
        
                                Willibald Alexis
                         Die Hosen des Herrn von Bredow
                             Vaterländischer Roman
                                 Erstes Kapitel.
                               Die Herbstwäsche.
Wenn du aus einem langen, bangen Kiefernwalde kommst, der von oben aussieht, wie
ein schwarzer Fleck Nachtes, welchen die Sonne auf der Erde zu beleuchten
vergessen, und nun fangen sich die hohen Bäume zu lichten an, die schlanken
braunen Stämme werden vom Abendrot angesprenkelt, und die krausen Wipfel regen
sanft ihre Nadeln in den freier spielenden Lüften, da wird dir wohl zu Mut um's
Herz. Das Freie, was du vor dir siehst, sind nicht Rebengelände und plätschernde
Bäche aus fernen, blauen Bergen über ein Steinbett schäumend, 's ist nur ein
Elsenbruch, vielleicht nur ein braunes Haidefeld, und darüber ziehen sich
Sandhügel hinauf, in denen der Wind herrscht, das magere Grün, das von unten
schüchtern heraufschleicht, anheulend, wie ein neidischer Hund, der über seinen
nackten Knochen noch murrend Wache hält. Eine Birke klammert sich einsam an die
Sandabhänge, ein Storch schreitet vorsichtig über das Moor, und der Habicht
kreist über den Büschen. Aber es ist hell da, du atmest auf, wenn der lange,
gewundene Pfad durch die Kiefernacht hinter dir liegt, wenn das feuchte Grün
dich anhaucht, das Schilf am Fliesse rauscht, die Käfer schwirren, die
Bachstelzen hüpfen, die Frösche ihren Chor anheben, und dein Auge dem Luftzug
folgt, der leis über die Haidekräuter streift.
    Es ist der stille Zauber der Natur, die auch die Einöden belebt; und ihr
Auge ist auch hier, denn dort hinter dem schwarzen, starren Nadelwald liegt ein
weiter, stiller, klarer See. Er hüllt sich ein, wie ein verschämtes Weib, in
seine dunkelgrünen Ufer, und möchte sie noch fester um sich ziehen, dass kein
unberufener Lauscherblick eindringt. Er spiegelt sie wieder in seinem dunklen
Wasser, mit ihrem Rauschen, mit ihrem Flüstern. Aber das dunkle Wasser wird
plötzlich klar, wenn die Wolken vorüberziehen, ein Silberblick leuchtet auf; der
blaue Himmel schaut Dich an, der Mond badet sich, die Sterne funkeln. Dort
ergiesst der volle See sein Übermass in ein Fliess, das vom Waldrande fort in die
Ebene sich krümmt. Hier bespült es Elsenbüsche, die es überschatten und gierig
seine Wellen ausschlürfen möchten, sickert über die nassen Wiesen und wühlt sich
dort im Sande ein festeres Kiesbett, um Hügel sich windend, an Steinblöcken
vorübersprudelnd und durstige Weiden tränkend. Die vereinzelten Kiefern,
Vorposten des Waldes, wettergepeitscht, trotzig in ihrer verkrüppelten, markigen
Gestalt, blicken umsonst verlangend nach den kühlen Wellen; nur ihre
Riesenwurzeln wühlen sich unter dem Sande nach dem Ufer, um verstohlen einen
Trunk zu schlürfen.
    Wer heut von den fernern Hügeln auf dieses Waldeck gesehen, hätte es nicht
still und einsam gefunden. Zuerst hätte ein weisser, wallender Glanz das Auge
getroffen, dann ringelten Rauchwirbel empor, und um die schwelenden Feuer
bewegten sich Gestalten. Schnee war das Weisse nicht, denn die Bäume röteten
sich zwar schon herbstlich, aber sie schüttelten noch sparsam ihre welken
Blätter ab, und die Wiesen prangten noch in kräftigem Grün. Schnee war es nicht,
denn es blieb nicht liegen; es flatterte und rauschte auf, hellen Lichtglanz
werfend und dann wieder verschwindend. Schwäne waren es auch nicht, die
aufflattern wollen, und die Flügel wieder sinken lassen. Das hätten Riesenvögel
sein müssen, deren es im Havellande und der Zauche nie gegeben hat. Auch Segel
nicht, die der Wind aufbläht und wieder niederschlägt; denn auf dem Fliesse
trieben nur kleine Nachen. Auch Zelte nicht, denn es bewegte sich hin und her,
und wer näher kam, sah deutlich zwischen den Feuern Hütten aufgerichtet,
zierlich von Stroh und rohere von Kiefergebüsch.
    Eine Lagerung war es, aber der einsame Reisende brauchte sich vor
Raubgesellen nicht zu fürchten; die paar Spiesse, die in der Nachmittags-Sonne
glänzten, standen friedlich an die Hüttenpfosten oder Bäume gelehnt. Räuber
lachen und singen nicht so heitere Weisen, und die Lüderitze lagerten, wenn sie
ausritten, auch nicht in entlegenen Winkeln, zwischen Haide und Moor, wo
Kaufleute nicht des Weges ziehen. Ja, wär's zur Nachtzeit gewesen, der Ort war
verrufen, auf unheimliche Weiber hättest du schliessen können, die ihre Tränke
brauen, wo Keiner es sieht. Aber es war noch ein heller Nachmittag, und eben so
hell schallte bisweilen ein frohes Gelächter herüber, untermischt mit anderm
seltsamen Geräusch, wie Klatschen und Klopfen. Kurz es war ein Lager allerdings,
aber nicht von Kriegsknechten oder Wegelagerern, nicht von Kaufleuten oder
Zigeunern, welche die Einsamkeit suchen; es war ein Feldlager, wo mehr Weiber
als Männer waren, und das Feldlager war eine grosse Wäsche.
    Von den Sandhöhen nach Mitternacht, deren nackte Spitzen über das
Haidegestrüpp vorblickten, konnte man es deutlich sehen. In einem Sattel dieser
Sandhügel stand nämlich ein bepackter Karren. Sein Eigentümer, der Krämer, hatte
ihn hier untergebracht ausser dem Wege, damit kein Späheraug Gäule noch Wagen
entdecke, bevor er sich versichert, was da unten vorging. Selbst war er
geräuschlos, vorsichtig, auf eine Kiefer geklettert, um auszuschauen, und sein
ängstliches Gesicht heiterte sich auf. Denn was er sah, hatte nicht allein gar
keinen Anschein von Gefahr, sondern sogar für ihn etwas Lockendes. Der weisse,
wallende Glanz kam von den an Seilen trocknenden Leinwandstücken her, die der
Wind dann und wann hoch aufblähte. Andere grössere Stücke lagen zur Bleiche
weitin zerstreut am Fliess, an den Hügelrändern bis in den Wald hinein. Ueberall
war Ordnung und das waltende Auge der Hausfrau sichtbar. Jeder, Mägde, Knechte,
Töchter, Verwandte und Freunde, bis auf die Hunde hinab, schien sein besonderes
Geschäft zu haben. Die begossen mit Kannen, die schöpften aus dem Fliess, die
trugen das Wasser. Jene nestelten an den Stricken, welche zwischen den
Kieferstämmen angespannt waren; sie prüften die Klammern; sie sorgten, dass die
nassen Stücke sich nicht überschlugen. Dort hingen gewaltige Kessel über
ausgebrannte Feuerstellen und daneben standen Tonnen und Fässer. Aber diese
Arbeit schien vorüber; nur auf den einzelnen Waschbänken, die in das schilfige
Ufer des Fliesses hineingebaut waren, spülten noch die Mägde mit
hochaufgeschürzten Röcken und zurückgekrämpten Aermeln. Es war die feinere
Arbeit, die man bis auf die Letzt gelassen, die Jede für sich mit besonderer
Emsigkeit betrieb. Da gab es mancherlei Neckereien zwischen dem Schilf. Wollte
aber ein Mann in die Nähe dringen, ward er unbarmherzig bespritzt. Ja, einem
Herrn im geistlichen Habit, der Miene machte, sich durch das Schilf zu
schleichen, ward von eine der losen Dirnen ein ganzer Eimer gegen den Kopf
gegossen. Ein Glück, dass er bei Zeiten ausbog; und mit einem Paar Tropfen auf's
Gesicht kam er davon, und die Dirne mit einem drohenden Finger. Den andern legte
der geistliche Herr schnell auf den Mund, mit einem bedeutungsvollen Blicke,
denn er sah die gebietende Hausfrau herankommen.
    »Ach, meine gnädige Frau von Bredow auf Hohen-Ziatz!« mit den Worten und
einem frohen Atemzuge liess sich der Krämer schneller, als er hinaufgeklettert,
von seinem Baume herab. Darauf ging er an sein Geschirr; putzte die Pferde und
schirrte sie an zum Aufbruch. Die hält ihre grosse Herbstwäsche ab; hätte ich das
früher gewusst, es hätte was zu verdienen gegeben. »Aber's ist ja noch nicht zu
Ende, und fällt wohl noch zuletzt was ab.« Er brachte die Hand an die Stirn, und
ehe er in den Weg einlenkte, lüftete er die Wagendecke, schnürte und schnallte
und packte Unterschiedliches um. Einiges versteckte er, und andere Packete legte
er oben auf, wie es ein guter Kaufmann tun muss, der seine Kunden kennt und
weiss, was ihnen in's Auge sticht und was ihnen missbehagt.
    Die grosse Herbstwäsche war's der Frau von Bredow auf Hohen-Ziatz; »Der
Winter ist ein weisser Mann,« sagte sie. »Wenn er an's Tor klopft, muss das Haus
auch weiss und rein sein, dass der Wirt den Gast mit Ehren empfangen mag.«
    Ihr Gast, der Dechant, hatte zwar gesagt: »Der Winter ist ein ungebetener
Gast; den stellt man hinter die Tür;« aber die Edelfrau hatte erwidert: »Das
mag vor Alters gepasst haben, ehrwürdiger Herr, als es noch keine geistliche
Herren gab. Itzund wissen drei ungebetene Gäste in jedwed Haus zu dringen; wie
man's auch zuschliesst, sie finden immer eine Ritze: der Winter, die Wanzen und
die Pfaffen.«
    Der Dechant hatte dazu gelacht; hatte doch die Edelfrau beim grossen Kehraus
in der Burg auch sein Bündel mit auf die Wagen werfen lassen, was ihn der Mühe
überhob, dass er's nach Brandenburg mitnahm, wenn er mit dem einen ungebetenen
Gaste, dem Winter, in seine warme Klause zurückkehrte.
    Eine Herbstwäsche war im Schloss Hohen-Ziatz eine Verrichtung. Eine grosse
Arbeit war es, wo die Knochen sich rühren mussten, aber ein Fest auch. Die
Hausfrau meinte, alle tüchtige Arbeit sei immer ein Fest, und wir meinen's auch.
Wie hatte sie das alte Haus aus- und umgekehrt; auf Hühnerleitern war sie selbst
gestiegen, denn darin traute sie keinem andern Aug, in alle Kammern und Winkel,
dass jedes Wollen-und Linnenstück, bis zum geringsten hinab, ein Sonntagsgesicht
anlegen sollte. Drei Austwagen waren gepackt worden, und nachdem sie zugeschnürt
mit Stricken, und saubere Bastmatten darüber gelegt, hatte sich die Edelfrau
selbst auf den vordersten gesetzt. Das war ein Auszug aus der Burg. Die drei
Austwagen voran, die Mägde und Töchter der gnädigen Frau auf den zwei andern.
Der Junker Hans Jochem wollte eine Leiter ansetzen, dass Evchen und Agnes
leichter hinaufkämen. Frau Brigitte hatte es aber nicht gelitten; wie ein Ritter
auf's Pferd müsse zur Not sonder Steigbügel und Prallstein, so sei eine grosse
Wäsche der Dirnen ihr Ehren- und Schlachttag; müssten sich selbst zu helfen
wissen, sonst wäre es nichts mit ihnen. Und ehe Hans Jochem zuspringen konnte,
waren Evchen und Agnes auf den grossen Zeugwagen hinauf, und lachten den Junker
von oben aus.
    Drei Austwagen vorauf, der vorderste von zwei Knechten mit Pickelhauben und
Spiessen geführt, dazu ein Hornbläser, um den eine Koppel Hunde klaffte. Dahinter
noch andere Wagen mit Bottichen, Kesseln, Stroh, Bänken, Decken, Fässern, Körben
und was zur Lebens Notdurft diente, vollauf. Die Frau sprach lächelnd zu denen,
die sich drob wunderten: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht
verbinden. Und hintenan und zur Seiten Reiter und Fussgänger mit Jagdspiessen,
Armbrüsten; ja einer trug sogar einen schweren Muskedonner.
    So zogen sie über die krachende Zugbrücke unter Musik und Gelächter, und der
Türmer blies ihnen noch eine Weise nach bis sie im Walde verschwunden waren.
Dass sie Hunde und Spiesse und gar ein Feuergewehr mitnahmen, und bald ein Dutzend
rüstiger Männer bei einem Geschäfte waren, das anderwärts nur die Frauen angeht,
darüber wird Niemand sich wundern, der weiss, wie es zu Anfang des sechszehnten
Jahrhunderts in der Mark Brandenburg aussah. Wer ausser den Mauern einer Burg
oder Stadt war, und er trug nicht den Bettlermantel um die nackten Schultern,
tat recht, wenn er den Leib umgürtete, auch wenn der Stahl dann etwas zu lang
hinter dem Manne klirrte. Denn zu jeder guten Verrichtung gehört, dass der sie
verrichtet, in Sicherheit schaffe. Aber dass auch Dieser und Jener von der
Sippschaft, dess Hände zu fein waren, um die Seile zu spannen oder die Laken
aufzuhängen, ja dass sogar ein geistlicher Herr mitzog, könnte verwundern, wenn
wir nicht eben wüssten, was es mit einer grossen Herbstwäsche dazumal im Edelhofe
von Hohen-Ziatz für Bewandtnis hatte.
    Die Räume zwischen den Lehmwänden und Steinmauern waren viel zu eng für eine
solche Verrichtung. Wo sollte das fliessende Wasser herkommen, wo die freie Luft
zum Trocknen und wo der Rasen zum Bleichen? Unsere Vorväter liebten die
festlichen Zusammenkünfte im Freien, und wie es vor Alters gewesen, musste es in
Hohen-Ziatz noch heute sein. Da zog denn mit, wem's in den Mauern zu beklommen
war, wer Scherz liebte und Spiel und Jagd und Neckerei; denn etwas davon fiel
immer ab. Aber auch Gottesfurcht musste dabei sein, meinte der Dechant und die
Edelfrau auch, nur dass Jeder etwas Anderes dabei meinte.
    Ausserdem war es der Hausfrau auch vielleicht nicht unangenehm, einmal
unumschränkte Herrin zu sein; denn war sie es zwar, wie der böse Leumund sagte,
auch im Schloss, so war sie es doch nur durch Klugheit und Kunst, hier nach
alten Rechten; denn wer in aller Welt will einer Frau die unumschränkte
Herrschaft bei der Wäsche abstreiten, wenn schon kein Gesetz sagt, dass es so
sein soll. Und welche Herrin sie war! Sie trug keinen Federbusch und keine
Schürze, aber jeder Fremde fand sie auf hundert Schritt heraus. Das war ein
Blick, ein Falke sieht nicht schärfer. Wenn sie auf einer Anhöhe stand, den
linken Arm nachlässig in die Seite gestemmt, die Rechte, die sonst mit dem
Schlüsselbund spielte, ruhig niederhängend, die Füsse ein wenig auseinander, und
die Schuhe darunter, die den Boden um einen halben Zoll eindrückten, und ihr
Hals lugte aus dem Mieder, der wie ein Panzer sass, da sah die Frau von Bredow
doch wie ein Feldherr aus, der sein Heer musterte, und die Mägde sprachen:
»Unsere Gestrenge, die versteht's.«
    Das sagten sie auch, nur in einem andern Ton, wenn sie faul oder nachlässig
gewesen, oder etwas so getan, wie die Frau von Bredow meinte, dass es nicht
geschehen müsse. Stand sie zwar, wie wir sahen, fest auf dem Boden, wenn sie
sah, dass Alles im Schick war, so war sie doch wie das Wetter herunter, wo etwas
ausser Schick kam. Lang reden und zurechtweisen liebte sie nicht, und wo sie
meinte, dass einer schwer hörte, da hielt sie auch die paar Worte noch für zu
viel. Noch wusste der verdrossene Knecht nicht eigentlich, wie es gekommen, aber
jetzt hörte er vortrefflich und verstand Alles, und rieb nur ein klein wenig das
Ohr oder die Schulter. Eine so rührige Frau war die Frau von Bredow. Loben tat
sie nicht viel, sie hielt's vom Überfluss, denn dass Jeder täte, als er muss
tun, hielt sie für Lohn's genug; aber wem sie mal auf die Schulter klopfte,
wenn sie durch die Reihen ging, dem war es wie ein Tropfen starken Weines, der
nach langer Mattigkeit und Bangigkeit durch die Adern rinnt und die Glieder
wieder stärkt.
    So war es mit der Herbstwäsche am Lieper Fluss bestellt. Eine gute Stunde
abwärts von der Burg war das Lager, und ein dichter Wald und ein tiefer, weiter
Morast lagen dazwischen; also musste im Lager nicht allein gewaschen und
gebleicht, auch gekocht und gebettet, gesungen und gebetet und gewacht werden,
alle Vorrichtungen, wie es einer Stadt Art und Sitte ist. Das Gebet verrichtete
am Morgen der Dechant für Alle, wenn die Schelle über der Hütte der Edelfrau
läutete; das Waschen und Kochen geschah einen Tag, wie den andern, das Singen
und Spielen machte sich von selbst und für das Wachen sorgte die Frau von
Bredow. Kein Zigeunerbub hätte einen Strumpf von der Leine, kein Fuchs aus dem
Korbe ein Huhn stehlen dürfen.
    Eine Woche, weniger denn einen Tag, dauerte schon die Wäsche. Vor dem
Klopfen und Klatschen waren die Fische aus dem Fluss auf eine Meile entflohen.
Von den hohen Kieferstämmen, wo sie nisten, hatten zu Anfang die Fischreiher mit
ihren langen, gelben Schnäbeln neugierig herabgeschaut. Da gab es Jagd und
Kurzweil für die jungen Burschen. Vor den Bolzen und Pfeilen, die durch ihre
luftigen Burgen sausten, hielten die zähen Tiere aus; selbst wenn der Pfeil
einem den Flügel durchbohrt, wenn sein Herzblut hinabträufte, er gab in banger
Todesangst nicht nach, er krallte sich an dem Ast fest, bis die Bolzen wie der
Hagel kamen, und endlich Holz, Leib und Gefieder mit einander hinabstäubten und
splitterten. Aber des Lärmens war ihnen doch zu viel geworden. Wie viele
hunderte auch am ersten Tage über den Wipfeln gekreist, mit ängstlichem Geschrei
fortflatternd und wiederkommend, ob der Wirrwarr unten kein Ende nähme; das
Klopfen und Hämmern, das Spritzen und Wringen, das Klatschen und Schwenken, das
Singen und Lachen hielten sie nicht aus, und am dritten Tage hatten die Tiere
den Menschen Platz gemacht und die Luft war still. Auch die Frösche auf der
Wiese schwiegen am Tage; nur wenn Abends die Feuer ausgingen und der Gesang
verstummte, wenn die hölzernen Klöpfel ruhten und das Wasser im Fliess still
fortrann, sich erholend von der Arbeit des Tages, dann mischte sich ihr dumpfes
Geächze mit dem Schnarchen der Mägde, mit dem Geheul der Rüden, die den
aufgehenden Mond anbellten, und dem Winde, der gegen die Wäsche an den Seilen
schlug, und die Kieferstämme, daran sie gebunden waren, knarren machte.
    Nun am sechsten Tage, es war der Samstag, war die Arbeit zumeist getan, und
ehe denn die Abendmette von den fernen Kloster-Türmen von Lehnin über die
Wälder klänge, sollte aufgepackt werden. Die Morgensonne am Tag des Herrn sollte
keinen Strumpf mehr an den Leinen anröten, und die erste Mondsichel schon einen
wüsten Lagerplatz bescheinen. Wie eifrig waren die Mägde, die Klammern
abzustecken, die Körbe zu häufen und die Bleichstücke zu wenden; was hasteten
sich die Knechte, die Stricke von den Bäumen zu lösen und zusammenzurollen, und
schon rüttelten sie an den Pfosten der Hütten, um zu prüfen, wie fest sie noch
sässen. Auch das Zeichen zum Aufbruch erscheint als ein Fest dem, der zu lange
beim Feste sass; ist doch jede Veränderung dem Menschen willkommen, wann er des
Genusses überdrüssig wird.
    Die Edelfrau sah zufrieden auf das Werk hin, und wie zu ihren Füssen die
Haufen immer grösser wurden, reine saubere Tücher, auf welche die
Nachmittagssonne mit milder Wärme schien.
    »Ich glaube in der ganzen Zauche gerät in keinem Edelhofe die Wäsche wie
bei meiner Frau von Bredow, wie pur weiss das ist!« sagte der Dechant, der sich
vom Feldtisch erhob, wo er mit einem Edelmann aus zinnernem Becher gewürfelt
hatte.
    »Die Hexen hier bleichen's,« sprach der Junker, der sich auch erhob, ein
Mann in mittleren Jahren, der aber etwas älter aussah, als er sein mochte. Sein
blonder Bart spielte in's Rötliche, seine krausen Haare in's Grau über; sein
Gesicht war nicht grob, aber auch nicht fein, die Züge schlaff, aber aus den
hellblauen, matten Augen schielte zuweilen ein lauernder Blick. »Die Hexen hier
bleichen's,« sagte er, »der Ort ist verwünscht. Das weiss jedes Kind. Muss Einer
den Mut haben wie meine Base, dass sie's mit den Unholden aufnimmt.«
    »Hat's Euch in den Nächten aufgelegen, Vetter Peter Melchior?«
    »Ich trug mein Amulet. Aber an solchem Platz waschen lassen! Es haben's
Leute gesehen, wenn auch diesmal nicht, doch vor Jahren, nächtig, wenn sie
aufwachten. Zwei graue, hagere Weiber mit langen Spinnebeinen schritten über's
Zeug mit Giesskannen, und draus kamen pure Strahlen Mondenschein. Davon kann das
Zeug wohl weiss werden, aber -«
    »Aber, Peter Melchior, Ihr wisst ja, dass der ehrwürdige Herr alle Morgen
seinen Segen darüber spricht.«
    »Wird die Wäsche etwa davon weiss! Der Dechant spricht gewiss auch seinen
Segen über die Würfel, wenn er doppelt, und der heckt, denn er trägt ihn
jedesmal blank in der Tasche fort, aber die Würfel werden immer brauner.«
    »Der Segen des Herrn schafft das Beste in allen Dingen,« fiel der Dechant
ein, und wollte, wie er zu tun pflegte, die Hände vor dem wohlgerundeten Bauche
falten, aber es traf ihn einer der feinen schlauen Blicke der Ehefrau, welche
bisweilen auf die, welche sie trafen, eine ähnliche Wirkung übten, als wenn ihre
nicht feinen Hände mit der Wange einer Magd in Berührung kamen. Sie lächelte und
der Dechant lächelte auch, worüber er die fromme Bemerkung verschlucken musste,
zu der sich sein Mund schon gespitzt hatte.
    »Wer sähe meiner Frau von Bredow den Schelm an, der unterweilen aus ihrem
Auge blitzt.«
    »Ich meine ein Schelm sieht den andern,« entgegnete sie, »und wenn man in
manchem Haus aufräumen täte, fände man mancherlei darin, was nicht darin
gehört, z. B. in einem Priesterhaus die Weiberröcke.«
    Der Dechant, welcher die Augen jetzt wirklich niederschlug, wollte von dem
Gesetz anheben, welches zwar besage - aber die Edelfrau liess ihn nicht zu Worte
kommen. Wir wissen nicht, was gerade jetzt ihr die Laune zur Strafpredigt für
den langjährigen Hausfreund eingab, der doch ihrer Wäsche so treulich
beigestanden hatte.
    »Das Gesetz sagt,« unterbrach sie ihn, »tue recht und scheue Niemand, und
wenn du schmutzig bist, wasche dich. Wasser fliesst überall und Jeder hat Hände
zum Reiben, aber er muss nicht reiben, wie Pilatus tat. Wer ein gut Gewissen
hat, braucht nichts zu verstecken, aber wem was im Schrank tut hängen, da es
nicht sein soll, der muss die Türe schnell zuschlagen, wenn Einer 'nein sieht.
Blank gescheuert hat Mancher; ja von aussen, aber wie es drinnen aussieht, das
kommt auch einmal an den Tag.«
    »Nur zu, Muhme,« rief lachend der Junker Peter Melchior, »wasch ihn einmal
recht, er schenkt's uns auch nicht, wenn er auf der Kanzel steht.«
    »Dem Tage, welchen unsere verehrte Wirtin meint, wird der Gerechte, wenn
auch mit Bangen, doch mit Vertrauen entgegenblicken.«
    »Na, hochwürdiger Herr!« hub Frau von Bredow an und sah ihn recht scharf aus
ihren grossen Augen an. »Wenn an jenem Tage alle die Unterröcke, so in den
Priesterschränken in die Winkel sich verkriechen, oben am Himmel hängen werden
bei der grossen Wäsche in Gottes Sonnenlicht, da möchte ich sehen wie die Herren
vom Clerus den Kopf aufrichten wollen. Da könnt ihr schwenken lassen alle Eure
Weihrauchskessel, dass den lieben Engelein die Augen tränen, 's ist zu viel. Da
muss Petrus die Hände über'm Kopf zusammenschlagen und rufen: Herr Gott Vater,
wenn wir das gewusst, dass sie auch das Kinderzeug mitbringen, ich hätte ihnen ja
das Himmelstor nicht aufgeschlossen.«
    »Und Sanct Petrus schloss es dennoch auf, und das Unreine und Sündhafte fällt
ab, wie der Tau von den Pflanzen, wenn Gottes Sonne strahlt. Das ist das
Mysterium, die unerforschliche Weisheit und Gnade des Herrn, dass er in seiner
grossen Haushaltung, der Welt, wo Alles Ordnung ist, auch seine Geweihten
bisweilen sündigen lässt, aber nur zu seinen unerforschlichen Zwecken. Ich mag
sagen, es geschieht zuweilen, ihnen unbewusst, aber er weiss es und weiss warum.
Und wenn dann ihr Herz bange schlägt vor der Sündenlast, die sie darauf wähnen,
da mit einem Zauberschlag macht er die Brust frei. Das befleckte Kleid, dessen
wir uns schämen, fällt wie Plunder vor seinem Hauche, und dieweil wir noch
zittern vor dem Glanz, der uns umgibt, reicht er uns die Hand und spricht:
Tretet ein, denn ihr seid rein.«
    »Ohne Wäsche, Dechant?«
    »Wer wäscht die Nebel fort am Herbstmorgen, wer das schmutzige Winterkleid
der Erde, und der Frühling steht da vor dem Herrn in seinem reinen Blumenkleide,
von würzigen Düften umsäuselt? Des Menschen Hand hat nichts dazu getan.«
    »Dechant, ich meine, in jedem guten Haus ist Reinlichkeit die erste Tugend,
und wer sich auf Erden nicht gewaschen hat, der kommt auch nicht rein in den
Himmel. Wie's in einem geistlichen Haus steht, das weiss ich nicht, dafür lass ich
Andere sorgen. Aber wenn ich zu sorgen hätte, wisst Ihr, was ich täte?«
    »Nur zu, Base,« rief der Junker, die Hände reibend, »steckt ihn in den
Waschkessel.«
    »Ach was ihn allein! Da müsste ein Kessel sein wie der Müggelsee, und die
ganze Clerisei hinein mit allen Euren Salben und Oel, Aebte, Bischöfe, Klöster,
Nonnen und Mönche. Und Lauge dazu, bitter salzige und umrühren wollte ich -«
    »Kochen, Base! Ein Feuer darunter, dass der Gottseibeiuns heizen müsste, sonst
werden sie nicht rein.«
    »Das Wasser würde schwarz werden, schon von Euren kleinen Versteck-Sünden,
von der Eitelkeit, der Hoffart, dem Frass, der Gleisnerei und Spiel und Trunk.
Aber Wasser ist genug in der Mark. Abgeschäumt, ich würfe Euch in einen neuen
See. Da sötte ich aus Eure Fleischessünden, doch das ist noch nicht das grösste,
Eure Habsucht und Herrschsucht und wie Ihr verredet und verlästert, und nun
wieder umgerührt.«
    »Base, das überlasst dem Teufel,« fiel Peter Melchior ein. »Ihr hieltet den
Geruch nicht aus. Lasst dem Gottseibeiuns, was ihm gehört, ihm ist's ein
Opferduft.«
    Der Dechant hatte mit freundlicher Ruhe der Edelfrau zugehört, ohne auf die
roheren Ausfälle des Ritters zu achten. »Auf diese Weise würden wir also rein
werden vor den Menschen. Wenn wir aber so ausgebleicht vor dem Herrn erschienen,
ob uns dann Petrus noch das Himmelstor öffnen würde? Ob er nicht vielmehr
spräche: Ihr seid zwar rein vor den Menschen, aber die Gnade, die ich Euch
mitgab, ist auch ausgebleicht. Ich erkenne Euch nicht mehr als die, welche ich
aussandte. Vor mir waret Ihr rein, auch in Euren Flecken. Weil Ihr Euch von den
Menschen nach deren Wohlgefallen waschen und putzen liesset, so kehret zu ihnen
zurück. Mir gehört Ihr nicht mehr an.«
    »Da wäre vielleicht etwas dran,« entgegnete die Frau nach einigem Besinnen.
»Aber Ihr wisst auch dem Petrus ein X für ein U zu machen, denn das ist Eure
Hauptsünde, das Wortverdrehen. Aus Süss macht Ihr Sauer und aus Sauer Süss, je
wie's Euch frommt; und was Euch frommt, das macht Ihr zu Gottes Willen. Und was
Ihr uns zeigt, ist nicht, was Ihr versteckt habt, und wenn Ihr einen guten Zweck
habt, nämlich was Ihr so nennt, o da wisst Ihr zu schwänzeln und mit den Augen zu
zwinkern und mit der Zunge zu schlängeln, bis Euch der Teufel auf den Buckel
nimmt und hinträgt. Und das ist alles schön und gut um der guten Absicht
willen.«
    Der Dechant wurde der Mühe zu antworten durch einen kleinen Aufstand
überhoben, welchen die Ankunft des Krämers mit seinem Wagen im Lager veranlasste.
Ein Krämer, der seine Waaren auf dem Lande ausbietet, war in jenen Tagen ein
willkommener Gast. Wer nicht kaufen wollte oder konnte, freute sich doch am
Anschauen der Herrlichkeiten, die ausgekramt, aufgestellt und angepriesen
wurden. Der wandernde Krämer war zugleich der Neuigkeitsträger, die Zeitung des
Landes. Er wusste auch seine Erzählung zu Gelde zu machen. Aber es bedurfte der
Erlaubnis der gnädigen Frau, und sie erteilte sie nur nach einigem Zögern, denn
sie meinte, dass die Kaufleute, wie die Pfaffen, mit ihren Waaren die Leute
anführten. Indessen ist es auch für einen so unumschränkten Regenten, als Frau
von Bredow in ihrem Lager war, misslich, gegen den allgemeinen Wunsch ihrer
Untergebenen anzustreben; Evchen bat so dringend, Hans Jochem brauchte einen
neuen Gurt zu seinem Degen und sie selbst blanke Knöpfe zu einem Etwas, von dem
noch viel in unserer Geschichte die Rede sein wird.
 
                                Zweites Kapitel.
                                  Die Beichte.
»Das funkelt ja wie Silber,« sprach der Dechant, indem er einen der Knöpfe gegen
das Licht hielt. »Wie wird's unsern Ritter freuen, wenn sie ihm so an der Seite
blitzen.«
    »Das wäre gar! Er darf nichts von wissen. Der Knecht soll sie stumpf reiben,
dass sie wie die alten Bleiknöpfe aussehen. Die sind bei der Wäsche abgesprungen.
Dann merkt er's nicht.«
    »Was merkt er nicht?«
    »Dass es in der Wäsche war.«
    »So weiss er davon nichts?«
    »Gott bewahre! Als er in's Bett getragen ward und sich noch sträubte,
streiften sie ihm die Büchsen ab. Da kam ich gerade zur rechten Zeit und
schnappte sie weg. Wenn er ein bisschen Besinnung noch gehabt, hätte er sie in
die Kissen gelegt unterm Kopf, wie er immer tut seit der fatalen Geschichte an
der Mühle. Wie ein Ungewitter kam er mir doch da nachgeritten, als ob's ein
Unglück wäre, wenn die Elennshaut einen Tropfen Wasser kostete.«
    »War es so nötig?«
    »Nötig! Seit der Kurfürst Johannes Cicero zur Freite ritt, da liess meines
Götz Frau Mutter seelige sie zum letzten Mal waschen.«
    »Freilich, wenn das Leder schmutzig war!«
    »Man konnte das Braun nicht vom Sattel unterscheiden.«
    »Nun der Junker ist ein gottesfürchtiger Ritter, und wenn es einmal
geschehen ist, und er sie wieder rein und wohl im Stande sieht, wird er sich
auch recht freuen.«
    »Ehrwürdiger Herr, da kennt Ihr meinen Götz nicht. Manchmal ist er ein
Brummbär, aber wenn's ihm recht in die Quer kommt, kann er auch wolfstoll
werden. Wie damals an der Mühle. Er hielt sie in der Hand gepresst, wie 'nen
Plumpsack; so ritt er zurück und schlug um sich. Meine Eva kriegte doch 'ne
Weffe um den Nacken. Acht Tage konnte man's sehen.«
    »Das liebe Kind! Warum denn die Eva?«
    »Die hatte sie ihm ja weggestohlen, als er anfing zu druseln. Sie kitzelte
ihm hinter'm Bart, wie er's so gern hat; derweil reichte mir's der Schelm zum
Fenster raus.«
    »Die kleine Eva!« sagte der Dechant mit nachdenklichem Gesicht.
    »Nein, ehrwürdiger Herr! er darf's nimmermehr wissen; sonst gäb's wieder
eine solche Geschichte. Er schläft.«
    »Noch! Seit sechs Tagen!«
    »Lieber Gott, nach solchem Gelage! So kam er auch noch von keinem Landtage
zurück. Ich denke immer, wozu sind denn die Landtage? Und wer muss das Schmausen
und Saufen bezahlen? Das Land doch am Ende.«
    »Aber vor drei Tagen hörte ich -«
    »Da hat er sich ein bisschen geregt. Nach drei Tagen tut er's immer. Dann
gibt ihm der Casper 'ne Suppe, und dann dreht er sich wieder um und schläft
noch ein paar Tage. Morgen wird er wohl aufwachen. 'S ist Alles in der Ordnung.
Vetter Peter Melchior, wie lange sassen sie's letzte Mal in Berlin?«
    »Grad' acht Tage, Muhme.«
    »Nun ja, dann ist schon Alles recht.«
    »Der Götz hat wie ein guter Edelmann Allen Bescheid getan, bis auf Einem.
Dem Marschall tat's ordentlich leid, dass er den Holzendorf nicht auch noch
austrank. Es war so ein schöner Landtag gewesen.«
    »Man hört viel Rühmens davon,« warf der Dechant hin. »Einmal muss doch aber
der gute Herr von Bredow aufwachen!«
    »Dann liegen sie vor seinem Bett, als wenn er sie ausgezogen hätte, und er
soll nicht merken, dass sie gewaschen sind. Ich lasse sie leicht durch die Asche
ziehen und auf die Knie ein bisschen Feuerheerdsrot.«
    »Base, was hilft dann die Wäsche, wenn Ihr sie wieder schmutzig macht!«
lachte der Junker auf, und auch der Ernst, in welchen der Geistliche sein
Gesicht gezwungen hatte, löste sich etwas.
    Die Edelfrau schien zum ersten Male um eine Antwort verlegen: »Ei was, - sie
sind aber doch gewaschen.«
    Es war ein eigenes Gesicht, mit welchem der Geistliche und die Edelfrau am
Saume des Waldes auf und abgingen. Wer sie jetzt beobachtete, hätte eine
Veränderung in Beider Mienen bemerkt. Der Dechant blickte ernst, mit
geschlossenen Lippen, vor sich nieder, während die Edelfrau mit etwas verlegenen
Blicken ihn zuweilen ansah.
    »Und es trieb wirklich meine Frau von Bredow noch nicht zur Beichte?« sagte
er den Kopf schüttelnd, doch nicht in unfreundlichem Tone.
    »Hier im Walde?«
    »Auch der Wald ist Kirche, wenn das Herz drängt eine Schuld zu bekennen.«
    »Hochwürdiger Herr, aber sie mussten doch gewaschen werden. Das Leder war
versessen und braun durch und durch, dass es eine Schande war, und nicht wie ein
christlicher Ritter gehen soll. Im Kriege, nun ja, da tut's nichts. Aber Ihr
wisst ja, was er auf das alte Lederstück hält, er lässt's nicht los. Er wäre damit
zu Hof geritten.«
    »Herr Gottfried reitet ja nicht mehr zu Hofe.«
    »Aber zu Kindelbier, zu den Landtagen. Ja zum hochwürdigsten Bischof ritt
er, mir zur Schande Mariä Lichtmess, auf den Dom nach Brandenburg in den Büchsen,
und wie er beim Heimreiten dreimal vom Prallstein aufsteigen musste und dreimal
runter fiel -«
    »Ist dem von Kerkow auch begegnet. Auch Wilkin Stechow. Der Bischof hat
herrschaftlich auftischen lassen.«
    »Aber die Weiber haben nicht über sie gelacht; sie trugen reines Zeug am
Leibe. Dass mein Gottfried vom Prallstein fiel, tut ihm auch keine Schande, und
dem Bischof tut's Ehre; aber die Weibsen, die schnippischen von Brandenburg,
haben sich zugezischelt: ob's denn in Hohen-Ziatz kein Wasser gebe! Das ging auf
mich, das ist meine Schande. Das konnt' ich als ehrliche Frau nicht dulden. Mit
Gutem gibt er sie ja nicht. Ihr wisst warum. Ist denn Waschen eine Sünde?«
    »An und für sich betrachtet, ist Reinlichkeit sogar eine Tugend, aber jede
Tugend kann durch Übermass zur Sünde werden. Zum Exempel wenn man am Sonntag
wäscht und die Messe darüber versäumt.«
    »Heut ist's ja zu Ende.«
    »Oder die irdische Reinigung für wichtiger hält, als die der unsterblichen
Seele. Wie meine Frau von Bredow treffend bemerkte, hat der Herr das Wasser
geschaffen zum Waschen, und gleichwie der Mensch durch's Wasser muss, d. h. durch
die Taufe, zum ewigen Heil, so mag aller Kreatur das Waschen zu ihrem zeitlichen
dienen. Ja, es ist nichts Schlimmes dabei, so der Mensch die Geschöpfe, die ihm
untergeben sind, dazu zwingt. Er mag die Pferde und Schafe durch die Schwemme
treiben, denn von selbst gehen sie nicht, auch seine Kinder bürsten und
begiessen, auch wenn die Kleinen sich sträuben und schreien. Auch ist nichts
natürlicher, als dass eine gute Hausfrau das Kleidungsstück, auf welches ihr
Eheherr so viel gibt, einmal gereinigt wünscht, selbst, wenn er es nicht
wünscht. Es ist sogar löblich; ja zugeben möchte ich, dass sie als Hausfrau ein
Recht hätte, es in die Wäsche zu tun gegen den eigentlichen Willen des Mannes,
ich meine, wenn er das Verbot nicht bestimmt ausgesprochen hätte. Aber in diesem
Falle hatte er es getan. Nicht wahr, er jagte es Euch damals an der Färbermühle
ab, und war sehr zornig?«
    »Das wohl, ehrwürdiger Herr, aber -«
    »Ihr unternahmt es dennoch: einmal gegen seinen Willen, wohl wissend, wie
sehr es ihn kränken musst, welchen Wert er darauf legte, dass Niemand ihm das
Kleid berühre. Ihr nahmt es auch gegen seinen Willen, mit einer Hinterlist, die
sogar an einen Diebstahl erinnert, während er schläft oder seiner Sinne nicht
mächtig; ja mehr noch: die eigene Tochter habt Ihr verleitet mitzuspielen, sie
musste, während sie dem Vater schmeichelte, ihm hinterrücks das Kleidungsstück
entwenden. Ei, ei! welche Saat in das unschuldige Herz eines Kindes gestreut!
Das alles zusammen genommen, erwäge meine Tochter und antworte sich dann selbst,
ob das nicht gegen das Gesetz ist, das den Mann über die Frau setzte, nicht
gegen die christliche Moral, die keine Arglist will, Summa, ob es nicht eine
Sünde ist?«
    Der Dechant war stehen geblieben. Auch die Edelfrau war stehen geblieben.
    »Ja, ehrwürdiger Herr, sie mussten aber doch gewaschen werden.«
    »Warum?«
    »Warum! Ja, ich will nicht sagen, darum, weil sie schmutzig waren. Denn
meinetalben hätten sie's bleiben mögen bis an den jüngsten Tag, wenn er ein so
eigensinniger Narr ist. Aber konnt ich's mir denn selbst vergeben, wenn er mir
länger zum Gespött so rum ging! Seine Ehre ist ja auch meine, seiner Kinder
Ehre. Ein Hauswesen ohne Ordnung ist kein Hauswesen. Ja, nur der Kinder wegen!
Es war meine Pflicht als Mutter. Es ging nicht anders, Herr Dechant. Aus purer
guter Absicht hab ich's getan.«
    »Darum also.«
    Die Edelfrau wusste nicht, wie sie den Blick verstehen sollte.
    »Die grossen Herren in Friesack, wenn sie einmal in die Zauche kommen, oder
wir kommen mal alle Jubeljahr zu ihnen, ach man muss sich ja in der Seele
schämen! Wir sind doch ein Blut, aber wie sehen sie uns über die Achseln an! Nun
ja, lieber Gott, wir haben kein Schloss Friesack, wo sie mit Hellebarden stehen
an der Treppe und das Herz Einem manchmal ordentlich puckert, wenn man auf die
Teppiche tritt. Schnäbelschuhe, das schickt sich nicht für unsereins. Der alte
Herr Bodo mit seinem weissen Haar, der ist schon freundlich. Aber die jungen
Herren, wenn sie so dastehen, die Hände zur Seite in den Pluder gesteckt und uns
ansehen, es fehlte ihnen nur noch ein Rauchstück im Maule, wie der
Menschenfresser aus der neuen Welt, von dem sie erzählen tun. Siebzig Ellen
Tuch hat der älteste darin stecken, der zweite sechzig, und so geht's runter,
nicht aus Brandenburg, feines holländisches, geschljetzt ist's, und mit bunter
Seide gefüttert; wenn sie galloppiren, glitzert's in der Sonne wie Wolken von
Morgenrot, und mein Götz dagegen in dem alten Leder!«
    »Wenn Ihr es ihm vernünftig vorhieltet, was sagte er dazu?«
    »Er sagt, um solche Hosen sollte man mal den Beinharnisch schnallen. Aber
wie oft kommt es noch! Fehden soll's ja nicht mehr geben! Wir verbauerten ganz,
sagen die von Friesack. Das soll man von leiblichen Vettern sich sagen lassen,
und hat ein christlich Herz im Leibe. Weil wir nicht reich sind!«
    »Es ist gewiss ein löblich Streben, vor den Blutsfreunden in Ehren zu
bestehen.«
    »Ach, Herr Dechant, wer auf sich hält vom Adel, der schafft sich Pluderhosen
an. Und wenn wir nach Berlin reiten, die Bürgersleute schon, was prunkt das in
Tuch und Seide, und wie sehen sie uns an! Wir haben nicht viel, aber ehrlich und
adelig sein, das ist unsere Schuldigkeit. Und verlange ich denn, dass mein Herr
Pluderhosen anlegen soll! Ich weiss ja, was das kostet. Unvernünftig bin ich
nicht. Nur was zur Ordnung gehört. Weiss ich nicht so gut wie Jeder, was sie von
uns im Schloss zu Köln denken. Mein Götz liegt nicht auf der Landstrasse. Seit wir
Mann und Weib sind, ein einzig Mal hat er mit Adam Kracht Einen von Magdeburg
geworfen. Seitdem nimmer mehr. Ich halte nichts davon, und wenn's auch nicht so
streng verboten wäre. Was kostet das Halten von Rüstzeug, die Knechte und
Pferde, und unsicher bleibt's immer, und wie oft lohnt es denn, wenn sie
wochenlang in der Haide lungern und fangen solchen Schelm von Krämer. Die andern
schlagen ihre Waaren dafür auf, man muss's doppelt bezahlen, wenn man's braucht.
Ich kenne das, wer nicht hören will, mag fühlen. Die Itzenplitz sind wieder wie
toll draussen und könnten so gut leben. Seine kurfürstlichen Gnaden haben neulich
zu Spandow gesagt, sie könnten's jedem Edelmann anriechen, wer im Graben liegt.
Darum sehen sie Jeden misstrauisch an, der in Leder geht, und nun gar in solchem
Leder! Da kommen wir in schlechten Leumund, ohne Schuld, und können nichts
dafür. Bei den heiligen eilftausend Jungfrauen, Herr Dechant, man muss auf sich
halten und wenn's der Mann nicht tut, muss die Frau. Es ging nicht anders.«
    Der Dechant schlug die Hände zusammen und in väterlichem Tone sprach er:
    »Meine liebe Frau von Bredow, wer wollte denn daran zweifeln, dass es nicht
anders ging. Ihr tatet es für Eure Kinder, Eure Sippschaft und Euren Gatten.
Ihr waret es ihnen sogar schuldig. Ein Edelmann muss vor den Menschen, von denen
die Ehre ausgeht, in Ehren bleiben. Wohlverstanden, vor den Menschen, denn der
Herr im Himmel sieht durch jedes schmutzige Kleidungsstück auf den reinen Körper
und durch den Körper auf die Seele. Aber die Menschen urteilen nach dem Schein.
Wäret Ihr auf einer wüsten Insel, und der Waschteufel hätte Euch geplagt, die
Kleider Eures Mannes zu stehlen, um sie zu reiben und zu spülen; da wäret Ihr im
Unrecht, Ihr hättet es getan nur um Eurem Waschkitzel zu fröhnen, wie es Weiber
Art ist. Hier aber ist es ganz etwas anderes. Hier hattet Ihr Rücksicht zu
nehmen auf Nachbarn, Blutsfreunde und das Ansehen der Familie, ja mehr noch auf
den jungen Kurfürsten und seine Räte, welche in dem vernachlässigten rohen
Anzuge ein Zeichen roher Gesinnung erblicken. Ihr setzet den, der Euer Herr sein
soll, der Gefahr aus, missliebig vom Hofe betrachtet zu werden, ja dass er beim
nächsten Anlass gefahndet, gerichtet, vielleicht gar verurteilt werde. Denn
Niemand weiss, wozu in diesen schlimmen Zeiten kleine Dinge führen. Sichtlich
wollte der Herr, darf man sagen, durch Eure schwache Hand das Haupt Eurer
Familie retten, Schmach, vielleicht Blutschuld von ihr abwenden. Sichtbar wird
da eine Kette von Fügungen, die wir recht betrachten müssen: dass der
gottesfürchtige Herr Gottfried sich in einen Zustand versetzen musste, wo er
nicht mehr Herr seines Willens war, dass er hinauf getragen ward, als meine Frau
von Bredow gegenwärtig war, dass sie über den Gang kommen musste, grad' als sie
ihn entkleideten, dass der Allmächtige gerade auf das bewusste Kleidungsstück ihr
Auge lenkte, dergestalt, dass sie es rasch aufgriff, bevor der mit dem Willen
seines Herrn vertraute Diener es merkte und in Verwahr brachte. Und die grosse
Herbstwäsche musste zur selbigen Zeit sein. Das sind Alles Winke von oben wie
eine Kette in einander gefügt, die uns irrenden Menschenkindern Zuversicht und
Trost in unseren Zweifeln gewähren müssen.«
    »Es war also keine Sünde!«
    »Sagte ich das, meine Freundin! Aber sintemal jedes Ding zwei Seiten hat,
und alles Irdische dem Wechsel unterworfen ist, also sind es auch unsere
Handlungen und Pflichten, und wir von der Vorsehung angewiesen, auch die andere
Seite in's Auge zu fassen, ehe wir urteilen.«
    »Sie trocknen aber schon. Hans Jürgen steht bei der Leine Wacht,« sagte die
Frau von Bredow, die wirklich nicht wusste, was sie sagen sollte. - »Was soll's
nun aber, Herr Dechant!«
    »Nur uns erinnern, meine Freundin, dass wenn wir Jemand etwas verstecken
sehen, ehe wir ihn darum verdammen, uns zu bedenken, ob wir nicht selbst etwas
Anderes versteckt halten, erinnern, dass die Sünde uns Sterbliche von allen
Seiten anschleicht, und dass, was auf dieser Betrug scheint, auf jener Fügung in
Gottes Willen ist; dass diese Fügung uns aber als letztes Ziel vor Augen schweben
muss bei allen unsern Wegen, und dass, wenn wir mit allen den Kräften, so der Herr
uns gab, in guter Absicht auf das Ziel losgehen, eine christliche Frau noch
nicht zu denken braucht, dass wir auf des Teufels Buckel dahin reiten.«
    Das war nun wohl der Frau von Bredow verständlich, aber wo es hinaus sollte,
doch noch nicht ganz. Ihre Frage verriet es:
    »Wenn's Sünde war, ich meine, das von der Seite, soll ich's denn meinem Götz
sagen?«
    Der Dechant fasste vertraulich ihre Hand und klopfte mit seiner darauf! »Ich
meine, wir bleiben vorläufig auf der anderen Seite stehen.«
    »Aber mit Küchenrot soll ich sie nicht wieder bestreichen?«
    »Wenn das die Täusch - ich wollte sagen den stillen Glauben unseres Herrn
Gottfried länger erhält, warum nicht.«
    »Doch die Eva - das Kind, mein' ich - ob die den Vater -«
    »Sie wird doch nichts ausplaudern! Wenn meine Freundin es ihrem kindlichen
Sinne nur recht vorstellt -«
    »Was?«
    »Ei nun,« - der Dechant hatte den Arm der Edelfrau in den seinigen gelegt,
um sie nach dem Lager zurückzuführen, wo es laut wurde - »das wird meine Frau
von Bredow am besten wissen, wie man den Sinn eines Kindes über kleine
Bedenklichkeiten hinüberführt zu seiner höheren Pflicht gegen die Eltern, ich
meine zumal gegen die Mutter.«
 
                                Drittes Kapitel.
                                 Die Waschbank.
Auch die Sonne hat ihre Flecken, auch die beste Haushaltung ihre Mängel, und was
wir glauben, dass es ganz in der Richte sei, mag unmerklich wo einen kleinen Stoss
bekommen haben, und der Bau wird schief.
    Frau Brigitte Bredow meinte, es sei Alles in Ordnung, weil sie Alles
geordnet und Jeden auf seinen Platz gestellt. Aber sie hatte sich darin
verrechnet, dass auch der wachsamste Wächter einmal einschlafen kann und dass der
beste Mensch ein Mensch bleibt. Und wer gibt denn einem Gebietiger, ob er über
ein Königreich das Regiment hat oder über eine grosse Herbstwäsche, das Recht,
dass er nur gute und tüchtige Leute unter sich habe. Die Welt ist bunt; wir
müssen sie nehmen wie sie ist. Zwischen Riesen und Zwergen ist die Auswahl, und
die Krummen und Lahmen, die Tauben und Blinden gehören auch dazu. Der Meister
über eine grosse Arbeit zeigt sich darin, dass er Jeden hinstellt, wo er hingehört
und Jeden zu nutzen weiss nach seiner Kraft und nach seiner Schwäche.
    Hans Jürgen ist zu nichts gut! Darum hatte man ihn hingestellt auf die
äussersten Sandhügel am Fliess, wo der Wind am schärfsten wehte. Da sollte er Acht
haben. Worauf? - Wie hatten alle den armen Hans Jürgen ausgelacht und ihm den
Rücken gedreht!
    Der arme Hans Jürgen! Er hatte doch schon sechszehn Sommer hinter sich, ach
nein, er zählte nach Wintern und war eines Edelmannes Sohn, eines Edelmannes, so
gut als Einer in den Marken zwischen Elbe und Oder, und doch sagten die Leute
auf Hohen-Ziatz, er sei zu nichts gut, und hier musste er Wache stehen vor einem
Stück alten Leders, das wie ein Galgenmann zwischen zwei Kiefern hing. Fünf Fuss
war er hoch und noch einen Zoll darüber, stark genug, eine junge Buche mit den
Wurzeln auszureissen; auf das Fohlen in der Koppel könnte er sich werfen und wenn
die Frau es gebot, ritt er drei Meilen ohne Sattel, um zur Sippschaft eine
Botschaft zu tragen. Sein Auge war wie der Luchs, sein Bolzen traf den Vogel im
Fliegen, und über Hecken und Gräben setzte er ohne Anlauf, und doch wollten sie
ihn nicht ritterlich aufziehen, wie seines Standes war. Der alte Herr Gottfried
sagte zwar wenn er brummig war, mit den Rittern sei es aus; wozu sich die Sporen
verdienen, da es keine Sporen mehr gebe. Aber warum liess er Hans Jürgens Vetter,
den Hans Jochem, der war nicht schlechter und nicht besser von Geburt, reiten
lehren, und tanzen in Brandenburg und nahm ihn auch zum Ringelrennen mit, wo es
eines gab; ja zu einem Tournier nach Meissen hatte der alte Herr ihn ein Mal
geschickt mit seinem Verwandtten, dem edlen Herrn von Lindenberg, dass er sich
dort umschauen solle, was gute Sitte sei.
    Hans Jürgen war eine Waise; aber Hans Jochem war ja auch ohne Vater und
Mutter. Herr Gottfried und sein Eheweib hatten beide Kinder, ihre Vettern, zu
sich genommen in ihr Haus und versprachen sie als ihre Söhne aufzuziehen. War es
darum, dass Hans Jochem von der Mutter noch eine fette Erbschaft liegen hatte,
die ward verwaltet beim Dom zu Havelberg, und Hans Jürgen war blutarm? Die
Edelfrau hatte doch gesagt, als sie die Waisen in's Schloss nahm, sie sollten
sein, da der Herrgott ihr und ihrem Gottfried keine Söhne geschenkt, als ihre
eigenen Söhne, und viel Liebes und Gutes hatte sie noch gesprochen über die
armen Kindlein, denen der Herr erst die Mütter genommen und dann die Väter.
    Die Edelfrau war eine wackere Frau, und was sie sprach, das meinte sie; aber
Worte sind Wind, wenn die Taten nicht darauf folgen, und der Sinn des Menschen
ist wandelbar. Hans Jochem hatte ein glatt Gesicht und ein paar muntere Augen,
er wusste es Allen recht zu machen, und sie lachten und waren ihm gut; aber Hans
Jürgen - man weiss nicht, wie man mit ihm dran ist, sagten, die nichts Schlimmes
sagen wollten. Böses wusste man nicht von ihm, aber warum tat er nichts Gutes?
Andere hätten fragen mögen, aber warum tat er nicht, was gut war, dass es die
Leute sahen? Er ist tückisch, sagten Einige, denn er tut das Maul nicht auf.
Aber wenn er es auftat, liessen ihn die Anderen nicht zu Worte kommen. Er kann
nichts Gescheidtes vorbringen. Er hatte ja nicht Zeit dazu; sein Mundwerk ging
langsam, und wenn er anfangen wollte, setzte ein Anderer fort, was er sagen
wollte, aber nicht wie er es wollte, und wenn er ein ernstes Gesicht machte,
lachten sie aus vollem Halse. Ihm fehlen die Gedanken, sagte der Dechant. Sie
liessen ihn ja nichts denken, dachte Hans Jürgen. Glatt war sein Gesicht nicht
und munter seine Augen auch nicht; es lag darin ein Ausdruck, ich weiss nicht
wie, aber die Leute sagten, das ist ein verdrossener Bursch oder er ist
schläfrig.
    Wenn Hans Jürgen das Bild lange im Fliess sah, wurde das Gesicht allmälig ein
anderes, und es tropfte etwas in's Wasser. Aber nur auf einen Augenblick, denn
gleich darauf war es ganz rot, und ärgerlich wischte er mit dem Ellenbogen über
die Augen: »'S ist gut, dass das Keiner gesehen hat,« murmelte er und warf sich
in die Brust. Aufgerichtet ging er, den Hals weit aus den Schultern, am Fliesse
auf und ab und dachte wieder: »wenn ich auf einem gerüsteten Pferde sässe, wir
wollten doch sehen, ob ich nicht auch ein Ritter würde.« Aber wenn das laute
Gelächter von drüben herschallte, war's, als fuhr er wieder zusammen. Die andern
spielten Plumpsack mit den nassen Tüchern, sie neckten, haschten und warfen
sich, wie lustige Kinder tun, denen jede Arbeit zum Spiele wird. Wer allein
ist, hascht und neckt sich nur mit seinen Grillen und bösen Gedanken. Nicht, dass
er Stund aus Stund ein bei dem Leder Schildwacht hätte stehen müssen, und keinen
Fuss breit fortgedurft, aber er gehörte doch nicht zu den anderen. Wäre er zu
ihnen getreten, sie hätten ihn nicht fortgewiesen, aber er wäre immer an der
Reihe gewesen beim Suchen und Haschen, und wenn die Knechte die grossen Decken
spannten und loosten, wer in die Luft fliegen sollte, so wusste er, das Loos
hätte ihn getroffen. Er wusste auch, dass die Andern dachten, er sei muckisch, er
halte nicht zu ihnen, weil er was für sich sein wollte.
    »Und das will ich auch,« brach ein verstohlener Gedanke unwillkürlich aus
seiner Brust, »lasst mich nur älter werden und grösser,« und dabei stiess er den
kurzen Jagdspiess so fest vor sich, dass er mit dem stumpfen Ende in dem Boden
wurzelte. Es war ganz still geworden, die Abendluft wehte drüben durch die
Elsenbrüche ihm recht erquicklich auf das heisse Gesicht. Von dem fernen Kloster
Lehnin klang die Abendmette. Er schüttelte den Kopf: »Nein, ein Mönch will ich
nicht werden.« - »Auch so Einer nicht,« setzte er nach einer Weile hinzu, als er
den Krämerwagen in das Lager einbiegen sah. Wie schon über den Gedanken
unwillig, wandte er ihm rasch den Rücken. Der Wind, der zwischen den Hügeln sich
fing, fuhr ihm entgegen, und er empfand einen heftigen Schlag in's Gesicht. Hans
Jürgen hob zornrot den Arm - aber es war kein Lebendiger, der es sich erfrecht,
auf ihn zu schlagen, kein Mensch, kein Arm, den er wieder schlagen konnte, es
war das Stück Wäsche, davor er Schildwacht stand. Aufgeschwellt von der Luft,
schwenkte es hin und her, und die willenlosen nassen Beinriemen waren's, die ihm
um die Ohren peitschten. Es zuckte ihm durch die Finger, er war wieder hochrot,
aber jetzt war es Scham wie Zorn und schon hob er die Hand auf nach dem
verdriesslichen widerwärtigen Leder: »Mag der alte Herr Götze,« dachte oder
kochte es in ihm, »auf dem blossen Sattel reiten, ich will nicht länger
Fahnenwache stehen vor seinen Büchsen!« Die schöne, feingegerbte Elennshaut, so
sauber gewaschen, geklopft, gerieben und gebürstet, war in Gefahr, in den Sand
geworfen zu werden, wenn nicht ein Schrei ihm in's Ohr geklungen hätte.
    Ein durchdringender, feiner Schrei, kaum ausgestossen und schon wieder
verhallt. Hans Jürgen kannte die Stimme; im nächsten Augenblick war er auf dem
Hügelrand, der dort die Aussicht auf das obere Fliess scharf abschnitt. Eine der
kleinen Waschbänke hatte sich losgerissen, sie trieb in dem Wasser und es war
nicht ganz ohne Gefahr für das junge Mädchen, das ängstlich darauf stand, denn
die Strömung war hier stark und trieb auf das Eck drüben los, wo sie leicht an
den grossen Steinen umschlagen konnte. Die Waschbank war selbst nur ein kleines
morsches Gefäss, welches unter seiner Last hin und her schwankte. Ohne den
Gedanken an eine Gefahr wäre es ein hübsch anzuschauendes Bild gewesen. Das
liebliche Mädchen im roten Mieder mit den aufgekrämpten Hemdsärmeln und den
blossen Füssen, wie es ein Stück feiner Wäsche in der Hand, mit Armen und Füssen
das Gleichgewicht zu halten unbewusst bemüht war. Ihr ängstlicher Blick, der sich
noch nicht von dem Boden, auf dem sie stand, forttraute, ihre halbgeöffneten
Lippen, die eine Reihe feiner Perlenzähne zeigten, ihr erstes Erbleichen, das
jetzt schon einer Röte Platz gemacht, und dann wieder ein neuer Schreck, als
sie auf den grossen Granitblock schielte, auf den die Waschbank lostrieb. Sie war
sichtlich im Zweifel, was zu tun. Sie steckte die goldene Dukatenkette, die
allzufrei um ihren Hals spielte und beim Anstreifen an Gebüsch und Schilf eine
gefährliche Schlinge werden konnte, mit der einen Hand in das Mieder und schien
mit dem einen Arm im Voraus zu prüfen, ob sie die Weide erreichen könne, die
ihre Zweige von dem Steine über das Wasser streckte, um vor dem gefährlichen
Anstoss sich zu schützen.
    Aber die Schifferin erreichte weder die hülfreiche Weide, noch den
gefürchteten Granitblock. Es rauschte im Wasser und bald hatte ein kräftiger Arm
die Waschbank gefasst. »Du wirfst mich um,« rief das Mädchen, denn von der
plötzlichen Berührung aus seiner ebenmässigen Bewegung gekommen, schwankte das
Gefäss.
    »Dafür lass mich sorgen,« rief der Retter und hielt ihr den rechten Arm in
die Höh', während er mit dem linken die Bank regierte. »Nun fass mich an und dann
ist's gar nichts.«
    Sie reichte ihm ihre zitternde Hand. Er watete etwa bis an die Brust im
Wasser, und der Grund schien fest.
    Aber die Bank mit ihrer schönen Last durch die Strömung nach dem andern Ufer
wieder zurückzuziehen, schien eine schwierige Aufgabe. Er strengte sich
sichtlich an; er zitterte jetzt, während sie immer ruhiger wurde.
    »Fürchte Dich nicht, Eva,« sprach er, als er keuchend einen Augenblick
anhielt.
    »Was soll ich mich fürchten,« erwiederte sie, »Du siehst ja, ich stehe fest.
Ich brauche Deine Hand nicht mehr.«
    Er kämpfte und überwand. Er stiess die Bank an's Land. Das Schilf
niedertretend, arbeitete er sich mit einem Fuss an's Ufer und wollte ihr den Arm
reichen; aber mit einem leichten Satz war sie schon herüber gesprungen. Die Bank
schnellte weit zurück.
    »Da wären wir ja,« sprach er. Aber der arme Hans Jürgen musste gar zu
possirliche Bewegungen machen, als er das Wasser von sich schüttelte, denn das
junge Mädchen schien die Angst und Fährlichkeit ihrer Lage ganz zu vergessen,
und statt zu danken, lachte sie aus vollem Halse:
    »Wie ein Pudel, Hans Jürgen!« rief sie.
    »Der Pudel springt auch in's Wasser,« murmelte er, und leiser setzte er
hinzu: »Aber, er holt nur was man ihm befiehlt.«
    »Nur nicht bös, Hans,« sprach das Mädchen. »Dank Dir auch.«
    Hans Jürgen schüttelte sich und murmelte etwas, was sie nicht verstand.
    »Trockne Dich, Hans, dass die Anderen es nicht merken. Sonst lachen sie über
Dich und über mich auch.«
    »Ueber mich, Eva? Was tut's! Sie lachen ohnedem. Ich hab 'nen tüchtigen
Pelz.«
    Eva Bredow sah sich um: »Ach, die Bank, die Bank! Hans, sie schwimmt fort.
Dann merken sie's. Die Bank wieder, Vetter Hans. Die muss wieder an ihre Stelle.«
    Die Bank war schon um ein gutes Stück weiter getrieben und schwamm drüben am
Ufer hin; aber Hans Jürgen machte keine Anstalt, ihr nachzustürzen.
    »Um Dich, Eva, hab' ich's getan, und tät's noch mal, wenn Du mir auch
nicht so viel danken wolltest; ja Du möchtest mich auch noch mal auslachen; aber
um das alte Stück Holz spring ich nicht rein.«
    »Ein Brummbär bist Du, aber kein gefälliger Vetter, Hans.«
    »Hans Jürgen heiss ich,« sprach der Bursch verdriesslich. »Du hast ja andere
Vettern, die heissen auch Hans. Ruf den Hans Jochem. Wenn du ihn bittest,
schwimmt er wohl dem Brette nach.«
    Ein böser Zug streifte um die Lippen des hübschen Kindes, ja es schien, als
zerdrücke sie mit ihren Sammtwimpern ein Etwas, das sie sich schämte sehen zu
lassen.
    »Ich konnt's von Dir erwarten.«
    »Hans Jürgen taugt zu nichts, hast's ja oft genug von Deiner Mutter gehört.«
    »Wenn Du nur anders wärst.«
    »Bin wie ich bin. Mach Dich nur auf die Beine, Eva, dass Dich Keiner bei mir
sieht. Um die Waschbank brauchst Du nicht angst zu sein. Die Waschbank plaudert
nicht. Da kann der Strick gerissen sein, als Du an's Ufer sprangst, und der Wind
trieb sie fort. Keiner sah's; da ist ja Alles gut.«
    »Alles ist nicht gut. Du zitterst, Hans Jürgen, Du frierst.«
    »Ich zittere nicht, ich friere auch nicht, das bilde Dir nur ja nicht ein.«
    »Hans Jürgen,« sprach das Mädchen mit sanftem Ton und streckte ihm ihre
kleine Hand entgegen. »Du wirst zu Niemand was davon sagen, das weiss ich -«
    »Da habe ich wohl mehr zu tun. Und bis da hab ich's auch vergessen.«
    »Aber so gehe ich nicht von Dir. Es ist nicht recht von Dir -«
    »Dass ich Dir die Meise haschte und lebendig brachte, und den Käfig wollte
ich Dir von Rohr binden, Du hättest den ganzen Winter durch Spass gehabt, und
vorher konntest Du nicht genug sagen, wie Du solche Meise liebtest, und als Du
sie hattest, liessest Du sie fliegen, rein mir zum Possen. Und mit dem jungen
Fuchs war's auch so. Alles was ich tun mag und aufstellen, Du tust, als wenn's
gar nichts wäre, und nur mir zum Schabernack. Und als Du Dich verspätet hattest
drüben im Kloster, ach was Furcht hattest Du vor dem Knecht Ruprecht, der mit
langen Schritten hinter Dir kam und die Fichten auseinanderbog, und aus jeder
Wurzel schoss die Frau Harke auf. Und wenn's in den Büschen lispelte, da
drücktest Du Dich an mich, und hast's so gern geduldet, dass ich meinen Mantel um
Dich schlang und Du konntest die Augen zumachen. Da war ich Dein lieber Hans
Jürgen, und Du streicheltest mich mit den Fingern auf die Backe, und was klopfte
Dein kleines Herz. Aber als der Wald lichter ward, da ward's Dir zu warm an
meiner Seite, und als die Hunde bellten, da waren Dir die Hunde lieber als Hans
Jürgen, Du hast sie geherzt als wär es Bruder und Schwester. Ueber die Zugbrücke
sprangst Du mit ihnen um die Wette, als wäre Feuer hinter Dir. Die Knechte
hätten sie aufziehen mögen: ob ich draussen blieb, Dich kümmerte es nicht.«
    Man sah, es war ein verhaltener Unmut, der aus ihm sprach; was in ihm lange
gekocht, brach, von einem Funken entzündet, mit einem Male heraus. Eva hätte
kein Weib sein müssen, wenn nicht auch ihr Gefühl verletzt worden wäre und der
bittere Angriff eine eben so bittere Verteidigung vorgelockt hätte. Die
hübschen Lippen kniffen sich zusammen, aber man sah auch, dass sie einen Kampf
mit sich kämpfte, aus dem sie wenigstens zum Teil als Siegerin hervorging.
    »Hans Jürgen, was hast Du denn getan, das Dir ein Recht gibt, so zu
sprechen,« sagte sie nach einer Pause mit einer Stimme, aus der die
Leidenschaftlichkeit, aber auch die Wärme fort war.
    »Ich, ich habe gar nichts getan. Nichts tue ich, ich kann ja nichts tun.«
    »Was Du tatest, hätte jeder Andere auch getan. Ich danke es Dir. Aber der
Martin, der Wenzel, auch der verdriessliche Ruprecht, die wären alle auch in's
Wasser gesprungen. Was war denn für grosse Gefahr dabei? das Fliess ist nicht
tief.«
    »Und darum solchen unnützen Mund! Nicht wahr? Hätte ich nur mehr Wasser
geschluckt, dann müsste ich das Maul halten.«
    »Das ist böse Rede, Vetter.«
    »Wär' es Hans Jochem gewesen, der wäre gleich fortgelaufen, er hätte sich
nicht geschüttelt, dass die Tropfen spritzten. Aber Du hättest auch nicht lachen
können, wie über einen Pudel. Den Spass habe ich Dir doch gemacht.«
    »Hans Jürgen, nun höre auf. Hans Jochem ist auch ein guter Junge, aber er
hätte sich wohl erst bedacht, ob er sein neu Wams nass machen dürfe.«
    »Meinst Du das, Eva?«
    Sie hielt ihm wieder ihre Hand hin: »Vetter, lauf an's Feuer und trockne
Dich, dann wirst Du nicht so wirsch sprechen. Dass ich die Meise fliegen liess,
das war nicht recht von mir. Es überkam mich gerade so. Ich wollte es Dir auch
abbitten, aber ich hab's nicht getan. Und damals, wie ich von der Muhme kam, da
schämte ich mich nur, dass ich mich so gegrault hatte, und da sprangen die Hunde
mich an. Ich hab's Dir aber wohl im Herzen behalten, wie Du mich durch den Wald
führtest, der gar zu grauslich war und so lieb zu mir sprachst, dass ich mich
nicht fürchten sollte. Bis ich einschlief, hab ich zur Mutter Gottes gebetet -
für Dich auch, Hans Jürgen.«
    »Hast Du das! -« der Bursch sah finster vor sich hin. »Das ist hübsch von
Dir. Und weisst Du, Eva, ich hab's mir auch gedacht, dass Du so tätest. Freilich,
was die Mutter Gottes hört, das hört kein anderer Mensch.«
    Eva Bredow senkte auch die Augen. Sie verstanden sich. Beide schwiegen. Es
tut nicht gut, Alles auszusprechen. Hans Jürgen hub zuerst wieder an:
    »Nun geh nur schnell fort, dass sie Dich nicht vermissen und nichts merken.
Du kannst auch über mich lachen vor den Andern, so viel Du willst, ich will Dir
drum nicht bös sein und es nicht vergessen, was Du mir hier gesagt hast. Aber es
wird auch mal eine Zeit kommen, wo sie mich nicht hänseln sollen, wo sie mich
nicht in den April schicken sollen und nicht hinstellen, vor den alten Büchsen
Wache stehen. Und dann, und dann -«
    »Hans, wo willst du hin?«
    »Geh nur, ich komme nach.«
    »Aber Du hast mir noch nicht die Hand geschüttelt, dass Du mir wieder gut
bist.«
    »Ach was, es könnt Einer sehen.«
    »Dass Du weinst, Hans Jürgen, das schickt sich nicht.«
    »Ich weine nicht,« sagte er barsch, und wollte fort.
    »Wohin?«
    »Die Bank holen. Sie schwimmt zu weit. Geh du nur zu Deinen Krausen und
Tüchlein. Ich habe sie Dir wieder hingebracht, eh's Einer merkt.«
    Aber sie rief ihn mit einem solchen Ton zurück, dass er folgen musste.
    »Die Waschbank ist ein altes Brett, die Fischer werden sie schon auffangen,
dass sie nicht in die Havel läuft. Auch ist die Wäsche nun vorüber und die Sonne
geht zur Rüste. Hilf mir lieber meine Bleichstücke zählen und zur Mutter tragen,
die anderen Mädchen sind zu wirrig, und Jede denkt nur an ihren Part.«
    »Ich, Eva?«
    »Böses ist's doch nicht, Hans Jürgen. Da greift ja ein Jeder mit an.«
    »Ich will Dir die Stücke zählen und zusammenlegen und bis an den Busch
tragen, dann will ich mich schon fortschleichen, dass Keiner es sehen soll.«
    »Was denn, Hans Jürgen?«
    »Nun, ich meine nur, dass Keiner Dich drum auslacht, weil Du's mit mir
hältst.«
    »Komm!« rief Eva, und als er noch zauderte, ergriff sie ihn bei der Hand.
    Sie rannten Hand in Hand den Hügel hinab, und grad dahin, wo ihre Schwestern
und die anderen Mädchen beschäftigt waren, die Stücke von der Bleiche
aufzurollen und von den Seilen abzunehmen. Lachend rief sie: »Hier bring ich
Einen, der uns helfen soll. Der Faulpelz meinte, er täte genug, wenn er
Maulaffen feil hätte vor einer Eselshaut. Aber ich habe ihm bedeutet, dass es
damit nicht getan ist. Hans Jürgen ist heut mein Knappe und ich lasse nichts
auf ihn kommen. Ohne ihn, wo wären meine Tüchlein und Krausen!«
    Sie erzählte mit Zungenfertigkeit eine glaubwürdige Geschichte, wie die Bank
sich vom Ufer losgerissen. Diesmal war aber nicht sie darauf ins Weite
geschwommen, sondern nur alle ihre schöne, feine Wäsche, die in Schilf, Moor und
Wasser vielleicht zerstreut, vielleicht verloren wäre, wenn Hans Jürgen nicht
zur Stelle und kein so guter Schwimmer gewesen wäre. Dafür belud sie ihm auch
Schultern und Arme mit so viel er nur tragen konnte; ja der vorige Übermut
schien wieder anzuklopfen, als sie ihm sogar eine Flügelhaube, für die sie
keinen andern Ort fand, auf den Kopf setzte. Als er ein ernstaftes Gesicht dazu
machte, sah sie ihren lieben Vetter so freundlich an, dass ihm wohl ward. Aber
kaum näherten sie sich dem Hauptlager, als sie ihm unversehens die Haube wieder
abgerissen hatte und selbst das Pack, das er auf den Schultern trug, unter ihre
Arme nahm.
 
                                Viertes Kapitel.
                           Der Krämer und der Sturm.
Hans Jürgen und Eva hätten nicht nötig gehabt, sich zu fürchten, weil sie der
Edelfrau begegneten. Die Frau von Bredow sah nach andren Dingen. Ein Wunder dass
sie nicht früher das Kichern, Schreien und Händeklatschen gehört, ein Lärm, den
eine Hausfrau nimmer dulden durfte.
    Sie standen, ihr den Rücken zugekehrt. Die schlugen in die Hände, die
sprangen vor Lust. »Haidi mit ihm! So ist's ihm Recht!« schrieen sie und hörten
darüber nicht, dass die Herrin zürnend fragte: wer denn schon Feierabend geboten?
    Es war nicht der Feierabend, es war ein Reiter, der auf seinem atemlosen
Gaule einen sehr unfreiwilligen Ritt machte. Mutwillige Buben hatten ihm das
Geleit gegeben mit Ruten und Stricken; aber mehr als ihre Streiche scheuchte
das arme Tier der trockne Dornenbusch, den sie ihm an den Schweif gebunden. Der
alte schwerfällige Gaul schoss über Stock und Block; unbekümmert, ob der Mann,
der auf seinem Rücken sass und sich mit vorgestrecktem Leibe in seinen Mähnen
festielt, einen Willen hatte oder keinen; unbekümmert, ob er noch hing oder
schon herabfiel.
    Der Mann, der jetzt nur noch ein schwarzer Punkt war, war vorhin hier der
Mittelpunkt. Es war viel vorgegangen. Als er noch auf seinem Karren stand, wie
hatten die Mägde Maul und Nase aufgesperrt. Litzen und Seidenbänder, Gespänge,
Ketten und Ohringe, und die feuerroten und schreiend gelben Tüchlein, wie
hatten sie in der Sonne geflimmert. Solche Schätze, die ein ganzes Leben
glücklich machen konnten, besass ein Mann. Dann hatten sie mit ihrem Schatz
verhandelt, und der Schatz zog endlich sein ledern Beutelein hervor und zählte
die Pfennige, ob es reichen würde, und dann war gehandelt und gefeilscht worden,
und der Krämer hatte Stein und Bein geschworen, dass das Bändchen und der Ring
ihm selber mehr koste, als er fordere, aber um die Hälfte hätte er's doch
gelassen, nur der Kundschaft wegen.
    Hans Jochem, der Junker, der doch immer obenauf war, wo es was Lustiges galt
und Schelmenstreiche, was war er mit einem Male ernst geworden und schaute auf
ein Etwas, das der grosse Handelsmann vor ihm hinhielt. Zuerst sah es aus wie
eine grosse Wurst, etwa zwei Schuh lang und gut einen dick; dann als der Kaufmann
die Schnüre löste und es auseinanderlegte und immer weiter und weiter, da hätte
Einer denken mögen, es wäre ein Sack, um einen Eber darin zu fangen. Aber nun
steckte er beide Arme hinein und gar den Kopf auch, und so weit er auch mit den
Armen fuhr, er erreichte nicht das Ende, denn ein Fältchen faltete sich nach dem
andern, und es war pures schönes Tuch, ausgeschljetzt und gesäumt und gefuttert
mit Seiden. Dann gab er's dem Junker zu halten, dass er es gegen die Sonne
hielte, und als Hans Jochem es hielt, zitterte fast der Junker vor Freude.
    »Ihre kurfürstlichen Gnaden haben selbst nicht bessere,« sagte der Krämer.
    »Dann ist's nichts für mich,« sagte der Junker leise und wollte zögernd das
Prachtstück dem Kaufmann zurückreichen.
    »Was,« rief der, »nichts für meinen Junker von Retzow. Für wen denn sonst?
Braucht ein havelländischer Junker sich zu scheuen, um den Leib zu gürten, was
der Markgraf umtut? Der Wichard von Rochow, gnädiger Junker, hatte schon bei
Lebzeiten Kurfürst Johann Ciceros ein Paar Hosen um, wenn man sie auspuffte, war
er in der Breite so lang als gross, und er mass doch an sechs Fuss. Das kümmerte
ihn gar nicht, als der Kurfürst hochseliger ihn fragte, ob die Ernte von Golzow
im einen und die von Rekahne im andern Beine Platz hätte? Kurfürstliche Gnaden,
erwiderte Herr Wichard, auch die von Potsdam, so mir das wiedergegeben würde,
was meine Väter mit Recht besitzen taten. Da wandte ihm der Kurfürst den Rücken
und sprach kein Wort, aber die andern Edelleute lachten für sich und drückten
Eurem Vetter die Hand, dass er's ihm so gut gegeben hatte.«
    »Kriegen Potsdam doch nicht wieder,« sagte Junker Melchior.
    »Probirt sie nur an,« fuhr der Handelsmann fort, der sich um das Prachtstück
nicht viel mehr zu kümmern schien, indem er schon in neuen Schubläden nach neuen
Schätzen suchte. »Nehmt Ihr sie nicht, nimmt sie ein Anderer. So was verkauft
sich von selbst. Bloss probiren, Junker, weiter nichts, damit die Frölein sehen,
wie es sitzt. - Ei der Tausend, und wie angegossen, wie zugeschnitten für Euch.
Nun häckeln wir's nur ein bisschen fest und dann die Knieschnallen.«
    Junker Hans Jochem hatte probirt. Ueber die knappen Drilchhosen waren die
weitgebauschten Tuchhosen mit Leichtigkeit gefahren, und der Handelsmann hatte
sie mit fertigen Händen zugenestelt.
    »Nein so schön und fürnehm sahen wir unseren Junker doch noch niemals,«
sagten die Mägde, und Alles trat zurück, ihm Platz zu machen, und seine Wangen
glühten einen Augenblick im Abendrot, wie der Saum der Purpurschlitzen, die
sich öffneten und schlossen.
    Als er schüchtern gefragt, was sie wohl gelten taten, hatte der Krämer:
Pah! gerufen, sie würden auch nicht das römische Reich kosten. Unversehens,
meinte Hans Jochem, war er an's Fliess getreten und hatte sich unversehens im
Wasser beschaut. So hatte ihm nie ein Kleid gestanden. Und er dachte: Ei, und
wenn's auch eine Mark ist! »Frag' ihn aber genau, Hans Jochem, der Hedderich ist
ein Schelm,« hatte Mühmchen Agnes ihm besorglich zugeflüstert. Und das Wort war
nun ausgesprochen, das alle Freude vergällte, und eiskalt und schwer bauschten
sie ihm um die Hüften und schienen den armen Tor auszulachen. »Fünfzig Ellen
Zeug verschnitten!« fuhr der Krämer fort. »Und Flamländisches, vom Feinsten, wie
es nur in's Land gekommen, und die Schlitzen von mailändischer Seide und die
Schnallen von Venedig. Ein Paar Mark ist gar kein Geld dafür!« -
    »Ach armer Hans Jochem!« hatte Agnes leise geklagt.
    Der ist mir sicher, hatte Klaus Hedderich gedacht. »Wer wird von jungen
Leuten baar bezahlt nehmen. Im Stock zu Havelberg, da liegt mein Schilling gut
aufgehoben, und nur ein Wort vom gnädigen Vormund, so zahlt er auch drei Mark
für's Warten.«
    Wie sollte Junker Gottfried zahlen wollen für ein Paar Pluderhosen, er, der
- Welche niederschlagenden Wetterwolken zückten da um Alle. Wär's doch für ganz
Hohen-Ziatz eine Ehre, so dachte der Meyer, so dachte der Knecht. Und der
unterste leibeigene wendische Mann, der mit den Schweinen unter einem Dache
verkehrte, der nie sich unterstehen dürfte, mit seinen Bastschuhen über die
Schwelle zu treten, wo die Herrschaft sass, er dachte auch so. Er hätte sich auch
freuen müssen und hätte sich gefreut, wenn das hübsche Ziehkind von Hohen-Ziatz
das Leibstück gewann. Was hatte er vom Junker? Der sah ihn nicht an, wenn er
auf's Ross stieg. Einmal, als er nicht schnell genug bei Seite sprang, hatte er
ihm mit der Gerte einen Riss gegeben, der durch die Schwielenhaut drang, und viel
fehlte nicht, hätte er ihn übergeritten, aber der Junker gehörte doch zum Haus.
Des Hauses Ehre war auch des armen Leibeigenen Ehre. Eigene hatte er nicht.
    Das dachten die Andern, Hans Jochem aber nestelte an dem Bund, und ihm zur
Qual hatte der Krämer den Riemen so fest verhakt, dass er's gar nicht loskriegen
konnte.
    Bald darauf hatte es aber ganz anders ausgesehen. Da stand der Krämer nicht
mehr auf seinem Wagen, wie ein Herr der Herrlichkeit. Sie hatten ihn
heruntergerissen und schrieen ihn an, und er hob umsonst die Hände und
beteuerte umsonst seine Unschuld. Die Mägde hatten am Fliess an einem der bunten
Tücher, die er als echt verkauft, die Probe gemacht, und: »es ist falsch!«
schrieen die wütenden Dirnen und die Knechte wiederholten: »er verkauft falsche
Waare!« Das nasse Tuch schlug ihm um's Gesicht, dass es gelb und rot wurde. Vor
Schrecken war der Anne Susanne der Silberring, den der Grossknecht Christoph für
sie gekauft, aus der Hand gefallen, und der ein Brautring werden sollte,
zersprang am Stein, auf den er fiel; und das Silber war zusammengelötet Blei.
Nun schien es um den Krämer Klaus Hedderich getan. Vergebens lag er auf seinen
Knien und versprach Busse, vergebens rief er, er selbst sei von den Nürnberger
Herren betrogen' worden, vergebens versprach er, schöne bessere Waare dafür, ein
Goldringlein, das des Kurfürsten Goldschmidt selbst prüfen solle, für das
Wollentuch eins von echter Seide. Vergebens rief er den Junker Melchior an,
seiner sich anzunehmen, vergebens den Burgfrieden von Hohen-Ziatz und die
Gerechtigkeit der edlen Herren von Bredow, vergebens den Junker Hans Jochem, er
wolle ihm die Hosen lassen um den halben Preis. Er war ein ganz verlorener Mann.
Zum Galgen mit ihm! schrie es. Da waren die Pferde ausgespannt, da war sein
Karren umgestürzt, die Riemen gesprengt und die Päcke und Kasten und Kisten
rollten. Sie zerrten und stiessen ihn, und die Peitschenschnüre der Knechte
konnten gar noch nicht an ihn kommen vor den ergrimmten Mädchen, die mit ihren
Fäusten und Nägeln gegen den gottvergessenen Betrüger eiferten.
    Dass sie ihn gehängt hätten, will ich nicht meinen, aber schlimm wär's ihm
ergangen, wenn nicht der Junker Peter Melchior sein Wort darein gesprochen. Er
meinte, was es ihnen hülfe, so sie dem Mann die Haut gerbten oder ihn aufhingen
mit den Händen an die Kiefer, oder in den Sumpf steckten bis an's Kinn; dann
kämen doch Andere und zögen ihn raus, und man wisse nicht, was danach käme,
wobei der Junker nach dem Waldweg zwinkerte, den die Burgfrau gegangen. Sie
sollten ihn laufen lassen oder zum Teufel jagen. Ja, je eher man solchen
falschen Kerl los würde, desto besser; dann könne man sich an seine Sachen
halten und zusehen, ob in dem Plunder was sei, um den Schaden gut zu machen.
    Ehe er sich's versah, sass nun der arme Krämer auf dem Gaul, ehe er noch ein
Valet sagen konnte seinem Kram, sah er ihn nicht mehr.
    So war es geschehen, und der Junker Hans Jochem sah auf seine schönen Hosen
nieder, in deren Carmoisinpuffen die Abendsonne mit Wohlgefallen sich zu fangen
schien, und er dachte, die hat der Mann nun vergessen, und zugleich dachte er,
wie mag der Mann nun zu seinem Gelde kommen, und dann kam noch ein Gedanke, der
machte sein Gesicht so rot wie die Puffen. Es klang ihm mit einem Male wie des
Dechanten Stimme aus dem Dornbusch: »Da sieht man abermals Gottes Fingerzeig und
sichtliche Fügung, er hat dich betrügen wollen, und nun ist er betrogen. Wollte
den doppelten Preis, was sie kosten, und nun hat er nichts!« So lispelte es ihm
zu, oder der Junker glaubte es, aus dem Dornstrauch, durch den ein gelbes Licht
von der untergehenden Sonne streifte, und es ging ein seltsam Zittern und
Knistern darin um, wie wohl zuweilen der Wind tut. Aber derselbe Wind
schüttelte in den Wipfeln des Baumes, daran Hans Jochems Spiess stand, und der
Spiess, der nicht fest stand, rüttelte. Da schien es ihm, als ob der Spiess
flüstere: »Schäme Dich, Hans Jochem. Du bist ein Edelmann und kein Dieb. Ja,
wenn Du ihn geworfen hättest, den schlechten Kerl, in den Graben mit ihm und
einen blutigen Kopf, wenn er raisonnirte, dann hättest du's ehrlich nehmen
mögen, mit guter Sitte, und kein guter Mann hätte zu dir sagen können, du seist
ein Dieb. Aber so du sie behältst und hast nichts für gegeben, nicht Streiche,
nicht Geld, das kann das Bettelmensch auch und der Zigeunerbub, die hängt man,
und die Hand wird unehrlich, die sie anrührt!«
    So sprach's im Busch und so im Baum zu Hans Jochem, und er stand wie
eingewurzelt und hörte noch nichts von dem Donnerwetter. Mit der einen Hand
nestelte er am Gurt und mit der andern streichelte er die schönen
Carmoisinpuffen. Da flüsterte ihm wieder etwas in's Ohr: »Tu sie los, lieber
Hans Jochem, tu sie los, es tut nicht gut. Ach, heilige Agnes, da ist sie,
schon,« seufzte die kleine blasse Agnes.
    Es frommt nicht, zu viele Ungewitter zu malen, nicht für den Maler, nicht
für den Dichter. Wer immer Sturm und Nacht vorbringt, von dem meint man wohl,
dass er das liebe Sonnenlicht nicht ertrage und vor der stillen Luft sich
fürchte.
    Und wir haben noch von so vielen Unwettern zu erzählen.
    Also, es hatte gedonnert und gewettert, und wer denkt sich nicht wie, der
unsere Frau von Bredow kennt, und wie ein Kornfeld mit geknickten Aehren standen
sie blass umher und liessen die Köpfe sinken. Nun hatte sich Frau Brigitte
umgesehen, wer dem Krämer nachreiten sollte und ihr Auge fiel auf Hans Jochem.
Der ist nicht der Schlimmste, dachte sie, er ist von gutem Blute.
    Wie sollte Hans Jochem auf's Pferd! Der konnte nicht reiten, das sagte der
erste Blick; aber rasch hatte die Edelfrau nach dem Nächsten sich umgeschaut,
der's konnte: »Hans Jürgen!« Hans Jürgen ward auch blutrot, und er hatte doch
keine Pluderhose an. Eva sah erschreckt die Mutter an, die auch rot war, aber
vor Zorn. »Auf's Pferd!« Wo stand auch gleich ein gesatteltes Pferd bereit?
    Ein Kärnergaul trabt dem andern am besten nach. Hans Jürgen musste auf das
Tier ohne Bügel und Sattel. Alt war es, hochbeinig und mehr Knochen als
Fleisch, und ein Ritt war es, der durch Mark und Nieren ging. Zu anderer Zeit
hätten sie aus Herzenslust gelacht; wer sich aber fragte, ob er lieber Hans
Jochem war, der zurück blieb, oder Hans Jürgen, der fort musste, beneidete heut
den armen Hans Jürgen, den der Gaul in die Lüfte warf.
    Eine dunkle Wetterwand war im Abend aufgezogen. Sie stieg höher und höher;
ein verräterischer Wind streifte über die Haide und regte die Wipfel der Bäume.
Zu anderer Zeit hätte meine Frau von Bredow, deren scharfem Auge nichts entging,
das anziehende Unwetter längst gemerkt, und sie würde, wie der Schiffscapitain,
rasch und kurz ihre Befehle ausgeschrieen haben, die Segel einzuziehen, die
Päcke und Ballen zu schnüren, um das Schiff nach dem Hafen zu steuern. Aber die
beste Frau bleibt eine Frau. Die Beichte im Walde, das Gericht im Lager, sie die
Richterin und vor ihr der arme Sünder, das war zuviel innerer Sturm, um auf die
Zeichen des Sturmes draussen Acht zu haben.
    Es trifft sich wohl, wo Viele sündigten, dass Gericht und Strafe wie
Gewitterwolken über die Häupter der Schuldigsten fortrollen, um einzuschlagen
auf einen armen Sünder, der den geringsten Teil der Schuld trägt. War Hans
Jochem so arg, wie die Frau ihn schalt, so war er darin wenigstens noch
unverdorben, dass er sein Schuldbewusstsein nicht zu bemänteln wusste; es stand auf
seiner Stirn geschrieben und sein kreideweiss Gesicht sagte zu Allem ja, als die
Base ihm seine Eitelkeit und Hoffahrt in Worten zu kosten gab, die wie Hagel auf
eine Fensterscheibe klirrten.
    Er wusste sich nicht zu verteidigen, er verwirrte sich in seinen Worten, wie
seine Hände in den Schlingen des Gurtes, den er durchaus nicht los kriegte. Er
hatte das Prachtstück gewollt und auch nicht gewollt, aber Agnes Bredow trat
plötzlich als seine Advocatin auf. Das stille Mädchen ward zur Rednerin. Ihr
Vetter hatte es nicht gewollt, versicherte sie, aber der Krämer hatte es ihm
angetan; trotz seines Sträubens hatte er sie anprobiren müssen, und da sassen
sie ihm fest, man wusste nicht wie. Selbst hatte sie's gesehen, wie er die
Schnallen und Binden geschlossen, der schlimme Mann, und durch's Herz war's ihr
gefahren, wie es da aus seinen Augen gebljetzt. O es war ganz gewiss, dass ihr
armer Vetter besprochen war, und der Beweis dafür war zu deutlich, dass er noch
jetzt den Bund nicht los kriegte.
    Eva sah verwundert ihre Schwester an, wie ihre Augen glänzten: »Und er ist
verzaubert! Ich lass mir's nicht nehmen!« schloss Agnes und sah sich nach Hülfe
um, wobei ihr Blick fast bittend auf dem Dechanten haften blieb. Der zuckte die
Achseln, und meinte, dass allerdings Einige in Berlin meinten, wie es mit dieser
Mode, die aus den Niederlanden herüber gekommen, nicht seine Richtigkeit habe,
und von Dämonen wissen wollten, die in diesen zerhackten und geschlitzten
Ungetümen sässen, um des Menschen Sinne zu betören, wie er indes in solchen
weltlichen Dingen zu wenig Erfahrung habe, um darüber zu entscheiden. Peter
Melchior, der sich sehr in den Hintergrund gedrückt hatte, gab auch jetzt sein
Wort darein, es sei ihm sehr wahrscheinlich, er habe dem Hedderich nie getraut.
Der Knecht Ruprecht nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe, die Grossmagd Anne
Susanne schrie und weinte über den gottlosen Zauberer, und der Dechant, der sich
in die allgemeine Stimme fügte, zuckte wieder die Achseln und erklärte sich wohl
bereit, wenn der Bund nicht aufginge, durch einen gehörigen Exorcismus die bösen
Mächte zum Weichen zu bringen; aber Frau Brigitte meinte: »den Exorcismus
überlasst mir!«
    Mit einem Ruck von ihren kräftigen Händen war es geschehen, der Gurt
gerissen. Da aber die Knieriemen noch fest verschnallt waren, fiel die ganze
Wucht der fünfzig zerschljetzten Ellen wie ein Fass, dessen Reifen gesprungen
sind, nach allen Seiten und bedeckten in flammendem Carmoisin des Junkers Füsse.
Jetzt sah Hans Jochem allerdings wie verzaubert aus.
    »Verhext war er auch, das hat seine Richtigkeit, Herr Dechant,« sagte die
Edelfrau ruhig. »Will's Euch aber erklären, wie es zuging. Als er das bunte
Satanszeug um hatte, will's gern glauben, dass er's nicht genommen, überkam ihn
die Lust, dass er's nicht wieder abtäte. Da war's ihm schon angetan; das ist
der eine Teufel. Und weiter ward's ihm angetan, als ihr den Schelmen einen
Schelm nanntet und jagtet ihn über alle Berge, doch seine Sachen, da hattet Ihr
kein Ärgernis dran, dass er sie hier liess. Und Hans Jochem hatte auch kein
Ärgernis, dass ihm der Plunder fest am Leibe sass, mit der einen Hand hat er
genestelt, dass er ihn los bekäme, aber mit der andern sie wieder festgehalten.
Da kam der zweite Teufel und hat ihm zugeflüstert: Wenn der Hedderich sie nicht
kommt holen, wer zwingt Dich, dass Du sie ihm bringst? Nun betete er, zu wem, das
will ich nicht sagen, dass er sie nicht holen möchte, und das war der dritte
Teufel. Einer, drei, meinetalben sieben, damit ein Junker ein Paar Hosen
umsonst kriegt, aber ich will sie alle Sieben austreiben, so wahr ich Brigitte
Bredow heisse, und dazu brauch' ich kein Weihwasser und keinen Priester.«
    »Man weiss nicht, wie es Hans Jochem ergangen wäre, und ob die Base zu ihm
gekommen wäre, wenn er nicht zu ihr kam, was aber gar nicht gehen wollte, da ihm
die Knieschnallen noch fest sassen, und als er sich bewegte, der halbe Kramladen
Tuch an seinen Beinen schleppte und eine Wolke Staubes auffegte, wenn nicht
jetzt sein Vetter Hans Jürgen ihm zu Hülfe gekommen wäre.«
    Ohne Sattel und Bügel zu Ross, und doch lenkte er noch ein ander Ross mit
einem Manne drauf, und zog es hinter sich an einem Seil, wie der Knochenhauer
das Kalb, das er zu Markt schleppt, und jetzt riss er es vor, ohne den Mann drauf
drum zu fragen, dass es sich überstürzte und der Krämer Hedderich fast auf seinen
Kram gefallen wäre.
    »Mir gefällt etwas hier nicht,« sprach der Junker Peter Melchior bei sich.
Da doch Alle vom Herzensgrund lachten, die Einen vor Schadenfreude über den
Krämer, die Andern vor Freude über Hans Jürgen, dass er es so gut gemacht. Der
Dechant, der neben ihm stand, sagte, es sei die Luft, und schlug sein Gewand
fester um.
    »Was ist das!« schrie Einer, »Sieh da!« und der Wind antwortete. Es war
nicht mehr das Flüstern und das Lispeln in den Wipfeln, es wehte wie warmer
Brodem aus dem Ofen und pfiff und schrillte dazwischen. Das Wasser war unruhig
und die Krähen flogen krächzend um die Kiefernwipfel.
    Die Wetterbank im Abend war aufgestiegen, unmerklich, aber schwarz wie ein
Gebirg, und unten riss es wieder und teilte sich, ein grosses Tor, und ein
gelbes Licht strahlte draus hervor.
    »Jesus Maria, sei mir gnädig, das will was bedeuten!« So rief Eine, und die
Andere dachte es. Die Edelfrau hatte, die Hand vor'm Auge, ruhig hingeschaut.
    »Ein Sturm, das will's bedeuten, wie Gallus ihn nachschickt!«
    Es fuhr, kaum dass sie's gesprochen, wie ein Schlag oder Schuss. Die eine Wand
des letzten Zeltes war losgerissen, es schlug über, der Sturm fasste die
Leinwand, und mit einem Krachen fuhr es über die Köpfe sausend hin. Nicht das
Zelt allein, Leinen, Zeug, wie ein Schneetreiben flog es. Mützen, Mäntel, Hüte
hinterdrein, wer sie nicht fest hielt. Wo die Fichten sich beugten wie Rohr, was
sollte man da nicht kreideweisse Gesichter sehen und von den blassen Lippen
Stossgebete murmeln und die Heiligen angerufen hören.
    »Es ist hier nicht richtig, ich hab's immer gesagt,« wiederholte der Junker
Peter Melchior.
    »Da fliegt die Hexe leibhaftig!« schrie es. Nicht die Wolken, die, mit
gelbroten Streiflichtern vom Sturm getrieben, über die Köpfe sausten und ihre
Bäuche an den Fichten schljetzten, ein Klumpen, ein Ungetüm von allerhand Farben
breitete in der Luft seine Polypenarme aus.
    »Ave Maria, alle Heiligen!« stöhnte der Dechant. »Es sitzt auf ihm.« -
    Er lag auf seinen Knieen; es zog ihn nieder, eine dunkle, unwiderstehliche
Macht. Er rang vergeblich, wie der unglückliche Heerführer der Griechen, als
sein treuloses Weib ihm das faltenreiche Gewand über den Leib geworfen. Jeder
hatte mit sich und dem Seinen zu tun, selbst die Edelfrau flog an ihm vorüber,
unbekümmert um ihren Seelsorger. Aber das tüchtige Weib packte den Hans Jochem,
dem's endlich gelungen war, die Knieschnallen zu lösen, und der mit
aufgerissenem Munde dem Pluder nachsah, als ihn der Wind forttrug. Nun drohte
sie ihm, hier sei nicht Maulaffen feil zu halten. Seinem Vetter Hans Jürgen
ging's nicht besser. Den riss sie von der Arbeit, die sie ihm kaum aufgetragen,
denn in der Not ist Jeder sich selbst der Nächste. Der Krämer Hedderich war
auch wohl der Mann für sich allein zu sorgen, wenn man ihn nur sorgen liess. Mit
einem Satz war er auf den Dechanten losgestürzt. Der arme Dechant! Auf schrie
er, denn nun glaubte er, der Gottseibeiuns selbst liege auf ihm, und stöhnte
Gebete unter dem Alp. Aber der Alp löste sich, und unversehens hatte er ihm die
Wolke vom Gesicht gerissen. Nur die Worte des Verderbens hörte noch der fromme
Mann: »Dass Dich -! lüstet's dem Pfaff auch nach Pluder, das gibt L - -.«
»Sanctissima!« kreuzte sich der Dechant und floh in den dichtesten Wald den
Andern nach.
    Wer das vorhin gesehen und es nun sah, hätte mit guten Ehren an einen
Hexensabbat denken mögen. Noch eben so viel Wirtschaft und Wirrwarr, und kaum
das Viertel einer Stunde, so war es still und einsam am Lieper Eck. Menschen,
Tiere und Wagen waren in den Wald verschwunden. Noch hörte man die Räder
knarren, noch das Blasen des Hornes, wenn der Sturm einen Augenblick schwieg,
aber von Allen, die hier eine Woche so lustig handtirt, war nicht übrig
geblieben ein Tüchlein am Strauch, nicht ein Strumpf in den Büschen. Das Auge
der Edelfrau spähte wie der Uhu durch Sturm und Nacht, das Verlorene wieder zu
holen.
    Wenn noch etwas Weisses durch die Föhren jagte, war es der Schaum vom See,
den der Sturm auftrieb. Wenn es sich noch regte in der Dämmerung, waren es die
Stämme, die sich schüttelten. Wenn noch Stimmen ertönten durch das Nachtgrauen,
waren's die Eulen, und fernher schlich der Fuchs, zu sehen, ob auch für ihn
nichts im Lager zurückgeblieben.
    Doch war noch ein menschlich Wesen zurückgeblieben in der Nachteinsamkeit.
Es stöhnte tief auf wie der Schmerz in einer Brust, die lange, lange ihn
verhalten, und nun kann er sich Luft machen, da seine Peiniger nicht da sind.
Kreischend, rauh, halb Verzweiflung, halb teuflischer Grimm, pressten sich die
Worte heraus, als der Krämer Hedderich sich aufrichtete:
    »Schinder und nicht Menschen! Raubmörderisch Gesindel, und das heisst
Burgfrieden! Was wär's denn schlimmer, so ich den Köckeritz und Lüderitz in die
Hände fiel! -«
    Wie er zähneknirschend beide Hände gen Himmel ballte, da leuchtete der Mond
durch die zerrissenen Wolken auf ein hässlich Gesicht, ein Gesicht, über das der
böse Feind sich im Stillen freut. Den braucht er nicht zu ködern, nicht Reiche
zu verheissen; selbst sucht er ihn auf am Kreuzweg.
    »O Ihr Edelleute, Ihr Ritter, Ihr Herren, Ihr Gewaltigen, einen Wurm
zertreten, ihn kitzeln mit den Spiessen, dass die Eingeweide ihm brennen, ihn
rollen mit den Sporen im Sande, schinden und anspeien! Das ist Zeitvertreib,
juchheissa! Sanct Nikolas hilf mir, ich wollt mir auch das Herz aus dem Leibe
lachen, wie 'nen Maikäfer Euch zappeln lassen am Faden, reissen und schmeissen.
Sohlen hab' ich wie Ihr, langsam zertreten, wie ein Regenwurm solltet Ihr Euch
krümmen, Stück für Stück; Stück für Stück habt Ihr mich auch zerschlickt, meine
Seiden, meine Tücher, meine Wollen! Allbarmherzige Mutter Gottes, gnadenreiche -
Pestilenz, Höll' und Teufel, ein verlorener Mann bin ich, wenn sie -«
    Er schien nicht zu wagen, den Gedanken auszusprechen. Er zitterte, fuhr mit
der Hand durch die wilden Haare, warf sich auf das Gepäck, umklammerte es, und
doch suchte er schon durch verstohlene Drücke den Inhalt der Ballen zu prüfen,
während er die dürren Finger zum Gebete zusammenpresste.
    Stück um Stück umwerfend, kam er an ein Pack. Der Angstschweiss perlte auf
seiner Stirn. Jetzt konnte er es mit dem Finger erreichen. Er klopfte daran; ein
feiner Silberklang antwortete. Des Mannes Züge erheiterten sich, oder vielmehr
ein grinsendes, widerwärtiges Lächeln breitete sich um seinen Mund. Die
tierische Lust flammte auf. Höhnisch lachte er auf, und die Hand, eben noch zum
Gebet gefaltet, schnellte die Finger höhnisch:
    »Habt Ihr das nicht gefunden, Ihr Geier von Rabenstein, Ihr Habichte vom
Garaus, Ihr Falken vom Lug in die Not! Blinde Köter bellen zu früh. Aber wartet
nur, die Wölfe haben zu lang die Hürde umschlichen. Die Gerechtigkeit wird
losgebunden; Euch wird Heulen und Zähnklappern kommen, wenn sie Euch in die
Waden fahren. Ich bin ein schlechter Mann, aber Euch soll's schlechter gehen als
meinem schlechtesten Hund. Der Kurfürst, sagt Ihr, ist ein Knabe. Aus Knaben
werden Männer, was aber aus Euch werden wird, fragt nach des Henkers
Freiknechten. Mir im Burgfrieden die Rosse ausspannen, mein Gefährte
umschmeissen, wer zählt die Stücke! Und die Rieme zerrissen. Wer knüpft mir die
Riemen zusammen? Der Deckel ist eingeschlagen. Ich will klagen. Schwören will
ich, auf den Hals Euch schwören, so wahr Niemand hier mich hört, Gold und Perlen
waren drin, drei Tausend - Ave Maria, was ist das?«
    Es rauschte und klatschte. Der Sturm hatte doch ausgetobt, nur ein leiser
Luftzug wehte noch.
    Es rauschte und klatschte; ein Wesen erhob sich in den Lüften, langsam zwei
Riesenarme unter den Kiefern.
    Klaus Hedderich war wie eine Katze vom Wagen geglitten. Drunter lag er,
platt auf der Erde, zähneklappernd.
    »Sanct Nicolas, Sancta Ursula, gebenedeite, allerheiligste Mutter Gottes,
schütze mich. Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist, ich habe immer ein Kreuz
geschlagen am Kreuzwege, ich hab' nie eine Messe versäumt, wenn ich konnte, ich
habe keine Todsünde begangen, kein Blut vergossen, ich beichte und bete, wenn
die Strassen frei sind und der Markt aus, der Ketzer Lehren sind mir ein Gräuel,
und die Juden speie ich an, Mariä Lichtmess hab' ich geopfert eine geweihte Kerze
im Dom zu Havelberg und den Rabbiner Eliezar stiess ich mit dem Ellenbogen an der
Treppe. Sancta Clara, Sancta Marta, Sancta Ursula, Sancta Beata und das heilige
Blut in Wilsnack, Gold und Perlen waren nicht drin, die lieben Heiligen sollen's
zählen; zehn zum Aufgeld, was mich's kostet und Zehrgeld, den Hafer nur einen
Groschen über'm Marktpreis will ich schwören. Alle gute Geister -«
    Die Hexe hatte ihn noch nicht am Schöpfe gegriffen; er murmelte noch, als er
den Kopf leise aufhob und unter den wirren Haaren vorschielte; aber je schärfer
er blickte, um so leiser wurden die Töne. Es rauschte und klatschte noch immer
zwischen den Kiefern, als er plötzlich sich aufrichtete und ärgerlich, den Staub
abklopfend, rief: »Dummes Zeug! das sind des alten Herrn Götz seine. Sollen mir
wenigstens für die zerrissenen Riemen gut sein.«
 
