! Wir nennen Dich Du, weil wir alle Menschen. Du
nennen, die wir in allgemeiner Liebesvereinigung als unsere Brüder anerkennen.
Dich nennen wir aber ganz besonders mit Stolz und Freude Kamerad, denn Du hast
es öffentlich ausgesprochen, dass Du dem armen Volke angehörst, für das Du leben
willst bis zu Deinem Tode. Wir danken Dir, dass Du Worte gefunden hast, das Elend
Deiner Mitbrüder in ergreifenden Geschichten vor aller Welt zu schildern.«
    »Wir sind Dir für dies und alles Andere sehr dankbar, was Du bisher im
Dienst unserer guten Sache getan hast, aber um so mehr hoffen wir auch, dass Du
nicht dabei stehen bleiben wirst, den Menschen zu zeigen, dass dieses Unglück
besteht - sondern dass Du auch auf diesem Wege weiter schreiten und sagen wirst,
wodurch diesem Unheil allein zu helfen.«
    Franz seufzte und sagte, ehe er weiter las: »Es wird diese gleichgesinnten
Brüder freuen, wenn sie mein zweites Buch sehen werden: die Rechte des Armen -
den Verzweifelnden gewidmet. Es entält manchen Vorschlag, wie dem Uebel, wenn
nicht gänzlich abzuhelfen, doch zu steuern wäre - aber freilich - wenn kein
Fabrikbesitzer darauf eingeht - -«
    »Lies nur weiter,« sagte Wilhelm gespannt.
    Franz las: »Wir wollen Dir in kurzen Abschnitten einige von den Ansichten
mitteilen, welche wir zu den unsrigen gemacht haben. Männer, hochgebildete und
gelehrte, welche es aber gut mit dem armen Volke meinen, haben das
ausgesprochen, was wir Dir jetzt in kurzen Bruchstücken zu lesen geben, damit Du
zu derselben Einsicht über unsere Gegenwart und Zukunft kommst, wie wir und
danach Dein Streben und Wirken regeln lernst.«
    In dem Brief waren nun einige Stellen aus communistischen Schriften
angezogen, in welchen die Grundlehren des Communismus mit feuriger Beredtsamkeit
und scharfsinniger Dialektik entwickelt waren. Mit glänzenden Farben ward dies
System als das einzige angepriesen, in welchem allein das Heil der gesammten
Menschheit zu finden sei - ja, der als zu erwartend und unausbleiblich
geschilderte Sieg des Communismus ward geradezu als eine historische
Notwendigkeit, als eine zweite Welterlösung dargestellt, welcher die in Irrtum
und Unnatur befangene Menschheit bedürftig sei.
    Franz Talheim rief unter dem Lesen einmal über das andere dazwischen, »das
ist Wahnsinn - das verstehe ich nicht!« aber Wilhelm sagte fieberhaft aufgeregt:
    »Ich bitte Dich, lies weiter - ich versteh' es auch noch nicht - aber es
klingt wie lauter Musik vor meinen Ohren und klingt so in meinem Herzen wieder!«
    Sie lasen weiter und immer verführerischer klangen ihnen die neuen
Auffassungen von Menschenrecht und Lebenswonne, welche sie aus dem Briefe
gewannen.
    Wilhelm rief wie bezaubert: »So Etwas hab' ich in meinem Leben noch nicht
gelesen - mir schwindelt! Vor meinen Blicken geht eine neue Welt auf bei diesen
grossen, herrlichen Worten - ich habe wohl manch' Mal schon gedacht, dass doch
dies ganze Leben, welches jetzt alle Menschen führen, die Einen gezwungen, die
Andern freiwillig - eine Tollheit ist, eine Niederträchtigkeit - aber ich habe
es noch niemals gesagt, nun sagen es Andere statt meiner!«
    Franz verwies ihm seine Rede und sagte ruhiger: »Diese Leute singen das Lied
der Armut aus einem ganz anderm Tone, als man es zu hören gewohnt - aus einem
anderm Tone, als gut ist. Es kann Niemand froh werden, der es so hört. Es ist
als wenn Jemand zu einem Krüppel sagte: Du könntest ein schöner Mensch sein,
wenn Du nicht als ein Krüppel zur Welt gekommen wärest - er kann es doch nicht
ändern - oder zu einem Menschen: Du bist eigentlich ein Engel, aber in eine
irdische Gestalt gezwungen, die Deiner höheren Entfaltung hinderlich ist. - -
Wie soll der Krüppel, wie der Mensch das ändern können?«
    Erst hatte das Schreiben von den Prinzipien des Communismus gehandelt und
davon begriff der gesunde Verstand der schlichten Arbeiter nicht das Geringste.
Franz hatte Lust, diese Teorien geradezu für hohle Hirngespinste müssiger Köpfe
zu erklären, welche, selbst in einer spitzfindigen Philosophie gefangen und von
ihr irre geleitet, es dennoch wagten, die Philosophie zu verhöhnen - nur Wilhelm
liess sich von diesen ihm, wie er selbst sagte, unverständlichen Redensarten
blenden und bestechen. Aber in dem weitern Verlauf der Schrift ward die Sache
des Communismus von der praktischen, von der unmittelbar in's Leben greifenden
Seite angefasst, und endlich schloss der ganze Brief mit einem Aufruf an alle
Arme, namentlich alle arme Arbeiter zu innigster Vereinigung, damit es durch sie
gelingen möge, die Reichen und Besitzenden all' ihrer Vorteile über die
sogenannten untern Schichten der Gesellschaft verlustig zu machen.
    
    Der Schluss des Schreibens lautete:
    »Auch Dich, Franz Talheim, rufen wir auf, Deine und unsere unglücklichen
Brüder darauf aufmerksam zu machen, dass die Zeit einer neuen Ordnung der Dinge
nahe herbeigekommen ist. Du hast die Kraft dazu, unser Werk unter Deinen
Genossen zu fördern - so fördere es unter Deinen Mitarbeitern in der Fabrik
durch erklärende und überzeugende Reden, fördre es durch Deine Schriften in
weiteren Kreisen. Sehen wir, dass Du dies tun willst und dass es Dein eifrigstes
Bestreben ist den unglücklichen Millionen Deiner Brüder zu helfen - so wirst Du
bald wieder von uns hören, so werden wir gemeinschaftlich beraten können, auf
was wir Dich jetzt nur durch einzelne, bruchstückweise Erklärungen aufmerksam
gemacht haben!«
    »Sei uns herzlich gegrüsst, wenn Du wirklich einer der Unsern bist und grüsse
alle Deine Kameraden, die es auch sind.«
    Der Brief war hier zu Ende.
    Franz starrte vor sich nieder und stand regungslos.
    Die Lampe flackerte ungewiss auf, dann ward sie trüber und trüber. -
    Draussen fuhr der Wagen des Fabrikherrn mit vier munter wiehernden Pferden an
dem kleinen Haus, in welchem Franz weilte, rasselnd vorbei, dass die Scheiben
zitternd, klagend und grollend zugleich in den lockern Fensterrahmen klirrten.
    Hundert Mal schon mochte dieser Wagen so vorbeigerasselt sein, wie jetzt und
die beiden Arbeiter hatten nicht darauf geachtet - sie hatten nicht darauf
geachtet, wenn eben so oft schon die Scheiben unruhig mit einander gemurmelt
hatten - jetzt horchten sie Beide auf und riefen Beide zugleich - Wilhelm mit
wildem Gelächter des Hasses, Franz unendlich schmerzlich bewegt:
    »Da fährt er hin!« -
    »Die Laternen seines Wagens blitzen durch den hereinbrechenden Abend,« sagte
Wilhelm, »und so fährt er hin durch die Dunkelheit. - Jetzt auf einmal begreif'
ich Alles.«
    Wilhemo Augen glänzten im dunklen Feuer, die Adern auf seiner Stirn
schwollen, seine ganze Gestalt schien grösser zu werden, indem er sich hoch
aufrichtete. Mit feierlicher, gehobener Stimme sagte er:
    »Ja, die Zeit ist gekommen, wo die Armen ihre Rechte wiederfordern dürfen!
Dass ich wüsste, wer diese erhebenden Worte geschrieben, diese herrliche
Verkündigung eines neuen Evangeliums! Dass ich hineilen könnte zu diesen armen
Brüdern, welche zu solcher Erkenntnis gelangt sind, dass ich ihnen sagen könnte:
wir wollen zusammen stehen, zusammen handeln!«
    Franz nahm seine Hand und sah ihn an. »Du auch, Bruder, Du auch?« sagte er
erschrocken. »Was fasst Dich an? Beginnt schon das Gift zu wirken, welches aus
diesem Schreiben uns entgegenhaucht? Lässt sich Dein Verstand so bald umnebeln,
dass Du schon jetzt zu taumeln beginnst? Ach! diese Worte betören Dich, diese
schlimmen Worte, welche verführerisch klingen, wie Worte des Teufels.«
    »Lass' den Teufel aus dem Spiel!« lachte Wilhelm, »mahne mich nicht an die
elenden Mährchen! Vor hohlen Schrecknissen zu erzittern habe ich aufgehört - die
armen Leute brauchen wahrhaftig nicht erst an eine Hölle da drüben zu glauben.«
    »Wilhelm, lästere nicht!« mahnte Franz. »Ich hätte nicht geglaubt, dass dies
Schreiben voller Trugschlüsse und Widersprüche Dich so packen, so überwältigen
könnte! Es klingt freilich schön, wenn sie sagen: die Liebe, die allgemeine
Menschenliebe, welche in den Himmel geflohen ist, als die kindische, junge Erde
sie noch nicht zu fassen vermochte, wird ihren Wohnsitz wieder an dem Orte, wo
sie geboren und genährt ward, in der Menschen Brust haben. Wir werden unser
wahres Leben nicht mehr vergebens ausser und über uns suchen - wir werden es in
uns tragen, in uns selbst und werden es so wiederfinden in den Andern, in dem
Verbande der ganzen Menschheit! - Ach es klingt wohl sehr schön, wenn man so
Etwas liest - aber es klingt auch nur so - es ist ein tönendes Erz, es sind
Worte ohne Sinn und Verstand. Kannst Du Dir eine menschliche Gesellschaft
denken, in welcher Alle zufrieden, Alle in harmonischer Gleichheit leben? - Du
musst das verneinen, Du kannst Dir nicht einmal eine Vorstellung von einem
solchen Zustand machen und willst doch Schritte tun, ihn heraufführen zu
helfen? Und jetzt willst Du sie tun - und wie? Können ein paar Menschen und
noch dazu arme, ausgestossene, zum Teil verwilderte Menschen das Bestehende
umstürzen, und eine neue Ordnung der Dinge heraufführen? Verändert können,
müssen unsere Zustände werden - aber nicht durch einen Umsturz aller gegebenen
Verhältnisse, sondern durch deren vernünftige Weiterentwicklung und Fortbildung.
Ach Wilhelm, ich hätte Dich für verständiger gehalten, hätte nimmer geglaubt,
dass Du dem Verführer ein so williges Ohr liehest!« -
    »Verführer - nein, Erretter! Das ist nicht die Sprache der Heuchelei, welche
man sonst nur zu hören gewohnt ist - es ist die Stimme der Wahrheit, welche mich
mächtig ergreift. - Gieb' ihn her, diesen Brief - ich eile damit in die Schenke,
ich lese ihn vor in unserm Kreis und man wird mir mit Jubelgeschrei zuhören -
komm mit - gieb den Brief!«
    »Bist Du rasend?« rief Franz abwehrend. »Nimmermehr! - Komm zu Dir! Bedenke,
welches Unheil Du anrichten würdest, wenn sie den frevelhaften Worten dieses
Briefes Beifall riefen, wenn Dein erhitztes Gemüt sie zu gleicher blinder Hitze
fortrisse, Du setztest Alles auf's Spiel!«
    »Du hast Recht, dass Du zur Vorsicht rätst,« sagte Wilhelm gefasster - »ja,
sie könnten Alles verderben, und meine eigne frohe Wut könnte jetzt vernichten,
was wir erst im Dunkeln bauen müssen - Du bist verständiger - ich werde noch
Nichts sagen, aber ich muss hinaus in's Freie - mir wirbelts im Hirne - mir ist,
als wollt' es mir die Brust zersprengen - mir ist, als hätt' ich in meinen Armen
Kraft, eine Welt ihrem gewohnten Gang zu entreissen und Alles zu zertrümmern.
Leb' wohl! - oder gehst Du mit?«
    Franz sagte: »Ich bleibe hier. - Aber Du versprichst mir, von diesem Briefe
keinem etwas zu sagen? Du versprichst, wenigstens jetzt und bis Du Die selbst
darüber deutlicher geworden, von diesen Gedanken nicht zu reden, welche dies
Schreiben in Dir erweckt hat? Um Deiner selbst willen - um der guten Sache
willen - gleichviel, ob die Sache die gute sei, welche ich dafür halte, oder
diejenige, welche Du dafür hältst - versprich es, jetzt nicht von diesen Dingen
zu reden!«
    »Ja, ich versprech' es! Ein Wort ein Mann!« sagte Wilhelm ernst.
    »Es ist gut, ich glaube Dir -« versetzte Franz. »Gute Nacht!«
    »Gute Nacht - wenn Du jetzt schlafen kannst,« sagte Wilhelm mit wilder
Stimme, die halb wie Gelächter klang, und ging fort.
    Franz war allein.
    Er setzte sich auf den hölzernen Schemel vor den Tisch, auf welchem die
Lampe stand und das verhängnisvolle Schreiben lag.
    »Ich will es jetzt nicht noch ein Mal lesen,« sagte er zu sich und schob es
in den Tischkasten, in welchem seine Papiere und Schreibereien lagen. Dann
verlöschte er die Lampe, sie sollte nicht umsonst brennen. Das Oel ist teuer
und ein armer Arbeiter muss das bedenken. Die Julinacht draussen war hell, durch
das kleine offen stehende Fenster der Kammer schauten die Sterne hell zu ihm
herein, sie leuchteten ihm genug zu seinen verworrenen Träumereien. Er hatte
seinen Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, das Haupt in die Hand gestützt. So
sann er. Bald rieselte es wie eisiger Schauer über seine ganze Haut, bald fühlte
er sein Herz, seine Schläfe, seine Adern heftig pochen - dann glitt eine grosse
Träne langsam, sehr langsam und sehr heiss über seine bleiche Wange.
    Er flüsterte leise für sich. Solch' stillgeführtes Selbstgespräch allein mit
sich oder mit seinem Gott war für ihn eine Art von Bedürfnis geworden. Seine
Genossen verstanden ihn ja nicht - nicht einmal Wilhelm, das hatte er erst jetzt
wieder erfahren. Ein Wesen gab es freilich, das ihn vielleicht verstanden hätte
- aber von all' diesen Dingen wollte er ja nicht einmal zu der schweigend
verehrten Geliebten sprechen, selbst wenn er es gekonnt hätte.
    Jetzt sprach er zu sich:
    »Und was haben sie denn nun da Anderes gesagt und geschrieben, dass es mich
so gewaltsam bewegt hat? Waren es nicht hier und da meine eigenen Worte, was ich
da las? - und doch wirbelt mir das Hirn, brennt meine Stirn - mir ist, als sei
ich plötzlich fieberheiss hinausgestossen in eine grosse Nacht und läge da ringend
in Fieberphantasieen mit tausend bleichen, wilden und wesenlosen
Spukgespenstern, die ich nicht zu verscheuchen vermögte, die immer wieder sich
zu mir herandrängten in ihre wirbelnden Kreise, mich mit fortzureissen, dass ich
selbst nicht mehr weiss, wo aus, noch ein. Ich zürnte Wilhelm, dass er den
verführerischen Stimmen dieses Schreibens, die mir doch so wahnwitzig, ungerecht
und gotteslästerlich sind, ein so williges Ohr lieh, dass er sich ganz von ihnen
betören liess - und doch hallten sie auch mir immer wieder, wie harmonisches
Getön in den Ohren, in der Seele und wollen mich auch umstricken und
überwältigen.« -
    »Es ist fast vergebens, dass ich sage: hebe Dich von mir, Versucher! Er will
nicht gehen - es ist als habe meine Seele keine Macht mehr über ihn! -«
    Er lehnte sich wie erschöpft an die Wand zurück und fuhr fort: »Das sind
auch die Versuchungen der Armen, von denen die Reichen nichts wissen, sie werden
wohl auch oft hart versucht von ihren Schicksalen, von ihren Wünschen - und
selbst aus ihrer eklen Uebersättigung an den Bedürfnissen des lüsternen Lebens,
selbst durch ihre Befriedigung, ihre Uebersättigung entspringt ihnen eine neue
Quelle der Versuchung - aber wie unerschöpflich dagegen ist doch die, welche
zugleich mit dem Leben des Armen entquillt und es nimmer verlassend
durchflutet.«
    »Den Armen quält der Hunger, der Frost, der Mangel an Allem, was zu den
Lebensbedürfnissen gehört - und sich von irgend einer dieser Qualen zu befreien,
weiss er dein gesetzliches Mittel. Denn wie er auch arbeiten mag - seine Arbeit
wird so gering bezahlt, dass sie nimmer jene schlimmen Begleiter des Armen
verbannen kann, welche von dem Augenblick an, als er auf hartem schlechten Lager
geboren wird, ihn mit schauerlicher Treue auf allen seinen Wegen begleiten - -
aber am Schlimmsten ist doch der Versucher, der zu dem Armen tritt und ihn
höhnisch fragt: warum bist Du arm? Habe den Mut, es nicht mehr sein zu wollen
und Du bist es nicht mehr - und Tausende Deiner Brüder sind es nicht mehr - -
aber diesen Mut zu haben, ist ein Verbrechen - - das sieht wohl der Arme ein
und schaudert vor dem Verbrechen zurück - er will es nicht begehen, er kann
standhaft bleiben - er kann den Versucher immer sieghaft bekämpfen, aber er kann
ihn nicht vernichten - er kann den Feind seiner Ruhe nicht verbieten,
wiederzukommen.«
    »Wenn einst diese Versuchungen aufhören könnten - wenn eine in Liebe und
Gleichheit verbrüderte Gesellschaft sie unmöglich machte? Wenn alle Menschen es
vermöchten in heiliger Eintracht neben einander zu leben, dass nicht die Einen
darben müssten, wo die Andern mitten im Uebersluss sich noch unbefriedigt fühlen?«
    Nachdem er eine Weile still und sinnend am Fenster gestanden, stumm in die
Nacht hinaus und empor zu den Sternen geschaut hatte, trat er wieder zurück an
den kleinen Tisch, auf dem die verlöschte Lampe stand. Er zündete sie wieder an,
setzte sich nieder, nahm Feder und Papier zur Hand und begann zu schreiben. Er
wusste es: wenn so in ihm alle Gefühle in Aufruhr waren, wie jetzt, dann kam der
Gott des Liedes über ihn. In Versen versuchte er es, den gewaltigen Sturm seines
Herzens ausrasen zu lassen, indem er ihn durch die Worte und Töne, welche er ihm
gab, zwar noch vermehrte und erhöhte, aber ihn so auch wohltuend und weihevoll
für seine Seele machte.
    So schrieb er jetzt:
Es zieht ein Ahnen durch die Menschenseelen
In banger Lust, in des Verlangens Pein,
Als könnten Erd' und Himmel sich vermählen,
Als könnte auch die Menschheit glücklich sein.
Doch alles Leben ist ein dumpfes Quälen,
Vergeblich Jagen nach des Glückes Schein,
Es ist ein Ringen ohne Rast und Frieden,
Denn alle Ruh ist aus der Welt geschieden.
Und ob auch ringsum Freudenblumen blühen -
Wer ist, der sie zum Heil der Menschheit bricht?
Die Menschheit ringt im Staub, in dumpfem Mühen,
Der Arme weiss von anderm Ziele nicht,
Der Sclave kann nicht für das Recht erglühen,
Von dem nur leis' die innre Stimme spricht.
Ein grosser Fluch ist in die Welt gekommen,
Er lastet schwer - er wird nicht weggenommen!
»Den Armen ist das Himmelreich beschieden -«
Einst klang dies Wort als Tröstung durch die Welt,
Der Mensch soll dulden, leiden nur hienieden,
Der Glaube ist es, der ihn aufrecht hält!
Im stillen Hoffen auf des Himmels Frieden
Ertragen alles Leid, wie's Gott gefällt,
So heischen es die frommen Christuslehren,
Durch Himmelstrost die Erde zu verklären.
Doch warum nur die Armen so ermahnen?
Warum, nur sie verweisen auf das Dort?
Warum dass nur auf ihren Lebensbahnen
Das Grab erscheint als einzger Friedensort?
Warum? - und wieder naht ein banges Ahnen -
O flieh', Versucher, fliehe von mir fort!
Die Menschen nur - nicht Gott ist zu verklagen,
Die Menschen, die den Gott an's Kreuz geschlagen.
Ach käm' er, diese Welt erlösend, wieder
Und stiftete ein irdisch Liebesreich,
Wo alle Menschen nicht nur Glaubensbrüder,
Wo sie in Wahrheit all' einander gleich,
Dann käm' der Himmel zu der Erde nieder,
Dann wär' gelöst der Fluch von Arm und Reich,
Und Millionen sänken Brust an Brust
Und würden sich des Daseins Glück bewusst!
O dass er käme zu der armen Erde
In dieser bösen unglücksel'gen Zeit -
Auf dass es Frieden bei den Menschen werde,
Auf dass er sie aus ihrer Schmach befreit'
Und durch die Liebe alles Sein verklärte,
Das jetzt durch Druck und Selaverei entweiht.
O dass ein Gott zu uns herniederkäme
Mit unserm Wahn auch unser Leid uns nähme! -
Er stand auf, legte die Feder weg, trat an's Fenster und faltete seine Hände.
    »Schöner Traum,« sprach er wieder, seine sinnende Stirn in die rechte Hand
drückend: »vielleicht erfüllbar auf einem schönern Sterne! - Vielleicht, dass da
oben unter diesen Tausenden strahlender Kugeln, auch eine solche Erde ihre
ewigen Bahnen zieht, auf der alle Wesen in brüderlich heiliger Eintracht vereint
leben - vielleicht, dass dort dieser Traum mehr ist, als ein müssiges Spiel der
Phantasie - aber hier kann er nimmer zur Wirklichkeit werden, auf dieser
unfähigen Erde mit diesen schwachen Wesen, die sich Menschen nennen. Wir haben
ja mit uns selbst nie Frieden im Innern - wir können nicht, wir dürfen nicht im
geträumten seligen Frieden leben - wir müssen kämpfen, damit wir unsere Kraft
üben, kämpfen und ringen.«
    »Wir sollen uns nehmen, was man uns verweigert? Wir sollen die Reichen
zwingen, mit uns zu teilen. - Und unser Gewissen? Und unser Gott?«
    »Ha! Das ist es! Auch mit der Religion wollen sie ein Ende machen - auch den
Glauben nennen sie eine Dummheit! Und da wachen laut in meiner Brust Tausend
Stimmen auf und schreien dagegen - da ist mir, als rissen sie mir mein Herz aus,
während ich noch atme - und liessen mich allein in einer Nacht - nicht sanft und
mild und hell wie diese - in einer Nacht ohne Sterne.«
    »Ach, seht Ihr auf mich herab Sterne des Himmels, gebt mir Licht!«
    »Es war auch einmal so eine Stunde, wo ich den Himmel fragte, ob es einen
Gott gebe! Da lebte meine Mutter noch und hört' es und ward bleich - und sank
auf ihre Kniee nieder und betete einen frommen Spruch und weinte laut. Sie fasst'
es gar nicht, dass man so fragen könnte, und meinte vor Schauder zu sterben. Was
ist's denn nun weiter? fragt' ich sie noch. - Weiter? Es ist Alles - sagte sie.
- Wenn Du keinen Gott mehr hast, bist Du auch kein Mensch mehr - - Sie wusste es
nicht zu erklären - aber ich ging fort, dachte lange darüber nach und fühlt' es:
sie hatte Recht.«
    »Mir ist, als hört' ich das dunkle Wort meiner Mutter von den Sternen
herüber.«
    »Und die Armen - die Reichen?«
    »Ach, nur Menschenrechte den Armen, sonst nützt es ihnen auch nicht, dass sie
Gott haben!«
    »Gebt uns Menschenrechte - gieb uns Menschenrechte, o Gott!«
    »Sollen wir sie uns selbst nehmen?«
    »Hebe Dich von mir, Versucher!«
 
                               VI. In der Fabrik
 »Laut läutet das Herz der Jungfrau!
 Mit ihres Gebetes rauschender Harfe
 Begrüsst sie den Aufgang der Liebe,
 Des grossgeaugten Sterns.«
                                                                      Karl Beck.
Kammerjunker von Aarens erschien graziöser und eleganter als je auf Schloss
Hohental. Vor einigen Tagen hatte ihn Elisabet abweisen lassen - er hoffte sie
heute mit ihren Eltern zu treffen und wollte sie durch unwiderstehliche
Liebenswürdigkeit dafür bestrafen, dass sie sich bei seinem letzten Besuche
unsichtbar gemacht, sie sollte dies bereuen.
    Die Gräfin Hohental hatte ihn empfangen, er war siegesbewusst eingetreten,
sie hiess einen Diener Elisabet rufen. Die Augen des Kammerjunkers leuchteten,
er tat einen Griff in die gebrannten Locken, kräuselte mit zwei Fingern den
Schnurrbart, warf einen verstohlnen Blick in den Spiegel und lehnte sich
selbstgefällig auf dem Sessel zurück. Da kamen Tritte - er wähnte schon
Elisabets seidnes Kleid rauschen zu hören - die Türe öffnete sich - er sprang
auf und warf sich in eine unnachahmliche Stellung - aber statt der Ersehnten
trat ein Diener ein und sagte:
    »Das gnädige Fräulein ist vor einer Viertelstunde ausgeritten. Sie hat den
Portier beauftragt, wenn nach ihr gefragt würde, da im Augenblick ihrer
Entfernung die gnädige Frau Gräfin wohl noch Mittagsruhe halte, zu sagen, sie
sei nach der Fabrik geritten und werde vielleicht erst in ein paar Stunden
wiederkommen.«
    Aarens machte ein bestürztes und einfältiges Gesicht, er hatte bei dieser
Enttäuschung alle Fassung verloren. Die Gräfin rang mühsam danach, die ihrige zu
erhalten.
    »Ist meine Tochter allein ausgeritten?« fragte sie.
    »Der Reitknecht hat sie begleitet - weiter war Niemand bei ihr.«
    »Es ist gut.«
    Der Diener war entlassen.
    »Liegt die Fabrik besonders schön, dass Ihre gnädige Fräulein Tochter dahin
Ausflüge macht, noch dazu einen Ausflug von einigen Stunden?«
    »Ich war niemals dort,« sagte die Gräfin ausweichend, »mir ist alles
Fabrikwesen zuwider, ich habe eine, glaub ich, angeborene Abneigung dagegen.«
    »Diese teile ich vollkommen. Sowohl der Lärm dieser Maschinen, wie die
Rohheit Aller, welche damit umgeben, ist das Abschreckendste, was ich kenne. Und
nun besonders dieser Herr Felchner! Man zeigte mir ihm neulich im Cursaal. Er
kam mit vier Pferden angefahren wie ein Fürst - und aus dem Staatswagen stieg
das kleine, zusammengedörrte Männchen, in dem schäbigsten grauen Anzuge, den man
sich denken kann. Sein Benehmen war auch von der grössten Unhöflichkeit, es war,
als sage er mit jedem Blick: ich bin hier der Erste, denn ich bin der Reichste.
Nein! Es gibt nichts Entsetzlichers, als diese Geldmenschen, diese
Industriekönige.«
    »Gewiss -« sagte die Gräfin und hätte das Tema gern auf einen andern
Gegenstand gelenkt, aber Aarens war einmal im Zuge und fuhr in gleichem Tone
fort:
    »Von seiner Tochter erzählt man die fabelhaftesten Dinge, ich selbst habe
sie noch nicht gesehen, es soll ein niedliches Kind sein, welches auch fürstlich
erzogen worden und erst seit Kurzem hier ist. Sie soll sich aus Ermangelung
anderer Anbeter die hübschesten Fabrikarbeiter zu ihrem Umgang wählen - nicht
etwa die Factoren, Buchhalter und Commis, die ihr vielleicht ebenbürtig sind,
sondern Menschen der ausgeworfensten Classe, die um den niedrigsten Tagelohn
arbeiten - in der Tat, das ist ein göttlicher Stoff zu einem Lustspiel - Seirbe
sollte ihn benutzen.«
    »Das ist ja unmöglich,« sagte die Gräfin, »ein Mädchen von so guter
Erziehung kann niemals so weit herabsteigen, und wenn sie auch von bürgerlichem
Herkommen und die Tochter eines gemeinen Vaters ist.«
    »Eben darin liegt der grösste Spas - der Vater ist in Verzweiflung über diese
Aufführung seiner Tochter und bewacht sie deshalb streng - aber sie weiss ihn zu
hintergehen. Wenn man nicht fürchten müsste, es wäre zu widerwärtig, müsste es
eigentlich interessant sein, dies Mädchen einmal zu sehn.«
    Die Gräfin litt während dieser Rede unbeschreiblich, sie wollte es nicht
zugestehen, dass dies Mädchen Elisabets Freundin sei, und war doch gewiss, dass
binnen Kurzem ein Zufall oder Elisabet selbst es dem Kammerjunker verraten
würde. Die Gräfin konnte Paulinen nicht übel wollen, sie konnte nicht glauben,
was Aarens von ihr erzählte, aber sie sah ungern die Freundschaft Elisabet's
mit diesem bürgerlichen Mädchen, welches die Tochter eines Mannes war, der ihr
wie der ärgste Feind ihres Hauses erschien. Aber sie wusste, dass in dieser Sache
ihren Vorstellungen Elisabet kein Gehör gab, und dafür hatte ihr ja nun eben
der gegenwärtige Augenblick einen Beweis geliefert. Der Umgang der Freundinnen
hatte ihr abgebrochen geschienen seit den Differenzen zwischen dem Grafen und
dem Fabrikanten - und jetzt wusste sie die Tochter auf dem Wege nach der Fabrik!
    Elisabet war noch keine Viertelstunde fort, wie sie dem Portier aufgetragen
hatte zu sagen, als man nach ihr schickte, sondern erst wenig Minuten. Sie war
schon entschlossen gewesen auszureiten, um Paulinen zu sehen, denn das Bedürfnis
nach freundschaftlicher Mitteilung liess sie nicht länger zögern - aber als sie
Aarens ankommen sah, liess sie sogleich ihr Pferd vorführen und entfernte sich.
Sie wusste selbst nicht warum, aber Aarens war ihr nicht nur langweilig, sondern
sogar widerlich und dies beinahe um so mehr, als ihre Eltern von ihm meist
Abend's sprachen und seine Gesellschaft gern hatten.
    Elisabet war der Fabrik schon ziemlich nahe, und die Ungeduld, ihr Ziel
bald zu erreichen, liess sie ihr Pferd zur Eile antreiben, als sie einen einsamen
Wanderer des Wegs kommen sah, sie erkannte ihn und liess plötzlich ihr Tier
langsamer gehn. Es war Jaromir. Er hatte sie längst erkannt, er stand still und
grüsste. Ein seelenvoller, inniger Blick, ein frohes Lächeln schöner
Ueberraschung begleiteten den üblichen Gruss. Aber er wagte nicht sie anzureden.
Sie warf ihm einen gleich frohen, innigen Gruss zu und ritt langsam vorüber. Nach
einer Weile kehrte er um und folgte ihr, das Auge fest auf die schöne Gestalt
der Reiterin gerichtet. Auf dem kleinen Hügel blieb er stehen, von dem aus man
die nahe tiefer liegende Fabrik übersehen konnte. Er sah, wie Elisabet ihr
Pferd vor dem Hauptgebäude anhielt, wie ein junges Mädchen heraustrat und der
Absteigenden um den Hals fiel, dann das schöne Tier, das sie hergetragen,
schmeichelnd mit der kleinen Hand klopfte. Er besann sich, dass dies dasselbe
Mädchen sei, mit welchem er hier Elisabet zuerst wiedergesehen, und welches ihm
Waldow als die Tochter des Fabrikanten bezeichnet hatte. So freute sich jetzt
Jaromir, als er in Elisabet eine neue ungewöhnliche Eigenschaft bei einem
Mädchen ihres Standes und ihrer Erziehung entdeckte, sie fröhnte also keinem
Vorurteil, nach welchen: sie ihr Vertrauen abmass, wie es das Herkommen wollte!
    Es war gerade vier Uhr und die Glocke läutete zu der Feierstunde des
sogenannten Halbabend. Die Arbeiter ergingen sich im Freien. Es fiel Jaromir
ein, dass er zu ihnen hinabgehen wolle, ob man ihm vielleicht eine oder die
andere interessante Maschine zeigen, ob er vielleicht eine oder die andere Notiz
von Wichtigkeit über industrielle Einrichtungen und Erfindungen erhalten könne.
Er ging also hinunter und auf die vier ersten Arbeiter zu, welche ihm
begegneten. Es war Franz neben August; Wilhelm neben Anton.
    August stiess Franz an und sagte: »Sieh einmal, das ist ein schönes Herrchen
- wer weiss, am Ende ein Freier für unser Mamsellchen.«
    Franz warf einen prüfenden Blick auf Jaromir und sagte ernst: »Ja, er hat
Etwas in seinem Gang und seinem Gesicht, was die andern vornehmen Leute nicht
haben - er sieht vornehmer aus als sie Alle - aber das macht bei ihm nicht nur
der Anzug - es ist, als käm' es von innen heraus, als hab' er einen vornehmen
Geist.«
    »Ich möchte wohl wissen, wie unser eins aussähe in solch' feinem Rock,«
meinte August, »ich glaube närrisch genug, und doch, wenn wir Geld hätten,
könnten wir uns eben so anziehen, und wenn wir nicht zu arbeiten brauchten und
den ganzen Tag faullenzen könnten, hätten wir auch solche Hände - sieh' einmal,
die sind so weiss, wie sie bei uns kein Mädchen hat, nur etwa Mamsell
Paulinchen.«
    Der so Gemusterte trat jetzt zu den Arbeitern und sagte leicht:
    »Guten Tag, meine Herren.«
    Er hatte sich diese Redensart einmal angewöhnt, seitdem das Jahr 1830 nicht
mehr hatte dulden wollen, dass der Aristokrat den Bürger anders als Herr anrede,
und da er recht wohl fühlte, wie ein Duzend Jahre später mit der Zahl der Jahre
auch die Zahl der Fordernden sich ins Ungeheure vermehren musste, so dehnte er
seine Redensart »meine Herren« von den Bürgern auch gern auf die Proletarier
aus, und in dieser unwillkürlichen Gewöhnung lag ein viel tieferer Sinn, als er
selbst sich träumen liess. Er sagte also:
    »Guten Tag, meine Herren.«
    Über die Gesichter der so Begrüssten zog es wie ein augenblicklicher
Sonnenschein, so erfreuen kann ein armseliges, gedankenlos hingesprochenes Wort.
Aber Wilhelms Gesicht verfinsterte sich noch schneller, als eine schwarze
Gewitterwolke einen Sonnenblick vernichtet, denn auch so verwunden kann ein
armseliges Wort, und indes die anderen höflich ihre schlechten Mützen abnahmen,
antwortete er düster:
    »Wir sind keine Herren, wir sind arme Arbeiter.«
    »Sind Sie ihrer viele hier?« fragte Jaromir.
    »Ein paar Hundert«, antwortete Anton und spitzte die Ohren, »Weiber und
Kinder nicht gerechnet.«
    Eine Schar blasser, in Lumpen gehüllter Kinder hatte sich müde auf einen
sonnigen Platz gelegt, einzelne von ihnen kauten an harten Brotrinden, andere
warfen auf diese neidische Blicke. Jaromir warf einen mitleidigen Blick auf
diese armen Geschöpfe und sagte:
    »Diese Kleinen sehen sehr müde aus.«
    »Ist wohl ein Wunder!« versetzte Wilhelm bitter. »Sie müssen den ganzen Tag
beschwerliche Arbeiten verrichten so gut wie unsereiner, drum sind sie froh,
wenn sie ein paar Minuten in der Sonne ausruhen können.«
    »Den ganzen Tag? Gehen sie denn in keine Schule?« rief Jaromir verwundert.
    »Sonnabends nachmittags, wo wir um vier Uhr Feierabend haben« sagte August,
»brauchen sie gar nicht zu arbeiten, da kommt ein Lehrer aus der Stadt heraus,
ein abgedankter Unteroffizier, und prügelt sie, weil sie wieder vergessen haben,
was er ihnen vor acht Tagen vorher gesagt - das heisst, sie in die Schule
schicken.«
    Jaromir flüsterte für sich: »Mein Gott! Auch in Deutschland?«
    August fuhr fort: »Die Faktoren versichern uns, dass sie da genug lernen,
denn was sie für's Leben brauchen, lernen sie ja eben bei der Fabrikarbeit. Zu
lesen und zu schreiben braucht ein Mensch nicht, der es doch nie weiterbringen
kann, als bis zu einem armen Fabrikarbeiter.«
    Jaromir warf einige kleine Münzen unter die Kinder, welche mit tierischem
Geschrei deraüber herfielen, die Geldstücke einander wieder gegenseitig
wegzureissen suchten, sich darum prügelten und herumzerrten, es war ein trauriges
Schauspiel! Ein kleiner Knabe stellte sich schreiend vor Jaromir hin und
jammerte, indem er die leeren Hände zeigte:
    »Ich hatte ein grosses, rotes Stück, die Andern haben es mir wieder
weggerissen.«
    »Schäme Dich!« sagte Franz. »Du weisst, dass Du nicht betteln sollst.« Er fuhr
fort, während Jaromir noch ein kleines Geldstück für das Kind suchte. »Herr, nun
werden Sie gewiss sagen, dass die Fabrikkinder eine böse Brut sind - so ist's
auch, sie fluchen wie alte Sünder, sie führen hässliche Reden und machen sich
freche Spässe, sie betteln und stehlen, sie betrügen und balgen sich
untereinander - und wenn diese Kinder gross werden, so wachsen ihre Laster mit -
Herr! Sie haben Mitleid für diese Elenden, ich sehe es Ihnen an, sonst hätten
Sie sie auch nicht beschenkt - d'rum sag' ich's Ihnen: was können diese Kinder
dafür, dass man sie wild aufwachsen lässt und zu Verbrechern erzieht?«
    In diesem Augenblicke mahnte die heftig gezogene Glocke wieder zur Arbeit -
Alles lief wieder in die Fabrikgebäude. »Wir müssen an die Arbeit,« sagte Franz
zu Jaromir, der ihn staunend angesehen hatte, während er sprach, »wollten Sie
etwa zu Herrn Felchner - dort ist das Wohnhaus.«
    Jaromir folgte Franz, der mit den Andern schnell zur Arbeit laufen wollte.
Er sagte: »Ich möchte mich wohl ein Wenig umsehen und auch noch länger mit Ihnen
reden, kann ich Ihnen nicht folgen?«
    Franz schüttelte mit dem Kopf. »Das geht nicht, umsehen dürfen Sie sich
wohl, aber nicht gleich so mit einem Arbeiter hereingehen, und reden können wir
eben auch nicht viel bei der Arbeit, das würde übel vermerkt werden - dort kommt
gerade der junge Herr Felchner selbst, der kann Ihnen ja Alles am Besten
zeigen.«
    »Die Fabrikherrn beschreiben die Sachen wohl anders als die Arbeiter -«
sagte Jaromir, »doch ich danke für Ihre Gefälligkeit -« damit drückte er Franz
einen Taler in die Hand und wandte sich schnell nach Georg Felchner, welcher
unweit von ihm stehen geblieben war.
    »Ich danke, Herr,« sagte Franz, »das kommt in unsere gemeinschaftliche
Casse, und ich danke Ihnen im Namen aller meiner Kameraden.« Damit ging er
eilends, wohin ihn die Glocke rief.
    Jaromir wandte sich an Georg: »Mein Herr, ich bin fremd hier - es würde mir
interessant sein, wenn ich mich in dieser Fabrik umsehen dürfte - man hat mir
Sie als den Besitzer bezeichnet und ich frage deshalb bei Ihnen um Erlaubnis
an?«
    Georg sah gerade fast noch mürrischer als gewöhnlich aus, doch bemühte er
sich ziemlich höflich zu sagen: »Ich bin eben im Begriff, in dies Gebäude rechts
zu den neuen Dampfmaschinen zu gehen, welche wir kürzlich haben aus England
kommen lassen, wenn Sie mich begleiten wollen, so stehe ich gern zu Diensten,
Ihnen die Sache zu erklären. - Zwar Sie sprechen wohl auch Englisch?«
    »Allerdings.«
    »Nun dann können Sie es Sich auch von dem Engländer selbst erklären lassen,
welcher dort die Oberaufsicht hat und den wir uns mit den Maschinen zugleich
haben kommen lassen, er spricht nur ganz schlecht Deutsch, ausser mir und meiner
Schwester kann Niemand hier Englisch, und so macht er uns zuweilen viel zu
schaffen. Es entstehen immer Missverständnisse zwischen ihm und den Leuten, oder
diese lachen ihn gar aus.«
    »Es muss lästig sein, in einer solchen Fabrik einen Ausländer im Dienst zu
haben.«
    »Bah - wir sind froh, dass wir ihn haben.«
    In diesem Augenblick kam ein Factor auf Georg zu und sagte aufgebracht: »Der
alte Andreas kam wieder halb betrunken zur Arbeit und stiess wider eine Walze,
dass wir Mühe genug hatten, den grössten Schaden zu verhindern - ganz so ist es
aber nicht abgegangen.«
    »So soll man ihm, dem Andreas, am Lohn abziehen,« versetzte Georg ärgerlich.
    »Der Schaden ist grösser.«
    »Desto schlimmer - auf seine Kosten kommt man einmal bei diesem Volke
niemals, es soll nur eine Warnung sein, dass er sich ein ander Mal besser in Acht
nimmt.« Während der Factor sich entfernte, fuhr Georg fort: »Nichts als Aerger
und Unkosten bei diesem rohen Volke; das dann noch immer tut, als wären
schlechte Zeiten, diese Leute verdienen wahrhaftig ihr Geld mit Sünden.«
    Während dieser hingeworfenen Äusserungen waren sie in das Innere der Fabrik
getreten.
    Georg gab Jaromir in der Kürze die nötigsten Erläuterungen, die sich mehr
auf die Einrichtungen einzelner Maschinen im Besondern, als auf diese der Fabrik
im Allgemeinen bezogen. Jaromir schien zwar sehr aufmerksam zu sein, lieh diesen
Worten aber doch nur ein halbes Ohr; seine Blicke liess er öfter über die
jammervollen kleinen Gestalten und blöden Gesichter der Kinder gleiten, oder
über die mürrischen und tierischen Züge der ältern Fabrikarbeiter, oder über
die gemeinen und böswilligen Erscheinungen der Frauen; seine Gedanken aber
weilten noch in ganz anderem Kreise. Elisabet war bei Georgs Schwester - er war
ihr so nahe und sollte sie nicht sehen - sie hatten denselben Weg zurückzulegen
- und er sollte sie allein lassen?
    Er sagte jetzt zu Georg: »Sie haben Sich so bereitwillig für einen Fremden
bemüht, nehmen Sie dafür meinen verbindlichsten Dank, und wenn Sie einmal den
Namen Jaromir Szarinh hören, so erinnern Sie Sich meiner.«
    Georg machte eine stumme Verbeugung und sagte dann: »Sie sind wohl ein Gast
der neuen Wasserheilanstalt?«
    »Allerdings; die romantische Umgebung hat mich einige Zeit hierher in die
freie Natur gelockt.«
    »Da haben Sie aber einen weiten Weg gemacht, Sie werden das bei der Rückkehr
empfinden, wenn Sie nicht erst eine Weile bei uns ausruhen wollen.«
    »Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie mir dies erlauben wollen, allein
ich muss fürchten, Sie in Ihren Geschäften zu stören.«
    »Erlauben Sie mir, Sie in das Wohnhaus zu begleiten, und entschuldigen Sie
dann, wenn ich Sie wieder auf einige Augenblicke verlasse.«
    Man trat in das Haus. »Wo ist mein Vater?« fragte Georg eine Magd, die in
der Hausflur beschäftigt war.
    Sie antwortete: »Er hat sich in das Comptoir mit zwei Rechnungsführern
eingeschlossen und mir den Auftrag gegeben, Jedermann zu sagen, er sei nicht zu
Hause, kein Mensch dürfe ihn vor dem Abend stören.«
    »Sie entschuldigen,« sagte Georg zu dem Grafen, ohne durch die allzunaive
Antwort der Magd im Mindesten in Verlegenheit gesetzt zu werden, »das ist so
Brauch in unserm Geschäftsleben, es lässt uns wenig Zeit für andre, Dinge und für
andre Menschen.« Dann fragte er die Magd wieder: »Ist meine Schwester in ihrem
Zimmer oder unten?«
    »Sie wird Besuch haben,« antwortete die Magd, »und sagte mir, ich solle sie
nicht unnötiger Weise rufen.«
    Jaromir lachte, diese Art und Weise Jemand zu empfangen, der einen Besuch
machen will, kam ihm sehr spashaft vor, Georg aber fuhr hitzig auf: »So werde
ich wohl selbst Pauline fragen müssen, ob es ihr gefallen wird, meine
Anordnungen für nötig oder unnötig zu halten.«
    Kaum hatte er dies ganz ausgesprochen, als Pauline an Elisabets Arm die
Treppe herab kam. Die Mädchen waren im Begriff, in die Gartenlaube zu gehen. Man
ward einander vorgestellt, und ging dann gemeinschaftlich in den Garten und nahm
da in der Laube Platz. Nach wenig Augenblicken entfernte sich Georg.
    Elisabet und Pauline erzählten Jaromir wechselsweise, wie sie zusammen
erzogen und Freundinnen geworden wären und sich nun unbeschreiblich glücklich
fühlten, gerade in dieser Einsamkeit einander so nahe zu sein. Jaromir hörte mit
Vergnügen zu und warf manchen innigen Blick auf Elisabets leuchtende Augen.
    Eine glückliche Stunde zog sich über die drei Menschen hin, eine Stunde, die
nach ihren besten Momenten sich nicht beschreiben, sondern nur fühlen lässt. Ein
Sommerabend still und heiter, an dem die Heimchen flüsternde Weisen unter
wallenden Grashalmen zirpen, wo die Abendblumen ihre geheimnisvollen
Blütenkelche scheu und vorsichtig öffnen, Düfte wunderbar aushauchen, grosse
goldne Augensterne allmälig aufschlagend, wo Schmetterlinge darüber hinziehen,
in mystischen Kreisen von Blüte zu Blüte tanzend. Und wieder über den
Schmetterlingen empor schwingen sich freudetrunkene Lerchen, schmettern ihre
Lieder hoch in die Lüfte, lassen ihre lieblichen Töne wieder leise fallen und
wieder klingen zu den lauschenden Feldern und Gärten. - Da ist es, als richteten
sich alle Halme auf und lauschten, als fragten alle Blumen mit emporgeschlagenen
Augen zum Himmel auf, woher die wunderreichen Lieder tönten - und auch das
weichgewordene Menschengemüt lauscht empor und wird wonnetrunken und still -
und doch ist nichts Aeusserliches geschehen, nichts Neues, nichts Unerlebtes.
    So war es auch jetzt den drei Menschen in der Laube. Pauline fühlte sich
froh und verstanden, deshalb zufrieden und heimisch, zum ersten Mal so recht
heimisch in der Heimat, in der sie hinter lauter bekannten Gesichtern lauter
fremde Seelen finden musste. Jaromir und Elisabet waren glücklich, ein ganzer
Frühling blühte und sang in ihren Herzen und eine lachende Sonne strahlte
wärmend darein. Ihre Worte waren aber nicht anders als das Heimchenzirpen, das
Duften und Blühen der Abendblumen, das farbige Spielen der Schmetterlinge, das
Singen der Vögel rings um sie - nicht ausserordentlicher, nicht neuer, nicht
unerlebter. So wie diese Heimchen, Blumen, Schmetterlinge, Vögel schon an
Tausend Abenden zu gleicher Naturfeier sich vereinigt, so wie es die drei
Menschen schon oft selbst mit angesehen und erlebt hatten, so waren sie auch
jetzt sich bewusst, noch niemals eine stillglücklichere Stunde verlebt zu haben,
als diese, und doch war ihre Unterhaltung einfach und konnte alltäglich klingen
und verriet Nichts von der Herzen tiefinnerster Bewegung, ausser, dass zuweilen
das Feuer poetischer Beredtsamkeit von Jaromir's Lippen flammte, dass seine Worte
den Klängen der Lerche selber glichen, welche sich in das obere Himmelblau
stürzte, indem die scheidende Sonne noch ihre Flügel vergoldete.
    Es fiel Elisabet schwer, an den Aufbruch zu denken; - Jaromir blieb so
lange unter dem Vorwande, dass er Georgs Rückkunft erwarten wolle; aber als jetzt
Elisabet aufstand, von dem hereindämmernden Abend erinnert, fragte er doch: Ob
er sie begleiten dürfe?
    »Mein Pferd habe ich weggeschickt,« sagte sie, »weil ich den kleinen Rückweg
zu Fuss machen wollte, und da ich noch am Tage zurückzukommen dachte und ein
nachfolgender Diener mir lästig ist, hab' ich auch diesen nicht bestellt, wollte
vielmehr um Paulinens Begleitung bis an den Park bitten - in unserm Park geh'
ich ja doch allabendlich allein.«
    »Nun,« sagte Pauline, »so brechen wir zusammen auf.«
    Die Mädchen baten nun Jaromir, zu warten, bis sie ihre Hüte und Hüllen aus
dem oberen Zimmer geholt, und entfernten sich deshalb. So eben ward Feierabend
geläutet. Jaromir trat aus dem Garten auf den freien Platz vor dem Hause.
    Wilhelm und Anton kamen vorüber, sie stiessen einander an, wie sie ihn gewahr
wurden, und Anton sagte: »Er ist immer noch da und treibt sich hier ganz allein
herum. Glaubst Du nicht, dass das Etwas zu bedeuten hat? Und wer es wüsste, ob
Gutes oder Schlimmes?«
    »Nun, was könnte denn noch Schlimmes kommen? Anton, ich hoffe jetzt: Es
gibt Leute, welche sich unsers Elendes erbarmen wollen, welche es gut mit uns
meinen; gelehrte Leute, welche schreiben und was Rechtes gelernt haben, die
sagen es gerade heraus, dass man uns Unrecht tut, und solche Leute müssen jetzt
in unsrer Nähe sein - ich weiss es gewiss - wer weiss, ob er nicht Einer von ihnen
ist - er schien doch freundlich zu sein.«
    »Und nun ist er noch immer hier,« sagte Anton, »am Ende hat er den
Feierabend abgewartet, um noch mit uns zu sprechen.«
    In diesem Augenblick kamen Pauline und Elisabet aus dem Haus und Jaromir
ging mit freundlicher Anrede auf sie zu.
    Die Arbeiter entfernten sich kopfschüttelnd, zusammen murmelnd.
    In heitrer Unterhaltung wie vorher war die Stelle am Eingang des Parkes bald
erreicht, an welcher Pauline von Jaromir und Elisabet scheiden wollte. Die
Freundinnen hielten sich eben umschlungen, als ein Wagen vorüber fuhr. Es war
ein leichter zurückgeschlagener Phaeton, ein einzelner Herr sass darin - man
würde weder ihn noch seine Lorgnette bemerkt haben, wenn er nicht ein hämisches:
»Guten Abend -« aus dem Wagen der Gruppe zugerufen hätte.
    Es war Kammerjunker von Aarens, welcher mit diesem Gruss, und indem er
langsamer als erst vorüber fuhr, die Erkannten niederzuschmettern glaubte. Aber
sowohl Elisabet als Jaromir dankten unbefangen in gewohnter Art und Weise.
    »Wer war denn die Dame, welche jetzt das Paar allein lässt?« fragte Aarens
auf Paulinen deutend, welche den Rückweg antrat, seinen Kutscher.
    »Die Tochter des Fabrikanten Felchner?« antwortete dieser.
    »Was - Kerl, ist das wahr?« rief Aarens ausser sich.
    »Bestimmt, ich kenne sie genau -« versetzte der Kutscher.
    Aarens schlug ein Gelächter auf und rief ein Mal über das andere: »Das ist
göttlich, himmlisch - unvergleichlich!«
    Unterdess ging Jaromir an Elisabets Seite dem Schloss zu.
    Sie sprachen Wenig - ihre Herzen schlugen zu laut und doch auch zu
befriedigt, als dass sie hätten sprechen können. Sie gingen langsam, aber das
Schlosstor war bald erreicht, an dem sie sich trennten.
    Wie sie einander guten Abend boten, fragte er nun leise, ob sie morgen
Nachmittag zu Hause sei, und sie antwortete ein freudiges, leises: »Ja.«
    Später traf Anton wieder mit Franz zusammen. »Was nur der fremde Herr so
lang in der Fabrik wollte?« fragte er.
    »Ich glaube wohl, dass Du in Allen Spione siehst, seitdem Du mit einem
Stiefel zusammen gewesen.«
    »Höre,« sagte Anton, »hat Dich das Mährchen auch angesteckt, Stiefel soll
hier sein? Der, den August dafür hält, hat dunkle Haare und keinen Bart - und
Stiefel hat rotes Haar und langen Bart um's ganze Kinn.«
    Später gefragt, musste August dies selbst zugeben, man lachte ihn aus und
ermahnte ihn, ein anderes Mal besser Acht zu geben - Stiefel werde nicht wagen,
je wieder in ihre Nähe zu kommen, versicherte Anton.
 
