
        
                              Friedrich Gerstäcker
                          Die Regulatoren in Arkansas
                           Aus dem Waldleben Amerikas
                                     Vorwort
Wenige Worte werden genügen, diese Erzählung aus den westlichen Wäldern Amerikas
bei dem Leser einzuführen und ihn darauf vorzubereiten, was er überhaupt darin
zu erwarten hat.
    Arkansas, von den Vereinigten Staaten seit 1836 in die Union aufgenommen,
hatte sich in früheren Jahren den Ruf erworben, dass alles Gesindel aus dem Osten
und Süden in seinen weglosen Wäldern und Sümpfen einen Zufluchtsort gegen den
strafenden Arm der Gerechtigkeit gesucht und gefunden habe und dort auf eigene,
freie Hand sein Wesen treibe.
    Solche Gerüchte waren nicht ohne Grund, Spruch und Gesetze aber machtlos in
diesen Wäldern. Ehe der Sheriff einen Verbrecher erfassen konnte, hatte sich
dieser auf dem Rücken seines eigenen oder eines fremden Pferdes in ein anderes
County geflüchtet und wurde nicht mehr gesehen. Aber auch wirklich ergriffen,
blieb es eine fast noch schwierigere Aufgabe, den Gefangenen festzuhalten.
Entweder brach er sich selbst Bahn aus dem Blockhaus, in das man ihn gesperrt,
oder er sah sich von einer Bande seiner Freunde, die es vielleicht kaum für
nötig hielten, ihre Gesichter zu färben und unkenntlich zu machen, in der
ersten Nacht befreit und trieb nach wie vor sein Unwesen.
    
    Auf den Pferdediebstahl legte sich die Genossenschaft besonders, da nach der
westlichen Sitte die Tiere und Herden der Pioniere frei im Walde selbst ihr
eigenes Futter suchten und also keiner so genauen, ja oft nicht der mindesten
Aufsicht unterworfen waren. Als nun noch überdies im Jahre 1839 die Todesstrafe
für Pferdediebstahl aufgehoben warde, machten in verschiedenen Teilen des
Staates Manche ein wirkliches Geschäft daraus, und die Hinterwäldler sahen sich
endlich zu ernsten Massregeln gezwungen.
    Die Gesetze vermochten nicht, sie auf ihren einzelnen, oft viele Meilen von
einander entfernten Farmen zu schützen, die »Männer von Arkansas« traten daher
zusammen und bildeten den Regulatorenbund, ergriffen, was ihnen verdächtig
schien, peitschten die Gefangenen, bis sie ihre Vergehen gestanden und ihre
Mitschuldigen nannten, und hängten oder erschossen die Missetäter, sobald das
Verbrechen nur erst einmal hinlänglich bewiesen werden konnte.
    Dass bei diesem willkürlichen Verfahren auch manches Unrecht geschah, lässt
sich denken. Mehrere Male wurden sogar Unschuldige aus ihrer friedlichen Hütte
geschleppt und gezüchtigt. Deren freies arkansisches Blut empörte sich dann
natürlich gegen die unverdiente Misshandlung, die sie nicht auf dem Wege der
Gesetze, sondern durch eigene Kraft wieder zu rächen suchten und ihre Richter
heimlich oder öffentlich niederschossen. Im allgemeinen erreichte aber doch
dieses ernste Durchgreifen der Pioniere seinen Zweck, und als dem Lynchgesetz,
wie die Regulatoren ihr Gerichtsverfahren nannten, erst an verschiedenen Orten
des Staates mehrere Opfer gefallen waren, fingen die Pferdediebe an einzusehen,
dass es in Amerika noch sicherere und wohnlichere Plätze für sie gäbe, als gerade
Arkansas, und die meisten flüchteten nach Texas.
    Meine Erzählung fällt nun in jene Zeit, wo das Unwesen seinen höchsten Grad
erreicht hatte und Selbstschutz den Farmern und Jägern zur Notwendigkeit wurde.
Der grösste Teil der Ereignisse ist auch keineswegs erdichtet, sondern hat sich,
wenn auch auf verschiedenen Plätzen und in ausgedehnterem Zeitraum, wirklich
zugetragen, besonders ist der Metodist eine geschichtliche Figur. Ich selbst
war Zeuge mehrerer Scenen und schrieb einst an Ort und Stelle sechsundzwanzig
Namen solcher Ehrenmänner nieder, die durch die Regulatoren und mit Hülfe des
schwarzen »Hickorys« einem der aufgegriffenen Verdächtigen entlockt wurden.
    So möge sich denn der freundliche Leser auf kurze Zeit mit mir
zurückversetzen in die schönen Wälder jenes herrlichen Landstriches, und wenn er
auch nicht gleich nach Durchsicht des Buches sattelt und aufsjetzt und nach den
fernen Regionen des Westens, wie die Hinterwäldler sagen, »Fährten macht« so
hoffe ich doch, dass er, neben einigen weniger angenehmen Bekanntschaften, auch
recht gute, liebe und herzige Leute kennen lernen wird, die ihn mit den Nacht-
und Schattenseiten der Uebrigen aussöhnen mögen.
 
                                       1.
  Der Leser macht die Bekanntschaft von vier würdigen Leuten und erfährt etwas
                      Näheres über ihre Lebensverhältnisse
Dem freundlichen Mai waren die wilden Frühlingsstürme gewichen. Blumen und
Blüten drängten sich zwischen dem gelben Blätterlager hervor, das dicht den
Boden bedeckte und nur hier und da von saftgrünen, lebensfrischen Grasflecken
unterbrochen wurde. Aber Blüte an Blüte quoll auch aus den Zweigen der
niederen Dogwoodbäume und Gewürzbüsche hervor; Blumen und Knospen hingen an den
üppigen Lianengewinden, die sich von Baum zu Baum schlangen, nieder,
verwandelten die Wildnis in einen Garten und erfüllten mit lieblichem Wohlgeruch
den von riesigen Fichten-, Eichen- und Sassafrasbäumen überwölbten Waldesdom.
Drängte sich die Sonne durch die dichtbelaubten Wipfel der gewaltigen Stämme, so
liess dieses Gewirr von Schlingpflanzen und Buschwerk kaum hier und da einen
verstohlenen Strahl zur Erde nieder, und Dämmerung herrschte in diesem Teil der
Niederung, während das Tagesgestirn schon hoch am Himmel glühte. Damit schienen
übrigens die Gestalten, die sich hier am Fuss einer mächtigen Kiefer
niedergelassen hatten, ganz einverstanden zu sein, denn der Eine von ihnen
reckte die Glieder und sprach, zu dem grünen Laubdach über sich emporschauend:
    »Ein herrlicher Platz das für vertrauliche Zusammenkünfte - ein ganz
vorzüglicher Platz. Der Rohrbruch, nach dem Flusse hin, hält gewiss jeden
vernünftigen Christenmenschen ab, seinen Weg in dieser Richtung einzuschlagen,
und die Dornen und Greenbriars hier oben sind ebenfalls nicht so einladend, als
dass sich Einer ganz nutzlos hineinwagen sollte - und nutzlos wär's, denn dass
kein Wild mehr in der Nähe weilt, dafür, denk' ich, hätten wir gesorgt.«
    Der Sprecher war, soweit es seine behagliche, auf dem Laub ausgestreckte
Gestalt erkennen liess, ein Mann von über sechs Fuss, mit muskulösem Körperbau und
freien, offenen Zügen; die Augen hatten aber etwas unheimlich Wildes und flogen
unstät von einem Ort zum andern, und sein ganzes Äussere verriet überhaupt
einen hohen Grad von Nachlässigkeit. Der alte, zerstücke Filzhut war ihm vom
Kopf gefallen, und das Haar stand struppig und ungekämmt empor; der borstige
Bart schien eine Woche lang vernachlässigt zu sein, und ein sehr abgetragenes
blauwollenes Jagdhemd, an dem einzelne einst gelb gewesene Franzen wild
herabhingen, war mit alten wie neuen Blutflecken überdeckt. Diese wurden
übrigens durch ein frisch abgestreiftes Hirschfell an seiner Seite erklärt.
Ueberhaupt schien der Bursch den Wald zum Hauptaufentalt zu haben. Die Büchse
lag neben ihm am Boden; die Beine staken in vielfach ausgebesserten ledernen
Leggins oder Gamaschen, und ein Paar Mokassins von Rindshaut vollendeten den
keineswegs kleidsamen Anzug.
    Sein Gefährte, der neben ihm, mit dem Rücken gegen den Baumstamm gelehnt,
sass und mit einem langen Messer (in der Landessprache gewöhnlich
»Arkansas-Zahnstocher« genannt) Holzspähne schnitzelte, unterschied sich etwas,
und zwar zu seinem Vorteil, von dem rauhen Nachbar. Seine Kleidung war
sauberer, sein ledernes Jagdhemd, das, wenn auch alt und viel gebraucht, doch
mit besonderem Fleiss gearbeitet schien, etwas besser gehalten, als das des
Ersteren, und sein ganzes Aussehen bewies, dass er eine bessere Erziehung
erhalten, als der wilde Waldbewohner, oder doch wenigstens erst kürzlich aus dem
elterlichen Haus gekommen sei. Das letztere wurde noch durch seine Jugend so
viel wahrscheinlicher, da er kaum mehr als siebzehn Jahre zählen konnte.
    Der Dritte war den beiden Beschriebenen total unähnlich, und was jene an
Wildheit und Lebensmut zu viel besassen, schien dieser durch Sanftmut und
Leutseligkeit wieder ausgleichen zu wollen. Seiner Kleidung nach gehörte er der
Klasse wohlhabener Farmer an. Der blaue, vom besten wollenen Stoff gefertigte
Frack - die gewöhnliche Tracht der amerikanischen Landleute -, die saubere gelbe
Weste, die sorgfältig geschwärzten Schuhe, der neue breiträndige Hut, Alles
bewies, dass er etwas auf sein Äußeres halte und, wenn auch in manchen anderen
Stücken, doch keineswegs in jener Missachtung jeder anständigen, reinlichen
Kleidung mit der Gesellschaft, in der er sich gerade befand und zu der er
offenbar zu gehören schien, harmoniere. Er lehnte, ein Bein über das andere
geschlagen, an einer kleinen Eiche und sah sinnend zu dem Sprecher hinüber, der,
nach der oben geäusserten Bemerkung, seinen Kopf wieder faul auf das die Wurzeln
des Baumes bedeckende Moos zurücksinken liess.
    »Oder sorgt vielmehr jetzt noch dafür, Cotton,« fuhr er, mit etwas näselnder
Stimme des Jägers Äusserung beantwortend, fort; »wenn's auch nicht in Ordnung
ist, dass Ihr selbst am heiligen Sabbat ohne dringende Not umhergeht und die
friedlichen Tiere des Waldes erlegt.«
    »Oh geht zum Teufel mit Eurer Predigt, Rowson!« fuhr der Jäger halb
ärgerlich, halb lachend auf, während der junge Bursch einen spöttischen Blick
auf die ernstafte Gestalt des Mahners warf - »spart die Moral, bis Ihr in die
Ansiedlung kommt, und verschont uns hier mit dem Unsinn. - Wo aber nur Rusch
stecken mag - verdammt will ich sein, wenn ich mir das erklären kann. Er
versprach, mit Sonnenaufgang hier zu sein, und jetzt ist die Sonne bald drei
Stunden hoch - die Pest in seinen Hals!«
    »Ihr werdet ihn mit Eurem gotteslästerlichen Fluchen nicht herbeirufen,«
erwiderte kopfschüttelnd der Andere - »aber,« fuhr er dann, etwas lebhafter
werdend, fort, »auch mir dauert die Zeit zu lang'. Ich muss um zehn Uhr in der
Betversammlung sein und habe noch sechs Meilen bis dahin zu reiten.«
    »Die beiden Geschäfte scheinen sich bei Euch sehr gut zu vertragen!«
lächelte verächtlich der Jäger. - »Predigen und Pferde stehlen - hm, passt
wirklich recht gut zusammen, kann auch recht gut neben einander bestehen, denn
der Sabbat, wie Ihr ihn nennt, ist doch ein schlechter Tag für unser Geschäft.
Aber lasst die Faxen hier im Wald, wo wir unter uns sind; 's ist - das Wenigste
zu sagen - langweilig.«
    »Nun, habt keine Angst, Ihr sollt nicht lange mehr damit belästigt werden,«
lächelte der Farmer, während er mit Wohlbedacht eine Prise aus einer Muscheldose
nahm. - »Doch seht,« fuhr er dann schneller und lebhafter fort - »Euer Hund
spitzt die Ohren - er muss etwas wittern.«
    Ein grau und schwarzgestreifter Schweisshund hatte sich, einige Schritte von
den Männern entfernt, auf dem einzigen kleinen sonnigen Fleck zusammengeknäult,
wo ein umgestürzter Baum in das dichte Laubdach eine Lücke gerissen. Vorsichtig
windend hob dieser jetzt die Nase einen Augenblick in die Höhe, knurrte dann
leise, wobei er einen schwachen Versuch machte, mit dem Schwanz zu wedeln, und
fiel wieder in seine alte Lage zurück. Sein Herr, der ihn indessen aufmerksam
beobachtet hatte, sprang mit zufriedenem Blick auf und rief:
    »Nun endlich - Zeit ist's, dass er kommt. Deik kennt ihn auch gut genug, mag
aber seinen warmen Fleck dort nicht verlassen. Hallo - da ist er schon! - Nun,
Rusch, Ihr glaubt wohl, man hält sich hier der Annehmlichkeit wegen zwischen den
Mosquitos und Holzböcken auf! Was, zum Henker, hat Euch abgehalten, zur rechten
Zeit hier zu sein?«
    Der Letztgekommene zeigte sich als ein Mann in mittleren Jahren und ging,
wie der Farmer, anständig und reinlich gekleidet. Ausserdem trug er aber,
obgleich sonst gerade nicht jagdmässig angezogen, eine Kugeltasche an der rechten
Seite und eine lange gezogene Büchse auf der Schulter.
    »Guten Morgen, Gentlemen,« wandte er sich jetzt an die ihn begrüssenden
Männer, »guten Morgen, und seid nicht böse, dass Ihr habt auf mich warten müssen,
aber - ich konnte nicht früher kommen. Der junge Laffe, der Brown, und der alte
Harper, mit der verdammten Rothaut, krochen mir im Weg herum, und ich wollte
mich nicht gern nach dieser Richtung zu sehen lassen. Die guten Leute fangen mir
überhaupt an zu gescheidt zu werden, und das schleichende Scalpirmesser
schnüffelt in einem fort im Wald umher. Höll' und Teufel, warum dulden wir den
Indianer eigentlich hier in der Nachbarschaft! - Ich habe fast so eine Ahnung,
als ob die Kugel schon gegossen wäre, die ihm in seine Jagdgründe verhelfen
mag.«
    »Ich glaube selber, Rusch,« sagte Cotton, »dass das Stück Blei vortrefflich
angewandt wäre.«
    »Hört einmal, Cotton,« wandte sich der Neugekommene halb ärgerlich an den
Jäger - »ich wollte, Ihr nenntet mich nicht immer bei dem verwünschten Namen. -
Er fährt Euch einmal heraus, wenn es Fremde hören, und dann käm' ich in des
Teufels Küche. - Sagt Johnson, wenn wir auch untereinander sind - Ihr gewöhnt
Euch besser dran.«
    »Nun meinetwegen,« lachte dieser - »mir auch recht, Rusch oder Johnson, dem
Strick entgeht Ihr doch nicht, so wenig wie wir Anderen. Aber fidel wollen wir
sein, so lange wir noch beisammen sind, und dann an's Geschäft, denn wir haben
in den letzten vierzehn Tagen keinen Cent verdient. Es wird Zeit, dass wir wieder
anfangen.«
    Er hatte bei diesen Worten eine kleine Whiskyflasche aus seiner wollenen
Decke herausgewickelt, drehte, während er lächelnd nach Rowson hinübernickte,
den Stöpfel heraus und setzte sie dann mit einem sehr selbstzufriedenen »Prost«
an die Lippen. Erst nachdem er sich in langem Zug Genüge geleistet, hielt er sie
dem ihm am nächsten stehenden Rowson hin und rief:
    »Da - stärkt Euch zu Eurer Predigt heute Morgen, Ihr werdet's brauchen
können. Verdammt will ich sein, wenn ich nicht drei solche Flaschen im Leibe
haben müsste, um ruhig zuhören zu können, und sogar dann würde ich noch die
Bedingung stellen, dass ich eingeschlafen sein müsste, ehe Ihr angefangen hättet.«
    »Danke,« sagte Rowson, den dargebotenen Trunk abweisend - »danke schön - ich
möchte nicht gern heute Morgen nach Whisky riechen. - Gebt die Flasche an
Johnson; der wirft ihr ohnedies schon sehnsüchtige Blicke zu.«
    »Nichts besser als ein heisser Trunk am Morgen,« sagte der Neugekommene,
indem er ohne weitere Umstände dem Jäger Bescheid tat. - »Aber, Weston,« fuhr
er dann, sich an den Jüngsten wendend, fort - »was habt Ihr denn, Ihr kratzt
Euch ja, als ob Ihr wie eine Schlange die Haut abschälen wolltet; hat Euch ein
Mosquito gestochen?«
    »Einer?« fragte der junge Mann ärgerlich, indem er hinzutrat und die Flasche
aus Johnson's Hand nahm - »Einer? Die Luft ist hier dick voll von ihnen, und es
kommt mir fast so vor, als ob Harper Recht habe, der neulich behauptete, es
wären so viele von den verwünschten, scharfgesichtigen Burschen hier, dass man
bei Tisch, wenn man nur einmal mit dem Messer durch die Luft hiebe, den ganzen
Teller voll Flügel und Beine hätte.«
    »Hoho!« lachte Cotton, - »Ihr gewöhnt Euch schon daran; kommt da freilich
gerade aus den Missouri-Bergen herunter, wo ich mir habe erzählen lassen, die
Leute Nachts ohne Rauch im Freien schlafen könnten; hier möchte ihnen das schwer
fallen.«
    »Gentlemen, denken Sie daran, weshalb wir hier sind,« bemerkte Rowson jetzt
etwas ungeduldig, »die Zeit vergeht und ich muss wahrhaftig fort. Ueberhaupt ist
dies keineswegs ein so ungemein sicherer Platz, wenn Johnson wirklich den
Indianer mit seinen Genossen hat in der Nähe herumkriechen sehen. Ich schlage
also vor, dass wir ohne weitere Umstände an's Werk gehen und verabreden, was wir
eigentlich verabreden wollten.«
    »Brav gesprochen, grosser Prophet!« rief Cotton, dem Redner dabei mit so
kräftiger Faust auf die Schulter schlagend, dass dieser schmerzhaft das Gesicht
verzog und dem Allzufreundlichen einen tückischen Seitenblick zuwarf, jedoch mit
grosser Selbstüberwindung seinen Ärger verbiss und, die Männer bedächtig im Kreis
ansehend, fortfuhr:
    »Wir haben, Dank den geschäftigen Schuften, die nicht allein in der
Ansiedlung, sondern im ganzen County, ja im ganzen Staate umherstreifen und sich
unter dem Namen Regulatoren breit machen, mehrere Wochen lang brach gelegen und
nicht einen Pfennig verdient. Gestern ist, wie Ihr Alle wisst, ein Botschafter
von der Insel dagewesen, der einen Transport guter Pferde dringend fordert, die
zu einem Landtransport oder was weiss ich verwandt werden sollen, und wir kleben
hier und legen die Hände in den Schoss. - Das geht nicht länger - ich brauche
Geld - wie Jeder von Euch, und mit Maisbau und Schweinezucht das durch Jahre
lange Arbeit zu verdienen, was gewissermassen auf dem Tischtuch vor uns liegt,
wäre lächerrlich; also zur Tat denn. Da ich durch den guten Ruf, den ich mir zu
erwerben gewusst habe, obgleich ich doch eigentlich nur ein schwacher, sündhafter
Mensch bin -«
    »Höll' und Teufel, lasst den Unsinn!« rief Cotton, ärgerlich mit dem Fuss
stampfend - »plappert Euren Gebetkram her, wenn Ihr bei Roberts seid, aber
schenkt uns hier reinen Wein ein.«
    »Da ich durch den guten Ruf, den ich mir zu erwerben gewusst,« wiederholte
Rowson, eine besänftigende Geberde gegen Cotton machend - »auf vielen, sehr
vielen Farmen Zutritt erhalten habe, so hat mir das natürlich Gelegenheit
gegeben, den Vieh- und besonders den Pferdestand der Eigentümer genau zu
untersuchen. Meiner Meinung nach also gibt es für uns keine ergiebigere Gegend
als Springcreek, an der anderen Seite vom Petite-Jeanne. Husfield dort hat
herrliche Tiere, und ich bin fest überzeugt, dass wir von der einen Farm allein
acht Pferde wegholen können, wobei ich noch zwei Tage Vorsprung garantiere.«
    »Nicht so übel,« meinte Johnson, »aber bedenkt auch, dass uns das wieder fast
fünfzig Meilen weiter vom Mississippi fortbringt.«
    »Höchstens fünfunddreissig,« erwiderte Rowson, »und zwei Tage und zwei Nächte
Vorsprung. Hier in der Gegend müssen wir gewärtig sein, dass sie uns noch in
derselben Stunde auf der Fährte sind, und das ist denn doch, das Wenigste zu
sagen, störend.«
    »Wie wär's, wenn wir den Zug bis auf nächste Woche verschöben?« meinte
Johnson, »ich hätte gern einen kleinen Abstecher an den Washita gemacht.«
    »Keine Stunde,« rief Rowson - »wozu die Zeit versäumen, die wir bald so
höchst nötig brauchen werden.«
    »Was, zum Henker, habt Ihr denn auf einmal für eine verwünschte Eile?«
fragte Cotton verwundert, »Ihr lasst's ja doch sonst an Euch kommen.«
    »Ich brauche Geld« sagte Rowson lakonisch - »mein Land ist vermessen, und
wenn ich bis zum ersten Montag im Juni die volle Summe nicht einliefere, so kann
es mir, wie Ihr Alle recht gut wisst, vor der Nase weggekauft werden. Ausserdem
leben hier in der Gegend einige so freundliche Seelen, die sich ein ganz
besonderes Vergnügen daraus machen würden, mir den Gefallen zu tun. - Da ist
unter Anderen dieser Mr. Harper - die Pest auf seinen Kopf -«
    »Hahahaha, Rowson,« lachte Cotton, - »wenn Mrs. Roberts hörte, dass Ihr einem
andern Christenmenschen die Pest auf den Schädel wünscht, ihre fromme Meinung
von Euch würde einen bedeutenden Leck bekommen.«
    »Spottet nur, Cotton, Ihr habt Euch das Recht dazu erworben - 's ist ja Euer
täglich Brot - aber wenn ich nicht Wahrheit rede, dass hier Einige leben, denen
ich selbst mit Wollust ein Messer - doch das gehört nicht hierher,« fuhr er,
sich schnell fassend, fort - »sprecht Euch jetzt aus, wollt Ihr meinem Rat
folgen, oder nicht? Wir können in acht Tagen à Person dreihundert Dollar
verdienen, und das ist mehr, als sich auf ehrliche Art und Weise zu Stande
bringen lässt.«
    »Gut! mir ist's recht -« rief Cotton - »diesmal geht Ihr Beiden aber; wir
Zwei, Weston und ich, haben das vorige Mal den Hals riskirt.«
    »Ja, ja« stimmte Weston bei - »'s ist wahr - wir wären auch beinahe noch
erwischt worden - diesmal ist die Reihe an uns, auszuruhen.«
    »Oh halt! nicht so schnell,« unterbrach sie Johnson, »vorerst müssen wir
über den Plan einig werden, und dann bitt' ich, dass die beiden Herren bedenken
mögen, welche Last wir mit dem Verkauf hatten, und dass ich selbst bis jetzt noch
nicht einmal von jedem Verdachte frei bin. Erst also der Plan - wie hattet Ihr's
Euch gedacht, Rowson?«
    »Nun seht,« erwiderte dieser, indem er ein breites Bowiemesser unter der
Weste vorzog und damit zu schnitzeln anfing - »Zweie von uns - (mehr dürfen es
auf keinen Fall sein, um nicht Verdacht zu erwecken, wenn sie zufälliger Weise
gesehen werden sollten) - also Zweie von uns gehen mit ihren Büchsen - und jeder
mit drei oder vier Zügeln, die er auf irgend eine Art an sich verbergen muss, von
hier aus über Petite-Jeanne nach der Mühle am Springcreek zu. Die Zügel erwähn'
ich deshalb, damit wir nicht wieder solchen Aerger beim Verkauf der Pferde
haben, da das letzte Mal die scharfe Baumrinde den Tieren die Mäuler blutig
gerissen hatte und die Seelenverkäufer auf der Insel am Preise mäkeln wollten.
Von der Mühle aus ist's nicht mehr weit, ein paar Meilen höchstens, zu
Husfields, und an der ersten Fenzecke angelangt, haltet Euch nur gleich links
auf dem ersten Fusspfade hin, der scheinbar in den Wald wieder hineinläuft; er
biegt aber nur deshalb aus, um ein paar umgestürzten Eichen Raum zu geben,
nachher dreht er sich wieder der Farm zu und läuft gerade nach dem Pferdehofe
hin, der auf der andern Seite mit dem Haus selbst in Verbindung steht.
    Husfield hat etwa siebenundzwanzig Pferde, Alles gerechnet, mit Füllen und
Hengsten, von denen er gewöhnlich acht füttert. - Die letzteren aber dürfen wir
nicht berühren, er würde sie schon am nächsten Morgen vermissen und ist ein zu
guter Waldmann, als dass er uns nicht auf der Fährte bleiben sollte. Die übrigen
weiden, unter der Führung eines jungen, dreijährigen Hengstes, draussen im
Freien.«
    »Er darf ja im Frühjahr keinen Hengst frei herumlaufen lassen,« unterbrach
ihn Johnson.
    »Ich weiss wohl,« fuhr Rowson fort - »er tut's aber doch. Jetzt wenigstens,
dessen bin ich sicher, ist der Hengst noch draussen und kommt jeden Abend
regelmässig an die Fenz der Umzäunung - nach ein paar Stuten, denen er, auswendig
herumtrabend, wiehernd seine Liebeserklärung macht, und kehrt dann wieder in den
Wald, nach seinem gewöhnlichen Schlafplatz, zurück. Ihm folgt der ganze Trupp,
und das ist der Zeitpunkt, sich der besten zu bemächtigen, denn die Bewohner des
Hauses achten nicht viel auf die Tiere. Ich bin zweimal dort eingekehrt, um
dessen auch gewiss zu sein.«
    »Wenn man die Stuten aus der Umzäunung nehmen könnte,« meinte Weston
schmunzelnd, »dann hätte man nachher die ganze Herde und könnte so schnell
reiten, wie die Tiere laufen wollten.«
    »Ja, und hätte am nächsten Morgen etwa zehn oder zwölf von den Schuften, mit
Büchsen und ellenlangen Messern, auf einer Fährte hinter uns her, der ein
Blinder mit dem Stock folgen könnte,« rief Rowson dagegen. - »Nein, sicher
müssen wir gehen, denn wir wollen nicht allein nicht erwischt sein, sondern auch
jeden Verdacht vermeiden, und das können wir nur dadurch bezwecken, dass wir die
Sache so vorsichtig wie möglich anfangen. An der Mühle dürfen Die, welche die
Pferde entführen sollen, sich ebenfalls nicht blicken lassen. Am besten ist's,
man geht gleich da, wo die Strasse den Springcreek berührt, hindurch, an's andere
Ufer, was zufällig des Weges Kommende zu der irrigen Meinung veranlassen wird,
die Reiter hätten hinüber nach Dardanella gewollt. An der Ecke der Fenz, eben
da, wo sich der Weg links abzieht, ist noch dazu ungemein steiniger Boden, und
eine Fährte, über den Weg zurück, kann kaum bemerkt werden. Was nachher zu tun
ist, wenn man sich erst einmal an Ort und Stelle befindet, brauch' ich Euch
nicht weiter zu sagen, das wisst Ihr gut genug.«
    »Wer geht aber?« brummte Cotton unwillig, »Ihr gebt uns so gute Lehren, als
ob Ihr selbst gar nicht mit zur Partie gehörtet. - Wir haben's das letzte Mal
riskiert, es ist nicht mehr als recht und billig, dass jetzt zwei Andere ihren
Hals dransetzen.«
    »Noch dazu, da Ihr so sehr gut dort in der Gegend bekannt seid,« warf Weston
ein. »Andere, die alle jene beschriebenen Pfade erst suchen müssen, würden sehr
viel Zeit dabei verlieren.«
    »Wahr - wahr, in vielen Stücken,« meinte Rowson lächelnd, »aber, junger
Mann, Johnson und ich haben, wie schon gesagt, das letzte Mal fast mehr Angst
und Gefahr ausgestanden als Ihr Beiden, die Ihr bloss die Pferde abholtet. Doch
es sei - ich biete mich zu Einem der Abholenden an, bestimmt Ihr den Andern;
doch nur unter der Bedingung, dass ich bloss verpflichtet bin, die Entführten bis
an die Mamelle zu schaffen, das heisst bis auf den Bergrücken, der die Wasser der
Mamella vom Fourche la fave trennt. Dort an den Quellen des Creeks wollen wir
zusammentreffen, und von da an mögen die anderen Beiden die Pferde nach der
Insel befördern.«
    »Dann wär's das Beste, dass Ihr und Johnson den ersten Teil übernähmt;
Weston und ich wollen sie dann schon in Sicherheit bringen.«
    »Halt da« - rief Johnson - »dem schurkischen Husfield gehe ich nicht
freiwillig auf's Land - Ihr wisst vielleicht nicht, dass wir vor vierzehn Tagen
einen Streit mit einander hatten, in dem ich - das verdammte Pistol schnappte
und der Schuft schlug mich nieder. - Ich bin der Canaille dafür etwas schuldig«
- fuhr er zähneknirschend fort - »möchte das aber nicht auf seinem eigenen Grund
und Boden abmachen, das spräche nachher vor Gericht gegen mich. - Nein, lasst
lieber das Loos bestimmen, wer gehen soll; wir können ja Grashalme ziehen.«
    »Ach was, Grashalme,« brummte Cotton - »die Jagd soll entscheiden. - Wir
wollen morgen früh alle Vier - oder vielmehr mir Drei, da Rowson diesmal
Freiwilliger ist, nach verschiedenen Revieren aufbrechen, und kommen hier den
Dienstag Morgen wieder zusammen. Wer morgen die meisten Hirsche schiesst, oder
überhaupt die beste Jagd macht, ist frei.«
    »Einverstanden!« rief Rowson, »das ist ein guter Einfall, da geh' ich auch
mit, und wenn es nur des Spasses halber wäre.«
    »Meinetwegen,« sagte Johnson, »wir sind Alle gute Jäger und das Glück mag
entscheiden, wer von uns diesseit oder jenseit der Mamelle Pferdefleisch zu
befördern bekommt; also morgen früh. Wir müssen aber auch eine Gegend bestimmen,
dass wir einander nicht in die Schusslinie laufen. Ich meines Teils will den Fluss
ein Stück Weges hinauf gehen und in der Niederung jagen.«
    »Da kommt Ihr mir in mein Revier,« sagte Weston - »ich muss dort hinauf, denn
ich habe mein Lager noch, mit Decke, Kochgeschirr und zwei Hirschhäuten, da
oben.«
    »Gut - dann gehe ich hinüber an den Petite-Jeanne; Jones von drüben sagte
mir gestern, er hätte Unmassen von Fährten gesehen.«
    »Und ich gehe ebenfalls nach der Gegend zu,« sagte Rowson, »werde aber nicht
den ganzen Tag jagen können, weil ich der Mrs. Laughlin versprochen habe, gegen
Abend hinüber zu kommen und Betstunde zu halten.«
    »Und wo tust Du indessen Deine Büchse hin?« lachte Johnson.
    »Ih nun, zu Fulweals denk' ich. Dort ist ja auch Cotton's Schwester, und
wenn ich Abends nach Hause reite, nehme ich sie wieder mit.«
    »Rowson, Rowson,« rief Cotton, lachend mit dem Finger drohend - »mit der
Witwe Fulweal ist mir die Sache nicht so ganz richtig. Ihr kriecht und
schwänzelt in der Gegend herum, und wie ich neulich einmal so unverhofft zu
Eurer Betversammlung kam, da knietet Ihr Beide mir sehr verdächtig nahe
zusammen.«
    »Unsinn!« sagte Rowson, schien aber doch ein wenig verlegen zu werden und
wandte sich jetzt schnell an Weston, dem er zurief: »Apropos, junger Mann, die
beiden Felle, die Ihr schon im Lager habt, zählen nicht mit.«
    »Oh bewahre,« erwiderte dieser, »ehrliches Spiel - morgen früh, wenn es hell
genug wird, das Korn auf der Büchse zu erkennen, geht die Jagd an.«
    »Jetzt ist's aber Zeit aufzubrechen,« sagte Rowson, die Hände in die Tasche
schiebend - »also, Gentlemen, auf ein fröhliches Wiedersehen!«
    »Halt! noch Eins,« rief ihm Cotton zu, als er sich schon nach der Richtung
hin, wo er an der Aussenseite des Dickichts sein Pferd angebunden hatte,
entfernen wollte, - »wir dürfen nicht auseinander gehen, ehe wir nicht einen
festen Entschluss gefasst haben, wie wir uns verhalten wollen, falls - die
vermaledeiten Regulatoren uns auf die Spur kämen. Hölle und Gift, ging's nach
mir, so lebte morgen Abend um diese Zeit keiner von den Schuften mehr.«
    Rowson kehrte wieder um und blieb, an den Nägeln kauend, neben Cotton
stehen. - »Ich hätte bald vergessen, Euch eine Nachricht mitzuteilen,« sagte er
dann nach einer kleinen Pause, indem er einen Seitenblick auf seinen stämmigen
Nachbar warf, »da Cotton aber gerade von den Regulatoren anfängt, fällt mir's
wieder ein.«
    »Und was ist das?« fragte Johnson eifrig.
    »Nichts mehr und nichts weniger, als dass der Sheriff von Pulasky County
einen Verhaftsbefehl für unsern guten Cotton in der Tasche trägt.«
    »Der Teufel!« fuhr dieser auf, »und weshalb?«
    »Oh - ich weiss nicht, ob gerade irgend etwas Besonderes erwähnt ist, es
waren aber so verschiedene Sachen. Ich hörte etwas von einer Fünfzig-Dollar-Note
munkeln, und von einem Heiratsversprechen in Randolph County, und von einem
Menschen, den man eine Zeit lang vermisst habe, und dessen Leichnam dann später
aufgefunden sei, und so mehrere Kleinigkeiten.«
    »Die Pest!« rief mit dem Fuss stampfend der Jäger - »und das hättet Ihr
beinahe vergessen? mich ganz arglos in die Ansiedlung hineintraben lassen? Ja,
es wird Zeit, dass ich mich hier fortmache - Arkansas möchte mir ein wenig zu
warm werden, oder ich bekomme vielmehr zu viele Bekannte hier.«
    »Habt wohl eine recht ausgebreitete Bekanntschaft?« schmunzelte Rowson.
    »Sehr,« sagte - die Frage halb überhörend - nachdenkend der Jäger. »Aber was
tut's,« fuhr er dann plötzlich, sich hoch aufrichtend, fort, »was tut's - in
wenigen Tagen ist unser Geschäft beendet, und mit dem Geld kann ich bis an den
Mississippi und von da aus bequem nach Texas kommen.«
    »Warum geht Ihr nicht lieber von hier zu Land? Da kostet's Euch keinen Cent
und ist nicht den zehnten Teil so weit.«
    »Wohl recht, ich habe aber meine Gründe, den nördlich lebenden Indianern
nicht so besonders nahe zu kommen.«
    »Alle Wetter, Cotton, erzählt uns die Geschichte,« bat Weston, »ich habe
schon so viel davon reden hören und möchte gar zu gern wissen, wie das Alles
zusammenhängt; was hattet Ihr mit den Cherokesen?«
    »Jetzt wär' die Zeit dazu, eine Geschichte zu erzählen,« brummte der
Gefragte.
    »Man soll an Euren Armen,« lächelte Rowson, »noch die Spuren von eisernen -«
    »Geht zum Teufel mit Eurem Kindergeschwätz - wir haben jetzt mehr zu tun.
Nicht allein auf mich ist's gemünzt, sondern auf Euch Alle. Die Regulatoren
haben durch irgend einen Schuft Wind bekommen und uns Alle auf dem Korn!«
    »Mich nicht,« lächelte Rowson - »in dem frommen gottesfürchtigen
Metodistenprediger sucht Keiner den Wolf.«
    »Keiner?« lächelte Cotton ihn höhnisch an, »Keiner? was sagte doch neulich
Heatcott, als er Euch einen Lügner und Schurken nannte?«
    Rowson's Antlitz entfärbte sich und Todtenblässe vertrieb die frühere Röte;
seine Hand fuhr krampfhaft nach dem verborgenen Messer.
    »Was für Beschuldigungen brachte er da zum Vorschein?« flüsterte der Jäger
leise weiter, dem vor Wut und Ingrimm Erbebenden einen Schritt näher tretend,
»he? kam da nicht auch das Wort Seelenverkäufer mit vor? Und Ihr liesset Euch das
Alles ruhig gefallen? - Pfui! ich schämte mich damals in Eure eigene Seele
hinein -«
    »Cotton,« sagte Rowson, sich gewaltsam sammelnd, »Ihr habt die rechte Saite
berührt - der Mensch ist uns gefährlich. Er hat nicht allein eine Ahnung, wer
ich bin, sondern er liess auch neulich einzelne verdächtige Worte über Atkins
fallen.«
    »Was, Atkins? - der noch nie die Hand in einem Diebstahl gehabt hat und nur
ruhig auf seiner Farm uns unterstützt?«
    »Eben der Atkins. Weiss der Teufel, wie der Schuft darauf kommt, nach dieser
Seite hin zu winden, wahr ist's aber, und dass ich damals den Lügner und Schurken
hinnahm, hatte seine wohlweislichen Gründe. Wäre ich als Prediger aufgefahren
und hätte ihm den Schuft zurückgegeben -«
    »So hätt' er Euch zu Boden geschlagen,« lachte Cotton.
    »So hätte das mir und meinem sonstigen gottesfürchtigen Wandel einen
gewaltigen Stoss gegeben,« fuhr Rowson, ohne sich irre machen zu lassen, fort.
    »Ja wohl Stoss,« sagte Cotton, »an den Schädel oder zwischen die Augen.«
    »Lasst das Necken, zum Teufel,« fuhr jetzt Johnson auf - »wir sind doch nicht
hier, um Eure Narrenspossen mit anzuhören. Rowson hatte ganz Recht; wenn er
einmal predigt, so muss er sich auch wie ein Prediger betragen -«
    »Und Pferde stehlen -« lachte der unverbesserliche Cotton.
    »Wollt Ihr jetzt ernstaft die ernste Sache betreiben oder nicht? - sagt's,
denn ich habe Euer Gewäsch satt,« rie Rowson ärgerlich - »wir sind hierher
gekommen, um zu einem gemeinsamen Plan gemeinsam zu wirken, und nicht, um uns zu
entzweien. - Mir ist noch mehr bekannt - die Regulatoren werden heute oder
morgen hier zusammenkommen.«
    »Hier? wo?« frugen Alle schnell.
    »Bei Roberts oder Wilkins, oder sonst Jemandem, was weiss ich - aber dass sie
kommen, ist sicher - und dann - haben sie im Sinn, das allbeliebte Lynchgesetz
wieder in Aufnahme zu bringen.«
    »Das dürfen sie nicht!« rief Cotton, »die Gesetze sind erst kürzlich
deswegen verschärft.«
    »Was dürfen sie hier in Arkansas nicht,« lächelte Rowson, »wenn zwanzig oder
fünfundzwanzig zusammentreten und ernstaft wollen. Glaubt Ihr, der Gouverneur
liesse Soldaten gegen sie anrücken? Nein, wahrhaftig nicht - und wenn er's täte,
hülfe ihm das eben so wenig. Sie dürfen Alles, was sie nur ordentlich wollen,
und sie wollen unser Geschlecht (ich rede nicht von unseren stillen,
freundlichen Familienkreisen), unser Geschlecht, sag' ich, ausrotten, auf dass
ihre Pferde Abends vollzählig nach Hause kommen, und sie den Leuten nicht mehr
aufzupassen brauchen, die unter der Weste ein Bowiemesser, ein Paar Pistolen und
einen leichten Trensenzaum tragen.«
    »Im Grunde genommen kann ich ihnen das auch eigentlich nicht so sehr
verdenken,« lächelte Johnson - »da es sich aber keineswegs mit den Ansichten
verträgt, die wir selbst vom Leben haben - was hat das Tier da? es hebt schon
seit ein paar Minuten die Nase so sonderbar in die Höhe - sollte sich etwas
nahen?«
    »Nein, es ist nichts,« sagte Cotton, den Hund von der Seite ansehend, der
sich jetzt wieder ruhig zusammenknäulte - »er bekam vielleicht Witterung von
einem Trutahn, und den zeigt er wohl an, folgt ihm aber nicht.«
    »Da sich dies also nicht mit unseren Ansichten verträgt, so müssen wir mit
Gewalt oder List dagegen wirken. - Zur Gewalt sind wir zu schwach, denn gälte es
Ernst, so würden uns nur Wenige beistehen, also muss uns List retten, und ich
denke, dass wir mit Atkins' Hülfe, der auf keiner besseren Stelle wohnen könnte,
sie Alle noch bei der Nase herumführen und wenn sie diesen dummstolzen Heatcott
auch zum Anführer haben -«
    »Heatcott ihr Anführer?« fuhr Rowson schnell auf.
    »Ja! so sagte mir Harper wenigstens neulich, als ich ihn an der Mühle traf.«
    »Dies müssen die letzten Pferde sein, die wir hier aus der Nachbarschaft
holen,« murmelte Rowson sinnend vor sich hin, »'s ist doch zu gefährlich. - Die
nächsten, denk' ich, beziehen wir aus Missouri; Weston macht da den Führer, und
ich selbst bin am Big Black und um Farmington herum gut bekannt.«
    »Auch gekannt?« frug Cotton.
    »Ja gewiss,« entgegnete Jener, ohne den boshaften Sinn dieser Worte verstehen
zu wollen -»auch gekannt, und die Leute haben mich dort Alle meines
gottesfürchtigen Wandels wegen liebgewonnen.«
    »Die Pferde auch,« lachte Weston, »als er von da fortging, folgten ihm drei
der guten Tierchen aus purer Anhänglichkeit.«
    Diesmal stimmte Rowson in das Gelächter, das dieser Bemerkung folgte, mit
ein, war aber auch gleich darauf wieder ernstaft und rief laut:
    »Gentlemen, das geht nicht länger - bedenken Sie, dass unser Hals auf dem
Spiele steht; es hat Alles seine Zeit, Possen und Ernst - hören Sie also jetzt
meinen Plan. Ich habe mir die Sache anders überlegt; wir wollen die Pferde nicht
in gerader Richtung nach der Insel schaffen, es wäre doch möglich, dass sie trotz
aller Schlauheit von unserer Seite auf der Spur blieben, und nachher brächten
wir nicht allein uns, sondern auch die Flussleute in Gefahr; wartet daher
oberhalb Hoswells' Canoe - etwa eine halbe Meile weiter oben, da wo der
Hurrikane anfängt, auf mich. Von dort aus habe ich einen Plan, wie wir die
Verfolger herrlich an der Nase herumführen und selbst sicher fort können. Ich
will sie nämlich auf eine falsche Fährte bringen, und das kann nur am Flusse
geschehen. Doch davon später, zuerst müssen wir sehen, wer sich morgen frei
jagt, und mit Einem von denen will ich dann Abrede nehmen.«
    »Wenn sie uns nun aber zu Atkins folgen und damit unsern letzten
Zufluchtsort entdecken?« frug Cotton misstrauisch.
    »Wir brauchen vielleicht gar nicht zu Atkins zu gehen,« rief lachend Rowson,
»ich habe lange genug im Walde gelebt, um ein paar kläffende Hunde von der
Fährte zu bringen. Bereinigt Euch nur jetzt darüber, wer noch mit mir gehen
soll; Ihr Anderen seid dann richtig an dem bezeichneten Platze, und mein Name
soll nicht Rowson sein, wenn ich mein Wort nicht löse.«
    »Das ist ein gewaltiger Schwur!« lachte Cotton, - »in wenigen Wochen gäbt
Ihr vielleicht Gott weiss was darum - wenn Euer Name nicht Rowson wäre. Nun, ich
habe wenigstens den Trost, dass ich nicht mehr riskire, als ihr Alle. Jetzt aber
noch den Schwur, einander in Not und Tod nicht zu verraten. - Ein Schuft, wer
nur mit einem Blick, nur mit einem Atemzug falsch ist, und die Rache der
Anderen treffe ihn, wo er sich auch hinflüchten mag, und sei's in den Armen
seiner Mutter.«
    »Blutigen Tod dem, der zum Verräter wird,« rief Weston, das breite Messer
aus der Scheide reissend, »und möge sein Arm und seine Zunge verdorren und sein
Auge erblinden!«
    »Das ist ein Kraftschwur,« sagte Johnson - »ich stimme aber mit ein!«
    »Auch ich,« sprach Rowson, »doch hoff' ich, der Schwur wird nicht nötig
sein, uns eng und fest zu verbinden; der eigene Nutzen tut es bis jetzt, und
der hält stärker als Schwur und Bürgschaft. Sollte sich das freilich einmal
ändern, dann will ich wünschen, dass ich - in Texas wäre!«
    »Ihr werdet doch nicht glauben, dass Einer von uns niederträchtig genug sein
könnte, die Freunde zu verraten?« fiel Weston, hitzig ein, »schon der Gedanke
wäre Verrat und Treubruch an unserer Freundschaft.«
    »Gut, gut, ich will's glauben, dass Ihr's es aufrichtig meint, Weston,« sagte
Rowson, ihm die Hand reichend, »Ihr seid aber noch jung, sehr jung, und wisst gar
nicht, in welche Lagen ein Mensch kommen kann.«
    »Die Tortur selbst sollte mir keine Antwort auspressen, die -«
    »Es freut mich, dass Ihr so denkt, doch jetzt good bye, Gentlemen - adieu,
Johnson - wo treffen wir uns denn morgen früh zur Jagd?«
    »Da, wo Setter's Creek aus den Hügeln kommt; es stehen dort auf einer
kleinen Erhöhung eine Menge Wallnussbäume zusammen -«
    »Ich kenne den Platz.«
    »Gut, dort also - bis dahin gute Geschäfte. - Macht's den armen Leuten nur
nicht gar zu rührend -«
    »Und der Wittwe,« rief ihm Cotton nach - Rowson hörte aber nicht weiter
darauf, sondern verschwand bald in dem den kleinen lichten Fleck eng
umschliessenden Dickicht, dessen Zweige sich wieder hinter ihm zusammenbogen.
    Cotton sah ihm eine lange Weile schweigend nach, endlich schulterte er, ohne
ein Wort weiter zu sagen, die Büchse und wollte sich ebenfalls entfernen.
    »Ihr traut Rowson nicht recht?« frug Johnson jetzt, ihn scharf betrachtend.
    Cotton blieb noch einmal stehen, blickte wenige Secunden lang forschend in
das Auge des Fragenden und sagte dann derb und entschieden:
    »Nein! - aufrichtig geantwortet, nein! Das schleichende Wesen, das selbst
bei den gröbsten Beleidigungen freundliche Gesicht kann kein Vertrauen erwecken.
Gift und Tod, der Bursche hasst Heatcott wie die Sünde - halt - das Gleichniss
war nicht gut gewählt - wie die Tugend, wäre hier besser am Platz, und doch sah
ich, wie sich die Beiden wieder versöhnten; d.h. Rowson ging zu Heatcott hinan,
schüttelte ihm die Hand und versicherte ihm, dass er weiter keinen Groll gegen
ihn hege. Lebendig will ich mich in Stücke hacken lassen, wenn mir das möglich
gewesen wäre. Mein Messer, aber nicht meine Hand hätte der Hund zu fühlen
bekommen. Doch meinetwegen, es gilt hierbei seinen eigenen Nutzen, und da glaub'
ich, dass er treu ist; auf keinen Fall brächt' es ihm Vorteil, uns zu verraten,
denn noch ist kein Preis auf meinen Kopf gesetzt. Hahaha, denken die
Tintenlecker, den Cotton im Walde zu fangen? Das möchte schwer halten und könnte
wahrhaftig auch nur durch Verrat geschehen.«
    »Ihr denkt zu schlimm von Rowson,« beruhigte ihn Johnson, »er hat natürlich
seine Fehler, nun die haben wir ja Alle, sonst ist er aber treu, und ich bin
fest überzeugt, die Regulatoren könnten ihn schinden, ehe sie ihm einen Namen
seiner Freunde über die Lippen pressten.«
    »Ja - dann müsste aber erst noch bewiesen werden, dass ich zu denen gehörte,«
lachte Cotton. - »Doch ade, Johnson - Ihr meint's gut, das weiss ich, und auf
Euch kann man auch einmal im Notfall rechnen - gehabt Euch wohl. Uebermorgen
früh finden wir uns hier wieder zusammen, und haben wir erst einmal ein paar
hundert Dollars in den Taschen, dann lebt sich's auch schon besser und sicherer.
Es gibt Manche hier unter den Ansiedlern, die jetzt das Maul auf eine
entsetzliche Art aufreissen und über Diebstahl und Sünde schreien, denen doch mit
einer einzigen Fünf-Dollar-Note die Lippen zusammengeheftet werden könnten, dass
sie sich nur noch zum freundlichsten Lächeln wieder öffneten. - Doch die Zeit
drängt - auf baldiges und frohes Wiedersehen.«
    Die Männer trennten sich jetzt, Cotton und Weston gingen zusammen dem Ufer
des Flusses zu, Johnson aber wandte sich in gerader nördlicher Richtung durch
die Büsche, überschritt die ausgehauene County-Strasse und verschwand in den
steilen, kieferbedeckten Hügeln.
    Der Versammlungsort der »Pferdehändler,« wie sie sich selbst nannten, lag
nun ruhig und verlassen in Sabbatstille da. - Wohl eine Viertelstunde wurde
diese auch durch nichts unterbrochen, als durch das einfache Schirpen des
Eichhorns und das muntere Geschrei des Hehers, als sich die Büsche wiederum,
ohne jedoch das geringste Geräusch zu verursachen, teilten und die dunkle
Gestalt eines Indianers den kaum verlassenen Platz betrat.
    Vorsichtig horchte er nach allen Seiten hin, ehe er den lichten Fleck
überschritt - gerade wie ein Hirsch, der, aus dem Waldesdunkel tretend, einen
Pfad zu kreuzen im Begriff ist, fast stets stehen bleibt und zuerst rechts und
links hinüberblickt, ob ihm keine Gefahr drohe - und glitt dann lautlosen
Schrittes, die Augen auf den Boden geheftet, darüber hin. Plötzlich aber, und
sehr wahrscheinlich durch die vielen Fussstapfen aufmerksam gemacht, blieb er
stehen und überschaute spähend den engen Raum. Besonders genau betrachtete er
den Platz, wo der Hund gelegen hatte, und umging dann in weiterem Kreise die
kleine Lichtung, als ob er die Spuren zählen wolle, die von hier fortführten.
    Er war eine kräftig schöne Gestalt, dieser rote Sohn des Landes, und das
dünne buntfarbige baumwollene Jagdhemd, das seinen Oberkörper bedeckte, konnte,
an vielen Stellen von Dornen zerrissen, nicht ganz die breiten Schultern und
sehnigen Arme verhüllen, die darunter hervorschauten. Dieses wurde um den Leib
durch einen ledernen Gürtel zusammengehalten, der zugleich einen kleinen
scharfen Tomahawk und, nach der Sitte der Weissen, ein breites Messer trug. Seine
Beine staken in dunkelgefärbten ledernen Leggins, mit dem wohl zwei Zoll breiten
Saum nach aussen, und um den Hals trug er eine grosse silberne Platte, schildartig
ausgeschnitten, auf der sehr einfach, aber nicht ungeschickt ein Renntier
graviert war. Sonst hatte er keinen Schmuck an sich, und selbst die Kugeltasche,
die an seiner rechten Seite hing, war aller Glasperlen und bunten Lederstreifen
bar, mit denen die Eingeborenen sonst so gern ihre Jagdgerätschaften schmücken.
Der Kopf war ebenfalls unbedeckt, und die langen schwarzen, glänzenden Haare
hingen ihm in Streifen an den Schläfen bis auf die Schultern hinunter. Seine
Büchse war eine der gewöhnlichen langen amerikanischen Reifel.1
    Mehrere Minuten lang hatte er seine Untersuchung fortgesetzt, dann richtete
er sich hoch auf, strich die vorgefallenen Haare aus der Stirn, warf noch einen
prüfenden Blick umher und verschwand auf der entgegengesetzten Seite von da, wo
er den Platz zuerst betreten hatte, im Dickicht.
 
                                    Fussnoten
1 Rifle von rifled, »gezogen«.
 
                                       2.
 Mehrere neue Personen erscheinen auf dem Schauplatz. Wunderbares Jagdabenteuer
                             des »kleinen Mannes«.
Auf der County-Strasse zogen an demselben Morgen, und kaum fünfhundert Schritt
von dem im vorigen Capitel beschriebenen Dickicht, zwei Reiter hin, die
augenscheinlich der besseren Farmerklasse des Landes angehörten. So sehr sie
übrigens in ihrem ganzen Wesen und Aussehen von einander abstachen, so sehr
schienen sie dagegen im Uebrigen zu harmonieren, denn sie unterhielten sich auf
das Beste mitsammen. Der junge schlanke Mann, auf einem braunen feurigen Pony,
das sich nur mit augenscheinlichem Unwillen und oft versuchter Widersetzlichkeit
dem langsamen Schritt fügte, in den es sein Herr zurückzügelte, lachte
wenigstens oft und laut über die Spässe und Bemerkungen, die ihm sein kleiner
wohlbeleibter Gefährte zum Besten gab.
    Dieser war ein Mann etwa in den Vierzigen, mit sehr vollem und sehr rotem
Gesicht und dem freundlichsten, gemütlichsten Ausdruck in den Zügen, der sich
nur möglicher Weise in eines Menschen Gesicht hineindenken lässt. Seine runde,
stattliche Gestalt entsprach dabei seiner Physiognomie auf eine höchst
liebenswürdige Weise, und die kleinen lebhaften grauen Augen blitzten so
fröhlich und gut gelaunt in die Welt hinein, als hätten sie in einem fort sagen
wollen: »Ich bin ungemein fidel, und wenn ich noch fideler wäre, wär's gar nicht
zum Aushalten.« Er war von Kopf bis zu Füssen, die schwarzen und spiegelblank
gewichsten Schuhe ausgenommen, in schneeweisses Baumwollenzeug gekleidet. Die
kleine baumwollene Jacke aber, die er trug, hätte er um alle Schätze der Welt
nicht mehr vorn zuknöpfen können, so war sie entweder in der Wäsche eingelaufen
oder, was wahrscheinlicher, so hatte sich sein runder Leib ausgebreitet und
»verburgemeistert«, wie er es selbst gern nannte. Ein hellgelber Strohhut
beschattete sein Gesicht, und ein hellgelbes dünnes Halstuch hielt seinen
offenen Hemdkragen vorn zusammen, zwischen dem ein Teil der breiten,
sonnverbrannten Brust sichtbar wurde. Nicht ohne etwas Stolz oder wenigstens
Eitelkeit zu verraten, lugte dabei der Zipfel eines brennend roten
Taschentuches aus der rechten Beinkleidertasche, die wohl geräumig genug gewesen
wäre, ein halbes Dutzend derselben zu verbergen.
    Sein Begleiter war ein junger, stattlicher Mann mit freiem, offenem Blick
und dunklen, feurigen Augen. Seine Tracht ähnelte der der übrigen Farmer im
Westen Amerikas und bestand aus einem blauwollenen Frack, eben solchen
Beinkleidern und einer schwarzgestreiften, aus demselben Stoff verfertigten
Weste. Den Kopf bedeckte ein schwarzer, ziemlich abgetragener Filzhut, und in
der Hand hielt er eine schwere lederne Reitpeitsche. Schuhe trug er jedoch
nicht, sondern nach der indianischen Sitte sauber, aber einfach gearbeitete
Mokassins, und dies sowohl wie der nicht unruhige, aber fortwährend
umherschweifende und auf Alles achtende Blick verriet den Jäger. Uebrigens
führte er keine Büchse bei sich, so wenig wie sein Begleiter.
    »Ein verfluchter Kerl, mein Bruder,« lachte der Kleine, in irgend einer
begonnenen Erzählung fortfahrend - »und eine Wut hatte er, alte Sachen zu
kaufen, rein zum Rasendwerden! Wie ich vorigen Herbst in Cincinnati war, klagte
mir seine Frau ihre Not: das ganze Haus stand voll alter Möbel und Hausgeräte
und Kochgeschirre, von dem sie nicht den zehnten Teil gebrauchen konnte, und
alle Abende lief trotzdem der Sappermenter noch auf den Auctionen herum, um
Alles, was nur irgend billig war, aufzukaufen. Was er einmal hatte, sah er
nachher nicht wieder an. Da gab ich denn meiner Schwägerin den Rat, sie solle
einen Teil des Plunders heimlich auf eben diese Auktionen schaffen lassen, um
es nur los zu werden, das Geld könne sie nachher hinlegen und später einmal
etwas Nützliches dafür anschaffen. Der Plan war gut, ich bestellte einen
Karrenführer, besorgte, als mein Bruder Nachmittags im Geschäft war, die ganze
Bescherung selber hinunter nach Frontstreet, und ehe es dunkel wurde, war alles
aus dem Haus. Meiner Schwägerin fiel ein Stein vom Herzen, und als ihr Mann
Abends halb zehn Uhr, zu seiner gewöhnlichen Stunde, höchst aufgeräumt heimkam,
machte sie uns noch einen capitalen Punsch. - Apropos, Bill, Punsch müssen wir
uns einmal hier brauen, das verwünschte Volk in dieser Gegend gehört fast
sämmtlich zum Mässigkeitsverein. Also - wo war ich doch stehen geblieben, ja,
beim Punsch. Bei dem Punsch blieben wir bis elf Uhr zusammen sitzen, und mein
Bruder erzählte eine Schnurre nach der andern; konnte merkwürdige Schnurren
erzählen, mein Bruder! Ich fragte ihn ein paar Mal, weshalb er so lustig sei, er
wollte aber nicht mit der Sprache heraus; geht am nächsten Morgen wieder um
sechs Uhr fort, und denke Dir, was bringt er auf drei Wagen nach Haus? den
ganzen Plunder, den ich am Abend vorher fortgeschaft hatte. Kein Stück fehlte,
und dabei prahlte er, was er für einen unmenschlich guten Handel gemacht hätte.«
    »Nicht übel, Onkel,« lächelte der junge Mann, ihm einen schnellen
Seitenblick zuwerfend, »vortrefflich sogar - wenn es wahr wäre.«
    »Ei Du Sapperments-Junge, hab' ich Dir schon jemals etwas vorgelogen? Nie!
Wenn ich Dir übrigens künftig eine Tatsache erzähle, so brauchst Du nicht zu
feixen und das Maul von einem Ohr zum andern zu ziehen; hörst Du, Musjö?«
    »Aber, bester Onkel, Sie müssen mir das nicht so übel nehmen. Wenn Sie
anfangen, freu' ich mich immer schon auf's Ende, denn gewöhnlich ist etwas
Komisches dabei - und da mag ich dann wohl manchmal ein wenig zu früh lachen -«
    »Komisches? da hör' Einer den Laffen an. Ich erzähle nie komische
Geschichten - hast Du schon je eine komische Geschichte von mir gehört? Ernst
war das Berichtete, bitterer, trauriger Ernst; mein Bruder wird sich auch noch
mit der verdammten Leidenschaft zu Grunde richten - er muss sich ruinieren.«
    »Ihr Bruder soll doch aber ein sehr gewandter Geschäftsmann sein, und wenn
er in dieser Hinsicht auch eine freilich etwas sonderbare Liebhaberei hat, so
bringt er das sicherlich auf andere Art zehnfach wieder ein.«
    »Gewandter Geschäftsmann? Gott segne Dich, Junge - es gibt keinen
pfiffigeren Kaufmann, als mein Bruder ist; nur zu pfiffig manchmal, nur zu
pfiffig! - Ich weiss die Zeit noch recht gut, wo wir zusammen in Kentucky jagten,
und wie er die Krämer immer über's Ohr hieb mit alten Opossum-Fellen, denen er
Waschbärenschwänze annähte und sie nachher für Schuppenfelle verkaufte. Manches
Quart Whisky haben wir auf die Art zusammen vertrunken. - Aber einen Streich muss
ich Dir doch erzählen, den er mir einmal am Cane-See spielte. Wir ruderten
zusammen in einem alten Canoe auf dem See herum, teils um Fische zu
harpunieren, teils um Hirsche zu schiessen, die des kühlen Tranks wegen an den
Wasserrand kamen. Es war merkwürdig heiss und die Sonne brannte auf eine
sträfliche Art; um's mir daher bequemer zu machen, wollt' ich mein Jagdhemd
ausziehen. Wie ich aber mein Pulverhorn vorher abnehme (ein capitales hörnernes
Pulverhorn mit luftdichtem Stöpsel), bleib' ich mit dem Finger in der Schnur
hängen, und wie der Blitz rutscht's über Bord und hinunter in's Wasser.
    Da sass ich. Der See war klar wie Krystall, und obgleich er etwa fünfzehn Fuss
tief sein mochte, so konnt' ich das Horn unten so deutlich liegen sehen, als ob
ich's mit den Händen zu ergreifen vermöchte. George war nun immer ein
merkwürdiger Springer, Läufer und auch Schwimmer und Taucher gewesen; als er
daher meine Verlegenheit bemerkte, erbot er sich unterzutauchen und sprang auch
ohne weitere Umstände über Bord. Pulver war damals in der Gegend unmenschlich
teuer und überdies schwer zu bekommen. Als er auf den Grund und in den weichen
Schlamm kam, wurde das Wasser ein wenig trübe, und er musste einen Augenblick
warten, bis es wieder klar wurde. Ich zog indessen mein Jagdhemd aus und setzte
mich darauf; wie er mir aber doch endlich zu lange da unten blieb und ich ein
wenig ängstlich über Bord hinuntersah - was meinst Du, was er da machte - heh?«
    »Ja, ich weiss wahrhaftig nicht, was Einer in solcher Lage anders machen
könnte, als den Versuch, so schnell als möglich wieder an die Oberfläche zu
kommen.«
    »Fehlgeschlagen!« rief der Alte und hielt in der Erregung des Augenblicks,
wie von der Erinnerung überwältigt, sein Pony einen Augenblick an,
»fehlgeschossen! - Unten stand er - ruhig, als wenn er sich auf ebener Erde
befände, und bog sich vorn über, dass ich nicht sehen sollte, was er machte, ich
sah's aber gut genug. - Der Spitzbube liess mein Pulver heimlich in sein eigenes
Horn laufen, und wie er nachher wieder heraufkam, war mein Horn halb leer. -
Nun, Du brauchst nicht zu lachen, als ob Du vom Pferde fallen wolltest. - Das
ist am Ende auch nicht wahr? - Hat Dir Dein alter Onkel schon jemals eine Lüge
erzählt? - heh?«
    »Nein, Onkel Ben, seien Sie nicht böse, ich glaube jede Silbe; aber - ha -
sehen Sie das Rote dort? - da drüben - hinter der umgestürzten Fichte hin -
gerade dort zwischen dem Maulbeerbaum und der Eiche hindurch?«
    »Wo denn? ach da - ja, das ist ein Hirsch fischer genug; wenn Assowaum mit
seiner Büchse hier wäre, könnt' er ihn bequem schiessen; hinter den Bäumen hin
liess er Einen sicher bis auf fünfzig, sechzig Schritt herankommen.«
    »Wo nur Assowaum überhaupt bleibt?« sagte der junge Mann jetzt, sich etwas
ungeduldig im Sattel aufrichtend und auf die Strasse zurückschauend, als ob er
dort die Gestalt des Indianers zu sehen erwartete; »er schlich auf einmal in den
Wald hinein, und ich glaubte, er sähe ein Stück Wild, weiss aber der liebe Gott,
was ihn wieder abgeführt hat. - Welch' herrlichen Schuss er von hier aus hätte,«
fuhr er jetzt mit etwas unterdrückter Stimme fort, »ich wollte, ich hätte meine
Büchse mitgenommen.«
    »Roberts würden Dich schön bewillkommt haben, wenn Du ihnen am Sabbat mit
dem Schiesseisen gekommen wärst; will's die Frau doch nicht einmal von dem
Indianer leiden, und dem - aber hol' mich Dieser und Jener - das Ding ist
ordentlich zahm - es muss uns gar nicht hören.«
    Die beiden Männer waren indessen, die Strasse ruhig hinaufreitend, dem Hirsch
sehr nahe gekommen. Dieser stand in einer der unzähligen Salzlecken, die sich an
beiden Ufern des Fourche la fave, besonders reichhaltig aber am nördlichen
finden, und schien keine Ahnung von einer nahenden Gefahr zu haben. Einmal hob
er zwar den Kopf, das mochte aber mehr sein, um Atem zu schöpfen, als weil er
irgend etwas Aussergewöhnliches fürchtete. Die Männer sahen nämlich, dass er in
einem tiefen, in dem Lehmufer des kleinen Baches befindlichen Loch geleckt
hatte, das durch häufigen Gebrauch von Pferden, Kühen, insbesondere aber
Hirschen, ausgehöhlt worden. Wenige Secunden blieb er in dieser Stellung und
peitschte, den Rücken unseren beiden Freunden zugewandt, mehrere Male mit dem
Wedel die ihn umschwärmenden Fliegen fort, dann aber bog er sich wieder nieder,
um auf's neue den Salzgeschmack des fetten Erdbodens zu geniessen. Er hatte erst
frisch aufgesetzt. Das kaum vier Zoll lange Gehörn hinderte ihn deshalb nicht
sehr in der Verfolgung seines Zweckes, so dass er bald darauf den Kopf, ihn
seitwärts herumbiegend, wieder in die Höhlung hineinschob, um mit der langen
Zunge die salzigsten Teile aus dem Innern herauszuholen.
    »Wo nur der Indianer stecken mag, Bill!« sagte jetzt Harper leise und mit
schlecht verhehlter Jagdlust; »ich glaube, man könnte sich bis auf fünf Schritt
an das dumme Ding heranschleichen, es merkt' es nicht. - Ach, Bill, wie ich jung
war da hättest Du mich sollen schleichen sehen, ich bin einmal, -«
    »Wenn Sie sich hinter der Hickorywurzel hielten, Onkel, ich glaube, es
ginge,« flüsterte ihm lächelnd der junge Mann zu.
    »Unsinn, Junge! Glaubst Du, ich will mit meinen alten Knochen Sonntags im
Walde herumkriechen, unschuldiges Viehzeug erschrecken? ich denke nicht dran.« -
Trotz der abweisenden Worte war Harper aber doch vom Pferde gestiegen, das
geduldig und regungslos stehen blieb, und auf den Zehen schlich jetzt der kleine
dicke, weissgekleidete Mann mit immer röter werdendem Gesicht, die Wurzel eines
umgestürzten Baumen zwischen sich und dem Wild haltend, auf dasselbe zu.
Augenscheinlich nur in der Absicht, seinen Spass an den gewaltigen Sätzen des
Tieres zu haben, wenn dieses ihn endlich, und so ganz in der Nähe, wittern
würde. Dieses schien ihn aber nicht zu wittern, da er gerade gegen den Wind
stand, denn wieder hob er den Kopf, streckte sich einen Augenblick und begann
seine leckere Mahlzeit auf's Neue.
    William Brown, oder Bill, wie ihn sein Onkel der Kürze wegen nannte, fing
jetzt selbst an, sich für den Gegenstand zu interessiren, denn unbeweglich auf
seinem Pferde sitzen bleibend, um auch das geringste Geräusch zu vermeiden,
schaute er mit gespannter Aufmerksamkeit dem Vorrücken seines Onkels zu, der in
diesem Augenblick zu der Wurzel kam und sich jetzt in kaum zehn Schritt
Entfernung vom Hirsch befand. Hier blieb er einen Moment stehen und sah nach
seinem Neffen zurück, verzog aber das Gesicht dabei zu einem wunderkomischen
Grinsen, als wenn er hätte sagen wollen: »Na, Bill, bin ich nicht ein
verfluchter Kerl?« Hier zögerte er jedoch wenige Secunden, denn entweder war er
selbst über die unbegreifliche Sorglosigkeit des jungen Hirsches erstaunt, oder
er scheute sich auch wohl, mit seinen reinen Schuhen weiter vorzutreten, da dort
die wirkliche sogenannte »Lick« oder Salzlecke begann, und der kleine Bach, der
durch den weichen Lehmboden rieselte, von unzähligen Wildfährten und Viehspuren
zu einem weichen Schlamm zusammengetreten war. Die alte Jagdlust überwog jedoch
zuletzt jede andere Bedenklichkeit, denn jetzt schien sich ihm zum ersten Mal
die Möglichkeit aufzudringen, dass er das Wild wirklich ergreifen könnte, und
ohne sich weiter zu besinnen, trat er leise und vorsichtig in den flüssigen
Brei, den Glanz seiner wohlgeschwärzten Sonntagsschuhe auf eine wahrhaft
unverantwortliche Weise vernichtend. Näher und näher kam er dem Tier, Brown hob
sich, atemlos vor gespannter Erwartung, im Sattel in die Höhe, und das Herz des
alten Mannes schlug, wie er später wohl hundertmal erzählte, so laut, dass er mit
jedem Augenblick fürchtete, der Hirsch müsste ihn hören. Da hob dieser den Kopf;
ehe er aber nur, über die Nähe des weissscheinenden Gegenstandes erschreckt, mit
einer Muskel zucken konnte, warf sich Harper auch, Sabbat und Sabbatkleider
vergessend, vorwärts und ergriff ihn gerade in demselben Augenblick mit beiden
Händen an den Hinterläufen, als sich das zum Tod entsetzte Tier auf diesen in
die Höhe hob, um mit einem Sprung der gefährlichen Nachbarschaft zu entgehen. -
Es war zu spät, der alte Mann hing wie mit eisernen Klammern an dem seinem
Geschick verfallenen Tier. Vorwärts riss ihn aber die verzweifelten
Kraftanstrengung des also Gefangenen. In voller Länge hineingezogen in die
lehmige Masse, schleifte es ihn in seinem letzten Sträuben, und vergebens hob
er, so weit es ihm der kurze dicke Nacken erlaubte, den Kopf, um diesen
wenigstens dem Schlammbad zu entziehen. Hochauf spritzte die dünne Masse, als
er, einem Schiff gleich, das von Stapel gelassen wird, hineintauchte.
    »Haltet fest,« schrie Brown, hoch aufjauchzend und seinen gewöhnlichen
Jagdschrei ausstossend - »haltet fest, Onkel - hurrah für den alten Burschen, das
nenne ich eine Jagd!«
    Der Zuruf war aber keineswegs nötig, denn nichts fiel dem alten Mann
weniger ein, als jetzt loszulassen, wo er nicht allein seinen ganzen
Sonntagsstaat, sondern sogar sich selbst total preisgegeben hatte. Um Hülfe zu
rufen durfte er freilich nicht wagen, denn unter diesen Verhältnissen den Mund
aufzumachen, hätte mit höchst unangenehmen Folgen verknüpft sein können, aber
fest hielt er, als ob seiner Seele Heil daran hinge. Gewiss lag in diesem
Augenblick der Ausdruck eiserner Willenskraft und Entschlossenheit in seinen
Zügen, als er mit fest zugekniffenen Augen ruckweise durch die Salzlecke gezogen
wurde, doch hatte ihm die vaterländische Erde die ganze Physiognomie mit einer
solchen Kruste überzogen, dass an Erkennung irgend eines Ausdrucks gar nicht zu
denken war.
    Brown sprang zwar schnell zu seiner Hilfe herbei, der Anblick war aber so
komisch, dass er sich am Rande der Lick in's Laub niederwarf und so krampfhaft
lachte, dass ihm die grossen Tränen an den Backen herunterliefen, und er sich
wohl eine Minute lang nicht erholen konnte. Wie er aber endlich wieder
emporsprang, hörte er den scharfen Krach einer Büchse, zum letzten Mal zuckte
das schwer getroffene Tier im Todeskampfe empor und stürzte dann, die
gefesselten Läufe dem Griffe des alten Mannes entreissend, verendend in den
Schlamm zurück.
    Den Knall der Büchse hatte Harper aber gehört, und sich aufraffend, rief er
mit wilder Stimme: »Wer hat geschossen?« wobei er sich, da er die Augen nicht
öffnen konnte, nach der falschen Seite, auf der Niemand stand, wandte und
dadurch Brown's Lachlust auf's Neue unwiderstehlich erregte.
    Der verborgene Schütze liess jedoch nicht lange auf sich warten, denn aus
einem kleinen Sassafrasdickicht trat der Indianer und stiess, als er die traurige
Gestalt des sonst so ernsten und ehrbaren Mannes erblickte, wie er mit
weitgespreizten Fingern und geschlossenen Augen dastand, in komischer
Verwunderung ein lautes »Wah!« aus.
    »Bill - Bill - verfluchter Junge - Bill - komm her und führ' mich an die
Quelle. Donnerwetter, soll ich denn hier den ganzen Tag stehen bleiben, bis der
Lehm so hart wird, dass ihn kein Teufel wieder abkratzen kann? Bill, sag' ich -
Schurke, willst Du Deinen alten Onkel hier im Stiche lassen?«
    Bill brauchte aber wirklich erst einige Sekunden, bis er sich sammeln
konnte, dann trat er an das äusserste Ende des weichen Schlammes und reichte dem
armen kleinen Mann einen gerade dort liegenden trockenen Zweig hinüber, den
dieser auch gar schnell ergriff, und von seinem gehorsamen Neffen gleich darauf
an den Bach geführt wurde, wo er sich vor allen Dingen die Augen auswusch, um
sehen zu können, was um ihn her vorgehe.
    Das Erste, was seinem Blick begegnete, war die Gestalt des Indianers, der,
ohne weiter eine Miene zu verziehen, seine Büchse wieder lud.
    »So, Mr. Rotfell - also Ihr glaubt, ich krieche Sonntag Morgens im Schlamm
herum und halte Euch die Hirsche bei den Hinterläufen, bis es Euch gefällig ist,
näher zu treten und sie nach Bequemlichkeit niederzuschiessen, he? Wenn ich einen
Hirsch mit Lebensgefahr lebendig fange, habt Ihr dann ein Recht, ihn todt zu
schiessen? Warum geht Ihr denn nicht auch nach meinem Hause und schiesst Kühe und
Schweine über den Haufen?«
    »Aber, Onkel, wir kommen zu spät in die Kirche!«
    »Die Kirche mag zum - glaubst Du, ich ginge in einem solchen Aufzug in die
Kirche? - Nein, dieser Rothaut will ich erst noch ordentlich meine Meinung
geigen. Ist das Sitte, sich leise und nach der verdammten indianischen Art an
einen Gentleman hinanzuschleichen und ihm das Wild aus den Händen
herauszuschiessen?«
    »Aber, Onkel, Sie hätten den Hirsch ja keine zwei Secunden länger halten
können!«
    »Keine zwei Secunden länger? und was weiss denn der Gelbschnabel davon, wie
lange ich ihn hätte halten können? Hat mein Bruder doch einmal einen Bären eine
ganze Nacht hindurch -«
    »Lebendig wollten Sie sich den Hirsch doch nicht aufheben?« unterbrach ihn
der Neffe, der nicht mit Unrecht eine der langen Geschichten befürchtete.
    »Und warum nicht? - Hab' ich nicht eine Fenz, die hoch genug ist, ein Rudel
Hirsche drin zu halten, und geht das die Rotjacke etwas an, was ich mit meinem
Eigentum zu tun beabsichtige? Nun, was gibt's dabei zu grinsen? eh?«
    Der Indianer, gegen den alle diese zornigen Redensarten geschleudert wurden,
war indessen ruhig, und ohne ein Wort zu erwidern, mit dem Laden der Büchse
beschäftigt gewesen, die er zuerst etwas ausgewischt und gereinigt hatte. dabei
verzog sich aber sein Gesicht zu einem breiten, freundlichen Lächeln, das zwei
Reihen blendend weisser Zähne sehen liess, und er erwiderte in gebrochenem
Englisch:
    »Mein Vater ist sehr stark, aber ein Hirsch ist schnell, und einmal aus den
Händen des weissen Mannes, würde er nie wieder seine Fährten in den weichen Boden
des Fourche la fave gedrückt haben. Mein Vater wollte Fleisch - hier ist es.«
    »Der Teufel ist Dein Vater,« brummte Harper vor sich hin; »wenn ich das
Fleisch Jemandem zu verdanken habe, so ist's diesen beiden Knochen,« und er
zeigte dabei seine kräftigen Arme. »Aber nicht wahr, Junge!« fuhr er in der
Erinnerung an seine Heldentat wieder freundlich werdend, fort, »nicht wahr, das
macht mir so leicht Keiner nach? Ein Glück ist's übrigens, dass Ihr Beiden es
gesehen habt, denn hol' mich Dieser und Jener, wenn Roberts mir allein ein Wort
davon geglaubt hätten. Schändliches Volk das, als ob ich jemals eine Lüge
erzählte! Aber da feixen sie und feixen und sehen sich einander an, und stossen
sich in die Rippen, als wenn sie in einem fort sagen wollten: Du - das ist
wieder einmal eine göttliche Geschichte. Doch jetzt muss ich mich waschen, das
Zeug wird sonst trocken -«
    »Wir werden zu spät zur Predigt kommen,« sagte Brown, etwas ungeduldig nach
der Sonne sehend.
    »Oh geh mit Deiner Predigt, wohin Du willst - was liegt daran, den
Schleicher, den Rowson, predigen zu hören! So gut kann ich's auch, und was des
Burschen Frömmigkeit -«
    »Wollen Sie denn erst wieder nach Hause reiten?«
    »Versteht sich - geh nur immer voran, ich komme schon noch zur rechten
Zeit.«
    »Was wird aber mit dem Wildpret?«
    »Was mit dem Wildbret wird, Musjö Naseweis? Das ist sehr leicht zu sagen,
das marschiert auf meinem Pony in meine Küche, ich denke, ich hätt' es redlich
genug verdient; - so, Assowaum, das ist recht« - wandte er sich jetzt an den
Indianer, der das erlegte Wild an dem kurzen Gehörn hinab zum Bache zog, um den
dicken Lehm davon abzuspülen - »wasch ihn ab, dass ihn ein ehrbarer
Christenmensch mit Anstand auf's Pferd nehmen kann; aber hallo - was ist das,
Mr. Skalpiermesser - was zum Henker machst Du?«
    Der Ausruf bezog sich auf das Beginnen des Indianers, der mit grösster
Kaltblütigkeit den Hirsch aufbrach und anfing, eine Keule abzustreifen. »Ich
will das Fell nicht herunter haben, hörst Du? - Der Kerl ist taub.«
    Assowaum liess sich aber nicht irre machen, sondern löste höchst ruhig und
gelassen eine Keule aus dem Wildbret, hing sich diese mit einem Streifen
Hickoryrinde über die Schulter und erwiderte erst dann ganz ruhig:
    »Der weisse Mann ist allein in seinem Wigwam, und Assowaum ist hungrig.«
    »O! Nimm meinetwegen die Hälfte vom Wildbret. Ich werde ja aber ganz
blutig.«
    »Aber nicht mehr schmutzig,« antwortete der Indianer lakonisch, nahm seine
Büchse wieder auf die Schulter und schritt schnell die Strasse hinauf, den beiden
Männern die weitere Sorge für ihr Wild überlassend. Brown half seinem Onkel den
angebrochenen Hirsch auf's Pferd heben, der sich dann dahinter in den Sattel
schwang und, bald wieder guter Laune, seinen Neffen nun vor allen Dingen
beschwor, die Geschichte bei Roberts nicht eher zu erzählen, als bis er selbst
nachkäme. Er wolle nur schnell nach Hause reiten und seine Kleider wechseln, und
bliebe nicht lange. Brown versprach ihm das und trabte schnell hinter dem
Indianer her, der durch den Aufentalt des jungen Mannes einen grossten Vorsprung
gewonnen hatte.
 
                                       3.
         Der Indianer und der Metodist. - Die Einladung zur Hochzeit.
Assowaum, der befiederte Pfeil, gehörte zu einem der nördlichen Stämme Missouris
und war vor mehreren Jahren, da das Wild immer seltener in den dichter und
dichter bevölkerten Jagdgründen der Seinigen wurde, mit den beiden Weissen,
Harper und Brown, bekannt geworden und nach dem Süden gewandert. Aber nicht des
Wildes wegen allein hätte er seinen Stamm verlassen, sondern er war auch
gezwungen worden, der Rache seiner Feinde zu entgehen, da er einen Häuptling
erschlagen, der, von dem Feuerwasser der Europäer berauscht, seine Squaw
überfallen, während ihr Hilferuf den Retter und Rächer herbeirief. Mit dieser
hatte er sich jetzt unfern von Harper's Wohnung einen kleinen Wigwam erbaut und
lebte von der Jagd. Sein Weib aber flocht aus dem schlanken Schilf, das in den
Niederungen des Südens wächst, zierliche Körbe, und aus der geschmeidigen Rinde
des Papaobaumes weiche Matten, die Assowaum dann, mit seinen Fellen, den Fluss
hinunter nach Little Rock schaffte und an die Handelsleute der noch jungen Stadt
gegen Pulver und Blei oder sonstige Lebensbedürfnisse, auch wohl, aber freilich
sehr selten, gegen baares Geld eintauschte.
    Hier nun war sein Weib von dem Metodistenprediger oder sogenannten »Circuit
Rider« (da er abwechselnd fast in allen Ansiedlungen dieses wie des benachbarten
County predigte) zur christlichen Religion bekehrt worden. An Assowaum dagegen
scheiterten alle derartigen Versuche, und vergebens bemühte sich Rowson
fortwährend, den Verstockten, wie er ihn nannte, dem Glauben seiner Väter
abwendig zu machen und den Armen der »alleinseligmachenden Kirche« der
Metodisten zuzuführen. Der Indianer beharrte darauf, in jenem sterben zu
wollen, und liess sich durch all' die Ermahnungen und Drohungen des fanatischen
Priesters nicht irre machen.
    Alapaha, die Squaw1 Assowaum's, war schon am frühen Morgen zur Ansiedlung
des weissen Mannes aufgebrochen, um dort den Geistlichen predigen zu hören, und
Assowaum selbst folgte ihr jetzt dahin, teils um sie von dort abzuholen, teils
um eine Partie Otterfelle nach seinem Wigwam mitzunehmen, die er vor mehreren
Wochen in der dortigen Gegend erbeutet und in Roberts' Haus aufbewahrt hatte.
Der grösste Teil der Ansiedler war übrigens den beiden Indianern freundlich
gesinnt, denn sie betrugen sich ordentlich und waren gefällig, wo sie nur
Jemandem einen Dienst leisten konnten. Doch blieb der Krieger stets viel ernster
und zurückhaltender als sein Weib, das sich gern mit den Kindern beschäftigte
und ihrer tollen Spiele nie müde zu werden schien.
    »Bist Du schon je einer solchen Figur begegnet, wie sie mein Onkel eben
darstellte?« frug der junge Mann lachend, als er den Indianer endlich einholte.
    »Sah aus wie eine Schlammschildkröte,« grinste dieser, »nur noch viel
schmutziger. - Der alte Mann wird eine grosse Geschichte erzählen, wenn er zu den
Hütten der Freunde kommt.«
    »Ob der eine grosse Geschichte erzählen wird! Sonderbar war's aber doch, dass
er das Tier so lange halten konnte; ich würd's ihm selbst nicht glauben, wenn
ich's nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.«
    »Seine Knochen sind eisern,« erwiderte Assowaum. »Aber der Hirsch ist auch
stark, und wäre Assowaum eine Minute später gekommen, so fand er weiter kein
Fleisch in der Salzlecke, als den kleinen Mann.«
    »Mag sein; das bestreitet er jedoch gewaltig, er schwört jetzt sicherlich
darauf, dass er den Hirsch hätte die ganze Nacht halten können.«
    »Der alte Mann hat dicke Worte,« sagte der Wilde.
    »Kennst Du den alten Bahrens, der kürzlich das kleine Haus am Petite-Jeanne
gebaut hat?«
    Der Wilde lächelte und sah seinen Begleiter von der Seite an.
    »Hast Du schon mit ihm gesprochen?« frug dieser.
    »Er erzählt von seinen Jagden an der Bai de view und am Cashriver - neunzehn
Hirsche hat er an einem Tag geschossen, und die kleinste Haut wog elf Pfund,
getrocknet, ohne den Pelt.«2
    »Ja, er ist stark in solchen Sachen,« lachte Brown lachend, »ich möchte
Onkel und Bahrens einmal zusammen sehen.«
    »Ich auch,« sagte Assowaum, dem der Gedanke sehr wohl zu tun schien.
Schweigend zogen die beiden Männer jetzt, ohne irgend Jemandem weiter zu
begegnen, auf der breiten Strasse fort, bis ihnen aus der Ferne die langgezogenen
schrillen Töne eines geistlichen Liedes entgegenschallten. Diesen lauschte der
Indianer erst einige Sekunden lang mit gespannter Aufmerksamkeit, dann aber
schritt er wieder ruhig weiter, indem er nur sagte:
    »Der blasse Mann« (so nannte er Rowson seiner auffallend bleichen
Gesichtsfarbe wegen) »hat eine sehr laute Stimme; er ist wie ein junger Wolf. -
Die alten mögen noch so gut heulen - Du hörst stets den jungen.«
    »Du kannst den Priester nicht leiden Assowaum?«
    »Nein - Alapaha liebte den Grossen Geist - sie betete zu dem Manitou, der
ihre Väter beschützt hatte, und war ein folgsames Weib. Sie kreuzte nie
Assowaum's Pfad, wenn er auf die Jagd ging, und zog sie in der ersten dunkeln
Nacht ihre Matchecota3 um das frischgepflanzte Mondámiefeld (Mais), so mieden es
die Würmer und Raubtiere, und die Frucht war gesegnet. Alapaha lacht jetzt über
den grossen Geist Assowaum's, und das Wild weicht aus seinem Pfade, wenn er in
den Wald geht.«
    Der Indianer schien nicht weiter zum Reden aufgelegt. Er schritt schweigend
und schnell vorwärts, bis sie an die äussere Fenz von Roberts' Farm kamen. Von
hier aus lief ein breiter Weg, zwischen zwei Maisfeldern hinführend, nach dem
Hauptgebäude zu, aus dem jetzt klar und deutlich der schon lange gehörte Gesang
heraustönte. William Brown hing, am Hause angekommen, den Zügel seines Pferdes
über eine Fenzstange und trat in das Zimmer, wo sich die Andächtigen versammelt
hatten.
    Der Gesang war eben beendigt, und sämtliche Zuhörer lagen, den Rücken dem
Prediger zugekehrt und sich auf die Sessel ihrer Stühle stützend, auf den
Knieen. Rowson aber, dem wir schon früher unter ganz anderen Verhältnissen im
Walde begegneten, stand aufrecht in der Mitte und sprach mit andächtig
geschlossenen Augen und scharfer, abstossender Stimme ein lautes Gebet, worin er
die entsetzliche Sündhaftigkeit der Gegenwärtigen dem Allmächtigen an's Herz
legte und nicht um die so reichlich verdiente Strafe, sondern um Gnade und
Erbarmen bat.
    Brown, der einer anderen Sekte angehörte und sich zu dem Knieen nicht
verstehen wollte, blieb mit gefalteten Händen und andächtig zuhörend auf der
Schwelle der Tür stehen, trat aber nicht näher. Vergebens winkte ihm Rowson
mehrere Male freundlich zu, den Platz an seiner Seite einzunehmen; er schien es
nicht zu beachten und starrte schweigend vor sich nieder. Endlich schloss jener
sein Gebet, Alle standen auf, und der Gottesdienst war beendet.
    Brown begrüsste jetzt mehrere der Anwesenden, mit denen er bekannt war und
die sich aus der ganzen Nachbarschaft hier zusammengefunden hatten.
    »Sie sind recht spät gekommen, Mr. Brown,« sagte Marion Roberts, des alten
Roberts liebliches Töchterlein, und seit sechs Monaten die verlobte Braut des
frommen Predigers Rowson.
    »Haben Sie mich vermisst, Miss Roberts? - Dann bedaure ich freilich, den
grössten Teil des Gottesdienstes versäumt zu haben.«
    »Aber, Mr. Brown, das ist nicht schön gesprochen. Ich habe eine zu gute
Meinung von Ihnen, als dass ich glauben sollte, Sie wohnten nicht der Sache
selbst wegen so heiliger Handlung bei,« sagte Marion.
    »Ich bin nicht Metodist.«
    »Und schadet das etwas? Sind wir nicht alle Christen?«
    »Ihr Bräutigam denkt darüber anders.« Brown betonte das Wort »Bräutigam«
besonders und schaute dem schönen Mädchen dabei forschend in's Auge. Dieses aber
vermied seinen Blick und erwiderte:
    »Er mag wohl auch manchmal ein wenig zu strenge Ansichten haben; ich meines
Teils denke darüber viel milder und - Vater ebenfalls. Mutter ist freilich sehr
streng, besonders in dieser Hinsicht. Mutter und Mr. Rowson haben überhaupt sehr
ähnliche Ansichten.«
    »Diesmal lag auch die Schuld nicht an mir, mein Fräulein, ich war zeitig
genug auf dem Wege - aber mein Onkel - ein Zufall hielt ihn auf, und er musste
wieder nach Hause.«
    »Er ist doch nicht krank geworden?« fragte schnell und ängstlich Marion.
    »Herzlichen Dank für die Teilnahme, mit der Sie sich für ihn
interessieren,« erwiderte der junge Mann treuherzig - »es wird dem alten Onkel
wohl tun, wenn er es erfährt. Er hält sehr viel von Ihnen.«
    Marion errötete über die etwas zu lebhafte Frage und sagte ausweichend:
    »Warum kam er aber nicht mit Ihnen?«
    »Es war ein Abenteuer,« lächelte Brown, »das er mir verboten hat zu
erzählen, da er es selbst mitteilen will. Sie kennen seine Leidenschaft für
Erzählungen.«
    »Oh ich freue mich schon darauf,« rief Marion, in die Hände klatschend, »das
wird herrlich!«
    »Und darf man wissen, was herrlich werden wird?« frug Mr. Rowson
hinzutretend und den jungen Mann freundlich grüssend.
    »Ein Spass, der meinem Onkel passierte, oder vielmehr eine Heldentat, die er
ausübte und -«
    »Haben Sie es auch selber gesehen?« fragte Marion lächelnd, »Sie wissen, Ihr
guter Onkel -«
    »Aber, Marion,« warnte ernst ermahnend Rowson, »ist es recht, Dich so kurz
nachdem Du Deinem Gott gedient, mit irdischen, profanen Gegenständen zu
beschäftigen? Es würde Deiner Mutter sehr leid tun, wenn sie das hören müsste.«
    »Mr. Rowson,« sagte Brown, in dem unangenehmen Gefühl, Zeuge eines Tadels zu
sein, der das Blut stärker als je in die Wangen des Mädchens trieb, »Sie sind
der Bräutigam von Miss Roberts und der Prediger dieses County, haben also ein
doppeltes Recht über die junge Dame. Ich sollte aber doch denken, ein
unschuldiger Scherz, ein heiteres Wort könnte dem lieben Gott nicht missfällig
sein. Alles zu seiner Zeit - fromm beim Gebet und froh beim Mahl.«
    Rowson würde sicher etwas darauf erwidert haben, aber in diesem Augenblick
trat der alte Roberts selbst zu ihnen und dem jungen Brown herzlich die Hand
schüttelnd, rief er aus:
    »Das ist brav, mein Junge, dass Ihr auch einmal herüberkommt - hol's der -«
Es ist möglich, dass er seine Rede auf eine keineswegs sabbatmässige Art beendet
hätte, wäre er nicht noch zur rechten Zeit dem Blick des Predigers begegnet, der
ernst und streng auf ihm haftete, und einlenkend fuhr er fort: »Seit vier Wochen
- wie lange seid Ihr eigentlich jetzt in Arkansas?«
    »Sieben Wochen,« antwortete Brown.
    »Nun ja, seit ungefähr vier Wochen habt Ihr Euch kaum zweimal blicken
lassen, und in der ersten Zeit waret Ihr alle Tage hier - 's ist doch meiner
Seel gar nicht so sehr amüsant hier, auf dem einsamen Fleck Landes, dass man gute
Gesellschaft so leicht entbehren könnte. Da kommt Harper noch öfter - wo steckt
denn der heute?«
    »Er wird gleich hier sein.«
    »Apropos, Brown, dass ich's nicht vergesse - heute über vier Wochen lade ich
Euch zur meiner Tochter Hochzeit ein - Euch und Euren Onkel - Ihr müsst dabei
sein, sonst geht's nicht, und da -«
    »Verzeiht,« erwiderte Brown schnell, indem er sich halb von ihm wandte, »in
- vier Wochen werde ich - schwerlich mehr in Arkansas sein.«
    »Nicht mehr in Arkansas - was? Ich dachte, Euer Onkel hätte sich Land
gekauft und wollte ganz hier bleiben?«
    »Ja, mein Onkel wird das auch, aber ich - ich werde mich den Freiwilligen
anschliessen, die nach Texas ziehen. Wie ich vor einigen Tagen in Little Rock
gehört habe, will es sich von Mexiko frei machen und - braucht amerikanische
Arme.«
    »Torheiten,« rief Roberts, freundlich dabei des jungen Mannes Hand
ergreifend, »lasst die in Texas ihre eigenen Kriege kämpfen und bleibt Ihr hier
bei uns. Wir brauchen am Fourche la fave auch tüchtige, brave Kerle, die den
vielen Schuften in hiesiger Gegend die Wage halten, und - zur Hochzeit kommt die
ganze Mädchenwelt zusammen, da müsst's ja mit dem T - müsst's ja ganz sonderbar
zugehen, wenn sich nicht etwas für Euch darunter finden sollte. - Oh - habt
keine Angst« - fuhr er lachend fort, als er sah, dass Brown leise dem Kopf
schüttelte - »es gibt wackere Mädchen hier, sie wohnen nur so zerstreut. Ein
Mensch wie Ihr freilich, der nirgends hingeht und keinen einzigen Besuch macht,
bekommt sie nicht zu sehen. Aber wahrhaftig, da kommt Harper; Blitz und - hm,
wie rot er aussieht!«
    Es war wirklich dieser würdige Gentleman, der in scharfem Trabe ankam.
Wahrscheinlich hatte er befürchtet, Bill würde plaudern, und schon von Weitem
rief er diesem zu: »He, Junge, reinen Mund gehalten?«
    »Keine Silbe erwähnt, Onkel.«
    »Nun, das ist brav! - Kinder, heute Morgen habe ich einen Spass erlebt - eine
Jagd gemacht -«
    »Eine Jagd, Mr. Harper?« rief vorwurfsvoll Madame Roberts aus, die
hinzugetreten war und die beiden Männer freundlich begrüsste, »eine Jagd am
heiligen Sabbat?«
    »Ohne Büchse, Mrs. Roberts, ohne Büchse, ganz unschuldig. Aber das muss ich
von vorne an erzählen, denn so 'was erlebt man nicht alle Tage. - Bill - halt -
hiergeblieben, Junge, Du bist mein Zeuge - wo ist Assowaum?«
    »Er ging dort in's Feld zu dem brennenden Baumstamm, wahrscheinlich um sich
ein Stück Fleisch zu braten.«
    »Gut, der muss später auch her - Zeugen muss ich haben, sonst glaubt's das
Volk nicht - Alles wollen sie selbst sehen, selbst mitmachen - da hättet Ihr
einmal sollen meinen Bruder erzählen hören.«
    »Oder den alten Bahrens!« lachte Roberts.
    »Puh - wer ist der alte Bahrens? Höre in einem fort von dem alten Bahrens;
ich muss ihn doch einmal besuchen. Das ist wohl ein Wundertier?«
    »Wir wollen Dienstag in jene Gegend, um nach wild gewordenen Schweinen zu
sehen,« sagte Roberts; »wenn Ihr Lust habt, Harper, so könnt Ihr mitkommen. Wir
bleiben dann bei Bahrens über Nacht.«
    »Topp!« rief Harper - »jetzt aber meine Geschichte.«
    Während der Kleine nun mit vielem Wohlbehagen den aufmerksam Zuhörenden sein
wunderbares Abenteuer vortrug, ging Rowson, der es seiner Würde nicht für
angemessen hielt, nach kaum beendigter Predigt in die allgemeine Fröhlichkeit
mit einzustimmen, durch die Hintertür des Hauses in das Feld, oder eigentlich
urbar gemachte Land, denn noch war kein Mais hineingepflanzt und auch das
umgeschlagene Holz noch nicht einmal alles aus dem Wege geschafft. Um aber die
grossen Stämme am besten zu beseitigen, hatte Roberts unter einige Feuer gelegt,
und Assowaum jetzt eine solche Stelle benutzt, dort mehrere Stücke des von
Harper gefangenen Hirsches zu braten. Hier aber bemerkte ihn Alapaha und
bereitete für ihn, der indianischen Sitte gemäss, das Mahl.
    Nachlässig auf seine ausgebreitete Decke hingestreckt, aus einer kurzen
selbstverfertigten Rohrpfeife den Tabaksrauch einziehend und langsam wieder
ausstossend, lag ausgestreckt die kräftige Gestalt des roten Waldsohnes neben
dem riesigen Stamm der Eiche, dem Sinnbild seiner eigenen Race. Noch vor kurzer
Zeit überschaute er stolz und kühn das weite Land als Eigentum, und jetzt,
gefällt am Boden, wusste der weisse Eindringling nicht einmal gleich, auf welche
Art er sie am schnellsten und sichersten aus dem Weg schaffen könne. Wie am
Stamm des Baumes die Glut, so wirkte am Stamm der Krieger das Feuerwasser, und
langsam erst, dann aber immer weiter und reissender um sich greifend, vernichtete
es die schönen, stattlichen Lebensfasern, das gesunde Mark des Baumes, und liess
nur Asche und Kohlen zurück. Das Grab der Krieger düngte den Boden, den der
Weisse mit seinem Pflug aufriss, und die Herdsteine ihrer Beratungsfeuer wurden zu
eben so vielen Grabsteinen ihres gesunkenen, geschwundenen Ruhmes.
    Es mochten wohl das Hirn des wackern Assowaum, der, unähnlich Tausenden
seiner Race, den Sünden der Weissen keinen Eingang in sein Herz verstattet hatte,
ähnliche Gedanken durchkreuzen, als er träumend in die zerfallenden Kohlen
starrte; da stand sein Weib plötzlich von ihrer Arbeit auf und ging dem Hause
zu. Sie sah die sich nähernde Gestalt des Predigers und eilte ihm entgegen. Der
aber reichte ihr die Hand und sprach ein langes, salbungsvolles Gebet über sie.
Unterdessen zischte das Fleisch auf den Kohlen und verbrannte auf der einen
Seite.
    Alapaha war eine jener wenigen indianischen Schönheiten, denen die
sonstigen, für das Auge des Weissen nicht angenehmen Unterscheidungszeichen ihrer
Abstammung zur Zierde gereichten. Die vorstehenden Backenknochen verloren sich
unter den vollen, von Gesundheit strotzenden Wangen, die reifen Lippen waren
üppig geschwellt, die schwarzen Augen blitzten mit einem kaum zu unterdrückenden
Feuer aus dem dunklen Teint der Waldschönheit hervor, der Elfenbeinglanz ihrer
Zähne hätte eine Negerin beschämen können, und die schlanke, üppige Gestalt
wurde keineswegs durch die anschliessenden Falten des feingegerbten ledernen
Gewandes oder Ueberwurfs genug verhüllt, um nicht ihre schönen, fehlerfreien
Formen wenigstens ahnen zu lassen. Die zierlichen Füsse staken in sorgfältig
gearbeiteten Moccasins, das Haar wurde durch ein brennend rotes Tuch auf dem
Scheitel zusammengehalten, und Glaskorallen schmückten ihre Ohren und ihren
Nacken.
    »Alapaha!« rief Assowaum jetzt in nicht unfreundlichem, aber ernstem Tone,
»Alapaha - sagt Dir der grosse Geist der Christen, dass Du die Pflichten
vernachlässigen musst, die Du deinem Mann und Häuptling schuldig bist?« Alapaha
floh mit schnellen Schritten zu ihrer Arbeit zurück, und Rowson nahte sich dem
roten Krieger, der, ihn nur leise mit dem Kopfe grüssend, ruhig liegen blieb.
    »Zürnt Eurer Frau nicht, Bruder Assowaum,« redete er den Indianer freundlich
an, »zürnt ihr nicht, wenn sie den Worten des Herrn lauscht. Es ist ihr einziges
Seelenheil, dem sie entgegeneilt, und Ihr solltet der Letzte sein, der ihr dabei
hemmend in den Weg träte.«
    »Assowaum zürnt nicht und hindert sie in der Ausübung ihres Glaubens nicht,«
antwortete der Wilde; »aber er ist hungrig, und das Fleisch verbrennt. Alapaha
ist das Weib des roten Mannes.«
    »Ich habe lange die Gelegenheit wieder einmal herbeigewünscht,« sagte Rowson
mit freundlichem Blick, »Euch den Segen des Christentums recht anschaulich zu
machen. Ihr wichet mir aber stets aus - darf ich die jetzige Gelegenheit
benutzen?«
    Der Indianer erwiderte nichts, sondern nahm nur das Fleisch, das ihm Alapaha
auf einem rohgearbeiteten hölzernen Teller darreichte, und begann seine
Mahlzeit. Der ehrwürdige Priester rief ihm jetzt auf's Neue alle jene
Kraftstellen der heiligen Schrift in's Gedächtnis zurück, die auf die Sünden der
Menschen und die Gnade des dreieinigen Gottes aufmerksam machen, wobei er nicht
vergass, ihm die vielen Wunder herzuerzählen, die Christus in seinem Lebenslauf
getan, bis er zur Versöhnung alles Fleisches am Kreuze gestorben sei.
Wahrscheinlich glaubte er durch diese bilderreichen Erzählungen am leichtesten
auf die sinnliche Natur des Waldsohnes einwirken zu können. Der Indianer ass
ruhig fort; aber selbst als er sein Mahl beendet hatte, unterbrach er dennoch
den Redner mit keiner Silbe, mit keinem Blick, und lauschte aufmerksam dessen
Worten, so dass Rowson, hierdurch ermutigt, immer eifriger fortfuhr, die
christliche Religion stets nur durch solche Sachen hervorzuheben, die, wie er
nicht ganz mit Unrecht glaubte, in den Augen seines Zuhörers den meisten Wert
haben mussten.
    »Hat der blasse Mann geendet?« fragte Assowaum endlich, als Jener erschöpft
stillschwieg.
    »Ich habe,« antwortete der Priester; »und was sagt mein Bruder dazu?«
    Assowaum warf die Decke von sich, die er halb um sich herumgeschlagen hatte,
richtete sich auf und sprach, dicht vor den Christen hintretend:
    »Vor alten Zeiten hat der grosse Geist - den Ihr Gott nennt - die Welt
erschaffen, und aus der Welt machte er Menschen - Indianer. - Sie kamen nicht
über die See. Er deckte etwas über die Erde und steckte die Menschen darunter;
alle Stämme waren dort versammelt. Ein Stamm von ihnen aber sandte Einen seiner
jungen Leute hinauf, zu sehen, was es oben gäbe, und dieser fand Alles sehr hell
und freute sich über die Schönheit des Ganzen. Ein Hirsch lief vorbei und ein
Pfeil stak in seiner Seite; er folgte ihm und kam zu dem Platz, wo er gestürzt
und verendet war; andere Fährten sah er noch, und bald kam der Mann, der das
Tier angeschossen hatte. - Es war der Schöpfer selbst, und er zeigte ihm jetzt,
wie er die Haut des Hirsches abstreifen und das Fleisch zerschneiden sollte.
Gott befahl ihm dann, ein Feuer zu machen, aber der Indianer wusste nicht wie.
Gott musste es selber tun. Gott hiess ihn nachher ein Stück des Fleisches auf
einen Stock stecken und es braten; der Indianer wusste aber nicht wie und liess es
auf der einen Seite verbrennen, während die andere roh blieb.«
    Rowson machte eine Geberde, als ob er sprechen wollte, der ernste Blick des
Wilden hielt ihn jedoch zurück.
    »Nachdem er den roten Mann also gelehrt hatte, das Wild zu erlegen und das
Fleisch und seine Haut zu benutzen, rief er die Anderen hervor aus der Erde, und
sie kamen Stamm nach Stamm und erwählten jeder einen Häuptling.
    Gott machte auch das Gute und Böse - es waren Brüder. Der Eine ging aus, um
Gutes zu tun, der Andere, um seines Bruders Werke wieder zu zerstören. Dieser
machte steinige, kiesige Stellen, liess giftige Früchte wachsen und stiftete
Unheil an. Der Gute wollte den Bösen gern vernichten, aber nicht mit Gewalt,
schlug ihm also vor, dass sie einen Wettlauf anstellen wollten, wonach der
Verlierer das Feld räumen sollte. Der Böse willigte ein und -«
    »Halt!« rief der Metodist jetzt, indem er sich in seinem Eifer von dem
Stamm erhob, auf dem er bis dahin gesessen, »nicht geziemt es mir, am heiligen
Sabbat solchen Erzählungen zu lauschen. Armer, verblendeter Heide - das ist
Dein unseliger Aberglaube, der dich an diesem Gewebe der Lüge hängen lässt -
scheuche ihn von Dir! Jesus Christus -«
    Der Indianer sprach, während der Metodist diese Warnung schnell ausstiess,
kein Wort, er unterbrach ihn mit keiner Silbe, aber er heftete einen so wilden,
Zorn und Ingrimm sprühenden Blick auf den Prediger, dass dieser erschreckt in
seiner Rede einhielt und scheu nach dem nicht weit entfernten Hause zurücksah.
Assowaum bezwang jedoch den in seiner Brust tobenden Sturm, und nur finster den
fremden Apostel betrachtend, sprach er, als dieser plötzlich schwieg, mit
fester, wenn auch leiser Stimme:
    »Ich habe Euren Worten gelauscht. Ihr habt mir von dem Häuptling erzählt,
der Stöcke in Schlangen verwandelte und Wasser aus dem Felsen presste; von dem
Fisch, der den Menschen Tage lang in seinem Bauch aufbewahrte und dann wieder
an's Land spie; von dem Propheten, der auf einem feurigen Wagen in den Himmel
fuhr, und von Dem, der geopfert wurde und starb, und doch wieder lebendig auf
die Erde kam. Assowaum hat alles geglaubt. Ich erzähle Euch jetzt, wie der grosse
Geist in diesem Teile der Welt seine Kinder erschaffen habe, und Ihr nennt mich
einen Lügner. Geht!« sagte er, seinen Arm dabei gegen den etwas beschämten
Priester ausstreckend, »das Auge des blassen Mannes sieht nur auf die Seite, auf
der sein eigener Wigwam steht - alles Andere ist schwarz.«
    Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt Assowaum, das Nachbringen des
Gepäcks seiner Squaw überlassend, dem Hause zu.
    Hier hatte Harper indessen seine Geschichte unter dem Gelächter und den
Beileidsbezeigungen der Uebrigen vollendet, die sich, als Mittag heranrückte,
grösstenteils wieder nach ihren verschiedenenen Wohnörtern zerstreuten, um dort
ihre Mahlzeiten nicht zu versäumen. Nur Harper und Brown waren von der alten
Mrs. Roberts als so »gar seltene Gäste« eingeladen worden, an dem einfachen
Mahle Teil zu nehmen.
    Ehe jetzt der Tisch gedeckt ward, winkte Roberts noch einmal dem jungen
Brown zu, mit ihm zu der Einfenzung zu kommen, wo er seine guten Pferde hielt,
denn das war ein Gegenstand, in dem sich sein ganzer Stolz und Ehrgeiz
concentrirte. Pferde durfte Niemand im Staate besser haben als er, und wer mit
dem alten Roberts tauschte, konnte sicher sein, dass er den Kürzeren zog, denn
Keiner hatte ein sichereres Auge für die Fehler oder Tugenden des edlen Tieres,
als gerade dieser.
    Ehe wir übrigens mit dem alten Mann näher bekannt werden, möchte es
vielleicht nötig sein, eine kleine Schwäche zu erwähnen, die er sich in seinen
Reden angewöhnt hatte. Er kam nämlich stets aus dem Hundertsten in's Tausendste,
das heisst: er vermochte nie den Satz, von welchem er ausgegangen, festzuhalten.
Die, welche näher mit ihm bekannt waren, wussten das schon und unterbrachen ihn
immer zur rechten Zeit, wo er sich dann augenblicklich zu seinem ersten Satz
zurückfand. Liess man ihn aber ungestört gehen, so verlor er die Bahn und kam
dann endlich, ohne sich auch nur mit einem Worte noch an das erinnern zu können,
was er hatte sagen wollen, zu einem plötzlichen Halt.
    In dem sogenannten »Lot« angelangt, machte er nun den jungen Mann auf die
einzelnen Tiere besonders aufmerksam, pries ihm, wie billig er dieses, wie
teuer er das gekauft, was für Wetten jenes gewonnen, in wie viel Minuten ein
anderes die Bahn durchlaufen. Er befand sich auch hier so recht in seinem
Element, noch dazu, da ihm Brown nicht undeutlich zu verstehen gab, er gedenke
in diesen Tagen selbst ein Pferd von ihm zu kaufen, und zwar ein starkes,
kräftiges, das für den texanischen Freiheitskampf tauglich sei.
    »Das könnt Sie bei mir bekommen, Brown, das können Sie bekommen!« rief der
Alte freudig, in dem Augenblick ganz vergessend, dass er dadurch den jungen Mann
aus der Nachbarschaft verlieren würde. »Dort der Fuchs ist ein Mordpferd - nicht
todt zu machen - Abends so munter wie Morgens und erst vier Jahre alt - aber -
wie ist mir denn? Ihr wollt nach Texas? Ih zum Henker, das leiden wir nicht -
ich verkaufe gern ein Pferd, doch soll mich -« Er sah sich unwillkürlich um, ob
seine Frau nicht zufällig in der Nähe wäre und sein Fluchen hören könnte. »Nein,
Brown, das ist nichts. Texas ist ein Land, wo es keinem Christenmenschen gut
geht; - nur die Indianer allein - und was für Bande ist das! Ich weiss noch recht
gut, wie die von der Creek-Nation hier durchkamen; Mais kostete damals zwei
Dollar der Bushel, und wir konnten nicht genug für sie anschaffen. Jetzt ist der
Mais freilich billiger, nur wer ihn nach Little Rock -«
    »Dieses ruhige Leben hier sagt mir nicht zu; ich muss mich ein wenig in der
Welt umsehen,« unterbrach ihn Brown - »später komm' ich wieder zurück.«
    »Von Texas? eh? Von dort kommt niemand mehr zurück - kein ordentlicher Kerl
wenigstens -, alle Schufte und Spitzbuben gehen ja jetzt dortin, und das
Sprichwort Geh in die Hölle ist ganz abgekommen, man wird noch boshafter und
wünscht den Leuten eine Reise nach Texas. Der Boden dort ist auch nicht besser
als der unsere; ich habe unten im Canebottom Land, das ich nicht für zehn Dollar
den Acker verkaufen möchte, und die Mast - Sie sollen einmal im nächsten Winter
meine Schweine sehen; ich habe mir auch von Atkins eine neue Art gekauft - die
mit ungespalteten Hufen. Atkins liess mir zwei ab, und ich hätte noch mehr
genommen, sein Bruder aber - der Advokat in Poinsett County, der sich erst
neulich dort niedergelassen hat - denn das wissen Sie doch, dass jetzt eine Menge
Menschen dort in den Sumpf gezogen sind?«
    »Bei Ihnen wird es jetzt auch recht still im Hause werden!« sagte Brown, der
einen Augenblick in tiefen Gedanken vor sich hingestarrt hatte - »Ihr Sohn ist
nach Tennessee, und wenn - Marion heiratet -«
    »Ja, das ist wahr; wird mir sonderbar vorkommen. Nun, ich bin auch nicht
schuld daran, habe genug dagegen geschimpft. Ich weiss nicht, ich kann den
Prediger nicht leiden.«
    »Er scheint sonst ein ordentlicher, stiller Mann zu sein!«
    »Still? Ja - sehr still; aber - unter uns - er kommt mir gar nicht wie ein
Mann vor. Neulich hat ihm Heatcott Sachen gesagt, nach denen ich ihm ein Messer
durch den Leib gerannt hätte, er erwiderte aber nichts. Der Heatcott ist zwar
ein wilder Bursche, sein Vater war noch einer von den alten Virginiern, die
damals -«
    »Wie Sie mir sagten, ist die Hochzeit in vier Wochen, nicht wahr?«
    »In vier Wochen - ja - ich hab' ihm gesagt, dass er meine Tochter nicht eher
bekommen kann, bis er das Land gekauft, auf dem er wohnt, und sich überhaupt so
eingerichtet hat, dass er eine Frau anständig ernähren kann. Man braucht hier im
Walde gerade nicht viel, aber ein kleines Kapital ist doch nötig; baar Geld ist
überhaupt etwas sehr Seltenes, und die Bänke -«
    »Wovon ernährt sich Rowson eigentlich? Für sein Predigen empfängt er doch
kein baares Geld -«
    »Nein - bewahre, er hat aber noch ein kleines Vermögen in Tennessee, acht-
oder neunhundert Dollar, wie er mir gesagt hat. Einen Teil von dem erwartet er
in drei Wochen, und dann hab' ich meine Einwilligung zugesagt - die Mutter ist
ganz versessen auf die Verbindung. Ich hätte auch nichts dagegen, aber - der
Blick von dem Menschen gefällt mir nicht. Es ist sonderbar, was der erste Blick
manchmal für einen Eindruck macht. In Tennessee, wo ich doch früher wohnte, und
wo mein Vater am Wolfriver achtzig Acker Land hatte - Sie kennen doch den
Wolfriver? - herrliches Land, und in Memphis, kaum eine halbe Meile davon, ist
auch ein vorzüglicher Markt für alle Produkte. - Wie lange ist's nun her, dass
ich nicht in Memphis war? Lieber Gott, wie die Zeit vergeht, das war damals, als
das erste Dampfboot vorbeikam - die New Orleans. Ja, ja, das muss 1811 gewesen
sein - 1811. Nachher kam der Krieg wieder und wir marschierten hinunter nach
Louisiana, kamen aber zu spät; Old Hickery hatte die Britischen schon geklopft.
Dann später, 1815, war der starke Frost, der uns damals die ganze Frucht verdarb
- so ein Frost ist mir auch im Leben noch nicht wieder vorgekommen. Aber, Brown
- an was denken Sie denn eigentlich? Sie sehen ja so starr vor sich nieder,
fehlt Ihnen etwas? - wovon sprach ich doch gleich?«
    »Mir? nein - nichts - ich habe etwas Kopfschmerz und glaube, ich habe heute
Morgen zu viel über Onkel Ben's Abenteuer gelacht. Ja, wir sprachen von unserem
Pferdehandel.«
    »Oh, das hat noch Zeit! - Aber hallo - wer kommt da? Eins, zwei, drei, vier,
fünf, sechs Mann zu Pferde, und alle mit Büchsen und Messern? Nun, das ist eine
gute Empfehlung bei meiner Frau; Heatcott und Mullins und Smit und Heinze, der
Herr segne uns, das sind die Regulatoren, da brennt's wieder irgendwo. Nun, wir
werden ja gleich hören.«
    Der alte Mann öffnete schnell die Pforte, und Brown folgte ihm hinaus, die
Reiter zu begrüssen, die jetzt in kurzem Trab den breiten Weg zwischen den
Feldern von westwärts herkamen.
 
                                    Fussnoten
1 Squaw - indianischer Name für Frau.
2 Pelt ist die dünne Fleischhaut, welche die amerikanischen Jäger gewöhnlich mit
dem Hirschfell zusammen abstreifen und trocken werden lassen, damit dieses, da
es pfundweise verkauft wird, schwerer wiege.
3 Obergewand; eine Sitte bei den nördlichen Stämmen, die dem Feld Fruchtbarkeit
sichern und die Raubtiere von den Früchten abhalten soll.
 
                                       4.
                       Die Regulatoren. - Zank und Kampf.
Das Lynchgesetz, d.h. die Ausübung der Gerechtigkeit von nicht dazu befugten
Personen, das Bestrafen von Verbrechern durch die einzelnen Bürger des Staates
selbst, hatte in Arkansas wieder einmal seit Kurzem recht überhand genommen, und
es zu verhindern, waren die Gesetze geschärft, ja sogar schwere Strafen auf die
Bildung von eigenmächtigen Geschworenengerichten gesetzt worden. Wenig half das
aber in einem Staate, wo noch kaum ein Weg die Wildnis durchschnitt und der Arm
der Gerechtigkeit nicht hinausreichte über die nächsten Ansiedelungen. Arkansas
war dabei in jener Zeit der Sammelplatz aller der Raubbanden geworden, die sonst
in Missouri, Illinois, Kentucky, Tennessee und Mississippi ihr Wesen getrieben
hatten, und mit Recht traten die Ansiedler zusammen und zogen gemeinschaftlich
gegen den Erbfeind zu Felde, der ihnen den Frieden ihrer Wohnungen zu zerstören
drohte. Wie aber jede Sache ihre Licht- und Schattenseiten hat, so auch hier. Wo
einesteils mancher Schurke plötzlich und unerwartet vor Gericht gezogen und
seiner gerechten Strafe überantwortet wurde, ohne dass man Friedensrichter oder
Sheriff deshalb bemühte, traf es sich auch manchmal, dass persönlicher Hass und
Rachgier die Erbitterung der Menge gegen einzelne Unschuldige lenkte, um diese
die Macht fühlen zu lassen, die für den Augenblick in die Hände ihrer Feinde
gegeben war. So rissen in White County die Regulatoren eines Tages einen
ehrbaren, fleissigen Farmer aus der Mitte seines Familienkreises, banden ihn vor
den Augen seiner Frau, die noch glücklicher Weise durch eine Ohnmacht dem
Schrecklichsten entzogen wurde, unter dem Jammern und Wehklagen seiner Kinder an
einen Baum und peitschten den Unglücklichen auf eine entsetzliche Art, um ihm
das Geständnis eines Verbrechens zu erpressen, das er nicht begangen hatte. Zwar
bewies er später seine Unschuld und erschoss den Rädelsführer jener Bande, seine
Frau hatten der Schreck und die Angst aber so angegriffen, dass sie in ein
hitziges Fieber verfiel und wenige Monate danach starb. Man sagte auch, dass
Heatcott damals mit unter jenen Regulatoren gewesen sei und er deshalb White
County habe verlassen müssen. Auf jeden Fall war er ein wilder, roher Bursche,
mit dem Niemand gern etwas zu tun hatte - ein ächter Kentuckier voller
Prahlerei und Rauflust, wenn auch sonst ehrlich und brav.
    Die übrigen Männer waren grösstenteils Farmer aus der Nachbarschaft und alle
in ihre Jagdhemden gekleidet, mit Büchsen, Bowiemessern, Pistolen und Tomahawks
bewaffnet. Heatcott war besonders starrte von Gewehren und Dolchen und
rechtfertigte den Ausruf Roberts', der zu Brown sagte, er sehe aus wie ein
Kaperschiff, das seine Waffen an Deck geschafft hätte und entern wollte.
    »Hallo, Gentlemen,« rief der alte Mann jetzt, sie begrüssend, »wess Weges?
wohin soll die Reise gehen? Kommen die Indianer, dass Sie sich auf eine so
entsetzliche Art mit Messern und Schiessgewehren versehen haben?«
    »Indianer? nein!« rief Heatcott, »aber noch etwas viel Schlimmeres; die
Pferdediebe sind wieder los; oben am Arkansas haben sie dem Richter Rowlove vier
Stück gestohlen, und die Fährten führten südöstlich. Der verdammte Regen
vorgestern Nacht hat sie aber verwaschen und wir konnten nicht mehr erkennen, ob
sie nach den heissen Quellen zu oder weiter östlich gingen. Vergebens haben wir
gestern den Wald nach allen Richtungen durchsucht, es liess sich weiter nichts
mehr tun, als dass wir Hostler den Fluss hinunter und Bowitt nach Hot Spring
County hinüber schickten. Wir Anderen wollten jetzt hinunter zu Wilkins, um
weitere Schritte für die Zukunft zu bereden. Geht Einer von Ihnen mit?«
    »Danke schön!« sagte Roberts - »macht das untereinander aus, Ihr jungen
Burschen. Meine alten Knochen sind das Waldlaufen nicht mehr gewohnt.«
    »Ihr habt aber ebenfalls viele Pferde. Wer weiss, wann Euch die Schufte
einmal einen Besuch abstatten; nachher werdet Ihr schon kommen -« lachte
Heatcott.
    »Wollen's abwarten, ich muss ihnen aber doch an keiner recht bequemen Stelle
hier liegen, sonst wäre mir schon etwas weggekommen. Mich verschonen sie
wirklich merkwürdig.«
    »Sollte beinahe verdächtig aussehen -« grinste der Kentuckier.
    »Nein, nein,« lachte gutmütig der alte Mann, »das gerade nicht. Aber wollt
Ihr denn nicht zum Haus gehen, Gentlemen, und einen Bissen essen? Guten Morgen,
Heinze, guten Morgen, Mullins, hallo, Peter, das ist wohl ein neues Pferd, das
Ihr da reitet? Das hab' ich noch nicht gesehen - hübsches Tier.«
    »Wir nehmen Euer Anerbieten an,« sagte Heatcott, vom Pferd steigend,
während die Uebrigen seinem Beispiel folgten, »Wilkins hat überdies nie etwas zu
essen, und da ist's doch besser, wir sehen uns hier vor. Aber nur keine Umstände
- die Pferde mögen inzwischen ein bisschen ruhen.«
    Brown hatte indessen einige der Männer, mit denen er in der kurzen Zeit
seines Aufentalts bekannt geworden war, begrüsst und schritt mit ihnen dem Hause
zu, wo das kleine Negermädchen emsig bemüht war, für die unerwarteten Gäste
Maisbrod zu backen und Schweinefleisch zu braten.
    »Und Ihr, Mr. Brown?« frug Heatcott jetzt, sich an den jungen Mann wendend,
»habt Ihr keine Lust, der guten Sache Euren Arm und Euer Auge zu leihen? Es
können unserer gar nicht zu viel sein, da wir, mit dem Gesetze gegen uns, dem
Staate beweisen müssen, wie sehr es uns Ernst um die Sache ist.«
    »Ich muss bitten, mich zu entschuldigen,« erwiderte Brown; »erstlich bin ich
nur ein sehr flüchtiger Besuch in dieser Gegend, mit dem Wald und der ganzen
Lage des Landes noch nicht einmal recht bekannt, und dann will ich Euch auch
aufrichtig gestehen, habe ich keine Freude an dem Richtwesen der Regulatoren,
das nur zu oft zum Unwesen wird.«
    »Sir!« sagte der Kentuckier etwas gereizt - »Sie werden uns doch wohl
zugestehen, dass wir hier am besten wissen, wo uns der Schuh drückt?«
    »Natürlich - natürlich,« erwiderte Brown freundlich. »Ich masse mir auch
weiter kein Urteil darüber an, behalte mir aber dafür auch meine eigene
Handlungsweise vor.«
    »Mit Euch Herren, wie Ihr nur immer von einem Staate zum andern huscht, weiss
man nie, woran man ist,« sagte Heatcott, einen keineswegs freundlichen
Seitenblick nach dem jungen Mann hinüberwerfend. »Einmal seid Ihr in Missouri,
einmal in Texas, und habt überall Bekannte und Freunde. - Ihr tretet vielleicht
aus Rücksicht gegen Eure Freunde den Regulatoren nicht bei?«
    »Mr. Heatcott,« erwiderte Brown sehr ernst, aber auch sehr artig, »ich will
diese Anspielung von Ihrer Seite nicht verstehen, denn ich kann mich dadurch
nicht getroffen fühlen. Was mein Betragen, mein Reisen aus einem Staate in den
andern betrifft, so bin ich darüber keinem Menschen Rechenschaft schuldig, als
mir selbst.«
    Die anderen Farmer mischten sich aber jetzt in das Gespräch und duldeten
nicht, dass Heatcott noch etwas sagte, das die Gefühle des jungen Mannes
verletzen konnte. Sie hatten ihn Alle lieb gewonnen, fürchteten dagegen ihren
Führer mehr, als sie ihn achteten.
    »Herein, Gentlemen, herein hier!« rief ihnen Roberts aus der offenen
Haustür zu - »Sie müssen fürlieb nehmen, ich habe Ihnen schnell etwas
herrichten lassen, damit Sie nicht bis zum Mittagessen zu warten brauchen. Also
setzen Sie sich und - helfen Sie sich selbst.«
    Die Leute liessen sich das nicht zweimal sagen, und nachdem sie die Frauen im
Hause begrüsst, setzten sie sich ohne weitere Umstände, ja ohne nur all' die
vielen Mordgewehre, mit denen sie umsteckt waren, abzulegen, an den reichlich
gedeckten Tisch. Eben wollten sie auch zulangen, als Rowson, der neben Mrs.
Roberts am Feuer gestanden hatte, an die Tafel trat, die Hände faltete und ein
Tischgebet zu sprechen begann.
    Die Farmer, die eines Teils selbst Metodisten waren, andern Teils die
Sitte des Hauses ehrten, legten die schon ergriffenen Messer wieder nieder und
sahen andächtig auf die leeren Teller hinunter, Heatcott hingegen blickte
ärgerlich zu dem Prediger empor, der ihn übrigens gar nicht zu bemerken schien
und ruhig in der Ausübung seiner Pflicht, wie er es nannte, fortfuhr.
    Wären die Damen nicht gegenwärtig gewesen, so hätte sich der Zorn des rauhen
Mannes wohl schon bei dieser Gelegenheit Luft gemacht, so aber unterdrückte er
ihn, oder versparte ihn wenigstens für eine passendere auf und begann sein Mahl,
während der Betende noch das Amen sprach. Dass solches Betragen Mrs. Roberts auf
das Tiefste verletzte, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Sie setzte sich
höchst erbittert in ihren Schaukelstuhl nieder und murmelte etwas von »rohen
sündhaften Menschen«, was jedoch nur zu dem Ohr des Priesters gelangte, der
wieder an ihre Seite getreten war und jetzt seufzend dazu mit dem Kopfe nickte.
    »Mrs. Roberts - Sie führen wohl nicht einen Schluck Whisky im Hause?« fragte
Heatcott nach einer kleinen Pause, sich dabei mit dem Aermel seines ledernen
Jagdhemdes den Mund wischend. - »Wir haben da drüben bei Bowitts so verdammt
scharfes Zeug getrunken, dass es Einem die Eingeweide fast verbrennt.«
    »Ich halte keinen Whisky,« erwiderte Mrs. Roberts, durch diese Frage auf's
neue erregt. - »Mrs. Bowitt täte ebenfalls besser, solches Getränk nicht in
ihrem Hause zu dulden.«
    »Ja - das hab' ich ihr auch gesagt,« lachte Heatcott, der entweder die
Meinung der alten Dame nicht verstand oder nicht verstehen wollte, »es ist eine
Schande. Bei dem Krämer am Petite-Jeanne könnte sie, für einen Dollar die
Gallone, das beste Gebräu in der Welt bekommen - ächten Monongahela.«
    »Mr. Heatcott sollte doch eigentlich sehen,« sagte Rowson milde, »dass ein
Gespräch über Whisky den Ohren der Mrs. Roberts nicht gerade angenehm ist.«
    »Mr. Rowson täte wohl, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu bekümmern,«
antwortete Heatcott scharf.
    »Ich habe den Pferden etwas Korn geben lassen, Gentlemen!« rief jetzt der
alte Roberts, der eben mit Harper und Brown aus dem Pferdestalle zurückkehrte,
zur Tür herein.
    »Dank Euch! Dank Euch!« riefen Smit und Heinze, froh, eine Ausrede zu
haben, vom Tische aufzustehen und ein Gespräch zu unterbrechen, das nur
unangenehm enden konnte.
    Smit blieb noch einen Augenblick zurück, als die anderen Männer
hinausgingen, und sagte freundlich zu Mrs. Roberts:
    »Sie müssen Heatcott die rauhe Rede nicht so übel nehmen, Madame. Wir sind
scharf geritten heute Morgen, und wie wir zu Bowitts kamen, trank er wohl
eigentlich ein wenig mehr, als sich gehörte.«
    Die alte Dame erwiderte nichts und schaukelte sich nur heftiger, Rowson
dagegen dankte dem Nachbar freundlich für seine gute Meinung, und versicherte
ihn, er hege nicht den geringsten Groll gegen Heatcott. »Er ist ein rascher,
junger Mann,« fuhr er gutmütig lächelnd fort, »und meint auch wohl nicht Alles
so bös, als es bei ihm herauskommt.«
    »Ich werde ihm sehr verbunden sein, wenn er mein Haus nicht wieder mit
seiner Gegenwart beehrt,« platzte Mrs. Roberts endlich heraus - »ich erziehe
mein Kind gottesfürchtig und will weder, dass dieses in meinen eigenen vier
Wänden ein böses Beispiel sieht, noch -«
    »Aber, Mutter!« bat Marion.
    »Noch, dass fromme Leute,« fuhr die alte Frau, ohne sich unterbrechen zu
lassen, fort, »die das reine Gotteswort predigen, unter meinem Dache beleidigt
werden - sagen Sie das dem Mister Heatcott.« Und auf's Neue begann sie in dem
Stuhle zu schaukeln, als ob sie sich vorgenommen hätte zu versuchen, wie weit
sie es treiben könnte, ohne umzuschlagen.
    Smit, ein ruhiger, friedliebender Mann und selbst Metodist, war zu sehr
mit alledem, was Mrs. Roberts eben gesagt hatte, einverstanden, um etwas dagegen
einzuwenden, und folgte schweigend den Uebrigen vor die Tür. Dort hatten sich
die Meisten teils auf Stühlen, teils auf Baumstämmen und Trögen niedergelassen
und sprachen von dem, was ihnen Allen am nächsten lag, von den immer mehr und
mehr um sich greifenden Pferdediebstählen.
    »Die Schufte müssen hier im County einen Hehler haben, sonst begreif' ich
nicht, wie es möglich ist, dass sie uns immer irre führen,« sagte Mullins.
    »Ja, und wohin sie die gestohlenen Pferde schaffen, bleibt mir auch ein
Rätsel,« rief Roberts - »ein Gaul ist doch kein Vogel, der über die Erde geht,
ohne Spuren zu hinterlassen.«
    »Nur Geduld!« beteuerte Heatcott - »nur Geduld, es hat Jedes sein Ziel,
und wir erwischen die Burschen einmal, wenn sie sich's am wenigsten versehen.
Aber dann will ich verdammt sein, wenn ich Einem von den Hunden das Leben
schenke. Lumpig ist's, dass sie im vorigen Jahr die Todesstrafe auf
Pferdediebstahl hier in Arkansas abgeschafft haben - das hiess dem Volke mit
klaren Worten sagen: Jetzt helft Euch selber - wir wollen's nicht mehr.«
    »Ich weiss nicht, hart bleibt's immer, eines Pferdes wegen ein Menschenleben
zu nehmen,« warf Brown ein.
    »Hart? Zum Teufel auch!« rief Heatcott, sein grosses Messer neben sich in
die Rinde des Stammes stossend, auf dem er sass - »wer mir ein Pferd stiehlt,
stiehlt einen Teil meiner selbst. - Ich habe jetzt drei verkauft und trage das
Geld davon bei mir - es ist so zu sagen mein ganzes Vermögen, mit dem ich mich
anzubauen gedenke. - Wer mir die Pferde gestohlen, hätte mir damit auch zugleich
meinen ganzen künftigen Lebensplan zerstört, und das ist schlimmer, als wenn er
mich über den Haufen geschossen. Nein, Tod den Schuften! - Lasst sie nur sehen,
dass es uns Ernst ist, und wir werden sie, das heisst die, die wir nicht gehangen
haben, bald aus Arkansas los sein.«
    »Euch scheint an einem Menschenleben wenig zu liegen,« warf Brown ein.
    »Sehr wenig,« antwortete Heatcott, sein Spiel mit dem Messer wiederholend.
    »Ihr taxirt dann das Eure auch nicht besonders hoch?« lachte Harper, »eh?
sonst würdet Ihr's nicht mit dem jedes Lumps in die Wagschale legen.«
    »Hoch genug, um Den neun Zoll kalten Stahles schmecken zu lassen, von dem
ich glauben müsste, dass er mir gefährlich werden könnte,« rief Heatcott, sich
wild im Kreise umsehend. - »Dies ist ein freies Land und Jeder hat seine
Ansichten, ich will aber verdammt sein, wenn ich die meinigen nicht oben behalte
- so viel ist sicher. - Aha, da ist auch der Mr. Rowson wieder,« fuhr er
höhnisch fort, als er die ehrwürdige Gestalt des Mannes, mit dem Hut auf dem
Kopfe und dem Gebetbuch unter dem Arme, in der Tür bemerkte. - »Auch einer von
den Schleichern, die mit dem Schafsfell prahlen und den Fuchs nur zuweilen
durchschauen lassen.«
    Rowson wandte sich an den Negerknaben, der eben zum Hause kam, und bat ihn,
sein Pferd zu holen; Heatcott aber, durch die Nichtachtung des Predigers, der
sich stellte, als ob er die Worte gar nicht gehört hätte, erbost, sprang auf und
rief drohend:
    »Nun, Meister Höllentreter, ich dächte, ich wäre einer Antwort wert, wenn
ich auch ein Sünder bin.«
    Ehe aber Rowson nur ein Wort erwidern konnte, sprang Brown auf, fasste
Heatcott an der Brust und schleuderte ihn mit so gewaltigem Griff zurück auf
seinen Platz, dass er über den Stamm hinweg und sich im Fall blutig schlug. Alle
Anderen sprangen erschreckt empor, mit ihnen aber auch der Kentuckier. Das
Messer ergreifend, das neben ihm heruntergefallen war, setzte er mit einem
Sprunge über den umgestürzten Baum hinweg und wollte sich eben auf seinen
Angreifer werfen, als dieser ihm, ohne einen Zoll breit von seiner Stelle zu
weichen, ein gespanntes Terzerol entgegenhielt. Heatcott, der keine Waffen bei
ihm vermutet hatte, fuhr zurück und wollte seine Büchse ergreifen. Die übrigen
Männer fielen ihm aber in den Arm und riefen einstimmig, dass sie keinen Mord
hier dulden wollten.
    »Zurück mit Euch,« schrie Heatcott - »zurück! Lasst mich an den Buben - das
fordert Blut. - Sein Herzblut muss ich haben - verdamm' Euch - die Augen aus
seinem Kopfe.«
    »Lasst ihn los,« sagte Brown jetzt, das Terzerol einsteckend und ein eben
solches Messer, wie es Heatcott führte, unter der Weste hervorziehend - »lasst
ihn los, und wir können dann gleich sehen, wer der beste Mann ist.«
    »Um Gottes willen, Mr. Harper, dulden Sie das Schreckliche nicht -« bat
Marion, die mit todtenbleichem Antlitz aus dem hause flog und die Hand des alten
Mannes zitternd ergriff - »der böse Heatcott bringt ihn um.«
    »Seien Sie ruhig, liebes Kind,« beschwichtigte Harper die Flehende - »und
gehen Sie vor allen Dingen in's Haus zurück. - Dies ist jetzt kein Platz für ein
junges Mädchen - hat die Kugel erst einmal das Rohr verlassen, so weiss niemand,
wohin sie geht.«
    »Er wird ihn tödten,« klagte das Mädchen.
    »Wen? Ihren Bräutigam? nein. - Er hat ja den Streit mit meinem Neffen.«
    Marion barg das Antlitz schluchzend in ihrem Tuche und liess sich willenlos
von Rowson, der zu ihr getreten war, in's Haus geleiten.
    »Zurück! sag' ich,« schrie Heatcott in höchster Aufregung - »gebt mir meine
Büchse - ich muss den Hund über den Haufen schiessen.«
    »Lasst ihn los,« rief nun auch Brown in schnell auflodernder Kampflust. -
»Lasst ihn frei - er hat Messer genug an sich herumstecken, einen ehrlichen Kampf
zu wagen - weg da, Männer von Arkansas! Wollt Ihr einen gleichen Streit
hindern?«
    »Gut!« sagte Mullins - »Ihr mögt es ausfechten, aber die Büchse bekommt er
nicht. - Wir wollen keinen Mord dulden; - ein Kampf ist etwas Anderes.«
    Heatcott sah sich im nächsten Augenblick frei, und die Männer bildeten
einen Kreis um die beiden. Der eben noch so wilde Kentuckier schien jedoch durch
den kalten, furchtlosen Blick seines Gegners gewaltig abgekühlt, und wenn er
auch krampfhaft das Messer mit der Hand umschloss und dem ihn fest Erwartenden
wütende Blicke zuschleuderte, so blieb er doch wie festgebannt auf seiner
Stelle stehen und griff nicht an. Eine peinliche Stille trat ein, die Männer
umstanden die Feinde und wagten kaum zu atmen, während Marion in der Tür des
Hauses mit leichenblassen Wangen und stieren Augen hinüberstarrte nach dem
Kreise und in krampfhafter Aufregung, die Hände fest auf die Brust gefaltet,
zitternd und bangend den Erfolg des Grässlichen erwartete.
    Heatcott befand sich in einer peinlichen Lage, er fürchtete augenscheinlich
den Stahl des Feindes, aber mehr fast noch den Spott oder das höhnische Lächeln
der Kameraden, das er glaubte erwarten zu müssen, wenn er den dargebotenen Kampf
nicht annähme; da schlugen sich die Freunde in's Mittel, und zwischen die Männer
tretend, trennten sie die Streitenden.
    »Kommt, Heatcott,« sagte Heinze - »Ihr habt alle Beide Unrecht, und es ist
eine Sünde und Schande, dass sich zwei ordentliche Kerle zerfleischen sollten, wo
es noch Lumpengesindel genug im Walde gibt, an dem sie ihre Wut auslassen
könnten. Kommt - es wird Zeit, dass wir aufbrechen, und es ist auch nicht recht,
den Sonntag der Leute hier zu stören, die uns freundlich aufgenommen haben.«
    »Das ist Alles, was mich bis jetzt abgehalten hat, jenen Gelbschnabel zu
züchtigen,« knirschte Heatcott - »aber warte, Bursche - ich finde Dich, und
Gnade Dir Gott, wenn Du mir einmal vor's Rohr kommst.«
    »Heatcott - Heatcott,« warnte Mullins, »das sind böse, gefährliche Reden,
sehr gefährliche Worte.«
    »Lasst ihn,« lachte Brown verächtlich, das Messer in die Scheide
zurückstossend - »lasst ihn prahlen; es ist der einzige Genuss, den er vom Leben
hat.«
    »Komm, Bill,« sagte Harper, den Widerstrebenden in's Haus ziehend, »komm,
Bill, - lass die Burschen erst fort - Du hast jetzt Deiner Ehre genügt, und es
freut mich, dass sich meiner Schwester Sohn so brav benommen hat. Das tut's aber
nun auch - denk' an die Frauen - Marion ist vorhin erst ohnmächtig geworden.«
    »Marion ohnmächtig?« frug Brown schnell, indem er dem Hause zusprang. »Ja
so,« sagte er aber dann langsammer, indem er wieder stahen blieb - »ihr
Bräutigam ist ja bei ihr, daran dacht' ich nicht. Sie wird sich wohl wieder
erholen.«
    Die Regulatoren hatten indessen den Platz verlassen, und auch Rowson
schickte sich an, heim zu reiten. Harper folgte dagegen der Einladung Roberts'
und blieb in dessen Hause, um am nächsten Morgen die versprochene Jagd
mitzumachen und den alten Bahrens zu besuchen, von dem er so viel gehört hatte.
    Rowson sprach noch ein langes Gebet, ehe er sein Pferd bestieg, teils um
die Vergebung des Höchsten für die entsetzliche Entweihung des Sabbats zu
erflehen, teils um ihm zu danken, dass dieser Kelch ohne Blutvergiessen
vorübergegangen war. Ehe er sich jedoch auf's Pferd schwang, ging er zuerst noch
auf den jungen Brown zu und sagte:
    »Ihr habt Euch heute meiner angenommen, und ich danke Euch. Wenn aber jener
Bube auch auf Rache sinnt, fürchtet nichts, der Himmel wird Euch beschirmen,
baut auf dessen Schutz.«
    »Ich dank' Euch, Mr. Rowson,« erwiderte Brown ruhig; »ich baue aber mehr auf
des Burschen Feigheit und meine eigene Kraft, als auf irgend etwas Anderes. Der
geht mir schon aus dem Wege, das hat keine Not, und streitsüchtig bin ich auch
nicht. So werden wir denn schwerlich wieder zusammenkommen.«
 