                                Fünftes Kapitel.
                             Die Burg Hohen-Ziatz.
Der Wetterhahn auf dem Giebel des Wohnhauses drehte sich noch immer in seinen
verrosteten Angeln, ob doch der Sturm längst aufgehört hatte. Der Mond sah durch
die zerrissenen Wolken auf die alte Burg Hohen-Ziatz, und wenn er ein Gefühl für
irdische Dinge hätte, müsste der Mann im Monde sich gewundert haben.
    Ein altes verräuchertes Nest hätte es der Reisende bei Tage genannt. Auf
einer Anhöhe, die aus den Sumpfwiesen vorragte, war es erbaut. Ringsum, wo die
Gräben und Teiche aufhörten, zogen sich weite Föhrenwälder auf unebenem Boden,
dessen Bestandteil, der helle weisse Sand, schon dicht neben dem schwarzen
Moorboden zu Tage lag. Enge und krumme Wege schlängelten sich mühsam durch die
Waldung und die Roggen- und Haferfelder, die in der Lichtung der Forst lagen,
schienen dem Auge im Verhältnis zu dem Walde so klein, dass es zweifeln konnte,
ob die in der Burg lebten, wirklich davon leben konnten. Und doch stiess auf der
einen Seite noch ein kleines Dorf daran, dessen elende Lehmhütten sich aus der
Niederung in den Wald verloren.
    Aber ein sicheres Nest musste es in den alten Tagen gewesen sein, ein rechter
Versteck für Verfolgte. Der Hügel, auf dem das Schloss gebaut war, war nicht
Sand, sondern festgestampfte Erde, mit kurzem, dichten Rasen bekleidet; bei
genauerer Betrachtung sah man's ihm an, dass er, wenigstens in seinen obern
Teilen, nicht das Werk der Natur, sondern der Menschenhand war. Ein Bollwerk,
ein alter Burgwall der Wenden, das Castell des älteren Dorfes, auf dem erst
später die deutsche Cultur mit Steinen gemauert hatte. Aber ein Schloss, wie sie
im Frankenlande, in Schwaben, auch drüben in Sachsen auf den Bergen und Hügeln
mit den roten Ziegeldächern in der Sonne flimmerten, war es doch nicht
geworden. Die dicken Mauern und Türme, die über und hinter den Erdwällen sich
erhoben, waren nicht in dem Verhältnis ausgebaut, als sie angelegt schienen.
Mochten den Herren die Mittel oder die Lust ausgegangen sein, mit so schwerem
Gerät ein Haus aufzubauen. Sie waren zu dem Stoff und zum Teil zur Sitte ihrer
Väter zurückgekehrt, und wo der Stein aufhörte, war mit Holz gezimmert, und wo
die gebrannten Steine ausgingen, selbst der Lehm nicht verschmäht, um das
Fachwerk auszufüllen. Selbst die Umfassungsmauer schien nicht auf allen Seiten
fertig geworden, und wo sie Lücken bot, waren diese durch eingerammte Stämme mit
Klammern, Gegenbalken und eisenbeschlagenen Spitzen ausgefüllt. Das Tor war
noch ein grosser steinerner Bogen, freilich nicht grösser als in manchem Bauerhofe
der sächsischen Lande, aber der achteckige Turm drüben war schon aus Holz in
einander gefugt, das mit rotem Ziegelstein ausgemauert war, und wo der
Ziegelstein ausgefallen, hatte man in spätern Zeiten sich mit Mörtel und Lehm
genügen lassen. Bunt genug, und nicht immer sehr rechtwinklig, sah es von
draussen aus; aber wenn Markgraf Friedrich der Erste, seligen Andenkens, vor
hundert Jahren mit seiner faulen Grete vor der Burg sich gelagert, wäre es
schneller zu Ende gegangen mit den Mauern von Hohen-Ziatz als mit denen von
Plauen, Lentzen und den andern, die sieben Ellen dick waren.
    Die Bredow von Hohen-Ziatz hatten sich gefügt. Was nicht zu ändern ist, muss
man gehen lassen, hatte der Vorfahr des Herrn Götz gedacht, als der erste Spass
vorüber war von der lustigen Schlacht am Kremmer Damm. Sie dankten Gott, dass die
fränkischen Kriegsleute an ihrem Sumpf vorübergingen und Keiner Lust zeigte, den
geschlängelten Damm durch die Wiese hinaufzureiten. Hätte doch Herrn Gottfrieds
Grossvater für den Fall sich sogar entschlossen, die alte Fahne auszuliefern, die
er damals dem Hohenloher im Getümmel abnahm. Nun war sie in Hohen-Ziatz
geblieben; nicht im Saal unten bei dem andern Rüstzeug, vielmehr hing sie oben
in der Giebelkammer, über Götzens Bett, wohin der Ritter sich zurückzog, wenn's
ihm zu kraus und wirr unten ward. Der Stiel war schon von den Würmern
zerfressen, die Seide auch, von der Zeit und dem Staub; ja ein Käuzchen hatte in
einem Sommer darin genistet, und der gute Herr Gottfried hatte es erst gemerkt,
als die Kleinen einmal in der Nacht zu pipen anfingen. Zuerst hatte er etwas
anders gedacht, was ein christlicher Ritter ohne Schande immer denken mag, denn
vor bösen Geistern kann auch der Frömmste einmal erschrecken; dann aber hatte er
gedacht: I was tut's; die Kleinen wollen auch leben, und hatte sich umgedreht
und war eingeschlafen.
    Es war ein rechtes Nest für Eulen, hätte Einer denken mögen, wenn er Abends
einen Blick in den Hof warf.
    Aber wieder war Alles so klein, dass man auch hätte fragen können, wo denn
die Eulen und Nachtvögel Platz fänden neben den Menschen? Doch in den Häusern
unserer Vorfahren war immer viel Raum für Andere, weil sie für sich selbst wenig
brauchten. Was brauchte der Mensch mehr als ein Lager und ein Dach darüber für
die Nacht? Das Kind, das zur Welt kommt, muss die vier Wände anschreien, so ist's
alte Sitte; das Heimliche soll nicht vor aller Welt geschehen. Aber wenn er
aufwächst und gross wird, baut ihm der liebe Himmel sein grosses Haus, wo immer
Platz ist für Tausende und Hunderttausende mehr, als leben und leben werden. Die
Sonne war die Kerze und das Feuer, und wenn es heiss war, der Baum und Wald
unserer Väter Schatten, und die Luft wehete ihnen bessere Kühlung zu, als die
dicksten Mauern. Nun, und wenn keine Sonne schien, und es regnete und stürmte,
dann fand sich doch in jedem guten Haus eine Halle, ein Flur, eine Diele, wo die
Genossenschaft am Feuer sitzen und durch Scherz und Gespräch die Ungunst des
Wetters vertreiben konnte. Es tut nicht gut, dass der Mensch allein sei mit
seinen Gedanken. Und die Halle fehlte auch nicht in Burg Hohen-Ziatz.
    Die Pferde hatten ihren Stall im Hof, die Hunde ihre Hütten am Tor, die
Schweine ihre Koben daneben, auch Kühe und Stiere wurden unterweilen bei
schlimmer Zeit in den Zwinger getrieben; wie sie da mit den Rossen sich
vertrugen war ihre Sorge. Der Storch nistete auf der Dachfirste vom Herrenhause,
die Schwalben an den hölzernen Galerien, die um den Hof liefen, die Tauben beim
Türmer, die Eulen in den alten Mauerblenden, die Schwaben in den Ritzen, der
Wurm im Holze, die Mäuse im Keller und Flur, und die Menschen, jeder in seiner
Kammer; und war dem Knecht keine zugewiesen, da stand doch eine Bank in den
Gängen und lag schon ein anderer darauf, so jagte er die Hunde fort, die unter'm
Vordach im Hofe schliefen. Item es fand sich und ging; wer schlafen wollte, der
fand immer einen Platz, wer fror, ein Feuer, sich daran zu wärmen, wen hungerte,
Brot und Brei, die Speisekammer war nie leer, dafür sorgte die gute Hausfrau,
die nie den Schlüssel aus der Hand liess, und wer bangte, fand auch ein
freundliches Gesicht und gute Zusprach. Die Frau von Bredow duldete Alles in
ihrem Haus, nur nicht Faullenzer und Duckmäuser.
    Der Mann im Monde hätte sich wundern müssen, sagte ich, wenn er auf die Burg
niedersah. Es gab Vieles, worüber er sich wundern konnte. Ist's doch allüberall
ein eigen Ding mit dem sich wundern. Einige verwundern sich, wenn es in der Welt
eine Weile still herging, dass die Dinge so lange halten in ihrer Ordnung, und
Andere hinwiederum, wenn ein Sturm kommt und Alles umwirft, warum die alte
Ordnung nicht ewig dauerte. Der Mann im Monde, wenn er sprechen könnte, würde es
uns am besten sagen, worüber wir uns noch wundern dürfen. Durch so viele tausend
Jahre schaut er auf die Erde und sieht Alles, was uns bewegt, und ihn kümmert's
nicht; er lacht nicht und er weint nicht mit seinem kalten, gleichgültigen
Gesichte; ob er aber bei sich denkt, was wir doch für Toren sind, das weiss kein
Mensch.
    Ueber den Sturm konnte er sich wundern, denn er war ein Orkan geworden, wie
dessen die ältesten Leute sich nicht entsannen. Wie er den Wald gepeitscht, als
wären die Baumwipfel Meereswellen, hatte er auch an der Burg gerüttelt, dass die
Balken knackten. Das Storchnest war von der Firste geworfen, im Schieferdache
hatte er gewühlt und gewirtschaftet, und der Giebel, der schon überhing, sich
noch um einen halben Schuh nach vorn geworfen. War das nicht zum Verwundern, dass
der Giebel noch hielt, so war es doch, dass der Hausherr in der Erkerkammer auch
davon nicht aufgewacht war! Und nach solchem Sturm eine solche Ruhe!
    Winde im Späterbst bringen Kälte und Frost oder Schlacken; aber als wäre
nur das wilde Heer vorübergeras't, so war es still geworden darauf, und die
Nachtluft schwül. Und das war doch auch zum Verwundern, dass man nirgend mehr
etwas sah von der grossen Wäsche. Sie war eingebracht und Alles an seinem Fleck;
zwei Stunden schon nachdem der letzte Wagen über die Zugbrücke rollte, und
nichts war verloren gegangen auf dem langen Wege. »Das ist eine Frau, die
nimmt's auch mit Wetter und Wind auf!« sprachen die Dienstleute.
    Nun dampften die Kessel über dem prasselnden Feuer und die Schinken
brodelten und schwitzten am Spiess. Auch in den Keller war sie gestiegen und
hatte an den Fässern gezapft, und die Knechte trugen schwere, volle Kannen in
den Flur. Denn nach der Arbeit ziemt den Leuten Ruhe und auch etwas mehr, dachte
die Hausfrau, nur sich selbst gönnte sie's nicht, denn während die andern um den
grossen Tisch sassen, stieg sie noch treppauf, treppab, und ihr Schlüsselbund
klirrte durch den Becherklang.
    Hoch war die Halle gerade nicht, und auch nicht gewölbt. Die Balken angerusst
vom Rauch, wenn er aus dem Kamin zurückschlug, drückten wie braune Rippen über
den Köpfen, und was von Schnitzwerk ehemals daran gewesen, davon war nicht mehr
viel zu sehen; und wo die Schnörkel und Spitzen noch hielten, hatte man sie
benutzt, wie man mit Wandnägeln tut. Da hing ein Schild, ein Harnisch, ein
Helm, auch wohl ein Kessel, oder gar ein Schinken daran. Der Boden war
festgestampfter Lehm und die Tische und Bänke von solchem Kerneichenholze, dass
es dem Zimmermann Schade gedünkt, viel mit Hobel und Meissel daran zu schnitzen
und zu glätten. Eine Schwelle nur und eine Tür schied die Halle vom Hofe. Wenn
die Tür aufging, drang Regen und Wind ein; darum tat man sie lieber nicht zu,
wenn es nicht zu arg stürmte und stiebte. Und das kam dem Feuer im Kamine zu
gut; denn wenn der Rauch, der seine Launen in alten Häusern hat, nicht hinaus
wollte, wo er hinaus soll, und lieber im Saal bleiben mochte, zwang ihn die
Zugluft, dass er prasselnd durch den Schlott fuhr. Und für den Schornstein war es
auch gut, dass die Flammen nicht zu lange darin spielten und weilten, denn er war
von Holz; zwar waren's junge Eichenstämme, mit Weidenruten durchflochten und
mit Lehm gefüttert; aber wenn das Feuer nicht durch wollte, fingen die Wände
doch auch an zu sengen, und wenn die Frau es merkte, musste ein Knecht auf's Dach
und einen Eimer Wasser hinuntergiessen. Schadete gar nichts; der Rauchfang stand
schon über hundert Jahre und noch mehr konnte er stehen, wenn nur immer Einer da
war mit einem Eimer Wasser. Zwar das Feuer ging dann aus, aber Holz war immer
da.
    Holz und Luft war der Reichtum unserer Väter, und an beiden war auch im
Saal der Bredows auf Hohen-Ziatz ein Überfluss. Die Luft kam wie gesagt durch
die Tür und durch den Schlott, aber ausserdem auch durch die Treppenmündung aus
dem oberen Geschoss. Denn nicht weniger als zwei Treppen führten zu beiden Seiten
des Heerdes, den wir eigentlich mit Unrecht Kamin nannten, hinauf, schwer, eckig
und fest und mit rotem Schnitzwerk verziert. Und so wenig es an der Treppe, war
das Holz an den Wänden gespart, die mit glatten, bunt gestrichenen Bohlen von
oben bis unten ausgelegt waren. Wäre der Rauch und das Alter nicht gewesen,
hätte man noch die sieben Todsünden daran erkennen und manchen frommen Spruch
lesen mögen. Aber das Alter drückte überall auf das Haus und seine Balken, und
was ehedem in der Richte war und sich schickte, das war heute nicht mehr in der
Richte und schickte sich auch vielleicht nicht mehr.
    Ehedem, wenn hier der Herr sass und tafelte mit seiner Familie und seinen
Knechten, die Herren und die Nächsten ihm oben am Feuer, die Knechte unten an
der Tür, ward wohl noch an dem Herde selbst gebraten und gekocht; jetzt war
schon seit zwei Menschenaltern die Küche in ein Seitenhaus gebracht. Nur ein
warmes Morgenbier oder eine Ingbersuppe kochte bisweilen die Burgfrau ihrem
Eheherrn hier, wenn er über Land ritt und es zu garstig blies. Getafelt ward
noch, aber es waren nicht mehr die alten lustigen Zeiten. Herr Gottfried war
grämlich, und wenn er lustig ward, dann schickte Frau Brigitte die Knechte
hinaus. Die Knechte waren eigentlich froh, wenn sie ihre Schüssel Brei im Stall
oder auf dem Hofe verzehren konnten, und die Hausfrau war auch froh, wenn sie
früher den Tisch aufbrechen konnte. Sie meinte, was das lange Plaudern täte.
Gescheidtes käme nicht raus. Herr Gottfried Bredow aber meinte, sie hätte
Unrecht, denn der Wein sei da, dass er des Menschen Herz erfreue; mit Andern
zusammen trinken, sei eine gute Gewohnheit aus alter Zeit, aber da die gute alte
vorüber sei, müsse er sich in die Zeit schicken, wie sie ist, und allenfalls
auch allein trinken.
    Schien es doch, als habe der Wein die Geister diesmal nicht aufgeregt: sie
sassen alle da, nicht schläfrig, aber auch nicht lustig um den schon etwas
dunklen Tisch. Denn das Feuer auf dem Herd verglimmte, und die Kienfackeln an
den Pfeilern hingen mit langen Aschenzöpfen zur Erde gesenkt. Der Zeiger der
Turmuhr hatte neun geschlagen.
    »Müsste man sich doch grauen zu Bett zu gehen,« sprach Einer.
    Der Dechant, der eine Weile vor sich sinnend gesessen, räusperte sich: »Mit
Nichten, werte Herren! Bei den furchtbaren Meteoren sah wohl Keiner recht
genau, was ihm und Andern passirte. In solchen Augenblicken des Schreckens und
der Verwirrung glaubt der schwache sündige Mensch allerlei ausser ihm zu
erblicken, was nur in ihm ist.«
    Ihr Gespräch hatte sich um die kurz erlebten Begebenheiten gedreht: ob der
Junker Hans Jochem wirklich verhext gewesen, ob man Hexen im Sturm daher fahren
gesehen, und ob der Krämer, wie einige behaupteten, den bösen Blick habe? Ein
halb dunkles Zimmer, in einer einsamen Burg, bei einbrechender Nacht ist nicht
geeignet die Gespensterfurcht zu vertreiben. Und doch wollten die, welche vorhin
sichtlich dieser Angst erlegen waren, es jetzt am wenigsten haben. Hans Jochem
war wieder oben auf und meinte, die Finger wären ihm verklammt gewesen, sonst
hätte er das Zeug gleich vom Leib gerissen. Nur Peter Melchior schwor Stein und
Bein, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen, wobei er doch auch der Lust
nicht widerstand, den Dechanten zu hecheln. Der gab es redlich wieder, was Peter
Melchior ihm versetzte, nur dass er nicht wie dieser die Gelegenheit vom Zaun
brach, sondern sie im Augenblick fasste, wo sie ihm handrecht entgegen kam.
    Das Schrauben ist eine uralte Lust bei den Menschen, wenn Mehre bei einander
sind, und Einer dünkt sich klüger als der Andere. Nun kömmt's aber, dass Einer in
dem einen Ding und der Andere im andern sich klüger dünkt; und wenn sie dann
sich Einer den Andern schrauben, gibt das viel Lustigkeit, zuweilen aber auch
ein traurig End. Die beiden jungen Vettern hörten vergnügt zu, wie der
geistliche Herr und der Junker sich aufzogen, und Hans Jochem gab auch wohl mit
sein Wort zu, wo es sich schickte, und wo sich's nicht schickte; nur Hans Jürgen
hörte, ohne ein Wort zu sagen, im Winkel zu.
    Nun war es Allen bekannt, dass der Junker Peter Melchior ein Verschwender
war, der das Seine vertan hatte und auch wohl noch vertat, wenn er wieder was
fand. Und wenn er nichts hatte, zechte er bei seinen Vettern und Freunden umher.
So ward es dem geistlichen Herrn leicht ihm auf die Finger zu klopfen, mit denen
er eben seinen Gegner gekitzelt hatte. Und wie der Junker unverdrossen im
Angreifen war, so war er dafür gar leicht verdrossen und geschlagen, wenn Einer
ihn bei seiner Schwäche stachelte.
    Da stritten sie, was der Teufel lieber fasse, einen Pfaffen oder einen
Junker. Peter Melchior versicherte, Satan wäre nichts lieber, als viel Pfaffen
unten in der Hölle. Der Dechant sagte, das glaube er wohl, dann hätten die
Junker oben frei Spiel und kämen ihm von selber zugelaufen. Peter Melchior
versicherte, dem Gottseibeiuns mache nichts mehr Vergnügen, als wenn er einen
dicken Chorherrn bei den Haaren durch die Luft schüttele. »Was hätte er auch zu
schütteln bei manchem Junker,« entgegnete der Dechant, »wenn er sie kriegt, ist
gemeinhin ihr Bestes schon fort.«
    Darauf stritten sie, wer den Teufel am besten zu betrügen verstände, und der
Dechant schien gar nicht abgeneigt, dem Junker zuzugeben, dass die geistlichen
Herren darin noch geschickter wären als die Weiber, denn den Teufel betrügen sei
eigentlich keine Sünde. Vielmehr sei es die Aufgabe eines guten Christen, den
Teufel um seinen Anteil zu täuschen so gut er könne.
    Peter Melchior erzählte die Geschichte von dem Abt, der mit dem Teufel um
seine Seele gewürfelt. Der Teufel verlor. »Als er nun abzog, lachte er. Und wisst
Ihr warum? In der Tasche hatte er die Seele nicht, aber er hatte sie doch
gewonnen. Der Abt hatte mit falschen Würfeln gespielt. Man soll auch nicht den
Teufel betrügen.«
    »Wie war doch die Geschichte mit dem Nippel Bredow?« sagte der Dechant nach
einigem Schweigen, als wisse er auf den Trumpf des Junkers einen Gegentrumpf.
    Hans Jochem's muntere Augen glänzten schalkhaft, er verstand den Blick, den
der Dechant ihm zuwarf.
    »Die weiss ich haarklein und kann sie Euch erzählen. Ihr meint doch den
Nippel, der in Saus und Braus lebte, und immer Alles ausgegeben hatte, eh' er's
eingenommen. So was kann auch nur in der Heidenzeit geschehen sein, was man
davon erzählt.«
    Aber Alles, was der Schalk erzählte, von den sechs Trompetern, die zu Tische
blasen müssen, wie er die Brosamen den Hunden vorwerfen liess, statt sie den
Armen zu geben, wie er dann ein Gut ums andere versetzt, bis er durch die
Hintertür auch aus dem letzten bei Nacht und Nebel ausgeritten, war vielleicht
die Geschichte Nippel Bredow's, aber gewiss auch die Peter Melchior's, nur etwas
in's Boshafte übersetzt, weshalb man den Junker wohl spottweis den armen Nippel
nannte.
    Der Junker verstand es vollkommen, weshalb er Hans Jochem einen bösen Blick
zuwarf. Sie konnten sich beide nie gut leiden.
    »Und darauf verschrieb sich der arme Nippel dem Teufel,« sagte der Dechant!
»Das pflegt wohl so zu gehen in der Welt, wenn man nicht mehr aus und ein weiss.«
    »Und Niemand mehr borgen will,« sagte Hans Jochem, »dann borgt der Teufel.«
    »Erzählt doch weiter, lieber Herr von Bredow; ich will Euch nachher auch
eine Geschichte erzählen,« sagte Peter Melchior, mit anscheinender Ruhe.
    »Da lebte denn der Nippel wieder gross wie vorher«, fuhr Hans Jochem fort,
»bis die Zeit heranrückte, wo der Vertrag zu Ende ging. Er hatte ihm nichts
verschrieben für alle die Herrlichkeiten, als seine Seele, weil Nippel gar
nichts weiter zu geben hatte. Da wards ihm aber ganz kurios zu Mute, und sein
grosses Maul wurde mit einem mal klein. Wenn's Abend wurde, graute ihn. Es durfte
Niemand von Gespenstern reden, und wenn der Wind Spreu und Lumpen trieb, sah er
nichts als Hexen reiten. Nun hatte er einen Schäfer, der war klüger als sein
Herr. Der merkte, was ihm war, und Nippel, der keinem Priester beichten durfte,
beichtete dem Schäfer. Der Schäfer sann eine Weile nach, und endlich knipste er
mit den Fingern und sagte, ich hab' es! Muss Euch nicht gnädiger Herr, der Teufel
bis auf die letzte Stunde tun, was Ihr verlangt? - Freilich so ist der Pact. -
Nun dann ist Alles gut, sagte der Schäfer. Da gruben sie des Nachts, der Schäfer
und sein Herr, beim Dorfe Landin das Loch in den Berg, das noch da ist, und der
Berg heisst heut noch der Teufelsberg, aber noch, viel tiefer, so tief, dass gar
kein Ende da war. Und darüber stellten sie einen Scheffel, aber so, dass wenn er
voll war, schlug er über, und Alles, was drin war, rollte ins Loch. Nächste
Nacht nun rief Nippel den Teufel und sagte ihm: Füll' mir den Scheffel mit Gold.
Der Teufel sah ihn verwundert an; Denkst du Alles noch zu brauchen, dachte der
Teufel. O noch viel mehr, dachte Nippel. Und der Teufel ging an die Arbeit.
Einen Sack um den andern schmiss er in den Scheffel, um bald fertig zu werden,
aber sobald er sich umdrehte, kippte der Scheffel um, und wenn er mit einem
neuen Sack wieder kam, war der Scheffel leer und kaum ein paar Goldstücke lagen
am Boden. Zuerst merkte er's nicht. Nippel hatte ihn vielleicht aus dem Schlaf
geweckt, oder der arme Teufel hatte auch einen Schluck über den Durst genommen.
Als er's aber inne ward, da ward er erst gar hitzig und heulte und warf und
schmiss, denn er meinte, jedes Loch müsse doch ein Ende haben. Endlich rief er
zornig aus:
Nippel, Nappel, Neepel,
Wat hest vöörn grooten Scheepel!
und er fragte den Herrn, ob er denn wirklich schütten solle bis er voll sei? -
Eher darfst du nicht ausruhen, antwortete Nippel. Da der arme Teufel nun
voraussah, dass er dann bis an's Ende der Welt tragen und schütten müsste, und
schon ganz ausser Atem war, rief er ärgerlich: Hol' der Teufel nun solchen
Vertrag! und raus zog er das Pergament aus der Brust, zerriss es, schmiss es
Nippeln vor die Füsse und, den Schweif zwischen den Beinen, flog er wie eine
Fledermaus davon.«
    Der Dechant schielte auf den Junker: »Dass nun dem armen Nippel all sein Witz
nichts geholfen hat! Weil er mit falschem Spiel den Teufel betrog, musste seine
Seele auch ohne Teufel zur Hölle fahren. So meint  Ihr ja wohl?«
    »Ich meine,« sagte Peter Melchior, »dass ich dem Junker da auch eine
Geschichte erzählen will. - Wisst Ihr, woher die vielen Bredows ins Havelland
kommen? Vor alten Zeiten mal stand es schlecht auf der Welt. Zu unserem Herrgott
im Himmel kamen so viele Klagen über die Edelleute von damals: sie scharrten
zusammen und gäben nichts wieder aus. Wenn einer zu seinen Freunden käme, dem's
mal schlimm ginge, da zuckten sie die Achseln, klammten die Hände zusammen und
verredeten ihn gar noch. Da sprach unser Herrgott ärgerlich zum Teufel: Dazu
hab' ich die Edelleute gemacht, dass sie ausgeben sollen, was sie einnehmen; er
solle mal Musterung halten, und wenn's so wäre, die Knauser und Filze gleich
mitnehmen. Also mein Teufel nimmt einen grossen Sack und fliegt durch die Länder
und mustert. Da hatte er bald eine Ernte gemacht, und der Sack war schon
übervoll, als er zur Hölle fuhr. Aber weil der Sack so schwer war, musste er
niedrig auf der Erde fliegen, und so ging's über die Mark Brandenburg weg. Aber
gerade über Stadt Friesack wird ihm der Arm so schwer, dass er den Sack etwas
sinken lässt, und da streift er mit dem untern Ende an dem Kirchturm. Der Teufel
war auch müde wie der, den Euer Nippel halbirte, denn er merkte es nicht, dass
der Sack riss und wohl ein Viertel von seinen Edelleuten raus fiel. Vielleicht
hat er's auch gemerkt, aber er dachte, was tut's, die Hölle ist doch voll
genug. Wie er mit dem Sack schlenkerte, da fiel der erste in Friesack nieder,
was davon seinen Namen hat, dass hier der Sack frei wurde. Das sind die Bredows
auf Friesack. Der sagte nun zum zweiten, der nach ihm fiel, dass er weiter hin
gehen sollte, er wolle Friesack für sich allein behalten. Besser hin! (Bess hin)
rief er ihm zu, bis er weit genug war und sitzen blieb. Davon heissen die Bredows
noch die auf Pessin. Den Dritten, der gern mochte bei ihnen sitzen bleiben am
grossen Luch, wiesen sie auch fort, landeinwärts: Land in! riefen sie ihm zu,
davon heisst sein Dorf Landin. Der vierte ging denselben Weg lang, und wo er sich
niederliess, heisst noch Selvelang. Der fünfte ging rechts zu, (rechts to), und
jedes Kind weiss, dass die Bredows in Retzow sitzen. So sind also die Bredows des
Teufels Bescheerung im Havelland. - Der sechste, als er aus dem Sack fiel, stiess
mit der Stirn grad an ein Brett. Da rief er: O! Davon heisst er Bredow. Junker
Hans Jochem, wenn ich recht gehört, war das Euer Urgrossvater. Nehmt Euch in
Acht, dass ihr mit Eurem Witz nicht an ein Brett stosst, denn das Brett stösst
wieder. Dem Brett tut's nicht weh, sondern Euch, und wenn Ihr sie lachen hört,
lachen sie nicht das Brett aus, sondern Euch.«
    Peter Melchior war aufgestanden, und den Hut aufgestülpt, legte er die Hand
dem Junker auf die Schulter, wie Einer, der mit sich zufrieden ist. »Für heute
gute Nacht!« sprach er. Aber als er hinaus wollte, war Hans Jürgen von der Bank
aufgestanden und vertrat ihm den Weg.
    »Ich heiss' auch Bredow, Herr von Krauchwitz, Hans Jürgen Bredow aus
Selbelang bin ich, vom Havelland.«
    »Wahrhaftig! Du bist Deines Vaters Sohn.«
    Hans Jürgen ward über und über rot: »So Einer auf meine Sippschaft
losziehen tut, und die Andern, die reden sollten, das Maul zutun -«
    »Sperrst Du's auf! Nimm Dich in Acht; es fliegen keine gebratene Tauben
'nein.«
    Hans Jürgen ballte die Hand: »Ich frag nicht viel, wer vor mir steht.«
    »Du bist Hans Jürgen.«
    Damit ging er an ihm vorüber, und seine Sporen klirrten, als um Hansen zu
bedeuten, dass er noch keine habe.
    Alle lachten, auch Hans Jochem, der noch eben verdriesslich schaute.
    »Hans Jürgen, Du bist nicht zum Ritter gemacht,« sprach die Edelfrau, die
durchging nach der Tür draussen, da es im Hofe laut ward und der Türmer blies.
Die Andern folgten ihr.
    »Warum denn nicht!« brummte Hans Jürgen. »Er hat meinen Vater seliger
schlecht geredet.«
 
                               Sechstes Kapitel.
                                Der späte Gast.
Die Hunde klafften und der Türmer stiess ins Horn. Ein einzelner Reiter hielt
vor der Zugbrücke. Kaum dass er den Namen genannt, als man sich fast übereilte
das Gatter aufzuziehen und die Zugbrücke niederzulassen, derweil Andere ins
Herrenhaus liefen, den unerwarteten, seltenen und wie es schien, vornehmen Gast
anzumelden.
    Die brennenden Kienspähne beleuchteten eine nicht unedle, hohe ritterliche
Gestalt. Auf einem schönen Rappen ritt er jetzt, etwas gebückt, durchs Tor. Dem
Reiter und seinem Tiere sah man es an, dass Wald und Nacht für gewöhnlich nicht
ihr Nachtquartier waren, dass der Reiter auch gewohnt sein mochte in stolzeren
Schlössern einzureiten und sein Ross in besseren Ställen zu nächtigen. Sichtlich
hatten beide mit Wind und Wetter zu kämpfen gehabt, und es brauchte kaum beim
Willkomm ausgesprochen zu werden, dass er verirrt war und Sturm und Nacht ihn in
diese abgelegene Burg verschlagen hatten.
    Als ihn die Burgfrau sah, kannte man kaum Brigitten von vorhin wieder. So
verwundert war sie, so tief neigte sie sich vor dem Herrn, und in einem ganz
anderen Tone sprach sie:
    »Gottes Wunder, Herr von Lindenberg, wie kommen wir zu der Ehre?«
    »Alle Heiligen mit Euch, liebe Base, dass weiss ich selbst nicht.«
    »Und ganz allein?«
    »Mutterseelenallein. Wenn der Teufel die Andern nicht holt, so tut's der
Sturm und das Wetter.«
    »Und Seine -« der Ritter erriet das Wort, das auf den Lippen der Edelfrau
erstarb.
    »Der Himmel und der heilige Johannes wird Seine kurfürstlichen Gnaden, hoffe
ich, besser nach Berlin bringen, als mein Gaul mich durch die Heiden und Sümpfe
der Zauche hierher jagte. Ihr seht, ich bin verwirrt. Auf der Jagd war ich in
der Belziger Forst mit dem Kurfürsten. Zur Jagd kann ich nicht zurück, denn die
Jagd ist aus. Zum Kurfürsten kann ich auch nicht, denn da dies Haus, wie ich mit
Vergnügen sehe, Hohen-Ziatz ist, bin ich ganz aus der Richte gekommen und mein
Herr ist, aller Vermutung nach schon über den Teltow nach Berlin geritten. Ich
muss den nächsten Weg wählen über Potsdam. Da aber weder ich dazu Lust, noch mein
Pferd die Kräfte hat sogleich aufzubrechen - auch meine liebe Base ein so
freundlich Gesicht macht, muss ich es schon vorziehn, ihre Gastfreundschaft auf
ein Paar Stunden anzusprechen.«
    »Konrad, Ruprecht! Ihr seid recht müde! Ach und Euer Ross, was ist's im
Schweiss!«
    Konrad und Ruprecht griffen ihr zu ungeschickt zu. Die Edelfrau stiess Hans
Jürgen heran, dass er dem edlen Gast die Steigbügel halte, was in der Tat nötig
schien, denn als er vorhin den Versuch machte am Prallstein abzusteigen, war das
Tier störrig oder dem Reiter versagten nach dem langen Ritte die Kräfte. Auf
Hans Jürgens Schulter sich stützend, schwang er sich aber jetzt mit ritterlichem
Anstand auf die Erde.
    Der Fackelschein fiel gerade auf Hans Jürgens gar nicht vergnügtes Gesicht,
weil er zu einem Dienst gezwungen war, der ihm für eines Ritters Sohn und noch
dazu gegen einen Hofmann, nicht sehr ehrbar schien. Der Ritter sah ihn flüchtig,
aber scharf an.
    »Ei welchen vornehmen Dienstmann meine Base die Güte hat, mir zu bestellen.
Der Junker von Selbelang, wenn ich recht sehe. Wie geht es, Herr von Bredow?«
    »'S ist nur Hans Jürgen,« flüsterten die Leute, der vornehme Herr reichte
ihm aber doch verbindlich die Hand und neigte sich freundlich zu ihm, ehe er die
der Base ergriff und schöne Worte ihr sagte von alter Freundschaft und den guten
Zeiten, die gewesen und nicht wieder kämen. Als sie ihn neckisch schalt, dass er
so lange schon in Hohen-Ziatz sich nicht blicken lassen, antwortete er, wenn
Einer dabei verloren, sei er es. »Ach diese guten, alten Zeiten, als ich noch
ein freier Mann war!« Er seufzte und nun sah er den Junker Peter Melchior.
»Welche Freude, einen so alten Freund zu sehen!« Er liess es nicht bei einem
Händedruck genügen. »Und welche Ueberraschung, auch den würdigen Dechanten von
Alt-Brandenburg! Ist's doch fast, als hätten die Hexen mich in ein Zauberschloss
geführt, wo ich lauter alte, liebe Bekannte finde.«
    »Sprecht nicht von Hexen, Herr von Lindenberg,« sagte Peter Melchior. »Mit
denen ist nicht zu spassen.«
    »Ihr habt recht,« lachte der Gast. »Es wär übel, wenn ich plötzlich
erwachte, Alles wäre verschwunden, und ich läge allein im Moor. Aber wo ist
unser biederer Wirt? Ei, wo versteckt sich Herr Gottfried!«
    Die Edelfrau schlug die Augen nieder: »Ach Herr von Lindenberg, seit er aus
Berlin kam -«
    Er liess sie nicht aussprechen: »Richtig, ich entsinne mich, er kommt vom
Landtage.«
    »Und da ist er noch etwas angegriffen.«
    »Er tat dem Landmarschall Bescheid, Base, Bescheid wie ein Edelmann, das
kann ich versichern. Ein wackerer Ritter, recht aus der alten Zeit. Will keinen
über sich kommen lassen. Man lobte ihn allgemein in Berlin, als er in den Wagen
gehoben ward. Der Kurfürst, darf ich Euch vertrauen, war sehr zufrieden, wie er
sich beim Landtage benommen. Das ist ein braver Mann, sagten Seine Gnaden, der
gehört nicht zu den Stänkerern, die alles besser wissen wollen als ich.«
    Nach einem langen Ritt durch Nacht und Wald war auch ein Hofmann jener Tage
hungrig und durstig; darum nahm er gern den Arm der Hausfrau, als diese ihn
aufforderte, unter ihrem schlechten Dach vorlieb zu nehmen, mit was der Tisch
und Keller noch biete. Aber an der Schwelle wandte er sich rasch um: »Mein
Pferd!«
    »Für das ist gesorgt.«
    »Nicht wie es sollte!«
    Leicht gegen die Edelfrau sich verneigend, sprang er rasch zurück auf den
Hof, wo Hans Jürgen, der nur einem Wink seiner Verwandtin, diesmal minder
verdrossen, gefolgt war, eben im Begriff stand, den Rappen des Herrn von
Lindinberg in den Stall zu führen.
    »Ihr irrt, Junker Bredow, es ist mein Pferd.«
    »Weiss wohl; ich tät's in den Stall führen.«
    »Das ist Knechtes Arbeit, nicht eines Adligen. Ein Edelmann darf nur für
sein eigen Ross sorgen.«
    Ehe er's ausgesprochen, hatte er Hans Jürgen den Zügel entnommen, ihn mit
einem Wurf und einem herrischen Blick dem nächststehenden Knecht über den Arm
geworfen, dem Rappen einen liebkosenden Schlag auf den Hals gegeben, und dann
wieder vertraulich die Hand auf Hans Jürgens Schulter gelegt:
    »Nun Junker von Selbelang, wollen wir miteinander einen Humpen leeren aufs
Andenken Eures Vaters. Das war ein lieber Mann, mein Freund, ein wahrer
Edelmann, der wusste zu leben. Schade um ihn, dass er so früh das Zeitliche
gesegnen musste.«
    Die Halle war schnell erhellt von Fackeln und Lichtern. Was hatte die
Hausfrau zu sorgen, zu klingeln, rufen, schelten, flüstern, dass ihr Haus Ehre
habe vor dem späten Gast. Fast war es zuviel Sorge und Arbeit, noch in die Nacht
hinein nach einem Sturm und einer grossen Wäsche.
    Doch der Gast verdiente es. Er war ein Mann etwa in den Vierzigern, hoch und
stattlich gewachsen; im Gesicht den Hofmann und den Ritter nicht verleugnend.
Sein Tritt, seine Bewegungen waren sicher und fest, aber dabei fein und
geschmeidig; seine Tracht der Sitte der Zeit, wenigstens in Brandenburg, um
etwas vorangeeilt. Das schon besprochene Kleidungsstück, welches damals anfing,
so viel Gerede zu machen, würde auch seinem Körper wohl gestanden haben, aber er
kam nicht vom Hofgelage, sondern von der Jagd. Ueber den hohen braunen Stiefeln
mit Silbersporen, die bis über die Knie reichten, schmiegten sich engere Hosen
an den markigen Wuchs, die nur am Leibe, nach der burgundischen Mode, in leichte
Puffen ausgingen. Nach derselben Mode war auch sein gesticktes Tuchwams, welches
sich in einer Spitze tief zum Nabel senkte und von einem ausgelegten Gurt
festgehalten wurde. Daran hing der kürzere Jagddegen, auch ein feines Stück
Arbeit. Um den Hals schmiegte sich eine Krause, die den Hofmann, der das Ausland
gesehen, deutlicher noch verriet und selbst den Stürmen des nächtlichen Rittes
widerstanden hatte. Seine Stirn war nicht zu hoch, sein Bart nicht zu lang, aber
sorgfältig gekräuselt, und die ins Rötliche spielenden Hauptaare waren fast
glatt geschnitten. Locken, die in wildes Haar ausarteten und struppige Bärte
galten in jener Zeit noch als ein Zeichen männlicher Kraft und adligen Mutes in
diesem Lande.
    Wenn er sich durch diese Kennzeichen merklich von allen hier Anwesenden
unterschied, so war er's noch weit mehr durch sein einnehmendes Wesen und die
feine Art, wie er mit jedem sprach. Wie verbindlich reichte er dem Hans Jochem
die Hand, sich entschuldigend, dass er ihn vorhin nicht gleich erkannt. Zur
Wirtin redete er so traulich und scherzhaft, wie Einer, der eine Frau, die ihm
nicht gleichgültig war, nach langen Jahren wiedersieht, und es tauchen allerhand
liebe Erinnerungen auf, so süss und schön, dass beide darüber die Jahre und
Runzeln vergessen. Was sie erzählte und erwähnte, wie bald entsann er sich der
geringfügigsten Kleinigkeit; wie hörte er mit anscheinender Aufmerksamkeit zu,
und wusste immer dem, was trübe klang, eine freundliche Wendung zu geben. Wie
schlug er auf ihre Hand und tröstete, wo es des Trostes bedurfte, nicht wie ein
Liebhaber, wie ein alter Freund, der es bleiben wird, trotz der Jahre und
Widerwärtigkeiten.
    Aber wieder ein anderer ward er, als die Töchter eintraten und mit
verschämter Anmut den vornehmen Gast und Verwandten bewillkommten. Eva Bredow
wurde fast rot, dass sie ihm so bäuerisch grob die Hand geboten. Er hatte nicht
eingeschlagen, sondern die Finger zart fassend sie an seine Lippen gebracht, und
auf ihr: »Gott grüss Euch, Vetter von Lindenberg!« hatte er eine Weile wie
verwundert sie angeschaut.
    »Ei das schöne Fräulein soll meine Muhme sein!«
    »Gewiss, Herr, es ist die Eva«, sprach die Mutter erfreut, »so Ihr damals bei
der Huldigung auf den Knien schaukeltet. Ihr sagtet noch, sie würde der Mutter
gleichen.«
    Der Gast schien sich noch von seinem Staunen zu erholen: »Wahrhaftig, ich
glaube doch am Ende, ich bin hier in einem verzauberten Schloss. Fürchte, wenn
ich ihre zarte Hand nicht festalte, sie wird mir wie eine Nix verschwinden.«
    »Macht sie doch nicht verschämt. Das dumme Ding ist schon puterrot und wagt
nicht die Augen aufzuschlagen.«
    Eva hatte wohl die Augen aufgeschlagen; sie schämte sich ihrer Hände; die
waren noch rot vom Waschen. Und als er weiter sprach von einer Rose, die er in
der Haide gefunden, die aber eines Fürsten Garten zieren würde, ward sie ganz
ängstlich und hätte fortlaufen mögen, wäre die Mutter nicht gewesen, die ihm
auch ihre zweite Tochter vorstellte.
    »Welch ein Reichtum von Blumen im Walde! Rosen und Lilien, wie kommen die
unter die Kiefern.«
    »Wir denken so, die Agnes zu Unseren lieben Frauen nach Spandau zu bringen.«
    »Ein frommes Gemüt sehnt sich nach dem Himmel. Doch nicht zu früh, Frau
Muhme. Mit der Frömmigkeit muss man nicht gar zu sehr eilen, die Zeit ist lang.«
    »Wie's der Herr schickt! Sind schlimme Zeiten, Herr von Lindenberg.
Aussteuer können wir doch nur einer geben. Und weil sie so still ist, und so vor
sich hinschaft, da meint mein Gottfried, und der Herr Dechant hats auch
gemeint, sie schickt sich nicht für die böse Welt, und wie das wirsche Volk hier
ist. Unser Herrgott nimmt die Stillen am liebsten. Der sieht nicht darauf, wie
das Mannsvolk, ob die Backen rot oder blass sind.«
    »Aber«, flüsterte schelmisch der Herr von Lindenberg, »er sieht auf die
Grübchen neben den Lippen, ob sich ein Schelm da versteckt hat. Der Schelm ist
ein böser Schelm und neckt alle Evas. Keine ist davor sicher und mögen sie so
still und sittsam aussehen, als Eure Tochter.«
    »Ja die Evas, lieber Herr von Lindenberg«, lachte die Mutter, »aber die
heisst Agnes. Dummes Ding, was erschrickst Du Dich!«
    »Sie wird nicht erschrecken, liebe Base«, lachte der Gast, »wenn der
arglistige Schelm kommt, dem kein Menschenkind widersteht.«
    Der Schelm kam nicht, aber Knechte und Mägde um den Tisch noch einmal zu
füllen mit Allem, was das Haus und der Keller auftreiben konnte. Da sah man den
Herrn von Lindenberg abermals ein ganz anderer werden. Hunger ist der beste
Koch, heisst es, aber Hunger und Durst sind auch Fechtmeister, die den
gesattelsten Ritter und Hofmann aus dem Steigbügel werfen. Der Herr von
Lindenberg ass, dass es eine Freude für die Hausfrau war, so oft sie einschenkte,
schenkte der freundliche Gast ihr einen freundlichen Blick.
    »Dass solchem Herrn, der an besseres gewohnt ist, unser schlechter Wein
mundet!«
    »In solcher Gesellschaft!« sagte der Gast und reichte auf der einen Seite
der Edelfrau, auf der anderen dem Junker Peter Melchior die Hand. dabei wiegte
er sich auf dem Schemel mit einem gar vergnügten Gesicht. »Ihr glaubt
vielleicht, dass ich scherze. Denkt Euch Einen, der die ganz Woche im Block lag
und am Sonntag wird er frei! Das Hofleben ist -«
    Er hielt plötzlich inne. »Wir vergassen auf die Gesundheit unseres
durchlauchtigsten Kurfürsten und Herrn zu trinken, wie es guten
brandenburgischen Edelleuten bei jeder Mahlzeit geziemt.«
    Die Pokale klangen, und der Hofmann hielt es für angemessen, viele Worte zum
Lobe seines jungen Fürsten zu sprechen. Da war keine Tugend, die er ihm nicht
beimass. Er sprach so lange, bis er den Pokal sich von Neuem füllen liess. Diesmal
galt sein Spruch dem Wohl der tugendsamen, sittigen Hausfrau, seiner lieben
guten Base und Wirtin, dann den zarten Fräulein.
    »Und dass der Bärenhäuter, der Gottfried, mein alter Freund, nicht zu uns
kommt. Ich wollt' ihm einen Trunk bringen, dass er mir Bescheid tun müsste, als
sässe er noch an der Landtafel.«
    Des edlen Gastes Heiterkeit teilte sich den andern mit. Man machte den
Vorschlag, zum Langschläfer, wenn er nicht herunterkomme, hinaufzusteigen.
    »Wir wollen ihn wecken!« jauchzte Peter Melchior, der auch des süssen Weines
schon viel getrunken hatte.
    »Das überlassen wir seiner lieben Frau,« entgegnete der Ritter, welcher das
bedenkliche Gesicht der Edelfrau bemerkt. »Frauen wissen immer am besten, wann
es Zeit ist, dass die Männer aufwachen sollen.« Die Frau ging, die Töchter nahmen
die Gelegenheit wahr mit ihr zu entschlüpfen.
    »Eingeschänkt!« rief der Gast, der selbst einen Becher nach dem andern
hinunterstürzte. »Herr Gott im Himmel und Sanct Petrus am Höllentor, wie ist
mir eigentlich wohl unter Euch.«
    Der Dechant hob lächelnd den Finger: »Sanct Petrus, Herr Ritter, steht am
Himmelstor.«
    »Wer da Wache hält ist mir gleich. Ich bin raus aus dem Himmelreich oder der
Hölle, wie Ihrs nehmen wollt. Sanct Christoffel, der doch gewiss eine grosse Ehre
hatte, als die ganze Welt ihm auf den Schultern sass, war gewiss auch froh, als
der Heiland absass. So ist mir heut in den Gliedern.«
    »Wie Manche, Herr Ritter, möchten Eure Last mit Freuden auf ihre Schultern
laden.«
    »Freunde, ich sage Euch, 's ist ein - Doch davon nachher. Mir träumte heute
eigentlich nicht, dass mir's so wohl werden würde.« Auf der Stirn des Gastes
lagerte sich ein Anflug von Ernst; er strich mit der Hand darüber, wie um die
Gedanken fortzustreichen, sie schwebten aber schon als Worte auf seiner Zunge.
Es gibt Gedanken, die man aussprechen muss, um sie los zu werden.
    »In Todesangst wachte ich heute Morgen auf. Die ganze Nacht hatte es vor mir
getaumelt wie etwas am Strick. Schwipp, schwapp. Ich stiess es fort und immer
kams wieder. Als ich nun endlich aufwachte, da die Hörner schon nach dem Gesinde
riefen, packte ichs. Es war die Schellenschnur über meinem Bett, sie war vom
Draht losgegangen.«
    Die Zuhörer lachten.
    »Lacht nicht zu früh! Die Hexerei kommt noch. Joachim war noch nie so
gnädig, als den Tag zu mir. Ich spreche sonst gern und viel mit ihm. Einen Hecht
an der Angel muss man nicht loslassen, auch Fürsten, so viel es geht, nie selbst
denken lassen. Wer's los hat, muss ihnen die Gedanken, die sie denken sollen, in
die Hand geben. Ich kann mich rühmen, dass ichs verstehe, sie so handrecht ihm zu
drechseln, dass er damit spielt, als wären es seine eigenen lieben Einfälle. Nur
heute gings nicht. Er sprach gelehrt, wie seine Lust ist. Weiss der Geier, was
meine Zunge lähmte; ich hörte schon wieder auf, wenn ich anfing. Mein Auge war
wie mit einem Nebelflor umstrickt. Bisweilen kam es mir vor, als ritte neben mir
der Scharfrichter.«
    »Der Kurfürst!«
    »Er hat manches Mal ein so strenges Gesicht, dass man daran gemahnt wird.«
    »So erklärt mein Herr von Lindenberg selbst, was seine bösen Gesichter
bedeuten«, sagte der Dechant. »Es war ein neblichter Morgen, und die Stimmungen,
welche er von einer schlechten Nacht mit brachte, wurden in seiner
Einbildungskraft zu Gespenstern.«
    »Es bedeutet nichts etwas, es ist alles dummes Zeug«, fiel der Gast rasch
ein. »Wir werden gestört durch die Dünste aus unserem dicken Blut. Aber als ich
von der Jagd abkam und in die Richte zu jagen glaubte, stutzte am Waldeck mein
Tier und steifte die Ohren. Mir surrte und schwirrte es auch ums Ohr, wie in
der Nacht. Ich hätte nicht vorwärts mögen, aber Sporen klirrten, wie mich an
meine Pflicht zu mahnen. Mein Rappe bäumte sich unter dem Druck, und als ich um
den Eck war, stand ich auf einer wüsten, verbrannten Haide, in der Mitte ein
Galgen, und dran hing Einer.«
    Er schwieg einen Augenblick.
    »Ihr werdet wieder sagen, ich hätte Gespenster gesehen. Ich glaubte es auch,
da ich meinem Tier den Willen liess und die Zügel schiessen. Und noch mehr, das
Gespenst verfolgte mich. Ich sah es vor mir mit geschlossenen und offenen Augen;
ich war doch schon eine Viertel Meile fort und hinter jeder Kiefer baumelte es;
Sporen an den Stiefeln, einen Federhut auf dem Kopf; ich sah jede Bewegung, die
blassen, gekniffenen Finger, die blauen Lippen, das rote, aufgeschwollene
Gesicht.«
    Der Junker Peter Melchior kreuzte sich. Alle waren still.
    »Ich hielt an, ich schlug mich auf die Brust, ich rieb mir die Stirn. Nun
betete ich ein Ave Maria und den Rosenkranz ab. Dann kehrte ich um, und ich kann
Euch morgen den Weg wieder zeigen, den ich zurücktat, indem ich der Spur meines
Pferdes folgte. Jede Fichte, jede Birke, selbst die Hollundersträucher merkte
ich mir. Da kam das Waldeck, da die verbrannte Haide, der branstige Geruch,
Raben und Krähen am Himmel, der Galgen, der Mann daran, Sporen an den Stiefeln,
eine Federkappe auf dem Kopf - und ich war es, mein Gesicht.«
    Lauter blasse Gesichter schauten sprachlos auf den Redner.
    »Da verging's mir,« fuhr er nach einigem Schweigen fort. »Es ward mir blau
und rot um die Augen, alles drehte sich um, und lenkte nicht mehr mein Pferd.
Ich weiss nur, dass es durch dick und dünn flog. Die dürren Aeste knackten, es
rauschte in den Wolken, Ketten klirrten, Sporen klirrten, die Eulen krächzten.
Dazwischen Waldhörner, Hussaruf, ich weiss nicht was. Ich weiss auch nicht, ob ich
durch die Jägerhaufen flog, ob ich noch einmal an dem Galgen vorüberkam, mir
war's so. Zur Besinnung kam ich erst, als es schon dunkelte, und mein Rappen
keuchend, atemlos in einem blauen dunstigen Moor nach einer Wegspur suchte. Wie
viele Stunden ich da noch in der Irre ritt, weiss ich nicht. Mir war kalt, mir
war heiss zu Mut, wenn ich an dass zurück dachte, bis ich endlich Licht sah.
Wär's ein Irrwisch gewesen, eine Teufelsküche, mich hätt's nicht gewundert; nun
war's meines Freundes Götze Hohen-Ziatz. Ich bin hier und was denkt Ihr davon?«
    »Ihr hattet vielleicht vergessen, den Abendsegen zu beten?« bemerkte der
Dechant.
    »Pah! Da müsst ich oft Galgenmännlein sehen.«
    Peter Melchior hatte während der letzten Erzählung, die Hände unterm Tisch
faltend, eine ganze Reihe von Gebeten zwischen den Zähnen gemurmelt.
    »'S ist was nicht richtig in der Luft,« sagte er leise, »ich hab's von
Anfang an gesagt. Die hagern Frauen an der Bleiche, der Krämer und sein
verhextes Zeug, der Sturm, es geht was vor. Niemand weiss, wo's hinausläuft.
Zwischen Gallus und Allerheiligen tut's nimmer gut, was vornehmen, aber Frau
Brigitte hat keine Gottesfurcht, keinen rechten Glauben. Was musste sie jetzt
gerade die grosse Wäsche halten. Die hat's aufgerührt.«
    Der Ritter hatte wieder sein vornehm stolzes Gesicht. Er sass im Stuhl
zurückgelehnt, ein verächtliches Lächeln schwebte über seine Lippen:
    »Auf eine Wäsche läuft's hinaus! Es tut mir leid, so ich Wäsche gestört
hätte.«
    Peter Melchior erzählte. Der Ritter hörte bei einigen Punkten aufmerksam zu,
bis der Junker plötzlich mit den Fingern schnellt: »Nun hab' ich's, das
Galgenmännlein! Claus Hedderich erzählte ja davon. Nicht der Ritter war's der
Schneider Wiedeband. Richtig, der hängt noch am Galgen bei Beelitz in der
Haide.«
    Der Herr von Lindenberg lehnte sich über den Tisch. Es war, als ob ihm mit
dem frohen Gesicht des Junkers ein bleierner Bann auf der Brust sprang. Aber der
Zweifel meldete sich wieder.
    »Ein Schneider in Sporen!«
    »O das ist eine lustige Geschichte. Hättet Ihr nichts davon gehört? Die von
Beelitz zankten schon seit einem Jahre mit dem Schneider. Er war ein
Gewandschneider, ein kleiner Mann nur, aber er hatte es dick sitzen im Kopf.
Sagte es laut bei allen Zechen: Kleider machen Leute, also da der Schneider die
Kleider macht, macht der Schneider auch die Stände. Schneiderte sich selbst
Kappen und Mäntel und Hosen, wie Ratleute und Junker; so oft ihn auch der Rat
darum strafte, er stolzirte darin um, und sie brauchten ihn, denn Keiner
verstand besser mit der Scheere umzugehen. Sonst hätten sie ihn längst in's
Elend geschickt, aber er sagte, seine Amme hätt's ihm an der Wiege prophezeit,
dass er als Ritter sterben würde. Nun hatte er den Ratsherrn ihre Mäntel
zugeschnitten; aber ehe ein halb Jahr um war, wurde das Tuch mürbe und riss. Die
von Beelitz machten ein furchtbar Geschrei, aber er schrie wieder. Die sagten,
er hätte das Zeug mit dem Bügel verbrannt, er sagte, sie hätten ihm verbranntes
Tuch geliefert. Getagefahrtet ward von einem Schöppenstuhl zum andern bis die
Köpfe lichterloh brannten. Die Zeugen schlugen sich schon, die von
Treuenbrietzen, von Jüterbock, selbst die von Wittenberg mischten sich drein.
Endlich waren sie einig, die Justiz könne das nicht abtun, und Wiedeband sagte
den Beelitzern ab. Das kam vielen damals curios vor, dass ein Schneiderlein einer
Stadt dürfte einen Fehdebrief schicken. In Leipzig und Wittenberg haben sie
darüber vor der Facultät gestritten, ob es ging. Aber es ging. Das Schneiderlein
hatte seinen Anhang, und mit seinen Gesellen von der Scheere tat er ihnen
manchen Schnitt, wo sie sich's gar nicht versahn. In Jüterbock hatte er ein
festes Haus und sass wie ein Ritter, und, was wirklich eine Schande ist, die
sächsischen Herren drüben, weil sie den Beelitz'schen übel wollten, aus purer
Scheelsucht, hielten ihn, als wär er zu ihnen. Er dürft' in Sporen und Federhut
aus-und einreiten auf ihren Schlössern, und liehen ihm manches Stück Ross und
Zeug zu Schaden der von Beelitz. Hätte er sich nur begnügt, ihnen aufzulauern
und ihre Leute zu werfen, so hätte er's manches Jahr treiben können, aber der
Kamm schwoll ihm, und eines Morgens rückte er mit einem hellen Haufen vor ihr
Tor. Da rief er 'nein, der Schneiderritter: als sie ihm hätten gebrannt Tuch
geliefert, und dadurch gebranntes Herzeleid gemacht, so wollte er ihnen auch
'nen Brand zu riechen geben, daran Kind und Kindeskind denken sollten. Und
gesagt, getan, vor ihren Augen steckt er ihnen ihre Haide an, und ehe sie nur
aus dem Schlaf in Hemde und Haube kriechen konnten, brannten zehn Morgen weg. Es
wär' noch mehr Unglück geschehen, wäre kein Regen gekommen. Nun aber wurden die
von Beelitz fuchswild und lauerten ihm auf, wo sie konnten. Sie bestachen eine
fahrende Frau, zu der er hielt, in Jüterbock in der Vorstadt, die liess Nachts
die Knechte der Beelitzer in's Haus, und am Morgen, als er aufsprang, griffen
ihn die Knechte, stellten ihn in ein Betttuch und warfen ihn auf 'nen Heuwagen.
Ehe seine Freunde es merkten, waren sie mit gestreckten Zügeln über die Grenze,
und Ihr mögt Euch denken, was das für Lust gab, als sie ihn im Sack durch's Tor
fuhren. Ein Loch hatten sie 'nein geschnitten, da steckte er den Kopf raus, und
hatte noch die Frechheit die Zunge rauszustrecken. Solchen Spass haben sie in
Beelitz ihr Lebelang nicht gehabt. Sie wollten ihn schnell judiciren; aber da
gab es neuen Spectakel. Hatte die Frechheit, er wollte sich nicht hängen lassen
als ein Dieb und Mordbrenner, da er in offener Fehde mit ihnen gewesen, und von
den Sächsischen Herren kamen ihm einige zu Hülfe. Die zeigten eine Urkunde vor,
dass sie ihm ein verfallen Burgrecht geschenkt oder verkauft; also wäre er ein
freier Mann von drüben, und hätte Recht gehabt ihnen Fehde zu machen. Die
Beelitzer, wie man sich denken kann, bestritten's, er sei ein Stadtkind gewesen
und geblieben, also in ihrem Bann. Das gab ein neues Geschrei und Geschreibe.
Endlich kam man überein, er sollte judicirt werden als ein Stadtkind, aber
gehenkt als ein Ritter und da gab er sich drein. So hat das Schneiderlein bis
auf die letzt seinen Willen gehabt und hat's durchgesetzt, der Kerl, wer sollt's
glauben, dass sie ihn henken mussten mit Sporen und Federhut. Ja, wär's nach ihm
gegangen, er hätte noch den Degen an der Seite behalten. Das war denn doch zu
viel, auch die Sächsischen Herren wollten's nicht. Nun baumelt er so in der
Haide, die er angesteckt. Hat's aber wohl nimmer gedacht, dass ihm noch im Tode
die Ehre würde, dass unser Herr von Lindenberg den Schneider Wiedeband für sich
ansähe.«
    Alle lachten von Herzen über die lustige Geschichte; der edle Gast, der sich
ihrer wohl entsann, war sichtlich aufgeheitert.
    »Das ist nur dumm Zeug,« sprach er, indem er noch einen vollen Zug aus dem
Becher tat, »was sie von dem Wafeln1 oder dem doppelten Gesicht reden. Wer in's
volle Glas sieht, sieht sich auch doppelt, und er schlürft nicht den Tod daraus,
sondern helle Lustigkeit. Weil's mir heute Abend so wohl gehen sollte, darum
schauerte's mich so grauslich am Morgen. Das ist die Deutung: Glück, Glück! Wie
wär's Ihr Herren die Becher klingen so hell, wenn wir sie noch anders klingen
liessen. Hätte Lust ein Stündlein zu doppeln!«
    Peter Melchior schielte den Dechanten an. Der zuckte die Achseln und hob
drohend den kleinen Finger:
    »Ei, mein Herr Ritter von Lindenberg, Ihr so vom Glück ohnedies begünstigt,
was wollt Ihr's noch suchen gehen?«
    »Immerzu!«
    »Die Kirche verbietet auf Spuk und Deutungen etwas zu geben. So ich aber als
Laie dächte; wäre es, das mein Herr Ritter gut rechnete. Auf böse Träume folgen
Hochzeiten und Kindtaufen. Rabensteine und Leichen bedeuten Glück im Spiele.
Wollt Ihr uns durchaus die Taschen leer machen?«
    Der Ritter von Lindenberg warf einen vollen Beutel, auf den Tisch:
    »Bis der leer ist nicht von der Stelle.«
    Peter Melchior fasste leise an den vollen Beutel, er gab einen Klang.
    Die Tische wurden abgetragen und drei Schemel herangerückt. Der Dechant nahm
den Becher in die Hand und schüttelte ihn mit einem stillen Seufzer und
niedergeschlagenen Augen: »Nun denn, um kein Spielverderber zu sein!«
    »Nehmt Euch vor ihm in Acht!« flüsterte der Junker Peter Melchior.
 
                                    Fussnoten
1 Wafeln heisst noch auf der Insel Rügen das Schottische zweite Gesicht, welches
sich auch dort in Familien und Individuen zeigt.
 
                               Siebentes Kapitel.
                                Ein böser Rat.
»Ein Stündlein noch, Gestrenge, dann wacht er auf,« sprach der Knecht Casper,
der an seines Herrn Tür Wache hielt und wenig Umstände machte vor der Edelfrau,
welche, schien es, ohne den Wächter wohl Lust gehabt hätte, ein wenig
aufzuklinken und hineinzuschauen. Er aber sass auf einer Bank, die er vor die
Tür geschoben, den Rücken gegen diese gelehnt, eine Stellung, in der er auch
dann und wann die Augen zugedrückt haben mochte. Ein treuer Knecht dient seinem
Herrn auch wenn er für ihn schläft. Jetzt aber schnitt er Scheiben umschichtig
von einer grossen Rübe, einem Käse und einem Haferbrod zum Abendimbiss.
    »Casper, ich höre ihn schnarchen.«
    »Tut nichts. Vorhin grunzte er, drei Mal stöhnte er und dann hat er
geflucht. Das geht immer voraus.«
    »Aber er hat sich gewiss auf die andere Seite gelegt. Dann schläft er nur
immer fester ein.«
    »Wenn er erst zum lauten Fluchen kam, dann flucht's in ihm fort, und dann
wacht er auf.«
    »Das ist ein Mal -«
    »Allemal, Gestrenge, wie die alte Wanduhr. Erst knickt sie, brummt,
schnarrt, dann nach einer Weile schlägt sie.«
    »Es ist ein vornehmer Herr, Casper!«
    »Weck meinen darum nicht auf.«
    »Des Markgrafen Freund!«
    »Und wenn alle Markgrafen in eigener Person kämen.«
    »Casper, Du bist ein guter und treuer Knecht, aber Du weisst nicht, was es
gilt. Ich muss dabei sein, wenn er aufwacht.«
    »Kann mir wohl denken warum. Ich habe nichts mit der Wäsche zu tun.«
    »Casper, ich bin Deine Frau, wollte sagen Deines Herrn Frau. Du wirst doch
nicht -«
    »Plaudern werd' ich nicht, was mich nichts angeht, und wenn er's merkt, nun
da mag jeder sorgen, den's trifft, aber -«
    »Meinst Du, ob er poltern wird, oder -«
    »I nu, Gestrenge, das kommt darauf an. Trank er zuletzt süssen, dann geht's;
aber Landwein, dann ist's schlimmer, besonders von dem dicken aus Stettin. Wenn
das Gewürz im Blut zurückschlägt! Recken und strecken muss er sich allemal ein
Bischen, und da muss ihm Keiner in den Wurf kommen, der es nicht versteht. Ich
fühl's immer gleich am ersten Schlag, ob er nur verdriesslich ist oder ein
Gewitter losgeht. Das ist nun meine Sache allein, gestrenge Frau und dabei tun
Weiber niemals gut.«
    Unten schien es zu gewittern, ein Schlag oder Klang war's, der die
Aufmerksamkeit der Hausfrau in Anspruch nahm. Während Casper wieder unbekümmert
an seinen Käse und Rettig ging, hatte sie sich über das Treppengeländer gelehnt.
    Der Dechant kam herauf, etwas gerötet im Gesichte, schneller als seine Art
war. Das Zusammentreffen mit der Edelfrau schien ihm nicht ganz angenehm; die
eine Hand fuhr schnell unter sein Habit.
    »Ihr habt wieder gespielt!«
    Der Geistliche zuckte die Achseln.
    »Und gewonnen?«
    »Kann ich dafür!«
    »Die toben nun.«
    »Lasst die Heiden toben, ich tat's ja nur aus Gefälligkeit.«
    »Das ist 'ne Aufführung, das ist 'ne Wirtschaft! Und ein Geistlicher dazu!
Was soll das Gesinde dazu sagen! Im Freien, nun ja zum Zeitvertreib, im Lager,
da hab' ich ein Auge zugedrückt. Aber Ihr wisst, dass ich im Schloss ein für alle
Mal -«
    »In Ihrem Schloss sollen doch meiner gütigen Wirtin edle Gäste nicht über
Langeweile klagen. Die Frau war fort, der Herr kam nicht, verwundert sich da
meine Frau von Bredow, dass der Gast sich selbst nach einer Unterhaltung umsah.
Billigen, was er tat, ei behüte, dass mir das in den Sinn käme, aber er ist den
Leidenschaften unterworfen, gleich uns allen. Ich für meine Person hätte auf
einen Dank gerechnet, nicht auf einen zornigen Blick, noch weniger -«
    »Ich darauf, dass mein Beichtvater meine Gäste ausziehen sollte.«
    »Ausziehen! Ei, was ein harter Ausdruck aus so freundlichem Munde! Ist der
ein Räuber, der wider Willen annimmt, was man ihm aufdringt? Ich sehe auch darin
-«
    »Nur nicht wieder einen Fingerzeig. Den lieben Gott lasst mir beim Spiele aus
dem Spiel. Das sage ich Euch. Gebt dem Teufel, was des Teufels; Ihr werdet Euch
schon mit ihm vertragen. Aber macht 'nen Knoten in Eure glatte Zunge, wenn Ihr
krumm gerade reden wollt. Denen ist's schon recht, i ja, auch dem Herrn von
Lindenberg, Satan steckt auch in ihm, wenn er sein glatt Kleid verrückt; wär's
nur nicht bei uns geschehen. Aber -«
    Dem Dechanten war es gelungen, seine Hand frei zu machen; vermutlich war der
Beutel, der dem Herrn von Lindenberg vorhin gehört, in seine Tasche sacht
geglitten. Er hob seinen Arm.
    »Frau von Bredow spricht nur meine Gedanken aus. Es nimmt's, ich sage nicht
der Herr, aber das launische Glück denen oft, was sie nicht zu nutzen verstehen,
um es denen zu geben, die einen besseren Gebrauch davon zu machen wissen. Als
ich so wider meinen Willen an das böse Brett gerissen ward, dacht ich im
Stillen, wie das Altartuch in unserem Chor wohl eine neue Verbrämung verdient.
Wenn nun von dem sündigen Golde durch den Zufall, sei es mir erlaubt, so zu
sprechen, in dDeine Hände fiele, ei Du könntest schöne Goldfranzen dafür in
Magdeburg einlösen, das dachte ich. Ich sage nicht, dass das eine Eingebung war,
behüte mich vor jeder Lästerung, aber es ist doch sonderbar, dass immer, wenn ich
an die Franzen dachte, der Wurf mir gelang.«
    »Glückliche Reise, ehrwürdiger Herr. Seht Euch nur in Magdeburg vor, das die
Franzen echt sind. Kaufleute und Goldsticker betrügen gern.«
    »Ich habe seitdem anders gedacht. Das Jungfrauenkloster unserer lieben
Frauen bei Spandow ist schlecht ausgestattet. Wenn wir unser liebes Fräulein
Agnes dahin brächten, und zu Ehren der heiligen Agnes einen Altar stifteten,
würde das ein gefälliger Dienst sein, sowohl für die Heilige, da wir eine
gnädige Fürsprecherin im Himmel gewönnen, als auch für die Familie. Die Arnims,
die Bardeleben, die Jagows, auch die Kerkows haben da grossen Einfluss, die
Bredows zur Zeit nur geringen. Und Eure Vettern in Friesack rühren sich für uns,
wie Ihr am besten wisst, nicht viel. Ein kleiner, mässiger Altar nur; ich habe es
so überschlagen, Silberstickerei, ein Kruzifix von Messing, die heilige Agnes
kann ein Maler conterfein, der bei uns im Schuldturm sitzt; der arme Schlucker
ist mit wenigem zufrieden. Es sind ja überall schlimme Zeiten. Aber meine
gnädige Frau gibt mir zu, wenn wir unsere Agnes mal als Aebtissin sehen wollen,
müssen wir etwas tun.«
    Die Hausfrau hob die Hände und zeigte ihre zehn Fingern dem Dechanten:
    »Nun ist's genug. Ich soll teilen das sündige Spielgeld, damit ich
schweige! Mein Kind soll ich ausstatten damit! Die heilige Agnes mag nehmen, was
sie verantworten kann, denn sie ist eine Heilige und weiss es besser als ich;
aber meine Agnes soll Aebtissin werden durch Deinen Würfelraub! Und wenn sie
dienende Magd ihr Lebtag bliebe, sie soll lieber Pförtnerin, Küchenschwester,
Scheuermagd bleiben, als durch das Teufelsgeld Aebtissin. Herr Dechant, wenn Ihr
nicht mein Beichtvater wäret und wir alte Freunde! So spricht die Schlange. Mir
das! Seht Euch ja nicht um, mäuschenstill; er steht hinter Euch der Verführer,
riesengross. Der Menschenfeind spricht aus Euren Lippen und Ihr wisst es
vielleicht selber nicht. 'S ist doch ein Jammer, dass der Verderber selbst Macht
hat über die Geweihten des Herrn. Wo soll denn ein sündiges Menschenkind sich
Trostes holen.«
    »Bleibt still stehen,« rief sie ihm nach, als er ihr folgen wollte. »Für die
Nacht graut mich vor Euch. Morgen früh - nun morgen früh ist ein anderer Tag;
wir haben's vielleicht beide vergessen und halten's für einen Traum. Das wäre
das Beste.«
    Zur ebenen Erde sah es derweil wüst aus. Der Becher, den der Gast dem
Dechanten nach dem letzten Wurfe an den Kopf geworfen, rollte noch auf der
Diele. Die Würfel lagen zerstreut, und Keiner schien Lust zu haben, sie
aufzulangen. Der Herr von Lindenberg aber ging, wie sehr erhitzt, im Zimmer auf
und ab, bis er sich auf den Lehnstuhl des alten Götze warf. Den gespornten Fuss
legte er auf die Bank und stützte den Kopf auf den Ellenbogen. Peter Melchior
sass am Tisch in ähnlicher Stellung; die beiden Junker, Hans Jürgen und Hans
Jochem standen an der Wand.
    »Ich hab's gesagt, hütet Euch vor dem Pfaffen«, sprach Peter Melchior. »Was
in des Pfaffen Sack kommt, ist verloren. Jeden anderen kann man kitzeln, aber
die todte Hand gibt nichts wieder raus.«
    »Eine verfluchte Geschichte!« brummte der Gast. »Wieder haben muss ich's.
Seine kurfürstlichen Gnaden gab mir auf der Jagd ihren Beutel, um bei der
Rückkehr die Almosen auszuwerfen.«
    »Die Glatzen sind auch arme Leute!« sagte höhnisch der Andere.
    »Dass der alte Götz grad' heut schlafen muss.«
    Peter Melchior lachte: »Sein Korn ist noch nicht verkauft.«
    »Mein's schon auf dem Halm, und das Geld zum Schornstein hinaus«, fiel der
Gast ein. »Ist hier Keiner in der Nähe? Der Stechow hat nichts, der Holzendorf
auch nicht; der Arnim gibt nichts raus. Ist kein Jude herum? Nur bis Morgen,
bis Uebermorgen soll's, der Kurfürst ist darin ängstlich wie eine alte Jungfer
um ihren Ruf.«
    Es fand sich kein Jude, kein reicher Mann.
    »Blitz!« rief der Junker Peter Melchior. »Der Krämer Hedderich! Hätten wir
den nicht gehen lassen. Der könnte die Ehre haben für einen Edelmann ein Paar
Tropfen zu lassen. Und der Mann ist's wert. Als ich so ein bisschen in die
Kisten und Kasten hineinfühlte, klimperte eine sehr verdächtig.«
    Der Herr von Lindenberg spitzte die Ohren und fragte weiter, etwa wie ein
Mautbeamter, welcher einem Schleichhändler auf der Spur ist, der ihm zum
Schabernack die Grenze passirt hat. Auch die beiden Junker wurden in's Gespräch
gezogen und wie Zeugen vernommen.
    »Hedderich!« Der Gast strich sich über die Stirn. »Den Henker auch, wer kann
alle Namen behalten. Wo zog er des Weges.«
    »Sprach, dass er wollte nach Kölln an der Spree.«
    »Was wollte er in Kölln?«
    »Däucht mich,« sagte Hans Jochem, »wenn ich recht gehört, eine Restzahlung
im Schloss eincassiren.«
    
    »Waren Grauschimmel vor seinem Karren?«
    Die andern bejahten es.
    »'S ist richtig!« sprach der Herr von Lindenberg, sich auf die Lenden
schlagend. »Dacht ich mir's doch gleich. So pfiffig sind die Spitzbuben. Wisst,
der Kerl, der zerloddert aussieht, wie ein Lazarus aus dem Pracherland, unter
seinen Lumpen und Bändern für Bauerndirnen und Stallmägde, führt Wollenzeuge,
wie man sie zu Land nicht sieht. Aus Böhmen und Wien her kriegt er sie von den
Türken, gewebte, bunte Tücher aus Indien und Schmarkand. Die führt er an den
Höfen umher; Fürsten nur können so was kaufen. In Saarmund am Zoll trafen wir
auf ihn. Hatte da auspacken müssen, Seine Gnaden sah es, und kaufte ein gut
Stück von den Decken und Tüchern für seine Verlobung, und, wie er ist, zahlt er
sogleich den halben Kaufschilling; o es waren an die zwanzig Mark, die der Kerl
einsteckte. Den Rest sollte er sich im Schloss zu Kölln holen. Ewald Köckeritz
und die drei Lüderitze fragten ihn, wann er nach Berlin käme sich das Geld zu
holen! Solches Volk riecht aber gleich Lunte, und er band ihnen ein Mährlein
auf, dass er über Ziesar nach Magdeburg wolle unterm Geleit des Erzbischofs. Dann
glaube ich über Havelberg nach Stettin und auf dem Rückwege erst nach Kölln.
Trau Du dem Pack! Das ist uns nun verloren.«
    »Die Lüderitz und der Ewald treibens auch zu dreist,« fiel Peter Melchior
ein. »Ihr wisst ja wie die Krämer beten:
Behüte uns, lieber Herre Gott,
Vor Köckeritze, Lüderitze,
Vor Krachte und vor Itzenblitze!«
    Der Gast warf ihm einen Blick zu: »Zügle Deine Zunge, auch die Wände haben
Ohren.«
    Aber Peter Melchior sah die Jungen an: »Duldet Ihr das! Ihr seid adlig
Blut.«
    »Wer zweifelt daran!« sprach der Fremde, und reichte Hans Jürgen die Hand,
»aber man kann nicht vorsichtig genug sein.«
    »Er ist ja nicht sein Vater, Hans Cicero, der die Weisheit mit Löffeln frass,
und uns den Schmachtriemen um den Bauch schnallte.«
    »Wisst Ihr's, was er wird!« sprach ernst der Gast und winkte ihnen, sich ihm
näher zu setzen. Das Gespräch ward leiser fortgeführt.
    »Ihr seid junge Leute,« sprach er zu Hans Jürgen und Jochem, »aber vor Euch
steht ein schlimmes, trübes Leben, wenn - wenn es nicht besser wird.«
    »Ein klein Vergnügen fällt doch wohl ab, dann und wann«, lächelte Peter
Melchior.
    »Nicht, wenn Ihr's so anfangt wie jetzt, nicht wenn Ihr nicht klüger werdet.
Ich sag's Euch, die Mark wird werden ein Hundestall nicht für den Adel, die
Edelleute sind die Hunde d'rin. Die Fürsten, die Pfaffen, die Gelehrten, Himmel
und Hölle, ich glaube gar das Bürgerpack wird das Regiment führen und die
Peitsche.«
    »'S klingt sonderbar, wenn der Herr von Lindenberg so spricht, unseres
Kurfürsten Liebling und Rat.«
    »Ich bin ein Edelmann, ein Ritter, meine Freiheit ist mir lieber als Alles«
- er schlug sich an die Brust - »weiss Gott, dafür wach' ich, denk' ich, träum'
ich, aber mit Holzblöcken verkehren müssen! Diese Köckeritze, Itzenblitze,
Krachte, statt zu helfen verderben sie's. So richtet man's nicht aus, so
arbeitet man nicht für die Zukunft. Es ist so viel verdorben, seit der Segen aus
Nürnberg in's Land geschneit kam, hundert Jahre haben sie an unseren Rechten
gefeilt und gebohrt, unsere Vesten sind gefallen, der Block und die Verliesse
haben unsere Wackersten hingerafft, und nun meinen die Dummköpfe, weil er ein
Knabe ist, könnten sie ihm auf der Nase herumspielen. Mit solchen einfältigen
Neckereien, solchen Strauchdiebereien ist's nicht getan. Mit 'nem Laternenpfahl
gebt Ihr ihm einen Wink, und glaubt mir nur, er ist nicht auf den Kopf gefallen;
er versteht ihn.«
    Aber der Junker Peter Melchior schien den Redner nicht zu verstehen. »Sie
werden ihn schon allgemach lehren, dass die Strassen von Alters unser sind.«
    »Auf die Art gewiss nicht. Ihrer Zeit taten die Putlitz, die Quitzow, die
Bredow, meinetalben Alle, taten was sie konnten, und es mag nicht ihre Schuld
sein, dass wir keinen zweiten Kremmer Damm hatten. Wir aber zerfielen in uns, wir
hielten nicht zu einander. Seht in Schwaben, in Franken, am Rhein, dort waren
sie klüger, sie taten sich zusammen in Bündnisse, in Orden. Es ist eine Masse
von Männern, Rittern, Burgen, an denen die Fürsten ihre Zähne probiren können,
und mancher brach schon dabei.«
    »Wir haben keine Berge und Felsen, unsere Burgen stehen in Sand und Sumpf.«
    »Darum hätten wir - Doch das Getane lässt sich nicht ändern. Jener erste
stolze Friedrich, jener andere mit den eisernen Zähnen, auch Albrecht, der nur
als Landvoigt zu uns kam, uns seine Achillesfersen fühlen zu lassen, haben es
nicht getan. Die betrachteten uns noch als ein fremdes Land, das sie zügelten
und pressten. Wenn ihnen nicht mehr heimisch drin war, zogen sie in ihre
fränkischen Berge; dann atmeten unsere Väter wieder auf, sie blieben frei. Aber
der bleiche, Johannes, den die Gelehrten Cicero schalten, hat uns die
Daumschrauben angelegt. Er blieb kein Franke, er ward ein Märker, er lernte
unsere Schwächen kennen und das machte ihn fest.«
    »Die fünfzehn Schlösser, die er schon als Kurprinz brach! Es war eine
schlimme Zeit, Herr von Lindenberg.«
    »Und sie wird noch schlimmer werden unter seinem Sohne. Ihr denkt, er ist
ein Knabe, aber ich sage Euch, in einem Jahre kann er ein Mann sein. Ihr denkt,
er spielt mit Büchern, aber seine Gedanken fliegen weit bis in's Blaue. Wenn wir
nicht zusammen stehen, wenn wir nicht die Klugheit aus den Grüften beschwören,
wenn wir nicht schlau sind wie die Schlangen, so ist's um uns geschehen. Seine
Vorfahren liessen Ritter und Familien kommen aus Franken und dem Reiche. Unsere
Väter zwickten sie wieder fort, oder sie wurden durch Heiraten eines Blutes mit
uns. Er aber citirt nicht Menschen von Fleisch und Blut, er citirt Geister,
Gespenster. Wer jagt die aus dem Lande. Einbürgern möchte er die ganze
lateinische Weisheit von tausend Jahren, Gelehrte, Pfaffen, die Kirche, eine
Universität gar! Es ist gar nichts, was gewesen ist und anderswo ist, was er
nicht aufstellen möchte und probiren. Gesetzbücher sollen gemacht werden,
deutsch und lateinisch, Collegien eingerichtet, zum Regieren, zum Besteuern, zur
Oberaufsicht, unsere Sitten sollen verfeinert werden. Ein Spinngewebe von feinen
Drahtfäden möchte er übers Land, ziehen, dass kein Huhn weiter aufflattern kann,
als er will.«
    »Herr von Lindenberg,« sagte Peter Melchior, »ich glaube, Ihr selbst seht
Gespenster. Wie alt ist er denn?«
    »Ihr mögt recht haben. Aber der Kopf wird mir bisweilen warm, wenn ich ihn
so schwatzen höre, und der Dunst aus dem Griechischen und Lateinischen mir wie
ein Alp auf die Brust fällt. Da sehe ich denn nur trüb vor mir. Denn dies
Nürnberger Burggrafenblut, das alles besser wissen will, alles besser
einrichten, klüger sein, frommer, es sprudelt und spukt in einem wie in dem
andern.«
    »Auf den Landtagen muss er's doch manchmal hören!«
    »Hört er darauf? Das ist eitel Geschwätz. Wenn wir uns helfen wollen, müssen
wir's anders anfangen.«
    »Dass das Land uns gehört, beweis es ihm Einer.«
    »Wer zu viel auf ein Mal will, erreicht nichts. Ich tadle nicht die
Köckeritze, die Lüderitze, keinen von ihnen allen, aber sie schlagen zu plump
und grob darauf. Warum auf der Strasse liegen und den ersten besten werfen? Das
gibt immer Geschrei und böses Blut. Presst doch ein wenig Euer Hirn, schlagt
Eure alten Pergamente nach, Verträge, Urkunden, Schenkungen, Gewohnheiten.
Darauf trotzt! Mit Art und Manier zugegriffen, dass sie Euch nicht Strauchdiebe
und Wegelagerer schelten dürfen. Himmel und Hölle, hast Du nicht ein Recht, oder
wenn Du nicht, hatten's Deine Väter nicht, haben sie's nicht ein Mal geübt, dass
der Krämer dort seine Waaren auslud, dass er in jenem Kruge trinken musste, dass
der Schiffer dort anlegte, dass die Wallfahrter da singen mussten. Strengtet Ihr
Alle, strengten wir Alle unseren Grips an, da kämen Rechte zusammen wie Sand am
Meere, und zweifelt Ihr dran, dass sie übertreten werden? Da zugeschlagen, da
Euch in Besitz gesetzt, und wenn die Kerle schreien, wir wieder! Wenn der ganze
Adel zugleich den Mund auftäte, was müsste das für ein Geschrei geben. Wenn Ihr
klug wärt, nähmt Ihr Pfaffen, Gelehrte dazu - es gibt überall solche Gesellen
von der Feder, die Euch für eine Bratwurst aus dem verräucherten Pergament
beweisen, was Ihr bewiesen haben wollt. Da denn gepocht, ihm das Gewissen heiss
gemacht. Solche verräucherte Scharteken mit alten Satzungen und Gerechtigkeiten
sind ihm ein Spielzeug: er dünkt sich was darauf, sie zu schützen und zu
bewahren. Das Eisen geschmiedet, so lange es warm ist. Hier hilft uns seine
Jugend. Er muss nicht zur Ruhe kommen vor lauter Klagen und Beschwerden. Er muss
so eingeheizt werden, dass er nicht aus und ein weis, dass er links und rechts
ausschlägt. In der Wut schlägt man falsch; das gibt uns immer neue Waffen. Am
Ende verwirrt, gescholten, missverstanden, lässt er Alles gehen, wie es ist, und
mehr brauchen wir nicht. Dann ist das Regiment wieder in unseren Händen, wie es
sein müsste von Gott und Rechtswegen in der Mark Brandenburg.«
    Der Herr von Lindenberg war aufgestanden, und tat einen vollen Zug aus der
Kanne. Peter Melchior kraute sich im Kopf und schiene schlau nach dem Redner und
den beiden andern.
    »Donnerwetter!« schmunzelte seine Zunge, als schwelgte seine
Einbildungskraft in Zuständen, die nur in der Märchenwelt Wahrheit sind.
    »Ach Ihr seid alle zu träg«, fuhr der Redner fort. »Ihr schickt Euch nicht
in die Zeit, Ihr lernt nichts von der Zeit. Wozu hat Euch Gott ein Maul gegeben,
dass Ihr Andere klagen lasst! Wo soll er Respect bekommen vor dem Adel. Ich allein
kann's nicht alles einfädeln, die Zunge wird mir trocken, der Rücken krumm und
steif zugleich. Statt dass ich angreifen dürfte, wenn im Euch hinter mir habe,
muss ich in einem fort Euch entschuldigen. Da geht dem besten Mann der Mut aus:
und ein Höllendienst ist's, der Hofdienst, bei solchem! Wünschte, ich wäre auch,
wie der Wilkin Lüderitz, verfehmt; da könnte ich mich ein Mal erholen.«
    Es trat eine Pause ein.
    »Schade!« sagte Peter Melchior.
    »Was?«
    »Ich meine den Hedderich! Es muss eine Lust sein, solch ein fettes Schwein in
den Graben zu werfen.«
    »Um diese Jungen tut's mir leid«, fuhr der Gast, auf- und abgehend, fort.
»An uns Alten ist nichts mehr gelegen, wir nehmen unsere Schande mit in's Grab.
Aber der Aufwuchs, was soll daraus werden! Wo sollen sie ihre Sporen verdienen?
Tourniere kommen ab, Fehden gibt's nicht mehr, wenn man nicht für einen
Fürsten, oder gegen die Türken seinen Leib zerhacken lässt. Absagen soll Keiner
mehr dem Andern. Die goldene Zeit bricht an für die Feigheit; die Federfüchse
werden Helden werden. Und das nennen sie Recht und Gerechtigkeit! Wo sollen die
Jungen fühlen lernen, dass sie frei sind, dass adlig Blut in ihren Adern fliesst!
Nicht mal 'nen Zeitvertreib gönnt man ihnen. - Wo zog der Hedderich hin?«
    »Nach Brandenburg«, sprach rasch Hans Jochem. »Er hatte zween alte Gäule,
die ziehen im Sande nicht schnell.«
    »Hört das junge Füllen. Möchte durch den Stall brechen auf die Nachtweide,«
lachte Peter Melchior.
    »Was seht Ihr mich an?« fragte der Gast.
    »Ich meinte nur, Herr von Lindenberg -«
    »Pst! keinen Namen.«
    »Probiren wir's? 'Nen Spass. Nur dass die Jungen nicht aus der Art schlagen.«
    Der Ritter blickte die Vettern an: »Sind die schon mal ausgeritten?«
    Beide senkten die Köpfe.
    Der Gast war an's Fenster getreten und hatte hinausgeschaut: »'S ist wie
Maienluft.«
    Peter Melchior hauchte in die Hand: »Gen Brandenburg? Ich weiss den Weg.«
    Lindenberg hatte sich wieder in den Lehnsessel geworfen: »'S ist nicht meine
Art, das hab' ich schon gesagt; aber weiss der Geier, es prickelt mir in den
Fingern und saust in den Ohren.«
    »Man muss sich solche Gelegenheiten nicht entgehen lassen, und Ihr bedürft
einer Erholung, Herr von Lindenberg«, fiel der Andere ein. »Ist ja der
Lumpenkerl noch nicht mal bestraft von wegen all dem Tand. Ich erzählte Euch
doch! Und Hans Jochem hat er um ein Paar Hosen geschnellt und wer weiss, was noch
dabei war. Unser Hans Jürgen, eine Schande war's, der musste ihm die Pferde
zäumen und die Ballen aufladen helfen. Pfui eines Bredows Sohn! Weiss auch gar
nicht, was der Frau Brigitte einfiel.«
    Wilkin von Lindenberg war rasch aufgestanden, und schüttelte sich wie einer
in seiner Stahlrüstung:
    »Na! 's ist ein Fastelabendspass.«
    »Ohne Lichter! Der Mond geht nach Mitternacht unter. Könnten ohne Kappen
reiten; keine Katze erkennt uns in dem Duster. Aber wenn man 'nen guten Einfall
beäugelt, springt er fort wie der Floh, den man zu lange zwischen den Fingern
hielt.«
    »Begleiten uns die jungen Herren?« fragte der Ritter.
    
    »Das versteht sich! Frau Brigitte würde sie schön ansehen, so sie Anstand
nähmen. Stehen ihre Rosse schon gesattelt, dass sie Euch das Geleit geben:
Weils im Wald duster ist.
    Der Herr von Lindenberg schien indes die Antwort des Junkers von Krauchwitz
nicht für voll zu rechnen, noch ihn als Vormund für die jungen Leute gelten
lassen. Er näherte sich ihnen mit halbhingehaltener Hand. Mit einem Sprunge
schlug Hans Jochem ein. Seine Augen funkelten. Und Ihr?«
    Hans Jürgen hatte auch schon die Hand erhoben, aber unwillkürlich blieb sie
zurück, seine Augen schlugen nieder als sie den forschenden Blicken des
vornehmen Gastes begegneten, und unwillkürlich entfuhr ihm der Name seiner Base
Brigitte. Das laute Auflachen des Junker Peter Melchior hätte ihn weniger
erschreckt, als der spöttische Zug um des Ritters Lippen.
    »Base Brigitte darf's freilich nicht wissen,« lachte Peter Melchior fort.
    »Noch Jemand sonst, weder jetzt noch künftig«, sprach der Ritter mit
strengem Tone. »Aber das sind fromme und gute Bedenken des jungen Mannes. Unsere
Wirtin sieht den Spass wohl anders an als wir. Wer nicht Vater und Mutter hat,
handelt klug und gut, wenn er den Willen seiner Pflegeeltern bei allen Schritten
seines Lebens zu Rate zieht. Das geht nun hier nicht an, also, mein Herr von
Bredow, entbehren wir für diesmal das Vergnügen -«
    »Blitz und Hagel«, fiel Peter Melchior ein, »will er ein Duckmäuser bleiben!
Solche Gelegenheit sich entwischen zu lassen!«
    »Meine Muhme bestimmte ihn vielleicht für's Kloster, oder zum
Schreiberdienst in den Kanzeleien. Darum bitt ich mir's aus, scheltet den jungen
Mann nicht. Eines schickt sich nicht für Alle!«
    Wie sich da die beiden Vettern ansahen! Hans Jochem prustete auf, Hans
Jürgen traten die Tränen in's Aug; und wie er sie fühlte, ward er glührot. Es
zitterte ihm in der Brust, dass er zuerst kein Wort vorbringen konnte. Dann
brach's heraus:
    »Ein Mönch werd' ich nicht, und ein Schreiber auch nicht, Herr von
Lindenberg, und wenn's kosten soll, ich weiss nicht was, wenn Ihr's für recht
haltet, und wenn Ihr mich wert haltet, ich bin meines Vaters Sohn. Nehmt mich
doch mit, ich bitt Euch, dass ich's zeigen kann.«
    »So hatt' ich's erwartet.« Der vornehme Ritter nahm den Arm des jungen
Menschen und klopfte ihm die Hand auf seiner Brust. Er sprach etwas leiser mit
Peter Melchior, der sich darauf mit Hans Jochem entfernte. Beide waren nun
allein.
    »Lieber von Bredow, es freut mich, dass ich meines alten Freundes Sohn als
einen so wackeren jungen Mann wiederfinde. Meint Ihr, dass ich im Ernst glaubte,
Ihr wolltet Mönch werden oder Schreiber? Nehmt mir's nicht übel, dass ich Euch
prüfte, so wenig ich es Euch verarge, dass Ihr vorerst Bedenken trugt. Das zeigt,
dass Ihr über eine Sache nachdenkt, und das ist gut. Ihr seid noch jung, und in
diesem Sumpfnest konntet Ihr nicht lernen, was in der Welt not tut. Eure Base
Brigitte ist ein wacker Weib, eine gute Hausfrau, Gott erhalte sie so lange
meinem Vetter Götz; aber junge Edelleute zu erziehen, taugt sie nicht. Lasst mich
dafür sorgen, wenn ich Euer erstes gutes Stück gesehen.«
    Hans Jürgens Brust atmete auf.
    »Nachdenken, eh man's unternimmt, ist gut, wie ich sagte. Doch wenn Aeltere
für Euch denken, mögt Ihr Euch die Mühe sparen. Hans Jürgen hielt es vielleicht
vorhin für nicht ganz recht. Mein lieber junger Freund, wenn alles recht in der
Welt herginge, dann sähe es anders aus. Man hätte nicht gewagt, Euch zu
befehlen, mein Pferd in den Stall zu führen, Ihr sässet zu Selbelang auf Eurem
eigenen. So ist's nun in der Welt; es hat sich alles verrückt', und der Einzelne
tut genug, wenn er, was an ihm ist, die Sachen wieder in die Richte schiebt.
Was sind jene Krämer, die jetzt so viel Geschrei machen über Gewalttätigkeiten
und Unrecht? Betrüger! Auf unseren Strassen ziehen sie, über unsere Brücken
fahren sie, ihre Pferde grasen in unseren Wäldern, und wir sollen sie nicht zur
Rede darüber stellen, ihnen keinen Zoll, kein Geleitsgeld abfordern, was unsere
Väter taten? Geben sie uns Geschenke dafür, danken sie uns nur? Nein, sie
ziehen dem Bauern, dem Edelmann das Fell vom Leibe, und man muss sie mit
Sammetandschuhen anfassen, sonst machen sie Lärm. Das kann so nicht dauern!
Alle Kreatur krümmt sich und wehret sich; nur der Edelmann soll still schweigen
und alles dulden. Der Bürger schliesst sich in seine Mauern und lässt nur die
Marktleute ein, die ihm gefallen und Abgaben zahlen. Der Fürst lässt sich
steuern, Zins und Schoss, immer mehr, immer mehr. Der Pfaff nimmt den Decem,
Opfer, Beichtschilling, und ist's ihm genug. Uns nur soll alles genügen. Das
geht nicht an. Im Uebrigen, das ist heute nur ein Spass. Wenn wir den Lumpenkerl
nicht ein bisschen schütteln, tut's ein anderer, und ärger. Dem Galgen entgeht
er doch nicht; er hat bei dem Schacher selbst Seine Kurfürstlichen Gnaden über's
Ohr gehauen, und nach Berlin wagt er sich gar nicht mehr. Das war eitel Gerede
von ihm, wie man's auch deutlich sieht, dass er sich von der grossen Heerstrasse
mit seinem Raube durch die Wälder schlängelt. Wer ein gut Gewissen hat -«
    Draussen ward es lebendig. Die Rosse wurden aus dem Stall gezogen.
    »Unterwegs plaudern wir weiter, Herr von Bredow. Seht, da geht der Pfaff
über die Gallerie in seine Schlafkammer. Der braucht heute nicht gewiegt zu
werden. Lacht sich in's Fäustchen, wie er uns balbirt hat. Ihr denkt doch nicht,
dass er sich daraus ein Gewissen macht? Vor seinem Heiligen wenn er kniet, hat er
hundert Gründe, warum er's tat. Mein Lieber, so tun's die Menschen Alle. Jeder
wird balbirt, und balbirt die andern wieder. Der nur ist ein Tor, der nur hat
unrecht, der es geschehen lässt und sich nicht hilft. Uebermorgen, Lieber, müsst
Ihr mir den Gefallen tun und mich in Berlin besuchen. Mit Eurer Base lasst
mich's abmachen. Ich will Euch dem Kurfürsten vorstellen. Er denkt eine
Ritteracademie zu gründen, wo wackere junge Adlige in adliger Zucht und Sitte
erzogen werden sollen.«
    »Ich!« rief Hans Jürgen.
    »Aber erst ein kleines Probestück!« Der Ritter klopfte ihm auf die
Schultern.
 
