
        
                               Adele Schopenhauer
                                      Anna
                    Ein Roman aus der nächsten Vergangenheit
                                   Erster Teil
                                Meiner Freundin
                                        
                               Ottilie von Goete
                                        
                            geb. Freiin von Pogwisch
                                        
                                   gewidmet.
 
                                    Vorrede
Indem ich diese Blätter dem Publikum übergebe, erlaube ich mir die Bitte, sie
nicht für eine auf wirkliche Ereignisse basirte Erzählung anzusehen. Stadt,
Strasse, Umgebung und das nicht mehr vorhandene Haus, in welchem ich selbst meine
frühste Kindheit verlebte, Sitten und Ansichten, die man damals in vielen
Türingischen Familien wiederfand, sind dem Erlebten entlehnt; ich wählte diesen
Hintergrund, um meinen Schilderungen eine grössere Wahrheit zu sichern; aber
leider habe ich weder eine Familie von Waldau noch einen Bürgermeister Müller
mit den Seinen in dieser Umgebung gefunden. Nur Sophie und Duguet sind, wie ich
gern eingestehe, naturgetreue Portraits, auf denen ich sorglich geweilt, die ich
zu meiner eigenen Freude in dankbarer Erinnerung ausgeführt; mögen sie im Bilde
dieselbe wohlwollende Beurteilung finden, die diesen trefflichen Menschen im
Leben Keiner versagte, der sie kannte.
    Wo aber ein bloss zufälliges Zusammentreffen Aehnlichkeiten durch die sich
vervielfältigenden Wiederholungen gleicher Zustände hervorruft, möge man mich
nicht zur Portraitmalerin stempeln, ich verwahre mich dagegen: denn ich fühle,
dass ich auch nicht die mindeste Anlage dazu habe und nur eine so bestimmt und
scharf sich abzeichnende Persönlichkeit wie die unserer alten Diener mich zu
einer Charakteristik wirklich gekannter und mir werter Menschen verlockt hat.
    Das Allgemeine gewährt so vielfachen, so reichen Stoff, dass mir das Umbilden
zur Einzelnheit zu angenehm und zu leicht scheint, um es gern mit einer Copie
täglicher Begegnungen zu vertauschen.
 
                                      1806
Draussen wütete der Krieg mit seinem grässlichen Gefolge: Brand und Plünderung;
in den Häusern, in denen die beängsteten Einwohner der Stadt sich vor
körperlicher Mishandlung und dem Eindringen der feindlichen Krieger zu bergen
suchten, herrschte die Beklommenheit eines noch ganz ungewissen Geschicks.
Obgleich des Kaisers Befehl, die Erlaubnis zur Plünderung, seit gestern schon
zurückgenommen, waren die entzügelten Soldaten nicht zu bändigen, die Ordnung
noch nicht herzustellen möglich gewesen.
    Noch blieben Tor und Türen fest verrammelt, alle Fenster und Läden
geschlossen; auf dem Steinpflaster der öden, nur von Soldatenhaufen durchzogenen
Gassen mischten sich die Spuren des vergossenen Bluts mit den langen weissen
Streifen des aus Übermut verstreuten Mehls - und immer noch wirbelten die
schwarzen Dampfwolken aus dem grossen Schuttaufen empor, zu dem eine Reihe
Häuser geworden, die der Feind zuerst beim Eindringen über die Kegelbrücke auf
Napoleons Befehl angezündet. Wunderbar genug hatte die Flamme, wie eine
Riesenfackel, still und gerade fortgebrannt, ohne weiter um sich zu greifen. Ans
Löschen hatte Niemand denken können im entsetzlichen Drange des Augenblicks,
auch mochte es anfangs verwehrt worden sein - es wusste kaum Einer vom Andern in
der Jeden aus allen Winkeln, einer Hydra gleich anstarrenden Angst!
    An einem Erkerfenster der Windischen Gasse standen, furchtsam einander
umfassend, zwei kleine Mädchen und sahen zu, wie des Nachbars Hoftor mit
Flintenkolben eingeschlagen wurde; da kam die Amme der jüngeren Geschwister und
riss die Kinder zurück, dann liess sie rasch das grüne Rouleau vor den Scheiben
nieder.
    Aber eben jetzt war drüben das Tor gefallen und aus dem Innern des
nachbarlichen Hauses erklang lautes Wehegeschrei. Mit einem Satz war die kleine
Anna vom Stuhl am Fenster hinab und auf dem Boden, und ehe noch die Amme
Leontinen, die ihr zunächst gestanden, aus den Armen zur Erde entlassen konnte,
war jene ihrem Blick und Ruf entschwunden.
    Die Amme scheute vor Allem lauten Verdruss; sie wandte sich sogleich zu den
andern Kleinen, die ruhig in ihren Bettchen neben einander lagen und schlafen
sollten, weil es Nachmittagszeit war - zu Mittag war freilich noch gar nicht
gegessen worden.
    Der Vater Anna's und der beiden Zwillingsschwesterchen war, als
Bürgermeister, noch auf dem Rathause, wo er sich selber keinen Rat wusste, denn
er konnte kein Französisch; die Mutter stand draussen am Herd und sott
Kartoffeln. Anna lief an ihr vorüber und durch den Gang, der das Vorder- und
Hinterhaus verband; aber die Türe am Ende desselben fand sie verschlossen.
Aengstlich klopfte das Kind mit den kleinen Fäusten, rüttelte gewaltsam am
Schloss und schrie aus Leibeskräften: Monsieur! monsieur Capitaine!
    St. Luce hatte gehört, ein Zufall liess ihn gerade in der Nähe sein; allein
nun hinderte auch ihn die abgesperrte Tür, und er begann auf seiner Seite eben
so laut zu rufen: Madame, Madame! öffnen Sie doch! Geschwind!
    Jetzt brachte die vom Lärm geschreckte und aus der Küche hergeeilte Mutter
den Schlüssel. St. Luce trat ein; aber eh' noch ein Wort unter ihnen gewechselt
werden konnte, hatte Anna die Hand des jungen Offiziers erfasst und riss ihn, in
Tränen, Schmeicheleien und Bitten zugleich ausbrechend, heftig mit sich fort in
das Vorderzimmer ans Fenster. Ein Blick genügte. Mit einem Sacre dieu! fuhr St.
Luce die Treppe hinab auf die Strasse, stieg ebenfalls durch die zerlöcherte
Hoftür und trieb nach wenigen Minuten ein halbes Dutzend bärmütziger Kerls mit
flachen Säbelhieben desselben Wegs wieder hinaus und vor sich her. Schurken!
schrie er, und der Kaiser, der es verboten hat! Unsinnige!
    Fluchend zerstreute sich das Gesindel; St. Luce ging wieder in des
Bürgermeisters Haus zurück, verrammelte mit Hülfe der Mutter und der Amme die
Aussentüre und es ward Alles auf ein Weilchen still.
    Endlich ertönten drei leise Schläge an einem unteren Fensterladen und eine
wohlbekannte Stimme forderte Einlass. Es war der Vater, aber mit ihm ein
Offizier, ein Regimentsarzt, der Majorsrang hatte, als Einquartierung. Der
Bürgermeister hatte ihn sich selbst auf dem Bureau zugeteilt.
    Der erschöpfte Mann setzte sich, noch innerlich bebend von all der Angst und
der Sorge, in eine Ecke des Wohnzimmers; ihm war zu Mute, als habe er in seinem
eigenen Hause und Besitz kein Recht mehr. Die Mutter führte schüchtern den
unwillkommenen Gast in die Putzstube, sah aber noch im Schliessen der Türe, wie
der Ermüdete sich auf das gute, nur selten benutzte Sopha warf, und kehrte
niedergeschlagen zu ihrem Gatten zurück. Und wir haben nichts für ihn zu essen
im Hause, nicht einmal Brot! seufzte sie.
    Diable! sagte Monsieur August, der Bediente des Regimentsarztes, ein
baumlanger Grenadier. Er hatte die Klage erraten und halb verstanden. Und mein
Herr will frühstücken! fuhr er fort.
    Frühstücken um ein Uhr Nachmittags? schluchzte die Amme, die das eine
französische Wort unterschied.
    Gib, was du hast, dass nur Friede bleibt, sagte der geängstete Hausherr. Gib
doch nur um Gottes willen! Du hast ja die eine Wurst und backe etwa einen
Eierkuchen, nur mache mir den Major nicht verdriesslich! Er ist unsere Sauvegarde
und schützt uns vor der Plünderung!
    Die Mutter eilte fort. Und wir hatten seit gestern früh nur Kartoffeln,
sprach Anna, da kann er auch wohl zufrieden sein.
    Unterdessen hatte der Major den Grenadier gerufen und fluchend den Befehl,
ein Frühstück zu schaffen, wiederholt.
    Die Bürgermeisterin nahm nun die sechsjährige kleine Leontine, die ruhig mit
ihrer Puppe spielte, auf den Arm. Willst du wohl dem Major sagen, Leontinchen,
dass wir nichts Besseres im Hause haben, dass die Soldaten schon vorgestern Alles
weggenommen?
    Sie trug das Kind zum Major; das Dienstmädchen folgte mit Eiern, Wurst und
einer sauern Gurke, dem Lieblingsessen der Türinger. Laut lachend blickte der
Major auf die Gruppe. Was will uns denn die Närrin? rief er aus.
    Die Mutter brachte zitternd ihre Worte auf Deutsch an, der kleine
Dolmetscher auf ihrem Arme wiederholte sie in reinem Französisch.
    Schwere Bomben! sagte der Major, noch immer lachend, du fingerlanger Schatz
sprichst Französisch?
    Weil ma bonne eine Französin ist, erwiderte eifrig das Kind, und ich rate
dir sehr, dich nicht über dein Frühstück zu beklagen, sonst bekommst du Schelte!
    Alle Wetter! Und wo ist denn diese saubre Bonne?
    Nun, bei der Mama!
    Und die Mama?
    Drüben im Hinterhause, wo wir wohnen.
    Und nun sehe mir einer den Dummkopf von Bürgermeister, der uns hier
einquartiert!
    Die Magd und die Hausfrau hatten indessen das spärliche Mahl auf den Tisch
gestellt, Anna trat mit den Kartoffeln hinzu. Ich spreche auch Französisch,
sagte sie, aber nur ein bisschen. Der Offizier sah auf. Ich bitte sehr um
Verzeihung! fuhr Anna mit unbeschreiblicher Anmut fort, indem sie die
Kartoffeln vor ihn hinstellte und mit der andern Hand eine kleine einladende
Bewegung machte.
    Kreuz Donnerwetter! August! sieh mir einmal nach, was all dies Geträtsch
eigentlich soll?
    Und August machte Kehrt, ward aber von Niemand zurechtgewiesen und brachte
also nach zwei Minuten einen zitternden Beutlergesellen, der im Waschhause,
hinter den Waschgefässen versteckt gelegen, und mit ihm ein hübsches in Tränen
zerfliessendes Dienstmädchen, die er auch unten gefunden.
    Ist das deine Mama? lachte der Major Leontine an.
    Aber das war zu viel für Anna's Herz. Sag ihm doch, Leontine, bat sie, dass
deine Mama eine fremde Dame ist, und dass ihr im Hinterhause nach der Esplanade
zu wohnt, und sag ihm, dass dies nur eure Marie ist, und dass meine Mutter dich
geholt hat, weil du Französisch sprichst.
    Leontine tat ihr Bestes. Ah! Deine Mutter ist eine vornehme Dame! und der
da? fuhr der Major fort, indem er auf den Beutler zeigte.
    Ei, das ist ja unser Liebhaber! erwiderte Leontine ganz ernstaft.
    Nun aber war es um des Herrn wie um des Dieners Fassung geschehen. Beide
brachen in ein homerisch-unauslöschliches Gelächter aus. Eine Flut von Witzen
und Zweideutigkeiten überschüttete den armen Beutlergesellen mit einer
Verlegenheit, die ihm helle Schweissperlen ins Gesicht trieb und um so peinlicher
war, da weder er noch die übrigen Anwesenden ein Wort von dem Allen verstanden.
Nur die beiden Kinder belustigte die Scene und Anna lachte herzhaft mit.
    Unterdessen hatte der Major gegessen und eine mitgebrachte Flasche Wein
geleert; der gute Humor prädominirte. Rasch sprang er auf, nahm Leontine auf den
Arm, gab dem Beutlergesellen einen Tritt in den Rücken und trieb ihn vor sich
her zur Tür hinaus.
    Komm, mein Liebchen, wir wollen deine Mutter besuchen!
    In tödtlicher Angst folgte die Hausfrau mit Annen an der Hand. Auch die
Annemarie wollte ihren Schatz nicht aus den Augen verlieren.
    Man hatte, wie schon erwähnt, der Ordnung halber den Gang gesperrt, der oben
die beiden Wohnungen verband; ungern wollte die Bürgermeisterin ihn anzeigen,
dennoch konnte sie dem Fremden das Kind um so weniger allein überlassen, als es
ihr anvertraut war. Mit bittenden sanften Vorstellungen suchte sie den Offizier,
der sie nicht im mindesten beachtete, von seinem Vorhaben abzubringen; umsonst,
und so gelangte die ganze Karavane auf die Hausflur, die zwar in Verbindung mit
dem Gange stand, aber auch eine Treppe hatte, die, abgesondert von demselben, in
den Hof führte.
    Hier wohnt Wilhelm, sagte im Vorüberkommen Leontine. Sogleich machte der
Major Anstalt, in die verschlossene Stube zu dringen. Der Liebhaber warf sich in
Todesangst dem Helden zu Füssen und flehte um Schonung.
    Imbécille! brüllte der Franzose, indem er ihm einen zweiten Fusstritt gab.
    Monsieur August hatte dem Flehenden längst einen grossen Stubenschlüssel aus
der Tasche gezogen, mit dem er ganz gelassen das Zimmer öffnete. Ausser dem Bett
und Handwerkszeuge des armen Burschen, war nichts in der Kammer zu sehen, und
nun wurde der in seinen Erwartungen getäuschte Major alles Ernstes böse, weil er
sich genarrt glaubte; dass der arme Beutler sein Bischen Geld unter den Wurzeln
eines abgeblühten Nelkenstockes verborgen, der im Winkel stand, fiel ihm eben so
wenig ein wie Allen, die vor ihm da gewesen.
    Unter vielen, von allen Seiten unverstandenen Reden rückte indessen der
kleine Haufe, der jetzt mutig voraneilenden Leontine nach, durch Hof und
Schuppen, eine andere Treppe hinan, und plötzlich standen Alle in dem von Frau
von Waldau bewohnten Hinterhause, in einer Küche und vor einer appetitlichen
dicken Französin von etwa sechs und dreissig Jahren, die mit Hilfe einer Magd
Tassen und Gläser aufwusch.
    Oho! sagte Madame Sophie, da bekomme ich ja viele Zuschauer beim
Gläserspülen.
    Ist das deine Mutter? fragte der Major.
    Das ist ma bonne Sophie! jubelte Leontine ihr in die Arme laufend.
    Mein Herr, Madame nimmt jetzt keinen Besuch an, sagte ganz trocken Madame
Sophie.
    Das wollen wir einmal sehen! donnerte der Major.
    Sophie erschrak doch ein wenig; sie versicherte, sie wolle nachfragen, ob
Madame zu sprechen sei - da öffnete sich eine gegenüberstehende Türe.
    Frau von Waldau! rief die Bürgermeisterin. Ach, es ist nicht meine Schuld,
gnädige Frau!
    Frau von Waldau trat den Eindringenden ruhig entgegen. Es war eine
stattliche gelassene Erscheinung, nicht schön, nicht hässlich, mit der sichern
und vornehmen Würde der Haltung, die man bei unserer weiblichen Aristokratie oft
findet und die meistens sogar der Zügellosigkeit imponirt. Rasch hatte sie sich
mit der Bürgermeisterin verständigt, und ehe noch der Major das Zudringliche
seines Eintritts irgend bevorworten konnte, war diesem St. Luce aus einer
offenen Nebentüre entgegengekommen, hatte seine Hand ergriffen und ihn in aller
Form der Frau Baronin von Waldau vorgestellt.
    Die Scene auf dem Verbindungsgange, die Gewalt, mit welcher er sein
Erscheinen hier erzwungen, Alles wurde durch das besonnene Betragen jener Beiden
so gänzlich ausgelöscht, dass der Major selbst kaum sich dessen zu erinnern
vermochte. Frau von Waldau versicherte sehr höflich, er sei ihr willkommen; und
da in der jetzt Alles umwogenden Unruhe ein friedliches Asyl mehr denn je als
Bedürfnis erscheine, so habe sie gesucht, ein solches in ihren Zimmern sich zu
bewahren, wobei ihr die Galanterie und Ritterlichkeit seiner Landsleute zu Hilfe
gekommen. Wenn es erst gelungen sein würde, die tobenden Massen noch in etwas
mehr zu beschwichtigen, hoffe sie ihn bei längerem Verweilen auch bei sich in
ihren kleinen Abendcirkeln zu sehen; für den Augenblick sei freilich noch Alles
zu aufgeregt.
    Der Major stotterte einige unbehülfliche Phrasen und begann Leontinens
Liebenswürdigkeit zu preisen, was ihn glücklich in Zug und zu Erwähnung des
Liebhabers brachte, der eigentlich sein Kommen veranlasst haben sollte.
    Die gnädige Frau lächelte, erklärte in zwei Worten, wie die Liebschaft des
geängsteten Beutlergesellen zu einer ihrer Mägde diesem den Spitznamen
verschafft habe; und ehe noch der Major es selbst wusste, hatten er und St. Luce
sich beurlaubt und dieser ihn in sein Quartier zurückbegleitet.
    Und nun, lieber Major, bitte ich Sie, der Baronin, die unter den ganz
besondern Schutz des Prinzen Murat gestellt ist, im Notfall jeden Beistand
angedeihen zu lassen, wenn ich selbst meinem Regiment folgen muss, sagte St.
Luce, sich anmutig verbeugend; es scheint dass diese Dame in grossem Ansehen
steht!
    Dass er selbst mit unsäglicher Mühe und Aufopferung Frau von Waldau den
erwähnten Schutz und eine Sauvegarde verschafft, davon sagte er kein Wort.
    Der Major biss sich in die Lippen und murmelte bloss: Ich werde dir's
gedenken, mein Bester!
    Die nächsten Tage führten eine Art Stille herbei, die, wie ein trübes
Wasser, ihre Tücke barg. Die Plünderer schienen zur Disciplin zurückgekehrt, auf
den Strassen war Alles ruhig; nur geordnete Regimenter durchzogen sie und
glänzende Offiziere des nun angelangten Generalstabes sah man auf- und
niederreiten. In den Häusern aber blieb die rohe Gewalt noch eben so entfesselt,
als sie früher es gewesen; einzelne Mishandlungen fanden immer noch statt, nur
war der Unfug minder merkbar. In diesen einzelnen Fällen aber zeigten sich
Kenntnis der Sprache und billiges Gewähren gleich unwirksam, da die jetzigen
Forderungen nicht durch das Bedürfnis des Augenblicks, sondern nur durch
Frechheit und Übermut erzeugt sein konnten.
    Leontine war nicht wieder zu Bürgermeister Müllers hinübergekommen. Frau von
Waldau ängsteten die rüden Spässe und Liebkosungen des Majors, und Madame Sophie,
die sich selbst mit vollem Recht Servante-maitresse im Hause titulirte, hatte
schon gestern ihre Meinung gesagt, folglich blieb Leontine zu Hause, und Müllers
mussten ohne Dolmetscher sich behelfen.
    Anna war den ganzen Tag betrübt gewesen, am Morgen war St. Luce auf seinem
schönen Schimmel fortgeritten mit seinem Regiment. Nun fiel ihr mit einem Male
ein, dass er ein Franzose sei und also nach ihres Vaters Ausspruch zu den bösen
Leuten gehöre, die das ganze Land unglücklich machten. Es war ihr unbegreiflich,
dass er, so gut und schön, irgend Jemand unglücklich machen sollte; und sie wäre
gern zu Waldaus hinübergegangen, um Leontinen zu fragen, die Mutter hatte ihr
aber die Kleinen zu hüten gegeben, weil die Amme Kinderzeug wusch. Der Vater war
wieder auf dem Einquartierungsbureau. Anna erzählte den Geschwistern, als sie
nebenan den Major sehr lustig lachen und singen hörte. Leise schlich sie hinzu -
die Tür war bloss angelehnt - noch leiser schob die kleine Hand sie zurück.
    Aber, Monsieur Major! was machst du denn mit der Mutter Shawl? und die
Kette! und die weissen Spitzen - Mutter! Mutter! brach das arme Kind in lautes
Weinen aus.
    Die Mutter kam und blieb versteinert an der Schwelle stehen. Der Major liess
sich nichts anfechten. Das wird meiner kleinen Freundin Spass machen! sagte er;
und die Herrlichkeiten verschwanden in seinen Mantelsack.
    Die arme Bürgermeisterin nahm ihr schluchzendes Kind in die Arme und
beschwichtigte es mit Küssen; sie konnte nicht reden - kaum ein Seufzer entglitt
den zitternden Lippen; es war ihr zu Mut, als sei sie nirgend mehr sicher in
der Welt. Anna aber riss sich los: Böser Major, rief sie französisch aus, das
gehört meiner Mutter! und streckte die Hand nach den verlornen Schätzen aus.
    Ah, kleiner Naseweis! Was geht's dich an? schrie ihr der Major entgegen.
Dich soll ja - - Eh noch die zagende Mutter das Kind an sich zu reissen
vermochte, hatte es Monsieur August auf den Arm genommen und tänzelte mit ihm
zur Türe hinaus.
    Nun, nun, mein Herzchen, stille! ich gebe dir etwas anderes. Da! sagte er,
indem er sie niedersetzte und von einer Schnur, die er um den Hals trug, eine
goldne Berlocke löste, die er ihr gab. Bah! nimm sie nur! Sie ist mit vollem
Rechte mein! Der sie getragen, liegt auf dem Felde der Ehren! Nimm, nimm! und
zur Mutter gewendet, fuhr er plötzlich ganz leise fort: Ah! nix sag, Madame!
Monsieur le Major bös! bös! dazu machte er eine erklärende sprudelnd heftige
Bewegung und war fort, ehe noch die Rätin vom Schreck sich erholte.
    Mutter und Kind weinten. Anna hielt die Berlocke an's Licht. Mutter, Mutter!
ob er die auch andern Leuten genommen hat? und die Kleine wollte hinaus, sie ihm
wiederzugeben, aber Monsieur August war nirgends zu finden.
    Als am Abend der Vater heim kam und die Mutter ihm den Unfall klagte, war
auch der Major über alle Berge.
    Anna hatte die Berlocke behalten; es war ein zierliches Postörnchen von
Gold, eine der damaligen Modespielereien, die man häufig an der Uhr trug; sie
hatte fest beschlossen, sie Monsieur August zurückzugeben, wenn er wiederkäme,
und sie deshalb an einem Bändchen um den Hals gehängt. Das Kind konnte sich gar
nicht denken, dass man auf immer fortgehen, immer fortbleiben könne; sie hatte
nie an Reisen oder Abschied gedacht.
Leontine war viel weniger entwickelt, als ihre kleine Freundin; die äussern
Erlebnisse zogen noch wie Guckkastenbilder an ihrer Seele vorüber. Sie erzählte,
dass jetzt alle Abende eine Menge Offiziere zur Mama, Tee zu trinken, kämen, und
dass Madame Sophie ihn im Gesellschaftszimmer bereiten müsse. Und die alte
Fräulein Wallstädt von oben kommt auch, schloss sie.
    Aber wo ist denn dein Vater? fragte Anna.
    Der sitzt noch im Dachstübchen, er kommt nicht und Mama hat mir streng
verboten, von ihm zu reden.
    Und Duguet?
    O, Duguet soll sich gar nicht sehen lassen, versicherte die Kleine. Sophie
hat gesagt, die Franzosen würden ihr ihn gleich wegnehmen, wenn sie ihn fänden,
weil er auch ein Franzose sei.
    Kurios, sagte Anna, daran habe ich noch nie gedacht!
    So? fuhr Leontine altklug fort; sie sagt, er müsste dann Soldat beim Kaiser
werden, und dann hätte sie keinen Mann mehr!
Lieber Waldau, ich bin's, sagte flüsternd eine weiche Stimme und ein leiser
Finger klopfte an die Tür des Dachstübchens.
    Wie lange, liebes Kind, willst du mich eigentlich hier gefangen halten?
sagte Waldau, der Eintretenden herzlich die Hand bietend. Mich dünken die
Gefahren dort unten für dich weit grösser, als die mich bedrohenden.
    Nicht im mindesten, erwiderte sie lachend, es sei denn, dass du für mein Herz
fürchtest; denn allerdings muss ich, inmitten all der Angst und Unruhe, die
liebenswürdige Wirtin machen und alle Abend fünf bis sechs Offiziere bei mir
sehen, die mir unsre Einquartierung zuschleppt, und sehr schöne Leute obendrein!
    O Josephine! seufzte Waldau, die Hand über die Augen legend, welch eine
furchtbare Zeit! Dich unter den Feinden, den rohen Scherzen den Bravaden dieser
Schergen unsers Vaterlandes ausgesetzt - und mich hier, im Dachkämmerchen,
versteckt, wie einen Feigling, wie einen Hospitalkranken, Aussätzigen oder
Narren!
    Und bist du etwa nicht krank, Waldau?
    O ja, an meinen sechsundsechzig Jahren und den tausend Erfahrungen, die sie
mir aufgewälzt! - Aber hast du denn nun ordentlich warm zu Mittag gegessen,
Kind?
    Und ein wenig närrisch bist du auch, lieber Freund, fuhr sie, die Frage
überhörend, fort. Deine Koblenzer Torheit, die jugendliche Excentricität, die
dich antrieb, dich als Beschützer der Emigranten auszusprechen, hat wie die
meisten Kinderkrankheiten späte und böse Folgen hinterlassen.
    Josephine! ich war damals ein Mann! Als ich nach Paris kam - doch,
unterbrach er sich selbst, lassen wir das!
    Wenn die gute alte Wallstädt, die ich, als einzige Dame meines Bereichs,
nicht missen kann, mich nur nicht den ganzen Tag von dem unterhalten möchte, was
die Soldaten bei ihr geplündert haben! - Die Langeweile ist auch keine kleine
Qual, sagte, ablenkend, Josephine.
    Ist ihr denn so viel weggekommen? fragte Waldau.
    Keine Stecknadel! In unserm Hause ist gar nicht geplündert worden, und nur
teilweise drüben bei Bürgermeisters, wo unter andern der saubre Major, den mir
St. Luce noch zu guterletzt präsentirte, eine Kommode ausgeräumt hat. Glaube
mir, Sophiens Kochen und Backen während der Schlacht, die Vorräte, die wir
aufgekauft hatten, und der überraschende Empfang, der den Plünderern ward, haben
Wunder getan. Nach einem Tage voll Blut und Kampf einen für sie gedeckten Tisch
finden, das ist eine Verlockung, der es wahrhaftig schwer ist, bösen Willen
entgegenzusetzen. Diese Frau ist unser guter Engel.
    Aber du? du hattest bis gestern nur Kartoffeln?
    Bewahre, lieber Freund, ich hatte auch eine Tafel Chokolade zum Nachtisch. -
    Und heute? - fuhr er fort, in zärtlicher Bewunderung ihres heitern Mutes
ihre Hände an sein Herz drückend - und heute?
    Nun, heute musst du Sophien fragen; du weisst, dass ich mich nicht um die
Details der Wirtschaft bekümmern darf!
    Ich habe aber gestern von Duguet gehört, dass sogar für unsre Herzogin -
    Uebertreibung! Die Menge, denen die edle Frau den Schutz ihrer fürstlichen
Nähe gewährte, hatte vielleicht die Vorräte aufgezehrt; die Franzosen hatten
die Bäckerläden geplündert und zerstört, die vorrätigen Mehlsäcke auf den
Gassen ausgeleert - wo sollten die Leute sogleich das Brot hernehmen, oder den
Mut, es zu backen? Bei uns hat man am ersten Tage für sie nach einer Flasche
alten Wein gefragt; schade dass ihn die Kerls schon allen ausgesoffen!
    Josephine! den ganzen Keller?
    Oui, mon ami! Bis auf ein Fässchen Malvasier und weissen Burgunder, den Sophie
irgendwo, in ihrer Tasche glaube ich, versteckt hat.
    Fünf hundert Flaschen!
    Haben uns gerettet, Waldau! Das sind Nebendinge. Als ich dich glücklich
überredet hatte, in dies Dachstübchen zu ziehen, da war alles gut! Nur einen
Augenblick, als die Kanonenkugeln wie Scheeren die Bäume unter unsern Fenstern
beschnitten und die Zweige gegen die Scheiben anschlugen, war mir bange!
    Armes Kind! sagte Waldau bewegt, hätte ich dich nicht in mein Leben
gerissen!
    So würde ich auf andre Weise gelitten haben! Lieber Freund, wer darf in
unsrer Zeit auf ruhige Tage hoffen? Dass du durch frühere Begünstigung der
Emigrationen, durch deine Freundschaft mit Turgot und Chateaubriand die Augen
auf dich gezogen, ist halb vergessen; das Schlimmste, glaube mir, sind deine
Artikel im Tartarus. Indessen geht Mancher, dem das Herz ängstlich schlug, jetzt
sorgenlos umher und spielt den Vermittler zwischen den Feinden und den der
Sprache nicht mächtigen Stadtbehörden. Warum sollten wir mehr zu fürchten haben
als sie?
    Weil ich nicht so handeln werde.
    Tut nichts, dafür hast du eine gar gescheite Frau! Habe nur noch ein klein
wenig Geduld, ich habe dir bei allen Bekannten ein wunderschönes Podagra
angelogen!
    Und die Offiziere?
    Halten mich für eine reiche Witwe. Sophie benimmt sich vortrefflich, sie ist
abwechselnd die Hausfrau, wenn Gemeine kommen und Duguet gerufen wird, oder
meine Gesellschafterin, meine Haushälterin, ich glaube sogar meine Duegna. Sie
singt mit ihren Landsleuten Nationallieder in lüttich'schem Dialekt, die Gott
verstehen mag.
    Es klopfte wieder leise und Madame Sophie erschien mit der Hälfte eines
gekochten Huhns, hinter ihr die beiden Kinder.
    Eh! Sophie, wo hast du das her? riefen wie aus einem Munde beide Gatten.
    Dame! erwiderte Sophie, mit grosser Gewandteit den Tisch mit Silber deckend,
man ist nicht umsonst eine Lütticherin. Man hat seinen Landsmann.
    Siehst du! sagte lachend Frau von Waldau, so macht sie es den ganzen Tag.
Die gute Seele ist eine wahre Perle in dieser Zeit.
    Ich glaube, sie fühlt sich im gewohnten Element, sie die Revolution
erzeugte.
    Die Kinder unterbrechen das Gespräch. Mitten in Kriegesnot und allgemeiner
Sorge breiteten Bildung und Anmut eine Art Friedensasyl um die Leidenden. Aber
auch das angenehme angewöhnte Gefühl der Wohlhabenheit hatte Teil an der
Gestalt des Augenblicks.
    Daheim traf die von Waldaus rückkehrende Anna die Mutter oft in Tränen.
Seit dem Eindringen der feindlichen Truppen wollte das Wirtschaftgeld nirgend
mehr zureichen. Manches war, in den ersten Tagen der Drangsale vernachlässigt,
weggekommen, durch die Plünderer fortgeschleppt; nun zeigten sich von allen
Seiten Bedürfnisse, es musste Vieles neu angeschafft werden; alle Ausgaben hatten
sich vergrössert und das Einkommen sich nirgend gemehrt.
    Der Bürgermeister war ein ängstlicher Mann, rechtlich in hohem Grade,
dagegen um den Pfennig handelnd und sorgend. Die Mutter war dadurch gewohnt, das
Geld zu manchem kleinen Putz- oder Kleidungsstück von ihrem Wirtschaftsümmchen
abzusparen, jetzt musste es einzeln dem Vater für alles Fehlende abgefordert
werden; es ward ihr ungern, oft mit Vorwürfen gegeben. Anna war erst acht Jahre
alt, aber sie fühlte mit der Mutter; - und wenn sie eben drüben gewesen war bei
Waldaus, fühlte sie es noch tiefer. Wenn ich gross bin, will ich reich sein!
sagte sie.
    Aber es hatte nicht den Anschein, als ob Anna das Talent des Reichseins oder
Reichbleibens vom Himmel erhalten; kaum bekam sie irgend ein Stück Kuchen, ein
Spielzeug, was es auch sein mochte, so trug sie es hinüber zu Leontinen. Nie
fiel ihr ein, dass sie irgend etwas besitzen könne, das nicht eigentlich jener
angehörte, und mit stillem Entzücken weidete sie sich an der Freude, die sie der
kleinen Freundin bereitete.
