
        
                                  Fanny Lewald
                                Eine Lebensfrage
                  Von der Verfasserin der Clementine und Jenny
                                   Erster Teil
                                        I
Alfred von Reichenbach, ein Mann in der Mitte der dreissiger Jahre, sass eifrig
arbeitend vor dem Schreibtische in seinem Studirzimmer, das, nach den
aufgestellten Bücherschränken, Büsten und Bildern zu urteilen, auf einen
Besitzer schliessen liess, der Wissenschaften und Künste liebte und über die
Mittel gebot, seinen Neigungen Befriedigung zu verschaffen.
    Die mächtigen Bäume, welche sein Schloss umgaben, die geschlossenen
Jalousien, verbreiteten eine milde Dämmerung in dem Zimmer und trotz der
drückenden Wärme eines Sommerabends war es hier frisch und luftig. Eine tiefe
Stille herrschte in dem Gemach, nur unterbrochen von dem leisen Geräusch,
welches Alfred's Feder auf dem Papier verursachte. Er schrieb mit wachsender
Schnelle und sein Gesicht zeigte den Ausdruck jener freudigen Begeisterung, den
das Gelingen einer Arbeit hervorruft.
    Da öffnete eine stattliche blonde Frau die Türe und sagte: es ist drüben so
warm in den Stuben, dass man es nicht ertragen kann, ich werde mich mit meiner
Arbeit zu Dir setzen.
    Es war die Frau des Schlossherrn. Er schreckte aus seinen Gedanken empor, sah
sie zerstreut einen Augenblick an, nickte mit dem Kopfe und arbeitete emsig
weiter.
    Frau von Reichenbach beachtete das nicht. Sie schob mit Geräusch einen Tisch
an das Fenster, rückte einen Stuhl zurecht und zog eine Tapisserie-Arbeit aus
ihrem Nähkorbe, wobei Scheere und andere Gerätschaften klappernd zur Erde
fielen. Alfred fuhr beunruhigt mehrmals mit der Hand über die Stirn, hielt im
Schreiben an, überlas das Fertige, wollte weiter arbeiten, aber er war zerstreut
worden, konnte dieselbe Gedankenreihe nicht finden und das Schaffen schritt
langsamer vorwärts.
    Nimm's nicht übel, Alfred! rief die Nähende nach einer kurzen Pause, es ist
aber förmlich Nacht in Deiner Stube, ich muss die Jalousien öffnen, ich kann das
Muster hier nicht zählen.
    Die Jalousien, von ihr losgehakt, flogen zurück, das blendende Licht der
untergehenden Sonne fiel plötzlich strahlend in das Zimmer, und missmutig sagte
Alfred: Du weisst, Caroline, wie peinlich und störend mir solch grelles Licht
ist, wenn ich arbeite.
    Was soll ich aber tun, wenn ich die Stiche nicht zählen kann? wiederholte
sie, und fragte bald darauf: Hast Du davon gehört, dass des Inspectors Tochter
eine Liebschaft mit einem Studenten hat, seit sie den Winter in der Stadt war?
    Lass mich arbeiten, meine Liebe! bat Alfred, ich möchte das Kapitel gern
beendigen.
    Caroline schwieg einige Zeit, Alfred's Feder bewegte sich wieder schneller,
da bog seine Frau sich weit aus dem geöffneten Fenster hinaus, und rief einem im
Hofe beschäftigten Mädchen in scheltendem Tone die Worte zu: Die Röcke sollen
ein für allemal nicht mit Nadeln an den Trockenschnüren befestigt werden; wie
oft soll ich das sagen?
    Alfred stand ungeduldig auf, murmelte leise: Ganz unerträglich! nahm sich
dann aber zusammen und fragte ruhig: Wo ist Felix?
    Er spielt im Garten.
    So lass uns auch hinabgehen.
    Jetzt? in dieser Hitze?
    In den Alleen ist's schon schattig.
    Aber Du wolltest ja arbeiten? meinte Caroline. Wie kann man so launenhaft
sein! Du hattest mir beim Kaffee ausdrücklich gesagt, wir sollten Dich nicht
stören.
    Deshalb kamst Du wohl herein und plaudertest unaufhörlich? sagte Alfred im
Tone eines freundlichen Vorwurfs. Sie schickte sich zu einer Entgegnung an, aber
er wiederholte seinen Wunsch, zu dem Sohne hinabzugehen, und bald darauf finden
wir die Eheleute in den stattlichen Alleen des Gartens wieder.
    Der schöne, zehnjährige Felix sprang den Eltern froh entgegen, ward von dem
Vater geliebkoset und fing an, von seinen Spielen, von seinen Hunden und von dem
Kutscher zu erzählen, während sie durch den Laubgang vorwärtsschritten.
Plötzlich hielt der Knabe in seinen Berichten inne, sah dem Vater prüfend in das
Gesicht und ging dann schweigend und ruhig neben ihm her. Alfred bemerkte dies
Schweigen nicht und schien auch eine gleichgültige Frage seiner Frau zu
überhören, so dass sie unmutig ausrief: Aber wenn Du mich nur hier haben
wolltest, damit ich neben Dir hergehe, so hättest Du mich im Hause lassen
können, wo ich zu tun hatte.
    Alfred erwachte aus seiner Zerstreuteit. Vergib! sagte er, ich habe so
plötzlich zu arbeiten aufgehört, da weilt die Seele unwillkürlich noch bei den
Vorstellungen, die sie beschäftigten. Ich dachte in diesem Augenblick mehr an
die Vergangenheit und an mein Gedicht, als an Euch und an die Gegenwart.
    Das sah ich, Vater! bemerkte Felix, und darum war ich lieber still. Ich weiss
es gleich, wenn Du an Deine Arbeiten denkst. Dann sehen Deine Augen ganz anders
aus, als könntest Du nicht mit ihnen sehen, was um Dich her vorgeht. Bist Du
vergnügt, wenn Du Dir Deine Gedichte und Geschichten ausdenkst?
    Ja, mein Sohn, und recht vergnügt! Ich wollte, auch in Deine Brust hätte die
Natur den schöpferischen Funken gelegt, der in uns eine neue Welt voll Freuden
und Leiden hervorruft. Indes selbst in den Leiden liegt noch Glück und
Schönheit, und wohl Dem, der jenes doppelte Leben kennt, das den Dichter in den
Momenten des Schaffens zum glücklichsten Menschen macht, sagte Alfred, zu seiner
Frau gewendet.
    Das ist aber ein sehr einseitiges Glück, meinte diese, von dem Niemand etwas
geniesst, als nur Du selbst. Für Deine Umgebung bist Du verloren, wenn Du so in
das Arbeiten hineinkommst. Ob ich mich mit den Leuten plagen muss, ob ich Verdruss
und Aerger habe, danach fragst Du nicht; Du dichtest! Und gerade heute habe ich
Verdruss gehabt, denn ich habe der neuen Wirtschafterin den Dienst gleich wieder
aufkündigen müssen.
    So! sagte Alfred gleichgültig und teilnahmlos.
    Und Du fragst nicht einmal weshalb?
    Gewöhnlich, Beste, scheinen mir Deine Gründe für diese sich oft
wiederholenden Gewaltmassregeln nicht ausreichend. Du weisst, ich habe dabei
früher stets zu vermitteln, einzuschreiten versucht, jetzt bin ich es müde
geworden. Du willst nicht einsehen, dass Du Dir all den Verdruss durch Deine
Ungeduld mit den Leuten selbst bereitest; deshalb lasse ich Dich nach Belieben
schalten und ertrage die Unbequemlichkeit, fortwährend neue Dienstboten um uns
zu haben.
    Als ob Dich auch nur Etwas von diesen Unbequemlichkeiten träfe! als ob ich
nicht Alles auf mich nähme! Ich denke, Du kannst Dich nicht darüber beklagen,
dass Du je Deine gewohnte Bequemlichkeit entbehrst, dass ich es Dich je empfinden
lasse, welche Plage die schlechten Leute sind! rief Caroline empfindlich, und
Alle schwiegen, bis Felix den Vater bat, den Garten zu verlassen, um durch die
Felder auf den Berg zu gehen.
    Der Vater war es gern zufrieden, indes die Mutter machte Einwendungen. Sie
fürchtete die Wärme, den weiten Weg, liess sich aber dennoch überreden, ihres
Mannes Arm zu nehmen und die Ihrigen zu begleiten. Der Knabe lief fröhlich voran
und bald hatte man die Höhe erreicht, von der aus sich ein weiter Blick über die
grossen Reichenbach'schen Besitzungen eröffnete.
    Mässige Hügelketten durchzogen das Land, bald mit üppigen Laubwäldern, bald
mit wogenden Getreidefeldern geschmückt, die in goldiger Fülle der Ernte
entgegenreiften. Dazwischen schlängelte sich von der Höhe ein Flüsschen hinab,
das im Tale einen Kupferhammer trieb und weiter hin einen hellen Teich bildete,
der, wie die blaue Wunderblume der Märchenwelt, funkelnd und strahlend aus der
Tiefe hervorleuchtete. Glitzernd zitterten die letzten Sonnenstrahlen auf dem
ruhigen Gewässer und färbten mit bräunlichem Golde die Spitzen der Bäume, die
sich leise unter dem erfrischenden Wehen der Abendluft zu regen begannen. Die
ersten langgezogenen Finkenschläge tönten aus den Büschen, Säulen von
schwärmenden Mücken sonnten sich in der Luft, und Alles was lebte, schien sich
der schönen letzten Tagesstunde mit Glück bewusst zu sein.
    Alfred blickte lange entzückt umher, schwelgend in Anbetung und Freude.
Caroline hatte sich auf einen Stein niedergesetzt, sie war mit den Bändern ihrer
Schuhe beschäftigt. Ihr Mann liess sie ruhig gewähren. Plötzlich, als die Farben
immer tiefer wurden, als es überall heller leuchtete, rief er wie im
Selbstgespräch: Wie verdient man diese Welt? wie geniesst man all diese
Herrlichkeit? Felix! siehst Du denn, mein Sohn, wie schön es hier ist? Siehst
Du, wie dort, wo Dein Schwan durch den Teich zieht, lange, lange Goldstreifen
sich spiegeln, als Widerschein des Lichtes? Da streichelt die Sonne mit goldener
Hand die feuchte, heisse Wange der müden, entschlummernden Erde, und wünscht ihr
gute Ruhe und selige Träume, wie wir es mit Dir machen. Und die Erde wird still
und ruhig und träumt von Glück und Frieden! Wollte Gott, dass morgen, wenn sie
erwacht, der Traum Wahrheit geworden wäre, dass - -
    Hier ist's aber vor Mücken nicht zu bleiben! fiel seine Frau ihm in das
Wort, und überhaupt möchte ich zurückgehen, mich drücken die Schuhe und ich will
auch der Haushälterin noch etwas sagen.
    So komm! sagte Alfred seufzend und, eine düstere Wolke des Unmutes auf der
Stirne, trat er den Rückweg an, seine Frau am Arme führend, die sich fest und
schwer darauf lehnte und unablässig über ihre unbequemen Schuhe klagte.
 
                                       II
Alfred war der Sohn adliger und edler Eltern. Den Vater hatte er wenig gekannt,
die Mutter, welche ihn mit vollster Hingebung erzogen, war gestorben, als er
kaum das Jünglingsalter erreicht hatte und Offizier geworden war. Von dieser
trefflichen Frau an ein geistiges Zusammenleben mit ihr gewöhnt, fand er nach
ihrem Tode sich einsam und verlassen. Die lauten, wüsten Kreise seiner Kameraden
zogen ihn nicht an und, in ein kleines Garnisonstädtchen versetzt, führte er ein
zurückgezogenes freudloses Dasein, bis ihm in der Liebe neue Hoffnung erblühte.
    Er hatte eine Wohnung in dem Hause eines adligen Subalternbeamten gemietet,
dessen einzige Tochter, Caroline, für das schönste Mädchen der Stadt galt, das
von den Launen einer jungen Stiefmutter viel zu dulden hatte. Alfred bedauerte
sie, wollte sie trösten, sie durch seine Teilnahme für ihre Leiden
entschädigen. Während dieser Bestrebungen verwandelten sich allmälig sein
Mitgefühl und des Mädchens Dankbarkeit in Liebe, die sie sich mit der
Befangenheit der ersten Jugend gestanden.
    Beide waren neunzehnjährig und schön. Alfred's Seele schmachtete
liebedurstig nach einem Ideale, und freigebig schmückte er in seinem Geiste das
junge Mädchen mit allen Vorzügen, die er in ihm ersehnte, die es nicht besass.
Kleine Misshelligkeiten, die oftmals vorfielen, wurden durch die Küsse und
Schwüre der Versöhnungsstunden ausgeglichen; es war ein Verhältnis, wie viele
andere, das sich gleichblieb, bis Alfred die Garnison verliess, um die
Kriegsschule in Berlin zu beziehen. Eine Trennung, ohne sichere Aussichten für
künftiges Wiedersehen, schien den Liebenden unmöglich. Man entdeckte sich den
Eltern und, da dem Vater der stattliche Schwiegersohn, der Stiefmutter die
Verheiratung der Tochter willkommen war, erlangte das junge Paar die
Einwilligung der Eltern mit dem Versprechen, der begüterte Vater wolle die
Verheiratung Carolinen's möglich machen, sobald der Lieutenant seine Studien
beendet haben würde.
    In Berlin fand Alfred einen greisen Grossonkel, der sich väterlich des
strebsamen Jünglings annahm. Er war Domherr, hatte an verschiedenen grösseren
Höfen gelebt und zeichnete sich ebenso sehr durch Geist und feine Sitten, als
durch ein starres Festalten an den Grundsätzen der katolischen Kirche aus. Von
ihm ward Alfred in die gebildeten, kunstsinnigen Kreise der Hauptstadt
eingeführt; unter seiner Leitung suchte er auf jede Weise seinen Geist zu
bilden, und der Neigung für Künste und Wissenschaft zu genügen, die er in seinen
früheren Verhältnissen nicht befriedigen können.
    Nachdem dies beglückende Verhältnis ein paar Jahre gedauert hatte, starb der
Greis plötzlich und Alfred sah sich, unerwartet zu dessen alleinigem Erben
ernannt, in dem Besitze eines bedeutenden Vermögens. Freudig ward die Nachricht
der Braut verkündet und die Hoffnung baldiger Hochzeit daran geknüpft; aber in
der Freude seines Herzens hatte der junge Mann eine Bedingung des Testaments
nicht beachtet, welche jene Aussicht noch in weite Ferne hinausschob.
    Das Testament verlangte, dass Alfred sich nicht vor vollendetem
vierundzwanzigsten Jahre verheiraten, bis dahin in Berlin bleiben oder reisen,
und seine Braut nicht wiedersehen dürfe, bis er nach erlangter Grossjährigkeit
die Erbschaft angetreten haben würde, welche bis dahin für ihn von den Domherren
des geistlichen Stiftes verwaltet werden sollte.
    Nur mit Widerstreben fügte sich das Brautpaar in das Unabänderliche.
Carolinen's Klagen über ihre traurigen Verhältnisse zur Stiefmutter suchte
Alfred mit Schilderungen der glücklichern Zukunft zu beschwichtigen; während er
jetzt schon mit zärtlicher Grossmut bemüht war, ihr Loos erträglich zu machen
und dem sinkenden Wohlstande ihrer Eltern wieder empor zu helfen. Die reichsten
Geschenke, die ausführlichsten Briefe, die feurigsten Liebeslieder wurden ihr
gesendet; aber Nichts vermochte sie zu erheitern, Nichts sie von dem Verdachte
zu befreien, Alfred vergesse ihrer, und sein Wille müsse die Hindernisse
überwinden können, die sich ihrer Verbindung im Augenblicke entgegenstellten.
Das sprach sie mit Bitterkeit in jedem ihrer Briefe aus und verminderte dadurch
die Sehnsucht, mit welcher er ihnen sonst entgegengeharrt hatte.
    Bald darauf trat er seine Reisen an. Er sah Länder und Völker und lernte den
Menschen verstehen, von dem Palaste des Herrschers bis hinab in die Hütte des
Armen. Die Natur hatte ihm eine poetische Auffassungsgabe und eine schöne
gestaltende Kraft verliehen. Es trieb ihn also, was er gefühlt und gedacht, für
sich und Andere in bleibender Form fest zu halten und auf Zureden eines Freundes
gab er einen Band von Liedern und Gedichten heraus, die er in begeisterten
Stunden geschrieben hatte.
    Als er nach Verlauf einiger Jahre in die Heimat zurückkehrte, begrüsste ihn
das Mitgefühl des deutschen Vaterlandes, das die Versuche des jungen Dichters
wohlwollend willkommen hiess; aber er entriss sich schnell dem verlockenden
Treiben der grossen Welt, um zu seiner Verlobten zu eilen.
    Wer jedoch beschreibt seine Empfindungen, als er die Ersehnte wiedersah? In
den beständigen Reibungen mit der Stiefmutter, in den kleinlichen Verhältnissen
eines Landstädtchens war der mädchenhafte, jugendliche Reiz, der auch die
weniger begabten Frauen liebenswürdig macht, gänzlich entschwunden, und Alfred
fühlte sein Herz erstarren in dem Begegnen mit der Braut.
    Der Gedanke, mit ihr zu brechen, regte sich in ihm, aber er unterdrückte ihn
schnell; denn er hatte ihr sein Wort verpfändet, sie hatte ihre Jugend im
Vertrauen darauf durchlebt und ihr Vater war verarmt. Daneben wachte auch die
Erinnerung an die erste Zeit ihrer Liebe mächtig in ihm auf. Er wähnte, Caroline
bilden, sie zu sich erheben zu können. In dieser Erwartung ward ihre Ehe
geschlossen, und noch am Hochzeitstage führte er die junge Gattin in sein
Schloss, das mit gebildetem Schönheitssinn für ein poetisches Zusammenleben
eingerichtet worden war.
    Aber seine Hoffnungen täuschten ihn. Carolinen's Herz war nicht böse, es
fehlte ihr nicht an Verstand, sie liebte ihren Mann auf ihre Weise, aber sie war
kalt und herb, und Alfred entdeckte bald eine Kluft zwischen sich und ihr, die
sie weit von einander trennte. Die Weise, in der er, bei grosser praktischer
Tüchtigkeit, Welt und Leben geistig erfasste, seine Bestrebungen für Menschenwohl
im Grossen, sein ganzes Wollen und Wirken lagen ausser den engen Grenzen, in denen
der Geist seiner Frau sich bewegte. Seine ganze Richtung erschien ihr
phantastisch, sie fühlte, dass sie ihm nicht folgen, ihm nicht genügen könne, dass
er mehr verlange, als sie ihm sei. Das machte sie eifersüchtig, launenhaft und
reizbar, und selbst die Geburt eines Sohnes brachte keine vollständige
Annäherung zuwege, obgleich beide Eltern mit gleicher Liebe an dem Kinde hingen.
    Häusliches Unbehagen führte die Gatten vom Lande nach der Stadt, wo sie eine
Weile zu leben versuchten; Carolinen's Eifersucht trieb sie wieder auf das Land
zurück. In immer neuen Verstimmungen flossen die Jahre dahin, und die
Misshelligkeiten steigerten sich, seit die Erziehung des zehnjährigen Sohnes die
religiösen Ansichten der Eltern einander gegenüberstellte. Alfred und seine Frau
waren beide katolisch; während aber Jener einem reinen Deismus huldigte, hing
Caroline streng an dem äussern Kultus der römischen Kirche und suchte, unter
Anleitung ihres Beichtvaters, eines Kaplan Ruhberg, vom Domstifte zu Maria-Gnad,
das in der Nähe des Schlosses lag, auch Felix zu dem äussern Gottesdienste
anzuhalten, was ganz gegen die Ansicht ihres Mannes verstiess.
    Caroline, an beständigen Streit mit der Stiefmutter gewöhnt, war gegen das
Verletzende der oft wiederkehrenden Zerwürfnisse zwischen sich und ihrem Manne
nicht allzu empfindlich, während sein feineres Gemüt beständig darunter litt
und bei jedem neuen Anlasse schmerzlicher blutete, so dass das Leben an der Seite
seiner Frau ihm bald zu einer drückenden Bürde wurde, gegen die er nur in
rastloser Tätigkeit Trost und Zerstreuung fand. Schulen und Fabriken wurden auf
seinen Gütern gegründet, Not und Elend schwanden von seinen Besitzungen, er sah
sich nach wenig Jahren von frohen, dankbaren Menschen umgeben und sein grosser,
ererbter Reichtum nahm mächtig zu. Er wusste, dass er seine Pflicht tat, und er
tat sie gern.
    Aber je mehr er es fühlte, wie er in dem Gelingen dieser Bestrebungen, in
seinen dichterischen Erfolgen und vor Allem in dem fröhlichen Heranwachsen
seines Sohnes, alle Mittel zu dem vollkommensten Glück besitze, um so
schmerzlicher entbehrte er in der Mutter dieses Knaben die gleichfühlende
Gefährtin, die all das Gute mit ihm teilen sollte, und um so grösser ward die
Entfernung, die ihn geistig von ihr trennte. Was blieb ihm also übrig, als sich
endlich vor dem Unerreichbaren entsagend zu bescheiden? Alles, was er erlangen
konnte, war eine verhältnissmässige Ruhe, und diese strebte er also an. Er gab den
Launen Carolinen's so weit als möglich nach, liess sie in ihrer Neigung für Luxus
gewähren, er aber lebte seinen Pflichten, seinen Arbeiten und seinem Sohne.
 
                                      III
Noch klang die Erinnerung an die letzten Streitigkeiten in Alfred's missmutiger
Stimmung fort, als schon ein neues Unwetter an seinem Ehehimmel heraufzog. Er
hatte eine bestimmte Menge von Lebensmitteln festgesetzt, welche allwöchentlich
an diejenigen Gutsinsassen verteilt werden sollten, die durch Alter oder
Krankheit zur Arbeit unfähig geworden waren. Jahre lang hatte diese Massregel
ruhig fortbestanden, jetzt aber trat plötzlich der Verwalter mit der Frage an
ihn heran, wie er es künftig mit der Austeilung dieser Unterstützung zu halten
habe, da er mit dem dazu bewilligten Quantum nicht mehr auszureichen vermöge.
    Woran liegt das, fragte Alfred, grade jetzt, wo der Gesundheitszustand bei
dem schönen Wetter vortrefflich und alle Welt bei der Ernte beschäftigt ist? In
dieser Zeit pflegte doch sonst die Notwendigkeit der Unterstützung sehr gering
zu sein und die Sommermonate mussten den Winter übertragen helfen.
    Gnädiger Herr! wendete der Verwalter ein, sonst hatten wir die wöchentlichen
Sendungen in's Kloster Maria Gnad nicht zu machen.
    Nach Maria Gnad? In's Kloster? Was soll das heissen?
    Ich meine die Sendung, die ich seit einigen Wochen dort hin schaffen muss.
    Alfred sah den Verwalter überrascht an, fasste sich aber schnell, den
Zusammenhang erratend, und sagte: Ja so! - nun, ich will das überlegen. Ich
werde Ihnen morgen den Bescheid geben, wenn Sie in der Frühe zu mir kommen.
    Mit dieser Weisung empfahl sich der Verwalter und Alfred eilte zu seiner
Frau. Hast Du den Befehl gegeben, fragte er, regelmässige Lieferungen von
Lebensmitteln nach Maria Gnad zu machen?
    Ich sehe nicht ein, entgegnete Caroline, die gerade Antwort umgehend,
weshalb Du allein Dir das Recht aneignest, Wohltaten zu spenden; weshalb ich
nicht Teil an den guten Werken haben soll, auf meine Weise?
    Dass Du nicht Teil daran nahmst auf vernünftige Weise, hat mich oft genug
verdrossen! entgegnete er ihr. Wie häufig habe ich Dir gesagt, Du könntest wahre
Wohltaten tun auf unsern Gütern, wenn Du Deinen Einfluss auf die Frauen der
Leute verständig geltend machen wolltest. Du könntest mir die Hälfte der Arbeit
abnehmen, die mir die Gewöhnung der Einwohner zu verständigem Gebrauch ihrer
Mittel verursacht! Ich wollte Dich so gern als die Schöpferin des Guten verehren
lassen, das hier allmälig geschieht. Immer bist Du mir dann aber mit kleinlicher
Sparsamkeit, mit pietistischen Bedenken entgegengetreten; und nun befiehlst Du,
ohne mich zu fragen, plötzlich Sendungen in das Kloster zu machen, die meinen
arbeitsamen Leuten entzogen werden, um drüben die faulen Mönche fett zu füttern!
    Um von den frommen Herren an fromme, gottgefällige Christen verteilt zu
werden, die sich durch christlichen Wandel des Beistandes würdig machen, fiel
ihm Caroline fest ins Wort. So lange Du Deine Leute in dem unkirchlichen Leben
bestärkst, so lange Du sie ermunterst, an den heiligen Tagen zu arbeiten und die
Messe zu versäumen, so lange kann Deine Wohltätigkeit nicht die meine sein; und
sie wird auch keinen Segen bringen weil ihr der Segen des Himmels fehlt.
    Immer das alte Einerlei! rief Alfred verdriesslich. Dass ich doch endlich die
Mittel begreifen lernte, durch die alle Lehren der Pfaffen Eingang bei Dir
finden, während Du bei meinen Vorstellungen, meinen dringendsten Bitten taub
bleibst!
    Warum bleibst Du taub bei meiner flehentlichen Bitte, Felix, wenigstens im
Christentum, von dem würdigen jungen Manne unterrichten zu lassen, den Kaplan
Ruhberg uns vorschlägt?
    Weil ich nicht will, dass man den gesunden Verstand des Knaben mit unklaren
Begriffen verdunkle; weil er ein verständiger Mensch werden soll und kein
Heuchler, wie Ruhberg und sein Gehilfe es sind. Ehe ich diesen jungen Mann in
meinem Hause dulde, lieber -
    Lieber? - fragte Caroline spöttisch.
    Zwinge mich nicht, das Härteste zu sagen! rief Alfred, als der Diener
erschien und den Besuch einer adligen Dame von dem Nachbargute meldete.
    Sehr willkommen! sagte Caroline und ging freundlich, als ob nichts
Unangenehmes sie berührt hätte, der Gemeldeten entgegen, die gleich darauf
eintrat. Alfred hatte das Zimmer verlassen, er fühlte sich nicht gestimmt zu
gleichgültig heiterem Gespräch.
    Mit dem Gaste zugleich kam aber auch Felix herein. Sein glühendes Gesicht
strahlte vor Freude und er wollte eilig durch das Zimmer laufen, als die Mutter,
nachdem sie die Baronin begrüsst, ihn bei der Hand nahm und, ihn betrachtend,
ausrief: Aber um Gottes willen, Felix! wie siehst Du aus? Wo hast Du Schuhe und
Strümpfe gelassen? Wie hast Du Deine Blouse zugerichtet!
    Ich habe Ihren Sohn eine tüchtige Strecke vom Schloss gefunden, bemerkte
die Baronin, während sie dem verlegen schweigenden Knaben die Wange streichelte,
und ich habe ihn in meinem Wagen hierher gebracht, da er es doch wohl nicht
gewohnt ist, ohne Schuhe und Strümpfe einher zu gehen.
    Der ganze Unmut Carolinen's, den der Streit mit ihrem Manne in ihr
zurückgelassen hatte, wendete sich nun gegen den Knaben. Was ist das wieder für
ein gottloser Streich! rief sie heftig. Du machst mir nichts als Verdruss und
Schande, Du folgst nie! Sehen Sie, Beste, wie er aussieht! Es ist der
ungeratenste Knabe von der Welt!
    Mutter! sagte Felix leise, der arme Junge sah so elend aus, er hat das
Fieber und einen lahmen schlimmen Fuss. Ich dachte, der Vater würde nicht böse
sein, es war wirklich nicht weit von hier, und er hatte bis nach Heindorf mit
dem schlimmen Fuss.
    Und ich sage Dir, Du sollst Deine Sachen nicht jedem Bettelbuben schenken
und nicht barfuss umherlaufen wie ein Bauernjunge! Mache, dass Du hinauskommst,
und lasse Dich ankleiden, Du ungeratenes Kind! - Damit schob sie den Knaben
nach der Türe, mit so unvorsichtiger Heftigkeit, dass er auf dem glatten
Fussboden stolperte und gefallen wäre, hätte nicht Alfred ihn in seinen Armen
aufgefangen, der hinzueilte, als er die keifende Stimme der Mutter in dem
Nebenzimmer hörte.
    Er hiess die Baronin in gewohnter edler Form willkommen, aber Caroline
unterbrach ihn: Da siehst Du nun selbst einmal die Folgen Deiner genialen
Erziehung an dem Knaben! sagte sie. Fast eine Stunde vom Schloss hat ihn die
gute Baronin gefunden und ihn in dem saubern Aufzuge hierhergebracht. Hieltest
Du ihm den Lehrer, den ich Dir heute wieder vorschlug, dann kämen solche Dinge
auch nicht vor.
    Der zurecht gewiesene Vater versuchte die Sache lächelnd und leicht
aufzunehmen. Ich finde in der Tat nicht, dass der Knabe ein so grosses Unrecht
getan hat, sagte er. In der Umgegend umherzulaufen, haben wir ihm stets
erlaubt, da er für seine Jahre selbstständig und vernünftig ist; und dass er
einmal seine Schuhe aus Mitleid fortgab und eine halbe Stunde barfuss einherging,
das wird ihm gar nichts schaden. Mag er sehen, wie es dem Armen tut.
    Ich meine auch, versetzte begütigend die Baronin, der dieser Auftritt
natürlich sehr unangenehm sein musste, Sie nehmen die Sache viel zu streng,
liebste Freundin! Ihr Felix darf mehr noch als andere Knaben eine gewisse
Ungebundenheit zeigen und seinen augenblicklichen Eingebungen folgen. Er ist ja
der Sohn eines Dichters und seine Augen sehen aus, als ob viel von dem
väterlichen Genius auf ihn übergegangen wäre.
    Aber die versöhnenden Worte der Baronin brachten eine ganz entgegengesetzte
Wirkung hervor. Caroline nahm es übel, dass sie ihr nicht beistimmte, dass, wie
gewöhnlich, die Meinung der Fremden sich für ihren Mann entschied.
    Wenn ich nur nicht dies ewige »ein Dichter!« hören müsste! rief sie in einem
Tone, der nun ihrer Seits auch scherzhaft klingen sollte, während er die
äusserste Gereizteit verriet. Wenn die Leute nur wüssten, wie unbequem solche
poetische Naturen im täglichen Leben sein können, wie die prosaische Umgebung
von der Poesie, von ihrer Freigeisterei, und von ihren Ueberspannteiten
bisweilen leiden muss.
    Du schmeichelst mir eben nicht, Caroline! unterbrach sie Alfred, und die
Baronin bemerkte, man höre wohl, dass Frau von Reichenbach nur scherze; aber sie
beachtete die Weisung nicht.
    O, ich schmeichle und heuchle nie! rief sie, und es ist, wie ich es sage,
glauben Sie mir das! Die Menschen werden durch die Poesien eines Dichters
entzückt; aber während er dichtet, fällt alle Sorge für Haus und Hof, alle Not
mit der Erziehung, alle häusliche Plage auf die Frau, denn für solche
Kleinigkeiten hat ein Dichter nicht Sinn und nicht die Zeit. Kommt er dann
endlich aus dem Studirzimmer heraus, so soll die poetische Welt auch im Leben
ausgeführt werden; Alles, was nicht damit in Uebereinstimmung ist, heisst
ungrossmütig, kalt und kleinlich. Gewiss, Sie kennen das nicht.
    Caroline war so heftig erregt, dass ihre Stimme zitterte, die Baronin, welche
es nicht wissen konnte, dass vor ihrer Ankunft ein lebhafter Streit stattgefunden
hatte, war in der peinlichsten Verlegenheit. Alfred's Farbe wechselte während
dieser Scene mehrmals schnell, doch versuchte er seinen Zorn niederzukämpfen und
der Sache eine schicklichere Wendung zu geben. Mit erzwungenem Lächeln sagte er:
Da sehen Sie, gnädige Frau! wie unsere kleine poetische Glorie bei näherer
Betrachtung ein Feuer ist, das alles häusliche Glück verzehrt! Indes ist es wohl
nicht so arg. Es wäre ja zu traurig, wenn Das, was unser Glück ist, zur Plage
unserer Lieben würde. Meine Frau fällt mir ins Fach, sie dichtet heute ein wenig
und übertreibt dabei wohl etwas.
    Die Baronin ging auf diese Wendung ein, aber die quälende Spannung der
Einzelnen lähmte jede Unterhaltung. Alfred war verstimmt, Caroline blieb gereizt
und bitter, und die Baronin entfernte sich, sobald es in guter Weise möglich
war.
    Alfred eilte auf sein Zimmer, nachdem er sie zu ihrem Wagen geleitet, und
ging in stürmischer Bewegung umher, wie es seine Art war, wenn ein Ereignis ihn
schmerzlich beschäftigte. Mehrmals blieb er stehen, den Kopf gegen die
Fensterscheiben gestützt, und sah sinnend in die Gegend hinaus. Dann setzte er
die frühere Bewegung wieder fort, ging an die Türe, um die Glocke zu ziehen,
aber plötzlich zögernd liess er die Schnur aus der Hand entgleiten, trat zurück
und warf sich in den Sessel, der vor seinem Schreibtische stand.
    Hier sass er, in Gedanken verloren, lange Zeit, bis er sich plötzlich
aufraffte, die Klingel zog, dem Diener befahl, die gnädige Frau zu ihm zu
bitten, und dann, sie erwartend, auf's Neue in tiefes Nachdenken versank.
    Carolinen's Erscheinen machte ihn erbleichen. Du hast mich rufen lassen, was
willst Du von mir? fragte sie mit Eiseskälte.
    Habe die Güte, Dich zu mir zu setzen, bat er sie.
    Die äussere Ruhe ihres Mannes bei sichtlicher innerer Erregteit erschreckte
sie, und teils, um sich Mut zu machen, teils auch ihr früheres Betragen
bereuend, rief sie: Um Gottes willen, lieber Alfred, nur keine Ermahnung, sage
einfach, was Du willst, und mach' es kurz!
    dabei legte sie ihren Arm um seinen Nacken und neigte sich zu ihm, als ob
sie ihn küssen wollte, aber er wehrte es ihr leise und sagte sehr ernstaft: Die
Zeiten sind vorüber, in denen eine Liebkosung mich mit Deinen Fehlern versöhnte.
Ich bin es herzlich müde, mich und den Knaben von Dir tyrannisiren zu lassen,
ich bin es müde, jeden Freudenbecher, den das Leben mir bietet, durch Dich in
Wermut verwandeln zu sehen. Wir werden uns trennen!
    Sie sah ihn in sprachloser Erstaunung an. Sein Ernst liess sie das Schlimmste
fürchten, aber sie wünschte von Herzen, sich zu täuschen, und sagte mit
erzwungenem Lächeln: Soll das ein Kapitel aus Deinem neuen Roman sein? Es klingt
sehr traurig.
    Scherze nicht! entgegnete er ihr, es ist das entscheidende Kapitel unseres
Ehestandes.
    Aber was ist denn geschehen? rief sie, was bringt Dich gerade heute mit
einem Mal so plötzlich auf?
    Die Ungerechtigkeit und die Härte, welche Du heute wieder gegen den Knaben
und gegen mich begangen hast. Sage selbst, was hatte ich Dir getan? Warum hast
Du das Kind, und obenein im Beisein einer Fremden, so hart gescholten?
    Weil er wieder wie ein Bauernjunge mit zerrissenen Kleidern nach Hause kam,
weil er gar nicht mehr zu bändigen ist, gegenredete die Mutter, den ersten Teil
der Frage geschickt umgehend. Aber das sind die Folgen Deiner ewigen Lehren von
der allgemeinen Gleichheit der Menschen, von der wahren Barmherzigkeit. Nun
siehst Du selbst, wohin das führt. So mitten unter allem Gesindel lässt kein
Edelmann seine Kinder aufwachsen, so verkennt Niemand als Du, was er seiner
Stellung schuldig ist.
    Und das sagst Du mir?
    O! Du brauchst mich nicht zu erinnern, dass ich Dir eine glänzendere Stellung
verdanke, als ich sie zu Hause gehabt; ich weiss wohl, dass es Dich oft genug
gereut hat, die arme Registratorstochter geheiratet zu haben. Obgleich mein
Vater so gut ein Edelmann war, als Du, hast Du Dich meiner doch von je geschämt.
    Caroline! das sagst Du mir? fragte Alfred nochmals. Dann nahm er sie bei der
Hand, führte sie zu dem Sopha, setzte sich neben sie und sagte mit befehlendem
Ernst: Jetzt unterbrich mich einmal nicht! - Ja! Du hast wahr gesprochen, wahrer
als Du weisst. Ja! ich schäme mich Deiner, ich habe mich Deiner oft geschämt,
aber nicht um Deines armen, wackern Vaters willen, den ich hochgeschätzt, wie
alles Tüchtige, das weisst Du wohl. Ich habe mich Deiner geschämt, wenn Du in
ungezügelter Heftigkeit den Unfrieden unserer traurigen Ehe fremden Blicken
preisgegeben hast, wie heute; wenn Du in blinder Eifersucht Dich und mich dem
Spotte unserer Bekannten aussetztest.
    Weiss es nicht längst alle Welt, dass Du und ich nie gleicher Ansicht sind? Wo
steckt das grosse Verbrechen, dass ich dies heute halb im Scherze der Baronin
sagte, und Felix einen Verweis gab, den er reichlich verdient hat! unterbrach
sie ihn trotz seiner Warnung. Das tut jede Mutter; das täten all die
geistreichen Damen auch, die mir mit ihrer Anbetung für Dich, als wir in der
Residenz waren, Dein Herz entfremdeten. Das hätte auch Deine Freundin, das hätte
jene Baronin auch getan, die Dir vor unserer Verheiratung wie ein Ideal
erschien, im Gegensatz zu mir, und deren Bruder Dich zu allen Deinen poetischen
Torheiten verleitete.
    Alfred fuhr auf und seine Hand ballte sich krampfhaft zusammen, doch sagte
er ruhig: Terese Brand, die Du vermutlich meinst, war eben so wenig Baronin
als Du, aber eine sehr edele Natur, die mit lebhaftem Gefühl die Dichtungen
begriff, welche ich Dir aus vollem Herzen weihte, und die Du nicht empfandest.
Dass ihr Bruder Julian mich zum Drucke jener Gedichte überredete, war keine
Torheit; aber von dem Allen ist jetzt die Rede nicht.
    Und hat er Dich nicht mit Gewalt bereden wollen, mit mir zu brechen? Habe
ich nicht selbst den Brief gelesen, als Du einmal Deine Brieftasche bei uns hast
liegen lassen? Er meinte, wir passten nicht für einander, Du seist zu jung zum
Heiraten, Du solltest mich aufgeben, mir eine reiche Mitgift aussetzen, damit
ich bald einen andern Mann fände. Daran hätte es mir auch ohne eine Mitgift
nicht gefehlt, und vielleicht wäre es besser für mich gewesen.
    Alfred entgegnete ihr keine Sylbe; es entstand eine lange Stille, denn
Caroline fand nicht den Mut, das Schweigen zu brechen, das drückend auf ihr
lastete. Endlich tat es Alfred.
    Nach dieser Äusserung, Caroline! sagte er sehr ruhig und bestimmt, obschon
in seinem Antlitz seine innere Erregung klar zu lesen war, nach dieser Äusserung
und nach den Vorgängen der letzten Tage und Stunden, hoffe ich bei Dir auf keine
Einwendungen zu stossen, wenn ich Dir mitteile, was ich für uns beschlossen
habe. Ich gehe noch heute nach der Stadt, werde dort bleiben und Felix, dessen
Erziehung dies ohnehin erheischt, nachkommen lassen. Du magst über Deine Zukunft
bestimmen, Dich einrichten, wie es Dir wünschenswert scheint, nur nach Berlin
komme für das Erste nicht. Darum bitte ich Dich, es würde uns die notwendige
Trennung nur erschweren.
    Alfred! schrie Caroline im Tone des wahrsten Schmerzes auf, ist es denn
möglich, Du willst mich verlassen? Habe ich Dir je Anlass gegeben, an meiner
Liebe zu zweifeln? Bin ich Dir nicht stets ein treues Weib gewesen?
    Erniedrige Dich nicht durch solch ein Lob! versetzte er. Was frommte Treue,
was galt Liebe, wo jeder Tag, jede Stunde mir Leid gebracht hat? Wir sind
unglücklich gewesen durch einander, so wollen wir uns trennen, um fern von
einander wenn nicht Glück, doch Ruhe und Frieden zu finden; um Felix dem üblen
Einflusse zu entziehen, den unser Unglück auf ihn ausüben muss, je mehr er es
begreifen lernt.
    Alfred! flehte sie weinend und warf sich an seine Brust, Alfred! ich bin die
Mutter Deines Kindes! Um unseres Felix willen vergib, vergib nur noch dies eine
Mal, und bleibe!
    Er aber machte sich sanft von ihr los und antwortete mit Tränen in den
Augen: Ist es das erste Mal, dass solche Auftritte zwischen uns vorfallen? Ich
weiss, Du bist an mich gewöhnt, Du liebst den Knaben, Du bist nicht böse, aber
wie oft hast Du mir schon gelobt, Dich zu ändern? Wie oft hast Du mir
versprochen, Deine Heftigkeit zu überwinden, Dich von dem Einfluss des Kaplan
Ruhberg loszusagen, meinen Ansichten, meinen Wünschen Gehör zu geben, wie ich es
stets mit den Deinen tat? Ist es anders geworden trotz aller Deiner
Versprechungen?
    Sie schwieg, getroffen von der Wahrheit in den Worten ihres Mannes, und
dieser fuhr fort: Glaubst Du, dass mir nicht das Herz blutet, jetzt, da ich von
Dir scheide? Mit wie viel gutem Willen, mit wie redlichen Vorsätzen führte ich
Dich in mein Haus! - Vielleicht war es unrecht, dass ich es tat, obgleich ich
fühlte, dass Manches störend zwischen uns lag. Ich habe vielleicht zu viel von
Dir verlangt; verlangt, was Du nicht leisten konntest, und Du wärst glücklicher
mit jedem andern Manne geworden, wie Du vorhin sagtest - das könnte sein und das
wäre hart!
    Eine neue Pause entstand. Caroline weinte laut, Alfred ging wieder im Zimmer
umher, endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte mit gepresster Stimme:
Der Verwalter hat meine Befehle für die nächste Zeit. Felix werde ich nicht
sehen in diesem schweren Moment, sei nicht zu streng gegen ihn. Dann schritt er
der Türe zu, kehrte zurück, bot seiner Frau die Hand und sprach: Vergib mir,
wenn Du so viel gelitten hast als ich, und versuche es, glücklicher zu werden.
    Damit verliess er das Zimmer, sein harrender Kammerdiener warf ihm den Mantel
über, er stieg in den Wagen, seine raschen Pferde brachten ihn zu der nächsten
Station, von dort wollte er mit Postpferden nach der Residenz fahren.
    Caroline blieb betäubt zurück; dann holte sie ihren Sohn, den sie mit
Zärtlichkeit überhäufte. Auf seine Fragen, ob der Vater ausgefahren, ob er bald
wiederkomme, antwortete sie bejahend, denn sie glaubte zuversichtlich an die
Rückkehr ihres Mannes. Sie kannte sein weiches Herz, und sie hatte nicht so
schwer durch ihre unglückliche Ehe gelitten, als er.
 
                                       IV
Alfred fuhr die ganze Nacht hindurch. Er konnte nicht schlafen, denn sein Gemüt
war zu aufgeregt durch das Scheiden von seiner Frau; all seine Gedanken wendeten
sich der Heimat zu. Er sah seine Frau weinen, seinen Sohn nach dem Vater
verlangen, das kleine Arbeitscabinet leer. Eine tiefe Wehmut überfiel ihn, und
wieder und immer wieder gedachte er prüfend der letzten Jahre, um sich zu
überzeugen, dass der Schritt notwendig, ja dass er unerlässlich gewesen sei, den
er am Abende getan hatte.
    Diese Ueberzeugung beruhigte ihn allmälig, so dass er mit einer Art von
Heiterkeit und mit einem Gefühl von Freiheit in die Natur hinausblickte, als ein
frischer Windhauch seine Stirne kühlte und der junge Morgen die Erde
beleuchtete. Es war ihm, wie in jenen Tagen erster Jugend, in denen man bei
jedem Schritte aus dem gewohnten Kreise besondere Begebenheiten erwartet und
Abenteuer träumt; und wirklich bereitete sich, während er über sich lächelte,
ein ganz artiges Ereignis für ihn vor.
    Eine halbe Stunde näher zur Residenz fuhr ebenfalls ein eleganter, von
Postpferden gezogener Reisewagen auf der Chaussee. Die Fenster desselben waren
geschlossen, Postillon und Diener waren eingeschlafen, die Pferde gingen ruhig
den oft gemachten Weg. Plötzlich, als die Strasse sich senkte, trat das eine
Pferd über die Deichsel und fiel nieder. Das erweckte den Postillon, er zerrte
an den Zügeln, um das Tier zum Aufstehen zu bewegen, das sich in vergeblichen
Bestrebungen hin und her warf. Man hörte ein leises Knacken und der Postillon
erklärte fluchend dem indes erwachten und abgestiegenen Diener, dass die Deichsel
zerbrochen sei.
    Da fielen zu beiden Seiten des Wagens die Fenster nieder und aus jedem sah
ein Frauenkopf hervor. Während aber die eine Dame verwirrte Fragen an den
Postillon richtete, befahl die andere, ihr den Wagenschlag zu öffnen, und stieg
aus. Sie überzeugte sich bald von der Unmöglichkeit, den Wagen zur Weiterreise
herzustellen, erfuhr, dass man etwa in der Mitte der Station, also eine Meile von
den beiden nächsten Postäusern entfernt sei, und fasste den Entschluss, in
Begleitung des Dieners bis in das nächste Dorf zu gehen und nachzufragen, wie
man sich dort helfen könne.
    Während dessen hatte sich die andere Dame ganz ruhig in die Wagenecke
zurückgelehnt und schien wirklich noch zu schlummern, als die Ausgestiegene sie
freundlich zu ermuntern strebte. Komm Eva, komm! sagte sie, wir wollen uns auf
den Weg machen! Wir müssen vorwärts! Es hilft uns Nichts.
    Auf den Weg machen? - Gehen? - fragte Eva, wir Beide allein, hier in der
fremden Gegend, das ist ja unmöglich!
    Der Wille ihrer Freundin musste aber wohl bestimmenden Einfluss auf sie üben,
denn trotz ihrer Einwendungen schickte sie sich an, den Wagen zu verlassen,
nachdem sie sich fest in den roten Plaidmantel gehüllt, die seidene Capotte
aufgesetzt und sich überzeugt hatte, dass das Spitzenhäubchen nicht vom Schlafe
gelitten hätte. Die ältere der Beiden liess darauf den Wagen schliessen, befahl
dem Postillon zur Bewachung desselben zurückzubleiben und schritt dann ruhig,
Eva's Arm in den ihren legend, von dem Diener begleitet, die Poststrasse hinan.
    Sie schien mit rechter Wonne des schönen Morgens zu geniessen, während Eva
über den Tau, über Ermüdung und über tausend andere Unbequemlichkeiten klagte,
und endlich ganz vergnügt ausrief: Ach Gott sei Dank! da höre ich ein Postorn,
da kommt gewiss die Schnellpost, da können wir mitfahren, hoffe ich!
    Es fragt sich, ob Plätze für uns frei sein werden, wendete die Freundin ein.
    Nun, wenn die Post voll ist, so sind doch gewiss auch Herren darin, die uns
ihre Plätze abtreten. So ungalant wird doch kein Mann sein, dass er in dem grossen
Wagen vorüberfährt und uns auf der staubigen Chaussee zurücklässt.
    Schnellpostreisende pflegen Eile zu haben, entgegnete Terese, und kein
Gewerbe von ritterlicher Galanterie zu machen. Zudem scheint mir das nicht das
Signal der Schnellpost, sondern das einer Extrapost zu sein, und damit werden
Deine Hoffnungen noch ungewisser.
    Das wäre aber schrecklich! Ich bin so müde von dem Fahren in der Nacht. Ich
kann so weit nicht gehen, klagte Eva, von der plötzlichen Heiterkeit wieder in
ihre frühere Verstimmung zurücksinkend.
    Terese sprach ihr Mut ein, Eva hörte es schweigend mit an, und sie gingen
auf's Neue vorwärts, als das Postorn abermals und ganz in ihrer Nähe ertönte.
Alfred's Wagen hielt vor ihnen, er stieg aus und begrüsste sie.
    Ich habe Ihren Wagen auf dem Wege liegen gefunden, sagte er, und von dem
Postillon gehört, dass Sie, meine Damen, mit mir dasselbe Ziel verfolgen. Wollen
Sie mir die Ehre erzeigen, meinen Wagen zu benutzen?
    Sie sind sehr liebenswürdig, sagte Eva.
    Sie haben aber in Ihrer Kalesche nur für zwei Personen Platz, was wird aus
Ihnen? fragte Terese.
    Ich werde mich neben den Postillon setzen, mein Diener mag mit dem Ihrigen
uns bis in das nächste Dorf zu Fuss nachkommen. Es würde mir eine Freude sein,
Ihnen zu dienen. Mein Name ist von Reichenbach.
    
    Der Name schien Terese sehr angenehm zu überraschen. Sie sah Alfred mit
sichtlichem Vergnügen an und sagte dann: Wie wäre es, wenn wir Alle bis in das
nächste Dorf gingen, dessen Turm wir schon deutlich sehen? In der grossen Stadt
wird uns nicht leicht ein so frischer Morgen zu Teil werden. Finden wir im
Dorfe nicht die Möglichkeit, weiter zu kommen, ohne Herrn von Reichenbach zur
Last zu fallen, so wollen wir dankbar seinen Wagen bis zur nächsten Station
benutzen. Plötzlich, sich an Eva's Klagen erinnernd, fragte sie diese: Aber Du
möchtest wohl lieber gleich einsteigen, Eva? Du warst ermüdet.
    Ich? Nicht im geringsten! antwortete diese ganz fröhlich und munter, und in
Reichenbach's Begleitung machte man sich auf den Weg.
    Neben den Damen einhergehend, hatte er die Gelegenheit, sie näher zu
betrachten. Die ältere von Beiden war gross und schlank, aber nichts weniger als
schön. Weiches blondes Haar umgab in breiten Flechten eine edle Stirn, die mit
grossen, dunkeln Augen dem Gesicht einen anziehenden Charakter gab. Ihr Teint war
zart doch farblos. Sie mochte fast dreissig Jahre alt sein und sah ruhig und
verständig aus. Ihre sehr einfache Kleidung passte ganz zu ihrer Erscheinung und
fiel deshalb nicht als etwas Besonderes an ihr auf. Alfred war gewiss, eine Frau
aus den höhern Ständen in ihr zu sehen, denn in ihrem Betragen gegen ihre
jüngere Freundin lag das sichere Bewusstsein einer Selbstständigkeit, die dieser
zum Schutze diente.
    Eva war sehr klein und das rosigste Bild der Jugend. Noch heller blond als
Terese, hatte sie schöne blaue Augen, die übermütig froh in die Welt blickten.
Ihre kleine Stumpfnase, die üppigen Lippen waren nicht gerade regelmässig schön,
aber das ganze Gesicht so voll blühenden Lebens, dass man es, mit den tiefen
Grübchen in Wange und Kinn, höchst reizend finden musste.
    Auch war die muntere Eva es, die zuerst eine Unterhaltung begann. Es bleibt
immer ein mislich Ding, sagte sie, wenn Frauen allein reisen. Wie leicht
entsteht ein Unfall und dann steht man hilflos da.
    Und doch warst Du es gerade, die sich sehr darauf freute, ohne männliche
Begleitung zu sein, die sogar mit der Schnellpost und ohne Diener reisen wollte,
entgegnete Terese.
    O! das war nur ein Einfall, eine Laune, weil mein Mann immer behauptete,
Frauen könnten und dürften sich nicht allein auf Reisen begeben.
    Ihr Mann? fragte Alfred verwundert, der sie für ein Mädchen gehalten hatte.
    Mein verstorbener Mann, ich bin Witwe! erklärte Eva mit so viel Wehmut und
Würde, als sie in sich erzwingen konnte. Sie sah dabei aber so schalkhaft aus,
dass Alfred und ihre Freundin wider ihren Willen lächelten.
    Sie haben, nahm die Letztere das Wort, uns Ihren Beistand angeboten, Herr
von Reichenbach, dessen wir, wie ich besorge, nötig haben werden; Sie müssen
also doch erfahren, wer wir sind. Meine Freundin ist Frau von Barnfeld, die
Wittwe des Majors von Barnfeld, und ich - sie hielt inne, sah Alfred freundlich
an und fragte: Erinnern Sie sich meiner nicht, habe ich mich denn so sehr
verändert?
    Terese, Fräulein von Brand! rief Alfred lebhaft. Es ist mir unerklärlich,
dass ich Sie nicht gleich erkannte; mir war der Ausdruck Ihrer Augen doch so
deutlich in der Seele geblieben, und ich hatte Ihrer erst neuerdings sehr oft
gedacht.
    Ich erkannte Sie gleich, sagte Terese, indem sie dem alten Freunde die Hand
bot, obgleich wir uns mehr als zehn Jahre nicht gesehen haben; denn so lange ist
es sicher her, seit wir uns in Berlin einst trennten.
    Gewiss, antwortete er. Als ich drei Jahre später dortin zurückkehrte, war
Ihre verehrte Mutter schon gestorben, Julian an den Rhein versetzt und Sie ihm
dortin gefolgt. Nun hoffe ich ihn in Berlin zu finden.
    Er ist augenblicklich nicht dort. Er hat diesen Sommer eine grosse Reise
gemacht, von der er erst in diesen Tagen wiederkehren soll. Deshalb habe ich
Frau von Barnfeld überredet, mit mir aus dem Seebade auch etwas früher nach
Berlin zu gehen, damit Julian mich, wenn er kommt, schon wieder häuslich
eingerichtet und in Ordnung findet.
    Von beiden Seiten freute man sich des unerwarteten Begegnens. Fragen und
Antworten folgten einander schnell. Sie waren so lange getrennt gewesen, dass sie
viel nachzuholen hatten. Terese fragte, was Alfred nach Berlin führe, ob er
lange dort verweilen werde? Er antwortete, dass sein Sohn in dem Alter sei, in
welchem Schulbesuch für ihn zum Bedürfnis werde, und dass die Erziehung seines
Knaben es ihm wünschenswert mache, künftig in Berlin zu leben.
    Das ist schön, Herr von Reichenbach, das wird Julian sehr glücklich machen,
sagte Terese. Hoffentlich kehren uns dadurch die guten Stunden wieder, in denen
wir uns zuerst Ihrer Arbeiten erfreuen durften. Ich war freilich damals kein
zuverlässiger Richter, bin es wohl auch jetzt noch nicht, doch machte es mir
grosse Freude, wenn Sie mich fragten: Ist es so gut? habe ich's so recht gemacht?
    Und Sie haben mir immer den rechten Weg gewiesen, weil Ihr angeborner
Schönheitssinn immer das Wahre und Schöne herausfand! Es war mit die
glücklichste Zeit meines Lebens, und ich habe nie mit grösserer Lust neue
Arbeiten gelesen, als vor Ihrer Mutter, vor Ihnen und vor Julian. Wir haben
recht frohe Stunden miteinander verlebt, sagte Alfred freundlich.
    Bis dahin hörte Eva ruhig zu, dann aber ertrug sie es nicht länger,
unteilnehmend bei einer Unterhaltung sein zu müssen, und rief: O, bitte! kommen
Sie ein wenig aus der alten Vergangenheit in die Gegenwart zurück, zu der ich
auch gehöre. Ich möchte Ihnen danken, Herr von Reichenbach, für den Genuss, den
mir Ihre Werke gewährt haben. Mir ist, obgleich ich Sie nie vorher sah, als ob
ich in Ihnen auch einen alten Bekannten wiederfände.
    Das ist das Schöne in dem Leben eines Dichters, dass er sich Freunde erwirbt
in weitester Ferne, wenn es ihm gelingt, jene Saiten zu berühren, die in jeder
Brust wiederklingen. Wir senden die Empfindungen unseres tiefsten Innern als
Gruss der Menschheit zu, und sie beantwortet ihn mit offnem Herzen, mit
freundlichem Willkommen, wie Sie, meine gnädigste Frau! Das ist eine grosse
Freude, haben Sie Dank dafür, sagte Alfred.
    Bald darauf erreichte man das Dorf, fand, wie man es erwartet hatte, kein
genügendes Fuhrwerk und fügte sich mit guter Art in Alfred's Anerbieten. Die
Diener beider Herrschaften blieben zurück; man legte ein drittes Pferd vor die
Kalesche, das der Postillon bestieg, die Damen nahmen die Plätze in der
Kalesche, Alfred den Kutschersitz ein. Das Ungewohnte der Lage stimmte die drei
Reisenden sehr heiter. Unter Scherzen mancher Art erreichte man die Station und
liess sich von Alfred überreden, in derselben Weise seine Begleitung nach Berlin
anzunehmen, das nur noch ein paar Stationen entfernt war.
    Als die Damen einige Stunden mit Alfred zusammengewesen waren und
abwechselnd mit ihm und untereinander geplaudert hatten, sagte Eva zu ihrer
Freundin: Mir ist selten ein liebenswürdigerer Mann vorgekommen, als es
Reichenbach zu sein scheint; selbst Dein Bruder ist nicht so angenehm.
    Bist Du schon wieder wankelmütig? fragte Terese neckend. Gestern
erklärtest du mir, Julian sei, obschon er nichts weniger als hübsch, ja
eigentlich sogar hässlich sei, der liebenswürdigste Mann, den Du noch je gekannt
hättest.
    Das ist auch wahr! denn dass Dein Bruder hässlich ist, das schadet nichts,
sagte Eva lebhaft, ich liebe ihn dennoch. Er ist so geistreich, so
liebenswürdig, so herablassend - - Siehst Du, das ist es, das ist das Schlimme!
rief sie, sich plötzlich unterbrechend. Julian ist oft so gut, dass man sich ganz
sorglos ihm gegenüber gehen lässt. Er gibt sich jedem Scherz, jeder
Persönlichkeit freundlich hin, aber er tut es, wie Jemand, der sich aus Gnade
dazu herablässt. Während er ganz freundlich ist, zucken plötzlich seine Lippen,
er kann den innern Spott nicht mehr verbergen, er lacht über die Andern und über
seine Herablassung, und dann ist er mir unerträglich.
    Du solltest ihm das einmal sagen, liebe Eva!
    Ich habe ihm das oft gesagt, als ich ihn kennen lernte und er sein
Vetterrecht, ich weiss nicht im wievielten Grade, dazu benutzte, mich häufig zu
besuchen. Ich musste mir Mut gegen Euch schaffen, ich hatte kindische Furcht vor
Julian's Spott und vor Deiner Ruhe. Ich konnte nicht begreifen, warum meine
selige Mutter, als auch sie mir starb, durchaus verlangte, dass ich in Deiner
Nähe leben und Julian der Verwalter meines Vermögens werden sollte. Jetzt
freilich weiss ich, dass du mein guter Engel bist! - schloss sie, der Freundin die
Hand bietend, die sie herzlich drückte.
    In dem Augenblick wendete Alfred sich um und machte seine Schützlinge darauf
aufmerksam, dass man die Stadt schon sehen könne. Terese, die wie ihr
Reisegefährte ein sehr scharfes Auge hatte, entdeckte gleich ihm die Türme am
Horizonte. Die kurzsichtige Eva nahm ihr Glas zu Hilfe und klagte dann: Es ist
ein Unglück, dass ich so klein bin, der grosse Kutschersitz raubt mir die
Aussicht. Ich bin der ländlichen Freuden längst satt gewesen, ich denke mit
Wonne an Berlin und nun kann ich es nicht einmal sehen.
    Alfred, um sie zufrieden zu stellen, bot ihr seine Hände, sich daran zu
erheben und festzuhalten, falls sie aufstehen wollte. Das nahm sie an und wusste
sich vor Freude nicht zu lassen, als auch sie die Stadt erblickte.
    Ach, rief sie der Freundin zu, mir ist unglaublich froh zu Sinne! Als ob uns
jetzt lauter Liebes und Gutes in Berlin begegnen müsste und ganz Unerhörtes
obenein. Ich habe noch nie einen Winter in Berlin verlebt, ich denke mir diese
Bälle, Feste und Concerte gar zu prächtig! Ich wollte nur, die Bäume wären nicht
mehr so sommerlich grün und der Winter wäre schon da!
    Sie Glückliche! sagte Alfred, und es war Eva, als ob er ihre Hände leise in
den seinen drückte. Wer so wie Sie nur Freude erwartet und Feste träumt, dem muss
das Leben seine rosigste Seite gezeigt haben. Möge es immer so bleiben!
    Und Sie erwarten nichts? fragte sie ihn.
    Ich erwarte das Leben zu finden, wie es ist. Ernst mit gebieterischen
Anforderungen, mit viel Leid und Elend, viel Jammer und Schlechteit, und doch
voll Freude und voll Grossem und Erhabenem.
    Eva sah ihn befremdet an. Dann setzte sie sich nieder und versank schweigend
in Nachdenken, bis man die Stadtmauer erreichte. Alfred fuhr Terese erst nach
ihrer Behausung in der Wilhelmsstrasse, dann ging es nach Eva's Wohnung unter den
Linden. Mit Freude hörte sie, dass ihr Begleiter ganz in ihrer Nähe wohnen werde.
Er musste versprechen, sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen, und man trennte
sich herzlich, wie alte Bekannte, weil die gemeinsame Reise die Fremden einander
näher gebracht und über manche Förmlichkeiten fortgeholfen hatte.
 
                                       V
Am nächsten Morgen liess sich Alfred bei Frau von Barnfeld melden. Er fand sie in
einem Zimmer, das nach den Forderungen der Mode auf das glänzendste
eingerichtet, voll von gepolsterten Sopha's und Sesseln und so mit Bildern,
Kleinigkeiten, Blumen und Epheuwänden überfüllt war, dass es dem
Spielzeugschränkchen eines verwöhnten Kindes glich.
    Eva selbst lag in weissem, mit rosa Bändern geziertem Negligée auf einem
dunkelgrünen Plüschsopha, das von einer Epheulaube beschattet war. Unwillkürlich
musste Alfred lächeln. Sie sah aus, wie jene Wachspüppchen, die man in Nuss- oder
Eierschalen verbirgt, und die uns, wenn wir die Hülle öffnen, aus grünem
Blätternetz rosig entgegenlächeln.
    Bei Alfred's Eintritt richtete sie sich ein wenig empor und sagte: Ich weiss
wohl, Herr von Reichenbach, dass ich Sie, als einen neuen, werten Gast, mit mehr
Form empfangen müsste; ich bin aber müde von der Reise und so froh, mich auf
einem ordentlichen Sopha von den ländlichen Divans des Seebades zu erholen, dass
Sie Nachsicht haben müssen.
    Alfred bat sie, sich nicht stören zu lassen. Eine bejahrte Frau, die im
Zimmer mit weiblicher Arbeit beschäftigt war, rückte ihm einen Sessel zurecht
und, nachdem er Platz genommen hatte, fragte ihn Eva: Wissen Sie es denn schon,
dass der Präsident von Brand auch gestern und noch früher angekommen ist als wir?
Terese hat es mir heute sagen lassen. Damit ist ihr nun die Freude verloren
gegangen, den Bruder zu überraschen.
    So darf ich vielleicht hoffen, ihn bald bei Ihnen zu sehen? fragte
Reichenbach.
    Wo denken Sie hin! rief Eva. Julian schon am ersten Morgen seiner Ankunft
bei mir? Mit nichten! Da kommt erst das parfümirte Bad, ein langes Frühstück,
eine lange Freude mit der Schwester, die er anbetet, und dann die Aktenrevision
und dann die - - nun! davon spricht man nicht, so sehr sie auch zu des
Präsidenten Leben gehört. Erst spät am Abend komme ich. Die Brocken seines
Geistes, die nach der Tagesarbeit übrig bleiben, die wirft er mir dann im
Vorübergehen zu und denkt: Für die Eva ist es eben noch genug. Er hat's im
Frühjahr, als ich nach Berlin zog, immer so gehalten.
    Erstaunt betrachtete Alfred die reizende Frau. Es schien, als ob sie
scherze, und doch lag eine Bitterkeit in ihrer Stimme, die ihm auffiel, so dass
er begütigend sagte: Der glückliche Freund! wenn Sie ihn ahnen liessen, dass Sie
ihn gern früher wiedersehen würden, wie müsste er eilen Ihren Wunsch zu erfüllen.
    Glauben Sie das nicht. Er ist ja mein Vetter und das Prädikat ist ein
vollauf genügender Grund für jedes Betragen. Ein junger Mann macht einem Mädchen
leidenschaftlich den Hof und man findet die Auszeichnung in der Ordnung, denn es
ist ja ihr Vetter. Ein Anderer ist rücksichtslos, beleidigend gegen eine Dame
und wieder sagt man entschuldigend: Mit einem Vetter nimmt man es nicht so
genau. Ich wollte, es gäbe gar keine Vettern in der Welt.
    Aber Julian ist als Bruder so liebenswürdig, dass -
    Eben! Das verschlimmert ihn noch als Vetter! unterbrach ihn Eva. Liebe
Werner, befahl sie dann der arbeitenden Frau, lassen Sie das Frühstück bringen.
    Frau Werner ging hinaus, den Befehl zu vollziehen, und Eva sagte zu Alfred:
Sie kennen ja den Präsidenten, da kann man offener gegen Sie sprechen. Auch
sagte ich Ihnen gleich gestern, Sie kommen mir nicht wie ein Fremder vor. Sie
sind mir durch Ihre Schriften, durch Julian's und Teresen's Erzählungen wie ein
alter Bekannter und Freund. Sagen Sie mir, wollen Sie mir das sein?
    Alfred's Verwunderung stieg mehr und mehr; aber Eva war so hübsch, dass er
dankbar die angebotene Freundschaft annahm und den neuen Bund mit einem Kuss auf
die kleine Hand besiegelte, die Eva ihm reichte.
    Ich habe schon lange gewünscht, Jemanden zu finden, dem ich mitteilen
könnte, was mir das Herz bedrückt, meinte Eva. Glauben Sie mir, Herr von
Reichenbach, Julian und Terese machen sich unglücklich. Es ist wahr, Julian
betet Terese an. Er liebt sie wie ein Bruder und wie ein Vater zugleich. Diese
Liebe ist aber der Grund, dass Terese nicht die Notwendigkeit begreift, sich zu
verheiraten, wozu es hohe Zeit wäre, denn Terese muss fast dreissig Jahre alt
sein. Andrerseits hält ihre Anwesenheit im Hause auch Julian vom Heiraten ab
und - eine Frau darf das wohl sagen - dadurch kommt er zu solchen Verbindungen,
wie die mit der Harcourt, durch die er sich zum Stadtgespräche macht. Das tut
mir weh und macht gewiss auch der Schwester Kummer, obgleich sie nie darüber
spricht. Dagegen sollen Sie Rat schaffen, Herr von Reichenbach, das sollen Sie
ändern.
    Da schrie der Papagei, der während des Sprechens von seiner Stange herab und
auf Eva's Schultern gestiegen war, sein: Eva! Eva! die Kanarienvögel
schmetterten dazwischen und das Wachtelhündchen, das bis dahin ruhig zu den
Füssen seiner Herrin gelegen, verlangte durch tausend Liebkosungen
Aufmerksamkeit. Eva ward plötzlich von ihrer ernsten Unterhaltung abgezogen, das
Frühstück erschien, sie machte mit grosser Zärtlichkeit Alfred's Wirtin, teilte
mit Coco und dem Hündchen ihr Biscuit, trieb tausend Possen und hatte ihre
beglückenden Absichten für Julian und Terese darüber ganz und gar vergessen.
    Bald darauf empfahl sich Alfred, von Eva mit vielen unwesentlichen
Bestellungen für Terese beauftragt.
    Als er nun allein den Weg zur Wohnung seines alten Freundes antrat, dachte
er an das eben Erlebte zurück und vermochte sich Eva's Wesen nicht zu erklären,
wenn er nicht annahm, dass sie, sich selbst unbewusst, eine Leidenschaft für den
Präsidenten nähre, der nach ihren Schilderungen noch ganz der alte Epikuräer
sein musste.
    So reizend Eva war, so hatte doch Alfred sich unbehaglich bei ihr gefühlt.
Das Geräusch, das von der Strasse herauftönte, erhöht durch die Unruhe der
Tiere, und Eva's unstätes Wesen selbst, hatten ihm einen peinlichen Eindruck
gemacht. Um so erquickender erschienen ihm die tiefe Stille und Ruhe im Hause
des Präsidenten, als er es erreicht hatte.
    Er fand Terese allein in grossen, räumlichen Zimmern, die nach einem Garten
hinauslagen. Es war nichts Ueberflüssiges, keine Modespielereien in dem Gemache,
aber es fehlte auch Nichts, das wahrer Behaglichkeit förderlich sein konnte. Die
Türen zwischen den Zimmern waren geöffnet, so auch ein paar von Vorhängen
beschattete Fenster. Einzelne prächtige Kupferstiche zierten die Wände,
fremdländische Pflanzen einen Balkon, der aus dem Zimmer in den Garten führte.
    Terese war mit dem Ordnen verschiedener Gegenstände beschäftigt, die
während ihrer Abwesenheit von der gewohnten Stelle genommen sein mochten. Sie
empfing den Freund heiter, aber doch mit mehr Zurückhaltung, als sie ihm am
vorigen Tage auf der Reise gezeigt hatte. Alfred beklagte sich darüber und
beschwichtigend sagte sie: Denken Sie nur, Herr von Reichenbach! welch lange
Reihe von Jahren zwischen unserer ersten Bekanntschaft und unserm Wiedersehen
liegt. Da bildet sich viel an dem Menschen aus, Eigenschaften und Fehler mancher
Art, man wird ein ganz Anderer, man kennt einander nicht mehr und noch nicht,
Sie haben mich gestern selbst äusserlich nicht mehr gekannt. So kann es uns auch
geistig leicht geschehen; darum wollen wir uns nicht blind in ein ganz neues
Verhältnis stürzen, sondern es der Zeit überlassen, das alte Zutrauen
herzustellen, das sich gewiss bald finden wird.
    Alfred missfiel diese Äusserung. Ich will nicht fürchten, sagte er, dass Sie
eine Andere geworden sind, denn Sie waren gut. Ich für mein Teil bin ganz der
Alte geblieben und brachte Ihnen und Julian die alte, feste Neigung entgegen. Es
wäre traurig, wenn auch er der Zeit bedürfte, den Freund in mir
wiederzuerkennen.
    Indem trat Julian ins Zimmer und die Herzlichkeit, mit der er Alfred
bewillkommte, verscheuchte jeden Zweifel desselben. Die Freunde mussten sich viel
zu sagen haben, Terese entfernte sich also unter dem Vorwande häuslicher
Geschäfte.
    So fanden Julian und Alfred sich nach vieljähriger Trennung zuerst wieder
allein, und es konnte kaum eine grössere Verschiedenheit geben, als das Äussere
dieser beiden Männer sie darbot. Alfred hatte die edeln, regelmässigen Züge, die
man oft bei den alten Familien des deutschen Adels findet. Eine schöne kräftige
Gestalt über Mittelgrösse und dunkelblaue Augen bei reichem, dunklem Haar, das
mit einem üppigen Bartwuchs sein Gesicht umgab, machten ihn zu einer eben so
anziehenden, als schönen Erscheinung. Er sah jung aus, wenngleich leichte Falten
auf der Stirne von tiefem Denken und langer geistiger Tätigkeit zeugten.
    Julian hingegen war, wie es Terese und Eva bereits gesagt, entschieden
hässlich. Sehr gross und mager, trug er sich ein wenig gebückt. Schwarzes, schon
mit Grau gemischtes Haar fiel auf eine sehr edle, hohe Stirn herab, unter der
grosse schwarze Augen geistreich hervorblickten, obgleich eine Brille ihr Feuer
mässigte. Starke Backenknochen, eine stumpfe Nase, Lippen, in denen Lavater ein
sinnliches Temperament erkannt hätte, gaben ihm etwas von der Physiognomie eines
Mulatten, und sein Gesicht trug in stark ausgeprägten Zügen die Spuren eines
leidenschaftlichen Charakters und reichen Lebensgenusses. Er sah kalt und oft
spöttisch aus, wie ihn Eva geschildert hatte. Alfred fand ihn sehr gealtert,
obgleich Julian erst in der Mitte der Vierziger sein konnte.
    Nach den ersten herzlichen Begrüssungen fragte Julian: Was führt Dich endlich
einmal nach der Residenz und wie lange wird man Dich hier behalten?
    Ich denke in Berlin zu bleiben, für jetzt wenigstens.
    Mit Frau und Kind? das ist vernünftig.
    Mein Felix kommt mir nach, meine Frau nicht, sagte Alfred.
    Deine Frau nicht? fragte Julian plötzlich ernst geworden, was soll das
bedeuten?
    Es bedeutet, antwortete Alfred seufzend, dass ich mich nach langer
Ueberlegung und bitterm Kampfe von meiner Frau zu trennen gedenke.
    Also doch! sagte Julian. Armer Freund, das wird Dir schwer werden, wie ich
Dich kenne. Also doch! - Und immer noch Eifersucht und all die Quälereien, die
Dir schon in den ersten Jahren Deiner Ehe Not gemacht?
    Vor Allem die Unmöglichkeit, neben einer Frau zu leben, mit der ich in
keiner Beziehung übereinstimme, der mein ganzes Seelenleben fremd bleibt.
    Es entstand eine Pause, dann zuckte ein leichtes, mephistophelisches Lächeln
um Julian's Lippen und er sagte: Und da kommst Du nun nach Berlin, um Dich hier
mit unsern Schönen in dem Strudel der Residenz von dem einsamen Landleben zu
erholen? Das ist natürlich und vernünftig.
    Du irrst, das ist nicht der Grund. Du weisst, das ist es nicht. Ich kam her,
um mir Ruhe zu schaffen vor täglicher Plage, um Menschen zu finden, mit denen
ich geistig leben kann, um Herz und Geist an Edlem und Schönem zu erfrischen.
    Aber was soll Dir das Kind dabei? fragte Julian; soll das auch erfrischt
werden und Menschen finden, Du lieber Phantast?
    Es soll dem katolisch-pietistischen Eifer, dem Einfluss der Mutter
überhaupt, entzogen werden, antwortete Jener. Das Erste, was mir hier zu tun
obliegt, ist, einen Gouverneur und eine Schule für den Knaben zu wählen.
    Ich würde den Knaben, der an Einsamkeit gewöhnt ist, nicht gleich einer
öffentlichen Anstalt anvertrauen, wendete Julian ein, um von der ersten
Unterhaltung abzulenken. Aber ehe Alfred Zeit zur Antwort gewann, erschien ein
Diener, der dem Präsidenten ein Billet in buntverziertem Couvert überbrachte.
Dieser, der sehr kurzsichtig war, führte es nahe an die Augen und sagte
kopfschüttelnd, nachdem er es betrachtet hatte: Immer dieselbe
Geschmacklosigkeit! dass sie sich so etwas nicht abgewöhnen lassen!
    Dann las er den Inhalt und sagte zum Diener: Es ist gut, machen Sie meine
Empfehlung, ich werde kommen.
    Der Diener ging hinaus und Julian sprach lächelnd, indem er sich das
Rückenkissen zurechtlegte und die ausgestreckten Beine behaglich kreuzte: Das
Billet kommt von Sophie Harcourt, einer Französin, mit der ich liirt bin, länger
als es sonst zu dauern pflegte. Sie ist hier bei dem Teater angestellt und ich
danke es ihr, noch einmal alle Torheiten früher Jugend in vollem Ernste
durchgemacht zu haben. Sie galt für spröde und ich war wie zu zwanzig Jahren,
wie ein Jüngling in sie verliebt. Ich schlage Dir vor, Dich zu ihr zu führen.
    Und Deine Eifersucht lässt das zu? oder bin ich schon so ungefährlich? fragte
Alfred.
    Im Gegenteil! sie betet das Genie an und der gefeierte Dichter wird sie in
Entzücken versetzen. Aber wir - oder vielmehr ich - ich bin nun über die grosse
Leidenschaft für sie hinweg. Sie ist ewig in Extase und ich bin der grossen
affectvollen Scenen etwas müde. Das wird aufreibend mit der Zeit und ich sähe es
nicht ungern, wenn sie auswärts ein gutes Engagement fände. Ich unternahm meine
Reise zum Teil, um sie an eine Trennung von mir zu gewöhnen.
    Und was zwingt Dich, wenn dem so ist, gleich heute wieder in die alten
Fesseln?
    Die Furcht vor ihrer Rücksichtslosigkeit. Sie bildet sich ein, sie liebe
mich leidenschaftlich und ich muss es fast glauben. Käme ich nicht, so wäre sie
im Stande, mich hier aufzusuchen. Das will ich vermeiden und - die Fesseln sind
denn doch so drückend nicht. Ich wollte sie schon noch eine Weile tragen, sie
sind mir in der Gewohnheit sogar lieb geworden; aber ich möchte sie in ein
ruhiges bequemes Band verwandeln. Nur dass ich täglich von Leidenschaft hören
soll, dass sie verzweifelt, wenn sie mich in irgend einer andern Verbindung
vermutet, das ist mir lästig. Du spartest mir in der Tat eine Menge Vorwürfe
über mein langes Ausbleiben, über mein Nichtschreiben, wenn Du mich zu ihr
begleiten wolltest.
    Alfred lachte laut auf. Julian! aber Julian! rief er, wie bist Du der Alte
geblieben, ganz und gar. Dieselbe Eitelkeit, dieselbe Furcht vor peinlichen
Erörterungen, wie früher. Ist mir's doch, als wären wir wieder der Assessor
Brand und der Lieutenant Reichenbach geworden. Hast Du denn wirklich noch Lust
an solchen Teaterintriguen? Fühlst Du Dich noch glücklich in solchen
Verbindungen?
    Sehr glücklich! antwortete zuversichtlich der Präsident. Es sind die
einzigen, bei denen man nicht Gefahr läuft, eine Laune des Herzens durch
lebenslängliches Elend abzubüssen. Im solid bürgerlichen Leben verliebt man sich,
wird getraut und hat nun eine Frau, die man in tausend Fällen wenig kennt. Die
Braut schien ein Engel, denn sie wollte gefallen. Die Frau, deren Loos gesichert
ist, findet das nicht mehr der Mühe wert; der Mann, ebenfalls am Ziel seiner
Wünsche, lässt sich in gleicher Bequemlichkeit gehen. Nach wenig Monaten leben
zwei Menschen, die mit einander leben sollten, nur noch neben einander und
vergehen vor Überdruss und Gleichgültigkeit. Dies ist das treue Bild einer
rechtmässigen Ehe! schloss er, mit seinem gewohnten spöttischen Lächeln.
    Du malst es in Deiner Weise, mit dem Pinsel der Satire! meinte Alfred. Warum
schilderst Du grade eine unglückliche Ehe?
    Weil es mir im Allgemeinen an Vorbildern für glücklichere fehlt; weil eine
Ehe auf gegenseitiges Verstehen, auf geistiges Zusammenleben gegründet, zu den
Seltenheiten gehört.
    Alfred schwieg und Julian fuhr fort: Weiss eine Frau, dass wir sie jeden
Augenblick verlassen können, so denkt sie jeden Augenblick daran, uns zu
fesseln, scheint uns immer neu und reizend, und wir lieben die Schöpferin
unseres Glückes, die dadurch ebenfalls glücklich wird. Dies ist der natürlichste
Erfolg vernünftiger Freiheit. Ich bin in der Tat gewiss, dass Sophie mich liebt,
ich habe nie an ihrer Treue gezweifelt, und sie ist mir, trotz meiner Klagen
gegen sie, unendlich wert.
    Aber Du sähest es nicht ungern, wenn sie auswärts ein gutes Engagement
fände, wie Du mir vorhin gesagt, meinte Alfred. Dies spricht nicht sehr für die
Dauer Deiner Liebe, für Deine Hingebung an sie. Wer sichert sie und Dich selbst,
dass Du nicht jeder ungünstigen Aufwallung gegen sie nachgibst, dass Du sie nicht
morgen verlässest, wenn es Dir angemessen scheint? wenn neue Reize Dich
verlocken?
    Ihre eigene Liebenswürdigkeit.
    Und wenn diese ihre Anziehungskraft für Dich verliert?
    Dann werden wir uns trennen, sagte der Präsident sehr ruhig. Aber glaube
mir, weil Sophie das fühlt, bleiben wir glücklich und vereint. Wärst Du nicht
durch Eide an Caroline gebunden, wüsste sie sich nicht in sicherem Besitz, sie
wäre vielleicht eine treffliche Frau geworden und ihr hättet mit einander wie
die Engel gelebt.
    So wenig Alfred Ursache gehabt hatte, mit seiner Frau zufrieden zu sein, so
verletzte es ihn doch, Julian in dieser leichtsinnigen Weise von ihr und seiner
Ehe sprechen zu hören.
    Du selbst glaubst Deinen Worten nicht, mein Freund! sagte er, denn es liegt
Unedles, Unwahres darin. Wer Frauen so hoch zu schätzen vermag, wie Du Deine
Mutter geschätzt hast, Deine Schwester schätzest, der kann die Gattin allein
nicht zum Gegenstande genusssüchtiger Berechnung erniedrigen, der kann nicht die
treue, liebende Gefährtin, die Mutter seiner Kinder zur Buhlerin entwürdigen
wollen, die man verstösst, wenn man ihrer müde ist. In dem festen
Zusammengehören, in dem Bewusstsein der Dauer, liegen die Heiligkeit, die
Schönheit der Ehe, die uns das Leid gemeinsam leichter tragen, Freude doppelt
geniessen lassen und die vollste, edelste Entwicklung der menschlichen Natur zur
Blüte bringen. Wenn wir die rechte Wahl getroffen, eine Frau gefunden haben....
    Und wenn nicht? fiel ihm Julian ins Wort, wenn man die rechte Wahl nicht
getroffen hat? Dann bleibt nichts übrig, als Leiden, vor denen man sich sichert
durch Ungebundenheit. Das Bewusstsein der Freiheit wiegt in jedem Verhältnisse
alles Andere auf; sie ist das höchste, wahrste Glück!
    Wirst Du nie anders denken? Wird der genussreiche Wechsel Dich dauernd
beglücken? Wirst Du bei Deinem feinen, lebhaften Gefühl, bei Deiner Eifersucht
nie nach einem treuen, jungfräulichen Wesen verlangen, deren ganzes Sein in Dir
begründet ist? fragte Alfred sehr ernst und fügte hinzu: Ich fürchte, Julian, Du
täuschest Dich über Dich selbst und erheuchelst Dir ein Glück, das Du nicht
fühlst. Du bist zu stolz, einzuräumen, dass Du es vielleicht gesucht und nicht
gefunden hast.
    Du irrst! versicherte Julian. Ich habe Alles, was ich wünsche. Eine
Stellung, die mir zusagt; Terese, die ein seltenes Mädchen ist, zur treuen,
nachsichtigen Gefährtin, eine bequeme Häuslichkeit, eine reizende Geliebte und
niemals Langeweile. Mehr werde ich nie verlangen. Ich bin durchaus zufrieden und
gönne Andern das ruhige häusliche Glück und die ehelichen Freuden.
    Bei Julian's letzten Worten kehrte seine Schwester wieder zu ihnen zurück,
gesellte sich zu den Männern und die Unterhaltung wendete sich bald auf die
erste Zeit ihrer Bekanntschaft zurück.
    Ich erinnere mich noch deutlich des Abends, sagte Julian, da ich Dich einsam
schreibend in Deinem Mansardstübchen fand und gegen Deinen Willen Deine
Schreiberei durchlas. Für eine poetische Natur hatte ich Dich stets gehalten,
und der lyrische Lieutenant war mir oft ergötzlich gewesen, wenn er mitten in
den Orgien, denen unser Kreis sich damals überliess, sich hinweg sehnte nach Wald
und Flur, nach Ruhe und Stille. Nun ich Deine Verse las, begriff ich Dich
plötzlich ganz, ich rief Dir das »Ich hab's gefunden« zu. Ich sagte Dir, Du bist
ein Dichter, und ohne mein Dazwischentreten hättest Du vielleicht noch lange
Deinen eigentlichen Beruf verkannt.
    Ich habe des Augenblickes später selbst oft gedacht, sagte Alfred, und mich
gefragt, wann ich wohl eigentlich zu dichten angefangen habe? Ich konnte es aber
nie ergründen, denn mein erstes Bewusstwerden mag ziemlich mit dem ersten Dichten
zusammen gefallen sein. Wie das Meer seit dem Moment der Schöpfung sich in
rastlosem Wechsel bewegt, wie es nicht existirt ohne Bewegung und in seiner Ruhe
noch den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen widerspiegelt, also auch in der Ruhe
noch Bilder des Himmels schafft, so ist es mit der Seele des Dichters. - Ich bin
mir jetzt noch schreckhafter Nächte aus meiner ersten Kindheit bewusst, fuhr er
nach einer kleinen Pause fort, in denen ich unwillkürlich Das, was ich gehört
hatte, weiter fortspann; von Krieg und Erdbeben, von dem Tode Derer, die ich
liebte, wachend träumte und es mir mit grässlicher Genauigkeit ausmalte, weil ich
die Grenzen des Wahrscheinlichen von denen des Möglichen nicht zu sondern
vermochte. Die schreckhafteste Möglichkeit hielt ich immer für Das, was sich
ereignen werde und müsse.
    Und ist man früh auf Ihre Anlagen und Ihr Treiben aufmerksam geworden?
fragte Terese.
    Nein! antwortete Alfred. Die Qualen jener Nächte verschwieg ich, ohne zu
wissen, weshalb. Später, als ich anfing, meinen Spielgenossen ganz wunderbare
Geschichten zu erzählen, die mir oder meinen Eltern begegnet sein sollten, da
wurden die Eltern aufmerksam, schalten mich wegen der Unwahrheiten, die ich
erzählt hatte, und drohten mit ernster Strafe, falls ich je wieder auf gleichem
Unrecht ertappt werden sollte. Daraus erwuchs mir neue Qual. Ich traute mir
selbst nicht mehr. Da ich nicht für wahr ausgeben durfte, was sich an Ideen in
mir ausbildete, fing ich auch an, an Dem zu zweifeln, was ich wirklich erlebt
hatte. Aus dieser gänzlichen Verwirrung tauchte als unwiderlegliche Wahrheit
eine Geschichte in mir auf, in der Napoleon und mein Vater die Hauptrollen
spielten.
    Und war das eine wirkliche Begebenheit? fragte der Präsident.
    Nichts weniger als das, antwortete Alfred. Meine Kindheit fiel in die Zeit
nach den Befreiungskriegen, in der die Heldengestalt Napoleon's noch ganz im
Vordergrund der Ereignisse stand. Ich hatte sein Bild oft gesehen, mein Vater,
ein grosser Bewunderer des Kaisers, sprach viel von ihm und war einmal in
amtlichen Verhältnissen in der nächsten Umgebung desselben gewesen. Vermutlich
daraus hatte sich in mir eine lange Geschichte gebildet, die ich besonders gern
erzählte. Ich behauptete, mich deutlich des Tages zu erinnern, an dem mein Vater
in einer gelben Carosse in grossem Aufzuge dem Kaiser entgegen gefahren sei, ihm
auf rotem Sammetkissen die Schlüssel der Stadt überreicht habe und was daran
sich noch fabelhaft und kindisch Erfundenes anreihte. - Diese Erzählung
erreichte auch das Ohr meiner Eltern und zog mir, weil es meine grossartigste
Erfindung war, auch die lang versprochene grossartige Strafe in tüchtigen
Schlägen zu. Dies war der Lohn und das erste Honorar für mein erstes
Heldengedicht.
    Der Präsident lachte, Terese aber sagte: Es ist recht schlimm, dass in den
Seelen der Kinder all ihre Empfindungen, ihnen selbst unklar, oft so lange
verborgen liegen. Wie mich ein krankes Kind immer noch mehr rührt, als ein
Erwachsener in gleicher Lage, weil es bei zarterer Constitution tiefer leiden
mag, als Jener, und nicht sein Leid zu klagen vermag, so jammern mich Kinder mit
reichem Seelenleben doppelt, denn sie müssen davon gepeinigt werden. Wenn man es
nur verstände, sie zu erraten, ihnen zu Hilfe zu kommen, man würde vielleicht
manche grosse Anlage entdecken, die jetzt verloren geht.
    Dies ist eine recht haushälterische Sorge, liebe Terese! neckte sie der
Bruder, es soll nichts umkommen, nichts verschwendet werden. Aber sei nur
unbesorgt, die Natur selbst ist die beste Haushälterin. Allem von ihr
Geschaffenen wohnt die Fähigkeit und der Trieb ein, alle Hindernisse zu
überwinden, alle Bande zu sprengen und durch tiefe Nacht zum rechten Lichte zu
dringen. Ein Talent, eine Anlage, die durch Verhältnisse unterdrückt werden,
verdienen kein Gedeihen. Dagegen ist es in der Natur des Genius, dass er immer
und überall Sieger ist.
    Das glaube ich auch, bekräftigte Alfred. Es ist gar nicht nötig, den
Menschen in dieser Beziehung beizustehen, es ist mit ihnen grade wie mit den
Pflanzen. Wollen Sie eine Hyazinte früh zur Blüte bringen, setzen Sie dieselbe
beständig in das beste Licht, in die behaglichste Wärme, so wird allerdings eine
frühere Blüte Ihnen die Pflege lohnen, aber sie wird oft schwächer und
vergänglicher sein, als die, welche unter Nachtfrost und Schnee sich langsam,
reif und kräftig, ohne andern Beistand als den eignen Trieb, aus dunkler Erde
ans Licht hervorringt. Dass meine Eltern die Eiseskälte der Zweifel und einen
kleinen Hagel von Schlägen über mich ausgeschüttet, hat mir gewiss nicht
geschadet.
    Indes war es spät geworden, Alfred erhob sich und schickte sich an, die
Freunde zu verlassen, aber Terese und der Präsident baten ihn, den Mittag mit
ihnen einzunehmen, und Alfred liess sich willig dazu finden.
    In einem mässig grossen, von Bäumen beschatteten Zimmer war der kleine Tisch
für drei Personen gedeckt, mit Vasen voll frischer Blumen und einem schönen
silbernen Korbe geziert, in dem feines Obst so trefflich geordnet war, dass es zu
einem Schmuck der Tafel wurde. Alfred äusserte sein Wohlgefallen daran, man nahm
Platz und Julian sagte, während die ersten Speisen aufgetragen wurden, zu
Alfred: Du empfindest lebhaft für das Schöne, Du besingst es auf die würdigste
Weise, wo es Dir begegnet, nur für Eine Richtung geht Dir der Sinn ab und das
ist ein grosser Mangel. Ich glaube, Du hast keinen Sinn für die rechte
Bequemlichkeit, für materielles Wohlsein.
    Du irrst! antwortete Alfred. Ich empfinde Unbequemes lebhaft und störend.
    Das glaube ich schon, denn Du müsstest kein Mensch sein, wenn Du es nicht
empfändest, sagte der Präsident. Aber vom Empfinden des Unbequemen bis zum
tiefen, bewussten Geniessen sinnlichen Wohlseins ist eine grosse Entfernung. In
dieser Kunst, denn eine Kunst ist es, sollten die Alten unsere Lehrer sein.
    Es sieht aus, als ob Du schon nicht geringe Studien darin gemacht hättest,
meinte Alfred, und ich finde, dass Deine Schwester Deinen desfallsigen
Bestrebungen sehr umsichtig entgegenkommt.
    So ist es, bestätigte Julian. Ich bilde mir viel darauf ein, mit Verstand an
dies Geschäft zu gehen. Es ist mir heiliger Ernst, ein Teil meiner Poesie - ein
Teil meiner Religion sogar.
    Der Religion, Julian! wendete Terese tadelnd ein, die möchte mit Essen und
Trinken schwerlich etwas gemein haben.
    Doch, liebe Schwester! Wie willst Du, dass sich der Mensch vorteilhafter von
dem Tiere unterscheide, wie willst Du, dass er besser danke für das
Geschaffensein und für Das, was für ihn geschaffen ist, als indem er es so
selbstbewusst, so vollkommen geniesst, als es ihm möglich ist. Die Griechen, die
einer reinen Gottanbetung viel näher waren, als wir, bekränzten Haupt und Becher
mit Rosen und opferten Libationen, wenn sie an das hohe Geschäft gingen, die
notwendige Nahrung zu sich zu nehmen. Selbst in den Klöstern liess man dem
Körper noch sein Recht widerfahren. Man legte sich Bussen, Fasten auf, man
geisselte sich, um nachher das Essen desto schmackhafter zu finden, um die
mangelnde Bewegung zu ersetzen, und die Tafeln waren mit höchster Sorgfalt
behandelt. Luter, ein an Körper und Geist durchweg gesunder Mensch, pries
begeistert Wein, Weiber und Gesang, und liebte eine gute Mahlzeit. Ueberall, wo
poetischer oder nur gesunder Sinn war, schätzte man materiellen Genuss. Erst der
spätern, am Schreibtisch verkümmerten, kranken Zeit, erst den protestantischen
Gelehrten mit schwacher Verdauung, den schwindsüchtigen Pietisten gelang es, das
Essen als ein niedriges Bedürfnis darzustellen; erst sie sind töricht genug
gewesen, die gesunde Sinnlichkeit ihrer angebornen Poesie zu entkleiden, dem
Körper sein Recht entziehen zu wollen.
    Dafür stehen denn auch in unsern Tagen solche wackere Kämpfer auf als Du,
Julian! sagte Alfred. Du solltest der Stifter eines neuen Cultus werden.
    Und wer sagt Dir, dass ich es nicht möchte, wenn die Zeit reif dafür wäre?
fragte Julian. Wäre es denn nicht ganz poetisch, wenn man, von sinnlichem
Geniessen ausgehend, endlich zu einer tiefgefühlten Anbetung des Schaffenden, zu
einer erhabenen Anschauung alles Erschaffenen gelangte? Wäre es nicht schön,
wenn jeder Einzelne den Weg ginge, den das Menschengeschlecht ursprünglich
verfolgte, um zur Gotterkenntniss zu gelangen? Uns sagt man: Gott hat die Welt
für uns erschaffen, danke ihm dafür! Aber man hindert uns, seine Gaben zu
geniessen, man sagt uns, das sei sogar sündhaft. Die Heiden genossen in vollen
Zügen, und dann in der Freude des höchsten Genusses fand sich das Danken von
selbst. - Ich bitte Dich, mein Freund, das überlege, das besinge einmal und Du
sollst mir der König der Dichter heissen.
    Seine Zuhörer lachten und freuten sich sein, denn der Präsident besass
wirklich ein besonderes Talent, den Materialismus, dem er huldigte, zu veredeln.
Man musste ihn sehen, wie er sich zur Tafel setzte, sich das Haar von der Stirn
strich, als wolle er zugleich jeden unangenehmen Gedanken verbannen; wie er die
Brille zurechtrückte, die Serviette entfaltete und dann prüfend und geniessend
das Mahl einnahm, um seine Behauptungen gerechtfertigt zu finden.
    Aber hast Du denn ein wirkliches Vergnügen vom Essen und Trinken? fragte
Alfred. Sobald ich das Bedürfnis danach befriedigt habe, hört für mich der Genuss
auf, es wird mir sogar lästig.
    Das Erstere, antwortete der Präsident, war eine ziemlich sonderbare Frage,
lieber Freund! Freilich habe ich eigentliches Vergnügen daran und was die
Uebersättigung betrifft, so kommt die nur davon her, dass man es als ein
Sattmachen, als eine tierische Fütterung betreibt. Wer, wie ein ordinairer
Mensch, nahrhafte, sättigende Kost isst, der wird schläfrig nach dem Essen, der
wird fett und setzt sich einem Schlagfluss aus. Anders Derjenige, der die
Mahlzeit künstlerisch behandelt, wie etwa ein Virtuose sein Concert. Dieser wird
Dich, wenn er sein Fach versteht, nicht mit grossen Concertstücken, in wilder
Hast auf einander gehäuft, belästigen. Er wird Dir abwechselnd Ernstes und
Heiteres, Schweres und Leichtes bieten, damit jeder Deiner Neigungen harmonisch
begegnet werde. Dasselbe verständige Mass verlange ich von der Hausfrau, die eine
Mahlzeit anordnet. Licht, Wärme, Wohlgerüche, Blumen und Geräte in gehörigem
Verhältnis', damit alle Sinne beschäftigt, keiner vorzugsweise erregt werde, und
vor Allem Das, um was schon Faust den Mephisto anging, als er fast
Unerreichbares forderte: »Speise die nicht sättigt.« Wer so lebt, kann lange
leben und geniessen. Er wird nie träge, nie stark werden und nie den Schlagfluss,
sondern höchstens das Podagra zu fürchten haben, das denn doch immer ein
aristokratisches Leiden ist.
    Gleichsam als bereue er die Anstrengung, welche ihm die Auseinandersetzung
verursacht hatte, lehnte sich der Präsident in den Sessel zurück und Alfred
sagte: Du bist freilich schon von Jugend an durch die ganz eigentümliche
Zierlichkeit Deiner Mutter und Deiner Schwester an die geschmackvollste
Häuslichkeit gewöhnt worden! Ich habe daran oft gedacht!
    Vermutlich, weil Ihre Frau denselben Sinn für das Schöne hat, als wir!
meinte Terese.
    Nein, weil er ihr fehlt! sagte Alfred. Aber er erschrak vor seiner
unwillkürlichen Äusserung und meinte dann ablenkend, da Terese ihn betroffen
anblickte, ihre grosse Sorgfalt für Julian's Tafelgenüsse sei um so
lobenswerter, als Frauen an denselben gewöhnlich keine Lust zu haben pflegten.
    Da irrst Du abermals, widerlegte ihn der Präsident. Meine Schwester hat
allerdings den Fehler, gleichgültig dagegen zu sein, aber unsere kleine Freundin
Eva ist es zum Beispiel ganz und gar nicht. Sie bedarf sehr wenig, um ihren
Hunger zu stillen, sie ist aber so begehrlich nach Leckerbissen und Näschereien,
weiss sie so niedlich zu verzehren, dass sie dadurch einen neuen Reiz für mich
gewinnt.
    Sie ist auch darin ein wahres Kind, wendete Terese ein; doch ist das in
meinen Augen keine von ihren guten Eigenschaften, deren sie gar manche hat.
Finden Sie Eva nicht sehr schön, Herr von Reichenbach, und sehr anmutig?
    Wenn ich die Wahrheit sagen darf, nein. Sie ist schon zu klein und zu
unruhig, um mir schön und anmutig zu erscheinen. Ich kenne sie freilich erst
seit gestern, aber ich halte sie für eine kleine Kokette, die Kindlichkeit
vorschützt, um ihren Launen Duldung zu verschaffen.
    O, das ist schlecht von Ihnen, Herr von Reichenbach! schalt ihn Terese.
Unsere Freundin Eva ist in der Tat ganz so kindlich und kindisch, als sie
erscheint. Sie war das einzige Kind sehr reicher Eltern, die sie in jedem Sinn
verwöhnten. Der Vater starb, die Mutter verheiratete Eva, das fünfzehnjährige
Mädchen, mit dem Major von Barnfeld, einem Freunde ihres verstorbenen Mannes,
und man zog auf das väterliche Gut, um dort zu leben.
    Das Uebrige, sagte der Präsident, da Terese innehielt, folgt nun von
selbst. Mutter und Gatte verhätschelten die kleine Frau nun vollends um die
Wette, und Beide unterdrückten alle Selbstständigkeit in ihr. Zwischen
Kornblumenkränzen, Nachbarstöchtern, Voss' Idyllen, Landjunkern und andern
unschädlichen Dingen wuchs sie auf; lachend, wo sich Anlass dazu bot, froh,
verheiratet zu sein, weil sie nichts mehr zu lernen brauchte, was ihr von jeher
verhasst war, und sie hat denn auch gar nichts gelernt.
    Julian, das dürftest Du am wenigsten sagen, der Du sie in ihrer Unwissenheit
so reizend findest! bemerkte ihm die Schwester.
    Mache ich ihr denn jetzt einen Vorwurf daraus? fragte der Präsident. Ihre
unglaubliche Unwissenheit ist für mich ihr schönstes Lob in einer Zeit, in der
es lauter gebildete, geniale Frauen gibt, zur tödtlichen Plage für den Mann. Eva
hat die seltensten Eigenschaften. Sie ist hübsch, gutmütig, reich und gar nicht
geistreich, also leicht zu beherrschen. Sie ist eitel, kindisch und naschhaft,
also bequem und leicht zu erfreuen. Solch eine Frau ist ein Phönix in unsern
Tagen.
    Seit wann lebt sie denn in Berlin? fragte Alfred.
    Noch nicht lange, erst seit dem Tode ihrer Mutter, antwortete Terese. Herr
von Barnfeld starb, als Eva achtzehn Jahre alt war. Die Mutter verkaufte die
Besitzungen und zog mit Eva in die nächste Stadt, und die kleine junge Wittwe
sah sich so von allen Männern umschwärmt, dass sie wohl ein wenig übermütig
geworden sein mag. In Zerstreuungen und Huldigungen jeder Art lebte sie fröhlich
fort, bis vor sechs Monaten ihre Mutter starb. Seitdem wohnt sie, nach dem
Wunsch der Verstorbenen, in unserer Nähe und Julian ist zu ihrem Vormunde
ernannt. Sie ist uns sehr lieb geworden und wird auch Ihnen gefallen, wenn Sie
hinter dem flüchtigen Wesen einen tüchtigen Verstand und das offenste Herz
entdecken werden.
    Unter diesen und andern Gesprächen verging die Zeit während der Mahlzeit
schnell, man stand auf und der Präsident fragte seine Schwester, welche Entwürfe
sie für den Abend gemacht habe?
    Ich habe noch Einiges im Hause zu schaffen, sagte Terese, um erst wieder in
die gewohnte Ordnung zu kommen. Ist das beendet, dann will ich ganz still
ausruhen.
    So wirst Du mich nicht vermissen, falls ich vielleicht später nach Hause
komme. Ich werde mit Reichenbach den Abend zubringen.
    Darauf trennte man sich, nachdem Alfred auf Julian's wiederholte Anfrage es
abgelehnt hatte, ihn zu begleiten, weil er noch für einige Stunden Geschäfte
habe, die er abzumachen wünschte.
    Terese ging nach der Entfernung der Beiden an ihre Arbeiten, aber
unaufhörlich dachte sie dabei an Alfred's Worte: Nein! weil er ihr fehlt! - Ob
Alfred's Ehe nicht glücklich ist? fragte sie sich und wünschte den Morgen
herbei, um von dem Bruder Auskunft über diese Angelegenheit zu erhalten, die sie
lebhaft beschäftigte.
 