                                       5.
                               Brown und Marion.
Rowson war fortgeritten, um, wie er sagte, »das Wort des Herrn in einer andern
Ansiedlung zu predigen,« und Marion lehnte bleich und erschöpft in einem Sessel.
Nur noch dann und wann stahlen sich einzelne grosse Tränentropfen über ihre
Wangen hinab und rollten leise auf die zarten Finger nieder, die sie im Schoss
gefaltet hielt; aber tiefer Schmerz sprach aus den sanften Zügen des schönen
Mädchens. Harper, Roberts und Brown sassen am Kamin, in dem die Negerin wohl mehr
der Gewohnheit, als der wirklich kühlen Luft wegen ein Feuer entzündete, und
Mrs. Roberts stand neben ihrer Tochter und streichelte ihr das nussbraune Haar.
    »Komm, Kind - lass das Sorgen und Träumen,« sagte sie beruhigend zu dem
Mädchen, »sieh, es ist ja Alles vorbei. Mr. Rowson kann den Männern auch heute
unmöglich mehr begegnen, er hat ja eine ganz entgegengesetzte Richtung
eingeschlagen - geh hinaus an die frische Luft, dann wird Dir besser - Mr. Brown
begleitet Dich vielleicht und führt Dich ein wenig spazieren. Sieh, Du hast
wirklich Fieber - wie erhitzt Du nun auf einmal wieder aussiehst - komm, komm -
schäm' Dich doch, so ein grosses Mädchen und weint.«
    Marion hatte bei den letzten Worten ihr Gesicht an der Mutter Brust
verborgen und schluchzte laut. »Nicht wahr, Mr. Brown, Sie führen das närrische
Kind ein wenig in's Freie? Ich wollte wirklich, Mr. Rowson hätte heute bei uns
bleiben können, aber freilich - der Dienst Gottes geht dem der Menschen vor.«
    Brown war schon bei der ersten Andeutung, dass seine Begleitung erwünscht
werde, aufgesprungen und näherte sich jetzt, etwas verlegen, der Tochter des
Hauses, ihr seinen Arm anzubieten.
    »So, das ist recht, mein Kind,« ermunterte sie die Mutter - »das ist brav -
Köpfchen hoch - draussen wird Dir's besser werden, und laufen Sie tüchtig, Mr.
Brown, dass sie ordentlich in Bewegung kommt. Gott verzeih' es den bösen Leuten,
solchen Streit und Unfrieden in die ruhigen Häuser seiner Diener zu tragen.«
    Harper war indessen sehr nachdenklich geworden und starrte schweigend auf
das knisternde, nasse Holz hin, während Roberts, der ein Gespräch über den
letzten Streit begonnen, durch seine gewöhnliche Reihenfolge von Ideen in den
Revolutionskrieg gekommen war und eben eine Anekdote aus Washington's Leben
anfangen wollte, als die beiden jungen Leute das Haus verliessen und langsam und
schweigend den breiten, ausgehauenen Fahrweg hinwandelten, der den Fluss hinauf
nach den oberen Ansiedelungen führte.
    Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, und der Schatten der riesengrossen
Bäume fiel über den Weg hinüber; Scharen von munteren Peroquets1 flatterten
kreischend von Baum zu Baum, graue Eichhörnchen sprangen in kühnen Sätzen über
die Zweige hin oder kauerten knuppernd an irgend einer aufbewahrten Nuss, deren
Schale dann raschelnd in das Laub herunterfiel. Vorsichtig den schönen Kopf
erhebend, schritt leise eine Hirschkuh mit dem jungen Kalbe über den Weg, blieb
einen Augenblick, die breite Strasse hinauf- und hinabschauend, stehen und
verschwand dann langsam im Dickicht, als ob sie wisse, es drohe ihr von den
Nahenden keine Gefahr. Stiller Friede lag auf der Landschaft, und majestätisch
rauschten die gewaltigen Wipfel der Kiefern und Eichen im darüber
hinstreichenden Südostwind.
    »Wir sind Ihnen eigentlich recht grossen Dank schuldig, Mr. Brown,« brach
endlich Marion das peinlich werdende Schweigen. »Sie nahmen sich so freundlich
und tapfer meines - des Mr. Rowson an und - setzten sich selbst so grosser Gefahr
aus.«
    »Nicht so grosser, als Sie vielleicht glauben, mein Fräulein,« erwiderte
Brown zögernd - »der Bursche ist ein Feigling und suchte nur mit Mr. Rowson
Streit, weil er von diesem - weil dieser als Prediger nicht darauf eingehen
konnte.«
    »Sie wollten etwas Anderes sagen? Sprechen Sie es aus - Sie halten Mr.
Rowson für feig?«
    »Er ist Prediger, Miss Roberts, und es würde ihm einen gar schlechten Namen
in der Gemeinde machen, wollte er Händel suchen.«
    »Nicht suchen, aber - es bleibt sich gleich - Sie nahmen sich seiner an - es
ist mir ein recht wohltuendes Gefühl, dass Sie so gut mit einander befreundet
sind. Wo haben Sie sich eigentlich kennen gelernt?«
    »Kennen gelernt? befreundet? Miss Roberts, ich kenne Mr. Rowson gar nicht -
wir haben heute die ersten Worte mit einander gewechselt.«
    »Und Sie setzten Ihr Leben für ihn auf das Spiel?« frug Marion schnell,
während sie erstaunt stehen blieb und dem jungen Mann in das grosse blaue Auge
sah.
    »Ich hörte, dass - er - Ihnen verlobt sei - ich sah Sie erbleichen und - ich
bin etwas heftiger Gemütsart. Der Zorn übermannte mich selbst über den rohen
Burschen; ich war wohl etwas rascher, als ich eigentlich hätte sein sollen; aber
mein Gott, Miss Roberts - Sie werden wieder unwohl, wollen wir uns nicht einen
Augenblick auf diesen Stamm setzen?«
    Marion liess sich von ihm zu einem der Bäume führen, die beim Aushauen der
Strasse gefällt und auf die Seite gerollt waren, um dort im Lauf der Zeit
zerstört zu werden. Wieder trat eine lange Pause ein, und Marion frug endlich
leise:
    »Sie wollen uns verlassen, Mr. Brown? Vater sagte vorhin, dass Sie in den
Freiheitskampf nach Texas zögen.«
    »Ja, Miss Roberts, es wird besser für mich sein, wenn ich eine derartige
Beschäftigung finde. - Ich möchte Manches vergessen, und dazu ist ein Kampf wohl
das passendste Mittel. Vielleicht kommt dann auch eine mitleidige - ich werde
wahrscheinlich einen Pferdehandel mit Ihrem Vater machen.«
    »Sie scheinen nicht glücklich zu sein,« sagte leise das schöne Mädchen,
indem es ernst und sinnend zu ihm aufsah. - »Sie lebten lange in Kentucky?«
    »Ich verliess Kentucky mit leichtem Herzen!«
    »Und hat Arkansas Ihnen solchen Schmerz bereitet? Das ist nicht schön - ich
habe das Land bis jetzt so lieb gehabt.« -
    »Sie werden es auch lieb behalten. - In wenigen Wochen feiern Sie die
Verbindung mit dem Manne Ihrer Wahl, und mit dem Herzen, das man liebt, muss ja
die Wüste zum Paradies werden, wie viel mehr denn der schöne Wald, das
wunderliebliche Klima von Arkansas. - Ach, es gibt doch noch recht glückliche
Menschen auf der Erde!«
    »Und wen zählen Sie dazu?«
    »Rowson!« rief der junge Mann und erschrak dann selbst über die Kühnheit
dieses Wortes.
    »Die Mosquitos sind recht arg auf dieser Stelle,« sagte Marion, indem sie
schnell aufstand, »lassen Sie uns weiter gehen, Mr. Brown. - Wir werden auch
bald wieder umkehren müssen - die Sonne steht nicht mehr hoch.«
    Auf's Neue verfolgten sie schweigend eine Zeit lang ihren Weg.
    »Sie wohnen mit Ihrem Onkel ganz allein, nicht wahr, Mr. Brown?« frug
endlich Marion wieder nach langer Pause, »Mutter sagte mir wenigstens so.«
    »Ja, mein Fräulein - wir führen eine Junggesellenwirtschaft; ein rauhes
Leben.«
    »Ihr Onkel ist gar ein wackerer Mann - immer heiter - immer zu einem Scherz
bereit; und hat dabei so etwas Ehrliches, Offenes im Blick - ich war ihm vom
ersten Augenblick an gut, wo ich ihn sah; - so ernst wie heute hab' ich ihn
übrigens noch nie gesehen. - Aber auch Sie kommen mir heute recht ernst vor; die
bösen Menschen sind an dem Allen schuld.«
    »Mr. Rowson wird sich wohl hier in der Gegend ankaufen? Ich hörte, dass Mr.
Roberts sagte, er erwartete erst einen Teil seines Vermögens.«
    »Ja« - flüsterte Marion - »Vater wollte es so - Vater - war überhaupt gegen
diese Verbindung.«
    »Das ist nicht recht von Ihrem Vater, Miss - er darf dem Glück des eigenen
Kindes nicht im Wege stehen.«
    »Er behauptete aber, dass ich nicht glücklich werden würde,« sagte Marion,
wehmütig lächelnd.
    »Ist die Liebe nicht das grösste Glück?«
    »Man sagt so.«
    »Man sagt so? Lieben Sie denn nicht Ihren Bräutigam?«
    »Mutters ganzes Herz hing an dieser Verbindung. Durch den gottesfürchtigen
Wandel des frommen Mannes eingenommen, glaubte sie für mich nicht besser sorgen
zu können, als wenn sie mich vermochte, ihm meine Hand zu reichen. Ich bekam
hier im Walde wohl manchen Mann zu sehen, aber keiner hatte Eindruck auf mich
gemacht. - Die wilden, rauhen Streifschützen, die zügellosen Flossleute - die
Otterfänger und selbst die ungebildeten Farmer, die sich hier in unserer Nähe
niederliessen, waren Alle nicht geeignet, mein Herz zu gewinnen. Mr. Rowson war
der Erste, der sich durch sein gesittetes, freundliches Betragen meine Achtung
erwarb. Er kam öfter in diese Gegend, predigte häufig hier, und - Mutter lernte
ihn schätzen. - Sie selbst beredete ihn, sich unter uns niederzulassen und ein
Weib zu nehmen - er bat um meine Hand, und Mutter - sagte sie ihm zu.
    Ich hatte bis dahin nie an eine Verbindung mit ihm gedacht,« fuhr Marion
nach einer Weile zögernd fort, »immer mehr den väterlichen Freund, als den
möglichen Geliebten in ihm gesehen, und der Antrag überraschte mich. dabei hatte
- Ihnen kann ich es vielleicht gestehen - sein Auge Etwas, das mir Grauen
einflösste, wenn ich schnell und unerwartet zu ihm aufblicke; sah ich ihn aber
recht ernst und fest an, so lag wieder etwas so Mildes, Sanftes in den Zügen,
das mich endlich selbst für ihn einnahm. Durch Mutters nicht endende
Vorstellungen getrieben, gab ich zuletzt mein Jawort. Aber Vater wollte nicht
einwilligen; er mochte den stillen, ruhigen Mann nicht leiden und hatte darüber
mit Mutter ein paar recht ernste Auftritte. Aufrichtig gestanden, war es mir
ziemlich gleich, wer von ihnen Recht behielt, denn ich glaube wohl mit Mr.
Rowson glücklich, ohne ihn aber auch nicht unglücklich zu werden. Wie daher
Vater sich entschloss, der Mutter das Feld zu räumen, und nur noch darauf
bestand, dass Mr. Rowson ein Eigentum haben müsse, welches ihm die Hoffnung
gebe, eine Frau zu ernähren, ohne bloss auf das Predigen angewiesen zu sein,
versprach ich Mr. Rowson, - sein Weib zu werden. - Wie er uns nun heute sagte,
hat er die Hoffnung, in wenigen Wochen eine hinreichende Geldsumme zu erhalten,
um nicht allein das Land, auf dem er wohnt, zu kaufen, sondern sich auch noch
einen Anfang zur Viehzucht, wie alles übrige nötige Ackergerät, anzuschaffen.
Dann steht der Erfüllung seines Wunsches weiter nichts im Wege und ich - werde
die Seine.«
    Marion sprach diese letzten Worte mit so leiser, zitternder Stimme, dass
Brown unwillkürlich stehen blieb und zu ihr hinabsah - sie hatte den Kopf
abgewendet, und das Bonnet, das sie trug, verbarg ihm ihr Antlitz.
    »Sie werden glücklich werden,« flüsterte er, und ein tiefer Seufzer entrang
sich seiner Brust.
    »Wir müssen umkehren, Mr. Brown,« sagte Marion nach einer kleinen Weile -
»sehen Sie nur, die Wipfel der Bäume röten sich schon, die Sonne ist bald
unter, und in diesen dichten Wäldern wird es gleich Nacht - Mutter möchte sich
ängstigen.«
    Die beiden jungen Leute wandten sich stumm zum Heimweg, und Marion sprach
nach einigen Minuten lächelnd:
    »Ich habe Ihnen jetzt meine ganze Lebensgeschichte in den wenigen Worten
erzählt und dadurch erstaunlich viel Vertrauen bewiesen; Vertrauen aber, wie Mr.
Rowson sagt, erweckt Vertrauen, und es wäre jetzt nicht mehr als recht und
billig, dass ich ein Gleiches von Ihnen forderte. Das heisst - wenn Sie keine
Geheimnisse zu bewahren haben, die ein geschwätziges Kind, wie ich bin,
natürlich nicht erfahren dürfte.«
    »Mein Leben ist ziemlich einfach verflossen,« erwiderte Brown - »fast zu
einfach. Ich bin in Virginien geboren, doch zog mein Vater, als ich noch ein
Kind war, mit uns nach Kentucky, wo er mit Daniel Boon die ersten Ansiedlungen
gründete. Ich war kaum stark genug, die Büchse zu tragen, als ich schon mit
gegen die Indianer kämpfen musste, die uns damals Tag und Nacht beunruhigten.
Lange trotzten wir all' ihrer Hinterlist und Uebermacht, einmal aber doch, in
einer unglückseligen Nacht, hatten sie meinen Vater von unserer Wohnung
abgeschnitten, überfallen und erschlagen. Mit Tagesanbruch weckte uns ihr
Schlachtgeschrei und das Prasseln der Flammen, die unsere Blockhütte zerstörten.
Alle die Meinigen fielen unter dem Tomahawk der roten Teufel, und nur wie durch
ein Wunder entging ich ihren Blickenund dadurch dem Scalpirmesser. Ich floh und
erreichte die nächste Ansiedlung. Von da an aber trieben wir kämpfend die Wilden
aus ihren Schlupfwinkeln und zwangen sie, uns in Frieden zu lassen. Es ist in
jenen Zeiten viel Blut - viel unschuldiges Blut vergossen, und ich weiss noch
nicht, ob die weissen Männer damals ein Recht hatten, so hart und grausam von
Anfang an gegen die Eingeborenen aufzutreten. Freilich rächten sich die Wilden
dann auch wieder auf eine entsetzliche Art.
    Später zog ich zu meinem Onkel nach Missouri, wo wir mehrere Jahre lebten
und dann von dem herrlichen Lande und dem gesunden Klima am Fourche la fave
hörten - wir beschlossen hierher auszuwandern. Onkel hatte mich nun immer
angetrieben zu heiraten, denn die Junggesellenwirtschaft, die wir führten, war
wohl Beiden schon zur Last geworden, nie aber fand ich ein Wesen, das dem
Begriff entsprach, die ich von meinem künftigen Weibe gebildet hatte. - Ich
konnte mich nicht entschliessen, eine Frau zu nehmen, ohne dass ich mich von
meinem Herzen zu ihr hingezogen fühlte - ach, ich ahnte wohl die Liebe, aber ich
kannte sie noch nicht. Da ritt ich eines Abends spät - es war noch in Missouri -
durch eine Gegend, die mein Fuss früher nicht betreten hatte, Wolken verhüllten
den Himmel, ich verlor meine Richtung und kam an eine Hütte, von der aus ich
zwar meinen Weg wiederfand, meine Ruhe aber und meinen Frieden auf ewig verlor -
    Ich sah ein Mädchen in dieser Hütte - ich sah - doch wozu einen Engel
schildern, den ich nur finden musste, um die Gewissheit zu bekommen, dass ich ihn
nie besitzen könnte. - Jenes Mädchen, Miss Roberts, war verlobt. Ich blieb
nachdem nur noch wenige Tage in Missouri und ging nach Texas - ging nach
Arkansas; daher mag denn wohl mein oft verstörtes Wesen kommen, was Sie, mein
Fräulein, freundlich entschuldigen müssen. Es tut weh, wenn man einmal sein
Glück gefunden zu haben glaubt, und sieht es dann in Schaum und Nebelbilder
zerrinnen; ach und doch war es ein so schöner Traum!«
    Marion hatte den Köpfchen gesenkt, und heisse Tränen quollen unter den
langen seidenen Wimpern vor, aber Brown sah sie nicht, denn neben ihnen, im
dichten Gebüsch von Sumach und Sassafras, rauschte und rasselte es, ein leiser
Tritt war im dürren Moose gehört, und in demselben Augenblick, als der junge
Mann, eine mögliche Gefahr befürchtend, still stand und mit der Hand nach der
Waffe fuhr, öffneten sich die dichten Zweige gerade vor ihnen, und ein
gewaltiger Panter trat in den Weg und schaute, keineswegs ängstlich, sondern
eher wild und frech zu den beiden Menschen empor, die es gewagt hatten, seine
Einsamkeit zu stören. Mit einem leisen Schrei warf sich das zum Tod erschreckte
Mädchen in die Arme Brown's, der es mit seiner Linken umfasste, während die
Rechte das Terzerol aus der Tasche zog, das er schon einmal heut' auf den wilden
Kentuckier gerichtet hatte.
    Der Panter schwang indessen den langen Schweif halb zornig, halb spielend
in der Luft und schlug sich die Flanken damit, als ob er noch unschlüssig sei,
was er tun solle - angreifen oder den Platz verlassen. Brown zielte ruhig auf
den Kopf des Tieres, das sich eben, fast wie zum Sprung, niederbog, und drückte
ab. Durch das Zittern des schönen Mädchens aber, das er in seinem Arm hielt,
vielleicht selbst durch die süsse Last zu aufgeregte, verfehlte er den Kopf, und
die Kugel fuhr über der rechten Schulter der Bestie in die Weichen. Hochauf
sprang diese in peinlichem Schmerz, dann aber, als ob die unverhoffte Kugel jede
weitere Kampflust vernichtet hätte, stiess es einen scharfen, gellenden Schrei
aus und floh mit mächtigen Sätzen in das Dickicht.
    »Die Gefahr ist vorüber, Miss Marion - wenn uns überhaupt eine Gefahr gedroht
- das Tier ist entflohen,« sagte Brown leise, indem er die an seiner Brust
ruhende bebende Gestalt sanft zu heben versuchte, »mein Schuss hat es verscheucht
- Marion - was ist Ihnen - Marion, fassen Sie sich - um Gottes willen - Marion!«
Die lang' verhaltenen Gefühle brachen sich aber jetzt mit Gewalt Bahn aus dem
bis zu diesem Augenblicke fest verwahrten Herzen. Schluchzend lehnte sie an der
Schulter des Geliebten und flüsterte leise, aber in tiefem, bitterem Schmerz:
    »Oh, ich bin recht - recht unglücklich!«
    »Marion - Sie tödten sich und mich!« rief, von wildestem Seelenschmerz
erfüllt, der junge Mann; »oh, dass die glücklichste Stunde meines Lebens auch die
sein muss, die mich mein ganzes Elend mit einem Blick überschauen lässt! Ja,
Marion, ich liebe Dich, liebe Dich mit all' der Glut eines Herzens, das auf
Erden weiter kein Glück kennt, als Dich zu besitzen, das nur in Dir den Stern
sieht, der seine künftige Lebensbahn erleuchten könnte, und nun verzweifelnd dem
letzten hellen Schein nachblickt, als er auf ewig am Horizonte seines
Glückshimmels verschwindet, um ihm nie wieder zu erstehen.
    Es ist Zeit, dass wir scheiden,« fuhr er mit leiser, unterdrückter Stimme
fort - »ich darf nicht hier bleiben; meine Gegenwart würde nur Unheil stiften,
nur Dich und mich elend machen. Morgen schon verlasse ich Arkansas, und im
wilden Schlachtenlärm will ich versuchen, das Andenken an Dich zu betäuben. -
Vergessen, Marion - vergessen kann ich Dich nie!« -
    Schluchzend lehnte das schöne Mädchen an seiner Brust, und lange hielten
sich die Liebenden schweigend umfasst. Brown führte sie endlich wieder auf
denselben Stamm, auf dem sie vorher gesessen hatten, und im tiefsten Schmerz
barg Marion das Engelsantlitz in ihren Händen.
    »Liebst Du den Mann, dem Du Dich zugesagt?« frug Brown jetzt leise, indem er
ihre Hand ergriff und fanst zu sich herüberzog - »hast Du ihn je geliebt?«
    »Nie - nie!« beteuerte Marion, die freie Hand auf das Herz pressend - »ich
hatte keinen Willen, kannte Niemand, dem ich freundlicher gesinnt gewesen wäre,
als ihm, weil meine Mutter mit wahrer Verehrung an ihm hing, und alle anderen
Leute sagten, dass er ein braver, guter Mann sei. Ich glaubte, es wäre Liebe, was
ich für ihn empfand. Da kamen Sie, da sah ich Sie, sah Ihr freies, offenes
Benehmen, lernte Ihr redliches, treues Herz kennen und - wurde elend. In
Trauerbildern stieg meine Zukunft vor mir empor, ein Leben endlosen Jammers
breitete sich an der Seite des Mannes vor mir aus, den ich nun nicht mehr lieben
konnte, hätte er sich auch nicht heute so feig und unmännlich benommen; ein
dunkler Nebel umhüllte alle meine Träume von Glück und Zufriedenheit, und mit
Ihnen - nimmt das lichte Leben von mir Abschied. - Aber es muss Abschied nehmen,«
fuhr sie, sich sich eehebend, fort - »selbst unser Zusammensein hier ist Sünde.
- Ich bin dem fremden Manne verlobt - bin seine Braut - lassen Sie also dies das
letzte Mal sein, dass wir uns sehen - es ist besser für uns Beide. - Schonen Sie
meiner, ich bin ja nur ein schwaches Weib und müsste dem Schmerz unterliegen.«
    »Sie haben Recht, Marion - wir müssen scheiden, ich bin das Ihrem Herzen,
Ihrer Ehre schuldig. Ich will Sie nur noch zurückgeleiten zu den Ihrigen, dann
kreuze ich Ihren Pfad nie mehr. - Aber ein Angedenken an diese Stunde lassen Sie
mich mit mir nehmen in meine trübe, freudlose Zukunft, gönnen Sie mir eine Locke
Ihres Haares, dass das Auge einen Halt hat, an dem es hängen kann, wenn das Herz
für Sie und Ihr Wohl Gebete zum Lenker unserer Schicksale hinaufsendet.«
    Marion bog das liebe Haupt zu ihm hinüber, und leicht trennte er mit dem
scharfen Jagdmesser eine kleine Locke von ihrer Stirn.
    »Dank, mein Mädchen,« flüsterte er dann, »Dank, heissen Dank, und möge Dich
Rowson so glücklich machen, als Du es verdienst, und wenn Du zu Deinem Gott
flehst, so denke auch manchmal des armen Streifschützen, der dann vielleicht
schon das Land der Freiheit, das jugendliche Texas, mit seinem warmen Herzblut
getränkt hat. Lebe wohl und Gott schütze Dich!«
    Er umschlang im heftigen Schmerz die Geliebte, und ihre Lippen begegneten
sich zum ersten Mal im langen, Abschiedskuss; dann riss sich Marion aus seinem
Arm. Harper und Roberts begegneten ihnen gleich darauf; sie hatten den Schuss
gehört und gefürchtet, es könne ihnen etwas begegnet sein. Roberts nahm jetzt
seiner Tochter Arm, und Harper und Brown folgten ihnen in geringer Entfernung.
    »Onkel,« sagte Brown, nachdem sie eine Weile schweigend neben einander
hingeschritten waren, »Onkel - ich reise morgen früh!«
    »Unsinn!« rief Harper und blieb, seinem Neffen in's Auge sehend, erschreckt
stehen. »Unsinn!« sagte er dann noch einmal, aber mit ungewisser, nur noch halb
zweifelnder Stimme - »und wohin willst Du?«
    »Nach Texas.«
    »Willst Deinen alten Onkel hier allein auf dem Trocknen sitzen lassen? ist
das recht?«
    »Ich muss fort, Onkel!«
    »Du musst? und wer zwingt Dich?« Brown schwieg und wandte sein Gesicht ab,
drückte aber krampfhaft des alten Mannes Hand.
    »Und da soll ich wirklich hier zurückbleiben, trübselig und einsam in meiner
Hütte? Bill, das ist hart - das ist nicht halb recht von Dir. Ich werde Dich
enterben, Bill!« fuhr er nach einigen Secunden wehmütig lächelnd fort - »ich
enterbe Dich wahrhaftig!«
    Brown ergriff seine Hand und schaute ihm mit von Tränen verdunkelten
Blicken in's Auge. - Der alte Mann war arm, und Alles, was Beide jetzt an Land,
Vieh und Geld vereint besassen, gehörte eigentlich dem Neffen an.
    »Haben Sie keine Angst, Onkel - Ihr Alter ist gesichert; Sie wissen ja, dass
ich vor acht Tagen einen Brief von meinem Advocaten aus Cincinnati erhielt. -
Mein Prozess ist gewonnen, und die Auszahlung der Gelder kann nicht mehr lange
dauern; heute Abend noch schreibe ich an Wolfei und gebe ihm den Auftrag, Alles
an Ihre Adresse zu befördern. - Sie werden es dann verwalten, bis ich
zurückkehre, und - kehr' ich nicht zurück - nun - doch darüber sprechen wir
noch. Ich will morgen früh an den Petite-Jeanne und von da nach Morrisons Bluff
am Arkansas hinüber, wo ich Geschäfte zu besorgen habe. In acht Tagen komm' ich
dann auf meinem Wege nach Texas noch einmal an Ihrem Hause vorbei. Unter der
Zeit erhandeln Sie den Fuchs für mich von Mr. Roberts.« -
    »Hallo da!« rief Roberts jetzt vom Hause aus, das er mit seiner Tochter
indessen erreicht hatte - »hallo da! - Ihr geht ja, als ob Ihr Blei an den
Sohlen hättet - kommt, Brown - das Abendessen ist fertig.«
    »Und Du willst wirklich fort?«
    »In diesem Augenblicke brech' ich auf - ich muss noch den Brief schreiben und
Kugeln giessen, auch etwas Brot backen, um einige Provisionen mitnehmen zu
können.«
    »Und kommst Du aber auch gewiss in acht Tagen wieder hier vorbei?«
    »Hier meine Hand darauf - ich muss ja auch das Pferd abholen; bis dahin -
leben Sie wohl, Onkel, in acht Tagen bin ich sicher wieder da. - Sagen Sie aber
Roberts nichts davon, dass Sie mich zurück erwarten - ich - ich könnte dann keine
Zeit haben, ihn zu besuchen, und er möchte das übel nehmen.«
    »Heda, Brown! - Was will denn Brown im Stalle, Harper?« fragte Roberts, als
dieser allein zum Hause kam, »das Essen wird kalt - meine Alte hat schon
gebrummt.«
    »Er will fort,« meinte Harper traurig, »weiss der liebe Gott, was ihm in den
Schädel gefahren ist.«
    »Fort? Heut abend?« riefen Mr. und Mrs. Roberts - »aber weshalb denn?«
    »Er hat Geschäfte morgen am Petite-Jeanne und muss erst noch vorher nach
Hause. Da würd' es zu spät werden, wenn er heute Nacht hier bliebe.«
    »Sonderbar, dass ihm das so auf einmal eingefallen ist,« sagte Mrs. Roberts -
»heute Nachmittag war er doch ganz damit einverstanden, den Abend hier
zuzubringen.«
    »Er hat mit mir schon unterwegs davon geredet,« sagte Marion, während sie
sich abwandte, ihr Bonnet abzulegen, »und dass es ihm leid sei, nicht bei uns
bleiben zu können. Er muss wohl dringende Geschäfte haben.«
    »Ja, und ich will ihn lieber begleiten,« warf Harper ein, »wir haben keine
Köchin weiter zu Hause, als mich, und da muss ich doch für Proviant sorgen. - Es
könnte sein, dass er einige Tage wegbleibt.«
    »Aber, Mr. Harper!« rief Mrs. Roberts halb beleidigt - »ich begreife Sie
Beide gar nicht - das Abendbrot ist angerichtet. - So essen Sie nur wenigstens
erst einen Bissen!«
    »Danke schön, Mrs. Roberts - danke schön - morgen früh, wenn Sie nichts
dagegen haben, lad' ich mich zum Frühstück ein, denn die Jagd mach' ich mit,
Roberts. - Jim, bring mir mein Pferd auch - aber schnell,« unterbrach er sich
dabei, während er einem kleinen Neger den Befehl gab. »Also um sechs Uhr bin ich
hier - soll ich den Indianer mitbringen?«
    »Der kann uns beim Aufsuchen der Schweine von wesentlichem Nutzen sein,«
meinte Roberts.
    »Aber, Mr. Harper - nur eine Tasse Kaffee, ehe Sie gehen. - Sie haben doch
nichts Warmes, wenn Sie nach Hause kommen.«
    »Das ist eine unbestrittene Wahrheit, Mrs. Roberts,« erwiderte der alte
Mann, während er zum Tische trat und die dargebotene Schale heissen Kaffees
leerte, »leider wahr - 's ist ein elendes Leben, so eine Junggesellenwirtschaft
- ich denke, ich heirate!«
    »Hahaha!« lachte Roberts, »das ist ein gescheidter Einfall. Reitet hier in
der Nachbarschaft herum und macht den Mädchen den Hof. Dazu müsst Ihr aber den
neuen hellblauen Frack anziehen, den Euch der Schneider in Little Rock gemacht
hat, wie? Ihr habt mir noch nicht einmal gesagt, was er kostet. Ja, die
Schneider sind merkwürdig teuer in Little Rock. Neulich, wie ich unten war -«
    »Gute Nacht, Mr. Roberts - gute Nacht, Ladies!« rief Brown's vor dem Hause,
wo er mit dem Pferd hielt.
    »Aber, Mr. Brown - so kommen Sie wenigstens einen Augenblick herein und
trinken Sie eine Tasse Kaffee - Ihr Onkel -«
    »Danke herzlich, Madame - habe gar keinen Durst - gute Nacht nochmals zu
Allen!«
    »Halt da, Bursche - ich komme mit,« rief Harper.
    »Sie, Onkel?«
    »Ja wohl - da ist schon das Pferd. - Nun also morgen früh, und, Roberts,
nehmt nicht etwa wieder die kleingebohrte Büchse mit, giesst lieber heut Abend
Kugeln zu der andern - 's ist elendes Schiessen mit einem so erbärmlichen kleinen
Blei - gute Nacht zu Allen denn,« fuhr er fort, als er aufstieg und sich im
Sattel zurechtsetzte - »gute Nacht!«
    Mr. und Mrs. Roberts standen in der Tür - hinter ihnen Marion.
    »Gute Nacht!« rief Brown noch einmal und schwenkte den Hut - noch einmal sah
er die Gestalt der Geliebten - er wusste, ihr Auge ruhte auf ihm; zum letzten Mal
rief er den Gruss hinüber und stiess dann dem treuen Tier den Hacken so wild in
die Seite, dass dieses mit jähem Seitensprung in die Höhe fuhr und in wenigen
tollen Sätzen aus dem Lichtkreise verschwand, der aus der offenen Tür des
Hauses strömte.
    »Halt da!« rief Harper dem Neffen zu - »bist Du toll - willst Du Hals und
Beine brechen? - Hübsch langsam, wenn ich Schritt halten soll - toller Bursche,
das - wahnsinniger Bursche, das -« und noch lange hörten sie den alten Mann
schimpfen und raisonieren, wie er sein Pferd antrieb, um das uurch den Sporn
erschreckte, unruhig tanzende Tier seines Neffen wieder einzuholen.
    »Wunderbar!« sagte Mrs. Roberts, als sie sich zum Abendessen mit ihrem Mann
und ihrer Tochter niedersetzte - - »wunderbar! - das war doch ein ganz
absonderliches Betragen von den Beiden - hätten den heiligen Sabbat auf eine
würdigere Weise beschliessen können, als heim zu reiten und -«
    »Torheit, Alte!« unterbrach sie Roberts - »dem Jungen, dem Brown, geht die
Geschichte mit dem Lump, dem Heatcott, noch im Kopf herum; kann's ihm nicht
verdenken. Der Bube drohte sehr unzweideutig, ihn über den Haufen zu schiessen,
wo er ihn finden würde, und er ist schlecht genug dazu, in dieser Hinsicht sein
Wort zu halten.«
    »Glauben Sie wirklich, Vater?« - frug Marion leichenblass werdend.
    »Nun, der Junge wird schon seinen Mann stehen,« fuhr der Alte fort - »ein
tüchtiger, braver Bursche ist's - hat das Herz auf dem rechten Flecke. Seit der
Zeit, wo er mit seinem Onkel herkam - das sind nun jetzt etwa sechs Wochen;
nicht wahr? Ich dächte, ich hätte damals gerade das neue Stück Land eingefenzt,
wo uns noch das eine Stück wieder abbrannte. Ja, die Tagelöhner soll der Henker
holen, und wenn es aus einem fremden Säckel geht -«
    »Trinkst Du noch eine Tasse Kaffee, Roberts?« frug sein Weib.
    »Nein, danke schön.«
    »Nun, dann wollen wir unser Abendgebet halten,« sagte die Matrone und holte
vom kleinen Gesims die sorgsam aufbewahrte heilige Schrift herunter.
    Oh, mit welcher Andacht betete an diesem Abend das arme unglückliche
Mädchen; wie heiss erflehte sie von dem Allerbarmer Glück und Ruhe für den
Geliebten! Und als sie endlich ihr Lager suchte, netzte sie mit unzähligen
Tränen das schneeweisse Kissen und schlief, wie ein vom Weinen ermüdetes Kind,
mit gefalteten Händen und den Namen des teuren Mannes auf den Lippen, ein.
 
                                    Fussnoten
1 Eine Art von Papageien.
 
                                       6.
       Die Bärenhetze. - Der sonderbare Fund. - Des Indianers Scharfsinn.
Der nächste Morgen brach klar und hell herein. Im Osten stahl sich der erste
lichte Schein über die Berge; der Whip-poor-will schrie noch seine wehmütig
monotone Weise - die Eulen riefen aus dem dichten Oberholz der Niederungen, und
hier und da antwortete ihnen das erboste Kollern eines balzenden Trutahns. In
den Büschen wurden die kleineren Singvögel munter, und weit im Walde drinnen
krähte auf einem einsam liegenden Farmhof ein wackerer Haushahn sein gellendes
Morgenlied in die frische, erquickende Morgenluft hinaus. Tau war reichlich
gefallen, an jedem Grashalm hing eine Reihe klarer Krystalle, und von den
Zweigen fielen die grossen hellen Tropfen tönend auf das feuchte Laub nieder.
dabei dufteten Blumen und Blüten so wonning erquickende Wohlgerüche aus, dass
die Brust sich freier hob und mit Entzücken den balsamischen Wohlgeruch einsog.
    Zwei Reiter ritten langsam auf der Countystrasse hin. - Es waren Harper und
Brown, Beide heute in der Tracht der westlichen Jäger: ledernes Jagdhemd,
Leggins und Moccasins, gekleidet mit Büchsen auf den Schultern und ihre breiten
Jagdmesser an der Seite. Brown hatte seinem Onkel Alles gestanden; es würde ihm
das Herz abgedrückt haben, hätte er es dem väterlichen Freunde verschweigen
sollen, und ohne ein Wort zu wechseln, waren Beide, Jeder mit seinen eigenen
ernsten Gedanken beschäftigt, bis nahe zu der Salzlecke gekommen, wo Harper am
vorigen Tage den Hirsch fing. Von dort aus zog sich ein kleiner Seitenpfad
rechts über den Gebirgsrücken nach dem Zypressenfluss und dem Petite-Jeanne
hinüber, und Brown hielt hier, um von seinem Onkel Abschied zu nehmen.
    »Nun lebe wohl, mein Junge!« sagte dieser endlich, nachdem sie sich die
Hände herzlich geschüttelt hatten, »besorg' Deine Geschäfte und kehre dann mit
heiterem Sinn zurück. Du wirst das Mädchen schon vergessen lernen. - Nun ja, ich
glaub' Dir's, es wird schwer halten, aber, Du lieber Gott, man vergisst ja so
Vieles. Ich könnte Dir darüber auch eine recht traurige Geschichte erzählen,
doch sind wir Beide schon verstimmt genug ohne ein zweites Jammerlied. Ich
besorge Dir indessen hier alles das, was Du besorgt haben willst: den Fuchs
werde ich kaufen, die Decken will ich Dir übermorgen selbst von Little Rock
holen, oder doch durch sichere Hand beschaffen lassen, die Kugeltasche sollst Du
auch bekommen, und Alapaha muss bis dahin die Felle zum neuen Jagd hemd fertig
gegerbt haben. Es hat ja bis jetzt auch nur an Hirschgehirn gefehlt, sie fertig
zu machen, und vier Hirsche werden wir doch wohl noch zusammenschiessen. - Also -
behüte Dich Gott, mein Junge - komm bald wieder und hab' wohl Acht auf Dich, und
kommst Du den Regulatoren in den Weg - die Kerle sind dahinauf geritten - so
fange keinen neuen Streit mit ihnen an. - Es nutzt nichts, und Du hast keine
Ehre davon.«
    »Haben Sie keine Angst, Onkel - der Bursche geht mir schon aus dem Wege, und
drängt er sich mir wirklich entgegen, nun so werde ich mir sicherlich Raum zu
verschaffen wissen. Doch jetzt ade - sollte in meiner Abwesenheit das Geld von
Cincinnati kommen, wohl - Sie wissen, was Sie damit zu tun haben - ade. - In
acht Tagen bin ich wieder da und - nicht wahr? einen Gruss bestellen Sie noch an
Marion - den letzten Abschiedsgruss - dann will ich mich daran gewöhnen, sie zu
vergessen. Good bye, Onkel, wenn wir uns wiedersehen, hoff' ich, dass wir Beide
die alte fröhliche Laune wiedergewonnen haben.«
    Die Männer schieden, und Harper hielt noch so lange auf der Strasse, bis die
schlanke Gestalt seines Neffen, auf dem kleinen rauhhaarigen Pony, hinter dem
scharfkantigen Bergrücken verschwunden war. Dann verfolgte er, bedeutend mit dem
Kopfe schüttelnd, seinen Weg wieder, pfiff aber auf eine entsetzlich scharfe und
gellende Weise ein altes Lied, ohne dabei eine Idee von Takt oder Tonart zu
beachten. Nur seine Gesichtsmuskeln arbeiteten gewaltig, und es war
augenscheinlich, dass der arme alte Mann den Schmerz über das Unglück und der
Verlust seines Nessen verbeissen wollte. Bald darauf erreichte er Roberts' Haus
wieder.
    Hier herrschte jedoch ein regeres Leben; noch zwei Jäger aus der
Nachbarschaft waren eingetroffen, und Harper wurde mit einem lauten Hallo
begrüsst. Die Männer jubelten, die Hunde heulten, die Gänse und Enten
schnatterten, und es war ein Spectakel, dass der alte Haushahn erschrocken auf
das Dach flatterte und, höchst verwundert den Kopf wendend, auf die Lärmenden
niederblickte.
    Das Frühstück stand bereit - heisser Kaffee mit guter Sahne und braunem
Zucker, gebratener Speck und Bärenrippen - etwas Hirschfleisch, saure Gurken,
Honig und Butter. Die Männer liessen sich auch nicht lange nötigen, und bald
verrieten die geleerten Schüsseln, wie gut es ihnen geschmeckt hatte. Jeder
hing dann seine Kugeltasche um, nahm die Büchse und bestieg sein vor der Tür
harrende, oder vom Neger gehaltene Pferd; Harper nur trat noch, ehe er den
Uebrigen folgte, zu Marion hin, die sinnend am Kamin sass, und drückte schweigend
ihre Hand. Das Jungfrau blickte erschrocken zu ihm auf, als sie aber seinem
Blick begegnete, las sie in diesem den Abschiedsgruss des Geliebten, und tief
aufseufzend barg sie das Antlitz in der linken Hand. In der nächsten Minute
waren die Jäger beritten. Der Ton des an Roberts' Seite hängenden kleinen Hornes
brachte die Hunde alle zur Stelle, die heulend und winselnd an den Pferden
emporsprangen, und fort ging's mit dem fröhlichen Jagdgeschrei, hinein in den
grünen blühenden, den wunderherrlichen Wald.
    Harper's Trauer schwand jedoch in dem Augenblick, wo sein Pferd den dunklen
Schatten der Bäume betrat; er war nur noch Jäger, und ein Jäger in Arkansas hat
nicht Zeit für Sorge, Not und Kummer. Wenn ihn die grüne Waldesheimat umfängt;
wenn das Ross selbst, das ihn trägt, wiehernd wie in toller, freudiger Lust
freiwillig über Bäche und umliegende Stämme hinwegsetzt; wenn die Hunde in
wilder Hast nach der warmen Fährte des Bären oder Panter zu suchen anfangen,
spielend manchmal hinter einem aufgescheuchten flatternden Volk Trutühner
hersetzen, oder heulend mit sträubendem Haar neben den Spuren des Wolfes stehen
bleiben; wenn der Tau von den duftenden Büschen die heisse Wange netzt; wenn
endlich die Meute mit wildem Gebell dem aufgescheuchten Wilde folgt und, ihr
nach, die Jagd in wildem Toben rast: wer denkt da noch an Schmerz oder Gram, wen
drücken da noch quälende Sorgen? »Vorwärts!« heisst sein einziges Gefühl -
»vorwärts!« ist der alleinzige Gedanke, dessen er sich bewusst ist. - Ach, es ist
ein wonniges Leben im freien, grünen Walde!
    Die Jäger schlugen sich rechts über den Bergrücken, der die Wasser des
Fourche la fave von denen der Cypres trennt, ritten in diesem kleinen Flüsschen
bis zu seiner Quelle stromaufwärts und folgten dann dem Bergrücken, den
Petite-Jeanne hinauf, bis sie auch zu diesem niederstiegen und jetzt die
Niederung, das breite, fruchtbare Tal dieses Flusses betranen.
    »Wo nur der Indianer stecken mag, Harper?« frug Roberts endlich - »wie Ihr
sagtet, wollte er uns doch am Petite-Jeanne treffen?«
    »Weiss der liebe Gott, wo sich der Bursche herumtreibt. Na, unsere Fährten
sind breit genug, denen kann er folgen - aber, Curtis - was hat Eddy dort? Seht
einmal, wie sie mit dem Schwanze wedelt. - Wenn nur Poppy hier wäre - die
verwünschten Köter treiben sich auf der falschen Fährte umher.«
    Roberts sprang bei diesen Worten vom Pferd und eilte zu dem Platz, wo Eddy,
ein junge Hündin, augenscheinlich mit der sehr interessanten Besichtigung einer
noch frischen Fährte beschäftigt war. Ein Bär hatte an diesem Morgen seinen Weg
hier vorbei nach dem etwa zwei Meilen entfernten Flusse zu genommen und mochte
an dieser Stelle wahrscheinlich eine kurze Zeit gesessen haben, denn der Hund
liess sich gar nicht wieder von der Stelle fortbringen.
    »Pest und Donner!« rief Curtis, der jetzt ebenfalls vom Pferde gestiegen
war, »das muss ein derber Bursche sein, und scheint auch gar nicht so leicht -
seht nur, wie er die Ballen eingepresst hat. Und hier - das hier ist gar keine
Bärenfährte - da ist ein Mann gegangen - vielleicht der Indianer - und da noch
einer; Assowaum konnte das nicht sein. Wo zum Henker stecken nur die Hunde? Der
Bär ist schwerlich schon über den Fluss gegangen - blast einmal das Horn,
Roberts.«
    Dieser blies ein paar laute, schrille Töne auf dem einfachen Instrumente,
und nicht lange währte es, bis er ein Keuchen in den Büschen, zu gleicher Zeit
ein Rascheln hörte, und gleich darauf sprang das »Poppy«, wie es der alte Jäger
nannte, auf den kleinen freien Platz, an dessen Rande die Männer hielten. Ihm
folgten bald die übrigen Hunde, denn Poppy war der Leiter der Meute, und
winselnd fuhren sie auf dem Platze umher, wo sie die Spuren ihres Feindes
witterten. Da kam ein junger Brake auf die warme Spur, stiess ein scharfes Geheul
aus und schoss wie ein Pfeil auf der »Rückfährte« in den Wald hinein, den Hügeln
zu; Poppy, zum ersten Male seit langen Jahren irre geleitet, liess sich anführen,
spürte ebenfalls die warmen Zeichen und flog dem jüngeren Hunde nach. Die
anderen waren natürlich jetzt nicht zu halten, und mit wildem Toben verschwanden
sie bald in dem Dickicht, das sich mehrere hundert Schritt breit am Fusse der
Hügel hinzog.
    Vergebens schrie Roberts und stiess abwechselnd in sein Horn, dass es ihm die
Halsadern zu zersprengen drohte; vergebens vereinigten die anderen Jäger ihr
Geschrei mit dem seinigen, die Meute hörte es nicht.
    »Giftpilze und Klapperschlangen,« rief der alte Roberts jetzt wütend, indem
er seine Jagdmütze mit wildem Ingrimm auf die Erde schleuderte, »hol' der Teufel
die Canaillen, rennen sie auf der Rückfährte fort - nein, so 'was ist noch gar
nicht dagewesen. Nun können wir uns mit unserer Jagd abmalen lassen!«
    »Was den verrückten Hunden nur einfiel?« brummte Curtis.
    »Das rote Vieh war dran schuld,« sagte der andere Jäger, ein Krämer aus den
östlichen Staaten, der gerade bei Curtis angekommen war und gern einmal eine
ordentliche Jagd in Arkansas mitmachen wollte - »das rote Vieh kratzte zuerst
wieder nach den Bergen zu aus.«
    »Das rote Vieh!« rief Roberts in höchsten Unmut, »war Curtis' Hund - die
Canaille hat nicht mehr Begriff von einer Bärenfährte, wie ein Schaf von
Cherokesischen. - Curtis - wenn der Hund mein wäre, schöss' ich ihn, weiss es
Gott, über den Haufen.«
    
    »Na, ich wünschte mir weiter nichts, als dass Mrs. Roberts und Mr. Rowson
Euer Beten hier mit anhörten!« lachte Harper.
    »Mr. Rowson soll sich um seine eigenen Geschäfte kümmern, ich würde mich
auch nicht besonders geniren, wenn er da wäre -«
    »Auch nicht vor Mrs. Roberts?«
    »Die kommt nicht an den Petite-Jeanne-Sumpf. - Es ist aber wahr, jetzt
stehen wir hier wie ein Bär im Pflaumengarten und wissen nicht, nach welcher
Seite wir zuerst hinsollen. Dass die Hunde nicht vor drei, vier Stunden
wiederkommen, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und nachher sind sie müde wie -
wie die Hunde.«
    »Euer Poppy war aber doch auch dumm genug, zu folgen,« rief Curtis, selber
ärgerlich.
    »Nun ja - weil eine solche Bestie vornweg Bahn bricht und einen Spectakel
macht, als ob sie Gott weiss was gefunden hätte! Na, freu' dich, Poppy - die
Schläge!«
    »Bst!« rief Harper plötzlich, indem er seinen linken Arm schnell vorstreckte
und die rechte Hand, während er die Büchse vor sich auf den Sattelknopf legte,
trichterförmig an das Ohr hielt. - »Bst - ich hörte etwas, das nicht wie
Hundebellen tönte - ha - da noch einmal - das ist Assowaum, und jetzt wollt' ich
meinen Hals darauf verwetten, er hat die Canaillen umgedreht. - Blast, Roberts -
blast - er weiss noch nicht recht, wo wir eigentlich sind.«
    Roberts liess wiederum sein Horn schallen, und deutlich wurde der Ton jetzt
durch einen langgezogenen Schrei beantwortet, der von dem nicht fernen
Bergrücken herunter zu kommen schien.
    »Hurrah - das war Assowaum's Stimme, und wenn der den Hunden begegnet ist,
so bringt er sie auch wieder mit zurück - Poppy kennt ihn zu gut.«
    Harper hatte Recht gehabt, nach einer kurzen Viertelstunde erschien der
Indianer und vor ihm her, immer noch suchend, die Meute; Poppy brachte er jedoch
an einem dünnen Lasso aus gedrehtem Lederriemen geführt.
    »Hallo, Rothaut, wo hast Du die Hunde gefunden?« rief ihm Roberts freudig
entgegen.
    »Ueber den Berg kam ein grosser Bär,« sagte der Indianer - »tiefe Fährten und
nicht hungrig; keinen Stein hat er unterwegs aufgehoben, um nach Würmern zu
sehen, kein faules Holz umgedreht oder zerkratzt; seine Spur führte gerade dem
Fluss zu. Im Rohrdickicht dort ist ein ruhiges Lager und nicht viel Mosquitos.
Assowaum kennt die Stelle.«
    »Aber wie kamst Du zu den Hunden?«
    »Wenn Assowaum die Fährte eines Bären findet, so weiss er auch, auf welcher
Seite er die Nase trägt; Poppy begegnete mir, und als er an mir heraufsprang,
hielt ich ihn fest; wenn die Bienen schwärmen, so folgen sie immer einer, der
grössten, der gescheidtesten - so machen's die Hunde, wenn der Führer die Fährte
verlässt, halten sie auch die anderen nicht lange mehr warm. Assowaum hat manches
Stück Hirschfleisch in der Hütte - sie kennen ihn - Wah! -« und er breitete
seinen Arm aus und zeigte ringsherum auf die Meute, die sich jetzt, einige junge
Tiere ausgenommen, um die Jäger versammelt hatte.
    »Capitaler Bursche, der Assowaum,« sagte Harper, sich vergnügt die Hände
reibend, »capitaler Bursche. Jetzt die Köter auf die rechte Fährte gebracht, und
wie ein Blitz -«
    »Laufen sie wieder nach den Bergen zurück,« - sagte Assowaum; »nein - ich
führe Poppy - die anderen folgen - haben wir sie erst im Gange, nachher
verlassen sie die rechte Richtung nicht mehr.«
    Der Rat des Indianers wurde augenblicklich angenommen, und schon nach
wenigen Schritten schien Poppy wollkommen begriffen zu haben, dass er vor kurzer
Zeit einen sehr dummen Streich gemacht, denn er liess den Schwanz hängen und
schaute trübselig zu seinem Führer empor. Dieser traute ihm jedoch noch immer
nicht, bis er ihm wohl zweihundert Schritt auf der Fährte gefolgt war und nun
sah, dass er ihn kaum mehr an der Schnur halten konnte. Da liess er ihn los, und
von seinem wilden Jagdschrei, der gellend durch den Wald hin schallte,
angefeuert, fuhr das grosse, schöne Tier mit Winseln und Heulen der Spur nach
und verschwand bald, von der laut klaffenden Meute gefolgt, im Dickicht.
    »Jetzt heisst's auf den Pferden sitzen geblieben,« rief der alte Roberts, der
in diesem Augenblick um zwanzig Jahre verjüngt schien, »hussa! Poppy ahuh - pih
!« Und er stiess die letzte Silbe mit solcher Kraft hervor, dass selbst die
Pferde, von der Jagdlust angesteckt, hoch aufsprangen und dem Rufe Folge
leisteten.
    Durch Dickicht und Sumpf, über Bäume und Lachen hinweg, in Stellen hinein,
wo der ganze Wald nur durch ein einziges Gewebe von dorningen Schlingpflanzen
verbunden schien, bis an das Rohrdickicht, das den Fluss in etwa dreihundert
Schritt Weite umgab, ging die Jagd. Bis hierher hatten sich auch Alle ziemlich
gut im Sattel gehalten, nur der Krämer ausgenommen, der gleich nach dem ersten
Eintritt in die Greenbriars1 von einem dieser oder einer Weinrebe abgestreifet
war. Wenigstens rief sein klägliches Schreien die Jäger mit solcher
herzzerreissenden Wehmut zurück, dass Harper wirklich im ersten Augenblick seinem
Pferd in die Zügel griff. Es war aber auch wirklich nur einen Augenblick, denn
im nächsten Moment fühlte das treue Tier schon wieder den Hacken. Das wäre kein
Arkansas-Jäger, der auf einer warmen Bärenfährte neben einem gestürzten
Kameraden bliebe.
    Am Rand des Rohrdickichts mussten jedoch auch die Anderen von den Pferden,
und diese ihrem Schicksal überlassend, sprangen sie mit einem Satz aus dem
Sattel und brachen sich durch das tolle Gewirr von Schlingpflanzen und Rohr, das
an manchen Orten wirkliche Wände bildete und erst mit dem Messer durchhauen sein
wollte, Bahn. Wohl hatten aber auch die Jäger Ursache, so schnell wie möglich
vorzudringen, denn mitten im Dickicht und gar nicht mehr weit von ihnen
entfernt, erhob sich jetzt der fürchterlichste Lärm, der sich nur in einem
Rohrbruch denken lässt. Die Hunde heulten und bellten, das dürre Rohr krachte,
das Laub raschelte, und die Männer schrieen, um die Kämpfenden noch mehr
anzufeuern, dass man eben so gut hätte glauben können, ein Hurricane käme durch
den Wald gebraust, oder der wilde Jäger gäbe mit seiner gespenstischen Meute im
Urwald von Amerika Gastrollen.
    Der Bär war gestellt, die Hunde hatten ihn im Lager überrascht, wo er sich
wahrscheinlich erst vor kurzer Zeit niedergelassen, und so spät musste er
aufgestiegen sein, dass ihm die vordersten, Poppy und Eddy, schon dicht auf den
Haken waren, ehe er sich vom ersten Schrecken erholen konnte.
    Eddy war nur ein »Hound«2 und auf einer Fährte ausgezeichnet, beim
wirklichen Kampf aber nicht viel wert, Poppy dagegen - eher etwas
schwerfälliger gebaut - kannte keine grössere Wonne, als einen Bären bei den
Keulen zu nehmen, denn sehr vorsichtiger Weise machte er sich nahe den
Vordertatzen desselben selten viel zu schaffen. Als sich Pätz daher mit wildem
Sprunge, die Nase dicht am Boden, damit er unter all' den Schlinggewächsen
wegschlüpfen konnte, empfehlen wollte, hatte ihn Poppy, ehe er sich's versah, am
Fell und packte ihn so derb, dass er sich brummend wandte um den Zudringlichen
mit kräftiger Klaue zurückzuweisen. Hierauf wartete Poppy aber keineswegs.
Sobald er nur sah, dass der Bär hielt, war sein Zweck erreicht, denn mit
Blitzesschnelle flog er zur Seite und entging dadurch dem gefährlichen Schlage;
er wiederholte aber das Spiel von Neuem, sobald der Verfolgte ihm wieder die
Kehrseite zuwandte. Lange hätte er ihn freilich nicht auf diese Art halten
können, aber jetzt kamen auch die übrigen Hunde herbeigestürmt, und nun musste
Pätz ernstlich an Fersengeld denken, wollte er nicht die Hetze mit seinem Pelze
bezahlen.
    Er floh also dem nicht mehr sehr fernen Flusse zu, nach welcher Richtung hin
das Dickicht auch am undurchdringlichsten war; doch immer wieder warf sich ihm
die Meute entgegen, die ihn wie rasend umschwärmte, von der aber nur der
kleinste Teil sich näher heranwagte. Endlich sah er sich genötigt, einen
offenen Teil des Waldes zu wählen und den Strom hinab eine seichte Slew3 zu
benutzen, deren etwas steile Ufer die Hunde verhinderten, ihm zu nahen. Im Fall
eines Angriffs hätten sie ihm nicht ausweichen können. Hierdurch erwehrte er
sich zwar eine Zeit lang der Zähne seiner Verfolger, die Jäger bekamen aber auch
zugleich Gelegenheit, ihm den Weg abzuschneiden, da sie am Geheul der Meute
augenblicklich merkten, wohin sich die Jagd wandte. Als der Bär daher,
keineswegs in der besten Laune, eben wieder links abspringen wollte, um einen
zweiten Versuch zu machen, zum Fluss zu kommen, brach Roberts dicht neben ihm aus
dem Dickicht, legte an und feuerte. In demselben Augenblick krachte eine zweite
Büchse, und Curtis' Kugel sauste nach der Bestie hinüber. Obgleich übrigens
beide Kugeln sassen, so schienen sie doch wenig Wirkung auf den Bären zu haben,
der nur einmal hoch aufsprang und ein schwaches Gestöhn, das fast wie ein
Seufzer klang, ausstiess, dann aber mit gewaltigem Satz den Rand der Slew
erreichte, hier den Rüden, der sich ihm entgegenwarf, mit einem Schlage seiner
fürchterlichen Tatze zu Boden streckte und dem Flusse zu floh.
    Roberts hatte unterdessen seine Zeit ebenfalls genutzt; mit einem Sprunge,
der einem Panter Ehre gemacht haben würde, setzte er über die Slew und war mit
seinem Messer dicht hinter der Bestie, als sie den Rand des Flusses erreichte.
Hier krachte eine dritte Büchse, und in demselben Augenblick erreichte auch
Roberts das tödlich verwundeten Tier und stiess ihm den breiten Stahl in die
Flanke. In der Hitze des Nachsetzens hatte er aber den Ort nicht beobachtet, wo
er sich befand. Der Bär fuhr noch mit letzter Kraftanstrengung, im Todeskampf in
die Höhe, wehrte nicht einmal die beiden Hunden Poppy und Watch (Harper's Hund),
die sich auf ihn warfen, sondern sprang die steile Uferbank hinab in den Fluss,
und Bär, Roberts, Poppy und Watch verschwanden gleichzeitig in der über ihnen
zusammenschlagenden, trüben Petite-Jeanne.
    »Wah!« sagte Assowaum lachend, als er, sich mit der Linken an einem jungen
Stamme festaltend, über den Uferrand hinabschaute, »der weisse Mann hält
merkwürdig fest.« Ehe jedoch einer der übrigen Jäger den Kampfplatz erreichen
konnte, tauchten die Untergesunkenen wieder empor, und Roberts, keineswegs durch
den freilich etwas unerwarteten Sprung ausser Fassung gebracht, zog den jetzt
verendeten Bären mit den beiden Hunden, die ihren Halt selbst unter dem Wasser
nicht hatten fahren lassen, an's Ufer und nahm sich erst dann Zeit, zu der
Stelle hinaufzusehen, von der er so urplötzlich, und keineswegs freiwillig,
heruntergekommen war. Hier begegnete er dem Blick Harper's, der verwundert zu
ihm hinabschaute und ausrief:
    »Holla, Roberts, was zum Henker macht Ihr da unten mit der Bestie? wie
sollen wir sie denn jetzt wieder heraufbekommen?«
    »Ja, wenn ich selbst nur erst oben wäre,« erwiderte lachend der Gefragte -
»herunter ging's' merkwürdig leicht, jetzt möcht' es aber seine Schwierigkeiten
haben.«
    »Warte!« rief Assowaum - »ich schaffe Rat.«
    »Warten?« meinte Roberts mit komischer Wehmut, »ich möchte wissen, was ich
Anderes tun könnte, als warten; wer in so einer Falle drin sitzt, wie ich hier,
hat gut warten.«
    »Ist denn der Bär fett?« frug Harper.
    »Ziemlich!« erwiderte Roberts, die Flanken des Tieres, das neben ihm noch
halb im Wasser lag, befühlend, »wollt Ihr Euch nicht selbst überzeugen?«
    »Danke schön,« lachte dieser, »ich glaube Euch auf's Wort, habe auch
wirklich keine so gewaltige Eile.«
    Assowaum hatte indessen einen kleine Hickory abgehauen, den er dort, wo er
zuerst auszweigte, abhackte und nun den ganzen obern Teil von den Aesten
befreite, diese aber doch noch so weit stehen liess, dass sie eine Art leicht zu
ersteigender Leiter bildeten. Dann erkletterte er eine kleine Weisseiche, die an
einer Cypresse in die Höhe wuchs, und hieb von dieser eine dünne Weinrebe, so
hoch er sie erreichen konnte, ab. Zuerst liess er nun den schlanken Stamm zu
Roberts hinunter, und dann reichte er ihm das eine Ende der Rebe, wobei er ihm
bedeutete, die Hunde einen nach dem andern daran fest zu binden. Mit Hülfe des
Gürtels und Taschentuchs war das leicht geschehen, und jene, durch die vereinten
Kräfte der Männer hinaufgezogen, waren bald oben auf der Uferbank.
    »Wie bekommen wir aber jetzt den Bären herauf?« frug Harper - »der Kerl
wiegt wenigstens seine dreihundert Pfund, und ohne Stricke werden wir ihn wohl
unten lassen müssen!«
    »Ahem!« nickte Assowaum - »das ist auch gerade recht - seht Ihr die zwei
Stücke faulen Holzes hier am Wasserrande? - die wälzen wir in's Wasser - binden
den Bären daran fest, und Assowaum geht mit, den Fluss hinunter. Eine und eine
halbe Meile von hier wohnt Mister Bahrens. - Ihr Anderen nehmt die Pferde und
reitet am Rohrbruch hinunter. Mit Sonnenuntergang sitzen wir Alle bei Mister
Bahrens.«
    »Ein köstlicher Einfall, Assowaum,« rief Roberts, der jetzt mit grosser
Gewandteit an dem dünnen Stamm emporstieg und bald wieder bei den Uebrigen war,
»ein köstlicher Einfall. Bahrens hat überdies einen Weg bis zum Fluss hinunter
gegraben, und da können wir unsere Beute mit grösster Bequemlichkeit auf's
Trockene legen.«
    »Aber höre, Assowaum!« rief Curtis, als sich der Indianer schon mit grosser
Geschicklichkeit an die Ausführung seines Vorschlages machte, »wenn Du über
Bahrens' Haus ankommst, da, wo wir im vorigen Sommer den Honigbaum fällten, dann
binde doch Dein Fahrzeug eine Weile dort irgendwo an und komm erst ohne den
Bären zum Haus. Bahrens prahlt immer so fürchterlich mit der Menge von Wild, das
er erlegt, und wir wollen doch einmal sehen, was er für Lebensmittel im Haus
hat. Sei also vorsichtig, dass er Dich nicht mit Deiner fetten Ladung bemerkt.«
    Der Indianer lächelte und nickte mit dem Kopf, äusserte aber weiter nichts
mehr und war bald emsig beschäftigt, die zwei Klötze in den Fluss zu rollen und
den Bären dann mit abgeschälten Stücken Hickory-Rinde festzubinden. In kaum
einer Viertelstunde hatte er Alles in Ordnung, legte seine Büchse über den
Bären, der durch die leichten Holzstücke teilweise über Wasser gehalten wurde,
und stiess, teils hinterher schwimmend, teils watend, das sonderbare Fahrzeug
vor sich den Fluss hinunter.
    »So ein Indianer ist im Walde gar nicht so übel,« meinte Harper endlich, als
die Rothaut hinter einer Biegung des Flusses verschwunden war, »höchst
praktische Einfälle haben die Burschen, und was sie sich erst einmal im Kopfe
zurecht gemacht, führen sie auch aus. - Aber hallo: - da kommt Hartford, der
Krämer; hol' mich Dieser und Jener, wenn ich den nicht ganz vergessen hatte.«
    »Nun sagt mir nur, was Ihr für curiose Dinge treibt?« rief der sich durch
die Büsche Arbeitende, - »wo ist denn der Bär?«
    »Assowaum stösst ihn den Fluss hinunter, bis zu Bahrens' Haus,« antwortete ihm
Roberts. »Wir selber wollen aber zurück zu unseren Pferden gehen und am
Schilfbruch hinabreiten, bis wir an den schmalen Weg kommen, der zu des alten
Jägers Wohnung führt. Auf die Art erreichen wir sie am besten, denn sie liegt so
tief im Dickicht versteckt, dass man sie sonst nur durch Zufall, oder Morgens,
wenn die Hähne krähen, finden kann.«
    »Ja, was hilft mir denn da aber meine Bärenjagd?« klagte Hartford, »wenn ich
nicht einmal den Bären zu sehen bekomme!«
    »Sollt ihn schon noch zu sehen bekommen, Mann,« rief Harper, »und zu kosten
auch; aber jetzt vorwärts! Die Sonne ist keine Stunde mehr hoch, und aus diesem
Dickicht möcht' ich doch gern heraus, ehe es dunkel wird. Hallo da, ihr Hunde -
auf mit euch, heut Abend sollt ihr auch ordentliches Fressen haben - so recht,
Watch, so schön, Poppy - geht den anderen mit einem guten Beispiel voran!«
    Die Hunde, die sich erschöpft gelagert hatten, sprangen, von Harper's Stimme
ermuntert, in die Höhe und folgten den Jägern. Diese benutzten im Anfang eine am
Fluss hinabführende lichte Stelle und hielten dann erst, quer durch, nach den
Hügeln hinüber, als der Krämer plötzlich stehen blieb und Roberts' Arm erfasste.
    »Bst - seht Ihr dort nicht - das da?« rief er mit schneller, aber
unterdrückter Stimme.
    »Was denn? wo denn?« frug Roberts.
    »Dort im Busch - das Rote!«
    »Ah - wahrhaftig, ein Hirsch - er ist eben aufgestanden. - Schiesst, ehe ihn
die Hunde wittern, sonst ist's zu spät!«
    Der Krämer hob schnell die Büchse, zielte einen Augenblick, und beim Krach
sprang der Hirsch in die Höhe und floh mit gewaltigen Sätzen in das sich hinter
ihm ausdehnende Dickicht.
    »Der hat's - der hat's!« jubelte der Krämer, der schnell nach der Stelle
hingelaufen war, wo er glaubte, dass der Hirsch gestanden habe - »seht Ihr? da
ist Blut, und Poppy, das gute Tier, spürt ihn auch schon - er wittert das
Blut.«
    Die Hunde benahmen sich übrigens sehr sonderbar dabei. Eddy und einige der
übrigen folgten allerdings dem flüchtigen Hirsch. Watch dagegen schnupperte
höchst eifrig und aufmerksam in den Büschen herum, ohne auf das einladende
Geheul der anderen Hunde zu achten, und Poppy setzte sich gar nieder, hob die
Nase in die Höhe und heulte, dass es einen Stein hätte erbarmen mögen.
    »Was, zum Teufel haben denn die Bestien?« rief Roberts, verwundert näher
kommend. »Der heult wohl, weil Ihr den Hirsch gefehlt habt?«
    »Gefehlt?« sagte der Krämer höchst entrüstet, »seht her - sieht das aus wie
gefehlt? und da - und hier? und dort, nennt Ihr das gefehlt?«
    »Wahrhaftig, da ist Schweiss genug,« sagte Curtis verwundert, »aber - wie ist
mir denn, lief denn der Hirsch nicht dort hinüber, wohin die Hunde auch folgten?
Mir war's doch, als wenn ich seinen weissen Wedel zwischen jenen Greenbriars
hätte durchschimmern sehen?«
    »Ja wohl,« sagte Harper - »da zwischen den beiden Zypressen ist er durch.«
    »Nun, dann ist dies hier auch anderer Schweiss,« rief Curtis - »dieser führt
nach dem Flusse zu.«
    »Nicht möglich - war denn der Bär hier?«
    »Ih bewahre - ein gut Stück weiter oben.«
    »Kann man denn keine Fährten erkennen?«
    »Nein - doch ja - hier ist der Jäger gegangen, da ist der Fuss eines Mannes,«
rief Curtis, sich hinunter zur Erde beugend - »und da noch einer - es müssen
Zwei gewesen sein, und sie haben sich sorgsam an beiden Seiten vom Schweiss
gehalten, um die Zeichen nicht zu verwischen.«
    »Was heisst denn das nur?« brummte Roberts vor sich hin - »der Boden ist doch
weich genug hier, und ich kann nicht eine einzige Fährte im Schweiss erkennen!«
    »Glaub's gern,« lachte Harper - »das ist kein Wild mehr, das sie verfolgt,
sondern ein Tier, das sie erlegt haben. - Seht Ihr denn nicht, wie tief hier
ihre Fersen eingedrückt sind! Zum Fluss haben sie's getragen, und es sollte mich
gar nicht wundern, wenn es Bahrens gewesen wäre und wir heut Abend ein gut Stück
Wildbret in seinem Hause fänden.«
    »Bahrens trägt nie etwas Anderes als Moccasins,« meinte Curtis
kopfschüttelnd, »aber der Eine hier hat grobe Schuhe angehabt, und der Andere
ein Paar von den Ladenstiefeln, wie sich Brown kürzlich welche von Little Rock
mitbrachte. Aber darum kann's doch sein, dass sie ihre Beute nach Bahrens' Hause
hingeschaft haben.«
    »Oh, kommt, Leute, lasst die Fährte in Ruhe,« rief Roberts jetzt - »die Sonne
ist bald unter, und wir müssen wirklich machen, dass wir aus diesem verwünschten
Schilfbruch herauskommen. Haben sie das Wild nach Bahrens' Hause geschafft, und
ist der alte Bahrens wirklich dabei gewesen, so finden wir sie dort heut Abend
und werden eine gewaltige Geschichte anhören müssen, das ist sicher; also
vorwärts!«
    »Aber so seht nur, wie sonderbar sich der Hund beträgt,« sagte Harper -
»Poppy - schämst du dich denn nicht? das ist ja ein Geheul zum Rasendwerden.«
    Poppy schien aber diesmal wirklich gar nicht auf seinen Herrn zu achten,
sondern beschnupperte nur von Zeit zu Zeit die Schweissflecken und fing dann
wieder so jämmerlich an zu heulen, dass sich die von der nutzlosen Hirschjagd
zurückkehrenden Hounds um ihn sammelten und, ebenfalls die Schnauzen
emporhebend, in das schauerliche Klagelied mit einstimmten.
    »Gentlemen!« rief Roberts, plötzlich stehen bleibend, indem er seinen Hund
scharf ansah - »hier ist etwas nicht in Ordnung - Poppy ist ein zu gescheidtes
Tier, um unnütz solche Gefühle zu verraten; - mit dem Schweiss dort ist's nicht
richtig - das ist kein Schweiss, das ist Menschenblut!«
    »Den Teufel auch!« sagte Curtis und sah ängstlich den Gefährten an.
    »Lasst uns der Fährte bis zum Flusse folgen,« fuhr Roberts fort, »dort werden
wir Aufklärung erhalten, oder wenigstens den Platz verbrechen können, auf dem
wir morgen früh im Stande sind, die Untersuchung zu erneuern. Hier geht die Spur
- deutlich genug - alle kleineren Büsche sind niedergetreten, der Körper muss
schwer gewesen sein. - Bei einem Stück Wild wären die Träger auch vorn und
hinten gegangen, also in einer Reihe, und hier sind die Spuren auf beiden Seiten
der Last.«
    »Mir graust's, wenn ich das Blut ansehe,« sagte der Krämer und wandte sich
schaudernd ab.
    »Das kommt davon, weil Ihr noch nicht lange in Arkansas seid,« meinte
Curtis; »lebt Ihr erst einmal, wie ich, Eure zehn Jahre im Staate, denn werdet
Ihr gleichgültig gegen derartige Sachen. Ich habe manche Leiche gesehen, seit
ich hier bin, manchen Ermordeten mit begraben helfen - man gewöhnt sich wirklich
dran. Nur einmal - einmal war mir's doch bald zu viel -«
    »Jetzt hört auf mit Eurer Geschichte,« rief Roberts unwillig, »wir haben
hier Schreckliches genug vor Augen, als dass Ihr noch mit Eurer grossen
Leichenschau herauszurücken hättet - lasst die Todten ruhen.«
    »Die Geschichte müsst Ihr mir erzählen,« rief der Krämer, »ich höre so etwas
für mein Leben gern -«
    »Ein ander Mal,« erwiderte Curtis - »aber dort ist der Fluss, nun werden wir
wohl finden, was wir suchen.«
    »Hier haben sie ihre Last abgelegt,« sagte Roberts, auf einen etwas
niedergedrückten Platz deutend - »Hirsch oder Mensch, von da aus muss er in den
Fluss geschafft sein.«
    Curtis kniete neben die Stelle hin und bog sein Gesicht tief hinunter,
aufmerksam den geringsten Eindruck im weichen Boden untersuchend, plötzlich
sprang er auf und rief:
    »Es war ein Mensch - da - da ist der Eindruck eines Knopfes in der weissen
Ufererde. - Ihr könnt es deutlich erkennen - dort - gleich neben dem schwarzen
Blutstreifen - vor dem gelben Blatte da -«
    »Ja wahrhaftig,« sagte Roberts, der die Stelle ebenfalls betrachtet hatte -
»es war ein Mensch - hier ist auch die Stelle, wo seine Hand gelegen hat, da ist
das Zeichen des Fingernagels noch ganz deutlich. Gentlemen, hier ist ein Mord
verübt - das unterliegt keinem Zweifel mehr, und morgen müssen wir hierher
zurückkommen, die Sache genauer zu untersuchen - heute ist's zu spät. Bleiben
wir noch zehn Minuten länger im Rohrbruch, so sind wir gezwungen, die Nacht hier
zu campiren, denn im Dunkeln wär's unmöglich, durch das Dickicht zu dringen.
Morgen aber mit Tagesanbruch wollen wir sehen, ob wir nicht das Opfer oder den
Täter ermitteln können. Jetzt fort von hier; mir graust's an der Stelle.«
    Die Männer bedurften weiter keiner Aufforderung, den Platz zu verlassen.
Schweigend hieben sie sich mit ihren breiten Jagdmessern Bahn durch das Rohr,
erreichten bei schon einbrechender Dämmerung ihre Pferde wieder, schwangen sich
in die Sättel, trabten, den ziemlich offenen Wald zwischen dem Rohr und der
dicht mit Büschen bewachsenen Bergreihe benutzend, scharf weiter und erreichten
noch vor völliger Dunkelheit die Fuhrt des Petite-Jeanne, an dessen anderem Ufer
die kleine Hütte des alten Bahrens stand, der den nicht gerade ehrenhaften
Beinamen »Lügen-Bahrens« in der Nachbarschaft trug.
 
                                    Fussnoten
1 Greenbriars, eine dornige Schlingpflanze: das schlimmste Hindernis in den
nordamerikanischen Waldungen für den Jäger.
2 Brake.
3 Fliessendes Sumpfwasser; in den Riederungen eine Art kleiner trüber Bäche.
 
                                       7.
         Zwei ächte Backwoodsmen. - Bahren's und Harper's Erzählungen.
Der Alte stand vor der Tür und blickte, augenscheinlich die Jäger erwartend,
nach der Stelle hinüber, auf der sie aus dem Walde treten mussten. Neben ihm
kauerte Assowaum und zog seine Moccasins wieder an, die er bei der Wasserpartie
abgelegt und neben der Büchse festgebunden hatte.
    »Hallo da drüben,« schrie Roberts, »ist die Furt seicht genug?«
    »Ay, ay!« war die Antwort - »knietief.«
    Die Männer hielten die Versicherung für genügend und trieben die Pferde
gerade die Bank hinunter und in den Fluss. Curtis aber, der voranritt, wäre der
Spass beinahe übel bekommen, denn er sank augenblicklich unter und sein Pferd
musste mit ihm an's andere Ufer schwimmen.
    »Verdamm' Eure schwarze Seele,« rief er hier, wirklich ärgerlich aus, als er
erst festen Boden erreicht hatte, »was zum Teufel jagt Ihr Einen denn mit Euren
verdammten Lügen in's Wasser - he - ist das knietief?«
    »Nun, versteht sich,« lachte Bahrens - »seht Ihr dort nicht das
Cypressenknie1 in der Mitte vom Flusse? Dem geht's noch nicht einmal an den
obern Rand - 's ist freilich sieben Fuss hoch -«
    Roberts hatte augenblicklich gehalten, als er Curtis so Hals über Kopf in
die Flut eintauchen sah, und dieser rief ihm jetzt vom andern Ufer zu:
    »Reitet noch ein Stückchen den Fluss hinunter, Roberts - dort, wo Ihr den
Kies seht, da werdet Ihr trocken durchkönnen.«
    »Wenn Ihr den Weg so merkwürdig gut wisst,« lachte Bahrens, »warum seid Ihr
denn nicht selbst weiter hinunter geritten?«
    »Weil ich Narr genug war, Euch auch nur ein Wort zu glauben,« erwiderte ihm
dieser, galoppirte die steile Uferbank hinauf, sprang vom Pferd und schüttelte
dem Alten die Hand, der ihn herzlich willkommen hiess.
    Bahrens war einer von den ächten Pionieren oder Squattern des Westens. Vor
fünf Jahren etwa hatte er sich in Poinsett County, in den fürchterlichsten
Sümpfen und zwanzig Meilen von jeder menschlichen Wohnung entfernt,
niedergelassen. Dort hatte er auch eine Zeit lang höchst zufrieden von der Jagd
gelebt. Dann aber war etwas vorgefallen, von dem er nicht gern sprach und das er
»Familienverhältnisse« nannte, was ihn zwang, jene Gegend zu verlassen. Die
Bewohner des Fourche la fave munkelten zwar etwas von Pferdefleischliebhaberei,
das war aber grundlos. Erstlich kannten sie die Gegend nicht, denn was sich nach
seiner Hütte zu verlief, war ohnedies wild geworden und der Büchse des Jägers
verfallen, und zweitens hatte sich Bahrens stets als ein ehrlicher Mann
bewiesen, und keiner seiner »Nachbarn« konnte ihm etwas Böses nachsagen. Dass er
manchmal die »Wahrheit ein wenig zerhackte,« wie sich Roberts ausdrückte, wurde
freilich von den meisten seiner Bekannten bestätigt, er selbst aber leugnete
auch dies hartnäckig und war stets bereit, jede seiner Geschichten zu
beschwören, nur - wetten wollte er nicht darauf, obgleich er sich sonst nie
lange zu einer Wette bitten liess. Hauptsächlich trieb er Viehzucht und bebaute
nur ein sehr kleines Stück Land, etwa fünf Acker, um Mais für sich und die
Seinen zu ziehen; auch hatte er mehrere Pferde, doch nicht viele. Er meinte, die
Luft in Arkansas sage den Pferden nicht zu. Seine Familie bestand aus seiner
Frau, zwei Töchtern und einem Sohn, der aber nicht bei den Eltern lebte, sondern
vor zwei Jahren fortgewandert war und natürlich, da er weder schreiben noch
lesen konnte, nichts weiter von sich hatte hören lassen.
    Das Haus selbst war eine der im Westen Amerika gebräuchlichen Blockhütten,
aus rohen, unbehauenen Stämmen aufgeführt, deren Dach - grobgespaltene, kurze
Bretter - durch schwere Stangen, sogenannte weight-poles, festgehalten wurde.
Dem aus rohem Lehm und Balken aufgeführten Schornstein entstieg ein dünner
blauer Rauch, und Bahrens war eben damit beschäftigt, Feuerholz für den Abend zu
hacken, um eine freundliche Flamme im Kamin zu unterhalten. Nur eine kleine
niedere Fenz hielt eine Masse von jungen Ferkeln ab, die friedliche Einsamkeit
der Wohnung zu stören, und quietschend und grunzend umrannten sie die hindernde
Einfriedigung, als ob sie das gewöhnliche Abendbrot, ein paar Maiskolben,
erwarteten. In einer kleinen Einzäunung dicht daneben melkte die älteste
Tochter, ein hübsches, schwarzäugiges Mädchen, eine grosse weisse Kuh, während die
jüngere ein kleines Kalb an einem Stricke zurückhielt, dass es die Schwester
nicht in ihrer Arbeit stören und warten sollte, bis die Reihe an es selbst käme.
Neben dem Hause aber, auf den gewaltigen, durch die Axt des Farmers getödteten
Stämmen, die noch in dem nur urbargemachten Felde standen, sassen eine Unmasse
Aasgeier, als ob sie entweder von ihrem Raube verscheucht wären, oder diesen nur
verlassen hätten, um mit dem nächsten Morgen ihr ekles Mahl wieder zu beginnen.
    Die drei Jäger ritten jetzt ebenfalls zum Hause hin und Roberts rief dem
Alten schon von Weitem zu:
    »Ich hab' Euch doch wohl Unrecht getan, Bahrens. Wir glaubten, wir würden
Euch ohne Fleisch antreffen, die Aasgeier da oben zeigen aber, dass irgend 'was
vorhanden sein muss, wenn nicht etwa eine Kuh gefallen wäre.«
    »Guten Abend, Boys2, guten Abend - recht so, dass Ihr den alten Bahrens auch
einmal aufsucht. - Kuh gefallen? Roberts, kein Fleisch in meinem Hause? Da kennt
Ihr den alten Bahrens schlecht. Wie ich noch am Cashriver wohnte, konnte ich
täglich, heisst das im Durchschnitt, zwischen acht- und neunhundert Pfund Fleisch
erlegen - Curtis weiss es, nicht wahr, Curtis?«
    »Ja gewiss,« lachte dieser - »zahmes!«
    »Zahmes? - wilde Tiere, Büffel und wildgewordenes Rindvieh natürlich
eingerechnet; aber steigt ab, steigt ab, macht's Euch bequem. - Betsy, wirf den
Tieren einmal jedem einen Arm voll Mais in den Trog - hörst Du - bleib aber bei
ihnen stehen, bis sie fertig sind, und wehre die Schweine ab, dass die Bestien
den Trog nicht wieder umwerfen, wie gestern.«
    »Bahrens, hier muss wahrhaftig ein Aas in der Nähe liegen!« rief Roberts,
nachdem die ersten Begrüssungen vorüber waren - »es riecht meiner Seel' nach
faulem Fleische.«
    »Faulem Fleische?« lachte Bahrens, »Ihr habt gute Nasen - hier in der Nähe
liegt nichts - die Canaillen, die Aasgeier, kommen immer, wenn man schlachtet -«
    »Schlachtet?« frug Curtis entsetzt - »das, was Ihr geschlachtet habt, riecht
so? Was hast Du denn, Assowaum? der Bursche zieht ja ein Gesicht, als ob er
lachen wollte.«
    »Mister Bahrens hat ein kleines Schwein geschlachtet,« - sagte der Indianer,
und es war augenscheinlich, wie sehr es ihn ergötzte - »die Bussards sind aber
dumme Tiere; das Schwein ist erst vor acht Tagen umgebracht, und heute kommen
sie schon!«
    »Und das sollen wir essen?« rief Roberts lachend - »wo sind denn die
Hirsche?«
    »Welche Hirsche?«
    »Nun, die, die Ihr alle Tage schiesst, wie Ihr es neulich erzähltet.«
    »Oh, ich habe mir den Fuss verstaucht und seit drei Tagen nicht auf die Jagd
gehen können.«
    »Bahrens - hier ist ein Freund von mir, Mr. Harper - einer meiner Nachbarn,
der gern Eure Bekanntschaft machen wollte - Harper - Mr. Bahrens, der Mann, von
dem ich Euch so viel erzählt habe - ich denke, Ihr werdet wohl Freunde werden.«
- Die Männer schüttelten einander die Hand, und Bahrens schwur, er wolle
verdammt sein, wenn Harper nicht ein merkwürdig gutmütiges Gesicht hätte.
    »Aber, Bahrens,« unterbrach ihn Curtis jetzt, »morgen früh müssen wir mit
Tagesanbruch zu der kleinen Slew hinauf. Dort, wo die drei dürren Cypressen
stehen, ist ein Mord verübt; es sieht wenigstens ganz danach aus.«
    »Ein Mord? das wäre schrecklich!«
    »Es kann fast nicht anders sein; - wir fanden die Spuren zu deutlich, doch
hatten wir keine Zeit, die Sache näher zu untersuchen. Es ist übrigens gar nicht
weit von hier, und morgen früh lässt sich's leicht ermitteln. Die Täter zu
verfolgen, wäre heute doch unmöglich.«
    »Alle Wetter, das ist wunderbar!« rief Bahrens, »ich bin erst heute Morgen
da vorbeigekommen und habe gar nichts gemerkt!«
    »Ich dachte, Ihr hättet Euch ein Bein verstaucht?« lachte Curtis.
    »Nun ja - vor drei Tagen - Holzkopf! - Glaubt Ihr, dass ich deshalb mein
Lebenlang hinken müsste? - Aber kommt herein, Boys, der Nebel fällt merkwürdig
feucht heut Abend, und am Kamin sitzt sich's behaglicher.«
    »Nein, altes Haus!« sagte Roberts, ihm auf die Schulter klopfend, »wenn Du
so schlecht mit Provisionen beschlagen bist, so wollen wir unsern Vorrat
anschaffen; Assowaum, lass uns den Bären haben. Jetzt dürfen wir nicht länger
mehr damit hinter dem Zaun halten, sonst müssen wir dafür hungern. Ueberdies
wird es dunkel.«
    Zu Bahrens' freundigem Erstaunen kam der Indianer auch bald mit dem fetten
Braten angeschwemmt. Durch die vereinten Bemühungen der Männer schleppten sie
ihn aus dem Wasser vor das Haus hinauf, und in kurzer Zeit wurden den Frauen
einige der besten Stücke zur Bereitung übergeben.
    »Guten Abend, Mrs. Bahrens,« sagte Roberts, in das Haus tretend und diese
begrüssend, »wie geht's? lange nicht gesehen; immer noch munter?«
    »Muss ja wohl - Mr. Roberts,« erwiderte ihm die Frau freundlich, das grosse
Kattunbonnet, das sie beim Kochen trug, um die Hitze von den Augen abzuhalten,
aus dem Gesicht zurückschiebend. »Das ist recht, dass Sie uns besuchen, nächstens
komm' ich auch einmal zu Ihnen hinüber. Mein Alter ist aber gar nicht von zu
Hause fortzubringen.«
    »Meine Alte hat Sie und die Töchter schon lange erwartet, Mrs. Bahrens,«
erwiderte Roberts, ihr die dargebotene Hand schüttelnd, »wie geht's den Mädchen
hier im Busch - eh? Sind aber das einsame Leben schon gewohnt, denn in den
Cashsümpfen war's wohl auch nicht lebhafter. Schreckliches Land, die Cashsümpfe,
als ich das letzte Mal dort war und bei Strongs vorbeiritt. - Sie kennen doch
Strong, der die grosse Farm besitzt? Hat sich dort wahrhaftig an der besten
Stelle niedergelassen und wird -«
    »Halt ihn auf! - um Gottes willen halt ihn auf!« schrie Bahrens jubelnd, -
»da geht er wieder hin mit verhängten Zügeln; wenn man ihn gehen lässt, ist er in
fünf Minuten beim Revolutionskrieg. Gott sei uns gnädig, Roberts, mit Euch ist
gar kein vernünftiges Wort mehr zu sprechen. - Aber, Kinder, dass Ihr so
trefflich für Provisionen gesorgt habt, verdient eine Belohnung; hier, Lucy -
reich' einmal die Kruke unter dem Bett vor - nimm Dich in Acht, Blitzmädel, wenn
Du sie zerbrichst, sei Dir Gott gnädig! Jetzt, Boys, wollen wir einen fidelen
Abend feiern, Bärenfleisch und Whisky - huh pih!« und der alte Mann stiess seinen
Jagdschrei aus, dass die Hunde draussen unruhig wurden und zu heulen anfingen.
    »Bahrens, die Bestien beissen sich draussen,« sagte Curtis endlich - »unsere
sind auch hungrig; wo habt Ihr denn das Schweinefleisch? wir wollen's den
Tieren geben, für Menschen ist es doch nicht geniessbar.«
    »Mein gutes Fleisch?«
    »Ih, geht zum Teufel mit Eurem Fleische - ich dachte, Ihr könntet so viele
Hirsche schiessen?« -
    »Ja, aber mein Bein!«
    »Jetzt kommt er wieder mit seinem Bein, göttlicher Kerl! Aber, Harper, Ihr
sitzt ja so stumm da und sagt gar keine Silbe; Ihr denkt wohl an den Mord?«
    »Ja! aufrichtig gesagt, kann ich die Blutflecke nicht aus dem Gedächtnis
bringen. Es sah zu schauerlich aus!«
    »Schauerlich, Mr. Harper? da hätten Sie einmal sollen im vorigen Jahre am
Cashriver wohnen,« erwiderte Bahrens; - »verdammt will ich sein, wenn nicht dort
alle Tage zwei oder drei Leichen vorbeigeschwommen kamen - und was für Leichen!
manche ohne Kopf.«
    »Wo kamen aber die Menschen alle her?« frug Harper halb erschreckt und halb
ungläubig, »ich dachte, es wäre eine so menschenleere Gegend gewesen?«
    »Die Menschen? nun, da sollt' ich mich doch wohl nicht drum kümmern? und was
ging das mich an?«
    »Halt - spart Eure Gespräche bis nach Tische auf,« sagte Roberts lachend,
»lasst uns vor allen Dingen nach den Pferden sehen, nachher schmeckt auch das
Essen besser.«
    Dem Rate wurde augenblicklich Folge geleistet, als sie aber von den
Futtertrögen zurückkehrten, rief die Frau schon zum Abendbrot, und bald sassen
die Männer auf umgestülpten Fässern, hingerückten Kästen, Klötzen und
rohgearbeiteten Sesseln um den schmalen Tisch herum, auf dem eine mächtige
Schüssel voll gebratener Bärenrippen und in dünne Stücke geschnittenen Fleisches
den Mittelpunkt bildete, während Maisbrod, eingekochter Kürbis, etwas Honig und
Milch die übrigen Bestandteile des Mahles ausmachten. Die Whiskyflasche ging
indessen im Kreise herum, und wenn auch kein Wort weiter gesprochen wurde,
bewiesen doch die klappernden Messer und die überall sichtbar werdenden, blank
abgenagten Rippen, wie den Hungrigen die delicate Mahlzeit schmeckte.
    Als sie geendet, standen sie einzeln, wie sie zuerst fertig wurden, vom
Tische auf, und die Frauen, die sich wohlweislich einige Stücke aufbewahrt
hatten, nahmen, ohne es der Mühe wert zu halten, die fetten Teller mit reinen
zu vertauschen, die leergewordenen Sitze ein.
    Die alte Madame Bahrens, etwa in den Vierzigen, zeigte noch Spuren früherer
nicht unbedeutender Schönheit, ihre schlanke Gestalt war aber von einem
keineswegs saubern baumwollenen, einst weiss gewesenen Kleide umhüllt, ihre
schönen, braunen Haare hatte sie ziemlich nachlässig um den Kopf herumgesteckt,
und ihre grossen, dunkeln Augen verloren viel von ihrem Glanze durch die
keineswegs brillante Fassung des etwas rauh und schmutzig aussehenden Gesichts.
Die Töchter trugen sich schon besser und reinlicher, aber auch ihr Teint würde
durch etwas warmes Seifenwasser nur gewonnen haben.
    Als das Essen oder vielmehr das Geschirr abgeräumt war, denn das Essen
verschwand spurlos, schob Bahrens den Tisch ein wenig zurück, dass die
verschiedenartigen Sitze wieder in einen Halbkreis um den Kamin gerückt werden
konnten, und rief dann fröhlich aus:
    »Nun, Gentlemen, kommt das Beste - der Stew3.«
    »Du hast ja keine Butter!« sagte seine Frau.
    »Alle Wetter, das ist wahr - aber hallo - was brauchen wir Butter, wir haben
ja Bärenfett - Whisky und Bärenfett wird sich noch viel besser miteinander
vertragen - Gentlemen, dies ist das Land, um drinne zu leben - es geht nichts
über Arkansas!«
    »Ih nun, Mr. Bahrens,« meinte Harper, der, als er die Vorbereitungen zu
seinem Lieblingsgetränk bemerkte, aufzutauen begann, »ih nun, ich weiss doch
nicht; - Missouri ist auch nicht zu verachten, ich habe lange dort gelebt, und
-«
    »Missouri?« rief Bahrens verwundert - »Missouri? da sei uns Gott gnädig; und
das vergleichen Sie mit Arkansas?«
    »Nun, es grenzt doch dicht genug daran?«
    »Grenzen? Es ist gerade so, als ob der liebe Gott den Finger genommen und
einen Strich zwischen den beiden Staaten durchgezogen hätte, dass der eine
fruchtbar und der andere unfruchtbar werden sollte - Missouri! - na, nu hört
Alles auf; wie lange sind Sie denn eigentlich schon in Arkansas?«
    »Etwa sechs Wochen.«
    »Ach, dann ist es etwas Anderes, dann wissen Sie's noch nicht besser; Herr,
hier ist das Land so fett, dass wir, wenn wir Lichter giessen wollen, den Docht
nur in die Pfützen tauchen - es brennt eben so gut. - Wenn ein Mann in Arkansas
sein Feld mit Fleiss und Aufmerksamkeit bestellt, so kann er darauf rechnen,
hundert Bushel vom Acker zu ernten.«
    »Das wäre viel!«
    »Viel? das ist gar nichts - wenn er sich keine Mühe mit dem Land gibt und
den Mais nur so roh aufwachsen lässt, so bleiben ihm immer noch fünfundsiebzig
Bushel gewiss; und wenn er gar nicht pflanzt, so - so wachsen doch noch fünfzig -
das Land ist nicht todt zu machen!«
    Harper rückte ein wenig auf dem Kasten herum, auf dem er sass, und Roberts
und Curtis warfen sich verstohlene Blicke zu.
    »Und was noch ein Vorteil ist,« sagte Bahrens, »wir brauchen immer erst im
Juni zu pflanzen, der Mais wächst so merkwürdig schnell. Denken Sie nur, im
letzten Jahre hat er mir die Bohnen, die ich dazwischen gesteckt habe, mit der
Wurzel aus dem Boden gezogen; - und die Kürbisse - zehn Menschen können um einen
herumstehen.«
    »Erstaunliches Land!« sagte Harper - »dann ist aber wohl Alles grossartig
darin, denn die Mosquitos und die Holzböcke sind noch gar nicht dagewesen.«
    »Alles grossartig?« fragte Bahrens, jetzt ganz auf seinem Steckenpferd, mit
dem Lande zu prahlen, in dem er lebte - »Alles grossartig? das will ich meinen;
die Mosquitos fliegen in heissen Sommertagen so dick, dass sie oft durch den
Schweiss zusammenkleben und klumpenweise aus der Luft herunterfallen. Die
Holzböcke hab' ich mit meinen eigenen Augen beobachtet, wie sie mit den
Vorderbeinen sich an irgend einem Stück Holz aufrichteten und nach den
Kuhglocken horchten, und die Flöhe gehen Abends ordentlich zu Wasser an den
Fluss, wie anderes Viehzeug auch. Und was für Flüsse haben wir! der Herr sei uns
gnädig - die See drängen sie mit aller Gewalt ein ganzes Stück Weges zurück,
wenn sie hineinkommen.«
    »Sie kommen aber nicht hinein,« meinte Harper.
    »Kommen nicht hinein? wo gehen sie denn hin?« frug Bahrens entrüstet - »sie
verschwitzen sich wohl, heh? wo läuft denn der Petite-Jeanne hin?«
    »In den Arkansas.«
    »Nun, und der Arkansas?«
    »In den Mississippi -«
    »Und der Mississippi?«
    »In den Golf von Mexiko.«
    »Als ob das nicht Alles Eins wäre. - Da nehmen Sie einmal den südlichen
Teil von Missouri - ist schon Jemand im südlichen Teil von Missouri gewesen?«
    »Wahrscheinlich wir Alle,« erwiderte Roberts.
    »Auch am Elevenpoints-River oben? - Gentlemen, ich will nicht übertreiben,
aber dort war's so felsig, dass wir die Schafe bei den Hinterbeinen einzeln
aufheben mussten, damit sie nur zwischen den scharfen Steinen das bisschen Gras
herausholen konnten; die Wölfe wurden so mager und schwach, dass sie sich an
einen Baum lehnten, wenn sie heulen wollten. Nun seh' Einer den Unterschied
zwischen Missouri und Arkansas. Was fingen wir zum Beispiel im Winter an, wo wir
nichts für das arme Viehzeug zu fressen hatten? nun? raten Sie einmal.«
    »Liesst es doch wohl im Walde herumlaufen?« frug Curtis.
    »Was hätte ihm denn das für Nutzen gebracht, das möcht' ich wissen? Der
Boden war ja so dürr, dass nicht einmal Rinde an den Büschen und Bäumen wuchs -
nein, ich fiel auf ein ganz anderes Mittel. Ihr kennt Tom, Roberts - der später
in aller Eile eine Geschäftsreise nach Texas machen musste - ih - der grosse Tom,
erinnert Euch doch nur, er war so lang, dass er jedesmal niederknien musste, wenn
er sich auf dem Kopfe kratzen wollte. - Gut - der war früher einmal, in
Philadelphia glaub' ich, Mechanikus gewesen und hatte noch eine ganze Menge
Handwerkszeug mitgebracht; - der musste mir eine Partie grosser grüner Brillen
anfertigen, die setzt' ich den Kühen auf, gab ihnen Hobelspäne zu fressen, und
verdammt will ich sein, wenn sie's nicht für Gras frassen und fett wurden.«
    »Gott sei uns gnädig!« rief Harper.
    »Da haben wir's hier besser,« fuhr Bahrens entzückt fort, »hier sitzen wir
gewissermassen im Moos drin, und die Jagd -«
    »Hallo!« rief Harper jetzt dazwischen, »auf die lass' ich, was Missouri
anbetrifft, nichts kommen. Die kann nirgends besser sein.«
    »Besser sein?« lachte Bahrens höhnisch - »besser? wenn ein Bär hier nur drei
Zoll Fett auf dem Rücken hat, heisst er mager, die Hirsche -«
    »Fängt man bei den Beinen!« lachte Roberts. Bahrens sah ihn verwundert an
und Harper schnitt ein ausserordentlich freundliches Gesicht.
    »Nun, Roberts, das müsst Ihr selber sagen,« fuhr Bahrens fort - »aber, Betsy,
das Wasser kocht; nun brau' das Getränk, mein Mädchen, Du weisst, wie wir es gern
haben - das müsst Ihr selber eingestehen, Roberts, im Jagen tut mir's hier
Keiner gleich. Kleines Wild schiess' ich gar nicht mehr, da hab' ich so meine
eigenen Manieren, das zu fangen!«
    »Wie bei uns die Jungen,« sagte Harper, »die fangen auch die Kaninchen in
Fallen.«
    »Fallen?« lächelte Bahrens verächtlich, »da braucht's auch noch Fallen dazu?
- Kommt nach Arkansas, wenn Ihr etwas lernen wollt. Liegt ein bisschen Schnee,
dann geh' ich hinaus in den Wald, nur weit genug, dass ich das Haus nicht mehr
sehen kann -«
    »Das ist nicht weit,« meinte Curtis.
    »Gut - dort steck' ich kleine Stücke rote Rüben in den Schnee und streue
Schnupftabak darauf - Morgens liegen die Kaninchen todt daneben.«
    »Fressen sie denn den Schnupftabak?« frug der Krämer verwundert.
    »Fressen? nein, sie riechen daran und niesen so stark, dass sie sich den Hals
brechen.«
    »Bei dem Halsbrechen,« sagte Harper, »fällt mir ein, wie ich's neulich mit
einer Eule machte. Die Canaille hatte mir drei Nächte hintereinander jede Nacht
ein Huhn fortgeholt, und ich war immer vergebens hinausgeschlichen. Endlich, am
vierten Tage, kommt sie Morgens früh, es regnete ein wenig, an's Haus geflogen.
Ich merkt' es gleich an den Hühnern, die flatterten so sonderbar hin und her.
Schnell griff ich nach der Büchse und lief hinaus, fand auch bald, dass die Eule
in einem kleinen, dichtbelaubten Hickory sitze, ich konnte aber nur den Kopf von
ihr sehen, und da ich sie nicht gleich todtschiessen, sondern den Hunden auch
noch einen Spass lassen wollte, so ging ich im Kreise herum, um eine passende
Stelle zum Schiessen auszusuchen. - Ueberall fassen aber die Blätter gleich dicht,
und die Eule guckte mich indessen mit ihren grossen, rollenden Glotzaugen fest
an. Dreimal war ich auf die Art, mit der Büchse im Anschlag, um den Baum
herumgegangen, als auf einmal etwas in den Zweigen raschelte und die Eule
herunterkam. Hol' mich der Böse, wenn sie sich nicht dadurch, dass sie mich immer
im Auge behielt, ganz in Gedanken den Kopf abgedreht hatte.«
    »Das ist keine Kunst!« rief Bahrens, der nicht daran dachte, die Wahrheit
der Erzählung zu bezweifeln; »wie ich noch ein junger Bursche war, konnt' ich's
mit jedem Trutahn im Rennen aufnehmen, und wenn er zu fliegen anfing und stieg
nicht zu hoch, so hatt' ich ihn gewiss.«
    »Was das Laufen anbetrifft,« meinte Harper, »so hätt' ich gewünscht, dass Sie
meinen Bruder gesehen hätten, wenn er hinter Rebhühnern her war!«
    »Sie wollen uns doch wohl nicht etwa hier erzählen, dass er Rebhühner im
Fliegen gefangen hätte!« rief Bahrens erschrocken aufspringend.
    »Nein,« sagte Harper, »das nicht, aber verdammt will ich sein, wenn er ihnen
nicht bei jedem Sprunge eine Hand voll Federn aus dem Schwanze riss.«
    »Gentlemen, hier kommt der Stew! Gott segne es, Betsy - Sie haben ihn stark
gemacht!« rief Roberts - »nein, ich danke, kein Wasser mehr drunter, das nimmt
ihm den würzigen Geruch, es muss mit gekocht werden. Aber, Bahrens, Ihr hattet
wahrhaftig Recht - das Bärenfett schmeckt ausgezeichnet; so etwas Mildes und
doch so feurig!«
    Das Gespräch wurde jetzt für einen Augenblick unterbrochen und die Männer
gaben sich ganz dem Genuss des Getränkes hin. Endlich brach Curtis das feierliche
Schweigen und sagte schmunzelnd:
    »Mrs. Roberts und Mr. Rowson sollten nur den gestrengen Herrn Roberts hier
sitzen sehen und Whisky-Stew trinken, die würden schöne Gesichter schneiden.«
    Roberts, der schon beim dritten Glase war und anfing warm zu werden, setzte
ab und rief aus:
    »Mr. Rowson mag zu - Grase gehen. - Das weiss ich, dass er mir in Nichts
hineinschwatzen soll, was mich angeht! - Mit meiner Frau und Tochter mag er's
machen, wie er will, oder - wie die wollen vielmehr.«
    »Ich glaube, die wollen ziemlich, wie er will,« sagte Curtis.
    »Leider Gottes - der glatte, geschmeidige Schleicher ist mir von je ein Dorn
im Auge gewesen - schimpft immer auf die Römischkatolischen - hol's der Henker,
wenn ich glaube, dass er um eine Prise Schnupftabak besser ist!«
    »Der Rowson ist wohl höllisch in das Mädchen, in Eure Tochter, verschossen?«
frug Curtis.
    »Nun natürlich - in vier Wochen wollen sie zum Friedensrichter und halbpart
machen - mir recht!«
    »Hört, Roberts, ich war auch einmal unmenschlich verliebt,« sagte Bahrens
schmunzelnd - »es war ein Mädchen aus der Stadt - aus St.-Louis. Ich handelte
damals mit den Osagen oben, nach dem Missouri-und Yellowstonefluss hinauf, und
lagerte etwa drei Meilen westlich von der Stadt. Wollt Ihr's wohl glauben? Alle
drei Tage bekam ich einen grossen Brief, in dem gewiss von lauter Liebe und Treue
geschrieben stand. Nur schade, dass ich es selbst nicht lesen konnte, und die
Indianer, mit denen ich zusammen lebte, wussten an einem Briefe ebenfalls nicht
das Inwendige vom Auswendigen zu unterscheiden. Eine Liebesglut muss aber in den
Dingern gesteckt haben, das war fürchterlich - ich band sie zusammen und schob
sie, als ich fortging, in einen ledernen Beutel, und wie ich nach Hause kam und
machte ihn wieder auf, hatt' ich weiter nichts als Asche drin.«
    »Aber, Leute, ich dächte, wir gingen zu Bett!« rief der Krämer gähnend,
»morgen früh müssen wir doch mit der ersten Dämmerung aufbrechen, und mir ist's
fast, als ob ich müde würde.«
    »Ja - 's wird spät,« sagte Roberts, der in die Tür getreten war und nach
den Sternen sah - »es muss schon zehn Uhr vorbei sein.«
    »Nur noch einen Augenblick!« wandte Harper mit schon etwas schwerer Zunge
ein; »da wir gerade von Liebe sprechen, so fällt mir da eine Geschichte von
meinem Bruder ein, wie er noch ein junger Bursche war. - Den hättet Ihr kennen
sollen - ein verfluchter Kerl; achtzehn Jahre alt, und schon drei Mädchen die
Ehe versprochen. Kommt auch in Philadelphia zu einem Quäker, und das ist
sonderbarer Weise gerade der Bruder des einen Mädchens. Der erkennt ihn, ist
aber ganz freundlich und lädt ihn ein, bei ihm zu Tische zu bleiben; doch nach
dem Essen steht er auf, schützt einige Geschäfte vor und verlässt das Haus, um
die Constabler zu holen und meinen Bruder einstecken zu lassen. Was meint Ihr
aber, was er fand, als er wieder nach Hause kam?«
    »Nun, er hatte sich wahrscheinlich aus dem Staube gemacht -«
    »Ja - aber nicht allein, er war mit des Quäkers Frau durchgegangen.«
    »Ne, kann der Mensch lügen!« flüsterte Bahrens heimlich Curtis zu, der neben
ihm stand.
    »Also zu Bette jetzt - wo werden wir denn schlafen, Bahrens?«
    »Ja, das müssen wir einteilen. Drei Betten sind nur da, eins müssen die
Mädchen behalten, eins ich und meine Alte, und das dritte sollte dann wohl den
Aeltesten bleiben, also Roberts und Mr. Harper - Mr. Harper wird nach all' den
Geschichten recht gut schlafen - und die anderen drei Gentlemen, Curtis, Mr.
Hartford und Assowaum, nun für die finden sich Felle genug. So, das ist brav,
Betsy - mach' ihnen das Lager zurecht, und morgen brechen wir mit dem Frühesten
auf.«
    Assowaum, der den ganzen Abend keine Silbe gesprochen, sich bei den
Erzählungen der beiden Männer aber sehr amüsiert zu haben schien und dem Whisky
später keineswegs unbedeutend zusprach, rollte sich jetzt ebenfalls in seine
Decke. Als er aber nach dem Platze, wo er sich niederlegen wollte, hinschritt
und dicht an der Kaminecke, nahe beim Feuer vorbeikam, stolperte er und wäre
beinahe gefallen.
    »Hallo, Indianer!« lachte Harper - »hast Du zu viel Whisky im Kopfe? das ist
nicht gut.«
    »Ist nicht gut, von irgend etwas zu viel,« sagte der »befiederte Pfeil«,
indem er sich lang ausstreckte und einen dort liegenden Klotz unter seinen Kopf
schob - »zu viel Whisky aber ist gerade genug;« und mit dieser ächt
philosophischen Bemerkung legte er sich auf die Seite und war auch schon in
wenigen Minuten eingeschlafen.
    »Gebt Ihr irgend einer besondern Stelle des Bettes den Vorzug, Roberts?«
frug Harper, als sie sich entkleidet hatten.
    »Nein,« sagte dieser in aller Unschuld.
    »Nun, dann mögt Ihr Euch drunter legen,« meinte Harper lachend, indem er
unter die darauf gebreiteten gegerbten Hirschhäute kroch.
    Roberts schien aber doch mit der Stelle nicht ganz einverstanden, denn er
lag bald an Harper's Seite, und in kurzer Zeit ward weiter nichts als das leise
Knistern des Feuers und das tiefe, regelmässige Atmen der Schlafenden gehört.
    Die Nacht ging ruhig und ungestört vorüber; einmal ausgenommen, als Curtis
aufsprang und mit wildem Fluchen sämtliche Hunde hinaustrieb. Diese hatten sich
nämlich, einer nach dem andern, hereingeschlichen und sich auf und neben die am
Boden ausgestreckten Jäger gelagert.
 
                                    Fussnoten
1 Auswüchse von der Wurzel der Cypressenbäume, die oben wie ein Knie abgerundet
erscheinen und oft zehn bis zwölf Fuss hoch werden, wenn sie aber niedrig sind,
das Reiten in den Sümpfen besonders erschweren. Sie werden Cypressen-Knie
genannt.
2 »Boys«, Knaben, die gewöhnliche freundliche Anrede, etwa wie »meine Burschen«.
3 Ein in den westlichen Wäldern sehr beliebtes Getränk, aus Whisky, heissem
Wasser, Gewürz, Zucker und Butter bestehend.
 
                                       8.
 Der Morgen in der Blockhütte. - Das Aufsuchen der am vorigen Abend gefundenen
                 Blutspuren. - Assowaum taucht nach der Leiche.
Auf den dichtbelaubten Pfirsichbäumen, die das Blockhaus umstanden, krähten die
Hähne und verkündeten den nahenden Morgen, draussen im Walde antworteten die
wilden Welschhühner, und im Osten begannen die freundlichen Sterne ein klein
wenig zu erbleichen. Da erhoben sich in der Hütte die drei Frauen, Mrs. Bahrens
mit ihren beiden Töchtern, vom Lager, um sich in dem Raume, den sie mit so
vielen Fremden teilen mussten, anzukleiden, ehe es heller wurde. Vorsichtig
schritten sie dann über die am Feuer Lagernden hinweg und bliesen die
verglimmenden Kohlen wieder zu lebendigerer Glut an. Bald loderte auch, von
hellflackernden Kienspänen genährt, eine wärmende Flamme empor, die grosse
blecherne Kaffeekanne wurde auf hervorgezogene Kohlen gestellt, und schnell
angerührter Brodteig flach geschlagen und auf eiserne Deckel vor die Glut
gelehnt.
    »Ich hab' es dem Vater nun wohl fünfzigmal gesagt,« brummte die Frau, als
sie die gebrannten Kaffeebohnen in einen Blechbecher tat und vor sich, auf dem
Herdsteine, mit dem Griff des Tomahawks zerstiess - - »er sollte mir von
Morrisons Bluff oder Little Rock eine Kaffeemühle mitbringen, aber nein - Gott
bewahre. An seine Jagdgerätschaften denkt er, doch wenn's einmal etwas für mich
ist, da kann ich's wer weiss wie viele Male sagen. - Gestern war er wieder drüben
im Laden; den Whiskykrug - den vergass er nicht, oh nein - aber die Kaffeemühle
-«
    »Brumme nicht, Alte!« - rief Bahrens aus dem Bette herüber - »nicht
raisoniren!« -
    »Ach, es ist wahr -«
    »Nein, es ist nicht wahr - greif einmal dort in die Ecke, wo der Salzgum
steht - mehr rechts - so - wie heisst das Ding?«
    »Ei, meiner Seele eine Kaffeemühle, und da lässt Du mich hier in einem fort
stossen!«
    »Wenn ich die Augen zuhabe, soll ich doch wohl nicht sehen, was Du machst?«
    »Hört einmal, Roberts,« sagte Harper jetzt, indem er sich im Bett aufsetzte,
»mit Euch zu schlafen ist wahrhaftig eine Kunst - Ihr seid gar nicht
unverschämt.«
    »Nun, Ihr werdet mir doch wohl die Hälfte vom Bett zugestehen!« murmelte
Roberts, noch halb schlaftrunken.
    »Allerdings,« erwiderte Harper, »aber nicht aus der Mitte heraus, dass ich an
beiden Seiten liegen muss, um mein Teil zu haben - das ist gegen alles
Völkerrecht.«
    
    »Allons, Boys - get up! get up!«1 rief nun der alte Bahrens, der an den
Kamin getreten war und die Whiskyflasche hoch empor hielt. »Hier ist ein
Magenstärker - wer will sein Bitteres?«
    Das tat seine Wirkung, Alles sprang auf die Füsse, nur der Yankeekrämer lag
noch und schnarchte, als ob im ganzen Hause Todtenstille herrsche. Curtis
bearbeitete seine Rippen lange vergebens und behauptete zuletzt fluchend, der
Bursche sei so lang, dass man ihn nur stückweise wecken könne. Als die Sonne ihre
ersten Strahlen durch die feurig erglühenden Baumwipfel sandte, sassen die Männer
um den Frühstückstisch herum, während die Mädchen draussen die Pferde fütterten
und Schweine und Hühner von den Trögen scheuchten.
    »Aber sagt einmal, Bahrens,« fragte Roberts während der Mahlzeit, »was wird
denn jetzt aus unserer Schweinejagd? Wenn wir dem Mord nachspüren wollen, müssen
wir die Schweine laufen lassen, und da wird meine Alte schön brummen.«
    »Nun, Ihr könnt ja auf ein ander Mal wieder herüberkommen; überdies glaub'
ich, dass wir sie ziemlich alle, die natürlich ausgenommen, die von den Bären
gefressen sind, etwa zwei Meilen weiter den Fluss hinunter antreffen werden. Ich
habe vorgestern eine Menge mit Eurem Zeichen bemerkt, und apropos - - auch die
Sau, die Eurem Vater gehört, Curtis, der der Bär das Stück Fett aus dem Nacken
gebissen hat.«
    »Was, die lebt noch?«
    »Ja, und hatte elf allerliebste Ferkel bei sich.«
    »Den Teufel auch!« - rief Curtis - »hört, Bahrens - haltet reinen Mund
darüber. Ich sprach noch vorgestern mit dem Alten über die Sau, und er hält sie
für todt - die kauf' ich ihm ab, wie sie im Walde läuft, das heisst, auf Finden
und Nichtfinden. Für einen Silberdollar bekomme ich sie und dann treib' ich sie
heim.«
    »Auch nicht übel!« lachte Harper, »jetzt will der seinen eigenen Vater
betrügen.«
    »Das ist doch kein Betrug!« verteidigte ihn der Krämer - »wer auf eine
ehrliche Weise einen Dollar verdienen kann, betrügt Niemanden. Sein Vater ist ja
nicht verpflichtet, ihm die Sau zu verkaufen.«
    »Das wäre auch das Letzte, was ein Yankee verdammen würde,« sagte Bahrens,
der ruhig zugehört hatte. »Aber jetzt fort, Boys - die Sonne ist auf, und wir
dürfen keine Zeit weiter verlieren. Ist es wirklich ein Mord, der da verübt ist,
so wär's jetzt vielleicht noch möglich, die Täter einzuholen; ich glaube aber
noch immer, Ihr habt Euch geirrt. Erstlich bin ich gestern Morgen dort
vorbeigeritten, und dann muss Mr. Brown dieselbe Richtung gekommen sein.«
    »Brown?« frug Harper schnell - »Brown? wie geriet denn der in diese Gegend?
er wollte ja nach Morrisons Bluff hinüber.«
    »Das sagte er auch, und wenn er gerades Weges vom Fourche la fave kam, so
war das freilich hier ein Umweg. - Doch fort - fort. Mittags können wir
wahrscheinlich wieder zu Hause sein.«
    Die Jäger nahmen jetzt von den Frauen Abschied, ritten durch die untere
Furt, wobei sich Assowaum hinter Harper aufsetzte, um zuerst durch das Wasser
und dann auch schneller vom Flecke zu kommen, und fort ging's in scharfem Trabe
der Stelle zu, wo sie gestern die verdächtigen Zeichen gefunden hatten.
    »Halt! Dort ist der Platz!« rief der Indianer, indem er vom Pferde sprang,
»wir dürfen nicht weiter reiten, damit wir den Boden nicht mehr zerstampfen, als
nötig ist.«
    Die Reiter stiegen schnell ab und befestigten die Pferde an niederhängenden
schwankenden Weinreben, dass sie die Zügel nicht zerreissen konnten, Assowaum aber
schritt voran und hielt an der Spur, die dem weichen Boden eingedrückt war. Er
bog sich aufmerksam dazu nieder und untersuchte genau jedes verkehrt liegende
Blatt, jeden Grashalm, stand dann wieder auf und schritt leichten Ganges neben
den Spuren bis dortin, wo das erste Blut sichtbar wurde. Kaum hatte er aber
seine Augen hier umhergeworfen, als er ein lautes, tiefes »Wah!« ausstiess, das
schnell die Jäger um ihn sammelte. Er wies auf die Umgebung, und die Greueltat
liess sich nicht mehr verkennen.
    Der Platz lag gerade am Fusse einer umgestürzten Fichte, aus deren
Wurzelhöhlung ein dichtes Gewirr von Brombeersträuchen und dornigen
Schlingpflanzen aufgewachsen war. Ein Pferd hatte dieses kleine Dickicht umgehen
wollen, die Hufspuren führten halb darum herum, als irgend etwas, wahrscheinlich
das mörderische Blei, den Reiter aufgehalten haben musste. Dort lag das erste
Blut; aber der Unglückliche war noch nicht gestürzt, das Pferd hatte einen
Sprung gemacht.
    »Die Kugel muss das Pferd getroffen haben,« meinte Roberts, »sonst wäre der
Reiter doch wohl heruntergefallen?«
    Assowaum wies schweigend auf einen nahebei stehenden Hickory, an dessen
hellgrauer Rinde, wohl acht bis neun Fuss vom Boden, deutliche Blutspuren
sichtbar waren.
    »Wahrhaftig!« rief Harper entsetzt - »an den Hickory ist er mit dem Kopf
geschlagen - und hier ist auch die Stelle, wo er stürzte.«
    Der Boden war dort von vielen Fusstritten zerstampft - der Ermordete musste
sich augenscheinlich gewehrt haben, und einzelne Zweige zeigten, wo er sich mit
letzter, verzweifelter Kraft an sie geklammert und die Blätter abgestreift
hatte. Dort war er auf ein Knie niedergesunken, dickes, dunkles Blut bedeckte an
dieser Stelle den Boden - und nie wieder aufgestanden. Doch ja, da noch einmal -
wo die rote Lebensflut an allen Büschen hing und wie aus quellender Ader gegen
den Stamm jener Fichte gesprjetzt war. Das mochte das Aufglimmen des letzten
Lebensfunkens gewesen sein. Unter dieser Cypresse hatte er geendet, und hier war
auch die Leiche eine Zeit lang liegen geblieben; die Lage, mit dem Rücken über
die scharfe Wurzel getrümmt, hätte kein Lebender ausgehalten.
    Die Männer starrten schweigend und schaudernd auf diese schrecklichen
Zeichen des Mordes; denn Mord war es, ein Kampf hatte nicht stattgefunden,
höchstens eine verzweifelte Verteidigung. Der Todte war von seinem Pferde
herabgeschossen oder gezerrt, und erschlagen.
    »Kommt!« sagte Assowaum und folgte jetzt der Spur bis zum Ufer des Flusses,
vorsichtig dabei im Gehen jede Fussspur untersuchend. »Zwei haben ihn getragen.«
    »Das fanden wir gestern schon - die Zeichen gehen bis an die Uferbank.«
    »Hier hat er gelegen, und zwei haben hier gestanden - was ist das? Da ist
ein Messer - blutig.«
    »Ein Federmesser, beim ewigen Gott - mit dem können sie den Menschen doch
nicht umgebracht haben?«
    »Zeigt mir einmal das Messer,« sagte Roberts, die Hand danach ausstreckend -
»vielleicht erkenn' ich es -«
    Harper bog sich vor, und Beide beschauten es genau, endlich sprach der
Erstere kopfschüttelnd:
    »Habe das Ding nie gesehen - ist auch noch neu.«
    Harper erkannte es ebenfalls nicht, auch den übrigen Männern war es fremd.
    »Ich will es zu mir nehmen,« sagte Roberts endlich - »vielleicht kommen wir
dadurch auf eine Spur; doch das Blut wasch' ich ab. Es sieht gar zu schrecklich
aus -«
    »A-tia,« rief Assowaum jetzt und zeigte auf eine frisch aufgegrabene Stelle
im Busch, nicht weit von dort entfernt, wo die Leiche gelegen - »was ist das
da?«
    »Dort haben sie den Körper begraben,« rief der Krämer.
    »Nein, bewahre,« sagte Curtis, der hinzugetreten war, »das Loch ist ja kaum
gross genug, ein Opossum darin zu verscharren, viel weniger einen Menschen. -
Aber gegraben ist hier und zwar mit einem breiten Messer - doch ist die Erde,
die hier herausgenommen wurde, nicht mehr da; wozu können sie nur die Erde
gebraucht haben?«
    Assowaum betrachtete genau die Stelle zwischen dem Ort, wo die Leiche
gelegen hatte, und der kleinen Grube, dann sagte er, sich aufrichtend:
    »Wenn sich die Luft in den Kleidern fängt, schwimmt ein Körper manchmal und
bleibt an irgend einem vorragenden Busch oder Baum hängen - ist der Körper mit
Erde gefüllt, so sinkt er unter.«
    »Schrecklich! schrecklich!« rief Roberts - »dazu also das kleine Messer -
die Leiche aufzuschlitzen. Gentlemen, das ist eine fürchterliche Tat. - Wer mag
nur der Unglückliche sein?«
    »Die Flut verbirgt das,« erwiderte Harper dumpf - »wer weiss, ob es je an
den Tage kommt, aber - was macht der Indianer? was willst Du tun, Assowaum?«
    »Ein Seil machen und tauchen,« sagte dieser, indem er von einem nicht sehr
entfernt stehenden kleinen Papaobaum die Rinde abschälte und zusammenknüpfte.
    »Tauchen? Nach der Leiche?« fragte Roberts entsetzt.
    »Jau e-mau,« flüsterte der Indianer, mit der Hand auf das Wasser zeigend -
»er ist da!« und dabei warf er Jagdhemd, Leggins und Moccasins ab und wollte
eben hinunter in das Wasser springen.
    »Halt!« sagte der Krämer, der indessen diese Vorrichtungen mit grosser
Aufmerksamkeit beobachtet hatte und jetzt einsah, was er beabsichtigte - »wenn
Ihr das Seil um die Leiche binden wollt, so dauert es zu lange - hier ist ein
Fischhaken.« dabei nahm er ein kleines Packet aus der Tasche, das alle möglichen
Arten von Angelhaken entielt, woraus er einen der grössten dem Indianer reichte.
    »Das ist gut,« rief dieser freudig, befestigte den Haken schnell an der
zähen Papaorinde, schaute noch einmal auf den Ort zurück, wo der Leichnam den
Fluten übergeben war, und verschwand im nächsten Augenblick an der
Schreckensstelle. - Todtenstille herrschte mehrere Secunden lang - Keiner wagte
zu atmen. Die Flut hatte sich schon wieder gänzlich über der darin versunkenen
Gestalt des roten Jägers beruhigt, denn der Fluss war hier ziemlich tief, und
nur schnell nach einander aufsteigende Luftblasen verrieten die Stelle, wo er
sich befand. Da tauchte das schwarze glänzende Haar empor, und gleich darauf hob
sich das Haupt des Kriegers über der Fläche. - Einmal holte er tief Atem und
dann strich er aus, dem Ufer zu, wo die Männer standen. Er kletterte die steile
Bank hinauf, hielt den Haken aber noch immer in der Hand.
    »Und die Leiche?« frug Roberts.
    »Ich habe sie gefühlt,« war die Antwort Assowaum's - »meine Hand hat sie
berührt, als ich danach umhertappte. Das Wasser hob mich aber zu schnell wieder
- sie ist unten!«
    »Will Einer der Weissen mir einen Stein holen?« frug er dann nach einer
Weile, indem er sich erschöpft unter einen Baum warf - - »ich bin matt und
möchte ruhen!«
    »Willst Du denn noch einmal hinunter?« rief Harper erstaunt. Der Indianer
nickte nur mit dem Kopfe, Hartford lief aber schnell nach der nicht sehr weit
entfernten Kiesbank und brachte von hier aus einen ziemlich gewichtigen Stein
angeschleppt, um den Curtis sogleich ein kurzes Seil schlang und eine Schlinge
daran befestigte.
    »So, Indian,« sagte er dann, »wenn Du das auf diese Art an Dein linkes
Handgelenk hängst, so nimmt's Dich hinunter, und willst Du wieder nach oben, so
brauchst Du es nur abzustreifen - siehst Du, so!«
    Der Indianer bedurfte keiner grossen Belehrung, er befolgte schnell den Rat
des Weissen, liess aber diesmal das Ende der aus Rinde gedrehten Schnur in Curtis'
Hand zurück und nahm nur den Fischhaken in die Rechte, dabei wohl darauf
achtend, dass er sich nicht verwickeln könnte, glitt jetzt an der steilen
Lehmwand hinunter und tauchte zum zweiten Male in den Fluss.
    Diesmal dauerte sein Aufentalt unter dem Wasser länger als das vorige Mal,
denn er war des schweren Steines wegen genötigt gewesen, langsam auf dem Grunde
fortzuschreiten und mit dem Fuss nach dem Gegenstande seines Suchens zu fühlen.
Endlich zuckte es an der Schnur, die den Haken hielt, viele Schaumblasen quollen
empor, und wiederum erschien der dunkle Haupt des Indianers, der schnell an das
Ufer ruderte, dort dem Wasser entstieg und schaudernd zurückblickte. Sein
Antlitz hatte eine Aschenfarbe angenommen, und als er sich das lange
rabenschwarze Haar aus der Stirn strich, starrte sein Auge so stier und
geisterhaft drein, als gehöre er selber nicht mehr dieser Erde an, als sei er
der Geist des Erstammes, der der dunkeln Tiefe entsteige, weil er das feuchte
Grab nicht mit einem Feinde seines Volkes teilen wolle.
    »Die Schnur ist befestigt,« rief Curtis, der das Ende in der Hand hielt,
»Assowaum hat den Leichnam gefunden!«
    Während der Indianer jetzt schweigend auf die Wasserfläche hinaussah, zogen
die Männer oben auf der Uferbank langsam und vorsichtig die Schnur an, dass sie
nicht zerreisse. Der Körper, in dessen Kleidern der Haken befestigt war, hob sich
dadurch, und bald war ein dunkler Gegenstand im Wasser sichtbar. - Die Flut
teilte sich und wich, wie schaudernd vor der unheimlichen Last, zurück, und im
nächsten Augenblick ergriff Assowaum die Schulter der Leiche und zog sie auf's
Trockene. Die Männer waren hinabgesprungen, und als der Indianer den Körper
umwandte, dass das bleiche Antlitz nach oben kam, ertönte ein Schreckensschrei
von der Lippe. Einstimmig riefen die Jäger:
    »Heatcott!«
    »Heatcott,« wiederholte Harper nach.
    »Mehrere Minuten lang standen die Männer schweigend da und betrachteten mit
entsetzten Blicken das fürchterliche Schauspiel. Der Leib des Unglücklichen war
aufgeschnitten und mit Erde und Steinen gefüllt; an der Stirn klaffte eine
breite Wunde, die Kugel schien aber durch die Brust gegangen. Roberts bog sich
zur Leiche nieder und untersuchte den Einschuss.
    Wie viel Kugeln schiesst Brown's Büchse?« frug er leise, als ob er sich
scheue, den Namen des jungen Mannes vor dem Leichnam auszusprechen.
    »Dreissig,« flüsterte Harper zurück. Roberts wies schweigend auf das Loch,
das die Kugel in die Brust des Todten gerissen.
    »Haltet Ihr ihn für schuldig?« frug Harper jetzt, scheu den Blick im Kreis
umherwendend.
    »Schuldig? nein, bei Gott nicht,« rief Curtis; »kein Geschworenengericht in
ganz Arkansas würde ihn schuldig sprechen, nachdem der da, wie ich von Smit
gehört, solche Drohungen gegen ihn ausgestossen. - Ich hätt' ihn auch erschossen.
Leid tut mir's, wenn ich den kräftigen Burschen da so liegen sehe, dass er sein
Leben auf solche Art vergeudete, wo er ein nützlicher Bürger im Staate werden
konnte; aber Pest und Tod! wenn solche Gesellen, die dafür bekannt sind, dass sie
bei Raufereien und Totschlägen ihr Wort halten, mit klaren Worten sagen, sie
wollten irgend Einen, wo sie ihn zuerst wieder träfen, über den Haufen schiessen,
so verdienen sie weiter nichts als eine Kugel - das ist meine Meinung. - Nur -
das - das Bauchaufschlitzen hätte er können sein lassen - die Aasgeier würden
das eben so gut und noch schneller beendet haben; seht nur, wie sie schon in
Schaaren herbeikommen. - Diesmal habt ihr euch aber geirrt, der Braten mächte
euch entzogen werden. Wir müssen doch wohl darüber Meldung machen, oder sollen
wir ihn liegen lassen?«
    »Nein, auf keinen Fall,« sagte Roberts - »das dürfen wir nicht; am besten
wird's sein, wir decken ihn hier mit Zweigen zu und melden es dem
Friedensrichter; der mag seinen Constabler danach schicken. Ich will mich nicht
weiter damit befassen; - was sucht Ihr, Hartford?«
    Der Krämer war neben der Leiche niedergekniet und visitirte sehr sorgfältig
das lederne Jagdhemd, das in nassen Falten auf der Brust derselben klebte.
    »Der Mann hier,« sprach er endlich aufstehend, sehr ernst - »trug in der
ledernen Tasche, die Ihr da seht - vierhundert und siebzig Dollar in Banknoten,
alle so gut wie Silber, bei sich - ich habe sie gestern Morgen in Bowitt's Hause
selbst gesehen, und verloren kann er sie nicht haben, denn der Knopf dort an der
Tasche geht schwer auf - die Tasche ist von Jemandem geöffnet und das Geld -
herausgenommen worden.«
    »Wer wagt es hier, zu sagen, dass mein Neffe einen Todten beraubt habe?«
schrie der alte Harper, während sein Antlitz Leichenblässe übergoss, das Messer
aus der Scheide reissend, in die Höhe sprang. - »Wer nennt meinen Bill einen
Dieb?«
    »Haltet ein, Harper,« sagte Roberts freundlich, ihm die Hand auf den Arm
legend, »wir haben alle Ursache zu glauben, dass Brown Heatcott erschoss. Das
Geld kann ein Anderer genommen haben - es waren ihrer Zwei bei dem Werke.«
    »Wer aber sollte noch bei ihm gewesen sein?«
    »Das weiss nur Gott - nicht wir; aber hier sind die Fussspuren von zwei
Männern, eine von Stiefeln, die andere von Schuhen, das ist augenscheinlich, und
wenn Brown das Rachewerk verübte, so kann der Andere leicht Gelegenheit gefunden
haben, das Geld für sich in Sicherheit zu bringen.«
    »Brown würde das nie zugelassen haben.«
    »Wenn er's gerade gesehen hat; aber das bleibt sich gleich; das Geld war da,
denn vor meinem Hause erwähnte er, dass er eine Summe für drei Pferde bei sich
trage. - Brown hörte das zwar, ich halte jedoch den jungen Mann für rechtlich,
und wie gesagt, wer kennt Den, der ihm half?«
    »Das ist schrecklich!« rief Harper, indem er das Gesicht mit den Händen
bedeckte und sich, von den heftigsten Gefühlen bewegt, an einen Baum lehnte.
Assowaum sass sinnend, mit untergeschlagenen Füssen, das Kinn in die linke Hand,
den Ellbogen auf das Knie gestützt, am Fusse desselben Stammes.
    »So lasst uns unser Werk denn beginnen,« sagte Curtis, indem er anfing,
Zweige herbeizuschleppen - »mich schaudert's in der Nachbarschaft hier und ich
möchte keine Stunde länger neben dem unheimlichen Antlitz da zubringen.«
    »Recht so, Curtis,« sagte Roberts, indem er ihm half, einen etwas schweren
heruntergebrochenen Ast zur Leiche hinzuschleppen - »noch ein paar solche Stücke
wie dies hier, und dann ordentlich Zweige darüber, so werden die Raben und Geier
den Platz schon eine Weile in Ruhe lassen; Wölfe kommen überdies nicht am Tage
her.«
    Curtis, Roberts und Hartford beendeten bald das einstweilige Grab des
Gemordeten, indem sie mit ihren schweren Jagdmessern eine hinlängliche Quantität
Zweige abhieben und davon ein Dach bildeten, Harper und Assowaum aber blieben
dabei untätig. Endlich war die traurige Pflicht erfüllt und die Männer rüsteten
sich zum Aufbruch. Harper folgte ihnen zwar, als sie den Platz verliessen, aber
scheinbar bewusstlos; die Kraft des alten Mannes schien gebrochen. Er klagte
nicht, doch kündete die bleiche Wange, der stiere Blick nur zu deutlich, was in
seinem Innern vorginge. Dass Brown den Mord begangen hatte, daran zweifelte
selbst er keinen Augenblick; das hätte ihm aber auch in den Augen der Welt,
wenigstens in Arkansas, nicht zur Schande gereicht; doch das Geld - das Geld -
es war entsetzlich! Er kannte die Menschen, die nur zu geneigt sind, von Jedem
das Schlimmste zu denken, selbst da, wo das Schlimmste nicht solch' sprechende
Beweise für sich hatte, und hier, wo sogar der Unbefangene schwankend werden
musste - es war fürchterlich. Er stieg in den Sattel und überliess das Pferd, das
langsam den anderen folgte, sich selbst, achtete nicht einmal darauf, dass der
Indianer in seiner sinnenden Stellung am Fusse des Baumes verharrte.
    Assowaum blieb noch viele Minuten lang, als Jene schon Alle im Dickicht
verschwunden waren, sitzen und starrte träumend vor sich nieder, dann aber, als
auch der letzte Schall der Hufe, das letzte Kläffen der Hunde verhallt war,
erhob er sich leise und begann von Neuem seine Untersuchung der Fährten und
Zeichen. An dem Stiel seines Tomahawks bemerkte er mit dem kleinen Messer, das
er im Gürtel trug, die genaue Länge und Breite der Fussstapfen, schulterte dann,
nachdem er sich überzeugt hatte, dass nichts seiner Aufmerksamkeit entgangen war,
die Büchse und drang in einer der, welche die Jäger eingeschlagen,
entgegengesetzten Richtung in den dichten Wald.
 
                                    Fussnoten
1 Steht auf, steht auf!
 