Man sagt den glücklichen Stunden nach, dass sie Flügel haben; mir scheinen die
unglücklichen in noch rascherem Flug zu entschwinden, nur ist eben ihr
Vorüberziehen ein unmerklicheres, es gleicht dem lautlosen Schweben des
Nachtvogels oder der Fledermaus, deren Bewegung man nicht hört. Jahre des
Elends, die im Entstehen unerträglich schienen, liegen plötzlich in langer Reihe
hinter uns. - Hast du das wirklich ertragen? fragt rückschauend das vor der
eignen Leidensfähigkeit zusammenschreckende Herz - all das Entsetzliche erduldet
- all die Schmach überdauert? Und vor Allem fragt so der Deutsche, der vor und
nach dem Handeln so viel, ach, oft so nutzlos spricht! - aber im Augenblick des
Leidens stille hält und Unermessliches sich aufbürden lässt, eben weil er die
Kraft des Ertragens und Hebens an sich kennt, und so erging es in jener
kummervollen Zeit dem Einzelnen wie den Nationen. Es reihten Tage sich an Tage,
sie wurden Monde, wurden Jahre der Erniedrigung, bis wir das Joch, das uns zu
erdrücken schien, zu dem Ziele hinzutragen gelernt, das uns mit dem Bewusstsein
unzerstörbarer Stärke den Vollgewinn der Freiheit wiedergeben sollte.
    Nach und nach hatte man die Offiziere mit der Anwesenheit eines kranken
Gemahls der Frau vom Hause bekannt werden lassen; als endlich Waldau unter sie
trat, waren sie längst an ihn gewöhnt, hatten von ihren Vorgängern ihn erwähnen
hören; Niemand spürte bei seinem Erscheinen seiner Vergangenheit nach, der
Feuerbrände des Tartarus ward in jener kaleidoskopartig die Gegenwart stets
umgestaltenden Zeit kaum mehr gedacht. Man erzählte, dass der Kaiser bei Waldau's
Namennennung gefragt: Est-il auteur? aber die ihn zunächst Umgebenden gehörten
insgesammt zu den immer brillanter werdenden Abendzirkeln des Waldauschen
Hauses; ihnen war der Herr desselben so unschuldig, unbedeutend erschienen, dass
die Antwort, verneinend oder ausbeugend, den Fall unerörtert liess.
    Und wer hätte denn auch in diesem schweigsamen, fast teilnahmlosen Mann den
kaum vor wenig Jahren erst einer glänzenden Laufbahn entrückten Staatsmann und
Politiker zu erkennen vermocht?
    Waldau zeigte sich mit einem Male gänzlich umgewandelt: denn er war
zurückgetreten in lautlose Stille und liess das unselige Geschick seines
Vaterlandes an sich vorüberziehen, wie einen verheerenden Lavastrom, ohne irgend
ein äusseres Zeichen des Schmerzes. Er hatte sogar Stunden, in denen das ihm
eigne grosse Combinationsvermögen ihn schon damals zu der festen Ueberzeugung
trieb, dass nur ein allgemeines, grenzenloses Elend sein Volk allmälig wieder zu
einem siegverheissenden Widerstande kräftigen werde. Waldau war ein gelehrter,
tiefer Denker; der Glanz, der damals Preussens Jugend, besonders aber das
Militair, bis zum Übermut gesteigert hatte, musste seinen strengen Blick
ungeblendet lassen. Jahre lang hatte er die bunten Erscheinungen seiner Zeit,
wie eine rückwärts spiegelnde Fata Morgana betrachtet, die das Untere zu oberst
kehrt. Noch vor kurzem hatte er es versucht, seine Stimme warnend zu erheben,
jetzt war er verstummt; in dem ihm aller Wahrscheinlichkeit nach eng
zugemessenen Kreis der Tage konnte er nun nichts Grosses zu erleben erwarten!
    Josephine hatte ihren Gatten sehr lieb; sie hatte den viel älteren Mann aus
Entusiasmus geheiratet. Wenn man jetzt die anmutig gelassene Erscheinung in
der Färbung sah, die ihr mannichfaches Erfahren, Zeitenwechsel und ganz
aristokratische Gewöhnungen gegeben, konnte man sich gerade in ihr keine solche
Aufregung möglich denken. Auch war sie deren nur noch im tiefsten Herzen fähig,
und diese sehr seltenen inneren Erschütterungen der Seele nahmen immer eine so
bestimmte äussere Form des Handelns an, dass man kaum umhin konnte, sie für
Früchte einer grossen Besonnenheit zu halten. Und eine solche Frucht der ihr
ganzes Wesen durchzitternden Angst um Waldau war die Art und Weise, mit der die
noch an der Jugendgrenze stehende Frau es möglich machte, sich dem allgemein
lastenden Druck zu entziehen und um sich und ihren Gatten eine Gesellschaftsoase
zu bilden, die ihm äussere Sicherheit und das geistige Lebenselement bot, von dem
die Erhaltung körper- und gemütskranker Menschen weit öfterer abhängt, als wir
es uns eingestehen mögen.
    Umsonst umgibt uns der weite Wesenkreis der auf unsere Geistesfragen ringsum
antwortenden Natur mit analogen äussern, die inneren Erscheinungen unsers Lebens
rückspiegelnden Erfahrungen; wir beachten sie nicht. Die Lösung so mancher
quälenden Verworrenheit liegt in Riesenhieroglyphenschrift um uns her gebreitet;
aber wir wenden unser Auge ab.
    Der Cappflanze geben wir mit stets erneuter Fürsorge die ihr zusagende Erde;
wir stellen sogar die Gewächse zu einander, deren Odem eine verwandte Atmosphäre
um sie her bildet, ängstlich entfernen wir die fremdartigen, denen vielleicht
gerade diese Ausströmung gefährlich werden könnte - nur den Menschen, die
edelste Blüte der Schöpfung, stossen wir kalt in eine ihn erdrückende, seinen
besten Eigenschaften fremde Umgebung! Wir knicken die zarten Keime seines
angebornen Empfindens und dann fodern wir eine Entwickelung von ihm, die kaum
das günstigste Verhältnis zu sichern vermocht hätte.
    Zum Glück gibt es Frauen, die allentalben instinctmässig das Amt der
Pflegerinnen übernehmen. Wie man zuweilen Kinder eine Blume an die Lippen
drücken und gleich darauf ein runzliches, altes Muhmengesicht mit gleicher
Inbrunst herzen sieht, als leuchte dem frischen jungen Blick das Göttliche durch
jede Hülle zu; eben so unbewusst verleihen jene edeln weiblichen Naturen der
schwankenden Ranke den Stab, dem wankenden Schritt den Arm, dem zagenden wie dem
erstarrenden Herzen die Umgebung, deren es zum Genesen bedarf!
    Und eine solche geborene Soeur grise alles Lebens war Josephine.
    Waldau hätte ohne sie das Dasein nicht zu ertragen vermocht. Sie wusste ihn
von einem Tage zum andern hinzuhalten und durch stete Teilnahme und stets
erneutes Interesse zu hindern, dass ihn diese Mitteltemperatur der Existenz, die
so plötzliche Untätigkeit, nicht vernichte.
    Was damals Weimar an ungewöhnlich begabten Männern und anmutigen Frauen in
sich schloss, das verstand Josephine um sich und Waldau herzuziehen, das Störende
suchte sie mehr und mehr zu entfernen, und ihr Haus ward bald mitten im Drang
der drückenden Zeitumstände zum Sammelplatz aller wissenschaftlich Gebildeten
und Künstler.
    Fast möchte es unserer objectiven Zeit unmöglich scheinen, die jenen
gewaltsamen Kriegsmomenten vorangegangnen stillen Jahre sich zu
vergegenwärtigen. Fabelhaft klingt es, wenn die ergrauten Denker und Gelehrten
jener Tage uns von der Abgeschlossenheit ihres damaligen geistigen Schaffens
erzählen, unglaublich die Versicherung: dass in Jena selbst, am Vorabende der
entscheidenden Schlacht, jeder von ihnen nur mit seinem wissenschaftlichen
Zwecke beschäftigt, den Riesenschritt des Geschicks erst am Kanonendonner
erkannte.
    Und doch war dem so, und doch wurde eben durch diese Begrenzung so
Vollständiges geleistet und sogar die Schöpfung einer Volksbildung durch eine
blosse Teaterbühne möglich.
    Von dieser jetzt untergegangenen Subjectivität, die so ganz verschieden von
der unsern, nur in ihrer eignen Tätigkeit sich spiegelte, gab es in Josephinens
Umgebung gar manche Beispiele. Was kümmerte diese die Politik! Freudig kehrten
alle die von Aussen ungern gestörten Naturen in das durch sie ihnen gebotene
Lebenselement zurück. Ihre geselligen Kreise wurden bald land-, ja weltberühmt;
im Grunde dachte sie nur daran, ihren Gatten zu erheitern, unbewusst aber fühlte
sie selbst sich hingerissen, gefiel gern, lernte gern im lebendigen
Geistesverkehr und ward bald zum Mittelpunkt desselben, denn sie verstand mit
unnachahmlicher Grazie zuzuhören.
    Auch Anna war jetzt viel bei Waldaus. Die kleine Leontine hatte eine Menge
Lehrer, es fehlte ihr aber noch an Stätigkeit. Anna's Eltern schickten diese in
eine öffentliche Mädchenschule, in der sie nichts lernen konnte, weil nichts in
derselben gründlich gelehrt ward. Die Eltern kümmerte das wenig, schrieb doch
die Mutter selbst nicht ortographisch. Auch waren die Brüder, die früher bei
einem Verwandten, einem Landpfarrer, in Pension gewesen, nun heimgekehrt. Der
Bürgermeister fand, dass deren Erziehung ihm täglich mehr kostete, und wandte um
so weniger an Anna's Unterricht.
    Die Buben aber waren wild und ungezogen; war der Vater im Rat, konnte die
Mutter nicht mit ihnen fertig werden; und die Amme, die zur Wartung der Kleinen
im Hause geblieben, machte ihr viel böse Stunden durch tägliches Anklagen
derselben.
    All diesen Uebelständen gründlich abzuhelfen, nahm endlich der Bürgermeister
einen Gymnasiasten in's Haus, der den Knaben das nötige Latein einbläuen
sollte. Anna, meinte er, könne beim Repetiren der Weltgeschichte und Geographie
gegenwärtig sein und die Krümchen der brüderlichen Gelehrsamkeit auflesen.
    Es versteht sich, dass der achtzehnjährige Primaner die Buben ebenso wenig in
Ordnung zu halten im Stande war als die Bürgermeisterin; höchstens vergass er bei
ihnen sein eignes Latein.
    Der armen Anna ging es durch Mark und Bein, wenn Herr Schmied in seiner
Verzweiflung die Jungen beim Papa verklagte und dieser sie mit väterlicher Hand
fürchterlich durchprügelte; noch mehr widerte es sie an, wenn der Schüler mit so
einer Execution den Knaben drohte und andere Male Versteckens oder Blindekuh mit
ihnen spielte, zuweilen sogar zu seltsamen Bestellungen sie benutzte. Anna
fühlte ein dunkles Unrecht, einen Schmerz in dem Allen und nahm mit doppelter
Freude die Erlaubnis an, Leontinens Unterricht mit dieser zu teilen.
    Aber wenn es nun nach langer Woche endlich Sonntag war und die Magd die
Stube mit feinem Sand bestreut hatte, wenn die mit rotem Kattun bezogenen
eichenen Meubles im Sonnenschein glänzten, Mutter und Kinder geputzt zur Kirche
gingen, o dann war Anna weit lieber zu Hause, denn drüben merkte man ja den
Sonntag gar nicht!
    Sie freute sich an Allem, am Sonntagsbraten, am Tröpfchen Wein, das die
Geschwister bekamen, an den frisch gefüllten Blumenvasen und vor Allem an der
Mutter; denn an diesem Tage zog die Bürgermeisterin einen weissen, garnirten Rock
an und ein Negligéejäckchen mit rosa Bandschleifen; und dann kam ihr alter
Verehrer und Hausfreund, der Präsident Ballheim und machte ihr eine
Morgenvisite.
    Und das Alles war so feierlich und schlug wie eine Wünschelrute aus Anna's
poetischer Seele tausend Quellen des Glücks hervor!
    Wer in jenen Tagen Türingen und Weimar gekannt hat, muss sich erinnern, dass
die jetzt so oft an einzeln uns erhaltenen Beispielen bewunderte Einfachheit der
häuslichen Einrichtungen damals ganz allgemein war und der Luxus unser Ländchen
weit später berührt hat. Dennoch waren die Stände durch Umgang und äussere
Lebensbedingungen geschieden, das Waldau'sche Haus hielt die Mitte zwischen
Hof-, Bürger- und Künstlerwelt.
    Waldaus waren Fremde; sie hatten grossstädtische Sitten, in ihrem Hause
geschahen eine Menge Dinge, die »Bürgermeisters« für unpassend erklärt haben
würden, wären sie je in diese Zirkel gekommen; das aber fiel beiden Familien
auch nicht im Traume ein.
    Josephine hatte eine Ahnung von Anna's Charakter; allein die tausend
Nadelstiche des so früh gestörten Lebens konnte sie nicht gewahren, weil sie
deren Häuslichkeit nicht kannte.
    Wenn die Bürgermeisterin ohne Vorwissen ihres Mannes Kartoffeln oder Aepfel
aus dem Garten verkaufte und sich von deren Erlös ein Tuch, eine Haube
anschafte, ahnete Niemand, dass Anna der Vergleich der Art und Weise, wie Waldau
und seine Gattin lebten, so schmerzlich ins Herz schnitt, und doch, wenn ein
ander Mal das Kind von seinem Bettchen aus die Mutter in tiefer Nacht, bei einem
einzigen Licht, an der Christbescheerung für die Kleinen heimlich arbeiten sah,
wenn es die tausend Ersparungen und Berechnungen bemerkte, durch welche die
teure Frau den Geschwistern ein Spielzeug mehr auf den Weihnachtstisch legen
konnte, dann fühlte es sich wieder tausendmal glücklicher als Leontine, deren
Wünsche so leicht und nebenher erfüllt werden konnten. Annen ward dann Alles
lieber, instinctmässig empfand sie einen Vorzug ihres Geschicks und es ward ihr
ernst und still beim Fest zu Mute. Das schwarze Kleid der Mutter, das
Kuchenbacken, ja sogar das vorangehende Fasten rührte sie durch einen
geheimnisvollen beglückenden Zauber; aber Anna verstand sich selbst eben so
wenig, als Frau von Waldau sie begriff.
    Drüben zerfiel indessen das äussere Leben auch in zwei Hälften. Madame Sophie
hatte eine eigentümliche Atmosphäre, die eben so sehr von der ihrer Herrschaft,
als von dem türingisch-bürgerlichen Leben abwich. Man spricht so viel über das
Festalten der Engländer an ihren Sitten und Gebräuchen auf dem Continent, sie
machen etwas mehr Umstände dabei, als die Franzosen, die am Ende dasselbe tun.
Denn es bleibt höchst bemerkenswert, dass selbst die Revolution mit ihren Folgen
die eigentliche Familiensitte des Petit bourgeois nicht anzugreifen vermocht
hat!
    Madame Sophie wurde noch mit altväterischer Galanterie von ihrem Manne
behandelt, der trotz seiner zahlreichen Infidélités sie entschieden als
Hauptperson anerkannte und von seinen Landsleuten sich le mari de la femme de
regret nennen liess; liebte ihn doch diese Frau aus Herzensgrunde und verdeckte
unermüdlich alle seine Schwächen!
    In der höhern Gesellschaft war der Mut, mit welchem sie ihre Herrschaft vor
der Plünderung bewahrt, zu allgemein bekannt, als dass man sie einer gewöhnlichen
Dienerin hätte gleichstellen mögen.
    Auch war sie eine durchaus angenehme Erscheinung, voller Witz und Verstand,
ungezwungen und dennoch bescheiden. In ihrer rein bewahrten Nationalität lag ein
so eigentümlicher Reiz, dass beinahe keiner der berühmten Gäste des Waldau'schen
Hauses an Madame Sophiens Türe vorüberging, ohne auf ein Viertelstündchen bei
ihr einzusprechen. Bei diesen Gelegenheiten entfaltete sie eine Menge durch
Erfahrung erworbener Kenntnisse, und belustigte oft ihre Zuhörer durch die
wunderlichsten Aufklärungen über Zeitumstände, die ihnen in ganz anderem Lichte
erschienen waren.
    Die Kinder waren viel um sie und hörten solchen Gesprächen gern zu, noch
lieber aber liessen sie von ma bonne's eigener Vergangenheit sich erzählen. War
die Gesellschaft oben beisammen und Duguet beschäftigt, nahm Sophie die beiden
kleinen Mädchen auf den Schoos und erzählte ihnen: von Ludwig des Sechszehnten
Tode, von der Emigration und wie sie damals als Kammerfrau im Dienst der schönen
Gräfin D'Alvigni gestanden. Und Bild auf Bild drängte sich hervor aus dem tiefen
Schacht ihrer Erinnerung.
    Dann sprach sie weiter von den Clubs, den Jakobinern und der Zeit der
Terreur, deren Greueln sie mit der gräflichen Familie entflohen; sie beschrieb
den Kleinen den Stromübergang der Verbündeten über den Rhein bei Mühlheim und
die herzzerreissende Trennung des Grafen von seiner Gemahlin, die erst nach
Jahren erfuhr, dass auch ihn bald nachher das Beil der Guillotine getroffen.
Dazwischen aber webte ihr heiteres Naturell humoristische Skizzen des
Emigrantenlebens; Grafen und Marquis traten als Schneider und Schuster auf, um
wiederum an Galatagen, bei ihren Zusammenkünften, mit den alten Abzeichen ihres
Ranges zu glänzen.
    Die bunte Mischung all dieser Bilder führte die Kinder in eine Realität des
Lebens ein, die ihnen kein Geschichtslehrer geboten haben würde.
    Nun malte Sophie die sich steigernde Not aus; die Scenen wechselten immer
geschwinder; schon hatte die Gräfin alles verkauft, was sie von Wert gerettet;
ma bonne ward Wäscherin und ernährte sie und ihre beiden Kinder.
    Anna ward sehr ernstaft, sah sie freundlich an und fiel ihr endlich
schweigend um den Hals.
    Aber das Elend wuchs. Sophiens Erwerb reichte nur spärlich, Duguet war
seinem Herrn gefolgt, mit ihm verkleidet über die französische Grenze
zurückgegangen. Nun ward es Winter. Mit fürchterlicher Gewalt schwemmte der
Eisgang seine Krystallblöcke daher, als Sophie zum zweiten Male mit ihrer
Gebieterin Mühlheim berührte. In wilder Eile setzten eben Truppen über den
teilweise freiwerdenden Strom. Das Gedränge war unbeschreiblich beängstigend;
durch lange Gassen verschlossener Häuser irrten Sophie und die gräfliche Familie
auf und nieder, ohne ein Unterkommen zu finden; den Kindern bluteten die zarten
Füsse und versagten den Dienst. Mühsam schleppte Sophie sie weiter; endlich ward
eine schlechte Schlafstätte mit vielem Gelde erkauft - Mutter und Kinder ruhten.
Sophie wagte noch einmal sich hervor, Nachrichten einzuziehen und Lebensmittel
einzukaufen; auf diesem Wege aber ward ihr sehr unwohl. Die Unglückliche blieb
in einem fremden Hause auf den Marmorquadern eines Vorplatzes liegen; als es
ihre Kräfte gestatteten, kroch sie mühsam auf Händen und Füssen unter einen
dunkeln Treppenvorsprung. - Niemand beachtete, niemand gewahrte sie, und dort
gebar die Arme einen Sohn.
    Wenn Sophie bis dahin erzählt hatte, brach sie in unaufhaltsames Weinen aus
und schickte die kleinen Mädchen zu Bette.
    Aber die Kinder konnten nicht schlafen; Leontine sah, wie Sophie eine seidne
Schnur hervorzog, die sie um den Hals trug, und ein daran hangendes zerbrochenes
Geldstück lange betrachtete. Als einmal Anna sie fragte, was denn aus ihrem
Kinde geworden, sagte sie, es sei lange todt, man müsse nicht davon sprechen.
Längst hatten die Tage der Unterdrückung zu Jahren sich gereiht, Napoleon hatte
den Kaiser Alexander zu sich nach Erfurt berufen und der spanische Feldzug
bereitete sich daselbst vor.
    Josephine sass allein in ihrem Zimmer. Waldau war seit einigen Wochen
leidender und schwächer geworden. Beklommen sah sie dem Feind aller zehrenden
Uebel, dem Herbst, in's bunte Blumenauge - ach! mit den Blättern und Früchten
fallen die Menschen der Erde zu und die farbigen Blütensterne legen sich,
Auferstehung verheissend, auf deren Gräber!
    Josephine hielt eine Menge uneröffneter Briefe in der Hand. Sie erwartete
weder Gutes noch Böses aus der Ferne, die nächste Nähe war's, die so beengend
auf ihr lastete. Es ist etwas Entsetzliches um das unaufhörliche gespenstische
Auftauchen der Angst um ein geliebtes Leben, wie man auch den Gedanken an das
uns Drohende zu bannen suche: immer umschleichen uns die Schatten der Sorge mit
ihren heimlichen Dolchen und überfallen uns in heitrer Gegenwart, wie Diener
eines Vehmgerichts, mit plötzlichem Entsetzen.
    Endlich fiel Frau von Waldau's trüber Blick auf die Briefe. Eine
französische Handschrift? Aus Erfurt? Rasch erbrach sie das Siegel und las:
                                 Gnädige Frau!
Wenn das Bild eines jungen Mannes, dem während der Tage der Schlacht bei Jena
das Glück Ihrer Bekanntschaft ward, noch nicht ganz Ihrer Erinnerung
entschwunden ist, so wird die milde Güte, die noch einem Sterne gleich in der
seinen steht, diesem Schreiben gern Verzeihung gewähren. Denn wie ein
Posaunenstoss des jüngsten Gerichts rufen meine Worte einen Todten aus dem Grabe
und geleiten hoffentlich einen glücklichen Sohn in die Arme seiner gewiss noch
glücklichern Mutter. Ohne Zweifel haben Sie, hochverehrte Frau, schon erraten,
dass ich meine Erzengelschaft dem Zufall danke, den so lange beweinten Sohn Ihrer
Madame Sophie gefunden zu haben, die, wie ich von meinen beneideten Kameraden
erfahren, Ihr Hauswesen noch wie ehemals besorgt.
    Der Kaiser hat mich in diesen zwei heissen Kriegsjahren zum Rang eines
Obersten erhoben, und als Adjutant des Marschall Nei bin ich ihm nach Erfurt
gefolgt.
    Eben hier glaube ich in einem jungen Soldaten, der an den Folgen in Portugal
empfangener Wunden krankt und von Lazaret zu Lazaret geschleppt wird, den in
Mühlheim ausgesetzten Sohn der wackern Frau Duguet erkannt zu haben. Die Klagen
des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings, der seiner Existenz fluchte,
weil er, der weder Vater noch Mutter gekannt und Niemanden angehöre als nur
seinem Kaiser, den Feldzug nicht mitmachen solle, zogen mich an; der Zorn, den
er den ärztlichen Ratschlägen entgegensetzte, rührte mich tief; ich gewann mir
sein Zutrauen. Jetzt, nachdem ich alle Details seiner Lebensgeschichte gehört,
das Stück Taschentuch mit dem Zeichen Marc Duguet und die treubewahrte Hälfte
des Fünfsous-Stücks gesehen, das er, wie seine Mutter, am Hals trägt, scheint
mir unzweifelhaft, dass er wirklich das in Mühlheim ausgesetzte, so lang beweinte
Kind sei. Sein Alter trifft auch zu. Wenige Stunden, nachdem Sie, verehrte Frau,
diese Zeilen erhalten, hoffe ich selbst meinen Kranken bei Ihnen einzuführen,
und als Belohnung das Glück zu geniessen, Sie und Herrn von Waldau zu begrüssen
und um die Fortdauer Ihres Andenkens und mir unschätzbaren Wohlwollens zu
bitten.
                          Mit ausgezeichneter Achtung
                                 und Verehrung
                                                              Ihr tief ergebener
                                                                       St. Luce.
Sophie! rief aufspringend Frau von Waldau, grosser Gott! ich habe die Briefe seit
drei vollen Stunden! Sie können jeden Augenblick hier sein! Sophie, so komm
doch!
    Madame! erwiderte die Gerufene, den mit einem Foulard umwundenen hübschen
Kopf zur Türe hereinsteckend, es ist nur, weil ich das Bett mache -
    Sophie! Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden und wird vielleicht schon
in einer Stunde hier sein!
    Ach, Madame! welches Glück! der gute junge Mann! Aber da muss ich mich
beeilen, Madame werden ihn zu Tische bitten, vielleicht logiren wollen. Pardon,
Madame! charmanter junger Mann, und Oberst! Ja, ja, das sieht dem kleinen
Korporal ähnlich, der kennt seine Leute! Wundert mich nicht, dass sie einen Gott
aus ihm machen. Duguet, Duguet! rief sie im Gehen zur andern Tür hinaus; Du
hilf mir - Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden!
    Die Freude kann sie tödten, sagte Josephine leise vor sich hin; der Schlag
kann sie rühren, sie ist so heftig! Aber, Sophie, fuhr sie fort, sie beim Arm
ergreifend, um sie zu halten; es ist noch eine andere Nachricht mitgekommen; es
ist aber nur eine schwache Hoffnung! Der Oberst hat von einem jungen kranken
Soldaten gehört, in Portugal, der den Namen Marc Duguet führt.
    Sophie wandte den Kopf, kein Zug des sonst so regen Gesichts bewegte sich,
mit starrem Auge blickte sie die Sprechende wie bewusstlos an, sie hatte, das sah
man, keinen klaren Gedanken, all ihre Fähigkeiten hatte das eine Wort
erschüttert.
    Bald aber überflog ein leises Zittern die ganze Gestalt, die Brust hob sich
langsam und schwer, ohne einen Laut ausströmen zu lassen, die bleichen Lippen
bebten convulsivisch; endlich hauchte sie fragend: Madame?
    Ja! erwiderte Josephine, indem sie nun auch den andern Arm ergriff, um die
Schwankende wie zufällig zu stützen, er hat hingeschrieben, um Nachrichten
einzuziehen.
    Nachrichten! er lebt, er ist nicht in Portugal umgekommen, er lebt noch?
    Wenn er es nur ist, sagte Frau von Waldau, um den Eindruck zu schwächen.
    Es wäre möglich, schrie Sophie mit plötzlich freiwerdendem Jubel auf -
möglich! mein Sohn! mein Sohn könnte leben, - ich wäre nicht seine Mörderin! O,
setzte sie wieder ermattet hinzu, ihre Arme sanken und grosse Tränen perlten
über ihr wieder erwärmtes Gesicht, ich könnte mir verzeihen, und Gott auch! Sie
legte die Hände auf ihr Herz und wurde still.
    Aber der junge Mensch soll verwundet sein, meint St. Luce.
    Verwundet? Wollen sie sagen, todt? - Duguet, Duguet! rief sie, mit einem Mal
wieder auf ihren Mann sich besinnend.
    Waldau öffnete eben die Türe, hinter ihm trat Duguet ein. Josephine hielt
ihrem Gemahl den Brief entgegen; sie wusste, dass er keiner Unbesonnenheit fähig
sei. Sophie sprang auf Duguet zu, sie wollte ihm um den Hals fallen, aber ihre
Knie brachen zusammen, sie fiel ihm zu Füssen und brachte nur die Worte hervor: O
jetzt, jetzt wirst du mir verzeihen!
    Bis zu diesem Augenblicke hatte der wütende hoffnungslose Schmerz zu
harpyenartig an ihr Herz sich angekrallt, sie hatte nie begreifen können, dass
sie auch an Duguet ein grosses Unrecht getan, indem sie ihn und sein Kind
verlassen.
    Ja, sagte Josephine zu Waldau, Schiller hat recht: ein glücklicher Mensch
ist ein Heiliger!
    Unterdessen hatte Waldau gelesen. Der junge Mann scheint mir sehr flüchtig,
sagte er halblaut; ich fürchte, Josephine, du hast dich übereilt. Es ist so
vieles unklar in dem Briefe.
    Duguet hatte seine Frau aufgehoben und auf einen der Türe nahen Stuhl
niedergesetzt. Nun überschüttete er sie mit tausend Fragen, dazwischen bat er
seine Herrschaft einmal um das andere um Verzeihung, Sophiens, nach seiner
Ansicht, ganz unerklärlichen Betragens wegen, indem er, bald zu Waldau, bald zu
Josephinen gewendet, sein unaufhörliches: Aber was ist ihr? wiederholte.
    Sophie schluchzte nur: Mein Sohn, mein Sohn! und war durchaus keines andern
Gedankens fähig.
    Es war ein Glück, dass in eben diesem Augenblick St. Luce's Wagen vorfuhr.
Die menschliche Natur erträgt solche Spannung nicht lange. Mit Blitzeseile war
der kranke Waldau, hinter den mit einander beschäftigten Gatten weg, an der
Haustüre, vor welcher eine Extrapost hielt.
    Oberst St. Luce hatte einen schönen schwarzäugigen, todtblassen Soldaten
neben sich, die Bedienten halfen denselben herausheben und führten ihn langsam
ins Haus. Der junge Mann ging sehr gekrümmt; es schien, als habe eine Kugel die
inneren, edleren Teile verletzt, vielleicht die Lunge berührt.
    St. Luce begrüsste die nun auch herbeigeeilte Josephine und sagte, indem er
ihre Hand an seine Lippen zog: Ich habe gewollt, dass Sie selbst es ihm
aussprechen, denn das Glück wird am besten durch einen Schutzengel den Menschen
verkündigt.
    Aber die Wunden werden am besten durch eine Soeur grise behandelt! lächelte
sie ihm freundlich zu.
    Beides, weil Sie beides sind, gnädige Frau.
    Waldau hatte den Arm des jungen Kranken ergriffen. Fühlen Sie sich stark
genug, eine heftige Erschütterung zu ertragen? fragte er sehr sanft.
    Der Soldat sah ihn verwundert an. Ist der Kaiser hier? fragte er in zitternd
jubelnder Hast.
    Eben so schön, nein, noch viel schöner ist die Freude, die Sie erwartet,
sagte Josephine. Haben Sie niemals etwas Anderes sich gewünscht?
    Sie müssen weit zurückschauen, in ihre früheste Vergangenheit, setzte Waldau
hinzu.
    Gott! meine Mutter! rief ausser sich der Kranke. O, Madame, Madame, Sie sind
zu jung, um es selbst zu sein; aber, um Gottes willen, wenn Sie etwas von ihr
wissen, o geschwind! geschwind! lassen Sie mich bei ihr sterben, da ich nicht
bei ihr leben durfte!
    Er schwankte. Waldau hielt ihn mit Mühe. Bitte, bitte, fuhr er fort, vor
Josephine wie zum Gebet die Hände faltend.
    Ei, junger Freund, drohte freundlich St. Luce, haben Sie denn nur dem Feinde
gegenüber Courage? Haben Sie doch jetzt den Mut, für Ihre Mutter zu leben!
    Aber des Sohnes Herz war nun mit Gewalt erweckt und vermochte die Ueberfülle
eines geahneten Glücks nicht länger schweigend zu tragen. Mutter! Meine Mutter!
rief er laut aufschreiend.
    Und die Mutter hörte und erkannte beim ersten Laut die Stimme ihres Kindes.
Mein Sohn, mein Sohn! klang es von drinnen, und im Augenblick lag sie an seiner
Brust. Sie fragte nichts, untersuchte nichts, der Ton hatte wie ein Zauber
gewirkt und sie herbeigezogen. Bewusstlos war sie ihm gefolgt, die Erschlaffung
war verschwunden; sie hatte mit einem Male Kraft, Riesenkraft; aber ach, wie sie
das Haupt hob, um nun auch die geliebten Züge zu sehen, fühlte sie die leblose
Schwere des seinen auf ihrer Schulter. Der junge Krieger war ohnmächtig
geworden.
    Die Umstehenden versuchten, ihn aufrecht zu erhalten, das Zimmer war noch
nicht erreicht, kein Stuhl auf dem Hausflur; sie vermochten die Last des
hochgewachsenen, starken Jünglings nicht zu tragen und mussten ihn langsam auf
den Boden sinken lassen; die Mutter aber hielt ihn fest und legte geschickt
seinen Kopf auf ihren Schoos, indem sie neben ihm kniete. Es gibt kein
schmeichelndes Liebeswort, mit dem sie ihn nicht nannte; sie riss ihm die Uniform
auf, um ihm Luft zu verschaffen, und fand das Fünfsous-Stück, das sie lachend
und weinend zugleich an die Lippen drückte.