                                       VI
Abends um die neunte Stunde ging der Präsident in ein stattliches Haus der ....
Strasse, stieg zwei Treppen hinauf, öffnete mit einem Schlüssel, den er mit sich
hatte, einen geschlossenen Corridor und trat bald darauf, ohne anzuklopfen, in
ein kostbar eingerichtetes Zimmer.
    Ein junger Mann in altfranzösischer Tracht stand am Fenster und sah auf die
Strasse hinaus. Bei Julian's Eintritt wendete Jener sich plötzlich um und stürzte
mit einem Jubelruf ihm entgegen und in seine Arme.
    Es war Sophie Harcourt, die den Geliebten empfing. Er war zu ihr gekommen,
mit dem festen Vorsatz, ihr ernste Vorwürfe zu machen, weil sie gleich am Morgen
seiner Ankunft von derselben unterrichtet gewesen, also nach ihm gefragt, ihn
ausgespäht haben musste. Jetzt, als er sie sah, dachte er nicht mehr daran,
sondern zog sie mit sich auf das Sopha und fragte: Hast Du doch spielen müssen
heute Abend? Du bist ja im Costüme.
    Ich erwartete Dich schon lange, antwortete sie, und um nicht zu empfinden,
wie lange, probirte ich das Costüm an, in dem ich in der nächsten Woche
auftreten will.
    Kokette! sagte scheltend Julian, während er sie auf seine Knie nahm und ihre
feine Hand, die aus den breiten Spitzenmanschetten zierlich hervorsah, auf seine
Augen drückte. Kokette! Du wusstest wohl, wie reizend Du bist in dieser
Männertracht, in der ich Dich zuerst sah. Du wusstest, dass ich Dir Vorwürfe
machen würde, und wolltest mich bestechen. Aber ich sehe Dich nicht an! mit
Deinen eigenen Händen halte ich mir die Augen zu.
    Glücklicherweise ist der Mund frei! rief sie, indem sie einen Kuss auf
Julian's Lippen drückte, den er mit vielen andern erwiderte. Dann machte sie
sich los und sagte: Du zerdrückst mir den schönen Sammetrock und hast doch noch
gar nicht gesehen, wie er mich kleidet, so roh und wild bist Du gleich mit
Deiner Zärtlichkeit über mich hergefallen. Sieh mich an, mein Freund, wie
gefalle ich Dir?
    Sie fing nun an im Zimmer umherzugehen, sich in mancherlei Stellungen bald
vor dem Spiegel, bald vor Julian zu bewegen, und man konnte in der Tat kaum
höhern Liebreiz finden. Sie war gross, schlank und kräftig gebaut, ohne grosse
Fülle zu haben. Die Männerkleidung stand ihr vortrefflich und die schwarzen
Augen sahen blitzend und zärtlich unter der gepuderten Perrücke hervor. Der
Präsident betrachtete sie mit Entzücken. Dessen war sie sich deutlich bewusst,
und auf ihren Reiz vertrauend, warf sie den kleinen Stahldegen, mit dem sie
Fechtübungen gemacht hatte, von sich, setzte sich dicht neben den Geliebten,
schmiegte sich an ihn und fragte: Julian! Warum hast Du mir nicht ein einziges
Mal geschrieben? Warum hast Du mich nicht wissen lassen, wann Du wiederkommen
würdest? Ich habe vor Ungeduld fast täglich in Dein Haus geschickt.
    Diese Frage erinnerte den Präsidenten, dass er sich über seine schöne
Freundin zu beklagen habe, und die Gelegenheit benutzend, sagte er: Weil ich die
Absicht hatte, gar nicht wiederzukommen, weil Dein Spioniren und Nachfragen mir
unerträglich ist. Gleich heute wieder! Wie oft habe ich Dir verboten, Deinen
Diener zu mir zu schicken, wie oft Dir gesagt: schreibe nicht auf dem
närrischen, bunten Papier, das auf zehn Schritte ein billet doux verrät! Nun
tust Du gleich das Alles auf einmal. Erspähst, natürlich durch Bestechung
meiner Leute, wann ich zurückkehre, schickst den baumhohen Diener in mein Haus
und schreibst auf bunt bemaltem Papier, damit vom Kutscher bis zur Küchenmagd
Jeder erraten kann, von wem die Botschaft kommt. Du bist unerträglich
indiscret. - Nimm die Perrücke ab, der Puderstaub belästigt mich.
    Sie tat augenblicklich, wie er verlangte, und sagte dann: Indiscret nennst
Du mich, wenn ich vor Sehnsucht nach Dir vergehe? wenn ich den Augenblick nicht
erwarten kann, in dem Du wieder bei mir bist? Du weisst es: wie ich Dich liebe,
habe ich keinen Andern je geliebt.
    Eine schöne Liebe, die Vergleiche mit früheren anzustellen hat, warf Julian
spottend hin.
    Da trat Sophie dicht vor ihn hin und sagte: Julian! ich schwöre nicht, denn
Du würdest sagen: wer glaubt dem Schwur einer Schauspielerin? Ich mache mich
nicht besser, als ich bin. Ich habe es Dir nicht verborgen, als Du mit glühendem
Verlangen um mich warbst, dass Du nicht der Erste bist, dem ich und meine Liebe
gehörten.
    Und ich werde nicht der Letzte sein! rief Julian bitter, das bedarf keines
Schwures, ich glaube es.
    Nun denn, auch das kann sein! - Ich fühle es, Du willst mir wehe tun, mich
verlassen, Du suchst Streit. Vielleicht werde ich nicht ewig trauern, vielleicht
äusserlich bald getröstet scheinen, denn ich bin jung und das Leben ist schön;
aber ich werde lange, immerfort leiden um Dich, tief im Herzen, denn so wahr
Gott über uns lebt, Julian, ich liebe Dich sehr!
    Torheit! schalt der Präsident. Du willst heute das Mass voll machen, mich
nun noch mit Scenen plagen, die mir verhasst sind. Wollte ich mich quälen lassen,
ich hätte mich längst verheiratet.
    Als sie diese Worte hörte, brach Sophie plötzlich in das lauteste Gelächter
aus, nahm seinen Kopf in ihre Hände, küsste ihn auf die Stirne und rief: Das ist
das erste vernünftige Wort, das ich heute von Dir höre. Du hast Recht, eine gute
wackere Frau muss eine entsetzliche Qual sein. Ewig tugendhaft, also ohne
Nachsicht; im Gefühl des Besitzes ruhig, also nicht ein bisschen
eroberungssüchtig. Wenn ich ein Mann wäre, ich heiratete gewiss nicht.
    Das ist erhabene Weisheit aus Deinem Munde, sagte der Präsident, der noch
immer den Beleidigten spielte. Und was tätest Du denn? Nicht wahr, Du liebtest
eine Schauspielerin?
    Ich sehe nicht ein, warum nicht? Oder glaubst Du, eine Schauspielerin sei
oft nicht besser, als Eure Tugendheldinnen aus der stillen Häuslichkeit? O! es
ist schon bequem, zwischen Vater und Mutter aufzuwachsen, behütet vor jedem
Gedanken, der den Unschuldshauch von den Seraphsschwingen abwischen könnte. Es
mag recht hübsch sein, aus den Armen der Eltern in die des Gatten überzugehen
und in ihm auch wieder den Schutz zu finden, dessen man bedarf, um tugendhaft zu
bleiben. Das heisst tugendhaft vor dem Gericht der Welt, trotz der heimlichen
Untreue im Herzen, die oft nicht fehlt.
    Du schwärmst, Mädchen! sagte Julian.
    Aber Sophie achtete die Unterbrechung nicht. Ja! fuhr sie heftig fort, ich
verachte Eure scheinheilige Tugend, Eure gute Gesellschaft. Ich bin mir mit
Stolz des Tadels bewusst, den die andern Frauen auf mich werfen. Ich bin
Schauspielerin, ich bin Deine Geliebte! Ja! - Aber ich bin's mit voller
Hingebung, so lange ich es bin. Ich bin nur Dein in Deinen Armen. Bis in die
Ewigkeit reicht mein Gedanke nicht hinüber. Es gibt keine Ewigkeit für
Liebeslust, es braucht ja auch keine zu geben, wo ein Augenblick für
Jahrhunderte Genuss gewährt.
    Sophie, Sophie! rief der Präsident, der hingerissen ward von der
unwiderstehlichen Anmut der Künstlerin, die Männerkleider machen Dich verwegen.
Kleide Dich um und werde Weib, Sophie!
    Weshalb? fragte sie, bist Du besorgt, ich wolle Dich besiegen, gegen Deinen
Willen? Du willst gar nicht widerstehen, Du kannst nicht von mir lassen, Du
kehrst ja dennoch wieder, sagte sie schmeichelnd. Es liegt nicht im Gewande;
hier tief in der Brust, in meiner und Deiner, steckt der Zauber; die Liebe hält
Dich fest.
    Indes zog sie den dunklen Sammetrock ab und stand nun in den
Sammetescarpins, weissseidnen Strümpfen und einer Weste von Goldbrokat vor ihm,
die genau Taille und Hüften bezeichnete, fast bis an das runde Knie hinabreichte
und ihren wundervollen Wuchs noch mehr hervorhob. Der Präsident sprang auf und
wollte sie umfassen, sie lief aber blitzschnell in das Nebenzimmer, das sie
hinter sich zuschloss, und rief: O, ich kann auch tugendhaft sein, mein Herr
Präsident!
    Julian wusste, dass man sie gewähren lassen müsse, und setzte sich nieder.
Bald wollte er sie erwarten, bald sie verlassen. Sie war ihm noch interessant,
sie fesselte ihn durch die Gewalt ihrer Reize, aber Alfred's Vermutung war
nicht ungegründet, die Verbindung mit Sophie füllte die Seele Julian's nicht
aus, sie befriedigte ihn nicht mehr ganz. Ohne dass er es sich selbst gestand,
fing er an, sich nach Ruhe, nach festbegründeter Häuslichkeit zu sehnen. Er
dachte bisweilen daran, sich zu verheiraten, aber sein Verhältnis zu Sophien
war allgemein bekannt und man hielt es für bindend. Das war ihm doppelt unbequem
in seiner Stellung. Er war zu ihr gekommen, sie auf eine mögliche Trennung
vorzubereiten, er dachte wohl noch daran, wie aber sollte er dem reizenden Weibe
wehe tun, das ihn so innig liebte? Wie konnte er in dieser Stunde ihr gegenüber
kalt bleiben? Er hatte am Morgen verächtlich von dem ruhigen Glück der Ehe
gesprochen, jetzt peinigte ihn Sophiens Ringen um seine Liebe, die sie zu
verlieren fürchtete.
    Nach wenig Minuten schon kehrte sie wieder zu ihm zurück. Sie hatte ein
seidenes Gewand übergeworfen, das nur mit einer Schnur um die Taille befestigt
war und Hals und Nacken frei liess. Das Haar war ungeflochten mit einem Kamme
aufgenestelt. In der Hand trug sie ein Kistchen mit Cigarren. Sie war eine ganz
Andere geworden.
    Ruhig setzte sie sich an der Seite ihres Freundes nieder und sagte: Nun
ist's des tollen Spiels genug, wir wollen vernünftig sein. Nimmst Du keine
Cigarre, lieber Julian?
    Der Präsident nahm sie schweigend an, sie reichte ihm Feuerzeug, hing einen
Ueberwurf über die Lampe, wie er es liebte, und schickte sich an, ihm den Tee
zu bereiten, den man indes hereingebracht hatte. Das Alles geschah so ruhig und
anspruchslos, so dienstbeflissen, dass es wohltuend sein musste.
    Es war ganz stille im Zimmer, man hörte nur das Summen des Samovar. Der
Präsident hatte Tagesblätter vorgefunden, die er durchflog, Sophie störte ihn
nicht. Sie lag ruhig in der Sophaecke und betrachtete den Geliebten. Ihre
Hingebung machte ihn weich, aber er liess es sie nicht merken; er war in einer
jener gereizten Stimmungen, in denen man eine Lust daran findet, Diejenigen zu
quälen, die man liebt. Er liess es geschehen, dass Sophie ihm Alles zubereitete,
ihm den Tee einschenkte, wie er es gern hatte, doch er dankte ihr nicht dafür
und las ruhig weiter fort.
    Endlich unterbrach Sophie die Stille. Sie lehnte sich an den Präsidenten und
fragte demütig: Julian! könnte eine Hausfrau Dir es besser machen?
    Ja! antwortete er kalt, sie machte es eben so und absichtslos. Du stellst
dar, wie immer, Du willst gefallen.
    Eine Träne des Zornes trat in das flammende Auge der Schauspielerin, aber
sie zerdrückte sie schnell und rief: Gefallen? Doch nur Dir will ich gefallen,
Julian, nur Dir! Ist das ein Unrecht? - Sie war jetzt vor den Präsidenten
hingekniet, der, als draussen die eilfte Stunde schlug, sich zum Fortgehen
erheben wollte.
    Sophie, indem sie vor ihm kniete, hielt ihn davon zurück. Ist es ein
Unrecht, fragte sie nochmals, dass ich Alles, was ich vermag, anwende, um Dir zu
gefallen? Kann ich dafür, dass ich verwaist aufwuchs, dass ich die Bühne betrat,
auf die mein Talent mich hinwies? Wer von den Frauen, die sich ihrer Tugend
rühmen und mich mit Verachtung eine Buhlerin nennen, hat wie ich zu sechzehn
Jahren dagestanden, verwaist, arm, schön genug, um Liebe zu erwecken, und
umgeben von der männlichen, glänzenden Jugend in Paris?
    Julian sah sie milder an und strich sinnend mit der Hand über ihren
Scheitel. dabei glitt der Kamm heraus und das üppige Haar fiel wie ein dichter,
schwarzer Schleier auf sie herab. Sie umfasste den Präsidenten mit beiden Armen,
sah ihm zärtlich in die Augen und fragte: Oder ist das mein Verbrechen, dass ich
Dich liebe? Dass ich Dich festalten will, dass ich Dein bleiben will um jeden
Preis?
    Da konnte Julian nicht länger widerstehen, nicht länger sich mässigen. Mit
heftigster Leidenschaft zog er das reizende Weib zu sich empor und sank an ihre
Brust. Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter und leise bittend fragte sie: Und Du
verlässt mich nicht? Du bleibst mein?
    Kannst Du noch fragen?
    Und Du liebst mich wieder? lispelte sie.
    Mehr als alle tugendhaften Weiber der Welt! antwortete er und schloss sie
fest an sich, sie mit seinen heissen Küssen bedeckend.
 
                                      VII
Während der Präsident bei Sophien war, sass Alfred einsam in seinem grossen Hause.
So allein hatte er auch darin gelebt, bald nachdem es ihm mit der Erbschaft
zugefallen war. Er erinnerte sich des Tages, an dem er von dem palastähnlichen
Gebäude Besitz genommen, und eines andern bald darauf, an dem er Julian mit
Mutter und Schwester in demselben zum Frühstück bewirtet hatte. Damals hatte
Terese viel mehr zu werden versprochen, als sie jetzt zu sein schien. Er fand
sie freundlich und verständig, aber fast matronenhaft ernst; vornehm in der
Form, wenngleich in anderm Sinne gewöhnlich. Das verstimmte ihn, ohne dass er
selbst es wusste.
    Dazu kam ein unbehagliches Gefühl anderer Art. Bei der eiligen Abreise hatte
er nur die Dinge einpacken lassen, deren er am nötigsten zu bedürfen geglaubt.
Jetzt fehlte ihm Vieles, an das er gewöhnt war; nichts fand sich, wie er es
wünschte.
    Missmutig und zerstreut, ging er an den Schreibtisch, um die mitgebrachten
Papiere zu ordnen, und zog mechanisch eine der Schubladen um die andere heraus.
Die Mehrzahl derselben stand leer, in der einen lagen beschriebene Blätter; sie
waren mit einem verblichenen Bande zusammengebunden. Er erkannte sie gleich
wieder. Als er mit Julian an die Herausgabe seiner ersten Gedichte gegangen war,
hatten sie diese Blätter ausgesondert, die sich weniger für den Druck zu eignen
geschienen hatten. Das verblichene Band, das sie zusammenhielt, hatte Carolinen
gehört.
    Er las die Papiere durch. Es waren Klagen über die Trennung von der
Geliebten und Liebeslieder mancher Art. Sie kamen ihm jetzt viel besser vor als
früher. Jetzt lag jene Zeit mit ihrer jugendlichen Schwärmerei abgeschlossen,
beendet vor ihm da. Er urteilte über sie, als über eine geschichtliche
Tatsache, eine Durchgangsepoche, die ihr volles Recht in Anspruch nehmen
durfte; und wie er sich damals des weichen Liebelebens fast geschämt hatte, so
freute es ihn jetzt, dass er einst dieses vollen, hingebenden Gefühles fähig
gewesen war.
    Es lag für ihn ein wehmütiger Reiz darin, sein eigenes vergangenes Leben
prüfend zu betrachten; denn so lange man von der Gegenwart beherrscht wird,
kommt man zu keinem Urteil über sich selbst. Der Tag macht sein Recht geltend,
wir nehmen Partei für die Wünsche, die uns bewegen. Nur wenn wir gleichgültig
gegen Etwas geworden sind, beurteilen wir es unparteiisch. Da ist denn nichts
so gut, nichts so schlimm geworden, als wir es gehofft oder gefürchtet hatten,
was uns stürmisch bewegt, ist vollendet, ohne unsere Erwartungen befriedigt zu
haben; was wir mit Angst herannahen gesehen, hat uns gefördert. Das Leben
erscheint wie eine künstlerisch angelegte Dichtung. Wenn wir die Wirrnisse sich
entwickeln und lösen gesehen, gewinnen wir Zutrauen zu dem schöpferischen Geist,
der über und in uns waltet, und erwarten ruhig das Ende der Erscheinungen.
    Alfred konnte mit ruhigem Gewissen auf sein Leben zurückblicken, mit Freude
auf einzelne Punkte desselben. Er konnte sich nicht freisprechen von mancher
Schwäche, manchem Irrtum, aber er hatte stets nach dem Besten gestrebt, es auf
jede Weise zu fördern gesucht. Nichts hatte zu seinem Glücke gefehlt, als eine
glückliche Ehe. Wie Julian in stets wechselnden Verhältnissen Genuss zu finden,
hatte nie in seiner Art gelegen, sie hätten ihm keine innere Befriedigung
gewährt. Er verlangte nach dauernder, voller Liebe, nach tiefem, gegenseitigem
Verständnis, nach einer Ehe in ihrer idealsten Bedeutung.
    Er konnte es sich nicht verbergen, dass ihm einst die achtzehnjährige Terese
in seiner Jugend eine lebhafte Neigung eingeflösst, dass er ihrer im Gegensatz zu
seiner Frau gedacht hatte, als seine Ehe eine so unglückliche Wendung genommen
hatte. Dass er nun auch diese Terese nur als eine gewöhnliche Frau wiedersah,
machte ihn nachsichtiger gegen Caroline.
    Hier, in diesem Zimmer hatte er mit seiner Frau gelebt, hatte Felix
gespielt. Oft hatten die jungen Gatten es sich ausgemalt, wie hier in dem grossen
Gebäude Raum sein werde für sie, für den verheirateten Sohn und für blühende
Enkel, wenn sie selbst an den Grenzen des Lebens stehen würden, denn die Jugend
liebt es nur zu sehr, im Gefühl ihrer Kraft, der Zeit zu gedenken, in der sie
ihr fehlen wird, und ist doch so voll Lebenslust, dass ihr die Gegenwart allein
nicht genügt, dass sie das Glück der vergangenen und kommenden Lebensalter in
fröhlicher Erinnerung und in ahnendem Vorgenusse auf einmal empfinden will.
    Jetzt, von Caroline getrennt, fühlte er mehr als je, wie eng das Leben der
Gatten ineinander verschlungen sei, wie Felix ein festes, heiliges Band zwischen
ihnen bilde. Caroline schien ihm weniger Unrecht zu haben, da er augenblicklich
nicht mehr von ihr verletzt ward, und in der mildesten Stimmung setzte er sich
nieder, ihr zu schreiben, als er einen Brief von ihr vorfand, der am Abend
angekommen war. Der Diener hatte ihn auf den Schreibtisch gelegt, er war unter
andere Papiere geraten und Alfred bemerkte ihn erst jetzt. Er lautete also:
    »Lieber Alfred! Ich habe die ganze Nacht wachend und in Tränen zugebracht,
habe Alles überlegt und kann Dein gestriges Betragen gegen mich weder
entschuldigen noch begreifen. Ich bin mir bewusst, keine meiner Pflichten gegen
Dich verletzt zu haben, ich habe kein anderes Interesse, als Dein Wohl und das
Wohl von unserm Felix! Das weisst Du selbst.
    Unser letzter Streit ist wegen der Unterstützung entstanden, die ich dem
Kloster ohne Deine Erlaubnis zukommen liess; aber fragst Du mich denn um Rat,
wenn Du Wohltaten erteilst auf Deine Weise? Was heisst denn die Unabhängigkeit
einer Frau, wenn ich Dich erst um Alles befragen soll? wenn Du ausser Dir
gerätst, sobald ich einmal selbstständig handle? - Und wegen Ruhberg kann und
werde ich nicht nachgeben. Du hast und kannst gegen Ruhberg nichts haben, der
ein edler, guter Mensch, ein treuer Seelsorger ist und den alle Welt achtet.
Dich verdrisst es, dass ich überhaupt zur Beichte gehe, dass ich nicht wie Du, in
stolzer Ueberhebung mir selbst genug bin und dadurch Gott verleugne. Dies kann
und werde ich nie tun, und werde auch bis zum letzten Atemzuge Mutterpflicht
an Felix erfüllen und wenigstens ihn vor Deiner Freigeisterei zu bewahren
suchen. Lehre Du ihn, was Du willst; Gott fürchten und fromm sein, soll er von
mir lernen. Gib mir nur darin nach und wir werden uns besser vertragen, denn dass
Du jenen kleinen Streit so schwer nimmst, das ist sehr unrecht von Dir und nicht
meine Schuld.
    Mein Gott! wenn man in der Ehe jedes Wort auf die Goldwage legen, wenn man
sich vor seinem Manne, wie vor einem Fremden, beherrschen soll, was wäre da das
eheliche Vertrauen? Deine Dichterseele reisst Dich hin, Alfred, in der Ehe einen
ewigen poetischen Brautstand zu suchen; lass mich die Vernünftigere, die Ruhigere
sein und Dir sagen, dass das in der Prosa des Alltagslebens nicht bestehen kann.
Man hat im täglichen Leben so viel Verdruss, dass man nicht immer in guter Laune
sein kann, dass man einmal ein hartes Wort sagt; aber gerade Deine Weise ist von
der Art, eine ruhige, verständige Frau verdriesslich und heftig zu machen. Du
bist nicht wie andere Männer, Du bist gar zu überspannt und wir sind doch schon
eilf Jahre verheiratet, da kann doch eine Frau nicht ewig sich gleich sein.
    Ich hoffe, diese Vorstellungen bringen Dich mir zurück, denn ich sehne mich
nach Dir, als ob Du nicht achtzehn Stunden, sondern achtzehn Monate fort wärest.
Auch Felix fragt unablässig nach Dir, und dass in der Wirtschaft ohne den Herrn,
trotz meiner strengen Aufsicht, Alles verkehrt gehen wird, kannst Du Dir denken.
Ich habe nun gesehen, dass Du mich verlassen könntest; nun Du mir die harte Lehre
gegeben hast, wird es wohl für beide Teile genug sein. Ich will vergeben und
vergessen, darum komme nur bald zurück. Zugleich könntest Du mir ein Dutzend
Handschuhe, halb hell, halb dunkel mitbringen, und der B. sagen, dass ich einen
Herbstut in rosa und einige Hauben spätestens kommende Woche haben muss. Adieu,
lieber Alfred! auf baldige Rückkehr! Frage doch auch wegen der Ofenschirme nach,
von denen wir neulich sprachen, und vergiss meiner nicht in Berlin, sondern denke
an Deine treue, Dich liebende Caroline.«
    Während des Lesens verdüsterte sich Alfred's Stirne. Der Brief war ein so
treues Bild von Carolinen's unliebenswürdiger Weise, von der Unbildung ihres
Geistes und Herzens, dass er ihn nicht zu Ende zu lesen vermochte. Er warf ihn
verdriesslich auf den Schreibtisch, ging heftig im Zimmer umher und setzte sich
dann zum Schreiben nieder, tief aufatmend wie Jemand, der an ein schweres
Geschäft geht.
    Er schrieb lange. Es ward spät in der Nacht, und als er geendet hatte und
den Brief durchlas, fand er, der das Wort so gewaltig zu brauchen wusste, dass er
nichts von alle Dem gesagt hatte, was er sagen wollen. Er wünschte Caroline
nicht nur auf eine Trennung, sondern auf eine gänzliche Scheidung vorzubereiten,
die ihn nach dem Empfang ihres Briefes nur noch unerlässlicher dünkte, weil er
fühlte, dass zwei so verschiedene Naturen sich nie verstehen würden. Aber wo er
mit höchster Schonung zu verfahren gewünscht, klangen seine Worte streng; wo er
zart zu sein gestrebt, schien ihm die Wendung kränkend. An andern Stellen
fürchtete er, Caroline könne den Wunsch nach neuer Vereinigung darin angedeutet
finden, die ganz ausser seiner Absicht lag.
    Er fühlte, dass er in dieser Angelegenheit seine gewohnte Klarheit nicht
besitze, dass er nicht Ruhe genug habe, selbst für sich zu handeln, deshalb
zerriss er das Geschriebene wieder und seine Hoffnung richtete sich auf den
Präsidenten. Er nahm sich vor, sobald als möglich mit diesem Rücksprache zu
halten, was er für Caroline tun und wie man es anfangen solle, die schmerzliche
Angelegenheit so gelinde als möglich zu behandeln und zu erledigen.
 
                                      VIII
Als Alfred an einem der folgenden Abende in das Zimmer des Freundes trat, fand
er ihn in Aktenstössen vergraben, mit einem seiner Beamten über eine Rechtsfrage
verhandelnd. In dem strengen Ernste des Geschäftsmannes, in der schlagenden
Kürze seiner Beweise erkannte man den Lebemann nicht wieder, der so weitläufig
über die Bereitung einer Mahlzeit zu sprechen verstand. Er fertigte seinen
Untergebenen schnell, aber sehr zuvorkommend ab und wendete sich dann mit
freundlicher Begrüssung dem Freunde zu.
    Dieser erklärte ihm gleich, welche Angelegenheit ihn beschäftige, und bat um
den Rat des Präsidenten. Ich dachte, sagte er, als ich von Hause schied, nur an
eine Trennung von meiner Frau; ja, ich war in diesen Tagen schon wieder einer
Aussöhnung nicht abgeneigt, denn Du kannst Dir denken, dass ein solcher Entschluss
mir hart ankommt. Ein Brief, den ich neulich von ihr erhielt, hat mich indes in
meinen Vorsätzen befestigt. Ich fühle, dass wir uns nie verstehen werden, dass ich
in dem ewig schwankenden Zustand nicht leben kann. Ich hoffe nicht auf Glück,
aber ich verlange Ruhe, innere Ruhe und meine Freiheit wieder. Unsere Ehe muss
gerichtlich geschieden werden. Ich kenne die Schwierigkeiten, die man dabei
macht; deshalb komme ich, Dich zu fragen: wie hilft man sich am leichtesten
darüber fort?
    Ist Deine Frau mit der Scheidung einverstanden? fragte der Präsident.
    Sieh, lieber Freund, da fangen die Schwierigkeiten gleich an. Du weisst es ja
selbst, dass Caroline und ich katolisch sind. Nun fürchte ich, sie wird nicht in
die Scheidung willigen, einmal, weil sie sich nicht so unglücklich in unserer
Verbindung fühlt, als ich; zweitens, weil ihr die Trennung von Felix schwer sein
wird, und endlich, weil sie nach ihren Begriffen durch die Scheidung eine Sünde
begeht, ein Sakrament bricht.
    Nicht zu vergessen, dass Du Dich leicht zu einer neuen Ehe entschliessen
dürftest, was Deiner Frau von den Pfaffen verwehrt werden möchte, ergänzte
Julian mit seinem ironischen Lächeln.
    Alfred beachtete die Worte nicht und fuhr fort: Ferner habe ich die Güter
von meinem Grossonkel, dem Domherrn, ererbt, und das Testament verlangt, dass sie
immer von einem der katolischen Religion angehörenden und ergebenen Nachkommen
der Reichenbach'schen Familie besessen werden, wo nicht, der Kirche zufallen
sollen. Ich zweifle keinen Augenblick, dass die katolische Geistlichkeit des
betreffenden Klosters, die eine Abschrift des Testaments besitzt, ihre Ansprüche
gegen mich erheben wird, wenn sich ihr die Möglichkeit dazu eröffnet. Dasselbe
könnte auch von Seiten eines sehr entfernten Agnaten geschehen. Ich für mein
Teil würde mich unschwer entschliessen, der Erbschaft zu entsagen, wenn dies das
einzige Mittel wäre, mich frei zu machen. Ich habe durch die Fabriken, die ich
angelegt, ein selbstständiges Vermögen erworben, das ich mein nennen darf,
abgesehen davon, dass mir meine literarische Tätigkeit ein mässiges Kapital
abgeworfen, welches ich bis jetzt nie benutzt habe. Die Frage ist nur, ob es
irgendwie bedenklich ist, dass mein Felix, als nächster Erbe, die Erbschaft
antritt, wenn ich darauf verzichte?
    Das hängt ganz von dem Testamente ab, meinte der Präsident, und ich würde
Dich bitten, es mir zur Prüfung zu übergeben.
    Ich habe es Dir zu dem Zwecke mitgebracht, hier sind die Papiere. Hast Du
Musse, Dich gleich jetzt damit zu beschäftigen, so möchte ich den Bescheid bei
Deiner Schwester abwarten.
    Tue das, lieber Freund! sagte der Präsident, und setzte sich an die Arbeit,
nachdem Alfred sich bei Terese hatte melden lassen.
    Er fand sie schreibend und entschuldigte sich wegen der Störung.
    Es ist mir eine Freude, sagte sie, dass Sie kommen und dass es überhaupt
diesen Winter recht lebhaft in unserm Hause werden wird. Sie waren der Erste,
der sich uns als einen Gast für die langen Abende meldete, und Sie scheinen uns
Glück gebracht zu haben. Unser Kreis wird sich noch um eine oder gar um zwei
Personen vergrössern.
    Und darf ich fragen, wer diese sein werden?
    Der eine Gast wird ein junger Sternau sein.
    Ein Verwandter von Ihnen? fragte Alfred.
    Nein, antwortete Terese, ich kenne ihn gar nicht und darum bangt mir etwas
bei dem Gedanken an seine Ankunft. Er soll ein liebenswürdiger junger Mann, von
tiefem Gemüt, aber sehr kränklich und von der Mutter, deren einziges Kind er
ist, körperlich und geistig verweichlicht worden sein. Der Vater, um ihn ins
Leben einzuweisen, hat ihn angehalten, die juristische Laufbahn zu verfolgen,
während des jungen Mannes Neigung ihn zum Landleben hinzog, für das der reiche
Landbesitz des Vaters, der selbst Landwirt ist, ihn zu bestimmen schien. Das
hat Teophil in mancherlei Zweifel gestürzt und eine unglückliche Liebe soll ihn
in der letzten Zeit noch mehr entmutigt haben. Er soll kränkeln und einen
Lebensüberdruss verraten, der selbst den ruhigen Vater sehr besorgt macht.
Während nun der Sohn mehr als je nach der Einsamkeit verlangt, sieht der Vater
für ihn nur in angestrengter Tätigkeit Rettung, und die Mutter wünscht, dass er
sich hier der Behandlung eines bedeutenden Arztes unterziehe. Beide Eltern haben
sich an meinen Bruder gewendet, mit dem sie sehr befreundet sind, und dieser
hat, als ob es von ihm ausginge, den jungen Mann auf seiner Reise besucht. Er
hat sein Vertrauen erworben, ihn überredet, als Hilfsarbeiter bei seinem
Collegium einzutreten und als willkommener Gast in unserm Hause zu leben. Morgen
vielleicht dürfen wir ihn bereits erwarten.
    Da sollen Sie also eine Erziehung übernehmen, eine Bekehrung machen! Beides
ist entweder sehr leicht oder sehr schwer, bemerkte Alfred.
    Das empfinde ich so lebhaft, sagte Terese, dass ich es fast abgelehnt habe,
einer Freundin gefällig zu sein, die mir ihre sechzehnjährige Tochter für einige
Zeit anvertrauen will, damit sie hier Unterricht im Tanzen und im Französischen
nehmen könne. Es ist nicht zu berechnen, welchen Eindrücken solch ein junges
Mädchen in ganz ungewohnter Umgebung ausgesetzt ist, und wie sie nachhaltig
wirken können. So lieb mir die kleine Agnes war, als ich sie vor Jahren sah, so
habe ich doch noch nichts bestimmt versprochen, weil ich mich vor der
Verantwortung fürchte, wenn der Aufentalt in der Residenz das Mädchen in seinen
Wünschen und Ansprüchen verändern sollte.
    Bei diesen Worten Teresen's trat der Präsident in das Zimmer. Ich bin in
der Prüfung Deiner Papiere mehrmals durch unabweisliche Besuche gestört worden,
bester Reichenbach, sagte er, und muss sie nun auf die Frühstunden des nächsten
Morgens verschieben, die immer meine ruhigste Arbeitszeit sind. Gönne mir Frist
bis dahin. Ich bin ermüdet von der heutigen endlosen Sitzung, und mehr
aufgelegt, mit Dir und Terese eine Stunde zu verplaudern, als angestrengt eine
so wichtige Sache zu prüfen. - Wovon war die Rede, als ich Euch unterbrach?
    Von den Hausgenossen, die man uns für den Winter zugedacht hat, sagte
Terese, und von all den Bedenken, die sich in mir dagegen regen.
    Ich begreife diese Besorgnisse nicht, meinte der Präsident. Wären wir
Eheleute, ich würde denken, die Erinnerung an Goete's Wahlverwandtschaften
mache Dich ängstlich, in denen durch den Zutritt neuer Personen ein altes,
anscheinend wohl begründetes Verhältnis zerstört wird; denn allerdings hat
unsere Lage mit den dortigen Zuständen eine gewisse Aehnlichkeit.
    Terese lächelte und sagte errötend: Wirst Du mich eine Törin schelten,
wenn ich Dir bekenne, dass gerade dieser Gedanke mir selbst gekommen ist und mich
beunruhigt hat? Wer weiss, ob Dir unsere Häuslichkeit nicht einsam erscheinen
wird, wenn unsere Gäste uns verlassen, ob ich Dir nicht eine zu ernste
Gesellschafterin sein werde, wenn Dich die kleine Agnes an grössere Fröhlichkeit
gewöhnt haben wird.
    Dacht' ich's doch! das ist echte Frauennatur! rief lachend der Präsident.
Sie ist wirklich im voraus eifersüchtig auf ein Kind, das ich noch gar nicht
kenne. Aber fürchte nichts! sagte er, indem er ihr die Hand bot, lasse die
Kleine immerhin kommen, wie ich den Telemach kommen lasse, zu dessen Mentor man
mich erkoren hat. Mich und Dich trennt Niemand.
    Terese drückte dem Bruder die Hand und sagte dann nach einer kleinen Pause:
Erinnern Sie sich wohl, Herr von Reichenbach, dass Sie es waren, der mich zuerst
mit den Wahlverwandtschaften bekannt gemacht hat?
    Gewiss! antwortete Alfred, und ich weiss es gar wohl, dass es mir Vorwürfe von
Ihrer Frau Mutter zuzog, weil selbst diese verständige Frau von dem Glauben
befangen war, dass die Tendenz des Romanes eine unsittliche sei.
    Und ist sie dies nicht wirklich? fragte Terese.
    Nichts weniger als das! erwiderte Alfred. Unsittlich ist die Tendenz eines
Buches, wenn Das, was gegen die Moraloder die hergebrachten Sittengesetze
verstösst, beschönigt, als Recht dargestellt und vom Glück gekrönt wird, wie das
jetzt oft in den französischen und deutschen Romanen geschieht. Davon aber
finden Sie in den Wahlverwandtschaften kein Beispiel!
    Und wie wollen Sie es nennen, fragte Terese, wenn Gatten den Schwur der
Treue brechen, der sie unauflöslich an einander bindet? Wie nennen Sie
Charlotten's Liebe zu dem Hauptmann, Eduard's Leidenschaft für Ottilie? Wie
wollen Sie das entschuldigen?
    Entschuldigen! rief Alfred. Liebe, Leidenschaft entschuldigen? Liebe und
Leidenschaft an sich bedürfen nie und nirgend einer Entschuldigung. Jede
wahrhafte Liebe trägt wie ein Gottesurteil ihre Freisprechung in sich.
    Und so finden Sie die Personen des Romans frei von aller Schuld? fragte
Terese zweifelnd. Mir scheint, mit dieser Ansicht von dem Recht der Liebe heben
Sie das heilige Recht der Ehe auf. Nach Ihrer Teorie hätte jeder das Recht,
eine Ehe aufzulösen, wenn er neue Liebe in seinem Herzen sich regen fühlt und -
- sie stockte, im Bewusstsein, einen Gegenstand berührt zu haben, der dem Gaste
peinlich sein könnte; Alfred selbst aber nahm das Wort.
    Glauben Sie denn nicht, rief er, dass in tausend Fällen die Trennung einer
Ehe eine hohe, sittliche Tat sein könne, ja, das sie in solchen Fällen zu einer
heiligen Pflicht werden kann?
    Gewiss! sagte der Präsident, denn im Grunde ehrt jede Ehescheidung den
Gedanken der Ehe.
    Wenn zwei Menschen empfinden, dass sie dem Gedanken einer wahren Ehe nicht
genügen können, dass sie innerlich getrennt sind, dass sie eigentlich nie zu
einander gehörten und sich nur aus jugendlichem Misverstehen verbanden, sollen
diese lebenslang zusammengeschmiedet bleiben? Sollen sie mitsammen leben,
Unfrieden, Gram, und vielleicht am Ende noch eine wahre und edle Liebe für einen
andern Gegenstand im Herzen? fragte Alfred heftig.
    Terese schwieg mit scheuer Zurückhaltung und Alfred fuhr fort: Verbrechen
werden allerdings in den Wahlverwandtschaften begangen. Dass Eduard aus
eigensinniger Laune auf eine Verbindung mit der einst geliebten Charlotte
besteht, dass diese, ganz gegen ihre bessere Ueberzeugung, aus Eitelkeit
nachgibt, das ist das erste Verbrechen, das begangen wird. Wenn dann die
verständige Charlotte den Hauptmann, Eduard die himmlische Ottilie liebt, so
folgen sie nur dem Gesetz der Natur, die Ungleiches trennen, Zusammengehörendes
verbinden will. Das fühlen Alle und hier tritt der Fall ein, in dem die Trennung
einer Ehe, wie ich es nannte, zu einer hohen sittlichen Tat wird. Aber solche
Taten fordern Mut, fordern ein grosses, sittliches Bewusstsein. Dies hat in dem
Roman keiner von Allen, die es haben müssten. Von Ottilie ist es nicht zu
verlangen; Charlotte hat die Einsicht, aber ängstliche Scheu vor dem Tadel der
Welt, vor grossem Aufsehen hält sie zurück. Der Hauptmann schweigt aus falschem
Stolz, Eduard gibt nach aus kleinlicher Schwäche. Das sind die Verbrechen, die
Sünden, welche begangen werden in dem Roman, und das ist es, was alle
Beteiligten in die Hände der vergeltenden Nemesis liefert, die hier, wie in der
antiken Tragödie, furchtbar waltet.
    Ich stimme Dir ganz bei, sagte der Präsident, und habe selbst oft gestrebt,
Terese für diese Ansicht zu gewinnen. Ich wüsste kaum eine andere Dichtung, in
der diese Idee so rein und vollendet ausgesprochen wäre.
    Denken Sie nur, rief Alfred, der sich um so mehr von dem Gegenstand
hinreissen liess, als er sein innerstes Seelenleben so nahe berührte, denken Sie
nur, meine Freundin; Ottilie, der sanfte, hingebende Engel selbst, muss das
Werkzeug werden zum Tode des Kindes, das aus der verbrecherischen Umarmung der
Gatten entsprang. Sie stirbt verzweifelnd, Eduard folgt ihr nach. Charlotte
steht einsam zwischen den Gräbern aller Derer, die sie einst liebte, durch diese
Gräber für immer von dem Hauptmann getrennt. Ihr wird das schwerste Loos, zur
Strafe, weil sie es gewesen ist, welche den Fluch bannen konnte und aus
selbstischen Rücksichten das Zauberwort verschwieg.
    Ich muss Ihnen in gewissem Sinne beistimmen, sagte Terese, und doch kann ich
des Widerwillens gegen diesen Roman nicht Herr werden. Schon auf den ersten
Seiten, schon bei dem ersten Schritt in diesen Zauberkreis fühlt man den Atem
der Dämonen wehen, die hier walten. Man möchte fliehen, sich losreissen, weil man
die Nähe eines furchtbaren Geschickes, die Nähe schwerer Schuld empfindet; aber
man ist gebannt durch das allmächtige Wort des Dichters, der uns zu
Mitschuldigen macht, weil wir selbst zuletzt Recht und Unrecht kaum noch von
einander zu scheiden vermögen. Alle Personen des Romans, Ottilie ausgenommen,
sehen die Leidenschaften und die Drangsale hereinbrechen und Jeder überlässt sich
in weicher Schwäche der unerlaubten Neigung. Darum nenne ich das Buch
unsittlich, darum flösst es mir, ungeachtet all Eurer Erkärungen, ein heimliches
Grauen ein, und doppeltes Grauen, weil ich den Sündern nicht zürnen kann, weil
ich mich zuletzt, wie sie selbst, willenlos an die Gewalt ihrer Leidenschaft
hingebe.
    Das gerade ist der Triumph der Wahrheit in der Dichtung, sagte Alfred.
    Oder das Verbrechen des Dichters, meinte Terese.
    Es ist die Wahrheit des Romans und Goete's vollendete Kunst in der Technik,
die das Werk zu einem Meisterstücke machen. Es beweist für die tiefe Einsicht
Goete's in das Menschenherz, bemerkte der Präsident, dass wir in seinen Romanen
niemals den ganz unnatürlichen Engels- oder Teufelsfiguren begegnen, die uns so
häufig geboten werden. Wenn dichtende Frauen uns Engelsgestalten vorführen, die
unter dem Mantel ewiger Entsagung, nicht Fleisch, nicht Blut, sondern nur einen
zarten Teint und eine frische Toilette haben; wenn ihnen jeder Mensch mit heissem
Blut und daraus entspringenden Fehlern gleich wie ein Dämon vorkommt, so liegt
das in einer an sich sehr schönen Eigenschaft des weiblichen Gemüts, aber mehr
noch an gänzlicher Unkenntnis des Menschen und des Lebens. Diese würde ich den
Frauen zur Ehre rechnen, falls sie nur nicht schreiben wollten. Dass aber auch
Männer uns mit Engeln und Teufeln behelligen, die immer ganz uninteressant sind,
weil ihnen die Wahrheit fehlt, das hat mich oft überrascht.
    Darin liegt nichts Auffallendes, meinte Alfred; es ist nur ein Zeichen, dass
sich auch in der Literatur, wie in allen Künsten, jetzt viel Stümperhaftes
findet. Ein schlechter Maler, unfähig selbständig zu schaffen, und eben so
unfähig, Das, was er wirklich gesehen hat, treu und schön wiederzugeben, wird
aus jedem Portrait eine Caricatur machen, indem er Schönes sowohl als Unschönes
übertreibt. Das begegnet in unsern Dichtungen ebenfalls täglich. Das Schlimmste
aber scheint mir, wenn das fehlende Interesse an den Gestalten durch die
Sonderbarkeit der Begebenheit ersetzt werden soll. Die fabelhaftesten Ereignisse
werden aneinander gereiht, mit unnatürlichen Verbrechen, mit Verwirrungen, die
ein Wort lösen könnte, stürmt man auf uns ein. Man hetzt uns, da das Reisen
Gebrauch ist, durch alle Welteile, wir müssen mit dem Helden unter den Cedern
des Libanon jauchzen, auf Sibiriens Schneefeldern seufzen und haben wir das
Alles überwunden, sind wir endlich an das Ziel gelangt, so sind wir nur zu oft
herzlich müde und ohne alle innere Anregung, ohne geistige Befriedigung
geblieben. Man hat uns ein Märchen erzählt und wir haben die Zeit verloren. Dass
Goete uns in schlichtester Umgebung, in ganz gewöhnlichen Ereignissen das
Menschenherz mit seinen Leidenschaften darzulegen weiss, dass er im Gefühl,
Wahrheit sei Schönheit und Schönheit bedürfe der Zierraten nicht, stets ebenso
einfach als edel bleibt, das macht seine Dichtungen für alle Zeiten zu einem
Vorbilde, das macht ihn zu einem classischen Dichter.
    Alfred schwieg nachsinnend, denn obgleich er mit Teilnahme über die
Schönheit der Wahlverwandtschaften gesprochen hatte, so war es doch vornehmlich
die Tendenz des Buches, die ihn in diesem Augenblick beschäftigte. Er war
leidenschaftlich bewegt, seine Freunde fühlten mit ihm und, nachdem man ihm Zeit
zu innerer Beruhigung gegönnt, lenkte man die Unterhaltung andern Gegenständen
zu und der Abend ging in erheiternden Gesprächen schnell vorüber.
 
                                       IX
Am folgenden Tage langte, wie man es erwartet hatte, Teophil an und fand sich
bald heimisch in dem Hause und der Gesellschaft seiner Gastfreunde. Er war ein
hübscher, blonder Mann mit fast weiblichen Zügen und einem gut durchgebildeten,
stillen Wesen, das auf Terese einen wohltuenden Eindruck machte, weil sie edle
Formen im Betragen besonders hochschätzte. Man liess dem jungen Manne Zeit, sich
in die neue Häuslichkeit und die fremde Umgebung zu finden, man wollte ihn nicht
gewaltsam sich selbst und seiner gewohnten Weise entreissen und erst, nachdem er
selbst den Wunsch ausgesprochen, führte der Präsident ihn in das Collegium ein.
    Teophil ging mit redlichem Eifer, ja mit einer gewissen Freudigkeit an das
Geschäft. Julian's feurige Tätigkeit schien ihn zu beleben und, wenngleich
körperlich ermüdet, kam er doch gewöhnlich mit ziemlicher Heiterkeit aus den
Sitzungen des Collegiums und von seinen Arbeiten zu Terese zurück, der er bald
ein angenehmer Gesellschafter wurde. Er war sehr viel gereist, hatte Menschen
und Gegenstände mit Verstand betrachtet, mancherlei Kenntnisse sich zu eigen
gemacht und, wenn man ihn auch in keiner Beziehung als besonders bedeutend
ansprechen konnte, so musste man ihn doch für einen liebenswürdigen jungen Mann
erklären, der das Talent, angenehm zu plaudern, in hohem Masse besass. dabei
entwickelte er in näherem Umgange eine solche Geradheit der Gesinnung, eine so
grosse, fast kindliche Gutmütigkeit, dass man ihm ein herzliches Wohlwollen nicht
versagen konnte und Nachsicht mit seinen Schwächen gewann, die namentlich
Terese nur seiner Kränklichkeit zuschreiben wollte.
    Eva, neugierig und lebhaft, wie die Stammmutter im Paradiese, war gleich
nach Teophil's Ankunft den Gast ihrer Freunde, wie sie es nannte, besehen
gekommen und hatte es nicht verschmäht, ihre fröhlichste Laune, ihre tollsten
Einfälle zur Erheiterung desselben mitzubringen. Die laute Fröhlichkeit der
jungen Wittwe schien ihn aber mehr zu peinigen, als zu erfreuen, während der
Präsident sich davon zu gleicher Heiterkeit hinreissen liess und auch Alfred, der
gegenwärtig war, sich dem belebenden Einflusse der Schalkhaften nicht entzog.
Das hatte einen gar fröhlichen Abend gegeben, und je kürzer die Tage wurden, je
mehr das schnell wechselnde Wetter den herannahenden Herbst verkündete, um so
mehr gewöhnten die Männer sich, die letzten Stunden des Tages bei Terese
zuzubringen, wo sich denn auch Eva, sicher, die Freunde zu finden, noch häufiger
als sonst einstellte.
    Hier im traulichen Kreise ward es Teresen sehr wohl. Sie liebte die grossen
Gesellschaften nicht, ihre ganze Natur hatte etwas in sich Gekehrtes und es war
ihr gradezu peinlich, sich über Gegenstände, an denen sie einen wahren Anteil
nahm, mit fremden Personen zu unterhalten. Deshalb galt sie bei Leuten, die sie
nicht kannten, bald für kalt, bald für stolz oder gar für unbedeutend, während
Diejenigen, die ihr nahe standen, an ihr die seltensten Eigenschaften des
Herzens und des Geistes verehrten. Von der Mutter zur tüchtigen Haushälterin
gebildet, durch Julian's Bequemlichkeitsliebe an höchste Sorgfalt für häusliches
Wohlsein gewöhnt, war sie das Ideal einer sorgsamen und angenehmen Wirtin
geworden. Man empfand in ihrem Hause, in ihrer Nähe ein körperliches Behagen,
das sich ganz unmerkbar dem Geiste mitteilte, so dass Jeder sich nicht nur frei
und ungehindert, sondern durch die Liebenswürdigkeit der Geschwister selbst
geistig gehoben bei ihnen fühlte.
    Auch Julian fand die neue Lebensweise in seinem Hause sehr angenehm, und
während er sonst an jedem Abend, wäre es auch nur für eine Stunde gewesen, zu
Sophie zu gehen pflegte und das französische Teater nie zu besuchen versäumte,
so oft diese auftrat, unterliess er jetzt bald das Eine, bald das Andere, sich
bei sich selbst und bei der klagenden Geliebten mit Rücksichten für seine Gäste
oder mit andern Gründen entschuldigend. Terese sah das mit grosser Freude. Ihr
war des Bruders Verhältnis zu Sophien immer ein Gegenstand des Kummers und manch
schmerzlicher Berührung gewesen, und sie hatte nie aufgehört, eine Lösung dieser
Verbindung zu wünschen. Aus Widerwillen gegen Sophie hatte sie das französische
Teater selten besucht, Julian sie niemals dazu zu überreden gestrebt. Er war
stets allein hingegangen, so sehr er bei allen anderen Anlässen die Begleitung
seiner Schwester geliebt, und hatte seinen Platz zunächst der Bühne gehabt, um
ganz in Sophien's Nähe zu sein.
    Deshalb überraschte es Terese, dass Julian an einem Abend den versammelten
Freunden den Vorschlag machte, ob man nicht für das Benefiz eines beliebten
französischen Schauspielers am nächsten Tage eine Loge bestellen und
gemeinschaftlich das Teater besuchen wolle? Alle waren damit einverstanden und
um die bestimmte Zeit fanden sie sich in der Loge zusammen.
    Man gab ein neues Schauspiel, in welchem auch Sophie eine Hauptrolle zu
spielen hatte. Sie trat mit gewohnter Sicherheit und Anmut auf, und Alfred, der
sie noch nicht gesehen, war von dem edeln Ausdruck ihres Profils, wie von ihrer
ganzen Erscheinung lebhaft angezogen. Sie stellte eine Frau dar, die von ihrem
Gatten verraten, von ihm aus blinder Eifersucht der Untreue angeklagt wird,
während sie ihn leidenschaftlich liebt und in stiller Demut die ungerechten
Vorwürfe, die bittern Kränkungen erträgt, nur bemüht, dem Auge der Welt das
unwürdige Betragen ihres Mannes zu verbergen, um ihn und seine Ehre nicht dem
Tadel der Fremden preiszugeben.
    Sophien's erster Blick suchte den Präsidenten auf dem gewohnten Platze. Sie
hatte ihn mehrere Tage nicht gesehen, ihn schriftlich gebeten, mindestens im
Teater zu erscheinen, und er hatte es ihr zugesagt. Nun sie ihn vermisste,
schien sie unruhig zu werden, und Julian, der jede ihrer Bewegungen kannte, dem
kein Ton ihrer Stimme fremd war, konnte bemerken, dass sie ihrer Aufregung kaum
Herr zu bleiben vermochte, als sie ihn mit Terese und Eva in der Loge
erblickte. Sie kannte Eva dem Namen nach; das Gerücht einer möglichen Verbindung
zwischen dieser und dem Präsidenten hatte ihr Ohr erreicht und war ihr ein Anlass
zu lebhafter Eifersucht geworden. In diesem Augenblick hielt sie ihr Schicksal
für entschieden und, so sagte sie sich, der Treulose hatte nicht einmal die
Rücksicht für sie, ihrer glücklichen Nebenbuhlerin den Anblick der Verzweiflung
zu entziehen, die ihre Brust zerriss und die, das fühlte sie, aus jedem Worte
widerklingen musste, das sie aussprach. Sie war dem Erliegen nahe. Aber sie
raffte sich empor und mit der edelsten Haltung spielte sie ihre Rolle weiter,
die in vielen Scenen eine verhältnissmässige Aehnlichkeit mit ihrer eignen Lage
darbot.
    Als sie dem ungetreuen Gatten Vorwürfe machte, als sie von ihrer glühenden
Liebe sprach, von der Unmöglichkeit, für einen Andern zu leben, und ihr
flammendes Auge dabei zu Julian emporblickte, verliess dieser die Loge. Terese
ward tief erschüttert. Sie weinte, fast kein weibliches Auge im Teater war ohne
Tränen und das ganze Publikum überhäufte die beliebte Künstlerin mit einem
Beifallssturm, wie ihn nur die wirkliche Bewunderung hervorzurufen vermag.
Alfred war ganz entzückt von der Darstellung. Teophil lehnte sinnend in der
Logenecke und schien Eva's Plaudern gar nicht zu bemerken, die während der
rührendsten Scenen ihn bald dies, bald jenes gefragt hatte und fröhlich lachend
auf die Bühne hinabsah, während Sophien's Klagen rührend die Seelen der Hörer
durchzitterten. Wie ein Dolchstoss zuckte dies Lachen durch Sophien's Brust, sie
fuhr mit der Hand nach dem Herzen, spielte, immer leiser sprechend, weiter, sank
dann ohnmächtig ihrem Mitspielenden in die Arme und die Vorstellung musste
beendet werden.
    Zeichen der allgemeinsten Teilnahme, des wirklichen Bedauerns wurden laut.
Nie war der gefeierten Künstlerin ein ähnlicher Anfall zugestossen. Man blieb
noch in den Logen, man wollte Nachricht von ihrem Ergehen haben, die Ursache des
Zufalls wissen. Terese, der ihr weibliches Gefühl die Lösung des Rätsels
leicht machte, war sichtlich bewegt und wendete sich von Eva ab, die, noch immer
lachend, sagte: Wenn ihr eine Vorstellung hättet, wie komisch all das Tragiren
erscheint, wenn man, wie ich, nicht ein Wort Französisch versteht, ihr würdet
lachen wie ich. Ich bin heute zum ersten Mal in einer französischen Vorstellung
und es ist ein wahres Glück, dass der Präsident uns grade in ein Trauerspiel
geführt hat, denn wäre es noch obenein ein Lustspiel gewesen, ich hätte vor
Lachen sterben müssen.
    Lache nur jetzt nicht, bat Terese verdriesslich, wo das ganze Publikum in so
entgegengesetzter Stimmung ist, Du machst Dich dadurch unangenehm auffällig.
    Man hatte einen Augenblick auf Julian gewartet, als man das Teater
verlassen wollte. Da er nicht kam, nahm Terese Alfred's Arm, Teophil führte
Eva und man stieg die Treppen hinab.
    Die Harcourt ist in der Tat die grösste Künstlerin in ihrem Fache, die ich
jemals gesehen habe, sagte Alfred, und sie muss überhaupt eine sehr geistreiche
Frau sein. Ich habe Lust bekommen, sie persönlich kennen zu lernen. Welche
Wahrheit in der Darstellung der Leidenschaft! so spielt man nur, was man
vollkommen versteht. Nur etwas mehr Stolz hätte ich ihr gewünscht, den
ungerechten Anschuldigungen gegenüber, die der Gemahl auf sie häuft.
    Terese, im Innern lebhaft mit Sophien und den Ereignissen der letzten
Augenblicke beschäftigt, ging schweigend neben Reichenbach her, seine Worte
bedenkend. Plötzlich sagte sie nach langer Pause: Das grade ist das Wahrste in
Sophien's Spiel gewesen! sie muss die Liebe bis zu ihrem Höhepunkte kennen. Ihr
Männer urteilt, wie ihr es versteht, ihr sprecht von Stolz in der Liebe. Mein
Gott! Stolz in der Liebe! - wiederholte sie leise.
    Und zweifeln Sie, dass es den gäbe? fragte Alfred. Zweifeln Sie, dass es einen
Grad der Kränkung gibt, dem gegenüber es Pflicht wird und Notwendigkeit, sich
mit dem Gefühl der eigenen Würde zu waffnen, um sich nicht untergehen zu lassen?
    Ich weiss es nicht, entgegnete Terese, ich aber würde gewiss die Kraft dazu
nicht in mir finden, selbst wenn ich sie suchen wollte. Stolz setzt doch immer
Eigenliebe voraus und wahre weibliche Liebe ist ganz Hingebung, ganz Demut. Wie
kann man Stolz empfinden, wo man in opferfreudiger Liebe sich einem Anderen zu
eigen macht? Dass die Harcourt allen Kränkungen gegenüber kein anderes Gefühl
darstellt, als den tiefen Kummer, nicht geliebt zu werden, die tiefe Betrübnis,
nicht von ihrer Liebe überzeugen, nicht durch sie beglücken zu können, das ist
ja eben so gross und so wahr in ihr.
    Sie werden wenig Frauen finden, die diese Ansicht mit Ihnen teilen, meinte
Alfred, so unwiderstehlich diejenigen auch sein würden, die danach handelten.
    Weil wenig Frauen gross genug sind, sagte Terese mit schöner Erhebung, jene
wahre Liebe zu fassen, mit der die Frauen des alten Testamentes sprachen: »Herr!
ich bin Deine Magd.« - Wie viel Frauen kennen denn das Glück, in einer grossen
Liebe aufzugehen, sich ihr ganz ausschliesslich hinzugeben und nichts zu wollen,
als nur sie?
    Terese! rief Alfred im Tone reinster Freude, teure Terese, jetzt endlich
finde ich Sie wieder; das ist das warme, das schöne Herz, das ich früher kannte,
in das ich blicken durfte, als wir Beide noch gar so wenig vom Leben wussten.
Auch ich, Terese, glaube noch an die grossen Ideale unserer Jugend, aber haben
Sie, ausser der Ihren, viele Seelen gefunden, die dieser unselbstischen Liebe
fähig gewesen sind?
    Nein, nur wenige! antwortete Terese, doch das war nicht Schuld der
weiblichen Natur, denn dieser wohnt der Trieb inne, aufzugehen in der Liebe zu
dem Manne ihrer Wahl. Es ist die Schuld der weiblichen Erziehung und unserer
missgestalteten Verhältnisse. Nicht die Liebe ist es, was die Meisten verlangen,
es ist die einträgliche Stelle einer Hausfrau, das gesicherte Dasein einer
solchen. Sie heiraten, um den Tand zu besitzen, den Flitter, an dem ihr Herz
hängt, der sie beglückt; sie wollen glücklich sein, nicht glücklich machen. Jene
Liebe, welche die Harcourt uns zeigte, die einzig wahre, die will nichts für
sich, als lieben und leben dürfen für den Geliebten!
    Nicht auch dem Geliebten ganz zu eigen sein, ihn ganz ihr Eigen nennen?
fragte Alfred. Glauben Sie, dass es eine wahre Liebe gibt, die nicht nach
gänzlicher Vereinigung strebt? Ich halte das für ihr Kennzeichen. Schelten Sie
mich engherzig, eigensüchtig - ich muss es ertragen. Ich hasse alle
Entsagungsteorien. Ich will besitzen, was ich liebe, es soll mein sein und
müsste ich es der Welt abtrotzen. Ja! ich hasse sie tief, all die blasse
verzichtende Entsagung, denn wir sind sicher zum Glück, nicht zum Entbehren auf
der Welt.
    Der Mut zum Kampfe und die Lust daran mögen in der Natur des Mannes liegen,
ich besitze sie Beide nicht, entgegnete Terese. Der blosse Gedanke an grosse
Zerwürfnisse ängstigt mich, ich habe Furcht vor dem Urteile der Menge; ich wäre
untröstlich, müsste ich je einen Schritt tun, der die Augen fremder Leute auf
mich zöge; und ich begreife nicht, wie eine Frau es überwindet, mit der
Oeffentlichkeit in Berührung zu treten.
    Und doch haben Sie eben die Harcourt bewundert! Glauben Sie nicht, dass diese
einen Beruf erfüllt? Sagten Sie nicht eben, dass Sie sie einer grossen, wahren
Liebe fähig hielten, einer Liebe, die jeder weiblichen Natur den höchsten
Adelsbrief erteilt?
    Da Terese schwieg, nahm Alfred nach einer Weile das Wort und sagte: Warum
verbergen Sie Ihr besseres Gefühl, warum wollen Sie, die eben in so grosser
Seelenschönheit vor mir standen, klein sein und von Vorurteilen befangen? Ich
weiss, was Sie gegen die Harcourt einnimmt - aber gewiss, Terese, Sie haben
Unrecht.
    Das kann wohl sein, antwortete sie ihm, aber ich liebe die Frauen nicht,
welche den Mut haben, sich über Vorurteile wegzusetzen; denn dieser Mut ist
in meinen Augen eine Feigheit.
    Das ist hart! sagte Alfred.
    Teresen's Arm zitterte in dem seinen und mit bebender Stimme sagte sie:
Begreifen kann ich es, dass eine Frau aus Liebe so feig wird, nicht entsagen zu
können, sich selbst untreu zu werden - vergeben kann ich es nie.
    So beten Sie, dass nie die Stunde der Versuchung für Sie komme! rief Alfred
ernst, als sie Teresen's Wohnung erreicht hatten und er sich empfahl, während
Teophil und Eva mit ihr in das Haus gingen, um den Abend bei ihr zuzubringen.
 