                                Achtes Kapitel.
                           Eine schlimme Entdeckung.
Es ist was los! murmelte Einer dem Andern zu, und machte dabei eine pfiffige
Miene. Die stille Geschäftigkeit, das Gewirr und Durcheinanderlaufen und
Flüstern sprach laut in die Stille hinaus: es ist etwas los. Treppauf, treppab,
ging es ohne Gepolter, Rosse wurden gezäumt und gesattelt und die Knechte
fluchten nicht und rissen nicht Witze; aus der Rüstkammer trugen mit verhaltenem
Atem die Junker Pickelhauben, kurze Spiesse, Büffelwämser und was zu einem
Ausreiten gehört. Der von Lindenberg warf sich das Panzerhemde des alten Bredow
um und Hans Jürgen gürtete ihn. Hans Jochem reichte ihm die Stahlhandschuh, die
dem edlen Herrn ein weniges zu gross waren, aber er sagte: »Es schadet nichts.«
Den Helm mit dem Sturz wollte er nicht. »Die Nacht ist das beste Visir!« und er
stülpte eine Sturmhaube auf von Büffelleder, mit breiten Klappen und
Blechbeschlägen.
    Langsam hörte man die Zugbrücke knarren und das Fallgitter aufziehen. Die
Alle sagten: »Es ist was los!« aber Casper sagte: »Nun geht's los!« als die
Fräulein an ihm vorüber huschten, nicht wie ihre Art vorsichtig, und dem
Graubart zuwinkend. »Lauft nur,« rief er nach, »das Donnerwetter kommt Euch doch
nach, wenn die Mutter es nicht bald findet. Das kommt davon, wenn die Leute
wollen klüger sein und alles besser machen. Mein Herr Götz weiss auch, wo Bartel
Most holt, wenn er den Wein ausgeschlafen hat, und wer dem Bären den Pelz
waschen will, der seh' sich vor, dass er nicht selbst gewaschen wird.«
    Gegenüber der Erkerstube, wo der Ritter lag, war ein kleines Kämmerlein, das
Schilfdach lief schräg darüber hin. Der Sturm hatte vorhin darauf geschlagen,
dass die Sparren knackten, jetzt schlug es darinnen auch, aber der Sturm war in
einer jungen Brust. Hans Jürgens Herz pochte, dass der alte Casper draussen es
hätte hören können. Wohl hätte er sich beschauen mögen, als er nun fertig war,
wie er aussah, aber in der Kammer war kein Spiegel und kein Licht. Nur die
Sterne aus dem schiefen Fenster blitzten auf den verrosteten Harnisch. Er lehnte
den Kopf hinaus und schlürfte die laue Nachtluft ein. Da kamen unversehens seine
Finger unterm Brett zusammen, als wenn er sie falten wollte. Er erschrak fast:
»Nein, Beten, das schickt sich nicht, jetzt nicht. Nachher!« -
    Da er sich umwandte, stiess er mit dem Kopfe an das Schilfdach: »Das soll
auch nicht mehr lange sein! Nachher!« - Er schwieg und tappte durch die dunkle
Kammer nach der Tür. Draussen war es licht an der Lampe, die der alte Casper
immer ansteckte, wenn sein Herr erwachen sollte.
    Der schaute den Gerüsteten verwundert an, und seine Mienen gingen in ein
Lächeln über. Eine Sturmhaube trug Hans Jürgen auf dem Kopf mit einem breiten
Rand, und die beiden Flügel eines Habichts waren in den Kamm gesteckt. Der
Harnisch war über einen verblichenen Wappenrock von blauer Farbe geschnallt, in
dessen gesteppten Faltenwurf die Motten lange genistet zu haben schienen, und
dazu klirrte ein schwerer Degen an seiner Seite.
    »Na nu!« rief er ihn an. »Gegen wen ziehst Du aus?«
    Hans Jürgen machte ein wichtig Gesicht: »Geb' dem Gast das Geleit.«
    »Glaubte wenigstens, Du zögest gegen den Grosstürken. Nun will ich Dir was
sagen, Hans Jürgen. Wenn Du gegen den Türken ziehst, dann magst Du den Degen
klappern lassen, aber wenn Du des Nachts ausreitest, trag' ihn sein unterm Arm.
Noch etwas,« rief er ihm nach, »wenn's verkehrt geht, wundre Dich nicht, Du hast
die Sturmhaube verkehrt aufgesetzt. Und wenn Dein Vater seeliger ausritt, ich
meine, wie Du jetzt, dann zog er nicht seinen Wappenrock an, wie Du jetzt,
sondern hing den schlechtesten Kittel um. Sieh Dich nur da im Schild an der
Wand.«
    Ein erster Blick, den Hans Jürgen auf das Schild tat, zeigte ihm, dass der
alte Knappe recht hatte. Er stülpte die Sturmhaube um und nahm den Degen unter
den Arm.
    Aber des Vaters Rock, den konnte er doch nicht mehr ausziehen.
    »Ei die Nacht ist duster, Hans Jürgen,« lächelte der Alte, »und die Farbe
ist ausgeblichen. Auch ist's lange her, dass der Rock geleuchtet auf der Strasse,
da kennt ihn wohl keiner mehr. Nun noch 'nen guten Rat auf den Weg: Lass Dich
nicht bangen, sie tun keinen hangen, den sie nicht fangen. Sprich nicht, wo Du
schlagen kannst, aber wo ein Anderer zuschlägt, brauchst Du nicht
nachzuschlagen. Trau mehr auf Dein Gesicht, als wenn ein Anderer spricht. Beim
Teilen, da musst Du eilen. In der Not ist ein gut Pferd besser, als ein guter
Freund; und gute Freunde in der Haide bringen draussen manchem viel Leide. Viel
Hunde sind des Hasen Tod, aber wenn Du des Nachts ausreitest, hüte Dich vorm
Morgenrot.«
    Hans Jürgen war längst die Treppe hinunter, als der Alte noch in seinem
guten Rate fortfuhr. Aber er sah ihm freundlich nach: »Wird schon was aus ihm
werden. Ein gutes Pferd muss scharf zugeritten werden. Aber ohne solchen kleinen
Spass versauert er ja.«
    Es war etwas los, das Alle wussten und keiner sprach es aus: nur Eine wusste
es nicht. Bisweilen geht es in den Häusern zu, wie in den Schlössern der Könige.
Was Alle wissen und sich zuflüstern und darüber lachen und sich freuen, weiss der
Herr nicht, den es doch zunächst angeht, aber Niemand wagt es ihm zu sagen, weil
sie ein böses Gesicht fürchten. Die Burgfrau, die sonst Alles sah und hörte, ja
ihr entging nicht der stille Gedanke, der sich im Gesicht verriet, heute sah
sie nicht die emsige Geschäftigkeit, sie hörte nicht das Geflüster, und wenn sie
sah und hörte, übersah sie's und überhörte es, denn ihre Gedanken waren
anderswo.
    Durch die Böden und Kammern war sie mit dem Schlüsselbund treppauf, treppab,
rechts und links und hatte das eine noch nicht gefunden, was sie suchte. Und
dreimal schon war sie wieder an dem Knecht Kaspar vorbeigestreift, und dreimal
hatte er ihr zugerufen: »Gestrenge Frau, nun ist's bald Zeit.« War's die schwüle
Luft, hatten die Unholde es ihr angetan? Sie fragte Niemanden, sie hätte sich
ja selbst angeklagt, dass sie etwas vergessen, und gesehen hatte sie's doch,
Stück für Stück war es durch ihre Hände gegangen, als sie abluden.
    Da schlug sie plötzlich die Hände zusammen. Wie ein Blitz leuchtete es vor
ihren Augen. Sie war auf der Gallerie nach dem Hofe. Die Pferde standen
gesattelt, der fremde Herr liess sich noch einen letzten Trunk reichen. Eine
Fackel warf ihr ungewisses Licht auf die Gruppe. »Da steht er ja.« Hans Jürgen
schlug seine Hand in die seiner Muhme, die sie ihm hinhielt. »Ich bringe Dir was
mit Evchen.«
    Eva lachte, als ob sie's bezweifelte. »So war -« sie hielt ihm schalkhaft
den Mund: »Versprich nichts, Hans, Ehe Du's halten kannst. Du bist ja noch nicht
fort.« - »Wer soll's mir nur wehren!« rief er und seine Augen funkelten. »Der
Herr ist mir gut, und wird was besseres aus mir machen, dass keiner sich mein
mehr zu schämen braucht.«
    »Hans Jürgen!« rief eine Stimme durch's Dunkel, wie eine Trompete, die zum
Gericht schmetterte. Die, welche die Stimme kannten, fuhren zusammen; es war der
Ton in dieser Stimme, der ein aufziehendes Ungewitter ansagte. Eva zog ihre Hand
zurück und senkte ihre Wimpern. Der, dessen Namen gerufen ward, riss die Augen
auf, aber er liess sie im selben Augenblicke wieder sinken.
    Es war gewiss ein Spuck der Nacht, oder eine arge Frau musste die Edelfrau mit
Blindheit geschlagen haben, als die Stücke vom Wagen geladen wurden. Der Sturm,
der Wirrwarr allein konnte ihre scharfen Sinne nicht so geblendet haben, dass sie
etwas sah, was nicht da war. Aber wie stand ihr jetzt alles klar vor Sinnen. Da
hingen sie ja zwischen den Fichten, vom Winde geschaukelt, Hans Jürgen hatte die
Wacht. Sie selbst war nicht mehr hingekommen, sie hatte nicht befohlen, sie
abzunehmen. Wer sollte sich's unterstanden haben, es eigenmächtig zu tun?
    »Hans Jürgen, wo sind sie?«
    »Was, liebe Base?« sprach der Ritter Lindenberg und erschreckte doch fast,
als er die Frau sah, die ihn nicht sah. So aufgebracht, so keuchend und blass war
sie hinunter gestürzt und stand vor ihrem Kleinvetter, wie der Richter vor einem
armen Sünder.
    »Wo sind sie blieben, Hans Jürgen?«
    Es war, als sollte Hans Jürgen der festgeschnallte Harnisch vom Leibe
fallen, seine Arme hingen schlaff herunter, die Pickelhaube sank nach vorn über.
    »O weh!« seufzte Eva Bredow.
    »Meines Mannes Elennsbüchsen, Hans Jürgen! Bist Du taub?«
    »Unseres Herrn Elennsbüchsen,« wiederholte es stammelnd aus dem Dunkel des
Hofes. Wenn die gestrenge Frau so erschien, fühlte Niemand sich gemüssigt
vorzutreten. Der arme Hans Jürgen stand ganz allein und das Wort erstarb ihm auf
der Lippe. Er stotterte etwas vom Krämer Hedderich, vom Sturm, vom Kurfürsten.
Er hätte auch von den Sternen und seinem seeligen Vater reden können, er wusste
nicht, was er sprach.
    »Wie siehst Du aus. Ist hier Mummenschanz?« rief sie, die Fackel ihm fast
in's Gesicht haltend. »Zum Aufpassen stellt ich Dich hin, nicht zur
Narreteiung.«
    Mit einem raschen Griff hatte sie die Habichtsflügel und die Stahlhaube ihm
vom Kopf gerissen; sie flogen auf den Boden. Mit einem zweiten löste sie unsanft
den Bauchgurt, der den Degen hielt, dass er klirrend zu Boden niederfiel, und zum
dritten hatte sie ihn am Arme aus dem Kreis gerissen.
    »Den Harnisch soll da drinnen der Ruprecht lösen und den Rock ausziehen.
Will ihn Dir verschliessen; Deines Vaters Erbstück ist zu gut zur
Fastnachtsjacke.«
    »Verzeiht nur, gnädiger Herr,« wandte sie sich zu dem Ritter, »dass der
ungeschickte Bub' Euch Ungelegenheiten macht. Nichts als Mucken und Nucken im
Kopf, wenn man ihm nicht allzeit auf die Finger sieht.«
    »Frau Base,« sagte der Ritter, »er sollte mir das Geleit geben, wie Ihr es
bestimmt.«
    »Doch nicht als Mummelack! Erst Birkenreiser und dann Ritterdegen. Der Hahn
soll nicht über den Zaun fliegen. Die Leute lachten ja meinem Vetter von
Lindenberg, einem kurfürstlichen Rat, nach, wenn er mit 'ner Vogelscheuche
durch die Dörfer trottirte.«
    Der arme Hans Jürgen! hörte er das stille Gelächter, in das auch der hohe
Ritter, sein Beschützer, unwillkürlich einfiel. Die Bitte und Verwendung
desselben half nichts, vielleicht weil sie nicht zu ernstaft gemeint war.
Dringen auf die Begleitung durfte er nicht, Peter Melchior flüsterte ihm zu:
»Nehmt Euch in Acht, dass sie nicht den Spass' merket!« Auch mochte er vielleicht
nicht dringen. Die Gunst grosser Herren ist ein Sonnenblick bei Aprilwetter. Er
bedurfte zu nichts des Jungen.
    »Hans Jochem soll Euch's Geleit geben, auch Peter Melchior, so er Lust hat.
-«
    »Nur bis zum Heidekrug,« fiel dieser rasch ein, »Muhme. Bin müd' und will
nächten bei meinem Gevatter in Golzow. Wenn morgen einer nach mir fragt, bin ich
bei dem zur Nacht gewesen.«
    »Und Hans Jürgen?« fragte lächelnd der Ritter, aber sein Lächeln galt dem
vorsichtigen Peter Melchior.
    »Der nächtigen!« rief die Edelfrau, »der soll gar nicht nächtigen und nicht
schlafen, weil er schlief, als er wachen sollte. Denkt Euch, hat meines Herrn
Leibkleid auf der Bleiche gelassen, und ich hab's ihm auf die Seele gebunden.
Wozu ist er denn, wenn er zu nichts taugt! Zum Maulaffenfeil, zum Brummen und
Grunzen wird er nicht gefüttert, auch nicht zum Mummenschanz. Hinaus soll er,
auf der Stelle hinaus, und nicht wiederkehren bis er's findet und bringt. Ich
sollte strenger sein; aber dank's dem Herrn. Ist das Zucht? Hast Du die gelernt
in meinem Hause, dass ich ein Aug' zudrücke. Ach, Herr von Lindenberg, man hat
mit dem Jungen seine Not. Trotz und Übermut, und mein Mann ist ein guter
Mann, aber zur Erziehung taugt er nicht. Ihr wisst doch, wie er eigensinnig ist
auf das alte Erbstück, ich habe meine Not damit, und gerade die liess der Junge
draussen im Stich, und weiss, wie's mir an die Seele geht. Aber Ihr habt Eile -«
    »Sagt ja,« kreischte Peter Melchior dem Ritter in's Ohr. »Sie sagt Euch
sonst die ganze Litanei von den Hosen -«
    Es polterte und rasselte über die Zugbrücke, sie knarrte wieder, und das
Fallgitter fiel in seine Fugen, die Fackeln erloschen, die Knechte und Mägde
schlichen zurück. Warum mussten sie im Vorbeigehen alle auf ihn sehen, warum
draussen durch das Fenster nach ihm schielen, warum wiesen sie mit den Fingern
nach ihm? er dachte es sich wenigstens. Der Harnisch lag auf der Erde, der
Wappenrock hing über der Schemellehne; den Degen seines Vaters hatte die Muhme
vor seinen Augen in den grossen Schrank verschlossen. Da perlte ihm die erste
Träne aus dem Auge, als sie vor Allen zu ihm gesprochen: »Lerne was, dann
kannst Du was, aber was Hänschen nicht lernt, wird Hans nimmer lernen, und der
Du nicht gelernt vor einer Leine Wache stehen, wie soll er vor'm Feind seine
Schuldigkeit tun.«
    Sein Stolz war geknickt, sein Mut gebrochen. Wie höhnisch hatte ihm Hans
Jochem vom Rosse zugenickt. Der war nun glücklich, der durfte sein Probestück
ablegen, der brachte seinen Muhmen Geschenke zurück. Von ihm würden Alle
sprechen; wie würde er stolz des Sonntags zur Messe schreiten, wie sollten ihn
die Leute ansehen und ihn würde der vornehme Herr von Lindenberg mitnehmen nach
Berlin, ihn in's Schloss nach Kölln bringen. Da ward er dem Kurfürsten
vorgestellt, kam in die Ritterschule, erhielt besondere Aufträge und stieg in
Ehren und Ansehen. Eine goldene Kette hing um seinen Hals, die schönen Fräulein
sahen ihn mit Wohlgefallen an, sie scherzten mit ihm und liessen sich gern von
ihm unterhalten, und wenn er einmal zurückkam in das Schloss seines Verwandten,
selbst nun ein hoher, vornehmer Herr, da würde man ihm entgegenstürzen, wie heut
dem Herrn von Lindenberg, vielleicht rief die Base wieder den Hans Jürgen, dass
er dem Reiter den Steigbügel halte, dass er sein Pferd in den Stall führe, und er
-
    Es war zu viel, zu rasch, zu bitter war die Täuschung gekommen; die Tränen
stürzten ihm aus den Augen und das Gesicht in die Arme drückend, lehnte er sich
unter heissen Tränen an den Ofen.
    Nun war es ganz still geworden. Die Hunde im Hofe schwiegen; das Stroh
raschelte noch, auf dem die Knechte sich wälzten; das Feuer im Heerd war
niedergebrannt, einzelne Kienäpfel knisterten noch und sprangen. Die
Geisterstunde war's und er allein. Im Augenblick fürchtete er sich nicht. Und
wären die Unholde alle aus dem Schlot niedergefahren, was konnten sie ihm tun,
er war ja schon vernichtet! Wenn sie ihn umringelt, umstrickt hätten, wenn die
Erde sich gespalten und er niedergesunken wäre ins ewige Grab, was war das
Schlimmes für ihn? Dann brauchte er nicht mit verschämtem Antlitz das
Morgenlicht anzusehen, nicht den Gesichtern zu begegnen, die ihn alle fragten:
bist Du noch hier, Hans Jürgen?
    Solche Stimmungen dauern nur kurz. Das war ein erlogener Mut. Als die Eulen
draussen anfingen zu heulen, als der Wind wieder in einzelnen Stössen durch die
Kiefern sauste, als er an den langen schauerlichen Weg dachte, den er allein bei
Nacht und Nebel durch die verrufene Gegend machen sollte, fröstelte ihn. Und es
war Zeit. Er hörte es die Treppen herunter rascheln. Die Burgfrau war es, aber
wie ein Gespenst, das Schlüsselbund klapperte an ihrer Hand, aber das Eisen war
verrostet, das gibt einen eigenen Klang. Er wollte um Alles in der Welt nicht
noch einmal ihren zornigen, verächtlichen, vorwurfsvollen Blick aushalten. Er
musste fort, und die Sohlen waren ihm doch wie fest am Boden angewurzelt.
    Es säuselte und rauschte durch die Luft, leise Tritte schwebten näher und
der kalte Angstschweiss stand ihm auf der Stirn, als ein sanfter Druck seinen Arm
berührte und eine weiche Stimme seinen Namen sprach. Es war kein Geist auch die
Edelfrau nicht, und dennoch durchzuckte ihn ein tiefer Schmerz, als Eva's Augen
durch die Dämmerung ihn anblickten.
    »Kommst Du auch, um mein zu spotten?«
    »Hans Jürgen, ich komme nicht, um Dein zu spotten. Du musst fort. Wir haben
die Mutter gebeten; allein sie ist gar aufgebracht. Du weisst wie Vater ist, wenn
er aufwacht.«
    »Schimpf mich nur, ich hab's um Dich, ich hab's um Euch verdient. Wenn er
tobt und flucht, kriegt Ihr es auf den Hals. Lass mich doch hier und stellt mich
hin. Ich verdiene es. Was lief ich fort, nun ist's an mir, dass ich dafür büsse.«
    »Ach Hans Jürgen, Du musst ja schon büssen.«
    »Weine nicht Eva, Du bist ein gutes Mädchen.«
    »Ach wenn nicht die Waschbank gewesen und ich Dich nicht geneckt -«
    »Dann hätte ich Wache gestanden, bis ich aschgrau wurde,« fiel er ein. »Ich
stände noch jetzt. Nein, Deine Mutter war's, die rief mich ab, dass ich dem
Schurken von Krämer nachsetzen musste, und dann musste ich ihm seinen Packen
aufladen. Darüber ward's vergessen. Du bist nicht schuld, Eva. Der Hedderich
ist's, Deine Mutter ist's, ach ich weiss nicht, was ich rede; aber 's ist gut,
wenn sie Einen haben, dem sie Alles aufladen können, dazu bin ich gut, zum
Sündenbock. Nun lass mich gehen, Evchen, nun ist Alles aus; nun werde ich mein
Lebtag nichts. Sie werden mit den Fingern nach mir weisen und pfeifen, und sie
haben Recht. Hans Jochem, der wird lachen, der wird wiederkehren. Dem werden sie
um den Hals fallen, Mutter und Vater, und Du auch, Eva -«
    »Ich nicht.«
    »O verred' es nicht. Wer nur Glück hat, dem kommt Alles entgegen. Aber wer
Unglück hat, der kann anfangen was er will, dem gelingt nichts. So hat's meine
Mutter seeliger gesagt und so probirt sich's an mir. Hinaus soll ich und das
Zeug holen und nicht wiederkehren, bis ich's fand. Und wenn ich's nun nicht
finden tu, dann geh' ich suchen, suchen, bis - bis Ihr mich vielleicht auch
suchen geht und nicht findet. Die Welt ist weit, und wenn mich kein Irrwisch
verlockt und ich nicht im Sumpf stecken bleibe oder über einen Strauch falle und
ein Bein breche und ein Rudel Wölfe erbarmt sich mein, so ist's am End zum
Besten, ich mach' mich gleich auf die Beine und kehr' nimmer wieder. Die Rosse
zeichnen und den Tauben pfeifen und Wacht halten bei der Wäsche, o dazu werden
sie auch anderswo mich brauchen können. Dazu ist's nicht nötig, ein
Anverwandter zu sein vom Hause. Dann fragt wohl Einer, aber wo ist denn Hans
Jürgen blieben? Und wenn ich nimmer wieder kommen tue, dann sagt Ihr wohl am
End: 's ist doch schad' um ihn, und dass er darum -«
    Sie hatte seine Hand gefasst, und er fühlte, dass sie etwas hinein drückte:
    »Du wirst heimkehren und glücklich. Bewahre das, und tu's um den Hals.«
    »Was ist's?«
    »Das Amulet, was ich von der Grossmutter seeliger habe. Wer das auf dem
Herzem trägt, dem können die bösen Mächte nichts anhaben, wenn er auf guten
Wegen geht.«
    »Eva das ist Dein. Nimmermehr, das nehm ich Dir nicht. Das musst Du
behalten.«
    »Ich geh' ja nicht in der Nacht aus, wo die Unholden Macht haben. Zumal auf
den Kreuzwegen, da drücke es recht fest an's Herz. Und an der Schnur tust Du's
um den Hals.«
    »Eva Du -«
    »Gott bewahre, hier in der Burg. Da sind ja keine Unholden. Vorhin, als ich
lauschte dem Gespräch, und der Ritter Euch zusprach, da ward mir recht bang und
ich drückte das Herzlein an mein Herz. Und da schon dachte ich, ich wollte es
Dir geben, wenn Du mit ihm ausrittest, aber dann schämt' ich mich wieder. Hans
nimm's, steck's ein, sag's Keinem. Bring's mir wieder, wann's Dir gut gegangen.
Fort, nur fort. Rede nicht weiter, lieber Hans Jürgen, das tut nichts. Die
lieben Englein sind bei Einem auch ohne Amulet, sagt die Mutter, und die kann's
eigentlich nicht leiden; nur weil's von der Grossmutter seeliger kommt, die hielt
soviel drauf. Nun sei ein guter Junge und geh, und behalt mich lieb und Keinem
sag' davon was.«
    Er stöhnte tief auf: »Ach Eva, Gott lohn's Dir, und ich will ein schlechter
Kerl sein, wenn ich Dir nicht Alles verzeihe, was Du mir zum Possen getan hast
mit den Andern. Weine nicht Evchen, beim lieben Gott im Himmel und allen
Heiligen, ich weiss nicht, was ich spreche. Es geht mir so im Kopf um. Aber wenn
ich dachte, nun das wird doch gelingen, da wirst Du mal Lobs hören, da sollen
sie mal sehen, wie ich kein dummer Junge bin, wie ich mich gut halte, weisst Du,
an wen ich dachte? Nicht an mich, nur an Dich. Dir wollte ich das Beste bringen,
was ich fände. Dann würdest Du mich freundlich ansehen. Nicht darum etwa. Ach
Gott bewahre. Denn ich wusste doch, dass Du mir gut bist, aber Du schämtest Dich
mein, weil ich so gar nichts bin. Und nun hättest Du Dich einmal freuen können
und nicht schämen brauchen. Und nun ist mit einemmal Alles anders, ich bin
schlechter als ich war, und der Hans Jochem -«
    Er hielt inne, denn er glaubte einen Seufzer zu hören; aber Eva seufzte
nicht.
    »Nun ich will's ihm gönnen,« fuhr er fort, »denn ich habe Dein Amulet. Ich
bring's Dir wieder, Eva, ganz gewiss. Und wenn er auch ein Herr wird und
zurückkommt mit Beute und Ehren, und Alle ihn loben, und ich komme verachtet
wieder und ausgelacht, und meinetalben auch als ein Krüppel, so weiss ich doch
-«
    Sie schlang ihre weichen Arme um seinen Nacken und drückte einen Kuss ihm auf
die Lippen: »Bleib mir gut, ich bleibe Dir auch gut.«
    Rasch zog sie ihn fort: »Nun darfst Du nicht länger weilen.«
    An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Aber Dein Vater, Eva -«
    »Sei ohne Sorgen. Nun hat es noch Zeit. Die Mutter hat's mit dem Kaspar
abgemacht, dass der ihm noch einen Morgentrunk reichte. Er steht nun nicht auf,
bis der Hahn kräht. Ach wenn Du dann zurück wärest.«
    »Komm gesund zurück, Hans Jürgen!« rief eine andere weibliche Stimme, und
eine weisse Hand streckte sich ihm entgegen. Nun bemerkte er erst unter dem
Dunkel des Schwiebbogens, dass Eva nicht allein war.
    »Weinst Du auch, Agnes?«
    Eva flüsterte ihm zu: »Still! Es schnitt ihr was in's Herz, als er ausritt.«
    »O wenn er wiederkommt.«
    Trauernde hören scharf.
    »Dann wird er mich auch nicht ansehen,« schluchzte Agnes. »Aber -«
    »Was denn, Agnes?«
    »Ach ich möchte, die Mutter hätte ihn ausgeschickt, wie sie Dich
ausschickt.«
    Das verstand Hans Jürgen nicht.
    »Dann wär' er nicht mit dem Ritter aus.«
    »Was weinst denn, Agnes?« fragte Hans Jürgen besorgt, denn das Mädchen
wiegte sich in stillen Tränen.
    »Preise Du die Gebenedeite, Hans Jürgen,« sprach Agnes, »dass Du aus den
Stricken der Versuchungen kommst. Ein böser Tag war's, aber die Nacht wird noch
schlimmer. Geh mit Gott, lieber Junge, und wenn Du Hans Jochem siehst, sag ihm -
ach sag ihm nichts, er lacht Dich und mich aus. Wie Gott will. Mir liegt's auf
der Brust wie Blei.«
    So gut war es Hans Jürgen nie geworden, und es dünkte ihm wohl ein
besonderer Tag, dass die beiden lieben Muhmen ihm das Geleit gaben und um sein
Wohlergehen sich kümmerten, als wäre er ihr lieber Bruder.
    Sie standen am Hinterpförtlein, das nur für die Burgleute geöffnet wird und
wo sich Nachts ein Bote oder Kundschafter in schlimmen Zeiten hinaus schleicht,
der nicht gesehen sein will. Den Weg durch den Sumpf kennt nur ein vertrauter
Mann. Der Torriegel rasselte zurück, die Tür drehte sich in ihren Angeln.
    »Leb wohl, Hans Jürgen!« und Eva hauchte ihm noch einen Kuss auf die Wangen,
und ehe er sich des versah, fiel ihm auch Agnes um den Hals: »Denk nicht schlimm
von mir Hans Jürgen.«
    Da stand er draussen und wusste nicht wie ihm geschehen. Es war ihm wie ein
Traum. War er's, den sie noch eben ausgestossen und ausgeschickt wie einen Hund,
dem man einen Fusstritt gibt, und nun -! Es war ihm, als ob die ganze
Nachtgegend hell würde, als ob ein Rosenlicht über den Sumpfdünsten schwebte,
und die feuchte Luft dünkte ihm wie ein süsser Atem, der der Brust wohl tut.
Nun graute ihn nicht mehr vor dem einsamen, langen Wege.
    Die Eulen mochten schreien, der Wind heulen, die Kiefern knarren. Er hatte
Mut, Mut wie der Pilger, der zu einem Heiligenbilde wallfahrtet, denn der
Heilige ist ihm im Traum erschienen, und hat ihm verheissen, dass er das Ersehnte
durch Nacht, Sturm und Ungetüme erreichen werde.
    Behende liess er sich den steilen Erd-Abhang hinunter, wo ein Anderer auch
bei Tage vorsichtig die Füsse setzt; behende sprang er am Pfahlwerk über den
Graben, ohne das aufgezogene Brett herabzulassen und suchte alsdann leichten,
aber sichern Fusses den Weg durch die Sumpfwiese. Ein Anderer, und auch er zu
anderer Zeit, hätte den kleinen Umweg über das Dorf nicht gescheut. Doch wozu
sollte er die Hunde wecken, sprach er bei sich, aber er dachte anders. Auf dem
kürzesten Weg kam er ja am schnellsten zum Ziel und am frühesten zurück. Er
wusste jetzt nichts von Gefahr, und in gerader Richtung kreuzte er den
verräterischen Boden. Er dachte nicht an die Irrwische, die vor dem Mutigen
sich nicht zu zeigen wagten: die weissen Mummeln, die durch die Nacht blitzten,
lockten ihn nicht. Eine falsche Richtung; wenn er einmal falsch trat, und er
versank bis an den Leib in den tückischen Moor, er hätte sich die Lunge
ausschreien können um Hülfe bis Morgengrauen, wer hätte ihn gehört! Und wenn der
wendische Bauer im Dorfe es hörte, wenn er die Frau ängstlich weckte, die hätte
gewimmert: so schreit der Kobold! und Beide wären mit dem Kopfe unter die dicke
Bettdecke gerutscht, bis auch er bis an den Hals versank und die Moordecke über
seinem Kopfe zusammenschlug.
    Noch war eine Strecke Weges vor ihm und die Feuchtigkeit netzte durch die
Sohlen seine Füsse, ohne dass der Boden fester wurde, als es im Dorf Mitternacht
schlug. Er glaubte ein Geräusch zu hören, vielleicht ein Wasservogel. Er sah
sich um. Durch den grauen Moordunst schimmerte eine schwarze lange Gestalt. Wer
konnte ihm folgen? Doch hastete er seine Schritte. Aber bei einer Wendung sah er
es abermals. Mit langen Schritten bewegte sich die hagere Gestalt in derselben
Richtung. Es mochte doch ein Augentrug gewesen sein. Nur aus der Burg konnte
Jemand dieses Weges kommen, und die Pforte schloss sich hinter ihm. Aber die
Gestalt hastete wie er. Hans Jürgen's Herz schlug fühlbar. Er murmelte ein Gebet
von den guten Geistern, die ihren Herrn und Meister loben. Da war sie
verschwunden.
    Nun hatte er den Elsenbruch erreicht und atmete leichter. Er streifte die
verwachsenen Zweige, aber hinter ihm rauschte es auch in den Zweigen. Die Aves
und Paternoster, die er zwischen den Zähnen murmelte, blieben ohne Wirkung; es
rauschte immer deutlicher und immer lauter schlug sein Herz. Wenn schon auf dem
ersten Viertel Weges die Unholden ihn angingen, wie sollten sie es auf dem
langen, langen Wege treiben! - Die Elsen lagen hinter ihm, die Palten im Moor
wurden fester, in Sätzen sprang er auf dem letzten Moorwege den hohen Kiefern
und dem leuchtenden Sande zu, auf dem sich ihre riesigen Leiber erhoben und mit
ihren Kronen nickten! Es war ihm, als müsse die Macht der Unheimlichen in einem
Walde geringer sein als in Bruch und Moor. Ein Walde, der seine Häupter gen
Himmel streckt, sieht ja wie ein Tempel aus, den die Natur Gott erbaute. Schon
hat er trockenen Boden unter sich, der Sand wich unter seinen Füssen, ohne ihn
aufzuhalten; schon hatte er die ersten Kieferstämme hinter sich, als er, Atem
schöpfend, sich umblickte. Da war auch die Erscheinung. Der hagere schwarze
Schatten trat aus den Elsen, und mit langen mächtigen Schritten näherte er sich
dem Sandhügel. Hans Jürgen schlug ein Kreuz; doch der Schatten ward länger, und
plötzlich hörte er seinen Namen rufen.
 
                                Neuntes Kapitel.
                             Es ritten drei Reiter.
Die drei Reiter hatten, als es Mitternacht schlug, längst die Sumpfwiesen
umritten und trabten inmitten des Waldes, wo der Boden, von tausend
Kieferwurzeln durchflochten, so fest war, dass der Hufschlag durch die Stille der
Nacht widertönte. Als der Glockenschlag verhallte, hielt der Herr von Lindenberg
plötzlich still und zog tief Atem. Er schien, als sie ihn fragten, noch von
etwas Unerwartetem betroffen und strich mit der Hand über die Stirn.
    »Saht Ihr gar nichts?« sprach er mit gedämpfter Stimme.
    Hans Jochem wollte nur einen Lichtstreifen gesehen haben, der vielleicht von
einer Birke herrührte, die ihre Aeste geschüttelt.
    »Das war es nicht.«
    Peter Melchior aber sagte mit leiser Stimme: »Es ist nicht gut, dass wir
davon sprechen. Nachher, wenn's tagt.«
    Der Ritter schüttelte den Kopf: »So wär es also wieder nichts als
Augentäuschung. Und doch so deutlich wie zuvor noch nicht. Die Sporen schlugen
mir an die Stirn. Saht Ihr nicht wie ich mich zurückbog?«
    Die Beiden sahen nur eine absterbende Buche, deren trockener Ast, auch vom
Winde geschüttelt, das Haupt des Ritters schwerlich erreichen konnte. Es war
eben in dem Augenblick ganz still in der Luft.
    »Anderswo reit ich,« sprach der von Lindenberg, »um Mitternacht wie um
Mittag durch Haide und Wald.«
    »Der Strich hier ist nicht geheuer, das ist schon richtig,« entgegnete Peter
Melchior, »drum reite ich nimmer bei Nachtzeit als die Arme auf der Brust
gekreuzt. Seht so. Auch sind wir zu Dreien, da scheut sich das Gesindel vor der
heiligen Zahl. Es sind, dass ich's sage, die vermaledeiten Weiber, das
Hexengezücht. Die schiessen, wehen, reiten, purzeln in den Weg. Da ist gar keine
Gestalt, die sie nicht annehmen; bald schiessen sie als ein dürrer Baum, bald als
Schlange, Wurzel, als Fledermaus. Jetzt baumelt so eine am Ast wie ein
Galgenmann, und wenn Ihr scharf drauf schaut, ist's ne Raupe an einem Faden. Und
greift Ihr zu, habt Ihr 'nen Dorn in der Hand, und lasst Ihr ihn fallen,
schlüpft's als Eidechs fort. Ihr seid nirgend sicher an solchem Ort und zu
solcher Stunde, dass es Euch nicht rechts und links einen Schlag versetzt.«
    Im nämlichen Augenblick klatschte es zur Rechten des Junkers auf die Weichen
seines Pferdes, dass es sich bäumte und im gestreckten Galopp mit seinem Reiter
auf und davon flog. Hätte auch Hans Jochem seine Lust gezügelt und nicht
aufgeprustet, wie er tat, würde es der Ritter doch gemerkt haben, dass er es
war, der dem Pferde mit der Gerte einen Schlag versetzt.
    »Ihr tatet Unrecht, Junker,« sprach er ernst, doch nicht zornig. »Man muss
des Teufels nie spotten.«
    »Ei gnädiger Herr, ich spottete nur Peter Melchiors. Er redet gar zu klug,
wenn er auf die Hexen kommt. Wenn man ihn nicht manches Mal kitzeln könnte,
wär's wirklich nicht auszuhalten mit ihm.«
    »Habt Ihr selbst immer Furcht?«
    »Wofür?«
    »Der beherzteste Bursch hat auch seine schwache Stunde - ich meine im Walde,
wie wir hier.«
    »Ich weiss, wo er zu End ist.«
    »Bei Nacht?«
    »Morgen scheint die Sonne.«
    »Wirklich! Manchem herzhaften Manne ist's doch bisweilen in der Nacht zu
Mute, als zweifle er, ob er den Morgen noch sehen werde.«
    Hans Jochem lachte: »Wie sollte das zugehen!«
    Der Ritter schaute ihn noch ernstafter an: »Nun er macht oft nur Uebel
ärger. Bekenn es Euch offen, mich drückt das Etwas, das ich mir nicht erkläre,
wie ein Alp.«
    Der Junge sah verwundert auf den Aelteren: »Herr von Lindenberg, vorhin -«
    »War ich weinmütig, 's war ein aufsteigender Kitzel. Die feuchte Nachtluft
bringt andere Gedanken. Wer es weit bringen will, muss den Kitzel bekämpfen. Das
lernt sich am Hofe.«
    »Wir sind ja nicht am Hofe.«
    »Aber Weisungen, klug zu sein, gibt uns die Natur, wo wir hinschauen. Der
Fuchs baut sein Schloss mit vielen Ausgängen, das Ross wittert Blut und Mord, der
Hund riecht den Wolf und schlägt an, wo des Menschen Sinn noch nichts gemerkt
hat. Dafür ist etwas in der Luft, was dem Menschen die Dinge anzeigt, die da
kommen mögen. Habt Ihr nimmer Ahnungen gehabt?«
    »Die wollt' ich nach Haus weisen!« lachte Hans Jochem.
    »Aber der Teufel hat Mut auf Erden, zumal wenn wir, was sie sündige Wege
heissen, gehen.«
    »Der Teufel ist ein dummer Teufel, Herr von Lindenberg. Nippel Bredow war
mein Urältervater. Das Messer sass ihm schon an der Kehle. Von seinem Blut ist
was in mir. Drum scheer' ich mich den Teufel um den Teufel. Und wenn der
Gottseibeiuns mir ein Bein bricht, reit ich mit dem andern auf Eure Fährte.«
    »Es wird vorübergehen,« sprach der Ritter, »wenn wir nur erst aus dem Wald
'naus sind. Dort kommt ja Peter Melchior.«
    »Wisst Ihr was, gnädiger Herr,« flüsterte Hans Jochem, »wenn's erlaubt ist zu
sagen. Einer taugt nicht zum Spass. Wenn's losgeht, zehn gehen eins, kriegt er
Bauchreissen; und das Maul kann er auch nicht halten.«
    »Die Klette sitzt einmal am Mantel.«
    »Ueberlasst das mir; will's versuchen, sie loszuhaspeln. Wenn wir zwei Beide,
Herr, allein ritten, das gäbe mehr Mut. Mit Gespenstern, da mögen drei gut
sein, aber wo zwei sind, und Einer sich auf den Andern verlassen kann, das ist
besser.«
    Peter Melchior kam zurückgeritten, als der Waldweg sich schon lichtete. Die
Nacht bedeckte mildtätig sein blasses Gesicht: »Seid Ihr's?« rief er noch
dreissig Schritt entfernt. Lindenberg bemerkte die Lust seines mutwilligen
Gefährten, den Junker wieder zu erschrecken. Er bat ihn, davon abzulassen, der
Weg sei noch lang, Peter Melchior ihnen vielleicht doch noch von Nutzen. Aber
Hans Jochem konnte doch nicht ganz dem Triebe widerstehen.
    »Seid Ihr's, Junker Peter Melchior von Krauchwitz?« antwortete er in
ängstlichem Tone. »Und allein?«
    »Wie sollt ich nicht allein sein! Ihr liesst mich ja im Stich.«
    »Schüttelt Euch, oder dreht Euch um, ehe Ihr uns nahe kommt.«
    »Saht Ihr's? Mich riss mein Pferd fort, dass mir die Sinne vergingen. Konnte
mich kaum auf dem Sattel halten.«
    »Nicht gesehen hätten wir's, Herr von Lindenberg!« rief wie erstaunt der
kecke Bursch. »Es klammert sich ja um Euren Nacken wie der Luchs um das
Hirschkalb. Ihre Kleider bauschten auf, und dick ward sie von hinten wie ein
Mondkalb mit 'nem Jungen, dass uns schon bang ward, die Hex' hätt' Euch mit sammt
Sporen, Wams und Stiefeln verschluckt! Denn von Euch sahen wir doch auch gar
nichts. Wir haben sieben Paternoster für Eure Seele gebetet. - Wenn Ihr's nur
wirklich seid, und kein Gesichte!«
    »Beruhigt Euch, Herr von Krauchwitz,« sprach der Ritter. »Unser junger
Freund sieht zuweilen die Dinge mit eigenen Augen an.«
    »Wenn er einen Spass treiben will, dann ist's nicht der rechte Ort,« sagte
Melchior verdriesslich. »Nicht Jeder sieht den Stein, über den er fallen wird.
Wir sind hier am Lieper Eck, wo ich immer sagte, dass es nicht geheuer ist. Sie
Alle wollten's besser wissen. Der Tag hat's bewiesen und nun ist's Nacht. Dort
kommt die Brücke, seht Euch vor, wenn Ihr hinüber reitet.«
    Sie hatten sich dem freien Platze genähert, der vor wenigen Stunden noch der
Tummelplatz so vieler Munterkeit gewesen. Jetzt herrschte eine Todtenstille; der
Wind hatte sich gelegt, es rauschte nur noch in den Kiefernwipfeln und flüsterte
in den Büschen. Nur vereinzelte Krähen, aufgescheucht durch den Stahlklang der
Reiter, flatterten von ihren Aesten und schauten neugierig herab, wer sie in
ihrem Schlaf gestört. Nur die Unken sangen unbekümmert und ununterbrochen ihr
melancholisches Lied.
    Der Anführer des kleinen Trupps schien seine vorigen Sorgen und
Bedenklichkeiten abgeschüttelt zu haben. Er hielt vor der Brücke, die aus rauhen
Birkenstämmen grob gezimmert war, still, schaute sich mit der Besonnenheit eines
erfahrenen Mannes um, der vor einer wichtigen Unternehmung Erde, Luft und Wind
prüfen will.
    »Dies wäre also der Ort, wo Ihr den Krämer zuletzt saht. Nun gilt's die
Fährte zu verfolgen. Hier sind Kreuzwege. Wenn er gesagt, dass er nach
Brandenburg wollte, brauchen wir es nicht blind hinzunehmen. Auch möglich, dass
er die Brücke verschmäht hat und durch eine Fuhrt übers Wasser ging. Es ist also
nötgig, den Boden zuvor zu prüfen. Wer von uns steigt vom Pferde?«
    Es verstand sich, dass der Ritter Lindenberg durch die Frage sich selbst
ausschloss. Auch war Hans Jochem schnell vom Ross, derweil der Junker auf dem
seinen in mässigem Trabe einen Kreislauf versuchte.
    »Was ist das?« rief der Ritter, als Peter Melchior grad auf etwas
zusprengte, das jenem im ungewissen Sternenschimmer verdächtig vorgekommen war,
ohne dass er erkennen mochte, was es sei.
    »Ein Strick!« rief Peter Melchior. »Ein Strick zum Hängen und zum Knebeln,
je nachdem.«
    »Ihr seid sehr aufgeräumt, Herr von Krauchwitz.«
    »Nur der Strick, Herr von Lindenberg, tut's. Auf solchem Ritt muss man Alles
mitnehmen. Die Nacht schenkt uns, was uns Not tut und wir doch vergassen.«
    »So hinter Euch auf's Pferd damit, und lacht nicht so abscheulich.«
    Die Fährte war gefunden; sie ging über die Brücke, verlor sich aber drüben
bald wieder im Haidekraut, so dass die Reiter zunächst ihre ganze Aufmerksamkeit
der Spur widmen mussten. Die Geisterstunde war darüber verstrichen. Mit der
Erwartung schien auch die Lebenskraft der Genossen wieder erwacht. Bei einem
Köhler hatten sie die letzte Nachricht eingezogen, die es ihnen unzweifelhaft
machte, in welcher Richtung der Krämer weiter gefahren. Sie mussten ihn nach
Verlauf einer Stunde auf dem Wege treffen, welcher sich längs einem der weit
einbuchtenden Havelseen nach der Fähre hinzog, mittels der man auf der Strasse
von Brandenburg nach Potsdam übersetzt.
    »Der Ort ist gut,« sagte Lindenberg. »Der Schwieloch hat steile Waldufer und
viele Krümmungen. Was hilft dem Schurken seine Pfiffigkeit, dass er den
einsamsten Bergweg suchte!«
    »Hinter'm Berge wohnen auch Leute,« fiel Peter Melchior ein.
    »Die da wohnen, werden ihn nicht hören, Lieber. Der alte Ferge, der
Baumgarten, ist immer taub in der Nacht, wenn man ihn ruft. Doch denk ich, wir
treffen ihn schon früher. Der Sand steht. Noch Bedenken?«
    »Die Stunde ist schon gut.«
    »Und was denn nicht?«
    »Der Ort auch, ja und nein. Die flache Haide aber wäre mir lieber. In einem
schmalen Wege zwischen See und Berg kann er uns nicht entwischen -«
    »Und wir auch nicht,« fiel lachend Hans Jochem ein, »wenn Leute kämen. Wohin
sollte Peter Melchior Reissaus nehmen! Mit den Rossen kann man nicht die Berge
'nauf. Wir müssten grad in den See. Schwimmt Euers? Und der Kerl ist ein
Hexenmeister, das ist auch gewiss.«
    Der Spott hat seine Wirkung verfehlt. Peter Melchior schwenkte den Strick:
    »Wisst Ihr, warum der leer ist? Der Schuft hat Raffen gespielt. Meines Herren
Götze Lederbüchsen mitgenommen. Hans Jürgen ist in April geschickt. Nun sag mir
noch Einer, dass wir nicht mit Rechten ausgeritten. Wär' der Dechant hier, säh er
doch gleich den Fingerzeig Gottes, warum wir dem Kerl den Kopf waschen müssen.
Blitz Mordio! Sieben Tage weniger einen auf der Wäsche, damit der Lump
gestohlene Hosen rein anzieht. Ein Dieb! hängt ihn!«
    »Zum Teufel! Lasst den Strick,« rief ärgerlich der Lindenberger, »und erzählt
lieber, wie es mit den Elennshosen ist, von denen ich so viel gehört und doch
nicht weiss, was es eigentlich soll.«
    »Das weiss eigentlich Keiner so recht,« sagte Peter Melchior, da sie wieder
still neben einander ritten. »Als ich noch ein Bub' war, sah ich schon den
Grossvater von Götzen, der ritt darin zur Freite. Nun sie haben wohl schon ehedem
was darauf gehalten. Der Vater hat sie immer dem Sohn vermacht. Kurzum die Hosen
wurden immer älter, und da sie nicht rissen, betrachtete sie Einer nach dem
Andern immer mehr als was Absonderliches. Das nur ist gewiss, der Lippold Bredow,
der Landeshauptmann war unter den Luxemburgern, ward drum von den Magdeburgern
gefangen.«
    »Der Erzbischof fing ihn wohl um andere Dinge und hielt ihn in gar nicht
ritterlicher Haft.«
    »So steht's in den Chroniken. Lasst Euch's aber erzählen von Bredows, die
wissen's anders. Der Lippold war ein Mann, der sich nicht vor dem Teufel
fürchtete, so wenig als sein Ahn, der Nippel. Als es nun zu der Fehde kam mit
dem Magdeburger, dran Havelland und Zauche noch denken, sagt ihm seine Frau,
eine Bodenstein: Lippold, zieh die Lederhosen an. Es kam noch kein Bredow zu
Schaden, wenn er das Leder an hatte. Lippold aber sagte: Weib, dass ich eine
Memme wär, so ich mein Heil von so geringfügigem Ding erwartete. Von unserer
guten Sache und meinem Mut erwarte ich Sieg, und von meinem Harnisch, den der
beste Meister in Strassburg gefertigt, dass mein Leib heil bleibt, so anders Gott
es will. Das andere ist eitel Gerede. Sein Weib hatte gut reden: Lippold tu's
doch, wenn's auch nicht hilft, kann's doch nicht schaden. Er war aber, was sie
einen Freigeist nennen, und sagte: Man soll auch dem Teufel nicht Fussangeln
legen. Mein Vetter Dietrich mag's probiren, so er Lust hat. Anfangs dachte
Keiner daran, weil sich die Fehde gut anliess. Lippold aber ward im Moor gefangen
von wegen der schweren Rüstung, wie alle Welt weiss, der Dietrich aber kam davon
und hatte noch einen langen Erxleben gefangen, der ihm ein schweres Lösegeld
zahlen musste. Da raunte man sich's zu, wie es zugegangen war. Dietrich war auch
sonst glücklich im Leben, er war unter den Vordersten am Kremmer Damm und
eroberte die Fahne des Hohenlohe; nachher schloss er zu guter Zeit mit dem
Markgrafen Frieden. Aber die Hosen behielt er weg. Es war wohl die Rede, als
Lippold aus seiner langen Haft endlich loskam, dass Dietrich ihm das Leder
wiedergeben wollte, weil er's nur leihweise besessen, wie er sagte, aber Lippold
wollte es nicht haben: Da sei Gott vor, dass ich mein Heil sollte abhängig machen
von einem Stück Tierhaut, das der Gerber gegerbt und der Schneider geschneidert
hat. Ich trau auf mich selbst, und wie's der Herr über mich fügt. - Ob die
wirklich wieder einmal nach Friesack kamen, weiss ich nicht. Nachmalen ward viel
darüber verhandelt unter den Vettern, doch sie sprechen nicht gern davon. Die
Frisacker tun, als wären's gar nicht die echten, was die Hohenziatzer haben.
Der Sohn vom grossen Lippold, der hätte sie noch getragen in der Mecklenburger
Fehde, und als er fiel, sei er mit ihnen eingesargt. In Hohen-Ziatz, wie Ihr
Euch denken mögt, darf man davon nichts merken lassen. Die sagen, Lippolds Sohn
hätte sie wohl angehabt, bei Gransee, aber Walter, der Hohenziatzer, hätte sie
ihm nur geliehen, und noch auf dem Schlachtfelde zog er sie wieder aus, weil er
vermeint, alles sei vorbei; da gerade traf ihn der Pfeil aus dem Busch. Walter
aber trug sie wieder beim Leichenschmaus. Und warum trügen denn die Frisacker
jetzt die Tuchhosen, als aus Aerger. Das gibt, wie gesagt, vielerlei Gereibe
und Gestichle unter der Sippschaft; sie lassen's nur nicht gern merken vor
Dritten.«
    »Und man merkt auch wirklich nicht, dass die von Hohen-Ziatz bei dem Erbstück
sonderlich gedeihen,« sagte der Ritter.
    »Hört nur den alten Götz darüber. Wo einem ein Ritt gut gelang, eine Fehde
gut ausschlug, eine Heirat zu Stande kam, eine Ernte gesegnet war, immer stak's
in den Hosen. Nur die Frauen hätten's ihnen angetan, weil sie nicht den rechten
Glauben hätten, nämlich mit der Wäsche. Was ist Reinlichkeit? sagt mein Vetter
Götz. Das ist, dass die Weiber was der Herr gemacht und werden liess, anders
machen wollen. Das Alte beliebt Gott, das Neue beliebt den Frauenzimmern.«
    »Ich glaube, Götze Bredow hat nicht so ganz Unrecht«, brummte der Ritter
Lindenberg. »Es tut das viele Waschen nirgend - Still! - Schlug da nicht ein
Hund an?«
    Die Reiter hielten. Sie waren in einem Laubwald, welcher seine letzten
gelben Blätter im Winde schüttelte, der kalt und feucht über die Havelseen ihnen
entgegen blies. Der Morgenfrost fing an, ihre Glieder zu schütteln, nachdem die
Wärme, welche der Wein hervorgebracht, durch den langen Nachtritt verraucht war.
Dazu begann es zu dämmern, oder vielleicht war es nur die mehre Helle, welche
durch die Lichtung des Waldes aus den fernen Wasserspiegeln zurückstrahlte, die
unheimliche Stunde war's, wo der verspätete Reisende sich in den Mantel hüllt
und die Augen schliesst, wenn er in der unerquicklichen Dämmerung aufwacht.
    Auch die drei Reiter überlief es kalt, aber solchen Empfindungen Raum zu
geben, war nicht an ihnen. Der Ritter von Lindenberg war, ohne ein Wort zu
sprechen, vom Sattel und lag platt auf der Erde, das Ohr daran gedrückt. Er
winkte Hans Jochem:
    »Reitet auf die Höh', Hans, rechts um den Tümpel. Von dort habt Ihr freien
Blick auf See und Strasse. 'S ist jetzt still, doch hörte ich vorhin deutlich
Räderknarren. Möglich, dass er anhält. Auf demselben Wege dann zurück. Hundert
Schritte macht nichts aus.«
    Hans Jochem war fort wie der Wind und der Ritter aufgesprungen. Leis rief er
nach Peter Melchior, der nicht antwortete, sondern an einem Baume stehend nur
etwas lautere Töne zwischen den Zähnen vorliess, um dem Ritter zu verstehen zu
geben, dass er bete. »Himmel, tausend Sakerment!« schrie Lindenberg ingrimmig.
»Ist dazu Zeit?«
    »Bin gleich fertig; ist nur 'ne alte Gewohnheit,« murmelte Peter Melchior.
    »Wenn man sich auf ihn verlassen soll!« knirschte der Ritter. »Hans Jochem
hatte Recht. Was taugt der zu uns!«
    Den Zügel seines Pferdes um einen Baumast werfend, verfolgte er langsam den
Weg, den Boden ab und zu mit der Hand prüfend. Jetzt hatte er das Geleise der
beiden Karrenräder deutlich im Lehmboden gefunden: »Er kann nicht eine
Viertelstunde von uns sein.« Der Ritter kehrte um, er schob sich das Panzerhemd
zurecht und drückte die Haube tiefer in die Stirn. Bei sich dachte er: »Im Grund
genommen wäre Einer am besten. Wer die Arbeit teilt, teilt nur den Lohn. Die
Gefahr bleibt auf Jedem, wie der Sack auf dem Esel.«
    Beim Anblick Peter Melchiors aber schlug er ein höhnisches Gelächter auf.
Die zunehmende Helle erlaubte ihm zu sehen, was dieser eben vornahm.
    »Pestilenz! Muhme Krauchwitz, was tust Du?«
    Der Junker brachte seine schwarzen Hände von seinem noch schwärzeren
Gesicht: »Vorsicht ist immer gut.«
    »Hast Du die Kohle von Ziatz mitgebracht?«
    »Langte sie mir beim Köhler auf. Gott lässt nichts umsonst wachsen.«
    »Und Du nichts umsonst am Wege liegen. Zum Teufel mit der Kohle und dem
Rosenkranz! Auf's Pferd, ich höre ihn. Und, Herr von Krauchwitz, das sage ich
Euch, wenn's losgeht und ich nur ein Paternoster hinter mir höre, so soll das
Kreuz Donnerwetter drein schlagen, drei tausend mal! Wenn Edelleute am Wege
liegen, das ist gleich schlecht, so ihnen die Zähne klappern oder die Finger.«
    Hans Jochem hatte sich auf Umwegen bis auf die bezeichnete Höhe geschlichen.
Sein Gesicht glänzte vor Freude bei dem Anblick. Unten am rauchenden See hielt
ein vollbepackter Karren. Die scharfen Linien schnitten gegen die Spiegelfläche
des Wassers ab. Da er vom Pferd aus nichts sehen konnte, weil der Karren
unterhalb des Berges von dessen ziemlich scharfer Kante verdeckt wurde, glitt er
vom Sattel und aus dem Steigbügel; er streichelte sein Ross, das es stille stehe,
dann auf den Bauch sich legend, kroch er bis an den äussersten Rand. Die Brust
über die Wurzeln eines vertrockneten Baumes, schaute er hinab. Im Bleigrau des
Morgens ohne Sonne und Morgenrot, lagen der weite tiefe See, die hohen Ufer,
die Kiefernwälder, die bewaldeten Tonberge drüben. Noch regte sich nichts in
der Todtenstille des erquicklichen Herbstmorgens. Nur ein einzelner Habicht, der
auf dem Baum genistet, erhob sich, geweckt durch seine Ankunft, und kreiste über
ihm. Aber unter sich sah er - den Karren, den er so wohl kannte, die Gäule und
den Krämer. So weit sein Auge spähte, so sehr sein Ohr sich anstrengte, keine
Menschengestalt, kein Fusstritt, für das Opfer kein Beistand. Nur der Hund auf
dem Wagen schüttelte sich, als Hedderich abgesprungen war. Den Krämer fror, er
rieb die Hände und krümmte sich, mit etwas beschäftigt, was der Junker im
Dämmerlicht nicht deutlich sehen konnte.
    Hans Jochem pulste es auf der kalten Erde wie ein Feuerstrom durch die
Adern. Er allein, wenn er jetzt hinabkletterte, sprang, schoss, er konnte den
Schuft, ehe er sich's versah, werfen, binden, er allein machte die Sache fertig,
wozu Drei sich verschworen. Mochten sie dann nachher kommen und brummen, was
tat es! Sie konnten ihren Anteil fordern, den gönnte er ihnen. Ihm blieb die
Ehre. Es brannte und prickelte ihn. »Meinetalben mögen sie selbst wählen.« Er
lachte bei der Vorstellung, wie Peter Melchior den Kopf stecken werde in die
Packen und mit zitternden Fingern das Beste bei Seite werfen, wie er mit
neidischen Blicken verfolgen werde, was auf die Part der Anderen fiel; wie dem
Ritter Lindenberg die Zornader auf der Stirn schwoll. Ja mochten sie Alles
behalten! Wie könnte er sie dann anschauen, wie sich wieder auf's Pferd
schwingen, wie nachlässig im Sattel sitzend, zu ihnen sich umschauend und die
Hand vor'm Mund, sprechen: »Seid ihr bald fertig, ich bin müd.« Oder: »Teilt
nur wie es Euch gefällt, ich will nach Haus.«
    Und zu Haus dann, er wollte auch nichts für sich behalten, alles verschenken
und das Beste seiner Muhme Eva. Da würde sie doch mal ein freundliches Gesicht
machen, und wie ihn ansehen! Und wenn nicht - Er strich über die Lippen, wo
künftig der Bart wachsen sollte. »Dann gibt's auch noch schönere Mädchen, als
Eva Bredow. Der Waschteufel ist auch in ihr, wie in ihrer Mutter!« dachte er.
»Pfui, die roten Hände lieb ich nicht.« Der Ritter wollte ihn nach Berlin
nehmen. »Das sind ganz andere Fräulein da auf den Banketten, weiss, und die
gelben langen Locken, die meisten tragen auch Handschuhe.« Er erschrak fast,
wenn er sich Eva dachte mit den roten Händen, wie sie von der Wäsche kamen. Und
die Schuhe trugen sie auch nicht mit so dicken Sohlen. Wie flog die Berta Wedel
im Tanze und die Matilde Burgsdorf, und wie gafften Alle die Adelheid Marwitz
an, als der junge Kurfürst, der so selten tanzte, sie aufforderte. Wenn er mit
Eva da wäre, die würde der Kurfürst nicht aufgefordert haben. - Wenn er mit
seiner Braut da wäre, das dachte Hans Jochem, die müssten Alle ansehen und ihn
darum neiden. Das ist ja der Spass am Hofe. Ueber den angenehmen Gedanken hätte
er im Augenblick fast alle anderen Gedanken vergessen.
    Aber der Ritter Lindenberg, wie würde er es aufnehmen, wenn er ihm den Spass
verdürbe! Der mächtige, vornehme, Herr würde es ihm nicht vergessen. Ei was
schadete es! - Junker Hans Jochem, wie schwoll dein Mut! Den Ritter von
Lindenberg zum geheimen Feinde, und mit ihm wolltest du es aufnehmen! Er führt
dich nicht bei Hofe ein. Dachtest du, wie du dich selbst einführen wolltest?
    Der Hund unten witterte Menschennähe. Er streckte den Hals, er bellte,
langsam, spürend. »Still, Luder!« rief der Krämer. Der Hund gehorchte nur
ungern. Sein verhaltenes Geheul dauerte fort, und der Krämer hastete sich. So
waren ja die Augenblicke kostbar, der nächste schon konnte ihn verraten, wenn
sein Pferd wieherte. Es war ein Fingerzeig, dass er handeln solle. - Und doch:
warum zögerte er? Schlug ihm das Gewissen? - Ein Verrat an der guten
Kameradschaft? Aber wenn er es nicht tat, wenn er zauderte, war das ganze Spiel
vielleicht für ihn und die Andern verloren.
    Hans Jochem wollte aufspringen, als er einen empfindlichen Schmerz fühlte.
Er fuhr mit der Hand nach dem Fuss; aber am Halse, am Ohr stach es wieder. Sein
ganzer Leib war zerstochen. Er hatte sich in einen Ameisenhaufen gelegt, und die
kleinen Tiere vergebens abschüttelnd, machte er die Bemerkung, dass Schmerzen,
welche ein so verächtliches Gewürm hervorbringt, gross genug sein können, den
Entschluss eines Mannes wankend zu machen. Die Ameisen, die, soviel er rieb,
tödtete und schüttelte, nicht weichen wollten, retteten seinen Kameraden ihren
Anteil an der Ehre der Tat, und ihn trieben sie auf sein Pferd.
    Er gab ihm die Sporen. Da fühlte er einen Biss an der Pulsader, der Zügel
entglitt ihm; die Ameisen mochten vom Reiter auf das Pferd gekrochen sein. Es
sauste mit vorgestrecktem Halse durch das Dickicht. Vergebens suchte der Reiter
den Zügel wieder zu gewinnen; es kostete alle Anstrengung, sich nur auf dem
Sattel zu erhalten, da das wild gewordene Tier eigensinnig an alle Bäume
streifte.
    So kam er herabgeflogen, mehr durch Zufall als inFolge seiner eigenen
Lenkung nach dem Orte, wo er die Kameraden verlassen. Ein Reiter mit
geschwärztem Gesicht hob den Arm. Beim Anblick desselben ward Hans Jochems Pferd
scheu. Es bäumte sich, noch hielt er sich an der Mähne, aber das Ross war nicht
mehr in seiner Gewalt. Der Ritter Lindenberg kam zu spät, den Zügel zu fassen;
Mann und Ross sausten vorüber in den tiefsten Wald. Die Beiden sahen sich an.
    »Warten wir auf ihn?« fragte Peter Melchior.
    »Wenn Ihr Lust habt. Gute Reise!« antwortete der Ritter und zog die
Stahlhandschuhe fester. »Die Wipfel lichten sich, die Hähne krähen, in zwei
Stunden kommen die Marktleute vom Werder.«
    »Vetter Lindenberg, wie Ihr auch seid! Ich reite ja mit.«
    »Ich dachte, Ihr wolltet dem Jungen nachreiten.«
    »Ich meinte nur, wenn ihm nur kein Unglück geschieht.«
    »So holt einen Gelbschnabel der Teufel früher oder später.« - »Ist auch im
Grunde besser, er ist noch zu jung. Wer weiss, ob er das Maul hält.«
    »Von Euch wird er's nicht lernen.«
    »Vetter Lindenberg, wenn was passirte, wenn was raus käme, ich meine nur -
reinen Mund, Keiner weiss vom Andern!«
    Der Ritter drehte sich im Sattel um: »Zum letzten, Herr von Krauchwitz, wenn
Ihr Fieberschütteln habt, legt Euch in's Bett. - Ja oder nein?«
    »Ja! o ja!«
    »Von der Spitze an, mäuschenstill, die Trense fest, den Fuss im Steigbügel
wie angenagelt, die Sporen weitab, den Atem angehalten.«
    »Vetter!« flüsterte er vor der verhängnisvollen Spitze. »Möchte nur noch
einmal absteigen.«
    »Zur Hölle mit Euch, wenn Ihr nicht sitzen könnt.«
    »Ich sitze ja schon. Aber Vetter -«
    »Das Donnerwetter über Euer Gevetter!«
    »Ich meine nur, zwei zugleich tut nicht gut. Er könnte Lunte riechen und
schreien. Wenn Einer zuerst 'ran ritte, und ihm unter die Nase hielte, was er
für ein Lump ist.«
    »Dann braucht es keines Zweiten,« brummte der Ritter und hob sich im Sattel.
    »Was wollt Ihr von mir?« fragte der Junker, als der Ritter den Arm nach ihm
ausstreckte.
    »Von Euch nichts als Euren Strick.«
    Er warf ihn über den Sattel, und ohne seinen Kameraden noch eines Blickes zu
würdigen, gab er dem Pferde die Sporen und flog um die Ecke.
 
                                Zehntes Kapitel.
                           Knecht Ruprecht im Walde.
Wir verliessen Hans Jürgen, wie er ein Kreuz schlug, und der Schattengestalt, die
ihm gefolgt war, ein:»Gelobt sei Jesus Christus!« entgegen rief. Aber der lange,
hagere Spuk war davon nicht entwichen, und nun sehen wir ihn sogar an der Seite
des jungen Menschen durch den dunklen Wald schreiten.
    »Wo kommst Du her, Ruprecht?« hatte Hans Jürgen gefragt, als das Blut ihm
wieder durch die Adern schoss.
    »Aus'm Schloss, Junker,« lautete die Antwort, die Hans Jürgen sich freilich
selbst geben können.
    »Und wohin sollst Du?«
    »In den Wald.«
    Das konnte Hans Jürgen sich auch sagen, aber er fragte nicht weiter, denn
Ruprechts Anwesenheit war ihm nicht ganz unlieb, wenn er es sich auch nicht
gestand. Wahrscheinlich ging der Knecht nach dem Dohnenstrich und ihr Weg führte
sie da auf eine ziemliche Strecke zusammen. Hans Jürgen sprach nicht und
Ruprecht auch nicht.
    Nun aber trennte sich der Weg. Hans Jürgen musste links, rechts zogen sich
die Dohnen hin. Eine »Gute Nacht, Ruprecht!« rief er und bog links um. - »Ei sie
könnte schlimmer sein,« antwortete der Knecht und folgte ihm.
    So konnte er nur nach den Holzschlägen gehen zum Mühlenbau. Dann musste er
aber jetzt links durch die Brüche sich wendet. Hans Jürgen winkte ihm einen
Guten Morgen! zu und ging raschen Schritts gradaus. »Ist weit vom Morgen,«
murmelte der Knecht, und als Hans Jürgen sich umwandte, war er wieder hinter
ihm.
    Es war ihm lieb, und es war ihm wieder nicht lieb. Knecht Ruprecht galt für
einen finsteren, mürrischen Kumpan, der seine Schuldigkeit tat, aber nicht
mehr. Den Scherz liebte er nicht, auch bei andern, und manchem verdarb er ihn.
Aber bös war er darum nicht; wusste er doch die schönsten Märchen zu erzählen.
Und wenn man ihn nur darauf brachte, da ging es wie ein Uhrwerk los, Abends in
der Volkstube, wenn das Gesinde beim brennenden Kienspahn am Spinnrade sass. Da
war kein grauer Stein, kein alter Baum, kein dunkler Winkel, von dem er nicht
Geschichten wusste, dass den Zuhörern das Blut kalt wurde. Im Kreise von Vielen,
beim warmen Feuer hört sich das hübsch an, aber wer allein mit ihm über die
Haide ging, bei grauen Wettern, der war nicht sehr begierig, dass Ruprecht den
Mund auftat.
    Aber der Wald war auch unheimlich, und Ruprecht ein Mensch. Doch was sucht
er hier? Auch auf dem Fusspfad, der nach Brandenburg führte, ging er nicht ab.
Kräuter suchen war nicht die Zeit. War er etwa Hans Jürgens wegen hier? Wollte
er ihm nachschleichen? Doch in welcher Absicht konnte das sein? Hans Jürgen
wandte sich seitwärts in's Dickicht, rief dem Knecht ein Glück auf den Weg zu,
und meinte, als er auf einem Umweg wieder auf derselben Stelle heraus kam,
Ruprecht werde weit vorauf sein. Aber er stand noch da, auf seinen Stab gelehnt,
und gaffte in's Blaue oder in die Krähennester.
    »Warum stehst Du noch hier?«
    »Ich wusste doch, Ihr würdet hier wieder rauskommen.«
    »Woher wusstest Du's?«
    »Weil Ihr da in's Moor gerietet.«
    »Und wohin gehst Du denn?«
    »Ich meine da, wo Ihr.«
    »Hat's die Frau Dir geheissen, des Herrn Kleid suchen? Bat Dich nicht drum,
mir auf Schritt und Tritt zu folgen.«
    »Weiss es wohl.«
    »Wer hiess Dich's, Ruprecht?«
    »Ach Ihr wollt's wissen, Junker?«
    »Will's!«
    Hans Jürgen meinte, es sei vielleicht die Vorsorge seiner Muhmen gewesen. Er
hoffte, es sei so, aber Ruprecht sagte trocken:
    »Die Frau.«
    »Die Frau hat Dir gesagt -«
    »Lauf ihm nach, dass er sich nicht verirrt, und wenn ihm was begegnet, sieh
zum Rechten, dass er nicht zu Schaden kommt; er ist ungeschickt und weiss sich
nicht zurecht zu finden.«
    Nun kam er sich erst recht gedemütigt vor. Man traute ihm nicht einmal in
den Wald zu gehen, gab ihm einen Aufseher mit! Er schluckte an seinem Schmerz,
aber dann und wann brach es aus den Augen, und er wischte mit der Hand das
Feuchte fort.
    »Ich brauche Dich nicht,« sprach er plötzlich. »Will allein meines Wegs
gehen.«
    Ruprecht blieb auch zurück, aber nur scheinbar. Hans Jürgen sah ihn immer
wieder hinter den Büschen folgen, bis er selbst stehenblieb und ihn erwartete.
    »Bleib nur bei mir. 'S ist mir am Ende lieber, dass ich Dich sehe, als Dich
heimlich um mich weiss.«
    Ruprecht nickte mit dem Kopf. »Ihr habt auch Recht, Junker. Wer da noch so
heimlich geht, es schleicht ihm Einer nach, der alles aufmerkt. Aufseher und
Aufpasser haben wir allzumal, bei allem was uns in den Kopf steigt. Die Priester
sagen, das ist der liebe Gott und seine Engel. Die Priester wissen mancherlei,
was wir nicht wissen; aber ich meine so, der liebe Gott und seine Engel hätten
mehr zu tun, und das Aufpassen überlassen sie anderen. Und so Jedermann immer
an die dächte, die heimlich um ihn sind, und als wie Ihr mich ruft und's nicht
mögt, dass ich Euch so heimlich nachschleiche, wie's eigentlich die Frau wollte,
ich meine, wenn er sie sich so dächte, offenbar, wie sie um ihn heimlich sind,
dann mein' ich, wäre Manches besser als es ist.«
    »Wer sind die?« fragte Hans Jürgen.
    Der Knecht warf ihm einen eigenen Blick zu: »Meint Ihr, Junker, Ihr wärt
allein, wenn's um Euch schwebt und schwirrt? Das trockene Blatt, das Euch der
Wind nachfegt, das Reisig, das knistert, wenn Ihr's zertretet, der Leuchtwurm,
der Käfer, der im Holze bohrt, die Luft, die in den Büschen spielt bei stiller
Nacht. Ach du mein Gott, wo hätt's Worte, dass ich Euch all das nennte, was um
Euch ist und Euch auf Schritt und Tritt begleitet.«
    Sie waren an die Stelle gekommen, wo vorhin die grosse Wäsche war, wo noch
eben die Reiter still gehalten, und wo jetzt, so wenig als damals, die
Elennshaut hing. Vergebens blickte Hans Jürgen in die Kieferbäume, schüttelte an
den Stämmen und suchte auf dem Boden, während Ruprecht ruhig dabei stand und
seine eigenen Betrachtungen anzustellen schien.
    »Gebt Euch nicht Mühe hier, Junker. Ich wusst es schon dort an der
Koppelwiese. Wie's da durch die Stämme huschte, Ihr wart nur zu verloren in Eure
Gedanken, und saht es nicht, die alte Frau mit der weissen Hucke. Wo die sich
zeigt, ist's richtig. Da ist was gestohlen.«
    »Ich muss es finden, Ruprecht, und sollt ich -«
    Ruprecht war so schweigsam geworden. Er sah, die Arme auf seinem langen
Stock, ruhig den hastenden Bewegungen zu, die Hans Jürgen machte; er lief fast
wie ein Hund im Kreis, der nach einer Fährte schnuppert.
    »Nun, ich denke, mich braucht Ihr nicht. Bis hier nur hiess mich die Frau
gehen.«
    »Sagt Allen Ade im Schloss, wenn ich nicht wiederkehre.«
    »Da geht's nicht rüber,« rief der Knecht, als Hans Jürgen eine Stange
ergriff und einen Ansatz nehmen wollte, um über das Fliess zu springen. »Die Spur
führt falsch.«
    »Weisst du, wo sie zurecht führt, so sprich.«
    »Bin nicht der kluge Schäfer aus Spandow, aber wer mit Siebenmeilenstiefeln
geht, kommt nicht von Jeserich nach Brandenburg.«
    »Ach Ruprecht, die Nacht ist so finster. Wo soll ich suchen?«
    »Geht über die Brücke. Gott befohlen, Junker.«
    Ueber der Brücke lag Nacht und Wald. Hans Jürgen blieb auf der Mitte stehen
und sah sich nach Ruprecht um, der auch noch stand. Es ward ihm schwer, es kam
nur leise heraus die Bitte: »Willst Du nicht ein Stück Weges noch mit mir
gehen?«
    »So macht' es Euer Ahn, der Wusso auch,« hub nach einer Weile, dass sie
schweigend neben einander gingen, der Knecht Ruprecht an, »der meinte auch, er
brauche Niemand und könne es allein finden, bis er den heiligen Johannes doch
anrief, der hier zu Land der beste Führer ist.«
    »Sieh mal da Ruprecht, zwischen der Lichtung, da liegt was.«
    Ruprecht schüttelte den Kopf: »Das wird Euch noch oft so sein; Ihr glaubt
was zu sehen, und wenn Ihr hingreift, ist's eitel Trug. Das ist die Frau Harke.
Wo die Frau Hucke vorauf ging und wittert, wo was genommen wird, da kommt die
Frau Harke nach, das ist das tückischste Weib, die streut hin, dass die Leute,
die nachsetzen, geblendet und getäuscht werden. Mancher sah schon den Beutel mit
Gold liegen, den er verlor, und wenn er zugriff, war's Pferdekot. Die sind noch
glücklich, die ihr Zeug zu finden meinen, und 's sind Kiefernnadeln oder ein
Ameisenhaufen; aber wie viele verlockt sie in Bruch und Sumpf, und je weiter sie
gehen, um so tiefer versinken sie. Hier täte es Not, dass man immer mit der
Lampe und denn Kruzifix die Höhen suchte, weil allerwegs Sumpf ist und offenen
See. Seht, da blitzt schon der Gohlitz durch. Trau Einer dem Wasser, so
silberklar es aussieht. Jedes Jahr muss er ein Opfer haben, und ist's lange her,
dass Keiner ertrank, so ruft und lockt ordentlich eine Stimme aus dem Wasser, und
es währt nicht lange, so geht doch Einer hin, und sie sagen dann, er hat sich
baden wollen, aber er ist ertrunken. Wen sie runter zogen, der plaudert nicht
aus, was er sah.«
    Hans Jürgen hörte in der Ferne Glocken. Er glaubte sie wären von Kloster
Lehnin. Der Knecht lächelte.
    »Habt Ihr sie auch gehört? Ich hörte sie schon lange. Die Glocken von Lehnin
dringen hier nicht herüber. Das sind die Glocken aus dem Gohlitz: doch das hat
nichts Böses zu bedeuten. Die unten denken nur an ihre eigene Not.«
    Hans Jürgen hatte wohl von dem versunkenen Dorf im Gohlitzsee gehört.
    »Die mussten mal ihre Hoffahrt büssen,« fuhr der Knecht fort, »die stolzen
Bauern. So viel Brod hatten sie, und Waizenbrod, dass sie die Schweine mit
fütterten, und damit nicht genug, nein, sie haben den kleinen Kindern mit der
Krume den Schmutz abgerieben. So gingen sie mit der lieben Gottes Gabe um. Da
ist denn eines Tages der kleine Spring an der Höhe losgezogen mit Gepolter, und
goss so viel Wasser in einer Stunde als in Jahren nicht, dass der Boden weichte.
Und das Volk sah noch nicht Gottes Finger, es lachte und meinte, es müsse
endlich aufhören, und gingen nicht von ihren Häusern und Schätzen, bis es zu
spät ward. Da sank bei Sonnenuntergang das ganze Dorf ein, mit Mann und Maus,
mit Vieh und Gärten und kein Einziger ist entkommen. Das soll ein Schreien und
Blöken gewesen sein, und die Glocken klungen dazu, dass man es bis über die Havel
gehört.«
    »Das waren doch alles Heidenmenschen.«
    »Seht, Junker, das ist's, was mir nicht recht ein will. Den Pfarrer darf man
nicht fragen. Wo kriegen denn die Heidenmenschen die Glocken her? Denn das ist
das Christentum, dass wir Glocken haben. Wenn wir keine Glocken hätten, dann
stünd es schlimm mit uns. Die Glocken verscheuchen die bösen Geister. Das fühlt
auch jedes Kind, wenn's durch den Wald geht; das ist so was eigenes, wenn die
Luft zittert. Dann zittert die Seele mit, und man weiss doch, was man ist.«
    »Das sehnt sich nun alles nach der Erlösung«, fuhr der Knecht Ruprecht nach
einer Weile fort. »Daher läuten sie um Mittag und Mitternacht; es hilft ihnen
aber nichts; sie haben sich schon zu schwer versündigt. Manchmal zogen auch die
Fischer, die im Gohlitz fischen, so schwer mit den Netzen, dass es gar kein
Zweifel war, sie hatten die Glocken darin, die 'raus wollten; doch sobald das
Erz an's Licht kam, sank es unter. Da ist schon mehr als ein Netz verloren
gegangen. An einem heiligen Weihnachtsabend, das ist aber schon sehr lange her,
hat ein Fischer, der sie im Netz hatte, sie sprechen gehört. Die eine sagte zur
andern:
Anne Susanne,
Willte mett to Lanne,
als ob sie mit ihr zu Lande wollte; aber die andere sagte:
Anne Margrete,
Wii willn to Grunne schete!
und da schossen sie gleich wieder zu Grunde.«
    Sie stiegen jetzt aus einem tiefen und weiten Sandkessel, in dessen Mitte
nur ein schwarzes Moor mit einigen dürftigen Lehmhütten lag, wieder in den
höheren Kieferwald. Im Sande hatte Ruprecht die Spuren gefunden, denen er
folgte; auf der Höhe verloren sie sich wieder in der Waldfinsterniss. Er richtete
seine Blicke nur nach oben, wo der schmale Luftstrich zwischen den Wipfeln den
einzigen Weg durch das Dickicht anzeigte.
    »Hier seht Euch vor«, flüsterte der Knecht zum Junker, »und betet drei
Paternoster, das ist die schlimmste Stelle. Da haben die Unholden recht ihr
Wesen, und wer nicht muss, geht nicht zu Nachtzeiten.«
    
    Und doch entsann sich Hans Jürgen, dass es ja der Weg nach dem Kloster sei.
    »Ihr habt schon Recht. Eine halbe Stunde nur ist's bis hin, und doch hört
Ihr nicht mal die Glocken. In der Niederung verklingen sie, dass die Töne nicht
bis her dringen. Der Weg, auf dem wir gehen, ist nur ein schmaler Bergkamm, und
bald werdet Ihr's zu beiden Seiten flimmern sehen. So, da blickt links schon der
Gohlitz vor, aber rechts kommt gleich der Mittelsee, und drüben liegt das Nest
Schwina, Gott sei bei uns! Wenn Ihr ein altes Weib seht, mit 'ner weissen Hucke
auf dem Rücken, drückt die Augen zu und antwortet ihr nicht. Das ist die Frau
Hucke, und ist der Korb braun, dann ist's die Frau Harke. Die treiben hier ihren
Spuk; aber wer tut, als merkt' er sie nicht, dem tun sie nichts. Das ist noch
kein Menschenalter her, dass ein Britzke und ein Hagen hier geritten kamen. Sie
hatten einen reichen Kaufmannssohn aus Magdeburg bis auf's Hemd ausgezogen beim
Würfelspiel; dort im Kruge von Jeserich, und hatten noch nachmals beim Abt in
Lehnin eingesprochen und stark getrunken. Der Abt hatte ihnen gesagt, sie
möchten bei ihm nächten, weil's im Wald duster ist, und mit ihm, dem Abt, auch
eins würfeln; wenn es Sünde wäre, käme das auf eins raus, und am Morgen könnten
sie zur Beichte gehen, dann wär's rein gewaschen, eins und das andere. Sie aber
lachten, sie wollten sich's im Wald überschlagen, ob das bisschen Sünde den
Beichtschilling lohne. Eigentlich fürchteten sie sich mehr vor'm Abt als vor'm
Walde, denn es hiess, er hätte 'ne glückliche Hand. Kaum waren sie ein Paar
Hundert Schritt vom Kloster im Elsenbruch, so wussten sie schon nicht mehr, wo
sie waren. Sie drehten sich links und rechts und dachten, nun wollen wir doch
umkehren. 'S ist besser Geld lassen und beichten beim Pfaffen, als das Leben
lassen im Sumpf. Da sahen sie ein Licht und meinten es wär aus dem Kloster, aber
das Licht ging immer weiter, und endlich sahen sie, es war eine Laterne, die ein
Weib vor sich trug und auf dem Rücken hatte sie eine Kiepe, die war voll weiss
Zeug gepackt. Sie gaben ihren Pferden die Sporen, doch je schneller sie ritten,
um desto schneller trippelte die Alte fort, und sie hörten sie keuchen und
husten, bis sie mal stille stand, und rief: Herr Jemine, ich glaube, da ist
Jemand hinter mir her. -
    Freilich du Wetterhexe, rief der Britzke, wir haben den Weg verloren. - Wo
wollt ihr denn hin, gnädige Herren? rief sie wie ganz erschrocken. - Nach
Kloster Lehnin zum Abt. - Ach du meine Güte, sprach das Weib, da muss ich ja auch
hin; da können wir eines Weges gehen. - So führe uns, sagte der Hagen, und Du
sollst den Lohn haben, den Du verdienst. - Da trippelte sie vor ihnen her,
bergauf, bergab, und um sie her ward alles dunkel, dass sie nicht einen Schritt
sehen konnten; nur allein das Licht von der Alten. Nun riefen sie ihr zu, sie
sollte doch nicht so schnell gehn, denn sie fürchteten sie zu verlieren. Da
lachte sie - und schwor bei einem Heiligen, den beide Herren nicht kannten, das
sei doch kurios: die Herren wären ja zu Ross, und sie zu Fuss, und sieben und
achtzig Jahr alt! Der Britzke rief ihr zu, sie möchte wenigstens nicht so
springen, das Licht in der Laterne könnte ausgehen, dann sässen sie ganz im
Dunkel. Ach, sagte sie, dann leucht' ich mit meinen Augen, ich habe Katzenaugen.
Den beiden Herren war's doch nun ein bisschen unwirsch, zumal, da sie immer
tiefer in die Elsen und in die Brüche mussten, und gar kein Weg mehr unter ihren
Füssen war. Wer bist Du denn, wo kommst Du denn her? rief endlich der Britzke, da
die Alte sich auf eine der trockenen Palten im Moor niedergesetzt, und schnaufte
wie nach Luft. Kennt Ihr mich denn nicht? rief das Weib. Ich bin ja die alte
Pracherfrau, die humpelt durch's Land, und sammelt, was die Leute zu viel haben.
Wovon soll unsereins leben? Gestern war ich in Kemnitz, da hatte die gnädige
Frau Wäsche. Da hat mir der liebe Gott manch Hemde und manchen Strumpf
bescheert. Sie hatten ja viel zu viel. - Warst Du nicht in Hohenauen auch? fuhr
der Hagen drein, denn er war von Hohenauen, wie der Britzke von Schloss Kemnitz,
und dem Britzke war schon die Ader geschwollen bei der Frau ihren Worten, denn
mit der Wäsche bei ihm zu Haus war's richtig, seine Frau durfte sich aber nicht
unterstehen, auch nur ein Tüchlein fortzuschenken. Also hatte es die Alte
aufgerafft. - Freilich war ich auch in Hohenauen, kicherte sie böslich. Ach da
hab' ich erst hübsche Sachen eingepackt. Das war ein gesegneter Tag. - Nun musste
der Hagen den Britzke ordentlich festalten, dass er nicht lospolterte: Warte nur
bis Lehnin, lieber Bruder. Hier hat sie uns, das Diebsmensch; da haben wir sie.
Ich lasse sie peitschen. - Mit den Hunden hetzen, kreischte der Britzke. - Das
steht dann bei uns, meinte der Hagen. Jetzt aber lass nichts merken, bis wir raus
sind. Aber die Alte hatte Alles gemerkt. Wie sie nun wieder vor ihnen lief, und
die andern dicht hinter ihr her, warf sie ein Stück aus dem Korbe, und dann noch
eins und so streute sie links und rechts in den Moor die feinsten Hemden,
Tücher, Strümpfe und Laken. Dem Britzke kribbelte es in den Fingern, dass er's
auflange. Das schönste, feinste Weisszeug ging so verloren. Aber der Hagen kniff
ihn in den Arm: Bei Leibe nicht, das ist ja ihre Tücke. Wenn wir uns dabei
aufhalten, entwischt sie uns. Nur darauf los! Und so ritten sie darauf los, bis
sie nicht weiter konnten, bis der Moor um ihre Augen spritzte, und das helle
Wasser den Tieren bis an die Halfter ging. Ja ihr Schreien hörte Keiner als die
Hexe. Die hielt ihre Laterne hoch: Nur ein bisschen weiter noch, Ihr lieben
Herren, da findet Ihr's wieder fest unter Euch. Der Britzke riss auch sein Pferd
noch einmal los, bis Mann und Ross in ein tiefes Loch stürzten: Hilf mir, Bruder
Hagen! schrie er, bis am Hals im Wasser. Hilf Dir selber! rief es wieder aus
allen Waldecken, und es lachte wie zehntausend Teufel. Da seht Junker, das ist
der Mittelsee. Dahin hatte sie die beiden Herren verlockt, und nun ging der Mond
auf und mitten auf dem See fuhr ein Kahn, ohne Ruder und Segel, ganz von selbst,
und drinnen ein weisser Bock, der meckerte. Und den Kahn und den Bock drin sieht
man noch oft, Mittags, bei hellstem Sonnenschein über den See fahren; kein Wind
bläst, und kein Mensch rudert.«
    »Und die beiden Herren, Ruprecht?«
    »Sind ertrunken und erstickt. Keine Seele hat sie wiedergesehen, und sie
liegen noch im Moor. Da wagt sich auch kein Mähder hin, auf die falsche grüne
Decke. Der Storch selber, wenn er sich niederlässt, wippt er sich erst mit den
Flügeln, traut dem Frieden nicht.«
    »Mann und Ross, das ist schrecklich.«
    »Der Hagen hatte noch Zeit drei Vaterunser zu beten, und rief zum heiligen
Rochus, seinem Patron, und davon mag's gekommen sein, dass sein Pferd sich
durcharbeitete, nämlich in den See, es schwamm rüber, und dann fuhr es durch den
Wald wie der Satan, und stand nicht eher still, als vor der Klosterpforte. Da
wieherte es und schlug mit den Hufen dran, dass der Abt und die Mönche in
Todesangst waren. Und davon erfuhren sie's, was vorgegangen war, und der Abt
liess Seelenmessen -«
    »Konnte denn das Pferd sprechen?«
    Der Knecht Ruprecht sah ihn gross an: »Solch ein Pferd Junker! - ein Pferd,
mein' ich - nun Junker, das mein' ich, ist gottlos so zu fragen.«
    »Herr Gott, was ist das!« rief Hans Jürgen.
    Es schnaufte heran, durch die Büsche knisterte es, und ein wildes Pferd mit
schnaubenden Nüstern, funkelnden Augen und zottigen Mähnen fuhr wie im Nu an
ihnen vorüber. Laub und Erde stoben unter seinen Hufschlägen.
    Ruprecht stand, die Arme auf der Brust gekreuzt, die Augen niedergeschlagen.
Jürgen aber, so schnell es ihm auch aus den Augen war, hatte sich doch nicht
entalten können, dem Ungetüm nachzublicken.
    »Ruprecht, sahest Du's?«
    Ruprecht nickte mit dem Kopf.
    »Das war Hans Jochem's Pferd. Ritt er nicht auf dem Falben vom Hof? Ja, ja,
und das war auch sein Sattel.«
    »Gelobt sei Jesus Christ, in Ewigkeit!« schloss der Knecht und schüttelte mit
zufriedenem Lächeln den Kopf. »Das ist alles Satans Blendwerk, um uns zu irren.
Und hättet Ihr Eure Schecke gesehen, sie wär's doch nicht. Das soll uns nur
täuschen, Ihr glaubt, der Sattel war ledig. Ich sah aber einen reiten, quer sass
er drauf und schaukelte die Beinchen. Einer von den kleinen Leuten war's. Er
grinste und steckte die Zunge raus; kreuzt Euch nur noch ein Mal. Sind auf dem
rechten Wege und lassen uns nicht irren.«
    Das Pferd wollte Hans Jürgen nicht aus dem Sinn, und er hörte nur halb auf
die andere Geschichte, die Ruprecht erzählte: von der Hebeamme aus Kloster
Lehnin, die sich eines Abends bei der alten Ziegelei verirrt und ein kleines
Männlein war auf sie zugetreten und hatte sie gebeten, ihm zu einer Wöchnerin zu
folgen, und auf seinen Rutenschlag hatte sich das Wasser des Gohlitz wie eine
Falltür geöffnet, und sie war mit ihm hinuntergestiegen in das Reich der
Kleinen, wo sie eine Frau glücklich entbunden, wofür der kleine Mann ihr
erlaubte, vom Kehricht so viel zu nehmen, als ihre Schürze fasste, und als sie
nach Haus gekommen, war das Müll eitel Gold geworden. Und dass die Nachkommen der
Frau noch heute lebten und reiche Leute wären. Auch vom Klostersee drüben und
dem grünen Hut, der drauf schwimmt, aber den Fischer, der ihn greifen will,
zieht er in den Abgrund. Und von den Unterirdischen im Mittelsee, was ein gar
wunderbar Geschlecht sei von schönen Seejungfern, die in Krystallpalästen
wohnten, und wo Not wäre, den kreisenden Frauen zu Hülfe kämen.
    Hans Jürgen grauselte; sein Zittern und die kurzen Schritte, die er tat,
verrieten, dass er der Furcht war, hinter jedem Baumstamm könne ein neues
Ungetüm vorschiessen. Da wandte sich Ruprecht, der jetzt ihm vorausging, mit
langen Schritten zu ihm und er blieb bei ihm:
    »Junker Hans Jürgen!« sprach er, »nur noch eine kleine Weile das Herz
zusammengehalten. Dort am Waldrand, wenn wir in die Niederung kommen, da hören
wir schon die Klosterglocken wieder, da müssen die Spukbilder weichen. Wer nicht
auf bösen Wegen geht, hat sich nicht zu ängsten. Glaubt Ihr denn der Britzke und
Hagen wären in den Sumpf gegangen, wie die blinden Heiden, wenn sie nicht schon
dem Teufel den Finger hingehalten hätten? Der Spass in Jeserich und der Soff im
Kloster, und dass sie nicht zur Beichte gehen wollten, da hatte der Böse schon
Quartier in ihrer Seele. Ihr seid doch noch jung und ohne Sünde. Dankt Gott, dass
Ihr nicht reitet, wo der Hans Jochem reitet.«
    »Ruprecht, Du glaubst doch nicht -«
    »Bin nur ein schlechter Knecht und darf mich so was nicht unterstehen zu
denken. Aber der Teufel versteht keinen Spass, der fragt auch nicht -«
    »Ruprecht, der Herr von Lindenberg -«
    »Ist ein gar feiner und vornehmer Herr, der weiss gewiss Alles besser als ich,
und solchem schlechten Krämer auf den Kopf schlagen, das geschieht ihm im Grunde
schon recht, aber Junker, ich weiss doch nicht, mir ist lieber, dass Ihr nicht
dabei seid, und ich auch nicht dabei bin. Passt mal acht, wenn Ihr zurückkehrt,
und die Herren auch, Ihr habt's gefunden, was Ihr suchen ging't, und 's war Euch
aufgetragen; und die haben gefunden, was sie suchen gingen, und kein Mensch
trug's ihnen auf, passt mal acht, wenn Ihr beide vor dem Muttergottesbilde am
Dorf vorbei kommt. Ihr werdet dreist auf der Strasse gehen, Eure Mütze ziehen und
Eure Knie beugen. Die Herren, wett' ich, wenn sie das Bild sehen, meinen, der
Weg sei zu sandig, und der eine schwenkt durch den Wald, wo der Sand noch viel
tiefer ist, und der andere quetscht sich hinter dem Bilde durch den Moor. Sie
wagen nicht der Mutter Gottes in das Antlitz zu sehen. Und nun denkt Euch, wenn
Ihr zurückkehrt nach Ziatz!«
    Das Bild, das der Knecht andeutete, trat Hansen mit einem Male vor das
innere Auge, so hell, als der Wald dunkel war. Da kam er stolz über den Damm,
und stiess in seine schrillende Pfeife vor dem Burgtor im Morgenrot. Die
Zugbrücke war gefallen, die Edelfrau öffnete selbst das Tor und sah ihn fragend
an. Ihr strenger Blick verzog sich in ein freundliches Lächeln. Sie hielt die
Hand ihm entgegen: »Das ist brav von Dir, Hans Jürgen!« und hinter ihren
Schultern blickte Eva's noch freudeglänzender Gesicht. - Wäre er aber zu Ross mit
den Andern zurückgekommen, wie langsam, däuchte ihm, hätte er den Damm entlang
reiten müssen, den Schatten der hohen Ulmen hätte er gesucht, sich und was er
trug, unter dem Mantel verborgen. Was hätte der Wetterhahn auf dem Turm
verzweifelt gekräht, wie würde der Torflügel geknackt, welche fragenden,
scharfe, durchbohrenden Blicke würde die Burgfrau ihm entgegen geworfen haben.
Ihm war so leicht, eine Centnerlast fiel ihm von der Brust, er schritt mutig zu
und sah keine Gespenster mehr.
 