    Immer lag er ihr noch nicht sanft, nicht bequem genug; bald küsste sie seine
Haare, bald seine Hände oder flüsterte ihm in's Ohr, und hauchte ihn an, als
wolle sie ihr Leben ausströmen in seine Brust, es ihm zu geben. - Duguet war ihr
gefolgt, allmälig schien auch er zu begreifen; er sprang auf Waldau zu und stand
zitternd mit gerungenen Händen vor ihm. Die Stimme versagte ihm. Ist es wahr?
war alles, was er hervorbringen konnte.
    Ich glaube, ja, lieber Duguet, erwiderte Waldau; aber fassen Sie sich, denn
er ist krank, Sie müssen ihn schonen.
    Duguet nickte seinem alten Herrn das gewohnte Verstehen zu und kniete erst
leise neben dem Ohnmächtigen. Nur die gewaltig pulsirende Ader auf seiner Stirn
und die kurzen fast röchelnden Atemzüge zeugten von der Kraft, die er anwandte,
sich zu beherrschen; als er aber nun das Gesicht seines Sohnes so ganz in der
Nähe sah, so dass ihn sogar dessen Haare berührten, da riss ihn der innere Jubel
doch unaufhaltsam fort, dicke Tränen rollten über das braune Gesicht, der feste
Mann bebte an allen Gliedern und sah den Wiedergefundenen mit unbeschreiblicher
Zärtlichkeit an. Armes Kind, armes Kind! flüsterte er, dann wandte er sich zu
seiner Frau: Aber, Sophie! - sie sah auf und wäre ihm gern um den Hals gefallen,
aber sie musste ihren Sohn unterstützen; es lag eine Welt von Gefühl in ihrem
Auge.
    Aber, Sophie! sagte er endlich, er liegt hier schlecht! Komm, komm! Und wie
eine Feder nahm er den schweren Körper des Soldaten auf, den Alle nur mühsam
gehalten, und trug ihn unten in die Hinterstube hinein, die er und Sophie
bewohnten, dort legte er ihn still auf das Bett.
    Waldau, Josephine und St. Luce blieben an der Schwelle des Zimmers stehen;
es wagte keiner, sie zu überschreiten; sie hörten eine Weile schweigend von
aussen zu.
    Sophie hatte ihren Sohn in's Leben zurückgerufen; jetzt sass er aufrecht im
Bette, zwischen den Eltern. Und nun ging es an ein so seliges Fragen und
Erzählen und an das Erkennen des Vaters, den zu sehen ihn ja die Ohnmacht
gehindert. Der junge Soldat hatte die Hälfte seines Fünfsous-Stück an die seiner
Mutter gehalten, und o Freude! die Stücke passten aneinander.
    Wie die arme Frau den Jüngling mit den Blicken verschlang, und wie Duguet,
stolz auf seinen Sohn, höher zu werden und zu wachsen schien! Jetzt sprachen
alle Drei zugleich. Sophie erzählte von jener entsetzlichen Nacht, wie sie ihr
armes, kleines Kind auf die Schwelle eines reinlich und wohlhäbig aussehenden
Hauses niedergelegt und, unter einen Schuppen gekauert, lange abgewartet, dass
man es abhole; wie endlich ein Mann aus der Türe gekommen und es gefunden, wie
sie bei dem Anblick einen Moment kraftlos zusammengesunken sei, dann aber habe
laufen müssen weit, weit weg, um es nur dem Manne nicht aus den Armen zu reissen!
    Gleich darauf war sie unter einen Trupp betrunkener Soldaten geraten, die
sie festgehalten und gezwungen, die Carmagnole mit ihnen zu singen; kaum diesen
Wütenden entflohen, musste sie mit der Gräfin weiter. Von der Stunde an hab' ich
noch oft gelacht, zufrieden bin ich nie wieder geworden, schloss sie.
    Arme Mutter! armes Weib! sagten Duguet und der junge Soldat, wie aus einem
Munde.
    Marc Duguet - er hiess so nach dem Vater, Sophie hatte, da sie nicht
schreiben konnte, ein abgerissenes Stück Wäsche mit dem Namen dem Kinde auf die
Brust gelegt und es mit Stecknadeln an die wenigen Hüllen befestigt, in denen
sie es eingewickelt; wie hätte sie im Drang des Augenblicks Kinderzeug sich
verschaffen können - Marc Duguet war vom Leben herumgeworfen worden und in all
dessen Wendungen ein Findelkind geblieben. Er erzählte den Seinen, da schlichen
die Horchenden still davon, in Frau von Waldau's Zimmer zurück.
    In diesem Augenblick fasste eine kleine Hand die Josephinens und ein leiser
Kuss streifte ihre Finger; es war Anna, die ein unbemerkter Zeuge des ganzen
Auftritts geworden. St. Luce freute sich ungemein, seine junge Freundin
wiederzusehen. Das Kind schlang beide Arme um seinen Hals und dankte ihm unter
heissen Tränen, dass er ma bonne so glücklich gemacht: Ich hatte längst gemerkt,
dass ihr Sohn nicht todt war, sagte sie.
    St. Luce blieb noch bis zum nächsten Tage. Anna war jetzt zehn Jahr alt und
fesselte seine Aufmerksamkeit mehr und mehr. Er begleitete sie zu den Eltern
hinüber, und obschon Sprache und Nationalität ihm ein eigentliches Verstehen
ihrer häuslichen Lage unmöglich machten, hatte er doch bald genug gesehen, um
das Mädchen Josephinen auf's Dringendste zu empfehlen. Während seiner
Anwesenheit wich sie kaum von seiner Seite und erzählte ihm alle ihre kleinen
Leiden und Freuden; sie zeigte ihm auch das vom Grenadier August erhaltene
Postörnchen, das sie noch immer am Halse trug, und konnte nicht begreifen, dass
er ihr keine Nachricht von dessen ehemaligem Besitzer zu geben vermochte.
    Nach der Abreise des jungen Obersten, der dem noch kranken Marc einen Urlaub
bis zu seiner Genesung ausgewirkt hatte, nahm Josephine sich Anna's ernstlicher
an; St. Luce's Besuch ward zum Capitelstrich ihres Lebens, das von jenem
Augenblicke an eine edlere Gestalt gewann.
    Der junge Marc blieb vorläufig im Hause und erhielt ein eignes Wohnstübchen,
brachte jedoch den grössten Teil des Tages in dem seiner Eltern zu. Die Kinder
nahm Josephine in ein an das ihre stossendes Zimmer, wo sie ihre Stunden
erhielten, nur die Abende durften sie noch teilweise bei ma bonne bleiben.
Durch diese Einrichtung sah Anna die ausgezeichneten Männer, die mit Waldaus
verkehrten; sie fiel Jedem von ihnen auf und gewann sich hier die belehrenden
Freunde, die in späteren Jahren einen unschätzbaren Einfluss auf ihre Bildung
äusserten.
    Der Winter verging. Waldau fühlte sich kräftiger, Josephine atmete
sorgenfreier auf. Da trat eines Morgens Madame Sophie, in Tränen fast
aufgelöst, in ihr Zimmer. Ah, Madame! er will fort!
    Allerdings wollte Marc fort. Der Kaiser hatte Madrid erobert, seinen Bruder
Joseph von Neuem auf Spaniens Tron gesetzt und die Engländer geschlagen.
    Zu Astorga, wohin er am ersten Januar gezogen, traf ihn die Nachricht der
ernstlichen Kriegesrüstungen Oestreichs. Am dreiundzwanzigsten war er bereits
selbst in Paris, um dem kaum erst noch vierhundert Stunden von ihm entfernten
Feindesdrohen sogleich zum vierten Mal die Stirn zu bieten.
    Von Tag zu Tag erwartete man den Ausbruch des Kriegs, jetzt liess es dem
jungen Soldaten nicht länger Ruhe; das Corps, zu welchem er gehörte, marschirte.
Freude und sorgliche Pflege hatten ihn gestärkt; wie hätte der Kriegsgeborne
länger noch zu säumen vermocht! L'empereur va à Vienne! wiederholte er zehnmal
in einem Tage; wo sein Kaiser war, leuchteten ihm Glück und Leben.
    Sophie hätte ihn gern dem Soldatenstande ganz entzogen; im Herzen noch
Royalistin, konnte sie nicht umhin, den petit Caporal mitunter noch für eine Art
Landesverräter anzusehen, obschon sie mit grosser Teilnahme den Erzählungen
ihres Sohnes zuhörte; er kam ihr höchstens wie ein Kaiser der Armee vor; wenn
nur von dieser die Rede war, konnte sie mit den Andern an Entusiasmus
wetteifern; doch auf den Tron Frankreichs, auf welchem sie den Märtyrer Ludwig
gesehen, vermochte sie nicht, sich ihn zu denken.
    Wie aber den kaum wiedergefundenen tausend Gefahren entrissenen Sohn vor den
von Neuem drohenden Uebeln bewahren! Zu fest hing er seiner glänzenden Laufbahn
an; ihn dem Auge seiner Vorgesetzten zu bergen, schien allzu schwer. Am Ende
blieb der Armen nur die Qual, ihn fern von sich, dem möglichen Elende
preisgegeben zu wissen. Konnte er nicht von Neuem erkranken, verwundet,
verkrüppelt, wieder von Lazaret zu Lazaret geschleppt werden?
    Lange kämpfte das arme Weib - die Mutter siegte. Sie beschloss, ihm zu
folgen, sein unsicheres Loos wenigstens so lange zu teilen, als sie ihn nicht
für ganz genesen hielt. Dass Duguet seinen sterbenden Herrn verlassen könne, kam
weder ihm noch ihr in den Sinn. Die Gatten mussten sich trennen! Das blieb
unausweichlich, aber zum Glück wollte ja der Kaiser in kurzer Zeit mit Oestreich
fertig sein und in Wien einziehen; dann konnte Sophie zurück - die Oestreicher
mochte sie ohnehin nicht leiden und gönnte ihnen alles Böse.
    Nachdem Sophie ihrer Gebieterin ihr ganzes Herz eröffnet, bat sie um ihre
einstweilige Entlassung: obschon es wahrscheinlich mein Tod sein wird, unsere
Leontine zu entbehren, schloss sie; aber ich bin ja nur drei Monate meines armen
Kindes Mutter gewesen, und Marc ist achtzehn Jahr alt.
    Josephine fühlte, dass an keine Aenderung des so gewaltsam gefassten
Entschlusses zu denken; sie versuchte nur, dem Plan eine praktischere Gestalt
und die Möglichkeit des Gelingens zu geben, indem sie St. Luce schriftlich um
seine Vermittelung bat. Der Kaiser gestattete nur Marketenderinnen den
Regimentstrains sich anzuschliessen; es blieb der einzige Ausweg, Sophien in den
Dienst einer der begünstigten Offizierdamen zu bringen, die einzelnen Chefs
folgen durften. Der junge Oberst hatte längst Erfurt verlassen, dennoch
erreichte ihn der Brief und nach Verlauf weniger Wochen war Sophie von ihm als
Kammerfrau der Geliebten eines seiner Freunde empfohlen, der Marc's Regiment
befehligte und in Magdeburg der Marschordre harrte.
Gottlob! nun ist's überwunden, sie schläft! sagte Madame Sophie, indem sie leise
Leontinens Kammertüre an sich zog, schon im Reisekleid, sich zu Duguet an den
Tisch setzte und mit dem Rücken der Hand ein Paarmal über die Augen fuhr! Wie
gross sie sein wird, wenn ich sie wiedersehe!
    Hol's der Teufel! ich glaube, armes Weib, dass du eine ungeheure Torheit
begehst, brummte Duguet, aus dumpfem Sinnen auffahrend; er reichte ihr über den
Tisch hin die Hand, als müsste er die Härte des Wortes vergüten.
    Sophie hatte nicht recht hingehört, ihre Gedanken waren schon unterwegs. Sie
zog eine grosse silberne Taschenuhr aus dem Kleide hervor und sagte: jetzt wird
er wohl schon in Buttstädt sein - morgen früh vier Uhr, meinte er, würde das
Bataillon von dort abmarschiren - er hätte doch lieber schon gestern gehen
sollen, der arme Junge! so könnte er nun ein Paar Stunden schlafen.
    Duguet ging im Zimmer auf und nieder und stäubte, mit einer Damastserviette
um sich schlagend, die reinen Meubles ab.
    Du hast nichts als ihn im Kopf! murmelte er halb ärgerlich.
    Wenn's Glück gut ist, glaubst du wohl gar, mir wäre das Herz nicht schwer?
erwiderte sie, euch Alle zu verlassen, dich und Madame und unsern armen Herrn!
Die Tränen traten ihr in's Auge.
    Nun, nun, so war's nicht gemeint! begütigte sie Duguet; iss doch einen
Bissen! Er versuchte ihr vorzulegen. Die Nacht ist grimmig kalt; in einer Stunde
wird der Postwagen da sein. Ja, ja, mein armer Herr, fuhr er fort, die
gekreuzten Hände sanken ihm auf's Knie, wird es nicht lange mehr machen. Ich
hielte es nicht aus, ihn jetzt zu verlassen. Seitdem die Bäume treiben, ist er
so mager, und Nachts hustet er; es möchte Einem das Herz spalten.
    Gott gebe ihm nur noch ein Jahr, seufzte Sophie, dass ich ihn wiederfinde. Er
und Anna machen mir am meisten Sorge.
    Anna! wie so?
    Der Vater ist ein schlimmer Mann, da haben sie ihm in den Kopf gesetzt, das
Kind würde hier im Hause zu einer vornehmen Dame gemacht, und die
Bürgermeisterin soll es nicht so oft herlassen. An den Stunden, meint er, sei
auch nichts gelegen, Küche und Haus gingen ihm vor. Du lieber Gott! er wird das
Kind nicht hindern, die geht ihren eigenen Weg. Und unser Leontinchen ist so
allein und viel zu schwächlich, um Anna entbehren zu können; sie lernt besser,
sie ist sogar viel gesünder und frischer, wenn sie die kleine Freundin um sich
hat - Herr, mein Gott! da ist sie!
    Anna hatte die Küchenmagd beredet, die beide Wohnungen verbindende Gangtüre
offen zu lassen; bei Bürgermeisters lag Alles um zehn Uhr in den Federn, jetzt
war es über Mitternacht. Die Kleine schlief mit den Geschwistern allein in der
Kammer, sie konnte leise aufstehen, um sich zu Madame Sophie zu schleichen,
deren Reiseplan sie längst entdeckt, und stürzte jetzt unerwartet in deren Arme.
    Wo kommst du her, liebe Anna? woher weisst du -
    Ach, ma bonne, erst hat es mir das Herz gesagt! Dann fuhren mich die Brüder
auf der kleinen Schleife spazieren, du weisst wohl, auf der Leontine nicht fahren
darf. Sie hatten versprochen, mich kein einzigmal in den Schnee zu werfen, so
nahm ich ihren Vorschlag an. Als wir um die Ecke bogen, kam der Postwärter und
hatte deinen Koffer auf dem Karren - ach, sei nicht bös! - Da frag4e ich ihn. -
Aber wo ist denn Leontine?
    Madame Sophie verschluckte ein Paar Tränen und sagte ganz leise und
wehmütig: Leontine muss schlafen! Du weisst wohl, dass sie sonst krank wird. Anna
nickte. Und, fuhr jene fort, das Kind zwischen ihre Knie nehmend, wenn sie
morgen aufwacht und ich fort bin, so sei du da und tröste sie und sage ihr: ich
käme gewiss wieder. Der Kaiser will's nicht lange machen mit den Oestreichern;
ist er in Wien, so kehre ich zurück, dann lass mich dich und Leontinen
zusammenfinden. Wenn aber der liebe Gott Ernst mit mir oder mit meinem armen
Jungen machen sollte, was eigentlich eins ist, so bleibe du bei ihr, verlasse
sie niemals, sei ihre Schwester; dir vertraue ich sie an. Dein Vater freilich -
Ach, erwiderte betrübt Anna, nun er einmal seine Meinung gesagt hat, denkt er
nicht mehr daran; er merkt so wenig auf mich. Und die Tante hat ihm auch
zugeredet und versichert, ich könnte, wenn ich recht gut Französisch spräche und
keinen Mann kriegte, Kammerfrau bei der Frau Herzogin werden -
    Warum nicht gar! fuhr Duguet dazwischen.
    Nein, nein, sagte ma bonne, du darfst nicht dienen! Sieh doch, Duguet, steht
sie nicht da wie eine kleine Gräfin?
    Und wozu wäre denn die ganze Revolution gewesen, wenn das Verdienst nicht
erhoben werden könnte aus dem Staube? salbaderte Duguet, von alten Erinnerungen
erfasst. Gewiss, Mademoiselle, fuhr er fort; wenn mein guter Herr uns erhalten
wird, so werden Sie unsere Familie niemals verlassen dürfen. Man sieht, er
rechnete sich dazu.
    Die Uhr schlug! Noch eine Viertelstunde! Sophie atmete schwer, machte sich
allerlei zu tun, öffnete und schloss wohl zehnmal ihren Reisesack, setzte die
warme Mütze auf, sah wieder nach ihrer Uhr; endlich eilte sie festen Tritts
hinaus, die Treppe hinan, - sie nahm von ihrer Gebieterin Abschied.
    Wenige Minuten später hatte sie schon an Duguet's Seite die Hausschwelle
überschritten. Anna hatte ihren Arm ergriffen und umklammerte ihn mit beiden
Händen. Stumm wanderten sie durch die frühlingsklare Nacht dahin - einzelne
Sperlinge schreckten auf, als sie an den Esplanadenbäumen vorübergingen, die
Strassen waren still, nur ganz von weitem dutete ein verspäteter Nachtwächter.
Vor dem Postause hielt der Wagen. Sophie zitterte ein wenig, aber bei solchen
Gelegenheiten weinte sie nicht; es lagen so viele bange Abschiede hinter ihr.
Einen Augenblick hielten alle Drei sich umschlungen, denn Anna wollte ma bonne
nicht loslassen - da schmetterte das Postorn und die arme Kleine wusste selbst
nicht, wie es zuging, dass plötzlich der Wagen schon in der Ferne weit, weit die
lange Strasse hinabfuhr; jetzt bog er um die Ecke. Anna hielt sich beide Augen zu
und der erste heftige Schmerz ihres Lebens hatte sie ergriffen.
    Duguet sah sie an und schüttelte den Kopf. Armes Kind! sagte er, damit wird
man nicht glücklich. Dann nahm er die Kleine in die Arme und lief eilends mit
ihr nach Hause, als wollte er sie von dem Kummer hinwegtragen, der sie und ihn
betroffen.
Der Eindruck, den Sophiens Abschied dem zarten Kindesgemüt hinterlassen, war
ein dauernder. Anna hielt Wort: mit immer tiefer wurzelnder Liebe blieb sie
Leontinens Gefährtin, ertrug nun ihretwillen die Scheltworte des Vaters und
erschmeichelte sich täglich von Neuem die Erlaubnis, hinüberzugehen. Anna's
Vater war kein gemeiner oder harter Charakter, es lag eine tüchtige, nur
unentwickelte Eigentümlichkeit in dieser Natur, die alle Kräfte, deren sie sich
bewusst war, der strengen Realität des Lebens zuwandte. Aber in den Winkeln
seiner Seele blieb dennoch manches unverstandene Edle unausgebildet liegen - so
war ihm Freundschaft durchaus weder fremd, noch unbegreiflich; er hatte sogar
selbst einen reichen vornehmen Herrn zum Freunde, für welchen er sich in jüngern
Jahren eben so treu und hingebend geopfert, als jetzt Anna für Leontine es tat.
Aber an seiner äussern Lebensgestaltung hatte dieser adlige Freund nichts
geändert, - und dass eine solche Empfindung auch bei Frauen stattaft sei, gab er
überhaupt gar nicht zu. Erst nach einer Reihe von Jahren, nachdem er sich von
der unerschütterlichen Festigkeit des Charakters seines Kindes überzeugt hatte,
gewann ihn Anna in so weit, dass er keinen Versuch mehr machte, hemmend in die
Räder ihres Geschicks einzugreifen.
    In dieser Zeit war er von mehren Seiten sehr hart gebeugt worden. Beide
blühende Zwillingsschwestern Anna's, sanken, von einem nervösen Fieber
ergriffen, zugleich in's Grab, und an den Söhnen erlebte er wenig Freude.
Vielleicht hätten bedeutendere Geldmittel, und durch diese eine planmässigere
Erziehung, den Knaben einen regeren Eifer und eine entschiedenere Richtung
gegeben; aber obgleich der Tod seiner jüngeren Töchter das einstige Erbteil der
übrigen Kinder vergrösserte, vermochte der ängstliche Mann nicht darüber mit sich
in's Reine zu kommen, was er für sie zu tun berechtigt sei, und wie es
auszuführen, ohne sich und seine Frau an den Bettelstab zu bringen.
    
    Jedes an sich noch so unbedeutende Ereignis erhöhte die Sorglichkeit, mit
welcher er den eigentlichen Betrag seines Vermögens selbst seinen Kindern zu
verhehlen suchte, und die Sparsamkeit, mit der er sie und seine Frau täglich
peinigte. Unter zahllosen kleinlichen Rücksichten und Einschränkungen wuchsen
die Buben auf; ohne eigentliche Wahl eines einstigen Fachs wurden sie blindlings
ihrer Bahn zugestossen; von nichts sagenden Umständen gedrängt, ergriffen sie
bald diese, bald jene Bestimmung, verlernten das kaum Erlernte wieder in der
neugewonnenen Richtung und wechselten dann kleinlaut das noch unerreichte Ziel
abermals mit einem noch fernern. Leider ist dieses die Geschichte einer Menge
junger Leute jener Zeit, die in dem betrieb- und industrielosen Türingen aus
Mangel innerer Energie als taube Blüten dem grossen Baum des Lebens fruchtlos
entfielen.
    Die Weigerung des Vaters, den Söhnen die ihnen zu Begründung einer Carriere
nötigen Mittel reichlich zu geben, erbitterte die Buben und machte sie
abwechselnd stöckisch und leichtsinnig. Der Eine lief aus Überdruss unter die
Soldaten, der Andere spielte dem Alten zum Trotz, als Commis bei einem Krämer,
im nahen Auslande den vornehmen Herrn en miniature und machte Schulden.
    Anna litt sehr, die Tränen und die Sanftmut der Mutter taten ihr so weh.
Einzelne heftige Auftritte mit den Verwandten ihrer Eltern, die bald für, bald
gegen des Vaters Ansichten sich aussprachen, verschüchterten sie ganz. Dass sie
ihren Lebensunterhalt verdienen lernen sollte, sagte man ihr den ganzen Tag,
ohne ihr jedoch irgend ein Hülfsmittel zu Erreichung dieses Zwecks zu bieten.
Die Mutter hoffte auf eine frühe Heirat für sie; die Tante wollte sie in
Hofdiensten wissen. Was konnte natürlicher sein, als dass Anna wieder und immer
wieder zu Waldaus hinüberflüchtete, wo all diese Qual sie nicht berührte.
    Dass sie in so untergeordneter Stellung auch nicht einen Augenblick an die
einstige Benutzung der ihr dort gebotenen Vorteile dachte, dass sie im
Gegenteil unaufhörlich bemüht war, Sophien Wort zu halten, nur darauf sann, für
Leontine etwas zu tun, zeugt von der Unbefangenheit ihres Charakters.
    Madame Sophie hatte nicht so streng Wort gehalten als der Kaiser; er war
längst mit den Oestreichern fertig und in Wien eingerückt, sie war aber nicht
zurückgekehrt. Leider erkrankte der junge Mann dort von Neuem. Sie zog den
Vorteil aus ihrer wunderlichen Lage, ihren Sohn nie ganz aus den Augen zu
verlieren. Auch hatte das treue Herz dieser Frau eine zu warme Tiefe, um der
neuen Gebieterin, die ihr dieses Glück verschafte und ihrer Dienste nötig
bedurfte, mit Undank zu lohnen.
    So kam der Frühling des Jahres 1812 herbei, ohne die Gatten vereinigt zu
haben.
    In Deutschland erhob sich damals ein innerer Frühling: die von Osten nach
Norden gehenden unaufhörlichen Bestrebungen deutsch gesinnter Männer brachen der
Freiheit unseres Vaterlandes langsam und besonnen Bahn.
    Oft zeigten sich Boten dieser wachsenden Hoffnungen im Waldauschen Hause,
ungehemmt und vom Feinde nicht bemerkt, flog die Kunde besserer Tage seinem
sinkenden Leben vorüber. Er nahm indessen nur einen wehmütigen Anteil an dem
Allen, denn er hielt sein Volk für noch nicht hinlänglich gereift.
    Eines Abends sass er in seinem Lehnstuhl, von wenigen nahen Bekannten und
Gleichgesinnten umgeben, und unterhielt sich lange mit ihnen von einem in der
guten Sache sehr tätigen Freunde, dem ehemaligen preussischen Obersten von
Geiersperg.
    Liebes Kind, sagte er plötzlich, zu Josephinen gewendet, ich kenne keinen
zuverlässigeren Menschen auf Erden.
    Als die Andern Abschied genommen, erneuerte sich das Gespräch zwischen ihm
und seiner Gattin. Ich habe Geiersperg nie gesehen, sagte sie, und du kennst ihn
so lange Jahre.
    Waldau lächelte seltsam. Du wirst ihn bald kennen lernen, fuhr er fort, und
wenn er kommt, so bitte ich dich, ihm unbedingt zu vertrauen. Unbedingt, liebe
Josephine. Er küsste sie auf die Stirn und liess sich von Duguet in sein
Schlafzimmer geleiten. Am andern Morgen fand man ihn todt in seinem Bett; auf
seinem Nachttische lag ein versiegelter Brief an Geiersperg.
    Wenige Wochen später liess sich ein Jäger bei der noch immer tief betrübten
Witwe melden; er habe eine Botschaft an den verstorbenen Herrn gehabt, hiess es,
die er der gnädigen Frau selbst zu überbringen wünsche.
    Das ist Geiersperg! blitzte es in ihr auf - und er war es. Auf einer
geheimen Sendung des Bundes begriffen, dem er angehörte, überraschten ihn in
Helgoland des sterbenden Freundes letzter Gruss und dessen Bitte, seine Witwe
noch vor Ausbruch des russischen Kriegs in die Nähe ihrer Verwandten nach
Breslau zu geleiten. Und Geiersperg kam.
    Es war ein stattlich schöner Fünfziger, voller Feuer und Entusiasmus für
die Sache Deutschlands, auf deren glückliches Ende er mit frommem Gottvertrauen
bauete.
    Der Oberst blieb acht Tage. Anna sah ihn wenig, auch Frau von Waldau kam
während der Zeit nicht viel zum Vorschein; sie war beschäftigt. Leontine
erzählte von vielen Veränderungen im Hause; plötzlich kündete Frau von Waldau
ihre morgende Abreise an. Sie versprach wiederzukommen und behielt einen Teil
ihres Quartiers. Geiersperg hatte die ganze Zeit hindurch für einen Förster
ihres Schwagers gegolten und begleitete sie als solcher nach Breslau. Duguet
blieb zurück. Nach einigen Wochen verschwand auch er; man sagte, er sei nach
Dresden gegangen, wohin Napoleon eben die deutschen Fürsten berufen hatte.
Vielleicht hoffte er von dort aus Gelegenheit zu finden, sich dem Obersten zu
nähern, bei dessen Geliebter Sophie in Diensten stand, und diese
zurückzubringen.
    Die erste Stunde des verhängnisvollen Jahres dreizehn gewährte Annen, nach
einer langen traurig hingebrachten Zeit, die erste Freude. In Freiberg wohnte
von der Mutter ein älterer Bruder, der im Bergwerk Geschworener war und daselbst
ein heiteres, etwas mühseliges, von der übrigen Aussenwelt abgeschlossenes Leben
führte. Sein einziger Sohn Otto, ein ungewöhnlich fähiger Junge von funfzehn
Jahren, hatte sich selbst zum Chemiker bestimmt. Der Vater brachte ihn zum neuen
Jahre nach W...... in die Lehre eines alten Vetters, der als bedeutender
Pharmaceut dort lebte und ihm die nötigen Vorkenntnisse beibringen, das heisst
ihn zur Universität vorbereiten sollte, die er im nächsten Jahre zu beziehen
gedachte.
    Wie fast alle im Bergbau Erwachsenden, war der Jüngling lustig, phantastisch
und fromm. Die Einfachheit seines Wesens gewann ihm bald die Herzen der ganzen
Familie, sogar das des Bürgermeisters. Auch ihn hatte, wie seinen Vater, das
Leben »Jenseits der Berge« kaum berührt, die Politik war ihm ganz fern
geblieben. Er hatte zwar mitunter auch tüchtig auf die Franzosen geschimpft,
doch etwa so, wie wir auf den Teufel, ohne etwas Besonderes dabei zu denken. -
    Die Neigung zur Analyse alles Sichtbaren schien Otto angeboren. Der Alte,
ein Bergmann mit Leib und Seele, hätte ihn lieber auch zum praktischen Bergbau
ausgebildet; und wirklich hatte der Knabe die ersten mühseligen Jahre der
Lehrzeit bestanden und in den Gruben von unten auf gedient. Aber es trieb ihn
gewaltsam weiter, der Bahn seiner Wissenschaft zu, und der Vater konnte es nicht
über's Herz bringen, den Willen des sonst so nachgiebigen Kindes zu brechen. Um
in Freiberg aufgenommen zu werden, wo es damals etwas aristokratisch zuging,
waren des Alten Verhältnisse nicht günstig genug; und Otto selbst entzog sich
gern dem Kreis seiner Gefährten, um der einmal erwählten Richtung bestimmter
folgen zu können.
    Der fröhliche Ohm fiel in der Neujahrsnacht dem ängstlichen Schwager wie
eine Bombe in's Haus: beide alte Herren contrastirten wunderlich, aber sie
vertrugen sich und Otto's Gegenwart brachte Leben in den kleinen Familienkreis.
    Anna atmete auf in seiner Nähe; er rief den Frohsinn wieder wach, den der
Familie Waldau Verlust in Schlummer versenkt hatte. Die beiden schönen jungen
Leute entwickelten sich im Umgange mit einander; und als im Verlauf der nächsten
Monate der allgemeine Entusiasmus auch sie erfasste, entfaltete der volle
kräftige Sonnenstrahl jener Tage ihre Kindheit mit zauberischer Schnelle zur
Jugendblüte.
    Es ist viel über jene Zeit geschrieben worden; - wer sie in gesunder Jugend
frisch durchlebt hat, dem wird keine der Beschreibungen völlig genügen; sie
hatte das mit der Liebe gemein, dass, obgleich sie in Aller Herzen widerhallte,
jeder Einzelne sie ganz anders durchfühlt, durchlebt oder durchträumt zu haben
wähnt als seine Genossen. - Am ersten März hatten die Verbündeten Frankreich den
Krieg erklärt.
    Der Herbst des nämlichen Jahres, der zum Frühling der Völkerfreiheit ward,
reifte das nun funfzehnjährige Mädchen zur Jungfrau und den um ein Jahr älteren
Knaben verhältnissmässig noch rascher zum Jüngling.
    Die ausgezeichneten Männer und Frauen, denen Anna im Waldau'schen Hause
begegnet war, hatten auch nach Josephinens Abreise das wunderbare Kind nie ganz
aus den Augen verloren. Trotz aller häuslichen Hemmungen ward Annen manche
schöne Gelegenheit geboten, ihre Anlagen zu entwickeln, ihr Zeichnen- oder
Sprachtalent zu fördern, und mit glühendem Eifer hatte sie instinctmässig jede
derselben ergriffen. Konnte dieser aphoristischen Bildungsweise nun gleich keine
gründlichere Kenntnis entwachsen, so hatten doch wenigstens geliehene Bücher,
freundliche Ermunterungen und gelegentliche ernstere Gespräche jeden edeln Keim
ihrer jungen Seele frisch und lebendig erhalten.
    Otto'n war es nicht so gut geworden, das Geistig-Schöne schlummerte noch in
ihm; er kannte nur die Poesie seines erratenden Gefühls, und hatte sich dagegen
eine Menge praktischer und empirischer Kenntnisse erworben, denen jetzt der
schnelle Zeitenwechsel störend entgegentrat. Um so entschiedener drängte sich
das volle wogende Freiheitsgefühl als poetisches Streben plötzlich in seine
Existenz.
    Rings im ganzen Lande stand Deutschlands Jugend auf, rüstete sich und
bildete Freicorps. Otto's Blut kochte; unaufhörlich lag er dem Bürgermeister an,
ihn nun auch mit in den Krieg ziehen zu lassen. Brief auf Brief trug die
flehentlichsten Vorstellungen nach Freiberg zu seinem Vater, aber die beiden
Alten blieben unerbittlich: Otto schien ihnen noch immer ein Kind.