                                       X
Ich komme, Dich zu fragen, sagte an einem der nächsten Tage Herr von Reichenbach
zu dem Präsidenten, ob Du das Testament geprüft hast und was Du davon hältst?
    Der Präsident zog bedenklich die Schultern in die Höhe und meinte: die
Sachen stehen für Dich nicht eben günstig. Ich halte es nicht für unmöglich, dass
der Clerus in Deiner Ehescheidung, und namentlich, wenn Du daran denken
solltest, Dich anderweit zu verheiraten, diese Handlung als ein Zeichen Deines
Austrittes aus dem Kirchenbunde ansehen könnte, da ihm törichter Weise von dem
Erblasser eine Art geistlicher Aufsicht über die Besitzer des Nachlasses
eingeräumt ist. Indes fehlen noch die beiden Codicille, von denen Du mir gesagt
hast und ohne die ich Dir darüber und wegen der Nachfolge Deines Sohnes keine
bestimmte Auskunft geben kann.
    Alfred bedauerte diese Papiere nicht zur Hand zu haben, sie waren in seinem
Schreibtisch geblieben und er konnte sie nicht gut von einem Andern hervorsuchen
und sich nachsenden lassen. Der Präsident riet ihm selbst davon ab und fügte
hinzu: Ueberhaupt würde ich zunächst an Deiner Stelle die Sache nicht auf die
Spitze stellen. Was gewinnst Du bei dem Scheidungsprozesse?
    Welche Frage! rief Alfred, ich lebe in der unglücklichsten Ehe, ich will
mich trennen und Du fragst, was ich dadurch gewinne? - Ich gewinne meine
Freiheit wieder.
    Und fehlt Dir die jetzt? fragte der Präsident. Bist Du nicht frei in diesem
Augenblick? Wärst Du ein armer Bürger, der sein kümmerliches Geschäft betreibt
und eine Schaar kleiner Kinder hat, die einer Mutter bedürfen, wenn die rechte
Mutter nichts taugt, so begriffe ich Deinen Wunsch, von der einen Frau
geschieden zu werden, wenn Du eine andere nehmen wolltest. Für Dich aber ist es
ein unkluger Schritt. Du liebst Deine Frau nicht, aber Du liebst vorläufig doch
noch keine Andere. Gut! so lebe Du hier und mag sie dort nach ihrer Neigung
schalten. Der Plan, Dich von Deiner Frau durch den hiesigen Aufentalt zu
trennen, war vernünftig; er machte Dich von den unangenehmen Berührungen völlig
frei und gab kein unnötiges Gespräch und Aufsehen. Der Vorsatz, Dich
gerichtlich scheiden zu lassen, ist unpraktisch; er macht Dich nicht freier und
wird grosses Gerede geben, da auf Dich, den beliebten Autor, die Augen der Menge
gerichtet sind. Zur Scheidung ist es noch Zeit, wenn Du einmal eine neue Ehe
eingehen wolltest, bis dahin warte damit. Was soll überhaupt die unnütze Eile?
    Alfred sass nachdenkend da. Es lag viel Wahrheit in den Behauptungen des
Präsidenten und dennoch war Etwas darin, das ihm widerwärtig und abstossend
erschien. Was ihn leidenschaftlich bewegte, was ihm zu einer Lebensfrage
geworden war, von Andern kalt beurteilt, es zum Gegenstande einer ruhigen
Erwägung und Berechnung gemacht zu sehen, hatte etwas Schmerzliches und
Verletzendes für ihn. Zudem verlangte sein Gemüt nach Schönheit, nach
vollständigem Genügen, und in der Halbheit, die der Präsident ihm vorschlug,
fanden auch diese Ansprüche sich nicht befriedigt.
    Mir sind gewaltsame Schritte allerdings auch sehr zuwider, sagte Alfred nach
einer Pause, weil sie mein Gefühl beleidigen; das, was Du Aufsehen nennst, ist
mir aber sehr gleichgültig. Ich bin es gewohnt, dem Publikum gegenüber zu stehen
mit meinem Dichten und Wirken; ich scheue es nicht, ihm auch meine eigensten
Verhältnisse darzulegen; denn ich tue Nichts, was ich nicht vertreten kann,
nichts als Das, was ich für mein heiligstes Recht, für meine Pflicht erachte.
    Wer spricht denn davon, dass Du ein Unrecht zu verheimlichen hättest?
entgegnete der Präsident. Aber denke Dir nur die Bemerkungen der Fremden, das
Herumschleppen vor den Gerichten und was daran Widerwärtiges noch hängt, und ich
glaube Du stimmst mir bei.
    Das fällt fort, meinte Alfred, wenn Caroline ebenfalls in die Scheidung
willigt.
    Ganz und gar nicht! nur bei kinderlosen Ehen genügt die gegenseitige
Einwilligung zu einer Trennung und Du bist ja der Zustimmung Deiner Frau noch
keineswegs sicher. Folge mir, Alfred! lass die Angelegenheit noch eine Weile
schweben. Wer weiss, wie sich Carolinen's Ansicht, wie Deine eigene Meinung sich
noch ändert. Das Äusserste zu tun, bleibt Dir ja immer Zeit.
    Inzwischen schreibt mir Caroline fast alltäglich, und in einer Weise, dass
ihre Briefe mich immer neu verstimmen, sagte Alfred missmutig und seufzend.
    Schicke sie uneröffnet zurück.
    Das vermag ich nicht, ich kann meiner Frau, so lange sie noch meine Frau
ist, solch eine Beleidigung nicht antun! erklärte Alfred sehr bestimmt, am
Wenigsten, da Felix jetzt noch bei ihr ist.
    So hole ihn her, sagte der Präsident. Du hast mir, denke ich, schon vor
einiger Zeit gesagt, dass Du einen Lehrer für ihn gefunden und Alles für seinen
hiesigen Aufentalt vorbereitet hättest.
    Ach, mein Freund! rief Alfred schmerzlich, wenn Du Dir vorstellen könntest,
wie all diese Verhältnisse mir das Herz zerreissen, wie sehr ich unter ihnen
leide, Du würdest mich weniger schwach schelten, als ich Dir offenbar erscheine.
Felix durch einen Fremden von der Mutter abholen zu lassen, scheint mir eine
entsetzliche Härte; und ich selbst? - Ich kämpfe seit vielen Tagen mit dem
Gedanken, wie ich es anfange, mir den Sohn herzuschaffen, ohne dass seine Mutter
es zu schwer empfindet. Ich will selbst nach dem Schloss gehen, aber mir bangt
vor dem Wiedersehen und vor der Trennung.
    Fasse einen festen Entschluss und gehe morgen, sagte der Präsident.
    Morgen? wiederholte Alfred, nein! morgen nicht, ich würde dann gerade am
achtundzwanzigsten, an Carolinen's Namenstage eintreffen - das ist unmöglich. Er
seufzte und sagte: Aber ich werde bald tun, was getan sein muss. Ich werde zu
ihr reisen, werde Felix mitbringen und mir ihre Zustimmung zu unserer Scheidung
zu verschaffen suchen. Ich muss der Sache ein Ende machen, dieses beständige
Schwanken ertrage ich nicht.
    Tue, was Du nicht ändern kannst, meinte der Präsident, und im Grunde kann
ich Dich so hart nicht tadeln, denn auch ich habe heute einen entscheidenden
Schritt getan, um mich aus peinlichen Verhältnissen zu erlösen. Ich habe mit
der Harcourt gebrochen.
    Heute? fragte Alfred bestürzt, heute? nach dem neulichen Vorfall?
Nimmermehr!
    Gerade deshalb, sagte Julian. Ist ihr Betragen denn nicht höchst verletzend
für mich gewesen? Wie eine Rasende spielt sie Komödie in der Komödie, macht mich
zum Zielpunkt für alle Blicke, und weshalb? - Weil irgend ein närrischer Mensch
ihr vorgeschwatzt, ich wolle Eva heiraten. Ich sah den Sturm heranziehen, ich
verliess die Loge, um sie in ihrer Garderobe aufzusuchen; kaum aber bin ich dort,
so bringt man sie ohnmächtig herein, die andern Schauspielerinnen stürzen
hilfeleistend nach, und sie erwacht mit meinem Namen auf den Lippen. Nun geht
die interessante Neuigkeit von der Bühne in's Parterre, von dem Parterre durch
die ganze Stadt und ich bin heute, Dank Eva's Kinderei und Sophien's Wahnsinn,
das Gespräch der Kaffeehäuser.
    Er ging verdriesslich im Zimmer umher. Und ist sie Dir denn gar nichts mehr?
fragte Alfred. Ich bin überzeugt, dass sie Dich leidenschaftlich liebt; gilt Dir
das nichts?
    Wie kann mich freuen, was mich quält? Du sprichst von Liebe, als ob wir
junge Männer wären, als ob ich Teophil von seiner ungetreuen Schönheit sprechen
hörte. Die Zeiten sind für mich vorbei. Wer hat denn jetzt noch Musse zu einer
sogenannten grossen Liebe? Sophie und ich, wir haben uns nicht verstanden, sie
fordert mehr, als eine Frau verlangen dürfte! Ich werde sie nicht wiedersehen.
    Und heute gerade wollte ich Dich zu ihr begleiten. Sie hat mich neulich so
sehr angezogen, dass ich begierig bin, sie näher kennen zu lernen.
    Das trifft sich sehr glücklich, sagte der Präsident, denn ich wollte Dich
bitten, zu ihr zu gehen. Ich verlange es sogar als einen Freundesdienst von Dir.
Stelle ihr vor, wie die Sachen stehen. Sieh zu, dass Du sie von Uebereilungen,
von Torheiten abhältst. In Stunden der Aufregung pflegte sie das Unerhörteste
zu lieben, das Ungewöhnlichste zu tun. Beruhige sie und rate ihr sich
verständig in das Unabänderliche zu fügen. Solche Frauen bedenken nicht, wie
sehr wir den Anstand zu schonen haben, wie die Augen der Vorgesetzten und der
Untergebenen auf uns ruhen, wie die ganze Journalistenmenge nur darauf wartet,
einem hochgestellten Beamten etwas anhaben zu können! Sophie hat mir schon die
unangenehmsten Verwickelungen zugezogen und -
    In dem Augenblick klopfte es an die Tür, eine Stimme rief: Ich bitte um
Audienz! und Eva trat herein, Teophil nach sich ziehend.
    Julian's Antlitz erheiterte sich sogleich, er ging der jungen Frau entgegen,
küsste ihr die Hand und führte sie zum Sopha. Was schafft mir das ganz
unerwartete Glück, teure Cousine! Sie in meinem Zimmer zu sehen? fragte er
galant.
    Man sagte mir, dass Sie um diese Zeit Audienz erteilen und ich komme, Sie in
einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zu ziehen. Hier Ihr Herr Assessor hat
mich schwer verletzt und beleidigt, und Sie, Herr Präsident! sollen mir Recht
verschaffen und eine glänzende Genugtuung; ich werde Sie königlich dafür
belohnen.
    Ich bestreite aber dem Präsidenten, als Ihrem Verwandten, gnädige Frau, das
Recht, Richter in unserer Angelegenheit zu sein. Er ist nicht unparteiisch,
wendete der Assessor scherzend ein.
    Wo fänden Sie denn einen Richter, lieber Teophil! sagte der Präsident, der
nicht augenblicklich für Ihre schöne Gegnerin Partei nähme, sobald sie in Person
die Klage anbringt? - Das ist ein Nachteil des öffentlichen Verfahrens, welches
jetzt so heiss begehrt wird. Aber fürchten Sie nichts. Klägerin hat mich selbst
oft so schwer gekränkt, dass die dadurch bewirkte Animosität ein Gleichgewicht
gegen meine sonstige Vorliebe bilden wird. Rechnen Sie Beide auf volle
Unparteilichkeit und, Frau von Barnfeld! beginnen Sie Ihre Klage, ich bin ganz
Ohr!
    Erstens, sagte Eva, hat der junge Herr mich zwei Stunden hindurch immerfort
gelangweilt.
    Wodurch? fragte der Präsident.
    Mein Gott! wodurch - durch Langeweile. Er hat mit Terese sehr ernstaft
über Unsterblichkeit gesprochen -
    Sie haben uns nicht dazu kommen lassen, gnädige Frau! wendete der Assessor
ein.
    Nicht? fragte Eva - und woher, als von Ihnen, wüsste ich denn in diesem
Augenblick, dass Mendelsohn einen Phaedon - oder wie das Ding sonst heisst,
geschrieben hat? Woher wüsste ich, dass Spinoza der Urheber des - Julian, heisst's
Panteismus? fragte sie sich unterbrechend.
    Der Präsident nickte bejahend und sie fuhr fort: dass der Spinoza also den
Panteismus erfunden hat? Glauben Sie, irgend ein anderer Mann wird einer
lebenden Frau von so todten Dingen vorsprechen, wie Unsterblichkeit und Seelen?
Wer es gehört, hätte glauben müssen, der Pastor sei da und Terese oder ich
lägen schon im Sterben.
    Die Männer lachten, und Eva fuhr dadurch ermutigt, fort: Als ich es gar
nicht mehr aushalten konnte und, um nur ein vernünftiges Wort zu hören, Terese
fragte, wo sie ihren Winterhut kaufen werde, hat mir der Herr Teophil ein
wütendes Gesicht gemacht und dann mit Beharrlichkeit geschwiegen.
    Das ist mindestens kein Verbrechen! sagte Teophil.
    Mindestens keine Verbalinjurie! meinte der Präsident. Man würde es höchstens
als eine Unterlassungssünde bezeichnen können und die gehört nicht vor mein
Forum. Aber was haben Sie weiter vorzubringen?
    Darauf, da Herr Teophil eigensinnig schwieg, forderte ich ihn auf, mit mir
vierhändig zu spielen. Er lehnte es ab, weil er Kopfweh habe.
    Das ist allerdings Ihnen gegenüber ein wirkliches Verbrechen, sagte der
Präsident; wie kann man denn etwas Anderes empfinden, als heftiges Herzklopfen,
wenn man Sie sieht?
    Sie sind liebenswürdig! rief Eva freudig, ich ahne es, Sie schaffen mir
Genugtuung. Nun hören Sie, nun kommt die Hauptsache. Als er sich hartnäckig
geweigert, mit mir zu spielen, habe ich mich beschieden, mich ganz still an das
Clavier gesetzt und Galoppaden gespielt - ganz leise, weil er Kopfschmerz hatte,
so gut war ich. Kaum aber habe ich einige Takte versucht, so sprechen sie wieder
von Unsterblichkeit. Ich bitte sie, stille zu sein, mir zuzuhören, da steht er
hastig auf und will hinaus. Ich springe ihm nach: Halt! mein Herr! habe ich Ihre
langweilige Unsterblichkeit ausgehalten, so halten Sie meine Galoppaden aus!
sagte ich. Ist das nicht recht und billig, Herr von Reichenbach, ich frage Sie?
    Vollkommen! bestätigte dieser.
    Und nun hören Sie, was er antwortet. Ich schäme mich, es zu wiederholen. Er
sieht mich an, lacht und spricht: Ich muss sterben, wenn ich noch länger all die
falschen Accorde hören soll, schöne Frau! und Sie wollen ja nicht einmal, dass
ich mich während des martervollen Todes mit dem Gedanken an die Unsterblichkeit
tröste.
    Das hat der Angeklagte wirklich gewagt? fragte der Präsident lachend. Was
haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
    Ich muss in allen Punkten mein Unrecht eingestehen, antwortete Teophil, ich
fühle mein Verbrechen und wollte gar nicht erscheinen, sondern mich in
contumaciam verurteilen lassen, aber meine Gegnerin bestand darauf, dass ich mit
ihr gehen und in Person mein Urteil holen sollte.
    So wäre denn keine weitere Vernehmung, kein Zeugenverhör nötig, erklärte
der Präsident, die Acten sind geschlossen, das Urteil kann gefällt werden, und
ich erkenne, dass unser Freund sich gegen einen Höherstehenden einer groben
Injurie schuldig gemacht hat, denn Frau von Barnfeld ist ein Engel und der
Assessor wie wir Andern Alle nur ein armer sterblicher Mensch. Deshalb mag er
Frau von Barnfeld demütig um Verzeihung bitten, sich als den ärgsten Sünder
bekennen und entweder sich für ihren Gefangenen auf Lebenszeit erklären oder die
Gefängnissstrafe auf recht galante Weise abzubüssen suchen. Zugleich verurteilen
wir ihn aber nur in die Hälfte der Prozesskosten, da er während des Streites die
Klägerin »schöne Frau« genannt, was sein Unrecht mindert und von der Klägerin
mit Uebernahme der halben Kosten anerkannt werden muss, und das von Rechts wegen.
    Teophil kniete auf Eva's Verlangen nieder, bat um Vergebung und durfte ihre
kleine Hand zum Zeichen der Versöhnung küssen. Dann sprang sie fröhlich von
ihrem Platze auf, reichte dem Präsidenten beide Hände und sagte: Sie sind weise
wie der König Salomo, Gott lohne es Ihnen, dass Sie einer armen, schwergekränkten
Wittib zu ihrem Rechte verhelfen, dass Sie die verfolgte Unschuld nicht
unterdrücken lassen. Ich danke Ihnen dafür und nun kommen Sie zu Terese, die
uns erwartet.
    So weit sind wir noch nicht, bedeutete der Präsident; Sie haben die Hälfte
der Kosten noch nicht bezahlt und sind mir auch noch die königliche Belohnung
schuldig, die Sie mir versprochen haben.
    Das ist wahr, rief Eva; was verlangen Sie?
    Können Sie fragen, was man von Ihnen verlangt? fragte der Präsident, was Ihr
Cousin von Ihnen fordert?
    Sehen Sie, Herr von Reichenbach, jetzt wird er wieder Cousin! neckte Eva,
während eine glühende Röte ihr Gesicht überzog. Aber daraus wird nichts,
Julian! gewiss! daraus wird nichts. Sie sind gar zu anspruchsvoll - sehen Sie
mich nicht so lächelnd an.
    Er hatte ihre Hand ergriffen, sie machte sich los und lief hinaus. Aber im
Abgehen rief sie: Ich fahre in's Teater, leben Sie wohl, Julian? heute sehen
wir uns nicht mehr.
    So werde ich mir morgen meine Gebühren einfordern kommen, antwortete der
Präsident und, gegen die Freunde gewendet, bemerkte er: Dieser ewige Frohsinn
ist für mich bezaubernd.
    Das begreife ich nicht, meinte Alfred, denn, wie bei dem ersten Begegnen,
lässt Eva mich auch jetzt ganz kalt. Ihre unruhige Fröhlichkeit ermüdet mich.
    Sie haben Recht, Herr von Reichenbach! rief Teophil, eine Frau, wie diese,
könnte ich niemals lieben. Ihr fehlt jene Tiefe des Gemütes, auf deren Boden
allein die Liebe erblüht.
    Sind das Toren! lachte der Präsident, sind das biedere Deutsche! - Aber wer
denkt denn an Liebe, wer denkt denn an Ehe? Wie der Schmetterling nur da ist,
sich und uns zu erfreuen, so gibt es Frauen, geschaffen, zu spielen und zu
entzücken. Auch Champagner stillt den Durst des Verschmachtenden nicht für
immer; aber sein perlender Schaum belebt die abgespannten Nerven des Leidenden
und zaubert strahlendes Licht in die düstern Nebel, die ihn umlagern. Wisst Ihr
denn, ob ich nicht auch einmal solch ein Leidender bin? Könnt Ihr wissen, ob ich
nicht der Erheiterung bedarf? Eva, die blonde, tändelnde Eva ist vielleicht der
Champagnerschaum, in dem ich mich berausche, und dazu ist sie wie geschaffen.
    Egoist! schalt Alfred.
    Sie sind ein zu grosser Epikuräer, meinte Teophil.
    Als ob von meinem Egoismus die kleine Frau nicht mehr Freude, nicht mehr
Genuss hätte, als von Eurer Bedächtigkeit und Tugend! Lernt endlich den weisen
Epikur, lernt endlich einmal das Leben verstehen! Ihr sollt geniessen und
geniessen lassen, das ist der Zweck des Daseins! den erfülle ich mit Andacht!
sagte der Präsident, als man sich trennte.
 
                                       XI
Alfred konnte nicht aufhören, an Sophie zu denken, er hatte Mitleid mit ihr, er
wünschte zu wissen, wie sie die Trennung von dem Präsidenten ertrage; er wollte
dessen Aufträge ausrichten. Er ging also zu ihr und liess um die Erlaubnis
bitten, sie zu sehen.
    Sophie nahm seinen Besuch an. Als er bei ihr eintrat, war es hoher Mittag,
darum überraschte ihn die Dunkelheit, welche in dem Zimmer herrschte. Alle
Vorhänge waren heruntergelassen, die Jalousien fast ganz geschlossen. Sophie
hatte in einem Lehnstuhl geruht. Sobald sie Alfred's Schritte hörte, stand sie
auf, ging ihm entgegen und sagte: Sie sind ein Freund des Präsidenten von Brand,
Herr von Reichenbach, Sie kommen von ihm. Was bringen Sie mir?
    Es war nicht allein der Wunsch meines Freundes, entgegnete Alfred, der mich
herführte, sondern auch das eigne Verlangen, Sie kennen zu lernen und Ihnen für
den Genuss zu danken, den Sie mir neulich durch Ihre Kunst in so hohem Grade
gewährt haben.
    Wieder Einer, der mir Weihrauchdampf bietet, wo ich verschmachtend nach
Lebensluft verlange! Wieder Einer, der sich an fremdem Herzblut erfreut! Lieben
Sie den sterbenden Fechter? fragte sie spöttisch -
    Ja! sagte Alfred, denn ich sehe in dem Todeskampf desselben, dass die starke
Seele das Leid besiegen, dass sie den Tod überwinden, dass sie rein eingehen wird
in ein schöneres Dasein.
    Sophie sah ihn prüfend an; ihr grosses, dunkles Auge ruhte fest auf ihm, dann
sagte sie: Den Tod zu überwinden, das ist leicht, aber wie erträgt man das
Leben, mit dem Tode im Herzen? - Ich habe viele Tage und Nächte daran gedacht,
wie ich leben solle ohne Julian's Liebe, ich habe nach einem Gedanken gesucht,
an dem ich mich aufrichten, an den ich mich halten könnte. Ich finde keinen. Man
bricht die Blume, um sich an ihrem Dufte zu erfreuen, und man wirft sie von
sich, wenn sie uns nicht mehr reizt. Aber ein Herz von sich zu stossen, das mit
all seinen Fasern an ihm hängt, das nur in der Liebe zu ihm lebt, das hätte ich
ihm niemals zugetraut.
    Sie faltete die Hände zusammen und grosse Tränen fielen langsam aus ihren
Augen, während sich keine Miene ihres Gesichtes verzog. Sie war noch in ihrem
grossen Schmerze schön, das ist ein Vorzug, den nur wenig Auserwählte haben.
    Alfred ehrte ihren Schmerz durch sein Schweigen. Als er sie gefasster sah,
sagte er: Gönnen Sie es mir, Sie auf sich selbst zu verweisen. Eine Natur wie
die Ihre muss eine Lebenskraft in sich haben, die sie über Schmerzen fortträgt,
an welcher gewöhnliche Frauen sich verbluten.
    Sie schüttelte zweifelnd das Haupt. Gewöhnliche Frauen? und was bin ich als
ein gewöhnliches Weib ohne Julian's verklärende Liebe? Was bin ich ohne ihn? Was
bleibt mir, wenn ich ihn verliere?
    Die Kunst! antwortete Alfred. Wie Viele haben gleich Ihnen das schwerste
Leid empfunden und besassen nicht, wie Sie, den Genius der Kunst als Tröster.
    Ich werde nicht wieder die Bühne betreten, Herr von Reichenbach! sagen Sie
das dem Präsidenten, bis er es von mir fordert. Nur wenn er es verlangt, nur
wenn es ihn noch erfreute wie einst, würde ich wieder spielen.
    Das wird ihn sehr betrüben, bemerkte Alfred, er opfert Sie und seine Liebe
mit blutendem Herzen auf; er hofft, Sie vielleicht später ruhiger wiederzufinden
- und Sie werden sich ermannen. Ist es nicht -
    Sagen Sie nicht, was Sie selbst nicht glauben! rief Sophie, ihn heftig
unterbrechend, Julian ist kalt, ihn schmerzt das Opfer nicht. O! wie hatte ich
Recht, wie ist das wahr geworden, was ich einstmals sagte! - Sie schien in
Erinnerung verloren, dann sprach sie: Wir fuhren über Land, Julian und ich. Da
sah ich Farrenkraut neben uns an einem Felsen blühen. Die grossen Blätter wuchsen
fröhlich aus dem Gestein empor, die ganze reiche Wurzel hing frei in der Luft,
nur die zartesten Aederchen verbanden sie mit dem Felsen, aus dem sie Leben zog.
Das sind wir, sagte ich damals. Du bist der kalte Stein, ich bin das
Farrenkraut; sieh, wie fest es an dem Felsen hängt, wie es sich an den Kalten
schmiegt. Er blickte hin und meinte: Weisst Du nicht, dass in dem Steine, der Dir
so kalt erscheint, heisses, vulkanisches Feuer glüht? Fühlst Du nicht, dass Du nur
durch dies Feuer leben, nur in der Wärme meiner Liebe blühen kannst? - Und wenn
der Winter kommt? fragte ich scherzend. - Dann muss Alles welken, was blühte,
antwortete Julian, damit Raum werde für neues Leben, das ist Naturgesetz. Er
hatte es auch nur scherzend gesprochen, aber doch zerriss es mir die Seele in
bangem Vorempfinden. Nun ist's geschehen! Es war schon lange Herbst, ich wollte
es nicht bemerken; nun ist der Winter da!
    Es lag ein grosses Weh in der Milde, mit der sie die letzten Worte sprach.
Alfred fühlte sich unfähig, ihr einen Trost zu geben. Er war voll Bewunderung,
voll Teilnahme für sie. Er ergriff ihre Hand und sagte: Der Mann, der das Leid
der ganzen Menschheit wie sein eigenes empfand, der zu sterben vermochte, um der
Menschheit die Freiheit des Gedankens zu erkaufen, Christus sprach das göttliche
Wort: Ich habe die Welt überwunden! - Ueberwinden Sie den Schmerz, begraben Sie
die Vergangenheit! so viel Liebe darf sich nicht eigensüchtig in sich selbst
verzehren. Suchen Sie den Weg, auf dem Sie zu wandeln vermögen; und kann die
Sorgfalt eines Sie bewundernden Mannes Sie dortin führen, Ihnen Stütze sein, so
nehmen Sie mein Wort darauf, dass Ihnen meine Freundschaft niemals fehlen soll,
wenn Sie sie nicht verschmähen.
    Sophie drückte ihm schweigend die Hand. Dann sagte sie nach einer Weile: Sie
geben mir viel, mehr als ich Ihnen danken kann in diesem Augenblick, aber ich
nehme es an. Noch weiss ich nicht, was mir frommt. Ich muss allein sein, allein
mit mir fertig werden, das fühle ich. Verlassen Sie mich. Wenn ich Ihrer bedarf,
wenn ich Ihrer würdig bin, fordre ich Sie auf, zu mir zu kommen. Leben Sie wohl,
Herr von Reichenbach! - Sie reichte ihm nochmals die Hand und ging ohne weitere
Rücksicht auf ihn in das andere Gemach.
    Alfred sah ihr lange nach und blieb sinnend eine Weile in ihrem Zimmer
sitzen. Er konnte sich nicht erklären, wie Julian gleichgültig werden mochte
gegen eine Frau wie diese, wie er Gefallen finden konnte an der leichten
Tändelei Eva's nach dem Besitz von so viel Geist und Herz, als sich in Sophie
vereinigt fand. Er wollte dem Freunde Vorstellungen machen, er wollte versuchen,
ihn wieder mit der einst Geliebten auszusöhnen, aber er kannte das Menschenherz
zu gut, er kannte Julian zu gut, um an die Dauer einer solchen Versöhnung zu
glauben, und es war und blieb ja auch etwas Missliches in dem Verhältnis, das bei
des Präsidenten Stellung doppelt in das Gewicht fallen musste. Dazu war Julian's
Charakter ein sehr eigentümlicher. Bei einer anscheinend kalten Aussenseite, die
den Fremden abstiess, besass er eine grosse Weichheit des Gefühls und eine
Beweglichkeit des Geistes, die ihn jedem neuen und besonders jedem schönen
Eindruck leicht zugänglich machten. Alles Grosse und Wahre ergriff ihn tief und
schnell. In solchen Stimmungen war er grosser Opfer, war er einer uneigennützigen
Grossmut fähig, aber eine anhaltende Begeisterung für denselben Gegenstand, eine
dauernde Liebe lagen nicht in seiner Art. Was er im Augenblick der
Gefühlserregung mit voller Hingebung getan hatte, konnte oft wenig Stunden
darauf sein zersetzender Verstand als lächerrlich bespötteln. Diese Charaktere
nennt die Menge Verstandesmenschen, während man sie Gefühlsmenschen heissen
sollte. Sie gelten für stark und sind doch schwach, weil sie nicht nach
Ueberzeugungen, sondern nach augenblicklichen Eingebungen handeln.
Conventionelle Begriffe, wie Ehrgefühl und Schicklichkeit müssen bei ihnen das
wahre Pflichtgefühl ersetzen, und dennoch sehen wir gerade solche Menschen oft
Taten vollbringen, welche dem selbstständigsten, festesten Charakter schwer
fallen würden.
    Seinen Freunden ein zuverlässiger Freund, seiner Schwester der zärtlichste
Beschützer, besass er den Frauen gegenüber eine Genusssucht und einen Leichtsinn,
die schon manches Herz verwundet, manches gebrochen hatten. Wenn ihn weibliche
Anmut reizte, trieb es ihn unwiderstehlich, nach ihrem Besitz zu streben; und
ohne jemals seine Ansicht von der Flüchtigkeit solcher Verbindungen zu
verbergen, errang er fast immer Liebe, wo er sie forderte. Er hatte einen
feurigen, phantasiereichen Geist, eine einschmeichelnde Liebenswürdigkeit und
eine überzeugende Wohlredenheit. Dazu besass er die sicherste Waffe des Mannes
gegen die Frauen, den Ruf, unbeständig und ihrer Ruhe gefährlich zu sein.
    Solch einen Mann, sagte sich Alfred, wollen alle Frauen kennen lernen, man
beschäftigt sich schon im voraus mit ihm. Die Eitele hofft ihn dauernd zu
fesseln; die Edle, ihn zu bessern. Jede traut sich die Kraft und die Klugheit
zu, die Gefahr zu vermeiden, die ihr von dem siegreichen Manne droht.
Leichtsinnig, neugierig stürzen sie sich in den ungleichen Kampf und kehren bald
mit zerrissenem Herzen daraus zurück, wie die arme Sophie.
    Von diesen und ähnlichen Gedanken bewegt, ging er eilig durch die Strassen
und fand sich, ohne dass er es beabsichtigte, vor des Freundes Wohnung wieder. Er
hatte den Klingelzug bereits gefasst, als er sich fragte, was er eigentlich in
dieser Stunde hier bei ihm wolle? Er wusste es nicht und musste sich es endlich
eingestehen, dass die Gewohnheit, Terese täglich zu sprechen, wieder feste
Wurzel in ihm geschlagen habe; dass ein Tag, an dem er sie nicht gesehen, ihm ein
verlorener scheine. Schon wollte er sich entfernen, als er sich besann, dass er
sie heute jedenfalls besuchen müsse, um sich von ihr zu beurlauben, ehe er nach
seinem Gute hinausgehe, Felix zu holen, was am nächstfolgenden Abende geschehen
sollte. Sein Gesicht überflog ein Freudenstrahl; er zog schnell die Glocke und
eilte in das Haus.
    Er fand die Freundin daheim wie fast beständig; sie arbeitete und Teophil
las ihr aus geschriebenen Heften vor. Er war sichtlich erregt und legte die
Blätter aus den Händen, als Alfred bei ihr eintrat.
    Was lasen Sie? fragte ihn dieser freundlich nach den ersten Begrüssungen.
    Fräulein von Brand erlaubte mir, ihr aus den Aufzeichnungen Einiges
mitzuteilen, welche ich für mich zu machen pflegte, sagte Teophil.
    Und es war sehr viel Schönes darunter, fügte Terese hinzu. Ich habe während
des Lesens mehrmals an die Bemerkung gedacht, welche Sie, Herr von Reichenbach,
uns neulich machten. Es ist wirklich töricht, wenn die Schriftsteller in weiter
Ferne den Stoff für ihre Arbeiten suchen. In jedem Menschenleben liegt Poesie
verborgen und es kommt nur darauf an, das Blatt zu finden, auf welchem sie
verzeichnet steht.
    Das ist natürlich, sagte Teophil, denn kein Menschenleben ist so arm, dass
die Liebe mit ihrem belebenden Strahl es nicht ein Mal erleuchtet hätte. Wo sie
nur erscheint, wird es Frühling und Tag in der Menschenbrust, und das Dasein zum
Gedicht und zum Roman. Freilich ist die Nacht um so tiefer, wenn sie nachher
entschwindet. Er seufzte, fuhr mehrmals mit der Hand über die Stirne und schloss
langsam die Augen, so dass man vermuten musste, sein Kopfweh plage ihn wieder.
    Terese betrachtete ihn mit freundlicher Besorgnis. Sie trug einen
starkduftenden Heliotrop, der auf dem Tische vor ihnen gestanden, an einen
entfernteren Platz und liess den Vorhang herunter, um das eindringende
Sonnenlicht zu mildern.
    Während dess bemerkte Alfred, der Teresen's Teilnahme für Teophil mit
gespannter Aufmerksamkeit beobachtet: Sie scheinen also auch der Ansicht zu
sein, dass die Liebe an sich schon ein ausreichender Stoff für den Roman sei. Der
Meinung bin ich nicht. Jede wahre Liebe ist bis zu einem gewissen Grade der
andern gleich. Jede hat ihr Glück, ihr Leid und die Freude, das Hoffen und
Verzweifeln mit allen andern gemein. So sehr für den Einzelnen dies Tema
Lebensfrage sein und bleiben wird, so dünkt mich, ist seit lange die Schilderung
auch der höchsten, reinsten Liebe in einem Romane unfruchtbar und unnötig, wenn
es eben nur die Liebe gilt. Mehr oder weniger anziehend und bedeutend wird sie
nur durch den Menschen, in dessen Seele sie entstanden ist, und aus dessen Natur
heraus sie ihr besonderes Gepräge erhält, ja eigentlich nur durch die Art der
Hindernisse, die sich der Erreichung ihrer Wünsche entgegenstellen.
    Gewiss, versicherte Teophil, so hatte ich es auch gemeint. Denn wie unter
den tausend Blättern eines Baumes nicht zwei einander vollkommen gleichen, so
bringt jedes Menschenleben neue Erscheinungen in der Liebe zur Entfaltung,
welche für einen Beobachter wie Sie zu besondern Erfahrungen Anlass geben müssen.
    Sie erinnern mich mit diesen Behauptungen an Ereignisse aus der ersten Zeit
meines öffentlichen Auftretens, sagte Alfred. Als es in dem Kreise meiner
Bekannten zu verlauten anfing, dass ich der Verfasser eines Romans sei, drängte
sich Alt und Jung mit geheimnissvollem Vertrauen zu mir, um mir aus den eigenen
Erlebnissen Stoff für meine künftigen Arbeiten mitzuteilen. Jeder Mann, der in
seiner Jugend die Kammerjungfer seiner Mutter geliebt und dann eine andere Frau
geheiratet hatte, kam sich in der Erinnerung wie ein Romanheld vor und
verlangte, dass ich diese seine Jugendliebe zum Mittelpunkt einer Dichtung
erheben sollte. Man hat mich über die Gebühr mit diesen Mitteilungen ermüdet
und ich bin manchmal aus Aerger versucht gewesen, den Leuten solche Erzählungen
zu schreiben, um sie von der Verkehrteit ihrer Ansicht zu überzeugen, die aus
der kleinlichsten Selbstüberschätzung entspringt. Die Liebe an sich ist das
eigentliche Tema des lyrischen Gedichts. Für den Roman wird sie erst geeignet,
wenn sie mit der Aussenwelt in Streit gerät; und mich interessirt sie als Tema
erst dann, wenn die Hindernisse, welche ihr entgegentreten, aus den Ideen oder
Tatsachen hervorgehen, die in das Gebiet der Zeitfragen gehören. Ein Roman, der
nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht, in der er geschrieben ward, wird
selten ein gelungenes Werk sein.
    Und der Werter? und die andern Goete'schen Romane? wendete Terese fragend
ein.
    Sind sprechende Bilder der Zeit, in der sie entstanden, fiel Alfred ein.
Grade diese sind aus dem dringenden Bedürfnisse hervorgegangen, das der Dichter
hatte, sich und die Mitwelt aufzuklären über Das, was damals stürmisch in Allen
wogte. Weil sie aus Ideen ihr Leben schöpften, die damals alle strebsamen
Naturen beschäftigten, haben sie Leben gehabt und werden es behalten. Darum ist
ihre Wirkung auch noch fast eine magnetische auf uns Alle. Im Werter spiegelt
sich die schwache Gefühlsschwelgerei der Empfindsamkeitsepoche; in dem Wilhelm
Meister das Illuminatenwesen und jenes Streben des begabten Bürgerstandes, die
Stelle einzunehmen, welche ihm später die französische Revolution errang. Jene
Motive lagen Goete damals als Tagesfragen nahe, darum behandelte er sie und
läuterte seine Ansicht von ihnen durch das freie, dichterische Gestalten. Man
sollte es also auch jetzt nicht tadeln, wenn sich die Fragen, welche unsere Zeit
zu lösen hat, ebenfalls in der Dichtkunst spiegeln, wenn wir mit ihrer
reinigenden Kraft uns den Ueberzeugungen dienstbar machen, für die wir leben.
    Mit der Anforderung, dass der Roman sich dem Tage anschliesse, dem er gehört,
bemerkte Teophil, ziehen sie aber die freie Göttin der Poesie in das Gebiet
eines gewöhnlichen Arbeiters herab. Sie soll Ihnen für Ihre Ziele nutzbar
werden; das ist doch aber nicht ihr eigentlicher Beruf.
    Es gibt nur Epochen, in denen Niemand feiern darf, in denen Götter, wenn sie
noch auf Erden wallten, selbst Hand anlegen würden, sagte Alfred.
    Erlauben Sie mir den Einwand, entgegnete ihm Teophil, dass Diejenigen,
welche die reine Lyrik und den historischen Roman mit dichterischer Begabung und
glücklichem Erfolg bearbeiteten, gegen Sie sprechen. Und auch das Urteil des
grossen Publikums möchte sich nicht für Ihre Meinung entscheiden, wie wir es an
den Scott'schen und an vielen andern Romanen gesehen haben.
    Die grosse Masse will nur unterhalten sein, das ist leider richtig. Sie will
ein paar müssige Stunden ohne Nachdenken zu Ende bringen und wer ihr dazu
verhilft, kann leicht ihr Liebling werden. Das aber soll den Dichter nicht
bestechen, sagte Alfred. Ich ehre von Herzen Diejenigen, welche den historischen
Roman in würdiger Absicht bearbeiten, ich erkenne jede Eigentümlichkeit an, die
Schönes hervorbringt. Ich meine aber, der Beruf eines Dichters lege ihm in den
verschiedenen Zeitaltern und Ländern verschiedene Pflichten auf. In Ländern, in
denen das Volk selbstregierend Teil nimmt an allen Zeitinteressen, wo die
Unterhaltung darüber von dem Palast bis in die Hütte dringt, wo Jeder die
Gegenwart kennt, da darf der Dichter sich in poetischer Betrachtung der
Vergangenheit zuwenden, denn die Arbeit des Tages wird getan. Er darf die
Vergangenheit erläutern und verklären, aus der die beglückende Gegenwart geboren
ward. Das tat Scott, aber sehr ausschliesslich und entschieden im Sinne der
Partei, der er angehörte; das taten manche unserer Dichter mit grossem Glück und
Erfolg. Doch dünkt es mich augenblicklich in Deutschland eben nicht die Zeit
dazu zu sein.
    Nicht Zeit? fragte Terese und sagte dann, zu Teophil gewendet, leise: Sie
stützen noch immer den Kopf auf die Hand, Sie haben Schmerzen. Wollen Sie, dass
ich ein Fenster öffne?
    Teophil dankte ihr und Alfred antwortete nach einer Pause, in der irgend
ein der Unterhaltung fernliegender Gedanke ihn beschäftigt haben mochte: Nein!
wir haben jetzt nicht Zeit, in poetischen Ergüssen zu feiern; denn unsere Tage
sind Tage des Kampfes und der Arbeit. Warfen doch alle Dichter die Leier fort,
zu der sie Liebeslieder sangen, um Schlachtgesänge zu jubeln, als es galt, das
Vaterland von den Feinden zu befreien, die seine Grenzen überschwemmten. Die
Welt des Gedankens ist unser wahres Vaterland, die Freiheit des Wollens und
Handelns ein höheres Gut, als die Scholle, auf welcher wir zufällig den Tag
zuerst erblickten. Für diese Heiligtümer streiten wir jetzt; und Keiner, der
mit geistigen Waffen für diese heiligsten geistigen Güter zu ringen Kraft fühlt,
darf in müssigen Träumen feiern. Unser deutsches Volk schwelgt gar zu gern in der
Poesie der Vergangenheit und in nebligen Hoffnungen einer glücklichen Zukunft,
die nicht kommen wird, wenn man sie nicht mit dem Aufwande aller vereinten
Kräfte erschafft.
    Teophil lächelte etwas spöttisch und Alfred, der es bemerkte, fuhr noch
lebhafter fort: Der Dichter, der sein Volk liebt, dem die Menschheit heilig ist,
soll jetzt mit jedem Worte an die Kammer der Schlafenden pochen. Wie der Ruf
eines Herolds soll seine Stimme durch das Vaterland erschallen. So lange nicht
Dasjenige, was das Volk bedarf, was die Zeit erheischt, von Vertretern des
Volkes beraten wird; so lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf, so
lange muss der Dichter in Bildern für sein Volk sprechen und in Bildern erklären,
was die Nation bedarf und fordert.
    Aber heisst das nicht, wiederholte Teophil, die Poesie vom Himmel zur Erde
ziehen, und den Dichter zum Sklaven der Partei erniedrigen, da er doch über dem
Leben stehen und mit unparteiischem Auge auf die Welt blicken soll.
    Ueber dem Leben steht Niemand! rief Alfred sehr ernst. Wohl Dem, der auf der
Höhe seiner Zeit steht und sie mit gesundem Auge betrachtet. Ich vermag die
Gegenwart und die Vergangenheit zu überblicken, ich strebe, die Dunkelheit der
Zukunft zu durchdringen; aber immer nur von meinem menschlichen Standpunkte aus,
der innerhalb unserer Zeit, innerhalb des Lebens liegt. Was von dem Punkte, auf
dem ich stehe, mir gerade erscheint, das sieht von einer andern Seite schief
aus; so bilden sich für Jeden, der in die Ferne blickt, die verschiedenen
Ansichten, die Parteimeinungen. Wer davon frei zu bleiben glaubt, irrt gewiss. Es
wäre nur für Denjenigen möglich, der eigensüchtig die Augen schlösse, um Nichts
zu empfinden als sich selbst.
    Ich habe, sagte Terese, bisher eine ähnliche Ansicht wie Teophil über den
Beruf des Dichters gehabt. Ich glaubte, es wäre seine Aufgabe, das Leben zu
verschönen, die misklingenden Dissonanzen in reine Harmonien aufzulösen und uns
die Dornenpfade des Lebens mit Blumen zu schmücken.
    Möglich, dass es einst so war, sagte Alfred, und dass noch mancher Dichter es
so empfindet. Ich, der ich von Grund der Seele Partei nehme für unsere Zeit, ich
vermag es nicht. Wenn ich von den entschwundenen Herrlichkeiten des deutschen
Kaiserreichs, von dem Glanz der Vorzeit oder von ihrer Not erzählte, immer
würde an mein Ohr der Ruf des lebenden Volkes tönen, dem noch so Vielerlei zu
wünschen bleibt. Ich würde es für eine Sünde halten, zur blossen Belustigung
Märchen zu schreiben, während noch wichtige Arbeit im Vaterlande zu tun ist.
    Mit dem Roman lässt sich aber die Welt trotz alle dem nicht reformiren,
meinte Teophil.
    Aber Denen, die sich nicht mit den Ereignissen des Tages beschäftigen, denen
die Bestrebungen der Zeit fremd bleiben würden, wenn man ihnen in
wissenschaftlicher Form davon spräche, den Menschen kann der Roman sagen, was
ihnen zu wissen Not tut, und das soll er tun. Nicht nur grosser Granitblöcke
bedarf man, den Bau der Zukunft zu gründen, auch die leichtere Arbeit des
Bildhauers gehört dazu und fördert, wenn sie an rechter Stelle und zu rechter
Zeit getan wird.
    Wohin wird man sich nur vor dem Lärm der Arbeitenden flüchten? Wie wird man
sich einen Augenblick Ruhe schaffen können? fragte Teophil.
    Man wird, wie ich schon vorhin sagte, wenn man nervenschwach ist, sich
selbstsüchtig in die Vergangenheit versenken und unter Illusionen von der
glücklichen Gegenwart müssig auf eine herrliche Zukunft hoffen, die nie kommen
wird, wenn wir sie uns nicht schaffen.
    Teophil erbleichte und eine heftige Entgegnung schwebte auf seinen Lippen,
das sah Terese. Auch Reichenbach war in einer ihr unerklärlichen Aufregung, und
sie fühlte, dass es Zeit sei, vermittelnd zwischen die Streitenden zu treten.
    Nun! rief sie, Sie, meine Freunde, stehen mindestens nicht ausserhalb der
Zeit und der Partei, das beweist die Lebhaftigkeit Ihres Streites, die es mir
bisher unmöglich machte, eine Frage einzuschalten. Ich möchte wissen, Herr von
Reichenbach, ob Sie Ihre eigenen Erlebnisse zum Stoff für Ihre Arbeiten
benutzen?
    Es bedurfte nur der Erinnerung Teresen's, um beide Männer empfinden zu
lassen, dass sie zu weit gegangen waren. Sie nahmen sich zusammen, verbargen den
Unmut, der in ihnen herrschte, und Alfred sagte: Darauf kann ich Ihnen ja und
nein antworten. Ich gebe die Erfahrungen, die mich das Leben machen lassen, in
der Form, welche mir die geeignetste dafür scheint. Die Erlebnisse selbst in
nackter Wahrheit darzustellen, würde ich, falls es nicht eben eine biographische
Arbeit gilt, für eine Indiscretion gegen mich selbst und gegen Andere halten,
die mit mir auf dem Lebenswege zusammentrafen.
    Aber die Charaktere entnehmen Sie dem Leben? Es scheint mir wenigstens, als
ob ich die Originale zu manchen der Gestalten in Ihren Arbeiten erkennen könnte.
    Da ich mich bis jetzt nur mit den Ereignissen unserer Zeit beschäftigte, da
jede Zeit sich ihre eigenen Charaktere schafft, so müssen Sie notwendig in
meinen Arbeiten auf Erscheinungen stossen, die Ihnen nicht fremd sind, ohne
deshalb Portraits zu sein. Die äusseren Verhältnisse bilden den Menschen, wie er
andrerseits die Verhältnisse gestaltet. Sobald ich also neue Verhältnisse
erfinde, muss ich auch die Gestalten der Gegenwart, die mir vorschweben, jenen
erfundenen Verhältnissen so eng anzupassen suchen, dass sie sich gegenseitig
bedingen. Gelingt mir das, so gewinnt die Dichtung Wahrheit, den Schein des
Lebens, und dieser ist es, der dann zu dem Glauben verleitet, man schreibe das
Leben ab, man gebe sich selbst und die nächste Umgebung wieder. Freilich kann
ich die Welt nur mit meinen Augen betrachten und daraus entsteht die
Subjectivität jeder Dichtung; aber ich kann, wenn ich gesunde Augen habe, in die
Weite blicken, ich brauche nicht beständig meinen Nachbar oder mich selbst im
Spiegel anzusehen.
    Es entstand eine Pause, wie sie nie ausbleibt, wenn sich eine Misstimmung in
einen kleinen Kreis eingeschlichen hat. Teophil benutzte sie, sich mit dem
Bemerken, dass er heftiges Kopfweh habe, zu entfernen, aber auch nach seinem
Fortgehen dauerte ein gewisser Zwang fort. Terese besiegte ihn zuerst.
    Mich beunruhigt Teophil's Zustand! sagte sie. Er kann seit einigen Tagen
wieder nicht die geringste Aufregung ertragen, ohne von seinen Nervenleiden
geplagt zu werden. An Arbeiten ist gar nicht zu denken, er ist häufig
niedergeschlagen und ich bin sehr erfreut, dass er sich gewöhnt, diese übeln Tage
bei mir, statt einsam in seinem Zimmer zuzubringen.
    Ihr Mitleid wird ihn noch mehr verweichlichen, als er es schon ist, wendete
Alfred ein. Er ist nur zu träge, sich in ernster und anhaltender Tätigkeit
Kraft zu suchen. Man hat ihm das Leben immer leicht gemacht, das Glück hat ihn
begünstigt, so dass er lange nur zu geniessen und mit dem Dasein zu spielen
brauchte. Das Tändeln ist ihm darüber zu einer andern Natur geworden, und als
dann endlich ein Leid über ihn kam, spielte er kindisch mit dem Schmerz. Ich
hasse das an Männern, wenn schon Sie diese Schwäche interessant zu finden
scheinen, schloss er, mit einer Bitterkeit, die ihm sonst nicht eigen war.
    Terese sah ihn lange ruhig an, als wolle sie in seinen Zügen lesen; dann
sagte sie: Was fehlt Ihnen, mein Freund! denn so hart urteilen Sie nicht, wenn
Ihre Seele ruhig ist. Können und wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen geschehen
ist?
    Die Worte sagten nichts mehr, als jede Frau in ähnlichem Falle äussern würde;
aber der Ton der Teilnahme, der Besorgnis machten sie für Alfred unschätzbar.
Es schien, als ob er eines quälenden Zweifels ledig würde. Er ergriff Teresen's
Hand und küsste sie. Sie haben Recht, sagte er, ich war einen Augenblick nicht
ich selbst. Vergeben Sie es mir!
    Und wieder stockte die Unterhaltung, bis er endlich nach einer Weile sagte:
Ich komme, Abschied von Ihnen zu nehmen. Ich gehe noch heute nach Rosental.
    Sie kommen Abschied nehmen? Sie gehen nach Hause? Und ich hoffte, Sie würden
den Winter mit uns zubringen, ich fürchtete nicht, Sie so schnell zu verlieren!
sagte Terese in einer Weise, die wider ihre Absicht, ihre schmerzliche
Ueberraschung kund gab.
    Alfred ward davon ergriffen. Sie hofften, dass ich bleibe, Sie fürchteten
nicht, dass ich gehe? So bin ich Ihnen also doch etwas? So nimmt Teophil nicht
all Ihre Teilnahme in Anspruch? rief er, überwältigt von der Macht eines
Gefühls, dessen er sich plötzlich bewusst worden war, als er, bei Terese
eintretend, sie mit Teophil allein gefunden hatte. Sagen Sie mir, dass meine
Rückkehr Sie freut, Terese! Nur das Eine sagen Sie mir, und ich werde
versuchen, die Stunden in Minuten zu verwandeln, die ich von hier entfernt sein
muss.
    Das hatte Terese nicht erwartet, nicht für möglich gehalten. Ihre Hand, die
Alfred in der seinen hielt, zitterte leise, aber sie bezwang sich und sagte
ruhig: Glauben Sie, dass ich den alten geprüften Freund über den neuen vergessen
könne, Herr von Reichenbach? Ich werde mich herzlich freuen, wenn Sie bald
zurückkehren. Sie bringen dann Felix mit, nicht wahr? Sie bringen Ihren Sohn
hieher?
    Ich würde Ihren Worten glauben, Terese! rief Alfred, wenn Ihre Hand sie
nicht Lügen strafte. Ihre Worte sind sehr ruhig, aber Ihre Hand zittert in der
meinen. Lassen Sie mich Ihnen die liebe Hand dafür küssen. Auf Wiedersehen in
möglichst kurzer Frist, teure Terese! auf recht baldiges Wiedersehen!
    Er drückte ihre Hand an seine Lippen und ging schnell hinaus. Terese blieb
in dumpfer Betäubung sitzen, dann faltete sie die Hände und schien nach langem
lautlosen Brüten wieder zu der Ruhe und Klarheit gelangt zu sein, die ein
hervorstechender Zug in ihrem Wesen waren.
                                      XII
In beglückter Erregung legte Alfred den Weg nach seiner Wohnung zurück. Er hatte
endlich sich selbst und sein Herz erkannt, er liebte Terese. Oft hatte er sich
in der letzten Zeit gefragt, woher die Arbeitsfreudigkeit? woher der neue
Liederreichtum in meiner Brust? und immer war er um die rechte Antwort verlegen
gewesen. Jetzt war ihm das Rätsel gelöst und alle Zweifel über das gehoben, was
ihm zu tun obliege. Terese musste sein werden so bald als möglich; er fühlte,
dass sie Bedingniss seines Glückes sei. Was er für sie empfand, war weit entfernt
von dem glühenden Rausche jugendlicher Leidenschaft; es war reiner, edler,
erhebender als jene. Terese war nicht jung, nicht schön, keine blendende
Eigenschaft fesselte ihn an sie; aber sein Herz öffnete sich den erhabensten
Gefühlen, sein Geist nahm den freudigsten Aufschwung in ihrer Nähe, weil er
wusste, sie fühle tief wie er, sie folge teilnehmend dem Fluge seiner Gedanken.
Ihr grader Charakter war ihm achtungswert, ihre Art zu sein sagte all seinen
Gewohnheiten und Neigungen zu. Es schien ihm die höchste Lust, sie beständig zur
Gefährtin zu haben, denn er hatte die Zuversicht, mit ihr und in ihr das Glück
zu finden, das er bis jetzt so sehr entbehrt hatte. Er liebte sie mit derselben
Innigkeit, die ihn in der Jugend bei ihrem ersten Begegnen zu ihr gezogen hatte,
und mit der Ruhe des reifen Mannes, die festzuhalten strebt, was sie einmal als
das Rechte erkannt hat.
    Mit Lebhaftigkeit ordnete er Alles für seine Abreise an. Er schrieb Sophien,
dass er Berlin auf einige Tage verlasse, dass er sie wiederzusehen hoffe und sie
bäte, keinen für ihre Zukunft entscheidenden Schritt zu tun, ohne ihn davon zu
benachrichtigen. Auch von Julian und von Eva nahm er schriftlich Abschied und
nach beendigten Geschäften fuhr er den Weg nach Rosental zurück, auf dem er vor
zwei Monaten Terese und Eva begegnet war.
    Die Gegend, die er damals im reichen Farbenschmuck des beginnenden Herbstes
gesehen, lag jetzt traurig und öde vor ihm; aber so sehr er sonst äussern
Eindrücken der Art zugänglich war, so wenig berührten sie ihn diesmal. All seine
Gedanken weilten bei Terese. Bald machte er sich Vorwürfe, dass er sich nicht
entschieden gegen sie ausgesprochen und um ihre Liebe geworben habe, bald freute
es ihn wieder. Noch war er mit einer Andern vermählt, noch dieses Band zu lösen.
Die Sehnsucht nach Terese, die Vorstellung der Leiden, die er seiner Frau
bereiten, die er selbst bei der Scheidung empfinden würde, rangen in seiner
Seele miteinander und gewannen abwechselnd die Herrschaft. Das neuerwachte
Gefühl zog ihn zu Terese; lange Gewohnheit, die uns bis zu einem gewissen Grade
Alles wert macht, band ihn an seine Frau, an die Mutter seines Sohnes. Er
prüfte sich lange, er schwankte oft, bis er sich mit beruhigtem Gewissen endlich
sagte, dass nicht die Liebe für Terese, sondern die Abneigung gegen Caroline ihn
zu der Scheidung genötigt habe. Das beruhigte ihn in etwas. Er wollte alles
Schwere und Schmerzliche, das ihn noch von einer Verbindung mit Terese trennte,
allein durchkämpfen, und sie dann erst um ihre Hand angehen, wenn er sie in Ruhe
und Frieden zu der Seinen machen konnte. Dann wieder schweifte sein Geist
plötzlich zu den Arbeiten zurück, die er in der letzten Zeit begonnen und die er
Terese noch nicht vorgelegt hatte. Mit Freude dachte er daran, wie sie hier und
dort den Anklang ihrer beiderseitigen Unterredungen, den Widerschein ihres
eignen Wesens wieder finden würde. Er ahnte, was ihren Beifall haben, was gegen
ihre Ansicht sein könne, und immer lieblicher malte er sich die Zukunft an ihrer
Seite aus.
    So verging ihm der Abend schnell und die Stunden der Nacht. Am Morgen, als
er halten liess, um sein Frühstück einzunehmen, fand er in dem Gastofe einen
Bekannten, dessen Besitzungen an die seinigen grenzten.
    Nun? kommen Sie endlich doch hinaus? rief der Nachbar ihm entgegen, sobald
er ihn erblickte; Sie sind lange ausgeblieben! Ja! die Residenz lässt Einen nicht
leicht los. Aber es ist Zeit, dass Sie zusehen! Die Hälfte der Kartoffeln stecken
bei Ihnen noch in der Erde, das sah ich im Vorüberfahren.
    Ich weiss es, sagte Reichenbach. Mein Inspector schrieb mir, dass er sie noch
in der Erde lasse, es ist nur ein ganz kleiner Teil. Ich will sie versuchsweise
wie am Rheine zusammenstampfen lassen, und dafür mussten erst Keller zugerichtet
werden. Mit verdoppelten Arbeitern und gutem Lohn ist der Zeitverlust bald
eingebracht.
    Will wünschen, dass Sie gut Wetter behalten. Bei mir ist Alles unter Dach,
haben heute schon den ersten November. Sie bleiben doch nun wieder zu Hause? Ich
finde Sie bei meiner Rückkehr? fragte der Gutsbesitzer.
    Es kommt darauf an, wie lange Sie in Berlin verweilen, denn ich denke wieder
dahin zurückzukehren.
    Oho! rief der Andere, also spukt wieder einmal der Poet in Ihnen und lässt
dem Landwirt keine Ruhe. Nun, Ihre Frau wird's sich gefallen lassen. Sie haben
die letzten Jahre in der Tat wie Einsiedler gelebt; hat Niemand etwas von Ihrer
Gesellschaft gehabt, ausser den Kaplänen von Maria-Gnad. Der Kaplan Ruhberg ist
ja seit einigen Wochen auch wieder bei Ihnen zur Milchkur. Er sprach bei mir
vor, ehe er zu Ihnen ging. Frommer, charmanter Herr! - Pferde fertig?
abgefüttert? fragte er dann den eintretenden Kutscher und nahm mit derbem
Händedruck und dem Wunsche, ihn bald wiederzusehen, von Alfred Abschied, als man
ihm sagte, dass sein Wagen ihn erwarte.
    Auf Alfred hatte die kurze Unterhaltung aber einen peinlichen Eindruck
gemacht. Sie hatte ihn aus den heitern Entwürfen für seine Zukunft plötzlich in
die Gegenwart zurückgerufen, in der noch so viel Hindernisse vor ihm lagen, noch
so viel Wirren zu lösen waren. Seine Gedanken wendeten sich der Heimat mit immer
grösserer Sorge zu, je näher er ihr kam. Endlich erreichte er die Grenze seines
Besitzes. Da fand sich bald hier, bald dort eine Vernachlässigung zu rügen;
Anordnungen, die er vor seiner Abreise getroffen und deren schnellste Ausführung
er befohlen hatte, waren nicht befolgt worden; er sah, dass er seinen Inspektor
für zuverlässiger gehalten hatte, als er sich erwies. Mit wachsender Verstimmung
fuhr er durch seinen reichen Besitz. Erst als er sein Schloss erblickte, wich sie
dem Gedanken an den Sohn. Es tat ihm leid, dass er seine bevorstehende Ankunft
nicht gemeldet, dass er nicht den Befehl gegeben hatte, ihm Felix
entgegenzuschicken; aber seine Abreise war so schnell gekommen, dass es nicht
tunlich gewesen war.
    Vor dem grossen Rasenplatz angelangt, der sich an der einen Seite des
Schlosses befand, hoffte er mit Sicherheit seinen Sohn zu erblicken, der dort in
den Morgenstunden seine Spiele zu treiben pflegte. Er war aber nicht da und das
beunruhigte seinen Vater. Caroline hatte in ihrem letzten Briefe des Knaben
nicht gedacht, Felix nicht, wie er pflegte, ein Blättchen für den Vater
beigelegt. Er fürchtete also den Knaben krank zu finden und, als er das Schloss
erreicht hatte, als die Dienerschaft herbeikam, ihn zu empfangen, war seine
erste Frage nach dem Sohne.
    Die gnädige Frau ist mit dem Herrn Kaplan zur Kirche nach Maria-Gnad
gefahren und hat den jungen Herrn mitgenommen, gab man ihm zur Antwort.
    Das beruhigte den Vater, aber sich besinnend fragte er: In die Kirche?
heute?
    Gnädiger Herr! es ist Allerheiligen! sagte der eine Diener.
    Ja so! nun gut! Lassen Sie abpacken! Mit den Worten stieg Alfred die Treppe
hinauf und wollte sich in sein Zimmer verfügen. Sein Diener aber bemerkte, da
man des gnädigen Herrn Eintreffen nicht erwartet hätte, wären seine Zimmer nicht
geheizt.
    So sehen Sie zu, dass es gleich geschieht, befahl Alfred und trat inzwischen
in das Wohnzimmer ein. Ungeduldig ging er umher und blieb dann an dem Fenster
sitzen, um die Rückkehr der Seinen zu erwarten. Die Zeit schien ihm still zu
stehen, jede Minute brachte ihm ein neues peinliches Gefühl. Die Diener, von der
unklugen Gebieterin in die Geheimnisse der Eheleute zum Teile eingeweiht,
schlichen scheu und ängstlich umher. Alles kam ihm fremd vor und doch war er in
der Heimat. Die Stille, die Einsamkeit wurden ihm unerträglich: er verlangte den
Sohn zu umarmen und bangte bei dem Gedanken, dass die Mutter mit demselben
zugleich erscheinen werde. Er überlegte, was er ihr sagen, wie er es ihr sagen
solle; da schlug fern ein Hund an. Er kannte den Laut, es war sein schöner
Neufundländer, der sich niemals von dem Knaben trennte. Sein Herz klopfte ihm
heftiger als sonst. Er hörte Wagengerassel, Pferdetritte, ging die Treppe hinab,
Felix sprang aus dem Wagen und warf sich dem Vater mit beiden Armen an die
Brust.
    Caroline schrie auf, als sie ihres Mannes ansichtig ward, und fiel ihm um
den Hals. Alfred musste es geschehen lassen, um vor der Dienerschaft keinen
unangenehmen Auftritt zu veranlassen. Er bewillkommte kalt den Kaplan, bot
seiner Frau den Arm und führte sie in das Haus.
    Die Freude des Knaben kannte keine Grenzen und ward nur von der lautlosen
Zärtlichkeit des Vaters übertroffen. Man konnte kaum ein schöneres Bild sehen,
als den kräftigen Mann mit dem blühenden Sohne, wie sie voll Liebe aneinander
hingen.
    Mein Vater ist da! mein lieber Vater ist da! rief Felix. Nun werde ich
wieder auf dem Castor mit Dir ausreiten. Nun werde ich wieder von den tapfern
Rittern bei Dir lernen und nicht immer von den frommen Kindern! nicht wahr,
Vater? fragte er.
    Ja, mein Sohn! antwortete dieser, wir machen Alles wieder so wie sonst.
    Und Du gehst nicht wieder fort, und ich und der Neptun schlafen auch wieder
bei Dir. Du bleibst doch nun wieder ganz zu Hause, lieber Vater? Du gehst nicht
wieder fort?
    Doch, mein Sohn! aber ich nehme Dich mit, entgegnete der Vater.
    Caroline, die in grosser Verlegenheit sich mit dem Ablegen ihres Mantels, mit
dem Zurechtrücken von Meubeln beschäftigt und mit dem Kaplan gesprochen hatte,
der ihnen in das Wohnzimmer gefolgt war, und schweigend in der Fensterbrüstung
sass, weil der Hausherr ihn geflissentlich vermied, trat plötzlich vor ihren
Gatten hin und fragte: Wann willst Du, dass wir reisen, Alfred?
    Ich denke nur so lange hier zu bleiben, als es unerlässlich nötig ist.
Längstens acht Tage, antwortete dieser.
    Sehen Sie, lieber Kaplan! rief Caroline, die es nötig fand, sich ihres
geistlichen Freundes anzunehmen, sehen Sie, so machen es die Männer immer. Nun
werden wir in fliegender Eile von hier aufbrechen und ich hatte Sie eingeladen,
unser Gast zu sein, bis Ihre Kur beendet wäre.
    Du weisst, Caroline, dass es ganz in Deinem Willen steht, so lange hier zu
verweilen, als es Dir beliebt, bemerkte Alfred laut; denn ich kam nicht in der
Absicht, Dich zu holen, fügte er leise hinzu.
    Hast Du meinen letzten Brief denn nicht erhalten? fragte Caroline.
    Ja! antwortete Alfred.
    Herr Kaplan! rief Caroline lebhaft, denken Sie nur, mein Mann hat meinen
Brief erhalten und nach all den Demütigungen, nach all den Zugeständnissen, die
ich ihm auf Ihr Anraten gemacht, beharrt er dennoch auf den alten Vorsätzen,
wie es scheint. - Sie hätte für sich und ihren Freund nichts Ungeeigneteres
sagen können.
    Alfred fuhr heftig auf. Also daher, sprach er, kamen die guten Lehren? Ich
hätte es ahnen können. Nun denn! mein Herr Kaplan, da ich Ihnen vermutlich all
die freundlichen Vorwürfe über mein Tun und Treiben, und eine Menge von
Ermahnungen verdanke, die mir in den letzten Briefen meiner Frau zu Teil
geworden sind, so erlauben Sie mir Ihnen auch eine gute Lehre zu geben. Stören
Sie nie durch Ihre Gegenwart das Wiedersehen einer Familie, gleichviel ob diese
sich in Frieden oder in Unfrieden begegnet. Der Fremde ist dabei stets
überflüssig.
    Der Kaplan, ein grosser, hagerer Mann mit scharfen Zügen und schlichtem
blonden Haar, schoss einen tückischen Blick auf Alfred, während er mit Salbung
sagte: Ich fürchtete, wie es sich denn auch bewährt, dass Sie sich nicht in
Frieden begegnen würden; und ich blieb da, um der gnädigen Frau beizustehen, wie
es dem Beichtvater geziemt, in der Stunde der Prüfung.
    Ihres Beistandes wird Frau von Reichenbach mir gegenüber nie bedürfen, denn
die Mutter meines Sohnes, die meinen Namen trägt, ist mir heilig wie meine Ehre,
sagte Alfred mit Würde. Was wir aber mit einander abzumachen haben, das kümmert
die Kirche bis jetzt noch nicht, und ich würde es Ihnen Dank wissen, mein Herr,
wenn Sie sich entschlössen, die wenigen Tage, die ich hier verweile, uns selbst
und unserm eigenen Nachdenken zu überlassen.
    Das war mehr, als der Geistliche erwartet hatte, aber er suchte sich zu
beherrschen, obschon er sich verfärbte. Ich bin nicht aus freiem Antrieb hier,
entgegnete er mit erheuchelter Gelassenheit, ich kam nicht als Gast in Ihrer
Abwesenheit in Ihr Haus, mein Herr von Reichenbach! Ich kam kraft meines Amtes
auf den Ruf der verehrten gnädigen Frau, die Trost von mir verlangte, in der
Vereinsamung, zu der Sie sie verdammt. Mit Ihrer Rückkehr ist mein Amt von
selbst zu Ende! sagte er, und wollte sich, nach einer ehrfurchtsvollen
Verbeugung vor der Hausfrau, hochgehobenen Hauptes entfernen; aber Caroline
vertrat ihm rasch den Weg und, seine Hand ergreifend, sagte sie: Bleiben Sie,
verehrter Freund, bleiben Sie und verlassen Sie mich nicht. Lassen Sie sich das
Beispiel der Heiligen vorhalten, die wie Sie Schmähungen litten und
Beleidigungen vergaben. Wie soll ich mir raten oder wie soll ich Ruhe finden,
ohne Ihren milden Trost, der seit Monaten hier meine einzige Zuflucht gewesen
ist!
    Wenn Sie mein bedürfen, gnädige Frau, erwiderte der Kaplan, werde ich Ihnen
niemals fehlen. Dann verneigte er sich wieder, sagte Alfred mit einer Ruhe
Lebewohl, als ob gar nichts Störendes zwischen ihnen vorgefallen wäre, und ging
hinaus. Caroline folgte ihm auf dem Fusse nach.
    Felix verstand natürlich den Vorgang in seiner wirklichen Bedeutung nicht,
aber er sah, dass sein Vater verdriesslich sei, schmiegte sich befangen an ihn,
blickte ihm mit seinen grossen Augen lange ins Gesicht und sagte dann: Du bist
traurig, lieber Vater! so warst Du auch an dem Abend, als Du abreistest, ohne
mir Lebewohl zu sagen. Bist Du krank, mein Vater?
    Ich habe Kummer, mein Sohn! antwortete er ihm; indes es wird besser werden,
und dann werden wir auch wieder fröhlich sein wie sonst.
    Aber Du bist nicht böse auf mich?
    Niemals, mein Felix, wenn Du brav bist, und das warst Du doch, nicht wahr?
    Felix ward rot, wollte sprechen und schwieg dann still. Man sah, dass seine
junge Seele mit einem gewaltsamen Entschlusse ringe. Endlich fragte er: Hat's
Dir die Mutter nicht geschrieben?
    Sie hat mir geschrieben, dass Du artig und folgsam warst, und das hat mich
gefreut, mein lieber Junge! sagte Alfred und zog den Knaben an sich, um ihn zu
küssen. Da fiel Felix ihm an die Brust und rief, in Tränen ausbrechend: Es ist
nicht wahr, Vater! ich war nicht brav und nicht artig. Ich war feig, als es
blitzte, ganz feig; und ich habe auch den alten Leonhard geschlagen. Aber Mama
und der Kaplan haben gesagt, sie wollten es Dir nicht schreiben und ich brauchte
es Dir nicht zu erzählen. Ich solle es nur immer dem Herrn Kaplan sagen, wenn
ich Unrecht getan hätte, der würde mit mir Paternoster beten und mir Alles
verzeihen.
    Alfred fuhr mit einer Bewegung des Unmutes empor. Der Knabe, welcher
wähnte, dieser Zorn gelte ihm, rief traurig:
    Sei nicht böse, Vater! ich tue es nie wieder. Ich werde nie mehr feig sein
und Niemand schlagen. Ich wollte Dir es lieber verschweigen, aber ich dachte,
wenn der Kaplan mir verzeiht, den ich gar nicht mag, so würdest Du mir's ja auch
verzeihen.
    Damit schlang er seine kräftigen Arme um den Hals des Vaters, der ihn mit
zärtlich ernsten Worten ermahnte und ihn fragte: Hast Du denn den alten Leonhard
um Verzeihung gebeten?
    Nein! zuerst wollte ich es tun, denn es tat mir leid, aber die Mutter
sagte, das sei gar nicht nötig; ich sei ein Junker und der Leonhard ein Diener,
dem hätte ich nichts abzubitten, antwortete der Knabe.
    Alfred's Unmut stieg mehr und mehr. Dies war die Weise, in welcher Caroline
und der Kaplan, der sie vollständig beherrschte, das Gemüt und den Verstand des
Knaben verdunkelten; und es hatte ihm Mühe genug gekostet, dagegen anzukämpfen,
ohne dem Kinde die Anhänglichkeit und die Verehrung für die eigne Mutter zu
rauben. Auch jetzt musste er sich begnügen, dem Knaben sein Betragen zu
verweisen, so gern er ihn zu einer Abbitte bei dem alten Diener veranlasst hätte;
aber das Ereignis bestärkte ihn in dem Vorsatz, so schnell als möglich
abzureisen.
    Vor allen Dingen musste er dazu sich mit seiner Frau verständigen. Dass dies
in mündlicher Unterredung nicht möglich sei, wusste er bestimmt. Er kam also auf
den Gedanken, einen alten Geistlichen, einen Freund seines verstorbenen Onkels,
der auch ihm zugetan war, zum Vermittler zu brauchen. Wie der Kaplan, war auch
der Domherr Geistlicher am Domstifte zu Maria-Gnad, das ganz in der Nähe von
Alfred's Gütern lag, und Erbe der Güter werden sollte, falls die
Reichenbach'sche Familie ausstürbe, oder sich durch Austritt aus dem
Katolicismus des Besitzes verlustig machte.
    Alfred schrieb dem geistlichen Freunde, bat ihn, sich zu ihm zu verfügen,
und trat dann eine Wanderung durch seine Besitzungen an, auf der ihn Felix
begleitete.
    In der freien Natur erheiterte sich sein Gemüt. Es war spät im Jahre, aber
die Sonne hatte, als sie in ihrem Höhepunkte stand, die Nebel des Herbstes
besiegt und leuchtete warm und freundlich am klaren Himmel. Die Luft war
belebend frisch; ein Teil des Laubes hing in buntfarbiger Pracht noch an den
Bäumen; das Gras war noch grün an vielen Stellen und hier und da drängte sich
eine Blume an das Licht hervor. Felix und sein grosser Hund sprangen jubelnd
neben Alfred her, der mit der Lust des Besitzers durch die Gegend ging. Des
Feiertages wegen rasteten die Arbeiter; es war still und friedlich umher.
Einzelne Männer und Frauen, die in behaglicher Sonntagsruhe in ihren Häusern
sassen, traten, den Herrn erkennend, vor die Türen, um ihn willkommen zu heissen.
Jeder hatte ihm Etwas zu erzählen, ihn um Etwas zu fragen. Der Eine dankte für
eine Unterstützung, die ihm geworden, der Andere bat um eine solche, mit der
Zuversicht, welche die Gewissheit der Erhörung gibt. Dazwischen wurden denn auch
Klagen laut. Man beschwerte sich, dass man auf Befehl des Herrn Kaplan zwei
kleinere Festtage habe rasten müssen, was den Tagelohn verringert. Man machte
dem Inspektor der Fabriken den Vorwurf, dass er die Kinder zwei Stunden länger an
jedem Tage habe arbeiten lassen, als Alfred es festgesetzt, und dass er sie
benutzt habe, am Sonntage in seinem Garten zu jäten, ohne sie dafür zu
entschädigen. Alfred hörte teilnehmend zu, versprach für Alles zu sorgen, die
Uebelstände abzustellen, lobte hier die Ordnung, die er fand, tadelte in andern
Häusern manchen Missbrauch. Ueberall aber begegnete ihm ein offenes Zutrauen, ein
williger Gehorsam, denn seine Untergebenen kannten und verehrten ihn als einen
wohlwollenden, gerechten Herrn.
    Das gewährte ihm eine innige Befriedigung. Hier, das fühlte er, war sein
eigentlicher Wirkungskreis; das Loos dieser Menschen hatte ein günstiges
Geschick in seine Hände gelegt, es war seine Pflicht, für sie nach seiner besten
Einsicht zu sorgen. Er hatte für die Güter und die Leute schon sehr viel getan;
die Insassen waren träge, arm und unbrauchbar gewesen. Aus einem dumpfen,
bedürfnisslosen Leben hatte er sie zu einem verständigen Gebrauch ihrer Kräfte
und ihrer Mittel erhoben. Hier wandelte er in einer Umgebung, die praktisch den
Wert jener Teorien bewies, für die seine Feder kämpfte. Alles war ihm hier
lieb und wert und mit freudigem Stolze hatte er oft Denen, die ihn einen
Schwärmer schalten, geantwortet: Kommt zu mir hinaus und seht die Früchte meiner
Schwärmerei. Tragen meine Felder weniger, gedeihen meine Fabriken minder, weil
zufriedene Menschen sie bearbeiten? Fragt nach, ob ich mich über Ungehorsam zu
beklagen habe, wo Jeder einsehen gelernt hat, dass ich nicht eigensüchtig nur an
mich denke, sondern dass mir das Wohl Derer, die für mich ihre Kräfte anstrengen,
lebhaft am Herzen liegt.
    Es tat ihm leid, dass die Sorge für die Erziehung seines Knaben ihn
nötigte, künftig ganz in der Stadt zu leben. Mit Terese, die eben so warm als
er selbst für die Menschheit empfand, in vereinter Tätigkeit hier zu walten,
schien ihm das neidenswerteste Glück. In der Stadt, nur auf literarische
Beschäftigung angewiesen, kam er sich untätig vor; hier, wo er mit ganzer Kraft
sich der Bewirtschaftung seiner Güter überliess, fühlte er sich doppelt froh, in
den Stunden der Musse sich geistiger Arbeit hinzugeben.
    Eine Stunde und länger mochte er umhergegangen sein, als die Schlossglocke
zum Mittag läutete und Felix ihn mit der Bemerkung aus seinen Gedanken riss, dass
die Mutter auf sie warten werde. Anfangs hatte Alfred die Absicht gehabt, schon
jetzt von seiner Frau getrennt, ganz in seinen Zimmern zu leben; allein
Rücksicht auf den Knaben, dem dies befremdlich sein musste, hielt ihn davon
zurück. Er wollte den Schein des guten Einverständnisses vor Felix bewahren und
verfügte sich mit ihm in das Schloss zur Tafel.
    Die Mahlzeit ging traurig vorüber. Caroline, schwankend zwischen dem Wunsche
einer Annäherung an Alfred und dem Groll über die Ausweisung des Kaplans, ging
von freundlichen Scherzen zu bitterer Gereizteit über. Sie fragte nach Alfred's
Treiben in der Stadt, nach den Personen, die er dort gesehen hatte. Sie klagte,
dass er ihren besten Freund, den Einzigen, wie sie ihn nannte, so schnöde
behandelt, und Alfred fühlte sich von diesem gezwungenen Beisammensein mehr als
je gedrückt. Sobald es möglich war, beendete er die Tafel und zog sich auf sein
Zimmer zurück.
    Am Abend traf der Domherr bei ihm ein. Er hatte vermutet, weshalb Alfred
ihn beschieden, denn durch den Kaplan war er seit Wochen von den Absichten
seines Freundes unterrichtet worden.
    Ich ahnte eine solche Krisis lange, sagte er nach den ersten Besprechungen,
aber wie Ihr Freund, der Präsident von Brand, rate ich Ihnen von der Scheidung
ab. Sie haben, wie Sie mir sagen, die Nachträge zu dem Testamente nicht dem
Präsidenten vorgelegt; diese sprechen sich entschieden gegen Sie aus. Sie werden
der Güter verlustig werden.
    Alfred ging an sein Bureau, holte die Papiere hervor und sah sie durch. Als
er es getan hatte, erklärte er dem Freunde, dass er nichts Bedrohliches darin
finde.
    Geben Sie mir den dritten Nachtrag her, lieber Reichenbach, bat der Domherr,
dieser entält, was Ihnen gefährlich ist.
    Den dritten? fragte Reichenbach, es existiren nur zwei.
    So wissen Sie nicht, sagte Fernow verwundert, dass Ihr Onkel ein drittes
Codicill in unsern Archiven niedergelegt hat?
    Kein Wort weiss ich davon! entgegnete Alfred. Und was entält dieses, wenn
ich fragen darf?
    Es bestimmt ausdrücklich, dass den Geistlichen unseres Stiftes eine strenge
Beaufsichtigung der Besitzer von Rosental zur Pflicht gemacht wird, und dass
eine Uebertretung der Satzungen unserer Kirche, Seitens der Besitzer, die Güter
in unsere Hände liefert, wenn kein katolischer Reichenbach sie übernehmen kann.
    Alfred hatte das nicht vermutet, er schwieg nachdenkend eine geraume Zeit,
dann sagte er gefasst: Im Grunde erfahre ich durch Sie eigentlich Nichts, was ich
nicht wusste; denn schon die früheren Nachträge bestimmen ziemlich dasselbe, und
was Sie mir sagen, darf in meinem Entschlusse keine Aenderung machen.
    Da nahm der Greis, dessen edles Wesen Zutrauen erweckte, Alfred's Hand,
drückte sie herzlich und sagte: Ich weiss, dass ich nicht in dem Geiste unserer
Kirche verfahre, wenn ich Ihnen Ratschläge gebe, um Ihnen die Güter zu
erhalten, denn unsere Kirche trachtet auch nach weltlichem Besitz. Ich bin es
aber von je gewohnt gewesen, der Stimme meines Innern zu folgen und habe mein
Ohr und mein Auge nie den Anforderungen der gegenwärtigen Zeit verschlossen. Ich
sah Ihr Walten auf diesen schönen Besitzungen mit inniger Freude. Sie haben
durch gutes Beispiel, durch vernünftige Lehren hier mehr gewirkt, als alle meine
Amtsbrüder in ihren Diöcesen durch die Lehren der Kirche. Sie haben die Menschen
zu dem Gefühl ihrer Menschenwürde herangebildet, indem Sie sie glücklich
machten; Sie haben sie vor Verbrechen bewahrt, indem Sie sie vor Mangel und
Verwilderung schützten. Mehr soll und kann die Kirche nicht. Alle diese Menschen
sehen mit Zuversicht auf Sie, hoffen eine gesicherte Zukunft von Ihnen, und Sie
denken nur an Ihr eigenes Glück? Darin, mein verehrter Freund! erkenne ich Sie
zum ersten Mal nicht wieder!
    Alfred versank in ernstes Sinnen. Der Domherr liess ihn gewähren, dann sagte
er: Bis zu der Grossjährigkeit Ihres Sohnes würden wir, ich an der Spitze, die
Verwaltung der Güter übernehmen; aber ich bin alt und kann jeden Augenblick
abgerufen werden von der Erde. Der Kaplan Ruhberg wird, wie voraussichtlich,
mein Nachfolger sein. Sie kennen ihn und seinen fanatischen Eifer. Wollen Sie
ihm Ihr schönes Werk überlassen? - Felix ist zehn Jahre alt, noch vierzehn Jahre
trennen ihn von dem Besitz, und vierzehn Jahre können all das Gute zerstören,
das Sie geschaffen haben.
    Mein edler, mein wackrer Freund! rief Alfred übermannt; glauben Sie mir, ich
gehe nicht leichtsinnig von dem Posten, auf den das Geschick mich gestellt hat.
Ich hänge an diesen Verhältnissen wie ein Vater an seinem Kinde. Ich liebe meine
Schöpfung hier, wie ein Künstler sein bestes Werk; aber ich habe elf freudlose
Jahre in unglücklicher Ehe verlebt. Ich habe die Frau wiedergefunden, deren
Besitz mich hoch beglücken würde; ich liebe sie, ich habe sie längst geliebt,
dessen bin ich mir jetzt bewusst. Fühlen Sie, welch schweren Kampf ich kämpfe?
    Sobald Sie kämpfen, meinte der Domherr, werden Sie auch siegen, dafür bürgt
mir die Redlichkeit Ihres starken Willens.
    Ich persönlich hänge nicht übermässig an Hab und Gut, sagte Alfred, aber ich
wünsche natürlich meinem Sohne den Besitz und den Wirkungskreis, denen ich so
reines Glück verdanke, einst zu hinterlassen. Ich hoffe ihn zu einem Manne zu
erziehen, der mich bei den Kindern meiner Gutsinsassen vertreten, der für sie
werden soll, was ich den Vätern bin, ein treuer Schutz und Schirm.
    Und glauben Sie, dass man Ihnen die Erziehung Ihres Sohnes überlassen werde?
fragte der Domherr.
    Wer kann mir dieses Recht streitig machen? rief Alfred.
    Die Kirche! antwortete der Domherr. Denn jenes Codicill bestimmt für diesen
Fall ausdrücklich, dass ihr die Erziehung eines minorennen Erben zufalle.
    O, das ist zu viel! sagte Alfred im Tone höchster Empörung. Das ist zu viel!
Das ist mehr als Sklaverei. Wie konnten Sie mir dies Dokument bis jetzt
verheimlichen, das mich ganz und gar in Ihre Hände gibt?
    Ich glaubte Sie davon unterrichtet; ich war überzeugt, dass auch Sie eine
Abschrift davon erhalten hätten. Ihr verstorbener Onkel übergab es mir nur kurze
Zeit vor seinem Tode. Er hatte mit mir davon gesprochen, dass er Sie zu seinem
Erben ernannt habe. Dann war ihm der Gedanke gekommen, dass bei Ihren ihm
bekannten Gesinnungen ein Religionswechsel möglich sei, und diese Rücksicht
scheint die Bestimmungen veranlasst zu haben, welche das letzte Codicill entält.
Ich allein kenne dieses dritte Codicill; ich habe mir nie eine Beaufsichtigung
Ihrer Handlungsweise erlaubt, denn ich kannte und schätzte Sie und Ihre
Absichten und Taten. Das ganze Stift aber kennt das Testament, und eine
Ehescheidungsklage, von Ihnen angestellt, würde mehr als genug für Ruhberg sein,
den Sie oft in seiner geistlichen Eitelkeit verletzt haben, gegen Sie
aufzutreten und den Andern begreiflich zu machen, was man durch einen Angriff
gegen Sie gewinnen könne.
    Welch unwürdige Behandlung, welche verdammenswerte Täuschung! rief Alfred
mit zorniger Empörung. Man setzt mich unter Vormundschaft wie ein Kind; wie ein
Kind, dem man nicht den freien Gebrauch seiner Kräfte gönnt, hält man mich an
unsichtbaren Banden fest! Mein freudigstes Schaffen, mein redlichstes Bestreben
wende ich für die Menschen an, denen ich Herr geworden bin; und nun, da Alles
gedeihet und blühet, da ich ernten möchte, was ich gesäet, nun ruft man mich wie
einen müssigen Knecht von der Arbeit, die mein Glück und meine Freude war. Und
warum? Weil ich das Recht verlange, das auch dem Niedrigsten zusteht, das Recht,
nach seinem freien Willen zu handeln.
    Der Domherr antwortete ihm nicht, und Alfred fuhr nach einer Pause fort:
Zusehen soll ich, wie blinder Fanatismus und Aberglaube die Vernunft Derer
verdunkeln, die ich mühsam ans Licht gewöhnt! Man wird zerstören, was ich für
eine Zukunft fruchtbringend gehofft; und meinen Sohn, meinen eignen Sohn will
man mir rauben, um ihn zum Werkzeug einer Ansicht zu machen, die ich tief
verdamme! Nimmermehr! Das soll und wird nun und nimmermehr geschehen!
    Er ging heftig im Zimmer umher, der Domherr störte ihn nicht. Plötzlich
blieb Alfred vor ihm stehen und sprach: Vergeben Sie mir, teurer Freund, wenn
ich Sie gekränkt haben sollte. Ich kann der Empörung noch nicht Herr werden, mit
der mich Ihre Mitteilungen erfüllten. Ich bin zu aufgeregt, ich weiss mich nicht
zu entscheiden, haben Sie Nachsicht mit mir.
    O! weit mehr als das! ich bedaure Sie, mein Freund! sagte der Greis sehr
mild. Aber suchen Sie mit sich einig zu werden, und vor allen Dingen entscheiden
Sie sich nicht schnell. Bedenken Sie, wie gleichgültig wir oft schon nach wenig
Jahren gegen Dasjenige werden, was wir einst lebhaft gewünscht haben. Urteilen
Sie in Ihrer Angelegenheit mit dem kalten Blute des Greises, nicht mit Ihrem
heissen Herzen, und lassen Sie mich wissen, wofür Sie sich entschieden haben.
    Und was täten Sie? fragte Alfred.
    Ich habe durch vierzig Jahre gelernt, mein Glück in dem Wohle Anderer zu
suchen; ich habe nichts für mich erstrebt; meine eignen Wünsche früh begraben.
Fragen Sie mich nicht, es muss Jeder aus seiner eignen Natur den rechten Weg
ermitteln. Gott sei mit Ihnen, werter Freund!
    Alfred umarmte den Greis gerührt und eine Träne perlte in seinen Augen. Ob
sie der Zorn, ob sie der Schmerz erpresst? wer wollte das entscheiden, in einer
Stunde, in der so verschiedene Gefühle ihn bestürmten!
 