                                Eilftes Kapitel.
                                Kloster Lehnin.
»Hier gebt mir Eure Hand, Junker, oder fasst lieber meine Stange an, ein Schritt
links oder rechts ab, und Ihr seid verloren,« sprach der Knecht Ruprecht.
    Sie waren aus dem Dickicht des Waldes in die sumpfige Niederung
hinabgestiegen, welche sich noch heut in weitem Halbkreis um Ort und Kloster
fortzieht. Hier war kein Steg, kein Pfad zu sehen, ob doch die Dämmerung schon
in den weiten Lug schien; nur Elsenbüsche, verräterisches Schilf und offene
Lachen. An dieser Stelle ging der Führer selbst unschlüssig und prüfte vorher
das trügerische, zitternde Erdreich, hier wand er sich in weitem Umkreis um
mannshohe Rohrbüschel und gelangte nur durch einen Sprung mit der Stange
hinüber, die er dann seinem Gefährten zu gleichem Dienste zurückreichte.
    Jetzt standen sie ungefähr in der Mitte des Moors. Weitin zur linken
blickten ewige Lichter aus den Klostergebäuden, während ringsum nur die dunklen
Föhrenwälder im Nachtkleide ihre ungastlichen Schatten warfen. Ruprecht blieb
stehen und schaute nicht unruhig, aber bedächtig nach Luft und Erde und den vier
Winden.
    »Wir hätten doch besser getan, den grossen Weg über den Damm und durch den
Ort einzuschlagen.«
    Ruprecht schüttelte den Kopf: »Dass wir die Hunde geweckt und dem Dieb die
Spuren gezeigt.«
    »Ruprecht, bleiben wir länger stehen? Unter mir bricht es schon.«
    Der Knecht winkte ihm die Stellung zu wechseln, wie er selbst tat: »Hört
Ihr die Glocken?«
    Es läutete vom Kloster zur Frühmette. Ruprecht faltete still die Hände; Hans
Jürgen folgte unwillkürlich seinem Beispiel. Nach einer Weile hörte man über das
Wasser den Chorgesang der Mönche. Als sie ausgesungen, wandte sich der Knecht
zum Junker:
    »Will's Euch nur gestehen, wusste 'nen Augenblick auch nicht aus und ein. So,
nun sehe ich wieder klar; ich finde schon. Denke mir nun so, wie muss denen
dazumal gewesen sein in der alten Zeit, die hier verirrten, und in der Wildnis
war kein Licht, keine Glocken und kein Gesang!«
    »Sie sagen, das sei das erste Kloster, was sie in den Marken gebaut.«
    Ruprecht nickte: »Muss doch grauslich gewesen sein in solchem Land, wo der
Teufel sein Wesen trieb, ungestört, und überall umher nichts als Wald und Sumpf
von Bären und Heidenmenschen. Wo kein Heiliger war und Keiner einen Schutzpatron
hatte, wie man da nur durchkam durch die Finsternis und das Kobolds- und
Nixenzeug, das jetzt noch so fest sitzt, und die Geistlichen können's nicht
ausrotten.«
    Hans Jürgen hatte gehört, das komme davon, weil die Mönche jetzt nicht wären
wie sonst.
    »Sie sind Schlemmer und Tunichtsgute, das ist schon recht, aber die Glocken
haben sie noch. Ohne die hätten die Geister schon längst wieder Oberwasser. Das
war wohl ein gut Werk, dass sie grad hier das Stift gründeten, was es auch kosten
tat an saurer Arbeit und auch Menschenblut. Da drüben bei Namitz erschlugen die
Wendischen den Abt Seebald. Man sieht noch den Stock vom Baum, wo sie ihn runter
schütteln wollten, aber da er sich festielt, sägten sie den Baum ab und
schlugen ihn dann todt, was auch die Mönche den Heiden Lösegeld boten. Friede
seiner Seele! Ob sie den Frieden hat, das weiss ich nun nicht. Denn die Leute
hier herum sprechen anders als in den Kirchenbüchern zu lesen steht. Mehr als
Einer sah ihn im Dämmerlicht auf dem Stumpf sitzen, und wenn man ihn anrief,
huschte es in den Wald.«
    Hans Jürgen hatte immer nur gehört von dem frommen Abt Seebald, der ein
Märtyrer geworden, weil er zu den Bauern umherging, in die schlechteste Hütte,
um sie zu bekehren.
    Ruprecht machte ein eigen Gesicht: »Davon sollte man eigentlich hier nicht
sprechen, aber die Bauern meinten, zum Bekehren ist er wohl ausgegangen, aber
ihm war's mehr um die Frauen zu tun als die Männer. Einst kam er in Namitz in
eines Fischers Haus, und die junge Frau, die grade buk, kriegte einen Schreck
und wusste sich nicht anders zu verstecken, als sie kroch unter den Backtrog. Da,
als der Abt sie nicht sah, setzte er sich auf den Trog und wollte warten bis sie
käme. Doch ihre kleine Tochter lief erschrocken auf's Feld und schrie: Vater!
Vater! der Abbat sitzt auf der Mutter. Da liefen sie alle vom Felde und schworen
ihm den Tod. Als der Abt sie nun herankommen hörte, mit Mistgabeln und Sensen,
lief er, was er laufen konnte, aus dem Hof in den Wald. Sie hinter ihm drein,
und da er nicht weiter konnte, denn er war dick, kletterte er auf eine alte
Rüster und drauf kam denn die Geschichte. Alle die Mönche waren erschrocken über
den wilden Grimm der Heiden, dass sie das Kloster wieder verlassen wollten und
auswandern, und es wäre geschehen, wäre ihnen nicht da am Ausgang der heilige
Johannes erschienen, grad wie er dem Wusso erschienen.«
    Derweil hatten sie das Ende der Niederung erreicht, zwar oft bis unter die
Knöchel im Wasser schreitend, doch ohne weitere Fährlichkeiten, und die Hallen
des Lehniner Waldes, schlanke, himmelhohe Kiefern mit uralten Eichen
untersprenkelt, nahmen die Wanderer unter ihrem Schattendach auf.
    Wohl hatte Hans Jürgen von seinem Ahnherrn Wusso gehört, aber das war dunkles
Gerede gewesen, auf das er wenig geachtet, hier in den feierlichen Waldhallen,
durchschauert vom Morgenhauch, klang es anders.
    Wusso war ein wilder Heide gewesen, der nur gedürstet nach dem Blut der
Fremden, welche eine fremde Sitte und einen fremden Gott in das Land seiner
Väter einführen wollten. Oft hatte er sich unterworfen der wilden Gewalt, weil
er ihr nicht länger widerstehen konnte, aber eben so oft, wenn die Gelegenheit
sich bot, hatte er in das Horn des Urs gestossen, die alten Freunde und Genossen
gerufen, die Kruzifixe niedergerissen, die Capellen zerstört und verbrannt und
das Joch abgeworfen, das ihm eine Schmach dünkte. Und auch jetzt, als die
Herrschaft der Sachsen in der Nordmark gefestet schien, diente er nur mit
innerem Grollen den Söhnen des Bären Albrecht. Da war er einst zur Jagd
ausgeritten mit dem Markgrafen Otto, und sie waren in eine Wildnis gekommen, die
der Markgraf noch nicht kannte. Und darauf rechnete Wusso. Der Böse gab es ihm
ein, dass er den Markgraf verlocken sollte, fernab von den Seinen, und da ihn
tödten, wo Keiner es sah und Keiner die Spur finde. Dann werde alles bleiben und
werden, wie es gewesen; denn was tue das Neue, das die Christen gebracht, dem
Lande und Volke gut, als dass es die Leute unzufrieden mache mit dem was sie
hätten und ihre Väter. Die an Eicheln und Buchnüssen sich genügen lassen,
wollten nun Brod essen, und die auf fauler Streu lagen, wollten in Betten
schlafen und aus Höhlen und Hütten in Häuser und Türme überziehen. So
überredete sich Wusso und machte seine schwarzen Gedanken weiss, weil doch auch
diesem Heiden, denn das war er trotz des Taufwassers, das Gewissen anging, dass
Markgraf Otto ihm so viel Liebes erzeigt und sein Vertrauen auf ihn gesetzt.
    Dazumal war die Gegend ganz anders als sie jetzt ist. Wo jetzt die Fichten
lustig und schlank in's Blaue schiessen, war ein Dickicht von Eichen und Rüstern
und Buchen, die ineinanderwuchsen und Krieg führten um das bisschen Boden und
Luft. Da lagen umgeworfene Stämme faulend einer über dem andern, und Gewürm,
Kröten und Schlangen wimmelten am Boden, auf den nie ein Lichtstrahl fiel. Und
wo der Wald aufhörte, war die Haide mit stachlichten Ginster- und
Wacholdersträuchen besetzt, und wo die Haide aufhörte, war das Bruchland;
verwachsene Elsen und wilde Schlingpflanzen, dass kein Lüftchen durchdrang, und
in dem warmen, feuchten Dunst nisteten Schwärme giftiger Stechfliegen. Wer sich
verirrte und nicht untersank, blieb stecken in den Dornen und kam jämmerlich um
vor Hunger und Qual unter den Stichen des Geschmeisses. Und auch das Wasser, wo
es zu Tage lag, spiegelte nicht die Sonne und die Sterne und den blauen Himmel.
Da trieben umgefallene Bäume umher, mit dickem Moos und Pflanzen überzogen,
Inseln schwammen und ein buntes, schillerndes Netz von faulenden Stoffen schien
darüber ausgebreitet. Die wilden Katzen kletterten in den verwachsenen
Baumkronen, Krieg führend mit den Habichten, den Raben und Krähen. Der Bär
schlich noch brummend in den Schatten um, ein Schrecken der andern Tiere, und
die Waldameise baute ihre hohen Kegelhäuser, das einzige geordnete Gemeinwesen.
Nur den Auerochsen hatte schon der Mensch vertrieben, und auf die stolzen und
wilden Elenntiere richtete er eine verderbliche Jagd, dass sie weiter gen Osten
flohen, und die wenigen, die noch waren, scheu im tiefsten Dickicht sich
verbargen.
    »Wird Euch in der Wüstenei nicht bang, Herr Markgraf?« fragte Wusso, da sie
nun auf der Spur eines grossen Elennhirsches ganz ab waren von ihrem Gefolge, und
die Töne in's Hüftorn riefen Keinen, und die Luft war schwül und Gewitterwolken
zogen am Himmel auf. Und Wusso war doch selbst bang geworden, denn vorhin, als
der Fürst über einen Baumstamm setzte und sein Tier zu kurz sprang, dass er
herabglitt, hatte der grimme Mann schon die Axt geschwungen, die ihm am Sattel
hing, um dem Herrn den Garaus zu machen. Aber sein Arm blieb in der Luft hangen,
ein ferner Donner rollte über die Wälder.
    »Was soll mir bange werden!« antwortete Otto. »Da Sanct Johannes bei mir ist
in den Wüsteneien, der mein Schutzpatron ist und auch Deiner, Wusso.«
    Nun dachte Wusso heimlich: Ob Dir der Sanct Johannes jetzt den Weg zeigen
wird! und blieb tückisch zurück, da der Fürst, den Speer über sich schwingend,
der Fährte des Elenns folgte, ohne viel vor sich auf den Boden zu sehen. Ihre
Rosse, die nicht weiter konnten durch den Moor, hatten sie nämlich verlassen und
anbinden müssen, und Otto ging mit kühnen Schritten den Tapfen des Hirsches
nach. Nur Wusso kannte den einzigen schmalen Weg durch das Bruchland, und bei
jedem Schritt meinte er, der Fürst werde sinken. Dann überhob ihn der Morast der
Mordarbeit, und wie viele Deutsche waren in den Kriegen, von den tückischen
Wenden in die Moräste gelockt, da versunken.
    Aber der Fürst fand den Weg, ohne dass er ihn kannte, sein Fuss traf immer das
Feste und sank nie ein. Da er fast drüben war, rief er dem Wenden zu: »Was
scheust Du, Wusso? Kommst Du mir nicht nach?« - Wusso machte sich nun auf den Weg,
den er so oft zurückgelegt, aber seine Augen waren wie geblendet, oder war es
die Unruhe in ihm. Er sank mit dem Fuss ein, zwei mal, und plötzlich, als der
ganze Boden unter ihm zu zittern anfing, ward er inne, dass er falsch gegangen,
und es war zu spät, die Richtung zu ändern. Da in seinen höchsten Nöten rief
er: »Ach Sanct Johannes, wie Du den da rüber gebracht, hilf auch mir, wenn Du
den Weg kennst«. Und ihm war's, als liege um ihn eine Wolke, und ein Mann halb
nackend, mit zottigem Haar und einem Fell um die Schulter, aber einem lichten
Streifen um die Stirn, reichte dem Versinkenden die Hand und hob ihn und führte
ihn sicher hinüber. Da verschwand er, und der Fürst lächelte: »Ei Wusso, kennst
Du so wenig Dein Land, dass Du selbst eines Führers bedarfst?«
    Der Tag war heiss und die beiden wurden müde von der Jagd, denn der Hirsch,
wie oft sie ihn auch sahen, immer verschwand er wieder. Da rief Markgraf Otto:
»Den Hirsch muss ich zum Stehen bringen; ist mir doch, als hinge mein Heil und
Leben von seinem Leben ab. Ich hab's gelobt dem heiligen Hubertus; aber jetzt
kann ich nicht mehr.« Und er sank um, den Speer in der Hand, todtmüde unter
einer alten Eiche.
    Aber Wusso hatte auch gelobt bei seinem Götzen, das ist der Teufel, sein Heil
und Leben solle davon abhängen, dass er das Leben des Markgrafen nehme, was es
ihn auch koste. Schwer ward es ihm, denn er war kein schlechter Mann, und
glaubte es nur zu tun um seines Landes Wohl. Und da es Nacht wurde von den
Wolken, die aufzogen, drückte er die Augen zu und fasste den Wurfspiess mit beiden
Fäusten und wild rannte er auf den schlafenden Fürsten zu. Da fuhr ein Blitz aus
der Eiche nieder und ein Donner krachte, als wäre der Baum von seinen Wurzeln
gebrochen. Vor dem Mörder stand wieder derselbe Mann, der ihn über den Bruch
geführt, drohend den Arm aufhebend und Wusso's Wurfspeer blieb wie angelötet in
der Hand: »Ist das Dein Dank, dass ich Dich hergeführt?« sprach Sanct Johannes.
Und in demselben Augenblick fuhr auch der schlafende Fürst in die Höh', mit
einem Schrei, der Wusso wie die Trompete des Gerichts durch die Seele ging: »Ha
es ist überstanden!« Und Wusso lag auf den Knieen und wollte Worte stammeln, aber
seine Zunge klebte am Gaumen, und in ihm brannte es wie ein stilles Feuer.
    Markgraf Otto rieb den Schlaf vom Auge: »Wo ist nun das Ungetüm? Er stürzte
mir ja zu Füssen?«
    »Hier, Herr,« sprach Wusso, »zertritt es.«
    Der Fürst schüttelte das Haupt und stierte in die Wolken, wie noch im Traum:
»Den grossen Hirsch meine ich, mit seinem gezackten Geweih, und sein Rachen
sprühte Flammen. Heiss setzte er mir zu, und ich hatte schweren Kampf. Nun ist er
überwunden, der mir will streitig machen das Reich, so mein Kaiser mir zuwies,
dass ich lichten soll in der Finsternis, ausroden die alte, schlimme Weise, und
bauen und bahnen die Wege zur Erkenntnis des wahren Gottes. Sein Licht war über
mir; es schmetterte ihn nieder, aber wo ist der Feind? Eine Mark Goldes, wer ihn
mir schafft!«
    Da waren die vom Gefolge des Fürsten herangekommen, und als er ihnen
erzählte, was er geträumt, und er glaubte, es sei Wahrheit, erkannten alle
Gottes Finger. Der grimmige Elennhirsch, der ihn im Schlafe umbringen wollte,
könne nur der Satan gewesen sein, der Wut schnaube und zittere in seinem
Ingrimm, weil der Markgraf in dem Lande schon so Grosses vollbracht und noch mehr
vollbringen wolle, dass seine, die Herrschaft der Finsternis, aufhöre. Der
Markgraf erkannte, dass sie Recht hätten, und gelobte zur Stunde, dass er zum
Gedächtnis des schrecklichen Traumes, und auf derselben Stelle, wo er gelegen,
ein Kloster bauen wolle. Von da solle das Licht des Glaubens und die gute Sitte
und ehrbarer Fleiss ausgehen über das ganze Heidenland, und er wolle es reich
begaben mit Gütern, und es fest machen zum eigenen Schutz gegen jeden Angriff
und darin eine Gruft bauen, in der man ihm, wenn er zur Ruhe gegangen, die
letzte irdische Stätte bereiten solle, und nach ihm seinen Kindern und seinem
ganzen Geschlechte. So stiftete der Markgraf Otto, nachdem er die Wälder
gelichtet, Sümpfe getrocknet, Wege in das Holz gehauen, die Abtei und das
Kloster Lehnin, das erste in diesen Marken, und liess Cisterciensermönche dahin
kommen aus Seevenbeeke drüben im Mansfeldischen, welche die hohe Kirche bauten
und Türme und die Klostergebäude und die Wälle, und Mauern zum Schutz gegen die
heidnischen Wenden, denen diese Stätte des Herrn noch lange ein Stein des
Anstosses und des Aergernisses war. Lehnin aber nannte, er es, weil auf Wendisch
der Elennhirsch den Namen führt, und noch heut zu Tage ist am Chor in der Kirche
der Eichenstamm zu sehen, unter dessen Wipfel der Markgraf Otto geschlafen und
den schweren Traum gehabt.
    So ungefähr hatte Ruprecht auf dem langen Wege dem Junker die Legende von
der Stiftung des Klosters Lehnin erzählt. Aber was hatte der Ahnherr seiner
Familie damit zu tun? War er vom Markgrafen bestraft worden?
    Er strafte sich selbst. Er stürzte fort, und lange Zeit wusste Niemand, wo er
geblieben. Aber er irrte im Wahnsinn durch Wald und Haide, und war er
hingestürzt wo, müd und erschöpft, so fuhr er wieder auf, wenn er Hundeklaffen
und ein Jagdhorn hörte, denn so hatte der Wahnsinn sein Hirn umdüstert, er
glaubte der Hirsch zu sein, den der Markgraf niedergestossen, und hinter ihm jage
die wilde Jagd, geführt von Sanct Johannes, dass sie den letzten Elennhirsch
fange, auf den der Fürst den grossen Preis gesetzt.
    Da nährte er sich von Wurzeln und Gras, trank das Wasser aus dem Fliess und
scharrte sein Lager in den Gebüschen. Im Traume zuckte er auf, von den Speeren
und Pfeilen durchbohrt; er stöhnte vor Schmerz und wünschte doch, dass seine
Stunde komme.
    So hatte der Wahnbetörte sich hineingedacht in die Seele eines Tiers, das
dem Untergang geweiht war, als eines Nachts der Mann mit dem zottigen Haar und
dem Fell über dem Nacken ihm auf die Schulter klopfte: Nun hast Du gebüsst Deine
bösen Gedanken durch böse Gedanken, aber das ist nicht genug. Du wardst ein
Tier und folgtest Deinem Triebe. Nun wache auf als Mensch und büsse durch freie
Tat Dein böses Tun. Tödte und zerfleische Dich selbst. Dann erst wirst Du rein
sein von der Schuld.
    Als Wusso aufsprang, war der heilige Johannes verschwunden, aber unfern von
einem Spring sah er den grossen Elennhirsch seinen Morgentrunk schlürfen. Da war
er auch erwacht aus seinem Traume und seinem Wahnsinn. Den Hirsch musste er
tödten. Das war seine Aufgabe; sein Herr, dem er das Leben verwirkt, hatte es
geboten. Der Hirsch floh. Wer kannte, wie Wusso, die Schluchten des Waldes, die
jähen Seeufer, die Erdstürze, die Fährten des Wildes durch das Dickicht. Da
endlich hatte er es in die Enge getrieben, wo es nicht mehr fliehen konnte. Es
machte Kehrt und stand. Aber nicht mit der Wut des gehetzten Wildes, das sein
Leben im letzten Verzweiflungskampfe teuer erkaufen will. Das kluge Tier
schien sein Loos zu kennen, nicht wie ein grimmer Feind, wie ein Opfer, das den
Todesstreich erwartet stand es vor ihm.
    Den Jäger, der den Elch endlich stehen sieht nach langer, heisser Jagd,
ergreift ein sonderbar Gefühl. Der Elch mit dem langen, weit ausgreifenden
Geweih, wie ein König des Waldes, mit den klugen, schönen Augen, wie ein Mensch,
mit dem struppigen grauen Bart, wie ein Geist aus einer andern Welt. Dem
rauhesten Jäger schlägt das Herz, der Finger zittert ihm am Rohr. Er glaubt der
Elch spreche mit ihm, und sein Auge strafe ihn. Was musst du mich vernichten? Bin
ich ja doch dem Untergang geweiht.
    So sprachen des Hirsches Augen zu Wusso. - Musst du mich tödten, so tödtest du
dich selbst. Leben kann ich nicht mehr, wo ich der einzige bin meiner Art, der
nur umschleicht wie das Gespenst auf den Grabhügeln derer, die mit ihm lebendig
waren; und ihnen gehörte der Wald, die Wiese, das blaue Wasser. Nun gehören sie
Andern, die uns nicht dulden wollen; die den Wald, die Wiese, das Wasser anders
machen wollen, als der Herr es machte, der uns hineinsetzte. Bist du nicht ich?
Ist dir's heimisch noch im Land, wo die Fremden deine Wälder roden, in denen du
Schatten hattest und Lust; deine Götterbilder verbrennen, vor denen du betetest,
und sie schützten dich; die Grabhügel deiner Väter durchwühlen; wo sie Türme
bauen in den Himmel, der frei war; wo sie Kruzifixe aufrichten, dass du denken
sollst mit Zittern und Grauen nur an Qual und Graus, und unter deinen alten
Göttern ging der Pokal um in Freude und Lust? Ist's noch dein Land und dein
Geschlecht, wo die fremde Zunge die Sprache verdrängt, so deine Väter sprachen,
und du lalltest sie schon als Kind; magst du leben in Freudigkeit, wo sie auf
dich und deine Brüder herabschauen als Wesen schlechterer Art, nur aus Gnaden
aufgenommen, und du warst frei wie der Vogel in der Luft, wie der Fisch im
Wasser, wie wir im Walde? Ich bin der letzte meines Geschlechts, willst du's
nicht sein, willst du dich fügen als ein Knecht in die fremde Knechtschaft, so
hilf ihn ausrotten und roden, hilf ihnen verläumden und schmähen, die alten
Freien, hilf ihnen den Boden der Väter umackern, ihre Gräber zerstören, ihre
Heiligtümer verbrennen, und schleudre dein tödtlich Geschoss mir in die Brust,
aber lass mich noch einmal atmen die Luft, die frei war, noch einmal blicken in
den grünen Wald und den blauen Himmel, dann - dann tödte dich selbst.
    Wieder mit zugedrückten Augen warf Wusso seinen Speer. Er hoffte, dass wieder
der heilige Mann mit dem zottigen Haar den Speer fassen werde. Aber die Luft
sauste, es krachte, und nieder stürzte der stolze Zehender. Die Bäume rauschten
wie vor Schrecken. Wusso mochte nicht ertragen den letzten Blick des Elchs, er
sah sich selbst in den sterbenden Zügen. Zusammenstürzte auch er, nicht in
seinem Blute, im hitzigen Fieber. Als er genas, wollte er nicht mehr in den
Wald, auch nicht zu Hof und nicht ausreiten mit dem Fürsten. Sein Sinn war
dieser Welt erstorben, und er pries den Herrn, dass es so war. Ein hären Gewand
zog er um den nackten Leib und ging in das Kloster Lehnin zu den Cisterciensern.
Da hörte man ihn oft seltsame Gebete murmeln, dass es die andern Mönche graute;
die dachten, es sei etwas Heidnisches darin. Zu keinem Heiligen waren sie
gerichtet, auch nicht zu Gott Sohn und nicht zur Gottesmutter, er wagte zu beten
zu dem Gott Vater selbst, der Himmel und Erde geschaffen, er, der noch vor
wenigen Jahren ein Götzendiener gewesen, und es graute die frömmsten Mönche vor
der Vermessenheit. Da rief er den Gott an, der über Alle ist, ob er recht getan
oder gesündigt, dass er sein Volk und den alten Glauben verlassen, um den neuen
Glauben, den er nicht fasse und der doch so allmächtig sei, wie der Sturm, der
die Vögel und Wellen treibt, und so mild und warm wie die Sonne, die die Keime
lockt aus den Bäumen und die Saat aus der winterlichen Erde? Er oben, unter den
Unerschaffenen tronend, werde wissen, ob die Welt erschaffen sei, dass die
Wälder bleiben oder die Städte werden. Wenn sie das hörten, erkannten die
Mönche, dass er wieder verfallen sei in seinen alten Irrsinn und scheuten vor
ihm. Drauf starb er schon nach wenigen Jahren an den Stufen des Chors mit den
Armen den Stamm der Eiche umklammernd, wo dazumal der Markgraf geschlafen.
    Das war's, was Ruprecht dem Junker in seiner Art erzählte, und aus der
Legende war eine Sage geworden, die in der Familie fortging von Mund zu Munde.
    Markgraf Otto schenkte den letzten Elennhirsch zum ewigen Andenken Wusso's
Nachkommen. Auf dem Tore ihrer Burg prangte noch lange der Kopf des Elenns mit
seinem Geweih und nachmalen auch auf dem Wappen des Hauses. Die Formschneider
und Maler aus Franken, die es nicht verstanden, weil sie nie ein Elenntier
gesehen, machten daraus einen Widderkopf. Mit dem Fell des Hirsches hat Mancher
sich des Nachts zugedeckt, bis die weichlichere Sitte kam - weiss der Himmel
woher -, dass sie den Gänsen die Federn ausrupften, in einen Sack stopften und
damit ihren Leib zudeckten. So ward das schöne Fell in die Rumpelkammer
geworfen, und nur den Freunden der Sippschaft als eine Reliquie gezeigt, aus der
Zeit, wo es noch Elennhirsche in der Mark gab. Da einmal eine Kranke, die man
darauf legte, genesen war, kam die Haut wieder in Ehren, doch nicht so, dass ein
Besitzer, der etwas geizig war, und was ihm im Hause unnütz schien, zu Gelde
machte, sie um ein Geringes einem Handelsmann verkaufen wollte. Seine Ehefrau
berief sich auf jene Eigenschaft des Felles, und endlich kam man überein, dass
man es gerben und zu einem Kleidungsstück zuschneiden wolle. Dann war es kein
unnütz Stück mehr, und wenn eine Heilkraft darin stecke, meinte der Mann, es sei
ihr unbenommen, dass sie auch in der neuen Gestalt sich zeigen täte. So ward das
Fell, da es zu einem Koller sich nicht passte, der Besitzer auch fast immer auf
dem Pferde lebte, das, was es ist, und erbte vom Vater auf den Sohn.
    Bis dahin war der Knecht Ruprecht in der Erzählung gekommen, welcher Hans
Jürgen so aufmerksam zugehört, dass er gar nicht bemerkt, wie der Dämmerschein
immer heller geworden, als er plötzlich still hielt und dem Andern winkte. Hans
Jürgen hörte ein leises Wimmern. Er sah in die entlaubten Zweige, durch welche
das graue Morgenlicht schien, und sein Blick fragte den geisterkundigen
Gefährten, ob die Unheimlichen etwa auch in dieser Stunde Macht hätten, aber
Ruprecht, der ganz andern Spuren folgte, schüttelte den Kopf und gab ihm nur ein
Zeichen, stille zu sein. Nachdem er auf eine Höhe geklettert, winkte er ihm
wieder mit vergnügtem Gesicht, und als er heruntersprang, rief er laut: »die
kluge Elster am Wege hat mich nicht getäuscht, wenn der Krämer der Dieb ist,
haben wir ihn; und das Jucken im Daumen sagt mir, dass wir bei ihm finden, was
wir suchen.«
    Auf dem Wege am rauschenden See stand ein Karren mit verkoppelten Pferden:
aber die Kisten und Packen, die zerbrochen auf der Strasse lagen, sprachen nur zu
deutlich, dass schon Andere dagewesen, die den Inhalt untersucht hatten. Von
diesen war zwar keine Spur, als die ihrer Rosse im Wege. Aber auch der Fuhrmann
war verschwunden: »Wenn sie den Hedderich mitgeschleppt hätten!« rief Hans
Jürgen. Ruprecht schüttelte den Kopf und sah nach dem See: »Junker, lieber
Junker! preist Euren Herrn, dass Ihr nicht mitgeritten. Wenn es ehrlich herging,
hätten sie ihn an einen Baum gebunden. Ich fürchte, die Sonne, die aufgeht,
färbt sich in Blut.«
    Er schwieg und horchte wieder. Es schien über den See her in der Luft ein
Wimmern zu kommen. »Nein, von da, Ruprecht.« Das Laub raschelte, ein tiefes,
gurgelndes Stöhnen kam von ziemlich nahe. Mit einem Satz waren Beide durch die
niedrigsten Büsche und dem Seeufer hinab, und zugleich entdeckten sie einen
Mann, gebunden und geknebelt am schrägen Ufer liegen: »Vorsichtig!« rief
Ruprecht, »sonst kugelt er hinunter. Die haben ihn wie der Teufel gebettet, wenn
er sich rührt, plautzt er in's Wasser. Beim Kopf, Junker, fest, dann bind ich
ihm die Beine los.«
    Der unglückliche Krämer mochte zuerst glauben, dass er auf's Neue in die
Hände der unersättlichen Ritter aus dem Stegreif geraten sei, die
zurückgekehrt, um noch etwas zu erpressen. Denn kaum, dass sein Knebel gelöst und
die Stricke zerschnitten waren, und sie den Unmächtigen mit ihren kräftigen
Armen hinaufgerissen auf die Strasse, als er ihnen zu Füssen fiel und bei allen
Heiligen schwor, er habe nichts versteckt und Alles offen und ehrlich angezeigt,
was er mit sich geführt; sie möchten seines Lebens schonen um seines Weibes und
seiner Kinder willen. - Hans Jürgens Gelächter brachte ihn zur Besinnung,
wenigstens zeigte es ihm andere Gesichter, als er erwartet hatte. Nun ergoss sich
aber seine Zunge in Verwünschungen gegen die schändlichen Räuber, die ihn, den
friedlichsten und rechtlichsten Handelsmann von der Welt, hier überfallen, durch
ihre Uebermacht bewältigt, dann grausam gemisshandelt, beraubt und in den Zustand
zurückgelassen, wie sie ihn fanden. »Ich will verkrummen wie das Eisen in der
Schmiede, wie die Buche, wenn der Stellmacher sie biegt, wenn sie mich nicht
niedergeschmissen, auf's Gesicht, dann knieten sie auf mir, dass mir das Rückgrat
brach, mit Stricken banden sie, mit dem Helfter knebelten sie mich wie ein
Pferd. Dann wusste ich nichts mehr von mir.«
    Knecht Ruprecht zeigte mit grinsendem Lächeln auf ein Etwas, das Hans Jürgen
jetzt erst erkannte und seiner Freude nun kaum Herr ward.
    »Curiose Räuber,« rief der Knecht, »die Einen, den sie ausziehen, auch
anziehen. Du hast Dich versehen, Claus, das waren keine Räuber,
Schneidergesellen waren's, die Dir ein Paar Hosen anmassen.«
    Der arme Mann fühlte jetzt, was es galt. Blass, die Hände ringend, stotterte
er Entschuldigungen über Entschuldigungen vor den neuen Peinigern, die er nun
erkannte, und die ihm mit wenigen raschen und unsanften Griffen die Lederhosen
abstreiften. Er lag wieder auf den Knieen, während Hans Jürgen die Elennshaut
wie eine Wurst zusammenstreifte.
    »Das war mein Unglück ja, gestrenge Herren! Mich fror in der Morgenluft, da
zog ich sie mir über. Da kamen sie auf mich los, ehe ich wieder zurecht sass. Wer
weiss, ob sie mich gekriegt hätten!«
    »Aber, wo kriegtest Du die Hosen her, Dieb!«
    Wo er hinsah Verderben. Vor ihm Hans Jürgen mit dem Plumpsack, hinter ihm
der Knecht. Was konnten sie ihm Schlimmeres tun, da er auf seine Waaren sah.
Heulend warf er sich mit dem Gesicht darauf: »Schlagt, tödtet, hängt mich, was
Ihr wollt, reisst mir das Herz aus dem Leibe, Ihr könnt nichts mehr ausreissen.
Das ist Gerechtigkeit um den alten Plunder! Wollt, ich soll Euch was vorlügen.
Ich will nicht lügen, will verdammt sein, wie sie Alle. Ja, ja, ich riss es von
der Leine, Berlin ist weit - der Kurfürst ein Kind. 'S wird noch mehr von den
Leinen gerissen werden, Messgewänder und Fürstenmäntel. Wem's gehört, kriegt's
nicht wieder. Aber die Gerechtigkeit kommt doch auf Erden. Der Bauer ist
geschunden, der gemeine Mann gegerbt. Immerzu, das Schinden und Gerben geht
Reih' um.«
    Der Wutausbruch Eines, der keine Hoffnung mehr hat, hat für einen, der auf
dieser Erde noch hofft, etwas Überwältigendes! Ruprecht zog sanft seinen
Pflegebefohlenen am Arm: »Lasst den, Junker. Er hat seine Strafe. Wer zu stark
schlägt, schlägt seine eigene Hand.«
 
                               Zwölftes Kapitel.
                                 Das Erwachen.
Zwischen Mitternacht und dem ersten Hahnenschrei hatte es vor Hohen-Ziatz
gewiehert, als verlange es Einlass, und da der Turmwart hinauslugte, sah er das
Todtenross, das unschuldig im Sande scharrte. Schnell hatte er die Lade
zugeworfen und nichts mehr gesehen, aber das Wiehern hörte er noch lange fort.
Auf der Sumpfwiese hatten Lichtflämmchen hin und hergehüpft, und am Morgen, als
die Sonne blutig rot durch das zerrissene Gewölke aufstieg und Windstösse durch
die Luft fuhren, hatte man ganze Schaaren von Raben um die Burg kreisen gesehen,
und sie liessen sich nicht scheuchen, sondern setzten sich immer wieder auf die
Giebel und Dachfirsten.
    »Und dann hat auch ein wendisch Weib, die Liese aus Gütergotz, die von
Golzow kam, auf dem ganzen Wege das Leichenhuhn gackern gehört, als wollte es
ihr den Weg zeigen. Vor der Burg zum letzten Mal. Dann ist's verschwunden.
Darum« - so schloss der Knecht Kasper seinen Vortrag von den Wundern der Nacht -
»darum, Gestrenge, mein' ich, 's ist nicht so übel, dass die Hosen grade heute
nicht da sind.«
    »Und warum nicht?«
    »Und wie gesagt, wenn's nicht auf Einem sitzen bleibt, so kommt's auf Viele.
Bin nicht, wie der Ruprecht, aber wo so viele Zeichen sind, da hat's was auf
sich, und der wäre kein Christ nicht, der nicht auf Warnungen hören tut.«
    Was Kasper sprach, schien nur der Wiederhall der stillen Gedanken auf den
Gesichtern der andern Burgbewohner. Als wäre ein wüstes Gelag vorhergegangen;
machte doch auch die Frau von Bredow keine Ausnahme. »Kasper, Du meinst es gut,
aber der Herr -«
    »Nun ja, es wird ein Ungewitter setzen.«
    »Ich mag's nicht vor den Mädels haben, er ist doch ihr Vater,« sagte sie
halb vertraulich zum alten Knappen und Waffenträger ihres Herrn. Es war sehr
selten, dass Frau von Bredow zu einem Dienstmann vertraulich sprach. »Auch die
beiden Ziehkinder, es ist nicht gut, dass sie so etwas sehen.«
    »Sie sind ja noch nicht zurück.«
    »Ich selbst wollte schon mit ihm sprechen.«
    »Nein, bei Leibe nicht, Gestrenge! Ihr könntet ja rüber fahren, 's ist
Sonntag, zur Kirche nach Ferch, dann wäre das Nest leer, und ich will's schon
auf mich nehmen. Er schlägt auch jetzt nicht mehr, wie ehedem. Mit den Jahren
ist er viel frommer geworden. Fahrt zur Kirche, gestrenge Frau, mit den Frölens;
ich halt es aus.«
    Aber die Frau wusste doch nicht, was das eigentlich helfen sollte.
    »Unglück kommt nie allein, das ist wahr,« sagte Kasper. »Aber wenn er erst
in den Kleidern sitzt, muss er ausreiten, und Gott weiss, was ihm da zustösst. Ich
sage, man muss das Unglück nicht aufsuchen gehn, es kommt von selber gelaufen,
und wer ausweichen kann, und 's nicht tut, der hat sich's zuzuschreiben.«
    »Ist der Ruprecht denn noch nicht zurück?« Eva schüttelte den Kopf. »Ich
sagt' es ja, Mutter, sie haben sich vergangen.«
    »Dummes Mädchen, fang mir auch an zu flennen. Und wie siehst Du aus! Fix,
mach Dich fertig. Ihr taugt hier nichts. Euch will ich zur Kirche schicken. Was
schluchzt denn da?«
    Agnes kam aus dem Tore; einige Leute aus dem Dorfe folgten, die ein in
Schweiss gebadetes, von Staub und Schaum bedecktes Reitpferd führten, dessen in
Unordnung geratenem Geschirr man ansah, dass es schon lange ohne Herrn und
Pflege umhergelaufen sein musste. Es war Hans Jochems Pferd.
    Das Mädchen setzte sich, still weinend, ihr blasses Gesicht mit den Händen
bedeckend, auf den Stein an der Mauer: »Ich wusst' es!«
    Die Burgleute schlugen die Augen nieder. Die Sache sprach von selbst von
einem abgeworfenen Reiter.
    »Das war kein Leichenpferd nicht; das war sein Pferd gewesen,« schluchzte
das Mädchen. »Hätten sie nur gleich aufgetan und nachgeschickt, dann hätten sie
ihn noch gerettet.«
    »Wo ist Hans Jochem? Wo ist Peter Melchior.«
    Es erfolgte keine Antwort.
    »Was wird's weiter sein!« fuhr die Frau beruhigter fort. »Sie werden dem
Herrn bis zur Fähre das Geleit gegeben haben. Da können sie noch nicht zurück
sein.«
    »Sie werden nie zurückkehren.«
    »Macht mir den Kopf nicht warm, Mädchen! Wenn ihm ein Unglück begegnet, sind
ja die andern Herren dabei. Werden ihn nicht dabei liegen lassen. Mir ist um den
Hans Jürgen und Hans Jochem nicht bange. Unkraut vergeht nicht.«
    Und doch hörte man's dem Ton ihrer Stimme an, dass es nicht ihre gewöhnliche
Ruhe war. Wer hält sich auf einem Schiffe fest, wenn Alles um ihn schwankt.
    Da schlug ein Fenster auf im Giebel und eine Stimme, die man bis in's Dorf
hörte, schrie: »Das Wetter noch mal! Kasper! Brigitte! wo sind meine Hosen?«
    »Gleich, gleich, Götze!« rief die Edelfrau, und Edelfrau und Knecht stürzten
in den Flur, die Treppen hinauf. Dem Knecht warf sie einen freundlichen,
bittenden Blick zu. Der antwortete aber nur mit einem grämlichen Kopfnicken und
einer Bewegung mit der Hand auf den Rücken. »Hab mir was untergestopft, da kann
man's schon 'ne Weile aushalten,« brummte er für sich, ohne zu eilen, wie die
Frau tat, die ihm längst vorauf war. Vielmehr gab er seinen Gedanken in rechter
Gemächlichkeit Gehör: »Der Dechant freilich, als ich's neulich im Beichtstuhl
ihm sagte, meinte, das wär' auch Sünde, ich glaube, er sagte gegen den heiligen
Geist. Jedermann sollte wahrhaftig sein, auch wenn's ihm an Haut und Haare
ginge, dass er niemals, in welcher Lage des Lebens es sei, im Zustande der
Unwahrhaftigkeit sich sollte betreffen lassen. Und das wär' also
Unwahrhaftigkeit, weil ich der Liese ihren Friesrock untergestopft hatte, und
der Herr dachte, es wäre meine Haut. Und gelobt hab ich's, das ist wahr, dass
ich's nicht mehr täte. Aber Leder ist Leder und Haut ist Haut. Und nun sollt's
mich doch wundern, ob der Dechant das auch Sünde nennen wird, dass ich die alte
Rehhaut unterm Koller trage. Denke so überhaupt, was das den heiligen Geist
angeht, ob Einer Prügel kriegt oder nicht! Der Herr oder der Vater gibt sie,
und der Knecht oder der Sohn kriegt sie, da hat doch kein Dritter was mit zu
schaffen. Aber wenn ich's dem Dechanten sage, dann ist das schon wieder Sünde,
dass ich's gedacht habe. Ueberhaupt, wenn nur nicht die Pfaffen wären, nämlich,
dass man ihnen Alles beichten müsste. Die Prügel, nun die wären Prügel, der Regen
macht nass und man trocknet wieder, Keiner stirbt davon; aber wenn man Prügel
kriegt, dass man immer denken muss, warum man sie kriegt, und wie man sie kriegt,
und wie man's im Beichtstuhl vortragen soll, man weiss oft selbst nicht warum und
nun werden sie Einem vom Pfaffen erst recht eingeschmiert und eingebläut, und
was vorher gar nichts war, das ist nun was, das eben ist die verfluchte
Geschichte.«
    Als die Frau von Bredow die Kammertür zu ihrem Ehegemahl ein klein wenig
auftat, war der Anblick, den sie durch die Spalte hatte, eben nicht angenehm.
Herr Gottfried war aufgesprungen, wie er im Bette gelegen, und reckte die Arme,
so weit er konnte, während seine Lippen auch so weit sie konnten, aufstanden, um
den Morgenschlaf hinaus zu lassen. Vor ihm aber lag eine dicke Wolke, nämlich
das Deckbett, was vorher auf ihm gelegen, und es schienen in den Sack von blauem
Zwilch die Federn von drei Heerden Gänse gestopft, die von der Erschütterung des
Wurfs nicht wenig durch die Kammer stäubten. Dieser Anblick war aber der Frau
nicht ganz unangenehm; denn das Bette bildete eine natürliche Schanze zwischen
ihr und dem Ehemann, falls es ihm eingefallen wäre, ihren Morgengruss durch die
Tat zu erwidern; denn dass eine so nahe erste Berührung nicht in ihrer Absicht
lag, verriet ihre Stellung an der Tür. Sie wollte nur sehen, wie es stand, auf
einen eiligen Rückzug, wenn er Not tat, vorbereitet.
    »Grüss Dich Gott, Götz, bist Du aufgewacht?«
    »Ja!«
    »Das ist schön, Männchen, Deine Morgensuppe brodelt auch schon auf dem
Heerd.«
    Aber der Ritter schloss nur den Mund, um ihn wieder zu öffnen: »Wo sind sie?«
    »Sind sie noch nicht hier? Warte nur, lieber Mann, werden gleich kommen.«
    Seine Stirn runzelte sich und ein verdriessliches Rot lagerte über den
nüchternen Augen, die ihre Strahlen erst zu einem stechenden Blick sammelten:
»Brigitte, wo sind sie wieder?«
    »Jemine, weisst Du nicht, wie Du sie auszogst, hast Du sie auf den Schemel
gelegt; da auf die Lehne! Der Wind gestern hat das Fenster aufgemacht. Als ich's
sah, war ich recht erschreckt, Du möchtest Dich verkühlen, aber der Kasper
wollte mich nicht reinlassen. Da ist die Katze gekommen und sprang über'n
Schemel auf's Fenster und riss sie mit. Ich sah's von unten, da hingen sie am
Brett; aber eh' wir's uns versahn, kam wieder ein Windstoss, der warf sie auf's
Dach. Da wollten wir sie eben holen, als der Sturm eben losging. Ach, Götze, Du
wirst Dich wundern, was der Sturm alles angerichtet hat. Die drei grossen Kiefern
an der Lehmgrube, an der Wurzel rein abgebrochen sind sie. Das Dach vom
Hinterhaus wirst Du neu decken müssen, eine Sparre ist eingeknickt. Das
Storchnest ist auch runter, wie mit 'nem Messer abgeschnitten.«
    »Ich friere ja. Wo sind sie geblieben?«
    »Ach, dass weisst Du auch nicht! Die Kinder glaubten, 's wär' ein Drache; so
flogen sie über's Haus, über die Mauer, bis auf die Wiese. In den Ententeich
sind sie gefallen. Die Entengrütze, Götzchen, musste man doch ein bisschen
abspülen. Sind gewiss schon trocken. Hab' den Hans Jürgen nachgeschickt. Er kommt
Dir gleich. Frieren sollst Du nicht, mein Herz. Hab' dir Ingber und Pfeffer in
die Biersuppe getan und Honig. Willst Du auch Eierschaum drauf schwimmen haben?
Der Kasper macht auch's Wasser warm, dass er Dir den Bart scheert. Solltest Dich
wieder ein Bischen in's Bett legen; ich bring's Dir 'rauf. Steige jetzt nur auf
den Turm und will nach dem Hans Jürgen rufen.«
    Der Ritter rief, er wolle nicht mehr in's Bett; aber die Burgfrau hörte
nicht mehr aus, was er sprach, sie hatte die Tür zugeschlagen, und schon war
sie über das Brücklein oben, das aus dem Erker nach dem Turme führte, als sie
den Schemel krachen hörte, den Herr Gottfried gegen den Boden schleuderte, dass
drei Beine ausfielen und die Lehne knackte: »das Weibervolk, sag ich's doch
immer, das ist Weibervolk!«
    Nur wenig Stufen waren's bis zur Turmzinne, aber Frau Brigitten lag's in
den Knieen, als wäre vor ihr die Treppe zum Münster in Strassburg. Sie war doch
eine wahrhaftige Frau, wie nur eine zehn Meilen in der Runde, aber war's die
Lüge, die wie Blei ihr in den Gliedern drückte? - Eine Notlüge, und solche
kleine Notlüge! Der Dechant sollte ihr die Frau zeigen, die niemals ihren Mann
belogen, und es war ja in so guter Absicht! Mit der Lüge hätte sie sich auch
schon abgefunden, aber mit dem Dechanten und der Beichte! Die arme Frau von
Bredow! - Nein, es war noch etwas anderes, das ihr in den Gliedern lag. Es war
heut ein Unglückstag. - Auf der Mitte der Treppe war in der Blende ein kleines
unscheinbares Marienbild. Sie liess sich auf die Knie und faltete die Hände. Was
sie gebetet hatte, wusste sie eigentlich nachher selbst nicht, aber ihr war's,
als hätte sie die Himmelskönigin gebeten, sie möge ihre Not bedenken und
machen, dass sie nicht gelogen hätte. Hatte sie doch auch einst die Bitte der
frommen Landgräfin von Türingen erhört, und das Brod und Geld ward in Körben zu
Blumen.
    Nun war sie oben auf der Zinne. - Die freie Luft wehte sie an. Wie der Wind
über Kieferwälder strich, wie er, in den Ulmen spielend, einen goldenen
Blätterregen auf die Wiese streute, wie die Krähen und Tauben in Schaaren sich
in der niederen Luft wiegten, wie die Habichte unter den Wolken kreisten, wie
der Rauch sich aufringelte aus den Mooshütten des Dorfes - ein Anderer hätte es
vielleicht mit Lust gesehen, ihr Auge war auf andere Dinge gerichtet, ihr Ohr
lauschte auf andere Töne, als das Summen der Käfer, das Gekrächze der Raben, das
Hämmern des Dorfschmieds, das Knarren der Mistwagen, welche von den Ochsen
mühsam durch den Sand gezogen wurden.
    »Der Kaspar ist ein guter Mensch,« dachte sie. »Ich hör' ihn auch gar nicht
widerreden. Er nimmt's so ruhig hin. - Wenn doch alle Knechte so fromm wären! -
Ich will ihn auch nachher in den Keller lassen - - - Es klatscht ja gar nicht
mehr! - Was ist das! - Ach heilige Elisabet, er hat ihn gewiss an die Gurgel
gefasst. - Da butzt es auch schon gegen die Wand - Götze, Götze, nur nicht zu
stark. Wenn da nur kein Unglück kommt!«
    Sie hatte sich über die Zinne gelehnt, den Kopf übergebeugt; als wolle sie
keinen Ton sich entgehen lassen, drückte sie die Augen zu:
    »Götze, Götze! lieber Mann! - Warte nur ein klein bisschen. Nun kommt's
schon. Ich sehe den Hans Jürgen schon. Er bringt sie. Du sollst nicht mehr
frieren.«
    Unten schwieg es wirklich, auch sie schwieg, es war etwas Angstschweiss, der
sie überlief. Sie hatte ja wieder gelogen; wie sollte sie in's Licht des Tages
sehen! Aber sie sah doch hinein. Ihre Knie hoben sich, ihre Augen wurden grösser,
ein Zug von Friede und Freude breitete sich um ihren Mund. Traute sie ihrem
scharfen Gesicht heute nicht, dass sie die Hand noch einmal über das Auge legte?
Nein, es war keine Täuschung: »Götze, Götze! Der Hans Jürgen ist da, er hat
sie!« - Hans Jürgen musste die Edelfrau auf dem Turme erkennen. Mitten auf dem
Damm schwenkte er es. »Der liebe Jung, er ist geschickter als ich dachte. Aber
was ist ihm. Er könnte hurtiger laufen.« - Ehe sie hinunter stieg, schaute sie
noch einmal hinaus. Aus dem Walde kamen noch Andere, langsameren Schrittes. »Ist
das der Ruprecht?« Sie blieben stehen; es schien ihr, als trügen sie etwas. Der
Schatten des Waldes erlaubte ihr es nicht zu erkennen. Was ging es auch sie an!
    Da stand schon Hans Jürgen im Hofe, als sie hinunter kam, aber was sah der
Junge so blass und verblüfft aus. Was war überhaupt vorgegangen? Das Tor stand
sperrweit offen. Der Dechant war auch herbeigekommen und wollte ihre Hand
fassen: »Gnädige Frau, Gottes Fügungen sind wunderbar! In seinen
unerforschlichen Ratschlüssen zu lesen, ist uns zwar nicht vergönnt, indessen
-«
    »'S ist heut ein Unglückstag,« sagte der alte Meyer, und betrachtete das
Blut in seiner Hand, mit der er den Sattel und Kopf des Pferdes befühlt hatte.
    »Was ist los, Kinder?« Sie hielt doch schon das verlorene Kleidungsstück,
das Hans Jürgen überbrachte, in der Hand, und aus ihrer Hand war es schnell in
den Erker hinaufgewandert.
    »Du bist nicht daran schuld,« sagte Eva zu Hans Jürgen.
    »Ach wer das sah und wer das hörte! Wenn er am Leben bleibt, der Kopf und
der Arm sind hin.«
    Wäre nicht der Dechant gewesen, es wäre Niemand gewesen, der der Edelfrau
Rede stehen konnte, so kraus und bunt ging's durcheinander. Die halbe
Einwohnerschaft war hinausgestürzt, um zu helfen oder zu sehen.
    »Er ist vom Pferde gestürzt, meine gnädige Frau. Der Herr gibt und der Herr
nimmt.«
    »Hans Jochem!« Die Blässe des Schrecks gewann endlich Platz auf der Burgfrau
Gesicht.
    »Er ist noch nicht ganz todt«, sagte der Dechant. »Es ist sogar noch
Hoffnung, dass wir ihm die Sterbesacramente reichen können.«
    Frau von Bredow legte mit mütterlicher Teilnahme die Hände auf die Stirn
ihrer Tochter. Sie blickte sie wehmütig an und küsste ihre Stirn: »Der Mensch
denkt, Gott lenkt.«
    Auf einer Bahre von Tannenreisern lag der Verwundete, ein kläglicher Anblick
selbst für die, welche ihn schon seit einer Stunde so gesehen. Sein Gesicht war
mit Blut aufgelaufen und unkenntlich, sein linkes Bein gebrochen, sein ganzer
Körper schien zerschmettert. Der Knecht Ruprecht winkte dem Bauer, mit dessen
Hülfe er und Hans Jürgen den Verwundeten bisher getragen, dass er nun gehen
könne. Er wartete auf frische Hülfe aus der Burg. »Meint Ihr, dass er
davonkommt?« fragte der Bauer. »Wenn er leben bleibt, bleibt doch nicht viel von
ihm leben,« antwortete Ruprecht. »In den Krieg kann er nicht mehr, auf die Jagd
auch nicht.« »Und was ist ein Junker, der nicht auf's Pferd kann,« sagte der
Bauer achselzuckend und ging.
    Was Hans Jürgen nicht erzählt, erzählte der Bauer denen, die ihm entgegen
kamen: wie es gewimmert und gestöhnt, als der Knecht und der Junker im Walde
zurückkehrten, wie sie, der Hufspur folgend, den Verunglückten gefunden. Das
scheue, zügellose Pferd, durch Dick und Dünn jagend, war gegen einen Baum mit
seinem Reiter angerannt, hatte ihn abgeworfen und gegen einen scharfkantigen
grossen Stein geschleudert. Sie fanden ihn schon sprachlos in Todesängsten. Das
mochte man sich selbst so auslegen, auch wenn er kein Wort gesprochen hätte;
aber bei jedem Schritt wusste man mehr und die Mägde in der Küche, die gar nicht
hinausgekommen waren, wussten es ganz genau, wie es hergegangen. Da hatte Hans
Jochem sich verschworen gegen die Andern, er allein wollte den Krämer werfen und
bis auf's Hemd ausziehen, auch wenn der Kurfürst mit allen seinen Trabanten um
ihn stände. Auch so der Teufel neben ihm ritt? fragten die Andern. Auch dem will
ich ein Schnippchen schlagen, hatte Hans Jochem gesagt. Da als er dem Pferd die
Sporen gab, war ein schwarzer Reiter wie aus der Erd aufgeschossen und hatte
sich ihm in den Weg gestellt. »Mach' Platz!« rief Hans Jochem. »Wer bist Du?«
Der Reiter schlug das Visir auf, und die helle Lohe schlug ihm aus des Reiters
grünen Augen und Rachen entgegen. Da ward sein Ross scheu, kehrte und trug ihn
über Stock und Block. Und hinter ihm rief ein altes Weib: »Ach Junker nehmt mich
doch mit; ich kann meine Kiepe nicht tragen,« und vor ihm lief ein anderes Weib,
die rief: »Folgt mir nur, ich zeig' Euch den Weg.« Und das Weib hinter ihm sass
bald auf dem Sattel in seinem Rücken, und umklammerte ihn mit ihren Armen, dass
ihm der Atem verging, und das Weib vor ihm führte ihn durch Sumpf und Brüche,
und er sah ihre Laterne und konnte sie doch nicht erreichen, bis sie dort an den
Teufelssteinen stille stand und die Arme ausbreitete und rief: »Springt nur,
Junker, ich helfe Euch runter.« Und da er sich im Sattel schwang, riss ihn die
Andere hinab und er fiel. Die Frauen waren verschwunden, er lag auf den scharfen
Steinen, und während er vor Schmerz wimmerte, lachte und kreischte und flatterte
es auf wie hundert wilde Gänse, und die Eulen heulten im Walde. So wussten es die
in der Küche ganz bestimmt und Keinem hätt' ich raten mögen, dass er daran
zweifelte.
    »Er hat geseufzt, er lebt!« stürzte Agnes in die Torstube, wo der
Verwundete jetzt lag, und ihr Auge strahlte vor Freude der Mutter entgegen,
welche die Arme bepackt mit feinen, weichen Linnen aus dem Wohnhaus kam. Die
Leinen kamen zu spät, die Stirn war schon verbunden, kalte Wasserumschläge waren
gemacht, der Schmied aus dem Dorfe war auch schon da, aber er schüttelte den
Kopf, was hier zu tun war, ging über seine Kunst.
    »Ach lieber Himmel, dass mir das nicht gleich einfiel,« rief die Edelfrau.
»Schnell zu Pferd Einer nach Altenbrandenburg, er soll die Sporen nicht scheuen,
zum Meister Hildebrand!«
    Sie sah sich um nach einem guten Reiter. Auch das war schon besorgt. Der
Bote ritt seit einer Viertelstunde.
    »Dechant, das ist brav von Euch, dass Ihr daran gedacht.«
    Der Dechant blickte abwehrend auf Agnes: »Das liebe Kind denkt und waltet,
als wäre sie schon eine barmherzige Schwester. Da wird des Himmels Segen nicht
ausbleiben.«
    »Agnes Du! Ach heilige Mutter, mir fällt ein, der Hildebrand wird nicht in
der Stadt sein. Reit Einer nach, er ist -«
    »Beim Vetter in Golzow,« fiel Agnes ein. »Er reitet auch über Golzow. Erst,
wenn er ihn Nicht findet, soll er nach Brandenburg.«
    »Wen habt Ihr hingeschickt?« fragte die Frau.
    »Hans Jürgen,« sagte leis Eva zur Mutter.
    Die wiegte etwas den Kopf: »Der Junge wird auch müde sein. 'S schadet aber
nichts. Ein Nussbaum, der tragen soll, muss früh geschlagen werden. Die Vettern
waren sich nimmer sehr gut. Schon als Kinder lagen sie sich in den Haaren. Nun
wenn der Eine - der bessere,« entfuhr es ihr, aber sie unterdrückte die Stimme,
- »wenn der dran glauben muss, dann hat der Andre den Trost, dass er ihm zuletzt
noch einen Liebesdienst getan. Mehr kann am End' Keiner sagen, dass er für die
Anderen tat. Wir sind alle Kinder des Staubes, wir müssen Alle unter die Erde.«
    Sie wischte mit dem kleinen Finger eine Träne aus dem Auge, Eva weinte
laut, und Agnes weinte still. Da war das Zeichen gegeben. Wenn die Herrschaft
weinte, durfte die Dienerschaft auch, es war sogar ihre Schuldigkeit, weinen.
Sie weinten nicht still, sie schluchzten laut, sie drängten ihre Schürzen am
Aug' nach der Torstube, den lieben jungen Herrn zu sehen, sie schrieen auf,
wenn sie ihn sahen, und heulend stürzten sie fort, bis es durch das ganze Haus
und die ganze Burg ein Geheul war um den Junker, der ein so lieber schöner Herr
gewesen, und nun war er ein Krüppel, eine halbe Leiche, schlimmer als eine
Leiche. Und wie viel gute Eigenschaften und Vorzüge kamen bei dieser Gelegenheit
an dem grauen Tage von Einem zu Tage, von dem sie bis da gar nicht gesprochen,
und wenn es geschah, schalten sie ihn einen eitlen Tunichtsgut.
    Herr Gottfried hatte derweil seine Biersuppe mit Ingber und Pfeffer und den
schwimmenden Eierschaum drauf getrunken. Er strich sich, als er allmälig warm
ward, behaglich die Seiten, und sah auch mit Befriedigung, wie der Knecht Kasper
die grosse Schüssel mit Buchweizenbrei auftrug, deren glatt gewordene Oberhaut
schön geädert war mit kleinen Seen und Flüssen und Kanälen von brauner Butter
und Zimmet. dabei lächelte der Burgherr wohlgefällig, denn die Zimmetbüchse
holte seine Ehefrau nur bei absonderlichen Festtagen aus dem Schranke: »'S ist
doch ein gut Weib!« brummte er und sah auch mit Vergnügen auf die Schüsseln mit
Honig und Käse und den Ochsenschinken, der jetzt hereingetragen ward. Zu viel
für einen Mann hätte es einem andern gedünkt, der auch hungrig war, aber nur
seit gestern. Herr Gottfried hatte seit einer Woche keinen Bissen über die
Lippen gebracht und dieser Gedanke schien jetzt zum vollen Bewusstsein des
Hungers zu werden. Er mass die Schüsseln und auf seinem Gesicht strahlte immer
mehr Friede, aber mit dem Frieden stimmten die Klagetöne draussen wenig.
    »Ist also gefallen?« fragte Herr von Bredow.
    »Und gestürzt,« sagte der Knecht.
    »Ja, ja, das kommt davon,« sagte Herr von Bredow und schnitt tief in den
Schinken ein.
    »Und hat sich Schaden getan,« sagte der Knecht.
    »Durch Schaden wird man klug. Fiel auch mal vom Pferd. Ist's der Hans Jochem
oder der Hans Jürgen?«
    »'S ist ein Unglückstag heut,« sagte der Meyer.
    »Ein Unglückstag!« wiederholte Herr von Bredow und schien drüber
nachzudenken, indem er einen zweiten Teller mit Buchweizenbrei füllte und wie
verwundert zusah, dass es noch immer dampfte. »Was haben wir denn heut, Kasper?«
    »Sonntag nach Gallus, Gestrenger. Die Gänse sind schon geschlachtet.«
    »Die Martinigänse! - Ist's die Möglichkeit!« rief Herr von Bredow und setzte
den Messergriff auf den Tisch. »Der arme Hans Jochem! Jemine, schon die
Martinigänse. - Das geht jetzt alles - Einer will's dem Andern zuvortun. Da
kommt's denn! - Ein Bein gebrochen hat er?«
    »Aber der Herr Dechant wird ihm die Sakramente reichen.«
    »Sakramente!« - Ein neuer Gedanke schien in der chaotischen Wüste seines
Kopfes sich durchzuarbeiten. - »Sakramente! Dann geht's wohl auf die Letzt.«
    »'S ist aber nach dem Wundarzt geschickt. Der muss bald da sein. Sonst kommt
er zu spät.«
    »Zu spät!« Ein zweiter Gedanke brach durch. Der Ritter legte Messer und
Löffel fort: »Kasper meinst Du, dass es gut ist, dass ich zum Hans Jochem gehe? Er
kann doch nicht zu mir kommen!«
    »Freilich, das kann er nicht, gestrenger Herr, aber -«
    »'S ist heut ein Unglückstag,« wiederholte der Meyer. »'S täte wohl besser,
gestrenger Herr,« sagte der Knecht, »wenn Ihr erst frühstücktet. Das Unglück
kommt immer zu früh noch, und Ihr könnt dem Junker nicht helfen. Aber der Junker
kann Euch schaden. Herzeleid auf leeren Magen tut nimmer gut. Wer Morgens
ordentlich frühstückt, der sammelt seine Gedanken und kann was vertragen.
Manchermann, der nüchtern ausritt, und wollte alles tun, tat nichts und fiel
gar in Unmacht.«
    Da nickte Herr von Bredow mit voller Beistimmung dem verständigen Knecht zu,
und tat, wie er ihm riet. Und der Rat erwies sich als gut, denn je mehr sich
der Magen füllte, um so mehr schien in dem grossen Körper die zerstörte Ordnung
sich wieder herzustellen, und auch die Gedanken sammelten und lichteten sich im
Kopfe.
    Da wischte er mit dem Tuche den Mund, richtete sich im Stuhl auf, und
sprach: »Der arme Hans Jochem! - dass es grade der Hans Jochem sein muss.«
    »Das hab ich auch gesagt, gestrenger Herr. Grade der Hans Jochem. Und er war
so lustig allezeit.«
    »Wenn's Hans Jürgen wäre -«
    »Dann wär's nicht Hans Jochem, das hab' ich auch gedacht, gestrenger Herr.«
    »Aber das kommt davon.«
    »Ja gewiss, Gestrenger.«
    »Wer nicht hören will, muss fühlen. Wollen Alles besser wissen die jungen
Leute. Reiten, das will gelernt sein. Was ist das für 'ne neue Mode! Die Diener
sollen jetzt hinter dem Herrn reiten. Die jungen Fante in Brandenburg und
Berlin! Wozu ist ein Diener, als dass er seinen Herrn meldet! Darum reitet er
vorauf. Tut mir doch leid um den Hans Jochem. Hatte den Jungen lieb.« -
    Herr Gottfried drückte mit dem Finger an's Auge, als fühlte er da etwas, was
nicht dahin gehörte. Frau Brigitte trat ein, auch mit roten Augen; sie setzte
eine Kanne auf den Tisch. Selbst setzte sie sich neben ihren Herrn.
    »Da bring ich Dir Zerbster, Gottfried. Das letzte aus dem Fass. Wer weiss,
wenn's auch mit uns auf die Letzt geht.«
    »Ja, ja, ja!« sagte Herr von Bredow, »'s ist schlimme Zeit. Sie zapfen, wo
sie können.«
    »Trink, Götze, 's ist von dem bittern Zerbster, das spült den Magen wieder
klar.«
    Er setzte an und trank und setzte die leere Kanne nieder. Er nickte ihr
freundlich zu: »Hast recht, 's ist von dem Bittern.«
    »'S ist mancherlei bitter!« seufzte sie.
    »Der arme Hans Jochem, wer hätte das gedacht, Gitte! Na nu will ich auch zu
ihm.«
    »Bleib nur, Götze, sie tun ihn verbinden jetzt. Er schreit jämmerlich. An's
Leben geht's ihm nicht,« sagte der alte Hildebrand. »Aber wie's nachher mit ihm
gehen wird, ich meine, wenn er durchkommt! Reiten kann er nicht mehr und tanzen
auch nicht. Weisst Du noch, wie er bei dem Banket in Plessow herumstrich, er und
die Eva? Sie waren noch Kinder, aber die Leute sprachen gar Absonderliches. Na
und dann Götze, Unseres und Seines zusammengeschlagen, da hätten die
Hohenziatzer auch können den Vettern in Friesack zeigen - das ist nun nichts.
Ein Ritter wird er nicht mehr, sein Lebtag nicht, und was ist er dann? Und der
Hans Jochem in's Kloster! Mann, Mann, das will mir gar nicht im Sinn. An den
Hans Jürgen hatte ich immer gedacht, der taugt doch zu nichts. Aber -«
    »Ich wollt's nicht,« fiel Herr Gottfried ein. »Sein Vater seliger konnte die
Pfaffen nicht leidenund ich kann sie auch nicht leiden. Er hat grade Beine, lass
ihn gehen, wo er hinläuft.«
    »Und weisst Du, was mir nicht gefällt, Götz?« - Sie sah sich um, der Meyer
und der Knecht Kasper hatten die Halle verlassen; sie waren allein. - »'S ist
was zwischen der Eva und dem Hans Jürgen. Sie haben sich immer geneckt, aber
seit ein paar Tagen da ist was los.«
    »Kinderpossen!«
    »Du hast schon Recht, sie sind Kinder. Aber die Agnes, denk' Dir, das stille
Kind, die ist wie ausser sich um den Hans Jochem. Hat gesorgt für ihn, als wär's
ihr Bruder, ist hinausgelaufen, von Allen zuerst, als wir's hörten, und brachte
ihm Wasser zu trinken. Eh' Einer sich nur besinnen konnte, hatte sie ihm nasse
Umschläge gelegt, und dann, ach Gott, ich weiss nicht Alles. Und daraus kann doch
nur Unglück kommen. Und darum, was meinst Du, wir schicken sie nach Spandow, je
eher so besser.«
    Das Zerbster Bitterbier musste wunderbar auf den Ritter gewirkt haben. Er
seufzte so tief und schwer auf, als schöpfte er plötzlich Erinnerungen aus dem
Ziehbrunnen seiner Seele. Die breiten Hände auf seine Knie schlagend, hub er an:
    »Ich sage Dir, Brigitte, es kommt nirgend was raus als Unglück! Und das
kommt alles bloss daher, weil die Menschen es immer besser machen wollen, als es
ist. Der liebe Gott muss doch gewusst haben, warum er's so machte, aber nein, sie
müssen kehren und putzen und scheuern.«
    Frau Brigitte sah ihn bedenklich an, ob ein Vogel von der Wäsche gesungen.
Es war anderes, was ihrem Eheherrn hinter'm Ohr hüpfte.
    »In Berlin werden sie lateinisch sprechen, die Jungen sollen durch die
Gucker in die Sterne sehn und die Weiber die Nativitäten stellen. Aus dem Reich
ist ein lateinischer Gelehrter verschrieben, der soll dem Hofe Unterricht geben,
und Komödien wollen sie spielen von einem Heidenmenschen, der vor zwei tausend
Jahren schon gestorben ist, der heisst Terwenzel. Mögen sie scharwenzeln, mögen
sie's aushalten, wenn ich nicht zuhören muss. Ich will auch gar nicht mehr auf
den Landtag reiten.«
    Den Entschluss billigte seine Frau: »Was hast Du auch da zu tun, Götz! Hast
darüber die Reiherjagd versäumt und die Martinigänse.«
    »Was da gestänkert jetzt und geredet wird, Brigitte, Du glaubst es gar
nicht. Nun frag' ich eine Seele, haben wir nicht genug Gerichte und
Gerechtigkeit im Land? Sprachen sie jetzt davon, es sollte ein grosses oberstes
Gericht für die Marken errichtet werden in Berlin. Ist denn das
Reichskammergericht nicht schon Plage genug für 'nen rechtschaffenen Edelmann,
der's Unglück hat, dass er da was suchen muss? Nein, wir sollen die Plage auch
apart haben. Da sollen zwei Banken hingestellt werden, auf einer sollen die
Edelleute sitzen, auf der andern Gelehrte, und da soll alles geschlichtet und
entschieden werden, was sich in den Haaren liegt.«
    »Das wird 'nen Kohl geben!« sagte Frau von Bredow.
    »Rechtes Futter für die Advokaten, Processe, die einen Edelmann von Haus und
Hof fressen. Aber das ist den gelbschnäblichten Herren schon recht, je mehr nur
geschrieben wird, desto confuser und besser.«
    »Was Recht ist, weiss doch jeder selbst zum besten, nicht wahr, Götze. Gott
sei Dank, wir haben nichts mit den Gerichten zu tun.«
    »Meinst Du! Der Kunz Reder hat vor Jahren 'nen See abgelassen und ackert
darauf. Nun sagen die Bauern vom alten Kietz, sie hätten ein Recht auf die
Fische gehabt. Auf dem Acker könnten sie keine angeln. Und was kam beim Landtage
vor. Der Redner sagte: sie könnten ja Frösche angeln, wollt's ihnen nicht
wehren. Aber glaubst Du, Tile Holzendorf und noch ein Paar stunden auf, die
Bauern wären im Recht. Da schlag denn doch das Donnerwetter drein. Wenn der Adel
nicht mal zusammenhält.«
    »Was ist auch das Angeln, Götze! Der Förster sagte gestern, der Dachs hat
sich gestellt. Mann, wir brauchen Dachsfett in der Wirtschaft. Reite raus nach
dem Bau und lass die bösen Gedanken. Die frische Luft tut Dir gut. Will die
Jäger rufen lassen und die Körbe und Flaschen füllen.«
    »Brigitte!« sagte Herr Gottfried aufstehend und reckte sich. »Ich wünschte,
ich wäre selbst ein Dachs und könnte in mein Loch kriechen und schlafen den
ganzen Winter und sähe nichts und hörte nichts. Denn Gescheites geschieht doch
nicht mehr auf der Welt.«
    Die Edelfrau horchte auf Etwas. Der Türmer blies: »Was ist das? - Nachher
Götze muss ich Dir noch was sagen. Der Herr von Lindenberg war heute Nacht hier.
Es scheint mir was nicht richtig, aber da wir's nicht ändern können, ist's wohl
gescheidter, wir tun, als wüssten wir nichts.«
    Der Burgherr war damit vollkommen einverstanden, um so mehr, da er wirklich
nicht wusste, was er nicht wissen sollte, und was Einer nicht weiss, ihn nicht
heiss macht; und endlich, weil er gar nicht neugierig und der Meinung war, dass
viel Wissen für einen Mann vom Uebel sei. Aber eins hätte er doch wissen mögen,
als Brigitte hinaus war, nämlich warum sein Eisenhemde nicht am Platze hing.
Auch die Büffelhaube fehlte und die Handschuhe. Er war ein Mann, der die Ordnung
liebte, nämlich seine eigene, und wie er auch danach suchte, so fand er sie eben
so wenig als Gründe, warum er sie nicht fand. So etwas konnte ihn verdriessen,
und wenn er verdriesslich war, konnte er auch zornig werden. Und er fing schon
an, nur dass keiner da war, an dem er seinen Zorn auslassen konnte, was aber noch
mehr zornig machen kann.
    Der Türmer hatte wirklich geblasen, nicht einmal, wie wenn ein vereinzelter
Reiter gesehen wird, sondern in langen, wiederholten und anhaltenden Stössen, die
einen ganzen Heereszug bedeuten. Ein Trupp Reiter in Harnisch und Helm schwenkte
in den langen Baumgang, der zum Schloss führte, das Eisen klirrte, und grad' als
die Edelfrau auf dem Hof war, forderte der Anführer im Namen seiner
kurfürstlichen Gnaden Öffnung und Einlass.
    Alle sahen sich verwundert an, es war doch nicht Fehde, Herr Gottfried nicht
in Acht, noch im Prozess mit der Kammer des Kurfürsten, dass er Einlagerung zu
fürchten hatte.
    »Oeffnet sonder Zaudern!« rief der Anführer, den Eisenklopfer dreimal fallen
lassend. »Wir wissen, dass der Burgherr drinnen ist.«
    »Das ist ja Herr Achim von Arnim, der Voigt von Potsdam!« rief die Frau.
»Tut auf Leute, das ist etwas, oder 's ist eine Irrung.«
    Die Reiter sprengten nur zum Teil in den Hof, der grössere Teil blieb
draussen. Der Anführer grüsste mit adliger Sitte die Burgfrau, doch nicht sehr
freundlich: »Es tut mir leid, gnädige Frau, dass wir uns so wiedersehen müssen.
Doch geht Pflicht vor Freundschaft. Wo ist Herr Gottfried?«
    »Mein Mann? Ach lieber Herr von Arnim, der ist eben erst aus dem Bett
aufgestanden. Er schlief noch vom Landtag her.«
    »Das tut mir leid,« sprach der Voigt mit einem Lächeln um den Mund und
sprang aus dem Sattel.
    »So muss ich ihn schon mitnehmen, wie er ist.«
    »Mitnehmen! Heilige Mutter Gottes, was ist's.«
    »Ist mir doch lieb, dass er schon im Wamms und Hosen steckt,« sagte der
Ritter, da Herr Gottfried jetzt aus der Halle zum Vorschein kam. »'Nen Pelz
könnt Ihr ihm noch umwerfen.«
    Als Herr Götz ihn grüsste, neigte sich der Voigt auch nicht um ein weniges,
sondern hielt den weissen Stab in die Höh: »Herr Gottfried von Bredow, im Namen
Seiner Kurfürstlichen Gnaden, Ihr seid mein Gefangener. Folgt mir in Güte.«
    »Gefangener!« rief es. Das war doch auch für Frau Brigitten des Schreckens
zu viel. Hans Jürgen sah Eva fragend an, Agnes stürzte auf Herrn Gottfried und
umfasste ihn: »Sie sollen uns den Vater nicht nehmen.«
    »Das könnte nicht sein, lieber Herr von Arnim. Das ist ein falscher Befehl.
Warum?«
    Der Anführer hob den Arm: »Auf Seiner Durchlaucht eigenen Befehl, den ich
aus seinem Mund vernahm, bei Potsdam in der Forst. Ueberdem, wer wagt zu
zweifeln, der ein guter Vasall ist zu Brandenburg!«
    Ein weniges liess er das Pergament aufrollen, das er aus der Brust zog. Dann,
als täte es nicht not, schnellte er es wieder zusammen und schaute nur nach
seinen Reitern. Was er vor sich sah, tat nicht gut, dass ein kurfürstlicher
Diener es zu genau sah.
    Kaspar riss den Mund auf und drückte die Faust an die Zähne; Eva schrie und
flog zu Hans Jürgen. Sie fiel ihm nicht um den Hals, sie legte nur die Hände auf
seine Schulter. »Dass Dich doch mal!« hatte Herr Götz gerufen; weiter nichts,
dann waren die Arme ihm straff niedergesunken und er schaute, blass, mit seinen
grossen Augen in's Leere; aber Eva rief zu Hans Jürgen: »Dulden wir's?« - »Wir
dulden's nicht,« hatte er geantwortet; ich weiss nicht, ob mit dem Mund oder den
Augen, aber er sprang zur Treppe nach der Rüstkammer. Da war es gut, dass der
kluge Knecht Ruprecht ihn auffing. Was er ihm zugeflüstert, da er ihn
unterfasste, ich kann's euch nicht wieder sagen.
    Die Harnische der Reiter klirrten, da sie einen Halbkreis um die
Burginsassen schlossen; der Wachtmeister strich den Knebelbart, der Voigt von
Arnim sprach kein Wort, aber auf seinen geschlossenen Lippen war geschrieben: Es
ist Ernst, gegen den nichts hilft.
    Der Leiterwagen mit den Strohbündeln stand schon geschirrt im Hofe. Der
Wachtmeister und noch ein Reiter setzten sich nach vorn und hinten, eine Kette
mit Handschellen verbargen sie noch unterm Strohsitz in der Mitte.
    »Vater! Vater!« »Götze, mein Gottfried!«
    Und konnte der Dechant nichts mitgeben als seinen Segen? Die Burgfrau stiess
ihn fort, sie schlang ihren kräftigen Arm um den Hals ihres Herrn.
    »Warum musstest Du mir das tun, Mann! Nun weiss ich's, Du hast zu frei
gesprochen auf dem Landtag.«
    Darum! - Das darum und warum verhallte unter dem Gerassel der Räder und Hufe
auf der Zugbrücke. »Herr Dechant! Herr Dechant!« riefen Mutter und Töchter dem
geistlichen Herrn nach, der auch hinausritt, still, gesenkten Hauptes, aber er
ritt nicht mit dem Wagen; er schwenkte draussen um nach links.
    Da sass die unglückliche Frau und Mutter mit ihren Töchtern auf dem Walle.
»Er hätte ihn doch trösten können auf dem langen Weg bis Spandow,« schluchzte
Frau Brigitte. »Was braucht der Peter Melchior des Zuspruchs, der ist nur ein
bisschen krank und mein Herr -« Ein Aufschrei unterbrach sie. Der Wagen mit den
Reisigen, als sie in den Wald lenkten, hielt, und deutlich sah man's, sie legten
dem Gefangenen Fesseln an. »Dass Gott erbarm, das ist zu arg!« schrien' die
Mägde; die Töchter bargen weinend ihr Gesicht im Schoss der Mutter, die ihres in
beide Hände stützte: »Nun ist's vorbei, nun ist's richtig, wir sehen ihn nimmer
wieder.« Sie sah ihn auch nicht wieder, als sie plötzlich sich aufraffte und mit
dem Tuche nachwehte. Ross und Reisige waren im Walde verschwunden, im tiefen
Sande verhallte der Ton von Hufen und Rädern.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                         Der Fürst und der Geheimrat.
Im kurfürstlichen Vorzimmer sass der Hauptmann der Leibwache. Obgleich er den
Lehnstuhl an den hellprasselnden Kamin gerückt, hatte er doch sein Stahlkleid
noch mit einem Wolfspelz umhüllt; es war ein kalter, stürmischer Spätabend, der
Wind heulte in den Böden des Schlosses und fuhr durch die Schlotte herab. Die
Spree dampfte; der Wohlgeruch, welcher von den Aepfelkähnen dann und wann herauf
und durch die schlecht verschlossenen Fenster drang, schien ihn nicht zu
erquicken. Er spielte ein gedankenloses Spiel mit seinem Dolche; wenn er dann
und wann sichtlich gelangweilt aufsprang und an's Fenster trat, zählte er die
Lichter drüben in den kleinen Häusern der winklichten Stadt, wie eines um das
andere verlosch. Endlich waren alle verschwunden; nur auf der langen Brücke
schweelte noch kümmerlich fort die kleine, rötliche Oellampe unter dem
Muttergottesbilde.
    Durch die geöffnete Tür sah man auf dem langen Corridor zwei Hellebardiere
mit gemessenen Schritten auf und abgehen. Zuweilen zeigte sich auch ein Mann an
der Schwelle, im kurfürstlichen Wappenrock, mit dem roten Adler auf der Brust
und in hohen Reiterstiefeln, als warte er auf etwas. Wenn der Ritter ihn sah,
winkte er ihm mit der Hand: »Er schreibt noch.«
    Durch die Nachtluft dröhnte jetzt ein Glockenschlag, dem drei andere
folgten. Von Sanct Nicolas tönten darauf zehn volle Glockenschläge. Als der
letzte verklungen, fing die Marienkirche an, vom Rathaus antwortete es, und
plötzlich summte und schwirrte es, ein lautes Glockenmeer in der Luft, von den
Kirchen in Köln, dem Dom, Sanct Peter und den schwarzen Brüdern, die sich nicht
Zeit zu lassen schienen, eine die andere abzuwarten. Die entfernteren und
kleineren Glocken von den grauen Brüdern, dem Hospital von Sanct Georg hallten
auch nachklingend in der Ferne, als die Nachtwächter diesseits und jenseits der
Spree schon in's Horn stiessen und ihr:
Hört Ihr Herren und lasst Euch sagen:
Die Glock' hat Zehn geschlagen,
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Damit der Stadt kein Schaden geschieht.
Lobet Gott den Herrn!
die Stille der Nacht für eine Weile unterbrach.
    Auf dem Gange schallten Tritte. Die Hellebardiere schulterten, der
Hoffourier, der sich wieder an der Schwelle gezeigt, trat ehrerbietig zurück,
und ein vornehmer Herr in carmoisinem mit Gold gesticktem Wams und feiner
Halskrause trat unangemeldet mit eiligem aber einem so sicheren Schritte ein,
dass man sah, er war dieses Bodens gewohnt.
    »Ha, Du hast die Wache!« rief er dem Officier zu. »Das ist gut.«
    »Endlich, Wilkin!« antwortete der Hauptmann und hielt ihm die Hand entgegen.
»Welcher Teufel hat Dich denn beim Kopf gehabt?«
    »Erwartet mich seine Gnaden?«
    »Fünf-, sechs Mal schickte er nach Dir. Wie's Kind nach der Muttermilch
schnappt er nach Deinem Anblick. 'S ist grausam, dass Du Dich ihm so lange
entzogst.«
    Der Angekommene befühlte seine Halskrause, ob sie in Ordnung sei, strich die
Federn auf seinem Hut und wollte mit einem stummen Gruss an dem wachtabenden
Officier vorbei nach der Tür zu den inneren Gemächern, aber der Hauptmann hielt
ihn zurück:
    »Halt! Jetzt schreibt er. Vorhin zu spät und jetzt zu früh.«
    Der Cavalier warf sich in den Lehnstuhl und schöpfte tief Atem. Dann
wischte er den Schweiss von der Stirn: »Es ist mir ganz recht. Ich muss mich etwas
erholen; ich lief zu sehr.«
    »Nun sprich, wo stecktest Du? Du warst ja wie weggeblasen mit Deinem
Rappen.«
    »Du weisst, er hat zuweilen den Koller.«
    »Du aber einen vortrefflichen Riecher, wo es eine Spur finden gilt. Als das
Unwetter gestern losging und alle Hörner umsonst schmetterten und keine Antwort
kam, war Jochem allen Ernstes besorgt, ein Nix, eine Elfe hätte Dich verlockt,
und wir würden Dich wiederfinden als kalten Mann in 'nem Sumpf oder an einem
Seeufer.«
    »Seit wann schickten Seine Gnaden nach mir? Ich meine, wann ist er nach Köln
zurückgekehrt?«
    »Gestern kehrten wir gar nicht zurück. Er suchte nach Dir, wie nach seinem
Schosshund, da mussten wir, weil wir uns bei Belitz verspätet, in Potsdam
übernachten. Heut Morgen ward dort gejagt, erst zu Mittag kehrten wir heim. Du
kannst dem Hoffourier neue Sohlen schenken; so oft hat er für Dich durch Kot
und Kehricht nach der Klosterstrasse gemusst. Blitz, was waren Deine Wege?«
    »Otterstädt!« sagte der Andere nach einer Pause, indem er den Kopf in dem
Arm stützte. »Es schleicht mir was durch die Glieder seit einiger Zeit. Ist's
ein Fieber oder was ist's? Ich sehe die Dinge doppelt, oder was Andere sehen,
sehe ich nicht. Schauderte mich doch eben, als ich in's Schloss trat, und die
Ampeln wehten in den dunkeln Gängen.«
    »Du sahest doch nicht die weisse Frau?«
    Der Andere schüttelte den Kopf.
    »Oder trat Dir die eiserne Jungfrau entgegen und breitete die Arme nach Dir
aus?«
    Der Cavalier machte eine abwehrende Bewegung: »Schweig, schweig! Dummes
Zeug, ein Schwindel, mir wird schon besser.«
    »Glaube mir,« lachte der Hauptmann, »es ist das Katzenwedeln. Unsere Natur
ist nicht für das Scharwenzeln. Wo die Weisheit mit Löffeln gefressen wird,
schrumpft der Magen ein. Sauf Dich mit uns mal wieder voll, dann vergehen die
Blähungen im Gesichte. Aber Menschenkind, bist uns noch Rechenschaft schuldig.
Zauste Dich das Fieber auch, als Du durch die Haide rittest?«
    »Ich sagt' es Dir ja schon, mein Pferd riss mich fort. Weiss nicht, was ihm zu
Gesicht kam. Als ich's bewältigt, hatt' ich die Richtung verloren, ich kam nach
Brandenburg, Gott weiss wie, und hielt es dann für das Geratenste, durch den
Barnim zu reiten. Da übernachtete ich drüben in Kerzin.«
    »Da kann man freilich spät nach Berlin kommen! Ich will Dir's glauben, wenn
Du's willst.«
    »Du tust sehr gescheit, Otterstädt. Worauf wartet der Fourier?«
    »Auf ein Schreiben Seiner Durchlaucht.«
    »An wen?«
    »Was weiss ich's, an welchen Schwarzrock oder welche Glatze. Wenn er
schreibt, ist's ja nur an Pfaffen und Gelehrte. Nach Strassburg oder Basel
soll's. Richtig, 's ist der superkluge feine Abt; mit 'nem Tritt fängt's an und
mit Haus oder Heim läuft's aus, der schon mal hier war und Weisheit schüttelte,
wenn er sich im Bart kraute.«
    »Der Abt Tritteim, sein Lehrer!«
    »Ging's nach mir, Wilkin, so stäch ich's dem Fuhrmann, der ihn bringen soll,
dass er ihn in 'ne Pfütze würfe. Da möcht' er sich mit seinen lateinischen
Phrasen rausziehen. Ging das gelehrte Tier nicht hier wie ein Pfau mit
gläsernen Füssen, dem seine feine weisse Hand zu gut dünkt, dass er unsre groben
Stühle und Tische anrührte? Und als tät er eine Gnade, wenn er mit Unsereinem
ein deutsch Wort wechselt?«
    »Diese Leute sind nicht schädlich,« sagte der Andere. »Ein Spielzeug für
ihn. Wenn er sich mit ihnen in gelehrte Gespräche über den Mond und den Papst
vertieft, ist's nur zu unserem Vorteil. Aber was soll der Abt jetzt?«
    »Was! Wozu anders als zu der Hauptgeschichte, derohalben wir Kurfürst
wurden. Soll dabei sein, Pate stehen bei der neuen Universität, wie sie's
nennen. Darüber wird ja jetzt geschmiert und correspondirt mit Papst, mit
Fürsten und Herren draussen im Reich, als könnte ein Markgraf von Brandenburg,
wenn er neu gebacken ist, nicht Eiligeres und Nötigeres tun, als 'ne Schule zu
gründen, wo die Buben das lateinische A B C lernen. Lass die Pommern die Oder
aussaufen, was geht's uns an, wenn wir nur in Frankfurt eine Universität
kriegen, damit man von uns draussen schwatzt, was für fromme und gelehrte Leute
wir sind.«
    »Das Testament befiehlt es ihm.«
    »Er tut Alles, was uns nicht Not tut, und nichts, um was es uns zu tun
ist. Tut Euch in der Priegnitz eine Universität not? Wir in der Uckermark
brauchen keine. Hat's Mangel an Schreibern, Juristen, Pfaffen in der Altmark, in
der Neumark, in der Kurmark? Pfaffen, dass man sich schütteln möchte, wie der
Bettler im Pelz, aber wenn er nur im Mond einen Platz fände, stiftete er auch da
ein Bistum.«
    »Sonst nichts Neues, Herr von Otterstädt?«
    »Will seinen kleinen Bruder, Prinz Albrecht, wenn Frankfurt geweiht wird,
zum Canonicus weihen lassen.1 Dass dich - werden Alle noch Pfaffen und
Schwarzröcke werden.«
    »Zu Haus ist doch Alles in Ordnung?«
    »Prost Mahlzeit! Vom Götze Bredow erfuhrst Du doch unterwegs?«
    »Der von Ziatz? Was ist mit ihm?«
    »Schöne Geschichte. Ist nach Spandow gebracht, in den Turm gesperrt. Es
gibt ein Gericht.«
    »Der alte Bredow?« Verwundert war der Hofmann aufgesprungen. »Ich - das muss
ein Missverständnis sein.«
    »Gebunden noch dazu. Soll mich wundern, was die Friesacker dazu sagen
werden. Plagt der Teufel den alten Krippenreiter, dass er einem Juden auflauert,
der mit seinem Wagen nach Berlin fährt.«
    »Einem Juden?«
    »Oder so was. Genug er hat ihn geworfen, leichter gemacht, geknebelt und in
den Graben geschmissen. Soweit ging Alles gut. Nun hat aber der dämlichte Kopf,
der nie viel Grips hatte, vergessen, dass wenn man etwas wagt, man Alles wagen
und einem Kerl, der schreien kann, die Kehle fester zuschnüren muss. Item, er hat
es verdorben. Es kamen Leute zu, die ihn losbanden. Zugerichtet wie er war,
konnte er doch noch ein Lamento erheben und seinen Räuber, wie so ein Kerl das
versteht, beschreiben.«
    »Wie beschrieb er ihn?«
    »Nun, dass es kein Zweifel ist, es war der Hohen-Ziatzer. Der Schafskopf in
seinem verrosteten Panzerhemd, dran noch seine Farben und in der alten
Büffelhaube, die kein Mensch in der Mark mehr trägt als er, darin bei hellem
Licht und auf solcher Strasse einen Krämer werfen! So Einen muss man nun als
Seinesgleichen gelten lassen. Er war noch pfiffig genug, dass er nicht gleich
nach seinem Nest kehrt machte, sondern tat, als ritte er nach Potsdam; da haben
ihn die Marktleute gesehen und erkannt. Von da ist er vermutlich im Walde
eingeschwenkt und nach seinem Sumpfloch heimgeritten. Nicht wahr, 's geht Euch
wie mir im Kopf rum?«
    »Aber der Kurfürst, wie erfuhr er es?«
    »Ich sagte Euch ja schon, wir blieben die Nacht in Potsdam und jagten heute
früh dort. Da kam die Mähre denn brühsiedend warm zu uns. Das quikte und schrie,
wie wenn ich heiss Wasser auf eine Tonne von Mäusen giesse: Gerechtigkeit,
Gewalttat! grosser Kurfürst! Mir gellen noch die Ohren.«
    »Sprach der Kurfürst den Krämer, ich meine den Juden persönlich?«
    »Nein. Von den Katzenköpfen und dem Schnüren hat er das Fieber gekriegt.
Aber der Schreiber hatte seine Aussage zu Protocoll genommen dort in Baumgartens
Fährhaus. Darauf liess der Kurfürst den Vogt von Potsdam nach Ziatz reiten, und
der Vogel war in seinem Nest gefunden.«
    »Wird der Krämer - ich meine der Jude dran glauben müssen?«
    »Das glaube ich nicht. Der Markgraf will ihn morgen selbst verhören. Aber
der Ziatzer wird es. Das ist 'ne verdriessliche Sache, Wilkin. Wird uns wieder
'nen Brei einrühren. Der Götz hat den Ruf eines Ehrenmannes. Heisst es nun,
selbst der hat dem Kitzel nicht widerstehen können, welche Litanei geht da von
Neuem gegen den Adel los!«
    »Lass ihn doch klug sprechen! Je mehr er in das Sprechen kommt, um so mehr
gefällt er sich darin und um so weniger tut er. Wenn ihr klug wäret, locktet
Ihr ihn sogar zum Reden, Ihr hörtet ihm mit Bewunderung zu, und wenn Ihr noch
klüger wär't, antwortet Ihr mit dem Widerhall dessen, was Ihr gehört. Ist das so
schwer, Phrasen auswendig zu lernen, die uns hundert Mal vorgesagt werden? Das
ist das Kunststück der Weisheit, die in der Welt gelten will.«
    »Aber es ist nicht klug von uns, ihm auf so dumme Weise zum Reden Anlass zu
geben,« sagte Otterstädt. »Solch' ein Pfuscher im Handwerk! Wär's nicht sein
guter Name, er verdiente den Henker. Himmel und Hölle, das ganze Havelland kocht
und brennt.«
    »Wäre das so schlimm?« sagte der Andere, als die Tür zum inneren Zimmer
sich öffnete und der Kämmerer hinaus rief:
    »Der Geheimrat von Lindenberg!«
    Der Kurfürst stand vor seinem Schreibtisch, ein edler, schöner, junger Mann,
auch ohne das fürstliche Gewand, das an seine ritterliche Gestalt sich
schmiegsam fügte. Er las an einem entfalteten Pergament, dem man es ansah, dass
er es nicht zum ersten Male geöffnet, dass er nicht zum ersten Male darin las. Er
küsste die Schrift: »Ich will es, seliger Geist meines Vaters! Ich hab's gelobt
und will es auch halten.«
    Er schritt einige Mal im Zimmer auf und ab, indem er die Worte, die er eben
gelesen, mit lauter Stimme wiederholte.
    Deinen Fürstentron wirst Du nicht besser befestigen, als wenn Du den
Unterdrückten hilfst, wenn Du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen
überwältigen, und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden angedeihen lässest2.
    »Erhabene Worte eines erhabenen Fürsten!« sprach der Geheimrat, sein Baret
mit gekreuzten Armen auf die Brust drückend, indem er sich tief neigte; es
schien mehr vor dem Pergament, das jetzt auf dem Tisch lag, als vor seinem
Herrn, der sich in den Armstuhl niedergelassen hatte.
    »Es sollen nicht Worte bleiben, es sollen Taten werden. Traust Du es mir
zu, Lindenberg?«
    »Werden? Gnädigster Herr, ich meine, Sie sind es schon.«
    »O es liegt vor mir wie eine Wüste, nein wie ein Gebirge. Wenn ich die
höchste Kuppe erklimme, war es nur ein Hügel, vor dem neue Ketten, Felsen,
Riesengebirge sich endlos weit ausdehnen. Wer führt mich durch diese
Schlangenwindungen, durch diese Lawinen den graden Weg?«
    »Ihr selbst! Wie Eures Vaters Vater ein Achilles war an Kraft, wie man Euren
Vater Johannes, weil seine weise Rede wie Honig von den Lippen floss, einen
Cicero nannte, werdet Ihr an Klugheit und Erfahrung ein Nestor sein, der nicht
geführt zu werden braucht, der Andere führt.«
    »Ich bin noch jung, aber - ich will's, Lindenberg, ich will's! Wie stärkt
mich des Vaters Testament; allein jedesmal, wenn ich es überlese, wenn diese
Honigworte wie Balsam auf mein Herz träufeln, steigen auch neue Zweifel auf, wie
starre Klippen, die dem Schiffer den Weg versperren. O allmächtiger Gott, es ist
so viel was ich tun muss, und ich bin doch nur ein Mensch. Lies, lies es wieder,
dies kostbare Document des weisesten, des grössten, des edelsten Mannes seines
Jahrhunderts.«
    »Lesen, gnädiger Herr? Ich kann es auswendig. Erlaubt mir vielmehr, auf
dieses heilige Pergament meine Lippen zu drücken, als ein Gelöbnis, dass, was in
meinen schwachen Kräften steht, ich treu daran halten will.«
    »Küsse diese Stelle.«
    »Ist nicht eine so viel wert wie die andere?«
    Vergiss nicht mein Sohn, den Adel im Zaum zu halten; denn sein Übermut
verübt das meiste Böse. Strafe sie, wenn sie die Gesetze übertreten, und lass
nicht zu, dass sie irgend, wer es sei, wider Gebühr beschweren.
    »Grosser, seliger Johannes, es ist ein schmerzliches Wort!«
    »Das Dich nicht drücken kann. Du bist nicht wie die Andern. Setze Dich zu
mir. Wie hat mich nach Dir verlangt, Lindenberg, wieder einen Menschen zu sehen,
unter diesen Halbmenschen, mit ihm sprechen zu können, wie mir um's Herz ist,
und der meine Sprache versteht.«
    »Eure kurfürstlichen Gnaden sandten, wie ich höre, so eben nach dem Abt
Tritteim, ich begreife -«
    »Davon nachher.«
    »Hätten wir doch diesen herrlichen Mann am Hofe festalten können. Ich
begreife, dass es ihm hier nicht wohl zu Mute war, aber er hätte seine Abneigung
überwinden sollen, aus Ehrfurcht und Dankbarkeit für seinen fürstlichen
Wohltäter und Schüler.«
    »Was sollte er hier?« rief der Fürst, und ein innerlicher Schauer schien
seiner Herr zu werden. Unwillkürlich hatte er wieder nach der Schrift seines
Vaters gegriffen, und drückte die Finger auf die Stelle, welche lautet: Ich
hinterlasse Dir mein Sohn, ein grosses Land; allein es ist kein Deutsches
Fürstentum, in dem mehr Zank, Mord und Grausamkeit im Schwange gehn, als in
unserer Mark.
    »Aber ich will ihnen in die Ohren mit Posaunenton rufen, dass ich wach bin,
weil sie denken, dass ich schlafe. Mir ist nicht bange, ich kenne sie alle und
ihre Tücken, worauf sie bauen, ich will sie auffinden, in ihren Gelagen und
Schlupfwinkeln, in ihren Nestern und Spelunken, bei Tag und bei Nacht; ich will
die Strassen fegen und die Burgen auskehren. Die Grossmächtigen sollen vor mir
zittern und die Wölfe will ich aus dem Schafpelz jagen, den sie übergehangen.
Ich will ihnen Allen zeigen, dass ich sie nicht fürchte, noch ihr Geschrei, denn
ich bin ihr Herr.«
    Er war aufgesprungen und mass wieder mit stolzen Schritten das Zimmer,
sichtlich durch die Erinnerung an ein jüngstes Erlebnis aufgeregt.
    »Ist es erhört, ist es denkbar nur«, fuhr er fort, »dieser Räuberanfall in
meiner nächsten Nähe, gleichsam unter meinen Augen, wo der Hauch meines Mundes
hinreicht, wo die Hufe meines Rosses den Boden kaum betreten, mir zum Hohn, dem
Lande zur Schmach, der Gerechtigkeit, die ich pflege, zum Ärgernis. Ein
gemeiner, elender, blutiger Strassenraub! Es ist mir, als hätte der Raubmörder an
alle Bäume geschrieben, unter denen ich fortritt: Wehe dem Lande, dessen König
ein Kind ist. Aber sie irren sich.«
    »Mein Durchlauchtigster Herr meint den Anfall von vorgestern an dem Juden,
von dem ich hörte.«
    »Heute, Lindenberg; es sind noch nicht vierundzwanzig Stunden um.«
    »Der Jude, Euer Gnaden soll -«
    »Es ist kein Jude, Du musst Dich ja des Krämers entsinnen, der uns in
Saarmund am Zoll seine Waaren ausbreitete. Ich kaufte davon. Es ist mein Geld,
die Beutel, noch von meinem Seckelmeister versiegelt, riss die verfluchte Hand
des Diebes fort.«
    »Wenn ich es nicht aus so glaubwürdigem Munde hörte, sollte ich es kaum
glauben. Jetzt entsinne ich mich auch dieses Krämers. Er war im grünen Wams,
richtig! Sein Gesicht, ich bekenne, flösste mir schon damals wenig Zutrauen ein,
und ich sah ihm auf die Finger, als ihm das Geld aufgezählt wurde. Aber ich muss
mich doch getäuscht haben. Also es war kein Jude!«
    »Ich hasse die Juden, Lindenberg, und denke auch diesen ungläubigen
Wucherern einen Daum auf's Auge zu setzen, wenn ihre Zeit kommt, denn sie sind
und bleiben Verräter an dem Blute, unseres Herrn und Heilandes. Aber, und wäre
es Simon der Schächer oder Ischariot gewesen, der die dreissig Silberlinge trug,
es hätte Keiner ein Recht, es hätte sich Keiner unterstehen sollen, wo ich den
Blutbann habe, seine Hand an ihn zu legen. Oder zweifelst Du?«
    »Ich zweifeln, wo mein Herr spricht!«
    »Und doch stehst Du sinnend da? Bist Du anderen Sinnes? Ich liebe freie
Meinungen, auch wenn sie meiner entgegen sind.«
    »Ich bekenne, dass allerdings ein Zweifel eben auftauchte, und wünschte wohl,
dass mein gnädigster Herr mir da zu Hülfe käme. Gesetzt, was Ihr da eben
anführtet, Judas Ischariot wäre es, der von Köpnick nach Berlin mit seinem
Sündengelde zieht, und ich begegnete ihm im Walde, beim heiligen Johannes, ich
glaube nicht, dass ich eine Sünde täte, wenn ich ihm auf den Kopf schlüge. Und
wär' es, hilf mir Gott, ich glaube doch, ich tät' es. Gnädigster Herr, mir
scheint die Frage von Wichtigkeit. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und
Gott, was Gottes ist, verzeiht mir, ich spreche nur als Laie, aber liesse sich
der Spruch hier nicht anwenden. Nein, Herr, auf die Gefahr Eurer Ungnade, die
Gelegenheit liess ich mir nicht entgehen. Ist Judas Ischariot nicht ärger als
der Teufel, der doch vor unserm Heiland weichen musste, und konnte ihn nicht in
Stricke und Versuchung bringen, wogegen Judas unsern Herrn in die Stricke seiner
Feinde verraten hat. Den Teufel todt zu schlagen, das könnte doch kein Gericht
mir wehren, so es in meiner Macht stände. Die Frage scheint mir allen Ernstes
wichtig genug, dass ein christlicher Fürst sie an die Universitäten schickte,
damit man die Gutachten der teologischen Facultäten darüber erführen.«
    »Die Facultäten, Lieber, würden vielleicht antworten, dass kein Mensch ein
Recht hat, auch nur den Teufel todt zu schlagen, sintemal Gott ihn bestehen
lässt, dass er uns zu unserm Heil versucht. Was nun Judas anlangt, so hat Gott es
auch gefügt, dass weder Ihr noch ich ihm in der Köpnicker Haide begegnen könnt,
da er längst seinem Gerichte verfallen ist. Auch ist nicht der geschlagen,
sondern der Krämer Hedderich, und der ihn schlug, seid nicht Ihr, sondern es ist
Gottfried Bredow. Was sagt Ihr dazu! Nicht wahr, es stehen Euch die Haare zu
Berge.«
    »Die Sache fordert -«
    »Die strengste Untersuchung. Die soll ihr werden.«
    »Gewiss die allerstrengste, gnädiger Herr. Und doch überschleicht mich ein
Bedenken, ob es nicht geratener sei, die ganze Sache auf sich beruhen zu
lassen. Verzeiht mir, es ist nur eine Ansicht. Der Gerechtigkeit natürlich ihren
vollen Lauf, aber das Wohl des ganzen Reiches, vor allem Eurer Selbst, Eurer
erlauchten Familie kommt doch auch in Betracht. Die Macht, die Verbreitung der
Bredows über das ganze Havelland, die halbe Zauche, wo sind nicht die Bredows,
muss man nicht aus dem Auge lassen. Ich weiss wohl, es sind nicht mehr die Zeiten
der Gänse von Puttlitz und der Quitzows, ich rede auch nicht von einem
Aufstande, der zu fürchten wäre, Euer starker Arm würde ihn niederschlagen;
Rücksichten aber hat jeder Fürst, insonderheit jeder christliche Fürst und noch
mehr Einer, der nur für das Wohl seiner Untertanen lebt. Also ganz abgesehen
von einer Furcht vor Etwas, was mein hoher Herr nicht fürchten darf, Ihr schlügt
einem Feinde in den Nacken, der furchtbar werden kann. Ich meine die Meinung,
welche die Familie für sich hat. Sie haben in letzter Zeit sehr viel auf sich
gehalten, man hörte seit dreissig Jahren nicht, dass ein Bredow auf der Strasse
lag. Welches Aergernis gäbe ein Prozess und gerade gegen eines ihrer Mitglieder,
das sich des besten Rufes erfreute. Eine scharfe Gerechtigkeit, gegen ihn geübt,
würden selbst die Gerechten verdammen.«
    »Es ist geschehen.«
    »Es ist noch nicht verlautbart; man kann es noch ungeschehen machen. Dieser
lumpige Krämer lässt sich abfinden, wenn nicht mit Wenigem, kann man viel geben.
Die Bredows in Friesack würden tief in ihre Läden greifen, aber, wenn mein Rat
durchginge, liessen wir es nicht bis dahin kommen. Befehle mein Kurfürst, so
würde ich mit Vergnügen selbst das Mittleramt übernehmen.«
    »Ich habe dem Feinde in den Nacken geschlagen, dem ich in's Auge sehen
will,« rief der Kurfürst aus, und seine Augen leuchteten vor edlem Zorn. »Morgen
wird der Uebertreter nach Berlin geführt, ich werde ihn richten. - Auswendig,
Lindenberg, willst Du das Testament meines Vaters kennen, und hast doch schon
seinen Inhalt vergessen. Legst Du so die Worte aus: Deinen Tron wirst Du nicht
besser befestigen, als wenn Du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen
überwältigen, und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden widerfahren lässest. Ich
will den Reichen nicht nachsehen, ich will gleiches Recht einem Jeden schenken.
Ist er's, dann beim Wohl meines Landes; bei meinem Schutzpatron, bei den
Heiligen allen, beim höchsten Gotte, den Rücksichten einen Fusstritt, die
zwischen mir und meiner Pflicht sich eindrängen wollen.«
    So hatte der Geheimrat seinen Herrn noch nicht gesehen. Auch Johannes
Cicero, als er die fünfzehn Schlösser der Raubritter niederreissen; als er die
Schuldigen richten, als er in Stendal das Henkersschwert walten liess gegen die
Aufrührer, so furchtbar hatte er ihm nicht gedünkt, als jetzt der Sohn. Der Sohn
in seinem Zorn, der doch kaum aus dem Jünglingsalter zum Mann geworden. Welche
Aussicht lag vor ihm!
    Der Kurfürst mochte den Eindruck bemerkt haben, den seine Rede auf seinen
Liebling hervorgebracht. Er setzte sich wieder und winkte ihm freundlich neben
ihm Platz zu nehmen!
    »Ich mag es begreifen, wie es Dich schmerzt, sie sind Deines Blutes und
Standes. Soll es mich aber nicht mehr schmerzen, der ich das Siegel und das
Haupt bin ihres Bundes. Wie soll ich mit meiner Ritterschaft vor Kaiser und
Reich bestehen, wo ich ihre Ehre verteidigen und vertreten soll und gleich
geachtet wissen mit denen in Franken und Sachsen, in Schweden, Westphalen und am
Rheine, wenn sie hohnlachend auf sie weisen und sprechen;: sind das Deine
Ritter, die Nachts in die Hürden brechen und Hammel und Ochsen stehlen und Gänse
forttreiben? Damit ich da nicht erröten muss und weinen über Alle, muss ich hier
ausreuten das Unkraut vom Weizen. Mag dieser eine Mann nur dies eine Mal
verfallen sein den Stricken der Versuchung, da tut es mir leid um ihn; mehr
kann ich nicht, als ihn beklagen. Dann aber wird seine Bestrafung anders wirken,
als Du fürchtest; denn die Leute werden denken, wenn selbst ein langer,
untadelhafter Wandel vor dem Verbrechen und der Strafe nicht schützt, wie muss da
täglich Jeder beten und stündlich auf sich Acht haben, dass ihn der Böse nicht in
einer schwachen Stunde beschleiche, wo die sündige Lust und der Kitzel dieser
Stunde die Gedanken und Werke von vielen Jahren vernichtet.«
    Der Herr von Lindenberg schien wieder seine vorige Ruhe gewonnen zu haben.
    »Euer Durchlaucht Gründe haben mich überzeugt. Es kann nur der leibhaftige
Satan gewesen sein, der diesen Mann verführt hat, Satan, dessen Macht Euer
Gnaden hochgelehrter Hofkaplan noch letzten Sonntag in der Predigt, so dass uns
Allen die Haare zu Berge standen, beschrieb. Auf die Aussage des Krämers ist
nichts zu geben, er war von Angst und Schreck geblendet. Mir scheinen da
geheimnisvolle Dinge im Spiel. Wie, wenn man die Sache dem Freigericht
übertrüge? Die heilige Vehme, im Besitz uralter Überlieferungen ist in diesen
geheimen Dingen sicherer das Rechte zu treffen. Auch üben ihre Aussprüche, die
Vollstreckungen ihrer Urteile auf das Volk noch immer eine wunderbare Macht.
Ist es geschehen, forscht Niemand nach dem Warum. Wenn eines Morgens Gottfrieds
Leiche auf der langen Brücke mit getrenntem Kopfe läge, wenn es hiesse, dass er,
verfehmt, verdammt, von dem Schreckbilde des Volkes, der eisernen Jungfrau,
umhalst, seine Übertretung gebüsst, alsdann wären alle schlimmen Folgen von der
Person meines Fürsten abgewälzt.«
    »Ein heimliches Gericht!« rief Joachim. »Da sei Gott für. Was ich tue, soll
das Licht der Sonne nicht scheuen, ich will's vertreten vor männiglich.«
    »So erwartete ich es von meinem gnädigsten Herrn.«
    »Und du lächelst, wo mich in der Seele schaudert.«
    »Freimütig will ich es gestehen, mich befremdete der Gegenstand des
Gespräches. Während ich glaubte, dass mein Fürst mich zum Rat über Wichtigeres
berufen, beschäftigt ihn ein elender Strassenraub. Vertieft dachte ich ihn mir in
den grossen Planen, wie wir endlich den sehnlichen Wunsch, die ernste Aufgabe
seines Vaters lösen. Es ist eine Ehrenaufgabe Eures Hauses. Der Kaiser fordert
es, dass jeder Kurfürst in seinen Landen eine Hochschule gründe, die Stände des
Reiches dringen darauf schon seit zwei Geschlechtern, Euer Vater hinterliess die
Gelder -«
    »Kannst Du zweifeln, dass ich sie richtig verwenden werde?«
    »Behüte mich der Himmel vor solchem Frevel! Doch begreife ich nicht, wie
meines Fürsten Geist, ganz von diesem grossen Geschäfte erfüllt, noch mit Dingen
sich abgibt, die er seinen Räten und Dienern überlassen kann.«
    »Da, sieh hier,« rief Joachim, und riss aus den Fächern seines Schreibtisches
Papiere und Pergamente. »Hier fliesst die Oder, hier ist Frankfurt; das ist der
Riss zum Collegienhaus; im künftigen Jahre wird der Bau begonnen. In dieser
Kapsel ist die Bulle des Papstes, hier ist des Kaisers Freibrief, den mein Vater
schon empfing. Dies Pack, die Briefe, gewechselt mit den Gelehrten in Basel,
Strassburg, Leipzig. Lächelst Du wieder darüber?«
    »Mein verdammter Mund, der so wenig ausdrückt, was die Seele denkt. Ich bin
kein Gelehrter, wie mein Fürst, aber wär ich's, ich könnte mich nicht mit andern
Dingen daneben beschäftigen. Auf die Gefahr meinem Herrn zu missfallen, spreche
ich es geradezu aus, es ist meine Pflicht als Mitglied Eures Geheimrates, wenn
die Seele von einem Gegenstande erfüllt ist, sollte sie auch alle Kräfte ihm
widmen. Wie lange hat sich's nun schon hingezogen, dass die Mark einer
Universität entbehrt, weil Euer erlauchter Vater von zu vielen andern kleinen
lästigen Sorgen gedrückt war. Ob die Strassen fahrbar, ob sicher sind, ob die
Zölle gut verpachtet, ob die Bierziese richtig eingeht, dafür können andere
sorgen, aber das geistige Wohl Eures Volkes zu bewachen, zu diesem hochheiligen
Geschäfte weiss ich nur Einen, der fähig ist, und jeder Augenblick, den er zu
anderen Beschäftigungen abstiehlt, ist ein Raub.«
    »Ein Fürst soll seine Augen überall haben.«
    »Und doch ist er nur ein Mensch. Indem er Alles selbst sehen, nichts seinen
Getreuen überlassen will, sieht er oft das Wichtigste nicht. Da ist es denn
geschehen, dass Kursachsen uns zuvorkam, Wittenberg ist gegründet und wir wollen
noch Frankfurt bauen.«
    »Mein Frankfurt soll Wittenberg überflügeln.«
    »Aber schon entging uns der gelehrte Dr. Simon Pistoris. Er bleibt nun in
Leipzig, weil sein Gegner der Dr. Pollicius, nach Wittenberg gegangen. Diese
Säule von Gelehrsamkeit, die allein eine Universität getragen, dieser erste Arzt
Deutschlands, ist uns verloren.«
    »Ich meine, wir haben dafür einen andern, bessern gewonnen,« sprach der
Kurfürst mit freudestrahlenden Blicken, indem er ein eben eröffnetes Schreiben
dem Ritter vorlegte.
    »Wimpina kommt.«
    Lindenberg las und blickte mit dem Ausdruck der Ueberraschung und Freude
auf: »In der Tat, das hatte ich nicht erwartet. Das ist ein Gewinn!«
    »Ein ungeheurer, sage ich Dir, Lindenberg. Eine Schule, auf weltliche
Weisheit gegründet, ist ein halbes Werk; in Pistoris verloren wir einen grossen
Arzt des Leibes, in Dr. Koch gewinnen wir einen Arzt des Geistes, eine Säule der
Kirche, den ersten Teologen Germaniens. Ich wünsche, Du kenntest seine
gelehrten Streitschriften. Noch kein Gelehrter hat mit solchen überzeugenden
Gründen, mit solchem göttlichen Feuer seine Gegner niedergedonnert.«
    »Koch-Wimpina!« rief Lindenberg. »Derselbe, welcher in der Streitschrift
gegen den Toribäus die Zahl der Ehemänner der heiligen Anna, Christi
Grossmutter, feststellte3, und mit welcher glänzenden Beredsamkeit! Dr. Musculus
las es in einer Abendgesellschaft bei Hofe vor, Eure Gnaden waren ja selbst
zugegen. Ich darf gestehen, ich ging nie so erschüttert und erbaut nach Hause.«
    »Derselbe, Lindenberg! Kommen wir noch zu spät?« rief er triumphirend.
    Der Geheimrat verneigte sich tief.
    »Hast Du noch etwas zu sagen? Hast Du noch zu tadeln? Sprich es aus.«
    »Ich kann nur wiederholen, was mein Herr schon gesprochen. Eine hohe Schule
ist wichtiger, als Alles. Der Geist, der von da aus über die Mark sich
verbreitet, wie aus einem reichen, vollen Flusse Wassergräben und Rinnen, wird
den trocknen, dürren Boden durchsickern und die Früchte der Zucht, Gesittung,
der Ordnung und des Fleisses herstellen. So bessern wir am besten, so allein den
Zank, Mord und Grausamkeit, von denen der erlauchte Johannes spricht. Aber nur
wenn der Fluss selbst klares Wasser ist. Dass die Worte, die mein Fürst sprach, in
Granit über der Türe eingegraben würden: eine Schule, auf weltliche Weisheit
gegründet, ist nur ein halbes Werk. Herr, mein Fürst, lasst Euch nie verleiten
durch glänzenden Ruf der Gelehrteit, beruft immer nur rechtgläubige Gelehrte,
die Säulen werden der Kirche, nicht der weltlichen Wissenschaft. So nur wird
Frankfurt hier aufblühen, wenn die Kirche hier ihre Säulen findet, wenn die
Gelehrten festalten an ihren Satzungen, unerbittlich in dem, was den weltlich
Gelehrten eine Torheit scheint. Wo ist denn die Grenze zwischen dem, was der
Verstand begreift und der Glaube fasst, und der ketzerische Dünkel, dass ich es
bekennen muss, ist von Alters in der Mark zu Hause: auch der Adel ist nicht davon
frei, vielleicht daher die Verderbnis, die wir beklagen.«
    Joachim hatte ihn nur schwer ausreden lassen. »Tue ich es denn nicht?«
    »Euer Wille ist gut, Eure Weisheit über alle Frage, aber dennoch weiss die
Schlange unter allerhand Wegen in das Heiligtum zu dringen. Wer hat die
Einsicht auf allen ihren Krümmungen ihr zu folgen? Sagt man doch selbst von
diesem Abt Tritteim -«
    »Was!«
    »Er ist gewiss ein grosser Gelehrter. Sei es auch fern von mir, zu zweifeln,
dass er ein gläubiger Christ sei. Aber man meint doch, dass er für einen Christen
sich zu sehr in die Naturwissenschaften vertieft. Da spricht man von wunderbaren
Dingen -«
    »Ich weiss es. Das dumme Volk hält jeden für einen Zauberer, der in ihre
Geheimnisse zu dringen sucht.«
    »Auch in die verbotenen, Herr?«
    »Die Naturwissenschaften sollen frei sein. Das will ich, Lindenberg. Da sind
noch Dinge verborgen, die wir aus tiefen Schachten fördern müssen, wie das Gold,
das erst in der Sonne glänzt. Da muss man den Arbeitern freie Hand lassen, zur
Ehre Gottes. Und schützen muss man sie gegen das Volk. Das ist Fürsten Pflicht.
Ich will das Licht. Was senkst Du die Augen?«
    »Ich will es glauben, dass der Abt Tritteim kein Zauberer ist, da mein Herr
es mich versichert -«
    »So wenig als ich es bin4.«
    »Aber ich will es nicht für gewiss behaupten, doch hörte ich es von sicheren
Leuten, er deutete an der Geschichte von Josua und der Sonne. Das Scheinbild der
Sonne habe nur stillgestanden, die Sonne aber sei weitergegangen.«
    »Tritteim! - Nein, das darf er nicht. An den Grundfesten der Religion darf
auch die Wissenschaft nicht rütteln. Beruhige Dich, Lindenberg, ich werde mit
ihm darüber sprechen. Er wird sich von seinem Irrtum überzeugen lassen.«
    »Er wird es, davon bin ich überzeugt. Mein gnädigster Herr, vielleicht
beleidige ich Eure bessere Einsicht, ich spreche ja nur als Laie, aber verzeiht
mir oder verdammt mich, ich konnte nicht anders.«
    Mit dem Ausdruck immer steigenden Wohlgefallens hatte der junge Fürst ihm
zugehört. Er fasste seinen Arm: »Lindenberg, das ist gesprochen wie -«
    Er unterbrach sich selbst, wie von einem plötzlichen Entschluss durchzückt,
und eilte nach einem kostbar mit Elfenbein ausgelegten Nussbaumschrank, dessen
schweres Schloss er aufdrehte. Aber ebenso schnell liess er es wieder ruhen:
    »Nein, nicht hier, morgen vor dem ganzen Hofe will ich Dir meinen - werde
ich Dir antworten.«
    Mit einem gnädigen Kopfnicken entliess der Fürst den Geheimrat.
    Er ergriff noch einmal das Testament des Vaters und las die Stelle:
    Straf die Schmeichler, die Alles Dir zur Liebe und nichts zu des Landes
Wohlfahrt reden. Wirst Du ihnen folgen, so wirst Du Deine klugen Räte
verlieren. - Des Schmeichlers Rede gleichet dem Schlangengifte, welches im süssen
Schlaf zu Herzen dringt und den Tod wirkt, ehe man es gewahr wird.
    Indem er das Pergament wieder in den Schrank verschloss, sprach der Kurfürst
Joachim:
    »Gelobt sei der Herr, ich habe einen Rat, der kein Schmeichler ist.«
 