                                       9.
Das vierblätterige Kleeblatt verhandelt eine Geschäftssache. - Rowson's gerechte
               Entrüstung über den Mord und Marions' Schwachheit.
Wir müssen den Leser zu dem Dickicht zurückzuführen, mit dem wir diese Erzählung
eröffneten, und wo an demselben Morgen, an dem die Jäger am Petite-Jeanne den
Leichnam aus dem Flusse fischten, die vier Verbündeten eintreffen und den
Weitere ihres Planes bereden wollten. Cotton und Weston waren die Ersten auf dem
Platze, Johnson und Rowson liessen aber ebenfalls nicht lange auf sich warten und
wurden von den beiden anderen mit fröhlichem »Hurrah« bewillkommt.
    »Bst - bst -« sagte Rowson beschwichtigend - »lärmt doch nicht, als ob Ihr
auf der Countystrasse ständet und Euch nichts daraus machtet, wer Euch hört.«
    »Nun, ich mache mir auch nichts daraus,« lachte Weston - »was wär's denn
weiter, wenn uns hier Jemand zusammen träfe?«
    »Für Euch freilich nicht - aber für mich. - Meine Schwiegermutter ist eine
gar fromme Frau und würde sich's wenig zur Ehre rechnen, wenn ich Euch Beide
unter meine Bekanntschaft zählte.«
    »Eure Schwiegermutter?« frug Cotton erstaunt; »nein, sagt Rowson, ist's denn
wahr, was die Leute schwatzen? gedenkt Ihr wirklich des alten Roberts Tochter zu
heiraten? Gehört hab' ich's schon, aber immer noch nicht glauben wollen.«
    »Und warum nicht, Mr. Cotton? Dies ist der letzte Handel, den wir auf diese
Art zusammen machen; - ich will ein ehrlicher Mann werden.«
    »Zeit wär's, das ist richtig,« lachte Cotton, »fast schon ein bisschen zu
spät; aber Gott sei dem armen Mädchen gnädig!«
    »Mr. Cotton, ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten; in dieser Hinsicht
verstehe ich keinen Spass.«
    »Frieden!« sagte Johnson; »wir sind nicht hierhergekommen, Eure alten
Neckereien zu beginnen, der Zweck ist ernster. - Wie ist Eure Jagd abgelaufen,
Cotton?«
    »Vier Hirsche und einen Fuchs.«
    »Dem Fuchs hättet Ihr das Leben schenken können; und Eure, Weston?«
    »Zwei Hirsche und drei Trutühner.«
    »Dann hab' ich am wenigsten,« sagte Johnson, »eigentlich könnte ich aber
eine Entschuldigung geltend machen. Ich fiel gestern Morgen von einem der
steilen Bergkämme herunter, das heisst ein Stein gab nach und ich rutschte,
schlug mir auch dabei den ganzen Arm auf; das hat mich denn freilich sehr im
Jagen gehindert.«
    »Halt da - das ist einerlei,« rief Weston - »da gälte es bei einem
Pferderennen ja auch nicht, wenn eins der Pferde unterwegs lahm würde. Nein,
gleichen Auslauf und eigenes Risico -«
    »Wo habt Ihr denn Eure Felle, heh?« frug Johnson halb ärgerlich.
    »Neben Cotton's Hütte hängen sie. - Glaubt Ihr uns nicht, so kommt mit; ich
dächte aber doch -«
    »Ja, ja - es ist schon gut - war ja nur ein Scherz; also Rowson und ich
beginnen den Tanz. Gott steh' uns bei, was das für Leben in der Ansiedelung
geben wird. Doch nur vierundzwanzig Stunden Vorsprung, und ganz Arkansas soll
die Tiere nicht wieder finden. Rowson hat einen vortrefflichen Plan; vergesst
also den Platz nicht, über Hoswels' Canoe, und Ihr, Weston, haltet Eure Pferde
an dem Abend, wo Ihr uns erwartet, in der verfallenen Hütte am Horsecreek und
macht dortin so wenig Spuren wie möglich. - Doch Ihr werdet das schon gescheidt
anfangen.«
    »Wo halt' ich mich denn indessen am besten auf?« frug Cotton, »brach liegen
möcht' ich gerade nicht. - Ih was, ich gehe zu Atkins hinüber, da kann ich ein
wenig ausruhen.«
    »Dort in der Gegend ist auch genug Wild, an Fleisch wird's nicht fehlen,«
sagte Johnson.
    »Und die Regulatoren?«
    »Mögen zum Teufel gehen; ehe sie den Braten riechen, ist's zu spät, und sie
haben dann, mit all' ihrer Weisheit, die beste Zeit versäumt. Freilich wird's
nachher eine Zeit lang merkwürdig unruhig hier im County werden.«
    »Wenn mir mein Plan gelingt,« sagte Rowson, »so werden uns die Regulatoren
wenig anhaben können. Sie müssen auf die falsche Fährte kommen, und erst einmal
Einen von den Hunden darauf gebracht, so zieht dessen Geheul die ganze kläffende
Meute hinderdrein. Es wäre ein Hauptspass, wenn besonders der bramarbasirende
Husfield zum Narren gehalten würde.«
    »Nun, wir werden Alle unser Möglichstes tun - wann brecht Ihr aber auf?«
    »Gleich,« sagte Johnson - »je eher das beseitigt wird, desto besser ist's.
Die Regulatoren-Versammlungen fangen jetzt an, kommt also erst das ganze Land,
durch die verdammten Halunken rebellisch gemacht, in Gährung, so möcht' es zu
spät sein, auf ein vernünftiges Geschäft einzugehen.«
    »Ich muss auf jeden Fall noch vorher einmal zu Roberts,« sagte Rowson, »und
zwar gleich heute Morgen - mache übrigens dabei auch gar keinen Umweg. Johnson
kann indessen durch den Wald gehen, und wir treffen uns dann an den Quellen des
Cypressenflüsschens, wo die Rotbuche steht, wieder.«
    »Also wir gehen zu Fuss?« frug Johnson.
    »Versteht sich,« erwiderte Rowson - »heisst das - hinwärts, zurück
schwerlich!«
    »Nein, hoffentlich nicht,« lachte Cotton, »und nun, Boys, Good bye - ich
will machen, dass ich fortkomme.«
    »Wann werdet Ihr am bestimmten Platze eintreffen?« frug Weston, »dass ich
mich dort nicht gar zu lange mit den Pferden herumtreiben muss?«
    »Nun, vor Freitag Abend auf keinen Fall,« erwiderte Rowson - »das heisst,
wenn nichts dazwischen kommt. Finden wir am Donnerstag Abend, denn eher können
wir den Platz zu Fuss nicht erreichen, keine gute Gelegenheit, so dauert es
freilich bis Sonnabend, ich hoffe aber, es soll Alles gut gehen, und dann sind
wir Freitag Abend mit Sonnenuntergang am bestimmten Platze; auf baldiges -
frohes Wiedersehen also!«
    »Auf Wiedersehen!« riefen Cotton und Weston und verloren sich in den
Büschen. - Rowson blickte ihnen noch eine Weile nach und sprach dann
kopfschüttelnd zu dem Gefährten:
    »Johnson, dies muss das letzte Mal sein, dass wir mit dem Burschen, dem
Cotton, etwas anfangen. Auf der Insel wollen sie auch nichts mehr von ihm
wissen, sie haben erfahren, dass er sich immer betrinkt und nachher allerlei
tolles Zeug schwatzt und Händel sucht.«
    »Der Junge, der Weston, ist eben so wenig nach meinem Sinn,« erwiderte
Johnson - »ich glaube wahrhaftig, wenn dem das Feuer recht auf den Nägeln
brennte, er schwatzte aus der Schule. - Ich trau' ihm nicht.«
    »Wir wollen hoffen, dass seine Schweigsamkeit nie auf die Probe gestellt
wird,« sagte Rowson sehr ernst - »wer weiss, was wir Alle in solchem Falle
täten. Es hat etwas merkwürdig Verführerisches, sein eigenes Fell durch die
Aufopferung von ein paar Anderen, Fremden, in Sicherheit bringen zu können. Mit
uns Beiden ist es freilich etwas Anderes, ich glaube nicht, dass uns State's
evidence1 viel hälfe, und wo -«
    »Je weniger wir darüber sprechen, desto besser,« rief Johnson ruhig, indem
er nach dem Pulver auf seiner Pfanne sah - »wo lassen wir die Pferde?«
    »Wieder bei Fulweals - Weston weiss es schon und holt sie dort ab.«
    »Gut - dann geh Du jetzt zur gerade nach der Strasse zu und folge der, und
ich halte mich im Walde - es ist besser, wenn wir nicht zusammen gesehen
werden.«
    »Glück zu indessen!«
    »Glück zu!«
    Rowson, der jetzt den Platz erreichte, wo sein Pferd angebunden stand,
schwang sich hinauf und trabte gegen die Strasse an, auf der er dem Pferd die
Zügel liess und scharf dahin galoppirte, bis er von fern das helle Dach der
friedlichen Wohnung schimmern sah, in der sein Liebchen haufte. Hier griff er
zuerst wieder dem Tier in die Zügel, näherte sich dem Hause in einem gemässigten
Schritt und stieg an der Tür ab. Wenn aber auch von Mrs. Roberts mit Freude,
von Marion mit Freundlichkeit empfangen, hielt er sich doch nicht lange bei den
Frauen auf, sondern verkündete ihnen, dass er nur gekommen sei, auf einige Tage
Abschied zu nehmen. Teils zwinge ihn sein Beruf dazu, den nördlichen Teil des
County ebenfalls zu bereisen und das Wort des Herrn zu lehren, teils auch
nötigten ihn seine Geschäfte, an den Arkansas River zu gehen, um dort eine
Summe des erwarteten Geldes in Empfang zu nehmen.
    »Bald, meine teure Marion,« fuhr er fort, indem er die Hand des leicht
erbleichenden Mädchens zärtlich in die seine nahm, »bald wird nun auch mein
heissester Seelenwunsch erfüllt, und wir Beide werden mit der Hülfe unseres Herrn
Jesus Christus in Frieden unsere Wohnung mitsammen aufschlagen. Es ist nicht
gut, dass der Mensch allein sei; das unstäte Leben sagt auch meinem Körper nicht
zu, das ewige Herumreiten zwingt mich oft, einer Nachterberge wegen Orte
aufzusuchen, die ich sonst gern gemieden hätte.«
    »Die Männer von Arkansas,« flüsterte Marion leise, »schlafen gern im Freien
- Mr. Rowson hat das wohl noch nicht versucht?«
    »Doch, liebe Marion, doch, aber es sagt meiner Gesundheit nicht recht zu -
ich bin über die Jünglingsjahre hinaus; warum Beschwerden aufsuchen, die man
vermeiden kann? Aber lebe wohl, liebes Kind - der Himmel nehme Dich indessen in
seinen Schutz. Vorher nur wollen wir noch einmal brünstig zum Herrn beten, dass
er unser schwaches Bemühen segne und uns gnädig sei.«
    Damit nahm er sein kleines, schwarz eingebundenes Gebetbüchlein, das er
stets in der Tasche trug, hervor und begann mit lauter Stimme seine Andacht. Die
Frauen knieten, der Metodistensitte gemäss, an ihren Stühlen nieder, und Marion
schaute über die gefalteten Hände hinweg mit feuchten Augen zu dem klaren,
reinen Himmel empor. Ihre Gedanken schweiften weit, weit fort - sie vernahm
nicht die rauhe Stimme des Frömmlers, der an ihrer Seite seine monotonen,
auswendig gelernten Phrasen mit demselben Gefühl vielleicht hersagte, als der
Spielmann sein tausendmal gespieltes Lied anhört - ihre Blicke hingen an dem
heitern Dome des Herrn, und wenn auch ihre Lippen sich schweigend an die zarten
Finger pressten, ihr Herz sprach mit ihrem Gott.
    »Reib' die Pferde ein wenig ab, - in einer Stunde muss ich wieder fort!«
sprach Roberts' Stimme draussen zum Neger - »kommt einen Augenblick herein,
Harper, und ruht Euch aus - was wollt Ihr jetzt zu Hause? Kommt, ich bin selbst
müde, und sehne mich danach, einen Augenblick auszuruhen. Hallo - da ist
wahrhaftig wieder Betstunde,« fuhr er dann leise, zu dem Fremden gewendet, fort.
- »Hol' der Teufel den Pfaffen! - Wenn ein Mensch auch gar nichts Anderes zu
tun hat, als in einem fort auf den Knieen herumzurutschen - ob denn damit dem
lieben Gott wohl ein Gefallen geschehen mag? - Tom, hol' uns ein paar Stühle aus
dem Hause,« rief er dann wieder in lauterem Tone dem Neger zu, der eben die
Sättel von den Pferden nahm. Rowson hatte aber die Ankunft der beiden Männer
gehört, und brach sein Gebet ab, als der Neger eben in die Stube kam. Die Männer
traten dann ohne weitere Umstände ein.
    »Guten Morgen, Ladies!« sagte Harper - aber es sah bleich und elend aus,
seine Augen lagen in ihren Höhlen, seine Kniee konnten kaum das Gewicht des
Körpers tragen - er sank matt in einen Stuhl.
    »Mr. Harper - um Gottes willen, was ist Ihnen?«
    »Nichts - ich danke - es wird vorüber gehen - ein Glas Wasser, wenn ich
bitten darf.«
    Marion nahm den langstieligen Flaschenkürbis, der im Wassereimer lag, und
reichte ihn dem alten Mann.
    »Es ist ein Mord verübt,« sagte Roberts jetzt, indem er seinen Stuhl an den
Kamin rückte und starr vor sich niedersah - »ein Mord - ein schrecklicher Mord -
Heatcott ist erschlagen.«
    »Heatcott?« rief Rowson, ihn anstarrend - »Heatcott? wer sagt das?«
    »Ich habe die Leiche gesehen - Brown hat ihn erschlagen! Was ist dem
Mädchen? Marion - Unsinn - was braucht sie ohnmächtig zu werden, wenn man von
einem Morde spricht; es ist doch wahrlich nicht der erste, von dem sie hört.«
Harper war leise an ihn herangetreten.
    »Erwähnt hier nichts von dem Geld,« flüsterte er Roberts zu - »lasst uns erst
sehen, ob wir nicht dem Andern auf die Spur kommen.«
    »Habt keine Angst,« erwiderte Roberts - »hierin glaub' ich selbst an Brown's
Unschuld.«
    Rowson hatte einen Augenblick, wie in tiefes Gebet versunken, dagestanden,
jetzt aber hob er die Augen seufzend empor und sagte schaudernd:
    »Es ist schrecklich - fürchterlich - so jung noch, und schon Mörder und
Räuber.«
    »Räuber?« fuhr Harper wild auf.
    »Aeusserte Heatcott hier nicht, dass er eine bedeutende Summe mit sich trage?
Glaubt Ihr, sein Mörder wird das Geld mit ihm begraben haben?« Marion sah in
ängstlicher Erwartung nach ihrem Vater hinüber, als ob sie dessen Antwort
erwarte. Roberts schwieg und starrte schweigend in die im Kamin lodernde Flamme.
    »Heatcott war ein sündiger Mensch,« fuhr Rowson mit strenger Stimme fort,
»aber so zu sterben, so in seinen Sünden hinzufahren, das ist schrecklich. Wo
ist die schauderhafte Tat verübt, Mr. Roberts?«
    »Am Petite-Jeanne - wir fanden die Spuren, und Assowaum holte die Leiche aus
dem Flusse.«
    Der Prediger schwieg mehrere Minuten und starrte, in Gedanken versunken, vor
sich nieder, dann erhob er sich plötzlich und frug, die Augen fest auf Roberts
geheftet:
    »Aber woher wissen Sie, dass Brown der Mörder ist?«
    »Er ist an demselben Morgen in jener Gegend gesehen worden,« sagte Roberts
seufzend, »und es waren Zwei, die den Mord verübten. - Brown hatte ja auch am
vorhergehenden Tage den Zank mit dem Ermordeten, der damals solch' wilde
Drohungen gegen ihn ausstiess.«
    »Schändlich - schändlich,« rief Rowson in frommer Entrüstung - »ich will
selbst an den Petite-Jeanne gehen, vielleicht kann man den Mörder noch
einholen.«
    »Mr. Rowson - es war Ihretalben, dass der unglückliche junge Mann den Streit
mit dem jetzt Todten begann,« sagte Marion ernst, zu ihrem Bräutigam aufsehend -
»Ihnen geziemte es am wenigsten, den Stab über ihn zu brechen.«
    »Marion!« rief die Mutter, entrüstet über die Kühnheit des sonst so sanften
Mädchens - »Marion - was unterstehst Du Dich?«
    »Lassen Sie das Kind, Schwester Roberts,« erwiderte Rowson mild - »sie
urteilt nach äusseren Eindrücken, wer kann es ihr verdenken? - Gott nur sieht
das Herz und versteht es zu prüfen.«
    »Würde Ihnen wenig helfen, meinen Neffen zu fangen,« sagte Harper jetzt
ärgerlich aufstehend - »wir Alle sind bereit, die Drohungen zu beschwören, die
Heatcott hier gegen ihn ausgestossen hat. - Ein Geschworenengericht müsste und
würde ihn freisprechen - überdies kommt er in acht Tagen zurück und wird sich
selber verteidigen.«
    »Er kommt zurück?« frug Rowson schnell.
    »Gott sei gedankt - dann ist er auch nicht schuldig!« rief Marion in der
Freude ihres Herzens.
    »Miss Marion scheint vielen Anteil an dem jungen Mann zu nehmen,« bemerkte
Rowson.
    »An jedem Unschuldigen!« sagte das schöne Mädchen, zu gleicher Zeit aber
selbst über den Eifer errötend, mit dem sie des fremden Mannes Sache vertreten
hatte.
    »Das ist schön und lobenswert,« erwiderte freundlich der Prediger - »möge
der Herr Dich dafür segnen, mein gutes Kind, und Dir Deinen frommen Glauben
erhalten. Du hast noch nicht solch' bittere Erfahrungen gemacht, wie wir - möge
es auch nie geschehen!« Er trat darauf noch zu Mrs. Roberts und teilte ihr
leise etwas mit, küsste dann seine Braut achtungsvoll auf die Stirn und folgte
den beiden Männern, die sich nach kurzem Abschiedswort wieder in den Sattel
geschwungen hatten, vor die Tür. Hier bestieg er sein kleines lebhaftes Pony,
und ritt langsam den breiten Weg hinauf, der zwischen den zwei Maisfeldern hin
und auf einen schmaleren Pfad führte, welcher später nordwestlich, dem
Arkansasfluss zulief!
    »Mutter,« sagte Marion nach einer stummen, schmerzlichen Pause, als sie
allein mit einander waren, »Mutter - ich kann den Mann nicht lieben. - Mein Herz
weiss nichts von einem Gefühl, das ich ihm am Altare heucheln müsste.«
    »Kind,« rief die Matrone erschreckt, indem sie der Tochter Hand ergriff -
»bete! es hat nichts auf der Welt etwas so Erquickendes als ein brünstiges
Gebet, wenn der Versucher naht. - Du weisst, dass Mr. Rowson Dein und mein Wort
hat - Du weisst, dass seine ganze Glückseligkeit davon abhängt, und an der Seite
eines so frommen Mannes wirst auch Du jenen Grad von Seelenreinheit erringen,
der Dir jetzt noch so gänzlich mangelt. Mr. Rowson hat, wie er mir eben
vertraute, Hoffnung, seine Geschäfte noch vor der früher festgesetzten Zeit
beendigt zu sehen, und sobald das geschehen sein wird, ist die Hochzeit. - Sei
mein gutes Kind, wie Du es immer gewesen bist, und Du wirst so glücklich werden,
wie Du es verdienst.« Marion lag an der Mutter Halfe und schluchzte laut.
 
                                    Fussnoten
1 Wenn Jemand der Kläger seiner Kameraden wird und für den Staat als Zeuge
auftritt.
 
                                      10.
     Die Sheriffswahl in Pettyville. - Die Verfolger sind auf den Fährten.
In Pettyville war Wahltag. - Es sollte nämlich ein Sheriff und ein Clerk1 für
das County ernannt werden, und drei Candidaten hatten sich schon zu der
ersteren, zwei zur letzteren Stelle gemeldet. Der Eine, ein wohlhabender Farmer
aus der Nachbarschaft, Kowles mit Namen, hatte die Wähler mit einem Festessen,
das er am vorigen 4. Juli, am Jahrestag der amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung, gegeben, auf seine Seite zu bringen gesucht. Auch
jetzt noch trug er stets in der einen Tasche ein kleines Fläschchen mit Whisky,
in der andern ein Stück Kautabak, und man sagte sich, dass er, wo nur die
mindeste Hoffnung sei, eine Stimme zu erhalten, mit beidem sehr freigebig
umgehe. Der zweite war ein Deutscher, aber schon ziemlich lange in Amerika, und
hatte den Fluss weiter hinauf einen kleinen Kramladen; der Dritte dagegen ein
Farmer vom Arkansasfluss, der die Stelle schon einmal bekleidet, später jedoch
nicht wieder gewählt war, indem er den guten Leuten, sonst in dieser Hinsicht
wirklich sehr nachsichtig, doch etwas zu viel trank. »Dreimal die Woche«, hatten
Mehrere geäussert, »liessen sie sich ein bisschen schräg wohl gefallen, aber alle
Tage, das sei zu viel.« Jetzt sollte er sich übrigens gebessert haben und hatte
sehr viele Stimmen für sich. Vattel war auch wirklich ein herzensguter Bursche,
machte sehr gern seinen Spass mit, nahm nie einen Scherz übel, stand aber auch
seinen Mann, wenn es galt, sein Amt zu behaupten.
    Um zwei Uhr sollte die Wahl beginnen, und die bis jetzt anwesenden Farmer
und Jäger, die in dem kleinen Häuschen, in dem der Tisch mit den
Schreibmaterialien stand, und um dasselbe versammelt waren, vertrieben sich die
Zeit nach besten Kräften. Das Haus war ein gewöhnliches Blockhaus, mit einem
Bett in der einen, einem Tisch in der andern Ecke. An den Wänden lehnten überall
Büchsen, an allen Nägeln oder vielmehr Pflöcken (denn an Eisen war im ganzen
Gebäude kein grosser Überfluss) - hingen Kugeltaschen und Pulverhörner, und
teils auf Decken, teils auf den rauhen Dielen hingestreckt lagen mehrere
Hinderwäldler und unterhielten sich höchst angelegentlich über Weiden, Wild und
eine kürzlich in den Fourche la fave-Bergen angeblich entdeckte Goldmine.
    Die eigentümlichste Gruppe bildeten aber doch wohl die auf und neben dem
Bett Gelagerten. Auf der untern Kante desselben, den linken Fuss gegen die Erde
gestemmt, sass die lange, dürre Gestalt eine Mannes, in einem sehr abgetragenen
hellblauen wollenen Frack, dessen Rückteil übrigens keineswegs aus demselben
Stoff bestand als Kragen und Aermel. Auf dem Kopf trug er einen alten Filz, in
den er an drei verschiedenen Seiten Löcher hineingeschnitten hatte, um frische
Luft hindurch zu lassen. Ein gleiches Experiment war mit seinen Schuhen
vorgenommen, doch hier, wie es schien, weniger der Luft als der Hühneraugen
wegen, und die Beinkleider, die um die Kniee herum wirklich nur noch durch
verschiedene hirschlederne Riemen zusammengehalten wurden, sahen so buntfarbig
aus wie eine Landkarte der Vereinigten Staaten selbst, von deren es Robin's
Stolz war, sich ihren freien Bürgern zu zählen. Eine alte, abgenutzte lederne
Kugeltasche hing ihm an der rechten Seite, und ein sehr kleines Messer mit
hölzernem Griff stak vorn in seinem Gurt, der die oben beschriebenen Beinkleider
verhinderte, sich ganz von einem Körper zu entfernen, dem sie überdies nur noch
teilweise anzugehören schienen.
    Trotz seines sehr unabhängigen Äußern aber (wenn man das Wort unabhängig
von einem Menschen gebrauchen kann, an dem wirklich Alles hing) sass er sehr
gemütlich auf dem höchst unbequemen, scharfkantigen Sitz und bekratzte in einer
so entsetzlichen Art einer alte Violine, dass die Hunde, die sich draussen an der
Hütte sonnten, unruhig auf ihren Plätzen hin- und herrückten, und
augenscheinlich mit sich uneins waren, ob sie den guten warmen Platz im Stiche
lassen oder noch länger das Gequietsche mit anhören sollten. Die Männer im
Innern der Hütte schienen den ohrzerreissenden Lärm übrigens gar nicht zu
bemerken, sie schwatzten und lachten, und beachteten den Spieler nicht weiter.
Nur Einer, ein blondhaariger junger Farmer, der mit allen Zeichen grösster
Behaglichkeit in voller Länge ausgestreckt auf dem Bett, mit den Füssen nach dem
Spieler zu lag, schien besondern Anteil an dem Vortrage des ganz in sich selbst
vergessenen Künstlers zu nehmen, denn er folgte der Melodie, indem er dieselbe
Weise, freilich in einer ganz andern Tonart, dazu pfiff. Der Spieler blieb aber
bei einem und demselben Liede, und geigte den Vers wohl fünfzigmal herunter,
immer wieder von vorn an, bis es selbst sein geduldiger Zuhörer endlich satt
bekam. Dem zweiten Paganini mit der Fussspitze also einen gelinden Stoss
versetzend, um seiner Aufmerksamkeit gewiss zu sein, rief er aus:
    »Verdamm es - Robin, hier lieg' ich nun schon eine halbe Stunde und pfeife
immer dasselbe Lied - könnt Ihr denn gar nichts Anderes? - So - das ist recht -
Yankee Doodle.« Und wieder zurück auf das Kissen fallend, von dem er sich eben
erst etwas erhoben hatte, begann er sein Pfeifen des neuen Stückes aus
Leibeskräften.
    »Wie ist es denn noch mit der Leiche geworden?« frug ein Farmer von der
Mündung des Fourche la fave - »ich habe ja gar nichts weiter drüber gehört.«
    »Nun, da ist weiter nichts geworden,« erwiderte ein Anderer - »die Männer,
die sie gefunden, hatten sie mit Zweigen zugedeckt, und wir gingen Alle hinaus,
um den Spuren zu folgen und den andern Burschen auszufinden, der die Hand mit im
Spiele gehabt. Ihr wisst aber, dass es am Nachmittag so fürchterlich zu regnen
anfing, und da liess sich denn weiter nichts mehr tun.«
    »Also Brown hat ihn wirklich über den Haufen geschossen?«
    »Nun natürlich,« sagte der Friedensrichter, der zu ihnen trat - »das war
auch vorauszusehen. Wer zum Teufel wird sich denn solche Drohungen an den Hals
werfen lassen? Aber den Zweiten möcht' ich ausfinden, der Bursche hatte
sicherlich keinen Grund, und man weiss auch wahrhaftig gar nicht, auf wen man
eigentlich Verdacht haben soll.«
    »Es war doch verdammt viel von dem Indianer, so unterzutauchen, um eine
Leiche anzuhaken. - Weiss nicht, was mir Einer hätte geben müssen!«
    »Ach, die Rothäute sind so etwas gewöhnt - ohne den hätten wir ja auch gar
nicht erfahren können, wer der Todte eigentlich sei, denn auf Heatcott würde
Niemand gedacht haben -«
    »Wenn sich der Indianer nicht so gut bei der Sache benommen hätte, würde ich
auf ihn selbst Verdacht werfen,« sagte der Richter - »Brown und die Rothaut
sind überhaupt immer wie Hand und Handschuh mit einander, und es wäre gar nicht
zu verwundern gewesen, wenn sie hier in einem und demselben Joch gezogen. Das
scheint aber doch nicht so, denn sonst möchte sich Assowaum wohl gehütet haben,
die Hand zu etwas zu bieten, was ihm gefährlich sein musste und ohne ihn
sicherlich unterblib.«
    »Haben sich denn die Regulatoren schon einen andern Führer gewählt?«
    »Am Sonntag wollen sie bei Bowitts zusammenkommen und Alles bereden. - Es
leben Mehrere hier in der Gegend, denen sie auf der Spur sind.«
    »Ob denn das wahr ist, dass sie den Todten auch beraubt haben?«
    »Geld hatte er an demselben Morgen bei sich, das weiss ich gewiss,« sagte
Cook, der auf dem Bette lag und jetzt einen Augenblick zu pfeifen aufhörte -
»Geld hatte er, und zwar in einem kleinen rotledernen Taschenbuche inwendig in
seinem Jagdhemd eingeknöpft - es war aber fort, als sie ihn fanden; natürlich
haben sie das bei Seite gebracht -«
    »Brown nicht, darauf wollt' ich schwören!« sagte der Richter - »Brown halte
ich für einen ehrlichen Kerl, und es kommt mir das schon sonderbar von ihm vor,
dass er sich noch jemand Anders zu Hülfe genommen hat, den Prahlhans unschädlich
zu machen.«
    »Robin,« sagte Cook vom Bett aus, auf dem er sich jetzt halb herumdrehte und
dem Ebengenannten einen zweiten freundschaftlichen Stoss mit der Fussspitze
verabreichte - »Robin, wenn Ihr nun nicht bald mit Eurem Yankee Doodle aufhört,
so hol' ich wahrhaftig die Hunde herein; könnt Ihr denn weiter nichts als die
zwei Stücke?«
    Robin begann Washington's Marsch zu spielen, und Cook beruhigte sich wieder.
    »Gentlemen,« rief jetzt der Richter - »es wird Zeit, dass wir anfangen, es
muss zwei Uhr sein. Uebrigens fehlt uns noch ein Schreiber. - Wer könnte denn von
den Anwesenden die Stelle versehen, heh? Cook - Ihr könnt schreiben!«
    »Ja - meinen Namen; da ich aber nicht mit auf der Candidatenliste bin, so
möchte der schwerlich vorkommen.«
    »Smit - Ihr denn - oder Hopper - oder Moos - was zum Henker, kann denn
keiner von Euch eine Liste führen?«
    »Da draussen kommt Hecker - der Deutsche, der kann schreiben,« sagte Robin,
mit seinem Violinbogen nach der offenen Tür zeigend.
    »He, Hecker!« rief der Richter, »habt Ihr eine Stunde Zeit, die Namenliste
hier zu führen?«
    »Ja - zwei oder drei,« erwiderte der Angeredete, indem er in die Tür trat -
»ich will nur mit Dunkelwerden an der Salzlecke drüben über dem Berge sein. Wenn
ich um fünf Uhr fortgehe, komm' ich zeitig genug.«
    »Gut - dann stellt Eure Büchse dort in die Ecke - ist sie geladen?«
    »Denkt Ihr, ich schleppe ein leeres Rohr im Walde herum?«
    »Nun, lehnt sie nur gut an - ich habe immer Angst, die verdammten kurzen
Dinger könnten Schaden tun.«
    Hecker, ein junger Deutscher, der sich dort in der Gegend von der Jagd
ernährte, auch ganz wie die dortigen Hinterwäldler gekleidet war, rückte sich
einen Stuhl zum Tisch, zog das grosse, breite Jagdmesser, das ihm beim Sitzen
unbequem war, aus der Scheide, legte es vor sich hin und frug Smit, der neben
ihm sass:
    »Wär's denn nicht möglich, entweder Robin und Cook zu bewegen, mit ihrer
schauderhaften Musik aufzuhören? Die Hunde werden noch krank davon.«
    »Möchte schwer halten,« lachte dieser, »sie glauben Beide wunder wie schön
sie's machen. - Aber da kommt wahrhaftig Wells! - was mag den zu uns führen, der
hält sich doch sonst nicht bei Wahlen auf?«
    »Er hat Wölfe gefangen - bei Gott!« rief der Richter - - »bravo, Wells, das
macht Ihr gescheidt, die Bestien tun Schaden genug!«
    »Guten Abend zu Allen!« sagte der Jäger, indem er in die Hütte trat und drei
blutige Wolfsscalpe auf den Tisch warf - »guten Abend, Richter - da - gebt mir
einmal die Bescheinigung2 oder kauft sie mir ab, das wäre mir noch lieber, denn
mit Taxen bin ich so nicht übermässig geplagt.«
    Wells war ein schlanker, wohlgewachsener Mann mit grauen, lebhaften Augen,
sonst glich aber sein ganzes Wesen mehr einem Indianer als einem Weissen, und
Viele behaupteten, dass seine Adern eben so viel rotes als weisses Blut
entielten. In seiner Kleidung unterschied er sich ebenfalls in Nichts von den
halbcivilisirten roten Söhnen der Wildnis. Wie diese trug er sein Haupt bloss,
dass das lange, schwarze, glänzende Haar ihm die Schultern umflatterte, oder band
höchstens bei sehr windigem Wetter einen Streifen Baumrinde um die Schläfe, es
festzuhalten. Abenteuerliche Sachen erzählte man sich auch aus seinem Leben,
besonders aus den letzten Jahren desselben, die er grösstenteils in Texas
zugebracht hatte. Jetzt wohnte er ganz ruhig und still auf einer wohlbebauten
Farm, die er mit seinen zwei Söhnen, jungen Burschen von neun und elf Jahren,
versah. Doch nur im Sommer arbeitete er, und auch dann nur die wenigen Wochen
der Pflanzzeit - die anderen Monate jagte er und stellte den Raubtieren,
besonders den Wölfen, Fallen. Sonst war er harmlos und in der ganzen Gegend
seines freundlichen, wenn auch rauhen Benehmens sowie seiner unbeschränkten
Gastfreundschaft wegen beliebt.
    »Hört, Wells,« lachte Hecker, indem er mit dem Aermel seines Jagdhemdes das
Wolfsblut von dem liniirten Bogen wischte - »wenn's Euch einerlei ist, so legt
die nassen Dinger unter den Tisch - es schreibt sich besser -«
    »Oh, ich habe das Papier schmutzig gemacht - tut mir wirklich leid. - Nun,
man kann ja doch noch drauf schreiben; es ist ja bloss die eine Ecke oben. -
Hier, Richter - dreimal drei macht neune -«
    »Ja - neun Dollar für drei Wolfsscalpe, das ist richtig genug, aber - Ihr
müsst zuerst beschwören, dass Ihr sie wirklich selbst und in diesem County erlegt
habt.«
    »Das kann ich nicht - ich habe sie bloss gefangen, meine Hunde haben sie
nachher todtgebissen.«
    »Das bleibt sich gleich - ob sie durch Eure Hand, Eure Hunde oder Eure
Fallen vernichtet sind - beschwört mir das -«
    »Nun, ich will verdammt sein, wenn's nicht wahr ist -«
    »Gut - bei Gott!« rief Cook auf dem Bett, indem er Robin wieder einen
leichten Tritt versetzte - »das verdient den Yankee Doodle -«
    »Lieber Wells,« lächelte der Richter, »das ist nicht der richtige Schwur.
Doch der Clerk wird Euch den abnehmen; jetzt aber zu unserer Wahl - also,
Hecker, Ihr wollt schreiben, und wer sind meine beiden Mitrichter?3 Aha - Smit
und Hawkes - setzt Euch nur, wir können anfangen.«
    »Welches Datum haben wir heute?« frug Hecker.
    »Den siebenundzwanzigsten -«
    »Und welchen Wochentag?«
    »Nun, Gott sei Dank, wisst Ihr nicht einmal den Tag? Freitag.«
    »Wenn man ein paar Wochen draussen im Walde liegt, wird man ganz confus,«
lachte Hecker - »ich glaubte, es wäre Sonntag.«
    Einer der Farmer trat jetzt vor - Hecker schrieb den Namen. »Guten Abend,
Heslaw - braucht weiter keine Legitimation, nicht wahr?«
    »Nein - der nicht -«
    »Für wen als Sheriff?«
    »Vattel.«
    »Und Clerk?«
    »Hopper.«
    »Euer Name?« frug Smit einen Zweiten, der zum Stimmen kam.
    »Kattlin.«
    »Wie lange im Staat?«4
    »Sieben Monate.«
    »Wie lange im County?«
    »Acht Wochen.«
    »Könnt's beschwören?«
    »Ja wohl!«
    »Nehmt ihm den Eid ab - Clerk.«
    Dieser sagte dem Mann die Eidesformel mit etwas sehr schneller Stimme vor,
hielt ihm die Bibel zum Küssen hin, und endete den Schwur mit dem üblichen
feierlichen: »So help you Good.«5
    »Hat's sehr nötig!« sagte Cook gähnend, indem er sich auf dem Bett
herumdrehte.
    Die Wahl dauerte jetzt wohl in verschiedenen Zwischenräumen an zwei Stunden,
bis alle Anwesenden ihre Stimmen abgegeben hatten, und eben wollten die beiden
Schreiber zum Schluss ihre Namen unterzeichnen, denn das Protokoll musste, um
jeden Irrtum zu vermeiden, doppelt geführt werden, als die Draussenstehenden den
alten Bahrens ankündigten, der auf seinem kleinen Pony angetrabt kam.
    »Noch vor dem Abfang, Gentlemen?« rief er aus, als er in's Zimmer trat,
»noch vor dem Abfang - nun aber doch wohl noch zeitig genug. - Hurrah für Vattel
- das ist der Mann, Boys - trinkt manchmal sein Gläschen, ist richtig, hat aber
nichts zu sagen, ist nachher immer wieder auf dem Zeug. - Schreibt Vattel, sag'
ich -«
    »'s war Zeit, dass Ihr kamt, Bahrens,« meinte Hecker, »ich wollte eben fort.
Es ist schon fünf Uhr vorbei, und ich habe noch eine halbe Stunde zu gehen.«
    »Wohin denn?«
    »Zur nächsten Salzlecke; wollt Ihr mit?«
    »Oh der Henker hole Eure Salzlecke; wir bleiben hier zusammen, nicht wahr,
Boys? - Heut Abend soll's eine Spree6 geben. - Ich gehe nicht eher nach Hause,
bis ich - nicht mehr gehen kann, und dann bleib' ich erst recht hier.«
    »Das ist brav, Bahrens!« rief Cook, der zum Tisch getreten war, »das lass ich
gelten. Ich habe zwei Hirschfelle mitgebracht, die vertrinken wir auch, - - es
ist ja nicht alle Tage Wahl.«
    »Ich kann also gehen?« frug Hecker.
    »Geht meinetwegen zum Teufel! Boys, wer holt Whisky? In dem Laden drüben mag
ich mich nicht hinsetzen, es ist mir dort so unheimlich. - Nun kommt, Hecker -
trinkt erst einmal, denn die ganze Nacht dort trocken zu sitzen, ist auch kein
Spass. - Gott segne uns, wenn ich meine Hirsche nicht mehr am Tag schiessen kann,
dann geb' ich's auf; die Nacht mich draussen in's Freie zu legen, und neben mir
ein Feuer zu haben, an dem ich mich nicht einmal wärmen darf - stets in Angst zu
sein, dass ich einnicke und unter der Zeit mein Feuer ausgeht, ein Hirsch zur
Salzlecke kommt und mich schnarchen hört - nein - das ist mein Geschmack nicht.
- Gut - ich hindere Euch nicht - habt Eurern Willen - ich brauch' Euch nicht zu
pflegen, wenn Ihr krank werdet, aber halt - das müsst Ihr noch hören, wie's mir
einmal in Texas an einer Salzlecke ging.«
    »Aber schnell,« sagte Hecker, der seine Büchse schulterte, »ich möchte nicht
gern die Zeit versäumen.«
    »Wär' auch schade, wenn Ihr das Gewitter nicht ganz auf den Pelz bekämt, was
da heraufzieht, wär' wirklich schade - also. - Ich lag auch eines Nachts -
(damals war ich eben solch ein Narr, wie Hecker jetzt ist, und sass Tag und Nacht
draussen) mit der Büchse an einer Salzlecke. Wild war in Unmasse in der Gegend,
und ich hatte mich ein wenig früh an Ort und Stelle gemacht, um eine gehörige
Quantität Felle die Nacht zusammenzuschiessen. - Es war also kaum dämmerig, als
ich, neben einem tüchtigen Haufen Kienholz und unter einem leicht aufgebauten
Gestell, niedergekauert war. Da hört' ich auf einmal, gar nicht weit entfernt,
ein fürchterliches Getöse und Geschrei, als ob ein paar tausend Panter am
Heulen wären. Der ganze Wald bebte - ich hörte den Lärm nicht mehr, ich fühlte
ihn ordentlich - und (doch hier muss ich erst noch bemerken, dass ich etwa eine
Viertelstunde von einem grossen Baumwollenfeld und in einer sehr niedern
sumpfigen Gegend lagerte) ehe ich mich daher recht ordentlich besinnen konnte,
brauste es herbei, und nieder kam's auf mich wie ein Unwetter. Was meint Ihr
aber, dass es gewesen wäre?«
    »Das mag der Teufel raten.«
    »Wilde Gänse - ein paar tausend wenigstens. - Mein Gestell warfen sie mir
ein, mein kleines Feuer, das ich eben angefacht hatte, schlagen sie mit den
Flügeln aus, und mich selbst behandelten sie, als ob ich gar nicht existiert
hätte. Ich aber nicht faul, zog mein Jagdmesser heraus und fing an auszuholen.
Die mir am nächsten waren, merkten nun wohl, dass sie unter dem falschen Baum
gebellt hätten, zu spät aber, denn ehe sie sich wieder von ihrem Schreck erholen
und das Alarmzeichen geben konnten, hatte ich nicht schlecht unter ihnen
aufgeräumt - wie sie fort waren, zählte ich einundfünfzig Gänse und
achtundfünfzig Köpfe, die geblieben waren.«
    »Was? sieben Köpfe mehr? wo wären denn die Gänse geblieben?«
    »Die, denen die Köpfe gehörten? die fand ich am nächsten Tage. So dicht
waren sie geflogen, dass die todten von den lebendigen Vögeln mit in die Luft und
wohl fünfhundert Schritt weit fortgenommen waren - gute Nacht, Hecker, gute
Nacht - rennt der Kerl! - und wie er die Beine wirft!«
    »Bahrens, Ihr seid noch immer der Alte!« - lachte der Richter. - »Nichts als
Unsinn, und lügen könnt Ihr, dass die Fenster anlaufen.«
    »Das wäre eine Kunst hier!« rief Bahrens höhnisch, »Fenster anlaufen? - Ich
glaube, es sind keine zwei Glasscheiben im ganzen County, die ausgenommen, die
Smit da auf der Nase trägt. - Was hilft mir denn aber mein Erzählen, wenn Ihr
kein Wort davon glaubt? - Warum tut Ihr die Mäuler nicht auf? Na, da kommt
wenigstens der Whisky.«
    »Wenn's nicht gleich so dicht hinter Bahrens' Geschichte herkäme,« sagte
Curtis jetzt - »so möcht' ich Euch erzählen, was mir gestern Nacht passiert ist
- 's ist aber auf mein Wort wahr, und Ihr braucht nicht drüber zu grinsen,
Bahrens.«
    »Hört Ihr jemals, dass ich solche Entschuldigungen einer von mir erlebten
Begebenheit vorausschicke? Nie - das macht sie immer verdächtig« - erwiderte
Bahrens kopfschüttelnd.
    »Das habt Ihr auch gar nicht nötig!« sagte der Richter lachend - »bei Euch
bleibt sich's immer gleich. Aber weiter, Curtis, weiter - und seid so gut und
lasst noch einen Tropfen von dem Stoff da im Becher.«
    »Ich war gestern Abend wieder am Petite-Jeanne,« begann Curtis - »um nach
den Schweinen zu sehen, von denen mir Bahrens neulich gesagt hatte, als wir
später durch die Leichensucherei abgehalten wurden. Gut - ich kroch den ganzen
Tag im Busch herum und sah überall, wo sie gelaufen waren, konnte aber keinen
Schwanz von ihnen finden. Endlich gegen Abend, es fing schon an dunkel zu
werden, sah ich 'was Helles in einem kleinen Papaodickicht stehen, und richtig
war's die alte Sau mit den Ferkeln (ich habe aber nur zehn gesehen - Bahrens
redete von elfen - vielleicht hat der Bär eins gefangen). Wie ich ich mich also
überzeugt hatte, dass es wirklich Vaters Zeichen war, was sie in den Ohren trug -
ein Loch im linken und einen Schlitz im rechten, so liess ich sie zufrieden, um
sie nicht unnötiger Weise scheu zu machen. Da aber an dem Abend doch weiter
nichts mit ihnen anzufangen war, streute ich ihnen nur ein paar Kolben Mais hin,
die ich in der Kugeltasche mitgenommen hatte, und sah mich nach einem
vernünftigen Fleck zum Schlafen um.
    Den Petite-Jeanne-Sumpf hab' ich auf dem Striche. Alles nass und feucht, und
Mosquitos so dick, das man nicht durchsehen kann. Nach langem Suchen fand ich
einen trocknen Platz, zündete ein Feuer an, wickelte mich in meine Decke und
legte mich nieder. Hunde hatt' ich nicht mitgenommen, weil ich die Schweine
nicht scheu machen, auch überhaupt nicht jagen wollte, und müde vom vielen
Umherrennen schlief ich bald genug ein. Wie lange ich gelegen haben mag, weiss
ich nicht, denn die Bäume standen so dicht, dass ich kaum gerade über mir ein
paar Sterne erkennen konnte, einmal aber wachte ich auf, und da war mir's, als
ob ich irgend 'was leise um mich herumschleichen hörte. Ich horchte lange und
aufmerksam, und hatte meine Büchse gespannt neben mir. Da ich aber nichts weiter
hören konnte, überredete ich mich zuletzt, ich hätt' es bloss geträumt, und legte
mich wieder nieder; doch ging mir das Ding im Kopf herum. Ohne Hund befand ich
mich nämlich in einer keineswegs angenehmen Lage, wenn mir so ein alter Panter
in aller Freundschaft auf den Hals gesprungen wäre, wie's dem Dipolt da vor
nicht gar langer Zeit am Washita begegnete. Halb im Schlafe, halb im Wachen lag
ich also und horchte immer noch auf das geringste Geräusch, als ich dieselben
Laute wieder zu vernehmen glaubte. Leise zog ich die Decke vom Gesicht - da
war's mir, als ob ich etwas atmen hörte - deutlich und nahe, und fast in
demselben Augenblick fühlte ich auch den heissen Atem irgend eines lebenden
Wesens in meinem Antlitz. Trotz der Dunkelheit konnte ich einen dicht über mich
hinggebeugten schwarzen Gegenstand erkennen, und ganz erstaunt vor Schreck und
Ueberraschung blieb ich wirklich regungslos liegen und erwartete, was das
rätselhafte Geschöpf über mir beginnen würde. Ein Panter konnt' es nicht sein,
das wusst' ich, denn der hätte mich lange an der Kehle gehabt. Das war aber auch
der einzige Gedanke, den ich zu fassen vermochte. Ich besann mich nicht einmal
auf mein Messer im Gürtel, um wenigstens etwas zu meiner Verteidigung zu haben,
sondern lag nur wie todt da und starrte auf den dunkeln Gegenstand dicht über
mir hin, dessen glänzendes Auge ich selbst in dieser Dunkelheit matt leuchten
sehen konnte.
    Ich weiss nicht, ich bin sonst nicht gerade furchtsam, hier aber war ich
wirklich wie behext, und so machtlos, dass ich die sichere Beute irgend eines
Raubtieres geworden wäre, das sich die Mühe genommen hätte, mich anzufressen.«
    »Und das Tier?« frugen Alle.
    »Auf einmal konnte ich wieder die Sterne über mir erkennen und fühlte den
heissen Atem nicht mehr - gleich darauf hörte ich auch die leisen, sich
entfernenden Schritte. Mein Besuch hatte mich verlassen und ich atmete so frei
auf, als ob ich vom Tode erstanden wäre.«
    »Ja, aber - brannte denn das Feuer nicht mehr?«
    »Es glimmte nur noch, denn ich hatte am Abend vorher lauter trockenes
Hickoryholz zusammengeschleppt.«
    »Nun, was machtet Ihr denn nachher?«
    »Ich kann mich nicht einmal mehr ordentlich darauf besinnen. - Erst wollt'
ich vor allen Dingen aufstehen und das Feuer schüren, dann wollt' ich mein
Messer aus der Scheide ziehen und neben mich legen, oder es gar in der Hand
behalten, dann wollt' ich mich mit dem Rücken an einen Baum lehnen, um aufrecht
sitzen zu bleiben; weiss aber nicht, wie es kam - ich muss wieder eingeschlafen
sein, denn als ich recht ordentlich munter wurde, war es heller Tag.«
    »Das ist doch eigentümlich,« sagte der Richter - »was kann es nur gewesen
sein? saht Ihr denn nicht nach den Fährten?«
    »Eigentümlich,« brummte Bahrens - »ich hätte die Geschichte erzählen
sollen, da wäre wieder von weiter nichts als Unsinn und Lügen geschwatzt - und
jetzt ist sie eigentümlich.«
    »Natürlich sah ich nach den Fährten,« antwortete Curtis, »auf der Stelle
selbst konnt' ich jedoch nichts erkennen, der Boden war trocken und das Laub lag
sehr hoch, etwas davon entfernt aber kam ich an die Spuren eines merkwürdig
grossen Bären, und das musste auf jeden Fall mein Nachtwächter gewesen sein.«
    »Das tun die Bestien,« lachte Smit - »ich weiss es aus Erfahrung, denn ich
hatte vor zwei Jahren einen zahmen Bären, der stand mehrere Male des Nachts auf,
kam an mein Lager und guckte mir gerade in's Gesicht - 's ist komisches
Viehzeug!«
    »Apropos, Curtis,« frug der Richter jetzt - »Ihr habt ja versprochen, mir in
diesem Frühjahr einen jungen Bären zu fangen; meine Frau möchte gar zu gern
einen haben. Ist's denn nicht mehr möglich?«
    »Jetzt ist's nun freilich zu spät, im Mai laufen die kleinen Canaillen schon
wie die Pferde. - Ich bin übrigens im Februar und März sechs Wochen deswegen im
Walde nach allen Richtungen umhergekrochen, bin sogar zweimal nach den
Magazinbergen hinübergegangen, um dort in ein paar Höhlen, die ich wusste,
nachzusuchen, 's war aber nichts zu machen. - Hätte selbst gern einen kleinen,
zahmen Petz - sie sind gar zu lieb.«
    »Torheit,« sagte Bahrens - »unbeholfene Dinger werden's. Schon im ersten
Jahre werfen sie das Glaszeug und Geschirr aus den Gefachen, ziehen das
Tischtuch vom Tische mit Allem, was drauf steht, zerren die Bienenstöcke um,
beissen sich mit den Ferkeln und schütteln die Pfirsichbäume. - Nein, da gibt's
noch manche andere Tiere, die harmlos sind und eben so vielen Spass machen. In
Nord-Carolina hatte ich einen zahmen Häring, der lief mir durch's ganze Haus
nach.«
    »Halt, Bahrens - verschnappt Euch nicht,« lachte der Richter, »ein Häring
auf dem Trocknen, wie lange sollte der leben?«
    »Leben!« rief der alte Jäger voller Eifer - »leben! Ein Tier kann sich an
Alles gewöhnen. Der war in seiner Jugend auf eine Sandbank geworfen und hatte
nie wieder Wasser gesehen - ich musste ihm nur jeden Tag frischen Sand geben. -
Jetzt hab' ich ein kleines Ferkel,« fuhr Bahrens, ohne einen weiteren Einwurf zu
beachten, fort - »ein wunderbares Ding - und doch keineswegs eigentümlich. - Es
sieht aber gefleckt aus wie ein Hirschkalb, und der kleine Schwanz ist ihm so
merkwürdig fest zusammengedreht, dass es schon seit drei Wochen die Hinterbeine
nicht mehr auf die Erde gebracht hat.«
    »Hurrah für Bahrens!« schrie Curtis, verstummte aber plötzlich und rief:
»Heda, war das nicht eben ein Schuss?«
    »Ja - ich glaube, ich hörte es auch,« entgegnete Bahrens. - »Hecker wird's
gewesen sein; die Salzlecke ist lange nicht bewacht, an der er heut Abend sitzt,
und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er ein paar Mal zum Schusse käme.«
    »Hallo im Hause!« rief plötzlich eine Stimme vor der Tür, und die Hunde
schlugen scharf und gellend an.
    »Da rief Jemand,« sagte der Richter.
    »Hallo im Hause!« wiederholte die Stimme draussen und diesmal so laut, dass
sie selbst das Gebell und Geheul der Hunde übertönte.
    »Hallo da draussen - was gibt's?«
    »Bringt ein Licht her - wollt Ihr?«
    »Wer ist da?«
    »Husfield vom Springcreek und Freunde. Kann man hier Kienholz oder ein paar
Pfund Wachs bekommen, um grosse Lichter draus zu machen?«
    »Ja,« rief Eastlei - »Wachs hab' ich zwar nicht, doch Kien genug. Der muss
übrigens erst gespalten werden, und Ihr steigt indessen lieber ab und kommt
herein. Ruhig, ihr Hunde!«
    »Husfield? was zum Henker bringt Euch hier in der Nacht her,« rief der
Richter, der, von Cook gefolgt, vor die Tür trat, »wen habt Ihr da bei Euch?«
    »Freunde vom Springcreek!« - erwiderte der Angeredete, wechselte einige
Worte mit seinen Begleitern, stieg dann ab und kam in's Haus.
    »Guten Abend, Gentlemen! - Ist Einer hier unter Euch, der die Furten im
Fourche la fave kennt und auf ein paar Stunden unser Führer sein möchte?«
    »Was habt Ihr denn, seid Ihr Jemandem auf der Spur?«
    »Niederträchtige Schufte,« rief Husfield, »haben mir in der Nacht vom
Mittwoch auf den Donnerstag sechs Pferde gestohlen. Glücklicher Weise merkte
ich's gleich am andern Morgen, eigentlich schon in der Nacht. Ein paar von
meinen ausserhalb weidenden Pferden kamen nämlich zum Hause, was sie sonst nie
tun, wenn sie nicht von Fremden oder Wölfen geängstigt werden. Ich konnte aber
natürlich im Dunkeln die Spuren nicht aufnehmen, rief jedoch noch vor
Tagesanbruch meine Nachbarn zusammen, und mit der ersten Helle begannen wir die
Verfolgung. Die Spuren waren natürlich breit genug, nach kurzer Zeit teilten
sie sich aber, und drei gingen rechts, die anderen drei links. Nicht ohne Grund
vermuteten wir, dass dies bloss eine List sei, um Einen, der den Fährten folgen
möchte, irre zu führen. Da wir nun Fünf waren, so teilten wir uns, um ganz
sicher zu gehen, und wurden über die nördlichen Bergrücken vom Petite-Jeanne und
durch die Magazinberge auf eine so entsetzliche Art und durch solch'
fürchterliche steinige Strecken kreuz und quer geführt, dass ich noch jetzt nicht
begreife, wie es die Pferde ausgehalten haben. Das nahm uns natürlich viel Zeit
weg, denn die Schufte waren im Zickzack, und zwar, um uns von den Fährten
abzubringen, auf Stellen herumgeritten, wo man eine Hufspur kaum erkennen
konnte. - Endlich aber mussten sie sich doch sicher geglaubt haben, denn an den
Quellen des Pantercreeks, wo er sich südlich nach dem Petite-Jeanne
hinunterzieht, hatten sie sich wieder vereinigt und sind von hier an im offenen
Walde dem Flusse zugeritten, bis sie die Strasse erreichten, was wahrscheinlich
gestern Abend geschehen ist. Von dort folgten sie, so unverschämt wie möglich,
eine Strecke lang dem gebahnten Wege. Erst mit Tageslicht, schien es, hatten sie
sich wieder in den Wald geschlagen und, um sich und die Pferde ein wenig
verschnaufen zu lassen, gelagert, auch die Tiere gefüttert - Gott weiss, wo sie
den Mais herbekommen haben, auf jeden Fall gestohlen. Wir mussten ebenfalls eine
kurze Zeit ruhen, wollten auch unsere Tiere nicht zu arg abhetzen, da uns die
Burschen jetzt ziemlich gewiss sind. Nur auf gut Glück folgten wir übrigens seit
Dunkelwerden der Strasse, die sie ein paar Meilen von hier wieder betreten
hatten, und hielten es jetzt für besser, sicher zu gehen und die Nacht hindurch
langsam mit Fackeln auf der Fährte zu bleiben. Da sie aber auf jeden Fall den
Fluss gekreuzt haben, so möchten wir Jemanden mitnehmen, der die Furt kennt, dass
wir nicht unnütz aufgehalten werden.«
    »Ihr tut sehr wohl, auf den Fährten zu bleiben,« sagte Cook, »denn vor
morgen früh regnet's auf jeden Fall. - Die Sonne ging höchst verdächtig unter.«
    »Ich glaub' es auch,« erwiderte Husfield. »Um so mehr Ursache haben wir
aber, die Verfolgung zu beschleunigen - oh, das ist genug Kien, Eastlei, das
tut's. - Wenn die Burschen sich nur die Nacht durch auf der Strasse gehalten
haben, was ich keinen Augenblick bezweifle, so müssen wir sie mit Tagesanbruch
einholen, wenigstens nicht weit mehr hinter ihnen sein.«
    »Weshalb sollen sie aber der Strasse folgen?« fragte Cook. »Nach den heissen
Quellen hinüber, glaub' ich doch unmöglich, dass sie die Pferde führen können.
Die einzige Hoffnung, die sie haben, glücklich fortzukommen, wenn sie wirklich
nicht gleich verfolgt würden, ist, den Arkansas zu erreichen. Aber auf eine
augenblickliche Verfolgung müssen sie doch stets rechnen und darauf gefasst
sein.«
    »Das ist wahr,« meinte Husfield nachdenkend - »doch wir werden es ja sehen,
wenn wir an's andere Ufer des Fourche la fave kommen. Wollen sie zum Arkansas,
so müssen sie sich von dort an durch den Wald schlagen, um die untere Strasse zu
erreichen. Dann vermögen wir freilich nichts zu tun, als bis morgen früh zu
warten. Sind sie aber am andern Ufer der Strasse wieder gefolgt, so ist das ein
sicheres Zeichen, dass sie nach den heissen Quellen wollen, und wir könnten dann
in aller Bequemlichkeit der breiten Strasse nachreiten.«
    »Wenn wir nur den Indianer aufzutreiben wüssten,« sagte der Richter - »der
ist ausgezeichnet auf einer Fährte und würde von wesentlichem Nutzen sein. Gott
weiss aber, wo er steckt.«
    »Vielleicht war es der, den wir bei der Salzlecke hier oben trafen, der
sprach gebrochen Englisch. - Es dunkelte schon bedeutend, und ich konnte sein
Gesicht nicht ordentlich erkennen.«
    »Nein, das ist ein Deutscher - gingen denn aber die Fährten dort vorbei?«
    »Ja - in vierhundert Schritt. Sie müssen noch ganz in der Nähe sein. Er
sagte uns, dass er die Männer, als er eben angekommen und noch kein Feuer gehabt,
gesehen, sie aber nicht hätte erkennen können, doch wäre ihm die Gestalt des
Einen sehr bekannt vorgekommen. - Denkt Euch, nur zwei von den Canaillen haben
die ganzen sechs Tiere fortgeführt. Die müssen's aus dem Fundament verstehen.«
    »Wie fandet Ihr denn den Deutschen?«
    »Wir kamen auf der Strasse herunter, sahen die Kienflamme, die auf dem
Gestell brannte, und ritten hin, um ihn auf's Geratewohl zu fragen. Der Jäger
selbst sitzt, wie Ihr wisst, im Dunkeln. Unsere Gegenwart schien ihm aber nicht
besonders angenehm zu sein; da wir ihm natürlich das Wild von der Salzlecke fern
hielten, so blieben wir dort auch nicht länge.«
    »Wer's nur sein mag?« meinte der Richter. »Wundern sollte mich's gar nicht,
wenn dieser Halunke, der Cotton, die Hand mit dabei im Spiele hätte. Gesehen ist
er vor einiger Zeit hier in der Gegend, und die Constabler haben auch den
Auftrag erhalten, ihn einzufangen. Er muss aber Wind bekommen haben, denn er war
auf einmal fort, liess sich wenigstens nicht mehr öffentlich sehen.«
    »Der entgeht dem Zuchtause nicht,« sagte Smit.
    »Zuchtaus?« frug Husfield ärgerlich - »glaubt Ihr, dass wir lange Umstände
mit ihm machen, wenn wir ihn mit den Pferden einholen? Seht Ihr das hier?« er
zog bei diesen Worten einen dünnen Strick aus gedrehtem Leder hervor, den er dem
Richter entgegenhielt - »so wahr ich Husfield heisse, hängt der Schuft an
demselben Baume, unter dem wir ihn fassen. So lange Zeit zum Beten soll er
haben, als ich brauche, die Schleife zu machen - nicht eine Secunde mehr. Den
Canaillen müssen wir einmal Ernst zeigen, sonst ziehen sie uns noch selbst das
Fell über die Ohren.«
    »Aber die Gesetze,« sagte der Richter kopfschüttelnd.
    »Die Gesetze sind recht gut für dort, wo sie gegeben werden, und in den
Städten anzuwenden; hier im Walde ist das jedoch etwas Anderes. Kommt mir gerade
so vor, als ob wir Hinterwäldler uns hier hinsetzten und für die Stadtleute in
New-York Gesetze machen wollten - sie würden die Hälfte von alledem, was wir
zusammenbrächten, nicht gebrauchen können, und wir würden sieben Achtel von dem
vergessen haben, was ihnen dort unumgänglich nötig ist. Nein, lasst jedes Land
seine eigenen Gesetze aufstellen, die passen auch nachher. Wenn ich mir eine
Scheide zu meinem Messer in einem Laden gleich fertig kaufe, nun ja, da find'
ich wohl so ein Ding, wo es zur Not hineingeht, ordentlich schliesst's aber nie,
und eh' ich mir's versehe, hab' ich's im Walde verloren. So ist's mit den
Gesetzen. - Es sieht so aus, als ob sie passten, bis Ihr in den Wald kommt; da
hapert's nachher an allen Ecken und Enden. So lange wir uns selbst beschützen
müssen, so lange wollen wir auch unsere eigene Gerichtsbarkeit ausüben, und -
soll ich erst einmal durch Andere beschützt werden, nun - dann zieh' ich weiter
westlich. - Also, wer geht mit?«
    Cook, Curtis und mehrere Andere waren sogleich bereit, und von Curtis
geführt, der als alter Ansiedler dort jeden Fussbreit Weges kannte, erreichten
sie bald die Strasse, die von Nord nach Süd den Fourche la fave kreuzte; dieser
folgten sie und fanden hier auch bald in der weichen Erde die Hufspuren, von
denen Husfield beteuerte, er wolle sie unter tausenden heraus als die seiner
Pferde erkennen.
    Der Himmel hatte sich indessen ganz umzogen, und ein feiner, durchdringender
Staubregen fing an niederzufallen. Wenn er aber auch nach und nach die Kleider
der Männer durchnässte, vertilgte er doch bis jetzt noch nicht die Spuren.
 
                                    Fussnoten
1 Gerichtsschreiber.
2 Auf einen Wolfsscalp standen in Arkansas drei Dollars Belohnung oder Prämie,
doch wurde diese nicht in baarem Gelde bezahlt, sondern nur ein Schein darüber
ausgestellt, und dieser dann für Staatstaxen angenommen.
3 Um die Wahlfähigkeit der stimmenden Leute zu ermitteln, werden stets drei
Bürger des Staates als Richter genommen.
4 Um zu solchen Wahlen stimmfähig zu sein, muss man sich sechs Monate im Staat,
und sechs Wochen im County vorher aufgehalten haben.
5 So möge Euch Gott helfen.
6 Ausdruck der Amerikaner für »lustige Nacht«.
 
                                      11.
Assowaum, der »befiederte Pfeil«, und seine Squaw. - Weston und Cotton erwarten
                           ungeduldig die Kameraden.
An demselben Nachmittag, an welchem die im vorigen Capitel beschriebene Wahl
stattfand, schritt, die Decke auf dem Rücken, die Büchse auf der Schulter,
Assowaum, »der befiederte Pfeil«, von seiner Squaw gefolgt, schweigend durch den
Wald am Ufer des Flusses hinauf. Alapaha trug der indianischen Sitte gemäss das
wenige Kochgerät, das diese Kinder der Wildnis gebrauchen, sowie eine wollene
Decke und zwei getrocknete Hirschfelle, und leise trat sie in die Fusstapfen
ihres Gatten und Häuptlings, der langsam und aufmerksam die beiden Ufer des
kleinen Stromes mit den Blicken überflog, als ob er einen Gegenstand suche und
nicht finden könne.
    Als er hoch genug glaubte hinaufgegangen zu sein, kehrte er wieder um und
begann seine Nachforschungen auf's Neue, aber mit nicht besserem Erfolg als das
erste Mal.
    »Ist dies nicht der Baum, an dessen Wurzel sonst das Canoe angebunden lag?«
frug er endlich, stehen bleibend, sein Weib, indem er auf eine alte,
sturmdurchtobte Platane deutete, deren schneeweisse Aeste wie geisterhafte
Riesenarme nach den dunklen, hinter ihnen sich auftürmenden Wolkenmassen hinauf
zu langen schienen.
    »Assowaum kann ein Stück von der Rinde sehen, an das es früher befestigt
war,« sagte Alapaha, während sie sich über den steilen Flussrand hinunterbog und
auf eine vorstehende Wurzel des Stammes, an der noch einige Rindenstreifen
hingen, niederdeutete.
    »Das Canoe ist fort,« sagte Assowaum, »und wir müssen hindurchschwimmen,
wenn wir an der andern Seite lagern wollen.«
    Alapaha entledigte sich ohne weiter ein Wort zu erwidern, ihres Gepäcks,
rollte mit des Häuptlings Hülfe zwei niedergebrochene Aeste in den Fluss, um auf
diesen die wenigen Habseligkeiten, welche sie bei sich hatten, trocken ans
andere Ufer zu schaffen, und Beide klommen bald darauf die gegenüberliegende
steile Uferbank empor.
    »Und welchen Weg schlägt Alapaha ein?« frug der Indianer jetzt stehen
bleibend, indem er mit ruhigem Blick das schöne junge Weib betrachtete.
    »Eine halbe Meile den Fluss hinauf kreuzen wir einen Weg - der führt gerade
nach dem Hause des Mr. Bowitt, und dort hat Mister Rowson versprochen, morgen
Betstunde zu halten. - Will Assowaum nicht einmal den Worten des weissen Mannes
lauschen? - Er spricht gut - seine Worte sind Honig und sein Herz ist rein wie
ein herbstlicher Himmel.«
    »Alapaha, es wäre besser, wenn auch Du - ha - was ist das?«
    Ein leichtes Rauschen war im dürren Laube gehört, und gleich darauf trat ein
stattlicher Hirsch aus dem Dickicht, hob den schönen Kopf in die Höhe und
schaute ruhig und sicher, keine Gefahr ahnend, umher. Assowaum hatte bei dem
ersten Laut des knisternden Laubes seine Büchse schussfertig gehalten, hob sie
jetzt langsam an die Backe, und in demselben Moment sprang auch schon der
Hirsch, von dem tödlichen Blei getroffen, hoch empor und verendete zuckend.
    »Gut!« sagte der Indianer, indem er ruhig stehen blieb und seine Büchse
wieder lud - »sehr gut - Mr. Harper hat kein Fleisch mehr und ist zu krank,
selbst den Fährten zu folgen - Alapaha wird ihm Fleisch in sein Haus bringen -«
    »Und weiss Assowaum nicht, dass ich auf dem Wege bin, um das Wort Gottes zu
hören?« flüsterte die Frau, indem sie ihre schlanke Gestalt neigte und leise ein
Gebet murmelte.
    »Es gab eine Zeit,« sprach Assowaum, düster vor sich hinblickend - »es gab
eine Zeit, wo Alapaha der Stimme des befiederten Pfeiles lauschte und das
Rascheln der Baumwipfel wie das Singen des Geistervogels darüber vergass. Es gab
eine Zeit, wo sie dem Gott des weissen Mannes den Rücken wandte und ihre Hände
zum Manitu der roten Männer erhob. Es gab eine Zeit, wo sie für den Gatten den
geheiligten Wampum flocht und mit geheimnisvollen Zeichen ihm Glück auf der Jagd
sicherte. Die Zeit ist vorbei - Alapaha ist todt und eine Christin ist dafür
erstanden - Maria. - Sie trägt dieselben Moccasins noch, in denen sie die
Ihrigen verliess und dem Gatten in die Verbannung folgte. Sie trägt dasselbe Tuch
noch um ihre Schläfe, das Assowaum einst von den Schultern jenes wilden
Häuptlings der Sioux riss, um daheim die Stirn seiner Squaw damit zu schmücken.
Sie trägt dieselbe Schnur noch von den Klappern heiliger Schlangen, und deren
Töne sollten sie an die Heimat, an das Land ihrer Väter erinnern. Aber nein -
ihr Ohr ist verschlossen - es hört nicht - aber mehr noch verschlossen ist ihr
Herz - es fühlt nicht.«
    »Assowaum!« sagte mit leisem, bittendem Ton das schöne Weib - »Assowaum -
zürne mir nicht. - Sieh, unser Leben ist kurz und vor mir ausgebreitet sehe ich
die schönste, glänzendste Zukunft. - Oh, Du weisst nicht, wie herrlich, wie
entzückend der Himmel der Weissen ist - willst Du mir das rauben, was mir noch in
diesem Leben, ausser den Pflichten gegen Dich, heilig und teuer ist?«
    »Nein!« sagte Assowaum - »Alapaha mag gehen und dem Gott der Weissen dienen -
es ist gut so.«
    »Und willst denn Du nie den Tönen des heiligen Mannes lauschen, von dessen
Lippen Manitu selbst spricht?«
    Assowaum streckte den rechten Arm aus und war im Begriff etwas darauf zu
erwidern. Ein anderer Gedanke schien sich aber gleich darauf seiner zu
bemächtigen, und er hob die Büchse auf die Schulter und sagte:
    »Alapaha kann nicht allein beten, sie will auch essen. - Nicht weit von
hier, am Ufer des Flusses, steht eine kleine unbewohnte Hütte - dortin wollen
wir das Fleisch tragen, und Alapaha mag es heut abend dörren. - Das Haus wird
ihr Schutz gegen Sturm und Unwetter dieser Nacht gewähren, und morgen früh ist's
nicht mehr weit zur Ansiedlung des Weissen, wo der blasse Mann von seinem Gott
erzählt.«
    »Und Assowaum?«
    »Hat dem kleinen Mann das Versprechen gegeben, seinen Sohn aufzusuchen - er
wird es halten. Die weissen Männer reden bös von ihrem Bruder, weil sie den Tritt
seines Fusses nicht unter sich hören. - Er ist fern - er wird zurückkommen und
die Schuldigen werden schweigen und zu ihm aufsehen.«
    »Aber er ist bös -«
    »Welche Schlange hat ihr Gift in Alapaha's Ohr geblasen? Sie hat den Tönen
des Machinito gelauscht und wirft Staub auf die Hand, die ihr Gutes getan!«
    »Mr. Rowson sagt, dass der Sohn des kleinen Mannes einen Bruder erschlagen
und ihn dann beraubt habe.«
    »Der blasse Mann lügt!« rief der Indianer, sich hoch aufrichtend, während
das Blut in seine Schläfe trat und seine Augen glühten - »der blasse Mann lügt!«
wiederholte er - »und - er weiss es!«
    »Assowaum zürnt dem Christen, weil er Alapaha dem Glauben der Ihrigen
abwendig machte. Assowaum ist brav und edel, er wird keinen Menschen schmähen,
weil er anders denkt als er.«
    »Wir wollen das Fleisch in die Hütte tragen,« brach der Indianer das
Gespräch ab - »es wird spät. Assowaum muss noch Meilen weit wandern, ehe es
dunkelt.«
    Mit geübter Hand brach er jetzt das erlegte Wild auf, löste Schulterblätter,
Hals und Kopf aus der Haut, was er den Wölfen oder Aasgeiern überliess, und hing
dann das Uebrige an eine schnell abgehauene Stange, deren eines Ende er erfasste,
während Alapaha das andere auf ihre Schulter legte, und so schritten sie
schweigend weiter und erreichten nach nicht langer Wanderung den ersterwähnten
Ort.
    Es war eine roh aufgerichtete Blockhütte, von einem früheren Ansiedler
erbaut und nach kurzer Benutzung wieder verlassen, da das Land ringsum zu
niedrig und also den Ueberschwemmungen des Flusses zu sehr ausgesetzt lag. Das
Dach und die Wände befanden sich in noch ziemlich gutem Zustande, sonst bot es
aber auch nicht die geringsten Bequemlichkeiten, denn selbst der Kamin war
eingestürzt und eine Diele nie gewesen. Der fehlende Kamin war aber keineswegs
ein Hindernis, ein Feuer im Innern anzuzünden, denn die überall offenen Spalten
der Wände öffneten dem Rauch überall einen Durchzug, und gar sonderbar rauschte
und brauste der Wind durch die breiten Ritzen der Stämme, klapperte mit den lose
daran herumhängenden Stücken Rinde und pfiff über das moosige Dach zum Fluss
hinunter, der sich dicht neben der unfreundlichen Stelle dahinschlängelte, von
dieser aber noch durch wild aufwucherndes Buschwerk getrennt wurde.
    Diesen Platz erreichte jetzt Assowaum mit seinem Weib und trug das Fleisch
in das Innere der Wohnung. Die Tür war aus den hölzernen Angeln gebrochen und
lag umgeworfen vor dem Eingange, hinderte also keineswegs den Eintritt. Assowaum
sah sich einen Augenblick in dem leeren Gebäude um und sprach dann:
    »Das Haus ist gut und wird Alapaha Schutz gewähren. Wenn sie von ihrem
frommen Wege zurückkommt, trägt sie das Fleisch in die Hütte des kleinen Mannes.
- Assowaum wird bei ihr sein, ehe der Whip-poor-will zum dritten Mal gesungen
hat.« - Damit wandte er sich und schritt schweigend mit niedergesenktem Haupt in
den Wald.
    Alapaha tat indessen, wie ihr Gatte befohlen, hieb mit dem kleinen
zierlichen Tomahawk, der an ihrer Seite hing, dünne Stäbe ab, und ein Gestell
davon zum Trocknen des Fleisches zu errichten, trug Holz herbei, um die leichte
Glut zum Dörren des Wildbrets und zu gleicher Ueit für die Nacht ein erwärmende
Feuer zu unterhalten, schnitt dann das Fleisch in Streifen, steckte es an zu
diesem Zweck abgeschnittene Rohrstäbe und hing es über die durch Hülfe trockenen
Laubes entzündete Glut.
    Der Himmel hatte sich indessen immer mehr und mehr bezogen, ein feuchter
Staubregen fiel, und der Wind rauschte wild und unheimlich durch die über das
Dach der Hütte hängenden Baumwipfel. Alapaha kauerte sich neben der knisternden
Flamme nieder, summte leise eine Hymne, die sie von den Weissen gelernt hatte,
und erwartete die einbrechende Dunkelheit, sich ihr Lager zu bereiten.
Aufmerksam behielt sie aber dabei das dörrende Wildpret im Auge, dass es bis zum
nächsten Morgen trocken genug sei, um zusammengebunden und aufbewahrt zu werden.
    Aber nicht so ganz einsam und von Menschen verlassen war die Gegend, wie
Alapaha im Anfang geglaubt haben mochte. Zu derselben Zeit, in der sie so eifrig
mit ihrer Arbeit beschäftigt war, trat auf dem Wege, der eine kleine halbe Meile
den Fluss weiter hinauf lag, ein junger Mann am jenseitigen Ufer aus dem Dickicht
und schaute ungeduldig nach dem andern Ufer hinüber, als ob er Jemanden von da
erwarte. Die Luft war keineswegs warm, und er rieb sich bald die Hände, bald
schob er sie unter die Arme, bald lehnte er sich an eine überhängende Platane
und machte mehrmals Miene, auf dem mit Laub bedeckten Boden ungeduldig auf- und
abzugehen, hielt aber jedesmal gleich wieder inne und betrachtete misstrauisch
den betretenen Platz, ob seine hinterlassenen Spuren wohl auffallend und leicht
zu erkennen wären.
    Ihm schloss sich bald ein Zweiter an, der, in eine wollene Decke eingehüllt,
den alten, arg mitgenommenen Filz tief in die Stirn gedrückt, die Büchse unter
dem Arm, um das Schloss soviel als möglich vor der niedertauenden Nässe zu
bewahren, leise an ihn heranschritt und lachend frug:
    »Nun, Weston, Euch wird die Zeit hier lang, heh? Ihr friert - warum habt Ihr
Eure Decke nicht mitgebracht? - Ich sagt's Euch gleich. - Noch nichts gehört?«
    »Nicht die Probe,« erwiderte verdriesslich der Angeredete - »ich glaube auch
gar nicht, dass sie noch heut Abend kommen; dann wird es wirklich ein charmanter
Spass. Wenn ich die ganze Nacht hier ohne Decke und Feuer lagern muss, bin ich
morgen früh eine Leiche.«
    »Das wär' ein Verlust von wenigstens zwanzig Dollar für den Sheriff!« lachte
Cotton, denn dies war der würdige Begleiter des jungen Mannes. »Uebrigens glaub'
ich kaum, dass wir noch lange werden warten müssen. - Rowson ist dort mit jedem
Winkel bekannt, und Johnson wohl auch, da können sich ihnen nicht viele
Schwierigkeiten entgegenstellen. Ueberdies sagtet Ihr ja selbst, dass Rowson auf
morgen Mittag Betstunde in der Ansiedelung drüben angekündigt hätte. Das schon
wird ihn sicher veranlassen, Alles zu tun, was in seinen Kräften steht, um die
Zeit zu halten und keinen möglichen Verdacht zu erregen. Ich kann den
heuchlerischen Schuft nicht leiden, aber in Geschäften ist er vortrefflich, das
muss wahr sein; man sieht's, dass er aus den Yankee-Staaten stammt.«
    »Die Geschichte von Heatcott's Tode macht jetzt recht viel Aufsehen bei den
Leuten,« sagte Weston. »Brown soll ihn doch auf die Seite geschafft haben - Euer
Name wird aber auch dabei genannt.«
    »Meiner? was zum Donnerwetter haben sie denn mit mir dabei? Ich habe den
Laffen in meinem ganzen Leben nicht gesehen; muss ich denn an jedem Streich
schuld sein, der ihnen hier gespielt wird?«
    »Das kann Euch nun ziemlich gleich sein,« lachte Weston - »den Mord schieben
sie übrigens nicht auf Eure Schultern, sondern nur das Geld!«
    »Was für Geld?«
    »Der Todte soll den einkassierten Betrag für drei gute Pferde in der Tasche
gehabt haben, vier- oder fünfhundert Dollars - und die sind weg.«
    »Alle Wetter - das wäre schon der Mühe wert gewesen! - Zwei Fliegen mit
einem Schlag, einen Regulator und einen Haufen baar Geld. - Brown ist nicht dumm
- aber - hört, Weston, Brown hat doch im Leben nichts mit uns zu tun gehabt -
was geht denn den der Regulator an?«
    »Andere Sachen, was weiss ich's. Die Frauen oben in der Ansiedlung
behaupteten, Heatcott und Brown bewärben sich um ein Mädchen, darum der Streit.
- Doch das ist Alles Nebensache, die Hauptsache ist, dass wir Heatcott los sind;
wie und auf welche Art, kann uns gleich sein.«
    »Aber hört, Husfield lässt auch nicht mit sich spassen, und wenn der uns
auswittern sollte, so wird's Ernst. - Ich sehe überhaupt noch nicht recht, wie
wir die Spuren so verwirren wollen, dass uns die Canaillen nicht wiederfinden. So
viel ist gewiss, wär' ich auf Euren Fährten, es sollte Euch schwer werden.«
    »Das liesset Ihr wohl bleiben,« lachte Weston verschmitzt - »die Sache ist
verdammt pfiffig angefangen, Rowson hat das ausgetüftelt. Seht - ehe sie den
Fluss erreichen, wollen sie wieder in die offene Strasse hineinreiten.«
    »In die offene Strasse?« frug Cotton verwundert.
    »Ja wohl - in die freie, offene Strasse, dass ihre Fährten klar und deutlich
sind - dann in den Fluss und dann - nicht wieder hinaus.«
    »Wohin aber? Im Fluss können sie doch nicht halten bleiben? Wohin dann?«
    »Den Fluss hinunter, bis sie aus Spürweite sind, und dann hinein in die
Welt.«
    »Das lange Schwimmen halten ja die Tiere nicht aus.«
    »Deshalb habe ich das Canoe dort versteckt - seht Ihr da - unter dem
vorhängenden Rohrbüschel - und dort, gleich daneben noch eins. Das ist unten von
der Mündung, von Stewarts, die glauben wahrscheinlich, es sei losgerissen und in
den Arkansas getrieben. Mit Hülfe der beiden Fahrzeuge können wir die Pferde
herrlich die nötige Strecke hinunterschaffen, bis wir den mir von Rowson
bezeichneten Platz erreichen, und von da an müsst Ihr die Führung übernehmen,
denn ich kenne den Weg nach der Insel nicht, wie Ihr ihn nennt. Johnson soll die
Verfolger indessen auf die falsche Spur bringen, und gelingt das, so sind wir
Beide ausser aller Gefahr, besonders wenn es morgen ein regnerischer Tag wird.
Dann jagen wir mit den Tieren durch den Wald, und haben wir erst einmal die
Mississippi-Niederung erreicht, gute Nacht, Verfolgung. - - Johnson hat mir
versichert, dort fänden wir überall Schutz und Hülfe, und das wissen die Schufte
hier oben wohl auch recht gut - so weit hetzen sie gar nicht hinterher.«
    »Ja, das ist Alles recht schön und hört sich recht gut an, die vom
Springriver werden aber doch keine solchen Esel sein und glauben, wir wären mit
den Pferden durch die Luft davongeflogen, wie ich's neulich einmal bei den
Deutschen drüben auf einem Bilde gesehen habe?«
    »Das sollen sie auch nicht, jetzt kommt gerade das Beste. - Hier unten im
Schilfbruch - das heisst nicht im Schilfbruch, sondern unterm Schilfbruch, im
Flussbett, auf den Felsenplatten, steht mein Pferd, Eures -«
    »Meins?«
    »Euer Pferd und Johnson's zwei Schimmel. - Sobald wir unsere Reise mit der
frischen Sendung angetreten haben, werden diese Pferde die kleine Strecke den
Fluss hinauf, der hier vollkommen seicht ist, bis an die Landung gebracht, dort
setzt sich Johnson auf und galoppiert mit den Tieren frischweg auf der Strasse
fort, als ob er nach den heissen Quellen hin wollte. Kommen die Verfolger erst
morgen oder übermorgen, und regnet's indessen tüchtig, so war es freilich
unnötig; sind sie aber den - abgeholten Pferden näher auf den Hufen, was ich
fast fürchte, so werden sie natürlich die Hufspuren, die hier an der Furt auf
der einen Seite in den Fluss, auf der andern wieder aus demselben führen, für ein
und dieselben halten und ohne Bedenken, was aber die Hauptsache ist, ohne
abzusteigen und die Sache näher zu untersuchen, ihnen folgen. Holen sie dann
Johnson ein, so hat er ganz natürlich nicht ihre Pferde, weiss auch von denen gar
nichts, und sie sehen zu spät ein, dass sie den falschen Tieren nachgerannt
sind.«
    »Holen sie ihn aber nicht ein?« frug Cotton.
    »Desto besser - dann nimmt er die Pferde auf einem Umwege zur Insel, meldet
die bald nachfolgende Sendung und verkauft die unsrigen.«
    »Was - mein Pferd?«
    »Seid doch kein Narr, Cotton,« lachte Weston - »erstlich bekommt Ihr das
Geld dafür -«
    »Ja, aber wie viel? nicht den halben Preis!«
    »Und dann,« fuhr Weston fort, ohne sich unterbrechen zu lassen, »dürft Ihr
Euch überhaupt vor keinem Menschen mehr hier blicken lassen und müsst die Gegend
in sehr kurzer Zeit verlassen.«
    »Was hat das aber Alles mit meinem Pferde zu tun?«
    »Dass ich Euch schlecht kennen müsste, wenn ich glauben wollte, Ihr würdet auf
Eurem eigenen Pferd Abschied vom Fourche la fave nehmen -« lachte Weston.
    »Da habt Ihr Recht, Weston - das war ein gescheidtes Wort,« lachte Cotton -
»und wisst Ihr wohl -«
    »Schreit nicht so, weiss der Henker, ob hier nicht irgendwo Jemand
herumschleicht. Ich habe überdies heute Nachmittag in der Gegend schiessen
hören.«
    »Wisst Ihr wohl, dass ich mir schon ein Pferd ausgesucht habe, das mir ganz
mordsmässig gefällt?«
    »Und das wäre?«
    »Roberts' Hengst - ein prächtiges Tier.«
    »Hört, Cotton, Ihr seid gar nicht dumm. Auf dem könnt Ihr auch jeder
Verfolgung lachen. - Hu - da wird's wieder einen Spektakel geben!«
    »Der Plan ist übrigens gut,« sagte Cotton nachdenkend - »ja, ja - was
Geschäfte anbetrifft, da ist Rowson vortrefflich - und wie herrlich führt er das
Weiberzeug in der Ansiedelung an der Nase herum. - Die würden Augen machen, wenn
sie ihn heut Abend mit zwei Pferden an der Leine durch den Wald galoppiren
sähen.«
    »Mrs. Roberts hält ihn für einen wahren Heiligen - nun meinetwegen. Schade
ist's nur um das hübsche junge Mädchen, das ihn die heiraten muss; den möcht'
ich auch zum Mann haben! Aber hört einmal, Cotton, ich muss eine Frage an Euch
tun - ich höre jetzt von weiter nichts mehr sprechen, als immer nur von der
Insel, bin sogar selbst auf dem Sprunge, sie kennen zu lernen, so sagt mir doch
zum Teufel, was hat das mit der Insel für eine Bewandtnis - was für eine Insel
ist es und wo liegt sie?«
    »Ich darf nicht plaudern,« erwiderte Cotton geheimnisvoll. »Das ist eine
Geschichte, in die zu Viele verwickelt sind, und ich möchte die Zunge nicht im
Munde tragen, die sich daran verbrennte. - So viel nur kann ich Euch vertrauen,
dass sie im Mississippi liegt, und dass die Leute darauf uns freundlich gesinnt
sind. - Betreten habe ich sie selber noch nicht.«
    »Im Mississippi, bah, da liegen viele Inseln - und freundlich gesinnt -
freundlich gesinnt ist halb Arkansas gegen uns und fünf Sechstel von Texas;
nein, sagt mir etwas Näheres - welche Nummer ist's im Mississippi? Ihr wisst
doch, dass die Inseln in dem Strom alle von oben herab unter bestimmten Nummern
bekannt sind?«
    »Ob ich das weiss!« lachte höhnisch der ältere Gefährte - »doch - weiter darf
ich Euch nichts verraten - Ihr werdet übrigens die ganze Geschichte jetzt bald
genug erfahren, in wenigen Tagen sind wir dort. Bis dahin also geduldet Euch in
Eurer Neugierde. Doch halt! - Haubt Acht - was war das?«
    »Still!« rief Weston - »das war ein Whip-poor-will - Rowson wollte das
Zeichen auf diese Art geben - sollten sie es sein? - Ich will auf jeden Fall
antworten, denn sicher ist ja doch Alles hier.«
    Er hielt die Finger an den Mund und ahmte eben so täuschend den
scharftönenden Laut des kleinen Vogels nach.
    »Huhpih!« schrie Johnson's Stimme, als jetzt auf einmal ein rasches
Pferdegetrappel hörbar wurde; gleich darauf hielten die sehnlich Erwarteten am
Ufer und schwenkten die Hüte zum Zeichen des glücklichen Gelingens hinüber nach
den Kameraden.
 
                                      12.
        List der Pferdediebe. - Die Ueberraschung. - Alapaha und Rowson.
»Hurra!« rief Weston, alle frühere Vorsicht vergessend, beim Anblick der
herrlichen Pferde, die in diesem Augenblick das jenseitige Ufer herunterkamen
und am Wasserrande hielten. - »Hurrah - das nenn' ich Pferde!«
    »Seid Ihr Beide wahnsinnig?« rief Rowson ärgerlich hinüber - »wollt Ihr mit
Gewalt irgend einen hier zufällig Umherstreifenden herbeiziehen? Haltet die
Mäuler und spart Eure Ausbrüche der Freude für die Zeit auf, wo Ihr selbst das,
was Euch obliegt, gut und glücklich ausgeführt habt. Wo sind Eure Pferde?«
    »An dem bestimmten Platz hier unten,« sagte Weston.
    »Gut! holt sie schnell - seht Euch aber vor und lasst keine Fährten am Ufer;
bleibt im tiefen Wasser.«
    »Ay, ay - weiss schon - Weston ist auch nicht auf den Kopf gefallen.« -
    Der junge Bursche sprang schnell zu dem Platze hinunter, wo er seine Pferde
gelassen hatte, und kehrte auch in sehr kurzer Zeit wieder zurück, vorsichtig
dabei die Tiere mitten in der Strömung haltend, die hier kaum drei Fuss tief
sein konnte.
    »Wo sind die Boote jetzt?« fragte Rowson - »es kommt nicht darauf an, ob
diese Pferde hier den Grund eine Weile zerstampfen, denn wenn sie uns wirklich
verfolgen, werden sie denken, wir wären unschlüssig gewesen, ob wir den
Durchgang versuchen sollten. Lassen wir aber die anderen Tiere am jenseitigen
Ufer stehen und viele Fährten machen, so zwingt sie das, die Spuren näher zu
untersuchen, und dann möchten sie ausfinden, dass es andere Hufspuren wären.
Cotton's Pferd hat ausserdem solch' grosse Hufe.«
    Weston verschwand mit Cotton gleich darauf im Schilfbruch, und nach kurzem
Säumen glitten sie in ihren Canoes herbei.
    »Halt!« rief Johnson - »nicht weiter - sie dürfen die Eindrücke der Boote
nicht am Ufer sehen, - so - kommt in die Mitte her - jetzt nehmt die Pferde hier
in Empfang - steigt lieber ein, Rowson. - Also Zwei in das grosse und Einer in
das kleine Canoe. - Halt da - lasst mich erst die Pferde wechseln; ah - nun ist
mir ordentlich ein Stein vom Herzen, dass ich wieder auf dem Rücken meines
eigenen Tieres sitze.«
    »Jetzt zeig' aber, dass Du reiten kannst, Johnson,« sagte Rowson, indem Jener
sich fertig machte, die Bank hinauf zu klimmen - »lass die Pferde laufen, was sie
können, sie haben sich ausgeruht. - Gieb ihnen Sporen und Peitsche und bedenke,
dass jede Viertelstunde, die wir die Verfolger von der rechten Spur abbringen,
Gold wert ist.«
    »Nur keine Angst!« lachte Johnson - »die müssen scharf reiten, die mich
einholen wollen, und wenn sie mich einholen, lach' ich sie aus. Ich habe schon
vorgearbeitet und mehreren von meinen Bekannten erzählt, wie ich meine und noch
einige andere Pferde in den südlichen Teil des Staates schaffen wollte, da ich
dort einen gewaltigen Preis für sie zu erhalten hoffte.«
    »Also fort,« erwiderte Rowson, »der Teufel traue. Wer weiss, wie bald sie
hinterhergekleppert kommen, und wir befänden uns gerade jetzt hier in einer
höchst interessanten Stellung. - Gott segne mich, wir würden schön ankommen,
Alle miteinander.«
    »Wie wird's denn mit den Provisionen?« frug Cotton.
    »Den brauch' ich nicht!« rief Johnson zurück, als er eben den obersten Kamm
der Uferbank erreichte. - »Ausruhen müssen die Pferde doch einmal dann und wann,
und das kann eben so gut bei einem Hause geschehen.«
    »Nur nicht noch in dieser Nacht, dass die Nachkommenden nicht zu früh die
Farbe der Pferde erfahren. Die beiden Schimmel möchten sie stutzig machen -«
    »Habt keine Angst - bis morgen Mittag müssen sie aushalten - auf ein frohes
Wiedersehen!« Damit stiess er seinen Jagdruf aus, setzte dem Tiere, das er ritt,
die Hacken in die Seiten und verschwand im nächsten Augenblick im Walde.
    »Das wäre also besorgt,« sagte Rowson, »nun, Cotton, müssen wir sehen, wie
wir mit diesen Tieren zu Stande kommen. Vor allen Dingen werden wir uns am
besten von hier entfernen und etwa eine halbe Meile den Fluss hinuntergehen. An
der Strasse hier sind wir nicht allein dem ausgesetzt, von jedem Reisenden
gesehen zu werden, sondern dürfen auch erwarten, dass uns die verdammten
Regulatoren unversehens über den Hals kommen. Lasst also die Binderei jetzt, das
kleine Streckchen Weg bringen wir sie schon so hinunter, sie haben überdies
wahrscheinlich die ganze Strecke Grund. An der ersten Kiesbank setzen wir Alles
in Stand und können vor Dunkelwerden noch mit unserer ganzen Einrichtung fix und
fertig sein.«
    Es lag zu viel Wahres in diesen Worten, als dass sie einer weiteren
Erwiderung bedurft hätten. Schnell waren daher auch alle nötigen Vorkehrungen
getroffen, und wenige Minuten darauf glitten die Boote, jedes mit drei Pferden
daran befestigt, um die Biegung des Flusses, die es unmöglich machte, dass sie
von der Strasse aus gesehen werden konnten.
    »So - jetzt fängt mir's erst an ein wenig behaglich zu werden,« flüsterte
Rowson. - »Es dunkelt immer mehr und mehr, und sollten uns unsere Verfolger
wirklich noch in dieser Nacht nachkommen, so gehen sie ohne Zweifel in die
Falle, die wir ihnen gestellt haben. - Hurra! wenn ich mir die Kerle denke, wie
sie mit mordlustigen Blicken auf den Fährten dahingaloppieren, mit jeder Minute
eifriger den mutmasslichen Dieb verfolgen - endlich ihn sehen, noch zur letzten
Anstrengung den eigenen Tieren die Hacken in die Seite setzen, und dann - die
verblüfften Gesichter - das Fluchen und Schimpfen, und Johnson's unschuldige
Schafsmiene, wie er bedauern wird, die unbewusste Ursache gewesen zu sein, die
vielleicht die Verbrecher der so gerechten Strafe entzogen hat - hahaha - schon
der Gedanke ist köstlich!«
    »Hier ist die Kiesbank,« sagte Weston, indem er mit der Hand nach dem linken
Ufer hinüber deutete; »die Tiere haben Grund, und es wäre besser, die Zäume und
Halftern jetzt ein wenig in Ordnung zu bringen. Auch müssen wir die Pferde
besser an den Booten verteilen, denn gleich hier unten, sobald wir diese
Biegung des Flusses umgangen haben, wird die Strömung tief und die Pferde müssen
jene ganze Strecke schwimmen. Ich habe es heute Morgen, als ich hier heraufkam,
genau untersucht.«
    »Wenn ich nicht irre,« meinte Cotton, zum Ufer hinaufsehend, »muss hier
irgendwo an dieser Kiesbank eine kleine verödete Hütte stehen. - Vor etwa drei
Jahren lagerten wir drin, als ich damals mit Johnson in die Nation1 ging. Die
Büsche sind aber jetzt so drum herum aufgewachsen, dass man gar nichts mehr von
ihr sehen kann. Ja, dies ist die Stelle,« fuhr er fort, als sie mit den Kähnen
landeten - »ich kenne sie an der niedergestürzten Platane; - die fiel in
derselben Nacht, in der wir hier lagerten, und hätte sie eine andere Richtung
genommen, so wär's um uns geschehen gewesen.«
    »Arkansas würde nicht getrauert haben,« lachte Rowson.
    »Nein, wohl schwerlich - doch davon schweigen wir lieber. Was wollt Ihr denn
da machen?«
    »Wir müssen das kleine Boot an das grössere anhängen,« sagte Rowson -
»nachher können wir zwei Pferde an jede Seite nehmen und zwei hinten nehmen; zu
rudern haben wir auch nicht viel nötig, denn die Strömung ist ziemlich stark.
Allenfalls kann auch Einer von uns ein wenig nachhelfen, besonders steuern, die
anderen Beiden geben dann auf die Pferde Acht, dass sich diese nicht verwickeln.
Bis um Zwölf müssen wir am Devils Crook sein, dort steige ich aus und überalsse
Euch Zwei Eurem Schicksal. Schont die Pferde nicht und vermeidet nur da die
breite, offene Strasse, wo der Wald licht genug ist, eben so schnell hindurch
kommen zu können. Sollten sie wirklich schon morgen, was aber gar nicht zu
erwarten steht, ja was fast nur durch einen Zufall möglich wäre, die richtigen
Fährten finden, nun so habt Ihr etwa zwölf Stunden Vorsprung und tüchtige Pferde
- Cotton, Ihr kennt den Weg?«
    »Na, ich sollte denken,« brummte dieser - »bin ihn oft genug gehetzt -
einmal mit fünf Kerlen auf den Hacken. Haben wir nur erst den Mississippisumpf
erreicht, wo ich die Fährten durch alle die Bayous und Lagunen weiss, dann sind
wir sicher. Ein Platz ist dort besonders, wenn ich da hindurch bin und haue von
der andern Seite einen Baum über die Stelle, so nimmt's den Verfolgern einen
ganzen Tag, um zu Pferde mir nachzukommen. - Den Platz habe ich mir bis jetzt
immer für einen Notfall aufgehoben.«
    »Wo bekommt Ihr aber eine Axt her?«
    »Erst im vorigen Monat versteckte ich dort meine Axt in einen hohlen Baum;
drängt die Not, so soll's an Handwerkszeug nicht fehlen.«
    »So - das wird jetzt wohl in Stand sein,« sagte Rowson, der eben seine
Vorrichtung an den Kähnen beendet hatte - »nun, Cotton, noch ein Wort zu Euch
über Euer Verhalten, und dann fort an die Arbeit. Die Stelle kennt Weston, wo
Ihr zuerst das Land berühren dürft; - es ist dort, wo die breiten Steinplatten
bis hoch hinauf zwischen die Bäume laufen. Wir haben dadurch den Vorteil, dass
unsere Spuren vom Wasser aus gar nicht bemerkt werden können. Etwa hundert
Schritt den Fluss hinunter, wo eine Fichte und ein Pawcornbaum kreuzweis dem
Bette zugestürzt sind, hat Atkins einen Sack mit Mais und noch andere
Lebensmittel verborgen -«
    »Warum geht Ihr denn nicht mit bis an jene Stelle?« frug Weston.
    »Dort könnten meine Fährten gefunden werden,« erwiderte Rowson, »was am
Devils Crook nicht möglich ist; mache ich daher von da aus einen kleinen Umweg
über die Berge, so komme ich nachher wieder von einer ganz andern Richtung in
die Ansiedlung zurück. Ich traue dem verdammten Indianer nicht, besonders wenn
sie ihn einmal auf unsere Fährten hetzen sollten, bin deshalb auch so vorsichtig
wie nur irgend möglich. Aber, Cotton - habt Ihr nicht irgend 'was zu essen mit?
Mich hungert fürchterlich. Wie wir herkamen, war's mir beinahe, als ob ich
gebratenes Hirschfleisch röche - ich wollte, ich hätt' jetzt ein Stück jetzt. -
Dass Ihr auch gar keine Provisionen mitgebracht habt - man kann doch nicht an
Alles denken.«
    »Oben im Schilfbruch, wo die Pferde standen, liegt mein Halstuch mit
Maisbrot und Hirschfleisch,« sagte Weston, »ich habe es aber schändlicher Weise
vergessen - jetzt ist's wohl zu spät, es wieder zu holen.«
    »Den Teufel auch - an das hättet Ihr früher denken sollen - es wird's doch
niemand finden können?«
    »Nein, es hängt versteckt - aber wollen wir nicht fort?«
    »Wartet nur noch, bis Cotton den Zaum ausgebessert hat,« sagte Rowson -
»wenn er unterwegs reissen sollte, hätten wir mehr Aufentalt und könnten ihn am
Ende im Dunkeln nicht einmal zu Stande bringen.«
    »Wie erwischtet Ihr denn eigentlich die Pferde, Rowson?« frug Cotton, der
emsig beschäftigt war, den einen zerrissenen Halfter wiederherzustellen,
»erzählt's uns jetzt, denn unterwegs werden wir nicht viel Zeit zum Schwatzen
haben und erfahren es nachher gar nicht.«
    »Mit wenigen Worten kann das geschehen,« erwiderte Rowson schmunzelnd, indem
er sich in aller Bequemlichkeit ein grosses Stück Kautabak abschnitt und in den
Mund schob. »Glücklicher Weise begegneten wir unterwegs keinem Bekannten und
erreichten die Stelle an der Fenzecke, wo der Springcreek dicht vorbeifliesst,
gerade mit Dunkelwerden - so etwa um diese Zeit. Die Mühle hatten wir geschickt
umgangen, und als die erste Eule laut wurde, standen wir an der Umzäunung, in
der sich die Stuten befanden. Mir wurde nicht wohl bei der Sache, denn meiner
Berechnung nach hätten die wild umherlaufenden Pferde schon da sein müssen; das
liess sich aber nicht ändern, und Johnson und ich kletterten auf ein paar Bäume,
um erstens vor Ueberraschung sicher zu sein und dann auch alles Herankommende
eher bemerken zu können. Ein Glück war's, dass wir's taten, denn kaum sassen wir
oben, als, straf' mich Gott, - Husfield selber - sagtet Ihr 'was, Cotton?«
    »Nein - warum?«
    »Mir war's, als hört' ich einen Laut, - Husfield selber mit einer ganzen
Koppel Hunde von der Jagd heimkehrte und dort vorbeikam. Wären wir unten auf der
Erde gewesen, so hätten uns die Bestien so gewiss wie was aufgestöbert, und dann
gute Nacht, Johnson, denn auf den hat es Husfield besonders gemünzt; die Zügel,
die wir bei uns trugen, würden uns auch auf jeden Fall verraten haben. So
schnüffelten die verdammten Hunde nur unter den Bäumen herum, hoben die Nasen in
die Höhe und windeten eine Weile, dass uns angst und bange wurde, folgten dann
aber kläffend ihrem Herrn, der indessen schon eine Strecke Weges vorausgeritten
war.
    Wir Beide hatten Todesschweiss geschwitzt, unsere Not endete übrigens
hiermit, denn gleich darauf kamen die Pferde. Wir suchten uns, so lange es noch
nicht ganz dunkel war, die, die uns am besten gefielen, darunten aus, zäumten
sie auf, schwangen uns drauf, und fort ging's wie ein Sturmwind durch den Wald,
dass ich ein paar Mal glaubte, wir müssten Hals und Beine brechen. Um sie irre zu
führen, zickzackten wir auch eine Weile auf steinigem Boden umher, schlugen
verschiedene Richtungen ein und setzten erst dann, als wir uns sicher galubten,
unsern Ritt mit weniger Vorsicht, aber dafür auch um so viel rascher fort.«
    »Wurden denn die anderen Pferde nicht scheu, als Ihr Euch einen Teil von
ihnen herausfischtet?«
    »Ja - sie schnoben gewaltig, und gerade wie wir die letzten bei der Mähne
erwischt hatten, brachen die übrigen schnaubend und wiehernd davon und
galoppierten um die Fenz, wahrscheinlich wieder in den Wald hinein. - Der Fuchs
hier hat mich wohl sechsmal im Kreise herumgerissen, ehe ich ihn zum Stehen
bringen konnte.«
    »Na, Husfield wird schön wüten,« lachte Cotton - »sechs Pferde auf einmal
sind seit Menschengedenken keinem Farmer gestohlen worden -«
    »Und der fromme Rowson an der Spitze!« jubelte Weston.
    »Hört einmal, Rowson,« sagte Cotton jetzt, indem er über den Zügel zu dem
schmunzelnd Dastehenden hinüberblinzelte, »über welches Tema werdet Ihr denn
morgen predigen? Jammerschade ist's, dass ich das nicht mit anhören kann; so
etwas müsste der Mühe wert sein.«
    »Verdammt!« rief Rowson ärgerlich - »morgen schenkt' ich ihnen den Unsinn
gern, ich werde zu unaufmerksam sein; zu viel Angst haben, was aus Euch geworden
ist.«
    »Aus den Pferden, meint Ihr?«
    »Nun ja, auch aus den Pferden, und da muss ich denn stehen und Gebete
plappern und langweilige, alberne Lieder herplärren.«
    »Und das Glory rufen nachher und das Ohnmächtigwerden von der dicken Witwe!«
lachte Weston.
    »Und die frommen Gespräche mit der schönen Indianerin,« fiel Cotton ein -
»hört, Rowson, Ihr habt gar keinen so schlechten Geschmack -«
    »Verdamm' es!« rief Rowson, »macht fort, dass wir vom Platze kommen, mir wird
nachgerade kalt, und die Pferde frieren ebenfalls. - Führt Niemand einen Tropfen
Whisky? - Johnson, der Halunke, hat meine Flasche in der Tasche und sagt kein
Wort. - Oh zum Teufel, lasst noch einen Tropfen drin, Ihr saugt ja, als ob Ihr
sie luftleer pumpen wolltet!«
    Cotton reichte ihm die Flasche hinüber, und Rowson tat einen langen Zug;
dann korkte er sie wieder zu und gab sie zurück.
    »Nicht wahr, der labt?« frug Cotton schmunzelnd - »ja, und hitzt dazu; - ich
habe eine ganze Hand voll spanischen Pfeffer hineingetan - das gibt Wärme.«
    »Es tut Einem auch gut heut Abend,« sagte Rowson, sich schüttelnd - »der
dürre Regen kältet merkwürdig.«
    »So - jetzt kann's weiter gehen!« rief Cotton - »nun schnell, dass wir von
hier fortkommen; es wird immer dunkler, und dort dro - dro - ben - Pest und
Gift!« fuhr er schnell flüsternd fort - »was ist das? da schimmert ein Licht
durch die Büsche!«
    »Wo?« fuhr Rowson wild auf.
    »Da oben - das muss in dar Hütte sein.«
    »Dort in dem Busch kauert etwas Helles!« rief Weston jetzt, dessen scharfes
Auge die Umrisse einer Gestalt bemerkte, die in die dunklen Sträucher, welche
das Flussufer begrenzten, hineingeschmiegt stand.
    »Tod und Teufel,« schrie Cotton - »das ist Verrat!« und wie ein Pfeil vom
Bogen flog er, von Rowson gefolgt, mit wenigen Sätzen die Uferbank hinauf und
stand im nächsten Augenblick dem einsamen Wesen, das von dort oben aus das ganze
Treiben der Männer beobachtet - jedes einzelne Wort gehört hatte, gegenüber.
    »Alapaha!« rief Rowson entsetzt.
    »Das rotäutige Weib!« knirschte Cotton, fast eben so erstaunt als
erschreckt.
    »Du bist allein?« frug Rowson jetzt schnell die Indianerin. - »Du bist
allein? wo ist Assowaum?«
    Das arme Weib vermochte aber nicht zu antworten, eine Weile stand sie starr
und aufrecht, und blickte mit einem so geisterhaft ernsten, ja fürchterlichen
Ausdruck in den kalten Zügen den entlarvten Prediger an, dass dieser die Augen
scheu niederschlug - er konnte den Blick nicht ertragen. Es war aber nur ein
Moment, in dem dir stolze Tochter der Wälder vernichtend vor dem Mann stand, der
ihr ihren Glauben an ihren Gott, ihre Liebe für ihren Gatten entwendet hatte.
Dann kam der Gedanke an ihr grenzenloses, entsetzliches Elend über sie - wie sie
dem grossen Geist entsagt, den ihres Väter schon im Rauschen der mächtigen
Wälder, im Rieseln des stillen Baches verehrten, wie sie den Worten eines Mannes
gelauscht hatte, den sie für einen Heiligen gehalten, und der jetzt - das Herz
schauderte ihr, als sie ihn vor sich erblickte - ein Dieb und Räuber war.
    Sie barg das Gesicht in ihren Händen, und grosse helle Tränen rieselten
zwischen den zusammengepressten Fingern hindurch.
    »Die Pferde werden unruhig!« rief Cotton ärgerlich - »was fangen wir mit der
hier an?«
    »Geht - überlasst sie mir,« flüsterte ihm Rowson zu und richtete sich mit
teuflich wildem Blick empor.
    »Sie Dir überlassen? das glaub' ich!« lachte der Jäger höhnisch - »bist
nicht so dumm - ist's jetzt Zeit zu solchen Possen?«
    »Fort mit den Pferden,« rief Rowson mit unterdrückter Stimme - »der Fluss
macht hier den Bogen, wohl drei Meilen im Umkreise - es ist aber keine hundert
Schritt gerade hinüber zu Land, man kann auf die Art die ganze Biegung
abschneiden. - Fort also - Weston vermag nicht die Tiere allein zu halten.«
    »Und was soll mit dem Weibe geschehen?«
    »Habt keine Angst,« flüsterte ihm Rowson zu - »ist Einer durch ihre Aussagen
gefährdet, so bin ich es -«
    »So geht denn zum Teufel und - kommt bald nach,« fluchte Cotton - »die
Folgen über Euch, wenn Ihr uns warten lasst.« Er sprang die Uferbank wieder
hinunter, über die lockeren Kiesel hinweg, und wenige Secunden darauf glitten
die Boote mit den schnaubenden und keuchenden Pferden hinein in die auf dem
Wasser lagernde Dunkelheit.
 
                                    Fussnoten
1 Unter »Nation« werden in Arkansas fast stets die Cherokesen verstanden.
 
                                      13.
       Der Prediger von der Indianerin entlarvt. - Die gelungene Flucht.
»Wo ist Assowaum?« fragte mit leiser, aber fester Stimme der Prediger, als er
sich mit der jungen Indianerin allein sah. Diese jedoch schien seine Frage zu
überhören oder wollte ihr nicht lauschen. - Nichts unterbrach die stille Nacht,
als das Schluchzen des armen Weibes und das schwere Atmen des Priesters.
    »Wo ist Assowaum?« frug dieser endlich nach einer für ihn peinlichen Pause
zum zweiten Mal und erfasste zu gleicher Zeit mit seiner Rechten den Arm der
Weinenden. Wie von einer Schlange berührt, fuhr aber die Unglückliche empor,
machte sich los von dem Griffe des finstern Mannes und rief, vor ihm
zurückschaudernd:
    »Fort - fort - Dein Atem ist Gift - Deine Berührung Tod - Deine Zunge ist
doppelt, und Deine Augen lügen Gott, während Deine Brust den Teufel birgt. Fort
- Gras und Blume muss welken, wohin Du Deinen Fuss setzest; die Vögel müssen
schweigen, wenn Du in ihre Nähe trittst. - Der Rauch der heiligen Pfeife muss vor
Dir zurückfliehen und darf Dich nicht umgeben. Dein Gott ist ein Lügengott, denn
sonst hätte er lange seinen Blitz gesandt, Dich Verfluchten zu zerschmettern -
fort!«
    »Wo ist Assowaum?« frug der Prediger mit heiserer Stimme, ohne die Bannworte
der Indianerin zu beachten.
    »Oh dass er hier wäre, Dich zu züchtigen!« sagte diese leidenschaftlich, sich
zu ihrer ganzen Höhe emporrichtend - »dass er hier wäre, die Schmach zu tilgen,
die Du auf den Scheitel seines armen Weibes gehäuft. - Aber wehe Dir - er soll
Dich finden - er soll Dich treffen; sein Kriegsruf soll in Deine Ohren tönen; -
oh - Du hast ihn noch nicht gesehen in seiner kriegerischen Herrlichkeit,« fuhr
sie stolz fort, als sie das höhnische Lächeln der Amerikaners bemerkte - »Du
hast ihn noch nicht gesehen mit geschwungenem, blitzendem Tomahawk, mit dem
Schlachtschrei auf den Lippen und dem Tod der Feinde im Auge, mit wehender
Scalplocke und blitzender Speerspitze. Du hast ihn noch nicht gesehen beim
Kriegstanze mit den Tod kündenden Streifen im Antlitz; hast ihn noch nicht
gesehen rot vom Blut der Erschlagenen und mit den Skalpen der Besiegten am
Gürtel. - Aber er wird kommen, er wird zurückkehren!«
    »Wann - Weib, wann?« frug der Priester schnell, indemseine Hand ängstlich
zuckend nach der Seite fuhr.
    »Wann?« lachte die Indianerin triumphierend - »wann? zu schnell noch für
Dich - ehe die Sonne zweimal im Osten wieder emporsteigt, ist er da, und wehe
Dir, wenn sein Pfad den Deinen kreuzt!«
    »Aber wo ist er jetzt?«
    »Ha - wie Du zitterst, elender Feigling, schon bei dem Gedanken an seinen
Arm, an die Schärfe seiner Waffe - ha, wie Du bebst und ängstlich umherblickst,
aus Furcht, er könnte jetzt aus den Büschen treten. - Ich bin nur ein Weib, aber
ich werde stolz, wenn ich auf Dich herniedersehe.«
    »Wo ist er jetzt?« frug zähneknirschend, aber immer noch nicht frei von
Furcht, der Weisse, denn er konnte sich nicht denken, dass die Indianerin ihren
Wigwam allein verlassen habe und hier im Walde ohne den Schutz ihres Mannes
gelagert sei.
    »Wo er jetzt ist?« fuhr Alapaha höhnisch lächelnd fort - »nicht allein wird
er zurückkehren - die starke Hand ist bei ihm, die den erschlug, der sie
beleidigte - zittere, denn Dein Gott wird Dich nicht schützen!«
    »Ha!« fuhr Rowson auf, indem eine teuflische Freude seine Züge durchzuckte -
»so ist er hinüber, den Genossen zu holen; - dacht' ich's doch. - Gut! dann bist
Du mein, und weder Gott noch Teufel soll Dich mir entreissen.«
    »Zurück!« schrie die Indianerin, erschreckt auffahrend, als sie Rowson
umschlingen wollte, und flüchtete nach der Hütte zu - »zurück, Teufel! - Deine
Augen glühen - zurück!«
    »Du bist mein!« lachte Rowson wild auf - »Du bist mein, und ich trotze dem
rothäutigen Schuft, er mag kommen - aber Dich soll mir nichts entreissen - und
dass Dein Mund uns nicht verrät, dafür lass' mich sorgen.«
    »So möge denn der Manitu unseres Volkes, dem ich von diesem Augenblick an
wieder gehöre, mir Kraft geben!« rief Alapaha, sich noch einmal dem Arme des
Wütenden entreissend und ihren Tomahawk, den sie an der Seite trug, ergreifend.
- »Stirb, Verruchter, von der Hand eines Weibes, und mag Aasgeier und Wolf Deine
Gebeine umherzerren - stirb!«
    Bei den letzten Worten sprang sie mit wildem Satz auf den erschreckt
Zurücktaumelnden zu, und der nächste Augenblick hätte sein Schicksal besiegelt,
aber die aus den Haspen gestürzte Tür hielt ihren Fuss, sie wankte, stürzte und
sah sich im nächsten Augenblick in der Gewalt ihres Feindes. -
    »Wenn Rowson dem Geschrei nicht bald ein Ende macht,« brummte Cotton
unwillig vor sich hin, »so wird er sich oder uns Jemanden auf den Hals locken. -
Ich habe sicher den Nachmittag hier irgendwo schiessen hören, und es wäre gar
kein unmöglicher Fall, dass die Rothaut noch irgendwo im Walde läge.«
    »Ich wollte, er käme,« sagte Weston, ebenfalls ärgerlich - »das bloss mit dem
Strom Treiben geht zu langsam, und man kann doch wahrhaftig nicht drei Pferde
halten und auch noch rudern. Die Tiere werden überdies unruhig; das Wasser ist
kalt und das Ganze mag ihnen wohl ungewohnt und sonderbar genug vorkommen.«
    Die Männer lauschten einen Augenblick, und wieder drang der schrille
Hülferuf der Indianerin durch die stille Nacht daher, dass die Eule in den
dunklen Fichten am Flussufer höhnend darauf antwortete und neugierig dem Orte
zuflog, von dem solch' unheimliche Laute herübertönten.
    »Die Pest über den Narren!« rief Cotton noch einmal ärgerlich - »ich wollte
bei Gott, sie entwischte ihm, und - wenn wir nur selbst erst einige fünfzig
Meilen weiter fort wären. Entkäme die Rothaut aber jetzt und gäbe Alarm, Höll'
und Teufel! ich glaube, wir hätten morgen eine Armee hinter uns her.«
    »Er wird sie doch nicht umbringen?« sagte Weston schaudernd, als er atemlos
nach der Richtung hinüberlauchte. - »Es ist jetzt auf einmal Alles so
todtenstill - mir graust's, Cotton - er wird doch kein Blut vergiessen?«
    »Narr!« brummte Cotton - »wollt Ihr Euren eigenen Hals in die Schlinge
legen, heh? gelüstet's Euch, von den Regulatoren an irgend einem bequem
gewachsenen Eichenast in die Höhe gezogen zu werden? Rowson wird tun, was
nötig ist. Kann's ohne Blutvergiessen abgemacht werden, desto besser, ich bin
selbst kein Freund davon. Geht das aber nicht -«
    »Oh kein Blut - kein Blut -« rief Weston ängstlich. »Ich habe mich mit Euch
verbunden, die Pferde zu stehlen - das ist kein Verbrechen - aber Blut - mich
überläuft's, wenn ich daran denke - Blut mag ich nicht auf dem Gewissen haben; -
und das war ja auch nur ein Weib.«
    »Desto gefährlicher,« lachte Cotton, »wenigstens da, wo es gilt, etwas zu
verschweigen. Doch seid kein Narr - Rowson wird's schon machen - er tut gewiss
nichts, als was er - habt auf das Pferd da Acht, es fühlt Grund und will an's
Ufer - Pest, da drüben hat's schon den Huf in den Schlamm gedrückt - seht Euch
vor, Weston - wir wissen nicht, wer uns auf den Fährten sitzen wird.«
    Der Teufel mag sie alle in Ordnung halten, rief Weston ärgerlich - »warum
bleibt Rowson so lange - die Tiere werden ungeduldig, und mir sterben die Hände
schon ab vom langen Halten.«
    »Dort ist die Stelle, wo er zu uns stossen wollte,« sagte Cotton - »seht Ihr
dort, wo die Wurzel im Wasser liegt - gerade vor Euch - ich habe hier oft in der
Gegend gejagt und kenne den Bogen, den der Fluss macht, gut genug.«
    »Da steht auch Jemand neben der Wurzel!« flüsterte Weston leise. In dem
Augenblicke tönte der Ruf des Whip-poor-will von der Stelle her, und gleich
darauf sprang Rowson, denn er war es, von dem Steine, auf dem er stand, in das
hier nur wenige Zoll tiefe Wasser und watete an die Boote heran, da die darin
Sitzenden nicht anhalten konnten, ihn aufzunehmen.
    »Hier sind Provisionen,« sagte er mit heiserer Stimme, indem er einen Arm
voll auf Stäbe gereihte Stücke Hirschfleisch in das Boot warf - »delikates
Wildpret.«
    »Wo ist die Indianerin?« frug Weston, dem finstern Mann ängstlich in's Auge
sehend.
    »Sicher!« antwortete dieser lakonisch und wandte sich ab vor dem forschenden
Blicke des Fragenden.
    »Sicher? Ihr habt ihr doch kein Leid angetan?«
    »Unsinn - bekümmert Euch um Eure eigenen Geschäfte - was geht Euch mein
Handeln an? - So, gebt mir die Pferde und nehmt Ihr das Ruder ein wenig - das
Wasser wird hier tief und wir kommen etwas schneller vom Fleck.«
    »Wie weit ist's noch zu dem Platze, wo wir landen?« frug Cotton.
    »Drei Meilen - eher etwas mehr als weniger.«
    »Und wie weit geht Ihr mit?«
    »Noch zwei etwa - wir werden die Hügelreihen bald erreichen, an deren Fuss
ich aussteige - aber - Weston - kommt doch noch einmal her und nehmt die Zügel -
Cotton - habt Ihr nicht ein altes Tuch oder so etwas bei Euch?«
    »Was wollt Ihr damit? - mein Halstuch!«
    »Gebt es her - oder - bindet es mir hier um den Arm - da - da gerade an der
Schulter.«
    »Ja, dann müsst Ihr aber den Rock ausziehen - ich kann auch nicht gut dazu -
das verwünschte Boot schwankt so, und ich fürchte, es schlägt um.«
    »Gut - dann warte ich noch eine Viertelstunde, bis wir wieder an eine
seichte Stelle kommen, und gehe nebenher im Wasser - nachher macht sich's
besser.«
    »Was habt Ihr denn an der Schulter?« frug Cotton, als Jener den Rock auszog
und den Aermel auffstreifte.
    »Ih - die kleine Hexe erwischte einmal, ich weiss selbst nicht wie, den
Tomahawk, den ich ihr schon weggenommen, und - doch es hat weiter nichts zu
sagen. - Dort unten, wo es so hell schimmert, hört das tiefe Wasser auf, und
dann können wir etwas darum binden.«
    Schweigend verfolgten die Männer jetzt wieder bis zu der bezeichneten Stelle
ihre Bahn, dann aber stieg Rowson, erst vorsichtig mit dem kurzen Ruder nach
Grund fühlend, über Bord, und während er neben dem langsam dahingleitenden Kahn
herging und sich mit der rechten Hand dabei am Rande desselben festielt,
verband ihm Cotton die keineswegs unbedeutende Wunde.
    »Wenn nur der Mond ein wenig schiene,« rief Weston nach einer Weile, »dass
wir doch wenigstens den Punkt erkennen könnten, an dem wir landen müssen!«
    »Sehnt Euch auch noch nach dem Mond,« brummte Cotton, »weiter fehlte gar
nichts. - Ich wünschte, es regnete, was vom Himmel herunter wollte.«
    Die Boote glitten jetzt an einer steilen Hügelreihe vorbei, deren schroffe
Felskanten bis hinein in den Strom reichten, während einzelne dunkle
Cedernbüsche aus der senkrechten Wand emporwuchsen und lange, unheimliche
Felsspalten sich bis zu dem Gipfel der Berge hinaufdehnten. Die Kuppe krönten
hohe, schwankende Fichten und Kiefern, und Cedern und Hickories bildeten das
dichte, feste und beinahe undurchdringliche Unterholz.
    »Wir sind nicht mehr weit vom Ziel!« sagte Rowson, »gleich dort unten ist
die Stelle, an der ich Euch verlasse, und, Cotton - Ihr kennt ja den Platz, wo
Ihr aussteigt!«
    »Hat keine Not - den verfehl' ich nicht. - Doch wenn auch - etwa eine
Viertelmeile weiter unterhalb ist eben wieder eine solche Stelle. Aber halt! -
was ist das? ein Feuer am Ufer? Dort lagert Jemand.«
    »Nur ruhig,« flüsterte Rowson - »wer es auch sei, das Rohr lässt ihn hier
nicht dicht an's Ufer, und der Schatten der Bäume wird uns wohl jedem
neugierigen Blicke verbergen.«
    Am Ufer schlug jetzt kläffend ein Hund an, und sie konnten sogar eine Stimme
hören, die ihn beruhigte. Das Rohrdickicht war aber, wie Rowson ganz richtig
bemerkt hatte, so dick und verworren, dass es unmöglich gewesen wäre, gerade an
dieser Stelle den Fluss zu erreichen, oder ihn von dem Orte aus, wo das Feuer
flammte, zu übersehen, und lautlos schwammen die Männer in der hier ziemlich
tiefen Strömung vorüber.
    »Verdamm' die Pferde, wie sie schwanken,« flüsterte Cotton nach einer Weile.
    »Es ist Zeit, dass sie an's Land kommen,« - erwiderte Rowson - »hier ist
übrigens der Ort, wo ich landen muss - so - haltet Euch ein klein wenig näher
heran, dass ich abspringen kann - und nun macht Eure Sache klug - sitzt fest
jetzt!«
    Mit diesen Worten schwang er sich aus dem schaukelnden Boot auf einen
vorspringenden Stein, winkte noch einmal mit der Hand hinüber und verschwand im
Dunkel.
    Es gehörte aber ein so geübter Canoeführer als Cotton dazu, um das schwanke
Fahrzeug bei dem Herausspringen eines Menschen vor dem Umschlagen zu bewahren.
Doch war es für ihn mit nur geringen Schwierigkeiten verbunden; der Kahn
schaukelte kaum einige Secunden und glitt dann, ohne einen Tropfen Wasser
eingenommen zu haben, weiter auf seiner Bahn.
    Weston sprach keine Silbe mehr; seit dem letzten krampfhaften Schrei der
Indianerin, der ihm noch in den Ohren tönte, hatte sich eine eigene,
unbezwingbare Angst seiner bemächtigt. - Er fuhr bei dem geringsten Geräusch
empor, und das Herz klopfte ihm in fieberhaften Schlägen.
    Ohne weiter ein Wort mit einander zu wechseln, erreichten sie bald darauf
die von Rowson bezeichnete Stelle, wo breite, glatte Felsplatten bis in die
Hälfte des Flusses hineinliefen und sich bis oben hinauf zu dem mit dichtem,
niederem Gebüsch bewachsenen Ufer erstreckten. Dort hielten sie und führten die
schnaubenden und ungeduldig stampfenden Pferde auf das Trockene.
    »Ja, trampelt nur,« lachte Cotton - »es soll euch bald warm genug werden.
Haltet sie einen Augenblick, Weston, ich muss das eine Canoe erst versenken, dass
es Niemand findet und Verdacht schöpft; das andere mag schwimmen, das kennt
Keiner, und wenn sie's kennen, werden sie glauben, es habe sich losgerissen.«
    Damit warf er schnell seine Kleider ab, um am Schwimmen nicht gehindert zu
sein, füllte das Canoe mit Steinen, ruderte es an eine tiefere Stelle und liess
es sinken.
    »So,« sagte er, als er bei Weston wieder an's Land sprang und seine Kleider
überwarf - »so - das wird so bald Niemand zu sehen bekommen, wenigstens nicht
früh genug, uns Schaden zufügen zu können. - Jetzt aber fort, mir brennt der
Boden hier unter den Füssen.«
    »Und kennt Ihr den Weg auch genau?« frug Weston besorgt - »Nachts gehört ein
tüchtiger Waldmann dazu, eine genaue Richtung im Walde beibehalten zu können.«
    »Seid unbesorgt,« rief Cotton, »wir müssen uns überdies etwas auf dem
Bergrücken halten, denn da ist das wenigste Gestrüpp und ein Wegverfehlen auch
nicht mehr möglich. Wenn wir überhaupt nur erst aus dem Schilfdickicht heraus
sind, und das ist hier kaum fünfhundert Schritt breit, dann hat's keine Not
mehr. Also frisch in den Sattel, Weston - apropos - was habt Ihr denn für Sättel
mit von zu Hause gebracht?«
    »Für Euch einen alten spanischen, für mich gar keinen - ich nehme das
Büffelfell hier. Wie weit ist's denn?«
    »Nun, Gott sei Dank,« lachte Cotton - »morgen oder übermorgen kommen wir
nicht hin; doch was tut's. Wer solche Geschäfte übernimmt, darf nicht so
besonders auf Bequemlichkeit sehen. Rowson's Plan ist übrigens capital, und ich
denke, wir werden den Mississippisumpf wohl ungestört erreichen. Soll mich nur
wurdern, ob sie Johnson nichts am Zeuge flicken.«
    »Wenn ich nur wüsste, ob Rowson der Indianerin kein Leid zugefügt hat!« sagte
Weston seufzend.
    »Oh, die Pest auf Eure Indianerin, was kümmert uns die! Höll' und Teufel, da
fängt's wieder an zu regnen. Doch halt, ich will nicht fluchen, das ist gut
genug und kann uns nur lieb sein, Johnson besonders, denn dem können sie nachher
nicht nachsuchen, von woher er mit den Pferden gekommen ist. Aber jetzt fort -
hier hindurch, Weston; das ist die Mündung eines der kleinen Bäche, und
wenigstens schilffrei.«
    Weston hatte indessen das erwähnte Fell auf dem Rücken eines der Pferde
befestigt, schwang sich hinauf und folgte, zwei andere führend, dem Gefährten,
der unter der Zeit schon das Dickicht betreten hatte und im Dunkel verschwunden
war. Wenige Augenblicke noch konnten man das Brechen und Krachen des trockenen
und verdorrten Rohre hören, als sich die Pferde zwischen diesen
hindurchdrängten, dann verhallte auch dies; und Totenstille ruhte auf der
Wildnis, und die Dunkelheit der Nacht barg Sünde und Verbrechen.
    Der Leser muss aber jetzt noch einmal mit mir zu der Furt zurückkehren, an
der wir uns beim Anfang des vorigen Capitels befanden.
    Gar nicht so sehr lange waren hier die vier Verbündeten unter dem dunklen
Schatten der Bäume verschwunden, als die Strasse entlang, mit Kienfackeln in den
Händen, die Reiter vom Springriver mit den in Pettyville hinzugekommenen Farmern
heransprengten.
    »Hier sind sie hinunter,« rief Husfield jetzt, sich im Steigbügel
niederbeugend und die Kienspäne so nahe wie möglich an die Erde haltend - »das
sind meine Pferde - verdammt will ich sein, wenn die Unverschämteit nicht in's
Grenzenlose geht; galoppieren mitten auf der breiten Countystrasse durch's Land,
als ob sie auf ihren eigenen Kleppern ritten. Aber wartet, Halunken, wartet -
der Strafe entgeht Ihr diesmal nicht.«
    »Bezweifle sehr, dass sie warten werden,« lachte Cook - »die Spuren sehen
auch gar nicht danach aus; - Wetter, wir sie hier eingegriffen haben - Husfield,
wir werden scharf reiten müssen, wenn wir sie morgen einholen wollen.«
    »Ob wir scharf reiten - und wenn ich auch diese Pferde zu Grunde richte;
lieber alle verloren, aber hängen muss ich die Canaillen sehen - hängen - sonst
kann ich nicht mehr ruhig schlafen.«
    »Mir war's, als ob ich einen Schrei hörte, wie wir dort oben um die
umgefallene Eiche herumritten,« sagte Curtis - »war's Euch nicht auch so?«
    »Ja,« erwiderte Husfield - »ich hörte etwas, das wird aber wohl ein Panter
gewesen sein, es gibt deren noch einige hier im Schilfbruch.«
    »Oh genug,« rief Cook - »besonders hier in der Gegend. Vor acht Tagen habe
ich erst einen geschossen, und Fährten sind im Überfluss da.«
    »Wie ist denn die Furt?« frug Husfield jetzt, sich im Sattel zurückbiegend;
»irgend eine tiefe Stelle hier, die gefährlich werden könnte?«
    »Ja - auf der anderen Seite,« erwiderte Curtis, »lasst mich nur voranreiten,
ich kenne den Platz.«
    Damit liess er sein Pferd langsam die steile Uferbank hinuntergehen und ritt,
von den Uebrigen einzeln gefolgt, zum anderen Ufer.
    »Seht Ihr die Fährten da?« frug Husfield, der den Zug beschloss.
    »Ja wohl - versteht sich,« rief Curtis zurück - »sie könnten auch nirgends
anders hinauf - gerade fort auf der Strasse, so wahr ich Curtis heisse. Sie
verlassen sich auf die schnellen Hufe ihrer Tiere.«
    »Wär's aber nicht besser, wir würfen die Fackeln jetzt weg?« frug Cook;
»sollten wir ihnen wirklich nahe kommen, so sehen sie die leuchtenden Brände zu
weit.«
    »Das ist wahr!« bestätigte Curtis, »die Fackeln löschen wir aus; sind sie
auf der Strasse geblieben, was ich jetzt keinen Augenblick mehr bezweifle, so
holen wir sie auch ein, und da können uns die leuchtenden Kienspäne nur Schaden
tun, also fort mit ihnen!« Und ohne weiter eine Zustimmung der Uebrigen
abzuwarten, schleuderte er seine Fackel hinüber in das feuchte Laub, wo sie
augenblicklich erlosch. Seinem Beispiel folgte Cook, nur Husfield suchte noch
dem Licht am Boden, um die bekannten Hufspuren wieder aufzufinden.
    »Sie sind hier hinauf,« rief ihm Curtis zu, »hier auf der Strasse selbst sind
ja die Fährten.«
    »Ihr habt Alles vertreten,« sagte Husfield; »nun, meinetwegen auch im
Dunkeln. Den Weg werden wir ja nicht verfehlen können.«
    »Ist nicht möglich,« erwiderte Cook, »wenigstens nicht in dieser Nacht, denn
es wird wohl hell sein, ehe wir die Stelle erreichen, wo er anfängt undeutlich
zu werden.«
    »Gut - vorwärts denn,« rief Husfield, indem er seine Kienspäne ebenfalls von
sich warf, »vorwärts, und wer von Euch die erste Hand an die Schufte legt, hat
ein Fass Whisky bei mir zu Gute.«
    Die Männer jubelten laut auf über den Preis, und hin auf der Strasse, den
»heissen Quellen« zu, flogen sie im gestreckten Galopp - Johnson's Fährten
folgend.
 