    Wie viele heisse Tränen weinte der Bayard in der Knospe um seinen
unerreichten Ruhm! wie bebte Anna vor Zorn und Schmerz, als sein Vater endlich
mit einem Machtwort all diesen heroischen Plänen ein Ende machte und den Ritter
ohne Furcht und Tadel mit der Aussicht, zu Ostern immatriculirt zu werden, nach
Jena in Pension tat! Aber freilich begann für die beiden jungen Leute eine
Serie ganz neuer Leiden und Freuden durch diese Trennung.
    Das Jenaische Studentenleben hatte durch die Nähe Weimars für dort
Einheimische einen sonderbar eigentümlichen - fast könnte man sagen, einen
häuslichen Reiz. Da gab es zweimal die Woche Markt- und Botentage, an denen die
Gemüseweiber ihre grünen Waaren hinübertrugen und im Heimkehren Otto'n die von
der Tante besorgte Wäsche oder irgend einen für ihn bewahrten Leckerbissen, ganz
gewiss aber ein Briefchen von Anna überbrachten. Ach, man schreibt so gern mit
funfzehn Jahren!
    Und dann die Komödienabende, an denen er mit den Gefährten hinüberwanderte
und Anna von weitem im Parterre sitzen sah, ihr wohl gar beim Nachhausegehen
begegnete! Schon wenn er durch das Kegeltor singend mit seiner Landsmannschaft
einzog, war es möglich, sie am Fenster einer Freundin zu gewahren. Zum Onkel
durfte er nicht so oft, der schalt über die Verschwendung der acht Groschen, die
der Eintritt in's Teater kostete. Vor allem aber gab es eine Aussicht auf ein
noch nie genossenes Glück, das, Annen auf den ersten Ball zu begleiten, als die
bis dahin mit französischen Expeditionsbureaux angefüllten Säle endlich
ausgeräumt wurden und nach jahrelanger Pause wieder öfters getanzt werden
konnte.
    Arme Kinder! es sollte ihnen nicht so gut werden.
    Längst schon zog die Bürgermeisterin Sonntags keine rosa beschleiften
Negligées mehr an; sie war blass geworden und mager, und dann stiller und immer
stiller. Seit dem Tode der zwei kleinen Mädchen war sie nie wieder zu voller
Kraft gelangt; sie atmete schwer, und wenn sie mit dem Nähzeug Annen
gegenübersass, sank ihr die Arbeit in den Schoos, und sie konnte die Tochter so
halbe Stunden lang wehmütig ansehen, ohne mit ihr zu sprechen.
    Wenn die Buben einmal schrieben, oder zufällig einer ihrer Streiche dem
Vater zu Ohren kam, ging sie den ganzen Tag keichend und tief gebückt einher,
aber sie klagte nicht.
    Der Bürgermeister hatte seine Amtsgeschäfte im Kopf, er sah nicht, wie
bleich sie war; früh morgens ging er auf das Rathaus, das Mittagsmahl ward
eilig eingenommen, zu Nacht ass er nach türingischer kleinbürgerlicher Sitte
allein warm, die Andern nahmen mit einem Butterbrot fürlieb. Der Bürgermeister
hatte gar keine Zeit, den Zustand seiner Frau zu bemerken.
    Als nun einmal an einem wunderschönen Frühlingstage Otto als Fuchs, den Rock
am Stock, über der Schulter tragend, fröhlichen Sinnes mit andern Studenten zur
Aufführung der Räuber herüberkam, gewahrte er das Mädchen nirgends. Es trieb ihn
zu ihr hin, im Zwischenact eilte er in des Oheims Haus, öffnete schnell die
Zimmertür - er wollte sie überraschen - da lag die Tante schon auf der Bahre.
Anna sass still weinend zu den Füssen derselben; - der arme junge Freund hatte
nicht einmal von der kurzen Krankheit etwas erfahren.
    Wie er am Begräbnisstage vom Kirchhof heimkehrte, stand Anna am Fenster, sie
hatte das kleine, von ihr und der Verstorbenen bewohnte Gemach aufgeräumt, wie
zu der Mutter Zeiten, und blickte starr und besinnungslos die Gasse entlang,
ohne zu sehen; sie war nun fertig, mit Allem fertig; sie konnte sich durchaus
keinen Begriff der kommenden Tage, ja nicht einmal der nächsten Stunde machen.
    Sie bemerkte den eintretenden Otto gar nicht; als er sie leise umfasste und
an seine Brust zog, wehrte sie ihm nicht, hörte nicht die tausend
Schmeichelnamen, mit denen der arme Junge sie zu trösten versuchte. Ihr
Schweigen riss ihn weiter fort, ihre Nähe, die eine unbekannte Seligkeit durch
alle Pulse seines Lebens jagte, steigerte ihn - immer bestimmter in seinen
Wünschen und Empfindungen, schloss er damit, ihr zu sagen, wie unaussprechlich
teuer sie ihm sei, wie er nur einzig sie liebe und lieben werde, und wie sie
ihm vertrauen, den Vater nicht scheuen solle, Tag und Nacht wolle er arbeiten,
in vier bis fünf Jahren müsse er ganz gewiss schon eigen Brot haben, dann - dann
könne er sie heimholen, als seine Frau. Jetzt sah sie auf und mit den grossen
blauen Augen eine Secunde starr ihn an; enger umrankte sie sein Arm - Otto!
Otto! rief sie, was fällt dir ein. Ich - Du? aber das ist ja ganz unmöglich! und
mit einer heftig raschen Bewegung riss sie sich los und lief hinaus -
erschrocken, blindlings, unbewusst, den alten Weg hinüber, durch den Gang, der
nach Waldau's Wohnung führte; Jahrelang war die Türe verschlossen geblieben,
sie bedachte es nicht - jetzt wich sie bei der ersten Berührung - und mit einem
jubelnden Freudenschrei stürzte Leontine in Anna's Arme!
    Lange hielten sich die Mädchen eng umschlungen. Anna konnte es nicht
begreifen, keinen klaren Gedanken fassen, sie sah nur mit Entzücken ihrer
Freundin in das strahlende Gesicht.
    Aber hattest du mich denn nicht gehört, nicht meine Stimme erkannt? fragte
wieder und wieder Leontine; ich hatte ja geklopft, ich wollte ja zu dir, dich
überraschen.
    Plötzlich fiel Annen der Mutter Tod ein; sie brach in lautes Weinen aus und
die Tränen des herben Wehs und der kindlichsten Freude mischten sich auf der
jungen Mädchen Wangen. Allmälig wurde Anna ruhiger; sie konnte sprechen. Hand in
Hand gingen Beide endlich hinüber zur Generalin Geiersperg: Josephine hatte dem
Wunsch ihres verstorbenen Gemahls zufolge dem edeln Freunde ihre Hand gereicht.
    Der erste Augenblick des Wiedersehens war tief erschütternd, Josephine hatte
während Leontinens Abwesenheit den Tod der Bürgermeisterin erfahren. Als Anna
das Haupt aus der Umarmung der mütterlichen Freundin erhob, an deren Brust sie
lange leise geschluchzt, bemerkte sie einen jungen Offizier des
Freiwilligencorps, der neben ihnen stand und sie mit tiefer Teilnahme
betrachtete.
    Sieh', Anna, sagte Josephine, das ist mein Bruder, von dem ich dir so oft
erzählt, den ich bei meiner Heirat mit Waldau als kleinen Knaben verliess; es
ist, glaub' ich, eigentlich mein Sohn, fuhr sie lächelnd fort, indem sie mit den
Fingern über seine schönen braunen Locken hinstrich; er könnte es wenigstens den
Jahren nach wohl sein.
    Anna machte einen halbverlegenen Knicks und schlug die Augen nieder - dann
eilte sie mit Leontinen fort. Das ist ein wunderbar schönes Mädchen, flüsterte
der junge Mann, der bereits Verschwundenen immer noch nachsehend.
    Leontine war dreizehn Jahre alt und noch ganz und gar ein Kind. Sie hatte
alle ihre Puppen und all ihr Spielzeug mitgebracht, das sie nun vor Annen
ausbreitete. Anna sah wie ihr Schutzengel aus, als sie so ernst und freundlich
neben der am Boden Knienden stand, die immer neue Herrlichkeiten aus einem
Köfferchen hervorzog. Sie dachte unwillkürlich an Madame Sophie. Und weisst du
denn nicht, wo jetzt Duguet ist? fragte sie Leontinen.
    Ach, sagte diese, seit vielen Monaten haben wir nichts mehr von ihm gehört.
Er hatte in Dresden Sophien nicht gefunden, und der gute Mann ist nun bei unsern
Feinden, bei den Franzosen, - wer weiss, ob er nicht mit gegen uns fechten muss.
    Anna sah mit einem Male so mitleidig und traurig aus, dass der junge
Offizier, der eben mit Josephinen eingetreten war, laut ausrief: Aber das
Mädchen ist ja wirklich ein Engel!
    Die Kinder hörten es nicht, sie waren zu sehr miteinander beschäftigt.
    Josephine blieb nur wenige Tage, sie ordnete ihre Geschäfte und den Verkauf
des grösseren Teils ihrer Mobilien, packte ihre Kunstschätze und bereitete sich
vor, nach Berlin zu gehen, wo sie Geiersperg erwarten sollte. An dem glücklichen
Ausgange des Kriegs zweifelte damals schon Niemand, man zitterte nur der Opfer
wegen, die er vom Einzelnen fordern musste.
    Roderich, der Generalin Bruder, hatte schon am folgenden Tage Weimar
verlassen, er war zu seinem Regiment zurückgeeilt.
    Auch Otto hatte nach Jena zurückgemusst, und zwar ohne Annen wiedergesehen zu
haben, die Josephine den ganzen Tag bei sich behalten hatte. Aber er gönnte der
Geliebten den ihr wie vom Himmel zugefallenen Trost des Wiedersehens ihrer
teuren Freunde und trug sein Herz voll himmlischer Träume und Hoffnungen nach
Jena hinüber. Mit brennender Sehnsucht erwartete er dort den nächsten Sonnabend,
an dem er wieder nach Weimar zu kommen gedachte; er hatte keinen rechten Mut
zum Schreiben, denn die erste Liebe macht ja des Jünglings Herz schüchtern, wie
das der Jungfrau. Auch hatte sein Gefühl plötzlich die Welt zur Ewigkeit
ausgedehnt, zu der hinüber die Liebe tausend Brücken schlug; was galten ihm acht
Tage, blieb sie ihm von nun an auf immer!
    Josephine ging am nächsten Morgen zum Bürgermeister, was noch nie geschehen
war, und blieb zwei volle Stunden bei ihm. Als sie aus seinem Zimmer trat,
sprang ihr Anna entgegen, sie drückte das schöne Kind freundlich an's Herz und
sagte weich und innig: Liebe Anna, du gehst mit uns nach Berlin; dein Vater hat
mir erlaubt, dich auf ein Jahr mitzunehmen.
    Anna zitterte und weinte vor Schmerz und Glück, sie umarmte bald Josephinen,
bald ihren Vater, Leontine jauchzte und tanzte im ganzen Hause umher, sie war
ausser sich vor Freude.
    Gerade acht Tage nach dem Begräbnis der Bürgermeisterin reisten sie ab; Anna
schrieb einen herzlichen, ja fast zärtlichen Abschiedsbrief an Otto; des letzten
Gesprächs erwähnte sie mit keinem Wort.
    Als er das Blatt gelesen, packte Otto sein Ränzel und verliess Jena. Der alte
greise Vater erfuhr es erst hinterdrein und musste das einmal Geschehene
ertragen, wenn er es auch nicht gutzuheissen vermochte.
 
                                      1822
An einem der bis zur Erde hinabreichenden Balkonfenster, die eine
Eigentümlichkeit der Bauart des alten Berns sind, sass eine elegant gekleidete
junge Frau und blickte gedankenschwer vor sich hin in die klare Gebirgsweite.
    Die Alpengipfel begannen aufzuleuchten, im Tal war die Sonne bereits
verschwunden; das lichte Grün der vorliegenden Unterberge ward noch einen
Augenblick von ihrem schwachen Widerschein erhellt, im Hintergrunde der
Landschaft aber, da wo sich die Hügelkette weitete und hob, färbten sich die
mattern Abendtinten zu tieferem Purpur, violett und blau; - langsam rollte die
Dämmerung ihr Dunkel darüber hin, und hell und heller durchflammten es die
rosigen und goldgelben Spitzen der Gletscher.
    Die beiden Eiger, die Breiten- und Blümelisalp, eine nach der anderen
erglühte; nur das finstre Aarhorn streckte über seine Schneescheitel noch zwei
schwarze Felsspitzen in den heitern Abendhimmel, deren gerad' ansteigende
Flächen keine Schneedecke dulden.
    Alle diese Herrlichkeit überflog das ernste Auge der schönen Frau, dann
schaute es so fest in sie hinein, als ob es noch darüber hin in's Weite sähe.
Sie hatte den einen Arm auf die eiserne Balustrade gestützt; der liebliche Kopf
ruhte in der schmalen, von blonden Locken überflossenen Hand. Dieses Anlehnen
hatte etwas Mattes, Müdes, das Auge aber, das so durchdringend die Ferne suchte,
war dunkel und frisch wie die Veilchen der Eisspalten am Rande der Gletscher.
    Zu ihren Füssen, dicht vor ihr, lagen auf einem Teppiche zwei kleine fünf-
bis sechsjährige Knaben, die sich zankten und den Beschwichtigungen einer
englischen Kinderfrau Trotz boten. Die blonde Frau hörte nicht darauf.
    Jetzt trat ein stattlicher schöner Mann von einigen dreissig Jahren in's
Zimmer und zu ihr; eine Secunde lang hob sie die Augen, senkte sie aber sogleich
wieder auf die Gegend hin.
    Als sich jedoch der junge Mann in ihrer Nähe auf ein Sopha setzte, schien
sie sich zu besinnen, wandte sich rasch zu ihm und begann ein heiteres Gespräch.
    Nun ja, erwiderte er, mir ist es am Ende auch recht. Ich kann es hier so gut
abwarten, wohin sie mich versetzen, als in B., nur sehe ich nicht ein, warum das
nicht eben so leicht nach Rom, Florenz oder Neapel sein könnte, als nach jeden
andern Ort. Graf Fink ist zu alt, er kann dem Posten nicht länger vorstehen,
Baron Stein will nach Deutschland zurück; wir aber haben drei volle Jahre in
Italien zugebracht, kennen das Terrain, und -
    Ich glaube nicht daran, sagte Anna, ich fürchte, wir müssen uns an den
Gedanken eines nördlichen Aufentalts gewöhnen. Wär'st du, lieber Roderich, nur
erst völlig hergestellt.
    Torheit! versicherte ihr Gemahl, meine Brust ist wieder kräftig; ja, ich
denke, sobald ich nur diese mich beengenden Berge und ihre verdammten
weichlichen Molken hinter mir habe, werde ich reiten können wie sonst.
    Lass dir noch die wenigen Wochen Ruhe, bat sie, sind wir doch jetzt aus dem
eigentlichen Hochgebirg heraus und hier in der Stadt, wo du mehr Zerstreuung
hast, der Umgang mit den Professoren und sonstigen Honoratioren ist ja so übel
nicht, und dann - sie zog ihn zu sich an's Fenster - sieh' doch diese Pracht
nicht mit so unstätem Blick an, der Geschäfts- und Gesellschaftswirbel wird dich
bald genug wieder erfassen!
    In diesem Augenblick übertönte das Geschrei der beiden Kinder das Gespräch
bis zu gänzlicher Unterbrechung. Der Wärterin Beruhigungsmittel reichten nicht
mehr aus. Die Mutter eilte, den Jüngsten in die Arme zu nehmen und dadurch dem
Streite ein Ende zu machen.
    Die Buben werden unerträglich ungezogen, schalt Graf Kronfeld - so hiess der
junge Mann - ich werde diese Interimszeit benutzen, ihnen einen tüchtigen
Hofmeister zu suchen.
    Den sechsjährigen Kindern! lachte Anna.
    Egon ist im siebenten.
    Seit gestern, und die heutige Unart stammt, glaube ich, noch direct vom
Geburtstagskuchen her.
    Aber, liebe Anna, mit funfzehn Jahren kann der Eine Offizier sein, mit
achtzehn der Andere eine diplomatische Carriere beginnen. Wir können doch unsre
Söhne nicht wild aufwachsen lassen wie diese Alpenpflanzen.
    Anna seufzte. Nach einer Weile ward sie heiterer und als sich die Wärterin
mit den Kleinen entfernt hatte, fuhr sie fast neckend fort, während sie die
Blumen ordnete, die Kronfeld im Eifer seines Vergleichs auf den Tisch geworfen:
    Du scheinst einen ganz ausserordentlichen Wert auf eine möglichst frühe und
möglichst vielseitige Entwickelung zu legen. Müssen denn nun unsere Söhne
durchaus in der Diplomatie Pferde zureiten und im Kürass ministerielle Noten
dechiffriren?
    Warum nicht? wenn sie es gescheiter machen als ihr Papa, nicht vom Gaule
fallen, wenn er durchgeht, und sich nicht gerade in dem Augenblicke verlieben,
in dem sie einen Cabinetsbefehl studiren sollen. Er war aufgestanden und blickte
ihr freundlich in die Augen; sie lächelte ihm zu: man sah, Beide belebte eine
angenehme Erinnerung.
    Sie standen, zwei vollkommen edle, wahrhaft schöne Gestalten, neben
einander, der Graf war lichtbraun, gross, von aristokratischem, doch kräftigem
Gliederbau; man sah ihm weder den frühen Lebensgenuss, noch die frühe
Geistesarbeit an.
    Warum, fragte er weiter, sollten sie nicht eben so lebhaft an ihrem
Vaterlande hangen wie ich? Warum sollen die Jungen zu ihrer Zeit nicht auch für
die Freiheit schwärmen und sie jubelnd begrüssen, ohne dass sie deshalb gerade
Wartburgenser zu werden brauchen, oder gar ihr Ehrenwort brechen, wie leider,
leider so Mancher unserer jetzigen Jugend? Ist es mir selbst doch schwer genug
geworden, den Glanz jener Tage in uns Allen nach und nach ermatten und
verdumpfen zu sehen. Warum sollte ich nicht hoffen, dass meinen Kindern auf der
nämlichen Bahn ein besseres Loos blühen werde?
    Weil sie keinen Freiheitskrieg wirklich mit zu durchfechten haben werden,
weil, eh' sie erwachsen, ganz andere Interessen die Welt bewegen müssen, und
endlich, weil es eben dem Herrn Papa recht sehr schwer geworden, den kurzen
Kriegestraum zu vergessen, die Uniform wieder an den Nagel zu hängen und in die
alte abgemessene Laufbahn zurückzukehren.
    Kronfeld seufzte. Sehr wahr, indessen habe ich mich doch darein gefunden.
    O ja, bis auf das Zureiten wilder Pferde, was, soviel ich weiss, nicht zum
Chargé d'affaires gehört.
    Immer kommst du darauf zurück.
    Weil es uns zurückbringt in's Vaterland, lieber Freund, das du übrigens
fürchte ich, sehr verändert finden wirst.
    Wollen sehen, brummte Kronfeld. Ich bin aber genesen, und es kann auch
anders kommen, und wäre überhaupt gar nicht dahin gekommen, wenn die
italienischen Aerzte besser wären, und wenn die dumme alte Wunde nicht gerade
dem Armbruch so nah' - ich hätte bleiben können, sollen.
    Roderich! Du hast Mutter und Schwester am Brustleiden verloren.
    Aber Josephine? ist sie nicht gesund und kräftig? bin ich's nicht auch?
Haben mich die vielen Reisen angegriffen? Hast du mich vor dem unglücklichen
Sturze klagen hören?
    Anna wollte etwas erwidern, als sie durch den Eintritt einer alternden,
trotz den ergrauenden Haaren noch immer hübschen Frau unterbrochen ward, deren
äussere Erscheinung zwischen der einer Dienerin und einer bürgerlichen Hausfrau
in sehr glücklich gewählter Mitte stand. Sie war ein wenig altmodisch gekleidet,
mit kurzen Aermeln, ein klares etwas gesteiftes über einander gefaltenes
Battisttuch umschloss ihren Hals, die schwarze seidene Schärpe mit den
Seitentaschen fehlte auch nicht, die Französin war vom Scheitel bis zum
zierlichen Fuss unverkennbar. Auch sprach sie Französisch und nur zuweilen ein
übelbehandeltes Deutsch. Ihr erster Blick suchte die Knaben, dann übergab sie
der Frau Gräfin eine Visitenkarte.
    Kann weder der Jäger, noch der Bediente sie bringen, Sophie? fragte der
Graf, etwas gereizt. Sie wissen, ich liebe dergleichen Unordnungen im Dienst
nicht.
    Verzeihung, Herr Graf! aber -«
    Mein Gott! rief Anna, welche die Karte angesehen, mein Vetter Otto!
    Was? der kleine Bergstudent, der deinetwegen in die weite Welt lief?
    Ist nun gross und stattlich geworden, beinahe so stattlich wie der gnädige
Herr, versicherte Sophie. In einer Stunde will er wieder anfragen. Er ist ein
gelehrter Professor, in Basel geworden, und der Wirt erzählte mir, er sei ein
entsetzlich berühmter Mann und habe irgend was entdeckt; auch zogen eine ganze
Menge Schüler hinter ihm drein.
    Das ist ja kaum möglich, sagte Anna, die Karte wieder und wieder überlesend,
der ganze Mensch ist ja doch erst fünfundzwanzig Jahre alt.
    Wird auch nicht so arg sein, meinte Kronfeld. Ma bonne ist immer freigebig
gegen ihre Lieblinge gewesen und hat auch mich vom Secondlieutenant zum
Hauptmann avanciren lassen.
    Aber der Herr Graf sind es ja doch auch nachher geworden, sagte seufzend
Sophie, eine weit zurückliegende Erinnerung umflorte ihr Auge.
    Leider ja, durch das Abschiedspatent. Ach, liebe Sophie, das waren schöne
Tage, obschon du während derselben meine Freundin und Feindin zu gleicher Zeit
gewesen bist. Aber wir wollen nicht davon reden, ich bin nun ein ergrauender
Diplomat und muss meine Jungen versorgen.
    Die Kinder waren längst wieder hereingeschlichen, sie hingen an Sophie wie
Kletten.
    Jungens, wollt ihr einen Hofmeister haben?
    Von Pfefferkuchen, Papa? fragte der kleinste.
    Nein, nein! schrie der älteste, ich mag keinen Hofmeister.
    Anna stand immer noch da, wie eine Träumende; es war dunkel geworden, die
Bedienten hatten den Tee servirt und Licht gebracht. Sie schaute gedankenvoll
in die kleinen Flammen derselben, wie früher in die leuchtenden Alpen hinein;
endlich sagte sie gepresst: Ich wollte, ich hätte ihn wiedergesehen.
    Fürchtest du die Erinnerung? fragte Kronfeld.
    Ja, erwiderte Anna, an seinem Bilde hängt das meiner ganzen Kindheit.
    Ich bitte dich, liebe Anna! sprach Kronfeld, plötzlich wie durch Zauber ein
Andrer geworden, indem er so edel und ruhig vor sie hintrat, dass sie
unwillkürlich zusammenschrak, als habe sie etwas Ungerechtes gedacht, ich bitte
dich, bedenke, wie sehr dieser junge Mann dich geliebt hat und was er gelitten
haben mag; sei besonnen! Ich will noch einen Augenblick zu Lady Frederic
hinübergehen, fuhr er französisch, mit einer leichten Wendung zu Sophien fort,
bringen Sie die Knaben zu Bette oder übergeben Sie sie der Betty; ich kehre bald
zurück. Wenn der Herr Professor Schulze kommt, wird Madame wohl die Güte haben,
ihn anzunehmen und zu unterhalten, bis ich wieder hier bin.
    Anna blieb allein. Sie hatte längst ihre heitere Fassung wieder errungen,
als nach etwa einer halben Stunde ein Bedienter den Professor anmeldete. Otto
hatte sich vorteilhaft entwickelt; er war sehr gross geworden und seine ehemals
zu kleinen, zusammengedrückten Züge hatten sich ausgearbeitet und erweitert,
sein Gesicht war bleich, aber auffallend schön. Rasch trat er auf Annen zu, als
wollte er sie in die Arme schliessen, dann wich er um ein Paar Schritte zurück
und stand fast ungeschickt verlegen vor ihr, ohne das begrüssende Wort sogleich
finden zu können.
    Lieber, lieber Otto! rief Anna, ihm die Hand reichend, wie freue ich mich,
dass du da bist.
    Wirklich, Anna! wirklich? es freut dich? Er zog ihre Hand einen Augenblick
an sein Herz, liess sie aber sogleich wieder los. Nun, so freut es mich auch.
    Ohne ihre Aufforderung abzuwarten, setzte er sich, gepresst nach Atem
ringend, auf einen Stuhl ihr gegenüber; sie nahm ihren Fauteuil am Fenster
wieder ein. Nun betrachteten sich Beide einige Minuten lang schweigend; in
Beider Züge strahlte die Freude an des Andern Erscheinung.
    Und du bist schon Professor, Otto? nahm endlich Anna das Wort, und wo?
    Vorläufig nur in Basel. Ich bin nach der Schweiz gekommen, um einige
Localbeobachtungen zu machen. Eine Entdeckung, die mir in die Hand gefallen, hat
mir hier überall die Leute gewonnen. Sie haben mir die in Basel erledigte
Professur angeboten, die manche Vorzüge hat; meine Zeugnisse waren gut. Ich habe
die Stelle angenommen. Ein paar Jahre werde ich bleiben. Ich studire Schwedisch,
ich will später zu Berzelius, er ist der Einzige, der mich anzieht. Davy ist
noch in Italien.
    Du bist gerade so geworden, wie ich mir dich dachte, sagte Anna, nur noch
geschwinder, als ich es erwartete.
    Ja, siehst du, erwiderte Otto und wurde feuerrot, ich sagte dir's im
Voraus. Du aber bist sehr vornehm geworden, eine Gräfin, eine grosse Dame, du
hast Lakaien und Jäger, Kammerdiener und Zofen, und du hast auch noch deine
prächtige alte Madame Sophie, von der du mir so oft erzähltest; ich habe sie den
Augenblick nach deinen Worten wieder erkannt.
    Ach, die Arme, fuhr Anna fort, froh, das gefahrlose Tema erfassen zu
können, sie hat vor einigen Jahren ihren durch so viele Gefahren hindurch
geretteten Sohn nun doch verloren. Der arme junge Mann ist an den Folgen einer
Wunde gestorben, die er an den Ufern der Beresina erhalten hatte.
    Wir waren nach Italien gegangen; Kronfeld konnte nach mehrjährigem
Kriegsleben sich nicht sogleich an die diplomatische Laufbahn gewöhnen, die ihm
frühere Studien und Vorbereitungen anwiesen. Dort angelangt, übernahm er
indessen doch einzelne geschäftliche Sendungen und diplomatische Reisen und ward
endlich als Attaché der preussischen Gesandtschaft in Mailand angestellt. Etwa
zwei Jahre nach meiner Vermählung gingen wir dahin ab. Da trat eines Abends auf
der Strasse eine todtbleiche und, wie es schien, todtmüde Frau auf mich zu und
fragte mich nach mir selbst; sie hatte mich nicht erkannt.
    O! sagte Otto, das ist natürlich, du bist unglaublich schön geworden; aber
ich - hätte unter Tausenden dennoch dich erkannt.
    Als ich den Klang der lieben, wohlbekannten Stimme hörte, rief ich laut
ihren Namen; sie fiel ohnmächtig auf das Steinpflaster, noch ehe ich sie in
meinen Armen aufzuhalten vermochte. Wir liessen sie sogleich nach unserer Wohnung
bringen, von da an hat sie bei uns gelebt. Auch an der Beresina hatte sie ihren
Marc trotz seiner Wunden glücklich am Leben erhalten, in der Schlacht bei
Leipzig, die der kaum Geheilte wieder mitfocht, erhielt er eine nicht
gefährliche Quetschung am Bein von dem Druck einer Kanonenkugel, die ihn aber
dienstunfähig machte. Sie flüchtete mit ihm nach Frankreich, wohin eine fast
fanatische Verehrung seines Kaisers ihn zog; dort blieben sie. Die gute Sophie
musste zuletzt zu so mancher äusseren Not einen gewaltigen inneren Kampf
bestehen, als die Bourbons wieder auf den Tron kamen und sie ihrem Herzen nach
sich über die erneute goldne Zeit zu freuen hatte, während sie mit Marc die
untergegangene Sonne des Kaisertums beweinte. Marcs Entusiasmus für den
Gefallenen fristete ihm eine Weile das Leben, im beglückenden Traume der hundert
Tage endete er. Duguet war bei Geierspergs geblieben, indessen wollte es mit dem
neuen Herrn nicht recht gehen; er folgte seiner Frau nach Paris. Als aber die
redlichen Menschen ihren Sohn begraben hatten, war es ihnen am natürlichsten,
mich aufzusuchen und sich meinem Schicksal anzuschliessen. Sophie nimmt sich
jetzt meines Hauswesens an, wie einst des Waldau'schen, und pflegt meine Kinder.
    Kinder! Du hast Kinder? Eine nicht zu bewältigende Rührung überhauchte die
aufblitzende Empörung in Otto's Zügen. Er schwieg. Auch Anna fand kein Wort; es
war gut, dass eben jetzt Kronfeld eintrat. Nach einer Stunde schon standen Anna
und Otto einander ohne Verlegenheit gegenüber. Beim Abendessen hatten die Männer
bereits eine Menge gemeinschaftlicher Gesprächs-Interessen und jede Spur von
Verlegenheit war verschwunden.
    Anna ging früh auf ihr Zimmer. Sie fühlte sich todtmüde. Denken mochte sie
nicht. Kronfeld fand sie schlafend, als er durch ihre Stube in die seine ging,
er beleuchtete sie scharf mit dem Lichte, das er in der Hand hielt. Sie schlief
wirklich. Bin ich nicht ein Tor! lachte er vor sich hin und schlich leise
vorüber.
    Am nächsten Morgen war Anna ihrer vollen Kraft sich wieder bewusst. Nein,
sagte sie, ich wäre doch nicht glücklicher mit ihm. Was er forderte, hatte ich
damals nicht, hätte es wohl auch jetzt nicht für ihn. Er wird mich vergessen; er
hat es wohl schon tausend Mal getan in dieser langen Zeit. Aber ihr Herz strafte
sie Lügen.
    Otto hatte sie nicht vergessen; er hatte nur nicht Zeit gehabt, den Schmerz
zu hegen, der ihn so gewaltig ergriffen, denn er hatte zuerst sich in den Krieg
gestürzt, und als dieser endete, tief in seinen Studien sich vergraben. Die
Nachricht von Anna's Heirat hatte ihn, da sie gleich nach Beendung des ersten
Feldzugs vollzogen worden, schon in Paris erreicht. Ein paar leere Liebeleien,
ein paar Momente des Sinnenrausches abgerechnet, hatte die Liebe sein Leben
nicht eher wieder berührt, als eben jetzt in Bern, wohin er in den Ferien
gekommen war. Anna's Wiedersehen verlöschte den leichten Eindruck und gab ihn
der alten, nie ganz überwundenen Qual zurück.
    Die ersten Tage vermied er sie, dann führte ein Zufall ihn ihr wieder zu.
Sie hatte sich auf eine so verwandtschaftlich sichere Weise zu ihm gestellt, dass
ihm sehr bald bei ihr am ruhigsten zu Mute ward.
    Männer wie Otto, die ihre Kindheit und Jugend in den Mittelständen verlebt
haben, sind dem Einfluss des aristokratischen Benehmens vornehmer Frauen in hohem
Grade ausgesetzt. Ohne eben verlegen zu sein, fühlen sie dennoch in höheren
Gesellschaftskreisen sich etwas unsicher; um Alles in der Welt möchten sie
keinen Verstoss begehen, besonders plagt sie eine geheime Scheu, lächerrlich oder
gar ungehobelt zu erscheinen; so geben sie unbewusst der Einwirkung einer
anmutigen, nicht schwer sie niederdrückenden Ueberlegenheit sich hin. Schlägt
doch diese Ueberlegenheit über all solche Abgründe leicht fliegende Brücken,
erscheint sie doch so unbedeutend, der Gewalt und Kraft des männlichen
Charakters gegenüber - nur bestimmt sie in all ihrer Unbedeutenheit erst diesen,
dann den nächsten Augenblick, reiht Schritt an Schritt und Stunde an Stunde. Und
auf diese Weise ist manche vornehme und sogar manche dabei recht hässliche und
nicht sonderlich geistreiche Frau zur Circe gescheiter und ausgezeichneter
Männer geworden.