                                      XIII
Die Nacht verging dem heftig Erregten ohne Schlaf. Er legte das Wohl seiner
Untergebenen gegen seine eigenen Wünsche in die Wagschale; er hielt es sich vor,
wie man seinen Sohn von ihm trennen, ihn in einer Richtung erziehen werde, die
ihm verwerflich schien. Bald wollte er Alles opfern, um nur frei zu werden, bald
fühlte er den Mut, dem Glück der Liebe zu entsagen, um in Pflichterfüllung Ruhe
und geistige Befriedigung zu erlangen. Je länger er wachte, je mehr erhitzte
sich seine Phantasie. Jeder Atemzug des schlafenden Knaben berührte schmerzlich
sein Ohr. Das Kind schlief so ruhig, es ahnte nicht, welch schweren Kampf sein
Vater in sich kämpfte, wie er mit sich rang, dem Sohne das grösste Opfer zu
bringen. Alfred konnte keine Ruhe auf dem Lager finden, er stand auf, um dem
Präsidenten den Vorfall zu berichten. Dann schrieb er dem Domherrn und bat, wenn
sie zu schaffen sei, um eine Abschrift des betreffenden Codicills. Darüber kam
endlich der Morgen heran, und noch lastete die in bangen Zweifeln verlebte Nacht
schwer auf seinem Geiste. Die Stunden der Dunkelheit hatten seinen Blick in die
Zukunft getrübt; er sah die Welt in den düstersten Farben an, und atmete erst
auf, als der erste Lichtstrahl in sein Auge fiel, als er das Licht wieder in der
Natur erblickte. Damit wachte die Hoffnung in ihm auf, sein Mut belebte sich
und die Fähigkeit zu kräftigen Entschlüssen fing sich in ihm wieder zu regen an.
    Aber sein Kopf glühte, sein Körper war fieberisch erregt, er ging hinaus ins
Freie, um sich abzukühlen. Ein frischer Reif hatte sich über den Boden gelegt
und zitterte glitzernd auf Gras und Laub. Es war empfindlich kalt, indes diese
Kälte tat dem Aufgeregten wohl. Die Gegend erschien ihm doppelt schön, sein
Besitz war ihm doppelt lieb, da er an die Möglichkeit dachte, sich von allem
Diesem trennen zu müssen. Er band im Garten ein paar junge Bäume fest, die er
einst selbst gepflanzt hatte; es tat ihm leid, dass man sie in seiner
Abwesenheit nicht gehörig besorgt hatte. Mitten in der Arbeit hielt er inne: Das
Schicksal eines Baumes bewegt Dich, sagte er, und Du könntest daran denken, das
Loos aller Deiner Untergebenen, das Loos Deines Sohnes einer fremden Hand
anzuvertrauen? Unmöglich!
    Sein Entschluss, in seinem bisherigen Wirkungskreise zu bleiben, befestigte
sich in seiner Seele; aber als er ihn gefasst, als er ihn ganz durchdacht hatte,
da drängte sich ihm schmerzlich die Frage auf, wie er es tragen werde, auf das
Glück zu verzichten, das er sich in der Vereinigung mit Terese erhofft hatte.
Er wollte ihr schreiben. Was sollte, was konnte er ihr aber sagen? Er zweifelte
nicht an ihrer Liebe, er wusste, dass sie die seine kenne. Durch Julian musste sie
erfahren, wie es ihm unmöglich werde, den Wünschen seines Herzens zu folgen; wie
er sich Dem opfere, was er für seine Pflicht halte. Zu schreiben fehlte ihm der
Mut, dennoch verlangte er lebhaft sie wiederzusehen.
    Um die Frühstückszeit kehrte er in das Schloss zurück. Er küsste Felix und
drückte ihn an sich mit einer Bewegung, die dem Knaben nicht entging. Lange
hielt er ihn in seinen Armen fest, er erkaufte den Sohn mit dem Glück der eignen
Zukunft.
    Sein Begegnen mit Caroline war kalt. So sehr er dagegen kämpfte, er konnte
eines Grolles gegen sie nicht Herr werden, den er früher nicht empfunden hatte.
Es war ihm, als stände nicht das Testament des Onkels, sondern sie allein
zwischen ihm und seinen Wünschen, als trenne sie allein ihn von seinem Glück.
    Der Tag verging in Tätigkeit mancher Art. Er hatte Berechnungen
durchzusehen, die Arbeiten im Felde und in den Fabriken zu revidiren. Eine
Vermessung des Forstes war nötig, sie sollte am heutigen Tage angefangen
werden, und Alfred wollte dabei sein. Er ritt hinaus, nahm den Knaben mit sich;
aber er konnte die rechte Lust an der Arbeit nicht finden. Er fühlte sich
innerlich gehemmt. Die Leute, mit denen er sprach, fanden ihn nicht so klar und
so bestimmt wie sonst, ihm selber war zu Mute, als trete er heute den Besitz
aufs Neue an; aber er freute ihn nicht, denn er litt noch zu sehr von dem Opfer,
durch das er sich ihn erwarb und erhielt.
    Ein reitender Bote war zum Domherrn nach Maria-Gnad gesendet. Er kam zurück
und brachte die Antwort, der Domherr werde wieder zu ihm kommen, und der würdige
Greis hielt ihm sein Wort.
    Alfred ging ihm bis an die Grenze seines Parks entgegen. Des Domherrn Blicke
fragten, was er beschlossen habe? Alfred verstand die stumme Frage und sagte
tiefaufatmend, sobald er mit dem Freunde allein war: Ich bleibe hier, mein
Freund! Aber die Worte klangen so mutlos, dass der Domherr ihn bekümmert ansah
und ihn fragte: Und erhebt Sie der schöne Entschluss nicht, den Sie gefasst haben?
    Nein, antwortete Alfred, ich bringe das Opfer nicht freudig; ich fühle meine
Pflicht wie eine schwere, drückende Bürde.
    Das ist der erste Schmerz, meinte der Domherr; Sie werden ihn überwinden,
glauben Sie mir, und Glück und Freude wird Ihnen daraus erwachsen.
    Alfred schüttelte ungläubig das Haupt und schwieg. Dann sagte er: Nun habe
ich eine Bitte an Sie, teurer Freund! Uebernehmen Sie es, mit meiner Frau die
Massregeln zu besprechen, die für unsere Zukunft nötig sind. Ich würde es gern
sehen, wenn sie von Rosental, das mir besonders wert ist, fortzöge. Sie soll
wählen, ob sie auf Worben oder auf Plessen wohnen will. Das Gut, das sie
vorzieht, will ich ganz nach ihren Wünschen einrichten lassen; gleichviel, ob
sie es für immer oder nur als Sommeraufentalt zu bewohnen gedenkt. Sie selbst
soll das Jahrgeld bestimmen, das sie zu bedürfen glaubt, und jede Verfügung
treffen, die ihr für ihr Leben angenehm scheint. Ich werde in Berlin bleiben,
meines Sohnes wegen, denke aber alle sechs, acht Wochen mindestens ein paar Tage
hieherzukommen. Ohne das Auge des Herrn gedeiht nichts, das sehe ich, und ich
hoffe, auf die Weise, die ich Ihnen andeutete, all meinen Pflichten genügen zu
können.
    Der Domherr hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: Es ist mein Beruf, zu
versöhnen, nicht zu scheiden. Ihren Gütern habe ich Sie durch meine Bitten
erhalten; wäre es mir doch möglich, Sie auch Ihrer Frau zu erhalten! Was Gott
verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen. Bedenken Sie nur, dass aller
Vorteil dieser Trennung Ihnen allein zu Gute kommt. Sie behalten den Sohn, Sie
haben ein freies, durch Tätigkeit mancher Art ausgefülltes Leben; was hat eine
Frau zu erwarten, die man von ihrer Familie trennt?
    Kein schlimmer Loos, als ich alle diese Jahre hindurch an ihrer Seite
erduldet habe, sagte Alfred.
    Aber Sie hatten den Sohn, sich zu trösten! wendete der Domherr ein.
    Und was hat das vortreffliche, edle Mädchen, das ich liebe, dem ich entsage,
sich zu trösten, als sich selbst? rief Alfred bitter. Muss dieses, das schuldlos
leiden wird, nicht trachten, mit sich einig zu werden, in sich die Kraft für ihr
Leben zu finden? Muss ich nicht ein einsames Dasein erdulden? Muss ich nicht
darben, wo ich ein Glück geniessen könnte? - Nein, nein, lieber Freund!
verschwenden Sie Ihre wohlgemeinten Bemühungen nicht. Ich weiss, was mir frommt,
was uns frommt. Gehen Sie zu meiner Frau und machen Sie meinen Wünschen sie
geneigt. Ich bin zu jedem Zugeständnisse bereit, wenn wir uns auf friedlichem
Wege trennen können. Aber trennen müssen wir uns!
    Vergebens machte der Domherr neue Friedensvorschläge, Alfred beharrte auf
seinem Willen und Jener verfügte sich zu Caroline, um ihr die Wünsche ihres
Mannes mitzuteilen. Sie hörte den Greis, der ihr durch sein geistliches Amt
ebenso Ehrfurcht gebot, wie durch seine Person, mit mehr Ruhe an, als ihr sonst
eigen war, beschwerte sich dann bitter über das Loos, mit einem so
phantastischen, launenhaften Manne verbunden zu sein, klagte Alfred wegen einer
Menge Fehler an, und sagte endlich: sie könne keinen Entschluss fassen, sie wolle
sich erst mit dem Kaplan beraten, da ihr Mann den Domherrn zu seinem Beistand
erwählt habe. Damit erklärte dieser sich, wiewohl ungern, einverstanden, weil er
dem Kaplan misstraute, und ging zu Alfred zurück, ihn von dem Erfolg seiner
Sendung zu benachrichtigen.
    Im Hause herrschte danach ein sehr peinlicher Zustand. Die Gatten sahen sich
gar nicht, ausser während der Mahlzeiten. Alfred sass verdüstert an der Tafel,
Caroline liess ihren Missmut an der Dienerschaft aus, die verlegen und
eingeschüchtert ihr Amt verrichtete, und selbst Felix ward scheu und unlustig.
Er kam Alfred wie ein Vogel vor, der bei herannahendem Sturm instinktmässig die
Gefahr empfindet, bange umherflattert und nicht weiss, wie er sich schützen soll,
da er das Uebel nicht kennt, das ihn bedroht. Das Kind tat ihm sehr leid und
machte ihm durch seine sorglosen Fragen Kummer. Alfred erwartete deshalb die
Entscheidung mit Ungeduld; aber der Kaplan war für ein paar Tage verreist und
man musste sich bis zu seiner Rückkehr bescheiden.
 
                                      XIV
Sobald der Kaplan heimgekommen war, verfügte er sich zu Caroline. Er hörte ihr
zu, als sie ihm klagte, und hatte, wie es seine Art war, das Gesicht in die Hand
gelehnt, so dass er den Ausdruck seiner Züge verbarg. Als sie ihren Bericht
geendet hatte, sagte sie: Nun wissen Sie Alles, nun raten Sie mir, was soll ich
tun?
    Was wünschen Sie zu tun? fragte er.
    Können Sie das fragen? rief Caroline. Ich habe es Ihnen tausend Mal gesagt,
es ist eine wahre Torheit, dass mein Mann an eine Scheidung denkt; es ist gar
kein Grund dazu vorhanden. Mein Gott! ich habe ja nie geleugnet, dass es dann und
wann einen Streit zwischen uns gegeben hat, aber wo wäre eine Ehe, in der das
nicht vorkäme? Mein Vater hat mit beiden Frauen wie die Engel im Himmel gelebt
und nach jedem kleinen Zank ist die Versöhnung eine neue Freude geworden. Warum
nimmt mein Mann denn Alles so gar schwer?
    Also wünschen Sie mit ihm vereint zu leben? fragte der Kaplan weiter!
    Natürlich! sagte Caroline. Ich allein habe mich im Grunde zu beklagen. Ich
weiss, dass mein Mann in der Stadt in vielfachen Verhältnissen lebt, die meine
Rechte beeinträchtigen, während ich ihm ganz und gar ergeben bin. Ich habe das
getadelt, ich habe ihm gesagt, dass ich eifersüchtig sei, aber muss man sich
deshalb trennen? Was gewinne ich denn durch eine Trennung? Mein Sohn wird mir
entzogen, das ist das Schrecklichste für eine Mutter. Aus einer Frau, die jetzt
die schönste Stellung in der ganzen Provinz hat, die Jeder beneidet, soll ich zu
einer Wittwe werden, die ein Gnadenbrot geniesst. Und weshalb? Weil Alfred sich
einbildet, unglücklich zu sein. Aber ich habe mich nicht unglücklich gefühlt,
und ich will es auch nicht werden. Alfred wird allmälig seine poetischen Grillen
vergessen und wir werden wieder ganz zufrieden leben wie bisher. Eigentlich war
es eine Kleinigkeit, ein unbedeutender Streit, der den ganzen Aufruhr
veranlasste; ich wäre also töricht, wollte ich nachgeben und mich in die
Vorschläge meines Mannes fügen.
    Glauben Sie, dass Herr von Reichenbach sich von Ihnen zu einer
Wiedervereinigung bewegen lässt? fragte Ruhberg.
    Ich zweifle daran, denn er ist sehr eigensinnig.
    Und Sie wollen sich um keinen Preis von ihm trennen?
    Nein! rief Caroline bestimmt.
    So vertrauen Sie mir, sagte der Kaplan, und folgen Sie unbedingt meinem
Rate. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Sie allein sollen schwere Opfer bringen,
damit Herr von Reichenbach seinen Neigungen ungehindert nachgeben könne, und
obenein will er sie zwingen, eine Sünde zu begehen. Da sei Gott für, dass ich
dies geschehen lasse! Ihre Seele ist vom Himmel meiner Obhut anvertraut, ich muss
jenseits Rechenschaft für sie ablegen, und ich darf und werde nicht zugeben, dass
man Sie dazu drängt, ein Unrecht zu begehen. Er hielt inne und sagte dann nach
einiger Ueberlegung: Verwerfen Sie alle Anträge, die Herr von Reichenbach Ihnen
macht. Erklären Sie fest, dass Sie sich nicht von ihm trennen wollen, dass Sie
verlangen, er solle Sie in alle Ihre Rechte wieder einsetzen.
    Und wenn er es verweigert?
    So bestehen Sie dennoch darauf. Einstweilen bleiben Sie äusserlich in der
Stellung, die Ihnen wert ist, und wir gewinnen Zeit; und Zeit gewonnen, Alles
gewonnen!
    Aber wohin soll das führen?
    Zu einer Vereinigung Derer, die zueinander gehören, sagte der Kaplan. Zögert
Herr von Reichenbach, sich mit Ihnen auszusöhnen, so tun wir, als ob Sie eine
gerichtliche Scheidung verlangten oder gänzliche Vereinigung. Zu der Ersten kann
er es aus Gründen, die ich Ihnen seiner Zeit entüllen werde, nicht kommen
lassen; er wird den friedlichern Ausweg wählen und ich hoffe, Sie werden es
nicht zu bereuen haben, dass Sie sich mir vertrauten.
    Mein Mann wünscht in einigen Tagen von hier abzureisen und will meinen Sohn
mit sich nehmen, sagte Caroline nachdenkend und zögernd.
    Hindern Sie ihn nicht daran, diese Trennung ist für den Augenblick
notwendig. Sie müssen Beide ruhiger werden, um sich mit einander verständigen
zu können.
    Herr Kaplan! rief Caroline, ich habe nur den einzigen Sohn, ich liebe ihn
wie mein Leben; fühlen Sie, wie mir der Gedanke das Herz bricht, mich von ihm zu
trennen?
    Arme Frau! sagte Ruhberg und drückte zärtlich ihre Hand. Mag das Beispiel
der gebenedeiten Gottesmutter Sie stärken. Je schwerer der Kampf, desto schöner
der Sieg. Sie bringen sich selbst zum Opfer, um Ihren Gatten zu seiner Pflicht
zurückzuführen. Solche Werke gefallen Gott wohl.
 
                                       XV
Am Abend dieses Tages begab sich Caroline in das Zimmer ihres Mannes, der mit
dem Domherrn über Land gefahren war. Sie hatte Alfred ihren Entschluss
schriftlich mitgeteilt, Ruhberg den Brief gezeigt und ging jetzt, ihn auf den
Schreibtisch zu legen, damit jener ihn bei seiner Rückkehr fände. Schon wollte
sie sich wieder entfernen, als ein anderer Brief ihre Aufmerksamkeit fesselte.
Er war an Alfred gerichtet und offenbar von weiblicher Hand geschrieben.
Carolinen's Mistrauen war augenblicklich angefacht. Sie hielt den Brief prüfend
gegen das Licht. Das Couvert war von dunklem Papier, sie konnte nichts von dem
Inhalt erspähen. Sie schwankte eine Weile, dann sah sie nach der Uhr,
berechnete, dass ihr noch eine lange Zeit bis zu Alfred's Rückkehr bleibe, nahm
den Brief und eilte damit in ihr Zimmer. Dort angekommen, eröffnete sie ihn. Er
war französisch geschrieben und »Sophie Harcourt« unterzeichnet. Ihre Eifersucht
flammte hell auf. Der Brief lautete: »Mein teurer Freund! Ich habe bis jetzt
vergebens Ihre Rückkehr erwartet, ich habe darauf gehofft, wie auf das einzige
Glück, das mir noch werden kann. Mein Herz verlangt darnach, sich vor Ihnen zu
öffnen, keine Falte meiner Seele soll Ihnen verborgen bleiben; ganz und
ungeteilt sollen Sie mich kennen. Ich bin gewiss, Sie werden mich nicht
verdammen, Sie werden den Schritt billigen, den ich zu tun gedenke. O! wüssten
Sie, was ich für Sie empfand in der Stunde unseres Begegnens; wüssten Sie, mit
welchen Gefühlen ich an Sie denke! Sie haben mich vor schwerem Verbrechen
bewahrt. Eifersucht, Verzweiflung durchtobten mich, ich war zu dem Äussersten
bereit. Da kamen Sie wie mein guter Engel, wie zu meinem Schutzgeist blicke ich
zu Ihnen empor!«
    So weit hatte Caroline zitternd gelesen, als sie das Rollen eines Wagens
hörte. Sie steckte den Brief in das Couvert, machte dies geschickt wieder zu und
eilte, es auf den Schreibtisch ihres Mannes zu legen, der gleich darauf in das
Zimmer trat.
    Er langte hastig nach dem Briefe seiner Frau und sah mit Ueberraschung, dass
sie alle seine Vorschläge verwarf. Das hatte er nicht erwartet, er begriff
nicht, was sie zu erreichen hoffte, was sie mehr verlangen könne. Die neuen
Hindernisse verstimmten ihn, mehr noch die Art, in welcher der Brief geschrieben
war. Mit der kalten Gewohnheit des Geschäftsmannes öffnete er das andere
Schreiben und las es mit immer wachsender Teilnahme und Rührung. Nach der
ersten Einleitung hiess es weiter:
    »Ich bin in einer Welt erzogen, in der man die hergebrachten Sitten und
Gewohnheiten geringschätzt, ich habe sie verachten gelernt. Ich habe Frauen und
Männer gekannt, die unter dem Schein der Zucht und Ehrbarkeit all ihren Lüsten
fröhnten. Heute sah ich junge Gatten sich vor dem Altare verbinden und schon
wenig Wochen darauf kniete der Mann, der einem Engel der Unschuld Treue gelobt,
zu den Füssen eines Weibes, das nicht wert war, jenem Engel die Schuhriemen zu
lösen. Ehrenmänner vertrauten der Tugend ihrer Frauen, die in den Armen junger
Laffen den unbefleckten Namen ihres Gatten preisgaben - und die Welt hielt jene
Frauen für rein, jene Männer für untadelhaft!
    In meinem Beruf darauf angewiesen, durch den Schein die Wahrheit
darzustellen, ist mir der Schein verhasst geworden und mein ganzes Dasein ist ein
Streben nach Wahrheit gewesen. Jene Verbindungen, die aus Habsucht und tausend
andern Rücksichten geschlossen, mit dem ehrbaren Namen einer rechtmässigen Ehe
die ungezügelte Freiheit des Lasters heiligen, widerten mich an. Mich dünkte die
Fessel unwürdig, die man sich mit einem Eide auferlegt. Waren doch so Viele nur
zu bereit, die drückende Kette zu lockern, sich so frei darin zu bewegen, als
möglich. Ich habe die Ehe in ihrer jetzigen Form tief verachtet. Man setzt einen
Preis für die gegenseitige Liebe fest, man zügelt dies Gefühl bis zu der Stunde,
in der ein fremder Mann, ein Priester, erlaubt, dass man sich angehören dürfe.
Dann werden fremde Menschen zu festlichem Gelage vereint; in perlendem Wein
erhitzen sich die Geister, freier und kühner werden die Scherze der
glückwünschenden Männer vor dem beleidigten Ohre der zitternden Braut, und
mitten aus dem wilden Gewühl entführt sie der Bräutigam zu den Mysterien der
Liebe, wie ein Sultan die Odaliske, und das freche Lächeln der Hochzeitgäste
begrüsst am nächsten Morgen die Neuvermählte. Das nennt man Sitte, das nennt man
Keuschheit und Civilisation! das heiligt die Kirche, das beschützt der Staat!
    Wie tief entwürdigt erschien mir in solchen Augenblicken das Weib, wie roh
die Menschen, die solche Hochzeitsfeier heilig nennen! Wie glücklich, wie rein
fühlte ich mich in dem Gedanken, einem geliebten Manne zu gehören, ohne Eid und
Schwur; sein geworden zu sein in einer Stunde seligster Entzückung, in der wir
die Welt im Herzen trugen, die heiligste Welt der Liebe, die keiner geputzten
Hochzeitzeugen bedarf, weil sie das Recht zu gänzlicher Vereinigung in sich
selbst besitzt!
    Ich habe geglaubt, der Mensch bedürfe keines andern Zwanges; die Erkenntnis
des Wahren, die Liebe, das Recht, das seien die Gesetze, das sei die Religion
für den Denkenden. Ich wollte nicht heimlich tun, was ich für Recht hielt, ich
wollte nicht geduldet werden durch scheinbare Unterwerfung unter die Sitte. Frei
und stolz, habe ich gesagt, so handle ich, und ich handle Recht, weil ich weiss,
dass ich nie von dem Wege wahrer Pflicht und wahrer Ehre weichen werde.
    Ich habe nie verlangt, dass Julian sich mir mit heiligen Schwüren gelobe, ich
habe ihm niemals Treue versprochen. Schwört man denn zu halten, was man nicht
unterlassen kann, ohne in Verzweiflung unterzugehen? Hätte ich je aufhören
können, Julian zu lieben, so würde ich mich für frei gehalten haben. Oft habe
ich ihm das gesagt; oft ihn versichert, er solle frei sein von jedem Bande, das
ihn an mich binde, sobald er mich nicht mehr seiner Liebe würdig fände. Ich war
meiner so gewiss; ich hielt seine Liebe für so unwandelbar als die meine.
    Ich habe mich getäuscht. Ich habe dem Herkommen, der Sitte Hohn gesprochen,
jetzt rächen sie sich an mir. Julian, den ich frei wähnte von den Vorurteilen
der andern Menschen; Julian, dem ich rückhaltlos vertraute, verlässt mich jetzt.
Seine Liebe ist erkaltet. Er lässt sich von mir reissen durch den Tadel, den die
törichte Menge auf mich und auf unsere Verbindung wirft. Ich habe ihn verloren,
mein Leben ist damit zu Ende.
    Ich wollte sterben, weil ich nicht zu leben wusste, weil ausser Julian kein
Mensch für mich lebte in der Welt; weil Alles mir gleichgültig war ausser ihm.
Sterben schien mir das seligste Ruhen nach schwerem Leid.
    Da kamen Sie! - Ein Mensch! rief es in mir. Ihr Wort war mild, Ihr Ton, Ihr
Blick Erbarmen. Gott lohne es Ihnen, Sie haben mich vom Tode gerettet; Sie
wollten mich dem Leben der Kunst wiedergeben, ich folgte Ihnen gern, aber ich
vermag es nicht.
    Wie könnte ich heiter schaffen, wie könnte ich jetzt noch Andere erfreuen?
Was könnte mich belohnen, wenn sein Auge mir nicht mehr folgt, mir nicht mehr
Beifall winkt?
    Die Zeit des Spiels, des Glückes ist vorüber, die Tage der Busse sollen ihr
folgen. Ich vermass mich im törichten Übermut der Jugend, freier, stärker zu
sein, als es dem Menschen gegeben ist. Mein Glück sollte ein Beweis werden, dass
nur in der Freiheit der Liebe die Reinheit der Ehe bewahrt bleibe; dass der
Mensch die Freiheit verdiene, dass sein Gewissen die Gotteit sei, die sich
Gesetze gibt nach dem eigenen Bedürfnis.
    In den Stunden des tiefsten Leides, als meine Kraft mich verliess, schlug ich
angstvoll die Hände zusammen und hob sie empor gen Himmel. Von Oben kam mir
Stärkung und Trost. Ich fühlte, dass Einer über den Wolken lebt und dass wir Staub
sind. Ich habe beten gelernt.
    Jetzt ist mir wohl, ich bin müde, aber frei von Schmerz und Kampf. Ich weiss,
was allein mir für die Zukunft frommt. Ich habe gefehlt gegen die Gesetze der
Sitte, die Gott und Menschen mit hoher Weisheit zwischen uns und unsere
Leidenschaften stellten. Gott und die Menschen muss ich versöhnen, damit ich Ruhe
finde in mir.
    Mein Entschluss steht fest, ich hoffe, Sie werden ihn billigen. Kommen Sie
bald. Gott sei mit Ihnen und mache Sie glücklich!«
    Sinnend betrachtete Alfred das Blatt, als er den Brief geendet hatte. Wer
wirft den ersten Stein auf sie? fragte er sich selbst. Das Schicksal der
Verlassenen rührte ihn sehr. Sophie, die von der Welt, von unsern Sitten
Gebrandmarkte, Sophie, auf welche die Frauen der guten Gesellschaft mit schnöder
Verachtung hinabblickten, wie rein und schön stand sie vor ihm! Welche Liebe,
welche Wahrheit und welche kühne Seele offenbarten sich in den Fehltritten
dieser Frau!
    Warum stand ihr kein schützender Vater, keine treue Mutter zur Seite? fragte
es in ihm. Warum ward diese edle Natur hingeschleudert in den Kreis einer
Sittenverderbniss, von der sie sich verletzt abwendete, um sich den
misverstandenen Lehren einer Schule zuzuneigen, die zwar Wahrheit und Recht
erstrebt, aber auf falschem Wege? Warum ihr der furchtbare Kampf? Warum ihr das
schwere Leid? Das waren Fragen, für die er keine Lösung in sich fand, und mit
bewegtem Gemüt seufzte er, als er den Brief von sich legte: Gott gebe, dass sie
jetzt wirklich richtig erkenne, was ihr frommt, dass sie Ruhe und Frieden finde.
    Da stürzte Felix in heftiger Aufregung in des Vaters Zimmer: Vater! rief er,
Vater! die Mutter weint und schilt auf Dich. Sie sagt, Du wärst ein schlechter
Mann und Du hättest sie betrogen. Ich sage, das ist nicht wahr, denn das tust
Du nicht. Da hat die Mutter mich von sich gestossen und gesagt: ach! Du bist wie
der Vater, gehe zu ihm, ich mag Dich nicht!
    Noch während des Knaben Erzählung trat die Mutter ein. Caroline! rief
Alfred, was hast Du getan? Ist es meine Schuld, dass der Knabe so Schmachvolles
erlebt? Kann eine Mutter so wenig Achtung vor ihrem Kinde haben? Was hat Dich
denn jetzt wieder so ganz verwirrt?
    Und Du kannst noch fragen? Verstossen zu werden um einer Schauspielerin, um
einer Dirne willen? rief Caroline völlig ausser sich. Aber ich will es nicht
erleben, dass eine solche die Stiefmutter meines Kindes werde, an meiner
Festigkeit sollen alle Deine Ränke scheitern!
    Jetzt erst begriff Alfred, was geschehen war. Geh hinaus, Felix! die Mutter
ist krank, sie redet irre, ich bleibe bei ihr, sagte er, und führte den Sohn
hinweg. Dann kehrte er zu seiner Frau zurück.
    Ich weiss, woher Dein Argwohn stammt, sagte er, Du hast wieder einmal meine
Briefe zu lesen versucht und musst dabei gestört worden sein. Du sollst
vollenden, was Du begonnen hast. Hier ist das Blatt, lies es zu Ende.
    Ich finde keine Unterhaltung in Liebesbriefen, die Schauspielerinnen meinem
Manne schreiben! spottete Caroline.
    Nicht von meiner Liebe ist darin die Rede, entgegnete Alfred, sondern von
Julian's, den Verhältnisse zwingen, sich von einer Frau zu trennen, welche
seiner vollen Liebe wert ist. Auf seinen Wunsch habe ich sie einmal gesehen.
Aber lies den Brief, so unrecht es ist, Sophien's Vertrauen preis zu geben, so
kann sie in diesem Falle nur dabei gewinnen, und ich nehme die Verantwortung auf
mich. Lies ihren Brief, ich fordere es von Dir.
    Sie tat, wie er's verlangte, aber ihre Hände zitterten dabei, sie schämte
sich des Unrechts, das sie ihrem Manne angetan, und er wusste ihr diese Bewegung
Dank, sie stimmte ihn milder gegen sie. Kaum aber hatte sie den Brief beendet,
kaum sah sie die Spannung, mit der ihr Mann sie betrachtete, als sie sich ihrer
weicheren Gefühle wie einer Schwäche anzuklagen begann. Die Geliebte Julian's
schien ihr keines Mitleids wert, jede Beziehung ihres Mannes zu einer
leichtfertigen Schauspielerin eine Sünde gegen sie und gegen die eheliche Treue.
    Sie legte den Brief mit kalter Miene aus der Hand, und sagte mit
verächtlichem Achselzucken: Warum vergass sie Pflicht und Ehre? Da bleibt die
Reue niemals aus. Verdienen solche Personen es denn anders? Können sie Besseres
erwarten? Und um solch elende Geschöpfe werden wir verlassen!
    O! dass Ihr Alle die Seele dieser Frau besässet, dass ihr die himmlische Liebe
verständet, sprach Alfred sehr ernst, die sich in ihrer freien Hingebung
verrät! Ihr würdet nie verlassen, Ihr würdet angebetet werden!
    So weit ist es gekommen, rief Caroline ausser sich, dass Du mir, dass Du Deiner
Frau eine verlorene Person zum Vorbild aufzustellen wagst? Liebe, wen Du willst,
aber beleidige mich wenigstens nicht durch solche empörende Vergleiche. Diese
Verachtung verdiene und ertrage ich nicht von Dir.
    Aber können wir uns denn gar nicht mehr verstehen? fiel ihr Alfred in die
Rede. Willst Du Dich und mich denn absichtlich nur immer mehr verletzen, leiden
wir nicht schon genug? Wir können nicht neben einander leben, das fühle ich mehr
und mehr; aber lass uns wenigstens in Frieden scheiden. Wir haben nicht
zusammengehört, wir werden uns trennen und doch einander nicht vergessen können.
Lass unser letztes Beisammensein denn ruhig enden, lass uns von einander scheiden
ohne Hass und Groll.
    Er schwieg, sie weinte. Alfred! rief sie dann ganz plötzlich aus, schwöre
mir, dass Du Sophie nicht liebst, dass Du nicht nach Berlin zurückkehrst, und ich
will Dir alles Andre glauben, Alles soll vergessen sein, Alles soll gut werden,
ich versprech es Dir.
    Was soll gut werden? was war denn gut? Hat Deine Eifersucht jemals
geschwiegen? Hat sie mich nicht gemartert, wo immer und wie immer wir auch
lebten? fragte Alfred.
    Ich will Dein Betragen vergessen aus Liebe für Dich, fuhr Caroline fort, ich
will Alles verzeihen, aber -
    Was willst Du vergessen und verzeihen? fragte Alfred nochmals; den
ungerechten Argwohn, den Du hegst, obgleich Du den Beweis dagegen in Händen
hast? - Du willst vergessen, dass Deine Launen, Deine Unliebenswürdigkeit mich
aus der Heimat trieben? Denn nur sie, nur unsere unglücklichen Zerwürfnisse
zwangen mich dazu, das schwöre ich Dir! - Du willst mir verzeihen, dass Du mich
in Gegenwart unseres Sohnes mit niedrigen Vorwürfen überhäuftest? - Das ist
grossmütig von Dir!
    Ich will vergessen, dass Du mich nicht liebst, dass Du Dich von der Mutter
Deines Sohnes trennen willst, sagte Caroline erweicht und leise weinend. Alfred
tue das nicht, denn - glaube mir - ich überlebe es nicht.
    Der Ton schlug an sein Herz und der schwere Kampf der letzten Tage erneute
sich in ihm. Alte Erinnerungen sprachen für die alten Bande, für Frieden und
Nachsicht; aber Carolinen's falsche Begriffe von der Würde der Gattin zerstörten
den guten Eindruck wieder. Sie hatte die bittenden Worte kaum gesprochen, als
sie gleich wieder fürchtete, sich zu sehr gedemütigt, ihren Rechten Etwas
vergeben zu haben, und mit gewohnter Kälte und Heftigkeit fügte sie hinzu: Denn
in die Scheidung, das weisst Du, willige ich niemals; ich werde Rosental
freiwillig nie verlassen, denn ich würde es für ein Verbrechen gegen Felix
halten, meine und damit seine heiligen Rechte zu opfern, nur weil es Dir
bequemer wäre, frei und zügellos zu leben wie der Präsident.
    Die Worte empörten Alfred. Ein neuer heftiger Streit entstand, und endete
mit einer gegenseitigen Erbitterung, wie die Gatten sie in solchem Grade noch
nicht gegeneinander empfunden hatten.
    Spät am Abende liess Alfred seine und des Knaben Sachen packen, schrieb
danach dem Domherrn, dass noch kein Vergleich zwischen ihm und seiner Frau zu
Stande gekommen sei, und dass er ihn also bäte, auf einen solchen hinzuwirken.
Dann setzte er die nötigen Verhaltungsbefehle für den Inspektor der Fabriken
und für den Wirtschafter auf und schickte seiner Frau folgendes Billet:
    »Ich räume Dir das Feld, da Du trotz meiner Bitte darauf beharrst in
Rosental zu bleiben. Morgen früh fahre ich mit Felix nach Worben, dann nach
Plessen. Ich habe an beiden Orten noch für mehrere Tage zu tun und verlange,
dass Du nach keinem von beiden kommest, so lange ich dort verweile. Ich kann Dir
nicht verwehren, Felix vor der Abreise zu sehen; aber ich fordere, dass Du dem
Kinde keinen ähnlichen Auftritt bereitest, wie der heutige es war. Ich habe ihm
gesagt, dass ich ihn zu der Geschäfts-Reise mit mir nehme; lass ihm den Glauben
und beflecke seine junge Phantasie nicht mit den widrigen Bildern unseres
Streites. Für ihn und für Dich verlange ich, dass Du ihm Dein Andenken rein
erhältst.«
 
                                      XVI
Der Morgen war regnerisch und kalt. Alfred blieb mit Felix in seinem Zimmer, wo
sie allein das Frühstück eingenommen hatten. Das Kind war schlaftrunken und
fröstelte. Als Alles zur Abreise bereit war, ging er mit ihm zu Caroline.
    Schon? rief diese erbleichend, als sie bei ihr eintraten.
    Alfred, eben so erschüttert und bleich als sie, entgegnete: Ich wünsche
zeitig nach Worben zu kommen. Sage der Mutter Adieu, Felix.
    Der Knabe tat es mit gänzlicher Unbefangenheit. Er reichte der Mutter die
Hand und drückte einen Kuss auf ihre Lippen. Da rang sich ein Schrei des
Schmerzes aus ihrer Brust, vor dem Alfred erzitterte; es war einer jener
Naturlaute, die der Wilde mit dem civilisirtesten Menschen gemein hat. Sie
presste den Knaben an sich, als ob sie ihn für ewig halten wollte, und ihre
glühenden Tränen flossen auf ihn herab.
    Auch Alfred's Augen schwammen in Tränen, aber er ermannte sich, sagte
leise: komm, mein Sohn! und schritt mit ihm davon.
    Caroline stürzte ihnen nach, kniete neben Felix nieder, prüfte, ob sein
Anzug warm und fest sitze, zog ihm den Kragen des Mantels in die Höhe und
knüpfte diesen mit einem Tuche fest, das sie sich vom Halse nahm. Alfred's Herz
blutete ihm in der Brust.
    Mit abgewendetem Gesicht reichte er seiner Frau die Hand: Wie meinen
Augapfel werde ich ihn behüten! sagte er mit dem Tone, mit dem man einen
heiligen Eid schwört. Sie hielt seine Hand fest, drückte einen Kuss darauf und
rief: Lehre ihn nicht, mich zu hassen.
    Da sei Gott vor! entgegnete Alfred und ging schnell mit Felix hinaus, der,
vor Ueberraschung sprachlos, Alles mit sich geschehen liess.
    Mit gerungenen Händen sank Caroline auf das Sopha; dann eilte sie zum
Fenster und blickte dem fortrollenden Wagen nach, so lange ihre Blicke ihn
erreichen konnten.
 
                                 Zweiter Teil
                                        I
Gegen das Ende des Octobermonates war die vornehme Gesellschaft von Reisen, aus
den Bädern, und von ihren Landsitzen heimgekehrt und die Winterunterhaltungen
nahmen in der Residenz ihren Anfang.
    Wie ein fröhliches Kind in eine blühende Wiese hineinspringt, jauchzend vor
Lust und ungewiss, welche Blume es pflücken soll, weil alle ihm gleich schön und
begehrenswert erscheinen, so stürzte Eva sich in die Zerstreuungen, die sich
ihr darboten. Teater, Concerte, Bälle und Gesellschaften wurden ihr zu reichen
Quellen der Freude, und um so reicher, als ihre Anmut und Fröhlichkeit einen
grossen Kreis von Bewunderern um sie versammelten.
    Da sie fast an jedem Tage in Gesellschaft oder durch andere Zerstreuungen in
Anspruch genommen war, kam sie seltener zu Terese, brachte aber, so oft sie
erschien, einen solchen Schatz von guter Laune mit, dass Julian sich höchlich
daran ergötzte. Eines Abends kam sie früher, als sie pflegte, und ihr Diener
trug ihr mehrere Päcke Bücher nach.
    Terese bewillkommte sie, und Teophil, der dabei war, sagte: Meine gnädige
Frau! was bedeuten die Folianten, die Sie uns mitbringen? Sollten Sie die
Absicht haben, sich den Wissenschaften zu widmen?
    Komme ich Ihnen so alt und so häss ich vor, dass ich solch trauriger Zuflucht
bedürfte? entgegnete sie und fügte hinzu: aber eine ernste Angelegenheit ist es
allerdings und Ihr Alle sollt mir Rat geben.
    Terese und Teophil boten bereitwillig ihre Dienste an und wünschten zu
wissen, um was es sich handle.
    Das sage ich nicht eher, als bis Sie, Herr Assessor, mir eine Frage
beantwortet haben. Könnten Sie sich entschliessen, mir einen Dienst zu leisten,
an dem mir sehr viel gelegen ist?
    Von Herzen gern, wenn es in meiner Macht steht.
    O! das ist schon eine Hintertüre, durch die Sie entschlüpfen wollen, dies:
wenn es in meiner Macht steht. Dass Sie es tun können, das weiss ich, sonst
forderte ich es ja nicht. Etwas Ueberwindung könnte es Sie kosten, aber dafür
wäre es Ihnen auch höchst heilsam.
    Und was ist es denn? fragte Teophil.
    Sie sollen mit mir bei der Baronin Wöhrstein heute über drei Wochen in einer
maskirten Quadrille tanzen.
    Sie erzeigen mir zu viel Ehre, sagte Teophil, indem Sie Ihre Wahl auf mich
fallen liessen, aber ich verdiene sie nicht. Ich bin ein schlechter Tänzer,
gehöre überhaupt zu derlei Festen nicht und habe das der Baronin selbst gesagt,
die mich dazu eingeladen hat.
    Ach, das weiss ich ja Alles! rief Eva ungeduldig, das hat mir die Baronin
erzählt und doch müssen und werden Sie kommen. Erstens taugt Ihnen das ewige
Studiren, das Lesen und wieder Lesen gar nichts. Aus all den gelehrten Büchern
holen Sie sich Ihre Kopfschmerzen und aus den poetischen Romanen den
Lebensüberdruss und was Sie sonst noch quält. Sehen Sie, Herr Assessor, ich nehme
nie ein Buch in die Hand; aber ich gehe aus, ich spreche mit vernünftigen
Leuten, ich zerstreue mich alle Tage und davon bin ich gesund und zuletzt eben
so gescheidt als alle Andern. So sollen Sie es auch machen.
    Dies war nur »Erstens«, sagte Terese lachend, willst Du uns nicht das
Zweitens mitteilen?
    Zweitens, rief Eva, wird kein Cavalier einer Dame solche Bitte abschlagen,
drittens werden wir Beide zusammen vortrefflich sein und viertens will ich es
so, und darum muss es geschehen.
    Dies ist allerdings so entscheidend wie der letzte Beweis der Könige, die
Kanonen. Aber wollen Sie mir nicht wenigstens eine kurze Bedenkzeit gestatten?
fragte Teophil.
    Eva zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte: Es ist jetzt sechs ein halb Uhr,
um sieben, hat mir heute früh der Präsident gesagt, werde er zu Hause sein, um
an der Beratung Teil zu nehmen; so lange gebe ich Ihnen Frist, dann müssen Sie
sich entschieden haben. Inzwischen erlauben Sie, dass ich mit meiner Freundin
eine Privatverhandlung abmache. Nun denken Sie nach, edler Assessor! rief sie
und zog Terese an den Kamin, wo sie sich Beide niederliessen.
    Auf Teresen's Frage, was Eva wünsche, sagte diese: Ach Gott! ich möchte
gern so praktisch sein als Du. Da ist in diesen Tagen eine alte Frau bei mir
gewesen, deren Tochter Wittwe ist und sechs kleine Kinder hat. Der Mann ist
schon vor vier Monaten gestorben und nun soll das siebente Kind geboren werden.
Des Mannes lange Krankheit hat ihr ganzes Hab und Gut aufgezehrt, sie sind im
höchsten Elend, haben nichts zu essen, keine warmen Kleider, nichts, nichts.
Natürlich gab ich gleich Geld, damit sie Nahrungsmittel kaufen konnten und Holz.
Ich wollte auch gern von meinen Kleidern geben, aber was für nutzlose Lappen
besitzen wir in unserer Garderobe! Ich fand kaum ein vernünftiges Stück, das die
Leute brauchen konnten, nichts als elenden Atlas und Flor und solch dummes Zeug.
    Terese wollte wissen, wie die Frau heisse, wer sie an Eva gewiesen und wo
sie wohne? Eva antwortete: Das hatte ich Alles zu fragen vergessen, aber meine
Werner hat es erkundet, weil sie unbarmherziger Weise der Unglücklichen nicht
traute. Sie sagte, man müsse sich durch den Augenschein überzeugen. Ich fuhr
also mit ihr hin. Du ahnst es nicht, Beste! welch Elend ich da gesehen habe! ich
habe nie geglaubt, dass es solche Not gäbe. Seitdem kann ich an gar nichts
Anderes denken, als an diese Armen, und da ich so etwas gar nicht verstehe,
sollst Du mir sagen, wie ich helfen soll. Ich möchte es gern recht gut, recht
verständig machen; ich habe nie gearbeitet und bin so glücklich, und die Leute,
die so schwer arbeiten, sind so unglücklich, dass ich mich vor Ihnen schäme.
    Terese umarmte die junge Frau herzlich, erbot sich, selbst noch mit ihr zu
der unglücklichen Familie zu fahren, um zu sehen, wie man dem Elende am besten
steuern und den Leuten emporhelfen könne, und sagte: So, meine Eva, gefällst Du
mir, darin erkenne ich Dein gutes Herz. Wenn ich Dich ganz und gar von den
schalsten Zerstreuungen ausgefüllt sehe, bangt mir oft um Dich. Ich wollte doch,
Du betrachtetest das Leben nicht ganz wie ein Spiel, Du dächtest auch an den
Ernst desselben.
    Das kann ich nicht, rief Eva, das kann ich so wenig, als ein Schmetterling
arbeiten kann. Ich werde traurig, wenn ich ernst sein muss, deshalb probire ich
es gar nicht. Gott hat mir einen fröhlichen Sinn gegeben, mit dem ich das Leben
geniesse, weil ich jung bin. Werde ich alt und das Leben ist nicht mehr schön,
dann wird sich der Ernst schon finden. Bis dahin lasst mich gewähren!
    Bei Eva's letzten Worten erschien der Präsident und reichte ihr die Hand zum
Willkomm. Sie schlug aber die Arme übereinander und wendete sich ab, ohne ihn
anzusehen.
    Sind Sie noch böse, Eva? fragte er leise.
    Was haben Sie denn getan, Verzeihung zu verdienen? entgegnete sie. Den
ganzen Morgen haben Sie mir Vorwürfe gemacht über meine Verschwendung, über
meine Koketterie. Sie waren grade so liebenswürdig als mein seliger Mann, wenn
das Podagra bei ihm im Anzuge war und er üble Laune hatte. Bedürfte ich nicht
Ihres Rates für mein Costüme und Ihres Beistandes, um den Assessor zu
überreden, ich wäre heute gar nicht hergekommen, das können Sie mir glauben.
    Der Präsident entschuldigte sich, so gut er konnte, Eva liess sich begütigen
und Jener sagte, nachdem Terese sich entfernt hatte: Sie sollen mich ganz zu
Ihren Diensten finden, Eva; nur das Eine gestehen Sie mir, dass Ihnen Teophil
besonders gut gefällt, dass Sie ihn vor allen Männern auszeichnen.
    Das wäre eine Unwahrheit, wenn ich es gestände! rief Eva. Teophil ist
hübsch, er ist gut und er tut mir leid, weil er oft traurig und krank ist.
    Das Mitleid ist ein Vorläufer der Liebe, man könnte ihn darum beneiden!
    Sie doch nicht etwa, Julian? Sie, der mir heute bewies, die Liebe eines
Mannes beruhe auf dem Grade der Herrschaft, den er über eine Frau ausübe? Sie
haben mir gesagt, Sie forderten von einer Frau nichts als Unterwerfung, Sie
würden am meisten eine Frau lieben, die Ihnen Alles verdankte, und Sie könnten
Teophil um das Mitleid einer Frau beneiden?
    Um das Mitleid nicht, antwortete Julian, aber um die Neigung, aus der es
entspringt. Sie lieben Teophil.
    Eva sah ihn lächelnd an, ward verlegen und rief, als des Präsidenten Auge
durchdringend auf ihr ruhte: Und wer will mich daran hindern, wenn ich ihn
liebe?
    Ich gewiss nicht! antwortete der Präsident mit einem leichten Anfluge von
Spott.
    Eva schwieg eine Weile, dann wendete sie sich schnell von dem Präsidenten zu
Teophil und fragte, ob er entschlossen sei, mit ihr zu tanzen. Er bejahte es
und nun holte Eva die Folianten hervor, die sie mitgebracht. Es waren Werke über
Nationaltrachten und Costüme. Eine lange Beratung begann, während welcher Eva's
Heiterkeit unwiderstehlich war. Tausend Plane wurden gemacht und verworfen;
endlich blieb es dabei, dass sie als Oberon und Titania erscheinen sollten, da
durch die Aufführung des Sommernachtstraumes auf der Bühne das Interesse für
diese Dichtung lebhaft angeregt worden war. Die Costüme wurden gewählt, alle
nötigen Verabredungen getroffen, Eva war glücklich in der Aussicht auf den
maskirten Ball.
    Nun sehen Sie nur auch ein wenig fröhlich aus, lieber Teophil! sagte sie.
Sie wissen gar nicht, was Sie mir für einen doppelten Dienst leisten. Einmal
freut mich's, dass ich gerade Sie zum Partner habe, denn wir Beide passen ganz
prächtig zusammen mit unserm blonden Haar; Sie sind auch nicht so gross, als all
die langen Gardeoffiziere, die sich mir zu Tänzern angetragen haben und gegen
die man so gar klein erscheint. Sehen Sie nur, passen wir nicht gut? rief sie
und zog ihn nach dem Spiegel hin. Dann sagte sie: Ferner verhelfen Sie mir zu
dem schönsten Armbande in Berlin. Frau von Wöhrstein und ich trafen uns bei dem
Hofjuwelier und handelten Beide um dasselbe Armband, wollten es auch Beide
sogleich besitzen. Inzwischen sprachen wir davon, dass Sie nicht auf den Ball
kommen wollten, was der Baronin leid tat. Da fiel ich auf einen Ausweg. Ich
wette, sagte ich, dass ich Ihnen den Assessor für die Quadrille schaffe, wenn Sie
das Armband zum Preise aussetzen. Das war sie lachend zufrieden und nun haben
wir alle Beide unsern Willen und sind Ihnen Beide verpflichtet. Aber Sie
scheinen sehr gleichgültig gegen meinen Triumph! - Und in der Tat teilte
Teophil die Freude der jungen Frau nicht, die sich bald darauf entfernte, um in
eine Gesellschaft zu fahren, in die Julian ihr folgen sollte, denn der ganze
Scherz missfiel ihm.
    Das liebenswürdige Wesen bringt mich aus all meinen Gewohnheiten, sagte der
Präsident, nachdem er Eva an den Wagen begleitet hatte. Es ist eine solche Lust,
einen ganz glücklichen Menschen zu sehen, dass ich Eva in Allem nachgebe, ihr
gern überall hin folge, um mich an der seltenen Erscheinung zu ergötzen. Sie
lebt wie die glücklichen Wesen des goldenen Zeitalters, ohne Sorge, ohne Kummer,
ohne Denken möchte man fast sagen, und eben so harmlos und rein, wie jene. Darin
liegt ein hoher Reiz für den Betrachter. Sie erquickt mich wie Poesie nach einer
ermüdenden Arbeit, und ich danke ihr das sehr gern durch Nachgiebigkeit in ihre
Einfälle. Es ist mir unbegreiflich, dass Sie sie nicht ebenso reizend finden,
Teophil! besonders da sich Eva für Sie offenbar interessirt. Das wäre nun grade
eine Frau für Sie! die würde Sie schon erheitern, schloss der Präsident, während
er die Brille zurechtrückte und den jungen Freund forschend betrachtete.
    Das ist mir auch eingefallen, während Eva neben Ihnen vor dem Spiegel stand
bemerkte Terese. Sie passen wirklich gut zu einander.
    Ihnen? Ihnen ist das eingefallen? fragte Teophil im Tone schmerzlicher
Ueberraschung. Ich hätte geglaubt, Sie kennten mich besser, Sie wüssten, dass Eva
mir ganz gleichgültig ist.
    Während Terese sehr ernst wurde, schien Julian sich der Erklärung zu
freuen. Beide schwiegen aber, und Jener fuhr fort: Sie glauben es nicht, wie
ungelegen mir dieser Maskenball kommt. Ich liebe dergleichen gar nicht, und dass
Frau von Barnfeld mich zum Gegenstand einer törichten Wette macht, ist mir
vollends so verdriesslich, dass ich am liebsten mein Versprechen zurücknähme. Es
liegt für mich etwas Beleidigendes darin.
    Es sollte Ihnen schmeichelhaft sein, dass zwei so reizende Frauen an Sie
denken, meinte Terese.
    Wie an ein Spielzeug! fügte Teophil verdriesslich hinzu. Frau von Barnfeld
wünscht mich zum Tänzer, wie sie das Armband begehrt, weil ihr die Erreichung
des Wunsches unwahrscheinlich war.
    Verbirgt sich Eitelkeit oder gekränkte Liebe hinter diesen Worten? fragte
der Präsident.
    Nichts weiter als Langeweile. Ich hasse diese Maskeraden, die bei uns etwas
Gemachtes sind. Wir Deutschen passen nicht dazu. In Italien, wo man sich
gelegentlich wohl noch hinter Schleier und Kapuze verbirgt und so verborgen durch
die Strassen wandelt, ist eine Maskerade ein aus der Volksgewohnheit
hervorgehender Scherz. Wir, die wir nicht gern mit Jemand sprechen, dessen Namen
und Stand wir nicht kennen, wir taugen mit unserm Ernst nicht dazu, und sind
gewiss in dem Domino oder im Panzerhemde eben so unbeholfen und ungesellig, als
im schwarzen Frack.
    Sie sprechen ganz meine Meinung aus, sagte Terese. All diese Maskeraden,
die lebenden Bilder, das Komödienspielen und Musiciren in unsern Gesellschaften
sind nur Beweise, dass es an wahrer Geselligkeit fehlt. Wie selten findet man ein
Haus, in dem die Wirtin ihre Gäste gewähren lässt, in dem die Gleichgestimmten
sich von selbst zusammenfinden und mit einander in ungezwungener Unterhaltung
verkehren dürfen! Ueberall will man etwas bedeuten, man will einen
musikalischen, einen besonders geistreichen, einen literarischen Kreis um sich
versammeln. Da werden nun die unbedeutendsten Leistungen von Dilettanten
präsentirt. Eine halbe Stunde geht mit Nötigen und Zurüstungen hin, dann hört
oder sieht man etwas sehr Unvollkommenes, muss sich mit lügnerischem Entzücken
dafür bedanken und am Ende hat man sich gelangweilt. Man müsste es mit unserer
Gesellschaft wie mit den Kindern machen. Gewöhnt man diese daran, ihre Spiele zu
leiten, so lernen sie nicht allein zu spielen: man kann nichts Besseres für sie
tun, als sie ganz sich selbst zu überlassen, dann helfen sie sich auch selbst.
    Und wie albern werde ich als Oberon aussehen! wie passt denn ein Mann, der
Tage hindurch bei den Akten sitzt, zu solch luftigem Scherz! sagte Teophil. Ich
begreife nicht, wie Sie Frau von Barnfeld in dem Gedanken bestärken konnte.
    So lange Oberon und Titania nur als poetische Gebilde in unsern Seelen
lebten, meinte der Präsident, mochte eine solche Wahl bedenklich sein. Seitdem
man nun den Sommernachtstraum aber aufgeführt, ihn aus dem Reich des Ideals in
die grobe Wirklichkeit gezerrt hat, scheint es mir weniger gewagt, und Sie Beide
werden ganz gut aussehen als streitendes Elfenpärchen.
    Sie sind also auch gegen die Aufführung dieses Gedichtes gewesen?
    Ganz und gar, sagte der Präsident. Es gibt Dichtungen, wie eben der
Sommernachtstraum, der gestiefelte Kater, die so sehr in das Gebiet des
Phantastischen streifen, dass man sie zerstört, wenn man sie festalten will. Dem
Menschen bleibt aus seiner Kindheit die Fähigkeit, sich ein Wunder, ein Märchen
in der Seele lieblich auszuschmücken, mit der Phantasie alle Lücken auszufüllen,
alle Zweifel zu beschwichtigen. Das schöne Gebild erfreut ihn, er mag es nicht
zerstören, er hat es lieb, es ist für ihn wirklich da, so lange es nur in ihm
ist. Will man aber den flüchtigen Wellenschaum fassen, will man ihn uns zum
Ansehen hinreichen, so zerfliesst er; er wird gewöhnliches Seewasser und sein
poetischer Reiz ist dahin. Ich glaube an Puck, ich glaube an den Weber Zettel,
dem ein Eselskopf wächst, ich kann mir das lebhaft denken. Tritt aber Puck auf,
so ist es allerdings eine reizende Schauspielerin, aber nicht mehr mein kleiner
Puck; an den Eselskopf von Papiermaché oder Leinwand glaube ich nicht, und das
poetische Gedicht wird zu einer gewöhnlichen Zauberposse.
    Du pflegtest Aehnliches auch von der Darstellung des Faust zu sagen,
bemerkte Terese.
    Gewiss! sagte Julian, und ich werde jede Darstellung missbilligen, in der man
uns das Unkörperliche verkörpern will. Mephisto ist die Versuchung, die
Verlockung des irdischen Reizes, die einen Menschen, gegen seine bessere
Ueberzeugung, zu Handlungen verführt, welche von den gewöhnlichen Moralgesetzen,
von der christlichen Religion verdammt werden. Mephisto ist das böse Princip im
Menschen, das Goete verkörpert darstellt, um sich damit dem alten Volksgedichte
vom Faust anzuschliessen. Mephisto entüllt, wie der griechische Chor, was in der
Seele des Helden vorgeht, seine Wünsche, seine Zweifel, seinen innern Kampf, das
Unterliegen seines Gewissens und seine Reue. Hat nun das Auftreten des
griechischen Chors immer etwas störsam Befremdliches für uns, so ist die
Erscheinung des Mephisto für mich fast ebenso störend. Ich habe den Faust auf
den verschiedensten Bühnen aufführen, den Mephisto von den verschiedensten
Schauspielern darstellen sehen, und immer habe ich die Empfindung gehabt, dass
man die Dichtung vom Himmel durch die Welt zur Hölle schleppe!
    Und auch hier in Berlin haben Sie das gefunden? fragte Teophil. Mich dünkt,
dass man hier das Höchstmögliche dafür getan hat, ihn würdig darzustellen.
    Nirgend habe ich die Darstellung plumper, materieller gefunden, als gerade
hier. Ich halte Seidelmann's Talent in Ehren, das sich in vielen Rollen
trefflich bewährte; aber sein Mephisto war das widerwärtigste Zerrbild von der
Welt. In dem Bestreben, jeden Charakterzug des Bösen zur Anschauung zu bringen,
wurde er so garstig, sein höllisches Grinsen, Blasen und Zähnefletschen so
entsetzlich, dass Gretchen's ahnungsvolles Grauen vor ihm einen viel natürlichern
Grund hatte, als den geheimnisvollen Schauer einer reinen Seele, wenn sich ihr
das Böse naht. Es bedurfte nicht ihrer instinktmässigen Furcht, sie von ihm
zurückzuscheuchen, er war so garstig, dass ihn Jeder geflohen hätte. Das Böse
aber muss blendend sein, um uns zu verführen, und ich möchte wohl einem
geistreichen Schauspieler raten, einmal den Mephisto als schönen, jungen
Cavalier mit den feinsten Sitten darzustellen, soweit das mit dem Goeteschen
Bilde vereinbar ist. Durch die schöne, gewandte Form müsste der teuflische Hohn
durchblitzen, man müsste sich wundern, warum Gretchen, warum wir selbst uns vor
dem feinen Ritter scheuen, der uns anzieht und gefällt. Mephisto soll eine
Klapperschlange sein, der die Vögel schaudernd in den Rachen fliegen, nicht ein
Untier, vor dem Alles flieht, was gesunde Augen hat. Soll und muss der Mephisto
durchaus dargestellt werden, so könnte es nur auf diese Weise mit einer Art von
Wahrscheinlichkeit geschehen. Die Hahnenfeder auf dem Hut, das Mäntelchen von
starrer Seide sprechen dafür, und der hinkende Fuss ist kein Hindernis dabei,
denn Lord Byron konnte hinkend alle Herzen bezaubern.
    Es ist wahr, sagte Terese, dass man im Faust auf der hiesigen Bühne der
Phantasie zu wenig Spielraum lässt, dass man in dem guten Willen, Alles recht
deutlich zu machen, manches Possierliche zu Wege bringt. So zum Beispiel
verderben sie ganz und gar die wundervolle Scene im Dome, in welcher Gretchen
von dem bösen Geist ihre Sünden vorgehalten werden, während vom Chore das »Dies
irae, dies illa« ertönt. Diese Scene, die durchaus in die Kirche gehört, geht
auf der Strasse vor sich; ein wirklicher böser Geist, ein Gnom von Fleisch und
Bein, schiesst aus der Erde hervor, hockt sich zusammengekauert Gretchen
gegenüber und sagt ihr in's Gesicht, was ihr Gewissen innerlich bewegt. Das ist
lächerrlich und dergleichen kommt noch mancherlei in der Aufführung vor.
    Lächerlich darf aber eben im Faust nichts sein! rief der Präsident. Es ist
so hoher, heiliger Ernst in der Dichtung. Wer es empfunden hat, wie der Geist
oft mutlos verzweifelt im Ringen nach dem Höchsten, wie man es für unerreichbar
hält und sich verzweifelnd schadlos halten möchte an den Freuden der Erde, die
allerdings ihre unleugbaren Reize haben und grosse Befriedigung gewähren, fügte
er lächelnd hinzu, der wird mir zugestehen, dass Jeder sich seinen eignen Faust,
seinen eignen Mephisto innerlich erschafft und dass es ein missliches Unternehmen
bleibt, solche Figuren darstellen zu wollen.
    Ich glaube auch, wir bringen den rechten Sinn nicht mehr in das
Schauspielhaus mit, meinte Teophil, wir prüfen zu viel, wir beurteilen zu
viel.
    Darum muss man uns nur Dasjenige bieten, was die Prüfung, die Beurteilung
aushält, antwortete der Präsident. Unsere Gesinnung, unsere Anforderungen haben
sich mit der Zeit geändert; wir wollen noch unterhalten sein, wie früher, aber
Das, was man uns als Unterhaltung vorschlägt, erfüllt den Zweck nicht immer. Wir
sind des ewigen Liebesgewinsels, der kleinlichen Eifersuchtsscenen müde, wir
wollen grössere Motive, weil unsere Zeit grössere Zwecke hat.
    Wie sehr man dies überall empfindet, bemerkte Teophil, dafür zeugt ja
gerade, dass man nach neuen Dingen greift. Die Aufführung des Sommernachtstraums,
des gestiefelten Katers, die Wiederbelebung des Sophokles, die Versuche, die man
mit Terenz und Plautus angestellt hat, die alle bürgen dafür, dass man etwas
Anderes, etwas Neues erstrebt.
    Etwas Anderes, das ist wahr, sagte der Präsident, etwas Neues nicht. Oder
nennen Sie Terenz und Plautus neu? - Ich gehöre gewiss nicht zu den
Neuerungssüchtigen, die ohne Kenntnisse der Staatsverhältnisse, ohne Kenntnis
der Staatsverwaltung überall Reformen verlangen. Ich bin Beamter und kenne die
Schwierigkeiten, die sich dem raschen Verlangen der sogenannten Liberalen
entgegensetzen. Ich bin ihnen in vielen Beziehungen abgeneigt, ihren
Bestrebungen entgegen, aber deshalb verkenne ich nicht, dass sich die Zeit und
die Gesinnung der Menschen nicht künstlich oder gewaltsam zurückschrauben
lassen. Das Alte, das man uns bietet, ist schön, es war doppelt schön, als es
zeitgemäss war; aber die Alten haben ihre Dichter geehrt, ihnen Raum zu freier
Entwicklung gegönnt, als sie lebten; so ahme man ihnen darin nach und gebe den
Lebenden, was ihnen gebührt, das freie Wort vor ihrem Volke von der Bühne, und
Dank und Ehre, wenn sie es schön gesagt.
    Teophil stimmte ihm bei und der Präsident fuhr fort: Das Teater, wie es
jetzt beschaffen ist, ist das unerfreulichste, nutzloseste Institut von der
Welt. Ueberall regt sich Leben, überall Fortschritt; nur im Teater, das in
Deutschland Millionen verschlingt, bleibt es bei dem sogenannten guten Alten,
das so schlecht ist. Man sollte die Pforten weit aufmachen, damit das
Tageslicht, damit die Strahlen der Zukunft auch dahineinfallen und die letzte
Vergangenheit hineindringen könne. Die Schweizer, welche ihr Leben in den
Tuilerien einbüssten, liegen unserer Teilnahme näher als die Spartaner, die bei
Termopylä fielen; Mirabeau zieht uns lebhafter an als Demostenes. Friedrich
der Grosse und Blücher sind unserm Herzen teurer, würden ganz andere
Begeisterung hervorrufen als irgend ein Held aus den längstverwichenen
Jahrhunderten. Hätten diese ebenfalls die sonderbare Scheu vor der Gegenwart und
die unwandelbare Anhänglichkeit an die Vergangenheit gehabt, die man jetzt an
den Tag legt, so hielten wir noch bei dem ersten Liede, das irgend ein Schäfer
auf der Flöte blies, und könnten uns an den ursprünglichsten Rhapsodien
ergötzen, die vielleicht auch ihre Reize gehabt haben mögen.
    Bei diesen Worten erhob sich der Präsident, um sich in die Gesellschaft zu
begeben, in der ihn Eva erwartete.
    Teophil und Terese blieben allein zurück, und so sehr sie sich sonst mit
einander zu unterhalten liebten, heute wollte trotz Teresen's Bemühungen kein
rechtes Gespräch in Gang kommen. Teophil schien zerstreut, antwortete
einsylbig, so dass seine Freundin ihn endlich um den Grund seiner Missstimmung
befragte.
    Es ist eine tadelnswerte Schwäche, sagte er, dass ich mein Gefühl so wenig
verbergen kann, denn ich wollte es Ihnen eigentlich nicht zeigen, dass Sie mir
heute wehe getan haben.
    Ich? Ihnen wehe getan? fragte Terese, wie ist das möglich?
    Doch! versetzte er. Wie wenig müssen Sie mich kennen, wie wenig müssen Sie
mich einer nähern Beachtung wert gehalten haben, wenn Sie zu glauben vermögen,
dass Frau von Barnfeld und ich zu einander gehören! Scheine ich Ihnen denn so
ganz oberflächlich, so ohne allen tiefern Gehalt zu sein? fragte er im Tone des
Vorwurfs.
    Das nicht, antwortete Terese, dafür bürgt Ihnen die lebhafte Freundschaft,
die ich für Sie fühle und die ich Ihnen offen entgegentrage. Aber Eva steht
Ihnen im Alter gleich, Ihre Eltern wünschen, dass Sie sich bald zu einer Heirat
entschliessen, ich halte Eva für gut und bildungsfähig; da konnte mir leicht ein
solcher Gedanke kommen, gerade weil Sie alle Beide mir wert sind. Eva's
Heiterkeit würde Sie zerstreuen; das Gefühl, einer des Schutzes durchaus
bedürftigen Frau diesen Schutz zu gewähren, würde Sie selbst stärken; und reich,
wie Sie Beide es sind, würden Sie jeder Sorge um das Dasein entoben sein.
    Ist das Ihre wirkliche Meinung? fragte Teophil, glauben Sie, dass ich um
irgend eines äussern Vorteils willen mich zu einer Ehe entschliessen könnte? -
Und Gleichheit des Alters, was bedeutet die, wenn die Seelen sich nicht
verstehen? Er hielt eine Weile inne, dann sagte er: Ich habe geliebt, ich habe
den höchsten Grad der Leidenschaft kennen gelernt, deren ich fähig bin; wie eine
Gotteit habe ich ein junges Mädchen angebetet und sie hat mich getäuscht. Das
hat mich misstrauisch gegen mich selbst gemacht, ich bin eben keine Natur, die
Liebe erweckt. Man kann mir gut sein, mich achten, und mehr begehre ich auch
nicht. Ich kann Niemand beschützen, ich verlange nach einer Seele, an die ich
mich lehne, denn das Leben macht mich müde; es ist mir eine Arbeit und keine
Lust. So wie jetzt mit Ihnen zu sein, an Ihrem milden und doch so starken Geist
mich zu erheben, Sie und Ihr Wirken täglich vor Augen zu haben, das macht mich
froh und stärkt mich mehr, als alle Arzneien des Doctors. Schicken Sie mich nie
von sich, Terese, denn ich würde nicht gehen.
    Er sprach die letzten Worte mit einer Bewegung, die Terese überraschte,
weil sie nicht wusste, wie sie sie deuten sollte. Auch ich, sagte sie, habe mich
so sehr an Ihre Gegenwart gewöhnt, mein Freund, dass ich Sie ungern scheiden
sehen würde, wenn Ihre amtlichen Verhältnisse Sie einmal abrufen, oder sonst ein
Ereignis Sie von hier entfernen sollte. Indes, das wird ja unabänderlich nötig
sein und wir sehen uns dann wohl auch wieder.
    Ich gehe nicht fort, Terese! sagte er ernstaft, ich habe mir das selbst
gelobt. Was soll ich in der Welt suchen nach Glück, nach Ehre? Mein Glück ist
bei Ihnen, mein Stolz, mein höchster Ehrgeiz wäre es, Ihnen eben so
unentbehrlich zu sein, als Sie mir. Mein ganzes Streben ist, Ihnen Freude zu
machen, Sie zu erheitern, denn Sie sind traurig seit einiger Zeit. Ich sehe Sie
leiden und ich weiss nicht wodurch. Könnten Sie mir doch vertrauen, könnte ich
Ihnen doch Etwas sein.
    Sie sind mir viel, sehr viel! antwortete sie, da sie jetzt plötzlich zu
ahnen begann, welche Gefühle Teophil für sie hege. Sie sind mir teuer, wie ein
jüngerer Bruder, dem man gern vertraut, auf dessen Zukunft man hofft, weil man
sie mit geniessen will. Ich rechne darauf, Sie einst froh und stark in das Leben
blicken zu sehen, und dass ich Ihnen wert bin, dass Sie gern mit mir sind, macht
mich sehr, sehr glücklich. Glauben Sie mir das, mein Freund!
    Aber Sie lieben mich nicht, Terese? fragte er plötzlich.
    Sie schwieg erschreckt. Sie werden mich niemals lieben? fragte er
dringender. Scheine ich Ihnen des Glückes so ganz unwert?
    Er sprach nicht lauter, nicht lebhafter, als er es sonst pflegte, er sah
sogar ganz ruhig aus und doch hatte die tiefe Innerlichkeit seines Tones etwas
so Klagendes, dass sie davon schmerzlich erschüttert ward. Sie ergriff seine Hand
und sagte sehr weich: Ich bin sicher, Sie täuschen sich über sich selbst. Ich
hoffe zuversichtlich, Sie lieben mich nicht, denn ich könnte die Liebe, die Sie
fordern, nicht erwidern, so teuer Sie mir sind. Ich bin nicht frei, nicht Herr
meiner Neigung. Nehmen Sie das Geständnis, das ich mir selbst kaum zu machen
wage, als den höchsten Beweis von Vertrauen, den ich Ihnen geben kann.
    Teophil barg das Gesicht in seinen Händen und schwieg. Das peinigte sie und
sie fuhr fort: Glauben Sie mir, mein Freund! es ist wie ich Ihnen sage. Denken
Sie nur, ich bin um mehre Jahre älter als Sie; Sie sind so jung, Sie können ein
Herz verlangen, das in der Liebe zu Ihnen zum Bewusstsein erwacht. Ich habe meine
Jugend früh in Hoffnungslosigkeit verloren, ich bin nicht glücklich gewesen,
Teophil!
    Darum möchte ich versuchen, Sie glücklicher zu machen, rief er. Lassen Sie
mir wenigstens die Hoffnung, dass Ihr Sinn sich einst zu mir wendet, dass es mir
einst gelingt, Sie über eine frühere Neigung zu trösten.
    Nein, sagte Terese bestimmt, das können Sie nicht; ich liebe heute noch
ganz so und stärker, als in den Tagen der frühesten Jugend. Jene Liebe ist mein
Leben. Ich kann der Hoffnung entsagen, glücklich durch sie zu werden, und das
habe ich früh getan, die Liebe verleugnen kann und - werde ich nie.
    Und ich hatte Ihnen meine Zukunft geweiht, klagte er schmerzlich. In Ihnen,
Terese, ruhte mein Glück und meine Hoffnung! - und Sie stossen mich von sich?
    Nein! nein! rief sie. Ich stosse Sie nicht von mir, ich wünsche vielmehr, dass
Sie uns nicht verlassen. Bleiben Sie bei uns, prüfen Sie sich selbst und Sie
werden ruhiger werden, als wenn Sie sich gewaltsam von uns trennten. Sie halten
mich für gut, mein Freund! Die Art, in der ich das Leben erfasse, sagt Ihnen zu;
Sie freuen sich, dass ich bei Ihnen bin, wenn Ihre kleinen Leiden Sie mutlos
machen, und weil Sie mich lieb haben, glauben Sie, mir mit Ihrer Liebe danken zu
müssen. Wie unrecht wäre es aber, nähme ich dies Geschenk von Ihnen an; es hiesse
Wucher treiben, verlangte ich Liebe auch für die innigste Freundschaft. Ich
bleibe Ihnen ja, ich selbst will Sie glücklich wissen und wie ich Ihr Wort
darauf verlange, dass Sie nicht jetzt, nicht plötzlich von uns gehen, so
verspreche ich Ihnen, dass Sie in allen Wechselfällen des Lebens die treueste
Freundin in mir finden sollen, die teilnehmendste Vertraute. Wollen Sie mich zu
einer solchen annehmen, Teophil? Wollen Sie mir die hohe Freude machen, mir
einst zu sagen, dass Sie sich über Ihre Gefühle für mich täuschten, wenn Sie ein
Mädchen gefunden haben werden, das besser für Sie passt als ich?
    Teophil schüttelte schweigend das Haupt, aber er drückte die Hand, die sie
ihm geboten hatte, an seine Lippen und sagte: Ich höre den lieben Ton Ihrer
Stimme, aber ich fasse Ihre Worte nicht. Mir ist, als ob der Boden wankte, auf
dem ich mein Haus gebaut. Ich werde bleiben, Terese! denn in Ihrer Nähe zu
leiden, ist mir noch Labsal gegen die Trennung von Ihnen. Auf Wiedersehen denn!
    Mit den Worten ging er seufzend hinaus.
 
                                       II
Ich bekomme so eben einen Brief von Reichenbach, der mich beunruhigt, sagte an
einem der nächsten Tage der Präsident zu seiner Schwester, als sie allein bei
dem Frühstück waren. Alfred schreibt mir, dass seine Frau nicht darein willige,
sich von ihm zu trennen, dass er sich andererseits verpflichtet glaube, die
Güter, die durch den Scheidungsprocess für ihn verloren gehen würden, für Felix
zu erhalten, und dass er deshalb seine Wünsche seiner Pflicht opfern und sich
nicht von seiner Frau scheiden lassen werde. Das ist mir nun sehr lieb, denn ich
habe ihm selbst schon früher aus vollster Ueberzeugung den Rat gegeben. Er ist
aber bei dem Schreiben des Briefes offenbar in so heftiger Aufregung gewesen,
dass ich für die Ruhe seiner Zukunft sehr besorgt bin. Ich wollte, wir hätten ihn
erst wieder bei uns, denn die Einsamkeit in Plessen, wohin er mit Felix gegangen
ist, taugt ihm in seiner Stimmung gar nicht.
    Terese hatte während der Erzählung ihres Bruders mehrmals die Farbe
gewechselt; als er geendet, fragte sie leise: Und er kehrt dennoch wieder?
    Beunruhigt Dich das? fragte der Präsident. Da warf sich Terese an des
Bruders Brust, ohne zu antworten, aber grosse, schwere Tränen fielen aus ihren
Augen, als Julian sie fest an sich drückte und mit grosser Zärtlichkeit sagte:
Ach! arme Schwester! blutet die alte Wunde noch? - Er lehnte ihren Kopf an seine
Brust, strich ihr, wie einem Kinde, schmeichelnd mit der Hand über das Haar und
schien fast eben so bewegt zu sein, als sie. Eine Weile schwiegen Beide, dann
sagte der Präsident, als Terese sich emporrichtete und die Augen trocknete,
während sie zu lächeln versuchte: Im Frauenherzen ist die wahre Liebe doch eine
unverwelkliche Blüte. Gänzliche Hoffnungslosigkeit hemmt für den Augenblick
wohl ihren Wuchs, aber sie vermag sie nicht zu ertödten, und bei dem geringsten
Strahl von Hoffnung schiesst sie mächtig wieder empor, und hätte sie noch so
lange im Winterschlafe gelegen. Du warst so heiter geworden, Beste, ich glaubte
Dich längst von dieser Liebe geheilt, die Dich bewog, früher alle Bewerbungen um
Deine Hand abzulehnen. Es schien mir, als sähest Du Alfred jetzt ruhig wieder,
als hätte sich ein schönes, freundliches Verhältnis zwischen Euch gebildet. Aber
Alfred's leidenschaftliche Unruhe, Deine heissen Tränen verraten mir das
Gegenteil. Was ist denn vorgegangen zwischen Euch? Wie steht Ihr mit einander?
    Sie erzählte und berichtete ihm treu. Er hörte ihr mit gespannter
Aufmerksamkeit zu. Als sie geendet hatte, fragte er: Und wie willst Du, dass wir
es halten, wenn Alfred wiederkehrt?
    Ich möchte, dass es bliebe wie bisher, lieber Bruder, antwortete sie ihm. Ich
traue mir die Kraft zu, äusserlich ruhig und fest zu bleiben. Alfred weiss es ja
nicht, dass mein ganzes Dasein ihm gehört hat, von meiner frühesten Jugend an,
und wenn ich damals den Mut gehabt habe, mich niemals zu verraten, so hoffe
ich, mir auch jetzt getreu zu bleiben.
    Und traust Du auch Alfred die nötige Ruhe zu? Ihr Frauen, gewohnt, Euch zu
beherrschen, zu dulden, bezwingt Euch leichter als der Mann, der sich die
Verhältnisse zu schaffen verlangt. Wozu soll es führen, wenn Ihr Euch täglich
begegnet, wenn eine Liebe tief und immer tiefer wurzelt, die keine Zukunft hat?
    Julian, sagte Terese, lass mich einmal Deiner Lehre vom Genuss des
Augenblickes folgen! Lass mich Alfred's Gegenwart geniessen! Wer weiss, wie bald
das Leben uns trennt! Jahre lang habe ich ruhig und glücklich im Andenken der
Vergangenheit gelebt, habe mich gefreut, wenn ich ihn in jedem seiner Werke
grösser und herrlicher wiederfand; habe einen frohen Tag gehabt, wenn die
Zeitungen nur seinen Namen nannten.
    Das ist aber doch ein sehr trauriges Glück! unterbrach sie der Bruder.
    Nicht traurig für ein Frauenherz, antwortete sie, nicht traurig für mich;
glaube mir das, mein Bruder! Ich hatte Dich, ich hatte das Andenken an ihn, ich
war zufrieden und ganz ausgefüllt; ich werde es wieder, werde wieder ganz heiter
sein, wenn Alfred einmal von uns scheidet. So lange er aber bei uns bleibt, so
lange er bleiben will, gönne mir die Freude, ihn zu sehen, es wird mir Glück für
viele, viele Jahre sein. Willst Du mir das gestatten, Bruder? bat sie. Glaube
mir, ich werde ruhiger sein, wenn ich ihn wiedersehe.
    Der Präsident versuchte noch Einwendungen zu machen, da er seiner Schwester
den Schmerz zu ersparen wünschte, aber ihre Bitten und Gegenvorstellungen
besiegten ihn. Er gab nach und wollte sich entfernen, als ihm Terese
berichtete, was zwischen ihr und Teophil vorgefallen war.
    Teophil ist ein Tor, sagte der Präsident. Er kann ohne Leiden nicht leben
und es hilft nichts, wenn Du ihm klar machst, dass er sich seine Neigung für Dich
nur einbilde, was ich selbst glaube. Es ist ein Bedürfnis nach Gefühlserregungen
in ihm. Das Leben gesund und froh zu geniessen, ist er zu schwach; da macht er
sich denn ein Liebesleid zurecht, das er betrauern, über das er seufzen kann,
und das ihm nach seiner Meinung ein Recht gibt, unglücklich zu sein und müssig
das Leben zu verträumen. Du könntest ihm keinen bessern Dienst erweisen, als
wenn Du seine Liebe erhörtest. Tätest Du ihm den Gefallen, so würde er bald
einsehen, dass er nicht für Dich passt, dass er Dir auf die Länge geistig nicht
genügt, und eine neue Quelle des Kummers würde glücklich für ihn gefunden sein.
Ich kenne solcher Menschen mehr.
    Du beurteilst ihn zu streng, meinte Terese. Du siehst wohl, dass ich in
gewisser Art Deine Ansicht teile, aber -
    Aber, fiel ihr der Präsident lächelnd ein, Du kannst Niemand gram sein,
Niemand verdammen, der Dich zu lieben behauptet. Das ist in der Ordnung und Du
wärst keine Frau, wenn Du es könntest. Sieh zu, was Du mit dem blonden Schäfer
anfängst, die Sache überlasse ich Dir; was Du tust, wird gewiss das Rechte sein.
    Ich meinte, sagte Terese, ob es nicht gerade jetzt an der Zeit wäre, dass
ich mich bereit erklärte, Agnes zu uns in das Haus zu nehmen. Wie wir Teophil
kennen, ist es gewiss nicht ratsam, wenn wir ihn schnell zu entfernen suchen.
Das gäbe ihm Stoff für seine Melancholie und wir wollen ja ihm und seinen Eltern
so gern nützen. Aber das häufige Alleinsein mit ihm ist mir nach dem letzten
Vorgange doch nicht angenehm, und darüber würde die Gegenwart von Agnes mir
fortelfen.
    Gewiss! und sie würde Dich zerstreuen, Dir Beschäftigung geben, sprach
Julian; so schreibe denn, dass die Kleine je früher je besser komme und dass wir
uns freuen würden, sie bei uns zu sehen.
 