                                 VII. Die Zwei
 »Denkt Euch der Herren Wandergang,
 Voran des Bettlers Kleid als Fahne!«
                                                                 Alfred Meissner.
Es war Abend. Die Geheimrätin von Vordenbrücken hatte mit dem jüngern Waldow
ein empfindsames Stelldichein in irgend einem romantischen Bosquet, ihr Gatte
sass allein zu Hause und dachte zum tausendsten Mal darüber nach, wie schlimm es
sei, eine schöne Frau mit einer reichen Mitgift zu haben. Eine Frau, welche
jedem eifersüchtigen Vorwurf des Gatten sogleich den andern entgegen setzen
konnte, recht wohl zu wissen, dass er mehr um ihre Staatspapiere, als um ihr Herz
geworben habe, eine Gattin, welche es immer geltend zu machen wusste, dass ohne
ihren Reichtum ihr Gatte eine unbedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen
würde, und dass er deshalb sie niemals in der glänzendsten Ausstattung derjenigen
Rolle beschränke, welche sie selbst sich einmal vorgenommen, zu behaupten. So
musste er alle ihre Launen dulden, sie überall hin in die grosse Welt begleiten,
wo er selbst sich und Andere langweilend eine erbärmliche Figur spielte, musste
ihre Liebhaber als Hausfreunde verbindlich willkommen heissen, und jetzt hatte
sie es gar dahin gebracht, ihm durch seine Aerzte zu beweisen, dass der Gebrauch
einer Wassercur in einer entfernten Wasserheilanstalt für seine Gesundheit ganz
unerlässlich sei. Er hatte vergebens versichert, dass er sich ganz wohl fühle und
einen ordentlichen Abscheu gegen alles Wassertrinken habe - gerade deshalb fand
man die Wassercur für ihn um so unabweisslicher notwendig. Die zärtliche Gattin
versicherte, dass sie sich ewig Vorwürfe machen würde, wenn sie zugebe, dass der
Gemahl die Pflege seiner Gesundheit in gleicher Weise vernachlässige wie bisher
- dass sie darauf bestehen müsse, dass er ärztlichem Ausspruche sich füge, und dass
sie ihn selbst begleiten werde, um den gewissenhaften Gebrauch des Bades selbst
zu überwachen. Frau von Vordenbrücken gehörte mit zu den durch die Journale
Mystifizirten; sie hatte gelesen, dass jetzt die Wasserheilanstalt zu Hohenheim
der fashionableste Kurord Deutschlands sei - so durfte sie dort nicht fehlen.
Die Kur selbst zu brauchen, fand sie langweilig und bürdete sie deshalb ihrem
Gatten auf. Da dieselbe sehr viel Zeit erforderte und die Abendluft dabei
gemieden werden musste, konnte sie um so mehr ohne seine stäte Nähe und
Begleitung ihren Vergnügungen ungehemmt nachgehen.
    Als jetzt der Geheimrat sich in diese unerquicklichen Betrachtungen seines
ehelichen Lebens versenkte, hörte er ein bedächtiges und zugleich eiliges
Klopfen an der Türe. Auch ein Türklopfen kann voll tiefster Charakteristik
sein - das jetzt gehörte war es: es war das Klopfen eines Menschen, welcher in
allen Dingen sehr vorsichtig zu Werke geht und doch zugleich immer sehr pressirt
ist.
    Der Geheimrat rief laut: »Herein!« erfreut eine Unterbrechung seines
Gedankenkreises zu finden, und schritt schnell der Türe zu, um zu öffnen.
    Ein langer dürrer Mann mit einer ausgesucht maliziösen Miene trat ein.
    »Guten Abend, mein lieber Doctor Schuhmacher!« rief der Geheimrat. »Ihr
Besuch freut mich ausserordentlich - ich hätte Sie längst schon gebeten, mir
denselben öfter zu gönnen - allein Sie schienen mir immer mit so viel wichtigen
Dingen beschäftigt, so pressirt, dass -«
    »Wirklich schien ich das?« unterbrach Schuhmacher und machte dabei ein
bestürztes und ziemlich albernes Gesicht. »So hätte ich dies Mal meine Rolle
wirklich schlecht gespielt?«
    »Ihre Rolle? Ich verstehe Sie nicht recht - aber nehmen wir Platz. Sie
werden mir doch heute Ihre Gesellschaft nicht sogleich entziehen?«
    Schuhmacher setzte sich. »Wenn wir ungestört sind,« sagte er; »mich führt
allerdings eine Angelegenheit von grösster Wichtigkeit zu Ihnen. - Aber
vielleicht ist in Ihrem Nebenzimmer Gesellschaft - oder Ihre Frau Gemahlin - -?«
    »Ich bin vollkommen einsam - es ist dies nicht das Local dazu, viel
Gesellschaft zu empfangen, und was meine Frau betrifft, so ist sie ausgegangen,
und ich denke, sie wird noch lange nicht wiederkommen -« der geduldige Ehemann
konnte dabei doch einen leisen Seufzer nicht unterdrücken.
    »Nun so bin ich zur guten Stunde gekommen,« sagte Schuhmacher geheimnisvoll,
»denn die Unterredung, welche ich mit Ihnen haben werde, wird allerdings keine
Zeugen dulden - - es ist doch Niemand von Ihren Dienstboten im Vorsaal oder
nebenan? Sie erlauben, dass ich nachsehe und die Türen verschliesse.«
    Der Geheimrat versicherte wiederholt, dass Niemand in der Nähe sei,
Schuhmacher untersuchte aber doch zu bessrer Vorsicht alle Türen, verschloss
dann die äussere, setzte sich und begann:
    »Dass ich mich hier befinde, geschieht nicht etwa, um die Mode mitzumachen,
oder diese lächerliche Cur zu brauchen.«
    Der Geheimrat biss sich in die Lippen - Schuhmacher stellte sich, als ob er
das nicht bemerke und fuhr fort:
    »Ich bin von Amtswegen hier, und Nichts konnte mir bei der wichtigen
Angelegenheit, welcher ich mich schon seit längerer Zeit unterzogen habe, mehr
zu Statten kommen, als dass in dieser Gegend, welche der geheime Schauplatz
staatsgefährlicher Bewegungen ist.«
    Der Geheimrat schrak auf: - »Staatsgefährliche Bewegungen! Hier! In der
Tat, ich erstaune! Wie sollte hier der Sitz einer staatsgefährlichen Bewegung
sein, wo es weder eine Universität, Akademie, noch irgend ein Institut gibt, in
dessen Schoose sie keimen oder sich verkriechen könnte? Staatsgefährliche
Bewegung hier, wo es keine gefährlichen Menschen gibt - weder Advocaten, noch
Künstler, Literaten und andere unnütze Subjekte, aus deren rebellischen Köpfen
demagogische Pläne kommen könnten - hier!«
    »O, mein teurer Freund, Sie misskennen die Zeit, Sie stellen sich auf den
Standpunkt, welchen wir vor dreissig oder auch vor zehn Jahren einnahmen. Jetzt
gilt es ja gar nicht mehr, vor den Burschenschäftlern mit ihren
schwarz-rot-goldnen Tiraden auf der Hut zu sein, auch haben wir nicht den
schäumenden Julirausch zu fürchten, welcher achtzehnhundertunddreissig auf ein
Mal aus den Bürgern ganz aparte Menschen machen wollte - nein, vor diesen Dingen
fürchten wir uns nicht mehr. Die Deutschtümelei ist, wie Sie wissen, vollkommen
erlaubt, denn die Majestäten sprechen ja selbst von einem einigen Deutschland
und die Toaste auf dieses sind vollkommen offiziell. Auch die Julimänner machen
uns Nichts mehr zu schaffen, es ist ihnen ja unbenommen, in den Ständesälen
schöne Reden zu halten und einander Adressen zu schicken. Dass dies Alles ohne
weiteren Erfolg bleibt, wird uns ergebenen Dienern der Regierung und der Polizei
ein Leichtes zu bewerkstelligen - aber hier haben wir es mit einem ungleich
gefährlicheren Feinde zu tun - und deshalb - um meinen Satz von vorhin zu
beenden, konnte mir Nichts erwünschter kommen, als die Anlegung dieser
Wasserheilanstalt. Sie gab mir Gelegenheit, hier einen längern Aufentalt zu
nehmen, ohne mich irgend Jemand verdächtig zu machen, ohne den wichtigen Zweck
meines Hierseins irgend wem zu verraten.«
    »Ich begreife jetzt immer noch nicht klar, wo Sie hinaus wollen - denn die
Nachricht von den Unruhen der Eisenbahnarbeiter ist doch zu neu, bedarf noch der
Bestätigung.«
    Schuhmacher fiel dem Geheimrat in's Wort: »Unruhen, Eisenbahnarbeiter - was
wollen Sie damit?«
    »Also ist es nicht gegründet?« fragte der Andere gelassen. »Dass Sie es
hätten lange vorausahnen können, schien mir mindestens unglaublich.«
    »Ich bitte Sie um Gottes willen,« rief Schuhmacher ausser sich, »was wollen
Sie mit den Eisenbahnarbeitern? Was wissen Sie?«
    »Sie wissen also Nichts?«
    »Foltern Sie mich nicht länger, reden Sie heraus.«
    »Nun, da Sie es nicht wissen, ist es gewiss nur ein leeres Gerücht - meine
Wirtsleute erzählten mir, die Arbeiter an der nächsten Bahn - Sie wissen, man
arbeitet jetzt ungefähr sieben Stunden von hier - hätten ihre Arbeit
eingestellt, um einen höhern Lohn zu erzwingen.«
    »Das wäre ja entsetzlich! Und wenn soll das geschehen sein?«
    »Ich glaube erst heute.«
    »Sonst hätt' ich es wissen müssen - ich muss sogleich mit Ihren Wirtsleuten
sprechen, die Geschichte von ihnen selbst hören. - Waren sie dort?«
    »Ich glaube, Ihr Sohn arbeitet dabei und ist eben zurückgekommen, um sich so
aus der Schlinge zu ziehen.«
    »Teuerster Freund! Erweisen Sie mir vor allen Dingen die Gefälligkeit,
lassen Sie diesen Menschen unter irgend einem Vorwand zu sich kommen, fragen Sie
ihn geschickt aus und erlauben Sie mir, im Nebenzimmer Ihr Gespräch mit
anzuhören, es wird dies ungleich zweckmässiger sein, als wenn ich sogleich selbst
mit ihm rede.« Schuhmacher rannte aufgeregt, bestürzt und nachsinnend zugleich
in der Stube hin und her. Der Geheimrat mass ebenfalls das Zimmer, aber mit
langsamen, abgemessenen Schritten. - Beide waren nachdenklich, jeder in seiner
Sphäre und seiner Weise.
    Der Geheimrat trat an's Fenster - drunten im Hof war sein Diener
beschäftigt, Stiefeln zu putzen und schäkerte dabei mit einer muntern
Bauerdirne, welcher er drohte, mit der Bürste voll Schuhwichse über ihr
flachsblondes Haar zu fahren, wenn sie sich noch länger gegen einen Kuss sträube.
In diesem allerliebsten Kriege war er eben nahe daran, Sieger zu werden, als der
Ruf seines Herrn vom Fenster herab diesem ein unerwartetes Ende machte.
    »Was steht zu Befehl?« schrie der Diener, mühsam seine üble Laune
verbergend, als Antwort hinauf, während die Dirne kichernd und verschämt in den
Kuhstall eilte.
    »Ist unten der Sohn der Wirtin zu Hause, der vorhin angekommen ist?«
    »Gnädiger Herr, ich werde zu Dero Befehl erst nachsehen,« war die
umständliche Antwort.
    »Was gibts?« rief mit Stentorstimme ein kleiner stämmiger Bursche aus dem
Hause heraus - es war derselbe, von dem die Rede war, der Eisenbahnarbeiter
Adam, welcher das Frag- und Antwortstück von Herr und Diener mit angehört hatte
und jetzt heraustrat.
    »Wollten Sie wohl einmal zu mir heraufkommen,« rief der Geheimrat dem
Burschen zu, »ich wünschte mit Ihnen zu sprechen.«
    Der Bursche nahm ehrerbietig die Mütze ab und sagte höflich aber mit grober
Stimme: »Ich komm gleich.«
    Schuhmacher gab dem Geheimrat die Hand. »Die Regierung wird es Ihnen Dank
wissen, wenn Sie auch dieser Angelegenheit sich annehmen!« sagte er feierlich.
»Fragen Sie den Menschen geschickt aus - ich gehe in das Nebenzimmer,« und damit
huschte er schnell zur Türe hinaus, als er bereits schwerfällige Tritte auf der
Treppe hörte.
    Adam trat ein und drehte stumm die Mütze in der Hand.
    »Man hat mir gesagt,« begann der Geheimrat, »dass Sie Arbeiter bei der
Eisenbahn sind?«
    »Ja,« war die kurze Antwort.
    »Ist es wahr, dass die Leute dabei heute ihre Arbeit eingestellt haben?«
    »Sie hatten's im Willen.«
    »Sie wollten nur und es ist nicht geschehen?«
    »Das weiss ich nicht so genau.«
    »Guter Freund, antworten Sie mir ordentlich und ohne Scheu - es liegt mir
sehr Biel daran, über diese Sache Etwas zu erfahren - und es soll sein Schade
nicht sein, wenn ich Wahrheit zu hören bekomme.«
    »Der Herr haben wohl viel Actien dabei?«
    »Nein - keine einzige - ich habe einige Leute, welche ich für zuverlässige
und gute Arbeiter hielt, zur Arbeit bei dieser Bahn empfohlen, sie sind
angenommen worden und es sollte mir leid tun, wenn sie sich mit bei den
Unruhstiftern befänden, oder auch, wenn sie nicht mit zu diesen gehörten, aber
mit unter ihnen, unschuldig mit den Schuldigen leiden müssten. Erzählen Sie mir
also Alles aufrichtig und wie es kommt, dass Sie Sich heute hier befinden, da
doch weder Feiertag noch Sonntag ist?«
    »Ja sehen Sie,« sagte der Bursche treuherzig und durch die freundliche Art,
mit welcher der Geheimrat zu ihm sprach, zutraulich gemacht, »das ist ein
närrisches Ding - das Beil war mir auf den Arm gefallen, ich konnte nicht ohne
grosse Schmerzen arbeiten, da dacht' ich: es ist besser, Du gehst jetzt für krank
nach Hause - und so bin ich denn da. Feiertag steht heute freilich nicht im
Kalender - auf der Bahn wird aber wohl welcher gewesen sein.«
    »Wie so - die Leute mögen nicht mehr arbeiten? Ist denn der Lohn so gering?«
    »Nun, Viel setzt es freilich nicht, indessen, wir waren gerade nicht
unzufrieden, wir hier aus der Gegend wusstens nicht anders. Aber da sind viel
Ausländer unter uns, die hetzten uns auf und meinten, sie hätten bei andern
Bahnen viel mehr gehabt. Nun wollten wir die und jene Erleichterung haben - wir
kamen deshalb ein; Alles in Ordnung und Friede. Darauf hiess es, unsere Sache
wäre verschickt und wir bekämen gewiss bald Erleichterung und manchen Vorteil.
Ein paar Wochen vergingen - auf einmal hiess es: nun käme die Erleichterung -
nein und wissen Sie, was das war?«
    »Nun?«
    »Es ist zu närrisch! Man machte uns bekannt, dass, wenn wir an unsre
Angehörigen Briefe mit Geld schicken wollten, wir kein Porto zu bezahlen
brauchten. Nun da schlag Einer ein Rad! Könnten wir so Viel Geld verdienen, dass
wir welches wegschicken könnten, so würde gewiss Keiner klagen und das Porto
würden wir da vielleicht auch noch zusammen bringen können.«
    »Nun - und Ihr waret also damit nicht zufrieden?«
    »Gnädiger Herr, wir, die wir vorher nicht gerade unzufrieden gewesen waren,
wir lachten nur über so eine Verordnung und liessen es gut sein - die Andern aber
murrten und sagten, sie liessen es nicht gut sein - - Da wird aber einem
ehrlichen, ruheliebenden Kerle, wie ich nicht wohl bei solchen Gesichtern, bei
solchem tückischen Treiben. - Wie mir nun der Arm jetzt weh tat, nahm ich's für
ein Zeichen, 's sei wohl das Beste, jetzt wegzugehen. Nun calculirt' ich: Keiner
von uns soll arbeiten, bis man ihm höhern Lohn verspricht - gut! Verspricht man
den höhern Lohn und geht Alles vergnügt und lustig an die stehen gelassene
Arbeit, so geh' auch ich vergnügt und lustig mit daran - läuft es aber schlecht
ab - zwingt man uns, wieder wie erst um denselben Tagelohn zu arbeiten, hetzt'
uns wohl gar mit Soldaten dazu und bestraft die, die es erst anders gewollt
haben - muss man's wohl auch gut heissen, denn wer die Macht hat, hat das Recht,
und das Recht muss wohl immer gut sein. - Dann, calculirt' ich, arbeit' ich auch
wieder mit, aber Niemand kann mir Etwas anhaben, denn ich bin gar nicht da
gewesen, sondern krank zu Hause wie der Teufel los ging.«
    »War also etwas Bestimmtes beschlossen?«
    »Weiter gar Nichts - als gestern, wie es von der Arbeit heim ging, sagt' es
Einer dem Andern: Bruder, morgen machen wir gleich früh Feierabend - keine Hand
rührt Etwas an - und wer doch an die Arbeit gehen will, dem soll's bald
vergehen, wir werden keine grossen Umstände mit ihm machen, er mag seine Knochen
wahren - so hiess es, und so sagte man weiter: wenn sie dann kommen und fragen,
was das heissen solle, dass wir Feiertag machten, so antworten wir, dass wir für so
geringen Lohn etwas Besseres tun könnten, als uns den ganzen Tag zu plagen;
wenn man uns nicht verspräche, uns täglich wenigstens einen Groschen zum Lohn
zuzulegen, so mögten die Herren Actionaire die Bahn mit eignen hohen Händen
fertig bauen - wir fragten dann den Geier danach. So würden sie schon klein
zugeben, hofften die Leute - - mir aber ward gar nicht wohl zu Mute und wie ich
schon sagte - da macht' ich mich in der Stille auf und ging heim - dass ich
fortgelaufen, kann kein Mensch sagen, denn ich habe dem Aufsher meinen gelähmten
Arm gezeigt und Urlaub genommen.«
    »Das ist eben so pfiffig gehandelt, als treuherzig gesprochen,« sagte der
Geheimrat - »eigentlich hätten Sie aber den Aufsässigen Gegenvorstellungen
machen sollen.«
    »Habe wohl - aber was nutzt das? Da schimpfen sie Einen gleich einen feigen
Lumpenhund, eine Schafnatur und was der Ehrentitelchen mehr sind, und was man
zum Frieden redet, das hilft nicht das Geringste. - Wer am Meisten schreit,
schimpft und flucht, der ist ihnen dann der rechte Mann, vor dem haben sie
Respect, auf den hören sie, den machen sie zum Führer - und sonst Keinen.«
    »Und das waren Ausländer oder -«
    »Herr!« fiel ihm Adam in's Wort und seine Stirn ward plötzlich zornrot -
aber eben so schnell, als er das eine Wort gesagt, brach er auch ab und schwieg
wieder. - Der Geheimrat hatte Recht; Adam war wirklich so pfiffig als
treuherzig; bei der letzten Frage erriet er plötzlich, dass man ihm zum Angeber
machen wollte, und dagegen empörte sich seine redliche, Deutsche Natur. Adam war
ein echter Typus Deutschen Charakters. Er war nicht gerade unzufrieden, aber da
man ihm gesagt hatte: er verdiene es eigentlich, bessere Arbeit zu haben, als
eben diese, so dachte er, ein höherer Lohn sei freilich mitzunehmen und eine
schöne Sache - aber er fürchtete sich, dazu einen entscheidenden Schritt zu
tun, ein Mal, weil er überhaupt träge zur Tat war und lieber geduldig wartete,
bis, wie ihm die Ausländer höhnend zuriefen: die gebratenen Tauben ihm einmal
aus der Luft in den Mund geflogen kämen; - und dann aus angestammter Liebe zu
Frieden und zur Ordnung, aus christlicher Ergebung in die einmal bestehenden
notwendigen Uebel, aus angeborner Unterwürfigkeit und treuem Gehorsam gegen
Vorgesetzte, aus Achtung einmal übernommener Pflichten. Dazu gesellte sich ihm
die Furcht der Erfahrung, dass eben, wer die Macht habe, immer Recht behalte, und
dass einige arme Arbeiter gegen diese Macht, welche sie beherrschte, nicht das
Geringste würden ausrichten können, weder im Guten, noch im Bösen. Desshalb also
mochte er nicht gemeinschaftliche Sache mit den Widersetzlichen machen und zog
sich deshalb mit guter Art ganz von dem Schauplatz zurück, auf welchem jene
wahrscheinlich ein elendes Trauerspiel aufführen würden; - und weil er sich
sagte, dass er darin ganz verständig und nach seinem besten Gewissen handle, so
war er unbefangen genug, dem fremden Geheimrat den wahren Sachverhalt zu sagen.
Als aber dieser nach den Führern zu fragen begann, begriff Adam plötzlich, dass
nun seine fernere harmlose Aufrichtigkeit hässliche Angeberei sein würde, dass man
ihm nun, weil er mit den Kameraden nur keine gemeinschaftliche Sache habe machen
mögen, zu deren heimlichen Feind machen wolle, und dass er vielleicht zu ihrem
Verderben beitrage, wenn er die Fragen, welche man nun ihm vorlegen möchte, eben
so offen und arglos beantworte wie die früheren. Gegen diesen Gedanken schon
empörte sich die Deutsche Ehrlichkeit und biedere Freundestreue so heftig in
seiner redlichen Brust, dass er den Geheimrat auf die erste verfängliche Frage
mit einem plötzlich herausgestossenen: »Herr!« förmlich anfuhr. Aber sich
sogleich im Innern unwillkürlich selbst zurechtweisend, dass eine solche
Heftigkeit wider den ihm doch eigentlich zur andern Natur gewordenen Respect
gegen vornehme Leute und Beamte sei und in dem Gefühle, dass Vorsicht zu allen
Dingen gut, fügte er dem aufgebrachten »Herr!« höflich hinzu:
    »Führer gab es eigentlich ja gar nicht, denn das Ganze war doch nur so ein
schnelles Vorhaben und keine lange vorher abgeredete Sache. Einer raunte es dem
Andern zu, wie ich schon gesagt: morgen arbeiten wir nicht und das war Alles.
Und wie ich sah, dass sie fest entschlossen waren und Gegenrede nur Drohungen
hervorrief, so macht' ich mich aus dem Staub.«
    »Und wie es nun wirklich abgelaufen, davon wissen Sie Nichts?«
    »Wie sollt' ich auch? Weil ich eben fort ging, ehe der Teufel los war -
gleich gestern Abend. Die Nacht blieb ich dann im nächsten Dorf und heute Mittag
bin ich vollends hierher gegangen.«
    Der Geheimrat ging aufgeregt im Zimmer hin und her, Adam wünschte je eher
je lieber von ihm loszukommen, und da er wohl merkte, dass, da Jenem so sehr Viel
daran zu liegen schien, über die Sache mehr zu wissen, er wohl noch manche Frage
würde beantworten sollen, wie er's vielleicht nicht ohne Verlegenheit konnte, so
kam ihm ein guter Gedanke, um fort zu kommen, und er sagte: »Heute ist gerade
der Tag, wo der Bote Martin von hier nach dem der Eisenbahn nächst gelegnen
Flecken geht und Abends wieder zurückkommt, von dem könnte man wohl Etwas
erfahren, ich will doch zusehen, wo er steckt, zurück kommt er immer um diese
Stunde und dann kann ich Ihnen wohl mehr erzählen.«
    Dies Mal kehrte sich das Verhältnis um; die Maus hatte die Katze gefangen.
Der Geheimrat ging glücklich in die Falle - er entliess nach diesem Vorschlag
Adam gern. Dieser wusste recht gut, dass Martin immer erst einige Stunden später
zurückzukommen pflegte - unterdess kam die Nacht und er selbst war des Verhörs
entoben.
    Schuhmacher trat nun wieder aus dem Nebenzimmer.
    »Was sagen Sie - Freund?« sagte der Geheimrat mit einer vielsagenden Miene.
    »Freund! Das ist ein furchtbares Complot! Gewiss ein sehr weit verzweigtes,
dem auf den Grund zu kommen wir Alles aufbieten müssen!« rief Schuhmacher.
    »Und Sie wussten davon Nichts?«
    »Davon?! Mein Gott im Himmel, nein! Das ist Alles ganz heimlich gekommen -
wie der Dieb in der Nacht!«
    »Und was führte Sie sonst zu mir? Und was liess Sie sonst von
staatsgefährlichen Bewegungen in unsrer Nähe sprechen? Von gefährlichen Feinden
der Regierung und der bestehenden Ordnung, die Sie mich wollten nicht unter
Studenten, Schriftstellern und Bürgern, sondern in den untersten Classen der
Gesellschaft kennen lehren - wenn Sie mich an die Eisenbahnarbeiter -«
    »Eisenbahnarbeiter, Eisenbahnarbeiter!« fiel ihm Schuhmacher hitzig in's
Wort. »Wer hat an Eisenbahnarbeiter gedacht! Durch diese Entdeckung tritt die
ganze Sache in ein neues Licht, in eine neue Phase! - Fabrikarbeiter - so hiess
meine Loosung und das haben Sie übersehen können! Und ich habe die
Eisenbahnarbeiter übersehen - - o, da sind ungeheuere Fehler geschehen - es ist
himmelschreiend -« und in hitziger Wut wie ein Mensch, der mindestens ein
verlorenes Königreich bejammert, rannte er in der Stube auf und nieder - endlich
warf er sich erschöpft in einen Lehnstuhl - atmete tief auf, fuhr sich mit dem
seidnen Schnupftuch über die Stirn, auf welcher grosse Schweisstropfen standen -
atmete tief auf - und hatte die verlorne Fassung wieder. - Gewohnt, sich immer
zu beherrschen, im Leben oft die verschiedensten Rollen durchzuführen, die
unähnlichsten Masken vorzunehmen, war es ihm eine ordentliche Wohltat, wenn er
sich einmal ohne Zeugen sah, vor welchen er nötig hatte, seinen innern
Bewegungen zwängende Hemmketten anzulegen - dann überliess er sich denselben
ganz, liess sie eine Weile toben, bis er dann nach diesem Aufruhr, sobald er
einmal den Entschluss fasste, wieder gefasst zu sein, gleichsam zu sich selbst
sagte: Nun ist's genug, und im Moment all' seine Ruhe wieder hatte.
    Mit dieser begann er jetzt: »Es sind die Arbeiter in Felchners Fabrik, auf
welche ich schon seit einem halben Jahr ein wachsames Auge geworfen habe. Einer
von ihnen, Franz Talheim genannt, hatte ein Buch geschrieben: Aus dem armen
Volk - Allen Menschenfreunden gewidmet. Dieses Buch war mir in die Hände
gefallen - es entielt die allerübertriebensten Schilderungen von der Not der
arbeitenden Classen. Ein Arbeiter derselben Fabrik hatte mir dies Buch gegeben.
Sie wundern sich, wie ich mit einem solchen Menschen zusammenkam? - Nun wohl, es
war schon längst von communistischen Verbindungen in Deutschland unter dem
Fabrikvolk die Rede gewesen - man hatte sie aber noch nie entdecken können - ich
hatte mich verbindlich gemacht, dass ich, wenn und wo solche existirten, sie auch
würde ausfindig zu machen vermögen. Aber ich wusste. wie ich es anzufangen hatte.
Ich begab mich hier in die nächste kleine Stadt - unter einem andern Namen - ich
nannte mich Stiefel - und mit einer falschen Haartour unkenntlicher gemacht,
begab ich mich in die Vierstuben und Schänken und suchte Verkehr mit diesen
Leuten, um ihre Stimmung zu erforschen. Endlich gelang es mir, einen der
Fabrikarbeiter bei Felchner mir ganz dienstbar zu machen. Von ihm hab ich immer
die gewissenhaftesten Berichte erhalten über das, was seine Kameraden vornahmen.
Nachdem ich ihn geworben, kehrte ich wieder in die Residenz zurück und
durchspähte andre Distrikte, wenn auch nicht mit gleichem Erfolg. Eines Tages
entdeckte ich, wie jener Franz Talheim einen Bruder als Gelehrten in der
Residenz habe, welcher sich plötzlich auf eine auffallende Weise von Weib und
Kind trennte und seine Stelle aufgab - Niemand wusste so eigentlich, weshalb? -
Dass er sich auch mit Schriftstellerei beschäftige, war längst bekannt - und
solche Menschen sind immer verdächtig. Ich erfuhr, dass er später, bevor er mit
einem jungen Grafen eine weite Reise angetreten, sich hier bei seinem Bruder
aufgehalten habe. Nach allen Erkundigungen, die ich einzog, erschien mir dieser
Mensch als ein Radicaler von der gefährlichsten Sorte. Verdacht häufte sich auf
Verdacht - ich stellte bei seiner Frau eine Haussuchung an. Sie wollte sich
widersetzen - denn sie mochte fürchten. Leider schien ihr Mann sehr vorsichtig
gewesen zu sein - er mochte alle Papiere, Korrespondenzen und Mannscripte, welche
gegen ihn zeugen konnten, mitgenommen haben. Aber aus einigen Stellen in den
Briefen, welche er an seine Frau geschrieben, wurden doch alle meine
Vermutungen bestätigt. Dieser Talheim reiste jedenfalls als ein
communistischer Missionair - er reiste nach der Schweiz, Belgien und Frankreich
- vermutlich, um sich dort am Heerde des Communismus neue Funken und
Feuerbrände zu holen, welche er in den unterirdisch ausgehäuften Zündstoff
werfen könnte. Aber welch' überraschende Entdeckung musste ich noch machen! Der
freimütige und berühmte Schriftsteller: Graf Jaromir von Szariny war ebenfalls
in Verbindung mit diesen Talheims! Ich fand Briefe von ihm aus früherer Zeit -
die Gattin wollte es zwar leugnen, dass diese Verbindung noch bestände - allein
wie fand ich es bestätigt, als ich diesen Szariny hier traf. Er hat sich hier
angesiedelt, um sich nun in unmittelbare Verbindung mit den Fabrikarbeitern zu
setzen. So eben berichtete man mir, dass er gestern den Mut gehabt, sich in der
ganzen Fabrik herumführen zu lassen, die Arbeiter aufzuhetzen, Geld unter sie,
besonders unter die Kinder zu verteilen, und - -«
    In diesem Augenblick hörte man das Rauschen eines Seidenkleides - die
Geheimrätin kam zurück. Die Unterhaltung unter vier Augen war abgebrochen.
    »Kommen Sie morgen früh zu mir, ich - oder viel mehr die Regierung bedarf
Ihrer Dienste,« sagte Schuhmacher zum Geheimrat, als er sich entfernte.
 
                              VIII. In der Schweiz
 »Horch wie die Reuss im Sturze in's Tal jetzt nieder klingt,
 Und wie ein Gemsenjäger von Fels zu Felsen springt;
 Sieh, wie der Vollmond drüben aufglüht so rot wie Blut
 Und lauf dem Gottard mälig erlischt die Opferglut.«
                                                                Anastasius Grün.
An demselben Abend, wo die Zwei die wichtige, für Beide nur zu schnell
abgebrochene Unterredung geführt hatten, arbeitete Schuhmacher noch bis tief in
die Nacht für das Wohl des Vaterlandes. Er ging noch ein Mal all' diese mühsamen
und erzwungenen Zusammenstellungen und Beziehungen durch, in welche er hungernde
Fabrikarbeiter mit einem ernsten, unglücklichen Privatgelehrten, der zwei
vornehme junge Leute auf Reisen begleitete, mit einem schwärmenden Dichter, dem
seine erste Liebe gelogen hatte und der eben jetzt willen- und ahnungslos eine
neue strahlendheisse Flamme in seinem Herzen aufglühen und von ihr sich leiten
liess, so glücklich gebracht hatte. Auf dieselbe geschickte Art hatte nun
Schuhmacher auch die ganze schlechte Presse und Tagesliteratur mit der Not
geistig und körperlich verkümmernder Kinder in eine harmonische Einheit gebracht
und nun war er damit beschäftigt, in dieses aus so verschiedenen Elementen
geordnete Ganze auch die widersetzlichen Eisenbahnarbeiter in passender Weise
einzureichen.
    Während seine an mühsamen Combinationen und geschickten Erfindungen so
schöpferische Seele über diesem Chaos ineinander geworfener Umstände finster
brütend lag, stand einer von Denen, in dessen Inneres er so gern einen
Spionenblick geworfen hätte, weit von ihm entfernt und sah dem Alpenglühen zu.
Und hätte Schuhmacher doch zu dieser Stunde in die klare hohe Seele dieses Edlen
blicken können - er würde dadurch beschämt vielleicht die eigne Erbärmlichkeit
gefühlt oder doch vielleicht einmal an die argwohnvergiftete Brust geschlagen
haben und von sich selbst beschämt worden sein. -
    Gustav Talheim, der Aelteste der drei Brüder, weilte in der Schweiz.
    Die Beiden jungen Leute, welche er begleitete, Karl von Waldow und Eduin von
Golzenau, hatten sich auf's Liebendste an ihn angeschlossen. Karl war ihm
sogleich mit heitrer Freundlichkeit entgegen gekommen. Er war das, was man einen
»guten Jungen« zu nennen pflegt. Er schloss sich leicht und schnell an Jedermann
an und pflegte allen augenblicklichen Eindrücken zu folgen. Er war leichtsinnig,
aber mit dem besten Herzen von der Welt. Sein Gemüt war ungleich
hervorstechender, als sein Geist. Immer gefällig, munter, aufgeregt liess er,
wenn er vielleicht auch nicht zu Uebereilungen zu verführen war, sich doch eben
so leicht zum Guten leiten - und so war es für ihn ein Glück, bei guten Anlagen
aber Mangel an Grundsätzen und jeder Art von Tiefe und Charakterfestigkeit der
ernstfreundlichen Leitung eines Menschen wie Talheim anvertraut worden zu sein,
der er sich dann auch mit kindlicher Hingabe überliess.
    Anders war es mit Eduin. Er hatte anfangs eine Vorurteil gegen den
aufgedrungenen Mentor, denn erglaubte mit achtzehn Jahren vollkommen mündig zu
sein, um seinen Weg durch die Welt allein und selbstständig zurücklegen zu
können. - Ein tiefer Ernst, ein hochfliegender und weitstrebender Geist waren
die Grundtypen seines über seine Jahre hinaus entwickelten Wesens. Meist
verschlossen, in sich gekehrt, ja abstossend, war er nicht der Mann, der Anfangs
auf Jemanden einen angenehmen Eindruck hätte machen können. dabei war er
wortkarg und hölzern, so jedoch, dass man nicht wusste, ob diese Eigenschaften
Folgen eines eitlen Dünkels oder knabenhafter Schüchternheit waren. Talheim war
Menschenkenner genug, um bald zu finden, wie ungleich mehr es lohne, nach der
Liebe und dem Vertrauen dieses schwerzugänglichen Herzens zu streben, als nach
dem Karls, dass sich jedem freundlich Entgegenkommenden sogleich fröhlich öffnete
und sonder Rückhalt anschloss. Lange Zeit sah er sich von Eduin nur mit kalter
Höflichkeit behandelt. Ein an sich unbedeutender Vorfall hatte aber Alles
geändert. Die drei Reisenden hatten einst einen Ausflug zu Pferd gemacht. Die
Dunkelheit hatte sie übereilt, als sie auf dem Rückweg waren, es brach eine
Gewitternacht herein mit kaum aufhörendem Blitzen und Wetterleuchten. Davor
scheute Karls Pferd, warf den Reiter ab und entfloh. Talheim war um den
Verwundeten beschäftigt. Eduin suchte das Pferd wieder zu fangen und bracht' es
triumphirend zurück. Nachher sagte Talheim: »Mir wär' es das schönste Geschäft,
im Stillen Wunden zu verbinden und Balsam aufzulegen - für Sie taugt es besser,
in's Weite zu jagen und widerspenstigen Trotz zu besiegen - so will ich die
Jugend - einst war ich auch so.«
    »Und es wird Zeit, dass ich anders werde?« antwortete Eduin kalt und höhnisch
fragend.
    »Nein - es wird höchstens Zeit, dass Sie Anderes als ein Ross bezwingen lernen
- denn das Wort ist so wahr als alt: Wem Viel gegeben, von dem wird Viel
gefordert werden -« versetzte Talheim.
    »Meinen Sie - dass ich lernen soll, mir selbst die Zügel überzuwerfen? - O,
der Mühe hat mich ja mein Vater überhoben,« sagte Eduin gereizt, »er hat mir ja
die Zügel selbst umgelegt und dann zur Leitung in geübte Hände gegeben.«
    Talheim nahm seine Hand und sah ihn fest an, indem er ruhig sagte: »Sie
wollen mich beleidigen - Womit hab' ich das verdient? Wenn ich noch ein Jüngling
wäre, würde ich mich in Ihre Arme werfen und sagen: Wir denken gleich in Allem -
lass' uns Brüder sein! Vor funfzehn Jahren würd' ich dies gekonnt haben - aber
ich weiss es wohl: das Alter muss vergebens betteln gehn um die Liebe der Jugend,
weil man in jeder Falte des Angesichtes die Linie eines strengen Richtmaasses zu
sehen wähnt - und doch! - Eduin, wären wir uns früher begegnet - wir hätten uns
einander ebenbürtig gefunden - nun trennt uns die Kluft der Jahre und wenn ich
über sie hinweg meine Arme nach Ihnen ausbreite, so stehen Sie argwöhnisch mir
gegenüber und bleiben fern -« eine grosse Träne war in sein Auge getreten - da
lag plötzlich Eduin zu seinen Füssen - erst jetzt verstand er die liebestarke
Seele dieses hohen Menschen.
    Eduin rief: »Vergeben Sie meinem Stolze - Ihre Freundschaft schien mir ein
unerreichbar hohes Gut - ich sagte mir Tausend Mal, dass es Knabentorheit sei,
darum zu werben - und im gleichen Maas, als ich Sie liebte, mogt' ich nicht von
Ihnen mich lenken lassen - ich wollte Ihnen gegenüber kein Kind sein, weil ich
danach strebte, von Ihnen geliebt zu werden.«
    Diese Stunde, als der liebgewordene Zögling endlich dieses stolze Geständnis
an Talheims Herzen ausweinte, war für diesen die schönste, welche er seit
langer Zeit empfunden.
    Und so hatte von da der stolze, schwärmerische Jüngling sich mit der
innigsten Zärtlichkeit an Talheims Herz gehängt, und oft forderte er in
jugendlichem Aufwallen edelster Gefühle das Schicksal heraus, ihm den Augenblick
zu schicken, wo er dem geliebten Freund beweisen könne, dass er bereit sei, für
ihn zu leben und zu sterben und Alles zu tun und zu dulden und hinzugeben, was
das Leben bieten und das Sterben erschweren könne.
    Monate waren seitdem schon vergangen. Jetzt weilten die Drei in der Schweiz.
Nun eben waren sie an dem Ort angekommen, wo sie die nächsten Briefe zu finden
erwarten konnten. Karl und Eduin empfingen Briefe aus den väterlichen Häusern
mit herzlichen Grüssen und fröhlichen Nachrichten von allseitigem Wohlergehen.
Auch für Talheim lagen zwei Briefe bereit, der eine von Amalien, der andere von
Bernhard, seinem Bruder. Er wunderte sich, dass ihm dieser geschrieben, denn der
Briefwechsel zwischen diesen beiden Brüdern war immer unbedeutend gewesen und
hatte sich nur auf einfache Notizen beschränkt, damit sie nur nicht ganz ausser
Verbindung kämen - aber hierher hatte er ihm ja nicht einmal seine Adresse
gegeben. Weil ihm dies Schreiben so befremdlich vorkam, so öffnete er dies
zuerst und warf einen hastigen Blick hinein - und wieder und wieder - und sah
schärfer hin, denn vor seinen Augen flimmerte es und die Buchstaben schwankten
alle unruhig auf dem Papier vor ihm hin und her - sie schienen alle zu
zerfallenden, morschen, schwarzen Kreuzen zu werden, die auf einem Kirchhof
schief untereinander stehen und im Mondlicht am Charfreitag, wo alle Gräber sich
erschrocken aufspalten, darauf ruhelos hin und wieder wanken, sich neigen und
beugen - und doch immer schwarze Kreuze bleiben, Kreuze auf einem Kirchhof - so
sagten auch ihm die Buchstaben immer dasselbe, obwohl er es ihnen nicht zugeben,
durchaus nicht glauben wollte - sie stellten sich doch immer wieder so vor ihm
zusammen, dass er lesen musste:
    »Dein Kind ist todt - Dein einziges Kind Deine Anna!«
    Er sass da in sich zusammengesunken - er wagte kaum zu atmen, am Wenigsten
zu denken.
    Mechanisch griff er nach dem andern Brief, der von seiner Gattin kam. Das
Datum, welches er trug, war ein um vier Wochen späteres. Bernhards Brief hatte
wahrscheinlich schon länger als jener hier gelegen.
    Er las. Nochmals fand er das Grässliche bestätigt.
    Amalie schrieb ihm:
    »Unser Kind ist todt. Ich hatte lange nicht die Kraft, Dir das Entsetzliche
zu schreiben - nun Du es bereits durch Bernhardt weisst, finde ich den Mut
eher.«
    Sie schilderte ihm herzzerreissend ihren Jammer um den Verlust ihres einzigen
Kleinodes - herzzerreissend die Leiden der letzten Stunden des so frühe Engel
gewordenen Kindes - dann fuhr sie fort:
    »So ist auch das letzte Band gelöst, das uns noch zusammenhielt, und so ist
auch dies der letzte Brief, welchen Du von mir erhältst. Betrachte mich auch als
eine Gestorbene, als sei ich mit unserm Kinde zugleich begraben worden. Wollte
Gott, es wäre so! Für Dich wenigstens soll es so sein. Binnen Kurzem verlasse
ich meinen jetzigen Wohnort und werde Gesellschafterin bei einer vornehmen und
hochgeachteten Dame - frage nicht das Weitere, spähe nicht danach, wohin wir
gehen, Du sollst es nicht erfahren - auch nicht durch Deine Brüder, denn deshalb
habe ich es auch ihnen verschwiegen. So lange ich noch die Mutter Deines Kindes
war, so lange ertrug ich es, von Deiner Güte, welche ich so oft gemissbraucht,
auch den Unterhalt für mich zugleich mit dem anzunehmen, was Du mir zur
Erziehung unseres Mädchens sandtest. Nun hab' ich keinen Zweck mehr im Leben,
für Dich bin ich gar Nichts mehr - und da es denn einmal gelebt sein muss, so ist
es nun meine Schuldigkeit, mir nun die Mittel zur Existenz selbst zu
verschaffen. Ich habe dazu das passendste Mittel ergriffen, indem ich
Gesellschafterin werde.«
    »Ich danke Dir nochmals für alle die Güte und Langmut, mit welcher Du mich
in den Jahren unserer unglücklichen und qualvollen Ehe behandelt hast. Ich habe
sie nicht verdient, wie ich ja überhaupt Dich selbst und Deinen Besitz niemals
verdiente und verdienen konnte. Du warst ein höheres Wesen neben mir - Du
hättest mich niemals lieben sollen - so tief habe ich unter Dir gestanden, das
habe ich wohl gefühlt - und eben weil Du so hoch über mir warst, konnt' ich Dich
nicht lieben - Deine Grösse drückte mich nieder - und um selbst weniger diesem
beschämenden, lastenden Gefühl zu erliegen, strebte ich Dich zu verkleinern.«
    »Auch Du wirst es mir niemals vergeben können, dass ich die Kette ward,
welche Dich in niedere Verhältnisse bannte, statt dass Du mich erheben wolltest.
Wir haben uns gegenseitig das Leben erschwert, ohne dass wir es gewollt haben -
es ist gut, dass wir getrennt sind - so wirst Du mich vergessen und Alles, was
ich Dir sein sollte und nicht sein konnte und von mir ist der Druck genommen,
als eine Heuchlerin durch's Leben gehen zu müssen.«
    »Ich bin allein und grenzenlos elend - aber eben weil ich allein bin, so
trage ich's leichter - so kann ich eher Ruhe finden. Deine Liebe und Grösse wird
mir nicht mehr zur Qual, und der Gedanke an Jaromir hat für mich keinen Stachel
der Liebe mehr - denn wenn ich jetzt noch an ihn denke, so geschieht es nur mit
Hass und Verachtung. - Mein Kind ist todt - ich fange nun an, auch darüber
ruhiger zu denken, denn es tröstet mich, dass es ein Mädchen war, und dass ein
Mädchen zu keiner andern Bestimmung geboren wird, als zu der: unglücklich zu
sein.«
    »Lebe wohl und für immer - vergieb mir, dass ich Dir viele Jahre Deines
Lebens hindurch Glück und Frieden gestohlen habe - ich kann Dir diesen Raub
nicht vergüten - aber ich will ihn wenigstens nicht noch vergrössern.«
    »Noch Eines: Du bist durch die Ehe zu unglücklich geworden, als dass ich
glauben sollte, es triebe Dich zu einer zweiten Verbindung, Sollte es aber einst
so sein, und ich schleppte mich immer noch unglücklich durch's Leben, so wird
wohl auch unsere gerichtliche Scheidung kein Hindernis finden - wäre es dennoch,
so will ich kein Mittel scheuen und jedes Opfer bringen, das im Stande ist, sie
zu bewerkstelligen - und müsst' ich mich selbst - ehrlos nennen. Nur in diesem
Falle suche meinen Aufentalt zu erfahren - ausserdem, dies Versprechen nehm ich
Dir ab: frage niemals nach mir.«
    Noch ein Mal brachen alle Wunden seines Herzens auf - zwar hatte er nie mehr
an eine Widervereinigung mit Amalien gedacht, zwar hatte er gestrebt, die Liebe
zu ihr aus seinem Herzen zu reissen, seitdem er wusste, dass sie sein innigstes
Gefühl niemals wahrhaft erwidert hatte - aber noch oft war sein lang und
treugehegtes Gefühl stärker gewesen, als sein männlich stolzer Wille, und oft
noch hatte er jenes als Sieger gefunden. So begann jetzt in ihm ein neuer Sturm
- ihm war zu Mute wie einem Schiffbrüchigen, der das Schiff, auf dem er bisher
heimisch durch die wechselnd trübe und klare Flut des Lebens gesteuert, unter
sich zerkrachen sieht und Weib und Kind und all' seine Habe von den wilden Wogen
verschlungen und da und dortin getrieben. - Alles ist untergegangen, begraben,
hinweggespült - und nur obenauf schwimmt die schöne blasse Leiche eines Kindes -
die gebrochenen Augen, die staaren weissen Händchen nach der Stelle zu gerichtet,
wo in weiter Ferne der einsame Vater verlassen und verzweifelnd steht.
    Bei diesem letzten Bilde weilte er am Längsten und immer wieder.
    Eduin und Karl traten zu ihm und wollten ihre fröhlichen Nachrichten vom
Hause für die seinen austauschen - aber als sie den Verehrten so erschüttert und
wie in Verzweiflung zusammengesunken vor sich erblickten, wie sie ihn noch
niemals gesehen, da traten sie ehrfurchtsvoll von ihm zurück.
    Er hatte ihr Eintreten bemerkt und stand auf.
    Er ergriff Beider Hände und sagte ruhig, indem eine helle Träne aus seinen
Augen fiel: »Sie können den grossen Kummer, den ich heute erfahren, kaum ahnend
begreifen; ich hatte ein einziges Kind - ich habe Ihnen zuweilen von meinem
kleinen Mädchen gesprochen - - es ist todt.« -
    Die Beiden waren zu bestürzt, als dass sie vermogt hätten, Etwas zu erwidern,
sie drückten ihm nur innig die Hand und sahen zu Boden. Karl weinte, Eduin warf
sich heftig an die Brust des Trauernden.
    »Ich bin Ihres Mitgefühls gewiss,« sagte Talheim nach langer Pause, »aber
lassen Sie mich jetzt allein mit meinem Schmerz in die Berge gehen, ergehen Sie
Sich jetzt zusammen mit heiterern Genossen - ich werde ruhiger werden wenn ich
in der Einsamkeit mit meinem Schmerze trauliche Zwiesprache halten kann.«
    »Alles, was Sie wollen!« sagten Beide.
    Und so ging Talheim allein hinaus.
    Und so stand er jetzt einsam auf einer Höhe und sah dem Alpenglühen zu, als
sei seine Seele ruhig und ganz verloren in den Anblick eines grossartigen
Schauspiels.
    In den Tälern war es schon Nacht - aber die Höhen glänzten noch leuchtend
in Gold und Purpur und Himmelblau.
    Wie hohe Könige, so ragten die ewigen Alpen empor; wie auf festen Tronen
von weissem Marmor, Stahl und Silber - so glänzten die Gletscher; - auf Teppichen
von grünem Sammet mit bunter Blumenkante gestickt - so waren die Matten und
Felder - wie auf solchen Tronen sassen die grossen Könige, die weiten Mäntel von
schneeigem Hermelin umhangen, die das Abendrot zugleich zu schönen Purpuren
färbte, goldne Strahlenkronen auf den ernsten Häuptern, von denen die silbernen
Locken und Bärte ehrfurchtgebietend niederflossen. Und darüber hinweg die blaue
Luft als herab sich senkenden Tronhimmel mit goldner Sternenschrift. - Aber mit
einem Mal, gleichsam wie aus der Tiefe aufgestiegen, krochen schwarze Wolken
schattend und unheimlich zu den Füssen dieser Trone heran, lagerten trotzig vor
ihren Füssen sich nieder; wuchsen endlich immer höher auf, übereinander sich zu
dicken Knäueln ballend und verdichtend; wuchsen endlich herum um die
Purpurmäntel mit den Kragen von Hermelin und verhüllten sie ganz wie mit grauen
hässlichen Decken, und so immer höher, immer weiter, bis nur noch die goldenen
Königskronen wie mit unvernichtbarer und unerreichbarer strahlender Herrlichkeit
in stolzer Ruhe über sie hinwegglänzten.
    Aber da begann ein Murmeln, Grollen und Rollen in den finstern Wolken - dann
wurde es lauter, wilder, heftiger, endlich riss eine gelbe Blitzesschlange nach
allen Seiten hinzüngelnd die dichteste Wolkenschicht auseinander, und furchtbar
krachend wetterte zugleich ein dröhnender Donnerschlag wie erderschütternd vom
Himmel nieder. Mit Eins brach die Blitzschlange von ihrem geheimnisvollen Lager
auf und hervor - mit Eins fand der Donner seine furchtbar dröhnenden
Posaunentöne, mit denen er aus der Höhe hernieder rief wie der Engel des
Weltgerichts - und mit Eins sanken plötzlich die goldnen Kronen von den blassen
Stirnen und silberweissen Locken der Könige. Nun begann ein tobender Kampf der
Elemente, es war, als hätten alle die Waffen ergriffen, eines wider das andere,
und schleuderten jetzt ihre unheilbringenden, lärmenden Geschosse.
    Und Mitten in diesem Aufruhr stand Talheim und bot seine Locken dem Sturm.
    Ein Gewitter in der Alpenwelt! Da mochte wohl dem, der es noch nimmer erlebt,
zu Mut sein, als gehe die Welt aus ihren Fugen!
    Aber nicht geringer war der Aufruhr in der Brust dieses schmerzerschütterten
Menschen, der jetzt Mitten in diesem Toben stand. Er fasste zuweilen krampfhaft
mit der Hand nach der Stelle seiner Brust, hinter welcher sein zuckendes Herz
schlug, um zu fühlen, wie viel Schläge es wohl noch tun und zugleich aushalten
könne, ehe es ganz breche und vielleicht still stehe.
    Er hatte nicht darauf geachtet, wie in diesem Augenblick eine elegante Dame
am Arm eines vornehm aussehenden Herrn an ihm vorübereilte.
    In der nächsten Hütte suchten die Beiden Obdach vor dem Regen, der jetzt
prasselnd und strömend niederfiel.
    Talheim stand noch in dem Wetter und achtete es nicht. Ein zweiter
Donnerschlag rollte jetzt hinter dem ersten her, vergrub sich immer tiefer
zwischen die Berge, in die Täler, weckte immer neuen Widerhall aus allen
stummen Felsen und rauschenden Wäldern - es war, als würden viel Hundert
Kanonenschlünde auf ein Mal tätig und liessen dröhnende Laute hören, welche
nimmer wieder enden und sich zur Ruhe finden wollten.
    Da auf einmal fasste Eduin Talheims Arm und bat: »Ach kommen Sie herab in
die Hütte, hier kann Sie der Blitz erschlagen - oder wenn das nicht, so
durchnässt der strömende Regen Ihre Kleider und Sie können sich erkälten.«
    Talheim sah erst erschrocken, dann aber freundlich auf den besorgten
Jüngling, der, als das Wetter losbrach, die Angst ihn zu suchen getrieben durch
Sturm und Regen - sie schritten miteinander den Berg herab.
    Da stiess Eduins Fuss auf einen kleinen glänzenden Gegenstand, nach dem er
sich bückte und ihn aufhob. Auf der schnellen Flucht vor dem Wetter betrachtete
er ihn nicht näher und steckte ihn zu sich.
    Auch diese Beiden suchten jetzt in der Hütte Schutz, in welche vor ihnen die
Dame und der Herr getreten waren. Diese Beiden sassen im Hintergrund auf einer
alten Bank, und die durch den herabsinkenden Abend und das aufsteigende Gewitter
zugleich entstandene Dämmerung liess ihre Gesichtszüge nicht weiter
unterscheiden. Eine muntere Bäuerin, die Bewohnerin der Hütte, stand am Eingang
derselben und rief Talheim und Eduin gleich freundlich entgegen, doch bei ihr
einzutreten, bis das Wetter vorüber sei. Die Beiden blieben an der Türe stehen
und sahen von innen dem Toben draussen zu.
    Eduin zog jetzt den kleinen Gegenstand heraus, welchen er vorher gefunden
hatte. Es war ein grosses, goldenes Medaillon, am Rand mit Perlen besetzt. Ein
leichter Druck öffnete es. Es zeigte auf Elfenbein gemalt das Bild eines schönen
blassen, jungen Mannes. Immer spähender, verwunderter betrachtete Eduin das Bild
und rief endlich aus: »Das ist mein Vetter Jaromir, nicht nur die Aehnlichkeit
täuscht mich - er ist's gewiss und wahrhaftig, da steht unten in das goldene
Blättchen eingegraben sein Name.«
    Talheim starrte auf das Bild. »Er ist's!« sagte er langsam, ward noch
bleicher als vorher und verstummte sogleich wieder, denn dieser Name liess ihn
auf's Neue in ein tiefes Meer schmerzlich grollender Gedanken versinken.
    »Was? Sie kennen ihn auch,« rief Eduin überrascht, »und haben mir nie davon
gesprochen, wenn ich Ihnen von ihm erzählte, wie er mir schon von Kind auf ein
Vorbild war? Mit tiefster Innigkeit hab' ich ihn immer geliebt und seine schöne
Mutter, die, als sie mit ihm in das Haus des Vaters kam, mich zu ihrem Liebling
machte und mich immer auf dem Schoos wiegte, ist meine frühste und liebste
Erinnerung! Wie er dann eine Zeit lang unser Schloss mied und erst wiederkam,
nachdem er reich und berühmt geworden, da sagt' ich mir wohl oft: so will ich
auch handeln und werden wie er! - Und er hatte mich auch recht lieb und war oft
vergnügt mit mir und schickte mir immer gleich jedes seiner Lieder. Nun habe ich
ihn seit ein paar Jahren nicht gesehen und plötzlich muss ich hier in den
Schweizer Bergen sein Bild finden. Sollte er gar selbst hier sein? Aber nein!
Das eigne Bild führt man ja nicht mit sich!«
    In diesem Augenblick trat die Dame, die bisher im Hintergrund gesessen,
schnell vor auf Eduin zu und sagte: »Nun ich hier so unerwartet diese
begeisterte Lobrede auf meinen Freund gehört, darf ich mich wohl als
Eigentümerin dieses Bildes bekennen und dem glücklichen Zufall danken, der mir
zu der Wiedererlangung des verlornen Kleinodes verhilft und noch dazu durch
einen Verwandten des Grafen - wenn ich recht gehört?«
    Talheim erkannte die Dame und zog sich von ihr zurück, indem er
unwillkürlich leise für sich sagte: »Bella!«
    Eduin aber stand wie bezaubert vor dem schönen Weibe, glühende Röte schoss
auf seine Stirn, er zitterte unwillkürlich und hielt, keines Wortes mächtig, das
Bild hin. Die Schauspielerin Bella reiste von Paris durch die Schweiz zurück
nach Deutschland. Jaromir's Bild begleitete sie immer, sie trug es meist an
ihrem Halse, denn wie leichtsinnig sie auch zärtliche Verhältnisse knüpfen und
lösen mochte - ihn zählte sie nicht mit in die Categorie ihrer gewöhnlichen
Liebhaber, für ihn bewahrte sie in ihrem Herzen einen besondern Platz. Sie
betrachtete ihn mit andern Augen, als die Männer, welche sie so lange zu ihren
Sklaven machte, bis sie ihrer überdrüssig war; sie ehrte ihn als ihren Freund,
und ihr Gefühl für ihn war ein bleibendes, unveränderliches, aber einfaches
Immergrün, während sie wohl für Andere stärkere Gefühle hegte, die aber eben so
schnell wieder abblühten, als sie sich vorher entfaltet hatten und aufgewuchert
waren. So konnte sie jetzt neben Einem ihrer Anbeter, der ihr von Frankreich
gefolgt war, die lebhafteste Freude empfinden, das verlorne Bild des Deutschen
Freundes wieder zu erlangen; so konnte es sie überraschend beglücken, hier
plötzlich sein Lob von jugendlich begeisterten Lippen zu hören.
    Sie nahm jetzt das Bild aus der zitternden Hand des jungen Mannes und sagte:
»So habe also ich das Vergnügen, Deutsche Landsleute hier zu finden und diesen
dankbar verpflichtet zu werden? Darf ich vielleicht um den Namen des Freundes
des Grafen Szariny bitten - dem ich so viel verdanke?«
    »Eduin von Golzenau!« sagte dieser schüchtern und stand da wie trunken,
verloren in Bella's Anblick.
    Draussen aber fuhr ein Wagen vor - es war der Bella's, der Franzose ergriff
ihren Arm, um sie an diesen zu führen. Sie zog eine Karte aus einer Brieftasche,
gab sie Eduin und sagte: »Ich darf jetzt nicht länger säumen, sonst verfehl ich
die Eilpost, mit welcher ich weiter reisen muss Vielleicht wird mir ein ander Mal
Gelegenheit, Ihnen besser danken zu können.«
    Sie stieg in den Wagen und fuhr davon.
    Eduin war stumm geblieben - jetzt warf er sich ungestüm an Talheims Brust
und weinte laut.
 