    Und nun Anna, Anna, die mit dem sichersten Weltanstande das einfache,
wohlwollende Gefühl eines Kindes vereinte, Anna, die nichts für sich suchte,
keine Art heimlichen Strebens hinter angenommenen Formen barg, in der Alles
lauter Wahrheit geblieben war, wie hätte Otto sich ihr zu entziehen vermocht!
Bald sah er sie täglich; sie war wieder eben so freundlich und herzlich zu ihm
als in den Zeiten ihres früheren Beisammenlebens. Wie hatte sie jede Erinnerung
derselben sich zu bewahren gewusst! und dennoch mischte sich auch nicht die
leiseste Andeutung eines Gedankens seiner damaligen Liebe in diese Bilder, die
sie im magischen Glanze seinem Blicke täglich aufs Neue entfaltete; ja, oft
vermochte er, ihr gegenüber, selbst kaum mehr daran zu glauben, dass sich damals
sein leidenschaftliches Gefühl gegen sie ausgesprochen, dass er in jener
unvergesslich schönen, traurigen Stunde ein Glück geträumt, vor dem ihm jetzt
schwindelte, dass er seine heissen Wünsche ihr gestanden, seine Hand ihr geboten.
    Und doch war Otto keiner von den Männern, die sich die Vergangenheit
absprechen, sie annulliren wollen, weil sie nicht mehr in ihre Gegenwart passt.
Der helle Strom des Lebens floss ihm voll und tief durch die Seele und er scheute
den Rückblick auf dessen veränderte Ufer nicht. Es ist unbegreiflich, wie wenig
Menschen den Mut haben, wirklich glücklich oder elend zu sein, wie die meisten
aus purer Feigheit mit einem Mittelzustande sich begnügen. Otto traute sich zu
beiden die Kraft zu, darum schloss er die Augen nicht vor dem, was abgegrenzt,
schmerzlich weit hinter ihm lag; er vergass es nur momentan, weil sie es so
wollte.
    Anna dagegen berührte das Verlassen ihres väterlichen Hauses ungern. Es war
der Wendepunkt ihres Daseins gewesen, es hatte ihrer Existenz eine andere
fremdartige Färbung gegeben, die sie nicht mit Bewusstsein sich gewählt, die
nicht ihr ganzes Wesen durchdrungen; in einzelnen Stunden war sie sich dessen
bewusst.
    Wenn sie von ihrer Mutter sprach, war es von deren Leben, ihren Tod erwähnte
sie nie. Sie sprach überhaupt ungern vom Tode - er ist so rätselhaft, sagte
sie, und darum schaudert mir vor ihm; es geht mir wie den Kindern, die sich vor
allem fürchten, was sie nicht kennen. Könnte ich ergründen, was der Tod ist, mir
würde nicht mehr bangen.
    Anna ehrte die christlichen Dogmen aus innigster Ueberzeugung, nur, äusserte
sie oft, hat Christus selbst zu wenig über den Tod gesagt, denn die Auferstehung
erklärt den Tod nicht; sie springt über das Grab hinaus in einen neuen Zustand
mitten hinein.
    Auch die Fabel der Alten, das schöne Bild geistiger Verklärung, der
Psyche-Schmetterling, genügte ihr nicht. Die Raupe ist geflügelt worden, hat
ihre Farben gesteigert, ihre Formen entwickelt und hinterlässt die Larve, wie
eine Blume ihre Knospenkapsel, aber des Menschen Leib verwelkt und bricht
endlich ganz und gar zusammen, ihm entsteigt keine sichtbar veredelte und doch
seiner Urform verwandte Gestalt. Ich glaube an die Fortdauer, eben darum graust
mir vor den unlösbaren Rätseln des Todes.
    Als du ein Kind warst, erwiderte Otto lächelnd, hast du mich oft mit
dergleichen Fragen und Äusserungen geplagt, die ich, der Sprache nie sonderlich
mächtig, dir nicht zu beantworten vermochte. Weisst du noch, wie ich mir damals
half? Ich zeigte dir auf einem der Blätter im grossen Bilderbuche der Natur die
Antwort. Ich will's heute wieder so machen und aus unscheinbaren Substanzen, aus
Gas und formenlosen Stoffen eine Gestalt dir erwecken, die wir zu den Urformen
der unorganischen Natur zählen. Er liess nach bekannten chemischen Proceduren
einige Stoffe sich krystallisiren und fragte ganz trocken: Auf die Grösse kommt
es dir doch nicht an? Nun, könnte denn die flüchtige Substanz der Seele im
Uebergange mit uns noch unbekannten Stoffen sich nicht wie dieser Krystall zur
eigenen Urgestalt erwecken? Da hättest du die Auferstehung des Geistes, die
Verklärung seiner früheren, verborgenen Wesenheit. Lass den Körper als blosse
Schale der Erde.
    Du bist, sagte Anna, trotz all deiner Gelehrsamkeit immer noch der alte
philosophirende Phantast, und glaube mir, ich bin immer noch das gläubige, aus
allen Kräften der Seele aufhorchende Kind.
    Ja, ja, sagte Kronberg ein wenig schläfrig, Sie beide harmoniren als
unbewusste Poeten im Märchenfache, das merke ich; gedenken Sie aber einmal der
Realität eines unpoetischen, ungelehrten, krüppelhaften -
    Und krystallisiren Sie ihn in seine Urform als Whistspieler, setzte Anna
scherzend hinzu.
    Allerdings spielte ich gern, wenn wir einen vierten Mann hätten.
    Vor dem todten Whistmann fürchte ich mich gar nicht, versicherte Anna.
    Und alle Drei setzten sich lachend an den Spieltisch und Kronberg fand seine
Frau allerliebst.
    Kronberg war ein wirklich gebildeter, unterrichteter Weltmann; die
Naturwissenschaften aber waren damals keineswegs ein Gemeingut der Gesellschaft.
Nur wenn durch seine Anwesenheit ein hochberühmter Reisender sie zum belehrenden
Gesprächsstoff umschuf, erweckten sie ein durchgehendes Interesse, das demnach
in den meisten Fällen entschieden der Persönlichkeit des Erzählers viel zu
danken hatte.
    Es war daher Kronberg durchaus nicht zu verargen, dass ihn Otto's Gespräche
mitunter langweilten und er sich ärgerte, dass, wie er oft Annen versicherte, ein
so grundgescheiter Mensch nicht im Stande sei, eine ordentliche Conversation zu
machen - und nicht einmal dir gegenüber! setzte er kopfschüttelnd hinzu.
    Eigentlich hatte Otto überhaupt noch nie ordentlich mit einer Dame
gesprochen; die jungen Mädchen, mit denen er auf selten besuchten Bällen
verkehrt hatte, verstanden es eben so wenig als er, ein fortgesetztes Gespräch
zu führen. In so jungen Jahren ist es meistens der Liebe allein vorbehalten, die
Brücke des Verstehens zwischen den Geschlechtern zu schlagen.
    In Bern erst war er einem Mädchen begegnet, mit der zu reden ihm gelungen
war, er wusste kaum selbst, wie es zugegangen. Es war die Tochter eines armen
Schreiblehrers. Der Vater, gelähmt und altersschwach, wünschte sie in einem
Institute, in welchem er selbst bisher den Dienst versehen, an seiner Statt als
Lehrerin unterzubringen. Die dem Plane sich entgegenstellenden Schwierigkeiten
hatten Otto in dem Hause, in welchem er bei einem älteren Collegen wohnte, mit
dem hübschen Vrenely zusammengeführt. Die Professorin interessirte ihn für das
arme Kind und suchte seine Fürsprache bei dem ihm befreundeten Institutsdirector
für dasselbe zu gewinnen.
    Trotz ihrer niederen gesellschaftlichen Stellung war das Vrenely ungemein
beliebt in Bern. Der Vater mochte auch wohl bessere Tage gekannt haben,
wenigstens hatte er seinem Töchterchen eine sorgfältige Erziehung gegeben. In
einigen höheren Kreisen freundlich aufgenommen, hatte das schöne junge Mädchen
durch die Lieblichkeit seiner äusseren Erscheinung, durch die Anspruchlosigkeit
seines ganzen Wesens die regste Teilnahme sich erworben.
    Vrenely war durchaus von Anna verschieden; sie hatte wenig Mut, aber viel
Pflichtgefühl, das den Mangel an jenem übertrug, und so unternahm sie in fast
gleicher Lage mit der, aus welcher Anna zu ihrer jetzigen Stellung durch die
Generalin von Geiersperg gelangte, ihren eigenen Weg zu gehen, weil sie für
ihren Vater es als nötig erkannte. Mit vierzehn Jahren schon hatte sie kleine
Kinder im Lesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet und den Alten fast ganz und
gar erhalten. Jetzt war sie siebenzehn. Es war die Rede davon, sie bei einem
Doppelinstitute für Knaben und Mädchen, statt besoldeten Lehrers, die Stunden
geben zu lassen; der Fall war noch nicht vorgekommen und der grösste Teil der
Gesellschaft interessirte sich für sie und ihr Anliegen.
    Vrenely war, wie sonst wohl eigentlich echte Katoliken zu sein pflegen,
fromm und still die lange Arbeitswoche, ja den ganzen Sonntagsmorgen hindurch,
dann aber nach vollendetem Geschäft fröhlich und guter Dinge, als breite das
Leben einen Reichtum von Festtagen um sie her. Sie hatte den vollen kräftigen
Wunsch, das Dasein zu geniessen, aber auch den Genuss zu verdienen. Sie hoffte
unendlich viel von der Zukunft und stellte in ihrem Herzen jedem Worte, das sie
ihren kleinen Zöglingen vorschrieb, eine mit allen Farben einer regen Phantasie
ausgeführte Initiale voran, aus Engeln und Blumen zusammengesetzt; aber alle
flossen in einen einzigen Wunderrahmen zusammen, der sich um ein schönes
ritterliches Heiligenbild hinzog, als sie Otto gesehen. Er fand sie fast jeden
Abend bei der alten Professorin; ihr gefälliges Äussere und ihre Herzensgüte
gewannen ihn. Das Mädchen schien ihn zu lieben, aber sie dachte weder an Liebe
noch an Heirat dabei, sie dachte nur - an Ihn. Sie hatte auch gar keine Zeit,
ihr Gefühl zu betrachten oder zu analysiren; sie liess es in sich walten, wie man
die Sonne sich bescheinen lässt.
    Da sah Otto unvermutet Annen wieder. Es war vorbei, er dachte nicht mehr an
das Vrenely; er kam gar nicht mehr herunter zur alten Frau Professorin und hatte
des selbst kein Arg. Ihn hatte eine höhere Gewalt ergriffen, seine Seele war wie
von einem Blitzstrahl durchleuchtet, er konnte sich auf nichts Anderes besinnen.
    Anna war wirklich unbefangen geworden; sie hatte die kurze Störung einer ihr
unsäglich lieben Vergangenheit vergessen wollen, um den Jugendfreund sich zu
bewahren, und es war ihr gelungen. In solchen Fällen ist das Gemüt der Frauen
beweglicher, ja wechselnder, als das der Männer.
    Mit jedem Tage fühlte sich Kronberg mehr und mehr gesunden; er betrachtete
sich als völlig hergestellt und stand in eifriger Correspondenz mit dem Fürsten
H., dem allgewaltigen Minister, der ihm gewogen war und durch dessen Gunst er
eine wirkliche Gesandtenstelle in Rom, Florenz oder Neapel zu erlangen hoffte.
Die nächsten Wochen, oder wenigstens die nächsten Monate mussten hierüber eine
Entscheidung bringen. Kronberg schwankte, ob er dieselbe in der Schweiz abwarten
solle oder nicht.
    Die Verhältnisse in Deutschland waren ihm unangenehm, sie drückten ihn. Mit
einer rein legitimen, fast ritterlich poetischen Anhänglichkeit an König und
Vaterland, die ihm sein kurzer Kriegerstand zurückgelassen, verband er den schon
damals erwachenden, in unsern Tagen so allgemein und allgewaltig heranwachsenden
Drang nach persönlicher Freiheit; die amtlichen Verhältnisse, wie günstig sie
sich ihm auch gestalten mochten, ekelten ihn an; die für ihn zu hoffende
Carrière, welche ihn unter unmittelbare Leitung des Ministeriums stellen musste,
genügte ihm durchaus nicht; nur ein Gesandtenposten, wo möglich der eines
Ministerresidenten, gewährte, selbst wo er ihm die grössten Rücksichten
aufzubürden schien, seiner Ansicht nach, die Garantie einer persönlichen
Unabhängigkeit, die ihn, trotz allen mit ihr verbundenen Lasten der
Gesellschaft, lockte und alle ihm sonst gebotenen Vorteile abweisen liess.
    Aber, sagte ihm Otto in einer langen Unterredung über diesen Gegenstand,
fühlen Sie denn nicht, Herr Graf, dass im Verhehlen einer Gesinnung, in
Darstellung irgend einer Tatsache, deren Färbung ein bestimmter Zweck bedingt,
auch ein Zwang liegt? Und sollte dieser nicht grösser sein als der eines Amtes,
das seine feststehenden Formen und seinen festsitzenden Schlendrian mit sich
führt?
    Lieber Freund! erwiderte Kronfeld, man wird identisch mit seinem Staate und
verhehlt, beschönigt, verschweigt gerade so, wie etwa der Einzelne in der guten
Gesellschaft sich gern von der besten Seite zeigt. Glauben Sie mir, der Triumph
eines feinen Diplomaten ist der süsseste auf Erden, - ausgenommen der einer
schönen Frau, schloss er lachend, zu seiner Gemahlin gewendet. Pardon! Er küsste
ihr schmeichelnd die rosigen Fingerspitzen.
    Otto fühlte sich unangenehm berührt, ja wunderlich geärgert und verletzt.
Diese Galanterie, mochte sie noch so zart und ritterlich sein, verwundete ihn
jedesmal, wenn Anna der Gegenstand derselben war. Sie war ihm so heilig und er
noch ein recht gläubig Liebender. Er liess das Gespräch fallen.
    Kronfeld glaubte, er habe ihn nicht verstanden. Diese Gelehrten, sagte er
verdriesslich zu sich selbst, vermögen mit ihrer matematischen Weisheit die
Sonnenstäubchen zu berechnen, aber im gemeinen Leben können sie nicht drei
zählen. Wenn's Glück gut ist, meint der, ich wolle den p.....schen Staat auf
meine Schultern nehmen und durchs Weltmeer tragen, wie St. Christophorus den
Herrn!
    Anna sah Beide an und lächelte, sie verstand Beide, nur hielt sie Otto's
Liebe für minder ernst; sie hatte gerade genug über das hübsche Vrenely gehört,
um nicht an die Unvergänglichkeit dieser Liebe für sich selbst glauben zu müssen
- so glaubte sie nicht daran. An die Möglichkeit einer heftigen Leidenschaft
dachte sie gar nicht, teils traute sie dem Jugendfreunde sie nicht zu, teils
fehlte ihr der Massstab für dieselbe, und überhaupt träumte Anna nicht und wiegte
sich nicht in Emotionen. Ihr ernster Charakter gehörte nicht zu den
romantischen; sie bebte zurück vor der eigenen Kraft und Tiefe ihres Wesens,
wenn irgend ein Umstand den Schatten derselben an ihr vorübergleiten liess, ohne
ihn zu erkennen, wie zuweilen ein unverstandenes Geisterleben durch einen Mark
und Bein erschütternden Schauder uns schreckt, den wir nicht zu erklären
vermögen. So vergingen mehre Wochen.
    Otto fing indessen doch allmälig an, sehr zu leiden; er sah täglich mehr
ein, dass Anna weder ihn, noch seine Liebe begriff - und die Leidenschaft will
verstanden sein, um jeden Preis verstanden! Er verlangte, dass sie wisse, was er
um sie erduldet, wie damals ihr Verlust sein ganzes Dasein umgestaltet, welchen
unermesslichen Schmerz sie ihm gegeben. Mehr forderte er nicht; er suchte nichts
zu erreichen, nicht einmal ihre Liebe. Was konnte diese Liebe ihm gewähren! Otto
war ein frommer, ganz einfacher Mensch; ihm war die Ehe eine chinesische Mauer,
die unwiderruflich von jeder Hoffnung auf die Geliebte ihn schied.
    Auch Vrenely ward des eigenen Herzens sich mehr und mehr bewusst; es war so
finster in ihrer Seele geworden. Der frohe Mut, mit dem sie sonst
allmorgendlich erwachte, war plötzlich wie versunken in ihrer Brust. Wie ward
ihr Alles so bitter schwer. Sie hatte nun die lange gewünschte Stelle erhalten;
sie konnte ihren alten Vater ernähren und pflegen - aber, ach! ihre Stunden gab
sie nicht mehr gern. Wie erbärmlich kam es ihr jetzt vor, nur kleine Kinder
schreiben und buchstabiren zu lehren; wie gar gering, wie mangelhaft war nicht
eine solche Kenntnis! Was musste nicht die wunderschöne Frau, die sie so oft mit
Otto am Schulhause vorübergehen sah, alles wissen und Ihm sagen können.
    Sie besann sich jetzt auf jedes Wort, das er früher mit ihr gewechselt, -
das hatte sie sonst auch wohl Nachts oder in einzelnen freien Stunden, und, ach!
wie gern getan, aber damals war es ihr immer vorgekommen, als entalte die
ganze Welt nichts Schönes oder Edles, das sie nicht mit ihm besprochen - nun sie
es sich so recht innig-grausam überlegte, hatte er ja nur ganz oberflächlich von
dem Nächstliegenden zu ihr geredet. Er hatte ihr Vieles erzählt, aber vielleicht
hatte er damals schon bei dem Allen gar nicht an sie gedacht, sondern immer nur
an die schöne Fremde mit den langen blonden Locken.
    Otto ahnte von dem Allen nichts. Gibt es etwas Traurigeres, als dieses
Nebeneinanderleben und Leiden, wo keiner auf den Andern sieht, ja nicht einmal
die Qual eines nahen und liebenden Herzens beachtet? Und jeder meint dennoch,
eine Unermesslichkeit der Empfindung in sich zu tragen, und sie reicht nicht
einmal für den dicht neben ihm Stehenden, neben ihm Weinenden aus!
    Das Ende der Herbstferien nahte, mit Entsetzen dachte Otto des Augenblicks,
der ihn von Annen trennen musste. War er schon nicht glücklich in ihrer Nähe,
empfand er dennoch einen Todesschauer bei dem Gedanken, die Abende, die er jetzt
grossenteils bei Kronfelds zubrachte, künftig ohne sie in Basel durchleben zu
müssen. Unwillkürlich ging er jeden Tag etwas früher hinüber, mit jeder Stunde,
ach, mit jeder Minute hätte er geizen mögen!
    Eines Abends, als er dem Hause zueilte, gewahrte er den Reisewagen des
Grafen, der eben, schwer bepackt, aus dem Hoftor und die Strasse entlang rollte;
Duguet, mürrisch, in seinen dicken Pelz gehüllt, sass auf dem Bock - das musste
nach Norden, die Nacht hindurch, weit, weit gehen, grosser Gott! war sie ihm denn
schon wieder verloren?
    Das nämliche Gefühl, mit dem er einst den Brief aus der Hand legte, der ihm
Anna's Reise nach Berlin verkündigt hatte, überfiel ihn jetzt mit plötzlicher
Gewalt und wälzte sich erstickend auf sein Herz; ihm vergingen die Sinne. Ohne
zu bedenken, dass er auf offener Strasse sei, lief er dem Wagen eine weite Strecke
nach; als die Unmöglichkeit, ihn zu erreichen, endlich seine Schritte hemmte,
stürzte er eben so mechanisch in wilder Hast zurück und dem Hause zu, das die
Familie bewohnte. Unten im Hofraum stand Philipp, des Grafen Reitknecht, und
wusch den zweiten Wagen, in welchem Anna häufig auszufahren pflegte. Sie ist
noch da! schlug es an Otto's Herz! Er trat in das Haus, die Mägde waren emsig
mit der täglichen Arbeit beschäftigt, nirgend gewahrte er eine Spur von
Reiseanstalten oder Unruhe. O guter Gott, sie ist noch da! Er lehnte sich
erschöpft an die Treppenbalustrade und vermochte nichts weiter zu denken, kaum
sich auf den Füssen zu erhalten. Ein Strom von Glück und Dank flutete auf in
seinen Adern, in seiner Seele. Sie musste noch da sein, da lagen ihre Handschuhe,
ihr Hut. Sie war im Nebenzimmer; sechs Schritte, so stand er ja vor ihr.
    Der starke Mann zitterte wie ein Kind und hatte lange nicht den Mut, die
sechs Schritte zu tun. Endlich öffnete er die Tür des Salons; am Tische sass
das Vrenely zwischen den beiden kleinen Knaben und gab ihnen Schreibstunde. Otto
rang nach Atem und blieb an der Schwelle stehen, da trat Anna hinzu; sie war im
Hintergrunde des Zimmers gewesen. Das Vrenely war aufgesprungen von seinem
Stuhl, die beiden Frauen standen neben einander.
    Zum ersten Mal durchzuckte ihn eine Erinnerung an sein früheres Benehmen
gegen das Mädchen, welches schon wieder zwischen den Kindern sass. Seit den acht
Tagen, da die Stunden begonnen, hatte sie ja Zeit gehabt, auf diesen innerlich
schon hundertmal durchlebten Augenblick sich vorzubereiten, sie beugte sich
unter dessen Gewalt, wie eine Lilie unter dem aufstürmenden Nachtauch, aber sie
blieb gefasst. Anna war ruhig, wie immer; sie blickte sinnend bald Otto, bald das
Vrenely an. Ob er sie liebt? fragte sie sich leise und eine helle Röte überflog
ihre Wangen; sie wusste ja, er liebe sie selbst.
    Otto blickte mit tiefer Glut auf Anna's schöne Züge, die der rosige Hauch
verklärte; er hatte das arme Vrenely bereits wieder vergessen. Ich glaubte dich
fort, Anna! ich hatte den Wagen gesehen, entrang sich fast tonlos seiner Brust.
    Du! er nennt sie Du! widerklang es in Vrenely's Herzen.
    Fort, ohne dir Lebewohl gesagt zu haben? wie wäre das möglich, Otto!
    Hast du es nicht bereits einmal getan? fragte Otto sehr bitter. Zum ersten
Mal war er empört über Anna's Unbefangenheit.
    Die Röte auf ihren Wangen wich, sie ward blass, sehr blass. Du solltest jetzt
und überhaupt niemals mich daran erinnert haben, Otto! es wäre grossmütiger
gewesen, edler. Du hast Kronfeld's Reisewagen gesehen, er ist nach Karlsruhe.
Der Minister H. kommt auf der Rückreise dort durch. Roderich will ihn sprechen.
Es hat sich schnell, in wenig Stunden gemacht. Nach beendigter Lection der
Knaben wollte ich zu dir schicken, dir es sagen zu lassen. Kronfeld grüsst dich
herzlich, er kommt in sechs bis acht Tagen zurück. Uebrigens, mein Freund! fuhr
sie freundlicher und sehr weich fort, übrigens sollte man Todte ruhen lassen,
und diese Vergangenheit mit all ihrer Lust und all ihrem Leide muss todt sein -
sie ist an der Gegenwart gestorben. Otto, ist uns denn nicht noch unendlich viel
an einander geblieben? Sie bot ihm mit tiefer Rührung die Hand.
    Vrenely sass mit dem Rücken gegen die Sprechenden gewandt, aber sie hörte das
halblaut geführte Gespräch. Sie hatte ihre Stärke überschätzt, das empfand sie
jetzt erst. Hatte sie doch das ganze Anerbieten, den Kindern Stunde zu geben,
nur angenommen, weil sie Ihn sehen wollte. Ihn neben ihr! Es war ihr gewesen,
als müsse sie dann mit einem Male genesen von all der Qual, oder daran sterben,
und nun tödtete das Allerunerwartetste sie nicht, sondern die Qual wuchs und
überwuchs in tausend Gestalten zugleich all ihre Vorsätze und Kräfte.
    Anna und Otto standen in einer Fensterbrüstung vor einander und sahen sich
wehmütig an, das Vrenely hatten jetzt Beide vergessen.
    Anna, flüsterte er endlich, die dargebotene Hand leidenschaftlich an sich
ziehend, ich habe es lange schweigend ertragen. Warum hattest du mir das getan!
War ich dir denn damals gar nichts? Ist dir denn in diesen vielen Jahren nie
eingefallen, was du in mir zerstört, was ich um dich gelitten.
    Otto, ich war ein Kind, funfzehn Jahre. Kannte ich denn das Leben, wusste
ich, was ich tat? Jetzt weiss ich es, ich hätte anders handeln sollen und
müssen. Ach! glaube mir, es hat mir oft unsäglich leid getan.
    Wo wäre die Liebe, die bei solchen, wenn auch absichtslos gesprochenen
Worten nicht, von tausend zündenden Funken durchglüht, aufloderte zur
verzehrenden, jedem Gesetze Trotz bietenden Leidenschaft? Anna, die er so kalt
geglaubt, Anna fühlte also, dass sie unrecht an ihm gehandelt; sie hatte es
bereut, sie hatte um ihn, mit ihm gelitten. Wie anders wäre vielleicht Alles
gekommen, wenn Josephine sie nicht überredet, ja durch ihr Uebergewicht sie
vielleicht gezwungen. Jeder Vorwurf, den er der Geliebten gemacht, war aus
seinem Gedächtnisse entschwunden. O wie sophistisch ist die Neigung! Otto vergass
die ganze schmerzliche Vergangenheit, ja die ganze noch schmerzlichere
Gegenwart, er zog schweigend Anna's zitternde Hände an seine Lippen und zum
ersten Mal im Leben überströmten heisse Tränen das schöne männliche Gesicht.
    Anna erschrak, sie wusste nicht, was zu tun; sie empfand ihre eigne
Unvorsichtigkeit, ihrer Kinder und Vrenely's Nähe. Sie vermochte nichts, als ihn
bittend anzusehen und leise ihre Hände den seinen zu entziehen. Jetzt kehrte
auch ihm die Besinnung und das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes zurück,
schneidend kalt liess er sie los und wandte sich von ihr ab.
    Musst du die Wege noch weiter von einander leiten, Otto? fragte sie mit einem
unaussprechlich trüben ernsten Ausdruck. Aber der Schmerz hatte ihn überwältigt;
er zitterte heftig und griff in der Aufregung nach einem in der Nähe stehenden
Tischchen, um sich zu stützen; die auf demselben befindlichen Gläser klirrten
gegeneinander und Vrenely wandte unwillkürlich den Kopf. Er weinte; nun wusste
sie ja Alles! und so ganz war sie vergessen, dass er in einem solchen Augenblicke
nicht einmal ihre Anwesenheit gewahrte. Auch das Mädchen weinte heiss und still,
aber die arbeitgewohnte Hand führte dennoch die kleine Hand des Knaben, der
eifrig seine Grundstriche machte. Das arme Vrenely war nicht an heftige
Äusserungen gewöhnt.
    In Anna's Seele regte sich jetzt zum ersten Mal eine Ahnung der tiefen
Leidenschaft, die Otto seit Jahren für sie empfunden und treu bewahrt hatte, und
vor ihr richtete, einem Gorgonenhaupte gleich, die Verantwortlichkeit sich auf;
der leiseste Hoffnungsschimmer musste ihn verwirren, die entschiedene
Zurückweisung konnte seine Tatkraft hemmen im Augenblicke ihrer Entwicklung.
Ach, und die Seele hat auch ein Janushaupt mit doppeltem Antlitz! Mitten in
diese wahrhaft edle Empfindung mischte sich der egoistische Schmerz: Beide nicht
glücklich, beide liebelos den langen leeren Weg des Lebens! Noch nie hatte Anna
so klar sich's einzugestehen gewagt, dass sie ihren Gemahl eigentlich nie
geliebt; vor der ungeheuern Wahrheit in Otto's Gefühl brach plötzlich diese
Ueberzeugung herzzerreissend, fast vernichtend grell an das Licht, aber sie stand
ruhig, den Blick zur Erde gesenkt und nur die blonden Locken zitterten über der
heftig pulsirenden Ader an den Schläfen.
    Gerade dies Schweigen vernichtete den letzten Rest der Kraft in Vrenely's
Brust; sie hielt diese plötzliche Stille für den lautlosen Ausdruck des Glücks,
weil sie selbst wortlos so unsäglich glücklich gewesen; ihr war, als stürbe sie
in diesem Augenblick, ihr Köpfchen sank auf die Lehne des Stuhls, auf welchem
ihr kleiner Zögling sass, und unaufhaltsam flossen ihre Tränen. Da trat Sophie
zu ihr, die vor wenig Secunden durch die Alkoventür hereingekommen war; die
Stunde hatte geschlagen, ma bonne wollte die Knaben abholen. Der kleinste sass in
seinem hohen Stühlchen fest eingeschlafen, Vrenely hatte es nicht bemerkt; der
ältere schrieb noch, aber in immer krauseren Schriftzügen. Sophiens Falkenauge
überflog die beiden Gruppen, sie begriff alles.
    Sie sind unwohl, liebe Mamsell, sagte sie leise, indem sie hinter des
Mädchens Stuhl trat, um die Weinende mit ihrer Gestalt den im Fenster Stehenden
zu verdecken. Fürchten Sie nichts, es hat's niemand gesehen. Kommen Sie, wir
wollen auf mein Zimmer oder in den kleinen Hausgarten gehen; es ist beklommen
hier, frische Luft wird Ihnen wohltun.
    Vrenely richtete das freundliche Auge dankend zu ihr auf, an den langen
schwarzen Wimpern hingen die hellen Tränen, wie Tau an einer dunkeln Blume;
sie war keines erwidernden Lautes mächtig.
    Die Kinder - der Kleine war erwacht - sprangen fröhlich auf die Mutter zu,
Anna beugte sich liebkosend zu ihnen nieder; ihr Herz ward stiller.
    In Otto regte sich plötzlich bei diesem Anblicke die entzügelte Furie der
wildesten Eifersucht, mit einem unterdrückten Schmerzensschrei schlug er beide
Hände vor das Gesicht.
    Vrenely war aufgestanden und schwankte eben an Sophiens Arme der Türe zu;
der leise Aufschrei traf ihr Ohr. Unfähiger noch, seinen als den eigenen Schmerz
zu ertragen, erlag das arme Kind so vielen zugleich es bestürmenden heftigen
Gefühlen, es fiel ohnmächtig in ma bonne's Arme und musste hinausgetragen werden
in deren Stube.
    In tiefster Seele erschüttert, blieben Otto und Anna zurück, des Mädchens
Schmerz hatte zu unwiderlegbar laut gesprochen, er bedurfte wenigstens vor
diesen Beiden keiner Erklärung. Lange fanden weder sie noch er ein Wort, Otto
stand mit untergeschlagenen Armen, als trotze er der neuen Qual, die ihren
Schatten über seine Tage legte; die Gräfin sass wie am ersten Abende im Fauteuil
am Fenster, aber sie blickte nicht mehr auf die erglühenden Gletscher und Alpen,
sondern in die viel starrere und schroffere Natur des menschlichen Gemüts.
    Was wirst du tun? fragte sie endlich.
    Ich weiss es nicht, antwortete er wild, und es kümmert mich nicht; ich bin an
dem allen nicht Schuld. Leide ich denn etwa nicht?
    Otto, sagte sie sehr sanft, ich glaube, du musst uns so bald wie möglich
verlassen.
    Du willst mir die einzige kurze Freude meines geknickten Jugendlebens
misgönnen? Bleibt mir denn etwa ausser diesen paar Augenblicken mit dir noch so
gar viel, dass ich sie wegwerfen könnte, wie welke Blüten, oder sind sie dir eine
Last? Hat dich meine Leidenschaft etwa überlaufen wie ein zudringlicher
Gläubiger? Habe ich irgend etwas verlangt? dir eine Untreue, eine Erwiderung
aufgebürdet? Ich will ja nichts von dir, als deine Gegenwart, die jeder Bettler
hier mit mir teilt.
    Anna, Anna! fuhr er fort, immer heftiger im Zimmer auf- und
niederschreitend, du kennst mich nicht; reize mich nicht durch Sophistereien,
mache mich nicht zum wilden Tier, das in der Wut des Schmerzes alles zerreisst
und niedertritt. Was geht das Mädchen mich an? Habe ich ihr je ein Wort von
Liebe gesagt? Was kümmert mich ausser dir die ganze Welt!
    Ich weiss es nicht; aber sie hat sich geliebt geglaubt. Ein Recht dazu
konntest du auch ohne Worte ihr geben - - und musst es irgendwie getan haben;
das Kind ist so bescheiden. O, glaube mir, es ist gut, ja nötig, dass du gehst.