                                      III
Alfred hatte seine nötigsten Geschäfte kaum geordnet, als er in die Stadt
zurückeilte. Er verlangte Terese wiederzusehen und doch bangte ihm davor. Und
in ähnlicher Weise empfand auch sie selbst, seit sie von seiner Ankunft
unterrichtet war. Mit Herzklopfen blickte sie nach der Türe, so oft die
Hausklingel ertönte. Endlich, es war an einem stürmischen Abende, trat er bei
ihr ein, er brachte seinen Knaben mit sich. Das gab Teresen Augenblicks die
Haltung, deren sie bedurfte.
    Mein Sohn! sagte er, ihr den Knaben zuführend, der sie zuversichtlich mit
seinen grossen, dunkeln Augen ansah.
    Sie umarmte den schönen Knaben zärtlich, aber während sie eifrig mit ihm
beschäftigt war, ihn um seine Reise und um andre Dinge befragte, sass sein Vater
ernst und schweigend in sich versunken neben ihnen. Terese fand ihn in den
wenigen Wochen, die er von ihr entfernt gewesen war, merklich verändert. Er sah
bleich aus und ein düsterer Zug hatte sich auf seine freie Stirne gelagert.
Endlich erwachte er aus seinem Sinnen, reichte der Geliebten die Hand und sagte:
Ich habe in dem Drang des schmerzlichen Augenblickes kaum zu empfinden gewagt,
dass im Wiedersehen Freude liegt. Mich bewegt Ihre Güte für Felix; wie wenig ahnt
er, welche Opfer ich ihm bringe!
    Aber er ist sie wert, und er wird Sie einst reich belohnen! fiel sie
schnell ihm in das Wort. Dies edle Gesicht verspricht eine schöne Zukunft. Bauen
Sie darauf und lassen Sie mich Teil daran haben, so weit es möglich ist.
Schicken Sie ihn mir - -
    Der Vater hat gesagt, fiel der Knabe ein, er würde mich oft mitnehmen zu
Dir, liebe Tante! und wenn ich den Weg erst einmal am Tage gemacht habe, so
finde ich ihn allein und man braucht mich nicht zu schicken. Die Mutter wollte
immer, dass ein Diener mit mir ginge, aber der Vater sagt, das sei nicht nötig,
ich sei ein grosser Mensch, ich könne allein gehen und ich gehe auch lieber
allein. Aber allein reiten darf ich nicht - hast Du auch Pferde?
    Nein, Felix! antwortete sie, aber schöne Blumen habe ich und schöne Bilder,
und ich weiss allenfalls auch Geschichten für Dich, wenn Du sie magst.
    Erzähle mir eine! jetzt gleich! bat er dringend.
    Der Vater sagte, das sei für den Augenblick unmöglich.
    So hole mir Deine Bilder! schlug Felix vor und Terese entfernte sich, ihm
seinen Willen zu tun.
    Als sie mit Mappen und Büchern wiederkehrte, beeilte sich Alfred, dieselben
auf einem Tische zurecht zu legen, der in einem Nebenzimmer stand, so jedoch,
dass man ihn von dem Sopha der Wohnstube übersehen konnte. Der Knabe sprang
fröhlich dortin, hatte sich bald in den Bilderreichtum vertieft und beachtete
es nicht, dass sein Vater Terese aufforderte, mit ihm in das andere Zimmer
zurückzukehren und den Knaben sich selbst zu überlassen.
    Eine Weile sassen die Beiden sich schweigend gegenüber. Terese beschäftigte
sich anscheinend fleissig mit einer Stickerei, die sie in ihren Händen hielt, und
Alfred sah ihr so gespannt zu, als ob er die Kunstgriffe der Arbeit von ihr
lernen wollte. Dies Schweigen wurde ihr je länger, je peinlicher, und sie
kämpfte mit sich es zu überwinden. Sie rang nach einem Gedanken, nach einer
gleichgültigen Frage zuletzt, mit der sie die Stille unterbrechen konnte, aber
vergebens. Ein herbes Leid presste ihr Herz zusammen, sie fand nichts in sich,
als einen bittern Schmerz, dem sie keine Worte geben durfte. Es war ihr, als
müsse der erste Laut von ihren Lippen ein Aufschrei sein, und doch wollte sie
gern zuerst die Unterhaltung beginnen, weil sie vor demjenigen bangte, was
Alfred ihr zu sagen hatte. Endlich war er es dennoch, der das Schweigen brach.
    Terese! sagte er mit gepresster Stimme, bei Allem, was uns heilig ist,
beschwöre ich Sie, sitzen Sie mir nicht so kalt, so fremd gegenüber! Sprechen
Sie mit mir, sagen Sie mir, dass Sie meinen Entschluss verdammen, dass Sie die
Stunde beklagen, die uns wieder zusammenführte, nur sprechen Sie mit mir. Ach,
wenn Sie wüssten, was ich erlitten habe, was ich leide, und wie glücklich ich
bin, Sie wiederzusehen!
    Sie reichte ihm die Hand, die er fest in den seinen drückte, aber zu
antworten vermochte sie noch nicht. Es entstand eine neue Pause, bis Alfred fest
die Frage aufwarf: Und was soll jetzt aus uns werden?
    Da nahm sich Terese gewaltsam zusammen, und mit klarer fester Stimme, ohne
irgend ein Zeichen von Bewegung, sagte sie: Sie sollen nach wie vor mein
teurer, mein wertester Freund bleiben, lieber Alfred! Sie sollen vergessen,
dass Sie ein paar Tage lang mehr in mir gesehen haben, als eine Freundin, die Sie
von Herzen bewundert, Ihnen von Jugend an ergeben war und Sie jetzt doppelt und
dreifach verehrt, weil Sie Ihre Pflicht tun. Stören Sie das schöne Bild nicht,
Alfred, das ich von Ihnen habe. Sie täten mir zu wehe damit.
    Er sah sie ernst und prüfend an, aber keine Miene ihres Gesichtes bekundete
das Opfer, das sie in diesem Augenblicke brachte, und so sehr er nach einem
Zeichen spähte, das ihm verraten hätte, sie wolle ihn grossmütig über ihren
Schmerz täuschen, er konnte keines entdecken. Dennoch mistraute er ihrer Ruhe,
weil ihre leidenschaftliche Erregung vorher ganz unverkennbar gewesen war.
Täuschen Sie sich, oder wollen Sie mich täuschen über ihr Gefühl? fragte er sie.
Menschen, wie wir Beide, haben Kraft zu leiden und gehen nicht unter, ich weiss
das wie Sie. Ich habe entsagt und ich will vollenden, was ich über mich genommen
habe; aber lassen Sie mich als ein Pfand des Glückes den Glauben in meine öde
Zukunft hinübernehmen, dass ich Ihnen teuer war. Sagen Sie mir nur einmal, dass
Sie mich lieben, und dann fordern Sie von mir, was Sie wollen.
    Mein Freund! antwortete sie, wie traurig wäre es, wenn ich wie Sie empfände?
Wir müssten uns trennen ohne Hoffnung, uns wiedersehen zu dürfen. Sie haben mir
manchmal den Vorwurf gemacht, ich sei kalt, ich sei keiner Leidenschaft fähig.
Ich glaube es selbst. Ich halte mich für eine jener Naturen, die mehr für die
Freundschaft, als für die Liebe geschaffen sind. Ich wäre untröstlich, müsste ich
Sie verlieren; ich bin ganz befriedigt, wenn Sie mir, wenn Sie uns bleiben.
Rauben Sie mir dies Glück nicht durch Forderungen, die ich nicht gewähren, durch
Geständnisse, die ich nicht ewidern kann.
    Er war bestürzt. Teresen's Selbstbeherrschung täuschte ihn und war ihm
schmerzlich, denn er ward irre an ihr und an sich selbst. Konnte er sich so sehr
über ihre Gefühle verblendet haben? War es nur der lebhafte Wunsch, ihre Liebe
zu besitzen, der ihn zu dem Glauben verleitet hatte, dass sie seine Neigung
teile und erwidere? Sie hatte ihm allerdings niemals ein Wort gesagt, das ihn
zu Hoffnungen berechtigen konnte, Sollte er sich wirklich betrogen haben? oder
sollte sie ihn dennoch täuschen? Das Erstere zu glauben, fiel ihm schwer, das
Letztere unmöglich, denn er kannte Terese als eine durchaus wahrhafte Natur.
Quälende Zweifel rangen in seiner Seele, und eben wollte er die Geliebte
nochmals dringend um Wahrheit beschwören, als Felix mit einem grossen Buche
herbeikam und von dem Vater Aufschluss über die Bedeutung eines Bildes verlangte.
    Es stellt Luter dar vor der Reichsversammlung zu Worms, erläuterte Alfred
und erzählte dem Sohne kurz, was ihm zur Erklärung nötig war. Luter wusste,
sagte Alfred, dass ihm sein Geständnis das Leben oder die Freiheit kosten könne;
doch zögerte er nicht, die Wahrheit zu sagen, denn die Wahrheit ist das
Heiligste in der Welt. Er ist abgebildet, wie er vor dem Kaiser, vor den Fürsten
und den Cardinälen die unsterblichen Worte ausrief: »Hier stehe ich, ich kann
nicht anders, Gott helfe mir, Amen!«
    Der Knabe hörte ernstaft zu. Hast Du niemals eine Unwahrheit gesagt, lieber
Vater? fragte er dann.
    Ich hoffe, dass ich es nie wissentlich getan habe, antwortete der Vater.
    Und du, Tante? fragte Felix weiter.
    Ich habe mich immer bestrebt, das Rechte zu tun; sagte Terese.
    Dann hast Du gewiss nie eine Unwahrheit gesagt, meinte Felix.
    Aber die Wahrheit verhehlen, ist auch Sünde, rief Alfred mit Bedeutung, und
schwere Sünde, wenn das Lebensglück eines Andern daran hängt, der gewohnt ist,
unsern Worten zu glauben, der darauf sein Leben, seine Zukunft baut!
    Der Knabe sah den Vater befremdet an, weil er ihn nicht verstand. Terese
schwieg, Alfred befahl seinem Sohne der Tante Lebewohl zu sagen, und wollte sich
entfernen. Noch in der Türe wendete er sich um, noch einmal sagte er Teresen
gute Nacht und zögerte, so lange er konnte; denn immer noch hoffte er, sie werde
ihm ein Wort, ein Zeichen geben, das ihm verrate, sie liebe ihn wie er sie
liebte. Aber Terese blieb freundlich wie immer und sagte, als er sich endlich
von ihr trennte, so ruhig ihr »Auf Wiedersehen, lieber Reichenbach!« dass er
davor erschrak.
    Kaum aber hörte sie seine Tritte nicht mehr, als sie sich verzweifelnd in
die Kissen des Sophas warf. Ich konnte nicht anders, Gott helfe mir, Amen! rief
sie aus und unaufhaltsam strömten ihre Tränen.
    Sie, die so ernst nach Wahrheit strebte, hatte sich zu einer Unwahrheit
entschlossen; sie, die mit Freuden ihr Leben für Alfred hingegeben hätte, hatte
ihm Schmerz bereitet. War das recht gewesen? Hatte es kein anderes Mittel,
keinen edleren Ausweg gegeben? Sie hatte es dem geliebten Manne verbergen
wollen, dass sie eben so schwer an ihrem Schicksal trage, als er an dem seinen;
sie hatte ihm die Sorge um sie und ihren Gram ersparen, ihn wo möglich beruhigen
wollen. Er musste sie leichter verschmerzen, wenn er nicht an ihre Liebe glaubte,
er musste sich leichter trösten, leichter glücklich und heiter werden. Und
glücklich sein sollte Alfred um jeden Preis. Um jeden Preis? fragte sie sich.
Auch indem ich ihm den Glauben an mich nehme? indem ich die Ueberzeugung
zerstöre, dass er einem würdigen Gegenstande seine Liebe weihte? dass ich es wert
war, sein Herz auszufüllen? Hat mich allein die Rücksicht auf ihn bestimmt? Habe
ich ihm nicht wehe getan, mich selbst zur Lüge erniedrigt, um das Glück seiner
Gegenwart zu geniessen? - Eine glühende Schamröte überdeckte ihr Gesicht, das
sie weinend in ihre Hände stützte.
    Es war still in dem Zimmer. Draussen peitschte der Wind den Regen gegen die
Fenster, die letzten Blätter der Bäume raschelten dürr gegeneinander und
knarrend bewegten sich die Aeste. Sie stand auf, ging unruhig im Zimmer umher,
trat an das Fenster und blickte in den Garten hinaus. Es war tiefe Nacht, kein
Stern am Himmel, man konnte keinen Gegenstand unterscheiden. Beklommen
aufatmend liess sie den Vorhang fallen und wendete sich in das Zimmer zurück.
    Wie öde erschien ihr das! Dort stand der Tisch, an dem Felix gespielt, hier
hatte Alfred neben ihr gesessen, als sein dunkles Auge bittend zu ihr
gesprochen, als er sie um ein tröstendes Wort, um ein Liebeszeichen gebeten -
und sie hatte geschwiegen, sie hatte sich für immer zum Schweigen, zu
schrecklicher Einsamkeit verdammt. Ja! einsam mit ihrer Liebe und mit ihrem
Schmerze war sie gewesen, ihr Leben lang. Sie liebte den Bruder, sein Wohl und
Wehe fand lebhaften Widerhall in ihrem Herzen; fremdes Glück erfreute, fremdes
Leid betrübte sie. Sie hatte Freunde gefunden, Kunst und Wissenschaft hatten ihr
über manche schwere Stunde fortgeholfen; aber war das Glück? war das ein Glück,
wie sie es in der Jugend gehofft?
    Glück wäre es, die Gattin des Geliebten zu sein, in friedlicher Ruhe das
Haupt stützen an seine breite Brust, den Schlag des Herzens fühlen, das für mich
klopft, und seine Kinder auf den Knien wiegen! so sprach es in ihr und trostlos
schlug sie die Hände zusammen und liess sie müde niedersinken in den Schoss. Dies
Glück war unmöglich für sie und es gab doch kein zweites.
    Stürmisch und düster wie der Abend war, sah es in ihrem Herzen aus; sie
konnte nicht ruhig verweilen, wo sie eben mit Alfred gelebt hatte; ihr graute
vor der Einsamkeit, sie wollte sich den Qualen entreissen, die in ihr tobten, und
eilte in das Zimmer ihres Bruders, um Mut zu fassen in seiner Nähe. Aber das
Zimmer war dunkel, Julian war ausgegangen. Drüben in den benachbarten Häusern
blitzte helles Licht aus manchen Fenstern, während hinter andern ein kleines
Lämpchen schimmerte.
    Lange blickte sie hinüber: Wer weiss, welche Wunden dort unbeachtet bluten,
welche Tränen dort fliessen? und Jeder von uns hält sein Leid für das grösste,
sein Glück für notwendig, sagte sie sich. Und wir leiden und jauchzen auf dem
grossen Ameisenhaufen, den wir stolz die Welt nennen, und über uns gehen die
Sterne ruhig und kalt ihre ewig unwandelbaren Wege. Ein schmerzliches Lächeln
überflog ihr Gesicht. O! wer auf den Sternen wäre, in Ruhe und Frieden! Wer es
wüsste, was recht sein wird vor dem Geiste, wenn die Schranken des Irdischen
einst fallen, wenn Liebe und Freiheit die einzigen Gesetze sein werden! rief sie
und verstummte vor den heiligen Rätseln.
 
                                       IV
Die junge erwartete Hausgenossin war angelangt und Terese hatte sie in ihren
eigenen Zimmern eingerichtet. Aus dem Kinde war ein blühendes gesundes Mädchen
von sechzehn Jahren geworden, das mit seinen grossen, dunkeln Augen sehr
verständig umherblickte und sich bald in den fremden Verhältnissen zurecht fand.
Ihre Eltern waren nicht eben reich, hatten viele Kinder, deren ältestes sie war,
und frühe schon hatte die tüchtige Mutter die Tochter als Hilfe benutzt, wo es
im Hause etwas zu schaffen gab. Sie hatte die Eltern oft in Sorgen gesehen,
hatte, soweit ihre Einsicht reichte, Teil daran genommen, die jüngeren
Geschwister erziehen helfen und in Krankheiten gepflegt. Dadurch war sie
praktisch gewandt und über ihre Jahre ernst geworden. Um so anmutiger erschien
es aber, wenn mitten in diesem jungfräulichen Ernst der kindliche Frohsinn zum
Ausbruch kam.
    Terese fand bald Freude an ihrer Gefährtin und vielerlei Beschäftigung
durch und für sie. Sie musste ihr Lehrer auswählen, ihr eine Art Zeiteinteilung
machen und auch für ihre Kleidung Sorge tragen, deren ländliche Einfachheit
nicht für die Kreise passte, in denen sich Agnes für jetzt bewegen sollte.
    Auch Julian nahm Teil an seiner Pflegetochter, wie er sie nannte, und es
gefiel ihm gar wohl, wenn er sich Abends nach der Arbeit an den Teetisch
setzte, der jetzt für vier Personen gedeckt ward. Oft vermehrte Eva die Zahl der
Tischgenossen durch ihre Gegenwart, oder Alfred kam mit seinem Knaben dazu, und
man war äusserlich recht heiter beisammen, während die verschiedenartigsten
widersprechendsten Empfindungen in den Herzen der Einzelnen sich regten.
    Alfred hatte nach jenem Abende lange geschwankt, ob er Terese wiedersehen
solle, ob nicht. Er war viele Tage ausgeblieben und hatte sie damit in eine
peinliche Ungewissheit gestürzt. Endlich, als die Sehnsucht in ihm zu gross
geworden, hatte er angefangen, ihr Verhalten zu billigen. Er wollte kein
Geständnis mehr von ihr ertrotzen, er ehrte ihr Schweigen, denn eine innere
Ueberzeugung liess ihn nicht an ihrer Liebe zweifeln. Nur ihr, das fühlte er,
dankte er die Möglichkeit, sie sehen und auch künftig in ihrer Nähe leben zu
können. So war er ihr bewegt und versöhnend entgegengetreten. Keiner Erklärung
hatte es bedurft und ein friedliches, inniges Verhältnis stellte sich zwischen
ihnen her. Er besuchte Terese täglich, aber er sah sie nur selten allein. Sein
ganzes Fühlen und Denken sprach er vor ihr aus, die leisesten Regungen seiner
Seele entüllte er ihr, und seine Liebe, seine Verehrung für sie stiegen noch
mit jedem Tage. Sie schien beglückt durch sein Vertrauen, sie hatte ihre äussere
Ruhe wiedergefunden, Jedermann musste sie für zufrieden, selbst für glücklich
halten, denn Niemand sah ihre stillen Tränen, ihr verzagtes Zusammenbrechen in
der Einsamkeit. Alle Zärtlichkeit, die sie für Alfred hegte und ihm verbarg,
breitete sie über seinen Sohn aus. Die Nähe des Knaben war ihr eine Wohltat und
Felix fühlte sich bald so heimisch bei ihr, dass er, so oft er durfte, zu ihr
eilte.
    Er und Agnes wurden denn auch bald die besten Freunde von der Welt.
Stundenlang konnte sie sich mit ihm unterhalten und mit ihm wie mit ihren
kleinen Brüdern spielen. Dann trat das kindliche Element in ihrem Wesen
entschieden hervor, so dass es kaum zu sagen war, wer mehr Lust an dem Spiele
empfände, ob sie oder der Knabe. Die grösste Freude aber machten sie dem
Präsidenten. Er konnte nicht müde werden, ihnen zuzusehen. Er baute mit Felix
die schönsten Festungen aus den Steinen seines Baukastens, hörte eifrig den
Märchen zu, die Agnes ihm erzählte, wusste daran Belehrungen für sie und den
Knaben zu knüpfen und erschien so liebenswürdig, dass Beide ihm von Herzen
zugetan waren und seine Ankunft jedesmal freudig begrüssten.
    Es gab Stunden, in denen selbst Terese und Alfred ihren heimlichen Gram
vergassen und sich heiter wie Julian dem Frohsinn der Jugend überliessen. Nur
Teophil nahm keinen Teil daran. Lässig und missgestimmt betrieb er widerwillig
die Zurüstungen für den Ball, der jetzt schon nahe bevorstand. Sein Unwohlsein
kehrte häufiger wieder, er klagte über grosse Abspannung, musste bisweilen seine
Amtsgeschäfte versäumen und endlich wieder den Rat des Arztes in Anspruch
nehmen, der ihn, wie immer, auf die eigene Kraft, auf Tätigkeit und Zerstreuung
verwies. Das aber waren Mittel, die eine Natur wie die seine nicht anzuwenden
vermochte.
    Er folgte Terese wie ihr Schatten, schien nur in ihrer Nähe zufrieden;
dennoch wusste sie ihn soweit zu beherrschen, dass er ihr niemals von seiner Liebe
sprach, die er ziemlich unverhohlen an den Tag legte und als den Grund seines
Leidens bezeichnete. Klagte er über Gemütsbewegungen, die ihn aufrieben, sprach
er von einer Idee, die ihn ausschliesslich erfülle und ihm alles Andere zur Last
mache, dann riet ihm Terese, zu reisen, sich in das Gewühl des Lebens zu
stürzen, und machte damit seine Klagen verstummen, bis irgend ein neuer Anlass
sie hervorrief. So sehr diese von ihr nicht geteilte Liebe sie bisweilen
peinigte, so gab es doch Augenblicke, in denen sie ihr wohltat. Wenn sie sich
selbst recht unglücklich, an Freude verarmt erschien, linderte das Bewusstsein
ihren Schmerz, dass sie in ihrer Liebe einen Schatz besitze, der im Stande sei,
Teophil's Wünsche zu krönen, sein Glück zu machen. Sie verzieh ihm dann gern
seinen Mismut, seine Klagen; sie tat, was sie konnte, ihn zu erfreuen, ohne
ihm jedoch irgend eine Hoffnung zu geben, dass sie jemals die Seine werden wolle
oder könne.
 
                                       V
Der November war nun fast zu Ende und man näherte sich dem Tage, an dem der
Maskenball stattaben sollte. Der Präsident und Terese hatten der Baronin ihre
Gegenwart für den Abend zugesagt und diese hatte auch Agnes dazu eingeladen, die
den Wunsch ausgesprochen, die ungekannte Freude zu geniessen. Terese hatte sich,
trotz Agnes' Bitten, dagegen erklärt, aber als nun der Termin heranrückte, als
Agnes bei Frau von Barnfeld beständig von dem Feste sprechen hörte, als diese
und Teophil von den Handwerkern die einzelnen Garderobestücke angefertigt
erhielten, da stieg ihre Lust, dem Balle beizuwohnen, höher und immer höher.
    Eines Tages sass sie mit einem Buche in Teresen's Zimmer, während diese
ausgegangen war, und dachte wieder lebhaft an den Ball und seine Freuden, als
der Präsident hereintrat und ihr über die Schultern in das Buch blickte.
    Was lesen Sie, Agnes? fragte er.
    Romeo und Julie, Herr Präsident! Terese hat es mir gegeben.
    Julian nahm das Buch, blätterte darin und fing an, dem jungen Mädchen die
erste Scene vorzulesen, in der Romeo und Julie sich auf dem Balle begegnen. Er
hatte bei seinem regen Gefühl für Poesie es bald vergessen, dass er nur auf einen
Augenblick gekommen war. Die Schönheit des Gedichtes riss ihn hin, und mit seinem
wohlklingenden Organ und aller Begeisterung, die er für Shakspeare hegte, las er
weiter und immer weiter, bald diese, bald jene Stelle, bis er endlich die
Balkonscene aufschlug. Agnes hatte gespannt zugehört, doch kam es dem
Präsidenten vor, als erlösche allmälig ihre Teilnahme, und er forderte sie auf,
die Julia selbst zu lesen. Sie gehorchte anfangs zögernd und ein wenig befangen,
dann ward sie wärmer und freier. Der Präsident hörte ihr mit steigender
Ueberraschung zu und las den Romeo mit solchem Eifer, mit so grosser Hingebung,
dass er sich selbst darüber wunderte, als die Scene zu Ende war und er das Buch
zusammenschlug.
    Agnes, durch das Lesen erhitzt, ebenso entzückt als verschämt, hatte
begeistert die glühenden Liebesworte gesprochen und blickte nun mit klopfendem
Herzen und lächelnd den Präsidenten an, der seinen Augen und Ohren nicht traute.
Sie war sehr schön in diesem Augenblick. So konnte Julia ausgesehen haben. Das
glänzend schwarze Haar, das die reine Stirn umgab, die grossen unschuldigen Augen
hatten etwas höchst Jugendliches, die Form der Nase und des Mundes etwas
Italienisches. Er wunderte sich, dass er dies Alles bis jetzt nicht bemerkt
hatte, dass ihm entgangen war, wie viel Geist und Gefühl in dem jungen Mädchen
schlummre. Er nahm sich vor, aufmerksamer auf sie zu werden, und fragte sie, wie
ihr das Gelesene gefallen habe?
    Sehr gut, sehr gut, sagte sie, besonders die Scene auf dem Maskenballe. Ach,
Herr Präsident! Sie glauben nicht, wie glücklich ich wäre, wenn Sie Terese
überredeten, mich mitzunehmen.
    Julian musste lachen, weil der Ton ihrer Bitte so gar kindlich klang.
    Sehen Sie, wie ungerecht es in der Welt hergeht! sagte sie. Teophil, der
ewig stöhnt und ächzt, der kann tun was er mag. Der geht stöhnend und kauft
sich den prächtigsten Anzug und wird ächzend mit Frau von Barnfeld tanzen, und
ich ganz allein werde zu Hause bleiben und Sie Alle recht beneiden.
    Sie wären lieber an Frau von Barnfeld's Stelle mit dem hübschen Teophil,
liebes Kind! Das glaube ich, sagte Julian neckend, aber dazu haben die Eltern
Sie eigentlich nicht hergeschickt.
    Glauben Sie, dass mir der Assessor gefällt? Da irren Sie sehr. Ich kann es
gar nicht leiden, wenn ein Mann immer so unglücklich tut. Mein Vater hat gewiss
mehr Sorgen als der Assessor, aber er ist doch immer heiter, wenn er noch so
viel zu tun hat, und so soll doch ein Mann auch sein und nicht wie Teophil.
    Teophil ist krank, begütigte Julian, haben Sie Mitleid mit ihm, suchen Sie
ihn zu zerstreuen.
    Haben mich meine Eltern dazu in die Stadt geschickt? spottete sie und sagte
dann: Gewiss, ich will Alles tun, was Terese und die Eltern von mir verlangen,
ich bin ja auch sehr fleissig dabei, aber gegen den Ball hätte meine Mutter ganz
bestimmt nichts einzuwenden, und ich wäre so glücklich, könnte ich ihn
mitmachen.
    Plötzlich schien ein Gedanke in dem Präsidenten aufzutauchen und er sagte:
Agnes, können Sie wohl schweigen?
    Wie das Grab!
    Und wollen Sie mir einen Gefallen tun?
    Von Herzen gern, Herr Präsident.
    So sagen Sie nicht, dass Sie mit mir von dem Balle gesprochen haben, sprechen
Sie überhaupt nicht mehr davon.
    Aber weshalb denn nicht? ich möchte so gern hinkommen.
    Haben Sie nie von guten Elfen gehört, die den frommen Kindern ihre Wünsche
erfüllen? Beten Sie nur fleissig, vielleicht kommt der Elf und hilft.
    Herr Präsident, Sie nehmen mich mit! rief Agnes jubelnd.
    Ich bin kein Elf, liebste Agnes, und Teresen's Willen darf ich nicht
entgegenhandeln, antwortete er und ging hinaus.
    Agnes lächelte still vor sich hin.
    Den ganzen Tag sah sie strahlend vor Glück aus, so dass Terese sie um den
Grund ihres Frohsinns befragte, aber sie behauptete, es sei ihr gar nichts
begegnet, und freute sich, als am Abend Alfred seinen Felix mitbrachte, mit dem
sie ihrer Lust in den tollsten Schwänken freien Lauf liess.
    War Teresen der ungewöhnliche Frohsinn des jungen Mädchens aufgefallen, so
erschreckte sie andrerseits der ungewöhnlich trübe Ernst in Alfred's Zügen und,
sobald sie allein miteinander waren, bat sie ihn besorgt, ihr zu sagen, was ihn
beunruhige.
    Ich habe schon einmal, sagte er, mit Ihnen von einer Frau sprechen wollen,
die mir die innigste Teilnahme einflösst, von der Harkourt.
    Terese erschrak, Alfred bemerkte es, liess sich aber dadurch nicht stören,
sondern fuhr fort: Sie kennen das Verhältnis, in dem Julian zu ihr gestanden
hat. Sie werden wissen, dass er sie nicht mehr sieht und jede Beziehung zu ihr
abgebrochen hat. Sie ist aber eine in jedem Betrachte bedeutende Frau, und wenig
Männer möchten die Kraft haben, ihr gegenüber kalt zu bleiben, noch wenigere
würden sie so schnell verlassen haben als Ihr Bruder, an dem sie noch mit
leidenschaftlicher Liebe hängt. Ich mag über sein Verhalten zu ihr, über den
Grund seines jetzigen Betragens nicht urteilen. Das sind Dinge, die Jeder mit
sich selbst abzumachen hat, die man vor sich selbst rechtfertigen muss, und das
kann Julian nach seiner Ansicht auch gewiss. Aber ich möchte Sophie vor dem
Verderben bewahren, dem sie entgegeneilt, und dazu sollen Sie mir Ihren Rat
erteilen.
    Terese hatte anfangs sich scheu von diesen Mitteilungen abgewendet, die
sie verletzten. Sie zürnte mit Alfred, sie begriff nicht, was diese Erörterungen
ihr sollten. Als er aber Sophie eine Unglückliche nannte, als er Beistand für
sie verlangte, schwand jedes Bedenken in ihr und sie bat ihn, ihr zu sagen, wie
sie helfen möchte.
    Alfred erzählte, auf welche Weise er Sophie kennen gelernt habe, sprach von
dem Briefe, den sie ihm nach Rosental geschrieben, und sagte, dass er sie bald
nach seiner Ankunft besucht habe. Ich fand sie die ersten Tage, als ich zu ihr
ging, nicht zu Hause. Sie sei in der Kirche, sagte man mir. Erst bei dem dritten
Besuche traf ich sie selbst. Der Gram hat ihre Wangen gebleicht, sie sieht sehr
leidend aus. Sie empfing mich mit einer Ruhe, die etwas sehr Trauriges hatte,
und erklärte mir, dass sie nach langem Kampfe mit sich zu einem Entschluss
gekommen, dass sie Willens sei, der Welt zu entsagen und in ein Kloster ihres
Vaterlandes einzutreten.
    Die Harkourt? fragte Terese zweifelnd.
    Es überrascht Sie, bemerkte Alfred, weil Sie sie nicht kennen; mir ist es
ganz begreiflich. Sie hat nach einem höchsten Glück gestrebt; ihr Dasein war
aufgegangen in Liebe. Nun, da diese sie verlässt, findet sie keinen Halt in sich.
Die Gesellschaft der Frauen, denen sie sich vertrauend zu nahen vermöchte,
weiset sie von sich, da wirft sie sich verzweifelnd der Kirche in die Arme und
hofft Glück hinter den Klosterpforten zu finden, die ihre Phantasie sich wie ein
Asyl voll Ruhe und Frieden ausmalt. - Denken Sie nur: Sophie, die Lebensvolle,
Strahlende, in den grauen Mauern eines Klosters!
    Terese hörte nachdenkend zu, dann sagte sie, als Alfred schwieg: Ich
begreife Sophien's Entschluss vollkommen, wenn sie fühlt, dass sie fertig mit dem
Leben ist, dass es ihr nichts mehr bieten kann, sie für ihren Verlust zu
entschädigen.
    Sie billigen es, dass man in ein Kloster geht? dass man sich lebendig begräbt
und das Leben hinsterbend vertrauert?
    Der Widerwille, den Sie gegen jede Beschränkung der Freiheit haben, lieber
Reichenbach, wendete Terese ein, macht Sie in diesem Falle ungerecht. Sie
wissen es, wie fern mir der Katolicismus, wie fremd und meiner Natur zuwider
mir Frömmelei ist. Dennoch habe ich oftmals daran gedacht, dass es gut wäre, wenn
man, besonders für Frauen, noch jene stillen Zufluchtsorte hätte, in denen man,
aller Lebenssorgen entoben, der Erinnerung, der Selbstbetrachtung leben könnte
und ausruhen von den Stürmen der Welt. Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich
nieder, dann fuhr sie fort: Es gibt Schicksalsschläge, die so gewaltsam das
Leben einer Frau zerstören, Leiden, von denen nicht jede Natur sich erholen
kann. Nicht Jede hat einen Wirkungskreis, in dem sie nützen, Pflichten, die sie
erfüllen soll. Was kann es für eine Frau in dem Falle Beglückenderes geben, als
Einsamkeit und Ruhe?
    Diese Ansicht hätte ich bei Ihnen nicht vermutet, rief Alfred. Sie! Sie
könnten es billigen, dass man ohne Zweck dem Grabe entgegenlebt? dass man feige
sagt, die Last wird mir zu schwer, ich werfe sie von mir? Terese! das ist nicht
Ihre Ansicht, Sie widersprechen sich seltsam. Und wenn Sophie das Gelübde getan
hat, wenn sie dann einsieht, dass sie sich getäuscht hat, dass Ruhe und Friede nur
aus der eigenen Seele quellen, was wird sie dann vor dem Verzweifeln bewahren,
wenn es mir nicht gelingt, sie von dem Schritte abzuhalten, den sie zu tun
gedenkt? Glauben Sie, dass sie Frieden findet in dem Zwang eines Gelübdes?
    Das kann ich nicht ermessen, da ich die Harkourt nicht kenne, antwortete
Terese, auch spreche ich mehr im Allgemeinen als von ihr. Es sind erst wenige
Tage, dass ich in irgend einem Blatte von den Zufluchtshäusern las, welche die
Puseiiten in England zu errichten beabsichtigen. Dieser Gedanke schwebte mir vor
und ist mir segensreich erschienen, weil kein Eid zu ewigem Verweilen darin
verpflichtet; weil eine Rückkehr in das Leben offen bleibt, wenn der Wunsch des
Menschen ihn dortin zurückzieht. - Wie glücklich wäre manche Frau, könnte sie
für einige Jahre in solche Einsamkeit flüchten! welche Erleichterung kann es
unter gewissen Verhältnissen sein, einen grossen Schmerz ruhig auszuweinen, in
tiefer Stille neue Kraft zu suchen. Ist es doch gar so schwer, über das blutende
Herz den eiteln Tand einer Gesellschaftskleidung zu legen, die Tränen hinter
Lächeln zu verbergen und sich umhertreiben zu lassen in den hohlen Genüssen der
Gesellschaft, an denen die Seele keinen Teil hat. Wie Vielen, die gramerfüllt
unter uns umherwandeln, würde ein solcher Zufluchtsort willkommen und selbst
heilsam sein.
    Alfred war von ihren Worten sehr ergriffen, er fühlte, welch tiefen Anteil
ihre eigenen Erfahrungen an dem Gesagten hatten. Er sah sie lange traurig an und
drückte dann ihre Hand, ohne zu sprechen, die sie ruhig in der seinen ruhen
liess. Was bedarf es auch der Worte zwischen Seelen, die nur Ein Dasein haben?
Das tiefste Verständnis, das heiligste Glück der Liebe ruht in diesem Schweigen.
Der höchste Schmerz und das grösste Glück sind wortlos. Terese und Alfred
empfanden es jetzt; aber Beide gaben sich der Täuschung hin, treu an den
Vorsätzen zu halten, die sie gefasst hatten, Beide vergassen, dass jeder Blick,
jede Miene zum Verräter an ihnen ward und dass sie keines Wortes zum Geständnis
ihrer gegenseitigen Liebe bedurften, weil sie Einer in des Andern Seele
empfanden.
    Ein tiefer Seufzer Alfred's riss Terese endlich aus den Gedanken, in die sie
versunken war. Ich fühle die Wahrheit Ihrer Ansicht, sagte er dann, und ich
würde, falls es solch ein Asyl für Sophie gäbe, sie ruhig dahin gehen sehen,
aber in ein Kloster niemals. Man soll sich nicht durch Eide binden, die unsere
Freiheit beschränken, man darf nie und nimmer ein Gelübde leisten, das uns zum
Fluche werden, das uns zu einer Zeit fesseln kann, in der wir selbst es als
einen Irrtum betrachten, in der wir sehnsüchtig nach Freiheit verlangen.
    Eine zweite, noch gefährlichere Pause entstand, Terese fühlte es und
fragte: Und was denken Sie der Armen zu raten?
    Ich weiss es selbst nicht, antwortete er. Glücklicherweise ist sie hier noch
durch ihr Engagement gebunden. Sie tritt nicht auf, und man muss sich darein
finden, weil sie wirklich leidend ist; aber man will sie nicht frei geben, sie
nicht ihrer Verpflichtungen entlassen. Sie verlangt, dass ich mit der Direction
unterhandele, und ich habe die einleitenden Schritte dazu getan. Dass sie hier
bleibt, scheint mir selbst nicht ratsam, dennoch betreibe ich die Angelegenheit
ohne Eile, um Zeit zu gewinnen, um ihr Zeit zu reiflicher Ueberlegung zu lassen.
Wären Sie nicht Julian's Schwester, ich liesse nicht mit Bitten nach, bis Sie
sich Sophien näherten, bis Sie sie in Ihren Schutz, in Ihre Pflege nähmen. Eine
solche Natur vor sichrer Reue zu retten, das wäre ein schöner Beruf für ein
edles Frauenherz, das sich zu ihr neigen wollte.
    Er sprach mit Wärme, erwartete sichtlich Beistimmung, hoffte vielleicht gar
auf irgend eine Ermutigung, aber Terese schwieg. Sophie dauerte sie, sie
glaubte an alles Gute, das Alfred von ihr aussagte, dennoch konnte sie sich
nicht überwinden, in irgend eine Beziehung zu ihr zu treten. Sophien's
Verhältnis zu ihrem Bruder hatte ihr zu viel Kummer gemacht, sie konnte und
wollte den Unwillen nicht besiegen, den sie gegen jede Uebertretung der Sitte
fühlte, und vielleicht tat ihr auch die Teilnahme Alfred's an Sophien wehe.
Ihr besseres Selbst tadelte sie deshalb, aber sie bot den Beistand nicht an, den
Alfred verlangte.
    Felix und Agnes kehrten zurück und eine allgemeine Unterhaltung zog Terese
von den Zweifeln ab, die sie innerlich beunruhigten.
 
                                       VI
Seit vielen Tagen hatte Alfred einen Brief von seinem Freunde, dem Domherrn,
erwartet. Endlich langte er an. Nach einer kurzen Einleitung hiess es in
demselben:
    »Ich kann Frau von Reichenbach zu keiner bestimmten Erklärung, zu keinem
Eingehen auf Ihre Wünsche bewegen. Ich müsste mich sehr täuschen, wenn diese
Hartnäckigkeit nicht von den Ratschlägen des Herrn Kaplan herrühren sollte. Er
ist Ihr entschiedener Feind. Ich weiss nicht, womit Sie ihn bei Ihrer letzten
Anwesenheit in Rosental verletzt haben mögen, aber er verbirgt seinen
Widerwillen gegen Sie durchaus nicht. Er tadelt überall laut das Verfahren gegen
Ihre Frau, er hat dieser gesagt, dass bei einer Ehescheidung Sie allein für den
schuldigen Teil erklärt werden, dass man Sie böslicher Verlassung beschuldigen
würde und dass Frau von Reichenbach viel vorteilhafter bei einer Scheidung
gestellt sein dürfte, als bei der Trennung, die Sie ihr vorschlagen. Dies sagte
mir Ihre Frau selbst; zugleich aber auch, dass Ruhberg ihr rate, sich noch nicht
zu entscheiden, sondern Ihre Rückkehr zu hoffen und zu fordern.«
    »Ruhberg spielt ein schlecht verstecktes Spiel. Mich dünkt, er will Sie
durch den Widerstand Ihrer Frau zu einem Äussersten treiben; er hofft, dass Sie
die gerichtliche Scheidung endlich doch verlangen werden, und sieht sich im
Geiste bereits an meiner Stelle und als Verwalter Ihrer Güter, als Erzieher
Ihres Sohnes. Irgend einen bestimmten Anschlag führt er ganz entschieden gegen
Sie im Schilde, darum seien Sie vorsichtig, lieber Freund! Lassen Sie sich nicht
ungeduldig machen, denken Sie an die Vorsätze, die Sie gefasst, sich für fremdes
Wohl zu opfern, und beharren Sie fest in Dem, was Sie für das Rechte erkannt
haben. Ich gebe die Angelegenheit nicht aus den Händen, vielleicht sende ich
Ihnen bald eine bessere Botschaft. - Seien Sie vorsichtig, mistrauen Sie allen
Vorschlägen, die Ihnen von Ruhberg kommen, und verzeihen Sie es einem alten
Freunde, wenn er Sie vielleicht in übergrosser Besorgnis mit Ratschlägen
belästigt, deren ein Mann wie Sie sicher nicht bedarf.«
    Alfred ward durch diesen Brief in die bitterste, verdriesslichste Stimmung
versetzt. Er hatte, als er ihn empfing, mit Lust bei der Arbeit gesessen und in
warmen Worten das Glück geteilter Liebe, das Glück einer Ehe geschildert.
Spöttisch sah er jetzt auf die Blätter herab, die vor ihm lagen.
    Welch lächerliches, widerwärtiges Narrenspiel ist das Leben! sagte er zu
sich selbst. Da sitze ich und spreche von einem Glücke, das ich nie gekannt
habe; das mir aus nächster Nähe winkt und das ich nicht erfassen darf. Da male
ich Liebe und fühle nichts als Zorn, während die Welt vielleicht einst mich um
das eheliche Glück beneidet, dem ich diese Schilderung nachbildete. O! wenn das
Publikum wüsste, welche tiefe Wunden, welche heisse Sehnsucht sich oft hinter den
Worten verbergen, an denen es sich erfreut! Wenn sie wüssten, dass nur zu oft der
Schmerz es ist, der die Binde von unseren Augen nimmt und uns lehrt nach den
Geheimnissen in der eigenen Brust zu forschen und fremde Seelen zu verstehen!
Wenn sie ahnten, wie schwer wir die Erfahrungen bezahlt haben, wie herb, wie
drückend sie uns gewesen sind, die wir für sie mit dem Zauber der Dichtkunst
verklären, die wir ihnen darbringen als eine Warnung, gehüllt in die duftigen
Schleier der Fabel! - Wie arglose Kinder spielen sie mit der Rose, erfreuen sich
an dem Glanz der Tropfen in ihr und denken, es sei der Tau, der die Blume
erfrischt. Es sind unsere Tränen, ihr Toren! heisse, bittere Tränen. Unser
Herzblut ist es, das wir vergossen haben, als die Dornen uns zerrissen, die wir
euch zu vermeiden lehren. O! das Leben tut oft weh; es macht Schmerz, in seine
Tiefen zu schauen, und wie selten erringt man die lichte Höhe, auf der das Glück
tront und die Freiheit und der Friede.
    Er stützte das Haupt in die Hand und blieb nachdenkend, bis der Schritt
eines Eintretenden ihn aufstörte. Es war der Präsident. Er sah ungemein heiter
aus und rief ihm schon an der Türe zu: Nun! Noch nicht im Costüme?
    Alfred stand auf und fragte zerstreut: Wovon sprichst Du da?
    Von dem Balle bei Frau von Wöhrstein.
    Ja so! den hatte ich im Augenblicke wirklich fast vergessen!
    Du kommst doch hin? fragte der Präsident.
    Ich hatte es mir vorgenommen, weil unser ganzer Kreis daran Teil nimmt; nun
ist mir aber die Lust vergangen. Ich bin verstimmt, habe unangenehme Nachrichten
erhalten und bleibe lieber zu Hause.
    Julian fragte, was dem Freunde begegnet sei, Alfred berichtete und jener
meinte: Das ist nun ein peinlicher Zustand, den Du noch eine Weile zu ertragen
haben wirst. Solche Verhältnisse ordnen sich endlich, wenn auch langsam, und sie
ordnen sich nicht schneller, falls man sich das Leben durch sie verbittern lässt.
Uebrigens ist nicht von Deinem Vergnügen die Rede, sondern von einem Dienste,
den Du mir leisten sollst. Ich bin plötzlich behindert, durch unabweisliche
Geschäfte, den Ball zu besuchen; Terese will deshalb auch zu Hause bleiben. Das
möchte ich nicht, um der Baronin willen, und ich wollte Dich bitten, meine
Schwester zu begleiten. Kann ich es möglich machen, so komme ich vielleicht
später etwas hin, aber ich zweifle daran.
    Alfred erklärte sich sofort bereit, den Präsidenten zu vertreten, und man
verabredete, dass er in seinem Wagen mit dem Assessor, Terese und Eva in dem
Wagen der Letztern fahren und man sich dort zusammenfinden sollte.
    So bleibt Agnes doch zu Hause? fragte Alfred.
    Terese hat es verlangt und sie kann Recht haben, entgegnete Julian. Sie
behauptet, das Mädchen sei anscheinend nicht bestimmt, in der grossen Welt zu
leben; deshalb wolle sie es an keinen Luxus gewöhnen, und was dergleichen
Rücksichten mehr sind. Uebrigens würde es mich gar nicht wundern, wenn Agnes
sich hier vorteilhaft verheiratete; denn sie wird täglich schöner. Findest Du
das nicht?
    Ich habe nicht darauf geachtet; aber sie ist hübsch und natürlich, meinte
Alfred.
    Das ist für mich ihr grösster Reiz! sagte der Präsident. Wenn ich an
Sophien's Genialität mit Bewunderung zurückdenke, wenn das tiefe, durch Welt-
und Menschenkenntnis gebildete Wesen meiner Schwester mir Achtung gebietet, oder
wenn die neckische Sorglosigkeit Eva's mich belustigt, so muss ich mich oft
wundern, wie der Zufall hier in unserm Kreise gerade drei Frauen nebeneinander
stellte, die man als die Resultate unserer socialen Verhältnisse auf die Bildung
der Frauen in den höheren Ständen bezeichnen könnte.
    
    Ich habe die Bemerkung ebenfalls gemacht, meinte Alfred, mochte sie Dir aber
nicht mitteilen, weil Deine Schwester dabei beteiligt war. Eva ist eins von
den vielen harmlosen Mädchen, die von ihren Müttern für den Heiratsmarkt
erzogen und mit jenen oberflächlichen Reizmitteln geschmückt worden sind, die
die Käufer anlocken und blenden. Wie leer diese armen, kleinen Odalisken selbst
dabei ausgehen, wie ohne innern Halt sie dabei bleiben, wenn das Leben ihnen
später eine ernstere Seite zeigt, das berücksichtigen die Mütter eben so wenig,
als die Prediger der Frauenemancipation an das Elend denken, in das sie Naturen,
wie Sophie stürzen. Herausgerissen aus der schönen Begrenzung der Sitte, der
Gewalt ihres Liebesbedürfnisses, der wechselsuchenden Leidenschaft des Mannes
überlassen, müssen gerade die reichsten Frauenherzen am schwersten darunter
leiden und ewig sehnsuchtsvoll nach jener reinen Höhe blicken -
    Alfred hielt inne, weil ihn eine unüberwindliche Scheu abhielt, von Terese
zu sprechen. Julian bemerkte es und sagte: Du meinst nach der reinen Höhe der
Weiblichkeit, auf der meine Schwester steht?
    Alfred bejahte es und Jener meinte: Damit ist es auch ein eigen Ding! - Ich
fühle, dass Terese geschaffen ist, durch ihr Herz, durch ihren Geist das Glück
eines Mannes zu machen, und doch, so sehr ich dies anerkenne und sie liebe,
gestehe ich Dir, ich würde mir vielleicht eine weniger selbständige Natur zur
Frau erwählen. In ihrer selbständigen Durchbildung liegt mehr Emancipation
verborgen, als in Sophien's ganzer Vergangenheit.
    Das heisst, sagte Alfred lebhaft, jene edle Entwicklung aller weiblichen
Seelenkräfte, welche die Frau zur schönen Ergänzung des Mannes, zu seiner
wahrhaft würdigen Gefährtin macht und -
    Dem Manne das reizende Vorrecht entzieht, die Geliebte zu beschützen, ihr
Alles in Allem zu sein, unterbrach ihn Julian. Eben diese Art von weiblicher
Vollendung hat für mich doch auch ihre Bedenken. Das ist in unsern Verhältnissen
so geworden, es hat sein Gutes, aber man wird manchmal aller Civilisation müde
und verlangt Natur. Solch ein Naturkind ist Agnes. Ich habe Eva einmal scherzend
mit Champagnerschaum verglichen; Agnes ist der klare Bergquell, aus dem ein
Trank uns Labsal wird, wenn unsere überreizten Nerven nach Erfrischung
schmachten; sie ist das helle Wasser, in dem sich Erde und Himmel rein und
unentstellt spiegeln. Du glaubst nicht, welche Anlagen diese Kleine hat. Es
unterhält mich immer wieder sie zu beobachten, und ich glaube, sie wird mir
fehlen, wenn die Eltern sie einst zurückfordern werden.
    Es scheint mir, als würdest Du diese einstige Trennung zu verhindern wissen,
bemerkte lächelnd Alfred. Uebrigens sehe ich nicht ein, was Dich davon abhalten
könnte, wenn es Dir wünschenswert wäre.
    Hältst Du mich für so töricht? rief der Präsident, glaubst Du, ich würde
mir eine Frau aufbürden? und obenein ein solches junges Kind? Das fällt mir
nicht ein; am wenigsten jetzt, wo man im Staatsrat ernstlich daran denkt, die
goldenen Ketten der Ehe in ganz solide Fesseln zu verwandeln.
    Was heisst das? fragte Alfred.
    Nun, ich meine, wir sprachen schon davon, dass man wieder die Beratungen
über das neue Ehescheidungsgesetz aufgenommen hat, das die Trennungen erschwert.
Aber davon ein andermal. Ich muss eilen; mich rufen Geschäfte und ich werde
meiner Schwester sagen, dass sie und Eva auf Dich rechnen können.
    Mit diesen Worten empfahl sich der Präsident.
 
                                      VII
Die Baronin Wöhrstein ging, in einen rosa Domino gehüllt, am Arme ihres
bedeutend älteren Mannes durch die erleuchteten, blumengeschmückten Gemächer
ihres schönen Hauses. Sie hatte mehr als zweihundert Personen eingeladen und man
war übereingekommen, verlarvt zu erscheinen, um einmal die Freuden eines
Maskenballs in der ruhigen Gewissheit zu geniessen, dass man sich im Kreise von
Bekannten und in der besten Gesellschaft bewege. Nur die Teilnehmer an der
Quadrille, in der Eva und der Assessor tanzten, hatten eine Verabredung über das
Costüme getroffen; alles Uebrige war dem Zufalle überlassen worden, der heute
die Herrschaft führen sollte.
    Allmälig füllten sich die Zimmer mit Masken an. Alle Nationen, alle Zeiten
waren vertreten; rauschende Musik empfing die Gäste, die sich anfangs mit
deutscher Befangenheit schüchtern nebeneinander bewegten, bis der erste Walzer
die Tanzenden in seine Wirbel tauchte und man sich frei und heiter zu fühlen
begann.
    Nach dem Walzer erschien ein Zug von Shakspear'schen Charakteren, unter
ihnen Teophil und Eva, die im Vorübergehen Terese und Alfred begrüssten, trotz
der Verabredung, dass man sich nicht als Bekannte verraten wolle. Die Letztern
befanden sich unter den Zuschauenden und hatten lange in ruhiger Unterhaltung
bei einander gesessen, als die Quadrille vorüberzog und alle Blicke sich ihr
zuwendeten. Plötzlich blickte Alfred nach der Eingangstüre und sagte: Sehen
Sie, das sind ein Paar prächtige Figuren!
    dabei wies er auf einen Mann in schwarzem Sammtdomino und Federhut, der eine
italienische Bäuerin von Ischia am Arme führte. Der Domino hatte eine edle, hohe
Gestalt, ein entschieden vornehmes Wesen, und die Italienerin, offenbar ein ganz
jugendliches Mädchen, fiel durch ihre feinen und doch kräftigen Formen, durch
die Fülle ihrer reichen schwarzen Flechten auf, die über den frischen,
blendenden Nacken herunterfielen.
    Alle Augen wendeten sich auf die eben Angekommenen, die allmälig der Mitte
des Saales zuschritten; auch Terese blickte hin und glaubte einen Moment ihren
Bruder in dem Domino zu erkennen. Da sie ihn aber beschäftigt wusste, da er
ausserdem sich einen weissen Domino bestellt hatte und eine ihr fremde Dame am
Arme führte, lachte sie über ihre Vermutung und sah sich wieder nach einer
Nonne um, die einsam dem fröhlichen Treiben zugeschaut und alle Aufforderungen
zu tanzen abgelehnt hatte.
    Die Erscheinung der Nonne, ihre Kleidung waren so ungesucht, die kalte Ruhe,
mit der sie in die laute Lust der Gesellschaft blickte, so ungekünstelt, dass
Terese kein Auge von ihr wenden konnte und Alfred auf sie aufmerksam machte.
    Sie ist mir auch seit einiger Zeit aufgefallen, sagte Alfred, und ich habe
bei ihrem Anblick lebhaft an das gedacht, was Sie mir neulich über die Frauen
sagten, die, ein heimliches Leid im Herzen, genötigt sind, sich in die
Anforderungen der Alltagswelt zu fügen. Jene Nonne sieht wirklich teilnahmlos
aus.
    Das finde ich nicht, entgegnete Terese; es scheint mir im Gegenteil, als
suche sie Jemand, als erwarte sie irgend Etwas. Sehen Sie, jetzt verlässt sie
endlich ihren Platz; die Quadrille ist zu Ende, die Nonne verliert sich unter
die übrige Gesellschaft.
    Während Alfred mit dem Auge der Nonne folgte, trat Eva zu Teresen heran. Es
ist prächtig hier, sagte sie, dies ist endlich einmal ein Fest, wie ich es mir
lange gewünscht habe. Ich schwimme in einem Meer von Wonne und selbst Dein
Teophil ist ganz heiter und galant. Er hat mich eben versichert, dass er, wenn
er wirklich Oberon wäre, mir nicht nur das Feenkind überlassen, sondern mir sein
ganzes Reich zu Füssen legen würde, wenn ich immer so schön wäre als diesen
Abend. Ich versichere Dich, er ist sogar eifersüchtig auf all die Complimente,
die man mir macht. - So ein Maskenball ist Dir sehr gesund, ich werde Dich
künftig öfter zu dergleichen überreden, teurer Oberon! sagte sie scherzend, als
Teophil in ihre Nähe kam, in Lust und Frohsinn wirst Du schnell genesen und
glücklich sein.
    Bin ich es denn nicht jetzt? fragte er.
    Ist es meine Nähe oder die der stolzen, kalten Königin Terese, die Dich
glücklich macht?
    Eva! schalt Terese leise.
    Nein! nein! rief sie, er soll und muss es gestehen; oder ich nehme ihn gleich
von Dir fort und führe ihn der Porzia zu, die dort noch ohne Tänzer steht und
die ich kenne. Ich tanze den nächsten Tanz mit einem prächtigen Malteser. -
Schade, dass Dein Bruder nicht auf dem Balle ist, sagte sie im Fortgehen, er
fehlt mir heute recht.
    Ohne Teophil's Antwort abzuwarten, nahm sie den Arm des herantretenden
Maltesers. Die letzten Worte hatte die Nonne gehört, die bis in Eva's Nähe
gekommen war und jetzt ihr folgte. Dir fehlt er heute, mir wird er ewig fehlen,
schöne Feenkönigin! sagte sie leise; hüte Dich, dass Deine Lust nicht auch in
Tränen ende. Kehre zurück in Dein luftiges Himmelreich, ehe die unbarmherzige
Hand der Erdensöhne Deine Schwingen zerknickt und Deine Freude in Jammer
verwandelt.
    Eva fuhr erschreckt zusammen; auch der Malteser, der die Worte gehört hatte,
sah sich nach der Nonne um, die sich schnell entfernt hatte und bald neben
Terese und Teophil stand.
    So sehe ich Sie gern, lieber Freund! sagte Terese. Mich dünkt, Sie bereuen
es nicht mehr, hierher gegangen zu sein.
    Ich liesse mich wohl von der allgemeinen Lust tragen, wüsste ich nur, dass Sie
Teil daran nähmen, dass auch Sie fröhlich wären. Ihre Gedanken sind nicht bei
dem Feste, antwortete Teophil.
    Ich vermag keine Lust von aussen in mich aufzunehmen; ich bin zu alt dazu,
glaube ich, oder zu ernst, zu deutsch - nennen Sie es, wie Sie es mögen, sagte
Terese, als er auf ihre Bemerkung, sie sei zu alt, eine Widerlegung machen
wollte. Ich kann nicht aus mir heraus gehen, ich bin immer ich, gleichviel in
welchem Kleide, in welcher Umgebung.
    Und ist Sie selbst sein, nicht das Höchste? Sind Sie, gerade wie Sie sind,
nicht das Ziel, die Ursache -
    Die Ursache, aus der Sie hier sind, ist zu tanzen, unterbrach ihn Terese.
Hier die Nonne feiert müssig wie Sie; warum führt der lustige Oberon die ernste
Nonne nicht in das fröhliche Leben?
    Weil der Nonne das Leben zur Last ist, weil sie nach Grabesstille, nicht
nach flüchtigem Sinnensrausch verlangt, entgegnete sie ernst, während Teophil,
von einer Spanierin zum Tanze gewählt, dahinflog.
    Alfred hatte sich entfernt, als er Terese mit Teophil und Eva gesehen
hatte. Jetzt war sie mit der Nonne allein und diese sagte: Im Leben, in dem
Alles uns lügt, verbirgt man sich am leichtesten in der Maske der Wahrheit; denn
die Wahrheit vermutet man nirgends.
    Sprichst Du von Deiner Maske, heilige Frau? fragte Terese.
    Nenne mich nicht heilig; Du tätest es nicht, stände ich ausserhalb dieser
Räume vor Dir. Du bist heilig und rein; Du bist der Liebe des Edelsten wert.
Ich weiss, dass er Dich liebt, dass Du all Deine Kraft bedarfst, seinen Wünschen zu
entfliehen und dem Verlangen in der eigenen Brust. Du trägst die Nonnentracht
unter dem farbigen Kleide; Du hast entsagt mitten in dem fröhlichen Gewühl der
Welt. O! wäre ich gewesen wie Du, dann brauchte ich nicht zu büssen, was ich
nicht allein gesündigt.
    Wer sind Sie? Um Gottes willen, wer sind Sie? rief Terese erschüttert und
ergriff die Hand der Nonne, damit sie ihr nicht entschlüpfe.
    Eine Unglückliche wie Du, deren Herz an hoffnungsloser Liebe verblutet,
antwortete die Nonne, indem sie Teresen's Hand an ihr Herz und dann an ihre
Lippen drückte. Mit diesem Kusse bitte ich Dich um Vergebung, wenn ich Dich je
betrübte. Ich scheide von der Welt, lass mich die Gewissheit hinübernehmen in die
Einsamkeit, dass Du mich nicht verachtest; dass Du mich für eine Unglückliche,
nicht für eine Ehrlose hältst.
    Sie sind - - rief Terese -
    Aber die Nonne fiel ihr in das Wort: Du weisst wer ich bin, nenne meinen
Namen nicht; sein trauriger Klang passt nicht zu dem heitern Feste. Gib mir Deine
Hand als Segenszeichen, lebe wohl und Gott behüte Dich!
    Sie ergriff nochmals Teresen's Hand, die sie bebend drückte, trat schnell
hinter eine Gruppe von Masken, die sich vor ihnen gesammelt hatte, und Terese
vermochte sie nicht zu entdecken, obgleich sie ihr folgte. Man demaskirte sich
in diesem Augenblick, wodurch ein so buntes, fröhliches Gewühl entstand, dass der
Einzelne sich leicht darin verlieren konnte.
    Viele Herren hatten gespannt auf den schwarzen Domino und die Italienerin
geblickt. Jetzt, da sie die Larven abnahmen, begrüsste man freundlich den
Präsidenten, während man bewundernd Agnes betrachtete, die strahlend vor
Vergnügen, Schönheit und Jugend, sich mit kindlicher Schüchternheit auf seinen
Arm stützte. Von allen Seiten fragte man Julian, wer seine Begleiterin wäre. Man
wollte ihr vorgestellt sein und er genoss heiter den Triumph, das schönste
Mädchen des Balles als seine Dame aufzuführen.
    An jenem Tage, als Agnes so sehnsüchtig nach dem Balle verlangt hatte, war
der Gedanke an diese Ueberraschung in ihm aufgestiegen. Er war zu dem Schneider
gegangen, der für Agnes gearbeitet, hatte ein reiches, geschmackvolles Costüme
für sie bestellt, die kostbarsten Spangen und Nadeln gekauft, und als Terese
auf den Ball gefahren, da war er mit seinen Schätzen vor Agnes hingetreten. Sie
hatte den Andern traurig nachgeblickt, keine Hoffnung mehr gehabt und vergebens
überdacht, was jene Worte des Präsidenten bedeutet haben mochten, auf die sie
ihre Aussichten gebaut. Um so grösser war nun ihre Ueberraschung, ihr Entzücken
gewesen, als Julian die prächtige Kleidung vor ihr ausgebreitet und ihr die
Kammerjungfer geschickt hatte, sie anzukleiden. Agnes hatte sich nie in so
glänzendem Costüme gesehen; ihr schönes Gesicht, ihre volle, frische Gestalt
wurden durch die kleidsame Tracht bedeutend hervorgehoben. Sie selbst empfand
mit stiller Freude, dass sie schön sei, was die Kammerjungfer ihr unablässig
versicherte; und als der Präsident sie abzuholen kam, als auch er entzückt
ausrief: Wie schön sehen Sie aus! da konnte sie sich vor Freude und
Erkenntlichkeit nicht helfen und fiel ihm um den Hals, ihm mit einem Kusse für
seine Güte zu danken. Julian hatte die grösste Lust, sie fest an sich zu drücken,
aber das kindlich unbefangene Vertrauen der Jungfrau hielt ihn in
ehrfurchtsvoller Scheu davon zurück. Er wagte nicht, ihre Hingebung zu
misbrauchen; es war ihm, als entweihe er sie durch die leiseste Berührung, und
nur seinen Augen gönnte er die Lust, sich an ihrer Schönheit zu weiden.
    Er hatte mit Agnes verabredet, dass sie sich Terese nicht zu erkennen geben
wollten, bis man allgemein die Larven ablegen würde. An seinem Arme war sie froh
und stolz durch die Reihen der Tanzenden gewandelt; er hatte sich an ihren
naiven Bemerkungen, an ihrer Freude ergötzt und war unangenehm berührt, als er
jetzt mit ihr vor seine Schwester hintrat und ein misbilligender Blick
Teresen's ihn in seiner guten Laune störte.
    Terese unterdrückte aber ihren Unwillen schnell. Zu gutmütig, Agnes in
ihrem Glücke zu stören, hatte sie selbst Freude an dem schönen Mädchen und war
innerlich so sehr mit der Erscheinung der Nonne beschäftigt, dass sie nur
flüchtig auf die Erzählungen ihres Bruders und ihrer Pflegetochter achtete, bis
diese sie fragte, ob sie es wohl wagen dürfe, auf einem solchen Balle zu tanzen.
    Warum denn nicht? meinte Teophil, der sie um eine Galoppade gebeten hatte.
    Sie wissen es ja, ich habe noch gar nicht tanzen gelernt; ich fürchte, man
lacht mich aus, wenn ich es schlecht mache, sagte Agnes.
    Tanzen Sie immerhin! riet der Präsident. Wen die Natur ausgestattet wie
Sie, über den lacht man nur vor Wohlgefallen; der macht Alles recht und bedarf
der Kunst nicht.
    Auch Teophil redete ihr zu und sie nahm seine Aufforderung an, während Eva
gegen Julian bemerkte: Sie werden dem Kinde noch den Kopf verdrehen. Agnes ist
wirklich hübsch und die Tracht steht ihr sehr gut, aber für solch junges Mädchen
ist sie doch zu gross und viel zu stark; sie wird kolossal werden und bis jetzt
kann sie weder gehen noch stehen. Sehen Sie nur, sie tanzt wirklich wie eine
Bäuerin.
    Da neigte der Präsident sich zu Eva hernieder und fragte: Fürchtet die
schöne Titania, dass ein Staubgeborner sich lieber der irdischen Bäuerin
zuwendet? Fürchtet sie, dass man ihr treulos werden könnte?
    Eva wurde rot und rief: Wer denkt denn daran? Glauben Sie, dass ich mir
jemals eingebildet habe, mit meinen kleinen Elfenhänden einen Riesen wie Sie zu
fesseln?
    Aber den Oberon vielleicht, der jetzt so zärtlich mit meiner Italienerin
spricht und sie mit seinen Elfenhänden recht fest zu halten scheint. Sehen Sie,
wie sie dort hinfliegen! Der Treulose blickt sich nicht einmal nach Ihnen um!
Aber trösten Sie sich und denken Sie, dass ich Ihnen bleibe, wenn Jener Sie
verlässt; dass ein Mann auf Erden eben so gut ist, als ein Elfe in den Wolken.
    Sie sind immer derselbe, Julian! rief Eva lachend, hing sich an seinen Arm
und machte plaudernd einige Gänge mit ihm durch den Saal, bis der Tanz beendet
war, Teophil und Agnes sich zu ihnen gesellten und der Präsident dieser seinen
andern Arm anbot.
    Mit den beiden jungen Schönheiten durchwandelte er die ganze Zimmerreihe, um
sie die geschmackvolle Einrichtung des Hauses bewundern zu lassen, und verweilte
endlich in dem letzten Kabinette, wo er seine Begleiterinnen aufforderte zu
ruhen und sich von der Wärme des Tanzsaales zu erholen.
    Es war ein kleines Gemach, das durch blühende Blumen und Schlingpflanzen in
eine Laube verwandelt war. Der Türe, welche auf den Hausflur führte, hatte man
durch das Vorsetzen eines Schirmes, mit eingerahmten Litophanien, hinter
welchen Licht brannte, das Ansehen eines Fensters gegeben. Es war ein sehr
liebliches Plätzchen und Eva warf sich tiefaufatmend in eine Bergère, die vor
dem Fenster stand. Auch Agnes wollte sich niederlassen, legte aber erst behutsam
den Sammtüberwurf, den sie trug, auf die Seite, um ihn nicht zu zerdrücken. Kaum
sah das Eva, der nichts entging, als sie ausrief: Sehen Sie, wie natürlich die
Kleine spielt; man sollte sie wirklich für eine Bäuerin halten, so ängstlich
geht sie mit dem Sonntagsstaate um. Schämen Sie sich, Agnes, wissen Sie nicht,
dass man in der Gesellschaft niemals an einen Anzug denken darf? Sparsamkeit ist
zu ländlich und passt nicht neben Ihrem Cavalier!
    Ich bin keine Dame, sondern nur ein Landmädchen, und wenn ich etwas
Ungeschicktes tue, sollten Sie es mir nicht so spottend vorhalten, antwortete
Agnes empfindlich über die Neckereien Eva's. Es würde mir leid sein, wenn ich
der Güte des Herrn Präsidenten Schande machte.
    Seien Sie unbesorgt, Agnes, beruhigte sie dieser; Titania ist heute übler
Laune, sie mag nicht andere Götter haben neben sich. Ich freue mich, dass ich Sie
hergeführt habe, und um Ihnen meinen Dank zu zeigen, gebe ich Ihnen, da ich eben
nichts Schöneres habe, diese Rose, so frisch und blühend als Sie.
    dabei brach er eine Rose von einem nahestehenden Strauche, reichte sie Agnes
und schickte sich an für Eva eine zweite zu pflücken, als eine Stimme dicht
hinter ihnen rief: Es sind nicht die ersten Blumen, die Du brichst!
    Die drei Plaudernden sahen sich verwundert um, eine Nonne trat hinter dem
Schirme hervor und sagte vorüberschreitend: Wüsstest Du, wie schnell gebrochne
Blumen welken, Du würdest barmherziger werden.
    Julian sprang empor und wollte der Nonne erbleichend folgen, als Alfred ihm
entgegentrat und hastig und leise zu ihm sagte: Sophie ist auf dem Balle.
    Ich weiss es, antwortete Julian. Bleibe einen Augenblick bei den Beiden hier.
Wo ist meine Schwester?
    Ich verliess sie im Saale mit Teophil.
    Gut denn! tragt Sorge für die Frauen und, falls ich nicht gleich
wiederkehre, begleitet sie nach Hause.
 
                                      VIII
Fast alle Personen unserer Erzählung waren am Morgen nach der Maskerade
verstimmt oder traurig. Eva's gehoffter Triumph war durch das Erscheinen von
Agnes gestört, die Aufmerksamkeit Julian's und Teophil's zwischen ihr und Agnes
geteilt gewesen, und das plötzliche Auftreten der Nonne hatte beide junge Damen
unheimlich berührt.
    Der Präsident hatte Sophie nicht mehr eingeholt, da noch andere Männer ausser
ihm und Alfred sie erkannt, und dieser sie beschworen hatte, den Ball zu
verlassen, zu dem sie sich eine Einladung verschafft. Eine unwiderstehliche
Sehnsucht, Julian noch einmal zu sprechen, Terese und Eva kennen zu lernen, die
sie durch Alfred's Erzählung auf dem Feste wusste, hatte sie zu dem auffallenden
Schritte verleitet, der dem Präsidenten ein peinliches Gerede zugezogen und ein
wiederholtes Stadtgespräch über dies Verhältnis zuwege gebracht hatte.
    In der gereizten Stimmung hatte er noch in der Nacht an Sophie geschrieben,
ihr heftige Vorwürfe gemacht und dem Diener den Brief zur Besorgung übergeben,
der ihn in aller Frühe an seine Adresse befördert hatte. Jetzt am Morgen bereute
er seine Härte. Das Andenken an ihre Liebe sprach versöhnend für sie, aber der
Brief war abgesendet, die Sache unabänderlich. Er tadelte sich lebhaft und war
in der Unzufriedenheit mit sich nicht aufgelegt, die Vorstellungen gelassen
hinzunehmen, die ihm seine Schwester machte.
    Wie kann ich von Agnes Vertrauen fordern, wie soll ich mich gegen ihre
Mutter rechtfertigen, sagte Terese, wenn Du selbst sie zu Heimlichkeiten
verleitest?
    Was das nun für ein Aufhebens ist, liebe Terese, weil ich dem Kinde eine
Freude ohne Deine Erlaubnis gemacht habe! Bilde Dir doch nicht ein, dass das
Mädchen Dich wie einen Beichtvater betrachtet. Hast Du zu sechszehn Jahren nicht
Deine kleinen Geheimnisse gehabt? Was soll die unnötige Strenge? Agnes war
unter meinem Schutze wohl aufgehoben und ich übernehme die Verantwortung,
entgegnete Julian ablehnend.
    Sie ist aber meinem Schutze anvertraut, bemerkte Terese, und es war Dir
gewiss weniger um ihr Vergnügen, als um das Deine zu tun. Agnes bedarf so
rauschender Feste noch nicht und ich finde Deine Handlungsweise in diesem Falle
unvorsichtig.
    Quäle mich doch nicht mit Gouvernantenmoral! sagte Julian verdriesslich,
Agnes ist erwachsen genug, über sich selbst zu bestimmen, und Eltern, die ihre
Tochter unbedenklich verheiraten, sie ganz selbständig machen würden, verlangen
eine Beaufsichtigung, wie Du sie meinst, gewiss nicht mehr. Darum verschone mich
mit Vorwürfen, die mir lästig sind, sie klingen wirklich ganz altjüngferlich.
Gewöhne Dir diese unnötige Strenge doch nicht an.
    Mit den Worten ging er hinaus und liess Terese, die dergleichen Ermahnungen
von dem Bruder nicht gewohnt war, unmutig zurück.
    Später am Tage kam Eva, sie zu fragen, ob sie etwas dagegen hätte, wenn man
den Abend bei ihr, statt bei Terese zubrächte, wie man es verabredet hatte.
Terese nahm den Vorschlag an und Eva plauderte von dem Balle, von dem
sonderbaren Einfalle des Präsidenten, Agnes gegen Teresen's Willen hinzuführen,
von den Eroberungen, die sie selbst gemacht, und von tausend andern Dingen.
    Uebrigens sei auf Deiner Hut, Terese! sagte sie, Dein Bruder ist von Agnes
wie bezaubert. Ich glaube, er denkt daran, sie zu heiraten.
    Das ist ein törichter Einfall von Dir, meinte Terese, wie kommst Du nur
darauf? Mein Bruder und das kaum erwachsene Kind, das ist ein unmögliches Paar.
    Nicht so unmöglich als Du glaubst, rief Eva eifrig. Du solltest nur hören,
wie er seit Wochen von der reinen Natürlichkeit, von der häuslichen Tüchtigkeit
und dem Verstande von Agnes spricht; wie er ihre gleichgültigsten Äusserungen
mir als etwas Besonderes wiederholt; wie er es sich reizend denkt, sie zur
Tochter zu haben, sie zu bilden und zu erziehen - Dir würde, wie mir, die
Vermutung kommen, dass er noch lieber als eine solche Tochter eine solche Frau
zu haben wünsche.
    Terese hörte nachdenkend zu. Die Möglichkeit, dass Julian sich verheiraten,
dass er Agnes heiraten wolle, war ihr befremdend. Er hatte so oft seine
Abneigung gegen die Ehe ausgesprochen, sie war an das Zusammenleben mit dem
Bruder so sehr gewöhnt, ihre ganze Zukunft so fest darauf gebaut, dass sie nicht
an einen Zustand denken mochte, in dem sie von ihm getrennt werden konnte.
    Indes war Eva's Vermutung nicht unmöglich. Sie dachte der grossen
Teilnahme, mit der Julian das Mädchen betrachtete, ihr Streit am Morgen fiel
ihr ein und sie selbst fing wider ihren Willen sich der Meinung Eva's zuzuneigen
an. Das regte sehr verschiedene Gefühle in ihrer Seele auf. Sie wünschte nichts
lebhafter, als Julian recht glücklich zu sehen, aber konnte er das in der Ehe
mit einer Frau werden, die dreissig Jahre jünger war als er? Agnes war ein Kind -
    Soweit war Terese in ihren Gedanken gekommen, als Agnes eintrat und beide
Frauen sich überrascht ansahen, denn es war eine ganz merkliche Veränderung mit
ihr vorgegangen. Es schien, als habe sie den Schritt aus der Kindheit in das
jugendliche Alter plötzlich gemacht; als habe das gestrige Fest, die
Bewunderung, die sie gefunden, ihr plötzlich gezeigt, dass sie ein Recht habe,
sich den Frauen zuzugesellen, die der Beachtung wert wären. Sie trug sich
grader, trat freier auf, hatte ihre Kleidung sorgfältiger geordnet und begrüsste
Frau von Barnfeld traulich mit dem Namen Eva, während sie sie bis jetzt »gnädige
Frau« zu nennen pflegte.
    Ist Teophil nicht hier gewesen, liebe Terese? fragte sie, er wollte, da
das Wetter so schön ist, uns auffordern einen Spaziergang zu machen. Wenigstens
sagte er mir so, als ich von der französischen Stunde kam.
    Die Worte klangen so natürlich als möglich und doch war für Terese etwas
Ungewohntes darin. Wie Agnes Frau von Barnfeld nicht bei dem Taufnamen genannt,
so hatte sie es auch mit Teophil niemals getan, niemals sich mit Terese in
gleiche Reihe gestellt.
    Wie kommen Sie mir denn vor, Agnes! rief Eva, die keinen Eindruck zu
verbergen wusste, ich glaube, Sie sind gewachsen seit gestern! Sie haben sich
vollständig gemausert. Sind Sie grösser als Terese?
    Nein, sehen Sie nur, sagte Agnes freundlich, indem sie vor Terese hinkniete
und ihr die Hand küsste. Ich bin noch immer Dein Kind, nicht wahr, Terese? und
Du bist nicht böse, dass ich Dir nichts von dem Balle gesagt habe. Ich wusste es
ja nicht bestimmt und ich dachte, wenn Dein Bruder es mir vorschlage, könne es
kein Unrecht sein. Er ist so gut, Dein Bruder.
    Terese küsste Agnes, drückte sie an ihr Herz und beruhigte sie durch die
Versicherung, ihr nicht zu zürnen; dann gab sie ihr einige Aufträge für den
Haushalt, das junge Mädchen entfernte sich dienstfertig und Terese bat Frau von
Barnfeld, gegen Niemanden, am wenigsten gegen Agnes etwas davon zu erwähnen, dass
sie an eine Neigung des Präsidenten für sie glaube.
    Eva versprach es und sagte: Nur das Eine verlange ich zu wissen: glaubst Du,
dass ich mich geirrt habe, dass mein Verdacht ungegründet ist?
    Ich weiss es nicht, antwortete Terese, aber warum nennst Du es einen
Verdacht? Wäre es ein Unrecht, wenn Julian ein gutes, schönes Mädchen zur Frau
nähme?
    Entsetzlich, o, entsetzlich wäre es! rief Eva in Tränen ausbrechend und
eilte mit verhülltem Gesichte hinaus, ohne auf Teresen's dringende Bitte zu
achten, dass sie bei ihr bleiben und sich beruhigen solle.
    Terese war in grosser Gemütsbewegung. Agnes, die sie von ihrem Bruder
trennen konnte, erschien ihr fremd und doch zog der Gedanke, Julian könne das
Mädchen lieben und glücklich durch dasselbe werden, sie wieder zu ihm hin. Eine
Neigung Eva's für ihren Bruder hatte sie lange vermutet; nun hatte die
Gewissheit derselben sie erschreckt. Wohin sie blickte, Trübsal und Verwirrung.
Sie dachte des Tages, an dem sie mit Alfred und dem Bruder über die mögliche
Ankunft ihrer Hausgenossen gesprochen, und der Besorgnisse, die sie dagegen
gehegt hatte. Jetzt waren sie nahe daran, sich zu erfüllen. Jene heitere
Vergangenheit war längst entschwunden. Alfred's und Teophil's Bilder traten ihr
beunruhigend vor die Seele. Beide waren nicht glücklich, und welch schweres Leid
konnte die Zukunft ihr selbst noch bringen, während nirgend eine Aussicht auf
Glück für sie vorhanden war! Sie fühlte sich geistig müde und traurig und es
erschien ihr fast wie eine Wohltat, als ein Billet des Bruders ihr meldete, dass
ein dringendes Geschäft ihn und Teophil nötige, nach einem entfernten
Stadtteile zu fahren, und dass sie deshalb auswärts speisen würden. Der Brief
endete mit den Worten: »Ich war heute ungerecht gegen Dich, liebe Schwester; Du
hast entgelten müssen, was mich innerlich quälte. Vergib mir das, Du liebe
Treue! ein reuiger Sünder grüsst Dich mit Wort und Kuss.«
    Das erquickte Terese. Sie suchte sich, wie es ihre Art war, alle
Möglichkeiten durchzudenken, fasste die Zukunft fest ins Auge, stellte sich die
Zeit vor, in der sie einsam ohne Julian leben würde, und sagte dann lächelnd:
Habe ich ein Recht zu fordern, dass er für mich lebe? Werde ich nicht glücklich
sein in seinem Glücke?
    Aber trotz aller Liebe für den Bruder, trotz der reiflichsten Ueberlegungen
behielt eine wehmütige Stimmung die Herrschaft über sie und war nicht gewichen,
als man sich am Abend bei Eva versammelte.
    Mit Agnes bei Eva anlangend, fand sie Alfred schon dort, Eva ein wenig
bleich, aber heiter wie immer, und kurze Zeit darauf erschienen auch Julian und
Teophil. Der Erstere gab Teresen die Hand, und die vollständigste Versöhnung
ward schweigend durch einen Händedruck besiegelt. Dann begrüsste er die übrigen
Personen und sagte: Uns hat heute ein seltsames Ereignis beschäftigt. Wollt Ihr
es, so teile ich es Euch mit, oder besser, Teophil erzählt es Euch, denn er
ist eine der Hauptpersonen dabei.
    Man bat den Assessor um die Mitteilung. Ich glaube Ihnen schon neulich
gesagt zu haben, hub er an, dass die Besorgnis vor dem neuen, die Ehescheidungen
erschwerenden Gesetze eine grosse Menge von Ehescheidungsklagen zuwege bringt,
weil die Leute, die in unglücklicher Ehe leben, die Klagen auf Trennung
einzureichen wünschen, während das alte Gesetz noch in Kraft ist. Unter diesen
Eingaben befand sich auch die Klage einer Frau, deren Mann hier in der Stadt als
ein wüster Gesell, ein Spieler von Profession bekannt ist. Es war heute der
zweite Termin in der Sache angesetzt, die ich führe. Schon das erste Mal fiel
mir das Äussere der Frau angenehm auf. Sie ist nicht hübsch, etwa in der Hälfte
der dreissiger Jahre, hat aber jenes Aussehen, das auf eine gewisse geistige
Entwickelung schliessen lässt. Ihre Kleidung war dürftig, doch mit grosser
Sauberkeit und Sorgfalt geordnet. Sie erklärte in der Eingabe, dass sie, seit
achtzehn Jahren verheiratet, zwei Töchter habe, von denen die älteste siebzehn,
die jüngere funfzehn Jahre alt sei, und dass sie im Verein mit diesen Töchtern
sich seit Jahren durch Handarbeit ernähre, da ihr Mann nichts erwerbe oder,
falls er etwas erwerben sollte, es ausser dem Hause verbrauche. Sie habe seit dem
Beginn ihrer Ehe nicht glücklich mit ihrem Manne gelebt, die Eltern hätten sie
zu der Heirat gezwungen. Trotzdem glaube sie, ihre Pflicht erfüllt und geduldig
die Rohheit ihres Mannes ertragen zu haben. Jetzt aber, da diese täglich
zunehme, da ihre Kraft durch den Gram gebrochen sei, da ihre Töchter mit von der
Tyrannei zu leiden hätten und man ihr sage, die Scheidung solle künftig
erschwert werden, jetzt sehe sie sich genötigt zu verlangen, dass man sie von
ihrem Manne trenne. Sie hatte die Klage offenbar selbst gemacht und war auch im
Termine selbst erschienen, weil, wie sie mir sagte, ihr die Mittel fehlten,
einen Justizcommissar zu bezahlen. Dass ich mit der grössten Schonung gegen die
Frau bei dem Termine verfuhr, darf ich nicht erst versichern. Der Mann, früher
Offizier, dann in einem Civilamte beschäftigt und wegen Dienstvergehen
entlassen, will von der Scheidung nichts hören, weil es ihm bequem zu sein
scheint, Wohnung, Speise und Kleidung für sich erwerben zu lassen, während er in
Spielhäusern und Weinschenken die Zeit verschwendet, oft betrunken heimkehrt,
bisweilen wüste Gesellen mit sich nach Hause bringt und Frau und Töchter auf das
äusserste quält. Diese Tatsachen stehen fest. Da er aber seine Frau nie in
Gegenwart von Fremden beschimpft, sie nie geschlagen hat, da sie selbst nicht
wegen Ehebruch klagt und er sich nicht von ihr trennen will, ist die Sachlage
nicht günstig für ihre Wünsche. Mann und Frau waren heute im Termine erschienen
und diese Letztere litt sichtlich durch die Erörterungen über ihr eheliches
Verhältnis, zu denen der Mann sich erniedrigte. Er klagte sie an, ihn niemals
geliebt zu haben, sie hätte ein Verhältnis vor Eingehung ihrer Ehe mit einem
Referendarius gehabt, diese Liebe hätte gleich anfangs störend zwischen ihnen
gestanden, die Kälte und Abneigung seiner Frau hätten ihn aus dem Hause
getrieben und dergleichen Dinge mehr, die im Munde dieses Mannes das Gepräge der
Unwahrheit trugen. Als er dann immer roher wurde, zuletzt grobe Beschuldigungen
gegen die Treue seiner Frau aussprach und behauptete, dass sie noch nach der
Hochzeit in fortgesetztem Verhältnis zu ihrem frühern Geliebten gestanden und
diesen oftmals bei sich gesehen habe, sagte die Frau, die schon lange heftig
gezittert hatte: Grosser Gott! auch das noch und vor all den Männern! und sank in
einer Ohnmacht zusammen, so dass man sie hinaustragen musste. Mir tat die Frau
sehr leid, der Mann aber schalt sie eine empfindsame Närrin und eilte, da es
unmöglich war, den Termin fortzusetzen, gleichmütig davon.
    Als ich ebenfalls im Nachhausegehen in das Vorzimmer kam, wo verschiedene
Personen sich damit beschäftigten, die Ohnmächtige ins Leben zu rufen, traf ich
einen uns gemeinsam bekannten Justizbeamten. Er fragt mich, was das Gewühl
bedeute? ich erzähle es ihm und nenne zufällig den Familiennamen der Frau dabei.
Kaum hat er ihn gehört, als er sich durch die Menge drängt, die Ohnmächtige
betrachtet und sie mit ihrem Namen anruft. Bei dem ersten Tone seiner Stimme
richtet sie sich plötzlich in die Höhe, öffnet die Augen, sieht ihn an, wie man
eine unirdische Erscheinung betrachten würde, und sinkt dann in seine Arme,
während heisse Tränen aus Beider Augen fliessen.
    Niemals habe ich Etwas erlebt, was mich in ähnlicher Weise erschüttert
hätte. Ich suchte die Leute zu entfernen, die umherstanden. Der Beamte bat mich,
nachzusehen, ob er die Leidende nicht in das Sessionszimmer führen könne. Ich
tat es und, da Niemand als der Präsident darin war, kam er selbst, sie dortin
zu geleiten. Die Frau erholte sich dann und fuhr nach Hause in einem Wagen, den
wir herbeigeschaft hatten.
    Soweit hatte Teophil erzählt, als der Präsident ihn ablöste. Ihr werdet nun
leicht den Zusammenhang erraten, sagte er, wie ihn uns der Beamte nachher
erklärte. Er ist jener Jugendgeliebte der unglücklichen Frau. Beide waren arm,
ohne alle Aussicht, sich verbinden zu können, und das Mädchen heiratete, von
den Eltern dazu gezwungen, ihren jetzigen Mann, der damals noch ein nahmhaftes
Vermögen besass, obgleich er den grössten Teil seines Erbes schon verspielt
hatte. Der früher Geliebte hat ihr in der ersten Zeit bisweilen geschrieben, wie
er sagt, aber keine Antwort von ihr erhalten. Wiedergesehen hat er sie nie, da
er bis vor wenig Wochen in den östlichen Provinzen angestellt war, während die
Frau lange Zeit am Rheine lebte. Heute haben sich nun die Langgetrennten
gefunden und der Beamte konnte der tiefen Erschütterung nicht Herr werden, in
der er sich befand. Das Mädchen, das er in behaglichen Verhältnissen, jung und
frisch verlassen, hatte er als bleiche, verkümmerte Frau unter den Händen
fremder Menschen wiedergesehen; erliegend unter der Last häuslichen Unglücks,
geschmäht von einem Manne, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hat. Um Gottes
willen, rief er einmal über das andere, wie stellen wir es an, die Unglückliche
frei zu machen! - Ich schlug ihm vor, ich wolle selbst mit jenem Manne sprechen,
ich wolle ihn überreden, in die Scheidung zu willigen. Der Beamte nahm den
Vorschlag an, erklärte, dem Manne eine nicht unbedeutende Summe zahlen zu
wollen, wenn er darauf eingehe, und wollte selbst zu der Frau eilen, sie davon
zu benachrichtigen. Das widerriet ich ihm jedoch entschieden, er darf sie nicht
eher wiedersehen, bis die Angelegenheit beendet sein wird. Er ist das ihrer Ehre
und sich selber schuldig. Ich bat Teophil, statt seiner zu ihr zu gehen und sie
von den Vorgängen zu unterrichten, während ich in das Gastaus fuhr, wo ihr Mann
sich gewöhnlich aufhält, und diesem die nötigen Vorstellungen machte; denn der
Beamte beschwor mich, es gleich zu tun, er könne sonst nicht Ruhe finden. Wie
mir scheint, wird die Sache sich für den Augenblick hinhalten, und man muss
sehen, wie sie enden wird.
    Nun, Ihr Beamter wird doch natürlich seine frühere Geliebte heiraten, rief
Eva.
    Daran zweifle ich, obgleich er unverheiratet ist, meinte der Präsident.
Wenigstens lässt mich keine seiner Äusserungen darauf schliessen, dass er diese
Absicht habe. Er hat das Mädchen einst geliebt, es geht ihm nahe, die Frau jetzt
unglücklich, mishandelt zu wissen, er will sie zu retten suchen, das ist ein
sehr natürliches Gefühl. Ob er sie noch liebt? ob sie ihm noch zur Frau
begehrenswert scheint, da ein langes Leben zwischen jener Zeit und ihrem
Wiedersehen liegt, das wird die Zukunft lehren. Einstweilen wollte ich die Damen
bitten, ob sie der Frau, die augenblicklich, wie mir Teophil sagt, in Not ist,
nicht Arbeit und Erwerb zu schaffen wüssten? Mein Beamter wollte auch hier
aushelfen, aber auch davon habe ich abgeraten. Es könnte zu Misdeutungen Anlass
geben, und warum soll man Jemand zur Annahme von Wohltaten zwingen, dem man die
Mittel geben kann, sich selbst zu helfen? Kauft daher Leinwand und andere
Stoffe, Ihr Frauen, und gebt der armen Person Arbeit und Verdienst, mehr ist für
jetzt nicht nötig.
    Eva und Terese, die, wie Alfred, mit Anteil zugehört hatten, erklärten
sich sofort zu jedem Beistand gern bereit und Terese fragte: Wenn nun der Mann
auch in die Scheidung willigt, so steht der Trennung doch kein Hindernis im Wege
und die Frau wird frei?
    Nach den bisherigen Gesetzen, sagte Teophil, würde dann die Scheidung keine
grosse Schwierigkeiten verursachen, da die Frau gewiss keine Unterstützung von dem
Manne verlangt, und sich und die Töchter wie bisher ernähren würde. Nach dem
beabsichtigten Gesetz dürfte es aber noch vielen Zweifeln unterworfen sein, ob
man diese Ehe überhaupt trennen würde?
    Aber was geht das den Staat an, ob zwei Menschen, die sich nicht mögen,
miteinander leben oder von einander gehen? fragte Eva. Da der Staat jene Frau
nicht gefragt hat, ob sie ihren Mann auch möge, als die Eltern sie zu einer
Heirat gegen ihre Neigung zwangen, so hat er doch auch jetzt gewiss nichts
danach zu fragen, wenn sie den aufgedrungenen Mann nicht mag und sich von ihm
trennt.
    Die Ehe und das Familienleben sind die Grundlage eines Staates und er hat
deshalb die Pflicht, sie zu schützen, sagte Teophil.
    Was heisst das, die Ehen schützen, wenn man eine Frau so unglücklich werden
lässt, als die, von der Sie eben berichtet haben? Die Frauen sollte man
beschützen, sie sollte man fragen, wenn man neue Gesetze über die Ehe entwirft,
rief Eva, und nicht Gesetze geben, die einer Unglücklichen befehlen, das harte
Joch zu tragen, wenn es ihr zu schwer wird. Es ist schlimm genug, dass Eltern und
Verhältnisse ein Mädchen zwingen können, sich gegen ihren Wunsch zu
verheiraten; der Staat braucht nicht die Ungerechtigkeit hinzuzufügen, dass er
verlangt, man solle verheiratet bleiben mit einem Manne, den man nicht liebt,
nicht achtet, den die Frau hassen muss, wenn er sie gegen ihren Willen zu fesseln
begehrt.
    Sie machen in Ihrer Entrüstung unbefangen einen Teil der Bemerkungen, die
von allen Seiten gegen das neue Gesetz eingewendet werden, das auch mir nicht
wohlbedacht erscheint, besonders weil es den Ehebruch bestrafen will, auch ohne
dass der gekränkte Teil klagbar dagegen wird, sagte der Präsident. Die Ehe ist
ein bürgerliches Institut und ein geistiges Band. Jede dieser Richtungen hat
ihre besonderen Rechte. In Frankreich trennt man sie scharf, indem man erst die
bürgerliche Ehe vor dem Maire abschliesst, die geistige Ehe darauf von dem
Priester segnen lässt. Die bürgerliche Ehe, als Staatsinstitut, als die schönste,
vollendetste Form menschlicher Vereinigung, zu schirmen und aufrecht zu
erhalten, ist Pflicht des Staates, denn mit Aufhebung unserer jetzt bestehenden
Ehesitten zerfällt die bürgerliche Gesellschaft in ein wüstes Chaos. Die
Trennung dieser Ehe gehört entschieden vor sein Gericht, insofern das Eigentum
und die Rechte des Bürgers dabei gefährdet werden. Die geistige Ehe, die Ehe,
welche der Priester segnet, ist Sache des Einzelnen und nur das Gewissen der
Gatten hat darüber zu entscheiden. Glaubt der Staat sich ermächtigt, über diese
geistige Vereinigung der Gatten zu urteilen, denkt er daran, Vergehen gegen die
ehelichen Pflichten zu bestrafen, welche der gekränkte Teil schweigend ertragen
will, so verkennt er seinen Beruf und begeht ein Unrecht. Er drängt sich
unbefugt in die Geheimnisse des Einzelnen und beschränkt seinen freien Willen.
Dies zu tun ist aber ein Verbrechen, denn die Freiheit eines Menschen darf der
Staat nicht antasten, so lange sich Niemand beschwert, dass er sie zum Nachteil
eines Andern misbrauche.
    Das ganze Gesetz hat darum etwas so Gehässiges, sagte Teophil, weil es
nicht wie ein Schutz- sondern wie ein Strafgesetz aussieht. Es betrachtet die
Personen, die auf Scheidung klagen, wie Uebeltäter, die man zu ihrer Pflicht
zwingen, wie Verbrecher, die man bestrafen müsse, während in den meisten Fällen
mindestens der eine Teil so unglücklich ist, dass man ihn so schnell als möglich
erlösen sollte. Die Zahl der Eheleute, die sich aus Leichtsinn trennen, wie es
in den Gesetzentwürfen heisst, möchte sehr gering sein; grösser ist schon die Zahl
der Ehen, die ohne Ueberlegung geschlossen werden. Dies zu verhindern aber
vermag der Staat nicht und er kann es nicht einmal wollen.
    Was Sie über Ehescheidungen aus Leichtsinn sagen, ist ganz richtig, bemerkte
der Präsident. Die Ehe gibt den Gatten eine solche Menge gemeinsamer Pflichten
und Lasten, die Interessen derselben sind so fest ineinander verschlungen,
veranlassen bei einer Trennung eine solche Menge von Uebelständen für beide
Teile, dass wohl der Leichtsinnigste ernst und aufmerksam wird und davor
zurückschreckt, wenn eben nur Leichtsinn ihn zu der Scheidung veranlasste. In den
niedern Ständen sind es gewöhnlich sittliche Verwahrlosung oder Not und Armut,
die unglückliche Ehen zuwege bringen. Diese Not mildern, das sittliche
Bewusstsein, das in unserm Volke vorhanden ist, durch moralische, nicht durch
pietistische Erziehung stärken, das ist es allein, was der Staat zur Beförderung
glücklicher Ehen tun kann. Glückliche Ehen möglich zu machen, muss sein Ziel
sein, nicht unglückliche Ehen zusammenzuhalten. Im Gegenteil liesse sich eher
behaupten, dass, da es vernünftiger Grundsatz des Staates ist, den Uebeltäter,
gegen den die grosse Staatsfamilie sich beschwert, von der Gesammteit
auszuscheiden, weil er ihre Rechte kränkt und sie durch sein Beispiel
entsittlicht, so müsse der Staat auch, auf Verlangen einer Familie, diese von
einer Person befreien, die ihr Wohlergehen verhindert.
    Die Andern stimmten dem Präsidenten bei und er fuhr fort: Frau von Barnfeld
bemerkte vorhin und Teophil wiederholte es, dass der Staat keine Aufsicht über
die Beweggründe führen könne, aus denen sich Ehegatten verbinden. Da er nun die
Eingehung einer Ehe dem freien Willen und dem Ermessen der Beteiligten
anheimstellen muss, so muss ihnen auch die volle Freiheit bleiben, ein Bündnis,
das sie eingingen, um glücklich zu werden, aufzulösen, wenn es diesem Zwecke
nicht mehr entspricht, ihm entgegen ist. Mir scheint, der Code Napoleon habe
diese Verhältnisse am vollständigsten erfasst und jeder Richtung ihre gebührende
Anerkennung gesichert. Ich finde es angemessen, dass nach dem Code jede Ehe ohne
Weiteres getrennt wird, wenn nach zweijähriger Dauer derselben beide Gatten
darein willigen und die Eltern oder ein Familienrat die Ordnung der
Vermögensverhältnisse und die Zukunft der Kinder für gesichert erklären. Dadurch
schützt sich der Staat davor, dass ihm die Ernährung der Familie zur Last falle,
und lässt doch dem Menschen das Recht, frei über seine heiligsten Interessen zu
entscheiden. - Er hielt inne und sagte dann nach einer Pause: Allerdings kommen
auch Fälle vor, in denen eine solche friedliche Lösung unmöglich ist; da muss
natürlich der Staat vermittelnd dazwischentreten und das Gesetz die streitenden
Parteien zufrieden zu stellen suchen.
    Solche lange Auseinandersetzungen lagen nicht in der Art des Präsidenten,
heute aber mochte ihn das Interesse dazu bewogen haben, welches die Andern für
den Gegenstand zeigten.
    Auch Alfred hatte bis dahin schweigend zugehört, jetzt richtete er sich
empor und sagte: Inwiefern der Staat sich zu berücksichtigen hat, mag ich
augenblicklich nicht erörtern. Mir fällt aber, so oft das Tema berührt wird,
ein Ausspruch Rahel's ein, den man als Motto über alle Schriften setzen sollte,
welche sich gegen das neue Ehegesetz erklären. Sie sagt: »Die höchste Schmach
einer Frau, die tiefste Erniedrigung ist es, dass sie Mutter von Kindern werden
kann, deren Vater sie hasst und verachtet.« Mit den wenigen Worten drückt die
feinfühlende, scharfsichtige Frau Alles aus, was sich gegen die Unsittlichkeit
einer Ehe sagen lässt, an der das Gefühl keinen Teil mehr hat, die man gegen den
Wunsch der Gatten zusammenhalten will. Und wenn der Staat die wichtigsten Zwecke
durch Aufrechtaltung einer solchen Ehe zu erreichen glaubte, sie würden zu
schwer erkauft durch das Elend, das sie über den Einzelnen verhängen, durch die
Knechtschaft, zu der sie ihn zwingen wollen. Ein Gesetz, das ein grosses,
sittliches und verständiges Volk, wie das unsere, verwirft, kann kein gutes
Recht sein. Gesetze geben ist so schwer! Jeder Mensch trägt sein besonderes
Recht nach seiner Individualität in sich. Jedes besondere Verhältnis schafft und
bedingt sein eigenes Recht. Was in dem einen Falle Verbrechen wäre, könnte
höchste Tugend in dem andern sein. Nun will man Menschen von der verschiedensten
geistigen Erkenntnis, von den abweichendsten Lebensansichten und den
verschiedensten gesellschaftlichen Stufen unter ein Gesetz beugen, das Alle
verwerfen, das sie sich nicht selbst gegeben haben. Das zu tun, ist eine Sünde,
denn dem Menschen ist der freie Wille gegeben, wie kann der Staat ihn vernichten
wollen? Wer durch Befehle unserm Gewissen vorschreiben will, was Recht und
Unrecht sei; wer uns ein Sittengesetz aufdrängt, gegen das unsere Ueberzeugung
sich sträubt; wer uns überhaupt in unsrer rechtmässigen Freiheit beschränkt, die
Stimme des Gewissens in uns vertreten will, der versündigt sich an der
Menschheit im Ganzen und an dem Einzelnen, der ist unser Feind und wenn er uns
alle Güter der Welt zum Ersatze böte. Elend werden nach eigner Wahl, ist am Ende
noch erspriesslicher als ein Glück, das man uns aufdrängt. Wer mich glücklich
machen will nach seiner Ansicht, ohne die meine zu befragen, tritt mir zu nahe
und Jeder würde ein aufgedrungenes Glück von sich stossen, wenn er, während man
es ihm aufdringt, bedächte, dass jede Unfreiheit eine Schande ist.
    Er sprach heftig erregt, denn er kämpfte offenbar für sein eigenes
Interesse. Ihn drückte das Bewusstsein, durch den Willen seines verstorbenen
Onkels, durch Rücksichten auf seinen Sohn und durch Das, was er für Pflicht
gegen seine Schöpfungen hielt, in den Fesseln einer Ehe gebannt zu sein, die er
zu lösen verlangte. Er litt unter der Beschränkung der Freiheit, darum sprach er
doppelt warm für das Recht der Andern. Terese hatte sich schon vorher mit Felix
und Agnes entfernt, weil die Erörterungen zu traurige Gedanken in ihr erweckten
und sie auch Agnes vor solchen Betrachtungen bewahren wollte. Jetzt, da nach
Alfred's letzten Worten eine längere Pause eintrat, kehrte sie zurück, der
Präsident wendete sich mit Freundlichkeit gegen das junge Mädchen und die
Unterhaltung nahm eine andere Richtung, obgleich sie noch lange in den Einzelnen
nachklang.
 