                     IX. Gesellschaft auf Schloss Hohental
 »O heilge Stunde, wo in Gottes Strahl
 Zwei Menschenherzen ineinander schauen.«
                                                                    Betty Paoli.
Bei dem letzten Besuch des Kammerjunkers von Aarens auf Schloss Hohental hatte
ihn die Gräfin, da er auch ihren Mann so wenig als Elisabet getroffen, für den
andern Tag zum Mittag geladen.
    Wie an jenem Tag Elisabet zurückgekommen, hatte ihre Mutter ihr noch ein
Mal die ernstlichsten Vorstellungen gemacht, wie unpassend ihr Umgang mit dem
Mädchen eines Mannes sei, welcher ein Feind ihres Hauses wäre, weil sie diesen
Umgang selbst verwerfe, indem seine Tochter nicht mehr das Schloss besuchen
dürfe, mit einem Mädchen, dem die ganze Umgegend gemeine und unpassende
Handlungsweisen vorwerfe und es dadurch in den übelsten Ruf bringe.
    Weiter hatte Elisabet die Mutter nicht sprechen lassen, sie hatte Aufschluss
und Rechenschaft verlangt, wer sie über Pauline so ganz umgestimmt, und endlich
- da wenigstens früher die letzten Ansichten die Gräfin nicht hatte äussern
können, da sie gewusst, dass Aarens dagewesen - diesen erraten. Dadurch wuchs ihr
vorgefasster Widerwille gegen ihn bis zum heftigen Unwillen.
    Sie beteuerte ihrer Mutter, dass sie Paulinen nur um so mehr liebe, als fade
Gecken sie zu verkleinern strebten. Zuletzt fügte sie bei, dass sie Graf Szariny
in der Fabrik getroffen.
    Als Aarens kam, so war Elisabet ihm gegenüber stumm, streng und ernst.
    Eine seiner ersten Bemerkungen war natürlich die, dass er unendlich
bedauerte, sie gestern nicht getroffen zu haben, dass aber sein widriges
Schicksal ihn doch wieder in Etwas dadurch habe aussöhnen wollen, dass er sie
noch am Abend wenigstens gesehen - mit dem Grafen Szariny und einem kleinen,
unbekannten Mädchen.
    »Mit meiner liebsten Freundin, Pauline Felchner, welche ich besuchte - wie
Ihnen wohl meine Mutter gesagt hat -« erwiderte Elisabet mit stolzem Tone.
    »Und wohin Sie Graf Szariny begleitete?«
    »Von wo er mich zurückbegleitete, da er dort einen Besuch gemacht hatte und
ich den Weg zu Fuss zurücklegte.« Aarens wusste auf diese Strenge und
Unbefangenheit ihr lange Nichts zu erwidern, bis er sich von der Verwunderung
über die letztere ein Wenig erholt, und dazu bedurfte es bei ihm einiger Zeit.
Er knüpfte also ein unbedeutendes Gespräch mit der Gräfin an, das nachher
allgemein ward. Während dem überzeugte er sich, dass er durch einen beleidigenden
und spöttelnden Ton gegen Elisabet Nichts ausrichte, und er suchte daher so
liebenswürdig, sanft und zärtlich als möglich zu erscheinen. Sie blieb ihm
gegenüber unverändert.
    Das Diner war vorüber, die späteren Nachmittagstunden rückten heran.
Elisabet hatte es zu arrangiren gewusst, dass man den Kaffee in einem
hochgelegenen Pavillon des Gartens einnahm, von dem aus man einen Teil der nach
dem Schloss führenden Strasse übersehen konnte. Zuweilen warf sie dortin einen
spähenden Blick - und jetzt schlug ihr Herz höher und sie bemühte sich ein
fröhlich aufsteigendes Rot der Wangen zu unterdrücken - denn sie sah
aufwirbelnden Staub - bei einem zweiten Blick zwei Reiter, und bei einem dritten
erkannte sie Jaromir auf seinem Rappen - sie zerpflückte ein paar Grashalme und
hatte Aarens Frage überhört: ob sie die Morgenoder Abendpromenade schöner und
genussreicher finde?
    Er musste ihr die Frage noch ein Mal wiederholen und dann sagte sie sinnend:
»Die Morgen sind schön, denn da kommt man jugendfrisch aus den Armen des Schlafs
und der Träume, die ganze Schöpfung ist wie neu geboren und wir sind es selbst
mit ihr - man weiss noch Nichts von Zwang, man lebt noch halb im Traume fort und
schämt sich nicht, wahr und unverstellt zu sein.« Sie dachte, als sie dies
sagte, an den Morgen ihres letzten Abschiedes von Gustav Talheim und ihrer
ersten Rede mit Jaromir - aber sie dachte zugleich an den gestrigen Abend, als
sie weiter hinzusetzte: »Aber die Abende sind auch schön - nur in ganz andrer
Weise; da zieht ein wonniges Träumen durch die ganze Natur, und die Natur teilt
es der Menschenseele mit, und da drinnen haust es sich ein in dem klopfenden
Herzen, in dem dann zugleich wie im Freien alle Nachtigallen laut zu schlagen
anfangen und alle Nektargefässe verhüllender Blüten sich öffnen.«
    Ihre Gedanken weilten bei Jaromir, den sie so eben gesehen, es war ihr, als
wenn sie schon mit ihm spräche, und jetzt hielt sie plötzlich inne, als sie sich
besann, dass Aarens es war, der ihr gegenüber stand und zu dem sie in solcher
Weise geredet.
    Aarens, obwohl er sich über diese Sprache verwunderte, fand doch, dass er
Elisabet nie schöner und hinreissender gesehen, als in diesem Augenblick - und
er war eitel genug, sich diese plötzliche Gehobenheit ihres ganzen Wesens zu
seinem Gunsten auszulegen.
    Elisabet entfernte sich auf einige Augenblicke bis zur nächstgelegenen
Laube, sie war seltsam bewegt - ihr war, als müsse sie einen freien,
unbeobachteten Blick zum Himmel emporschicken, weil sie jetzt sich im Innersten
so wunderbar selig durchschüttert fühlte, weil ihr war, als strahle der blaue
Himmel gerade in ihr Herz und wohne in diesem.
    Auch dies augenblickliche Entfernen und die ruhige Freudigkeit, welche, als
sie zurückkam, auf ihrem Gesicht tronte, legte Aarens zu seinen Gunsten aus,
und er wollte eben wieder ein empfindsames Gespräch mit ihr beginnen, als ein
voraneilender Diener: Graf Szariny und Herr von Waldow meldete, welche ihm
langsam folgten. Aarens hatte grosse Lust, mit dem Fusse zu stampfen, da er dies
aber als Mensch von gutem Ton unmöglich konnte, biss er sich die Lippe beinah
blutig und wünschte nur stumm, aber von Grund der Seele aus, die lästigen
Ankömmlinge in's Pfefferland, in die Hölle, oder zu allen Teufeln; nur so weit
als möglich weg. Diese christlichen Wünsche halfen ihm aber leider nur sehr
Wenig, denn statt sich zu entfernen kamen, die Beiden immer näher und ein
innigerer, zwei Menschen beglückenderer Blick ward noch nie gewechselt, als der
erste, mit welchem sich Jaromir und Elisabet begrüssten. Zum Glück war Aarens
noch zu sehr verblendet von der ersten Wut über die Ankunft der neuen Gäste,
als dass er hätte diesen Blick bemerken sollen.
    Aber wenn auch dieser erste Blick ihm entging, so sah er doch bald, dass
zwischen diesen Beiden ein geheimes, süsses Einverständnis walten müsse, das ihm
unerträglich war. Er sann nach, wie er dies stören könne, und war während des
ersten Gesprächs ziemlich schweigsam.
    Nachher sagte er leicht und halblaut zu Jaromir, aber doch laut genug, dass
es wie zufällig Elisabet hören konnte. »Nicht wahr, ein niedliches Kind die
kleine Felchner? Ich sah Sie gestern mit ihr. - Sie stehen bei ihr in grosser
Gunst, wie ich höre?«
    Jaromir sagte unbefangen aber ernst: »Sollten Sie das Fräulein auch kennen?«
    »Nun, Sie brauchen nicht gleich eifersüchtig zu sein,« sagte in demselben
leisen Tone wie vorher, doch zugleich ironisch lachend, Aarens. »Ich kenne Sie
nur von Ansehen und habe ihr noch keinen Besuch gemacht - aber man bemerkt unser
Flüstern -« und rasch gegen die Gesellschaft gewendet, fuhr er laut fort: »Ich
erging mich eben im Lobe von des Grafen Kunstgeschmack, der sich in allen
Dingen, welche er auswählt und anordnet, bewährt - auch in der Wahl seines
Pferdes und Reitzeuges.«
    Da ein Gespräch von Pferden beginnen konnte, war Waldow ganz in seiner
Sphäre; er richtete deshalb sogleich mehrere Fragen an Jaromir, welche dessen
Pferde betrafen, so dass dieser ihm antworten musste, während er gern Aarens,
dessen Reden und Benehmen ihm befremden musste, etwas Zurechtweisendes hätte
erwidern mögen. Der Graf Hohental selbst nahm an dem Pferdegespräch lebhaften
Anteil, liess es nicht sogleich wieder sinken, und so kam es, dass dies Mal
Aarens ungestraft davon kam. Von den Pferden kam das Gespräch auf Tierquälerei,
der alte Graf legte in diesem Punkt das grösste Zartgefühl und den jugendlichsten
Entusiasmus für alle diesen Punkt betreffende Vereine an den Tag - und um nur
die Unterhaltung endlich von dem lieben Vieh hinwegzubringen, ging Jaromir von
der Tierquälerei zur Menschenquälerei über.
    »Es ist wahr, den Tieren wird oft eher geholfen, als den Menschen - so
will's die moderne Barmherzigkeit.«
    »Natürlich, weil die Menschen sich selbst helfen können -« sagte Aarens.
    »Das sagen Sie - nicht ich,« versetzte Jaromir - »Was meinen Sie dazu, wenn
nun die untern Classen beschliessen, sich selbst zu helfen, und wir haben dann
z.B. einen Aufstand der Eisenbahnarbeiter wie der jetzige?«
    »Also wäre es wirklich gegründet?« sagte der Graf Hohental. »Ich glaubte
den Nachrichten meiner Leute nicht.«
    Die Gräfin ward todtenblass und sagte: »Mein Gott, was wollen denn diese
Menschen? Ach, es ist eine entsetzliche Zeit, in welcher wir leben müssen!«
    »Gewiss,« fügte Aarens bei, »eine widerwärtige Zeit, wo nicht einmal mehr der
gemeinste Pöbel in seinen Schranken bleiben will. - Doch wozu hat man Soldaten?
Es ist Frieden, und da einmal das Militair da keine Beschäftigung hat, so
benutze man es hier und mache es zu seiner Hauptaufgabe, diese Volkshefe, wenn
es nicht anders möglich, durch die Gewalt der Waffen im Zaum zu halten.«
    »Das wäre ja fürchterlich - Brüder gegen Brüder - das könnte doch kaum der
äusserste Punkt der Notwehr entschuldigen. - Sie denken wie ich, Graf Szariny?«
fragte Elisabet.
    »Ich denke wie Sie, aber ich weiss, dass Ansichten, wie die des Herrn von
Aarens, in den höchsten Kreisen sehr viel Vertreter finden - ich befürchte
Schlimmes -« sagte der Gefragte.
    Elisabet fühlte sich plötzlich von einer schrecklichen Angst erfasst. »Das
sind Dinge, von denen ich früher keinen Begriff hatte. Ich sah die untern
Classen immer nur von fern, wie sie friedlich ihre Arbeit verrichteten, vom
Morgen bis zum Abend, und dabei zufrieden aussahen. Diese Leute, sagte ich mir,
wissen es nicht anders, ihr mühvolles Tagewerk ist ihnen wohl gar eine
freundliche Gewohnheit; die Leiden, welche sie äusserlich treffen, sind ihnen
vielleicht nicht härter, als diejenigen, welche die Wohlhabenden und Reichen
geistig empfinden und in ihrem Herzen durchzukämpfen haben.«
    »Und so ist es auch,« unterbrach sie ihre Mutter, »diesen Leuten ist nicht
Entbehrung, was uns so scheint - sie sind in vielen Dingen glücklicher, der
Hunger würzt ihr Mahl, von der Arbeit ermüdet schlafen sie auf hartem Lager
besser, als wir auf weichen Polstern, der Feierabend gibt ihnen genussreiche
Stunden, die gewiss so wohltuend sind, dass wir uns gar keinen Begriff davon
machen können.«
    »Gewiss,« nahm Aarens das Wort, »es ist Nichts als wahre Sittenverderbniss,
was den Pöbel unzufrieden machen kann; Faulheit, Trunksucht und Ausschweifungen
aller Art sind die Ursachen des Elendes, welches sich öffentlich zur Schau
stellt, um unsere Augen auf sich zu ziehen, unser Mitleid zu erregen, damit wir
ihm die Mittel geben, ein sittenloses Leben fortzusetzen.«
    Elisabet nahm hastig wieder das Wort, das man ihr vorher abgeschnitten
hatte, und sagte: »Ach nein, nein! Jetzt weiss ich es anders! Wir brauchen hier
nicht weit umzuspähen, um die Not der untersten Classen in ihrer ärgsten
Gestalt zu erblicken - und seitdem ich sie gesehen, seitdem hab' ich mich oft
Hundert Mal gefragt, was es denn eigentlich sei, das diese Unglücklichen noch
dazu vermöge, freiwillig die härtesten Arbeiten zu verrichten, da sie für ihren
geringen Tagelohn sich doch nie eine glückliche Stunde kaufen können. Das
Gewissen? Die Moral? - Kann das Menschen zurückhalten, deren Sitten man so
verdorben schildert und die man wirklich entsittlicht hat? Und wenn sie
tagtäglich gegen sich unrechte Bedrückungen erfahren, könnten sie dann nicht
einmal sagen: Wenn Jene gegen uns unredlich sind, warum wollen wir es nicht
wieder gegen sie sein? - Und seitdem ich mir dies gesagt habe, seitdem überfällt
mich oft ein entsetzliches Grauen - denn wenn sich der Pöbel entfesselt und
aufsteht, welche Schrecknisse werden dann über uns Alle hereinbrechen? - Und Sie
sagten: es sei wirklich geschehen?«
    Jaromir antwortete, indem seine Augen bewundernd in Liebe und Stolz an
Elisabet hingen: »Noch ist weiter Nichts geschehen, als dass ein paar Hundert
Eisenbahnarbeiter einen erhöhten Lohn fordern und unterdessen Nichts getan
haben, als ihre Arbeiten friedlich eingestellt - das ist ja noch keine Empörung.
Vielleicht ist es ein wohltätiges Warnungszeichen für alle die, welche die
Macht hier zu helfen oder zu bedrücken in den Händen haben, dass es besser sei,
den armen arbeitenden Klassen freiwillig Concessionen zu machen, ehe sie einmal
in wilder Raserei den Versuch machen sollten, die Ordnung der Dinge umzukehren
und sich reich und die Reichen arm zu machen. Für's grosse Ganze ist so
vielleicht, wenn auch gerade nur indirect, dieser gefährlich aussehende Schritt
der Eisenbahnarbeiter von guten Folgen.«
    »Ich vernehme hier seltsame Ansichten,« sagte der Graf Hohental; »kaum weiss
ich, ob ich recht höre und sie für Scherz oder Ernst nehmen soll - aus dem Mund
meiner Tochter wenigstens klingen sie mir befremdend. - Und auch Sie, Graf,
können Sie wirklich glauben, dass die Eisenbahnunternehmer sich von ihren
Arbeitern werden Vorschriften machen lassen? Ist es denn nicht schon entsetzlich
genug, dass jetzt jeder Bürger sich anmassen möchte, auch mit regieren zu können,
und dass ein verblendetes Zeitalter ihm dies wirklich als ein Recht einräumt -
sollen wir es auch noch erleben, dass der unterste Pöbel nun dem Bürger
nachdrängt und auch auf seine Weise im Lande Vorschriften machen möchte?«
    Jaromir zuckte die Achseln, er kannte den starren Aristokratismus des
Grafen, mit dem dieser noch festwurzelte in einer Weltanschauung früherer
Zeiten, aus welcher es unmöglich war, ihn in eine neue zu versetzen. Der Stamm
war in jener Zone allein ernährt zu fest und altersgrau geworden, um jetzt noch
der Versetzung fähig zu sein, darum und aus Rücksicht gegen den Hausherrn und
gegen Elisabets Vater sagte er, um ihn nicht zu beleidigen, nur leicht:
»Freilich, hätte man gedacht, dass es so kommen werde, so würde man dem Bürger
auch noch länger verweigert haben, was man ihm zugestand, halb freilich
gezwungen und von den Verhältnissen gedrängt, aber doch auch halb freiwillig.«
    Elisabet, die auf Jaromirs Antwort ängstlich gespannt gewesen war, weil sie
zwischen ihm und dem Vater einen Zusammenstoss fürchtete und Nichts lieber
vermied, vernahm diese ruhige Antwort, welche sogar eine doppelte Deutung
zuliess, mit Freude, und um nun das Gespräch von diesem Gegenstand
hinwegzulenken, machte sie darauf aufmerksam, dass auf dem Platz, welchen man bis
jetzt eingenommen hatte, die Sonne so vorgerückt sei, um sie bald Alle zu
bescheinen, und dass man ihn deshalb wohl mit einem andern vertauschen könne.
    Der Vorschlag fand Beifall und beendete glücklich ein Gespräch, in welchem
so verschiedene Ansichten aufgekommen waren.
    Man hatte sich kaum an den andern Platz begeben, als zum Beweis, wie man die
Gastfreiheit auf Schloss Hohental zu schätzen wusste, Rittmeister von Waldow und
Geheimrat von Bordenbrücken mit ihren Frauen anlangten.
    Der Vorgang bei dem Eisenbahnbau war und blieb aber einmal die grosse
Neuigkeit des Tages und ward jetzt abermals Stoff der Unterhaltung.
    Der Geheimrat tat äusserst geheimnisvoll, versicherte aber, dass er genau
wisse, dass sofort Militair requirirt worden sei, und dass dies gewiss wieder zur
Ordnung verhelfen werde. Dass einige Ausländer, welche auch bereits verhaftet
wären, die inländischen Arbeiter aufgehetzt, die hoffentlich selbst einsehen
würden, wie sehr sie im Unrechte wären. Im Ganzen sei die Sache höchst
unbedeutend, kaum der Rede wert, man habe nur unnützen Lärm gemacht, die Leute
wären dort gar nicht unzufrieden, wie er selbst von den Besserdenkenden gehört.
- Alles sei auch mit daher entstanden, dass man in den Zeitungen lauter Lügen
verbreite, wie man in Frankreich und England höhern Lohn erzwinge, dass die
Deutschen Arbeiter es auch so haben könnten, dass sie selbst schuld wären, wenn
man sie schlecht bezahle - so sei die freche Tagespresse mit ihrem Geschrei an
Allem Schuld u.s.w.
    Der Geheimrat spielte das Berichtigungsbüreau in eigner Person ganz comme
il faut, auch, dass er sich in einem Atem viel Mal widersprach, passte vollkommen
zu dieser Rolle.
    Die so vergrösserte Gesellschaft blieb auf der Gräfin Aufforderung bis zum
Abend im Schloss vereinigt.
    Der Abend dämmerte für die Jahreszeit früh, trübe und kühl herein, und man
beschloss, sich zum Souper in das Schloss selbst zu begeben. Durch den Park hatte
man bis dahin ein ziemliches Stück Wegs zurückzulegen.
    Elisabet neben Jaromir war ein Wenig zurückgeblieben von den Andern. Sie
lenkte jetzt in eine Seitenpromenade ein, welche von den Uebrigen nicht betreten
wurde, und sagte zu ihm: »Wenn wir einen Umweg von zehn Schritten machen, kann
ich Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen, zu dem ich immer gehe, wenn ich mit der
Natur allein sein will, um zu lesen oder zu träumen.«
    »Wie dank' ich Ihnen, wenn Sie mich zu dieser geweihten Stelle führen!«
sagte er. »Und jetzt, wo Niemand da ist, um uns zu widerlegen, Niemand von all'
Denen, welche es noch nicht begreifen können oder nicht begreifen wollen, dass
man ein warmes Herz hat für alle Menschen, und für die Unglücklichsten das
wärmste, jetzt kann ich Ihnen sagen, wie laut mein Inneres jubelte, als ich Ihre
Worte hörte - die mir bezeugten, dass Sie anders dachten, wie - nun wie man sonst
denkt, wenn man in einem Schloss unter den Augen ehrwürdig-stolzer Ahnenbilder
erzogen!«
    »Und haben Sie nicht ein gleiches Loos und denken doch auch wie ich?« sagte
sie.
    »O, doch nicht gleich! Doch muss ich verwundert fragen, woher Sie die Armut
und ihr Unglück und ihre Versuchungen kennen gelernt haben? Ich kenne sie - denn
mir waren sie alle Genossen!«
    »Ihnen? Ihrer Phantasie - Ihren Dichterwerken.«
    »Warum sollt ich mich schämen, Ihnen die Geschichte meiner Armut zu
erzählen? Meine Mutter hatte aus Polen flüchten müssen, glaubte sich dadurch
ihrer Güter verlustig. Ein Verwandter, Graf Golzenau nahm mich, den Knaben, auf
und liess meine Erziehung vollenden. Wie ich zum Jüngling geworden, konnt' ich es
nicht mehr ertragen, von Anderer Güte zu leben, da ich sah, wie Tausende neben
mir sich auch ohne Vermögen und fremde Unterstützung durch's Leben schlagen
mussten - ich nahm Nichts mehr an von meinem Verwandten - und so lebt' ich in
Armut und Dürftigkeit während meiner schönsten Jugendjahre - und daher kenn'
ich die Armut und ihr Unglück und ihre Kämpfe und ja - auch ihre Versuchungen.«
    Er konnte niemals dieser Zeit denken, ohne bis in seine innersten Tiefen
erschüttert zu werden; so hielt er auch jetzt inne, als sie im Gehen in eine
kleine Rotunde gekommen waren, und lehnte sich auf eine kleine weisse
Marmorsäule, mit der einen Hand seine Augen bergend, mit der andern nach der
Elisabets fassend. Sie gab sie ihm willig, drückte die seine innig und trat
näher zu ihm.
    Die Rotunde, in welcher sie standen, war von hohen Eichen gebildet, die
dicht nebeneinander standen, daran eine Hecke weisser und roter Rosen. Wilder
Wein rankte an den Eichenstämmen empor und zog seine grünen Guirlanden von einem
zum andern, sie so mit einander verbindend. Wie ein kleiner Tron vor der
Rosenhecke unter diesem grünen Tronhimmel von Eichenlaub und flatternden Ranken
erhob sich ein schwellender Moossitz, zu dem zwei Stufen führten, ebenfalls mit
sammetnen Moos wie mit einem grünen Teppich überkleidet. Zwei kleine weisse
Marmorsäulen erhoben sich daneben, auf der einen stand mit goldenen Buchstaben
eingegraben: »Träume!« auf der andern: »Ruhe!«
    An einer dieser Säulen lehnte jetzt Jaromir.
    »Das ist mein Heiligtum, in das ich Sie führen wollte!« sagte Elisabet.
    Er warf erst jetzt einen Blick auf seine Umgebung und rief davon bezaubert
aus: »Ja, das ist eine heilige Friedensstelle!« Und indem er Elisabet zu der
Moosbank führte, sagte er lächelnd: »Nehmen Sie Ihren Tron ein, Königin!«
    Sie wollte nicht die Stufen hinauf und sagte: »Zu längerem Weilen haben wir
keine Zeit - die Andern -«
    »Und wozu diese Andern?« fiel er ihr in's Wort. »Wir haben bei ihnen schon
schöne Stunden verloren - warum ihnen unausgesetzte Opfer bringen? Wenigstens
für einige Momente können wir uns ihnen entziehen!« und er drängte mit sanfter
Gewalt Elisabet auf den Sitz und warf sich selbst auf die oberste Stufe, so dass
er zu ihren Füssen sass.
    »Elisabet!« flüsterte er, und ihre Hand immer noch in der seinen haltend,
sah er mit einem unbeschreiblichen Liebesblick zu ihr auf.
    Sie las in diesem Blick, was er ihr zu sagen hatte, eine süsse Beklemmung
überfiel sie - aber mit jungfräulicher Schüchternheit suchte sie seinem
Geständnis auszuweichen, es noch zu verhindern, und sagte sanft aber ein Wenig
zitternd: »Sie sagten mir, wie Sie zum Verständnis der Armut gekommen, und ich
bin Ihnen das Gleiche noch schuldig. Ich hatte im Institut, wo ich erzogen ward,
einen Lehrer, den ich auf's Innigste verehre. Durch lange Krankheit seiner
Gattin und ich weiss nicht, durch welches Missgeschick noch, lebte er in der
tiefsten Armut, die er Jedermann verbarg. Aber ich habe erfahren, wie
schrecklich auch dieser hohe Mensch darunter gelitten - und er lehrte uns
Mitleid haben mit dem Elend und der Not der Niedriggeborenen; und als er zum
letzten Mal von uns Abschied nahm von mir und von meiner guten Pauline, welche
Sie gestern kennen lernten, so mussten wir ihm versprechen, auch in den Armen und
Unwissenden den Menschen zu ehren und ein liebendes Schwesterherz ihnen zu
bewahren. Pauline hat den grössten Wirkungskreis dies zu beweisen und sie tut's,
und durch sie hab' ich hier die Not der ärmsten Classen gesehen, vielleicht in
ihrer schlimmsten Gestalt.«
    Er hörte ihr zu, ganz in ihrem Anblick versunken, er zog ihre Hand an seine
Lippen und blieb so darauf ruhen. Dann sagte er: »So hat vielleicht nur dies
Unglück, das Sie gesehen, düstere Schatten auf ihr Jugendleben geworfen, so sind
Sie vielleicht nur unglücklich gewesen für Andere, und nicht, weil Sie selbst
ein Leiden traf? Elisabet! Dies Selbstvergessen - diese Engelmilde - -«
    Sie unterbrach ihn: »Denken Sie nicht zu schön von mir!« sagte sie. »An
jenem Tage, in jener Morgenfrühe, als Sie mich allein und weinend fanden, hatte
ein egoistischer Schmerz mich niedergeworfen - ich hatte den letzten Abschied -
vielleicht für's ganze Leben von meinem verehrten Lehrer genommen. Jetzt hab'
ich in das Unvermeidliche mich fügen lernen, aber dass ich ihn entbehre, hat mich
noch manche Träne gekostet.«
    »Elisabet! Wenn Sie den Freund verloren, der ihr Lehrer war - werden Sie
den andern Freund verstossen - den andern Freund, Elisabet - der Sie liebt?«
    Sie neigte sich zu ihm herab - er erhob sich von seinem Sitz zu ihr hinauf.
- »Jaromir!« flüsterte sie leise und hing zitternd in seinen Armen.
    Nach ein paar Minuten selig stummer Berauschung des Einen im Anschauen des
Andern, wo bei dem innigen Anschmiegen ihre Augen einander wiederspiegelnd eine
ganze wunderreiche Traumwelt öffneten, schreckten sie ein paar Vögel, die ein
liebejauchzendes Brautlied sangen, aus süssem Selbstvergessen auf.
    »Wir müssen in das Schloss!« sagte sie, entwand sich seinen Armen und liess
nur ihre kleine Hand in der seinigen, an der sie ihn aus der Rotunde zog.
    »Und wenn ich jetzt gehorche - darf ich morgen diese Stätte wieder betreten
- wenn wir allein sind?« fragte er.
    »Ich ruhe dort alle Nachmittage aus -« sagte sie schüchtern.
    »So sind wir morgen dort wieder vereinigt!« gelobt' er.
    Als sie jetzt wieder zur Gesellschaft, die bereits im Schloss angelangt
war, zurück kamen, war bei dieser das Gespräch über die Eisenbahnarbeiter wieder
im grössten Schwunge. Der Rittmeister hatte es jetzt glücklich in eine neue Phase
gebracht, indem er, ein trauriger Beweis der täglich herabkommenden
Aristokratie, diesen traurigen Umstand dem Ausschwung der Industrie zuschrieb.
Er konnte es niemals Herrn Felchner vergeben, dass er seinen Wald in Besitz
genommen und für Pauline die Hand seines Sohnes Karl ausgeschlagen habe. Er
schimpfte also jetzt auf die Tyrannei aller Fabrikherren und nahm ihnen
gegenüber die arbeitenden Classen in Schutz. Am Ende vereinigte man sich gar
dahin, über die Ablösung zu klagen, die Abschaffung der ganzen Frohndienste als
ein Werk zur Entsittlichung darzustellen, es schrecklich zu finden, dass auch der
gemeine Mann auf dem Dorfe jetzt lesen und schreiben könne und diese für seinen
Beruf ganz unnützen Dinge auch so unnütz anwende, dass er z.B. Zeitungen lese und
dass nur aus dieser Ueberbildung alles Unheil komme. Denn die Eisenbahnarbeiter
würden sich jetzt nicht erhoben haben, wenn die Presse sie nicht aufgereizt, dass
aber die grösste Ungerechtigkeit doch die sei, dass jetzt gemeine Bürgerliche,
Industrielle die Herren der Welt wären, und dass gegen diese, weil sie eben nicht
viel besser als sie selbst, der niedere Pöbel sich zu empören wage, während er
vor einem adligen Wappenschild immer noch Respect gehabt.
    Man war so in das Gespräch vertieft, dass nur Aarens die Verspätung des
Paares bemerkt hatte, aber doch ihren wirklichen Grund noch nicht ahnte.
 
                                X. Versuchungen
 »Auch Dich beschimpfte man als Knecht -
 So oft die Stirn Du wolltest heben.
 Doch bist Du Mensch und hast ein Recht
 Auf Deinen Anteil Lenz und Leben!«
                                                                 Alfred Meissner.
Einige Tage später, als man eben Feierabend in der Fabrik des Herrn Felchner
geläutet hatte, gingen Wilhelm und Franz miteinander von der Arbeit nach Hause.
    »Franz, weisst Du es schon?«
    »Ich weiss Alles!«
    »Und wusstest es wirklich schon voraus, wie Du vorhin sagtest?«
    »Wusst' es!«
    »Und warum hast Du es verschwiegen?«
    »Das ist einfach - damit nicht auch wir mit in's Unheil kämen.«
    »Nein, so ist es nicht - Du hast sie in das Unheil gebracht - Du bist an
Allem Schuld!«
    »Ich? Bist Du rasend?«
    »Mögt' es bald fein, Franz, rasend vor Wut - seit Du nicht mehr der
ehrliche Kerl bist wie sonst, der Leib und Leben gelassen hätte für die
Kameraden, wenn's zu helfen gegolten - jetzt bist Du feig und ängstlich
geworden.«
    »Wilhelm! Nimm Dich in Acht! Das dürfte mir ausser Dir Keiner sagen! Und rede
vernünftig, ich weiss nicht, wo Du hinaus willst mit Deinen Beschuldigungen.
    Nun schau - Du sagst, gleich am ersten Abend, wie es geschehen, sei der Adam
aus Hohenheim zu Dir gekommen und habe Dir gesagt, dass die Eisenbahnarbeiter
jetzt Feiertag machten.«
    »Ja, das ist wahr.«
    »Warum hast Du das uns nicht gleich gesagt; hätten wir es gewusst, so hätten
wir gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen können - wir hätten den Tag auch
gefeiert.«
    »Dass Ihr rasend genug gewesen wäret - und die Soldaten hätten uns dann mit
dem Bajonnette zur Arbeit gehetzt, wie sie es an der Eisenbahn gemacht haben.
Dort arbeiten sie nun wieder gerade wie vorher, für dasselbe Geld, nur dass sie
ein paar Tage Lohn eingebüsst haben, wo sie Nichts machten. Traurig freilich, dass
es so ist, dass nicht einmal der sogenannte freie Arbeiter seine Arbeit
verwerten kann wie er will, und dass man aus dem, was sonst jeder Handwerker,
jeder Kaufmann darf: seine Arbeit, seine Mühe bezahlt zu nehmen wie er will, den
um Tagelohn arbeitenden Armen ein Verbrechen macht. Aber es ist ein Mal so! -
Das haben auch die Eisenbahnarbeiter vorher wissen können - und unter ihren
Verhältnissen ist, was sie taten auch wirklich Unrecht, denn es ist ein
Wortbruch, da sie sich vorher anheischig gemacht hatten, um den ihnen einmal
bewilligten Lohn zu arbeiten - sahen sie, dass sie es so nicht länger aushalten
konnten, so hätten sie wenigstens einen gesetzlichen Termin abwarten sollen, wo
sie die Arbeit in Ruh und Friede kündigen konnten.«
    »Aber das würde ihnen auch Nichts geholfen haben - im besten Falle hätten
sie dann doch nur die Wahl gehabt: entweder für den kargen Lohn fortzuarbeiten,
oder plötzlich arbeitslos - zu verhungern.«
    »Nun freilich schlimm genug, dass es so ist - aber wie kommst Du dazu, mir
Vorwürfe zu machen?«
    »Wenn wir gewusst hätten, dass unsere entfernten Kameraden sich erhoben, so
würden wir ihnen gefolgt sein und gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht
haben. Dann wären wir ihrer gleich mehrere Hunderte gewesen und die paar
Soldaten hätten Nichts vermogt.«
    »Nun, und was wäre denn dabei noch herausgekommen, da Du erst selbst sagst,
dass wir auf diesem Wege nicht zu unsrem Rechte kämen?«
    »Auf diesem Wege freilich! - Aber was haben wir denn zu verlieren, warum
sollten wir nicht einmal Alles wagen? warum nicht wider die Reichen zu Felde
ziehen - sie mögten dann sehen, ob denn wirklich in ihrem Gold ein allmächtiger
Gott wohne, dass wir gar Nichts gegen sie ausrichten könnten!«
    »Bruder, Bruder - lass' diese frevelhaften Reden!«
    »Ei ja doch - frevelhaft! Und was sind denn die Handlungen der Reichen?
Nenne mir doch einen Frevel, den nicht sie an uns verübt haben? Wir sind schon
im Mutterleibe verflucht und von der Berechtigung als Menschen zu leben
ausgeschlossen - und so geht es fort, Fluch an Fluch und Frevel an Frevel über
uns, an uns, durch unser ganzes elendes Leben, und so geht es wieder fort auf
unsere Kinder und Kindeskinder. - Aber nein! So soll es nicht länger fort gehen
seit dem Tage, wo mir jener Brief an Dich die Augen mit Eins geöffnet!«
    »Ach, jener Brief, wär' er nimmer gekommen!«
    »Nein, das war ein Glückstag, wo er kam, den hab' ich als meinen Feiertag
rot angestrichen im Kalender.«
    »Wilhelm - meinst Du, ich habe nicht Alles das, was Du vorhin aussprachst,
in meinen bösen Stunden auch gedacht, Tausend Mal mir gesagt, mir wiederholt,
immer wieder und wieder? Denkst Du nicht, ich habe oft Stunden lang in das
unselige Papier gestarrt, es weggeworfen, wieder hergeholt, immer noch ein Mal
durchgelesen - und dann mit mir gerungen und gekämpft Tag und Nacht? Auf meine
Kniee bin ich gestürzt und das Vaterunser, wie mich's allabendlich die Mutter
beten lehrte, da ich ein Knabe war, ist mir wieder durch die Seele gezogen, und
auf die Lippen trat immer das einzige Gebet: führ' uns nicht in Versuchung!«
    »Ja wenn Du immer noch denken willst: beten hilft!«
    »Mir half's - ich habe überwunden, ich brauchte nachher nicht mehr zu beten,
ich hatte endlich die Kraft, dass ich sagen konnte: Hebe Dich von mir, Versucher!
Und da ward ich sein los.«
    »Dass Du ein Feigling bist, mag ich nicht glauben - so bist Du ein Schwärmer,
und mit solchen Leuten fängt man Nichts an.«
    »Sieh einmal, Wilhelm!« sagte Franz mit milder treuherziger Stimme und
Tränen traten dabei in seine Augen und mit seiner einen Hand ergriff er die
Wilhelms, mit der andern klopft' er ihm freundlich auf die Schultern: »Sieh
einmal, Wilhelm, wir waren einander die besten Freunde, waren uns Herzensbrüder!
Wir hatten immer einerlei Meinung und haben zusammen manche gute Einrichtung zu
Stande gebracht unter unsern Kameraden, wir haben das Beste gewollt und
gestrebt, der allgemeinen Net entgegen zu arbeiten, und habennie Etwas für uns
gewollt, oft unsere letzten Groschen hingegeben. Für einander haben wir noch
manches Härtere ertragen, aber mehr noch, als dass wir selbst Eines für das
Andere zu Aufopferungen fähig waren, freute und stärkte es uns, dass wir in Allem
gleich dachten, dass wir miteinander all' diese Tausend Dinge besprechen konnten,
welche für unsere Kameraden ein fremdes Gebiet sind - und dass dann Keiner von
uns einen Gedanken oder ein Gefühl aussprechen, das nicht der Andere schon
gehabt hatte, oder dann wenigstens sogleich erfassen und teilen konnte - und
wie anders ist das jetzt geworden! Es ist, als ob wir einander gar nicht mehr
verständen - und obwohl wir noch allabendlich uns zusammenfinden, mit einander
plaudern, so will's niemals mehr werden wie sonst - und obwohl Du mich gerade
immer aufsuchst, begegnet mir doch Keiner der Kameraden so hart wie Du.«
    »Weil eben Keiner wie ich so auf Dich gebaut und vertraut hat - und sich nun
so von Dir hintergangen sieht!«
    »Hintergangen? Doch ich begreife, wie Du das meinst - weil ich nicht Deinem
unsinnigen Verlangen nachgegeben habe und unsere Genossen aufgehetzt, wie es
einzelne Ausländer unter den Eisenbahnarbeitern gemacht haben.«
    »Nicht allein deshalb habe ich mich in Dir getäuscht, sondern weil Du auf
einmal nicht einsehen willst, was allein vernünftig ist - Du, von dem ich immer
besser dachte, als von mir selbst, den ich für verständiger hielt als mich und
all' die Andern -«
    »Ach, so tu' dies nur auch das eine Mal, misstraue Dir und Deiner
unzufriedenen Heftigkeit, die Alles verderben wird - traue nur dies Mal meiner
ruhigen Ueberlegung - ich habe das sonst nie von Dir gefordert, jetzt fordre
ich's - Dich verblendet Leidenschaft - Du hast Dich irre führen lassen.«
    »Nein! Ich habe nur zum ersten Mal begriffen, wie lange ich irre geleitet
gewesen bin, wie wir Alle es sind, wie die ganze Gesellschaft es ist - jener
Brief hat mir die Augen geöffnet. Du hast es nicht hindern können, ich habe mir
daraus wenigstens eine Stelle abgeschrieben, und sie Einigen mitgeteilt.«
    »Wilhelm - um Gottes Willen, welche?«
    »Diese -« sagte Wilhelm und zog ein beschmuztes Blatt Papier hervor, auf
welchem stand:
    »Wir wollen nicht mehr länger geduldig unser elendes Leben fristen - wir
haben Alle gleiche Rechte, gleiche Ansprüche auf gleiche Genüsse. Unsere Bitten
rühren nicht die versteinerten Herzen der Reichen, freiwillig geben sie kein
Teilchen ihres Besitzes ab. Es wird Zeit, dass wir ihnen nehmen, was sie uns
nicht geben wollen. Wir haben ja Nichts zu verlieren, wir können schon einmal
Etwas wagen. Ja wir können Alles wagen - es ist unsre Pflicht. Die Reichen mögen
sich in Acht nehmen, wir werden sie aus ihrer behaglichen Ruhe aufschrecken. Wir
haben Nichts mehr zu verlieren, denn wir haben schon Alles verloren durch ihre
Erpressungen, ihre Betrügereien, ihren Privaterwerb, ihr Erbrecht. Sie haben zu
verlieren, was sie uns entzogen - und das müssen sie verlieren. Man will uns
sagen: das Bestehende dürfe nicht umgestürzt werden! - Aber wodurch ist das
Bestehende gut und unverletzlich gemacht? Es ist schlecht, soll man das
Schlechte beibehalten? Aendere hiesse die Ordnung stören, sagt man. Aber der
jetzige Zustand ist kein geordneter, er ist eine Unordnung, da dem Einen mehr
Recht gegeben ist, als dem Andern. Wäre es Ordnung, wenn Millionen hungern und
mit der Armut kämpfen, während einige Tausend Reichtümer aufhäufen und mehr
haben als zu einem glücklichen Leben notwendig? - Die Not wird grösser und
grösser - es handelt sich um Sein und Nichtsein des grössten Teils der Menschheit
- wir müssen siegen oder sterben! - Nicht ewig wollen wir die Diener der Reichen
sein, wir haben gerechte Ansprüche an das Leben und das Leben soll uns unsern
Anteil nicht länger verweigern!«
    Wilhelm hatte das laut gelesen und sagte jetzt: »Und bist Du noch nicht
überzeugt? Mein Wahlspruch ist: Wir müssen siegen oder sterben! Aber bisher hat
unsere Loosung wie ein hässlicher Reim darauf gelautet: Wir müssen kriechen und
verderben! Denkst Du noch immer so?«
    »Es sind schlimme Zeiten jetzt und grausame Gesetze herrschen! Ich habe das
offen vor aller Welt gesagt, eh' Ihr Andern noch daran dachtet - aber es werden
einst bessere Zeiten kommen und auch die Armen werden ihre Menschenrechte finden
- aber nicht dadurch, dass sie dieselben verletzen und sich auch noch des letzten
Scheines davon, welchen man ihnen gelassen hat, sich freiwillig entledigen. Ich
weiss, dass meine Bücher allein mit ihren Bitten und ihren Anklagen Nichts ändern
können - aber sie helfen dazu beitragen, dass man unsere Sache prüfen lernt, dass
hochherzigen Menschen, welche bis jetzt mit edler Begeistrung ihre Pflichten ein
Volk zu vertreten, oder für die Freiheit und den Fortschritt in geistreichen
Schriften zu kämpfen - zu genügen glaubten, wenn sie die Sache der Bürger
führten - dass diesen die Augen aufgehen werden, dass es noch unter der Classe der
Bürger eine noch tiefer gestellte gibt, welche auch einen grossen Teil des
Volkes ausmacht, und die sie bisher übersehen konnten, - dann werden sie auch
unsre Sache führen und so wird es auf dem Wege friedlicher Fortentwicklung auch
für uns besser werden.«
    »Wenn vorher noch Millionen zu Grunde gerichtet worden sind.«
    »Und wenn es so sein müsste - sie werden zu Grunde gehen auch auf anderem
Wege. - Siegen oder sterben, soll Deine Loosung sein? Aber siegen werden die
nicht, die Du in einen ungerechten und ungleichen Kampf führen mögtest, die dann
von keiner Ordnung Etwas wissen und nur einem unklaren, wilden Drange mit
Rachegefühlen und entfesselten Leidenschaften überlassen bleiben, um mit diesem
Unheil zu stiften - nicht nur Unheil für die Reichen, sondern auch Unheil für
die Armen. Siegen werden diese in Unwissenheit und Druck aufgewachsenen Massen
nicht gegen eingeübte Heere, gegen die geistige Ueberlegenheit! Und sterben?
Sterben werden vielleicht ihrer Viele, und das möchte sein, denn sie sind dann
erlöst - aber Viele, viel Tausende werden nicht sterben und als Lohn für ihren
kühnen Versuch in immer härtere Sklaverei, in immer grösseres Elend
zurückgestossen werden. Willst Du dies Loos auf Deine unglücklichen Brüder
wälzen?«
    Wilhelm hatte mit immer finstrer werdenden Mienen zugehört - jetzt
schüttelte er Franz's Hand heftig, liess sie los und sagte dann mit dumpfer
Stimme: »Du überzeugst mich nicht anders, gieb Dir weiter keine Mühe mehr, von
nun an trennen sich unsre Wege, bis Du vielleicht doch noch zur Erkenntnis
kommst und den meinen betrittst.«
    Hastig ging er zur Türe hinaus, Franz sprang ihm nach - Wilhelm drängte ihn
zurück: »Lass' es gut sein,« sagte dieser, »es wird mir schwer, Dich nicht mehr
als Bruder zu betrachten - aber ich trage nicht die Schuld! Vielleicht besinnst
Du Dich noch anders - doch nein! Du wirst freilich Nichts gegen unsere
Fabrikherrn unternehmen - er ist ja der Vater Deines Liebchens! Sich! Vor der
Versuchung hättest Du Dich bewahren sollen. Das vornehme Fräulein hat Dir's
angetan - dass Du nun zu keiner Tat mehr kommen kannst, die ihr vielleicht ein
schönes Tränchen kosten könnte - aber schau doch! Wenn sie arm wäre und Du
reich, so könnte sie doch Dein werden - so wird sie's nimmer. - Wie, hättest Du
nun nicht Lust, die Ordnung der Dinge einmal umzukehren?«
    Franz stand erschüttert still - vorher hatte es ihm nie an Worten gefehlt,
den Freund, der nun sein schlimmster Gegner geworden, zurück und zurecht zu
weisen - jetzt war er plötzlich verstummt.
    »Hab' ich's getroffen?« rief Wilhelm triumphierend. »Gut! Ich lasse Dir noch
ein Mal Bedenkzeit. Verächtlich ist es und dumm zugleich, wenn Du unsere
Trannen und all' seine Helfershelfer, Deinen Trannen und den Tyrann Deiner
Brüder schonen willst um eines hübschen Kindes willen, das sich zum Zeitvertreib
und aus Langerweile zu Dir herabgelassen - aber edel wär's, wenn Du auch Etwas
wagtest, sie Dir zu erkämpfen, und was ausserdem vielleicht misslänge, würde durch
die Liebe gelingen! Ich lasse Dich mit Deinem Herzen und Deinem Verstand allein
- die werden Dir's noch deutlich vortragen, wie ich's meine.«
    Er ging.
    Franz war wieder allein in seinem Kämmerchen, allein mit dem aufgeregten
Innern, in dem jetzt Wilhelm geschickt einen neuen Kampf aufgeregt hatte.
    Daran hatte Franz noch nicht gedacht, was Jener jetzt mit rohen Worten und
plötzlich angeregt hatte.
    Als der Mann des Volkes mit sich gerungen und all' jene Versuchungen
bekämpft hatte, welche in ihm selber rege geworden, oder von aussen zu ihm
herangetreten waren, so hatte er immer nur das grosse Ganze vor Augen gehabt, er
hatte niemals an den besonderen Fall, niemals gerade an sich selbst, seine
eignen Verhältnisse und seine nächste Umgebung gedacht. Er hatte sich nur als
Einen betrachtet, der, aus der Masse des verdumpften Volkes aufgewacht,
gewahrte, wie er und Alle, welche in Armut und Niedrigkeit bei drückender
Arbeit beschwerliche Tage abhaspelten, um die einfachsten Menschenrechte
gebracht seien. Er bemühte sich, dies verlorene heilige Eigentum vieler
Tausende wieder erringen zu helfen, indem er die Not der Arbeiter vor aller
Welt erzählte, indem er durch den Verein der jungen Arbeiter unter diesen selbst
sittliche und bessere Elemente zu ihrer Geltung zu bringen suchte. Als nun jenes
anonyme Schreiben mit seinen verführerischen Teorieen, seiner glänzenden
Veredtsamkeit und seinen goldnen Verheissungen ihn so erschütterte - ganz neue
Gesichtskreise ihm aufschloss und ihm die Weit durch ein seltsam verkehrt
geschlissenes Glas ansehen liess, dass er Mühe hatte sich mit seiner geistigen
Anschauung noch in dieser wirr gewordenen und verrückten Weltordnung zurecht zu
finden - als er darin weiter den offenbaren Aufruf zur Empörung und Grwalt
gelesen - so hatte er dies Allgemeine noch immer nicht auf seine besondern
Verhältnisse bezogen.
    Er war einige Augenblicke schwenkend geworden - er hatte so viel neue
Lebensansichten vernommen, wie sie ihm bisher noch niemals durch die Seele
gezogen waren, und er musste ihnen erst genau in die Augen sehen, ehe er sie
verwerfen, eh' er die unreinen Geister, welche sich an ihn herandrängten, von
sich stossen und verdammen konnte. Er hatte nur geprüft, ob diese neue
Weltanschauung die rechte sei, oder seine alte - und da er erstere falsch
gefunden, hatte er sich mit Abscheu von ihr abgewendet. Es war ihm nicht
gelungen, Wilhelm zu einer gleichen Ueberzeugung zu bringen, das hatte Franz für
Wilhelm mitleidig gestimmt, aber diesen gegen ihn erbittert. Sie waren nun
einander Gegner geworden, denn wenn Wilhelm unter den Kameraden die Ansicht zu
verbreiten suchte, dass sie auch recht gut wie die reichen Leute leben könnten,
sobald sie nur den Mut dazu hätten und nicht von alten unseligen Vorurteilen
sich zurückhalten liessen, arbeitete dm nun Franz wieder entgegen und sagte, dass
auf gesetzlichem Wege mit Ruhe viel Mehr erreicht werden könne, als wenn man es
versuchen wollte, sich mit Gewalt gegen die hergebrachte Ordnung der Dinge
aufzulehnen.
    Am Tage vor dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter hatte nun Franz ein zweites
anonymes Schreiben, durch einen unbekannten Knaben überbracht, erhalten, in
welchem ihm der fremde Schreiber anzeigte, dass die Eisenbahnarbeiter einen
ersten entscheidenden Schritt tun würden - ihre Arbeit einstellen, höhern Lohn
fordern und wenn man dies nicht bewillige, wieder zerstören würden, was man
bisher gebaut. Wenn die Fabrikarbeiter zu gleicher Zeit mutig genug wären, ihr
verhasstes Joch abzuschütteln, so sei vielleicht der Augenblick gekommen, wo die
neue Welterlösung sichtbar beginnen könne. Man würde sich dann vereinigen und
alle Arme auffordern, mit Teil zu nehmen an dem grossen Kriegs- und Siegeszug
der Armen wider die Reichen.
    Dies Schreiben hatte Franz sogleich verbrannt, damit es nicht in unrechte
Hände falle, am Wenigsten in die Wilhelms, von dem er jetzt Alles fürchtete. Er
selbst hatte sich entschieden, aber traurig abgewendet von diesem Bilde
kommenden Elendes, welches das jetzige nicht lindern, sondern nur vermehren
könne.
    Als nun jetzt Wilhelm ihm vorwarf, dass er vielleicht nur um Paulinens willen
eine verwegene Tat scheue, so riss ihn diese Beschuldigung in ein tobendes Meer
innerer Zweifel und harter Seelenkämpfe wieder hinein. So roh und abscheulich
ihm auch Wilhelms Worte klangen, er war misstrauisch und streng gegen sich selbst
und prüfte sich genau, ob dennoch nicht in irgend einem kleinen Winkel seines
Herzens er einen Altar für Pauline wie für eine Heilige aufgerichtet habe, auf
dem er all' seine andern Gelübde und Schwüre opfere.
    Aber er fand sich ohne Schuld.
    Und wie er so ihrer dachte, da trat ihr Bild in aller mädchenhafter
Lieblichkeit vor ihn hin, da meinte er den innigen, liebenden Blick ihres Auges
zu sehen und den zärtlichen Händedruck der kleinen weichen Hand zu fühlen - und
da gellten ihm plötzlich wieder Wilhelms Worte in die Ohren: »wenn sie nun arm
wäre und Du reich, so könnte sie doch Dein werden! - Wie? Hättest Du nun nicht
Lust die Ordnung der Dinge umzukehren?«
    Sein ganzer Körper zitterte in unaussprechlichem Verlangen, sein Herz schlug
höher in brünstigem Sehnen.
    Was litten denn die Andern, dass sie wider die gesellschaftliche Ordnung
murrten? Hunger, Frost, niederbeugende Not und lästige Arbeit - aber er litt
Tausend Mal mehr!
    Ihm war jetzt, als habe an ihm allein sich die Gesellschaft versündigt, denn
sie nahm ihm die Geliebte!
    Dieses Gefühl, das er so rein und heilig in seinem Innern trug, ward es
nicht zum Verbrechen, zur Tollheit gestempelt von der Gesellschaft? Und was gab
es denn noch Grosses und Schönes auf der Welt, wenn nicht dies Gefühl seines
Herzens dazu gehörte?
    Aber was half es, dass dieses Herz so in inniger Liebe, dass es so gross und
begeistert schlug - dies Herz schlug ja unter Lumpen, und die, für welche es
schlug, hätte ihren zarten Leib mit blinkendem Gold bedecken können, wenn sie es
nicht verschmäht hätte.
    Welch' eine unvernünftige Gesellschaft, welch' eine frevelhafte Unordnung in
den bestehenden Verhältnissen musste das sein, die um solcher Erbärmlichkeit
willen zwei gleichschlagende Herzen für immer auseinander riss?
    War es nicht gerecht und natürlich, sich wider eine solche Ordnung der Dinge
zu empören?
    Er konnt' es nicht mehr aushalten in der engen Kammer, er lief hinaus, fort
in die Nacht, in's Freie.
 