                                      14.
 Brown auf dem Rückwege. - Die geheimnisvolle Zusammenkunft. - Der Indianer. -
                         Der alte Farmer. - Canoefahrt.
Es war in der Dämmerung desselben im letzten Capitel beschriebenen Abends, als
das Pittsburger Fährboot, von zwei kräftigen Negern über den Arkansas gerudert,
an dem gegenüberliegenden südlichen Ufer des Flusses landete. Es setzte dort den
einzigen Passagier, einen jungen blassen Mann, ab, der sein kleines rauhhaarigss
Pony im Boot am Zügel gehalten. Der Reisende bezahlte das verlangte Fährgeld und
liess sein Pferd, dem er den Zügel über den Nacken warf, allein aus dem Boote
springen. Dasselbe bewerkstelligte dies auch sehr geschickt mit einem kurzen
Satze, lief dann etwa zwanzig Schritt weiter die Uferbank hinauf, und hielt
dort, an den Wurzeln einzelner Birken das dem sandigen Boden sparsam entkeimende
Gras abzureissen und zu verzehren.
    »Aber, Massa,« sagte einer der Fährleute, dessen entsetzlich breite
Nasenlöcher mit einem schmalen wolligen Schnurrbart zu wetteifern schienen, wer
von ihnen beiden sich am weitesten über die Mundwinkel hinunterdehnen könnte,
und dessen Haar mehr wie von der Sonne verbrannt als gekräuselt aussah, »ich
hab' Euch schon drüben gesagt, dass kein Haus auf sieben Meilen ist, und Massa
wird die Nacht im Freien und im Regen zubringen müssen.« - Während er diese
Worte sprach, schob er den erhaltenen halben Dollar Fährgeld in eine kleines
schmutzige lederne Taschenbuch und barg dieses dann wieder mit grosser Vorsicht
in der einen weiten Tasche seiner baumwollenen Hose.
    »Ich weiss das,« erwiderte gleichgültig der Fremde - »seit wann aber ist die
Hütte nicht mehr bewohnt, die, nicht weit von hier, am Rande der kleinen Prairie
steht? Früher waren Leute darin - Ansiedler aus Illinois.«
    »Oh, schon sehr lange, Massa,« entgegnete der Neger - »die Frau starb und -
die beiden Kinder auch. Da zog denn der Mann wieder fort, verkaufte aber das
kleine Stück Land mit der Hütte vorher an meinen Master in Pittsburg, und wie
ich drüben hörte, soll er den Mississippi hinauf nach Hause gegangen sein.«
    »Das Haus steht noch?«
    »Ja, Massa - aber -«
    »Nun - aber? - ist kein Dach drauf?«
    »Oh ja, Massa - ein gutes Dach - Alles in Ordnung noch - aber - die Leute
drüben erzählen - es wäre nicht ganz richtig in dem Hause.«
    »Nicht richtig, wie so?«
    »Nun - die Frau, die sie dort unter den fünf Pfirsichbäumen begraben haben,
die soll -«
    »Etwa noch gar ihr Wesen treiben?« lächelte der Fremde.
    »Ahem!« nickten die beiden Schwarzen jetzt sehr bedeutend zusammen und sahen
ängstlich die öde Uferbank hinauf und hinunter.
    »Weshalb glaubt man das?« frug der Weisse, indem er sich zum Gehen wandte -
»hat Jemand den Geist gesehen?«
    Wieder nickten die beiden Neger auf eine lebensgefährliche Art mit den
Köpfen, denn es schien fast unmöglich, mit solcher Kraft eine solche Bewegung
auszuführen, ohne das Genickdabei zu brechen. Uebrigens bedurfte es einer
zweiten Frage, um etwas Näheres über die gespenstische Wohnung zu erfahren, und
der, welcher zuerst gesprochen, sagte dann aus, dass man sich allerlei
entsetzliche Geschichten von jener Stelle erzähle, worunter die allgemeinste die
sei: »Der Mann habe zuerst seine Frau, die er los zu sein wünschte, und nachher
die beiden Kinder ermordet und sich dann auf einem Dampfschiff den Fluss hinunter
begeben; wohin? wisse man nicht. Das Grab hätten jedoch nach seiner Abreise zwei
Doktoren in Gegenwart von Gerichtspersonen geöffnet und ihren Verdacht bestätigt
gefunden; einer der Doctoren solle übrigens die beiden Kinderleichen gestohlen
haben, und die Mutter suche nun Nachts ihre Kleinen und kehre erst mit der
Morgendämmerung in das Grab zurück.«
    Der Neger glaubte jetzt wahrscheinlich zu viel über einen so schaurigen
Gegenstand gesprochen zu haben, als sich mit der Nähe des Ortes und der mehr und
mehr einbrechenden Dunkelheit vertrug, stiess daher, ohne weiter eine Antwort
abzuwarten, vom Ufer, wünschte dem Fremden eine gute Nacht, und gleich darauf
glitt, unter den langsamen, aber kräftigen Ruderschlägen, das breite,
unbehülfliche Fahrzeug über den Strom zurück.
    Brown, denn kein Anderer als unser junger Freund war der Fremde, der sich
auf seinem Rückweg nach dem Fourche la fave befand, schaute ihm noch lange
sinnend nach. Weiter und weiter verschwand es in dem feuchten Nebel, der sich
auf der Wasserfläche lagerte, und schien endlich nur noch ein unbestimmter
dunkler Fleck, von welchem aus jedoch die abgemessenen Schläge der Ruder scharf
und deutlich herübertönten. Endlich verschollen auch diese - das Boot hatte sein
Ziel erreicht, und wie aus einem Traum erwachend, seufzte der junge Mann schwer
und sorgenvoll, stieg dann zu seinem grasenden Tier empor, ergriff dessen Zügel
und schritt langsam den schmalen Fusssteig hinauf, der von der Fährbootlandung zu
der obenliegenden Fläche führte.
    Dort angelangt, blieb er einen Augenblick stehen und überschaute schweigend
die vor ihm ausgebreitete, mit düsteren Regenwolken überhangene Landschaft.
Wenige hundert Schritt vom Flusse aus schien der Boden durch das Steigen des
mächtigen Stromes aufgewühlt und mit dem weissen, ihm eigentümlichen Sand viele
Fuss hoch bedeckt zu sein. An manchen Stellen waren sogar Birken und
Baumwollenholzstämme halb von ihm verschlungen, und die Erde selbst glich mit
ihren langen, wellenförmigen Erhöhungen einem wogenden Meer. Weiterhin aber, wo
die Gewalt des angeschwollten Stromes durch Dickichte von Papaos und Platanen
gehemmt worden, lag die weisse, blendende Sandschicht wie eine ebene Schneedecke
auf dem ursprünglichen Fruchtboden und dehnte sich bis dortin aus, wo das Land,
höher steigend, dem gierigen Strom einen Damm entgegengestellt hatte. Dort
bildete grünes, üppiges Gras den weichen Teppich einer Art Prairie, an den sich
ein weiter, ungeheuer grosser, wilder Pflaumengarten schloss. Solche
»Pflaumengärten« findet man in den westlichen Staaten nicht selten, und ihre
buschig niederen Fruchtstämme sind sämtlich in früheren Zeiten von den
Indianern, besonders den Cherokesen, gepflanzt worden. Die früheren Eigentümer
dieses Landstrichs hatte man jetzt freilich von ihrem Grund und Boden vertrieben
und weiter westlich transportiert, und der Garten war zur Wüste geworden.
    Am Rande dieses »Cherokesischen Pflaumengartens,« wie der Ort von den
Bewohnern jener Gegend noch immer genannt wurde, lag nun das vorerwähnte kleine
Haus, das, nach des Negers Aussagen, solch' unheimlichen Gäste beherbergen
sollte. Brown wandte sich aber nichtsdestoweniger jener Stelle zu und erreichte
mit einbrechender Dunkelheit den verrufenen Ort.
    Es war eine jener kleinen Niederlassungen, wie sie sich zu Tausenden in dem
fernen Westen Amerikas finden: eine niedere Blockhütte, mit jetzt umgeworfenem
Lehmkamin, ein kleines, verwildertes, etwas zwei Acker grosses Feld, dessen
Umzäunung teils niedergefault, teils verbrannt war, ein halbverfallenes
Seitengebäude, das wahrscheinlich als Küche oder Vorratskammer gedient hatte,
und ein umgestürzter Brunnen, dessen Öffnung das abgesägte Stück eines hohlen
Baumes bedeckte. Der Platz schien seit langen Jahren nicht mehr bewohnt, aber
etwas so Wildes, Unheimliches ruhte auf der verödeten Stätte, dass Brown
unwillkürlich, als er eben die niederliegende Fenz überschreiten wollte, inne
hielt und nach der benachbarten Baumgruppe hinüberschaute, gleichsam mit sich zu
Rate gehend, ob ein Nachtlager im Freien, unter den grünen Bäumen des Waldes,
nicht dem in der, wenn auch trockenen, doch keineswegs traulichen Wohnung
vorzuziehen sei. Ein stärkerer Windstoss von Westen her, der ihm den Nebel in
dünnem, kaltem Sprühregen entgegenwarf, machte aber seiner Unschlüssigkeit auf
einmal ein Ende, denn er zog jetzt, ohne weiteren Zeitverlust, das treue Tier
in die innere Umzäunung und zu dem kleinen Nebengebäude hin, das er vor allen
Dingen untersuchte und als noch benutzbar fand. Zwar sah er sich genötigt, ein
paar keineswegs leichte Balken aus dem Wege zu heben, um seinem Pony den
Durchgang zu gestatten; dann aber hatte er auch die Genugtuung, das wackere
Tier, das ihn heute schon eine lange, lange Strecke getragen, trocken und vor
den kalten Nordwestwinden ziemlich geschützt zu wissen. Jetzt sehr zufrieden
damit, die Platz erreicht zu haben, schob er einen in der Ecke lehnenden Trog
herbei, holte den kleinen Sack, den er, an seinen Sattel geschnallt, mit sich
führte, und schüttete dem freudig wiehernden Pony seine Mahlzeit geschälten Mais
hinein.
    Das zuerst besorgt, dachte er nun auch an sein eigenes Lager und trat in das
Haus, um unter dem schützenden Dach desselben den matten Körper zu rasten und
für neue Anstrengungen zu stärken. So wüst und unbewohnt die aber auch von aussen
her erscheinen mochte, so fand der junge Jäger doch bald, dass es erst noch vor
kurzer Zeit ebenfalls einem Wanderer Schutz und Obdach gewährt haben musste, denn
in dem Kamin lag Asche und unter dieser glimmten sogar noch einige Kohlen.
Angenehmeres hätte ihm nicht leicht begegnen können, und schnell trug er einen
Arm voll abgebrochener Fenzstangen herbei, schnitzte mit seinem Jagdmesser dünne
Späne und sah bald darauf zu seiner Genugtuung ein helles, erwärmendes Feuer
emporlodern.
    Sattel und Decken hatte er mit hereingebracht; die letzteren breitete er
jetzt vor der freundlichen Glut aus, verzehrte als sehr frugales Abendmahl ein
kleines Stück getrocknetes Hirschfleisch und warf sich dann auf das harte, doch
ihm vollkommen genügende Lager nieder.
    Bis jetzt hatten die Vorbereitungen zu seiner eigenen Bequemlichkeit, wie zu
der seines Tieres, die geistigen Kräfte den jungen Mannes in Anspruch genommen.
Er war beschäftigt gewesen und keine Zeit war ihm dabei geblieben, über sich
oder seine Lage nachzudenken. Jetzt aber, vor dem knisternden Kohlen
ausgestreckt, in dem engen, unstäten Lichtkreis des flackernden Feuers, öffnete
sich sein Herz, und neben den wenigen seligen Minuten der letzten Vergangenheit
schritt vor ihm sein Schicksal ernst und trübe in die dunkle Zukunft hinaus. Er
sah sich im heissen Kampfe mit den mexikanischen Söldlingen, die Freiheit einer
jungen Nation verteidigend; er sah sich unter dem Donner der Tod und
Vernichtung herüberschleudernden Geschütze anstürmen gegen die feindlichen
Batterien - er sah sich blutend im Todeskampf unter den Gefallenen, aber auf
siegreich gewonnenem Schlachtfeld liegen, und ein fast triumphierendes Lächeln
überflog seine bleichen Züge, während er krampfhaft die neben ihm ruhende Büchse
erfasste und, mit stolzem, todesmutigem Blick sich halb von seinem Lager
erhebend, durch den eingestürzten Kamin hinausstarrte in die finstere,
sternenlose Nacht. Da plötzlich drängte sich das Bild der Geliebten vor seine
Seele, wie sie, einem schönen Opfer gleich, ihre Hand in die des ihr
zugeteilten Gatten legte - er sah sie erblassen, sah, wie sie ängstlich nach
Hilfe - nach ihm umherschaute - hörte ihren halbunterdrückten Schmerzensschrei,
und - der stolze, kräftige Mann brach zusammen unter den auf ihn einstürmenden
tödtlichen Gefühlen. Er barg das Antlitz in den Händen, warf sich auf das rauhe
Lager zurück und weinte - weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte.
    Aber auch dieser wilde, tobende Schmerz gab endlich einer weichen,
besänftigenden Wehmut Raum; die Hand auf das pochende Herz, die brennende Stirn
gegen die rauhe Bärenfelldecke des Sattels, die ihm zum Kopfkissen diente,
gedrückt, betete er - für das Glück der Geliebten, für die Ruhe der eigenen
schwerbedrängten Brust, und mit dem Namen des teuren Mädchens auf den Lippen
nahm ihn endlich der Schlummergott in die weichen Arme und trug ihn hinüber an
das Herz der so heiss Ersehnten.
    Mitternacht musste vorüber sein, als er aus seinem süssen Traum erwachte und
sich in der traurigen Wirklichkeit nicht mehr vor dem wärmenden Feuer, sondern
vor dem offenen Kamin befand, durch den ihm der wilde Sturm den kalten,
schneidenden Wind hereinjagte. Die Kohlen waren dabei gänzlich ausgebrannt -
kein Funke mehr zu finden, und fröstelnd rückte er sein Lager zurück in die mehr
gegen Sturm und Wetter geschützte hintere Ecke der Gebäudes, um hier die
ersehnte Morgendämmerung zu erwarten.
    Kaum war dies jedoch geschehen, als ihm vorkam, als ob er an der Aussenseite
des Hauses Stimmen höre. Schnell rief ihm dies die Erzählung des Negers, die er
fast schon vergessen, in's Gedächtnis zurück, und auf den rechten Ellbogen
gestützt, fühlte er erst sorgfältig nach Büchse und Messer, ob ihm die treuen
Waffen zur Seite lagen, und lauschte dann mit zrückangehaltenem Atem und der
gespanntesten Aufmerksamkeit dortin, von woher er zum ersten Mal die Töne
vernommen zu haben glaubte. Aber nichts liess sich weiter hören, und schon wollte
er, mit einem Lächeln über seine eigene Gespensterfurcht, zurück auf das Lager
sinken, als er wieder, und zwar ganz in der Nähe, menschliche Laute unterschied.
Fast in demselben Augenblick riss Jemand die Tür auf und betrat den engen Raum,
während eine rauhe Stimme ausrief:
    »Verdammtes Nest! Ich glaubte schon, ich würde es in der dunklen Nacht nicht
wiederfinden. - Ist das ein Wetter - gut für Geschäfte übrigens.«
    »Doch nicht nass genug,« erwiderte ein Zweiter, »verwischt zwar ein bisschen,
aber nicht hinlänglich.«
    »Hol' mich der Böse, wenn's nicht für mich wenigstens hinlänglich ist. -
Mich schüttelt's, dass mir die Zähne im Munde zusammenschlagen; wenn wir nur ein
Feuer anzünden könnten.«
    »Mit was denn?« frug der Andere - »Alles ist nass und aufgeschwemmt, und ich
habe nicht einmal einen Tomahawk bei mir, um trockene Späne zu bekommen. Als ich
heute Nachmittag hier war, hatt' ich zwar ein kleines Feuer, hab' es auch, wie
ich fortging, mit Asche bedeckt, um Glut zu haben, jetzt aber,« sagte er, in
dem Kamin mit der Fussspitze herumfühlend und die Asche bei Seite schiebend, »ist
Alles dunkel wie die Nacht. Wir dürfen uns übrigens gar nicht so lange hier
aufhalten, ich wenigstens nicht, denn ich muss morgen Abend wieder zu Hause sein,
da sich unsere Nachbarschaft in der nächsten Woche ein wenig in Aufregung
befinden wird. Sobald das Wetter nur etwas nachgelassen hat, geh' ich.«
    »Unsere Pferde werden sich doch indessen nicht losreissen? wir hätten sie
lieber mit herbringen sollen.«
    »Denken gar nicht dran - in solchem Wetter stehen sie still und rühren sich
nicht. - Nein, ich habe sie mit Willen nicht in diese Gegend geführt, da ich
hier nicht gern Pferdespuren haben will. Doch jetzt zu unserer Verabredung; die
Zeit ist kostbar, und das uns vergönnte halbe Stündchen müssen wir benutzen.
Wann gedenkt Ihr wieder zurück zu sein?«
    Brown, für den die erste Ueberraschung im Anfang wirklich etwas Lähmendes
gehabt hatte, wurde noch mehr durch die dunkeln Worte stutzig gemacht, die
dieses Wetter als »gut für Geschäfte« priesen, und er wusste wirklich nicht
gleich, was er tun, ob er sich zu erkennen geben oder ruhig liegen bleiben
sollte. Der Gedanke, den Horcher zu spielen, war ihm aber zu fatal, und schon
wollte er durch einen Anruf seine Gegenwart verraten, als ihn die Äusserung des
Einen auf's Neue in seinem Vorsatze wankend machte. Der Widerwille des einen
Fremden gegen Pferdespuren in der Nähe dieser Hütte machte ihn stutzig.
    »Sollten diese Männer zu der Bande gehören, zu deren Unterdrückung sich die
Regulatoren vereinigt hatten?« war sein erster Gedanke, und das fortgeführte
Gespräch musste ihn immer mehr in diesem Verdacht bestärken. Leise zog er deshalb
nur das Messer aus der Schneide, denn wenn er entdeckt, musste er auf einen
Angriff gefasst und zur Verteidigung gerüstet sein, und schmiegte sich dann mit
angehaltenem Atem in seine Ecke zurück, um zu vernehmen, welche Pläne diese
würdigen Leute hierher geführt, und ob es ihm vielleicht vorbehalten sei, einen
ihrer Anschläge zu nichte zu machen.
    »Wann ich zurück sein kann?« antwortete der Andere nachdenkend - »ja darüber
können immer vierzehn Tage bis drei Wochen verlaufen. - Der Platz ist weit von
hier und ich muss sehr vorsichtig zu Werke gehen.«
    »Vergesst nur, ehe Ihr zu meinem Hause kommt, nicht die Vorsicht an dem
kleinen Bach,« erwiderte ihm der Andere. »Wenn Spuren auf mein Haus
zurückführten und die gottverdammten Regulatoren Wind bekämen, so möchte eine
Nachsuchung unvermeidlich werden, und das könnte Euch ebenfalls Schaden
bringen.«
    »Mir? wie so denn?«
    »Nun, wenn sie Eure Pferde erwischen, glaubt Ihr, ich bezahle Euch nachher
den Gewinn oder vielmehr Verlust heraus?«
    »Ja so - ich glaubte schon, Ihr meintet es auf andere Art; - nein, habt
keine Angst, ich kenne die Vorsichtsmassregeln genau. Aber halt - da fällt mir
noch etwas ein: wahrscheinlich werde ich selbst die Pferde nicht ganz bis zu
Euch transportieren können. Ich habe gerade in jener Zeit Geschäfte, die mir
hoffentlich mehr einbringen sollen; sind diese beendet, dann kehre ich bei Euch
ein und wir können mit einander abrechnen. Uebrigens noch Eins: vertraut dem
Mann, der Euch die Pferde bringt, in jeder Hinsicht, nur - nur gebt ihm kein
Geld für mich.«
    »Habt keine Angst. - Wird er aber die Platz kennen, wo er vor meinem Hause
vom Wege abbiegen muss?«
    »Genau - er hat sie mir Stelle selbst und zuerst beschrieben.«
    »Kenn' ich den Mann?«
    »Ich glaube nicht.«
    »Wie soll ich aber da wissen, ob er der ist, dem ich mein Geheimnis
anvertrauen darf?«
    »Hahaha - der kennt es gut genug, doch halt - damit Ihr Euch besser
verständigen könnt, so mag er nach dem Fourche la fave fragen. - Ihr antwortet
ihm darauf, dass der neben dem Hause fliesst. Seine nächste Frage hierauf sei: wie
steht's mit der Weide in hiesiger Gegend? und wenn er Euch zum dritten Mal um
einen Trunk Wasser ersucht, so öffnet ihm Tor und Tür - es ist der Rechte.«
    »Gut - solche Vorsicht ist allerdings notwendig, denn ich habe nicht allein
oft Gäste aus der Nachbarschaft, sondern meine Pflegetochter, die bei mir im
Hause wohnt, darf ebenfalls nichts davon erfahren. - Der Teufel traue
Weiberzungen, 's ist schon gefährlich genug, dass es meine Alte weiss. Doch jetzt
gute Nacht - der Regen hat nachgelassen, und ich muss heim. Euch wär's auch
besser, dass Ihr diesen Platz so schnell wie möglich wieder verliesset. Mich
wundert's, dass Ihr, wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was man sich von Euch
erzählt, nur noch überhaupt das Herz habt, hierher zu kommen.«
    »Kindergeschichten,« murrte der Andere. - »Es wird übrigens nicht lange
trocken bleiben, wir bekommen wahrscheinlich einen nassen Morgen.«
    »Vielleicht nicht, meiner Meinung nach fängt es an kälter zu werden, und
dreht sich der Wind -«
    »Nun, was habt Ihr?« frug der Eine, als Jener, durch irgend etwas gestört,
plötzlich in seiner Rede einhielt.
    »War mir's doch, als ob ich hier ganz in der Nähe ein Pferd stampfen hörte,«
sagte dieser.
    »Oh, Unsinn,« murrte sein Kamerad - »die Tiere stehen eine Viertelmeile von
hier entfernt. - Doch kommt, es scheint wirklich, als ob es besser Wetter werden
wollte.«
    Die Tür öffnete sich wieder - die Männer traten hinaus, und Totenstille
herrschte auf's Neue in der verödeten, dunklen Hütte. Lange aber noch lag Brown
regungslos in seine Decke gehüllt und lauschte dem Sturm, der jetzt tobend durch
die Ritzen und Spalten des Hauses pfiff, mit den losgerissenen Dachbrettern
spielte, in den Wipfeln der Bäume rauschte und seine Bahn in tollem Mutwillen
die breite Fläche des Arkansas nieder verfolgte.
    »Wer konnten nur die Männer gewesen sein, die hier in solcher Nacht und an
solcher Stelle mit einander verkehrt hatten?« Das war der Gedanke, der ihn fast
einzig und allein beschäftigte. Etwas Gutes lag nicht in ihrem Plane, sonst
hätten sie bessere Zeit und Gelegenheit gewählt - wer aber waren sie? Die eine
Stimme besonders kam Brown bekannt vor, und er wusste genau, dass er dieselbe
schon einmal gehört hatte. Wo aber oder wann, hier in Arkansas oder in Missouri,
ja gar über dem Mississippi drüben, das war ihm nicht möglich zu entscheiden. Im
Nachdenken darüber verwirrten sich jedoch seine Ideen wieder - er schloss die
Augen, zog die Decke über den Kopf, um ungestört von äusseren Eindrücken jene
Stimme in die verborgensten Tiefen seines Gedächtnisses verfolgen zu können, und
- träumte in wenigen Minuten wieder. Die beiden Stimmen wurden ihm dabei immer
bekannter, immer vertrauter, und zuletzt konnte er sogar die Gestalten erkennen
- Marion und Rowson, wie die Geliebte vor der Umarmung des ihr aufgedrungenen
Bräutigams zurückfloh - immer weiter und weiter, und ihr Verfolger immer tollere
und entsetzlichere Gestalten annahm, ihr immer näher und näher kam - sie zu
erfassen drohte, und das arme Mädchen endlich in höchster Todesangst um Hilfe
hinausrief in die dunkle, stürmische Nacht.
    Entsetzt warf er die Umhüllung von sich und sprang empor - der kalte Schweiss
stand ihm auf der Stirn, doch - es war ja nur ein Traum gewesen. Draussen aber
heulte der Uhu sein monotones, schauriges Morgenlied, ein paar Wölfe antworteten
aus weiter Ferne, und ein mattes Licht, das von dem öslichen Himmel ausging,
kündete den nahenden Morgen.
    Die Luft war bitterkalt geworden, der Wind hatte sich nach Nordost gedreht,
und kein Wölkchen trübte mehr das reine, blaue Himmel. Brown, den die Vorfälle
der Nacht jetzt fast wie ein wirklicher Traum vorkamen, da sie sich mit dem
seinigen verschmolzen, blieb sinnend und brütend stehen und versuchte auf's
Neue, aber wiederum vergebens, jene Personen mit von ihm erlebten Scenen zu
verbinden. Umsonst - er musste den Versuch endlich aufgeben, und ging nun mit um
so grösserem Eifer daran, sich in der Beschäftigung des Augenblicks zu zerstreuen
und zu vergessen, was er doch nicht ändern oder ergründen konnte. Mit dem
letzten Mais, der ihm geblieben, fütterte er sein Pony, führte es dann an eine
kleine, durch das feuchte Wetter gebildete Lache, um seinen Durst zu löschen,
sattelte es und war schon im muntern Trabe auf dem Heimweg, ehe noch die Sonne
durch einen einzigen Strahlengruss ihr Kommen angekündigt hatte.
    Die frische Morgenluft und der scharfe Ritt gaben aber seinem Körper wie
seiner Seele neue Spannkraft, und das kleine mutige Tier, das er ritt, trabte,
von dem leichten Schenkeldruck berührt, mit freudigem Schnauben durch das
flache, sumpfige Tal des Arkansas, bis es die ersten niederen Hügelreihen
betrat und nun, festen Boden unter den Hufen fühlend, über denselben hinflog,
als ob es sich selber danach sehne, die heimische Weide recht bald wieder zu
begrüssen.
    Da sah der Reiter auf dem breiten, ausgehauenen Wege, dem er folgte, einen
Fussgänger schnell daher schreiten und erkannte im Näherkommen zu seinem
unbegrenzten Staunen den Indianer.
    »Assowaum!« rief er, indem er dem Pony mit rascher Hand in die Zügel griff.
Das blieb übrigens schon von selber stehen, da es roten Krieger gut genug
kannte und wohl wusste, es verstehe sich von selbst, dass die beiden befreundeten
Männer auch mit einander plandern müssten. - »Assowaum - was in aller Welt führt
Dich dieses Weges? wohin willst Du?«
    »Bis zu dieser Stelle,« antwortete ruhig der Indianer, indem er die ihm
dargereichte Hand fasste und drückte.
    »So hast Du mich gesucht? was ist vorgefallen?«
    »Viel - sehr viel - und weiss mein Bruder gar nichts davon?«
    »Ich? woher ich - war ich nicht - und doch - die beiden Männer in der
letzten Nacht - ihre geheimnisvolle Zusammenkunft - wer weiss, in welcher
Verbindung das mit dem steht, was Du mir zu sagen hast. Doch heraus mit der
Sprache - ich brenne vor Neugierde.«
    »Und wisst Ihr gar nichts?«
    »Oh zum Henker, Assowaum, schneid' nicht so ein ernstgewichtiges Gesicht,«
rief Brown lächelnd. »Wenn ich am andern Ufer des Arkansas bin, wie kann ich da
wissen, was am Fourche la fave vorgeht?«
    »Aber vor Eurer Abreise -«
    »Mein Streit mit Heatcott?«
    »Heatcott ist ermordet!« sagte der Indianer ernst, indem er dem jungen Mann
forschend in's Auge sah.
    »Gerechter Gott!« rief Brown, das Pony zurückreissend, dass es hoch aufbäumte
in jähem Schmerz - »das wäre schrecklich!«
    »Der Verdacht ruht auf Euch,« fuhr der Indianer, sein Auge nicht von ihm
wendend, fort - »und man endschuldigt Euch auch vollkommen. Der Todte hat wilde
Drohungen ausgestossen - hätte sie vielleicht wahr gemacht - war möglicher Weise
im Begriff, sie wahr zu machen, und Eure Tat wird, wie sie sagen, dadurch
gerechtfertigt, nur -«
    »Assowaum!« rief, diesen unterbrechend, der junge Mann, indem er aus dem
Sattel sprang und neben den Indianer trat - »Assowaum - bei jenem blauen Himmel
da droben, der sich über uns ausspannt - bei dem Grabe meines Vaters - bei
dieser Hand, die ich rein und frei emporstrecke - ich bin unschuldig an dem
Morde. - Ich habe den Unglücklichen seit dem Augenblick, wo wir uns vor Roberts'
Hause trennten, nicht wieder gesehen. Glaubst Du noch, dass ich schuldig sei?«
    Der Indianer streckte ihm lächelnd die Hand entgegen und rief mit freudigem
Tone: »Assowaum hat es nie geglaubt - wenigstens nicht von dem Augenblick an, wo
er hörte, der Ermordete sei beraubt worden.«
    »Und auch dessen beschuldigt man mich?« frug Jener entsetzt.
    »Böse Menschen - ja - die guten kennen Euch besser. Mr. Harper und Mr.
Roberts glauben es nicht.«
    Brown barg bei Roberts' Namen das Gesicht in den Händen und stützte sich
seufzend auf den Sattelknopf des ruhig neben ihm anhaltenden Tieres.
    »Lasst Euern Fuss sehen!« sagte jetzt der Indianer, indem er den Tomahawk aus
dem Gürtel zog.
    »Weshalb? Hast Du die Fährte gemessen?«
    »Ahem,« nickte und Wilde und hielt den Stiel der Waffe an die Sohle des
Freundes.
    »Dreiviertel Zoll zu lang,« sagte er dann vergnügt vor sich hin - »dacht' es
doch!«
    »Ich trug die Stiefel nicht einmal an jenem Morgen, an dem ich den Fourche
la fave verliess,« sagte Brown, indem er in die Satteltasche griff: »hier diese
Moccasins. - Waren es Stiefelfährten, die Du bei der Tat entdecktest?«
    »A-hem,« nickte der Indianer wieder, aber langsamer als vorher, und es war
fast, als ob ein neuer Gedanke ihm plötzlich durch's Hirn zucke. - Er legte den
Tomahawk vor sich auf die Erde nieder und schien mit der Länge am Stiel ein
anderes Mass zu vergleichen, das er sich durch Ausspannen der Finger gemerkt,
dann aber schaute er plötzlich mit einem so wilden und stieren Blick zu dem
jungen Amerikaner empor, dass dieser entsetzt einen Schritt zurücktrat und ihn
frug, was er habe - an was er denke.
    »Nichts - nichts,« lächelte Wilde geheimnisvoll, »kommt - wir müssen zurück
- die Zeit vergeht. Sie halten Euch für schuldig; böse Menschen sprengen
allerlei Gerüchte aus - und der kleine Mann ist krank geworden - er liegt
allein; Alapaha hört die Predigt des blassen Mannes und wird erst am Abend zu
ihm zurückkehren. Will mein Bruder ihnen nicht selber sagen, dass er schuldlos
ist?«
    »Aber wo geschah der Mord? wie erfuhr man das Entsetzliche?«
    »Fort - fort; wir können gehen und reden - Assowaum muss an den Fourche la
fave.«
    Mit schnellen Schritten eilte der Indianer jetzt den Weg, den er eben erst
gekommen, zurück, und Brown musste das Pony fast stets in einem kurzen Trabe
halten, um nur an seiner Seite zu bleiben. dabei machte jener ihn mit allen den
Vorgängen, bei denen er Zeuge gewesen war, bekannt und erfuhr nun auch
seinerseits Alles, was Brown über das nächtliche Rendezvous der beiden Männer
wusste. Der Indianer behauptete dabei, dass ihm heute Morgen ein Mann auf grossem,
braunem Pferde begegnet sei. Er habe aber sein Gesicht nicht erkennen können, da
er ganz in seine wollene Decke eingehüllt gewesen wäre und diese beim Anblick
des Indianers eher noch fester um sich gezogen hätte.
    »Vielleicht, dass dies Einer der Beiden war,« fuhr Assowaum fort, indem er
auf die Hufspuren hindeutete, die vor ihnen herliefen, »vielleicht nicht; aber
hier ist die Spur, und wir können ihr folgen.«
    Davon wurden sie jedoch abgelenkt, denn als sie in das Fourche la fave-Tal
kamen, war dies durch den Regen der vorigen Nacht und durch das Austreten
einiger kleiner Gebirgsbäche so sumpfig geworden, dass der Indianer vorschlug,
den nicht mehr weit entfernten Fluss in gerader Linie zu erreichen und den Weg in
einem Canoe, das er bei einem dort wohnenden Farmer zu erhalten hoffte,
fortzusetzen. Bei hohem Wasser schoss der kleine Strom nämlich mit ungeheurer
Schnelle dem Arkansas zu, und dehnte sich auch der Weg durch die unzähligen
Wendungen der Strömung um manche Meile weiter aus, so konnte er doch in einem
leichten Fahrzeuge schneller zurückgelegt werden, als wenn die Wanderer ihren
schlammigen Bahn Meile nach Meile langsam fortsetzen mussten.
    Brown gehorchte gern dem Rate des Freundes, da er solcher Art Roberts'
Wohnung umgehen konnte. Das sumpfige Tal also vermeidend, folgten sie einem
sogenannten spur oder Ablaufe der Berge, der sie trockenen Fusses bis unmittelbar
an das Ufer des Flusses brachte, und die Sonne stand noch mehrere Stunden hoch,
als sie dort die Wohnung eines der älteren Ansiedler des Fourche la fave, Namens
Smeiers, erreichten.
    Wie es der Indianer aber gedacht hatte, so schäumte der Fluss in zorniger
Wut gegen die ihn beengenden Felswände an; der Farmer warnte auch die Männer,
sich dem kleinen, schwankenden Kahne anzuvertrauen, da sie Stellen zu passieren
hätten, in denen sich selbst ein geübter Schwimmer nicht würde retten können.
Doch überliess er ihnen gern den Kahn und versprach auch, am nächsten Tage, als
an einem Sonntag, das Pony mit seinem ältesten Knaben nach Harper's Wohnung
hinunter zu schicken. Das Canoe aber kaufte ihm Brown gleich ab, da er es im
Fluss, an seines Onkels Hause zu behalten wünschte.
    Ihr freundlicher Wirt tischte indessen auf, was in seinen Kräften stand, um
die müden Wanderer zu erquicken und zu stärken: wilden Trutahn und Honig, süsse
Kartoffeln, Kürbismuss und Maisbrod, sowie einen Becher woll ächten
Monongehela-Whiskys, und Beide liessen sich nicht lange nötigen, an dem
freundlich gebotenen Mahle Teil zu nehmen.
    »'s ist heute wieder einmal Alles ausgeflogen,« sagte der alte Mann, als ein
kleines Negermädchen die letzte Schüssel hereingetragen und die Gläser der Gäste
mit frischer, köstlicher Milch gefüllt hatte.
    »Wohin?« frug Brown, das Glas von den Lippen nehmend.
    »Betversammlung ist heute!« unterbrach ihn der Indianer, indem er das Messer
neben sich in den Tisch stiess und den Trutahnflügel in die Finger nahm - »der
bleiche Mann muss nicht viel von der Tugend der Weissen halten, denn er lässt sie
alle Wochen ein paar Mal zu ihrem grossen Geiste beten.«
    »'s ist wahr!« meinte der Farmer, indem er einen herzhaften Schluck aus dem
Whiskybecher getan und diesen dann dem Weissen hinüberreichte - »es wird mir
bald selbst zu toll. - Mein Nachbar hier - Smit - ist auf einmal mit seiner
ganzen Familie religiös geworden, wie sie's nennen, und da half denn weiter gar
nichts, meine Alte musste ebenfalls mit, und schleppt sich nun zur Gesellschaft
die armen Mädchen mit hinüber, die doch wahrhaftig noch an 'was Anderes zu
denken hätten, als nur an Beten.«
    »Die Frauen fühlen eher das Bedürfnis, sich zu ihrem Gott zu wenden, als wir
Männer,« erwiderte Brown - dachte er doch der Geliebten, wie er sie so oft in
kindlich-frommer Andacht gesehen. »Unser ganzes Schaffen und Wirken lässt uns
schon zu wenig Zeit übrig, das Herz Gefühlen zu eröffnen, die genährt und
gepflegt sein wollen, und nicht auf einmal, schnell emporgerufen, in's Leben
springen können. Den auf den engen Kreis ihrer Häuslichkeit angewiesenen Frauen
ist die Religion dagegen fast ein Teil ihrer selbst, und ich möchte sie drum
nicht tadeln, wenn sie mit einer Innigkeit und Verehrung an jenen kirchlichen
Gebräuchen hängen, die der rauhere Mann in dem Grade wohl nicht für sie
empfindet.«
    »Bester Herr,« sagte der Alte in freundlichem Tone, »der liebe Gott soll
mich behüten, dass ich den Frauen gram oder auch nur hinderlich werden sollte,
wenn sie beten wollen; aber verdammt will ich sein, wenn ich nicht glaube, dass
sie auch noch etwas Anderes auf der Welt zu tun haben, als nur zu beten. - Der
Teufel hole die Betschwestern - das sag' ich, und das ist, glaub' ich, das
Schlimmste, was man mit gutem Gewissen selber dem Teufel wünschen kann.«
    Assowaum nickte lächelnd mit dem Kopf und sagte:
    »Ich werde Alapaha hier heraufschicken - solche Predigt täte ihr besser,
als die des blassen Mannes.«
    »Missverstehen Sie mich nicht,« erwiderte Brown, »Gott weiss es, wie zuwider
mir das Frömmeln ist, und es scheint wirklich, als ob es in diesen Ansiedlungen
ein wenig überhand nehmen wollte, doch - liegt das vielleicht mehr an den Leuten
selbst, als an dem Prediger. Ich glaube wenigstens, dass Mr. Rowson mit
Ueberzeugung spricht und das im innern Herzensgrunde fühlt, was er predigt.«
    »Aufrichtig gesagt, glaub' ich das nicht,« rief der Farmer, ungeduldig auf
dem Stuhle herumrückend, »ich habe ihn zwar erst einmal gehört, da hat er mir
aber nicht gefallen. - Das Augenverdrehen ist ein böses Zeichen. Wenn ein Mensch
erst anfängt, wie ein krankes Huhn auszusehn, dann kann ich mir nicht denken,
dass er noch im Stande ist, grosse Andacht zu haben. Doch - meinetwegen - ich
werde ihm nicht wieder beschwerlich fallen, wünsche aber wirklich, er gäbe
meinen Frauen, wenigstens nur einer von ihnen, jedesmal Urlaub, dass es doch bei
mir auch aussähe, als ob ich eine Heimat hätte. - Aber Sie sind fertig und
scheinen zu eilen; nun, mein Geschwätz soll Sie nicht länger aufhalten. Nehmen
Sie sich übrigens mit der Nussschale in Acht - die Strömung ist sehr arg und ein
Unglück leicht geschehen.«
    »Keine Angst, Sir,« lächelte Brown. - »Wir wissen Beide mit solchen
Fahrzeugen umzugehen, und habe ich ja einen Indianer, der das Steuer führen
wird; in besseren Händen könnt' es nicht sein. Also das Pony kommt sicherlich
morgen hinunter?«
    »Nach Mr. Harper's Haus - Sie können sich sicher drauf verlassen,« sagte der
Farmer. - »Ihr Name ist Harper, nicht wahr?«
    »Brown! Sir.«
    »Brown?« frug der Alte schnell und erschrockt, indem er das Auge fest auf
den jungen Mann heftete, der seinem Blicke indessen ruhig begegnete, »Brown?
Doch nicht der -«
    »Von dem man sagt, dass er den Regulator ermordet habe? Derselbe, Sir,«
erwiderte der junge Mann; »aber,« fuhr er fort, indem er einen Schritt vortrat
und ein höheres Rot seine Wangen färbte, »es ist schändliche Verleumdung, und
ich bin jetzt auf dem Wege, das Gerücht Lügen zu strafen. Ich habe den Mann
nicht erschlagen.«
    »Er hatte Euer Leben bedroht,« fuhr der Farmer, noch halb zweifelnd, fort.
    »Ja!« rief Brown in edlem Feuer - »und ich würde ihn getötet und dann frei
und offen die Tat bekannt haben, hätte er sich mir im ehrlichen Kampfe
entgegengestellt. Der Mann ist aber, wie mir hier der Indianer sagte, von Zweien
überfallen, gemeuchelmordet und beraubt, und - sehe ich denn aus wie ein
Meuchelmörder?«
    »Nein - straf' mich Gott: nicht,« rief der ehrliche Landmann, des jungen
Mannes Hand ergreifend - »nein. - Ich kenne Euch nicht weiter, aber Ihr habt
'was Ehrliches, Braves im Gesicht, und da Ihr selber sagt, dass Ihr's nicht
waret, so will ich verdammt sein, wenn ich's nicht glaube. Meine Mädchen waren
gestern unten bei Roberts gewesen, und die meinten auch, Mr. Rowson's Braut
hätte Euch sehr in Schutz genommen.«
    »Assowaum, wir müssen wirklich fort,« rief Brown, sich plötzlich zu dem
Indianer wendend, der schon, seiner harrend, in der Tür stand.
    »Ich bin bereit - es wird spät,« erwiderte dieser, und noch einmal drückte
der junge Mann dem Farmer herzlich die Hand, dankte ihm nicht allein für seine
Freundlichkeit und Güte, sondern noch mehr für das Zutrauen, das er in ihn
setzte, und sprach die Hoffnung aus, seine Unschuld bald und völlig an's
Tageslicht gebracht zu sehen. Die Männer bestiegen nun das Boot, Assowaum setzte
sich in das Hinterteil desselben, den schmalen Nachen zu lenken, während Brown
im Vorderteile nahm und Beide ihre Gewehre an sich befestigten, damit sie
diese, im Fall eines Unglücks, nicht einbüssten. Vom Ufer losgebunden, glitt das
scharfe, leichte Fahrzeug, jetzt von den zwei kräftigen und geschickten Männern
getrieben, mit fast wunderbarer Schnelle über die kochende, schäumende Flut und
verschwand schon in der nächsten Minute um den vorspringenden, eine spitze
Landzunge bildenden Felsen, der sich mehrere hundert Schritt unterhalb der
Wohnung in den Fluss hineinstreckte.
    Glücklicher Weise aber passierten die beiden Freunde die gefährlichsten
Stellen noch bei Tageslicht, besonders solche Plätze, wo in den Fluss
hineingeschwemmte Birken und Weiden einem so schwanken Fahrzeuge leicht hätten
gefährlich werden können. So erreichten sie, als es eben anfing zu dämmern, den
seichteren, aber auch breiteren Teil des Stromes, der auf seiner nicht mehr so
dunkelschafttig überhangenen Bahn jeden fremden Gegenstand im Fahrwasser leicht
erkennen liess.
    Schweigend glitten sie jetzt, nicht mehr rudernd, sondern bloss steuernd, mit
der Flut hinab, als Assowaum plötzlich mit der Hand nach vorn deutete und
seinen Gefährten, der mit dem Rücken nach dem Bug des Kahnes gewendet sass, auf
einen hellen, vor ihnen sichtbar werdenden Schein aufmerksam machte.
    »Sonderbar - was kann das sein?« sagte Brown, sich danach wendend, »so weit
es die dichten Büsche erkennen lassen, sieht es aus wie viele Lichter oder
Fackeln. In welcher Gegend mögen wir uns nur befinden? Ist denn hier ein Haus am
Ufer?«
    »Ja!« sagte der Indianer leise, den Kahn dort hinübersteuernd - »ja - eine
leere Hütte. - Alapaha war hier gestern Abend - wir wollen landen,« - und im
nächsten Augenblicke schoss auch schon das kleine leichte Fahrzeug an die
Uferbank -, wo es von seine Eigentümern schnell mit der gewöhnlichen
Ankerkette, einer dünnen Weinrebe, am Stamme einer jungen Birke befestigt wurde.
 
                                      15.
                 Die Betversammlung. - Die Schreckensbotschaft.
Die Sonne hatte die Mittagslinie etwa zwei Stunden überschritten, als von
mehreren Seiten zu gleicher Zeit verschiedene Gruppen an einem kleinen
Blockhause erschienen, das einsam und allein im weiten, stillen Walde lag. Der
Besitzer desselben, Mr. Mullins, ebenfalls ein neuer Ansiedler und ein
fleissiger, ordentlicher Mann, hatte schon in kurzer Zeit ein recht hübsches
Stück Land urbar gemacht. An dem Haus selbst konnte man aber nichts davon
bemerken, denn dieses stand, ganz unähnlich der sonstigen amerikanischen
Farmsitte, wohl eine halbe Meile vom Felde entfernt, am Abhang eines kleinen
felsigen Hügels, dee die erste Abdachnung jenes die Wasser des Fourche la fave
und den Petite-Jeanne scheidenden Gebirgsrückens bildet. Um die Wohnung selbst
lagen dabei in wilder Unordnung gefällte Bäume und gespaltene Fenzstangen umher,
was dem Platz ein zwar neues, aber auch zu gleicher Zeit ungemütliches, ja
trauriges Aussehen gab.
    Wie öde und still jedoch auch Alles den ganzen Morgen über dareingeschaut
hatte, so belebt wurde es jetzt. Kein Busch, an dem nicht ein Pferd angebunden
stand, kein gefällter Stamm, auf dem nicht ein paar sonntäglich gekleidete
Männer sassen und traulich mit einander plauderten, während die Frauen in das
Haus traten, um dort vor allen Dingen ihre Hüte und Tücher abzulegen. Dort bot
sich für sie dann allerdings auch zugleich die Gelegenheit, sich, ehe der
Prediger kam, nur ein klein wenig und ganz insgeheim über die Sünden ihrer
Nebenmenschen aufzuhalten, natürlich mit dem sehr freundlichen Zweck, dieselben
so sehr zu bemänteln, wie sich das nur möglicher Weise mit einer genauen und
vollständigen Aufzählung derselben vereinigen liess.
    »Sonderbar, dass Mr. Rowson noch nicht da ist,« sagte Madame Pelter zu Madame
Mullins, »er hält doch sonst so pünktliche Stunden.«
    »Wird wohl mit Roberts kommen,« war die Antwort - »in drei Wochen ist ja die
Hochzeit, und da darf er die Braut doch nicht so lange mehr allein lassen.«
    »Was? - Hochzeit?« frugen drei oder vier Andere, sich neugierig
hinzudrängend, »ist's wirklich wahr, dass Mr. Rowson Marion heiratet?«
    »Ich hab's von der Mutter selbst, und die sollt' es doch wissen - dass sie
einander lieben, war ja ausserdem schon lange eine altbekannte Sache. Uebrigens
muss ich Sie bitten, noch keinen Gebrauch davon zu machen, denn ich weiss nicht,
ob es schon veröffentlicht werden darf. - Aber wahrhaftig, da kommen Roberts
ohne Mr. Rowson; nun weiss ich doch in der Tat nicht -«
    »Er war ja an den Arkansas gegangen,« meinte ein Verwandter von Bowitt, »am
Ende hat er so viele Geschäfte dort zu besorgen, dass er gar nicht zur rechten
Zeit zurück sein kann.«
    »Das wäre recht schade,« seufzte die jüngste Miss Smeiers; »ich hatte mich so
auf die Predigt heute gefreut.«
    »Oh, er kommt gewiss,« rief die alte Madame Smeiers, eine wohlbeleibte,
freundliche Matrone, »es tut auch not, dass wir in der Ansiedelung hier Gottes
Wort recht fleissig hören. Solche Sündhaftigkeit, wie jetzt überhand zu nehmen
droht - der Herr wolle uns nur gnädig bewahren!«
    »Und dabei gibt's noch Leute, die gar nicht an's Beten denken,« sagte Mrs.
Bowitt - »Leute, die zu keiner Versammlung gehen, und wenn sie im Nachbarhause
gehalten würden - Leute, die fluchen und schwören -«
    »Ach, wenn ich nur meinen Mann ein einziges Mal dazu bewegen könnte, das
Wort Gottes mit anzuhören,« sagte Mrs. Hostler - »jedesmal verspricht er's mir,
und nie hält er's.«
    »Sie müssen es mit ihm so machen, wie ich neulich mit meinem Manne,«
erwiderte Mrs. Hennigs; »der hatte sich Nachmittags ruhig in die Ecke zum
Schlafen hingelegt, und wie er erwachte, sass das ganze Zimmer voller Menschen
und der Prediger vom Petite-Jeanne drüben fing gerade sein Gebet an. Die Augen
hätten Sie einmal sehen sollen, die Hennigs machte; er konnt' es aber nicht mehr
ändern und musste geduldig aushalten. Noch zwei- oder dreimal so, und ich bin
überzeugt, er kommt von selbst. - Ach, wenn sie nur erst einmal das Süsse und
Wohltuende einer solchen Predigt empfunden haben, dann zieht sie's immer wieder
hin.«
    »Mr. Hennigs hat aber zu meinem Mann gesagt,« behauptete Madame Smit, »dass
er sich das nächste Mal die Hunde mit zum Schlafen hineinnehmen wollte, damit
die Spektakel machten, sobald Jemand käme.«
    »Das soll er sich nur unterstehen!« rief Mrs. Hennigs entrüstet; »die Hunde
auf meine Betten, nicht wahr? Da wollt' ich denn doch einmal sehen, wer - Guten
Abend, Mrs. Roberts,« unterbrach sie sich selbst, als in diesem Augenblick die
Genannte mit ihrer Tochter in das Haus trat - »wie geht's, Miss Marion?«
    Begrüssungsformeln wurden nun von allen Seiten gewechselt, und die Frauen
hatten, in übergrossem Eifer, den neuen Putz der immer wieder neu Hinzukommenden
zu mustern, ganz übersehen, dass Mr. Rowson indessen wirklich angekommen war und
jetzt plötzlich mit einem freundlichen Gruss mitten unter ihnen stand.
    Aber, grosser Gott, wie sah er aus! Sein Antlitz war bleich, seine Wangen
hohl, die Augen eingefallen und seine Sprache zitterte merklich, als er, den
linken Arm tief in die Weste hineingeschoben, die niedere Schwelle heraufstieg.
    »Mr. Rowson!« riefen die Frauen fast wie aus Einem Munde - »sind Sie krank?
Was fehlt Ihnen denn? - Sie sehen ja todtenbleich aus!«
    »Sie müssen krank sein!« sagte Mrs. Roberts, indem sie an ihn herantrat -
»oder ist etwas vorgefallen?«
    »Nein - gar nichts - ich danke Ihnen,« erwiderte freundlich lächelnd der
Prediger - »von ganzem Herzen danke ich Ihnen für Ihre Teilnahme, meine
verehrten Freundinnen und Schwestern, es ist aber nur eine etwas übermässige
Anstrengung. Ich komme aus den nördlichen Niederlassungen herunter und bin die
ganze Nacht geritten, um mein Wort zu halten und zur bestimmten Zeit hier zu
sein. Das mag mich wohl etwas zu sehr angegriffen haben, da mein Körper an
dergleichen nicht gewöhnt ist.«
    Er trat dabei zu Marion und reichte ihr freundlich die Rechte, als diese die
sonderbare Haltung seines linken Armes bemerkte und ihn besorgt frug, ob er sich
auf irgend eine Art verletzt habe.
    »Eine Kleinigkeit,« erwiderte der Priester - »die bald vorübergehen wird.
Mein Pferd stürzte gestern Abend über einen im Wege liegenden Ast und warf mich
gegen einen Baum, wobei ich mir den Arm ein wenig aufriss. Da es ganz unbedeutend
war, achtete ich im Anfange gar nicht darauf; nach der sehr feuchten,
unfreundlichen Nacht schwoll es jedoch gegen Morgen an, und der Arm ist mir
jetzt etwas steif geworden. Es wird jedoch, wie gesagt, bald vorübergehen.«
    »Ach, Mr. Rowson - ich habe eine herrliche Einreibung,« sagte Mrs. Mullins,
zu ihm herantretend - »wenn Sie mir erlauben wollen -«
    »Danke wirklich - danke innigst für all' diese Freundlichkeit; es ist in der
Tat nicht der Mühe wert, sich auch nur im Mindesten darum zu sorgen. - Nein,
ich muss, auf mein Wort, danken, beste Schwester Mullins. Wäre es auch
bedeutender, als es ist, eine kleine, bald vorübergehende Erkältung, so möchte
ich dadurch nicht die Veranlassung sein, die so viele fromme und gläubige Seelen
eine Stunde länger ihrem Herrn entzieht. Lassen Sie uns beginnen, verehrte
Freundinnen, Sie sehen, wie zahlreich sich die Guten versammelt haben. Wollen
wir im Hause bleiben, oder sollen wir in's Freie gehen? Des Raumes wegen möchte
wohl der offene Platz vorzuziehen sein.«
    »Wenn es Ihnen nur nicht zu kalt in der frischen Luft ist!« sagte Mrs.
Roberts ängstlich. - »Es weht immer noch ein recht kalter und feuchter Wind.«
    »Tragen Sie meinetalben keine Sorge,« lächelte der Prediger, indem er ihr
die Hand drückte, »ich stehe im Dienste des Herrn, und in solchem Dienste darf
man nicht lässig sein. Die Bewegung wird mir übrigens gut tun, und in wenigen
Tagen hoffe ich wieder ganz hergestellt zu sein.«
    Alles weitere Zureden blieb fruchtlos. Der kleine Tisch wurde unter die zwei
Maulbeerbäume getragen, die der Farmer, als er den übrigen seine Wohnung
umschattenden Baumwuchs fällte, ihrer süssen Frucht wegen stehen gelassen hatte,
und in einer kleinen halben Stunde später sandte die scharfe, weitschallende
Stimme des Priesters ihre Gebete und Danksagungen zu dem reinen Himmelsblau
empor. - Und die Bäume brachen nicht schmetternd über ihm zusammen, die Erde
verschlang nicht den Heuchler, der die blutbefleckten Hände zu dem Allerbarmer
erhob und ihm dankte, dass er seine schwachen Bemühungen mit seiner Vaterhuld
gesegnet und sie Alle - Alle die Seinigen fromm und gläubig hier unter dem
grünen Laubdach seines Domes zusammengeführt habe! Dort stand er und errötete
nicht, als sich ein freundlicher Sonnenstrahl hindurchstahl durch das dichte
Blätterdach des Unterholzes, und errötete nicht, als sich die Frauen in seiner
Nähe zuflüsterten, ein Heiligenschein umgebe die Schläfe des Gottseligen. Dort
stand er und schlug das freche Auge nicht zu Boden, als er dem reinen, frommen
Blick seiner Braut begegnete, die sich zum ersten Mal mit inniger Zuneigung zu
ihm hingezogen fühlte, da auch sie glaubte, der übergrosse Eifer seines frommen
Berufes habe ihn so angegriffen und verändert. Der Frauen Herz wird ja oft durch
Mitleiden gewonnen, und der bleiche Mann hatte dem leidenden Ausdruck seiner
Züge das zu danken, was er durch Monate lange Mühe und Anstrengung nicht zu
erreichen vermochte. Marion glaubte an diesem Abend zum ersten Mal, an seiner
Seite, wenn auch nicht glücklich, doch ruhig und zufrieden leben zu können.
    Rowson beendete indessen mit unerschütterter Ruhe die heilige Handlung.
Seine Lippe bebte nicht, als er die Verzeihung des Höchsten für sich und seine
Zuhörer erflehte, seine Stimme zitterte nicht, als er das Amen und den Segen
sprach. Nur einmal, einmal nur, als Alles um ihn her in Andacht hingegossen auf
den Knieen lag, durchzuckte ihn ein jäher Schreck, und er stockte mehrere
Sekunden lang; denn hoch - über den wehenden Wipfeln der Eichen strichen nach
Nordwest hinüber vier Aasgeier. Er konnte das schwere Schlagen ihrer Flügel
nicht hören, aber er wusste, welchem Orte sie mit gierig vorgestreckten Hälsen
entgegenstrebten; wusste, was ihr Mahl sein würde, ehe die Sonne dort drüben im
Westen untersank. Da, sich mit Gewalt emporraffend, stimmte er ein lautes
»Hallelujah« wie im grimmen Spott seiner selbst an, und die Gemeinde fiel ein in
die bekannte Melodie, während er unter den lautschwellenden Tönen sich wieder
sammelte und für den Schluss des Gottesdienstes kräftigte.
    Indessen schienen nicht alle dort eingetroffenen Ansiedler auch Teil am
Gebete zu nehmen, denn eine kleine Gruppe derselben war etwa hundertfünfzig
Schritt von der Versammlung entfernt gelagert. Zu diesen gehörten besonders
Bahrens, der Krämer Hartford, Roberts und Wilson, Letztere ebenfalls ein junger
Ansiedler an demselben Fluss, nur auf der ander Seite. Ihr Gespräch, das der
Krämer bis jetzt grösstenteils mit Klagen über den schlechten Handel belebt,
hatte jedoch in den letzten Minuten etwas gestockt. Die lautschallenden
Ermahnungen Rowson's waren nämlich bis zu ihnen gedrungen, und Bahrens schob ein
kleines Fläschchen mit Whisky, das er eben zu Tage fördern wollte, verschämt
wieder in die Tasche zurück. Wilson aber bemerkte diese Bewegung und griff nach
dem Arm, der ihm das Labsal entziehen wollte.
    »Halt da!« sagte er lachend - »das ist gegen die Gesetze der Menschlichkeit;
zeigt Einem erst den ächten Stoff, und wollt ihn dann wieder bei Seite schaffen?
- da wird nichts daraus.«
    »Aber, Wilson - wenn Rowson zufällig hierher sehen sollte, oder gar eine von
den Frauen!«
    »Ach - was da; die müssten scharfe Augen haben, wenn sie durch die Büsche
erkennen könnten, was wir hier angeben. - Und wenn auch - zum Donnerwetter, was
schert uns das Geplapper; wären wir deshalb hergekommen, so sässen wir mitten
zwischen ihnen.«
    »Lasst's aber nicht mehr sehen, als nötig ist,« sagte Bahrens; »meine Alte
singt auch mit, und das muss ich sonst acht Tage hören.«
    »Keine Not - Alterchen,« lachte Wilson, indem er der frommen Gesellschaft
geschickt den Rücken wandte und, die Flasche an die Lippen hebend, den
hellklaren Himmel einige Angenblicke mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete.
    »Nun,« sagte Roberts, während er das Ende des Gefässes herunterdrückte -
»erstickt nur nicht gar - Ihr wollt wohl drin wohnen bleiben? hättet Ihr vorhin
ein klein wenig besser aufgepasst, so würde Euch Rowson's Moral: Andern zu tun,
wie Ihr erwartet, dass sie Euch tun, von grossem Nutzen gewesen sein.«
    »Ach, geht mir zum Henker mit Eurer Moral,« sagte Wilson ärgerlich, indem er
sich unter der Fichte, wo er bis jetzt gesessen hatte, ausstreckte und in die
dichten Zweige derselben hinaufschaute - »das ist ein ewiges Morallesen und auf
den rechten Weg Bringen in unserer Ansiedlung; es gefällt mir gar nicht mehr.««
    »Ihr wisst's wohl, was ich eigentlich sagen will. Mir behagt das ewige
Wegweisen nach dem Himmel nicht; wer zum Henker soll sich danach zurechtfinden?«
    »Ich glaub' auch nicht,« sagte Bahrens lachend, »dass der Bursche da drüben,
der die Augen so fromm und andächtig in dem bleichen Gesicht herumdreht, den Weg
richtig beschreiben kann. Sei dem aber wie ihm wolle, mir gefällt er nicht.«
    »Meine Frau hat einen Narren an ihm gefressen,« sagte Roberts. »Noch gestern
Abend behauptete sie, er wäre ein Heiliger, sie könnte ordentlich fühlen, wie
fromm und gut ihr um's Herz würde, wenn er nur zur Tür hereinkäme.«
    »Gott sei uns gnädig!« rief Bahrens erschrocken - »nächstens wird er ein
Paar Flügel bekommen, auf einen Baumast fliegen und Manna fressen.«
    »Seht nur einmal, wie die Aasgeier heute Nachmittag da hinüberstreichen,«
sagte Wilson, »das ist nun schon der dreiundzwanzigste, den ich zähle, seit ich
hier liege.«
    »Die Predigt scheint beendet zu sein,« sagte der Krämer, der seit einigen
Minuten dem Gespräch schweigend gelauscht hatte - »das ist das Schlusslied - ich
kenn' es.«
    »Ihr seid wohl auch musikalisch, Hartford?« lachte Bahrens.
    »Und warum nicht?« erwiderte dieser etwas pikirt - »ich spiele die Violine
und kann einige ausgezeichnete Stücke auf der Flöte. Wenn Sie es nicht glauben
wollen, ich habe sie bei mir,« und mit diesen Worten langte er mit der Hand in
die tiefe Rocktasche hinein, und war eben im Begriff, seine Drohung wahr zu
machen, als ihm Roberts erschrocken in den Arm fiel und ausrief:
    »Um Gottes willen, Mann, behaltet das schreckliche Instrument im Beutel. Was
denkt Ihr wohl, was die fromme Versammlung da drüben sagen würde, wenn wir hier
anfingen zu musiciren. Wir hatten einmal so einen Spass im vorigen Jahre mit
Wells unten, der jetzt freilich ganz zurückgezogen lebt und nirgends mehr
hingeht, wenn er nicht apart zu einem Klötzerrollfest oder etwas Derartigem
gerufen wird. Neulich war er einmal bei mir, als er den Bienenbaum gerade am
Flusse gefunden hatte; er musste eine Axt haben, weil er nicht erst deswegen nach
Hause gehen wollte, und da bin ich mit ihm hinaus in den Wald gegangen, aber so
'was von einem Bienenbaum hab' ich doch im Leben noch nicht gesehen. - Der und
ein Anderer -« -«
    »Ja, aber -« unterbrach ihn der Krämer, der die Angewohnheit Roberts' noch
nicht kannte - »Ihr wolltet ja von Musik erzählen -«
    »Oh, warum hieltet Ihr ihn auf!« lachte Bahrens. »Er war auf dem besten
Wege, und es hätte gar nicht lange gedauert, so fänd er sich in New-Orleans oder
New-York wieder.«
    »Wie so denn?« sagte Roberts, »das ist nun wieder barer Unsinn - ich dachte
weder an New-Orleans noch an New-York, ich wollte Euch von Wells erzählen,
dessen Nachbar auch so ein langes spitzes Ding mit Löchern drin, gerad' wie eine
Flöte, mitgebracht hatte. Er nahm es aber an der Spitze in den Mund, nicht an
der Seite. Gut, der war oben bei Smits über Nacht geblieben, und Abends, wie
gebetet werden soll, nimmt er das Ding vor. - Er war gerade von Fort Gibson
heruntergekommen und kannte unsere Gebräuche noch nicht, hatte auch, glaub' ich,
eine unmenschlich lange Zeit an der indianischen Grenze gelebt, und erzählte
merkwürdig gern, was sie für ewigen Kampf und Streit mit den Choktaws gehabt
hätten, die erst damals von Georgien nach dem Westen geschafft waren. Die armen
Teufel haben mir übrigens selbst leid getan, denn um ihr Land hat man sie
damals doch schändlich betrogen; da kamen aber die grossen Herren von Washington
und New-York -«
    »Hurrah!« schrie Bahrens, der nur auf das Stichwort, wenngleich mit der
ernstaftesten Miene von der Welt, gewartet hatte - »ob ich's denn -«
    »So schreit doch nur nicht so!« sagte Wilson - »sie sehen ja Alle hierher.
Aber Gott sei Dank, es ist vorbei; heute hat's Rowson einmal recht kurz
gemacht.«
    »Er sieht auch elend genug aus,« warf Roberts ein, »ich erschrak ordentlich,
wie er mir vorhin an der Feldecke dort unten begegnete.«
    »An der Feldecke? ich glaubte, er wäre von oben herunter, aus den nördlichen
Ansiedlungen gekommen -« sagte Wilson.
    »Nun, das kann er ja auch,« entgegnete Bahrens, »wenn er sich drei Meilen
von hier rechts gehalten hat, um den sumpfigen Stellen aus dem Wege zu gehen, so
musste er bei der Feldecke ungefähr wieder herauskommen; ich bin den Weg auch
schon einmal geritten. An den Hügeln ist's aber doch trockener.«
    Die Versammlung war indessen aufgebrochen, und Alles bewegte sich jetzt bunt
durcheinander. Madame Bahrens kam aber vor allem Dingen auf die sehr muntere
kleine Gesellschaft zu, erwichte ihren »Alten«, wie sie ihn nannte, bei einem
Knopf, und hatte ihm dann, etwa eine Viertelstunde lang, irgend etwas sehr
ernstaft einzuprägen, wobei Wilson Roberts bedeutend in die Rippen stiess und
ihn frug, ob er dergleichen Verhandlungen wohl kenne?
    »Kinder, es wird spät,« sagte endlich Smit, der die Betversammlungen eifrig
besuchte und für einen sehr frommen Mann galt - »die Sonne ist in der Tat schon
am Untergehen, und ich habe noch mehrere Meilen zu machen. - Wilson, Ihr
begleitet mich wohl?«
    »Doch wohl nicht,« entgegnete dieser, »ich habe Bahrens versprochen, mit ihm
nach Hause zu reiten - er will mir gern etwas erzählen, was er in der letzten
Woche erlebt hat.«
    »Nun, dann Glück zu,« lachte Mullins, »lasst's uns nur auch wissen, wenn's
beendet ist.«
    »Damit Ihr Euer Maul drüber breit reissen könntet, nicht wahr?« sagte
Bahrens. »Ich bin mit meinen Erzählungen vorsichtig geworden, denn - Gott sei
uns gnädig - wie sieht der Mensch aus?«
    Dieser letzte Ausruf galt einem jungen Manne, der in diesem Augenblick aus
dem Dickicht trat und sich ihnen näherte, dabei aber ein so geisterbleiches,
entsetzliches Aussehen hatte und mit den glanzlosen, weit aufgerissenen Augen so
ängstlich umherstierte, dass mehrere der Frauen wirklich erschreckt vor ihm
zurückwichen, und Wilson aufsprang und ausrief:
    »Halway - zum Teufel - habt Ihr den Verstand verloren, dass Ihr am hellen
Tage wie eine Leiche umherrennt und die Leute erschreckt? - Was ist
vorgefallen?«
    »Fürchterliches!« stöhnte der junge Mann, indem er matt auf einen Baumstamm
niedersank. - »Fürchterliches!« wiederholte er mit hohler Stimme, »drüben in dem
alten Blockhaus -«
    »Nun, was ist dort?« fragten Zehn zugleich.
    »Lasst mich nur erst zu Atem kommen; drüben im alten Blockhaus - liegt -
mich schaudert's, wenn ich daran denke - liegt die Leiche der Indianerin.«
    »Alapaha's?« rief die Menge entsetzt - »Assowaum's Weib? schrecklich!
fürchterlich!« tönte es von allen Seiten durcheinander. »Wie fandet Ihr sie?
woran ist sie gestorben? wie sieht sie aus?« und tausend ähnliche Fragen
kreuzten sich mit Gedankenschnelle.
    »Lasst mir nur erst Zeit, mich zu sammeln,« sagte Halway - »Ich bin die
Strecke von dem Schreckensort hierher - in fast wunderbar kurzer Zeit gelaufen.
- Die Angst gab mir Flügel -«
    »Aber so erzählt doch nur - was ist denn geschehen?«
    »Gleich - gleich - so hört denn. Ich war in der letzten Woche an der Mündung
des Flusses gewesen und hatte dort gejagt, brach aber vorgestern von dort auf,
um von hier meine erlegten und getrockneten Häute abzuholen. Gestern schon
gedachte ich bis Tanner's Haus zu kommen, es wurde aber dunkel, und ich musste am
Flussufer, im dichten Schilf, übernachten. Wie manchen Abend hab' ich nun schon
draussen im Walde allein zugebracht, wie manchen Sturm, wie manches Gewitter
abgehalten und nie Furcht gekannt, gestern aber lief mir's ein paar Mal mit
eisigen Schauern über den Leib, und ich schürte mein Feuer noch einmal so gross
an, als ich's eigentlich gebraucht hätte. Es musste die Ahnung von dem sein, was
in meiner Nähe vorging. Sonst blieb übrigens Alles ruhig, nur einmal schlug mein
Hund an, und mir war's schon, als ob ich hätte ein Pferd schnauben hören, doch
musste das ein Irrtum sein, da der Schilfbruch dort undurchdringlich ist und der
Fluss an der Stelle gerade sehr tief vorbeifliesst.
    Hoswells hatte mir nun schon früher sein Canoe zu borgen versprochen, gleich
früh Morgens sah ich aber Bienen arbeiten und versuchte bis gegen Mittag den
Baum zu finden, und da mir das nicht glückte, so sah ich mich nach dem Canoe,
und zwar mit nicht besserem Erfolge um. Um alle Biegungen kroch ich, konnte
jedoch weiter nichts entdecken, als ein Taschentuch mit Provisionen, das ein
Jäger muss im Busch aufgehangen und vergessen haben, und ging endlich bis an den
Weg hinauf, um dort durch den Fluss zu schwimmen.
    Von dort aus war es nun meine Absicht, links ab und noch etwa zwei Meilen
stromauf zu wandern, um ein anderes Canoe, das ich dort weiss, zu erhalten. Ich
konnte aber nicht umhin, den auffallenden Zug der Aasgeier zu beobachten, die
sich alle nicht sehr weit unterhalb des Weges niederzulassen schienen. Ueber den
Weg liefen auch zwei ganz frische Wolfsfährten in derselben Richtung hin, und
ich beschloss, da ich doch nichts Besonderes zu versäumen hatte, einmal
nachzusehen, was für Wild dort läge, oder ob der Bär vielleicht ein Schwein oder
gar der Panter ein Pferd gewürgt habe. - Allmächtiger Gott, ich war nicht auf
den Anblick vorbereitet!
    Als ich den dicht mit Unterholz verwachsenen Fleck, wo die kleine Hütte
stand, erreichte, glaubte ich gewiss zu sein, dass eins der Schweine in die Klauen
eines hungrigen Bären gefallen sei, noch dazu, da ich erst heute Morgen Spuren
eines solchen an der Uferbank bemerkt hatte. Das aber schon machte mich stutzig,
dass sich keiner der Aasgeier niedergewagt; sie sassen alle auf den Aesten der
Bäume um die Hütte herum und schlugen gierig mit den Flügeln, als ich mich ihnen
näherte.«
    »Und die Wölfe?«
    »Nach deren Fährten sah ich nicht - ich wusste jetzt, das Aas müsse in der
Hütte selbst liegen, und trat nun, immer noch nicht an einen menschlichen Körper
denkend, hinein; aber - erlasst mir die Beschreibung, es war die Leiche der
Indianerin, das erkannte ich noch, ehe ich wieder hinausstürmte, dann floh ich
in wilder Eile zuerst dem nächsten Haus zu, wo mich aber ein kleines
Negermädchen beschied, es sei Niemand daheim, sondern Alles zur Betversammlung
hierher gegangen, und wie von einem bösen Feind getrieben, hetzte ich nun
weiter, nur immer weiter, um wenigstens zu Menschen zu gelangen.«
    »So erzählt uns aber doch -«
    »Nichts - gar nichts - Ihr müsst es selbst sehen, und zwar gleich - die
Leiche darf auf keinen Fall diese Nacht dort liegen bleiben. Die Wölfe, die sich
heute scheuten, das einst von Menschen bewohnte Gebäude zu betreten, würden bei
wieder einbrechender Dunkelheit, und das ist nicht lange mehr hin, Mut gewonnen
haben und den Körper zerreissen.«
    »Wo aber ist Assowaum?« frug Roberts, »sollte er dem Täter schon auf der
Fährte sein?«
    »Würde er seine Squaw unbeerdigt zurückgelassen haben?« warf Bahrens ein,
»nein - nie!«
    »Es ist doch nicht möglich, dass Assowaum selbst -« sagte scheu umherblickend
Smit, - »er war stets dagegen, dass sie zu den Gebeten des Weissen ging, und hat
ihr manches harte Wort, ihres Uebertritts zum Christentum wegen, gesagt.«
    »Eher wollt' ich glauben, dass sie von ihrer eigenen Mutter, als von Assowaum
erschlagen sei!« rief Roberts heftig, »ich weiss, wie lieb er sie hatte. Doch wir
müssen fort, die Zeit verfliegt, und es ist keine kleine Strecke bis dahin. Habt
Ihr Kienholz im Hause?«
    »Genug,« sagte Mullins, »und gleich fertig gespalten. Ich wollt' es am
Montag Abend mit an die Salzlecke nehmen, hierzu ist's aber nötiger - wir
können gleich aufbrechen. Wo ist Mr. Rowson?«
    »Hier!« sagte der Priester, der bis jetzt, von Niemandem beachtet, an einem
Stamme gelehnt hatte, »wir müssen augenblicklich gehen, um dem Schrecklichen
nachzuspüren.«
    »Grosser Gott, Mr. Rowson,« sagte Madame Roberts - »Sie müssen wirklich hier
bleiben - Sie sind krank - ernstlich krank und sehen leichenblass aus.«
    »Ich glaube doch wohl, dass es meine Pflicht ist,« sagte der Priester,
»allerdings habe ich peinliche Kopfschmerzen -«
    »Nein, wir geben es auf keinen Fall zu,« rief Mrs. Mullins - »der Anblick
würde Ihnen auch nichts taugen.«
    »Ich weiss aber doch nicht - beste Schwester Mullins -«
    »Bleiben Sie nur hier,« mischte sich Roberts jetzt in das Gespräch - »Sie
sehen wirklich sehr unwohl aus, und bei dem traurigen Amt, das wir heute zu
versehen haben, bedarf es Ihrer nicht. Morgen, beim Begräbnis, ist es etwas
Anderes, da werden wir, wenn Sie sich indessen stark genug fühlen, Ihre Hilfe in
Anspruch nehmen.«
    Der Prediger nickte schweigend, halb dankend mit dem Kopfe und wollte sich
umwenden, um dem Hause zuzuschreiten, da trat ihm seine Braut noch in den Weg,
reichte ihm mit halb schüchternem, halb freundlichem Blicke die Hand und
flüsterte leise: »Gute Nacht, Mr. Rowson - legen Sie sich nieder und erwachen
Sie morgen wieder wohl und heiter - gute Nacht.«
    Es waren nur sanfte, liebende Worte, die ihm aus dem Munde des lieblichen
Mädchens entgegenströmten, wie mit eisiger Faust griffen sie aber in sein
Inneres, und entsetzt - vernichtet wollte er vor der Berührung der reinen
Jungfrau zurücktaumeln. Da begegnete sein Auge den auf ihm haftenden Blicke der
Umherstehenden, seine alte Seelenstärke erwachte, er zog das errötende Mädchen
zu sich heran, drückte einen leisen Kuss auf ihre Stirn, legte segnend seine Hand
auf ihre Kopf und schritt dann festen Ganges in das Haus, um das für ihn in der
Eile, aber warm und weich bereitete Lager aufzusuchen.
    »Welch ein Engel!« murmelte Mrs. Smit, während sie die Hände faltete, den
Kopf auf die eine Seite neigte und ihm sinnend nachschaute, - »aber da brechen
sie wirklich schon auf. Ob wir Frauen denn auch mitgehen?«
    »Das geht doch nicht gut,« sagte Mrs. Bahrens, »mein Alter würd' es auch
wohl nicht gerne sehen. Ich reite nach Hause; aber zum Begräbnis morgen kommen
wir doch Alle wieder zusammen.«
    »Sicherlich,« erwiderte Mrs. Smit, indem sie ihr Pferd an einen umliegenden
Baumstamm führte und mit dessen Hülfe in den Sattel stieg. Die Anderen folgten
jetzt ebenfalls meistens ihrem Beispiel, und kurze Zeit nachdem die Männer auf
ihren flüchtigen Ponies davongesprengt waren und die Sonne scheidend hinter den
westlichen Hügelreihen hinuntersank, verliess auch der weibliche Teil der
Versammlung den Platz. Das geschah jedoch nicht, ohne vorher noch herzliche
Grüsse und Besserungswünsche für ihren Seelenhirten der geschäftigen Wirtin des
Hauses aufgetragen zu haben, die auch fest versprach, sie alle auszurichten und
für den Kranken wie für ein eigenes Kind zu sorgen.
 
                                      16.
                               Die Leichenwache.
Von Mullins' Haus bis zu der alten Hütte mochte es etwa vier Meilen in gerader
Richtung sein, die Männer aber hatten die Entfernung in ausserordentlich kurzer
Zeit zurückgelegt, und noch war es nicht ganz dunkel, als sie die kleine »todte
Rodung«, wie derartige Plätze in der Landessprache genannt werden, erreichten.
Hier hielt Roberts, befestigte sein Pferd, welchem Beispiel sämtliche Gefährten
folgten, und schlug Feuer. Es waren sechzehn Männer, aber Keiner von ihnen
sprach ein Wort, lautlos trugen sie Holz zusammen und fachten eine helle Flamme
an, lautlos banden sie mit dünnen Streifen Hickoryrinde ihre langgespaltenen
Kienspäne zusammen - lautlos entzündeten sie dieselben an der Glut, und von
Roberts und Wilson geführt, betraten sie klopfenden Herzens den Schreckensort.
    Die beiden ersten traten ziemlich bis in die Mitte der Hütte und bis fast
dicht vor den Leichnam der Unglücklichen hin, die hier von Mörderhand gefallen,
während die Anderen leise nachdrängten und jetzt einen Kreis um das Opfer
schlossen, wobei die hoch über den Köpfen gehaltenen Kienfackeln das Ganze
schauerlich mit ihrer roten Glut erleuchteten.
    »Sie ist ermordet!« sagte endlich Roberts leise, und leise hallte es von den
Lippen der Uebrigen nach:
    »Ermordet!«
    Die schreckliche Tatsache unterlag auch keinem Zweifel weiter, der Hieb über
den Kopf, mit schweren amerikanischen Bowiemesser geführt, hätte allein schon
genügt, sie zu tödten, jener eine Schlag, ohne die drei Stiche mit derselben
breiten und gefährlichen Waffe, die dem Lebensquell die roten Tore geöffnet.
Uebrigens ging auch schon daraus hervor, dass die erste Wunde die todbringende
gewesen, da ihr aus zartgegerbten Fellen bestehender Ueberwurf nur auf einer
Seite von Blut benetzt war, was sich ausserdem an keiner andern Stelle der Hütte
fand. Nach dem ersten Schlage musste sie regungslos liegen geblieben und
gestorben sein.
    »Hat hier Jemand einen Verdacht, auf welche Art und durch wen diese
Unglückliche ihr unzeitiges Ende gefunden?« frug Roberts jetzt. Niemand
antwortete - endlich sagte Bahrens:
    »Es ist nicht möglich, den Menschen in's Herz zu sehen, was sie drinnen
brüten. Diese Indianerin schien mir aber so brav und gut, so gefällig und
freundlich zu sein, dass ich nicht begreifen kann, wie und auf welche Art sie
sich hier in der Ansiedlung einen Feind gemacht haben sollte. Ich weiss
Niemanden, den ich für fähig hielte, so Schreckliches zu verüben.«
    »Ich auch nicht - wir Alle nicht,« war die tieftönende Antwort.
    »Wer hat die Todte zuletzt gesehen?« frug Wilson jetzt.
    »Ich begegnete den Beiden - Alapaha und Assowaum, gestern Nachmittag auf der
andern Seite des Flusses,« erwiderte Pelter; »sie schienen freundlich gegen
einander gesinnt, wer kann aber ergründen, was ein Indianer im Sinne trägt!«
    »Assowaum ist unschuldig,« rief Roberts heftig - »ich würde mit meinem Leben
für ihn stehen!«
    »Weshalb?« frug da, in der Tür der Hütte, die volle, wohltönende Stimme des
Häuptlings, der in diesem Augenblicke, von Brown gefolgt, in der Versammlung
erschien. Ahnungslos schritt er gegen die Mitte vor, während ihm die Männer zu
beiden Seiten halb scheu, halb mitleidig Platz machten, so dass er das
Entsetzliche nicht eher bemerkte, als bis er dicht vor der Leiche seines Weibes
stand.
    »Wah!« schrie er und sprang wie ein angeschossener Hirsch hoch vom Boden
empor - »was ist das? -«
    »Alapaha!« rief Brown entsetzt, der ihm gefolgt war - »Alapaha - grosser
Gott! ermordet!«
    »Ermordet?« wiederholte in wildem, hohlem Ton der Indianer, während seine
Augen sich aus ihren Höhlen zu drängen drohten und die Rechte unwillkürlich das
scharfe Scalpiermesser aus dem Gürtel riss, als müsse er das Herz des Verräters
finden, der sein Weib erschlagen. »Wer sagt ermordet?«
    »Sieht das aus wie Schuld, Ihr Männer von Arkansas?« rief Roberts, indem er
seine Hand auf die Schulter des Indianers legte und die Freunde fragend
anblickte.
    »Nein - bei Gott nicht! Der arme Indianer! Schrecklich! Wer war der Täter?«
so schallte es in einzelnen Ausrufungen von den Lippen der Farmer, während
Assowaum mit stierem Blick Jeden im Kreise anstarrte, der ein Wort äusserte, auch
für den Augenblick wirklich das ganze Bewusstsein seiner Lage verloren zu haben
schien. Da trat Brown neben Roberts und sagte mit leiser Stimme, von der aber
die kleinste Silbe verstanden werden konnte, während er dabei auf die Leiche
deutete:
    »Dies ist das zweite Opfer, das innerhalb einer Woche von Mörderhand
gefallen; das Gerücht legte vor meine Tür die erste Blutschuld; ich bin hierher
gekommen, um die Anklage zu widerlegen - meine Unschuld zu beweisen. Rein ist
mein Herz von so entsetzlicher Schuld, aber der Mörder lebt unter uns.
    Vor wenigen Tagen noch war es meine Absicht, diesen Staat zu verlassen und
nach Texas zu gehen; sie ist es noch, aber nicht eher jetzt, als bis die Hand
entdeckt ist, die jene Wunde schlug, bis mein Name wieder rein und schuldfrei
vor der Welt dasteht. Doch nicht meine Pläne allein, nein, auch meine Ansichten
haben sich geändert.
    Ihr wisst, Männer von Arkansas, viele von Euch wenigstens, die mich näher
kannten, dass ich bis jetzt dem Treiben und Wirken der Regulatoren entgegen war;
ich hielt ihre Ungesetzlichkeit für einen vollgültigen Grund, sie zu verdammen -
ich denke nicht mehr so. Hier zu unseren Füssen liegt ein Wesen ermordet, das
harmlos und unschuldig Keinen kränkte oder betrübte; wer ist hier, dem sie nicht
durch ihr anspruchslos freundliches Wesen gefallen, den sie nicht durch ihre
streng gemeinte und gläubige Religiosität, wodurch sie selbst dem Glauben ihres
Stammes untreu wurde, gerührt hätte? Sie ist todt - und die Gesetze konnten sie
nicht schützen; sie ist todt - und die Gesetze sind zu machtlos, den Mörder zu
erreichen und zu bestrafen. Hier aber hebe ich meine Hand empor und schwöre bei
dem allmächtigen Gott, dass ich nicht eher ruhen und rasten will, bis ihr Blut,
wie das jenes unglücklichen Mannes, gerächt ist, dass ich nicht eher ruhen und
rasten will, bis wir die Natterbrut, die sich unter uns eingeschlichen hat,
gefunden und ihre Köpfe zertreten haben. Männer von Arkansas, wollt Ihr mir
beistehen mit Euren Armen und Euren Herzen?«
    »Ja!« hallte es dumpf und leise durch die niedere Hütte - »ja! so wahr uns
Gott helfe!«
    »So lasst uns vor allen Dingen den Leichnam zu dem nächsten Hause schaffen;
dortin muss morgen früh Jemand den Prediger holen, der ja wohl in der Ansiedlung
zu finden sein wird. Wir wollen dann das arme Weib beerdigen.«
    Mehrere der jungen Leute begannen, dieser Aufforderung zu Folge, Stangen
abzuschlagen und eine rohe Bahre herzurichten. Da trat Assowaum, der bis jetzt
schweigend, den Blick auf die Züge seines todten Weibes geheftet, neben der
Leiche gestanden hatte, vor, schob die ihm Nächsten mit den Armen sanft hinweg
und machte eine Bewegung, als wenn er sie bitten wollte, das Haus zu verlassen.
    »Was willst Du tun, Assowaum?« frug Brown.
    »Lasst mich allein!« hauchte der Krieger, indem er das Messer, das er noch
vom ersten Augenblick an blank in der Hand trug, wieder in die Scheide
zurückschob - »lasst mich allein mit Alapaha - nur diese Nacht.«
    »Sollen wir denn nicht -?«
    Eine verneinende Bewegung des Indianers drängte sie, seinem Willen zu
gehorchen. Schweigend traten sie zurück und berieten nun vor dem Eingange der
Hütte leise, was zu tun sei.
    »Wär's nicht besser, wir lagerten hier draussen?« meinte Bahrens, als sie
einen etwas entfernten und ziemlich offenen Platz erreicht hatten, »Assowaum mag
die Leichenwache halten, und morgen früh sind wir dann gleich an Ort und
Stelle.«
    »Wohl wahr,« sagte Brown, »aber Assowaum erzählte mir unterwegs, mein Onkel
sei krank, und er habe Alapaha mit Lebensmitteln an ihn abgeschickt. Das
unglückliche Weib wurde aber ermordet, der arme kranke Mann liegt also allein
und hilflos in seiner Hütte, ich muss spätestens morgen früh dort sein.«
    »Wie wäre es denn,« sagte Wilson, »wenn wir jetzt zu Mullins zurückgingen,
dort zuerst sähen, wie sich Rowson befindet und ob er im Stande ist, die
morgende feierliche Handlung zu begehen, und dann vor Tagesanbruch mit einigen
Lebensmitteln für den Indianer wiederkehrten? Alapaha nehmen wir dann in dem
Canoe zu ihrer eigenen Hütte, die dicht neben unserer Wohnung liegt. Es wird
auch des Indianers Wunsch sein, die Squaw neben seinem Wigwam beerdigt zu
haben.«
    »Bei diesem tobenden Wasser können aber nur höchstens vier Personen in dem
Canoe sitzen,« sagte Roberts.
    »Mehr sollen auch gar nicht darin fahren,« entgegnete Brown. »Von Mullins zu
Harpers ist es, wenn Ihr von Heinzes aus eine gerade Richtung durch den Wald
einschlagt, kaum sechs Meilen, also nur wenig weiter als von hier; Wilson und
ich übernehmen daher das Fortschaffen des Indianers und der Leiche, und Ihr
Anderen verfolgt indessen mit dem Priester den Landweg; wir treffen dann
ziemlich zu gleicher Zeit bei meinem Onkel ein.«
    »Gut,« sagte Bahrens - »damit bin ich einverstanden. Sollen wir aber jetzt,
ehe wir den Platz wieder verlassen, nicht versuchen, die Fährten des Mörders
aufzufinden?«
    »Das wäre nutzlos,« warf Roberts ein, »der Boden hier im Innern ist zu hart
und trocken, um etwas unterscheiden, und draussen hat der Regen, der nach
Mitternacht in Strömen herabgoss, Alles verwischt; wir würden nur unnütz unsere
Zeit verschwenden. Nein, der Mörder ist für den Augenblick vor jeder Verfolgung
sicher, wer es aber auch sei, er wird unserem rächenden Arm nicht entgehen, und
daran sollen uns weder die frommen engherzigen Ermahnungen eines Priesters, noch
die machtlosen Drohungen eines Gouverneurs uns abhalten, da einzugreifen und zu
strafen, wo wir an unserem Heiligsten verletzt wurden.«
    »Ich möchte noch einmal zu Assowaum hineingehen,« sagte Brown zögernd.
    »Stört ihn heut Abend nicht mehr,« bat Roberts - »er hat als Indianer seine
eigenen Ansichten und Gefühle, und ich glaube kaum, dass ihm bei denen der
Anblick eines Weissen, und wäre es der eines Freundes, willkommen ist.«
    Die Männer entzündeten hiernach ihre grösstenteils verlöschten Kienfackeln
wieder, bestiegen die Pferde und ritten langsam zu Mullin's Hause zurück. - Das
einsame Blockhaus aber umschloss still und schweigend die beiden Wesen, die, wenn
auch nicht freundlos, doch fremd unter einem Volke gelebt, das ihren Stamm
vernichtet und aus dessen Mitte jetzt eine Mörderhand die letzte zarte Blüte
zernickt hatte.
    Der dunkelklare Himmel funkelte in all' seiner mitternächtlichen
Herrlichkeit, rauschende Lüfte spielten mit den hochragenden Wipfeln der
riesigen Bäume und schlugen in abgemessenen Zwischenräumen die gewaltigen
guirlandenartigen Weinreben an die schlank aufstrebenden Stämme an; der Fluss
tobte dazu schäumend und brausend dicht an der halbverfallenen Hütte vorbei, und
es war fast, als ob er gierig hinauflecke nach der blutigen Leiche und sich
danach sehne, sie in seinen Armen mit fortzuführen, ein Spiel dem noch wilderen
Gesellen, dem breiteren und mächtigeren Arkansas.
    In dem innern Raume aber, des Rauschens der Wipfel, des murmelnden Brausens
der aufgeregten Wasser nicht achtend, sass zu den Füssen seines todten Weibes der
Indianer und schaute schweigend und sinnend, wie ihn die Männer verlassen
hatten, auf ihr schmerzdurchzucktes, blutiges und doch noch so schönes Antlitz.
Das Feuer war ziemlich niedergebrannt und nur noch manchmal glühte vor dem
Erlöschen ein roter Flammenstrahl daraus empor, um die nachfolgende Dunkelheit
so viel auffallender und unheimlicher zu machen. Da sprang auf einmal, wie von
einer Natter gestochen, der rote Sohn der Wälder empor - seine Augen drängten
sich fast aus ihren Höhlen, mit bebenden Händen warf er, was er an dürren Spänen
in der Nähe fand, auf die fast verglommene Glut, fachte diese in zitternder
Hast wieder zur neuen Flamme an, wandte sich jetzt in Fieberglut zu der Leiche
und beobachtete mit ängstlicher Sorgfalt ihre Züge.
    Ach! das ungewiss flackernde Licht hatte ihn getäuscht, ihm war es gewesen,
als ob sich die starren Züge wieder belebt, die bleichen Lippen geöffnet hätten.
Er konnte sich ja noch nicht zu der Ueberzeugung zwingen, dass das Weib seines
Herzens, seine Alapaha, hier todt - todt zu seinen Füssen liege, und an jeden
Strahl von Hoffnung klammerte sich mit der Kraft der Verzweiflung die sinkende,
schmerzdurchschauerte Seele. Bald erfüllte den Unglücklichen aber nur zu sicher
die schreckliche Wahrheit. Alapaha, die Blume der Prairien, war wirklich todt -
nur eine gefühl- und seelenlose Leiche traf sein liebender Blick, und traurig
entfielen die flammenden Späne der matt und kraftlos niedersinkenden Hand.
    Der augenblickliche Hoffnungsstrahl hatte ihn jedoch wenigstens aus seiner
träumenden Letargie aufgerüttelt; er strich sich die langen, wild und
unordentlich seine Schläfe umflatternden Haare aus der Stirn, schaute, fast wie
ungläubig, einige Secunden in dem engen Raum umher und bebte erst dann
schaudernd wieder zusammen, als er dem starren Geisterblick der Gebliebten
begegnete.
    Die Wölfe, die in der vorigen Nacht nicht gewagt hatten, das von
Menschenhänden errichtete Gebäude zu betreten, näherten sich jetzt, und zwar
durch Hunger kühner geworden, der Stelle, welche ihre schauerliche Beute
entielt. Scheuchte sie aber schon die Witterung der vielen frischen Fährten
zurück, so ward ihre Furcht noch durch die Nähe eines lebenden Wesens vermehrt,
und schon umzogen sie in weiten Kreisen die Wohnung des Todes und heulten in
klagend ängstlichen Weisen ihren Leichengesang. Assowaum achtete ihrer kaum; er
kannte diese Hyänen des Waldes, fürchtete sie aber nicht und beschäftigte sich
nur mit dem früheren Gegenstand seiner Liebe - jetzt seines Schmerzes. Noch
einmal schürte er das Feuer an, dass es in hellen Flammen die Wände der Hütte wie
mit Tageshelle erleuchtete, und wanderte nun spähend umher und forschte nach
Spuren und Zeichen der verübten Tat.
    Die Hütte, vor langen Jahren von einem neuen Ansiedler errichtet, der sie
bald darauf wieder verliess, war seit dieser Zeit nur höchst selten von einzelnen
Jägern bei stürmischem Wetter als Lagerplatz benutzt worden, und deshalb
gänzlich vernachlässigt und verfallen. Früher hatte auch wohl der erste Besitzer
ein kleines Stückchen Land dicht daneben urbar gemacht und Mais darauf gezogen,
jetzt aber nahm kräftig aufwachsendes Unterholz mit seinen engverzweigten
Wurzeln den Acker ein, und selbst im Innern der Hütte verrieten einzelne junge
Stämme die üppige Vegetation des Bodens, der hier, von Regen und Sonnenschein
gleich entfernt gehalten und nur durch die Feuchtigkeit des vorbeiströmenden
Flusses genährt, mehrere junge Eichen- und Hickorystämmchen an derselben Stelle
emporgetrieben hatte, wo vor noch nicht so langer Zeit Menschen unter
schützendem Dache gehaust. Neben einem dieser Schösslinge lag die Leiche,
Assowaum suchte jetzt vergebens nach Spuren, die ihm den Mörder hätten verraten
können. Der Boden war zu hart, um die Spuren eines Menschenfusses in deutlichen
Umrissen bewahrt zu haben, und was sich noch etwa hätte zeigen können, hatten
die Männer zertreten. Nur dort, dicht neben dem kleinen Gestell, auf dem Alapaha
das von dem Gatten erlegte Hirschfleisch getrocknet - in der zerstreuten Asche -
entdeckte er, von den Anderen noch nicht zerstört, die teilweise Fussspur eines
Mannes.
    Assowaum betrachtete sie lange und aufmerksam, es war aber nur der vordere
Teil des Fusses, er konnte nicht die ganze Länge erkennen, und dann wieder
rührte sie von einem solchen Stiefel her, wie ihn Brown trug; es mochte des
jungen Mannes Spur sein, der ja eben erst die Hütte verlassen hatte. Assowaum
mass die Spitze ebenfalls am Stiel seines Tomahawks und schaute mehrere Minuten
lang sinnend auf die niedergetretene Asche.
    Solches Zeichen genügte aber nicht und er wanderte weiter umher, forschte
nach irgend einem zurückgelassenen Gegenstand des Mörders und fand - den
Tomahawk der Geliebten, der blutig von rauher Hand in die Ecke der Hütte
geschleudert schien und dort bis jetzt seinem Adlerblick entgangen war.
    Ein stolzes Lächeln des Triumphes durchzuckte jedoch zum ersten Mal die Züge
des wilden Kriegers, als er die Blutspuren an der leichten, doch scharfen Waffe
seines Weibes bemerkte: Alapaha war einer Indianerin würdig gestorben, und der
Feind, der sie vernichtet, hatte zuerst von ihrer Hand geblutet. Das brachte
aber auch das Andenken an den Tod der Geliebten mit erneuter Heftigkeit vor
seine Sinne, und den Tomahawk fest mit den Eisenfingern umspannend, richtete
sich der wilde Krieger hoch empor und schaute mit blitzenden Augen umher, als ob
er den Mörder erspähen und ihn mit dem Racheschrei auf den Lippen zu Boden
schmettern wollte.
    Ach zu spät! wo war diese rettende Hand in der Stunde der Not? wo war
dieses starke Herz im Augenblicke der Gefahr gewesen? weit - weit von hier, und
das arme Wesen musste hülflos und unbeschützt fallen und verbluten. Assowaum
knirschte wind, in ohnmächtiger Wut. Dann aber siegte endlich die kalte, ruhige
Ueberlegung des Indianers. Noch einmal durchforschte er jeden Winkel, jede Ecke
des kleinen Raumes, verliess dann die Hütte und untersuchte im Freien jeden
Strauch und jeden offenen Moosfleck - vergebens. Der niederströmende Regen hatte
Alles verwischt, nur zwischen dem Flusse und der Hütte, jetzt zwar schon von den
steigenden Fluten erreicht, fesselten einzelne Birkenzweige seine
Aufmerksamkeit, von denen die Blätter gewaltsam abgestreift zu sein schienen;
doch hatte, wie schon gesagt, der wachsende Fluss jede Spur darunter verwaschen,
und der Indianer kehrte, ohne seinen Zweck erreicht zu haben, in die Hütte
zurück.
    Hier bereitete er nun für die ermordete Gattin das Todtenlager; seine Decke
breitete er aus und legte ihre starren Glieder darauf, aus dem Flusse trug er
Wasser herbei und wusch ihr das blutige Antlitz und Haar rein von dem roten,
geronnenen Lebensstrom, schob ihr dann die eigene Decke unter das Haupt, dass sie
gut und sanft ruhe wie vor alten, schönen Zeiten, und versuchte, ihre Hände auf
dem Herzen, das ihn so treu und innig geliebt hatte, zu falten. Die Rechte hielt
aber krampfhaft geschlossen, und schon wollte er den Versuch aufgeben, mit
Gewalt die im Tode erstarrten Finger zu lösen, als er etwas Fremdartiges in
ihnen fühlte, seine Anstrengungen erneute und in dem Griff der Leiche einen
dunkeln Hornknopf, den sie im Todeskampf gefasst und gehalten hatte.
    Was war aber mit solchem Zeichen zu beginnen? Wie konnte das auf die Spur
des Täters führen? Assowaum schüttelte traurig mit dem Kopfe, schob jedoch den
Gesundene in die Kugeltasche an seiner Seite und setzte sich nun wieder still zu
den Füssen der Gattin nieder, als ob sie nur schlummere und er ihren Schlaf
bewachen wolle.
    So sass er regungslos viele lange Stunden; das Feuer fiel in sich zusammen,
flackerte noch manchmal zuckend empor und verglomm endlich; dichte Finsternis
erfüllte den kleinen Raum - draussen im Walde zogen sich die Wölfe scheu vor der
Nähe des Menschen zurück, kein Laut unterbrach die feierliche Stille, als das
Plätschern und Gurgeln des Flusses. Selbst die Eule hatte den schaurigen Platz
gemieden, und nur weit, weit entfernt lockte ihr klagender Ruf den Gefährten,
den sie dann mit leisem, geräuschlosem Flügelschlag in die freundlicheren Hügel
folgte - Alles schwieg, und immer noch kauerte die dunkle Gestalt vor der
stillen Leiche, bis draussen die frische Morgenluft den Tau von den Büschen
schüttelte, im Osten ein heller Streifen den nahenden Tag verkündete und die
Vögel der Nacht mit lauten, wehmütigen Tönen Abschied von dem weichenden Dunkel
nahmen.
    Da wurden Stimmen vor der Hütte laut, und von Wilson gefolgt trat Brown
wieder in das stille Gemach der Trauer. Der Indianer schien ihn aber nicht zu
bemerken; sein Auge, das er keinen Augenblick von dem Antlitz Alapaha's gewandt
hatte, hing immer noch an den teuren Zügen, und erst als ihm der Freund mit
leisem Finger die Schulter berührte, starrte er, wie aus tiefen Traum erwachend,
empor.
    »Komm, Assowaum!« sagte Brown jetzt, indem er ihm freundlich die Hand
entgegenhielt, »sei ein Mann - schüttle den Gram ab, der Dich zu verzehren
droht, und lass uns an's Werk gehen, zuerst Dein Weib beerdigen, und dann sie -
rächen!«
    Der Indianer hatte teilnahmslos den Worten des weissen Mannes gelauscht, bis
das letzte sein Ohr berührte.
    »Sie rächen!« rief er, indem er mit leuchtenden Augen emporsprang - »ja -
sie rächen - komm, mein Bruder - der Anblick dieser Leiche entmannt mich -
komm!« Damit nahm er den kleinen Tomahawk seines Weibes und steckte ihn in den
Gürtel, half dann aber den beiden Männern mit festen Schritten die Leiche in das
schwankende Boot zu tragen, das an seinem Rebenanker auf den durch die
überschwemmten Bäume gebrochenen Wellen schaukelte.
    Wilson bot ihm nun einige für ihn mitgebrachte Erfrischungen an - er wies
aber Alles zurück, nahm schweigend seinen gewöhnlichen Platz im Canoe ein und
steuerte dieses, das, von den kräftigen Armen der beiden Männer gerudert, mit
Blitzesschnelle über die kochende Flut dahinschoss, sicher und ruhig stromab der
zu Wasser etwa zehn Meilen entfernten Wohnung Harper's zu.
 
                                      17.
                         Das Begräbnis der Indianerin.
Harper's Blockhaus stand kaum hundert Schritt vom Ufer des Fourche la fave
entfernt, im Schatten von jungen schlanken Hickory- und Maulbeerbäumen; die
beiden Männer aber hatten erst seit Kurzem begonnen, das Land in der Nähe des
Hauses urbar zu machen, und noch lagen toll und wild auf der Nordseite des
Gebäudes die gefällten und teils abgehauenen, teils noch unberührten Stämme
durcheinander. Am Hause selbst schienen dagegen viele, und bei den gewöhnlichen
Farmern sogar selten gefundene Bequemlichkeiten getroffen. Ein kleines Fenster
war nicht allein ausgehauen, sondern auch mit wirklichen Glasscheiben versehen,
ein Brunnen trotz der Nähe des Flusses gegraben, um frisches, gesundes
Trinkwasser zu erhalten, und eine wohlgefüllte »Corncrip«, wie der
Aufbewahrungsort das Mais genannt wird, verriet, dass die Männer, wenn sie auch
noch selbst kein Getreide gezogen, doch keineswegs Mangel daran litten und sich
wohl versorgt hatten. Hühner und Enten, ja selbst ein Volk stolzer Trutühner
umgab scharrend und gluckend die Tür und schien sehnsüchtig auf Futter zu
harren, während zwei braune kräftige Pferde, augenscheinlich im Norden erzogen,
an dem leeren Trog standen und sich mit den Nasen daran scheuerten, als ob sie
ungeduldig und unzufrieden wären, die gewöhnliche Anzahl Maiskolben nicht an
ihrer gewöhnlichen Stelle vorzufinden.
    Auf dem freien Platze vor der Wohnung war aber jetzt die Gesellschaft der am
vorigen Abend bei Mullins versammelten Männer eingetroffen, und Roberts
besonders fiel die stille, unheimliche Einsamkeit des Platzes auf. Schnell ritt
er zur offenen Tür des Hauses, sprang vom Pferde, trat ein und fand hier
wirklich seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Auf hartem, rauhen Lager,
die Decken in heisser Fieberglut von sich gestossen, lag der sonst so heitere,
fröhliche alte Mann, der sich fast keinem Hause in der Nachbarschaft nähern
konnte, ohne mit herzlichem Händedruck und freundlichem Lächeln begrüsst zu
werden, allein und hülflos, mit nicht einer Seele zu seinen Diensten, die ihm
nur einen Becher Wasser hätte reichen können, um die brennenden Lippen zu
kühlen.
    Roberts und Bahrens traten erschüttert zum Bette des Leidenden und ergriffen
seine Hand, er kannte sie aber schon nicht mehr und phantasirte in wilden,
ungeregelten Bildern von Jagden und Märschen, von seinem Bruder, der die Braut
eines Andern liebe, und von seinem Neffen, der den Gegner erschlagen habe, und
nun mit dem Blute desselben bedeckt vor ihm erschienen sei. In diesem Augenblick
trat Rowson, der seine ganze Festigkeit und Ruhe wieder erlangt hatte, in das
niedere Gemach und zu dem Bette des Kranken, der sich bei seinem Anblick
aufrichtete und ausrief:
    »Fort - fort - wasche Deine Hände - sie starren von Blut - wische den Stahl
ab, er könnte Dich verraten - ha - Deine Kugel trifft sicher, welch ein Loch
sie reisst - die Wunde wird schwer zu heilen sein - gerade durch's Hirn.«
    Rowson erbleichte und trat schaudernd einen Schritt zurück, Roberts aber,
ohne den Blick von dem Antlitz des Kranken zu wenden, sagte leise: »Er träumt
von seinem Neffen - er hält ihn für schuldig und fürchtet für sein Leben.«
    »Wilde Phantasien,« flüsterte leise der Priester, indem er sich schnell
gesammelt zu dem Kranken niederbeugte.
    »Mister Harper!« rief er diesem dann freundlich zu, indem er seine kalten
Finger auf dessen brennende Stirn legte, - »kommt zu Euch - Freunde sind in
Eurer Nähe -« Aber noch hatte er die Rede nicht ganz vollendet, als der Leidende
mit einem Schmerzensschrei vom Lager emporfuhr.
    »Wasser! Wasser!« schrie er, »der böse Feind streckt seine Krallen nach mir
aus. - Ich war es nicht, der ihn erschlug, nein, der - nein - ja - ich war es
doch - ich bin's gewesen - nimm - mich - ich - führte - - den - Streich,«
flüsterte er dann leise und brach bewusstlos auf dem Lager zusammen.
    »Er ist recht krank,« sagte Bahrens mitleidig, »bleibt ein wenig bei ihm,
und ich will ihm einen Trunk Wasser holen, seinen Fieberdurst zu löschen. Das
Viehzeug draussen muss auch gefüttert werden, ich kann's nicht mit ansehen, dass
das Alles hier so hungrig und herrenlos umherläuft.«
    Ohne weitere Worte machte sich Bahrens augenblicklich daran, das Gesagte
auszuführen, und ehe noch die Männer an der Landung mit ihrer traurigen Fracht
anlegten, hatte er, von Roberts unterstützt, des Kranken Schläfe durch kalte
Umschläge gekühlt, sein Lager besser in Stand gesetzt, einen erfrischenden Trunk
für ihn bereitet, das Vieh versorgt, das Haus ausgekehrt und aufgeräumt und
Alles wieder ein wenig wohnlicher und menschlicher hergerichtet. Rowson sass
indessen neben Roberts am Bett des Kranken und reichte ihm, was er begehrte, bis
er endlich, nach mehrstündigen wilden Fieberträumen, in einen mehr durch
Erschöpfung als geistige Ruhe herbeigeführten Schlummer fiel.
    Kurz darauf landete auch das Canoe, und Brown und Wilson trugen, von dem
Indianer gefolgt, die Leiche die Uferbank hinauf und legten sie an dem moosigen
Fusse einer gewaltigen Eiche nieder.
    »Wo sollen wir das Grab graben?« frug Mullins jetzt, zu Brown hinantretend.
Der Indianer aber ergriff schweigend die Hand des Mannes und führte ihn, etwa
hundert Schritt von Brown's Wohnung entfernt und dicht neben seinem eigenen, aus
breiten Rindenstücken und ungegerbten Fellen errichteten Wigwam, zu einem alten
indianischen Grabhügel, wie sie sich in grosser Anzahl in Arkansas finden, und
sagte:
    »Lasst die Blume der Prairien bei den Kindern der Natchez ruhen. Hass und
Zwietracht entzündete in alten Zeiten die Herzen der Lenni Lenapes gegen ihre
roten Brüder im Süden. Der grosse Gott hat sie dafür gestraft - ihre Asche ruhe
friedlich bei einander.«
    Die Männer warfen nun mit regem Eifer an der beschriebenen Stelle die Erde
aus, bis sie die Grube für hinlänglich tief hielten, und wollten dann die Leiche
in den in voriger Nacht rauh zusammengezimmerten und hierher geschaften Sarg
legen. Hieran verhinderte sie aber noch der Indianer, der aus seinem Wigwam eine
Anzahl fein gegerbter Felle herausholte, den Körper seines Weibes mit
diesenumhüllte und dann mit Hülfe Brown's, den Bahrens aus dem Zimmer getrieben
hatte, damit er seiner Onkel nicht wieder in dem kurzen stärkenden Schlummer
störe, die junge Gattin hinein in ihr letztes, stilles Haus legte.
    Mullins nahte sich jetzt, einen Hammer und Nägel in der Hand, um den Deckel
zu bestigen. Doch auch diesem wahrte der Wilde und umschlang den Sarg mit seinem
ledernen Fangriemen, den er aber wieder ablöste, als die Erde ihr rotes Kind
aufgenommen.
    Rowson trat hierauf an die offene Gruft, und Assowaum machte schon eine
Bewegung, als ob er die christliche Feier des weissen Mannes zurückweisen wolle,
da fiel sein Blick auf das Kreuz, das jener in der Hand trug und zu dem die
Todte mit solcher Ehrfurcht gebetet hatte. Er barg das Antlitz in den Händen,
kniete neben dem Grabe nieder, und jetzt zum ersten Mal brach sich der lange
verhaltene, bis zu diesem Augenblick männlich bezwungene Schmerz Bahn. Seine
Brust hob sich convulsivisch, und die Tränen drägten sich in grossen
krystallhellen Tropfen zwischen den dunkeln Fingern hindurch und träufelten in
die aufgeworfene Erde nieder, die in wenigen Minuten das Wesen bedecken sollte,
um das er Stamm und Freunde, Heimat und Eltern verlassen hatte und ein einsamer
Wanderer unter dem fremden Volke geworden war.
    Indessen begann der Metodistenpriester mit leiser, zitternder Stimme seine
Leichenrede über der Asche der von seiner eigenen Hand schändlich Gemordeten. Er
pries ihre Tugend und Frömmigkeit; er lobte ihren Eifer, mit dem sie dem wahren
Gott angehangen und an ihn geglaubt habe; er rühmte ihren Fleiss und ihre Liebe
zu ihrem Gatten und Häuptling und erflehte dann vom Himmel, zu dem er es nicht
wagte die scheuen, verbrecherischen Blicke zu erheben, »Gnade für die
Verstorbene und - Vergebung für die Hand, die, vielleicht im Zorne, unschuldiges
Blut vergossen«. -
    Er hatte sein Gebet aber noch nicht beendet, als ein eigenes wildes Feuer
den Indianer zu durchzucken schien. Langsam nahm er die Hände von den Auge, und
wie sein fester, durchdringender Blick dem des Priesters begegnete, und dieser
vor dem dunkelglühenden Augen des Kriegers heimlich erschaudernd schwieg,
richtete sich der Häuptling stolz empor, erfasste mit der Rechten den Tomahawk
seines Weisses, den er noch im Gürtel trug, und die Linke gegen den Metodisten
ausstreckend, sprach er mit lauter, klangvoller Stimme:
    »Alapaha ist todt - ihr Geist ist zu den seligen Gefilden des weissen Mannes
gegangen, ihr Herz hatte sich von dem grossen Geist gewandt, dessen Rache sie
jetzt erreicht hat; aber weswegen bittet der blasse Mann bei seinem Gott um
Gnade für das Weib, das Alles vergass, um nur ihm anzugehören? - das dem Glauben
ihres Stammes entsagte und zu dem weissen Gott betete? Sie bedarf keiner Gnade!
Du hast mir oft gesagt, Dein Gott sei gerecht, und Assowaum's Weib soll nicht
einmal von einem Gott Gnade zu erbitten haben, wo es Gerechtigkeit verlangen
kann. Ist Dein Gott gerecht, so muss er die Unglückliche belohnen, die
seinetalben das vergass, was ihr sonst lieb und heilig war.«
    Rowson wollte ihn unterbrechen, doch hielt ihn wiederum der fest auf ihm
ruhende Blick des Wilden zurück, der mit immer lauterer und kräftiger tönender
Stimme fortfuhr:
    »Deine Lippen flehen aber auch um Vergebung für den Mörder. Er tauchte seine
giftige Hand in das reine Herzblut der Blume der Prairien; wer ist hier, der sie
nicht kannte und - nicht liebte? Nein! Keine Vergebung - Fluch treffe den
Mörder, Assowaum wird ihn finden, sein Leben hat fortan nur den einen Zweck: den
Mörder zu strafen. Mag ihn nachher weisse oder rote Erde decken, der grosse Geist
wird ihn mit offenen Armen und lächelndem Antlitz empfangen.«
    Rowson, der nur mit gewaltiger Kraftanstrengung sich bezwungen hatte, den
finstern, drohenden Blick des Kriegers auszuhalten, hob jetzt schweigend, wie in
stillem Gebet versunken, die Hände und sagte nach langer andächtiger Pause:
    »Vergieb ihm, Herr, vergieb dem Unglücklichen, der, von bitterem Schmerz
übermannt, Worte des Zornes und Hasses aussprach, wie sie nicht wohlgefällig vor
Deinem Angesichte sind. Vergib ihm, Herr - vergieb uns Allen, die wir hier über
eine Tat entrüstet stehen, welche ja ebenfalls durch Deine unerforschliche
Weisheit verhängt wurde. - Vergieb uns, die wir vielleicht ebenfalls Gedanken
des Zornes und der Rache hegen, und erleuchte uns mit Deinem Lichte, auf dass wir
erkennen, wie nur in Deiner Gnade, in Deinem Frieden das Heil liegt, das uns zu
guten und gottesfürchtigen Menschen macht, und uns stärkt, das Auge zu Dir, Du
Allmächtiger, reinen Herzens emporheben zu können. Amen!«
    »Amen!« hauchten die Umstehenden nach, nur Assowaum blieb in finsterem
Schweigen, die Rechte noch immer am Tomahawk, stehen, bis jetzt der Sarg von den
Männern erfasst und langsam in die enge Gruft hinabgehoben wurde. Da brach auch
sein Stolz, er sank mit vor das Antlitz gepressten Händen am Grabe nieder, und
als er sich wieder erhob, war der kleine Hügel gewölbt, und Rowson pflanzte das
schwarze Kreuz zu Häupten desselben oben darauf.
    Die Feierlichkeit war beendet und die Nachbarn verfügten sich zurück, in
ihre Wohnungen, nur Bahrens und Wilson blieben mit Brown in der kleinen Hütte
des Freundes, um ihn in seiner Krankheit, so viel es in ihren Kräften stand, zu
pflegen; Brown aber trat noch, ehe sich Rowson entfernt hatte, zu diesem, dankte
ihm für seine freundliche Bemühung, den Leib unglücklichen Weibes beerdigen zu
helfen, da er doch selbst krank und angegriffen sei, und bat ihn, sein Haus, im
Fall er nicht augenblicklich wieder zurück wolle, ganz als das seine zu
betrachten. Doch Rowson wies das Anerbieten freundlich zurück, da er zu seiner
kurz bevorstehende veränderte Lebensweise so viele Vorbereitungen treffen müsse,
dass an ein müssiges Vergeuden ganzer Tage nicht mehr zu denken sei, und schied
mit dem friedlichen Segensgruss auf den Lippen und tiefer Demut und Frömmigkeit
im Blick von dem jungen Mann, der ihm noch lange, in finsteres Brüten versunken,
nachschaute. - Das war der Mann, der ihm sein ganzes irdisches Glück geraubt,
oder ihm doch unmöglich gemacht hatte, es je zu erreichen. Das war der Mann, dem
die Geliebte Herz und Hand geopfert, dem sie angehören musste, von nun an bis zu
der Zeit, wo der Tod mit seinem eisernen Griff die Bande trennen würde, die, von
Gott selbst geknüpft, für das Leben unzerreissbar sein sollten.
    »Lebe wohl,« hauchte er leise - »lebe wohl, du schöner Traum, den ich einst
in wilden Jugendphantasien geträumt - lebe wohl, du Bild häuslicher
Glückseligkeit, das ich mit Tantalusqualen mich umgeben sehe, und das den
lechzenden Lippen doch ewig entzogen bleibt. - Lebe wohl, Du holdes, reines
Wesen, und Gott lindere Deinen Schmerz; Vergiss den Unglücklichen, dessen böses
Geschick ihn in Deinen Weg warf, um Deinen - seinen Frieden zu untergraben. -
Lebe wohl!«
    »Lebewohl,« flüsterte Assowaum, der an seine Seite getreten war und das
letzte Wort gehört hatte - »Lebewohl - ein wunderbares Wort, einer Todten
nachzurufen!«
    »Einer Todten?« frug entsetzt auffahrend Brown.
    »Sprachst Du nicht mit Alapaha?«
    »Ich sprach mit einer Todten,« hauchte Brown, sein Antlitz in den Händen
verbergend - »sie ist todt - todt - todt!«
    »Todt!« stöhnte Assowaum in dumpfem Echo nach - »gemordet - doch den Mörder
muss ich finden. - Der Geistervogel soll mir in nächtlichen Träumen den Namen
in's Ohr flüstern; neben dem Grabe will ich lagern, bis ich seine Stimme gehört.
- Wird mein weisser Bruder mir beistehen, um der Todten willen? Wird er dem Arm
des Freundes seine Sehnen leihen, ehe er in ein anderes Land geht, um für die
Freiheit eines fremden Volkes zu kämpfen?«
    Brown reichte ihm schweigend die Hand und schritt dann langsam zu dem Bett
seines kranken Oheims zurück, während der Indianer, für den Augenblick seinen
Schmerz bezwingend, mit regem Fleiss daran ging, aus starken Rindenstücken ein
Dach über dem Grabe zu erbauern, um den Regen davon abzuhalten. Schon neigte
sich die Sonne wieder ihrem Untergange, als er die letzte Wohnung seines Weibes
beendet hatte und nun am obern Teile derselben, da wo der Kopf der Leiche
ruhte, eine kleine Öffnung mit dem Tomahawk hineinhieb.
    Brown litt es indes nicht lange am Bett des Kranken, dem er für den
Augenblick doch nichts weiter nützen konnte, und er kehrte zu Assowaum zurück,
ihm etwas Trank und Speise zu bereiten. Als er zu ihm trat, war der Indianer
gerade damit beschäftigt, die Öffnung in das Dach zu hauen.
    »Und Du zerschlägst das wieder, was Du errichtet?« frug ihn Brown.
    »Ich zerstöre es nicht,« sagte der Wilde - »aber die Seele muss einen Ausgang
haben, dass sie den Körper verlassen und zu ihm zurückkehren kann.«
    »Die Seele kehrt nicht zurück, armer Freund,« entgegnete ihm traurig der
junge Mann - »sie ist dort hinauf gegangen, wo die Seligen wohnen. - Sie wird
die Erde nicht vermissen.«
    »Es gibt zwei Seelen,« flüsterte leise der Indianer, »zwei Seelen gibt
es,« wiederholte er eifriger, als er sah, dass der Weisse ungläubig mit dem Kopfe
schüttelte. »Fliegt Assowaum's Seele nicht im Traume zu den Jagdgründen seines
Stammes zurück? sieht sie nicht dort den Wigwam, vor dessen Eingang er seine
frühsten Kinderspiele spielte? folgt sie nicht dort in dunkler Schlucht dem
Elentier, das schnaubend und prasselnd sich Bahn bricht durch den
dichtverwachsenen Wald? Sieht sie nicht dort den Vater, wie er mit starker Hand
dem schwachen Knaben hilft den Bogen spannen? Ja - sie ist weit - weit hinweg,
in fernen Landen, und dennoch lebt Assowaum - er liegt auf seinem Lager und
atmet. Könnte er atmen, wenn er nur eine Seele hötte und diese im Lande seines
Stammes weilte, während er solbst zwischen den Hütten der Weissen am rauschenden
Wasser1 lebt? Nein - der rote Mann hat zwei Seelen.«
    Als die Nacht anbrach, nahm Assowaum die Speisen, die ihm Brown gebracht,
stellte sie neben die Öffnung, zu Häupten des Grabes und zündete dann ein
kleines Feuer vor demselben an, das er auch sorgfältig unterhielt, während er,
als sich dichtere und dichtere Finsternis auf die schlummernde Erde lagerte, mit
leiser, klagender Stimme den eintönigen, schaurigen Todtengesang seines Volkes
sang:
»Wo ach - wo ach
Weilst Du, Liebchen? Sieh, es blühen
Hier im Tale
Alle Blumen, alle - Du nur fehlest.
Wo ach - wo ach
Tönt die Stimme, die ich liebte?
Horch, es schallen
Tausend Stimmen, tausend - Du nur fehlest.
Droben - droben
In dem Wipfel jener Eiche
Sitzt der Vogel,
Und er singt des Geisterrufes Klage.
Droben - droben
Ist Dein Geist, oh werd' ich nimmer
Hier im Tale
Deine lieben Laute wieder hören?
Unten - unten -
Fest am Boden lieg' ich lauschend
Hier im Tale,
Und ich höre Deine Stimm' im Grabe.
Unten - unten
Deine leisen - leisen Klagen,
Und sie rufen
Mahnend auf zur Rache. - Lieb', ich folge!«
 
                                    Fussnoten
1 Arkansas.
 
                                      18.
          Roberts' Abenteuer auf der Panterjagd. - Die Wasserpartie.
Zwei volle Wochen waren seit den in den vorigen Capiteln beschriebenen Scenen
verflossen, alle Nachforschungen aber, die schuldigen Verbrecher aufzuspüren,
fruchtlos geblieben, und vergebens hatte Brown, dessen Onkel sich in letzter
Zeit wieder ziemlich erholt, mit unermüdlichem Eifer geforscht und gearbeitet,
um eine Spur der Mörder zu finden.
    Assowaum selbst konnte mehrere Tage nach der Beerdigung seines Weibes durch
nichts bewogen werden, ihr Grab zu verlassen. Dann aber war er plötzlich
verschwunden, und selbst Brown wusste nicht, wohin er sich gewendet.
    Die Ansiedler wurden aber durch diese erfolglosen Anstrengungen keineswegs
entmutigt und sahen darin nur einen so viel sprechenderen Beweis, wie nötig es
wäre, dass sie sich selbst zum Schutz ihrer Rechte verbänden, da auch in diesem
Falle die Gerichte nicht das Mindeste hatten ergründen können, und der Mörder,
für jetzt wenigstens, sicher und unentdeckt zu bleiben schien. Dadurch von der
Notwendigkeit eines ernsten Schrittes überzeugt, war der grösste Teil der
Farmer jener Verbindung, die sich die »Regulatoren« nannte, beigetreten, und
eine Hauptversammlung, die sehr zahlreich zu werden versprach, festgesetzt
worden. Dort sollten ernstere Schritte verabredet werden, um besonders
Verdächtige, die sich in ihrer Nachbarschaft aufhielten, denen aber kein
wirklich begangenes Verbrechen bewiesen werden konnte, vor ihr Gericht zu
fordern. Möglicher Weise wollten sie hieran den Faden knüpfen, der sie auf die
Spur der Schuldigen, wenn auch nur im Anfang auf die der Pferdediebe, brächte,
und unter denen hofften sie dann, und nicht mit Unrecht, die Mörder der beiden
Erschlagenen zu entdecken. -
    Freundlich lag der warme Sonnenschein auf dem grünen Laubdach des Waldes. -
Stiller Friede herrschte in der ganzen herrlichen Natur, kein Lüftchen regte
sich, aber tief, tief unten im finstern Dickicht drinnen, da, wo der Fourche la
fave seine Flut durch unwegsam Rohrbrüche und von dunkelschattigen Sumpfbäumen
überhangen hindrängte, tobte die Jagd und schallte das bald dumpfe Bellen, bald
helle Kläffen der Rüden hervor.
    »Joho - joho - ihr Hunde - Huh - pih!« schrie Roberts, als er auf
schäumendem Ross über einen breiten sumpfigen Fleck dahinbrauste und das vor
fröhlichem Jagdeifer schon überdies erhitzte Tier immer noch mehr durch lauten
Ruf und kräftigen Hackenstoss anfeuerte, dass es wild hinten aushieb und vorsprang
in ein Gewirr dicht verwachsener Weinreben. Die Meute war voraus, und zerstreut
hetzten die Jäger einzeln, wie ihre Pferde sie gerade getragen, oder die Bahn,
den sie zufällig gefolgt, es erlaubt hatte, hinterdrein, jeder mit gellendem
Jagdgschrei die Hunde ermutigend, sobald er nur hoffen durfte, von ihnen gehört
zu werden.
    »Huhpih!« schrie Roberts noch einmal, indem er, mit der Büchse in der
Linken, die Rechte mit dem schweren Jagdmesser bewaffnet, um im Notfalle
Schlingpflanzen und Reben zu zerhauen, eine gewaltige umgestürzte Cypresse
überflog und mit gleicher Zeit mit kräftigem Hiebe eine seilartig verwachsene
Gründornliane von einander trennte, die seinen Fortgang aufzuhalten drohte.
Dadurch hatte er aber eine andere, wenn auch schwächere, doch deshalb nicht
minder zähe Weinrebe übersehen, und ehe er noch zu neuem Schlage ausholen oder
dem wild dahinstürmende Pony in die Zügel fallen konnte, schlüpfte dieses dicht
darunter hin, und im nächsten Augenblicke lag Roberts mit Büchse und Messer
neben dem Stamme, den er eben erst mit so kühnem Satze übersprungen.
    »Pest!« murmelte er, als er sich aus dem zähen Schlamme, in den er gerade
mit den Schultern gefallen war, vorarbeiten musste - »Pony, hier! - kob - kob -
Pony! - der Teufel hole die Bestie, ich glaube, die will auf eigene Hand jagen!«
- Er hatte nicht Unrecht; das kluge Tier, das Roberts auf allen Jagden
geritten, nahm viel zu grossen Anteil an der Hetze selbst, als dass es jetzt
hätte auf seinen Herrn warten und dadurch die schöne Zeit versäumen sollen. Wie
ein losgelassener Sturmwind folgte es daher, des schweren Reiters bar, der Meute
und war in wenigen Secunden weder zu hören noch zu sehen.
    »'s ist wahrhaftig fort!« sagte der alte Jäger brummend, als er mehrere
Minuten lang aufmerksam umhergeschaut und gehorcht hatte - »nicht die Spurr mehr
zu merken - jetzt sitz' ich schön auf dem Trockenen. - So wollte ich denn doch -
dass die - aber halt, die Jagd dreht sich nach den Hügeln herum; da wär' es gar
nichts Unmögliches, dass sich der Panter, wenn er nicht dem Petite-Jeanne zu
flieht, noch einmal hier herunter in die Niederung wendet, und dann ist sein
Lieblingsplatz der Rohrbruch da drüben über dem Fluss. Wart', mein Bursche,
vielleicht bin ich dennoch, trotz meiner alten Knochen, bei der Ernte. - Nur
Geduld - ich habe mich schon in schlimmeren Lagen befunden.« Roberts' Gedanken
führten ihn jetzt augenscheinlich wieder zu dem Revolutionskrieg zurück, denn er
lächelte sehr selbstzufrieden in sich hinein und schritt, da er während des
vorigen Selbstgesprächs seine Büchse von dem Schlamme gereinigt und frisches
Pulver aufgeschüttet, wie sein Messer wieder in die Scheide gesteckt hatte, dem
nahen Flusse zu.
    Hier jedoch bot sich dem aus dem Sattel Gehobenen eine neue Schwierigkeit:
das Hinüberkommen nämlich und vergebens hatte er schon eine Strecke hinauf und
hinab gesucht, ob er nicht irgendwo eine seichte Stelle finden und benutzen
könnte. Da sah er dicht am steilen Ufer einen angefaulten Baumstamm, an dem ein
Bär ganz frisch gearbeitet und mehrere Stücken heruntergerissen zu haben schien.
Leider befanden sich aber die Hunde jetzt auf einer warmen Panterfährte, und
von der sie abzulenken, wäre unmöglich gewesen, hätte Roberts auch nur je einem
solche Gedanken Raum gegeben. Daran aber dachte er wahrlich nicht. Ein Panter
hatte erst vor wenigen Tagen eins seiner Füllen und die nächste Nacht ein
grosses, auswachsenes Arbeitspferd zerrissen, dem er von einem Baume aus auf den
Hals gesprungen war - diesen unschädlich zu machen, war jedenfalls das
Wichtigste, was sie vornehmen konnte.
    Der alte Jäger wusste aber auch, wie ungern der Panter, wenn er wirklich
seinen kaum verlassenen Schlupfwinkel wieder aufsuchte, den Fluss zum zweiten Mal
durchschwimmen würde. Um so nötiger wurde es daher, schnell an's andere Ufer zu
kommen. Ueberdies tönte das Geheul der Meute wieder deutlicher herüber, und die
Jagd konnte sich jeden Augenblick nach dieser Richtung drehen. Roberts wälzte
und hob also das vorerwähnte Stück faulen Holzes dem steilen Uferrande zu, warf
es hinab und stieg dann selbst, sich an Rohrwurzeln und Schiff anhaltend, zum
Wasser nieder, legte seine Büchse auf das Holz und wollte eben seinen Uebergang
beginnen, als er ganz nahe das Gebell und Gekläff der Hunde hörte. Diese eilten,
was sich ganz deutlich unterscheiden liess, dem Flusse wieder zu und brachen
plötzlich in ein solch' wildes, rasendes Geheul aus, dass Roberts nichts Anderes
glauben konnte, als der Panter sei aufgebäunt und dadurch für den Augenblick
den Zähnen seiner Verfolger antgangen.
    Jetzt war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren. Schnell stiess er das Holz
in den Strom und hatte eben das tiefere Wasser und etwa die Mitte des Flusses
erreicht, als am gegenüberliegenden Ufer die Büsche raschelten, das dürre Rohr
brach und fast zu gleicher Zeit eine dunkle Gestalt am äussersten Rande der
Uferbank erschien und sich mit Gedankenschnelle hineinwarf in die über ihr
zusammenschlagende Flut.
    Es war der Panter, und so dicht neben dem Jäger sank er nieder, dass dieser
durch das aufspritzende Wasser überschüttet wurde. Die kleinen erregten Wellen
schaukelten sein rohes Floss, während der Kopf des Raubtieres wieder
emportauchte und dem andern Ufer zustrebte. Jetzt hatte aber auch Roberts seine
ganze Ruhe und Geistesgegenwart wieder gewonnen, die ihn im ersten Augenblick
wirklich durch die unvorhergesehene Ueberraschung verlassen. Das Schloss seiner
Büchse war glücklicher Weise trocken geblieben, schnell zog er den Hahn auf, und
mit dem linken Arm auf dem Holze ruhend, während er mit den Füssen langsam
austrat, zielte er in dieser keineswegs bequemen Lage auf den Panter, der jetzt
eben glatt und triefend dem Wasser entstieg. Dieser zuckte, von der Kugel
getroffen, hoch auf und glitt in den Strom zurück und Roberts wollte schon ein
Triumphgeschrei ausstossen, versah aber das Gleichgewicht des Flosses ein wenig
und verschwand mit Büchse und Pulverhorn in dem nämlichen Augenblick in der
trüben Flut, als sich das verwundete Tier wieder aufraffte und mit flüchtigen
Sätzen den steilen Abhang hinanfloh.
    Als Roberts gleich darauf sprudelnd und plätschernd wieder an die Oberfläche
kam, erreichten die Hunde, die vorher auf der verlorenen Fährte geheult hatten,
gerade den Platz, von welchem der Panter abgesprungen. So wenig sie aber sonst
geneigt gewesen wären, das Wasser schnell anzunehmen, so bereitwillig folgten
sie jetzt ihrem gewandten Vorgänger, als sie die dunkle Gestalt in dem Flusse
bemerkten, die sie in dem Augenblick für den verfolgten Feind hielten. Roberts'
Lage gehörte in diesem Augenblick keineswegs zu den beneidenswerten, denn
hätten ihn die vor Eifer winselnden Rüden, die mit aller Gewalt dem
vermeintlichen Feinde zustrebten, noch im tiefen Wasser erreicht, so würde sich
die Masse auf ihn gedrängt und ihn erstickt haben, ehe er im Stande gewesen
wäre, sie von ihrem Irrtum zu überzeugen. So aber bemerkte er noch glücklicher
Weise die Gefahr, in der er schwebte, zeitig genug, schwamm, in der Linken immer
noch fest und sicher die schwere Büchse haltend, dem Ufer zu und hatte kaum
einen Ort erreicht, auf welchem er Grund fühlen konnte, als die Hunde ihn auch
umgaben und Poppy selbst an ihn hinanfuhr. Er aber hob sich schnell in die Höhe,
stiess die nächsten mit dem Kolben von sich und schrie die erschrocken zu ihm
auffahrenden mit wilder Stimme an:
    »Zurück, ihr Bestien - ihr verdammten Köter ihr - zurück - du, Poppy, du
nichtsnutzige Canaille - willst du deinen eigenen Herrn anbeissen? Zurück da, ihr
Schlingel - nehmt die rechte Fährte und geht zum Teufel - du, Poppy!« Der letzte
Ausruf galt aber wieder, obgleich unschuldiger Weise, dem eigenen Hund, der
seinen Herrn jetzt erkannte und freudig zu ihm hinanschwimmen wollte. Roberts
jedoch, der dem Frieden nicht so recht traute, tat abwehrend einen Schritt
zurück, trat in ein etwas tieferes Loch und verschwand noch einmal, und zwar in
demselben Augenblicke unter Wasser, als Bahrens am Ufer erschien. Schnell riss er
dabei die Büchse hinauf, dem Panter eins aufzubrennen, denn auch er glaubte
nicht anders, als dass er es mit dem verfolgten Raubtiere zu tun habe. Diesmal
waren es jedoch die Hunde, die den Jäger vor der Kugel des Gefährten schützten,
denn um nicht etwa einen von diesen zu treffen, hielt Jener noch sein Blei
zurück und erkannte bald darauf zu seinem nicht geringen Erstaunen den Freund.
Dieser ahnte die neue Gefahr aber nicht einmal, sprudelte nur, sobald er wieder
festen Boden erreicht hatte, das verschluckte Wasser aus und brachte dann die
Hunde fluchend auf die Fährte des Angeschossenen. Die Meute witterte indessen
kaum das frische Blut, als sie mit wildem Toben dem Feinde nachstürmte und ihn
nicht lange darauf und noch im Tallande stellte.
    »Hallo, Roberts!« schrie Bahrens jetzt vom Ufer aus, »was zum Henker macht
Ihr denn da im Fourche la fave?«
    »Ich krebse!« rief dieser, noch ärgerlich über seine nichts weniger als
behagliche Lage, indem er dem Wasser entstieg und an der schlüpfrigen Uferbank
hinaufkletterte. Sein Spott sollte aber zur Wahrheit werden, denn zweimal noch,
ehe er die sichere Höhe erreichen konnte, glitt er aus und kam viel schneller,
als er sich hinaufgearbeitet hatte, wieder zurück, jedesmal zum Ergötzen seines
sich vor Lachen die Seiten haltenden Freundes. Endlich siegte jedoch seine
Beharrlichkeit, er ergriff, oben angelangt, einen jungen Stamm, schwang sich
hinauf und verschwand, ohne den Jubelnden weiter eines Blickes zu würdigen, im
Dickicht.
    Dieser eilte übrigens ebenfalls seinem Pferde zu, das er, als er die Hunde
im Wasser hörte, eine kurze Strecke zurückgelassen hatte, bestieg es wieder und
galoppierte nach der weiter oben sich befindenden Furt. Er kam jedoch zu spät
auf dem Kampfplatz an, denn noch im Schilfbruch drin hörte er den scharfen Knall
der Büchse und gleich darauf das Winseln der unter dem Baume sehnsüchtig
harrenden Hunde. Noch aber ging der Panter oben, als er auf den kleinen offenen
Fleck trat, auf welchen sich jetzt die ganze Jagd concentrirt hatte. Die Krallen
tief in den Ast der Eiche eingeschlagen, klammerte er sich mit der letzten
Spannkraft seiner Sehnen an das schützende Holz; bald aber bewies ein den
freischwebenden Körper erschütterndes Zucken den Todeskampf des
Schwergetroffenen. Seine Tatzen öffneten sich und zwischen die wild
aufjauchzende Meute hinein stürzte er gerade auf einen der jungen Hounds, dessen
Rückgrat er im Falle brach, und der dann winselnd und heulend vorzukriechen
suchte unter dem schweren Körper.
    Im Anfange war es übrigens kaum möglich, das arme verkrüppelte Tier
zwischen den wütend den verendeten Panter zerzausenden Hunden vorzuziehen.
Endlich aber gelang es den vereinten Kräften der Männer und Cook, einer von
dessen Hounds es war, und der wohl einsah, dass es für das arme Geschöpf doch
keine Rettung mehr gab, hielt ihm die Mündung seiner Büchse vor die Stirn und
machte mit der Kugel dem Leiden desselben ein Ende.
    »Das ist nun schon der siebente Hund, den ich auf solche Art umkommen sehe,«
sagte Bahrens ärgerlich, indem er seinen Kolben vor sich niederstiess, »das dumme
Viehzeug ist aber nicht fortzubringen, wenn so eine Bestie oben sitzt. Ehe sie
sich's versehen, kommt sie dann herunter und schlägt mit den schweren,
ungeschickten Knochen ein paar zu Schanden.«
    »Ein Bär, den ich im vorigen Jahre schoss,« sagte Roberts, vor Frost mit den
Zähnen klappernd, »schlug auf diese Art zwei todt und brach einem dritten den
linken Hinterlauf. Ich musste ihn auch abstechen.«
    »Hallo, Roberts,« lachte Bahrens, »Ihr seht liebenswürdig aus, wir wollen
lieber ein Feuer anmachen. Doch, Cook, wo kommt Ihr denn her? Ich habe Euch ja
seit vierzehn Tagen, wo Ihr damals die nutzlose Hetze hinter den falschen
Pferden her machtet, nicht wieder gesehen. Habt Ihr die Bestie geschossen?«
    »Ja,« erwiderte Cook, der eben seine Büchse wieder auswischte und lud, »ich
war bei Harper drüben und hörte die Hunde so in der Nähe, dass es mir nicht
möglich war, ruhig im Hause sitzen zu bleiben.«
    »Wir sind wohl ganz in der Nähe von Harper's Haus?« frug Roberts - »die
Gegend hier kommt mir wenigstens bekannt vor. Nicht wahr, es liegt gleich da
drüben, hinter jenen Cypressen?«
    »Kaum fünfhundert Schritt von hier,« erwiderte ihm Cook; »wir gehen am
besten gleich zum Hause, dort kann sich Mr. Roberts trocknen und da ist's auch
noch immer Zeit, das Bestie abzustreifen.«
    »Ich wollte, ich wüsste, wo mein Pferd wäre,« meinte Roberts besorgt, »wenn
das nur nicht irgendwo mit dem Zügel im Busche hängen bleibt. Ich habe ihm zwar
einen Knoten hineingemacht, und er kann nicht sehr weit herunterhängen, es ist
aber doch möglich.«
    »Habt keine Sorge,« sagte Bahrens, »da kommt Mullins und bringt es mit sich.
- Wo war das Pferd, Mullins?«
    »Es stand dort, wo der Panter wahrscheinlich zum ersten Mal durch den Fluss
setzte, und weidete, der Ufer mochte ihm zu steil gewesen sein,« rief Mullins,
der in diesem Augenblick mit dem vermissten Tiere herbeikam; »aber hallo, das
ist ein starker Bursche. Von dem wundert's mich nicht, dass er das grosse Pferd
umwerfen konnte.«
    Es war auch allerdings ein ausserordentlich starker Panter, dem sie von
Tagesanbruch an nachgehetzt, ehe sie ihn zum Aufbäumen bringen konnten.
Wahrscheinlich hätte er sich auchjetzt noch nicht ohne Roberts' Kugel gestellt,
die ihn geschmerzt und geschwächt. Er sollte nun auf Cook's Pferd gehoben
werden; obgleich Cook aber versicherte, dass dies schon mehr als zehn Bären, und
ohne das mindeste Zeichen von Furcht zu verraten, getragen habe, so war es doch
unter keiner Bedingung zu bewegen, den todten Panter auch nur auf fünf Schritt
an sich hinan zu lassen. Vergebens wischten sie ihm den Schweiss des Erlegten an
das Maul - es war nicht der Schweiss, vor dem es sich scheute, es war die
scharfe, ihm fürchterliche Witterung und die Männer mussten sich zuletzt dazu
verstehen, den Panter an Ort und Stelle abzustreifen und die Haut allein
mitzunehmen. Aber selbst diese brachten sie nur mit genauer Not auf den Rücken
eines der Pferde, das fortwährend scheu den Kopf zurückwarf und durch alle nur
erdenklichen Seitensprünge der ihm unangenehmen Last sich zu entziehen suchte.
    Bald erreichten sie jedoch Harper's Wohnung, befestigten dort ihre Tiere an
den diese umgebenden Büschen und traten ein.
 