                                    Fussnoten
1 Albrecht, der nachmalige Erzbischof von Magdeburg und Kurfürst von Mainz,
Tebel's und der Wissenschaft Beschützer.
2 Diese und die folgenden gesperrt abgedruckten Sätze wörtlich aus Johannes
Cicero's Testament.
3 Factum, wie auch die übrigen Anführungen. Koch Wimpina, als Rector der
Universität Frankfurt, nachmals der grösste und wirksamste Gegner der Reformation
in der Mark.
4 Weil Tritteim seine Zeitgenossen an Kenntnissen übertraf und auch in den
sogenannten geheimen Kenntnissen der Sternkunde, in der Physik, Chemie und
Arzneikunde bewandert war, wurde sowohl er, als sein Schüler, der Kurfürst, von
Vielen für einen Schwarzkünstler gehalten.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                          Die Macht der Ueberzeugung.
Es war grosser Markttag in Berlin. Aber wo die Verkäufer und Käufer ihre Köpfe
zusammensteckten, war's nun bei den Tuchen aus Brandenburg und Burg, oder bei
den Stiefeln aus Kalau, oder dem süssen Gebäck aus Spandow, oder den Kochlöffeln
und Quirlen und den Honigwaben, welche die Wenden aus Beeskow und Storkow
feilboten, überall gab es nur eine Neuigkeit, die besprochen ward. Ein
Raubritter war gefangen worden und in Ketten eingebracht und sollte gerichtet
werden. Ein Bredow war es, und der Bredow von Hohen-Ziatz, das wussten Alle; aber
was er getan, wie er gefangen, ob er allein für sich stand, oder im Bunde mit
Vielen, darüber liefen so verschiedene Erzählungen um als Berlin und Köln
zusammen Einwohner hat. Eine war immer schreckhafter als die andere, wie der
Kurfürst gewütet und sich die Haare gerauft und geschworen, er wolle ihn an den
höchsten Galgen hängen lassen.
    Waren die Bürger und die von draussen uneins, ob sie darüber sich freuen oder
klagen sollten, - denn Einige meinten, es sei doch schade, dass es gerade den
Götze Bredow getroffen - so sah man dafür nur zornige Gesichter unter den
Herren, die vom Lande gekommen. Sie steckten die Köpfe zusammen in den Schänken
und Gaststuben, die Augen rollten und die Fäuste schlugen auf den Tisch. Was da
geflüstert ward, die Flüche und Drohungen, die von den Lippen quollen, wie Jener
über die Tafel spie und mit dem Fuss auftrat, dass die Tischbeine knackten; es war
gut für die Herren und das Gemeinwohl auch, dass es dazumal noch keine Horcher
gab, und gab es deren, dass die Angeber nicht bezahlt wurden, die nichts
hinterbringen konnten als Worte. Davon wären heutzutage Berge von Acten
geschrieben und Processe geworden, die hätten lange Jahre gedauert, ja, es hätte
nicht Dinte genug gegeben, noch Papier, um Alles zu schreiben, noch hätte die
Mark so viele Festungen gehabt, um Alle, die verurteilt wären, einzusperren.
Auch dazumal kamen die Worte bis zu den Geheimräten und Kanzlaren und den
Fürsten selbst; die aber dachten Einer wie der Andere: Worte sind Wind. Der
kommt und geht, und der ist ein Tor, der den Wind fassen will. Und darum ward
es nicht schlimmer. Den Kurfürsten aber nannten seine Zeitgenossen und
Nachkommen: Joachim Nestor oder Joachim den Weisen.1
    Durch's Spandauer Tor kamen an die Hundert geritten, in Wehr und Waffen und
sahen gar nicht freundlich aus. Es waren die Bredows von Friesack mit ihren
Lehnsvettern und Lehnsleuten. Jeder wusste, um was sie kamen und verargte ihnen
nicht ihre bösen Blicke, aber es ward darum keine Trommel gerührt, noch
schickten die kurfürstlichen Offiziere in's Schloss, dass man sich vorsehe, ja die
Wache am Tor trat nicht einmal in's Gewehr. Die Bredows ritten nach ihrem Hause
am hohen Steinweg, um da zu ratschlagen, was zu tun sei, und man fand das gut
und liess sie ratschlagen, so viel sie wollten; erst wenn sie etwas getan, das
nicht gut war, dann war es Zeit, dass man nach ihnen fahndete und richtete.
    An seinem Fenster aber sah sie der Herr von Lindenberg vorüberreiten, und
sein blasses Gesicht ward darum nicht freudiger. Man sah ihm an, dass er die
Nacht wenig geschlafen, sein Morgentrunk stand auf dem Tische fast unberührt:
sein buntes, glänzendes Hofkleid schien wie ein Spott zu seiner Miene. An seiner
Tür klopfte es, und herein trat der Dechant von Alten-Brandenburg.
    In Beider Blicken sprach sich etwas aus, was keiner Verständigung durch
Worte bedurfte. Da bedarf ein Gespräch keiner langen Eingänge.
    »Wir haben wohl Beide Eil'«, sagte der Herr von Lindenberg.
    »Es freut mich, dass mein gnädiger Herr von Lindenberg zu Hofe sein muss, so
kostet das, warum ich ihn bitte, keinen besonderen Gang.«
    »Ihr kennt, wie ich, den unbiegsamen Charakter meines Herrn.«
    »Auch wenn der Herr von Lindenberg es auf sich nimmt, diesen Sinn zu beugen?
Wir haben alle Beweise gesammelt, die Zeugen sind unterwegs, dass Herr Gottfried
in jener Nacht geschlafen hat.«
    »Sagt lieber, dass er zu Bett gegangen und spät am Morgen aufgestanden ist.
Der Kanzler wird entgegnen, dass damit nicht das Alibi erwiesen, dass es eine oft
vorgekommene List derer ist, die Nachts ausziehen, sich Abends vor den Leuten zu
Bett zu legen und Morgens vor den Leuten aufzustehen, derweil man in der Nacht
durch die Fenster schlüpft, an einem Seil über die Mauer gleitet und auf der
Koppel ein gesattelt Pferd findet. Da kann man denn auch schwören, dass das Tor
verschlossen blieb. Uebrigens wisst Ihr, was die Zeugnisse der Dienstleute und
Freunde in solchen Dingen vor Gericht gelten.«
    »Auch mein Zeugnis!« sprach der Geistliche mit einem scharfen Blick auf den
Ritter. »Ich komme eben von einem Krankenlager. Es war ein jammervoller Anblick,
den edlen Herrn von Krauchwitz zu sehen, wie er vom Fieber und unaussprechlicher
Angst geschüttelt, alle Heiligen anrief, sich seiner zu erbarmen. Etwas ruchlos
sonst in seinen Gesinnungen, schien doch die Gnade plötzlich zum Durchbruch
gekommen. Eine rechte Freude war es, einen solchen Sünder in zerknirschter Busse
der Kirche wieder gewonnen zu sehen. Auf seinen Knien, die Hände krampfhaft
faltend -«
    »Herr Dechant,« unterbrach ihn der Ritter aufspringend, »Ihr seid ein Diener
der Kirche, Ihr kennt Eure heiligen Pflichten. Ein Priester, der das Geheimnis
der Beichte bricht, und gält' es des Kurfürsten Leben, Joachim vergibt es ihm
nimmer.«
    »Nicht in der Beichte, als Freund vertraute mir der Junker, was er wusste.
Mich bindet nichts, als - meine Vernunft, wenn ich alle Schritte tue, die
Freundschaft und Religion mir gebieten, die Ehre und das Leben eines
unschuldigen Freundes zu retten.«
    Sie standen sich gegenüber, der Ritter mit gekreuzten Armen, der Geistliche
die Hände in den Aermeln verschlungen, und massen sich mit ihren Blicken:
    »Sprecht!« sagte der Geheimrat mit vollkommener Ruhe, das Auge scharf auf
den Priester, der seine Augen jetzt auf der Diele ruhen liess:
    »Der Rechtsstreit unseres Domcapitels über die Caveln und die Fischerei in
den Havelseen dauert schon Jahre und kann noch Jahre dauern, und wiewohl ich
nicht zweifle, dass das Recht, welches auf Seiten des Stiftes ist, zu Tage kommen
muss, so sind die Grävenitze doch leider jetzt im Besitz und -«
    »Und Ihr möchtet gern die süssen Karpfen, die Aale, Karauschen und Zander
schon jetzt auf Eurer Tafel haben - Herr Dechant! Ich bin nur der Vormund der
Grävenitz'schen Kinder.«
    »Als gerechter Vormund dürft Ihr aber doch kein Unrecht verteidigen; Ihr
könntet Namens der unschuldigen Kleinen -«
    »Das ist viel gefordert, Herr Dechant!«
    »Es steht bei Euch, was Ihr opfert und was Ihr gewinnt, abzuwägen. Ich
spreche nicht für mich, nur im Auftrag des Capitels, das mir schon seit länger
Vollmacht erteilte.«
    Der Geheimrat schwieg eine Weile: »Der Kauf wäre für Euch zu vorteilhaft
und mein Gewinn mehr als zweifelhaft. Mit den stummen Fischen stopfe ich nur den
Mund eines Zeugen. Wo soll ich Fische hernehmen für die andern Mäuler! So wie
Euer Verstand Euch sagen wird, kann ich auf den Handel nicht eingehen. Ihr müsst
zulegen, viel, das Beste.«
    Der Dechant schlug wieder die Augen auf: »Sprecht!«
    »Götze war es, dabei bleibt, dabei muss es bleiben. Glaubt Ihr nicht, dass ich
auch Beweise sammeln kann? Ich habe auch Zeugen vorzuführen. Aber ich will einen
besseren haben. Götze selbst soll es eingestehen.«
    Mit halb offenem Munde sah ihn der Geistliche an.
    »Wäre das so schwer ihn zu überreden, dass er eine Tat einräumte, die ihm
vor den Menschen keine Schande macht? Was! hat nicht der Krämer beim Handel
seine Leute über's Ohr gehauen, mussten diese nicht selbst Justiz an ihm nehmen?
Noch mehr, wie ich erfuhr, hat der Schelm von dem Trockenplatz des Herrn
Leibkleid bei nächtlicher Weile fortgestohlen. Sollte Götz das ruhig hinnehmen!
Wenn er gesteht, will ich sein Advokat sein vor dem Kurfürsten. Und kein
schlechter; das glaubt mir. Nur ein Exzess in eigenmächtiger Selbsthilfe war es;
in die andere Wagschale tut man seinen guten Leumund, die ganze Ritterschaft
tritt für ihn ein. Eine ritterliche Haft von ein paar Monaten, eine Geldbusse von
ein paar Mark, die ich bezahlen will, und der ganze Bettel ist ausgeglichen.«
    »Gnädigster Herr, wer soll ihn dazu überreden!«
    »Wozu seid Ihr Pfaff, wozu habt Ihr Logik studirt und die Beredsamkeit in
Ingolstadt?«
    »Wenn er bei gesunden Sinnen ist, Herr von Lindenberg -«
    »Auf den Götz kommt's nicht an, es kommt auf Euch an, ob Ihr bei gesunden
Sinnen seid.«
    »Er ist zu ehrlich und wahrhaftig.«
    »Will ich denn, dass er lügen soll? - Wenn er nicht geschlafen, wenn er
gewusst hätte, dass der Krämer mit seinen Hosen durchging, würde er nicht gewütet
und getobt, würde ernicht, auch ohne Hosen, auf's Pferd sich gesetzt haben, und
hätte er dann ihn sanfter gestreichelt?«
    »Ich glaube kaum.«
    »So verständigen wir uns. Er schlief acht volle Tage, so glaubt Ihr, er, ich
vielleicht auch; aber tut der Mensch im Schlafe nichts? Vegetirt, träumt er
nicht, fährt er nicht auf, ja man weiss sogar, dass er auf Dächern spazieren geht!
- Ist's so schwer, ihm einreden, dass er das getan, was er hätte tun müssen,
was er bei freien Sinnen getan haben würde? Ehrwürdiger Herr, bedürfen denn
nicht Menschen, wie er, immer eines Vormundes, wie denn eigentlich die Mehrzahl
der Menschen nur nachspricht, was Andere ihnen vorsagen? Worauf wäre das
Regiment der Kirche begründet, als dass sie bei guter Zeit die Vormundschaft über
die Unmündigen übernahm? Diese Zeit möchte ihrem Ende sich nähern, da mancher
Laie mündig wird. Es täte daher gut, wenn die Kirche bei Zeiten vernünftig
teilte, was sie nicht allein besitzen kann.«
    »Herr von Lindenberg, wir verstehen uns, aber die Aufgabe -«
    »Ist nicht so schwer, als sie aussieht. Kann Götz ein künstlich gewebtes,
verschlungenes Redenetz rasch durchschauen? Nein! Kann er, darin gefangen, sich
loshaspeln? Vielleicht, wenn er wieder geschlafen hat und erwacht ist, und noch
einmal geschlafen hat. Das mag er; wir haben, was wir wollten. Auf dem Landtage
hat er immer Nein gesagt; aber der Landtagsmarschall wusste ihn so zu verstricken
in seinen Reden, dass er immer glaubte, Ja gesagt zu haben, und als er aufwachte,
stand es zu Papier und sein Name darunter. Ich sage Euch da nur sehr was
Alltägliches, was auf jedem Landtag vorkommt, aber wollt Ihr minder klug sein
als unser Landtagsmarschall?«
    Der Ritter legte seine Hand auf des Dechanten Schulter und sah ihn mit
durchdringender Freundlichkeit an.
    »Es wäre - aber - sein Weib -«
    »Wir haben es nur mit ihm zu tun. Sie ist in Hohen-Ziatz. Man hat
Einlagerung nachgeschickt, damit nichts verschleppt wird.«
    »Versuchen will ich es,« sprach der Dechant mit gedämpfter Stimme, »in
Anbetracht, dass das allgemeine Wohl -«
    »Um Gottes Willen lasst das aus Eurem Gebet. Fliegt jetzt nach dem Mühlenhof.
Der Vogt von Hoym wird Euch ohne Zaudern einlassen; Geistliche finden bei uns
nirgend verschlossene Türen. Der Hofprediger Musculus ist, wie ich höre, schon
bei ihm. Sprecht wie Cicero, wie Sanct Johannes, singt wie Orpheus, aber in
einer Stunde muss es geschehen sein.«
    Der Dechant ging. An der Tür fasste der Ritter noch einmal seine Hand:
    »Der Bischof Scultetus wird alt. Mir hat es nie gefallen, dass ein
Bauernsohn, eines schlesischen Schulzen Enkel, den Bischofssitz von Brandenburg
einnehmen durfte. Wenn ich dann noch in der Nähe des Kurfürsten bin, so seid
dessen gewiss, dass nur ein Kurmärkischer von Adel zu dieser erhabenen Würde
gewählt wird. - Herr von Krummensee, rechnet dann auf mich.« Er drückte ihm die
Hand.
    Es wäre ihm gut gewesen, wenn der Dechant fliegen können, denn das Gedränge
auf der Strasse war gross, es war aber doch vielleicht besser, dass er nicht flog,
sondern nur mit grosser Anstrengung sich durch die Volkshaufen und Marktleute den
Weg bahnte. Inzwischen hatte ihm ein Anderer auf unerwartete Weise bei dem
Gefangenen den Weg in ganz anderer Weise gebahnt.
    Der Hof-Caplan Andreas Musculus, ein junger Priester, war auf Anlass einer
alten Frau von Bredow, die in Berlin lebte, zu ihrem gefangenen Verwandten
gegangen, um ihm Trost einzusprechen oder seine Beichte abzunehmen. Sie hatten
Vieles und lange mit einander gesprochen, und Musculus den gedrückten Mann noch
durch keine zornschnaubenden Verwünschungen und Blicke auf seine Sündhaftigkeit
niedergeschmettert, wie wohl der Priester Art ist. Vielmehr hatte er so
aufmerksam ihm zugehört, wie ein Arzt, der einen Kranken, dessen Zustand ihm
noch zweifelhaft erscheint, ganz aushören will, um alle Symptome zu erfahren,
bis er sein Urteil spricht.
    »Es muss mit dem Satan zugehen«, schloss der Gefangene, »ich kann mir's gar
nicht anders denken. Bin mir doch keines Fehls und keiner Sünde bewusst. Die drei
Wochen, dass wir Stände beim Landtage sassen, lieber Gott, da haben wir doch Alle
nichts getan, das weiss jedes Kind. Ihr nickt dazu. Dann kam der Festschmauss, da
tranken wir auf des Kurfürsten Wohl und des ganzen kurfürstlichen Hauses, so
lange wir stehen konnten, das ist doch keine Sünde! Wie's unterwegs war, das
weiss ich nicht. Dann kamen wir in Hohen-Ziatz an, das weiss ich noch. Sie
brachten mich zu Bett, das wird Sonntag vor acht Tagen gewesen sein. Freilich,
da konnte ich nicht zur Kirche. Wäre das etwa? - Ihr schüttelt den Kopf. Und von
da ab hab' ich denn doch geschlafen, eigentlich bis ich wieder nach Berlin
geholt wurde. Da fällt mir etwas ein. Meine Frau, die Brigitte, 's ist ein gutes
Weib, aber sie sagen, dass sie ein bisschen freigeistisch wäre, ich verstehe das
nicht. Wär's das etwa?«
    Der Prediger schüttelte den Kopf: »Danach verlangt itzo Satan nicht. Strengt
Euer Gedächtnis, lieber Ritter, vielmehr anderswo an. Habt Ihr immer geträumt?«
    »Das wohl, ich weiss es nur nicht mehr recht. Einmal, das war kurios, stand
ein langer Mann vor meinem Bette, im roten Mantel, mit einem grossen, blanken
Schwert unterm Arme; der fragt mich: Warum warst Du in Berlin? - Ich sagte: Ich
war ja Landstand. - Was hast Du da getan? fragte er. Ich sagte: Ich habe
gegessen, getrunken, geschlafen, Ja gesagt und Vivat gerufen. Er sagte: Dazu
brauchst Du keinen Kopf! Und Schwipp, Schwapp, schlug er ihn mir ab. Er rollte
unter's Deckbett, dass ich Mühe hatte, ihn wieder zu greifen. War das etwa der
Gottseibeiuns?«
    Der Prediger besann sich, aber schüttelte den Kopf: »Nein, lieber Mann, in
der Gestalt zeigt itzo Satan sich nicht. Ich sage nicht, dass er sich nie so
gezeigt, noch je so zeigen wird, allein das ist es nicht.«
    »Ich hab' mir sonst so mancherlei Bedenken darüber gemacht.«
    »Das ist aber Satans Werk, lieber Herr von Bredow, dass er die Gedanken der
Menschen ablenkt auf andere Dinge, damit sie seinen Spuren nicht folgen sollen,
und das ist mein ganzes Studium, dass ich ihm auf der Fährte bleibe. Er ist gar
nicht so stark, als die Teologen meinen, dass er überall Gott in seinen Werken
die Spitze bieten könnte. Er neckt und hänselt die Erdenkinder nur durch seine
Geister, dass sie ihm überall nachsetzen sollen, und so ihre Kräfte zersplittern,
derweil er mit seiner ganzen Kraft, wie ein schlauer Feldherr, sich auf eine
Festung, auf einen Landstrich wirft, um ihn unversehens zu überrumpeln. Hat er
sich festgesetzt, da erobert, dann geht er weiter in Sprüngen und Sätzen, wie
der Ryssel im Schachspiel, und da ihm zu folgen, das freilich kann nicht ein
Jeder, er mag sonst sehr gelehrt sein.«
    Der Herr von Bredow faltete die Hände: »dass Gott dem Erbfeinde solche Macht
gelassen hat!«
    »Nur damit wir uns anstrengen sollen, nicht ihn zu überwinden, das ist
leichter; nein, ihn nur in seinen vielen Wandlungen zu erkennen und zu fassen.
Ist das geschehen, so ist die Arbeit wahrhaftig nicht so gross. Ich könnte Euch
bei mir zu Hause eine Karte zeigen oder einen Stammbaum, wo ich durch die ganze
Historia mundi nachgewiesen habe, wie er auf Erden gegangen. Das sind Sprünge,
das sind Winkelzüge, wie er die Menschen, ganze Geschlechter und Völker, beim
Schopf gefasst hielt. Er ist der beste Menschenkenner, das muss man ihm lassen.
Was ihren Sinnen, ihrem Stolz, ihrer Eitelkeit schmeichelt, o da weiss er darein
zu fahren, da sendet er seine besten Gesellen hin, da versteht er weiss schwarz
und schwarz weiss zu malen, dass die Gescheitesten gefangen werden. Was die alten
Griechen Ideen nannten, das war sein Steckenpferd. Hatte sich ein solches
Gespenst der Menschheit bemächtigt, da war sein Acker und Pflug, da säete und
erntete er, und unter seiner Sichel fielen Junge, Alte, Familien, ganze
Generationen und Völker.«
    »Der Herrgott bewahre uns vor den Ideen!« rief Herr von Bredow.
    »Ihr habt Recht; diese Gefahr ist jedoch hier nicht nahe. Er hat hier seinen
Anker anderwärts ausgeworfen, auf einen andern Acker, auf dem er die Menschheit
so betört, dass gar nicht abzusehen ist, was daraus werden soll, wenn nicht den
Obrigkeiten endlich die Augen aufgeben. Das ist eine fürchterliche Macht: die
Leute lachen darüber, wenn ich den Mund auftue. Verbrenne ihn Dir nicht! rufen
die Spötter mir zu, Ihr mit Blindheit Geschlagenen, die Ihr Euch Morgens
einhüllt in das Gewand der Sünde, sonder Arg, und es umstrickt Euch wie das
Kleid der Dejaneira, Ihr raset und tobt, und derweil Ihr noch wähnt, frei und
Christen zu sein, seid Ihr Sclaven des Beelzebub.«
    »Um der Gebenedeieten willen, was ist's?«
    »Mein lieber Herr von Bredow, habet Ihr Euch jemals fangen lassen von der
Hoffahrt und Sünde, dann soll's mich nicht Wunder nehmen, habt Ihr auch
Pluderhosen getragen?«
    »Ich!« rief der Ritter. »Dass mich Gott behüte, nie tat ich meinen Leib in
solches Zeug. Seht hier -« und er klopfte auf sein Beinkleid, aber der Prediger
liess ihn nicht ausreden.
    »Lobet den Herrn! Wahrlich ich sage Euch, denen, die Pluderhosen tragen, hat
Gott es in's Kerbholz geschrieben zum jüngsten Tage. Es wäre kein Wunder, wenn
die Sonne plötzlich aufhörte zu scheinen, wenn es Nacht würde um Mittag, wenn
die Erde nicht mehr trüge, wenn Gott mit dem jüngsten Tage drein schlüge wegen
dieser grauenhaft unmenschlichen Kleidung2. Dass ich es ausspreche, der Teufel,
der leibhaftige selbst, steckt darin. Aus der Hölle ist er gefahren, ihm ist da
nicht so wohl und wonnig als in diesem Wust. Gottes Abbild, den schön geformten
Menschen, hat er zu einer Vogelscheuche umgebildet, das ist sein Gaudium. O wär'
es das allein, dann scheute doch wenigstens die unvernünftige Kreatur davor,
aber es ist wie eine Lockspeise für sie; je weiter gepufft, je greller gefärbt
der Popanz ist, um so grösser die Verführung. Was sind alle Irrwische gegen diese
Lasterbeutel, was war die Pfeife des Rattenfängers von Hameln gegen diese
umwandelnden pausbackigen Ungeheuer der Hoffahrt, danach die Fante laufen, um
hineinzustürzen, voll Freude, voll Wahnsinn, voll Gierigkeit, einer den andern
zu überbieten. Nicht mit einem Paar zufrieden, lässt er sich zwei machen. Nur
hineingeworfen, Geld, Renten, Grundstücke, ein ganzes Vermögen, was will der
zeitliche Ruin eines Menschen sagen gegen seinen ewigen. Christi heiliger Rock
in Trier ist ungenäht, ein Stück; darum hat der Teufel dieses Stück aus hundert
Mal hundert Stücken Tuches gefertigt, und tausend Mal tausend Nadelstiche
reichen nicht aus, so viel Stiche als die Nattern im höllischen Feuer dem
unglückseligen Versessenen drunten versetzen werden.«
    Der Gefangene nahm den Augenblick wahr, wo der Redner Atem schöpfte, um,
was er schon längst vergebens versucht, ihm in die Rede zu fallen und sich auch
hören zu lassen. Er hätte dieselbe Wahrnehmung wie der andere machen können,
dass, wenn Jemand von einem Dinge erfüllt ist, er im Eifer drüber nur sich sieht
und hört, und was der andere vorbringt nur hinnimmt, weil es nun einmal nicht
anders geht. So viel der ehrenwerte Gottfried nun auch reden mochte, von der
guten, alten Sitte, lederne Hosen zu tragen, die sich an den Leib fügten, wie
Gott ihn geschaffen, die das Blut kühlten, den Sonnenbrand abhielten, als von
der Natur selbst dem Edelmann zugewiesen, das nahm der Zuhörer hin, wie das Kind
die bittere Arzenei, um nachher das Stück Zucker zu schnappen. Aber erst da, als
Herr Gottfried gegen die Tuchkleider sich aussprach, dass von Natur Haut auf Haut
und nicht Schafwolle auf Menschenhaut gehöre, dass die Gewänder aus Tuchen eine
Erfindung wären, von der Habsucht und Schlauheit der reichen Bürgerherren
gemacht, um den Adel sich unterwürfig zu machen, erst da erwachte des Doctors
Aufmerksamkeit, und er schnappte auf den Augenblick, dem Redner in's Wort zu
fallen.
    »Das Futter, die Steppnähte, das schlampichte, weiche Zeug -«
    »Das ist's, das ist der Anfang,« fiel Musculus ihm in's Wort und liess es
sich nun nicht wieder nehmen. Hatte er doch seine Geschichte von der Entstehung
der Pluderhosen diesmal noch nicht an den Mann gebracht. - »Der Vater war ein
wohlbeleibter Mann. Ihm passten sie so grade. Er stirbt, sein Sohn ist dünn, ihm
schlumpen sie um die Beine, aber das Tuch ist schön und fein, es dünkt ihm
schade, er will nichts ausschneiden, da lässt er mehr Falten einnähen. Die Falten
warfen sich schlecht; er lässt sie aufschlitzen mit buntem Tand füttern. Nun
ist's ein Prachtkleid. Hans hat es; Peter ist so reich als Hans, soll er's nicht
auch haben! Und Christian ist noch reicher; der tut zehn Ellen hinzu. Das sind
des Teufels Wege auf Erden. Nun will's Jeder dem andern zuvortun. Die Reichen,
lasst sie verderben, steht's doch geschrieben: kein Reicher kommt in's
Himmelreich. Aber auch die Armen wollen reich scheinen. Da darben sie und
borgen. Immerzu, der Höllenrachen ist weit. Die Vernünftigen möchten es nicht,
aber wo die Torheit herrscht, muss der Kluge den Toren spielen, damit man ihn
nicht einen Narren schilt. So mein teurer Ritter, sind wir in das Irrsal
hinein, in den bunten infernalischen Mummenschanz des Beelzebub, da ist kein
Herauskommen mehr: als wie in dem Venusberge, wirbeln Grafen und Fürsten, Könige
und Kaiser; es fehlte nur noch, dass auch der Kirche Diener in Pluderhosen an
seinen Altar träte. Die Menschen, wenn es so fortgeht, werden gar nicht mehr
allein diese Hosen tragen und schleppen können; wie Schleppen der Kaiser und
Kaiserinnen, werden Pagen und Knechte hinter Jedem hergehen müssen, dass er seine
Sünde und seinen Wust fortschleppe. Aber - ich habe einen Trost -«
    Er schöpfte Atem, der Gefangene wollte ihn auch benutzen: »Herr
Hofprediger! Gerechtigkeit muss doch auf Gottes Erdboden sein. Wenn der Kurfürst
-«
    »Ja, wenn der Kurfürst auf mich hören wollte,« fiel der Prediger ein, der
indes den Atem geschöpft hatte. »Aber er hört nicht, er lächelt, wenn ich im
heiligen Eifer spreche. So mächtig ist Satans Reich, selbst dieser fromme Fürst
von seinen Spiessgesellen umgarnt! Dürft ich predigen, dürft ich von der Kanzel
donnern. Ich habe sie ihm vorgelesen, er fand meine Predigt gut, aber sie sei
nicht an der Zeit. Was gut ist, ist immer an der Zeit. Er will sie der
teologischen Facultät zur Begutachtung vorlegen lassen. Da muss ich warten, bis
die Universität an der Oder geweiht ist. O der Teufel wird lachen über die
Frist, die ihm geschenkt ist, er wird sie nutzen. Dann kommt es zu spät; dann
kann Kaiser und Reich umsonst interdiciren, der heilige Vater in Rom muss seine
Blitze schleudern, wo vorhin die Zornworte, die der Herr einem einfältigen
Priester lieh, genügt hätten.«
    Was half das alles dem artigen Herrn Gottfried, dass der gelehrte Hofprediger
ihm seine Aussichten über die Wege des Teufels auf Erden auseinandersetzte, und
dass er jetzt im Stadium der Pluderhosen stecke.
    »Ist denn aber gar keine Aussicht da?« - fragte er, und meinte für sich,
denn die Welt würde sich schon selber helfen, meinte Herr von Bredow. Der
Hofprediger aber dachte nicht an den, zu dessen Trost er geschickt war, sondern
an die Welt.
    »Doch eine«, antwortete er, »ich meine damit habe sich der Hölle Macht
erschöpft. Sie wütet zu toll, das ist ein Anzeichen, dass es auf die Letzt geht.
So wollen wir denn zum allmächtigen Gott hoffen, dass dieser Hosenteufel der
letzte sei, der noch vor dem jüngsten Tage das Seinige tun und ausrichten
sollte3.«
    »Zum jüngsten Tage! Soll ich denn bis dahin eingesperrt bleiben? Herr
Doctor, was habe ich denn mit dem Erbfeind zu schaffen gehabt? Es durfte ja in
mein Haus keine Pluderhose.«
    »Und dann wundert Ihr Euch, Lieber, der Anfechtungen! Weshalb ist Euch Satan
feind, als eben darum. Er will Euer Verderben, wie er mein Verderben will, denn
er ist klüger als die Schlange. Wenn ich von der Kanzel herab sehe, dass der
Kurfürst lächelt, weiss ich nicht, dass er es ist, der ihn heimlich kitzelt; wenn
er die Hand vor den Mund tut, glaubt Ihr, dass ich ihn gähnen mache? Wenn ich
ihn bei Hofe antreten will, und er weicht mir aus, und ich hörte ihn einmal
sagen: Ach Gott, da ist schon wieder der Schwätzer! Vermeint Ihr, dass ich der
Schwätzer bin, und Joachim ist es, der mich dafür hält? Würde der
gottesfürchtige, hochgelehrte Kurfürst einen Schwätzer zum Hofprediger
bestellen! Satan allein ist's, der sich jetzt in meine, jetzt in des Kurfürsten,
jetzt in Eure Gestalt hüllt, der so seine Dinge wirkt, und seine Dinge sind
Unfriede, Gestank, Aufruhr, Finsternis, Wirrwar und Missverständnis damit er im
Trüben fischen kann.«
    »Aber sagt doch, wie komme ich denn dazu? Wie komme ich los?«
    »Ihr! - Durch Ergebung und Geduld. Wartet nur noch eine halbe Stunde, lieber
Herr von Bredow. Ich gehe meine Predigt zu holen. Wir wollen sie lesen von
Anfang bis zu Ende. Dann, so gestärkt, wird uns der Herr ja die Wege weisen, um
aus dem Irrsal Euch herauszuführen.«
    Aber nach einer halben Stunde sass nicht der Hofcaplan, sondern der Dechant
von Altbrandenburg neben dem Gefangenen, und hatte eine Schrift gefertigt,
welche vor ihm auf dem Tische lag.
    Herr Gottfried sass, wie die Ergebung selbst, auf dem Schemel.
    »'S ist doch hart! Und dass ich das selbst unterschreiben muss.«
    »Bedenkt, mein würdiger Freund, was die Märtyrer getan und gelitten. Sie
selbst vergassen es, ich meine ihr irdisches Wohl, um die Wege des Satans auf
Erden zu kreuzen und ihren christlichen Mitmenschen die zur Gottseligkeit zu
bahnen.«
    »Nu ja die Märtyrer wollten Heilige werden. Die Zeiten sind vorbei.«
    »Hier ist die Feder.«
    »Hat sie wirklich sie gewaschen?«
    »Drei Tage sah ich sie auf dem Trockenplatz hängen mit meinen eigenen
Augen.«
    »Und der Kasper! Warte! Kann sich doch kein Mensch auf keine Seele nicht
verlassen.«
    »Am wenigsten auf sich selbst, mein werter Freund. Wie ging es mir dazumal
in Neu-Brandenburg, wenn Ihr Euch der ärgerlichen Geschichte entsinnt. Leute
wollten doch einen Mann aus dem Fenster des Syndikus steigen gesehen haben, der
die niedliche kleine Frau hatte. Beschrieben sie den Mann nicht grad als wär ich
es! Und dann waren sie ihm sacht gefolgt, und er war vor meiner Tür stehen
geblieben, nämlich in ihren Augen schien es so. Er hatte einen Schlüssel
ausgezogen, aufgeschlossen. Die Treppen hatten sie ihn hinaufgehen hören, und
dann Licht gesehen in meiner Stube, die bis dahin finster war und -«
    »Entsinne mich wohl,« sagte der Gefangene, »es war eine recht kitzliche
Geschichte.«
    »Sie ward durch die Güte des damaligen Bischofs ausgeglichen, der der
Meinung war, dass in zweifelhaften Sachen man der milderen Ansicht den Vorzug
geben müsse. Glaubt Ihr, dass die Zeugen, welche vor den Türen gelauscht, falsch
geschworen haben?«
    »Es hiess so nachher. Das geistliche Gericht hat doch -«
    »Ich glaube, sie waren ganz im guten Glauben.«
    »Aber wer zum Teufel war denn eingestiegen?«
    »Vielleicht mein Schatten, vielleicht ich selbst. Wohl entsinne ich mich,
dass ich in jener Nacht lebhaft an die arme Frau dachte. Sie hatte mir in der
Beichte ihre unglückliche Lage vertraut. Mir war's, als hörte ich sie in der
Nacht weinen und klagen, wer ihr Hülfe brächte gegen den rauhen, trunkenen Mann.
Da wünschte ich recht lebhaft bei ihr zu sein, sie zu trösten. Versteht mich,
alles nur im Traum. Aber über unseren Träumen schwebt der Menschenfeind, er
saugt den Atem ein unserer Wünsche, unserer Gedanken. Ehe wir's uns versehen,
da wir im Schlaf der Freiheit des Willens entbehren, sind wir ganz ihm
anheimgegeben.«
    »Kann er uns auch fortschleppen, derweil wir noch in den Federn liegen
tun?«
    Der Dechant nickte bedeutungsvoll, indem er mit den Augen zwinkerte: »Gehen
nicht die Geister der Abgeschiedenen um, derweil ihre Körper noch fast blutwarm
auf dem Todtenbette liegen!«
    Der Burgherr von Ziatz schauerte: »Und das Unsereins nichts gegen tun
kann!«
    »Doch Ritter! Wir könnten, ja wir sollten uns auch im Schlaf bewachen. Mögt
Ihr Euch denn Rechenschaft geben über Alles, was Ihr geträumt habt?«
    »Die sieben Nächte durch?«
    »Unstreitig waren die Gedanken auch im Schlafe bei dem, was Euch wert ist.
Ich meine, das was Ihr nie von Euch lasst. Ihr seid nun von der ganzen Geschichte
unterrichtet, wie es Euch heimlich entwandt, wie es gewaschen wurde, wie es
zwischen den Fichten hing, vom Winde geschaukelt, wie es in dem Aufruhr
vergessen ward, wie der Schelm es stahl und sich mit seiner Beute auf und davon
machte. O die Gefühlssinne sind im Schlaf ausserordentlich fein. Satan, der Euch
keinen Augenblick verliess, lauschte Euch den Moment ab, wo Ihr im Traume
aufführt, nach den Hosen grifft, auf den Schelm fluchtet, ihm nachsetztet, ihn
bandet. Ihr habt's getan, ob nun im Schlaf oder im Wachen, und ich meine, Ihr
habt an und für sich nichts Böses damit getan, aber vertreten müsst Ihr es als
ein Ehrenmann.«
    »Wer schlief denn nun in meinem Bette?«
    »Weiss ich denn, wer in meinem schnarchte? Das sind so zarte Dinge, über die
man nicht zu viel nachdenken muss. Hier ist der Platz zur Unterschrift.«
    Der Gefangene schrieb. Dass die Buchstaben ungleich und schief waren, durfte
Niemand verwundern.
    »Dechant!« rief er. »Mir geht's im Kopfe rum, ich weiss nicht, wie mir ist.
Aber - wenn sie nur ihre Seife nicht daran gehabt hätte, dann wäre auch die
ganze Geschichte nicht gekommen. Ich weiss auch gar nicht, was die Frauensleute
immer mit ihrem Waschen haben. Ich glaube, da steckt auch was vom Satan drin,
wenn man immer Alles rein haben will. Ueberhaupt wenn Alles immer beim Alten
bliebe, dann wäre nicht so viele schwere Not in der Welt.«
    »Da sprecht Ihr eine tiefe Wahrheit,« sagte der Dechant, indem er rasch das
Papier gefalzt und in die Brust gesteckt hatte. Er schloss den Freund in seine
Arme und die Tür schlug hinter ihm zu.
    »Warum geht's denn nicht?« fragte Herr von Bredow in die Luft. »Da steckt
auch gewiss der Gottseibeiuns hinter.«
    Herr Gottfried schien sich selbst zu wundern über das Selbstgespräch. Es war
nicht seine Art. So reissen feste Ereignisse auch grosse Charaktere mit sich wie
der Sturm die Eiche, deren Wurzeln er unterspült hat. Herr Gottfried dehnte
sich, hielt die Hand an den Mund, und warf sich auf das Gefangenlager, wo der
lang entbehrte schlaf ihn bald tröstend für alle Störungen und Plackereien
umfing.
 
                                    Fussnoten
1 Friedrich der Grosse sagt: Il reçut le surnom de Nestor comme Louis XIII. celui
de Juste, c'est-à-dire sans que l'on pénétre la raison.
2 Fast wörtlich aus der berühmten Predigt. Vom zuluderten Zucht ehrverwegenen
pludrichten Hosenteufel. Vermahnung und Warnung. 2. Aufl.
3 Worte der Predigt.
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
                             Kläger und Günstling.
In dem Kabinet des Kurfürsten waren nur der Krämer Hedderich und der Fürst.
Dieser stand mit untergeschlagenen Armen; jener lag ausgestreckt auf dem Boden
vor ihm.
    »Schnell!« sagte Joachim. »Wenn Jemand einträte, könnte er denken, dass ich
einen Sultan spielen wolle.«
    »Durchlauchtigster Herr! so lag ich.«
    »Das Uebrige magst Du stehend beschreiben.«
    »So lag ich, als er mir den Stoss gegeben, von hinten; und eh' ich mich
umdrehen konnte, war er vom Pferd und mir auf dem Rücken, dass ich glaubte, mir
soll der Rückgrat brechen von seinen Knieen. Die Ringe von dem Eisenhemd sind
noch auf meiner Haut zu sehen.«
    »Das Eisenhemd ward eingebracht. Was weiter?«
    »Die Hände hatte er mir auf dem Rücken gebunden, als ich noch lag und nicht
wusste, wie mir war; mochte auch glauben, da ich gar nichts vorher gesehen, es
seien ihrer mehr. Nun aber, da er mich knebeln wollte und die Knie ein weniges
losliess, kam ich freier zu liegen, so wie jetzt, und da ich sah, dass er allein
war, und mich ungebärdig hätte, fluchte er; denn, wenn er die Riemen eintun
wollte, schloss ich die Kiefern zu, und wenn er die Hand fort hatte, schrie ich.
Also, da er's mit den schweren Handschuhen nicht zwingen konnte, warf er sie ab,
und nun er mir nahe kam, biss ich ihm in den Daumen bis auf's Blut. Das kann noch
nicht vernarbt sein.«
    »Ein neues Indicium«, sprach der Kurfürst etwas in seiner Schreibtafel
notirend.
    »Und da er mich nun geknebelt und hitzig war, von wegen was es ihm gekostet
und von wegen dem Biss, der ihm weh tat, gab er mir Katzenköpfe mit dem
Eisenhandschuh, dass mir das helle pure Blut floss, und schüttelte mich an der
Gurgel, und da sprang ihm das Kinnband und die Büffelhaube rutschte in den
Hinterkopf. -«
    »Auch diese fand man im Schilf.«
    »Es war ja schon ziemlich hell, und wir sahen uns Gesicht gegen Gesicht.«
    »Und Du getraust Dich ihn wieder zu erkennen?«
    »Und hätte ich ihn da zum ersten Mal gesehen. Wer sich so sah, vergisst sich
nicht. Aber wie ich schon sagte, allerdurchlauchtigster Herr und Kurfürst, ich
habe ihn schon oft gesehen in Eurer Gnaden Gefolge.«
    Der junge Fürst sah mit verschränkten Armen vor sich nieder und schüttelte
unwillig den Kopf: »Verflucht der Gedanke, der edle Namen bestecken will,
verflucht die Phantasie, die nach Opfern sucht, ohne andere Leitung, als eine
krankhafte Lust, vielleicht eine stille Abneigung, die ein Fürst bekämpfen
sollte, statt gierig nach Nahrung dafür zu suchen.«
    Indem er unruhig einige Schritte auf und abging, fuhr er im Selbstgespräch
so laut fort, dass der Krämer es hörte:
    »Und am Ende doch nur ein Stallmeister, ein Büchsenspanner, dessen
schillernder Rock diesem für Zeichen von Würde, galt.«
    Hedderich schüttelte den Kopf: »Wir Geringe, durchlauchtigster Fürst, haben
gelernt, die geputzten Diener von den grossen Herren zu unterscheiden.«
    »Und dessen bist Du gewiss, dass der Dich warf, nicht der Ritter Gottfried
Bredow war?«
    »So gewiss, Herr, die gebenedeite Jungfrau Maria in unbefleckter Empfängnis
unseren Herrn und Heiland geboren hat. Das mögen seine Handschuh, seine Haube,
sein Kettenhemd gewesen sein, er selbst war's nicht. Ich kenn' ihn gar gut, da
ich alljährig wenigstens einmal nach Hohen-Ziatz komme.«
    »Und doch lautet Deine Aussage anders im Protokoll des Schreibers vom
Werder.«
    »Gnädigster Herr Kurfürst, was so ein Schreiber schreibt, mag ganz gut sein,
aber das ist's nimmer, was unsereins aussagt. Sie schreiben, was sie hören
wollen, das weiss bei uns jedes Kind.«
    Es trat ein Kammerherr ein und überreichte dem Fürsten ein versiegeltes
Schreiben. Joachim öffnete und las es. Sein Gesicht drückte ein unverkennbares
Erstaunen aus. Abwechselnd blickte er den Krämer und die Schrift an: »Lügst Du,
oder dies Geständnis? Unmöglich! Wer könnte etwas eingestehen, was er nicht
beging. Und alle Beweggründe mit logischer Ordnung aufgeführt. Hörst Du,
Gottfried Bredow bekennt, dass er es war, der Dir nachjagte, Dich hinter Ferch
einholte und warf. Er bittet um gnädige Strafe und will Dir Alles zurückgeben.
Was sagst Du darauf?«
    »Herr, mein Kurfürst,« sprach der Krämer, der sich aufgerichtet hatte und
gebeugten Leibes auf das Papier schielte, wie auf eine Zauberrolle. »Da steckt
der Teufel drin, wenn das drin steht.«
    »Seine Namensunterschrift! Vom Voigt vom Mühlenhof beglaubigt.«
    »Gnädigster Herr, werft das Papier fort.«
    »Sein Wort gegen Deines. Er, ein Edelmann, klagt sich selbst an, Du willst
ihn freisprechen. Die Präsumption ist, dass Niemand gegen sich selbst zeugt.« -
Immer schärfer bohrten des jungen Kurfürsten Blicke auf den Mann. - »Seine
Aussage klagt auch Dich an, Du hast also Grund, die Sache zu verdrehen. -«
    »Herr, 's ist wahr, ich nahm die Hosen von der Leine, aber nur, weil sie
vergessen waren und weil ich fror, knöpft' ich mich drein. Sie waren nicht wert
des Mitnehmens; man hatte mir am Fliess zu arg mitgespielt. Das war doch nichts.«
    »Genug Dich zu verdächtigen. Wer bürgt mir, dass Du nicht bestochen bist vom
Feinde eines meiner Hofleute, auf ihn auszusagen? Die Arglist unter den Menschen
ist gross. Hier ein geständiger Verbrecher, der meiner Gnade sich unterwirft, und
auf der andern Seite -«
    Der Fürst ging, in sich versunken, auf und ab. Das Geräusch der Kommenden in
dem Fürstensaale daneben begleitete seine ernsten Gedanken, wie das Rauschen
eines Flusses. Es war eine schwere Sorge gewesen. Er glaubte sie Alle zu kennen,
und traute Keinem. Nun war es gelöst, die Last zu strafen von seinen Schultern
genommen. Was ging der Ritter von Hohen-Ziatz ihn an! Da war auch kein böser
Ausgang, der ihn erschreckte, und Alle, zwischen denen sein Argwohn geschwankt,
waren nun gerechtfertigt! - Waren sie es? Er brauchte, nur zu wollen. Der Elende
vor ihm lauerte schlau auf seine Blicke, seine Worte würden der Widerhall der
Wünsche seines Fürsten geworden sein. - Und warum konnte er sich noch nicht
entschliessen zu wollen?
    »Der ist ein schlechter Gärtner, der das Unkraut nur mit den Füssen
niedertritt, weil es ihm unbequem ist, sich zu bücken, dass er es mit der Wurzel
ausreisse. Ich bin jung, und wenn die Nesseln auch brennen, meine Gärten sollen
rein werden!«
    Er winkte dem Krämer, vor dem Kruzifix auf dem Betpulte niederzuknien.
    »Es bleibt bei der Anweisung, die ich Dir gab. Du hältst Dich hinter dem
Teppich; jene kleine Wandtür führt Dich dahin. Fasse ihn wohl in's Auge, aber
prüfe ihn und Dich bis zu dem Augenblick. - Wirst Du in der strengsten
Untersuchung, die ich anordnen will, als boshafter, falscher Ankläger erfunden,
wehe Dir. Der Weg zum Galgen geht über Martern. Doch auch den guten Menschen
können die eigenen Sinne täuschen, und schon die Anklage eines Schuldigen ist
ein Makel, die keine Busse wieder abwäscht. Deshalb bete zu Deinem Schutzpatron,
dass er Deine Augen hell sehen lasse, und hier schwöre bei dem Bilde des
hochheiligsten Gottseibeiuns, dass Deine Blicke und Deine Reden Wahrheit seien.«
    Der Krämer schwor. Der Fürst winkte ihm zu gehen. Die kleine Tür führte in
einem engen, dunklen Gange durch die dicke Mauer bis in den Fürstensaal, wo die
schweren Teppiche zu Seiten des Tronhimmels ausgespannt waren. Schon nach
wenigen Augenblicken kam Hedderich mit offenem Munde, mit glänzenden Augen:
    »Er ist da, Herr, ich sah ihn!«
    »Wen?«
    »Ich weiss seinen Namen nicht. Aber ich könnte ihn malen. Er steht im
violetten -«
    Ein Zornblick des Fürsten wies den Ungerufenen fort: »Auf Deinen Platz! Ich
will nicht Deine vertraulichen Hinterbringungen, ich will Deine feierliche
Anklage, die Du den Mut haben sollst, vor meinem ganzen Hofe auszusprechen.
Zwischen uns Beiden ist nichts mehr.«
    Im Fürstensaale war der Hof schon lange versammelt; Räte, Ritter,
Geistliche, auch die Bürgermeister von Berlin und Köln. Vielen der Herren sah
man es an, dass sie hier ungern waren. Der Lederkoller, der Pelz und der Harnisch
war ihnen lieber als der geschljetzte Wamms von Tuch. Solche von Sonne und Trunk
gerötete Gesichter mit buschigtem Bart, mit wild schielenden Blicken! Einige
hatten sich schon gewöhnt; sie standen manierlich da in schön gepufften Hosen
mit knapp anschliessendem Wamms, mit Halskrausen und einem wohlgekämmten Bart,
gewärtig das Baret, das etwas schräg auf dem Lockenkopf schwebte, beim Eintritt
des Kurfürsten mit leichtem Griff zu lüften. Diese traten unwillkürlich mehr in
den Vordergrund, während die Andern ganz zufrieden schienen, hier in den
Hintergrund gedrängt zu sein, wo für sie keine Ehre war. Der Edelmann, der noch
trotzig, seine Knechte vorauf, durch das Oderberger Tor gesprengt, und dem
Wirt zur Herberg, dessen Blicke ihn vielleicht gefragt: »Ei in dem langen
Waffenrock zu Hof?« geantwortet hatte: »Hauskleid ist Ehrenkleid, so trugen's
meine Väter, ehe die Hohenzollern wie Pilze im Sand wuchsen!« Dieser Edelmann
war doch andern Sinnes, als er die Treppen heraufkam, und Alle um ihn hatten den
gesteppten Faltenrock zu Haus gelassen, und das geschljetzte Wamms, das nur bis
zur Hüfte reichte, anzogen. Er fluchte für sich über die Affen, aber er liess
sich gern hinter die Affen drängen, dass sie vor ihm ein Schirm würden.
    Niemand sah aber stattlicher aus in dem feinen Hofkleide, als der Ritter von
Lindenberg, Niemand bewegte sich leichter darin, Niemand schien wohlgemuter und
war die Freundlichkeit selbst gegen Jedermann, der sich an ihn drängte, und
deren waren Viele. Doch hätte man bemerken können, dass er alles dies erst im
Verlauf geworden, denn als er unter den ersten, die sich eingefunden, allein
war, war er einsilbig, er schien von Unruhe geplagt, und gab solche Antworten,
dass die, welche mit ihm sprachen, zu bemerken glaubten, als habe er, was sie
fragten, gar nicht gehört. Erst seit der Dechant von Alt-Brandenburg sich unter
den geistlichen Herren eingefunden und ihm aus der Ferne zugenickt hatte, war
sein Gesicht verändert. Da wurde er Liebe und Sanftmut selbst, und obwohl der,
mit dem er gerade redete, ihm bemerkt, dass der geistliche Herr am andern Ende
ihn sichtlich zu sprechen wünsche, hatte er gesagt, das habe wohl keine Eil, er
stehe mit den Pfaffen nicht in so guter Freundschaft, um andere liebe Freunde,
die ihm Teilnahme schenkten, darum zu verlassen. Auch redete er noch mit dem
und jenem auf dem Wege und wechselte dann mit dem Dechanten nur kurze Worte;
doch von dem ab war der Herr von Lindenberg so freudig geworden, wie wir sagten,
und selten hatte man ihn so bei Hofe gesehen.
    Da trat er in den Kreis, den viele Herren um den alten Geheimrat von
Schlieben bildeten, welcher ein Minister des Kurfürsten war, und für einen sehr
vorsichtigen Staatsmann galt, welcher sein Gesicht und noch mehr seine Worte
bewachte. Die Herren wünschten zu horchen, wie denn wohl der Landtagsabschied
lauten würde, und ob der Kurfürst wohl heut schon, beim grossen Hoftage, etwas
davon werde verlauten lassen, wenn er rede, wie er pflegte. Der von Schlieben
sagte mit einer sehr wichtigen Miene, er wisse zwar nichts, glaube indessen
doch, dass getreue Stände sehr dankbar mit dem gnädigen Bescheide sein dürften.
    Kurt Schlabrendorf sah den Herrn von Lindenberg an: »Ist's so? Das wär's
erste Mal.«
    »Es ist eine Freude, den Abschied zu lesen, mein teurer Herr von
Schlabrendorf. Man kann sagen, man konnte ihn ordentlich sich so denken.«
    »Die sieben Propositionen wegen der Bierziese?« fragte Ewald Schenk.
    »Die sind abgelehnt.«
    »Das konnte man sich freilich denken. Aber unsere Anträge?« sagte Kurt von
Schlabrendorf, »die der Marschall nach dem heftigen Tage verglich?«
    »Sind auch abgelehnt.«
    »Aber die Punkte wegen des Rezessgeldes unserer altmärkischen Städte,« fragte
Wigand Alvensleden, »und die Auseinandersetzung mit der Hanse?«
    »Abgelehnt.«
    »Na die werden spuken und fluchen in Stendal und Salzwedel!«
    »Ach aber in so väterlichem Tone!«
    »In Summa also Alles abgelehnt,« rief der von Schlabrendorf. »Wozu waren wir
denn beisammen?«
    »Na, was denn noch!« sprach ein Bardeleben, als der von Lindenberg dazu
abwehrend ein erschrocken Gesicht gemacht.
    »Die Hundebrücke erklärt Kurfürstliche Gnaden sich bereit, aus höchsteigener
Kasse neu aufzimmern zu lassen.«
    »Die Hundebrücke!« wiederholten viele Stimmen auf einmal.
    »Ueber die der Prozess neun und dreissig Jahr schwebt zwischen Kämmereikasse
und Ritterschaft von Teltow. Versteht wohl, Ihr Herren, diesmal, ohne Präcedenz
für künftige Fälle, will Kurfürstliche Gnaden die neue Bohlenlage und den
Strauchzaun auf eigene Kosten fertigen lassen; aber aus freien Stücken, nicht in
Erwägung Eurer Gründe. Die Ritterschaft in Teltow kann dies als ein besonder
Zeichen fürstlicher Huld und Gnade betrachten.«
    »Auch gut!« sprach Fritz Kröcher und strich sich den roten Bart. »Werden
Kurfürstliche Hunde nicht mehr Gefahr laufen, zu ersaufen.«
    Ein ehrwürdiger Greis, der auf einen Stock sich stützte, schien etwas von
dem Gespräch gehört zu haben und wandte unwillig den Kopf. Mehrere jüngere
umstanden ihn, in ehrfürchtiger Anhänglichkeit, wie Stammgenossen ihr
Altershaupt. Es war der Senior der Bredow. Die Familie stand hier fast allein.
Einige waren der Meinung, die Bredow hätten sich gar nicht zeigen sollen. Der
Herr von Lindenberg aber trat auf den alten Bodo zu und machte eine Bewegung,
als wolle er die Hand zum Druck ergreifen; doch als verstände er es nicht, hielt
der Greis seine Hände fest auf den Stockknopf.
    »Die Sache wird sich ohne merklichen Schaden für uns alle ausgleichen,«
sprach Lindenberg. »Wie ich eben höre, hat Euer guter Vetter von Ziatz schon
eingeräumt, und was ist denn nun eigentlich so gefährliches in der Sache? Er hat
sich sein Recht verschafft, nur ein wenig zu rasch.«
    »Und ward in Ketten eingebracht,« knirschte der Senior.
    »Seine Durchlaucht,« sagte der Geheimrat leise, »wird zuerst auffahren. Da
können wir uns gefasst machen auf sehr schöne Reden. Er wird uns den Justinian
auseinandersetzen, die Gränzen der erlaubten und unerlaubten Selbsthilfe. Er
wird die Sache drehen und wenden, die Juristen des Altertums citiren, uns
deutlich machen, was davon auf ein christlich Reich passt und was nicht, und wenn
er sich gesonnt hat in unserer Verwunderung über seine Gelehrsamkeit, übergibt
er die Sache dem Geheimrate zur Begutachtung. Dann wird unser Herr von
Schlieben das Ganze erwägen und überdenken und mit höherer Weisheit in's rechte
Schick bringen, das heisst, er wird mit andern und vielen Worten das für Recht
erklären, was der Kurfürst will.«
    Der alte Bodo stiess mit seinem Stock auf die Diele: »Dass Gott erbarm, Herr!
Ich wünschte - der Kurfürst hätte nicht so kluge Räte,« setzte er in den Bart
murmelnd hinzu.
    »Der Kurfürst!« es rauschte durch die Versammlung, die Federhüte und Barette
flogen von den Köpfen. Joachim schritt durch die Reihen, die sich teilten, nach
dem Tronsessel. Er musterte eine Weile die Anwesenden. Sein Gesicht war blass,
sein Auge so ernst und forschend, als man es lange nicht gesehen. Er sprach dann
in wohlgesetzter Rede über Vieles, aber nicht mit dem jugendlichen Feuer, das
man an ihm gewohnt war. Er sprach, wie von der schmerzlichen Ueberzeugung
durchdrungen, dass was vor seiner Seele leuchtend stand, den Andern fremde,
ferne, gleichgiltige Dunstbilder seien, dass seine tönenden Worte nur dumpfe
Klänge für die Mehrzahl blieben; er sprach für sich, nicht für die Andern, wie
vor einer unsichtbaren Macht, welche von ihm Rechenschaft forderte.
    Er sprach von der Universität, die er zu Frankfurt gründen wolle, dass nun
endlich alle Hindernisse gehobelt seien, die diesem hochwichtigen Werke im Wege
gestanden. Sie solle das Siegel werden, so hoffe er zu Gott, gedrückt auf die
Mission seines Hauses: die Mark Brandenburg, dieses alte, durch teures Blut dem
deutschen Gesammtvaterlande erworbene, dieses ehemals blühende, reiche,
herrliche Land, wieder zu erheben aus der Verwilderung und Zerrüttung zu einem
gesunden kräftigen Gliede des deutschen Reiches. Nicht durch Fehde und Krieg,
nicht durch wilden Trotz und gesetzlose Freiheit, nicht durch Festalten an der
alten Unsitte werde der Märker aus der Barbarei sich erheben, sondern durch
friedfertige Unterwerfung unter das Gesetz und durch liebevolle Aufnahme der
Männer, welche er berufen, durch Lehre und Wort, durch Beispiel und edle Sitte
die alte Unwissenheit und böse Art zu bändigen und den Geist zu lösen, dass er
auf edleren Bahnen vorschreite. Er nannte die Männer, die er gewonnen, deren Ruf
durch ganz Germanien strahle. Er hoffe, dass ihr Licht von den Wellen der Oder
über Spree, Havel und Elbe nur heller in das Reich zurückstrahlen werde. Vor
allem sei er bedacht gewesen, Männer zu finden, in denen der Geist der heiligen
Kirche lebendig, und die durch tiefe Gelehrteit das Licht des allein selig
machenden Glaubens nur heller leuchten machten in dieser Finsternis. Denn dieses
Licht sei vor allem nötig, und der Geist, der durch die umnachtete Wildnis
allein seinen Weg sich suche, verirre und gerate auf gefährliche Abwege. So
hätten es auch die Väter der Väter erkannt, die alten Regenten, unter denen
Milch und Honig in der Mark geflossen und die Rebe geblüht und Früchte getragen.
Er wies hin auf die hohen Türme und ehrwürdigen Kirchenbogen, die für die
Ewigkeit in den lockeren Fussboden gesetzt, auf die stolzen Klöster von Chorin
und Lehnin, auf die Münster und Dome von Brandenburg, Angermünde, in Prenzlow,
Havelberg, Tangermünde und die Andern. Gedächtnisssäulen wären sie der
gottergebenen Kunst, der frommen Wissenschaft, die noch den späten Enkel in
Erstaunen setzen würden; diese Kunst und Wissenschaft sei erloschen seit zwei
Jahrhunderten. Nun sei es die Aufgabe derer, die leben, mit dem zurückgekehrten
Frieden seine Künste zu pflegen, das Verfallene wieder aufzurichten und Neues zu
bauen, damit auch sie der Nachwelt Zeugnisse und Documente ihres edlen und
gottgefälligen Daseins hinterliessen.
    »Denn eine Zeit, die nichts an Werken hinterlässt zur Erbauung und Stärkung
und Nacheiferung denen, die nach ihr leben, ist wie ein todtes Glied an einem
gesunden Körper, es wäre besser, wenn es ausgeschnitten würde. Wer nur Gott lebt
und seinem Erlöser in der Stille hin, den darf ich nicht tadeln, denn er lebt
für das Himmelreich; aber wen Gott niedersetzte auf dieser Erde und gab ihm
Stärke und Ansehen und Mittel, der soll es nicht verprassen und vergeuden,
sondern schaffen für sein Reich auf dieser Erde, und seine Stunden, seine Worte,
seine Gedanken und seine Handlungen sind gezählt, wie die Haare auf seinem
Haupte.«
    Wie suchten da umher des Fürsten Blicke! Einige schlugen die Augen nieder,
Andere sahen ihn gross an; sie verstanden nicht, was er meinte.
    Er sprach weiter. Loben konnte er seine getreuen Märker nicht, aber schelten
mochte er sie auch nicht, dass sie nicht eifriger ihn unterstützt. Etwas Bitteres
kam über seine Lippen aber er verschluckte es wieder. Denn wozu Bitterkeiten;
sie sind Gift, das nicht heilt, das die Wunde nur schlimmer macht und ein eignes
feines Gift, das meist dem mehr schadet, der es ausstreut, als dem, welchem es
zugedacht ist.
    Er sprach auch von dem neuen hohen Gericht, das er mit des Kaisers Willen in
seinen Erblanden stiften werde, allwo in der Kammer alle Streitigkeiten, die
früher an Kaiser und Reich gingen, sollten geschlichtet werden, die Schöffen,
die er setzen werde, halb aus Gelehrten, halb aus Edelleuten, sollten dort Recht
sprechen, sonder Ansehen von Stand und Person, ja gegen ihn selber, wenn sie ihn
im Unrecht befänden. Und er gelobte für sich und hoffe es zu Gott für all' seine
Nachkommen, dass er keinen darum absetzen wolle, noch entfernen, weil er ein
Urteil gefunden, das ihm, dem Fürsten, missbehage, und weil er das für Recht
gehalten, was er, der Fürst, für Unrecht halte. »Denn wo der Richter dienstbar
würde eines Menschen Willen, und sei es des Kaisers selbst, das ist kein Recht
mehr, das vor Christus bestehen kann, noch ist es dann ein deutsches Recht,
sondern ein türkisch Recht, davor uns Brandenburger der liebe Gott bewahre! Es
soll aber ein wahrer Richter fest stehen und unantastbar wie der Priester des
Herrn, und wie der soll er vor keinem gewaltigen schrecken. Aber« rief er mit
kräftiger Stimme und stand von seinem Sessel auf - »ich will auch, dass die
Richter gegen jedweden Uebertretenden der Gesetze, die da sind, sprechen nach
ihrem vollen Klang. Der Wahlspruch des gelehrten Henning Göde, der in Wittenberg
das Recht lehrt, ist auch meiner: Gesetze, auf welche nicht gehalten wird, sind
Glocken ohne Klöppel1! Wie ich nicht dagegen fehlen darf, soll es keiner meiner
Untertanen, er stehe so hoch und fest er will, und meinem Herzen so nahe, als
mein liebster Blutsfreund.«
    Darauf war er von den Stufen des Trones herabgestiegen und winkte Einigen
näher zu treten, darunter auch dem alten Bodo.
    »Was mir die Stirn in Falten legt, was meinen Sinn vergiftet, Ihr wisst es.
Es ist was Arges geschehen, Gott verzeihe mir, wenn ich dem nimmer verzeihen
kann, der es tat. Wer es auch sei, ausgestrichen sei er aus dem Buche der
Gnade. Denn mit der Schande keinen Vertrag und gält es mein Leben! Doch wen es
traf, und er wird überwiesen, den allein straf ich nicht sein Blut und seine
Sippschaft. Darum braucht keiner die Augen niederzuschlagen, der einen
Blutsfreund in der Schuld weiss; wenn er ein guter Mann ist vor dem Recht, ist
und bleibt er auch vor mir ein guter Mann.«
    Auf seinen Wink nahte sich ihm ein Edelknabe mit einem Kissen und liess sich
vor dem Fürsten nieder auf die Knie.
    »Die Kettenträger unsrer lieben Frauen treten vor!« sprach der Fürst.
    Nur drei oder vier alte Männer traten vor.
    »So wenige nur, und es war ein so guter Orden! Ist die Zucht so schlecht
worden, dass meine Väter so Wenige wert hielten, oder ist die Zeit eine andere
worden, dass was gut war, jetzt nicht mehr gut ist; und es sind noch nicht
achtzig Jahre um, dass mein erlauchter Grossohm, Friedrich der Andere, den
Schwanenorden gestiftet! Wo sind die Burgsdorfe,« rief er, sich umschauend, »die
Hoym, die Arnim, die Bartensleben und Bodenteich, die Bredow, die Jagow,
Schlieben, Kerkow, die Alvensleben, Krummensee, die Schenk, die Waldow, die
Schulenberg und Schlabrendorf, die so oft gewürdigt waren das Bild der
allerheiligsten Jungfrau mit den Sonnenstrahlen um ihr Haupt, den Mond zu Füssen,
auf ihrer Brust zu tragen? Ist Keiner mehr, der trachtet, dass er sich ehrlich
und füglich für schämliche und schändliche Missetaten, für Unfug und Unehre
treulich bewahre, verschwiegen sei und der Mitgenossen Ehre auf alle Weise
rette? Möchte Keiner mehr geloben, dass er, so oft die Sonne aufgeht und
untergeht, zur Mutter Gottes bete, trachtet Keiner mehr nach dem Bilde, das ihn
erinnere, dankbar zu sein zu jeder Stunde für die Gnade Gottes, der ihn durch
seinem Sohn Jesum erlöset hat?«
    Es war still umher.
    »Da sei Gott für,« hub er weiter an, »dass die Zeit um sei und nicht
wiederkehrte dass meine Ritter nach christlicher Ehre trachten! Ist die Stiftung
veraltet, stifte ich sie neu.« Und er winkte dem Kanzler. Der alte Schlieben
entrollte ein Pergament und verlas die Urkunde.
    Joachim schaute sich wieder um und winkte den Bürgermeister von Berlin
zuerst heran.
    »Knie nieder!« sprach er. »Dein frommes Walten ist mir nicht entgangen. Ein
Siechenhaus hast Du gestiftet und ewige Renten geschenkt den Spitälern zu St.
Georg und an den drei Linden. Da nun die Zacken, die zusammengepressten Herzen in
dieser Kette die mancherlei Gebreste des menschlichen Lebens vorstellen, so muss
der sie tragen, der täglich den Gebrestigen den Arm reicht und den Hungrigen
Brod gibt. Stehe auf Matias, als Ritter des Schwanenordens.«
    Ein Murmeln ging durch den Saal: »Wo sind seine vier Ahnen!« - »Er ist kein
Edelmann.«
    »So sind meine Ritter,« sprach Joachim, »doch noch vertraut mit den
Satzungen des Ordens. Aber Ihr vergesst, dass ich die alte Stiftung neu gemacht.
Meine im Uebrigen, dass der ein besserer Schwanenritter ist, der die Geschlagenen
am Wege aufhebt, als der sie schlug und liegen liess.«
    Da ward es wieder still, Mancher liess den Kopf sinken. Der Kurfürst winkte
den Altermann der Bredows:
    »Die Ernte war schlecht im Havelland?«
    Bodo sah ihn verwundert an, die Andern auch.
    »Und Deine Aussaat gut,« fuhr der Fürst fort. »Du kannst nicht dafür, dass
sie nicht aufging.«
    »Der Roggen trug gut aus, gnädigster Herr, und wenn Nässe und Stürme den
Hafer und die Gerste verdarben -«
    »Du sätest Besseres aus als Roggen und Hafer«, fiel Joachim ein und legte
seine Hand auf des alten Bodo Schulter. »Wenn Zucht und Sitte nicht aufgingen,
ist's nicht Deine Schuld. Der beste Vater kann nicht dafür, wenn nicht alle
seine Söhne geraten. Und doch entging mir's nicht, wie Du in Deinem Haus
gewaltet, wie Du der rohen Lust der Deinen gewehrt hast. Bodo Bredow knie
nieder,« sprach der Fürst und nahm die zweite Kette vom Kissen.
    Wie da Aller Blicke auf dem alten Bodo und dem Fürsten hafteten; das hatte
Keiner erwartet. Der polnische Abgesandte hatte vorhin, da er die vielen Bredows
im Saal gesehen, verwundert gefragt, ob man ihnen denn die Waffen nicht abnehme;
wenn so etwas bei ihm zu Haus sich ereignet, dass ein Glied eines grossen Hauses
gekränkt worden, wie hier, würde man sich vorsehen, die Sippschaft nur zu Hof zu
lassen. Fritz Rohr, der ihn herumführen musste, hatte gelacht: »So schlimm ist's
bei uns nicht;« jetzt aber flüsterte er dem polnischen Herrn in's Ohr: »Passt
Acht, er will ihn kirr' kriegen. Bin doch neugierig, ob der Alte in die Falle
geht.«
    »Durchlauchtigster Herr Markgraf, ich bin zu alt zum Knieen,« sprach der
Senior.
    »So neige deinen Hals, ich weiss keinen würdigern Kettenträger.«
    Der Alte blieb aufrecht stehen; ein leises Zittern sah man doch an den
magern Händen, die den Stock hielten.
    »Hilf mir Gott, mein Markgraf, ich kann nicht. Spare die Kette für die, so
nach Ehre dürsten. Liegt doch meine im Grabe. Wie soll ich sie tragen, sonder
Scham, die mir's zur Pflicht macht, der Mitgenossen Ehre auf alle Weise zu
retten, derweil ich meinen nächsten Blutsfreund in Ketten und Schmach weiss und
darf ihn nicht retten.«
    Vorhin waren die von der Sippschaft gemieden worden, wie man solche meidet,
die mit Aussätzigen zusammenkommen. Als der Fürst Bodo vorrief, trat Mancher an
die Vettern und drückte ihnen verstohlen die Hand und sie nickten ihnen zu mit
freundlichen Blicken. Jetzt fuhren sie zusammen und ängstlich schauten sie auf
den Fürsten und auf den alten Mann. Die Reden hatten die Wenigsten gekümmert;
sie nahmen sie hin wie etwas, das sein muss, weil es eine Mode ist; auch dass er
den Mattias zum Ritter gemacht, kümmert sie eigentlich wenig. Er war ein Ritter
des Fürsten, aber nicht ihrer. Aber, dass ein Vasall sich unterstand, Ehren
auszuschlagen, die ihm sein Fürst bot, das, meinten sie, würde den Zorn des
Markgrafen wecken. Aber Joachim sah den Alten nur ernstaft an, dann winkte er
ihm fast freundlich:
    »Du tust Recht. Der gute Mann muss froh sein mit den Seinen, und wenn sie
traurig sind, mit ihnen trauern.«
    Er legte die Kette wieder seitwärts auf das Kissen, als wolle er sie für den
noch aufheben, der sie von sich wies.
    »Wilkin Lindenberg!« rief er, das dritte Band aufnehmend. Ein leises Atmen
ging durch die Versammlung, als habe man's erwartet. Schwer wär's zu sagen
gewesen, ob auf den Gesichtern nur lauter Freude oder auch der Neid mitsprach.
    »Was lächelt Ihr?« fragte leis sein Nachbar den Dechanten von
Altenbrandenburg, der mit einer eigenen Bewegung die Hand über das Gesicht
brachte.
    »Ich lächeln!« und die Hand fuhr schnell zur andern, und beide hoben sich
gefaltet zur Brust. »Das Glück lächelt so selten denen, die es verdienen, sagen
die Kinder der Welt; wir Andern freuen uns daher, wenn es einmal nach Gottes
unerforschlichem Ratschluss einen Würdigen trifft.«
    »Das ist der Lindenberger.«
    Ein stiller Händedruck bestätigte es: »Wenn Ihr ihn erst kenntet, wie ich
ihn kenne. - Still, er redet.«
    »Lindenberg, ich will Dich nicht erröten machen, noch die Andern, indem ich
Dich vor ihnen lobe. Was Deine Stimme im Rate gilt, was Du getan für Deinen
Fürsten, das mögen sie sich sagen lassen von denen, die in meinem Rate oft auf
Deine Worte lauschten. Aber was Du mir gewesen bist, die Säule, an die ich in
den Stunden der Mutlosigkeit lehnte, der frische Luftauch, wenn des Tages Hitze
mich niederwarf, der kalte Wind, der mich aufrüttelte, wenn ich ermattend in
Schlummer sank, wo ich wachen sollte, der einzige Geist,« setzte er leiser
hinzu, »unter so vielen Schemen, der mich versteht, das mögen sie Alle hören,
mögen sie Dich darum neiden, solcher Neid ist gut, er weckt Nachahmung. Du, der
einzige, den ich ganz wahr erfunden, weil Du mir Wahrheit, die volle Wahrheit
ins Gesicht sagtest. Das ist Rittertugend, die nicht der Ehrenketten bedarf, sie
lohnt sich selbst. Darum schlinge ich diese hier um Deinen Hals, nicht als Lohn,
sie soll die Kette sein, die Dich und mich, will's Gott, auf ein langes Leben
zusammenfesselt. Knie nieder, Freier von Lindenberg.«
    Auf des Fürsten Lippen schwebten noch die Worte: »So gedenke ich der Stunde
gestern,« aber er sprach sie nicht aus; denn Lindenberg kniete nicht vor ihm. Er
war vorhin um einen Schritt näher getreten, aber plötzlich war er stehen
geblieben, und blass, mit halb übergebeugtem Oberleibe, stierte er, nicht auf
Joachim, sondern wie auf einen Geist, der, aus der Erde aufgeschossen, ihm den
Weg verträte.
    Die Andern sahen einen kleinen, nicht schönen Mann, von gemeinem Wesen und
niederer Tracht, der hinter dem Fürsten stand, sein Gesicht wie der Hahn, dem
der Kamm schwillt, seine Augen funkelten, und aus dem grinsendem Munde
leuchteten Zähne wie die eines Raubtiers, das sich zum Sprunge anschickt. So
stand er da, halb gebückt, und streckte die Fäuste aus:
    »Er ist's!«
    »Was ist Dir, Linderberg?«
    »Ein Schwindel - Die zu grosse Gnade meines Herrn. Es ist nichts.«
    »Du zitterst. - Meinen Leibarzt!«
    »Er ist's!« kreischte der Krämer, »der mich fing, warf, band. So wahr Gott
im Himmel lebt, der ist's, Herr Kurfürst.«
    Joachim erblickte jetzt erst den Mann, der wie ein Unhold aus der Erde
geschossen, dessen Stimme wie Rabengeschrei in einer frohen Musika tönte.
    »Elender! Du lügst -« Aber plötzlich verstummte er, als fehle ihm der Atem.
Das dunkle Blut, das ihm ins Gesicht gestiegen, verschwand, und das Antlitz ward
einen Augenblick weisser als seines Günstlings. Er brachte die Linke an seine
Brust, er atmete auf und seine Augen hafteten auf dem Ritter, der seine
niederschlug.
    »Das ist zu arg!« schrieen viele Stimmen. - »Den Arzt! Der Markgraf wird
unmächtig!« - »Bei den Haaren, bei den Füssen ihn rausgeschleift!« schrieen
Andere.
    Der Mann erhob sich auf seinen Zehen, er streckte die Arme in die Höh', er
rieb die Hände, er zitterte. Aber da er den Kurfürsten ansah, sank er auf die
Knie und faltete die Hände: »Lasst mich zerreissen, wenn ich nicht die Wahrheit
rede.«
    »Dem Kurfürsten vergeht die Sprache.« »Er ist ein Hexenmeister!« schrieen
Andere. »Den Büttel her!«
    Joachim winkte mit dem Arm. Er hatte die Sprache wieder gewonnen: »Gieb
Antwort dem Manne!«
    »Gottes Donner und Blitze!« schrie Otterstädt, der das Schwert halb gezückt
hatte. »Dem!«
    »Der Dich verklagt.«
    »Soll der Mond antworten, wenn der Hund ihn anbellt?« rief Otterstädt.
    »Ich entsinne mich nicht, den Mann gesehen zu haben,« stotterte Lindenberg.
    »Wilkin Lindenberg! Drei Jahre meines Lebens d'rum, wenn es so ist. Sieh'
ihn scharf an.«
    »Er hext, die Natterbrut!« schrie Otterstädt. »Sieh' ihn nicht an.«
    »Verschluck Deine Zunge, Hund, wo Dein Fürst spricht!« schrie ein Anderer
den Krämer an, der eben den Mund öffnete.
    »Du kennst ihn nicht, Lindenberg?«
    »Nein.« Es kam wie ein hohler Ton heraus, der sich Luft macht nach langer
Anstrengung.
    »Die Hand darauf!«
    Da der Geheimrat nicht allzu rasch, schien es Einigen, den Arm erhob,
wendete sich der Krämer mit einer sonderbaren Bewegung zum Fürsten. Er sprach
kein Wort, aber öffnete den Mund und steckte den rechten Daumen hinein.
    »Den Handschuh aus!« gebot der Kurfürst. »Deine Rechte wie Gott sie gemacht,
leg' in meine.«
    Der Ritter zog. Schien es doch als schüttele ihn ein Krampf; der Handschuh
flog ab und mit ihm ein blutiger Verband. Auch der Daumen blutete auf. Ein
stiller, kichernder Schrei, wie aus einer höllischen Pfeife, wie aus einer
Brust, krank von satanischer Lust, gellte durch die Luft.
    »Die blutende Hand in Deines Fürsten!«
    Einen Augenblick schauten sich Beide an: dann schreckte der Ritter zusammen,
wie ein von Gottes Strahl Getroffener. Er öffnete die Lippen, aber er brachte
keinen Ton hervor.
    »In Ketten! Zum Gericht!« rief Joachim, und ohne Jenen eines Blickes zu
würdigen, schritt er aus dem Saal.
 
                                    Fussnoten
1 Das Bild dieses ausgezeichneten Rechtsgelehrten, noch durch Meisterhand
erhalten, fand ich in der Schlosskirche zu Wittenberg in der in Erz gegossenen
Votivtafel: Die Krönung der Maria von Peter Vischer, m.E. einem der schönsten
Werke des grossen Künstlers. Henning Göde, als Votant, kniet mit seiner Familie
zur Linken vor Gott. Vater, Sohn und Maria. Gestalten, in denen man
Raphaelischen Adel und Schönheit zu erblicken glaubt.
 