                                XI. Beratungen
 »Sie hörens nicht, sie schlummern gut,
 Der Mahnung Zeichen kann nicht frommen.
 So mag denn über Dich, Du Brut,
 Du stolze Brut, das Aergste kommen!«
                                                                     A. Meissner.
Ein paar Wochen waren seit dem Tage vergangen, an welchem der
Geheime-Polizeirat Doctor Schuhmacher mit dem Geheimrat von Bordenbrücken die
lange geheime Unterredung gehabt, in welcher sich die beiden geheimen Männer
erst so schwer über Eisenbahnarbeiter und Fabrikarbeiter verständigt hatten.
Dieser Unterredung war am nächsten Tage eine gleich geheime gefolgt, in welcher
der Geheimrat von Doctor Schuhmacher seine ganz besondern, geheimen
Instructionen empfangen hatte.
    Man sieht, wie geheim diese ganze Verbindung der beiden Würdigen und Alles,
was damit zusammenhing, war.
    Schuhmacher hatte jetzt nämlich seine werte Person möglichst zu schonen, da
er im Augenblick auf die bei ihm beliebten Vertleidungen, wo es galt, irgend
Etwas auszugattern, das an sich nicht verdächtig war, sich aber doch bei einem
geschickten Verfahren verdächtig machen liess - nicht eingerichtet war und sie
ihm auch im gegenwärtigen Moment und unter den jetzigen Verhältnissen nicht
anwendbar schienen. Er hatte daher den Geheimrat zu seinem und seiner Regierung
Vertrauten gemacht und teilte ihm jetzt eine der wichtigsten Rollen in dem
Drama zu, von dem er in dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter bereits ein kleines
Vorspiel gesehen zu haben meinte - dem Drama, dessen Mitspieler er
auskundschaften und das ganze Stück selbst auffinden, vielleicht auch gar erst
verfertigen helfen wollte. Die Eisenbahnarbeiter waren vorher der genauen
Beobachtung Schuhmachers entgangen, - den Fabrikarbeitern hatte er ein anderes
Loos zugedacht - sie sollten ihm Mindestens eine bedeutende Gehaltzulage aus dem
geheimen Fonds, einen Orden, vielleicht auch einen Titel und einige goldene
Uhren und Dosen einbringen. Den Geheimrat machte er gleiche lockende
Aussichten, um seinen Eifer gehörig anzuspornen und in allen Fällen seiner gewiss
zu sein, was um so mehr wirkte, als Bordenbrücken einmal mit tiefster
Indignation geäussert hatte, dass er der einzige Geheimrat in der Residenz sei,
welcher keinen Orden habe, was Schuhmacher zu der Bemerkung Anlass gab, dass dies
gerade so ein Gefühl sein müsse, wie wenn man in einer Gesellschaft geschwänzter
Affen der Einzige sei, welcher keinen Schwanz besitze, oder was dasselbe sei,
unter lauter Herren, welchen der Zopf hinten hängt, kurz geschorenes Hauptaar
habe.
    Der Geheimrat hatte vorzüglich zwei Aufträge zu besorgen, zwei Pflichten zu
erfüllen: Sich in Szarinys Nähe zu drängen, ihn wo möglich zum Hausfreund und
Anbeter seiner Gemahlin zu machen und dadurch gelegentlich auszuhorchen, und
dann bei dem Fabrikherrn Felchner selbst sich Eingang zu verschaffen, ihm einige
Warnungen zukommen zu lassen und sich durch ihn selbst über den Stand der Dinge
in der Fabrik unterrichten zu lassen und von seinem Standpunkt aus sich darin zu
orientiren
    Während dem war Schuhmacher auf einige Tage an den Ort gereist, wo die
Eisenbahnarbeiter wieder friedlich und geduldig wie vorher um denselben Lohn
arbeiteten und wo man drei der sogenannten Rädelsführer vor der Hand durch
Einsperren unschädlich gemacht hatte. Um diese drei war es Schuhmacher
vorzüglich zu tun. Einer seiner Freunde und geheimen Bundesgenossen in solchen
Sachen, wo auch die Regierung selbst die geheimen Bundesgenossen, die in Nacht
und Dunkel für ihre Wohlfahrt wachen, nicht verschmäht, hatte ihm geschrieben,
dass aus dem sitzenden Kleeblatt auch nicht das Mindeste heraus zu bekommen sei,
als was alle Welt schon wisse, und dass der Grund hierzu sonst in Nichts Anderm
zu suchen sei, als dass die drei wirklich nicht schuldiger als die Anderen wären,
und dass sie also gar Nichts auszusagen hätten. Dieser Brief seiner Kreatur mit
dieser Bemerkung kam nun Herrn Schuhmacher äusserst bedenklich und gefährlich
vor, denn seine Marime war stets die, da, wo aus Mangel an Tatbeständen und
Stoff überhaupt sich Nichts feststellen liess, durch ein geschicktes Verhör so
Viel als möglich herauszuklügeln und dann doch noch bogenlange Protocolle zu
erhalten, wo man erst ganz hatte an allen Aussagen verzweifeln wollen. Um über
diese edle Kunst seinem Vertrauten einige sachgemässe Winke zu geben, reiste er
selbst zu demselben.
    Die zwei von Vordenbrücken übernommenen Aufträge gewissenhaft zu erfüllen,
war nicht so leicht, als es auf den ersten Augenblick den Schein haben konnte,
denn Jaremir schien ihm wenig geneigt zu sein und hatte wenigstens seitdem die
schmachtenden Blicke seiner Frau ganz unbemerkt gelassen. Gleich an demselben
Tag, wo dem Geheimrat der neue Auftrag zugekommen, hatte er erfahren, dass
Jaromir nach Schloss Hohental geritten sei, und dies bestimmte ihn, sogleich
dort mit seiner Gemahlin auch einen Besuch zu machen.
    Wenn nun auch an diesem Tage weder er, noch seine Frau Fortschritte in der
Gunst des Grafen machten, vielmehr Beide wie gewöhnlich von ihm ziemlich so gut
wie ganz ignorirt blieben, so brachte der Geheimrat doch heraus, dass Jaromir
und Elisabet sich der Eisenbahnarbeiter angenommen und überhaupt zu Gunsten der
armen Leute und der arbeitenden Classen gesprochen hatten und namentlich über
die Nachricht von der Requirirung des Militairs sehr aufgebracht gewesen wären.
Als fabelhaftes Curiosum teilte Aarens dem Geheimrat diese wahre Nachricht
mit.
    Ein paar Tage später machte er eine Spazierfahrt nach der Fabrik und fragte
nach Herrn Felchner.
    Herr Felchner war nicht ganz wohl und lag in der Wohnstube auf dem Sopha.
Pauline sass am Fenster mit einer mühsamen Arbeit im Stickrahmen beschäftigt. Ein
Kätzchen schnurrte zu ihren Füssen und spielte mit dem kleinen Schlüsselbund, das
von Paulinens Gürtel herabhing.
    Der Geheimrat ward von einer Magd draussen sofort und ohne weitere Meldung
hereingeschoben. Er stand darüber etwas verdutzt an der Türe und machte sein
Compliment, indem er, sein Wort an Paulinen richtend, welche aufgestanden und
ihm mit einer leichten Verbeugung entgegengekommen war sagte:
    »Ich habe wohl die Ehre, mit Fräulein Felchner zu sprechen? Habe ich das
Vergnügen, Ihren Herrn Vater daheim zu treffen, so möchte ich Sie bitten - -«
    Herrn Felchners Anzug bestand nämlich in seinem alten grauen Rocke, seinen
niedergetretenen und zerriss'nen gestickten Schuhen, über welche graue Socken
herabhingen, um den Hals ein strickartig zusammengedrehtes weisses Tuch, ohne
Vorhemdchen und Weste; und so hatte er sich jetzt nur halb vom Sopha erhoben und
den Eintretenden mit seinen kleinen blitzenden Augen angeschielt, dessen Gruss
nur mit einem leichten Kopfnicken erwidernd.
    Jetzt aber stand der Genannte auf, schlug die Arme à la Napoleon ineinander
und tat einige Schritte nach dem Geheimrat zu, warf ihm aus seinen grauen
Augen einen durchbohrenden Blick voll Stolz und Ironie zugleich zu und sagte
seine Rede unterbrechend: »Mein Herr, was beliebt?«
    »Mein Vater ist selbst hier!« sagte gleichzeitig Pauline als Antwort auf den
Herzutretenden zeigend.
    Der Geheimrat suchte sich schnell von seinem Staunen zu fassen, dass dieser
kleine dürre Mann in diesem schmuzigen Anzug hier der Hausherr sei, der Besitzer
der Fabrik, der Besitzer von Millionen! Der Erstaunte sagte mit höflichem
Kratzfuss: »Es sollte mir leid tun, wenn ich vielleicht in der Mittagsruhe
gestört -«
    Der Fabrikherr war Menschenkenner genug, um zu bemerken, dass ein adeliger,
ein sogenannter vornehmer Herr vor ihm stand, aber es war immer seine grösste
Lust, wenn er einen von diesen Leuten demütigen konnte, und dass dieser jetzt
sein Herrn Felchner's unhöfliches Liegenbleiben auf dem Sopha zu seinem Gunsten
mit der Mittagsruhe entschuldigen wollte, fiel ihm der Fabrikherr beinah
ärgerlich in die zierlich wohlgesetzten Worte, indem er hastig sagte:
    »Ich bitte, mein Herr, keine Umstände, ich habe nicht geschlafen, die Zeit
der Mittagsruhe ist bei mir längst vorüber - aber ich bitte, kommen Sie zur
Sache, unsereins hat selten viel Zeit, und ich liebe die unnötigen Worte
nicht.«
    »Ich muss dennoch wiederholen, dass es mir leid tut, wenn ich gestört habe -
man schob mich ohne Meldung in dies Zimmer, ich konnte nicht vermuten, sogleich
in ein Wohnzimmer zu kommen - ich bin Geheimrat von Bordenbrücken und mein
Wunsch ist einzig, Ihnen einen nachbarlichen Besuch zu machen.«
    »Ah, wenn es so ist, Sie sind sehr gütig, freue mich, das Vergnügen zu haben
-« sagte der Wirt nun freundlicher und nötigte den Besucher neben sich auf das
Sopha - »ich glaube, es sei Jemand, der mich in Geschäften zu sprechen wünsche.«
    Das nun endlich eingeleitete Gespräch schränkte sich eine Zeitlang um
alltägliche und gleichgültige Dinge. Endlich fand der Geheimrat Gelegenheit,
die Unterhaltung auf den Aufstand der Eisenbahnarbeiter zu bringen.
    »Ja, das Volk wird täglich unverschämter,« sagte der Fabrikherr. »Wo es eine
Eisenbahn zu bauen gibt, kommt auch gleich lauter Gesindel aus aller Herren
Ländern herzugelaufen, verlaufene Müssiggänger, welche sonst nirgends Arbeit
bekommen haben. Die Leute verdienen Viel bei leichter, gesunder Arbeit in freier
Luft - da wird's ihnen zu wohl, sie werden übermütig, so ist es denn auch hier
gekommen. Hätten sie schlechtern Lohn und wären sie abhängig und auf lange Zeit
gebunden, so wäre es ihnen nicht eingefallen zu revoltiren, nur wo zu Viel gute
Zeit ist, wird das Pack unverschämt im Fordern.«
    »Wie Recht haben Sie - es sind schlimme Zeiten. Viel verschuldet an solchen
gesellschaftlichen Uebeln die sogenannte Volksaufklärung, für welche eine
gewisse Partei sich rastlos abmüht und der sogar die Regierungen viel zu wenig
Hemmung in den Weg legen; dieses Streben nach Volksaufklärung ist recht
eigentlich der furchtbare Krebsschaden der Gegenwart, durch den noch Viel edle
Säfte zu Grunde gehen werden - das fehlte noch! Auch den Pöbel aufzuklären -«
    »Wirklich gelingen wird dies niemals, da ist Nichts zu fürchten.«
    »Aber müssen nicht Erreignisse wie das letzte ängstlich machen? Es zeigt,
wie der Pöbel freilich nicht leicht aufgeklärt, aber desto leichter aufgeregt
ist - und dass es nicht an einzelnen Subjekten fehlt, welche ihn aufregen.
Glauben Sie nicht, dass es solche Leute gibt, welche, wie es Tatsache ist, dass
sie unter die Eisenbahnarbeiter sich gemischt, auch unter die Fabrikarbeiter
sich mischen, und die verderblichsten Lehren verbreiten?«
    »Ich verstehe Sie nicht ganz - meine Arbeiter weiss ich im Zaum zu halten,
das können Sie versichert sein.«
    »Ich meine, dass der Communismus -«
    Herr Felchner unterbrach diese Meinung mit einem lauten hönhischen Gelächter
und rieb sich vergnügt die Hände. »Nein, mein Herr, vor einer Sache, die bloss
auf dem Papiere steht, erschrecke ich nicht. Ich habe auch einmal Etwas über
diesen romantischen Unsinn gelesen und die ganze Sache als ein höchst albernes
Mährchen erkannt.«
    »Wenn auch die Verwirklichung des Communismus noch ein Mährchen ist und so
Gott will, immer bleiben wird, die Communisten selbst sind leider keine
Mährchenfiguren.«
    »Ich möchte wohl einmal ein solches Exemplar sehen, ein Exemplar von einem
leibhaftigen Communisten comme il faût.«
    »Nun, vielleicht haben Sie nicht weit danach zu süchen, vielleicht finden
Sie deren Einige unter Ihren eignen Arbeitern.«
    »Sie sind, wie Sie vorhin sagten, erst seit ein paar Wochen in unserer
Nachbarschaft und wollen mich meine Arbeitsleute kennen lernen, in deren Mitte
ich wohne, welche ich meist habe aufwachsen sehen, mit denen ich täglich seit
vielen Jahren in Berührung komme und von denen ich weiss, was für Menschen es
sind - und Sie wollen sie mich erst kennen lehren - das ist sehr komisch!«
    »Um manche Dinge im rechten Licht zu sehen, ist oft ein entfernter
Standpunkt nötig.«
    »Und was für Dinge gehen denn in meiner Fabrik vor? Ich bin auf Ihre
Mitteilungen in der Tat sehr gespannt, klären Sie mich auf.«
    »Nennt sich nicht Einer unter Ihren Arbeitern Franz Talheim?«
    »Einer meiner geschicktesten und fleissigsten Arbeiter, ein ordentlicher
Mensch wie Wenige.«
    »Sie wissen, dass er schreibt?«
    »Mein Gott, ja! Er ist von besserm Herkommen, als die andern Arbeiter, und
hat eine gute Erziehung gehabt - darauf bildet er sich nun Viel ein, und während
die Andern dumme Streiche machen, sitzt er allein zu Hause, schreibt und dünkt
sich vielleicht ein grosser Dichter zu sein. Das lässt mich sehr gleichgültig und
geht mich Nichts an, denn er ist immer der Erste und Letzte bei der Arbeit - was
er ausserdem treibt ist seine Sache.«
    »Was er aber schreibt, regt die Arbeiter auf.«
    »Davon habe ich noch Nichts bemerkt - auch können die meisten meiner
Arbeiter gar nicht lesen. Und mag er ihnen seine Geschichten vorlesen - die
regen sie nicht auf, denn sie handeln unter Fabrikarbeitern, und wie es da
zugeht, wissen sie ja alleine - auch wird ihnen eine solche Lectüre über so
Alltägliches nicht im Geringsten zusagen.«
    »Es kommen aber doch Stellen darin vor -«
    »Nun, Sie haben ihm wohl gar die Ehre angetan, das Ding selbst zu lesen?
Beruhigen Sie Sich, mein Herr, ich kenne diesen Pöbel - Bücher regen ihn nicht
auf, und wollten meine Arbeiter Manifeste und Adressen aneinander erlassen, ich
liess' es geschehen, denn das schadet ihnen und mir Nichts. Das Beste ist aber,
dass gleich gar Keiner Lust zum Lesen und Schreiben hat, ausser eben dieser Franz,
der in seiner Art ein Sonderling ist.«
    »Er ist vermutlich gescheid genug, seine communistischen Principien weniger
in seinen Büchern zu vertreten, als sie gleich praktisch einzuführen.«
    »Ich sag' es Ihnen nochmals, vor diesem Popanz Communismus erschreck' ich
nicht.«
    »Ich habe mir sagen lassen, dass unter Ihren unverheirateten Arbeitern ein
Verein besteht, welcher auf den Grundsatz der Gütergemeinschaft sich gründet.«
    Herr Felchner ward jetzt zum ersten Mal aufmerksam und spitzte seine Ohren.
Der Geheimrat bemerkte diesen Eindruck seiner Worte und fuhr fort:
    »Franz hat diesen Verein gestiftet.«
    »Ich weiss das, und obwohl mir die Sache unnütz vorkam, mochte ich es ihnen
doch nicht verbieten, nach ihrer Art zusammenzukommen. Ich weiss, dass sie diesen
Verein deshalb gestiftet haben, um lieber zu singen als Karte zu spielen und
statt Branntwein Bier zu trinken - das kann mir ziemlich gleich sein, es ist
ihre Sache.«
    »Mein Herr,« sagte der Geheimrat sehr ernst, »Ihr eigenes Wohl hängt davon
ab, aber auch das Wohl des Staates, dass der Communismus keine Wurzel fasse - ich
hielt es für meine Schuldigkeit, Sie auf das aufmerksam zu machen, was ich
erfuhr: durch jenen Verein, welcher Ihnen so unschädlich scheint, haben Ihre
Arbeiter den ersten Schritt zur Verwirklichung des Communismus getan. Es
herrscht Gütergemeinschaft unter ihnen, sie helfen einander und stehen Einer für
Alle und Alle für Einen - sie singen zusammen Lieder auf eine neue goldne Zeit
und Bundeslieder, welche ihren Bund fördern, seine immer grössere Ausbreitung und
Ewigkeit in Aussicht stellen - sehen Sie dies noch lange Zeit ruhig mit an, so
werden Sie es erleben, dass sie einen gleichen Versuch wagen, wie ihre andern
Verbündeten die Eisenbahnarbeiter - nur dass etwas Langvorbereitetes auch in
seinen Folgen bedeutender ist und sich gar nicht übersehen lässt.«
    »Meine Arbeiter,« sagte der Fabrikherr, »werden ihre Arbeiten nicht
einstellen, um einen höhern Lohn erzwingen zu wollen - sie kennen mich zu gut,
sie wissen, dass ihnen dies Nichts helfen würde - dazu sind sie klug genug.« -
Noch ein Mal gab sich Herr Felchner, dem aber jetzt gar nicht recht wohl zu
Mute war, eine zuversichtliche und selbstgefällige Miene.
    »Ja,« sagte der Geheimrat, »ich teile Ihre Ansicht - Ihre Fabrikarbeiter
werden es klüger anfangen, als die Eisenbahnarbeiter, denn sie haben die
schönste Zeit mit gehöriger Musse in ihren nächtlichen Vereinen ihre finstern
Massregeln zu prüfen und zu überlegen, was am Besten zu tun sei. Doch ich
überlasse Alles Ihrer eignen Klugheit, es war nur meine Schuldigkeit, Sie darauf
aufmerksam zu machen, dass, wenn Sie Ihren Arbeitern nicht bald ihre
ungesetzliche communistische Verbindung verbieten - die Regierung, welche
bereits begonnen hat sie zu überwachen, sich genötigt sehen wird, zu tun, was
Sie selbst unterliessen - denn sie darf nicht dulden, dass Andere es zulassen, dass
unter ihren Augen der Boden, auf welchem die gesellschaftliche Ordnung ruht,
unterwühlt wird. Ich habe die Ehre. mich Ihnen zu empfehlen und bitte meinen
guten Willen und meine Freimütigkeit nicht übel zu deuten; vielleicht
untersuchen Sie wenigstens die Sache genauer - aber was Sie etwa beschliessen
mögen, so bitte ich nur, alles Aufsehen zu vermeiden, dies könnte nur schaden
und Alles verderben.«
    Der Geheimrat empfahl sich. Herr Felchner war wirklich bestürzt, er
geleitete ihn bis zur Türe und sagte artig: »Ich danke für Ihre Bemühungen in
meinem Interesse - eine fernere Antwort behalt' ich mir vor, bis ich selbst
Ihnen meinen Besuch abstatten werde.«
    Pauline war während dieser ganzen Scene zugegen gewesen; als das Gespräch
auf die arbeitenden Classen gekommen war, hatte sie weiter keinen Teil mehr
daran genommen. Sie hatte sich wieder an ihren Stickrahmen gesetzt, sie war so
still als möglich gewesen, um ihre Anwesenheit vergessen zu machen. Mit der
ängstlichsten Spannung war sie jedem dieser Worte gefolgt, und als Franz
Talheim's Name genannt worden, hatte sie vor innerer Aufregung kaum gewagt zu
atmen. Die Beschuldigungen, welche gegen ihn vorgebracht wurden, fielen mit
Centnerlast auf ihr Herz - sie wusste ihn unschuldig, aber sie zitterte für ihn,
wenn ihres Vaters Argwohn geweckt werde, und er war geweckt - sie sah es an
seinen Mienen, seinen blitzenden Augen. Sie kannte sein Wesen - dass er plötzlich
dem Geheimrat gegenüber, dem er erst beinah Antworten voll verächtlicher
Geringschätzung gegeben, verstummte - dass er zuletzt ihn höflich und aufgeregt
beim Abschied hinaus begleitete - dass er jetzt von der Türe zurückkommend mit
ineinander geschlagenen Armen im Zimmer mit langen Schritten heftig hin und her
rannte - das waren böse Zeichen!
    Sie stand auf und warf ängstlich fragende Blicke auf ihn.
    »Schenk mir ein Glas Wein ein,« rief er ihr jetzt zu, »mir ist, als bekäm'
ich Schwindel - diese verdammte Spürnase - mir ist, als wenn ich plötzlich in
einen offnen Abgrund sähe, der mich hinabzöge und all' mein Hab und Gut - und
auch Dich mein Kind.«
    Sie reichte ihm das Glas: »Setze Dich, lieber Vater,« bat sie, »Du bist so
aufgeregt.«
    Er setzte sich und nahm ihre Hand, sie streichelte ihm mit kindlichem
Lächeln die Stirn, wie um ihn zu besänftigen. So sassen sie lange still neben
einander. Es war, als ob die zärtliche Sorgfalt der Tochter ihm wirklich
wohltue, ihn beruhige, aufheitre. Er nahm ihre Hand und sagte ziemlich mild zu
ihr:
    »Hör' einmal, Kind, Du bist ja oft unter das gemeine Volk gekommen - ich
weiss es wohl, wie Du mitleidig hingelaufen bist in manches schmuzige Haus, wenn
irgendwo Kinder und Alte krank lagen - Du bist oft mitten hineingekommen unter
das Gesindel - und das legt seiner Rohheit keinen Zügel an, wenn auch die
Tochter seines Herrn dabei ist - rede einmal gerade heraus: was sagt denn das
Gesindel von mir - und was sagst Du von ihm? - Glaubst Du, dass der Geheimrat
Recht hat? Sage einmal Alles, wie Du's selber denkst!«
    Pauline warf einen Blick aufwärts, der ein Gebet um Kraft und Segen war. Die
Stunde war jetzt plötzlich gekommen, die sie so oft ersehnt und die sie nie zu
erleben geglaubt hatte - die Stunde, wo ihr der Vater selbst ein freies Wort
gestattete für die Unglücklichen, deren Loos sie täglich bejammerte, und aus
welchen ihr Vater so leicht glückliche, vielleicht auch gute Menschen machen
konnte.
    »Mein Vater,« begann sie und wünschte sich alle Beredtsamkeit der
überzeugendsten Redner und wünschte, dass all' jene Hundert, für welche sie
sprechen wollte, im Stillen mit ihr um Segen für ihre Worte beten mögten. »Mein
Vater, die Leute sind gut - und wenn Hunger, Frost, Krankheit, oder irgend eine
Not sie unzufrieden macht, so murren sie gleich laut und machen sich mit
Schimpfen und Fluchen Luft - aber heimtückisch sind sie nicht und finstere Pläne
spinnen sie nicht - dazu sind sie viel zu unwissend und wie Kinder. Aber sie
klagen und murren wohl, wenn ihnen von ihrem Lohn abgezogen wird und die
Factoren sie schlecht behandeln, und wenn ihre Kinder bei der angestrengten
Arbeit zu Krüppeln werden und erliegen. Die Not unter ihnen ist gross, mein
Vater, und sie selbst sind daran unschuldig - ich habe es mit angesehen. - Ach,
und Vater! Das Sprichwort könnte wohl einmal wahr werden: Not kennt kein Gebot
- die Not der Armut lehrt nicht beten, die macht Verbrechen! Und wenn sie
einmal etwas Verzweifeltes tun könnten - wie der Geheimrat meint - so tun sie
es nur, weil sie vorher haben verzweifeln müssen. - Darum lass' sie nicht
verzweifeln - Vater, wir sind reich genug und bleiden's auch, wenn Du die
Arbeiter ein wenig besser bezahlst, auch wenn die Kinder nur den halben Tag
arbeiten statt den ganzen; und wenn Du sie in eine Schule schickst, so werden
brauchbare und gute Menschen aus ihnen, vor denen Du Dich dann niemals zu
fürchten hast.«
    »Deine Vorschläge sind eben wie die eines Kindes -« sagte der Vater
freundlich. - »Aber Du glaubst, dass der Geheimrat Unrecht hat?«
    »Das hat er gewiss - aber es ist traurig, dass Du doch immer fürchten musst,
diese Menschen könnten sich einmal an Dir rächen, Vater! Mein Herz hat dabei
geblutet - aber ich habe es hören müssen, dass sie Dich einen - Tyrannen nannten
-«
    »Mädchen!« Doch sie liess sich von der Mahnung nicht stören und fuhr heftiger
fort. »Von Hunderten Trann genannt zu werden! Und es kostete Dich kein Opfer,
sondern nur scheinbar wäre Deine Einnahme verringert, wenn Du durch Milde und
Nachsicht - der Wohltäter dieser Hunderte würdest - wenn sie Dich dann ihren
Vater nennten - wenn sie Dich liebten statt Dich zu fürchten.«
    Sie umschlang ihn innig, heftig. »Nun,« sagte er, »ich sollte es einmal
versuchen mit der Milde, um Dir zu beweisen, dass dieser Pöbel anders ist, als Du
denkst.«
    »Versuch es und ich habe gesiegt!« rief sie frohbegeistert.
    Er lächelte sie mild an.
    Die Türe ging auf und Georg trat ein und sagte: »Zwei Arbeiter haben so
eben den Factor Eckert, weil er ihre unverschämte Forderung nicht erfüllt hat,
im Finstern aufgelauert und ihn fürchterlich durchgeprügelt, dass er jetzt kein
Glied rühren kann.«
    Der Fabrikherr erhob sich wütend und stiess Paulinen bei Seite: »Das sind
Deine vortrefflichen Menschen, Närrin!« rief er höhnisch und heftig zugleich. -
»Du wirst es wohl auch noch begreifen lernen. - Der Geheimrat hat Recht - einen
Factor prügeln - das sieht sehr nach communistischen Grundsätzen aus, wo Alle
gleich sind.«
    Pauline warf auf Georg einen Blick voll schmerzlich bittrer Anklage und
eilte hinaus.
    Es war dieselbe späte Abendstunde, in welcher Franz, von Wilhelm wie von
einem bösen Versucher aufgestachelt, auch in's Freie gelaufen war.
    Pauline war kaum in höchster Aufregung ein Stück gegangen, als ihr Franz
begegnete.
    Sie wusste nicht, was sie tat, sie stürzte wie ausser sich auf ihn zu und
rief: »Franz! Ich sehe Unheil über Sie kommen, über uns Alle - aber Sie sind am
Meisten bedroht. - Wie können Sie Sich retten?«
    Er verstand sie nicht - aber er hielt ihre Hand in der seinen; er sah ihr
mit glühenden Blicken, wie er es noch nie gewagt hatte, in das bleiche,
geängstete Angesicht.
    So schnell als möglich erzählte sie ihm die Unterredung des Geheimrates mit
ihrem Vater, dann die ihrige. - Er hörte gespannt zu. - Wie sie ihm auch ihre
Worte zu ihrem Vater wiederholt hatte, sagte er mit innigstem Ton, aber
schmerzlich bewegt:
    »Sie sind eine Schwester aller Unglücklichen, ich zähle Sie mit unter
diesen.«
    Sie verstand ihn - »Franz!« rief sie mit leisem Vorwurf und lehnte das
goldne Lockenhaupt an seine Schulter.
    Selige Schauer durchzogen ihn - er wagte nicht, sie zu küssen, er beugte das
Knie vor ihr und verstummte vor Entzücken.
    Wilhelm hatte von fern gestanden - er hatte Alles mit angehört - jetzt
lachte er höhnisch erfreut vor sich nieder und zog sich vorsichtig zurück.
 
                                  Dritter Band
                                 I. Ueberraschung
 »Mein Herz, ich will Dich fragen,
 Was ist die Liebe? - Sag'!
 Zwei Seelen, ein Gedanke,
 Zwei Herzen und ein Schlag.«
                                                                 Friedrich Halm.
Jaromir fühlte ein neues Leben, einen neuen Lenz in sich. Es gab für ihn
Stunden, wo er sich selbst nicht mehr erkannte, wo er sich ganz wie verwandelt
vorkam. Mit welch' neuem Reiz lag jetzt das Leben wieder vor ihm, wie füllte
wieder ein seliger Hochgedanke seine ganze Seele aus, ein Hochgefühl, an das er
lange nicht mehr geglaubt, das er oft im bittern Unmut seines unbefriedigten
Herzens, im Übermut seines stolzen Geistes verspottet und verlacht hatte. -
Und wieder gab es andere Stunden für ihn, wo eine ganze Reihe zuletzt verlebter
Jahre vor ihm wie ein böser Traum versunken, wo er sich wieder Jüngling fühlte
und alle Begeisterung, alle süssen Schwärmereien seiner Jugendjahre wieder
empfand. Er war wieder Poet aus der Fülle seines Herzens, und jene seligen
Momente kamen ihm wieder, wo in lauter, rauschender Sphärenmusik ein ganzer
Himmel urewiger Harmonieen im Innern einer Menschenbrust aufweckt, die so lange
wogen und dringen und nicht zur Ruhe kommen wollen, bis sie eine äussere
Erscheinung gefunden - ein Lied, das jubelndes Zeugnis ablegt von ihrem Dasein,
ihrer Macht und Herrlichkeit.
    Ein seliges Liebeleben vereinigte ihn mit Elisabet.
    Und sie, die ernste, verschlossene Jungfrau, weihte ihm die ersten vollsten
Blüten eines Gefühls, dem bisher ihr Herz kaum eine leise Ahnung gezollt hatte.
Man konnte ihr Inneres einer hohen weissen Lilie vergleichen, die schlank
aufgesprossen ist und deren Blüten über Nacht in heiliger, schweigender Ruhe
bei melodischem, gleichförmigem Quellengeriesel träumend gross geworden sind und
im weissen silberreinen Glanze viel heilige Geheimnisse in sich selbst noch
ungeahnt und schlummernd verschlossen halten. Da strahlt der Morgenstern hell
und tagverheissend auf die Blütenkrone, der erste Morgentan hängt sich an sie,
mit einem zarten, durchsichtigen Perlenschleier sie noch verklärend, vorahnend
schlägt die erste Lerche ihr Lied ihr vorüber im dunkeln Morgengrauen empor - es
klingt mit seltsamer Bewegung wieder im Blumenkelch - er richtet sehnsüchtig
sein Haupt noch höher auf - aber er bleibt verschlossen. Nun graut es im Osten -
nun fallen alle Nebel, wirbeln und singen alle Vögel zugleich - ein heiliges
Schauern zieht erschütternd durch die ganze Natur, regt sich in der höchsten
Eiche, wie im kleinsten Halme - ein tausendstimmiger Jubel bricht los - als
plötzlich die Sonne aufgegangen und mit viel Tausend strahlenden Liebesbändern
die ganze Schöpfung an ihr unsterbliches Herz zieht. Und einer dieser
allmächtigen Strahlen rührt auch an den verschlossenen Lilienkelch - und die
Blütenseele wacht aus ihrem Traum auf, tut ihre verhüllenden Blätter
auseinander, öffnet sich dem heissen Lichtglanz und lässt ihn segnend eindringen
in ihre goldenen Tiefen, dass köstliche Nektartropfen darinnen hervorperlen. -
Dieser hohen Lilie glich Elisabet. Gleich einem strahlenden Morgensterne hatte
einst Gustav Talheim ihr nahe gestanden, zu dem sie mit heiligen Vorgefühlen
emporschaute - aber Jaromir war ihr als eine leuchtende Sonne aufgegangen, ihr
tief in's Herz gedrungen, so dass es all seiner Schönheit Fund seines Reichtums
sich dadurch erst selbst bewusst geworden war und immer vollendeter Beides
entfaltete. -
    So war denn das ganze Maileben glühender keuscher Liebe für sie angebrochen.
-
    In den ersten sonnigen Stunden des Nachmittags eilte Jaromir täglich in den
Park von Hohental und in die stille, von Bäumen verschwiegen beschattete
Rotunde, in welcher er Elisabet zuerst seine Liebe gestanden hatte. Dort harrte
er dann - und harrte selten vergebens - bis die Geliebte unter den Bäumen hervor
ihm entgegentrat und zart errötend in seine geöffneten Arme sich warf. Nur
zuweilen, wenn Gäste zu Mittag im Schloss waren, blieb sie aus oder flog nur
eilend hin zu ihm, um ihn nach wenig Momenten wieder fortzutreiben. Denn noch
lag der zarte Schleier des Geheimnisses über ihrer Liebe und es war, als hätte
Keines von Beiden ihn heben mögen. Zwar machte er jetzt noch öfter als vorher
Besuche in Elisabets Familie und ihre Eltern empfingen ihn gern, obwohl es
schien, als ob sie Aarens noch mit freundlicherer Auszeichnung willkommen
hiessen.
    So waren denn auch eines Nachmittags Elisabet und Jaromir in der Rotunde
bei einander. Er hatte ihr einen Strauss Rosen mitgebracht und wollte jetzt, dass
sie diese sich zum Kranze winde.
    »Wir wollen hier die kleinen Marmorsäulen unsers heiligen Liebestempels
umkränzen,« sagte sie, »wir dürfen wohl heute ein geheimes Fest feiern, denn
heut' ist es ein Jahr, dass wir zuerst uns sahen.«
    »Sei mir nicht böse,« sagte er und küsste sie innig, »aber ich brachte Dir
dazu die Rosen mit, um zu sehen, ob Du auch diesen Tag im treuen Gedächtnis
bewahrt haben würdest.«
    »Nun, dafür, dass Du mich erst prüfen wolltest, verdientest Du wohl eine
Strafe - geh, pflücke mir Eichenlaub, indes ich die Kränze zu winden beginne -«
erwiderte sie lächelnd.
    Er gehorchte. »Das ist ja eine Scene, wie aus dem Sohn der Wildnis,« sagte
er, als er mit den gepflückten Zweigen sich zu ihren Füssen setzte und ihr die
Blumen zureichte.
    Sie lachte und begann, um das Bild zu vervollständigen, mit ihrer schönen
melodischen Stimme zu singen:
»Mein Herz, ich will Dich fragen,
Was ist denn Liebe? - Sag'!
Zwei Seelen, ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!«
Er hatte sie noch niemals singen hören - sie liebte es nicht, vor fremden
Zuhörern auf Bitte oder Geheiss zu singen, sie tat es nur in den Stunden, wo es
ihr innerstes Bedürfnis war, dann lag ihre ganze Seele in ihrem Gesange, und so
auch jetzt. Von Bewunderung hingerissen lauschte er bezaubernd den hellen Tönen,
die so frei und freudig wie jubelschlagende Lerchen hervorflatterten aus der
Brust seines teuren Mädchens. Er liess sie das Lied vollenden, ohne sie zu
unterbrechen, und bat dann nur einfach:
    »Sing' es noch ein Mal!«
    Und sie antwortete der Bitte nur dadurch, dass sie es noch ein Mal sang.
    Die Augen halb geschlossen vor sich niedergesenkt hörte er ihr träumend zu -
wie oft hatte er sonst Bella's Töne bezaubert gelauscht - aber nie hatten sie
ihn so im tiefsten Innern angegriffen, wie dieser einfache seelenvolle Gesang
Elisabets. Es war die Sprache glühender, oft wilder Leidenschaft, welche er aus
Bella's Tönen hörte, Sirenenklänge, die mit wunderreichem Zauber
verderbendrohend ihn umstricken - die ihn erst hinschmelzen liessen in weicher
Wollust, rasend vor glühendem Verlangen, dann vernichtet in sich selbst
zusammensinkend - bis er plötzlich ernüchtert, besonnen, aber innerlich ermattet
und zerrissen aufwachte wie aus einem fieberheissen Traum. Aber jetzt, wo
Elisabet sang, war ihm als stimmten droben im Himmel alle Engel dazu ihre
Harfen und spielten dazu auf ihren feinsten Saiten Elisabets einfache Worte als
heilige Gebete nach, es war ihm, als stimme die ganze Schöpfung vor leisem Jubel
zitternd sanft mit ein in das Liebeslied. Wie Orgelgetön und Glockenklang, wie
Vögelgesang im Mai, wie ein Liebespäan einer seligen Schöpfung, den fromme
betende Menschen und eine ganze gottdurchgeisterte Natur zusammenstimmend
aufsteigen lassen - so zog es jetzt durch seine Seele.
    Und als sie geendet hatte und er noch immer träumend vor sich niederblickte,
sagte sie lächelnd:
    »Nun, mein Lied hat wohl gar das grosse Kind in Schlummer gesungen?« Und wie
sie ihre Wange an die seinige lehnte, sah sie eine helle Träne in seinem Auge -
sie küsste sie ihm hinweg, und unaussprechlich selig hielten sie einander in den
Armen.
    Sie hatte zwei Guirlanden vollendet und wand sie um die Marmorsäulen. Die
schönsten Rosen hatte sie noch zurückbehalten.
    »Aus diesen winde Dir selbst eine Krone!« bat er.
    Sie begann das anmutige Geschäft von Neuem. Er sass neben ihr; sie
umschlungen haltend, sah er über ihre Schultern hinweg ihren regen Fingern zu.
    Da rauschte es plötzlich wie von Tritten und im Grase schleppendem
Seidenzeuge - Elisabet sah auf, sprang erschrocken empor - die Rosen fielen von
ihrem Schoos zu ihren Füssen - ein Ausruf der Ueberraschung drang aus ihrem
Munde.
    »Du streust mir Blumen, Elisabet!« rief lachend eine jugendfrische Stimme.
Sie kam von einer jungen Dame mit einem hübschen muntern Gesicht, zu dem
schwarze Locken und ein blumengeschmückter Strohhut recht gut passten.
    »Aurelie!« rief Elisabet - und die jungen Verwandtinnen umarmten und
bewillkommten sich mit Herzlichkeit.
    Jaromir ging einstweilen in dem nächsten Gange etwas unbehaglich hin und
her.
    »Aber wie kommst Du hierher?«
    »Gerade hierher? Nun sieh - ich wollte Dich überraschen, obwohl ich nicht
wissen konnte, dass meine Ueberraschung für uns Beide so gross sein würde.«
    »Du bist noch immer mutwillig. - Aber wie kamst Du gerade hierher?«
    »Durch meinen vortrefflichen Ortssinn und Deine getreue Beschreibung diese
Platzes. Du hattest mir in einem Deiner Briefe diese Rotunde beschrieben und
erzählt, dass Du alle erste Nachmittagsstunden hier allein zubrächtest - was
freilich der Wahrheit nicht ganz gemäss war -«
    »Aurelie, doch - damals!«
    »So, nur jetzt ist es anders - ich nahm mir also vor, ehe Du etwas von
meiner Ankunft erführest, ehe ich das Schloss beträte und Deine Eltern begrüsste,
Dich hier zu überfallen. Im Park war ich noch ziemlich bekannt und so ist es
gerade kein Wunder, dass ich mich zurecht fand.«
    »Und Tausend Mal willkommen, Du Gute! Wir werden uns Viel zu erzählen haben
-!«
    »Ja, nun beichte - Dein Ritter dort wird seiner Irrgänge müde werden -«
    »Ich werde Dich ihm vorstellen - aber Eins, Aurelie! Du bist die Vertraute
unsers Geheimnisses - vergiss das nicht - wir lieben uns - aber Du bist die
Erste, welche es erfährt -«
    »Das würde für mich sehr schmeichelhaft sein, wenn es minder zufällig wäre -
um so neugieriger bin ich - Dein romantischer Hang hat Dich am Ende einem
Dichter oder Künstler entgegengeführt, der nicht recht in unsere Verwandtschaft
passt. - Hab ich Recht oder nicht? -«
    »Beides zugleich -« und Elisabet rief »Jaromir« und stellte ihm Elisabet
vor: »Meine Cousine, Aurelie, von Treffurt.« Dann nannte sie ihr seinen Namen -
    Sie war fröhlich erstaunt - »Ich begreife Deine Wahl,« sagte sie halblaut zu
Elisabet und gegen Jaromir gewendet, fügte sie hinzu:
    »Und über die Ihrige erstaun' ich gar nicht - auch hört' ich Manches aus der
Schule schwatzen - Elisabet wollte immer nur Gedichte von einem neuesten
Dichter lernen und war deshalb auf einem ihrer Hauslehrer gar nicht gut zu
sprechen, welcher behauptete: die neuen Dichter taugten alle nicht und gerade
die, welche die Besten hiessen, wären der Leute Verderben - was würde er gesagt
haben, wenn er jetzt, wie sonst so oft, mich auf der Wanderung hierher begleitet
hätte.«
    So scherzte Aurelie ungezwungen und mutwillig, wie immer ihre Weise gewesen
war.
    Die Drei nahmen auf den Moosstufen neben einander Platz, so gut es eben
gehen mochte.
    »Aber nun erzähle, wie Du eigentlich hierher kommst,« sagte Elisabet zu
Aurelie, »so allein und überraschend - und Du siehst eher aus, als ob Du von
einem Spaziergang kämst, als von einer Reise!«
    Aurelie nahm ihren Hut ab, knöpfte die Handschuh auf, zog sie aus, wickelte
sich aus der seidnen Mantille heraus, warf Alles zusammen neben sich in's Gras
und sagte lächelnd:
    »Sieh, da wirst Du Dich wundern; ich bin nicht etwa gekommen, um wie sonst
Euer Gast zu sein - ich bin nun Eure Nachbarin und wahrscheinlich Ihre nächste,
Herr Graf!«
    »Ich wohne in der Wasserheilanstalt;« sagte dieser.
    »So ist mir, hab' ich gehört,« fuhr Aurelie fort, »und ich wohne auch da -«
    »Du? - Nicht möglich!« rief Elisabet.
    »Ich glaube, ich bin noch im Stande, Deinen Neid zu erregen,« plauderte
Aurelie neckend weiter, »ich bin mit Oberst Treffurt hier, meinem Onkel. Die
Tante ist schon lange kränklich, wie Du weisst, und der Arzt riet ihr die
Wasserkur. Seit der Verheiratung ihrer Tochter fühlt sie sich sehr verlassen
und einsam, und da sie zu kränklich ist, um nur irgendwie dem Hauswesen noch
vorstehen zu können, hingegen einer weiblichen Pflege und Umgebung bedarf, so
hat sie sich eine Gesellschafterin in's Haus genommen. Erst hatte die Tante ihre
Tochter in deren neue Heimat begleitet, mit dem festen Entschluss, sich selbst
dort anzusiedeln - allein das gebirgige Klima hat ihr nicht zugesagt, die Aerzte
haben es ihr als eine Unmöglichkeit geschildert, dass sie dort länger als ein
paar Wochen zubringen könne, ohne ihre Gesundheit ganz zu untergraben. So hat
sie denn nachgeben und ihren frühern Wohnort behalten müssen. Sehr verstimmt kam
sie dahin zurück und bat mich zu ihr zu kommen, um ihr wenigstens auf kurze Zeit
die Tochter zu ersetzen zu suchen. Wie ich nun ankam, war bereits davon die
Rede, dass sie eine Wasserheilanstalt besuchen solle - es fragte sich nur welche?
Ich war natürlich gleich für Hohenheim um Deiner Nähe willen, doch flüsterte man
sich in der Residenz leise zu: eigentlich sei die hiesige Anstalt erbärmlich,
und Alles, was man darüber geschrieben und lobpreisend gefabelt, sei Nichts als
eine Mystification des Publikums, eine neue Art Markschreierei, welche der
Wasserdoctor von Hohenheim zu seinem Vorteil erfunden habe.«
    Jaromir lachte und sagte: »Man tut dem guten Doctor Unrecht - an der ganzen
Mystification sind Sie allein Schuld, Elisabet, das will ich Ihnen ein Mal
später erklären, da Sie jetzt ungläubig lächeln.«
    Aurelie sagte: »das wäre wirklich so allerliebst, als seltsam - aber um
meine Erzählung fortzusetzen: die Nähe von Hohental in dem neuen Badeort wirkte
endlich auch entscheidend auf meine Tante und schneller als mit dem Entschluss
ging es mit unsrer Abreise, daher erhieltst Du auch keine vorbereitende
Nachricht. Gestern am späten Abend sind wir hier eingetroffen und haben uns
notdürftig placirt. Onkel und Tante folgen mir in einem Stündchen zu Euch nach.
Unterdess mag die Doctor Tal - -« Aurelie unterbrach sich plötzlich: »Ach, das
hab' ich Dir noch gar nicht einmal gesagt. Die Gesellschafterin meiner Tante ist
nämlich niemand Anders, als die Doctor Talheim, die Frau unsers Lehrers,
welchen Du so schwärmerisch verehrtest und welcher -«
    Elisabet fiel ihr in's Wort: »Nicht möglich!« rief sie. »So haben sie sich
ganz und für immer getrennt? Und hat er ihr auch sein Kind nicht länger
anvertrauen mögen?« Sie war zu sehr überrascht von Aureliens Neuigkeit, zu
gespannt auf deren Antwort, als dass sie hätte bemerken sollen, wie ein leises,
bitteres Zucken, eine vorübergehende schauernde Blässe der Bestürzung über
Jaromirs vorhin so glückstrahlende Züge flog - auch ward er bald dieser äussern
Bewegung Meister; doch Aureliens Blick war zufällig während derselben auf ihn
getroffen; jetzt fuhr sie fort:
    »Ich glaube, die Talheim hat gesagt, sie sei von ihrem Mann geschieden, ihr
Kind ist gestorben - das mag sie noch zusammengehalten haben, jetzt soll er gar
nicht mehr nach ihr fragen. Man könnte wirklich neugierig sein zu wissen, was
eigentlich zwischen den beiden Menschen vorgefallen, es hiess ja immer, er sei
der beste Gatte von der Welt, und auf einmal, als sie kaum von der schwersten
Krankheit genesen, verlässt er sie, um sich auf einer Reise zu amüsiren.
Verdenken kann ich's ihm nicht, denn hässlich ist sie und furchtbare Langeweile
mag er auch bei ihr gehabt haben. Aber dass er das nicht schon viele Jahre vorher
empfunden hat! Da nannte man aber die Armut sein einziges Unglück! Du weisst es
ja selbst.«
    »Aber vielleicht ist sie doch nicht sein grösstes gewesen, oder vielleicht
war sie es allein, die ihn bestimmte, die Reiseofferte von Graf Golzenau
anzunehmen;« sagte Elisabet.
    »Sie lebten in Not?« fuhr Jaromir hastig heraus - »und Golzenau - ich
besinne mich - dieser Talheim, welcher mit meinem Vetter Eduin Golzenau reist,
ist derselbe, dessen Gattin jetzt hierher kommt, ist Ihr Lehrer, von dem Sie,
Elisabet, mir noch jüngst mit Begeisterung sprachen. - Sie hatten mir seinen
Namen nicht genannt.«
    »Der nämliche, Jaromir,« sagte Elisabet. »Aber Sie sind so bewegt, nehmen
Anteil an diesem Talheim? - Sie kennen ihn ja - vor einem Jahr, als wir uns
zuerst sahen, kamen Sie von ihm.«
    »Und eine neue Liebe ging in meinem Herzen auf!« rief er, den ganzen Sturm
seiner aufgeregten Empfindungen in diese Worte pressend und zog ihre Hand heftig
an seine zuckenden Lippen.
    Sie nahm diese Aufwallung für den einfachen Ausdruck der überwältigenden
Erinnerung an jene erste Stunde, wo zwei Menschen sich begegnen, welche trotz
der Bewegung ihrer Herzen dabei und der wunderbaren, unerklärten Empfindung,
welche in ihre Seelen schlägt, auch nicht ahnen können, dass einst ein
Himmelsgefühl und ein Himmelsglück sie vereinigen werde - und so blickte sie ihn
zärtlich an und vergass darüber, was sie und er noch im letztverwichenen Moment
gesprochen.
    Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Elisabet zu Aurelie: »Durch den
Rittmeister von Waldow, der mir zuweilen von der Reise seines Sohnes erzählte,
habe ich auch von Talheim sprechen hören - auch lebt ihm ein Bruder hier -«
    »Ein Bruder?« sagte Aurelie. »Nun da wird die Doctor Talheim gewiss um so
weniger ausgehen, als sie dies schon zum voraus erklärt hat - es wird ihr
unangenehm sein, da ihr Gatte Nichts mehr von ihr wissen will, in der
Gesellschaft mit einem Schwager zusammentreffen.«
    »In der Gesellschaft? - Das wird sie nicht!« lächelte Elisabet. »Franz
Talheim ist Fabrikenarbeiter -
    Aurelie schlug ein lautes Gelächter auf und sagte ungläubig: »Du bist sogar
witzig geworden, Elisabet.« -
    Unterdess hatte Jaromir an seine Uhr gesehen: »Man wird Sie im Schloss
erwarten, es ist Zeit, dass ich gehe, sagte er und entfernte sich nach kurzem
Abschied.
    