                                      19.
   Harper's Wohnung. - Cook's Bericht über die Verfolgung der Pferdediebe. -
                 Harper's und Bahrens' wunderbare Erzählungen.
Dort sah es freilich noch immer nicht so freundlich und wohnlich wieder aus, als
damals, da Harper noch kräftig und stets in guter Laune die kleine
Junggesellenwirtschaft führte. Zwar hatte er sich in der letzten Woche wieder
ziemlich von seiner Krankheit erholt, die Schwäche aber, die stets eine
unvermeidliche Folge des Fiebers bleibt, war noch aus allen seinen Bewegungen
leicht zu erkennen, ja sogar das sonst so lebensfrohe, gesundkräftige und rote
Antlitz hatte eine recht hässliche Aschfarbe angenommen und die Backenknochen
ragten daraus hervor, als ob sie sich, über solche Veränderungen verwundert, im
übrigen Gesicht umschauen wollten.
    Die Nachbarn verliessen ihn aber in der Zeit der Not nicht; Jeder war ihm
gut und abwechselnd waren sie mit Brown an seinem Bette, so lange er noch
darnieder liegen musste, und brachten oft Tage damit zu, ihn zu zerstreuen und
aufzuheitern.
    Bahrens besonders hatte eine eigene Zuneigung zu ihm gefasst und war ein
häufiger und gerngesehener Gast in der Hütte der beiden Männer geworden.
    Auf dem rauh aufgeschlagenen Bettgestell, auf seiner mit spanischem Moos
gestopften Matratze lehnte Harper, und seine Augen, wenn auch noch immer nicht
in dem alten Feuer erglühend, glänzten beim Anblick der lieben Gäste fast in
gewohnter Fröhlichkeit. Herzlich grüssend, streckte er den Eintretenden,
besonders Roberts und Bahrens, die ebenfalls etwas abgemagerte, bleiche Hand
entgegen.
    »Willkommen, Ihr Alle! Willkommen, Roberts - Ihr seid mir ein schöner
Patron; also wilde Bestien sind nötig, um Euch einmal zu mir zu bringen;
wahrlich nicht übel. Doch Gott segne mich, wie seht Ihr denn aus, Ihr seid ja
wie aus dem Wasser gezogen. Heh, Bill, gieb doch Roberts andere Kleider, der
kann ja den Tod davon haben.«
    »Danke, danke,« sagte dieser, als der junge Mann ihm einen warmen, trockenen
Anzug brachte und ihm beim Aus- und Ankleiden behilflich war, »danke schön; -
aber, Brown - mit Euch habe ich ein besonderes Hühnchen zu pflücken; meine Alte
ist schön bös auf Euch, dass Ihr Euch gar nicht mehr sehen lasst. Noch von der
Pantergeschichte her, als Marion mit Euch war, wo Ihr auf so eine Bestie
schosset, die auch ziemlich gut getroffen sein musste, denn wie ich höre, hat sie
Cook's ältester Junge zwei Tage darauf gefunden, das Gerippe wenigstens, und
einen Teil der Haut, sonst waren die Aasgeier -«
    Brown hätte ihn ruhig fortreden lassen, Cook fasste ihn aber am Arm und rief:
    »Hallo da - jetzt geht die Reise wieder fort, gerade östlich, wie die Post -
so - da setzt Euch zum Feuer, und Ihr, Harper, kommt ebenfalls lieber näher zum
Kamin, denn wenn wir auch die Spalten ziemlich verstopft haben, so ist doch noch
immer Luft genug, und Ihr könntet Euch wieder erkälten. Der verdammte Wind
pfeift hindurch.«
    »Habt Ihr wohl ein Waschbecken hier?« frug Roberts; »beim Herausklettern aus
dem Fluss bin ich mit den Händen so schändlich tief in den Schlamm gefahren -«
    »Ach, Cook, seid so gut und gebt ihm einmal das eiserne Aufwaschgeschirr
dort - das ohne Griff - Ihr wisst ja schon!«
    »Ob ich's weiss!« lachte der junge Farmer, indem er mit einem langstieligen
Flaschenkürbis das Wasser aus dem vor der Tür der Hütte stehenden Eimer in das
verlangte Gefäss schüttete, - »natürlich kenn' ich Euer Geschirr hier vielleicht
besser jetzt, als Ihr selbst. Man bedarf auch keiner langen Zeit, um damit
bekannt zu werden.«
    »Kein Handtuch?« frug Roberts.
    »Nun, Ihr werdet doch wohl ein Taschentuch bei Euch haben?« entgegnete Cook.
    »Ja - aber es ist Alles nass geworden.«
    »Ach so, na, dann nehmt mein's hier.«
    »Die Jagd müsst Ihr mir erzählen!« rief Harper - »das ist ein merkwürdig
grosses Panterfell - wollt Ihr's nicht aufspannen, Cook? Dort vor der Tür
liegen ja wohl noch Schilfstäbe. - Hängt's nur an den kleinen Ahornbaum hier
rechts - aber hoch - die verdammten Hunde haben mir das letzte Hirschfell, das
ich so sauer verdienen musste, auch heruntergerissen und gefressen - die
Bestien!«
    Roberts musste jetzt erzählen, wie es ihm gegangen, und Cook spannte indessen
das Fell auf und brachte es in Sicherheit, hatte aber dabei vollauf zu tun, den
Erzähler an allen möglichen Absprüngen und mehrmaligem Durchgehen zu verhindern.
    »Sagt einmal, Roberts,« rief er endlich, als dieser geendet hatte, »habt Ihr
denn das damals auch so gemacht, als Ihr um Eure jetzige Frau freitet? - Hol'
mich dieser und jener, wenn ich da an ihrer Stelle nicht die Geduld verloren
hätte.«
    »Das jetzt bei Seite, Cook,« sagte Roberts, »es ist heute das erste Mal, dass
ich Euch oder überhaupt Einen von Denen wiedersehe, die vor vierzehn Tagen auf
den falschen Fährten hinter den Pferdedieben herhetzten, wie war denn die Sache
eigentlich?«
    »Ja, das hat er mir auch noch nicht erzählt,« rief Harper, »und ist doch
alle Tage ein paar Stunden hier.«
    »Ihr waret krank,« erwiderte Cook, »was sollt' ich Euch da mit der
langweiligen Geschichte quälen; nun, die Sache ist sehr einfach. Wir fanden die
Spuren, die durch den Fluss gingen, und folgten, weil wir sie natürlich für die
rechten hielten und nirgends andere gekreuzt hatten. Husfield behauptete auch
noch ausserdem, ehe wir in den Fluss hinunterritten, dass er darauf schwören wolle,
es seien seine eigenen Pferde. Er muss sich aber doch wohl geirrt haben. Am
anderen Ufer suchten wir nicht lange, warfen die Fackeln fort und sprengten nun,
was unsere freilich schon etwas müden Klepper rennen konnten, hinter den
vermeintlichen Dieben her.
    In der Nacht hielten wir nur einmal an, um unsere Pferde rasten zu lassen
und selber etwas zu geniessen, hörten auch hier, dass ein Mann mit Pferden
vorbeigekommen und ziemlich scharf geritten sei. Der Farmer hatte natürlich bloss
das Klappern der Hufeisen vernommen und die Tiere selbst nicht gesehen,
versicherte uns aber, wir würden ihn bald einholen, falls das unsere Absicht
sei, denn er wäre vor kaum einer halben Stunde dort vorbeipassiert. Meine armen
Pferde, stöhnte damals Husfield, wie sie der Hund nun abhetzen wird - aber gnade
ihm Gott, wenn ich ihn erreiche - hier an dem Strick - er trug den Strick bei
sich - soll er seine schwarze Seele ausstrampeln! Er hatte gut Rache schwören;
bei Tagesanbruch kamen wir, als wir mit verhängten Zügeln auf den breiten Spuren
einen kleinen Abhang hinab galoppirten, plötzlich an den Mann mit den Pferden,
der ruhig unter einem Baum sass und, als er unsere Annäherung bemerkte,
keineswegs die geringste Bewegung zur Flucht machte. Ich sah Husfield verwundert
an, der aber starrte mit aufgerissenen Augen nach den Pferden hinüber und schrie
endlich, indem er seinen eigenen Tier in die Zügel riss, Höll' und Teufel, das
sind nicht die meinigen! Er hatte ganz Recht, es waren ein paar Schimmel dabei,
die Niemand von uns kannte, und der Fremde ritt sein eigenes Pferd und war kein
Anderer, als der Bursche Johnson, der sich seit einiger Zeit am Fourche la fave
herumtreibt und, so viel ich weiss, von der Jagd lebt.
    Husfield war wütend, noch dazu da er, wie er mir später gestand, einen
besonderen Grimm auf den liederlichen Gesellen hatte und ihm das Schlimmste
zutraute. Es liess sich aber in dieser Sache gar nichts tun. Wir ritten zu den
Pferden hin, Johnson gab uns jedoch sehr kurze Antworten und erwiderte auf die
Frage, was er mit den Pferden anzugeben gedenke, er könne doch hoffentlich mit
seinen eigenen Tieren tun, was er wolle.«
    Husfield knirschte vor Wut mit den Zähnen, und ob ich gleich versuchte, ihn
im Guten wieder zurückzubringen, so war er doch zu aufgeregt, und es dauerte
nicht lange, so standen sich die beiden Männer im feindlichen Wortwechsel
gegenüber. Johnson blieb dabei zwar sehr kaltblütig und ruhig, hielt jedoch die
rechte Hand fortwährend unter der Weste verborgen, wo er natürlicher Weise seine
Pistolen und Messer stecken hatte.
    »Husfield schwor zuletzt die fürchterlichsten Eide, er wolle ihn lynchen,
sobald er ihn einmal auf seinem eigenen Lande fände, und Johnson lachte dazu und
erwiderte, er würde sich nächstens einmal das Vergnügen machen und ihn besuchen.
Endlich bracht' ich sie auseinander. Vergebens war es aber jetzt, irgend eine
weitere Spur zu finden, der nächtliche Regen hatte Alles verwaschen und wir
mussten die Verfolgung aufgeben. Husfield behauptete nun steif und fest, die
Tiere seien noch in der Ansiedlung, und wir suchten jeden Winkel der Niederung
aus, in den nur ein Pferd möglicher Weise eindringen konnte, doch umsonst. Sie
sind fort, obgleich das Wie? mir selbst ein Rätsel ist.«
    »Auch wohl das Wohin?« sagte Bahrens.
    »Nun, das weniger, doch wahrscheinlich nach Texas. Ich muss nur selbst einmal
nach Texas gehen, um das Volk dort kennen zu lernen. Wenn man auch keine
bekannten Menschen da finden sollte, bekannte Pferde trifft man sicherlich.«
    »Es war ja auch an jenem Abend, an welchem die Indianerin ermordet wurde,
nicht wahr? Habt Ihr denn gar nichts davon gehört?« frug Roberts - »Ihr müsst
dicht an der Stelle vorbeigekommen sein.«
    »Ich glaube - ja, mir ist es wenigstens so, als ob Jemand erwähnt hätte, er
höre einen Schrei. Das war gerade, als wir an die Furt kamen, und es wird
wahrscheinlich das arme Weib gewesen sein; die Entfernung zwischen der Hütte und
der Strasse ist gar nicht so bedeutend. Wisst Ihr denn nicht, wo der Indianer
jetzt ist, Brown?«
    »Nein,« erwiderte dieser, »vier Tage nach dem Begräbnis seiner Squaw, in
welcher Zeit er ein kleines Feuer am Grabe unterhalten und fortwährend frische
Speisen daneben gestellt hatte, verliess er die Gegend, hat sich wenigstens nicht
wieder bei uns sehen lassen. Doch erwarte ich ihn mit jedem Tage zurück, denn
dass er das Land verlassen habe vor der Erfüllung seines Racheschwures, glaub'
ich nun und nimmermehr.«
    »Wo mag er sich aber nur herumtreiben?«
    »Sorgt für den nicht,« sagte Bahrens - »der kriecht umher und spionirt, wer
weiss, wie bald er wieder da ist und irgendwo ein Nest aufgefunden hat. Ihr
Regulatoren könnt Euch kein besseres Mitglied wünschen, als eben den Indianer.«
    »Ist es wahr, Brown, dass sie Euch zum Anführer an Heatcotts Stelle gewählt
haben?« frug Roberts.
    »Husfield und mich,« erwiderte der junge Mann, »ihn am Petite-Jeanne, mich
am Fourche la fave; doch werde ich meine Stelle niederlegen, sobald mein Schwur
erfüllt ist und die Mörder des jungen Heatcott wie die der Indianerin entdeckt
und bestraft sind. Wie ich aber höre, soll Mr. Rowson sehr eifrig gegen die
Verbindung der Regulatoren, als etwas nicht allein Ungesetzliches, sondern auch
Unchristliches predigen.«
    »Er ist seit acht Tagen verreist,« sagte Roberts, »wie ich höre, an den
Mississippi und nach Memphis, um dort verschiedene Einkäufe zu machen, muss aber
in dieser Woche wieder eintreffen. So viel ich weiss, will er Atkins Land kaufen,
was ganz guter Boden ist, wenn er nicht so viel Sumpfland -«
    »Atkins will ausverkaufen?« frug Mullins, »davon weiss ich ja noch keine
Silbe. Also er hat schon einen Käufer?«
    »Rowson schien das Land zu gefallen,« sagte Roberts, »und ich habe nichts
dagegen, dann kommt Marion wenigstens nicht so weit fort. Und da wir das neue
Betaus am Wege nach der Leftandfork bauen wollen, denn die Stämme sind schon
seit Weihnachten dazu gehauen, und ich sollte sie zusammen -«
    »Gentlemen, rückt Eure Sitze her zum Tisch und nehmt fürlieb mit dem, was
wir haben,« rief Brown jetzt dazwischen, der indessen mit Cooks Hülfe das
einfache Mahl bereitet.
    »Wie wär's, wenn wir ein Stück Panterfleisch kosteten?« lachte Roberts.
    »Danke schön,« sagte Bahrens, »danke, das hab' ich einmal versucht, und der
Ekel hat mich nachher sterbenskrank gemacht.«
    »Wo denn?« rief Harper, der eben seine Tasse Tee zum Munde führen wollte
und nun erwartungsvoll inne hielt.
    »Wo denn? Nun im Walde draussen, wo denn anders?« erwiderte Bahrens - »es war
am Washita, und wir hatten den ganzen Tag gejagt, bis Abends spät, wo ich ohne
eine Klaue an dem verabredeten -«
    »Ihr hattet Euch wohl den Fuss vertreten?« fragte Roberts, indem er Harper
von der Seite zublinzelte.
    »Oh, geht zum Teufel!« fuhr Jener ärgerlich in seiner Erzählung fort - »zu
dem verabredeten Lagerplatz zurückkam. Da ging's hoch her. Eine Menge Knochen
lagen am Feuer und dicht daneben über dem kurz abgehauenen Zweig eines niederen
wilden Pflaumenbäumchens hing ein abgestreiftes und, wie die Anderen sagten,
junges Hirschkalb, das delicat schmecken sollte; die Läufe, der Kopf und eine
der Keulen fehlten übrigens, und als ich danach frug, sagten sie, sie hätten die
Keule gegessen und das Uebrige den Hunden gegeben. Ich also nicht faul über das
Wildbret her, schnitt mir ein tüchtiges Stück herunter und briet und verzehrte
es ganz allein, da die Schufte satt zu sein behaupteten.
    Wie ich im besten Essen war, kommt mein Hund, der ebenfalls hungrig, überall
herumgeschnüffelt hatte, und bringt etwas im Maule angeschleppt bis dicht zu mir
hin, als ob er sagen wollte: Du, sieh einmal nach, was sie hier geschossen
haben, und was war es? der Kopf eines jungen Panters. Der Bissen blieb mir im
Halse stecken, und ich schaute erschrocken zu den grinsenden Schuften auf, die
um mich herum sassen. Wie die aber jetzt nicht mehr an sich halten konnten und in
ein schallendes Gelächter ausbrachen, da wurd' ich falsch und beschloss nun, sie
glauben zu machen, dass Panterfleisch ein Lieblingsgericht von mir wäre. Ich
würgte den Bissen hinunter, der unterwegs stak und nicht weiter wollte, schnitt
mir ein anderes Stück ab und frug sie mit der unbefangensten Miene von der Welt,
warum sie mir nicht gleich gesagt hätten, das wäre Panterfleisch, da hätt' es
mir noch einmal so gut geschmeckt. In Tennessee hätt' ich einmal einen ganzen
Monat von nichts als Panterfleisch gelebt und nur manchmal Sonntags eine wilde
Katze gegessen.
    Die Mäuler blieben ihnen indessen vor Verwunderung offen stehen, und Einer,
ein junger Bursche von siebzehn Jahren, der mir gerade gegenübersass und zusah,
schnitt, da es ihn wahrscheinlich ekeln mochte, die schauderhaftesten Gesichter
und kaute in Gedanken immer mit. Der Bissen aber, den ich im Munde hatte, wollte
nicht hinunter; je mehr ich ihn mit den Zähnen bearbeitete, desto mehr schwoll
er an; - ich zwang mich noch eine Weile, endlich konnt' ich's jedoch nicht
länger aushalten, sprang auf und - na das Andere braucht Ihr jetzt nicht zu
wissen. - Hört, Brown, der Trutahn ist delicat - habt Ihr viele dieses Frühjahr
geschossen?«
    »Es geht an,« sagte der junge Mann, noch immer über das eben Gehörte
lächelnd, »sie sind dieses Jahr übrigens sehr feist und schmecken
ausgezeichnet.«
    »Habt Ihr schon einmal Klapperschlangen gegessen?« frug Mullins.
    »Nein, danke,« sagte Harper, den der Tee etwas aufgeregt hatte, und der
sich heute, seit langer Zeit zum ersten Mal wieder, wohl und leicht fühlte -
»danke schön - gut aussehendes Fleisch haben die Bestien, so zart wie
Hühnerfleisch, aber sie riechen so fatal.«
    »Nur der Körper,« warf Mullins ein, »der Schwanz ist eine Delikatesse.«
    »Schadet denn das Gift nichts?« frug Bahrens erstaunt.
    »Nicht, wenn Ihr's verschluckt,« sagte Brown; »überdies sitzt doch auch im
Fleisch kein Gift, der Geruch ist nur fatal, sonst ist es unschädlich, und ich
kenne Einen, der von der gehörnten Schlange, die doch, wie Ihr wisst, die
giftigste sein soll, ein tüchtiges Stück gegessen hat, ohne dass es ihm das
Mindeste geschadet hätte.«
    »Ob die giftig ist!« rief Harper; »ich sah einst so eine Hornschlange an
einer grossen Eiche auf und abspielen, und wollte sie eben schiessen. Da fuhr sie
herum und biss in voller Wut in einen der kleinen Schösslinge, die im Frühjahr
hier und da am Stamm unten auswachsen; gleich darauf hielt sie sich einen
Augenblick ruhig, und ich schnitt ihr mit der Kugel den Kopf weg. Die Eiche
starb aber noch in demselben Monat ab; der kleine Ast, wo sie hineingebissen
hatte, wurde ganz schwarz und sogar die Schlingpflanzen, die daran
hinaufrankten, welkten und fielen ab.«
    »Das ist noch gar nichts,« sagte Bahrens, sich nach Harper herumwendend -
»Ihr wisst, was für eine Gegend Poinsett County ist, und das ganz besonders in
Hinsicht giftiger Schlangen; es können in den Mississippi-Niederungen kaum mehr
sein. Unter denen findet sich auch manchmal, wenngleich glücklicher Weise nur
selten, die Hornschlange. - Vor zwei Jahren war dortin ein Deutscher mit seiner
Familie gezogen (jetzt ist er freilich wieder fort, das heisst, er starb, und
seine Familie konnte das Klima nicht vertragen), und damals, als er gerade
ankam, lebte ein Verwandter oder Bekannter, oder was weiss ich, bei ihm, der die
gröbste Arbeit im Hause verrichten sollte. In der Woche hatte der aber immer das
Fieber, und sehr wundermerkwürdig sah er aus, wenn er Sonntags so recht
ordentlich herausgeputzt in's Freie kam. Dann trug er eine hellgelbe und rot
gestreifte Weste - einen fürchterlichen Filzhut, kurze schwarze und ganz eng
anliegende Beinkleider (seinen Beinen wären etwas weitere keineswegs schädlich
gewesen) und einen blauen Tuchrock bis auf die -«
    »Aber was geht uns denn sein Rock an?« sagte Harper, ungeduldig werdend.
    »Mehr als Ihr denkt,« nickte Bahrens bedeutend mit dem Kopfe und fuhr dann,
ohne sich weiter irre machen zu lassen, fort - »bis auf die Knöchel herunter,
mit sehr schmalem Kragen und sehr grossen, weissleinenen Rocktaschen, die immer
offen standen und in die ihm die liebe Jugend häufig zerquetschte Pfirsiche und
Stückchen von Wassermelonen und dergleichen andere Vegetabilien hineinschob.
Eine besondere Zierde daran waren noch die sehr grossen messingenen Knöpfe -«
    »Aber was gehen uns die Knöpfe an?« rief Harper wieder.
    »Viel - sehr viel!« nickte Bahrens bedeutungsvoll - »doch hört. Dieser junge
Mann also geht eines Sonntags, eine grosse schwarz eingebundene Bibel unter dem
Arm, zu einem Nachbar hinüber, wo eine dieser unausweichbaren Betversammlungen
sein sollte, als er dicht neben dem schmalen Fusspfad, dem er folgte, einen der
kleinen grünen Papaquets oder Papageien findet, der eben erst vom Zweige
gefallen zu sein schien. Er bückt sich und will ihn aufheben, hat aber
unglücklicher Weise die Hornschlange nicht gesehen, deren Beute er sich so
unbesonnen zueignen wollte und die jetzt unter dem gelben Laube, wo sie
verborgen gelegen hatte, vorschoss und den Unglücklichen gerade unter dem
Ellbogen, durch den Rock hindurch, in den Arm biss.
    Natürlich starb er schon nach wenigen Minuten und sein Verwandter, der mit
seiner Frau hinterher kam, fand ihn todt auf dem Wege. Zwar holte er gleich
Hülfe, es war aber zu spät; sie trugen ihn auf einer schnell gemachten Bahre zum
Hause, zogen ihm dort den Rock aus und fanden die kleine, aber schon schwarz
gewordene Wunde. Todte lassen sich nicht mehr erwecken, also wurde der arme
Teufel noch an demselben Abend, denn es war sehr warm, in einem schnell
zusammengezimmerten Sarg beigesetzt und der blaue Rock blieb neben der Tür an
einem Nagel hängen.
    Was geschah aber mit dem von der Schlange gebissenen Rock? Als die Deutschen
am nächsten Morgen aufstanden, hatte der Aermel, in dem das Gift sass, lauter
helle Streifen bekommen, gegen Mittag wurden die Nähte ganz hellblau und
einzelne Teile trennten sich auf, der rechte Aermel dagegen bekam eine schöne
schwarze Farbe mit einem etwas rötlichen Schein; Nachmittags gingen ihm die
Knöpfe aus und fielen einzeln, in schaurigen Zwischenräumen, auf die Erde, die
Knopflöcher rissen aus, die Taschen und das Unterfutter schwollen an, und gegen
Abend riss der Henkel, der Rock fiel herunter und - fing an zu riechen.«
    »Aber, Bahrens!« schrie Harper entsetzt.
    »Fing an zu riechen, sage ich - sie mussten ihn hinausschaffen und
einscharren,« fuhr Bahrens, ohne sich irre machen zu lassen, fort.
    »Ne, nu hört Alles auf,« rief Harper, die Tasse niedersetzend und
aufspringend, »der Rock -«
    - »crepirte förmlich,« sagte der alte Jäger in höchster Gemütsruhe, indem
er ein Stück Tabak aus der Tasche nahm und mit dem Tischmesser ein grosses Stück
davon herunterschnitt, das er dann wohlbedächtig in den Mund schob.
    Schallendes Gelächter folgte diesem Schluss, und Bahrens tat ordentlich
beleidigt, dass man seinen Worten nicht besseren Glauben gönne. Steif und
ernstaft blieb er auf seinem abgesägten Baumblock, der die Stelle eines Stuhles
vertrat, sitzen und trommelte mit den Fingern auf dem hölzernen Tischtuche.
    »Kinder, wir müssen wirklich nach Hause,« mahnte Roberts, als der Jubel ein
wenig nachgelassen hatte. »Ich wenigstens,« fuhr er fort, als er sah, dass sich
nur Mullins bereit zeigte, ihn zu begleiten - »meine Alte brummt sonst.
Ueberdies sollte Rowson heut Abend dort eintreffen, und noch Mehreres, seine
baldige Heirat betreffend, in Richtigkeit gebracht werden. - Ihr tätet mir
wohl nicht den Gefallen, mitzureiten, Brown? Es wird Manches dabei zu schreiben
geben, und wenn ich auch in meiner Jugend - wo wir die Woche fünfmal
Schreibestunde hatten - wofür der Lehrer -«
    »Es ist mir heute wirklich nicht möglich, bester Mr. Roberts,« sagte Brown
etwas verlegen, »ohnedem wollen sich die Regulatoren vom Fourche la fave morgen
bei Bowitt versammeln.«
    »Ich glaubte, die Versammlungen wären bei Smit?«
    »Den hat Mr. Rowson so lange überredet, dass eine solche Gesellschaft
sündhaft sei,« lächelte Brown, »bis er ausgetreten ist. Das schadet aber nichts,
Bowitt wohnt nicht weit von ihm, an einer Stelle, zu der wir es Alle fast gleich
weit haben, und ist dabei selbst ein eifriger Verfechter unserer Sache.«
    »Ueber Heatcott's Mörder hat man also noch gar nichts Näheres erfahren
können?«
    »Nicht das Mindeste - Sie wissen, dass gleich nach der Tat auf mir der fast
alleinige Verdacht ruhte. Ich sollte sogar einige Tage nach Alapaha's Ermordung
verhaftet werden, doch unterblieb es, da Beweise fehlten. Die Spuren rührten
ausserdem von Stiefeln her, und ich konnte durch Hoswells beweisen, dass ich an
jenem Morgen Moccasins getragen. Damit hörte aber auch aller Verdacht auf, denn
der einzige dem ähnliche Schuhwerk in der ganzen Nachbarschaft trägt Mr. Rowson,
und Niemand hätte wohl den anzuklagen unternehmen mögen.«
    Roberts sah bestürzt zu ihm auf. - »Doch,« sagte er dann halbleise vor sich
hin - »der Todte hätte das unternommen - er konnte den Prediger nie leiden -«
    »Unglücklicher Weise hat es dieses ganze Frühjahr fast jeden Morgen etwas
geregnet,« fuhr Brown fort - »und da wurden auch jene Spuren verwaschen. - Das
kleine Messer, was wir bei der Leiche fanden, kannte ebenfalls Niemand -«
    »Ein Federmesser!« murmelte Roberts vor sich hin.
    »Uebrigens haben wir noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Wir sind, obgleich
wir diese Zeit untätig schienen, tätig genug gewesen, und es wirft sich jetzt
Verdacht hier und da auf Leute, von denen ich es wenigstens früher nie vermutet
hätte.«
    »Was ist denn aus dem Mann geworden, auf dessen Fährte die Verfolger kamen?«
    »Johnson?« sagte Cook; »der soll wieder hier gesehen worden sein, ob aber
zum Aufentalt oder zur Durchreise, weiss ich nicht.«
    »Hört, Brown, Ihr könnt mir wenigstens einen Gefallen tun, wenn Ihr in die
Ansiedlung hinaufreitet,« sagte Roberts, »wann brecht Ihr auf?«
    »In einer halben Stunde etwa; ich hatte im Sinne, bei Wilson zu
übernachten.«
    »Oh schön! dann kommt Ihr überdies morgen früh an Atkins' Wohnung vorüber,
und da wär' es mir lieb, wenn Ihr ihn bätet, den nächsten Montag zu Hause zu
bleiben, weil ich dann mit Rowson hinüberreiten und die Farm in Augenschein
nehmen will. - Kann ich mich darauf verlassen?«
    Brown gab ihm sein Wort, es nicht zu vergessen; Roberts zog dann seine jetzt
getrockneten Kleider wieder an und verliess bald darauf mit Mullins die Hütte, um
heim zu reiten.
 
                                      20.
                        Rowson bei Roberts. - Assowaum.
Fast drei Wochen waren seit jenem Abend, an welchem Brown von Marion Abschied
genommen, verflossen. Er hatte sich damals geschworen, sie nie wieder
aufzusuchen - und seinen Schwur treu und fest gehalten. Was er aber in jener
Zeit gelitten, wie er mit sich gerungen, wusste nur er, und sein Antlitz war
bleich geworden, seine Augen hatten den Glanz, das frühere Leben verloren.
Nichts würde ihn auch vermocht haben, länger in einer Gegend zu weilen, wo er
nur zu bald selbst Zeuge sein musste, wie ein Wesen geopfert wurde, an dessen
Seite er einen Himmel hätte finden können. Ehe er aber ging, wollte er
wenigstens in den Augen der Welt seinen guten Namen hergestellt wissen, dass kein
Makel auf ihm haftete, keine giftige Zunge mit verleumderischer Nachrede ihn
beflecken konnte. Marion hielt ihn eines solchen Verbrechens nicht für fähig,
davon war er überzeugt, aber auch seine Freunde in Arkansas sollten das nicht,
und so beliebt er bei ihnen sein mochte, hielten ihn doch jetzt noch Viele für
den wirklichen Täter. Ja, sie entschuldigten ihn noch dabei, fanden den Mord
als Notwehr vollkommen gerechtfertigt und zuckten nur mit den Achseln, wenn die
Sprache auf das Geld kam. - »Es hätte dem Todten auch weiter keinen Nutzen
bringen können, wenn er das gute Geld mit in den Strom genommen.«
    Der wirkliche Täter musste deshalb entdeckt und bestraft, auch die
Indianerin gerächt sein, dann wollte er ein Land verlassen, in dem doch für ihn
fortan nur Kummer und Schmerz blühen konnten.
    Und was empfand Marion indessen für den Freund, den sie so nahe und doch
wieder so fern wusste? Das Herz des Weibes ist stark, und gewaltige Leiden müssen
es sein, die es brechen; Marion aber fühlte, dass sie ihre Pflicht tat, und in
dem Gedanken fand sie Beruhigung für den sonst sicher zu herben, vernichtenden
Gram. Rowson hatte ihr Wort; zwar kannte sie damals, als sie es gab, den Mann
noch nicht, bei dessen erstem Anblick sie erst empfinden sollte, was Liebe
eigentlich sei, aber es war gegeben, freiwillig, ohne Zwang und Zureden - sie
durfte nicht zurücktreten. Und hätte sie es auch vor Gott verantworten können,
das Herz des einen Mannes, und dieser Eine ihr rechtmässiger Bräutigam, zu
brechen, um einen Andern glücklich zu machen? Hatte ihr nicht Rowson mit seiner
weichen, klangvollen Stimme erst noch neulich gesagt, wie er nur in ihr seine
irdische Seligkeit finden könne, wie ihm ihr Antlitz das sei, was der Pflanze
Luft und Sonnenschein, dass ihre Nähe schon eine stille, fromme Glut durch seine
ganze Seele giesse, und er verzweifeln müsste, wenn sie sich je von ihm wenden
würde?
    Ach, das arme Mädchen benetzte in jener Nacht ihr Kissen mit heissen, heissen
Tränen. Kein Mensch sah sie, aber im brünstigen Gebet kam ihr Trost und
Beruhigung in das gequälte bangende Herz, und der andere Morgen fand sie stark
und gefasst.
    Es war wieder ein Freitag, gerade vierzehn Tage nach jenem entsetzlichen
Abend, an welchem die arme Indianerin dem feigen Mörder zum Opfer fiel; die
Sonne stand noch über den maigrün schimmernden Wipfeln der herrlichen
Baumgruppen, die sich an der Grenze des kleinen Feldes dicht zusammendrängten,
als ob sie jetzt fest entschlossen seien, dem weiteren Vorrücken der
tolldreisten Menschenfaust kräftig und gemeinsam entgegenzutreten. Recht
ernstlich reichten sie sich die starken, gewaltigen Arme herüber und hinüber und
flochten mit den rankenden Schlingpflanzen die mächtigen Netze, die sie auf
immer und ewig mit einander verbinden sollten. Dazu schüttelten sie im leichten
Südwind altklug und schlau die buschigen Häupter, und kecke Eichhörnchen trugen
spielend und scherzend die Botschaften hin und her. Armer Wald - du wirst der
Axt nicht widerstehen, die sich langsam, aber sicher in deine Reihen frisst.
Deine Stämme werden fallen, und ranken sich dann auch in enger, liebender
Umarmung Liane und Weinrebe fest um dich her und lassen nicht ob von dem
Gestürzten, es ist umsonst, sie können mit ihm sterben, aber ihn nicht retten.
    Vor und in dem Farmhause des alten Roberts herrschte indessen ein reges,
freudiges Leben. Die holde Marion stand, mit einem kleinen Korb am Arm, unter
einer flatternden und gackelnden Schaar von Hühnern, Enten und Gänsen und
streute weit hinaus in den reinlichen Hof die goldenen Maiskörner; draussen an
der niedern Fenz aber stürmte ein ganzes Rudel grunzender und tobender Ferkel
auf und ab und suchte vergebens in wilder Hast einen Eingang, um an dem
freigebigen Mahle Teil zu nehmen. Die Mutter sass dabei und schaute lächelnd dem
lebendigen Treiben zu, als Marion plötzlich einen leisen Schrei ausstiess und den
leeren Korb, den sie eben zum Hause zurücktragen wollte, fallen liess.
    An der Fenz stand Rowson und winkte ihr mit freundlich lächelndem Antlitz
einen Gruss herüber. Er hatte seine Geschäfte beendet und war gekommen, um seine
Braut heimzuführen.
    »Was ist Dir?« rief im ersten Moment erschrocken die Matrone, bemerkte aber
auch zu gleicher Zeit den lange und sehnsüchtig Erwarteten und sagte - ihm
freundlich die Hand entgegenstreckend: »Nun, das ist schön, Mr. Rowson - sehr
schön von Ihnen, dass Sie endlich wieder da sind. Wir haben Sie recht sehnsüchtig
erwartet.«
    »Marion auch?« frug der Priester lächelnd, indem er, über die niedere Fenz
tretend, die Hand des errötenden Mädchens ergriff und leise presste, »Marion
auch?«
    »Ich freue mich recht, Sie gesund und wohl wieder zu sehen,« flüsterte die
Jungfrau, »Sie wissen ja, dass Sie uns stets willkommen sind.«
    »In Ihrem Hause - aber auch in Ihrem Herzen, Marion?« frug Rowson dringend.
Das Mädchen zitterte und schwieg. »Marion,« fuhr der Metodist nach langer Pause
fort - »der Segen des Himmels ist auf meinem jetzigen Zuge mit mir gewesen. Ich
bin jetzt wohlhabend genug, um mir hier in unsern bescheidenen Verhältnissen
eine Heimat gründen zu können. Marion, willst Du mein sein, willst Du am
nächsten Sonntag, am Tage des Herrn, mein Weib werden?«
    »Ja,« sagte die Mutter gerührt, als sie das bebende, keines Wortes mächtige
Kind an ihre Brust zog - »ja, ehrwürdiger Herr - sie hat es mir schon gestanden,
dass sie Euch gut sei, und das Uebrige findet sich Alles, Ihr werdet sie
sicherlich glücklich machen.«
    »Was in meinen Kräften, in den Kräften eines armen sündigen Menschen steht,«
sagte der Metodist, indem er die Augen fromm zum Himmel erhob, »werde ich tun.
Ich glaube auch gewiss, dass Marion fest davon überzeugt ist; darf ich es
wenigstens hoffen?«
    Das schöne Mädchen reichte ihm lautlos die Hand hinüber, die er an seine
Lippen drückte, und schluchzte laut am Herzen der Mutter.
    »Hallo, Rowson!« sagte der alte Roberts, der in diesem Augenblick neben der
Fenz erschien, »Ihr habt richtig Wort gehalten. Nun, wie stehen die Geschäfte?«
    »Vortrefflich, Mr. Roberts!« erwiderte der Metodist freudig, »besser sogar,
als ich erwartet hatte, und ich komme nun, um Euch um Euren Segen zu der
Verbindung mit Eurer Tochter, und zwar auf nächsten Sonntag, zu bitten.«
    »Wird das dem Mädchen aber nicht zu unerwartet und schnell kommen?« frug
Roberts, indem er sein Pferd dem Negerknaben übergab und, die Fenz übersteigend,
zu ihnen hinantrat.
    »Sie ist damit einverstanden,« sagte die Mutter, »was brauchen wir auch hier
im Walde grosse Vorbereitungen? Wie aber ist's mit Ihrer Wohnung, Mr. Rowson?«
    »Ich wollte Sie Beide zu gleicher Zeit bitten,« sagte der Prediger, »diese
morgen früh, wenn Sie mir ein paar Stündchen Zeit schenken können, in
Augenschein zu nehmen. Sie ist zwar noch klein und beengt, ich werde aber
wahrscheinlich in dieser Woche mit Atkins handelseinig werden und dessen Platz
kaufen; nachher können wir uns schon besser rühren.«
    »Wäre es denn aber gerade darum nicht besser,« meinte Roberts, »Ihr wartetet
noch mit der Heirat, bis das geschehen ist? Es ersparte viele Umstände beim
Ausziehen und - ist auch dem Mädchen sicherlich lieber, gleich in eine kleine
Farm, als bloss in eine Blockhütte einzuziehen.«
    »Das ist allerdings nicht zu leugnen,« erwiderte Rowson »dann aber ist es
noch unbestimmt, wann Atkins fortzieht, es können vier, ja vielleicht sogar acht
Wochen darüber hingehen, und, bester Mr. Roberts, Sie werden es mir nicht
verdenken können, wenn ich mich jetzt, nach Beseitigung so vieler Hindernisse,
sehne, Marion die Meine zu nennen.«
    »Nun, in Gottes Namen,« sagte der alte Mann, »nehmt sie hin und seid
glücklich mit einander.«
    »Dank - herzlichen Dank!« rief Rowson, gerührt seine Hand ergreifend -
»Marion soll nie bereuen, ihr künftiges Schicksal meiner Hand anvertraut zu
haben. Doch jetzt lebt wohl, Ihr lieben Eltern, erlaubt, dass ich Euch so nennen
darf, und bald -«
    »Aber wollen Sie denn nicht lieber heut Abend bei uns zubringen?« fragte Mrs
Roberts - »Sie sind so lange fort gewesen, und es ist eigentlich nicht recht,
die Braut fortwährend allein zu lassen.«
    »Die Zeit ist kurz, meine gute Mrs. Roberts,« seufzte Rowson, »und hier in
unserer Ansiedelung, wo die Nachbarn so weit von einander entfernt wohnen,
vergeht, mit nur wenigen Besorgungen, ein Tag ungemein geschwind. Ich hoffe aber
bis morgen Abend Alles beendet zu haben und dann wenigstens noch die letzten
Stunden vor dem glücklichen Tag in Ihrer Gesellschaft, in der Gesellschaft
meiner Braut verbringen zu können.«
    »Gut - gut, Mr. Rowson,« sagte der Alte - »das ist ganz in der Ordnung. Sie
sind jetzt eine Woche von zu Hause fort gewesen, da ist natürlich viel in
Ordnung zu bringen; also morgen Abend sehen wir uns wieder - apropos - es bleibt
doch dabei, dass wir am Montag zusammen zu Atkins gehen?«
    »Sicherlich,« sagte der Prediger.
    »Nun gut,« fuhr Roberts fort, »ich habe schon heut Abend Brown darum
gebeten, uns anzumelden; der kommt morgen früh dort vorbei, um der
Regulatorenversammlung beizuwohnen, die bei Bowitts gehalten werden soll.«
    »Mir wurde gesagt, die Regulatoren hätten sich aufgelöst,« sagte Rowson
etwas eifriger, als sich sonst mit seinem ruhigen, gesetzten Benehmen vertrug.
»Auf meiner Reise hört' ich das als ganz bestimmt.«
    »Nicht doch - es soll jetzt erst recht losgehen. Ich glaube, sie haben, wie
ich heute hörte, Verdacht auf mehrere Personen der Nachbarschaft, und da wollen
sie wohl morgen mit einander beraten, was jetzt, da die Zeiten doch einmal so
gefährlich -«
    »Wäre es nicht möglich, dieser Versammlung einmal beiwohnen zu können?«
unterbrach ihn Rowson.
    »Warum nicht,« lachte Roberts, »dann müssen Sie aber Regulator werden, und
meines Wissens haben Sie bis jetzt sehr dagegen geeifert.«
    »Den Regulatoren täte ein Mann not,« sagte Rowson schnell gefasst, »der
ihren zu stürmischen Eifer manchmal zügelte und sie von Excessen, wie die zum
Beispiel in White County, zurückhielte. In diesem Sinne würde ich es selbst mit
meiner Stellung nicht unvereinbar finden, mich ihnen anzuschliessen.«
    Roberts sah ihm forschend in's Auge, und Rowson fuhr leicht errötend fort:
    »Sie glauben, dass ich in so kurzer Zeit meine Meinung geändert habe? Nein,
wahrlich nicht, ich halte die Versammlung der Regulatoren noch immer für
unrecht, weil sie ungesetzlich ist -«
    »Aber -?« sagte Roberts, als Jener stockte.
    »Nun, Du hast es ja schon gehört!« rief Mrs. Roberts halb ärgerlich, »der
gute Mr. Rowson hat ganz Recht. Das junge Volk tobt da toll und wild in den Tag
hinein - ich sage ja gar nicht, dass sie's böse meinen, - aber sie glauben recht
zu handeln und üben dann vielleicht manchmal das grösste, schreiendste Unrecht
aus, und ich, an Mr. Rowson's Stelle -«
    »Es werden Keine in den Verein aufgenommen,« sagte Roberts, den Prediger
dabei fortwährend ansehend, während dieser den Blick mehrere Mal niederschlug,
endlich aber dem seinigen fest begegnete, »die nicht auch tätigen Anteil
nehmen. Ich glaube nicht, dass sie einen Ratgeber, wenn sie auch dessen bedürfen
sollten, dulden werden.«
    »Es kommt auf einen Versuch an!« rief Rowson, der jetzt seine ganze
Geistesgegenwart wieder erlangt hatte. »Ich werde mich morgen, wenn es mir
irgend möglich ist, dort einfinden und nicht eher gehen, bis sie mich fortweisen
; ich habe in diesem Falle meine Schuldigkeit getan - mehr kann selbst Gott
nicht verlangen.«
    »Brav,« sagte Roberts, ihm die Hand treuherzig schüttelnd, »brav gesprochen.
Es freut mich, wenn ich sehe, wie ein Mann seinen Grundsätzen treu bleibt.«
    »Wer ist jetzt ihr Anführer?«
    »Brown - wenigstens für den Fourche la fave.«
    »Der ist dann wenigstens seinen Grundsätzen nicht treu geblieben,«
entgegnete der Prediger, indem er zu dem alten Mann aufsah; »ich erinnere mich
noch recht gut der Worte, die er hier an dieser selben Stelle über eben diese
Verbindung äusserte.«
    »Das ist etwas Anderes,« erwiderte ernstaft der alte Farmer. »Brown sah
sich halb und halb dazu gezwungen, an dieser Verbindung tätigen Anteil zu
nehmen, da sein eigener guter Name auf dem Spiel stand. Er war als Mörder
förmlich angeklagt, und sein einziges Streben ist jetzt, den wirklichen Mörder
Heatcott's heraus zu bekommen. Er hatte zwar den Streit mit ihm, denn Heatcott
war überhaupt etwas rauher Natur, und ich weiss mich noch recht gut zu erinnern
-«
    »Ich glaubte, die Hauptabsicht der Regulatoren beschränkte sich auf die
Entdeckung der Pferdediebe,« sagte Rowson, leicht erbleichend.
    »Nur teilweise, doch wenn Ihr morgen der Versammlung beiwohnt, werdet Ihr
das Alles hören. Jetzt gilt es, so viel ich erfahren habe, die Verdächtigen
aufzugreifen, um von diesen, wenn sie auch wirklich nicht die Täter sind,
wenigstens auf die Spur gebracht zu werden.«
    »Wenn sie nur den schändlichen Mörder der armen Wilden entdeckten,« sagte
Mrs. Roberts. »Oh, Mr. Rowson, Sie glauben gar nicht, wie ich schon deshalb
gebetet habe! Die Frau war so fromm und gut und hing mit einer solchen Ehrfurcht
an Ihnen. Ach, wie oft habe ich sie während Ihrer Predigten weinen sehen, als ob
ihr das Herz brechen wollte - und nun so jung und auf solche Art sterben zu
müssen.«
    »Ja, es ist schrecklich!« sagte Rowson, selbst tief erschüttert, freilich um
einer andern Ursache willen. »Doch, meine Freunde - ich muss wirklich fort, also
gute Nacht für heute. - Gute Nacht, Marion, wo ist das Mädchen?«
    »Marion - Kind! - so komm doch heraus hier!« rief die Mutter - »Herr Rowson
will Dir gute Nacht -«
    »Lasst sie gehen, verehrte Freundin,« sagte der Metodist abwehrend - »das
Herz ist ihr voll und sie wird sich mit ihrem Gott unterhalten. Morgen hoffe ich
sie recht froh und heiter anzutreffen.«
    Damit winkte er Beiden noch einen herzlichen Gruss zu, bestieg sein kleines
Pony und trabte fort, in den jetzt dämmernden Wald hinein.
    »Mutter, was ist dem Mädchen eigentlich?« frug Roberts, als der Priester
sich entfernt hatte - »sie kommt mir so sonderbar vor. Ich will doch nicht
hoffen, dass sie zu einer Heirat mit dem Manne gezwungen wird?«
    »Närrischer Mann, wer sollte sie denn zwingen?« lächelte die Matrone. »Es
ist nur noch ein halbes Kind, und da beträgt es sich ängstlich und wunderlich;
mag ihr auch wohl schwer genug ankommen, die Eltern zu verlassen. Nun, an dieses
Mannes Seite -«
    »Ja, schon gut,« sagte Roberts, den Sporn abschnallend und ihn auswendig am
Haus unter einem kleinen Vorbau neben den Sattel und Zaum hängend - »schon gut,
das hab' ich schon oft gehört -«
    »Du hast keine Vorliebe für den frommen Mann -«
    »Nein - Vorliebe nicht; ich sehe nicht ein, warum unser Kind mit ihm gerade
so viel glücklicher werden sollte, als mit jedem Andern. Ein ächter braver Kerl
mit einem guten Herzen, und der - etwas mehr ein Mann wäre, würde mir,
aufrichtig gesagt, eben so willkommen gewesen sein, vielleicht noch
willkommener, doch - wie Gott will. Ihr Frauen seid damit einverstanden, und ich
habe weiter nichts dabei zu tun, als Ja zu sagen. Einen Anfang hat er, um eine
kleine Farm zu beginnen, und ein fleissiger Mann wird dabei in Arkansas nicht zu
Schanden.«
    Rowson's treuherziges Benehmen hatte den Alten wieder ganz für sich
gewonnen, denn selbst so recht von Herzen gut und brav, traute er auch Anderen
nicht leicht etwas Schlechtes zu, warum also gerade Dem, der in der ganzen
Ansiedelung als ein so frommer und gottesfürchtiger Mann bekannt war.
Durchkreuzte auch wirklich manchmal ein dunkler Verdacht sein Hirn, so wurde er
sich entweder selbst nicht recht klar darüber, oder er verwarf ihn
augenblicklich wieder als toll und falsch.
    Was waren aber indessen die Gefühle des Priesters, der langsam und sinnend
durch den schattig-dunkeln Wald dahinritt? Weit genug von dem Hause entfernt,
dass er von dort aus nicht mehr gesehen oder beobachtet werden konnte, stieg er
von seinem Pferde, nahm es am Zügel und schritt ernst und in tiefen Gedanken
versunken auf der schmalen Strasse hin, die sich, allen Hindernissen, sowie
starken Bäumen und sumpfigen Stellen ausweichend, durch den Wald schlängelte.
Endlich blieb er stehen und sagte halbleise und vor sich niederstarrend:
    »Es wird mir fast zu heiss hier in Arkansas - der Teufel kann einmal sein
Spiel haben und durch irgend einen Zufall - man hat da wunderbare Beispiele -
Sachen an das Licht bringen, die meinem guten Rufe in dieser Gegend gerade nicht
förderlich sein würden. Ich muss fort - und das sobald als möglich - Atkins mag
sehen, wie er seine Farm verkauft, ich will mich nicht hier fesseln, dass ich
nachher, wenn alle Anderen ihren Rücken gedeckt haben, allein der Rache jener
kläffenden Hounds preisgegeben bin. Nein! - Zwar ist der Indianer verschwunden,«
fuhr er nach einer Weile fort - »und ohne den möcht' es ihnen doch schwer
werden, irgend etwas - ich weiss wirklich nicht einmal, wie es mit dessen Hülfe
möglich ist - das Federmesser -«
    Das Pferd spitzte die Ohren und der Indianer stand neben ihm.
    »Good day, Mr. Rowson,« sagte er leise, als er aus dem Dickicht trat und
leicht grüssend an ihm vorüberschritt.
    
    »Assowaum!« rief Rowson, wie er selbst fühlte mit Todesblässe im Antlitz -
»Assowaum - wo - wo waret Ihr so lange? - wir haben Euch in der Ansiedelung
vermisst.«
    »Der blasse Mann ist ja ebenfalls fern gewesen,« erwiderte der Indianer, das
Auge dabei fest auf den Prediger geheftet - »Assowaum kehrt zu dem Grabe seines
Weibes zurück.«
    »Und hast Du noch nichts von dem Mörder entdeckt?«
    »Nein!« sagte der Wilde mit fast tonloser Stimme - »noch nicht - der grosse
Geist hat dem heiligen Vogel gewehrt, mir den Namen des Verräters in das Ohr zu
flüstern. Assowaum hat deshalb mit dem Geiste seines Volks an einer Stelle
gesprochen, die noch von keines Weissen Fuss entweiht wurde. Er harrt jetzt der
Stimme seines Manitou.«
    »Möge er Dir günstig sein,« sagte der Priester, ganz seinen früheren Abscheu
gegen den Götzendienst des Indianers vergessend. Dieser aber schritt grüssend
weiter, der Metodist schwang sich in seinen Sattel und flog, als ihn eine
Biegung der Strasse den Augen des roten Mannes verbarg, seinem Pony die Hacken
in die Seiten bohrend den Weg entlang, dass seine langen braunen Haare in dem
frischen Abendwinde flatterten, und das Ross, solcher Behandlung ungewöhnt,
schäumte und schnaubte, als es mit seinem ungeduldigen Reiter durch das flache
Talland dahinbrauste.
 
                                      21.
   Wilson's Geständnisse. - Die schöne Wäscherin. - Arkansische Wiege. - Der
                                    Rückzug.
Roberts hatte noch nicht lange Harper's Hütte verlassen, als sich Brown
ebenfalls rüstete, zu Bowitt hinauf zu reiten, an dessen Haus am nächsten Morgen
die Versammlung der Regulatoren gehalten werden sollte. Cook begleitete ihn ein
Stück Weges, ritt jedoch dann links ab, um in seinem eigenen Hause zu
übernachten und mit Tagesanbruch nachzufolgen, während Bahrens bei dem
Reconvalescenten zu bleiben versprach. Harper verschwor sich übrigens hoch und
heilig, dass das der letzte Tag gewesen sein solle, den er sich habe in dem
verwünschten Hause einsperren lassen.
    »Ich muss wieder einmal Laub und Moos unter den Füssen fühlen,« rief er aus,
»muss wieder einmal das grüne Blätterdach über mir sehen, eher werde ich nicht
gesund.« Es wurde also verabredet, dass er am nächsten Tage mit nach Bahrens'
Hause reiten und dort eine Woche zubringen solle. Da die Tour aber für einen
durch die Fieber Geschwächten auf einmal zu gross geworden sein würde, so wollten
die Männer die erste Nacht bei Roberts übernachten, der sie schon lange
eingeladen hatte.
    Brown trabte indessen auf seinem feurigen kleinen Pony den schmalen, im
Laube kaum erkennbaren und sonst nur durch abgeschälte Stücke Baumrinde
bezeichneten Pfad fort und erreichte in etwa andertalb Stunden Wilson's kleine
Farm, den er ebenfalls gerade im Begriff fand, sein Pferd zu besteigen.
    »Hallo, Wilson - wohin soll die Reise gehen? auch zur
Regulatorenversammlung'?« rief Brown ihm freundlich entgegen.
    »Ja!« sagte der junge Mann, wurde aber merklich rot dabei und schnallte mit
einem ganz verzweifelten Eifer am Sattelgurt. Der war indessen schon überdies
zum Zerplatzen angespannt und veranlasste nur das Pferd, einige höchst
ungeduldige Bewegungen zu machen, während es mehrere Male bedeutend nach Luft
schnappte.
    »Was macht Ihr denn, Wilson?« lachte Brown, der es bemerkte - »schnürt ja
dem armen Tiere die Seele aus dem Leibe. - Wollt Ihr denn ein Wettrennen
halten, dass Ihr so nach dem Zeuge seht?«
    »Nein, das gerade nicht,« murmelte der Andere, »welchen Weg reitet Ihr?«
    »Ich wollte zu Euch - und Ihr?«
    »Ich? - ich gedachte bis Atkins -«
    »Nun, das ist schön, dann komm' ich ein andermal zu Euch und bleibe heute
Abend mit bei Atkins. - Ich habe überdies dort eine Bestellung von Roberts
auszurichten.«
    
    Wilson wollte noch etwas dagegen einwenden, Brown achtete aber nicht darauf,
oder musste es überhört haben, denn er rief dem Freunde nur flüchtig zu,
aufzusitzen, und drehte dann seines Pferdes Kopf dem neu bestimmten Lagerplatze
zu.
    Wilson war bald an seiner Seite und frug endlich, wahrscheinlich nur um das
Schweigen zu brechen:
    »Ihr habt also einen Auftrag von Roberts - wohl für Rowson? Der will ja
Atkins' Farm kaufen, wie man sagt - wenn Atkins nämlich wirklich fortzieht.«
    »Ist denn das noch nicht bestimmt?«
    »Wer weiss es denn? Der alte Bursche ist finster und verschlossen, wie das
Grab. Mir sagt er's schon gar nicht.«
    »Warum denn Euch nicht eben so gut als jedem Andern?« frug Brown lächelnd,
während Wilson auf einmal ganz unerwartet ein Lied zu pfeifen anfing und mit der
Reitgerte, die er sich von einem Busche gebrochen, seine Leggins klopfte. Auch
schien er eine Weile die Antwort auf diese Frage schuldig bleiben zu wollen, bis
sie Brown wiederholte, dann aber zügelte er sein Pferd ein, streckte dem jungen
Mann, als dieser ebenfalls neben ihm halten blieb, die Hand herüber und sagte
mit herzlichem Ton und Blick:
    »Ihr sollt meine ganze Geschichte erfahren, Brown, mit ein paar Worten ist
sie gesagt, und - Ihr meint es gut - vielleicht könnt Ihr mir selbst einen Rat
geben.«
    »Nun, lasst hören,« entgegnete ihm der Freund, »vielleicht, vielleicht auch
nicht - es ist nicht oft, dass ich um Rat gefragt werde, und noch dazu in -
Herzensangelegenheiten,« lächelte er zu Wilson hinüber, als er sah, wie diesem
das Blut in Wangen und Schläfe stieg.
    »Ja - Ihr habt Recht,« flüsterte er endlich - »es ist eine
Herzensangelegenheit, doch - keine glückliche. Seid Ihr in Atkins' Hause
bekannt?«
    »Ich war nie dort.«
    »Er hat ein Kind - eine angenommene Waise - ein Mädchen - ach, Ihr lacht
mich aus, wenn ich von ihr reden wollte, wie's mir um's Herz ist. - Ja, ich weiss
wohl, wenn Ihr auch schon mir zu Liebe an Euch hieltet, inwendig machtet Ihr
Euch doch über mich lustig. Nun, ich will Euch die Beschreibung erlassen; ich
liebe das Mädchen schon seit einem Jahr, wo sie damals mit Atkins an den Fourche
la fave zog, und der Vater - will sie mir nicht geben. Es ist zwar nur ihr
Pflegevater, hat sie aber erzogen und eine wackere Dirne aus ihr gemacht, was
freilich nicht die Schuld seiner Frau ist. Jetzt jedoch will er ihr einen Mann
aufdringen, den sie nicht mag und den sie unter keiner Bedingung nehmen will -
aber - er quält sie doch.«
    »Das ist freilich schlimm,« sagte Brown - »wie alt ist sie?«
    »Ach, leider erst siebzehn Jahre,« seufzte Wilson - »wäre sie einundzwanzig,
so brauchten wir den Alten nicht zu fragen.«
    »Hat sie Euch denn recht von Herzen lieb?«
    »Sie hat es mir mehr als tausendmal gestanden.«
    »Nun, worin besteht denn da eigentlich die grosse Not? Das Herz der Eltern
wird sich doch Wohl noch mit der Zeit erweichen lassen,« tröstete ihn Brown.
    »Ja, wenn es nur Zeit hätte!« rief Wilson ungeduldig aus; »Rowson hält
morgen Hochzeit, und da soll Ellen hinüber kommen und den jungen Leuten die
Wirtschaft führen helfen.«
    »Morgen?« hauchte Brown erbleichend.
    »Ja - am Nachmittag,« fuhr Wilson, ohne es zu bemerken, fort. »Hat Atkins
dann ausverkauft, so will er nach Texas, und - das Mädchen muss mit.«
    »Nun, so geht Ihr mit ihm,« sagte Brown, der kaum noch hörte, was der Andere
sprach.
    »Das geht nicht,« erwiderte dieser - »ich habe meine alte Mutter in
Tennessee, nicht weit von Memphis, wohnend, und die müsst' ich auf jeden Fall
erst holen. Sie lebt jetzt bei fremden Leuten, und dort soll sie mir einmal
nicht sterben.«
    »Da werd' ich freilich wenig für Euch tun können,« seufzte Brown etwas
zerstreut, »ich kenne Atkins gar nicht, habe ihn erst einmal gesehen, und es ist
doch höchst unwahrscheinlich, dass er auf meine Fürsprache auch nur das geringste
Gewicht legen würde.«
    »Das sollt Ihr auch nicht bei Atkins versuchen, sondern bei jemand ganz
Anderem.«
    »Und bei wem?«
    »Bei Madame Rowson. - Ihr seid mit Roberts gut bekannt, und Marion hält viel
auf Euch, das weiss ich. Wenn Ihr sie recht schön für mich bitten wolltet, sie
tät' es Euch sicherlich zu Gefallen.«
    »Madame Rowson,« sagte Brown leise und wie in tiefen Gedanken verloren, -
»Madame Rowson - kann sie helfen?«
    »Oh, sie gilt sehr viel bei Atkins,« beteuerte Wilson. »Als Atkins' Frau im
letzten Sommer so lange und gefährlich krank lag, hat sie ganze Wochen lang mit
Ellen an ihrem Bette gewacht. - Ihr tun sie Alles zu Liebe, es ist ein gar so
gutes Mädchen -«
    »Ja - ja!« seufzte Brown tief auf.
    »Nicht wahr, das glaubt Ihr auch?«
    »Was?«
    »Dass sie ihr Alles zu Gefallen tun werden.«
    »Guter Wilson,« sagte Brown, sich halb von seinem Begleiter abwendend - »Ihr
hättet Euch in dieser Sache sicherlich an einen Besseren wenden können, als an
mich. Rowson selbst würde da vielleicht ein nützlicherer Fürsprecher sein.«
    »Ja,« sagte Wilson halb ärgerlich, »das weiss ich; aber verdammt will ich
sein, wenn ich den Mann leiden kann. Die ganze Nachbarschaft hat ihn gern, die
Frauen wenigstens, die ganz versessen auf ihn sind, doch ich, ich weiss nicht,
mir wird's immer unbehaglich, wenn ich mit ihm freundlich tun soll. Sonderbar
müssen auch seine Verhältnisse sein. Vor einem Jahr kommt er hierher, sagt
selbst, dass er arm ist, arbeitet nicht das Mindeste, predigt nur und bekommt von
keinem Menschen einen Cent dafür, hat aber immer Geld, treibt sich auf solche
Art zwölf Monate im ganzen County umher und heiratet auf einmal das schönste
Mädchen am Fourche la fave (Ellen ausgenommen, denn, ich weiss nicht, die gefällt
mir doch noch besser). Ich selbst habe weiter nichts gegen Rowson, kann nichts
gegen ihn haben, denn dass er feig ist, nun, was kümmert das mich, aber - um eine
Gefälligkeit möcht' ich ihn nicht bitten, und wenn mein ganzes Lebensglück auf
dem Spiele stände.«
    »Habt Geduld, Wilson,« tröstete ihn Brown, »wenn Euch das Mädchen liebt und
der andere Mann ihr Wort noch nicht hat, so wird sich auch Alles noch einrichten
lassen. Ihr habt viele Freunde hier und seid jung und fleissig - was wollt Ihr
mehr?«
    »Das Mädchen will ich, Brown,« sagte Wilson treuherzig, »und wenn Ihr auch
noch so schön predigt, so seht Ihr mir doch ebenfalls aus, als wenn Ihr den
entsetzlichsten Kummer auf der Welt hättet und keinem Menschen ein Wort davon
anvertrauen könntet. Nein, so still halt' ich's nicht aus. Bis Atkins fortgeht,
muss sich mein Schicksal entscheiden, und will oder kann mir bis dahin Keiner von
Euch helfen, dass ich das Mädchen im Guten bekomme, nun so hol' mich der Teufel,
wenn ich sie nicht entführe - und mit geht sie, das weiss ich.«
    »Habt Ihr denn schon bei Atkins um sie angehalten?«
    »Ja, und sie - die Alte - ein bitterböses Weib, hat mir gedroht, mich zur
Tür hinauszuwerfen, wenn ich mich noch einmal dort blicken liesse.«
    »Und jetzt wollt Ihr hin?«
    »Allerdings - aber nicht in's Haus,« lachte Wilson - »so auf den Kopf
gefallen bin ich nicht. Nein, Ellen wäscht heute unten am Bache, ein paar
hundert Schritt vom Hause entfernt, im Busch drin, und da das fast die einzige
Zeit ist, wo ich ungestört ein Wörtchen mit ihr plaudern kann, so wollt' ich die
Minuten wenigstens benutzen. Nachher, wenn sie ihre Arbeit beendet hat, reit'
ich noch nach Bowitts hinüber; das Wetter ist ja warm und schön.«
    »Kann ich denn Euer Liebchen nicht einmal zu sehen bekommen, dass ich doch
wenigstens weiss, welchen Geschmack Ihr habt?« lächelte Brown.
    »Warum das nicht?« rief freudig Wilson, »sie wird Euch gefallen, und ich
brauche mich ihrer nicht zu schämen; aber kommt denn, wir sind nicht weit mehr
von dem Platze entfernt und müssen hier rechts abbiegen, sonst sehen sie uns vom
Hause aus. - Halt - hier lasst Euer Pferd, denn durch die Slew können wir nicht
reiten, und zur Brücke liegt nur eine alte, dürre Cypresse darüber hin. Mein
Pony nehme ich übrigens hinunter in das Schilfdickicht - da ist sein
gewöhnlicher Platz«.
    »So,« sagte er, als er jetzt schnell wieder zurückgesprungen kam und dem
Freunde über die schmale Brücke voranlief - »so - dort ist sie, aber nur leise,
wir wollen sie überraschen.«
    Die Männer schlichen auf den Zehen einem kleinen offenen Fleck im Walde,
gerade in der Biegung des Baches zu, der seine Wasser dem nicht weit entfernten
Fourche la fave in tausend Krümmungen entgegenführte, und blieben hier, von dem
lieblichen Schauspiel, das sich ihnen bot, wirklich überascht, stehen. Wilson
aber warf dem Freund einen triumphirenden Blick zu, als ob er hätte sagen
wollen: siehst Du, dass ich Recht habe? Ist das ein Wesen für Texas, und soll ich
mir diese holde Blume entführen lassen?
    Neben dem kiesigen Bachufer, von zwei niederen Holzgabeln gestützt, hing
über einem kleinen knisternden Feuer ein mächtiger schwarzer Kessel; mehrere
kleine Bänke standen in einem Halbkreis umher und trugen in einzelnen
Abteilungen die verschiedenen Wäscharten, farbige und weisse, und vor einem
tischähnlich befestigten Brett stand Ellen, Wilson's holdes Lieb, schlug mit dem
breiten Waschholz die einzelnen Stücke Weisszeug, die sie aus einem neben ihr
stehenden Kübel nach einander vornahm, und begleitete mit ihrer silberhellen
Glockenstimme die regelmässigen Schläge des Klöppels. Aber nicht ihre einzige
Beschäftigung war das. Dicht daneben, zwischen zwei schlanken Hikorystämmen
befestigt, hing, von dem leichten Südwind geschaukelt, eine kleine, aus
Papaorinde geflochtene Hängematte, in der ein rotbäckiges Kindchen bis jetzt
still und friedlich geschlummert hatte. Das schlug aber jetzt die grossen dunkeln
Augen auf, tat einen Blick in die Höhe und verzog dann, anstatt die herrliche,
es umgebende Natur freundlich anzulächeln, das kleine liebe Gesichtchen zu einer
so entsetzlich sauern Miene, dass alle Anzeichen eines nahenden Sturmes und
Wehegeschreis zu fürchten waren. Ellen hatte den kleinen Schläfer aber nicht
ausser Acht gelassen und bemerkte kaum das Erwachen des angehenden, ungeduldigen
Weltbürgers, als sie auch ihren Klöppel schnell fallen liess, die Hängematte in
etwas lebhaftere Bewegung setzte und dem durch ihre Gegenwart sogleich
beruhigten Kinde mit leiser, schmeichelnder Stimme ein Wiegenlied vorträllerte.
Die Männer lauschten schweigend und Ellen, ihre Nähe nicht ahnend, sang, munter
bald sich zu dem jetzt lächelnden Kinde niederbiegend, als ob sie es küssen
wollte, bald neckend von ihm zurückfahrend:
Es schaukelt so leise
Der spielende Wind
Im sicheren Netze
Das lächelnde Kind.
Es scheucht Dir die Fliegen
Und fächelt Dich, Lieb',
Und raubt tausend Küsse,
Der schelmische Dieb.
Er küsst Dir die Schläfe,
Die Wänglein so rund,
Er küsst Dir die Locken,
Den rosigen Mund.
Er pflückt von den Zweigen,
Was Lenz ihnen gab,
Und wirft Dir auf's Bettchen
Die Blüten herab.
So schlumm're, mein Herzchen,
Dein Wächter, der Wind,
Dein freundlicher Hüter,
Er schaukelt das Kind.
Er schaukelt's so leise,
Was willst Du denn mehr? -
Mit neckischem Kosen
Wohl hin und wohl her. -
    »Ach Gott!« fuhr sie aber erschrocken auf, als Wilson bei dem letzten Vers
leise an sie herangetreten war und seine Hand um ihre Hüfte legte - »ach Du
böser Mensch, wie Du mich erschreckst hast!«
    »Sei nicht böse darüber, mein liebes Mädchen,« flüsterte Wilson, einen Kuss
auf die Lippen der sich nur schwach Sträubenden pressend, »aber sieh, hier hab'
ich Dir einen Freund mitgebracht - der -«
    Ellen wandte sich rasch und erschrocken um. Als aber ihre Blicke denen des
freundlich lächelnden jungen Fremden begegneten, der ja auf jeden Fall auch den
Kuss gesehen haben musste, färbte sich ihr Hals und Antlitz wie von Purpur
übergossen und flüchtigen Fusses wollte sie fort. Wilson aber fasste noch zeitig
genug ihre Hand und bat flehend:
    »Ellen - es ist ja ein guter Freund und er weiss, dass wir uns lieb haben;
überdies,« fuhr er neckend fort, »darf das kleine Fräulein auch unter keiner
Bedingung fortlaufen und den ihr anvertrauten Schutzbefohlenen zurücklassen.
Also - da der Schelm in der Hängematte gerade keine besondere Lust bezeigt,
auszuwandern, so bleibst Du am liebsten hier. - Hab' ich Recht oder Unrecht?«
    »Unrecht,« flüsterte lächelnd das Mädchen, indem sie sich, immer noch von
hoher Glut übergossen, vor dem Fremden verneigte - »Unrecht, Du weisst, dass Du
immer Unrecht haben musst.«
    »Schöne Gesetze,« sagte Wilson mit ernst-komischer Miene zu Brown - »sehr
schöne Gesetze. Da sind unsere Regulatoren noch gar nichts dagegen.«
    »Die hässlichen Regulatoren -« rief Ellen.
    »Halt da,« unterbrach sie lachend Wilson - »nicht so voreilig, Miss - hier
stehen zwei.«
    »Du ein -«
    »Stop a little - hier ist unser Hauptmann, und ich -«
    »Oh, Sie sind kein Regulator, nicht wahr?« sagte halb ängstlich, halb
schmeichelnd das Mädchen zu Brown, »das glaube ich nicht.«
    »Haben Sie einen so fürchterlichen Begriff von diesen Menschen?« lächelte
Brown.
    »Ach ja - Mutter und Vater haben mir entsetzliche Dinge von ihnen erzählt:
wie sie die unschuldigen Männer Nachts aus ihren Betten holen, nur wenn Einer
von ihnen auf Jemanden böse ist, und sie dann an einen Baum binden und so lange
peitschen, bis sie sterben. Vater hat geschworen, Jeden todt zu schiessen, der
Nachts in feindlicher Absicht über seine Schwelle käme.«
    »Sie sind nicht so schlimm, als es Ihr Vater wohl glaubt,« meinte Brown,
»und wenn auch -«
    »Nun bitt' ich aber ebenfalls darum, ein Wort mit einlegen zu dürfen,« rief
Wilson, zwischen sie tretend. »Ich bin denn doch wahrhaftig nicht hierher
gekommen, einer Abhandlung über die Regulatoren zuzuhören. Ellen, hast Du noch
einmal mit Deiner Mutter gesprochen?«
    »Ja,« sagte das arme Mädchen, traurig das Köpfchen senkend - »sie meinte
aber -«
    »Du brauchst Dich vor Mr. Brown nicht zu scheuen, er weiss Alles,« beteuerte
Wilson, als er bemerkte, wie seine Braut diesem einen ängstlichen Seitenblick
zuwarf.
    »Ach, es hilft ja auch nichts, es zu verschweigen,« seufzte das arme
Mädchen, ganz Arkansas wird's doch wohl bald erfahren, dass ich den rohen Cotton
heiraten soll.
    »Cotton?« frug Brown erstaunt.
    »Ja - leider. - Zwar hat es mir die Mutter streng untersagt, den Namen gegen
irgend Jemand auszusprechen, aber weshalb nicht? - Eher sterb' ich, als dass ich
den Menschen heirate.«
    »Du sollst ihn auch nicht heiraten,« sagte Wilson trotzig - »verd - ja so,
das darf ich auch nicht,« unterbrach er sich selbst, als ihm sein Liebchen einen
strafenden Blick zuwarf. »Ich weiss aber schon, was ich tue; haben wir erst die
Raubbande entdeckt, die hier ganz in unserer Nähe ihr schändliches Wesen treibt,
und will sich Atkins noch immer nicht erweichen lassen, nun gut, dann soll mich
- Dieser und Jener holen - das ist nicht geflucht - wenn ich nicht einen dummen
Streich mache und mit Dir davonlaufe.«
    »Und das nennt der Herr einen dummen Streich?« sagte Ellen mit einem gar so
lieben und doch auch wieder recht wehmütigen Lächeln.
    »Du weisst ja, wie ich's meine,« bat Wilson - »aber was ist Euch, Brown - Ihr
seht so gedankenlos oder gedankenvoll, wie man's nehmen will, in die Baumwipfel
hinauf?«
    »Haben Sie den Mann, den Sie Cotton nannten, kürzlich gesehen?« wandte sich
Brown jetzt, ohne Wilson's Bemerkung zu beachten, an das junge Mädchen.
    »Ja,« sagte diese, »vor etwa vier Tagen kehrte er, ich glaube vom
Mississippi, zurück, wohin er fast vor zwei Wochen aufgebrochen war. Er kommt
aber immer nur Abends, und ich mag sein heimliches, hässliches Wesen nicht
leiden; - kennen Sie ihn?«
    »Ich glaube, weiss es aber wirklich nicht gewiss; kommt er wohl - aber was ist
mit Wilson?«
    Brown hatte auch alle Ursache, diesem bestürzt nachzusehen, denn wie eine
Schlange glitt er plötzlich in's Dickicht und war in wenigen Secunden spurlos
verschwunden. Die Ursache dieses eigentümlichen Rückzuges blieb aber nicht
lange ein Rätsel, denn fast zu gleicher Zeit erschien in dem nach dem Hause
zuführenden Pfade die stattliche und selbst noch jugendliche Gestalt der Mrs.
Atkins, deren helles, schimmerndes Kleid Wilson noch zur rechten Zeit gewarnt
hatte, und der es jetzt dem Freunde überliess, mit dem anrückenden Feinde fertig
zu werden.
    »Hallo da, Miss!« rief die sich mit gewaltigen Schritten und hochgehobenem
Haupte nähernde Frau, »hallo da - Herrengesellschaft? Ich habe schon seit einer
Viertelstunde keinen einzigen Schlag gehört, die Wäsche soll sich wohl allein
fertig machen?«
    »Das Kind -« stotterte Ellen.
    »Was da - Kind - das liegt so ruhig wie ein Gotteskäferchen in seinem Neste;
leere Ausreden -«
    »Ich muss Sie bitten, die junge Dame meinetwegen zu entschuldigen,«
unterbrach jetzt Brown vortretend die Zürnende, indem er sie freundlich grüsste,
»ich komme mit einem Auftrag von den Herren Roberts und Rowson und beabsichtigte
eigentlich, die Nacht in Ihrer Wohnung zuzubringen.«
    »Dies ist nun freilich der breite Weg nicht,« sagte Mrs. Atkins, jedoch
schon merklich besänftigt.
    »Allerdings nicht,« lächelte Brown, jetzt nur bemüht, dem armen zitternden
Mädchen jedes harte Wort zu ersparen, »ich kam aber ein Stück durch den Wald und
wusste an der Slew nicht recht, ob ich hinauf- oder hinunterreiten solle, um das
Haus am schnellsten zu erreichen, ging also zuerst über den darüber
hinwegliegenden Stamm, um zu recognosciren, und fand die junge Dame hier, die
ich freilich durch meine Fragen einige Minuten in ihrer Arbeit störte.«
    »Junge Dame - hat sich 'was junge Dame, setzen Sie dem Mädchen nur keinen
Unsinn in den Kopf. Doch mein Mann ist oben im Hause; wo steht denn Ihr Pferd,
ich will den Jungen danach schicken!«
    »Gerade dort, wo die Cypresse über der Slew liegt,« erwiderte Brown, dem
jetzt daran lag, die zürnende Frau mit zum Hause zurück zu nehmen, um Wilson
freien Spielraum zu lassen.
    »Gut, so kommen Sie,« sagte Madame Atkins - »und Du, Mamsell, hältst Dich
dazu und bist fleissig. Noch nicht die Hälfte von der Wäsche geklopft - es ist
eine Schande, und schon an zwei Stunden hier unten! Dass Du mir vor Dunkelwerden
fertig wirst! Und was macht das Kleine?« wandte sie sich dann mit wahrhaft
mütterlicher Zärtlichkeit in dem sonst so rauhen Tone zu der schwebenden Wiege
des Kindes nieder, das der bekannten Gestalt mit freundlichem, jauchzendem
Lächeln entgegenstrampelte - »das gefällt dem Kinde? nicht wahr? schaukeln - den
ganzen Tag schaukeln, und nachher schläft's die Nacht nicht, und Ellen muss bis
Tagesanbruch mit ihr herumlaufen - der kleine Schelm; aber ja - Sie warten; also
Ellen, dass Du mir fleissig bist!«
    Und mit den Worten warf sie noch dem Säugling einen freundlichen Kuss zu und
schritt dann, von Brown gefolgt, dem nicht sehr fernen Wohnhause wieder zu.
 
                                      22.
              Atkins' Wohnhaus. - Der fremde Besuch. - Die Parole.
Atkins' Wohnhaus unterschied sich, und zwar sehr zu seinem Vorteile, bedeutend
von den meisten Blockhütten der Ansiedelung, obgleich es auch eigentlich nur aus
Stämmen errichtet war. Diese aber, von innen und aussen behauen, bildeten zwei
vollkommen gleiche, andertalb Stockwerk hohe Häuser, welche in der Mitte durch
einen nach Norden und Süden offenen Zwischenraum verbunden wurden, wobei sich
das Ganze unter einem Dache befand. Auch inwendig war der Farmer aussergewöhnlich
tätig gewesen, und die sauber abgehobelten Bretter, mit denen er jede Spalte
höchst sorgsam vernagelt, wurden nur hier und da durch einige riesengrosse
Ankündigungen wandernder Kunstreitergesellschaften, Wachsfigurencabinette und
Menageriebuden verdeckt. Eine der letzteren, auf hellgelbem Papier, zeichnete
sich besonders aus und stellte einen Mann dar, der, mit sehr engen Beinkleidern
und zwei aussergewöhnlich grossen Federn auf dem Baret, einem Löwen im Arm lag und
diesem höchst angelegentlich etwas in's Ohr zu flüstern schien. Andere
verkündeten Aehnliches und waren jedenfalls einmal von den Eigentümern der
Wohnung aus Little Rock, der Hauptstadt des Staates, als Curiosität mitgebracht
worden.
    Das eine der beiden einander ganz ähnlichen Gebäude wurde nur zum
Schlafzimmer benutzt. Fünf Betten mit einer Anzahl von Matratzen und
Steppdecken, vielleicht noch einem Dutzend anderer Gäste zum Lager dienen zu
können, füllten seine Räume, während an den Wänden die Garderobe der Frauen und
- in einem ganz besondern Winkel - der Sonntagsstaat des Eheherrn hing. In
dieses Zimmer wurden die Gäste aber nur erst Abends, zur Schlafenszeit,
eingeführt, wo die verschiedenen Lager alle hergerichtet und der müden Glieder
der Fremden gewärtig waren. Am Tage blieb es jedem nicht zu dem Hausstand
gehörenden Auge ein fest verschlossenes Heiligtum. Selbst Atkins wagte nicht,
es ohne Erlaubnis seiner Frau, die den Schlüssel dazu bei sich trug, zu
betreten.
    In dieses Wohn- und Staatszimmer wurde Brown jetzt eingeführt, und dort fand
er seinen Wirt, der sich auf den Hinterbeinen eines Stuhles balancirte, dazu
ein Lied pfiff und an einem Stückchen Cedernholz mit dem halb abgebrochenen
Federmesser schnitzelte. - Das Eintreten des Gastes störte ihn aus seinen
Betrachtungen auf, er hatte aber kaum den Blick auf die Tür geworfen und den
eben Gekommenen erkannt, als er, augenscheinlich erbleichend, von seinem Sitz
emporsprang, wild nach dem Gesims über der Tür schaute, wo eine lange Büchse
auf zwei Pflöcken lag, und sich erst dann beruhigte, als er sah, dass der Gast
allein und in einer keineswegs feindlichen Absicht sein Haus betreten habe.
    Brown war selber über das unbegreifliche Erschrecken des Farmers bestürzt,
ignorirte es jedoch soviel wie möglich und sagte, indem er auf ihn zuging und
ihm freundlich und offen die Hand entgegenstreckte: »Mr. Atkins, es sollte mir
sehr leid tun, wenn ich Sie etwa gestört haben sollte.«
    »Oh - ganz und gar - ganz und gar nicht,« stotterte, immer noch nicht recht
gefasst, der Farmer, »es war nur - es sollte sich doch auch -«
    »Ich bin allerdings in dieser Gegend ein seltener Gast,« lächelte Brown,
»und wenngleich am Fourche la fave heimisch, hier doch ein Fremder. Doch mag die
Zeit, in der wir leben, meine Störung, wenn ich eine solche versucht habe -«
    »Aber, bester Mr. Brown,« unterbrach ihn Atkins, der jetzt seine ganze
Fassung wiedergewonnen hatte, »erwähnen Sie doch nur so etwas nicht; Sie sind
zwar ein seltener, aber darum nicht minder willkommener Besuch, und möge dies
der Anfang zu einer recht fleissigen und fortgesetzten Bekanntschaft werden.«
    »Ich will es wünschen,« sagte Brown, die dargebotene Hand schüttelnd, »und
möglich ist es, dass wir in einem fremden Lande die hier begründete Freundschaft
fortsetzen. Ich habe wenigstens gehört, dass Sie nach Texas auszuwandern gedenken
-«
    »Ja - aber Sie auch? wenn mir recht ist; doch wurde mir in voriger Woche
erzählt, Sie - Sie hätten sich den Regulutoren angeschlossen, ja - wären sogar
ihr Anführer geworden.«
    »Ja und nein,« lächelte Brown, »angeschlossen habe ich mich ihnen wirklich
und bin auch für den Augenblick ihr Anführer geworden, sollte es etwas zu führen
geben, aber nur bedingungsweise, und zwar bis zu der Zeit, wo die beiden
kürzlich hier geschehenen Mordtaten aufgedeckt und die Mörder bestraft sind.
Dann leg' ich mein Amt nieder und verlasse den Staat, um ein Bürger der Republik
Texas zu werden.«
    »Aber die Pferdediebe!« warf Atkins ein.
    »Kümmern mich nur insofern, als ich in ihnen ebenfalls die Mörder vermute.
Natürlich werde ich, so lange ich an der Spitze stehe, auch gegen sie mit allem
Eifer handeln, falls wir auf die Spur kommen sollten. Die scheint aber zu
vorsichtig versteckt zu sein, und man muss dabei dem Zufall viel überlassen.
Jetzt kenne ich nur das eine Ziel, jene Mörder aufzuspüren, und der Herr sei
ihnen gnädig, wenn wir sie herausbekommen. Von den Menschen habe sie keine Gnade
zu hoffen.«
    »Sonderbar,« sagte Atkins nachdenkend, »dass man auch in beiden Fällen noch
auf keine Seele Verdacht geworfen hat. - Ja - ich weiss - Sie wurden der ersten
Tat beschuldigt, doch widerstritten dem im Anfang gleich Mehrere; besonders
hatten Sie die Frauen auf Ihrer Seite, auch war Ihr Benehmen an jenem Morgen
gegen Heatcott, so weit ich es nämlich erfahren konnte, keineswegs so, als ob
Sie sich gescheut hätten, ihm frei und männlich entgegen zu treten. Ein solcher
Ausweg wäre also für Sie sicher nicht notwendig gewesen. Es muss ihn Jemand nur
seines Geldes wegen beraubt haben, das hab' ich mir gleich gedacht, und wer weiss
da, mit wem er Alles verkehrt und wer das Geheimnis der Summe, die er bei sich
trug, noch ausser Denen gewusst hat, die hier am Fourche la fave wohnen.«
    »So halten Sie keinen der Unsrigen für schuldig?«
    »Aufrichtig gesagt, nein, denn selbst Die,« setzte er etwas leiser und fast
wie mit sich selbst redend hinzu, »die es vielleicht in anderen Fällen mit ihrer
Ehrlichkeit nicht so genau nähmen, halte ich doch, was Menschenblut betrifft,
für unfähig, einen solchen kaltblütigen Mord zu begehen.«
    »Ich will es wünschen,« seufzte Brown, indem er sich mit der Hand an den
obern Balken des Kamins stützte und gegen diese die Stirn legte - »ich will es
wünschen; übrigens erwarte ich mit jedem Tage den Indianer zurück, und der kommt
sicherlich nicht ohne Kunde wieder.«
    »Nicht ohne Kunde - so?« sagte Atkins; »ja, der Indianer ist sehr schlau,
aber mit den Hufspuren wusste er damals doch nicht umzugehen -«
    »Weil er nie nachforschte,« erwiderte Brown. »Der Tod seines Weibes hatte
ihn so erschüttert, dass ich wirklich ernstlich für sein Leben fürchtete.
Uebrigens kam er auch einen Tag zu spät, denn die Diebe waren schon geflohen,
und der Regen hatte indessen die Spuren verwaschen.«
    »Ein verwünschtes Ding mit dem Regen,« lächelte der Farmer, sich hinter dem
Rücken seines Gastes leise und selbstgefällig die Hände reibend, »hat schon
manche Spur verwischt und solchen Sappermentern fortgeholfen. Mir haben sie
ebenfalls im vorigen Jahr ein paar herrliche Pferde gestohlen.«
    »Ihr hättet schon lange kräftiger gegen die Burschen auftreten sollen; sie
sind zu kühn geworden und holen Euch die Tiere zuletzt unter den eigenen Augen
weg. Man sagt sogar, es wohne hier irgendwo am Flusse ein Hehler, der einen
sichern Aufbewahrungsort für geraubte Pferde habe.«
    »Wer sagt das?« frug Atkins schnell auffahrend.
    »Es wurde in unserer letzten Versammlung erwähnt,« entgegnete Brown, ohne
die Bewegung zu beachten oder seine Stellung zu verändern, »man sprach auch
davon, wenn die Diebereien nicht nachliessen, eine Durchsuchung vorzunehmen, oh
man nichts entdecken könne.«
    »Es wird sich nicht Jeder einer Haussuchung unterwerfen,« erwiderte Atkins
unwillig. »Wir sind hier in einem freien Lande, und wen ich nicht auf meinem
Grund und Boden dulden will, dem sag' ich ganz einfach marsch!, und wenn er da
nicht geht, so nehm' ich die Büchse vom Haken.«
    »Ja, sehen Sie, Mr. Atkins,« entgegnete Brown, sich freundlich nach ihm
umwendend, »das ist ja gerade die Ursache, weshalb wir Regulatoren
zusammengetreten sind. In diesem Falle sind die Gesetze zu schwach in Arkansas.
Ein Mann, gegen den kein weiterer Beweis vorliegt, und wenn er der ärgste
Schurke wäre, könnte ruhig und ungestört auf seiner Farm sitzen bleiben. Er hat
das Recht, Jeden nieder zu schiessen, der sich mit Gewalt bei ihm eindrängen will
- gut! hierdurch wird aber auch dem Verbrechen auf eine Art Vorschub geleistet,
bei der die Bevölkerung im Allgemeinen nicht bestehen kann. Wer soll sein
Eigentum gesichert wissen, wenn es der Räuber bei regnerischem Wetter, das die
Spuren verwischt, vielleicht nur nach Hause zu treiben braucht, um es ausser
aller Gefahr zu wissen, und ein solcher nicht zu gleicher Zeit dem ausgesetzt
ist, dass das Volk in Masse gegen ihn aufsteht, ihn hervorholt aus seinem
Schlupfwinkel und - züchtigt.«
    »Wofür haben wir aber die Gesetze?« frug Atkins mürrisch, »wofür, wenn sie
zu schwach sind?«
    »Sie sind nicht zu schwach,« erwiderte Brown, »können aber nicht ausgeführt
werden. Ich will den Fall setzen, der Verbrecher wird von dem Sheriff erfasst und
vom Gericht verurteilt: wohin bringt man ihn, bis er in das Zuchtaus des
Staates abgeliefert werden kann? in eins der kleinen zu diesem Zweck errichteten
Blockhäuser, aus dem ihn seine Freunde in der ersten Nacht befreien.«
    Atkins lächelte.
    »Wie mir gesagt wurde,« fuhr Brown, ohne es zu bemerken, fort, »haben Sie
davon selbst in diesem County einige Beispiele. Erreicht er aber wirklich im
günstigsten Falle die Penitentiary in Little Rock, hat ihn der Staat sicher
unter Schloss und Riegel, so ist das doch kaum für eine, höchstens zwei Wochen,
denn ein paar von den daraus entsprungenen Verbrechern sollen ja selbst geäussert
haben, das Zuchtaus sei so schlecht gebaut, dass sie der Sheriff gar nicht so
schnell hineinsperren könnte, wie sie wieder herauskämen. Was hilft es uns also,
wenn wir den Gesetzen gehorchen, die Sträflinge abliefern und sie dann, wenn wir
sie sicher und unschädlich hinter Schloss und Riegel glauben, schon nach vierzehn
Tagen wieder unter uns und mit unserem Eigentum beschäftigt finden?«
    »Ach ja,« lächelte Atkins, »die Sache ist nicht so ganz ohne. Ich weiss, dass
Cotton -«
    »Wo ist Cotton jetzt?« frug Brown schnell.
    »Cotton?« wiederholte Atkins schnell gefasst und, wie es schien, sehr
verwundert - »Cotton? Lieber Gott, wer weiss, wo der jetzt steckt. Wie ich
neulich gehört habe, sucht ihn sogar der Sheriff. Aber wie kommen Sie zu der
Frage?«
    »Er soll sich in dieser Gegend haben blicken lassen,« erwiderte Brown, der
Ellen's Aussage nicht anführen wollte, um dem armen Mädchen keine
Unannehmlichkeiten zu bereiten, jetzt aber, durch seines Wirtes Leugnen, zum
ersten Mal Verdacht schöpfte. »Man will ihn sogar auf dieser Strasse bemerkt
haben.«
    »Ja, das ist sehr leicht möglich,« lächelte Atkins, »es reitet Mancher auf
dieser Strasse hin, ohne gerade bei mir einzusprechen. Die Leute schwatzen aber
viel.«
    »Ich bin heute eigentlich im Auftrage der Herren Roberts und Rowson hier,«
sagte Brown, der dem Gespräch eine andere Richtung zu geben wünschte. »Mr.
Roberts nämlich - ach, da kommt mein Pferd,« unterbrach er sich selbst, als der
Mulatte den Braunen vor die Tür ritt und dort aus dem Sattel sprang.
    »Bitte - bleiben Sie hier,« hielt ihn Atkins auf, als er sah, dass sein Gast
hinausgehen wollte, »Dan wird das schon besorgen. - Nimm das Pferd in den Stall,
füttere es gut und leg' das Geschirr nachher hier zwischen die Häuser,« rief er
diesem zu, »und wenn Du damit fertig bist, so -« er war bei diesen Worten zu ihm
hinaus getreten und vollendete seinen Satz mit leiserer Stimme, so dass Brown
nichts weiter davon verstehen konnte. Der Mulatte nickte aber sehr bedeutend mit
dem Kopfe, als ob er Alles ganz vollkommen begriffen habe, führte das Pferd fort
und liess sich an diesem Abend nicht weiter blicken.
    »Sie wollten mir etwas von einem Auftrage sagen?« frug Atkins den Gast
jetzt, als er in das Haus zurückkehrte.
    »Ja,« antwortete dieser, wie aus einer Zerstreuung erwachend, »Mr. Roberts
wird mit - mit seinem Schwiegersohn am Montag Morgen oder Mittag zu Ihnen
kommen, um Haus und Felder in Augenschein zu nehmen, und lässt Sie daher bitten,
auf ihn zu warten, wenn er auch vielleicht ein wenig spät eintreffen sollte.«
    »Schön - sehr schön!« erwiderte Atkins freundlich, »ich denke, dass wir ein
Geschäft mitsammen machen können. Es sind Beides ein paar wackere Leute, die
einen armen auswanderungslustigen Teufel nicht drücken werden. Die Hochzeit soll
wohl morgen schon stattfinden?«
    »Ja!« erwiderte Brown mit leiser Stimme, »ich glaube - morgen.«
    »Sie werden wohl auch bei der Trauung sein?«
    »Wer - ich? nein - ich glaube nicht. - Unsere Versammlung wird
wahrscheinlich bis spät Abends dauern, und dann bleibe ich bei Bowitts.«
    »Welche Versammlung?«
    »Die der Regulatoren; wir kommen morgen in Bowitt's Hause zusammen.«
    »Morgen Versammlung? Das muss ja recht heimlich zugegangen sein, ich habe
keine Silbe davon gehört.«
    »Natürlich wurde es nur an Die bestellt, die Regulatoren sind,« fuhr Brown
fort, der in diesem Augenblick eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, für
den armen Wilson ein gutes Wort einzulegen - »doch wundert es mich, dass Ihnen
Wilson nichts davon gesagt hat. - Er hatte die Bestellung in dieser Gegend
übernommen, die keineswegs geheim gehalten werden sollte.«
    »Mr. Wilson ist sehr lange nicht in meinem Hause gewesen,« erwiderte Atkins,
dem die Erwähnung dieses Namens unangenehm zu sein schien, »daher kommt es denn
wohl, dass mir die Sache fremd blieb. Doch ist das einerlei; ich bin kein
Regulator, habe also auch kein Interesse an der Versammlung. In Texas sollen
sich ja ebenfalls solche Compagnien gebildet haben.«
    »Ja,« sagte Brown, übrigens nicht willens, seinen Angriff so bald
aufzugeben, »aber was ich gleich sagen wollte, Wilson scheint sich ja hier in
der Gegend für immer niederlassen zu wollen. Ich glaube kaum dass Sie sich einen
besseren Nachbar wünschen könnten.«
    »Sie vergessen, dass ich mich kaum noch zu dieser Gegend rechnen kann,«
erwiderte Atkins. - »Doch da kommt meine Alte schon mit dem Tischzeuge - die
Tage sind noch recht kurz. Apropos, Mr. Brown, wie geht es denn mit Ihrem Onkel?
Es hat uns Allen recht leid getan, dass das Fieber den armen Mann so gewaltig
packte. Das verwünschte Fieber will sich aber nicht abweisen lassen und die
gesündesten Menschen greift es am stärksten an.«
    Brown sah wohl, dass, für jetzt wenigstens, jede weitere Anspielung
vergeblich sein würde, noch dazu, da auch Madame Atkins und bald darauf Ellen
mit dem Kinde zum Hause zurückkehrten. Gern hätte er nun freilich ein wenig mit
dem schönen Mädchen geplaudert, doch fürchtete er ebenfalls, ihr dadurch
unangenehme Worte zuzuziehen, ein freundlich dankender, ihm verstohlen
zugeworfener Blick sagte ihm jedoch deutlich genug, dass sie seine frühere Güte,
die Pflegemutter mit fortzunehmen, erkannt und - was noch besser war - benutzt
hatten.
    Das Gespräch drehte sich jetzt um allgewöhnliche Gegenstände, um Weide,
Jagd, Vermessung des Landes in der Nachbarschaft und die nicht selten damit
verknüpften Streitigkeiten der neben einander Wohnenden; um einen vor etwa fünf
Tagen vorgefallenen Mord am andern Ufer des Arkansas, wo ein Viehhändler
erschossen und seiner Brieftasche, die etwa tausend Dollars entalten haben
sollte, beraubt worden, ohne dass man den Mörder hätte entdecken können; dann um
die jetzige Gesetzgebung, Sheriffs- und Gouverneurswahlen etc. etc., bis die
buntfarbige, den Kaminsims zierende Yankee-Uhr Acht schlug. Jetzt aber begann
das Kleine, das bis dahin sanft in seiner im Hause befestigten Hängematte
geschlafen hatte, unruhig zu werden und zu schreien. Ellen nahm es aus dem
Bettchen heraus und ging mit ihm im Zimmer auf und ab, es schrie aber immer
ärger, wollte sich nicht mehr beruhigen und wurde in kaum einer Viertelstunde so
krank, dass die Frauen, zu Tode geängstigt, hin-und hersprangen, um alle
möglichen, im Hause nur aufzutreibenden Heilmittel herbeizuholen.
    Es blieb aber Alles vergeblich, das Kind schrie mit jedem Augenblick ärger
und in Todesangst schickte nun die Mutter nach Hülfe aus. Ein junger Amerikaner
hatte in den letzten Tagen für Atkins ein grosses und sehr geräumiges Canoe
aushauen müssen und hielt sich noch im Hause auf. Dieser wurde jetzt mit dem
Mulatten nach verschiedenen Richtungen abgeschickt, die benachbarten und fernen
Farmersfrauen, die irgend etwas von Kinderkrankheiten verstanden, mit dem
Zustande des armen Würmchens bekannt zu machen und sie, so schnell sie ihre
Pferde tragen würden, herbeizurufen.
    Die Mutter geberdete sich indessen wie eine halb Wahnsinnige. Wie ihrer
Sinne beraubt, lief sie im Hause umher und machte dabei der armen Ellen
fortwährend die bittersten Vorwürfe, dass sie das Kind vernachlässigt habe und es
selbst gern aus der Welt schaffen möchte, nur um seiner Wartung und Pflege
überhoben zu sein.
    Umsonst beteuerte das arme Mädchen seine Unschuld, berief sich auf die
Liebe, die es dem kleinen Schreier stets bewiesen; es war Alles vergeblich und
unter den härtesten, ungerechtesten Vorwürfen befahl ihr die Frau, still zu sein
und »keinen Mucks weiter zu tun«, wenn sie nicht erfahren wollte, wie man
widerspenstige Dienstboten behandle.
    Brown war entrüstet hierüber und beschloss, von nun an Alles zu versuchen,
was in seinen Kräften stehen würde, den Freund zu unterstützen und das Mädchen
einer solchen Misshandlung zu entziehen, wusste aber nur zu gut, dass in diesem
Augenblick jede Vorstellung nicht allein nutzlos sein, sondern für die Arme nur
noch unangenehmere Folgen haben würde.
    Die Verwirrung hatte jetzt ihren höchsten Grad erreicht. Das arme kleine
Wesen schien mit jedem Augenblick kränker zu werden, Ellen ängstigte sich mit
stilltränenden Augen ab, dem Liebling Hülfe zu leisten, und die Mutter lief,
des Fremden Gegenwart gar nicht mehr beachtend, im Zimmer auf und ab und rief,
fortwährend die Hände ringend, dass dies des Himmels Strafe wäre, der sie jetzt
in dem armen unschuldigen Kinde für alle ihre Sünden und Schwachheiten
heimsuche. Da begehrte von draussen her plötzlich eine fremde Männerstimme Einlass
und die Hunde, dadurch erweckt, schlugen laut bellend und heulend an. Der Wind,
der den ganzen Tag nur schwach von Süden her geweht, hatte sich gedreht,
schüttelte, von Nordwesten kommend, die Aeste und Zweige der gewaltigen Stämme
wild durcheinander und blies, als die Tür geöffnet wurde, das auf dem Tische
stehende Licht aus. Das Feuer im Kamin war indessen ebenfalls ziemlich
niedergebrannt und das Haus lag plötzlich in tiefer dunkler Nacht.
    »Hallo da drinnen - kann ich hier übernachten?« rief da die Stimme zum
zweiten Mal - »der Henker hole die Hunde - wollt ihr die Mäuler halten!«
    »Ruhig, Hector - ruhig, Deik - nieder mit euch, ihr Canaillen - könnt ihr
einen Mann nicht zu Worte kommen lassen?« schrie Atkins, der in die Tür
getreten war, ärgerlich nach den Hunden hinüber - »steigt ab!« wandte er sich
dann an den Fremden, »mein Bursche soll das Pferd besorgen.«
    »Beissen die Hunde?« frug Jener, vorsichtig der Einladung Folge leistend und
seinen Weg über die Fenz fühlend.
    »Nein,« sagte Atkins, »nicht, wenn ich dabei bin. Kommt nur hierher und
fallt nicht über das Holz dort - halt - dort steht die Stahlmühle - stosst Euch
nicht - so - drei Stufen, die unterste wackelt ein wenig. Oh, Ellen, zünde doch
das Licht wieder an!«
    Ellen war indessen schon emsig beschäftigt gewesen, ein paar Kienspäne zum
Brennen zu bringen. Bald war der Raum auch hinlänglich erleuchtet, um den Mann
wenigstens erkennen zu können, der in diesem Augenblick in's Zimmer trat, dort
seinen alten Reitermantel und die Otterfellmütze ablegte und nun freundlich
grüssend zu der Familie an den Kamin und in den hellen Schein des jetzt wieder
hoch auflodernden Feuers schritt. Es war ein kleiner untersetzter Mann mit
lebhaften grauen Augen, langen, schlichten blonden Haaren und vielen
Sommersprossen, dabei in ein baumwollenes Jagdhemd und ebensolche Gamaschen
gekleidet, während eine alte, vielgebrauchte Satteltasche, die er über dem Arm
trug und jetzt neben dem Kamin niederlegte, alles Das zu entalten schien, was
er auf einem Ritt durch den Wald und in solch wilder Gegend bedurfte. Sein Blick
schweifte übrigens, als er sich den beiden Männern näherte, unruhig von Einem
zum Andern und er schien mit sich selber zu Rate zu gehen, welchen von ihnen er
als den Wirt des Hauses anreden solle.
    Madame Atkins mochte übrigens mit dem neuen Gaste, der nur noch mehr Störung
und Unruhe versprach, weniger zufrieden sein, denn sie nahm jetzt mit ziemlich
mürrischem Blicke das kleine leidende Wesen auf den Arm, hüllte es in eine Decke
und rief Ellen zu, ihr mit dem Licht und Feuerzeug in das andere Haus zu folgen,
wo augenblicklich ein Feuer im Kamin angezündet werden sollte. Ellen gehorchte
schnell dem Befehl und es war alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass Madame an
diesem Abend nicht weiter sichtbar sein würde.
    »Schrecklicher Wind draussen,« sagte der Fremde nach einer Weile, in der er,
als er mit sich selbst über die Identität des Wirtes einig zu sein schien,
starr vor sich niedergesehen hatte; »bläst, als ob er die Eichen mit der Wurzel
ausreissen wollte.«
    »Ja, es ist draussen ein wenig unruhig,« meinte Atkins, seinem Gaste einen
forschenden Blick zuwerfend. »Ihr kommt wohl weit her?«
    »Nein, nicht so sehr - vom Mississippi.«
    »Weiter westlich?«
    »Ja - nach Fort Gibson - wie weit ist's noch bis zum Fourche la fave?«
    »Ich wohne an dem Flusse,« sagte Atkins und begegnete dabei dem Blick des
Fremden. Brown, durch die Unruhe mit dem Kinde und den Eintritt des
Neuangekommenen aufgestört, hatte indessen seinen Sitz am Feuer wieder
eingenommen und unterhielt sich damit, den langen Feuerstock, der an der
Kaminecke lehnte, dann und wann in die Kohlen zu stossen, um hier und da ein in
der Glut sich formendes Bild zu zerstören oder neu zu gestalten.
    »Ihr seid am Ufer des Flusses mehrere Meilen hingeritten,« mischte er sich
jetzt in das Gespräch, »konntet ihn aber nicht sehen, da das Schilf wohl eine
Viertelmeile breit und sehr dicht ist.«
    »Ja, ich dachte mir, dass der Fluss in der Nähe sein müsste. - Schönes Schilf
das - muss herrliche Fütterung geben. - Die Weide ist wohl gut hier?«
    »Sehr gut,« antwortete Atkins und wieder traf er den Blick des Fremden, der,
vorsichtig Brown von der Seite im Auge behaltend, zu ihm aufschaute. Dieser aber
hörte mitten in seiner Beschäftigung auf, liess ganz in Gedanken den Stock in der
Glut, der hell zu flammen anfing, und sah sinnend in den Kamin hinein, als ob
er sich irgend etwas hätte in's Gedächtnis zurückrufen wollen, das ihm schon
halb und halb entfallen war.
    »Ich bin scharf geritten,« brach jetzt der Fremde das kurze Schweigen, »und
der Wind macht durstig; dürft' ich Sie wohl um einen Schluck Wasser bitten?«
    »Von Herzen gern,« erwiderte Atkins und eilte schnell auf den Eimer zu, um
dem Gaste das Verlangte zu reichen. Aber auch Brown sah sich, von einem
plötzlichen Gedanken durchzuckt, nach diesem um und fand dessen Blicke fest auf
sich selber haftend, doch drehte er sich sogleich nach Atkins zu, nahm den
Flaschenkürbis aus seiner Hand und tat einen langen, langen Zug.
    »Da ich den Herrn hier nach Wasser fragen hörte, fiel auch mir ein, dass ich
durstig sei,« sagte Brown jetzt wieder ganz gefasst, indem er sich nun mit aller
Klarheit des Gespräches in der gespenstischen Hütte am Arkansas erinnerte und
auf keinen Fall die beiden Männer merken lassen wollte, dass er in irgend einer
Sache Verdacht schöpfe oder ihr Verständnis ahne.
    »Halt, Gentlemen,« rief jetzt Atkins - »Sie trinken da das kalte Zeug so in
sich hinein, noch dazu bei solchem Sturme draussen; wie wär's, wenn wir erst ein
Tröpfchen Whisky vorangössen? Der mag Bahn brechen und das Wasser tut nachher
auch keinen Schaden mehr.«
    »Wird uns allen Dreien von Vorteil sein,« sagte schmunzelnd der Fremde,
während der Wirt an einen kleinen Seitenschrank ging und gleich darauf einen
Krug und drei Blechbecher zum Vorschein brachte.
    »Hier, Mr. Brown - schenkt Euch selbst ein,« sagte er zu diesem, ihm den
Krug hinhaltend - »oh - ordentlich, das ist ja kaum ein Tropfen - so recht. - Je
unfreundlicher es draussen stürmt, desto freundlicher müssen wir sehen, es im
Innern zu erhalten. - Und nun Sie, Sir, wie ist Ihr Name eigentlich? ich heisse
Atkins und der Herr da Brown!«
    »Mein Name ist Jones,« erwiderte der Gast, »John Jones, leicht zu behalten,
nicht wahr? nun, auf bessere Bekanntschaft, Mr. Atkins - auf bessere
Bekanntschaft, Mr. Brown!« Und er hob den Becher freundlich, zu den Männern
aufblickend, an die Lippen. Atkins' Züge aber überflog ein halb spöttisches,
halb ängstliches Lächeln, als der Mann, der sich Jones nannte, mit dem Regulator
»auf bessere Bekanntschaft« anstiess. Er durfte aber, was er dachte, mit keiner
Miene, mit keinem Blick verraten und begnügte sich nur, die Becher der Beiden
zu berühren, während er wirklich aus tiefster Seele sagte, »auf dass wir immer
recht gute Freunde bleiben mögen!«
    Ellen hatte indessen mehrere Decken und Matratzen auf der Erde ausgebreitet
und begann ein Lager daraus herzurichten, erwiderte aber auf Atkins' Frage nach
dem Befinden des kranken Kindes, dass es arge Schmerzen zu haben scheine,
obgleich Keiner von ihnen wisse, was ihm fehle.
    »Kannst Du ein Viertelstündchen von der Pflege desselben abkommen?« frug der
Vater.
    »Ich weiss kaum - Madame -«
    »Schon gut - setze nur die Töpfe an's Feuer,« unterbrach sie Atkins - »Du
musst schnell noch etwas Abendessen für Mr. Jones hier zurecht machen. Ich will
es indessen meiner Frau sagen.«
    Er verliess bei diesen Worten das Zimmer und Ellen traf rasch alle nötigen
Vorbereitungen zu der einfachen Mahlzeit der westlichen Farmer, die aus nichts
mehr als warmem Maisbrod, gebratenem Speck, heissem Kaffee und etwas Butter, Käse
und Honig bestand. Die beiden Männer sassen indessen ruhig am Kamin und Brown
beobachtete die schlanke Gestalt des schönen Mädchens, das mit geschäftiger Eile
und gewandter Hand alles Nötige besorgte, während Jones, wie in tiefen
Gedanken, mit dem langen Stock im Feuer herumarbeitete und die glühenden Kohlen
von den grossen Klötzen abstiess. Diese Arbeit unterbrach er nur dann, wenn er mit
etwas ungeduldiger Miene einen Blick zuerst auf die über dem Kamin stehende Uhr
und dann nach der Tür warf, durch die er Atkins zurückerwartete.
    Dieser erschien endlich und zu gleicher Zeit war das Abendessen für den
späten Gast bereitet. Ellen sollte aber noch mehr zu kochen bekommen, denn eben
hielten draussen an der Tür wieder mehrere Pferde; Frauenstimmen wurden gehört
und die scharfen Töne der Mrs. Atkins riefen gellend herüber, den Kaffee
aufzusetzen und eine tüchtige Kanne voll bereit zu halten.
    Brown sass noch immer sinnend, den Kopf an den Seitenbalken gelehnt, neben
dem Kamin; Atkins aber zündete ein zweites Licht an und sagte freundlich zu ihm:
    »Mr. Brown, Sie scheinen müde zu sein, hier ist Ihr Licht und wenn Sie sich
niederlegen wollen, will ich Ihnen Ihr Bett zeigen.«
    »Oh bitte, machen Sie sich meinetwegen keine besonderen Umstände!« rief der
junge Mann, der die von Ellen herbeigeschaften Betten zusammengerollt in der
Ecke liegen sah - »ich kann warten und bin keineswegs schläfrig.«
    »Wir haben ein Bett hier oben,« erwiderte ihm Atkins, »dort können Sie
ungestört liegen und morgen früh, so früh es Ihnen gefällt, nach Bowitts
aufbrechen. Ueberdies werden wir hier unten wenig zur Ruhe kommen, da ich eben
mehrere Nachbarinnen ankommen hörte. - Das Kind ist doch wohl kränker, als ich
im Anfang selber glaubte.«
    »Sie scheinen Damenbesuch zu bekommen?«
    »Leider,« seufzte der Farmer mit unverstelltem Entsetzen, »und der liebe
Gott gebe nur, dass sich das arme kleine Würmchen bald wieder erholt, sonst
schwatzen sie es todt - also wenn -«
    »Ja, da halt' ich es selbst für besser, dass ich mich zurückziehe,« lächelte
der junge Mann; »also gute Nacht, meine Herren - Mr. Jones kommt wohl später
auch hinauf?«
    »Es ist nur ein Bett oben, Mr. Jones werd' ich wohl ersuchen müssen, hier
unten -«
    »Oh, machen Sie um Gottes willen mit mir keine Umstände!« rief dieser, Ellen
seine Tasse hinüberhaltend, die von ihr wieder aus der grossen schweren
Blechkanne gefüllt wurde - »also gute Nacht! Wenn Sie morgen nicht zu früh
aufbrechen, habe ich vielleicht das Vergnügen Ihrer Gesellschaft auf der Strasse
- ich weiss zwar nicht, welche Richtung -«
    »Aufwärts. - Nein, so sehr früh werde ich nicht reiten,« entgegnete Brown;
»also auf Wiedersehen!«
    Damit nickte er noch einen freundlichen Gutenachtgruss der Jungfrau zu und
war im nächsten Augenblick in dem obern Teile des Hauses verschwunden, der
eigentlich nur durch quer über die Balken weggelegte Bretter gebildet wurde.
Atkins kehrte bald darauf wieder mit dem Lichte zurück, und er sowohl als der
Fremde beobachteten, so lange Ellen noch im Zimmer war und teils das Lager für
den Gast bereitete, teils das Geschirr und Tischtuch wieder abräumte, tiefes
Stillschweigen. Endlich aber hatte sie Alles vollendet, stellte das Licht auf
den Tisch, nahm die Kaffeekanne und einen Korb voll Tassen mit hinüber und zog
sich mit einem leisen »Gute Nacht«, das von keinem der beiden Männer gehört,
wenigstens von keinem beachtet wurde, zurück.
    Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, als Atkins aufstand, das Licht
auslöschte, dass der Raum nur noch sparsam durch die knisternden Scheite erhellt
wurde, und dem Gaste winkte, ihm zu folgen.
    »Euch sendet Jemand zu mir?« flüsterte er dann, als er ihn weit genug vom
Hause fortgeführt hatte, um nicht von dort aus gehört zu werden.
    »Ja,« erwiderte der Fremde - »Euer Name?«
    »Atkins.«
    »Gut - ich bringe Pferde.«
    »Wo sind sie?«
    »In der Biegung des Baches.«
    »Im Wasser selbst?«
    »Nun versteht sich.«
    »Aber woher kennt Ihr die Stelle? Waret Ihr schon früher einmal in dieser
Gegend?«
    »Ich sollte denken,« lächelte Jener. »Ich habe hier den ersten Axtieb
getan, und von mir kaufte Brogan den Platz, von dem Ihr ihn wieder erstanden
habt.«
    »Also Ihr selbst legtet jenen geheimen -«
    »Schon gut,« unterbrach ihn vorsichtig Jones, »was hilft's, Sachen zu
nennen, die ja doch ein Anderer hier im Dunkeln, möglicher Weise hören könnte.
Ich habe nie von solchen Gegenständen gesprochen. Befindet sich das Tor noch an
der obern Fenzecke?«
    »Ja wohl; wo der Bach vorbeifliesst.«
    »Gut, dann trefft Anstalten, die Tiere unterzubringen ich hole sie
indessen.«
    »Und braucht Ihr keine Hülfe?«
    »Keine, bis wir sie im Innern der Umzäunung haben,« und mit diesen Worten
wandte sich der bündige Sprecher von seinem Wirte ab und war in wenigen
Secunden im Dunkel verschwunden. Atkins aber kehrte zum Hause zurück, umging
dieses, schritt dann quer über den kleinen Platz einer Art Hof zu, in welchem
sechs oder acht Pferde frei umherliefen, überstieg die sich darum hinziehende
Fenz und verlor sich dann ebenfalls in der finstern, rabenschwarzen Nacht.
    Brown fand, als er durch die Spalten der Decke die beiden Männer das Haus
leise zusammen verlassen sah, seinen Verdacht bestätigt und war lange
unschlüssig, ob er ihnen folgen und sie auf der Tat ertappen, oder ihr
nächtliches Werk ruhig vollenden lassen solle. Was konnte er, der Einzelne,
Unbewehrte, aber gegen sie ausrichten, die sicher auf eine Ueberraschung
vorbereitet und bewaffnet waren? Er hätte sie nur gewarnt, dass sie entdeckt
wären, und jede weitere Entüllung des Verbrechens selbst vernichtet. Ruhig
blieb er daher auf seinem Lager ausgestreckt liegen und überdachte die Vorfälle
und einzelnen Umstände des vergangenen Tages.
    Ellen, das unschuldige Kind, war auf keinen Fall in die Freveltat
eingeweiht, sonst hätte sie nicht so unbefangen den Aufentalt und Besuch
Cotton's, dem der Sheriff schon seit mehreren Wochen nachspürte, verraten. Wo
aber lebte dieser Cotton? wo gab es eine Hütte oder ein Dickicht, das so viele
Tage lang einen Verbrecher verbergen konnte, ohne dass die Nachbarn auch nur das
Mindeste von ihm verspürt hatten? Hier in der Nähe musste es sein, denn weite
Märsche durfte jener Mann, besonders bei Tage, schwerlich wagen zu unternehmen.
Wo also war sein Schlupfwinkel? Wer wohnte hier in der Nachbarschaft? Wilson?
bei dem war es nicht - Pelter? gehörte mit zu den Regulatoren - Johnson? das
wäre eher möglich gewesen, und hier öffnete sich eine neue Quelle des Verdachts.
Johnson's Pferde hatten die Verfolger in jener Nacht eingeholt; Husfield schwor,
die Fährten zu erkennen, und noch am nördlichen Ufer seine Spuren gesehen zu
haben; am andern Ufer waren sie nur diesen Pferden gefolgt und fanden fremde
Tiere, die auf keinen Fall ihre Hufe am jenseitigen Ufer eingedrückt hatten;
Curtis, Cook und Husfield setzten wenigstens ihre Seligkeit zum Pfande, die
grossen Hufe des einen Pferdes am vorigen Tage nirgends bemerkt zu haben.
    Johnson und Cotton - zwischen diesen Beiden musste ein Verständnis herrschen;
aber nicht allein konnten sie alles dies ausgeführt haben; wer waren die
Anderen, und standen jene mit den beiden Todtschlägern in irgend einer
Verbindung?
    Der Kopf tat ihm zuletzt weh vom vielen Nachsinnen, seine Gedanken
verwirrten sich. Die verschiedenen Gestalten und Plätze, die er gesehen,
verschwammen zu tollen, bunten Bildern; er träumte zuletzt, er sei in den
Prediger Rowson umgewandelt, und Marion beuge sich über ihn hinüber und küsse
ihn, und nenne ihn mit den zärtlichsten Namen, während ihm das Herz blutete, dass
alles dieses dem Bilde seines Nebenbuhlers gelte. Endlich verliessen ihn auch
diese unruhigen Träume; der Geist unterlag, wie der Körper, der gehabten
Anstrengung, und er schlief sanft und fest.
 
                                      23.
       Die verbündeten Verbrecher. - Unerwartete Gäste. - Der neue Plan.
Wir müssen noch einmal zu der Dämmerungsstunde dieses nämlichen Abends und zwar
in eine kleine, aber wohnliche Blockhütte zurückkehren, die im dichten Walde lag
und durch keine, wenigstens keine leicht erkennbare Strasse mit den übrigen
verschiedenen Wohnungen des County in Verbindung stand. Johnson hauste hier und
hatte den Platz vor etwa Jahresfrist von einem Jäger für zwanzig Dollars baares
Geld, eine wollene Decke und ein Bowiemesser erstanden, später zwar einmal den
Anfang zu einem kleinen Felde gemacht, dieses aber gar bald wieder liegen lassen
und dann nur einen kleinen Hofraum eingefenzt, um die wild umherstreifenden
Schweine und Kühe von seiner Tür abzuhalten, oder auch ein Pferd, das er bei
sich zu behalten wünschte, daran zu hindern, das Weite zu suchen. Da er übrigens
nur selten in seiner Wohnung anzutreffen war, und diese selbst, wie schon
gesagt, ganz aus dem Wege und isolirt dalag, so verlor sich nicht oft ein
Ansiedler, höchstens ein Jäger in diese Gegend, und der Eigentümer sah schon
dadurch vollkommen seinen Wunsch erfüllt: allein und ungestört leben zu können.
    Der Einzige, mit dem er in dieser Nachbarschaft Umgang pflog, war Atkins,
und dessen Mulatte, in das Geheimnis seines Herrn eingeweiht, trug oft Botschaft
herüber und hinüber. Jetzt aber sah es in der sonst so einsamen Hütte keineswegs
leer und öde aus, denn in dem Kamin knisterte ein helles, erwärmendes Feuer, an
einer darüber hinweg gelegten und befestigten Stange hing ein grosser eiserner
Topf, und um die Glut herum, auf niederen Sesseln und Stühlen, sassen Cotton und
Johnson im eifrigen Gespräch begriffen und Beide augenscheinlich mit Sehnsucht
das Kochen des vor ihnen hängenden Kessels oder Topfes erwartend.
    »Hört, Johnson - jetzt steigen Blasen auf,« sagte endlich der rauhe Cotton
ungeduldig - »macht fort, dass ich meinen Trunk bekomme, ich muss eilen, sonst
find' ich Atkins vielleicht nicht mehr im Hause.«
    »Wartet noch ein paar Secunden, das Getränk wird flau, wenn das Wasser nicht
ordentlich siedet,« erwiderte der Gefährte - »aber halt - jetzt fängt es an; nun
reicht Euren Becher her, ich will Euch nicht länger aufhalten.«
    »Donnerwetter, das ist heiss!« fluchte Jener, als er ungeduldig den
Blechbecher an die Lippen brachte - »in den verwünschten Geschirren kühlt sich's
auch gar nicht ab.«
    »Ja, das lässt sich nicht ändern,« lachte Johnson, »Glas und Porzellan können
wir hier nicht - alle Teufel, wer kommt da?«
    »Wo?« rief Cotton und sprang mit einem Satze die Hälfte der kleinen Leiter
hinauf, die den obern Teil des Hauses mit dem untern in Verbindung setzte.
    »Oh bleibt hier,« sagte Johnson, der nahe an eine der Spalten getreten war
und hindurchgesehen hatte, »es ist Dan - Atkins' Mulatte.«
    »Nun, was zum Henker will der?« rief Cotton verwundert, indem er zurückkam
und seinen Sitz wieder einnahm, »doch hoffentlich keine böse Nachricht?«
    »Da ist er selbst und kann für sich sprechen,« sagte Johnson, die Tür
öffnend und den treuen Gelben einlassend. »Nun, Dan, was bringst Du?«
    »Massa Cotton soll da bleiben,« antwortete dieser, die Zähne fletschend und
den Hut abnehmend, »Massa Brown ist oben und wird dort schlafen.«
    »Brown? was in's drei Teufels Namen führt den hier oben her?« rief Cotton
ärgerlich - »ich hätte gerade heute so Wichtiges mit Atkins zu bereden.«
    »Hat morgen Regulatorenversammlung bei Bowitt,« sagte der Mulatte, indem er
seinen alten Kautabak in den Kamin spuckte und mit ziemlicher Vertraulichkeit
ein neues Priemchen von dem Stück abschnitt, das nebst einem Messer auf dem
kleinen viereckigen Tische, dicht neben dem einen Bett, lag.
    »Regulatorenversammlung - Pest!« knirschte Cotton, »wenn ich könnte, wie ich
möchte, so sollten die Kerle schön tanzen morgen. - Aber wartet, Eure Zeit kommt
auch, und kann man Euch nichts im Ganzen anhaben, so wird's mit den Einzelnen
desto weniger Schwierigkeiten machen.«
    »Hat Dein Herr sonst noch etwas an uns bestellt?« frug Johnson.
    »Nein, Massa - nichts weiter, er wird wohl selbst morgen früh
herüberkommen.«
    »Dann sag' ihm, wir würden ihn erwarten - hörst Du? nun, was stehst Du noch
und gaffst?«
    »Danke, Massa,« sagte Dan, goss das heisse Getränk in einem Zuge die
ausgepichte Kehle hinab, nickte Beiden noch einen kurzen Gruss zu und brach im
nächsten Augenblick auch schon wieder vollen Laufes durch die dichten, den Platz
umgebenden Saffafrasbüsche, um so rasch er konnte nach Haus zurückzukehren.
    »Nun,« brummte Cotton, indem er sich behaglich auf dem eben erst verlassenen
Sitz niederliess, »dann kann ich's mir wenigstens heut Abend bequem machen und
brauche mich nicht abzuhetzen. Aber dieser Brown - Regulatoren - Gift und
Klapperschlangen über die Kerle - dass sie die -«
    Seine Rede wurde in diesem Augenblick durch deutliches Pferdegetrampel kurz
abgebrochen, und mit einem Satze stand er wieder, diesmal jedoch mit dem
gefüllten Becher in der Hand, auf der Leiter, um, wenn es not täte, sich jedem
unberufenen Auge entziehen zu können. Aber wiederum war seine Vorsicht unnötig
gewesen, denn »Rowson!« rief Johnson, der nachgesehen hatte, erstaunt aus, und
ehe noch Cotton zum Feuer zurückkehren und Johnson den Pflock vor der Tür
wegziehen konnte, rüttelte der würdige Mann auch schon an der nur schlecht
verwahrten Pforte und verlangte Einlass.
    »Höll' und Teufel, so lasst Einen nicht eine Stunde hier draussen warten!«
rief er ungeduldig aus, als Johnson den hölzernen Vorstecker nicht schnell genug
zurückziehen konnte.
    »Hallo da,« lachte Cotton, als die Tür aufging, »das klingt christlich -
Ihr habt's ja verdammt eilig. Wenn wir nun zufällig fremde Gesellschaft hier
hätten, heh? würde sich da der ehrbare Metodist mit dem Maul voller Flüche
nicht sehr wunderbar ausgenommen haben?«
    »Hol' die Pest sie Alle!« zürnte der Prediger, »es wird bald sehr
gleichgültig sein, ob die Leute hier glauben, dass ich bete oder fluche. - Ich
muss fort.«
    »Was!« rief Johnson, erschrocken wieder von dem Stuhle aufspringend, auf dem
er sich eben niedergelassen hatte - »fort? haben sie entdeckt, dass -?«
    »Unsinn,« sagte der Prediger ärgerlich - »wahre lieber Deine Zunge - noch
ist nichts entdeckt, aber es kann in jedem Augenblick geschehen. - Der Indianer
ist zurück.«
    »Dass ihn unterwegs sein Nannabozho geholt hätte,« grollte Cotton, »mir ist
die Rothaut ein Dorn im Auge, und ich wollte 'was drum geben, wenn ich sie aus
dem Wege schaffen könnte -«
    »Nun, der Indianer wird das Kraut noch nicht fett machen,« lächelte Johnson
verächtlich, indem er seinen Becher auf's Neue füllte und einen andern an Rowson
hinüberreichte, der ihn auf einen Zug leerte - »die Spuren sind lange vertilgt,
und ohne die kann der kupferfarbene Schuft nichts ausrichten.«
    »Das ist's nicht allein,« zürnte der Metodist, »der Böse ist auch in das
Gesindel hier herum gefahren, und der alte Regulatorenteufel spukt einmal wieder
unter ihnen. Morgen ist grosse Versammlung, und es leben einige Verdächtige hier
in der Gegend, die sie aufgreifen und natürlich peinlich verhören wollen. Wie
gefällt Euch das?«
    »Alle Wetter!« rief Johnson, »dann wird mir ebenfalls eine Luftveränderung
ganz zuträglich sein. Zu diesem Neste hier kommen sie zuerst; aber ich weiss
nicht, was Du dabei zu fürchten hast? Auf Dich kann doch Niemand auch nur den
mindesten Verdacht geworfen haben.«
    »Der Indianer ist's, der mich besorgt macht,« knirschte Rowson; »wenn ich
nur wüsste, wie ich den scalplockigen Halunken bei Seite schaffte.«
    »Das wird schwer halten,« sagte Cotton nachdenkend, »aber möglich ist's -«
    »Und bringen dann das Land erst recht in Aufruhr, nicht wahr? Nein, es ist
hier Blut genug geflossen, und das Beste wird sein, wir suchen sobald als
möglich das Weite. Das Ungewitter kann sich mit jedem Tage über unseren Köpfen
entladen.«
    »Müsste nur vorsichtig betrieben werden,« fuhr Cotton, ohne Rowson's Einwand
zu beachten, fort. »Man behauptet hier allgemein, der Indianer habe in seinem
Stamme einen Häuptling erschlagen und sei dann entflohen; nichts ist
natürlicher, als dass ihm von dort aus ein Verwandter des Getödteten gefolgt sein
könnte, um die Blutschuld zu sühnen. So etwas aber sicher auszuführen, würde er
natürlich auch nichts Anderes als einen vergifteten Pfeil benutzt haben, und da
müsste man nicht Jahre lang in Texas und dem Arkansas-Territorium gelebt haben,
wenn man nicht so einen Pfeil zurechtmachen könnte.«
    »Versteht Ihr die Zubereitung des Giftes?« frug Rowson schnell.
    »Ach, was hilft Euch das!« rief Johnson ärgerlich dazwischen, »der Indianer
ist immer nur eine Person, die wir uns leicht vom Halse halten können; die
Gefahr liegt tiefer. Wenn diese hündischen Regulatoren wirklich auf die rechte
Spur kämen und einen von Denen erfassten, die das Herz nicht, sondern nur das
Maul auf der rechten Stelle haben, so könnte der Teufel bei uns Gevatter stehen.
Nein, in dem Falle hat Rowson Recht, dann wär' es besser, wir befänden uns Alle
jenseits der Grenze von Onkel Sam's Grund und Boden; doch können wir es ja
abwarten. Noch sind Leute unter uns, auf die kein Verdacht gefallen ist, wie zum
Beispiel Du, Rowson, und selbst Atkins - Ihr müsst Euch den Versammlungen
anschliessen, und hört Ihr dort etwas, das Euch verdächtig scheint, nun, dann
frisch gesattelt und scharf geritten. Ein Arkansas finden wir überall wieder.«
    »Das möchte ich bezweifeln,« sagte Rowson, »und überdies habt Ihr ledigen
Leute gut reden, Ihr werft Eure Büchse auf die Schulter, und in dem Augenblick,
wo Ihr das rechte Bein über den Sattel hebt, seid Ihr freie Menschen - aber ich
-«
    »Du bist auch noch ledig,« warf Johnson ein.
    »Ja - heute noch - morgen Abend nicht mehr.«
    »Ihr seht die Sache zu schwarz, Rowson,« lachte Cotton - »Gott verdamm'
mich, wenn ich einen solchen Namen hier in der Nachbarschaft hätte, wie Ihr, und
so bei den Frauen angeschrieben stände, mich brächten keine zehn Pferde aus Yell
County. Wenn Ihr übrigens solche Angst habt, warum heiratet Ihr denn? Schiebt
doch den Bettel noch auf. Es wird überhaupt ledern, wenn man nachher zu Euch
kommt und auf jedes Wort passen muss, das man über die Zunge bringt.«
    »Ich kann, ohne Verdacht zu erregen, nicht mehr zurück,« sagte der Priester,
heftig dabei im Zimmer auf- und abgehend, »hätt' ich das Alles nur heute Morgen
gewusst - da war es noch möglich, die Sache wenigstens aufzuschieben, - aber -
Pest und Gift, wenn ich erst verheiratet bin, muss mir meine Frau auch folgen,
wenn ich gehe, und das kann in sehr kurzer Zeit geschehen. Ein Brief von meiner
alten Tante in Memphis, die mich vor ihrem Tode noch einmal sehen will, wird
hinlängliche Entschuldigung sein, und bin ich erst einmal fort, dann können sie
mir nachreden, was sie wollen. Dass sie mich nicht wiederfinden, sei meine Sorge.
- Nur der Indianer; vor der verwünschten Rothaut ist mir bange -«
    »Ih nun,« brummte Cotton, »wenn der einmal zu gefährlich werden sollte, dann
ist das aus dem Wege räumen immer schnell geschehen. Jetzt aber würde es, wie
Ihr ganz richtig bemerkt, nur noch mehr böses Blut unter den Ansiedlern machen,
die durch das letztvergossene schon überdies aufmerksamer wurden, als gerade
nötig ist; aber vorbereiten -«
    »Lasst doch nur den verwünschten Indianer aus dem Spiel,« zürnte Johnson -
»die Regulatoren sind's, die wir zu fürchten haben; das ist die Seite, von der
uns Gefahr droht, nach der Richtung hin müssen wir also auch wirken. Kannst Du
der Versammlung beiwohnen, Rowson?«
    »Ja - ich hoffe es,« erwiderte dieser, »es gibt wenigstens keinen
erheblichen Grund, den sie bis jetzt gegen meine Gegenwart haben könnten. Ich
gedenke es auf jeden Fall zu versuchen.«
    »Gut - dann ist auch für jetzt noch keine Ursache vorhanden, weshalb wir uns
ängstigen sollten. Leicht wird es Dir sein, Dich von jeder wichtigen Verhandlung
in Kenntnis zu setzen, und wir brauchen nicht mehr zu fürchten, überrascht zu
werden.«
    »Ich kann es aber unmöglich jetzt wagen, Atkins' Haus und Land zu kaufen,«
sagte Rowson, »der Teufel kann sein Spiel haben, und dann wär' ich schändlich
gebunden.«
    »Es kommt darauf an, wie's mit Deiner Kasse steht,« erwiderte Johnson -
»liegen Dir die zweihundert Dollars, die Jener dafür verlangt, nicht so
besonders am Herzen, dann bringst Du schon durch den Kauf Manchen zum Schweigen,
der im andern Falle vielleicht hier und da Verdacht geschöpft hätte. Ist das
aber -«
    »Ja, Du hast Recht!« sagte Rowson, schnell entschlossen - »ich kaufe den
Platz, und zwar gleich am Montag; übrigens sage ich mich von heute an los von
jedem Anteil an neuen Unternehmungen. Ich will es wenigstens einmal versuchen,
als ehrlicher Mann zu leben und ruhig zu schlafen.«
    »Zeit wär's,« lächelte Cotton verächtlich; »da würde ich aber dem Herrn
Prediger raten, mit seiner jungen Frau nach der Insel zu ziehen - das wäre ein
herrlicher Platz für einen Missionär.«
    Rowson wandte sich finster ab, Johnson nahm aber das Gespräch auf und sagte
zu Rowson:
    »Da Cotton gerade die Insel erwähnt, so denke ich, wär's wohl auch an der
Zeit, mich einmal mit deren Verhältnissen genau bekannt zu machen. Zwar weiss
ich, dass sie im Mississippi, auch wo sie liegt, bin aber, obgleich ich selbst
zweimal Pferde dahin abgeliefert habe, noch nie darauf gewesen. Die Schufte, die
sie in Empfang nahmen, taten immer so geheimnisvoll, dass nichts aus ihnen
heraus zu bekommen war.«
    »So ist mir's diesmal auch gegangen,« fluchte Cotton; »wären uns die
Regulatoren auf den Fersen gewesen, so hätten sie uns, Gott straf' mich,
erwischt, denn verdammt will ich sein, wenn uns die Kerle in ihr Boot nahmen.
Wir mussten die Pferde abliefern, und Weston und ich lagerten an der Uferbank,
bis sie nach etwa zwei Stunden wieder zurückkamen und uns das Geld brachten.
Weston ist bald vor Neugierde gestorben.«
    »So hört denn,« flüsterte Rowson leise, als ob er fürchte, von jemand
Anderem dabei behorcht zu werden, »es kann uns doch Niemand von aussen hören?«
    »Nein,« sagte Johnson - »Du kannst getrost reden - ich wollte aber doch,
Cotton hätte seinen Hund hier und ihn nicht bei Atkins gelassen.«
    »Er ist besser dort aufgehoben,« meinte dieser - »aber macht fort - die Zeit
vergeht, und ich bin müde.«
    »Nun gut,« sagte Rowson, »ich sehe auch nicht ein, warum Ihr nicht ein
Geheimnis ganz erfahren solltet, von dem Ihr doch schon alles Das wisst, was es
verraten könnte. Die Insel kennt Ihr - den Weg dahin wenigstens - weiter
unterhalb liegt aber noch eine zweite, mit mehreren trefflich versteckten
Schlupfwinkeln, im Fall die Bewohner der obern einmal angegriffen oder
überrascht werden sollten. Ein guter Schwimmer kann die untere, besonders bei
Nacht, leicht erreichen. Die Leute, die jenes Land inne haben, standen früher
unter Morrel's Befehl, der jetzt im Philadelphia-Zuchtaus ich glaube Schuster
oder sonst irgend etwas geworden ist; sie haben ihn auf jeden Fall ein Handwerk
gelehrt. In diesem Augenblick ist der Anführer der Insulaner ein gewisser - doch
der Name tut nichts zur Sache - ich habe schwören müssen, ihn zu verschweigen.«
    »Ist es denn eine wohlorganisirte Raubbande?« frug Cotton.
    »Ja, besser noch als je eine bestand, und fast ganz gesichert vor
Entdeckung, denn Die, mit denen sie in Verbindung stehen, können nur durch ihr
Existiren, nie aber durch Verrat Nutzen gewinnen.«
    »Und auf welche Art betreiben sie ihr Geschäft, da ihre Nachbarn nie
belästigt werden, ja ihr Vorhandensein nicht einmal ahnen?«
    »Das macht der Fuchs ebenso,« lachte Rowson, »in den seinem Aufentaltsort
nächsten Farmhöfen stiehlt er nur im äussersten Notfall ein Huhn; wir ähneln ihm
in der Hinsicht.«
    »Lasst Eure moralischen Bemerkungen, wenn's gefällig ist,« brummte Cotton -
»zur Sache - zur Sache.«
    »Nun gut denn, zur Sache. - Mit den Staaten, zwischen denen sie wohnen,
haben sie sehr wenig zu tun, ausgenommen mit dem östlichen, denn nach
Mississippi hinein erstrecken sich ihre Verbindungen bedeutend, und dazu
bedürfen sie auch unserer Pferde, weil sie sich auf jener Seite in dem
dichtbebauten Lande gewaltig vorsehen müssen. Von oben herunter kommt aber ihr
ganzer Wohlstand. In allen grossen Städten nämlich, am Mississippi wie Ohio, am
Wabasch, Illinois, ja selbst am Missouri, haben sie ihre Agenten, grösstenteils
junge Burschen aus Kentucky und Illinois, und diese spioniren umher, welche
Boote den Fluss hinuntergehen und mit was sie beladen sind. Ist es etwas, das sie
zu haben wünschen, oder das sie in den südlichen Städten schnell und vorteilhaft
glauben verkaufen zu können, so suchen sie eine Stelle als Steuermann, und geht
das nicht, als gewöhnliche Ruderer, darauf zu bekommen, führen das Boot richtig
und ordentlich bis zu ihrer Insel und lassen es dort mit List oder Gewalt auf
den Strand laufen. Natürlich muss das in der Nacht geschehen, wenn nur höchstens
Einer der Bootsleute an Deck ist. Ein vorheriges Zeichen verkündet die Ankunft
neuer Beute, und die Mannschaft - muss in's Gras beissen.«
    »Hölle und Schwefel!« rief Cotton, »dann wundert's mich auch nicht mehr,
woher die vielen Leichen im Mississippi kommen; Anfang Februar war ich in
Natchez, da kamen einmal sieben zusammen, und alle ohne die mindeste Verletzung.
Wir glaubten damals, es sei ein Boot mit ihnen umgeschlagen.«
    »Ja, sie wissen es schon klug einzurichten,« sagte Rowson - »das Geschäft
ist mir aber zu blutig; ich mag nichts damit zu tun haben.«
    »Nein, ich auch nicht,« sagte Cotton schaudernd - »Gott sei uns gnädig, das
heisst ja die Sache wie das Fleischerhandwerk betreiben! Wenn nun Frauen in den
Booten sind?«
    »Junge Frauen werden auf der Insel behalten, und zwar wohl bewacht im Innern
derselben, denn jedes Mitglied darf eine Frau haben.«
    »Also die schaffen sie nicht bei Seite?« frug Johnson.
    
    »Das weiss ich nicht, geht mich auch nichts an,« entgegnete Rowson, »das aber
ist gerade der Insel grösster Schutz, dass sie von uns Allen stets als letzter
Zufluchtsort betrachtet werden kann. Sind wir in äusserster Gefahr, so werden wir
dort aufgenommen und auch beschützt, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«
    »Das hab' ich diesmal gesehen!« rief Cotton. »Verderben hätte ich am Ufer
können, keiner der Himmelhunde würde eine Hand gerührt haben.«
    »Weil Ihr das rechte Zeichen nicht wusstet,« lachte Rowson. »Glaubt Ihr, sie
holen Jeden hinüber, der sich an den Landungsplatz hinstellt und schreit und
winkt?«
    »Aber welches ist das Notzeichen?«
    »Lauft viermal zwischen den beiden Pawcornbäumen, die dort am Ufer stehen,
hin und her - Nachts natürlich mit einem brennenden Scheit Holz - und passt auf,
wie schnell Bewaffnete mit einem Boot bei der Hand sind -«
    »Also viermal?« sagte Cotton nachdenkend - »nun wer weiss, wie bald mir Alle
von der Gastfreundschaft jener Leute Gebrauch machen.«
    »Einmal aber die Insel betreten« - warnte ihn Rowson, »und Ihr seid
unrettbar der Ihrige -«
    »Waret Ihr schon darauf?« frug lauernd der Jäger.
    »Nein - noch nicht,« entgegnete kurz abgebrochen der Metodist - »doch wo
ist Weston, wär' es nicht besser, dass er ebenfalls von der uns drohenden Gefahr
in Kenntnis gesetzt würde?«
    »Atkins hat ihn in die oberen Ansiedelungen geschickt,« warf Johnson ein.
»Er wollte morgen wieder bei ihm eintreffen und dann auch zu mir kommen.«
    »Meinetwegen,« sagte Cotton gähnend - »ich bin müde und lege mich nun
schlafen. Ist noch etwas im Topfe, Johnson?«
    »Nein, Ihr habt den Rest da im Becher«
    »Nun gute Nacht denn, wer zuerst morgen aufwacht, weckt die Anderen.« Damit
schob er sich ein paar Hirschhäute, die in der Ecke lagen, zurecht, nahm eine
alte wollene Decke über die Schultern, warf sich auf das harte Lager und war in
wenigen Minuten fest eingeschlafen.
    Johnson und Rowson sassen schweigend neben einander und starrten in die
Kohlen; Beide hatten augenscheinlich noch etwas auf dem Herzen, aber Keiner
wollte beginnen, und mehrere Male schon war der Metodist aufgesprungen, im
Zimmer auf- und abgegangen und dann wieder am Kamin stehen geblieben. Endlich
brach Johnson das Schweigen und sagte leise:
    »Fürchtest Du, dass man uns entdeckt hat?«
    »Nein,« antwortete mit eben so vorsichtig gedämpfter Stimme der Prediger.
»Nein - aber dass es geschehen wird, fürcht' ich.«
    »Wie ist das möglich? -«
    »Möglich? Frag' lieber, wie es möglich war, dass es noch nicht geschehen
ist.«
    »Du bist ein Tor und siehst überall Gespenster.«
    »Solche Torheit hat noch Niemandem Schaden gebracht,« antwortete düster der
Prediger - »ich fürchte, der Indianer hat Verdacht geschöpft. Der Blick, den er
mir heute zuwarf, lässt mich fast mit Gewissheit darauf schliessen.«
    »Du hast freilich besondere Ursache, den Indianer zu fürchten,« flüsterte
Johnson leise.
    »Und wer hat Dir gesagt -?«
    »Bst,« beruhigte ihn der Freund - »der da - aber nur ruhig - es ist
vielleicht sogar besser für Dich, dass ich darum weiss. Ueberdies war es nötig
und ich hätte ebenso gehandelt. Hast Du aber auch vorsichtig alle Zeichen
vertilgt?«
    »Die Frage war überflüssig. - Meine Kleider wusch ich noch in derselben
Nacht, obgleich mir's mit der Wunde im Arm hart genug ankam. Das Loch, das der
Tomahawk der kleinen Hexe im Aermel des Rockes machte, schnitt ich aus und
setzte einen andern Fleck darauf, und mein Messer vergrub ich eine ganze Woche
lang. Trotz alledem erfasst mich aber eine unbeschreibliche Angst, wenn ich an
jenen Abend zurückdenke, und - ich weiss nicht - bald ist mir's, als ob ich halb
und halb bereute -«
    »Oh, Unsinn,« sagte Johnson verächtlich - »wie ist es denn mit dem andern -
hast Du das kleine Messer wiedergefunden?«
    »Nein,« flüsterte Rowson, noch viel leiser als vorher, »das ist in Roberts'
Händen - ich hab' es selbst gesehen; er frug mich, ob ich es kennte. - Johnson,
dass ich mich in dem Augenblicke nicht verriet, begreif' ich jetzt noch kaum.«
    »Es sollen am Arkansasfluss einem reichen Kerl über tausend Dollars
abgenommen sein,« sagte dieser jetzt, indem er einen scharfen Seitenblick auf
den Freund warf - »Du warst ja zu jener Zeit in der Gegend - hast Du etwas davon
gehört?«
    »Oh, die Pest über Dein unsinniges Schwatzen!« fluchte der Gefragte. - »Soll
ich von jedem Morde wissen, der innerhalb des Staates verübt wird? Kümmere Dich
um Deine eigenen Angelegenheiten und lass mich aus dem Spiel. Bist Du auch
sicher, dass Weston reinen Mund hält? Wir hätten ihn nicht mit bis an die Insel
schicken sollen.«
    »Ich glaube, dass er treu ist,« erwiderte nachdenkend Johnson - »man kann dem
Menschen übrigens nicht in's Herz sehen. - Und Du willst wirklich morgen
heiraten?«
    »Ja - freilich unter nicht gerade freundlichen Aussichten; doch ist es das
Beste, was ich tun kann. - Wird die Sache ruchbar, nun dann mag der Teufel den
ganzen Bettel holen; das wird nachher die kleinste Sünde sein, an die Frau
zuletzt zu denken.«
    »Bei den Grundsätzen kann Dir die Ehe nicht besonders hinderlich sein,«
lachte der Freund. - »Du machst Dir also nichts aus dem Mädchen?«
    »Glaubst Du, ich würde mich dem Allen ausgesetzt haben, sie zu erringen,
wenn ich sie nicht liebte?« frug der Prediger rasch; »eine wilde, rasende
Leidenschaft ist's, die mich zu dem reinen Wesen hinzieht, und ich fühle es
recht gut, dass gerade diese Liebe die grösste Sünde ist, die ich in meinem Leben
begangen.«
    »Und doch kannst Du jetzt schon daran denken, sie wieder zu verlassen?«
    »Zeige mir die Möglichkeit, sie auf der Flucht, gegen ihren Willen,
mitzunehmen, und Du wirst mich mit Seel' und Leib bereit finden - es geht aber
nicht an. Jeder Fremde, den sie anspräche, würde ihr Schutz gewähren, und dem
wollen wir uns nicht aussetzen. Nein - könnte ich noch zurücktreten - vielleicht
tät' ich's - vielleicht auch nicht; aber es geht nicht mehr, also mag sie mein
Geschick teilen, so lange es möglich ist. - Sie wird doch mein!«
    »Hast Du denn in Deinem Hause irgend welche Vorsichtsmassregeln getroffen,
wenn einmal eine Flucht nötig sein sollte?«
    »Ich sollte denken, Du kenntest mich lange genug,« sagte der Priester. »In
dem kleinen Schilfbruch, gleich unter dem Hause, liegt sorgfältig versteckt ein
kleines Canoe, ein kleiner Koffer mit allen nötigen Reisebedürfnissen steht
schon seit jener Nacht, in der uns die Indianerin entdeckte, fertig gepackt, und
meine Waffen sind stets in Ordnung und bei der Hand - den geheimen Weg kennst Du
selbst -«
    »Wie Viele trägt das Canoe.«
    »Vier, auch Fünf im Notfall - es ist gross genug und vortrefflich gebaut;
mit drei Rudern könnten wir in sechs Stunden den Arkansas erreichen.«
    »Das ist vorsichtig gehandelt - ich will übrigens wünschen, dass wir's nicht
gebrauchen. Können wir dieses Mal die Regulatoren von unserer Fährte abbringen,
so sind wir geborgen. Doch gute Nacht - leg' Dich dort auf die Matratze - ich
will indessen noch einmal nach Deinem Pferde sehen.«
    Rowson, sehr ermüdet, folgte gern der Einladung, und für kurze Zeit ward
kein anderer Laut als das tiefe Atemholen der Ruhenden gehört. Da tönte
plötzlich der laute, schrille Ruf einer Eule durch die stille Nacht; jetzt
wieder, und nun zum letzten Mal. Johnson stand auf und stieg über die in der
Mitte der Stube Lagernden hinweg, der Tür zu.
    »Nun, was kriechst Du denn da herum?« frug Rowson, dem er auf den Arm
getreten hatte.
    »Hast Du die Eule gehört?« sagte leise der Gefragte.
    