Werde ich dich denn nicht vermissen? Ach, ich hatte mich ja so unbeschreiblich
auf Basel und unser Wiedersehen dort gefreut!
    Nun, Anna! nun?
    Ich irre vielleicht, wir Frauen verstehen ein Männerherz so schwer in all
diesen Verhältnissen. Ich kann dich nur bitten, lade keine neue Schuld auf dein
Haupt, keine auf mein gedrücktes Herz.
    Du? rief er, auf sie losstürzend, als wolle er ihr zu Füssen sinken, du
schuldig, und durch mich? Engel! und worin? Er presste ihre zitternden Hände
gegen seine glühende Stirn, dann eilte er fort.
    Mehre Tage traf er sie nie allein. Er hatte anfangs wegbleiben wollen, doch
es nicht vermocht. Jetzt fand er sie beständig von Sophien und ihren Kindern
umgeben, sogar Frauen aus Bern als Besuchende bei ihr. Nie war ihm Anna
reizender erschienen, als in diesem milden, besonnenen Versagen, in dieser Scheu
vor allem Unrecht; aber ihre Absicht erreichte sie nicht, denn sie entflammte
ihn nur zu immer heftigerer Leidenschaft. Sie bedachte nicht, dass sein ernster,
einfacher Sinn sie ohnehin jetzt vor neuem Aussprechen seines Gefühls schütze;
nur das Ueberraschende des Moments hatte ihn zu Ausbrüchen fortgerissen, die er
selbst strenger tadelte als sie.
    Vrenely war krank geworden. Anna besuchte sie täglich; sie erzählte ihr, wie
zufällig, von ihren Kinderjahren und der schönen mit ihrem Vetter verlebten
Jugendzeit. So schien äusserlich alles beschwichtigt und in das alte Geleise
zurückgekehrt; die Stunden mit den Kindern sollten nächstens wieder beginnen.
Otto hätte wahnsinnig werden mögen, jede Regung seines Wesens fühlte er gezügelt
und tief im Innern den gigantisch tobenden, blind wütenden Schmerz.
    Mit bewundernder Schwärmerei schloss sich das arme Mädchen der schönen
gütigen Frau an, die ihr so viel Wohlwollen erzeigte; sie glaubte Sophien, die
ihre Ohnmacht dem plötzlichen Eintritt der Krankheit zuzuschreiben schien,
obschon ihr klarer Sinn sich nicht zu bergen vermochte, dass des Geliebten Herz
sich von ihr gewendet; sie fand nur eine Milderung ihres Geschickes in dem
Gedanken, dass er Annen vor ihr gekannt und geliebt.
    Dennoch müsste dieser künstliche Bau eines erträglichen Zusammenlebens zu
einem sehr zweifelhaften Glück für alle geworden sein, hätte nicht ein ganz
unerwarteter Brief Leontinens dem Augenblick plötzlich eine neue Färbung und
neue Interessen aufgedrungen. Sie schrieb:
»Tue mir den Gefallen, herzliebe Anna, gleich bei Empfang dieser Zeilen so
recht gründlich auf mich zu schelten; sage: ich sei von einem Leichtsinn, den
man bei meinen einundzwanzig Jahren nicht zu entschuldigen vermöge. Meine
Unüberlegteit und Koketterie müssten und würden mich gewiss noch in unabsehbare
Abgründe stürzen; auf diese Weise müsse ich geistig und körperlich zu Grunde
gehen. Letzteres, Gott sei's geklagt! fängt bereits an, nämlich beim Teint, den
ich in diesen Tagen gar sehr vernachlässigt.
    Wenn du nun im Zuge bist, kannst du gleich sagen, dass ich bei einem Haar
zwei höchst achtbare, treffliche Kavaliere durch meine entsetzliche Frivolität
auf zeitlebens elend gemacht haben würde, wenn sich diese lieben Kreaturen
Gottes nicht glücklicherweise gleich mit einem zweiten Meisterstück der
Schöpfung getröstet hätten. Wirf mir nun auch noch vor, dass ich bei der letzten
an mich ergangenen, jedenfalls unverdienten Bewerbung, weil sie etwas sehr lange
dauerte, am Ende nicht mehr recht Acht gab, aufsprang und beinahe - aber nur
beinahe - in der Zerstreuung davongegangen wäre und den Freier stehen gelassen
hätte, ohne alles abzuwarten, was er vorzutragen für nötig fand. Ach, liebe
traute Anna! zeichne mich schwarz, so recht kohl-pech-raben-sünden-schwarz, dann
aber ruhe aus und fasse dich, denn das Schlimmste kommt noch! ich habe einen
viel ärgeren, viel tolleren Streich begangen, als diese alle - ich bin
davongelaufen! Mit einem Liebhaber? O Gott, nein, Kind; vor einem Liebhaber,
weil er sehr langweilig wurde.
    Nun bin ich aber in Soloturn, zwei, drei Meilen von euch, und meine Babet
sitzt neben mir, betrachtet verzweifelnd meine zerknitterte Haube und meinen
entfärbten Kapot, und versichert: dass sie nicht weiss, wie das alles enden soll!
- Nun gerade so weit bin ich auch.
    Im Grunde war die Geschichte ganz einfach Als die Saison in Baden beendigt,
wollten wir, wie du weisst, nach Strassburg, wo Geierspergs Nichte heiraten und
wir - das heisst ich - dazu tanzen sollten. So weit war alles gut; nun aber denke
dir meinen Todesschreck, macht uns am zweiten Tage unseres Aufentaltes dort
mein frühester, ehemaligster Ver- und Entlobter, Vetter Albert, eine angenehme
Ueberraschung, kommt von Koblenz aus angefahren und trifft, mir nichts, dir
nichts, in Strassburg mit uns zusammen.
    Und nun geht das Anhalten noch einmal los, und ich bin in dem letzten halben
Jahre um ein ganzes älter geworden, denn Geiersperg erklärt mir peremptorisch,
ich sei mündig und ganz mein eigner Herr, vermutlich aber nicht meine eigne
Frau, da ich, wie Babet sagt, absolument seinen Vetter Albert nehmen soll.
    Ich höre das alles an, sage nicht ja, nicht nein. Nun wird der General
zornig und fragt: Misfällt dir sein Äußeres? - Gar nicht, Papa. - Ist er nicht
gebildet, wohlhabend, Graf? Was kann in seinen Verhältnissen dich abschrecken? -
Rien au monde, papa. - Hast du irgend eine andere Neigung? - Für den Augenblick,
nein, Papa. Nun ging ein entsetzliches Donnerwetter über meinen Übermut los.
Ach, Herzens-Anna! sie redeten alle so in mich hinein, Albert war so
ausserordentlich zärtlich, schön, glücklich, dazu war es himmlisches Wetter, man
konnte an einem solchen Tage Niemand betrüben. -
    Da habe ich vermutlich ja gesagt; denn gleich darauf ging's an ein Herzen,
Küssen, Danken, Gratuliren dass es eine Lust war.
    Nach der Hochzeit der Cousine machten wir alle eine kleine Reise nach Trier,
Albert immer mit; wir sahen schöne Altertümer und unverfängliche Leute; es ging
prächtig. Gerade unter der Porta nigra überkömmt mich der alte Ennui. Ich fange
an zu experimentiren, gerade wie in der Pension. Bald servire ich ihm heiss, bald
kalt, bald glüht er, dass er fast besinnungslos zu meinen Füssen liegt, bald
schilt er mich, wird bitter, heftig, scharf, schroff. Das war doch nun wirklich
endlich eine Abwechselung, und ich bitte ihn um Verzeihung. Aber mit einem Mal
wird mir's fatal - aber ganz fatal - ich begegne einem jungen Manne; er grüsst
her, ich grüsse hin. Ach, lieber Engel! es war eine so unschuldige
Liebesgeschichte, Mädchen von vierzehn Jahren könnten sie lesen. Wird mir mein
Verlobter wild, aber wild wie ein Türke. Geiersperg hält lange wohlgesetzte
Reden, Mama macht Vorstellungen, Babet sagt: Aber wenn nun das gnädige Fräulein
durchaus nicht mögen, da täte ich's absolument nicht!
    Babet hat den Stein der Weisen gefunden, denke ich, und kurz, wie wir eben
von St. Bern-Kastell aus das himmlische Moseltal entlang schauen, sage ich:
Albert, wir wollen es doch lieber gut sein lassen, wir passen doch nicht für
einander! Und wie nun so recht das Lamento und die ganze betrübte Geschichte im
Gange sind, fängt mir der Mensch an zu weinen. Grosser Gott! - denke ich, das
Weinen halte ich nicht einmal von der Babet aus, wenn sie ein Battisttuch
versengt hat, sondern schenke es ihr immer lieber, damit sie nur gleich aufhört
- was soll daraus werden? Ehe ich mich noch besinnen kann, heirate ich einmal
in solch einem Accès den Vetter Albert frischweg und muss mich hinterher wieder
von ihm scheiden lassen. Das geht nicht!
    Und da fiel mir wie ein Lichtstrahl meine Anna ein, mit ihrer festen,
treuen, starken Seele, und mein verehrter schöner Onkel, dem ich nicht die Hand,
aber die Stirn küsse - halt! denke ich, nach Bern fährt gewiss ein Eilwagen, oder
du nimmst einen Char à banc, die Babet packt so etwas notwendigstes Zeug
zusammen, und du flüchtest zur Tante Anna. Gesagt, getan; wir erreichen Abends
Kehl, Strassburg gegenüber, wo wir übernachten sollen, wir trennen uns ziemlich
spät ganz doloros und schwärmerisch; Geiersperg geht glorreich davon, weil er
mich wieder einmal durch die Kraft seiner gediegenen Gründe besiegt, gedemütigt
und so zu sagen total herumgekriegt hat; Mama denkt Alles geschlichtet zu haben
und geht ihrerseits mit ihrem Compensations- und Nivellirungssystem zu Bette;
Albert küsst mir die Hände; ich, ich lasse alles gut sein; wie sie aber sämmtlich
in ihren Kammern sind, schreibe ich, wie's Maidli am Brünnli, meinem Schatz den
allerletzten Abschiedsbrief, schleiche früh um vier Uhr, in der Morgendämmerung,
ganz sachte mit der Babet und ihrem Päckchen zum Hause hinaus und sitze nun in
Soloturn. Hier habe ich fürs Erste ausgeschlafen, dann mir die Gegend durch's
Fenster beschaut, und von fern, aber nur ganz von fern, kann ich den Montblanc
erblicken.
    Die Soloturnerinnen tragen hässliche Mützen. Hier im Hause ist eine Dirne
aus Schwyz, diese hat eine schwarze Flügelhaube von Spitzen auf, die auf ihrem
Kopfe wie ein dunkler Schmetterling aussieht, der auf einer Rosenknospe sitzt;
das allerliebste Gesichtchen ist das einzige Lustige, was mir bis jetzt hier
vorgekommen. Die Soloturnerinnen sehen alle entsetzlich fromm und ehrbar aus;
die Stadt ist winklig und schmutzig: das hat mich zur Reflexion gebracht. Ich
will doch lieber hier warten, bis ihr mich holt. Dass ich mit der Babet über
Nacht allein im Wirtshause geblieben, mag wirklich unpassend genug sein, und
nun ich aufgewacht bin, fürchte ich mich fast; die Leute sehen einen so
besonders an. Wir haben gleich gefragt, ob der Onkel noch nicht da sei und
getan, als ob wir ihn erwarteten. Zögere nicht, lieber Engel, schicke schnell
Duguet mit Pferden und Wagen - oder komme selbst zu
                                                    Deiner törichten Leontine.«
Otto war bei Annen, als sie den Brief empfing. Lies! sagte sie, ihm denselben
reichend, ich muss doch sogleich hin. Ohne weitere Erklärung verliess sie das
Zimmer, um die nötigen Reiseanstalten zu treffen.
    Duguet ist mit dem Grafen fort, und sie will allein in der Nacht fahren?
schoss es ihm durch die Gedanken. Er eilte ihr nach; sie stand im Vorzimmer, von
ihren Leuten umringt, denen sie ihre Befehle gab.
    Anna! sagte Otto sehr sanft und ernst, es wird spät werden, lass deinen
Jugendfreund dich begleiten.
    Sie sah ihm fest in die Augen; eben in diesen immer ganz einfachen Worten
lag Otto's Gewalt, tausend Eide hätten sie nicht sicherer gestellt. Sie fühlte
das, und das Bewusstsein der edeln Zuverlässigkeit dieses Charakters leuchtete
einen Moment auf in ihr, fast wie ein Glück. Schweigend bot sie ihm die Hand. Um
welche Stunde? fragte er. - Sogleich erwiderte sie; ich lasse nur anspannen.
    In diesem Augenblicke übertönte das lustigste Charivari von Postornklängen,
Jauchzen und Schreien, Jubeln und Lachen ihre Worte; unwillkürlich eilten beide
an's Fenster, unten hielt Kronberg's Wagen. Er selbst stieg eben heraus, ein
junger Mann stand bereits am Schlag, den Rücken dem Fenster zugekehrt. Ehe noch
Otto's fragender Blick dem ihren zu begegnen vermochte, legten sich zwei warme
weiche Händchen auf Anna's Augen; sie wandte sich rasch, es war Leontine,
Leontine in all ihrer Frische, in all ihrer glänzenden Heiterkeit.
    Bist du mir bös? fragte unter tausend Liebkosungen der süsseste
Schmeichellaut einer weiblichen Stimme. Bist du mir wirklich ganz bös? Aber es
war schwer, ihr zu zürnen, wenn man sie ansah.
    Leontine war blond, aber von jenem durchleuchtenden Blond, das in den blauen
Adern des schneeigen Teints, in den wie hingehauchten zarten Farben der Lippen,
der Wangen, der blassrötlichen Fingerspitzen überall sich ausspricht. Es war
nicht möglich, etwas Dämonisch-Lieblicheres zu sehen als dies Amorsköpfchen, das
wiederum zuweilen, aber selten, seine eigene Psyche schien, wenn Mitleid oder
Neigung die reizenden Züge durchstrahlten. Und so war ihr ganzes Wesen: Dämon,
Amor und Psyche, und der Mutwille der Hauptzug ihrer Erscheinung im täglichen
Leben. Sie hatte sich ungewöhnlich spät entwickelt; jetzt war sie einundzwanzig
Jahre alt und sah aus wie siebzehn.
    Aber wie kamst du zum Onkel? fragte Anna nach den ersten Ausbrüchen der
Freude; wie du, Kronberg, zu Leontinen?
    Par compagnie, wie der Staar von Segringen ins Netz kam, würde Freund Hebel
sagen, antwortete lachend Leontine.
    Ganz recht, sagte Kronberg, ich sah das Vöglein auf dem Zweige sitzen und
fing mir es. Was sollte ich anders am Tor von Soloturn gewahren -
    Als meine schönen Augen; nicht wahr, Onkel?
    Er küsste ihr die Hand. Die meinen riss ich allerdings ein wenig gross auf. Das
Uebrige könnt ihr euch ja leicht denken.
    Nicht ganz, erwiderte Anna, denn noch immer begreife ich nicht, wie du so
schnell wieder hier sein konntest.
    Davon nachher, sagte Kronberg freundlich.
    Otto war es, als führe ihm ein Messer in die Brust. Sie werden reisen,
dachte er dumpf; dazwischen gaukelte Leontinens Bild vor seinen Sinnen.
    Sophie war hereingeschlichen; sie vermochte es nicht, Leontinens Nähe zu
entbehren. Leontine herzte und küsste sie und schmeichelte ihr wie ein Kind.
Komisch war es anzusehen, wie in der guten alten Bonne Respect und abgöttische
Liebe für ihren Zögling miteinander kämpften; sie nannte Leontinen wohl zehn Mal
in einem Atem gnädiges Fräulein und Du, küsste ihre Hände und schalt sie
zugleich wegen ihrer in Unordnung geratenen Locken.
    Auch Duguet hatte unaufhörlich im Zimmer zu tun, servirte zum ersten Mal in
seinem Leben schlecht, präsentirte Pfeffer zum Tee und lachte endlich sogar mit
über seine eigenen dummen Streiche, was bei seiner Dienstgewöhnung ganz unerhört
war.
    Erst jetzt fiel Annens Blick auf den Fremden. Es war ein junger Mann von
vier bis fünfundzwanzig Jahren, nicht gross, nicht klein, kaum ausgezeichnet in
der äusseren Erscheinung und dennoch blieb der erste Blick auf ihm haften; es war
durchaus kein schönes, nur ein sehr edles Gesicht, nichts auffallend darin als
die gedankenklare, elfenbeinweisse und hohe Stirn, dann vielleicht noch der
kleine etwas trotzig gewölbte Mund - in unserm Deutschland gehört ein schön
geschnittener Mund zu den Seltenheiten - vielleicht also war es dieser
künstlerisch geformte, fast ideale Mund, der so unbegreiflich das Auge fesselte,
vielleicht war es auch nur das reine Ebenmass der ganzen Gestalt und jedes
einzelnen Zuges. Otto war unendlich schöner, aber jener sah vornehmer aus. Otto
erinnerte an einen jungen Aar, von dem man jeden Augenblick erwartet, nun werde
er die Flügel ausbreiten, jener schien keiner bestimmten Zeit, keinem bestimmten
Lande anzugehören, und es fiel Niemand ein, ihn mit irgend etwas Anderem zu
vergleichen.
    Vergeben Sie, lieber Herr Gottard, sagte der Graf, die Damen tragen die
Schuld; wie Sie sehen, machen sie mich so verwirrt, dass ich vergessen habe, Sie
meiner Gemahlin vorzustellen. Liebes Kind, Herr Gottard will so gut sein,
unserer Knaben sich anzunehmen, was um so nötiger ist, als - doch wo sind denn
die Kinder?
    Der ein Hofmeister? dachte Anna, das ist ja unmöglich. Sie verneigte sich
verbindlich und sprach einige höfliche Worte; zum ersten Mal in ihrem Leben war
sie verlegen, es überkam sie das Gefühl einer Mystification. Leontine hatte
indessen mit angeborner Koketterie Otto in ein langes Gespräch gezogen, dessen
Wogenspiel ihm über dem Kopfe zusammenschlug; ihm war es, als spräche er mit
einer Fee oder Sylphide, so flatterten Wort und Gedanken hin und her. Als aber
die Knaben kamen, die sie noch nicht gesehen, vergass sie ihn mit einem Mal und
ward mit diesen zum Kinde. Otto sah ihr verwundert nach.
    Der junge Fremde schien überrascht, seine Zöglinge so klein zu finden,
beugte sich aber mit einer gewinnenden Herzlichkeit zu ihnen nieder und begann
ein halblaut geführtes Gespräch, das ihn gleichsam mit den Kindern isolirte. Im
Verlauf einer halben Stunde hatte er sie gewonnen; eigentlich hatte er sie nur
befragt und sich von ihnen erzählen lassen, er hatte nicht mit ihnen gespielt,
nicht einmal gescherzt, aber er hatte ihr Zutrauen erworben, denn als er sich
beurlaubte, um auf seinem Zimmer Einiges zu ordnen, liefen beide ihm nach.
    Anna! fragte jetzt Otto leise, was soll der junge Mann?
    Gott weiss es, erwiderte sie, ich kann kaum umhin, die ganze Sache für einen
Scherz zu halten.
    Nicht im mindesten, versicherte Leontine, der Onkel hat ihn von Karlsruhe
mitgebracht, um eure Kinder zu erziehen und mir ihn gleich in dieser Eigenschaft
vorgestellt.
    Ich habe den Minister gesprochen, sagte Kronberg, als er endlich am späten
Abend mit Anna allein war; ich erreichte Karlsruhe drei Stunden vor seiner
Abreise und sah ihn bei sich und dann bei Sternheim, wo wir dinirten. Er hat mir
goldene Berge versprochen, leider aber mit der unglücklichen Idee geendigt, mir
den Vorschlag zu einer Sendung nach Petersburg zu machen; unterdessen hofft er
mir die Stelle in Neapel verschaffen zu können; an Rom, meint er, sei vorläufig
nicht zu denken. Ich bin nun genötigt, nach Berlin zu gehen und dort zu
verweilen, bis ich meine Instructionen erhalte, und bin jetzt nur
zurückgekommen, um dir vorzuschlagen, hier oder am Rhein zu bleiben.
    Otto geht ja zurück nach Basel, dachte Anna. Gut, sagte sie ruhig.
    Ich meine, fuhr der Graf etwas verlegen fort, die Einrichtung für so kurze
Zeit in Berlin mit den Kindern, dem indispensabeln Bediententross, den Ausgaben
einer Hofpräsentation werden grosse Unkosten verursachen.
    Ich bleibe gern, sagte Anna. Aber was soll der junge Mann hier -
    Sonst, fuhr Kronberg fort, müsstest du in Berlin verweilen, bis ich von
Petersburg zurückkehrte, und unserem Range nach ein brillanteres Haus machen als
etwa Geierspergs. Freilich kann es einige Monate dauern und du bliebest allein
dort.
    Kronberg, sagte Anna fest, dann kann ich nicht hier bleiben. Frage mich
nicht weitläufig, ich will hingehen, wohin du willst, aber nicht etwa Jahre lang
ohne dich hier sein, glaube mir! - Indessen sage mir, was soll der junge Mann
hier?
    Die Kinder erziehen, liebe Anna! Es ist ein seltsames Ding mit diesem jungen
Menschen, er ist mir sehr dringend vom Minister empfohlen; Näheres weiss ich
selbst nicht. Indessen scheint er das Seine gelernt, vorläufig aber keine
Aussichten zu haben. Der Minister bat mich, ihn auf ein paar Jahre zu nehmen; er
meint, späterhin werde man ihn als Privatsecretär bei einer Legation anwenden
können. Der neueren Sprachen ist er vollkommen mächtig und ein sehr klarer Kopf
- - Dir gefällt er nicht?
    Gefallen, Roderich! Ich habe zehn Worte mit ihm gesprochen. Zum Glücke sind
die Kinder zu jung, er kann ihnen nicht schaden. Mir sieht er zu vornehm aus, er
macht einen ungewöhnlichen Eindruck; das meint auch Leontine.
    Bah! die findet Alles ungewöhnlich, weil sie es selbst ist. Ihre kleine
Escapade macht mir aber Kopfbrechen. Mein Schwager hat Unrecht; schon als Albert
das erste Mal um sie anhielt, mochte sie ihn nicht. Schade, es wäre eine
brillante Partie, der kleine Trotzkopf aber -
    Albert ist ein Schwächling.
    Eh bien, ma chère! sie ist bedeutend genug, ihm nachzuhelfen. Das geben die
besten Ehen. Aber du willst also nicht hier bleiben?
    Einige Monate, ja - länger, nein!
    Liebes Kind, du weisst, dass ich nicht eifersüchtig bin. Du hast wahrlich
Verehrer genug gehabt, um diese Eigenschaft in mir zu wecken - und zu
unterdrücken, schloss er fast galant. Aber die kleine Vrenely -
    Anna errötete; sie vermochte es nicht, Otto's Gefühl preiszugeben. Ich
werde bleiben, sagte sie, bis Leontine mit ihrer Mutter ausgesöhnt ist, dann
musst du das Weitere bestimmen.
    Ich danke dir und traue dir vollkommen, erwiderte er mit einem Anflug des
edeln Ernstes, der ihn in einzelnen Momenten so liebenswert erscheinen liess;
aber ich bin achtundvierzig Stunden gefahren und falle um vor Ermüdung. Er küsste
sie auf die Stirn und ging.
    Beklommenen Herzens blieb Anna vor ihrer Toilette sitzen; sie kleidete sich
gern allein aus, wie sie überhaupt ungern persönliche Bedienung brauchte. Madame
Sophie erschien Abends nie, ohne dass ihr geklingelt worden. Es war eigen,
welchen Unterschied ma bonne zwischen Annen und Leontinen machte. Die erste
blieb immer ihre Gebieterin, die andere, trotz ihren tausend Launen,
Bedürfnissen und Eigenheiten, das Kind, das sie erzogen.
    Lange sass Anna so vor den tief heruntergebrannten Kerzen. Also nun wieder
hingehalten mit leerem Versprechen! Wieder nach Petersburg und einem Phantom des
Glanzes nachjagen, ohne Zweck und Ziel! Wieder ein momentanes Wirken nach aussen
hin, das der nächste Windstoss des Geschickes spurlos verweht! - Armer Kronberg!
- - Und dann zu guterletzt die wiedergewonnene Last einer Geselligkeit, die
sogar mich schon ermüdet! Mein Gott, und ich bin so jung! - Wie viele, viele
Jahre das so fortgehen kann: dies schön, geistreich, witzig, brillant sein
müssen! Alles das nach gegebenen Gesetzen, wie einen Zehnten, den man abliefert!
    Und dagegen Otto mit dieser stillen Unergründlichkeit seiner tiefen Seele! -
Nein, ich liebe ihn nicht. Kronberg hat recht, so ruhig zu sein; aber ich will
für ihn sorgen wie eine Schwester. O, wie bliebe ich so gern hier, diesen weissen
Alpenhäuptern gegenüber, einsam und still wie sie! - -
    Es war weit über Mitternacht, sie trat an's Fenster, die Alpen hatten
ausgeglüht. Der Herbst hatte sein Schweigen über die Landschaft gebreitet, auf
dem dunkeln Grunde der ungestörten Nachtstille leuchteten die Bilder ihrer
Vergangenheit auf. Kronberg stand wieder vor ihrem inneren Auge, wie er sich
nach dem ersten Feldzuge um sie beworben. Wie fern schien jene Zeit zu liegen!
Damals, wie edel, wie fest zeigte sich sein Streben! Welcher Aufopferung musste
sie ihn nicht fähig halten, wenn er seine künftigen Pläne und Wünsche ihr
entfaltete! Mit ihr auf seinen Gütern leben, seine so lange gedrückten, zur
Knechtschaft herabgewürdigten Bauern in ihren Rechten vertreten, sie beglücken -
das war sein einziges Ziel. Er wollte dem Staat nicht dienen als Beamter, er
wollte sich seine eigene Stellung in demselben suchen und erbauen, wie der Adler
seinen Horst.
    Gedachte sie dann ferner all der Versuche seiner Verwandten, diesen
grillenhaften Eigensinn zu brechen, wie sie es nannten, wie tat ihr das Herz so
unsäglich wehe um ihn! - Dann kam die Reise nach Italien. Ach, dass gerade diese,
die ihn so vielen störenden Einwirkungen entziehen sollte, dass gerade diese
Reise, die anfangs einer genialen Flucht glich, ihn nach und nach allen seinen
früheren Zwecken entfremdete! Wie drängten einander die reichen
Erinnerungsgarben der ersten Jahre, die sie und ihr Gemahl in Italien und
Sicilien verlebt hatten! Rom, Florenz, Genua, Palermo und das schwimmende
Venedig! - Nur dass zuletzt im goldenen Freudenbecher der schwere, bittere
Bodensatz geblieben.
    Eben diese immer wechselnden Scenen, besonders der in Nichts zerflatternde
Freiheitstraum der Neapolitaner, waren es, die Kronberg's Ansichten und Vorsätze
nach und nach umgeschmolzen und so gänzlich umgewandelt hatten. An die Stelle
eines nationalen Ganzen war ihm die Kleinheit des eigenen Ichs getreten und ein
gelungenes Miteingreifen in den momentanen Gang der Ereignisse hatte eine
masslose Eitelkeit in ihm erweckt, die wie ein feines Gift allmälig alle
Lebensfasern seines intellectuellen Seins durchdrang. Seitdem war er ein
Spielball in der Hand der Mächtigen geworden, hatte viel getan und im Ganzen
wenig geleistet. Das ist die Macht des Lebens! seufzte Anna.
    Wenige Tage später reiste Kronberg wirklich nach Berlin. Ueber ihren
Winteraufentalt wollte er von dort aus ihr schreiben, wenn das Geschäft, das
ihn nach Petersburg berief, erst deutlicher in seinen Verzweigungen
ausgesprochen. Anna liess ihn gewähren, sie war ja entschlossen. - Otto schwieg,
er hatte noch acht glückliche Tage vor sich.
    Die Abende hatten sich belebt; einzelne Kunstfreunde, junge Maler, die schon
früher erwähnte alte irländische Dame, Lady Frederic und vor Allen Leontine
hatten einen poetisch regen Geist in der kleinen Gesellschaft geweckt. Sogar das
Vrenely fand den Mut, zu kommen, wenn gleich nicht immer den, zu reden.
Leontine nannte sie ihr Veilchen, sich selbst deren Schmetterling.
    Sehen Sie, Comtesse, sagte ein alter Professor zu Leontine, ich behaupte,
unsre Gegend allein ist wirklich im Stande, dieser immer wieder heranwachsenden
Künstlermenge stets neue, frische Motive zu gewähren. Der Wechsel der
Beleuchtung und Färbung bringt phänomenartige Wandelungen hervor, die, in der
Darstellung treu zurückgespiegelt, den Vorwurf des Gemäldes immer neu und
originell erscheinen lassen und es unsern jungen Burschen leicht machen, ein
Bild zum Ganzen abzurunden.
    Charmant, sagte Leontine; aber, bester Professor, es ist doch viel
Verwandtschaftliches in den Bildern, so etwas à la cousin germain Aehnliches.
Die Herren ***** und ihre Schüler haben es der Mama Natur treulichst
abgelauscht, wie sie es hier mit Himmel und Erde hält; sie gewährt
liebenswürdige Charakterbilder, diese Schweiz, mit ihren frischen, grellen
Tinten, aber mir träumt von grösseren, edler gehaltenen Landschaften. Lachen Sie
mich nur aus, wenn ich's gestehe, dass mich diese Art Bilder alle, alle an
Genregemälde im Riesenstyl erinnern.
    Die Hintergründe, gnädiges Fräulein, entbehren der grossartigen
verschwimmenden Linien der Ferne in dem Teil der Schweiz, den Sie kennen, sagte
mit einem Male Herr Gottard. Die nächstliegenden Berge werden von höheren
Gebirgsketten oder gar von den Alphörnern in ihren Talweitungen unterbrochen,
die sich nur schluchtenartig öffnen, um neue Höhenreihen zu zeigen. Das Berner
Oberland ist ja durch und durch Gebirg. Sie müssten es von höheren und ferneren
Standpunkten übersehen. Schaffhausen, wo die Künstler leben, die Sie nannten,
liegt in diesem Sinne etwas günstiger; doch wird auch dort die Gegend Ihren
Kunstanforderungen nicht genügen.
    Kennen Sie die so genau? fragte das Fräulein.
    Vergebung, wenn ich ja sage. Aus Ihrem vorhergehenden Gespräch kann ich
ziemlich bestimmt entnehmen, dass Sie die Landschaft wie ein historisches Bild
behandelt wünschen, und dass, während Ihnen in der Wirklichkeit hier die Gegend
einen frischen, kräftigen Eindruck gewährt, sie im Gemälde dennoch Ihnen beengt
erscheint. Ihr Landschaftsideal würde schon nicht mit der treuen
Portraitauffaffung unserer hiesigen Landschafter sich genügen lassen, selbst
wenn die Gewohnheit ihnen nicht einen gewissen Rhytmus der Auffassung gegeben
hätte.
    Kann es denn etwas Höheres in der Landschaft geben, als das treue
Spiegelbild der Natur zu sein? fragte Otto.
    O ja, wie es etwas Edleres gibt, als die individuelle Aehnlichkeit der
Menschen: die vergeistigte Natur in ihrer möglichsten Vollendung - das Ideal.
Nur sind die einzelnen Züge des unorganischen Lebens weit schwieriger
aufzufassen und deren höhere Harmonie noch schwerer zu erraten und
herzustellen, als die der menschlichen Erscheinung. Es gehört also ein viel
feineres und ausgedehnteres Proportions- und Schönheitsgefühl dazu, um hier
alles Störende und Disharmonische zu meiden und nicht der Farbe allein das
Erreichen eines Effects anzuvertrauen, der nur durch Zusammenwirkung alles
Genannten erreicht werden darf. Ach, man müsste, schloss er possirlich-wehmütig,
ein Poussin und ein Claude le Lorrain und noch einiges mehr sein als beide!
    Alle lachten; der Professor aber fragte: Sind Sie denn ein Maler?
    Nein, sagte Herr Gottard, es ist mir schwer geworden, der Kunst ganz zu
entsagen, aber ihre Ausübung würde mich auf meinem Lebenswege hemmen. Anna sah
auf. Er stand so ruhig da, als habe er das Allergewöhnlichste gesagt.
    Ich wette, flüsterte Leontine ihr zu, dieser Rattenfänger von Hameln wird
nächstens sein Zauberlied singen und uns Alle sich nach ziehen, wie jetzt deine
Knaben, die den ganzen Tag an ihm hangen wie Kletten. Anna war sonderbar
nachdenkend, sie nickte schweigend.