 
                                 II. Die Brüder
 »Ich bin gewandert, hab' gesehen,
 Es steigt empor ein böses Zeichen,
 Ein Kampf liegt in den ersten Wehen,
 Ein Kampf der Armen und der Reichen.«
                                                                 Alfred Meissner.
Der Geheimrat von Bordenbrücken hatte seine Mission vollkommen erfüllt. Gewiss
hatte er den Orden, um den er sich bewarb, schon jetzt verdient. Wenigstens
hatte er sich alle mögliche Mühe darum gegeben und kein Mittel gescheut, zu
irgend einem Resultat zu gelangen, durch das er sich den Dank seiner Regierung
verdiene. Um jeden Preis wollte er Entdeckungen von der grössten Wichtigkeit über
staatsgefährliche Verbindungen und Umtriebe machen. Wo er nur einen Keim dazu
fand, wollte er daraus wo möglich eine Giftpflanze erziehen und sie dann
frohlockend ausreissen.
    So hatte der Geheimrat auch den unheimlichen Funken in die Seele des
Fabrikherrn geworfen - war er dort einmal eingedrungen, so werde es ihm, dass
wusste er, an weiterem Brennmaterial und Zündstoff nicht fehlen.
    Der Geheimrat war ein geschickter Rechenmeister, sein Exempel traf bei der
Probe.
    Herr Felchner hatte Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Er teilte seine
Unterredung mit dem Geheimrat seinem Sohn mit. Georg war von Charakter fast
noch finsterer und harterziger als sein Vater. Herr Felchner, der Vater, war
ein Trann gegen Alle, die von ihm abhingen, aber er war es um eines Zweckes
willen: er war es aus Ehrgeiz, der reichste und industriellste Mann in seinem
Vaterland zu sein. Alles, was er war und besass, hatte er seiner Klugheit, seinem
Fleiss und seiner Ausdauer zu verdanken, denn er hatte zuerst mit einem geringen
Geschäft und klein angefangen. Darauf war er stolz und auf diesem sichern
Fundament baute er nun mit rastlosem, unermüdlichem Eifer weiter. Es war seine
Freude, wenn er durch seine Geldmacht den Adel demütigen konnte, es war sein
Stolz, bei dem grossen Grundbesitz, den er sich nach und nach erworben, bei der
Masse der Leute, welche er beschäftigte und welche dadurch Alle von ihm abhängig
waren, selbst eine Art von Souverain vorzustellen, es war sein Ruhm, die
Industrie durch alle zweckmässige Neuerungen zu bereichern und sie in seinen
Fabriken und durch dieselben auf eine immer höhere Stufe zu heben - und es war
so seine Lebensaufgabe, in Allen diesem noch weiter zu schreiten -: das Mittel
dazu war erhöhter Reichtum: Sich diesen zu verschaffen, war ihm kein Mittel zu
gering, zu kleinlich und schimpflich - so bald sich dies Alles nur unter einem
Schein des Rechtes verbergen liess. So lag seinem Handeln immer noch eine Idee,
ein Zweck zum Grunde, und so war er nicht hart und grausam, weil er es unter
allen Verhältnissen gewesen sein würde, sondern er war es nur unter den
gegebenen, er glaubte so sein zu müssen, wenn er den Platz ganz ausfüllen
wollte, auf den er sich gestellt, den er für sich gehörig in Anspruch genommen.
    Aber anders war es mit Georg. Er war Nichts als eine todte Maschine. Er
hatte nicht einmal einen Ueberblick über den weiten Geschäftskreis seines Vaters
- er stand still auf dem Platz, auf welchen ihn dieser gestellt. Er war einer
jener Zahlenmenschen, welche ihr Leben lang niemals gedacht, sondern immer nur
gerechnet haben. Aber darüber waren alle edleren Regungen seines Herzens
erstorben. Der Grundzug seines Characters war böse Härte geworden. Glückliche
und heitere Gesichter waren ihm förmlich unerträglich - sobald er solchen
begegnen musste, ward er noch mürrischer als gewöhnlich; - dass es so kam, war der
Neid seines Herzens, weil er selbst für Freude und Glück ganz unempfindlich
geworden war; aber er war dies auch für Schmerz und Trauer. In ihm war immer nur
eine Empfindung lebendig: der Aerger und seine Äusserungen bestanden in Härte
und Grausamkeit. So ärgerte er sich stets über die Fabrikarbeiter, und weil er
sich über sie ärgerte, hasste er sie, und weil er sie hasste, misstraute er ihnen,
und weil er ihnen misstraute, behandelte er sie mit der ausgesuchtesten Strenge.
    Es war natürlich, dass er jetzt, als ihm sein Vater die Warnungen des
Geheimrates mitteilte - dieselben begierig in sich aufnahm, das Misstrauen des
Vaters vergrössern half und zu verstärkter Strenge gegen die Arbeiter riet.
    Und so kam es, dass am nächsten Lohntag jedem der ledigen Arbeiter
angekündigt ward, dass man ihm am nächsten Lohntag ein paar Groschen von seinem
Lohn abziehen werde, dafern er wieder in den Arbeiterverein in die Schänke gehe,
hinter dessen gefährliche und aufrührerische Zwecke man endlich gekommen sei.
Man wolle keine weiteren Nachforschungen anstellen, aber Jeder möge sich hüten,
wieder Aehnliches zu versuchen - und der Verein sei jetzt ein für alle Mal
unwiderruflich aufgelöst.
    Der Eindruck, welchen diese Maassregel auf Alle, welche sie betraf, machte,
war ein sehr verschiedener.
    »Das leiden wir nicht! Wir sind freie Arbeiter! Wir sind keine Sclaven,
keine Bedienten! - Man darf uns keine solchen Vorschriften machen! - Wir wollen
doch sehen, wer dazu ein Recht hat!«
    So redeten die Arbeiter unter einander hin und her im ernsten lauten Zorn.
    Nachher klang es anders - da kamen all' die Aber hinterdrein, gar viel und
mannichfaltig - all' die Aber der armen Leute.
    Da hiess es nun wohl so:
    »Aber was wollen wir tun? - Wie wollen wir's anfangen uns zu widersetzen?
Leicht zwar ist's getan, zusammenzukommen wie gewöhnlich; aber dann, dann kommt
der Lohntag, dem wir jedes Mal so sehnsüchtig entgegen harren - kommt der
Lohntag und kein Lohn! Denn wird unser Lohn noch mehr geschmälert, so müssen wir
verhungern und elend zu Grunde gehen. - Wollen wir klagen vor Gericht? - Die
Gerichtsklagen sind teuer und den armen Leuten helfen sie nicht! - Wer die
Macht hat, hat das Recht! -«
    So sprachen die Arbeiter hin und her und sahen traurig und nachdenklich vor
sich nieder.
    Anton hatte seine Ohren überall.
    Wilhelm hörte mit innrer Freude all' das Murren der Zornigen, sah vergnügt
all' die grosse Bestürzung. Nun werden sie es wohl einsehen,« sagte er für sich,
»nun werden sie's nicht mehr lange tragen!« Aber laut und zu den Andern sprach
er nur:
    »Da seht Ihr es! Wir sind freie Arbeiter, wir können die Freiheit haben zu
verhungern - wir sind keine Sclaven - unser Herr kann uns fortjagen, wenn wir
ihm nicht zu Willen sind - aber so ist es einmal, dem Reichen gehört die Welt -
bis sich einmal das Ding umkehren und der Reiche der Welt gehören wird.« Zu
Franz sagte er dann halblaut: »Was meinst Du nun, Bruder? Was Du mühsam Jahre
lang ringend aufgebaut, um Deine Kameraden für Menschenwürde zu erziehen, um sie
zu sittlicher Erstarkung zu führen, um sie vor der äussersten Not zu bewahren -
das sinkt nun Alles in Nichts zusammen vor dem Machtwort des reichen Trannen.
Was meinst Du nun? Glaubst Du nun, dass es für uns besser werden könne, so lange
wir die Sclaven der Reichen bleiben, so lange wir vor jeder Selbsthilfe feig
zurückschaudern?«
    »Lass' mich jetzt, Wilhelm!« bat Franz mit wehmütiger Stimme, »lass' mich,
bis ich mit mir selbst zu Rate gegangen; zu unerwartet kam der Schlag.«
    Wilhelm lachte höhnisch.
    Nach dem Feierabend ging Franz auf der Strasse nach Hohenheim. So entmutigt,
so niedergeschlagen wie jetzt, war er noch niemals gewesen. Wie ein Schlag aus
blauem Himmel war ihm diese neue unerhörte Strenge des Fabrikherrn gekommen. Er
hatte ja von Anfang an Nichts gegen den Verein gehabt, als ihn Franz zuerst
davon benachrichtigt und sogar um seine Zustimmung gebeten hatte. Woher nun
dieses plötzliche Misstrauen gegen eine Sache, welche man nie mit dem Schleier
irgend eines Geheimnisses umhüllt gehabt hatte? Woher diese plötzliche Härte?
    Franz sann lange darüber nach, doch immer vergebens. Und je weniger er einen
Grund herausfand, welcher diese ausserordentliche und unerwartete Maasregel des
Fabrikherrn hätte rechtfertigen können, desto trüber und unheimlicher ward ihm
zu Mute - eine ungeheure Angst vor kommenden Dingen begann sich wie ein
drückender Alp auf seine Seele zu lagern. Diese Ankündigung, die ihm und allen
Arbeitern heute geworden, - war sie nicht der Vorbote nahenden grossen Unheils?
Glich sie nicht dem ersten schmetternden Blitz, dem ersten rasch abbrechenden
Donnerschlag, die ohne die Gewitterschwüle der Luft durch lindernde Regentropfen
zu kühlen aus finsterm Gewölk hervorbrechen? Und dann ist es wieder still,
todtenstill und keine Bewegung am Horizont. Nur dass die schwarzen Wolken immer
grösser wachsen, immer höher sich auftürmen, ohne doch sichtlich weiter von
ihrer Stelle zu rücken, ihre dunkeln Massen mit schneehellen Spitzen schmücken,
mit rotschillernden Streifen durchziehen - so dass der Beobachter des Wetters
wohl sieht: das ist mehr als ein Gewitter, das mit vorübergehenden Schrecken der
Erde Segen bringt - das verkündet schlimmen Hagel, das wird sich nicht eher
entladen, als im grässlichen Wolkenbruch. Auf die todesängstliche stille Erde,
die unter dieser drohenden schwarzen Last sich nicht zu rühren wagt, wird
plötzlich das Entsetzen hereinbrechen - und sie wird ohnmächtig aufschreien
unter den fürchterlichen Kampf der Elemente, aber unhaltbar werden die grossen
Hagelkörner herunterstürzen und die Bäume zerbrechen, die nicht geduldig sich
beugen wollen, die junge Saat zerstampfen, die hilflos dasteht, und unter allen
Früchten ringsum eine furchtbare Ernte halten vor der Zeit. Und tosende
Wasserschlünde wird der Himmel öffnen, die werden zusammenströmen mit den
Wassern auf der Erde und sie aus ihren friedlichen Betten aufjagen, heraushetzen
auf blumige Wiesen und Felder und über sie hinweg bis hinein in die schutzlosen
Häuser armer Menschen. Und dann, wenn das Werk der Zerstörung vollendet sein
wird, dann wird von droben ein ruhiger blauer Himmel herniederlachen auf all'
den Jammer unten, und kleine Silberwölkchen werden im spielenden Tanz erzählen:
das Unwetter sei nun vorbei und komme nicht wieder, es herrsche nun wieder
lauter Klarheit und Ruhe. Als ob nun Alles gut sei! Als ob es Nichts sei, eine
zertrümmerte Ernte! Als ob die vernichteten Hoffnungen von Tausenden Nichts
wären!
    So zog es durch Franzens Seele. So hatte er das bestimmte Vorgefühl wie vor
solch' grässlichem Gewitter. So legte es sich wie ein drückender Alp auf seine
Brust. Da drinnen fühlte er es bestimmt: so werde es kommen.
    Wer so die niedern Arbeiter tagtäglich freiwillig und friedlich sieht an
ihre einförmigen und schweren Geschäfte gehen, der ahnt wohl nicht, welch'
ungeheuere Kämpfe oft mögen ausgekämpft werden in diesen stummen Herzen, die
hinter einem groben grauen Hemd und unter einer zerrissenen Jacke schlagen. -
Und wenn auch öfter noch vielleicht diese Herzen kein Verlangen haben, weil der
hungernde Magen daneben eine beredtere Sprache als sie gelernt hat, wenn auch
all' diese Sinne durch frühe Gewöhnung tierisch abgestumpft sind und nur aus
Gewohnheit ein lästiges Leben fortführen, ohne ein anderes zu begehren, weil
ihnen von ihrer Geburt an vorgesagt worden ist: das sei ihr Loos - und sie für
sich niemals ein anderes erstreb'bar hielten: ach, so trifft doch doppelte Qual
diejenigen, welche aus ihrer dumpfen Lebensnacht aufgewacht sind und sich doch
ausgeschlossen sehen von All' dem, was man eigentlich Leben nennt. Dann beginnt
jenes Ringen des innern Menschen wider das Loos, zu dem der äussere Mensch durch
seine Geburt verdammt ist. Und wer nun frommer Sieger bleibt in solchen Kämpfen,
vielleicht der härtesten von allen, welche den Menschen beschieden sind, dessen
wartet dafür kein Wort der Anerkennung, kein Hauch der Bewunderung, kein
leuchtendes Ziel und kein ehrender Kranz - kaum dass von ihm die Welt sagt: er
tut seine Pflicht; sie sagt entweder: es ist so seine Bestimmung, was kann er
Anderes wollen? Oder sie spricht gar nicht von ihm - denn von dumpfen Maschinen,
die man sich nur zu einem bestimmten Gebrauch hält, pflegt man nicht zu
sprechen.
    Wer mochte diese Kämpfe ahnen, in welchen Franz täglich mit sich selber rang?
Wer diese Versuchungen, welche gleich der lernäischen Hydra, wenn er sich Sieger
wähnte, ihm immer wieder ein neues Haupt züngelnd und giftauchend
entgegenbäumten?
    Und jetzt rang er wieder.
    Er hatte sich jenseit des Grabens der Strasse, auf welcher er ging, unter
einen Baum geworfen und starrte, die Hände krampfhaft vor seine Brust gedrückt,
vor sich nieder. Zwei grosse schwere Tränen rannen ungehemmt über seine bleichen
Wangen.
    »Da ist er ja!« rief plötzlich eine Stimme und ein Mann sprang rasch über
den Strassengraben hinweg und stand vor Franz.
    Der Wandrer glich ihm - und doch auch wieder nicht. Er war grösser als Franz,
seine Haare waren von lichterem Braun, seine Augen hatten einen sanfteren und
milderen Glanz. Der Schnitt der Gesichter war gleich wie ihre Blässe und in den
Furchen Beider las man grosse geistige Kämpfe verzeichnet. Aber während man es
Franz ansah, dass eben jetzt diese Kämpfe am Heftigsten tobten, schienen sie bei
dem Andern überwunden und der Ausdruck eines ruhigen Schmerzes lagerte auf
seinem Antlitz, welches beinah etwas Heiliges und Verklärtes hatte. - Einem
fremden Beobachter wäre vielleicht noch aufgefallen, dass diese Beiden, die sich
bis auf den Unterschied der Jahre, denn Franz mochte um zehn Jahre weniger zählen
als Jener, so ähnlich sahen, in ihrer Kleidung um so unähnlicher erschienen.
Denn während Franz Beinkleider von grobem Tuch, eine geflickte und zerknitterte
Leinwandblouse und einen alten roten Shawl um den Hals unter den groben
Hemdkragen geschlungen trug, erschien jener in dem feinen, modernen und netten
Anzug eines Mannes von Welt.
    Aber die Bruderherzen schlugen in gleicher Liebe zu einander, gleichviel ob
unter feinen Stoffen, ob unter Lumpen.
    »Franz!«
    »Gustav!«
    So riefen sie sich gleichzeitig einander zu. Und sie schüttelten einander
die Hände und sahen sich an mit allen Freudenzeichen des Wiedersehens.
    »Du bist schneller wieder zurückgekommen, als ich dachte,« sagte Franz.
    »Waldow bekam auf einmal das Heimweh und ward kränklich. Befragte Aerzte
rieten zur Heimkehr; Golzenau trieb auf einmal auch dazu an - und so reisten
wir Alle hierher zurück, da Waldows Heimat unserm Wege näher lag, als Golzenau.
Ich begleite Eduin nach einigen Tagen, welche wir hier zubringen, zu den
Seinigen. Er will sich durchaus nicht von mir trennen, wahrscheinlich treten wir
dann nach ein paar Wochen des Weilens im Vaterland eine neue Reise nach Norden
an, da er den Süden so bereitwillig aufgab. - Aber Franz, Du weintest, wie ich
Dich zuerst sah?« sagte Gustav Talheim.
    »Weint' ich? - Nun es kann wohl sein - wundern muss man sich freilich, wie
man noch weinen kann! Ach, es ist gut, dass Du da bist - ich muss Viel mit Dir
reden, vielleicht weisst Du Rat, wo ich ratlos bin! - Aber nicht hier - um
diese Fabrik herum muss jetzt die Luft verpestet sein, muss einen neuen Wellengang
erfunden haben für den Schall, dass er gleich bis in die Ohren des Fabrikherrn
trägt, was man spricht, aber verändert, verschlimmert - auch weht der Herbstwind
schon rauh über die Stoppeln - Du wirst frieren, weil Du aus Süden kommst. -
Aber wo gehen wir hin - in meiner Kammer ist's vielleicht auch nicht mehr
geheuer - wer kann's denn wissen?«
    »Komm mit mir,« antwortete der Doctor Talheim, »ich bewohne bei Waldow eine
einsame Stube, dort wird uns Niemand belauschen, wenn Du Etwas zu fürchten hast,
dort können wir uns einander näher erklären, denn noch verstehe ich Dich nicht.«
    So gingen sie denn zusammen dem Gute des Rittmeisters von Waldow zu.
    Unterwegs fragte der Doctor Franz, ob er Etwas von Amalien wisse.
    Franz verneinte. Er wusste es selbst noch nicht einmal, dass das Kind
gestorben war - weder Amalie noch Bernhard hatten ihm geschrieben.
    Von diesen traurigen Verhältnissen sprachen sie zusammen, bis sie an das
Ziel ihrer Wanderung kamen. Gustav führte den Bruder in seine Stube:
    Hier sind wir ungestört,« sagte er und zog ihn neben sich auf das Sopha.
    Die Stube war zwar etwas altmodisch eingerichtet, Gardinen und Meubles waren
von ziemlich verblichener Pracht - aber es war doch immer einst Pracht gewesen
und die eingedruckten Polster gaben noch immer weich und elastisch genug nach,
um in ihrer Bequemlichkeit einem Proletarier ziemlich wunderlich vorzukommen. Er
schüttelte den Kopf darüber wie über all' die zierlichen, künstlichen Geräte
des Zimmers. Es mischte sich kein Neid und keine Bitterkeit in seine Worte, als
er zu dem Bruder sagte: »Du gehörst jetzt zu der Classe der Reichen und
vornehmen Leute -« denn er gönnte ihm das Alles; aber er sagte es doch.
    »Bruder,« sagte Jener, »ich weiss wohl, dass Du unglücklich bist - aber noch,
als ich vor Jahresfrist hier von Dir Abschied nahm, versichertest Du mir:
Zuweilen habest Du doch Stunden, wo die Arbeit Deine Lust sei, Du strebtest
nicht über Dein Loos hinaus - und drück' es Dich auch ein Mal hart, nun so
erhebe Dich doch der Gedanke, dass Du all' Dein Streben Deinen Kameraden weihtest
und dass es Dich erhöbe, danach zu trachten, soviel, als Dir möglich sei, zur
Verbesserung der Lage der arbeitenden Classen beizutragen. - Denkst Du nun
anders?«
    »Du hältst mir ein Bild meines Selbst vor, wie es einst war und wie es bald
ganz zertrümmert sein wird Ja! Ich bildete mir das ein! Was ich schrieb, sollte
die Augen einflussreicher Menschen, der Schriftsteller, der Bürger auf die Not
der Armen lenken - was ich tat, sollte, da ich anders nicht helfen konnte, die
Kameraden hier eines besseren Looses werter machen. Und so geschah es auch. Mit
einem von ihnen, Wilhelm, welcher fühlte und dachte wie ich, stiftete ich einen
Verein unter uns unverheirateten Arbeitern. Ich habe Dir einmal seine Statuten
mitgeteilt. Dadurch ward Vieles besser. Trunkenheit und Spiel verschwanden bei
den Jüngern. Dadurch, dass wir aus einer gemeinschaftlichen Casse uns
unterstützten, wenn Einer in unverschuldete Not kam, so dass wir nicht nötig
hatten, uns unsere Arbeit von den Factoren vorausbezahlen zu lassen, büssten wir
weniger an unserm Verdienst ein. Wir redeten ein vernünftiges Wort zusammen,
sangen kräftige Lieder zu Trost und Erheiterung, lasen wohl auch hier und da ein
nützliches Buch zusammen - und so kam manches Gute. Das Alles ist nun hin! Wir
dürfen nicht mehr in unsrer besondern Stube zusammenkommen, keine Lieder mehr
singen - Alles nicht mehr, was wir bisher getan - spielen und uns betrinken
aber - ja das dürfen wir!«
    Gustav bat erschrocken teilnehmend um weitere Erklärung. Franz wusste seine
Worte durch weiter Nichts zu ergänzen, als durch den ausserordentlichen,
drohenden Befehl von diesem Morgen. Dann fuhr er fort:
    »Aber ist denn das etwa Alles? Unter diesem kleinen Haufen elender Arbeiter,
von deren Dasein die Classe der bevorrechteten Menschen kaum mehr Notiz nimmt,
als von einem Ameisenbau - werden die seelenerschütterndsten Trauerspiele
aufführend gedichtet. Es gibt auch bei uns nicht nur äusserliches Elend und
körperliche Schmerzen - wir haben all' die andern auch in fürchterlicher Grösse.
Ich bekam einst ein Schreiben von Ungenannten, das die Gleichheit aller Menschen
predigte, von unsern Rechten sprach den Reichen gegenüber und das endlich zum
Widerstand gegen sie alle Armen aufforderte - Wilhelm ward ein Opfer dieser
Ideen - wir sind seitdem unserer Freundschaft nicht mehr froh geworden.«
    »Aber Du, Franz - Du? So will der wahnsinnige Communismus auch hier sich
einnisten?«
    »Ich habe oft Tag und Nacht gerungen - aber davon nachher. Nach einigen
Wochen bekam ich einen zweiten Brief - er zeigte mir an, dass die
Eisenbahnarbeiter hier in der Nähe aufstehen würden - der Sieg müsse den Armen
bleiben, sobald sie nur wollten - wir wären ja einige Hundert - es gelte, ein
Heldenbeispiel zu geben - die Andern würden folgen - der Tag der Erlösung sei
nahe für die Armen -«
    »Franz - und was tatest Du -?«
    »Meine Antwort war - Schweigen. Du bist der Erste, der von diesem Brief
erfährt -«
    »Gott sei Dank, dass Du aushieltest in der Versuchung, mein starker Bruder!«
    »Sie war gross - und wenn nun gar noch Reue käme? Die Eisenbahnarbeiter haben
es nun schlimmer als früher, Einige von ihnen sind im Gefängnis. - Und wir? Wir
haben es nun auch schlimmer. - Und was hatten wir denn weiter zu verlieren? Und
wenn ich nun aus dem Brief kein Geheimnis gemacht hätte - und die Kameraden
wären seiner Mahnung alle beigesprungen - und viel Hundert Arme wären plötzlich
aufgestanden wie ein Mann und hätten ihr Recht gefordert von den Reichen - was
hätten sie denn beginnen wollen im ersten Schrecken? Nun büssen jene armen Brüder
traurig ihre Kühnheit; und wenn nun ich daran Schuld wäre? Sie hatten Vertrauen
zu mir, sonst hätten sie ja an einen Andern von uns ihre Mahnung schicken können
- und ich habe ihr Vertrauen gemissbraucht - ach, das ist ein hässlicher Vorwurf -
-«
    »Franz, um Gottes Willen, Deine Gefühle verirren sich grässlich, Deine
Gedanken werden wirr -«
    »Und lass' mich Alles sagen, dann richte, ob es mir nicht zu vergeben, wenn
es so wäre, dass meine Seele die gewohnten Gedankengänge verlernte. - Du kennst
ja Paulinen, Du bist ihr Lehrer gewesen - ich liebe sie - ja, ja - und sie liebt
mich auch!«
    »Die Tochter des Fabrikherrn?« rief Gustav in äusserster Erschütterung.
    »Ja, und wer anders ist Schuld daran als Du? Du hast ihr Mitleid gelehrt mit
den Armen und Gleichheit der Menschen - und so bist Du es, dem wir unsre
Seligkeit und unsern Jammer danken!«
    Es verging lange Zeit, bevor die Brüder wieder zusammensprachen, sie waren
Beide zu schmerzlich bis in ihre innersten Seelentiefen durchschüttert. Der Eine
von der Mitteilung, wie er sie noch niemals über seine Lippen hatte gleiten
lassen, der Andere von dem Ueberraschenden und Erschreckenden des Gehörten.
    Endlich begann Franz wieder gefasst: »Du bist ja jetzt weit herumgekommen, Du
bist ja in jenen Staaten gewesen, wo die Bürger freier sind, als bei uns, und
die Arbeiter nur desto gedrückter - dort sagt man ja, es gähre überall, dort
wohne das, was Du Communismus nennst? Erzähle!«
    »Ja, es will sich überall regen mit unheilvollen Zeichen. Gefährliche
Verbindungen gründen sich auf gefährliche Systeme, die auf den Umsturz aller
bestehenden Verhältnisse hinaus laufen -«
    »Aber, Gustav, was soll endlich werden? Du nennst jene Systeme gefährlich -
gefährlich sind sie für die wenigen Tausende, welche jetzt im Besitz und im
Rechte sind - aber für die Millionen Rechtloser und Enterbter sind sie doch die
einzige Rettung! - Meine Geduld geht zu Ende; ich schwöre sie ab. Wenn ein edles
Volk unter schändlichen Tyrannen Fessel nach Fessel um sich schlagen sieht - so
empört es sich endlich gegen seine übermütigen Herrscher - die Armen sind alle
ein grosses unglückliches Brudervolk - warum sollen sie es nicht auch tun? Warum
sollen die Armen nicht: »Freiheit und Gleichheit!« rufen? Wir wollen ein grosses
Brudervolk werden - brüderlich die Arbeit teilen, brüderlich den Genuss - und
hat man uns jetzt mit Gewalt unglücklich gemacht - warum sollen wir nicht
versuchen, durch Gewalt glücklich zu werden? -«
    »Du appellirst an die Gewalt - Dein Gefühl sagt Dir, dass die Gewalt der
Reichen ein Unrecht, ein Verbrechen ist - und was würde die Gewalt der Armen
Anders sein?« Gustav griff nach einem Buche, das unter andern Büchern und
Papieren auf dem nächsten Tische lag. »Jene Leute,« sagte er, »deren Lehren zum
Teil in dem Schreiben entalten sind, welches man an Dich gerichtet hat, meinen
es vielleicht redlich mit der Menschheit, ich will sie nicht verdächtigen. Sie
lieben die Menschheit und ihre Not hat ihnen in's Herz geschnitten - und so
haben sie einen Plan ausgesonnen, die ganze Welt zu beglücken, welcher auf den
ersten Anschein viel Bestechendes hat, weil er durch ein allgemeines Band der
Liebe die Menschen zu vollkommner Gleichberechtigung vereinen will. Aber darin
ginge die persönliche Freiheit zu Grunde - und eine solche Gemeinschaft, in der
ein Jeder seine bestimmte Arbeit zu geniessen bekäme, dafür aber nie mehr zu
hungern und zu frieren, nie für sich selbst zu sorgen brauchte - hat ihre
Vorbilder bei dem Loos der Amerikanischen Sclaven und der Russischen
Leibeigenen. Dawider empört sich der freigeborene Mensch, dessen Glück im
Streben beruht. Und empörte sich nicht Dein Herz dagegen, als man Dir Deinen
Gott und Dein Vaterland nehmen wollte? Jenes System des Communismus macht die
Menschen zu Sclaven, denn es zwingt einen Jeden zur Arbeit, es macht sie zu
Kindern, denn es nimmt ihnen die Freiheit des persönlichen Willens - aber noch
mehr - es macht sie zu Tieren, denn es nimmt ihnen Gott und mit ihm alle
Menschenwürde, es nimmt ihm die Familie und würdigt die Liebe der Gatten herab
zu einem gemeinen sinnlichen Triebe - ja, es würdigt den Menschen noch unter das
Tier, denn es reisst auch die Kinder von den Eltern und spricht ein
Verdammungsurteil aus über diese heiligsten Bande des Blutes! - Aber es gibt
noch Andere, welchen die Not der Erde eben so an's Herz geht, welche es auch
ehrlich mit der Menschheit meinen, welche aber statt wahnsinnig zu zerstören mit
klarem Blick und regem Fleisse fortbauen. Höre wie ein Solcher spricht.« Und
Gustav schlug das Buch, das er ergriffen hatte, auf und las:
    »»Die Aufgabe der Menschen ist Vervollkommnung; Vollkommenheit würde sie
tödten. Dem Gang der Vervollkommnung durch rohe Gewalt vorgreifen wollen, heisst
nur die Unvollkommenheit verlangen. Die Ansprüche aller Menschen auf politische
Rechte wie auf Glück und Gut sind gleich; die Teilung aber durch Gewalt
bewerkstelligen wollen heisst nur die Rollen tauschen und den Bevorrechteten zum
Rechtlosen, den Besitzenden zum Armen machen um den Kampf der Gewalt auf's Neue
hervorzurufen. So lang es Vernunft gibt, muss auf sie vertraut, so lang es ein
Recht gibt, muss an seinen Sieg geglaubt werden. Wer Vernunft und Recht
verwirklichen will, wende auch Vernunft und Recht dazu an.««
    »»Das Gewordene hat auch sein Recht. Es muss umgewandelt, nicht zerstört
werden. Ist das Gewordene als Zweck nicht gut, so ist es gut als Mittel. Man
denke nur daran es zu gebrauchen. Die Lage von Millionen unsrer Brüder ist
beklagenswert. Aber wie sie mit dem Gewordenen zusammenhängt, so muss sie auch
in dem Gewordenen ihre Heilung finden. Das Gewordene in unserm Ganzen ist der
Staat. Im Staat müssen wir die Mittel zur Besserung suchen. Gebt kein Gehör
jenem leichtfertigen, die Notwendigkeit des Entwicklungsgesetzes
überspringenden Zerstörungsgeist, welcher glaubt die Welt zu bessern, wenn er
sie umkehrt. Halten wir die gewordene Welt fest, aber reformiren wir sie durch
Vernunft und Recht, durch Ueberzeugung und Gesinnung. Wir alle zusammen haben
wenig Rechte im Staat, aber die Armen haben gar keine; so streben wir dahin,
ihnen Rechte zu verschaffen, damit sie sich Glück verschaffen können. Wir haben
wenig Mittel dazu, so gebrauchen wir um so mehr diejenigen, die wir haben. Es
gibt noch viel vernünftige und rechtliche Leute unter den Besitzenden. die sich
uneigennützig dem Streben anschliessen, dem Menschen zu erringen, was dem
Menschen gehört, und die zu Opfern wie zu Kämpfen bereit sind. Und diejenigen,
die fühllos genug sind, sich aus Eigennutz diesem Streben entgegenzusetzen,
werden wir zu überzeugen wissen, dass gerade der Eigennutz sie bewegen soll, sich
ihm anzuschliessen. Wir werden jener Blindheit den Staar stechen, welche glaubt,
ihren Besitzstand zu sichern, indem sie ihm durch feindliche Abwehr gegen die
Gleichberechtigung nur erbitterte Gegner schafft; wir werden sie besiegen jene
Blindheit des Besitzes, welche ihr Interesse zu wahren glaubt, indem sie sich
der Blindheit der Gewalt anschliesst und dienstbar macht. Wir werden sie
verbannen, jene Verstockteit des Egoismus, welche Alles behalten will, um
endlich Alles zu verlieren.««
    »»Nur ernsten redlichen Willen, aber keine Gewalt! Die Gewalt stürzt aus der
Luft, sobald sie nicht mehr umgangen werden kann; aber wer sie herabruft, ist
ein Frevler an der Vernunft und an der Menschheit. Welche einzelne Gestaltungen
ein friedlicher Kampf um die Besserung unserer Zustände uns noch bringen wird
und wie viel Geduldproben wir noch zu bestehen haben werden, das vermag kein
Mensch vorher zu bestimmen. Das aber präge man sich ein: es gibt keinen zweiten
Schritt ohne den ersten, es gibt keinen wahren Fortschritt ohne Ueberzeugung,
und die Früchte des gesellschaftlichen Fortschrittes haben keine Dauer ohne den
politischen!««
    »»Und wenn auch das Billigste als Verbrechen betrachtet wird, wir dürfen
dennoch die Geduld nicht verlieren; je mehr Hindernisse desto festeren Willen!
Ein schlechter Soldat im Kampf der Politik, der wegen eines Flintenschusses aus
der Festung die Belagerung aufgibt! Aber es war bis jetzt unser erster Fehler,
dass wir kämpften wie die Wilden: im Anlauf sind sie stürmisch, in Schlichen sind
sie tätig, aber in ehrlicher, offener Schlacht nehmen sie die Flucht, so bald
der erste Mann fällt.««
    Gustav hielt inne. Franz sagte: »Es beginnt schon wieder ruhiger in mir zu
werden - vielleicht wird mir das Loos: der erste Mann zu sein - welcher fällt.
Könnt' es die Sache der Armen fördern! - - Aber hier meine Hand, Bruder - ich
will die Geduld nicht verlieren!«
    Noch lange sprachen die Brüder zusammen und Franz stärkte die edle Seele an
der gestählteren und zuversichtlicheren des ältern Bruders.
 
                            III. Mutter und Tochter
 »Fester ist der Seelen Band als Eisen,
 Heiliger als Opfer ihre Glut.«
                                                                   Karl Haltaus.
Einige Tage nach Aureliens Ankunft sass Elisabet allein in ihrem Zimmer. Sie
warf wehmütige Blicke zum Fenster hinaus auf die abgemäheten Saatfelder, von
denen die Stoppeln öde und starr gleichsam zum Himmel in trostloser Eintönigkeit
aufklagten, dass man ihnen ihre goldenen Halme genommen, mit denen sie einst ein
wogendes Spiel aufführen konnten zur Ehre der Schöpfung. Auch drüben der Wald
begann sich schon zu färben, rote und gelbschillernde Stellen wurden darin
bemerkbar, wo vorher nur grüne Schattirungen sich gezeigt hatten. Und recht
still war's draussen geworden, kaum dass noch hier und da eine wirbelnde Lerche
aufflatterte oder ein Heimchen still verborgen im Grase zirpte auf der Wiese,
die schon zum zweiten Male gemäht ward - aber stumm geworden waren all' die
fliegenden Sänger im Walde, auf dem Felde und im Garten. Die im Lenz den ganzen
Tag lang von Zweig zu Zweig geflogen waren, um vom frühen Morgen bis zum späten
Abend sorglos frei und froh ihre Lieder zu singen, die sassen jetzt still in den
heimischen Nestern bei der jungen Brut und lehrten ihr, sich putzen und fliegen
und Nahrung suchen - Lieder lernten sie ihnen nicht, das nutzlose Singen trage
doch Nichts ein, meinten sie, das lernten sie schon allein und dächten dann, sie
hätten nichts Anders zu tun, so leichtsinnig und schlimmgeartet sei nun jetzt
einmal die Jugend. Die klugen alten Vögel! Sie betrügen sich nur selbst - aber
sie sind nicht klug genug, um diese Rolle lange durchzuführen - im neuen Lenz
suchen sie all' ihre alten Lieder wieder hervor und probiren und musiciren, dass
es eine Lust ist. Aber jetzt waren sie alle still und schwiegen verständig. Die
Pyrolen schüttelten gar schön die goldenen Gefieder, breiteten die glänzenden
schwarzen Schwingen aus und riefen einander mit ihrem verabredeten Zeichen, dem
Pfeifenaccord zusammen zum grossen Fluge nach Süden. - Unten am Teiche wanderten
zwei Sötrche bedächtig nebeneinander und setzten mit ernstaftem Geklapper Tag
und Stunde der Reise fest.
    Elisabet sah dem Allen träumend zu, und wie jetzt auch noch ein herbstlich
kalter Wind ihr entgegen wehte, so zog auch ein unheimlicher Schauer durch ihre
Seele, der ihr bisher fremd gewesen. Die Vögel, die sich zur Reise rüsteten,
mahnten sie daran, dass bald nach ihnen ihr Sänger fortziehen, dass ihr Jaromir
die sterbende Natur mit der lebendigen Stadt vertauschen werde. Sie malte es
sich aus, wie der Park veröden werde ohne ihn.
    Auch ein kleiner Auftritt von gestern kam ihr nicht wieder aus dem
Gedächtnis und trug dazu bei, ihre trübe Stimmung zu erhöhen. Sie hatte nämlich
gestern im Gesellschaftszimmer einen Band Gedichte von Jaromir liegen lassen.
Aarens war dagewesen und hatte ihn zur Hand genommen, man hatte über die
Gedichte und den Dichter gesprochen und der Graf Hohental hatte Aarens
aufgefordert, eines oder das andere davon vorzulesen, da ihm noch alle unbekannt
seien. Aarens hatte mit lächelnder Miene ein Freiheitslied aufgesucht und
vorgetragen, das dem Grafen wegen seiner radicalen Tendenz höchlichst missfiel -
er wollte ein anderes hören, Aarens suchte ein anderes: »An die Frauen« - und
sagte, der Titel lasse doch auf einen zarteren Inhalt schliessen - aber in diesem
Lied wurden die Worte: Frau und frei als zwei Synonymen gebraucht und die Frauen
aufgefordert, auch nicht zurückzubleiben im würdigen Dienst der neuen Zeit -
dies Lied empörte die Gräfin noch mehr als den Grafen, sie fand es ganz
unverträglich mit der Achtung und zarten Ergebenheit, welche sie für ihr ganzes
Geschlecht in Anspruch nahm, Aarens machte bittere Bemerkungen, fügte bei: an
Achtung gegen die weibliche Würde dürfe man bei einem Menschen wie Szariny nicht
denken - blätterte dann in dem Buch und erklärte nachher: die Gedichte wären
alle in dieser Weise und warf es mit verächtlicher Miene weg. Elisabet hatte
während dessen unaussprechlich gelitten, jetzt wusste sie sich nicht mehr zu
fassen - sie nahm das Buch und sagte erzwungen ruhig: »Ich kenne diese Gedichte
besser als Sie, Herr von Aarens, und werde nun selbst eins vorlesen« - ihr Vater
wollte das erst überflüssig finden, sie liess sich aber nicht abbringen und las
eine Ballade, welche ein mittelalterliches Sujet behandelte und nun wirklich dem
Grafen sehr gefiel. - Sobald sie dieselbe aber zu Ende gelesen, entfernte sie
sich mit dem Buch, um es nicht länger entweihen zu lassen. - Der angenehme
Eindruck verwischt sich aber schneller, als der unangenehme, und so ging es auch
dem Elternpaar mit Jaromirs Gedichten. - Später, als Aarens ging, sagte er beim
Abschied zu Elisabet mit einer besonders feierlichen und zärtlichen Miene, dass
er am andern Tag wiederkommen werde - und bis dahin bitte er alle guten Genien
bei ihr ein freundliches Wort für ihn zu reden. -
    Dies Alles zusammen machte Elisabet heute wehmütig, verstimmt, unruhig.
    Da ging die Türe ihres Zimmers auf und ihre Mutter trat ein. Es war dies
ungewöhnlich - auch sah sie besonders feierlich aus und deshalb schrak Elisabet
bei ihrem Kommen unwillkürlich leise zusammen.
    »Mein Kind,« sagte die Gräfin, sie umarmend, »Du bist mir seit einiger Zeit
ausgewichen, Du hast bemerkbar ein Alleinsein mit mir vermieden - und so komme
ich denn zu Dir in Dein Zimmer - -«
    »Liebe Mutter!« rief Elisabet und schmiegte sich mit Vergebung suchenden
Augen an sie und zog sie neben sich auf das Sopha.
    »Wir sind hier am Ungestörtesten,« begann die Gräfin, »wir können hier gegen
einander Alles aussprechen, was wir auf unsern Herzen haben - und die
Scheidewand wird fallen, welche sich seltsam zwischen uns aufgerichtet hat.«
    Elisabets Augen senkten sich zu boden, sie schwieg, obwohl die Mutter eine
Antwort von ihr zu erwarten schien. Letztere fuhr endlich fort:
    »Nicht nur, dass Du seit einiger Zeit verschlossen gegen mich geworden bist,
Dein ganzes Wesen hat sich verändert, zuweilen habe ich Dich weich und
gefühlsinnig gesehen oder kindlich heiter wie sonst niemals - aber dann wieder
bist Du ernst und kalt und loderst dennoch dabei mit einer Art Feuerbegeisterung
für Dinge auf, für welche ich diese Begeisterung am Allerwenigsten billigen
kann.«
    »Mutter,« sagte Elisabet, diesen letzten Punkt gerade festaltend, um
dadurch das Gespräch vielleicht auf eine allgemeinere Bahn zu bringen und sich
ein Examen zu ersparen, welches ihr jetzt zu drohen schien, »Du siehst die Dinge
in einem andern Lichte, als wir, die Jugend von heute, sie sehen. Wenn Du statt
in dieser Zurückgezogenheit mit der Welt fortgelebt hättest, so würde Dir Vieles
weder auffallend noch befremdlich vorkommen, das mich in tiefinnerster Seele
bewegt. Du hast es oft selbst gesagt, dass die Welt anders geworden sei seit
Deiner Jugend, und dass Du deshalb Dich von ihr zurückgezogen, um so Wenig als
möglich von diesen Veränderungen gewahr zu werden - das durftet Ihr wohl tun,
Du und der Vater, Ihr hattet Eurer Zeit gelebt und ihr genug getan und sie Euch
- aber die nach Euch kommen, müssen nun wieder ihrer Zeit leben und dürfen nicht
nach Vergangenem zurücksehen - und so geht es von Geschlecht zu Geschlecht -«
    »Elisabet,« unterbrach sie die Gräfin in zürnendem Ton, »diese Sprache
hätte ich nie gewagt gegen meine Mutter zu führen.«
    Das Mädchen sah bestürzt vor sich nieder und küsste mit einem Seufzer die
Mutterhand - es fühlte eben, dass es nichts Unehrerbietiges gesagt und dass nun
nie ein inneres Verstehen mehr möglich sei, wo nicht zwei verschiedene Menschen,
sondern zwei verschiedene Zeiten sich einander unvereinbar gegenüberstanden.
    Nach einer kleinen Pause begann die Mutter wieder: »Ich meinte, es gebe für
Frauen nur ein Gefühl, welches die Charaktere verwandeln, die Herzen aufregen
und erheben könne - ich dachte, diese Zeit sei jetzt für Dich gekommen - aber
Dein ungleiches Benehmen machte mich wieder irre - nun sah' und sch' ich oft,
wie unweiblich Du an männlichen Dingen Interesse findest - und nun weiss ich
nicht, was ich denken soll!«
    »Nenne nicht unweiblich, Mutter, was -«
    »Suche mich nicht wieder von dem abzuleiten, was ich jetzt mit Dir zu
besprechen habe. Ich habe mir nun Dein Wesen erklärt: Du siehst Dich geliebt -
aber weil Dein Herz kalt und stolz ist, so will es keinem sanften Gefühl Einlass
geben, es wehrt sich dagegen - -«
    »Ach Mutter - wie kannst Du so Dein Kind verkennen? Wie seltsam denkst Du
von mir!«
    »Ich glaube nicht, dass ich mich täusche - Du siehst, wie zärtlich und
ergeben Dich Aarens liebt -«
    »Aarens?!«
    »Wie ihn selbst Deine Kälte nicht ändert, wie geduldig er Deine Launen
erträgt - ende dies unwürdige Spiel Deines Uebermutes! - Aarens warb gestern um
Deine Hand - er hat das Jawort Deiner Eltern und heute wird er sich das Deinige
holen.«
    Elisabet sprang auf: »Ist das Dein Ernst? Kann das Dein Ernst sein?«
    »Welche Frage! Hast Du mich jemals scherzen hören über solche Dinge?«
    »Und wie soll ich glauben, dass Aarens, nachdem ich es ihm nie verborgen, so
weit dies Zartgefühl und feine Sitten erlauben, dass ich nicht eine einzige
Sympatie für ihn habe - dass er eitel und töricht genug ist, sich einzubilden,
ich werde ihm meine Hand geben?«
    »Elisabet - diese Einbildung teilen Deine Eltern!«
    »Ich weiss vor Verwunderung nicht, was ich sagen soll - um Liebe kann man
doch nur bei dem Herzen werben, das man feix nennen möchte! Und Du und der
Vater, Ihr konntet Euch so in mir täuschen, um ein Wort zu geben, das Ihr heute
doch wieder zurücknehmen müsst? - Ihr glaubtet, ich liebe ihn, denn sonst -«
    »Wir werden Aarens mit Freuden Sohn nennen und Dein verletzter Eigensinn
wird sich endlich darüber beruhigen, dass wir so handelten, wie es von jeher bei
unsern Ahnen Sitte gewesen - auch meinen Gatten bestimmte mir die Wahl meiner
Eltern und ich lernte ihn innig und treu lieben - weil er mir bestimmt war. Das
Beispiel einer Mutter heischt Ehrfurcht und Nachahmung von der einzigen Tochter.
Ich erwarte das von Dir. Jetzt will ich Dich allein lassen, damit Dir Zeit wird
zu überlegen, dass hoffentlich auch Deine neue Zeit den Gehorsam für den
Elternwillen nicht zum Mährchen gemacht hat.«
    Die Gräfin war aufgestanden und nach der Türe gegangen, um sich zu
entfernen. Sie ward jetzt von Elisabet zurückgehalten, durch deren aufgeregte
Seele jetzt plötzlich ein Gedanke schoss. »Meine Mutter,« sagte sie stumm zu sich
selbst, »ist zu mir gekommen, damit ich kindlich mein Herz vor ihr öffne - sie
muss meine Liebe zu Jaromir erraten haben und es kränkt sie, dass ich ein
Geheimnis vor ihr habe. Und es mir zu entlocken, sprach sie vorhin von Liebe,
ich schwieg - und um mich dafür zu bestrafen, um mir zu zeigen, dass dieser
Mangel an Vertrauen von mir, mir selbst verderblich werden könne, hat sie das
Mährchen von Aarens ersonnen - vielleicht auch hat er wirklich um mich
angehalten und sie droht nun mit dem Jawort, wenn meine Weigerung keinen andern
Grund angibt, als den, ihn nicht zu lieben.« -
    Und wie Elisabet dies Alles mit Blitzesschnelle gedacht hatte, warf sie
sich um den Hals der Mutter und sagte weich und zärtlich, beinahe fröhlich:
    »Vergebung, meine Mutter, für meine Verschlossenheit - aber Du hast das
Mittel gefunden, sie zu beendigen, und mein Jaromir wird mir vergeben! Aber wenn
Du es wusstest, dass ich ihn liebte, so hättest Du auch denken sollen, dass ein
Herz, das einem Jaromir gehört, niemals auch nur an den Vorschlag einer
Verbindung mit einem Aarens glauben kann!«
    »Mädchen!« rief die Gräfin in äusserster Bestürzung. »Bist Du bei Sinnen? Was
denkst Du? Von wem sprichst Du?«
    »Mutter, magst Du mir Wahres gesagt haben oder Erdichtetes,« sagte Elisabet
ernst, nun doch wieder in ihrer Voraussetzung irre gemacht, »ich habe Dir auf
Beides nur eine Antwort zu geben: vergieb mir, dass ich Dir nicht schon früher
die unendliche Seligkeit meines Herzens gestand: Jaromir von Szariny liebt mich
- und keine Gewalt der Erde kann mich zwingen, einem andern Mann anzugehören.«
    »Szariny! - O, ich hätt' es denken sollen - dass ein poetischer Schwärmer und
Schwindler auch mein Kind betören sollte!«
    »Mutter!«
    »Und der Graf warb um Deine Hand!«
    »Er gestand mir seine Liebe.« -
    »Und Du? -
    »Was ich ihm erwiderte, weiss ich nicht, nur dass ich ihm bewiess, ich fühle
wie er - meine Seligkeit überwältigte mich.«
    »Und er warb um Deine Hand?«
    Elisabet schwieg.
    »Er warb bei Dir um Deine Hand?
    »Mutter, wir lebten selige Stunden im Genuss der Gegenwart.«
    »Ich weiss nicht, ob ich staunen, zürnen oder weinen soll - Du hast eine
Liebesverbindung im Geheimen mit einem Abenteuerer eingegangen - ohne dass er von
Dir oder Deinen Eltern Deine Hand begehrt und zugesagt erhalten hätte?«
    »Ich kenne ihn besser als Alle.«
    »Hat er Dir erzählt, wie viel Frauen er schon vor Dir betrogen?«
    »Mutter!«
    »Bist Du kindisch genug zu glauben, Du wärest die erste Liebe eines solchen
Menschen?«
    »Darnach habe ich nicht zu fragen.«
    »Und wenn er frühere Verhältnisse leichtsinnig knüpfte und löste?«
    »So hatten ihm die Herzen, die er fand, nicht genügt - und er durfte sie
brechen - für ein armes Mädchenherz ist es schon Glück, um einen Jaromir zu
verbluten.«
    »Welche widerliche Schwärmerei - und dies beneidenswerte Loos will mein
verblendetes Kind sich schaffen!«
    Elisabet brach in Tränen aus und sank erschöpft in das Sopha, weinend
sagte sie: »es ist umsonst - wir verstehen einander nicht. Du weisst nicht, wie
man liebt - Du hast es niemals gewusst, oder doch vergessen - ich liebe Jaromir -
und ich bin stolz genug, es Dir zu wiederholen, dass ich seine Liebe besitze -
weiter habe ich Nichts zu sagen - durch dies Geständnis ist schon Alles
bestimmt, wie ich handeln werde.«
    »Ich werde Deinen Vater von Deinem Geständnis benachrichtigen.«
    »Tue es - vielleicht ist er mir ein milder Richter und ein gütiger Vater
wie immer.«
    Die Gräfin öffnete die Türe, um hinaus zu gehen. Plötzlich blieb sie
zwischen der Türe stehen und starrte streng vor sich aus.
    »In der Tat, Herr Graf,« sagte sie im Tone strafenden Erstaunens.
    Jaromir von Szariny verneigte sich ehrerbietig und ohne Bestürzung.
    »Sie verzeihen,« sagte die Gräfin sehr kalt und stolz, »dass ich frage, was
Sie in diesen Teil des Schlosses führt?«
    »Ich wollte um die Gunst einer Unterredung mit Ihnen bitten - man sagte mir,
dass Sie Sich in das Zimmer der Gräfin Elisabet begaben - aber,« fügte er sich
unterbrechend schnell hinzu, »kann ich die Ehre haben, Sie auf Ihr Zimmer zu
begleiten, wo ich mich entschuldigen will?«
    Elisabet, als sie diese Stimme hörte, eilte zur Türe und sagte: »Treten
Sie ein, Graf.«
    Sie wollte hinzufügen, dass sie kein Geheimnis vor ihrer Mutter habe, aber
mit stolzer Scheu hielt sie plötzlich das Wort zurück: »die Zimmer sind ja
gleich und das nächste wohl das beste,« setzte sie erzwungen leicht hinzu.
    Die Gräfin nahm stumm auf dem Sopha Platz und sah ihn nun mit durchbohrenden
Blicken an, als wollte sie sagen: erklären sie mir endlich, mein Herr!
    »So hab' ich es gewollt,« sagte Jaromir, »ich hoffte, Elisabet bei Ihnen zu
finden, gnädige Gräfin, als ich vorhin kam, um endlich mein volles Herz auch vor
Ihnen zu entlasten - es war nicht so - ich durfte hoffen, Sie hier zu finden,
ich eile hierher, und im Augenblick, wo ich die Türe öffnen will, um zu der
grossen Kühnheit meiner Bitte auch diese kleinere zu fügen - treten Sie mir
entgegen - aber Ihre Tochter ist neben Ihnen! Das gibt mir meinen Mut wieder -
nicht ich allein wollte vor Sie hintreten und um Ihr schönstes Kleinod Sie
bitten - nur neben Elisabet finde ich den Mut, Ihnen zu sagen: Segnen Sie mit
Ihrem mütterlichen Seegen unsre Liebe.«
    Er hatte die Hand der bestürzten Gräfin gefasst und küsste sie. Elisabet sank
zu ihren Füssen und richtete die überströmenden Augen mit flehenden Blicken zu
ihr empor.
    Die Gräfin erhob sich kalt - Elisabet sprang rasch von ihren Knieen empor,
schmiegte sich, als wollte sie gleichsam im Liebestrotz ihres stolzen Herzens
dem Geliebten eine Genugtuung geben, innig an ihn und verbarg von der Mutter
abgewendet ihre weinenden Augen an seiner Brust.
    Die Gräfin sagte mit frostiger Höflichkeit: »Herr Graf, Sie verzeihen, Ihr
Antrag selbst wie seine Art und Weise haben mich überrascht, so muss ich, bevor
ich Ihnen eine Antwort darauf gebe, mit meinem Gemahl Rücksprache nehmen, der
anders über die Hand meiner Tochter verfügt hatte.«
    Jaromirs Stolz war verletzt - er sagte mit erzwungener Ruhe: »So erlauben
Sie mir, Sie zu dem Herrn Grafen zu begleiten.«
    »Begleiten Sie mich in das Empfangzimmer - ich werde ihn auf Ihr Erscheinen
vorbereiten,« sagte die Gräfin.
    Elisabets Herz schlug stürmisch, jetzt brach sie beinah heftig in die Worte
aus: »Nein, Mutter - wo die Herzen so laut schlagen, müssen sie auch einmal ein
Recht haben und an kein Ceremoniel sich binden. Komm, Jaromir - Hand in Hand
wollen wir zu unserm Vater gehen und ihn bitten: segne Deine Kinder. Wir wollen
ihm erzählen von unsern seligen Herzen, wie sie in einander jubelnd
zusammenschlagen - und wie sie brechen müssen, das eine getrennt von dem andern.
Ich will ihn daran erinnern, wie oft er gesagt hat, er kenne kein andres Glück,
als das meine zu schaffen und wie jetzt dazu die Stunde gekommen sei. Er hat mir
noch keinen Wunsch verweigert, warum denn gerade diesen einen? Und wie muss ihn
die Wahl seiner Tochter ehren, wie stolz muss sie ihn machen! - Komm, mein
Jaromir, mein Vater wird uns segnen - und dann meine Mutter auch - Du wirst es
ihr vergeben, wenn sie nicht anders über uns entscheiden will als zugleich mit
dem Vater!« Sie hing ihren Arm in den seinen, um mit ihm der Mutter zu folgen,
die in tiefem Unmut schweigend vor ihnen herging.
    »Elisabet,« rief Jaromir begeistert - »erst jetzt, wo ich um Deinen Besitz
werben will, zeigst Du mir, welche Kühnheit es ist, Dich für ewig sein nennen zu
wollen.«
    Sie standen an der Türe zu des Grafen Zimmer - Elisabet öffnete.
 