    »Nun, Gott sei Dank, Du, willst wohl Eulen schiessen?« brummte der Müde; »Du
hast doch wahrhaftig keine Hühner hier, die -«
    »Bst!« rief Johnson, als dieselben Töne wiederum, und zwar diesmal in vier
einzelnen Rufen, gehört wurden - »es ist Atkins - bei allen Lebenden! Was mag
den hier in Nacht und Nebel herumtreiben? - Nur näher!« rief er dann, in die
Tür tretend - »nur näher - es sind Freunde hier!«
    »Guten Abend, Johnson,« sagte der breitschulterige Farmer, als er über die
kleine Fenz stieg und sich der Tür näherte - »wir sind späte Gäste, nicht
wahr?«
    »Wir? wen bringt Ihr noch?«
    »Einen Freund, der Waare abgeliefert, er wollte Euch gerne vorgestellt sein.
Aber wer ist denn überhaupt bei Euch im Hause?«
    »Cotton und Rowson.«
    »Rowson?« frug der in seinen dunkeln Mantel gehüllte Fremde, jetzt schnell
vortretend -»Rowson? ei, hätt' ich doch nicht gedacht, heut Abend noch einen
alten Bekannten zu finden!«
    »Alter Bekannter?« brummte Rowson drin am Kamin, wo er eben bemüht war, die
halb erlöschten Kohlen wieder zu neuer Glut anzufachen - »alter Bekannter? Wer
mag das sein?«
    »Ihr kennt Rowson also?«
    »Ob ich ihn kenne!« lachte der Kleine - »predigt er noch?«
    »Das kann er wohl selber am besten beantworten,« sagte der Metodist, nicht
eben in der freundlichsten Laune, indem er mit hochgehaltenen flackernden
Kienspänen vortrat. Kaum hatte er jedoch nach erstem, fast ungläubigem Starren
den jetzt frei in das Licht tretenden Fremden erkannt, als er fröhlich die Hand
ausstreckte und jubelnd ausrief:
    »So wahr ich lebe, Hokker! - Was führt Dich denn einmal wieder nach
Arkansas? Wurde es Dir in Missouri zu warm? Nun, sei uns herzlich willkommen,
alter Junge - komm nur herein, der Wind bläst hier die Fackeln aus!«
    »Wir dürfen nicht lange bleiben,« sagte Atkins, »denn wir haben uns nur
leise von zu Hause fortgestohlen. Sollte -«
    »Oh macht keine langen Umstände,« rief Cotton aus dem Innern des Hauses
heraus - »die Zeit vergeht Euch vor der Tür nicht langsamer als hier drinnen,
und durch die offene Tür kommt's verdammt kalt herein.« Dagegen liess sich
nichts sagen, und die Männer folgten dem voranleuchtenden Rowson zu dem kaum
verlassenen Kamin, wo noch die leeren Trinkgefässe unaufgeräumt umherstanden und
lagen.
    »Habt Ihr noch einen Trunk?« frug Atkins, als er den grossen eisernen Topf
halb niederbog, um das Licht hineinscheinen zu lassen - »keinen Tropfen mehr
drin gelassen, so wahr ich lebe!«
    »Geduldet Euch eine Viertelstunde,« sagte Johnson, »und es soll an dem nicht
fehlen.«
    »Nein,« warf Atkins ein, »wir müssen sogleich wieder fort -«
    »Nun, sagt nur erst, was Ihr zu sagen habt,« unterbrach ihn der Wirt,
»indessen kocht das Wasser. Das braucht Euch wenigstens nicht zu hindern.«
    »Nun, Hokker, wie sieht's in Missouri aus?« frug Rowson, diesem noch einmal
derb die Hand schüttelnd.
    »Vor allen Dingen nicht mehr Hokker,« lachte der Fremde - »ich heisse Jones -
J. Jones, wenn Dich Jemand fragen sollte.«
    »Gut, gut,« schmunzelte Rowson, »das bleibt sich ziemlich gleich - aber was
führt Dich her?«
    Der Fremde, der, wie sich bald aus dem Gespräch ergab, in früheren Zeiten
ein ziemlich vertrauter Freund Rowson's gewesen war, erzählte jetzt diesem wie
den Kameraden, dass er Missouri »einzelner Missverständnisse« wegen verlassen und
seinen Wohnsitz in Franklin und Crawford County, den westlichen Teilen des
Staates, aufgeschlagen habe. Dort allein sei es nämlich, wie er sich ausdrückte,
möglich, mit den Indianern wie den Weissen zu gleicher Zeit »in
Handelsverbindung« zu bleiben. Gegenwärtig hatte ein »Compagniegeschäft« ihn
veranlasst, Yell County zu besuchen, da durch »neidische Menschen« der früher
beliebte Weg, den Arkansas hinunter, gefährlich gemacht war, und er
beabsichtigte nun, sich wenigstens einige Tage hier in der Gegend aufzuhalten.
Einesteils wollte er seine Fährten kalt werden lassen, andernteils auch diesen
Landstrich, für den er noch von alten Zeiten her eine besondere Vorliebe habe
und von dem er in »neuester Zeit« so viel Rühmliches gehört, einmal in seinen
jetzigen Verhältnissen näher kennen lernen.
    Rowson hatte den Worten seines alten Freundes mit besonderer Aufmerksamkeit
und nicht selten mit beifälligem Kopfnicken gelauscht, jetzt aber, als Jener
geendet und Johnson mit dem indessen wieder frisch gebrauten, süss und kräftig
duftenden Trunke die Becher füllte, sprang er auf, streckte Jones die Hand
hinüber und rief aus:
    »Willst Du der Unsere sein? Willst Du augenblicklich Deine Rolle in dem
Lustspiel, das wir hier aufführen, übernehmen, so schlag ein! Morgen früh schon
beginnt Dein Geschäft.«
    »Das hat eigentlich schon längere Zeit begonnen,« lächelte der Fremde »und
was das Lustspiel anbetrifft, so bin ich sogar seit einiger Zeit mit Vorteil in
Intriguenstücken verwendet worden, wie sie in Little Rock beim Teater sagen.
Keineswegs habe ich die Zeit, die ich in New-Orleans verlebt, unbenutzt
vorübergehen lassen. Aber topp, es sei; wenn ich der Sache gewachsen bin und uns
oben im Staate vielleicht auch noch dabei nützlich sein kann, so hast Du an mir
Deinen Mann gefunden. Ich weiss nur noch nicht recht wie?«
    »Das sollst Du augenblicklich erfahren,« sagte, sich freudig die Hände
reibend, Rowson, während er seinen Sitz wieder einnahm und zu gleicher Zeit
einen ihm von Johnson dargereichten Becher halb leerte. - »Morgen ist
Regulatorenversammlung.«
    »Nun, wenn das die ganze freudige Botschaft ist, die Du mir bringen willst,«
sagte Jones lachend, »dann hättest Du Dir die Mühe und Anstrengung sparen
können. Das würde eher ein Grund sein, mich meine Reise schneller fortsetzen zu
lassen, als ich im Anfang beabsichtigte.«
    »Nein, das darfst Du nicht,« rief Rowson, »Du musst der Versammlung
beiwohnen!«
    »Ich? Weiter fehlte mir gar nichts!« rief Jones erstaunt aus.
    »Ja, Du!« fuhr Rowson, ohne sich irre machen zu lassen, fort. »Keiner der
jetzigen Ansiedler kennt Dich hier; die, die damals in dieser Gegend lebten, als
Du Atkins' Haus bautest, sind lange todt oder ausgewandert. Ich selbst wollte im
Anfang den Verhandlungen beiwohnen, bei mir hat die Sache aber mehrere Haken.
Erstlich erlaubt es morgen kaum meine Zeit, das hätte aber doch möglich gemacht
werden müssen, wenn Du nicht gekommen wärest. Dann aber sind auch Einige hier am
Flusse mir nicht recht grün und würden sich, wie ich fest überzeugt bin, in
meiner Gegenwart über Manches zu sprechen scheuen. Dich aber stelle ich morgen
früh dem jungen Brown vor (ich muss noch dort eintreffen, ehe Ihr aufbrecht), und
zwar als einen Regulator aus Missouri, der hier nach Arkansas gekommen ist, um
mit den hiesigen Regulatoren Verbindungen anzuknüpfen, damit beide Staaten in
dieser Hinsicht ihre Kräfte vereinigen könnten. Solcher Art sei es dann am
leichtesten möglich, dem Unwesen zu steuern, das, hinsichtlich des
Pferdefleisches, die braven und fleissigen Farmersleute der Backwoods zu ruiniren
drohen.«
    »Herrlich! köstlich!« jubelte Atkins - »das ist ein ganz capitaler Plan.«
    »Ich weiss aber nicht, ob ich so lange Zeit habe,« sagte Jones bedenklich,
indem er mit dem geleerten Blechbecher vor sich auf den Sessel klopfte.
    »Zeit haben!« erwiderte, Rowson; »Du kannst ja Deine Zeit nicht besser
anwenden, als Pläne zu ergründen und ihnen dann zu begegnen, die, wenn
ausgeführt, eine Verbindung für Dich und Deine Freunde zu einer Unmöglichkeit
oder doch so gefährlich machen möchten, dass kein vernünftiger Kerl mehr seinen
Hals zur Ausführung derselben hergeben würde.«
    »Das ist allerdings wahr,« sagte Jones sinnend, während er den Becher zum
Wiederfüllen gegen den Kessel hielt - »allerdings wahr - aber - wird mir Brown
glauben? Ich habe doch heut Abend nichts davon gegen ihn erwähnt.«
    »Du wusstest ja doch auch nicht, dass er Regulator war, und wirst nicht jedem
Fremden eine solche Nachricht aufhängen.«
    »Allerdings - nicht übel - werden aber die übrigen Regulatoren -«
    »Das hat keine Not,« sagte Johnson, »ich habe schon davon reden hören, dass
sie sich mit den angrenzenden Counties in Verbindung setzen wollen, und da wird
ihnen ein solches Anerbieten gerade erwünscht kommen.«
    »Spion - wirklicher, unverfälschter Spion!« lachte der Missourier still vor
sich hin, »und mitten zwischen die Regulatoren hineingeworfen, wie ein Veilchen
in ein Rosenbouquet; ganz amüsantes Abenteuer!«
    »Und Du gehst es ein?« frug Rowson.
    »Versteht sich,« fuhr der Kleine, immer noch mit sich selber redend,
schmunzelnd fort - »werde die Einen zum Aufpassen dahinauf und die Anderen
dortin sprengen - werde einen sehr guten Namen hier bekommen und wenn wir
einmal einen richtigen Streich führen wollen, nun, dann schicken wir sie Alle
auf einen Klumpen in die falsche Himmelsgegend und - hahaha - haben die Luft
rein. Gottvoller Einfall das!«
    »Und Ihr wollt also morgen nicht mit in die Versammlung gehen, Rowson?« frug
Cotton.
    »Nein - nun ist es nicht nötig,« erwiderte Jener.
    »Wie sollen wir aber erfahren, was sie beschlossen haben?«
    »Ist etwas Wichtiges im Werke,« sagte Rowson nachdenkend, »so mag Jones, der
doch gegen Abend auf jeden Fall zu Atkins zurückkommt, dessen Mulatten
herüberschicken und Euch Kunde geben. Ich selbst jedoch muss morgen früh noch
einige wichtige Geschäfte abmachen und morgen Abend bei Roberts zubringen, will
aber Sonntag früh um neun Uhr an der Krenzeiche sein - Ihr kennt den Baum,
Atkins, in den der Persimonast hineingefallen ist, dass es wie ein Kreuz
aussieht. Nun gut - an der Stelle halt' ich und dahin sendet mir den Mulatten;
was auch vorfällt, es ist einerlei, denn möglich wär's, ich hätte selbst eine
Botschaft für Euch, und die ganze Strecke zu reiten, bleibt mir keine Zeit.«
    »Das wäre also abgemacht,« sagte Atkins, »so kommt denn, Jones, damit wir zu
Hause nicht etwa vermisst werden. Der Teufel ist heut Abend bei mir los, mein
Kind ist krank und Betsy hat den Mulatten und meinen weissen Arbeiter nach allen
Himmelsrichtungen ausgeschickt, um Hülfe herbei zu holen. Drei alte Weiber aus
der Nachbarschaft waren schon angekommen, ehe wir den Platz verliessen, und ich
bin fest überzeugt, morgen haben wir das ganze Haus voll. Es ist mir schon
einmal so gegangen.«
    »Lasst aber Brown nicht fort, ehe ich dort eintreffe,« ermahnte Rowson noch
einmal.
    »Nein - habt keine Angst, kommt aber nicht gar zu spät, denn wenn ich auch
eine halbe Stunde oder so mit dem Frühstück zögern kann, zu lange darf's doch
nicht dauern.«
    Die Männer riefen sich jetzt leise gute Nacht zu, Atkins und Jones
übersprangen die Fenz und verschwanden in der dahinterliegenden Dunkelheit und
die Uebrigen suchten auf's Neue ihr Lager, um das jetzt an Schlaf wieder
einzubringen, was sie durch den späten und unerwarteten Besuch versäumt hatten.
Cotton brummte aber noch, als er sich wieder in seine Decke einhüllte: »Wer mich
heute zum zweiten Mal stört, dem dreh' ich den Hals um - das ist sicher« - und
schon im nächsten Augenblick bewies sein entsetzliches Schnarchen, wie müde er
sei und wie sehr er der Ruhe bedürfe.
 
                                      24.
   Die Pionier-Familie. - Der neue Regulator stellt sich selbst seine Falle.
Der wilde Westwind, der in voriger Nacht getobt, ballte, ehe der Morgen
hereinbrach, mit letzter, verzweifelter Kraftanstrengung noch einen Arm voll
dunkler, gewitterschwangerer Wolken zusammen, die er in fliegenden Schauern über
die Erde ausschüttete. Dann aber erschöpft und matt, gab er dem siegenden Tage
Raum, und als die Sonne mit ihren ersten Strahlen die fernen Hügelspitzen und
auch hier und da einzelne hohe Kiefern im Tale küsste, lagerte sich eine nach
dem vergangenen Sturm so viel heiligere Ruhe und Stille auf den nur leise
rauschenden und flüsternden Wald.
    Die früh munteren Haushähne hatten schon aufgehört zu krähen und stolzirten
mit wichtiger Miene und hochgehobenem Haupte, in dem wohltuenden Gefühl, ihre
Pflicht erfüllt und den benachbarten Genossen kundgetan zu haben, dass sie sich
auch noch des Lebens freuten, auf den kleinen Hofräumen der verschiedenen Farmen
umher. Sehnsüchtige Blicke warfen sie dabei nach den eben geöffneten Türen der
Wohnungen, ob nicht bald eine freundliche Seele mit einem Arm voll Mais
erscheinen und die schon seit einer Viertelstunde an der Fenz unruhig hin und
her trabenden und ungeduldig wiehernden Pferde füttern wollte. Natürlich
erwarteten sie in dem Falle auch ihr Scherflein von freiwillig und unfreiwillig
gegebenen Körnern. Die Gänse schnatterten, die Hunde bellten, aus den
Lehmkaminen der kleinen Wohnungen wirbelte dazu der blauklare Rauch kerzengerade
und traulich in die mit Millionen strahlenden Diamanten geschmückten Fichten
hinauf und selbst der lehmgelbe Strom, der sich unter den niederhängenden
Schilfmassen und Flussweiden hinwälzte, schien lebhafter und freudiger in dem
Alles belebenden Sonnenlichte zu rauschen.
    Ganz im Einklang mit dem freundlichen Morgen stand aber ein einzelner
Reiter, der die Ansiedelungen lange hinter sich gelassen und auf schlankem
kräftigen Pony, ein munteres Lied trällernd, durch den Wald trabte.
    Es war ein alter Bekannter von uns, Cook, der heute Morgen nüchtern von zu
Hause aufgebrochen war, um den Versammlungsort sobald als möglich zu erreichen,
und jetzt sein Tier manchmal zu schärferem Lauf antrieb, in dem nächsten, noch
etwa drei Miles entfernten Hause nicht etwa zu spät zum Frühstück zu kommen.
    So sorglos er aber bis dahin seinen Weg verfolgt, so erstaunt griff er
plötzlich in den Zügel des rasch stutzenden Ponys und horchte nach vorn. - Was
war das? - Sogar das Pferd schien nicht weniger überrascht als sein Herr,
spitzte die Ohren und lauschte aufmerksam einem an dieser Stelle sicher nicht
erwarteten Ton.
    In einem Umkreise von drei vollen Meilen war nämlich kein einziges Haus zu
finden und dennoch krähte hier, mitten im Walde, gerade hinter jenem Dickicht
von Holly- und Sassafrasbüschen, ein sehr munterer und sich trefflich bei Stimme
befindender Haushahn, und Cook sah verwundert und wirklich verdutzt um sich her.
    »Ich habe mich doch nicht verirrt?« brummte er leise vor sich hin. - »Ih
Gott bewahre, ich kenne ja jeden Hirsch- und Kuhpfad im Walde. Neue Ansiedler?
Das ist an dieser Stelle auch nicht gerade zu erwarten; aber hallo - sind das
nicht Radspuren hier neben dem Wege? der Regen hat es freilich verwaschen; aber
ja, wahrhaftig - dort haben sie den Busch niedergefahren und hier an der Eiche
gestreift, - also Auswanderer, da wird man etwas Neues erfahren,« und mit
leichtem Schenkeldruck teilte er seinem Pony den Wunsch mit, die Fremden
einzuholen. Dieses liess sich auch nicht lange bitten, denn eine dunkle Ahnung
von verschiedenen goldglänzenden Maiskolben, in einem hölzernen Kübel
herbeigebracht, stieg vor seiner innern Seele auf (und warum sollte ein Pony,
das in den unwegsamen Waldungen so ganz auf sich und seine Geisteskräfte
angewiesen ist, keine Seele haben?), und laut wiehernd machte es durch einen
Seitensprung und das zeitgemässe Hintenausschlagen beider Hinterbeine seinen
Reiter darauf aufmerksam, mit welcher freudigen Bereitwilligkeit es diesen neuen
Bekannten entgegeneile.
    In wenigen Minuten hatte der Reiter die ihn noch von den Fremden trennende
kleine Erhöhung zurückgelegt und sah sich jetzt vor einem jener Lager von
Auswanderern, die, besonders in Arkansas und auf dem Wege nach dem Westen oder
nach Texas zu, häufig angetroffen werden.
    Zwei grosse, mit weissen Leinen überspannte Wagen bildeten den Mittelpunkt der
Gruppe, um welche mehrere Gespanne Stiere, je zwei und zwei durch das grosse
hölzerne Joch zusammengefesselt, angebunden standen. Ein kleiner weissköpfiger
Bursche, etwa acht oder neun Jahre alt, stand bei ihnen und schob ihnen
abwechselnd und jedem einzeln kurzgebrochene Kolben Mais in das Maul. Die Tiere
aber, die grossen gutmütigen Augen matt und schläfrig auf das nächste ihnen
zukommende Stück geheftet, zerkauten und verschluckten in aller Gemütsruhe das
wirklich erfasste und leckten dann mit der langen scharfen Zunge wie bittend oder
ermahnend den Aermel und die Hand ihres jungen Fütterers, ihn darauf aufmerksam
zu machen, dass sie jetzt für eine erneute Auflage empfänglich und bereit wären.
Fünf Pferde weideten, mit Glocken um den Hals und die Vorderfüsse
zusammengebunden - der Landessprache nach »gehobbelt« - in dem vorzüglichen
Schilfbruch, ganz in der Nähe. Die Auswanderer selbst hatten augenscheinlich die
Nacht über im Innern der Wagen zugebracht, da weiter kein Zelt oder Schutzdach
den Platz verriet, wo ein Mensch im Regen geschlafen haben könnte. Jetzt aber
waren sie eben im Begriff, sich um den auf der Erde gedeckten Tisch zu lagern,
während ausgebreitete wollene Decken die Sitze bildeten. Der muntere Hahn, der
zuerst die Gegenwart der hier Eingetroffenen mit heller Stimme verraten, liess
jetzt zum zweiten Mal den Warnungs- oder Begrüssungsruf ertönen.
    Die kleine Familie bestand, ausser dem schon vorerwähnten achtjährigen
Burschen, aus dem Mann, der Frau, zwei erwachsenen Töchtern und zwei jungen
Burschen von achtzehn und zweiundzwanzig Jahren und liess sich jetzt ganz nach
türkischer Art um das aufgetragene Mahl nieder.
    »Komm, Ben,« rief der Vater diesem zu - »die Tiere haben genug, sie standen
ja die ganze Nacht im Schilf, fressen auch gar nicht mehr. - Ruhig, ihr Hunde,
was wittern denn die Bestien schon wieder und haben erst die ganze Nacht
gekläfft und gebellt, weil es einmal einem lumpigen Panter einfiel, in der Nähe
zu heulen. - Nieder mit euch!« -
    Trotz dieser freundlichen Zusprache waren die also angeredeten und unter dem
Wagen festgebundenen Hunde dennoch keineswegs gesonnen, der Warnung Folge zu
leisten. Nur so viel wütender bellten sie die Strasse hinab, von der Cook jetzt,
sich der Gruppe nähernd, herübertrabte.
    »Guten Morgen Allen,« rief dieser freundlich, als er, kaum zehn Schritte von
ihnen, aus dem Sattel sprang und dem kleinen schnaubenden Tiere den Zügel über
den Nacken warf, »guten Morgen, schmeckt's?«
    »Soll erst,« rief ihm der Farmer entgegen - »kommt - legt Euch mit her und
esst, wenn Ihr noch nicht gefrühstückt habt. - Hier, Anna - einen Becher für den
Gentleman langt zu - helft Euch selber!«
    »Danke schön,« sagte Cook, der ohne die mindesten Umstände der Einladung
Folge leistete, »das trifft sich prächtig, ich hatte allerdings nicht gehofft,
hier mitten im Walde so gute Gesellschaft und ein so treffliches Frühstück zu
finden, aber« - er sah sich dabei nach seinem Pferde um, das sich, klug genug,
durch Grasen keinen Vorteil zu vergeben wünschte, während es mit andächtig
gespitzten Ohren und gerunzelter Stirn nach dem noch mit dem Mais raschelnden
Ben hinüberschaute.
    »Bring einen Arm voll Mais her, Ben,« rief der Farmer, ohne den Gast
ausreden zu lassen - »Du kannst ihn in den eisernen Topf tun, der dort neben
dem Wagen steht. Dem Pony wird wohl das Geschirr gleichgültig sein, aus dem es
frisst.«
    Das Pony gab durch ein halbunterdrücktes, leises Wiehern seine volle
Beistimmung zu diesem Vorschlag und tat gleich darauf mit sehr geschäftigen
Kinnbacken dem vor ihm hingesetzten Mahl alle Ehre an.
    »Und woher kommt Ihr, Sir?« frug Cook endlich, nachdem eine etwa
viertelstündige Pause von sämmtlichen Mitgliedern des kleinen Kreises auf das
Zweckmässigste benutzt worden war.
    »Aus Tennessee, vom Wolfriver.«
    »Und wollt?«
    »Nach Franklin County, an den Fuss der Ozarkgebirge.«
    »Schon einen Platz ausgesucht?«
    »Noch nichts Besonderes, werde jedoch bald einen finden. Ich habe einen
Bruder dort wohnen.«
    »Ahem! - ist hier auch capitales Land -«
    »Ja - weiss wohl, die Leute am Fourche la fave sollen aber das Pferdefleisch
zu lieb haben.«
    »Hoho,« lachte Cook, »haben Euch die Arkansas-Flussleute auch schon einen
Floh in's Ohr gesetzt? So schlimm ist's nicht. Doch - aufrichtig gesagt, schlimm
genug, ich bin gerade auf dem Wege zu einer Regulatorenversammlung, hoffe aber,
wir werden dem Unwesen jetzt ein Ziel stecken. Arkansas soll nicht länger nur
dann genannt werden, wenn man von Raub- und Diebesbanden spricht.«
    »Arkansas im Allgemeinen?« lachte der Farmer, »ja! - In den Vereinigten
Staaten überhaupt, in Tennessee und weiter südlich, nördlich und östlich, da
kennen sie in der Hinsicht nur Arkansas. Kommt man aber einmal über den
Mississippi in den Staat selbst, dann heisst's Fourche la fave. - Ihr habt einen
ausgezeichneten Ruf im Lande.«
    »Mag sein,« sagte Cook, »so schlimm ist's aber doch wohl nicht, wie es
gemacht wird, und sind auch einige nichtsnutzige Burschen hier in der Gegend, so
müsste es mit dem T - ja so, was ich gleich sagen wollte - wir werden sie schon
fortbringen. Ich wollte, Ihr könntet unserer Versammlung heute beiwohnen. - Es
ist überdies Sonnabend, und morgen reist Ihr wohl schwerlich weiter.«
    »Morgen?« frug der Farmer, »wegen des Sonntags? Das macht keinen
Unterschied. Meine Alte da ist vernünftig genug, und die Mädchen hat auch noch
keiner von den herumkriechenden Metodisten angst und bange vor kommendem
Höllenfeuer machen können. Das gute Wetter muss benutzt werden, und da ich, wenn
irgend möglich, noch gern in diesem Jahre ein paar Acker Mais aussäen möchte, so
hab' ich, wie Ihr wissen werdet, keine Zeit zu versäumen -«
    »Nein, allerdings nicht. Ich glaubte aber, es würde Euch vielleicht
interessiren, unsere Regulatorengesetze kennen zu lernen.«
    »Allerdings würde es das,« sagte der Tennesseer. »Also wollt Ihr wirklich
das Lynchgesetz ausüben? Gehört hab' ich schon zu Hause davon, es aber immer
noch nicht geglaubt.«
    »Ja, es ist nötig,« erwiderte Cook, »wir sind hier in unserem Staate noch
nicht darauf eingerichtet, Verbrecher erst vor Gericht zu stellen und dann in
sicherem Gewahrsam zu halten. Es ist noch Alles zu neu hier. Kein Staat hat es
aber so nötig, als gerade Arkansas, und da muss etwas geschehen, wenn wir nicht
unter uns selbst zu Grunde gehen oder, wie Ihr selbst sagt, einen solchen Ruf in
den übrigen Staaten erhalten wollen, dass kein Mensch mehr zu uns zieht, und
unser Land, wenn nicht wertlos, doch auch nicht wertvoller wird.«
    »Ja, ja,« sagte der Tennesseer - »ganz recht, wir haben es vor fünf Jahren
ebenso gemacht, denn im District hatte sich damals auch eine nicht unbedeutende
Bande Lumpenpacks gebildet. Aber ein paar Ellen Hanf und ordentlichen Ernst
hinter der Sache, da drückten sich die Schufte bald. Es ist am Arkansas drüben
auch nicht so geheuer; als wir in den ersten Tagen dieser Woche am Fluss
heraufzogen, wurde ein dort ansässsger Farmer, der in der Indian Nation gewesen
war und Schweine verkauft hatte, auf seiner Rückkehr von einem Halunken
gemeuchelmordet.«
    »Ich habe davon gehört,« sagte Cook schaudernd, »hat man den Täter nicht
entdeckt?«
    »Nein,« sagte der Alte, mit der Faust ärgerlich vor sich auf das Tischtuch
schlagend, dass das lose darunter liegende Brett ein kleines gläsernes Salzfass
hoch emporschnellte, »nein - und ich wollte nur, der glatte Schuft käme mir
wieder so nahe wie damals, als ich mit der Büchse im Anschlag hinter einem Baum
stand, oder auch auf der offenen Prairie, verdammt will ich sein, wenn ich nicht
Tageslicht durch seinen Hirnschädel liesse!«
    »So kennt Ihr ihn?«
    »Nein - ich kenne ihn nicht, aber ich habe ihn gesehen; es kann wenigstens
kein Anderer gewesen sein. Unser Wagen fuhr nämlich auf der Strasse hin, und ich
und Ned da, mein Aeltester, waren ein wenig mit unseren Büchsen seitab gegangen.
Wir dachten, vielleicht einen Hirsch zu schiessen, von denen wir sehr viele
Fährten im Wege bemerkt hatten. An der Spitze eines kleinen Sees hatte Ned die
eine und ich die andere Seite genommen, als ich einen schmalen Pfad bemerkte,
der aus dem Dickicht kam und augenscheinlich der eben verlassenen Strasse
zuführte, auf der die Wagen, vielleicht eine halbe Meile hinter uns, herkamen.
Da hörte ich etwas in den Büschen rascheln und trat, in der Meinung, es sei ein
Hirsch oder ein Volk Trutühner, hinter einen Baum. Es waren aber zwei Reiter,
beide in das gewöhnliche blaue Wollenzeug gekleidet, der eine nur mit einem
breiträndigen schwarzen Hut auf. Diese sprachen sehr eifrig mit einander und
ritten an mir vorüber, ohne mich zu bemerken; ich redete sie auch nicht weiter
an, da ich kein unnötiges Geräusch machen und mir vielleicht in der Nähe
äsendes Wild verscheuchen wollte.«
    »Hundert Schritt mochte ich wieder langsam weiter geschlendert sein, und die
Fremden waren indessen im Gebüsch hinter mir verschwunden, als ich plötzlich,
nach derselben Richtung hin, einen Schuss hörte. Nun glaubte ich im Anfang, Ned
habe des Wassers wegen nicht drüben um den See gekonnt, sei mir nach- und
zufällig zum Schuss gekommen, denn keiner der beiden Männer trug eine Büchse. Ich
stiess deshalb meinen Jagdruf aus, um zu erfahren, ob er irgend etwas getroffen;
aber gleich darauf antwortete mir mein Junge von der gegenüberliegenden Seite
des Sees, und ich vermutete nun natürlich nichts Anderes, als dass noch ein
dritter Jäger dort in der Gegend sei, und mich um den nicht weiter kümmernd,
setzte ich meinen Weg ruhig fort.
    Das war schon spät am Nachmittag, und an demselben Abend noch überholten uns
Leute auf der Strasse, wo wir lagerten, die uns von einem Mord erzählten, der
vorgefallen. Der Todte sei durch den Kopf geschossen. Von den Reitern war
übrigens keiner an unseren Wagen vorbeigekommen.«
    »Wie ich das hörte, setzte ich mich augenblicklich auf meinen Rappen (die
Weiber hier schrieen nicht schlecht, denn sie fingen an, sich zu fürchten) und
galoppirte, was das Tier laufen konnte, dortin, wo der Leichnam in einem
Farmhause nicht sehr weit von da, wo die Tat geschehen, liegen sollte. Es war
richtig, wie ich vermutet, einer von Denen, die ich an demselben Tage hatte
zusammen reiten sehen, und zwar der Aeltere; der Schuft mit dem breiträndigen
Hute musste also der Mörder sein. Ich beschrieb ihn, so gut ich konnte, keiner
der Anwesenden wollte ihn aber kennen, ja erinnerte sich nicht einmal, ihm je
begegnet zu sein. Vergebens blieb ich noch zwei Tage in der Nachbarschaft, der
Täter war spurlos verschwunden, und nach Berechnungen von Leuten, die genau
wussten, wie viel Schweine der Ermordete mit fortgenommen und wie der Preis bei
den Indianern stand, musste er etwa tausend Dollars bei sich gehabt haben.
Natürlich wurde von denen ebenfalls nichts weiter gesehen.«
    »Ja, ja,« sagte Cook, »es sind hier auch ähnliche Sachen vorgefallen, fast
noch schlimmer, als offener Raubmord. - Nun, wir wollen hoffen, dass wir
wenigstens den Kopf der Schlange treffen, die sich in diese Gegend eingenistet
hat. Die über dem Arkansas drüben mögen sehen, wie sie mit ihrer Seite fertig
werden. - Doch welchen Weg gedenkt Ihr einzuschlagen?«
    »Ich weiss es selbst nicht genau; die Strasse führt wohl an dieser Seite hin?«
    »Ja - an beiden Seiten, die jenseits möchte aber für Euch die geratenste
sein, denn weiter oben, wo die Leftandfork hereinkommt, ist der Durchgang durch
den Fluss, besonders mit Wagen, sehr beschwerlich.«
    »Auf welche Art komme ich denn da am besten hinüber? Wie weit ist's noch bis
zum nächsten Hause?«
    »Nun, das nächste Haus ist Wilson's,« sagte Cook, »das zweite, etwa
andertalb Meilen weiter, Atkins'. Am ersten könnt Ihr aber schon übersetzen; es
ist dort ein recht gutes Fährboot und ein breiter, bequemer Weg zum Fluss
hinunter.«
    »Ist des Fährmanns Name Wilson?«
    »Nein, der wohnt nur dort; der Fährmann heisst Curneales.«
    »Gut denn, ich dank' Euch für den Rat und werd' ihn befolgen; kommt Ihr
aber einmal in meine Nähe, so fragt nur nach dem alten Stevenson und sucht mich
auf. Ihr sollt mir herzlich willkommen sein!«
    »Danke, danke!« sagte Cook, der indessen aufgestanden war und sein Pferd
wieder gesattelt und gezäumt hatte; »jetzt wird's übrigens Zeit, dass ich
ausgreife, sonst komme ich zu spät, ich habe noch verschiedene Meilen zu machen.
Also behüt' Euch Gott!«
    Mit herzlichem Gruss und Händedruck nahm der junge Farmer dann von jedem
Einzelnen der Familie, Ben, der sein Pferd so wacker gefüttert hatte, nicht
ausgenommen, Abschied und trabte bald darauf singend und mit seinem ebenso
zufriedenen Pony sich unterhaltend dem vorgesteckten Ziele zu.
    Nach scharfem, etwa einstündigem Ritt erreichte er Atkins' Haus, wo er zu
seinem Erstaunen Brown noch vorfand. Den hatte er schon lange an Ort und Stelle,
oder doch wenigstens auf dem Wege dahin vermutet, und fand ihn jetzt noch hier
ganz ruhig neben den gesattelten Pferden stehen. Brown unterhielt sich übrigens
sehr angelegentlich mit dem am vorigen Abend angekommenen Fremden, den ihm der
eben eingetroffene Rowson gerade als einen alten Freund vorgestellt hatte.
    »Hallo, Cook!« rief diesem der Regulatorenführer freudig entgegen, »das ist
herrlich, dass Ihr kommt; jetzt können wir zusammen reiten.«
    »Guten Morgen - guten Morgen!« lautete der Gegengruss, »aber ich glaubte Euch
schon lange unterwegs.«
    »Das ist meine Schuld,« sagte Atkins, Cook die Hand hinaufreichend, »oder
eigentlich die Schuld meiner Frau, die heute Morgen unverzeihlich lange mit dem
Frühstück trödelte. Das kranke Kind mag sie aber wohl verhindert haben -«
    »Ich wäre schon lange fortgeritten,« sagte Brown, »aber Mr. Atkins -«
    »Doch nicht ohne einen Bissen genossen zu haben?« unterbrach ihn dieser,
»das hätte ich nie zugegeben, nein; Sie kommen überdies noch zeitig genug und
haben jetzt dadurch neue Gesellschaft gewonnen.«
    »Es ist auch noch nichts versäumt,« sagte Brown, dem Freunde Cook, der neben
ihm halten geblieben war, ebenfalls die Hand schüttelnd; »aber, Mr. Rowson,«
wandte er sich dann zu diesem, der sein Pferd eben dem Mulatten übergeben hatte,
»wollen Sie denn nicht mit uns kommen? Ich glaubte, als ich Sie sah, dass das der
Zweck Ihres Hierseins gewesen sei.«
    »Ich würde sehr gern dieser Versammlung beigewohnt haben,« erwiderte der
Metodist, »hielten mich nicht gerade heute wichtige Geschäfte davon ab. Ich
feiere morgen die Verbindung mit meiner Braut, und da werden die Herren wohl
einsehen, dass es unter solchen Umständen selbst unaufschiebbare Besorgungen
geben kann.«
    »Allerdings,« erwiderte Brown fast tonlos - »und dieser Herr ist, wie Sie
sagten, ebenfalls ein Regulator? Er äusserte davon gestern Abend keine Silbe.«
    »Sie werden das sehr begreiflich finden,« lächelte Mr. Jones, »wenn Sie
bedenken, dass ich mich unter lauter Fremden befand.«
    »Allerdings eine höchst lobenswerte Vorsicht. - Sie wollten nach Fort
Gibson, nicht wahr?«
    »Das war mein Wille und ist es noch. Da ich aber hier ganz zufällig und
unerwartet einen alten Bekannten in Mr. Rowson gefunden habe, gedenke ich ein
paar Tage in der Nachbarschaft zu verweilen. Es würde mir dabei sehr angenehm
sein, wenn ich der heutigen Versammlung der Regulatoren beiwohnen könnte;
vielleicht ist es möglich, diese mit unseren Verbindungen im Norden zu
vereinigen, und mit einem gemeinsamen Ziel im Auge wäre es dann weit eher
möglich, das zu erreichen, was beide Parteien jetzt einzeln nur so viel schwerer
erlangen können.«
    »Allerdings haben Sie da Recht,« erwiderte Brown, ihm dabei fest in's Auge
sehend, »und Sie wünschen also durch mich den Regulatoren vorgestellt zu
werden?«
    »Das ist mein Wunsch, und Sie würden mich sehr verpflichten -«
    »Ich selbst würde Ihnen im Namen meines Freundes sehr dankbar sein,«
unterbrach ihn Rowson zu gleicher Zeit, »und wenn er dann auch, meiner jetzigen
neuen Haushaltung wegen, nicht gleich bei mir ein Unterkommen finden könnte, so
ist Mr. Atkins vielleicht so gütig, ihn noch einmal in nächster Nacht zu
beherbergen Später treffen wir dann schon ein Abkommen mit einander.«
    »Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Mr. Rowson,« sagte Brown lächelnd,
»ich zweifle nicht daran, dass sich Mr. Jones einige Zeit hier bei uns aufhalten
wird. Ob ihm der Fourche la fave nur gefällt, ist eine zweite Frage.«
    »Ich bin leicht befriedigt,« entgegnete Jones dem jungen Mann sehr
freundlich: »doch, möchten wir nicht lieber aufbrechen? Es wird spät.«
    »Mr. Jones' Pferd!« rief Aktins dem Mulatten zu, der in der Tür stand und
nach den Männern herüberstarrte.
    »Hört, Brown, dessen Gesicht gefällt mir gar nicht,« flüsterte Cook dem
Freunde zu, während er sich zu ihm hinunterbog.
    »Wenn wir zu Bowitts kommen, muss ich ein paar Worte mit Euch allein
sprechen,« flüsterte dieser zurück.
    »Ist etwas -?«
    »Bst - nur ruhig - es hat Zeit, bis wir oben sind.«
    Jones war indessen ebenfalls aufgestiegen, und Brown schwang sich gerade in
den Sattel, als der Mulatte noch zwei andere Pferde, und zwar eins mit einem
Damensattel belegt, herausführte.
    »Gott segne mich!« rief Cook - »noch ein Frauensattel, ich zählte eben ganz
erstaunt die da drin im Zwischenhause aufgehangenen; sieben Stück, und das hier
ist der achte; was habt Ihr denn vor?«
    »Es ist Besuch bei meiner Frau,« sagte Atkins, »Krankenbesuch, des Kindes
wegen. Der hier aber gehört Ellen - sie soll nach Roberts hinüber.«
    In dem Augenblicke öffnete sich die Tür und Ellen kam mit Sonnenhut und
Tuch aus dem Hause. Sie trug ein kleines Bündel in der Hand, das der Mulatte ihr
draussen abnahm, und als sie das von dem tiefen Bonnet beschattete Köpfchen nach
Brown zukehrte, konnte dieser die rotgeweinten Augen nicht verkennen. Schnell
wandte sie sich jedoch ab, stieg mit Hilfe eines dort stehenden und zu diesem
Zweck glatt abgehauenen Baumstumpfes in den Sattel und galoppirte gleich darauf,
von dem Farbigen gefolgt, die Strasse hinab.
    »Was fehlt dem Mädchen?« frug Brown teilnehmend den Herrn des Hauses, der
ihr kopfschüttelnd nachschaute - »mir kam es vor, als ob sie ganz verweinte
Augen hätte -«
    »Ih - Unsinn,« sagte der Angeredete - »sie wollte nicht von dem kranken
Kinde fort - sie sagte, sie säh' es nicht wieder, und da - hatte meine Frau wohl
einen kleinen Tanz mit ihr - die Alte brummt manchmal, meint es aber nicht so
bös. - Das hat sich das dumme Ding denn zu Herzen genommen. Nun, sie wird schon
vernünftig werden, wenn sie einmal einen ordentlichen Mann bekommt.«
    »Brown - zum Donnerwetter, lasst das Trödeln. - Die Zeit vergeht!« rief Cook
ungeduldig.
    »Ja, ja,« erwiderte dieser, »ich muss nur noch ein paar Worte mit Mr. Rowson
sprechen; eine Frage -«
    »Der ist in's Haus gegangen, das kann ja morgen oder heut Abend geschehen;
es wird Mittag sein, ehe wir's uns versehen, und die Leute oben erwarten uns
sicherlich schon seit vier Stunden.«
    »Gut denn, auf Wiedersehen!« sagte der junge Mann, winkte den
Zurückbleibenden noch einmal zu und trabte dann, von den Anderen gefolgt,
schnell auf dem in den Wald führenden Pfade hin.
 
                                      25.
               Harper und Marion. - Ellen's Ankunft bei Roberts.
Still und freundlich beschien die leuchtende Morgensonne Roberts' wohnliche
Heimat. Noch hatten die das Feld und den Hofraum begrenzenden Kiefern und
Eichen ihren tauigen Perlenschmuck nicht verloren, warfen ihn aber jetzt in
leisen glitzernden Schauern auf die duftende Erde nieder und winkten und nickten
dazu mit den Zweigen, als ob sie hätten sagen wollen: »Geht - geht - ihr könnt
uns doch nicht verlassen, ihr glänzenden Tropfen, und wenn es nur erst dunkelt,
steigt ihr schon wieder heimlich in feuchten Dünsten empor, drängt euch uns
wieder auf und sammelt euch hier oben zu eurer stolzen, prahlenden, lieben
Herrlichkeit auf's Neue. - Geht - geht - ihr kommt schon wieder und wenn wir
euch noch tausendmal abschütteln.«
    Vier grosse, stattliche Trutühner, aus im Walde gefundenen Eiern aufgezogen,
strutteten stolz und kollernd auf dem das Haus umgebenden freien Fleck umher und
schienen die Maiskörner, die ihnen Marion in einem kleinen Körbchen brachte,
erst durch das ganze Ausbreiten ihrer Pracht und Schönheit verdienen zu wollen,
ehe sie sich herabliessen, die Morgengabe in Empfang zu nehmen. Auf den kleinen,
niederen Hickorybüschen, die des Schattens wegen in der Nachbarschaft der
Wohnungen gelassen waren, lärmten die blauen Heher und zwitscherten die
feuerroten Cardinäle und hier und da glitt ein munteres silbergraues
Eichhörnchen an irgend einem Stamme herunter. Rasch sprang es dort auf die Fenz,
lief an dieser, genau den Zickzackwindungen derselben folgend, hin und schwang
sich dann wieder, durch irgend ein im Laube raschelndes Huhn aufgescheucht, mit
flüchtigem Satz an dem ihm nächststehenden Baum hinauf, bis es sich in
Sicherheit wusste. Nicht lange aber dauerte es, so schaute es oben, das Köpfchen
gar schlau und pfiffig von der Seite drehend, vorsichtig um den schlanken Stamm
herum, mit den weit vorgespjetzten kleinen Ohren herunterlauschend, was das
verdächtige Geräusch denn wohl verursacht habe.
    Die beiden Frauen waren allein. Roberts hatte sich mit den Hunden schon fast
vor Tagesanbruch in den Wald begeben, um dort nach seinen Heerden zu sehen, aber
versprochen, noch vor Mittag wieder zurück zu sein, und Madame Roberts
wirtschaftete jetzt auf eine wunderbar geschäftige Weise zwischen allen nur
möglichen Pfannen und Töpfen herum. Ja sogar das Rauchhaus wurde durchstöbert
und von dorter einige sehr geheimnisvoll zugebundene und verwahrte Büchsen und
Gläser herbeigeschaft, die teils saure Gurken und Honig, teils aber auch die
verschiedenen Waldesfrüchte, auf treffliche und delicate Art eingemacht,
entielten und heute zu einem sowohl seltenen als glänzenden Festmahle
hervorgeholt wurden.
    Marion hatte das Geschäft des Brodbackens überantwortet bekommen und knetete
das zarte, weisse Mehl mit den noch viel zarteren, feineren Händen zu kleinen
flachen »Biscuits«. Späterhin sollten diese in der hohen eisernen Deckelpfanne
gebacken werden, für jetzt aber lagen sie noch in langen, gleichen Reihen auf
dem Tisch ausgebreitet und wurden nur vor der Hand mit einer Gabel eingestochen,
um der Luft freien Zutritt zu gestatten und sie etwas zu heben.
    Die beiden Frauen waren, ganz auf die gewöhnliche Art der amerikanischen
Hinterwäldlerinnen, in selbstgewebte Anzüge gekleidet, der Stoff aber von der
besten und vorzüglichsten Art, und die Farben und Muster auf das
Geschmackvollste und Sinnigste gewählt. Mrs. Roberts suchte etwas darin, in
dieser Arbeit von »keiner Einzigen in Arkansas und in den anderen Staaten eben
so wenig,« wie sie sich ausdrückte, übertroffen zu werden, obgleich sie gern und
nicht ohne fast eben so viel Stolz eingestand, ihre Tochter stände ihr an
Geschicklichkeit fast gleich.
    Marion hatte die vollen kastanienbraunen Haare einfach und glatt
zurückgescheitelt und in einem Knoten befestigt. Der einzige Schmuck, den sie
trug, waren zwei kleine, halb aufgeblühte weisse Rosen, und süss und zart, wie
ihre schwellenden Lippen, glühte und duftete aus deren kaum erschlossenem Kelch
das sanfte jungfräuliche Rot der aufkeimenden Blüten. Sie hatte ihre Arbeit
beendet, und schaute jetzt stumm und sinnend, die Hände vor sich gefaltet, das
Köpfchen wie ermüdet an den blank gescheuerten Türpfosten gelehnt, die Strasse
hinab.
    »Kommt er noch nicht?« frug die Mutter, indem sie mit Kennermiene eine eben
geöffnete steinerne Büchse an die Nase hielt.
    »Wer?« sagte Marion, erschrocken auffahrend und sich schnell nach der Mutter
hinwendend.
    »Wer?« fuhr diese, ohne die Bewegung zu beachten, fort, »wer? närrisches
Mädchen - Sam - den Du doch selbst nach Mr. Harper hinuntergeschickt hast, um
ihn auf heute einladen zu lassen. Hat's aber gar nicht verdient, dass man die
Leute nach ihm in die Welt hineinjagt. - Hätte sich wohl in der langen Zeit
einmal wieder können blicken lassen.«
    »Er war ja krank -«
    »Nun, sein sauberer Neffe denn, der jetzt zu den Regulatoren übergegangen
ist. - Du warst auch unwohl und es wäre nicht mehr als artig gewesen, einmal
nachzufragen, wie Dir's ginge. Er ist immer freundlich hier aufgenommen und hat
gar nichts auf der weiten Gotteswelt zu Hause zu tun -«
    »Er hat seinen Onkel gepflegt,« sagte Marion leise.
    »Oh ja - ich weiss wohl, Du verteidigst ihn immer seit der Geschichte mit
dem -«
    »Mutter!« unterbrach sie fast noch leiser als früher und mit einem leichten
Vorwurf im Ton das tieferrötende Mädchen.
    »Nun ja - er hat Dir damals einen grossen Dienst erzeigt, das ist richtig,«
murmelte die alte Dame, »aber auch nicht mehr, als jeder Andere an seiner Stelle
getan haben würde, und - Doch ich will gar nichts gegen ihn sagen, Kind,«
schwatzte sie dann redselig weiter, die nicht mehr nötigen Gefässe dabei an ihre
gehörigen und bestimmten Plätze zurücktragend - »ich habe keineswegs etwas gegen
ihn. - Es ist so weit ein lieber junger Mann, aber darum bin ich ja gerade böse
auf ihn, dass er nicht manchmal herkommt. Freilich ist die Sache mit Heatcott -«
    »Aber, Mutter!« rief mit vorwurfsvollem Tone die Tochter.
    »Ich weiss, was Du sagen willst,« fuhr diese, ohne sich irre machen zu
lassen, fort - »ich weiss, was Du sagen willst; warum hat er sich denn aber seit
jener Zeit nicht wieder hier sehen lassen, wenn er ein so ganz gutes, reines
Gewissen hat? - Mr. Rowson gab mir darin neulich ganz recht.«
    »Und Mr. Rowson hätte gerade volle Ursache, Herrn Brown zu verteidigen, wo
es in seinen Kräften steht,« rief Marion, sich eifriger als bisher zu ihrer
Mutter umwendend. - »Das ist etwas, was mir an ihm nicht gefällt.«
    »Er hat ihn auch verteidigt,« entgegnete diese, »hat ihn wacker
verteidigt; aber was kann er dafür, wenn er selbst den Verdacht nicht ganz
abzuschütteln vermag?«
    Marion wandte sich zur Seite, um eine Träne zu verbergen, die sich ihr
ungerufen in's Auge stahl. Ihre Mutter hatte aber jetzt auch vollauf zu tun, um
verschiedene Fleischstücke herbeizuholen, die sie noch vor zwölf Uhr zubereiten
wollte. Zufällig trat sie dabei einmal an das kleine, in die Stämme
eingeschnittene Fenster, das, eigentlich gegen arkansische Sitte, mit einer
Glasscheibe versehen war, und entdeckte plötzlich zu ihrem Entsetzen drei
Reiter, die auf der Strasse herankamen. Es war der erwartete Harper mit seinem
Nachbar Bahrens und hinter denen ihr eigener Negerknabe.
    »Ei bewahre!« rief Madame Roberts erschrocken aus, »da kommt Harper schon
und ich bin noch nicht fertig. - Ei, der Schlingel von einem Jungen! Er hat doch
bestellen sollen: erst um Zwölf.«
    »So lass doch, Mutter,« lächelte Marion, leise mit dem Finger den feuchten
verräterischen Fleck von den Wimpern wischend - »die beiden Männer nehmen das
nicht so genau, es sind ja gute Freunde vom Vater; Sam hat sie sicher schon
unterwegs getroffen.«
    Es war übrigens hierbei auch weiter nichts zu tun; Mrs. Roberts ordnete nur
noch in aller Geschwindigkeit ihre, wie sie glaubte, etwas verschobene Haube vor
dem kleinen Spiegelglas, strich sich die Schürze glatt und trat dann den beiden
Gästen, wenn auch mit noch von der Arbeit ein wenig erhitztem Gesicht,
freundlich und herzlich entgegen.
    »Willkommen, Mr. Harper, willkommen als von den Todten auferstanden!« sagte
sie, diesem die Hand reichend. - »Nur herein, Gentlemen, mein Mann wird gleich
wieder zu Hause sein, er will bloss einmal nach ein paar Kühen sehen, die lange
nicht zum Melken nach Hause gekommen sind. - Nur näher, Mr. Bahrens, wenn ich
auch noch nicht ganz in Ordnung bin.«
    »Madame Roberts,« sagte dieser lachend, »ich dränge mich heute ungeladen
ein, erfuhr aber erst, dass Sie Gäste hätten, als ich schon auf dem Wege war.«
    »Ich glaubte Sie mit bei der Regulatorenversammlung,« antwortete Mrs.
Roberts, »sonst hätt' ich schon lange zu Ihnen hinübergeschickt - aber nur
herein, vor der Tür machen wir das Alles nicht ab.«
    Die beiden Männer folgten der Einladung, und Harper, zwar noch immer sehr
blass und angegriffen, aber doch mit dem ganzen früheren gemütlichen Wesen, das
ihm gerad' so viele Freunde in der Ansiedelung erworben, musste sich nun vor
allen Dingen niedersetzen, einen Becher des für ihn ganz apart aus Honig und
Früchten bereiteten Getränkes zur Stärkung zu sich nehmen und dann erzählen, wie
es ihm in seiner Krankheit gegangen, wer ihn Alles gepflegt, was er für
Arzeneien genommen und wie er wieder besser geworden sei. Er willfahrte auch mit
der freundlichsten Bereitwilligkeit von der Welt dem Allen und rühmte besonders
seinen Neffen und seine drei Nachbarn, Wilson, Cook und Roberts, die sich sehr
verdient um ihn gemacht hätten. »Selbst Bahrens,« fuhr er, diesem die Hand
hinüberreichend, fort, »hat sein Maisfeld verlassen und ist auf ein paar Tage zu
mir herübergekommen. Sie haben mich Alle lieb, was kann ich denn hier im Walde
mehr verlangen?«
    Das Gespräch wandte sich jetzt auf die ihnen zunächst liegenden Gegenstände,
das heisst alle mögliche Arten von Vegetabilien und andere Esswaaren, die teils
schon auf dem Feuer brodelten, teils noch der weiteren Verwendung harrend auf
einem kleinen Seitentische aufgeschichtet standen, während Mrs. Roberts ein
scharfes Messer heraussuchte und ihre Absicht kundtat, in den Garten zu gehen,
um etwas Salat zu holen.
    Bahrens, der ihr indessen schon einige ausserordentlich wunderbare
Begebenheiten von fabelhaft grossen Spargeln und märchenhaften Kohlköpfen erzählt
hatte, bestand darauf, sie zu begleiten, und Harper blieb mit der Jungfrau
allein im Hause zurück.
    Marion hatte sich schon den ganzen Morgen danach gesehnt, mit Harper ein
paar Minuten allein über den fernen Freund zu sprechen. War er ja doch der
Einzige, zu dem sie sprechen durfte. Als dieser Wunsch aber wirklich erfüllt
war, schien es, als ob ihr alles Herzblut hinaufströmte nach Gesicht und
Schläfen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen und sie konnte keinen Laut
hervorbringen. Auch Harper schwieg, doch dachten Beide sicherlich nur an den
einen Gegenstand, fürchteten aber, etwas für Beide so Schmerzliches zu berühren
und konnten es doch nicht über's Herz bringen, ein anderes, gleichgültiges
Gespräch anzuknüpfen. Da brach endlich Harper das peinlich werdende Schweigen
und sagte, dem jungen Mädchen mit wehmütig freundlichem Ausdruck die Hand
hinüberreichend:
    »Wie geht es Ihnen, Marion? Gut, hoff' ich, nicht wahr? Das ist recht. -
Seien Sie ein braves, starkes Kind - es freut mich - freut mich herzlich, Sie so
wohl und - und zufrieden zu finden. - Mr. Rowson,« fuhr er dann fort, als ihm
Marion lautlos die Hand gereicht hatte - »Mr. Rowson ist ein sehr wackerer Mann
und wird Sie schon so glücklich machen, als Sie es verdienen. - Der - der Junge
ist doch ein Sausewind, und - sehen Sie, es ist vielleicht viel besser so -
    Er ist jetzt mit bei den Regulatoren,« erzählte er, ihren fragenden Blick
verstehend, weiter, »will aber nur sehen, ob er nicht die wirklichen Mörder
herausbekommen kann. - Pest und Gift! - es müsste eine Wonne sein, die Kerle
hängen zu sehen.«
    »Und er ist nicht schuldig - nicht wahr?« frug das Mädchen mit bittendem
Blick.
    »Schuldig?« fuhr Harper in seinem Stuhl auf - »schuldig? Ist da noch Einer,
der ihn für schuldig hält? - Nein, Sie nicht,« sagte er dann, die weisse Hand,
die er nicht wieder losgelassen, liebkosend streichelnd, »Sie gewiss nicht, aber
auch andere Leute sollen das nicht mehr. Ich selbst freilich glaubte es einmal;
ich kannte sein schnell aufloderndes Blut. Das geraubte Geld machte mich aber
gleich stutzig, und später erst fand es sich dann, dass er an jenem Tage seine
Moccasins getragen, und die Spuren waren beide von Stiefeln oder Schuhen. Nein -
er hat keine Schuld an jenem Blute, hoffentlich aber wird schon irgend einmal
ein Zufall den wirklichen Täter verraten.«
    »Die Regulatoren sind ja, wie Sie sagen, deshalb versammelt,« erwiderte
leise die Jungfrau.
    »Ach, das sind auch nur Menschen,« meinte kopfschüttelnd der alte Harper -
»nicht einmal Indianer. Ja, wenn Assowaum bei uns geblieben wäre; der Schlingel
hat sich aber recht heimlich - recht indianisch fortgeschlichen und nie wieder
etwas von sich hören lassen. Bill behauptet freilich noch immer, dass er wieder
zurückkommt.«
    »Mr. Rowson äusserte hier neulich, die heimliche Entfernung des Indianers
spreche sehr gegen ihn,« sagte Marion.
    »Oh - Mr. Rowson sollte ein wenig sparsamer mit seinem Verdacht umgehen,«
rief etwas ereifert der alte Mann. »Es ist nicht hübsch, einem Menschen gleich
so Schreckliches aufzubürden, und wenn es auch nur ein Indianer ist. Uebrigens
war der es nicht, dagegen wollt' ich mit Freudigkeit meinen Hals zum Pfande
setzen.«
    »Wird Mr. Brown noch nach Texas gehen?« flüsterte zitternd das Mädchen.
    »Ja,« bestätigte Harper, auf einmal wieder traurig und niedergeschlagen.
»Ich kann ihm den tollen Gedanken nicht ausreden und glaube, wenn sie heute den
Mörder fänden, er ginge morgen fort. - Hat er schon das Pferd von Ihrem Vater
gekauft?«
    »Das eben liess mich fragen,« sagte Marion - »ich hörte, wie mein Vater heute
Morgen äusserte, er müsste den Fuchs für Mr. Brown einfangen, der oben im
Talgrunde gewöhnlich weidet. Es tut mir unendlich weh, die Ursache zu sein,
die ihn fort - von Ihnen forttreibt -«
    »Es hat so sein sollen, liebe Marion,« beruhigte sie der alte Mann, indem er
aufstand und ihre Stirn küsste - »und - es ist vielleicht recht gut, dass es
gerade so und nicht anders gekommen ist; wer kann es denn wissen. Also Herz
gefasst, mein liebes Mädchen, und die starke Seite nach aussen gekehrt.« dabei hob
er ihr mit leiser Hand das Kinn in die Höhe und wollte recht heiter und sorglos
ihr in's Auge schauen, die Stimme zitterte ihm aber doch, und er musste hart
kämpfen, dass er nicht am Ende selbst von ihrer Wehmut angesteckt wurde.
    Gerade noch zur rechten Zeit kam jetzt Mrs. Roberts mit Bahrens aus dem
Garten zurück und zwar die Erste lachend, dennoch aber mit einer gewissen
religiösen Entrüstung in den Zügen, dass Mr. Bahrens da Sachen erzähle, die »doch
unmöglich wahr sein könnten, so gern sie auch seinen Worten glaube«. Bahrens
dagegen bestand fest auf dem Erzählten und rief jetzt Harper bei Mehrerem, das
er auch ihm schon mitgeteilt haben wollte, zum Zeugen auf.
    Sie waren noch in diesem halb ernsten, halb scherzhaften Streite begriffen,
als zwei Reiter vor dem Hause hielten und Ellen, von dem jungen Mulatten
gefolgt, eintrat.
    Die Mädchen kannten sich schon von früher her und begrüssten sich herzlich,
aber auch Mrs. Roberts empfing die junge Waise mit wirklicher Güte, da Rowson
ihr (in diesem Falle einmal die Wahrheit) nicht allein sehr viel Liebes und
Gutes, sondern auch das von ihr erzählt hatte, dass ihre Pflegemutter, Madame
Atkins, sie eigentlich mehr wie eine Sclavin, als wie das Kind, wenn auch das
angenommene, behandele.
    Harper war Ellen noch fremd, Bahrens hatte sie aber schon häufig gesehen,
und sie frug nach den ersten Begrüssungen schüchtern ihre neue Herrin oder
vielmehr Freundin, ob sie noch zeitig genug eingetroffen sei, da sie sich zu
Hause etwas verspätet.
    »Zeitig genug, liebes Kind,« unterbrach sie Madame Roberts - »zeitig genug;
morgen früh erst wollen wir hinüberreiten in Eure neue Wohnung. Es wird wohl
noch Manches darin nötig sein, denn man kann doch nicht erwarten, dass ein
Junggeselle seine Wirtschaft so ganz vollkommen eingerichtet haben sollte.
Später besuchen wir den Richter, wo Mr. Rowson Nachmittags predigen wird, und
jener verbindet dann die jungen Leute mit einander. Abends bringen wir sie nach
Hause, und Du, liebes Kind, bleibst mit unserem Negerknaben, den Ihr zu Eurer
ersten Einrichtung eine Zeit lang dort behalten könnt, bei ihnen.«
    Diese Angelegenheit war bald in Ordnung gebracht und es rückte nun die viel
wichtigere des Mittagessens heran. Weder Rowson noch Roberts kamen aber, und die
Matrone fing schon an, sehr ungeduldig zu werden. Bahrens hatte auch, auf
wiederholtes Anregen, soeben zum zweiten Mal in das lange gerade Blechhorn
stossen müssen, das den Ton weit hin durch den Wald trug, als dieser endlich von
dem freilich noch sehr fernen Jagdrufe Roberts' beantwortet wurde, und bald
tobten, als fröhliche Vorboten, jauchzend und kläffend die Hunde die
Countystrasse herunter. Wenige Minuten später kamen die Beiden, Roberts und
Rowson, in etwas grösserer Eile als gewöhnlich, zusammen angetrabt,
wahrscheinlich um dem dringenden Rufe Folge zu leisten und die Frauen nicht
länger warten zu lassen.
 
                                      26.
 Die Regulatorenversammlung. - Jones befindet sich in einer höchst unangenehmen
                            Lage. - List gegen List.
Um Bowitt's kleine Wohnung hatte sich an demselben Morgen nicht allein eine
ziemliche Anzahl der benachbarten, sondern auch der entfernter wohnenden Farmer
und Jäger versammelt. Das Haus selbst durfte aber Keiner betreten. Dort
wirtschafteten und arbeiteten nämlich zwei wohlbeleibte, von der benachbarten,
einem wohlhabenden Mann aus Little Rock gehörenden Mühle geliehene Negerinnen,
um für Manche, die schon eine weite Strecke Weges gekommen, Frühstück zu
bereiten und unterdessen auch wieder die nötigen Vorbereitungen zum Mittagessen
zu treffen. Zu gleicher Zeit hing vor dem Hause auf zwei niederen Stäben
befestigt und über einem lodernden Feuer, ein nicht unbedeutender eiserner
Kessel, um kochendes Wasser bereit zu halten und dann und wann die kühle
Morgenluft mit einem heissen, erquickenden Trank zu dämpfen und angenehmer zu
machen.
    Trotzdem aber, dass der Becher häufig im Kreise herumging, der doch sonst so
schnell Leben und Fröhlichkeit unter die »Männer von Arkansas« brachte, schien
heute ein fast feierlicher Ernst die Zungen der Meisten gefesselt zu haben.
Unter einem dichtlaubigen Baume, der das darunter gestreute vorjährige Laub vor
dem niederfallenden Regen geschützt hatte, standen die Regulatoren, finstere
Aufmerksamkeit und feste Entschlossenheit in den dunkeln, sonngebräunten
Gesichtern, und dicht um einen einzelnen Mann geschaart, der mit lebhaften
Geberden und geläufiger Zunge ihnen etwas scheinbar sehr Interessantes
mitzuteilen schien.
    Es war eins jener, keinem besondern Staate angehörenden Mitteldinge, halb
Weisser, halb Indianer, dessen fast zu dunkle Farbe bei den Amerikanern gar nicht
selten den Verdacht nach niederer Abstammung erweckt. In den Backwoods hiessen
aber diese Art Leute kanadische Franzosen, Halbindianer oder auch wohl mit einem
Spottnamen »Gumbos«.1 Dieses braune Individuum, sonst ein kräftiger, derber
Bursche, erzählte aber mit lebhaften Gesticulationen seinen Zuhörern, wie er aus
der Nation der Cherokesen der Spur von gestohlenen Pferden gefolgt sei, etwa
fünf Meilen von da aber die Fährten verloren habe und schon wieder auf dem
Heimwege gewesen sei. Da hatte er von der »Regulator Meeting« gehört und war nun
hierher geritten, die Regulatoren, wenn er die Tiere auch jetzt nicht
wiederbekäme, doch auf diese wenigstens aufmerksam zu machen und ihre genaue
Beschreibung zu hinterlassen.
    Der Kanadienser, denn Kanada nannte er seine Heimat, war ein kleiner
untersetzter Mann, mit glänzend schwarzen, langen Haaren, dunkeln feurigen
Augen, blendend weissen Zähnen und ganz indianisch vorstehenden Backenknochen,
wie etwas breitgedrückter Nase und grossen Nasenflügeln. Seine Gesichtsfarbe
erschien freilich kaum dunkler gefärbt als die der ihn umstehenden Männer; seine
Kleidung war aber vollkommen indianisch, und selbst der Gürtel, den er trug, aus
perlengestickter roter Wolle gefertigt und reich mit Panterfängen und
Bärenkrallen verziert.
    Die Regulatoren rieten noch hin und her darüber, wie sonderbarer Weise die
meisten Fährten in ihre Nachbarschaft führten und da, auf fast wunderbare Weise,
verschwänden, als Brown, Jones und Cook herbeiritten und von den vor der Hütte
Versammelten mit freudigem Gruss empfangen wurden. Zu gleicher Zeit fast traf
auch Husfield von der andern Seite her ein und erquickte sich vor allen Dingen
an dem Frühstück, da er schon, seiner Aussage nach, fünfzehn Meilen nüchtern
geritten war.
    Erst als er dies beendet, näherte er sich den letztangekommenen Freunden, zu
deren Besten der Kanadienser seine Erzählung wiederholte. Da mischte sich Jones
mit in das Gespräch und frug den Halbindianer, ob nicht ein weisses Pferd mit
einem schwarzen Hinterbein unter den vermissten gewesen sei.
    Mit freudig erstauntem Eifer bejahte es der Fremde.
    »Dann hab' ich sie gesehen,« sagte Jones, mit der rechten Faust in die linke
geöffnete Hand schlagend, »dann hab' ich sie, straf' mich Gott! gesehen.«
    »Aber wo?« frug schnell und hitzig der Verfolger.
    »Etwa fünfzehn Meilen von hier; schon spät gestern Abend und oben auf dem
Bergrücken, der die Wasser der Mamelle und dieses Flusses von einander trennt.«
    »Und welchen Weg nahmen sie?« frug jener voll Eifer - »waren sie auf der
offenen Strasse, oder -«
    »Sie kreuzten die Strasse, gerade als ich den steilen Berg von der andern
Seite heraufkam,« erwiderte Jones.
    »Und wie viel Männer waren mit ihnen?«
    »Einer nur, den ich sehen konnte.«
    »Das sind sie,« rief der Halbwilde frohlockend aus - »ein Farmer an der
Grenze hatte sie ebenfalls gesehen, konnte mir nur den Mann nicht beschreiben,
da er zu weit entfernt gewesen war. Aber wo etwa find' ich die Fährten?«
    »Die werden freilich Regen und Wind verweht haben,« sagte Jones nachdenklich
- »kommt Ihr aber auf den Berg (das letzte Haus, das Ihr von hier passirt, ist
Greatouses) und seid etwa vier oder fünf Meilen von da hingeritten, ohne die
Spuren anzutreffen, so tut Ihr meiner Meinung nach am besten, gleich hinüber an
den Arkansas zu reiten. Der fliesst von dort nicht so sehr weit entfernt, und in
den am Uferrande stehenden Blockhütten werdet Ihr sicher Kunde von den Dieben
bekommen.«
    »Dann will ich wenigstens keine Zeit weiter versäumen, dass ich nicht auch
diese, wenngleich sehr kalte Fährte verliere,« rief der Fremde - »dank' Euch für
die Weisung - Good bye, Gentlemen!« Und ohne weitere grosse Umstände wollte der
Kanadienser zu seinem Pony eilen und dem Dieb nachsetzen. Brown fasste ihn aber
am Aermel seines ledernen Jagdhemdes, und als ihn der also Zurückgehaltene
verwundert ansah, sagte er freundlich:
    »Schenkt uns noch etwa eine halbe Stunde. Die also angegebene Spur ist doch,
wie Ihr einsehen müsst, sehr unsicher und zeitraubend, und auf so wenige Minuten
kann es Euch unmöglich ankommen. Ueberdies scheint Euer Pferd ermattet und
bedarf der Ruhe. Seid Ihr also in einer Stunde noch gesonnen nachzusetzen, so
könnt Ihr meins nehmen, das frischer bei Kräften ist und Euch die versäumte
Zeit, bald einbringen wird. Auf dem Rückwege tauschen wir wieder um.«
    »Wenn aber der Bursche unterdessen ein Boot finden sollte, was ihn
aufnähme?« sagte Jones.
    »So schnell wird das nicht gehen, denn so häufig sind die Dampfboote noch
nicht auf dem Arkansas. Also Ihr bleibt noch ein wenig und nehmt dann mein
Pferd?«
    Der Indianer nickte sehr befriedigt und jetzt wieder voller Hoffnung mit dem
Kopfe, folgte aber fast noch freudiger dem Winke Bowitt's als dem Rate Brown's,
welcher Erstere ihn zu dem gedeckten Tische lud. Dort zeigte er sich im Anfange
allerdings etwas zurückhaltend, bald gestand er aber, dass er seit dem vorigen
Morgen keinen Bissen über die Zunge gebracht, und wütete nun ordentlich, zum
Entsetzen der Negerinnen, unter den Speisen und Getränken.
    »Gentlemen,« redete jetzt Brown, als sich der Halbindianer zurückgezogen
hatte, die Versammelten an, »ich habe Ihnen vor allen Dingen einen mir von Herrn
Rowson empfohlenen Fremden vorzustellen, der als Regulator aus Missouri bei uns
eingeführt zu werden wünscht. Er hofft dadurch zwischen uns und den nördlichen
Staaten eine Verbindung herzustellen, wünscht aber zuerst vor allen Dingen
unsere Versammlung zu besuchen und den Geist kennen zu lernen, der sie beseelt.
Nicht wahr, Mr. Jones?«
    Der also Gefragte verbeugte sich bloss verbindlich.
    »Da er gleich damit begonnen hat,« fuhr Brown fort, »einem Hülfsbedürftigen
auf den rechten Weg zu helfen, um sein verlorenes Eigentum wieder zu erhalten,
so glaube ich nicht, dass es noch weiterer Empfehlung bedarf, ihm den Zutritt zu
unserer, sonst eigentlich geheimen oder wenigstens geschlossenen Versammlung zu
gestatten - meinen Sie nicht auch?«
    »Genügt vollkommen,« riefen die Männer fast einstimmig, und Husfield trat
vor und drückte dem Fremden seine besondere Freude aus, gleich mit dem
Bruderstaat in solcher Art verbunden zu werden.
    »Was wolltet Ihr mir denn sagen, Brown?« frug diesen jetzt Cook, als er
einige Schritte mit ihm abseits getreten war.
    »Geht dem eben Eingeführten nicht von der Seite,« flüsterte Brown schnell -
»er gehört mit zur Bande - bst - kein Wort weiter - teilt es Wilson mit, und
Ihr Beide bewacht ihn - habt Ihr Euer Terzerol?« (Cook bejahte es.) - »Gut - ich
will nur erst die Neger dort bei Seite haben; ich traue den Schuften nicht, und
sie könnten den Alarm geben -«
    »Also ist das mit den gesehenen Pferden auch eine Lüge?« frug Cook schnell.
    »Bst - er sieht hierher,« flüsterte Brown - »er darf noch nichts merken -
nehmt Euch Wilson zur Hülfe, und dann müssen wir das Mittagessen schnell vorüber
haben, dass die Neger fortkommen.«
    Die Männer trennten sich jetzt auf kurze Zeit, als Jones aber gleich darauf
von dem Kanadienser wieder vorgenommen und über mehrere Einzelheiten befragt
wurde, trat Cook noch einmal an den jungen Führer heran und sagte leise:
    »Die Neger bekommen wir nicht fort, sie bleiben den ganzen Tag hier. Was
geschehen soll, muss also bald geschehen. Dass die schwarzen Canaillen aber
nachher nicht fortkommen und das Gerücht aussprenge, dafür will ich schon
sorgen.«
    »Habt Ihr es Wilson gesagt?« frug Brown.
    »Ja - seid ausser Sorgen, der kommt nicht weg - das gibt einen Hauptspass.
Doch die Versammlung soll beginnen.«
    Husfield näherte sich in diesem Augenblick Brown und frug ihn, ob sie nicht
anfangen sollten, da manche der hier Anwesenden vielleicht noch an demselben
Tage nach Hause zurückzukehren wünschten. Brown erwiderte, hierauf kein Wort,
führte ihn aber einige Schritte von den Uebrigen fort und erzählte ihm nun in
der Kürze und mit so wenig Worten als möglich seinen Verdacht.
    »Und was wollt Ihr tun?« frug Husfield schnell.
    »Davon nachher,« flüsterte Brown - »mir bangt nur vor den Negern. Wer weiss,
wenn wir hier etwas vornehmen, ob die nicht -«
    »Pest! Ihr habt Recht,« unterbrach ihn Husfield - »mir kam es überdies schon
vor, als ob der Fremde dem einen Nigger ganz verstohlen zugenickt hätte -
Verrat könnte uns hier Alles verderben - doch halt - lasst mich sorgen - Bowitt
muss dafür stehen und kennt seine Leute; den will ich unterrichten. Verzögert Ihr
indessen die Entscheidung, bis Ihr mich in den Kreis treten und den Hut abnehmen
seht - fort! Jones kommt, es mag ihm wohl nicht angenehm sein, wenn Zwei mit
einander heimlich flüstern.«
    Husfield verlor sich gleich darauf unter den Uebrigen, und Brown, als
gewähltes Oberhaupt dieses County, rief die Männer herbei und eröffnete die
Versammlung. Nach echt arkansischer Art trat er dabei, um etwas höher zu stehen
und sowohl Alle sehen zu können als auch von Allen gesehen zu werden, auf den
Stumpf eines gefällten Baumes und sprach zur Einleitung über den Zweck, der sie
hier zusammengeführt, wie über das Gesetzliche der Versammlung selbst, frug sie
aber zum Schluss, ob sie auch fest und ernstlich gesonnen wären, den
ungesetzlichen Teil ihrer Verbindung, die Ausübung des sogenannten
Lynchgesetzes, in kräftiger Gesammteit durchzuführen und die zu strafen, und
zwar selbst am Leben, wenn es die Mehrzahl der Regulatoren für nötig finden
sollte, die Strafe und solche Strafe verdient hätten. Ein laut donnerndes »Ja«
gab das Zeugnis, wie aus der Seele gesprochen dies Alles sei und wie fest sie
entschlossen wären, das mit Leib und Leben zu vertreten, was sie einmal begonnen
und unternommen hätten.
    Unterdessen bemerkte Brown, wie Bowitt eine Zeit lang mit zwei jungen
Burschen gesprochen hatte, und diese sich jetzt von den Uebrigen absonderten.
Einer nahm darauf seinen Platz gerade der Haustür gegenüber, setzte sich dort
auf einen Holzklotz und begann das Schloss seiner Büchse sehr aufmerksam zu
untersuchen, während der Andere, das gesattelte Pony am Zügel, neben ihn trat
und eine Unterhaltung mit ihm anknüpfte.
    »Nun, Massa,« sagte die eine Negerin zu den Beiden, als sie eben einem
jungen, etwa zwölfjährigen schwarzen Knaben einen Korb voll Späne abnahm und
diese neben die Tür der Hütte schüttete, »wollen Sie nicht der Versammlung
zuhören?«
    »Noch zu jung, Lyddy,« lachte der Eine, »und nicht hübsch genug. - Es dürfen
bloss hübsche Leute dabei sein.«
    »O, Golly,« sagte die Schwarze. »Unsinn das, Massa - Massa Hokker dort -«
    »Wer, Lyddy?«
    »Oh - Massa - Massa Hostler dort,« rief die Schwarze, augenscheinlich
verlegen werdend - »Massa Hostler auch nicht gross hübsch; was hat Massa mit dem
Gewehr? - Alles in Ordnung -«
    »Das verstehst Du nicht, Lyddy,« sagte der junge Bursche. »Wenn eine Armee
irgendwo campirt, dann werden Posten ausgestellt -«
    »Oh, Golly - Golly!« schrie die Schwarze lachend, dass ihre Augen wie zwei
grosse weisse Kugeln fast aus den Höhlen herausdrängten und ein Paar Reihen von
Zähnen sichtbar wurden, deren sich ein Haifisch nicht hätte zu schämen brauchen
- »Schildwachen vor die Küchentür! - oh, Golly - Golly!«
    Die jungen Leute lachten ebenfalls und scherzten und spassten mit den beiden
Negerinnen, die indessen im Innern des kleinen Gebäudes das Geschirr aufwuschen
und auf's Neue zum Feuer gestellte Lebensmittel beaufsichtigten. Dennoch traten
sie abwechselnd in die Tür und schienen besonderen Anteil an den nicht sehr
entfernt von da gehaltenen Verhandlungen zu nehmen.
    »Wir sind also heute hier zusammengekommen, meine Freunde,« fuhr Brown, sich
jetzt hochaufrichtend und im Kreise umherschauend, fort, »um dem Unwesen des
Pferdediebstahls, das uns bei sämmtlichen Staaten der Union in Misscredit
gebracht hat, zu steuern. Wenn wir aber auch kräftig und bestimmt gegen die
offenen Feinde und Die, welche uns von aussen als Fremde angreifen, auftreten
können, so ist das bei Solchen, die sich unter uns als unsere Freunde und
Genossen einschleichen, die uns schmeicheln und am Tage herzlich die Hand
drücken, während sie in der Nacht mit der Raubbrut aus anderen Gegenden
verkehren, unmöglich.«
    »Wie aber diese auffinden?« hör' ich Euch fragen, »wie sie entlarven, wenn
sie sich schlau und listig dem forschenden Auge der Gerechtigkeit zu entziehen
wissen? Allerdings ist das schwer, aber es lebt auch dort oben ein Gott, der die
Sünder manchmal da, wo sie es am wenigsten vermuten, in die Hand der Rächer
liefert.«
    Husfield trat in diesem Augenblick heran, nahm den Hut ab und trocknete sich
die Stirn.
    »Nennt es Zufall oder Schicksal,« fuhr Brown, seinem Blicke begegnend, fort
- »was mich gerade zum Mitwisser eines solchen Geheimnisses machen musste; aber
Mitwisser wurde ich, und jetzt, Kameraden, hoff' ich, dass wir die Fährte
gefunden haben, auf der die Wölfin nächtlich ausschleicht und ihre Beute in
Sicherheit bringt.«
    »Wo? - was gefunden? - was habt Ihr entdeckt, Brown? wer ist es? hier in der
Ansiedelung? am Fourche la fave Einer?« tönten die Stimmen wild durcheinander,
und Jones, der bis jetzt sehr ruhig und selbstzufrieden an einem Baum gelehnt,
wandte leise und fast unmerklich seinen Kopf der Hütte zu. Er wollte sehen, ob
er auch im schlimmsten Falle den Rückzug zu seinem Pferde frei habe, das unfern
von dort und etwas abgesondert von den übrigen, angebunden war. Wie er jedoch
den Kopf drehte, begegnete er Cook's Blicke, der dicht neben ihm, etwas zurück,
stand und ihm freundlich und leise zuflüsterte:
    »Nicht wahr, Ihr hättet zu keiner günstigeren Zeit hierher kommen können?
Die werden in Missouri staunen, wenn sie das hören.«
    »Ja sehr günstig,« sagte Jones - »sehr günstig, ich - bin ausserordentlich
neugierig,« (er wandte den Kopf nach der andern Seite und sah Wilson dort,
anscheinend gleichgültig, am Baume lehnen) »ja, wirklich ausserordentlich
neugierig, wer damit gemeint ist. Schade, dass ich die Leute nicht selber kenne!«
    »Oh, Ihr lernt sie vielleicht kennen,« erwiderte Cook - »aber hört nur!«
    »Gleich, meine Freunde,« beruhigte Brown die Ungeduldigen, »Ihr sollt Alles
erfahren, habt nur ein ganz klein wenig Geduld. Ein Zufall nämlich, wenn wir's
denn einmal so nennen wollen, brachte mich vor einigen Wochen - das Wie? erzähl'
ich ein anderes Mal - in den Besitz eines Schlüssels, von dem ich damals zwar
keinen Gebrauch zu machen wusste, der mir aber seit kurzer Zeit klar und deutlich
geworden ist. Es war die Verabredung zweier Ehrenmänner, sich durch gewisse
Worte und Redensarten, wenn auch sonst einander gänzlich fremd, an einem dritten
Orte zu erkennen und zu verstehen.«
    »Wünschen Sie etwas?« frug Cook Jones, der in diesem Augenblick an ihm
vorbeitreten wollte, um den äussern Rand des Kreises zu erreichen.
    »Nur ein Glas Wasser,« flüsterte dieser zurück, »ich bin augenblicklich
wieder da -«
    »Lyddy, ein Glas Wasser für Mr. Jones!« rief plötzlich mit lauter Stimme
Cook, dass sich Alle verwundert nach jener Stelle umsahn, Brown einige Secunden
lächelnd in seiner Rede anhielt und Jones leichenblass wurde. Die Schwarze aber,
die schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, den Männern, und besonders
jener Gegend, wo Jones stand, näher zu rücken, ergriff in aller Eile einen
Becher mit dem verlangten Getränk und watschelte, so schnell es ihre
aussergewöhnlich wohlbeleibte Gestalt erlaubte, dem Baume zu, an welchem er
stand.
    Er dankte, nahm den Becher und trank, flüsterte dabei aber der Schwarzen
einige Worte zu und blieb jetzt ausserhalb des Kreises stehen, während Wilson
ebenfalls vortrat, die Negerin um einen zweiten Trunk bat und sich an die
andere, Cook entgegengesetzte Seite des Fremden verfügte.
    Brown hatte mit schnellem Blick das eben Beschriebene übersehen und fuhr
nach kleiner, hierdurch entstandener Pause wieder laut fort:
    »Eine Frage nach dem Fourche la fave, eine Frage nach der Weide dieser
Gegend und eine Bitte um einen Trunk Wasser waren die Zeichen, und wo glaubt
Ihr, dass der Verräter unter uns gelauert habe?«
    Lyddy kam in diesem Augenblick mit einem kleinen Korb voll Mais aus der
Küche und ging zu dem Ponny des Fremden, dessen Zügel sie, wie sich Cook mit
schnellem Blick überzeugte, in Ordnung brachte. Alles in der Versammlung
lauschte dabei mit atemlosem Schweigen dem Berichte, der ihnen Die entüllen
sollte, die so lange als Verräter und Schurken verdachtlos und ruhig unter
ihnen geweilt hatten.
    »Gentlemen,« sagte der Regulatorenführer da nach kurzer atemloser Pause mit
erhobener Stimme, »ich war gestern Abend in dem Hause unseres bisherigen
Nachbars Atkins, und ist er der Verräter.«
    »Sonderbare Geschichte das,« flüsterte Cook, seinen Arm vertraulich auf die
Schulter von Jones lehnend, der ihm mit stierem Blick und aschfarbenen Wangen
in's Auge sah - »sehr sonderbare Geschichte das!«
    Dieser fühlte, dass er verraten war; fühlte, wie der Blick des
Regulatorenführers auf ihm haftete, wenn er ihm auch nicht selbst in's Auge
schaute. - Er wusste, dass für ihn jetzt keine andere Rettung als schnelle Flucht
sei und er sich zu dieser den Weg bahnen müsse, wie er nur immer könne. Leise
daher, aber schnell die rechte Hand unter die Weste bringend, ergriff er das
dort verborgen gehaltene Bowiemesser und warf noch einen Blick forschend hinüber
zu der Negerin, die eben ihre Vorbereitungen beendet hatte.
    Das Ganze, so lang hier im Erzählen, hatte in der Wirklichkeit nur wenige
Secunden in Anspruch genommen, während bei den letzten Worten Brown's ein
Murmeln des Erstaunens und der Verwunderung die Versammlung durchlief.
    »Jener Bube aber,« fuhr Brown jetzt mit erhöhter Stimme fort, indem er
seinen Arm gegen den Fremden ausstreckte, »der sich mit seinem diebischen
Treiben, unter dem Mantel der Nacht, in unsere Ansiedelung, ja als Regulator aus
Missouri sogar in unsere Mitte schlich - ist dieser!«
    Alles wandte sich erschrocken und empört nach dem Bezeichneten um; Jones
hatte aber auf diesen Augenblick des Erstaunens gerechnet. Mit schnellem Griff
riss er das breite, haarscharfe Messer aus der Scheide und schwang es hoch empor,
um sich Bahn zu hauen, so dass die ihm zunächst Stehenden, die keine Ahnung von
solchem Schluss gehabt, entsetzt zurückprallten. Wilson aber, der von der ersten
Bewegung Jones' an dessen Absicht erraten, wusste, was er mit der Hand unter der
Weste suchte, und verstand vollkommen dessen Plan. Kaum blitzte daher der breite
Stahl in der Hand des entdeckten Verräters, als er ihm auch mit schnellem und
sicherem Griff in den Arm fiel, und im nächsten Augenblick lag der Spion, von
der kräftigen Faust des Hinterwäldlers niedergeworfen, unter dessen Knie und
knirschte vergebens gegen die Macht an, die ihn, wie in einem eisernen
Schraubstock, regungslos gefesselt hielt.
    Ein wildes Staunen, eine eigene, wie sinnverwirrende Ueberraschung schien in
dem ersten Augenblick die versammelten Männer rat- und tatlos gemacht zu
haben, so, ihrer fast unbewusst, drängten sie sich durch einander, so erstarrt
standen sie über das Ungeahnte, noch nicht Begriffene. Aber nur wenige Secunden
dauerte diese fast zauberartige Lähmung, denn zu rascher Tätigkeit wurden bald
alle ihre Kräfte aufgerufen.
    »Haltet den Neger!« schrie Brown, der, sobald er den Feind gefangen sah, die
offene Lichtung mit seinem Adlerblick überflog und eben noch die helle Jacke des
Negerknaben bemerkte, der schlangengleich in die dichten Büsche hineinglitt.
Wahrscheinlich wollte er fliehen und die Kameraden des Verbrechers warnen. Der
Zuruf war aber nutzlos. Einer der jungen, als Wache aufgestellten Leute hatte
den Burschen, der ihm von Anfang an verdächtig vorgekommen, nicht aus den Augen
verloren und sich, sobald dieser Miene machte, das Dickicht zu erreichen, in den
Sattel seines kleinen mutigen Tieres geschwungen. Von Peitsche und Sporn
getrieben, flog dieses mit ihm wie eine Windsbraut über die im Wege liegenden
Stämme weg, und in wenigen Secunden hatte er den Neger eingeholt.
    Dieser machte auch, da er sich auf solche Art verfolgt sah, keinen weiteren
Versuch zur Flucht, sondern drückte sich auf die Erde nieder und bat mit
flehender Stimme, ihm nichts zu tun, er wolle ja nicht weglaufen, er wolle
keinen Schritt vom Hause fortgehen.
    Die beiden dicken Negerinnen selbst waren wie vom Schlage gerührt,
versuchten jedoch natürlich keinen Fuss vor das Haus zu setzen, da ihrerseits
eine Flucht unmöglich war. Das kleine Gebäude mit den drei Schwarzen im Innern
wurde jetzt von mehreren Schildwachen umstellt, die ihren zeitweiligen
Gefangenen übrigens freundlich zusprachen und sie besonders darauf aufmerksam
machten, um Gottes willen das Mittagessen nicht zu vernachlässigen.
    Jones war indessen gebunden und in den Kreis der Männer geführt, wo er
jedoch, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen, hartnäckig auf keine Frage
Antwort geben wollte.
    »Legt ihm den Hickory über!« riefen da mehrere Stimmen; »verdamm' den Hund -
bindet ihn an einen Doogwood und lasst ihn Rinde schälen!2 - hängt ihn an den
Händen auf und hetzt die Hunde auf ihn!« - Lauter freundliche Ratschläge, die
alle dem Opfer galten, das bleich und gebunden, aber mit fest und krampfhaft
aufeinander gebissenen Zähnen zwischen ihnen stand. Er schien das Aergste zu
erwarten, aber jetzt, da es einmal über ihn hereingebrochen, keineswegs, zu
fürchten.
    Mehrere der wilden Backwoodsmen wollten übrigens ihre Drohungen schon
tatkräftig in Anwendung bringen, und einer besonders streifte mit grossem Eifer
die zähe Rinde eines Papaobaumes ab, um den Gefangenen damit an den
beschriebenen Baum zu befestigen. Brown wehrte ihnen aber und sagte ruhig:
    »Halt - lasst den Mann noch in Frieden. So lange wir die Aussicht haben,
unsern Zweck ohne solche Mittel zu erreichen, ist es immer besser. Noch bleibt
uns Atkins, der auch auf jeden Fall mehr von den hiesigen Verhältnissen weiss,
als dieser Bursche, denn er und Atkins waren sich, wie ich fest überzeugt bin,
vorgestern Abend gänzlich fremd.«
    »Dann ist das auch eine Lüge, dass er meine Pferde gesehen hat, und er wollte
mich auf einen wilden Ritt in die Mamelleberge schicken!« rief jetzt der
Halbindianer, zornig vortretend. Doch Brown hielt auch ihn zurück und sagte:
    »Eure Pferde hat er auf jeden Fall gesehen, denn ich zweifle keinen
Augenblick daran, dass er selbst Derjenige ist, der sie hierher gebracht hat -«
    »Ei, so soll -«
    »Halt!« fuhr Brown fort, den Zürnenden an der Schulter fassend - »sie sind
da, noch kann sie Atkins nicht weiter befördert haben, wenn er das auch in
nächster Nacht beabsichtigt hätte -«
    »Dann wollen wir doch gleich hin,« rief Husfield - »finden wir die Tiere
bei ihm, so liegt ja der Beweis klar auf der Hand.«
    »Ich fürchte nein,« sagte Brown - »heute Morgen war ich in seinem Hofraum
und beobachtete die ganze Einrichtung desselben. Wenn er die Pferde in seinem
Gewahrsam hat, so sind sie keinesfalls innerhalb seiner Fenzen, und es muss
irgendwo hinter dem Feld oder Viehhof einen Platz geben (in dem niedern, mit
Schilf bewachsenen Talgrund wahrscheinlich), wo die Tiere durch das dichte
Rohr selbst, wie vielleicht durch umsichtig abgehauene Bäume, in einer
gewissermassen natürlichen Umzäunung eingefenzt gehalten werden.«
    »Dann ist aber doch der Eingang nur von seinem Lande aus,« rief Cook
ungeduldig.
    »Allerdings,« entgegnete Brown, »ich kann es mir wenigstens nicht anders
denken, doch das ist einerlei. Er kann vor Gericht nicht dafür verantwortlich
gemacht werden. Was frei im Walde läuft - denn ausserhalb der Fenzen ist Freiheit
-«
    »Oh verdamm' die Gerichte!« sagte Smeiers, jetzt vortretend und mürrisch die
Mütze rückend; »wir sind hier nicht zusammengekommen, um zu fragen, was die
Gerichte dazu sagen würden - verdamm' sie! ruf' ich noch einmal. Wir wollen
unser eigenes Recht suchen, und wenn wir davon überzeugt sind, dass es Recht ist,
nun so geht uns der andere Firlefanz weiter nichts an. Darum und in diesem Sinne
haben wir Euch zu unserem Anführer gemacht; wenn Euch das nicht recht ist, so
sagt's, dann übernimmt's ein Anderer.«
    Brown wollte darauf erwidern, Husfield unterbrach ihn aber, bat einen
Augenblick um das Wort und wandte sich hierauf, im Ganzen wohl an die
Versammlung, besonders aber an Den, der zuletzt gesprochen und jetzt den grössten
Teil der Regulatoren auf seiner Seite zu haben schien.
    »Gentlemen,« sagte er, »ich glaube, Sie kennen mich Alle, und Keiner von
Ihnen wird denken, mein Eifer, der guten Sache zu dienen, sei schwächer als der
seine, aber - Mr. Brown hat Recht. Uns genügt jetzt nicht allein, zu wissen, ob
Atkins als Helfershelfer der Pferdediebe Pferde verhehlt und aufbewahrt hat,
wenn wir auch den Beweis dort finden, sondern ob er es noch tut und auf welche
Art es geschieht.«
    »Dass er dabei Hülfe haben muss, liegt klar am Tage - bindet den Jungen dort,
wenn er noch einen Fuss aus der Hütte setzt« - unterbrach er sich jetzt selbst
und wies nach dem jungen Neger hinüber, der in diesem Augenblicke wieder schnell
und augenscheinlich sehr verlegen, in die Tür zurückglitt - »habt bessere Wacht
auf den Burschen, er könnte uns sonst den ganzen Plan verderben.«
    Die Wächter hatten zu aufmerksam nach den Reden hinüber gehorcht und traten
jetzt, über ihre Nachlässigkeit beschämt, wieder in die Tür. Husfield aber fuhr
fort: »Wie ich hier überall gehört habe, geht Atkins selten oder nie von zu
Hause fort, er muss also Leute an der Hand haben, die ihm derlei kleine
Gefälligkeiten besorgen. Diese können jedoch nicht weit entfernt von ihm leben.«
    »Johnson hat eine Hütte nur kurze Strecke von seinem Hause entfernt,« sagte
Wilson.
    »Verdamm' die Canaille,« brach Husfield, bei dieser Entdeckung seine ganze
frühere Ruhe vergessend, los, »so steckt auch der Hund mit ihm unter einer
Decke, und das Spiel mit den Pferden damals war falsch. Die Pest über ihn - Doch
halt -« fuhr er dann nachdenkend fort - »auch hier wird List und Ruhe
nachdrücklicher wirken, als tolles Toben und rohe, unberechnete Gewalt. Nochmals
also stimme ich Mr. Brown's Vorschlag bei, die Sache erst reiflich zu überlegen,
ehe wir rasch und vielleicht töricht handeln. Wir haben noch mehrere Stunden
Zeit, ehe wir gedrängt werden, etwas zu beschliessen. Mr. Brown ist vielleicht
jetzt so gut und macht uns indessen mit dem Plane bekannt, den er entworfen
hat.«
    »Gern,« sagte der junge Mann, seine frühere Rednerbühne wieder besteigend -
»er ist leicht mitgeteilt und wird eben so leicht begriffen werden. Wir wissen
die Zauberformel, die uns Zutritt zu dem heimlichen Hehlerplatz unseres Nachbars
sichert. Noch aber ist es nicht bekannt, dass wir sie wissen, noch ist das
Geheimnis unser. Mein Vorschlag ist also der: heut Abend einen Mann, den Atkins
nicht kennt, mit mehreren fremden Pferden zu ihm zu schicken; hier dieser
Kanadienser wäre vielleicht gleich der Rechte.«
    Der also Bezeichnete schüttelte mit dem Kopfe.
    »Nein - verdammt,« sagte er dann - »ich war schon dort - heute Morgen mit
Tagesanbruch - er hat wohl mein Pferd nicht gesehen, das stand draussen, aber
mich selber - viel Weiber drin -«
    »Das ist fatal. Nun, dann finden wir einen Andern, der bei ihm einkehren
mich, die Parole gibt, die draussen angebundenen Pferde nach seiner Anweisung
herbeibringt und zu dem Platze gelangt, auf welchem die Tiere zu dem für sie
bestimmten Versteck geführt werden. Wir liegen indessen dort in der Gegend im
Hinterhalt und springen nur nach einem gegebenen Zeichen auf den Wahlplatz.«
    »Das ist Alles recht schön und gut,« sagte Wilson, »wo aber nehmen wir noch
vor Abend Jemanden her, den Atkins nicht kennt; denn Atkins kennt fast jeden
Menschen in ganz Arkansas.«
    »Was machtet Ihr denn bei Atkins?« frug Husfield den Kanadienser.
    »Was ich machte? ich frug nach Pferden,« erwiderte dieser.
    »Und er antwortete?«
    »Er habe keine gesehen.«
    »Das war wenigstens bloss eine einfache Lüge. Allerdings wird es schwer
halten, einen Mann zu finden - Euch kennt er auch, Kefner?«
    »Ich sollte denken,« lachte dieser - »seit fünf Jahren!«
    »Und Euch, Jankins?«
    »So genau wie seine Nachbarn.«
    »Und Euch, Williams?«
    »Er kennt sie Alle, Mr. Brown,« sagte der zuletzt Angeredete, »da müssen wir
weiter gehen. Wenn wir auf der Strasse vielleicht -«
    »Halt!« rief Cook - »ich hab' es - ein köstlicher Einfall - dem alten Mann
wird es auf ein oder zwei Tage nicht ankommen, wir können ihm Mais und
Lebensmittel genug liefern.«
    »Wem denn?« frugen Mehrere.
    »Habt Ihr heute Morgen keine Wagen auf Eurer Fähre übersetzen sehen,
Wilson?« frug diesen jetzt Cook.
    »Ich bin seit gestern Abend hier,« sagte der Angeredete, leicht errötend -
»doch was sollen die uns nützen?«
    »Die können höchstens uns hier gegenüber, an der andern Seite des Flusses,
also kaum zwei Meilen in gerader Richtung, entfernt sein,« erwiderte Cook, »ein
alter Tennesseer mit seinen beiden Knaben führt die Wagen. Einer von diesen, die
Jungen oder der Vater selbst, muss uns beistehen. Die kennt Atkins nicht, und
Alles schlau angefangen, geht der alte Fuchs vielleicht in die Falle.«
    »Wer reitet aber hinüber?« frug Wilson, »und wie soll man sie finden?«
    »Oh, nichts leichter als das,« beschrieb ihm Cook. - »Ihr setzt hier gleich
durch den Fluss, schneidet gerade durch die Niederung, links an dem kleinen See
vorbei, und seht, wenn Ihr die Strasse erreicht, nur nach den Wagengleisen. Sind
die Auswanderer schon vorbei, was ich kaum glaube, so müsst Ihr sie in sehr
kurzer Zeit, einholen, und haben sie jene Stelle noch nicht passirt, nun desto
besser, so reitet Ihr ihnen bloss entgegen.«
    »Da wär's aber viel besser,« sagte Brown, »Ihr ginget selber, Cook. Wie ich
weiss, habt Ihr mit dem alten Mann schon Bekanntschaft gemacht, und vielleicht
wird es Euch gerade dadurch leichter, ihn für unsere Bitte zu gewinnen.«
    »Meinetwegen,« entgegnete Cook entschlossen, »mir auch recht. - An mir soll
es nicht liegen, und wo ich helfen kann, tu' ich's gern. Uebrigens wird es
wahrlich nicht schwer halten, den alten Haudegen auf unsern Plan eingehen zu
machen. Ich möchte meinen Hals verwetten, dass er selber kommt.«
    »Das wäre also abgemacht,« lachte Curtis, sich fröhlich die Hände reibend -
»Eidechsen und Regenwürmer, jetzt glaub' ich auch, dass wir den verdammten
Buschkleppern, die so freigebig mit heissem Blei und kaltem Stahl sind, auf die
Spur kommen, und dann gnade ihnen Gott. - Sie sollen Hanf zu schmecken bekommen,
dass sie genug haben. Was machen wir aber indessen mit den Gefangenen? Ich traue
dem Neger nicht. Die schwarze Canaille hat schon ein paar Mal entwischen wollen,
und ich zweifle nicht im Mindesten, dass sie nachher gerade zu Atkins
hinübergebrannt wäre.«
    »Wir müssen sie binden,« sagte Brown, »denn der Gefahr, jetzt verraten zu
werden, dürfen wir uns nicht aussetzen.«
    »Die Negerinnen auch?« frug Wilson.
    »Den Burschen wenigstens,« sagte Husfield, »für die beiden Frauen genügt
eine Wache, und macht der Junge wieder den geringsten Versuch zur Flucht, so
binden wir ihn an einen Doogwood und lassen ihn tanzen. Wo ist die Papaorinde?«
    »Nehmt lieber Stricke,« wandte Bowitt ein, »dort unter dem Bett in der Ecke
liegen einige. Ist denn auch Jones sicher verwahrt?« Er trat bei diesen Worten
an den Gefangenen hinan und wollte nach dessen Banden sehen, als der Missourier,
der auf irgend eine, Allen unerklärbare Weise seine Hände frei gearbeitet hatte,
dem Baum entsprang, an den er gefesselt gewesen, und mit flüchtigen Schritten
dem Walde zueilen wollte. Er kam aber nicht weit. Wilson befand sich, als jener
den ersten Satz tat, vor dem Bowitt mehr überrascht als erschreckt zurückfuhr,
in kaum zehn Schritt Entfernung von ihm und hatte ihn nach kurzem Wettlauf
eingeholt. So wütend war aber der dabei Ertappte, dass er sich dem viel
stärkeren Gegner stellte und ihn mit Faust und Zähnen in aller Wut der
Verzweiflung zu verwunden strebte.
    Wilson bedurfte auch wirklich seiner ganzen Gewandteit, den wütenden
Bissen des Rasenden auszuweichen, doch warf endlich ein kräftiger, von seiner
Hand geführter Faustschlag den zum Äussersten Getriebenen zu Boden. Hier wurde
er dann an Händen und Füssen festgeknebelt und in das Haus getragen, das, durch
vier Wachen mit geladenen Büchsen umstellt, keine weitere Gefahr von dieser
Seite fürchten liess.
    Cook sattelte indessen sein kleines Pony und trabte bald darauf mit diesem
dem Flusse zu, um seine Bekannten vom Morgen wieder aufzusuchen. Brown und
Husfield dagegen stellten nach allen Richtungen hin Wachen aus, die Verbindung
mit den übrigen Ansiedelungen abzuschneiden und zu verhindern, dass Atkins
gewarnt werden könnte, während die anderen Regulatoren indessen dafür sorgten,
dass das Mittagessen bereitet sowie sonst alles Nötige hergerichtet würde. Im
Schatten der einzelnen, in der Lichtung stehen gelassenen Baumgruppen lagerten
sie dann gemeinschaftlich, teils ihren Plan für den Abend zu bereden, teils
der Ruhe zu pflegen und mit Sonnenuntergang zu neuen Anstrengungen gestärkt und
gekräftigt zu sein.
 
                                    Fussnoten
1 Gumbo, ein Lieblingsgericht der von französischen Eltern in den südlichen
Staaten geborenen Creolen, und als Spottname dort für Alles, was von
französischer Abstammung ist, gebraucht.
2 Der Doogwoodbaum - eine Art wilder Corneliuskirsche, aber mit bitteren,
ungeniessbaren Beeren, hat eine ziemlich leicht abzubröckelnde Rinde und wurde,
da er in Arkansas in ungeheurer Menge wächst und selten stärker als drei bis
fünf Zoll im Durchmesser wird, von den Regulatoren oder auch von den
Sclavenaufsehern sehr häufig dazu benutzt, die Verbrecher oder Sclaven mit den
Händen daran festzubinden, wo sie sich dann unter den Schmerzen der Züchtigung
wanden und dadurch die Rinde von den schwachen Stämmen gänzlich abrieben. Daher
der in Arkansas gebräuchlich gewordene Ausdruck »Jemanden Doogwood-Rinde schälen
zu lassen«, anstatt ihn zu peitschen.
 
                                      27.
                       Die Rückkehr von der Versammlung.
In den wilden, noch wenig angebauten Wäldern des Westens, wo die zerstreut und
einzeln liegenden Farmerswohnungen oft durch weite ungangbare Strecken von
einander getrennt liegen, fühlen und kennen die Bewohner derselben auch um so
mehr den Wert des Nachbartums. Besteht er doch nicht bloss darin, dass sie
freundschaftlichen Verkehr mitsammen unterhalten, sondern sie greifen sich auch
einander unter die Arme, und helfen und unterstützen, wo es not tut und die
Kräfte des Einzelnen nicht mehr ausreichen. Sei das nun im Pflügen des ersten
Ackers, im Zusammenrollen der ungeheuren Stämme, die verbrannt werden müssen, um
dem Mais die segenreiche Bahn zu eröffnen, sei das im Aufrichten eines Hauses
oder im Aushauen eines Canoe. Die einfache Aufforderung darf nur ergehen, und
mit Axt oder Pflug finden sie sich ein und arbeiten bis zum späten Abend so hart
und angestrengt, wie sie es vielleicht das ganze Jahr nicht einen einzigen Tag
für sich selber tun möchten.
    Kommen die Männer aber schon gern und willig zu solchen Arbeiten, die auch
allenfalls, ohne grosse Gefahr, noch kurze Zeit liegen bleiben könnten, wie viel
bereitwilliger sind da nicht die Frauen, wenn es Krankheit gilt, und sie, was in
der Tat selten genug geschieht, zu Rat und Hülfe zusammengerufen werden.
Keine, die irgend ihr Haus verlassen kann, wird den zweiten Boten abwarten, und
mit allen möglichen in der Eile zusammengerafften Medicinen versehen, besteigen
sie ihre Pferde und traben dem Orte der Not so freudig und willig zu, als gälte
es ein Fest zu feiern oder einem fröhlichen Tage beizuwohnen.
    Madame Atkins war nun freilich in der ganzen Nachbarschaft gerade nicht
besonders beliebt, denn erstlich besuchte sie fast Niemanden und kam nur höchst
selten zu einer Betversammlung der Frommen, was ihr vorzüglich nachgetragen
wurde; dann aber liess sie sich auch zu keinem einzigen »Steppdeckenfrolick«, bei
keinem »Klötzerrollfest« blicken, bei denen doch ihr Mann selten fehlte, und
schon hierdurch musste sie den schönen Arkansanerinnen sehr entfremdet werden.
Desto mehr fiel es daher auf, dass sie jetzt, und zwar mit so dringender Bitte um
Hülfe, die nächtliche Einladung umhergesandt hatte. Ohne wirkliche Gefahr war
das nicht geschehen, und dem Wunsche, einem Kinde zu helfen, konnten nur sehr
Wenige widerstehen. Des alten Grolles wurde nicht weiter gedacht, und ehe die
Sonne im Mittag stand, hatten sich elf, meistens verheiratete und ältliche
Frauen mit allen nur erdenklichen Pulvern und Elixiren, vorzüglich aber mit
einer fast unglaublichen Quantität Kalomel eingefunden, um »dem armen kleinen
Würmchen das süsse Leben zu erhalten.«
    Während sich nun die Frauen damit beschäftigten, die Schmerzen des kleinen
Leidenden teils durch kalte Umschläge an den Schläfen, teils durch warme auf
dem Unterleib zu lindern, und genug Latwerge, Tees und Kalomelpulver in ihn
hineinfüllten, um sechs weniger abgehärtete Kinder der Städte damit umzubringen,
ritten auf der Strasse, die von Bowitt's zu Atkins' Hause führte, drei der
verbündeten Regulatoren im langsamen Schritt hin und blieben von Zeit zu Zeit
halten, als ob sie noch Jemanden erwarteten, der sie erst einholen müsse.
Endlich, wie sie gerade eine kleine Anhöhe erreicht hatten, wurde ein Reiter auf
der gegenüberliegenden Höhe sichtbar, der im scharfen Galopp dahergesprengt kam
und schon von Weitem, sobald er der Männer ansichtig wurde, mit dem Hute winkte,
als ob er wolle, dass sie auf ihn warten sollten.
    Es war Cook - dessen kleines Pony in Schweiss ordentlich gebadet schien -,
der mit erhitztem Gesicht endlich bei den drei Freunden, Brown, Curtis und
Wilson, einzügelte.
    »Pest,« rief er aus, als er sich, neben ihnen angekommen, den Hut auf den
Kopf warf und mit kräftigem Schlag bis tief in die Augen trieb, »was rennt Ihr
denn fort, als ob Ihr wunder was zu versäumen hättet? - - seht einmal mein Pferd
an, wie das aussieht. - Ich werde mir von der Versammlung ein neues ausbitten.«
    »Wir wollten Euch auf der Anhöhe erwarten, Cook,« sagte Curtis, »da wir -«
    »Und war das nicht eben so gut bei Bowitt's Hause möglich, dass wir wie
verständige Christen zusammen aufbrechen und weiter reiten konnten? Glaubt Ihr,
der Tennesseer sass da an der Strasse, fertig gesattelt und aufgezäumt bis ich
kam?«
    »Nun? willigt er ein?« frug Brown schnell.
    »Wenn er nun nicht einwilligte, heh?« frug Cook, sich nach ihm herumdrehend,
»dann hätten die Herren doch einen hübschen Spazierritt umsonst gemacht.«
    »Er kommt aber - nicht wahr?«
    »Nun, versteht sich,« lachte Wilson - »seht Cook nur in's Gesicht, er kann
die Freude ja gar nicht verbergen. Nur heraus mit der Sprache, Cook, die Zeit
drängt, und wenn wir hier so lange halten bleiben, können wir leicht Verdacht
erregen.«
    »Und dennoch müssen wir hier halten bleiben, bis wir Alles mit einander
verabredet haben,« sagte Cook - »warum habt Ihr nicht an Ort und Stelle
gewartet, das geschieht Euch ganz recht. Ihr glaubt, wenn Ihr mit Eurem
Mittagessen fertig geworden seid, dann können andere Menschen bis zur nächsten
Mahlzeit hungern, nicht wahr? Doch jetzt im Ernste, Stevenson kommt, und zwar
mit seinem ältesten Sohn und drei von seinen Pferden.«
    »Ohne die, die er reitet?« frug Brown.
    »Jeder Pferdedieb reitet doch natürlich die gestohlenen Pferde,« lachte Cook
- »Brown, Ihr seid noch sehr weit in der Cultur zurück. Das sind ja gerade die
beiden Hauptbedingnisse eines tüchtigen Pferdediebes, in einem Striche Wochen
lang auf dem Rücken eines Tieres hängen und dann auch wieder unmenschliche
Fusstouren machen zu können. Jedes eigene Pferd, das er reitet, ist reiner
Verlust. - Doch welchen Plan habt Ihr Euch ausgedacht?«
    »Hat ihn Euch Husfield nicht mitgeteilt?«
    »Nein, er vertröstete mich darauf, dass ich Euch überholen würde. Der faule
Bursche lag unter einem Baum und schien sich zu der Arbeit auf heut Abend
vorbereiten zu wollen.«
    »Das hat er Euch doch gesagt, dass Ihr und Curtis bei Atkins übernachten
müsst?«
    »Ja - weiter aber auch nichts.«
    »Und wo ist der Tennesseer?«
    »Oben bei Bowitts mit seinem Sohne. Der Alte war ganz Feuer und Flamme, als
ich ihm von unserem Plan erzählte, und wollte die Jungen gleich alle zusammen
mitnehmen. Wie aber die Frauen von dem Raubgesindel in der Nachbarschaft hörten,
gab es einen Hauptspectakel, und nun sollte gar keiner fort. Der alte Tennesseer
blieb aber über Wasser und verstand sich nur endlich dazu, dass die beiden
Jüngsten zum Schütze der Familie zurückbleiben möchten. Die wurden dann, um die
Frauen zu beruhigen, mit Messern und Pistolen besteckt, wobei Ben, der Kleinste,
noch die besondere Warnung erhielt, sich nicht weh zu tun, und fort trabten
wir, was die Pferde laufen konnten. Nun zu Eurem Plan.«
    »Der ist einfach der folgende,« erwiderte Brown. »Der Tennesseer - wie ist
sein Name?«
    »Stevenson.«
    »Also Stevenson bleibt bis gegen Abend bei Bowitts, um etwa eine Stunde nach
Dunkelwerden bei Atkins einzutreffen. - Ihr Beide - Cook und Curtis - begleitet
uns bis Atkins und kehrt dort unter irgend einem Vorwand ein. Wir zwei, Wilson
und ich, reiten vorüber.«
    »Weshalb kommt Ihr denn da jetzt schon mit herunter? Ihr konntet ja
ebenfalls so lange bei Bowitts bleiben,« sagte Cook.
    »Damit Atkins nicht möglicher Weise Verdacht schöpfen soll,« entgegnete
Wilson. - »Sieht er uns aber hier ruhig vorbei- und nach Hause reiten, so glaubt
er natürlich, dass Alles in Ordnung sei, und forscht nicht weiter nach. Da Brown
der Anführer von Fourche la fave ist, muss er, wie sich das von selbst versteht,
mit dessen Heimritt auch die Versammlung für aufgehoben halten.«
    »Wo aber bleibt Ihr indessen?«
    »Wir reiten bis Wilson's Haus - lassen dort unsere Pferde und kehren zu Fuss
wieder zurück.«
    »Hört - da nehmt Euch vor Curneales in Acht - dem trau' ich keine
Büchsenläng!« warnte Cook.
    »Wir eben so wenig,« erwiderte Wilson; »um ihn aber irre zu führen,
schultern wir unser Schiesseisen und gehen nach der Salzlecke zu, die südlich von
meinem Hause liegt. Von dort aus können wir, und wenn wir auch erst mit der
Dämmerung aufbrächen, immer noch zur rechten Zeit auf dem Platze eintreffen.«
    »Und wo haltet Ihr Euch verborgen?«
    »Wilson der früher oft in Atkins' Hause war, glaubt mit ziemlicher
Genauigkeit den Platz angeben zu können, wo sich die heimliche Tür befindet.
Wie dem aber auch sei, in dem Schilfbruch, der hinter Atkins' Hause bis zum
Fourche la fave hinuntergeht, muss der Versteck liegen, es gibt dort keinen
andern Platz und in den einzudringen, hat mir Hecker schon neulich versichert,
sei unmöglich. Der hatte einen Trutahn geschossen und konnte ihn, obgleich er
ihn fallen gehört, nicht bekommen, so wild und verworren lagen umgestürzte und
gefällte Bäume über- und durcheinander hin.«
    »Wie viel Mann mustern wir zu dem Ueberfall?«
    »Etwa achtzehn - die sind vollkommen hinreichend.«
    »Und was sagen wir ihm, wenn er nach Jones fragt?«
    »Das weiss Curtis schon, doch kann ich es Euch noch schnell wiederholen.
Husfield hätte Jones mit an den Petite Jeanne zu einer dort morgen zu haltenden
Versammlung der Regulatoren genommen. Jener Fluss liegt dem Missouri-Staat etwas
näher, ist also auch Räubereien von dort her mehr ausgesetzt, und er wird es
ganz in der Ordnung finden, dass man von dort eine Abteilung unserer Leute nach
der Grenze zu schicken will.«
    »Wird er das glauben?«
    »Warum nicht? - er wird denken, Jones selber habe sie dazu überredet, um sie
von der Fährte der hier hausenden Pferdediebe abzulenken. Ihr könnt ihm auch zu
verstehen geben, dass die Anregung von Jones ausgegangen. Seid Ihr nun im Hause
und hört Ihr unser Zeichen - den scharfen Pfiff - so bemächtigt Euch
augenblicklich der dortigen Waffen, denn Blut wollen wir, wenn es vermieden
werden kann, nicht vergiessen.«
    »Aber die vielen Frauen, die heute Morgen dort waren?«
    »Die sind uns freilich im Wege, das lässt sich jedoch nicht ändern. Ueberdies
schlafen die, wenn sie ja noch alle da sein sollten, in dem andern Hause, und
werden uns an der Ausführung unseres Vorhabens auf keinen Fall hindern können.«
    »Wäre ein Schuss zum Zeichen nicht besser?«
    »Ein Schuss? - mitten in der Nacht, und nicht einmal Mondschein? Nein, das
halt' ich nicht für gut. Wozu die Nachbarschaft alarmiren, wenn es mit einer
solchen Kleinigkeit abgemacht werden kann.«
    »Habt Ihr auch an den Mulatten gedacht? Der steckt natürlich mit seinem
Herrn unter einer Decke und wird, wenn wirklich Helfershelfer in der Nähe
liegen, diesen auf jeden Fall Kunde bringen.«
    »Wir besetzen alle Wege,« sagte Curtis, »und auf einem von diesen muss er uns
in die Hände fallen.«
    »Sollte er nicht den Weg durch den Wald vorziehen?«
    »Bei solcher Dunkelheit? nein, ich glaube kaum,« erwiderte Brown, »doch lässt
sich das nicht ändern. Haben wir den Hauptehler erst einmal auf der Tat
erwischt, so muss dieser die Schurken nennen, die Husfields letzte Pferde
fortschaffen halfen, und unter diesen finden wir dann auf jeden Fall den Mörder
der Indianerin.«
    »So kommt,« sagte Cook, »das lange Zögern hier auf dem Berge könnte nur, im
Falle wir von Jemandem gesehen würden, Verdacht erregen. Ich wollte übrigens,
wir hätten heute den Indianer bei der Hand, der sollte treffliche Dienste
leisten. Bald fange ich selbst an zu glauben, dass er nicht wiederkommt, so
unwahrscheinlich mir das im Anfange war. Jetzt hat er aber volle neun oder zehn
Tage nicht das Mindeste von sich hören lassen.«
    »Mullins behauptete, ihn gestern im Walde gesehen zu haben,« sagte Curtis,
»doch war es an einer sehr dichten Stelle und nur für einen Augenblick gewesen.
Er erzählte mir auch, er hätte ihn angerufen, d.h. nach der Richtung hin, in der
er ihn bemerkt, in den Wald geschrieen, weiter aber nichts von ihm zu sehen
bekommen.«
    »Fort ist er nicht,« behauptete Brown, »darauf wollt' ich schwören. Ich habe
ihm mein Wort geben müssen, nicht eher aus dieser Gegend zu scheiden, als bis
Alapaha gerächt sei; es ist also nicht wahrscheinlich, dass er mich im Stiche
lassen sollte.«
    »Nun, wir werden sehen,« sagte Cook kopfschüttelnd; »hat er aber überhaupt
im Sinne wieder zu kommen und wünscht er, dass etwas in seiner Sache geschehen
soll, so hätte er viel lieber hier bleiben und die Nachforschung an Ort und
Stelle eifriger betreiben sollen. - Doch, wie gesagt, wir werden ja sehen.«
    Die Männer verfolgten indessen ihren Weg wieder und näherten sich jetzt der
am Fuss des anschwellenden Landes liegenden Wohnung Atkins'. Dieser stand schon
vor der Tür und schien sie erwartet zu haben. Als sie übrigens die Fenz
erreichten und er den Fremden nicht bemerkte, kam er den Regulatoren bis an den
äussersten Eingang entgegen und mochte wohl die Frage nach jenem auf den Lippen
haben, scheute sich aber doch, sie auszusprechen.
    »Was macht das Kind, Mr. Atkins?« frug Brown, während er sein Pferd
einzügelte und neben dem Grüssenden halten blieb.
    »Danke - nicht besonders, Sir - ich fürchte, wir werden das arme kleine Ding
verlieren. - Nun, ist die Versammlung vorüber?«
    »Für diesmal, ja! - Die Nachbarinnen sind noch alle hier - nicht wahr?«
    »Fast alle, wenigstens elf; - genug, um ein halbes Dutzend Kinder
umzubringen; meine Frau will's aber so haben. Nun, ist etwas bestimmt worden? -
Wollen Sie denn aber nicht ein wenig absteigen und rasten, Gentlemen?«
unterbrach er sich selber in seiner Frage - »Sie haben ja noch vollkommen Zeit,
die nächsten Häuser zu erreichen - oder bleiben vielleicht gar bei mir über
Nacht.«
    »Nein, ich danke, Atkins,« sagte Brown ablehnend, »für mich selbst
wenigstens; Onkel ist zu Roberts hinübergeritten, und da werde ich nach dem
Hause sehen und die Tiere füttern müssen; sonst recht gern.«
    »Hört, Brown - da mögt Ihr immer allein weiter reiten,« sagte Curtis - »ich
bleibe die Nacht hier. Zu Hause versäume ich doch nichts.«
    »Gut - dann leist' ich Euch Gesellschaft - wenn Atkins nämlich noch Platz
für Gäste hat und die Damen nicht beide Zimmer eingenommen haben,« rief Cook.
    »Platz genug - steigt nur ab, ich bin überdies neugierig, Nachrichten von
oben zu hören. Wo haben Sie denn meinen gestrigen Gast gelassen?«
    »Der ist mit Husfield an den Petite Jeanne, doch davon im Hause,« erwiderte
Cook, während er aus dem Sattel stieg, diesen dann augenblicklich abschnallte
und über die Fenz hing. Curtis folgte seinem Beispiel, und Brown (Wilson war
unter der Zeit langsam vorangeritten) grüsste noch einmal und trabte schnell
hinter dem Freunde her.
    Indessen führte Atkins seine beiden Gäste in das Haus, wo sie am Kamin noch
einen fremden jungen Mann fanden. Ihr Wirt stellte ihnen denselben als Mr.
Weston, »seinen Neffen«, vor, der an den Fourche la fave gekommen sei, um sich
hier anzusiedeln, und wahrscheinlich eine Zeit lang bei ihm wohnen werde.
    »Ich müsste mich sehr irren,« sagte Curtis, »aber ich glaube Sie schon einmal
früher gesehen zu haben - oder es war Jemand, der Ihnen ungemein ähnlich sah -«
    »Das ist wohl möglich,« lächelte Weston etwas verlegen. »Ich ging damals
nach Little Rock und hielt mich hier einige Tage auf. - Ich glaube, ich bin
Ihnen einmal auf der Jagd begegnet -«
    »Ja wohl,« sagte Curtis - »jetzt erinnere ich mich auch - es war hier oben
am Fluss, - wo Sie lagerten. Also hatt' ich doch Recht.«
    »Sie erwähnten, dass Mr. Jones mit an den Petite Jeanne geritten sei,«
unterbrach ihn Atkins - »dort wird er wohl längere Zeit bleiben?«
    »Nein,« entgegnete Curtis - »er trug uns noch auf, Ihnen zu sagen, dass er
spätestens übermorgen Mittag zurück sein würde.«
    »Die dortigen Regulatoren versammeln sich ebenfalls?«
    »Morgen früh, so viel ich verstanden habe. Husfield hat noch mehrere vom
Fourche la fave mit hinüber genommen.«
    »Aber ich dachte, es sollten Verdächtige bezeichnet, gefangen genommen und
peinlich verhört werden?« frug Atkins, und man sah es ihm an, welches Interesse
er an der Beantwortung dieser Frage nahm.
    »Ja - das sollte auch geschehen,« sagte Cook wie nebensächlich, indem er an
den Kamin trat und dort seine Stiefel, um sie zu trocknen, in der Flamme
umdrehte, »wir haben aber darüber noch nicht recht einig werden können. Einmal
liegt hierzu gegen Niemanden genug Verdacht vor, und dann schienen auch Jones
sowohl wie Brown mit der Massregel nicht recht einverstanden.«
    »Mr. Brown auch nicht?« rief Atkins verwundert.
    »Nein - nächste Woche hoffen wir es aber durchzusetzen, denn geschehen muss
etwas,« mischte sich Cook in das Gespräch. - »Die Spitzbuben lachen sonst am
Ende gar noch die Regulatoren aus.«
    »Weston - Du bist wohl einmal so gut und siehst ein wenig nach den Pferden
der Herren hier,« wandte sich Atkins jetzt zu dem jungen Mann, der aufgestanden
und an die Tür getreten war. - »Nimm auch die Sättel draussen von der Fenz,«
fuhr er fort, als Jener schnell dem Wunsche Folge leisten wollte. »Die
verwünschten Kühe haben mir erst gestern, wieder eine Satteldecke zerkaut - und
dann geh doch auch ein wenig hinüber zu meiner Frau, sie wollte Dir noch etwas
sagen.«
    Weston nickte ihm zu, dass er Alles nach Wunsch besorgen werde - trug dann
die Sättel in die Porch und ging um das Haus herum. Hier aber, anstatt den
kleinen Stall aufzusuchen, in welchem die fremden Pferde standen, sprang er,
sobald er vom Hause aus nicht mehr gesehen werden konnte, über die Fenz und war
im nächsten Augenblicke in dem dahinter liegenden dichten Walde verschwunden.
 