    Die Andern hatten von Singen gehört und fingen an, Leontinen zu bestürmen.
Lady Frederic quälte sie um ein irländisches Lied.
    Bewahre! sagte Leontine, ich tue niemals, was man von mir will; ich mag
heute nicht singen und werde Ihnen lieber eine Geschichte erzählen. Beiher
können die gelehrten Herren dann von mir selbst erfahren, was ich eigentlich von
der dargestellten Landschaft verlange; denn wenn ich sie reich und grossartig
will, bis über das Mass des Alltäglichen hinaus, so will ich sie doch auch
wechselnd und treu, wie der Laddy und das irische Mädchen.
    Alle rückten eifrig zusammen, Leontine setzte sich auf einen niedrigen
Sessel zu Anna's Füssen und begann, Vrenely sass ihr gegenüber. Es war schwer,
etwas vollendet Schöneres zu sehen, als diese drei Frauenköpfe neben einander;
aber wenn Leontine wie ein Amor, Vrenely wie eine Waldnymphe aussah, blieb Anna
immer die schönste und eigentümlichste Erscheinung unter ihnen; man musste an
Titians Frauenbilder denken, wenn man sie ansah, deren bestimmte Individualität
auch keinen Vergleich duldet. Seltsam, dass sie diese Eigenschaft einer so streng
abgeschlossenen Eigentümlichkeit mit Gottard gemein hatte.
    Leontine sprach ihre Ballade, nur den Mittelsatz derselben sang sie, ohne
alle Begleitung, in wiegend einförmiger Melodie, deren Weise, zwischen
Intonation und Recitativ gehalten, einen wunderlichen, geisterhaften Eindruck
hinterliess.
                             Ballade. (Irländisch.)
Nach Limrick klar der Shanon wellt;
Am grünen Ufer sitzt die Maid,
In tiefster Liebe Herzeleid.
Sie weint um ihren trauten Knaben,
Den ihr entführt die Elfen haben,
Die Jemmy's Schöne nachgestellt.
Von Knockfiörn das »Kluge Weib,«
Das sie befragt in nächt'gem Rat,
Ein Mittel bald gefunden hat:
»Wol kann die Maid den Liebsten retten
Aus aller Geister Zauberketten,
Liebt sie die Seele, nicht den Leib.
Trifft voll den Fluss des Mondes Strahl,
So jagt vorbei auf weissem Ross
Er in der Elfen Wirbeltross;
Sie muss hinauf zu ihm sich schwingen,
Mit ihren Armen ihn umschlingen
Und halten ihn, trotz Grau'n und Qual.«
Ueber den Rasen hin,
Ueber die Haide grün,
Flimmert und schwirrt es,
Nebelt und wirrt es
Wie glänzende Seide.
Sie schweben und schimmern,
Sie schwinden und flimmern
Zu Lust und Leide.
Ueber die Haide grün
Jagt Er unhörbar hin
Im Elfenkreise.
Schnell auf das Ross das Mägdlein springt,
Fasst ihn mit starker Liebe Arm;
Ob ihr auch folgt der Elfen Schwarm
Sie denkt Maria's Gnad und Schmerzen.
Da fühlt sie, weh! am bangen Herzen
Den Schlangenleib, den sie umringt.
Das Scheusal fest sie an sich presst;
Ob es ihr droht mit spitzem Zahn,
Lautlos durchfliegen sie die Bahn.
Jetzt wird er Uhu, Bär und Katze,
Er grins't sie an als Teufelsfratze -
Doch hält ihr Arm den Trauten fest.
Da grau't der Tag! Das Morgenlicht
Legt sich auf aller Berge Höh'n!
Sie wagt's, den Liebsten anzusehn.
Es liegt in ihrem Arm geborgen,
Den sie erlöst in Angst und Sorgen,
Und blickt ihr selig in's Gesicht!
Gewähr' uns, Gott, in Glück und Not
Ein treues Herz, das fest uns hält;
Und wie die Sünde uns entstellt,
Es wagt in mut'ger Liebe Walten,
Trotz allem Wandel uns zu halten,
Bis wir erwacht in sel'gem Tod!
Sie schwieg. Otto starrte sie tief erschüttert an. Liebende finden überall etwas
ihrer Empfindung Analoges.
    Vrenely war im Zuhören der Sprechenden immer näher gerückt; sie horchte noch
immer auf wie ein Kind, nachdem jene geendet. Endlich strich sie mit der kleinen
schön geformten Hand die dunkeln Haare aus der Stirn und flüsterte für sich hin:
Was für ein Glück das sein muss!
    Leontine lachte. Das hab ich schön gemacht! sagte sie; ich dachte eine
rechte Qual und Angst, sonst habe ich wahrhaftig schlecht geschildert.
    Es ist ein grosses Talent, was Sie da haben, mein gnädiges Fräulein, meinte
der alte Professor. Haben Sie denn das alles erdacht?
    O dear no! seufzte die Lady, das liebe Herz! Ich habe die Sage schon gehört,
da ich noch in my green years und in green Erin war. Bei uns sind die Elfen den
Familien durch zahllose Bande verknüpft und die Geschichten wachsen mit uns auf.
Sie war ganz aufgeregt von ihren Erinnerungen. Aber, schloss sie, Kind! die
Anwendung ist weder nationell, noch katolisch.
    Gottard hatte bisher stumm dagesessen, nach einer Weile wandte er sich zu
Anna. Es wäre ein Unermessliches, ein solches Erkennen durch alle
Lebensverwandlungen der Zeit hindurch, wenn es gegenseitig wäre und zwei
kräftige Naturen vereinte.
    Und glauben Sie wirklich, ein Mann wäre eines solchen festaltenden Glaubens
fähig? fragte Anna.
    Er sah sie durchdringend an. Ja, sagte er endlich, ich glaube es. Beide
schwiegen.
    Aber, meine Herrschaften, wo ist denn die Landschaft geblieben? rief
Leontine, der das Recensiren langweilig war. Sie hatte das Loben in ihrer
Familie stets wie eine Art Landplage, Pestilenz oder Heuschreckenschwarm
betrachtet und ertragen. Das ist das eine Auge, meinte sie, was zu haben
schrecklich, und gar zu verlieren noch schrecklicher wäre. Ach! seufzte sie
höchst drollig, in der Mark sitzt mir ein ganzes Nest Waldaus, die zwitschern
alle die nämliche Weise; drucken lassen sie mich nicht, ich könnte ja in
Recensentenhände fallen! Sie geben mir aber mein Teil Bewunderung rein umsonst.
Du bist nicht mit gemeint, Anna! schloss sie, ihr liebes Gesichtchen an deren
Schulter legend und sie so von unten auf ansehend. Weisst du wohl noch die Zeit,
da wir gar nicht zu singen wagten, um nicht etwa Ausdruck in die Gesangsweise zu
legen; ich spielte damals in Gesellschaft bloss Klavier, aus lauter Gefühl meiner
Würde und der ihr anklebenden Anstandspflichten.
    Wildes, irisches Mädchen! sagte die Lady.
    Aber die Landschaft, die Landschaft! fuhr Leontine fort. Sehen Sie, bester
Professor, ich gestatte es recht gern, dass man durch Licht, Schatten und
allerlei Zufälligkeiten der Landschaft einen sogenannten Charakter aufbürde, man
kann sie meinetwegen düster, schaurig oder so lieblich verlockend machen wie den
Kuss einer Geliebten; man mag dabei, wie die Indier lehren, alle fünf
Liebespfeile der fünf Sinne losschnellen, aber sie muss am Ende doch immer wieder
in den Grundzügen ihrer Eigentümlichkeiten erkennbar bleiben, die Steine müssen
nicht wie Wollenballen, Gletscher nicht wie gefrorne Wasserfälle aussehen, und
Granitfelsen nicht wie behauener Sandstein; sie muss sich in eingeborner alter
Treue uns an's Herz schmiegen, wie der Laddy an des Mädchens Brust, im
Vollgefühl des ihr Heimatlichen, dass wir sie zu erkennen vermögen.
    O Jerum! Jerum! sagte der Professor, so wie der grimme Leu ein
fleischfressend Tier ist, also sollen auch wir in einem gottesfürchtigen und
christlichen Wandel leben? Sind mir das Kunsturteile!
    Es war mit der Aufmerksamkeit vorüber, Alle lachten und der Abend schloss auf
heitre Weise mit Musik und allerlei Scherzen. Von Poesie und Kunst war nicht
weiter die Rede.
    Das Scheiden und der Tod kommen gleich unvermeidlich, darum sucht man so
gern den Gedanken an beide zu bannen. Die Ferien gingen zu Ende; Otto musste nach
Basel, seine Vorlesungen zu eröffnen. Die letzten Tage waren leidlich
vorübergegangen, er hatte viel gearbeitet, chemische Versuche und andere
wissenschaftliche Beobachtungen angestellt, auch eine Untersuchung der
nächstliegenden Gletscher mit andern Gelehrten unternommen. Anna hatte ihm
versprechen müssen, dass er Abschied von ihr nehmen dürfe; zu ihrer Verwunderung
trat er völlig heiter und ruhig in ihr Cabinet.
    Er brachte eine grosse Menge getrockneter Alpenpflanzen, die er auf den
Gletscherrändern und den höchsten Gebirgen für sie gesammelt, und erklärte ihr
wohl eine Stunde lang deren eigentümliche Beschaffenheit. Endlich kam der
gefürchtete Augenblick. Er reichte ihr die Hand. Ich danke dir, Anna, für die
unsäglich schönen Stunden, die du mir gegeben, sagte er mild; du hast mir das
Leben wieder lieb gemacht, gleichviel um welchen Preis. Eh' sie ihm zu antworten
vermochte, war er ihr entschwunden.
    Anna war schmerzlich bewegt. War das eine Ueberanstrengung der Kraft? es sah
nicht so aus. Ihre Gedanken jagten einander in peinlicher Hast, sie gedachte
Leontinens und Vrenely's O, sagte sie wehmütig, ich werde nie das Leben
ertragen lernen! Also auch in ihm haftet kein Gefühl! Und doch ist es gut so,
ich habe es ja selbst gewollt, gewünscht. Da flog die Tür auf, Vrenely trat
ein. Das arme Mädchen war Otto auf der Treppe begegnet, er hatte ihr freundlich
und hastig Lebewohl gesagt; unten hielt bereits sein Reisewagen - er war fort.
    Seit den letzten Wochen war eine grosse Veränderung mit Vrenely vorgegangen,
sie hatte sich plötzlich in sich selbst kräftig entwickelt, ihre Gedanken waren
scharf geordnet, ihr Urteil war klar geworden; sie las und lernte in jeder
freien Stunde, und gab ihren Unterricht gut und besonnen. Auch jetzt trat sie
zwar mit hochgeröteten Wangen und fliegender Brust ein, aber so vernichtet und
aufgelöst in Lieb und Leid, wie sie bei jenem Gespräch zwischen Otto und Annen
gewesen, war sie jetzt keineswegs.
    Er ist abgereist! sagte sie fast tonlos. Schon? erwiderte Anna. Armes Herz!
sie reichte Vrenely die Hand.
    O, er wird wiederkommen! versicherte die Kleine; es ist nicht anders
möglich. Bei den Worten flossen ihr die Tränen aus den Augen.
    Leontine sah sie traurig an. Ach, Vrenely! Sie sind viel, viel zu gut. Wenn
wir die Männer lieb haben, mishandeln sie uns. Kommen Sie, Kind, wir wollen
Musik machen; lernen Sie von mir eine leichtfertige Seele sein, ich tauge gar zu
nichts Anderem, als euch arme, weiche Gemüter zu rächen. Wir wollen die neuen
Walzer einüben.
    Liebes Fräulein, meine Augen sind trübe, ich habe die halbe Nacht hindurch
geschrieben, seufzte Vrenely.
    An Ihn? fragte unbesonnen Leontine.
    Vrenely erglühte wie eine Rose. An wen? hauchte sie bebend hervor. An wen
könnte ich wohl zu schreiben haben! Ich habe aus dem Englischen übersetzt; der
Professor lernt es auch eben, und da hatte ich Lust bekommen und fing es vor
Kurzem an.
    Aus welchen Fäden die Liebe ihr Glück spinnt! flüsterte Leontine Annen zu.
Aber ihre Lockungen zogen das Mädchen am Ende doch hinüber in den Saal, und ihre
Gutmütigkeit gaukelte ihr so lange vor, bis sie heiterer gestimmt schien.
    Gottard brachte einige von Annen gewünschte Bücher und Noten; er sah sehr
ernst, fast trübe aus und erwähnte ebenfalls Otto's Abreise. Wir werden ihn alle
vermissen, erwiderte Anna. Gottard antwortete nicht sogleich. Anna war dieses
Schweigen gewohnt an ihm, er war einer von den still und besonnen immer nach der
einmal innerlich angeschlagenen Richtung fortdenkenden Menschen; auch jetzt
glaubte sie ihn mit irgend einem Vorschlag für der Kinder Unterricht
beschäftigt. Basel ist sehr nahe, sagte er nach einer Weile. Sie sah erschreckt
auf; dass Otto im Laufe des Semesters kommen könne, war ihr nicht eingefallen.
Jetzt schien ihr seine Heiterkeit erklärlich. Leontine und Vrenely waren
unterdessen in den Salon gegangen, Gottard war zum ersten Mal mit der Gräfin
allein.
    Es regte sich ein Gefühl des Unmuts und der Unzufriedenheit mit Otto in
ihrer Brust, als habe er absichtlich sie getäuscht; sie arbeitete emsig an ihrer
Tapisserie, ohne ein anderes Gespräch zu beginnen. Als folge Gottards Blick
wortlos dem Zuge ihrer Gedanken, fuhr er nach einer Pause fort: Und Sie, gnädige
Gräfin, Sie finden es nicht natürlich, dass in unserer so streng und viel
fordernden Zeit wir Männer einzelne glückliche Stunden fester zu ergreifen und
zu halten streben, als die zarteren, vom Aussenleben minder hart behandelten
Frauen? Wie lange Jahre hindurch bleiben wir nicht gezwungen, mit einem eilends
errafften Genuss des Glücks Verlangen zu beschwichtigen, das die Natur in jede
Menschenbrust gelegt. Anna zählte ihre Stiche. Und gewiss, einem solchen Kreise
nahen zu dürfen, in ihm vermisst zu werden, ist ein so grosses, seltenes Glück,
dass ein Nachtritt es nicht zu teuer erkauft. Darum zweifle ich auch nicht, dass
wir den Professor recht bald wieder hier begrüssen.
    Ich habe geglaubt, der Weg sei weiter, sagte Anna etwas verlegen.
    Gottard hatte bis dahin mit gesenkten Augen gesprochen, jetzt schlug er sie
auf; sie fühlte sich mit diesem einen Blick bis in ihr tiefstes Seelenleben
durchschaut; rasch entschlossen, heftete sie den ihren fest auf ihn, er hatte ja
kein Recht, in das von ihr Verschwiegene sich zu drängen; aber ihr Auge traf auf
ein todtenbleiches Antlitz, dessen zitternde Lippen eine tiefe Gemütsbewegung
verrieten.
    Nach wenigen Secunden empfahl sich Gottard, um nach den Knaben zu sehen.
    Anna blieb nachdenkend auf ihrem Stuhl sitzen. Worüber sann sie denn so
seltsam ernst und tief? Sie fühlte sich gereizt, und doch war ihr, als müsse sie
Gottard eine Art Aufklärung schuldig sein.
    Ihm? dem Hofmeister meiner Kinder? fragte sie sich mit plötzlich erwachendem
Stolz. Wie kann dieser Mensch es wagen, mich zu beurteilen, mich zu richten?
Warum argwohnt er zwischen mir und Otto eine Leidenschaft - ein Verhältnis? -
Aber tut er es denn wirklich?
    Verstimmt schritt sie im Zimmer auf und nieder und entwarf allerlei Pläne,
Gottard sich fern zu halten.
    Weisst du, sagte jetzt Leontine, die unterdessen zurückgekommen, dass die
Kleine trotz ihrem Liebesunglück glücklicher ist, als wir beide?
    Wie so? fragte Anna zerstreut.
    Du, mein Herz! fuhr Leontine fort, indem sie sich in eine Sophaecke warf,
bist an einen vortrefflichen Mann verheiratet, dem du die unendliche Ehre
erzeigst, seine Gemahlin zu sein. O still! still! Du wirst mir doch nicht von
dem Glück sagen, dass wir dich in die reichsgräfliche Krone unsers Hauses gefasst,
als deren besten Edelstein? Halte mich doch um Gottes willen nicht für
miserabel, Anna! Dein Glück kenne ich innen und aussen, wie meine alten
Handschuhe. Mein Oheim ist wirklich ein guter Mensch und ein echter Cavalier, er
hat sogar eine Menge vorzüglicher Eigenschaften; unglücklich bleibt es indessen
doch, dass gerade Er in eurer Ehe der Mann ist.
    Leontine, du quälst mich!
    Und ich möchte dich doch nur veranlassen, deine Stellung genauer zu
überblicken, um sie etwas leichter zu nehmen.
    Lass mich den einmal scharf bestimmten Weg so fortgehen, bat Anna.
    Wahrhaftig, du hättest irgend einen meiner Cousins in Pommern, oder, wenn
man dort nicht katolisch wäre, nach Westphalen hin heiraten sollen, so einen
der vielen blonden Johannes, Karls und Egons von Kronberg. Du wärst ihm eine
züchtige, demütige Hausfrau geblieben - wie ich deren dort eine Menge kenne und
liebe - hättest ihm aus langer Weile eine Reihe blühender Kinder geschenkt;
kurz, es wäre bei deinem Charakter immer alles gegangen, nur hättest du nicht
vorher dem Zweige der phantastisch kühnen Waldaus aufgepfropft werden müssen! In
meinem Papa steckte noch die ganze französische Revolution - mir ist sie ins
Blut übergegangen und siedet darin fort. Mama's Eltern waren respectable
Philister, und Geiersperg ist ein tapfrer Ritter, den das Mittelalter aus
Versehen zurückgelassen hat, als es über die Erde schritt.
    Du aber, armes Kind! in unserm Hause, mitten unter allem erwachsen, was
Deutschland an Geist, Anmut, Verstand und Witz zusammenbringen konnte, du
sollst nun unsern guten, prächtigen Roderich beständig leiten und schieben, und
zwar so fein, dass er's selber nicht merkt! Du sollst dem in seiner Art
ehrenwerten, sehr aristokratischen Edelmanne eine elegante, ebenso
aristokratische Gefährtin sein, pas plus! denn das Uebrige ist vom Uebel - du
mit deinem Koturnen-Charakter, du, die für ein geliebtes Herz zu sterben
vermöchte!
    Leontine, ich hoffe, ich kann auch für dasselbe leben.
    Wahrhaftig ja, das kannst du! Du bist eine gute Frau, eine vortreffliche
Mutter, du bist ein Stern der Gesellschaft, der oft ihre Existenz bedingt und
beherrscht. Anna, weisst du, wenn du im weissen Atlaskleide durch unsre Hofsäle
rauschest, so kann ich, weiss Gott! nie recht begreifen, dass man nicht »Ihre
Majestät« zu dir sagt, und vergesse immer wieder, dass mein guter, dummer Onkel
Gesandter geworden ist, um dich an den Hof zu bringen.
    Ja, sagte Anna lachend, warum hat er auch eine Roturière geheiratet!
    Siehst du, rief aufjauchzend Leontine, so himmlisch gut und gescheit hätte
mir unter tausend Bürgerlichen nicht eine geantwortet! Das ist's ja eben, mein
Kronjuwel, dass du ein geborner Prinz Regent, innerlich deiner eignen höchsten
Vornehmheit dir bewusst bist. Darum ist man auch immer à son aise mit dir und
kann dir alles sagen. Ach, ich wollte nur, ich hätte die Courage, dir auch etwas
recht Schlechtes, recht Fatales von mir selbst zu sagen! Sie barg das Gesicht in
den Händen.
    Von dir? Bist du ein Falschmünzer geworden und hast uns betrogen?
    A-peu-près! gelogen habe ich wirklich, 'pon honnour! sagt Lady Frederic, und
das Schlimmste, schloss sie, aus ihrer Sophaecke aufspringend und in einem höchst
aufgeregten Zustande zu Annen hinlaufend, das ganz Erschreckliche ist: ich lüge
noch!
    Was wird da herauskommen, dachte Anna, die irgend eine Narrensposse
erwartete. Aber Leontine warf ihr beide Arme um den Hals, küsste sie wiederholt
und heftig, und zwei helle Tränen fielen auf Anna's Wange, die sie nicht selbst
geweint. Tränen? Leontine, du? Mein Gott, was ist denn geschehen?
    Morgen! Morgen! flüsterte die Schluchzende und eilte in ihr Cabinet, das sie
hinter sich abschloss.
    Aber der nächste Tag brachte nicht die gewünschte Erklärung; es kam nicht
dazu. War es Absicht, war es Zufall? Anna konnte sich keine Rechenschaft darüber
geben. Leontine schien heiterer als je, phantasirte den ganzen Tag von
Bergfahrten, vom Gletschermeer, vom Grindelwald, und wollte, trotz dem
Späterbst, noch überall hin, besonders lag ihr ein Ausflug nach Luzern zum
Markt in Gedanken; sie hatte den Kopf voller Äusserlichkeiten und Mutwillen.
    Annen war dieser plötzliche Wechsel der Stimmung ihrer Freundin nicht fremd;
sie kannte an dem wunderlichen Mädchen einen sie seltsam und stossweise
überfallenden Hang zu philosophischem Grübeln, der zuweilen in fast skeptischen
Unglauben ausartete. Leontine verdankte diese Richtung dem frühen, bei
wiederholtem Aufentalt in Schlesien sich stets erneuenden Umgang mit einer sehr
bigotten katolischen Familie, deren Hauskaplan ihrem kindischen Witze zum
Stichblatt dienen musste. Der Eifer des alten Domine, sein Mangel an Kenntnissen,
die groben Widersprüche, zu welchen seine beschränkten Religionsansichten ihn
hinrissen, alle diese sich in katolischen Ländern oft ganz gefahrlos
wiederholenden Zufälligkeiten, die den wirklich Frommen kaum berühren, reizten
die junge Protestantin erst zum Widerspruch, dann zur Analyse, endlich zu
gänzlichem Misverstehen des nur mit einfachem Sinne auf wohltuende Art zu
Erfassenden.
    In Berlin gewährte Geierspergs Bibliotek, die sie heimlich durchstöberte,
dem noch an der Grenze der Kindheit stehenden Mädchen Gelegenheit zu einer Art
Controverse mit ihrer jungen Freundin, die auf Annen einen vorübergehenden, auf
Leontinen einen dauernden Eindruck machte, der mit den Jahren tiefer ward, als
ihr glänzender Scharfsinn sich entwickelte. Sie schrieb Annen lange, höchst
geistreiche Briefe über solche Gegenstände, die diese sanft und völlig ruhig
erwiderte.
    Bei späterem Wiedersehen begann Anna durch den momentanen Unfrieden, in den
sie die geliebte Zweiflerin verfallen sah, insgeheim zu leiden; ein längeres
Beisammenleben hatte jedoch diesen ersten Eindruck längst gemildert. Wie oft
hatte sie Leontinen tiefsinnig spottende, an Voltaire's Geist erinnernde
Bemerkungen aussprechen gehört, wie oft aber auch in weicheren Augenblicken die
heissen Reuetränen gesehen, die das liebenswürdige Wesen über die Unmöglichkeit
vergoss, sich einen überzeugenden Glauben an die tröstlichen Verheissungen unserer
Kirche anzueignen. Stunden lang konnte sie die Möglichkeit einer individuellen
Fortdauer bestreiten und andere Male am Krankenlager alter Diener und
Notleidender denselben durchdringenden Geist zur Erweckung des innigsten,
reinsten Gottvertrauens anwenden. Dass dieser stete Wechsel eines unaufhörlich in
sich bewegten Gemüts dem starken festen Sinn der jungen Frau widerstand, ist
begreiflich, aber die Verschiedenheit ihrer Naturen wirkte nicht störend auf die
Zärtlichkeit der so lange und eng Verbundenen. Allmälig war Annen die
Ueberzeugung geworden, dass dieser flutenreiche, ewig auf- und niederwogende
Charakter Gefühlstiefen in sich berge, die dem Senkblei willkürlichen
Eindringens stets unerreichbar bleiben müssten. Sie hatte sich darein ergeben,
wie man eben an das Ungewöhnlichste sich gewöhnt, wenn ein seltenes Geschick uns
dasselbe aufdringt und das, was die Welt als Phänomen anstaunt, in die Bahn
unserer Alltäglichkeit wirft. Natürlich machten aber jetzt weder Leontinens
Tränen, noch ihr späteres Schweigen über deren Ursache einen so tiefen Eindruck
auf sie, als dies bei jeder Andern der Fall gewesen sein müsste. Sie schrieb
Leontinens Aufwallung einer augenblicklichen Erregung zu und mochte sie nicht
mit lästigen Fragen verletzen, als dieselbe vorüber schien.
    Gottard beschäftigte sich mit immer regerem Eifer mit den beiden Knaben.
Ihre Entwicklung grenzte ans Staunenswerte, doch quälte er sie wenig oder gar
nicht mit Lectionen, er entfaltete die reichen Anlagen der Kinder, wie ein
geschickter Gärtner eine frische Pflanze zur gesunden Blüte bringt. Halbe Tage
streifte er mit ihnen umher über die minder hohen Berge, durch Täler und
Schluchten hin, er gab ihnen Unterricht in den einzelnen Zweigen der Naturkunde,
er führte sie in Städte und Dörfer zu Handwerkern und Bauern, bildete ihr Auge
und zeigte ihnen alles, was er sie lehrte; sie mussten es mit Händen greifen,
dann begriffen sie es auch geistig. Zum eigentlichen positiven Lernen hatte er
den nächsten Winter bestimmt.
    Sie machen meine Kinder zu Amerikanern, sagte lachend Anna, wenn die Knaben
ein unbegreiflich klares Auffassen äusserer Eindrücke zeigten. Geht das so fort,
so werden die Buben mit funfzehn Jahren heiraten wollen und ich mit dreissig
eine alte Frau sein müssen.
    Er blickte ihr mit einem fast jubelnden Ausdruck in das reizende Gesicht. Im
Gegenteil, gnädige Gräfin, ich sichere Ihnen eine nie unterbrochene Jugend und
immer frische Sinne zu.
    Sie sah ihn dankbar an. Sie fühlte zwar dunkel, dass er die Kinder um
ihretwegen liebe, aber sie gestand es sich nicht.
    Von Otto war nicht wieder unter ihnen die Rede gewesen; Anna dachte nicht
mehr ihrer Pläne, Gottard sich fern zu halten. Es ist etwas Furchtbares um die
Gewalt des sich alltäglich Wiederholenden, wie es leise die Seele umspinnt!
    Kronberg war immer noch in Berlin. Sie schrieb ihm lange Berichte über der
Knaben Fortschritte, die er in wenigen Zeilen mit der Versicherung erwiderte: es
freue ihn, durch die Erfahrung ihr beweisen zu können, dass er sich in Herrn
Gottard nicht geirrt. Uebrigens liess er sich in keine Details ein; der
Aufentalt in den ehemals heimischen Kreisen, der rasche Diplomatenwechsel, der
zu Verona eröffnete Congress, an welchem der Minister so bedeutenden Anteil
nahm, hatten seine ganze Seele mit so mannigfaltigen Eindrücken überfüllt, dass
er Gott dankte, alle Familiensorgen seiner Gemahlin überlassen zu können.
    So freundlich Kronbergs Schreiben war, lag dennoch unendlich viel
Schmerzliches für sie in dem Briefe; das leise Gefühl, dem Gemahl lästig zu
werden, überschlich sie mehr und mehr mit kältender Qual. Dass er als Diplomat
dem Reactionssysteme unbedingt anhangen, die monarchischen und conservativen
Grundsätze zur Norm all seiner Urteile machen und dabei mit wachsendem Egoismus
eine immer rücksichtsloser ausgedehnte persönliche Unabhängigkeit behaupten
könne, war ihr unbegreiflich. Diese Art Freiheitsliebe, die nur ihn selbst von
jeder individuellen Pflicht lösen sollte, kam ihr unedel vor. Die
Oberflächlichkeit, mit welcher er die griechische Freiheitssache behandelte, die
ihr frisches Herz mit dem glühendsten Entusiasmus erfüllte, tat ihr wehe. Das
Hinwegschlüpfen über Josephinens Stimmung gegen Leontine, vor allem aber die
Gleichgültigkeit gegen die Fortschritte der Kinder, die nur im Triumph über die
getroffene Wahl eines Hofmeisters eine Spur der Teilnahme zeigte - alles dies
verletzte sie unaussprechlich. Ueber die Bestimmung eines Winteraufentalts für
sie entielt der Brief keine Zeile und doch ging der October bereits zu Ende.
Kronberg musste es ganz und gar vergessen haben.
    Otto war noch nicht von Basel herübergekommen. Gottard lebte nur den
Kindern und seinen Studien. Seit ein paar Tagen hatte er sich fast ganz
zurückgezogen; wenn die Kleinen ihn nicht beschäftigten, kam er gar nicht aus
seinem Zimmer. Seine Lampe brannte immer noch, wenn Anna, an grossstädtische
Stunden gewöhnt, lange nach Mitternacht von Leontinen sich trennte; der bleiche
Strahl erhellte die Hautelissetapete ihres Schlafzimmers, auf der die Schlacht
bei Sempach dargestellt war; erwachte sie gegen Morgen, so lag der matte Schein
immer noch auf irgend einem Teile des graulichen Bildes. Der junge Mann
arbeitet sich todt! sagte sie leise zu sich selbst. Am Morgen erzählte sie es
Leontinen.
    Welch ein entsetzlicher Ernst in dieses Menschen Willen! Er will Minister
sein, und glaube mir, er wird es.
    Minister? fragte Anna.
    Ja, erwiderte Leontine, er will eine unerhörte Carrière machen, und wenn er
sein Ziel erreicht hat, irgend etwas Grosses, Ungewöhnliches durchsetzen.
Vielleicht ist er verliebt und hofft auf diese Art die Hand seiner höher
gestellten Geliebten zu erhalten.
    Was für romantisch-törichte Ideen du von allen Leuten dir machst! sagte
Anna etwas gereizt. Nun soll der junge Mann verliebt sein, weil er des Nachts
schreibt!
    Ja so, meinte lachend die Gescholtene, ich vergass, in unsern raisonnirenden
und revolutionairen Zeiten muss man ein Weib oder ein sechszehnjähriger Jüngling
sein, um zu lieben! O dolce amore, ragion cui non s'intende, e se ragion intende
subito amore non è! Mit fünfundzwanzig Jahren ist man viel zu alt zum Lieben,
nicht wahr?
    Sollte Gottard lieben? Aber wen? Lange sann Anna schweigend nach, nicht die
leiseste Äusserung hatte jemals Leontinens Vermutung bestätigt. Aber warum
arbeitete er denn so rastlos? Ihr fielen die Volksbewegungen der letzten Jahre
in Spanien, Portugal und Brasilien ein; was konnte er mit ihnen allen zu
schaffen haben? In Deutschland war ja alles ruhig. Und dennoch, sollte er irgend
einer geheimen politischen Verbindung angehören - unmöglich, das glich ihm
nicht. Zum ersten Male dachte sie daran, dass sie ihn nie nach seinem Vaterlande
gefragt. Ein Deutscher war er, obschon er mehre Sprachen mit gleicher Fertigkeit
sprach, das schien ihr gewiss. Kann man zugleich so ganz einfach und dennoch so
rätselhaft sein? dachte sie. Sie sprach ihre Gedanken nicht wieder gegen
Leontine aus.
Duguet räumte den Salon auf, Leontine wollte tanzen heute Abend, auch ohne Ball,
lieber nach dem Klavier als gar nicht. Eine kleine Gesellschaft war dazu
eingeladen. Jetzt war er fertig, er sah sich ein paar Mal um, dann zog er ein
gefaltetes Blatt aus der Tasche, das er, an's Fenster tretend, zwischen den
Fingern hin und her schob und in den hellen Sonnenstrahl hielt.
    Mais - c'est malhonnête ce que tu fais là! sagte mit einem Male Madame
Sophie. Als er seine Frau gewahrte, steckte Duguet das Blättchen ein - es war
ein versiegelter Brief - und begann ganz tapfer Marlborough s'en va-t-en guerre
zu singen, was bei ihm das entschiedene Zeichen eines grossen inneren Triumphs
war. Zugleich rückte er Tische und Stühle zurecht und stäubte sie auf schon
erwähnte Weise mit dem Tuch, den Takt schlagend, ab. Sophien sah er gar nicht
an, er war auf dem höchsten Gipfel seines Hochmuts.
    Mais je dis que c'est malhonnête ce que tu fais là!