                                IV. Zwei Werber
 »O sich, es schliesst mein ganzes Leben
 Vor Dir sich auf, mein bestes Sein:
 Um Dich zu werben und zu streben,
 Dir meine ganze Kraft zu weih'n.«
                                                              Franz Dingelstedt.
An jenem Morgen, an welchem Jaromir um Elisabets Hand warb, war er vorher dem
Geheimrat von Bordenbrücken begegnet, welcher so eben den zehnten Becher kalten
Brunnenwassers glücklich hinabgewürgt hatte. Getreu seinem Plan, sich so viel
als möglich an den Grafen zu drängen, hatte auch jetzt der Geheimrat ein
Gespräch mit ihm angeknüpft und seinem Spaziergange sich angeschlossen.
    So kam es, dass sie zusammen an dem Haus vorübergingen, welches der Oberst
Treffurt mit seinen Angehörigen bewohnte. In der Stube des Parterres stand ein
Fenster auf und eine Dame lehnte in demselben. Der Geheimrat sagte fragend zu
ihm: »Bieten wir der Frau Oberst einen Morgengruss?«
    Jaromir warf einen Blick in das Fenster - er sah auf Amalien - er hätte sie
wohl kaum erkannt, wenn er nicht gewusst hätte, dass sie hier sei und dies Haus
bewohne - in diesem Augenblick begegneten Amaliens Blicke den seinigen und im
Moment darauf stiess sie einen Schrei aus und warf das Fenster zu.
    Jaromir blieb stumm.
    Der Geheimrat aber hatte Alles beobachtet. Er hatte recht wohl gesehen, dass
nicht die Oberst, sondern Amalie am Fenster war. Dass ein Verhältnis zwischen
Beiden bestanden hatte, wusste er vom Doctor Schuhmacher - Dank dessen
Haussuchung bei Talheim! - er wusste nur nicht, ob es noch jetzt bestand, oder
ob Jaromir es gelöst hatte; er glaubte das Letztere, zugleich auch, dass Amalie
ihn nicht aufgeben wolle und absichtlich ihm hierher nachgereist sei. Dies
schien ihm das Wahrscheinlichste und so hatte er es auch bereits Aarens erzählt.
Da er nun gern Jaromir sich verpflichten wollte und ihm auch zugleich zeigen,
dass er selbst ihm vielleicht auch gefährlich werden könne, so sagte er jetzt
vertraulich leise zu ihm:
    »Die Erscheinung dieser Person hier in unsrem kleinen Kreis, wo wir Alle wie
eine Familie leben könnten, ist mir in Ihre Seele zuwider.«
    Jaromir sah mit unverstellter Verwunderung den Sprecher an und sagte
unbefangen: »Man sieht sie ja nicht einmal in Gesellschaft.«
    »Aber dennoch - hüten Sie Sich - ich habe in diesem Punkte traurige
Erfahrungen gemacht, und wie mir scheint, werden dieselben auch für Sie nicht
ausbleiben.«
    Jaromir ward jetzt wirklich etwas verlegen, da er sich die Worte des
Geheimrats gar nicht zu deuten wusste, obwohl sie ihn als wahr trafen. - So
hatte vielleicht Amalie selbst sich ihres früheren Verhältnisses gerühmt? Der
Geheimrat, als er dies bemerkte, hatte sich für jetzt selbst genug getan und
hatte vollkommen Grund, es zu vermeiden, dass Jaromir von ihm Rechenschaft
fordere, wie er in den Besitz seines Geheimnisses gekommen - deshalb eilte er
sogleich auf den daherkommenden Aarens zu und sprach mit ihm leise einige Worte,
während welcher der jenen begleitende Wasserdoctor, der lange dürre Hofrat
Wispermann, seine Worte an Jaromir richtete.
    Aarens und der Hofrat waren nicht sobald vorüber, als der Geheimrat sich
mit leuchtenden Augen zu Jaromir wendete - denn jetzt hatte er die Gelegenheit
in Händen, diesen zugleich zu verwunden und doch auch ihm einen Dienst zu
leisten, der Anspruch auf die grösste Dankbarkeit hatte.
    »Ich missbrauche das Vertrauen,« sagte der Geheimrat, »welches Aarens in
mich setzt - aber der Wunsch, Ihnen, teurer Freund, einen Dienst leisten zu
können, lässt mich alle andern Rücksichten vergessen.«
    »Ich bitte,« antwortete Jaromir kalt und stolz, »beschweren Sie meinetwegen
Ihr Gewissen nicht.«
    »Sie werden bald anders denken - Aarens flüsterte mir zu, dass er gestern vom
Grafen Hohental und seiner Gemahlin das Jawort zu einer Verbindung mit ihrer
Tochter erhalten habe.«
    »Wie? - Das ist nicht möglich!«
    »Er versichert es auf seine Ehre.«
    »Das ist seine gewöhnliche Redensart.«
    »Aber bedenken Sie, Graf.«
    »Es ist unmöglich! Das ist Alles, was ich bedenken kann!«
    »Dennoch - bedenken Sie - wie kann er heute erzählen, was ihn, wenn er es
widerrufen müsste, in den Augen aller Welt lächerrlich machte? - Dazu ist er viel
zu stolz und eitel.«
    »Seine Eitelkeit verführt ihn selbst, sich das als gewiss zu denken, was er
wünschen mag.«
    »Sprechen Sie vielleicht aus Erfahrung?«
    »Herr Geheimrat!«
    »Ereifern Sie Sich nicht - glauben Sie mir, Ihrem alten Freund, ich meine es
aufrichtig mit Ihnen und sehe als unparteiisch und unbeteiligt ganz klar in
dieser Angelegenheit: Sie sind vielleicht des Herzens der jungen Gräfin gewiss -
Aarens ist, wie er mir sagt, des Willens der Eltern gewiss - und daraus entsteht
ein sehr natürlicher Conflict und jetzt haben Sie Beide gleiche Macht auf dem
Kampfplatze. - Es ist gewissermassen die neue und die alte Zeit, welche hier
zusammen kämpfen - sehen wir zu, welche in den Gesetzen des Schlosses Hohental
vertreten wird: - Sonst warb man zuerst bei den Eltern, die Einwilligung der
Tochter war Nebensache - jetzt will man es umgekehrt machen - mir scheint aber,
als widersetzte man sich auf Schloss Hohental sehr standhaft dem
neuerungssüchtigen Zeitgeist.«
    Jaromir war wirklich zu bestürzt, als dass er den Geheimrat hätte
unterbrechen sollen - auch fühlte er nur zu gut, dass dieser eigentlich
vollkommen Recht habe. - Wie er dazu kam, von diesem Manne so in allen seinen
Geheimnissen, in den ältesten wie in den neuesten ausgekundschaftet zu sein,
dieser Umstand vermehrte zwar im Allgemeinen seine Bestürzung, aber es fiel ihm
doch jetzt weit weniger auf, als es zu anderer Stunde der Fall gewesen sein
würde, und darüber nachzudenken, hatte er gleich gar keine Zeit - er drückte dem
Geheimrat wirklich herzlich die Hand und rief:
    »Ich muss sie jetzt veranlassen - Tausend Dank für Ihre Teilnahme, für Ihre
Nachricht und ein ander Mal bessere als jetzt.«
    Er stürmte fort in seine Wohnung.
    Der Geheimrat sah ihm lachend nach und war jetzt ausserordentlich mit sich
selbst zufrieden.
    Jaromir warf sich schnell in einen eleganten Anzug und eilte nach Schloss
Hohental.
    Er lief eine Seitentreppe hinauf, von welcher er wusste, dass sie gleich aus
dem Garten nach Elisabets Zimmer führte. Er hatte es noch nie betreten, nur ein
Mal Elisabet bis hinauf begleitet. Die Vormittage brachte sie dort meist allein
zu, das wusste er. Seine plötzlich erregte Angst, die Dringlichkeit des Momentes,
sagte er sich, berechtigte ihn zu Allem - Elisabet werde ihm verzeihen - und im
Uebrigen vertraute er seinem guten Stern. Er lauschte an der Türe - wie
erschrak er, als er Elisabets weinende Stimme hörte - darauf die aufgeregte der
Gräfin - er hörte die ganze letzte Hälfte ihrer Unterredung - wie gering die
Gräfin von ihm dachte, mit welch' zuversichtlicher Liebe, welch' zärtlicher
Begeisterung Elisabet von ihm sprach - und so fasste er seinen Entschluss.
    Als die Gräfin öffnete, hatte er bereits die kleine Lüge ersonnen, als sei
er mit dem Vorsatz gekommen, bei ihr um Elisabets Hand zu werben - aber er
segnete den Zufall, der Alles so für ihn gefügt hatte.
    Nun waren sie zusammen zu dem Grafen geeilt. Er war nicht wenig verwundert,
als er so unangemeldet und zu so ziemlich früher Stunde Jaromir eintreten sah
und noch dazu an Elisabets Hand.
    »Mein Gemahl - Du wirst,« begann die Gräfin.
    Elisabet fiel ihr in's Wort und sagte gleichzeitig: »Du wirst verwundert
sein, mein teurer Vater, über unser Kommen - sollen wir es entschuldigen,
aufklären mit vielen Worten? Unsre Herzen sind dazu zu voll, wir haben nur ein
Wort zu sagen: Lass Jaromir durch mich Deinen Sohn werden!« Und sie hing sich an
den Vater mit süsser schmeichelnder Umarmung und einer Träne in den sanften
Augen.
    Zugleich fasste Jaromir nach der Hand des Grafen und sagte: »Vergeben Sie dem
liebebangenden Herzen, wenn ich nicht nach hergebrachten Formen, sondern mit dem
Ungestüm allmächtiger Gefühle um die Hand Ihrer Tochter werbe.«
    Die Gräfin stand äusserlich ruhig und kalt fern von der Gruppe und sah auf
ihren Gemahl - er warf einen fragenden Blick auf sie, denn er stand bestürzt und
unschlüssig und wusste so zu sagen gar nicht, woran er eigentlich war.
    Elisabet bemerkte diesen Blick und sagte: »Die Mutter hat uns auf Deine
Entscheidung verwiesen - sie sagte, Du habest etwas anders über meine Hand
verfügt. - Du hattest Dich in mir getäuscht, als Du das tatest, denn Du wusstest
nicht, dass ich Jaromir liebte; denn das weisst Du, dass ein Herz, welches liebt
wie ich, nicht mit einem Andern und also ohne Herz zum Traualtare treten kann -
diese Schmach, dieses Elend, dieses Verbrechen könntest Du nie auf mich bürden
wollen und nie würdest Du mich willig finden, ein solches Verbrechen zu begehen!
- Nein, so hast Du niemals von mir gedacht, Du willst mein Glück und weiter
Nichts - segne uns jetzt - und so machst Du mich selig - so selig wie es weiter
kein Herz ist auf der Welt.«
    »Als das meine!« rief Jaromir und sank mit ihr zu den Füssen des Grafen.
    Er stand noch immer regungslos - auch die Gräfin stand regungslos - nur dass
sie jetzt nicht mehr auf den Grafen, sondern zu Boden sah - das Herz der Mutier
begann in ihr eine Sprache zu reden für die flehende Tochter, welche jetzt leise
zu schluchzen begann.«
    Aber als der Graf noch immer schwieg, erwachte Jaromir's stolzer Sinn, und
er sprang auf - er zog Elisabet mit sich empor und rief:
    »Hör' auf zu bitten, Elisabet - sie verstehen uns nicht - sie haben nie
geliebt - sie verstehen unsre Sprache nicht - sie wissen nicht, was sie tun! -
Zum letzten Mal denn,« rief er mit verzweifelnder Stimme, indem er sie küsste.
    »Jaromir!« rief sie und umschlang ihn fest.
    Er machte sich los und führte sie zu ihrer Mutter - er machte dieser eine
kalte Verbeugung und wollte gehen.
    Aber das Mutterherz ertrug nicht den brechenden Blick der zusammensinkenden
Tochter. Sie ging auf Jaromir zu:
    »Ihr Stolz,« sagte sie, »bezeichnet Sie als einen Verwandten und Teilnehmer
an unsrem grössten Familienfehler, und wenn Stolz dem Stolz begegnet, so müssen
sie sich an einander brechen oder es gibt ein Unheil. - Bedenken Sie, mein Sohn
, dass, wenn Sie Sich darüber empören wollen, dass Eltern über ihr heiligstes
Eigentum nach ihrem besten Ermessen verfügen wollen - es sie wohl kränken kann,
wenn sie ohne ihr Wissen sich ihres Rechtes über ihr schönstes Kleinod schon
verlustig sehen.«
    Zugleich war der Graf zu Elisabet getreten und führte sie jetzt in
Jaromir's Arme.
    »Du brichst das Wort, das ich gestern gab,« sagte er, »ich will es
zurücknehmen - ich betrachte Euch als Verlobte, als meine Kinder - und die Welt
betrachte Euch so - aber unter Jahresfrist dürfen Sie mir mein Kind nicht
entführen - und den Elternsorgen dürfen Sie es nicht verargen, wenn wir den, dem
wir unser einziges Kleinod anvertrauen, eh' dies unwiderruflich geschieht, noch
näher kennen lernen mögten.«
    Kaum hörten die Beseligten den ziemlich ernst gesprochenen Nachsatz vor
Glück und Ueberraschung.
    »Jetzt aber lasst mich allein,« sagte der Graf Hohental, »vielleicht habe
ich noch Zeit, mein gegebenes Wort schriftlich zurückzunehmen. - Sie, Szariny,
bleiben doch den Tag über bei uns, und wir besprechen und erörtern dann alles
Nähere, was unser neues Verhältnis betrifft.«
    Die Gräfin blieb noch bei ihrem Gatten.
    Jaromir und Clisabet entfernten sich.
    »Wir gehen doch in den Park?« fragte sie - und so lenkten sie ihre Schritte
die breite Treppe vor dem Schloss hinab. Sie gingen Arm in Arm und konnten jetzt
auch nicht sprechen, sondern waren nur Eines verloren im Anschaun des Andern. So
hatten sie nicht gleich bemerkt, wie so eben Aarens mit festen, siegesbewussten
Schritten aus dem grossen Hoftor trat und der Treppe zuschritt. Elisabet an
Jaromir's Arm! Das brachte ihn ausser Fassung - aber er baute zu fest auf seinen
Sieg - es konnte nur eine Höflichkeit sein, wie sie Elisabet ja auch von ihm
selbst schon zuweilen angenommen hatte.
    Jetzt stand Aarens grüssend vor dem Paare.
    Elisabet überlegte schnell, dass sie, wenn sie jetzt unbefangen Jaromir als
ihren Bräutigam vorstelle, ihrem Vater eine schwere Pflicht und Aarens eine
Kränkung ersparen könne, indem er dann glauben werde, Jaromir habe um sie
angehalten, eh' sie selbst von Aarens Werbung erfahren - im Augenblick bedachte
sie nicht, dass jener um so beleidigter sich fühlen könne, wenn man nicht einmal
seine Werbung gegen die Jaromir's in die Waagschaale geworfen, und so stellte
sie, bedacht und unbedacht zugleich, Jaromir als ihren Bräutigam vor und fügte
bei:
    »Und so bitt ich denn den werten Freund unsres Hauses, uns auch in Zukunft
ein solcher zu bleiben!« Sie sagte dies mit der freundlichsten, herzlichsten
Stimme, denn so glücklich, wie sie jetzt war, hätte sie gern auch nur lauter
glückliche Menschen um sich gesehen, und empfand daher Mitleid für den
Getäuschten.
    Er stand wie vom Donner gerührt.
    Nach einer Weile sagte er sehr gezwungen: »Ich werde nachher die Ehre haben,
Ihnen Glück zu wünschen - jetzt erwartet mich Ihr gnädiger Herr Vater.«
    Damit eilte er die Treppe hinauf.
    Die beiden Glücklichen aber gingen in die Rotunde, welche so oft schon zum
Tempel ihrer Liebe geworden war - um auch jetzt dort vor einander die selig
klopfenden Herzen zu entlasten.
    Zu derselben Stunde, in der Jaromir nach Schloss Hohental ging, hatte sich
Gustav Talheim nach der Fabrik des Herrn Felchner begeben, um dort seinen
Besuch zu machen. Zwar hatte der Rittmeister von Waldow versucht, ihn
zurückzuhalten, hatte Herrn Felchner als einen gemeinen, groben und
unerträglichen Menschen geschildert, mit dem ein wohlerzogener Mensch gar nicht
verkehren könne - denn der Rittmeister konnte es niemals vergessen, dass sein
schöner Wald mit all' seinen stolz und aristokratisch hochgewachsenen Bäumen ein
Eigentum des Fabrikanten geworden war, der mit diesen Bäumen nun seine Fabrik
heizte. - Zwar hatte der Rittmeister Paulinen, die ihm einst für seinen Sohn
eine so wünschenswerte als nun unerreichbare Partie gewesen - als eine
überspannte Närrin geschildert, welche mit den untergeordnetsten Arbeitern auf
eine seltsame Weise verkehre - aber Talheim liess sich nicht in seinem Entschluss
irre machen und seufzte nur innerlich, dass auch hier in dieser Abgeschiedenheit
gerade das Edelste und Weiblichste einer zarten weiblichen Natur so falsch
beurteilt werden konnte.
    Als Talheim in die Fabrik kam und nach Herrn Felchner fragte, sagte man
ihm, dass er in die Stadt gefahren sei und vor Abend nicht zurückkäme.
    Er fragte nach dem Fräulein.
    »Ich will sie suchen,« antwortete die Magd, »warten Sie - unten wird
gescheuert, weil der Herr nicht da ist - kommen Sie mit herauf.«
    Talheim folgte der vorauseilenden Magd und sie schob ihn in eines jener
Prachtgemächer des oberen Stokkes, welche gar nicht benutzt wurden und in denen
daher eine schwüle, dumpfe Luft herrschte.
    Die Ueberladung, der Luxus dieses Gemaches, dessen Einrichtung in einer
geschmacklosen Ueberhäufung prachtvoller Meubles und kostbarer Kleinigkeiten
bestand, machte einen höchst widrigen Eindruck auf Talheim und versetzte ihn in
eine peinliche Stimmung.
    Pauline liess lange auf sich warten.
    Endlich trat sie ein - die Magd hatte ihr nur gesagt, ein Herr warte auf sie
- wie gross war ihr Erstaunen, als sie jetzt den Lehrer wieder erkannte! Sie bot
ihm herzlich die Hand und hiess ihn mit froher Ueberraschung willkommen.
    Talheim erzählte, wie es gekommen, dass er jetzt für einige Tage hier sei.
    »Sie treffen ausser mir noch zwei Menschen hier, die sich innig dieses
Wiedersehens freuen werden,« sagte sie leise errötend, »Ihren Bruder und
Elisabet,« und hastig fügte sie bei: »waren Sie schon auf Schloss Hohental?«
    »Ich beabsichtige, von hier dortin zu gehen.«
    »Das trifft sich gut - so darf ich hoffen, dass wir zusammen dahin fahren -
ich beabsichtigte dies schon, da ich Elisabet lange nicht gesehen.«
    »Sie leben hier in gut nachbarlichem Verhältnis?«
    »Nicht mehr so ganz - es gab Differenzen zwischen unsern Eltern - Sie hatten
nur zu Recht: unsrer Freundschaft standen Kämpfe bevor - aber wir hielten sie
aus - Elisabet kam dann wohl noch zu mir - aber ich musste des Vaters Geheiss
befolgen - heute aber ist er in die Stadt gefahren in Geschäften, weil ihm eine
neue Handelsspeculation gelungen ist - er war sehr vergnügt und sagte - ich möge
ihm eine Bitte nennen, er werde sie gewähren, und so -«
    »So baten Sie darum, die freundlichen Beziehungen zum Schloss wieder
anknüpfen zu dürfen?«
    Sie schwieg und sah vor sich nieder, wie um zu prüfen, ob sie Etwas sagen
oder verschweigen solle - dann begann sie und eine Träne glänzte in ihrem Auge:
    »Sie kennen ja doch einmal die Einrichtungen in unsrer Fabrik, warum Ihnen
nicht die Wahrheit sagen? - Die Freundschaft gilt mir viel - aber ihrer bin ich
ja doch sicher und selbst wenn es nicht wäre, warum nicht ein Gefühl meines
Herzens der Zufriedenheit vieler Unglücklicher zum Opfer bringen? Ich bat meinen
Vater: den Arbeitern, denen er gestern gebot, ihren Verein aufzuheben -
denselben doch wieder zu gestatten.«
    Talheim ergriff ihre Hand und drückte sie mit warmer Herzlichkeit, indem er
wehmütig fragte: »Es war umsonst?«
    »Umsonst - er ward zornig - er sagte, das sei keine Bitte für mich - und so
tat ich erschreckt die zweite, die er gewährte.«
    »Und da wir denn einmal auf diese beängstigenden Zustände gekommen sind -
waren es nicht fremde Einflüsterungen, welche Ihren Vater dahin brachten, etwas
zu verbieten, das er Jahre lang wenigstens als unschädlich geduldet hatte?«
    »Ja, ein Fremder sagte ihm, dass communistische Principien sich hier
eingeschlichen, dass er das Schrecklichste erleben würde - er war lange
ungläubig, und je schwerer er sich erst zum Misstrauen bringen liess, um so
hartnäckiger beharrt er nun in demselben.«
    »Aber wenn ein Fremder ihn nach der einen Seite hin misstrauisch machen
konnte - vermöchte nun nicht ein andrer Fremder dasselbe nach der andern Seite?
Sollte es ihm nicht einleuchten, dass es gefährlich ist, den Unglücklichen durch
Härte zur Verzweiflung zu treiben? Sollte man nicht von dieser Seite ihn warnen
können? - Ich gestehe, um deswillen tut es mir leid, Sie allein getroffen zu
haben.«
    »O, wagen Sie das nicht - Sie am Wenigsten - er misstrauet Ihrem Bruder - er
könnte das Schrecklichste vermuten. Es ist Alles vergebens! Er hört auch kein
Wort von mir mehr an über diesen Punkt - und mein Bruder ist noch misstrauischer
und strenger als der Vater. - Ach, ich sehe das Fürchterlichste kommen - aber
der Blick der ungehörten Kassandra ändert Nichts an dem kommenden Unheil - es
wird kommen, schrecklich kommen über uns Alle und seine Opfer fordern - und dann
wird Alles sein wie vorher!« Pauline sagte dies mit so tiefem Grausen, dass kalte
Schauer über ihren Körper rieselten und sie sichtbar zu zittern anfing.
    »Sie haben ein trauriges Loos, Pauline, nur weil Sie ein Herz für die
Menschheit haben.«
    Sie rasste sich zusammen und stand auf: »Wir wollen einander nicht
erweichen,« sagte sie, »ich glaube, ich werde noch viel Kraft brauchen! -
Drunten läutet eben die Mittagsglocke. - Wollen Sie vielleicht mit Franz
sprechen? Unterdess mach' ich mich zur Fahrt zurecht und bestelle den Wagen.«
    Er stand auf, stimmte bei und ging.
    Unten traf er bald auf Franz, der mit gesenktem Haupt daher kam. Er
schüttelte ihm die Hand und sagte, dass er von Paulinen komme.
    Franzens Augen leuchteten: »Begreifst Du nun, wie Alles kommen musste?«
fragte er traurig.
    Andere Arbeiter gingen vorüber, machten böse Gesichter und murmelten mit
einander:
    »Habt Ihr gesehen - was er für einen Bruder hat, sieht aus, wie was
Rechtes.«
    »Der bringt ihm vielleicht noch den Verstand zu Recht, das ist so Einer,
die's mit dem Volke halten, wenn's der Franz auch nicht zugeben will - ich weiss
es besser! Er kommt aus der Schweiz, wo die armen Leute viel aufgeklärter sind
als hier und besser zusammenhalten - und wo auch Leute, die fein angezogen gehen
wie er, mit denen zusammenkommen, die in schlechten Blousen und geflickten
Lumpen gehen wie wir!« sagte Anton.
    »Was Du nicht immer wissen willst!« meinte ein Anderer.
    »Wisst Ihr's, zischelte ein Dritter, »der Alte ist heute verreist, und wenn
die Kasse nicht zu Hause ist - nun da wisst Ihr schon.«
    »Bleibt er über Nacht weg?«
    »Nein - das nicht.«
    »Nun, da ist auch Nichts - die Mäuse können nur die Nacht tanzen und pfeifen
- die Nacht muss es losgehen!«
    »Ja, die Nacht! Und mag der alte Kater selber das Zusehen umsonst haben!«
    »Pst, Brüder, pst!« ermahnte Wilhelm. »Wenn Jemand Euch hört - und wenn Ihr
auch murmelt - jetzt, hat jedes Steinchen im Wege ein Ohr.«
    Die Burschen gingen ruhiger vorüber.
    Jetzt fuhr der Wagen vor und Pauline stieg ein - der ältere Talheim kehrte
um und setzte sich zu ihr. Franz blieb am Wege stehen, bis der Wagen vorbeifuhr.
Seit jenem Abend, wo sie von ihrem Gefühl überwältigt an seine Brust gesunken
war, hatte er noch weniger als vorher gewagt, sich ihr wieder zu nähern - aber
jetzt in dieser Entfernung, in diesem Moment konnte er es schon wagen, ihr einen
Blick zuzuwerfen, in dem seine ganze Seele lag und sie erwiderte ihn mit einem
gleichen.
    Dann besprachen die Beiden noch Manches, das sie einander nur immer werter
machte und näher brachte.
    So kamen sie gerade kurze Zeit nach Aarens im Schloss an. Man sagte ihnen,
dass der Graf und die Gräfin im Augenblick nicht zu sprechen wären, die Comtesse
aber sei in der Rotunde.
    Dortin eilte Pauline mit dem Lehrer.
 
                       V. Ein Blick hinter die Coulissen
 »Ich will Euch sagen was in's Ohr:
 Die Hungersnot ist vor dem Tor,
 Die Leute klagen nicht, sie jodeln und scherzen,
 Und das ist schlimm! Ich kenne die Menschenherzen.
 Wollt ihr, dass noch zu dieser Not
 Ein Glaubenskrieg mit überreizten Nerven
 In stille Hütten mag den Pechkranz werfen?«
                                                                        K. Beck.
               Schreiben des Pater Xaver an den Pater Valentinus.
»Gesegnet sei der heilige Loyola! Er lässt die Seinen niemals sinken und die
Seinen niemals ihn.
    Verleugnen müssen wir ihn zuweilen - aber dafür straft er uns nicht - das
vergilt er uns tausendfach.
    Du in Deiner glücklichen Einsamkeit, welche Dir gestattet, in friedlicher
Stille den Pflichten unsers heiligen Ordens zu leben, Deinen frommen Wandel mit
einen freudigen Gehorsam fortzusetzen, der keine Selbstverleugnung von Dir
fordert, da Alles, was er Dir auferlegt, als natürlich von Dir übernommen werden
kann - wirst Dir kaum einen Begriff machen können von all den künstlichen
Mitteln und mühevollen Combinationen, zu welchen unser Orden oft greifen muss, um
sich seine Welterrschaft nicht entreissen zu lassen. Du in einem glücklichen,
gesegneten Lande lebend, das wir als unsere Heimat betrachten dürfen und in dem
Alles still, gläubig, fromm und friedlich zugeht, wirst Dir auch davon keinen
Begriff machen können, wie unser Leben in einem Lande ist, in dem das
verderbliche Licht der Aufklärung täglich grössere Fortschritte macht, in einem
Lande, in dem der grössere Teil der Einwohner aus Ketzern besteht!
    Hier war der Spruch unsers Heiligen schon eingetroffen: sie hatten uns
verjagt wie Wölfe, aber wir hatten uns verjüngt wie Adler.
    Schon wagten wir es wieder die Länder siegesbewusst in unsere Klauen zu
fassen, schattend unsere weitreichenden Flügel über die Völker auszubreiten, dass
es Nacht ward bei ihnen - schon dachten wir, es sei die Zeit gekommen, dass wir
zugreifen könnten, uns unserer Beute zu versichern, sie zu zerfleischen, ihr das
Herz zu entreissen, das doch ein Mal unwillig und aufrührerisch gegen uns
schlagen könnte.
    Aber wir hatten uns getäuscht, schrecklich getäuscht!
    Wir erlebten nur einen kurzen Triumpf und dann eine um so schmerzlichere
Niederlage.
    Die Franzosen hatten ein entsetzliches Buch gegen uns geschrieben - das in
das verführerische Gewand eines Romans gekleidet, berechnet war, unsern heiligen
Namen auf's Neue vor aller Welt zu brandmarken. Das war schon entsetzlich! Und
auf den Namen Eugen Sue ward der tausendstimmige, einhellige Fluch unsrer ganzen
Brüderschaft für alle Zeiten geworfen! - Ach, ein Fluch, der leider ohnmächtig
abgeprallt ist, denn er hat uns vorher verflucht und alle Welt mit ihm.
    Vor den Büchern der Deutschen fürchteten wir uns nicht, obwohl sie wie eine
grosse Schneelawine über uns hereinbrachen! - Es begann damit förmlich in
Deutschland ein ganz besonderer Zweig der Literatur zu grünen und zu blühen, den
man höhnisch geradezu »Jesuitenliteratur« nannte - als ob unser heiliger Orden
selbst solche gotteslästerliche Bücher verfasst hätte, oder als ob sie recht für
ihn allein bestimmt gewesen wären!
    Nun, wir dachten die deutschen Bücher sind ja immer so ziemlich unschädlich
gemacht - wir fürchten diese guten Deutschen nicht, die teils aus Schwärmerei,
teils aus Speculation der Buchhändler so viel abscheuliche Bücher zur Welt
bringen! Wir liessen sie schreiben und phantasieren.
    Aber wer hätte das diesem Büchervolke zugetraut? Die Franzosen hatten nur
ein Buch gegen uns gehabt - die Deutschen hatten diesmal gar eine Tat.
    Es war entsetzlich - an allen Ecken und Enden brannte es plötzlich
lichterloh. - -
    Das wenigstens weisst Du - die Kunde von diesem plötzlichen Unheil ist auch
bis in Deine glückliche Abgeschiedenheit gedrungen, wiewohl das schöne Land, in
dem Du lebst, von ihren traurigen Folgen unberührt geblieben ist. Ich wiederhole
Dir nicht erst das allgemein Bekannte.
    Wär' es ein Ketzer gewesen, der sich so gegen uns empört hätte! Man ist ihr
Zetergeschrei schon gewohnt, es macht keinen Eindruck auf das Herz der heiligen
Mutterkirche!
    Aber es war ein Priester unsers Glaubens, ein Priester von Rom geweiht, ein
Kind und Diener unsrer Kirche, der das Herz der Mutter und Herrin mit dem
weitreichenden Speer seines Wortes traf.
    Das war's.
    Das Kind entlief der Amme und sagte, es sei mündig.
    Wie dies Alles geschah, sahen wir nur eine Aussicht, die uns reizte und
lockte - es gab Gährung in den Gemütern - der Bruder fing schon an wider den
Bruder zu murren - das Volk blickte mit ängstlicher Spannung zu seinen Fürsten.
-
    Das war das Einzige, was wir bei all' dem, was geschehen war, mit Jubel
sahen.
    Vielleicht - riefen wir - vielleicht kann das zu Etwas führen.
    Bürgerkrieg! Religionskrieg! Worte, vor denen die andern Menschen schaudern
- unsern Ohren haben sie immer wie Musik geklungen! Ja, das war immer unser
Element; wenn es jetzt über die Lande hereinbräche, so würden wir uns dabei wohl
befinden und bei der allgemeinen Verwirrung wieder im Trüben fischen können -
vielleicht in blutiger Weise beides: Seelen und Geld.
    Die Hauptsache ist, auf alle Dinge gefasst zu sein.
    Betrachtet man die Gegenwart mit klarem, ruhigem Blick, so kann man sich
eigentlich keine Aussicht auf einen Bürgerkrieg und Religionskrieg machen - die
Civilisation und die Begriffe der Menschenwürde sind dazu zu weit
vorgeschritten. Man liebt den Frieden. Man glaubt an die friedliche Entwicklung
aller Dinge. Auch sogar diejenigen Regierungen, welche dem Zeitgeist nur die
allergeringsten Concessionen machen, suchen wenigstens immer den Schein zu
bewahren, als wären sie dem Fortschritt hold - und überall geht es so, wenn auch
ziemlich unmerklich, gleich dem Wachstum der Eiche allmählich vorwärts. An
diese friedliche Erfüllung ihrer Wünsche, einer Entfaltung segensreicher
Zustände gleichsam von innen heraus glauben die meisten politischen Parteien in
Deutschland - und von ihrem Standpunkt aus die Sache besehen, muss man es mit
glauben - und so sind, wie gesagt, gar keine Aussichten zu blutigen
Kriegesscenen im deutschen Lande, wie man sie früher erlebt hat.
    So scheint für uns denn die Zeit gekommen, wo wir auch in unsrer Macht uns
bedroht sehen, wo diese zu wanken scheint, wie die ganze alte Zeit selbst, auf
welche wir sie gründen.
    So müssen wir uns denn neue Stützen suchen für unsre Macht, da die alten
morsch werden und zu zerfallen drohen, trotz all' unsrer Bemühungen ihnen eine
ewige Dauer zu sichern.
    Wir wollen zusehen, wie weit wir mit unserm alten Systeme noch kommen - mit
dem Systeme, wonach wir durch Krummstäbe, Kronen, Tronen und Scepter die Welt
regierten.
    Aber daneben wollen wir noch ein neues System verfolgen, das wir sofort in
Bereitschaft haben, wenn das alte uns keine guten Dienste mehr tun will. Diesem
Systeme gemäss wollen wir es mit dem Volke halten.
    Jenes alte System gründet sich auf die alte Zeit - unser neues System wird
sich auf die neue Zeit gründen. Wenn dann der Tag käme, wo die Freunde des
Fortschrittes und Lichtes in Deutschland meinten, gesiegt zu haben, und nun
jubelnd die alte Zeit zu Grabe trügen, so würden wir doch der allgemeinen
Vernichtung entgangen sein - wir würden unerkannt der Siegesfahne der neuen Zeit
folgen - wir würden unerkannt hinter dem Sarge der alten Zeit hergehen - und
nicht etwa als Leidtragende, sondern als lachende Erben.
    Und wenn man uns jetzt vertreiben will als Wölfe, so werden wir uns dennoch
wieder einschleichen wie Lämmer und verjüngt wiederkommen wie Adler.
    Es war von jeher eine unsrer bewährtesten Ordensregeln: divide et impera.
    Halten wir daran fest.
    Es könnte doch sein, dass die neue Zeit, von welcher jetzt die Radicalen nur
so viel in fieberhafter Aufregung träumen und schwärmen, einst doch vielleicht
von diesen Radicalen heraufgeführt und zur Wirklichkeit werden könnte.
    Nun denn, wohlan! Wir wollen gemeinschaftliche Sache mit diesen Radicalen
machen!
    Ich sehe meine Brüder erschrocken zurückfahren. - Gemeinschaftliche Sache
mit dieser Partei, welche mit ihrer verwegnen Leuchte all' unser Tun der Welt
gezeigt hat, durch deren Bestrebungen es so hell geworden ist, dass wir - wenn
dieses Licht noch heller und strahlender brennt, kaum noch einen dunklen
Schlupfwinkel finden werden, in den wir uns verkriechen können und aus dem wir
uns doch niemals wieder werden heraus wagen dürfen, um in unserm eignen
Interesse zu wirken?
    Ihr Kurzsichtigen, ihr Kleinmütigen!.
    Wisst Ihr denn nicht, dass man aus einer Leuchte eine Brandfackel machen kann,
die mit roter, unheimlicher Glut Alles niederbrennt und verwüstet? Und solche
zerstörende Glut, wobei es viel schwarzen Rauch, graue Wolken und erstickenden
Dunst gibt - ist denn nicht sie auch gerade unser Element?
    So wollen wir es machen mit dem Lichte der Aufklärung der Radicalen und sie
sollen, ohne dass sie selbst es bemerken, uns noch dazu vortrefflich in die Hände
arbeiten.
    Also: divide et impera!
    Reform! ist jetzt das allgemeine Loosungswort des Tages geworden. Alle, die
dem Fortschritte huldigen, verlangen Reform - darin sind die Parteien einig -
aber höchst uneinig sind sie über die Begriffe, welche sich mit diesem
allgemeinen Ausdruck verbinden lassen.«
    Die Liberalen wollen Volksvertretung, den sogenannten constitutionellen
Fortschritt - sie wollen neben einer Reform des Staates auch eine Reform der
Kirche.
    Die Radicalen wollen Volksherrschaft - Glaubensfreiheit - nach der Kirche
fragen sie weiter nicht.
    Die Sozialen wollen Reform der Gesellschaft - und die Eifrigsten unter ihnen
nicht erst Reform, sondern Aufhebung des Staates und der Kirche - allgemeine
Gleichheit.
    Das sind die Communisten.
    Mit den Communisten müssen wir es halten.
    In den Communisten müssen wir unsere Helfershelfer suchen, die unsere Sache
am Besten fördern helfen - es gibt keine andere Partei, von welcher wir gleiche
für uns segensreiche Dienste erwarten könnten. Gelingt ihr Werk, so ist auch das
unsere gelungen - so ist die Zeit nicht fern, da wir uns abermals verjüngen
werden wie Adler. Gerade unter diesen Menschen, welche als unsre
fürchterlichsten Gegner erscheinen, indem sie die heilige Kirche selbst, in der
ja bisher all' unser Heil und der Grund unserer Herrschaft und Macht ruhte,
nicht erst bekämpfen - sondern auf eine gotteslästerliche, abscheuliche Weise
geradezu negiren und deshalb aufheben wollen - gerade unter diesen werden wir
unsere Erretter suchen und finden - man denke an das alte Wort: dass die Extreme
sich berühren.
    Diese Communisten gehen damit um, die Ordnung der bestehenden Dinge
umzukehren. Nun! Bielleicht ist auch für uns die Zeit gekommen, wo wir dies
wünschen müssen - wo es mit all unsrer Kraft ein vergebliches Bemühen ist, den
Rossen der Zeit, die wir so lange glücklich zurückhielten, noch länger in die
Zügel zu fallen und ihren Lauf und den Fortschritt aufzuhalten. Trotz unseres
unermüdlichen Widerstandes sind sie dennoch unmerklich vorwärts gegangen und
haben uns selbst mit nahe bis an einen Abgrund gezogen. Nun denn! Man muss sich
in Alles zu schicken wissen. Wollen die Rosse nicht wieder zurück, wollen sie
nicht sich wieder einfangen lassen, um noch länger still zu stehen -: so hetzen
wir sie selbst nur um desto schneller vorwärts, dass sie wilde Sprünge machen,
Alles zerschlagen und zerstampfen und, das rechte Ziel verfehlend, endlich
todtmüde niederstürzen - dann sind wir wieder schnell und dienstfertig bei der
Hand, die gestürzten Rosse aufzurichten und zu ewigem Stillstand wieder
zurückzuführen in den alten Stall.
    Um nun auf das Nähere und auf Tatsachen überzugehen: der Communismus
predigt das Himmelreich auf Erden. Und mit dieser Predigt wendet er sich an alle
Diejenigen, welchen freilich bis jetzt die Erde nichts weniger sein kann als ein
Himmel! An die Armen, Niedriggeborenen, Unerzogenen, Entsittlichten wendet man
sich zuvörderst mit dieser neuen Lehre - mit einem Wort an die niedrigsten
Classen, an die untersten Schichten der Gesellschaft, deren Hefe: die
Proletarier, den Pöbel. Also an die Mehrzahl der Menschen - an den grossen
Haufen. Und an den Orten, wo sich dieser in der tiefsten Erniedrigung,
Verwahrlosung, Rohheit und Unwissenheit befindet, wird es am leichtesten sein,
ihn zu alle den Dingen aufzureizen, welche endlich - wenn auch auf langen
Umwegen - zu uns führen.
    Wir haben bisher unsere Herrschaft doch meist auf die Macht und den Glanz
der Hochgestellten gebaut - jetzt müssen wir sie neu gründen, auf das Elend, auf
den Schlamm der in Gemeinheit und Erniedrigung Versunkenen. Einzelne passende
Werkzeuge für unsere Zwecke mussten wir uns immer unter ihnen wählen - aber jetzt
gilt es mehr, jetzt gilt es nicht bloss Einzelne passend zu verwenden, jetzt gilt
es, sich der Menschen zu bemächtigen, durch die Massen zu wirken.
    Es ist keine Frage: die Massen leiden -
    Alles Unglück macht die Menschen zu Verbrechen fähig, von denen sie im Glück
sich nimmer Etwas träumen liessen - der Hunger aber vollends macht die Menschen
zu reissenden Tieren.
    Trachten wir also uns allen Reformen zu widersetzen - gleichviel, ob sie von
weisen Regierungen oder von schwärmerischen Oppositionsparteien ausgehen -
welche sich damit beschäftigen, den Notstand der armen Arbeiter zu lindern und
durch Volkserziehung und eben so milde als weise Gesetze auf eine allmähliche
Hebung der untern Classen hinzuwirken. Führen wir in der Stille Krieg mit diesen
Regierungen, mit dieser Opposition und halten wir es nur mit einer Partei - mit
den Communisten. Aber diese dürfen nicht ahnen, dass wir ihre Freunde sind, so
wenig als jene, dass wir ihre Feinde. Es gilt, sich jetzt mehr als jemals in
undurchdringliches Dunkel zu hüllen.
    So gross als die Communisten sie schildern wollen, ist die allgemeine Not
nicht - besonders sind die Massen noch gar nicht zum Bewusstsein ihres Elendes
gekommen. Wir müssen also streben, sowohl sie dahin zu bringen, als auch die
allgemeine Not der Armen und Arbeitenden selbst noch in der Wirklichkeit zu
vergrössern.
    Der Communismus predigt das Himmelreich auf Erden. Er will es in seinem
Wahnsinn dadurch verwirklichen, dass er Staat und Kirche als von ihm unmenschlich
und unnatürlich genannte Einrichtungen aufhebt, dass er Politik, Religion,
Volkssitte, Vaterlandsliebe - alle diese Dinge, für welche Jahrtausende lang die
Menschen aller Zonen und Zeiten lebten und starben - als Trugschlüsse verwirrter
Menschengeister erklärt, aus denen endlich die ganze zu Verstande gekommene
Menschheit wieder heraus müsse, wenn sie nicht länger ein sinnloses Treiben
fortsetzen und darüber zu Grunde gehen wolle. Der Communismus will das
Himmelreich auf Erden verwirklichen, indem er ferner Gütergemeinschaft verlangt,
Aufhebung des Capitals, Abschaffung des Geldes, jenes wesenlosen Dinges, welches
nach ihrer Meinung als ein entseeltes Gespenst, das vergebens nach seinem Leibe
jagt, (denn es hat eigentlich Beides: Seele und Körper - und doch auch wieder
Beides nicht!) und die Menschen von einander trennt, indem es ihre Verbindung
vermitteln will. So sollen künftig diese verbrüderten Menschen (was, nebenbei
gesagt, unendlich langweilig sein muss!) zusammen wohnen in schönen bequemen
Palästen, wo Niemand mehr zu hungern und zu frieren braucht, sondern für Alle
das Haus geheizt und der Tisch gedeckt ist. Ihr ganzes Leben soll Genuss sein,
Genuss der freien Liebe und aller andern sinnlichen Freuden, und dafür soll ein
Jeder nur täglich zwei Stunden arbeiten - und diese Arbeit ihm selbst ein Genuss
sein.
    Das ist das Ideal der Communisten.
    Trachten wir danach, dieses Ideal verwirklichen zu helfen, oder lassen wir
vielmehr sie mit ihrem redlichen Willen und ihrem verblendeten Verstand danach
streben - denn sobald sie terra rasa gemacht haben für die ganze Menschheit,
sobald sie die Millionen friedlich eingepfercht haben in die grossen Ställe, in
welchen sie ausruhen und sich nähren können von der gleichen Weide zu gleichem
Teil - alsbald werden sie auch des Hirten wieder bedürfen, die Heerde in
Ordnung zu halten.
    Damit diese Gleichheit in Arbeit und Genuss niemals gestört werde, wird eine
so organisirte Gesellschaft einer Beaufsichtigung, einer Bewachung bedürfen, wie
sie bisher ohne Beispiel gewesen in der ganzen Welt - denn die ganze
Weltgeschichte weiss nichts Aehnliches! - Und dann werden wir an unserm Platz
sein.
    Wir werden dann diese Aufsichtsführungen uns zu verschaffen wissen - und
dann wird die Zeit unsrer glänzendsten Herrschaft kommen.
    Lange Jahrhunderte hindurch haben wir die menschliche Gesellschaft über uns
zu täuschen gewusst - so wird es uns auch nicht an Mitteln fehlen, diese neue
Gesellschaft zu täuschen. Wir werden das Regiment über sie in unsere Hände
bringen, ohne dass sie ahnt, in welchen Händen es ist.
    Und wenn sie gleich auf einige Zeit unsere Kirche abgeschafft haben, so
werden wir sie doch in Kurzem wieder herrlich aufbauen.
    Denn das bezeugt die Geschichte und alle Erfahrung: es wohnt tief in jeder
Menschenbrust ein religiöses Bedürfnis. Ein Bedürfnis, für sich selbst ein
höheres Wesen zu fühlen und zugleich ein verwandtes Höchstes über sich
anzuerkennen.
    Dieses Bedürfnis wird auch in dieser Gesellschaft wieder erwachen, denn der
Mensch von heute ist immer noch gleich dem Menschen von Jahrtausenden und bei
aller Fähigkeit zu Vervollkommnung ist doch die Menschennatur an sich keiner
Veränderung fähig.
    Wenn nun dieses religiöse Bedürfnis wieder erwachen, sich zur Geltung
bringen und seine alten Rechte fordern wird - um so ungestümer und brünstiger
als man sie ihm ganz nehmen wollte und genommen hatte - und hier berühren die
Extreme sich wieder - dann werden wir unsere Masken und Mäntel von uns werfen
können! Dann werden wir wieder vor der sehnsüchtigen Menge erscheinen und werden
wieder zu ihr reden: Sehet da die Herrlichkeit des Herrn, seiner Diener und
seiner Kirche - wir sind bei Euch gewesen allezeit, auch da Ihr es nicht ahntet
und werden bei Euch bleiben bis an der Welt Ende! - Und wir werden erzählen, wie
man den jetzigen Zustand der Dinge uns allein verdanke und es wird leicht sein,
ihnen weiss zu machen: Jesus sei der erste Communist gewesen - denn wir haben uns
ja niemals gescheut, diesen heiligen Namen zu manchen frevelhaft scheinenden
Dingen zu gebrauchen, welche aber eben durch seinen Namen geheiligt wurden - und
wir werden uns als seine treuesten Diener bekennen und sagen, es sei gleich, ob
wir nun Jesuiten oder Communisten hiessen. Wir tätten ja schon seit
Jahrhunderten Gütergleichheit gehabt und gleiche Arbeit in unsrer Gemeinschaft,
damals habe die Welt, die böse Welt, die ja eben damals in so grosser Unordnung
befangen gewesen, uns dafür oft verfolgt - wir wären längst die Märtyrer für den
Communismus gewesen - nun aber mit seiner Verwirklichung habe unser System
gesiegt. Und man wird uns glauben und zujauchzen, man wird sich wieder betrügen
lassen, wie vordem, und mit Freuden das Regiment unsern geweihten Haiden
übergeben.
    Dann werden wir unser Ziel erreicht haben! Vieler Selbstverleugnung wird es
bis dahin bedürfen - aber sie wird uns herrlich vergolten werden und der heilige
Loyola wird seine treuen Diener nicht verlassen.
    Wir werden siegen in diesem Zeichen.
    Jetzt gilt es also, auf dieses grosse Ziel hinzuwirken.
    Ueber den Blick in diese grosse Zukunft dürfen wir das Nächste nicht
übersehen.
    Wir müssen die Parteien wider einander aufstacheln.
    Wir müssen den Communismus überall in der Stille ausbreiten helfen - und wo
er noch gar nicht da ist, da müssen wir den Teufel an die Wand malen, damit er
komme. Dies ist eine Maxime, eben so schön und bewährt, als es das Sprichwort
selbst ist.
    Um zu zeigen, wie man dies machen muss und wie nützlich für unsern Zweck dies
Verfahren ist, will ich unter Hunderten nur ein kleines Beispiel aus einem
deutschen Staate anführen, in dem wir jenes Verfahren kürzlich mit viel Glück in
Anwendung brachten.
    Wir wussten gleichzeitig durch anonyme Briefe, welche wir ganz und gar nur
mit Stellen aus communistischen Büchern von den entschiedensten Verfechtern
dieser Doctrinen ausfüllten - damit man sie um so weniger für ein Werk unsers
frommen und rechtgläubigen Ordens halte - Eisenbahnarbeiter und Fabrikarbeiter
aufzuhetzen, ihnen communistische Lehren beizubringen, ihr eignes Elend
vorzuhalten und sie wider die bestehenden Verhältnisse aufzureizen. Die
Eisenbahnarbeiter waren für unsere Lehren ziemlich zugänglich, es waren
Ausländer unter ihnen, denen diese Dinge bereits nichts Neues waren - und
welche, wenn sie auch an der Möglichkeit ihrer Ausführung zweifelten, doch die
Inländischen mit aufreizen halfen - und so kam es, dass sie jüngst aufstanden,
ihre Arbeiten einstellten und einen höhern Lohn verlangten.
    Mittlerweile hatten wir unter den Arbeitern der nahen Fabrik eines Herrn
Felchner auf einen der jüngern Arbeiter unser Augenmerk geworfen. Dieser, Franz
Talheim, besitzt, eine ungewöhnliche Intelligenz für seinen Stand bei einem
schwärmerischen aufopfrungsfähigen Herzen. Er hatte einige keine Schriften
geschrieben, welche, allerdings weit entfernt von communistischen Tendenzen,
doch die Rechte des armen Volkes vertreten und sein Elend zur Sprache bringen.
Wir glaubten, es sei leicht, aus ihm einen Verbreiter des Communismus zu machen,
wie wir ihn nur wünschen konnten. Leider scheint es, dass wir gerade in ihm uns
verrechnet haben - er hat ein zu strenges Rechtsgefühl, um einer Auflehnung
gegen das gesetzlich Bestehende fähig zu sein, um Etwas auf anderen als
gesetzlichen Wegen erringen zu wollen, auch hat er zu Viel gesunden und
unverblendeten Menschenverstand, um von einem im Augenblick noch unpraktischen
System sonderlich Notiz zu nehmen. Auf ihn also - das haben wir erkannt - werden
wir schwerlich zählen dürfen - desto leichter ging durch ihn einer seiner
vertrautesten Kameraden in die Falle.
    Jetzt haben wir in dieser Fabrik Alles in die beste Gährung gebracht und
zwar durch die verschiedenartigsten Mittel.
    Zuerst wussten wir - auf unserm gewöhnlichen Wege - einigen Regierungsbeamten
zuzuflüstern, dass in jener Fabrik - als sich noch nicht das geringste
Verdächtige dort zeigte - gefährliche Verbindungen bestünden und dass dort sich
von einem Menschen, der sich auf derartige Sachen verstände, ein
staatsgefährliches Complott entdecken liesse. Begierig, diese Entdeckung zu
machen, setzte sofort der geheime Polizeirat Schuhmacher alle seine geheimen
Maschinerien in Bewegung, um durch Entdeckung dieser gefahrdrohenden Zustände
sich Ansprüche auf den Dank seiner Regierung zu erwerben. Er scheute kein
Mittel, um zu seinem Ziele zu gelangen. Vortrefflich arbeitete er uns in die
Hände. Einer seiner Helfershelfer musste - worüber wir besonders frohlocken - den
Fabrikherrn selbst warnen und zu grösserer Beaufsichtigung seiner Leute
auffordern. Dies geschah - und nun werden wir es bald erleben, dass diese Strenge
und Vorsicht bewerkstelligt, was unserm Zureden und Vorspiegeln allein nicht
gelungen wäre: - die Fabrikarbeiter werden sich empören, und wenn sie gleich
damit Nichts tun, als blind in ihr Unglück rennen - so ist es doch von da an
eine beglaubigte Wahrheit: der Communismus spukt in Deutschland und greift schon
zu praktischen Mitteln - und dadurch ist für uns schon Viel erreicht: wir können
von da an den Communismus als Popanz brauchen! - Als Popanz zuerst für die
Regierenden, damit sie hinter freien Regungen überhaupt gleich Communismus
vermuten - und deshalb sich um so weniger zu Zugeständnissen verleiten lassen;
- für die Besitzenden, damit sie gegen die armen und arbeitenden Classen desto
härter verfahren und durch Druck und Härte sie um so eher dem Communismus in die
Arme führen, damit die Schwergedrückten endlich gar dem blinden Glauben der
Verzweifelten sich hingeben: es gebe für sie kein anders Heil und keine
Bestimmung, als Blut und Leben einzusetzen für die Verwirklichung des
Communismus; - endlich auch als Schreckbild für die Liberalen, damit sie, weil
sie nun nach zwei Seiten hin zu kämpfen haben, um so leichter ermüden, und damit
sie, um nicht auch als Communisten verschrieen zu werden, vorsichtiger und
zurückhaltender werden in Tadeln und Fordern.
    Damit ist schon Viel gewonnen.
    Zugleich sind auch in den Verdächtigungsnetzen des Polizeirat Schuhmacher,
zwei Liberale mit gefangen worden: Graf Jaromir von Szariny und Gustav Talheim,
zwei Schriftsteller für uns von der gefährlichsten Sorte. Man wird sie der
Regierung als Teilnehmer an communistischen Comploten bezeichnen, da sie mit
den aufsässigen Fabrikarbeitern in Berührung gekommen sind - man wird sich
entweder ihrer bemächtigen, oder doch wenigstens ihre Schriften verbieten -
obgleich diese radical und Nichts weniger als communistisch sind - oder sie des
Landes verweisen, ihnen ihre literarische Tätigkeit erschweren, und so werden
wir mit guter Manier zwei unsrer gefährlichsten Gegner los - indem sie entweder
ganz unschädlich gemacht oder vielleicht aus Rache und Erbitterung das werden,
für was man sie bisher nur hielt und als was sie nun einmal verdammt und
gebrandmarkt sind: Communisten. So ist es zugleich mit gelungen, der schlechten
Presse die Schuld an den Arbeiteraufständen mit zuzuschreiben - auch davon
werden die guten Folgen nicht ausbleiben.
    So müssen uns alle Dinge zum Besten dienen.
    Das ist immer unsere Ordensregel gewesen.
    Und so habe ich denn in der Kürze versucht, mein frommer Bruder, Dir
anzudeuten, welche schwierige Stellung wir hier haben - wie wir aber trotzdem
nicht verzagen, sondern bereits auf eine neue Aera uns vorbereiten - damit auf
alle Fälle unser heiliger Orden selbst dann nicht untergeht, wenn man alle
bestehende Ordnung der Dinge umkehrt.
    Gesegnet sei der heilige Loyola, der die Seinen schützt!
    Grüsse alle unsere Brüder.
                                                                   Pater Xaver.«
 