                                       IX
In wechselnden Beschäftigungen und Bestrebungen verging die Zeit und man näherte
sich dem Weihnachtsfeste. Terese hatte alle Personen ihres nächsten Kreises für
den heiligen Abend eingeladen und war rüstig dabei, für Jeden eine Freude zu
bereiten. Sobald die Zeitungen dem Präsidenten gebracht wurden, pflegte sie nach
den verschiedenen Anzeigen zu greifen, um zu sehen, was Luxus und Mode Neues
geschaffen, um darunter für die Ihrigen zu wählen, was ihnen etwa noch erwünscht
sein konnte.
    Eines Morgens sassen die Geschwister ebenfalls friedlich bei einander, Julian
mit den politischen Nachrichten beschäftigt, als eine Stelle unter den
vermischten Nachrichten Teresen's Auge fesselte. Sie las sie, das Blatt
zitterte in ihren Händen und mit den Worten: Wer hat mir das getan, wie habe
ich das verschuldet? liess sie die Zeitung zur Erde fallen, während sie ihr
Gesicht mit den Händen verhüllte. Der Bruder fuhr erschreckt empor und fragte
was es gäbe. Aber sie vermochte nicht zu antworten. Schweigend deutete sie auf
das Papier. Er hob es auf und fand bald die Stelle, welche ihre Aufregung
veranlasst hatte. Sie war aus der Hauptstadt der Provinz datirt, in der die Güter
des Herrn von Reichenbach lagen, und lautete wie folgt:
    »Man spricht in unsern höhern Cirkeln davon, dass der gefeierte Dichter
Alfred von Reichenbach, der bedeutende Güter in unserer Provinz besitzt, sich
von seiner Frau trennen werde, mit der er seit elf Jahren in friedlicher Ehe
gelebt hat. Eine Dame von Stande, ein Fräulein von B. in der Residenz, zu der er
schon vor Eingehung seiner Ehe ein Herzens-Verhältnis gehabt hat, soll es
verstanden haben, ihn aufs Neue zu fesseln, und Ursache der beabsichtigten
Scheidung sein.«
    Der Präsident war, wie seine Schwester, von dem unverdienten Angriff hart
getroffen. Er drückte das Papier zusammen und schleuderte es von sich; dann aber
wich der Zorn über die Kränkung dem Mitleid, das ihm die Schwester einflösste,
die durch das Gewicht der Anklage wie vernichtet war.
    Sie weinte nicht, sie klagte nicht. Sie hatte die Hände gefaltet und sah
starr und regungslos in dumpfem Brüten vor sich nieder. Julian neigte sich zu
ihr, zog sie an seine Brust und sagte: Hier findest Du Schutz! hierher zu mir
wende Dich und weine Dich aus. Sieh nicht so starr vor Dich nieder; was tut das
Geschwätz eines Elenden, wenn wir Alle an Dich glauben und Dein eigenes Gewissen
Dich freispricht! Richte Dich auf Terese, sei stark, wie ich Dich immer gekannt
habe. Sieh mich an und fühle, dass ich bei Dir bin, dass Dein Bruder bei Dir ist,
dem Du heilig bist, wie seine Ehre.
    Er hob ihren Kopf sanft empor und zwang sie, ihm in das Auge zu blicken;
aber trotz der milden Ruhe in seinen Worten trug sein Gesicht so deutlich die
Spuren der Erschütterung, dass Terese, davon getroffen, weinend an seine Brust
sank. Er hielt sie lange fest umschlungen und gönnte ihr Zeit, sich innerlich
klar zu machen, was ihr geschehen sei, während er selbst sich gewaltsam zu
sammeln strebte und mit sich zu Rate ging über Das, was er in diesem Falle
zunächst zu tun habe.
    Teresen's erste Worte, nachdem sie ihres Schreckens Herr geworden, galten
Alfred. Was wird er sagen? Wie wird er mich bedauern, wie tief wird es ihn
selbst verletzen! rief sie aus. Wenn Du mich liebst, Julian, eile zu ihm, sage
ihm, dass ich ruhig bin - nein! nein! unterbrach sie sich selbst, das ist eine
Lüge, ruhig kann ich darüber nicht werden. Wenn ich denke die Eltern hätten das
erlebt an ihrer einzigen Tochter! und Du, Julian, dass Du beschimpft wirst durch
mich, o das ertrage ich nicht!
    Ein neuer Tränenstrom erstickte ihre Stimme. Der Bruder hielt noch immer
ihre Hand in der seinen; zuletzt drückte er sie herzlich und sagte: Glaubst Du,
dass ich mein Haupt weniger frei erheben werde, weil ein Elender darnach zu
zielen wagt? Wohl Dir und mir, dass seine Waffe uns nicht verwunden kann! Dein
Leben ist ohne jeden Fehl! Wo wäre die innere Kraft vernünftiger
Selbstschätzung, wenn sie uns in solchem Augenblicke verliesse? Wenn wir nicht
den Mut hätten, uns über eine elende Schmähung zu erheben? Richte Dich
innerlich empor Terese, sei getrost, damit ich die Ruhe gewinne, der Aussenwelt
die Stirne zu bieten. Sehe ich Dich nur mit Dir selber einig, so wird alles
Andere sich leicht zurechtlegen lassen.
    O, vergib mir, Bruder, vergib mir! rief Terese noch immer in heftiger
Bewegung. Hätte ich Dir gefolgt, hätte ich Alfred nicht wiedergesehen, so wäre
das Alles nicht gekommen. Zürne mir nicht, Julian!
    Ich sollte Dir zürnen, weil Du schuldlos leidest? Wollte der Himmel, ich
hätte Dir jeden Kummer ersparen, Dich so glücklich machen können, als ich es
wünschte, als Du es verdienst, mein armes Mädchen! mein Kind und meine
Schwester! sagte der Präsident, während sein Auge von Tränen glänzte.
    Terese küsste ihm inbrünstig die Hände und rief: Ich will Alfred nicht
wiedersehen, wenn Du es verlangst.
    Darüber wollen wir noch nichts entscheiden, antwortete Julian, ehe ich ihn
selbst gesprochen habe. Dass wir uns innerlich frei fühlen und ruhig sein können,
darf uns nicht abhalten, uns gegen die Pfeile zu schützen, die der üble Wille
von Fremden auf Dich schleudern könnte. Ich ahne, von welcher Seite die
Schmähung kam; es könnten ihr neue Angriffe folgen und die Ehre einer Frau muss
durch keinen Verdacht angetastet werden; eine Frau muss auch den Schein eines
Tadels zu vermeiden suchen. Wie wir Dir am sichersten Schutz gewähren, das kann
ich nur mit Alfred gemeinsam beraten, zu dem ich eilen will, um ihn vor
leidenschaftlichen Entschlüssen zu bewahren. Sie dürften seinem Charakter wohl
zunächst liegen und würden das Uebel ärger machen. Lebe wohl, Schwester! sagte
er, sie umarmend, und mache, dass ich Dich ruhig wiederfinde, denn besonnener
Ueberlegung bedürfen wir heute.
    Er entfernte sich und langte bald darauf bei Alfred an, dem er schon an der
Türe seines Hauses begegnete. Ich wollte zu Dir kommen, sagte Alfred, ich muss
Dich sprechen.
    So lass uns hineingehen, antwortete Julian mit einer Gelassenheit, die sehr
gegen die Aufregung seines Freundes abstach.
    In dem Arbeitszimmer seines Freundes angelangt legte der Präsident Mantel
und Hut von sich, setzte sich ruhig nieder und sagte, die Zeitung in die Hand
nehmend, die vor ihm auf dem Tische lag: So weisst Du es auch schon?
    Meine Frau war bei mir, heute in aller Frühe, rief Alfred, gerade in dem
Augenblick, in dem ich das höllische Machwerk las, das die reinste, edelste
Seele beschimpfen sollte. Das ist der Schlag, vor dem mich Fernow warnte, den
der elende Kaplan beabsichtigt hat. Sie haben es klug ersonnen, dass Caroline
gerade heute kommen musste, um sich an der Wirkung ihrer List zu weiden; aber ich
danke es ihnen, denn sie geben mir die Freiheit wieder, indem sie mir neue
Pflichten auferlegen und die alten Bande zerstören. Wüsste ich nicht, wie hart
Terese von der Unwürdigkeit getroffen sein wird, so könnte ich Jenen danken für
die Art, in welcher sie mich vorwärts treiben.
    Lasse das, sagte der Präsident, Du bist in einer Aufregung, die nicht
geeignet ist für die Besprechung, die ich wünsche. Ich kam zu Dir -
    Nein! höre mich, lass mich erst sprechen! rief Alfred. Du weisst es, dass ich
Terese liebe, dass ich sie schon in früher Jugend geliebt habe, dass der Wunsch,
sie zu besitzen, mir die Fesseln doppelt unerträglich machte, die ich zu
zerbrechen wünschte, ehe ich noch Terese wiedergesehen hatte, und in denen ich
dennoch blieb, weil ich es für Pflicht hielt. Ich war nicht glücklich, ich
wusste, Terese könne es nicht sein, denn eine unwiderlegliche Gewissheit in
meiner Seele sagt mir, dass sie mich liebt. Aber ich wusste sie geschützt und
geborgen an Deiner Seite, sie bedurfte meiner nicht und ich wollte mich darein
finden, sie ein Scheindasein führen zu sehen, wie es das meine war. Nun tritt
Caroline gegen sie auf und der elende Ruhberg lehrt sie die Waffen wählen, die
am tiefsten verwunden. Sie stellen Terese der üblen Nachrede, dem falschen
Urteil preis, sie beschimpfen das reinste Verhältnis, das reinste Herz, die
Frau, die ich liebe. Damit legen sie mir die heilige Pflicht auf, Teresen's
Ehre zu retten, damit geben sie mir meine Freiheit wieder. Ich wollte zu Dir
kommen, um noch in dieser Stunde die Hand Deiner Schwester von Dir zu fordern.
Noch heute übergebe ich die Scheidungsklage dem Gerichte und sobald ich frei
bin, wird Terese mein.
    Er hielt inne und der Präsident sagte in seinem kühlsten Tone: Und die Leute
ersehen daraus, dass jene Nachricht die volle Wahrheit entielt, dass es wirklich
meine Schwester ist, die Dich zu der Scheidung veranlasst hat.
    Alfred war überrascht. In der grossen Aufregung, in der Besorgnis für die
Geliebte hatte er nur daran gedacht, ihr und sich selbst genug zu tun, und das
Urteil der Menge gar nicht in Betracht gezogen.
    So beschützest Du Terese nicht, mein Freund! sagte der Präsident, so gibst
Du sie vielmehr dem Tadel absichtlich anheim, tust, wozu Deine Neigung Dich
führt, und versäumst, was Du bisher sehr richtig als Deine Pflicht erkannt hast
und was auch tatsächlich noch heute Deine Pflicht ist.
    Meine Pflicht ist allein, Teresen's Kränkung zu vergüten, den Menschen zu
zeigen, wie schuldlos sie an dem Vorwurfe ist, den man ihr macht, rief Alfred.
    Der Meinung bin ich selbst, entgegnete der Präsident, darum verlange ich,
dass Du Dich mit Deiner Frau vereinigst und -
    Unmöglich! das kann nicht sein! unterbrach ihn Alfred; verlange, was Du
willst, nur das Eine fordre nicht.
    Es gibt keinen andern Ausweg, es ist das Einzige, was Du für Terese tun
kannst, sagte der Präsident sehr ernst, eben darum fordre ich es auch von Dir,
und werde weder an Deine Freundschaft für mich, noch an Deine Liebe für Terese
glauben, wenn Du Dich weigerst, das Opfer zu bringen.
    Alfred ging, wie es bei heftiger Gemütsbewegung seine Art war, mit
schnellen Schritten im Zimmer umher. Hast Du Caroline gesprochen? fragte der
Präsident.
    Nein! ich habe ihr sagen lassen, ich wolle und würde sie nicht sehen.
    Und dann? fragte Julian.
    Dann ist sie in das Hotel zurückgekehrt, in dem sie gestern abgestiegen ist,
wie sie dem Diener sagte. Aber was soll die Frage?
    Dich veranlassen, Deine Frau aufzusuchen und sie in Dein Haus zu führen.
Folge mir, Alfred, bat er dringend, gib mir nach, denn ich bin ruhiger als Du.
Nimm Caroline nachsichtig auf, Du rettest Teresen's Ehre damit, Du vernichtest
Ruhberg's Plane, der Dich mit Gewalt aus Deinem Eigentume vertreiben, die
Erziehung Deines Sohnes, das Wohl Deiner Gutsinsassen in seine Hände bekommen
möchte. Kannst Du da noch schwanken?
    Du zeigst nur eine Seite der Medaille, sagte Alfred; das Elend, die Lüge und
das Leid der Kehrseite hältst Du wohlweislich verborgen. Ich soll dem falschen
Urteil der Menge genugtun und mich selbst verachten müssen, wenn ich in den
unwürdigsten Ketten liege. Was kümmert uns das sinnlose Urteil der törichten
Welt, wenn Terese und ich endlich das Glück erreichen, das wir erstreben!
    Du schiltst die Welt töricht und ihr Urteil sinnlos, jetzt, wo Du es gegen
Dich zu haben fürchtest. Als es Dich den Liebling des Volkes nannte, als es
Deine Dichtungen bewunderte und Dich wegen der vortrefflichen Einrichtungen auf
Deinen Gütern pries, hast du es hochgeschätzt und anders darüber gedacht. Der
heutige Tag wird vergehen, mein Freund, Jahre werden sich über die Leiden dieser
Zeit hinwälzen, Du wirst ruhig geworden sein über Das, was Dich jetzt bewegt.
Gegen das Urteil der Menschen wird eine Natur wie die Deine nie gleichgültig
werden. Ihr Lob, ihre Bewunderung werden Dich freuen, ihr Tadel Dich schmerzen
wie heut; und hegtest Du keine Achtung vor der Reinheit Deines eigenen Namens,
so fordere ich, dass Du sie vor dem fleckenlosen Rufe meiner Schwester habest,
den ich zu schützen verlange.
    Alfred gab sich nicht für überwunden. Er versuchte vielmehr den Präsidenten
für seine Ansicht zu gewinnen. Er malte ihm in grellen Farben die Zukunft aus,
der er ihn überantworten wolle, er erinnerte ihn an ihre Unterhaltung über das
Unglück einer Ehe, die in sich zerfallen sei, bestritt, dass der gute Zweck
Julian's das Mittel heilige. Umsonst! der Präsident beharrte bei seiner
Erklärung und wusste für seine Forderung so entscheidende Gründe anzuführen, dass
Alfred endlich ausrief: Uns Beide bewegen zu verschiedene Wünsche, wir sind
Beide Partei, unser Urteil ist befangen. Lass uns zu Terese gehen; sie mag
entscheiden, und was sie von mir fordert, das kann, das werde ich tun.
    Mit diesem Vorschlage erklärte Julian sich zufrieden und die Freunde machten
sich auf den Weg nach der Wohnung des Präsidenten, in der sich inzwischen neue
Verwicklungen vorbereitet hatten.
    Kaum war nämlich der Präsident von der Schwester hinweggegangen, als der
Diener ihr eine Dame meldete, die ihren Namen nicht nennen wolle, sie aber
dringend zu sprechen verlange. Terese, unfähig, in ihrer Stimmung eine Fremde
zu empfangen, befahl dem Diener, die Dame um Wiederkehr zu einer andern Stunde
zu ersuchen. Trotz dieser ablehnenden Antwort öffnete sich bald darauf die
Türe, eine Frau trat heftig herein und sagte: Um Vergebung, wenn ich Sie störe,
mein Fräulein, und gegen Ihre Erlaubnis mich bei Ihnen einführe. Ich bin
genötigt, Sie aufzusuchen, da mein Mann, vermutlich aus Rücksicht für Sie,
mich nicht sprechen will. Ich bin die Frau Ihres Freundes, des Herrn von
Reichenbach.
    Terese war keines Wortes mächtig. Carolinen's unerwartetes gewaltsames
Erscheinen, die Art, in welcher sie gegen sie auftrat, nahmen ihr jede Fassung,
und es konnten auch kaum zwei verschiedenere Frauen gedacht werden, als diese
beiden, die sich jetzt zum ersten Male im Leben einander gegenüber standen. Die
unschönen, bleichen Züge Teresen's, aus denen jedoch die Würde einer edlen
Seele, die Ruhe wahrer Weiblichkeit sprachen, selbst ihre schlichte Kleidung,
bildeten einen grossen Gegensatz gegen Frau von Reichenbach, die vor Zorn
erglühend, in leidenschaftlicher Unruhe, fast erlag unter der Last ihres
überladenen Anzugs. Beide hatten wohl ein anderes Bild von einander gehabt und
sahen sich einen Moment befremdet an. Dass Alfred diese Frau nicht lieben, dass er
von ihr nicht verstanden werden konnte, fühlte Terese deutlich und sie beklagte
ihn von Herzen, während Caroline sich fragte: Wie kann Alfred mir, eben mir
dieses bleiche, nicht schöne Mädchen vorziehen? Was kann ihn an sie fesseln? und
sollte es mir nicht gelingen, ihn zu mir zurückzuführen, wenn er uns neben
einander sähe? Ein Gefühl von Triumph erhob sich in ihrer Brust, trotz der
Verlegenheit, die immer mehr Herrschaft über sie gewann, so dass sie keine Worte
für Das zu finden wusste, was sie seit lange beschlossen hatte, der verhassten
Nebenbuhlerin zu sagen.
    Endlich war es diese, die sich überwand. Was verschafft mir die Ehre, Sie zu
sehen, gnädige Frau? Ich will nicht glauben, dass Sie herkamen, sich an meiner
Kränkung zu erfreuen! sagte sie so ruhig als sie es vermochte.
    Ihre Kränkung! rief Caroline, und wodurch sind Sie gekränkt? Ich verstehe
Sie nicht.
    Terese reichte ihr statt der Antwort das verhängnisvolle Blatt. Frau von
Reichenbach durchlas es und sagte mit einem bösen Aufwerfen der Lippen: Ist es
meine Schuld, wenn ein Gerücht, das in unserer Gegend allgemein verbreitet ist
und an das ich leider selber glauben muss, den Weg in die Zeitungen findet, da
mein Mann leider zu denen gehört, die sich als öffentliche Charaktere derlei
auch gelegentlich gefallen lassen müssen.
    Die Worte »mein Mann« von Carolinen's Lippen ausgesprochen durchzuckten
Terese wie ein Dolchstoss und wider ihren Willen schlug sie die Augen zu Boden,
als Caroline heftig ausrief: Sie sagen, dass Sie leiden! und was habe ich anders
getan, als gelitten, seit vielen Jahren und immer nur und ganz allein durch
Sie! Ich hatte einen Bräutigam, der mich anbetete, von dem ich das höchste Glück
erwartete. Da traten Sie dazwischen und raubten mir seine Liebe. Das Andenken an
Sie hat mir sein Herz entfremdet, unsere Ehe unglücklich gemacht. Ich war die
Kälte meines Mannes endlich gewohnt worden, ich fing an Ersatz in meinem Sohne
zu finden und gab mich endlich darein. Da treten Sie zum zweiten Male zwischen
meinen Mann und mich, da verbannen Sie mich aus seiner Nähe und trennen mich von
ihm und meinem Kinde. Kennen Sie eine Einsamkeit wie die, in der ich gelebt habe
die ganze Zeit hindurch? Ein edler, verständiger Freund rät mir, Alfred noch
einmal zur Versöhnung zu überreden. Auf seine Veranlassung fahre ich hierher.
Ich treffe am Abende hier ein, aber ich wage nicht das Haus meines Mannes, mein
Haus, als das meine zu betrachten, ich muss ein Zimmer in einem Hôtel beziehen.
Ich bin an demselben Orte mit meinem Manne und meinem Sohne und ich soll Beide
nicht sehen. Mein Mann weiset mich von sich und verweigert mir meinen Sohn, weil
er Sie liebt. Die Leiden, die Sie mir verursachen, sind in der Tat grösser, als
der Verdruss, den Sie über den Bericht empfinden können, den ich jetzt bei Ihnen
zum ersten Male sehe.
    Sie hätte noch lange fortfahren können zu sprechen, ohne von Terese
unterbrochen zu werden. Der Gedanke, dass man ihrem Verhältnis zu Alfred eine
falsche Deutung geben könne, war ihr bis zu diesem Tage nie gekommen. Die
heimliche Anklage der Zeitung, Carolinen's Vorwürfe fielen wie ein grelles Licht
in ihre Seele und zeigten ihr ihr eignes Bild in völlig veränderter Gestalt.
Grossmütig, wie ihre Natur es war, vergass sie, dass es die üblen Eigenschaften
Carolinen's waren, welche Alfred von dieser entfernt hatten. Nur das Gefühl, sie
erstrebe die Liebe, sie besitze das Herz eines Mannes, der einer Andern Treue
geschworen habe, sie stehe trennend zwischen den Eheleuten, war in ihr rege. Sie
fühlte sich tief erniedrigt und beschämt und ihre Tränen strömten unaufhaltsam.
    Diese unverkennbare Bewegung ihrer Nebenbuhlerin stimmte Frau von
Reichenbach allmälig milder. Sie hatte erwartet, eine Frau in Terese zu finden,
die, stolz in ihrem Glücke, den Anforderungen Hohn sprechen würde, welche sie zu
machen gekommen war. Teresen's leidendes Aussehen, ihr Schmerz, den Caroline
für Reue hielt, söhnten sie gewissermassen mit ihr aus und gaben ihr Hoffnung.
Sie fasste die Hand der Weinenden und sagte nicht ohne eigene Rührung: Mein Mann
hat Sie mir so oft als gut und edel geschildert, mein Fräulein! Zeigen Sie mir,
dass Sie es sind. Geben Sie ihn frei! Ich will nicht leugnen, ich trage einen
Teil der Schuld, die unsere Ehe verdarb; aber sind Sie denn fehlerlos? Ich
liebe meinen Mann, ich habe empfinden lernen, wie er mir fehlen würde überall,
dass ich nicht glücklich sein kann ohne ihn, und er ist meines Sohnes Vater.
Geben Sie ihn frei!
    Wollte Gott, ich könnte das! sagte Terese leise.
    Sie können es! rief Caroline. Nehmen Sie ihm nur die Hoffnung, sagen Sie ihm
nur, dass Sie ihn nie heiraten würden, und er wird zu mir zurückkehren. Ich
läugne es Ihnen nicht, ich beklage Sie! Ich will glauben, dass Sie ihn lieben,
aber was ist Ihre Liebe gegen die Rechte einer Frau? Was ist ein solches
Verhältnis wie das Ihre gegen eine Ehe? Was sind Ihre Ansprüche gegen die
meinen? Sie opfern einen Liebhaber, der Sie nicht lieben darf, der eine schwere
Sünde damit begeht an Frau und Kind: und ich soll meinen Mann und mein Kind
zugleich verlieren? Nimmermehr! aber freilich Sie wissen nicht, was Mutterliebe
ist! Sie wissen nicht, was Sie an mir verbrechen!
    Vor der unedlen Ausdrucksweise zog sich das Herz der armen Terese kalt
zusammen, wie von einer eisigen Hand berührt. Dass eine Frau wie diese ihr solche
Vorstellungen machen durfte, dass sie dieselben nicht als ganz grundlos von sich
zu weisen vermochte, das erniedrigte sie in ihren eignen Augen. Sie fühlte an
dem Schmerz, der sie durchwühlte, wie wenig sie seit lange an eine Trennung von
Alfred gedacht, wie sehr sie ihn als zu sich gehörend betrachtet, wie sie sich
betrogen hatte mit dem Glauben, Alfred's Freundschaft genüge ihr und sie werde
niemals mehr verlangen. Worauf sie gehofft, was sie erwartet und ersehnt, ward
ihr jetzt unabweisklich klar und Alfred's Ausspruch stand plötzlich wie mit
flammenden Schriftzügen vor ihrem innern Auge: Wahre Liebe strebt nach
gänzlicher Vereinigung! Ja! so war es! Sie liebte Alfred, sie wünschte und
verlangte die Seine zu werden; sie liebte einen Mann, der durch Bande, die er
selbst nicht zu lösen wagte, gefesselt war; und sie hatte sich bis jetzt für
schuldlos gehalten, während sie eine Sünde in sich nährte und diese Sünde als
Tugend an sich bewunderte.
    Mit hoher Selbstüberwindung und mit dem Tone der Wahrheit sprach sie,
nachdem sie lange schweigend mit sich gerungen: Es soll anders werden, Frau von
Reichenbach! ich will versuchen, Sie mit mir auszusöhnen. Ich will versuchen,
Sie zufrieden zu stellen. Was ich kann, werde ich tun, Ihnen den häuslichen
Frieden wiederzugeben, ohne Rücksicht auf mich; aber haben Sie Mitleid, haben
Sie Nachsicht mit mir und überlassen Sie mich diesen Augenblick mir selbst. Ich
ertrage es nicht länger; Ihre Gegenwart drückt mich zu Boden.
    Caroline stand auf und betrachtete Terese verwundert: Ist das die Wahrheit
oder ist es nur der Wunsch, mich zu entfernen, der Sie zu den Versprechungen
veranlasst? fragte sie.
    Der niedrige Verdacht erhob Terese und ruhig antwortete sie: Ich habe
Niemand getäuscht im Leben, als mich selbst. Was daraus erwächst an Leid und
Schmerz, werde ich ertragen und mich nicht schonen aus selbstsüchtiger Schwäche.
Ich konnte irren, aber ich beharre nicht im Irrtum, wenn ich ihn erkannt habe
als solchen. Glauben Sie mir das und leben Sie wohl.
    Und woran werde ich wissen, dass Sie Ihren Vorsatz ausführen?
    Sie sollen noch heute den Beweis davon erhalten, wenn es in meiner Macht
steht, entgegnete Terese, während sie Caroline begleitete, die sich entfernte.
    In völliger Erschöpfung fiel sie in den Sessel, der ihr zunächst stand; sie
wollte einen Plan fassen, ihre Gedanken ordnen, aber eine Stumpfheit ihrer
geistigen und körperlichen Kräfte hinderte sie daran. Sie hätte es für eine
Gnade des Himmels gehalten, wenn eine Ohnmacht ihr auch nur für wenige
Augenblicke das Bewusstsein des Elends genommen hätte, das über sie
hereingebrochen war und gegen das anzukämpfen ihr die Kraft fehlte. Sie fühlte,
dass sie einen Entschluss fassen müsse, um sich jene Achtung vor sich selbst zu
erhalten, die im Stande ist, uns über das schwerste Leid hinwegzutragen. Es war
ihr als müsse sie beten um Kraft, aber die Stimme der Vernunft in ihr fragte:
Warum beten um Etwas, das die Natur dir gegeben hat? Warum Hülfe erwarten, wo du
sie dir selbst gewähren kannst? Du musst wollen und du wirst können.
    Und der starke Wille, das Rechte zu tun, trug auch jetzt den Sieg über die
Schwäche davon. Sie richtete sich empor und überlegte, wie sie Dasjenige am
besten erreichen könne, was sie für ihre Pflicht hielt, als Alfred selber sich
bei ihr melden liess. Er hatte den Präsidenten gebeten, ihn mit Terese allein zu
lassen und nicht durch seinen Einfluss das Urteil der Schwester zu bestimmen.
    O gut, dass Sie kommen! rief sie ihm entgegen: gut, dass ich Sie sehe!
    Plötzlich stockte sie. Was hatte sie denn eigentlich im Sinne? Sie wollte
Alfred bitten, zu seiner Frau zurückzukehren, sie wollte ihm sagen, dass sie ihre
gegenseitige Neigung, ihr Verhältnis für ein strafbares halte; aber das hiesse
ihm ja eingestehen, dass sie ihn liebe, dass sie auf die Zukunft unbewusst
Hoffnungen gebaut habe, vor denen sie jetzt errötete. So gedemütigt, wie sie
sich vor Caroline gefühlt hatte, so beschämt stand sie vor Alfred, als dieser,
ihr Schweigen benutzend, ihr in raschen beredten Worten nochmals seine Liebe
gestand und sie beschwor, die Seine zu werden.
    Wir waren verblendet, Terese! sagte er, als wir uns sträubten, dem Zuge zu
folgen, der unsere Seelen zu einander führt. Ich schuf mir eine Welt von
eingebildeten Pflichten, die ich schlecht erfüllte, denn mein Herz erkannte sie
nicht an und hatte keinen Teil an ihnen. Wir haben entsagen wollen und haben
davon gelitten. Haben wir zu entsagen vermocht? Glüht nicht die heftigste
Leidenschaft für Sie in meiner Brust? Fühlen Sie nicht, trotz aller Kämpfe, dass
Sie mich lieben? dass wir nicht glücklich sein können ohne einander? dass Sie mein
sind und mein bleiben müssen? dass ich Sie nicht lassen kann und werde? Sprechen
Sie ein Wort, Terese, nur das eine Wort, und Sie geben mir Leben und Glück und
Ruhe wieder.
    Er hatte sich bei den letzten Worten zu ihr geneigt und schloss sie an seine
Brust. Das erweckte sie aus dem traumhaften Sinnen, mit dem sie auf seine Worte
gelauscht hatte. - Die Sprache seiner Liebe überwältigte ihr Herz, ein nie
gekanntes Glück erfüllte sie, alle Vorsätze, alle guten Entschlüsse waren
vergessen. Vergessen waren Caroline und die Versprechungen, die sie ihr aus
vollster Ueberzeugung geleistet. Alfred war da, sie sah ihn wieder, er liebte
sie, er bot ihr seine Hand! Das Glück winkte ihr, nur ein Wort von ihrem Munde
und sie stand am Ziele ihrer heissesten Wünsche.
    Ihre Arme erhoben sich, den Geliebten zu umfangen, ihre Sehnsucht zog sie,
an seinem Herzen auszuruhen von ihren Leiden, aber hart und mächtig mahnend rief
die Stimme ihres Gewissens sie zurück und erbleichend machte sie sich aus seinen
Armen frei.
    Nicht um solche Worte zu hören, habe ich Sie zu sehen verlangt, sagte sie
seufzend und stockte aufs Neue; nicht dazu! wiederholte sie tiefaufatmend; und
freier und wärmer werdend, fügte sie hinzu: Ich habe Frau von Reichenbach
gesehen, sie war bei mir, sie verlangt, dass ich ihre Fürsprecherin bei Ihnen
werde.
    Unmöglich! rief Alfred, sie hätte es gewagt, sich Ihnen zu nähern, nach der
Beleidigung, die sie Ihnen angetan?
    Nein! unterbrach ihn Terese, nein! Sie irren! Ihre Frau ist nicht dabei im
Spiele, sie wusste nichts von der Unwürdigkeit, sie war davon überrascht, sie ist
ihr völlig fremd. Aber - Ihre Frau bittet Sie um Vergebung, sie verlangt von
ihrer Grossmut Nachsicht. O, Sie wissen es nicht, wie es mir das Herz zerriss,
eine Frau zu sehen, die ihren Gatten, ihren Sohn wiederfordert, von mir
wiederfordert, sagte sie errötend. Wie heilig klang mir der Name einer Gattin,
einer Mutter aus ihrem Munde! Ich fühlte, dass diese Bande unauflöslich sind, dass
sie allein Achtung fordern, dass sie Alles ausgleichen, Alles austilgen müssen,
dass kein anderes Verhältnis vor ihnen bestehen darf. Ich hätte mein Herzblut
hingeben mögen, um Ihrer Frau genug zu tun, wenn ich allein es bin, die Sie von
ihr entfernt hat!
    Alfred lächelte mit bitterem Hohn. Wie täuscht Sie Ihr grossmütiges Herz!
sagte er. Wie wenig kennen Sie diese Frau, wie wenig verdient sie das Opfer, das
Sie ihr bringen wollen!
    Sie mag gefehlt haben, Fehler haben, unterbrach ihn Terese, die durchaus
vollenden wollte, was sie für ihre Pflicht hielt, aber sind wir frei von Schuld?
Sie will auf sich wachen. Alfred, haben Sie Erbarmen mit ihr und mit mir! - Sie
ist die Mutter Ihres Sohnes; wie wollen Sie sich an dem geliebten Kinde
erfreuen, ohne liebend der Frau zu denken, die es Ihnen geboren hat? - Sie
bieten mir Ihre Hand, Sie wollen Ihre Frau verstossen. Aber kann ich Ruhe finden
bei dem Bewusstsein, dass mein Glück auf den Trümmern Ihrer Ehe gegründet wird und
dass Ihre Frau der Stunde flucht, die uns verbindet? Lassen Sie uns das Beispiel
der Seelengrösse nachahmen, die Sie so oft und so begeistert geschildert haben,
lassen Sie uns entsagen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurück, geben Sie Ihrem Sohne
die Mutter, mir und sich die Achtung vor uns selbst wieder, nehmen Sie den Fluch
der Schuld von uns!
    Alfred hörte ihr lautlos zu. Was sie von ihm verlangte, was sie ihm als
Pflicht vorhielt, er beachtete es kaum. Dass sie ihn liebe, hörte er allein in
ihren Worten; sie schien ihm schön und schöner zu werden und nie zuvor hatte er
sie stärker und zärtlicher geliebt, als in dem Augenblicke, da sie mit solcher
Selbstverleugnung, mit so edler Wärme zu ihm sprach.
    Noch einmal und immer wieder schilderte er ihr das Glück, das sie ihm
gewähren könne, das Leid seiner unglücklichen Ehe mit Caroline. Waren Sie ohne
Schuld daran, haben Sie die Nachsicht für sie gehabt, die eine solche Frau von
Ihnen fordern durfte? Sie sind mit einem heimlichen Widerstreben die Ehe
eingegangen, hat dies Bewusstsein Sie niemals ungerecht gegen Ihre Frau gemacht?
- Und wenn es wirklich wäre, wie Ihre Frau behauptet, wenn es mein unseliges
Bild gewesen wäre, welches störend zwischen Ihnen und Caroline gestanden hätte,
wenn ich unbewusst die Schuld trüge an Ihrem Unglück, gönnen Sie mir den Trost,
versöhnend zwischen Sie und Ihre Frau zu treten. Gönnen Sie mir die Hoffnung,
mein teurer, lieber Freund! dass ich es bin, dass die Achtung vor mir und vor
sich selbst es ist, die Sie zu Ihrer Frau zurückführt, die Ihrem Sohne die
Eltern wieder zusammenführt.
    Umsonst! ihre Bitten scheiterten an Alfred's Ueberzeugung, dass er mit seiner
Frau nicht glücklich werden könne. Er verbarg der Geliebten die Ansichten ihres
Bruders nicht, aber dennoch forderte er die Erfüllung seiner Wünsche, dennoch
beharrte er darauf, dass er es nicht ertragen könne, in der Unwahrheit zu leben,
zu der die Vereinigung mit seiner Frau ihn zwinge.
    Glauben Sie nicht, Terese, sagte er, dass die Ereignisse des heutigen Tages
mich zu meinen Handlungen bewegen. Schon lange fühle ich, dass für mich kein
Wirken und Schaffen möglich ist, dass ich elend und mutlos werde, wenn ich mit
mir selbst nicht einig bin. Ich habe es versucht, mich zufriedenzustellen durch
die Erfüllung meiner Pflicht; sie sollte mir Kraft und Ruhe geben, mich über
Ihren Verlust zu trösten. Ich habe mich getäuscht, sie konnte das nicht. Fühlen
Sie nicht, dass dem Menschen ein unwiderstehliches Verlangen nach Glück, nach
Wahrheit innewohnt? Ich habe das Unrecht begangen, ein Mädchen zu meiner Frau zu
machen, die ich nicht mehr liebte. Ich habe in guter Absicht gefehlt und schwer
dafür gebüsst. Wollen Sie, dass ich zum Unrecht das Verbrechen füge, in erkanntem
Unrecht zu beharren? Wollen Sie, dass ich in den Armen meiner Frau mich nach
Ihnen sehne? Wollen Sie in dem falschen Glauben, ich könnte Sie vergessen, mich
zu einer Tiefe des Elends hinabstossen, von der Ihr reiner Blick sich schaudernd
abwenden würde, wäre ich hart genug, sie Ihnen zu entüllen? Das können Sie
nicht wollen, das willst Du nicht, Terese! oder Du hast mich nie geliebt. Wenn
Du fühltest wie ich, wenn nicht kalte Rücksichten auf das Urteil der Fremden,
wenn nicht die Liebe für Deinen Bruder mächtiger in Dir wären als die Liebe zu
mir, wie könntest Du zaudern, mein zu werden, wie könntest Du daran denken, mich
von Dir zu stossen, um mich mit einer Frau wie Caroline auf das Neue zu vereinen,
hättest Du mich je geliebt.
    Da konnte sie sich nicht länger überwinden. Und wen habe ich geliebt als
Dich, seit ich zu denken vermag? rief sie und warf sich in die Arme des
Geliebten, die sich öffneten sie zu empfangen, und ruhte weinend an seiner
Brust, während seine Küsse auf ihren Lippen brannten.
    Aber mitten in dem Entzücken des Augenblicks riss sie sich aus seinen Armen
los, und das Gesicht in den Händen bergend, stiess sie leise, wie man in
angstvollem Traume zu sich selber spricht, die Worte aus: Das ist Ehebruch, das
ist ein Verbrechen.
    Alfred liess sie erschüttert los. Da warf sie sich vor ihm nieder, umfasste
seine Knie und rief in leidenschaftlicher Erregung: Du sagst, Du liebst mich,
Alfred! o so rette mich vor dem Schicksal, das über uns hereinbricht. Du bist
ein Mann, Du hast Mut, Du hast Kraft. Sei stark, überwinde mehr als die Welt,
rette mehr als das Leben - überwinde Dich, rette unsere Seelen vor Verbrechen
und Verzweiflung. Kehre zu Deiner Frau zurück, vergiss diese unglückselige
Stunde, lass Dein Beispiel mir vorleuchten, ich werde Dir folgen. Sei mehr als
ein Mensch, der unwillig vergibt. Sei Gott ähnlich, vergib ihr, und beglücke!
Erhebe Caroline barmherzig bis zu Dir; vergib ihr, damit ich mir und Dir
vergeben darf, und wie zu dem Heiland, der mich erlöst von Verdammnis, will ich
zu Dir emporblicken und zu Dir beten aus der Ferne. Fühle, wie ich Dich liebe,
Alfred, wie ich Dir vertraue, wenn ich freudig und getrost ein solches Opfer von
Dir fordere, wenn ich Dir die Kraft zutraue, es freudig mir und Deiner Pflicht
zu bringen.
    Er hob sie auf, Tränen entströmten seinen Augen und mit tiefer Traurigkeit
sagte er still und ernst zu ihr: Du weisst nicht was Du bittest, nicht was Du von
mir forderst; aber es sei, wie Du es willst! Gott gebe, dass wir diese Stunde nie
bereuen. Ich gehe zu meiner Frau.
    Langsam schritt er der Türe zu und verliess das Haus, ohne Julian gesehen zu
haben. Als dieser endlich in das Zimmer seiner Schwester trat, nachdem er lange
vergebens die Rückkehr des Freundes erwartet, lag sie matt und keines Wortes
mächtig in dem Sessel, der zunächst der Türe stand. Es war zu viel gewesen für
ihre Kraft.
 
                                       X
Zum zweiten Male hatte sich Alfred gegen seine Neigung mit seiner Frau
vereinigt. Noch an dem Abend des Tages, an dem jene Ereignisse stattgefunden,
die wir geschildert, hatte er Caroline in sein Haus geführt und nach einer
erschütternden Scene zwischen den Gatten war eine Aussöhnung zu Stande gekommen.
    Ermüdet von dem Kampfe mit sich selbst, überliess er die Bestimmung der
äusseren Verhältnisse dem Präsidenten und seiner Frau. Diese hatte Neigung, auf
das Land zurückzukehren, aber Julian widerriet es ihr. Er fürchtete, wenn die
Eheleute nach den Vorgängen der letzten Zeit sich allein, in der Stille des
Landlebens gegenüberständen, würde das Andenken an die schmerzliche
Vergangenheit zu mächtig sprechen und zu laut gehört werden. Es schien ihm
wünschenswert, dass ein gesellig und geistig angeregtes Leben ihnen über ihre
missliche Lage fortelfe, und beide Gatten erklärten sich bereit, in der Stadt zu
bleiben, da ohnehin nichts schlagender dem gegen Terese verbreiteten Verdachte
widersprechen konnte, als ein gutes Einverständnis der Eheleute und der beiden
Familien untereinander.
    Die Aufregung, die Gemütsbewegungen, die Alfred empfunden, tönten in den
ersten Tagen seines neuen Beisammenseins mit Carolinen lebhaft in ihm nach; aber
edle Naturen haben eine solche Opferfreudigkeit, dass sie sich in vielen Fällen
über sich und ihre Kraft, ja selbst über die Grösse ihres Opfers täuschen. Je
schwerer es ist, je mehr sie darunter leiden, um so mehr erhebt sie das
Bewusstsein der Liebe oder der Ueberzeugung, aus der sie es dargebracht haben, um
so fester hängen sie an Demjenigen, für den es gebracht ward. So empfand es
Alfred, der in sich die Gewissheit trug, ein zerstörtes eheliches Verhältnis,
zerstört durch gänzliche Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, könne nie
zu einem beglückenden Bande werden. Er wusste, dass er nicht glücklich sein würde,
und seine ganze Hoffnung war darauf gerichtet, der von ihm geliebten Freundin
die verlorene Ruhe wiederzugeben, und, ungestört durch Carolinen's Nähe, sich
selbst und seinen Arbeiten zu leben.
    Er ersuchte seine Frau, sich ganz nach ihren Wünschen in der Stadt
einzurichten, er stellte ihr mit verschwenderischer Zuvorkommenheit bedeutende
Summen zur Verfügung, und tat Alles, sie äusserlich zufriedenzustellen. Er
wollte ihr gewähren, was er ihr gewähren konnte, um sie dafür zu entschädigen,
dass er ihr kein Herz zu bieten vermochte.
    Aber diesen Mangel empfand Caroline zum Glück nicht mehr so tief. Sie war
seit Jahren daran gewöhnt, dass ihr Mann ein in sich abgeschlossenes Dasein
führte. Ausser bei den gemeinsamen Mahlzeiten, bei einer Spazierfahrt oder einem
Besuche hatten sie sich auch früher oft Tage hindurch nicht gesehen. So blieb es
auch jetzt und Caroline war zufrieden, um so mehr als sie die Zerstreuungen der
Residenz liebte, sie lange entbehrt hatte und nun eine reiche Unterhaltung in
ihnen fand.
    Nicht so war es mit ihrem Gatten. Wenn er einsam träumend in seinem Zimmer
sass, störte ihn die unruhige Geschäftigkeit seiner Frau, die bald diese, bald
jene Anordnung zu machen hatte und laut sprechend oder scheltend ihre Befehle
gab, weil ihr, wie den meisten ungebildeten Menschen Ruhe, sowohl körperliche
als geistige, kein Bedürfnis, laute Tätigkeit vielmehr ein Labsal war. Sie
empfand und kannte das Glück nicht, durch keine äussere Bewegung, durch kein
Geräusch gestört, den Geist ausruhen zu lassen in der Betrachtung seiner selbst,
die Gedanken zurückkehren zu lassen in die stillen Tiefen der eigenen Seele, in
ihr geheimnisvolles Geburtsland, um sie dann erstarkt der Aussenwelt und dem
Leben wieder zuwenden zu können. Sie wollte wie Menschen von niedriger Stufe der
Entwicklung, wie die Kinder, von Aussen her angeregt und beschäftigt werden. Sie
musste gehen, schaffen, sprechen und arbeiten, obschon eine zahlreiche
Dienerschaft sie solcher Notwendigkeit entob. Versagte der Körper endlich
einmal den Dienst, war sie gezwungen, still und untätig auf derselben Stelle zu
bleiben, so musste sie ihre Hände wenigstens beschäftigen und jedes Bändchen,
jede Kleinigkeit, die ihr dann zunächst lag, ward ihr zu willkommenem Spiele.
    Sie kannte keine Ruhe und eben deshalb hielt sie sich für fleissig und für
tätig. Ihre klappernden Schlüssel, ihr beständiges Kommen, Gehen, Befehlen, die
unruhige Hast, mit der sie arbeitete, hatten Alfred von jeher belästigt. Jetzt,
wo er sich an die gleichmässige Ruhe in Teresen's Nähe gewöhnt hatte, machte die
Weise seiner Frau ihn so ungeduldig, dass er es kaum zu verbergen, kaum zu
ertragen wusste.
    Er hatte sich es gelobt, Caroline milder zu beurteilen, sie zufrieden zu
stellen. Jetzt sah er sie heiter, zu jedem Lebensgenusse gestimmt, und es tat
ihm wehe, dass sie so leicht zu befriedigen war, dass sie glücklich sein konnte
ohne Liebe. Er würde Mitleid mit ihr gefühlt, dies Mitleid würde ihn zu ihr
gezogen haben, sagte er sich, wenn sie empfunden hätte, wie ganz ihr sein Herz
verschlossen war. Dass sie es nicht fühlte, dass sie ihn mit Zärtlichkeiten
überhäufte, wenn irgend eine ihrer kostspieligen Launen befriedigt war, mit
Zärtlichkeiten, die er weder verlangte noch teilte, das verletzte ihn auf das
Äusserste und machte sie ihm widerwärtig.
    Verstimmt und innerlich widerstrebend, erfüllte er ihr Verlangen, sie bei
den Besuchen, die sie zu machen hatte, bei den Lustbarkeiten, an denen sie Teil
zu nehmen wünschte, zu begleiten. Dass sie nicht an die Erschütterungen dachte,
die er erlitten, dass sie selbst nichts davon empfand, schien ihm unglaublich;
und wie unzart, wie rücksichtslos musste sie sein, wenn sie so wenig Schonung für
seine Stimmung hatte, ihn zu Genüssen zu überreden, die ihm augenblicklich
unmöglich zusagen konnten.
    Er hatte auf des Präsidenten Bitte, der ihn häufig besuchte, Terese noch
nicht wiedergesehen, und Julian hatte ihm nur wenig von der Schwester
gesprochen. So oft er in eine Gesellschaft trat, fürchtete er ihr zu begegnen,
und wenn er sie nicht fand, seufzte er über die getäuschte Erwartung. Die
blendend hellen Räume des Teaters, die überfüllten Gesellschaftssäle konnten
ihn nicht zerstreuen, und bei dem nächsten Anlass gestand er seiner Frau, dass er
sich zu Vergnügungen nicht aufgelegt fühle, dass er sich bei seiner Arbeit und in
seinem Hause wohler fühle. Er schlug ihr freundlich vor, den Abend mit ihm
allein zuzubringen, und sie erklärte sich dazu bereit, aber mit einer so
schlecht verhehlten Verdriesslichkeit, dass er seine Bitte schnell bereute. Sie
blieb den ganzen Tag hindurch in übler Laune, sie schalt die Dienstboten, jede
Bewegung, jede Miene des Sohnes gaben ihr Anlass zu Tadel, jede Äusserung ihres
Mannes einen Grund zum Widerspruch. Endlich am Abend schien der Sturm
besänftigt. Es ward ruhiger im Hause und Alfred verfügte sich in Carolinen's
Zimmer, die eifrig strickend am Teetisch sass, während Felix unter Aufsicht
seines Lehrers in einer andern Stube mit den Arbeiten für den kommenden Tag
beschäftigt war.
    Ein paar Fragen seiner Frau, häusliche Angelegenheiten betreffend, waren
bald beantwortet und Alfred griff mechanisch nach einem Buche, das vor ihnen
lag. Er schlug es auf, durchblätterte es, der Gegenstand fesselte ihn und er
wollte lesen; aber Carolinen's Stricknadeln hinderten ihn daran. Der kleine,
immer sich wiederholende Ton der gegeneinander schlagenden Nadeln war ihm
lästig. Tausendmal hatte er das seiner Frau gesagt und sie gebeten, die ganz
unnötige Arbeit, wenigstens in seiner Gegenwart, zu unterlassen. Sie aber
strickte gern und konnte, wie sie es nannte, nicht müssig sein. Alfred's
Widerwille gegen das Strickzeug galt ihr als eine von seinen rätselhaften
Grillen, und sie strickte denn auch heute, wo sie nach längerer Trennung zum
ersten Male wieder den Abend mit ihrem Manne allein beisammen war.
    So gut er konnte, kämpfte er die unangenehme Empfindung nieder, er wollte
sie gewähren lassen und sprach es nicht aus, wie ungeduldig sie ihn mache, indes
dabei zu lesen war ihm doch nicht möglich. Er legte das Buch aus den Händen und
sagte, an das Gelesene denkend, halb zu sich selbst sprechend: Wie schön sind
diese Briefe Yorik's an Elise! welch innige Zärtlichkeit, welche Tiefe des
Gefühls ist in ihnen! So oft ich sie vornehme, erfreue ich mich an der
schlichten Darstellungsart dieser poetischen Schöpfung auf's Neue.
    Findest Du das? entgegnete Caroline, mir kommen sie sehr langweilig vor. Ich
nahm sie heute mit, als ich das Esszimmer aufräumen liess, wo Du sie vergessen
haben musst, denn Deine Bücher liegen ja überall umher. Da habe ich beim Stricken
eine Weile darin gelesen, aber es geht ja gar nichts vor sich in dem Buche!
    Muss denn etwas geschehen in einer Dichtung, muss es grosse Scenen,
Entführungen, muss es Mord und Todtschlag geben, damit sie uns anziehend wird?
Ist die Schönheit des Gedankens und der Empfindung nicht genug?
    Mord und Todtschlag braucht es nicht zu geben, aber Etwas muss doch
geschehen, antwortete Caroline, Liebe oder sonst Etwas muss doch in einem Buche
sein, die blossen Gedanken tun es doch nicht.
    Und was ist das anders als reinste, heiligste Liebe, rief Alfred lebhaft,
nahm das Buch und begann den neunten Brief an Elise zu lesen, den er vorher
angefangen hatte. Nach den ersten Seiten hielt er aber inne: Möchtest Du nicht
wenigstens das Strickzeug fortlegen, während ich lese? bat er.
    Caroline tat es und er fuhr in dem Briefe fort; aber kaum hatte er noch ein
paar Zeilen gelesen, als er sie leise gähnen hörte. Endlich nahm sie ihr
Arbeitskörbchen zur Hand und fing darin etwas zu suchen an. Das störte Alfred,
doch liess er sich nicht unterbrechen und las weiter. »Ich will meine Frau und
Tochter kommen lassen, hiess es an der Stelle, die sollen Dich, um zu gesunden,
nach Montpellier, nach Bareges, nach Spaa führen, oder wohin Du willst. Du
sollst es bestimmen und Ausflüge machen, in welchen Winkel der Welt die
Phantasie Dich lockt. Wir wollen an den Gestaden des Arno fischen und uns in den
lieblichen Labyrinten seiner Täler verlieren, meine Elisa!«
    Caroline lachte laut auf. Nun! das wird für die Frau und die Tochter auch
kein sonderliches Vergnügen gewesen sein, rief sie aus, wenn der alte Seladon
und die sentimentale Elisa sich in den Labyrinten verirren gegangen sind.
    Aber Caroline! wie ist Dir diese Äusserung möglich! rief Alfred unwillig und
betroffen aus.
    Ich begreife nicht, was Dir daran auffällt! Du weisst, für Ueberspannung habe
ich keinen Sinn. Ich nenne die Dinge beim rechten Namen, und wenn ein
verheirateter, alter Mann einer fremden Frau solche Briefe schreibt, das finde
ich unsittlich und empörend und diese Briefe sind langweilig trotz alledem. Ich
schlafe dabei ein, wenn ich nicht stricken soll.
    Alfred legte das Buch schweigend nieder. In demselben Augenblicke klapperten
auch schon wieder die verhassten Stricknadeln an sein Ohr und Caroline sagte: Du
magst es glauben oder nicht und magst es kleinbürgerlich nennen, aber gegen
einen guten gestrickten Strumpf kommt der beste gewebte englische nicht auf!
    So lasse welche stricken! man hat mir in diesen Tagen von einer Frau gesagt,
die mit ihren Töchtern dergleichen Arbeit wünscht! meinte Alfred, um sie zu
begütigen.
    Kennst Du die Frau? Sind die Töchter jung? fragte aber Caroline sofort mit
einem Tone des Verdachtes.
    Ich weiss es nicht, ich habe sie nie gesehen. Der Präsident interessirt sich
für sie und sie bedürfen, wie er sagte, dringend einer Unterstützung.
    Dann sind Mutter und Töchter hässlich! rief Caroline lachend. Wären sie
hübsch, so sorgte der Präsident allein für sie.
    Alfred zuckte verächtlich die Schultern und schwieg. Nach einer Weile warf
Caroline, die wieder einmal eine ihrer besonders unliebenswürdigen Launen hatte,
die Frage auf: Ich möchte wohl wissen, wie viel Frau von Barnfeld und die
Brand's jährlich verausgaben?
    Alfred antwortete nicht darauf, und sie wiederholte die Frage mit dem
Zusatz: Warum antwortest Du mir nicht?
    Weil mir das sehr gleichgültig ist und weil ich es nicht mag, wenn Du Dich
in der Weise um fremde Angelegenheiten kümmerst. Es hat ja Jeder vollauf mit den
eigenen zu tun.
    Ich glaube nicht, dass ich die meinigen vernachlässige! rief sie mit
gewohnter Empfindlichkeit. Der Vorwurf trifft mich nicht.
    Wer denkt denn daran, Dir einen Vorwurf zu machen? entgegnete ihr Alfred.
    Es ist möglich, dass die Brand weniger bedarf als ich, aber wie armselig ist
sie auch gekleidet! Freilich ist sie auch so verblüht, dass ihr die glänzendste
Toilette nicht helfen könnte, fuhr Caroline eifrig fort.
    Alfred stand auf und wollte sich entfernen, um seinem Zorne keine Worte zu
geben, als Felix hereinsprang. Er hatte Teresen's Namen gehört, und als falle
ihm plötzlich Etwas ein, wendete er sich mit der Frage an den Vater: Warum gehen
wir denn nicht mehr zu Tante Terese, Vater? Es war ja immer so hübsch bei ihr
und ich bin ihr gut.
    Du auch? rief Caroline.
    Freilich! versicherte Felix. Sie weiss ja so viel Geschichten von alten
Helden und von Elfen! lass uns doch morgen hingehn! Aber denke Dir, Vater, wie
die Mutter drollig ist! Sie sagt, sie liebe Tante Terese nicht, und fragt immer
nach ihr, wenn wir allein sind. Immerfort soll ich erzählen, was sie gesagt hat
und was sie getan hat, und was Du tust, wenn wir bei ihr sind. Ob sie auch zu
uns herkommt! und heute hat sie mich zuletzt gefragt, ob Du Tante Terese
küsstest. Du - die Tante! - Der Knabe lachte dazu, aber Alfred rief im Tone des
höchsten Zornes: das ist empörend! stand heftig auf und verliess das Zimmer.
Seine Frau folgte ihm erschrocken in seine Arbeitsstube nach. Sie versuchte,
sich zu entschuldigen, ein Missverständnis des Knaben vorzuschützen. Er hörte auf
ihre Worte nicht, und als sie sich weinend an seine Brust lehnte, als sie ihn
küssen wollte, stiess er zum erstenmale sie so unsanft von sich, dass sie
zurücktaumelte. Die Falschheit wäre schlimmer, rief er, wäre strafbarer, als die
Küsse, die ich nach Deiner Meinung mit Terese gewechselt haben soll.
    Er liess sie stehen, nahm Hut und Mantel und schritt in die helle Winternacht
hinaus.
    Der Schnee knisterte unter seinen Fusstritten, als er die Strasse hinabging.
Von beiden Seiten leuchtete Licht aus den Fenstern der Läden und Gastäuser. Es
war nur wenig Tage vor dem heiligen Abende und viel fröhliches Leben und Treiben
in den Strassen. Knaben mit brummenden Waldteufeln liefen umher; Mütter aus den
ärmeren Klassen trugen ihre Kinder auf den Armen, die fröhlich von den Wundern
des Weihnachtsmarktes erzählten. Andere hatten sich mit Weihnachtsbäumen und
einfachem Spielzeug beladen und guckten in die Fenster der Conditoreien hinein,
an deren Türen die Equipagen der reichen Familien hielten. Eben stieg ein
stattlicher Mann vor einer derselben aus dem Wagen. Er war Alfred nahe
befreundet und glücklich verheiratet. Behutsam hatte er seine Frau
herausgehoben und zählte nun lachend die Kinder, welche der Diener ihm auf die
Treppe hinaufreichte, damit die kleinen Füsse den kalten Boden nicht berührten.
    Alfred blickte bewegt auf das heitere Bild. Er wollte dem Freunde ausweichen
und hüllte sich, schnell vorüberschreitend, tiefer in den Mantel. Aber der
Andere hatte ihn erkannt und rief ihm scherzend zu: Wohin so eilig und so allein
in der fröhlichen Weihnachtszeit? Sie schämen sich wohl vor mir, dass Sie ohne
Frau und Kind umherlaufen? Sehen Sie da, ich habe alle Vier mit hergebracht und
war nahe daran, auf Verlangen meiner Frau, sogar die Wärterin mit dem Kleinsten
mitzunehmen. Die Weihnachtszeit gehört der Familie an. Wo haben Sie die Ihrigen?
    Sie sind zu Hause.
    Und wo gehen Sie hin?
    Ich will mir Bewegung machen, sagte Alfred. Das Bild des lieblichen
Familienlebens tat ihm wehe und er suchte zu entkommen, mit der Bemerkung, dass
es zu kalt für die Kleinen sei, und dass er sie nicht aufhalten wolle.
    Schnell und immer schneller schritt er vorwärts, je trüber die Gedanken in
seiner Brust sich entfalteten. Alles war heiter in dieser Zeit; der Aermste
suchte für die Weihnacht, für diesen Lichtblick in dem Familienleben der
Deutschen, Freude zu schaffen in dem Kreise der Seinen. Elternliebe führte die
Eheleute enger noch zusammen, aber er selbst hatte noch nicht an das Fest
gedacht, seit er wieder mit seiner Frau unter demselben Dache lebte.
    In dumpfem Missmut waren seine Tage dahingegangen, ein trübes Weihnachtsfest
stand ihm in seinem Hause jetzt bevor. Wie anders hatte er es zu feiern gehofft,
wie hatte Terese es dem Knaben seit seiner Ankunft anmutig zu schildern
gewusst! Alfred selbst war zum Kinde geworden mit dem Kinde; wie ein Knabe hatte
er sich wieder auf das Fest gefreut. Mit sorgfältiger Liebe hatte er die
Geschenke gewählt, die er für Terese bestimmt! Nun lagen sie da, und Terese
sollte sie nicht sehen.
    So widerwärtig als an diesem Abend war ihm Caroline nie gewesen. Er hatte
sie nicht geliebt seit Jahren; heute verabscheute er sie. Er fragte sich, wie es
ihm möglich gewesen sei, sich gegen seine bessere Ueberzeugung wieder mit ihr zu
verbinden? Er klagte sich selbst unverzeihlicher Schwäche an, er zürnte dem
Präsidenten und Teresen besonders. Tausend wilde Phantasien durchkreuzten sein
Gehirn. Er wollte, er musste frei werden.
    Was zwang ihn denn, in den unerträglichen Verhältnissen auszudauern?
Rücksichten auf seinen Sohn? Und wenn Felix stürbe, ehe er die Früchte dieses
Opfers genossen hätte?
    Schaudernd bebte er zusammen; denn der fluchenswerte Gedanke zuckte in ihm
auf, dass der Tod seines Sohnes ihn befreien, der Tod seines einzigen Kindes sein
Glück begründen könne.
    Er war allein in den fernsten Gängen des Tiergartens, tiefe Stille und
Dunkelheit um ihn her. Der Wind hatte am Tage den Schnee von den Bäumen
herabgeschüttelt, gespenstisch zeichneten sich die dunkeln Stämme der Bäume
gegen die weisse Schneefläche des Erdreichs ab, und hoben ihre schwarzen, kahlen
Aeste wie schaurige Wahrzeichen zum Himmel empor. Nur dann und wann schwirrte
ein Vogel, langsam die breiten Flügel bewegend, an ihm vorüber, sich auf einem
Baume das Nachtlager zu suchen. Ein leises Knistern der Zweige verriet den Ort,
an dem er es gefunden, ein paar liegen gebliebene Schneeflöckchen glitten unter
seiner Berührung von den Bäumen zur Erde herab, dann regte sich Nichts mehr.
Alfred war bange vor sich selbst, sein eignes Herz war ihm fremd und es graute
ihm vor sich selber. Er ging und ging - und endlich löste sich die Starrheit,
die ihn umfangen hielt.
    In dem heiligen Schweigen, in der Ruhe der Natur fing er sich zu beruhigen,
sich wieder zu sammeln an. Sein Leid löste sich in Tränen auf, der Sturm der
Leidenschaft besänftigte sich, Kraft und Klarheit kehrten allmälig in seine
gequälte Seele zurück.
    Die frische Kälte der Winternacht kühlte sein erhitztes Blut und legte sich
wohltuend um seine brennende Stirn. Er schlug den Mantel zurück, damit der
kalte Strom auch seine Brust berühre, und atmete tief auf, wie Jemand, der eine
zu schwere Bürde von sich wirft. Statt scheu in die Zukunft zu sehen, blickte er
fest in seine eigne Brust und eine tiefe Unzufriedenheit, eine beschämende Reue
bemächtigten sich seiner.
    Er hatte Hand an seine Frau gelegt, er hatte sich so tief erniedrigt, ein
Weib die Kraft des Stärkern empfinden zu lassen. Sein Glück, er konnte es sich
nicht verbergen, war ihm einen Augenblick hindurch teurer erschienen, als das
Leben seines Kindes. Er hatte sie jetzt kennen lernen, die schaurigen
Geheimnisse, welche die Tiefe der menschlichen Brust verbirgt, und fühlte
deutlicher als je, wohin ein Zustand führen könne, der uns mit uns selbst in
Widerspruch bringt.
    Je länger er vorwärtsschritt, je fester bildete sich ein Entschluss in ihm
aus, je zuversichtlicher gelobte er sich, ihn zu halten, aber er war müde
geworden von dem innern Kampfe, er musste einen Augenblick rasten. Trotz der
winterlichen Kälte liess er sich auf einer der Bänke nieder. Er schloss die Augen
und ein Gefühl von Erquickung kam über ihn. Die unnatürliche Spannung seiner
Geistes- und Körperkräfte liess nach, die Schwingungen seines Blutes wurden
gelinder, er konnte freier denken, freier fühlen.
    Wie lange er so gesessen, er wusste es nicht. Das ferne Anschlagen eines
Hundes erweckte ihn zur Wirklichkeit. Er erhob sich und schritt der Stadt zu.
    Als er seine Wohnung erreichte, war es tief in der Nacht. Caroline hatte
sich lange zur Ruhe begeben. Er eilte in sein Zimmer und trat vor das Bett
seines Sohnes. Ruhig, mit der blühenden Röte der Gesundheit auf den Wangen,
schlief der schöne Knabe schon seit mehren Stunden. Sein Vater betrachtete ihn
mit tiefer Erschütterung, endlich konnte er es sich nicht versagen, einen Kuss
auf die Stirn des Sohnes zu drücken. Das erweckte den Knaben. Schlaftrunken
blickte er auf und sagte freundlich, den Vater erkennend, indem er die Arme nach
ihm ausbreitete: Lieber Vater!
    Ein heisser Tränenstrom brach bei den schlichten Worten aus des Vaters
Augen. Er drückte den Sohn fest an sich, küsste ihn und legte ihn dann mit
weiblicher Sorgfalt in die Kissen zurück. Mein geliebter Sohn! - Das war Alles,
was er sagen konnte, und es sagte Alles.
    Am nächsten Tage erwachte er in sehr weicher Stimmung. Er suchte seine Frau
auf, bot ihr versöhnend die Hand und bat: Lass uns des gestrigen Abends
vergessen! Mich reut die Heftigkeit, zu der ich mich hinreissen liess, aber auch
Du warst nicht ohne Schuld. Wir wollen Beide schonender werden, damit unsere
neue Vereinigung nicht nur eine leere Form bleibe, damit sie uns endlich zum
Frieden verhelfe.
    Aber Caroline nahm die Hand nicht, die er ihr bot, und antwortete ihm nicht.
Sie nahm ruhig das Frühstück ein, bei dem sie Alfred gefunden hatte. Hörst Du
nicht, was ich Dir sage? Hast Du keine Erwiderung darauf? fragte er.
    Misshandlungen kann ich nicht vergeben; ich kann es nicht vergessen, dass Du
mich fortgestossen, dass Du mich misshandelt hast! sagte Caroline kalt.
    Und glaubst Du, mich hätten Deine Worte, Dein Betragen nicht ebenso arg
verwundet? Caroline! Worte sind oft verletzender als die schärfste Waffe. Lass
uns den Balsam der Vergebung auf unsere Wunden legen, lass uns von Herzen
vergessen. Wir haben Alles, was zum Glücke erforderlich ist, warum verbittern
wir einander das Leben? warum trüben wir die Kindheit unsers Felix durch unsern
beständigen Unfrieden? Komm! lass uns vergessen! Lass uns nur an den Knaben
denken, wir wollen ausfahren, für seine Weihnachtsbescherung zu sorgen.
    Ich habe in diesem Augenblick nicht Zeit, ich bin auch noch nicht für eine
Promenade gekleidet, meinte Caroline schmollend.
    So will ich warten; wann denkst Du fertig zu sein?
    Mein Gott! Alfred! quäle mich nicht, rief sie heftig aus. Was gestern
geschehen ist, ist geschehen. Redensarten ändern das nun einmal nicht,
Redensarten habt Ihr Dichter billig. Und dass Du mich jetzt zum Ausgehen zwingst,
da ich keine Lust dazu habe, ist auch nicht gemacht, mich zu versöhnen. Ich
werde schon für Felix besorgen, was nötig ist, Du brauchst mich nicht dazu zu
treiben. Ich liebe mein Kind so gut als Du.
    Alfred stand auf, da er sah, dass seine Frau nicht in der Stimmung war, in
der er sie zu finden gehofft hatte. Als er sich entfernte, sagte sie: Gestern
Abend ist eine Einladung zu heute Mittag von Frau von Barnfeld für uns abgegeben
worden. Denkst Du sie anzunehmen?
    Ja! sagte Alfred und ging hinaus.
    Sie blickte ihm spöttisch nach. Natürlich! rief sie, aber was tuts? früher
oder später musste das doch geschehen!
    Sie rief ihrem Mädchen und ordnete ihre Kleidung für den Mittag so glänzend
als möglich an, sie wollte schön und prächtig sein ihrer gehassten Nebenbuhlerin
gegenüber. Sie scheute sich vor diesem Begegnen und doch hatte sie es seit lange
gewünscht, um zu sehen, wie Alfred und Terese sich gegen einander verhielten.
 
                                       XI
Mit ebenso grosser Unruhe hatte Terese an das erste Wiedersehen gedacht, das sie
nach jenen schmerzlichen Ereignissen mit Alfred haben würde. Ihr Bruder war
absichtlich mehrmals mit Reichenbach und seiner Frau im Teater und an andern
öffentlichen Orten erschienen, aber Terese hatte sich davon ausgeschlossen,
weil sie sich nicht die Kraft zugetraut, den herben Eindrücken zu widerstehen,
die ihr daraus erwachsen mussten.
    Die Stunden waren ihr langsam hingeflossen und es schienen ihr Jahre
entschwunden zu sein, seit sie den Geliebten nicht mehr gesehen hatte. Ruhig
hatte sie sich in der Erfüllung ihrer täglichen Pflichten bewegt, gefällig für
das Bedürfnis eines Jeden gesorgt, aber es war geschehen, als ob sie es nur aus
Gewohnheit täte, als ob nur der Körper mechanisch den Dienst verrichte, an dem
die Seele keinen Teil mehr nahm.
    Das entging den Ihrigen nicht. Julian's Liebe und zärtliche Sorgfalt
verdoppelten sich für sie; Teophil hing ängstlich beobachtend an ihren Blicken
und auch Agnes litt mit ihr, bedrückt durch die Ahnung eines Kummers, dessen
ganze Grösse sie nicht kannte, den sie aber durch die liebenswürdigste
Dienstfertigkeit und Hingebung zu zerstreuen suchte.
    An dem Tage, den wir zuletzt im Reichenbach'schen Hause geschildert, befand
sich Terese im Dämmerlichte mit Agnes und Teophil in ihrem Zimmer. Man hatte
eben zu Mittag gespeist und der Präsident durch den Besuch eines Fremden
abgerufen, hatte sich entfernt. Agnes sass auf einem Fussbänkchen vor Terese und
hatte, wie sie es gern tat, ihr Haupt auf den Schoss ihrer Beschützerin gelegt,
während sie deren Hände in den ihren hielt.
    Herr Assessor! sagte sie, plötzlich den Kopf erhebend, helfen Sie mir doch
etwas ersinnen, womit wir Terese erheitern. Wir haben sie Beide so lieb,
besinnen Sie sich, womit machen wir ihr wohl eine Freude? Wenn ich denke, wie
froh sie war, wie sie mit mir scherzte, als ich hieherkam, kann ich es nicht
ertragen, sie so traurig zu sehen. Freut Dich's denn nicht mehr, dass wir Dich so
lieb haben, Du Beste?
    Von ganzem, ganzem Herzen! entgegnete diese, und es tut mir leid, dass mein
Trübsinn auf Dich zurückfällt, mein liebes Kind! - Die Jugend hat ja ein solches
Bedürfnis, froh des Lebens zu geniessen, ein so heiliges Recht auf Freude, dass
man sie darin nicht verkürzen sollte. Ich tadle mich sehr, wenn ich Dich fühlen
lasse, dass ich augenblicklich nicht heiter bin. Aber habe nur Geduld, es wird
bald besser werden, recht bald wie ich hoffe.
    Klage ich denn um meinetwegen? fragte Agnes im Tone leisen Vorwurfs. Ich
habe ja am Krankenbette meiner Mutter und bei andern Anlässen, Sorgen und Kummer
kennen gelernt, und ich glaube, ich bin nicht verzagt gewesen. Als ich vierzehn
Jahre alt war, lag die Mutter zum Sterben krank, liess mich an ihr Bett rufen und
befahl mir, auf die Kinder zu wachen, wenn sie sterben sollte, und dem Vater
treu zur Seite zu stehen. Du bist erwachsen genug und wenn Du es redlich willst,
wirst Du es können, sagte sie. Wir beide waren ganz allein im Zimmer, denn die
Mutter hatte die Wärterin fortgeschickt. Wie traurig das war, werde ich niemals
vergessen. Ich weinte sehr und versprach es der Mutter fest; und Gott hat mir
denn auch die Kraft gegeben, dass ich alles Nötige zu tun wusste in den vielen
Monaten, während deren meine Mutter daniederlag. Als sie nachher gesund wurde,
da sagte sie selbst, ich käme ihr und dem Vater nicht mehr wie ein Kind vor,
sondern wie eine Freundin, und die Eltern waren noch viel gütiger als je gegen
mich. Ueberhaupt fast aus jedem Leide ist in unserm Hause doch immer etwas Gutes
erwachsen, so dass ich immer denke, wenn es einmal recht traurig ist: Gott weiss,
was das wieder für ein Gutes geben soll! Und in dem Gedanken ertrage ich es denn
auch wieder leichter.
    Du gutes Kind! sagte Terese und strich ihr liebkosend die Wangen. Ich habe
auch Mut, ich bin nur müde und unzufrieden mit mir; aber ich will wie Du
hoffen, dass Gott mir Gutes vorbereitet, das wird mich heiterer machen, denke
ich.
    Mir fällt immer, wenn ich traurig bin, ein Vers aus dem Zauberring ein,
meinte Agnes, den ich sehr lieb habe. Er heisst: »Man geht durch Graus zu Wonne,
man geht durch Nacht zu Sonne, durch Tod zum Leben ein.« Das habe ich mir schon
oft vorgesagt und immer hat es mich ermutigt.
    Sie küsste bei den letzten Worten Teresen's Hand und ging hinaus, weil sie
einen Lehrer erwartete, der bald kommen musste.
    Welch liebes, und welch tapferes Geschöpf ist das! sagte Terese, als Agnes
sich entfernt hatte, und Teophil rief, von Herzen in das Lob einstimmend: sie
ist so gut als schön, ein wahres Kleinod!
    Dann, sich zu Terese neigend, sprach er: Wenn Sie, aus liebender Besorgnis,
dem jungen Mädchen verbergen, wie schwer der Schmerz auf Ihrer Seele lastet, so
lassen Sie mich wenigstens mit Ihnen leiden. Mein Auge ist nicht zu täuschen
über den Grund Ihres Kummers, denn das Herz schärft meinen Blick. Ich habe
gelitten wie Sie und die Wunde ist geheilt und vernarbt; ich habe das Leben
wieder lieben, ich habe wieder wünschen und hoffen gelernt in Ihrer Nähe. Ich
bin nicht mehr krank, ich fühle Kraft, zu leben, Kraft, Sie zu stützen und zu
halten, Terese! - Seit vielen Tagen sehnte ich den Augenblick herbei, in dem
ich Sie ohne Zeugen sprechen könnte. Nun ist er da und ich weiss nicht, wie ich
Ihnen ausdrücken soll, was ich Ihnen zu sagen wünsche.
    Er hielt inne und sann nach in stummer Bewegung, dann fuhr er fort: Ich
verlange nicht, dass Sie vergessen sollen, ich weiss, das kann man nicht; ich
begehre nicht, ein teures Bild aus Ihrer Seele zu verdrängen, für das meine
Liebe Ihnen kein genügender Ersatz scheinen möchte. Ich wollte Ihnen nur sagen,
dass mein Leben Ihnen geweiht ist, und dass ich glücklich wäre, wenn Sie mir
vertrauen könnten. Fortführen möchte ich Sie von hier, wo tausend schmerzliche
Eindrücke Ihrer warten, Sie zu meiner Mutter bringen und geduldig des
Zeitpunktes harren, in dem Sie ruhiger geworden, es empfinden könnten, wie ganz
ich Ihnen gehöre, wie es mich beglückt, Sie zu beschützen, für Sie zu leben.
    Bester, grossmütigster Freund! rief Terese und reichte ihm die Hand, die er
küsste, als Agnes, eine Lampe tragend, zurückkehrte. Sie blieb, es gewahrend,
erschrocken in der Türe stehen und sprach sichtlich verwirrt: Ich wollte meine
Stunde nehmen, aber mein Lehrer hat absagen lassen, deshalb komme ich zurück.
    Sie wusste nicht, ob sie gehen oder bleiben sollte, und der Eintritt des
Präsidenten erlöste sie aus einer quälenden Verlegenheit. Er nahm ihr die Lampe
ab, die sie noch immer hielt, und sagte: Ich komme als Eva's Vorläufer. Sie wird
gleich erscheinen und den Abend bei Dir zubringen, liebe Terese! Da es Dir dann
nicht an Gesellschaft fehlt, möchte ich Dir den Assessor entführen. Es sind
Freunde von mir aus der Provinz angekommen und ich habe mit ihnen ein
Zusammentreffen ausser dem Hause verabredet. Wollen Sie daran Teil nehmen,
Teophil, so werden Sie ein paar gescheidte Männer kennen lernen.
    Der Assessor nahm die Einladung an, da auf ein ungestörtes Gespräch mit
Terese in Gegenwart der beiden Andern nicht zu rechnen war, und die Männer
entfernten sich bald nach Eva's Ankunft, die alle Anwesenden aufforderte, am
nächsten Tage ihre Gäste zu sein, da sie Alfred mit der Frau ebenfalls
eingeladen habe.
 