                                      28.
                      Der Indianer auf Johnson's Fährten.
»Wo nur Weston bleibt,« sagte Cotton in der kleinen Hütte, die ihm nun schon
seit einigen Tagen zum Aufentalt und Schutzort gedient hatte, ungeduldig
auf-und abgehend; »er hat mir heute Morgen versprochen, gleich Nachricht zu
bringen, und jetzt müssen die Regulatoren doch wahrhaftig schon wieder
auseinander gegangen sein. Eine ganze Woche werden sie nicht oben sitzen
bleiben. - Gift und Klapperschlangen - mir wird es hier unbehaglich bei dem
Gedanken, aufgegriffen und gelyncht zu werden; die Pest über die Hunde! Ich
werde doch wohl der hiesigen Gegend ade sagen müssen. Das Leben, auf solche Art
geführt, soll der Henker holen!«
    »Zum Flüchten haben wir noch immer Zeit,« erwiderte ihm gähnend Johnson, der
auf der einzigen im Hause stehenden Bettstelle ausgestreckt lag. »Ich möchte
noch gar zu gern die neue Sendung mitnehmen, von der Jones erzählt hat, und die
in nächster Woche folgen soll. Höllenelement - siebzehn Pferde! nachher ist's
auch der Mühe wert, Fersengeld zu geben.«
    »Ich sehe nur nicht ein, wie wir die alle glücklich fortbringen sollen,«
brummte Cotton. »Ausserdem werden die übrigen Pferde, die Weston aufgespürt
hatte, mit jenen zu gleicher Zeit eintreffen; und wenn sie nicht auf den Spuren
bleiben können, müssen sie blind sein.«
    »Die reiten wir nicht durch den Wald,« erwiderte Johnson - »Weston hat schon
mit einem Dampfbootcapitain accordirt, der sie in Fort Gibson an Bord nimmt.«
    »Nun, dann kommen sie ja aber erst recht auf ihre Spur,« rief Cotton,
erstaunt in seinem Marsch einhaltend. »Wenn sie den Indianern fortgenommen und
gleich an Bord geschafft werden, kann ihnen ja ein Kind folgen.«
    »Und was liegt daran?« lachte Johnson; »dem Dampfboot können sie nicht
nachrennen und in Little Rock schiffen wir die Tiere wieder aus. Sollten sie
nachher wirklich in einem anderen Boote nachsetzen wollen, vorausgesetzt, dass
noch ein anderes daläge, so müssten sie auf den breiten Strassen von Little Rock
aus unfehlbar die Spur verlieren. Wie dem aber auch sei, auf jeden Fall behalten
wir Zeit, den Mississippisumpf und von da die Insel zu erreichen, und Fourche la
fave sieht mich nachher nicht wieder.«
    »Wird es sehr bedauern,« erwiderte Cotton; »doch wahrhaftig, dort kommt
Weston! Nun, Zeit ist's - die Sonne geht eben unter.«
    Während Cotton noch sprach, sprang der eben Erwähnte über die niedere Fenz
und erschien im nächsten Augenblick in der schmalen Tür der niederen Hütte.
    »Alle Teufel!« rief aber Johnson, erschrocken von seinem Lager aufspringend,
als er das leichenbleiche Gesicht des jungen Mannes erblickte - »Unglücksbote,
was bringst Du? sind die Regulatoren -«
    »Nein - nein,« flüsterte Weston, mit dem Kopfe schüttelnd - »von denen haben
wir noch nichts zu fürchten.«
    »Nun, was habt Ihr denn,« sagte Cotton ärgerlich, »Ihr seht ja so blau im
Gesicht aus, wie verdorbene Buttermilch. - Heraus mit der Sprache - was ist's?«
    »Der Indianer ist da,« keuchte Jener, sich erschöpft auf den einzigen Stuhl
niederwerfend, der im Zimmer stand.
    »Nun, wenn's weiter nichts ist,« höhnte Johnson und nahm seine frühere
Stellung auf dem Bett wieder ein, »da hättet Ihr uns den Schreck ersparen
können. Unsinn verdammter, da hereingestürzt zu kommen, als ob Euch ein halbes
Dutzend von den kläffenden Regulatorenschuften auf den Fersen wäre. Wie ist die
Versammlung abgelaufen? wo ist Jones?«
    »An den Petite Jeanne mit Husfield - morgen ist dort ebenfalls Versammlung -
Cook und Curtis sind bei Atkins - über uns ist noch nichts beschlossen. Das ist
Alles gut und in Ordnung - Ihr aber, Johnson, solltet den Indianer gerade nicht
so leicht nehmen, er ist auf Eurer Spur.«
    »Auf meiner Spur?« rief Johnson, doch wieder etwas bestürzt, aber immer noch
halb ungläubig. »Wie soll er auf meine Spur kommen? - Husfield war doch mit der
ganzen Bande darauf und hat wieder unverrichteter Sache abziehen müssen.«
    »Seid Ihr heute Nachmittag den Pfad entlang gegangen, der zwischen hier und
Atkins' Hause liegt?« frug Weston.
    »Ja - vor etwa einer halben Stunde, und weshalb?«
    »Wie ich vor einer halben Stunde auf eben diesem Pfade herangelaufen komme,«
erzählte Weston, »gerade dort, wo der junge Gumbaum in den Weg gestürzt ist, und
um den Wipfel desselben herumbiegen wollte, sah ich sich etwas auf dem Pfade
selbst bewegen. Im ersten Augenblick glaubte ich, es wäre ein Bär, der sich
hierher verlaufen hätte, erkannte aber gleich darauf, und zwar nicht zu meiner
freudigen Ueberraschung, den Indianer, der niedergebückt und die Augen fest auf
den Boden geheftet heran-, und zwar gerade auf mich zugeschritten kam. Ein
Begegnen schien unvermeidlich, und schon wollte ich hinter dem Strauche
vortreten und ihn anreden, als er plötzlich, kaum fünfzehn Schritt von mir
entfernt, an eine kleine feuchte Stelle kam und dort halten blieb. Im Anfange
wurde ich nicht recht klug daraus, was er eigentlich wolle, bald aber fand ich,
dass er eine der dort vollständig abgedrückten Fährten genau untersuchte. Er nahm
seinen Tomahawk aus dem Gürtel und verglich die Spur, die er dort traf, mit
einer, die er an diesem angezeigt zu haben schien, richtete sich dann auf einmal
hoch in die Höhe, schwang, mir den Rücken zugewendet, die Waffe mit drohender
Geberde nach der Richtung des Hauses hin und verliess jetzt den Pfad, von wo aus
er rechts, gerade über den ersten niedern Hügel hinweg, in den Wald
hineinschritt.«
    »Und die Spur?« frug Johnson dringend.
    »War die Eure,« sagte Weston. »Sobald der verdammte Wilde über die Anhöhe
verschwunden war, sprang ich schnell hinter meinem Versteck hervor und sah nach
der Fährte. - Es war richtig Euer rechter Schuh, so schön und sauber in dem
weichen Schlamm abgedrückt, als ob die Form dazu ganz besonders für Euren Fuss
gemacht wäre.«
    »Seid Ihr denn dem Indianer nicht weiter nachgegangen?« frug Cotton, während
Johnson in tiefem Sinnen im Zimmer auf- und abschritt, mit dem Fusse stampfte und
ingrimmig dazu mit den Zähnen knirschte.
    »Gewiss bin ich!« erwiderte Weston, und Johnson frug, sich rasch nach ihm
umdrehend:
    »Was wurde aus ihm?«
    »Erst traut' ich dem Frieden nicht so recht,« sagte Weston, »denn aufrichtig
gestanden, hätte ich mich nicht gern von der Rothaut in ihren eigenen Fährten
erwischen lassen. Bis auf den Hügel zu steigen, konnte ich mir aber nicht
versagen, da ich weiss, dass man von dort aus die ganze lange Schlucht, bis unten
zu dem Greenbriardickicht, hinabsehen kann. Ich schlich also so leise wie
möglich bis auf den Gipfel, denn wie leicht konnte das rote Scalpirmesser
irgendwo dort oben geblieben sein! Da war er aber nicht, und schon wollte ich
mich zurückziehen, weil ich glaubte, er hätte sich vielleicht durch eine der
Seitenschluchten wieder dem Fourche la fave zugewandt, oder sei auch durch das
Kieferndickicht dem oberen Gebirgsrücken zu gestiegen. Die Dämmerung war
indessen angebrochen; da war es mir plötzlich, als ob ich tief unten in der
Schlucht einen Feuerstrahl sähe. Gleich darauf war Alles wieder finster, doch
nach einer kleinen Weile sah ich den Schein auf's Neue, und es blieb mir jetzt
kein Zweifel mehr, dass es der Indianer sei, der dort unten sein Feuer anzündete,
um wahrscheinlich die Nacht da zu lagern.«
    »Und wo ist die Stelle?« frug Johnson rasch.
    »Kennt Ihr den Platz gleich diesseits des Greenbriardickichts,« beschrieb
ihm Weston, »da, wo die vielen Kiefern bei dem letzten Hurricane den Berg
heruntergestürzt sind?«
    »Etwa in der Gegend, wo wir die wilde Katze aus der kleinen Ulme
herausschossen?«
    »Gerade da,« rief Weston schnell, »so viel ich erkennen konnte, muss er ganz
genau in jenem Bezirk lagern -«
    »Dann wird er sich keinen andern Platz gewählt haben, als unter dem etwas
vorspringenden Felsen, wo er vor dem Tau wie vor einem Gewitterschauer
hinlänglich geschützt ist,« zischte Johnson hinter den fest zusammen gebissenen
Zähnen hervor, indem er in die Ecke trat und seine Büchse aufgriff.
    »Was wollt Ihr tun?« frug Cotton bestürzt.
    »Dem verdammten roten Spion die Witterung legen,« knirschte Jener.
    »Unsinn, Johnson,« rief Cotton ärgerlich - »Ihr werdet uns noch die ganze
Nachbarschaft auf den Hals hetzen. Was, zum Teufel, schiert es Euch denn, ob die
rote Bestie die Länge von Euren Sohlen weiss oder nicht. So lange Unsereiner den
Schuh im Schlamm abdrückt, hat es keine Not, und er kann sich ruhig nachspüren
lassen. Mit Hufeisen ist's etwas Anderes -«
    »Das versteht Ihr nicht,« sagte Johnson finster, »es ist nicht das erste
Mass, was der Hund von meinem Fusse nimmt. Ich weiss von sicheren Leuten, dass das
auch schon bei anderen Gelegenheiten geschehen ist. Jetzt unterliegt es keinem
Zweifel mehr, er ist auf der rechten Fährte und - das Schlimmste bei der Sache -
er weiss es - darum muss er sterben.«
    »Verdammt will ich sein, wenn ich Euch verstehe,« brummte Cotton, die
Scheite im Kamin mit dem Fuss zusammenstossend. »Ist die Sache übrigens nicht sehr
dringend, so würde ich Euch raten, es noch so lange aufzuschieben, bis -«
    »Mich die Regulatoren am Kragen haben und an die nächste Eiche hängen? Nicht
wahr, Ihr Ueberklug? Nein - für mich gibt es keine Sicherheit, so lange die
Rothaut lebt, also fort mit ihr -«
    »Ich möchte wissen, was Ihr mit der Rothaut habt?« wandte Cotton, noch
immer unwirsch, ein. - »Als die - die - Geschichte da - mit der Squaw vorfiel,
waret Ihr doch schon wer weiss wie viele Meilen auf der Strasse hin, und auf Euch
kann also weniger als auf irgend einen andern Menschen in ganz Arkansas Verdacht
fallen. Und was die Pferde -«
    »Ich sage Euch aber,« rief Johnson, jetzt zum Äussersten getrieben - »Pferde
haben hierbei gar nichts zu tun, und - doch was hilft es mir, Euch den Brei
noch einmal vorzukneten -«
    »A-h-s-o-« sagte jetzt Cotton, überrascht stehen bleibend, als ob ein neuer
Gedanke in ihm aufdämmere, »weht der Wind aus der Richtung? - Also bei dem
Geschäft -«
    »Oh geht zum Teufel mit Euren Vermutungen,« brummte Johnson. »Wenn's nur
erst vollkommen dunkel wäre, der Boden brennt mir hier unter den Füssen.«
    »Ja, ja,« fuhr Cotton, ohne die rauhe Anrede zu beachten, sinnend fort -
»steht die Sache so, dann möchte ich freilich selber zu einem freundlichen
Ausweg raten. Aber warum habt Ihr mir denn nie ein Wort davon gesagt, ich hätt'
Euch doch wahrlich nicht verraten.«
    »Von was redet Ihr denn eigentlich?« frug Weston jetzt ganz erstaunt; »ich
werde ja aus Eurem Wischwasch gar nicht klug. Was soll denn die ewige
Geheimnisskrämerei?«
    »Ja, jetzt wär's Zeit, Geschichten zu erzählen,« brummte Johnson; »nein, ich
breche auf, ich halt' es hier nicht länger aus.«
    »Johnson,« sagte da Cotton, »die Büchse gefällt mir nicht. - Der Knall -
mitten in der Nacht, man hört es zu weit, und wozu der unnütze Lärm! Ich habe
die Pfeile zurecht gemacht, von denen wir neulich sprachen. Könnt Ihr mit dem
Bogen umgehen?«
    »Wie ein Indianer,« erwiderte Johnson, »ich habe ja sieben Jahre zwischen
den Shawanesen gelebt; aber zum Teufel auch, - ich weiss nicht - ein Bogen kommt
mir immer wie eine verdammt unsichere Waffe vor - da lob' ich mir die Kugel -«
    »Gut, probirt wenigstens einmal die Pfeile,« sagte Cotton, während er die
niedere Leiter zu dem obern Raum hinaufstieg und gleich darauf mit einem aus
zähem Hickory verfertigten Bogen und vier Pfeilen zurückkehrte. - »So,« sagte
er, »jetzt schiesst einmal, halt, da ist eine Kartoffel, die will ich hier in die
Asche legen, nun tretet zurück, dort in die Ecke - trefft mir einmal die
Kartoffel.«
    Johnson wog den Bogen einen Augenblick lächelnd in der Hand, legte dann den
Pfeil auf, zielte wenig Secunden, und gleich darauf zitterte der hölzerne
schafft, der das Ziel vollkommen durchbohrt hatte, in der weichen Erde des
Herdes.
    »Vortrefflich,« jubelte Cotton, »ein Meisterschuss; trefft den roten
Halunken auf die Art, und er läuft Euch nicht weit mehr.«
    »Es bleibt immer ein unsicheres Schiessen,« sagte Johnson, noch halb
unschlüssig, aber durch den guten Schuss auch wieder gereizt.
    »Unsicher? Das Gift an der rauhgefeilten Spitze hier tödtet in fünf
Minuten,« flüsterte der Jäger. »Trefft Ihr den Indianer damit nur in den Arm,
nur in einen Finger, so könnte er dieses Haus nicht mehr erreichen, und wenn er
in gerader Richtung so schnell liefe, als ihn seine Beine trugen.«
    »Das Gift tödtet unfehlbar?«
    »So wahr ich hoffe, den Fängen der schurkischen Regulatoren zu entgehen -«
    »Oh, lasst den armen Indianer leben,« bat Weston, »warum dessen Blut
vergiessen? Es ist ja wahrhaftig schon genug geflossen. Mir wird es ordentlich
unheimlich bei Euch; Ihr redet über ein Menschenleben, als ob es ein Hirsch oder
Bär wäre.«
    »Jetzt fängt Der an, dummes Zeug zu schwatzen,« sagte Johnson ärgerlich,
indem er die Pfeile immer noch unschlüssig in der Hand hielt. »Kümmert Euch doch
um Eure eigenen Geschichten, lasst uns zufrieden. Der Indianer stirbt!«
    »Dann will ich wenigstens nichts weiter damit zu tun haben,« rief Weston
entschlossen, »sein Blut komme über Euch, morgen kehre ich nach Missouri zurück.
Ich hatte mich mit Euch zum Pferdehandel verbunden, hier aber ist nichts als
Blut und immer wieder Blut. - Mir graust's - gute Nacht! -«
    Er stand auf und wollte das Zimmer verlassen.
    »Halt,« rief Johnson, halb bestürzt halb drohend vor die Tür springend,
während er die vergifteten Pfeile, ohne jedoch wie es schien daran zu denken,
dem jungen Mann entgegenhielt - »Ihr wollt uns verraten!«
    »Hülfe!« schrie Weston, entsetzt vor der gefährlichen Waffe zurückspringend
- »Mord!«
    »Pest und Tod,« rief Cotton ärgerlich, indem er den immer noch misstrauischen
Johnson von der Tür zurückschob und sich selbst zwischen ihn und den jungen
Mann stellte, »lasst doch, zum Teufel, die Possen.«
    
    »Ich dachte gar nicht an die vergifteten Pfeile,« sagte Johnson - »weshalb
aber will Weston fort?«
    »Weil ich bei Atkins eines Teils vermisst werde und dann auch nicht Zeuge
eines neuen Mordes sein will. Zu glauben, dass ich Euch verraten wollte, ist
nicht allein schlecht, sondern auch unsinnig. Ich stecke übrigens zu tief mit in
der Schuld hier, um leicht auf Vergebung hoffen zu können, bände mich nicht
überdies mein Schwur.«
    »Ihr gedenkt des Schwures noch?« frug mahnend Johnson.
    »Ja,« hauchte leise zusammenschaudernd Weston, »Ihr habt von mir nichts zu
befürchten - ein ander Mal geht aber vorsichtiger mit solchen Waffen um und -
lasst ihn leben - Johnson, lasst ihn leben,« bat er dringend, den Arm des finstern
Mannes ergreifend. »Es kann ja doch vielleicht ohne sein Blut auch noch
Sicherheit für uns geben. Bedenkt, dass der arme Teufel schon sein Weib -«
    »Verdammt will ich sein, wenn ich das Geschwätz noch länger mit anhöre,«
rief Johnson, ärgerlich den jungen Mann von sich schüttelnd. - »Geht - fort mit
Euch - Ihr könnt uns hier doch nichts nützen; doch, Weston - gedenket des
Schwures und glaubt nicht, wenn Euch auch selbst Gott verziehe, meiner Rache zu
entgehen.«
    »Spart Eure Drohungen,« sagte Weston ernst, »ich bin kein Verräter, will
mit Euch aber auch fortan keine Gemeinschaft mehr haben. Ich kehre morgen früh
nach Missouri zurück - zu solchem Handwerk bin ich verdorben -«
    »Oder noch zu neu,« lachte Cotton; »nun Glück zu, Weston, wenn's wirklich
Euer Ernst ist, und - hab' ich Glück, so komm' ich in ein paar Jahren einmal
hinauf nach Missouri.«
    »Lebt wohl, Johnson,« sagte Weston, dem Angeredeten die Hand entgegenhaltend
- »kein Groll wenigstens beim Scheiden.«
    »Lebt wohl,« erwiderte dieser mürrisch und halb abgewendet.
    Der junge Mann verliess das Haus, überstieg die Fenz und war im nächsten
Augenblick durch die dichten, das kleine Haus umgebenden Büsche den Augen der
beiden ihm nachschauenden Männer entrückt.
    »Wir hätten ihn doch nicht sollen ziehen lassen,« sagte Johnson, jetzt
unruhig im Zimmer auf- und abgehend, »ich traue dem Burschen nicht.«
    »Er ist treu,« behauptete Cotton - »ich kenne ihn - der verrät Niemanden. -
Da gibt es andere Menschen, denen ich nicht traue.«
    »Ihr meint Rowson?« sagte Johnson, vor ihm stehen bleibend.
    »Ja!«
    »Der sitzt zu tief drin - wenn Alle so sicher wären -«
    »Ja, jetzt - lasst ihn aber einmal in die Patsche kommen, lasst ihn den Strick
an der einen und die Hoffnung auf Rettung an der andern Seite sehen, und dann
passt auf, was er tut. Oder dann passt lieber nicht auf, denn in diesem Falle
möchte ich mich eher auf meine Beine, als auf seine Ehrlichkeit verlassen. Ich
traue ihm nicht.«
    »Es wird dunkel,« sagte Johnson, »ich will gehen, aber - ich weiss nicht -
die Büchse wäre mir lieber -«
    »Ihr seid ein Tor,« rief Cotton, »Ihr schiesst, zum Henker, eben so sicher
mit dem Pfeil als mit der Kugel, und das Eine kann Euch vor Entdeckung sichern,
das Andere muss Euch verraten. Wenn man den Leichnam findet -«
    »Bin ich lange fort von hier,« lachte Johnson - »glaubt Ihr, ich lasse bei
dieser Regulatorenwirtschaft meinen Hals in der Schlinge?«
    »Aber die neuen Pferde -«
    »Mögt Ihr allein besorgen, morgen schon breche ich nach der Insel auf -
diese Nacht kann ich meine wenigen Habseligkeiten in Ordnung bringen, und mit
Tagesgrauen hol' ich mir eins von Roberts' Pferden, die zwischen hier und seinem
Hause weiden. Ehe man den Indianer gefunden hat, bin ich über alle Berge.«
    »Aber Rowson.«
    »Mag nachkommen, wenn er Gefahr sieht - er weiss, wohin ich gehe. Wollt Ihr
mit?«
    »Ich habe Atkins versprochen, die nächste Sendung befördern zu helfen, und
mein Wort will ich halten, muss ich halten, denn mit meiner Kasse sieht's
erbärmlich aus. Die letzte Hetze hat verdammt wenig eingebracht. Bin ich damit
im Reinen, so kann es sein, dass ich Atkins nach Texas begleite. - Also Ihr wollt
doch die Büchse nehmen?«
    »Büchse und Pfeile,« sagte Johnson. »Erst versuch' ich das Gift, und bin ich
mit meinem Schuss nicht so recht zufrieden, dann mag das Blei nachhelfen.«
    »Glaubt Ihr denn sicher an ihn heranschleichen zu können?«
    »Wenn er da lagert, wo ich ihn vermute, ja -« erwiderte Johnson, die
schweren Schuhe mit den leichten geräuschlosen Moccasins vertauschend. »Auf
jenen Felsen liegt nicht einmal trockenes Laub, was mich durch sein Rascheln
verraten könnte.«
    »Nun, wenn's doch einmal sein muss, dann trefft ihn wenigstens sicher,«
warnte Cotton.
    »Nur keine Angst, bin ich ihm erst einmal in Schussnähe, dann ist er mein.
Uebrigens liegt jene Stelle abgelegen genug, und er müsste laut schreien, wenn er
dadurch Jemanden herbeilocken wollte. Wo bleibt Ihr indessen?«
    »Hier - ich will einen tüchtigen Stew unter der Zeit brauen, dass Ihr bei der
Rückkehr etwas Warmes findet. Also Heatcott -«
    »Oh, schweigt mit der alten Geschichte und braut Euer Getränk - das ist
nützlicher.«
    »Lasst nicht zu lange auf Euch warten,« rief ihm der Jäger noch nach.
    »Dass ich mich nicht erst zu ihm setzen werde, könnt Ihr Euch denken,« sagte
Jener mürrisch, warf die Tür hinter sich zu und glitt gleich darauf mit leisem,
aber schnellem Schritt durch die dunkle Waldung hin, dem nächsten Bergkamm zu,
von welchem aus Weston das Feuer des Indianers bemerkt haben wollte.
    Die Nacht war rabenschwarz, kein Stern leuchtete an dem mit finsteren
Wetterwolken überzogenen Himmel, und das dumpfe, schauerliche Rauschen der
mächtigen Wipfel kündete schon den nahenden Sturm. Weit oben auf dem
Gebirgsrücken, der die Wasser des Fourche la fave und der Mamelle von einander
scheidet, schrie mit scharf gellendem Klagelaut ein einsamer Wolf sein Nachtlied
ab, und die Eule antwortete spottend aus dem dunkeln Kiefernwipfel heraus, in
dem sie vor dem heranrückenden Unwetter Schutz zu finden hoffte. Tier und
Mensch suchten ein Obdach, den warmen Kamin oder den dichten Schilfbruch, nur
der Mörder mit seinen blutigen Gedanken schritt, unbekümmert um die immer
stärker und drohender werdenden Anzeichen einer Windsbraut, Büchse und Bogen
krampfhaft fest in der geschlossenen Hand haltend, seine düstere Bahn entlang,
und je toller und wilder die Elemente zu toben begannen, desto kühner und
trotziger blitzte sein Auge. War ja doch der Sturm sein Bundesgenosse, und fand
er durch ihn gerade grössere Sicherheit für sein blutiges Werk. Lagerte nämlich
der Indianer wirklich an jener Stelle, so hatte er bei solchem Wetter auf jeden
Fall den Schutz des überhängenden Felsens gesucht, der ihn eben so vollständig
gegen den drohenden Regen wie gegen etwa stürzende Bäume decken musste, und dann
war es nicht möglich, seinen Schritt oder sein Nahen zu hören: das Rauschen und
Brausen in den Aesten und Zweigen der Waldung übertobte Alles. Sein aber war die
Rache, sobald er nur das Opfer fand.
    Vorsichtig folgte er dem Lauf der kleinen Schlucht, obgleich er einen
näheren Weg nach der ihm wohlbekannten Stelle hätte einschlagen können. Schwer
ist es aber bei Nacht, ohne Sternenlicht gerade Richtung durch den Wald
beizubehalten, und selbst der geübte Backwoodsman versucht es nicht gern ohne
dringende Not. Die Spitzen der vergifteten Pfeile hatte er mit einem wollenen
Tuche dicht umwickelt, dass er sich nicht durch bösen Zufall selbst verwunde, und
seine Waffen im linken Arm, schritt er, vorsichtig mit der Rechten seine Bahn
fühlend, höher und höher hinauf, bis er an dort heruntergestürzten Fichten die
Gegend erkannte und nun wusste, wo er sich befand.
    Gerade da bildete die Schlucht einen Winkel, und dicht über demselben war
der Stein, unter welchem der Indianer liegen musste, und zwar dem sich von dieser
Seite Nähernden schräg gegenüber. Johnson beschloss also, vor allen Dingen zu
recognosciren, da Entdeckung, durch den immer stärker heulenden Wind geschützt,
gar nicht mehr zu fürchten war. Jedes unnötige Geräusch jedoch vermeidend,
kroch er unter den kreuzweis über die Schlucht hingestürzten Stämmen durch, liess
da, wo er sie augenblicklich wieder finden konnte, seine Büchse, um von den
vielen Waffen im Hinanschleichen nicht gehindert zu werden, und glitt, einer
Schlange gleich, der Ecke zu, die ihn bis jetzt noch von seinem Opfer trennte.
    Triumph! Sein Herz schlug fast hörbar - dort - am Feuer hingestreckt, lag
der rote Sohn der Wälder, die Gefahr nicht ahnend, die ihn mit Gift und Blei
bedrohte; die Waffen ruhten an seiner Seite, und auf den rechten Arm gestützt,
schaute er sinnend in die unstät flackernde Glut. Johnson hob sich, den Bogen
mit starker Hand fassend, convulsivisch empor und blickte forschend hinüber, um
die Stelle zu bestimmen, in die er den tödtlichen Pfeil senden sollte, denn die
Entfernung zwischen ihm und seinem Opfer betrug kaum zehn Schritt. Hier aber
fand sich ein neues Hindernis. Die aufgespannte Decke des Indianers, die dieser
an der Windseite angebracht hatte, um auch gegen den etwa schräg einschlagenden
Regen geschützt zu sein, verbarg den grössten Teil seines Körpers, so dass von
diesem eigentlich nur der vordere Teil des Kopfes mit dem rechten Arm
vollkommen sichtbar war, während die übrige Gestalt unter dem wollenen
Schutzdach versteckt lag. Zwar konnte Johnson genau die Stelle bestimmen, wo er
den Indianer treffen musste, und er würde auch, hätte er die Büchse statt der
Pfeile bei sich gehabt, keinen Augenblick länger gezögert haben, so aber stieg
plötzlich die sonderbare Idee in ihm auf, die Wolle könne, wenn nicht den Pfeil
aufhalten, doch falsch lenken oder gar dem Gift seine Kraft nehmen; kurz, er
scheute sich, auf diese Art einen Schuss in's Ungewisse zu tun.
    Dazu kam noch eine nicht unterdrückbare Furcht vor der kräftigen Gestalt
seines Feindes, den er zum Äussersten entschlossen wusste, und der, wenn bloss
verwundet, dennoch vielleicht so viel Kraft behalten würde, ihn einzuholen und
des Tomahawsk Schärfe an seinem Schädel zu versuchen.
    Wie übrigens die Decke gespannt war, brauchte es höchstens zwanzig Schritt
zur Rechten, gerade bis hinter die stattliche Ulme, die am Abhang des Hügels
stand, hinan zu kriechen. Dann bot sich ihm die Brust des Lagernden zum breiten,
unfehlbaren Ziel, und von da aus konnte der Pfeil seine tödtliche Wirkung nicht
verfehlen.
    Der erste Blitz zuckte jetzt durch den wilden Sturm daher und warf sein
bleiches, geisterhaftes Licht über die Landschaft. Schaurig, wie Hülfe suchend,
schlugen und wehten in seinem grellen Schein die gigantischen Bäume mit ihren
Riesenarmen, der nächste Moment aber hüllte Alles wieder in noch viel
undurchdringlichere Nacht. Da hob sich Johnson empor, um schnell die ersehnte
Stelle zu erreichen und die Tat zu vollenden, ein Stein aber glitt unter seiner
rechten Hand, mit der er sich bis jetzt an der vorwachsenden Wurzel einer Eiche
festgehalten, vor und rollte einige Schritte hinab, in den Grund der Schlucht.
Regungslos blieb er, dicht an den Boden geschmiegt, liegen, um seinem Opfer
nicht verraten zu werden, und hob dann nur leise den Kopf, die Wirkung zu
beobachten, die dieses aussergewöhnliche Geräusch auf den Indianer hervorgebracht
haben könnte.
    Der Ton war auch dem wachsamen Ohr des Wilden nicht entgangen, und hochauf
horchte er und hob den ganzen Kopf über die Decke empor, den von dem Feuer
ausgehenden Lichtkreis zu übersehen; Johnson lag aber im Schatten der Eiche, die
etwas höher, als wo er selbst sich befand, aus dem Abhang emporstieg, und der
Blick Assowaum's schweifte über ihn hin. Da erhellte ein noch grellerer Blitz
als vorher die Schlucht, und der Mörder bebte scheu zurück. Aber auch den
Indianer schien der Strahl geblendet zu haben, denn er presste die Hand schnell
gegen die Augen und sank dann, scheinbar beruhigt, in seine frühere Stellung
zurück.
    Jener beobachtete ihn noch einen Augenblick und glitt nun schlangengleich
etwa fünf bis sechs Schritt zurück, wo er von seinem Opfer selbst bei Tageshelle
nicht hätte gesehen werden können. Hier klomm er an der rechten Seite bis hinter
die Ulme hinan, von der aus er das Lager des Feindes dicht vor sich hatte,
spannte, an Ort und Stelle angekommen, leise den Bogen, legte den tödtlichen
schafft darauf und hob sich jetzt schnell, aber vorsichtig zum Schuss in die Höhe.
- Da - fast unwillkürlich entfuhr ihm ein Laut des Staunens und Schrecks, denn -
die Stelle am Feuer war leer - Assowaum verschwunden.
    Ehe er jedoch nur einen Gedanken fassen, nur ein Glied rühren konnte, fühlte
er eine Hand auf seiner Schulter, schaute - entsetzt zurückfahrend, in das wild
drohende Angesicht seines Feindes, sah den Arm des roten Kriegers erhoben - der
Tomahawk blitzte im Schein des von unten herausflammenden Feuers und von der
flachen Seite der gefährlichen Waffe getroffen, brach er betäubt und lautlos
zusammen.
    Schrecklich war sein Erwachen. Durch die schwankenden Baumwipfel prasselten
und zischten die schwefelgelben Strahlen, laut schmetternd brach der Donner
hinterdrein und die Schleusen des Himmels schienen geöffnet - die ganze Natur in
Aufruhr; aber gefesselt und geknebelt, dass er kein Glied rühren, keinen Laut,
ausstossen konnte, lag der ertappte Verbrecher an der Wurzel eines Hikorystammes
angebunden, allein zurückgelassen im Toben der zürnenden Elemente. Vergebens
rang er mit der Kraft der Verzweiflung, seine Banden zu sprengen oder wenigstens
einen Arm aus den seine Sehnen fast zerschneidenden Stricken zu befreien.
Vergebens dehnte er die Glieder, dass das Blut unter dem scharfen ledernen
Riemen, der ihn umschlungen hielt, hervorsprjetzte; sein Sieger verstand die
Kunst, einen Knoten zu schürzen, seine Bande unzerreissbar zu machen. Matt,
erschöpft musste er endlich in seinen fast wahnsinnigen Bemühungen einhalten und
blieb nun keuchend, ja besinnungslos liegen.
    Der Sturm hatte nachgelassen; von den Blättern strömte aber noch immer das
Wasser wie im stärksten Regen herunter, der Wind scheuchte die dunkeln
Wolkenmassen vor sich her und die helle Mondesscheibe sandte hier und da, durch
auseinandergerissene Dunstschleier, ihr bleiches, silberhelles Licht auf die
Erde nieder.
    Johnson war eben aus seiner zweiten Ohnmacht erwacht - - Fieberfrost
schüttelte seine Glieder, und zum ersten Mal drang sich ihm jetzt der
entsetzliche Gedanke auf, dass ihn der Indianer hier zurückgelassen habe, um
nicht wiederzukehren; dass Cotton, der seine Rückkunft vergebens erwartet,
flüchten würde und er hier langsam verhungern müsse, wenn nicht ein mitleidiger
Wolf seinem elenden Dasein früher ein Ende mache.
    Er konnte ihre schrillen Laute schon von den nahen Bergen herüber hören -
sie sammelten sich nach dem Unwetter, um gemeinsam auf Raub auszuziehen, und da,
gerade da, wo er sich jetzt befand, hatte er ihre Spuren oft und oft bemerkt,
wie sie die Schlucht gekreuzt und von den Gebirgen herunter zu dem Flusse
gezogen waren.
    Allmächtiger Gott, sollte er auf so schreckliche Weise umkommen? - Das
Geheul kam näher - der Wolf wittert seine Beute auf viele Meilen Entfernung.
Wieder stemmte sich der Elende gegen seine festen Banden, wieder knirschte er in
den Knebel und strengte sich an, bis ihm das Blut die Adern zu zersprengen
drohte. Die Verzweiflung gab ihm Riesenkräfte, aber er konnte des Indianers
Fesseln nicht brechen. - Da lag er plötzlich so still und starr wie aus Stein
gehauen - wohin lauschte so ängstlich und hoffend sein Ohr? - Weshalb heftete
sich sein Blick so stier und fest auf jenen dunkeln Waldstreifen - die Schlucht
hinab? Dort heulten die Wölfe nicht, ihr Geschrei tönte von einer andern Gegend
zu ihm herüber.
    Nein - die Wölfe waren das nicht, aber einen Ruf hatte er vernommen, einen
bekannten freundlichen Ruf. - Es war die Nachahmung des Eulenrufs, das Zeichen
unter den Verbündeten - es musste Atkins oder Cotton sein - vielleicht Beide. -
Sie kamen, ihn zu retten, und hier - hier lag er, gefesselt und geknebelt,
vermochte kein Glied zu rühren, keinen Ton zu antworten, um die Stelle zu
bezeichnen, auf der er schmachtete. Aber näher und näher kam die Stimme, lauter
und dringender wurden die Aufforderungen der Suchenden. Jetzt schritt er am
obern Ende der Schlucht heran - Johnson konnte die Umrisse seiner Gestalt auf
dem dunkleren Hintergrunde deutlich erkennen; wieder tönte der Eulenruf lauter
und dringender; erst drei-, jetzt viermal; der Gefangene wand und krümmte sich
wie ein Wurm - den Banden aber und dem Knebel entwand er sich nicht.
    Endlich - endlich schollen die Tritte näher; der Suchende hatte die Schlucht
durchkreuzt - er kannte die Stelle, wo der Indianer gelegen, und umging sie - er
musste jetzt an dem Freund vorbei - dicht vorbeikommen. - Wieder tönte der Ruf
und lauschend, mit vorgebeugtem Körper horchte der Jäger. Johnson versuchte das
Äusserste, nur das Laub mit dem Fuss rascheln zu machen - den jungen Stamm zu
schütteln, an dem er hing - vergebens. Der Wind rauschte und wehte noch in den
Zweigen und das Laub war feucht und weich, der Fuss, der sich krampfhaft
hineinwühlte, blieb unhörbar.
    Da kam die Gestalt heran - es war Cotton - Johnson konnte deutlich den Hut
erkennen, den er auf dem Kopfe trug - konnte den helleren Schein seines bleichen
Angesichts sehen, er kam gerade auf ihn zu - noch zwanzig Schritt in der
Richtung fort und er musste auf seinen Körper treten. Da hielt er - wieder tönte
der Ruf und überallhin wandte der Suchende den Blick; aber er erwartete nicht,
den Freund zu sehen, er lauschte bloss hinein in die Nacht, ob er die antwortende
Stimme nicht hören würde. Sein Auge glitt fast bewusstlos und ohne alle
Teilnahme über die Formen hin, die sich ihm boten, nur manchmal warf er einen
scheuen, ängstlichen Blick in die Schlucht hinunter, wo er wahrscheinlich den
Leichnam des Indianers vermutete.
    Da wandte er sich um - er schien seinen Plan geändert zu haben - horchte
noch einmal hinaus in den rauschenden Wald, ob vielleicht jener winselnde Schrei
der Wölfe der erwartete Eulenruf sei, und glitt dann, als er sich wiederum
getäuscht sah, schnell und lautlos in das nächste Dickicht.
    Es war vorbei - keine Aussicht mehr auf Rettung, und verzweifelt und elend
sank der Gefangene in sich zusammen. Er achtete nicht weiter auf das Geheul der
wilden Bestien, der Tod war ihm gleichgültig, wenn nicht erwünscht. Nur noch
einen Blick des Trotzes und der ohnmächtigen Wut warf er hinauf zu dem klaren,
jetzt hell und golden über ihm ausgespannten Sternenhimmel und schloss dann die
Augen, als wenn er mit diesem Blick von dem Leben wie von jeder Hoffnung
Abschied genommen hätte.
 
                                      29.
         Rowson bei Roberts. - Die Trutühnerjagd. - Ellen und Marion.
Das Mittagessen war beendet, das Geschirre aufgewaschen und fortgestellt, und
vor dem Eingange der kleinen Wohnung sassen im traulichen Kreise die Freunde und
plauderten von diesem und jenem. Rowson hatte seinen Stuhl neben Madame Roberts
und ihr liebliches Töchterchen gerückt und hielt die Hand der Braut in der
eigenen, während Harper an Ellen's und Bahrens an des alten Roberts Seite Platz
genommen. Nach welchen verschiedenen Richtungen das Gespräch aber auch immer
hinüber und herüber kreuzte, auf den Ehestand kam es stets wieder zurück und
Harper war nun schon zum dritten Mal gefragt worden, warum er sich nicht nach
einer Frau umsehe, die ihm seine alten Tage versüssen könne.
    »Davor bin ich sicher - ich wüsste nicht, wie ich eine bekommen sollte. Die
einzige Art wäre, dass ich es wie mein Bruder machen müsste, der sich in die
Lotterie gesetzt und ausgespielt hat.«
    »In die Lotterie gesetzt, Mr. Harper? sich selbst?«
    »Nun, die Sache war sehr einfach; er machte sechshundert Loose, jedes zu
zehn Dollars, für Mädchen und Wittwen unter dreissig Jahren - bei der
Untersuchungscommission hätten Sie sein sollen - und setzte sich selbst mit den
also gewonnenen sechstausend Dollars ein.«
    »Aber, Mr. Harper -«
    »Nun wurde er jedoch bloss fünfhundert und einige dreissig los, behielt also
einige sechszig und hatte die starke Hoffnung, sich selber wieder zu gewinnen -
ja Prosit. Ein junges Mädchen, die drei Zeugen gebracht, dass sie erst
achtundzwanzig Jahre alt sei, bekam ihn, und er ist jetzt glücklicher
Familienvater. Hier in Arkansas möchte es aber schwer werden, sechshundert Loose
anzubringen.«
    »Nicht wenn Sie im Einsatz ständen,« lächelte Marion. - »Ich bin fest
überzeugt, die Candidatinnen kämen von allen Seiten.«
    »Und würden Sie auch ein Loos nehmen?«
    »Warum nicht,« lachte Marion - »man gewinnt ja manchmal etwas, das man nicht
gebrauchen kann. Ich könnte Sie ja im günstigsten Falle an eine gute Freundin
verschenken; an Ellen zum Beispiel - das gilt doch?«
    »Ei warum nicht,« sagte Harper, »und ich würde noch dazu nur wenig
Einwendungen gemacht haben.«
    Rowson hatte indessen dem Gespräch zugehört und sich nur selten
hineingemischt, hielt aber in seiner Hand einen ausgespannten Trutahnflügel als
Fächer und scheuchte damit seiner Braut die sie hier und da umschwärmenden
Fliegen und Mosquitos fort.
    Madame Roberts nahm ebenfalls einen Fächer, denn die Hitze wurde wirklich
drückend.
    »Wir werden ein Gewitter bekommen,« sagte Roberts, den Rock abwerfend, »die
Luft ist so sonderbar schwül - ich muss doch einmal nach dem Termometer sehen -
apropos, Rowson,« fuhr er fort, indem er aufstand und der Tür des Hauses zuging
- »wisst Ihr, wer die Leute waren, deren Wagen wir noch sahen, als Ihr oben bei
der Salzlecke zu mir kamt? Tennesseer - ein früherer Nachbar von mir -
Stevenson, ein prächtiger alter Mann. Ich habe mich recht gefreut, ihn wieder zu
sehen; und, Marion, die Mädchen sind einmal herangewachsen, die würdest Du gar
nicht wieder erkennen.«
    »Oh, warum sind sie denn nicht bei uns eingekehrt?« frug Mrs. Roberts - »man
sieht doch so selten alte Freunde. Kennen Sie Stevensons auch, Mr. Rowson?«
    »Nicht dass ich mich erinnere,« erwiderte dieser, »und ich habe sonst ein
ziemlich gutes Gedächtnis. Stevenson - der Name ist mir jedenfalls von Tennessee
her bekannt, die Familie selbst aber schwerlich.«
    »Er war drüben am Arkansas gewesen, wie der letzte Mord vorgefallen ist,«
sagte Roberts, jetzt mit dem Termometer in der Hand zurückkommend, »und hat den
Mörder gesehen - Zwanzig Grad - es ist erstaunlich -«
    »Das ist nicht möglich!« rief Rowson, sich vergessend.
    »Oh doch - sehen Sie hier! zwanzig - und noch dazu reichlich,« entgegnete
Roberts, dessen Ausruf auf den Wärmegrad beziehend und ihm das Termometer
entgegenhaltend.
    »In der Tat,« erwiderte Rowson, sich schnell sammelnd. »Wie aber konnte er
das?«
    »Konnte was?«
    »Wie kann Mr. Stevenson den Mörder gesehen haben? Es wurde ja behauptet, der
Mann habe sich selbst erschossen, eben weil man Niemandes Spur entdeckt hatte.«
    »Unsinn,« sagte Roberts, den Kopf schüttelnd. »Er stand hinter einem Baum,
wo die Beiden in nur wenig Schritten Entfernung an ihm vorbeigekommen sein
sollen, kaum fünf Minuten früher, als der Schuss fiel. Er hat mir zugeschworen,
er wollte den Burschen unter Tausenden wieder herauserkennen. Wären Sie nur
hundert Schritt weiter oben heraus und auf die Strasse gekommen, so mussten Sie am
Lager vorbei; es ist ein prächtiger alter Mann; er würde Ihnen ungemein gefallen
haben.«
    »Ich zweifle gar nicht daran,« sagte Rowson, »aber -«
    »Nun sagt mir einmal, Roberts,« unterbrach ihn Bahrens - »wie ist denn das
Ding da, das Ihr in der Hand habt und ein Termometer nennt, eigentlich
eingerichtet, dass Ihr an dem sehen könnt, ob es warm oder kalt sei?«
    »Nun, das Quecksilber steigt in der Hitze,« erwiderte der Gefragte, »und
fällt, je kälter es wird, desto mehr in sich zusammen!«
    »Und danach richtet sich das Wetter?«
    »Nein, das Termometer richtet sich nach dem Wetter -«
    »Ihr habt mir aber doch einmal erzählt, in den grünen Gebirgen wäre es 1829
nur deshalb so unmenschlich kalt geworden, weil sie kein solch' Ding oben gehabt
hätten.«
    »Ih bewahre,« lachte Roberts.
    »Damals war aber eine Kälte!« rief Harper. »In dem Winter lebte ich am
Eriesee in Cleveland und das Quecksilber fiel Gott weiss wie tief unter Null. Ein
alter Pennsylvanier, bei dem ich wohnte, behauptete auch, es wäre noch tiefer
gefallen, wenn das Termometer nur länger gewesen wäre.«
    »Wird sich Mr. Stevenson noch einige Tage in dieser Nachbarschaft
aufhalten?« frug Rowson, der bis jetzt in tiefen Gedanken vor sich
niedergeschaut hatte.
    »Nein - bewahre! Er sagte ja - ja so, Sie kamen erst nachher zu mir - nein,
er geht direct nach der Gegend, in der er sich niederlassen will, an den Fuss der
Gebirge. Wie er mir aber versicherte, gefällt ihm unser Land hier am Fourche la
fave ungemein und er schien gar nicht übel Lust zu haben, gleich hier zu
bleiben. Seine Frau jedoch und seine Töchter fürchteten sich unmenschlich vor
den Pferdedieben, denn da diese, wie sie am Arkansas gehört hatten, wo sie, wenn
ich nicht irre, zwei Tage gehalten und ein paar neue Stiere eingehandelt hatten,
denn die alten -«
    »Nun, deswegen brauchten sich die Frauen nicht zu fürchten,« sagte Bahrens,
»mit der Gesellschaft werden wir schon noch fertig werden.«
    »Allerdings,« lächelte Rowson - »die Leute machen es auch gefährlicher, als
es wirklich ist. Der Fourche la fave hat einen viel schlimmeren Namen, als er
verdient und -«
    »Hallo - was haben die Hunde da?« rief Roberts aufspringend - »Poppy hat
schon in einem fort gewindet und jetzt geht's durch's Feld, als ob der Böse
dahinter her hetzte.«
    »Es sind Trutühner, Vater,« sagte Marion, »Ellen und ich gingen vor Tisch
dort unten herum und sahen, gleich am Bach, ein ganzes Volk.«
    »Ei warum habt Ihr denn das nicht lange gesagt?« rief Roberts, aufspringend
- »ich habe seit acht Tagen keinen Trutahn geschossen - geht Ihr mit, Bahrens?«
    »Gewiss,« sagte dieser, seine Büchse, die er stets bei sich führte, aus dem
Hause holend - »und wenn ich nicht irre, so haben sie die Hunde auch schon in
den Bäumen.«
    »Ja wohl, ich kenne Poppy's Stimme. Doch jetzt müssen wir eilen, sonst
ziehen sie hinunter in die Niederung und da ist schlecht nachkommen.«
    Bahrens bedurfte keiner weiteren Aufmunterung und schnellen Laufes rannten
die beiden Männer an der Fenz des Maisfeldes hinab, wo die Hunde wild unter den
Bäumen umherfuhren und nicht mehr zu wissen schienen, auf welchem von ihnen die
geflüchteten Tiere sassen. Aber auch die Jäger blickten sich vergebens nach den
Gesuchten um, denn erstens war das Laub zu dicht und dann hatten sich die
schlauen Trutühner so fest an die Aeste gedrückt, dass sich nirgends einer
erkennen liess.
    »Es wird ein alter Gobler (Trutahn) gewesen sein,« sagte Bahrens »und der
ist doch jetzt nicht besonders zu essen.«
    »Nein,« meinte Roberts, »ich habe hier erst gestern vier Hennen zusammen
gesehen, die dieses Jahr auf keinen Fall brüten können. Einen fetteren Braten
gibt's auf der Welt nicht, als eine solche Henne in dieser Jahreszeit.«
    »Nun, dann müssen wir uns hinsetzen,« entgegnete Bahrens, - »ruft die Hunde.
- Bleibt Ihr hier und ich will dahinüber auf die kleine Anhöhe gehen. Können wir
die Hunde ruhig halten, so wird es nicht lange mehr dauern, bis sich die Hennen
wieder melden - lange schweigen sie nicht gern.«
    Roberts, vollkommen mit diesen Vorsichtsmassregeln einverstanden, rief seine
Hunde zu sich, die sich dicht neben ihm niederlegen mussten, und wohl eine
Viertelstunde rührte keiner der Männer ein Glied. Endlich ahmte Bahrens leise,
aber täuschend den Ruf der Hennen nach, und es dauerte auch nicht lange, so
antwortete gerade aus einem Baume über Roberts heraus eine andere.
    Die Hunde sahen erst altklug zu ihrem Herrn empor, als ob sie hätten sagen
wollen - »hörst Du's da oben?« und dann wieder in die Bäume und fingen an,
ungeduldig zu werden. Roberts wollte aber warten, bis Bahrens ebenfalls einen
Vogel zum Schuss hatte, und erst als mehrere von verschiedenen Gegenden her
antworteten und Jener die Büchse hob, richtete er sich empor und legte auf sein
Wild an.
    Die Trutenne war indessen von dem Aste, an welchem sie dicht angeschmiegt
gesessen, aufgestanden und schaute eben, den langen Nacken nach allen Richtungen
drehend, umher, ob die frühere Gefahr verschwunden sei. Da krachte Bahrens'
Büchse, fast in demselben Augenblicke war aber auch Roberts schussfertig geworden
und beide Vögel stürzten mit schwerem Fall und fast in einer Secunde von ihrer
gar nicht unbeträchtlichen Höhe hernieder, wo sie von den Hunden augenblicklich
in Empfang genommen wurden.
    Madame Roberts und Harper hatten indessen, während die beiden Männer dem
Wild nachgegangen waren, ein Gespräch mit dem Metodisten anzuknüpfen gesucht
und bald von diesem, bald von jenem begonnen. Rowson schien aber heute wenig zu
ausführlichen Antworten geneigt und überhaupt entsetzlich zerstreut zu sein.
    Besser unterhielten sich während dessen die Mädchen, die Arm in Arm vor der
kleinen Wohnung umhergingen. Aber nicht von ihren künftigen Plänen (Beide
vermieden wunderbarer Weise jede Berührung derselben) sprachen sie, sondern von
ihren verlebten Kinder- und Jugendjahren und riefen sich all' die zwar längst
vergangenen, aber immer noch lieben Spiele und Freuden in's Gedächtnis zurück.
    »Ach, liebe Ellen,« sagte Marion, indem sie stehen blieb und der Freundin
seufzend in's Auge schaute, »das waren doch recht schöne, selige Zeiten und wir
wussten damals noch nicht, was Sorge und Kummer, was Gram und Schmerz sei. Der
Uebergang aus diesem glücklichen Alter in das reifere Leben ist auch so
unmerklich, kommt so allmälig, dass man es nicht eher bemerkt, als bis man alle
jene süssen Tage weit, weit hinter sich hat und nun wie vor einem Abgrund -« sie
hielt plötzlich inne, als ob sie sich scheue, den Satz zu vollenden, und wandte
den Kopf ab, dass Ellen die zwei hellen Tautropfen nicht bemerken sollte, die
ihr im Auge perlten.
    »Warum bist Du so traurig, Marion?« fragte aber schmeichelnd die Freundin,
»Du stehst doch am Ziel Deiner Wünsche, und ich sollte denken, die Verbindung
mit dem Manne, den wir lieben, dürfte uns nicht so traurig und wehmütig
stimmen. Dass man sich mit einem gewissen Bangen zu einem solchen Schritt
entschliesst, finde ich eher begreiflich. Hast Du einen Kummer?«
    »Nein, liebe Ellen,« flüsterte Marion, immer noch das jetzt tränenfeuchte
Antlitz von der Freundin abwendend - »nein - ich bin nur ein törichtes Kind und
- und sollte eigentlich recht freudig und mit froher Zuversicht in die Zukunft
schauen. - Aber horch - da fielen eben zwei Schüsse - sie scheinen die
Trutühner gefunden zu haben. Nun gibt's für uns Beide noch etwas zu tun, heut
Abend,« fuhr sie dann, sich lächelnd zu Ellen wendend, fort. Aber auch in dieser
Augen bemerkte sie die Spuren von heimlich vergossenen Tränen und sagte nun
schnell und ängstlich:
    »Ach, Ellen, liebe, beste Ellen, was fehlt denn Dir? Sieh, ich bin ein so
verzogenes und nur immer mit mir selbst beschäftigtes Wesen, dass ich es kaum
bemerkt, wenigstens nicht beachtet habe, wie auch Du mir so niedergeschlagen und
still seit einiger Zeit erscheinst. Darf ich es wissen?«
    »Ja!« sagte Ellen, durch ihre Tränen lächelnd. - »Du sollst Alles wissen -
doch nicht heute - in einigen Tagen erst, wenn Du selbst ruhiger und mit Dir im
Reinen bist. Dann sollst Du Alles erfahren; aber« - fuhr sie schmeichelnd fort -
»habe ich Dich erst einmal zu meiner Vertrauten gemacht, dann musst Du mir auch
helfen - ich helfe Dir wieder.«
    »Wenn Du könntest - liebe Ellen -«
    »Also fehlt Dir doch etwas?«
    »Mutter rief mich, wenn ich nicht irre, ich bin gleich wieder bei Dir,«
sagte Marion und floh in das Haus. Aber keine Mutter hatte gerufen, nur fort
wollte sie aus der Nähe der Freundin und das Gefühl bekämpfen, das sie mit kaum
widerstehlicher Gewalt zwang, dem Herzen derselben Alles - Alles, was sie
peinigte und quälte, anzuvertrauen. Sie fühlte, dass schon der Gedanke an den
ach! so heissgeliebten Mann Sünde sei, und ihre Aufgabe war von nun an, selbst
diesem zu entsagen und ganz den Pflichten zu leben, die ihr an der Seite ihres
Gatten heilig und teuer sein mussten.
    Die Männer kehrten jetzt, mit ihrer Beute beladen, von der Jagd zurück und
das Gespräch ward wieder allgemein. Die Mädchen hatten jedoch vollauf zu tun,
die Trutühner, ehe sie erkalteten, zu rupfen, und selbst jetzt war das mit
bedeutender Schwierigkeit verknüpft. Beide behaupteten, seit langer Zeit kein so
fettes Wild unter Händen gehabt zu haben.
    Rowson aber hatte das, was ihn beunruhigt oder gestört, indessen ebenfalls
abgeschüttelt und seine ganze sonstige Ruhe wiedererlangt. Er schien sogar an
diesem Abend einmal das ernste, strenge Wesen des ortodoxen Priesters bei Seite
legen zu wollen und zeigte sich lebhaft, ja sogar heiter und mehr als je, selbst
in Marion's Augen, zu seinem Vorteil. Madame Roberts war entzückt, und der alte
Roberts nahm Bahrens zweimal bei Seite und gab ihm im Vertrauen zu verstehen, er
glaube, der Prediger sei ausgewechselt. Erstlich wäre er schon nahe an sechs
Stunden im Hause, ohne ein einziges Mal zu predigen, und dann habe er eine so
gewisse Ungezwungenheit und Keckheit nicht allein im Ton und Wesen, nein sogar
auch in seinen Bewegungen, wie er sie früher noch nie an ihm bemerkt hätte.
    »Er ist heut Abend eine ganz andere Person,« rief er nach einer Weile
wieder, sich die Hände reibend, »verdammt, wenn's nicht wahr ist - und
merkwürdig hat er sich verändert - aber sehr zu seinem Vorteil, Bahrens - sehr
zu seinem Vorteil.«
    Dem Gebete sollte Roberts aber dennoch nicht entgehen, denn vor
Schlafengehen hielt Rowson erst noch eine sehr lange, salbungsvolle Predigt, der
sich die Männer in Geduld fügen mussten.
    Am nächsten Morgen wurde nun beim Frühstück der Plan zu dem heutigen Sonn-
und Festtag entworfen, und Madame Roberts war dafür, sogleich zusammen
aufzubrechen, um ihres künftigen Schwiegersohnes Wohnung hübsch einzurichten,
dort zu Mittag zu essen und dann den Nachmittag zu dem von dort kaum eine Meile
entfernten Hause des Richters hinüber zu reiten. Hierin stimmte ihr auch Mr.
Rowson vollkommen bei, bat jedoch die Gesellschaft, nur noch etwa eine Stunde
seiner zu harren, da er vorher einen kleinen Weg zu reiten habe, aber in ganz
kurzer Zeit zurück sein würde.
    »Aber nicht wahr, Mr. Harper und Bahrens, Sie bleiben heute unsere Gäste?«
frug Madame Roberts diese. - »Nichts da - - Madame Bahrens wird nicht zanken,«
setzte sie freundlich hinzu, als Bahrens Schwierigkeiten machen wollte. »Wir
müssen diesen Tag zusammen feiern, und ich wünschte nur, Mr. Brown wäre auch
noch hier. Das lässt sich freilich jetzt nicht mehr ändern. Machen Sie also Ihre
Geschäfte recht schnell ab, Mr. Rowson, und Sie sollen uns, wenn Sie
zurückkommen, fertig gerüstet und bereit finden.«
    Rowson bestieg das ihm von dem Negerknaben vorgeführte Pferd, winkte noch
einen Gruss zurück und trabte, schneller als es sonst seine Art war, wenn er
Roberts' oder irgend ein anderes Haus der Ansiedlung verliess, die schmale
Countystrasse entlang.
 
                                      30.
                                Der Hinterhalt.
Nachdem Weston Atkins' Wohnung verlassen, hatten es sich die beiden Fremden so
bequem gemacht, als es die Umstände erlaubten, und Curtis trat jetzt in die Tür
und schaute sinnend zu den blauschwarzen Wolkenmassen empor, die sich im Westen
aufzutürmen begonnen.
    »Sollte mich gar nicht wundern, wenn das Wetter hierherzu käme,« sagte
Atkins an seiner Seite - »seht einmal, wie die weissen dünnen Nebelschleier
vorneweg jagen. - Wenn wir nur keinen Hurricane bekommen. Vor sechs Jahren am
Whiteriver sah's ebenso aus, und da war nachher der Teufel los.«
    »Waret Ihr vor sechs Jahren am Whiteriver?« frug ihn Cook.
    »Ja - und wohnte etwa zwei Meilen unterhalb der Strasse, die von Memphis nach
Batesville führt.«
    »Das muss ja wohl zu der Zeit gewesen sein, wo sie den Witchalt hingen, der
seinen Vater erschlagen hatte, nicht wahr?« frug Curtis.
    »Später,« meinte Atkins, »ich kam etwa vier Wochen, nachdem er gehangen
war.«
    »Die Whiteriver Boys übten strenge Gerechtigkeit,« lachte Cook - »den
Pferdedieb - wie hiess er doch gleich - liessen sie auch baumeln.«
    »Das kann ich ihnen nicht verdenken,« rief Curtis - »mit Pferdedieben darf
kein rechtlicher Kerl Erbarmen haben - das heisst, wenn er selbst Pferde hat,
nicht wahr, Atkins?«
    »Ihr betreibt Eure Gerechtigkeit sehr eigennützig,« - antwortete dieser
ausweichend - »aber - Ihr werdet hungrig sein, nicht wahr? Ich will -«
    »Danke - danke,« rief Curtis, ihn aufhaltend - »wir haben tüchtig zu Mittag
gegessen und können recht gut bis zur gehörigen Zeit warten - macht Euch keine
Umstände. - Eurer Frau wird heute überdies nichts an ausserordentlichen
Mahlzeiten liegen.«
    »Nein, allerdings nicht,« sagte Atkins, »denn das ist eine Wirtschaft da
drüben, dass Einem Hören und Sehen vergeht.«
    »Ist das Kind denn noch immer nicht besser?«
    »Leider nein - wie wär's aber auch anders möglich? Es ist schon schlimm
genug, wenn ein Kranker einem Doctor in die Fäuste fällt, hier sind ihrer aber
elf drüberher, und ich baue jetzt so fest auf meines Kindes Constitution, dass
ich wirklich glaube, sie können's nicht todtmachen, sonst wär' es schon lange
gestorben. - Ich will aber lieber Licht holen, es fängt an, dunkel zu werden.
Donnerwetter, wie der Wind draussen pfeift, wir haben doch dieses Jahr einen
merkwürdig stürmischen Frühling.«
    Er verliess bei diesen Worten das Zimmer, und die beiden Regulatoren sahen
sich im alleinigen Besitz desselben.
    »Hört, Curtis,« sagte nach einer kleinen Pause Cook zum Freunde, »um Atkins
tut mir's wahrhaftig leid, dass der auch Einer von den Schuften ist.«
    »Sprecht leiser,« ermahnte dieser - »wer zum Henker weiss denn, ob nicht da
oben irgend Jemand versteckt liegt. - Ja mir auch, beiläufig gesagt; er ist
sonst im Ganzen ein recht ordentlicher Kerl, und ich habe ihn immer ganz gut
leiden können. Freilich hat er einen etwas falschen Blick, das kommt aber
wahrscheinlich von dem vielen um die Ecke gucken«.
    »Ich bin neugierig, was sie mit ihm anfangen werden,« fuhr Cook nachdenklich
fort - »ich hoffe doch nicht, dass sie ihn hängen - hört, Curtis - schuld an
seinem Tode möcht' ich nicht sein; Strafe hat er verdient, und ich sehe recht
gut ein, dass wir dem Unwesen steuern müssen, aber hängen - nein - schon der Frau
und des Kindes wegen nicht.«
    »Nun, das wäre ein sauberes Schutzmittel,« lachte Curtis. »Dann brauchten ja
nur alle Schufte zu heiraten, um sicher vor dem Strange zu sein - das dürfte
nicht als Hindernis betrachtet werden - aber leid sollt' er mir auch tun. Nein,
hängen sollte man ihn nicht, nur -«
    »Still, er kommt,« unterbrach ihn Cook, und der verdachtlose Wirt trat mit
einem aus Wachs und Hirschtalg gegossenen Licht in die Stube, setzte es auf den
Tisch und zündete es mit einem Kienspan an.
    »Das pfeift draussen, als ob es uns das Dach über dem Kopfe wegblasen
wollte,« sagte er, die Kohlen im Kamin ein wenig aufstörend; »wenn's der Wind
nicht teilt und vertreibt, so müssen wir das Unwetter in zehn Minuten hier
haben.«
    »Bös für Die, die heute draussen sind,« sagte Curtis, »das Vieh drängte sich
auch gegen Abend merkwürdig um's Haus herum.«
    »Waren viele Leute vom Petite Jeanne bei der Versammlung?« frug Atkins.
    »Nicht besonders viele,« sagte Cook - »sie hatten sich wohl meistens darauf
verlassen, dass sie es morgen näher haben würden. Ein Fremder nur, der ihm
gestohlene Pferde suchte.«
    »Ein Halbindianer -« erwiderte Atkins - »ja, der war auch hier bei mir und
erkundigte sich nach ihnen. Ich konnte ihm aber leider keine Auskunft geben.«
    »Ihr habt gar nichts von seinen Pferden gesehen?« frug Cook, ihn scharf
fixirend.
    »Nein - wie sollte ich,« erwiderte Atkins, ohne dem Blick zu begegnen. -
»Ich bin überhaupt seit den letzten vierzehn Tagen nicht aus meiner Fenz
hinausgekommen, und vor den Häusern werden die Pferdediebe denn doch wahrhaftig
die gestohlenen Tiere nicht vorbeitreiben.«
    »Schwerlich,« lächelte Curtis - »aber was haben denn die Hunde - sie lärmen
ja merkwürdig.«
    »Vielleicht noch einer der Regulatoren, den das nahende Gewitter hier
hereintreibt,« sagte Cook.
    »Wahrscheinlich -« erwiderte Atkins - »ich will doch einmal nachsehen - Ruhe
da - ihr Bestien! - Ruhe!«
    Er trat mit diesen Worten vor die Tür, und Curtis flüsterte Cook zu: »Das
ist Stevenson, passt auf. Der hat aber schlechte Zeit gewählt, das Wetter werden
wir auf jeden Fall vorüberlassen müssen. Die im Schilfbruch werden übrigens gute
Zeit bekommen; da befinden wir uns doch hier am behaglichsten.«
    »Wie weit ist's noch bis zum Fourche la fave?« überschrie jetzt draussen eine
Stimme das Toben der Hunde.
    »Pest und Gift,« murmelte Atkins vor sich hin und sprang von den Stufen
hinunter, der Fenz zu - »das wäre ja verdammt schnell, wenn da schon die zweite
Sendung käme - Jones hat mir doch gesagt, es würde noch acht Tage dauern -«
    »Er fliesst gleich nebenbei,« sagte er dann laut zu dem Mann, der, in einen
weiten Regenmantel dicht eingehüllt, auf seinem Pferde sass. »Wer seid Ihr - Sir?
- Ich heisse Atkins.«
    »Habt Ihr gute Weide hier?« war die leise Antwort.
    »Von woher kommt Ihr?« flüsterte Atkins eben so leise - »sprecht -«
    »Ich bitte um einen Trunk Wasser.«
    »Höll' und Teufel! Jones sagte mir doch, es würde noch acht Tage -«
    »Lasst uns die Pferde schnell in Sicherheit schaffen,« flüsterte der Fremde -
»ich habe meinen Jungen bei ihnen, und es ist ein fürchterliches Wetter im
Anzug.«
    »Das Nasswerden wird ihnen nichts schaden -« erwiderte Atkins - »ich habe
Fremde im Haus und kann jetzt nicht fort -«
    »Aber der Regen würde die Fährten so schön wieder verwaschen,« wandte Jener
ein.
    »Das ist allerdings wahr - aber - wie viel habt Ihr?«
    »Drei.«
    »Drei nur? Jones sagte mir von sieben.«
    »Die anderen kommen morgen Abend - wir durften die Fährten nicht zu breit
machen.«
    »Ist das der Junge, den ich zum Weiterschaffen der Tiere hier behalten
soll?«
    »Den Jungen? Ja so - ja - er weiss um Alles.«
    »Kennt er auch den Weg nach dem Mississippi?«
    »Wir kommen eben -« verschnappte sich der alte Mann, bemerkte aber noch
glücklicher Weise zeitig genug seinen Fehler und fuhr nach kurzem Husten fort -
»von Westen zwar, der Junge ist aber auch schon oft in der Gegend gewesen. Doch
macht fort - die grossen Tropfen fangen schon an zu fallen.«-
    »Gut - dann wartet nur einen Augenblick, und ich will denen da drinnen
sagen, Ihr sähet selbst nach Eurem Pferde oder sonst irgend was - hallo - wer
ist das da?«
    Ein Mann näherte sich der Fenz, gab sich aber gleich darauf als Weston zu
erkennen.
    »Ach - Ihr kommt mir gelegen, Weston,« rief Atkins.
    »Hier ist ein Fremder, der Pferde hat - Ihr wisst schon - geht mit ihm hinten
herum und bringt sie in Sicherheit, und nachher kommt herein. Ich kann die
beiden Regulatoren nicht gut allein lassen!«
    »Regulatoren habt Ihr da drinnen?« frug der Reiter scheinbar erschrocken.
    »Es sind Gäste, die bloss hier übernachten,« beruhigte ihn Atkins - »aber Ihr
müsst wahrhaftig warten, bis das Wetter vorüber ist - es wird augenblicklich
losprasseln. Wenn die Pferde im Bach stehen, schadet's auch nichts; Fährten
sollen sie doch nicht finden.«
    »Im Bach?« sagte der Fremde, »sie stehen aber nicht im Bach. Ich habe sie
oben an der Feldecke.«
    »Ei, so hol' Euch der Henker; warum brachtet Ihr sie denn nicht auf den
alten Platz?«
    »Es ist das erste Mal, dass ich hier bin.«
    »Ja, dann nehmen wir sie doch lieber gleich herein,« rief Atkins ärgerlich -
»da oben an der Fenzecke möchte ich nicht gern morgen früh Pferdehufspuren haben
- der Halbindianer ist noch in der Nähe. Geht Ihr also mit ihm bis an die
hintere Tür, Weston, ich will erst einen Augenblick in's Haus treten und komme
gleich nach.«
    »Entschuldigt, Gentlemen,« sagte er dann zu den beiden Regulatoren, als er
wieder in's Zimmer kam und die Tür hinter sich zuzog; »es ist ein Fremder
gekommen, der sehr eigen zu sein scheint und sein Pferd selbst unter Dach und
Fach bringen will. Er wird gleich hereinkommen. Aber hallo - da bricht das
Wetter los - nun wahrhaftig, das tobt nicht übel. - Der Blitz leuchtet ja, dass
man sein Augenlicht kaum wiederfinden kann.«
    »Sonderbar, wie hell er macht,« sagte Curtis, durch ein kleines, in die Wand
gehauenes Fenster schauend - »bei einem solchen Blitz kann man die ganzen Felder
mit einem Blick übersehen.«
    »Wollen Sie sich nicht an den Kamin setzen, Gentlemen?« bemerkte Atkins
etwas unruhig - »es zieht dort, und hier ist's behaglicher.«
    »Warum nicht,« rief Cook - den Stuhl hinanschiebend, während er sich
niedersetzte und die Füsse oben unter das Kaminbrett schob - »kommt, Curtis -
lasst das Wetter draussen brummen und dankt Gott, dass Ihr Eure eigene Haut trocken
wisst.«
    »Dafür bin ich auch dankbar,« lachte Curtis, indem er eine Flasche aus der
Satteltasche nahm, »und damit Ihr seht, wie ich es zu würdigen weiss, so wollen
wir gleich einmal auf den Schreck trinken. - Wo wollt Ihr denn hin, Atkins?«
    »Ich muss auf einen Augenblick hinüber zu meiner Frau, die Weiber fürchten
sich am Ende, wenn sie so allein sind. Ich bin gleich wieder hier.«
    Er schlüpfte schnell aus der Tür und drückte sie zurück in's Schloss - das
heisst in die hölzerne Klinke, welche die Stelle des Schlosses versah, und einige
Secunden lang blieben die beiden Regulatoren noch laut- und regungslos auf ihren
Stühlen sitzen. Dann aber sprang Cook in die Höhe und flüsterte leise:
    »Curtis - mir fängt das Herz merkwürdig an zu klopfen - was das für eine
Nacht ist - die Blitze riechen ordentlich nach Schwefel. Nun, die im Schilfbruch
draussen werden gehörig eingeweicht.«
    »Das lässt sich nicht ändern,« erwiderte Curtis, überall im Zimmer
umherblickend - »also da liegen zwei Büchsen - über jeder Türe eine - das ist
vorsichtig. Das Beste wird sein, wir machen sie unschädlich. Wir werden sie
nicht gebrauchen, und Atkins könnte am Ende doch Schaden damit anrichten.« dabei
stieg er auf einen Stuhl und nahm erst die eine und nachher auf der andern Seite
auch die zweite herunter. »Wahrhaftig, beide geladen; - puh - hier auf der liegt
Staub. Nun, ich denke, wir blasen ihm das Pulver ein wenig von der Pfanne. Zum
frisch Aufschütten bekommt er doch keine Zeit. Sonst noch Waffen?«
    »Ich sehe weiter keine,« sagte Cook, überall im Zimmer umhersuchend - »er
müsste sie denn versteckt haben -«
    »Visitirt einmal das Bett - unten - ist da nichts?«
    »Nein - fühle nichts - aber - ja hier - wahrhaftig - zwei Pistolen. Oh,
nicht übel, recht hübsch bei der Hand, wenn Not an den Mann geht. Nun warte,
Schelm, Dir wollen wir den Spass ebenfalls verderben - so - ihr seid auch
besorgt. Jetzt möchte ich sehen, welches von den vier Schiesseisen am ersten
losginge.«
    »Seht Euch lieber mit den Pistolen vor - sie feuern manchmal doch, und ein
einzelner Funke -«
    »Ich habe ein wenig Tabakssaft hineingesprjetzt - tut das bei den Büchsen
lieber auch; - und wenn er die Federn abschnappt, fangen tät' keine.«
    »Mich sollte es gar nicht wundern, wenn der Sturm das Dach vom Hause risse -
hörtet Ihr eben den Baum stürzen? Alle Wetter, mir fängt es an unheimlich zu
werden; ich wollte doch, wir hätten eine ruhigere Zeit abgepasst.«
    »Das Herz klopft mir wie ein Schmiedehammer,« sagte Cook - schnell im Zimmer
auf- und abgehend - »wir werden den Pfiff durch das Toben draussen gar nicht
hören.«
    »Das bleibt sich ziemlich gleich; unsern Posten dürfen wir doch nicht
verlassen - aber - ich wollte, ich könnte etwas sehen. 's ist fatal, so ganz in
der Irre und Ungewissheit herumzutappen, wenn man indessen draussen eine Rotte
tüchtiger Burschen im Hinterhalt weiss. Es kommt mir gerade so vor, als ob man
Nachts im Walde lagert, hört etwas rauschen und weiss nicht, wo und was es ist.«
    »Oder in einer weiten Höhle mit der Kienfackel, und man hört den Bären
winseln - und kann nicht herausbekommen, auf welcher Seite er steckt. Ich - das
muss eingeschlagen haben, Blitz und Donner waren ja fast zusammen! - Ich bin
einmal in dem Falle gewesen -«
    »Hörtet Ihr nichts?«
    »Nein - was soll man denn vor dem Toben draussen hören! - Der arme Stevenson
dauert mich nur, und sein Junge - na, die werden an Arkansas denken -«
    »Ist denn der Kanadienser mit bei denen im Schilfbruch, oder haben sie ihn
in den Wald postirt?«
    »Ei bewahre - der ist mit bei den Angreifern, und ein tüchtiger Bursche
dazu. - Horcht - war das nichts?«
    »Ich habe nichts gehört. - Was nur die Frauen drüben dazu sagen werden?«
    »Mich dauert's, dass das Kind gerade trank sein muss.«
    »Das lässt sich nicht ändern, warum - bei Gott, das war der Pfiff - jetzt,
Cook, aufgepasst - der Tanz beginnt -«
    »Kommt schnell,« flüsterte Atkins den draussen an der Fenz seiner harrenden
Männern zu - »haben wir es erst einmal hinter uns, ist's so viel besser, denn
das Wetter vernichtet jede Spur - aber straf' mich Gott, wenn es nicht zu arg
ist, in solchem Regen draussen zu sein. Jones sagte mir doch, Ihr kämet erst in
acht Tagen -«
    »Oh zum Donnerwetter, spart Euer Geschwätz, bis wir im Trocknen sind,«
brummte, sich mürrisch stellend, der Alte - »ist das ein Wetter zur
Unterhaltung? Ich habe weiter nichts dabei zu tun, als die Tiere abzuliefern,
und wollte zu Gott, ich hätte es einem Andern überlassen. Solchem Regensturm den
Rücken hinzuhalten, könnte Einem den Tod geben.«
    »Wo stehen die Pferde?«
    »Da oben an der Ecke irgendwo - mein Junge ist bei ihnen, heisst das, wenn's
den armen Burschen nicht heruntergewaschen hat.« Er schob bei diesen Worten den
Finger zwischen die Zähne und pfiff leise, aber scharf.
    »Was zum Teufel macht Ihr?« frug Atkins erschrocken.
    »Hört Ihr's? Da drüben antwortete er,« sagte der Alte, »er lebt wahrhaftig
noch. Wo habt Ihr den Eingang?«
    »Gleich da oben - Ihr seid nicht weit davon entfernt, wenn Ihr aber wieder
kommt, so reitet etwa hundert Schritt weiter aufwärts in den Bach hinein. Seht
Ihr dort!«
    »Sehen? jetzt bitt' ich Einen um Gottes willen, sehen, bei solchem Wetter
sehen; keine Hand vor Augen, ausgenommen wenn's blitzt. Doch da ist der Junge -
he, Ned - komm hierher; lebst Du noch?«
    »Ja, Vater,« flüsterte der junge Mann - »es ist aber ein entsetzliches
Wetter. Mir graust's.«
    »Unsinn - werden schon wieder trocken werden - komm, folge uns. Haben die
Tiere ruhig gestanden?«
    »So ziemlich - nur der Rappe scheute bei den Blitzen.«
    »Natürlich, welches Vieh soll denn dabei auch ruhig stehen - aber was macht
Ihr? Legt Ihr die Fenz nieder?«
    »Ja,« sagte Atkins, - »ich habe mit Willen hier oben keine Tür - sondern
Futtertröge in der Ecke angebracht. Es sind zu viel Spione in der Nachbarschaft,
und das mindeste Auffallende erregt gleich Verdacht. - - So - hier kommt herein.
- Nehmt Euch in Acht, dort liegen noch abgehauene Stämme. Ah - der Blitz kam
apropos!«
    »Ist denn der Platz, wo Ihr die Pferde lasst, weit von hier?«
    »Keine hundert Schritt mehr - Pest, das war ein Schlag! - Lasst die Fenz nur
liegen, bis wir wieder zurückkommen; jetzt läuft keins von den Tieren fort -
sie stehen alle unter dem Schuppen - so - nur mir nach - dies ist der Platz.«
    In demselben Augenblick erhellte wiederum ein greller Blitz den ganzen sie
umgebenden Raum, und Stevenson sah, dass sie an einer Fenz standen, über die von
der andern Seite abgenagtes Schilf herüberging.
    »Wartet einen Augenblick,« sagte Atkins jetzt schnell, »ich schiebe nur die
Fenzriegel und die unteren Stämme weg - es wird gleich Luft werden. - So, nun
hinunter mit den Tieren, dort sucht sie Keins, und dann in's Haus - ein warmer
Schluck - Höll' und Teufel, was macht Ihr? - Verrat! -«
    Er hatte aber wohl Ursache, überrascht zu sein, denn kaum war der Eingang zu
dem geheimen Versteck geöffnet, als Stevenson einen lauten schrillen Pfiff
ertönen liess. Im nächsten Augenblick erleuchtete ein greller Strahl den Platz
mit Tageshelle. Atkins, von dem Schein halb geblendet, sah eine Masse dunkler
Gestalten herbeistürmen, und während der Donner in mächtigen Schlägen
schmetternd und krachend am Firmamente hindröhnte, fühlte er, wie der kräftige
Tennesseer die Hand nach ihm ausstreckte und ihn am Kragen erfassen wollte.
    Hier jedoch kam die Dunkelheit dem mit Grund und Boden genau Vertrauten sehr
zu statten, denn wie eine Schlange glitt er unter der drohenden Faust hinweg.
Stevenson erfasste statt seiner den Sohn, der ebenfalls herbeigesprungen war, den
Verbrecher zu halten; ein zweiter Blitz verriet ihnen aber die fliehende
Gestalt des Hehlers, und auch Weston, den die erste Ueberraschung fast gelähmt
hatte, floh der Stelle zu, auf der sie eben die Umzäunung betreten.
    Der Platz war übrigens besetzt, und fast wäre er zwei anderen Männern in die
Hände gesprungen, denen er gerade entgegenlief, als wieder ein Blitz ihm die
neue Gefahr verriet. Schnell wandte er sich und suchte über die Fenz zu
entkommen. Da hörte er auch hier das Zeichen der Verfolger und sah nun, dass dies
keine plötzliche, zufällige Entdeckung, sondern ein verabredeter Ueberfall sei,
sah jeden Rettungsweg abgeschnitten, und hoffte nur noch, durch das Haus, oder
am Haus und Rauchhaus vorbei den schmalen, fast stets von den Hunden
eingenommenen Raum offen zu finden. Dort konnte er möglicher Weise den Wald und
mit diesem wenigstens augenblickliche Sicherheit gewinnen.
    Eben aber, als er in die Porch sprang und zwischen den Gebäuden hindurch
wollte, hörte er in der Stube zu seiner Rechten wildes Ringen und Fluchen - vor
sich die laute Stimme der zusammenrückenden Feinde, im Rücken die Verfolger, und
stürzte sich nun in Angst und Verzweiflung in das Gemach der Frauen, die mit
einem Schrei des Entsetzens von ihren Sitzen in die Höhe fuhren.
 
                                      31.
                  Die Damengesellschaft. - Die Ueberraschung.
»Oh, Madame Mullins, ich möchte Sie bitten, mir noch eine Tasse Kaffee
einzuschenken,« sagte die Wittwe Fulweal, als sie das ängstlich stöhnende Kind
eben wieder aus der Hängematte genommen hatte und damit im Zimmer auf und ab
lief. »Wie ihm das kleine Köpfchen glüht,« rief sie dann, den Kleinen so dicht
an's Licht haltend, dass er das fieberheisse Gesichtchen ängstlich verzog und eben
in einen neuen Schmerzensschrei ausbrechen wollte.
    »Was kriegt denn das Kind hier für blaue Fleckchen?« sagte Madame Bowitt,
sich zu ihm niederbeugend.
    »Wo? wo?« schrie die Mutter entsetzt - »was ist mit den blauen Flecken? Sind
die gefährlich? Ach Gott, das Kind stirbt mir!«
    »Unsinn,« sagte Mrs. Fulweal - »blaue Flecken - ich möchte wissen, wo blaue
Flecken sein sollten. Was weiss denn Madame Bowitt von Kinderkrankheiten; das
dritte, das ihr starb, war kaum sechs Monate alt, und alle drei sind keine acht
Tage krank gewesen.«
    »Die blauen Flecken sollen, wie mir einmal ein fremder Doctor versichert hat
- ein sehr böses Zeichen sein,« piepte die jüngste Miss Heifer - »Bruder George's
Mädchen bekam sie, und es fehlte nicht viel, so wäre es dieselbe Nacht
gestorben; so aber lebte es doch noch bis zum nächsten Morgen.«
    »Bekommt denn das Kind wirklich blaue Flecken?« klagte Mrs. Atkins in
Todesangst - »ist es denn schon so weit? Muss es denn wirklich sterben?«
    »Oh bewahre,« sagte Mrs. Hostler, »so - gefährlich ist es gar nicht - die
blauen Flecken machen nichts. - Wenn es nur nicht das Pfeifen beim Husten hätte
- mein armes, kleines Mädchen, das im vorigen Monate starb, keuchte ebenso.«
    Die Mutter setzte sich in trostlosem Jammer auf das eine Bett und rang die
Hände.
    »Ladies!« nahm Mrs. Kowles das Wort. Sie hatte bis zu diesem Augenblick
schweigend ihre Pfeife geraucht und klopfte jetzt die Asche auf dem einen
Herdstein aus, der den ungeheuren Vorderklotz im Kamin trug - »ich sehe wirklich
nicht ein, warum Sie die arme Mutter so ängstigen. - Herr Jesus, der Blitz - ist
mir's doch in alle Nerven gefahren! - Weder blaue Flecken noch Keuchen und
Pfeifen sind so sichere -«
    Sie musste aufhören zu reden, denn der rollende Donner übertäubte wohl eine
Minute lang selbst das Schreien des Kindes - »sichere Anzeichen,« fuhr sie
endlich, als sich der Sturm legte, in ihrer Rede fort - »dass man bei ihnen immer
nur auf Tod zu zählen hätte. Bewahre, ich weiss selbst zwei Fälle, wo die Kinder
beide davon kamen, das heisst, das eine wurde blind, und das andere biss ein
toller Hund, da waren aber die Flecken nicht daran schuld. Wozu sich ängstigen,
wenn noch keine Gefahr da ist?«
    »So glauben Sie, dass mein Kind wieder genesen kann?«
    »Warum denn nicht? Es hat genug Medicin genommen, um sechs Kinder gesund zu
machen, und wenn es nicht so gelb in den Augen aussähe -«
    »Gelb in den Augen?« frug die auf's Neue gequälte Mutter, indem sie mit dem
Lichte zu dem Kinde stürzte - »und was bedeutet das? Madame Fulweal - Sie haben
doch Erfahrung; glauben Sie, dass -« sie wagte nicht den Satz zu vollenden,
sondern barg ihr Gesicht in den Händen und lispelte leise: »Das habe ich
verdient - an Ellen verdient - verdient durch mein Mitwissen -« Erschrocken fuhr
sie empor, ob Niemand die verräterischen Laute gehört habe, und sank erst dann
wieder in ihre vorige Stellung zurück.
    Da schmetterte jener schon zweimal erwähnte furchtbare Schlag über den
Wipfeln des rauschenden und zitternden Waldes dahin, und die Frauen fuhren
entsetzt vor dem zürnenden Sturmgott zusammen, der an den Grundvesten der Erde
rüttelte.
    Mrs. Atkins war emporgesprungen und horchte aufmerksam nach aussen hin.
    »Rief nicht da draussen Jemand?« frug sie, bleich und erschrocken ihr Ohr an
die Spalten der Hütte haltend.
    »Ih Gott bewahre,« brummte Mrs. Fulweal, »wer sollte in solchem Wetter
draussen sein - ja - was ich sagen wollte - Jesus im Himmel!«
    Mit ihr sprangen alle Frauen entsetzt und geängstigt in die Höhe, denn auf
flog die Tür und herein stürzte - Todesfurcht und Grauen im Blick, mit
fliegenden, nassen Haaren und stieren Augen, der junge Weston - während er mit
von Furcht erstickter Stimme schrie:
    »Verbergt mich, oder ich bin verloren!« Dann brach er, schon halb bewusstlos,
aber noch mit einem gewissen Instinct den sichersten und verstecktesten Winkel
der Stube in einem Sprunge erreichend, hinter dem Bett, das ziemlich die eine
Ecke ausfüllte, zusammen.
    »Um Gottes willen - Weston - was ist vorgefallen?« hauchte in Todesangst
Mrs. Atkins. Jener behielt aber keine Zeit zum Antworten, denn in diesem
Augenblick schon sprang die dunkle Gestalt des Halbindianers in die offene Tür,
und mit rauher Stimme rief er aus:
    »Hier herein muss er sein - wo ist er?«
    »Wo ist wer?« sagte Madame Fulweal, die, mit Cotton und Weston vertraut,
halb und halb begriff, was geschehen, und also auch am ersten ihre
Geistesgegenwart wieder gewonnen hatte. »Wo ist wer? Ist das eine Manier, in
fremder Leute Häuser zu kommen, und noch dazu in ein Zimmer, wo Ladies und
Kranke sind? - Wo ist wer? was steht der Herr da und gafft - der Wind bläst das
Licht aus - drüben wohnen die Leute!« und ohne weiter den verdutzten und durch
diese trotzige Bewegung überraschten Kanadienser weiter zu Worte kommen zu
lassen, schob sie ihn von der Tür zurück und warf diese in's Schloss.
    »So!« sagte sie, als sie den kleinen eisernen Riegel vorschob, der an dieser
Tür - ein wahrer Luxusartikel in Arkansas - angebracht war - »nun wollen wir
einmal unsern Gefangenen betrachten.«
    Indessen hatten aber auch die übrigen Frauen, Mrs. Atkins ausgenommen, ihre
Besinnung und Zungen wieder erlangt, und ein solches Durcheinander-Rufen und-
Fragen begann jetzt, dass selbst das kranke Kind erschrocken und geängstigt das
Köpfchen hob. Beim Ausbruch der Verwirrung war es wieder in seine Hängematte
gelegt worden und schwieg einen Augenblick erschreckt still. Dann aber warf es
sich wieder auf sein Kissen zurück und hob ein solches Zeter-Mordio an, dass es
sich Mrs. Fulweal als eine besondere Gnade vom Himmel erbat, dieses unermüdliche
Kind einmal zum Schweigen gebracht zu sehen.
    »Was ist hier vorgefallen? wer ist der Mann? was hat er verbrochen? wem
gehörte das dunkle Gesicht? woher kam der nasse Mensch auf einmal? sollen wir
ihn verbergen, oder wird noch einmal nach ihm gefragt werden?« Das Alles
schwirrte und schwamm in einem wahren Chaos von Tönen durcheinander, dass die
einzelnen Damen kaum die Fragen hören konnten, die sie selbst stellten. Da fasste
etwas an die Klinke, und gleich darauf pochte Jemand von aussen an die Tür.
    »Wer ist noch so spät da draussen, und was wollen Sie?« frug die Wittwe
Fulweal, sich wiederum das Sprecheramt zueignend, das ihr die Andern gern
überliessen; »wissen Sie nicht, dass hier ein krankes Kind liegt?«
    »Ladies - Sie werden mir eine Frage erlauben,« sagte die Stimme, die Mrs.
Atkins mit Entsetzen als die Brown's erkannte - »hat sich ein junger Mann in
dieses Zimmer geflüchtet?«
    Mrs. Fulweal sah, ehe sie antwortete, ihre Mitverschworenen im Kreise an.
Bei denen hatte aber auch schon zu Gunsten Weston's das weiche weibliche Herz -
das Mitleiden - gesiegt, und was er auch verbrochen hatte (sie waren übrigens
sämmtlich fest entschlossen, das herauszubekommen), ausliefern wollten sie ihn
nicht. Ein allgemeines Kopfschütteln antwortete dem Blick, und Wittwe Fulweal,
als Dolmetscher der Festung, übernahm die Verteidigung. Um aber nicht geradezu
eine bestimmte Lüge auszusprechen, hielt sie es für zweckmässiger, die Beleidigte
und Gekränkte zu spielen, und rief daher mit ihrer etwas scharfen und
schneidenden Stimme sehr empört und indignirt aus:
    »Nun, jetzt wird's mich wundern, was Sie sonst noch hier suchen wollen? Zu
Narrenspossen ist's doch wahrhaftig mitten in der Nacht und bei einem solchen
Wetter keine Zeit. - Wir sind im Begriff schlafen zu gehen, und wünschen
ungestört zu sein - good night, Sir!«
    Damit war die Verhandlung abgebrochen und der Frager schien befriedigt. Er
hatte wenigstens jeden weiteren Versuch, etwas Näheres über die Sache zu
erfahren, aufgegeben und die Tür verlassen. Mehrere Minuten lang lauschten nun
Mrs. Fulweal und alle die Uebrigen, klopfenden und ängstlich schlagenden
Herzens, an der Tür. Kein Laut liess sich aber weiter hören - Alles war still
und ruhig wie das Grab, und auf den Zehen wollte jetzt die Wittwe zu dem noch
immer regungslos hinter dem Bette kauernden Flüchtling schleichen, als ihre
Aufmerksamkeit, wie die der sämmtlichen übrigen Frauen, auf Mrs. Atkins gelenkt
wurde. Diese hielt sich nämlich krampfhaft an der Lehne ihres Stuhles fest und
tat augenscheinlich Alles, was in ihren Kräften stand, den auf sie
eindrängenden Gefühlen nicht zu erliegen. Nach kurzem Kampf aber verliess sie das
Bewusstsein, und sie wäre zu Boden gestürzt, hätten die Frauen sie nicht in ihren
Armen aufgefangen.
    Das ganze Schreckliche ihrer Lage war in dem einen Moment, als sie die
Stimme des Regulatorenführers erkannte, auf sie eingestürmt, und das Schlimmste
fürchtend, da sie wusste, ihr Mann hatte das Schlimmste verdient, brach ihr so
schon durch Nachtwache und Angst geschwächter Körper unter dem Schmerz und
Bangen zusammen. -
    In dem andern Zimmer ging es indessen nicht weniger wild und unruhig her.
Kaum hatte Curtis dem Freunde die Warnung zugerufen und beide Männer ihre Posten
an den zwei verschiedenen Türen eingenommen, als ein Sprung auf den hohlen
Dielenboden in der Verbindungs-Porch der beiden Häuser gehört wurde und auch
fast in demselben Augenblick Atkins mit wild blitzenden Augen und fliegenden
Haaren hereingestürzt kam. Er war überzeugt, dass die Männer mit zum Complot
gehörten, wusste aber auch, dass er ohne Waffen im Walde rettungslos verloren sei,
und die musste er sich jetzt, und wenn es mit Gefahr seines eigenen Lebens
geschehen sollte, verschaffen. Auf die erste Ueberraschung daher am meisten
zählend, riss er mit kräftiger Hand die Tür auf und sprang in das Zimmer.
    Hier aber übersah er schnell genug, dass seine Büchsen in der Gewalt der
Feinde seien, das Bett war jedoch nicht besetzt, und mit einem Triumphruf flog
er diesem zu, riss die Pistolen hervor und drängte, die gespannte Waffe auf Cook
gerichtet, gegen die Tür zurück, die ihm dieser verstellt hatte. Vielleicht
wollte er ihn nur zum Weichen bringen, da der Regulator aber ruhig seinen Stand
behauptete, drückte er ab, das fremde Leben natürlich dem seinigen opfernd.
    Schrecklicher - entsetzlicher Klang für Den, der seine ganze Lebenshoffnung,
sein Alles auf dich gesetzt hat, machtloses Schloss, wenn du mit mattem,
bleiernem Schlag gegen den Stahl triffst; - erschlafft sinkt die Hand und vermag
selbst die treulose Waffe nicht mehr zu halten. - Vorbei - das war die letzte
Hoffnung - vorbei.
    Atkins schaute wild nach der Tür, durch die er eingetreten, aber in
demselben Moment brachen dorterein seine Verfolger, Cook und Curtis warfen sich
ihm entgegen und umwanden seine jetzt widerstandslosen Glieder mit festen
Seilen.
    »Wo ist der Andere?« frug Brown, die Tür zurückstossend - »weiss ihn Jemand?«
    »Drüben in's Haus sprang er,« erwiderte der Kanadienser. »Ich hab' es mit
eigenen Augen gesehen - sie wollten ihn aber nicht herausgeben.«
    »So will ich selbst versuchen, ob sie auch mir den Eintritt verweigern,«
erwiderte der Regulatorenführer und trat an die gegenüberliegende Tür. Wir
kennen jedoch den Erfolg, und ohne weiter Zeit und Mühe zu verlieren, traf er
augenblicklich die sichersten Massregeln, den Flüchtling zu erfassen, sobald er
versuchen würde, in den Wald zu entfliehen.
    »Gentlemen,« wandte er sich zu diesem Zweck an die Freunde, - »jener Bursche
darf uns nicht entgehen; zu der Bande gehört er auf jeden Fall, und wer weiss, ob
er nicht einer der Mörder war, oder in wie weit er mit in die hier vorgefallenen
Verbrechen verwickelt ist. - Wir müssen also das Haus umzingeln - aber leise,
dass wir ihn zu dem Glauben veranlassen, der Weg sei sicher. Hat man den Mulatten
erfasst?«
    »Nein,« sagte Bowitt - »der Schuft muss mitten durch den Wald geschlüpft
sein, sonst hätte er uns nicht entgehen können.«
    »Bös - bös!« murmelte Brown - »der wird Lärm machen; das lässt sich aber
nicht mehr ändern. Wir haben das Nest jener Schufte, ihren sichern Schlupfwinkel
aufgestört; von nun an müssen wir uns auf unser gutes Glück verlassen. Also,
Gentlemen, auf Ihre Posten - der Regen hat nachgelassen, und der Wind draussen
wird uns bald wieder abtrocknen. Nehmt den Gefangenen zum Feuer, Cook - er ist
ebenfalls nass.«
    »Gut,« sagte Cook - mit Curtis' Hülfe dem Befehle Folge leistend, »dann lasst
uns zwei Trockne aber mit Wachtdienste tun, und Stevenson mag mit seinem Jungen
hier beim Feuer auf den Gefangenen Acht geben. Wir sind den Beiden schon so
viele Verbindlichkeiten schuldig und wollen sie doch nicht gern krank sehen.«
    »Nicht mehr als billig,« erwiderte Brown; »aber wo stecken sie?«
    Die beiden Stevensons traten eben in die Tür und wurden bald mit ihrer
neuen, diesmal bequemeren, wenigstens trockneren Pflicht bekannt gemacht. Die
anderen Männer begaben sich dann auf ihre Posten, und Brown, der noch über
irgend etwas leise mit dem älteren Stevenson gesprochen hatte, wollte ihnen eben
folgen, als er fast erschrocken von der Tür zurückfuhr, denn in dieser stand
mit nassen herunterhängenden Haaren, mit wildglühendem Blick und stolzer,
finsterer Haltung - der Indianer.
    »Assowaum!« rief Brown freudig überrascht - »kommst Du endlich? Wir haben
indessen für Dich gearbeitet.«
    »Es ist gut so - aber - weshalb ergriffet Ihr den da?« sagte der Indianer
leise, die Hand, in der er einen Bogen und mehrere Pfeile hielt gegen Atkins
hebend.
    »Er war der Hehler der Verbündeten; doch Du sollst Alles erfahren. - Kehrst
Du erst jetzt zurück?«
    »Nein - ich habe einen Gefangenen.«
    »Wen? Und wo?«
    »Johnson - draussen im Walde.«
    »Weisst Du ihn schuldig?«
    »Er ahnte einen Panter auf seiner Fährte und fürchtete dessen Fänge. Kennst
Du diese Waffen? Die Pfeile sind vergiftet. Mit ihnen schlich er zum Lager
Assowaum's und wollte ihn tödten.«
    »Die Pest über ihn! - Du hast ihn doch gebunden?«
    »Ja.«
    »Und er kann nicht entfliehen?«
    Assowaum lächelte und flüsterte leise:
    »Wen Assowaum bindet, der rührt sich nicht.«
    »Wo aber warst Du so lange? Es gab hier Leute, die da behaupteten, Du seist
geflohen!«
    »Du warst nicht unter Denen,« erwiderte der Wilde. »Aber glaubt mein Bruder,
dass ich in dieser Zeit müssig gewesen? - Ich kenne die Mörder Heatcott's.«
    »Du kennst sie? - wer, wer war es? Sprich!« rief Brown in wilder Freude.
    »Johnson und - Rowson!« sagte leise der Indianer.
    »Rowson - allmächtiger Gott - das ist nicht möglich!« schrie Brown entsetzt
- »das ist - das wäre entsetzlich - Rowson ein - Mörder.«
    »Johnson und Rowson,« wiederholte Assowaum eben so leise, aber eben so
bestimmt. »Der blasse Mann hatte ebenfalls Teil an dem Pferdediebstahl.«
    »Mensch, bist Du dessen gewiss?« stöhnte Brown, noch immer nicht im Stande,
den schrecklichen Gedanken zu fassen, Marion in den Händen eines Verräters zu
wissen, »hast Du wirklich Beweise für solch' entsetzliche Anklage?«
    »Der blasse Mann war bei dem Pferdediebstahl, ich weiss es, und neben dem
Blute des weissen Mannes stand sein Fuss.«
    »Gerechter Gott - Assowaum - weisst Du, wen Du beschuldigst?«
    »Den Metodisten,« sagte der Indianer finster. »Vielleicht zertrat er auch
die Blume der Prairien; doch umkreiste Assowaum bis jetzt umsonst das Lager.
Aber er erschlug den weissen Mann; seit vier Tagen weiss ich es.«
    »Und weshalb schwiegst Du?«
    »Wenn die weissen Männer den Verbrecher des einen Mordes für schuldig
fanden,« lächelte Assowaum mit wildem, fast geisterhaftem Blick, »dann kehrten
sie sich nicht an den andern - sie hingen ihn, und Assowaum hätte seine eigene
Rache in den Händen Anderer gesehen. Assowaum aber ist ein Mann - er will sich
selbst rächen!«
    »Wo aber hast Du Deinen Gefangenen?«
    »Draussen im Walde; er glaubte einen Häuptling schlafend zu finden. Hat mein
Bruder schon einen Panter gesehen, der die Augen schloss?«
    »So wollen wir ihn - was ist das? Schon zum dritten Mal tönte der Eulenruf
von da herüber, und immer in einer andern Richtung - sollte das ein Zeichen
sein?«
    Der Indianer horchte - wiederum klang der monotone Ruf des menschen- und
lichtscheuen Nachtvogels zu ihnen herüber - dreimal - in langsam abgemessenen
Pausen, und dreimal, in demselben Zeitmass, antwortete ihm der rote Sohn der
Wälder. Aber drüben im Dickicht verstummte von jetzt an der Ruf und wurde nicht
weiter gehört.
    »Es war eine Eule,« sagte Brown, noch hinaushorchend in die stille Nacht.
    »Vielleicht,« erwiderte sinnend der Indianer - »vielleicht auch nicht. - Der
Mann da wird das Zeichen wohl kennen.«
    Atkins, dem diese Bezeichnung galt, hatte ängstlich verstohlene Blicke nach
der Tür geworfen und war, als Assowaum dem Ruf antwortete, wie erschrocken
emporgefahren. Jetzt aber, als Alles schwieg und der falsche Lockton nicht
weiter beantwortet wurde, durchzuckte ein trotzig höhnisches Lächeln seine
dunkeln Züge, und ohne weiter ein Zeichen von Teilnahme zu verraten, kauerte
er wieder an der wärmenden Glut nieder. Er beantwortete aber auch keine einzige
der von Brown an ihn gerichteten Fragen und wandte diesem sowohl, als dem Manne,
der ihn zuerst verraten und jetzt sein Wächter war, in zorniger Verachtung den
Rücken.
    Der Indianer hatte indessen in Begleitung mehrerer Regulatoren die Hütte
wieder verlassen, und tiefes Schweigen herrschte wohl eine halbe Stunde lang,
als auf einmal ein wilder Angstschrei an dem hintern Teil der Fenz, da, wo
diese an den Wald stiess, gehört wurde. Gleich darauf brachten Wilson und Bowitt
den gefangenen Weston, der in die Falle gegangen war und seine Flucht versucht
hatte, herein.
    Nicht viel später erschien auch Assowaum mit zweien der Regulatoren, die den
bleichen und scheu die Augen niederschlagenden Johnson in die Stube stiessen, wo
er sich plötzlich seinem grimmigsten Feinde, dem wilden Husfield gegenüber sah.
    »Also doch - Sir?« frug dieser, ihn erstaunt von Kopf bis zu Füssen
betrachtend - »doch mit bei der Bande, und wie es scheint in gar verzweifelter
Situation? Wer hat den Menschen gefangen?«
    »Der Indianer,« sagte Cook, auf ihn deutend.
    »Ha, Assowaum!« rief Husfield, diesen erst jetzt erkennend - »das ist brav,
dass Du wieder da bist und noch dazu solche Beweise Deines guten Willens
mitgebracht hast. Verdamm' mich - Assowaum, wenn ich weiss, was ich Dir dafür
Liebes und Gutes erweisen soll - Pest - fünfhundert Dollar wären mir nicht so
lieb. Da, da hast Du meine silberbeschlagene Büchse - ich weiss, die Deinige
taugt nichts mehr - sie versagt immer und Du hast Dir schon lange ein gutes
Gewehr gewünscht. - Nimm sie, und möge sie Dir so gute Dienste leisten, wie sie
mir geleistet hat. Und Du, Geselle -« wandte er sich dann an den zitternden
Verbrecher - »Du sollst diesmal Deiner Strafe nicht entgehen. Als wir uns zum
letzten Mal sahen, warst Du verdammt trotzig; jetzt möchte sich das Blatt
gewendet haben. Seht nur, wie der Schuft zittert und bebt; die Knie können ihn
kaum noch tragen.«
    »Gift und Tod über Euch!« fluchte der Gefesselte, sich jetzt zum ersten Mal
trotzig emporraffend. »Ihr könnt mich hier fesseln und - lynchen - zum Teufel,
aber Ihr braucht mich nicht zu verhöhnen. Hunde Ihr - die Ihr Alle über Einen
herfallt.«
    Husfield wollte auffahren, Brown wehrte ihm aber und sagte:
    »Lasst ihn reden. - Er mag prahlen und schimpfen; dass wir aber ein Recht
haben, ihn gefangen zu halten, dafür ist uns der Indianer Bürge, den er heimlich
hat überfallen und morden wollen. Das ist die erste Anklage; das Uebrige kommt
nach. Sobald wir seine Genossen haben, wird das Gericht, unser Gericht nämlich -
das Weitere bestimmen. Jetzt gilt es vor allen Dingen, die zweite Höhle dieser
Halunken aufzufinden. Wer kennt den Weg?«
    »Ich!« sagte Assowaum; »aber glaubt mein Bruder, dass der Bär in sein Lager
zurückkehrt, wenn er die Fährten des Jägers am Eingange wittert? Das
Eulenzeichen galt den hier Wohnenden; wir wussten es nicht zu beantworten, und
jene Schufte wurden gewarnt - die Höhle ist leer.«
    »Du magst in der Tat Recht haben, Assowaum,« sagte Brown, »den Versuch
müssen wir aber machen, und von dort an sei unsere nächste Aufgabe, den - den
Zweiten zu finden, den Du für schuldig hältst. Noch ist es, dem Himmel sei Dank,
Zeit, aber ich kann mir das Entsetzliche nicht denken.«
    »Wer ist denn der andere Mann, von dem der Indianer sprach?« frug Stevenson
jetzt.
    »Sie sollen ihn morgen kennen lernen,« erwiderte, finster vor sich
niederstarrend, der junge Regulatorenführer - »aber - nicht wahr, Mr. Stevenson
-« fuhr er dann, wie aus einem Traum aufschreckend, fort - »nicht wahr, Sie
bleiben jetzt bei uns, bis wir die Sache zu Ende gebracht haben? Sie müssen doch
sehen, wie wir hier in Arkansas Recht und Gerechtigkeit üben -«
    »Ich bleibe da - versteht sich,« beteuerte der alte Farmer, mit kräftigem
Druck den dargebotenen Handschlag erwidernd.
    »Dann werden aber Ihre Frauen auch meine Wohnung wenigstens so lange als die
ihrige betrachten,« sagte Heinze, dem Alten ebenfalls die Hand reichend. »Wie
mir Cook gesagt hat, so lagern sie kaum eine viertel Meile von meinem Hause
entfernt, und da ich doch morgen früh einmal hinauf muss, will ich sie selbst
herüberholen. Wann ist unser Gericht?«
    »Am Montag Morgen.«
    »Und wo?«
    »Diesmal im freien Walde, dort, wo unterhalb Wiswill's Mühle der steile Fels
in den Fluss hineinragt. Oben auf dem Gipfel ist ein offener Platz und dortin
wollen wir die bis dahin gemachten Gefangenen transportiren.«
    »Wen sucht ihr noch?« frug Husfield.
    »Cotton und - Rowson!«
    »Rowson? Den Prediger? Den Metodisten?« riefen Alle erstaunt und überrascht
durcheinander.
    »Den Prediger und Metodisten,« erwiderte Brown leise.
    »Und wer ist sein Ankläger?« frug Mullins bestürzt.
    »Assowaum!« sagte der Regulatorenführer, auf den Indianer deutend, dessen
dunkle Gestalt ruhig am Kamin lehnte, während er mit nicht zuckenden Wimpern den
auf ihn gerichteten Blicken der Menge begegnete.
    »Er hat Blut an seiner Hand,« sagte er endlich leise nach kurzer Pause - »er
hat Blut in seiner Fährte, und die Wasser des Petite Jeanne - die Wasser des
Fourche la fave konnten es nicht verwischen.«
    »Und morgen will er des alten Roberts Tochter als sein Weib heimführen,«
rief Cook erstaunt - »es ist nicht möglich, der Indianer muss sich irren -«
    »Der fromme Rowson,« stöhnte Mullins, noch halb ungläubig, in stummem
Entsetzen.
    »Hier nützt kein Reden,« sagte Brown schnell entschlossen - »hier muss
gehandelt werden. Ist es ein blosser Verdacht, der auf dem Priester ruht, so
verlangt es sein eigener guter Ruf, dass er so schnell gehoben werde, als
möglich, denn auf seinem Stand darf kein Makel haften, wenn er nicht zehnfache
Verdammung auf das schuldige Haupt herabrufen will. Jetzt aber gilt's vor allen
Dingen, die Verbrecher einzufangen, die hier in der Nähe und also auch
wahrscheinlich schon gewarnt sind. Assowaum mag uns nach Johnson's Hause führen,
und von dort brechen wir zusammen nach Roberts' Wohnung auf, die wir noch früh
am Morgen erreichen müssen.«
    »Das ist auf jeden Fall ein Irrtum,« sagte Mullins, »der Indianer ist ja
auch nur ein Mensch, und -«
    »Wochenlang hat Assowaum den Fährten nachgespürt und sie gemessen und
verglichen,« erwiderte finster der Wilde; »so wahr jener Sturm die alten Bäume
schüttelt - der blasse Mann ist ein Verräter.«
    »Was nützen die Worte!« erwiderte Brown - »er ist beschuldigt und -«
    »Aber von wem?« unterbrach ihn ärgerlich Mullins - »der Indianer, der ihm
nie grün war, weil er Alapaha zum Christentum bekehrte, klagt ihn an. - Sollen
wir auf dessen Wort hin einen frommen, gottesfürchtigen Mann ergreifen und auf
den Tod beleidigen? Das geht auf keinen Fall. - Bringt erst Beweise, eher gebe
ich meine Zustimmung zu solch rascher Tat nicht.«
    »Stellt ihn mir gegenüber,« sagte der Indianer, indem er sich aus seiner
ruhenden Stellung stolz emporrichtete - »stellt ihn mir gegenüber, und wenn sein
Auge an dem meinigen haften kann - dann hängt mich. Sind die Männer zufrieden?«
    »Ja!« sagte Husfield ernst. »Ich sehe nicht ein, warum wir auf das Zeugnis
eines weissen Mannes mehr geben sollten, als auf das eines roten. Ich selbst
habe den Metodisten nie leiden können und würde mich gar nicht wundern, wenn
jetzt ein Wolf unter dem Lammfell steckte. Er ist so gut wie jeder Andere nur
ein Mensch, und dass er predigt, erwirbt ihm, in meinen Augen wenigstens, kein
besonderes Verdienst. Reinigt er sich vor Gericht von der Beschuldigung, desto
besser für ihn. Ich fürchte aber fast, der Indianer hat zu sichere Beweise, denn
sein Auftreten ist nicht gerade wie das eines Mannes, der auf blossen Verdacht
hin handelt. Führt uns an, Brown - jeder Augenblick, den wir noch versäumen, ist
nie wieder einzubringen. Führt uns an, und so möge Verdammnis und Strafe den
Schuldigen treffen, wie wir jetzt unser gutes Recht sichern und bewahren
wollen.«
    »Und was soll mit diesen Gefangenen geschehen?« frug Cook, auf Atkins,
Weston und Johnson deutend.
    »Am besten ist's, wir schaffen sie heute Nacht noch fort,« sagte Brown -
»das ganze Hans ist voller Frauen, Mrs. Atkins hat also Hülfe und Unterstützung.
Wo aber hin mit ihnen?«
    »Zu mir,« sagte Wilson - »Curneales wird sich, dess bin ich überzeugt, nicht
weigern, die Regulatoren mit ihren Gefangenen aufzunehmen und wir brauchen dann
nur für sichere Wacht zu sorgen.«
    »Die will ich halten!« rief Curtis, »ich werde Wohl noch Kameraden dazu
finden, und dass sie nicht entkommen sollen, dafür bürgt meine Büchse. Aber dann
brecht auch auf - es kann nicht mehr so weit bis zum Morgen sein, und ist Cotton
wirklich gewarnt, so möcht' es eine schwierige Aufgabe werden, ihn einzufangen.
Der ist mit allen Hunden gehetzt. Jetzt also vor allen Dingen eine Abteilung
mit den Gefangenen fort und die andere auf die Suche.«
    Schnell und geräuschlos wurden nun die hierzu nötigen Schritte getan, um
die Frauen nicht unnützer Weise noch mehr zu beunruhigen. Die drei Gefangenen
sahen sich in der nächsten Viertelstunde, von sechs schwerbewaffneten Männern
geleitet, auf dem Wege nach ihrem einstweiligen Gefängnis. Pelter und Hostler
blieben als Wachen in Atkins' Hause zurück, und die Uebrigen, von Assowaum
geführt, brachen nach der einsamen Hütte der Verbündeten auf, um dort noch wo
möglich den schon so lange Gesuchten zu erfassen, oder doch neue Beweise der
Schuld aller bis jetzt Eingebrachten und Gefangenen zu erhalten.
    Mitternacht lagerte über den Wäldern. Noch rauschten und brausten die
mächtigen Wipfel und schüttelten sich die kalten Schauer aus den grünen,
wehenden Locken; noch zuckten am fernen östlichen Horizont matte Blitze, und
leise - leise grollte und murmelte der ferne Donner hinterher. Da huschte
schnell und vorsichtig eine dunkle Gestalt über die Fenz, welche Johnson's
niedere Hütte umschloss. Es war Cotton - er glitt durch die offene Tür in den
innern Raum der Hütte, raffte dort, was er an Waffen und Kleidern besass,
zusammen, barg mehrere andere Sachen, die er dem Auge der Feinde wahrscheinlich
zu entziehen wünschte, in einen hohlen Baum unfern der Hütte, schleppte dann das
im Kamin durch ihn schnell wieder angefachte Feuer in eine Ecke der Stube unter
das Bett, warf einen flüchtigen, Abschied nehmenden Blick auf den Raum, der ihm
so lange Schutz gegen seine Verfolger gewährt hatte, murmelte noch einen bittern
Fluch zwischen den dünnen, bleichen Lippen hindurch und verschwand dann, schnell
und geräuschlos, wie er gekommen, im dichten, undurchdringlichen Schatten des
Waldes.
 
                                      32.
                                Die Kreuzeiche.
Die Kreuzeiche war ein bei den Jägern des Fourche la fave allgemein gekannter
Platz. Sie stand unfern vom Ufer eines kleinen Sees, am Rande einer der vielen
Slews oder Sumpfbäche, die die Niederung durchkreuzen, und nahe bei einem
dichten Rohrbruch, der im vorigen Jahre durch die Nachlässigkeit einiger Jäger
entzündet worden. Nur verdorrtes und halbverbranntes Schilf umgab jetzt noch den
Platz, zwischen dem das junge, maigrüne Rohr kaum erst wieder an einzelnen und
sehr zerstreut liegenden Stellen anfing sich Bahn zu brechen.
    Ein gewaltiger, hochstämmiger Persimonbaum aber, dessen Wipfel der Blitz
gespalten, hatte einen seiner Aeste in die auszweigende Hauptgabel des
Nachbarstammes, eben dieser Eiche, gelegt und auf solche Art ein rohes, aber
leicht erkennbares Kreuz gebildet.
    Cotton wie Rowson kannten den Platz genau, und besonders hatte der Letztere
an dieser Stelle oft Betversammlungen oder sogenannte Camp Meetings gehalten.
Cotton war übrigens heute der Erste am Platz und wohl schon eine Stunde vor der
ihm von Rowson bestimmten Zeit am steilen Ufer der Slew auf- und abgegangen. So
ungeduldige Blicke er aber nach der Seite hin warf, von welcher er den Freund
erwartete, so scheu und vorsichtig lauschte er bald nach dieser, bald nach jener
Himmelsrichtung hin, als ob er irgend eine Ueberraschung oder Gefahr befürchte,
und jedes fallende Blatt machte, dass er rasch und ängstlich den Kopf dortin
wandte.
    Da krachte ein dürrer Zweig, und schlangenartig glitt der Jäger hinter einen
umgestürzten Baumstamm, wo er, still und regungslos wie das Holz, das ihn
verbarg, liegen blieb. Es war aber der so ungeduldig Erwartete, und schnell
brach der Flüchtling wieder aus seinem Versteck hervor.
    »Endlich kommt Ihr,« rief er mürrisch - »seit einer Stunde stehe ich hier
Todesqualen aus, und -«
    »Ihr dürft Euch nicht beklagen, ich bin noch etwas vor der Zeit da. - Es
kann kaum halb nenn Uhr sein, und Ihr wisst, dass wir hier erst um neun Uhr
zusammentreffen wollten.«
    »Ja, um einander vielleicht nie wieder zu finden.«
    »Was ist vorgefallen?« frug Rowson erschrocken, denn erst jetzt fiel ihm das
bleiche, verstörte Antlitz des verbündeten Freundes auf. »Ihr seht aus, als ob
Ihr eine Todesnachricht brächtet. - Sind die Regulatoren -«
    »Ich wollte, beim Teufel, es wäre nur eine Todesnachricht« - knirschte,
zwischen den auf einander gebissenen Zähnen hindurch, der Jäger; »die Hunde von
Regulatoren haben auf irgend eine Art Wind bekommen lind Atkins' Haus
überrumpelt.«
    »Alle Wetter!« rief Rowson ängstlich - »und hat er gestanden?«
    »Ich war nicht neugierig genug, mich danach zu erkundigen,« brummte Cotton.
- »Auch Johnson muss in die Hände des verdammten Indianers gefallen sein, denn er
ging aus, ihn bei Seite zu schaffen, und - ist selbst nicht wiedergekehrt.«
    »Aber woher wisst Ihr, dass Atkins -«
    »Wie Johnson nicht wiederkam, ging ich aus, ihn zu suchen, fand aber keine
Spur von ihm und strich nun nach Atkins' Haus hinüber, um dem meine Befürchtung
mitzuteilen. Dort aber fiel mir schon die Unruhe auf, die in der Farm
herrschte. - Die Pferde galoppirten wild und scheu in der Einfriedigung umher,
und als ich an der Fenz bis zu dem geheimen Eingang hinschlich, fand ich diesen
offen. Hierdurch wurde mein Verdacht nur noch mehr bestärkt; ich wollte aber
dennoch einen Versuch machen, mich dem Hause zu nähern, und gab mehrere Male
hintereinander das bestimmte Zeichen -«
    »Nun?« frug Rowson rasch und gespannt.
    »Lange ward es nicht beantwortet,« fuhr der Jäger fort, »und endlich falsch
- nur dreimal. Jetzt wusste ich, dass Verrat hinter den scheinbar ruhigen Wänden
lauere. Leise umschlich ich nun eine Zeit lang die Farm, wäre aber doch bald,
trotz aller Vorsicht, in die Hände der Schufte gefallen, die sich dort herum
aufgestellt hatten. Als ich eben um die eine Ecke biegen wollte, sprangen eine
Menge dunkler Gestalten aus ihren bisherigen Verstecken hervor und warfen sich
auf einen Einzelnen, der, der Stimme nach, kein Anderer als Weston sein konnte.
Ihr könnt denken, wie ich jetzt Fersengeld gab. So schnell mich meine Füsse
trugen, floh ich zu Johnson's Hütte zurück, verbarg dort die für uns
wertvollsten Sachen in den hohlen Gumbaum, der nicht weit von dem Hause nach
dem Flusse zu liegt, nahm die Waffen und steckte das Nest in Brand. Euch zu
finden, war jetzt noch meine einzige Hoffnung.«
    »Aber was können wir tun?« frug Rowson, den stieren Blick angstvoll auf den
Kameraden geheftet. »Wenn uns nun die Gefangenen verraten? Wo ist Jones?«
    »Wahrscheinlich auch in den Händen der Regulatoren,« knirschte Cotton;
»jetzt wenigstens glaub' ich's, denn sonst wär' er zurückgekehrt.«
    »So müssen wir fliehen,« sagte Rowson - »da bleibt weiter kein Ausweg. -
Noch ist es Zeit.«
    »Aber wie? man wird uns verfolgen und einholen.«
    »Zu Pferde dürfen wir allerdings nicht fort,« erwiderte Rowson. »Jetzt, da
die kläffenden Hunde einmal munter sind, möchten wir sie nur zu bald auf den
Hacken haben, und nach dem Regen liessen wir zolltiefe Spuren zurück. Aber mein
Kahn ist uns sicher, der Fluss noch immer etwas hoch, und da uns auch von
Harper's Haus hellte keine Gefahr droht, können wir den Arkansas vielleicht
unentdeckt erreichen. Nachher hat es keine Not weiter. Bis morgen früh müssen
wir an der Mündung der Bayou Meter sein, und erst einmal dort, sind wir auch
gerettet.«
    »Aber Eure und meine Braut! - Ellen wird sich gewaltig grämen,« hohnlachte
der rauhe Jäger.
    »Wir dürfen nicht mehr an sie denken,« sagte Rowson. »Pest und Gift, sich so
den Bissen vor den Lippen weggeschnappt zu sehen! Aber mein Hals ist mir doch
lieber, und ich zweifle, dass sie viele Umstände mit uns machen würden, wenn wir
erst einmal in ihren Klauen wären. Ja, würden wir den Gerichten überantwortet
und ordentlich mit Richter und Advocaten verhört, dann wollt' ich immer noch
sagen, lasst es uns abwarten; zur Flucht ist später noch Zeit. So aber mag der
Teufel den Canaillen trauen, ich nicht. Glücklicher Weise ist Alles gerüstet,
und wir können, sobald wir das Haus - aber alle Teufel - ich bekomme Besuch. -
Verdammt! an die hätt' ich beinahe nicht gedacht.«
    »Besuch?« rief Cotton erstaunt, »was soll das heissen?«
    »Dass ich heute meine Hochzeit feiern wollte,« erwiderte Rowson mit einem
gotteslästerlichen Fluch. »Die ganze fromme Gesellschaft ist in diesem
Augenblick auch schon wahrscheinlich auf dem Wege nach meiner Wohnung, und
erreichen sie die früher als wir, so sind wir verloren. - Noch ist es aber
vielleicht nicht zu spät - vielleicht treff' ich sie noch unterwegs, und da wird
mir schon Etwas einfallen, sie noch einen Augenblick aufzuhalten. Kurze Zeit
müssen wir noch zu unseren Vorbereitungen haben. Gewinnen wir aber eine einzige
Stunde Vorsprung, dann fürchte ich nichts mehr, dann sind wir gerettet. Eilt Ihr
also so schnell Ihr könnt nach meinem Hans, ich werde, obgleich ich erst zu
Roberts muss, ziemlich zugleich mit Euch dort eintreffen. Mein Pferd ist gut, und
hält es nur noch heute aus, dann mag's zusammenbrechen, wann es will.«
    »Aber vielleicht kommt Ihr doch später,« sagte Cotton; »denn glaubt mir, ich
werde mich unterwegs nicht aufhalten.«
    »So steigt indessen die Leiter hinauf in den oberen Teil des Hauses. Dort
steht auch der kleine Koffer, der, für solchen Fall gerüstet, Alles entält, was
wir unterwegs gebrauchen werden.«
    »Und das Zeichen?«
    »Ihr seht mich schon kommen. Das Haus beherrscht mehrere hundert Schritt
weit die es umgebende kleine Waldwiese, auf der ich gebaut habe.«
    »Aber unrecht ist's doch, die Kameraden jetzt so im Stiche zu lassen,« sagte
Cotton nachsinnend. »Wer weiss denn, ob wir ihnen nicht von Nutzen sein könnten,
wenn wir die Nacht noch hier blieben! Es sind manche unter den hier wohnenden
Farmern, die es im Stillen recht gut mit uns meinen und uns gern Vorschub
leisteten; aber freilich werden sich die nicht rühren, wenn wir selbst beim
ersten Schreckschuss die Flucht ergreifen.«
    »Oh zum Henker mit Euren Vernunftschlüssen!« rief ungeduldig Rowson aus.
»Glaubt Ihr, ich soll jetzt zwischen sie treten, wo vielleicht Johnson oder
Weston gestanden haben, um augenblicklich ebenfalls ergriffen und gebunden zu
werden? Nein, verdammt will ich sein, wenn ich meinen eigenen Hals in eine
Schlinge stecke, bloss um zu sehen, wie sich ein paar Andere, denen ich doch
nicht mehr helfen kann, darin befinden. - Ich gehe - Ihr mögt's jetzt machen,
wie Ihr wollt.«
    »Ihr wisst ja aber gar nicht, ob Euer Name überhaupt erwähnt wird. Ihr kennt
doch unsern Schwur.«
    »Ja wohl - Alles recht gut, der Teufel aber traue auf den Schwur, ich nicht.
Das wäre nicht der erste, den ein schwarzer Hikorystock gebrochen hätte; - und
sagtet Ihr nicht selbst, Johnson habe gefürchtet, von dem roten, hündischen
Wilden verraten zu werden? Dasselbe droht mir, nur noch in einem viel ärgeren
Grade. Hätte sich der Indianer nicht wieder in unserer Gegend gezeigt,
vielleicht wagt' ich's dann und bliebe. Der heimlichen Rache eines solchen
Burschen mag ich aber nicht ausgesetzt sein, und darum such' ich das Weite.
Kommt Ihr also mit oder nicht?«
    »Nun natürlich werd' ich die Finger nicht allein im Brei stecken lassen, das
könnt Ihr Euch denken,« entgegnete mürrisch der Jäger. »Ich darf ja meine
Physiognomie nicht einmal in Little Rock zeigen. - Nein, mir ist's gerade bequem
genug auf Gottes Erdboden, und ich habe nicht das Mindeste mit meinem Hals
zwischen den Eichenästen zu suchen. Also fort denn - aber wohin wollen wir?«
    »Ich gehe auf die Insel,« sagte Rowson entschlossen - »wohin Ihr?«
    »Zum Ueberlegen haben wir später Zeit genug unterwegs,« erwiderte
ausweichend der Jäger; »jetzt vor allen Dingen hier fort, denn jeder andere
Platz, selbst das Zuchtaus von Arkansas, ist in diesem Augenblick sicherer für
uns als der Fourche la fave. Also kommt bald nach und lasst mich nicht lange
warten. - Mir ist's unheimlich, wenn ich da vielleicht eine Stunde allein sitzen
sollte; ich würde jeden Augenblick fürchten, das Haus von Regulatoren umzingelt
zu sehen.«
    »Habt keine Angst - ich werde schnell genug da sein. Roberts sind
hoffentlich noch nicht aufgebrochen, denn deren Gegenwart könnte uns jetzt
allerdings gewaltig stören. So rasch mich also mein Pferd trägt, bin ich bei
Euch. Uebrigens will ich verdammt sein, wenn ich nicht froh bin, die erbärmliche
Predigermaske abwerfen zu dürfen. Sie ist mir, besonders in den letzten vierzehn
Tagen, schauderhaft lästig geworden.«
    »Ich will nur wünschen, dass Euch die Luft in Arkansas unmaskirt besser
zusagt, als mit der Maske,« erwiderte Cotton, indem er unter einem dichten
Gewirr von Gründornen und Schlingpflanzen sein in eine wollene Decke
eingeschlagenes Kleiderbündel hervorholte und es sich aus den Rücken warf - »so
- nun bin ich reisefertig,« fuhr er, einen scheuen Blick nach allen Seiten
werfend, fort - »folgt also bald - Good bye!«
    »Good bye!« antwortete der Priester und schaute ihm sinnend noch eine kurze
Zeit nach, bis er ganz hinter den dichten Papao- und Sassafrasbüschen
verschwunden war. Dann aber schritt er schnell zu seinem Pferde, das ihn ruhig
grasend erwartete, schwang sich in den Sattel, setzte dem Tiere die Hacken in
die Seite und galoppirte, so rasch es ihm das dichte Unterholz erlaubte,
waldeinwärts, der Wohnung Roberts' wieder zu.
 
                                      33.
                           Der entlarvte Verbrecher.
Harper und Bahrens hatten sich ungern der Einladung gefügt. Sie war aber so
herzlich gestellt gewesen, dass Beide nicht umhin konnten sie anzunehmen, und nun
ihre Tiere sattelten und aufzäumten, um später die Gesellschaft nicht auf sich
warten zu lassen.
    Marion betrieb mit einer gewissen unruhigen Angst alle Vorbereitungen zu dem
Schritt, der sie von nun an für immer aus dem elterlichen Hause entfernen
sollte, und so auffallend stark war eben dieses Gefühl in ihren Zügen
ausgeprägt, dass selbst der rauhe, in solchen Sachen höchst unbekümmerte und
sorglose Bahrens es bemerkte und Harper darauf aufmerksam machte. Dieser
versuchte jedoch, es ihm auszureden, und schweigend besorgte Jeder das, was er
noch zu besorgen wünschte.
    Mrs. Roberts hatte aber gar Manches vorzurichten und einzupacken und eine
Zeit lang mit augenscheinlicher Ungeduld dem Hin- und Herlaufen der
verschiedenen Menschen zugesehen. Endlich aber siegte ihre gewöhnliche Unruhe,
mit der sie gern Alles selbst tun, Alles selbst besorgen wollte, und aus dem
Stuhl, in dem sie gesessen, aufstehend, wandte sie sich an Marion und Ellen, und
sagte, Marion's Bonnet dabei vom Nagel nehmend:
    »Kommt, Kinder - zieht Euch an und macht, dass Ihr fortkommt; das Gelaufe
wird mir hier zu arg. Ich habe noch eine Masse von Kleinigkeiten zusammen zu
räumen und mitzunehmen, die in einer neuen Haushaltung unumgänglich notwendig
sind, in einer Junggesellenwirtschaft aber selten gefunden werden. Unterdessen
kommt dann Mr. Rowson zurück, Sam muss die beiden Körbe auf sein Pferd nehmen,
und wir Drei folgen Euch so schnell als möglich. Dort mögt Ihr Euch nachher
unterhalten, so gut Ihr könnt. Ohnedies lassen wir Euch nicht lange warten.«
    Hiergegen hatte Niemand etwas einzuwenden, selbst Harper sträubte sich nur
noch schwach, und bald darauf setzte sich die kleine Karawane, von Roberts und
Bahrens angeführt, in Bewegung, während Mrs. Roberts, geschäftiger als je,
zwischen allen möglichen Krügen und Kästchen und Kisten und Schachteln
umherfuhr. Eine ganze Menge von Sachen stellte sie heraus, die sie nachher als
gar nicht transportabel wieder wegtun musste, und hatte schon zum dritten Mal
die beiden Körbe ausgepackt, um sie immer wieder auf's Neue zu füllen. Da
plötzlich, wie sie noch in bester Arbeit war, erschien die Gestalt des Indianers
in der Tür, und so ernst und düster schaute der rote Krieger unter seinen wild
die Stirn umflatternden Haaren hervor, dass die Matrone wirklich einen leisen
Schrei des Schrecks oder vielmehr der Ueberraschung ausstiess. Sie hätte beinahe
das irdene Gefäss mit getrockneten Pfirsichen, das sie in der Hand trug, fallen
lassen.
    »Ach, Assowaum,« rief sie endlich lächelnd - »bin ich doch beinahe
erschrocken, als ich Euch so unerwartet dastehen sah - es war fast wie ein
Gespenst. Ihr habt Euch recht lange nicht sehen lassen. Wie ist es Euch
gegangen?«
    »Hat der blasse Mann das braunäugige Mädchen schon heimgeführt?« sagte der
Indianer, ohne ihre freundliche Anrede zu beachten und nur ängstlich forschend
im Zimmer umherschauend - »ist Assowaum zu spät gekommen?«
    »Was habt Ihr, Mann?« rief die Matrone, jetzt in der Tat vor den rollenden
Augen des Wilden entsetzt; »was wollt Ihr mit Mr. Rowson, den Ihr ja doch wohl
immer den blassen Mann genannt habt?«
    »Ich will noch nichts von ihm,« flüsterte Assowaum, »noch nicht; aber die
Regulatoren verlangen nach ihm!«
    »Was geht er die Regulatoren an, er gehört ja nicht zu ihnen - billigt ihre
Versammlungen nicht einmal -«
    »Das glaub' ich,« lächelte der Wilde, aber so schauerlich durchzuckte selbst
dieses Lächeln seine dunkeln Züge, dass die Matrone ernstlich fürchtete, er sei
über den Verlust seiner Squaw wahnsinnig geworden. Vorsichtig schaute sie sich
auch nach dem Negerknaben um, der eben ihr eigenes Pferd draussen vor der Tür
sattelte.
    Assowaum mochte lesen, was in ihrer Seele vorging, denn er fuhr mit der Hand
über die Stirn, strich sich die herübergefallenen Haare glatt und sagte leise:
»Assowaum ist nicht krank - aber er kam hierher, Eure Tochter zu retten. Ist es
zu spät?«
    »Meine Tochter? Allmächtiger Gott, was ist mit ihr? was sollen Eure
rätselhaften Reden? Sprecht das Schreckliche aus - was ist mit meinem Kinde?«
    »Ist Marion schon des blassen Mannes Weib?«
    »Nein - aber was hat Mr. Rowson -?«
    »Die Regulatoren sind auf seiner Fährte - er ist der Mörder Heatcott's -«
    »Grosser Gott!« rief die Matrone entsetzt und wankte zu dem Sessel zurück,
während der Indianer ruhig und ernst in der Tür stehen blieb.
    »Das ist Verleumdung,« sagte sie endlich, sich ermannend - »schändliche,
niederträchtige Verleumdung. Wer ist der Bube, der ihn dessen angeklagt?«
    »Ich selbst,« sagte Assowaum leise - »ich selbst,« wiederholte er nach
kurzer - atemloser Pause. - »Er mag sich verteidigen, aber ich fürchte - an
seinen Händen klebt auch das Blut Alapaha's - meines Weibes -«
    »Entsetzlich - fürchterlich,« stöhnte die unglückliche Frau, »und mein Kind
- Aber nein, es ist nicht möglich - es ist ein Irrtum - ein schrecklicher,
wahnsinnig machender Irrtum, der sich bald aufklären wird und muss. Er wird rein
und unschuldig vor jedem Gericht hervorgehen.«
    »Onishin,« sagte der Indianer - »wo aber sind die Eurigen? - wo ist der alte
Mann, wo das Mädchen? wo der blasse Mann selbst?«
    »Er muss augenblicklich zurückkehren - Marion und Roberts sind vorausgeritten
nach seinem Hause; heute Nachmittag soll in des Richters Wohnung die Trauung
stattfinden. Mensch - es ist ja nicht möglich - Rowson - der fromme,
gottesfürchtige Mann kann kein Verbrecher sein. - Er müsste denn den Regulator,
der ihn stets beleidigte und kränkte, in der Hitze erschlagen haben -«
    »Und wen beschuldigte er der Tat?« frug der Indianer ernst; »der blasse
Mann hatte zwei Zungen in seinem Munde, die eine sprach mit seinem Gott und die
andere zürnte dem Verbrecher. Tat er recht, wenn er das Blut an seiner eigenen
Hand wusste?«
    »Ich kann es nicht glauben - ich kann es nicht begreifen,« jammerte die Frau
händeringend.
    »Denkt Ihr an den Tag nach Alapaha's Ermordung?« sagte Assowaum mit
unterdrückter Stimme, indem er den kleinen Tomahawk seiner Squaw aus dem Gürtel
nahm und auf den Tisch legte. »Mit dieser Waffe,« fuhr er dann, fast noch
leiser, aber mit deutlicher, nur hohl und geisterhaft klingender Stimme fort,
»mit dieser Waffe wehrte sich die Blume der Prairien gegen den feigen Mörder,
und Rowson's Arm war an jenem Tage verletzt. Diesen Knopf« - flüsterte er
weiter, die Reliquie dabei aus seiner Kugeltasche nehmend, »wand ich aus den im
Tode krampfhaft geschlossenen Fingern Alapaha's. Er muss Rowson's sein - Assowaum
hat Leute gesprochen, die da sagten, das sei Rowson's Knopf.«
    »Das sind Alles nur noch unsichere, schwankende Vermutungen,« rief die
Matrone, sich erhebend und dem roten Sohn der Wildnis fest in's Auge schauend -
»das ist noch kein Beweis, Mann. - Ich sage Euch, es ist nicht möglich - Rowson
ist unschuldig!«
    »Onishin! dann fragt ihn selber, denn dort kommt er,« erwiderte Assowaum
ruhig. - »Wird der blasse Mann noch blässer werden, wenn ihm die gute Frau sagt,
dass er ein Mörder sei?«
    Ehe die Matrone einer Antwort fähig war, hatte der Wilde den kleinen
Tomahawk wieder an sich genommen und mit geräuschlosem Schritt ein Versteck, das
in der Ecke stehende, mit weissem Fliegennetz überhangene Bett, erreicht. Fast in
demselben Augenblick hielt auch das Pony des Predigers, ganz mit Schaum bedeckt,
an der Fenz. Der Reiter schwang sich aus dem Sattel und betrat gleich darauf die
Schwelle, wo er allerdings das bleiche Aussehen der Matrone hätte bemerken
sollen. Zu sehr aber mit seiner eigenen Gefahr beschäftigt, frug er nur mit
heiserer, fast tonloser Stimme, wo seine Braut, wo die Männer wären; ja, ein
Fluch schwebte ihm auf den Lippen, als Mrs. Roberts, zwar noch zitternd, aber
doch schon wieder gesammelt, antwortete, sie wären vorausgeritten und erwarteten
ihn und sie selbst bald nach. Die alte gewohnte Scheu hielt jedoch noch jedes
rauhe Wort zurück, und er wollte sich schon wenden, um Jene noch möglicher Weise
zu überholen. Erst einmal das eigene Haus zeitig genug erreicht, durfte er ja
doch hoffen, seine Flucht zu Wasser zu ermöglichen, die ihm zu Land vielleicht
schon abgeschnitten war. Da rief ihn Mrs. Roberts zurück und bat ihn, zu ihr zu
treten.
    Wohl fühlte er, dass jetzt weitere Verstellung nur unnötige Zeit vergeude
und er vielleicht gar den günstigen Moment versäumen könne. Dann gewann aber
auch sein besseres Gefühl, der Frau gegenüber, die er so fürchterlich getäuscht
hatte, die Oberhand, und er beschloss, wenigstens in Frieden von ihr Abschied zu
nehmen. Schnell schritt er in dieser Absicht zu dem Tisch zurück, an dem sie
lehnte, und hier fiel ihm zum ersten Mal ihr ganz verändertes, bleiches Aussehen
auf. Ehe er jedoch hierüber eine Frage tun konnte, sagte die Matrone sehr
ernst, aber immer noch freundlich:
    »Mr. Rowson, wollen Sie versprechen, mir auf Etwas, das ich Sie fragen
werde, frei und offen zu antworten?«
    »Ja,« sagte der Prediger halb bestürzt und halb verlegen - »doch muss ich Sie
bitten, sich zu beeilen, denn ich - ich muss wirklich noch einmal fort - Sie
wissen, dass so viele Geschäfte -«
    Er hatte nicht das Herz, sein Auge zu ihr zu erheben; ein ihm selbst
unerklärbares Gefühl beängstigte ihn, - es war ihm, als ob er vor seinem Richter
stände.
    »Mr. Rowson,« sagte die alte Dame jetzt mit leisem, aber deutlichem Ton -
»Es sind mir heute Morgen wunderbare Sachen von Ihnen erzählt worden!«
    »Von mir? von wem?« frug der Prediger erschrocken, »wer war hier?«
    »Es sind immer noch blosse Vermutungen,« fuhr Mrs. Roberts ruhig fort - »und
ich hoffe zu Gott, dass es auch nur Vermutungen bleiben sollen. Aber notwendig
ist es, dass Sie selbst erfahren, was man von Ihnen sagt, um sich dann kräftig
und vollständig dagegen verteidigen zu können.«
    »Ich weiss in der Tat nicht - diese rätselhaften Worte - was ist nur
vorgefallen?« stotterte Rowson, immer verlegener werdend, und schon warf er
einen scheuen Seitenblick nach der Tür, als sei er entschlossen, den Faden kurz
abzuschneiden und sich durch die Flucht jeder weiteren Frage zu entziehen.
Unwillkürlich hatte er indessen mit einer Blume gespielt, die auf dem Tische
lag, an dem er lehnte, und ebenso nahm er jetzt den Knopf auf, den der Indianer
dort zurückgelassen hatte.
    »Rühren Sie den Knopf nicht an, Sir - um Gottes willen,« rief die Matrone,
die es bemerkte, in einem plötzlichen Gefühl des Schreckes und der Angst - »er
ist -«
    »Was fehlt Ihnen, Madame Roberts?« frug aber Rowson, der sich rasch
gesammelt hatte und entschlossen schien, diesem Gespräch ein Ende zu machen.
»Sie scheinen ausser sich. Was ist mit dem Knopf? es ist einer der meinigen, der
wahrscheinlich -«
    »Der Ihrige?« schrie entsetzt die Matrone und hielt sich an der Lehne ihres
Stuhles - »der Ihrige?«
    »Was ist Ihnen?«
    »Den Knopf fand Assowaum in der Hand seines schändlich gemordeten Weibes,«
rief jetzt die bis dahin ängstliche und schwache Frau, sich hoch und fast
krampfhaft aufrichtend. »Nur der Mörder Alapaha's kann den Knopf verloren haben
-«
    Des Priesters Hand fuhr wie unbewusst an seine Seite, wo er die versteckten
Waffen trug. Als er aber den scheuen Blick im Zimmer umherwarf, begegnete sein
Auge dem des Indianers, der, die Büchse erhoben, fest im Anschlag auf ihn lag
und ihm donnernd zurief:
    »Ein Schritt, und Du bist eine Leiche!«
    Rowson hielt sich für verloren. Da bemerkte Madame Roberts die drohende
Stellung des Wilden und nicht anders glaubend, als dass dieser hier gleich an Ort
und Stelle Rache für das unschuldig vergossene Blut seines Weibes nehmen wolle,
warf sie sich von der Seite auf ihn - drückte den todbringenden Lauf in die Höhe
und rief entsetzt aus:
    »Oh, nur nicht hier - nur nicht hier vor meinen Augen!«
    Rowson sah diese Bewegung und wusste, dass dies vielleicht der letzte günstige
Augenblick sei, der sich ihm zur Flucht böte. Mit der Gewandteit eines Panters
sprang er daher, ehe der Indianer die Frau von sich abschütteln konnte, aus der
Tür, schwang sich in den Sattel seines Ponys und war in der nächsten Secunde in
dem Dickicht, das beide Seiten des schmalen Weges begrenzte, verschwunden.
    Ihm nach stürmte in wilder Eile der rote Krieger. Ehe er jedoch die
fliehende Gestalt des Feindes wieder auf's Korn nehmen konnte, entzogen diesen
schon die dichtbelaubten Büsche seinen Blicken wie seiner Kugel, und der
Verbrecher war wenigstens für den Augenblick gerettet. - Aber so rasch entging
er dem Verfolger nicht. Mit zwei Sätzen war Assowaum neben dem Reitpferd der
Mrs. Roberts, das fertig gesattelt und aufgezäumt, von dem Neger gehalten, vor
der Fenz hielt. Im Nu warf er den Damensattel ab, riss den Zügel aus der Hand des
ganz verblüfften Schwarzen, schwang sich selbst auf den nackten Rücken des
Tieres und folgte, diesem die Hacken wütend in die Seiten schlagend, den
Fährten seines Opfers.
 