                              VI. Auf dem Schloss
 »Der Bund, der sich auf Treue gründet,
 Hat Schild und Schwert zu Schutz und Wehr;
 Die Flamme, die im Herzen zündet,
 Durchstrahlt die Nacht als Feuermeer.«
                                                                     K. Haltaus.
Als Pauline mit dem Doctor Talheim in die Rotunde in Hohental ging, in welcher
sie Elisabet treffen sollte, hörte sie leises Geflüster und sagte deshalb zu
Talheim:
    »Elisabet scheint nicht allein dort zu sein.«
    Diese Worte hatte Elisabet selbst vernommen. »Das ist Paulinens Stimme,«
sagte sie zu Jaromir; »komm - Hand in Hand wollen wir ihr unser Glück verkünden,
das sie vielleicht ahnt, das ich ihr bis jetzt aber noch nicht zu gestehen
wagte. -« Ohne daran zu denken, dass wahrscheinlich auch Pauline nicht allein
käme und nicht nur laut mit sich und den Bäumen gesprochen - trat die von ihrer
Seligkeit halbberauschte Braut an der Hand des Geliebten unter den Bäumen
hervor.
    Plötzlich standen sich vier überraschte Menschen sprachlos gegenüber.
    Elisabet war plötzlich regungslos wie festgezaubert, die Blicke zu Boden
gesenkt, als sie Talheim erkannt hatte. Diesen selbst durchzuckte bei Jaromirs
Anblick eine seltsame Art von Schmerz - wenn auch unschuldig, war dieser doch
die Ursache seines gemordeten Lebensglückes und dass er nun gerade ihm hier
begegnen musste.
    Jaromir sann nach, wer der Fremde wohl sei, der ihn mit einem so seltsamen
Blicke mass - und der ihm wohl auch kein ganz Fremder sei - er musste ihn schon
irgend einmal gesehen haben.
    Am Unbefangensten war noch Pauline, die sich doch über weiter Nichts zu
verwundern hatte, als dass sie Jaromir so vertraulich an der Freundin Seite sah.
Daher konnte auch sie zuerst das Wort nehmen, und indem sie Elisabets Hand
drückte, sagte sie: »Also überraschen wir Dich doch! Schon glaubte ich, Du
wärest auf dieses Wiedersehen vorbereitet.« Und eh' noch die Angeredete
geantwortet, übernahm sie deren Amt und stellte die Herrn einander förmlich vor.
    Bei Nennung von Talheims Namen zuckte es auch seltsam über Jaromirs Gesicht
- aber das war bald verbannt und vorüber und er erwiderte Talheims Gruss mit
einigen freundlichen Worten. Elisabet war noch immer sprachlos geblieben - ein
Schweigen, das für die Andern beinah peinlich zu werden begann - da sagte sie
plötzlich mit der ihr eignen Heftigkeit, welche sie jedes Mal überkam, sobald
sie sich bei erschütternden Momenten bemüht hatte, ihrer Bewegung Meister zu
werden und dann still bei sich dies Bemühen um äusserer Formen und des Herkommens
willen kleinlich und unwürdig der edleren Gefühle gefunden hatte, gegen deren
Äusserung sie damit eben ankämpfte:
    »Es ist zu viel Glück auf ein Mal! Neben mir der, den mir heute Elternsegen
zum Bräutigam gegeben - mir gegenüber plötzlich mein verehrter Lehrer, den ich
kaum wiederzusehen hoffen durfte - neben mir die langentbehrte Freundin - was
fehlte noch, um ein Menschenherz so von Wonne überfliessen zu lassen, dass es
darüber die Sprache verliert?«
    »Vielleicht ich?« sagte lachend Aurelie, die eben auch zu der Gruppe trat -
eine neue Ueberraschung für Talheim und Pauline, denn Beide wussten noch Nichts
von ihrer Anwesenheit.
    Und wie es dann manchmal geht, wenn je mehr der verschiedenen Elemente mit
ihren verschiedenen Berührungspunkten, je nachdem innre Wahlverwandtschaften zu
einander hintreiben oder äussere Einwirkungen die Annäherungen und Mischungen
erleichtern - so war denn auch jetzt durch das Hinzutreten der Allen bekannten,
aber Allen mehr gleichgültigen Aurelie in ihrer heitern Harmlosigkeit plötzlich
die feierliche Stimmung, welche sich mit einem beinah ängstigenden Druck dieser
vier Menschen hatte bemächtigen wollen - von ihnen genommen und wich einer
leichtern heiteren Unterhaltung, aus Glückwünschen für das Brautpaar, Fragen
nach dem inzwischen Erlebten und Gesehenen gemischt.
    Elisabet erklärte dann fröhlich entschieden, dass heut' ihr schönster
Festtag sei und dass Niemand, wer einmal gekommen sei, unterlassen dürfe, ihn mit
zu feiern - Niemand werde vor Abend wieder vom Schloss entlassen. Ein Diener
berief dann die kleine Gesellschaft zur Gräfin, und als diese dann hier
Elisabets Einladung freundlich wiederholte, so galt weiter keine Einrede, man
blieb beisammen wie der Zufall es einmal gefügt hatte.
    Aurelie begegnete Paulinen mit Herzlichkeit, obschon sie sich vorher nicht
hatte überwinden können, sie in der Fabrik aufzusuchen, freute sie sich doch
jetzt aufrichtig dieses unverhofften Wiedersehens.
    Pauline empfand bei Elisabets Glück die fröhlichste Teilnahme - aber
zuweilen, wenn sie einen jener zärtlichen Blicke sah, wie Liebende sie gern zu
tauschen pflegen, oder einen jener innigen Händedrücke bemerkte, oder ein
liebeseliges Wort, das sie einander zuflüsterten, vernahm - da beschlich eine
unendliche Wehmut ihr Herz, ein bitteres, unzufriedenes Gefühl mischte sich
hinein, und tief in ihrem Innern schrie es auf, wie eine schrillende Dissonanz.
- Und wenn sie auf Talheim sah, der mit obenan sass neben dem Grafen Hohental
und von diesem mit hochachtungsvoller Aufmerksamkeit behandelt ward - da zuckte
es auch seltsam traurig durch ihre Seele wie zu einer anklagenden Frage an das
Schicksal - sie dachte an Franz, an den ausgestossenen armen Franz und deshalb
war sie zuweilen so still und in sich gekehrt unter all' diesen frohen Menschen,
deren Glück ihr doch auch so Viel galt. Sie meinten wohl, es sei ihre Art so,
oder bürgerliche Schüchternheit, wenn sie still war. Nur Talheim sah, was in
ihr vorging - er fühlte dann das Gleiche mit und konnte selbst sie kaum ohne
Wehmut betrachten.
    Aber auch Elisabet's Schicksal bekümmerte ihm Der erklärte Geliebte der
Sängerin Bella, er, der schon so viel Mädchenherzen durch seine Schönheit, sein
einnehmendes Wesen, durch all' seine geistig hervorragenden Eigenschaften,
freilich oft mehr willenlos als absichtlich an sich gefesselt hatte - und sie
dann wegwarf, weil er keine Befriedigung bei ihnen gefunden - gleich viel, ob
sie dabei brachen und blutend zuckten - konnte der eine Bürgschaft dafür geben,
dass Elisabet endlich dies ruhelose Herz ausfüllen und dass er sie dauernd
beglücken werde?
    Elisabet war von Talheims Gegenwart wunderbar ergriffen. Sie fühlte es
jetzt wohl, wo ihr Herz mit dem Jaromirs so selig zusammenschlug - nicht Liebe
war es gewesen, was sie einst für den Lehrer empfunden hatte - denn noch fühlte
sie sich von demselben Gefühl beherrscht wie damals. Es war eine Art kindlicher
Ehrfurcht, welche sie vor ihm hatte, und zugleich auch zärtlichste Verehrung,
die sie ihm darbrachte, wie einem höhern Wesen. Es war, als habe er eine
unsichtbare Gewalt über sie, von der freilich er am Wenigsten Etwas ahnte, die
aber sie selbst um so tiefer fühlte.
    Am Nachmittag im Park ging sie einmal neben Talheim allein - die Andern
folgten in einiger Entfernung.
    Die Beiden hatten zusammen von ver angenen Tagen in der Residenz gesprochen.
    »Als ich Szariny zum ersten Mal sah,« sagte Elisabet, »war es an Ihrer
Seite - er war bei Ihnen gewesen - Sie hatten ihn herausbegleitet - ich trat aus
der entgegengesetzten Türe - nachher war mir der Gedanke immer so freundlich,
dass doch gerade Sie es sein mussten, der uns zuerst zusammenführte.«
    Diese Erinnerung durchzuckte Talheim schmerzlich - er sagte nur betroffen:
»Ich?« weil er gar nicht wusste, was er sonst sagen sollte.
    »Freilich ohne es zu wissen - und dann wieder! O, wir haben oft davon
gesprochen, Szariny und ich.«
    »So hat er Ihnen Alles erzählt?«
    »Was meinen Sie?«
    »Nein - dann würden Sie nicht fragen!« sagte er mehr zu sich selbst als zu
ihr - aber sie hatte es doch gehört und war davon betroffen - er wollte diesen
Eindruck verwischen und fügte dann bei: »Sie hatten den Grafen schon in der
Residenz näher kennen gelernt?«
    »Nur dass ich ihn zwei Mal sah, lohne seinen Namen zu kennen - Sie wissen,
wie eingezogen wir dort im Institut lebten. Ein Mal noch hatte ich ihn ganz
flüchtig gesehen, wo er mich nicht bemerkte - es war im Opernhaus - ich weiss es
noch genau, Otello ward gegeben und Bella sang die Desdemona.«
    In diesem Augenblick waren die folgenden Personen den Vorangegangenen näher
gekommen. Jaromir trat neben Elisabet und indem er ihr den Arm bot, sagte er
scherzend zu Talheim gewendet:
    »Wenn ich wagen darf, die Schülerin ein Wenig zu zerstreuen?«
    »Ei,« sagte Elisabet in gleichem Tone - »wir hatten zuletzt von der Oper
und der Sängerin Bella gesprochen, und da kannst Du mich noch besser belehren.«
    Diese heiter und unbefangen gesagten Worte nahm er für argwöhnischen Spott -
Talheim kannte sein früheres Verhältnis zu Bella, da er mit ihr in demselben
Haus wohnte - und wie wäre Elisabet gerade jetzt darauf gekommen, wenn nicht
Jener sogleich seine Entfernung benutzt hätte, um das vertrauende Herz der
Geliebten für ihn mit einem elenden Stadtgeschwätz zu vergiften? Er schwieg tief
in innerster Seele verwundet - aber seine Augen flammten zürnend und
herausforderd gegen Talheim auf.
    Dieser begriff sogleich, was in Jaromir vorgegangen und dessen Verdacht -
aber er fühlte sich so über denselben erhaben, dass er davon, wie ihn Jener hegen
konnte, innerlich beleidigt ward; und deshalb sagte er in einem kältern Ton, als
in dem seiner gewohnten Milde: »Ich werde Ihnen Alles erklären, sobald Sie
wünschen.«
    Jaromir versetzte kalt: »Nun kann es mir gleichgültig sein.«
    Elisabet begriff nicht, wie diese beiden ihr so teuren Männer auf ein Mal
zu so sichtlicher Gereizteit kamen, sie zog mit edelm Stolz ihren Arm aus dem
Jaromir's, trat einen Schritt zurück und sagte: »Wenn ein Missverständnis
zwischen Ihnen waltet, das vielleicht in meiner Gegenwart nicht aufzuklären ist,
so bitt' ich doch, dies nicht länger zu verschieben.«
    Jaromir wollte sie um Verzeihung bitten, wenn er sich vergessen - Talheim
aber stimmte Elisabet bei und führte ihn mit sich fort, während sie Aureliens
Arm nahm, welche vorhin mit Jaromir zugleich ihnen nachgekommen war.
    Aurelie lachte zu Elisabets Nachsinnen über diesen kleinen Auftritt, sie
sagte heiter: »Hast Du denn nicht bemerkt, dass Jaromir nur sein Gewissen schlug,
als Du von Bella sprachst? Ich kann mir denken, dass ein Bräutigam ungehalten
wird, wenn man Anspielung auf eine frühere Geliebte macht.«
    »Ich verstehe nicht.«
    »Als wenn nicht alle Welt wüsste, dass er Bella's erklärter Liebhaber war.«
    »Jaromir?«
    »Das hättest Du wirklich nicht gewusst? Nun dann freilich hätt' ich's nicht
ausschwatzen sollen.«
    Die beiden Männer hatten sich schnell verständigt und kehrten jetzt wieder
zu den beiden Damen zurück, auch Pauline kam mit hinzu. Elisabet war, von
Aureliens Worten betroffen, erst ein Weilchen still und in sich gekehrt, - aber
Jaromir, der gern seine vorige Aufwallung wieder vergessen machen wollte, war
liebenswürdiger, lebendiger denn je, und so ward auch sie wieder von ihm
hingerissen und dachte nicht mehr an das Wort, das sie vorhin bestürzt gemacht
hatte.
    Man nahm einen Platz im Freien ein. Eine halbrunde Bank von Eisenguss
zierlich ineinander gefügt in einen Halbkreis, im Hintergrund mit Weingelände
umgeben, das aber vorn für eine weite lachende Aussicht sich öffnete, war dazu
ausgewählt.
    Elisabet sass zwischen Talheim und Jaromir, der dicht zu ihr gerückt war
und ihre Hand in der seinigen hielt. Aurelie sass auf der andern Seite Talheims
und neben ihr Pauline.
    Bald waren Alle in einem heiter ernsten Gespräch vereinigt und auf all'
diesen Gesichtern malte sich eine angenehme Befriedigung der Stunde, eine
harmonische Stimmung zu einander und zu der schönen friedlichen Umgebung, zu der
ganzen schönen Natur.
    Welch' eine fürchterliche Unterbrechung war auf einmal der gellende Schrei,
welcher sich aus nächster Nähe hören liess.
    Alle schraken zusammen - am Meisten Talheim - ihm war diese Stimme bekannt
- und dennoch schien es ihm unmöglich, dass er sie jetzt hier hören könne.
    Nur einige Schritte hatte man zu gehen - eine weibliche Gestalt, deren auf
den Boden gedrücktes Gesicht man vor einem seidnen Hut nicht sehen konnte, lag
auf dem Wege und warf sich wie in Krämpfen hin und her.
    Aurelie hatte sie zuerst erkannt und war hingeeilt und um sie beschäftigt,
ohne ihren Namen zu nennen
    Talheim rief unwillkürlich: »Amalie!« und nahm sie in seine Arme.
    Jaromir trat betroffen in einige Entfernung hinter die Bäume zurück.
Elisabet stand bei ihm.
    »Dies unerwartete Wiedersehen getrennter Gatten muss fürchterlich sein!«
sagte sie.
    »Fürchterlich!« wiederholte er dumpf und sah vor sich nieder, dann fasste er
plötzlich Elisabets Hand, sah sie mit unaussprechlichem, flehendem Ausdruck der
Liebe an und sagte feierlich:
    »Elisabet - das ist ein Stück aus meinem Leben - ich habe Dir bis jetzt nur
von meiner Gegenwart, von unsrer Zukunft gesprochen - aber nun will ich Dir all
mein Leben erzählen - wie mein Herz in seinen ersten heiligen Regungen betrogen
und zertreten ward - wie es dann vergebens suchte und niemals das Rechte fand -
bis mein Herz endlich bei all' diesem vergeblichen Ringen sich selbst Hohn
sprach, sich selbst verlachen und verspotten konnte - und als es aufgehört hatte
zu suchen, fand es, woran es nie mehr geglaubt - solches mit Dir Elisabet! Aber
Dein Herz ist ein heiliger Altar und Du bringst mir seine heilige
Erstlingsflamme als Opfer dar - gross und heilig stehst Du in Deiner lichten
Unschuld davor als geweihte Priesterin und weisst nicht, dass Du es bist - und
vielleicht weisst Du nicht, dass es mit der Liebe auch anders kommen kann in einem
Menschen. - Wirst Du mich verstossen, wenn ich Dir sage, wie Viel mein Herz schon
erfahren?«
    Sie unschlang ihn innig, wie zum Zeichen, dass sie ihn nimmer lassen könne -
aber sie antwortete nicht.
    »Elisabet!« seufzte er schmerzlich. »Nicht wahr - nun glaubst Du meiner
Liebe nicht?«
    Sie machte sich sanft von ihm los, um ihm desto inniger in die Augen zu
sehen - da fielen ihre Augen auf zwei blühende Sträuche Monatsrosen - der eine
war buschig und hatte einen starken Stamm, der andere war klein und schlank,
aber sie blühten Beide. Elisabet brach von jedem eine Rese und gab sie Jaromir.
    Er sah sie fragend an.
    »Sieh - der eine dieser Sträuche hat schon manchen Sommer geblüht, der
andere hat jetzt seine Rosen gebracht - ich sehe keinen Unterschied an den
Blumen!«
    Im seligsten Entzücken drückte er sie in seine Arme, an sein Herz.
    An der ganzen Scene und an der welche in der nächsten Nähe des Paares
spielte, war Nichts Schuld, als ein verlegter Schlüssel.
    Die Oberstin Treffurt litt, vielleicht auch weil ihre Nerven immer
angegriffen waren, sehr an Zerstreuteit, in dieser verlegte sie oft die
nötigsten Dinge an die unpassendsten Plätze, ohne es selbst zu wissen, und
konnte dann, wenn sie einen solchen Gegenstand vermisste, wieder Stunden lang in
ungeduldiger Hast danach suchen, durch welche sie am Allerwenigsten zum Ziele
kam. So hatte sie auch heute einen Schlüssel verlegt, den sie notwendig haben
musste, und da er durchaus nicht zu finden war, kam sie auf die Vermutung, dass
er von Aurelien mitgenommen worden sei, wie denn die Oberstin überhaupt nie ihre
Zerstreuteit eingestand, sondern deren Folgen immer auf Rechnung Anderer
brachte. Der Kutscher war schon weggeschickt, das Dienstmädchen musste im Garten
und Hofe suchen, und so ward denn Amalie gebeten, auf das Schloss zu gehen und
Aurelien nach dem Schlüssel zu fragen.
    Amalie wusste, dass Jaromir in Hohenheim war, und an demselben Morgen hatte
sie ihn vom Fenster aus gesehen, sein Verhältnis zu Elisabet kannte sie aber
nicht. Auch die Ankunft ihres Gatten war ihr noch fremd.
    Als sie jetzt in das Schloss kam und nach Aurelien fragte, zeigte ihr ein
Kammermädchen den Platz, wo sie Aurelien finden werde: »bei dem neuem Braupaar.«
    Amalie erreichte die Stelle, von wo aus sie plötzlich Elisabet Hand in Hand
mit Jaromir und neben Talheim sah - neben ihrem Gatten, den sie niemals hatte
wiedersehen wollen.
    Beides war zu Viel für die Reizbarkeit einer Frau wie Amalie - und so stiess
sie den Schrei der Ueberraschung aus, welcher Jene erschreckte, und verfiel in
Krämpfe, von denen sie bei allen heftigen Gemütserschütterungen erfasst ward.
    Talheim, gleichfalls auf's Tiefste von diesem Wiedersehen erschüttert,
kniete neben ihr nieder und hielt sie halb in seinen Armen. Aurelie und Pauline
waren scheu und verlegen zur Seite getreten.
    So waren einige Minuten vergangen - da raffte sich Amalie plötzlich auf, riss
sich von dem Gatten los und eilte zwischen die Bäume hinein auf die Stelle, wo
Elisabet und Jaromir standen.
    »Junge Gräfin!« sagte sie hastig in seltsam schneidendem Tone, »ich wünsche
Ihnen Glück dazu, dass sie jetzt meine Stelle einnehmen - Jaromir war vor Ihnen
mein - er war der Grund, dass ich mich von meinem Gatten trennte - und dass ich
Sie jetzt wie einst mich selbst in meiner Jugend zwischen diesen Beiden Männern
sah, die an meinem Elend Schuld sind - nahm mir die Fassung.«
    Grosse und unschuldige Frauenseelen haben, besonders wenn die erste Allmacht
der Liebe sie plötzlich mit ungeahnten Offenbarungen geweiht hat, oft einen
Seherblick, der das verwandte Edle, das sich ihm naht, auch ohne äusseres Zeichen
erkennt und das Niedrige, Unreine, das sich in seinen Kreis drängt, eben so
schnell, auch wenn es eine andere Maske borgen will, herausfindet und
zurückweist - so zog auch jetzt Elisabet mehr ahnend als verstehend Jaromirs
Hand an ihr Herz und sagte im allmächtigen Vertrauen der Liebe:
    »Ich will Alles gut machen, was verbrochen ward.«
    Amalie konnte es nicht ertragen, länger dieser hohen Jungfrau gegenüber zu
stehen - um so mehr als sie fühlte, dass sie es schon durchschaute, wie ja sie,
Amalie, selbst es war, welche an Jaromir ein Unrecht begangen, nicht er an ihr -
auch kam sie jetzt erst eigentlich zur Besinnung, wie sehr sie Ort und Personen
vergessen und wo und zu wem sie sprach. Als nun Talheim ihr den Arm bot, um sie
hinweg zu führen, so folgte sie erst willig - dann aber machte sie sich
plötzlich los und sagte:
    »Jetzt ist eine Erklärung zwischen uns nicht möglich, es bedarf auch weiter
keiner - wir wollten uns nicht wiedersehen - denke, es sei so gewesen. Willst Du
mir einen Dienst erweisen, so entschuldige mich bei Fräulein Aurelie.«
    Und damit eilte sie schnell fort. Er konnte ihr nicht folgen, wenn er nicht
das Auge der Spaziergänger auf sich und sie lenken wollte, welche auf der Strasse
vorüber gingen, die sie bereits erreicht hatten.
 
                            VII. Zwei Gesellschaften
 »Und still versammeln sich die Streitgenossen.«
                                                                  Fr. Steinmann.
In der Schenke der Fabrikarbeiter ging es ziemlich lärmend her. Der Wirt hatte
die zweite Stube zugemacht, weil sich nun Niemand mehr absondern durfte. Im
Grunde war's dem Wirt so Recht. Die jungen Arbeiter hatten sonst nur Bier
getrunken und keiner mehr als ein Glas. dabei konnten sie wenig betrogen werden
und der Verdienst dabei war ein geringer. Nun drängte sich Alles in der grossen
Stube zusammen. Nach dem Kruge Vier trank nun wohl fast Jeder noch einen Schnaps
- die Hitze der und Dunst in der Stube vermehrten den Durst und da folgte dem
ersten Schnaps wohl noch ein zweiter und dritter. Das war bessrer Verdienst für
den Wirt. Auch löste er wieder mehr an Kartengeld - denn wer einmal dem Spiel
zusah, bekam bald Lust, auch einmal die Karte zur Hand zu nehmen und sein Heil
zu versuchen. Und hatte nun einmal die Hand nach den Karten gegriffen, so gab
sie die neue Bekanntschaft sobald nicht wieder auf. Wer verlor, spielte fort, um
endlich das Verlorene zurückzugewinnen, und wer gewann, spielte fort, weil es
doch eine schöne Sache war, so sein Geld zu mehren. dabei trank man sich noch
Mut und desto mehr, je länger man blieb. So mehrten sich wieder die Zänkereien
und Schlägereien unter den Fabrikarbeitern - dies schien den Herrn
Fabrikbesitzern und Factoren gleichgültig zu sein - vielleicht hatten sie auch
noch den beliebten jesuitischen Grundsatz: divide et impera.
    Wilhelm lehnte mit August und ein paar Andern in einer Ecke.
    August warnte wieder: »Ich bitte Euch nur vor allen Dingen, seid gegen Anton
auf Eurer Hut! - Was hat er denn ewig, wenn's Dunkel wird, nach Hohenheim zu
schleichen, wenn dahinter nicht eine Schufterei steckt?
    »Ach was, er wird dort einen Schatz haben -« versetzte einer der Arbeiter.
    »Das braucht er nicht vor uns geheim zu halten - einen Schatz hat Jeder -«
sagte ein Anderer.
    Wilhelm meinte ruhig: »Er denkt aber gerade wie wir, dass er den Franz nicht
mehr leiden kann, und sagt, wir sollten uns vor dem in Acht nehmen - nun wer
weiss, ob er darin Unrecht hat.«
    »Denkt wie wir,« eiferte August, »ei ja doch, spricht wie wir! Woher weisst
Du denn seine Gedanken? Ein gutes Maul hat er immer gehabt. Und wenn er nun
vollends den Franz verlästern will, da soll er mir nur kommen! Als ob es einen
bravern Burschen gebe!«
    »Nun ja, ein guter Junge war er,« rief Wilhelm, »das hab' ich wohl am Besten
gewusst - den letzten Heller hat er oft hergegeben, wenn er damit helfen konnte -
aber jetzt ist er eigensinnig verstockt geworden und will mit offnen Augen nicht
sehen - mir hat er neulich geradezu erklärt: nun sei er mein Gegner.«
    »Das ist ehrlich und daran erkennt man den Franz - Anton würde das im Leben
nicht sagen. Am Ende bleibt doch Franz besser als wir Alle, wenn er gleich jetzt
mit uns nicht fort will - seine Tugend lehrt ihn die Not ertragen - wir haben
keine Tugend, darum müssen wir es freilich umkehren und aus der Not eine Tugend
machen. Franz mag uns widersprechen, verraten wird er uns nie! Anton
wiederspricht nicht und wird uns verraten! Seht, ich weiss gewiss, dass er in
Hohenheim ein Mal bei demselben Schuft gewesen ist, der den Fabrikherrn wider
uns aufgehetzt hat, denn nach dem Tage, wo so ein alter Schwarzfrack in der
Fabrik gewesen, kam das Verbot unsers Vereins, wisst Ihr?« erzählte August.
    »Es ist wahr, wir wollen uns vor Anton in Acht nehmen! Franz hat mir ein Mal
erzählt, wie es auch in andern Verhältnissen, unter den Bürgern zum Beispiel,
solche Leute gebe, die am Schlimmsten auf Vorgesetzte schimpften und dagegen
lärmten, nur damit man ihnen beistimme und sie Einen hernach anzeigen könnten!
Vorsicht ist nötig,« mahnte ein anderer Arbeiter.
    Eben trat ein ältrer Arbeiter mit verstörtem Gesichte herein. »Gebt mir
einen Schnaps, dass man sich den Jammer vertrinken kann - weiter gibt's ja doch
keinen Trost auf der Welt für unser Einen!«
    »Was hast Du denn, Bertold? Du siehst ja ganz grimmig aus und wie
zerschmettert obendrein!« bestürmten ihn Einige fragend.
    »Bin's auch - bin auch grimmig und zerschmettert, da habt Ihr ganz Recht!«
    »Nun und was hast Du denn?«
    »Was? Da habt Ihr gut fragen - mein Weib ist eine Leiche!«
    »So schnell?«
    »Hatte sie nicht Aussicht auf Mutterschaft?«
    »Ich habe sie doch noch heute früh gesehen? so fragte man ihn wieder.
    »Das war's,« sagte Bertold und schrie in schmerzlicher Wut: »Sie hatte
heute noch eine Arbeit in der Fabrik, wobei sie Schweres heben musste, sie hat
gesagt, das könne sie nicht - aber ein Aufseher meint, es sei Ziererei und sie
muss - sie hat aber Recht gehabt - bis zum Feierabend schleppt sie sich noch so
hin - wie sie zu Hause kommt, legt sie sich - und da ist sie nicht wieder
aufgestanden - das Kind ist todt, weil's zu früh kam und es hat auch ein
grässliches Ende gehabt -« -« er stürzte den Branntwein hinter und trank seine
bittern Tränen mit hinab, die in das Glas fielen.
    »Das ist Jammer!«
    »Es ist schändlich!«
    »Das ist doppelter Mord.«
    »Ein abscheuliches Verbrechen!«
    »Das müsst Ihr auf Mord klagen!« so hallten die Antworten der Arbeiter durch
einander.
    »Donner und Teufel! Davon werden Weib und Kind nicht wieder lebendig. Und
denkt Ihr, dass die Unmenschen, die sie in den Tod brachten - Etwas auf ihren Tod
geben werden? Es ist weniger Bettelvolk auf der Welt, so sprechen sie - ihr habt
nun weniger zu sorgen - es ist eine Wohltat!« rief Bertold.
    »Ja!« sagte Wilhelm, der jetzt hervortrat, »die einmal todt sind, die stehen
nicht wieder auf! Aber wir, wir leben noch und das wollen wir ein Mal unsern
Peinigern beweisen. Sie sollen vor der Lebenskraft erschrecken, die noch in
unsern ausgehungerten Körpern wohnt! - Vertold, wir wollen alle mit Deiner Frau
zu Grabe gehen - und dann, wenn wir armes Volk einer armen Todten die letzte
Ehre angetan haben - dann wollen wir hingehen und ein Mal ein deutliches Wort
mit den reichen Lebenden reden!«
    Ein allgemeines Geschrei und Gelärm erhob sich, man stimmte Wilhelm
jauchzend bei und wechselte damit ab, ihm Recht zu geben, den Fabrikherrn, ihre
ganzen Bedrücker, alle Reichen zu verfluchen, Bertold zu beklagen und mit
Zerstörung aller Maschinen und der ganzen Fabrik zu drohen. Wilhelm und August
mahnten zur Ruhe, warnten davor, den Plan laut werden zu lassen, und die Meisten
folgten diesen Mahnungen.
    Während sich hier Entsetzliches vorbereitet, gab der Rittmeister von Waldow
auf seinem Gut in nächster Nähe ein grosses Fest.
    Es galt, die Rückkunft seines Sohnes Karl zu feiern, während Talheim und
Eduin noch anwesend waren.
    Die sämmtliche Gesellschaft des Kurortes war geladen und die Familie
Hohental.
    Ein paar Tage waren seit Jaromirs und Elisabets Verlobung vergangen und
diese eben jetzt durch Karten und Zeitungen die grosse Neuigkeit des Tages
geworden.
    Jaromir hatte gleich am Tage nach derselben wegen eines dringenden
literarischen Geschäftes in die Residenz reisen müssen, und ward erst am Tage
des Waldow'schen Festes wieder zurück erwartet. So hatte er Elisabet noch nicht
wieder gesehen und so auch sein Wort nicht halten können, ihr sein Leben zu
erzählen. - Als an jenem Morgen Aarens bei dem Grafen Hohental gewesen, hatte
der unglückliche Bewerber, der so plötzlich aus seinem Himmel, den er eben mit
sichern Schritten hatte betreten wollen, herabgeworfen worden war, sich nicht
gleich in seine gewohnte Stellung wieder zurecht finden können und war kleinlich
genug gewesen, dem Grafen Hohental Vorwürfe zu machen, dass er sein Wort um
eines Szariny willen habe brechen können, an dem er allerdings schon oft das
Talent kennen gelernt habe, Frauenherzen zu betören, aber jetzt auch das neue:
verständige Eltern zu betrügen.«
    Mit dieser Unart war er gegangen und hatte dadurch erreicht, was er am
Allerwenigsten bezweckt hatte: sowohl der Graf als die Gräfin waren erfreut, den
nicht Schwiegersohn nennen zu müssen, der im Stande war, wenn er sich gekränkt
fühlte, sogar alle äusseren Formen so sehr zu verletzen.
    Den Auftritt mit Amalien hatte man zu verbergen gesucht, so gut es eben
gehen wollte. Nur dass die getrennten Gatten sich unerwartet wiedergesehen, war
der Familie Hohental und Treffurt bekannt geworden, die Sache war zu delicat,
um weiter danach zu fragen - auch interessirte die Aristokratin sich wenig für
dieses bürgerliche Paar, das sie nur in einem untergeordneten Verhältnis zu sich
betrachtete. Amaliens Äusserung über Jaromir hatte freilich für Aurelie und
Pauline Manches zu denken gegeben - aber Beide hatten Zartgefühl genug, das
Gehörte nicht weiter zu verbreiten.
    Elisabet hielt fest an ihrer Liebe, Jaromir selbst hatte diese Ueberzeugung
gewonnen. Aber Talheim war schmerzlichst bewegt. Er hatte Amalien
wiedergesehen, seine treue Liebe zu ihr war plötzlich in all ihrer frühern
sanften Grösse wieder aufgewacht - da hatte sie ihm durch die halb wahnsinnig
gesprochenen Worte gezeigt, wie unwert sie seiner Liebe sei - und wie er
jahrelang sie bei sich entsämldigt, mit ihr Geduld gehabt und Nachsicht mit
ihrer Schwäche und ihren Launen, was Monate lang, als sie in steter Vereinigung
zusammen lebten, ihm entgangen war, - das trat jetzt in dem einen Augenblick des
Wiedersehens in seiner widerwärtigsten Gestalt vor ihn hin - als er Amalien
wieder und gerade so gehässig sprechen hörte - so starb plötzlich seine Liebe zu
ihr, endete sein Mitleid - er fühlte, wie sie beides nicht mehr wert sei, und
sein Inneres wendete sich mit Verachtung von ihr ab.
    Nur fühlte er, dass sie darin Recht hatte: sie wollten sich nicht
wiedersehen, sie waren getrennt für immer; sie hatten einander auch Nichts mehr
zu sagen. Am Liebsten wäre er nun gleich abgereist und hätte den Ort verlassen,
wo er ihr wieder begegnen konnte. Aber Eduin von Golzenau wollte noch bleiben
bis zu Jaromir's Rückkehr. Denn wie es manchmal geht, so hatte erst Eduin
Jaromir in Hohenheim verfehlt und dann war Jaromir gerade in einer Stunde zu dem
Rittmeister gekommen, als Eduin ausgeritten gewesen, so hatte Jaromir abreisen
müssen und die beiden Verwandten, die einander von frühern Zeiten her noch innig
zugetan waren, hatten sich noch gar nicht einmal begrüsst. -
    Die Gesellschaft war in dem Gartensalon des Rittmeisters von Waldow bereits
versammelt - nur Jaromir fehlte noch. Eduin und Elisabet warteten auf ihn mit
gleicher Ungeduld. Dem unbestimmten Zuge der Herzen folgend, hatte dies Gefühl
einer gewissen Leere und einer sehnsüchtigen Erwartung sie einander nahe
gebracht, und sie freute sich innig der liebevollen Äusserungen des Jünglings,
mit welchen er schwärmerisch von ihrem Jaromir als seinem Ideal sprach. Auch
Talheim sass in ihrer Nähe und sie würde sich ganz dem freundlichen Behagen an
diesem Zusammensein überlassen haben, wenn sie nicht mit einer noch süssern
Erwartung für die kommenden Stunden beschäftigt gewesen wäre.
    Aarens war auch da, er behandelte Elisabet mit kalter Höflichkeit und
machte, wie es schien, auf eine ziemlich absichtlich bemerkbare und auffallend
zudringliche Weise Aurelien den Hof. Diese, welche nicht wusste, welche andern
Absichten er noch kurz vorher gehegt, nahm diese Huldigungen mit sichtlichem
Wohlgefallen auf und ward durch sie in die heiterste und mutwilligste Laune
versetzt.
    Waldow, der Neffe, war noch immer der treue Schatten der Geheimrätin von
Bordenbrücken, welche, indem sie alle ihre Bemühungen, auf Szariny einen
Eindruck zu machen, hatte scheitern sehen, gegen diesen nun einen erbitterten
Groll gefasst hatte, welcher sie, nachdem es ihr misslungen war, ein blindes
Werkzeug für die Untersuchungscommission ihres Gatten zu sein, vielleicht um so
brauchbarer zu einem sehenden machte, da ihr gekränkter Stolz sich gern für ihre
vernachlässigten Bemühungen an Jaromir gerächt hätte.
    Die übrige Gesellschaft bestand ausser den bereits bekannten noch aus
mehreren unbedeutenderen Badegästen und den Bewohnern und Besitzern benachbarter
Rittergüter.
    Die Stunden waren vergangen - Jaromir war noch nicht gekommen. Man setzte
sich zur Tafel und er war noch immer nicht da - Elisabet ward blässer und
stiller und suchte dann doch wieder durch lebhafteres Sprechen ihre innere
Unruhe zu verbergen. Eduin stürzte in seinem Unmute manches Glas Wein hinunter
und ward dadurch nur immer ungeduldiger. Die Gräfin Hohental sah sehr kalt und
unbeweglich aus wie immer, wenn sie irgend eine innere Erregteit zu verbergen
hatte. Die Anwesenden flüsterten sich hier und da, mit Blicken auf Elisabet,
Bemerkungen zu, welche sie zum Gegenstand hatten, aber ja nicht von ihr gehört
werden durften.
    Es schien Elisabet, als habe man schon ewig bei Tafel gesessen, als man
endlich aufstand, um in den Garten zu gehen, wo ein Feuerwerk angebrannt werden
sollte.
    Eduin war vom Wein aufgeregter als gewöhnlich - er nahm Elisabets Arm und
sagte heftig: »Kommen Sie mit mir, denn die Andern amusiren sich und warum
sollen Ihretwegen warme Herzen sich Zwang antun und lachen, wo sie weinen
mögten?«
    Sie ging mit ihm. - Als sie dann im Garten von der Gesellschaft etwas
entfernt im Gebüsch standen, rief es plötzlich hinter ihnen: »Elisabet!«
    Sie erkannte Jaromir's Stimme und sank in seine Arme. Dann bewillkommnete er
Eduin:
    »Endlich!« rief dieser. »Wie oft hab' ich mich, seit ich in den Alpen Dein
Bild fand, nach dieser Stunde gesehnt, nun hattest Du sie immer weiter
hinausgeschoben und doch hatte ich gerade Dich jetzt Viel zu fragen, Du solltest
mir erzählen von der herrlichen Frau, an die ich Dein Bild wieder zurückgab, ich
muss sie wiedersehen, weisst Du, wo ich sie finden kann?«
    Jaromir sah ihn verwundert an, denn er konnte ihn nicht verstehen.
    Aber aus Eduin sprach der Rausch, der sich jetzt nur noch vermehrt hatte,
als er aufgestanden und in das Dunkel getreten war, aus dem doch jetzt die
unruhigen Gebilde des Feuerwerks vor ihm aufzitterten, er rief laut: »Du liebst
ja nur Elisabet - gieb mir Bella, - aber sie liebt Dich auch - und Du konntest
sie vergessen! - Wie kann man jemals einer Bella untreu werden?«
    Jaromir schwieg.
    »Sie ist in der Residenz - Jaromir! - Du bist bei ihr gewesen!« rief Eduin
immer heftiger.
    Elisabet trat zurück und lehnte bleich und halb bewusstlos an einem Baume.
    Wenn Du Deinen Rausch ausgeschlafen hast, Knabe,« sagte jetzt Jaromir stolz,
»will ich Dich um Erklärung Deiner jetzigen Rede bitten.«
    In diesem Augenblick trat der Rittmeister zu dem neuangekommenen Gast. Er
entschuldigte seine Verspätung mit der Wegsunkenntniss seines Kutschers. - Die
Gesellschaft vereinigte sich wieder, dann fuhr der Graf Hohental mit Gemahlin
und Tochter ab, ohne dass diese noch ein vertrautes Wort mit Jaromir hatte
wechseln können.
 
                               VIII. Der Aufstand
 »So mag denn über Dich, Du Brut,
 Du stolze Brut, das Aergste kommen!«
                                                                     A. Meissner.
Polizeirat Schuhmacher war triumphirend zurückgekehrt. Er hatte mit Erfolg
seinen Unterricht erteilt in der von ihm gerühmten Kunst, da hinein zu
verhören, wo Nichts heraus zu verhören war; und so hatte er denn glücklich
erfahren, dass einer der gefänglich eingezogenen Eisenbahnarbeiter früher ein
guter Freund von Franz Talheim gewesen war und einen Brief von diesem an ihn
ausgeliefert erhalten, in welchem Frau; geschrieben hatte: dass die
Fabrikarbeiter noch weniger verdienten, als die Arbeiter bei den Eisenbahnen.
    Diese Worte genügten, um die weitläufigsten Folgerungen und Combinationen
daran zu knüpfen und die lange Reihe von Anklagen, welche man schon gegen Franz
in Bereitschaft hatte, zu vervollständigen.
    Der Polizeirat brachte einen Polizeidiener und einen Verhaftsbefehl mit.
    Es schien ihm aber geratener, den Befehl gleich in in aller Frühe, wenn
Franz noch zu Hause, Alles noch still und dämmerig sei, als am hellen Tage, und
vielleicht mitten unter den Arbeitern, zu vollziehen.
    Daher gingen der Polizeidiener, der Gensdarm des Ortes und noch zwei
zuverlässige Männer in aller Frühe, da es noch dunkel war, nach Talheims
Wohnung.
    Aber so früh und dunkel es auch noch war, schon trieben sich viele Frauen
und Kinder vor den Türen herum und machten seltsame neugierige Gesichter.
    Wie die vier Männer an ihnen vorüberkamen, stiessen ein paar
beisammenstehende Frauen sich leise an und sagten:
    »Was wollen denn die?«
    »Sie werden es doch nicht schon gehört haben mit ihren Maulwurfsohren?«
    »Mit denen nehmen wir's auch noch auf, lasst sie nur kommen!«
    »Sie machen grimmige Gesichter -«
    »So wollen wir ihnen bald noch bessere schneiden.«
    So murmelten die Frauen unter einander hin und her -
    Jetzt kam Franz mit gesenktem Haupte langsam des Weges her - zwei andere
Männer folgten ihm. -
    Heute war nämlich der Morgen, an welchem Bertold's Weib sammt Kind begraben
wurde. Alle Arbeiter waren leise aufgestanden und mit hingezogen auf den fernen
Kirchhof. Auch Franz war mitgegangen - dieser neue Jammer hatte ihm in tiefster
Seele weh getan - - ihm selbst war wie einem Menschen zu Mute, der aus hundert
Wunden blutet und darüber nicht mehr fühlt, welche ihn am Meisten schmerzt. Aber
er wusste noch nicht, was die Arbeiter sannen, warum sie gerade heute Alle einer
Leiche folgten, da doch oft eine solche einsam hinausgetragen ward. Denn die
Kameraden misstrauten ihm jetzt und hielten deshalb ihre Absichten vor ihm
geheim. Auch wussten eigentlich nur Wenige von einem bestimmten Vorsatz und Plan,
die Meisten taten aus einem blinden Instinkt wie die Andern.
    Draussen am Grabe hielt Wilhelm eine Rede: »Das ist das Loos unsrer Weiber
und Kinder,« sagte er. »Uns macht man zu elenden Sklaven, unsre Weiber und
Kinder mordet man! - Ich brauche Euch nicht erst an unser ganzes erbärmliches
Dasein zu erinnern - Ihr habt es ja täglich vor Augen! Und Ihr habt es auch
täglich vor Augen, wie, während man so mit uns verfährt, unsere Peiniger von
unsrem Schweiss und Blut Paläste aufbauen und mit dem schwelgen, wovon uns ein
gutes Teil gehört - eilen wir uns dieses Teil zu nehmen!«
    Wildes Beifallsgeschrei folgte darauf.
    Ein Anderer sagte: »Und Ihr wisst auch, wie die verfluchten Maschinen daran
Schuld sind, dass wir jetzt schlechtern Verdienst haben - sie machen unsere Hände
entbehrlich - nun, so wollen wir auch hier das Ding umkehren und die Maschinen
vernichten - sie sind unsre schlimmsten Feinde!«
    »Weg mit den Maschinen, wir wollen sie alle zerstören!« schrie die Menge.
    »Brüder, Kameraden, das wird nicht gut, hört mich,« begann Franz.
    »Lasst ihn nicht zu Worte kommen!« riefen viele Stimmen.
    Franz suchte sie zu überschreien: »Hört mich dennoch! wenn wir Recht haben
wollen, dürfen wir nicht mit einem Unrecht anfangen! - Wir wollen Einige
hingehen und sagen, dass wir nicht länger arbeiten könnten, weil solche Teuerung
geworden sei, wenn -«
    Aber die Andern übertäubten ihn. »So haben die Eisenbahnarbeiter angefangen
und sind dafür bestraft worden und schlecht genug weggekommen; wir müssen es
gleich besser anfangen, nicht betteln, sondern zugreifen.«
    Franz hatte sich aus dem Gedränge zurückgezogen, er war tief bekümmert, denn
er sah ein, dass Keiner auf seine Warnungen mehr hören werde. So ging er schnell
und traurig von dannen.«
    Wie Andere dies bemerkten und ihn allein auf die Fabrik zugehen sahen,
riefen sie: »Eilt ihm nach, damit er uns nicht verrät!«
    »Das tut er nicht,« sagten Andere, »er hat nun einmal immer seinen Kopf für
sich.«
    So folgten ihm zwei Arbeiter, gleichsam um ihn zu bewachen.
    Als sie so eine Weile gegangen waren, wurden sie die Vier von vorhin gewahr:
den Polizeidiener, den Gensdarm und die zwei Männer.
    Diese traten auf Franz zu, griffen ihn und sagten roh: »Du kommst mit!«
    »Wohin? Und was wollt Ihr?« fragte Franz und trat zurück.
    »Dich verhaften und einstecken!«
    »Das ist nicht möglich, ich habe Nichts verbrochen, Ihr täuscht Euch!«
    »Nein, denn Du bist Franz Talheim, und hier gilt weiter kein Federlesen.«
    Der eine der Arbeiter, welche Franz begleitet hatten, stiess einen gellenden
Pfiff aus und lief den Weg zurück, auf dem sie hergekommen; der Andere holte
weit mit dem grossen Knittel aus, den er in der Hand trug, und schlug damit den
Einen, welcher Franz binden wollte, dass er hinfiel.
    »Bindet ihn auch!« rief der Gensdarm.
    Franz hatte sich geduldig den Strick umlegen lassen der Andere wehrte sich
tüchtig mit seinem Stock.
    Da scholl hundertstimmiges Geheul durch die Luft - die ganzen Arbeiter kamen
mit Stöcken, Knütteln und Steinen bewaffnet dahergezogen und überfielen jene
Vier, die sich dessen nicht im Geringsten versehen hatten.
    Franz stand ruhig da und regte sich nicht - aber eine grosse Träne trat in
sein frei aufblickendes Auge. Diese Vier waren gekommen, ihn wie einen
Missetäter zu verhaften, weil sie ihn anklagten gegen Ordnung und Gesetz, gegen
das Bestehende aufgewiegelt zu haben - und jene wilden Rotten hatten ihm noch
vorhin gezürnt und ihn einen Verräter genannt, weil er zur Ruhe geredet hatte -
aber es waren seine Kameraden, welche jetzt kamen, ihn zu befreien und nicht
duldeten, dass Andere ihm Unrecht taten, wie sie ihm nur eben erst selbst
getan.
    Das war seine Genugtuung.
    Er hatte sich von beiden Partieien verketzert gesehen, eben weil er nur das
Recht wollte und auf den beiden Seiten seiner Angreifer das Unrecht war - so
sprach ihn sein Gewissen frei und unschuldig! Und so stand er gross da, der Mann,
den die Gesellschaft von sich ausstiess, dem sie ein paar Lumpen zuwarf und Brod,
dass er nicht verhungerte - das war ihre ganze Gabe für ihn! Und unter den
Tausenden, welche schimmernd sich kleideten und in Prunkgemächern wohnten,
schlug kaum ein Herz so gross wie dieses, an das sie niemals glaubten.
    August trat schnell vor und zerhieb mit seinem Beil die Stricke, welche um
Franz geknüpft waren und dabei rief er:
    »Seht, der liess sich für uns geduldig binden von unsern Feinden, den Ihr
einen Verräter nanntet, hier bittet es ihm Alle ab!«
    Andere Stimmen riefen: »Nun, Franz, siehst Du wohl, wie gut die es mit Dir
meinen, für die Du bei uns sprechen wolltest! Nun, siehst Du wohl, wie weit die
armen Leute kommen, wenn sie von den Leuten des Gesezzes ihr Recht erwarten! Nun
hast Du eine gute Lehre empfangen, und wirst es nun doch mit uns halten! Wozu
Dich unser Zureden nicht brachte, dahin bringt Dich nun die Strenge des
Gesetzes! Was willst Du nun tun?«
    »Am Liebsten an die Arbeit gehen wie alle Tage - und dass Ihr friedlich mit
mir kämet!« sagte Franz.
    Wildes Gelächter antwortete darauf.
    Während dem hatten Einige die beiden Männer mit denselben Stricken gebunden,
welche für Franz bestimmt gewesen waren, während Andere sich noch mit dem
Polizeidiener und Gensdarme herumprügelten.
    Unter Wilhelms Anführung zog ein ganzer Haufe gegen das Fabrikgebäude, in
welchem sie meist zu arbeiten pflegten. Schreiende Weiber und Kinder schlossen
sich jubelnd dem Zuge an - verwundert standen hier die Aufseher, dass noch
Niemand bei der Arbeit erschienen war; der unerhörte Fall konnte nichts Gutes
bedeuten; aber als jetzt die tobende Rotte herbeikam, so löste sich die
Verwunderung jener bald in das grösste Entsetzen. Einige fielen über sie her,
misshandelten sie und drangen dann in das Innere des Hauses. Unter Spotten,
Fluchen und Lachen wurden hier die Maschinen mit Aexten, Stangen und Stämmen
zerstört, und was etwa von den einzelnen, zertrümmerten Stücken an Eisenwerk
brauchbar schien, damit bewaffnete man sich für spätere Zerstörungen. Am
Aergsten trieb es hier die lange Lise:
    »Für jedes Kind eine Maschine!« rief sie. »Da langen die Maschinen nicht zu,
jede hat mehr als einen Kindermord auf dem Gewissen - unsre Vergeltung ist noch
immer viel zu gnädig! Ein Kind ist mehr wert als eine Maschine, das hat doch
eine Seele und Leben - die Maschinen aber sind todt und lügen sich nur lebendig
und sind doch schändlich genug, um morden zu können!«
    Pauline ward von dem entsetzlichsten Geschrei aus sanftem, gaukelndem
Morgentraume geweckt - sie wusste sich die Töne nicht zu erklären - auch im
ganzen Hause hörte sie ein ängstliches Hin- und Wiederlaufen, Türenöffnen und
zuwerfen, lautes Rufen und leises Murmeln durch einander.
    Sie sprang auf, öffnete die Türe und rief nach Friedericke. Dann eilte sie
an das nächste Fenster - draussen lag in schöner Morgendämmerung der Wald
dampfend von silberweissen Nebeln, und erste blitzende Sonnenlichter flatterten
feeenhaft aus blühenden Himmelsrosen hervor - denn so zierten den Himmel
morgenrote Wolken wie ein Halbkranz glutvoller Rosen. Und drunten in den
zitternden Tautropfen auf dem sammtnen Rasengrün spiegelte auch dies Rot sich
wieder, wie ein farbiger Schleier. Es war ein schöner Anblick - aber Paulinen
fasste ein eigenes Grausen dabei. Waren vielleicht ihre Augen vom Schlummer noch
blöde? Dies Morgenrot sah ihr heute aus wie lauter Blut, und sogar im
Rasentau, wo es so sanft und schön sich spiegelte, schienen ihr blutige Bäche
darüber hinzufliessen. Das seltsame Stimmengewirr, wie sie es noch niemals
gehört, hörte sie noch immer - die ganze Luft zitterte davon.
    Jetzt trat Friedericke ein, bleich und verstört, nachlässig angezogen und
mit herabfallenden Haaren. Sie konnte ihr Schluchzen nicht verbergen.
    »Um Gottes Willen, was ist denn geschehen, Friedericke?« fragte Pauline.
    »Ach, liebes Fräulein - das Unglück! Die ganzen Arbeiter widersetzen sich -
sie sind alle bewaffnet gekommen, und statt an die Arbeit zu gehen, sind sie
jetzt Alle dabei, die Maschinen zu zerstören - dabei fluchen und schimpfen sie
und singen gotteslästerliche Lieder, dass es ein Gräuel ist - ach, und das
Allerärgste dabei bleibt doch - -«
    »Nun was denn, was kann es noch Schlimmeres geben? Wo ist mein Vater - rede
heraus und sage Alles!«
    »Der Herr ist unten und wagt sich nicht heraus - aber was ich meine, das ist
-: Wilhelm führt die ganze Bande an! Ach, das hätt' ich doch in meinem Leben
nicht gedacht!«
    »Und Franz?«
    »Von dem weiss ich Nichts.«
    »Ich muss mit meinem Vater sprechen,« sagte Pauline, zog schnell einen
dunkeln Morgenüberrock über und steckte die halb aufgelösten, goldenen Hagre
unter ein Häubchen hinauf; dann eilte sie die Treppe hinab und in das Comptoir.
    Herr Felchner war ganz ausser Fassung - er hatte so zu sagen von dem
ungeahnten plötzlichen Schrecken den Kopf ganz und gar verloren. Vor sich
hinstaunend, die Hände auf den Rücken rannte er jetzt im Zimmer hin und her.
Eine furchtbare Angst und Verzagteit hatte ihn ergriffen. Wie jetzt Pauline
eintrat, so lief er auf sie zu und fasste sie bei beiden Händen:
    »Du weisst es auch, Pauline? Die Schändlichen zerstören meine Maschinen,
meine schönen neuen Maschinen! Erst vor wenigen Tagen kam die letzte aus England
- und sie zerstören sie auf's Abscheulichste, sie werden gar nicht wieder
herzustellen sein - Tausende sind vernichtet - ich bin ein geschlagener Mann!« -
    »Ach, Vater, das ist wohl das Wenigste!«
    »Das Wenigste! Kind, rede nicht so unverständig! Hast Du einen Begriff vom
Gelde und wie mühsam man es erwerben muss, dass Du so sprechen kannst, als ob man
Tausende wie Nichts zu verlieren hätte?«
    »Ach, mein Vater, nur jetzt sprich nicht so, wo die Hunderte gegen uns
wüten, die nie Etwas erwerben konnten und sich dennoch immer mühen müssen. -
Aber was willst Du tun, damit das Unheil nicht noch schlimmer über uns kommt,
damit die tobenden Leute wieder zur Besinnung kommen?«
    »Die Soldaten werden sie zur Besinnung bringen!«
    »Willst Du ein Mittel der Güte nicht eher als das des Zwanges versuchen?«
    »Was wäre das für ein Mittel? - Meine Faktoren haben sie mit Steinwürfen
zurückgejagt.«
    »Vater! Du hörtest nicht auf mich, als ich die Einflüsterungen des
Geheimrats widerlegen wollte; dass Du jetzt meinen Worten folgtest!«
    »Der Geheimrat hatte ganz Recht, wie Du siehst, dass diesem Volke nicht zu
trauen war.«
    »Weil Du ihm vorher nicht trautest, das Misstrauen hat sie verdorben -
hättest Du sie zuletzt nicht härter behandelt, so hätten sie jetzt Nichts an uns
zu rächen.«
    »Soll ich von einem Kinde und noch dazu von meinem Kinde in der Stunde des
Unglücks auch noch Vorwürfe hören? Doch der Schreck hat Dich verwirrt - wie
kämst Du sonst zu solcher Auffassung?«
    »Vater, nur ein Mal folge meinem Rat. Diese Leute haben vor Dir immer nur
Furcht gehabt, alle schlimme Behandlung, die sie von den Factoren erfahren
haben, schreiben sie Dir zu. - Was soll daraus werden, wenn sie jetzt so
fortwüten? Siehe, ich bin ihnen manchmal freundlich gewesen und habe ihnen
geholfen in meiner Weise - mich lieben sie, mir tut keiner Etwas zu Leide.
Komm, Vater, wir wollen zusammen hinausgehen, wir wollen es wagen - und dann
will ich sie fragen: was wollt Ihr? Geht wieder heim in Eure Wohnungen und an
Eure Arbeit, wir wollen Euch bessern Lohn dafür geben und Euere Kinder sollen
Schule bekommen und nur vier Stunden des Tages arbeiten - aber wer von Euch
nicht zu Hause geht, den wollen wir bestrafen lassen, wie es recht ist. Komm,
Vater, komm, folge nur dies Mal Deinem Kinde!«
    »Du bist irre geworden - ich folge keiner Närrin!«
    »Vater, was hat es denn genützt, wenn Du dem Rat der Menschen folgtest, die
Alles nur weise berechnen wollten? Nur ein Mal wage mit mir den Versuch! Was
willst Du tun? Eine Schlägerei anfangen zwischen diesen rohen Meschen? Dann sie
mit Soldaten zur Arbeit hetzen lassen? Warum Gewalt, wo Du Alles in Güte kannst?
Sie werden Dich segnen - oder Dir fluchen, Dir und uns Allen. - Ach Vater, es
ist hart, den Fluch so Vieler durch ein ganzes Leben mit sich schleppen zu
müssen - und vielleicht noch über das Leben hinaus!«
    Ueberwältigt von ihrer Angst, von der Wichtigkeit seiner Entscheidung, fiel
sie ihm zu Füssen und umklammerte seine Kniee - da klangen von draussen die
Stimmen wieder lauter, ein freches Spottlied singend mit pfeifenden und
jauchzenden Lauten begleitet.
    Der Fabrikherr, wie er das hörte, stiess sein Mädchen mit dem Fusse zurück und
machte sich los: »Für diese freche Bande kann ein sittsames Mädchen bitten? Musst
Du nicht bei ihren schlechten Liedern erröten? - Draussen führen sie eine
wahnsinnige Posse auf und Du willst mit Deinem Vater auch Comödie spielen - geh'
und besinne Dich! Ich hätte Dir mehr weibliches Zartgefühl zugetraut.«
    »Vater,« rief sie ausser sich, »ich erröte nicht mehr über die grobe
Gemeinheit schlechter Worte, als darüber, dass es solche verwilderte Menschen
noch gibt - und über uns, die wir Schuld sind an dieser Entsittlichung. Vater -
hast Du schon um militairische Hülfe gebeten?«
    »Ja - sie kann schon diese Nacht kommen, wenn sie nicht langsam sind.«
    Sie wollte zur Türe hinaus.
    »Wo willst Du hin?« rief er und hielt sie fest.
    »Ich will es den Leuten sagen, dass sie ruhig werden, ehe man auf ihre
Verzweiflung mit Waffen antwortet.«
    »Das fehlte noch!« schrie Felchner vor Unmut blass und bebend, während seine
kleinen Augen unheimlich funkelten. »Das fehlte noch, dass auch mein Kind gegen
mich rebellirte! - Geh' hinauf in Deine Stube!«
    Er führte sie bis an die Treppe; sie ging schweigend hinauf von Friedericken
gefolgt.
    Wie er hörte, dass Beide oben waren, lief er selbst nach, schloss sie leise
ein, zog den Schlüssel ab und steckte ihn zu sich.
 