                             Sechszehntes Kapitel.
                        Der Befreite und der Gerichtete.
Sechs kurfürstliche Trompeter in ihrer Sonntagslivree und mit silbernen
Mundstücken hielten vor dem Mühlenhofe, und vom Mühlendamm, von der Stralower
Gasse und den Quergässchen um Sanct Nicolas kamen sie in Schaaren, um zu sehen,
wie der Markgraf den edlen Ritter Götze Bredow mit Ehren aus dem Gefängnis
abholen liess. Auch die Lehns-Vettern kamen auf stattlich geschmückten Pferden,
ganz anders trabend als vorhin, da sie in die Stadt einritten. Der Vogt von Hoym
hatte Mühe, dass er die Leute nur abhielt vom Gittertor, die alle den
trefflichen Mann mit Augen schauen wollten, der ohne Schuld wie ein Räuber und
Mörder gefesselt worden und die Unbill über sich kommen liess, fromm wie ein
Lamm. Kaum liessen sie sich's in ihrer Ungeduld bedeuten, dass der Geistliche noch
bei ihm sei, und er zum Unterschiede doch einen Imbiss und Trunk einnehmen müsse,
Stadt und Gefängnis; zu Ehren, und da er noch nicht selbst erschien, drängten
sie um sein Ross und streichelten es, das, mit Federn und bunten Decken
aufgeputzt, von zwei Stallmeistern geführt ward. Einige meinten, das sei noch
nicht genug, der Kurfürst hätte selbst kommen müssen, ihn abzuholen, und nicht
aus der Stadt hinaus müsste er solchen Mann mit Ehren geleiten lassen, sondern zu
sich in's Schloss und dort eine Woche lang traktiren. Das waren ehrenwerte
Bürger, die es meinten, und von den Ritterbürtigen nickte Mancher dazu: Er hätte
auch mehr tun können!
    Von alledem sah, hörte und dachte der nichts, den es anging.
    »Den Seinen gibt er's im Schlafe«, hatte der Dechant gesagt.
    Das erinnerte Herrn Gottfried daran, dass er geschlafen hatte. Man hätte eher
daran zweifeln können, ob er wirklich schon erwacht sei.
    »Wie kam's denn nun aber?«
    »Wer sich selbst erhebt, der wird erniedrigt werden, aber wer sich selbst
erniedrigt, der wird erhöhet werden. Grade dadurch, mein werter Ritter, dass Ihr
Euch hergabt seinem Willen, wie ein Kind, das den Vater walten lässt, weil es
weiss, dass der Vater Alles doch am besten macht, Eures blinden Glaubens willen
hat Euch der Herr gerettet. Ja, wenn Ihr auf weltliche Klugheit gelauscht, wenn
Ihr den Advokaten angenommen, den Euch Euer Schwager schickte, da hättet Ihr
geleugnet, bestritten, da wäret Ihr verhört worden, wer steht dafür, dass Ihr
nicht gar peinlich befragt wärt, und Ihr läget vielleicht jetzt unten im Turm,
auf faulem Stroh, Gott weiss, wo es noch ein Ende nähme. Aber Ihr wähltet das
bessere Teil, Ihr gabt Euch Gott an Heim in den bangen Zweifeln Eurer Seele,
die Kirche riefet Ihr um Hülfe an, und das Wunder war geschehen.«
    »Ein Wunder!«
    »Ihr könnt doch nicht daran zweifeln? Bei solchen Beweisen, bei Eurem eignen
Eingeständnis -«
    »Ich hätt's eingestanden!«
    Der Dechant warf ihm einen Blick zu, den Herr Götz nicht ertrug: »Die Kirche
hat Mitleid mit den Schwachen. Lese ich nicht, was Satan Euch jetzt in's Ohr
flüstert! ein Anderer hätte es Euch eingeredet, so zu tun. Das wolltet Ihr mir
eben antworten: man hätte so lange zu Euch geredet, bis Ihr nicht aus- und ein
gewusst, da hättet Ihr unterschrieben und wüsstet gar nicht wie Ihr dazu kamt.
Nicht wahr, so flüsterte er Euch in's Ohr, und Eure Lippen öffneten sich schon,
es nachzusprechen. Forderte er Euch nicht auf, mich anzuklagen? - Die Röte
Eures Gesichts sagt Ja. Wacht auf endlich! O lieber Herr, weist den Verführer
fort, der die Sündigen immer sprechen lässt: Ich war unschuldig, aber der hat's
getan! Aus diesen Ketten seid Ihr los; fragt nicht warum? wie so? woher? Das
sind die kleinen Krallen und Haken des Verderbers, mit denen er die Geretteten
wieder langsam an sich zieht. Aus diesen Banden seid Ihr los, wisst Ihr, in
welche neue er Euch reisst? Nur der bleibt frei, der sich ganz gefangen gibt dem
Willen des himmlischen Vaters, wie ihn die Kirche erklärt. Darum, mein lieber,
teurer Herr von Bredow, lasst all das Andre hinter Euch, denkt nur an das vor
Euch, wie Ihr mit gerührtem Herzen dem Ewigen danken wollt für das wunderbare
Werk der Rettung, wie ein Strahl der Gnade grade den Lindenberger -«
    »Sagt mal, Dechant, der Lindenberger: I der Tausend, wer hätt's gedacht!«
    »Das ist gar nicht an Euch! Grübelt nicht nach über eines Andern Schuld.
Ach! hat nicht mit seiner eigenen Rechtfertigung der wahre Gläubige so viel zu
tun, dass er eigentlich nie damit fertig wird, dass er noch Andere anrufen muss,
ihm zu helfen. Schütten wir nun zusammen unser gerührtes Herz aus in einem
brünstigen Gebet zu den heiligen Fürsprechern.«
    Dieses Gebet war vorüber, und man muss sagen, Herr Gottfried, als er einmal
auf den Knien lag, hatte recht inbrünstig gebetet.
    »Der beredete Quell, der von Euren Lippen strömte, sagte mir, dass Satan sich
nun nicht wieder nähern darf! Möchte ich doch auch fast die Gelöbnisse lesen,
die aus Eurer befreiten Seele aufsteigen. Ja, teurer Herr von Bredow, die
Zeiten sind vorüber, wo es den frommen Ritter, wenn er aus schwerer Drangsal
erlöst war, nach Jerusalem zog. Für das Kreuz stehen keine Kreuzfahrer mehr auf.
In Euren Jahren, bei der ansehnlichen Beleibteit, mit der Gott Euch bedachte,
möchte Euch auch das Pilgern nach dem heissen Lande beschwerlich fallen.«
    »Ich pilgern!«
    »Ich rate es Euch auch nicht. Ihr müsst Euch den Eurigen erhalten. Was würde
der lange Abschied die gute Frau Brigitte Tränen kosten. Wäre es noch eine
kleinere Pilgerfahrt nach Wilsnack.«
    »Pilger sind Tagediebe.«
    »Gewissermassen. Auch ist das heilige Blut in Wilsnack leider in Verruf, seit
der Erzketzer Huss sein Buch dagegen schrieb. Das ist das Betrübte, dass eine jede
Ketzerei, wie man auch meint sie ausgetilgt zu haben, immer doch etwas Gift
zurücklässt. Nun ist Huss zwar, durch Gottes Gnade, verbrannt, aber haben nicht
die Zweifel, die er hingestreut hat über das Wunder zu Wilsnack, so gewuchert,
dass, man muss es mit Bedauern sagen, selbst der heilige Vater sich veranlasst sah,
die Andacht davor zu verbieten. Das Städchen hatte so hübschen Verdienst, und er
blieb im Lande.«
    »Ja, dazumal schnappten Viele nach der Pfründe.«
    »Die Opferstöcke werden überall immer leerer, die Gottlosigkeit nimmt zu.
Ich wollte Euch auch nicht anraten, lieber Ritter, wie Mancher in Eurer Lage
täte, einen Stellvertreter nach Jerusalem zu schicken. Das ist nur halbes Werk,
kostet sehr viel Geld, und wer weiss, ob der Mensch nicht schon unterwegs die
Zehrung verprasst und vertrinkt.«
    Darin war Herr Götz ganz einer Meinung mit dem Dechanten.
    »Was Ihr gebt, müsst Ihr durch sichere Hände gehen lassen. Es wird jetzt
durch alle christliche Länder zur Restitution des Tempels in Jerusalem
gesammelt; der allerchristlichste König hat es beim Grosstürken durchgesetzt. Ihr
braucht Eure Scherflein nur nach Brandenburg zu schicken; wir sammeln auch am
Dome.«
    Herr Götz warf einen eignen fragenden Seitenblick auf den Sprecher: »Nach
Jerusalem? Das bleibt ja nicht im Lande?«
    »Freilich nicht, indessen -«
    Es schien, als habe Herr Götz mit einem Male den Schlaf abgeschüttelt. Er
sah fast pfiffig den Geistlichen an: »Es bleibt doch Manches im Kasten kleben in
Brandenburg, nicht wahr? Da ist's besser, ich schick's gar nicht erst nach
Jerusalem.«
    »Wenn ich Euch riete, eine neue Lampe in unserm Dome zu stiften, sähe es
wie Eigennutz von mir aus. Aber wir finden schon etwas zur Beruhigung Eures
Gewissens. Das fällt mir ein, es tun sich in Rom fromme Leute zusammen, die das
Kreuz den Heiden predigen wollen in der neu entdeckten Welt und in Asien. Für
diese Bekehrer wird gesammelt. Was müssen sie leiden, diese heiligen Männer,
unter den Teufelsdienern: Qualen, Martertode, Hitze, Kälte, Hunger und Durst.
Wenn wir nur an ihr Dürsten in der Wüste bei jedem Becher dächten, ach mein Herr
von Bredow, der Tropfen Wein würde uns auf den Lippen zum Gifte. Wer spendet da
nicht aus vollem Herzen, was er kann. Was Ihr geben wollt -«
    »Will's mit meiner Frau überschlagen.«
    »Die gute Frau, wenn sie nur die Not dort kennte, wie sie barfuss durch den
glühenden Sand laufen müssen, die armen Kindlein zu ihrem Heil, sie zöge ihre
eignen Strümpfe aus.«
    »Barfuss?«
    »Alle barfuss, die in Indien und bei den Tartaren, und wollen Christen
werden! Ist das nicht schrecklich?«
    »Laufen bei uns auch genug ohne Strümpfe rum.«
    »Die gute Frau von Bredow wird gewiss ein hübsches Päckchen schnüren, aber es
braucht auch Geld, und mein Freund Götz wird gewiss mit Freuden -«
    »Ne,« sagte Herr von Bredow, mit einem ganz besonderen Lächeln den Dechanten
anschielend, »dazu geb' ich nichts.«
    »Gar nichts, ei, mein teurer -«
    »Wollen erst warten bis die Jungen und Mädel bei uns im Dorfe Strümpfe
haben. Aber wisst Ihr was, Dechant? - Wollen Eins mit einander trinken auf das
Wohlsein der armen Leute, die da dürften, auch auf die, die barfuss laufen.«
    Aber der Dechant trank diesmal nicht mit dem Ritter, den der Voigt von Hoym
in die Halle geführt, wo der Imbiss für ihn angerichtet stand. Herr Götz ass und
trank allein, was indes seinem Appetit gar keinen Abbruch zu tun schien. Zwar
war Herr Götz der Meinung, dass gute Gesellschaft zu einer guten Mahlzeit sich
schicke, wenn aber eines von beiden fehlen sollte, hielt er dafür, dass man darum
die Mahlzeit nicht im Stich lassen muss, weil die Gesellschaft uns im Stich
gelassen hat. Er liess es sich vielmehr wie ein rechtschaffener Mann schmecken,
der nicht absieht, warum Einer, der schwer gekränkt ist, drum noch hungern soll.
    Der Voigt von Hoym aber sah wie Einer aus, dem ein Leidwesen widerfahren und
er kann sich noch nicht fassen:
    »Bitt' Euch um aller Heiligen Willen, und der Lindenberger?«
    Der Dechant zuckte die Achseln.
    »Solch ein Herr, und hat's eingestanden?«
    »Er dürft' es doch nicht auf' die Beweisprobe ankommen lassen! Der Krämer
war schon bereit dazu mit seinen Zähnen!«
    »Mir gehts wie ein Mühlrad im Kopf rum. Der Lindenberg war doch so
eigentlich Alles.«
    »Und ist nun weniger als nichts.«
    »Ich bitt' Euch, was soll draus werden! Wen er befahl, steckte ich ein, wen
er loslassen wollte, ich liess ihn los. Ich wusste, ich tat immer recht. Der
kurfürstliche Befehl kam hinterdrein. Hatte mich so hineingefunden in seine Art
und Launen. Und nun soll's wieder anders werden! Wer meint man denn, dass dran
kommt?«
    »Man will behaupten, der Kurfürst wolle allein regieren.«
    Mit einem verwunderten Blicke sah der Voigt ihn an: »Ihr wollt es mir nicht
sagen. Lieber Herr Dechant, ich bin ein alter Mann, möchte auch in Ruhe leben;
bitt Euch, gebt mir aus alter Freundschaft 'nen Wink, wenn Ihr's erfahrt. Einmal
geht's noch, einmal find ich mich noch zurecht, aber wenn's wieder und wieder
wechseln sollte - das wär zu viel. Aber was Ihr sagt, er wollte allein steh'n,
hochwürdiger Herr, dazu bin ich zu alt, um's zu glauben. Einer muss doch sein,
der's für den Fürsten tut, und hinter ihm steht, ob er nun Hinz heisst oder
Kunz, ob er's grob oder fein, heimlich tut oder vor aller Welt; Einer tut's,
Einer ist's. An Einen muss man sich halten können, und wenn Jeder es weiss, ist's
besser, als wenn Jeder es raten muss.«
    »Das ist ein braver Mann!« - »So müssten alle Ritter sein!« riefen die Bürger
Herrn Gottfried noch lange nach, wenn sie ihn mit lautem Zuruf und
Mützenschwenken begrüsst hatten. Durch alle Hauptgassen beider Städte ging der
Zug, und die sechs Trompeter schmetterten in die Luft, dass es für alle Bredow's
wie eine Hochzeit war. Nur einmal hiess Herr Gottfried sie inne halten, als ein
Wagen vorüber fuhr, in dem ein Gefangener auf Stroh sass. Der Herr Lindenberg
ward nach dem Schloss gebracht, der Eine, geschlossen und bewacht, zu Verhör und
Gericht, der Andere, mit Freunden und Musikern, zu Ehren und Freiheit. So
begegnen sich Menschen wohl öfters im Leben; der früher den Hut zog und tief
sich bückte, geht aufrecht und nickte kaum, und der sonst den Kopf im Nacken
trug, schleicht, das Kinn in der Brust, froh, wenn der Andere ihn nicht erkennt.
Götze Bredow hatte den Lindenberg nie gemocht, aber ihm schien's unrecht, dass
Einer sich laut freue, wenn ein Anderer tief trauert. Darum hiess er die
Trompeter schweigen und hob sich im Sattel, und hielt den Hut gelüftet, bis der
Wagen vorüber war. Der Lindenberger grüsste nicht wieder.
    Vor ihrem Haus am hohen Steinweg hielt die Sippschaft an. Da ward Herrn
Gottfried ein Ehrentrunk aus goldenem Pokal gereicht, und der alte Bodo
schüttelte ihm die Hand und sagte, dass er sich herzlich freue. Die jüngern
Vettern und die Trompeter gaben ihm aber noch das Geleit zum Spandauer Tor
hinaus bis an's Weichbild der Stadt. Er hatte gedacht noch heut Abend bis Ziatz
zu kommen, aber jeder Vetter verlangte und er musste es versprechen, dass er bei
ihm einspreche. Da dachte er, Frau Brigitte wird wohl warten müssen bis morgen.
Wer bei allen Bredows im Havellande einsprechen will, der kommt auch morgen und
übermorgen nicht nach Haus.
    Der alte Schlieben hatte es nicht gut geheissen, dass der Kurfürst den Ritter
Lindenberg noch einmal sehe, er wollte ihn denn nicht richten lassen. Des
Fürsten Angesicht und Zuspruch sei für den Verbrecher Gnade. Er hatte eifrig
widersprochen, wie es eines guten Dieners Pflicht ist; Joachim hatte ihn ruhig
angehört: »Hast Du nun ausgesprochen?« - »Ich hab's, gnädiger Herr, und da Ihr
ihn richten wollt, könnt Ihr ihn nicht vor Euch lassen.« - »Er ist gerichtet,«
antwortete Joachim, und ein seltsames Lächeln lag auf seinen Lippen, und sein
Blick war der, den der alte Rat gar nicht mochte, als er die Hand auf die Brust
schlug. »Aber ich will's!«
    Der Lindenberger stand unfern der Tür, wo er eingetreten, der Kurfürst an
seinem Sessel, die Arme verschränkt. Als er zu ihm sprach, waren seine Blicke
halb zum Fenster, halb auf die Wand gerichtet.
    »Ich liess Dich rufen, damit Du mich nicht anklagst, dass ich einen alten
Freund ungehört von mir stiess.«
    »Von meinem Herrn und Kurfürsten konnt ich mich dess versehn.«
    Joachim unterbrach ihn: »Das Recht geht seinen Weg, täusche Dich nicht. Nur
dem Freunde von ehemals gestattet der Freund von ehemals ein letztes Wort.«
    »Dies Band musste gesprengt werden, gnädigster Herr. Meine Ahnung trog mich
nicht. Es lastete etwas seit Wochen auf meiner Brust. - Doch nichts davon! Mein
Glück war zu gross, der Neid zu mächtig.«
    Joachim warf ihm einen ernsten Blick über die Schulter zu: »Ich liess Dich
rufen, damit Du Dich verteidigen könntest. Vor mir, nicht vor dem Gesetz.«
    »Vor dem hab' ich gefehlt. Fern sei es, wie ein gemeiner Sünder leugnen zu
wollen. Das ist das Arge in dieser Welt, das Einer vor sich im Rechte sein kann,
und doch vor dem Gesetze sündigt.«
    »Bist Du's vor Dir, sollst Du's vor mir sein.«
    »Um gerecht zu werden vor Joachim dem Gerechten, müsste ich mit viel Besserem
als einem Fastnachtsschwank sein Ohr ermüden. Mein gnädiger Herr kennt den
Bredow, den Gottfried mein ich. Dass ich ihm von der landkundigen Geschichte
erzählen muss, von seinen Elennshosen! Wäre mir scherzhaft zu Mute, sagte ich,
von ihm könne man nicht sagen, sein Herz steckt in den Hosen, weil der ganze
Mann drin streckt. Ich will ihn gewiss nicht verreden; er ist ein trefflicher
Mann; aber wer schützt uns vor einer Grille, einer Schrulle! Und das
Verdriesslichste, dass solche Grille anstecken anstecken kann! Ihm sind sie ein
Talisman, sein Amulet, wie anderen Familien ein Waffenstück, ein Ring, ein
Becher, eine alte Fahne. Nein gnädigster Herr, gewiss, wenn ich ernstaft darüber
nachdenke, weiss ich keinen Zusammenhang zu finden zwischen leblosen Gegenständen
und dem Schicksal, das unser Herr Gott und die Heiligen über uns bestimmt.«
    »Um Kindermährchen stehst Du nicht hier.«
    »Ach gnädigster Herr, sind wir nicht Alle zuweilen Kinder; unser Sinn klebt
sich an ein Spielzeug. Wir meinen zu vergehen, wenn es uns fehlt. Gottfried
Bredow könnte uns Allen eine Mahnung sein an die eigne Schwäche. Was Andern eine
Puppe, ein Spielzeug ist, ein Wahn, dem jagen wir nach. Hättet Ihr nur den
Wirrwar gesehen, die Bestürzung -«
    »Wo?«
    »Vergebt, ich rede in Sprüngen. Mein Blut ist noch erhitzt von dem Gedanken,
in falschem Licht vor meinem Fürsten zu erscheinen. In Ziatz war's. Sie waren
ihm gestohlen, auf der Wäsche, glaub' ich. Er schlief; Ihr hättet sie zittern
sehen sollen, die wackere Frau, die armen Töchter, wenn er erwachte, ehe sie
wieder da waren. Ich gestehe es war dumm von mir. Man hatte mir stark
zugetrunken; der Wein, die Erschöpfung, die Nacht; ehe ich es wusste, sass ich auf
dem Sattel, und dem Dieb nach. - Vernünftige Leute würden sagen, ich handelte
unvernünftig, das Alles hätte ich Andern überlassen können, und dann wäre das
und auch das nicht nötig gewesen, und das gar unrecht. Diese vernünftigen Leute
sollen in ihrem Recht bleiben, und ich im Unrecht. Aber die Hitze hat mich
übermannt; auch der Aerger, ich leugne es nicht, über diesen Lumpenkrämer, der
in Saarmund mit meinem Herrn sich zu handeln unterstand. Ja der Schurke zählt
noch das Geld nach, er fühlte heimlich ob die Silberstücke gerändert waren.
Himmel und Hölle, es überlief mich da schon, dass ich fast meines gnädigen
Fürsten Gegenwart vergessen und ihm ins Gesicht geschlagen hätte. Ich weiss, das
wär' ein Frevel gegen die Majestät gewesen, aber ich habe Tage, wo es
überkocht.«
    »Ist das Deine Verteidigung?«
    »Ich könnte noch von einem Spuk erzählen, es klänge aber zu albern.«
    »Was Dich verteidigen kann, sprich.«
    »Seit ich mich bei Beelitz verirrte, gaukelte um mich ein fataler Spuk. An
jedem Ast, wo ich hinsah, hing, Torheit! aber Ihr befehlt's zu sagen, das
Kleid, was dem guten Götz gestohlen ist. Ich konnte mich täuschen, aber auch
mein Pferd scheute. Ich riss es um, über die Haide, da flatterte es drüben an
einer Kiefer. Ich wollte lachen, aber ich musste zittern. Weiss Gott, ich hatte
damals noch keine Ahnung von dem, was in Ziatz sich ereignet. Sollte es nur eine
Vision gewesen sein! Ich habe nie viel an Zeichen geglaubt, aber -«
    »Lindenberg, ist das Deine ganze Verteidigung?«
    »Ich erwarte mein Gericht.«
    »Du hast Dich selbst gerichtet. Die Hosen hast Du dem Schelm gelassen; sein
Geld nahmst Du mit.«
    Der Kurfürst sah nicht die Blässe, die Lindenberg's Gesicht überzog, nicht
wie die erzwungene Fassung ihn verliess, wie die Glieder zitterten. Er hatte sich
in den Armstuhl geworfen und bedeckte mit den Händen sein Gesicht. Der
Verurteilte versuchte noch Unzusammenhängendes zu stammeln. Plötzlich
verstummte er und stürzte auf die Knie: »Gnade!«
    Als er die Augen aufschlug, stand Joachim drei Schritt vor ihm, und der
kälteste Blick aus den blauen Augen sagte dasselbe, was der Mund jetzt tonlos
sprach: »Von Gnade ist nichts zwischen uns; Du wirst büssen den Lohn, den Du
verdient. Stehe auf.«
    Lindenberg sprang auf: »Ernst?«
    »Hab' ich je mit Dir gespielt?«
    »Wozu riefst Du mich?«
    »Dass Du Dich, dass Du mich vor Dir und mir verteidigtest.«
    »Himmels Donner und Blitze, ich will's nicht glauben, ich kann es nicht
glauben. Um die Lumperei -«
    »Stirbst Du als Strassenräuber.«
    »Und Du -«
    »Drei Schritt zurück, Herr von Lindenberg.«
    »Und aus dem tiefsten Keller Deines Turmes schrei' ich Dir's zu; es soll
durch dicke Mauern in Deine Ohren gellen: Das wage nicht! Du bist zu jung, wir
sind zu alt. Das hätte Dein Vater nicht gewagt, und Johannes durfte viel wagen.
Zog ich mein Schwert, Pflanzt ich auf das Banner der Empörung? Brach ich in eine
Stadt? - Züchtige die Banden, strafe die gegen Dich rüsten und Pechkränze in die
Städte schleudern, aber -«
    »Lass ungestraft die Wegelagerer, wenn meine Geheimräte darunter sind. Ich
bin nicht gesonnen, darüber mit Dir zu streiten.«
    »Es werden Andere für mich streiten. Das ist unerhört! Um einen Schelm,
einen Betrüger, um das freche Gesindel, diese Hausirer, diese Bauernschinder,
diese Plage des Landes; um den Kitzel eines tollen Augenblicks -«
    »Um der Gerechtigkeit willen.«
    »Ein lebloses Wort, das nicht Fleisch, nicht Blut, eine dürre Blase, in die
man haucht, was man Lust hat.«
    »Genug, Herr von Lindenberg! Deiner Todesangst sei die freche Drohung
verziehen.«
    »Gerechtigkeit! Bei meinem Schutzpatron, wer schreit nach Gerechtigkeit, und
Ihr seid taub? Wir? Nun ist's heraus, Mann gegen Mann, Mund gegen Mund. Bilde
Dir nicht ein, Joachim, dass Du es so zwingst. Um eines Krämers willen, Edelmanns
Blut! Wo ist die Gerechtigkeit, Das schwarze Blut, das allerwegs kocht, hat sich
wieder gesammelt seit dem Cremmer Damm. Es wartet nur auf einen Ausbruch. Das
ist zuviel, das ertragen sie nicht. Beim allmächtigen Gott, ich spreche jetzt
als Dein Freund. Damals krachte die faule Grete Mauern auseinander; wir
gewöhnten unser Ohr daran. Treibst Du's auf die Spitze, so kann Anderes krachen.
Scheuche Spatze mit einem Pustrohr, aber zitt're, wenn Männer aufstehen.«
    »Ich werde ihnen in's Gesicht sehen. - Hast Du nicht mehr zu sprechen?«
    »Was Deine Ohren kitzelt? Nein! - Soll schön reden, dass es eine tragische
Action gäbe, dass es Deinem Ohr schmeichelte, dass die Wimper nass würde, und Du,
mit dem Finger sie streichend, Dir sagen könntest: Du wärst gerührt worden. Ich
will Dich nicht rühren; ich will nicht die Maus sein, mit der die Katze spielt,
ehe sie sie erwürgt.«
    »Das wär' ja nur Vergeltung, Lindenberg, für das lange Spiel, das Du mit mir
gespielt.«
    »Verflucht der Augenblick, wo ich's anfing!«
    »Mutter Gottes und Ihr Heiligen Alle, so gestehst Du's - Alle Deine schönen,
tönenden Reden -«
    »Waren der Widerhall von Deinen.«
    »Beim Blut des Erlösers, so schamlos verdammst Du Dich selbst.«
    »Ich war ein Mensch, Du bist ein Fürst. Prätendirst Du Anderes?«
    »Ich wollte Wahrheit hören.«
    »Das sagen Alle. Die Wahrheit ist ein bitterer Trank, schon für den
gewöhnlichen Menschen, was mehr für Einen, der mit Schmeichelliedern eingelullt
und mit Schmeichelliedern geweckt wird. Einmal, zweimal wagt man's. Wird man
angefahren, sieht man das saure Gesicht, dann überzuckert man die bittere Pille,
bis man den verwöhnten Kindern den Zucker allein gibt. Wir atmen nur ein Mal;
ein Tor, wer sich die Spanne Zeit vergällen wollte, wenn er mit der Lüge süssen
Sonnenschein erkauft.«
    Joachim war wieder auf den Stuhl gesunken, und wieder verbarg er sein
Gesicht: »Seine Puppe - ein Spielball in der Hand eines herzlosen Betrügers!«
    »Verlange nicht Herzen, wo Du Gehorsam willst für Grillen. Schneide Dir
Günstlinge, aus welchem Holz es ist, knete sie Dir, aus welchem Ton Dir behagt.
Ein Günstling bleibt das Geschöpf des Meisters. Er wird pfeifen, blasen, atmen,
sprechen, blicken, wie es dem Herrn gefällt, bis er selbst Herr wird. Glaubte es
schon da zu sein, bis ein unbewachter Augenblick mich um die Frucht der langen
Arbeit brachte. -« -«
    »Bis das zähnefletschende Tier zum Herrn ward über den gleissenden
Betrüger.«
    »Sei's! Meinst Du, ich wollte um nichts bei Dir dienen! Die lange Qual, die
es mich kostete, schön zu reden, lieblich zu duften, immer tugendhaft
geschniegelt zu denken, die Glieder und Gedanken zu strecken auf ein Folterbett,
das japste einmal nach Erholung. Nun ist's vorüber.«
    »Schäume aus die Rohheit. Mir wird wohl, dass ich endlich Wahrheit höre.«
    »Willst weiden Dich an Deiner eigenen Vollkommenheit, während Du Einen
siehst den Träbern nachgehen, weil seine Natur ihn trieb. Aber vermeine nicht,
wenn Du mich los bist, wär'st Du frei. Nur vielleicht auf einen Klügern stösst
Du, der zäher ist, und länger in die Schule ging, als ich, dass er sich auch im
Schlaf bewacht. Wahrheit willst Du? Sprich es nur aus, und er wird Dein Ohr mit
plumper nackter Wahrheit, wie Du sie wünschest, täglich bewerfen. Frömmigkeit? O
sie werden in die Messe stürzen - vor Deinen Fenstern nämlich; ihre Reden werden
duften von Gottseligkeit, werden schaudern vor jedem gottlosen Wort, nämlich,
wenn Du es siehst. Nichts leichter, als einen Fürsten betrügen, weil er immer
betrogen sein will. Mein Gängelband riss ab, weil's an eine scharfe Ecke
streifte. Ein Anderer wird es schlaffer halten und desto sicherer.«
    »Nein, Lindenberg, ich gehe fortan allein. - Lache nur in Dich. Der Herr des
Weltalls, der die Würde auf meine Stirn drückte, wird mir auch die Kraft
verleihen. Keinem mehr will ich trauen, ich werde mein eigener Rat sein.«
    »Da wirst Du erst recht betrogen werden. Ja, wär'st Du Dein Vater Johannes
mit seinem Fischblut. Der nahm auch die Miene an, als achte er nicht auf unsere
Reden; in der Stille horchte er und wusste Alles. Er ging seinen graben Weg, und
leckte nicht gegen den Stachel; damit zwang er uns. Du hast Blut und Passionen,
Visionen und Missionen, möchtest über unsere Köpfe spazieren geh'n, Dich zu
freuen an Deiner Höhe und unserer Niedrigkeit. Was nicht Alles besseres möchtest
Du aus uns machen, nur nicht, was wir sind und bleiben wollen, Märker. Der Topf
ist ausgeschüttet, nun kein Blatt mehr vor dem Mund. Meinst Du, dass Einer von
uns an Deinem Spielzeug Lust hat? Wenn er die Zunge spitzt, um entzückt zu
reden, sag ihm dreist auf den Kopf: Du lügst! Ruf mich zum Zeugen! Uns schiert
nicht Deine lateinische Gelehrsamkeit, Deine Universitäten, Deine Zollordnungen,
Deine Kammergerichte, Erbconstitution, und was Alles in Deinem Kopfe rumgeht;
das mag gut sein, wo die Leute danach verlangen, in unserm Stande wächst kein
Strohhalm mehr davon. Wer die Märker rumkriegen will, muss selbst ein Märker
sein, ein Fleisch, ein Blut; er muss mit ihnen schlagen und schlafen, auf ihren
Schildern kann er sich tragen lassen, aber er muss auch mit ihnen zechen und
schwatzen, mit ihnen lustig sein und traurig und sich nicht für zu hoch halten,
dass er nicht auch mit ihnen irrt und sündigt.«
    »Wird Deine Schuld geringer, wenn Du einen Andern anklagst?«
    »'S ist Jeder untertan seiner Grille. Wer sein Mütchen kühlt, handelt
recht vor sich; wer's durchsetzen kann vor den Andern. Du strebst nach hohen
Dingen, ich nach geringen. Du gehst dem Wahn nach, Dein Volk zu corrigiren, ich
dem Kitzel, dass ich nach eines Bettlers Ranzen griff. Ich seh' nur einen
Unterschied zwischen Dir und mir. Ich soll es büssen mit dem Hals, für Dich büsst
Dein Volk.«
    Joachim stand auf. Es war ohne Leidenschaft, was er sprach, kein Zorn lag in
seinem Blicke, mit dem er aushaltend den Andern anschaute:
    »So willst Du vor mir scheinen, jetzt, wie Du damals auch nur vor mir
schienst. Was bist Du? - Das lass mich wissen, ehe wir scheiden. Deine
Verteidigung ist schlechter als Deine Tat; ich will ein besserer Defensor sein:
daran magst Du die Liebe erkennen, die Du missbrauchtest. Auch die Lüge ist eine
Lehrmeisterin. Wer so geschickt wie Du in ein besseres Selbst sich hineinlog,
bekommt doch von dem Edleren einen Abgeschmack. Er kehrt nicht wieder freiwillig
zur alten Rohheit zurück. Unwillkürlich impft sich ein die feinere Sitte, der
adlige Gedanke. Ist's nicht das Herz, so arbeitet doch der Verstand, der Stolz,
er dünkt sich besser als die Andern. Lindenberg, Du kannst es wieder gut machen;
lass mir ein besseres Bild von Dir zurück. Wenn abendlich Dein Schatten an der
grauen Mauer dort vorübergleitet, wenn ich noch lausche auf die Tritte, die
Wendeltreppe herauf, - lass mich dann zu mir sprechen dürfen: Er hatte ein
besseres Loos verdient! Lass nicht den giftigen Wurm zurück, dass ich so
grauenhaft, so entsetzlich mich täuschte.«
    Lindenberg schwieg.
    »Wir sind alle Kinder der Sünde ohne die Heiligung, die nicht von uns kommt.
Widerrufe es, was Du sprachst. Du warst besser, Deinen Verstand ruf ich als
Richter an. Wilkin, es ist unmöglich, wer, wie Du, in Sitte und Bildung über
ihnen allen stand! Nur in einer unbewachten Stunde brach das Tier, die Bestie,
heraus. Sage Ja.«
    »Soll das Bekenntnis die Brücke zur Gnade sein? Wer fühlt nicht Lust zum
Leben -«
    »Mit dem schliess ab. Das ist und bleibt verwirkt.«
    »Dann bekehre, wer Lust hat, sich bekehren zu lassen. Meinen Henker mag ich
nicht zum Beichtvater. Was ich tat, ich will's nicht loben, aber bereuen auch
nicht, nicht vor Dir. Du greifst in unsere Rechte, ärger als Deine Väter. Das
gehört nicht hierher, aber kannst Du Dich wundern, wenn wir ausschlagen? Das
Gesindel willst Du begünstigen auf unsere Kosten, auf wohlfeile Art zum Ruhme
des Gerechten kommen. Da Du uns zu stark, werfen wir uns auf Deine Schützlinge.
Meinen Verstand rufst Du an, der sagt mir, dass Jeder recht tut, der nicht
schlechter, noch besser handelt, als seine Genossen! Möglich, dass eine Zeit
kommt, wo sie anders denken, ich lebe in meiner; ich tat, was da unter den
Guten nicht für schlecht gilt. Ein Tor, wer besser sein will. Die Zukunft
gehört andern Geschlechtern.«
    »Und Du sündigst in sie hinein. Mein Herz schlug warm, mein Arm war weich.
Ich hoffte, ich glaubte. Du hast den Glauben mir ausgerissen. Nach Dir, nie kann
ich Jemand mein volles, heiliges Vertrauen wieder schenken. Wenn ich die Arme
verlangend ausstrecke nach Einem, dessen Geist in seinen edlen Zügen zu
leuchten, auf seinen beredten Lippen zu schweben scheint, wird Dein Gespenst
drohend dazwischen aufschiessen. Ich werde Euch bändigen, Euer Trotz soll
ohnmächtig sich krümmen unter meinen Füssen, denn mit mir ist Gott; aber des
Sieges werde ich mich nicht freuen, ich habe Keinen, mit dem ich mich freue.
Mein Argwohn wird die verwunden, die es wirklich gut meinen, Du trägst die
Schuld. Eine Eiskruste wird sich mit den Jahren um meine Brust lagern, die
warmen Gefühle, wenn sie noch aufsprudeln, werden nicht mehr durchdringen. Ich
werde verdriesslich, hart, vielleicht ungerecht scheinen, vielleicht es sein.
Ich, der sein ganzes Dasein aushauchen wollte für das Glück seines Volkes, werde
nicht geliebt, nur gefürchtet werden. Von ihnen nicht verstanden, vielleicht sie
nicht verstehend, werde ich auffahrend, jähzornig, ich kann ein Tyrann werden.
Es ist Dein Werk!«
    »Dank für den bittern Trank, den Du mir mitgiebst auf meinen letzten Gang.
Der Lohn für all die süssen Stunden, wo ich mein Hirn quälte, die Sorgen von
Deiner Stirn zu schwatzen.«
    »Dafür den Lohn!«
    »Ich könnt's Dir wieder eingeben, einen so bittern Trunk, Dein Leben lang
sollte er jeden süssen Becher Wein vergällen. Warum griffst Du mich heraus? Bin
ich der Einzige, der Nachts satteln lässt, die Kappe über's Gesicht, auf die
Strasse reitet! Leg' Dein Ohr auf die Schwelle, schleiche in den Gängen Deines
Schlosses um und horche an den Türen, wo sie ihre Klingen wetzen, horche auf
ihr Gespräch, mit welchem Ehrennamen sie Dich nennen! Nennen könnte ich - ich
will's Dir zu raten geben. Das mein Gegengift!«
    »Lindenberg!« rief der Fürst ihn von der Tür zurück.
    »Ich habe nichts mehr zu sagen.«
    »Ich zu fragen. Hast Du Mitschuldige?«
    Der Ritter schwieg einen Augenblick: »Nein!«
    »Du hattest sie!«
    »Es lohnt nicht, sie zu nennen. Die blasse Furcht schlottert in ihren
Gliedern. Von denen hast Du nichts zu fürchten. Lass sie laufen. Ich will reine
Luft auf dem sauren Weg.«
    »Gar nichts hättest Du mir zu sagen, keinen Auftrag, keinen Wunsch?«
    »Was soll's? Habe nicht Weib, nicht Kind, was geht mich das an, - was hinter
mir bleibt! - Und doch noch etwas. Allein willst Du stehen, auf Niemand hören,
weil Einer, Zwei, Drei Dich täuschten! Wer ist denn so überreich an
Gottesgnaden, dass er den Hauch der Lüfte nicht braucht, der ihm Atem zubläst,
dass er die Farben der Blumen, das Grün der Wiesen nicht ansieht, nicht das Blau
des Firmamentes, weil es Täuschung der Sinne ist! Wo willst Du die Wahrheit
suchen, die, mein' ich, die Du unter Deinem Volke brauchst? Einen verwirfst Du
nach dem Andern, weil er nicht die Wahrheit spricht, die Du willst. Der redet
Dir zu frech, der zu sclavisch, der nur zu seinem Vorteil, der versteht Deine
hohen Intentionen nicht, der geht nicht oft genug in die Messe, der ein Tor,
der ein Schwärmer; weiss ich's, was Du an Jedem auszusetzen hast, bis Du, wie die
Schöne, der kein Freier gefällt, weil sie sich für zu schön hält, zuletzt den
ersten besten auf der Strasse aufgreifst. Den Adel stösst Du vor den Kopf, er ist
zu eigenwillig; dem Bürger zeigst Du ein kraus Gesicht, weil er anders möchte,
als Du willst; den Clerus möchtest Du bessern, aber er will nicht gebessert
sein. Was ist denn Dein Volk? Was bleibt davon, wenn Du Einem nach dem Andern
davon ausstreichst? Werden Deine lateinischen Freunde aus der Fremde Dir helfen,
wenn Du nicht aus und ein weisst? Sie verstehen ja nicht unsre Sprache! Wenn sie
zittern wie Espenlaub und keiner ihrer Zaubersprüche mehr hilft, wen wirst Du
anrufen?«
    »Einen!«
    »Der gibt uns Augen zum Sehen und Ohren zum Hören. Durch Wunder redet er
nicht mehr zu den Brandenburgern. Du wolltest nicht hören, nicht sehen, wo's an
der Zeit war, nun wirst Du horchen und lauschen müssen auf den Schatten an der
Wand, auf den Wind, der um die Ecke kommt. Die zu rechter Zeit den Mund
auftaten, denen schlossest Du ihn; dafür wird das Gesindel Dich umsurren! Denn
irgendwoher muss doch auch den Fürsten Kunde zukommen. Die Angeber, die
Heimlichen, denen ist ein Regent verfallen, der sich so gut und klug dünkt, dass
er nur auf sich hört. Deren Beute wirst Du, die wie der Mehltau auf ein
frisches Saatfeld fallen, es ist zerfressen, und wer fasst ihn, wer bezahlt den
Schaden! Dann, Joachim, wenn Alle schweigen, die hätten reden sollen, denke an
Einen, den Du im Zorn von Dir stiessest, er sprach, was Dir nicht gefiel, er
sprach nicht im Groll, er sprach, weil es wahr ist, weil Du ihm weh tust.«
    »Lindenberg!« rief der Kurfürst ihm nach. »Wem der Herr das Köstlichste
nahm, den will er prüfen, ob er ihn zu seinen Erwählten reihe. Du hast mir das
Köstlichste gestohlen, was ein Fürst besitzen kann, das Vertrauen; aber ich
zürne Dir nicht, Du warst sein Werkzeug. Ja, ich könnte den Geist Gottes auch in
Dir ehren, der so spricht, wär ich nicht Fürst und Richter. - Ich scheide nicht
im Groll. Nimm diesen Wunsch als letzte Mitgift auf Deinen schweren Weg - stirb,
wie Du gelebt, als Mann!«
    Der Kurfürst wandte ihm den Rücken; er hat ihn nicht wiedergesehen.
 
                             Siebenzehntes Kapitel.
                                  Hans Jochem.
Ein grauer Himmel lag ausgespannt über dem Lande, und das schien Vielen gut. Es
war so Vieles, das besser bedeckt blieb mit einem Schleier. Die Trauerglocken
läuteten von Früh bis Abends auf den Schlössern derer, die mit den Lindenbergern
verwandt waren, und über dem Wedding kreisten Schwärme von Raben. Wer da nichts
zu schaffen hatte, blieb hinweg. Beim Einbruch der Nacht sah man aber verhüllte
Reiter über die Haide sprengen, dass die Raubvögel aufflatterten vom Hochgericht.
Was ihre Lippen murmelten, was ihre Zähne knirschten, was ihre Arme, zu den
Wolken gestreckt, schworen, die Wolken hörten es nicht, noch der Schatten
zwischen den drei Pfeilern, vom Winde geschaukelt, und der Kurfürst in seinem
Schloss zu Kölln hörte es nicht; und das war gut.
    In Berlin war es still, und still in Kölln. Wie tief in die Nacht brannte
das Licht an den Fenstern, wo der Kurfürst wohnte. »Er kann nicht schlafen,«
flüsterten sie sich zu. - »Wo soll's hinaus!« sprach der Bürgermeister zum
Syndicus. »Er ist Einer und sie sind Viele. Er setzt's nicht durch.« - »Und man
spricht von seltsamen Zeichen am Himmel, die Schlimmes bedeuten,« sagte der
Syndicus. - Im Rate zu Berlin war der Schluss nicht durchgegangen, dass man eine
Sendung an den Markgrafen verordne, ihm zu danken, dass er Gerechtigkeit geübt
sonder Ansehen von Stand und Person. »Das ist ein weit schlimmeres Zeichen als
die grossen Vögel am Himmel,« sagte der Bürgermeister, »so die Bürger nicht den
Mut haben, das auszusprechen, was sie denken, und es ist doch gut.« - Der
Ratsschreiber, ein hitziger, junger Mann, zog Einige in den Winkel, da setzte
er ihnen auseinander, dass es nun an der Zeit sei, wenn je, ihre alten
Gerechtsame wieder zu fordern, die verbrieften Privilegien und Freiheiten der
Städte Berlin und Kölln, die Markgraf Friedrich der Zweite, der mit eisernen
Zähnen, zerrissen, als er die Öffnung der Stadt erzwang. »Nun ist er mit dem
Adel zerfallen, nun braucht er Hülfe, jetzt angeklopft, erst leise, dann lauter,
und unsere Stunde schlägt.« Da er ausgesprochen, war Einer um den Andern
fortgeschlichen, und sie schüttelten die Köpfe: »Man weiss, was man hat, man weiss
nicht was man kriegt!« - »Ja, Gevatter,« sagte ein Anderer auf der Treppe, »ein
Sperling in der Hand ist besser, als eine Taube auf dem Dache.« - »Wenn man in
dem alten Gleise bleibt, fährt man nicht so bald irre.« - »Was Dich nicht
brennt, sollst Du nicht löschen.« - »Wenn Du überherret bist, ist Liegen keine
Schand'.« - »Der oft allen Menschen raten kann, weiss sich selbst nicht zu
raten, noch zu helfen.« - »Wer die Wahrheit geiget, dem schlägt man die Geige
an den Kopf.« - »Die viel erfahren, reden wenig.« - »Und wer ist er denn! Vögel,
die früh anfangen zu singen, haben bald ausgesungen.« - Es hat kein Volk so viel
Weisheit als das deutsche, wo es gilt, dass es beim Alten bleiben soll, und käme
es auf die Sprichwörter an, so sässen wir noch in den Wäldern und ässen Eicheln.
    Auch auf dem Lande war es still. Die Bauern schüttelten auch den Kopf. Es
hatte blutige Kreuze geregnet, die waren auf Nacken und Arme gefallen, und auf
den Wegen sah man sie noch liegen. Aber eines Morgens stürzten die Weiber und
Kinder, so Buchnisse und Eicheln im Forst gesammelt, mit Geschrei und Weinen
in's Dorf zurück. Sie hätten auf den Bäumen Tiere gesehen, mit feurigen Augen
und grossen krummen Schnäbeln, wie sie zu Land Keiner kennt; die hatten mit den
Flügeln geweht, dass die Luft gezittert. »Das sind die Sturmvögel von über der
See, aus dem Lande Norwegen,« sagten die alten Leute, »die kommen nur, wenn
Krieg wird.« Hörte man heimlich doch hämmern und rüsten in den Edelhöfen, und
Nachts kamen schwerbepackte Wagen, die klirrten von Eisen. Da sahen die Alten
sich noch bedenklicher an: »Den Herren bringt's Freud', uns Leid. Die
Schlossgesessenen ziehen ihre Zugbrücken auf, und wenn der Sturm nicht zu arg
wird, halten sie's aus. Wer schützt unsere Schilfdächer und Lehmhäuser? Die
brennen und fallen, wenn es nur losbläst.« - Da sah man sie um Mitternacht bei
verhangenen Fenstern in ihren Läden kramen und Schaumünzen und Ketten und Ringe
und Spangen, wer es hatte, in einen Topf tun. Wenn dann die Wolken über den
Mond zogen und der Wind in den Bäumen pfiff, gruben sie still ein Loch zwischen
den Wurzeln des alten Birnbaums im Garten, stellten den Topf hinein, sprachen
mit gefalteten Händen einen Spruch und schaufelten Erde drüber, und deckten Laub
und Moos drauf. Das war des Bauern Sicherheit im Mittelalter.
    In Burg Hohen-Ziatz sah es auch traurig aus, aber nicht mehr still. Die gute
Frau von Bredow, der ihr Herr fortgeführt ward, hatte drei Stunden lang geweint,
und ihre Töchter und Mägde und die Knechte auch, was sie nur konnten, dass die
Katzen auf den Dächern verwundert herabgeschaut, und die Hunde heulten dazu.
»Ach, er kehrt niemals wieder,« hatte sie gesagt zu denen, die sie trösten
wollten, und dann die Schüsseln mit dem, was er über gelassen, unter'm Arm
genommen und in die Speisekammer getragen. »Das war sein letztes Essen hier.«
Aber kaum hatte sie die Kammer abgeschlossen, da musste sie wieder aufschliessen,
denn die Einlagerung war gekommen, die Landreiter aus Potsdam. »Das fehlte auch
noch zu der Bescheerung!« hatte sie gesagt, und wieder decken und anrichten
lassen für die Gäste, die in keinem Haus willkommen sind. Die sangen und tranken
in der Halle, spielten und fluchten und zerbrachen Gläser und Teller. Die Mägde
wollten gar nicht mehr zu ihnen hinein, wenn nicht die Hausfrau mitging.
    Und was war das für eine Nacht gewesen! In den Wäldern hatte es gerauscht
und geschrien und unten in der Halle getobt, und wenn es einmal stille ward,
hatten die Schmerzenstöne aus der Torstube ihr in's Ohr geklungen. Sie sagten
Wunderliches von Hans Jochem. Es kenne ihn keiner wieder, so sei es in ihm
gefahren; ob der böse Geist oder der gute, das wisse Keiner. Und der Dechant,
der's ihnen sagen konnte, war nicht da: »Wenn man sie braucht, sind die Pfaffen
nimmer da,« sagte Frau von Bredow. Einige meinten, es klinge ihnen so, wenn er
an die Wände schreie, als da der wandernde Dominicaner gepredigt in den Fasten.
Das sei gewesen, dass Einem das Herze brach und die Knie zusammensanken.
    Der kluge Knecht Ruprecht hatte die ganze Nacht auf der Mauer gelegen und
hinausgeschaut, als wolle er das Gras wachsen sehen, meinten die Leute. Er hatte
den dummen Leuten nicht geantwortet, die nicht verstanden, dass er auf mehr sah;
aber als die Burgfrau in der Frühe zu ihm trat, schüttelte er den Kopf:
    »'S ist was im Anzuge, Gestrenge! So was ist mein Leblang mir nicht
vorgekommen. Als die Fehde in Stendal war, rauschte es auch wohl über den
Kiefern, aber das waren nur Einige. Die Nacht war's doch, als rauschte die ganze
Luft und die Wälder zitterten. Und das schrie, dass Einem die Ohren weh taten.«
    »Wer schrie denn, Ruprecht?«
    »Die Seeraben aus dem Nordland, die Cormorans, gross wie ein Storch und
stärker als der Adler, und wehren sich gegen den Förster noch, wenn er sie
angeschossen hat. Wo sie hausen, gehn die Bäume aus von ihrem Unrat, und sie
fischen die Seen aus. Auch der Has' ist vor ihnen nicht sicher, noch das junge
Reh.«
    »Wer ist itzund sicher! - Sie meinen, 's gibt's Krieg.«
    Der Knecht schüttelte wieder, aber langsamer den Kopf: »Da schlügen sie
anders mit dem Schweif; was eigentlicher Krieg ist, das gibt's nicht. Unruh und
Aufstand.«
    »Ach Gott! Sie schleppen noch alle nach Berlin, wie meinen Herrn.«
    »Werden sich auch schleppen lassen! Dass ich's sage, Gestrenge, 's ist
vielleicht schlimmer als Krieg. Wie alte Leute sich entsinnen, kamen die wilden
Raubvögel vor alten Zeiten auch einmal, ich glaube, 's sind hundert Jahr, als
der erste Nürnberger Markgraf in's Land zog, und die Havelländischen aufstanden.
Da war die Luft schwarz von ihren Flügeln. Und ich sagt' es gleich bei der
Wäsche, als der Sturm kam. Uns gemeine Leute geht's nicht an, aber die
Schlossgesessenen, die Ritter werden aufstehen.«
    »Aber Ruprecht, wie kannst Du so abergläubisch sein! Der liebe Gott hat doch
die Vögel nicht für die Edelleute allein gemacht.«
    »Warum hat er sie denn aber so unterschiedlich gemacht, die Stösser, die
Reiher, die Adler, die Finken, die Tauben, die Zeisige! Die Raben da auf der
Kiefer, die haben mehr Verstand, als mancher Mensch. Wie der vornehme Ritter
letzte Nacht ausritt und unser Junker mit, da flog die Alte mit den beiden
Jungen ihnen nach, und kreisten um ihre Köpfe. Ich sah scharf zu. Als sie schon
im Walde verschwunden waren, die Raben waren immer oben in der Luft. Na, nu
haben wir's, den Junker Peter Melchior schüttelt das Fieber, unser Hans Jochem
brach's Bein, der Herr von Lindenberg, dass weiss ich nun nicht -«
    »Schäm' Dich was, Ruprecht! - Sag' mal, als mein Herr rausgeführt ward -«
    »Da sassen sie wieder auf ihrem Nest und guckten raus. Hat sich auch keiner
gerührt.«
    »Gottes Güte ist doch gross!« sagte Frau von Bredow, Atem schöpfend, und
fuhr mit dem Finger etwas über's Auge. »Mein armer Götze, wo mag der sein! Der
ist verloren, wenn nicht der Herr von Lindenberg sich seiner annimmt. - Gott,
ach Gott, wer gibt ihm da zu essen, und wer wärmt ihn, wenn er friert! Du
sollst nach Berlin fahren, Ruprecht. Will zwei Kober mit Würsten packen; auch
'ne gesülzte Gans sollst Du mitnehmen. Und dann fährst Du beim Herrn von
Lindenberg vor - so schlecht wird er doch nicht sein! Ich trau' ihm eigentlich
nicht viel. Aber das tut er schon. Auch seine Friesjacke und die wollenen
Strümpfe, und wenn Du ihn siehst, dann sage ihm -«
    Ach es gab so viel zu sagen und zu sorgen für die arme Frau. Der Meister
Hildebrand wollte auf seinen Klepper steigen und fortreiten: »Sterben, ja das
wird er schon,« sagte der Meister, »wir müssen Alle sterben, je wie's kommt;
Einer früher, der Andere später; aber zum Trauertuch kaufen ist noch nicht Zeit,
gnädige Frau. Lieber graues, auch weisses oder braunes, je wie's kommt. - Wird er
ein grauer Bruder, graues, wird er ein Cistercienser, weisses. Rekommandire
meinen Schwager in Brandenburg, dem Roland gegenüber, hat ausgesuchtes Zeug, für
weltlich und geistlich, je wie's kommt.«
    »Meister, der Hans Jochem geistlich! Ach du meine Güte!«
    »Ist gut für's Haus, Gnädige, wenn man sich Einen zuzieht aus eigener
Sippschaft. Für allerhand Fälle, zum Trauen, zum Taufen, zum Sterben auch, je
wie's kommt. Auch zum Beichten! Wer vertraut's denn jeder Kapuze gern in's Ohr,
was man im Herzen hat!«
    »Der Hans Jochem im Beichtstuhl!«
    »Kann auch auf den Bischofsstuhl mal kommen, wer weiss das Alles! Hinken wird
er sein Lebtag. 's hat mancher Bischof gehinkt, mancher Kurfürst und mancher
König, je wie's kommt. Wir gehen Alle der Grube zu. Wer läuft, kommt schneller,
wer hinkt, kommt langsamer an.«
    Da war wiederum Lärm in der Halle, als der Meister kaum aus dem Tore war.
Hans Jürgen stürzte heraus, blutig. Er schrie nach Waffen und Rache. Es wär' zum
Schlimmen gekommen; und der kluge Knecht Ruprecht, ja selbst die Frau von Bredow
hätte den tollen Jungen nicht zur Ruhe gebracht, und da fehlte nur ein Funke,
dass es überall aufflackerte. Hatte sich Einer unterstanden, Eva Bredow »ein
schmuck Blitzmädel« zu nennen oder gar Aergeres, ich weiss es nicht. Hans Jürgen
musste es doch gehört haben; konnte er's ertragen! Und als er mit der Faust auf
den Tisch geschlagen, flog's ihn an, und ihm floss Blut.
    »Die Schandmäuler!« riefen die Diener. »Wär's noch Ensereins, aber unser
Frölen!« »Und unser Junker blutet«, schrieen Andere. - »Er ist verwundet.«
    »Selbst verwundet,« beschwichtigte der kluge Knecht Ruprecht, der Hans
Jürgen unterfassen wollte, »schlug mit der Hand in die Scheiben.«
    »In ihre Hirnschädel will ich schlagen,« und er hatte nach einer Stange
gegriffen.
    »Hans Jürgen, Wetterjunge!« rief die Burgfrau und fasste nach der Stange, die
er wie eine Lanze in der Luft schwang. »Das sind des Kurfürsten Leute.«
    »Schlimmers!« flüsterte Kasper ihm in's Ohr. »Sind unadlich und unehrlich.
Büttelsknechte, nicht viel besser.«
    Hans Jürgen gingen die Worte doch immer sehr verdrossen ab, wie einem
Brunnen, wo man lange pumpen muss, dann erst kommt etwas Wasser. Die Landreiter
mussten gut gepumpt haben, denn als er die Stange über sich mit beiden Händen
wirbelte, fuhr es, wie ein Fluss aus den Bergen heraus: »Kurfürst hin, Kurfürst
her! So soll doch das Kreuz-Himmel-Donnerwetter drein schlagen.« Aber da er der
Base den Rücken wandte, schlug er nicht los, weil Eva vor ihm stand, die beiden
kleinen Arme in ihren Hüften: »Hans Jürgen, willst Du mich schlagen?« schien ihr
schelmischer Blick zu sprechen, und was sonst wohl ihre Augen sprachen. Die
Stange blieb zuerst ein Weniges in der Luft schweben, dann senkte sie sich
langsam, bis Eva mit einem leichten Sprung die Spitze ergriff, und mit einem
Male lag sie auf der Erde. »Hans Jürgen, sie spassten ja; das Ding aber ist zu
schwer zum Spass.« Hans Jürgen stand wie Einer, der mit Wasser begossen ist, es
muss aber nicht sehr kalt gewesen sein. Er fror nicht, da ihn Eva bei beiden
Ohrläppchen fasste und etwas links und etwas rechts zauste. Was sie dabei sprach,
hörte Keiner; muss aber auch nichts Böses gewesen sein, denn sein Gesicht ward
immer freundlicher.
    Der Hausherr fortgeschleppt, Gott weiss wohin, Gott weiss wozu; das Haus voll
Landreiter, die das Unterst zu Oberst kehrten; Streit, Zank, Blut sogar; die
Seeraben; der Meister Wundarzt, ein Neffe und künftiger Schwiegersohn halb todt
oder geistlich; ach, und noch mancherlei Gedanken, die auch die frommste Frau um
ihre Ruhe bringen. Was konnte da noch Leides hinzukommen! Und doch kam es. Ein
Schrei aus der Torstube. Hans Jochem war der Verband aufgegangen, und das war
auch noch nicht das Schlimmste; der Wachtmeister, der so was zu flicken
verstand, wie er sagte, verband ihn wieder. Aber Ihre Tochter Agnes, die stand
da wie ein Bild aus Stein, das sie an die Wand gelehnt. Sie hatte es gesehn, wie
das Blut spritzte, und sah noch drauf, wie mit gläsernen Augen, und konnte nicht
den Arm rühren, noch den Kopf bewegen. »Das ist am End noch schlimmer,« dachte
Frau von Bredow.
    Ein Starrkrampf geht schon vorüber, aber das kleine Herz schlug so stark
nachher; dafür, dachte Frau von Bredow, muss ein Mittel sein, und schnell. Sie
hatte sich den ganzen Abend mit der Tochter eingeschlossen, und Agnes lag auf
ihren Knien wie ein Beichtkind vor der Mutter Schoss, und nun ihre Hand küssend,
sagte Agnes: »Ja, so wird's am besten sein, Mutter.« - »Und morgen in der Frühe,
dass Du ihn nicht wieder siehst.« - »Nein, Mutter,« sagte Agnes, »ein Mal noch,
ein mal noch, das hab' ich ihm versprochen, das muss ich. Wir sehn uns ja dann
nimmer wieder.«
    Die Mutter hatte den Kopf geschüttelt, aber doch nicht Nein gesagt. Wie
hätte sie's auch mögen! Mit dem Knecht Ruprecht sprach sie am Abend noch
vielerlei:
    »'S ist besser so, Ruprecht, Du bleibst hier. Das versteht der Kasper
besser. Erst bringt er, verstehst Du, mein Kind nach Spandow und dann die Würste
nach Berlin.«
    »Und der Junker?«
    »Reitet mit nach Spandow. Dann sind wir den auch los, hier finge der
Ungeschick doch wieder neue Stänkerei an,« wobei Frau von Bredow tiefer als
sonst aufseufzte.
    Der kluge Knecht Ruprecht sagte im Hinausgehn: »Wie Gott es fügt. Der Mensch
will Manches zusammentun, und dann geht's doch auseinander, und was er
zerschneiden will, das tut sich von selbst zusammen.«
    »Das wäre ja schreck-«, fing Frau von Bredow an, aber sie verschluckte das
Wort wieder und faltete ihre Hände zu einem stillen Gebet.
    Auch Agnes schien ein langes Gebet geendet zu haben und fühlte dann mit der
einen kleinen Hand auf die Stirn des Kranken, der jetzt wieder sein Auge
aufschlug. Er hatte zu viel vorhin gesprochen, dass er wieder unmächtig auf's
Kissen zurückgesunken war.
    Der Morgen graute unheimlich durch das verhangene Fenster in das
Krankenstüblein; ein Hahn fing schon an zu krähen und die Rosse stampften vor
dem Wagen, den der Knecht Kasper anschirrte. Agnes sass im grauen Reisehabit, den
Schleier um die Kappe; sah sie doch schon fast aus wie eine fromme Schwester,
die der Welt ihr Valet gesagt, und das blasse Gesicht war doch nur das eines
freundlichen Kindes.
    Nun sahen sie sich an wie zwei liebe, gute Freunde, die sich trennen müssen;
er reichte ihr die Hand.
    »Das ist lieb von Dir, dass Du noch da bist.«
    »Du wolltest mir ja noch sagen, wie Alles so gekommen ist.«
    »Ach Agnes, noch flimmert mir's vor den Augen wie Einem, denk' ich mir, sein
muss, der lange, lange blind war, und plötzlich gehn ihm die Augen auf, und grade
geht auch die Sonne auf; das sticht, glänzt, tanzt um ihn. Es ist Einem so wohl
und auch so weh.«
    »Dass die Wölfe nur nicht ran kamen, wie Du da lagst, das freut mich.«
    Er atmete tief auf, dann hub er an: »Der Schmerz war wohl schrecklich, aber
es ward gleich Nacht um mich. Das Blut, das aus der Wunde floss, kam mir wie ein
Balsam vor, der sanft um die Glieder leckte. Da hörte ich auch nicht mehr die
Wölfe heulen, auch die Raubvögel in den Aesten, die ihre Flügel schlugen und mit
den feurigen Augen und den grimmigen Schnäbeln gierig auf mich schauten, liessen
die Flügel sinken und zogen die Köpfe in's Gefieder und nickten auf den Zweigen,
bis Alles nickte, alles zu schlafen schien, die Blätter, die Sträucher. Die
Würmer nagten nicht im Holz, die Frösche schrieen nicht mehr. O da wär's mir
auch lieb gewesen, so einzuschlafen, und da kam es -«
    »Du wachtest auf.«
    »So denk ich, muss Einem sein, der vom Blitz getroffen ward. Ich wachte
nicht, ich schlief nicht; ich konnte mich nicht regen, ich war aber auch nicht
gebunden. Als wie ein Quell, der durchbricht, war es; so sickerte, pulste und
strömte es durch die Adern mir; o nun fühlte ich, nun sah ich, was ich nicht
aussprechen kann.«
    Agnes senkte errötend die Augen.
    »Es war etwas gesprengt wie ein Eisenband, das um die Brust mir gelegen; wie
auf einen hohen Turm war ich gehoben und sah weit umher die Wege, Felder,
Städte, die Pfade, wo ich gegangen, die Mauern fielen, die Berge sanken vor
meinem Blicke.« Da war mir unaussprechlich wohl und weh. Es war eine andere
Luft, ein anderes Wehen, so rein durchströmte es mich. Wie gern hätte ich mich
da oben gehalten in der Herrlichkeit; selbst die Torheit, die ich hinter mir
sah, war nur wie ein leiser Schattenstreif, der in Nichts verschwindet, wenn die
Sonne zur Mittagshöhe steigt. Ich hätte fliegen mögen; aber dann war ich
plötzlich von der schönen luftigen Höhe versunken, tief, tief unten. Lag wieder
angeschmiedet, angelötet an den Felsblock; wie schwer waren die Glieder,
ringsum Nacht, Wüste, Grauen. Die Raubvögel reckten wieder ihre Hälse. Was
jagte, was tobte, was tanzte um mich! Ein Zug, der kein Ende nehmen wollte. Alle
meine Torheiten, aller Schabernack, den ich im Mutwillen verübt, ach den ich
längst vergessen hatte, jeder eitle Wunsch, jeder dumme Spass schoss vor mir auf,
ein seelenloser Kobold, der seine Künste zeigen wollte. Da gingen ein Paar
Stelzen mit weissen Betttüchern und verfolgten ein armes Weib, das vor ihnen
floh. Sie stürzte auf mich zu, sie rief um Hülfe. Ach ich war es ja selbst, der
sie jagte. Da summte eine Bremse um mich, immer weiter und immer grösser, jetzt
ward's ein Kalb, das ich geneckt und gequält, jetzt ein Pferd, das atemlos um
mich galoppirte. Das arme Tier, es keuchte, gern hätte ich's gehalten; aber ein
Paar Sporen schlugen blutig tief in seine Weichen. Es waren meine Sporen; ich
hatte es zu Tode geritten aus Übermut. Da flogen bunte Mützen durch die Luft,
Faugebälle der Kobolde; ich konnte sie nicht bunt genug haben, nicht oft genug
wechseln. Hupp, hupp, da tanzten ein Paar Locken! Der Adelheid Marwitz ihre, die
konnt ich nun gar erst nicht aus den Augen kriegen. Und dann Wirbel und Wirbel.
Ach die Weisen, an denen ich mich sonst nicht satt hören konnte, summten und
summten ohne Aufhören, dass ich wünschte, die Wölfe möchten nur wieder heulen,
damit das wüste, dumpfe Einerlei fort wäre. Da galoppirte ich hinter dem Ritter
Lindenberg, und der helle Angstschweiss stand mir auf der Stirn; nun sah, nun
wusste ich ja, wie schlecht das war, und doch musste ich ihnen nach und immer
nach, und sie lachten mich aus, und nun konnte ich mich wieder nicht rühren, und
oben glänzte die Morgensonne auf die lichte Turmhöhe, wo ich gewesen, und ich
reckte meine Arme verlangend hin; aber eine Stimme rief: »Was willst Du hier?
Dein höchster Wunsch ist da!« Und vor mir faltete sich's aus, was erst aussah,
wie eine Binsenmatte, dann ward es bunt, weit, Bänder und Puffen, die
Pluderhosen des Krämers. Als führe ein Wind hinein, blähten sie sich, sie wurden
wie ein Baum, wie ein Turm bis zu den Wolken, ein scheussliches Gespenst, und
heraus rutschte es, eins, zwei, drei, wieder and're Hosen, kleine, grosse, o
zehn, hundert, tausend und sie fassten sich an und tanzten um mich im Reigen.
Immer enger, immer enger. Ich meinte, vor'm Staube zu ersticken, bis ich aus der
gepressten Kehle um Hülfe schrie. Da rief die Stimme: »Was willst Du Hülfe vor
dem, was Deine Wonne ist! Ging doch Dein Sinnen und Trachten nur nach dem
Eitlen. Wer schaalem Witz und hohlem Spass sein Lebelang nachläuft, der kann in
unsrer Luft nicht atmen. Der Staub, den die Sohlen der Tänzer aufwirbeln, ist
Dein Aeter. Zum Ländler wurde ja Deinem Ohre der Chorgesang der Engel!«
    Der Kranke atmete schwer auf, und die Lippen bewegten sich, ohne Töne
vorzubringen. Agnes faltete die Hände über ihm zu einem stummen Gebet. Als
lauschte er mit Wohlgefallen den Tönen, die noch über ihre Lippen kamen, winkte
er ihr zu. Er hatte die Sprache wieder gewonnen:
    »So sah ich Dich da in Deinem Kämmerlein, so hast Du für mich gebetet. Du
warst aus Deinem Bett gehuscht, über der Schwester Bett beugtest Du Dich, ob sie
schliefe, dann warfst Du Dich vor das Betpult; durch die zerbrochene
Fensterscheibe wehte der Wind und lüftete das Tüchlein an Deiner Schulter -«
    Sie wollte ihm die Hand vor den Mund halten: »Heilige Mutter Gottes -«
    »Die sah es auch und lächelte. Sie war es, die Dich geweckt. Ich allein,
Agnes, o wer hätte mein Gebet gehört! Die heiligen Schutzpatrone, die den andern
sündigen Menschen helfen, wandten mir den Rücken. Da hätte ich gelegen, bis mein
Blut erstarrt war, bis die Wölfe - ich wäre ja ohne Heiligung, ohne Erkenntnis
aus der Nacht hinübergegangen in die Ewigkeit. Die Liebe nur tat es, die nicht
gerechnet und nicht gefragt. Du schwebtest, ein Engel mit dem Palmenzweig, durch
den Spuk. Du winktest, da betete ich zuerst, da wichen die hässlichen Bilder, Du
reichtest mir die Hand, da löste es sich, atmete ich wieder, da hob ich mich
auf, da -«
    Er hörte wieder nicht, was sie in ihrer Herzensangst sprach, dass er nicht
lästern solle, dass die Heiligen allein den Hans Jürgen und den Ruprecht durch
die Wildnis zu ihm geleitet, dass er gesund werden würde, wenn -. Seine Pulse
schlugen so laut, seine Stirn brannte.
    »Der Wagen steht angespannt. Ich hör die Rosse stampfen,« flüsterte sie,
»Hans Jürgen wartet auch.«
    »Worauf?« fuhr der Fieberkranke auf. »Dass der Blitz Niederschlag in die
trockene Wüste? O Agnes, ich allein kann's nicht, Du musst mir helfen.«
    »Ich nicht, lieber Hans Jochem, bete zur Jungfrau Maria. Die wird Dir
helfen.«
    »Mir! Mir ist geholfen. Ich trank aus dem vollen Becher der Gnade. Aber die
Andern, die noch dürsten, für die lass' uns beten, für die Armen im Sande, und
sie wissen nicht, was ihnen fehlt; denke doch, sie Alle denken nichts! Hans
Jürgen nicht der Vater nicht - die Mutter nicht! In das Leben hinein, wie der
Maulwurf - Und sie fühlen nicht den Durst, das ist das Entsetzlichste!«
    »Der Herr wird ihnen schon zu trinken geben.«
    »Wo ist der, der an den Fels schlägt! - Ich stand auf dem Felsen, Agnes,«
sprach er leise, sie mit krampfhaftem Druck an sich ziehend. »Du musst mich nicht
verraten. Ich sah hinter mich in die Wüstenei. Ach, das sah grässlich aus. Die
schaukelten sich wie die Halme im Winde; die krochen hin und her, wie die
Ameisen; die wirbelten und tanzten wie die Wassermücken im Sonnenstrahl. Alle
wie die Tiere, die nach der Atzung wittern, den Kopf zur Erde und Keiner,
Keiner die Augen nach der Sonne.«
    Das arme Mädchen und der Fieberkranke allein! Sie drückte ihm sanft seinen
aufgerichteten Leib an die Kissen. Seine Hände glühten nicht so als sein Auge.
    »Wir wollen für sie beten, Hans Jochem, gleich zum lieben Gott. Die Heiligen
werden es uns wohl verzeihen -«
    »Wir sind die Erwählten! - Wenn wir mit einander beten, öffnet sich das
Himmelstor.«
    »Mutter Gottes, verzeih ihm die Sünde!«
    »Die lächelt herab auf uns, dass wir -« Die Ruhe schien einen Augenblick auf
sein Gesicht zurückzukehren. - »Du und ich, wir gehören zu einander und haben
uns nicht gefunden. Das geht wohl so in der Wüste. Der Staub verwirrt auch die
Erwählten. Nun erst, da wir hinaus sind, da ist's zu spät, meinst Du. Nein,
Agnes! Wenn Du im Chor zu Spandow auf den Knieen liegst, lieg' ich auch auf den
Knieen - wo - wo doch? - O Du wirst von mir hören! - Was von mir hören! Du wirst
deutlich hören mich beten, siehst mich knieen, die Mauern zwischen uns sinken.
Wir sehen uns Beide an, wie die seligen Märtyrer auf den Bildern mit süssen
Liebesblicken -«
    »Ach Himmels-Königin! Hans Jochem, das ist arge Sünde -«
    »Sünde!« rief er mit dem zufriedenen Lächeln eines Irren. »Uns kann sie
nicht mehr berühren. Wir sind Erwählte, berufen, die Andern zu retten. - Sie
schwimmen im Meer, das ist das Leere - sieh, sieh die wenigen Wasserbläschen,
die sich herausringen, o Gott, das sind die Gedanken; fischen wir - Netze hinein
- eine Angel mit süssem Köder - Agnes, sieh, wie schwer ich ziehe - hilf mir -
nun - nun -«
    Was ihr nicht gelungen, wirkte die Erschöpfung. Er sank ohnmächtig zurück.
    »Agnes!« rief der Mutter Stimme. »Agnes!« wiederholte Hans Jürgen.
    Sie riss sich los; aber wandte sich wieder um, und zitternd hauchte sie einen
Kuss auf die Stirn des Ohnmächtigen. »Mutter Gottes sieh es nicht! - Mutter
Gottes, verzeihe ihm und mir die Sünde!«
 