                                      XII
Frau von Barnfeld hatte eine grössere Gesellschaft bei sich versammelt. Der
Präsident mit der Schwester und seinen beiden andern Hausgenossen waren unter
den Ersten, die sich einstellten, und man plauderte schon ziemlich lebhaft, als
Alfred mit der Frau und dem Sohne erschien.
    Terese fühlte sich einer Ohnmacht nahe und ihre Hand fasste krampfhaft die
Lehne des Sessels, als sie Alfred erblickte. Er trat an sie heran, sie zu
begrüssen, aber die Worte erstarben auf seinen Lippen. Es war ihm nicht möglich
eine gleichgültige Phrase auszusprechen, während sein Herz danach verlangte,
sich voll mitzuteilen, sich ganz hinzugeben. Trotz ihrer Gewohnheit, sich in
der Gesellschaft zu beherrschen, fanden sie die Worte nicht, bis Felix ihnen mit
seiner Unbefangenheit zu Hilfe kam.
    Er umfasste Terese mit beiden Armen, küsste sie und sagte: Tante, ich habe
mich recht nach Dir gebangt! Alle Tage habe ich kommen wollen, aber die Mutter
hat es nicht erlaubt. Willst Du denn nicht, dass ich zu Dir komme?
    Von Herzen gern, mein Felix! antwortete Terese, den Knaben liebkosend, ich
will Deine Mutter gleich darum bitten, dass sie Dich zu mir schickt.
    Sie stand auf, um Frau von Reichenbach entgegenzugehen, die sie und Alfred
unaufhörlich betrachtet hatte und jetzt auf sie zuschritt. Entschuldigen Sie,
sagte sie, dass der Knabe so wild und ungezogen über Sie herfiel. Ich habe es ihm
unzählige Male verboten, Fremde in der Weise zu belästigen; aber die Nachsicht
meines Mannes mit des Knaben Fehlern macht es es mir unmöglich, ihn zu bändigen.
Schickt sich's, eine fremde Dame so zu belästigen? fragte sie den Knaben.
    Aber die Tante Terese ist ja keine fremde Dame, wendete Felix ihr ein. Als
Du noch nicht hier warst, sind wir ja alle Tage zu ihr gegangen und ich habe
ganz anders mit ihr und mit Agnes herum getollt, als mit Dir, Mama; die Tanten
machen's lange nicht so gefährlich mit ihren Kleidern und mit ihren Sophas. Ich
konnte tun was ich wollte. Lass mich doch wieder hingehn!
    Wir wollen sehen, ob Du folgsam sein und die Erlaubnis verdienen wirst,
sagte Frau von Reichenbach, verdriesslich gemacht durch die Erinnerung an ihres
Mannes häufige Besuche bei Terese. Wenn Du Deine Arbeiten so schlecht machst,
als in dieser Woche, gehst Du gewiss nicht hin.
    Der Knabe wurde rot, und sehr verlegen hing er sich an Teresen's Arm, die
begütigend Besserung für ihn verhiess. Als er bald darauf, von Agnes gerufen, zu
dieser ging und die Gesellschaft sich in den Esssaal verfügte, sagte Julian, der
besorgt Teresen gefolgt war, als sie mit Frau von Reichenbach sprach, und nun
die Letztere zur Tafel geführt hatte: Mir scheint es unrecht, gnädige Frau, dass
Sie den Knaben öffentlich tadeln. Er hat ein reges Ehrgefühl, Sie tun ihm wehe
damit und bessern Nichts.
    Der Meinung bin ich auch! bestätigte Alfred. Es kommt überhaupt durch zu
vieles Erziehen nichts Kluges zu Stande. Man künstelt und biegt an der
menschlichen Natur zu einer Zeit, in der noch alle Anlagen wie die Blume in der
Knospe verhüllt sind. dabei kann man zu leicht störend eingreifen und verderben,
statt zu fördern. Wenn man die Kinder nur vor schädlichen Einflüssen bewahrt, so
tut in den meisten Fällen die Natur das Nötige und Alles, was sich aus dem
Individuum selbst entwickelt, ist ihm angemessener, als wir es zu machen
verstehen.
    Es haben allerdings viele bedeutende Männer ihre Erziehung selbst gemacht,
wie die Geschichte uns lehrt, sagte Terese, die sich zwang, wenigstens mit
einer gleichgültigen Phrase an der Unterhaltung Teil zu nehmen.
    Was die Geschichte lehrt, weiss ich nicht, entgegnete Caroline, gereizt durch
die abweichende Meinung der Uebrigen. Ich habe leider in meinem Leben nicht die
Musse gehabt, mich viel mit Studien zu beschäftigen. Meine eigne Erfahrung und
meine Beobachtungen haben mir aber gezeigt, dass Kinder, die man nicht streng
erzieht und beständig überwacht, verwildern und misraten. Darin ist die
Einsicht einer Mutter, wie ich glaube, sicherer als die Geschichte.
    Es lag eine solche Bitterkeit, ein solcher Spott in ihren Worten, dass es
Allen, die sie hörten, auffiel. Wie kann man so unliebenswürdig sein, sagte
Agnes ganz erschrocken zu Teophil, der ihr Nachbar war: Ich fürchte mich vor
der Frau, obgleich sie eigentlich schön ist, und ihr Mann und Felix tun mir
immer leid. Ich weiss nicht, was es ist, aber sie hat etwas Zurückstossendes.
    Zurückstossend? meinte Frau von Barnfeld, die gute Reichenbach ist ja heute
ganz charmant; was wollen Sie denn, Agnes? Ich habe sie schon ganz anders
gesehen. Dass sie ewig von ihrer Würde als verheiratete Frau und von ihrer
Kindererziehung spricht, wie ein pensionirter General von seinen Feldzügen, das
wollte ich ihr gern verzeihen, das ist nur langweilig. Mich verdriesst und
betrübt es aber, dass der liebenswürdige Alfred seine ganze Heiterkeit eingebüsst
hat und für uns ganz verloren ist, seit der Ankunft seiner Frau. Er ist nicht
mehr derselbe Mann.
    Es ist allerdings das unpassendste Paar von der Welt, sagte Teophil, und
ein Fremder, der die letzten Worte gehört hatte, fragte: Sprechen Sie von Graf
Alten, der die Tochter eines Kaufmanns heiratet?
    Nein, sagte Teophil, es war von einem andern Verhältnisse die Rede. In der
Heirat des Grafen finde ich nichts Auffallendes. Seine Braut ist ein schönes,
gebildetes Mädchen und es ist eine vieljährige Liebe von beiden Seiten.
    Die Braut ist aber sehr viel jünger als der Graf, wendete Jemand ein, er ist
mehr als vierzig Jahre alt und hat ganz graues Haar.
    Liebt man denn einen Mann um seines Haares willen? Ich habe nie daran
gedacht, wie alt ein Mann sei, wenn ich ihn liebenswürdig fand, rief Eva
dazwischen. Und wenn es wahr ist, dass wir nur in der Welt sind, das Leben der
Männer zu verschönen, so müssten wir ja gerade auch mit unserer Jugend das Alter
eines Mannes schmücken. Sie hatte die Worte mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit
gesprochen. Nun es geschehen war, flog ein brennendes Erröten über ihr
reizendes Gesicht und sie fragte in anmutigster Verwirrung; Merken Sie, Herr
von Reichenbach, dass Ihre Gegenwart mir poetische Bilder eingibt?
    Es würde mich nicht wundern, wenn die Grazien einmal die Leier der Musen
borgten, erwiderte Alfred, und der Präsident sagte: Ich finde die Bemerkung
unserer schönen Wirtin vollkommen wahr. Es gibt keine Altersverschiedenheit
zwischen Menschen, die sich lieben. Liebe gleicht jeden Unterschied der Jahre
und des Standes aus.
    Das sagen Sie, fragte eine Dame, der noch vor wenig Monaten erklärte, er
würde nie eine Bürgerliche heiraten?
    Ziehen Sie daraus die Lehre, meine Gnädige, dass des Menschen Gesinnung
wandelbar ist, versetzte der Präsident. Uebrigens glaube ich nicht, dass ich
jemals den sündhaften Gedanken gehabt habe, den Sie mir zumuten.
    Nein! sagte Alfred, das ist gewiss ein Misverständniss. Wer wie der Präsident
durchdrungen ist von den Ideen unserer Zeit, wer so fest an die Rechte des
Menschen glaubt, der - -
    Der kann dennoch, trotz aller unwiderleglichen Teorien von den heiligen
Rechten des Menschen, es praktisch finden, eine Frau aus denjenigen Familien zu
wählen, welche schon im Besitz dieser Rechte waren, ehe man sie in Frankreich
den grossen Massen zuerkannte, sagte lächelnd der Präsident. Aber ich glaube
selbst nicht, dass ich jene freventliche Gesinnung gehegt habe. Ich kann mir
nicht denken, dass ich alle die zärtlichen Seufzer meines Herzens vergessen haben
sollte, welche in meiner Jugend oft genug den schönen blühenden Töchtern des
gesegneten Bürgerstandes galten. Mein Herz ist zu viel umfassend, um sich einer
so ausschliesslichen Richtung zu überlassen; und wenn mein Kopf ein hochmütiger
Aristokrat wäre, würde mein Herz mit unbegrenztem Freisinn für Alles klopfen,
was schön ist.
    Kaum hatte er das in scherzendem Frohsinn gesagt, als er es bereute, in
Agnes' Gegenwart sich dergleichen Äusserungen erlaubt zu haben. Er lenkte
plötzlich mit dem Bemerken ein: Indes jedenfalls haben Sie meine frühere
Behauptung wohl misverstanden. Ich kann Nichts gesagt haben, als dass ich nur ein
Mädchen von guter Familie und aus edlem Hause heiraten würde. Das braucht dann
eben noch keine Dame von Adel zu sein.
    Mir und meiner Gesinnung ist nichts willkommener, meinte Alfred, als wenn
durch Ehen zwischen Personen aus den verschiedensten Ständen eine allmälige
Verschmelzung derselben zu Stande kommt; und ich hoffe es noch zu erleben, dass
man die Leute nicht mehr fragt, wer bist du? sondern was bist du?
    Deshalb hat Herr von Reichenbach wohl eine Frau genommen, bemerkte Teophil's
andere Nachbarin, die Niemand zu fragen braucht, was sie ist, weil Jeder es ihr
ansieht. - Wie Frau von Reichenbach zu einem Mittagsmahl unter Freunden sich nur
so mit Brillanten beladen kann! Sie ist blendend und schimmernd in allen Farben
des Regenbogens.
    Ein Anderer fragte: So hoffen Sie wohl recht alt zu werden, lieber
Reichenbach?
    Sehen Sie denn nicht, sagte Alfred, dass wir unaufhaltsam dem grossen Ziele
zuschreiten? Ueberall taucht es auf aus den düstersten Klüften, reines,
funkelndes Gold! Es will Tag und Frühling werden in der Welt, und wenn die
Gewaltabenden das Dunkel noch so sehr lieben, die kräftigen Strahlen der
gesunden Vernunft erhellen die Nacht und erleuchten die Erde. Gehen Sie nach
Frankreich und England, sehen Sie, mit welch sicherer Ruhe der dortige Arbeiter
seine Zwecke verfolgt, wie genau er seine Rechte kennt, mit welcher Mässigung er
sie fordert, und Sie werden mir zugestehen, dass ein Mensch, der sein gutes Recht
so wohl kennt, es fordern darf und es nicht misbrauchen wird. Die politische
Bildung hat in jenen Ländern alle Volksklassen so weit durchdrungen, dass die
Arbeitenden nicht mehr an andere angeborne Rechte glauben, als an die, welche
Jedem angeboren sind, und mit diesem Bewusstsein ist schon der Unterschied der
Stände in der Tat vernichtet. Wenn die Form auch von den Freunden des Alten
noch eine Weile aufbewahrt und festgehalten wird, für den denkenden Menschen
besteht sie nicht mehr, denn ihr fehlt das Leben und die Wahrheit.
    Mir ist es immer ein trauriges Zeichen der menschlichen Selbstsucht gewesen,
bemerkte Teophil, dass so Viele danach streben, etwas vor ihren Mitmenschen
voraus zu haben. Es scheint, als ob mit dem errungenen oder ererbten Besitz die
Lust daran wachse; dass Der, dem schon viel gegeben ist, noch mehr fordert;
während es einer edeln Natur angemessener wäre, Jeden so weit möglich des
Glückes teilhaftig zu machen, das man selbst als solches empfindet. Mich könnte
ein Gut, das ich allein besässe, während alle Andern darben, nie recht erfreuen,
und am vollkommensten würde ich es geniessen, wüsste ich Alle eben so zufrieden
als mich selbst.
    Es ist anziehend und lehrreich zugleich, sagte der Präsident, wenn wir die
Beweggründe kennen lernen, aus denen in den verschiedenen Menschen die
Freisinnigkeit entspringt, die eben noch nicht zu lange unter uns heimisch ist.
Wir können uns nicht verbergen, dass bis zur Julirevolution Deutschland in seinem
poetischen Halbschlummer sich von den Ereignissen der Jahre dreizehn und
fünfzehn ausruhte und feiernd von den geschehenen Grosstaten träumte. Dann
wachte, durch den Hahnenruf im Westen geweckt, unser teures Vaterland auf und
rieb sich zehn Jahre lang die Augen, während unsere Nachbarn jenseits des
Rheines ein tüchtig Stück Arbeit beendeten und einen weiten Weg zurücklegten.
Nun ist der Tag auch für uns angebrochen. Jeder sieht die Freiheit in der Ferne
schweben und wünscht sie dem Vaterlande als Schutzgöttin zu erobern, denn die
Göttliche findet auf den verschiedensten Wegen Zugang in die Seelen der Besten.
Alfred betet die Freiheit an, weil er den Menschen liebt und die Freiheit schön
ist; Teophil, weil sein weiches Gefühl es nicht duldet, Unglückliche zu sehen,
während er glücklich ist. Noch Andere erwarten von ihr Erlösung aus Ketten, die
sie drücken; bei Vielen ist es das angeborne Rechtsgefühl, das sie der Freiheit
entgegenführt. Aber fast Alles, was geistig frisch und tüchtig ist, wendet sich
ihr zu. Da ist es wohl zu hoffen, dass sie den Forderungen, den Bitten und
Bestrebungen sich ergibt und dass auch wir sie bald als Herrscherin neben dem
königlichen Beherrscher, dem Verstande, bei uns tronen sehen werden.
    Dass Edelleute wie Sie, sich solchen Teorien zuneigen, sagte einer der
Gäste, ist mir auffallend. Wie können Sie wünschen, dass man uns die Vorrechte
entzieht, welche uns das Verdienst unserer Väter erwarb, wenn wir des Erbteils
würdig sind? Ich betrachte vielmehr Denjenigen, der sich dieser Rechte
entäussert, wie einen Verschwender, der sein Gut leichtsinnig von sich wirft,
wenn Sie den Vergleich entschuldigen wollen.
    Sehr gern, meinte der Präsident, besonders da er uns nicht trifft. Denken
Sie, Sie besässen ein Capital, das vor grauen Jahren einer Ihrer Vorfahren
rechtmässig erwarb, das aber von den Nachfolgenden durch Unredlichkeit, durch
wucherische Zinsen, die sie von Ununterrichteten erpressten, ins Unendliche
vergrössert ward. Nun käme Einer von den Beeinträchtigten und spräche: Ich will
dich nicht arm machen, aber du sollst mir zum Ersatz für Alles, was die Deinen
mir so lange entzogen, nur so viel geben, als ich bedarf, um durch mein Bemühen
eben so reich zu werden, als Du, wenn ich dieselben Fähigkeiten besitze, die
Deine Ahnen hatten. Könnten und wollten Sie ihm das verweigern, ohne ungerecht
und hart zu sein? Es verlangt ja bei uns Niemand, den Adel aufzuheben, das Recht
des Besitzenden zu beschränken; es will nur Jeder Raum zu freier Entwicklung
haben, Das gelten dürfen, was er ist, und Das erreichen können, wozu die
Vernunft ihm den Trieb und die Fähigkeit gibt. Man will denken und sagen dürfen,
was man denkt; man will nicht glauben, was vor der Vernunft nicht bestehen kann.
Das ist kein Unrecht, sondern eben nur eine vernünftige Forderung.
    Dass Sie in Glaubenssachen eben so leicht denken, als mein Mann, das wusste
ich längst, rief plötzlich Frau von Reichenbach, aber dass Sie sich auch sonst zu
seinen übertriebenen Ansichten neigen, hätte ich nicht geglaubt, Herr Präsident!
    Alle sahen sie verwundert an und Julian sagte: Ich finde es begreiflich,
gnädige Frau, dass Sie fest an Ihrem Glauben und an Ihren angestammten Vorrechten
halten! und dabei sah er so ruhig aus, als wüsste er nichts von dem Spotte, der
in diesen Worten lag. Die Frauen haben eine Vorliebe für das Conserviren, darum
ist den meisten alles Neue, die Moden ausgenommen, verhasst, und auch in diesem
Bereich lieben sie jetzt wieder das Uralte.
    Die Männer, Herr Präsident, lieben freilich die Abwechslung mehr als wir,
sagte Caroline, gleichsam um dem Präsidenten zu vergelten, und diesem schien
eine scharfe Antwort auf den Lippen zu schweben. Ein Blick auf Alfred aber bewog
ihn, sie zu unterdrücken, und er bemerkte, gegen Terese gewendet: Es gibt doch
andererseits unter den Frauen auch viele Anhänger unserer Lehre. Meine Schwester
hat z.B. die freisinnigsten Ideen.
    Das glaube ich! rief Caroline mit solcher Bosheit lachend, als sie bemerkte,
dass Alfred und Terese in ein flüchtiges Gespräch mit einander geraten waren,
dass Beide aufschraken, mehr von dem Tone als von den Worten betroffen, die sie
nicht genau gehört hatten.
    An den bestürzten, misbilligenden Gesichtern der Gesellschaft sahen sie
deutlich, es müsse irgend etwas Störendes vorgefallen sein, und Alfred blickte
mit instinktartigem Erschrecken nach seiner Frau hinüber. Sie begegnete seinem
Auge mit Sicherheit, wechselte aber plötzlich die Farbe, als Julian sich zu ihr
neigte, ihr ein Glas Champagner einschenkte und mit freundlichster Miene leise
sagte: Sie schaden Niemand als sich selbst; meine Schwester ist unerreichbar für
Sie, und ich bin da, sie zu beschützen. Vergessen Sie das nicht, schöne, gnädige
Frau!
    Sein Mund lächelte dazu wie bei einem Scherze, aber vor dem drohenden Tone
seiner gedämpften Stimme, vor seinem durchbohrenden strengen Blick erschrak
Caroline heftig. Sie fühlte, dieser Mann sei zu dem Äussersten fähig, wo es
seine Schwester galt, und sie fing an ihn zu fürchten.
    Kaum aber hatte er es gesagt, als er sein Glas füllte, Alfred, um dessen
Aufmerksamkeit von Caroline abzuziehen, damit begrüsste und ausrief: Auf das Wohl
aller jungen Saaten in Deinen Gütern, der geistigen und der wirklichen. Alfred
nickte ihm dankend zu und Julian sprach: Damit soll denn auch dem Ernste
Lebewohl gerufen werden und mit dem Nachtische der Frohsinn beginnen. Wir haben
uns in der Tat unterhalten, als sässen wir unter Fahnen und Siegestrophäen bei
irgend einem langweiligen Zweckessen, nicht in Mitte schöner Frauen bei der
liebenswürdigsten Wirtin. Wollen die Damen uns das verzeihen?
    Eva meinte, wenn er Besserung gelobe und beweise, solle Gnade für Recht
ergehen, und von dem Präsidenten angeregt, fand bald die heiterste Stimmung
Eingang in die Gesellschaft. Scherz und Frohsinn gewannen die Herrschaft. Alle
überliessen sich der fröhlichsten Laune und Julian war die Seele des Ganzen.
    Aber je heiterer die Gesellschaft wurde, je trauriger und schwerer empfanden
Terese und Alfred ihre Trennung. An dem bewegten Streite über ernste
Gegenstände hatten sie Teil zu nehmen vermocht, der laute Frohsinn der
Glücklichen scheuchte sie in sich selbst zurück. Nur die Breite der Tafel
trennte sie von einander, aber es war ihnen, als ständen sie an den beiden Polen
der Erde. Wie Spott klang die Stimme der Scherzenden in ihr Ohr, und es dünkte
sie eine Wohltat, als Eva, Teresen's Schweigen bemerkend, die Tafel aufhob.
    Während man sich nun in den andern Zimmern um die Kamine niederliess, suchte
Caroline Teresen auf und war ganz Freundlichkeit für sie, ganz Güte. Sie sprach
sehr geflissentlich von der Sorgfalt, mit der das Fräulein sich ihres Knaben
angenommen, während sie selbst noch auf dem Lande gewesen sei, wo die Arbeiten
des Herbstes sie festgehalten hätten. Dann bat sie um die Erlaubnis, den Knaben
zu ihr bringen zu dürfen, drückte den Wunsch aus, den Präsidenten und die
Schwester während der nächsten Tage bei sich zu sehen, und rühmte in solcher
Weise das grosse Glück ihrer Häuslichkeit, dass Alfred dazwischentrat, weil er
fühlte, sie stehe auf dem Punkte, sich und ihn der Spottsucht preiszugeben.
    Er mahnte sie an die Heimkehr und die Gäste fingen an aufzubrechen. Dadurch
kam er zufällig in Teresen's Nähe, die er nicht mehr gesucht hatte, weil es ihm
zu wehe tat, ihr fremd und kalt gegenüberstehen zu müssen. Von dem Gedanken an
sein eigenes Loos bewegt, war ihm die in Ehescheidung begriffene Frau
eingefallen und er fragte Terese, ob sie von derselben Nachricht habe?
    Doch! sagte Terese. Ich habe sie kennen lernen, sie ist eine recht tüchtige
Frau. Ich will morgen gegen Mittag zu ihr gehen und hören, wie es ihrer Tochter
ergeht, die krank geworden ist.
    Wo wohnt sie? fragte Alfred.
    Terese nannte die Strasse und bezeichnete die Nummer des Hauses. Es ist
nicht zu weit von unserer Wohnung und das ist mir sehr lieb und in vieler
Rücksicht bequem! sagte sie.
    Andere Personen traten dazwischen, Agnes bat um die Erlaubnis, noch ein paar
Stunden bei Eva zu bleiben, und Terese erklärte sich damit zufrieden. Man kam
überein, dass Julian und Teophil, die mit Alfred noch einen Spaziergang
beabsichtigten, das junge Mädchen abholen sollten, wenn sie ihn beendet haben
würden.
    Eva und Agnes sassen bald darauf, nach Entfernung der Gäste, in dem kleinen
Stübchen beisammen, in dem Jene einst Alfred am Morgen nach ihrem ersten
Begegnen empfangen hatte. Die beiden jungen Damen waren sich in den letzten
Tagen näher getreten, ohne zu wissen weshalb oder wodurch. Es schien, als läge
Beiden etwas auf dem Herzen, wofür sie Mitteilung bedurften, und Agnes begann
diese mit der Bitte: Sagen Sie mir, Eva, was geht um mich her vor? Ich habe mich
bei Terese so heimisch gefühlt wie in dem Hause meiner Eltern. Es war auch
Alles so friedlich und ruhig als bei uns. Nun ist das anders geworden. Terese
ist sehr niedergeschlagen, ich sehe den Präsidenten bald heiter und froh wie
sonst, bald von Sorgen bedrückt. Heute ist er gegen mich gut und zärtlich wie
mein Vater, dann kommen Tage, in denen er mich kalt und fremd behandelt. Das
beängstigt mich. Ich ahne, ja ich kenne den Grund dieser allgemeinen
Verstimmung, aber ich begreife nicht, warum das Ereignis die Guten so sehr
betrübt. Können Sie mir das Rätsel lösen?
    Erst lassen Sie mich wissen, mein Schatz, was Sie denken, ehe ich mit meiner
Weisheit herausrücke, meinte Eva. Was halten Sie für den Grund von Teresen's
Trauer?
    Ich glaube, sie liebt -
    Alfred? fiel ihr Eva ins Wort, da glauben Sie leider etwas sehr Wahres.
    Herrn von Reichenbach? fragte Agnes mit dem Erschrecken, mit dem man eine
furchtbare Nachricht erhält, die man nicht möglich glaubt. Ach! die
Unglückliche! Nein das habe ich nicht geahnt!
    Sie fing zu weinen an und nun kam die Reihe des Ueberraschtseins an Eva. Sie
betrachtete Agnes verwundert und fragte: Aber was haben Sie sich denn
eingebildet?
    Ich glaubte Terese liebe Teophil, denn ich sehe ja, wie er nur für sie da
ist, Niemand beachtet als sie, und neulich trat ich in das Zimmer, als - Sie
hielt inne, denn mädchenhafte Schüchternheit und Achtung vor Terese hinderten
sie, zu erzählen, wie sie Zeuge einer Scene geworden war, die nach ihrer Meinung
auf ein Herzensverhältniss zwischen ihrer Beschützerin und deren jungem Freunde
hindeuten musste.
    Ich hatte wohl manchmal gedacht, Teophil sei zu jung für Terese, da er aber
so gut und so gescheidt ist, dass man ihn lieb haben muss, meinte ich, sie könnte
dennoch sehr glücklich mit ihm werden, und das machte mich ebenfalls glücklich,
denn sie ist ja die Güte selber! sagte sie nach einer Pause.
    Seit wann sind Sie denn eine Bewundrerin von Teophil geworden? fragte Eva.
Ich erinnere mich, dass Sie noch vor wenig Wochen ihn wegen seiner eingebildeten
Leiden verspotteten, dass Sie seine Weichheit Schwäche nannten und ihn gar nicht
mochten.
    Ach, sagte Agnes errötend, ich habe ihm damit ein Unrecht getan, ich habe
ihn besser kennen lernen. Wenn Sie sehen sollten, wie standhaft er seine Migräne
verbirgt, wie er gar nicht mehr klagt, gar nicht mehr an sich denkt, sondern
immer nur bestrebt ist, Terese aufzurichten und zu erheitern, seit er sie
leidend weiss, Sie würden ihm gut geworden sein wie ich.
    In der Tat war mit Teophil, wie es Agnes richtig bezeichnete, eine
wesentliche Veränderung vor sich gegangen. Was weder die Mittel der Aerzte, noch
des Präsidenten und Teresen's Ermunterungen zu leisten vermocht, das hatte
seine treue Ergebenheit für die Letztere bewirkt. In dem dringenden Wunsche, ihr
beizustehen, fand er Kraft, sich und seine Leiden zu vergessen, seine
Hypochondrie zu besiegen. Da er nicht mehr unaufhörlich seiner Körperschmerzen
gedachte, da er sich bestrebte, heiter zu sein, um die Freundin zu zerstreuen,
fand er die verlorene Heiterkeit wieder, seine Gesundheit besserte sich und mit
dem gesteigerten Wohlbefinden kam ihm neuer Lebensmut und neue Kraft. Er war
ein ganz Anderer geworden und Agnes konnte seines Lobes kein Ende finden.
    Und was sagt der Präsident zu Ihrer Bewunderung des Assessors? zu Ihrem
leidenschaftlichen Liebhaben? fragte Eva.
    Er freut sich Teophil's Genesung und ist ihm herzlich zugetan, das wissen
Sie selbst, liebe Eva! entgegnete Agnes unbefangen.
    Und weiter hatten Sie mir nichts zu sagen? Sonst beunruhigt Sie nichts?
    Teresen's Schicksal tut mir so leid, wiederholte sie, denn ich kann mir
lebhaft denken, wie unglücklich sie ist, und welche Zukunft steht ihr bevor!
    Sie meinen, wenn der Präsident sich verheiratet? fragte Eva und sah das
Mädchen scharf und prüfend an.
    Der Präsident? Julian soll heiraten, aber wen denn? davon weiss ich ja kein
Wort, rief Agnes und fügte lachend hinzu: Den Vogel Phönix möchte ich übrigens
wohl sehen, den der Präsident sich auserkoren hat. An allen Frauen findet er
Mängel, keine ist ihm schön genug. Gewiss, des Präsidenten Braut kennen zu
lernen, würde mich sehr erfreuen.
    Da nahm Eva einen kleinen Spiegel, der auf dem Tische vor ihr lag, umfasste
Agnes und hielt das Glas so, dass diese ihr Bild erblickte. Was soll das? fragte
sie ganz arglos.
    Ihnen das Mädchen zeigen, das Julian sich auserkoren hat, und das er
heiraten will.
    Agnes lachte hell auf. Sie hielt es für einen Scherz, aber Eva wusste ihr mit
solcher Lebhaftigkeit von der Vorliebe des Präsidenten für sie zu sprechen, gab
ihr so viel kleine und doch schlagende Beweise dafür, dass das arme Mädchen still
und ängstlich wurde und endlich seufzend sagte: Ach! hätten mich meine Eltern
doch lieber nicht hieher geschickt. In welche Verwirrung gerate ich hinein!
Wenn es wahr wäre, dass der Präsident an mich dächte -
    Nun? fragte Eva, was wäre das für ein Unglück? Da Sie ihm gut sind, werden
Sie ihn heiraten und das glücklichste Loos von der Welt haben.
    Aber liebe Eva, ich bin ja so jung! Freilich! ich schätze den Präsidenten
sehr, aber ich habe mir doch immer gewünscht, einmal einen Mann zu heiraten,
den ich liebe, und lieben kann ich ihn so wenig, als man seinen Vater heiraten
kann. Ich verehre ihn, ich bin ihm von Herzen dankbar, aber er ist ja viel, viel
zu alt für mich; lieben und heiraten könnte ich ihn nie! sagte Agnes sehr
bestimmt und fest.
    Da fiel ihr Eva um den Hals, küsste sie und rief: Du holdes, süsses Kind! und
Du hast es gar nicht geahnt, wie er Dir zugetan ist? Du hast nie daran gedacht,
dass Julian's Liebe Dich beglücken könnte? Wie entzückt mich Deine Kindlichkeit!
Eine solche Schwester wie Du! das muss ein grosses Glück, eine wahre Wonne sein.
Möchtest Du mich wohl zur Schwester haben, lieber Engel? fragte sie, Agnes mit
wahrer Zärtlichkeit liebkosend.
    Gewiss, sagte Agnes, denn wenn Sie es wollen, können Sie unwiderstehlich sein
und ich liebe Sie, obgleich Sie mir oft recht wehe getan haben mit Ihren
hässlichen Neckereien in Teophil's Gegenwart.
    Es soll nie wieder geschehen, beteuerte Eva. Vergiss es, Liebchen! und nenne
mich Du. O! so lieb wie ich Dich habe, so lieb hat Dich Niemand. Wie zeige ich
es Dir nur?
    Sie eilte zu ihrem Toilettentisch, nahm ein kostbares Armband, auf dem sie
als Braut gemalt war und das ihrer Mutter gehört hatte, legte es Agnes an und
sagte: Nimm das zum Andenken, und wenn Alles wird, wie wir Beide es wünschen,
dann flechte ich Dir bald den Brautkranz in Dein wunderschönes Haar und bin
selbst sehr, sehr glücklich. Aber so sprich doch, sage doch, dass Du meine neue
Schwester bist, nenne mich Du, liebe Agnes!
    Die beiden jungen Frauenzimmer umarmten einander, das trauliche Du ward oft
von den blühenden Lippen gesprochen, manch süsses Geheimnis getauscht, und als
später Teophil und der Präsident das junge Mädchen abzurufen kamen, erglühten
Eva und Agnes in dunklem Erröten und trennten sich mit der herzlichsten
Umarmung.
 
                                      XIII
Um die zwölfte Vormittagsstunde des nächsten Tages stieg eine reichgekleidete
Dame die drei Treppen hinauf, welche zu der, von Terese am verwichenen Tage
gegen Alfred genannten Wohnung führten.
    Es war Caroline. Sie hatte die letzten Worte gehört, die Alfred mit Terese
bei Frau von Barnfeld gesprochen, und nicht gezweifelt, dass es auf eine
Zusammenkunft zwischen den Liebenden abgesehen sei. In heftiger Eifersucht hatte
sie kaum die Stunde erwarten können, in der sie sich Gewissheit über ihren
Argwohn zu verschaffen dachte, und als sie ihren Mann nach eilf Uhr hatte
ausgehen sehen, hatte sie sich angekleidet und den Weg nach dem bezeichneten
Hause eingeschlagen.
    Sie sagte der dort Wohnenden, dass man sie ihr als eine geschickte Arbeiterin
empfohlen habe und dass sie gekommen sei, ihr einige Aufträge zu geben. Frau
Berent nahm diese mit grosser Beflissenheit an, bedauerte aber, sie vermutlich
nicht so schnell ausführen zu können, als es verlangt ward, da die Krankheit
ihrer ältern Tochter diese und sie selbst von der Arbeit abhalte. Caroline
erklärte sich mit dem Aufschub einverstanden und Frau Berent wähnte nun das
Geschäft abgetan, als sie mit Verwunderung bemerkte, dass Caroline sich
niedersetzte und Boa und Muff von sich legte.
    Sie wohnen recht behaglich, liebe Frau, fing sie teilnehmend an, waren Sie
immer so gut eingerichtet?
    Ich habe bessere Tage gekannt, gnädige Frau, antwortete Jene, und habe mich
bestrebt, mir durch angestrengte Arbeit den äussern Anstrich einer Wohlhabenheit
zu erhalten, die nie wiederkehren wird. Meine Töchter und ich haben die Nächte
zu Hilfe genommen, wenn wir Arbeit hatten, um uns nur nicht von den Möbeln zu
trennen, die ich aus dem Hause meiner Eltern mitgebracht habe.
    Und hat der Präsident von Brand sich Ihrer in der letzten Zeit nicht
angenommen?
    Wie ein Schutzgott hat er für uns gesorgt! rief Frau Berent aus. Er hat es
dahin gebracht, dass mein Mann eine andere Wohnung bezogen, er hat uns durch
seine Schwester Arbeit verschafft, die uns seit den letzten Monaten fehlte, und
den Arzt zu meiner kranken Tochter geschickt. Mit wahrer Grossmut erspart er uns
die Demütigung, Almosen annehmen zu müssen, indem er uns das Geld, das er uns
auf die schonendste Weise angeboten, als Darlehn, nicht als Geschenk gegeben -
    Die Frau konnte kein Ende finden in dem Lobe des Präsidenten, so dass
Caroline sie mit der Frage unterbrach: Und seine Schwester kommt auch zu Ihnen?
    Ja, sie ist schon mehrmals hier gewesen und hat mir, als sie heute Wein für
meine Tochter schickte, sagen lassen, dass sie um Mittag nach uns sehen würde.
    Und kommt sie allein, wenn sie sich anmelden lässt?
    Der Diener begleitet sie bisweilen.
    Sonst Niemand? Haben Sie nicht gesehen, dass sonst Jemand sie begleitete oder
sie erwartete, wenn sie fortging?
    Gnädige Frau! versetzte die Berent, warum machen Sie diese Frage? Fräulein
von Brand ist meine Wohltäterin und -
    Und Sie halten sich für verpflichtet, ihr einen Gegendienst zu leisten, das
ist in der Ordnung! meinte Caroline spöttisch. Aber wissen Sie, was Sie damit
tun? - Ich höre, Sie wollen sich scheiden lassen, Sie haben einen Mann, der Sie
schlecht behandelt: da müssen Sie verstehen, wie einer Frau zu Mute ist, die
von ihrem Mann betrogen wird, und Fräulein von Brand ist es, die meinen Mann
dazu verleitet.
    In dem Augenblick läutete die kleine Türglocke, Frau Berent ging hinaus zu
öffnen und sah mit äusserster Bestürzung Terese anlangen. Von dieser verehrten
Beschützerin Arges zu denken, war ihr unmöglich; und anzunehmen, dass eine so
vornehm scheinende Dame, wie Frau von Reichenbach, absichtlich einer ihr fremden
Frau das Unglück ihrer Ehe und die Ursache desselben mitteilen solle, ohne
mindestens Gewissheit über diese zu haben, schien ihr ebenso unglaublich. Sie
hätte Hab und Gut darum gegeben, um Terese zu entfernen, aber sie wusste es
nicht anzufangen. Verwirrt und stotternd sagte sie, als diese bei ihr eintrat:
Seit mehr als einer halben Stunde ist eine Frau von Reichenbach hier, die
unaufhörlich nach Ihnen fragt.
    Nach mir? wiederholte Terese. Sie hat Ihnen also wohl auf meine Empfehlung
an ihren Mann neue Arbeit gebracht? Das freut mich. Wie stehts mit Ihrer
Tochter?
    Mit den Worten wollte Terese in das Zimmer gehen, aber Jene hielt sie mit
angstvoller Geberde zurück und bat: Gehen Sie nicht hinein, folgen Sie mir; ich
bin nur eine schlichte Frau, aber hören Sie meinen Rat und gehen Sie zurück. Es
ist gewiss besser, gnädiges Fräulein, Sie gehen zurück.
    Terese begriff die auffallende Unruhe der Frau nicht und schickte sich zu
neuen Fragen an, als Caroline heraustrat und lächelnd sagte: Sie lassen so lange
auf sich warten, dass ich fürchten muss, ich bin es, die Sie abhält, näher zu
treten. Wenn ich Sie störe, will ich mich entfernen.
    Nicht im geringsten! entgegnete Terese, mein Geschäft hier ist bald
abgetan.
    Sind Sie hergegangen?
    Ja wohl! das schöne Wetter lockte mich dazu.
    Und Sie haben Ihren Diener mit?
    Terese verneinte es. Warum liessen Sie sich denn nicht wie gewöhnlich von
Fräulein Agnes begleiten?
    Ich dachte daran; es fiel mir aber ein, die Kranke hier möchte einen
Ausschlag oder sonst ein Uebel haben, bei dem ich Agnes einer Ansteckung
aussetzen könnte, deshalb liess ich sie zurück.
    Die vollkommen unbefangenen Antworten des Fräuleins schienen Caroline
schwankend zu machen; dennoch fragte sie, ob Terese erlauben wolle, dass sie
hier ihre Rückkehr aus dem Krankenstübchen erwarte und sie nach Hause begleite?
    Sie nahm den Vorschlag ohne Weiteres an und ging mit der Hausfrau zu deren
Tochter. Man fand sie schlafend, die Mutter schickte das jüngere Mädchen, das
die Kranke bewachte, hinaus, ergriff Teresen's Hände, küsste sie und sagte:
Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie beleidige. Ich weiss, es ist unmöglich, was jene
Dame mir sagte; aber es könnte sein, dass irgend ein unglücklicher Zufall - dass
Sie auf der Strasse dem Manne der Dame begegneten und sie in der Vermutung
bestärkt würde, Sie wären um seinetwillen hergekommen -
    Die arme Frau konnte vor Verlegenheit die Worte nicht finden, sie bat
Terese flehend um Vergebung, falls sie zu weit gegangen sei aus redlicher
Besorgnis für sie. Tief verletzt, suchte diese die geängstete Frau zu beruhigen,
nahm die nötige Rücksprache wegen der Kranken mit ihr und kehrte zu Caroline
zurück, die ihr auf das freundlichste begegnete und mit der sie sich bald darauf
entfernte.
    Schweigend schritten sie nebeneinander her. Aber Terese konnte sich nicht
überwinden, mit Frau von Reichenbach zu sprechen. Sie war zu sehr erschüttert
von der neuen Beleidigung, welche diese ihr wieder zugefügt hatte, während
Caroline jede Miene ihrer Begleiterin ängstlich bewachte und unruhig
umherblickte, überzeugt, Alfred irgendwo zu begegnen. Aber statt Alfred war es
Felix, der mit seinem Lehrer zu Pferde aus dem Park zurückkehrte, als die Damen
eben in die Hauptstrasse eintraten. Er grüsste freundlich und ritt vorüber. Seine
Mutter geriet dadurch in eine unangenehme Verwickelung. Sie musste fürchten, der
Knabe werde sie fragen, wo sie gewesen sei, und diese Frage könne ihrem Manne
den Besuch bei Frau Berent verraten, den sie ihm zu verbergen wünschte. Auch
durch Terese konnte er davon benachrichtigt werden, deshalb fiel sie auf einen
Ausweg und bat, als sie sich an der Ecke der Wilhelmsstrasse trennten: Wenn Sie
meinen Mann sehen sollten, liebes Fräulein, verraten Sie ihm nicht, dass wir uns
heute trafen. Ich habe dort eine Arbeit bestellt, mit der ich ihn überraschen
möchte.
    Terese sah sie ruhig an und sagte mit Würde: Die Bitte konnten Sie
ersparen, Frau von Reichenbach! Durch mich soll Ihr Herr Gemahl es nicht
erfahren, wie Sie Ihren und meinen Namen durch niedrigen Verdacht entehren.
    Caroline wollte etwas erwidern, begütigend einlenken, aber Terese liess es
nicht zu. Sie verbeugte sich kalt und ging davon.
    Unruhig und erbittert, weil sie sich gedemütigt fühlte, legte Frau von
Reichenbach den Weg nach ihrem Hause zurück. Diesmal hatte ihr Verdacht sie
betrogen; dennoch glaubte sie an ein dauerndes Einverständnis Alfred's mit
Teresen und war gewiss, dass Beide sich oft sehen und sprechen mussten. Alfred's
Nachgiebigkeit gegen sie selbst, aus der edelsten Quelle entspringend, nahm sie
für Zugeständnisse, die er ihr im Bewusstsein seiner Schuld gegen sie mache.
Selbst die ruhige Haltung der Beiden am letzten Mittage dünkte sie ein Beweis,
dass es nicht das erste Begegnen nach der Trennung gewesen sein könne, und sie
gelobte sich, um jeden Preis die Wahrheit zu erfahren.
    Felix brachte sie mit dem Vorgeben einer Ueberraschung zum Schweigen über
ihr Zusammentreffen auf der Strasse und die nächsten Tage verflossen ohne
besondere Störungen für die Eheleute.
    Eine Art von Waffenstillstand schien dadurch eingetreten zu sein, der
Weihnachtsabend brach herein, man zündete die Kerzen des Tannenbaumes für den
Knaben an, und die Bescherung fand statt. Aber war es die trübe, schmerzliche
Stimmung des Vaters, die den fröhlichen Knaben beängstigte, oder wirkte das
Andenken an die Freuden, die ihm Terese und Agnes verheissen, und die er nun
entbehren sollte, nachteilig auf ihn ein: er stand gleichgültig, fast traurig
vor seinen neuen Reichtümern. Er betrachtete die Geschenke, die für ihn
bereitet waren, die reichen Angebinde des Vaters für die Mutter, und blickte
dabei verstohlen den Vater an, der sinnend in einer Ottomane sass und zerstreut
den schönen Kopf seines grossen Hundes streichelte.
    Während Frau von Reichenbach der Dienerschaft und einigen armen Personen die
Weihnachtsgaben zuteilte, Jedem die Grösse des Geschenkes durch anpreisende
Worte fühlbar machte und, wo es tunlich war, Besserung fordernd, eine Strafrede
hielt, stieg Alfred's Unmut mehr und mehr. Ihm war diese üble Gewohnheit
Carolinen's, die sie mit allen Engherzigen teilte, verhasst. Er liebte es, die
Menschen zu erfreuen, er hielt es für unerlässliche Schuldigkeit, dem Armen von
dem eignen Ueberflusse mitzuteilen, er fühlte sich glücklich, ein trauriges
Antlitz zu erheitern. Mehrmals an diesem Abende hatte er schon Carolinen's
unliebenswürdige Weise durch Winke und missbilligende Bewegungen getadelt. Er
hatte sie gebeten, sich der Ermahnungen zu entalten, in Folge deren alle
Beschenkten missmutig und gekränkt davonschlichen. Endlich ward es ihm zu lästig
und er wollte sich entfernen, als ein Blick auf den Sohn ihn davon zurückhielt.
Die ganze Scene erschien ihm so freudlos, ihn jammerte des Knaben und er ging an
den Weihnachtstisch, um irgend ein Spiel mit Felix zu beginnen, als dieser
fragte: Mama! welches ist denn nun die Ueberraschung, die Du neulich mit Tante
Terese bestelltest, als ich Euch auf der Strasse zusammen begegnet bin?
    Alfred horchte auf, Teresen's Namen, die Erwähnung, dass seine Frau sie ohne
sein Wissen gesehen, fielen ihm auf und er fragte: Was meint Felix damit?
    Ach! er ist ein Kind! entgegnete sie. Er begegnete mir neulich, als ich von
der Frau Berent kam, bei der ich zufällig das Fräulein getroffen hatte.
    Du bei Frau Berent? und was wolltest Du bei ihr?
    Hast Du mich nicht selbst gebeten, ihr Arbeit zu geben und Dich nicht mehr
durch Stricken zu belästigen? antwortete Caroline.
    Aber von welcher Ueberraschung spricht denn Felix? fuhr Alfred fort.
    Ich weiss es nicht, von einer Ueberraschung war gar nicht die Rede. Was
sollte ich dort bestellt haben, etwa die Bücher, die ich für Dich gekauft? oder
das Necessaire? Felix weiss nicht, was er spricht.
    Der Knabe beteuerte, die Mutter habe ihm streng verboten, dem Vater vor
Weihnachten zu sagen, dass er ihr begegnet sei, weil sie ihm eine Freude machen
wolle. Caroline schalt ihn einen kleinen Lügner, als Alfred plötzlich fragte:
Wann warst Du bei der Berent?
    Am Freitage.
    Den Tag nach dem Mittagsessen bei Frau von Barnfeld, sagte Alfred mit
Bedeutung, da ihm der Zusammenhang klar ward. O! nun verstehe ich's, das ist
Deine alte Art, das ist Deiner würdig.
    Er tat als höre er Carolinen's Worte nicht, die sich spöttisch darüber
äusserte, dass er sich des Tages so genau erinnere, wendete ihr den Rücken und
setzte sich mit Felix nieder, ein chinesisches Zusammensetzspiel zu versuchen,
das man ihm beschert hatte.
    Aber seine Gedanken schweiften in die Ferne und er war froh, als die zehnte
Stunde schlug und der Knabe zur Ruhe gehen musste. Das arme Kind hatte keine
rechte Lust von dem Feste gehabt, denn Leid und Freude des Einzelnen teilen
sich elektrisch den Andern mit, und das Unglück seiner Eltern traf auch ihn.
 
                                      XIV
Im Hause des Präsidenten hatte der Weihnachtsabend heiterer begonnen. Wenn schon
nicht Alle fröhlich waren, so herrschte doch das innigste Wohlwollen unter den
Mitgliedern des kleinen Kreises, und Terese war bemüht, die Lust der Andern
nicht durch ihre Traurigkeit zu stören.
    Die schönsten Erzeugnisse des Luxus hatte der Präsident mit
verschwenderischer Liebe für Terese, Eva und Agnes herbeigeschaft; die Freude
der beiden jüngern Damen war so ungekünstelt und wahr, dass sie die Uebrigen mit
sich fortriss.
    Wie fröhliche Kinder betrachteten sie bewundernd die verschiedenen Gaben.
Schäkernd steckte Eva einen Strauss künstlicher Orangenblüten in Agnes' Haar, die
Teophil dieser geschenkt, während sie sich ein Flacon an kleinem, goldenem
Kettchen umhing und es, ohne dass es Jemand gewahrte, leise an ihre Lippen
drückte. Der Präsident hatte es ihr gegeben.
    Mitten unter den Aufforderungen zu Lust und Scherz drängte sich aber heute
ein Bild in Julian's Seele, das er nicht zu verscheuchen vermochte und das sich
unheimlich vor sein Auge stellte, wenn es mit unendlicher Teilnahme an Agnes
hing. Er hatte die spätern Stunden des vorigen Weihnachtsabends mit Sophie
verlebt, sie war so glücklich gewesen, wie diese Frauen um ihn her - wie mochte
es ihr heute wohl ergehen?
    Zum ersten Male seit langer Zeit dachte er ihrer mit lebhaftem Bedauern. Er
besass eben so wenig die Willenskraft, dem Begehren zu widerstehen, das ihn zu
einer Frau zog, als es ihm möglich war, ein Verhältnis fortzusetzen, wenn es ihm
keinen Genuss mehr bot. Er fühlte nicht die geringste Liebe für Sophie, nicht die
mindeste Sehnsucht nach ihr, aber es schmerzte ihn, sie unglücklich zu wissen,
sie, der er so viel Entzücken verdankt. Er hätte nichts für sie tun mögen, was
zu erneuter Annäherung führen konnte, nur leidend, ohne einen Strahl der Freude,
wollte er sie an dem Feste nicht wissen. Er stellte sich vor, wie sie einsam
vergangener glücklicher Zeiten gedenken werde, und eilte mit einem
gleichgültigen Vorgeben davon, und auf die Strasse hinunter.
    Der Laden einer Blumenhändlerin war bald erreicht, ein Rosenstock von
seltener Schönheit gewählt und ein Bote gefunden, ihn in Sophien's Wohnung zu
tragen. Sie sollte und konnte nicht ahnen, woher ihr die Gabe käme, nur eine
Freude sollte sie empfinden, und beruhigter durch das Bewusstsein, sie ihr
bereitet zu haben, kehrte er in seine Behausung zurück, wo er über die lachende
Gegenwart bald wieder der Vergangenheit vergass, und wo die augenblickliche
Wehmut freudigern Gefühlen wich.
    Agnes, die sich seit einiger Zeit in ängstlicher Befangenheit von dem
Präsidenten entfernt gehalten hatte, was sie ihm nur noch reizender machte,
schien heute mit der Freude an dem Kinderfeste auch die alte Sorglosigkeit
wiedergefunden zu haben. Sie sprach von der Art, in der das Fest in ihrem
väterlichen Hause gefeiert werde, tausend lachende Erinnerungen aus der Kindheit
schwebten ihr vor, und Eva überbot sie noch in lustigen Schwänken, so dass man in
fröhlichster Stimmung beisammen var, als plötzlich bleich und verstört Alfred
unter sie trat.
    Alle blickten ihn erschrocken an. Teophil trat an Tereen's Seite, als ob
er sie damit vor der Erschütterung bewahren könne, aber Alfred beachtete es
nicht. Er schritt auf Terese zu, bot ihr die Hand und sagte: Ich musste Sie
heute doch wenigstens noch sehen.
    Erschöpft sank er darauf in den Sessel neben Terese, die Andern standen
schweigend umher, er sah so verstört aus, dass selbst der Präsident das rechte
Wort, diesem unerwarteten Ereignisse gegenüber, nicht gleich fand, besonders da
ein heftiger Schmerz in Kopf und Brust ihn plötzlich überfiel. Er hatte ihn
schon leicht empfunden, als er von seinem Einkauf für Sophie zurückgekehrt war,
den er in gewohnter Schnelle auszuführen geeilt, ohne sich gegen die
empfindliche Kälte des Abends zu schützen. Jetzt, durch die Erschütterung schien
das Uebel sich zu verdoppeln und nur mühsam brachte er die Worte hervor: Du
hättest nicht kommen sollen, Alfred!
    Zugleich presste er die Hand gegen die Stirne und sagte: Beunruhigt Euch
nicht, es wird vorübergehen, aber mir ist unwohl. Er wollte das Zimmer
verlassen, konnte jedoch, von betäubendem Schwindel erfasst, die Türe nicht mehr
erreichen und liess sich bewusstlos auf das Sopha fallen, zu dem seine
erschreckten Freunde ihn geleiteten.
    Man trug ihn mit Hilfe seines Dieners in sein Zimmer, Teophil eilte den
Arzt herbeizuholen und dieser erklärte, dass irgend eine bedeutende Krankheit im
Anzuge sei, dass man jedoch nicht bestimmen könne, was es werden würde. Vor der
Unruhe, welche dies Ereignis mit sich brachte, vor der ängstlichen Sorge um den
Präsidenten trat das unerwartete Erscheinen Alfred's in den Hintergrund. Niemand
dachte mehr daran. Alfred half mit Teophil mancherlei Vorkehrungen treffen, die
für den Kranken nötig waren, da man die Dienerschaft fortgesendet, um einen
Chirurgen und die Mittel herbeizuschaffen, welche der Arzt schleunig anzuwenden
verordnet hatte. Bei diesen Beschäftigungen kam er in Julian's Nähe, der seit
einigen Augenblicken die Besinnung wiedergewonnen hatte; er winkte Alfred zu
sich heran, und sagte, trotz seines Leidens über sich selbst spöttelnd: Ich muss
büssen, weil ich so schwach war, Reue zu empfinden. Aus Sentimentalität kaufte
ich einen Blumenstock für Sophie, da packte mich der Nordwind in den Strassen - -
Heftige Schmerzen schlossen ihm den Mund; als sie nachliessen, wendete er sich
nochmals zu Alfred mit den Worten: Mache die Verwirrung nicht grösser; suche Dir
und uns Frieden zu schaffen - und verlasse Sophie nicht -
    Dann fiel er in einen Zustand der Betäubung, aus dem ihn die angewendeten
Mittel nicht zu reissen vermochten; die Freunde entfernten sich und Terese blieb
allein wachend an dem Lager des teuren Kranken zurück.
    Aengstlich auf seine ungleichen Atemzüge lauschend, schwanden ihr die
Stunden hin. Von den traurigsten Bildern der Zukunft wendete sich ihr inneres
Auge den Erlebnissen der letzten Stunden zu. Alfred's unverhoffte Ankunft,
Julian's Erkranken, der eben noch in Fülle der Gesundheit dagestanden, das Alles
war so plötzlich und gewaltsam gewesen, dass es sie fast unmöglich dünkte. Sie
kannte Alfred zu genau, um nicht zu wissen, dass er einen langen Kampf gekämpft
hatte, ehe er gekommen war; sie konnte an der Sehnsucht, die sie den ganzen
Abend gehegt, ihn nur einen Augenblick zu sehen, das Verlangen ermessen, das ihn
zu ihr geführt hatte. Wie musste er gelitten haben, um so erschöpft zu werden,
als sie ihn gesehen? Und wenn auch er erkrankte? Wenn das qualvolle Leben, das
er an der Seite seiner Frau führte, ihn aufreiben sollte? Wenn Alfred stürbe? -
Sie ertrug den Gedanken nicht, weil eine innere Stimme ihr zurief: Du bist es,
die ihn in den Tod schickt - und sie sah ihn sterben.
    Schaudernd bebte sie zusammen und blickte in dem dunkeln Zimmer umher, sich
zu überzeugen, dass nur ihre Phantasie ihr die entsetzlichen Bilder vorspiegele.
dabei fiel ihr Blick auf ein Päckchen, das sie vorher nicht bemerkt hatte. Sie
glaubte, es könne irgend ein Medikament darin entalten sein, das man aus
Vorsorge hingelegt, und trat leise an den Tisch, es zu untersuchen.
    Es war an sie adressirt. Beim Oeffnen fielen ihr lose, beschriebene Blätter
entgegen, Gedichte und Aufsätze von Alfred's Hand. dabei lag ein Brief, dessen
flüchtige, unregelmässige Schriftzüge, abweichend von der schönen Regelmässigkeit
seiner Schrift, deutlich das Gepräge der Aufregung trugen, mit der sie auf das
Papier geworfen waren. Das Schreiben lautete:
    »Mein Felix ist zur Ruhe gegangen, ich bin allein in meinem Zimmer. Was sage
ich! allein? - Steht nicht Dein geliebtes Bild mit dem Zauber seiner stillen
Weiblichkeit vor mir? Ich breite meine Arme verlangend nach Dir aus, die
Sehnsucht der letzten qualvollen Zeit, den Schmerz des heutigen Abends
aufzulösen in dem einzigen Gedanken: Ich liebe Dich.
    Eine neue Offenbarung ward, nach dem lieblichen Glauben des Christentums,
leuchtend geboren in dieser Nacht. Ein Stern ging auf an dem dunkeln Himmel. Du
bist der Stern, der in mein Leben geleuchtet, von Dir wende ich mein Auge nicht
ab, Dir muss ich gläubig folgen, wie die Könige aus dem Morgenlande dem Stern im
Osten.
    Ich habe getan, was Du verlangst. Ich leide in Ketten, die mich erdrücken -
bist Du frei, bist Du glücklich dadurch geworden?
    Mitten aus der kalten Eisregion, in der ich lebe und in der mein Herzblut
stockt, liess das Andenken an Dich diese Blüten entstehen, glühend, wie die
heissen Tropfen, die der Schmerz aus meinem Herzen hervorpresst.
    Du hast sie geschaffen, Du allein sollst sie sehen. Nimm sie hin!«
    In tiefer Erregung kehrte sie an das Krankenbett zurück. Gewiss hatte Alfred
ihr diese Blätter senden wollen, dann aber musste der Wunsch, sie zu sehen,
übermächtig geworden sein und er hatte sie ihr gebracht, er war selbst gekommen.
    Was sollte sie beginnen? Alfred von den Pflichten abwendig machen, die er
und Julian für bindend erklärt, das konnte und durfte sie nicht. Sie sah, dass er
die Ruhe nicht gefunden hatte, die sie für ihn erhofft, sie ward auch ihr nicht
zu Teil, so sehr sie danach strebte. Was erwartete Alfred? Was konnte er
begehren, da sie ihm jede Hoffnung genommen hatte, die Seine zu werden? Aber
scheidet das arme Menschenherz denn von seinen Wünschen, so lange ihm noch der
Schatten einer Möglichkeit bleibt, sie zu erreichen?
    Mit einemmale tauchte in diesem Augenblicke der Gedanke in ihr empor: Wie!
wenn ich eine unumstössliche Scheidewand zwischen uns stellte? Teophil's
grossmütige Bewerbung fiel ihr ein. Er kannte ihre Liebe für Alfred seit langer
Zeit, er bot ihr dennoch seine Hand. Wenn sie sie annähme, wenn sie Teophil's
Frau würde? Wie dankbar wollte sie einem Manne sein, der sie und mit ihr Alfred
von den Leiden erlösete, aus denen sie keinen andern Ausweg sah.
    Alfred musste sich dann beruhigen, er musste sie zu vergessen suchen, er
konnte die Frau eines Andern nicht begehren, sagte sie sich. Aber liebte sie
selbst nicht Carolinen's Gemahl, und hatte sie trotz aller Kämpfe aufgehört, ihn
zu lieben? - Hier von dem Krankenlager des einzigen Bruders, das sein Todtenbett
werden konnte, schweifte ihre Seele noch zu Alfred hinüber. Sie konnte des
Bruders Leiden für Augenblicke vergessen, sie wollte Teophil's Gattin werden
und trug das Bild eines Andern unauslöschlich im Herzen. Teophil, den
hingebenden, vertrauenden Freund wollte sie für Alfred opfern, sich selbst zu
einer Ehe erniedrigen, die den Keim des Unglücks in sich schloss, weil sie auf
Unwahrheit gegründet war.
    So weit hatte sie sich schon von der schlichten Pflichterfüllung entfernt,
die ihr Ziel gewesen war seit frühester Jugend, und wo war das Ende dieser
Leiden? - Angstvoll prüfte sie ihre Handlungen, blickte in die verborgensten
Falten ihrer Seele und der Gedanke, sie könne in redlichster Absicht falsche
Wege gewandelt sein, fing an sie zu martern, als Julian sich unruhig umherwarf
und eine Hilfsleistung von ihr verlangte. Der letargische Schlummer, der ihn
bis dahin gefesselt, machte einem heftigen Fieber Platz. In beängstigenden
Phantasien ergriff er die Hände der Schwester, und regungslos, die Augen in
tödtlicher Angst auf Julian's bleiches Gesicht geheftet, kniete sie an seinem
Lager, bis die ersten trüben Strahlen des Wintermorgens in das Zimmer fielen und
mit der Nacht die wilden Träume des Kranken zu fliehen schienen.
 
                                       XV
In den Stürmen, welche Alfred's Leben bewegt, hatte er Sophien's weniger gedacht
und sie fast gar nicht gesehen. Julian's Bitte, sie nicht zu verlassen, fiel wie
ein Vorwurf in seine Seele und schon am frühen Morgen des ersten Feiertages
schickte er sich an, sie aufzusuchen. Briefe und Journale, die ihm gebracht
wurden und die er lesen musste, hielten ihn davon ab.
    Der Verwalter sendete ihm den Abschluss der Jahresrechnung, der höchst
günstig ausgefallen war, als Weihnachtsgabe. Alfred sah die Papiere nicht an,
jede praktische Beschäftigung war ihm lästig geworden. Der Besitz grosser
Reichtümer hatte so wenig zu seinem Glücke beigetragen, dass es ihm gleichgültig
schien, wenn zu den Summen, die er besass, sich noch neue ansammelten. Klagen
seiner Arbeiter, Bitten um Erlass von Abgaben blickte er flüchtig durch, und
suchte durch Befehle, die er an den Rand schrieb, den Beschwerden abzuhelfen,
die Forderungen zu gewähren. Aber das Alles war ihm nicht mehr Lust und
Bedürfnis wie früher; er tat es, um es abgetan zu haben. Er fühlte sich kalt
dem Kummer der Armen gegenüber, er hatte nur Sinn für die eigenen Leiden.
    Anfragen seines Buchhändlers, Kritiken seiner letzten Arbeiten legte er
ungelesen von sich. Was war ihm das Urteil der Menge? Konnte es ihn beglücken?
Konnte Ruhm ihn vergessen machen, was er entbehrte?
    Mit Erschrecken empfand er, wie er gleichgültig geworden sei gegen Alles,
was ihm einst erfreulich und teuer gewesen, weil Ein Wunsch jedes andere
Interesse überwog und ertödtete. Er kam sich abgestorben vor und legte
misgestimmt die Papiere wieder fort, als ihm ein schwarzgesiegelter Brief in die
Hände fiel, den er noch nicht eröffnet hatte. Die Handschrift war ihm fremd, er
sah nach der Unterschrift und fand Ruhberg's Namen. Mit bedauernden Phrasen und
schlechtverhehlter Freude kündete er Alfred den Tod des Domherrn Fernow an und
meldete, dass er gleich nach Neujahr in die Stadt kommen werde, wo er die Ehre zu
haben hoffe, Frau von Reichenbach, sein geschätztes Beichtkind zu begrüssen. Er
bat Alfred, den kleinen Streit, der zwischen ihnen vorgefallen sei, zu
vergessen, da der Domherr sterbend den Wunsch ausgesprochen habe, sie möchten
sich zu christlicher Versöhnung geneigt finden lassen. Er schloss mit der
Versicherung, wie er den innigsten Anteil an dem guten Einverständnis der
Eheleute nehme, das er zu seiner grossen Freude zum Teil als sein Werk
betrachten dürfe.
    Die Heuchelei erfüllte Alfred mit Verachtung, und die Aussicht, den
verhassten Ruhberg bald in seiner Nähe zu wissen, war ihm eben so unangenehm, als
der Tod des Domherrn schmerzlich. Er hatte einen treuen, zuverlässigen Freund in
ihm verloren, einen liebenswürdigen Gutsnachbar, und seine Besitzungen einen
geistlichen Hirten, der klar die Bedürfnisse der Zeit verstand und nach diesem
Verständnis handelte.
    Er trug den Brief in Carolinen's Zimmer. Sie kam aus der Messe und hatte
dort von andern Damen das plötzliche und gefährliche Erkranken des Präsidenten
erfahren. Sie teilte es ihrem Manne mit, ohne zu ahnen, dass dieser bei dem
Vorfalle gegenwärtig gewesen sei, und fragte ihn, ob er nicht hingehen werde,
den kranken Freund zu besuchen.
    Alfred, von dem Vorschlag aus ihrem Munde überrascht, mochte seine
Befremdung darüber nicht genug verbergen, so dass Caroline seine Hand ergriff und
sagte: Glaubst Du denn, Alfred, ich hätte kein menschliches Gefühl? Terese
dauert mich sehr, sie wird Trost nötig haben, gehe doch zu ihr.
    Er war von diesen Worten bewegt, er wusste sie ihr Dank und hätte sie umarmen
mögen, wäre ihm nicht das Bewusstsein störend gewesen, er habe seiner Frau den
gestrigen Besuch in Julian's Hause und die Widmung der Gedichte an Terese zu
verschweigen. Er fühlte, wie die Nachsicht seiner Frau allein im Stande wäre,
ihm das Opfer möglich zu machen, das er sich auferlegte. Er sagte ihr das offen,
wie er es ihr bei ihrer ersten Zusammenkunft in Berlin gesagt, aber dies
Vertrauen verstand sie nicht zu würdigen.
    Sei immer so gut, Caroline! bat er, lehre mich, Dich wieder zu lieben, lass
mich eine friedliche Heimat in meinem Hause finden, in der ich ausruhe von dem
Kampf meiner Seele. Wir sind durch unsere Schuld in Verwirrungen mancher Art
geraten, stehe mir bei, uns daraus zu erlösen; Du kannst es durch Güte und
Sanftmut. Mein Wille war redlich und gut und mein Kampf ist schwer.
    Sie versprach mit tausend Schwüren Alles, was er verlangte. Sie war nicht
böse, aber ihre Seele hatte Schaden genommen in ihrer unglücklichen Ehe. Von
jedem Aufschwung ihres bessern Gefühls sank sie in die Schwächen zurück, die ihr
zur zweiten Natur geworden waren. Sie fühlte nicht, welche Ueberwindung es
Alfred kosten musste, vor ihr seiner Liebe und seines Kampfes zu gedenken; sie
begriff das ehrende Vertrauen nicht, das in seiner Bitte lag, ihm durch Güte und
Nachsicht beizustehen. Es schien ihr, als müsse Alfred seine Liebe, die sie seit
lange kannte, vor ihr verbergen; und doch fehlte ihr die Schonung, dasjenige
nicht erraten zu wollen, was er nach ihrer Meinung nicht gestehen durfte.
    Sie gehörte nicht zu den grossen Frauenseelen, denen es möglich ist, in
solchen Verwirrungen wie ein rettender Schutzgeist zu helfen und sie zu lösen.
Ihr fehlte das einzige untrügiche Mittel dazu, die Selbstverleugnung und das
rückhaltlose Hingeben an das Herz des Mannes. Hätte Caroline das vermocht, hätte
sie den Mut und die Liebe besessen, Alfred Zeit zu gönnen, hätte sie sich zu
seiner Vertrauten zu machen gesucht, so würde das Gefühl des gerechten Dankes,
das sie ihm eingeflösst, zu einem neuen und dauernden Bande zwischen ihnen
geworden sein. Aber diese Seelengrösse war ihr nicht gegeben.
    Schon nach wenig Augenblicken bereute sie es, Alfred zu dem Besuche bei
Terese aufgefordert zu haben, und sann auf Mittel, ihn dortin zu begleiten,
als ihm ein Diener ein Billet überbrachte. Es war von Terese und entielt nur
die Worte: »Julian hat ein Nervenfieber, sein Leben ist in Gefahr. Kommen Sie
nicht zu mir, ich darf und will nichts denken, als ihn. Ich beschwöre Sie,
kommen Sie nicht!«
    Er las das Blatt und steckte es zu sich, ohne etwas zu sagen. Caroline hatte
in der Adresse eine weibliche Handschrift zu erkennen geglaubt und begehrte in
hellauflodernder Eifersucht zu wissen, was das Billet entalte. Alfred wich
Anfangs ihren Forderungen aus, endlich, da sie immer dringender ward, gab er ihr
das Blättchen.
    So hast Du sie dennoch wiedergesehen! rief sie aus. O! ich Törin, ich
glaubte, Du würdest dazu meiner Erlaubnis bedürfen! ich Törin, die in blinder
Gutmütigkeit Dich bat ihr Trost zu bringen.
    Caroline! sagte Alfred, ich habe Terese nur einmal gesprochen, ohne dass Du
es weisst. Ich hatte mir's gelobt, sie nur in Deinem Beisein zu sehen; aber der
Unfriede des gestrigen Abends lastete zu schwer auf mir. Das Mistrauen hatte
mich erbittert, mit dem Du Terese und mich auf's Neue beleidigtest; mich
erdrückte gestern Abend die Freud- und Lieblosigkeit in unserm Hause und fast
ohne dass ich es wollte, fand ich mich in Teresen's Nähe nach langem einsamen
Umhergehen wieder.
    Spare die Entschuldigung, meinte Caroline, ausser sich vor Zorn, ich glaube
Dir nicht mehr, und Du und sie Ihr verdient keinen Glauben.
    Alfred, einer der wahrhaftesten Menschen, empfand diesen Vorwurf schwer, ein
neuer, lebhafter Streit entstand. Er endete mit solcher Erbitterung von beiden
Teilen, dass sie sich im Laufe der nächsten Tage zu begegnen vermieden und sich
auswichen, wenn sie zufällig irgendwie zusammentrafen.
 
                                      XVI
Die Krankheit des Präsidenten hatte einen sehr gefährlichen Charakter
angenommen. Als Alfred zu Sophien kam, war sie von derselben bereits
unterrichtet und trat ihm mit der Frage entgegen, wie es Julian ergehe? Er
konnte ihr nicht verbergen, dass der Zustand sehr bedenklich sei, fügte aber
hinzu, dass man dennoch bei seines Freundes kräftiger Natur das Beste hoffen
dürfe.
    Sie hörte ihm ungläubig zu, lächelte schmerzlich und sagte: Ich hoffe
nichts, Julian wird sterben. Sehen Sie, mein Freund! diesen Rosenstock brachte
mir am Weihnachtsabend ein Knabe, als ich in tiefster Wehmut der Vergangenheit
dachte. Der Bote kannte den Geber nicht, aber mein Herz erriet ihn, meine
innere Freude sagte mir, er käme von ihm. Die Blumen prangten in vollster
Pracht. Glücklich, dass er meiner doch gedenke, dass ich nicht ausgetilgt sei aus
seiner Seele, trug ich den Topf in mein Zimmer und drückte mein Gesicht in die
Blüten. Mir schien, als lehnte ich mich an sein Herz. Kaum aber war es
geschehen, kaum war der Rosenstock eine kurze Zeit in meinem Besitze, als seine
Blätter sich senkten; er fing an zu welken und ich wusste, was mir bevorstand,
als ich am nächsten Morgen von meinem Arzte hörte, Julian sei erkrankt.
    Vergebens stellte ihr Alfred vor, das Welken des Rosenstockes sei ein
durchaus natürliches Ereignis. Er ist in Treibhauswärme erwachsen, sagte er,
dann hat ihn die kalte Nachtluft plötzlich berührt, ehe er in die warme
Atmosphäre Ihres Zimmers gebracht wurde, das hat die Pflanze getödtet. Warum
denn gleich das Schlimmste glauben? Warum in diesem Zufall so trübe Vorbedeutung
suchen?
    Sie sind ein Dichter, wendete Sophie ein, und können an das blinde Walten
des Zufalls glauben? Haben Sie nie den wunderbaren Zusammenhang alles
Erschaffenen empfunden? Haben Sie nie gefühlt, wie die Weltseele das All
durchdringt und harmonisch wirkt in uns und in der Pflanze, in den Sternen und
in den Tieren? Ich bin gewiss, alles Lebende empfindet mit uns, unsere Liebe
klingt auch in den Geschöpfen wieder, denen kalte Philosophen die Empfindung
absprechen. Ich halte fest an der Zuversicht, dass ein Teil von der Seele des
Geliebten in allen Gaben lebte, die ich ihm verdanke und von denen ich mich nur
mit blutendem Herzen trennen werde. Es wird mir ein erneuter Abschiedsschmerz
sein und doch muss auch dieser durchlebt werden.
    Ihre frühere Lebhaftigkeit hatte einer stillen Trauer weichen müssen, ihre
Bewegungen waren langsamer und ruhiger geworden, das Feuer ihres einst so
brennenden Auges gedämpft und selbst ihre Kleidung, schwarz und von einfachster
Form, trug dazu bei, sie gänzlich verändert scheinen zu lassen. Alfred hatte
diese Verwandlung gleich bei seinem Eintreten bemerkt und fragte sie, ob sie
denn immer noch bei ihrem frühern Vorsatze beharre. Er hielt ihr die Bedenken
vor, die sich in ihm dagegen regten, er bat sie, noch ein Jahr zu warten, er
stellte ihr die traurige Einsamkeit des Klosterlebens, die Reize der Welt in den
lebhaftesten Farben vor, und ging so weit, sie nochmals auf eine mögliche
Aussöhnung mit Julian zu verweisen, um sie nur von ihrem Vorhaben
zurückzuhalten.
    Sie hörte ihm mit dankender Freundlichkeit zu. Die Erwähnung, dass Julian
ihrer mitten in den Schmerzen seiner beginnenden Krankheit gedacht habe, füllte
ihr Auge mit Tränen. Gott lohne es ihm, sagte sie, es sind die reinsten
Freudentränen, die ich weine! Dass er meiner liebend gedenkt, das ist der
schönste Segen, den ich aus der Welt in die Zukunft hinüberzunehmen verlangen
konnte. Ein anderes Glück gibt es für mich nicht und ich habe nur noch einen
Wunsch: ich muss ihn sehen, ehe er stirbt.
    Er wird nicht sterben und Sie werden ihn noch oft wiedersehen in Fülle der
Gesundheit; hoffen Sie es doch mit mir! bat Alfred.
    Schreckt Sie der Gedanke an seinen Tod, entgegnete Sophie, so nehmen Sie
meine Bitte in anderm Sinne. Lassen Sie mich Julian noch ein Mal sehen, ehe ich
sterbe für die Welt. Ist es Ihnen so lieber? fragte sie mit dem anmutigen
Lächeln, das noch vor wenig Monaten die kunstliebende Residenzstadt bezauberte.
Ich habe endlich vor einigen Tagen meinen Abschied vom Teater erhalten, ich bin
nun frei und könnte die Stadt verlassen, hätte ich ihn noch ein Mal gesehen.
Dazu sollen Sie mir verhelfen. Sie sollen mich in sein Zimmer führen, auf welche
Art Sie es zu machen wissen; das soll der Dienst sein, den ich von Ihnen
fordere.
    Alfred berichtete ihr, dass er selbst das Haus des Freundes nicht besuche,
dass Terese ihn aus ihrer Nähe verbannt habe, und unwillkürlich ergoss sich der
Strom seiner Leiden in Sophien's teilnehmende Seele. Was er ihr aus Rücksicht
für seine Gattin und für Terese verschwieg, ergänzte ihr feines Gefühl. Sie
hatte das feinste Verständnis für die verborgensten Rätsel in einer fremden
Brust. Sie wusste in einer Weise zuzuhören, die mehr erquickte und beruhigte, als
die freundlichsten Trostesworte jedes Andern. Ihr Auge tauchte unter in die
Seele des Leidenden und sein milder, warmer Schein trocknete die Tränen im
tiefsten Grunde des Herzens, die nicht an das Licht hervorzubrechen wagten.
    Auch Alfred fühlte sich besänftigt und beruhigt in ihrer Nähe. Er sagte ihr,
wie wert sie ihm sei, wie ungern er sie scheiden sähe. Niemand, der wie Sie die
Macht zu trösten besitzt, sagte er, darf diese heilige Gabe selbstsüchtig
unbenutzt lassen, Ihr Beruf ist es, die Leidenden zu erquicken - -
    Das will ich ich ja auch tun, rief sie mit grosser Erhebung, das will ich
tun, wenn Gott mir die Kraft dazu gibt; das gerade ist ja mein Vorsatz. Ich
habe nicht mehr daran gedacht, in müssigem Hinbrüten mein Leben zu verlieren,
seit ich mich wieder emporgerafft habe aus der stumpfen Betäubung meines ersten
Schmerzes. Mir lebte eine Tante in Paris, die ich in meiner Kindheit oft gesehen
habe; später trennten unsere verschiedenen Lebenswege uns gänzlich. Sie ist
barmherzige Schwester. -
    Alfred schreckte auf, er ahnte, was Sophie ihm sagen würde. Sie bemerkte
sein Erstaunen und meinte: Wie die Welt wunderlich urteilt und selbst die
Besten vor ganz natürlichen Dingen erschrecken! Was ist es anders, wenn eine
Mutter die kranken Kinder pflegt, wenn eine Frau gramvolle Nächte am Bette des
Gatten durchwacht? Ich habe Niemand auf der Welt als Julian, der mein nicht mehr
begehrt; ich stehe allein, ein Teil der leidenden Menschheit - sie kann meiner
Dienste bedürfen und ihr will ich sie weihen. Ich bin ein Kind des Volkes, ich
habe die Reichen und Glücklichen entzückt und erfreut, als ich selbst froh und
glücklich war; lassen Sie mich nun zu dem Volke, zu den Armen zurückkehren und
die Unglücklichen und Leidenden erquicken. Das dünkt mich der schönste Beruf,
seit ich empfunden habe, was das Leiden ist. Ich habe meiner Tante geschrieben,
der Brief hat sie noch lebend und rüstig gefunden. Sie freut sich meiner
Absicht, sie wirkt noch immer segensreich an den Krankenbetten des Hôtel Dieu
und unter ihrer Leitung werde ich meine neue Laufbahn beginnen.
    Die sichere, freudige Klarheit, mit der sie sprach, beruhigte Alfred über
sie. Er fühlte, dass nicht alle Naturen auf gleiche Weise zum Ziele, zum Frieden
mit sich selbst gelangen können. Der Wirkungskreis, den Sophie jetzt erwählte,
schien ihm ihrer würdiger, ihrem Gemüte angemessener, als die klösterliche
Einsamkeit, an die sie früher für ihre Zukunft gedacht hatte. Er sagte ihr das
und sie bat: Lassen Sie mich denn, nun Sie meinen Vorsatz billigen, sobald als
möglich scheiden. Lieber Freund! nur einen Augenblick lang führen Sie mich in
Julian's Zimmer, nur noch einmal muss ich vorher seine teuren Züge sehen. Ich
darf ja kein anderes Bild von ihm behalten, als das in meinem Herzen! Gönnen Sie
mir das einzige Glück, das ich fordere! Erfüllen Sie die erste Bitte, die ich an
Sie richte. Sie haben mir ihre Freundschaft angeboten, auf diese richtet sich
meine Hoffnung. Ich muss ihn sehen!
    Ihre Bitten, ihre feste Erklärung, sie müsse und werde die Erfüllung dieses
Wunsches erreichen, machten Alfred ungewiss, was er tun solle. Er kannte sie
genug, zu glauben, sie werde nicht von ihrem Verlangen lassen, und er fürchtete,
dass sie die Erreichung desselben in einer Weise bewirken dürfte, die für Julian
oder Terese nachteilig werden könnte. Deshalb versprach er ihr, er wolle
versuchen, ihren Wunsch zu erfüllen, wenn sie ihm dagegen gelobe, keine Schritte
ohne sein Vorwissen zu tun und geduldig zu warten, bis er es möglich machen
könne, ihr zu willfahren.
    Ich bringe Ihnen Nachricht von Julian, sagte er, ich verheimliche Ihnen
nichts, vertrauen Sie mir. Ich komme noch oft, Sie zu sehen, so lange Sie bei
uns weilen. Lassen Sie mich Mut und Entschlossenheit in Ihrem Beispiel finden.
Mein Herz ist auch wund und mein Geist ist sehr müde; sein Sie auch künftig mir
eine barmherzige Schwester, ein Engel des Trostes, wie Sie es mir heute gewesen
sind.
 
                                      XVII
Alfred hielt Wort. Fast täglich besuchte er Sophie, aber die Nachrichten, die er
ihr zu bringen hatte, waren wenig erfreulich. Der Zustand des Präsidenten
schwankte anfangs hin und her, dann verschlimmerte er sich bedeutend und die
Aerzte verwiesen, nachdem der siebente Tag vorüber war, auf eine Krisis am
vierzehnten oder einundzwanzigsten Tage. Beide, Alfred sowol als Sophie,
empfanden, getrennt von dem Gegenstande ihrer Sorge eine grosse Unruhe, und das
Dasein in seinem Hause trug nicht dazu bei, Alfred über die Sorge fortzuhelfen.
Der Unfriede zwischen den Eheleuten wuchs immer mehr. Caroline ging Tage
hindurch schmollend an ihrem Manne vorüber, bis sie plötzlich eine Anwandlung
von Reue empfand und Versöhnung suchte. Aber Versöhnung setzt gänzliches
Vergessen des geschehenen Unrechts voraus und dies Vergessen erfordert Liebe.
Liebe vergibt und vergisst, weil sie zu lieben verlangt. Sie freut sich, wenn es
ihr gelingt, die Fehler des Geliebten verschleiern, sich über seine Mängel
täuschen zu können; sie will nicht Rechte fordern, nicht gerecht sein, sie will
gewähren, Nachsicht üben und, wenn es sein kann, bewundern und beglücken.
    Diese Liebe hatte der Ehe seit ihrem Beginnen gefehlt und sie allein macht
es möglich, dass ein Bündnis zwischen Menschen, bei den Schwächen der
menschlichen Natur, ein glückliches werde. Alfred zwang sich, gerecht gegen
Caroline zu sein, das musste zu ihrem Nachteil ausfallen, denn ihre guten
Eigenschaften wurden durch ihre Mängel überwogen. Caroline hingegen fühlte
nicht, dass sie sich zur höchsten Würde einer Frau erhebe durch Milde und
Schonung; sie fürchtete, sich zu erniedrigen durch Nachsicht, sie fürchtete, in
ihren Rechten gekränkt zu werden. Die Eheleute, die nur Einen Willen, nur Einen
gemeinsamen Wunsch haben sollten, den Wunsch, zusammen, durch einander glücklich
zu werden, standen sich mit getrennten Wünschen, mit gesonderten Interessen
gegenüber. Wo es dahin gekommen ist, wo Eheleute einmal empfunden haben, dass sie
nicht Eins sind in unauflöslicher Verbindung, wo sie sich als zwei gesonderte
Parteien zu denken angefangen haben, da ist das Glück des Hauses
unwiederbringlich zerstört. Nur Liebe vermag den menschlichen Egoismus zu
besiegen, ohne sie bricht er hervor und fordert gebieterisch Selbsterhaltung und
Glück.
    Weder die Aufwallungen edlerer Gefühle in Caroline, noch Alfred's gute
Vorsätze vermochten die oftmals wiederkehrenden Aussöhnungen dauernd zu machen.
Nach kurzem Frieden begann der Streit um so heftiger, und besonders in Alfred,
dem das Unschöne dieser Verhältnisse doppelt verletzend war, bildete sich eine
dauernde Erbitterung aus, die sich bald von beiden Seiten zu rücksichtsloser
Härte steigerte.
    Das Leben in seinem Hause wurde ihm so unerträglich, dass er jeden Anlass
wahrnahm, der ihn daraus entfernte. Er besuchte Teater und Gesellschaften, um
dem Misbehagen zu entgehen, das ihn plagte, um sich selbst zu entfliehen. Von
Natur häuslich und wissenschaftlichem Stillleben geneigt, stürzte er sich in
einen Strudel von Vergnügungen, um nicht zu empfinden, wie unmöglich ihm jede
Arbeit geworden sei, seit er die innere Ruhe dazu verloren hatte. Aber der
Taumel der Zerstreuungen spannte ihn ab, ohne ihn einen Augenblick vergessen zu
machen, was er zu vergessen wünschte. Stumpf und ermüdet kehrte er in die
Heimat zurück, wo er Caroline fand, ebenfalls übersättigt von leeren Genüssen,
verdriesslich und schmollend wie er. Der geringste Anlass führte in diesen
Stimmungen Mishelligkeiten herbei und Felix fing an, die Eltern zu vermeiden,
wenn er sie allein beisammen fand. Oftmals ward er von Caroline gescholten, nur
weil Alfred ihn gelobt hatte. Sie wusste, es tue Alfred wehe, den Knaben leiden
zu sehen; sie litt durch Alfred und in der Aufwallung der gekränkten Gattin
vergass sie die Mutter. Es war das unglückseligste Verhältnis von der Welt.
    Nur in Sophien's Nähe besänftigte sich die innere Zerstörteit Alfred's, die
fieberhafte Unruhe, die ihn umhertrieb, das Elend seiner Ehe zu fliehen, und
Glück und Liebe zu suchen, die für ihn an Teresen's Seite erblühen mussten. Mit
Sophie, der er sein Lieben vertraut, sprach er von seinen Wünschen, von seinen
Vorsätzen, bei ihr fand er ein teilnehmendes Herz. Immer länger dehnten sich
seine Besuche bei ihr aus und wenn sie ihn darauf aufmerksam machte, sagte er
traurig: Lassen Sie mich hier ausruhen, Sophie! bei Ihnen ist der heilige
Tempel, in dessen Mauern die Eumeniden mir nicht zu folgen wagen. Nur so lange
lassen Sie mich verweilen, bis ich die Ruhe gefunden habe, zu wollen, was ich
muss.
    Eines Abends kehrte er von der Freundin zurück und kam in Carolinen's
Zimmer, seinen Sohn zu sehen. Er fand den Kaplan Ruhberg bei ihr, und sie ging
hinaus, bald nachdem ihr Gatte eingetreten war. Der Kaplan kam dem Hausherrn mit
geflissentlicher Freundlichkeit entgegen und bot ihm die Hand. Alfred tat, als
bemerke er es nicht. Es war ihm unmöglich, einen Mann traulich zu begrüssen, den
er nicht in seinem Hause zu sehen wünschte. Ruhberg brachte ihm Nachrichten aus
der Heimat und sprach von den Angelegenheiten auf Reichenbach's Gütern, soweit
sie die kirchlichen Verhältnisse betrafen. Dann rückte er endlich mit der Bitte
hervor, dass Alfred, der mannichfache Bekanntschaften unter den Räten der
verschiedenen Ministerien besass, seinen Einfluss zu Gunsten Ruhberg's verwenden
solle, um dessen Bestätigung als Domherr zu erlangen, die noch zweifelhaft
schien. Die Behörden standen an, die auf ihn gefallene Wahl gutzuheissen, da
seine hierarchischen Tendenzen nur zu sehr bekannt waren.
    Alfred nahm seine Bitte kühl auf und sagte, da Ruhberg dringender wurde: Sie
verkennen einerseits meinen Einfluss, mein Herr Kaplan, andererseits mich selbst.
Ersterer reicht nicht so weit, als Sie glauben, und ich kann ihn nicht
unbedenklich für Jemand anwenden, dessen Grundsätze und Ansichten den meinigen
so sehr entgegen sind, als die Ihren. Im Uebrigen, Herr Caplan, denken Sie von
meiner christlich vergebenden Gesinnung besser als ich selbst, denn ich habe
weder vergessen noch kann ich vergeben, was Sie gegen mich verschuldet haben.
    Der Kaplan erbleichte und ein Blick, scharf wie der Stachel einer Schlange,
schoss aus seinen Augen auf Alfred, aber keine Muskel seines Gesichtes bewegte
sich. Ich weiss nicht, wovon Sie sprechen, Herr von Reichenbach! sagte er. Ich
bin mir bewusst, Sie wegen des kleinen Streites in Rosental um Vergebung gebeten
zu haben, und was die Milde betrifft, er betonte das Wort scharf, die Sie an
meinem Vorgänger so hoch geschätzt haben, und die Sie in gewissen Fällen
vielleicht selbst bedürfen könnten, so sollen Sie mich so mild als Ihren
verstorbenen Freund, den Domherrn, finden. Mit der kirchlichen Würde soll mir
die christliche Milde kommen, wie ich hoffe. Es ist schwer in untergeordneter
Stellung sich frei und richtig zu entwickeln, das Amt gibt Kraft und Einsicht
mit dem Beistand Gottes.
    Ich bedarf Ihrer Milde nicht, sagte Alfred stolz, und ich habe Ihnen keine
Milde angedeihen zu lassen, nach der Beleidigung, die Sie, und wie ich erkundet
habe, Sie allein mir mit der gehässigen Zeitungsanzeige zugefügt haben, deren
Sie sich wohl erinnern werden. Damit ist Alles zwischen uns gesagt.
    Er schritt hinaus, liess Ruhberg stehen und ging seine Frau aufzusuchen, der
er verbot, den Kaplan bei sich oder ausser ihrem Hause zu empfangen und zu
sprechen.
 