                                  IX. Ein Plan
 »Wird der Retter ihm erscheinen?
 Bricht er dann das Joch entzwei?«
                                                                        K. Beck.
Am Morgen nach dem Waldowschen Fest kam Gustav Talheim nach Hohental, um
Abschied zu nehmen. Am Abend wollte er abreisen.
    Die Gräfin Mutter war unwohl von der Gesellschaft und nicht zu sprechen, der
Graf war auf die Jagd gegangen, und so empfing Elisabet Talheim allein. Sie
sah sehr blass aus und ihre Augen waren matt wie von einer durchwachten Nacht und
von Tränen. Sie trat ihm freundlich entgegen und sprach ihre Freude darüber
aus, dass er noch ein Mal komme, um Abschied zu nehmen. Aber auch bei ihrem
Lächeln entging es ihm nicht, dass sie im Innersten schmerzlichst bewegt war.
    Um ihm das eigne Weh im Herzen zu verbergen und es bei sich selbst nicht
quälender aufkommen zu lassen, begann sie von Fremden zu sprechen - und zwar von
Paulinen.
    »Seitdem ich weiss, was Liebe ist,« begann sie mit einem unterdrückten
Seufzer, »kann mich Paulinens Schicksal auf das Tiefste bekümmern - was auch ihr
Loos sein mag: glücklich wird sie niemals werden können!«
    »Und fühlt sie das selbst schon, oder sprechen Sie nur aus der Erfahrung
teilnehmender Freundschaft?«
    »Ich habe sie plötzlich besser selbst verstehen lernen, als sie sich
versteht - weil ich zum Bewusstsein der Liebe gekommen bin - sie ist's vielleicht
noch nicht.«
    »So wissen Sie Alles - und bestätigen die Ahnungen meines Bruders?«
    »Ja - ich habe es erraten. - Und was wird ihr Loos sein?«
    »Sich dem Herkommen zu fügen - und die grauen Haare eines zärtlichen Vaters
zu ehren.«
    »Eines Tyrannen, dem sie eben deshalb gehorcht, weil sie ihn weder achtet
noch liebt - und er ihr doch das Leben gegeben hat. Und was hat Pauline mit dem
andern Tyrannen - mit dem Herkommen zu tun? Sie lebt hier still und
abgeschlossen von der Welt, sie hat keinen Umgang mit ihr - die Leute wissen
nur, dass der reiche Felchner ein Töchterlein hat - das wieder einen Reichen
freien muss! - Und so soll ihr Leben ein lächerliches Opfer sein, für gar Nichts
gebracht, während, wenn sie ihrem Herzen folgte, sie Hunderte beglücken könnte?«
    »Elisabet - bevor die Erde kein Paradies ist, sind die Gefühle unsrer
Herzen nicht immer zu verwirklichen. Prüfen Sie die Sache besser. Pauline gibt
vielleicht einem Fabrikherrn, den sie achtet, die Hand und lässt es die Aufgabe
ihres Lebens sein, indem sie ihn zur Milde und Menschenliebe stimmt,
Einrichtungen zu verwirklichen, welche auch Tausende beglücken, oder wenigstens
ihr Loos verbessern.«
    »Und Ihr Bruder?«
    »Mein Bruder ist ein armer Arbeiter - und für einen solchen ist es schon
eine Genugtuung, wenn das Weib, das er vor Allen hochstellte, ihr Leben dem
Wohl seiner Kameraden weiht.«
    »Sie sind Brüder - ich habe mich gefragt: Wenn Sie um Paulinen geworben,
wenn sie ihren Vater mit Bitten bestürmt hätte - vielleicht würde er sich haben
erweichen lassen, denn er will sie im Grunde doch nur glücklich machen - aber
auf seine Weise - aber Ihr Bruder ist ein armer Arbeiter - ist sein Sclave - er
muss aufhören das zu sein!«
    »Was meinen Sie?!«
    »Befreien Sie ihn aus dieser unwürdigen Lage,« sie stand auf und gab ihm ein
versiegeltes Papier unter seiner Adresse. »Hier ist Geld, unnütz für mich,
nützlich für ihn, wovon er leben kann, bis er eine andre Stellung sich erworben.
Ich habe die Bücher gelesen, die er geschrieben - er hat Talente, die ihm weiter
helfen können - dann kommt er vielleicht in Jahren wieder wie Sie - Pauline ist
ihm treu geblieben - Felchner vielleicht todt - dem bescheidnen Mann, der mit
der Feder sein Brod verdient, darf sie ihre Hand reichen vor den Augen der Welt
- nur dem armen Proletarier nicht - und dann, o, dann wird aus den Schöpfungen
dieser beiden Menschen ein Utopien aufblühen -«
    Er nahm das Geld und ihre Hand zugleich: »Ihr grosses, schwärmendes Herz,«
rief er, »macht mich selbst mit schwärmen - ja! Und ist es ein Irrtum - einem
schönen und edeln sich hinzugeben, ist auch kein verlorenes Gefühl. - Wenn man
verzagen will im Glauben an die Menschheit und findet noch Herzen wie Sie und
Pauline, da richtet man wieder begeistrungsmutig sich auf!«
    »Diese Herzen danken Ihnen, was Sie jetzt an Ihnen rühmen wollen -« und sie
sah innig zu ihm auf.
    In diesem Augenblick trat ein Diener ein und übergab ihr ein kleines
Päcktchen, welches mit der Post gekommen war und die Bemerkung trug: »sogleich
zu eröffnen.«
    Sie bat um Entschuldigung und öffnete - es entielt ein grosses goldenes
Medaillon. Auf einer beigefügten Karte stand nur:
    »Ich wünsche Ihnen zu ihrer Verbindung Glück und übergebe das Bild, das ich
bisher an meinem Halse trug, dem Herzen, das jetzt dem Original vertraut! -
Bella.«
    Sie öffnete das Medaillon - es war Jaromir's Bild.
    Durch die rückhaltlose Unterredung über die Freundin war jetzt auf ein Mal
das Band des Vertrauens innig geknüpft zwischen diesen Beiden, darum fasste sie
wieder seine Hand und sagte flehend und stürmisch:
    »Von Ihnen allein kann ich einen Rat fordern - mein Vertrauen in Jaromir
war nicht erschüttert - wenn er vor mir geliebt, was habe ich davon Rechenschaft
zu fordern? - Aber gestern Eduins Worte und nun dieser Brief - Wenn er eine
Andere um mich betrogen hätte - wenn ich daran Schuld wäre? Ich hätte es ihm
verbergen sollen, dass ich ihn liebte - aber ich wusste es ja selbst nicht eher,
bis das Wort ausgesprochen war! - Und wenn ich nun die Ursache geworden, dass ein
anderes Herz um ihn bräche?«
    Er sah vor sich nieder und schwieg - was sollte er auch sagen? War Jaromir
dieser vertrauenden Liebe wert - er, den eine leichtfertige Schauspielerin
betören konnte? Und sollte er ihn verklagen - konnte er es, ja durfte gerade er
es? War er es nicht, der ihm, wenn gleich ohne es zu wissen, die erste Geliebte
genommen - und sollte er ihm jetzt vielleicht auch die letzte nehmen?
    Sein Verstummen erschreckte sie: »So habe ich Recht?« fragte sie tonlos.
    Er besann sich und sagte nun: »Sie irren! Fällt Ihnen denn der Name nicht
auf? - Die Dame, von der Eduin sprach, und diese, welche Ihnen jetzt das Bild
schickt, ist nur eine und dieselbe - die Sängerin Bella.«
    Da richtete sie sich plötzlich gross auf und sagte: »Dank dem Himmel! So darf
ich ihn mein nennen, so darf ich darauf vertrauen, dass meine reine Liebe ihm
vollen Ersatz geben wird für diese, die ihn aufgibt und zu der sein
sehnsüchtiges Herz sich verirren konnte.«
    Talheim stand auch auf und sah bewundernd zu ihr - vor einer solchen Liebe
begann er plötzlich selbst wieder ihre Allgewalt zu empfinden. In diesem
Augenblicke ging Etwas in ihm vor, das seinem Herzen eine stumme Sprache zu sich
selbst gab, auf die er nicht länger hören mochte.
    »Leben Sie wohl und glücklich,« sagte er, »vergönnen Sie mir einen schnellen
Abschied.« Er drückte ihre Hand sanft an seine Lippen - eine Träne fiel darauf.
    »Ich scheide heute anders von Ihnen - als das letzte Mal - damals hatte ich
meinen Lehrer verloren - jetzt habe ich einen Freund gefunden - Sie werden mich
auch nicht vergessen, und wir werden uns wiedersehen!« sagte sie innig bewegt,
aber mit edler jungfräulicher Würde.
    In diesem Augenblick öffnete sich die Türe und Jaromir trat ein. Talheim
liess Elisabets Hand los und warf sich erschüttert in seine Arme:
    »Graf,« rief er, »wir haben uns in einer der schwersten Stunden des Lebens
begegnet, wo unser Beider Herzen heftiger schlugen als gewöhnlich - es war bei
einem Weibe, das nicht wert war, dass wir es Beide geliebt hatten. - Heute ist
es anders, heute schlagen unsere Herzen wieder anders als gewöhnlich - aber der
Himmel hat einen seiner Engel in eine Frauengestalt zu uns gesandt, damit ein
Weib Alles sühne, was ein Weib verbrach. - Graf! Der Augenblick, wo das
Männerherz vor dem weiblichen Ideal sich neigen darf, wiegt Alles auf, was man
durch Weiberfalschheit gelitten - streben Sie danach, den Engel zu verdienen,
der sich Ihnen weiht - enden kann Ihre Liebe niemals, das fühl' ich jetzt, und
Ihre Liebe ist ihre Seligkeit.«
    Darauf liess er den seltsam Ueberraschten los, führte ihn zu Elisabet und
stürzte fort.
    Sie lehnte sich innig in Jaromir's Arme und sagte mit in Wonne leise
vergehender Stimme: Ja! Unsere Herzen sind vereint für ewig!«
    Als sie sich aus dieser Umschlingung wieder aufrichteten, sah er auf das
Madaillon - er ward bestürzt und blickte sie wieder an.
    »Ich kam, Dir heute mein Leben zu erzählen - und man hat mir wohl wieder
vorgegriffen?« sagte er finster.
    Sie lächelte: »Und Du siehst, was man damit erreicht hat!«
    Nun setzten sie sich zusammen und er sagte ihr sein ganzes Leben und sein
ganzes Herz - und sie schwor ihm dazwischen, dass nun seine Täuschungen ein Ende
hätten und dass ihn niemals ein Herz geliebt wie das ihrige.
    Als ihm auch jetzt Elisabet Alles sagte und er sah, welche kleinliche und
niedrige Rache Bella's beleidigte Eitelkeit an ihm hatte nehmen wollen, so
endete auch das Gefühl der Freundschaft, das in seinem Herzen noch für sie
gesprochen.
    Aber während Bella bei andern Liebhabern den Einen zu vergessen strebte,
sann die unglückliche Amalie noch in finstrer Missgunst, wie sie Jaromirs Glück
verderben wolle.
    Seltsame Verirrung des weiblichen Herzens!
    Amalie selbst war es ja, welche das erste Unrecht begangen an Jaromir, als
sie ihm untreu geworden aus törigter Eifersucht, aus eitler Grille. Sie war es,
welche den Glauben an das Schöne und Edle der weiblichen Natur in ihm zerstört,
weil sie seiner heiligen ersten Liebe sich unwert zeigte, sie hatte Rauch und
Asche in das heilleuchtende reine Feuer seiner Liebe getrieben, so dass dann die
Flamme auseinander wehte und lange Zeit vergeblich nach edler Nahrung suchte und
trübe und düster lodernd auf niedrigem Boden dahinkroch. Sie hatte ihn
unglücklich gemacht, denn ihr Verrat war die Ursache, dass er für sein
zertretnes Herzensglück Ersatz suchte bei niedrigen Leidenschaften. - Und als
sie darauf nach Jahrelanger Neue über ihr Unrecht, eine Neue, die mehr Egoismus
als ein edles Gefühl war - ihn wiedersah und erkannte, wie er von seinem Schmerz
genesen war und die Zeit gesühnt hatte, was sie an ihm verbrochen - da kehrte
ihr Herz sich wieder um, und sie hasste ihn nun, weil er im Kampfe mit sich
selbst und dem Schmerze Sieger geblieben war. Und jetzt - als sie ihn abermals
wieder sah, glücklich durch Liebe an der Seite einer schönen, bewunderten
Jungfrau - da erwachte all' ihre Eitelkeit wieder - sie sah sich verblüht, alt
und hässlich geworden, und doch hatte sie einst derselbe schöne Mann geliebt, der
jetzt eine würdige Wahl war für jenes hohe Mädchen - und er wäre der Ihrige
gewesen, wenn sie nicht selbst sich von ihm getrennt hätte. Die Schuld zu tragen
an dem eignen vernichteten Lebensglück! Wohl mag das hart sein - und eine Frau
wie Amalie ohne höhern Schwung der Seele, ohne Grösse des Herzens konnte wohl bei
solchem Bewusstsein untergehen, von Stufe zu Stufe sinken und endlich noch ein
Recht zu haben meinen, die eigne Schuld fremden Menschen oder einem blinden
Schicksal aufzubürden. Wer niemals gelernt hat, gerade darin einen Stolz zu
setzen, grösser zu sein als sein Schicksal - der lässt sich in ohnmächtiger
Schwäche von ihm darnieder beugen und nennt das dann noch: christliches Dulden.
    Amalie hatte dies getan - sie hatte geduldet - nun verlangte sie dafür eine
Genugtuung.
    Sie hatte durch ihr Benehmen, als sie Jaromir bei Elisabet wieder sah, und
wo das Unerwartete sie zu einer niedern Heftigkeit hinriss, ihren Zweck verfehlt,
das sah und wusste sie. Erst hatte sie Jaromir's Briefe aufbewahrt, um durch sie
vielleicht einmal sein Liebesglück zu zerstören - dazu waren sie ihr jetzt
nutzlos, wenn Elisabet bereits um Jaromirs erste Liebe wusste. Von dieser Seite
konnte sie nicht zu ihrem Ziel kommen.
    In düstrer Stimmung war sie eines Abends allein zu Hause, als ein Herr kam
und den Oberst von Treffurt zu sprechen wünschte.
    Als er eintrat, standen die Beiden sich betroffen gegenüber und sahen sich
an.
    Amalie erkannte in dem Polizeirat Schuhmacher denselben, welcher bei ihr
Haussuchung gehalten - und er erkannte sie, denn ein Mann bei der geheimen
Polizei hat ein fabelhaftes Gedächtnis für Personen. Da er jetzt einige Wochen
von Hohenheim entfernt gewesen war, hatte Amalie bisher seiner Aufmerksamkeit
entgehen können. Er knüpfte sogleich weitläufige Combinationen an diese
Begegnung.
    Durch ihre Seele schoss es ebenfalls wie ein Blitz: um Jemand zu nützen,
stellt man keine geheimen Haussuchungen an - dieser Mann hatte also damals
Gefährliches im Sinne gehabt - und er hatte sich gefreut, als er Papiere von
Szariny gefunden - vielleicht war es in der Macht dieses geheimnisvollen Mannes,
Szariny irgend ein Uebel zuzufügen - sie durfte die Gelegenheit nicht
vorübergehen lassen.
    Nach den ersten Fragen und Antworten über des Obersten Abwesenheit begann
Amalie:
    »Sie wollten einst Auskunft von mir über den Grafen Szarinh.«
    »Sie meinten damals, Sie hätten mir keine weitere zu geben.«
    »Sie fanden mich damals in einer entsetzlichen Stimmung, Sie wissen es.«
    »O, regen Sie Sich durch die Erinnerung nicht auf - wenn Sie damals
verschlossen gegen mich waren, so haben Sie allerdings Recht, dass jetzt der
Augenblick gekommen ist, es auszugleichen.«
    »Sie suchten nach Briefen von Szariny; die Sie fanden, waren Ihnen zu alt -
vielleicht kann ich Ihnen neue geben.«
    »Sie würden Sich dadurch ein grosses Verdienst erwerben.«
    Es kam nun zu einem weitläufigen Hin- und Herreden, wo Keines dem Andern
seine Absichten verraten wollte, man capitulirte förmlich und gelobte sich
Schweigen. Endlich sagte Amalie: »Wir haben hier mit einigen Familien ein
gemeinschaftliches Portefeuille, worein die Briefe kommen, welche am andern Tage
zur Stadt gebracht werden sollen. Der Oberst macht von diesem kleinen Verein
gewissermassen den Postrat - das Portefeuille ist hier,« - sie holte es. »Graf
Szariny hat heute einige Briefe hergeschickt.«
    Dem Polizeirat war es doch bedenklich, seine Geheimmittel, wie man
allwissend wird, eine Frau wissen zu lassen. Er wiess ihren Vorschlag zurück.
    Sie hatte dennoch das Portefeuille geöffnet und hielt ihm einen Brief mit
Szarinys Wappen und Handschrift hin. Er war an den Redacteur eines neuen
Volksblattes adressirt, welches eine ziemlich radicale Färbung hatte. Der
Umstand war bedenklich.
    Der Polizeirat wog ihn bedenklich und bemühte sich, durch das dünne Couvert
zu lesen; er unterschied die Worte: Franz Talheim, ein Fabrikarbeiter.
    In staatsgefährlichen Zeiten liess sich am Ende Alles entschuldigen - auch
wenn Amalie nicht schwieg - und sie gelobte Schweigen - ein heissgeglühtes
Federmesser hob mit leichter Mühe das starke Siegel unverletzt ab.
    Der Brief entielt an den befreundeten Redacteur eine Empfehlung Franz
Talheims zum Mitarbeiter, da dieser wahrscheinlich sich in Kurzem ganz der
Volksschriftstellerei widmen werde. Es hiess darin unter Anderm: »Sein Bruder und
ich halten ihn für vollkommen befähigt zu dem neuen Lebensplan, welchen jener
für ihn ausgesonnen.«
    Der Polizeirat war befriedigt, der Brief ward notirt und wieder vorsichtig
versiegelt. Amalie erfuhr den Inhalt nicht, aber sie las es in seinen Mienen,
dass sie einen Schritt zu ihrem Ziel getan. Ehe er mit ihr ein neues Verhör über
Gatten und Schwager anstellte, fand er es geraten, mit Bordenbrücken
Rücksprache zu nehmen. Darum ging er.
    Von dem Geheimrat erfuhr er alles unterdess Vorgefallene. Anton, der schon
seit jener ersten Bekantschaft mit Schuhmacher, als er den Namen Stiefel
angenommen, immer als Aufpasser und Berichterstatter in dessen geheimen Sold
geblieben war, hatte angezeigt, dass die Brüder Talheim mehrfach lange
Zwiesprache gehabt, dass seitdem Franz sie Alle meide, immer zur Ruhe und Frieden
rede, aber dass hinter dieser Maske jedenfalls die rebellischsten Absichten
steckten. Dass ferner durch den Tod einer Frau und ihres Kindes unheimliche
Stimmung entstanden sei. Da man sich zuletzt vor Anton hütete, so hatte er nicht
mit berichten können, was eigentlich wirklich schon Bestimmtes zu fürchten war.
    Der Polizeirat hatte seinen Verhaftsbefehl gegen Franz schon mit und so
sollte er denn in morgendlicher Stille benutzt werden.
    Am Abend vor diesem Morgen war Gustav Talheim ahnungslos abgereist. Er
hatte den Bruder nicht noch ein Mal sprechen können, ihm aber seinen Plan
geschrieben und diesen Brief einem gewissenhaften Diener Waldows zur Besorgung
gegeben. Das Geld sollte er sich selbst bei Karl von Waldow holen.
    Den eröffneten Brief hatte Jaromir auf Elisabets Bitte geschrieben, welche
ihm ihre Unterredung mit Talheim mitgeteilt hatte.
 
                                 X. Vereinigung
 »Der Zorn, dass noch der alte Fluch
 Vom armen Volke nicht gewichen,
 Dass aus dem grossen Lebensbuch
 Das Wort Despot noch nicht gestrichen;
 Dann möge durch Dein Herz wie Glut
 Die Träne Deiner Mutter lodern,
 Dann gebe Gott Dir Kraft und Mut,
 Die Schuldner vor Gericht zu fodern!«
                                                                  Ludwig Köhler.
Waldows Diener, um den Brief gewissenhaft zu übergeben, den er von dem Doctor
Talheim erhalten, war auch frühzeitig nach der Fabrik gegangen. Er wusste sich
den Tumult nicht zu deuten. Als er endlich näher kam und das Entsetzliche gewahr
ward, kamen einige Arbeiter auf ihn zu, fragten ihn, ob er wie sie tun wolle
und gegen die Reichen zu Felde ziehen, deren Sclave er ja doch auch nur sei?
Andere verhöhnten sein Tressenkleid, sagten, dass er sich darin wohl gefalle und
noch Staat mache mit seiner Sklaverei. Mit Schlägen und Schimpfreden umringten
sie ihn.
    Da schrie der Gemisshandelte laut aus Leibeskräften nach Franz Talheim.
    Das rettete ihn, denn Franz war in der Nähe und nahm ihm den Brief ab. Er
bat die Andern, den Diener laufen zu lassen, er möge es den Leuten immer
erzählen, was hier vorgehe, verborgen könne es doch nicht bleiben. Von Mehreren
wie ein Wild gehetzt entfloh der Befreite.
    Unterdess hatte Franz den Brief seines Bruders gelesen - erst leuchteten
seine Augen - denn es war ihm, als griffen erbarmungslose Hände in sein Herz und
rissen es in Tausend Stücke - und um die innere Empfindung im Äußern
nachzuahmen, zerriss er den Brief und streute die Blättchen rings um sich. Noch
gestern - wenn er da den Brief erhalten, hätte er seiner Mahnung folgen,
fortgehen und irgendwo eine andre Heimat suchen können - für die Kameraden hier
konnt' er ja doch Nichts mehr tun, sein Werk hatte man ihm zerstört und gewehrt
und die Kameraden liebten ihn und trauten ihm nicht mehr - hier war sein
Geschäft aus.
    Aber heute konnte er nicht gehen, heute nicht! Das wäre feige Flucht
gewesen! - Man hatte ihn einkerkern wollen und die Kameraden hatten ihn befreit,
das musste er ihnen vergelten. Jetzt waren sie aufgestanden in wilder,
zerstörender Wut - sie hatten das Entsetzliche getan und jede nächste Stunde
konnte für sie eine entsetzlichere Vergeltung bringen - nun durfte er sie nicht
verlassen in der Stunde der Gefahr, da sie ihn nicht verlassen hatten - nun
hatte diese Alle eng verbrüdert. Er musste mit ihnen stehen und fallen, siegen
und verderben oder sterben. Das fühlte er klar. Und Pauline? Welche Gefahren
konnten ihr jetzt drohen? Wer sollte sie schirmen und schützen, wenn nicht er?
    »Komm August!« rief er jetzt, indem er auf diesen zueilte. »Komm! Da ich das
Verderben einmal nicht aufhalten konnte, das jetzt hereingebrochen, so wollen
wir's auch redlich teilen! Nur stellt mich nicht hin zur blinden Zerstörung,
ich mag nicht kämpfen mit wehrlosen Dingen! Aber wo Gefahr ist, da lasst mich
sein - ich gehöre zu Euch, denn Ihr habt mich frei gemacht, und konnt' ich Euch
im Leben nicht mehr nützen - wollte nun nur Gott, ich könnt's mit meinem Tod!«
    Ein Wagen näherte sich der Fabrik und wollte durch ein Gedränge von Männern,
Weibern und Kindern nach den Wohnhause zu - aber die Menge fiel den Pferden in
die Zügel, zerhieb die Stränge und rief: »Auch die Pferde sollen heute frei
sein, wenn sie's gleich im Leben besser gehabt haben als wir!«
    Dann ward der Kutscher verspottet, der entsetzt vom Bocke sprang und den
Pferden nachsah. Elisabet hatte ihren Wagen geschickt, um Pauline zu holen, und
so ward er empfangen.
    In den nächsten Dörfern hatte man die Bauern aufgeboten, herbei zu kommen
und die aufrührerischen Rotten von weitern Zerstörungen abhalten zu helfen. Aber
Herr Felchner hatte sonst oft vor Gericht in Streitigkeiten mit ihnen gestanden,
er hatte ihre Feld-und Gartenfrüchte immer so schlecht als möglich bezahlt, und
sie waren in keinem Stück mit ihm in gutem Einvernehmen gewesen, So kam es, dass
nur Wenige Lust hatten, ihm zu Hülfe zu eilen und die Meisten von Denjenigen,
welche sich dazu entschlossen, waren solche, die nur gern bei Raufereien und
Schlägereien waren. Sie bewaffneten sich mit Spaten, Sensen und Düngergabeln,
tranken sich erst Mut und zogen singend und lärmend nach der Fabrik. Da kam
ihnen ein Haufe junger Arbeiter entgegen, Wilhelm an der Spitze.
    »Was wollt Ihr?« rief er ihnen zu. »Kommt Ihr als unsre Feinde - dann würdet
Ihr verloren sein, denn Ihr seid nur eine kleine Schaar und wir sind viel mehr
als Ihr. Aber wir können auch nicht glauben, dass Ihr so töricht wäret, in uns
Euere Feinde zu sehen. Wir sind von Natur Eure Freunde und Brüder, und nur die
unbarmherzigen Reichen, welche elendes Geld aufhäufen, um Tausende verhungern zu
lassen, sind unsere Gegner. Wir wollen nur diesem geizigen Tyrannen hier zeigen,
dass seine Reichtümer von Rechtswegen uns gehören müssten, und da er uns unser
rechtmässiges Eigentum entzogen hat, so wollen wir es uns nehmen. Deshalb werdet
Ihr nun uns doch nicht Uebles antun wollen, weil wir in die Welt ein Bischen
bessere Ordnung bringen mögten? Und wer von Euch arm oder dienend ist, der ist
unser natürlicher Bundesgenoss und wird uns beistehen gegen diesen geizigen
Tyrannen hier!«
    Und so sprach er noch weiter - da stimmten ihm viele von den Bauern bei und
schrien: »Ja wir wollen Euch helfen!« und mischten sich unter die
Fabrikarbeiter; Andere aber, welche dies nicht mochten, ergriffen die Flucht und
wurden von Steinwürfen und Peitschenhieben wieder zurückgejagt in ihre Dörfer.
Einzelne, welche sich widersetzten, gerieten in ein fürchterliches Handgemenge,
und eine blutige, entsetzliche Scene folgte auf die andre - aber überall zogen
die Bauern den Kürzern.
    Der Fabrikherr ward vor Schrecken noch bleicher, als er das hörte. - Wo nun
Hülfe finden? Das Militair konnte kaum vor dem andern Morgen kommen - und was
konnte nicht Alles geschehen bis dahin! Jetzt war es erst Mittag, und schon
hatten die Leute fast alle seine Maschinen zerstört und wüteten noch in den
vordern Fabrikgebäuden. Jetzt hatten sie den etwas entfernt liegenden, einzeln
in den Felsen gehauenen Keller erbrochen, ein Fass Wein heraufgeschroten und
sassen nun um dasselbe herum und tranken die Gesundheit der neuen Zeit und der
armen Leute in dem besten Französischen Weine des Fabrikherrn. Sie ruhten dabei
aus von ihrem Zerstörungswerk, um sich neue Kräfte und frischen Mut zu trinken.
    Nur die Factoren, Marktelfer und Kutscher waren dem Fabrikherrn treu
geblieben, die Andern waren Alle gegen ihn. Helfen konnten diese wenigen
Menschen gegen den überlegenen und wütenden Feind auch nur Weniges -
durchkommen konnte jetzt auch Keiner mehr, weder herein noch heraus. Georg war
auch ganz wie vernichtet - er hatte nie weiter Etwas gekonnt als rechnen und
schelten - jetzt wusste er nicht mehr, was zu tun sei. Es blieb Nichts übrig,
als auf die militairische Hülfe zu warten, die von aussen das umzingelte Wohnhaus
der Fabrik gleichsam wie eine Festung entsetzen musste. Man musste sich darauf
beschränken, dieses zu verschliessen und zu verrammeln, desgleichen auch den Hof,
der es umgab und die nächsten Gebäude, welche noch frei waren.
    Ein Gewölbe mit Vorräten von Fleisch, Butter, Kraut und Rüben, das sich
neben dem Weinkeller befand, war auch eröffnet worden - an einem grossen Feuer im
Freien kochten die Weiber davon und die Männer liessen es sich dann mit ihnen
trefflich schmecken, so dass jetzt Alles ganz friedlich und gemütlich aussah.
War es ja doch eigentlich nur der Hunger, welcher die Meisten dieser Armen zum
Aufstand gebracht hatte! Denn von communistischen Teorien, die sie etwa
verwirklichen wollten, wussten sie Nichts, die spukten nur in Wilhelms Kopf,
welcher sie in unklaren Reden zu verbreiten suchte, aus denen Jeder die Sache
nur gerade so verstand, wie sie in seinem Gedankenkram passte. Darin waren sie
einig, dass sie Alle Etwas zu rächen hatten an dem Fabrikherrn: Hunger, Frost,
Blösse, Krankheit, verstümmelte Glieder, Tod oder Elend ihrer Kinder, harte
Behandlung und all' die Not und Sorge von einem jammervollen Tag zum andern.
Ihre leiblichen Bedürfnisse waren es, welche jetzt diesen Wutausbruch
hervorgerufen - und wie viel er hier unbefriedigt gelassen und doch hätte
befriedigen können, wenn er menschlich gewesen, das wussten sie - aber ein
unklarer Instinkt drängte sie in gleicher Weise zur Rache - jener Instinkt,
welcher sie hiess, für Alles, was in ihren und ihrer Kinder Seelen Gutes und
Edles und Bildungsfähiges erstickt und todtgeschlagen worden war, durch all' ihr
äusseres Elend, sich auch dafür zu rächen und eben gerade dadurch, dass sie ihrer
Entsittlichung und Verwilderung in ihrer schlimmsten Art und ohne Zügel
verderbensvoll walten liessen.
    Der Abend begann schon herein zu dämmern - im Haus des Fabrikanten herrschte
Todtenstille. Alles war in banger Erwartung des Kommenden, was man tun konnte,
war getan. Es blieb nichts Anders übrig, als zu warten. Dieses Warten war
fürchterlich!
    Pauline war nicht mehr eingeschlossen in ihrem Zimmer, die Vorsicht war
nicht nötig, da nun das ganze Haus verrammelt war. Aber sie war allein in ihrer
Stube geblieben, weil sie bei diesem Ereignis ganz anders dachte und fühlte, als
die Andern alle, welche mit ihr in dies Haus eingeschlossen waren.
    »Das Alles wäre nicht geschehen, wenn mein Vater nicht seine Härte und
Unbarmherzigkeit auf's Äusserste getrieben hätte, es wäre nicht geschehen, wenn
seine Geschäftsführer und Diener auch in den armen Menschen den Menschen geehrt
hätten! Und das Verbrechen, das jetzt diese armen entehrten, gemisshandelten,
gequälten Menschen begingen, was war es denn anders, als ein zweites Verbrechen,
um ein erstes zu rächen? Was war es denn anders, als eine zweite schlechte Tat,
die eine erste voraussetzte, ohne welche sie nie geschehen konnte und die ihr
Geschehen eben voraussetzte? Und selbst diese rohen abscheulichen Töne, welche
wie ein tierisches Geheul durch die Luft hallten und doch von Menschen kamen -
was waren sie anders als der Aufschrei der beleidigten menschlichen Natur,
welche zum tierischen Stumpfsinn herabgestossen und entwürdigt war - durch
andere Menschen?« So sagte sie zu sich - aber sie wollte die grauen Haare ihres
Vaters ehren und nicht jetzt, wo er oft in Verzweiflung in sie hineinfuhr, um
sie auszuraufen, seinen Jammer noch mit ihrer Anklage vermehren, sie wollte
nicht zu ihm sprechen: »Vater - ich hab' es Dir vorausgesagt - wie ein
Strafgericht Gottes kommt es nun über uns - und wir dürfen in der Stunde der
Gefahr und des Entsetzens nicht frei und unschuldig unsere Häupter zu ihm
aufheben, wir müssen sie in Demut neigen und still Alles dulden.« Sie wollte
ihm das nicht sagen, denn das Kind ist nicht berufen zum Richter des Vaters und
sie fühlte es wohl: jetzt richtete Gott durch seine geschändeten, verstümmelten
Kreaturen - aber vielleicht hätte sie doch auf sein Klagen, das mit Beten und
Fluchen abwechselte, etwas Hartes erwidert - und darum wich sie ihm aus.
    Aber wie sollte sie Ruhe und Sammlung finden selbst allein in ihrem stillen
Zimmer? Als sie es zum ersten Mal betreten, wo sie kurz vorher die erste Ahnung
von dem Elend der Armut empfangen hatte, war sie schon vor der Pracht dieses
Zimmers erschrocken - es war ihr, als hänge der Jammer von Hunderten daran - und
nun vollends! Sie schauderte vor diesem Überfluss und sie begriff, dass die Armen
ein Recht hätten, die Reichen nicht nur zu beneiden, sondern auch zu verachten.
    Zuweilen lief sie dann auf den Oberboden des Hauses, um weiter sehen zu
können, ob sie vielleicht eine neue Bewegung der Aufrührer erspähen könne - ob
sie vielleicht Franz gewahre. Ihn sah sie nicht. Aber sie sah, wie die Arbeiter
mit den Bauerburschen, Manche taumelnd vor Trunk unter sittenlosen Scherzen, mit
den Frauen in dem Schutt eines zertrümmerten Gebäudes Steine zusammensuchten -
und schaudernd wendete sich Pauline ab.
    Dann lief sie wieder hinunter, fragte, was weiter geschehen sei. Man zuckte
die Achseln. - »Die Gefahr und der Pöbel wächst wie eine anschwellende
Wasserflut - wir können noch Grässliches erleben, ehe die Hilfe kommt.«
    Dann fasste sie wieder Friedericken, die ihr das einzige fühlende Wesen
schien, welches sie verstehen könne - aber Friedericke jammerte immer nur über
das ganze Unglück und dass Wilhelm auch mit dabei sei - und nun könnten sie sich
im Leben nicht heiraten!
    So dämmerte denn der Abend herein.
    Pauline lag in ihrem Zimmer auf ihren Knieen und betete still.
    Sie hatte kein anderes Gebet als nur die vier Worte: »Herr, wie Du willst!«
    Da war es plötzlich, als bebte das ganze Haus von einer ungeheuern
Erschütterung.
    Sie fuhr zusammen - durch ihre Seele zuckte eben so plötzlich ein kleiner
Gedanke: »Ach, möcht' es zusammenstürzen, dies auf Flüchen erbaute Haus, wenn es
nur mich und ihn unter seinen Trümmern begrübe!«
    Sie hatte nicht Zeit, den Gedanken weiter auszudenken. Sie stand auf, ruhig,
mutig - eine seltsame Klarheit leuchtete auf ihrer Stirn - sie war gefasst, denn
sie fühlte, dass sie in Gottes Hand stehe. Wer einmal in der Stunde der Gefahr
und der bangsten Entscheidung dies Gefühl so recht in seiner tiefsten Allgewalt
empfunden hat, der allein begreift, wie Paulinens leicht erschrecktes
Mädchenherz jetzt plötzlich ruhig schlagen konnte, wie in den stillsten Stunden.
    Das Haus war erschüttert worden von dem Wehruf der Hunderte, welche jetzt in
den verrammelten Hof gebrochen waren und einen Steinhagel nach dem Hause
schleuderten, Pauline ward das gewahr und sah von der Seite durch das Fenster.
    Da sah sie, wie Franz todtenbleich aus der Menge hervorsprang, nach einem
gegenüberstehenden Haus sich wandte und laut schrie:
    »Hierher, Brüder! Auf dies Haus! Was wollt Ihr dort? Ich weiss, in diesem
Hause hat er seine besten Schätze aufbewahrt - kommt hierher, wir wollen dies
Haus erbrechen!«
    Das Haus, auf welches er deutete, war nicht bewohnt und entielt nur
Vorräte der Fabrikerzeugnisse - Pauline hatte Franz verstanden - um sie zu
schonen, warf er sich auf dies Haus und leitete die Kameraden irre. Viele
folgten seinem Wink. Wilhelm aber schrie:
    »Nein, nicht dortin - hierher, komm Franz, wir holen uns unser Liebchen!«
    Klirrend stürzten von neuen Steinwürfen einige Fenster ein.
    Tiefer sank der Abend herab - es ward endlich ganz dunkel.
    Die Arbeiter begannen mit ihren Aerten an der Türe zu arbeiten, um sie
aufzusprengen.
    Da schoss Georg zum Fenster heraus über ihnen eine Flinte ab und rief:
    »Wenn Ihr nicht zurückgeht, so schiessen wir mit Kugeln - es sind Soldaten im
Hause!«
    Das kam unerwartet - im ersten Schrecken zogen sich die Arbeiter zurück.
    Bald aber rief Wilhelm: »Lasst Euch nicht auslachen, Lasst Euch nicht belügen!
Wie wären Soldaten hereingekommen? - Da würden sie uns nicht bloss damit drohen!
Kommt, wir wollen doch nachsehen, wo diese Soldaten stecken - und wer uns
belogen hat, den spiessen wir auf!«
    »Brüder,« rief Franz, »ein Menschenleben darf's nicht kosten - wir
wenigstens wollen kein Blut vergiessen! Die armen Leute müssen barmherzig sein,
sonst dürfen sie die Reichen, die es nicht waren, auch nicht zur Rechenschaft
fordern!«
    Mit erneuter Wut drangen nun die wilden Rotten auf das Haus ein - alle
Versuche zur Gegenwehr waren fruchtlos - endlich waren die verrammelten Türen
doch aufgestossen und ungehindert strömten die rasenden Aufrührer hinein. In
blinder Rachewut zertrümmerten sie unter Lachen und Fluchen die Spiegel, alle
Meubles und alles Geräte. Der roheste Spott ward damit getrieben, der
schrecklichste Vandalismus machte sich geltend.
    Franz war mit Einer der Ersten, die in das Haus gestürmt, nicht um mit zu
zerstören, sondern um zu retten. Da er die Wütenden einmal nicht hatte
zurückhalten können, so wollte er wenigstens nun nicht zurückbleiben, wo er
vielleicht Paulinen gegen diese Entsetzlichen beschirmen konnte.
    Er wusste den Weg zu ihrem Zimmer - er lief hinauf - die Türe war schon
aufgerissen - da stand sie allein vielen rohen Männern gegenüber. Zwei von ihnen
waren trunken und wollten sie umfassen, August aber hielt die Axt vor sie hin
und schrie:
    »Rührt sie nicht an - sie hat uns Nichts zu Leide getan; wenn sie gekonnt
hätte, wie sie gewollt, wir hätten's ganz anders gehabt.«
    Und ein Anderer sagte: »Fürchten Sie Sich nicht, Mamsellchen, wir tun Ihnen
Nichts, denn Sie haben Gutes an unsern Kindern getan - aber kommen Sie mit uns
herunter, denn, sehen Sie, wenn wir das Haus anbrennen, müssen Sie erst heraus
sein.«
    Da trat Franz ein.
    »Franz,« rief sie, als sie ihn sah - »ich will mit Dir gehen - ich weiss es,
dass ich Dir noch trauen darf - aber schütze mich vor diesen -«
    Er fasste sie fest in seine Arme und wehrte mit August die Trunkenen zurück,
die sie ihm streitig machen wollten. So trug er sie die Treppe hinab.
    »Franz,« rief sie, »rette meinen Vater!« Und weiter bat sie in höchster
Angst, »lass' mich! Du siehst, ich finde immer noch Beschützer, wenn ich gleich
ein wehrloses Mädchen bin, tun sie mir doch Nichts - aber meinen Vater hassen
sie, denn er ist ihnen niemals freundlich gewesen - rette Du ihn, rette ihn um
meinetwillen, Franz, wenn Du mich liebst!«
    Da rannte Wilhelm an ihm vorüber. »Ha,« lachte er, »Du hast Dein Mädchen und
das meine ist entwischt!«
    »Wo ist Friedericke?« fragte Pauline bebend.
    »Durch die Hintertüre fort mit dem Herrn Papa,« lachte er, »aber entgehen
können sie uns nicht!«
    »Mein Vater ist geflohen?«
    »Ja, sie haben ihn laufen sehen - wie eine Maus ist er fortgewischt - aber
ich werd ihn schon finden!« Und Wilhelm lief fort.
    »Gott sei Dank! Er wird ihn ferner schützen!« sagte Pauline, indes Franz
durch den Hof und das finstre Gedränge lief mit der süssen Bürde.
    Sie waren schon aus den Hof heraus auf einen freien Platz gekommen, wo Franz
einen Augenblick ruhte in der tiefen Dunkelheit.
    »Du bringst mich doch nach Hohental - zu Elisabet?« fragte sie. O, ich
werd' es Dir ewig danken.«
    »Ach, Pauline, Du siehst mich mit unter den Schuldigen und Du vergiebst
mir?«
    »Ich habe Dir Nichts zu vergeben, Du hast es nicht so gewollt. - Was kann
Einer wider Hunderte. Du hast Dich ihnen nicht widersetzen können, wie ich mich
nicht meinem Vater - Du und ich, wir Beide haben Nichts verbrochen, dass es so
kommen musste.«
    »Ach unsere Herzen sagen's uns, dass wir nur das Beste gewollt haben - aber
das Schicksal ist grausam.«
    »Nein, klage es nicht an - es hat uns ja auch selbst in diesem Schrecken
zusammenzeführt. - Du hast mich gerettet - ich werde Dich dann wieder retten
können, wenn die Menschen Dich verklagen wollen.«
    In diesem Augenblick kam eine schreiende, heulende Bande auf sie zu und die
Beiden befanden sich plötzlich Mitten in dem Getümmel, ohne zu wissen, woher es
so plötzlich kam.
    »Sie kommen! Sie kommen! Weh uns!« schrie es durcheinander von allen Seiten.
»Sie kommen! - Die Soldaten! Die Schützen - weh uns! Sie sind schon da!«
    Und sie waren da.
    Und sie riefen die Aufrührer an, dass sie auseinander gehen mögten.
    Aber der Ruf ward übertönt von dem Geschrei der Menge.
    Und da tönte das Commando: »Feuer!«
    Und da knackten die Hähne.
    Da war's geschehen!
    Wehruf ertönte - das entsetzlichste Geheul schallte zum Himmel auf und
überschallte auch das Röcheln der Sterbenden.
    Die Kugel folgt ihrem blinden Lauf und weiss nicht, wohin sie trifft - und
die Hand, die im Dunkeln und auf Commando den Hahn abdrückt, die Hand weiss auch
nicht, dass sie das Herz des Bruders treffen kann.
    »Pauline - das traf!«
    »Franz - Du auch? - Die Kugel steckt in meiner Brust - ach, so sind wir
vereint, so ist's ja gut - der Himmel ruft die vereinten Seelen vereint -
hinauf.«
    »Pauline! Nun bist Du mein!«
    Und sie drückten sich fest aneinander und liessen ihr Blut zusammen strömen
und im heissen Kuss der Liebe flohen die Seelen nach kurzem Erdenkampf aus den
jugendlichen Körpern.
 
                                   XI. Schluss
Was nun weiter geschah? Was soll's weiter? Man weiss es ja wie das alle Mal kommt
und alle Mal endet. Es ist hart, so Etwas wieder erzählen zu müssen, wieder
erzählen zu hören! -
    Im Publikum, in den Zeitungen trug man sich mit allerhand abenteuerlichen
Gerüchten voller Unklarheiten und Widersprüche. Endlich begnügte man sich mit
dem Vericht der in der Kürze festgestellten Tatsachen.
    In der Fabrik des Herrn Felchner hatte lange eine unheimliche Gährung
geherrscht. Endlich war es sogar dahin gekommen, dass eines Tages die Arbeiter
bewaffnet in die Fabrikgebäude drangen, die Maschinen zerstörten und als es
Abend geworden war, sogar das Wohngebäude förmlich erstürmten und darin den
barbarischsten Unfug verübten. Das aus der nächsten Stadt requirirte Militair
war noch in später Abendstunde auf den Schauplatz dieses unheilvollen
Ereignisses eingetroffen und so war es ihm gelungen, noch in derselben Nacht
ziemlich und am andern Tage vollkommen die Ordnung wieder herzustellen. -
    Herrn Felchners grosse Verluste die er durch die sinnlose Wut der Aufrührer
erlitten, gab man auf noch unberechenbare Tausende an - als den schrecklichsten
Verlust, der ihn betroffen, galt natürlich der seiner einzigen Tochter Pauline,
welche in jener entsetzlichen Nacht so plötzlich und unbeschützt um's Leben
gekommen war - getödtet von den Kugeln derjenigen, deren Kommen ihr strenger
Vater mit solcher Ungeduld erwartet hatte! - Er hatte wohl nicht daran gedacht,
nicht darnach gefragt, ob unter den Schuldigen, denen er die mörderischen Kugeln
entgegenschickte, auch Unschuldige sein könnten - und wenn er daran gedacht
hatte, so hatte es ihn nicht gekümmert - er litt ja eben jetzt auch unschuldig -
wie er meinte - das Schlimmste - aber da stand er wie vom Donner gerührt, als
das eigne unschuldige Kind mit getroffen war von dem blinden Strafgericht, das
er den Schuldigen zugedacht hatte. -
    Darüber, ob in der Fabrik des Herrn Felchner wirklich grosser Notstand der
Arbeiter geherrscht habe - ob wirklich communistische Verbindungen unter ihnen
bestanden - und ob die Not - ob communistische Aufhetzereien - ob die Organe
und Vertreter der schlechten Presse die meiste Schuld trügen an all' dem Unheil,
das so plötzlich hereinzebrochen war: darüber waren die Meinungen der
Zeitungsleser sehr geteilt - ein jeder von ihnen bildete sich wohl seine eigene
selbst.
    Herr Felchner rauste sich seine grauen Haare an der Leiche seiner
Herzenstochter - aber es war, als sei mit ihr sein guter Engel gewichen - er
ward immer misstrauischer, immer tyrannischer und überlebte sie nicht lange.
    August und Wilhelm kamen in's Zuchtaus. Anton erhielt eine Medaille.
    Der Geheimrat von Vordenbrücken bekam einen Orden und der Polizeirat
Schuhmacher, weil er schon Orden aus allen Classen hatte, eine goldne Dose.
    Gustav Talheim und Graf Jaromir von Szariny waren von ihnen als Teilnehmer
an communistischen Verbindungen angeklagt worden. Talheim war aber mit Eduin
von Golzenau schon über die Deutsche Grenze, als man sich seiner bemächtigen
wollte - so ward ihm nun die Rückreise in das Vaterland verweigert. Da gegen
Jaromir der Verdacht noch geringer, er ein Graf war und einflussreiche
Verbindungen hatte, so begnügte man sich damit, die Censoren auf seine Artikel
besonders aufmerksam zu machen. -
    Amalie verzweifelte daran, sein Glück zu zerstören, und schleppte ihr
freudloses, überflüssiges Leben, dem es weder gelingen wollte, Glück noch
Unglück zu verbreiten, in stiller Apatie mit sich weiter.
    Aurelie gab ihre Hand dem Kammerjunker von Aarens.
    Jaromir und Elisabet standen an dem schönen Marmordenkmal über Paulinens
Grab:
    »Sie dort oben in Liebe vereint - wir hier unten - wem ist das bessere Teil
geworden?«
    »Für ihre Liebe war das nur dort erreichbar - die unsere darf schon auf der
kleinen trauten Erde ihre Freudenfeste feiern!«
    So sprachen die Liebenden und hielten sich selig umfangen.
 
    