                              Achtzehntes Kapitel.
                             Unterricht im Denken.
Wenn die grossen Wagenräder sich durch den tiefen Sand mühsam Bahn brachen, und
Kaspar abgesprungen, und bald den Falben, bald den Schecken klopfte und
Scherznamen ihnen in's Ohr rief, ritt Hans Jürgen neben dem Wagen, und neigte
seinen Kopf zur Muhme.
    Schien's ihm doch bisweilen, wenn sie sprach, Agnes wäre um zehn Jahre
gewachsen, und war doch kaum fünfzehn Jahre alt. Sie hatte anfangs viel geweint,
und das war Hans Jürgen ganz recht, denn ihm war gar nicht zu Mut, dass er mit
einem hätte freundlich sprechen sollen. Nachdem sie aber die Tränen getrocknet,
sprach sie so vernünftig, das macht wohl die Weihe, dachte er, die wirkt schon
zum voraus. Da hatte sie ihm gesagt, dass ihr der Abschied wohl schwer geworden,
von ihrer lieben Mutter und lieben Schwester und allen ihren lieben
Blutsfreunden, nun aber sei es überwunden, und da sei sie recht herzlich froh,
denn nun könne sie erst recht für sie Alle leben.
    Das verstand Hans Jürgen Anfangs nicht, denn was konnte sie denn, im Kloster
eingesperrt, für die in Hohen-Ziatz tun, bis sie's ihm erklärte, dass sie für
ihr Seelenheil beten werde, Tag für Tag.
    »Ja, es mag schon gut sein,« sagte er, »so einer aus der Sippschaft
geistlich wird, und für uns betet, denn wir draussen auf dem Lande haben doch
nicht Zeit.«
    Agnes meinte, dazu müsse jeder die Zeit finden. Hans Jürgen aber zählte ihr
auf, was Einer wie er, zu tun habe, von wenn die Sonne aufgeht, bis sie
untergeht, und wenn er's verrichten täte, wie die Edelfrau es wolle, dann könne
er bei Tage gar nicht dazu kommen, an den lieben Gott zu denken, und des Nachts
sei er zu müde. Das sei auch des Dechanten Meinung, dass man den Geistlichen das
überlassen müsse; wozu wären sie auch sonst da? Und von dem Überschuss der guten
Taten der Heiligen könne mancher ehrliche Mann selig werden.
    Dazu musste nun Agnes wohl schweigen, wenn sie keine Ketzerin sein wollte,
und die Vorstellung, dass sie selbst eine Heilige werden, durch ihre guten Taten
ihre Verwandten dereinst selig machen könne, mochte sogar für ihre
Einbildungskraft etwas Lockendes haben. Aber ganz wollte es ihr doch nicht zu
Sinn, und ihre künftige Würde erlaubte ihr schon ein wenig zu predigen. Wozu
wären denn die Kanzeln und die Predigermönche und Pfarrer, wenn die Heiligen mit
ihren Werken allein es täten? Und da kam ihr zu Sinn, was der Verwundete
zuletzt gesprochen von dem wüsten Leben und der Gedankenlosigkeit.
    Nun gab sich das gute Kind rechte Mühe, ihren Vetter auf Gedanken zu
bringen, und zwar auf gute; aber aus seinen Antworten sah man, dass er wenigstens
zu einem Heiligen nicht viel Anlage hatte.
    »Das ist schon ganz recht, Agnes, was Du sagst von der Geschichte neulich,
und ich hab's mir schon selbst gesagt, dass es unrecht war. Nun aber hat's der
liebe Gott so gefügt, wie's sein musste. Hans Jochem brach ein Bein, und ich
musste nach den Hosen. Also hat's der liebe Gott allein und für sich gemacht, dass
wir keine Sünde begangen haben, siehst Du, der macht es doch gewiss zum besten,
und besser als ich und Hans Jochem es vorher bedacht hätten. Freilich der Hans
Jochem hätte nicht das Bein gebrochen, aber Du sagst ja selbst, das wär' zu
seinem Heil, und darum soll er Gott preisen. Warum soll ich Gott denn nicht auch
preisen, und das könnte ich doch nicht, wenn ich's vorher bedacht, da müsst ich
mich ja selbst preisen. Denk drum, 's ist am besten, man lässt's gehen, wie es
geht.«
    Es ward Agnes Bredow recht schwer, ihren Vetter eines Bessern zu belehren,
weil es überall schwer ist, zu lehren wo man selbst nicht recht Bescheid weiss.
Während sie lange hin und her stritten, ob jeder Mensch selbst denken müsse, und
was und wann und wie weit? schienen sie sich darin zu nähern, dass man's in
jungen Jahren noch nicht nötig hätte, wer nicht geistlich werden wollte; aber
dass es gut sei, wenn man älter würde, das musste auch Hans Jürgen zugeben.
    Da schlug er sich plötzlich auf die Lende: »Aber Blitz noch mal Agnes, Dein
Vater denkt ja auch nicht. Meinst Du, dass er nicht in den Himmel kommt? Er ist
doch ein so guter Christ wie einer.«
    Agnes besann sich: »Weisst Du was? Für den denkt die Mutter. Das mag wohl so
eingerichtet sein vom lieben Gott, wenn zwei verheiratet sind, so hilft Einer
dem Andern aus, und dem Einen wird angerechnet, was der Andre Gutes tut.«
    »Aber was er Böses tut, muss der Andere auch mittragen?«
    Agnes nahm sich vor, ihren Beichtvater darüber zu fragen.
    »Wenn Einer nun aber allein stehen bleibt, und wird nicht geistlich, der hat
es recht schwer,« sagte Hans Jürgen.
    »Freilich,« und dem armen Mädchen kam ihr Ohm Peter Melchior in den Sinn.
»Ach Gott, Hans Jürgen, nimm Dich in Acht, dass Du so einer nicht wirst. Was muss
da von den Werken der Heiligen drauf gehen, um den selig zu machen!«
    Sie faltete unter'm Mantel ihre kleinen Hände, und nahm sich vor, wo sie
eine Stunde sich absparen könne, für Peter Melchior zu beten, den sie doch gar
nicht leiden konnte.
    »Bewahre mich der liebe Himmel vor 'ner Sünde, aber ich denke so eben was,«
fuhr Hans Jürgen plötzlich aus sichtlichem Nachdenken auf.
    »Siehst Du, Vetter, nun fängst Du auch schon an, das ist gut.«
    »Ach nein, Agnes, das ist nur so gedacht. Der Peter Melchior, und wie der
ist, das wissen wir Alle. Der Dechant! Hast Du nicht auch gehört, wenn Deine
Mutter sagt, der Teufel steckt in ihm? Der hat nun kein Weib, wer soll für den
beten, dass er selig wird. Und alt genug ist er.«
    Das machte Agnes genug Kopfbrechen. Dass der Dechant nicht so sei, wie er
sein sollte, konnte sie nicht leugnen. Sie meinte der liebe Gott werde
vielleicht ein Nachsehens mit ihm haben, weil er für Andere soviel Gutes und
Erbauliches spräche, wenn er selbst dafür nichts Gutes und Erbauliches täte.
    Hans Jürgen schüttelte den Kopf: »Wer anders spricht als er tut, das gerade
ist schlecht, Agnes, das lass ich mir nicht nehmen und wenn's der Bischof, ja,
wenn's der Papst selber wäre!«
    Sie meinte nun, weil er ein Domherr wäre, so beteten und dächten die anderen
Domherrn für ihn, und da übertrüge es wohl auch einer auf den Andern. Hans
Jürgen aber meinte, es wären ihrer doch gar zu viele, die es nicht verdienten,
und wenn zwei Geistliche immer zu sorgen hätten, dass sie das gut machten, was
der dritte schlecht gemacht, wo bliebe ihnen da Zeit für sich und die übrigen
Menschen zu beten?
    Agnes senkte ihr Köpfchen; sie konnte auch das nicht ableugnen. In welchem
Hause, auf dem Lande und in den Städten, ward nicht damals gegen die
Geistlichkeit geschimpft, und den Kindern selbst konnte man's nicht
verschweigen, was sie für schlechte Streiche machten.
    »Hans, Du musst Heiraten, das ist das Beste.«
    »Ich, Agnes, ich heirate nicht.«
    »Ja, ja, Du musst 'ne gute Frau haben, die für Dich denkt, wie Mutter für den
Vater.«
    »Nein, nun nicht, das ist nun vorbei, Agnes.«
    »Ich sage ja nicht jetzt; wenn Du so alt bist, Hans Jürgen. Geistlich wirst
Du nicht werden. Hans Jochem geht in's Kloster, und Eva ist Dir gut; ich weiss
es.«
    »Sprich doch nicht so dummes Zeug, Agnes. Ich hab's auch mal so gedacht, das
ist nun aber nichts. Ja, wie der Herr von Lindenberg mich nach Berlin mitnehmen
wollte, und dem Kurfürsten vorstellen, da konnte was aus mir werden, da hatte
ich so meine Gedanken. Nun hat's der liebe Gott anders gemacht.«
    »Hat er's nicht gut gemacht, Hans Jürgen? Du hast nun ein rein Gewissen; Und
hörtest Du nicht, was sie munkelten, dass der Herr von Lindenberg in Berlin in
Ungelegenheiten gekommen wäre. Die Schulzenfrau wusste nur nicht recht was. Ist's
nicht der Herr von Lindenberg, so ist's ein Anderer. Der Herr von Rochow auf
Plessow ist gar nicht übel. Wenn wir ihn recht bitten, nimmt er Dich auch mit
und stellt Dich vor. Du musst nur was auf Dich geben, und den Kopf nicht immer so
in den Schultern tragen, und dann auch nicht so die Zähne ziehen, wenn Du Einen
schief ansiehst, den Du nicht magst. Ja ein bisschen freundlicher könntest Du
schon werden. Du bist doch manchmal ein Bär. Vielleicht bringen sie Dich bei der
kurfürstlichen Jagd an, da brauchst Du nicht zu denken.«
    »Beim Kurfürsten! Lieber will ich Ziegel streichen. Bin ein freier Mann,
eines Edelmanns Sohn. O pfui! Der Deinen Vater hat lassen in's Gefängnis
schmeissen, dem ich dienen! Und wär's auch nicht Eva's Vater, er ist -«
    »Hans Jürgen, er kommt schon wieder frei. Vater hat gewiss nichts
verbrochen.«
    »Was tut's! Der Kurfürst hat ihn in's Gefängnis schmeissen lassen, ja, das
hat er. Das vergess ich nimmer. Ist mein Feind. Und seine Reiter, die! Wär's nach
mir gangen, der Wenzel, der Konrad, o sie Alle, und die aus dem Dorf, wir hätten
ihnen wollen Mores lehren, so wahr ich Hans Jürgen bin!«
    »Gott sei uns gnädig, das hätte Blut gesetzt!«
    »Wozu hat man denn Blut im Leibe? Blut soll's auch noch setzen. Wenn die
Herren im Lande es ruhig hinnehmen, wenn die Sippschaft im Havellande nicht
aufsteht, ich stehe auf. Ich schnüre mein Bündel ich ziehe fort, wo's Krieg
gibt, zu den Pommern oder zu den Polen, mir gleich. Reiter werden sie überall
brauchen; wenn es nur gegen den Kurfürsten losgeht!«
    Dass Hans Jürgen, wenn er sich zum Kriege werben lasse gegen den Kurfürsten,
auch gegen sein eigen Land kriegen müsse, fiel Agnes als nichts Unrechtes auf.
Dass er Einem absage, dem er Feind war, däuchte ihr ganz in der Ordnung, dass er
so ihres Vaters und der Ehre seiner und ihrer Familie sich annehme, sogar
lobenswert. Aber Alles miteinandergenommen, schien es ihr doch nicht recht,
wenn sie sich auch nicht Rechenschaft geben konnte, warum, und sie bat ihn, dass
er sich gedulden möge.
    Das wollte ihm nicht recht in den Sinn, und sie wusste nicht recht, wie sie
es ihm zu Sinne bringen sollte. So blieben sie beide eine Weile schweigend neben
einander, bis sie sich plötzlich erinnerte, wie unter dem vorigen Kurfürsten
Einer vom Adel gerichtet worden, der mit den Fremden in's Land gefallen war, und
es hatte ihm nichts geholfen, dass er vorher einen Absagebrief geschickt. Hans
Jürgen musste zugeben, dass das eigentlich eben so schlimm wäre, wenn er darum
gerichtet würde, als wenn er auf den Stegreif ausgeritten und gefangen worden.
    »Das mag schon recht sein, aber wie soll sich denn Einer helfen, wenn ihm
Unrecht geschieht. Denn Recht muss doch Recht bleiben, und der Kurfürst hat uns
Unrecht getan. Drum muss doch Einer sein, der dem Kurfürsten wieder Unrecht
antut.«
    Das schien auch der kleinen künftigen Heiligen ganz richtig, aber sie
zerbrachen sich beide den Kopf, wie das in der Welt zu machen wäre.
    »Weisst Du was?« sagte sie. »Wenn Du mich nach Spandow gebracht, dann reite
nach Friesack zum alten Herrn Bodo. Der ist klug, der wird's Dir sagen.«
    Hans Jürgen kraute sich hinter den Ohren. Ganz recht war ihm das auch nicht,
denn was er tat, hätte er lieber für sich allein getan, aber er musste seiner
Muhme Recht geben, als ihr jetzt einfiel, dass er ja der ganzen Familie Schaden
dadurch tun könne, wenn er die Sache auf sich allein nähme. Sie alle ginge es
doch auch an, als wie ihn, und sie würden schon darüber zu Rate sitzen.
    »Kaspar, was pfeifst Du?« fragte er.
    »Das ist nur 'ne alte Geschichte, Junker, die mir einfiel, von den Mäusen
und von der Katze. Die Mäuse sassen doch auch zu Rat, wie sie's anfingen, dass
die Katze nicht so ran schliche und unversehens eine beim Wickel kriegte, und
mit ihr abführe. Da hatte Eine, die war klüger als die anderen, den Einfall, man
solle der Katze 'ne Schelle an den Schwanz binden, dann hört man sie schon von
fern. Der Rat war auch ganz gut, aber es fehlte nur was. Keine Maus war da zu
kriegen, dass sie der Katze die Schelle anband. Und da dachte ich denn, 's geht
manchmal so, wenn sie zu Rate sitzen. Der Rat ist ganz gut, aber es fehlt was.
Hui! Seht mal da.«
    Er zeigte mit der Peitsche in die Luft. Eine Schaar von den grossen Seeraben
flog über die Kiefern, in ihren Schnäbeln und Krallen noch zappelnde Tiere.
    »Das war ein grosser Barsch, der hat auch nicht gedacht, dass ihn ein Stösser
aus Norwegen fressen tun würde. Die Fische haben gewiss auch zu Rat gesessen,
als die grossen Vögel zuerst kamen und in die Weiher stiessen, denn wenn sie auch
stumm scheinen, unter sich sprechen sie, wir hören's nur nicht. Aber es fand
sich kein Fisch, der den Raben die Klingel um den Hals hängen wollte. - Wetter
noch mal, der Grosse, der so schwer hinterher fliegt, schaut, der schleppt 'nen
kleinen Hasen.«
    »'S ist ein schweres Unglück für die Tiere im Walde, dass die Sturmvögel aus
dem Eislande kommen mussten,« sagte Hans Jürgen.
    »Das glaubt nur ja nicht, Junker! - Wenn die nicht da wären, so sind andere
da. Nur für unsere Habichte ist's schlimm, weil die ihnen in's Handwerk greifen.
Ist doch jedwed Vieh da, dass ein ander Vieh kommt, das grösser ist und stärker,
und packt es und Eins frisst das Andere, und wenn's den Magen voll hat, wird's
wieder gefressen, und so geht's Reih um.«
    Hans Jürgen machte den Einwand, die grössten Tiere in Luft, Erd' und Wasser
bleiben doch übrig.
    »Die schiesst der Jäger todt, oder ich weiss nicht, wie er den Wallfisch
fangen tut.«
    »Der Jäger ist aber ein Mensch.«
    »Freilich, nun ja. Seht Junker, ich mein' es als wie wir gemeine Leute uns
denken. Und da meine ich geht's allebenso wie beim Vieh! Einer sitzt auf's
Andern Schulter, und drückt ihn. Auf dem Chorendejungen sitzt der Bacchant, auf
dem Bacchanten der Präfect, auf dem Präfecten der Ephorus, oder wie sie's nennen
tun, und auf dem, ich weiss nicht wer, und das ist allebenso bei den Grossen, wie
bei den Kindern. Auf dem Bauer sitzt der Edelmann, auf dem Edelmann der
Kurfürst, auf dem Kurfürsten der Kaiser und auf dem Kaiser der Papst. Und auf
dem, denk' ich mir so, der liebe Gott. Nun sagen sie: Recht muss immer Recht
bleiben. Nun ja, meinetalben, aber wer schafft denn nun dem Kücken das Recht,
wenn der Stösser es holt?«
    »Du hast ja eben gesagt, Kaspar, das der liebe Gott über dem Papst ist, also
er ist über Allen, und der wird ihnen das Recht schaffen,« sagte Agnes.
    »Nun ja, da hab' ich auch nichts gegen, und der liebe Gott wird's wohl am
besten wissen, warum der Storch den Frosch frisst, und der Bauer den Rücken
halten muss, wenn der Edelmann prügelt, und der Ritter auf's Hochgericht muss,
wenn der Kurfürst ihn köpfen lässt, das muss nun so sein, weil's nicht anders
eingerichtet ist; aber was sie vom Recht sagen, das ist man ebenso. Wenn ich ein
Frosch wäre, würde ich mich denn, wenn der Storch auf der Wiese spaziert,
aufblähen und vor ihm quaken: Du hast kein Recht mich zu fressen! So mein ich
auch, wenn ich ein Edelmann wäre, und der Kurfürst ginge wütig durch das Land,
um die Edelleute zu fahnden, da würde ich mich auch nicht vor mein Schloss
stellen, und in die Trompete stossen und rufen: Hie Kurfürst, hie bin ich, das
ist mein Recht! I bewahre, ich zöge die Brücke auf und liesse das Gitter nieder,
und die Fahne nehme ich ab, und täte, als wenn ich schliefe, bis er vorüber
ist. Es stürmt nicht immer, es regnet nicht immer; wie sollte denn das Korn
wachsen.«
    »Recht muss aber doch Recht bleiben,« wiederholte Hans Jürgen, der jetzt
anfing zu verstehen, was der Knecht gemeint.
    »I freilich, Junker. Wer der stärkste ist, der ist allemal im Recht. Und wer
nun schwächer ist, für den kommt auch die Zeit, muss sich nur ducken und
schicken, bis es mal umkippt, denn das tut es schon. Wenn der Gestrenge
losschlägt, nun lieber Gott, 's tut ein bisschen weh, aber ich hab' auch schon
gelernt, mich zurecht biegen, und am Ende tut's mir auch nicht mehr weh, und
nachher weiss ich, tut's ihm leid, da räuspert er sich, knipst mit
Pflaumenkernen nach mir, fragt, was ich denn grunze? Na, und wenn ich nun
fortgrunze, nämlich was so meine Art ist, und komm' ihm nicht näher, so kommt er
mir näher, und da macht sich's denn so, manches Mal hat er mir den Bart
gestreichelt, und mich 'nen verfluchten, eigensinnigen Kerl gescholten. Da weiss
ich, die Glocke hat Feierabend geschlagen. Da muss ich in den Keller. Vergiss Dich
auch nicht, Kasper, sagte er. Ja, ich kann's wohl sagen, ich hab's recht gut in
Ziatz, und wenn ich mir was wünschen tu, da weiss ich schon, nach der
Prügelsuppe krieg' ich's. O ich könnte noch viel mehr kriegen, aber ausverschämt
muss kein Christenmensch nicht sein. Hätt's mir auch jetzt gesagt: Kaspar, willst
Du nicht nach Brandenburg reiten auf den Markt, und wenn Dir ein Wamms in die
Augen sticht, da hast Du 'nen Gulden, aber sag's der Frau nicht. Nu so klug bin
ich auch. Wer wird denn plaudern! Aber da sind die Hosen zwischengekommen; drum
geh' ich das Wamms quitt.«
    Die Mauern von Spandow wurden jetzt sichtbar. Der Knecht hielt ein wenig an,
weil die künftige Klosterfrau ihren Anzug in Ordnung bringen wollte. Da sprach
Kaspar wie vor sich hin:
    »'S könnt mit den Edelleuten auch besser gehen, meine ich, wenn sie's mit
dem Kurfürsten machen täten, wie ich mit meinem Gestrengen. Eigentlich ist's
Vieh doch klüger als der Mensch«, brummte er fort. »Keine Maus kriecht in keine
Speiskammer, wo sie nicht ein Loch gemacht, da sie wieder raus kann.«
    Hans Jürgens Gedanken gingen ihren eigenen Weg. Agnes, als sie der Stadt
sich näherten, drückte ihrem Vetter die Hand:
    »Ach Hans Jürgen, weisst Du, vorhin auf dem Weg überkam es mich manchmal
recht bang, dass ich in's Kloster müsste. Aber nun ist mir wieder ganz wohl und
leicht um's Herz. Da in den Mauern ist der Friede Gottes. Sag' ihnen das zu
Haus. Und Du, armer Hans Jürgen, Du musst zurück in die Welt voll
Ungerechtigkeit! Was willst Du da anfangen? - Ach, wenn Du nicht heiraten
tust, dann gehst Du auch mal in's Kloster.«
    Hans Jürgen sagte nicht Ja und nicht Nein.
    »Weil Du's gern hast, Agnes, will ich zu den Vettern nach Friesack. Aber
bloss darum.«
    »Sie werden itzo nicht hochmütig sein. Das Unglück macht weich.«
    »Aus Mitleid! - Ich will gar nicht, dass Einer sich mein erbarmen soll.«
    »Bringen Eine von Bredow zu den Ursulinerinnen!« antwortete der Knecht dem
Wachtabenden am Tor, denn schon war der Wagen über die Hangebrücke und hielt
unter dem finstern Tor.
    »Marsch!« rief der Waibel.
    »Ach, Hans Jürgen,« sagte Agnes ängstlich, als der Wagen wieder sanfter
durch die ungepflasterten Gassen fuhr, »wie grimmig sahest Du den Waibel an; mir
war schon angst, er würde Dich in's Torhaus stecken lassen.«
    »Mich ärgerte sein kurfürstlicher Rock.«
    »Nimm Dich in Acht, Hans Jürgen, lieber Junge, dass Dir kein Unglück
geschieht. 'S ist schon genug über die Familie kommen.«
    Sie waren wieder aus der Stadt heraus, der Wagen hielt vor der
Klosterpforte. Ein banger Augenblick war's für Agnes Bredow, ihr Herz pochte,
als der Knecht an der Schelle zog.
    Den Abschied von ihrem Vetter zu beschreiben, ist nicht unser Wille; auch
nicht den Abschied von der Welt. 'S ist überall gut, einen Abschied kurz zu
halten, wer nun nachmals will leben für die Welt oder für den Himmel. Auch
durfte sie ihr Vetter noch in den Vorhof begleiten, um sie der Priorin zu
übergeben. Dort im Sprechzimmer durfte sie die letzten Worte mit ihm wechseln,
die letzten Grüsse ihren Lieben senden, den letzten Schwesterkuss ihm auf die
Stirne drücken.
    Aber was sie ihm jetzt noch zu sagen hatte, das schien ihr besser gesprochen
unter Gottes freiem Himmel, als da, wo die Heiligen an den Wänden auf ihre Worte
lauschten.
    »Vetter, treibt's Dich, und Du kannst nicht anders, so zieh Dein Schwert
gegen wen es sei, als ehrlicher Mann. Ist's Sünde, wird Gott es Dir verzeihen.
Aber lieber Hans Jürgen, tu's nicht wie der Kasper sagt. Der Kasper, der mag
Recht haben, aber vor Schlägen fürchtest Du Dich doch nicht. Wenn's auch klug
ist, tu's nicht so mit dem Kurfürsten, wie er mit dem Vater. Halt' auf Dich
selbst.«
    Mit einem frohen Blick schlug er sich an die Brust: »Ich dienen, Männerchen
machen, ich schweigen und lügen, damit - Agnes, so wahr -«
    Sie griff den Arm, den er zu einem Gelöbnis in die Höhe hielt: »Schwören
sollst Du nicht. Um Gotteswillen schwöre nichts, denn Niemand weiss - aber lieber
Hans Jürgen, so gefällst Du mir. So sollte Dich Eva sehen.«
    Sie wandte sich rasch ab, sie ergriff seine Hand, und mit hastigen Schritten
eilte sie der Schwelle und der Tür zu, die jetzt in ihren Angeln knarrte, um
hinter ihr - sich auf immer zu verschliessen.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
                                 Der Ueberfall.
Im Anfang war Frau von Bredow sehr traurig gewesen; aber man kann nicht immer
traurig sein.
    Der Knecht Ruprecht hatte die Kibitze wieder zwitschern gehört im Schilf.
»Das ist ein gut Zeichen, gestrenge Frau!« Er hatte die Tauben gezählt, und es
fehlte keine. »Da stirbt im Jahr keiner aus dem Haus.« Und am Abend des Tages,
wo Hans Jürgen mit Agnes nach Spandow gefahren, flogen drei Kraniche über die
Burg. »Die Kraniche, Gestrenge, mit denen hat's was Eigenes. Die wilden Gänse
sind dummes Vieh, die bedeuten nur einen strengen Winter; aber die Kraniche sind
kluge Tiere. Sie sehen das Verborgene, und wo ein Mörder ist, dem fliegen sie
nach. Ja, es ist noch mehr Absonderliches in ihnen, und wo sie über ein Haus
fliegen, das bedeutet grosse Ehre.«
    Wo sollte die Ehre herkommen! Ihr Herr sass noch gefangen, und Jammer im Haus
in Hülle und Fülle; aber die klugen Vögel mussten doch etwas mehr wissen. War ja
ein Schreiben des Dechanten eingegangen; etwas verspätet, denn mit den
Gelegenheiten sah es damals schlimm aus, und dunkel lautete es, aber doch
tröstlich: sie solle, den Mut nicht verlieren, dem Herrn ihre Wege befehlen,
und nebenbei hiess es, auf ihn, den Dechanten, allein vertrauen, denn es lasse
sich noch vielleicht Alles zum Guten wenden. Und bald darauf war ein
kurfürstlicher Reiter in die Burg gesprengt, und auf den Brief, den er dem
Wachtmeister brachte, war die Einlagerung ausgeritten; stumm und still, wie sie
vorhin laut gewesen. Was der Bote sonst für Nachricht gebracht, das erfuhr
Keiner.
    Nun war das Haus leer, und Frau von Bredow allein. Als so aller Lärm
plötzlich stumm geworden, war ihr fast bang zu Mute. Eine Träne lief über ihre
Backe. Da stand all ihr Unglück ihr erst recht vor Augen, ihre zerschlagenen
Hoffnungen; vor ihr lag es so trüb, ach so viel, so Grosses, als hätte es vorhin
in dem Gewirr keinen Platz gehabt.
    »Ach, du lieber Gott! Was soll man anfangen!« sagte die gute Frau, und
wischte mit der Schürze über die Backe.
    Die Grossmagd Anne Susanne blickte sie schlau an:
    »Gestrenge! Der Herr ist fort. Da könnten wir ja mal scheuern.«
    »Scheuern!« - Es musste ein wunderbarer Klang sein. Die Träne war
verschwunden, eine helle Röte zog sich über das eben noch blasse Gesicht der
Edelfrau, und sie sah mit einem eigenen, fragenden Blick die kluge Magd an: »Du
meinst, Anne Susanne?«
    »So recht ordentlich, von, oben bis unten. Die Sonne kommt durch die Wolken.
'S wird ein warmer Tag; da trocknet's balde.«
    »Da trocknet's balde,« wiederholte die Edelfrau.
    »So ein Tag kommt uns gar nicht wieder, Gestrenge.«
    »Da hast Du wohl Recht, aber, -«
    »Der Kaspar ist auch fort. Der lässt ja nicht Besen und Fass ran, wenn der
Herr aus ist -«
    »Hast recht, ist ein unreinlicher Mensch, der Kaspar, aber 'ne treue Seele.«
    »Ach, Gestrenge, droben die Dielen und die Treppe, wie sieht das aus. Die
Tauben, die rein flattern, und die kleinen Käuzchen, die Sperlinge, wenn der
Herr sie füttert, und die Katzen! Werden mit der Hacke d'ran müssen. Der Besen
tut's nicht mehr.«
    »Ob's aber auch recht ist, Anne Susanne! Der Herr -«
    »I der wird auch froh sein, wenn er's nicht merkt. Man kann ja oben nicht
mehr ruhig schlafen. Das heckt ja!«
    Wenn er's nicht merkt! - Brigitte Bredow! Ein gebrannt Kind scheut das
Feuer, und Du, eine so kluge und fromme Frau! - Erst eben - und nun steht der
Versucher schon wieder vor Dir. Die Sonne schien so hell ihr in's Gesicht, als
riefe sie: »Ich will schon trocknen, liebe Frau von Bredow!«
    Wäre nur ein Geistlicher da gewesen, den sie d'rum fragen können!
    »Der Herr hat's auch gar nicht verboten, als er fortging.«
    »Nicht?«
    »I bewahre, Gestrenge. Und wenn er erst all den Schmutz sähe, den die Reiter
gemacht! Das ist wohl gut, dass man das erst fortschaft, damit er nichts merkt.«
    »Das darf er nicht merken. Da hast Du recht. Ach, mein Götze, wenn Du das
wüsstest hier!«
    »O, er kommt schon wieder; er hat ein so fromm Gemüt, wenn er nicht bös
ist.«
    »Anne Susanne! Wenn er nun wieder käme!«
    »I, er wird doch nicht, Gestrenge! Wen sie in Berlin einsperren, den lassen
sie sobald nicht los.«
    Frau von Bredow sah den Himmel an, und die Sonne und die Besen und Eimer,
welche die hurtige Anne Susanne, schon aus den Winkeln geholt, dann rührte sie
sich selbst und sprach: »Na!«
    Die Sonne hatte seit lange nicht so froh herabgeschienen auf Burg
Hohen-Ziatz. Wie sich das regte und bewegte, wie der Ziehbrunnen auf- und
abging. Der träge Brunnen gab zu wenig Wasser! Wozu waren die Gräben und Teiche.
Wer Arme und Beine hatte, und aus dem Dorfe wurden ihrer auch dazu geholt, musste
schöpfen, tragen. Da war unsere Frau von Bredow wieder sie selbst. Wo war sie
nicht, wo nicht ihr Aug'! Wie flog die dumme wendische Magd mit ihrem Eimer zur
Tür hinaus, als sie ihn ausschütten wollte in der Halle. Man fängt wohl von
unten an, wenn man ein Haus baut,, von oben.
    Die Treppen hinauf kamen sie in einer langen Reihe mit den Eimern, Besen,
Bürsten und Hacken, Mägde und Knechte. Was ward gekratzt, geschabt, gebürstet,
mit Füssen und Händen. Dann erst durfte das Wasser fliessen. Es war ein schöner
Anblick, als die Eimer sich entluden auf die dürstenden Dielen. Zeit und Wasser
hält Niemand auf; wer sie nutzen will, muss den Augenblick ergreifen.
    Nun waren sie schon bis an den Treppen zur Halle, die rüstigen Frauen, und
man musste sich freuen, dass es in Burg Ziatz nicht wie anderwärts ging, wo sie
eifrig anfangen, und nachher müde werden; man glaubt, sie tun's nur um
Gotteswillen. Nein, hier hielt's die Edelfrau nicht unter sich, mit anzugreifen;
»wo es die Mägde ihr nicht recht taten«, sagte sie. Mancher hätte glauben
können, ich weiss nicht, ob mit Unrecht, sie tät's aus Herzenslust, wie sie die
Röcke bis zum Knie aufgeschürzt, mit dem Schrubber hin und her fuhr, als wie ein
Reiter im Getümmel der Schlacht mit der Lanze.
    »Na nu runter!« hiess es, und die Mägde liessen sich's nicht zweimal sagen.
Das war ein Wasserfall! Nur schade, dass grade Einer rauf kam. »Ach unser
Junker!« rief die Anne Susanne.
    »Hans Jürgen! Ungeschick! Wo kommt der her?«
    Hans Jürgen lief nicht fort, aber das Wasser, dachte Frau von Bredow, als
sie auf der obersten Stufe in solcher Arbeit war, dass sie nicht viel von dem
hörte, was Hans Jürgen auf der untersten sprach. Was konnte er ihr auch sagen?
Von ihrem lieben Kind, das er nach Spandow gebracht. Bären sind nicht unterwegs;
und wer einmal in Spandow ist, ist sicher, das mochte Frau von Bredow auch
denken, als sie rief: Platz da! und gar nicht sah, wie der Junker auf etwas
zeigte, was draussen kam. Selber sehen konnte es der arme Junge nicht, denn er
musste sich die nassen Haare aus dem Gesicht streifen, und sah dann auch noch
nicht, denn das Wasser hatte es mit ihm gut gemeint.
    Etwas musste die Edelfrau doch gehört haben, vielleicht war's das Jagdhorn
draussen, als sie auf den Besen gestützt, einen Augenblick Atem schöpfte.
    »Wer wird's sein?« sagte sie.
    »Base, 's ist Einer -«
    »Nein, 's sind zwei,« unterbrach sie ihn, als ein Paar schöne, schlanke
Jagdhunde wie zwei Blitze hereinschossen.
    »Der sagt, er wär' der Kurfürst, aber ich glaub's nicht.«
    Ein feiner Ritter, im grünen Jägerkleid, das Hiftorn an der Seite, blieb,
von dem Anblick, wie es schien, etwas überrascht, an der Schwelle stehen. Wenn
der Herr schon überrascht war, war es die Frau! - Im Anfang stand sie, wie der
Roland in Brandenburg; nur machte der nicht den Mund auf, noch sieht er mit
seinen steinernen Augen so stier auf einen Gegenstand, noch wird er rot und
blass, wie uns're Frau von Bredow. Zuerst sank ihr der Besen aus der Hand, dann
schien's, als wolle sie die Hände falten, dann fuhren sie beide auf den Rücken,
um das Bund oder die Nestel zu lösen, welche ihre aufgeschürzten Röcke
festielten, was ihr aber in der Bestürzung und Hast eben so wenig gelang, als
weiland ihrem Neffen Hans Jochem die Lösung des Hosenbundes, welchen der Krämer
ihm angezaubert. Dann fuhr sie in die Haare, die allerdings nicht mehr ganz in
Ordnung waren, aber bei dem Verfahren, das sie einschlug, auch nicht besser
wurden.
    »So schlage doch -«, entglitt es ihren Lippen, aber ebenso schnell
verschluckten diese wieder eine Lästerung, welche bei einer so frommen Frau
unmöglich aus dem Herzen kam. Wie hätte sie auch noch im selben Atem die
heilige Katarina, die heilige Barbara und Ursula anrufen dürfen. Das haben
wenigstens die Mägde gehört. »'S ist ja der Kurfürst!«
    Und dann flogen zwei. Zuerst Hans Jürgen, aber nicht freiwillig, wie der
Vogel durch die Luft, er flog wie die Kugel aus dem Rohr oder der Kegel vom Ball
des Spielers. Dann die Edelfrau. Hans Jürgen turkelte seitwärts, sie stürzte
geradezu auf die Knie.
    »Allerdurchlauchtigster Herr Markgraf und gnädigster Herr Kurfürst, Gnade! -
Die abscheulichen Mädel' plantschten so sehr - aber mein Mann ist unschuldig. -
Wir sind Alle unschuldig. - Man kann's ihnen noch so oft sagen, sie tun's doch.
Und gerade heute! - 'S ist zu viel, weiss Gott, 's ist zu viel auf ein Mal.«
    »Dass ich zur ungelegenen Stunde hier eintrete,« sagte lächelnd der hohe
Gast.
    Darin teilte Kurfürst Joachim der Erste, den Frau von Bredow ihr Lebelang
hoch in Ehren, ja nächst dem lieben Gott am höchsten hielt, auf einen Augenblick
das Schicksal mit dem verachteten armen Hans Jürgen. Sie hatte in ihrer Angst
und Eifer auch nicht gehört, was er sagte, sonst würde sie nicht fortgefahren
haben:
    »Was zu viel ist, Durchlaucht, ist zu viel - und die Ehre dazu! - Keinem
kleinen Kinde nicht hat mein Mann den Finger gekrümmt, so lammfromm ist er - das
ist, mit Respect zu sagen, ein schlechter Mensch, der das ihm nachsagt - und der
gnädige Kurfürst kann selbst in alle Winkel und Ecken« - wahrscheinlich hatte
sie schliessen wollen: »die Nase stecken,« als sich plötzlich ihr Mund von neuem
Schrecken schloss.
    »Darum kam ich nicht,« fiel Joachim rasch ein und hielt ihr, wie schon
vorhin, die Hand entgegen, sie aufzuheben: »Ich komme als Gast, aber es tut mir
leid, dass ich ungelegen komme.«
    »Ungelegen?« rief sie. »Unser Haus steht unserm Markgrafen allezeit offen.
Wer das von uns sagen täte, dass unser Landesherr in das Haus eines Bredow
ungelegen käme - aber die Sonne schien nun mal so warm - und da grade mein Herr
- aber wenn ich nur 'nen kleinen Wink gehabt, da hätte ich ja die Anne Susanne -
es musste aber doch auch grade heute Alles kommen, wie ein Donnerwetter, wenn die
Sonne -«
    Dass ihre Zunge mit ihren Gedanken durchging und alle Zügel rissen, wer
verargt's der armen Frau! Wer fordert von der besten Hausfrau, die immer auf dem
Fleck ist, dass sie es auch da noch sei, wenn der vornehme Herr, mit dem Stern
auf der Brust, im Augenblick eintritt, wo ihre Arme im Waschfass stecken; und von
dem vornehmen Gönner, hängt ihres Gatten, ihres Sohnes Schicksal ab; Sie wäscht
vielleicht nur, damit ihr Mann sich gut präsentiren soll; vom ersten Eindruck
hängt Alles ab. Und dies war ihr Fürst, und sein Richtschwert hing noch über dem
Haupt ihres Mannes. Wo Alles in Unordnung war, wer fordert, dass unserer Frau von
Bredow Gedanken in Ordnung sein sollten?
    Kurfürst Joachim forderte es nicht: »Ich kenne meine Getreuen, ihr Fürst
kommt ihnen nie ungelegen, aber die Stunde doch vielleicht, meine liebe Frau von
Bredow,« lächelte er.
    »Ach gnädigster Herr! Der Fuss, der Fuss! Das Wasser! - 's ist aber reines
Grabenwasser.«
    Einer der kleinen Wasserbäche, die von den Treppen über den gestampften
Boden rieselten, netzte allerdings die Sohlen seiner Stiefeln, aber indem der
Fürst es bemerkte, sah er auch, dass die würdige Frau selbst schon im Feuchten
kniete, und mit einer ritterlichen Bewegung hob er sie, ehe sie sich dessen
versah, auf.
    »Es tut mir leid, dass ich die würdige Frau meines lieben und getreuen
Vasallen in so löblicher Verrichtung stören musste. Nun ist es ein Mal, so und
man muss sich darinfinden. Das Wetter ist schön, und der Hausherr reitet mit mir
in seinem Walde umher, derweil die gute Hausfrau das Haus zur Notdurft
beschickt. Ein verirrter Waidmann fordert nicht viel, ein einfach Lager für die
Nacht, und ein freundlich Gesicht zum Willkomm.«
    Weniger konnte der Landesherr freilich nicht fordern, wo er bei einem
Vasallen eintritt. Aber auch die Nacht wollte er bleiben! Das war noch mehr als
zuviel. Ihr ehrliches Gesicht verbarg nicht den neuen Schreck.
    »Das ganze Haus ist ja nass!«
    »Ein trocken Kämmerlein findet sich doch wohl; und wo nicht, ein Stall, ein
Schuppen. Der müde Jäger schläft auch ungewiegt unter Gottes Himmelsdach. Wo ist
Herr Gottfried?«
    Da sah die Edelfrau, die Hände im Schoss faltend, ihn gross an: »Gnädiger
Herr, spottet unser nicht. Ihr wisst am besten, wo er ist. Seit vier Tagen ist er
nicht in sein Haus kommen,« und sie hielt den Arm vor die Augen.
    »So hat der da mich doch nicht belogen,« sagte der Fürst, auf Hans Jürgen
blickend.
    Hans Jürgen stand aufrecht mit einer Miene, die man wieder verdrossen nennen
mochte.
    Der Frau von Bredow dämmerte eine Ueberzeugung. Des Fürsten Angesicht bringt
Gnade. Wen er richten will, schickt er seine Schergen, sie klopfen mit
geharnischter Faust an's Tor; er tritt nicht selbst über die Schwelle des
Verurteilten! Ihre Kniee wankten auf's Neue zu einem Fussfall; Joachim kam dem
zuvor:
    »So hab' ich meine Boten übereilt mit ihrer guten Kunde; doch davon nichts
mehr, das sind vergessene Dinge, die ganz vergessen und vergeben zu machen meine
Sorge sein lasst.«
    »Götz ist unschuldig!« jauchzte es auf. »Ich sagt' es gleich.«
    »Und ein Ehrenmann! Frei seit drei Tagen, die Schuldigen sind gestraft.«
    Frei! jubelte ihr Herz. Sie wollte auf den Fürsten zustürzen, seinen Arm
ergreifen, seine Hand an ihre Lippen drücken, sie wollte reden, sie wollte
niederstürzen. Das Herz rührte sich ihr im Leibe, aber sie fühlte, es passe
alles nicht. Aber da standen die Mägde, die ungeschliffenen Mägde, mit ihren
Eimern, ihren Besen, mit offenen Mäulern, und gafften den Fürsten an, wie ein
grosses Tier. Und viel fehlte nicht, so hätten sie auch ihn vorhin mit den
Eimern begossen. Wer hätte das gut gemacht! Die Burg hätte ja müssen geschleift
werden, in Grund und Boden! Da stand Hans Jürgen auch wie ein Kegel und rührte
sich nicht. Nun wusste sie, was zu tun. Sie riss ihn vor:
    »Das ist Dein gnädiger Kurfürst. Auf die Knie, und dank ihm, wie Deine
Schuldigkeit, dass er -«
    Sie wusste doch eigentlich nicht, was er danken sollte.
    »Ich knie vor keinem Menschen nicht,« sprach Hans Jürgen und blieb aufrecht
stehen.
    »Der wird nicht niederfallen,« sagte der Fürst, »dafür steh ich Euch. Gehört
der trotzige Gesell zu Euch?«
    Nun hatte er's doch gehört! Die Edelfrau sah auf den Junker, wie etwa ein
Tausendkünstler ängstlich auf ein Haus oder einen Turm, das er auf der
Schaubühne aufgerichtet hat, und auf sein Commandowort soll es zusammenstürzen.
Hans Jürgen stand wirklich nicht mehr ganz sicher, und es hätte nur eines leisen
Druckes bedurft, so wäre er niedergestürzt.
    Aber die Edelfrau verdarb es.
    »Gnädigster Herr, rechnet uns das nicht an, wir haben Leides genug in
unserer Familie. Er gehört nicht zu uns; unsers Vetters Kind ist er, eine Waise,
aber Gott allein weiss, warum das. Von mir hat er's nicht, und von meinem
Gottfried auch nicht. Wir hatten einen besseren, aber dem ist das Bein
gebrochen. Der würde gleich knieen. Dieser ist auch ein guter Junge, aber macht
uns viel Herzeleid; seine Dummheit und sein Trotz bringt uns in's Verderben.«
    Da trat plötzlich Hans Jürgen einen Schritt vor und sah dem Kurfürsten recht
dreist und dumm, aber grad in's Gesicht.
    »Herr Kurfürst, dass mir's Gott verzeih, ich kann's nicht. Aber wenn ich
meine Blutsfreunde in's Verderben bringe, dann will ich's doch. Warum soll ich
denn niederknien? Wer was übertreten hat, der soll's, wer was bitten tut, der
mag's. Ich hab' nichts übertreten, ich mag nichts bitten. Herr Götze, mein Ohm
hat nichts Böses getan, die Base hat auch nichts getan; hier hat Keiner was
getan. Ihr seid ein grosser Herr, Ihr seid der Kurfürst, was ich denke, das hab'
ich draussen gesagt, wo ich noch nicht wusste, wer Ihr wart, und Ihr habt's
gehört, wo Ihr noch nicht wusstet, wer ich war. War das nicht recht, nu da hab'
ich's getan. Es tut mir gar nicht leid, denn was mir im Herzen sass, musste
raus. Ihr seid Herr im Land, und könnt befehlen, wir müssen gehorchen. Wenn Ihr
befehlt: knie nieder, so tu ich's darum; aber von freien Stücken, Gott straf
mich, ich tu's nicht, und nun erst gar nicht.«
    Nun musste er ihn doch auf der Stelle nach Spandow schicken und hängen
lassen! - Gegen das erstere hätte sie vielleicht nicht viel einzuwenden gehabt.
Aber Joachim fasste ihn leicht beim Arm, und schob ihn bei Seite, aus der
Wasserpfütze, darin er mit den Füssen, da er nicht ruhig stand, spritzte und
umher nässte.
    »Ein ungeschickter Bub ist's, das sehe ich nun, Frau von Bredow, und hier
ein ungebetener Gast, gleich mir. Wir stören die Ordnung. Darum muss man uns die
Tür weisen, und da unsre Wirtin zu freundlich ist, will ich ihr Amt
verwalten.«
    Damit führte er den Hans Jürgen freundlich zur Tür hinaus.
    Was weiter an dem Tag in der Burg Hohen-Ziatz vorgefallen, das kann noch ein
Anderer beschreiben, wer Lust hat. Uns drängt Wichtigeres, das einbricht, und
wir halten es nicht auf. Die Kraniche hatten doch recht gehabt, dachte der
Knecht Ruprecht.
    »Das ist ein Herr!« sprach die Edelfrau, als sie wieder zu Atem kam, und
sie hatte wohl Grund, es zu sagen, denn der nicht merken lässt, dass er ein Herr
ist, ist der rechte Herr. Der Kurfürst ging mit seinem Begleiter in der Burg
umher, als hätte er wunder was zu sehen, das ihn ganz von allem abzöge. Da
erklärte er dem Ritter von Holzendorf, was die Bauart der Wenden gewesen, und
was die Deutschen gemauert hätten. So, nachdem er über die Mauern ringsum
gegangen, wollte er, da die Sonne schon die Kieferwipfel berührte, noch ein Mal
in's Freie vor dem Abendimbiss, als er den blassen Kranken in der Torstube am
Fenster sitzen sah. Er trat zu ihm ein und tröstete ihn: wen Gott heimsuche, den
liebe er, und wen er zu tödten scheine, den erwecke er oft; er verhiess ihm, wenn
er in den geistlichen Stand trete, sein Aug auf ihm zu haben, und dafür zu
sorgen, dass er in den geistlichen Würden wie in der Erkenntnis steige. Aber das
irre Auge des Junkers war ihm unheimlich, und er eilte, dass er in's Freie kam.
    Die Leute wussten nicht, über wen sie mehr sich verwundern sollten, über den
Fürsten oder über ihre Frau. Es war viel, mit Händen schien's kaum zu schaffen,
aber es ward doch geschafft. Ueberall kann doch nicht ein Mensch sein, aber sie
war überall; jetzt in der Küche, jetzt in der Halle, nun wühlte sie in den
Schränken, nun flog sie in den Keller. Da war der Flur der Halle nun trocken,
das hatte manches Stück der Herbstwäsche gekostet, da war feiner weisser Sand
darauf gestreut und Tannenreiser, da prasselte der Kamin und verbreitete
angenehme Wärme, aber auch angenehme Düfte, sie hatte Bernstein und würzige
Kräuter hineingeworfen; über die nassen Treppen waren Decken gelegt, und die
Geländer mit grünen Sträuchern umwunden. Da stand der Tisch schon in der Mitte
mit ihrem Hochzeitsgedeck, und einem silbernen Armleuchter, und Flaschen und
Schüsseln: »So wird's wohl gehen,« sprach sie aufatmend und sank erschöpft in
den Armsessel.
    Sie hatte für Alles gesorgt, auch das Bett stand schon draussen, das sie
hineintragen wollten, wenn der Fürst abgespeist, denn die Halle war das einzige
Gemach in der Burg, wo ein Fürst zur Not nächtigen konnte, vor dem Wasser, das
Alles überschwemmt hatte. Ja, für Alles hatte sie gesorgt, nur nicht für sich.
Da sass sie, die Hände auf ihren Knieen, und nun erst sah sie sich selbst. Es war
noch Alles, wie es gewesen, der Rock auf dem Rücken verknotet, die Aermel
aufgekrämpt, die Haare - mit einem Aufschrei stürzte sie fort, denn schon kehrte
der Fürst über die Zugbrücke zurück.
    Der junge Fürst, der noch vorhin so freundlich und leutselig gewesen, sass
stumm und mit bewölkter Stirn an der hellen Tafel. Mundeten ihm die Speisen,
schmeckte ihm der Wein nicht, vermisste er den Wirt ihm gegenüber, oder war das
Sonnenlicht seiner Laune mit der Sonne am Horizont untergegangen? - Er wird auch
müde sein, dachten sie in der Halle. »Seit der Geschichte mit dem Lindenberger,«
flüsterte sein Büchsenspanner zum Gesinde draussen, »ist er allabends so, wenn es
dunkelt.«
    »Mein gnädiger Herr wird's Euch zu Lieb und Dank wissen, gnädige Frau,«
führte der Ritter von Holzendorf für seinen Fürsten das Wort, »dass Ihr Euch so
angelegen sein lasst, ihn mit Ehren und Gutem zu bewirten. Wir treffen's nicht
überall so, wenn wir in der Jagd in ein Haus einfallen. Man nimmt da gern
vorlieb, was man findet, Ihr aber tragt vom Besten auf, und ist's doch fast so
stattlich alles hier, wie zu einer Hochzeit.«
    Das machte die Edelfrau erröten, denn sie hatte ihr Brokatkleid angezogen,
mit dem sie an den Altar getreten war, und auf dem Kopf sass schön gepufft die
Flügelhaube von damals. Aber auch darauf sah der Fürst nicht. Den Leuten in Burg
Hohen-Ziatz schien das fast noch merkwürdiger, als vorhin seine Leutseligkeit.
Und wenn die Gestrenge ihm so mit tiefem Knicks das Backwerk reichte, oder auf
der Silberschale den feinen Wein zum Nachtisch, nickte er wie in Gedanken, und
hatte es kaum an die Lippen gebracht, da er es wieder hinsetzte.
    »Dass ich auch nicht einmal einen einzigen anständigen Menschen meinem Herrn
zu Tisch setzen konnte, das ist, was ich mir mein Lebtag nicht verzeihen werde,«
flüsterte die Burgfrau zum Begleiter des Fürsten; ihn selbst anzureden wagte sie
nicht mehr. »Aber wo sollten wir hinschicken. 'S ist ja keine vernünftige Seele
hier herum.«
    Joachim erhob sein Gesicht aus dem Arm, in den er es gestützt.
    »Wo ist der junge Mensch! Der Bursch, den ich im Walde traf, und der mich
auf den Richteweg führte? Ich sehe ihn nicht mehr.«
    Frau von Bredow hatte ihn vorsorglich in ein unweit gelegenes Vorwerk
geschickt, um ihre Tochter Eva abzuholen. Mit grossen Herren ist nicht gut zu
spassen, hatte sie gedacht, und wenn er ihn auch nicht hängen liess, so liegen
doch zwischen dem Hängen und Spassen Dinge, über die man nicht spassen muss. Nun
war er zwar schon zurückgekehrt, aber sicher ist sicherer, dachte sie, und ihr
gutes Herz erlaubte ihr eine Lüge.
    »Ach, durchlauchtigster Herr, der ist sehr müde, er kommt heut von weit her.
Da erlaubte ich ihm -«
    »Müde zu bleiben,« unterbrach Joachim lächelnd und warf das Handtüchlein auf
den Tisch. »Da erlaubt meine freundliche Wirtin es Ihrem Gast wohl auch,
sintemal er mit Eurem Vetter in einem Falle ist. Morgen, Frau von Bredow, führt
ihn mir vor. Wir haben ein Gespräch zu Ende zu bringen, das seltsam genug im
Walde anfing.«
    Und wieder sah der Fürst vor sich nieder, mit der Hand auf den Tisch
gestützt, als träten abermals ernste Gedanken vor seine Seele.
    »Beliebt es meinem gnädigen Herrn?« weckte ihn eine feine, wohlklingende
Stimme. Er fuhr mit einem Seufzer auf und sah ein liebliches Mädchen vor sich
stehen, in der einen Hand eine silberne Schüssel, in der andern eine silberne
Kanne: ein weisses Linnentuch hing über ihrem Arm. Indem sie Wasser in die
Schaale goss, überzog Stirn und Wangen eine helle Röte.
    Joachim tauchte die Finger in die Schale und netzte sie, wie mit
Wohlgefallen, in dem Wasserstrahle, den die Jungfrau darüber träufelte. Er sah
ihr freundlich in das blaue Auge, aber es war kein Liebesblick.
    »Möge der Strahl der Gnade so klar auf Dich und mich perlen, als dieses
Wasser über meine blutige Hand.«
    »Sie ist nicht blutig, gnädigster Herr!« Aber ihr Gesicht ward blutrot, dass
sie sich das zu sprechen unterstanden.
    »Nicht, Jungfrau? Mir scheint doch, der Fleck will nicht abgehen.«
    »Wahrhaftig, sie ist rein. Das ist nur der Wiederschein vom Fackellicht,
durchlauchtigster Herr. Morgen, bei Tageslicht, da werdet Ihr sehn, sie ist ganz
rein.«
    »Rein, wie Dein Antlitz, und klar, wie Dein blaues Auge? O dass es immer
Tageslicht wäre!«
    Der Fürst brach auf.
    Das Tagewerk der guten Frau von Bredow war damit nicht geendet. Was der Tag
war gewesen, und was sie am Abend bis spät in der Nacht noch getan und
geschaffen, davon liesse sich wieder ein Buch schreiben, und will's Gott, und
gibt mir Kraft dazu, und meine Leser werden nicht müde, so wird's Frau Brigitte
ihnen selbst noch ein ander Mal erzählen, wie sie's ihren Enkeln und den Gästen,
die brave Frau, so oft erzählt hat von ihrem Ehrentage; und das Hauptstück davon
ist, wie sie das Bett in die Halle geschafft, und ein Himmeldach darüber
aufgeschlagen, ohne dass der Fürst es merkte. Und als er sich niedergelegt und
schlief, wie sie da ohne Geräusch und Klappern den Abendtisch mit Flaschen und
Schüsseln, mit Kerzen und Fackeln, mit Kesseln und Sesseln heimlich
hinausgeschaft, und die Halle eingerichtet mit Teppichen und Vorhängen, mit
Geschirr und Ampeln, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens, dass Joachim, als er
erwachte, in seinem eigenen Schlafgemach zu sein vermeinte, und dann dachte er
an Zauberei, denn mit natürlichen Dingen konnte das nicht zugehn. So hat Frau
von Bredow es oft erzählt und ihr Auge leuchtete dabei. »Ich war die Zauberin,
allergnädigster Kurfürst, so ich es mich unterstehen darf,« hatte sie, ihre Knie
bis zur Erde senkend, und die Augen niederschlagend, gesprochen.
    Was der Kurfürst geträumt im Bernsteindufte der Halle von Hohen-Ziatz, das
weiss ich nicht. Er schlief fest. Der rechte Arm hing vom Lager herab. Wenn die
Burgfrau auf den Zehen die Treppe herunterschlich, eine Hand frische
Bernsteinkörner und Weihrauch auf die glimmenden Kohlen zu streuen, und die
Kohlen flackerten auf, dünkte es auch sie, als wenn die Hand blutig rot sei.
Leise schlich sie zur Tür hinaus, wo die Wacht stand, auf die Hellebarde
gelehnt. Die Burgfrau brauchte ihn nicht zur Wachsamkeit zu ermuntern. »Keinen
Fremden lass ich nicht ein; da soll Keiner ihm ein Haar krümmen, bis er mag für
sich selbst stehen.« So sprach Hans Jürgen, und wie kleidete ihn jetzt die
Stahlhaube, die er nicht mehr verkehrt aufgesetzt, der verblichene Wappenrock
seines Vaters, der Kürass und das lange Schwert an seiner Seite. Die Base hatte
es ihm aus dem Schrank gereicht und gesprochen: »Nun tu Deinen ersten guten
Dienst.« Er hatte laut geantwortet: »Das will ich, Base.« Für sich hatte er
hinzugesetzt: »Aber vor den Hosen steh ich nun nicht mehr Wache!«
    Es war lange nach Mitternacht, als die gute Frau von Bredow endlich zur Ruhe
kam, wenn das Ruhe war. Oben im Erkerstüblein ihres Herrn, das zur Notdurft
trocken geworden, lag sie jetzt im Bette, das sie mit ihrer Eva teilen wollte,
die noch das Abendgebet vor dem Kruzifix sprach. Zwei hatten gut Platz, aber wo
fanden ihn alle die Gedanken, die in ihr arbeiteten und hin und her schwankten,
wie die Fahne des Hohenlohers über dem Kopfkissen, wenn der Wind durch die
zerbrochenen Scheiben strich. - Ob sie wohl Alle gut untergebracht waren? Ach
Gott, der Herr von Holzendorf lag in der Scheune! Zwar auf ihren besten Betten,
aber doch immer in der Scheune, und solcher Herr! Ob er es ihr wohl nachtragen
würde! - Aber er hatte es ja nicht anders gewollt. - Und Ihr Herr! Wo mochte der
wohl liegen? Vielleicht bei den Vettern im Havellande. Da kriegt er genug; es
schadete denn auch nichts, wenn der Kaspar ihn nicht mehr getroffen. Der Kaspar
würde wohl für sich die Blutwürste essen. Ausverschämt war er nicht, die Gans
würde er wohl wieder mitbringen. - Und welch ein Glück es noch war. Wenn Götz
in's Scheuern gefahren wäre, das hätte ein Unglück gegeben. Es war am besten,
dass alles so gekommen, wie es kam. - Der Kurfürst war doch ein sehr feiner Herr!
- Vielleicht war er auch kurzsichtig, und hatte nicht Alles so gesehen. - Wenn
doch ihr Götz auch so wäre! - Na, man muss zufrieden sein, wie man's hat. - Ob
wohl im kurfürstlichen Schloss auch gescheuert wurde? Denken konnte sie sich's
nicht recht, aber es musste doch wohl sein. Der Gedanke wollte ihr gar nicht aus
dem Kopf. Und wenn der Kurfürst dann zu früh nach Hause kehrte, und die Treppen
schwammen, - und die Kurfürstin - Dummes Zeug! Sie wandte den Kopf: Die
Kurfürstin würde nicht scheuern lassen, und es gab ja gar keine Kurfürstin. Aber
nun wollte ihr die Kurfürstin nicht aus den Augen, wie sie oben auf der Treppe
stand, und ängstlich ihrem heimkehrenden Herrn entgegen sah, und die Kurfürstin
sah gerade aus, wie ihre Tochter Eva.
    Sie faltete ihre Hände: »Ach Jungfrau Maria, bewahre mich vor der Sünde.«
Die Käuzchen, die beim Scheuern hinausgejagt waren, heulten vor dem Fenster. Da
kam ein neuer Gedanke, der ihr Angstschweiss entlockte: Ach, der arme Herr von
Lindenberg! Vom Gefolge des Fürsten hatte sie endlich von der Geschichte gehört,
wenigstens den notdürftigsten Zusammenhang und das schreckliche Ende. Damals
hatte sie keine Zeit, darüber zu denken, sie hatte sich's aufgespart, bis sie
allein wäre. So ein lieber, guter, feiner Herr, und ihr Verwandter, und so
schrecklich zu enden! Sie sah die Raben flattern, sie hörte sie krächzen; sie
schloss die Augen, und steckte den Kopf unter die Decke. Aber eigentlich taugte
er auch nicht viel; er hatte eine glatte Zunge und glatte Haut, aber kein Herz
für Freundschaft. Hatte er sich um sie gekümmert, bis Wind und Wetter nach
langen Jahren ihn in ihr Haus verschlugen? Und da war er's ja, der die
Geschichte angezettelt. Wie Vieles wurde ihr da mit einem Male klar. Ihre
Ziehkinder wollte er verführen, ihren Götz hatte er in's Unglück gebracht; er
allein. O, er war ein grundschlechter Mann, vom Teufel besessen. Sie hatte es
ihm auch schon angesehen, als er, noch ein schöner, junger Herr, um alle
Fräulein scharwenzelte. O, er verdiente nein ein so schreckliches Ende gönnte
ihm die gute Frau doch nicht. Hätte er nur Gottesfurcht gehabt, und dann das
Hofleben! Ihr Hans Jochem hatte auch gar zu gern an den Hof gewollt. Den hatte
Gott dafür gestraft, und wie gnädig! Nun war die Gottesfurcht mit dem
zerbrochenen Beine ihm mit einem Male aufgegangen. Und die arme Agnes! Nun, die
wird für sie Alle im Kloster beten. Das Kloster war arm. Ob ihr wohl das viele
Fischessen bekommen würde? Dass das zur Gottesfurcht gehöre, konnte sich Frau von
Bredow nicht denken. Die Aebtissin war keine strenge Frau, man könnte ja dem
Kinde dann und wann was Eingesalzenes schicken. Und der Dechant wollte ja der
heiligen Agnes einen Altar stiften. Sie hatte das Sündengeld zwar
zurückgewiesen, aber ob es denn nun nicht besser sei, schlechtes Geld zu einem
guten Zwecke zu nehmen, als dass er's zu schlechten Zwecken durchbringe? Das Geld
konnte ja nichts dafür, dass der Dechant es dem Lindenberg abgenommen. Sie kam zu
einem Vergleich zwischen ihrem Gewissen und ihren Wünschen. Wenn von dem
Lindenberg'schen Gelde ein Altar der heiligen Agnes gestiftet würde, so sollten
vor demselben täglich drei Seelenmessen für den todten Herrn von Lindenberg
gelesen werden.
    So legten sich die Stürme, so verglichen sich die widerstrebenden Gedanken,
und nur der an Hans Jürgen quälte sie noch, als ihre Augenlider sich immer
fester schlossen, ihre Brust immer ruhiger atmete. Was sollte aus dem Jungen
werden? Seinen Trotz konnte ihm der Fürst nimmermehr hingehen lassen. - Er wird
wohl noch ein kläglich Ende nehmen! -
    Der Fürst wälzte sich und röchelte. Der Bernsteindampf erstickte ihn.
Vergebens rief sie, er möge nicht sorgen, der Zug durch Schlott und Treppen
werde die böse Luft forttreiben. Eine unsichtbare Gewalt hielt sie fest und
schnürte ihre Kehle. Sancta Katarina, er erstickt in unserm Haus, und uns
schelten sie Mörder. Der Fürst war nicht erstickt, er war aufgesprungen, die
Tür hatte er aufgerissen und fand seinen Wächter schlafend. O der freche Bube,
er widersetzte sich, er schlug auf seinen Fürsten. »Hans Jürgen! Hans Jürgen!«
Noch versagte ihr die Stimme. Aber jetzt sprang das Band: »Gnade,
Barmherzigkeit! Mein armer Hans Jürgen! - Ach am Galgen!«
    »Hans Jürgen!« schrie eine andere Stimme, aber nicht mit der durchdringenden
Ängstlichkeit. Hell und froh rief sie: »Hans Jürgen, so fange doch!«
    Da sassen Mutter und Tochter aufgerichtet im Bette und sahen sich verwundert
in's Gesicht beim Schein der Lampe, die Eva auszulöschen vergessen. Sie hatten
beide geträumt, beide von derselben Person, und beide doch wie anders! »Ach der
arme Junge, und der war dir so gut,« sprach die Mutter. Eva rief: »Das ist er,
aber es war wohl ein Traum! Er spielte mit dem Kurfürsten Fangen, und sie warfen
sich rotbackige Aepfel zu.« - »Ihm wird's schlimm gehn,« sagte die Mutter.
»Nein, gut«, erwiederte Eva. Beide stritten in Güte und hatten doch keine
Gründe, bis sie Beide lachen mussten. Und dann plauderten sie noch lange fort,
und Eva erzählte der Mutter, was Hans Jürgen auf dem Heimweg vom Vorwerk ihr
erzählt, wie er mit dem fremden Jäger zusammengetroffen, und noch mancherlei,
bis die Mutter sanft entschlief. Das Lächeln auf ihren Lippen küsste Eva
verstohlen weg, und selbst mit einem himmlisch frohen Lächeln, das ich Einem
gegönnt hätte, dass er's gesehen, streckte sie ihr Köpfchen unter die Decke.
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
                                 Zwei Erwachen.
»Sprich, was Du denkst«, sagte der Kurfürst zu seinem Begleiter, als sie durch
den Fichtenwald ritten. Das kleine Gefolge war auf seinen Wink zurückgeblieben.
Die Morgenstunde fing an die Nebel zu zerteilen und versprach einen schönen
Tag.
    »Dass Ihr wieder gut machen wolltet, was Ihr schlimm gemacht. Aber -«
    »Grad' heraus, Niemand lauscht, und ich bin in der Laune, Dich zu hören.«
    »Ihr denkt, der Specht spricht auch, und der Häher und die Krähe schreien,
warum nicht Hans Jürgen.«
    »Was ich denke, ist mein. Ich will Deine Gedanken hören.«
    »Nu ja, Herr Kurfürst, was ich von Euch damals dachte, das wisst Ihr, als ich
noch nicht wusste, dass Ihr's wart.«
    »Das zu wiederholen erlass ich Dir. Was denkst Du aber nun?«
    »Weil Ihr meinem Oheim so grosse Schande angetan, darum kamt Ihr. Denn, dass
Ihr auf der Jagd bloss verirrt wär't und nur so von ungefähr angesprochen, das
glaube ich nicht.«
    »Bursch', Du zeihst Deinen Fürsten einer Lüge?«
    »Das darum auch noch nicht. Bei Hofe und in der Stadt mag's wohl so in der
Art sein, dass Jeder was anders sagt als er im Sinne hat; weil das Jeder vom
Andern weiss, so gleicht sich's aus.«
    »Und wenn ich darum nach Hohen-Ziatz geritten wäre? Wir sind hier nicht bei
Hof, wir sind in Gottes freiem Walde. Du darfst nicht hinter'm Berge halten.«
    »Wenn Einer Einen geschlagen hat, oder was noch schlimmer ist als das, denn
das ist es, und nun kehrt er bei ihm im Hause ein, und isst an seinem Tisch und
schläft bei ihm zu Nacht, da weiss ich doch nicht, wie er das damit wieder gut
macht.«
    »Bist Du unter Bären aufgezogen? Weisst Du nicht, was der Unterschied ist
zwischen einem Fürsten und Vasallen?«
    »Jeden juckt doch seine Haut, und was Ehr im Leibe ist, das weiss doch ein
Vasall so gut, wie ein Fürst.«
    »Denke, Du wärst ich, und hättest einem Vasallen, einem Fremden Unrecht
getan, und fühltest den Drang, es wieder gut zu machen. Was würdest Du tun? -
Du besinnst Dich sehr lange.«
    »Das ist schon recht. Es geht Einem schwer an. Aber wenn ich einen zu meiner
Tür hinausgeworfen hätte wider Recht, den lüd' ich wieder zu mir ein, wenn's
auch über's Recht wäre, mit allen Ehren und täte ihn bewirten wie einen
Fürsten, wie's mich auch hart anginge, und was auch die Leute dazu sagten, und
wenn -«
    »Besinne Dich, Hans Jürgen, ob ich nicht mehr tat?«
    Hans Jürgen besann sich: »Ja, Ihr denkt's so. Dass Ihr Euch so fast allein in
unsern Wald gewagt und in unser Haus geritten, und ohne Leibtrabanten Euch zur
Ruhe gelegt habt. Denn um der Ehre willen war das gar nicht nötig, dass Ihr noch
zur Nacht bliebt. Wenn Ihr zur Vesper gegessen und einen Trunk getan, hättet
Ihr noch ganz gut bis Golzow reiten können, wo Ihr bei den Rochows besser
aufgenommen wart, als bei uns. Aber Ihr tatet es, um so zu tun, als wenn Ihr
uns wunder was Vertrauen damit zeigen tätet. Aber ich meine, für meine Person,
das ist nicht so sehr viel, denn das weiss doch jedes Kind, dass wir Euch nicht
todt geschlagen hätten, und hätten's auch nicht geduldet, dass Euch Einer ein
Haar krümmte, bloss weil Ihr unser Gast wart. Ich stand selbst die ganze Nacht
durch vor Eurer Tür Wache. Dagegen ist nun nichts, und 's ist auch ganz gut,
aber Ihr denkt Euch doch nun, wir Alle müssten uns überschlagen vor Erstaunen und
Verwunderung, und vor Dankbarkeit nicht wissen, wo wir hin sollten, und dabei
kommen mir denn so eigene Gedanken.«
    Joachim ritt eine Weile schweigend vor sich hin.
    »Sie werden's mir nicht danken, meinst Du?«
    »Ach ja, das werden sie schon; dabei aber dacht' ich mir: Wie das kurios in
der Welt ist! Der Eine hat seine Schläge weg, was ich nämlich so meine: mein
Oheim und wir. Und der sie ihm gab, der hat erst das Vergnügen weg, dass er einen
ehrlichen Mann geschlagen hat; denn da mögen die Priester sagen was sie wollen,
wenn ich Einen prügeln getan, das hat mir Vergnügen gemacht und ihm Schmerzen,
und zweitens kostet's Euch gar nichts, im Gegenteil, es hat Euch noch Vergnügen
gemacht, und am Ende erheben sie Euch noch in den Himmel, wie edel und
grossmütig Ihr seid, und danken Euch, und der Andere muss erstlich seine
Schmerzen einstecken und tun, als wenn er wunder wie froh wäre, und dann auch
noch danken und von den Leuten sich Glück wünschen lassen, dass es noch so
gekommen ist. Das ist doch kurios in der Welt geteilt.«
    Der Fürst blickte ihn an, als wollte er ihn fragen, ob er es anders teilen
könne.
    »Möchtest Du Fürst sein?«
    »Das weiss ich nicht,« sagte Hans Jürgen. »Ich müsste es doch erst lernen.«
    »Uns lehrt es Niemand. Gott gibt es und es ist da!«
    »Da ist's am Ende recht gut, dass es mir Gott nicht gegeben hat. Itzund
möchte ich am wenigsten in Eurer Haut stecken.«
    »Du beneidest mich also nicht mehr um das Vergnügen, einem wackern Mann
Unrecht getan zu haben, nicht um die Lust, die es mir macht, von den Leuten
gepriesen und bewundert zu werden! Ich sage Dir, es gibt noch andere Dinge, um
die Du mich nicht beneiden darfst.«
    Sie ritten wieder eine Weile, ohne ein Wort zu wechseln.
    »Aber Du kannst scharf lesen in den Gedanken Anderer«, hub Joachim wieder
an. »Wenn nun Einer wäre, der auch so in Deinen Gedanken läse!«
    Da stutzte Hans Jürgen und wurde rot. Er dachte zwar, dass die Leute immer
gemeint, er habe keine Gedanken, aber er wünschte jetzt doch nicht, dass der
Fürst in sein Herz hineingesehen hätte.
    »So ich nun lese, was die Röte auf Deinem Gesicht aussagt: wie Du zwar
Wache gestanden vor meiner Tür, als ich schlief, auch mich itzo sicher willst
hinbringen, bis wo ich aus Eurem Gebiet bin, und so mich Einer anfiele, Dein
Schwert ziehen würdest, aber doch innerlich grimmig schaust und sinnst, wie Du
es wenden sollst. Wie Du in Spandow hingehorcht hast auf die wilden Reden,
welche die Junker in der Schänke geführt, wie Du dann hinreiten wollen nach
Friesack zu Deinem Paten, um Rats Dir zu erholen, bis Dir Einer zugeflüstert,
der Rat, den Du da fändest, würde Dir nicht gefallen. Wie Du ingrimmig
heimgeritten, mit gar wilden Gedanken in Deiner Brust. Wenn ich läse, wie Du an
den Knöpfen abgezählt, ob Du zum Pommerherzog gehen solltest, oder warten auf
die Gelegenheit, die im Lande kommt. Läse, wie Du beim Gedanken aufgejauchzt,
das Schwert zu ziehen und in heller Schlacht gegen Deinen Kurfürsten zu fechten?
Da könntest Du auch Ritter werden, und welcher Preis erwartet Dich, wenn Du
heimkehrtest. Darum lohnte sich schon, die Treue gegen seinen Landesherrn zu
brechen. Nicht so, Hans Jürgen?«
    Hans Jürgen hatte den Kopf allmälig sinken lassen und die Arme hingen
schlaff zur Seite. Aber er ermannte sich doch, ihn wieder anzusehen, ob er sein
Urteil auf dem Gesichte lese:
    »Das wisst Ihr Alles, Herr Fürst.«
    »So mir ein Vöglein auch gesungen, dass Du mit ausreiten gewollt in jener
Nacht gegen den Krämer, Du wärst gar trotzigen Mutes gewesen; nur die wackere
Frau hätte Dich anderwärts hingeschickt. Ei, ei, so keck, und das doch hinter
Dir?«
    »Herr Kurfürst, lügen kann ich nicht! 'S ist Alles wahr. Ihr werdet mir den
Kopf abschlagen lassen, wie Jenem. 'S ist schon manchem bessern Mann als mir so
gegangen.«
    »Du giebst Dich?«
    »Wenn's sein muss, 's ist besser schnell als lange fackeln. Besser früh aus
der Welt geh'n mit Ehren, als lange leben ohne Ehren.«
    »Den Kopf soll's Dich nicht kosten. So ein Fürst alle die strafen müsste, die
ihm übel denken und Böses tun wollten, aber 's kam nicht dazu, da hätte dieser
Wald nicht Pfähle genug, um die Köpfe darauf zu stecken. Du hast Dich mir aber
gegeben, und nun sollst Du nicht mehr frei sein, vielmehr mein Diener. Du hast
für mich da gewacht im Hause von Ziatz, nun sollst Du für mich wachen im Schloss
zu Kölln. Und das denke wohl, Hans Jürgen, was es heisst, für seines Fürsten Kopf
einstehen. Ich will keinen Schwur von Dir, nur Deine Hand darauf!«
    Hans Jürgens Arm zitterte doch etwas, als er seinem Fürsten die Hand
reichte. Dass er ihm den Kopf würde abschlagen lassen, das, wenn er recht
nachdachte, hatte er doch eigentlich nicht gedacht; aber dass er ihm würde die
Hand reichen dürfen, das hatte er auch nicht gedacht. Da war ihm wunderbar, fast
bang zu Mute, und in den Nebeln, die durch die Fichten glitten, sah er ganz
eigene Bilder. Seine Muhme Agnes hob den Finger auf. Er hatte ihr ja
versprochen, nicht des Fürsten Mann zu werden, nun war er's doch geworden, er
wusste nicht wie. Aber dann sah er auch wieder die Eva, wie sie, als er am Morgen
mit dem Fürsten ausritt, so schelmisch ihm ein Mäulchen zog. Sie war ganz
neckisch geworden, und wollte ihm keinen Kuss geben zum Abschied. Sie sagte ihm,
er hätte ja nun einen andern Schatz. Aber bös hatte sie's nicht gemeint. Und was
mochte sie nur mit dem Kurfürsten gesprochen haben, der sich so lange und
insgeheim beim Morgenimbiss mit ihr unterhalten, und als er eintrat, da sahen ihn
beide so sonderbar an.
    Der Kurfürst sprach wieder gar nichts. Da musste er doch wohl anfangen, er
hielt es für gute Sitte.
    »Herr Kurfürst, da ich nun Euer Mann bin, so muss ich Euch treu und gewärtig
sein, das versteht sich: aber wenn ich nun anders denke, als Ihr wollt, dafür
kann ich doch nicht.«
    »Denken magst Du, was Du Lust hast.«
    »Aber muss ich Alles raussprechen oder soll ich's verschlucken?«
    »Wenn's Dir zu schwer wird, sprich, aber nur, wenn wir allein sind, wie
jetzt im Walde.«
    »Wie ich mit dem Herrn von Lindenberg ausreiten wollte, das war nicht recht
von mir, das hab' ich auch längst eingesehen. Darum könntet Ihr mich mit Recht
strafen. Aber dass ich bös auf Euch war, da weiss ich doch nicht, ob ich da nicht
Recht hatte. Und wie ich alles das in Spandow erfuhr, ach Gott, da kochte es mir
in der Brust. 'S ist ein Glück, dass Ihr mir nicht schon da im Walde begegnet
seid, das hätte ein Unglück gegeben für Euch oder für mich. Nachher, da ritt ich
mir denn die erste Wut aus.«
    »Es blieb doch noch genug, als wir uns da begegneten, und Du kanntest mich
nicht einmal.«
    »Das war, weil der rote Adler auf Eurer Brust stak.«
    »Hans Jürgen,« sprach Joachim, »eins nimm in Acht. Es ist nicht Befehl, es
ist ein guter Rat. Wenn Du Einem begegnest, den Du nicht kennst, so verschlucke
Deine Gedanken, bis Du ihn kennst.«
    »Aber was ich weiss, muss ich das Alles sagen?« hub der Junker nach einer
Weile wieder an.
    »So Du es für nötig hältst, und dass Du der Treue gegen Deinen Herrn
nachkommst.«
    »Es denken Viele wie ich, Herr.«
    »Ich weiss es.«
    »Und noch schlimmer. Wenn sie Euren Namen nennen« - Hans Jürgen stockte, man
sah ihm an, dass er mit sich selbst kämpfte. - »In Spandow, was ich da hörte. -
Der Tod des Lindenberg hat Euch viele Feinde gemacht, Herr, die schwuren: es
solle Euch nicht ungerächt hingehen.«
    »Beim Weine.«
    »Muss ich ihre Namen nennen?«
    »Nein,« antwortete Joachim nach einigem Besinnen. »Die Gedanken sind eines
Jeden Eigentum. Auch wo sie zu Worten werden, mag der Gefahr sehn, der sich
selbst nicht traut. Ich traue mir. Lass sie frei reden, es ist ihre Art. Ich
kenne sie, ich lese ihre Gedanken, wie ich Deine las. Sie wähnen sich im Recht,
ich bin es auch.« Er schlug sich auf die Brust. »Wohlan, lass sehen, welches
Recht stärker ist. Einer muss herrschen, und Gott und das Geschick gab mir den
Zügel in die Hand. Ich will ihn straff ziehen, wenn es Not tut, aber linde
lassen, wenn - wenn sie nur Worte haben gegen mich.«
    »Herr!« hub Hans Jürgen wieder nach einigem Schweigen an. »Ich an Eurer
Stelle ritte nicht mit so geringem Gefolge in dieser Zeit durch's Land.«
    »Weisst Du von Etwas, das mehr ist, als Worte, dann wäre es Verrat, wenn Du
schweigst.«
    Joachim sah ihn scharf an, während der Junker antwortete. Aber seine Muskeln
spielten ein verächtliches, mitleidiges Lächeln, als Hans Jürgen von einzelnen
verzweifelten Wünschen und ausgestossenen Drohungen Bericht erstattete.
    »Armselige Atemzüge der Ohnmacht! Höre auf. Das können sie, das ist ihre
Kraft, das ihre Lust. Ich will sie ihrer Armut gönnen! Dies Spinngewebe, dies
Wespennest von rohen, hohlen Wünschen vernichte ich mit einem Blick. Ihren
Worten, die mich wie Fledermäuse und Eulen umflattern, wie Krähen und Raben
umächzen, will ich ein Wort entgegensetzen, das, wie der Sonnenstrahl, dies
Gezücht verscheucht. Merke Dir's, Hans Jürgen von Bredow, ich fürchte sie nicht,
aber sie sollen mich fürchten lernen, sie sollen erschrecken und Zähneklappern
fühlen, sie sollen wünschen, dass sie sich verkriechen könnten in der Erde Grund,
wenn ich meine Stimme erhebe, wenn ich mich ihnen zeige, nicht wenn ich vor
ihnen scheine, wie ich bin. Nun genug. Verdirb mir nicht die reine Morgenluft.«
    Es war ein schöner Morgen geworden, die Sonne hatte die Nebel besiegt, und
strahlte sogar schon warm durch die Kieferwipfel, als sie auf einer Höhe still
hielten.
    »Bis hier gabst Du mir das Geleit,« sprach der Fürst. »Kehre zurück, rede
mit den Deinen und morgen erwarte ich Dich im Schloss an der Spree. Heut bist Du
noch ein Freier, Hans Jürgen, morgen mein Mann. Hast Du noch was auf dem Herzen,
was Du als Freier sagen willst, so sprich es aus.«
    »Die Eva hat gewiss geplaudert, Durchlaucht?«
    »Das Fräulein Eva Bredow steht unter meinem besonderen Schutz, das merke
Dir. Ich werde seiner Zeit sorgen, dass die brave Jungfrau einen guten Mann
bekommt, wie sie verdient. Den will ich ihr zuziehen. Du aber, mein Dienstmann,
der noch viel tun muss, um die Sporen sich zu verdienen, darfst sie nicht anders
als mit Ehrfurcht ansehen.«
    Die Eva mit Ehrfurcht ansehen, das kam Hans Jürgen kurios vor. Aber der
Fürst schien zu erwarten, dass er etwas erbitten solle. Für sich? Er war ja nun
des Fürsten Mann. Für seine Pflegemutter? Die sorgte für sich selbst. Aber sein
Pflegevater, Herr Gottfried? Was hatte denn er davon, dass Joachim in seiner Burg
geschlafen, derweil er fort gewesen? Er fing es etwas ungeschickt an, aber
Joachim verstand ihn und sagte freundlich:
    »Meine Gedanken kamen Dir zuvor. Er soll Ehre haben wie der Mann verdient,
der sich freiwillig selbst einer bösen Tat zieh, um die Strafe von einem Andern
abzulenken. Wenn er verschmäht, ein Amt in meiner Nähe anzunehmen, wo ich der
rechtlichen Männer bedarf, denk' ich ihn zum Landtags-Marschall von den nächsten
Ständen wählen zu lassen. Er ist nicht immer meiner Meinung, aber er liebt die
Ordnung.«
    Hans Jürgen war schon weit zurück, von wunderbaren Dingen geschaukelt, als
dem Fürsten und seinen Begleitern ein lediges Pferd in den Weg kam, das ihnen
entgegen wieherte, gleichwie sich freuend, Gesellschaft in der Einsamkeit zu
finden. Als es sie begrüsst, ging es wieder an sein Geschäft und grasete.
    »Das bedeutet ja wohl Unglück!«
    »Nur einen abgeworfenen Reiter,« entgegnete der Holzendorf. »Das Pferd ist
fromm. Es hat ihn wohl nicht abgeworfen, der Reiter mag darauf eingeschlafen
sein.«
    An einem sonnigen Abhang fanden sie ihn wirklich. Er lag sanft gebettet im
weichen Sande und der Friede der Natur ruhte auf dem vollen freundlichen
Gesichte. Die Augen fest zu, schien er doch zu lauschen auf die Lieder, welche
die Kieferwipfel über ihm rauschten, und die Gedanken des Schlafenden schienen
Versteck zu spielen mit der Sonne, welche durch die Zweige ihn jetzt anblinkte
und jetzt wieder verschwand.
    »Seht ob der Mann nicht zu Schaden gekommen,« sagte Joachim.
    Ein tiefer Ton zwischen Schnarchen und Gähnen, der aus der vollen Brust sich
arbeitete, gab eine beruhigende Antwort. Er drehte den Kopf um, weil die Sonne
ihn belästigte, und wie er den Arm behaglich von sich streckte, ward Jener inne,
wie wohl dem Manne war, der auf dem Sande lag.
    »Es scheint ein guter Mann zu sein.«
    »Hilf Himmel, so mich mein Aug' nicht trügt,« entgegnete der von Holzendorf,
»ist's unser Wirt, Herr Gottfried von Ziatz. Freilich, das sind ja seine
Elennshosen.«
    Joachim hatte selten in seinem Leben gelächelt. Als aber der Ritter fragte,
ob er den Mann wecken sollte, verzog sich sein Mund, da er den Kopf schüttelte:
    »Er schläft so süss! Was ich ihm sagen und bieten könnte, wäre doch nicht
besser als seine Träume.«
    »Aber sein Pferd ihm fangen, dass er es hat, wenn er aufwacht, wäre doch
Christenpflicht,« meinte der Andere.
    Das Pferd kam von selbst, als würde ihm die Zeit lang, ob sein Herr noch
nicht aufwachte.
    Lächelnd ritten sie fort. Der Kurfürst wies auf einen Mann, der mit einem
leeren Wagen des Weges kam. Dem wollten sie die Sorge für den Schlafenden
anempfehlen.
    »Fort, Katze!« sprach Herr Gottfried, als das Pferd ihn anschnupperte, und
gab ihm einen sanften Schlag mit der Hand. Ob das Ross wohl auch sah, dass Herr
Gottfried lachte?
    Wie rauschte es in den Bäumen über ihm, wie knisterten die Kiefernadeln
unter ihm, wie dufteten ihm die Heidelbeersträucher, die für keinen Wachenden
einen Duft geben; wie schlürften seine ausgestreckten Glieder die
Sonnenstrahlen, die immer wärmer wurden. Er sah durch die geschlossenen Augen
die Ameisen, die auf seinen Beinen vergebens mit Schaufeln und Rüsseln durch die
Elennshaut zu dringen versuchten. Herr Gottfried träumte einen süssen Traum; ich
will ihn nicht verraten.
    Als er die Augen aufschlug, sass neben ihm Einer, der sich's auch behaglich
gemacht.
    »Kaspar, was machst Du da?« fragte er.
    »Ich esse.«
    Das war kein Traum mehr. Kaspar schnitt sich mit seinem Zulegemesser
Scheiben vom Rettig, vom Käse und vom Brod. Aber neben ihm lag ein aufgemachter
Kober mit Würsten.
    »Kaspar! Du hast ja auch Wurst da?«
    »Ja, Herr.«
    »Kaspar, ist's Essenszeit?«
    »Je nachdem, Herr. Wen hungert, der isst, wen schläfert, der schläft.«
    Das war die Frage. Herr Gottfried hätte wohl gern noch geschlafen, aber da
stand doch die Sonne vor ihm und sah ihn so gross an, wie seine Frau, wenn sie im
Recht war und er im Unrecht, und das Pferd scharrte mit den Füssen und wieherte,
und die Würste dufteten ganz anders, als vorhin die Haidekräuter.
    »Kaspar, wie lange habe ich geschlafen?«
    »Das weiss ich nicht, Herr.«
    Der Herr rieb sich die Augen und schob sich unvermerkt dem Kober mit den
Würsten näher.
    »Wo kommst Du denn her, Kaspar?«
    »Die Frau schickt mich. Sollte Euch die Würste bringen. In Berlin wart Ihr
nicht mehr. Ist auch hier 'ne schöne Gegend.«
    »Da hast Du Recht«, sagte Herr Gottfried und griff nach der Wurst. Und als
er die zweite zur Hälfte verzehrt, entsann er sich, dass er seit gestern Mittag
nichts gegessen. Wer aber einmal den Erinnerungen die Pforte aufschloss, auf den
stürmen sie los; es wird ihm schwer, die Tür wieder zu schliessen. Als er die
dritte gegessen, wie Vieles hatte er sich da entsonnen!
    »Ich glaube, ich hab' die Nacht hier gelegen, Kaspar!«
    »Das kommt wohl so,« sagte der Knecht. »War 'ne schöne Nacht, die Sterne
schienen.«
    »Ja, ich habe gefroren. Hat Dir die Frau nicht auch 'nen Morgentrunk
mitgegeben?«
    »Aber 'ne Gans, 'ne Martinsgans; ist hier im andern Kober.«
    »Gieb her. Ist auch 'ne schöne Gegend hier, Du hast Recht.«
    Herr Gottfried machte die Bemerkung, dass die Martinigans sauer sei, der
Knecht aber sagte, es wäre Manches im Leben sauer.
    Da hatte sich Herr Gottfried wieder auf seinen Ellenbogen gelehnt und sah
die Sonne an, das Fliess im Grunde und die Kiefern und Büsche, in denen der Wind
sich wiegte, und dachte etwas. Wenn Herr Gottfried etwas dachte, nämlich wenn er
vorher getrunken hatte, dann ward dem Knecht Kaspar immer bang zu Mute. Um was
mehr, als Herr Gottfried plötzlich ausrief:
    »In dem Fliess sind sie gewaschen worden.«
    Kaspar war schnell auf den Beinen und die linke Hand unwillkürlich auf dem
Rücken. Diesmal hätte es wohl sein Rücken allein aushalten müssen, denn wer
denkt jedesmal, wenn er von Berlin nach Hohen-Ziatz fährt, dass er einen
Friesrock unter die Jacke stopfen muss; aber das ist das Dämonische bei den
Prügeln wie bei den Schlägen des Schicksals, dass sie in der Regel dann kommen,
wenn man sich ihrer am wenigsten versieht. So kam es auch hier, nur umgekehrt.
Der treue Knecht krümmte schon den Rücken, um sich in die rechte Lage zu
bringen, aber der Herr rührte seinen Arm nicht, vielmehr liess er die Backe immer
tiefer in die Hand sinken, als er in einem Tone sprach, über den der Knecht sich
verwunderte:
    »Siehst dDu, Kaspar, wenn sie nicht gewaschen hätte, dann wär all das nicht
gekommen.«
    »Dann wär das nicht gekommen, Herr!«
    »Und was ist nicht alles d'raus entstanden.«
    »Und noch viel mehr.«
    »'S ist ein gut Weib, Kaspar!«
    »Und was für eins!«
    »Wenn sie nur nicht Alles müsste waschen wollen. Weiss auch gar nicht, wo sie
das her hat.«
    »Die Liese aus Gütergotz, 's muss ihr angetan sein.«
    »Und grade meine Hosen! Mein Vetter Baltasar auf Wagnitz sagte auch gleich:
Die sehn ja wie neu aus. - Ganz wie neu. - Als sie mich abholten, da war's ihnen
schon angetan.«
    »Angetan -«
    »Und der Hedderich hat sie auch an seinem Leib gehabt.«
    »Dass sie den nicht auch gehängt haben!«
    »Und die Schrift musste ich unterschreiben. Die in Landin sagten, da müsste
mich ja der Teufel geplagt haben.«
    »Das war auch der Teufel, Herr!«
    »Will sie auch nimmer von mir tun.«
    »So ist's recht, Herr.«
    »Der kluge Schäfer in Spandow hat mir gesagt, mit der Zeit zieht sich's und
schiebt sich wieder zurück.«
    »Ist mit dem Leder wie mit dem Menschen, Herr. Jung zieht man's, alt
schrumpft's ein. Aber 's gibt schon unterschiedlich Leder.«
    »Kaspar, dem sieht's doch Keiner nicht mehr an, dass es im Wasser war.«
    »Keine Seele, Herr.«
    »Und seit dem -«
    »Haben sie Euch mit sechs Trompeten rausgeblasen; ich hört's in Berlin. Das
hat Euch Manchermann beneidet.«
    »Und die Vettern erst; das hättest Du mal sehen sollen!«
    »Haben ein Tractement losgelassen. Nicht wahr?«
    Herr Gottfried schmunzelte: »Das ging aus einem Haus in's andere. Weiss doch
wirklich nicht, wo ich zuletzt gewesen bin. Was sagt denn die Brigitte zu?«
    »I nu, was wird sie sagen. 'Ne Stiege Gänse haben in den Rauchfang gehängt.
Die Agnes haben wir nach Spandow gebracht.«
    »Die Agnes, ach das liebe Kind!«
    »Die wird fromm werden. Nu schlachten wir auch bald die Schweine.«
    »Bin doch kurios zu wissen, wie's daheim geht.« Damit war Herr Götz
aufgestanden, und der eine Fuss sass schon im Steigbügel. »Wie lange bin ich denn
eigentlich fort, Kaspar?«
    »In einer Stunde sind wir zu Haus, Herr!«
    »In einer Stunde, kurios!« sagte Herr Gottfried, und sass nun ganz im Sattel.
»Viele Stunden, die machen einen Tag, und viele Tage einen Monat, und viele
Monate ein Jahr, und was machen nun viele Jahre! 'S ist doch kurios, Kaspar,
wenn man so das denkt. Manchmal ist mir doch, als wären viele Jahre nur wie eine
Stunde, und dann ist mir wieder, als wäre eine Stunde wie viele Jahre.«
    Dem treuen Knecht war recht bang zu Mute, als sie so neben einander, der
Herr ritt und er kutschirte. Dass der Herr ihn nicht geprügelt hatte, das war
schon sonderbar. Und jetzt ritt er so versenkt in sich und dachte, und dachte
laut. Der Knecht dachte, ach wenn's mit dem guten Herrn zu Ende ginge!
    Da sah Herr Gottfried plötzlich seine Handschuhe an und steckte den Daumen
in den Mund und schüttelte den Kopf: »Kaspar, Kaspar! mir fällt was ein.«
    »Das auch noch! da ist's richtig.« Kaspar wischte sich das Auge.
    »'S ist richtig! Kaspar, 's kommt schlimme Zeit.«
    »I, warum nicht gar! Die Kraniche flogen ja über unser Haus.«
    »Krieg, Aufstand gibt's, sie rüsten, ich muss mit. Ach, nu kommt das Alles
raus. - Wo waren wir doch die letzte Nacht? - Richtig, richtig! Die blanken
Schwerter kreuzweis über den Bechern. Der Todtenkopf auf dem Tisch. Der Köpkin
hielt meinen Arm, als ich schwor. Der Wulf, der konnte nicht mehr stehen, da biss
er in den Handschuh, dass er sich's entsänne, wenn er aufwachte. Ich biss auch. -
Ja ja, 's ist Alles so.«
    »Hab auch von gehört, sie sind wolfstoll um den Lindenberg. - Ihr müsst also
auch mit, wenn's losgeht?«
    »Mit!«
    »Der Kurfürst ist ein starker Herr. Wer ihn anbellt, den beisst er.«
    »Sie werden auch beissen.« Die kriegerischen Gedanken schienen sich in dem
Ritter zu sammeln.
    »Unter Wölfen muss man mit heulen. Na, vielleicht kommt's nicht dazu.«
    Der Ritter stützte das Kinn mit der Hand: »Vielleicht! Wollen ihn beim
Freigericht verklagen, dass er einen Edelmann darum - Wenn das es auf sich nimmt
- sonst, sonst Kaspar, da werden wir die Knochen rühren müssen, da wird's Ernst
werden. Alle Heiligen, da dürfen wir nicht mehr schlafen. Kaspar, verstehst Du
mich; das dürfen wir der Frau nicht sagen.«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel.
                               Jochimken hüte Di!
»Ich stach in ein Wespennest. Ich weiss es. Heran! Hier ist mein Arm, hier meine
Brust, mein Gesicht ist frei. Ich will ihnen auch in's Gesicht sehen. Warum
haben sie nicht den Mut! Was schwirrt es wie Käfer in der dunstigen Luft! Ihre
Väter haben es doch gewagt, es galt eine grosse Frage. Gott entschied für meine
Väter. Warum geht ihnen der Atem ihrer störrigen Vorfahren aus? Es muss
schlechter um ihr Bewusstsein stehen als um ihr Recht.«
    So sprach der Kurfürst und ging mit hastigen Schritten auf und ab. Er war
allein; der Kammerdiener, der die Lichter angezündet, eilte, dass er wieder
hinauskam. Der Fürst liebte Niemand um sich in dieser Stunde.
    Aber noch eben hatten die Bürgermeister der beiden Städte und einige
Ratsherrn im Zimmer gestanden.
    »Auch diese Bürgerherren, ich will es glauben, sie lieben mich; ich tat
ihnen ja noch nichts, wie meine Vorfahren, aber warum denn nicht heraus mit der
Sprache! Warum diese dunkeln, Ungewissen, scheuen Andeutungen? Fahre ich mit
einer Frage, einem Wort, einem Blick drein, stäubt's auseinander wie der Rauch
vor'm Winde, und erstarrte Ehrfurcht zittert vor mir, der das Wort im Munde
gefror; sie wissen nichts.«
    - »Wenn sie auch wüssten, der Mut ging ihnen aus. - Auch für ihren Fürsten,
weil er gegen ihn ausgegangen? Haben so die trägen Jahre gezehrt, hat so das
Fett sie eingeschüchtert. Allmächtiger Gott, ich weiss es ja, dass ich eine grosse
Sendung übernahm, dieses verwüstete Land zu sittigen, dass ich tief einschneiden
muss in das Fleisch, Wunden gibt es. Hat die alte Wüsteit ein Recht für sich,
warum tritt sie nicht auf, warum fischt sie nicht offen, Mann gegen Mann mir
gegenüber. Ich liebe einen tüchtigen Widerstand, der meine eigene Kraft stählt,
einen grossen, ehrlichen, offenen Kampf, wo Gott entscheidet. Wenn sie siegten -«
    Er schwieg bei sich. Ob er sich doch nicht zutraute, wenn sie siegten, dem
Gottesurteil sich zu unterwerfen! Auch der Tapferste liebt es nicht besiegt zu
werden.
    »Und auch das noch!« rief er, das fürstliche Siegel, das sein Wappen
entielt, auf einem Schreiben erbrechend, welches der Fourier hereingebracht.
Der Brief war von seinem Oheim, dem Markgrafen Friedrich dem Aelteren von
Baireut.
    »Wieder Warnungen, Anmahnungen! - Ein Graf von Giech! - Herr Graf von Giech,
Euren alten Adel, Euer schönes Stammschloss auf den fränkischen Bergen in Ehren,
in Ehren auch den Botschafterposten meines erlauchten Ohms, aber ich werde mit
Euch märkisch reden. Wenn mein Ohm, Euer Herr, als ich bei meines Vaters Tode
ein Knabe war, mich für verständig genug hielt, dass ich das Regiment auch ohne
Vormund führe, so erwägt, dass ich durch Jahre und Erfahrung älter ward und
keinen Hofmeister aus der Fremde bedarf. - Er mag kommen, der Herr Graf von
Giech!«
    Der Fürst warf das Schreiben auf den Tisch und sich in den Sessel. Seine
Augen flogen durch das Dunkel des gewölbten Zimmers.
    »Wer hat mich angeklagt? Wer rief nach Franken um Hülfe? Der Brief ist
stumm. Und wenn ich den Herrn Grafen fragen werde, wird er wie die Bürger
antworten: Man sagt, man meint. O diese namenlosen Angeber, diese dunkle Macht
des Gerichtes, diese Fledermäuse in dunstigen Gewölben! Alle sind es, aber
Keiner. Sie grollen Alle, aber wen ich ansehe, warum zeigt mir denn Keiner die
Zähne? - Warum verziehn sich die Runzeln in ein freundliches Grinsen, warum
überstottern sie sich in Ehrfurchtsbeteuerungen! Es ist ja möglich, dass ich
irrte, ich bin ein Mensch, jung; möglich, dass ich zu rasch gehandelt, mich
hinreissen liess - wenn sie Mut hätten, wenn ihre Sache gut wäre wie meine, warum
ist denn nicht ein Einziger, der es wagt, mir vor die Stirn zu treten, der es
ausspricht? Ich könnte zürnen, auffahren, strafen. Nun, wagt das Keiner um eine
gute Sache! Wagt Keiner, sich selbst zu opfern, um was ihm heilig ist? - Ich
will mit ihnen fertig werden, mit ihnen allen, ich allein!«
    Im Zimmer verbreitete der grosse schwarze, mit vielen künstlichen Figuren
ausgelegte Ofen eine dunstende Wärme. Joachim riss das Fenster auf, um frische
Luft zu schöpfen. Es kam auch da nichts Frisches herein. Ein Dampf lagerte über
der Stadt, die Spree floss träg zu Füssen der Mauern, kaum dass ein Paar Sterne
sich matt in ihrem schwarzen Wasser spiegelten. Wenige gingen über die Brücke.
Nur drüben an dem sumpfigen Ufer hielt ein Mann mit zwei Reitpferden. Ein
Anderer, in einen Mantel verhüllt, einen Federhut auf dem Kopf, sprach mit ihm.
Dann schritt dieser über die Brücke nach dem Schloss zu; nach einer Weile
folgte ihm der Mann mit den beiden Pferden. Es schien dem Fürsten, als wenn er
die Tiere vorsichtiger führte, als es sonst Art ist.
    Der Anhauch der Luft hatte sein Blut nicht erfrischt, als Joachim sich
wieder an den Schreibtisch setzte. Er las, er schrieb, aber seine Gedanken
flogen abwärts. Er dachte an seinen Oheim Friedrich, dessen Schreiben vor ihm
lag. Wie glücklich war der in seinem glücklichen Oberlande, in den grünen
Bergen, wo die muntern Bäche plätschern, die Tannen an den Abhängen rauschen,
die Morgensonne die schönen Schlösser auf den Höhen anglüht. »Ach wären wir dort
geblieben! Welche saure Arbeit wäre uns erspart!« - »Aber auch eine ehrenvolle
Arbeit minder,« antwortete er sich und langte wieder aus dem Pult das Testament
des Vaters. Er las es, und las es. »Ich arbeite ja nur in Deinem Dienst, auf
Deinen Befehl.«
    Das Pergament war wieder verschlossen und Joachim schrieb und blätterte in
den Schriften vor ihm, bis die dunkeln Gedanken abermals ihn zu übermannen
schienen. Er legte die Feder weg und seinen Kopf in die Lehne.
    »Und gerade zum heiligen Weihnachtsfest! Ich hatte mich nimmer so gesehnt,
es in stiller Weihe zu begehen, als dieses Jahr, um mich würdig vorzubereiten
auf das grosse Werk in Frankfurt. Wenn nach Neujahr der Abt, mein Freund, wie er
versprochen, kommt -«
    Er hielt sich das Gesicht mit beiden Händen:
    »Mein Freund! - Wer ist denn mein Freund! Der ist ein Freund meines Wissens,
meines Strebens, der der Ehren, die ich ihm zuwende, der ein Hund an der Kette,
der wedelt mich an aus Furcht, dass ich ihn schlage. - Ich habe keinen Freund! -
Lindenberg, dein Tod ist gerächt. So schnell hast du Recht gewonnen. Ein Fürst,
der Niemand mehr traut als sich, ist dem Gesindel anheimgefallen, sprachst du. -
Ich traue ja Niemand mehr - sie Alle schleichen, Alle nur der Widerhall meiner
Worte. Und wenn sie stumm sind, auf welchen langen Leichenzug verbrecherischer
Gedanken muss ich lauschen! - Du klagst mich an. Hörst du auch meine Klage. -
Aber ich hätte milder sein können gegen mich, ich hätte mich selbst täuschen
sollen, dass mir die süsse Melodie deiner Worte länger vor den Ohren klänge! Deine
Tat hätte ich gut machen können, nur um dich mir zu retten. Du warst ja nicht
mehr gefährlich. Die Spieluhr, die mir vor den Ohren summt, belügt mich ja
nicht. Sie singt, wie ich sie stimmte. Und ist es denn ein Verbrechen, einer
Lüge horchen, die uns nicht mehr täuschen kann? Sind sie immer Gift? Vielleicht
wohltätiges Gift, Balsam auf verharschende Wunden, die unter der rauhen Hand
der Wahrheit wieder aufgehen und von Neuem bluten. Allmächtiger Gott, was ist
die Wahrheit, nach der wir ringen?«
    Er schauderte zusammen: »Wenn ich ihnen allen in's Herz schaute, ihre
Gedanken vor mir lägen wie ein offenes Buch! - Bewahre mich der Herr vor dem
Entsetzlichen. Wir hätten in diesem unruhevollen Leben keinen ruhigen
Augenblick. Geharnischt müsste ich mich auf mein Lager werfen, und wenn ich
aufspränge, das Richtschwert zücken! Wohltätiger Nebel, den er über unsre Augen
goss, nur so viel Licht uns schenkend, als wir ertragen mögen! Ja was die Sterne
uns vertrauen, das ist wahr. Darin zu lesen vergönnte er aber nur Wenigen und
Weniges. Das andere ist Spiel! Ich hasste das Spiel, und doch - ich wollte, dass
es mehr Spiel gäbe, mehr süsse liebliche Täuschung, nur auf Augenblicke die
Wirklichkeit zu vergessen.«
    Die ungeputzten Kerzen brannten nur dunkel. Es war todtenstill. Von den
Türmen schlug es Mitternacht. Der Fürst lag zurückgelehnt in seinem Stuhle.
    »Es ist zu spät, es ist geschehen,« murmelten seine Lippen sein Auge schloss
sich, aber vor dem inneren traten die Gestalten auf, die ihn allnächtlich
heimsuchten. Seine Brust bebte, sein Arm hob sich etwas, die Hand presste sich
krampfhaft zusammen. Er sah den Geist des Ritters, die Wendeltreppe kam er
herauf, er schritt durch den langen Gang. »Warum, warum immer mit den hohlen
Augen, Lindenberg! Klagst du die Raben an oder mich? Dein Auge war so glänzend.
Ich riss es dir ja nicht aus. Was schleichst du wie auf Diebessohlen! Was stehst
du an der Tür?«
    Die Erscheinung verschwand nicht. Es war ein etwas Mehr als die Vision, die
aufgeregten Sinne wurden tätig. Er hob sich, auf die Armlehne gestützt, wie ein
Lauschender. Plötzlich ein Schrei, er sprang auf:
    »Maria Joseph, was ist das?«
    Joachim riss die Augen auf. Er hörte deutlich einen streichenden Ton an der
Tür, ein Kratzen; dann ein Fall, wie ein leichter Körper auf den Fliesen des
Bodens; dann Tritte, wie eines hastig Forteilenden. Er wollte nach der
Klingelschnur greifen, das wäre zu spät worden. Den Armleuchter ergreifend,
stürzte er nach der Tür und riss sie auf. Am Ende des langen Corridors
verschwand die dunkle Gestalt. »Mörder!« wollte der Fürst rufen, die Stimme
versagte ihm. - Das Licht der Kerzen beleuchtete etwas Weisses an der
Nussbaumtür. Die Kreide, mit der die Schrift geschrieben, lag am Boden. An der
Türe standen die Worte:
Joachimken! Joachimken hüte Di!
Kriegen wi Di, so hangen wi Di!
    Unten stampfte ein Ross. Hufschlag durch das Portal. Er stürzte in das Zimmer
zurück an's Fenster. Ueber die lange Brücke sprengten zwei Reiter. Von drüben
kam eine fröhliche Gesellschaft von einem Schmause zurück. Bei dem Schein der
Fackeln konnte er die Umrisse der einen Gestalt erkennen. Die Reiter mussten
grosse Eil haben. So preschten sie durch die Gäste. Er hörte ihre Hufschläge
klappern, die Oderberger Gasse entlang.
    Wenn der Kurfürst jetzt, da er nach der Schnur zur grossen Glocke eilte, in
den Spiegel gesehen, an dem er vorüberging, hätte er auch vor einem Gespenst
erschrecken mögen. Ein so blasses Gesicht sah ihn mit starren Augen aus dem
Glase an. Als die Glocke stürmte, durchschauerte es ihn bang. Seine Miene schien
zu sprechen: »Wen wird sie rufen? Steh ich doch schon vielleicht allein?« - Die
Edelknaben schliefen. Hatte man sogar vergessen die Wächter auf den Gang
auszustellen, - Waren die Tritte, die jetzt den Corridor hastend herankamen,
schon die Tritte der Mörder? Seine Hand griff unwillkürlich an der Rechten nach
dem Dolch, aber schnell liess er die Hand wieder sinken, als schäme er sich der
Bewegung. Er hatte andere Waffen.
    Die Kammerherren, die hereinstürzten, erschraken, wie er, auf die Stuhllehne
gestützt, da stand und sie anschaute.
    »Wer hatte die Wacht im Schloss?«
    »Der Ritter von Otterstädt.«
    »Wo ist Otterstädt?«
    Was wollte der Fürst mit dem strengen, irren Blicke? Als verlange er die
Antwort nicht mehr, machte er eine abwehrende Bewegung, welche sie gehen hiess.
    Der Geheimrat von Schlieben ward angemeldet. Zählte der Fürst auch dessen
graue Haare? forschte er, ob der Verrat darunter verborgen sei? Er sass, wie
erschöpft im Armstuhl, und sein strenger Blick hiess den alten Diener an der
Schwelle weilen.
    »Durchlauchtigster Herr, ich komme zur ungewohnten Zeit -«
    »Aber Du findest mich wach. Das werden sie Alle, sag's ihnen.«
    »So wüsste mein gnädigster Herr schon -«
    »Otterstädt ist ausgestrichen, wie aus meinen Diensten, aus dem Buche meiner
Gnade. Man soll ihn fahnden, wo man ihn trifft. Man setze ihm nach auf der
Stelle! Ich will ihn finden, wo er sich verberge, einen Preis auf seinen Kopf!
Ich sage Euch, er soll es büssen, schwer, furchtbar, entsetzlich. Joachim lässt
nicht mit sich spielen. Wehe dem, der sich erdreistet, mich für einen Knaben zu
halten.«
    »Wie, mein gnädigster Herr, was ich eben erst -«
    »Zauderst Du? Gehörst Du auch zu ihnen? - Ja, Du zitterst.«
    »Den Otterstädt holen wir nicht mehr ein. Er flieht mit unterlegten Rossen
nach der Lausitz zu seinen Verwandten, den Minckwitzen.«
    »Die Rosse bestelltest Du ihm. - O, auch ich kann Verwunderung heucheln. Wer
noch! Ich frage lieber: wer nicht? Deine Hände auf! Sind sie nicht auch weiss von
Kreide?«
    »Ich stehe hier und spreche, weil es meine Pflicht ist, weil mein Schwur,
als meines Kurfürsten Diener es mir gebietet. Erst in dieser Stunde ward ich von
den schweren Dingen unterrichtet. Missvergnügte hatten eine Anklage versucht
gegen Euer kurfürstliche Durchlaucht, was ich ein Erfrechen nenne, bei dem
Freigericht. Die Sache blieb geheim bis diesen Abend, wo der Jähzorn Einiger der
Missvergnügten über den Fehlschlag ihrer Hoffnung sie zu tollen, gefährlichen
Reden verführte, die mir von Getreuen hinterbracht sind.«
    »Das Freigericht will mich nicht richten?«
    »Es soll sich erklärt haben für nicht competent.«
    Joachim lachte hässlich auf: »Ich will mich für competent erklären zu
richten, wen und wer es sei, der in meinen Landen ein ander Gericht anruft, das
nicht von mir Macht und Vollmacht erhielt; Jeder und männiglich und das Gericht
auch, wie es heisst und was es sei, das nicht vom Kaiser selbst Vollmacht und
Freibrief hat. - Wollen sie mich nicht auch bei Kaiser und Reich verklagen?«
    »Ich kenne nicht die Absichten der Missvergnügten.«
    »Aber sie selbst. Wer sind die Missvergnügten? Nenne sie.«
    Der Geheimrat zuckte die Achseln.
    »Und das Deine Pflicht, das Dein Schwur! Damit soll ich zufrieden sein!«
Joachim war aufgesprungen.
    »Lindenberg's Hinrichtung hat viel Schmerz bereitet.«
    »Ist das Alles? Hier siehst Du Einen, der an diesem Schmerze nagt.«
    »Mehr als Schmerz. Dass ich mich unterstehe es meinem durchlauchtigsten Herrn
zu sagen, Viele haben es missbilligt, sehr missbilligt, die Zahl der Missvergnügten
wurde sehr gross.«
    »Heute erst! Warum wagtest Du nicht früher, es auszusprechen? Der stiehlt
und raubt fast an meiner Seite, die lassen zu, dass ein ehrlicher Mann darum
fälschlich angeklagt wird; der kritzelt mit seiner verruchten,
majestätsverbrecherischen Hand an die Tür meines Schlafgemachs eine
Todesdrohung, und Du, mein erster Rat, geschworen, mir treu zu dienen, erprobst
die Treue, dass Du mir verschweigst, was mir zu wissen vor Allem Not tat.
Verantworte Dich, Herr von Schlieben!«
    »Wenn alle gestraft würden, gnädigster Herr, welche anstehen, ihrem Fürsten
zu berichten, was ihm unangenehm zu hören ist, hätten die Fürsten keinen Hof
mehr, keine Räte und keine Minister.«
    »Und doch, wie bereitwillig seid Ihr Alle, zu hinterbringen, wenn es Dritte
gilt. Welch Gaudium Eurer Seelen, Verdacht auszustreuen, wo Ihr zu ernten hofft.
Nur diesmal Alle einig, weil Jeder die Schuld des Andern trägt und verbirgt.
Dieser Mann ist mir lieb, dieser Otterstädt. Er hat doch was gewagt. Die wüste
Tollheit seines verbrecherischen Hirns brach wie die Flamme, heraus, die sich
nicht mehr zügeln lässt. Wenn sein Kopf auf der Stange steckt, werde ich ihm
zunicken. Ich liebe warmblutige Menschen. Ihr andern seid der stille Brand, der
fortglüht unter der Asche. Man kann nicht überall die Augen, nicht überall Acht
haben, wo er helle Lohe schlägt. Vor mir, da bin ich sicher; aber wer schützt
mich vor Denen hinter meinem Rücken!«
    Der Geheimerat verneigte sich tief; er sprach die Bitte aus, da sein
gnädigster Herr sein Vertrauen von ihm abwende, ihn seiner Dienste zu entlassen,
und einen würdigeren Rat zu wählen.
    Ein böses Lächeln schwebte um Joachims Lippen: »Wo ich hingreife, ist's
derselbe Stoff. Ein Todter sagt's, hörst Du, die Todten lügen nicht. Es lohnt
sich nicht ändern, wo man nicht bessern kann. Du bleibst. Wer ritt mit
Otterstädt?«
    »Man riet auf den und jenen. Bestimmtes weiss Niemand.«
    »Der und jener - man rät - Niemand! - Ich will diesen Niemand finden,
diesen Ratenden ein Rätsel aufgeben. - Wer bezog die Schlosswache?«
    »Konrad Burgsdorf.«
    »Wenn er Brandbriefe an die Mauer schreibt, soll er Handschuhe anziehen. Die
Kreide an seinen Finger könnte ihn verraten.«
    »Mein Gott, was soll daraus werden!« entfuhr es dem von Schlieben. So in
krankhafter Aufregung hatte er seinen Fürsten noch nie gesehen.
    »Nur ein Hochgericht, Schlieben! Wenn meine Mannen und Diener zu verschlafen
sind, einem Verbrecher nachzusehen, wird Gott andere Rächer einem beleidigten
Fürsten erwecken. Es gibt Gerichte auch drüben in Sachsen. Nicht rasten will
ich, noch ruhen, bis Otterstädts Haupt auf einer Stange über dem Tore von
Berlin schwebt. Ich bin's mir, ich bin's einem andern schuldig, der mir lieber
war. Zur Warnung Euch allen, so hoch der Verbrecher stehe, so stark sein Arm
ist, so viele Freunde für ihn sprechen.«
    »Gnädigster Herr! welche entsetzliche Wahnbilder beunruhigen Euer
Durchlaucht. Euer Volk, ich darf es sagen, ist ein gutes und treues Volk, und
wenn unter Eurem Adel Missvergnügte sind -«
    »So sind sie's mit Recht. Nun bist Du auf guter Fährte. Sprich Dich aus,
giess aus den verhaltenen Unmut, so liebe ich's. Klage mich offen, herzhaft an.
Auf dieser Stelle sprach so ein anderer Mann zu mir. Er hielt mich nicht mehr
für ein Kind, als der Tod vor seiner Tür stand. Mann gegen Mann hat er mich
angeklagt, und ich hörte ihm mit Lust zu. Seine Lippen sind nun bleich, sein
Atem ist ihm vergangen, sein Herz ist kalt. Der kann nicht mehr sprechen. Nun
trittst Du für ihn auf, Du setze fort die Rede. Sprich wie ein Anwalt, dessen
Mund, ein Vulkan, Feuer sprüht, zeihe mich der Grausamkeit, der Eigenmacht, des
Leichtsinns, verteidige den Adel gegen Deinen Fürsten, beschwöre aus den
Grüften die unverjährbaren Rechte, die ich brechen, zertreten will, überzeuge
mich von meinem Unrecht. Dir soll kein Haar gekrümmt werden, wenn Du Deinen
Groll in tausend Verwünschungen gegen mich ausschüttest; nein, ich will auf
jedes Deiner Worte lauschen, wie ein Liebender auf das Geflüster seiner
Geliebten.«
    »Herr! allerdurchlauchtigster Kurfürst, mein gnädigster Gebieter, möge die
Zunge erstarren, die sich dessen erfrecht. Ich bin fern davon -«
    Höhnisch lachte der Fürst auf: »Warum stehst Du dann noch da? Geh nach Haus.
'S ist späte Nachtzeit. Sieh in der Kinderstube nach, ob das Deckbett nicht von
den Kleinen gerutscht ist. Die Nacht wird kalt.«
    »Er redet im Fieber,« sagte der Geheimerat, als er das Zimmer verliess. »Man
muss nach dem Leibphysikus senden, dass er in der Nähe des Zimmers wacht.«
    Aber Joachim sandte nicht nach dem Leibphysikus, sondern bald nachdem der
Minister gegangen, stand Hans Jürgen von Bredow in seinem Zimmer und schien auf
einen Auftrag zu harren, während der Fürst an seinem Tische schrieb.
    Die Briefe waren geschrieben, versiegelt und ruhten in der ledernen Tasche
auf der Brust des Edelknappen. Er hatte aufmerksam und ehrerbietig den Aufträgen
des Fürsten zugehört. Da legte Joachim die Hand auf seine Schulter:
    »Du dienst nicht gern?«
    »Ich war frei.«
    »Auch das Dienen,« sprach Joachim, »wird zur Lust, mein ich, wenn man
wirklich frei wird. Davon ein ander Mal, wenn wir uns näher kennen. Aber nicht
wahr, im Grund des Herzens grollst Du mir eigentlich noch?«
    »Wär' ein Schelm, wenn ich lüge.«
    »Mehr wollt ich nicht. Nun reite, Hans Jürgen. Aber eile, dass Du
wiederkommst, denn ich brauche Dich in meiner Nähe.«
    Als er fort war, sah ihm der Fürst nach: »Gebenedeite Himmelskönigin, ein
Fürst ist nicht verloren, der noch einen wirklichen Menschen um sich weiss. Die
Klugen sind alle Verräter, ich will's nun mit - mit dem will ich's versuchen!«
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.
                            Du sollst nicht stehlen.
Es war Nacht in Hohen-Ziatz.
    Die gute Frau von Bredow stand im Dunkel an den Pfosten gelehnt und sah dem
Knecht Kaspar zu, der in der kleinen Burgschmiede glühte, hämmerte und putzte.
Er sah sie nicht, er hörte auch nicht, wie ihr Herz bang schlug, und wie sie in
gedankenlosem Spiel die Finger rieb.
    Es ist was los! flüsterten sie damals, als der Herr von Lindenberg ausritt.
Es ist wieder was los und was schlimmeres! hatten sie heut geflüstert.
    Der guten Frau von Bredow war es noch nie so schlimm ergangen in ihrem
eigenen Hause. Was war in ihren Herrn gefahren die Tage über! Er sah in das Glas
und trank es nicht aus. Er war brummig, wie allezeit, aber wenn die Eva ihm um
den Bart kraute, lachte er nicht, wie, er doch sonst getan. So schön hatte sie
noch nie den Hirsebrei zugerichtet, mit Zimmt und Butter und Zwiebeln, die
dampften. Er griff hinein, er ass und - seufzte. Was hatte ihr Herr zu seufzen?
Wenn er recht brummig gewesen, dann ward er nachher immer freundlich, und war,
wie um den Finger zu wickeln. Und Geheimes, das musste sie ihm nachrühmen,
Geheimes hatte Herr Götz nie vor seiner Frau gehabt.
    Aber er ritt allein in den Wald, und letztin zum Besuch, sie wusste nicht
wo; er sass allein in der Stube, den Kopf im Arm gestützt, und dachte, sie wusste
nicht was. Reiter kamen und sprachen mit ihm unter vier Augen, und er schickte
Kaspar auf Botschaft aus, sie erfuhr nicht wohin.
    Gestern aber waren spät noch Gäste gekommen, als sie auf Besuch ausgewesen.
Reiter, die von einer Jagd im Schloss abgestiegen, hiess es, aber die Leute im
Schloss kannten die wenigsten. Einige hatten sich ganz verhüllt. Dann hatten sie
in der Halle gezecht, wie guter Leute Art ist, aber die Türen waren
verschlossen worden vor dem Gesinde, Kaspar hatte aufgewartet, kein Anderer war
hineingelassen worden. Man hatte Becherklang, dumpfes Flüstern und wilde
Verwünschungen gehört.
    Als Frau Brigitte und ihre Tochter spät nach Hause kehrten, waren die Gäste
schon fort, ihr Herr lag in seinem Bette. Aber es war Schweres zurückgeblieben.
Sind Sorgen nicht schwer? Und ist das keine, wenn eine Hausfrau fühlt, dass sie
nicht mehr allein Herrin im Hause ist, wo sie's zwanzig Jahre gewesen?
    Frau Brigitte wusste schon mehr, als sie wissen sollte. Drüben in Golzow
hatte sie manches munkeln gehört, auf dem Rückweg hatten dem Knecht Ruprecht,
der sie fuhr, die Dohlen und Krähen wunderbare Liedlein in's Ohr gesungen und
als der Wagen in die Lichtung fuhr, hatten sie noch die Gäste ausreiten gesehen;
die gefielen ihr gar nicht. Auch im Dorfkruge sah sie durch's helle Fenster
einige Burschen zechen, und sie sprachen wirre Dinge, solche Bauernburschen, die
ihr Herr vom Pfluge nahm, wo es was galt. Auch mit Andern waren sie wohl
ausgeritten; um ein Handgeld oder auch nicht, die Leute sprachen nicht gern
davon. Aber woher kamen die klingenden Guldenstücke in die Tasche der
Büdnerssöhne?
    Der Kaspar sang, als er den Helmsturz auf dem Ambos festklopfte, ein
Spottlied, was sie damals sangen auf Herzog Hans von Sagan, der landflüchtig war
und kaum in der Mark ein Unterkommen gefunden:
Wer bürgerlichen Krieg anstift,
Denselben das Unglück wieder trifft,
Und muss das Sein mit dem Rücken ansehn,
Wie Herzog Hansen ist geschehen.
    »Was singst Du für ein hässlich Gassenlied, Kaspar?« sprach die gnädige Frau.
    Er erschrak etwas, aber nicht sehr: »Einer stimmt an, der Andere singt nach,
Gestrenge.«
    »Wer muss Alles nachplärren, was die Gassenjungen vorsingen! - Hat's solche
Eil', Kaspar?«
    Der Knecht sah sie seitwärts an und nickte.
    »Morgen schon, Kaspar?«
    Er bedachte sich und nickte wieder.
    »Kaspar, Du bist ein treuer Knecht; aber ein treuer Knecht muss Alles tun,
dass sein Herr nicht zu Schaden kommt.«
    »Ein Knecht muss tun, was sein Herr will.«
    »Wenn der Herr aber -« sie hielt inne. »Der Herr ist anders worden, als er
war.«
    Er nickte.
    »Wenn's nun zum Schlimmen ginge, wenn er auf schlimme Leute gehört hätte,
wenn sie ihn wieder fingen! Kaspar, was würde aus Dir, was würde aus uns Allen!
Das Liedlein vom Herzog Hansen, wenn sie's nun auf uns sängen?«
    Der Knecht legte den Helm weg und nahm ein Schulterstück, aber das legte er
auch weg. Es ging auch in ihm was vor: »Gestrenge, es ist schon wahr, aber wir
ändern's nicht, es muss sein.«
    »Warum muss es denn sein? Kaspar, Du weisst was.«
    »Ja, Gestrenge.«
    »Dass es gegen den Kurfürsten losgeht, das darfst Du nicht sagen?«
    »Nein, eben das darf ich nicht sagen.«
    »Auch nicht, dass mein Herr bei ist?«
    »Auch nicht, dass er sich versprochen hat und nun nicht los kann.«
    »Kaspar! 'S wird nicht, wie damals. Damals war er unschuldig wie ein Lamm im
Mutterleib. Kaspar, wer ihn abhalten täte, der verdiente sich einen
Gotteslohn.«
    Kaspar fuhr mit dem Eisen in die Kohlen, dass die Funken umher flogen.
    »Ach, Gestrenge, das ist's eben. Der Brei ist zu weit eingerührt, nun muss er
über's Feuer. Was mussten wir ihn auch allein in's Havelland reiten lassen -«
    Die gute Frau zupfte ihn am Hemdsärmel: »Kaspar, wir ziehen ihn wohl noch
raus.«
    »Der Stier rennt gradaus, wenn er 'nen Schlag hat.«
    »Du und ich?«
    »Ich nicht, Gestrenge.«
    »Ein bisschen wirst Du mir schon helfen.«
    »Nein! Bin ihm geschworen.«
    »Kaspar! 'S ist gottlos, mein' ich, gegen den Landesherrn; aber wenn's geht,
i nu, da drückt Gott schon ein Auge zu. 'S ist ja der liebe Gott.«
    Der Knecht schüttelte den Kopf: »'S wird gehen wie dazumalen. Er ist
stärker.«
    »Da muss er in den Turm, und aus dem Turm - Unser Haus reissen sie niede,
oder schiessen's nieder, und wir, wir müssen in's Elend, die Eva und ich.«
    Kaspar wischte sich mit dem Aermel über das Auge: »Ich werd's nicht mit
ansehen. Wenn sie die Herren köpfen, hängen sie die Knechte.«
    Er ging wieder an die Arbeit, als wollte er die Gedanken fortämmern. Aber
Frau Brigitten kamen unter den Hammerschlägen Gedanken.
    »Du bist ein guter und treuer Knecht,« sprach sie. »An Deiner Stelle tät
ich auch wie Du. Aber ich bin seine Frau, ich muss für ihn sorgen, dazu sind wir
am Altar geschworen, dass einer das Unglück vom Andern abwendet. Aber was Du
weisst, das musst Du mir sagen, ich bin Deine Frau und kann's Dir befehlen;
nämlich, was er Dir nicht verboten hat. Und was Du denkst, damit musst Du auch
nicht hinterm Berge halten, wenn ich Dich frage, denn ein Knecht darf nur für
seine Herrschaft denken.«
    »Freilich,« sagte der Knecht Kaspar.
    »Morgen früh schon reitet er aus?«
    Der Knecht sah sie zweifelhaft an: »Das weiss ich nicht, ob ich das sagen
darf.«
    »Darum frag ich Dich auch nicht. Aber das musst Du mir sagen: Bleibt mein
Herr morgen daheim?«
    »Ja das hat er mir nicht verboten. Nein er bleibt nicht daheim.«
    »Und kommt auch morgen und übermorgen nicht zurück?«
    »Das weiss Keiner, wenn er zurückkehrt.«
    »Nimmt Dich mit, und den Wenzel, und aus dem Dorf den Jürgen, den Stephan,
den Hans und die beiden Zwillinge?«
    »Nun, so Ihr das wisst, Gestrenge, da braucht Ihr mich ja nicht zu fragen.«
    »Und in der Rüstkammer hängen schon die Eisenhemden, Koller, Schirme,
Hauben, die Spiesse und Aexte, die Ihr anziehen werdet.«
    »Das wisst Ihr also auch?«
    »Was dächtest Du nun, Kaspar, wenn ich den Ruprecht und noch ein paar gute
Bursche nähme, und liesse die ganze Rüstkammer raustragen ganz sacht, dass es
Keiner merkt, und die Rosse aus dem Stall ziehen; wir packten Alles was scharf
ist und von Eisen auf die Leiterwagen, und damit führen wir in der Nacht nach
Golzow. Die Rochow's sind mir gut. Heuer wollen sie nicht mit. Bis er aufwachte,
wären wir längst über alle Berge, und dann könnte er doch nicht ausreiten. Du
sollst nicht dabei sein, Du sollst nur sagen, was Du dazu denkst.«
    »Straf mich Gott, Gestrenge, da müsst ich ja dabei sein. Wenn ich's merken
täte, da sprüng' ich auf den Hof, und bis Ihr nur halb fertig wär't mit
Aufpacken, riss ich das Fallgitter nieder und schrie aus Leibeskräften, bis er
aufwachen täte.«
    »Schreien würdest Du? Dann müssten wir Dich also knebeln.«
    »Würde mich aber verflucht wehren.«
    »Dann müsste man Dich einsperren.«
    »Ich schriee durch; 's ist ja für meinen Herrn.«
    »Nun, wenn's hier unten wäre in der Schmiede, da könntest Du Dir die Lunge
ausschreien, bis er's hörte.«
    »'S hülfe Euch auch nichts, Gestrenge! Er hat sich in den Handschuh gebissen
und geschworen, das kann ich schon sagen vom Handschuh nämlich, das hat er mir
nicht verboten. Da muss er's tun. Wenn er aufwacht, und die Bescheerung sähe,
sobald er nur in den Hosen sitzt, springt er über die Mauer, wenn's nicht anders
ist. Im Dorfe trifft er Pferde und die liederlichen Kerle da, denn's ganze Dorf
könnt Ihr doch nicht mitnehmen nach Golzow. Er reitet fort, wie er ist, ich
kenne ja meinen Herrn.«
    »Wie er ist,« wiederholte nachdrücklich die Frau. »Wie ist er denn, Kaspar?
Hat er 'nen guten Rausch?«
    »I nu, die Treppe stieg er noch halbwege rauf. Nur auf den letzten Stufen
musste ich ihn unterfassen.«
    »Hat er noch viel gesprochen?«
    »Na! Nicht wie der Bischof von Brandenburg, wenn er einen guten Rausch hat,
aber 's hörte sich doch so an1.«
    »Als Du ihn verliessest, schlief er?«
    »Wie ein Maulwurf.«
    »Und wann meinst Du, dass er aufwacht?«
    Der Knecht blickte verlegen: »Wenn ihn die Sonne nicht aufweckt, dann - ich
weiss nicht, ob ich das sagen darf -«
    »Dann sollst Du ihn aufwecken. Vergiss das nicht, Kaspar. Aber ist das Deines
Herrn Gebot, dass Du hier mit mir plauderst? Frisch, frisch an die Arbeit. Nicht
aufgesehen, hast viel nachzuholen, bis Du ihn wecken gehst. Deine Frau
befiehlt's!«
    Als der Knecht gehorsam die Kohlen schürte und hämmerte, hörte er hinter
sich einen Krach, drauf einen schweren Riegel rasseln. »Dacht' ich mir's doch
gleich, sie sperrt mich ein.« Schnell war Helm und Hammer fortgelegt, und er
kletterte nach dem kleinen Fenster hinauf, das von draussen zu ebener Erde war.
Aber auch hier begegnete ihm schon das Gesicht der Burgfrau, welche die schwere
Eichenklappe darüber fallen liess, und die Krammen an der Wand befestigte.
    »Hast Du zu essen bei Dir?« fragte sie ihn durch das kleine Lugloch.
    »Das hab' ich schon, Gestrenge; Rettig, Käse und Brod im Kober.«
    »Dann spar's Dir auf, damit Du nicht hungerst.«
    »Aber schreien, Gestrenge, tu' ich doch; 's ist meine Schuldigkeit.«
    »Erst arbeiten und dann schreien,« antwortete ihm ihre Stimme, und sie warf
ein paar Bund Stroh vor das Loch, und wälzte mit nicht geringer Anstrengung
einen grossen Stein davor. Die dicke schwere Tür würde er nicht erbrechen;
dessen war sie sicher.
    In der Nacht war die Frau von Bredow wieder Herrin im Haus, und wehe dem
Knecht, der ihr nicht gehorchen wollte. Und wer sich etwa vorhin gefreut, mit
auszuziehen mit dem Herrn, der konnte sich jetzt auch freuen, er zog mit der
Frau aus. Und wer weiss, ob der Herr so gut hätte einschenken lassen, wie die
Frau tat, dass sie Mut und Lust kriegten. Bald war es auch, wie ein Fest, wie
ein Fastelabendsspass, wo es Jeder dem Andern wollte zuvortun in Hurtigkeit und
Stille. So schoben sie nicht, nein sie trugen den Wagen aus dem Schuppen; aus
der Rüstkammer und der Halle holten sie die Schilde, Helme, Rüstungen, Spiesse
und Aexte, dass es keinen Klang gab. Stroh und Decken wurden dazwischen gepackt;
und selbst die Rosse schienen zu merken, was es galt: so sächtchen liessen sie
sich aus dem Stall zieh'n und vor die Wagen spannen und satteln. Kurz, es ging
Alles still und schnell ab, wie in einem Mährchen. Nur die Katzen heulten, und
dann und wann hörte man Herrn Gottfried vom Giebel schnarchen. Zwar schrie auch
der Knecht Kaspar wie ein rechtschaffner Knecht alle fünf Minuten ein Mal, aber
man musste es ihm lassen, er schrie nur aus Schuldigkeit, wie ein Nachtwächter,
der die Leute nicht wecken soll.
    Nun war alles fertig, das Fallgitter aufgezogen, die Brücke niedergelassen,
zum Überfluss hatten die Mägde Stroh darauf gestreut, dass die Wagen nicht
rasselten, und die wenigen Lichter wurden ausgelöscht, die zum Packen
geleuchtet. Nur die Sterne konnten sie nicht auslöschen.
    Die gute Frau von Bredow schöpfte Atem. Wo nicht alles war sie in der einen
Stunde gewesen, wo nicht alles hatte sie mit Hand angegriffen und angewiesen und
angeordnet; wofür hatte sie nicht zu sorgen gehabt, für Fortziehende und für
Bleibende! Und was musste sie das angegriffen haben, ich meine nicht, dass sie es
tun musste, sondern dass sie es ohne ein lautes Wort tun musste. Sie war immer
der Meinung, Gott habe dem Menschen die Stimme gegeben, dass er sie vernehmen
lasse. Ach das Schwerste stand ihr doch noch bevor. Die Wagen fuhren schon zum
Tor hinaus, als sie zu Eva leise sprach: »Nu komm rauf.« Wie ihrer Mutter Hand
zitterte! Nur der Knecht Ruprecht blieb unten an der Treppe.
    Sie waren oben, wo die kleine Ampel vor der Tür brannte. Eva's Herz pochte
nur ein klein wenig, als sie durch das Schlüsselloch geblickt und leise die Tür
aufklinken wollte. Die Mutter zog sie noch zurück:
    »Bleib noch ein Bischen, Eva, mir ist doch bang.«
    »Er schläft ganz fest.«
    »Eva, nein, Du sollst es nicht.«
    Sie nahm sie in ihre Arme und küsste sie ab. »Wenn's Sünde ist - ach Du mein
Gott, das Leben wird Einem doch recht schwer gemacht! Was soll nicht alles Sünde
sein! -«
    »Es muss ja sein, hast Du gesagt, Mutter!«
    »Freilich muss es sein.«
    »Wir ziehen die Schuh aus.«
    »Du liebe Unschuld, wär's damit getan! 'Ne Mutter muss die Tochter nicht zum
Bösen verleiten. Ich kann's auch besser in der Beichte vortragen.« Der edle
Wettstreit ward endlich dahin geschlichtet, dass beide die Schuhe auszogen.
    Der gute Knecht Ruprecht hatte die Angeln der Tür geschmiert, sie knarrten
wenig, und Eva hielt die Hand so vor der Ampel, dass sie keinen Schein auf den
Schlafenden warf. Das Licht ward vorsichtig in eine Blende hinter dem Bett
gestellt, und Mutter und Tochter winkten sich, die Finger vor dem Mund. »Eva!«
flüsterte jene noch, »wenn er auffährt, laufe fort; ich will's schon allein mit
ihm abmachen.« Ich glaube, Eva wäre nicht fortgelaufen; das Kind hatte nicht
geantwortet.
    Wie ruhig er lag, wie in gemessenen, festen, ernsten Absätzen Herr Gottfried
schnarchte! Den Richter, der ihn einst richten wollen um das Verbrechen, das
geharnischt vor'm Tor stand, hätte ich an das Bett führen mögen und fragen:
Kann ein Hochverräter so schlafen? Es waren keine Töne, die unregelmässig wie
der erstickte Atem des Schuldbewusstseins vorbrechen aus der geängstigten Brust;
nein, es waren die ruhigen kraftvollen Pulsschläge eines gesunden Organismus.
Aus tiefster Brust kamen sie, wie Boten, dass Alles da in Ordnung sei, dass diesen
Mann keine Träume ängsteten, und wenn Träume um ihn spielten, waren es
Spiegelbilder der Selbstzufriedenheit mit einem von keinen Zweifeln zerrissenen
Dasein.
    Herr Gottfried schlief auf dem Rücken, die kräftigen Arme über den Kopf
ausgestreckt. Ueber dem gewaltigen Deckbett hing noch ein bunter, schön gewebter
Teppich bis zum Boden. Sein Ahnherr, der mit Ludwig dem Baiern in Tirol gewesen,
hatte ihn mitgebracht, als ein Angebinde der durchlauchtigen Fürstin, Frau
Margarete, Maultasch genannt. Wenn der Ritter unruhig schlief, lag der Teppich,
wohl auch das Deckbett, auf der Erde. Ein gutes Zeichen für die Frauen, dass heut
die Decken lagen, als habe sie der Kaspar erst über seinen Herrn gebreitet. Aber
wo nun suchen? - Da sahen sich plötzlich beide lächelnd an, und beide
Fingerspitzen zeigten auf denselben Punkt. - Er lag mit dem Kopfe drauf! Ach,
ein geschickter Dieb stiehlt auch das Pfuel unter dem Kopfe fort; aber die
Beinenden hatte er sich um die Arme geschlungen und noch mit der Schnur fest
an's Gelenk gebunden. Wer sollte sie ihm da stehlen! Im Lager und im Kriege
möcht' ich das nicht raten; wie will er aufspringen, wenn die Lärmtrompete
dröhnt! Aber auch im eignen Hause half's dem guten Herrn Gottfried wenig, denn
wo siegt nicht Weiberlist über Männerklugheit!
    Da hielt die Mutter die Ampel etwas in die Höh' und Eva streichelte mit
ihrem kleinen Finger des Vaters Bart. Er lächelte vergnügt: »Katze, was willst
Du?« brummte er freundlich. Er drehte den Kopf, die eine Hand ward frei. Die
Schleife des Riemens war gelöst.
    Was beschreibe ich's nun, es liesse sich wohl besser malen, wie Eva mit
verhaltenem Atem und mit einem Elfengriffe Herrn Gottfried den Kopf so sanft
hielt, dass er im weichsten Pfuel nicht weicher liegen konnte, und die Mutter zog
leise, leise unter dem Kopfe. Nun hielt sie's in der Hand, nun atmete sie
wieder, nun liess Eva den Kopf sanft auf das Kissen gleiten, und Beide sahen sich
an. Es war gelungen.
    »Auch das!« dachte Frau Brigitte, als sie den Degen des Ritters an der Wand
sah; aber Eva griff ihr in den Arm: »Mutter, Du wirst doch nicht dem Vater sein
Schwert nehmen!« Nein, ein freier Mann durfte nicht ohne sein Schwert sein, auch
auf die Gefahr, dass er es gegen seinen Fürsten zog. Das war jedem damals klar,
auch dem Fürsten, und die gute Frau von Bredow errötete, dass es ihr nur auf
einen Augenblick aus dem Sinne gekommen.
    Die Wagen rollten schon auf dem Damme, und die letzten Reiter harrten der
Nachzügler, als die Edelfrau und ihre Tochter über den dunklen Hof kamen. Noch
einmal schaute Frau Brigitte auf die grossen Schatten der Türme und Mauern, und
die starke Frau zitterte etwas, als die lange, dunkle Gestalt des Knechtes
Ruprecht stumm vorüberschritt, und, ihrer wartend, an das Fallgitter sich
stellte. Da gelobte sie, wenn Alles gut abginge, der Mutter Gottes in Zehdenik
ein neues Kleid mit Goldfranzen, und Eva sagte: »Und Schwester Agnes wird für
uns beten, wenn es nicht recht war.«
    Der Knecht liess das Fallgitter sanft fallen und schloss das Tor von aussen.
    Auf ihren Knien, unter dem Mantel, hielt sie das gestohlene Gut. Nachts im
Walde umschleichen uns unheimliche Gedanken. Die Natur verlangte ihr Recht, sie
nickte ein. Da fuhr sie plötzlich auf, wenn der Wagen über eine Wurzel fuhr, und
presste das Kleid fest an sich. Hatte es ihr entgleiten wollen, wie eine
Schlange, oder hatte ein langer, schwarzer Arm aus den entlaubten Bäumen danach
gegriffen? - Wenn er nun erwachte vor der Zeit, über die Mauer sprang, ihr
nachsetzte! Wie sollte sie ihn ansehen! Oder wenn die bösen Gesellen ihn abholen
kamen, wenn sie ihnen jetzt begegneten! Wenn - hundert Wenn's ängsteten die arme
Frau. Wenn sie nur erst die Hunde in Golzow anschlagen gehört, wenn ein guter
Mann des Weges gekommen wäre, dem sie das Gut in sichere Hände anvertrauen
dürfen! Es drückte sie wie Blei; sie mochte es nicht länger halten. Zuweilen
dachte sie daran, es dem Knecht Ruprecht zu geben, dass er damit nach Golzow
vorauf ritte. Aber was hätten die in Golzow dazu gesagt, wenn die Hosen des
Herrn von Bredow angekommen wären, und nichts weiter!
    Da hörte man durch den stillen Wald Hufschläge. Ein einzelner Reiter
galoppirte vorbei. Gott sei Dank! dachte Frau von Bredow, er reitet vorüber. Er
reitet gewiss nach Ziatz. Wenn er nur nicht umkehrt! - Was bog sich Eva nach dem
Reiter um? »Hans Jürgen!« rief sie plötzlich in die Nacht hinein mit ihrer
hellen, fröhlichen Silberstimme.
    Hans Jürgen war umgekehrt, der liebe, gute Hans Jürgen. »Das Kind kann doch
durch die Nacht sehn.« Wer hätte an den Hans Jürgen gedacht, der damals am Fliess
Wache stehen musste, wenn er jetzt sah, wie die Frau mit ihm Hände schüttelte,
und so musste er sich über die Leiter biegen, dass sie ihm beim Kopf fassen und
ihm einen herzhaften Kuss geben konnte. Und da er einmal sich über die Leiter
gebogen, hielt er's für artig und anständig, auch seiner Muhme Eva einen Kuss zu
geben, und nachdem er ihr einen Kuss gegeben, meinte sie, es schicke sich, dass
sie ihm wieder einen Kuss gebe. Ein Freund in der Nacht und im Walde ist beinah
wie ein Freund in der Not.
    Da war es, als schiene plötzlich ein helles Licht in dem dunklen Wald,
während Hans Jürgen, der Kehrt gemacht, langsam neben dem Wagen ritt, und ihnen
erzählte, was er wusste, und sie erzählten ihm, was sie wussten. Hans Jürgen war
nicht mehr Hans Jürgen, den man in die Schwemme schicken konnte; sein Kurfürst
hatte ihn nach Pommern, und dann nach Mecklenburg geschickt in besonderen
Aufträgen, und jetzt kam er vom Schloss des Brandenburger Bischofs in Ziesar, um
in die Lausitz zu reiten, und von da nach Berlin zurück, und alles, was ihm
aufgetragen, hatte er gut verrichtet. Unterwegs hatte er ansprechen wollen bei
seinen Blutsfreunden in Ziatz.
    »Das kannst Du nun jetzt nicht, Hans Jürgen,« sagte nachdenklich die Frau,
aber plötzlich blitzte in ihr ein Gedanke auf. Sie liess den Ruprecht halten, sie
stieg vom Wagen, und der Reiter vom Pferde, dann ging sie mit ihm ein Paar
Schritte auf und ab, und sie sprachen, und schienen einig, und die Frau sehr
vergnügt.
    Gleich darauf packte sie die Lederbüchsen in einen Sack, und Hans Jürgen
steckte noch da hinein das Kettenhemde und die Büffelhaube seines Ohms, schnürte
alles fest zu, und legte es und band es auf sein Ross. Dann sprach sie zu ihm:
»So also sprichst Du zum gnädigsten Kurfürsten, nämlich ich meine, die rechten
Worte wirst Du schon unterwegs finden. Wenn böse Leute, wie dazumal, sagen
sollten. Dein Ohm wäre mit ausgeritten, wo er nicht reiten soll, so kannst Du
schwören, er ist nicht dabei. Du hast seine Haube und sein Hemde, und was er
sonst nie vom Leibe tut. Das schicke ich alles Seiner Kurfürstlichen Gnaden,
zum Zeichen, dass mein Herr unschuldig und verredet ist, und damit kein anderer
böse Bube es anzieht, und mein Götz kommt darum in's Unglück. So kannst Du
sprechen, und dann sprichst Du die Wahrheit.«
    Nun sass er wieder auf dem Pferde, und die Frau auf dem Wagen. Ob er sich
noch ein Mal über die Leiter gebogen, um auch zum Abschied, weil es anständig
und artig, seine Muhme zu küssen, davon steht nichts in den Chroniken zu lesen.
Aber er ritt sehr vergnügt in den Wald, und Eva war es, als blühten die dürren
Bäume, und die Nachtigallen sängen und Frau Brigitte sprach bei sich: »Gott sei
Dank, nun bin ich sie los und Alles wird gut.«
 