                                     XVIII
Langsam und drückend schwer gingen die Tage an Terese vorüber. Sie hatte gleich
nach des Bruders Erkranken ihre Pflegetochter von sich entfernen, sie zu Frau
von Barnfeld schicken wollen, aber Agnes hatte es mit Bestimmteit verweigert,
sich von ihr zu trennen. Sie erklärte, dass Nichts sie vermögen würde, die
Freundin, der sie so viel frohe Stunden verdanke, der sie von Herzen ergeben
sei, zu verlassen, nun da diese in Angst und Sorgen sei, und Terese hatte sich
in ihre Ansicht gefügt.
    Mit verständiger Tätigkeit und grossem Geschick übernahm Agnes alle
häuslichen Geschäfte, die sonst der ältern Freundin oblagen. Sie sorgte für
Alles, wusste für Alles Rat, was Julian irgend bedürfen konnte, so dass Terese
sich mit ruhiger Zuversicht ausschliesslich der Pflege des Bruders widmen durfte.
dabei schien das junge Mädchen sich recht in ihrem Elemente zu fühlen und trotz
wirklicher Sorge um den Präsidenten und mancher körperlichen Anstrengung ihren
ruhigen, klaren Sinn zu behalten. Das machte sie Terese immer werter und ward
für Eva unschätzbar, die alle Fassung verloren hatte.
    Schon am frühesten Morgen kam sie zu den Freundinnen und verliess sie so spät
als möglich. Wie Agnes wünschte sie helfen und nützen zu können, aber die
gänzliche Unkenntnis aller häuslichen und wirtschaftlichen Fertigkeiten
hinderte sie daran. Doppelt betrübt durch die Untätigkeit, zu der sie sich
verdammt fühlte, sass sie tagelang mit verweinten, halbgeschlossenen Augen da.
Sie war ein wahres Bild des Kummers, und Terese sowohl als Agnes und Teophil
empfanden inniges Mitleid mit ihr. Konnte man irgend eine Beschäftigung für sie
ermitteln, die sich auf Julian bezog, dann belebte sie sich plötzlich; war die
kleine Arbeit beendet, so sank sie in die frühere Abspannung zurück. Sie machte
den rührenden Eindruck eines kranken Kindes und wie ein solches ward sie von
Agnes mit unwandelbarer Güte und Nachsicht behandelt, die, obgleich bedeutend
jünger als Eva, jetzt wie ihre Beschützerin auftrat.
    Teophil entging die grosse Tüchtigkeit des jungen Mädchens nicht und er
wusste ihr die Erleichterung Dank, welche sie Teresen verschafte. Unablässig
für diese besorgt und vorsorgend, dachte er dennoch daran, auch Agnes Beweise
seiner Teilnahme und Achtung zu geben, die sich von Tag zu Tag für sie
steigerten. Durch Agnes erfuhr er zu jeder Stunde, wie es um Julian stehe, wie
Teresen's Stimmung sei, denn diese selbst war nur für Augenblicke sichtbar.
    Tag und Nacht an Julian's Lager beschäftigt, schien sie fast übermenschliche
Kraft in sich zu finden, um dem Bruder nie zu fehlen, wenn für kurze Zeit die
Nebel des Fiebers von ihm wichen und er seine Umgebung erkannte. Am
Neujahrsmorgen hatte sie einen Brief von Teophil's Mutter erhalten, die ihr in
den wärmsten Ausdrücken für die Güte dankte, welche sie dem leidenden und jetzt
genesenen Sohne bewiesen habe. Ein Brief von Teophil war beigelegt, in welchem
er sich erfreut über die Rückkehr der Gesundheit und voll Sehnsucht nach einem
Glücke aussprach, das er einst vielleicht von der Hand seiner treuen Pflegerin
zu erhalten hoffen dürfe. Die zärtliche Mutter beschwor Terese, ihrem Sohne das
Glück, das er nicht näher bezeichnet, das sie aber leicht erraten hatte, nicht
zu versagen. Sie schilderte ihr die tiefe Verehrung ihres Sohnes für sie, sie
rühmte mit mütterlichem Stolz die Vorzüge des Sohnes und hiess im Voraus Terese
als die geliebteste Tochter willkommen.
    Der Brief, so wenig ihn Teophil selbst gutgeheissen haben würde, hätte er
eine Ahnung von seinem Inhalte gehabt, rührte Terese sehr. Es gab sich eine
grosse Güte darin kund und es tat ihr leid, die Hoffnungen nicht erfüllen zu
können, welche man auf sie baute. Sie begriff die Notwendigkeit, Teophil nicht
länger in Zweifel über seine Aussichten zu lassen, aber die Angst um den Bruder
drängte jeden andern Gedanken in den Hintergrund und die erste Woche des neuen
Jahres war bereits vorüber, ohne dass sich eine Besserung in dem Zustande des
Kranken gezeigt hätte. Der entscheidende einundzwanzigste Tag nahte heran, und
mit ihm die tödtliche Spannung, in der man solche Ereignisse erwartet.
    In der Befürchtung der traurigsten Möglichkeit gewann es Terese über sich,
mit Teophil zu sprechen. Sie fürchtete den Tod des Bruders und der Gedanke,
irgend eine naheliegende Pflicht erfüllen zu müssen, nachdem sie den Bruder
verloren haben würde, kam ihr hart an.
    Sie suchte also Teophil in einem freien Augenblicke auf, dem sie im
Wohnzimmer begegnete. In dem lebhaften Wunsche, sobald als möglich zu Julian
zurückzukehren, fand sie die Kraft, ohne alle Vorbereitung gerade zum Ziele zu
gehen; alle die kleinlichen Rücksichten verschwanden vor der Grösse des Kummers,
der von allen Seiten auf sie einstürmte.
    Sie haben von mir noch Antwort auf eine Frage zu erwarten, guter Teophil,
sagte sie, die ich Ihnen längst hätte geben müssen. Sie haben meine Hand
begehrt, aber ich kann die Ihre nicht werden. Ich bin nicht frei, wie ich es
Ihnen schon früher gesagt habe, wie Sie selbst es jetzt wissen. - Da sie an
Teophil's Zügen sah, welch schmerzlichen Eindruck ihre Worte auf ihn machten,
und da sie fühlte, dass die Weise, in der sie zu ihm gesprochen, ihn kalt und
herzlos dünken müsse, wünschte sie zu begütigen, so weit es in ihrer Macht
stand. Sie sagte ihm, dass sie schwankend gewesen sei, was ihr zu tun obliege,
dass sie in festem Vertrauen auf seine Grossmut, in der Gewissheit seiner Liebe
daran gedacht hätte, seine Frau zu werden, und dass nur die Unmöglichkeit sie
davon abgehalten, weil sie ihm nur ihre Hand, nicht ihr Herz zu geben habe.
    Glauben Sie mir, Teophil, sagte sie, es kann, es darf nicht sein. Meine
Vergangenheit ist ausgefüllt mit dem Bilde, mit der unwandelbarsten Hingebung an
das Andenken eines Mannes, der nie der Meine sein wird -
    Und die Zukunft? fragte Teophil bittend.
    Sagte ich Ihnen nicht, dass diese Liebe unwandelbar sei? Sie wird auch meine
Zukunft ausfüllen, wie sie hoffnungslos mein ganzes Leben in sich fasste. Es ist
ein Geschick und ich klage nicht darüber; denn eine grosse Liebe, selbst wenn sie
unglücklich ist, ist ein Glück.
    Terese, sagte Teophil, ich muss grausam Ihre Wunden berühren, wie der treue
Arzt, der zu helfen wünscht. Welches Loos erwarten Sie für sich?
    Sie meinen, welch ein Loos ich erwarte, ergänzte Terese, wenn es im
unerforschlichen Rate einer höhern Macht beschlossen ist, dass ich meinen Bruder
verliere? - Ihre Stimme ging in Tränen unter, als sie dem Gedanken, den sie
seit Wochen in verschwiegener Brust gehegt, zum Erstenmale Worte gab. Es war
ihr, als würde das gefürchtete entsetzliche Ereignis dadurch schon jetzt zur
Gewissheit erhoben, als trete es von diesem Augenblicke an in die Reihe der
unumstösslichen Tatsachen, und ihr schauderte vor der Gewalt des Wortes. Doch
überwand sie sich und sagte: Ich werde leben in Erinnerungen grosser Liebe, in
der Freude, von den edelsten Herzen geliebt worden zu sein. Für Sie, Teophil,
vermag ich nichts, kann ich nichts sein, denn mir fehlt die Jugend, ein neues
Leben zu beginnen. Glauben Sie mir das.
    Er hörte sie schweigend an, wie man ein Urteil anhört, dessen Schwere man
empfindet und das man für unumstösslich hält. Vergebens erwartete sie irgend ein
Wort von ihm, das ihr verkündete, er zürne ihr nicht. Er hatte den Kopf in die
Hand gestützt und blickte starr zur Erde nieder, bis der Eintritt des Dieners,
der Terese in das Krankenzimmer zurückzurufen kam, ihn aus seinen Gedanken
aufstörte.
    Sie trat an Teophil und bot ihm die Hand. Können Sie mir nicht vergeben,
Teophil? fragte sie. Ich mache Ihnen Kummer und sähe Sie doch so gern, so gern
recht glücklich.
    Sie wollte fort, aber er presste ihre Hand an seine Lippen, hielt sie zurück
und sagte: Wollen Sie mir eine Gunst gewähren? Ich bitte darum als Zeichen Ihres
Vertrauens, ich fordere sie, als ein Recht der heiligsten Freundschaft. Lassen
Sie mich in Ihrer Nähe bleiben, bis ich beruhigter über Sie von Ihnen gehen
kann. Bis Julian Sie wieder beschützt, lassen Sie mich statt seiner, so gut ich
es vermag, Ihnen zur Seite stehen. Ich gehe, sobald Sie meiner nicht mehr
bedürfen. Darf ich bleiben, Terese?
    Sie antwortete nicht, denn ihre ganze Seele war schon bei dem Bruder, aber
der feste, stumme Druck der Hand, mit dem sie Teophil's Rechte erfasste, gab ihm
die Gewissheit, dass seine Bitte erhört sei, und dass er bleiben dürfe.
 
                                      XIX
In des Kranken Zimmer angelangt, fand sie diesen in wilden Fieberphantasien. Der
Arzt wurde geholt, neue Verordnungen wurden gemacht und Eva sah an der
ängstlichen Eilfertigkeit, mit der sie vollzogen wurden, an dem schnellen und
doch leisen Umhergehen der Frauen, dass die Gefahr von Stunde zu Stunde wachse.
    Völlig fassungslos, lag sie auf dem Sopha und hüllte das Gesicht in die
Kissen, als Agnes zurückkam und nun, da alles Nötige geschehen war, sich neben
sie setzte. Sie versuchte Eva zu ermutigen, erzählte ihr von andern
Krankheitsfällen, die hoffnungslos geschienen und doch einen glücklichen Ausgang
gehabt hatten, aber Eva beachtete es nicht.
    Du gutes Mädchen, sagte sie, sich emporrichtend, Du weisst ja nicht, wie mir
zu Mute ist. Ich war ein Kind bis jetzt. Ich kannte vom Leben nichts als die
Freuden, man hatte mich absichtlich in Sorglosigkeit erhalten. Nun hat mich die
Liebe aus meinem Paradiese erweckt, und statt der blühenden Blumen, von denen
ich geträumt, finde ich welke Kränze, ein geliebtes Grab damit zu schmücken.
    Eva! bat Agnes, fasse Dich doch, nimm Deinen Mut, Deine Liebe für Terese
zu Hilfe. Was soll sie denken, wenn sie Dich so ausser Dir findet? Muss sie nicht
glauben, der Arzt habe uns jede Hoffnung genommen?
    Hat er das getan? fragte Eva. Sage es mir! o ich weiss, dass es so ist, und
dann sterbe ich auch. Ich möchte neben Julian begraben werden. Sie hielt inne,
dann bat sie: Agnes! wenn ich todt bin, lass mich nicht von fremden Händen
berühren, kleide Du mich an, ganz schlicht, ganz weiss, wie Julian mich gern sah,
und das goldene Kettchen mit dem Flacon, das lass mich auch im Grabe behalten, es
war Julian's letztes Geschenk.
    Sie vertiefte sich immer mehr in den Anordnungen für den Fall ihres Todes
und beweinte diesen bald eben so herzlich und aufrichtig, als sie vorher Julian
beweint hatte. Dann sank sie wieder in die Kissen zurück, und schlummerte eben
auch wie ein Kind, vom Weinen ermüdet, ein.
    Es war der Abend, der dem einundzwanzigsten Tage voranging. Die zehnte
Stunde war vorüber, Eva's Wagen lange vor der Türe, sie abzuholen, aber Agnes
konnte sich nicht entschliessen, sie zu stören. Seit vielen Nächten hatte der
Schlummer ihre Augen geflohen, sie bedurfte der Ruhe, und auch Terese meinte,
es würde besser sein, sie ruhig auf dem Sopha schlafen zu lassen, als sie zur
Heimkehr zu erwecken, da leicht die Nacht wieder ohne Schlaf vergehen und die
Einsamkeit ihr qualvoll sein möchte.
    Man verdunkelte die Lampe und Agnes zog sich in die Stube zurück, die dem
Krankenzimmer zunächst lag, um auf den ersten Wink Teresen's zur Hand zu sein,
falls man irgend einen Auftrag auszuführen hätte. Vergebens ermahnte Terese
sie, sich zur Ruhe zu begeben, sie blieb beharrlich bei der Bitte, die Freundin
möge sie ihr Teil zu des Kranken Pflege beitragen lassen. Ein Nähzeug in der
Hand, vollständig angekleidet, sass sie da, als, lange nach Mitternacht, Teophil
in das Zimmer trat, von dem Klingeln der Hausglocke auf die Vermutung gebracht,
dass irgend ein neues bedrohliches Ereignis vorgefallen sei. Ueberrascht blieb er
in der Türe stehen, als er das junge Mädchen erblickte. Sie legte den Finger an
die Lippen, zum Zeichen, dass er leise auftreten möge. Sie sah sehr schön aus.
Der Schein der Lampe fiel auf ihr reiches schwarzes Haar, und der Ausdruck von
ruhigem Verstand gab ihr eine auffallende Aehnlichkeit mit der Madonna della
Sedia.
    Sie sind noch wach? fragte Teophil leise, als er an sie herantrat. Ermüden
Sie denn nicht? Den ganzen Tag hindurch sehe ich Sie rastlos beschäftigt; wird
das Nachtwachen für Sie nicht zu anstrengend sein? Sie sind noch so jung!
    Haben Sie mich das wohl gefragt, als der gute Präsident mich auf die
Maskerade geführt hat, von der wir auch erst sehr lange nach Mitternacht
aufgebrochen sind?
    Die Jugend ist die Zeit der Freude, meinte Teophil, mag sie geniessen, so
viel sie kann. Zum Leiden findet sich immer später noch Raum im Leben, und es
bleibt nicht aus.
    Grade darum, wendete Agnes ein, muss man uns schon in der Jugend unsern
Anteil an den Leiden nicht nehmen, wir lernen sonst ja nicht, sie zu ertragen,
wie wir sollen. Sehen Sie, wie unglücklich jetzt die arme Eva ist, dass sie
nirgend helfen, nirgend nützen kann! Ich habe in diesen Tagen es meiner Mutter
innerlich schon oft gedankt, dass sie nie schwächliches Mitleid mit mir gehabt
und mich gelehrt hat, auch in schweren Stunden Mut und Kraft zu behalten. Ich
hoffe das Beste für Julian und ich wollte nur, ich könnte Terese und Ihnen
Allen etwas von meiner Zuversicht geben, denn auch Sie, Teophil, sind gänzlich
niedergeschlagen seit heute Nachmittag. Haben Sie denn alle Hoffnung verloren?
    Alle Hoffnung verloren! wiederholte er träumerisch und sagte dann, als er
das Erschrecken von Agnes bemerkte: Verzeihen Sie, Liebe! ich war nicht bei
Ihren Worten, ich dachte nicht an Julian, ich sprach von mir.
    Sie schwieg und sah lange in sein trauriges Gesicht, wie er so vor sich
niederblickte. Je länger sie ihn aber ansah, desto schwerer ward ihr das Herz.
Eine ungekannte Angst und Unruhe wurden in ihr wach. Sie wusste nicht, ob sie
Teophil liebe, ihn bedauere, oder ob sie ihm zürne und sich beklage. Das Herz
klopfte ihr schwer in der Brust, sie fühlte sich so beklommen und traurig, dass
ihr die Tränen in die Augen traten, und, sich zu Teophil wendend, sagte sie,
als wolle sie ihre Tränen damit entschuldigen: Es tut mir sehr leid, dass Sie
unglücklich sind, lieber Teophil!
    Erstaunt und überrascht blickte er das junge Mädchen an, nahm ihre Hand und
rief: Muss ich denn auch Sie betrüben, gutes, liebes Kind!
    Er behielt ihre Hand in der seinen, alles Blut drängte sich Agnes nach dem
Herzen, sie fing heftig zu zittern an und Teophil fragte ängstlich: Um Gottes
willen, was fehlt Ihnen? Sie sind krank, liebe Agnes! wollen Sie, dass ich Jemand
rufe? Sie haben sich doch wohl zu sehr angestrengt?
    Nein, nein! sagte sie, mir ist schon besser. Sie stand auf, wollte lächeln,
aber sie war so bleich geworden, dass Teophil besorgt seinen Arm um sie legte.
Da neigte sich ihr schönes Haupt auf seine Schulter und leise weinend ruhte sie
an seiner Brust.
    Er fühlte das Schlagen ihres Herzens, es herrschte tiefe Stille umher. Agnes
war so jung und schön. Er hatte eben noch trauernd an Terese gedacht und doch
empfand er plötzlich eine ihm selbst befremdliche Neigung für das junge Mädchen.
Fast ohne es zu wollen, drückte er sie an sein Herz, und ein leiser Kuss berührte
ihre Stirne, als Terese in angstvoller Hast mit den Worten eintrat: Schnell
einen Arzt, mein Bruder stirbt. Ohne Agnes und Teophil zu beachten, eilte sie
an das Krankenbett zurück, wo bald, von Teophil gerufen, der Arzt erschien.
    Das Uebel hatte seinen höchsten Grad erreicht, nach furchtbarer Erregung
trat ein plötzliches Ermatten ein; immer leiser wurden die Atemzüge des
Kranken, immer schwächer das Schlagen seiner Pulse. Lautlos sass die Schwester an
des Bruders Bette; das einförmige Ticken der Uhr ward ihr zur qualvollsten
Marter. In Todesangst zählte sie die Sekunden, denn jede konnte die letzte für
den Bruder sein. Sie wagte die Augen nicht von seinem Gesichte zu entfernen,
damit ihr kein Aufschlag der seinen verloren gehe, damit sein letzter Blick auf
sie falle.
    Teophil war bei ihr, der Arzt hielt die Hand des Präsidenten, um die
Pulsschläge zu beobachten. Plötzlich liess er sie los, gab Teophil ein Zeichen,
dieser trat leise an Terese heran und, getroffen von der Veränderung in des
Bruders Zügen, sank sie, Teophil von sich weisend, vor Julian nieder und
drückte ihre Lippen fest auf seine starre, eisigkalte Hand.
    Vergebens waren die Bestrebungen des Arztes und Teophil's, sie von dem
Bette zu entfernen. Sie bat, sie flehte, man möge sie allein lassen, nur allein
könne sie Ruhe und Kraft finden, und man fügte sich ihrem Willen.
    Der Arzt fuhr nach Hause, Teophil zog sich in sein Zimmer zurück, Eva
schlummerte ruhig fort und Agnes sass weinend in der Nebenstube, betäubt durch
bas Leiden, das sie umgab, und verwirrt von der eigenen stürmischen Erregung.
    Die tiefste Stille folgte der angstvollen Unruhe, die während der letzten
Stunden geherrscht. Von Zeit zu Zeit schlich Agnes an die Türe des Zimmers, um
nach Terese zu sehen. Die Unglückliche kniete regungslos auf derselben Stelle,
wie eine Figur auf einem Grabmale anzuschauen. Es schien, als habe das Leben
auch sie verlassen, und doch zerriss der herbste Schmerz ihre Seele.
    Stunde auf Stunde schwand dahin, plötzlich war es ihr, als höre sie leise
Atemzüge. Sie richtete sich empor, Niemand war im Zimmer. Verwirrt, entsetzt
blickte sie umher. Der Ton wiederholte sich. Sie stand auf, neigte ihr Haupt an
des Bruders Lippen, sie wagte ihrem Ohre nicht zu trauen, das Glück dünkte sie
unmöglich. Zitternd in der Furcht, sich getäuscht zu haben, blickte sie starr
auf ihn hin, da schlug dieser mühsam die Augen auf und Terese musste sich
gewaltsam zwingen, nicht durch ein unzeitiges Zeichen ihrer Freude den Kranken
zu erschrecken.
    Sie eilte zu Agnes. Es war schon heller Tag. Schnell wurde der Arzt abermals
herbeigerufen, Julian lebte. Ein Starrkrampf, der selbst den erfahrenen Arzt
getäuscht hatte, war die Krisis gewesen. Nach vielen Tagen zum Erstenmal
erkannte Julian seine Umgebung wieder. Er reichte Terese die Hand, er nannte
ihren Namen. Sie erlag fast ihrer Freude, der Umschwung war zu gewaltig gewesen;
sie musste einen Augenblick den Bruder verlassen, um sich von den Eindrücken der
letzten Stunden zu erholen.
    Kaum aber sass sie in ihrer Stube, als Alfred bei ihr eintrat. Ganz früh am
Morgen hatte Teophil zu ihm geschickt, ihm den Tod des Präsidenten zu melden,
und noch war die freudige Botschaft der Besserung nicht zu ihm gelangt, als er
herbeigeeilt war, Terese zu sehen.
    Aller Schmerz der letzten Tage, alle Freude dieser Stunde bestürmten sie
aufs Neue, als sie Alfred's ansichtig ward, in dessen Antlitz die Trauer um den
Freund sich unverkennbar aussprach. Zagend ging er der Geliebten entgegen, aber
mit dem Ausruf: Er lebt, Alfred! er lebt! warf sie sich an seine Brust und
weinte ihre Freudentränen aus befreitem Herzen.
    Lange hielt er sie umschlungen, und sie entzog sich ihm nicht; sie duldete
und erwiderte seine Küsse, bis sie sich losriss, um zu dem Bruder zurückzukehren.
    Indes war Eva erwacht, der Schlaf hatte sie erquickt, die Freude tat das
Uebrige. Sie umarmte Agnes, Teophil, Alfred, sie schenkte der Dienerschaft, was
sie von Geld und Schmuck an sich hatte, und erklärte dann, mit einem raschen
Blick in den Spiegel, nun werde sie nach Hause fahren, um ihren Anzug in Ordnung
zu bringen.
    Ein neues Leben schien wie für Julian, so auch für alle Andern angebrochen
zu sein. Zwar war der Erstere wieder in die Nacht der Bewusstlosigkeit
zurückgesunken, dennoch erklärte der Arzt die Gefahr für beseitigt, und
versprach mit Zuversicht fortschreitende Genesung.
 
                                       XX
Ohne Teresen's Erlaubnis erhalten zu haben, kehrte Alfred mehrmals im Laufe des
Tages zurück. Sie schien sich dess zu freuen, obgleich sie ihn nur ganz flüchtig
dabei sah, es erquickte sie, ihn in ihrer Nähe zu wissen.
    Als er spät am Abend nochmals wiederkam, fand er den Arzt bei ihr, der sie
und Agnes dringend bat, nun endlich an sich selbst zu denken, sich die Ruhe zu
gönnen, deren besonders Terese bedürftig war. Alfred vereinigte seine Bitten
mit denen des Doctors und machte den Vorschlag, Frau Berent als Stellvertreterin
zu holen, die mehrmals während der Krankheit des Präsidenten ihre Dienste
angeboten hatte.
    Ihre Tochter war hergestellt, der Mann durch Julian's Vermittelung zur
Einwilligung in die Scheidung bewogen, die Frau wünschte lebhaft sich dem
Präsidenten dankbar bezeigen zu können, und diese zuverlässige, erfahrene Frau
bei dem Bruder zu wissen, beruhigte Terese. Alfred selbst übernahm es also sie
zu holen.
    Auf dem Wege zu ihr sprach er bei Sophie ein, um auch ihr, wie er verheissen
hatte, noch einmal Nachricht von Julian zu bringen. Was sie gelitten, in der
tödtlichen Qual der dauernden Ungewissheit, wer vermöchte das zu beschreiben?
Täglich und immer flehender hatte sie Alfred beschworen, ihr den ersehnten
Anblick des Geliebten zu verschaffen, und immer hatte er es für unausführbar
erklärt, immer sie auf eine andere Zeit vertröstet.
    Jetzt, als sie von seinem Auftrag hörte, eine Krankenwärterin für die
nächste Nacht zu holen, schien plötzlich ein Gedanke in ihr aufzutauchen.
    Und wenn die Frau, die Sie holen wollen, behindert ist, fragte sie, was tun
Sie dann?
    Dann werde ich den Doctor oder sonst Jemand um eine andere zuverlässige
Wärterin fragen, entgegnete Alfred, denn Terese muss ruhen, wenn sie nicht
unterliegen soll.
    Jetzt ist es Zeit! rief Sophie, jetzt oder niemals kann ich ihn wiedersehen!
Ich beschwöre Sie, Alfred, lassen Sie mich bei ihm wachen. Sagen Sie, die Frau
sei krank, sagen Sie, was Sie für Recht halten, und lassen Sie mich ihre Stelle
vertreten.
    Unmöglich! sagte Alfred. Wenn Terese, wenn Julian Sie erkennten, wie
peinlich müsste es für die Erstere, wie nachteilig für den Letztern sein. Das
ist unmöglich, teure Sophie!
    Es soll mich Niemand erkennen, Alfred, versicherte sie, Sie selbst nicht.
Trauen Sie so viel meiner alten Gewohnheit, meiner Kunst, die ich zum
Letztenmal, zu meiner letzten eigenen Befriedigung üben will.
    Aber Sie werden es nicht ertragen. Julian ist sehr verändert, Ihre Bewegung
wird Sie verraten.
    Und stürbe ich des martervollsten Todes und wankte das Weltall um mich her,
kein Wort, keine Bewegung soll ihm verraten, dass ich es bin, die neben ihm
wacht. Bester, teuerster Freund, rief sie, vertrauen Sie mir, vertrauen Sie
meiner Liebe. Alfred! ein Frauenherz bricht eher, als es dem Geliebten ein Leid
zufügt. Können Sie Ihrem Freunde, können Sie seiner Schwester eine Pflegerin
schaffen, die treuer, liebender über ihn wachte, als ich? Sie wissen, mein
Frieden hängt daran, ihn noch einmal zu sehen. Seien Sie barmherzig, Alfred! wer
weiss, ob noch einmal der Zufall sich mir so günstig bezeigt. Erfüllen Sie meine
Bitte, Sie müssen, Sie werden es tun!
    Es sei! - sagte Alfred, ich wage es im Glauben an die Kraft weiblicher
Liebe. Kleiden Sie sich an. In einer Stunde komme ich, Sie zu holen.
    Sie sprach kein Wort, sondern schlug nur die Hände zusammen und hob sie gen
Himmel empor, wie um zu danken für die Erhörung eines heissen Gebetes.
    Alfred sah die ausdrucksvolle Geberde mit Rührung. Nun Mut und Kraft,
Sophie! sagte er, und verliess sie, um sich vorher noch in seine Wohnung zu
verfügen, wo er eine Besorgung hatte.
    Als er die Treppe seines Hauses hinaufstieg, schlich eine grosse, in einen
dunkeln Mantel gehüllte Figur an ihm vorüber. Schon seit einigen Tagen war es
ihm vorgekommen, als folge ihm dieselbe in gemessener Entfernung, wenn er Abends
durch die Strassen ging; er hatte es aber nicht sonderlich beachtet. Nun, da der
Schein des Gaslichtes auf den Träger des dunkeln Mantels fiel, erkannte Alfred
den Kaplan, der durch eine Seitentüre nach dem Teile des Hauses ging, in
welchem die Zimmer Carolinen's lagen. In der ersten Aufwallung des Zornes wollte
er ihm nacheilen, ihn zurückhalten; ein anderer Gedanke schien ihm aber zu
kommen, und er liess den Kaplan ungehindert seinen Weg verfolgen, der ihn bald in
Carolinen's Stube führte.
    Sie ging dem Kaplan entgegen, der ihre Hand mit einer schlechtverhehlten
Zärtlichkeit küsste. Dann nahmen sie nebeneinander Platz und Ruhberg sagte: Ich
fürchte, verehrte Freundin, dass die Augenblicke, die ich heute bei Ihnen
verweilen darf, uns zugezählt sind. Irre ich nicht, so ist Herr von Reichenbach
zu Hause und Sie wissen, wie ich es gern vermeide, ihm zu begegnen, wie nur die
innigste Teilnahme für Sie mich veranlassen kann, Ihr Haus zu besuchen, das
zugleich das seine ist.
    O, ich weiss es, rief Caroline; ich weiss, dass er Sie absichtlich kränkt, weil
er mich dadurch tief verwundet. Er will mich von Allem trennen, was mir wert
ist, er will mich ganz elend machen, damit ich den Zustand unerträglich finde,
damit ich die Scheidung verlange, die er ersehnt. Aber so lange Sie mir bleiben,
bleibe ich standhaft. Ihr Beistand soll mir den Mut und die Ausdauer geben,
mich fest und beharrlich im Guten zu zeigen.
    Wohl mir, wenn ich dazu die Fähigkeit hätte, denn ich fürchte, Ihnen stehen
harte Proben bevor, sagte Ruhberg. Nicht von mir ist es, dass Herr von
Reichenbach Sie zu entfernen wünscht. Was ist dem stolzen Manne der unbedeutende
Priester? Was kann es ihn kümmern, ob seine Gemahlin denselben bei sich sieht,
da er selbst sie kaum seiner Beachtung würdigt? Nur als Diener der Kirche
fürchtet er mich; die geistige Pflege will er Ihnen entziehen, denn er hasst den
Katolicismus und möchte Sie demselben entfremden. Das ist es, was meine
Besorgnis erregt, und davor möchte ich Sie bewahren.
    Wie wenig kennen Sie Alfred, sagte Caroline, wenn Sie glauben, dass er daran
denkt, mich der Kirche abwendig zu machen! Seine Gleichgültigkeit gegen die
Religion -
    Ist in Hass übergegangen, unterbrach sie Ruhberg, seit die Satzungen der
Kirche sich als unübersteigliche Scheidewand zwischen ihn und seine unerlaubte
Neigung stellen. Trauen Sie meinen Worten und dem Urteil unserer Freunde, die
ihn beobachten. Es ist Alles nicht so, wie es sein sollte, und während er Sie
auf jede Weise beschränkt, überlässt er selbst sich einem Leben, das hart gegen
die heiligen Pflichten der Ehe verstösst, die wahre, christliche Ehe vernichtet.
    Was meinen Sie damit? fragte Caroline erglühend.
    Was anders als das Verhältnis, welches Ihnen so gerechten Kummer macht!
entgegnete Ruhberg mit merklicher Zurückhaltung.
    Nein! nein! sagte Caroline, das ist es nicht, Sie wissen mehr, Sie
verschweigen mir etwas. Bei Ihrem Amte, bei der Pflicht des Seelsorgers
beschwöre ich Sie, mich nicht in Zweifel zu lassen. Ich bin auf Alles gefasst,
was mir bevorsteht, aber die Ungewissheit ertrage ich nicht.
    Und wenn ich Ihre Bitten aus übergrosser Schwäche für Sie erfülle, was bürgt
mir dafür, dass Sie schweigen, dass der gerechte Unmut der beleidigten Ehefrau
Sie nicht hinreisst, das Vertrauen zu verraten, das ich Ihnen beweise?
    Der heiligste Eid, wenn Sie ihn fordern.
    Gut, sagte der Kaplan, so hören Sie denn, dass Herr von Reichenbach ein neues
Verhältnis mit einer Schauspielerin angeknüpft hat, die früher die Freundin des
Präsidenten war. Er besucht Fräulein von Brand nicht mehr, aber er bringt seine
Zeit bei der Schauspielerin Sophie Harcourt zu, und so innig und ganz ausfüllend
müssen die gegenseitigen Beziehungen sein, dass sie ihren Abschied von der Bühne
verlangt hat, vermutlich um ausschliesslich sich und ihrer Liebe zu leben.
    O, unerhört, unerhört! rief Caroline und stand auf, um in das Zimmer ihres
Mannes zu eilen.
    Der Kaplan hielt sie zurück. Wo wollen Sie hin? fragte er.
    Zu ihm!
    Ist das die Mässigung, die Ruhe, die ich forderte? Halten Sie so Ihr
Versprechen?
    Ich muss ihn sehen, ich muss ihm seine Treulosigkeit vorhalten! rief Caroline.
    Haben Sie persönlich Beweise dafür? fragte der Kaplan, oder wollen Sie ihm
sagen, dass Sie mich gesehen, dass Sie mir die Nachricht verdanken? Es wäre ein
schlechter Lohn für die Dienste, die ich Ihnen leiste in einer Zeit, in der mich
tausend neue Pflichten in Anspruch nehmen, denn es scheint im Rate des Himmels
beschlossen zu sein, dass mir die verantwortungsvolle Würde unseres verstorbenen
Freundes auferlegt wird.
    Caroline hörte seine letzten Worte nicht. Ja! sagte sie, ich selbst muss mich
davon überzeugen, ich muss selbst Beweise haben für seine Untreue, dann -
    Nun und was dann? fragte der Kaplan.
    Sie wollte sprechen, hielt aber das Wort zurück und Ruhberg ergänzte für
sie: Dann werden Sie, schwergeprüfte Freundin, sich berechtigt glauben, den
Ehebund zu lösen, der Sie so unglücklich macht, und frei sein, sich selbst und
Ihren Ueberzeugungen zu leben.
    Das sagen Sie, Herr Kaplan! rief Caroline, Sie, der Sie mir die Scheidung
stets als eine Sünde vorgehalten haben? Sie, der mich fast gezwungen hat, nicht
einzuwilligen, als ich auf des Domherrn Rat geneigt war, auf den Willen meines
Mannes einzugehen?
    Damals hielt ich es für möglich, den Frieden Ihrer Ehe herzustellen, damals
glaubte ich an eine Rückkehr Ihres Herrn Gemahls zu seiner Pflicht; aber diese
Zuversicht habe ich lange schon verloren, meinte mit bedauerndem Tone der
Kaplan.
    Da sah ihn Caroline forschend an und sagte: Sie hassen meinen Mann, Herr
Kaplan, das weiss ich, und er hat es kaum besser um Sie verdient! Durch den
Präsidenten kenne ich aber auch das Verhältnis, in dem unsere Güter zu der
Kirche stehen. Sagten Sie nicht, dass Sie sichere Hoffnung hätten, Domherr zu
werden an des verstorbenen Fernow Statt?
    Ja, wenn der Herr seinen Segen dazu gibt!
    Und jetzt scheint Ihnen die Scheidung erlaubt, die Sie früher verwarfen?
    Was bezweckt die Frage, gnädige Frau!
    Nichts, gar nichts! mein Herr Kaplan, denn ich bedarf Ihrer Antwort nicht,
sagte Caroline spöttisch. Aber nun begreife ich den Eifer, mit dem Sie mir die
neue Untreue meines Mannes zu verraten eilten; nun verstehe ich die dringende
Ueberredung, mit der Sie mich veranlasst haben, Sie gegen den Willen meines
Mannes zu sehen! Nun sehe ich ein, weshalb die Trennung unserer Ehe für Sie
nicht mehr als unzulässig erscheint!
    Es war vergebens, dass der Kaplan sie zu unterbrechen suchte, ihre Heftigkeit
liess es nicht dazu kommen.
    Sie selber haben mir die Augen aufgetan, rief sie, und jetzt erst sehe ich
klar! Aber Sie waren damit zu schnell, Herr Kaplan! denn wie sehr ich Sie auch
schätze, ehe ich mich und meinen Sohn völlig in die Abhängigkeit von einem
Dritten überantworte, ehe ich die Reichenbach'schen Güter dem freien Besitze
ihrer Eigentümer entziehe, ehe ich meinen Sohn und mich, auch dem verehrtesten
Manne, auf Gnade und Ungnade übergebe, will ich lieber all das Leiden noch
länger ertragen, das meine jetzigen Verhältnisse mir auferlegen.
    In dem Augenblick hörte man den Knaben in dem Vorsaal. Der Kaplan erhob
sich. Er hatte sein ruhiges Lächeln nicht einen Augenblick verläugnet.
Ueberlegen Sie, was Sie mir sagten, prüfen Sie meine Behauptungen, teure
Freundin! sprach er, und wenn Sie sich, wie Sie müssen, von meiner
Wahrhaftigkeit überzeugt haben werden, wenn Sie, wie schon so oft, verzweifelnd
nach Beistand und Rat verlangen, dann denken Sie, dass ein Diener der Kirche
Nachsicht hat für die Verblendeten, dass er persönliche Kränkungen zu vergeben
wissen muss. Ich darf und will mich nicht an Ihre Worte erinnern, gnädige Frau,
denn Sie sind es nicht, es sind die Qualen der Eifersucht, die aus Ihnen
sprechen.
    Er wollte sich entfernen, Caroline blieb stehen, ungewiss, was sie beginnen
solle. Plötzlich fragte sie: Wo sagten Sie, wo wohnt die Schauspielerin, derer
Sie gedachten?
    Ich weiss es nicht, entgegnete der Kaplan, aber was tut es auch zur Sache,
da Ihre Geduld und Liebe Ihrem Gatten zu verzeihen wünschen.
    Sie wendete sich zornig von ihm ab. Ist Dein Vater schon zu Hause, fragte
sie den Knaben, der eben in das Zimmer trat. Felix bejahte es, und die Mutter
befahl ihm, den Vater zu ihr zu bitten.
    Der Knabe richtete die verlangte Botschaft aus, fügte aber aus eignem
Antriebe die Nachricht hinzu, dass der Herr Kaplan dagewesen und eben
fortgegangen sei. Alfred wusste das bereits.
    Das ist komisch, sagte Felix, der Herr Kaplan kommt so oft, lieber Vater,
aber immer, wenn Du nicht zu Hause bist. Er kommt immer nur zu der Mutter, nie
zu Dir!
    Alfred sah den Knaben überrascht an, erschrocken vor der sittlichen
Verwahrlosung, die denselben bedrohte. Felix misdeutete die Bestürzung des
Vaters und fügte begütigend hinzu: Ich meine, es ist doch unrecht von Mama, weil
Du es ihr neulich verboten hast, als ich in der Nebenstube war.
    Ein Sohn als Angeber seiner Mutter! ein Kind, eingeweiht in solche
Mishelligkeiten! sagte Alfred schaudernd zu sich selbst, und statt zu Caroline
zu gehen, hiess er den Knaben der Mutter sagen, dass er behindert sei, sie zu
sprechen, weil ein Geschäft ihn zwinge, auszugehen.
    Er eilte, im Innern von dem traurigen Ereignis in seinem Hause beschäftigt,
davon, um Sophie zu holen, die seiner bereits lange warten musste. Als er durch
die Säulenhalle vor seinem Hause schritt, vertrat ihm eine Frau den Weg. Es war
Caroline.
    Was willst Du? fragte er, überrascht sie zu sehen.
    Ich muss Dich sprechen, Alfred! sagte sie.
    Jetzt nicht, jetzt nicht! rief er ungeduldig. Hat Dir Felix nicht gesagt,
dass ich beschäftigt sei? Was soll die unnötige Eile?
    Alfred! man will uns arglistig trennen, der Kaplan -
    Jetzt plötzlich? rief er, aber halte mich nicht auf, spiele nicht Komödie,
Caroline! Ich bin nicht in der Laune, Dir dabei zu helfen, und die Strasse ist
kein Ort dazu. Was wir miteinander zu sprechen haben, kann bis morgen ruhen.
    Er wollte an ihr vorbeigehen, sie aber hing sich an seinen Arm und sagte
ängstlich dringend: Alfred! Du gehst zur Harkourt! Woran soll ich mich halten,
wenn mein Mann mich verlässt?
    An die Nachrichten und an die guten Lehren des Kaplans, entgegnete er ihr,
den ich Dir zu sehen verboten und dem Du die Nachrichten über die Harkourt
vermutlich verdankst.
    Er machte sich gewaltsam los und eilte davon.
 
                                      XXI
Als Alfred zu Sophien kam, erkannte er selbst sie kaum wieder. Sie hatte zu der
dunkeln, nonnenhaften Kleidung, die sie jetzt beständig trug, eine Haube
aufgesetzt, die mit breiter Stirnbinde das Gesicht verhüllte. Die geschickte
Anwendung von Schminke trug dazu bei, sie völlig unkenntlich zu machen, und
neben Alfred in einen Platzwagen steigend, fuhr sie nach der Wohnung des
Präsidenten.
    Wie sie es verabredet hatten, stellte Alfred sie Teresen als eine Wärterin
vor, die ihm Frau Berent als zuverlässig empfohlen habe, da sie selbst nicht
kommen könne. Terese nahm den Vorwand ohne Mistrauen an und Alfred hoffte,
falls sie jemals die Wahrheit entdecke, eine Entschuldigung in Sophien's Liebe
für Julian zu besitzen.
    Er sprach Terese nur flüchtig und im Beisein von Agnes; dann entfernte sie
sich, um Sophie in das Krankenzimmer zu führen, wo sie ihr alle vom Arzte
gegebenen Verhaltungsbefehle für die Nacht erteilte. Alfred war erstaunt über
Sophien's Selbstbeherrschung; ihre Bewegungen, der Ton ihrer Stimme waren ein
ganz fremder und sogar den französischen Accent, mit dem sie sonst das Deutsche
sprach, wusste sie vollkommen zu überwinden. Weder Terese, noch Agnes und
Teophil schöpften den geringsten Verdacht gegen sie, und mit völliger
Selbstbeherrschung trat sie an das Lager des von ihr geliebten Mannes.
    In ängstlicher Gewissenhaftigkeit hörte sie auf Teresen's Anordnungen für
den Kranken, versprach die grösste Wachsamkeit und Sorgfalt und liess sich neben
dem Bette nieder, nachdem Terese sie dem Präsidenten als die Wartfrau
vorgestellt und sich entfernt hatte.
    Ihr sehnlichster Wunsch war erfüllt, sie sah ihn wieder. Das starke dunkle
Haar des Präsidenten fiel auf die hohe Stirn herab, aber wie eingesunken waren
seine Schläfen, wie hohl die Augen! O! die unaussprechlich geliebten Augen! rief
es in Sophien's Seele und sie hätte ihr halbes Leben darum gegeben, nur einmal
ganz leise ihre Lippen auf diese geschlossenen Lider drücken zu dürfen.
    Aber der Kranke hatte keinen Blick für seine Wärterin. Er lag ruhig da, in
tiefer Ermattung. Nur dann und wann forderte er einen jener kleinen Dienste, die
ihm sonst die Schwester geleistet hatte, und der gebrochene Ton seiner starken
Bruststimme klang traurig an Sophien's Ohr.
    Das war der Mann, den sie so sehr geliebt! Die engsten, heiligsten Bande
ketteten sie an ihn; im Einklang tiefsten Verständnisses, in vollster Liebe
hatten ihre Seelen sich einst berührt, sie war sein, ganz sein geworden. Sie
fühlte sich ihm zugehörend, ihm gleich an freier, schöner Begeisterung für das
Grosse und Wahre; keine Ehefrau konnte ihrem Manne treuer ergeben sein, keine
aufopfernder lieben, und doch stand sie jetzt da, von dem Geliebten verlassen,
weil sie der Sitte getrotzt, weil die Welt sie tadelte, weil das oberflächliche
Urteil der gleichgültigen Menge sie verdammte.
    Immer wieder regten sich die Fragen in ihr, die seit der Trennung von dem
Präsidenten der Mittelpunkt ihres Denkens geworden waren. Sie hatte sich
entschlossen, die Welt zu fliehen, welche sie verstiess; sie wollte ihr liebendes
Herz der Menschheit weihen, weil Julian ihre Liebe verschmähte, und doch fragte
sie in dieser Nacht sich wieder: Was habe ich denn verbrochen? was gesündigt?
Kann Menschensatzung und Menschenwort verdammen und freisprechen? Kann das Sünde
sein, was Tugend wird, wenn ein besoldeter Priester Worte des Segens darüber
spricht, die man oft genug, zerstreut und von der mächtigeren Stimme im Innern
übertönt, kaum beachtet? Ich, die nichts verlangte, als das Glück des Geliebten,
bin die Verworfene, und jene Frau, die ihrem Manne das Dasein zu einer Qual
macht, wird von der Gesellschaft geduldet und geschützt!
    Ihr ganzes Leben zog an ihrem Geiste vorbei. Sie dachte des Abends, da
Julian sich ihr zuerst vorgestellt und durch seine geistvolle Beredsamkeit einen
Eindruck auf sie gemacht, dessen Andenken nur mit ihrem Dasein enden konnte. Der
schmeichelnde, herzgewinnende Ton, mit dem er dann später sie um Liebe gefleht;
der Jubellaut seiner Brust, als sie, zum ersten Mal an sein Herz gesunken und
hingerissen von der Gewalt ihres Gefühls, ihre Arme fest um seinen Hals
geschlungen - - das Alles war ihr gegenwärtig in diesen Stunden.
    Ihr war, als müsse er sich aufrichten in gesunder Kraft, als müsse er ihren
Namen rufen und ihr sagen, sie sei es, die in bangen Fieberträumen das ganz
Unmögliche für Wahrheit halte. Er konnte nicht die ganze selige Vergangenheit
vergessen haben, und, wenn er ihrer dachte, wie konnte er sie nicht zurücksehnen
als sein höchstes Glück? Jeden Augenblick hoffte sie, er müsse wenigstens einmal
träumend von ihr sprechen, wie auf eine Himmelsbotschaft wartete sie darauf mit
der Zuversicht eines Gläubigen.
    Aber sein Schlaf war sanft und traumlos, und sie musste sich darüber freuen.
Sie wendete den Lichtschirm etwas zur Seite, um ihn besser zu sehen. Ein ruhiger
Friede war über sein Angesicht verbreitet, der kalte, spöttische Zug um seine
Lippen verschwunden, er sah sehr mild und freundlich aus.
    Hast Du denn nicht geahnt, dass Du mein Herz gebrochen? fragte sie so leise,
dass nur sie selber es vernahm. Wie kannst Du so ruhig sein, so friedlich
aussehen, und ich bin neben Dir und bin so elend?
    Sie kniete an seinem Lager nieder, ihre schwer errungene Fassung und
Entsagung schwanden gänzlich vor dem Anblick des Geliebten. Seine Hand hing
schlaff zur Seite herunter und flüchtig wie ein Geisterwehen berührten ihre
Lippen diese bleiche Hand.
    Aber er musste es doch empfunden haben, denn ein Lächeln glitt über sein
Gesicht.
    Agnes, süsses, liebes Kind! sagte er träumend in dem Augenblick, und der
Schmerzensschrei, der sich aus Sophien's Herzen hervorringen wollte, kehrte
unterdrückt als ein furchtbares Weh in ihre Brust zurück.
    Sie stand auf und nahm ihren Platz neben des Kranken Bette wieder ein. War
sie ihm doch nichts als eine Wärterin, deren er nicht gedachte. Heisse Tränen
strömten aus ihren Augen und fest und fester ruhten ihre Blicke auf seinem
Antlitz, denn es war das letzte, das letzte Mal, dass sie ihn sah. Es war ihr
erster schwerer Dienst als barmherzige Schwester.
    So fand sie der Morgen. Erschöpft und bleich ging sie Terese entgegen, als
sie sich nach dem Verlauf der Nacht zu erkundigen kam, und gab ihr den nötigen
Bescheid, den Jene mit grosser Zufriedenheit anhörte; dann zog sie sich ängstlich
zurück, da Julian erwachte. Sie sah die Zärtlichkeit, mit der er die Schwester
begrüsste, das Glück in Teresen's Zügen; sie empfand es ebenso warm als diese,
aber wer dachte an sie?
    Ein Wink von Terese forderte sie auf, ihr in das andere Zimmer zu folgen,
wo sie verabschiedet werden sollte. Noch einmal, ehe sie das Gemach verliess,
wendeten sich ihre Blicke nach Julian zurück und klammerten sich mit der
Allgewalt der Liebe an ihm fest. Es war ihr, als trenne sich die Seele von dem
Körper, als sie ihre Augen von ihm losriss. Der Kranke mochte ihr Zögern
bemerken, er machte ein leises Zeichen mit der Hand und sagte: Ich danke Ihnen,
Sie waren so sehr achtsam, liebe Frau! ich danke Ihnen! - und mit verhülltem
Angesicht stürzte Sophie in dem Nebenzimmer auf die Kniee und rief: es ist
vollbracht!
    Terese wusste nicht, wie ihr geschah; aber wie sie die Wärterin nun in der
vollen Beleuchtung des Tages näher ansah, war das Rätsel ihr gelöst. Sie trat
an die Kniende heran und legte ihre Hand leise auf deren Schulter. Da richtete
Sophie sich auf und sagte: Es ist vorbei! jetzt kann ich gehen! aber ich musste
ihn noch einmal sehen, vergeben Sie mir! missgönnen Sie ihn mir nicht, den
letzten trüben Trost!
    Sie hatte ihre Ruhe wiedergefunden, aber die Spuren der Seelenschmerzen,
welche sie in dieser Nacht durchgekämpft, waren deutlich in ihrem Gesichte zu
lesen und sie vermochte kaum, sich aufrecht zu erhalten. Terese führte sie zum
Sopha, sie hielt ihre Hand umschlungen und bat sie, sich zu erholen, da sie
dessen bedürftig scheine. Arme, unglückliche Frau, wie sehr müssen Sie gelitten
haben, sagte sie, wie lebhaft empfinde ich mit Ihnen!
    Sie war sehr erschüttert und ihre Augen schwammen in Tränen. Sophie warf
sich an ihre Brust. O! rief sie, Sie weinen! Diese Tränen sind meine
Freisprechung. Sie können, Sie werden mich nicht verdammen, weil ich ihn liebte,
weil ich ihn so sehr liebte, dass ich darüber Alles vergass, Welt und Menschen und
Sitte. Ihn noch einmal zu sehen, und mich vor Ihnen zu rechtfertigen, das war
mein dringendstes Verlangen. Sie, die Julian und Alfred so tief verehren, Sie
waren für mich der Richter, vor dessen Urteil ich zitterte und von dessen
Gerechtigkeit ich dennoch Erbarmen erwartete, um meiner Liebe willen. Sie weinen
über mich! nun kann ich ruhig scheiden, meine Schuld gegen die Sitte ist
getilgt. Sie erlösen mich durch Ihre Tränen. Leben Sie wohl!
    Sophie! rief Terese schmerzlich, gehen Sie nicht fort, bleiben Sie hier,
bleiben Sie bei uns! Mein Bruder soll durch mich erfahren, was er an Ihnen
verliert; Sie bedürfen nicht der Einsamkeit, sich zurecht zu finden, eine Frau,
wie Sie, findet er nicht wieder. So viel Liebe, so edle Entsagung ist ja Tugend,
ist die höchste, weibliche Tugend. Mein Bruder kann so vieler Liebe nicht
widerstehen -
    Sophie lächelte schmerzlich. Hätte ich darauf gehofft, ich wäre nicht
gekommen, sprach sie sanft. Nicht um ihn wiederzugewinnen kam ich hieher. Ich
tat es, weil ich nicht anders konnte.
    Und wenn mein Bruder genesen nach Ihnen verlangt, nach Ihnen fragt?
    Dann sagen Sie ihm, ich hätte das Recht gehabt, mich aus Liebe für ihn
aufzuopfern, und ich hätte das niemals bereut, aber ihn mit mir hinabzuziehen,
meine Schande, den Tadel der Welt auf ihn zu wälzen, das vermag ich nicht, das
leiden weder meine Liebe noch mein Stolz.
    Wunderbares Mädchen! rief Terese.
    Es war mein höchstes Glück ihn zu beglücken, fuhr Sophie fort. Was kümmerte
mich das spöttische Lächeln der Frauen, wenn ich an seiner Seite war und der
zärtliche Blick seines Auges mich wie ein undurchdringlicher Schild gegen die
Pfeile ihres Tadels schützte? Ich war ruhig, ich war stolz in dem Gefühle, meine
Pflicht zu erfüllen, denn ihn glücklich zu machen, gleichviel um welchen Preis,
dazu wähnte ich mich geboren. Nun weiss ich, dass ich mich getäuscht habe, dass ich
es nicht vermochte, und deshalb gehe ich, um wenigstens Leiden zu lindern, da
ich nicht zu beglücken verstand.
    Sie erhob sich, nahm ein Medaillon von ihrem Halse und gab es Terese. Es
ist Julian's Bild, sagte sie weich, nehmen Sie es als ein Andenken von mir an,
als eine Reliquie unwandelbarer Liebe, und bitten Sie ihn, dass er mein gedenke.
    Terese war in tiefes Nachdenken versunken; als Sophie sich anschickte sie
zu verlassen, stand sie auf, umarmte sie und sagte, das Haupt an Sophien's
Schulter gelehnt: O! wie viel wahrer, edler und besser sind Sie, als ich, die
ich aus selbstsüchtiger Scheu vor dem Urteil einer kalten Menge nicht tue, was
mein Herz mich heisst! - Was Sie gefehlt gegen die Sitte, wie gering erscheint es
mir in dieser Stunde gegen das Unrecht, das ich begehe! Dir wird vergeben
werden, Du darfst Dir vergeben, denn Du hast geliebt, während ich -
    Sie ruhten Herz an Herz in tiefer Stille. Plötzlich hörte man Schritte.
Sophie riss sich los, presste einen leidenschaftlichen Kuss auf Teresens Stirne
und sagte: Gott segne Sie! Gott lohne es Ihnen, machen Sie Alfred glücklich! -
Damit ging sie schnell davon.
 
                                      XXII
Julian's Genesung schritt sicher, aber nur sehr langsam fort und mit der
Beruhigung über seinen Zustand kehrten Teresen's Gedanken, nach Sophien's
Entfernung, doppelt lebhaft zu ihren eignen Verhältnissen zurück.
    Sie musste sich gestehen, dass die Gewalt der Liebe, die sie zu Alfred zog,
stärker war, als ihre festesten Entschlüsse. Jeder unbewachte Augenblick führte
sie zu ihm zurück und oft schien es ihr, als läge in dieser mächtigen Liebe, wie
Sophie es genannt hatte, ihre Rechtfertigung. Sie kam sich klein und zaghaft
neben Sophien vor, und schalt dann ihre Liebe ohnmächtig und schwach, vor deren
Grösse sie wenig Augenblicke vorher sich erschrocken abgewendet hatte.
    Sie wünschte Alfred zu sehen und fürchtete sich davor, denn sie war nicht
mehr sicher, ihm gegenüber die Ruhe zu bewahren, die sie für Pflicht hielt. Ein
Zustand angstvoller Verwirrung kam über sie. Sophien's rückhaltlose Liebe, die
alle Schranken niederwarf, allen bürgerlichen Gesetzen Hohn sprach, um den
Geliebten zu beglücken und glücklich zu werden durch ihn, dünkte sie der Beweis
einer Seelenstärke, um die sie die Künstlerin beneidete; und dennoch stand
Sophie als warnendes Beispiel vor ihr und die Stimme der Wahrheit in der eigenen
Seele, die Stimme des Rechtes verwarfen jene Handlungsweise und hiessen sie
ausharren und dulden.
    Aus diesem Schwanken rang sich der Gedanke in ihr empor, Alfred zu fliehen.
Sie wollte fort, sobald Julian genesen sein würde. Sie fühlte, dies sei der
einzige Ausweg aus diesem Labyrinte, und sie wollte ihn wählen. Aber während
sie an Trennung dachte, schienen ihr die Stunden zu Tagen, die Tage zu Jahren zu
werden, denn Alfred liess sich nicht mehr sehen.
    Bald fürchtete sie seine Achtung eingebüsst zu haben durch die Schwäche, mit
der sie sich neulich seiner stürmischen Zärtlichkeit überlassen, bald wähnte
sie, Alfred meide sie und zweifle an ihrer Liebe, weil sie sich bis jetzt
geweigert hatte, seinen Wünschen nachzugeben. Sie schrieb dem Geliebten und
zerriss das eben Vollendete wieder, ihre Zweifel erreichten den Gipfel der
angstvollen Unsicherheit. So schwanden ihr drei lange Tage hin, ohne dass sie
Alfred sah. Am Morgen des vierten Tages brachte man ihr einen Brief von ihm, der
also lautete:
    »Meine Terese! Wenn dieses Blatt in Deine Hände kommt, ist unser Schicksal
entschieden, ich bin frei und Du wirst mein. - Du wirst mein! fühlst Du die
Seligkeit dieses Gedankens? Erschrick nicht davor, es musste so kommen und ich
empfinde seit lange die ersten Stunden wahren Friedens, des Friedens mit mir
selbst, der aus der Ueberzeugung entspringt, das einzig Richtige, das einzig
Rechte getan zu haben.
    Denkst Du des Tages, an dem wir über die Wahlverwandtschaften sprachen? des
Tadels, den ich auf Charlotte warf, weil sie nicht den Mut gehabt hatte, Bande
zu lösen, die zu schmachvollen Fesseln geworden waren? In solchen Banden lagen
wir, und auch wir konnten zögern uns würdig zu befreien, auch wir standen am
Rande des Verderbens.
    Um Dir genugzutun, um Das zu erfüllen, was ich in törichter Verblendung
für Pflicht hielt, strebte ich eine Verbindung aufrecht zu erhalten, die nie
hätte geschlossen werden sollen, die innerlich unsittlich geworden war, weil ihr
die Liebe fehlte und das Vertrauen aus ihr entwichen war.
    Wir tragen Beide an der Schuld, Caroline und ich, wir sind Beide unglücklich
geworden, haben viel gelitten. Ich klage sie nicht an, ich spreche mich nicht
frei. Ueble Einflüsse mancher Art und menschliche Irrtümer haben uns in diese
Verwirrung gestürzt, aus der wir uns nur gewaltsam befreien können. Versöhnung,
Friede und Ruhe ist zwischen uns unmöglich geworden. Ich war auf Dein Verlangen,
auf Carolinen's Wunsch noch einmal zu ihr zurückgekehrt; aber Misstrauen und
Eifersucht, Lüge und Hass wuchsen zwischen uns auf wie rankende Giftpflanzen; sie
umschlangen Felix und drückten auch ihn nieder. Jeder freie Aufschwung des
Geistes ward mir unmöglich, so bleiern schwer lag das Leben auf mir.
    Ich hatte mich selbst verloren. In Carolinen's Armen rief mein Herz Deinen
Namen und schaudernd stiess ich sie von mir, wenn sie sich zu mir neigte. Ich
hasste Caroline, weil sie störend zwischen uns stand, ich konnte einen Augenblick
mit Hoffnung daran denken, durch den Tod meines Sohnes frei zu werden von einer
Knechtschaft, die ich um seinetwillen erduldete.
    Dahin brachte mich das starre Halten an Dem, was ich für Pflicht hielt und
was Sünde war; Sünde, Schande und Ehebruch unter dem scheinheiligen Deckmantel
der Pflichterfüllung.
    Ich ehre die Ehe in ihrer Reinheit, als die schönste Verbindung des Mannes
und des Weibes. Weil ich das tue, löse ich meine Ehe mit Caroline auf, die eine
Lüge ist und die uns herabzieht zu sittlichem Verderben, Dich, mich und sie. -
    Die erste Pflicht des Menschen ist, sich in Frieden zu erhalten mit der
Stimme der Wahrheit in der eigenen Seele. Nur wer das erreicht, darf daran
denken, das Wohl seiner Mitmenschen segensreich zu fördern. Ich wähnte, es sei
meine Aufgabe, Felix das Erbe unserer Familie zu erhalten, ein Beschützer der
Landleute zu bleiben, deren Gebieter ich geworden war, und ich hatte doch
aufgehört mein eigener Herr zu sein. -
    Priesterherrschaft, und Lust an irdischem Besitz für meinen Sohn,
beherrschten mich, ich war ihr Sklave geworden, und Lüge, Feigheit, Heuchelei,
alle Laster des Unfreien kamen über mich. Diese Bande sind auf immerdar
zerrissen. Ich bin ärmer geworden an Hab und Gut, aber ich habe mich selbst
wieder gewonnen, meinen Sohn befreit, und ich werde Dich erringen.
    Die Scheidungsklage hat der Advokat seit gestern für mich den Gerichten
übergeben. Er, wie Julian sind der Ansicht, dass sie mich zwingt, dem Erbe meines
Onkels zu entsagen. Ich bin darauf gefasst, und auch Felix soll dasselbe nie
übernehmen, damit er nicht, wie ich, durch geistige Knechtschaft zu solchen
Qualen gebracht werde, wie ich sie erlitten habe.
    Ich sage mich von dem Katolicismus los und nehme Felix in die Gemeinschaft
der Protestanten hinüber. Mein Sohn soll ein freier Mann werden und keinen
Richter über sein Gewissen haben, als die reinen, einfachen Satzungen des
Christentums, die Jeder als Gesetz in dem eigenen Herzen findet, so lange er in
der Wahrheit und in der Schönheit lebt.
    Was ich gesäet in dem Kreise der Menschen, deren Loos das Schicksal für
wenig Jahre in meine Hände gelegt hat, wird, ich hoffe es zuversichtlich, nicht
verloren sein. Es wird Frucht tragen, und ich denke bald, wenn schon in kleinerm
Kreise, dasselbe Werk zu beginnen, in neuer, starker Freudigkeit und mit Deinem
Beistande, Du Geliebte!
    Der Advokat kennt meinen Wunsch, sobald als möglich frei zu sein, ich will
jedes Opfer bringen, das mich zu dem ersehnten Ziele führt. - Ich werde Berlin
verlassen, um einen kleinen Besitz zu kaufen, auf dem wir vereint leben und
wirken wollen. Sobald ich von Caroline geschieden, sobald ich frei bin, führe
ich Dich in mein Haus und Du wirst es sicher nicht verschmähen darin zu wohnen,
obschon es kein Schloss mehr sein wird. Ich war ein Sklave und unglücklich in den
Schlössern, die ich besass. Frei und mit Dir! werde ich mich Herr und glücklich
fühlen unter dem bescheidenen Dache eines schlichten Landhauses, und Friede und
Liebe werden schützend und belebend über und in uns tronen.
    Mut und Hoffnung, Geliebte! vertraue mir. Seit ich den rechten Weg für mich
gefunden, habe ich die Gewissheit, auch Du müsstest ihn dafür erkennen und ihn
freudig an meiner Hand betreten. Wir haben in redlicher Absicht geirrt, das war
menschlich und verzeihlich. Zu beharren im Irrtum, wenn man die Wahrheit kennt,
ist Sünde.
    Ich folge dem Briefe bald. Caroline bleibt, nach ihrem Wunsche, bis zur
erfolgten Trennung hier. Ich komme mit Felix Abschied von Dir zu nehmen und erst
an dem Tage, an dem Du ganz die Meine wirst, sehe ich Dich wieder. Möchte Deine
Seele so ruhig, Dein Herz so freudig sein als das meine. Gott mit Dir und sein
Segen mit uns und unserm Felix.«
    Wie eine Himmelsbotschaft beseligend wirkte dieser Brief auf Terese. Die
Ruhe voller Ueberzeugung, welche aus jeder Zeile sprach, machte den tiefsten
Eindruck auf sie. All ihre Zweifel schwanden, sie fühlte sich erlöst, und hätte
mit dem Jubel der Hoffnung Alfred danken mögen, hätte nicht die Erinnerung an
Caroline ihre Freude getrübt, auf deren zerstörter Ehe sich der Tempel ihres
Glückes gründen sollte.
    Ihr Zusammentreffen mit Alfred war ernst, fast feierlich zu nennen. Jene
Leidenschaft, die wie ein wildes Feuer über ihnen zusammenzuschlagen gedroht, so
lange die Glut ihrer Herzen von Zweifeln, wie von einem gewaltigen Sturme
angefacht worden war, verklärte sich zu milder, erquickender Wärme, nun sie zur
Ruhe und zu einem festen sittlichen Entschlusse gekommen waren. Alfred legte den
Sohn in Teresen's Arme, und der feste männliche Druck seiner Hand sagte ihr
mehr, als die Sprache auszudrücken vermag. In Gegenwart des Knaben schieden sie
von einander ohne Kuss, fast ohne Worte; aber in dem Tone, in dem Alfred »auf
Wiedersehen!« sagte, klopften die heissesten Pulse seines Herzens und es lag
darin die Bürgschaft einer glücklichen Zukunft, schwer errungen nach langem
Irren, nach heissem Kampfe.
    Terese lebte neu auf in dem Seelenfrieden und in der Freude über die
Herstellung des Bruders, der ihr mit voller Zärtlichkeit ihre ausdauernde Treue
zu danken strebte. Sobald sein Zustand es ihm erlaubte, an etwas ausser sich zu
denken, fragte er nach Alfred und wünschte Agnes zu sehen. Terese sagte ihm,
dass der Erstere verreist sei, ohne jedoch der stattgehabten Ereignisse zu
gedenken, die Julian noch unbekannt waren, und holte Agnes herbei.
    Der Präsident war noch schwach und hatte jene weiche, erregbare Stimmung,
die man oft bei Genesenden findet. Er bot Agnes die Hand und sagte, sie mit
sichtlicher Freude betrachtend: Nun, Agnes, lebe ich wieder und bin bald so
weit, dass wir nachholen können, was Sie durch meine Krankheit entbehrten. Ich
möchte Sie gern recht froh in meinem Hause sehen, Sie recht glücklich machen, um
Sie zu entschädigen für all die Trauer und Plage, die Sie um meinetwillen
ausgestanden haben. Sie sind mir aber deshalb doch nicht gram geworden, nicht
wahr, mein Kind?
    Agnes versicherte ihn, wie sie nichts entbehrt zu haben glaube, da sie
gewohnt sei, still und häuslich zu leben. Bis ich in Ihr Haus und zu Terese
kam, kannte ich die Zerstreuungen der Städte nicht, sagte sie, und ich werde sie
nicht vermissen, wenn ich wieder bei den Meinen sein werde.
    Und sind wir nicht die Ihren? fragte Julian, Sie denken wirklich daran, uns
im Frühjahr schon zu verlassen?
    Die Eltern bedürfen meiner und Sie wissen ja, dass ich nur wenig Monate in
der Stadt bleiben sollte, entgegnete Agnes. Die starken Sonnenstrahlen, die in
das Zimmer fallen, erinnern mich nun sehr daran, dass wir nicht lange mehr
beisammen sein werden.
    Sie sprach das mit einer innern Bewegung, die wehmütig aus den Worten
widerklang und die dem Präsidenten nicht entging. Sein Auge belebte sich, es
schien ihn ein angenehmer Gedanke zu beschäftigen, er ergriff die Hand des
jungen Mädchens und sagte, sie in der seinen haltend: Es ist brav, Agnes, dass
Sie nicht mit zu leichtem Herzen von uns gehen, und wenn es geschieht, so hoffe
ich, wir sehen uns bald wieder und es ist sicher nicht der letzte Winter, den
Sie mit uns zubringen. Wollen Sie wiederkommen? Wollen Sie wieder mit uns leben,
liebe Agnes?
    Gewiss! entgegnete sie, Sie sind so gut. Sie stockte, wendete sich errötend
ab, vor dem langen, prüfenden Blick des Präsidenten, der sie verwirrte, und
verliess das Zimmer.
    An der Türe desselben begegnete ihr der Assessor und setzte sich im
Nebensaale an ihre Seite, da sie an ihrem Nähtisch Platz nahm. Sie beantwortete
seine Fragen zerstreut und konnte nicht verbergen, dass sie innerlich von irgend
einem Gedanken ausschliesslich beschäftigt sei. Teophil betrachtete sie mit
Ueberraschung und sagte: Ihnen muss etwas Besonderes begegnet sein, Liebe; denn
ich habe Sie selten, wie in diesem Augenblicke, verwirrt und unruhig gesehen.
Sie kommen von dem Präsidenten, was kann da vorgefallen sein? Er ist doch wohl?
    O ja! er denkt bald hergestellt zu sein. Sie seufzte und schwieg. Auch
Teophil's Brust entrang sich ein Seufzer.
    Wir werden nun bald scheiden, sagte er, denn nur bis zur gänzlichen Genesung
des Präsidenten bleibe ich noch hier.
    Agnes sah eifrig auf ihre Arbeit nieder, es entstand eine lange Pause.
Mehrmals versuchten Beide zu sprechen, es war aber, als könnten sie das rechte
Wort nicht finden. Endlich bemerkte Teophil: Wie sonderbar das Leben sich
gestaltet! Krank, gebrochen an Körper und Geist, langte ich bei den Freunden an.
Weder Julian noch Terese waren mir damals Etwas, nur der Wunsch meiner Eltern
führte mich her, und welche Reihe von Gefühlen habe ich hier durchlebt! Ich bin
genesen, ich habe Freude, Schmerz und grosses Glück hier empfunden, und nun ist
das Alles auch wieder vorüber. Das Stück ist ausgespielt, ich gehe fort, und
bald wird Niemand meiner gedenken von Allen, die ich hier verlasse.
    Sie sind ungerecht! sagte Agnes leise.
    Ich höre nur auf, eitel zu sein, entgegnete Teophil. Terese wird an
Alfred's Seite wenig Raum für mein Andenken haben und Sie, Agnes? -
    Er sah sie fragend an, sie vermochte nicht die Augen aufzuschlagen und nähte
ruhig fort.
    Werden Sie an mich denken, Agnes? wiederholte er.
    Sie stand auf und trat in die Nische eines andern Fensters. Teophil folgte
ihr nach. Sie hatte die Stirne gegen die Scheiben gelehnt; als er sich zu ihr
wendete, sah er, dass sie weinte.
    Agnes, rief er, wäre es möglich, dass diese Tränen unserm Abschied gelten?
Gute, liebe Agnes! nur ein Wort sprechen Sie aus, bin ich Ihnen wert?
    Sie antwortete nicht und wollte hinauseilen, aber Teophil hielt sie zurück.
Hören Sie mich an, nur wenig Augenblicke! bat er dringend. Sie kennen, ich weiss
es, meine Werbung um Terese, Sie kennen auch das Verhältnis, in dem ich zu ihr
stehe. Wollte ich Ihnen sagen, ich hätte Sie geliebt, seit ich Sie kenne, es
wäre unwahr und Sie würden es nicht glauben. Ausschliesslich mit Terese
beschäftigt, hatte ich für nichts Anderes Sinn, war ich blind für Ihre Vorzüge.
Erst jetzt habe ich Sie kennen, Sie schätzen und Sie herzlich lieben lernen. Ich
weiss, dass ein Mädchen wie Sie die erste heisse Liebe eines Männerherzens fordern
dürfte, und doch biete ich Ihnen meine Hand. Könnten Sie mir vertrauen, Agnes?
Könnten Sie sich entschliessen meine Frau zu werden?
    Lieber Teophil, sagte sie ängstlich, ich möchte nicht - aus Mitleid sollen
Sie nicht -
    Teophil sah sie befremdet an; da nahm Agnes sich zusammen und sagte: Nein!
Teophil! ich mag nicht, dass -, sie stockte und stiess dann rasch die Worte
heraus: Sie sollen sich nicht aus Mitleid opfern, das würde mich in meinen
eigenen und in Ihren Augen erniedrigen und dann wäre ich sehr elend.
    Ich verstehe Sie nicht, Agnes! sprach er sanft, aber sagen Sie mir nur das
Eine, können Sie mich lieben? Nur das eine Wort; denn Sie sprachen in Rätseln
bis jetzt. Wie sollte ich Mitleid mit Ihnen fühlen, mit Ihnen -
    Weil Sie es ja wissen, dass ich Sie liebe! Eva hat es Ihnen ja gesagt!
unterbrach ihn Agnes, laut aufweinend, und nun tue ich Ihnen leid.
    Du liebst mich? Du junger, schöner Engel liebst mich! rief er in innigster
Freude und zog sie in seine Arme. Sage mir das noch einmal, noch einmal, damit
ich es glaube. Sie ruhte an seiner Brust und er küsste die Tränen von ihren
Wangen.
    Zu Terese, o kommen Sie zu Terese! bat Agnes, sobald sie sich aus dem
ersten Rausche des Entzückens gerissen hatte. Es kommt mir wie ein Unrecht vor,
dass Sie mich lieben nach ihr. Was bin ich neben ihr?
    Ein schöner, reiner Engel! rief Teophil, und bald mein teures Weib! Wie
wird sich Terese freuen, wie glücklich werden meine Eltern mit der Tochter
sein, die ich ihnen zuführe. Agnes, nur noch einmal sage mir's, dass Du mich
liebst.
    Ich liebe Dich, sagte sie schüchtern, dann, von ihrem Gefühl gehoben, warf
sie ihre Arme um seinen Hals und rief mit so freudiger Zärtlichkeit: O
unaussprechlich liebe ich Dich! dass sein Herz davor erbebte.
    Er führte sie zu Terese; diese vermochte anfangs seinen Worten nicht zu
glauben. Denn selbst die klügsten Frauen begreifen es nicht leicht, wie schnell
die Umwälzungen in dem Herzen des Mannes vor sich gehen. Im Frauenherzen gibt es
zwar ein plötzliches Erglühen der Liebe, aber kein plötzliches Welken und neues,
schnelles Werden. Jedes Gefühl lässt in dem Frauenherzen seine tiefen Spuren
zurück, der Mann, den eine Frau einmal geliebt, hört nie völlig auf, in ihrem
Herzen fortzuleben und nur mühsam und schwer vermag ein Anderer den Platz
auszufüllen. Anders empfindet der Mann. Teophil schwelgte in dem Gedanken an
die junge, schöne Geliebte und er schien es nicht zu ahnen, dass, ihr selbst
vielleicht kaum merkbar, ein leises Gefühl von gekränkter Eitelkeit sich in
Terese regte, als er ihr unverhohlen seine Freude und sein Glück verkündete.
    Und in der Tat währte die unbehagliche Empfindung Teresen's nur wenig
Augenblicke. Das Glück des jungen Paares tat ihr wohl, wenn schon eine
Besorgnis für des Bruders Zukunft in ihr daraus erwuchs. Sie bat ihre jungen
Schützlinge, ihr Bündnis dem Präsidenten noch zu verschweigen, versprach die
Freiwerberin bei den Eltern des ihr anvertrauten Mädchens zu machen, und
verlangte von Teophil, dass er unter irgend einem Vorwande sich entferne, bis
die Antwort derselben angelangt sein würde.
    Er fügte sich ihrem Wunsche und es ward nun einsam in dem Hause. Agnes trug
ihre stillen Hoffnungen froh in ihrer Brust und vermochte kaum den Jubel ihres
jungen Herzens zu verschweigen. Julian, je wohler und kräftiger er sich fühlte,
ward mehr und mehr von der Schönheit und Liebenswürdigkeit des Mädchens
ergriffen, die sich nun in doppeltem Glanze entwickelten, und Terese sah dies
Wohlgefallen ihres Bruders an dem jungen Mädchen mit geheimer Scheu. Es drängte
sie deshalb, Julian vor einer schmerzlichen Täuschung zu bewahren und ihm
zugleich zu verkünden, welche Wendung ihr eigenes Schicksal während seiner
Krankheit genommen hatte.
    Eines Tages, als sie allein beisammen sassen, holte sie Alfred's Brief herbei
und las ihn dem Präsidenten vor. Julian hörte ihn mit sichtlicher Genugtuung.
Als Terese geendet hatte, umarmte er sie und sagte: Alfred hat das Rechte
getan und Ihr werdet glücklich sein. Es gibt Entschlüsse, die aus voller
Ueberzeugung, aus innerster Seele hervorgehen müssen, und Taten, wegen deren
man Niemand Rechenschaft schuldig ist als sich selbst. Die Trennung einer Ehe
ist eine solche. So lange ich ihn unentschlossen, leidenschaftlich erregt sah
von der Liebe zu Dir, riet ich ihm ab, sich von der Frau zu trennen. Diese
Liebe konnte vorübergehend sein, er konnte möglicher Weise die Kraft haben, sie
zu überwinden. Der Widerwille gegen Caroline, die Missverhältnisse zwischen den
Gatten aber sind nicht zu vertilgen, und deshalb hat er nur die Pflicht, sich
von seiner Frau zu trennen, und das Recht, Dich und sich glücklich zu machen, so
glücklich, als ich Euch zu sehen wünsche.
    Er fragte Terese nach manchen Vorgängen, welche während seiner Krankheit
geschehen waren; man gedachte mehrfach der Vergangenheit und Terese erinnerte
ihn an den Abend, an dem sie mit so banger Besorgnis der Ankunft von Agnes und
Teophil entgegengesehen hatte. Nun sind die Beiden uns so wert geworden, sagte
sie, haben uns nur Gutes gebracht, und grade ich, die mein Schicksal mit dem
Deinen unlöslich verbunden geglaubt hatte, trenne mich nur von Dir, mein Bruder!
- Dass dies geschehen könne, hätte ich niemals geglaubt und am wenigsten, dass ich
so glücklich dabei sein würde. Ich hatte allen Ansprüchen an das Leben entsagt,
ich hielt mich für zu alt, um hoffen zu dürfen.
    Zu alt? fragte Julian. Was würdest Du denn sagen, wenn ich Dir bekennte, dass
ich mich nicht für zu alt erachte, noch zu hoffen und mir eine neue Zukunft zu
gründen, wenn Du mich verlässt. Ich habe - -
    Julian! fiel ihm Terese mit ängstlicher Eile ins Wort, Du stehst noch nicht
am Ende der Ueberraschungen.
    Sie wollte nicht, dass er vor ihr seine Neigung für Agnes gestehe, da sie
unerwidert geblieben war. Ein Gefühl von Stolz für den Bruder machte ihr
Schmerz. Sie wünschte ihm die Kränkung zu ersparen, die Jeder empfindet, wenn er
von einer verschmähten Liebe sprechen muss.
    Ich bin nicht die einzige Braut in Deinem Hause, sagte sie, auch Agnes hat
sich mit Teophil verlobt.
    Julian wechselte die Farbe und rief: Agnes mit Teophil! das ist seltsam!
sehr seltsam, in der Tat!
    Terese wagte nicht, ihn anzusehen, es tat ihr leid, dass sie sich nicht
schnell entfernen konnte; sie wünschte etwas zu zu sprechen, etwas zu tun, um
das eintretende Schweigen zu unterbrechen. Das Erscheinen des Dieners, der Frau
von Barnfeld meldete, war ihr deshalb recht erwünscht.
    Sehr willkommen! sagte der Präsident, tief aufatmend.
    Er hatte Eva nach seiner Genesung noch nicht gesehen, da der Arzt bis jetzt
fast jeden Besuch in dem Krankenzimmer verboten hatte. Bei Eva's Eintritt stand
er auf und ging ihr entgegen, sie mit gewohnter Freundlichkeit zu begrüssen. Eva
aber, sowie sie ihn erblickte, flog auf ihn zu und fiel ihm mit einem
Freudenrufe um den Hals. Dann, noch ehe der Präsident und Terese Zeit gehabt
hatten, sich von ihrer Verwunderung zu erholen, rief sie lachend, während ihre
Augen in Tränen schwammen: Mein Gott, Vetter! stehen Sie doch nicht da wie eine
Salzsäule! Ist's denn solch grosses Wunder, dass ich mich freue Sie wiederzusehen?
Ich bin freilich gegen Sie stets über Gebühr gütig und liebevoll gewesen.
    Das sind die Himmlischen immer für die armen Sterblichen und dies allein
gibt uns den Mut, noch mehr Gunst zu fordern, als man uns gewährt, entgegnete
der Präsident, schnell wieder Herr über sich geworden und auf den Ton der
schönen Eva eingehend. Er umarmte sie, küsste sie noch einmal und sie liess es
lachend geschehen. Dann sprach er anscheinend heiter von den beiden Verlobungen
in seinem Hause.
    Sie sehen, sagte er, das Heiraten wird epidemisch unter uns; nehmen Sie
sich in Acht, Eva! so etwas steckt an.
    Nun dann hüten Sie sich doppelt, denn nach Krankheiten ist die
Empfänglichkeit für Ansteckung noch grösser, neckte sie ihn.
    Weil ich das fürchte, werde ich, sobald ich es kann, Urlaub fordern und ein
Ende fort, etwa bis nach Paris gehen, meinte der Präsident.
    Geht denn alle Welt jetzt nach Paris? fragte Eva.
    Wer ist denn sonst schon dort?
    Eva schwieg, der Präsident wiederholte seine Frage und Terese sprach
zögernd: Eva meint vielleicht die Harcourt.
    Ist sie dort engagirt? fragte Julian mit sichtlicher Teilnahme.
    Sie ist barmherzige Schwester geworden, wissen Sie das nicht? rief Eva.
    Nein! das wusste ich nicht, sagte Julian schmerzlich, und Eva meinte: Wohl
ihr! Ich wollte, ich wäre so weit als sie, denn ich habe auch gar keine Freude
mehr an dem leeren Treiben der grossen Welt, bei dem oft das Herz bricht, während
man vor den Leuten dazu lachen muss.
    Sie haben wohl lange keinen Ball besucht? Die erste Einladung dazu würde
Ihre Grille verscheuchen, schöne Cousine! sprach Julian, dann versank er in
Nachdenken und sagte nach einer Weile leise, mit tiefer Wehmut: Arme Sophie!
 
    