                                      34.
                                Die Belagerung.
»Seht Ihr wohl, ich hatte doch Recht - das ist das Haus!« sagte Roberts, als die
kleine Karawane den Rand der Waldlichtung betrat und nun vor dem einfachen, von
hoher Fenz umgebenen Gebäude stand, das mit dem heutigen Tage Marion's ganze
Welt in sich fassen sollte.
    »Wahrhaftig!« rief Harper verwundert, »aber die Bäume waren nach ganz
anderer Richtung hin angezeichnet. Ich glaubte nicht anders, als dass er irgendwo
in dem hohen Lande, weiter hinauf, wohnen müsste. Jetzt werden wir ja fast halbe
Nachbarn, denn mein Haus liegt gar nicht so sehr weit von hier entfernt, den
Fluss hinunter.«
    »Nun, Marion, wie gefällt Dir der Platz?« frug der alte Roberts, sich zu
seiner Tochter wendend - »heh? ein bisschen still und schaurig, nicht wahr? Ja,
das macht die Nähe des Flusses mit den dichten Sykomoren, den dunkeln Weiden und
den einzelnen Baumwollenholzbäumen, die sich hier noch finden; weiter hinauf
stehen sie übrigens sehr selten, und Smeirs hat mir neulich versichert -«
    »Es ist auch hier recht still und einsam,« flüsterte Marion, Ellen's Hand
ergreifend, als ob sie sich selber scheue, die lautlose Ruhe durch ihre Stimme
zu stören - »ich weiss nicht, was den Platz so öde, so - schauerlich macht.«
    »Weil das Vieh fehlt,« sagte Bahrens. - »Das ist ganz natürlich. Wo keine
Kuhglocken läuten und die Hühner und Ferkel nicht auf dem Hofe herumjagen, wo
Einem nicht ein paar Hunde entgegenspringen und einen Spectakel machen, dass man
sein eigenes Wort nicht hören kann, und eine Herde Gänse immer gerade zu
derselben Zeit zu schnattern anfängt, wo man Dem, der uns erwartend im Hause
steht, etwas zurufen will, da ist's auch nicht wohnlich und gemütlich und es
würde mir wenigstens stets unbehaglich vorkommen.«
    »Wozu sollte sich aber Mr. Rowson Vieh anschaffen,« warf Harper ein, »wenn
er vielleicht schon in acht Tagen wieder auszieht.«
    »Ach was da,« erwiderte Bahrens. »Wenn ich nur drei Tage auf einem Flecke
wohnte, müsste ich wenigstens ein paar Hühner oder Ferkel um mich herum haben,
die das liebe Getreide aufläsen, was sonst verwüstet wird. Seht nur, wie's da
drin im Hofe aussieht, der Mais liegt dicht gestreut am Boden! ach, wenn das
meine Alte sähe!«
    »Wird jetzt schon anders werden.« lachte Roberts - »die Frau wird ihm den
Kopf schon zurechtsetzen, und es ist nun auch ein möglicher Fall, dass nicht mehr
alle Sonntage zweimal, und manchmal Mittwochs einmal gepredigt wird. Für die
Bequemlichkeit der Pferde ist übrigens gesorgt, das muss wahr sein - Tröge
genug.«
    »Was hast Du, Ellen?« frug Marion, selbst beunruhigt, als die Freundin einen
leisen, halb unterdrückten Schrei ausstiess - »was war da?«
    »Oh nichts,« lächelte das Mädchen verlegen und warf dabei einen flüchtigen,
aber immer noch scheuen Seitenblick nach dem Hause hinauf - »nichts - es war
blosse Täuschung. Mir kam es aber auf einmal vor, als ob da oben, zwischen den
beiden offenen Spalten, ein Auge hervorgeleuchtet hätte.«
    »Wo? da oben?« lachte Bahrens- »da würde sich wohl schwerlich ein Gast
einquartirt haben. Wer hier im Hause wohnen wollte, fände beqemere Plätze - die
Tür ist ja offen.«
    »Und was für eine Tür!« sagte Harper, der die Pforte jetzt öffnete und das
Haus zuerst betrat, »merkwürdig stark, als wenn er wunder wie grosse Reichtümer
hier aufbewahrte. Nun - ziemlich ordentlich sieht's aus,« fuhr er dann fort,
sich überall umschauend - »für eine Junggesellenwirtschaft nämlich, denn die
Frauen möchten noch Manches daran auszusetzen haben. Das lässt sich aber nicht
anders verlangen; bei uns unten bleibt ebenfalls viel zu wünschen übrig. Als
freilich Alapaha noch lebte,« seufzte er dann still vor sich hin, »da war es
dort auch immer recht wohnlich und hübsch - und da -«
    »Es wird schon wieder so werden, Harper,« unterbrach ihn Bahrens freundlich
- »vielleicht noch besser. - Brown muss heiraten, und dann braucht Ihr nachher
nicht mehr über Junggesellenwirtschaft zu lamentiren; dann haben die
Junggesellen ausgewirtschaftet.«
    »Nun herein da, Ihr Mädchen!« rief Roberts, der sich jetzt den beiden
Männern angeschlossen hatte, »herein da mit Euch.« - Hier beginnt Euer Reich,
und Marion mag gleich Besitz nehmen.
    »So -« fuhr er fort, als sie seinem Wunsche Folge geleistet, »so - das ist
recht. - Nun kommt und wirtschaftet hier nach Herzenslust, und wir wollen
indessen draussen ein Feuer anzünden und den eisernen Kessel darüber hängen. Eine
Küche ist doch nicht beim Hause, wie ich sehe, und meine Alte, die gar nicht
mehr lange bleiben kann, denn in solchen Sachen -«
    »Hei-ho,« rief Bahrens lachend - »er geht wieder durch. - Hier ist Schwamm;
wo aber machen wir das Feuer an? Ein unbequemer Platz für Holz das - wenigstens
fünfzig schritt weit zu tragen. Da wollen wir lieber erst ein paar Aeste
herbeiholen - ist denn keine Axt auf der Farm? Schöne Einrichtung das!«
    »Dort in der Ecke lehnt eine,« sagte Harper.
    »Gut, dann bleibt Ihr nur indessen hier.«
    »Nein, ich will mit Holz tragen,« meinte Roberts, »Harper mag Feuer anmachen
- dürres Laub und Reisig hat ja der Wind genug hergeschaft.«
    Die Männer gingen nun lachend und erzählend an ihre Beschäftigungen, und die
Mädchen blieben allein im Hause zurück. Ihre Stellung aber veränderten sie
nicht, und mit ineinander verschlungenen Händen sahen sie sich ernst und still
in die Augen. Da endlich konnte Marion den inneren Gefühlen nicht länger
gebieten, und sich an die Brust der Freundin werfend, machte ein lindernder
Tränenstrom dem lange und arg bedrängten Herzen Luft.
    »Marion, was fehlt Dir?« frug Ellen erschreckt, »was um Gottes willen hast
Du? - Dich quält irgend etwas Entsetzliches - ich habe es Dir lange angesehen -
Du bist nicht glücklich.«
    »Nein,« schluchzte das arme Mädchen und umschlang nur fester die Freundin,
die ihre Arme zu lösen suchte, um dem Auge der Weinenden zu begegnen. »Nein -
Gott weiss es - ich bin nicht glücklich und - werde es nie werden.«
    »Aber was ist Dir? Um des Heilandes willen! so habe ich Dich noch nie
gesehen - Du zitterst und bebst - Marion, was fehlt Dir?«
    »Was mir fehlt?« frug die Braut des Metodisten, sich wild und krampfhaft
emporrichtend. - »was mir fehlt? - Alles - Alles auf der weiten Welt - Vertrauen
- Liebe - Hoffnung - ja selbst die Hoffnung fehlt mir, und jetzt - jetzt ist es
zu spät - zu spät - ich kann nicht mehr zurück.«
    »Marion, Du ängstigst mich!« flüsterte schüchtern die Freundin, die sie
bebend umschlang - »was sollen all' die rätselhaften Worte? Kannst oder darfst
Du mir nicht vertrauen?«
    »Noch kann und darf ich,« sagte jetzt entschlossen Marion und strich sich
die dunkeln Locken aus der Stirn zurück - »noch sind wenige Minuten mein eigen,
noch bin ich Herrin meiner selbst; in einer Stunde vielleicht ist es spät. - So
höre denn, Ellen, was mich bis zu diesem Augenblick elend gemacht hat, was mir
von diesem Augenblick an mein ganzes zukünftiges Leben verbittern wird - was
hast Du? was ist?«
    »Sieh nur dort,« sagte das Mädchen erstaunt - »ist das nicht Mr. Rowson? -
Grosser Gott, das Pferd muss mit ihm durchgehen. - Sieh nur, wie es jagt.«
    »Hallo, Rowson!« schrieen Bahrens und Roberts am Waldsaum, die ihn erst
jetzt erblickten - »was zum Teufel ist vorgefallen?«
    »Alle Wetter!« rief Harper und sprang auf die Seite, denn das keuchende,
schäumende Tier hätte ihn fast über den Haufen gerannt - »Rowson, seid Ihr des
Teufels? Was zum Henker habt Ihr?«
    Dieser aber würdigte keinen der Männer einer Antwort, nicht einmal eines
Blickes. Er sprang vom Pferde, stürzte durch die schmale Fenzpforte in das Haus
- warf auch diese Tür, zum Entsetzen der beiden Mädchen, in's Schloss, schob
zwei eiserne Riegel vor, riss die Büchse von dem Haken herunter und blickte jetzt
erst im Zimmer umher, als sei er fest entschlossen, den Ersten, der sich ihm in
den Weg stellen würde, niederzuschiessen.
    »Allmächtiger Gott - Mr. Rowson,« rief Ellen zu Tode erschrocken - »was
wollen Sie tun? Ihre Braut ermorden?«
    »Cotton!« schrie Rowson mit heiserer Stimme, als er sich überzeugt hatte,
dass keiner der Männer in der Hütte weile, und ohne die Mädchen weiter eines
Blickes zu würdigen - »Cotton!«
    »Ja,« antwortete dieser mürrisch von oben herab - »ich bin hier, aber - habt
Acht da unten - der Indianer kommt. Höll' und Teufel - war Euch der nicht auf
den Fersen?«
    »Kommt herunter - schnell!« befahl der Prediger, indem er mehrere kleine
Pflöcke aus den Zwischenspalten der Klötze herausnahm und so zu gleicher Zeit
Schiessscharten und Ausschaulöcher bildete. - »kommt herunter - es wird gleich
Arbeit geben. - Wir haben Einquartierung.«
    Wie eine Katze glitt jetzt der Jäger an den rauhen Stämmen der Hütte nieder,
und Ellen bedurfte nun Marion's Arm, sich aufrecht zu halten, als sie den Mann
erblickte, den sie von allen Menschen der Erde am meisten fürchtete, und der
jetzt unter so sonderbaren, geheimnisvollen Verhältnissen auf dem Schauplatz
erschien.
    »Was soll das heissen? - um Gottes willen, Mr. Rowson, lassen Sie uns
hinaus,« bat Marion, in diesem Augenblick zum ersten Mal befürchtend, dass sie
gefangen und in der Gewalt voll Verbrechern wäre. - »Lassen Sie mich zu meinem
Vater - was bedeutet dies Alles?«
    »Wirst es bald erfahren, Täubchen,« lachte höhnisch der Jäger, indem er die
zweite Büchse über dem Kamin wegnahm - »wirst es bald erfahren. - Aber Gift und
Klapperschlangen,« fuhr er dann, sich zu Rowson wendend, zornig fort - »Ihr habt
mich hier schön mit in die Falle gelockt - Tor, der ich war, in das Nest hinauf
zu kriechen. Jetzt könnt' ich ruhig im Canoe sitzen und eine fünf Meilen sichere
Distanz zwischen mir und den Schuften da draussen haben.«
    »Zurück da,« schrie Rowson durch die Spalte, ohne etwas auf die Vorwürfe des
Gefährten zu erwidern - »zurück, oder Ihr seid des Todes!« und in demselben
Augenblick krachte auch sein Schuss durch die Spalte der Hütte, und das entladene
Gewehr niederwerfend, war er mit einem Satz am Bett, riss die Matratze herunter
und brachte noch vier andere geladene Büchsen zum Vorschein.
    »Warte, rote Bestie!« murmelte er dann vor sich hin - »Dir hoff' ich das
Spioniren gelegt zu haben. - Zurück von der Tür da!« donnerte er jetzt die
Mädchen barsch an: »es ist bitterer Ernst - zurück, wenn Euch Euer Leben lieb
ist!«
    »Was sollen wir aber mit den Dirnen hier?« frug Cotton ärgerlich.
    »Sie als Geisseln behalten,« sagte der Metodist, »ihr Leben bürge uns für
das unsrige. - Halten wir uns nur bis zum Dunkelwerden, so sind wir gerettet!«
    »Das seh' ich auch noch nicht ein,« antwortete murrend der Jäger, indem er
erst vorsichtig nach allen Richtungen umherschaute und dann die abgeschossene
Büchse aus der ihm bezeichneten Kugeltasche wieder lud - »Abends werden sie
Feuer um das Haus herum anzünden, oder es gar in Brand stecken.«
    »Dafür stehen uns die Mädchen,« lachte Rowson, »aber hallo - da kommt der
alte Roberts, allein, ohne Büchse - er will sein Kind wieder haben. Kann nicht
geschehen, Alter.« -
    Die drei Männer, eher des Himmels Einsturz als dem Aehnliches, was sich hier
vor ihren Augen zutrug, vermutend, hatten mit Staunen das Heransprengen des
Metodisten bemerkt und im ersten Augenblick wie Ellen geglaubt, das Pferd ginge
mit ihm durch. Kaum war aber der sonst so ruhige Prediger im Innern seines
Hauses verschwunden, und noch hatten Bahrens und Roberts, der Eine mit der Axt,
der Andere mit einem abgehauenen Ast auf der Schulter, die Fenz nicht erreicht,
als schon wieder donnernde Hufschläge hinter ihnen laut wurden. Wie sie aber
überrascht den Kopf danach wandten, sprengte der Indianer heran, die langen
schwarzen Haare im Winde flatternd, die Büchse in der Rechten, den Zügel lose in
der Linken, und hinunter gebogen fast bis auf das rechte Knie, um die Fährten,
denen er folgte, deutlicher erkennen zu können.
    »Assowaum!« riefen Jene erschrocken und überrascht - »was ist vorgefallen?
Was willst Du mit dem Prediger? Was hat er getan?«
    »Sein Blut will ich!« knirschte der Wilde - »sein rotes Blut - das Herz aus
seinem Leibe!« und sich von dem Rücken des mit Schaum bedeckten Tieres werfend,
stürmte er gegen die Fenz und kletterte daran empor. In demselben Augenblick
ertönte die Stimme des Metodisten, der Schuss krachte aus dem Innern hervor, und
Assowaum stürzte von der Fenz, deren oberste Stange er eben erreicht, hinunter.
Ehe sich aber die Männer von ihrem Schreck erholen konnten, sprang er wieder
empor, floh um die hohe Einzäunung herum und trat dort hinter einen starken
Baumstamm, von wo aus er die Rückseite der Hütte beschiessen und jede Flucht nach
dem Flusse zu abschneiden konnte.
    Hierhin folgten ihm Bahrens und Harper. Roberts aber schritt aus das Haus
zu, fest entschlossen, sein Kind den Händen des Verfolgten zu entreissen. Er
wusste zwar noch nicht, wessen man den Metodisten beschuldigte, aber dessen
rätselhaftes Betragen verriet zu deutlich, wie er sich irgend eines Vergehens
bewusst sein musste.
    »Zurück da!« rief ihm Rowson aus dem Hause entgegen - »zurück, wenn Euch
Euer Leben lieb ist.«
    »Mein Kind gebt mir heraus,« rief Roberts, »die beiden Mädchen lasst aus dem
Hause. - Ich schwör' es Euch zu, ich habe nichts gegen Euch, ich begreife nicht
einmal, was dies Alles bedeuten soll; aber Ihr habt auf den Indianer geschossen
- es ist Blut geflossen, und ich will die Weiber von einem Orte nehmen, wohin
sie nicht passen. Gebt mir mein Kind!«
    »Zurück da!« schrie Rowson drohend und hob die Büchse. Marion warf sich ihm
aber in die Arme und rief flehend:
    »Um Gottes willen - Mann - wollt Ihr meinen Vater morden?«
    »schafft mir die Dirnen vom Halse, Cotton!« rief der Prediger ärgerlich -
»hört nur, wie der Narr draussen an der Tür rüttelt - ein Glück, dass sie den
Sturm nicht zusammen versucht haben, sonst hätt' es uns bös bekommen können.
Jetzt an's Werk - die Mädchen müssen gebunden werden - deren Arme dürfen uns
nicht mehr hinderlich sein - und schweigen sie nicht, auch geknebelt. Wir haben
nur noch wenige Minuten freie Zeit, und die müssen wir benutzen!«
    »Hülfe! Hülfe!« schrieen und flehten die beiden Jungfrauen, als sie sich von
den rauhen Händen der Männer erfasst und gefesselt fühlten.
    »Räuber! Schuft!« tobte der alte Roberts und riss mit der Kraft der
Verzweiflung an der eichenen Tür. Auch Bahrens stürmte herbei, dem Freunde zu
helfen, und Harper selbst, so sehr er sich auch durch die letzte Aufregung
geschwächt fühlte, griff nach einem frisch abgehauenen Ast, um seinen schwachen
Arm ebenfalls dem Vater zu leihen. Ehe aber die Männer die Fenz überklettert und
die Tür erreicht hatten, waren auch die schwachen, zitternden Glieder der
beiden Unglücklichen von starken Seilen umwunden, und Rowson rief drohend aus:
    »Oeffnet Eure Lippen noch zu einem Hülfeschrei und ich schiesse den alten
weissköpfigen Narren wie einen Hund nieder.«
    »Gnade! Gnade!« flüsterte Marion leise und zitternd - »Erbarmen!«
    »Schiesst einmal hinaus, Cotton, verwundet aber Keinen,« rief diesem der
Metodist zu. - Er selber trat dabei mit der Büchse an eine der Hinteren Spalten
und suchte den Indianer noch einmal zum Schuss zu bekommen. Assowaum hatte aber
die Absicht des Priesters erraten und dachte nicht daran, sein Leben
leichtsinnig preiszugeben. Deshalb war er, der Kriegführung seines Stammes
getreu, hinter einen Baum geflohen, und von dort aus konnte er die Flucht seines
Feindes verhindern, bis die ihm aus den Fersen folgenden Regulatoren eintreffen
würden. Den Mörder Alapaha's lebendig und unverletzt zu fangen, war jetzt sein
einziges Ziel.
    Dass übrigens Brown, dem er sonst mit der ganzen Treue seines Volkes zugetan
war, Marion liebe, wusste er nicht, wenn er es auch vielleicht geahnt hatte.
Trotzdem hätte ihn aber auch das nicht von dem vorgesteckten Ziel abbringen
können. Er wollte und musste sein Weib rächen, und wäre die ganze Welt darüber zu
Grunde gegangen.
    Eine Kugel, aus Cotton's sicherem Rohre gefeuert, die Bahrens den Hut vom
Kopfe riss, machte übrigens die Männer auf die Gefahr aufmerksam, der sie sich,
unter dem Feuer des zum Äussersten getriebenen Feindes, aussetzten; Roberts
selbst hielt jetzt die Freunde von dem Versuch zurück, die schwere, feste Tür
mit Gewalt zu stürmen. Waren sie doch nicht einmal bewaffnet und durften also
auf diese Art nie hoffen, den Panter mit Erfolg in seiner eigenen Höhle
anzugreifen.
    »Ich will ihm allein und unbewaffnet entgegentreten,« sagte er, »er hat in
meinem Hause viel Gutes genossen und wird es jetzt nicht wagen, mir die
Erfüllung der einzigen Bitte, die Zurückgabe meines Kindes, zu versagen - geht
daher,« bat er noch einmal, als er sah, dass Bahrens zögerte und wilde und
trotzige Blicke nach dem Hause hinüber warf - »geht - ich hoffe noch Alles im
Guten beizulegen und das Rätsel gelöst zu bekommen!«
    Mit diesen Worten wandte er sich, als Bahrens und Harper die innere
Umzäunung verliessen, gegen die offene Spalte, hinter der er den Metodisten
vermutete, und wollte eben seine Anrede beginnen, als dieser höhnisch daraus
hervorrief:
    »Haltet ein, gestrenger Herr? - Ich habe zu lange selbst gepredigt, um an
derlei Salbadereien noch viel Behagen finden zu können. Um aber kurz und bündig
zu einem Verständnis mit einander zu kommen, so hört meine Worte, die diesmal
nichts weniger als eine Predigt sein sollen, wenn gleich heute Sabbat, der Tag
des Herrn, ist.«
    »So hab' ich mich doch nicht in Dir geirrt - Bube!« knirschte der alte Mann
in bitterem Groll, während er wild mit dem Fusse stampfte, »spotte nur noch
unserer Leichtgläubigkeit, mit der wir Deinen glatten Worten trauten. - Aber
wehe Dir, wenn Du einem der Mädchen, die ein unglückseliges Geschick in Deine
Hand gegeben, ein Haar krümmst; stückweis wird Dir dann das Fleisch von den
Gliedern gerissen!«
    »Was hilft das Reden, ich -«
    »Halt - sprich noch nicht,« rief der alte Mann in höchster Aufregung -
»sieh, Du hast, wie es scheint, Schreckliches begangen, denn sonst kann ich mir
Dein Betragen nicht erklären, aber was es auch sei, noch hast Du Zeit zur
Flucht, und ich selbst will Dir dabei behülflich sein. - Nimm eins von meinen
Pferden - nimm Geld - aber gieb mir mein Kind - gieb mir die beiden Mädchen
zurück. Bedenke, wie freundlich Du bei uns aufgenommen warst - bedenke, dass ich
Dich heute Sohn nennen wollte -«
    »Nehmt den Vorschlag an,« rietf Cotton - »so wird er uns so bald nicht
wieder geboten - versteht sich, wenn ich einbegriffen bin. Ich lasse die Mädchen
frei -«
    »Halt da,« unterbrach ihn schnell der Metodist - »seid Ihr wahnsinnig?
Glaubt Ihr, der Indianer hinter dem Baume dort kehrt sich an das, was der alte
Graukopf hier verspricht? Zeigt Guern Scalp an irgend einem offenen Platze und
seht zu, wie bald sein Blei hier herüber spritzt. Nein, das sind nur
Versprechungen, uns in die Falle zu locken. Vor Dunkelwerden blüht für uns keine
Rettung.«
    »Warum bahnen wir uns aber nicht jetzt mit Gewalt einen Weg? Die drei Männer
sind unbewaffnet, sie können uns nicht aufhalten.«
    »Und beschiesst der verdammte rothäutige Schuft hinter der Fichte dort nicht
das ganze Flussufer?«
    »Wie aber, wenn die Regulatoren hierher kommen sollten?«
    »Mich wundert's, dass sie noch nicht da sind,« hohnlachte Rowson - »die Pest
über sie - ich trotze ihnen dennoch!«
    »Dann möcht' ich wissen, wie Ihr Nachts entfliehen wollt, wenn sie das Haus
umzingeln?«
    »Mit Wachtfeuern dürfen sie es nicht wagen,« flüsterte Rowson - »wir könnten
sie sonst von hier aus auf's Korn nehmen. Lagern sie aber im Dunkeln, so sind
wir gerettet. Ein schmaler Gang, den ich und Johnson mit unsäglicher Mühe
gegraben, führt unter dieser Diele fort bis dahin, wo das Canoe versteckt liegt
-«
    »Und warum benutzen wir ihn nicht jetzt gleich? Kann sich denn eine bessere
Gelegenheit finden?« rief ärgerlich Cotton.
    »Blinder Tor!« zürnte Rowson - »jene schurkische Rothaut steht in diesem
Augenblick gerade über der Stelle, unter der im dichten Schilf der Kahn
verborgen liegt. Wenn er ihn aber auch von da oben nicht sehen kann, so wäre es
doch jetzt unmöglich, ihn, ohne verraten zu werden, flott zu machen.«
    »Aber die Regulatoren!«
    »Gift und Tod über sie! Was in ihren Kräften steht, werden sie tun, aber
sie dürfen es nicht wagen, das Haus feindlich anzugreifen, so lange wir diese
Büchsen und die Mädchen als Geisseln haben.«
    »Nun?« rief Roberts draussen - »hast Du meinen Vorschlag überlegt? - Ich
sehe, es sind Eurer Mehrere. - Geht Alle - Alle, die Ihr in dem Hause Schutz
gesucht habt, frei fort von hier, noch ist es Zeit, denn noch sind die Richter
nicht da. Aber gebt mir mein Kind wieder, setzt die unschuldigen Mädchen in
Freiheit!«
    »Hört meine Antwort!« entgegnete Rowson - »mein Leben ist verfallen, und
jener Indianer ist fest entschlossen, es zu nehmen. Könnt Ihr ihn bewegen, in
Eure Bedingungen einzugehen, wohl, so bin ich bereit; könnt Ihr das aber nicht,
so bedenkt, dass bei dein ersten Versuch, dieses Haus gewaltsam zu erstürmen, die
beiden Mädchen von meinen Händen sterben.«
    »Der Indianer muss sich fügen,« rief Roberts freudig - »er darf nicht -
Allmächtiger Gott - es ist zu spät - dort kommen die Regulatoren!«
    Er hatte Recht - das dumpfe Trampeln von einigen zwanzig Pferden ward bald
durch das Rascheln und Brechen von Zweigen und dürren Aesten begleitet. Assowaum
stiess seinen Schlachtschrei aus, und gleich darauf sprengten die Regulatoren,
von Brown und Husfield angeführt, auf den Kampfplatz.
    »Mee-eu wau iauyaumbaun!« jubelte der Indianer, als sie, schnell das Ganze
übersehend, die Wohnung umzingelten - »jetzt ist er mein - jetzt hab' ich sein
Blut!«
    Rowson schien aber ganz die Gefahr zu kennen, die ihm drohte, wenn er in die
Hände dieses Feindes falle; selbst die Regulatoren fürchtete er weniger als ihn.
Wie der Indianer daher in der Freude des Augenblicks nur einen kleinen Teil
seines Körpers hinter dem Baum sichtbar werden liess, schoss ein zweiter Blitz
zwischen den Spalten des Blockhauses hervor, und des Häuptlings Blut färbte aus
einer zweiten Streifwunde die Erde.
    In rascher Wut über diese rasende Keckheit, selbst einem solchen Feinde
noch zu trotzen, sprangen die Regulatoren aus den Sätteln und waren im Begriff,
die Fenz niederzureissen, als sich ihnen Roberts in den Weg warf und die Not
verkündete, in der sein Kind schmachte.
    »Grosser Gott!« rief Brown - »Marion in den Händen jener Schurken - was lässt
sich da tun?«
    »Stürmen,« schrie Husfield wütend - »stürmen und die Bestien mit Gewalt
heraustreiben. - Lasst sie's wagen, den Mädchen ein Haar zu krümmen, und wir
brennen ihnen die Glieder stückweis vom Leibe. - Geben sie sich aber gutwillig
und auf Gnade oder Ungnade gefangen, so - so sollen sie bloss einfach gehangen
werden. Hier sind die Stricke.«
    »Spart Eure schönen Reden,« lachte Rowson, der die Worte gehört hatte. -
»Wer sich auf zehn Schritt der Wohnung naht, ist ein Mann des Todes. Wir sind
hier unserer Sechs und haben achtzehn Büchsen. - Solltet Ihr aber dennoch Euer
Leben so gering achten - gut, so schwör' ich's bei dem ewigen Gott, zu dem Ihr
alle Sonntage heult und betet, dass die Mädchen vorher eines schmählichen Todes
sterben - ich spasse nicht!«
    »Hol' der Teufel den prahlerischen Schuft,« rief Husfield, indem er die
Fenzstangen niederwarf; »mir nach, Kameraden, in fünf Minuten ist das Nest
unser!«
    »Halt!« schrieen dazwischen springend Brown, Wilson und Roberts - »halt -
das wäre Mord - Mord an den unschuldigen Mädchen. Die Buben, zur Verzweiflung
getrieben, sind zu dem Schrecklichsten fähig, und noch müssen sich andere Mittel
finden, sie zu zwingen, als das Leben Derer, die mir beschützen wollen, so
leichtsinnig preiszugeben.«
    »Nennt Ihr das beschützen, wenn wir sie noch zwei Minuten in den Händen
dieser Schufte lassen?«
    »Es muss Rat geschafft werden;« schrie Brown - »nur nicht mit Gefahr ihres
Lebens - wo ist der Indianer?«
    »Gestattet uns freien Abzug - gebt uns wenigstens vierundzwanzig Stunden
Vorsprung, und die Mädchen sind frei!«
    »Gut! Es sei!« rief Brown schnell.
    »Halt, Sir!« unterbrach ihn Husfield - »wir haben die Buben, die so
Grässliches vollführten, wir haben den Mörder des armen Heatcott in unserer
Gewalt, und dessen Blut heischt allein schon Rache, blutige Rache; so
leichtsinnig dürfen wir die nicht verscherzen. Hierüber hat übrigens die
Versammlung abzustimmen. Wollt Ihr also, Ihr Männer, den Schuft entschlüpfen
lassen, bloss weil er damit droht, ein paar Mädchen, die er in seiner Gewalt hat,
zu ermorden? oder -«
    »Nein - nein - nein!« schrie die Menge, Harper, Wilson, Roberts und Brown
ausgenommen.
    »Männer - Ihr seid auch Väter - denkt an Eure Kinder!« flehte Roberts.
    »Roberts!« sagte Stevenson, der bis jetzt geschwiegen hatte, vortretend -
»seid ohne Sorge, Eurem Kinde soll und darf nichts geschehen; aber leichtsinnig
war' es, jenen Verbrechern auf eine solche Drohung hin die Freiheit zu geben -«
    »Lasst uns die Höhle stürmen,« riefen Viele, - »er weiss, was ihn erwartet,
und wird seine Strafe nicht noch durch ein neues Verbrechen vergrössern wollen -«
    »Nein, Ihr Männer von Arkansas!« hielt sie Stevenson auf - »ich bin zwar ein
Fremder hier bei Euch, vergönnt aber auch mir ein Wort -«
    »Redet, Stevenson!« sagte Husfield, »Ihr habt gehandelt, als ob Ihr zu uns
gehörtet, und Euch dadurch alle Rechte erworben, die wir selbst besitzen.«
    »Gut denn!« sagte der alte Mann mit unterdrückter Stimme, »so hört meinen
Vorschlag - aber vorher stellt Wachen aus, dass uns keiner der Buben entgeht,
während wir hier debattiren.«
    »Der Indianer hält am Flusse Wache,« sagte Brown - »und an jeder Seite nach
dem Walde zu stehen Zwei der Unseren; hier sind wir - Flucht wäre für sie
unmöglich.«
    »So hört meinen Plan,« fuhr Stevenson fort: »die Gefangenen, so viel es auch
immer sein mögen, wissen, dass sie auf keinen Fall den Wald erreichen können, so
lange es hell ist, und haben also ihre ganze Hoffnung auf die einbrechende
Dunkelheit gesetzt. Mit Gewalt können wir, wie die Sachen jetzt stehen, nichts
ausrichten, denn ich glaube mit Roberts und Brown, dass sie, zum Äussersten
getrieben, auch das Äusserste wagen werden. Deshalb müssen wir jetzt zur List
unsere Zuflucht nehmen. Sobald es dunkelt, wollen wir also hier vorn unsere
Lagerfeuer anzünden, bei denen sich besonders der Indianer zeigen muss, dass sie
ihn vom Hause aus sehen können.«
    »Er wird sich ihren Kugeln nicht zum dritten Mal preisgeben wollen,« warf
Cook ein.
    »Hat keine Not,« erwiderte der Alte - »in der Dämmerung ist unsicheres
Schiessen, und dann wird es Jenen besonders daran liegen, uns ruhig zu halten -
sie werden gewiss nicht den Frieden zuerst brechen. Ihre einzige Hoffnung ist
dann der Fluss oder der umgrenzende Wald, da ich nicht weiss, ob ein Canoe hier
liegt -«
    »Nein, es ist keins zu sehen,« sagte Wilson.
    »Gut,« fuhr der Alte fort, »dann werden sie um so eher den kleinen Fluss
durchschwimmen wollen, um uns von der Fährte abzubringen. Einzelne Wachen müssen
deshalb (aber so vorsichtig, dass Niemand vom Haus aus sie sehen kann) an den
Waldgrenzen versteckt werden, und ich möchte meinen Hals verwetten, dass wir sie
erwischen, wenn sie sich mit Dunkelwerden leise zu dem Flussrande hinabstehlen.«
    »Und so viele Stunden noch soll ich mein Kind in den Händen der Mörder und
Diebe wissen?« jammerte Roberts.
    »Das geht auf keinen Fall an,« warf Husfield ein, »es ist kaum elf Uhr, und
- Pest und Gift, ich kann die Zeit nicht erwarten, die betende Canaille hängen
zu sehen!«
    »Ja, wenn wir so wollen, Mr. Husfield,« lachte der Tennesseer, »dann geht's
mir gerade so. Mir wird sie auch lang genug werden, aber was dürfen wir anders
tun? - Die Halunken frei lassen? Das wollt Ihr selbst nicht, vor den ganzen
Vereinigten Staaten könnten wir das auch nicht verantworten; und die armen
Mädchen ihrer Wut preisgeben, geht eben so wenig an. - Aber da kommt der
Indianer herbeigeschlichen - seht nur, wie er sich aus dem Bereich ihrer Kugeln
hält. Gegen den müssen sie eine ganz besondere Malice haben.«
    Stevenson hatte recht - schlangenartig glitt Assowaum hinter niederliegenden
Stämmen, Brombeerdickichten und dichten Baumgruppen hinweg, und erst als er nur
noch einen offenen Waldfleck zwischen sich und den Männern sah, floh er
flüchtigen Laufes über diesen hinweg und deckte durch den hier versammelten
Menschenknäuel seinen Körper. Seine Vorsicht zeigte sich auch keineswegs unnütz,
denn kaum hatte er den freien Platz betreten, so bewies eine dritte Kugel, wie
genau jede seiner Bewegungen von dem Haus aus verfolgt war. Triumphirend aber
schwang er diesmal die Büchse und hielt dann den von der zweiten Kugel
getroffenen Arm dem Freunde hin, der augenblicklich sein Tuch vom Nacken riss und
die blutende, jedoch unbedeutende Wunde verband.
    »Weshalb hat denn der Metodist eine solch' entsetzliche Wut auf Dich?«
frug ihn jetzt Brown. - »Er verschiesst kein Stück Blei, wenn er es nicht auf
Deine rote Haut abschicken kann.«
    »Er kennt mich!« sagte der Indianer, sich stolz emporrichtend, »er weiss
auch, dass er meiner Rache verfallen ist - er erschlug Alapaha!«
    »Was? Dein Weib? Der Priester? Rowson? Die Indianerin?« riefen die Männer
entsetzt und verwirrt durcheinander.
    »Er erschlug Alapaha!« wiederholte tonlos der Wilde - »sein Blut war es, das
diesen Tomahawk färbte.«
    »Das ist eine überreife Frucht!« rief Husfield. »Mir kommt's wie Sünde vor,
auch nur noch eine Stunde länger zu warten.«
    »Halt,« sagte der Indianer, »stürmt Ihr das Haus, so stirbt der blasse Mann,
er kennt sein Loos; er wird tapfer sein. Aber er gehört dem befiederten Pfeil
und darf nicht sterben. Er ist mein! Wartet, bis die Sonne in ihr Bett ist.
Assowaum wird Euch führen!«
    »So beschäftigt ihre Aufmerksamkeit wenigstens jetzt,« sagte Brown - »die
armen Mädchen müssen ja verzweifeln, wenn sie uns hier draussen wissen und nicht
ein Lebenszeichen von uns vernehmen. Sie werden uns der Feigheit zeihen.«
    »Allerdings dürfen wir den Canaillen nicht zu viel Luft lassen,« sagte
Wilson - »wer weiss, was sie sonst noch aus Übermut begehen. Wenn mich nicht
Alles trügt, so ist der Schuft, der Cotton, auch mit dort drinnen, und der ist
zu Allem fähig.«
    »Auch Atkins' Mulatte ist uns entschlüpft,« sagte Cook. - »Möglich kann's
sein, dass der dort ebenfalls eine Zuflucht gefunden hat.«
    »Rowson redete ja von Sechsen,« warf Curtis ein.
    »Prahlerei!« sagte Stevenson - »nichts als Prahlerei - er will uns
einschüchtern. - Aber ist denn auch jener Platz wieder besetzt, wo der Indianer
stand?«
    »Euer Sohn ging nach der Richtung zu,« sagte Husfield, »der wird schon
aufpassen.«
    »Gut - dann wollen wir die Belagerten noch einmal zur Uebergabe auffordern
und mit Sturm drohen, dass wir sie wenigstens in Schach halten,« sagte Brown.
    »In was?« frug Bahrens erstaunt.
    »Dass wir ihnen nicht zu viel Zeit zum Nachdenken lassen,« lächelte der junge
Mann. »Wer will der neue Parlamentair sein?«
    »Ich habe nichts dagegen,« sagte Bahrens, »was ich dazu beitragen kann, die
Schufte von der rechten Fährte abzubringen, soll gewiss geschehen. Lieber ging'
ich aber mit Büchse und Messer auf die Canaillen ein - hol' sie der Henker, mich
juckt's ordentlich im Zeigefinger, eine halbe Unze Blei dahinüber zu senden.
Wenn man nur nicht fürchten müsste, eins der Mädchen damit zu treffen.«
    »Hallo, wer kommt da geritten?«
    »Es ist Euer Neger, Roberts,« sagte Cook, »die Frau wird Todesangst zu Hause
ausstehen, denn wie wir vorbeikamen, sah sie leichenblass aus und rief uns nur
zu, ihr Kind zu retten.«
    »Schickt ihr den Burschen zurück und sagt, die Mädchen wären in Sicherheit,«
bat Harper - »sie ängstigt sich sonst zu Tode. - Ehe der Junge dort ankommt,
hoff' ich, haben wir das Wort wahr gemacht.«
    »Natürlich darf ich ihr nicht sagen lassen, wie die Sachen stehen,« meinte
kopfschüttelnd der alte Mann, »sie hätte den Tod vor Schreck. Ob sie denn wohl
schon weiss, dass Rowson -«
    »Sie rief: Rettet mein Kind aus den Händen des Predigers,« sagte Curtis -
»wie sie's erfahren hat, weiss ich nicht.«
    »Er verriet sich selbst,« warf Assowaum ein. »Aber die Zeit drängt. Dort
oben streichen die Aasgeier - sie kennen ihre Beute. Wir sind jetzt die
Aasgeier, bis Abend müssen wir die Hütte umschwärmen. Der blasse Mann hält den
Lauf seiner Büchse auf Assowaum gerichtet, wie der Trutahn nach dem Adler
blickt, wenn er über ihm kreist. Sobald aber der Whip-poor-will zum ersten Mal
schreit, dann verschwimmt das Korn seines Rohres, und er muss nach allen Gegenden
hin achten, ob er nicht den Schlachtschrei der Odjibewas höre.«
 
                                      35.
         List und Gegenlist. - Der Ueberfall - Indianer und Metodist.
»Spart Eure Kugeln!« sagte Cotton ärgerlich, als Rowson auf den
hinwegschleichenden Indianer im Anschlag lag und endlich, als er die schmale
Lichtung übersprang, nach ihm schoss - »Ihr möchtet sie besser gebrauchen können.
Der Indianer ist uns jetzt nicht gefährlicher, als irgend Einer der Anderen.
Fielen wir der Bande in die Hände, so möchten sie die Stricke für uns bereit
haben, ehe die Rothaut ein Wort dazu sagen könnte.«
    »Und wär' ich tausend Meilen von hier,« knirschte der Priester, »so würde
ich mich nicht sicher glauben, bis ich den roten Schuft unter der Erde weiss. -
Der Anderen lach' ich.«
    »Er hat seinen Posten verlassen,« flüsterte Cotton; »wäre es nicht möglich,
das Canoe schnell flott zu machen und wenigstens an's andere Ufer zu entkommen?«
    »Seid kein Tor und redet keinen Unsinn,« brummte Rowson ärgerlich, während
er die abgeschossene Büchse wieder lud und dann die Zündpfannen der übrigen
untersuchte. »Ihr wollt uns wohl durch unüberlegtes Handeln den letzten noch
gebliebenen Rettungsweg abschneiden? Wagen wir es, das Canoe vorzuholen, so
lange noch Tageslicht ist, und werden wir, was unbezweifelt geschehen mag,
endeckt, so haben wir unser Fahrzeug eingebüsst und sind dann rettungslos in ihre
Hände gegeben. Erreichten wir aber wirklich das andere Ufer, so hätten wir die
ganze Bande heulender Schufte aus unserer Fährte. Bedenkt, dass es geregnet hat.«
    »Wahr! Aber wenn sie uns so umstellen, dass wir es auch in der Nacht nicht
erreichen können, und uns nachher aushungern -«
    »Aushungern?« hohnlachte Rowson; »wer stürbe denn da eher, die Mädchen oder
wir?«
    »Allerdings,« sagte Cotton sinnend - »das dürfen sie schon derentwillen
nicht tun - aber ich weiss nicht -«
    »So will ich's Euch sagen,« flüsterte Rowson, ihn bei Seite ziehend, dass die
beiden Jungfrauen seine Worte nicht vernehmen konnten. »Der Platz dort, wo das
Canoe liegt, ist so versteckt und fern von hier, dass sie, wenn es dunkel wird,
nicht daran denken werden, einen Posten dortin zu stellen. Ihren Plan ahne ich.
Sie hoffen auf einen Versuch von unserer Seite, das Flussufer zu erreichen,
sobald es dunkelt, und das müsste auch geschehen, wenn wir nicht glücklicher
Weise den unterirdischen Gang hätten.«
    »Und was machen wir nachher mit den Mädchen? Verdammt will ich sein, wenn
ich nicht jetzt eine ganz besondere Lust verspürte, sie mitzunehmen. Wenn wir
Nachts auslagern, könnten sie uns unsere Mahlzeiten kochen, und - hol' sie der
Teufel - man ist nachher durch keine grossen Heiratsumstände gebunden.«
    »Sie müssen mit,« flüsterte Rowson noch leiser - »wär' es auch nur deswegen,
uns gegen die Kugeln der Feinde, vom Ufer aus, gedeckt zu sehen, wenn diese
unsere Flucht ja zu früh erfahren sollten.«
    »Gut,« schmunzelte Cotton, sich die Hände reibend. - »Der Lump - der Wilson
ist auch unter den Regulatoren - es wird mir eine ganz besondere Wonne sein, dem
den Bissen vor den Zähnen fortzureissen. Wie aber, wenn sie schreien?«
    »Dafür sorg' ich schon,« erwiderte Rowson leise. »Natürlich müssen wir sie
knebeln, doch damit sie jetzt nichts merken, wollen wir uns gar nicht um sie
bekümmern. Ich werde ihnen indessen schon etwas vorlügen, das sie bis Abend
ruhig hält.«
    »Habt also indessen ein wachsames Auge auf die Burschen, dass sie uns nicht
etwa unvermutet über den Hals kommen,« fuhr er dann laut fort, »und wird es
dunkel, so schlagen wir uns durch, den Wald müssen wir erreichen, und dann sind
wir gerettet. Ihr aber« - wandte er sich hierauf an die Mädchen - »haltet Euch
bis dahin hübsch ruhig, und wenn wir das Haus verlassen und Ihr uns nachher
schwören wollt, nicht eher um Hülfe zu rufen, bis wir eine volle Stunde fort
sind, dann sollt Ihr Euren Freunden noch heute zurückgegeben werden.«
    »Wir wollen für Euer glückliches Entkommen beten,« rief Ellen freudig -
»haltet aber Euer Versprechen, und oh - nehmt uns diese Fesseln ab. Ich gebe
Euch -«
    »Lass das unnütze Schwatzen, mein Täubchen,« sagte Cotton, durch die
verschiedenen Ausschaulöcher indessen den Feind beobachtend - »seid froh, dass
Ihr Eure Zungen frei behaltet, mit den Armen müsst Ihr Euch nun schon einmal bis
zum Abend behelfen.«
    »Die Stricke schmerzen mich,« bat Ellen, »Ihr habt sie so fest gebunden, sie
zerschneiden mir das Fleisch -«
    »Nun, dem lässt sich abhelfen,« sagte Rowson, indem er zu den Mädchen trat,
die Knoten etwas zu lockern. »Und was macht mein Bräutchen?« fuhr er dann zu
dieser gewendet fort, die verächtlich ihr Antlitz von ihm drehte, »so böse, mein
kleines Bräutchen?« lächelte er, indem er ihr liebkosend die Locken aus der
Stirn streichen wollte.
    »Zurück, Verräter!« rief das schöne Mädchen mit funkelnden, zornblitzenden
Augen - »zurück - oder ich rufe nach Hülfe und trotze Deinen Drohungen wie
Deinen Waffen.«
    »Aber, beste Marion -«
    »An Euern Posten, Rowson - Gift und Klapperschlangen!« rief ärgerlich der
Jäger - »ist's jetzt Zeit zu solchen Possenspielen! Wartet bis - Da draussen
verteilen sich die Regulatorenhunde wieder,« unterbrach er sich schnell. »Fast
kommt mir's vor, als ob sie einen Angriff versuchen wollten. Ich hatte verdammte
Lust, dem Brown eins auf den Pelz zu brennen - er ist gerade in Schussnähe.«
    Marion lehnte sich zitternd an den Bettpfosten, an dem die beiden Mädchen
zusammengefesselt standen.
    »Nein - haltet Euer Blei zurück!« sagte Rowson, »wir dürfen sie jetzt nicht
noch mehr aufreizen. Nur wenn sie in zehn Schritt Nähe kommen und verdächtige
Bewegungen machen, dann Feuer! Und in diesem Falle natürlich die Führer zuerst
weggeschossen - Brown, Husfield, Wilson und Cook - das sind die gefährlichsten.«
    »Und der Indianer?«
    »Der ist ausgenommen,« rief Rowson, »wo der ein Stück seines roten Felles
zeigt, da geb' ich Feuer.«
    »Dort schleicht der Hund wieder hinter die Büsche,« sagte Cotton, durch die
Spalten der Hütte zeigend, »seht nur, wie er sich am Boden hinschmiegt. Es ist
gar nicht möglich, ein richtiges Visir auf ihn zu bekommen.«
    »So zeigt jetzt einmal Eure Kunst im Schiessen, mit der Ihr immer prahlt,«
munterte ihn Rowson auf - »schickt dem indianischen Teufel dort ein Stück Blei
durch die Rippen, und ich gebe Euch zweihundert Dollar.«
    »Donnerwetter, Rowson,« sagte der Jäger verwundert, ohne jedoch seine Augen
von der nur dann und wann für Secunden sichtbar werdenden Gestalt Assowaum's zu
verwenden. »Ihr müsst verdammt reich sein, wenn Ihr zweihundert Dollar -«
    Er fuhr mit der Büchse schnell an die Backe, als ob er schiessen wollte,
setzte jedoch nach einer Weile wieder ab - »zweihundert Dollar für einen Schuss
versprechen könnt; aber versuchen will ich's - kommt er mir vor's Rohr -«
    Wieder zuckte der Lauf in die Höhe, aber auch diesmal erreichte der
»befiederte Pfeil« einen deckenden Schutzort, ehe Jener ihn auf's Korn nehmen
und abdrücken konnte.
    »Die Pest über seinen Schatten,« rief der Jäger, ärgerlich mit dem Fusse
stampfend, »da will ich doch eben so gern mit der Büchse einem Blitz durch eine
Hagedornhecke folgen, als diesem Indianer. Wie ein Pfeil, von dem der Schuft ja
seinen Namen hat, schiesst er über den Boden hin. Was er nur im Sinne hat? Rowson
- habt Acht auf die Canaille - sie spionirt uns sonst noch das Boot aus, und
dann gute Nacht, Insel.«
    Der Indianer hatte übrigens keinen bestimmten Zweck im Auge und ahnte nicht,
dass in dem dichten, das Ufer begrenzenden und über den Fluss hinhängenden Rohr
ein tüchtiges Canoe verborgen lag. Nur die Aufmerksamkeit der Belagerten wollte
er beschäftigen, nach Dunkelwerden gedachte er dann die Feinde zu beschleichen,
und mehrere der Regulatoren, unter ihnen Curtis und Cook, hatten fest
versprochen, ihm beizustehen. Führten auch die Belagerten ihre Drohung aus,
fielen auch die Mädchen zuerst unter ihren Streichen, was kümmerte das den
Indianer - auch seine Squaw war ermordet; - Niemand hatte ihr beigestanden - der
Mörder lag in jener Hütte verborgen, und ehe eine andere Sonne das Dach
derselben beschien, musste er todt oder in seiner Gewalt sein.
    So verging Stunde nach Stunde; »das grosse Licht« hatte den Zenit
überschritten und sank tiefer und tiefer. - Schon färbte sich die Landschaft in
matteren, röteren Tinten, und feurig glühten die fernen Gebirgsrücken und die
einzelnen Wipfel riesiger Fichten. Raubvögel verliessen die schattigen Aeste, in
denen sie die heisse Mittagszeit verträumt hatten, und strichen, wie der Hai in
spiegelklarer See, durch das grüne, wogende Blättermeer nach Beute; hier und da
spielten noch einzelne muntere Eichhörnchen in tollkühnen Sätzen von Ast zu Ast
und suchten, als sie vergebens die übrigen Spielkameraden herbeigerufen, die
sicheren Höhlen. Kaninchen krochen aus ihren Schlupfwinkeln, hohlen Bäumen und
finsteren Erdhöhlen, hervor und spitzten ganz erstaunt die langen Löffel, als
sie den Platz von Menschen besetzt fanden, der ihnen bis jetzt, so lange sie
denken konnten, zum ungestörten Tummelplatz gedient, während sich hoch oben in
klarer, hellblauer Luft ein kleiner Nachtfalke wiegte und dann und wann in
kurzen, abgebrochenen Tönen den scharfen, diesen Tieren eigentümlichen Schrei
ausstiess.
    Der Abend brach herein und mit ihm die Entwickelung dieses Kampfes, denn bis
jetzt hatten die Belagerer nur fortwährend, teils durch gedrohte Angriffe,
teils durch plötzliche Bewegungen, bald nach dieser, bald nach jener Seite, die
Aufmerksamkeit der Umstellten in Anspruch genommen.
    »Sobald die Sonne unter ist,« flüsterte Rowson dem Gefährten zu - »will ich
hinabschleichen zu dem Boot und recognosciren. Hoffentlich ist das Canoe flott,
es war es wenigstens gestern Morgen, und der Fluss ist nur wenig gefallen. Ihr
haltet unterdessen gute Wacht, und kehr' ich zurück, so schaffen wir erst die
Waffen hinunter und - knebeln dann die Mädchen - das muss unsere letzte Ladung
sein. Zeigen sie sich zu widerspenstig - nun - so habt Ihr gute Knochen - ein
Faustschlag mag sie betäuben; schlagt sie mir aber nicht todt.«
    »Nur keine Angst,« lachte Cotton - »so ein bisschen Ohnmacht kann überhaupt
nichts schaden, wenigstens bis wir erst einmal fünf Meilen hinter uns haben -
nachher -«
    »Sprecht leiser - das naseweise Ding, Euer Liebchen - spitzt gewaltig die
Ohren. Machen sie zu früh Lärm, so könnte es uns den Spass verderben. Schreien
sie aber nachher beim Knebeln ein bisschen, nun so schadet's nichts, dann stürmen
die Narren vielleicht, und während sie sich die Schädel an der eichenen Tür
zerstossen, sind wir durch den Gang und haben indessen an unserem Ladungsplatz
Luft bekommen.«
    »Wir müssen dann auf jeden Fall gleich über den Fluss hinüber,« sagte Cotton
- »im Schatten des dichten Schilfes an der andern Seite werden wir unbemerkt
hingleiten können - die Dirnen tragen ja glücklicher Weise ebenfalls dunkle
Röcke. Was aber fangen wir später mit ihnen an?«
    »Mit den Mädchen?« frug Rowson - »Unsinn, zerbrecht Euch jetzt den Kopf
nicht darüber; im schlimmsten Fall ist Platz genug auf der Insel, oder - unten
im Mississippi. Doch ich will meine Bahn antreten - also habt wohl Acht, Cotton,
noch ist es hell genug und Ihr könnt bemerken, wenn die Regulatoren etwas
Besonderes unternehmen sollten.«
    »Sorgt nicht um mich und kommt bald wieder. Mir fängt der Boden an unter den
Füssen heiss zu werden; ich wollte, ich hätte erst das Ruder in der Hand. Dort
schleicht der rote Schuft wieder vom Flusse fort - soll ich schiessen?«
    »Nein - jetzt ist's zu spät,« sagte Rowson, während er die Dielen aufhob,
die den Gang verbargen - »Ihr könnt ihn doch nicht mehr treffen. Zu solcher
Tageszeit schiesst sich's mit der Büchse am schlechtesten; aber habt Acht aus ihn
- seht, wo er bleibt; ich bin bald wieder zurück.«
    Er verschwand bei diesen Worten in der künstlichen Höhle, und Cotton
wanderte schnellen Schrittes von einer Öffnung zur andern, um sich keine
Bewegung des Feindes entgehen zu lassen und vielleicht noch in den letzten
Augenblicken überrascht zu werden.
    »Marion,« flüsterte unterdessen Ellen der Freundin zu - »Marion - fasse Mut
- ich habe meine Hand befreit - als Rowson sie lockerte, rief ihn die Warnung
jenes Buben fort, ehe er den Knoten wieder so fest wie früher schürzen konnte -
ich bin frei.«
    »Oh, löse auch meine Bande!« flehte die Freundin leise - »ich vergehe fast
vor Angst und Schmerz.«
    »Ruhig - er kommt,« flüsterte die besonnene Ellen zurück, als sich Cotton
ihnen, ohne jedoch Acht auf sie zu geben, näherte, damit er auch diese Seite
nicht unbewacht liesse. Ellen veränderte übrigens, um keinen Verdacht zu erregen,
ihre Stellung nicht im Mindesten, warf aber ängstlich die Blicke umher, wo die
nächste Waffe liege, um im Notfall Messer oder Büchse, oder was es sei,
ergreifen und sich und die Freundin verteidigen zu können.
    Auf einem Stuhl, kaum zwei Schritt von ihr entfernt, lag eine lange Pistole,
und an jeder Wand - die nächste konnte sie fast erreichen, lehnte eine geladene
Büchse, um nach den verschiedenen Richtungen hin augenblicklich in Bereitschaft
zu sein.
    »Löse meine Bande,« bat stehend Marion - »ich muss verzweifeln, wenn Du mich
noch länger -«
    »Warte nur noch wenige Secunden,« bat Ellen - »sieh - sobald Cotton wieder
in jener Ecke ist, darf ich mich bewegen und Dich befreien; dann nimmst Du die
Büchse, die neben Dir steht. Weisst Du damit umzugehen?«
    »Ja,« flüsterte die Jungfrau - »mein Vater lehrte es mich.«
    »Desto besser - wir schieben nachher die Riegel zurück und verteidigen den
Eingang, bis uns Hülfe wird -«
    »Sie werden uns aber überwältigen - Rowson hat uns doch Sicherheit
versprochen, wenn wir still und ruhig sind,« sagte Marion.
    »Ich traue ihm nicht,« erwiderte eben so leise die Freundin. - »Ich vernahm
einzelne Worte, die mich Verrat ahnen lassen. - Jetzt - jetzt hab' Acht -
sobald er jene Ecke betritt, kann ich Dir helfen.«
    Cotton war mit dem Auge an den offen gelassenen Spalten langsam im Kreise
umhergegangen und näherte sich nun dem Bett, an welchem die Mädchen standen und
dessen Vorhänge sie, wenn er dahintertrat, seinen Blicken entziehen mussten.
    Auf diesen Augenblick hatte Ellen gewartet - jetzt verbarg ihn das dichte,
dunkelfarbige Mosquitonetz - schon setzte sie den Fuss vor, die Waffe zu
ergreifen - da stieg Rowson's Kopf wieder aus der Höhlung herauf, und den Blick
fest auf die Mädchen geheftet, stand er in der nächsten Minute, ein Bild der
gespanntesten Aufmerksamkeit, in der Mitte der Stube.
    »Cotton - hörtet Ihr nichts?« frug er leise, als dieser wieder aus der Ecke
vortrat.
    »Hören? Wo?«
    »Mir kam es vor, als ob Jemand irgendwo ein Stück Brett losbräche - es kann
sich doch Niemand an das Haus geschlichen haben?«
    »Der müsste schlau gewesen sein,« brummte Cotton - »die hohe Fenz steht noch,
und so dunkel ist es doch wahrhaftig nicht, dass man einen darüber Kletternden
übersehen sollte. Was würde es aber auch dem, dem es wirklich glücken sollte,
helfen? Unsere Schiessscharten sind sehr zweckmässig angebracht, und wenn -«
    »Schon gut,« unterbrach ihn Rowson, »seitdem es dunkel geworden, wird es mir
ganz unheimlich hier - ich wollte, wir wären auf dem Wasser.«
    »Ist das Boot in Ordnung?«
    »Fix und fertig - also jetzt fort - die Regulatoren sind grösstenteils da
vorn gelagert, und wenn sie auch wirklich ihre heimlichen Wachen zwischen hier
und dein Flusse haben, wie ich keineswegs bezweifle, so können wir doch leise
über den Fourche la fave hinübergleiten und drüben die dunkeln Schatten zu
schleuniger Flucht benutzen.«
    »Aber die Mädchen -«
    »Müssen zur Ruhe gebracht werden; jetzt fürt in's Boot!«
    »Und wie schaffen wir unsere Waffen und den Koffer hinab? Wenn wir die
Dirnen zu tragen haben, so -«
    »Kriecht Ihr voran und nehmt den kleinen Koffer und zwei Büchsen mit - Ihr
könnt nicht fehlen - die Höhle ist schnurgerade, und dicht davor liegt das
Canoe. - Stellt den Koffer so geräuschlos als möglich hinein - die Büchsen auch,
und kommt dann schnell zurück. In zehn Minuten muss Alles abgemacht sein.«
    »Was für Provisionen nehmen wir mit?«
    »Die hab' ich eben hineingetragen. Sie standen in der Höhle und liegen jetzt
im Canoe,« sagte Rowson.
    »Sehr brav! - Haltet indessen gute Wacht - ich bin gleich wieder da.«
    Rowson schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Draussen regte sich kein
Lüftchen - kein Laut wurde gehört - Todesschweigen lagerte über der Landschaft,
und nur um die Lagerfeuer, wohl hundertfünfzig Schritt vom Hause entfernt und
nach den Bergen zu, bewegten sich langsam einige dunkle Gestalten.
    »Was zum Henker treiben die Schufte? Brüten sie irgendwo Unheil?« murmelte
er vor sich hin, während er mit verschränkten Armen an einer der Spalten stehen
blieb und hindurchschaute.
    Er drehte den beiden Mädchen den Rücken zu.
    Ellen trat geräuschlos vor und nahm die Pistole vom Stuhl, glitt aber
augenblicklich in ihre frühere Stellung zurück, denn Rowson wandte sich und
schritt an die andere Wand der Wohnung.
    »Wo nur Cotton bleibt - hol' ihn der Teufel!« fluchte er jetzt ärgerlich,
seinen früheren Marsch erneuend, »sollte er falsch -«
    Er sprang in die Höhle hinunter und lauschte.
    »Hätte ich nur ein Messer, Deine Bande zu lösen,« flüsterte Ellen dem
zitternden Mädchen in's Ohr -
    »Die Planke, auf der ich stehe, bewegt sich -« sagte diese eben so leise und
erschreckt - »was ist das?«
    »Das müssen Freunde sein,« rief Ellen mit vor Freude kaum unterdrückter
Stimme.
    »Was?« frug Rowson, sich wieder aufrichtend, dass sein Kopf eben über dem
Fussboden sichtbar ward.
    »Wir beten,« sagte Ellen.
    »Hol' Euch der Henker,« zürnte der Metodist, sich wieder niederbeugend.
    »Ich wollte auf ihn schiessen,« sagte Ellen bebend, »aber die Hand zittert
mir so entsetzlich - ich würde nicht treffen.«
    »Es muss Jemand unter der Planke hier sein,« flüsterte Marion - »ich fühle es
deutlich -«
    »So hebe den Fuss - das sind Freunde,« sagte Ellen - »der Fluss liegt auf der
andern Seite, und dortin muss der geheime Gang führen.«
    »Allmächtiger Gott - hätte ich nur meine Hände frei!« klagte die Jungfrau.
    »Die Pest über den Buben - ich höre und sehe nichts,« zürnte Rowson, wieder
herausspringend. »Soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht glaube, dass der
Bursche falsch spielt. Aber dann gnade ihm Gott - ich muss ihm nach -«
    Die Planke hob sich jetzt in die Höhe, und des Indianers finster drohende
Augen blitzten aus der Öffnung hervor.
    Rowson hatte eine Büchse ergriffen und wollte eben wieder in den Gang
hinabsteigen, da gab das schwere Brett, unter dem sich der »befiederte Pfeil«
hervordrängte, etwas nach und schurrte bei Seite - der Metodist wandte schnell
den Kopf und begegnete hier, in dem ungewissen Dämmerlicht der Hütte, dem Blicke
seines Todfeindes, der die erste Ueberraschung des Priesters benutzen und
schnell aus seiner unbequemen Lage emporspringen wollte.
    So erstarrt und erschreckt nun aber auch der Prediger im ersten Augenblick
der Ueberraschung gewesen war, so sammelte er sich doch immer schnell genug, um
dem noch mit halbem Leibe unter der Planke steckenden Indianer gefährlich zu
werden. Dieser konnte nämlich weder schnell genug hinauf noch wieder zurück, und
schon war der schwere Kolben gehoben, der ihn wohl sicher genug seinem Weibe
nachgesandt haben würde, als Ellen mit einem Mute, der eines Häuptlings würdig
gewesen wäre, vorsprang und die Waffe aus den zum Todesschlag ausholenden
Priester abfeuerte.
    »Hölle und Teufel!« rief dieser und stürzte zurück; längerer Zeit bedurfte
aber auch Assowaum nicht, dem engen Raum, der ihm fast so gefährlich geworden
wäre, zu entsteigen. Wie der Panter seiner Wälder glitt er daraus empor und
sprang im nächsten Augenblick mit wildem Satz nach der Brust des Mörders, der
mit einem Schrei der Angst und Verzweiflung machtlos zusammenbrach.
    In derselben Minute hob sich die Planke noch einmal, und Curtis tauchte
daraus hervor. Zu gleicher Zeit kehrte aber auch Cotton zurück, die Mädchen zu
holen, und die Gefahr des Freundes sehend, eilte er schnell entschlossen zu
seiner Hülfe herbei.
    Ellen war indessen an die Tür gesprungen und hatte die Riegel
zurückgeschoben, während der Indianer, kühn der neuen Gefahr trotzend, den
Tomahawk aus dem Gürtel riss und diesen, ohne die Linke von der Gurgel seines
Opfers zu entfernen, gegen den neu erschienenen Feind schwang.
    Dieser aber überzeugte sich rasch, wie die Sachen standen. Auf der einen
Seite warf sich ihm Curtis entgegen; von der andern stürmte Brown mit seinen
Regulatoren durch die nun offene Tür, und Cotton ersah klug genug seinen
Vorteil. Mit Blitzes Schnelle sprang er in den unterirdischen Gang zurück und
floh, von der Dunkelheit begünstigt, dem rettenden Boote zu. Curtis über, der
den Flüchtling mir verschwinden sah, glaubte, er hätte sich auf die Erde
geworfen, dem ersten Anprall zu entgehen und dann vielleicht das Freie zu
erreichen. Mit einem Kernfluch auf den Lippen sprang er deshalb gegen ihn an und
stürzte im nächsten Augenblick kopfüber in das offenstehende Loch.
    »Wah!« schrie der Indianer, während seine Augen vor wilder Feude glänzten -
»bin neugierig, wer zuerst wiederkommt.«
    »Fackeln her!« schrie Husfield jetzt zur Tür hinaus, »Fackeln her und
umstellt das Haus - einer der Schufte hat sich unter den Dielen versteckt.«
    Schnell kamen mehrere der Männer mit schon bereit gehaltenen Kienspänen
herbei, und Cook, dem Ersten die Leuchte aus der Hand reissend, folgte dem
Freunde. Brown sprang indessen zur Geliebten, und zitternd vor Siegesfreude und
Liebeslust, war er kaum im Stande, mit seinem Jagdmesser die festen Bande des
armen Mädchens zu lösen. Marion aber, betäubt von dem raschen Wechsel ihres
Schicksals von Angst, Sorge und tödtlicher Gefahr zu Sicherheit und Glück, sank
bebend und ohnmächtig in die Arme des teuren Mannes.
    Wilson und Ellen bildeten an der Tür eine besondere Gruppe.
    »Hier ist ein unterirdischer Gang,« schrie Curtis von unten herauf - »die
Anderen sind entflohen. - Nach dem Flusse zu, Ihr Männer - schnell, und schiesst
auf Alles, was sich regt.«
    Fort stürmten die Regulatoren, und gleich darauf krachten fünf bis sechs
schnell aus einander folgende Schüsse.
    »So haben die Canaillen doch ein Boot gehabt,« sagte Husfield - »und ich und
der Indianer glaubten wunder wie genau wir gesucht hätten.«
    »Seid Ihr verletzt, Curtis?« frug diesen Cook, der hinuntergesprungen war
und ihm im Eingang der Höhle wieder auf die Füsse half.
    »Ja - nein - ich glaube nicht - Pest und Gift - ich bin Hals über Kopf in
das verwünschte Loch hineingefahren und kann Gott danken, so davongekommen zu
sein.«
    »Hallo,« sagte Cook, indem er sich den Platz etwas näher betrachtete -
»künstlich angelegter Spaziergang hier. Nun, jeder alte Fuchs gräbt sich
Notröhren, um im schlimmsten Fall ausbrechen zu können. Das Ding war auch
schlau genug angelegt, ich glaube aber, der Indianer kam ein wenig zu früh.«
    »Wo ist Rowson?« frug Curtis, der sich jetzt wieder genug erholt hatte, um
nach oben klettern zu können.
    »Hier!« antwortete der Indianer, während er seine lederne Schnur aus der
Kugeltasche nahm und dem Gefangenen damit die Füsse zusammenband - »wer hat ein
Tuch?«
    »Was willst Du mit einem Tuch?« frug Cook, der sich ebenfalls wieder
herausgearbeitet hatte.
    »Der Metodist ist verwundet,« sagte leise der Indianer. -
    »Das junge Mädchen dort rettete das Leben des befiederten Pfeils und schoss
dem blassen Mann in die Schulter - Inya!1 wie blass er aussieht!«
    »Der Indianer hat wahrhaftig Mitleiden,« sagte Stevenson, der eben in die
Tür getreten war - »auch eine neue Eigenschaft, die ich an ihn: kennen lerne.«
    »Mitleiden?« frug der Häuptling wild, indem er sich hoch emporrichtete und
zornige Blicke aus den Sprecher warf. - »Wer sagt, dass Assowaum Mitleiden mit
dem Mörder Alapaha's habe? Aber er darf nicht jetzt - nicht hier - nicht an
dieser Wunde sterben, die ihm die Hand eines Weibes schlug. Die Rache muss mein
sein. Wer hat ein Tuch für die Schulter des blassen Mannes?«
    »Hier ist mein Halstuch,« sagte Stevenson, dem Indianer das Verlangte
darreichend - »aber - wie ist mir denn,« fuhr er, sich mit der Fackel über den
bewusstlosen Körper des Predigers beugend, fort, »das Gesicht hab' ich schon
irgendwo gesehen - die Züge sind mir bekannt.«
    Rowson schlug die Augen auf und blickte scheu zu dem Sprecher empor.
    »Himmel und Erde - das ist der Mörder des Viehhändlers!« rief jetzt der alte
Farmer, indem er halb erschreckt, halb in wildem Zorn emporsprang. - »Beim
ewigen Gott, das ist das Gesicht des Schurken, der ihn meuchlings niederschoss.«
    »Zur Hölle mit Euch!« rief der Verwundete und wandte zähneknirschend das
Antlitz zur Seite.
    »Wo ist Brown?« frugen mehrere Stimmen.
    »Hier,« sagte dieser leise - »kann Niemand etwas Essig schaffen? Miss Roberts
ist ohnmächtig.«
    »Mein Kind - mein liebes Kind!« rief Roberts, in Todesangst neben dem
leblosen Körper des bleichen Mädchens knieend.
    »Marion - liebste, beste Marion,« flüsterte ihr Ellen in's Ohr, die sich,
als die erste Ueberraschung und Aufregung vorüber war, errötend den Armen
Wilson's entzogen hatte.
    »Hier ist etwas Wasser und Whisky,« sagte der junge Stevenson, einen
Blechbecher mit dem ersten und eine Korbflasche, mit dem letzten Getränk
gefüllt, dem Regulatorenführer hinüberreichend. Brown bewies sich auch gar nicht
ungeschickt und rieb Stirn, Schläfe und Puls der Geliebten mit einem Eifer, der
den dabeistehenden Bahrens in Erstaunen setzte.
    »Harper!« flüsterte er dem Freunde leise zu - »ist denn Brown ein Doctor?«
    »Nein,« erwiderte dieser lächelnd - »warum?«
    »Nun, weil er das Reiben so weg hat; mir wären die Arme lange eingeschlafen.
Das geht ja wie mit Dampf!«
    »Vater!« flüsterte das Mädchen jetzt, die grossen klaren Augen aufschlagend -
»Vater!« aber ihr Blick begegnete nicht dem des Vaters, obgleich dieser eine
ihrer Hände fest in den seinigen hielt, sondern dem Geliebten, der über sie
hingebeugt mit zärtlicher Sorgfalt und seliger Freude in den Zügen das Erwachen
des teuren Wesens beobachtete.
    »Vater!« hauchte die Jungfrau und schloss die Augen wieder, aber mit so
stillem, zufriedenem Lächeln, dass es fast schien, als hielte sie das eben
Gesehene für einen schönen Traum und fürchte, ihn im wirklichen Erwachen zu
verlieren.
    »Habt Ihr keinen der Flüchtigen mehr einholen können?« frug Husfield
endlich, der es für seine Pflicht hielt, die Führerpflichten zu übernehmen, wo
Brown's chirurgisches Talent so sehr in Anspruch genommen wurde.
    »Nein,« erwiderte Hostler - »einholen nicht, aber ich glaube fast, dass
unsere Kugeln gewirkt haben. Als wir an den Fluss kamen, sahen wir den dunkeln
Schatten eines Bootes am gegenüberliegenden Ufer hingleiten und feuerten unsere
Büchsen darauf ab. Gleich darauf hörten wir etwas in's Wasser schlagen und
drinnen plätschern; die Dunkelheit war zu gross, mehr erkennen zu können. Ich
hoffe übrigens zu Gott, dass unsere bleiernen Botschaften ihre Pflicht getan und
wenigstens Einen umgelegt haben.«
    »Es war nur noch Einer mit diesem da,« sagte Ellen schüchtern - »Cotton ist
sein Name, Ihr kennt ihn wohl Alle.«
    »Cotton! Die - Pest,« rief Wilson - »ob ich es mir nicht gedacht habe, dass
die Bestie hier zu Bau gekrochen wäre. Dass der uns entgangen ist!«
    »Und was soll mit dem Prediger geschehen?«
    »Morgen ist Regulatorengericht,« sagte Brown - »und dort muss er verhört
werden. - Noch vier seiner Mitschuldigen erwarten ihr Urteil zu derselben Zeit.
- Ihr kennt den Platz. Es wäre mir auch lieb, wenn Sie sich ebenfalls dort
einfinden wollten, Mr. Roberts. - Wir brauchen alte und erfahrene Leute zu
solch' ernsten Verhören. - Wer ist noch draussen auf der Wache?«
    »Nur Wenige,« erwiderte Cook - »der Kanadienser mit ein paar der Unseren.
Drei oder Vier sind fort, dem Flüchtling wo möglich den Weg abzuschneiden. Im
Nest staken bloss die Beiden, und weiter wird sich wohl Niemand hier versteckt
gehalten haben.«
    »Von dem Mulatten hat man also keine Spur entdecken können?«
    »Nein - nichts Erhebliches - der Indianer meinte freilich, heute Morgen -«
    »Er ist in die Gebirge,« sagte Assowaum - »ich sah seine Fährte.«
    »Nach dem Regen?«
    »Er muss nach dem Regen wieder am Hause gewesen sein; - der Vogel, dessen
Nest zerstört ist, umflattert noch eine Zeit lang den Baum. Den Gelben schmerzte
der Verlust seines Bettes.«
    »Wo ist Wilson?« frug Brown, sich nach diesem umsehend.
    »Er besorgt wohl die Pferde draussen,« sagte Husfield - - »es wird auch das
Beste für die Damen sein, aufzubrechen. Einige von uns müssen aber hier bleiben
und den Platz morgen bei Tageslicht genau untersuchen.«
    »Husfield - wollt Ihr mir den Gefallen tun?« frug Brown zögernd und, wie es
Jenem vorkam, etwas errötend. - »Es könnte doch sein, dass ich -«
    »Herzlich gern,« unterbrach ihn lachend der Regulator - »Ihr dürft überhaupt
Eure Kranke nicht verlassen, und da will ich indessen Euren Rückzug decken.
Morgen früh um Elf bin ich am bestimmten Platz. Ihr braucht aber mit dem Verhör
nicht auf mich zu warten - fangt nur immer an.«
    »Wir nehmen Atkins und Jones zuerst vor,« erwiderte Brown - »werden auch
wohl früh beginnen müssen. Kommt also dann, so schnell es Euch möglich ist,
nach.«
    »Ach, da sind die Pferde,« rief Harper - »nun, Junge - Du Schlingel, hast ja
nicht einen einzigen Gruss für Deinen alten Onkel heut Abend. Der ist Dir wohl
bei den jungen Damen ganz aus dem Gedächtnis; entschwunden, eh?«
    »Onkel!« rief Brown und ergriff des freundlichen alten Mannes Hand - »Onkel
- ich bin recht glücklich.«
    »Wie transportiren wir denn den Gefangenen?« frug Curtis jetzt - »ein Boot
haben wir nicht.«
    »Dafür wird der Indianer schon sorgen,« sagte Bahrens - »der sitzt ja neben
ihm und schaut ihm wie ein verliebtes Mädchen in's Gesicht. Brrrr - mich
schaudert's, wenn ich mir die blutdürstigen Gefühle denke, die bei dem sanften
Blick dem Indianer durch Kopf und Herz zucken. Solche Wilde sind doch
entsetzliches Volk.«
    »Ich möchte nicht in des Metodisten Haut stecken,« murmelte Cook - »nicht
für alle Schätze des Erdballs. Wenn den die Regulatoren frei gäben, biss ihm der
Indianer, glaub' ich, die Kehle auf und söffe sein Blut.«
    »Die Wunde wird ihm nicht erlauben zu reiten,« sagte Stevenson, der Rowson's
Arm indessen untersucht hatte - »der Knochen ist zerschmettert.«
    »Glaubt Ihr, dass die Wunde gefährlich ist?« frug der Indianer, wie aus einem
Traum erwachend.
    »Wenn er reiten muss und Erkältung dazu schlägt, ja,« entgegnete Stevenson. -
»Die Nacht ist feucht. Ein hinzutretendes Fieber könnte ihn tödten.«
    »Ich trage ihn,« sagte der Indianer.
    »Wen?« frug Bahrens - »den ganzen Prediger?«
    »Ja,« erwiderte Assowaum und schlug seine wollene Decke um den Verwundeten.
    »Gentlemen,« redete jetzt der alte Roberts die übrigen Männer an - »Einige
von Ihnen bleiben, wie ich gehört habe, heute Nacht hier. Diese erwarte ich
morgen um die Frühstückszeit, die Anderen aber, welche jetzt mit uns aufbrechen,
da der Gefangene doch ebenfalls transportirt werden muss, und mein Haus nicht so
sehr weit aus dem Wege liegt, denn meine Frau wird sich bis diese Zeit
wahrscheinlich schon schön geängstigt haben -«
    »- So ersuche ich Sie Alle mit einander,« fuhr Harper in Roberts' begonnener
Rede fort - »heut Abend bei mir einzukehren. Wenn wir auch ein wenig mit Raum
beschränkt sein werden, so lässt sich das Alles schon einrichten - wir sind ja in
Arkansas.«
    »Bravo!« sagte Roberts gutmütig, »ganz mir aus der Seele gesprochen. Also,
Gentlemen, da Sie sich so freundlich meiner annehmen - Brown nämlich meiner
Tochter und Harper meiner Rede, so wollen wir denn aufbrechen. Will der Indianer
wirklich den Unglücklichen tragen?«
    Assowaum beantwortete diese Frage mit der Tat. Er hob den schweren Körper
des Priesters, trotz seiner eigenen doppelten Verwundung, mit der Leichtigkeit
eines Federballs empor und schritt, ohne ein Wort weiter zu äussern, auf der
schmalen Strasse voran. Rowson muhte aber ohnmächtig geworden sein, denn er lag
regungslos in den Armen seines Feindes, und sein bleiches Antlitz ruhte,
schauerlich von den langen, dunkeln, aneinander klebenden Haarbüscheln
umflattert, an der Schulter des Rächers.
    »Er wird ihn doch nicht ermorden?« flüsterte Marion ängstlich ihrem Führer
zu, auf dessen Arm sie sich bis jetzt gestützt hatte und der ihr nun in den
Sattel half.
    »Nein, Marion, fürchten Sie kein weiteres Blutvergiessen heute Abend,«
erwiderte der junge Mann. »Das Gericht der Regulatoren wird aber morgen über den
Elenden entscheiden, der dreifache schreckliche Blutschuld auf sich geladen hat.
Das Mass seiner Sünden ist übervoll.«
    Marion schauderte zusammen. Sie gedachte der furchtbaren Gefahr, der sie
kaum entgangen: diesem Ungeheuer zur Beute zu fallen - aber sie sagte kein Wort.
    »Und wo ist unsere kleine Heldin, unsere Amazone?« frug Bahrens, sich
überall nach Ellen umschauend - »Blitz und Hagel, wo steckt sie denn? Zu deren
Ritter erklär' ich mich heut Abend.«
    »Zu spät,« lachte Brown, »zu spät, Sir - der Posten ist besetzt - Mr. Wilson
hatte die Güte, diese Pflicht zu übernehmen, da sich niemand Anderes dazu
meldete.«
    »Zu spät? so?« sagte Bahrens - »ja, das geht mir manchmal so, und ich könnte
darüber eine köstliche Geschichte erzählen, gefröre mir nicht beim Anblick des
Indianers da vorn das Blut vor lauter Grauen und Gutsetzen in den Adern. Trägt
er nicht sein Opfer so zärtlich und sorgsam, wie eine liebende Mutter ihr Kind
im Arme, und hat er irgend einen andern Gedanken dabei, wie Blut?«
    »Es ist wahr,« sagte der neben ihm reitende Roberts - »es hat etwas
Fürchterliches, wenn man die überlegene Ruhe des roten Mannes betrachtet, mit
der er seiner Rache entgegengeht. Ihm wurde aber auch das Liebste genommen, was
er auf der Welt hatte, und wenn er jetzt, wo er, um die Erfüllung seines
Schwures, den er damals am Grabe seines Weibes leistete - Ihr waret ja wohl auch
dabei, Bahrens -?«
    »Ja!« sagte dieser, aus tiefen Gedanken auffahrend - »ja so - ja. - Apropos,
Roberts, habt Ihr (unter uns gesagt) nicht einen Tropfen Whisky in Eurem Hause?
Ich weiss, Eure Frau kann ihn nicht leiden - aber heut Abend, glaub' ich, würd'
ich krank, wenn ich nicht einen tüchtigen Schluck nehmen könnte. Zum Essen hab'
ich den ganzen Appetit verloren.«
    »Erinnert mich wieder dran, wenn wir nach Hause kommen,« sagte Roberts leise
- »aber - lasst es Marion nicht merken. - Die Frauen stecken immer unter einer
Decke, und wenn sie weiter nichts täten, so - drehten sie mir einmal die
Flasche um und liessen sie auslaufen, und das wäre schade. - Es ist ächter
Monongahela.«
    »Wisst Ihr, Roberts, wie mir der Metodist da vorn in den Armen seines
Feindes vorkommt?« fragte Bahrens nach einer kleinen Pause.
    »Nun?«
    »Die Pawnees haben eine Sage, nach der ein schurkischer spanischer Händler
mit der Leiche des Weibes, das er unglücklich gemacht, auf ein Pferd gebunden
wurde und nun für Ewigkeiten, mit dem Elend vor sich, durch die Steppen rast; -
ich glaube nicht, dass der Metodist - so lange er noch lebt - etwas anderes
sehen wird, als die auf ihm haftenden Augen des Indianers.«
    »Kommt, Bahrens, wir wollen voranreiten, meine Frau beruhigen und Quartier
bestellen,« sagte Roberts. - »Mir wird's auch unheimlich hier zu Mute.«
    Die beiden Männer galoppirten an dem übrigen Zuge vorbei. Als ihre Fackeln
aber das Antlitz des Metodisten und des Indianers für einen Moment erhellten,
sahen sie, wie Assowaum erst ängstlich zu seinem Opfer niederschaute, sich
jedoch gleich darauf wieder mit triumphirendem Blick aufrichtete und schnell,
wie von keiner Last beschwert, weiter schritt. - Der Metodist lebte noch.
 
                                    Fussnoten
1 Ausruf des Erstaunens.
 
                                      36.
                          Das Gericht der Regulatoren.
Der zu dem jetzigen Gericht der Regulatoren ausersehene Platz lag den Fourche la
fave-Niederlassungen etwas näher als der vorige, und zwar aus einem steilen
Hügel oder »Bluff«, der mit senkrechter Felswand am südlichen Ufer des Flusses
emporstieg, und an beiden Seiten, östlich und westlich, von dem niedern Talland
und dichten Rohrbrüchen begrenzt wurde.
    Etwa eine Meile weiter stromab kreuzte jene Strasse den Fluss, auf welcher
damals die Regulatoren von Rowson's List irregeführt waren; und die kleine
Hütte, in der Alapaha von Mörderhand fiel, lag, wie der Leser weiss, kaum eine
halbe Meile in gerader Richtung von dieser entfernt.
    So still und öde jener schroffe Bergesgipfel aber auch sonst gewöhnlich war,
da aus viele Meilen im Umkreis, wenigstens auf der Seite des Flusses, kein Haus
stand, so lebhaft und bewegt zeigte er sich jetzt. Unter den schlanken Kiefern
und dichtbelaubten Eichen und Hickories lagerten, um fünf verschiedene Feuer
herum, einige zwanzig kräftige Jäger und Farmer, Prachtexemplare der wirklichen
Hinterwäldler, teils mit der Zubereitung ihres Frühstücks, teils mit
Verzehrung desselben beschäftigt, und wieder kräuselte der blaue Rauch wie vor
Zeiten lustig und wild in die klare Morgenluft hinauf, als noch der Urstamm, die
Arkansas, diese Höhen bewohnte.
    So gewöhnlich nun aber auch solche Lager in Arkansas oder überhaupt in den
westlichen Wäldern Amerikas sind - so sehr unterschieden sich zwei Gruppen,
nicht allein von dem Aussehen, sondern auch von dem ganzen freien Benehmen der
übrigen Männer. Sie bildeten gewissermassen den Hintergrund dieses Gemäldes und
lagerten am weitesten von dem steilen Abhang entfernt, unter zwei einzeln
stehenden Gruppen von Dogwoodbäumen, deren weisse Blütenzweige sie wie mit einem
Blumendach überschatteten. Wenig aber schienen die Hauptpersonen dieser
freundlichen Umgebung zu achten, und finster brütend starrten sie auf das gelbe,
vorjährige Laub nieder, in dem sie mit gefesselten Gliedern ausgestreckt lagen.
    Es waren die Gefangenen Atkins, Johnson, Weston und Jones, von zweien der
Backwoodsmen, die neben ihnen auf ihren langen Büchsen lehnten, bewacht.
    Die andere Gruppe bestand nur aus zwei Personen - dem Metodisten und dem
Indianer. - Ueber diesen hin schlängelte sich in reichen, malerischen Windungen
eine rote Feuerliane mit ihren trichterförmigen Purpurblüten, zwischen denen
die Weisse quellende Knospenpracht der Gewürzbüsche und der Dogwoods einen
wunderlieblichen Abstand bildeten. Unter dem Laub- und Blumendach diente ein
sorgsam zusammengetragenes, mit warmen Decken belegtes Blätterlager dem
verwundeten Priester zum behaglichen, weichen Ruheplatz, und daneben kauerte der
Indianer. Aber selten wandte dieser seine Aufmerksamkeit von der vor ihm
ausgestreckten Gestalt ab, und das geschah dann nur, ein neben ihnen knisterndes
Feuer zu unterhalten, um die kühle Morgenluft dem leidenden Gefangenen
erträglicher zu machen. Ein Becher, mit Wasser gefüllt, stand neben ihm, den er
manchmal an die brennenden Lippen des im Wundfieber Liegenden brachte und seinen
Durst damit löschte, während er sorgsam wieder die verschobenen Decken
zurechtzog, damit kein rauhes Lüftchen seine Lage verschlimmern oder sie ihm
auch nur für Augenblicke unerträglich machen konnte.
    Jetzt schlugen in nicht sehr grosser Entfernung mehrere Hunde an, und bald
darauf kamen die am vorigen Abend bei dem Ueberfall beteiligten Regulatoren,
mit Brown, Roberts, Harper und einem Fremden an ihrer Spitze, den Berg herauf
und begrüssten hier die schon versammelten Männer. Brown stellte dann den
Regulatoren den Fremden als einen Advocaten aus Pulaski County vor, der,
zufällig in der Nähe, von ihrer heutigen Gerichtssitzung gehört und dieser, wenn
es ihm verstattet würde, beizuwohnen wünschte. Hierauf erklärte Brown, da
Husfield erst in etwa einer Stunde eintreffen könne, die Sitzung für eröffnet.
    Vor allen Dingen wurde jetzt eine Jury von zwölf Ansiedlern gewählt, wobei
den Gefangenen selbst das Recht zugestanden ward, den, den sie in dieser Sache
für parteiisch hielten, zu verwerfen. Keiner aber machte von dieser Erlaubnis
Gebrauch. Sie wussten gut genug, wie klar ihre Schuld sei, und da Husfield nicht
gegenwärtig war, so schien es selbst Johnson gleichgültig, wer von seinen
Feinden Richter oder Zuhörer wäre. Nur zwei ihm vertraute, freundliche Gesichter
sah er unter der Menge; die aber hielten sich wohlweislich sehr zurück und
schienen keineswegs geneigt, eine active Rolle in diesem Drama zu spielen. - Es
war Curneales und Junnegan, die zusammen an einem Baum lehnten und sich nur dann
und wann leise flüsternd ihre Bemerkungen mitteilten.
    »Und wer soll für die Gefangenen sprechen?« frug Brown, als zwei Männer vom
Petite-Jeanne, Stevenson, Curtis, der Kanadienser und Cook als Kläger gegen die
Angeschuldigten aufgetreten waren.
    »Mit Ihrer Erlaubnis will ich das übernehmen,« sagte da vortretend der
fremde Advokat - »mein Name ist Wharton, ich bin Advocat in Little Rock und
glaube nicht, dass Sie jenen Unglücklichen einen Fürsprecher verweigern werden.«
    Einige der Regulatoren wollten hiergegen etwas einwenden, doch Brown nahm
das Wort und erklärte dem Fremden, dass sie bereit wären, ihm die Verteidigung
der Verbrecher zu gestatten. Er solle aber bedenken, dass sie hier, unabhängig
von der Macht des Staates, ein freies Lynchgesetz gebildet hätten und ihren
Grundsätzen dabei, was auch immer die Folgen sein möchten, getreu bleiben
wollten.
    »Verteidigen Sie aber diese Leute!« fuhr er dann, Mr. Wharton freundlich
die Hand reichend, fort. »Giebt es etwas, das zu ihrem Vorteil spricht - desto
besser. Fern sei es von uns, Unrecht tun zu wollen; aber wehe auch den
Schuldigen. Die Gesetze des Staates waren zu schwach und ohnmächtig, uns zu
beschützen - hier stehen wir jetzt, die Bewohner dieser herrlichen Wälder, und
schützen uns selber. - Doch die Zeit vergeht und wir haben einen schweren Tag
vor uns. Wir wollen beginnen.«
    Die Anklagen begannen jetzt; zuerst gegen Atkins und Weston als die Hehler,
und gegen Jones als den Stehler oder Zuführer von geraubten Pferden. Da es aber
an Zeugen für früher verübte Diebstähle fehlte, beschränkte man sich hier ganz
allein auf den zuletzt vorgekommenen und entdeckten Fall.
    Das geheime Versteck für entwendete Pferde war genau untersucht worden und
die Schuld des angeklagten Atkins dabei ausser allen Zweifel gesetzt. Hatten sie
doch nicht allein die Pferde des Kanadiensers, sondern auch noch zwei andere,
vor kurzer Zeit einem Ansiedler am Fourche la fave entführte Tiere bei ihm
gefunden, so dass er sich zuletzt zu seiner Schuld selbst bekennen musste.
    Weston wurde dann vorgeführt, leugnete aber standhaft Alles, bis einer der
Männer vom Petite-Jeanne darauf drang, ihn zum Geständnis zu zwingen und so
lange zu peitschen, bis er bekenne.
    Hiergegen protestirte nun freilich Mr. Wharton vollkommen und nannte das
»grausam« und »inquisitionsartig«. Es half ihm aber nichts - die Mehrzahl
stimmte für »Dogwood«. Der Unglückliche ward denn auch ohne Weiteres an einen
dieser Bäume angeschnürt und mit den schwanken Schösslingen eines Hickorybusches
gepeitscht, bis ihm das Blut von den Schultern rann und lange schwarze Striemen
ihm über die Seiten bis auf die Brust liefen, da die Spitzen des elastischen
Holzes sich wie Fischbein herumgelegt hatten.
    Der Schmerz presste ihm endlich das Bekenntnis seiner eigenen Schuld aus.
Aber keine Qual der Hölle war im Stande, einen einzigen Namen der Mitschuldigen
über seine Lippen zu bringen, und ohnmächtig brach er zuletzt unter den
Streichen zusammen.
    Die Regulatoren - aufgeregt durch das Blut und entrüstet über das stöckische
Schweigen des Verbrechers, wie sie es nannten, dürsteten nach seinem Leben und
riefen wild durcheinander:
    »Hängt ihn - an die Eiche mit ihm! - Er hat gestanden, dass er Pferde
gestohlen hat, was sollen wir uns länger mit ihm aufhalten!«
    Brown aber schlug sich hier in's Mittel und erklärte, dass dies gegen das
ausgemachte Gerichtsverfahren sei. - Es sollten nämlich erst Alle gehört werden,
und die Jury hatte nachher über Leben und Tod der Gefangenen zu entscheiden.
    Jones' Schuld lag klar und deutlich vor, und es herrschte darüber nur eine
Meinung; selbst Wharton vermochte wenig zu seinen Gunsten zu sagen. Jetzt aber
galt es, das schwerere Verbrechen, den Mord Heatcott's, zu prüfen, und als
Ankläger gegen Johnson und Rowson traten hierbei Curtis und der Krämer Hartford
auf, nach dem auf Verlangen des Indianers gesandt war.
    Hartford hatte nämlich erst vor wenigen Tagen eine jener Banknoten durch
zweite Hand von Rowson empfangen, die er früher bei Heatcott selbst gesehen.
Sie war von der Louisiana-Staat-Bank und trug noch als besonderes Kennzeichen
den Namen eines früheren Eigentümers auf der Rückseite.
    Johnson's und Rowson's Fährten hatte der Indianer später mit den an seinem
Tomahawk bemerkten Zeichen verglichen und übereinstimmend gefunden.
    »Johnson hat ferner noch versucht, den Indianer zu ermorden,« sagte Brown,
»wir Alle -«
    »Wozu die schöne Zeit mit weiteren Anklagen versäumen,« unterbrach ihn Einer
aus der Mitte. »Der Schuft hat wegen des einen Mordes das Hängen verdient -
spräche ihn aber die Jury wirklich davon frei, was ich sehr bezweifle, so ist's
immer noch Zeit zu dem andern.«
    Wharton wollte jetzt auftreten und den Angeschuldigten verteidigen; ehe er
aber nur seine Rede beginnen konnte, fuhr dieser, trotz den zusammengebundenen
Armen, empor und rief trotzig:
    »Schweigt mit Euren Salbadereien. Die Schurken sind einmal entschlossen,
mich zu hängen, und werden es tun - die Pest in ihren Hals; ich will ihnen aber
wenigstens nicht den Gefallen tun, zu zittern und zu kriechen. Ja, Memmen Ihr
-, die Ihr zu zwanzig über einen einzelnen Mann herfallt; ich habe den Regulator
erschossen, und Gott soll mich verdammen, wenn ich nicht Eurer ganzen Bande mit
Wollust die Kehle durchschneiden könnte.«
    »Fort mit ihm an die Eiche - fort - hängt die Canaille!« schrieen die
Meisten, und Einige sprangen sagar schon auf den Gefesselten zu. Brown warf sich
aber dazwischen und rief:
    »Halt! Zur Ordnung, Ihr Männer von Arkansas. Wir müssen vorher den Prediger
verhören; die Geschworenen sprechen dann das Urteil.«
    »Gut denn - Rowson vor - den Metodisten her!« schrie die Menge und zog sich
wieder, den Raum in der Mitte frei lassend, zurück.
    Rowson war, als er seinen Namen auf den Lippen der tobenden Menge hörte,
erschrocken und leichenblass emporgefahren. Vergebens bemühte er sich aber
aufzustehen, die Banden hielten ihn nieder, und Assowaum musste diese erst lösen
und dann den durch Blutverlust und Angst Geschwächten auch noch unterstützen,
ehe er im Stande war, sich in die Höhe zu richten. Doch versagten ihm seine
Glieder den Dienst; zitternd und bebend schlugen ihm die Kniee aneinander, und
er wäre wieder zu Boden gesunken, hätte ihn nicht sein sorgsamer Wächter gefasst
und aufrecht gehalten. Erst als er sich einen Augenblick gesammelt, führte ihn
Assowaum vor die auf dem grünen Rasen gelagerten Männer des Geschwornengerichts.
    »Jonatan Rowson,« redete ihn hier ernst und streng der Regulatorenführer
an, »Ihr steht vor Euren Richtern. Man hat Euch angeklagt -«
    »Halt - halt - nicht weiter,« sagte mit leisem, flüsterndem Ton und wild und
ängstlich umherschleifenden Augen der Priester - »nicht weiter. - Ihr sollt mich
nicht anklagen - ich will Alles gestehen - Alles verraten - als State's
Evidence dürft Ihr mich nicht verletzen. Ich werde dadurch selbst - ich gehöre
mit zum Gericht - ich will -«
    »Die Pest über Deine feige, erbärmliche Seele,« schrie Johnson entrüstet -
»seh Einer, wie die Memme zittert.«
    »Wenn Ihr die Zähne noch einmal von einander bringt, ohne dass Ihr gefragt
werdet,« rief Hostler, der hier Sheriffs-Dienste versah, »so klopf' ich Euch mit
dem kleinen Stück Hickory hier den Schädel ein - verstanden?«
    Johnson schwieg zähneknirschend still.
    »Ihr dürft mich nicht morden!« rief Rowson, dem der klare Angstschweiss in
grossen Perlen auf Stirn und Schläfen stand - »oder - Ihr müsst mich wenigstens
vor dem Teufel hier schützen, der über meinen Körper wacht, als ob er der Seele
habhaft zu werden hoffe. Ich will Alles gestehen - ich erkläre mich hiermit für
State's Evidence.«
    Ein Murmeln der Verachtung durchlief die Reihen der Regulatoren, Brown aber
nahm das Wort und sagte, sich zu dem Unglücklichen wendend, der flehend die
gefesselten Hände gegen ihn emporhob:
    »Zu spät kommt diese Reue, Rowson, selbst das kann Euch nicht retten.
Dreimal des Mordes angeklagt, des schändlichen Verrates gar nicht zu gedenken,
mit dem Ihr Euch in die Familien dieser friedlichen Gegend schlichet, seid Ihr
dem Gericht verfallen. Habt Ihr noch etwas zu Eurer Verteidigung zu sagen?«
    »Da kommt Husfield mit den Uebrigen,« rief Cook, »von den beiden Entflohenen
bringen sie aber keinen zurück.«
    Husfield ritt in diesem Augenblick bis ziemlich dicht an die Gefangenen
hinan, warf ein Bündel, das er vor sich getragen hatte, zur Erde nieder, sprang
aus dem Sattel und überliess das Tier sich selbst.
    »Etwas Neues noch, Husfield, was Licht auf die verschiedenen Anklagen werfen
könnte?« frug Brown.
    »Nichts Erhebliches,« erwiderte der Regulator, »hier den alten Rock, der mir
übrigens verdächtig vorkam, weil er so sorgfältig gewaschen schien und versteckt
lag.«
    »Wah!« sagte der Indianer, der hinzugetreten war und auf die Stelle zeigte,
an der einer der hörnernen Knöpfe fehlte - »diesen Knopf erfasste Alapaha im
Todeskampfe - und hier - hier war die Wunde.«
    Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schritt er zu dem laut- und regungslos
dastehenden Priester, nahm sein Scalpirmesser aus dem Gürtel und schljetzte den
linken Aermel bis an die Achsel auf, wo die rote, kaum geheilte Narbe von dem
Tomahawk der Indianerin sichtbar wurde. Ruhig deutete Assowaum darauf hin und
sagte leise:
    »Er ist der Mörder!«
    Alles schwieg - es war, als ob sich Jeder scheue, die schauerliche Stille zu
unterbrechen, und Rowson's Blicke flogen ängstlich von Antlitz zu Antlitz, nur
ein einziges zu finden, aus dessen Zügen Mitleiden und Erbarmen spräche. - Sie
standen Alle - Alle starr und kalt, und der finstere Ernst, die
zusammengezogenen Brauen verkündeten sein nahes Schicksal.
    »Diese Brieftasche,« sagte Brown endlich, »fand man ebenfalls bei dem
unglücklichen Mann hier, der, wie es scheint, Verbrechen auf Verbrechen häufte,
um seine dunkeln Zwecke zu erreichen. Die Summe, die hierin entalten ist -
elfhundert Dollar -, entspricht etwa der, die jener am Ufer des Arkansas
erschlagene Viehhändler bei sich getragen haben soll. Mr. Stevenson hat Rowson
als denselben Mann erkannt, den er an jenem Tage, wenige Minuten vor der
verübten Tat, mit dem Ermordeten gesehen.«
    »Kennt Ihr dieses Federmesser - Rowson?« frug er dann mit leiser Stimme den
bleichen Mörder - »kennt Ihr diese Blutspuren daran?«
    Rowson wandte sich schaudernd ab und stöhnte, auf Johnson deutend:
    »Der da gab den Rat - warum mir das Alles - warum jedes Verbrechen auf
meine Schultern?«
    »Und Ihr gesteht ein, dass Ihr schuldig - an dreifachem Morde schuldig seid?«
frug ihn Husfield.
    »Ja - ja - ich will Alles gestehen - Alles - noch mehr - noch viel
entsetzlichere Sachen - ich will Euch vom Mississippi -«
    »Ich protestire gegen dieses Verfahren,« sagte der fremde Advocat, schnell
vortretend - »Sie entlocken diesem Elenden hier das Geständnis seiner Schuld,
während er noch immer in der Hoffnung steht, als State's Evidence begnadigt und
auf freien Fuss gesetzt zu werden. Sie haben überdies des jungen Weston, oder wie
er heisst, Geständnis mit Gewalt, gewissermassen durch die Folter herausgelockt, -
und -«
    »Sir,« unterbrach ihn ruhig Brown - »ich habe Ihnen schon im Anfang gesagt,
dass Sie hier vor keinem gesetzlich gebildeten und nach bestimmten Regeln
hergestellten Tribunal stehen. Eben das hat uns gezwungen, selbstständig
aufzutreten, dass vor dem Gesetz des Staates Kniffe und Ränke der Advocaten stets
die ärgsten Verbrecher der Strafe entzogen, weil vielleicht irgend eine
Kleinigkeit in der Anklage versehen, oder ein Zeuge fehlte, oder sonst ein Haken
gefunden werden konnte, mit dem man Den, der im Stande war zu bezahlen,
herausriss aus Not und Strafe. Wir hier sind eine Versammlung von Regulatoren,
und die Gewalt, die wir ausüben, ist das Lynchgesetz. Diese Männer wurden
angeklagt und werden bestraft, wenn schuldig befunden. - Können Sie uns
beweisen, oder auch nur hoffen lassen, dass Einer von ihnen schuldlos, so sei
Ihnen im Voraus versichert, dass er frei und ungehindert von dannen gehen soll. -
Das ist meines Wissens das Einzige, was Sie bei dieser Sache zu tun haben. -
Was beschliessen die Geschworenen über Atkins?« -
    »Gebt mich frei,« schrie Rowson in Verzweiflung - »gebt mich frei - und ich
will Dinge bekennen, die -«
    »Schweigt - ich rette Euch!« flüsterte ihm leise der fremde Advocat zu.
    Erstaunt und freudig schaute der Elende zu diesem empor, begegnete aber nur
noch dem behutsam warnenden Blick desselben, der sich eben von ihm ab und den
Geschworenen zuwandte. Diese berieten in kleiner Entfernung mit einander über
das Schicksal der Angeklagten.
    Nach kurzer Zeit schon kehrten sie mit dem einstimmigen Ausspruch:
                                  »Schuldig!«
zurück. Atkins sank, das todtenbleiche Antlitz mit den Händen bedeckend, in die
Kniee nieder.
    »Und Weston?« frug Brown.
    »Schuldig!«
    »Und Jones?«
    »Schuldig!«
    »Und Johnson?«
    »Schuldig!«
    »Und Rowson?«
    »Schuldig!« tönte es nach, im schauerlichen, marker-schütternden Chor.
Weston schluchzte laut, und Johnson knirschte, seinen Richtern giftige Blicke
zuschleudernd, wütend mit den Zähnen.
    »Ihr habt es gehört!« sagte Brown nach langer Pause, während Rowson, alles
Andere um sich vergessend, nur an jeder Bewegung des Fremden hing. Es war die
letzte Hoffnung, die ihm der gegeben, und in seiner Todesangst hielt er den
Fremden wie einen Heiligen, der mit überirdischen Kräften begabt sei.
    »Das Gericht der Regulatoren erklärt Euch hiermit für schuldig und spricht
Euch den Strang für Eure Vergehen zu!« sagte Brown mit fester, tiefer Stimme.
    »Fort mit ihnen,« schrieen Einzelne aus der Menge - »an die nächsten Bäume -
füttert die Aasgeier mit den Hunden!«
    »Halt!« rief Brown dazwischen, seine Hand gegen die Herandrängenden
ausstreckend. - »Halt! das Gericht verurteilt sie - aber, Männer von Arkansas -
wir wollen nicht wie die wilden Tiere gegen unsere Nebenmenschen wüten. -
Nicht alle dürfen gleiche Strafe dulden; nicht Alle sind gleich schuldig. Ist
Keiner dabei, den Ihr begnadigen möchtet?«
    »Atkins' Kind ist heute Nacht gestorben,« sagte Wilson, vortretend - »seine
Frau liegt schwer krank darnieder - er hat nach Texas auswandern wollen - ich
dächte, wir liessen ihn ziehen.«
    Eine augenblickliche Stille herrschte - Atkins blickte mit stieren -
tränenleeren Augen von Einem zum Andern.
    »Ich stimme für Gnade!« sagte Brown.
    »Und ich auch,« pflichtete ihm Husfield bei - »lasst uns überhaupt,
Kameraden, unser erstes Gericht nicht als ein zu blutiges beginnen. Ich bitte um
Weston's Leben. Der arme Teufel hat Alles, was er selbst verbrochen, bekannt;
dass er die Mitschuldigen nicht verraten wollte, können wir ihm nicht zur Last
legen; ich meinesteils finde es brav. Soll er mit der erhaltenen Züchtigung
hinlänglich bestraft sein?«
    »Ja!« sagten die Männer nach kurzem Bedenken.
    »Aber er muss versprechen, sich zu bessern!« rief eine feine Stimme. - Alles
lachte und schaute sich nach dem Sprecher um.
    »Gnade! Gnade!« flehte jetzt auch Jones, der an dem ganzen Betragen der
Regulatoren wohl sah, wie sehr sie gesonnen seien, ernst durchzugreifen, und
diesen ersten lichten Augenblick zu seinem Vorteil zu benutzen beschloss. »Gnade
auch mir - ich habe einmal gefehlt - und gehöre ja überdies in ein anderes
County.«
    »Das möchte Euch wenig helfen,« sagte Brown - »ich stimme jedoch dafür,
diesen Mann, der allerdings weder den Fourche la fave noch Petite-Jeanne angeht,
den Gerichten von Little Rock zu übergeben; die mögen über ihn entscheiden. Dass
er nicht wieder an den Fourche la fave kommt, davon, glaub' ich, können wir
überzeugt sein.«
    »Fort mit ihm,« riefen Einige, »gebt ihn dem Sheriff.«
    »Es wär' schade um den Strick,« sagte Curtis; »jedoch, Gentlemen, hab' ich
gegen das letzte Urteil noch etwas einzuwenden. Der Bursche hat uns hier in
unsere Rechte Eingriff getan, und stecken sie ihn in Little Rock in's
Zuchtaus, und bricht er durch, wie sich das von selbst versteht, so lacht er
uns nachher noch aus.«
    »Bei meiner Seligkeit nicht!« rief Jones ängstlich.
    »Die kauf' ich nicht teuer,« erwiderte ihm Curtis. - »Nein - ich stimme
dafür, dass wir ihn erst mit unseren verschiedenen Holzarten, Hickory und
Dogwood, bekannt machen; nachher kann er gehen. Er wird dann wenigstens
freundlich an unser Flüsschen zurückdenken.«
    »Curtis hat Recht,« sagte Brown - »und meiner Ansicht nach ist dieser Jones,
wenn nicht so schlimm wie Rowson, doch einer der abgefeimtesten Schufte, die es
geben kann. Wenn es also die Männer von Arkansas zufrieden sind, so mag ihm der
Neger dort fünfzig Streiche zuzählen.«
    »Gentlemen!« bat Jones ängstlich.
    »Fünfzig sind eigentlich zu wenig,« rief Bowitt, als die Uebrigen
beigestimmt hatten, »doch möchten wir dann einen andern Mann als den Neger zum
Strafen wählen; ich traue dem -«
    »Halt,« unterbrach ihn der Kanadienser. »Ich will ihm die Schläge geben -
bin ihm so noch etwas schuldig -«
    »Gnade! Gnade!« flehte Jones, der wohl wusste, wie dieser Halbwilde seinen
Rücken bearbeiten würde.
    »Die ist Euch geworden,« sagte Brown, sich von ihm wendend - »nach Verdienst
gebührte Euch der Strang - fort!«
    »Und Johnson und Rowson?« frug Husfield jetzt, sich langsam im Kreise
umschauend, während der Kanadienser den wimmernden Jones zur Seite führte.
    »Den Tod!« schallte es dumpf und eintönig von jeder Lippe.
    »Sir - wenn Ihr mich retten wollt,« flüsterte Rowson, mit Leichenblässe im
Antlitz, dein fremden Manne zu, »jetzt ist die höchste Zeit - Ihr kennt die
Regulatoren nicht -«
    »Schweigt und baut auf mich,« sagte ihm eben so leise und vorsichtig der
Advokat.
    Wilson hatte indessen Atkins' Bande zerschnitten und bot ihm sein Pferd zum
nach Hause Reiten an. Dieser nickte auch dankbar mit dem Kopfe, löste den Zügel
desselben von dem Zweige, an dem es befestigt stand, und wollte aufsteigen. Da
besann er sich noch einmal, blieb einige Secunden über den Sattelknopf des
Tieres gebeugt stehen, kehrte dann zurück und reichte erst Wilson, dann Brown
und dann Husfield schweigend die Hand - drückte sie herzlich - schwang sich in
den Sattel und sprengte mit verhängten Zügeln seiner Wohnung zu.
    Brown sah ihm sinnend nach und sagte dann zu Wilson:
    »Bei dem hat's geholfen - es sollte mich nicht wundern, wenn Atkins ein
ehrlicher Mann würde.«
    »Rettet mich, sonst ist es zu spät,« flüsterte Rowson wieder in Todesangst -
»Ihr habt es versprochen - Ihr müsst mich retten.«
    »Führt die Gefangenen zum Tode!« sagte Brown mit leiser, aber volltönender
Stimme.
    »Halt!« rief der Advocat jetzt dazwischen tretend. »Halt! im Namen des
Gesetzes! Diese Verbrecher sind des Todes schuldig - es ist wahr, aber ich
protestire hier öffentlich gegen dieses Gerichtsverfahren, was eben solcher Mord
wäre, als jene begangen haben. Ueberliefert sie mir und ich will ihr Ankläger
vor den Richtern des Staates werden, aber hier -«
    »Tut Eure Pflicht,« wiederholte Brown ruhig, ohne den Einwurf zu beachten,
»hat einer der Gefangenen noch etwas zu sagen?«
    »Ich will Alles entdecken,« schrie Rowson - »hört mich nur - Alles will ich
entdecken, wenn Ihr mir mein Leben sichert. - Bis an meinen Tod will ich im
Gefängnis arbeiten - aber das Leben schenkt mir - nur das Leben. Ich habe
fürchterliche Sachen zu entdecken.«
    »Euer Leben ist verwirkt,« erwiderte ernst der strenge Richter. - »Bereitet
Euch auf Euren Tod vor!«
    »Zurück!« schrie der Elende, als ihn die Regulatoren ergreifen wollten,
»zurück mit Euch - ich bin dem Gesetz verfallen - ich -«
    »Halt!« flüsterte der Indianer, der bis dahin, wie ein zum Sprung bereiter
Panter, neben der gefesselten Gestalt des Metodistenpriesters gekauert hatte,
sich jetzt aber zu seiner vollen Höhe emporrichtete und seine Hand auf die
Schulter des vor der Berührung zurückbebenden Verbrechers legte. - »Dieser Mann
ist mein, Ihr habt ihn schuldig gesprochen - aber ich bin sein Henker!«
    »Nein - nein - nein!« schrie der Metodist in Todesangst - »nein - eher
Alles - fort - fort, Ihr Regulatoren, fort mit mir - hängt mich - hängt mich
hier an diesen Baum! - Nein, nicht hier - weiter fort etwas - hundert Schritt -
eine halbe Meile - aber gebt mich nicht in die Hände dieses Teufels - Hülfe -
Hülfe!«
    Assowaum umschlang, ohne weiter eine Antwort der Regulatoren abzuwarten, die
Arme seines Opfers mit der ledernen Fangschnur und nahm den sich wütend, aber
machtlos Sträubenden wie ein Kind in seine Arme.
    »Gentlemen - das ist entsetzlich!« sagte der Advocat schaudernd - »Sie
wollen doch nicht zugeben, dass der Wilde den Mann in den Wald schleppe und dort
zu Tode martere?«
    Keiner der Regulatoren antwortete eine Silbe - Alle starrten schweigend den
Indianer an, dessen Züge aber, unverändert und ruhig, nicht das Mindeste von dem
verrieten, was in seiner Seele vorging. Selbst Johnson schien für den
Augenblick die Gefahr seiner eigenen Lage vergessen zu haben.
    »Erbarmen!« schrie Rowson - »ich bin dem Lynchgesetz verfallen - Erbarmen -
rettet mich vor dem Teufel, der mich gefasst hat.«
    Der Indianer trat mit ihm aus dem Kreis und schritt den schmalen Fusspfad,
der in die Niederung und von da an den Fluss führte, hinab.
    »Nein - das darf ich nicht dulden!« rief der Fremde und eilte dem Häuptling
nach, entschlossen, den Unglücklichen wenigstens aus dieser Gefahr zu retten.
Als aber Assowaum die Schritte hinter sich hörte, wandte er sein Antlitz dem
Advocaten zu und rief drohend:
    »Folge mir auf meiner dunkeln Bahn, und Du kehrst nie wieder zu den Deinen
zurück - ich kenne Dich!«
    »Rettet mich!« flehte Rowson - »rettet mich - bei Eurer Seele Seligkeit!«
    Assowaum wandte sich und war im nächsten Augenblick mit seinem Opfer im
Dickicht verschwunden. Wharton aber blieb wie in den Boden gewurzelt stehen und
starrte träumend und fast bewusstlos der langsam fortschreitenden Gestalt des
roten Kriegers nach.
    Aber auch auf dem Hügel wagte Keiner die feierliche Stille zu unterbrechen.
Jeder verharrte mit tiefgefühltem Entsetzen in seiner Stellung - kaum zu atmen
wagten die Männer und nur Brown schritt leise und geräuschlos an den Rand des
Felsens, der den Fluss überragte, und schaute, den Arm um eine junge Eiche
geschlungen, hinab auf das Flussbett. Dort aber glitt in seinem Canoe der
Indianer mit langsamen, ruhigen Ruderschlägen dahin, und vorn im Boot lag die
gebundene Gestalt des Metodisten.
    Jones' Wehegeschrei weckte die Männer zuerst wieder aus ihrer Betäubung; der
Kanadienser, der in dem Rachewerk des Häuptlings weiter nichts Ausserordentliches
gesehen, hatte die ruhige Zeit indessen dazu benutzt, den kleinen schwächlichen
Mann an einen jungen Dogwoodstamm zu binden und liess nun mit dem besten Willen
von der Welt das schwanke Holz auf seinem Rücken herumtanzen. Er kümmerte sich
auch wenig darum, dass dieser, sich unter den schmerzhaften Schlägen windend,
schrie und jammerte, er habe schon sechzig - einundsechzig - zweiundsechzig -
dreiundsechzig Schläge bekommen.
    Brown legte sich endlich in's Mittel und befreite den Gezüchtigten von
seinem Executor, der keineswegs gesonnen schien, sich an die einmal zugeteilte
Anzahl Streiche zu kehren. »Da er doch einmal dabei sei,« wie er aufrichtig
genug sagte, »wolle er dem Burschen den Appetit für Pferdefleisch gleich für
immer benehmen.«
    Eine andere Abteilung hatte indessen Johnson unter den zu seiner
Hinrichtung bestimmten Baum geführt. Bowitt ermahnte ihn, noch einmal zu beten.
Als Antwort aber spie ihn der Verurteilte an und wandte ihm verächtlich den
Rücken. Kein Wort, weder Bitte noch Klage, kam über seine Lippen; die
Regulatoren aber, durch diesen letzten Beweis von Frechheit empört, warfen ihm
ohne weitere Umstände die Schlinge um den Hals, hoben ihn auf ein Pferd - der
Neger musste an dem Baum hinauf und das Seil an einem vorragenden Ast befestigen,
und Curtis nahm dem Pony, das ruhig unter der ihm aufgebürdeten Last stand, den
Zügel ab.
    Johnson's Ellbogen waren ihm auf den Rücken zusammengebunden, und er sass
hoch aufgerichtet im Sattel; das Seil richte gerade hinauf. - Sobald das Pferd
aber nur einen Schriet vorwärts tat, das Gras abzupflücken, das im Überfluss
auf dem Kamm des Hügels wuchs, war es um ihn geschehen.
    Das Pony rührte und regte sich jedoch nicht und schaute mit seinen grossen
dunkeln Augen von einem zum andern der Männer, als ob es wisse und verstehe, wie
alle Blicke, erwartungsvoll an ihm hingen.
    »Was sollen die Faxen?« rief Johnson jetzt halb ärgerlich - halb ängstlich,
während ihm der kalte Angstschweiss auf die Stirn trat - »nehmt das Pferd fort
und macht ein Ende!«
    Es hätte nur eines Schenkeldrucks von ihm bedurft, und das Pony wäre
vorgesprungen - aber er bewegte kein Glied - das Tier, das ihn trug, eben so
wenig.
    Brown schwang sich in den Sattel und sprengte den Hügel hinunter. - Ihm
folgten die Uebrigen, von denen einige jedoch Wharton im Auge behielten. Jones
war ebenfalls zurückgeblieben, aber der Kanadienser hütete den schon, dass er das
gesprochene Urteil nicht vereitelte.
    Das Pferd des Verurteilten stand noch immer unbeweglich, und Johnson
schaute halb trotzig, halb verzagt nach Jones hinüber.
    »Kommt,« sagte der Halbindianer jetzt zu diesem - »was Ihr im Sinne habt,
weiss ich wohl - dem Mann sollt Ihr aber den Spass nicht verderben - fort mit
Euch!«
    »Aber so lasst doch -«
    »Fort mit Euch, sag' ich, oder - wir sind jetzt allein -« er schwang bei
diesen Worten einen der noch vorrätig abgeschnittenen Stöcke. Im nächsten
Augenblick verliessen die Männer den Platz, und Johnson sass allein auf dem immer
noch still und regungslos haltenden Tiere - unter seinem Galgen.
 
                                      37.
                                 Roberts' Haus.
Stille Trauer herrschte indessen, während auf dem Felshügel des Fourche la fave
das Lynchgesetz seine Opfer verurteilte und strafte, in Robert's Hause, wo bis
jetzt Marion's Mutter bleich und besinnungslos auf ihrem Lager gelegen hatte.
Die Regulatorenschaar war mit ihrem Gefangenen aufgebrochen, die Sonne schon
hoch über die Wipfel der Bäume gestiegen, und noch immer hatte Mrs. Roberts kein
Zeichen ihres zurückgekehrten Bewusstseins gegeben. Da plötzlich, als schon der
alte Roberts anfing, mit einem sehr ernsten und bedenklichen Antlitz im Zimmer
auf und ab zu gehen, als Marion still weinend am Bett kniete und betete, und
Ellen ebenfalls stumm und traurig an ihrer Seite sass und die kalte Hand der
alten Frau in der ihren hielt, schlug diese plötzlich die Augen auf, schaute wie
erstaunt und verwundert - immer noch nicht recht darüber im Klaren, was
eigentlich vorgegangen sei - zu ihrer Marion auf. Diese aber sprang jubelnd auf
und flog mit einem Freudenschrei der zu neuem Leben erwachten Mutter um den
Hals.
    »Kind - liebes Kind -« sagte diese leise, »bist Du mir wiedergegeben? Bist
Du wieder zu uns zurückgekehrt? Hat der - Gott sei mir gnädig - mir schwindelt,
wenn ich an jenen Augenblick zurückdenke - hat der böse Feind, der in der
Gestalt jenes Menschen bei uns erschien, keine Gewalt über Dich gewonnen?«
    »Nein, Mütterchen - nein, herziges, liebes Mütterchen,« rief das
erschütterte Mädchen - »oh, nun ist Alles gut, da Du die Augen wieder so hell
und klar geöffnet hast. Nun wird Alles gut werden.«
    »Aber - wie ist mir denn, Kind? Haben wir denn Morgen oder Abend? Mir kommt
es vor, als ob ich eine lange, lange Zeit durchträumt hätte. Wo kommen die Leute
alle her?«
    »Margaret!« sagte jetzt Roberts, der leise und vorsichtig hinzugetreten war
und sich auf dem Stuhl neben dem Bett seines Weibes niederliess - »Margaret -
liebe, gute Margaret, wie geht Dir's?«
    »Roberts hier? und Mr. Bahrens und Harper? und Ellen? - Seid Ihr denn gar
nicht fortgeritten?« frug die alte Frau erstaunt und unruhig; »hab' ich denn
Alles nur geträumt?«
    »Du sollst Alles erfahren, Mütterchen,« flehte Marion, bittend ihre Hand
streichelnd - »aber jetzt, nicht wahr, jetzt hältst Du Dich recht ruhig und
erholst Dich erst wieder!«
    »Erholen?« frug die Mutter, sich von ihrem Lager aufrichtend - »erholen? ich
bin stark und kräftig - nur der Kopf - der Kopf schwindelt mir noch ein wenig.
Aber erzählt mir, oh bitte - erzählt mir, was vorgefallen. Roberts - Bahrens -
Harper - was fehlt den Männern? Sie sehen alle so ernst aus.«
    »Nichts fehlt ihnen, Mrs. Roberts« erwiderte ihr Bahrens, indem er vortrat
und ihre Hand schüttelte - »nicht das Mindeste - jetzt wenigstens nicht mehr.
Nur so lange Sie da kalt und bleich wie eine Leiche lagen, so lange war's uns
hier nicht geheuer im Zimmer, und da mögen wir wohl noch ein wenig alberne
Gesichter schneiden. Harper hier ist überdem selbst halber Patient. Aber heraus
jetzt mit der Sprache; am besten erfahren Sie gleich Alles auf einmal, da es
überdies nichts Schlimmes ist, und nachher wird Ihnen und uns das Herz leicht.«
    Marion musste nun erzählen; von dem ersten Augenblick an, wie Rowson in das
Haus gesprungen und Cotton aus seinem Versteck herabgeklettert sei, wie sie
gebunden gewesen und wie sich Ellen befreit; Assowaum's erstes Erscheinen, der
Freundin Heldentat und die Rettung durch die - Regulatoren, unter welchem
allgemeinen Namen das holde Mädchen schüchtern die Nennung des geliebten Mannes
umging. Dies Alles kündete sie dem aufhorchenden und liebend ihre Hand in die
ihre pressenden Mütterchen, das immer noch das teure Kind in Gefahr zu sehen
glaubte und nicht von ihm lassen wollte, um es nicht auf's Neue zu verlieren.
    »Also Dir, gutes Mädchen, danke ich eigentlich allein das Leben meiner
Tochter,« wandte sie sich dann aber zu der errötenden Ellen und reichte ihr die
noch freie Hand hinüber.
    »Mir? ach Gott, nein,« entgegnete diese schüchtern - »mein Verdienst ist gar
gering dabei - die Pistole - ich weiss nicht - ich glaube, sie muss von selbst
losgegangen sein; ich habe mich wenigstens immer vor Feuerwaffen gefürchtet.«
    »Ellen war gewiss unser Rettungsengel,« unterbrach sie Marion. »Der Indianer
wäre verloren gewesen, wenn jener Schuss nicht fiel und nach ihm - vielleicht der
- Nächstfolgende. Auf jeden Fall aber würde der Wütende uns selbst seiner Rache
geopfert haben. Ellen ist sicherlich die Heldin jener Nacht.«
    »Wo aber sind die Uebrigen? Mr. Curtis, Brown und Wilson?« frug die Matrone
- »sie, die neben dem Indianer ihr Leben so kühn und uneigennützig für Euch
auf's Spiel setzten, verdienten doch sicher den heissesten Dank.«
    Harper hustete bei dem Worte »uneigennützig« bedeutend, und Marion's Antlitz
überflog eine Scharlachröte.
    »Die jungen Leute sitzen über die Buben zu Gericht,« sagte Roberts - »und
wärest Du nicht so sehr krank gewesen, so hätte ich heute ebenfalls dem
Regulatorengericht beigewohnt. Wo solche Schurkereien vorfallen, da muss den
Schuften einmal bewiesen werden, dass der alte Geist in uns Hinterwäldlern noch
nicht etwa erstorben ist. Nun - sie werden's auch ohne uns, die wir doch nun
einmal hier, wo wir vollauf zu tun haben -«
    »Aber sagtet Ihr nicht,« frug Mrs. Roberts schaudernd, - »dass jener Rowson -
jener - Rowson -«
    »Lass das jetzt sein, Alte,« unterbrach sie schmeichelnd Roberts - »wenn Du
wieder recht wohl und kräftig bist, dann wollen wir über die Vorfälle genauer
sprechen, bis dahin hören wir auch das Resultat des Regulatorengerichts. Aber
nun, Mädchen, schafft einmal an, was Küche und Rauchhaus zu bieten vermögen. Wir
feiern heute ein Fest, ein Fest der Erlösung, und zwar ein doppeltes, in
geistiger und leiblicher Hinsicht, denn in leiblicher sind uns diese
verwünschten Pferdediebe, vor denen kein Huf im Stalle mehr sicher war -
Hostlern haben sie neulich versucht, seinen Hengst mitten aus dem Hofraum zu
stehlen, und seine Fenz ist über elf Fuss hoch. Uebrigens hat er keine Reiter1
dran, und ich habe es ihm -«
    »Und in geistiger können wir unserem Herrgott fast noch mehr danken -«
unterbrach ihn Bahrens, als er fand, dass Roberts wieder mit verhängten Zügeln
nach New-York sprengte - »jetzt wird das Predigen doch einmal ein wenig
nachlassen.«
    »Aber, Mr. Bahrens,« sagte in vorwurfsvollem Ton die Matrone - »wollen Sie
die Schuld aus eine so heilige Sache werfen?«
    »Nein, sicherlich nicht«, erwiderte dieser, um Alles zu vermeiden, die noch
nicht ganz Genesene zu kränken - »sicherlich nicht - aber das Gute hat es, dass
wir künftig in der Wahl der Prediger sehr vorsichtig sein werden, und auch mit
Recht. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer.«
    »Hallo da!« rief Harper dazwischen - »hier ist verboten worden, die Sache
weiter zu berühren, bis wir erst einmal eine ordentliche Mahlzeit im Magen
haben, und das sind' ich nicht mehr wie recht und billig. Seit gestern Abend
sitzen wir hier neben dem Bett und hungern; das mag ein Anderer aushalten.«
    »Gleich sollen Sie befriedigt werden, bester Herr Harper,« sagte Marion, ihm
lächelnd das Händchen hinüberreichend - »Sie dürfen schon nicht böse sein -
Mutter -«
    »Bst - bst - keine Entschuldigungen,« lachte der kleine Mann - »ich weiss
Alles - habe den Hunger bis jetzt selbst nicht gespürt. Aber nun kommt's, darum
meld' ich's auch gleich, eh' es zu spät oder später wird; von Mittag kann's so
nicht weit mehr sein.«
    »Wie wär's, wenn wir jetzt noch nach der Versammlung hinüberritten?« frug
Bahrens - »ich hätte gewaltige Lust, daran Teil zu nehmen.«
    »Wir kämen doch zu spät,« erwiderte Roberts; »der Platz ist ziemlich weit,
deshalb warten wir's besser ab. Brown und Wilson haben mir Beide versprochen,
heut Abend noch hinüber zu kommen und das Resultat zu melden. Es ist sehr
gefällig von ihnen.«
    »Sehr!« sagte Harper und warf einen Seitenblick nach Marion hinüber. Diese
aber schien, mit der Mutter beschäftigt, die Bemerkung ganz überhört zu haben,
während Ellen sich ebenfalls herumwandte. Mit ausserordentlich lobenswertem
Eifer blies sie die fast verglommenen Kohlen im Kamin zur hellen Flamme an und
legte Holz nach, um die verspätete Mahlzeit für die Mutter zu kochen.
    Der Abend rückte indessen heran; Mrs. Roberts hatte sich wieder vollkommen
erholt, und da das Wetter mild und warm war, so sassen Alle unter den blühenden
Dogwoodbäumen im kleinen Gärtchen. Der Platz war aber besonders freundlich, denn
nicht allein standen hier viele Schattenbämne, sondern Marion's sorgsame Hände
hatten hier auch manche wilde Waldblumen heimisch gemacht, die mit ihrem
Farbenschmelz das Auge erfreuten.
    Wie oft sie aber auch das Gespräch auf fernliegendere, gleichgültigere
Gegenstände bringen mochten, immer flogen wieder die Augen hinüber nach der
Gegend, aus der sie die Freunde erwarteten, und immer wieder war das
wahrscheinliche Resultat jener ernsten Verhandlungen die Axe, um die sich ihre
Vermutungen und Bemerkungen drehten.
    »Sie werden ihn Wohl nicht so hart bestrafen,« sagte Mrs. Roberts endlich
nach kleiner Pause, in der sie nachdenkend vor sich niedergestarrt hatte - »wenn
die Wunde so bös war, ist ja das schon Züchtigung genug -«
    »Für solche Verbrechen?« frug ernst und mahnend ihr Gatte. Schaudernd barg
die Matrone ihr Antlitz in den Händen.
    »Der Indianer hatte Mitleiden mit ihm,« flüsterte schüchtern Marion - »er
pflegte ihn mit einer Sorgfalt, deren ich ihn nicht für fähig gehalten hätte -«
    »Der Indianer?« frug, staunend zu der Tochter aufschauend, die alte Frau -
»der Indianer pflegte den - Mörder seines Weibes?« wiederholte sie dann immer
noch ungläubig und verwundert.
    »Ja - wie wir das Vieh pflegen, das wir schlachten wollen,« sagte Bahrens
mit einem leisen Schauder; »mir ist der Indianer noch nie so entsetzlich
vorgekommen, als in seiner zärtlichen Sorgfalt - ich kann sein Bild gar nicht
los werden.«
    »Und Du - armes - armes Kind,« wandte sich die Mutter jetzt liebevoll zu der
neben ihr sitzenden Jungfrau; »wer wird Dir je für jene fürchterliche Täuschung
Ersatz geben können?«
    »Brown! wahrhaftig - dort kommt er angesprengt,« rief der alte Roberts,
während Marion erst erschreckt zu ihm aufschaute und jetzt zitternd und
errötend ihr Antlitz an der Brust der Mutter barg.
    »Und dort ist auch Wilson,« rief Harper - »nun, jetzt werden wir erfahren,
wie Alles abgelaufen ist.«
    »Sie sehen ernst und feierlich aus,« sagte Bahrens.
    »Ein ernstes und feierliches Geschäft war es auch, das sie beendet,«
erwiderte Roberts; »aber ein schönes und herrliches Recht haben sie zugleich
dabei ausgeübt, das Recht des Selbstschutzes - der Selbstverteidigung, und das
wollen wir uns in Arkansas bewahren, so lange wir noch Mark in den Knochen und
Blut in den Adern haben.«
    In diesem Augenblick sprengten die beiden Männer heran, warfen sich von den
Pferden, übersprangen die Fenz und begrüssten mit herzlichem Wort und Händedruck
die Freunde.
 
                                    Fussnoten
1 Eine Benennung der obersten, durch besondere Stützen hoch gestellten
Fenzstangen.
 
                                      38.
                      Die Rache des »befiederten Pfeiles«.
Leise und geräuschlos glitt unter dem überhängenden, schwankenden Rohr, unter
den wehenden, schaukelnden Weiden, die sich weit hineinbeugten in das grüne Bett
des fröhlich plätschernden Stromes, ein kleines, schmales Canoe, von sicherer
Hand geführt, dahin. Kein Laut wurde gehört, als sich nach jedesmaligem Schlage
das Ruder blitzesschnell aus dem Wasser hob; kein Laut wurde gehört, wenn es
eben so rasch wieder eintauchte in die Flut. Der Hirsch, der zum Wasser
heruntergekommen war, trank ruhig weiter; kaum fünfzig Schritt von ihm glitt der
dunkle Schatten vorüber, still und geisterhaft - er sah ihn nicht, und erst als
er schon in weiter Ferne, mit Rohr und Busch, unter dem er hinschoss, verschwamm,
stutzte das scheue Wild, warf den schönen Kopf in die Höhe, schnaubte, stampfte
das kiesige Ufer, auf dem es stand, mit dem Vorderlauf und trabte dann langsam
und stolz in sein kaum verlassenes Dickicht zurück. Die verräterische Luft
hatte den Hauch seines Feindes zu ihm herübergetragen.
    Leise und geräuschlos glitt das Canoe dahin, und nur die wirbelnden
Luftblasen, die sprudelnd und kochend, von dem kräftigen Ruderschlag gelockt, an
die Oberfläche kamen, kündeten die Bahn, die es genommen, wie sie in kleinen,
einzelnen Strudeln schnell entstanden und von der Strömung, die sie erzeugt,
wieder aufgelöst und vernichtet wurden.
    Der Indianer steuerte das Canoe, und im Vorderteil desselben lag, gebunden
und ohnmächtig vor Angst und Erschöpfung, der Metodist.
    Jetzt richtete sich der Schnabel des kleinen schlanken Fahrzeugs über den
Fluss hinüber; wenige Minuten darauf trieb er vorn auf die glatten Kieselsteine
der seichten Uferbank und hielt. Rowson schlug die Augen auf und sah umher, aber
schaudernd erkannte er die Stelle, wo er in jener Nacht das Weib des Mannes
ermordet hatte, dessen Gefangener er jetzt war, und vor dessen Rache ihn keine
Macht der Erde mehr schützen konnte.
    Das Boot landete und Assowaum sprang an das Ufer, schlang die Weinrebe, die
ihm zum Ankertau diente, um eine dort stehende kleine Birke, trat dann zurück
neben sein Fahrzeug und hob leise und vorsichtig seinen Gefangenen heraus.
    »Was willst Du tun, Assowaum?« flehte dieser mit heiserer, zitternder
Stimme. - Keine Antwort ward ihm. - »Rede nur, um aller Heiligen willen, rede!«
rief der meineidige Priester in Verzweiflung - »sprich, und lass mich das
Schrecklichste wissen.« Schweigend trug ihn sein Henker das Ufer hinauf und in
die Hütte, den Schauplatz seines Verbrechens, hinein.
    Entsetzt wandte Rowson sein Antlitz von der nur zu wohl bekannten Stätte und
schloss die Augen. Ruhig aber legte ihn Assowaum in der Mitte der Hütte, dicht
neben einem der kleinen dort emporgewucherten Hickory-Schösslinge nieder, und
kein Laut unterbrach dann weiter das grabesähnliche Schweigen des Platzes, als
das schwere Atmen des Unglücklichen selbst. Es war dieselbe Stelle, auf der
Alapaha's Leiche gelegen hatte. Da ertrug der Metodist nicht länger die
peinigende Ungewissheit seiner Lage; er blickte empor und sah dicht neben sich
den Indianer, niedergekauert wie zum Sprung, und die kleinste seiner Bewegungen
aufmerksam und sorgfältig bewachend, sonst aber untätig und, wie es schien,
ganz in dem Anschauen seines Opfers verloren. Ein triumphirendes Lächeln
durchzuckte jedoch seine dunkeln Züge, als er den Ausdruck der Angst und des
Entsetzens in dem Antlitz seines Opfers gewahrte, und leise hob er sich jetzt
empor, nahm von seinem Gürtel das lederne Fangseil und fesselte die schon
überdies gebundene Gestalt des Gefangenen sorgsam und unlösbar an den jungen,
zähen Stamm, neben dem sein Körper lag.
    Vergebens bot ihm der Unglückliche Schätze und Reichtümer; vergebens
erzählte er ihm von Gold, das er vergraben, und das er Alles ihm, dem Feinde,
geben wolle, wenn er ihn frei liesse, oder wenigstens seiner Qual mit einem
Streich des Tomahawks ein Ende mache. Schweigend, als ob er die Worte nicht
verstände, die Jener in leidenschaftlicher Rede in sein Ohr hauchte, vollendete
der »befiederte Pfeil« das Werk der Rache, und machtlos, Hände und Füsse
gebunden, durch den jungen Baum aber an den Boden gefesselt, verliess ihn der
Indianer auf wenige Augenblicke und kehrte dann mit etwas trockenem Laub und
dürrem Reisigholz zurück.
    Jetzt durchschoss zum erstenmal eine dunkle Ahnung das Hirn des
Unglücklichen. - Er kannte die Sitte der wilden westlichen Stämme, kannte ihre
erbarmungslose Grausamkeit, und in wildem, gellendem Schmerz und Angstschrei
machte sich seine Brust Luft, während er umsonst gegen seine Banden anwütete.
Der Indianer wehrte ihm nicht - ein Knebel würde jedem weiteren Schmerzensruf
ein Ende gemacht haben, aber nein, jener Ton war Musik für sein Ohr, und
lächelnd bog er sich nieder und blies mit seinem Hauch das qualmende Laub zur
Flamme an. Das geschehen, trug er eine Menge schnell gespaltene Kienspäne
herbei, und bald loderte im feurigen Kreise, rings an den Wänden der Hütte
entzündet, ein Flammenstreifen empor und leckte züngelnd und gierig an den
trockenen Stämmen.
    Lauter und dröhnender scholl der gellende Hülferuf durch den stillen Wald,
aber sorgsamer nur nährte der Indianer die Flamme, dass sie auf keiner Seite
verlöschte und bald wie mit einem Feuermeer in weitem Zirkel das Opfer umgab.
    Jetzt erst, als die Hitze unerträglich wurde und ihm selbst an mehreren
Stellen die Haut in Blasen zog, verliess er das gluterfüllte Gemach und begann
draussen mit geschwungenem Tomahawk und in lauten, jubelnden Tönen seinen Sieges-
und Triumphgesang.
    Schauerlich gellte dazu das Wehgeheul des Priesters - schauerlich knisterten
und sprühten dazu die qualmenden, flackernden Stämme, deren Rauch sich
schwerfällig in das grüne Laubdach hinaufdrängte und sich dort Bahn brach, in
die klare, helle Frühlingsluft hinein. Dort aber blieb er liegen; wie ein
düsterer, unheimlicher Schleier lagerte sich der gelblich-graue Qualm auf dem
Blättermeer, dem er kaum entstiegen.
    Wilder und entsetzlicher wurden die Hülferufe des Gepeinigten, und lauter
und jubelnder schallte dazu der Festgesang der Odjibewas, dass ein Wolf, der
unfern von dort sein still verstecktes Lager gehabt, scheu emporsprang und
entfloh, ein ruhigeres, heimlicheres Bett zu suchen.
    Da krachte endlich das Sparrwerk des morschen Daches - hochauf spritzten und
sprühten die Funken - - ein wilder Schmerzensschrei brach noch aus der
emporzüngelnden Glut - schwarzer Qualm wälzte sich rollend daraus hervor, und -
Alles war vorüber.
    Blutrot sank hinter dem fernen Bergrücken die Sonne hinab; aber neben der
Brandstätte stand mit geschwungener Waffe der rote Krieger und sang in
einförmiger, wilder Weise sein Rache- und Siegeslied:
Alapaha!
Aus dem Grabe, aus dem finstern
Grabe steige,
Eile, eile wie in frühern Zeiten
Zu mir, Liebchen,
Denn Dein Blut, es ist gesühnet;
In der Flamme
Zuckt und stirbt Dein Mörder - Alapaha!
Unten - unten,
Fest am Buden lag ich lauschend
Hier im Tale,
Und ich hörte Deine Stimm' im Grabe
Unten - unten,
Deine leisen, leisen Klagen,
Und sie riefen
Mahnend mich zur Rache. - Sieh, ich folgte.
Aus den Gluten
Schrill und laut ertönt sein Wehschrei,
Alapaha,
Heulend reisst er an den Banden,
Doch vergebens,
Schwach und schwächer wird sein machtlos Toben,
Und gesühnt ist
Endlich meine Rache! - endlich! endlich!
                                      39.
                                    Schluss.
»Also ernstlich gut seid Ihr dem Mädchen die ganze Zeit über gewesen, Brown, und
habt mir nicht ein einziges Wort davon gesagt?« frug diesen der alte Roberts,
während er die Hand des jungen Mannes fest in der seinigen hielt.
    Brown drückte sie schweigend; dann erwiderte er herzlich:
    »Was hätt' es geholfen, Sir? Ich war zu spät gekommen und durfte mich nicht
beklagen.«
    »Und jener Schurke hätte Euch beinahe -«
    »Er ist bestraft,« fiel ihm Brown in die Rede. »Nun aber sagt auch Ihr mir
gerad' und frei heraus, wollt Ihr mir das Glück Eurer Tochter anvertrauen?«
    »Ja - Blitz und Hagel,« lachte der Alte ganz erstaunt - »Ihr fragt mich da,
als ob ich überhaupt bei der ganzen Verhandlung ein Wort zu sagen hätte. Bin ich
denn bei Rowson -«
    »Roberts,« unterbrach ihn bittend die Mutter.
    »Aber das Mädchen,« rief dieser kopfschüttelnd - »das ist doch hierbei immer
die Hauptperson.«
    »Vater,« bat Marion, die bis jetzt ihr Köpfchen am Herzen der Mutter
geborgen hatte und nun liebend den Hals des alten Mannes umschlang.
    »Ah!« sagte dieser, halb lachend, halb verwundert - »so stehen die Sachen?
Ja, wenn das Wild gleich aufbäumt, hat der Jäger leichte Jagd. Uebrigens -« rief
er, nach Brown mit dem Finger hinüberdrohend, während er die Stirn seines
lieblichen Kindes küsste - »scheint mir der Herr nicht erst seit heute auf der
Fährte zu sein.«
    »Und die Mutter?« frug Brown, dieser das holde Mädchen entgegenführend.
    »Nehmt sie hin, Sir,« sagte die alte Frau zitternd - »sie scheint Euch gut
zu sein, und ich - ich habe mir leider das Recht vergeben, für sie eine Wahl zu
treffen.«
    »Mutter,« bat Marion, »rede nicht so; Du glaubtest ja doch nur für mein
Glück zu sorgen.«
    »Ja, das glaubte ich, Kind; der Allmächtige ist mein Zeuge. Das glaubte ich
mit fester, inniger Ueberzeugung; aber der Herr allein kennt die Herzen der
Menschen; wir armen Sterblichen sind schwach und blind.«
    »Dank - Dank - herzlichen Dank, Ihr Guten,« rief Brown, indem er die holde
Jungfrau an sein Herz schloss. »Sie sollen hoffentlich nie bereuen, mir Ihr
einziges Kind anvertraut zu haben.«
    »Und mich fragt der Junge gar nicht,« sagte jetzt Harper, der mit nassen
Augen vortrat und den Neffen fest an's Herz drückte - »Mordschlingel - tut gar
nicht, als ob er einen Onkel hätte.«
    »Ihre Güte kenn' ich, lieber Onkel,« rief, ihn freudig umarmend, der junge
Mann, »und auch für Sie soll hoffentlich jetzt ein freudigeres, fröhlicheres
Leben erblühen.«
    »Ha,« sagte Harper, indem er sich mit dem Rockärmel schnell über die Augen
fuhr, den Neffen losliess und die künftige Nichte beim Kopfe nahm: »es tut auch
not, dass das Leben einmal aufhört. Lange hätt' ich's übrigens so nicht mehr
ausgehalten; hier Bahrens und ich, wir wollten schon im nächsten Monat eine
Wanderschaft antreten.«
    »Wohin?« frug Madame Roberts erstaunt.
    »Wohin?« sagte Harper - »nirgends hin, hier bleiben, aber heiraten. Jetzt
feixt der Junge wieder, als ob ich zu alt zum Heiraten wäre. Höre, Bursche -«
    »Dort kommen Reiter!« rief Bahrens, nach der Flussgegend zeigend, und gleich
darauf sprengten auch Stevenson, Hook und Curtis auf den freien, die Farm
umgebenden Platz.
    Stevenson begrüsste die Frauen, die er als alte Freunde und Nachbarn kannte,
herzlich, schüttelte aber lachend mit dem Kopf, als ihm Mrs. Roberts Vorwürfe
machte, seine Frau und Töchter nicht einmal zu ihr geführt zu haben. Sie habe
die, wie sie meinte, in so langer Zeit nicht gesehen und hätte sie so gern
einmal wieder gesprochen.
    »Wir können morgen hinaufreiten,« sagte Roberts.
    »Ist nicht nötig!« rief dagegen Stevenson, »Ihr werdet uns schon noch Alle
satt und müde werden.«
    »Wie so? Ihr bleibt hier?« frug Roberts schnell.
    »Ich habe Atkins' Farm gekauft,« sagte der alte Tennesseer. »Die Gegend hier
gefällt mir - der arme Teufel wollte fort, und - da bin ich handelseinig mit ihm
geworden.«
    »Ihr könnt ja aber den Platz noch nicht einmal besehen gaben, denn an jenem
Abend -«
    »Ist auch nicht nötig,« lachte Stevenson. »Sagt er mir nicht zu, nun so
läuft mir Crawford County immer nicht fort. Ost er aber so, wie ihn Mr. Curtis
und Cook hier schildern, dann brauch' ich nicht weiter zu ziehen. Die Nachbarn
gefallen mir ebenfalls, und da unter dem Pack der Pferdediebe ein wenig
aufgeräumt ist, so fange ich an einzusehen, dass der Fourche la fave gar nicht so
schlimm sei, als ihn die Leute machen.«
    »Brav, Stevenson, brav!« rief Roberts, ihm voller Freude beide Hände
schüttelnd. »Heute ist ein Glückstag. Mord - ja so - der Teu - oh - Füchse und
Wölfe - höre. Alte, heut musst Du mir einmal einen Fluch zu Gute halten, es kommt
sonst nicht so herzlich heraus, wie ich's meine. Aber verdammt will ich sein,
wenn ich die Zeit weiss, wo ich so vergnügt gewesen bin. Kinder - wo ist denn
Ellen? das brave Mädchen darf nicht fehlen -«
    »Im Hause,« sagte Brown.
    »Allein im Hause? ei, weshalb kommt sie denn nicht zu uns? Die gehört von
jetzt an mit zur Familie.«
    »Dass sie nicht allein ist,« erwiderte ihm lächelnd Brown, »dafür hat, glaub'
ich, Mr. Wilson Sorge getragen.«
    »Pu - uh!« sagte Roberts - »dort sitzt der Trutahn? Nun so kommt Kinder, da
sie nichts von uns wissen will, müssen wir sie aufsuchen. Ihr seid aber Alle
meine Gäste, und Stevenson, alle Wetter, wo ist denn Euer Junge?«
    »Den hab' ich den Frauen geschickt, um sie zu beruhigen,« sagte der Alte.
    »Recht so; also Stevenson muss seine Familie morgen ebenfalls herunterholen;
wir schlagen hier ein Lager aus, und in nächster Woche - oder sobald es den
jungen Leuten gefällig ist - denn die haben doch wohl dabei die Hauptstimme -
oder nehmen sie sich wenigstens, was, wenn man es bei Tage -«
    »Betrachtet, vollkommen recht ist,« unterbrach ihn lachend Harper - »halten
wir also Hochzeit, und nachher« fuhr er mit einem komischen Seitenblick auf
Brown fort, »lässt ein gewisser junger Mann seinen alten Onkel hier allein auf
dem Trocknen sitzen, besteigt einen zu diesem Zweck besonders angeschaften
Fuchs und reitet nach -«
    »Little Rock - Onkelchen,« fiel Brown, ihm die Hand hinüber reichend, ein -
»um dort das Land zu kaufen, auf dem er von nun an am Fourche la fave mit eben
diesem alten Onkel und seinem jungen Weibchen leben will.«
    »Und wird Euch Regulatoren der Gouverneur nicht zürnen, dass Ihr seine
Gesetze gebrochen?« frug Marion schüchtern den Geliebten, indem sie sich fester
und inniger an seine Brust schmiegte.
    »Mag er,« sagte lächelnd der junge Mann, die Stirn der holden Jungfrau mit
leisem Kusse berührend. »Wir haben unsere Rechte verteidigt und die Brut
vernichtet, die giftgeschwollen diese herrlichen Wälder durchkroch. Seine
Machtlosigkeit gerade war es, die jene Verbrecher glauben machte, dass sie, wenn
auch nicht unentdeckt, doch ungestraft Untat nach Untat begehen könnten. Unser
Regulatorenbund hat ihnen aber die Gewalt gezeigt, die der einfache Farmer im
Stande ist auszuüben, sobald es die Not und seine eigene Sicherheit erheischt.
Die Gefahr ist vorüber, und gern vertauschen wir wieder das Richtschwert mit dem
freundlicheren Ackergerät des Landmanns.«
    Das Uebrige ist bald erzählt:
    Was Wilson und Ellen betraf, so hatte diesmal der alte Roberts, nach einem
arkansischen Sprüchwort, keineswegs »unter dem falschen Baum gebellt«. Noch in
derselben Woche legte der nicht fern wohnende Friedensrichter die Hände beider
Paare in einander, und während Brown nach Little Rock ritt, den Kauf seines
Landes zu besorgen, schrieb Wilson an seine alte Mutter in Memphis, um diese zu
sich einzuladen, damit sie an seinem Herde ihre letzten Tage in Ruhe und Frieden
verleben könne.
    Atkins verliess schon am nächsten Morgen den Fourche la fave, lagerte jedoch
noch eine kurze Zeit in der Nähe, um seinen Handel mit Stevenson in Ordnung zu
bringen. Dies geschah jedoch durch Curneales' Vermittelung, da er sich nicht
entschliessen konnte, wieder freundlich mit dem Mann zu verkehren, durch dessen
Hülfe er seiner, wenn auch gerechten, Strafe oder Beschimpfung überliefert
worden. Mit Wilson hatte er jedoch noch eine Unterredung, und auch Ellen nahm
Abschied von ihren Pflegeeltern, ehe sie den Staat auf immer verliessen.
    Ueber Cotton konnte man nichts Näheres erfahren; ein Canoe war umgeworfen
und mit einem Kugelloch in der Seite unterhalb Harper's Hause angetrieben
gefunden worden; es lieh sich daher nichts Anderes vermuten, als dass dies
dasselbe sei, in welchem die Verbündeten hatten entfliehen wollen; doch blieb
Cotton selbst spurlos verschwunden, und da man auch an keinem der Ufer eine
weitere Fährte entdeckte, so gewann das Gerücht bald allgemeinen Glauben, der
Verfolgte sei, wenn nicht von einer der nachgeschickten Kugeln getroffen, doch
mit dem Boote umgeschlagen und durch die Kleider und vielleicht noch sonstiges
mitgenommenes Gepäck am Schwimmen verhindert worden und ertrunken. Eben so wenig
war von dem Mulatten zu erfahren, obgleich die Männer, die einige Tage darauf
Johnson's Leichnam abschnitten und begruben, behaupten wollten, den Schatten
seiner dunkeln Gestalt am Rande jenes Schiffbruchs gesehen zu haben, der sich
vom Uferrande des Fourche la fave aus nach dem Hügel zu erstreckte.
    Der Advocat von Little Rock hatte sich, gleich nach Beendigung der
Versammlung, auf sein Pferd geworfen und war im gestreckten Galopp
davongesprengt, doch, nie man später erfuhr, nicht in der Richtung nach Little
Rock zu, wo Niemand einen »Wharton« kannte.
    Der Indianer lagerte dagegen noch neun Tage nach dem Tode des Metodisten
neben dem Grabe seines Weibes, unterhielt dort ein Feuer und brachte ihr
nächtlich seine Spenden an Speise und Trank. Am Morgen des zehnten jedoch trat
er, mit Decke und Büchse auf der Schulter, marschfertig gerüstet in Harper's
Hütte, die, bis ihr eigenes Haus errichtet worden, von den jungen Eheleuten
einstweilen bezogen war. Dort reichte er dem Freunde ernst und schweigend die
Hand zum Abschied.
    »Und will der befiederte Pfeil sein Leben nicht bei seinen Freunden
beschliessen?« frug ihn Brown herzlich; »Assowaum hat Niemanden, der für ihn
kochen und seine Moccasins nähen wird. Will er das Dach meiner Hütte mit mir
teilen?«
    »Du bist brav!« sagte der Indianer, indem er freundlich mit dem Kopfe
nickte; »Dein Herz hat denselben Sinn wie Deine Worte, aber Assowaum muss jagen.
Die weissen Männer haben das Wild am Fourche la fave getödtet; die Fährten der
Hirsche sind selten geworden, und Bären kommen nur noch als Wanderer in die
Niederungen dieser Täler. Die Heerden der Weissen haben die Rohrdickichte der
Sümpfe gelichtet, und der Bär sieht sich in ihnen umsonst nach einem Lager um.
Assowaum ist krank; Büffelfleisch wird ihn gesund machen. Er zieht nach Westen.«
    »Dann gehe wenigstens nicht so weit, und wenn Du des Umherwanderns müde
bist, kehre zurück zu uns; Du hast hier eine Heimat.«
    »Mein Bruder ist gut - Assowaum wird daran denken.«
    »Und Ellen? - Hast Du von ihr schon Abschied genommen?« frug ihn Brown.
    »Assowaum vergisst nimmer Die, die ihm Gutes erwiesen,« sagte der Indianer.
»Das junge Mädchen rettete sein Leben, aber mehr noch - es rettete seine Rache.
- Mein Pfad führt an ihrem Hause vorbei - Good bye!«
    Noch einmal schüttelte der Häuptling warm und innig des weissen Freundes Hand
- ebenso die »seiner jungen Gattin - noch einmal winkte er den letzten Gruss
zurück, und im nächsten Augenblick schloss sich das volle Laub der Büsche hinter
ihm, als er, die Fenz überspringend, im Wald, im grünen, blühenden, duftigen
Wald verschwand.
 
    