                                    Fussnoten
1 Der Bischof Scultetus von Brandenburg »war ein fürtrefflicher Redner, konnte
drei Stunden lang Quinones halten, so er einen guten Rausch hatte und auch wann
er nüchern war,« sagte Angelus.
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.
                              Die Köpnicker Haide.
»Der kommt ungelegen,« sprachen zwei Reiter, die am grauenden Morgen durch' die
Köpnicker Haide ritten, als der Wind einen ersten, leichten Schnee ihnen in's
Gesicht trieb. Es waren ritterbürtige Leute; aber mit den kurzen Waffen und in
ihren Büffelkollern und Wolfspelzen, unter denen die Panzerhemden verräterisch
blinkten, ritten sie nicht zu Hof und Hochzeit.
    Der Morgen war rauh und unfreundlich wie ihre Gesichter. Sie folgten einem
wenig befahrenen Holzwege. Wo der Wald sich lichtete, hielten sie, wie um zu
horchen. In weiter Ferne hörte man dumpfe Hufschläge. Auf der andern Seite der
Lichtung schimmerte aus der Niederung eine verfallene Lehmhütte, deren
wettergepeitschtes, schiefes Dach allmälich seine braune Farbe verlor.
    Der eine, Ritter schien gerade dies Dach mit besonderer Aufmerksamkeit zu
betrachten: »Siehst Du, Wedigo, es wird weiss.«
    Der andere strich aus seinem roten Knebelbart den Morgennebel: »Es bleibt
aber nicht weiss. Der Rauch schmilzt es da am Schlott. Die Sonne tut's für uns
nachher.«
    »Bis 9 Uhr, wo er kommen soll, hat sie nicht die Kraft.«
    »Und wenn nicht, was weiter!«
    »Was weiter, schwere Not! Sollen wir wie die Eichkatzen an den Baumästen
klettern? An die siebzig, die von links und rechts kommen, müssen doch Tapfen
lassen. Es wäre die Pestilenz, wenn er Wind bekäme, und es ginge wieder quer.«
    »Ist er nur bis zum Süssengrund, dann mögen sie uns wittern.«
    »O dieser süsse Grund!« knirschte der Andere, »er soll ihm ein bittrer,
saurer werden!«
    »Wenn Kaspar Flanz pfeift, so laut er will, mag ihm ein Vöglein singen, 's
ist zu spät. Er kommt nicht mehr nach Köln zurück.«
    »Mordio!« Der Andre schüttelte an seinem Degen. »Nur heut keine Memmen!«
    »Kannst Du noch zweifeln?«
    »Was Adelige sind, nein. Aber dass wir bei so was nicht unter uns sind! Ich
ward überstimmt.«
    »Was plagst Du Dich mit Argwohn, Adam! Unsere Knechte sind Dir Kerle, die im
Feuer gesotten wurden. Was hat so ein Bauersohn, dem sie sein Haus in Asche
gelegt, und auf seinem Acker wachsen Nesseln? Meinst Du, dass sie lieber Disteln
ausreuten und hinter'm Pfluge keuchen, als mit uns durch die Haide preschen?
Satan könnte sich keine bessere Gesellen wünschen, als märkische Bauern, die
nichts mehr hinter sich haben und ein frei Leben vor sich. Ich habe so ein Paar
Lümmel: ihre Schwielenhaut ward in Sonne und Sturm wie ein Panzerhemd, und ihre
Sehnen sind wie Eisen. Auf die ist Verlass; liessen sich für mich ein Stündlein
zum Vergnügen auf die Folter recken. Wenn man den Menschen die Krippe nicht zu
hoch schnallt, sind alle Menschen gut.« Sie ritten, am Waldrande sich haltend,
auf das Haus zu, um, nach der Verabredung, die ersten zu sein, schienen aber
verwundert, als sie im Wege schon eine frische Pferdespur fanden.
    »Das fordert Vorsicht,« sprach Wedigo und sprang vom Ross, das er an einen
Ast band, um von hinten an das Haus zu schleichen.
    Aber lächelnden Gesichtes war Wedigo zu seinem Gefährten zurückgekehrt,
flüsterte ihm einen Namen zu, der auch diesem ein Lächeln abnötigte, derweil
die Ankunft anderer Reiter beider Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Alle kamen
auf Nebenwegen mit derselben Vorsicht heran; alle vermummt. Einige mit alten
Helmen und geschlossenen Visiren, alle wohl bewaffnet. Ihrer Tracht nach schien
keiner vornehmer als der andere zu sein. Aber in jeder Gemeinschaft muss es
Führer und Häupter geben, und wo keine sind, da machen sie sich von selbst. Man
ritt an einander, man wechselte leise Worte, Winke und Händedrücken, bis ihrer
so viele beisammen waren, dass die Ordnung nötig schien, welche nur ein
Befehlshaber herstellen kann. Einer, der seine stolze Haltung nur schlecht unter
dem Schafpelz verbarg, winkte seine Befehle einem andern im schwarzen
Büffelkoller zu, der nun unter den Gruppen umherritt und sie austeilte. Einige
stiegen von den Pferden, und verteilten sich in den Wald, andere hielten zu Ross
an dem Saum der Lichtung Wache. Erst dann traten die Andern in einen Kreis und
pflogen, wie es den Anschein hatte, Rates, der aber bald lauter wurde, als sich
für solchen Ort schicken mochte.
    »Himmel und Hölle!« rief mit gedämpfter Stimme der im Schafpelz und hob
beide Arme in die Höhe, »wir haben ihn noch nicht. Nachher davon, Ihr Herren,
hier tut uns Anderes Not!«
    Aber seine Gründe schienen nicht Alle zu überzeugen, der Lärm, das Geschrei,
wenn gleich mit unterdrückten Stimmen, ward lauter. Einige Missvergnügte ritten
auch schon aus dem Kreise, und sonderten sich in Gruppen.
    »Dacht' ich's doch,« rief Einer. »Wo die Klugsprecher sind, ist auch
Verrat. Wer setzt denn um nichts den Hals daran!«
    »Warte nur, bis der Otterstädt kommt,« entgegnete der, welcher ihn zur
Rückkehr zu bewegen suchte.
    »Der! Wer am Hof ist, züngelt.«
    »Gieb Dich nur jetzt Christoph.«
    »Gieb Dich, gieb nach, warte nur, so heisst's allzeit. Wenn's nun nicht
geschieht, hol's der Teufel, und ich konnte in Kyritz einreiten! Zusammenhalten!
Schönes Wort! Der Hund heult und der Wolf schluckt's. Wovon sollen wir leben? An
unsern Fingern kauen, wenn wir die Zeit nicht nutzen! Ich hab' nichts mehr,
darum bin ich hier. 'S läuft Alles auf's Dienen raus, Adam, wo die Klugsprecher
an's Regiment kommen.«
    »Die Not ist unser Aller. Die grossen Herren -«
    »Salviren sich, wenn's schlimm geht, uns hängen sie. Wenn's gut geht, ihre
Taschen werden voll; uns schmieren sie Redensarten in's Maul. Hab' die letzte
Kuh verkauft zur Rüstung, und nun soll ich warten auf den Landtag. Und da wird
parlirt, und dann heisst's: Die Ordnung will - Ich kenne das. Ich - auf die
Ordnung. 'S ist mir kein Wort so zuwider. Kriege Bauchgrimmen, wenn ich's höre.«
    Adam flüsterte ihm Namen in's Ohr: »Volle Katzen haben sie mitgebracht. Es
soll Keinem fehlen, der Geld braucht.«
    »Das heisst, wenn Du gut Bedienter spielst, wirst Du gut bezahlt. Seine Leute
bezahlt der Kurfürst auch. So kommt der arme Mann runter. So ist mancher gute
Mann in der Mark zum Dienstboten worden.«
    
    »Wer nichts hat, muss dem Andern dienen, der was hat. 'S geht schon nicht
anders in der Welt.«
    »'S ginge schon, wenn« - antwortete Christoph.
    Der Sturm und das heftigere Schneegestöber trugen das Wenn des Junkers in
die Luft, und trieben die Versammelten in's Haus, zum Vorteil der Anführer
vielleicht. Die niedrige Stube des Haidewirts mochte noch nie eine so
ansehnliche Versammlung in ihren zerbröckelten Wänden gesehen haben; mit ihren
Fensteröffnungen, die mit Lumpen verklebt waren, und einem Lehmboden, der an
Stellen einem Sumpf ähnlich sah. Hitze und Dampf qualmten aus dem gemauerten
Ofen. Rohe Bänke und Tische, zerbrochene Gläser und Krüge im Schrank und ein
Himmelbett waren die einzigen leblosen Dinge. Der Wirt, ein verdächtiges,
tückisches Gesicht, mit einem Auge, und ein gespornter Mann, der, mit dickem
Wolfspelz überdeckt, auf der Ofenbank schlief, die einzigen lebendigen Wesen,
als die Ritter hereindrängten, und den Schnee von ihren Schultern abstampften,
was kaum nötig schien, da ihn die Hitze sogleich schmolz.
    »Unsinn!« rief der Anführer, der von den Andern Wigand genannt wurde und
warf sich auf einen Schemel, dass die Rüstung unterm Pelz klirrte. »Unsinn in
diesem Augenblick damit vorzukommen. Ich sage Euch, wenn wir uns nicht bändigen,
haben wir verloren auch wenn's gelang. Meint ihr denn, dass es ein leichtes Ding
ist? Ihn zu fassen, ja. Aber so wir's nicht geschickt angreifen, bleibt es ein
Ast, den wir vom Baume reissen, und der Baum steht da und lacht uns aus. Vor
hundert Jahren war es anders, und unsere Väter haben doch verloren. Jetzt hat
der Baum hundertjährige Wurzeln unter sich, Deutschland war ein anderes, die
Meinung ist für ihn, es ist ein gewaltiger Kaiser da. Wenn wir nicht jetzt mit
aller Vorsicht zu Werke geh'n, wenn wir nicht die Meinung für uns gewinnen,
haben wir ein schlecht Schauspiel zum schlechtesten, kläglichsten Ende gebracht.
Verrückt, toll wären wir, so wir in dem Augenblick die Städte gegen uns
aufbrächten. Jetzt an Wegelagerung, an Plackereien zu denken, ich sage Euch,
besser, Ihr schnittet Euch die Kehle mit dem Brodmesser ab. Es kommt nur, es
kommt Alles darauf an, der Sache ein gut Gesicht zu geben. Es kommt darauf an,
jetzt zu geben, nicht zu nehmen. So unsere Väter es damals nicht mit den Städten
verdorben, hätten sie auf die Dauer verschlungene Arme mit uns gemacht, die
faule Grete hätte nicht vor unsern Schlössern gebrummt, sie wär' im Sande
stecken blieben; wir hätten die Nürnberger wie den Hohenloher zu Paaren
getrieben, bis ihnen die Lust verging.«
    »Hätten ist nicht hatten,« sagte Einer. Die Rede schien wenig Eindruck auf
die Mehrzahl gemacht zu haben.
    »Beim Blut von Wilsnack! was wollt Ihr denn?« rief der erste Redner, den
eisernen Arm auf den Tisch legend. »Wer nicht die Zeit, wie sie ist, im Aug' hat
und fasst, der verspielt auch die Gunst des Augenblicks. Was haben wir denn, wenn
wir ihn haben; und auch wenn er nicht mehr ist, was denn? - Das Herzblut springt
Euch bei dem Gedanken, dass Ihr Eure Rache kühlt. Glaubt Ihr, dass mein Herz nicht
auch jubelt? Aber so handelt das Vieh. Könnt Ihr nur an heut denken? Ist das
Morgen Euch mit Brettern vernagelt?«
    »Sprich, sprich, Wigand!« sagten Einige.
    »Städte, Fürsten, Kaiser, Reich stehen auf. Die Acht wird gegen uns
geschleudert. Meint Ihr, dass die Sachsen, die Pommern, die Mecklenburger, die
Magdeburger nur einen Augenblick anstehen, Exekutionsheere zu schicken! O, wir
haben gute Nachbarn. Wo sind unsre festen Burgen, wo die dicken Mauern, dahinter
wir ihnen in die Zähne lachen können? Wollt Ihr Alles auf's Spiel setzen um
einen heissen vollen Trunk?«
    »Wigand hat Recht!« sagte Einer. Die Andern schwiegen.
    »Ich habe Recht. Ich weiss, dass Joachim grad jetzt Boten ausgesendet zu den
Pommern, zu allen Fürsten in der Runde zu einem grossen Vertrage gegen die
Plaker, wie sie's nennen, gegen die Ritter aus dem Stegreif. Jeder macht sich
anheischig, die Landschädiger zu fahnden, greifen und richten, auf wess Gebiet
sie betroffen werden. Wird unsere Tat laut und wir tun jetzt nichts weiter, so
heisst's durch die ganze Welt: wir sind Stegreifritter, wir taten nichts als uns
zu rächen, und Ihr wollt doch mehr, Ihr Herren, Ihr wollt andere Unbill rächen,
alte, schlimme, verjährte, Ihr wollt Euer Recht wieder fordern, das Gott Euch
gab, und die Fürsten aus Nürnberg nahmen's Euch.«
    »Das wollen wir,« rief Wedigo, an seine eiserne Brust schlagend. »Das Land
war unser, die Wege und Strassen, unserer Väter waren sie, unser das Recht und
ihrer das Unrecht. Das wollen wir und weiter jetzt nichts, dazu zeigt Gott uns
den Augenblick. Wozu langes Fackeln! Viel Reden kühlt das heisse Blut. Was
nachher, findet sich nachher.«
    Ein Dritter fiel ein: »Dass wir nicht hier sind, einen Milchbrei zu essen,
weiss Jeder. Mag's ein heisser Brei sein, daran wir uns den Mund verbrennen;
genug, wir sind geschworen, und unter uns ist kein Hundsfott, der den Eid
bricht.«
    »Was sollen uns die Städte?« sagt ein Anderer. »Die liegen wie der Dachs in
ihrem Fett, froh, wenn man sie in Ruhe lässt. Schüchtert sie ein, so geben sie
sich in das, was nicht zu ändern ist. Aber sie stehen nicht zu uns, und wenn sie
zu uns ständen -«
    »So hätten wir eine Macht auf unserer Seite, die Ihr hoch anschlagen könnt,«
fiel der Anführer ein. »Um aller Heiligen Blut willen, hört mich noch an. Die
Bürger knurren, glaubt mir's, es gährt auch dort. Nur einen Brand hinein
geschleudert. Wenn wir die Städte gewinnen, nur einige, nur die bessern, so
können wir sagen, das ganze Land hat sich erhoben, die Unbill, die
Ungerechtigkeit war nicht mehr zu tragen. Das gibt unserer Sache ein Ansehen.
Vor einem ganzen Lande, das aufsteht seine Voigte, seine Zwingherren
abschüttelt, hat auch das Reich Respect. Hat Österreich die Waldstätte wieder
gewonnen? Dort traten Alle zusammen, Bauern, Städte, Adel. Wär' unsere Sache
schlimmer, so wir Alle, Einer nach dem Andern, hingen, Gut, Blut, Leben für die
Freiheit einsetzen? Die alten Voigte, so die Kaiser in die Marken setzten, waren
gut. Darauf kamen schlimmere und immer schlimmere, die Baiern, die Luxemburger;
sie halfen uns nicht, wir mussten uns selbst helfen. Wer beweist uns, wenn wir
das Schwert zücken, dass unser Recht ausging, uns wieder selbst zu helfen! Wagt
es, Freunde, das auszusprechen! Wer wagt, gewinnt. Verwirkt hat er, der tolle,
eigensinnige Knabe, der nicht mehr Voigt sein will des Reichs, der unsere
Statuten, Satzungen, unsere alten Rechte freventlich zertritt, der adlig Blut
vergisst um Lumpereien, der seine Grillen uns zu Gesetzen geben will, verwirkt
hat er die Herrschaft. Erhebt Eure Stimmen, schreit Zeter mit tausend Kehlen,
lasst tausend Briefe es schreiben, schickt Druckschriften durch das Reich, klagt,
um nicht angeklagt zu werden. Er hat keine Kinder, keine Brüder. Bis die
Sippschaft aus Franken klagt, bittet, belehnt wird, bis sie mit Truppen anrückt,
sind wir in Besitz und stark, wenn wir einig sind.«
    Die Bilder, welche der Redner erweckte, hatten etwas Anziehendes. Die
Roheren schienen verstummt. Andere warfen ein, das Reich könne es nicht dulden,
der Kaiser werde es nicht.
    »Wenn wir unterliegen!« rief Wigand. »Der Sieger schreibt überall Gesetze
vor. Schlagen wir die Ersten, die kommen, aus dem Felde und warten die Andern
ab, gesattelt und gerüstet, sie werden wahrhaft nicht lüstern werden nach der
unfruchtbaren Erbschaft. Ich wiederhole Euch, hätten die Puttlitze, die Quitzow,
die Rochow, die Bredow vor hundert Jahren den Städten nur den kleinen Finger
gereicht, statt ihre Bürger zu zwicken und zu werfen, so gäb's keinen Nürnberger
zwischen Elbe und Oder, wir hätten reichsfreie Geschlechter, reichsfreie Städte.
Und nichts ist zu spät, wo es gilt, sich selbst zu retten. Die Fürsten überall
im Reich, freilich sie möchten oben hinaus, den freien Adel knechten, die Städte
bändigen. Aber anderwärts lassen sie sich nicht bändigen. Seht auf die Bündnisse
im Schwabenland, in Franken, in der Pfalz. Die Sickingen, Berlichingen, die
Kronberg, die Brömser rühren sich, sie werden den Fürsten, die nicht mehr sind
als sie, noch manche Nuss zu knacken geben. Sind wir schlechter als die? Ja, wenn
wir nicht den Mut haben, besser sein zu wollen. Wir haben keine Burgen auf
steilen Felsen, meint Ihr. So haben wir Sümpfe, Wälder, Brüche, Seen und zähen
Mut. Schaut Euch um, wenn Ihr doch zagt, nicht nach Abend, nach unsern Nachbarn
im Morgen. Da ist Freiheit. Erinnert Euch, dass von Euren Urgrossmüttern noch
slavisches Blut in Euren Adern rinnt. Der Pole hat auch einen König, aber wehe
ihm, wenn er die Hand anlegt an die Rechte des Adels. Solche Markgrafen wollten
wir dulden, selbst erkoren, aus freier Wahl hervorgegangen. Da hat der Adel
Rechte, da schirmen die Grossen die Kleinen, da wagt kein Fürst, den freien Mann
unter seine willkürlichen Satzungen zu drücken. Was hindert uns, wenn das
deutsche Reich uns nicht will, wenn es über uns als Stiefbrüder die Achseln
zuckt, uns dem mächtigen freien Polen anzuschliessen. Freunde und Brüder! wo es
Freiheit gilt, ficht sich's so schön mit dem krummen Säbel wie mit der graden
Klinge!«
    »Der Otterstädt kommt noch immer nicht,« rief Einer, der ungeduldig schon
mehrmals zur Tür hinausgegangen.
    »Es kommen ihrer Viele nicht, auf die wir rechneten.«
    
    Einer zählte am Finger die Namen mehrerer grossen Familien: »Es hat mir das
Mark im Leibe gesotten, was Du sprachst, Wigand, das ist wahr, aber wo soll's
hinaus, wenn die Wedel fehlen, die Puttlitze, die Reder, Rochow, Bredow,
Alvensleben?«
    »Der Sturm kräuselt zuerst nur Staub, zuletzt reisst er Dächer ab. Uns lässt
man anfangen; glückt es, so zweifle nicht, dass auch die Reichen zur Ernte sich
einfinden. Das ist der Lauf der Welt. Es kommt nur darauf an, dass man stark
genug sich fühlt, um anzufangen.«
    Andere hatten eine Liste vorgezogen und musterten die Köpfe der Anwesenden.
Der Anführer riss schnell das Papier fort:
    »Nichts Geschriebenes! Keine Namen.«
    Er warf das Papier in den Ofen und liess sein Auge nicht davon, bis der
letzte Zipfel sich in Glut und Asche krümmte. Einige lächelten über die
Vorsicht:
    »Wir sind ja unter uns.«
    »Um so weniger tut Papier not, wo Blut und Ehre unsern Bund kitten. Wir
kennen uns doch Alle?«
    Seine Augen flogen im Kreise umher. »Nicht wahr, Hans Zarnekow? - Ihr vom
roten Haus, Peter Lüdke?« Ein Nicken und ein Handschlag antwortete: »Wer ist
der auf der Ofenbank?«
    »'S ist ja der Götz von Ziatz!« lachte Wedigo.
    »Was Teufel, und kann schlafen!«
    »Er kam vor 'ner Stunde todtmüde vom Nachtritt an. Der Wirt sagt, er fiel
auf die Bank.«
    »Seid Ihr's gewiss?«
    Wedigo zeigte auf die Büffelhaube, den Pelz und lächelte etwas: »Wer im
Lande kennt nicht Götzens Elennsbüchsen!«
    »Das ist gut,« sagte Wigand. »Er schwor im Rausch; ich zweifelte, ob er
nüchtern kommen würde.«
    »Will auch keinen Eid darauf ablegen, dass er nüchtern kam,« lachte ein
Anderer.
    »Genug, er ist gekommen, sein Name ist bei uns, und das ist viel, und
vielleicht mehr, als wenn er erwachte«, setzte er leise hinzu.
    Ein freudiges Holla draussen, ein Gewirr von Rüstungen, ein Pferdewiehern
unterbrach sie und im nächsten Augenblicke stürzte ein Ritter herein und warf
ungestüm den Helmsturz zurück:
    »Da bin ich! - Er kommt.«
    Otterstädt's Augen rollten wie eines Irren, seine Brust hob sich und senkte
sich, sein Atem versagte ihm.
    »Er kommt?«
    »Vor einer Stunde ritt er durch's Köpnicker Tor. - Das sah ich noch von
Waldeck aus - flog wie der Wind. - Wenn er an den drei Eichen ist, schrillt
Kaspar Flans in die Pfeife - Aber der Teufel, der Ritt griff mich an. -«
    »Verschnaufe Dich.«
    »Er reitet -«
    »Mit wie Vielen?«
    »Nicht der Rede wert. Heintz von Redern ist's, und Kaspar Köckeritz von den
Seinen. Den Pommerschen Abgesandten Hans von Pannewitz nahm er mit, und damit
ihnen die Zeit nicht lang werde, seinen lieben Bischof Scultetus, der ihnen
Schnurren erzählen muss. Mit zehn Reisigen werfen wir sie alle. Aber - er reitet
nicht nach dem Süssen Grund, durch's grosse Gestell nach dem Spechtgraben zu.«
    »Das ändert unsern Plan.«
    »Ihr müsst Euch teilen,« sagte Otterstädt, »rechts an die Spree, links an
die Sümpfe. Ein Stündlein mehr, aber wir haben ihn im Netz. Einen Trunk Met -
ich brauche Lebensgeister.«
    »Und? -« fragte der Anführer, der seine Befehle ausgeteilt und
zurückgekehrt war, mit einem forschenden Blick.
    »Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott,« sagte Otterstädt aufspringend. Er riss
ab den unscheinbaren Pelzrock, der seine Rüstung verbarg, und zog sein Schwert.
»Blank, Mann gegen Mann, so ist's am besten.«
    »Und in Sonnenwalde?«
    »Calkulirt Niclas Minckwitz mit seinen Vettern, wann's am sichersten für ihn
sein wird, Fürstenwalde zu überrumpeln.«
    »Und die Birkholze?«
    »Das Frösteln überkam sie, je näher der Tag rückte. Ersäuften mich mit
schönen Worten und klugem Rat, dass Joachim ein mächtiger Fürst sei, und sie
hätten's nur mit dem Lebuser Bischof zu tun. Wann und wie und wo es ihnen mit
dem, ihrem Feinde gelänge, und dann und da und dort wollte Joachim sich
einmischen, alsdann und insofern und alldieweil würden auch sie - Kreuzdonner
Himmelwetter Sapperment, ich sattelte und machte, dass ich reine Luft kriegte. -
Was lächelst Du?«
    »Dass wir so sichere Bundesgenossen haben. Oder zweifelst Du, wenn wir ihn
fortgeschleppt, dass ihre Bedenklichkeiten wie eine Schnuppe vom Licht gefallen
sind!«
    »Fortgeschleppen! Wohin?«
    »Türme gibt's noch in der Mark. So lang's im Lande zweifelhaft aussieht,
geht's mit ihm heimlich aus einer Veste in die andere, dass Niemand weiss, wo er
sitzt.«
    »Und?«
    »Knöpft er sein Ohr zu auf die Propositionen, steigt er immer ein Stockwerk
tiefer -«
    »Bis -«
    »Hörst Du nichts draussen?«
    »Bis er unter der Erde liegt?«
    »Davon nichts jetzt, Otterstädt, nicht vor einem solchen Augenblick.«
    »Jetzt, grade jetzt, Hallo! Nachher ist's Henkerdienst.«
    »Hast Lust, wie Kunz von Kaufungen durch die Gassen geschleift zu werden!
Prinzenraub! Pfui über das Dumme und Halbe. Unter die Erde, aber nicht im
Kerker. Gottes freie Luft soll das Gericht der Freien anschauen.«
    »Otterstädt! Still, zügle die stille Wut.«
    »Ich will nicht zügeln!«
    »Wir verderben die beste Sache -«
    »Was schirt mich die Sache! Ich hab's mit Menschen zu tun. Mein Feind ist
er, mein Todfeind; ich hasse, verabscheue nichts so auf Gottes Erdboden. Meinen
Freund hat er gemordet, seinen eigenen Busenfreund; Pest und Tod, wer mich
hindern will! Ich hau' ihn nieder, Basta!«
    »Achtet auf ihn, wenn's losgeht!« flüsterte der Anführer zu seinem
Vertrauten, als das Zeichen draussen gegeben ward. Die Verschwornen stürzten zur
Tür hinaus, dass die Wände der morschen Hütte zitterten.
    »Götze! Herr Götze von Ziatz, wacht auf!« hatte Einer der Letzten dem
Schläfer auf der Bank zugerufen und ihn gerüttelt; doch erst nachdem er hinaus
war, hatte der Schläfer sich aufgerichtet. Als er die leeren Wände sah, flog er
an's Fenster und lauschte. Als die letzten Reiter zum Gehöft hinaus waren,
sprang er auch in den Hof, riss sein Pferd aus dem Stalle und schwang sich mit
einem Satz hinauf. Zum Torweg hinaus, gab er dem Tiere die Sporen, dass die
Weimen bluteten.
    Der Haidewirt schrie ihm verwundert nach: »Da nicht, Herr Ritter! Nicht
in's Gestell, da treibt Ihr grad auf ihn zu; links, durch den Wald!«
    Der Reiter hätte ihn noch hören können, aber er hörte nicht. Ehe der Wirt
dreissig Pulsschläge zählte, war er ihm aus dem Gesicht.
    »Ein Bredow mag's sein,« sprach der Wirt; »aber Götz von Ziatz ist's
nimmer.«
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel.
                                 Der Prediger.
»Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch sitzet, da die
Spötter sitzen! Aber Heil auch dem Jünglinge, der unter den Spöttern lag, und
horchte auf den Rat der Verworfenen! Ihr saht ihn Alle, meine Andächtigen, den
erwählten Knaben, den ich einen neuen David nennen möchte, denn der Herr hat ihn
berufen, dem Herrn unseres Landes, dem Gewählten Gottes, sein uns kostbares
Leben zu bewahren. Ihr saht ihn vor einer Stunde knieen, den Knaben, der die
Schleuder genommen, und der Kopf des Riesen fiel, niederknieen als Knaben und
auferstehen als Ritter. Preiset den Herrn, er hat durch kleine Dinge Grosses
gefüget; er hat den Geringen erhoben und die Grossen und die Gewaltigen gestürzt.
Lobpreiset ihn und dankt ihm durch den vollen Klang Eurer Stimme im Gesange!«
    So hub der Prediger am Sonntage in der Nicolaikirche zu Berlin die
Dankpredigt an für die gnadenreiche Rettung und Erhaltung des Kurfürsten. Es war
der Dechant und Pfarrer von Altenbrrandenburg, der für den kranken Probst als
Gast vor den Berlinern redete, und im gedrängt vollen Gotteshause hörten sie ihm
mit einer Stille zu, dass man den Hauch des Mundes vernahm.
    »Da lag der Jüngling«, hub er an, als nun der Gesang schwieg, »schlafmüde
von einem langen, langen Ritte in Diensten seines Herrn, der ihn in ferne Lande
geschickt zum Wohle seines Reiches. Ach, dachte er, wo werden meine Kräfte
ausreichen, dass ich noch heut meinen Fürsten treffe; hab' ich doch so wichtige
Botschaft, und morgen vielleicht ist er weitin aufgebrochen und ich erreiche
ihn auch übermorgen nicht. Aber die Kräfte versagten ihm. Er wollte wachen und
schlief ein. Warum ward er schwach, warum verirrte er in dem Walde, warum kehrte
er in den Haidekrug ein, davor ihm beim Einreiten graute? Der Jüngling, meine
Andächtigen durfte dieses fragen. Wir wissen die Antwort. Es war der Finger des
Herrn, der ihn schwach machte, der ihn irr führte, und doch zum Rechten. - Fest
hatte er sich vorgesetzt, nur ein Stündchen zu schlafen, und er schlief eine,
zwei, drei, ich weiss nicht wie viel Stunden. Da weckte ihn der Engel Michael, zu
dem er vor'm Einschlafen gebetet, dass er zur rechten Zeit aufwachen möge. Hat
der heilige Erzengel Michael ihn denn getäuscht? Meinst Du da - oder Du? - Er
versäumte ja die Stunde, sagt Ihr. Ich sage Euch, die Engel wissen, wann wir
wachen, und wann wir schlafen sollen. Nun so sage ich Euch, wär' er
aufgesprungen, jach, wir hätten ihn heut nicht gesehen zum Ritter schlagen, ein
blutiger Leichnam wär' er, unter ihren Dolchen zu Boden gesunken. Wer aber von
Euch, wenn er, voll solchen brennenden Diensteifers, gemerkt, dass er zu lange
geschlafen, wer würde nicht auf der Stelle aufgesprungen sein, zur Tür
hinausgestürzt, sein Ross gesattelt haben? - Der rasche und ungestüme Jüngling
schlief fort, d.h. die Heiligen woben um ihn den Schein eines Schlafenden, damit
er die Ratschlüsse der Gottlosen ganz anhöre. Welches Meer unergründlicher
Wunder tut sich vor uns auf. Warum gerade an dem Orte, dass ihn die
unbegreifliche Schwachheit befiel, wo die unbegreifliche Tücke der Bösen Rates
pflog? Einen Augenblick zu früh, einen Augenblick zu spät, und Du, mein teures
Vaterland, musstest Dich einhüllen in schwarze Trauergewänder um den besten
Fürsten. Schon hatte Satan die Gruft dort in Kloster Lehnin mit seinen Krallen
aufgerissen, aber der Engel Michael stiess sie wieder zu mit seiner ehernen
Ferse. Wie aber schlug er die Ruchlosen mit Blindheit, welches Mysterium, dass
sie in dem Schlummernden einen der Ihrigen zu erkennen glaubten? Hatte er sich
etwa verkleidet, entstellt? Nein, arglos lag er da, ganz er selbst. Aber die
Heiligen, die über ihm schwebten, hatten ihn verwandelt vor ihren Blicken. Aber
warum stiessen sie ihn nicht an, die Missetäter, warum weckten sie ihn nicht?
Beschlich sie denn gar kein Argwohn, der doch dem Einfältigsten unter uns kommen
würde, wenn wir zu einer ruchlosen Tat in nächtlicher Stunde versammelt
ständen, und Einer schliefe unter uns, dessen Gesicht wir nicht einmal sehen? -
O fragt, fragt, fragt doch in alle Ewigkeit. Die Gläubigen fragen nicht, sie
wissen, dass der Herr die nicht antasten lässt, die er erkoren zu Rettern Israels.
Fragt Ihr nicht auch: Wie doch kam es, da die Rotte Korah vor ihm aufbrach,
gestreckten Laufes, das vatermörderische Schwert in der Faust, dass er, der nach
ihnen sattelte und ausritt, auf demselben Wege, sie überholte, er ritt mitten
durch sie, wie ein Windhauch durch die Aehren, sie sahen ihn nicht, sie fühlten
ihn nicht, sie hörten ihn nicht. Nur ein Schauern durchfröstelte sie. Sein
Pferd, blutig gespornt, keuchte, es wäre gestürzt, wenn die Engel es nicht
gehalten. Dort fand er seinen Fürsten, nur mit wenigen Begleitern, die lustig
umher tummelten, wie Jäger Art ist vor dem lustigen Waidwerk. Unser hoher
Landesherr nur sprach mit meinem frommen Bischof von Brandenburg, dem Gott ein
langes Leben schenke, gewiss tiefsinnige, gelehrte fromme Gespräche. Da keucht
ein Reiter an. Sein Ross stürzt, er auch; er erhebt sich wieder. Er streckt beide
Arme empor, er will sprechen, aber die Stimme versagte ihm. Dennoch spricht er,
die Gedanken, die in ihm würgen, werden zu Worten: Zurück! Fliehe, Fürst!
Verräter, Mörder lauern Dein im Walde! Und der fromme Bischof Scultetus wendet
des Herrn Ross: Das hat Gott gesprochen. Da besinnt sich unser durchlauchtigster
Herr, als sie dem Tor schon wieder nahe sind. Rasch kehrt er sein Ross: Ein
Fürst soll nicht fliehen vor Mördern; er soll sie suchen gehen! Wer hätte sich
unterfangen ihn in seinem gerechten Zorne zu halten? Da führt der Zufall, sagt
die Weisheit der Kinder dieser Welt, die geharnischten Dreihundert, die Kurt
Schlabrendorf einüben will, zum Köpnicker Tor hinaus. Nun, wer den Engel
Michael mit flammendem Schwerte nicht sehen will, der sehe diese wackere Schaar,
vom Zufall geleitet, ihrem Fürsten folgen. Schaut, wie ihre glänzenden Panzer,
ihre Schilde und Helme durch die Haide flimmern; die Krähen und Raben schreckten
auf vor dem Glanze, die siebzig Mörder sahen sie nicht; vor dem Klirren der
Stahlrüstungen, vor dem Getös und Getrampel der zwölf hundert Hufen flohen die
Hirsche, man sah die Hasen in's Wasser springen, die Vögel entflohen, die Räuber
hörten nicht, und flohen nicht. Sie liessen sich umzingeln wie ein blödes Tier.
Siebenzig Dolche, siebenzig Schwerter, siebenzig Streitäxte, siebenzig
verzweifelte Bösewichter wehrten sich nicht. Sie liessen sich fangen, binden,
führen, richten, ohne einen Schwertschlag. Wer blendete, betäubte, lähmte sie,
die sich vermessen, unsern Kurfürsten umzubringen, und das Reich umzudrehen? - O
Berlin, Berlin, du grosse, reiche, sündhafte Stadt, wenn einst der Arm, der jene
blendete, betäubte, lähmte, drohend über Dir sich erhöbe, würden alle die
Sünder, die in Dir atmen, auch wie jene trotzen und fluchen, blind und taub,
bis der Engel sein Feuerschwert über Euren Häuptern zückte? Würdet Ihr da erst
schlotternd in Eure Knie sinken, zerschmettert von Eurem Schuldbewusstsein, und
die Boten seines Zornes sind schon da! Hat der Sturm nicht Eure Dächer
abgedeckt, hat er nicht die Seeraben in's Land geführt, haben die Dohlen und
Raben nicht Krieg geführt in den Lüften, hat es nicht blutige Kreuze geregnet in
der Priegnitz, in der Uckermark, im Lande Bellin, drüben in Teltow und hüben im
Barnim. Dir, Dir, Dir da fielen sie auf's Busentuch, Dir auf den Nacken. O schau
Dich nicht um nach der Nachbarin, ich sehe die Male auf Deiner eigenen Haut. O
reisst doch die Augen auf, öffnet die Ohren, die Zeichen sind furchtbar, es kommt
heran die Rute des Zornes. O ihr Geliebten, versäumt nicht die Stunde, nicht
die Minute, denn sie ist kostbar, betet zum Schutzpatron dieser Kirche, dass der
heilige Nicolaus Fürbitte für Euch einlege bei der allerheiligsten Mutter
Gottes. - Hört, hört! Wieder schallt das Sterbeglöcklein, wieder werden Ihrer
hinausgeführt zum letzten, schweren Gange. Auf Eure Knie, Ihr Alle, betet für
sie, Ihr, betet auch für Euch, denn in wessen Herzen stiegen nicht auch arge
Gedanken auf gegen die geheiligte Person unseres gottgeweihten Fürsten. Es sind
nicht diese unbändigen Schlossherren allein, nicht diese Landschädiger nur, die
ihm Verderben brüteten; schaut in Eure Herzenskammern, Ihr Reichen, Ihr
Uebermütigen, findet Ihr nicht auch da grollende Gedanken? Und wahrlich, ich
sage Euch, es gibt kein ärger Verbrechen, nächst Ketzerei und Ungehorsam gegen
Gott, als übel zu denken von der Obrigkeit, die er hat eingesetzt. Wozu setzte
er sie ein? - Ich will' es Euch sagen. Wie die Kirche und ihre Priester denken
und sorgen für das Heil Deiner Seele, soll der Fürst denken und sorgen für Dein
Irdisches. Uebernommen bist Du durch diese göttliche Huld der Sorge selbst zu
denken. Er denkt für Alle, er weiss Alles besser. Zerknirschten Herzens über
dieses Übermass von Güte, dieses neue Mysterium seiner Gnade, solltest Du
preisen den Herrn der Heerschaaren; aber der Verderber flüstert Dir in's Ohr:
Was braucht er für mich zu denken, kann ich doch selbst denken! Du wüsstest es am
Ende besser, was Dir not täte. Nicht wahr, das sprach er? Sprach er nicht auch
von alten Rechten, Freiheiten? Was! sein Ahnherr riss er nicht die Siegel von
Euren Privilegien? Den Blutbann nahm er Euch. Die Bierziese ist zu arg, der
Voigt zu streng, der Schoss zu hoch. - Ich höre Alles, was er Euch zuflüstert.
Fordert nur! ruft er. Ja fordert nur, der mit dem Pferdefuss notirt hohnlachend
jedes Eurer Worte, und gibt Euch keines zurück, aber sein Rachen öffnet sich,
ich sehe die Glut, die heraussprüht. - Berlin, Berlin! o dass die Todtenglocke
nicht auch zu Deiner Sterbestunde ruft! Ihr weich geschaffenen Seelen, Ihr
zarten Frauen, die Gottes Stimme hören, auch wenn sie sanft rauscht, wie der
Abendwind, Ihr rettet Euch, wagt es auch für Eure Gatten, Söhne, Brüder; wahret
sie vor dem Versucher, zieht sie zurück: Widerstand gegen die Obrigkeit, die
Gott einsetzte, ist Empörung gegen Gott. Das ruft ihnen zu. Blutige Kreuze hat
es schon geregnet, wenn es wieder regnet, regnet es Feuer, das Euch verschlingt.
Domine salvum fac regem!«
    Solches Zähneklappern und Schluchzen ist nie gewesen in der Nicolaikirche zu
Berlin.
    »Das war eine Predigt, das ist ein Prediger!« sagte die Frau Bürgermeisterin
auf dem Heimwege, und die Ratsmännin erwiederte: »Der hat's ihnen mal gegeben,
der versteht's.« - »Diese gottlosen Menschen,« schluchzte die Bürgermeisterin.
»Der Musculus predigt auch zum Herzen,« sagte die Ratsmännin, »aber -« »aber
immer von den Pluderhosen,« fiel die Bürgermeisterin ein. »Das soll eigentlich
unanständig sein, hat man mir gesagt.« - »Gewiss, Frau Bürgermeisterin, man muss
doch Respekt vor der Obrigkeit haben. Mein Mann hat sich jetzt nach dem neuen
Schnitt welche bestellt. An so was sollte doch ein Prediger denken.« - »Ach was
sind alle Hosen gegen den Feuerregen! Es drang Einem durch Mark und Bein, als ob
die Funken schon gegen die Fensterscheiben knatterten. Solchen Prediger müssen
wir haben.« - »Den müssen wir haben, wenn der alte Probst stirbt,« stimmten
beide ein, und leiser setzte die Frau Bürgermeisterin hinzu: »ich will schon mit
meinem Manne sprechen.«
    Der Bürgermeister und der erste Ratmann gingen hinter ihren Gattinnen mit
gesenkten Köpfen.
    »Den werden wir nicht wieder los,« sagte der Ratmann. »Die Weiber lassen
uns keine Ruh.«
    Der Bürgermeister stiess einen leisen Seufzer aus: »Nun ist's entschieden.
Mit dem Adel ist's aus. Wenn der Dechant von Altenbrandenburg so zu sprechen
wagt, hat die Ritterschaft auf dem letzten Loche gepfiffen. Bin nicht ihr
sonderlicher Freund, aber sie gehören doch auch zu uns. Es hätte besser sein
können.«
    Der Dechant selbst aber sonnte sich nach der Predigt, im Polsterstuhl
ausgestreckt, an den Nachwonnen ihres Eindrucks, und hatte eben so wenig eine
Bewegung gemacht, aufzustehen, da der Junker Peter Melchior eintrat, als er
jetzt, nachdem er gesprochen, ihm ein Zeichen freundlicher Teilnahme gab.
Vielmehr hatte er das Ansehen eines Richters, vor dem ein armer Sünder etwa ein
Privatbekenntniss ablegte, und statt Trost ihm einzureden, weist der Mann des
Gesetzes ihn noch herb zurück.
    »Das sollte ich Euch gesagt haben, Herr Junker von Krauchwitz! Und das wagt
Ihr noch auszusprechen, nachdem Ihr vorgebt, eben aus meiner Predigt zu kommen!«
    »Ihr müsst Euch doch entsinnen,« sagte der Junker, »als Wedigo mir den Antrag
tat, und ich zu Euch ritt nach Brandenburg und in Eurer Klause Euch die Sache
vortrug, und um Euren Rat bat, ob Ihr's geraten hieltet oder nicht, und Ihr
den Kopf schütteltet und meintet: es sei eine kitzliche Sache, man wisse nicht,
wohin sie ausschlagen möchte, und endlich sagtet Ihr: Zögert mit Eurem Ja und
Nein. Ja blickt mich nur verwundert an, so sagtet Ihr zu mir und drücktet mir
die Hand, und grade da trat der Chorherr ein, es war der Sydow. Er hat es noch
gehört.«
    Der Dechant strich mit der Hand über das Gesicht: »Der Sydow hat es gehört.
Das ist etwas anderes, lieber Junker. Davon also redet Ihr. Der Sydow, richtig!
Nun das ist ein guter Mann. Wenn man ihn nicht fragt, redet er nicht. Setzt Euch
doch, Herr von Krauchwitz. Ueber die Tücken Satans, der so oft in unsere Worte
einen andern Sinn legt, nämlich dass die Andern etwas anderes verstehen, als wir
meinten, können wachsame Christen nicht ernstlich genug sich gegenseitig
verständigen. Worte, wie gesagt, hört Einer so, der Andere so, aber Ihr wisst,
als Ihr damals mit dem Lindenberg ausrittet -«
    »Sprecht nicht davon.« Der Junker erblasste. »Ich kam ja darum nicht, auch
nicht darum.«
    »Dann ist es für uns beide gut, dass wir von dem schweigen, was wir wissen,
vor allem aber für Euch«, sagte der Dechant, und fing wieder an, seinen Fuss
behaglich über dem Kohlenbecken zu wärmen, das vor ihm stand. »Warum kommt Ihr
denn?«
    »Dechant!« sagte der Junker, sein Baret drückend. »Das Haar steht Einem doch
zu Berge.«
    »Kämmt es glatt.«
    »Die Galgen und Hochgerichte und Stangen draussen wie ein Wald! Jeden Tag
Neue eingefangen, schubweise führt man sie hinaus. Soll man fliehen, soll man
bleiben.«
    »Ich bleibe.«
    »Wenn ich mich versteckte -«
    »Lauft Ihr Gefahr, dass man vergässe, Euch zu suchen,« sagte mit einem
hochmütigen Lächeln der Dechant. »Der Adel muss ein ander Kleid anziehen, mein
Lieber, das alte taugt nicht mehr. Das ist der beste Rat, den ich Euch als
Freund geben kann. Geht zu Eurem Schneider, und fragt nach der neuesten Mode.
Wenn's Euch auch zuerst unbequem sitzt, Ihr werdet Euch darin zu finden wissen.
Ihr seid ein Mann, den man am Ende überall brauchen kann.« - »Ja, lieber
Junker,« sprach der künftige Prälat, und legte seine Hand mit der behaglichen
Miene eines Gönners Peter Melchior auf die Schulter, »bleibt; so ich mich recht
bedenke, grad Ihr seid jetzt am Flecke. Nun kommt Eure Zeit. Lehrt Eure Zunge
Knoten schlingen, Euren Rücken, wie einen Aal biegen. Edelleute wird man bei
Hofe immer brauchen, aber nicht im Eisenkleid, keine graden Nacken. Mit denen
ist es aus. Der Adel muss in die Schule gehen. Aber tröstet Euch: Was Hänschen
nicht lernen wollte, ich meine, diesmal wird es Hans doch lernen.«
    Peter Melchior ist nicht geflohen und hat sich nicht verborgen. Hier
scheiden wir von ihm für dieses Mal.
    Aber am selben Sonntag Nachmittage ritt ein hoher, stolzer Ritter mit
stattlichem Gefolge in Berlin ein. Sein Gesicht war blass, seine Augen rollten
fast zornig von dem, was er gesehen. Es hätte auch Andere erschreckt, die langen
Reihen von Galgen, der Kopf auf der Eisenstange über dem Köpnicker Tore, der
ihn schon von fern angrinste. Es war Otterstädts Kopf. Ein Karren mit
zerrissenen Gliedern peitschte an den Reitern vorüber. Es waren Otterstädt's
Glieder.
    Der Graf von Giech trat in glänzender Silberrüstung, als Abgesandter seines
Herrn, des Markgrafen Friedrich des Aeltern, vor den Kurfürsten von Brandenburg.
Der Vertreter des Oheims sprach zu dem Neffen seines Herrn. In ihm sprach mit
der Zorn des grossen, freien Edelmanns, vielleicht auch das verwundete Herz des
Menschen. Nicht alle Gesandte sprechen so vor einem Fürsten, in dessen Hand noch
das Richtschwert zittert. Die Hofleute sahen es mit Schrecken und hörten es doch
mit heimlicher Freude.
    »Mein Herr sende mich, war ich des Glaubens,« so schloss er, »in ein Land des
deutschen römischen Reiches christlicher Nation, aber, heiliger Gott, ich glaube
jetzt in ein Reich zu treten, wo der Grosstürke und seine Bassen Gericht hielt!«
    »Beim Kurfürsten von Brandenburg seid Ihr, Herr Graf von Giech,« unterbrach
ihn Joachim, »der dies Land hat von Kaiser und Reich, dass er richte nach dem
Recht, gleich über Alle.«
    »Heisst das gleich richten über Alle, so Ihr die hochstehen und edel vor dem
Volke, schlachtet und hängt wie seinen Auswurf? Der Fürsten Blut und Macht ging
aus dem deutschen Adel hervor, und auf den Adel müssen die Fürsten sich lehnen,
wenn sie bestehen wollen vor dem Volke. Das trug mein Herr auf, seinem Neffen zu
sagen, den er der Vormundschaft entliess, weil er ihn für mündig hielt. Soll er
Kaiser und Reich wieder angehen, dass sie ihm die Regentschaft, nach der der
fromme Fürst nie getrachtet, wieder zurück geben, weil, der sie führt, vergisst,
dass er hier ein Exempel gibt, so allen Fürsten zum Schaden ist? Welcher Fürst
den Adel nicht achtet, achtet sich selbst nicht; welcher des Adels Ansehen
vernichtet, vernichtet sein eigenes, er untergräbt die heiligen Satzungen, auf
denen alles Regiment ruht, er wütet gegen sein eigenes Blut, er beschimpft sich
selbst, denn er ist nur ein deutscher Edelmann, der glücklicher war als die
andern. Weil aus einem Dienstmanne ein Herr ward, soll er nicht vergessen der
Mannen, die seines Gleichen sind an Blut und Abkunft, so spricht mein Herr durch
meinen Mund.«
    Der Graf von Giech hatte vielleicht erwartet, dass der Kurfürst aufbrausen,
gewiss, dass er an Otterstädts Freveltat mahnen werde. Aber Joachim liess ihn
ruhig ausreden, und ruhig, fast lächelnd, hat er geantwortet:
    »Ihr irrt, Herr Graf von Giech; sagt meinem teuren Ohm, ich habe kein adlig
Blut vergossen. Die ich dem Henker überliefert, waren Schelme, Strassenräuber und
Mörder.1 Den Adel achte ich so hoch, als nur ein Fürst, sagt das meinem
erlauchten Ohm; meldet ihm aber auch, dass ich in den Jahren, seit er mich nicht
sah, gewachsen bin. Ich ward so gross, dass ich jetzt allein gehen kann, und mich
auf Niemand mehr zu stützen brauche. Die Fürsten beklage ich, die so schwach vor
ihrem Volke sich fühlen, dass sie den Adel als Krücken benutzen. Im Uebrigen, was
Rechtens ist, so meldet ihm auch, dass ich in meinen Feierstunden nicht umsonst
in rechtsgelehrten Büchern lese. Ich fand daraus, dass das Recht in den Marken
ein anderes ist, als in Franken. Daher mag der Irrtum kommen, der meinen Grafen
von Giech zu der weiten, beschwerlichen Reise nötigte, die ich sehr bedaure.«
    Der Abgesandte, der vorhin um einen Kopf höher schien als der Fürst sah
jetzt fast kleiner aus: »Jetzt kein Wort mehr!« flüsterte ihm ein Brandenburger
Herr zu. » Heut ist alles verloren.« - »Er ist fürchterlich in seiner
Heiterkeit,« erwiderte der Graf, der nun seinen zweiten Auftrag: dass wenigstens
von jetzt ab kein adliges Blut mehr vergossen werde, auf einen anderen Tag
verschob.
    Und wie er heiter umherging, mit so vielen sprach! Von geringfügigen Dingen,
als beschäftigten sie allein die Seele. Den Hofleuten ward unheimlich: »So sahen
wir ihn nimmer.« Ihnen war wohl, als er sie entliess.
    »Es ist gar keine Hoffnung! Was soll daraus werden!« sprach Einer zum
fränkischen Abgesandten.
    Der Graf schüttelte den Kopf: »Und doch hat er Recht, die Luft ist hier
anders als im Reiche. Wer hier bauen will, muss andere Fundamente legen und
anders richten, das kann ein gross Gebäude werden! Wir, die wir leben, sehen es
freilich nicht mehr.«
    »Was wird's werden,« brummte ein verdriessliches Gesicht. »Alles wird
schlimmer und gemeiner. So die Edelleute nicht mehr auf die Strasse sollen, wird
sie dem Gesindel gehören, das keine Ehre und Sitte kennt, und vor dem Alle
gleich sind. Schneider und Landsknechte und Rosskämme werden im Graben liegen,
und das arme Volk schatzen, man spricht schon viel von dem Rosskamme Kohlhas;
wollen doch sehn, ob sie die Zeiten dann loben tun.«
    Da drückten viele dem Sprecher die Hand und schüttelten den Kopf: »Er hat
Recht, es kommen schlimme Zeiten.«
    Der junge Kurfürst sass mit lächelndem Gesicht in seinem Zimmer, und doch lag
in den Augen etwas, das Hans Jürgen erschreckte, ein Glanz, der ihm nicht von
dieser Erde schien, aber ob er vom Himmel kam, das wagte er sich nicht zu sagen.
    »Die sind alle nicht Lindenbergs!« hatte Joachim vor sich gesprochen. »Ich
stünde allein, meinst Du, nicht vollbringen könne ich's, was ich begann? O
matter, schwacher Nachhall des Einen; aber auch sein Schatten ward ehrerbietig
vor der Macht, die über mir schwebt. Ich will's vollbringen, ich werde es. Ich
bin mir selbst genug. Denn unter einem Höhern stehe ich. Er wird die Spitzen der
Dolche, die Bolzen aus dem Hinterhalte, die Kugeln aus dem Rohre von mir
ablenken. Der ist's, der Dich an mich gesandt. Sei mein treues Werkzeug, aber
nie bilde Dir ein, mehr zu sein. Er wird auch ferner seine Engel herabsenden,
und mit Weisheit mich umleuchten. Ich brauche Diener, aber keine Räte. Plaudern
will ich sie hören, in ihrer Art; mein Rat bin ich selbst.«
    Und wenn er aufgestanden und an einen Tisch mit Himmelskugeln und
astronomischen Instrumenten getreten, wo Joachim mit seinem Hofastrologen, dem
berühmten Carion, zu arbeiten pflegte. Die Hand auf den Globes legend,
antwortete er auf die ungesprochene Frage des Jünglings mit seltsamem Lächeln:
    »Und auch denen, die nach mir kommen, wird es gelingen. In den Sternen
zeigte mir der Meister das Glück' meines Hauses, gross, wie auch nur zu wähnen,
Vermessenheit gewesen wäre. Ich bin glücklich und sicher, was ich unternehme,
gelingt, und was ich weiss, ist Wahrheit.«
 
                                    Fussnoten
1 Historische Antwort.
 
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel.
                              Das Leben ein Traum.
Wer uns gern bis jetzt begleitet hat, dem könnten wir hier die Hand drücken und
zu ihm sprechen: Auf Wiedersehen! Denn es ist unsere Absicht, wenn uns die Lust
und der Mut bleibt, dass wir uns wieder an demselben Platze begegnen, und auch
wohl Manchen von denen, die uns hier lieb geworden oder auch nicht lieb. Es ist
eine Reise, die wir antreten, mit einem Ziele, das noch fern liegt, durch Jahre
getrennt, und dahin zu gelangen war und ist uns ernster Wille, aber es ist nicht
immer gut, dass man eine lange Reise in einem Zuge vollende. Doch auch jeder
Abschnitt einer Reise muss sein Ziel haben, und an dem stehen wir jetzt. Ja wir
sind eigentlich schon eingekehrt, der Vorhang vor den grossen Begebenheiten ist
gefallen, die Helden sind abgetreten, die Könige haben ihre Staatskleider
abgelegt, es sind nur noch einige Kleine, deren Geschicke zwar in allen Zeiten
von dem Geschicke der Grossen gelenkt worden, die grosse Geschichte streift
hochmütig an ihnen vorüber, aber die Dichtung kost dafür mit ihnen und weilt
aus Eigensinn, vielleicht aus Widerspruchsgeist, desto emsiger bei ihren
Heimlichkeiten.
    Die Sonne war schon hoch aufgestiegen, und blickte schon tief in die Höfe
von Hohen-Ziatz, ohne dass ein Rauch aus den Schornsteinen ihr entgegen wirbelte,
ohne dass ein frommer Morgengesang sie grüsste, oder der derbe Fluch eines
Knechtes. Selbst die Hunde kläfften nicht, nur die Katzen heulten, nur die
Tauben flatterten auf den Dächern, und das Federvieh ward unruhig auf dem Hofe.
Es war aber nicht dieselbe Sonne, welche vor Hans Jürgen durch die Wolken brach,
als er durch die Köpnicker Haide auf dem keuchenden schweissbedeckten Rosse
jagte, noch die, welche die grässlichsten Schauspiele vor dem Tore beschaute,
von dessen Firste später der Kopf des unglücklichen Ritters starrte, ein
Schauspiel, vor dem schnell sie vorübergeführt zu haben, meine Leser mir
verzeihen, vielleicht danken werden. Die Sonne geht schneller auf über grosse
Dinge, langsamer weilt sie bei den Alltagsdingen. Wir müssen zurück bis zu dem
Morgen, welcher der Nacht folgte, wo die Burgfrau mit den Ihren heimlich nach
Golzow entwich.
    Es mochte schon nahe an Mittag sein, als der Sonnenstrahl durch eine der
runden, grünen Fensterscheiben grade auf Herrn Gottfrieds Nase fiel. Und
plötzlich, entweder weil es ihn brannte oder kitzelte, als der riesenhafte Mann
aufschnellte, mit einer Schwungkraft, die wir ihm kaum zugetraut hätten.
Fortflog alles über und unter ihm, und er selbst, aufrecht stand er im Zimmer,
dessen Decke er mit den Armen streifte, als er sie nur mässig reckte. Aber gleich
darauf fuhr er an die Nase und den Schnurrbart, was der Vermutung Raum gibt,
dass die Scheibe als Brennglas geschliffen gewesen, und der Bart ihm etwas
angesengt war. Es musste ihm indes schon früher begegnet sein, denn er geriet
nicht gar zu sehr ausser sich, sondern brummte nur: »Wieder die verfluchte Hexe,
die! -« Im nächsten Augenblick aber erblasste er, er hielt beide Arme vor sich,
und sah nichts, er griff nach dem Kopfkissen, und sah nichts; er warf Pfühle,
Kissen, Decken, selbst das Stroh hinaus, und fand nichts. Er rieb sich den Kopf,
ob er noch träume, aber er träumte nicht: »Ach Du mein Gott, ich muss ja fort!« -
Das Echo der Wände rief: »Fort.« - »Sie sind fort!« murmelte er.
    Er riss das Fenster auf. Wie er auch schrie: »Brigitte! Kaspar!« ihm
antwortete nur der Flügelschlag der Tauben. Was, war das! Wo verkrochen sie
sich? Er zwängte den grossen Leib so weit es ging, durch das enge Fenster, aber
er sah auch da nichts als einen ausgestorbenen Hof, eine fürchterliche Stille.
Warum rauchte es nicht aus dem Stalle? Wo war der Nimrod an der Kette geblieben?
Die Kette lag da mit dem leeren Halsringe. Auch die Muttersau, die er immer
Morgens zuerst sah an dem Eichenpfahl sich schuppern, schupperte sich nicht. Er
strengte sein Ohr an. Nur zuweilen schienen dumpfe Töne aus der Erde zu dringen.
Nun schloss er den geöffneten Mund ohne einen Laut. Wer schreit gern in solche
Einsamkeit hinein? Es überieselte ihm die Haut; das mochte aber nicht allein die
Furcht, es konnte auch die Kälte des frischen Novembermorgens sein, und er stand
da, fast wie Gott ihn geschaffen. Er konnte nicht dafür.
    Da überkam ihn eine Wut. Irgendwo musste es sitzen und an der Wand hing sein
Degen. Er riss ihn aus der Scheide, und mit dem blanken Schlachtschwert in der
Hand war er schon im Begriff, hinunter zu stürzen, als ihm noch glücklicher
Weise die grosse Tiroler Decke zu Gesicht kam. Die schlang er um sich, doch dass
der Arm frei blieb, und vielleicht einem römischen Imperator vergleichbar, stiess
Herr Gottfried die Tür auf.
    Auf Flur und Treppe war es wie auf dem Hofe. Kein Trampeln, kein Wehen, kein
Gehen. Mit dem Degenknauf stiess er an die Türen; keine Antwort. Er stiess eine
und die andere auf; die Betten standen unberührt. Herr Gottfried war und blieb
in einer sehr unangenehmen Lage. Er fror nicht allein und fing nicht allein an
zu hungern, sondern er fand sich in der Notwendigkeit, über seine besondere
Lage nachdenken zu müssen.
    Sein Schlachtschwert mit der Spitze auf die Diele stützend, stand Herr
Gottfried da und wollte denken, als der Hauskater plötzlich die Treppe herauf-
und an ihm vorbeihuschte, im Maule ein gebratenes Huhn. Wo das ist, ist mehr,
dachte Herr Gottfried, und ehe er wusste wie, stand er in der Halle. Da war
freilich auch kein lebendiges Wesen, still war es wie in der ganzen Burg, auf
dem Heerde glimmten nur noch wenige Kohlen; aber so unheimlich war es Herrn
Gottfried doch nicht, denn die ordnende oder schaffende, oder kürzer, die
anrichtende Hand des Menschen war sichtbar.
    Der grosse Tisch stand gedeckt, als warte er nur auf ihn. Sogar sein
Lehnstuhl mit dem Lammfell darüber war zurecht geschoben. In der Mitte prangte
ein ungeheurer Ochsenschinken, daneben Schüsseln mit, Würsten, gesäuerte Gänse,
Backwerk, Brod, Käse, ein Topf mit Butter, Körbe mit Rüben, Aepfeln, Birnen:
dazu getrocknete Pflaumen, hart gesottene Eier, und was nur die Speisekammer
einer guten Burgwirtschaft aufweisen kann. Und neben den Esswaaren ein Krug
Bier, eine Flasche Met, und noch ein Kelchglas zum Wein. Auch brauchte Herr
Gottfried nicht lange umher zu suchen, bis er das ganze Fässchen mit Malvoisir
auf der Bank sah, mit eingeschraubtem Hahn und das Näpfchen darunter.
    Alles musste schon lange dastehen, ohne dass eine Hand daran gerührt hatte.
Die kleine Unordnung, die sich nicht verbarg, kam offenbar nur von Katzenpfoten
her, und als Herr Gottfried zwei freundliche Tiere an den Wänden Buckel machen
sah, und ihre Augen schielten wieder auf den Tisch, hielt er dafür sogleich
Platz zu nehmen, denn der Tisch war unstreitig für Menschen, nicht für Katzen
gedeckt.
    Um deshalb schlang er sich rasch das Tüchlein um den Hals und ergriff das
grosse Messer, um an die Arbeit zu gehen, die ihm nur insoweit schwer ward, als
er einen Augenblick unschlüssig war, ob er zuerst die Gans, oder zuerst den
Schinken ergreifen solle. Wie dem nun sei, es mochte eine kleine Stunde
vergangen sein, in der Herr Gottfried sich recht wohl fühlte, weder Gespräche
noch Gedanken hatten ihn gestört, als er einen Augenblick sich zurücklehnte, und
die Rechte mit dem Messergriff auf den Tisch stützte, nicht um aufzuhören,
sondern um, was man in Hohen-Ziatz nannte - zu verpusten.
    Der Bierkrug war leer, die Flasche Met schon durchsichtig; sein Auge
blinzelte nach dem Fässchen Malvoisir: »Hübsch wär' es doch, wenn das zu mir
käme; dann brauchte ich nicht aufzustehen!« Warum musste das Herr Gottfried
denken! Denn ein Gedanke lockt den andern; das ist eine furchtbare Wahrheit,
gegen die alle Klugheit und Macht sich vergebens sträubt. - Warum kam das
Malvoisirfässchen nicht zu ihm? - Weil es auf der Bank stand. - Warum stand es
auf der Bank? - Weil sie es dahin gestellt hatten. - Wer hatte es dahin
gestellt? Die Hexen? Die kleinen Leute oder wer sonst? - Wie eine Bezauberung
sah das Ganze freilich aus! - Aber Herr Götz war nie bezaubert gewesen. - Hatte
er ein Gebet vergessen? Hatte er eine Sünde begangen? Oder war alles ein Traum?
Er wollte die freie Hand auf's Herz legen, aber sie glitt unvermerkt auf den
Magen. - Nein, das war kein Traum gewesen. Auf die harten Eier wollte er ja eben
den Malvoisir setzen. Halb öffnete sich sein Mund, und in seine Augen trat das
Weisse, das ein Zeichen plötzlichen Schreckens ist. »Blitz noch ein Mal«, brach
es von seinen Lippen, »das ist nun zu spät!«
    »Noch nicht zu spät!« rief eine dumpfe Stimme, und eine Gestalt trat vor den
Ritter, die alle Wärme, so Bier und Met hervorgerufen, wieder erstarrte. Weiss
eingehüllt, weissen Gesichtes stand das Gespenst vor ihm, in dem Herr Gottfried,
erst nachdem es ausgesprochen, seinen Neffen erkannte.
    »Noch nicht, Ohm, aber bald.«
    Dem Ritter entfiel das Messer.
    »Der Tropfen rinnt in's Meer, die Augenblicke und Stunden fliessen in die
Ewigkeit; wer schöpft den Tropfen zurück, wer fasst den verlorenen Augenblick! Es
wird zu spät werden, aber Heil dem, der noch die Zeit erfasst.«
    »Junge bist Du's?« Ach, Herr Gottfried war so froh, als er das Wort aus der
Brust heraus hatte.
    »Den Du meinst, Ohm, bin ich nicht. Mein Geist schaut aus der gebrochenen
Hülle heraus. Dieser frei gewordene Geist spricht zu Dir.«
    »Setz' Dich doch, Hans Jochem«, atmete Herr Gottfried. »Dein Bein, Du wirst
ja müde sein.«
    Hans Jochem schüttelte den Kopf, wie ein Abgeschiedener, dem ein Lebendiger
etwas zumuten möchte, was ihm ein schmerzlich Lächeln abringt.
    »O dass Du müde wärst, Ohm, Deiner selbst, müde des langen Lebens hinter Dir;
dann wäre Hoffnung, Du könntest wieder wach werden.«
    Herr Gottfried schnappte nach Luft.
    »Wie ein tiefer Brunnen bist Du, in dem ein klarer Quell zu Tage strebte,
und die Sonne und die Sterne spiegelten sich drein, aber die Wände waren nicht
fest gezimmert und gemauert, und mit jedem Jahre fiel mehr Sand und Erde hinab,
bis der Quell verschüttet ist. In dem Brunnen spiegeln sich nicht mehr die
Gestirne und der Zieheimer schöpft kein Wasser mehr. Aber der pflichtgetreue
Brunnenwärter lässt doch den Eimer hinab und schöpft, bis er den Lebenstrank
findet. So will ich schöpfen, Ohm, in Deiner Brust.«
    Herr Götz rief alle guten Geister und seinen Schutzpatron an; das gläserne
Auge des Kranken schien wirklich ihm durch Brust, Magen und Bauch zu dringen.
    »Du hältst Dich für einen Lebendigen und bist doch ein Gestorbener. Du
atmest, aber Dein Atem ist der Hauch der Stockung und die Stockung ist der
Tod. O betrachte Deinen Leib, wie er gross ist, wie riesenhaft die Glieder, und
wo findest Du die Seele; die ist verschwunden wie das Körnlein Salz, das man in
einen Kessel mit Brei wirft. Dass Du ohne Sünde wärst, möchtest Du Dich rühmen,
aber tue es nicht, denn die Sünde ist besser als das Nichtsein. Du hast nicht
Witwen und Waisen beraubt, nicht Gott gelästert und seine Heiligen, kein falsch
Zeugnis abgelegt und nicht auf der Strasse gelegen. O hättest Du's getan, es
wäre Dir besser, als dass Du nichts tatest, dann konntest Du's büssen, und je
ärger die Sünde, so grösser die Gnade. Dann führe vielleicht sein Blitzstrahl
zündend in Deine Eingeweide, und aus der Zerschmetterung erhöbest Du Dich als
ein Heiliger.«
    Herr Gottfried ein Heiliger! Immerhin, er hätte versprochen zu sein, was die
Erscheinung von ihm verlangte, wenn er nur aus den Händen des Fieberkranken
erlöst war.
    »Oheim, Oheim! aber auch die Sünde floh Dich. Wie die Flamme am Steine fand
sie ja nichts Lebendiges an Dir. Ach, hineingelebt hast Du in den Tag, bis die
Sonne umsonst Dir aufging, die Vögel umsonst Dir zwitscherten, die Glocken
umsonst tönten; der Donner Gottes rollte über Deinem Haupte und fand Dich
schlafend. Richte Dich auf, schau Dich an und frage Dich: Was bist Du? Ein
Klumpen Erde, gehüllt in menschliche Form. Du fühlst den Schmerz; auch der Wurm
krümmt sich. Du lächelst; auch mein Hund springt mich an. Aber wo ist sie
geblieben, Deine unsterbliche Seele? Du issest, Du trinkst, Du sprichst, Du
schlägst um Dich, Du wehrst Dich Deiner Haut, aber die Seele schläft dabei.
Unglückseliger, wie lang ist Dein Lebensfaden schon, und wo sind die Gedanken,
an die Du Dich halten kannst, wenn der Leib in Staub zerfällt? Greife sie doch
wie ich, die Flämmchen in der nächtlichen Wüste. Drei, vier schon griff ich.
Ach, welche unermessliche Wüste hinter Dir, und ich sah auch kein einzig
Flämmchen. Wenn Dich der Posaunenschall weckt, schlägst Du ja umsonst die Augen
auf. Dein Sinn zerfällt in Nichts; es sind keine Führer für Dich da, keine
Gedanken, die Dich zur Ewigkeit leiten. Ich will Dich wecken, mein armer Ohm,
schöpfen, bohren, schneiden, bis das Messer in der todten Masse -«
    »Jesu! Maria! Joseph!« schrie der Burgherr, als der Fieberkranke beide Arme
nach ihm ausstreckte. Und er sass fest geklemmt zwischen Tisch und Stuhl; nicht
einmal sein Schwert konnte er ablangen; und wer braucht ein Schwert gegen den,
der unsere Seele fordert! Aber die heiligen Namen, die er anrief, mussten doch
dem Ritter geholfen haben. Neben dem weissen Plagegeist stand plötzlich ein
schwarzer. Mit russigem Gesicht, die Haare herabhängend, wie ein Kobold, der aus
der Erde aufgeschossen, die noch von seinen Gliedern rollt, umfasste den
Fieberkranken eine kräftige Gestalt mit zwei starken Armen: »Junker, Ihr seid
noch krank, Ihr müsst zu Bett.« Im nächsten Augenblick war die weisse und die
schwarze Erscheinung aus des Ritters dämmernden Augen verschwinden.
    Die Mittagssonne schien freundlich durch die offene Tür. Das Federvieh
gackerte auf dem Hofe und eine Gans steckte neugierig ihren Hals über die
Schwelle, als sich die Zwei ansahen, die jetzt allein da waren. Die Zwei waren
Herr Götz von Ziatz und sein Knecht Kaspar. Da keiner ihn erlösen kam, hatte er
sich selbst erlöst aus der Schmiede. Die Tür, die seine Herrin verschlossen,
nein, die durfte der treue Knecht nicht aufbrechen. Aber er hatte sich unter der
Türe durchgewühlt. Vielleicht hätte er es schneller tun können, denn er war
rüstig, wo es galt; aber er musste wohl Gründe dafür haben, dass er nicht
schneller war.
    »Nu sage mal, Kaspar, was das ist,« sprach sein Herr, als er die letzte Erde
von den Schultern schüttelte.
    »Ja, ja«, sagte der Knecht und kraute sich hinter'm Ohr.
    »Hat mich ordentlich erschreckt. - Es wäre zu spät,« sagte er.
    »Ich glaub's auch Herr, nun ist's zu spät.«
    Der Burgherr ward blass. Hätte das der Knecht vorausgedacht, er würde es
nimmer gesagt haben.
    »Wenn Ihr Euch recht zusammen nehmt und die Sporen nicht schont, dann könnt
Ihr's vielleicht noch nachholen. Ich weiss nur nicht, ob's gut ist - 's ist auch
kein Pferd da.«
    Herr Gottfried schien nur die ersten Worte gehört zu haben. Er liess das Kinn
auf die Hand sinken, und so sass er träumend: »Wie soll ich mich denn
zusammennehmen? Ist's Einem denn noch nicht schwer genug gemacht - Kaspar,
denkst Du denn auch bisweilen?«
    »Wenn's mir befohlen wird.«
    »Das sag ich ja auch. Aber - 's ist mir in den Magen gefahren.«
    »Ihr solltet Eins trinken auf den Schreck.«
    Der Herr nickte ihm Beifall. Der Wein war süss, aber über den Lippen glitt
etwas Bitteres dem guten Herrn Götz: »Als schnürte er mir die Kehle zu! Einmal
war's mir doch, als stäk ich schon in einem Brunnen.«
    »Da muss man sich selber helfen,« brummte der Knecht. »Ich stak auch tief,
aber ich buttelte mir ein Loch, und da kam ich raus.«
    »Du! - Sahst du denn auch Flämmchen?«
    »Wie ich erst das Sonnenlicht sah, da ging's risch, rasch.«
    Der gute Herr schüttelte den Kopf, so trübselig hatte er nie am Morgen nach
einem guten Trunk ausgeschaut; nie hatte er den Knecht, auch in seiner
weichmütigsten Laune, so weichmütig, nein so wehmütig angeschaut.
    »Kaspar! Wenn er nur das nicht vom Brunnen geredet hätte! Weiss Gott, seit er
das gesprochen, 's rührt sich Alles in mir.«
    »Ihr habt zu wenig auf's Essen getrunken.«
    »Und wie er mich mit den gläsernen Augen ansah, mir war's doch wie in der
Storkower Fehde, weisst Du noch, als Abends das Sandtreiben kam, und ich lag
verwundet und rings um kein Mensch, glaubte, es sei mein letzter Tag. Da dachte
ich auch - Kaspar, toll ist er, aber 's ist mir, als ob's was wäre!«
    »Ja, 's ist schon was,« sagte der Knecht.
    »Nu sage mal, Kaspar! Hab's mein Lebtag nicht gehört: die Seele im Brunnen
zugeschüttet! Werde ja an keinem Brunnen mehr vorbei gehn, dass mir's nicht über
die Haut rieselt.«
    Der Knecht Kaspar sann eine Weile nach, dann hub er an: »Ich meine so,
gestrenger Herr, zweierlei. Das Denken ist schon gut, aber Manchermann meint,
dass er denken täte, und ist's doch nur, dass ihm im Kopfe rum surrt, was ein
Anderer vor ihm gedacht hat, und er hat's aufgeschnappt, er weiss nicht wie, und
wenn's in ihm losgeht, dann verschwört er Stein und Bein, 's 's wär sein eigener
Gedanke. Darum ist's kein so gross Unglück, wenn Einer gar nicht denken tut. Und
dann denk' ich, eins schickt sich nicht für Alle. Wenn zum Exempel der Bauer
immer denken wollte: warum sitzt der Junker im Schloss und trinkt, und ich muss
robotten und dürsten, oder der Pracher: warum muss ich nackt auf's Betteln gehn,
und der Bürger liegt in der Wolle bis über's Ohr, da kam Alles aus dem Schick.
Oder wo kriegten denn die Fürsten und die Hauptleute ihre Diener, so Jedermann
immer an seine Seele dächte und nicht an seines Herrn Vorteil. Dazu kriegen die
Priester ihren Decem, und wollte Jeder für seine Seele allein denken, möcht ich
mal sehen, ob sie den Priestern noch lange ihren Decem geben täten, und wenn
die nicht ihren Decem kriegten, dann schrien sie Zeter, und wo die Zeter über
ein Land schreien, dann kommt die Pestilenz und Interdicte und was nicht Alles.«
    Herr Gottfried nickte zu dem Allen, aber dass es gerade der Hans Jochem war,
und wo der es her hatte, das konnte er nicht begreifen.
    »Wisst Ihr, Gestrenger, als der Kapuziner predigen tat zu Fasten, da sah's
nachher bei uns doch aus, wie ein Haferfeld, wo die Schloosen drein schlugen. Es
dauerte lang, bis das Volk die Köpfe wieder aufrichten tat. Der Junker Hans
Jochem lachte dazumal, als die Andern heulten und schrien. Nun mein, ich so:
eingeschlagen hat's; beim Einen schlägt's oben auf die Haut und beim Andern
unter die Haut. Bei dem, da sieht man's, hier aber sieht man's nicht. Wie war's
mit dem Gewitter im Ruppiner Turm: Sie suchten's lang und fanden's nicht. Aber
unter'm Blech glimmte es fort, bis am dritten Tage die Sparren in lichter Lohe
standen, da schlug's denn auch durch's Blech. Beim Junker hat's drei Monate
unter'm Blech geglimmt.«
    »Kaspar, wenn's bei mir auch 'raus schlüge!«
    »Bei Gott ist kein Ding unmöglich, aber dafür, mein' ich, lässt man den
lieben Gott sorgen. Und was der fügt, das muss der Mensch nicht ändern. Und was
man findet, das muss man nehmen. Warum wär es sonst vor uns hingelegt? Und der
Tisch ist nicht umsonst gedeckt, und der Wein ist auch nicht aus dem Keller
geholt, damit er ausdunstet. Morgen ist auch ein Tag, und ein Sperling in der
Hand besser, als eine Taube auf dem Dache.«
    Herr Gottfried fand den Malvoisir wieder süss. Da reichte er dem Knechte noch
einmal die Hand und - »es sieht's ja Keiner!« dachte der gute Herr. Der Knecht
musste sich neben ihm an die Tischecke setzen. Malvoisir auf den Lippen eines
Knechtes! Aber ihre Seelen hatten sich gefunden. Der Herr ward froh, der Knecht
ward traurig. Er wischte sich mit dem Finger in's Auge. »Nun steht die Welt auf
dem Kopfe, mit meinem Herrn ist's aus.« Das sprach er aber nur innerlich.
»Kaspar, was sprichst Du für Dich?« - »Ach nicht für mich, Herr, 's ist nur -
nur die armen Hühner! Wer streut ihnen Futter!« - Herr Gottfried war ein
Menschenfreund, aber die Tiere liebte er fast wie die Menschen: »Das arme Vieh
hungert. Aber über die Brigitte, Donnerwetter, hat sie die Hühner vergessen! wo
ist sie denn?« - Der Knecht erschrak. Wer nicht an Lügen gewohnt ist, hüte sich
vor der ersten Lüge. »Sie wird schon kommen!« - »Kommen. - aber!« sprach der
Burgherr, und wieder eine lange, lange Reihe von Fragen stand auf den
halbgeöffneten Lippen. Da goss der treue Knecht, der selbst nur am Becher nippte,
den grossen Pokal seinem Herrn voll, bis er schäumte.
    Ein immer süsseres Lächeln breitete sich um die Lippen des Burgherrn, und was
fehlt an dem Bilde stiller Zufriedenheit, wenn wir den ehrenfesten Ritter und
den rauhen Knecht sehen in der Mitte der Hennen und Küchlein, die nach den
Brodkrumen schnappen, welche beide ausstreuen und Einer lächelt den Andern
vergnügt an. »Put - put!« waren die letzten vernehmbaren Töne aus den Lippen des
Ritters, der, wenn man ihn zur rechten Zeit geweckt und nicht die Hosen
fortgenommen hätte, jetzt in der Köpnicker Haide in Stahl und Erz zu Ross trabte,
um - doch die Sonne neigte sich schon wieder. Der jetzt in tiefem Frieden
schlummerte, sässe vielleicht nicht mehr zu Ross, das fürstenmörderische Schwert
in der Faust; die Hände auf dem Rücken gebunden, wanderte er, gesenkten Hauptes,
von höhnenden Schergen umgeben, dem Tore Berlins zu. Wohl dem, der ein treues
Weib hat, das wacht, wenn ihr Mann schläft, das für ihn denkt, wenn der süsse
Wein seine Gedanken abwärts führte, und für ihn handelt, wenn es schlimme Händel
gibt. Das treue Gesicht der guten Frau blickte jetzt vorsichtig durch's
Fenster. Da winkte ihr der Knecht Kasper vergnügt zu. Er hatte wohl gehört das
Tor knarren. Und nun kamen noch viele neugierige Köpfe und blickten herein.
Herr Gottfried sah sie nicht.
    Das war wieder eine andere Sonne, die in's Fenster schien, als der Knecht
die Tür zur Schlafstube ein wenig auftat und hineinrief: »Gestrenger, nun
ist's Zeit zum Aufstehn!«
    Als Herr Götz auffuhr, war das erste, was er zu Gesicht bekam, da er die
Arme vorwarf, seine Elennhosen. Er betrachtete sie von allen Seiten, sie waren
es. Er fuhr hinein, sie waren es. Er rieb sich die Stirn, sie blieben es.
»Kaspar! Brigitte!«
    »Was hast Du wieder, mein Götz,« rief die Frau, so die Treppen eben herauf
zu keuchen schien. Sie sah so ehrlich und treu aus.
    »Glaube, ich habe geträumt!« sagte Herr Götz.
    »Das kommt schon, Herr«, antwortete der Knecht, der gar nicht den feinen,
forschenden Blick seines Herrn zu verstehen schien, als der ihn wieder fragte:
»Ob's denn zu spät ist!«
    »Hab Dir zum Morgenimbiss ein Ferkelchen gebraten, Götz. Wenn Du jetzt runter
kommst, blitzt es und knuspert nur so. Auch Hirsebrei und geschmorte Pflaumen.«
    Ein Ferkelchen und Hirsebrei! Und auf dem Hofe schupperte sich die
Muttersau, und aus dem Stalle rauchte es, und - nicht die Tirolerdecke um die
Schultern, in seinem wollnen Wamms war Herr Gottfried, er wusste noch nicht wie,
die Treppe hinunter. Da küsste ihm Eva die Hand und dann die Backe, und wünschte
ihm guten Morgen, und die Frau rückte ihm den Stuhl an den Tisch, und so
zierlich und niedlich rauchte es vor ihm in der Schüssel.
    »Ich dachte, ihr wärt -« sprach der Burgherr, aber die Frau sagte ihm, der
Braten würde kalt werden; und in häuslichen Angelegenheiten ist es gut, wenn ein
Mann seiner Frau folgt. Und doch, wunderbar, er war schon mitten im Ferkelchen,
als er wieder fragte: »Ich dachte, Ihr wärt Alle aus. -«
    »Sind wieder heimgekehrt, als es dunkelte. Du schliefst schon.«
    »Schon!« Herr Gottfried vergass auf einen Augenblick das Ferkelchen und das
Zerbster Bier; er lehnte sich zurück und hielt mit beiden Händen die Stirn:
»Aber, wie ist mir denn! Also das war auch nichts, der Malvoisir und der tiefe
Brunnen - aber die Flämmchen und der schwarze Maulwurf!«
    »Vater, das hast Du geträumt.« Eva streichelte mit ihren kleinen Fingern
seinen Bart.
    »Das also! Aber -«
    Und plötzlich sprang Herr Gottfried auf. Alle erschraken und sahen sich
bedenklich' an, da er fort eilte. Aber die Edelfrau flüsterte, ihrer Tochter zu:
»Ich habe sie gewaschen und ausgebügelt.«
    Der Ritter kehrte wieder, seinen Büffelhandschuh in der Hand, und sah ihn
und fühlte ihn an und schüttelte den Kopf, dann sank er in den Stuhl: »Das also
auch ein Traum! - 's ist wunderbar!« aber unlieb schien es ihm nicht. »Wenn das
nur nicht ein Traum ist!« setzte er hinzu und sah ängstlich um sich her.
    Nein, das war kein Traum, die Frau war so lieb und gut, und die Eva und das
Ferkelchen so weich, es zerging ihm auf der Zunge. Seit lange entsann er sich
nicht, dass er mit so gutem Appetit gegessen.
    Aber es war doch etwas anders geworden, es war mit ihm etwas vorgegangen. Er
sass stundenlang, den Kopf im Arme, und stierte auf einen Fleck und schüttelte
den Kopf. Und als ihm die gute Frau erzählte von ihrem Hans Jürgen, wie der dem
Kurfürsten das Leben gerettet, und der Kurfürst ihn darauf in so jungen Jahren
vor'm ganzen Hofe zum Ritter geschlagen, und wie von der Kanzel herab in Berlin
von ihrem Neffen gepredigt worden, und wie der Kurfürst ihn in sein Gefolge
genommen und für ihn zu sorgen versprochen, und es könne noch ein grosser Herr
aus ihm werden mit der Zeit, und mit der Zeit vielleicht sonst auch noch was,
wobei sie auf die Eva schelmisch blickte und die Eva hochrot wurde, aber doch
schmunzelte, - da hörte es Herr Gottfried ruhig an, und sagte: »Wenn's nur nicht
auch ein Traum ist.« - Nachts fuhr der Mann, der einen so festen Schlaf hatte,
dass ihn das Knallen einer Donnerbüchse nicht weckte, beim geringsten Geräusche
auf und klagte, er sei in einen tiefen Brunnen gefallen, und wenn sie ihm
vernünftig zugeredet, ward er wohl still, aber er weinte auch still, und sie
hörte ihn die Worte sagen: »Ach es ist doch zu spät.«
    Da war der Frost gekommen und mit ihm der Ritter Hans Jürgen nach
Hohen-Ziatz. Auf dem Eisspiegel der Wiesen lief das junge Volk im hellen
Sonnenschein Schlittschuh, und Herr Gottfried und seine Frau sahen von der Mauer
zu.
    »Sieh, Götz, wie zierlich der Jürgen die Eva führt. Wer hätt's ihm
angesehen: Wenn sie so bei Hofe tanzen, als jetzt auf dem Eise, was werden sie
sprechen: Das ist ein schmuckes Paar!«
    »Ein Paar!« rief der Götz. »Kinder! Die können ja noch nicht denken!«
    Was soll draus werden, wenn's so fortgeht, hatte Frau von Bredow gedacht.
Zuweilen dachte sie auch, es wäre doch gut gewesen, wär der Dechant geblieben.
Er hätt's ihrem Herrn ausreden können, dass Einer, der sein Lebtag nicht an's
Denken gedacht, drei Schritt vor der Grube anfangen will.
    »Ketten und Kerker und bösen Leumund hat er überstanden, aber daran stirbt
er mir noch,« hatte Frau von Bredow gedacht. Da kam ihr recht zum Trost ein
lieber Besuch in's Haus, aus Schlesingen, der Ritter Hans von Schweinichen. Alle
Welt kennt den Ritter Hans von Schweinichen, der durch die Welt geritten ist, er
vorne, sein Knecht hinten; und wenn er etwas wankte, ritt der Knecht ihm zu
Seiten. Seinesgleichen sollte man weit und breit suchen. Vierzehn Tage
hintereinander verstand er wie ein Edelmann zu trinken, und wenn er nüchtern
ward, schrieb er's in sein Tagebuch, wo man's noch heute lesen kann, und in
jedem Jahr, wenn's zu Ende ging, hat er aufgeschrieben, was der Roggen gekostet
und der Hafer auf den Märkten. Herr Götz und er hatten einst gute Freundschaft
gemacht in Kottbus an einem Fürstentag, da man sie beide nach einem guten Rausch
in eine Kammer und in ein Bett trug. Das wollten sie nie vergessen, hatten sie
sich zugeschworen. Nun da Herr Hans zum Besuch ritt nach Ziesar zum Bischof
Scultetus, seinem Landsmann, der ihn eingeladen, um mit ihm einen guten Trunk zu
tun, wollte er vorher bei dem alten Freunde einsprechen. Da war grosse Freude,
und Herr Götz und sein Ehegemahl liessen ihn nicht fort, er musste an vierzehn
Tage bleiben; und was die alten Freunde da mit einander getrunken und
gesprochen, das lässt sich besser denken als erzählen. Niemand aber war froher,
als Frau von Bredow, da sie ihren Eheherrn wieder so froh sah, und sie hatte nur
Furcht, dass wenn der liebe Gast fort wäre, er wieder in seinen Trübsinn
verfiele; darum teilte sie dem Ritter Hans ihre Bekümmernis mit und fragte ihn,
wie er's denn mache, dass er immer guten Mutes bleibe, wie ein Edelmann muss, und
doch täte er nicht allein denken, sondern er schreibe sogar seine Gedanken
nieder, und auf Papier.
    »Meine liebe Frau von Bredow,« sagte Herr Hans von Schweinichen, wie er's
auch sonst oft gesagt hat: »Was uns kommt, kommt nicht von uns, sondern vom
lieben Gott. Wenn ich einen guten Rausch gehabt, hat's der liebe Gott so gefügt,
und da ich um mein liebstes Ehegemahl anhielt, hat er's auch so gefügt, denn
wüsste sonst nicht, wie ich zum Mut kommen, dass ich sie fragte, willst Du mich?
da ich doch bei unterschiedlichen andern hübschen und adligen Weibsbildern, so
ich viel lieber gehabt, ehedem nicht den Mund auftun konnte. Wer sollte mir
also den Mund aufgeschlossen haben, als der ihn mir auch vorhinnen verschloss,
der liebe Gott? Item wird es auch mit dem Denken und dem Schreiben sein. Kümmert
Euch also, liebwerteste Frau Gevatterin, gar nicht darum. Wenn's Herrn
Gottfried treibt, dass er denken muss, so hat's der liebe Gott gefügt, und wenn
die ganze Welt anfinge zu denken auf eigene Hand, so müssen wir denken, als gute
Christen, der liebe Gott hat's nun mal gewollt.«
    »Was kannst Du nun mehr wünschen?« sagte Eva, da sie Hans Jürgen ein
Stückchen durch die Kiefern zum Abschied begleitet. Er führte sein Ross am Zaum,
so lange er neben ihr herging.
    Da kratzte er sich hinter'm Ohr und sah sie eigens an.
    »Brummbär! Noch nicht zufrieden?«
    »I ja, Eva, es wäre schon.«
    »Du, weisst Du noch, wie Du am Fliess Wache standst -« sie sprach es nicht
aus, wovor der arme Junge Wache gestanden, - »und jetzt, jetzt bist Du
eigentlich was von einem Geheimenrate, und bei Deinem Kurfürsten!«
    »Eva, ich meine so, es hat jedwed Ding zwei Seiten. Von der einen sieht's so
aus und von der andern so. Schau da die alten Kiefern, nun die Abendsonne drauf
scheint, ist's so lustig gesprenkelt vom Wipfel bis zur Wurzel, als wären's
Rosenstengel, und man möchte immer den Finger dran tupfen, dass der auch rot
wird. Aber die Sonne ist ein Weniges gesunken, werden sie grau und knarren, und
man müsst' auch 'ne Kräh' sein, um sich gern drein zu schaukeln.«
    »Der Kurfürst ist Dir immer gut, Hans Jürgen; er lächelt Dir immer zu wie
rosenrot. Hast's selbst gesagt.«
    »Das ist's eben, Eva. Wenn einer immer zu Einem lächeln tut, und Ensereinem
ist nun nicht zum Lachen! Nun hast Du schon recht, ich darf sprechen, wie mir
um's Herz ist. Oder, wie er sagt, sprich wie Dir der Schnabel gewachsen ist. Nun
ist mir aber manchesmal so zu Mut, wie ihm nicht zu Mut ist, und was ich
denke, das denkt er nicht; oder was er denkt, das denke ich nicht. Wenn ich's
nun raus sage, dass mir was nicht gefällt, und was mir nicht gefällt, und das ist
oft gar viel, so würde ich das ganz recht finden, wenn er wieder raus führe und
sagte: Du verstehst das nicht, drum halt Dein Maul. Denn es ist richtig, ich
versteh' Vieles noch nicht, aber ich will es lernen; und er könnt' es mich
besser lehren. Aber er lässt mich schwatzen und reden, wie das nun ist, und dann
sieht er mich so von oben freundlich an, wie die Sonne ein Mühlrad, und mir
ist's, als spräche er bei sich: Kann der kleine Hund auch schon bellen! Gottes
Wunder! dass ich, der Alles weiss, und besser als alle Anderen, auch solche Stimme
anhören muss! - Sieh mal, Eva, da ist mir denn auch manchmal so kurios zu Mute,
und gar nicht so, wie die Sonne auf die Kiefern scheint, als knarrten die Aeste
in mir, und die Krähen krächzten: Du bist doch auch ein Mensch von Gott gemacht,
als wie der, und was ein Mensch nicht findet, das findet der andere; darum soll
kein Mensch dem andern zu niedrig dünken, dass er nicht auch von ihm was anhören
könnte und lernen dazu, und eines Menschen Stimme, wenn er auch nicht schön
spricht und nicht so hohen Verstand hat, ist doch mehr als ein Mühlrad, auch
wenn die Sonne drauf scheint.«
    Da der Ritter Hans Jürgen auf's Ross sich geschwungen, und nun auch durch die
hohen Kiefern ritt, glühte auch Eva's Gesicht, ob's von der Abendsonne war oder
von der Freude, ihm nachzusehen? Aber, als hätt's ein Kobold ihr angetan,
unterkreuzte das hübsche Kind die Arme und ein schelmisch Lächeln schwebte um
ihre Rosenlippen, als sie mit einem Male die Worte des Kurfürsten wiederholte:
»Kann der kleine Hund auch schon bellen?« Doch, wie erschrocken, dass er's gehört
haben könnte, oder erschrocken vor sich selbst, verstummte, sie, und als wollte
sie's wieder gut machen, warf sie ihm Kusshände nach. »Ach, Du lieber Hans
Jürgen, ich bin Dir doch so gut,« das hörte er nicht, aber er sah, wie sie, auf
den Zehen sich hebend, mit dem Tüchlein wehte, und wehte wieder mit dem
Federhut, bis er an den Fichten verschwand. Wie lange stand sie noch da in der
einsamen Haide, als lausche sie auf den Abendwind, der in den Wipfeln spielte.
Ein Anderer hätte sich gefürchtet, sie lächelte immer holder, als horche sie in
dem Surren und Summen und Säuseln in der Haide, die jetzt grau ward, auf einen
Brautgesang, den gute Geister anstimmten.
    Und damit ist dieses Buch zu Ende.
    Denn obschon Mancherlei geschah, was, so zu sagen, noch zum Schluss gehört,
so ereignete sich das erst viele Jahre später, und wer es erfahren und lesen
will, der suche es im andern Teil unseres Buches, der unter dem Namen »Der
Wärwolf« geschrieben und gedruckt ist.
                                    (Ende.)
 
    