    Hein? fragte er.
    Was hattest du denn für ein Papier? fuhr sie fort.
    Hein? qu'est-ce? fragte er, immer heftiger um sich schlagend. Aha, si! eine
Rechnung vom Herrn.
    Die man nur auf der Rückseite lesen kann, wenn man sie in die Sonne hält?
    Er schwieg und ordnete mit wachsender Hast die Sessel.
    Es ist eine Indiscretion! Gib mir das Papier! bat sie dringend.
    Diable! sagte er, comme tu y vas! was geht dich's an!
    Gib mir das Blatt, Duguet! ich weiss, was es ist.
    Hoho! Du weisst, was es ist? Ich will es nicht hoffen! Meine Frau, meine Frau
will wissen, was ein Papier entält, das unsre ganze Familie - das heisst, unsre
Herrschaft, in Not und Schande bringen kann! Sacre bleu! und wie sie mir das
ganz ehrlich und unschuldig, mir nichts, dir nichts, so hinsagt! Wie kannst du
so etwas von dir sagen? Und mir? mir von dir? hein? Begütigend fuhr er fort:
Allons, allons, ne the fàche pas! Ich weiss schon, es ist dir nur so entfahren!
Nichts auf der Welt weisst du von diesem Gott vermaledeiten Wisch, es geht dich
nichts an, das verfluchte Papier!
    Duguet, willst du mir das Papier geben?
    Nein!
    Ich bitte dich um Gottes willen, Duguet, gib mir das Papier! Du weisst nicht,
was du tust.
    Sophie zitterte an allen Gliedern.
    Diable! sagte nochmals Duguet, sie von Kopf zu Fuss mit den Augen messend,
und woher weisst denn du den Inhalt eines versiegelten Blattes?
    Weil ich - ich kann, ich darf es dir nicht sagen; aber bei allem, was dir
heilig ist, beschwöre ich dich, schweige und gib es mir!
    Schweigen? Ich? Schweigen, wenn es die Ehre, den Namen, das Blut meines
Herrn gilt? Was geht mich der Narr an, der jetzt - Weib, mach mich nicht rasend!
Ich darf gar nicht daran denken, es reisst mir das Herz aus dem Leibe. - Da, da
ist dein verfluchtes Papier; ich will es nicht lesen, aber nicht du, nicht sie,
Niemand soll's lesen. Und du sollst sehen, schloss er immer drohender und wilder,
dass ich alles vereiteln werde. O, mein Herr! mein armer Herr! Mit Händen und
Zähnen riss er das Papier in tausend kleine Stückchen und warf es in die Kohlen
des Kamins.
    Nach Atem ringend, stand Sophie vor ihm und sah zu, wie das Feuer den Brief
verzehrte, während Duguet, die geballten Hände vor den Augen, hinauseilte. Als
die Türe heftig dröhnend hinter ihm zugeworfen war, blieb sie noch eine Weile,
gespannt horchend, regungslos stehen, seine Schritte verhallten endlich auf dem
Corridor; ja, er war fort. Sie sammelte die letzten am Kaminrande herumliegenden
Papierfetzen und warf sie den andern nach in die Kohlenglut. Gott sei Dank! er
hat nichts gelesen! Tief aufatmend, als sei eine Riesenlast ihr entnommen,
verliess Sophie den Salon.
Es war ein schöner, aber kalter Herbstabend; die Gesellschaft hatte sich
entfernt, es war Niemand mehr im Saal, als die Hausgenossen und der alte
kunstliebende Professor; das nämliche Kaminfeuer, das zum stillen Träger des
Geheimnisses geworden, das Madame Sophie so bedrückte, hielt den kleinen Kreis
noch beisammen.
    Aber warum, Herr Gottard, wollten Sie nicht mit mir tanzen? fragte
Leontine.
    Ich habe es nie gelernt, Gnädigste, und fürchtete, sie mit einem schlechten
Tänzer in Verlegenheit zu setzen.
    Gott Lob und Dank! Die Achillesferse! rief, laut auflachend, das Fräulein.
Anna, Anna! Herrn Gottards verwundbarer Fleck! Wahrhaftig, lieber Herr
Gottard, Sie konnten mir gar keine grössere Gefälligkeit erzeigen als durch
diese kleine menschliche Unvollkommenheit; aber nun müssen Sie sich auch mir zur
Liebe blamiren und auf der Stelle mit mir tanzen! Der Professor und Anna
stimmten scherzend bei.
    Wenn Sie mich unterrichten wollen, gnädiges Fräulein, werde ich wenigstens
nie mehr die Entschuldigung haben, nicht tanzen zu können, sagte Gottard
verbindlich; er war in Leontinens Zauberbann geraten.
    Sie war aufgesprungen und hatte bereits ihre Hand auf seinen Arm gelegt.
Einen Walzer, lieber goldner Professor! Erst aber langsam, wenn ich bitten darf.
    Sie schwebte mit Gottard dahin; er tanzte, wie die meisten Deutschen,
seinen Nationaltanz gut, sogar schön. Schneller, immer schneller! rief Leontine.
Der alte Professor trommelte immer heftiger auf dem Klaviere herum, mit und
neben dem Takt; Gottard folgte mit grösster Gewandheit und sicherem Taktgefühl
jedem Wechsel des Rhytmus.
    Herr Gottard, sagte, plötzlich stillstehend, Leontine, das ist abscheulich!
Sie tanzen vortrefflich! Ich bitte dich, Anna, walze nur ein einziges Mal um den
Saal - Gottard stand bereits schüchtern, aber doch bittend vor ihr.
    Zum ersten Male berührte ihn der Gräfin Hand, das Blut stieg ihm in's
Gesicht, aber er tanzte sicher und besonnen fort. Das ungewöhnlich reine Ebenmass
seiner durchaus edeln Gestalt trat während des Ländlers auf das Vorteilhafteste
an's Licht, seine Züge waren ruhig geworden, er machte einen sehr angenehmen
Eindruck. Anna empfand zum ersten Mal in ihrem Leben eine wirkliche Freude am
Tanz; sie fühlte keines ihrer Glieder, auch nicht den sie leicht stützenden Arm
ihres Tänzers; jede Bewegung des schönen Paares passte harmonisch an einander.
    Aber, Anna! rief Leontine, die sich im Sopha recht bequem zurechtgesetzt
hatte, um mit kritischem Blicke zuzusehen; aber, Anna! es ist ja wundervoll, wie
ihr Beide zusammen tanzt!
    Der Professor wollte es geschwind auch sehen, vergass zu spielen und drehte
sich um. Der improvisirte Ball hatte ein Ende.
    Und warum sagten Sie denn eigentlich, Sie könnten nicht tanzen? fragte der
Professor.
    Weil ich nur walzen kann. Einen Tanzlehrer mir zu halten, war meinen Eltern
zu kostspielig. Von den ausländischen Tänzen, die ich heute hier sah, kann ich
keinen.
    Schade, dass ich's nicht gesehen habe, sagte der Professor.
    Nun wollte Leontine durchaus dem Professor zu Ehren an dessen Stelle
spielen, und Gottard und Anna sollten und mussten ihm noch einmal vorländlern;
sie hatten jedoch kaum die Hälfte des Zimmers erreicht, als die Saaltüre
aufflog und Otto durch dieselbe eintrat.
    Er blieb an der Schwelle stehen und schreckte sichtlich zusammen; überhaupt
schien er von der ganzen Scene, obschon sie ihm augenblicklich laut lachend
erklärt ward, so unangenehm berührt, dass weder Leontinens einschmeichelndes
Entgegenkommen, noch Annens herzliche Freundlichkeit den Eindruck sogleich zu
verlöschen im Stande waren. An Kronbergs späte Stunden gewöhnt, hatte er es
gewagt, zu fast nächtiger Zeit und in Reisekleidern zu kommen. Der folgende
Morgen war zu einer nochmaligen Gletschermessung hinter Grindelwald bestimmt,
von welcher er Abends nach Bern zurückzukehren und dann den folgenden Tag wieder
nach Basel zu reisen gedachte.
    Alles dies erzählte er mit so seltsam kalter Miene, dass Leontine aufmerksam
wurde und ihn mit dem durchtriebensten Übermut zu necken begann. Sie
behauptete, er wolle sich selbst als Gletscher ausmessen lassen, anstatt, wie er
vorgebe, das Vorrücken des Eismeeres zu beobachten, was auch in der Tat viel
unbequemer sei. Anna blieb in ihrer Einfachheit ganz arglos, sie suchte
Leontinens heftige Ausfälle gegen Otto zu mildern und ihr Wohlwollen besiegte
nach und nach den eifersüchtigen Unmut des Freundes, er ward etwas heiterer.
    Gottard hatte sich an das Klavier gesetzt und phantasirte ungemein schön.
Nur der alte Professor achtete darauf und nickte still entzückt gegen den Takt.
    Otto fragte nach allem, nach den Kindern, nach Briefen und Nachrichten, nach
Sophien; seine warme bürgerlich-häusliche Teilnahme legte sich balsamisch weich
auf Anna's verwundetes Herz. Sie mied jedoch alle nähere Erörterung über ihres
Gemahls Schreiben. Nach ihrem Winteraufentalt zu fragen, fehlte Otto der Mut;
so kam weder ihr Reisen noch Bleiben zur Sprache, und leise und allmälig
entfaltete sich ihm die Wunderblüte des Glücks, die immer die Nähe eines
geliebten Gegenstandes, selbst unter den traurigsten Beziehungen mit sich
bringt. Sass er doch neben ihr! Die Zimmer, die sie bewohnte, all die kleinen
Tee- und Arbeitsgerätschaften zu sehen, hatte er ja so unendlich lange
entbehrt, und nun war alles noch da und wie sonst, es zog sich wie ein Zauber um
seine Sinne. Dass Gottard sich nicht in das Gespräch mischte, gewährte ihm
ebenfalls eine Erleichterung. Allmälig wurde er immer fröhlicher und begann von
seinen Vorlesungen, seinem Leben in Basel, den eben damals die Geologen und
Naturforscher zuerst beschäftigenden Gletscheruntersuchungen und seiner
morgenden Expedition zu erzählen. Aber, fragte er, plötzlich sich besinnend, wer
ist denn der Fremde, der eben von euch ging? Ich bin ihm an der Haustüre
begegnet?
    Du irrst, erwiderte Anna, wir haben keine neue Bekanntschaft gemacht.
    Doch kam er aus euerm Hause, sogar aus eurer Etage, die Treppe herunter.
Vielleicht ein Bekannter von Herrn Gottard?
    Dieser verneinte stumm.
    Leontine versicherte, es müsse ein guter oder böser Geist sein, der sich
ihrer drohenden Winterlangeweile anzunehmen denke; sie hatte tausend Fragen,
immer eine possirlicher als die andere, und baute zuletzt aus Otto's Antworten
eine so grotesk-burleske Gestalt des Fremden zusammen, dass Alle in lautes Lachen
ausbrachen und die lustigste Stimmung des kleinen Zirkels sich bemächtigte.
    Nun, wenn es sich nicht so verhält, wie das gnädige Fräulein zu meinen
belieben, sagte endlich, immer noch lachend, der alte Professor, so muss er eine
Traumgestalt des Herrn Gottard sein, der seit einer halben Stunde dasitzt, als
brüte er, wie Doctor Faust's Famulus über einen Homunculus.
    Gottard hatte keinen Teil an dem Gange des Gesprächs genommen, auch jetzt
war er zerstreut und hatte nicht recht hingehört. Ach! sagte er ernst und weich,
welcher Mensch ist am Ende individuell genug, um so ganz genau Dichtung und
Wahrheit in sich zu scheiden und mit Gewissheit zu sagen, das habe ich erlebt -
das habe ich geträumt!
    Otto mass ihn von Kopf zu Füssen, ein furchtbarer Zorn loderte auf in seinen
Augen. Ihm war Gottards Zerstreuung sehr erklärlich; dieser bemerkte es nicht
und blieb still in seinem Winkel sitzen.
    Leontine war aufgestanden und hatte trotz der Novemberkälte ein Fenster
geöffnet; sie sah eine Weile hinaus. Als sie auf Anna's wiederholtes Bitten zur
Gesellschaft zurückkehrte, erschien sie den Andern bleich und angegriffen; sie
zitterte sogar. Sie schob es auf die Nachtluft.
    Der Professor, den die plötzliche, ihm ganz unerklärliche Verstimmung
drückte, hatte sich wieder zu Gottard an das Klavier gesetzt und bat ihn, eine
seiner Lieblingscompositionen zu singen. Gottard fragte die Gräfin, ob sie es
erlaube, und willfahrte dem alten freundlichen Mann gern; aber er sang andere,
als die gewohnten Textworte.
Mitten in der Brandung auf den Felsentrümmern
Ruht der alte Schiffer, schauend in die Flut;
Unter blauen Wogen, wo die Muscheln schimmern,
Bergen sich Korallen vor des Blickes Glut.
Durch das Meergebrause ruft er den Erschreckten
Und den Bernsteinwäldern und den Perlen zu:
Schlaft in euern Tiefen! Die euch sonst erweckten,
Meine Taucherblicke, gönnen euch die Ruh'.
Glänzt mit euerm Schimmer, euern Purpurzweigen
Ruhig durch die klare, rasch-bewegte Nacht;
Bleibt in eurer Schöne der Najade eigen,
Zu des Wellenbettes hochzeitlicher Pracht.
Hören's die Najaden, unten in den Wogen,
All' die Nereiden steigen still herauf,
Und ein Netz von Klängen, die sein Herz durchzogen,
Schlagen unter Wellen sie dem Fischer auf.
Doch der alte Schiffer schüttelt seine Locken,
In des Auges Muschel schläft die Träne fort.
Er sieht Netz und Schlingen - die Gesänge stocken,
Seinen Nachen treibt es aus dem Felsenport.
Rasch in sicherm Sprunge steht er in der Barke,
Fasst das Steuerruder mit erfahrner Hand:
Ruhig, Klang und Welle! Euch bezwingt der Starke
Und ihr tragt den Nachen mir zum sichern Strand.
Mit jedem Vers war Gottards Stimme voller und tönender, sein Ausdruck mächtiger
geworden. Als er an die Worte kam: Ruhig, Klang und Welle! leuchtete eine fast
blendende Kraft und Sicherheit aus seinen ganz vergeistigten Zügen, so dass Alle
in dem kleinen Kreise davon ergriffen, ihn starr und bewegungslos anschauten,
etwa wie einen plötzlich unter ihnen erstandenen Propheten oder einen von
höherer Kraft Begeisterten. Leontine stand einen Moment, das schöne Köpfchen zu
einer fast demütigen Stellung herabgebeugt, neben ihm am Klavier. Ja, sagte sie
leise, Sie werden ein glücklicher Schiffer sein, denn Sie vermögen die inneren,
wie die äusseren Gewalten zu bändigen, Sie haben die Kraft dazu.
    Kraft ist nicht Glück, mein Fräulein! sagte Gottard sehr ernst.
    Er war aufgestanden und mit an den kleinen runden Tisch getreten, um den die
Andern sassen. Wunderbar, der untergeordnete, der besoldete Hofmeister der Kinder
stand unter ihnen wie ein Fürst. Sogar Sophie staunte ihn mit einer Art dumpfen
Respect an, mit dem sie nicht leicht bei der Hand war. Gottard bat, sich
beurlauben zu dürfen, verbeugte sich tief vor Annen, leicht vor den Uebrigen und
verliess den Saal.
    Das ist doch ein sehr ungewöhnlicher Mensch! sagte Otto düster. Anna
schwieg. Ach! erwiderte Leontine, wie in Traumeswogen versunken, halb flüsternd
vor sich hin redend, wenn sich diese Ueberlegenheit an die Spitze eines
bedeutenden Unternehmens stellte, wenn in Oberitalien -
    Sophie warf den Nähkorb des Fräuleins um und brachte mit den unbedeutendsten
Fragen und Suchen nach den herumrollenden Wollenknäueln das Gespräch aus dem
Gange. Leontine errötete heftig; Anna reichte Otto quer über den Tisch die
Hand.
    Als Anna in ihr Schlafzimmer trat, leuchtete die stille Arbeitslampe wie
gewöhnlich herüber. Er schreibt noch! Sie trat ans Fenster und legte die heisse
Stirn gegen die kühlenden Glasscheiben. Zum ersten Mal hatte Gottard vergessen,
seine Vorhänge zu schliessen. Sie sah hinüber, sah ihn ein Paquet Schriften
packen, siegeln und adressiren. Lange stand er dann, es betrachtend, am
Schreibtische; er sah sehr ernst, fast trübe aus. Plötzlich wandte er sich und
trat mit einer unerwartet raschen Bewegung ihr gegenüber an sein Fenster.
    Das altertümliche Haus, das die Familie bewohnte, umschloss, mit seinem
Nebenbau und Seitenflügeln im Viereck, nach hinten zu einen ziemlich engen Hof;
Gottard sah also durch die einander schräg gegenüber liegenden Zimmerfenster
Annen unerwartet ganz nahe vor sich. Er hatte scharfe Augen und musste bemerken,
dass sie ihn beobachtet hatte. Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Seligkeit und
Schmerz überflog einen Augenblick seine Züge, dann senkte er die Augen. Als er
sie wieder hob, war das Meteor seines Glückes verschwunden und tiefe Finsternis
umhüllte das ganze Gebäude. Für das ganze lange Leben einen Augenblick des
Glücks! sagte er wehmütig vor sich hin. Er löschte auch seine Lampe, dann sank
er im Dunkeln auf einen Stuhl und blickte tiefsinnig in die Nacht hinaus.
    Als er am nächsten Morgen nach dem Frühstück, seine Zöglinge abzuholen, bei
Annen erschien, sah er unbefangen und heiter aus wie immer.
    Muss dem armen Kinde, dem Vrenely, gerade heute einfallen, sich einen guten
Tag zu machen! sagte Leontine, Hut und Mantel abwerfend. Ich wollte keinen von
euern Leuten hinschicken und lief selbst hin, sie einzuladen. Sie ist nach
Brienz zu Verwandten.
    Ich habe gar nicht gewusst, dass sie hier aus der Umgegend ist, antwortete
Anna.
    O, wie ist das möglich? fragte Leontine, indem sie ihren alten
Lieblingsplatz, eine Art niedrigen Kinderstühlchens, zu der Freundin Füssen
einnahm und ihren zierlichen Arm auf deren Knie legte. Hat sie dir nie vom
Haslital erzählt? Wenn dich die alten erfahrungsgrauen Granitgeister durch die
Felsenpforte in das liebliche kleine Eden einlassen, so kannst du dort gewahren,
woher ich all meine Elfen- und Nixenbekanntschaften habe. Das frische grüne Tal
ist ihr Tanzboden und Sammelplatz; plätschernd, flüsternd und wiegend steigt es
von allen Seiten zu ihm hinab; da wehen Wasserfälle wie silberne Fahnen, sie
stäuben so duftig geisterhaft hernieder in lauterem Glanz, sie schwingen ihre
Regenbogenschleier über die grünen Felsenwände hin, oder schmeicheln in kleinen
krausen Schaumwellen zwischen den Gräsern und Blumen sich ein, und Alle erzählen
das nämliche Märchen, jedes trägt es ein Stückchen weiter in's bunte Leben.
Haben sie aber die Tiefe des Tales erreicht und sind glücklich dem liebenden
Drohen des Sonnenstrahls entgangen, der in tausend Küssen ihre Schönheit an sich
ziehen will, dann eilen die Plauderinnen, die gar nicht auf ihn hören, weiter;
sie eilen, eilen, überlaufen einander bis zum Ulschibach, dem grössten und
schönsten der Gebirgsbäche, der mit einer ganzen Kaskadenfamilie den Bergrücken
hinunterstürzt, und nun geht es lustig fort in schäumendem Jubel. Ueber die
grünen Berge schauen die ernsten Wetterhörner auf das plätschernde Kinderspiel
nieder; sie strecken ihre alten Schneehäupter dicht übereinander her; aber so
alt und klug sie sind, hat's ihnen die Sonne dennoch angetan, sie erröten noch
immer, wenn sie so seitwärts über die Felswand weg nach den tanzenden Bächlein
hinlugt. Und wenn die Nacht kommt, dann solltest du erst sehen, wie alle mit
einem Mal leichenhaft bleich werden, ordentlich graulich; aber man muss tief in
die Mitternacht wachen, um das zu erfahren. Die Bächlein haben dess nicht Acht,
sie springen und tanzen lustig fort bei Mondenschein und Sternenlicht und bis
zur Morgenröte.
    Gottard hatte ihr mit steigendem Interesse zugehört. Welch ein Schatz
innerer Poesie! sagte er leise. Leontine drehte languissant ihr Köpfchen ihm zu
und erwiderte halb schläfrig: Ach, bester Herr Gottard! ein einziger Regentag
macht ihn zu Schanden.
    Ich stehe recht ärgerlich arm zwischen Ihnen Beiden, meinte Anna. Ihr ward
diese bunte, alles überkleidende Phantasie, Ihnen Ihr rastloses
wissenschaftliches Streben, mir aber treten Poesie und aller Ernst des Lebens
immer nur in's Herz. Das ist recht unbequem, damit kann man eigentlich nichts
anfangen.
    Wie können Sie, gnädigste Gräfin! mein Streben beurteilen - ich meine
eigentlich, wie es bemerkt haben? Kaum waren die unglücklichen Worte über
Gottard's Lippen, so fiel ihm die Nachtscene ein und er verstummte, in
sichtlicher Verwirrung.
    Wo es das Herz zu bergen gilt, sind Frauen mutiger als Männer. Sie erzählte
ganz unbefangen, wie sie von ihrem Zimmer aus sein Licht herüberschimmern sähe
und oft gesorgt, er werde zu sehr auf seine Jugendkräfte bauen und sich
überarbeiten. - Da lag die arme kleine Blüte eines geheimnissreichen Glückes vor
ihm - entblättert - zu seinen Füssen. Es musste sein - dachten beide.
    Nach einem Augenblicke erwiderte er: Ich habe eine alte gichtbrüchige Frau
gekannt, die fast den ganzen Tag zu Bette lag, aber dennoch täglich um fünf Uhr
in die Frühmesse ging und während derselben auf den kalten feuchten Steinen
kniete; sie behauptete, es schade ihr nicht, während sie sonst sehr besorgt um
sich war, und wirklich wurde sie nicht kränker dadurch und die Aerzte liessen sie
gewähren. - Lassen Sie mir meine Kirche, Gräfin, und - ihren etwas strengen
Dienst.
    Und wie heisst diese Kirche? fragte Anna.
    Der Staat, gnädige Frau - und allgemeines Wohl.
    Ich fühle die Wesenheit, wenn ich auch nicht die Form des Gehalts erkenne,
die Sie Ihrem Leben geben. Jedenfalls werden beide edel sein. - Sonderbar, fuhr
sie nach einer Weile fort, dass ich auch nicht einmal die Richtung derselben
kenne, ja nicht einmal weiss, welcher Teil Deutschlands Ihr Vaterland ist?
    Ich bin ein Rheinpreusse, mein Vater war ein Schlesier. Die Liebe zu meiner
Mutter hatte ihn bewogen, sein Vaterland zu verlassen und in das ihre zu ziehen.
Wir lebten in Mehlem, einem der kleinen weissen Rheinufer-Städtchen, die Sie
kennen. Ich machte meine Studien zu Bonn, Berlin und Breslau; in den Ferien
besuchte ich Frankreich, Belgien, Oberitalien. Ich bin sogar einmal auf kurze
Zeit in England gewesen. Der bekannte und geehrte Präsident Hellemon, meines
Vaters Freund und mein Pate, leitete meine ersten Schritte in das öffentliche
Leben. Ich verdanke ihm viel, doch wollte er mir eine meinem Wesen fremdartige
Richtung geben. Meine Eltern hatte ich verloren, ich konnte mich nicht
entschliessen, in seiner Hand das Instrument seiner Zwecke, sein Geschöpf zu
werden. Ich riss mich los. - Im Jahre 1817 hatte mich ein günstiges Ungefähr in
die Nähe des Fürsten gebracht, der damals die Rheinprovinzen durchreiste.
Hellemon stellte mich ihm vor; später hatte er ihm Arbeiten von mir gezeigt,
mich ihm empfohlen. Mir ward dessen Gunst auf eine noch unverdiente Weise. Das
Uebrige, gnädige Gräfin, ist Ihnen bekannt.
    Aber wie konnten Sie, wenn Ihrer Familie Mittel beschränkt waren, so
bedeutende Reisen machen?
    Klima, Boden und Jugendkraft begünstigten mich, ich arbeitete mich durch,
ich gab sogar an kleinen Orten ein paar Mal Concerte, wo ich länger blieb,
Musikstunden, ich schrieb ab, ich behalf mich. Kurz, ich habe die erwähnten
Länder in interessanten und bedeutenden Momenten gesehen und wollte, da meine
Studien vollendet, eben nach Spanien, als der Krieg von Neuem das unglückselige
Land überzog.
    Auf dem Rückwege traf ich den Fürsten in Karlsruhe, er concentrirte für den
Augenblick meine Kraft, er gab mir Beschäftigung - und öffnete mir Ihr Haus.
    Ein jubelndes frisches Kindergelächter unterbrach, von der Treppe herauf
schallend, das ernste Gespräch. Leontine, die wie halb schlummernd in ihre
eigenen Gedanken und Träume versunken still gesessen, fuhr auf und lief den
Kleinen entgegen, die mit grossem Eifer ihr Zuspätkommen entschuldigten, ma bonne
habe sie weit, weit auf die Bastei spazieren geführt, um die Alpen zu sehen.
    Und, fuhr der Aeltere fort, mit den tiefblauen Augen seiner Mutter an
Gottard hinauf sehend, wenn du nur mit oben gewesen wärest, die Leute sagen,
dass Lawinen gefallen sind - eine ganze Menge. Denke nur, du hättest sie uns
gezeigt. Die Berge brauen, sagte der alte Senne unten am Tor, und das sei so
rechtes Lawinenwetter, da fielen sie dutzendweise in's Tal. Wärst du nur
mitgegangen, lieber Herr Gottard!
    Mein Gott! rief Leontine, plötzlich aufgeschreckt, und unsre
Gletscher-Reisenden? - Reicht das Wetter wohl so weit?
    Das wäre entsetzlich!
    Gottard gestand, ihm fehle genaue Kenntnis der Wetterscheiden und der
ganzen Wettergestaltung im Hochgebirg. Gleich nach der Stunde, die ohnehin heute
im blossen Erklären einiger naturgeschichtlichen Gegenstände bestehe, wolle er
selbst zum Sennen gehen und ihn befragen. Die Kinder zogen ihn fort.
    Gegen Mittag, noch ehe Gottard wiederkehrte, kam Besuch aus der Stadt und
sogleich war von Lawinen die Rede, die hier nahe an Bern selbst gefahrlos und
ganz unbedeutend wären, im Oberlande aber sehr gefährlich.
    Es sei gar toll, meinten einige Herren, in solchem Wetter Excursionen in's
Gebirg zu wagen, es heisse, Gott versuchen. Und wiederum ward die ganze
Gletschermessung als unnütz, als törichte Spielerei gescholten, denn die
Unwissenheit reibt sich ja so gern an ihr unverständlichem wissenschaftlichen
Streben.
    Auf den Seen brause der Föhn, hiess es weiter, und die Luft hange weit und
breit voll Schnee; so wie es windstill werde, würde sich's in Massen
niedersenken.
    Gnad' ihnen Gott und behüte sie! sagte eine junge freundliche Frau. So ein
Herr aus der Fremde denkt sich einen sächsischen oder bairischen Winter zu
finden; bei uns aber beginnt er zeitig, und ist gar hart und scharf. Und wir
haben den zweiten November, es wäre kein Wunder, hingen die Eiszäpfli schon am
Dächli ümme.
    Annen starrte das Herz in der Brust. Leontine fertigte leise Duguet ab, und
dann noch einen zweiten Diener, sie sollten sich beide erkundigen, ob man von
irgend einem Unfall oder Unwetter im Oberlande gehört. Es war nichts zu
erfahren.
    Der Tag verging, der Abend kam. Sie begannen zu warten, zu horchen auf jeden
Laut, auf den Schritt in der Gasse, auf das Oeffnen der Haustür; es kam
Niemand. Die Kleinen hatten etwas von der Unruhe gemerkt, sie fragten alle
Augenblicke, ob denn Onkel Otto nicht komme, den sie noch gar nicht gesehen und
der ihnen immer etwas mitbrächte und sie auf seinem Fusse tanzen oder fliegen
liess.
    Die Nacht brach ein. Die alte Turmuhr schlug Stunde um Stunde so bleischwer
langsam, es kam Niemand. Die unter den Häusern hinlaufenden Arcaden, in denen
Tags hindurch ein fast südlich reges Leben sich bewegte, wurden öde. Schon waren
längst alle Läden und Werkstätten geschlossen, die Lichter erloschen nach und
nach die ganze Gasse entlang, es ward so todeseinsam. Anna hörte ihr eigenes
Herz schlagen mit peinlicher Gewalt, sonst nichts, gar nichts.
    Vergebens suchte sie das Törichte, Kindische ihrer Angst sich einzureden;
es überwältigte sie wieder und wieder.
    Gegen Morgen hörte sie ein Pferd aus dem Stalle ziehen. Sie flog an's
Fenster; es war Duguet, er hatte sich vom Nachbar einen Char-a-banc geliehen,
dem er jetzt heimlich ein Pferd einspannte. Er vermochte es nicht, die Angst
seiner jungen Gebieterin so untätig zu ertragen. Sophie stand mit einer Laterne
im Hof und leuchtete ihm; dann packte sie ein und steckte eine Menge kleiner
Paquete, auch eine Flasche Wein in das Wägelchen - sie musste doch wohl auch an
ein mögliches Unglück glauben. Endlich schleppte sie noch einen alten Pelz ihres
Herrn herbei. Duguet nahm ihn nicht um, er legte ihn, sorgsam gefaltet auf den
Sitz; augenscheinlich bestimmten ihn die wackern Leute für Otto. Kalte Tränen
rollten über Anna's bleiche Wangen, als Sophie vorsichtig das Tor öffnete und
der Char-a-banc aus dem Hofe fuhr, leise, leise, um sie nicht zu wecken. Sie
trat zurück, als der alte treue Diener schon im Abfahren den Blick noch einmal
ihrem Fenster zuwandte; sie wollte seinem so ergebenen Eifer kein Mislingen
zeigen, und aus der weit entlegenen Zeit ihrer Kindheit flog zauberschnell ein
Bild ihrer Seele vorüber, wie Duguet nach dem allerersten Abschiedsleid in
seinen Armen sie nach Hause getragen, als wolle er mit ihr dem Schmerz
entlaufen.
    
    Beim Frühstück fand Anna Leontinen fast noch besorgter, als sie selbst war.
Gottard liess um Erlaubnis bitten, einen Augenblick zu den Damen
herüberzukommen; sie ward ihm gern gewährt; man ist so ungern allein, wenn man
sich fürchtet. Gottard trat in seinem mit Pelz gefütterten Jagdrock ein; er
näherte sich der Gräfin mit der Frage, ob sie ihm gestatten wolle, eines der im
Stalle befindlichen Pferde zu benutzen, um nach Grindelwald zu reiten. Anna
sagte ihm, Duguet sei bereits hin, sie nehme indessen sein Anerbieten an, da
jener der Sprache nicht mächtig. Wenige Minuten später hörte sie das Pferd
vorübertraben.
    Und nun begann von Neuem und in immer sich steigerndem Grade die
Seelenmarter des Wartens. Diese Qual der Frauen - Männer kennen sie nicht, sie
werden zornig, sie laufen fort, sie handeln, sie zertrümmern sogar - Frauen
müssen warten! Ach, wüssten Männer, was es ist, für so ein armes gequältes
Frauenherz, zu warten, sie würden diese trostlose Pein nicht so oft über uns
verhängen! - Mich dünkt, ich würde dem Himmel entsagen, wenn ich ihn lange,
lange erwarten sollte - wenigstens bedürfen unsere Seelen keines Fegfeuers. Das
Warten der Liebenden auf den Geliebten, der Gattin auf den Gatten, der Mutter
auf den nicht heimkehrenden Sohn - dies Übermass tausendgestaltiger Angst mag
wohl als unser Fegfeuer schon auf Erden gelten.
    Gegen Abend zog der Lärm vieler Schritte auf dem Steinpflaster und das
dumpfe Gemurmel leiser Menschenstimmen von der Gasse herauf - sie kommen!
Langsam, Schritt vor Schritt, nahte der Char-a-banc, Gottard ritt daneben, mit
angestrengter Kraft hielt die eine Hand sein Pferd zurück, die andere wehte
grüssend mit dem Tuch; augenscheinlich traute er sich des Geräusches wegen nicht,
Trab zu reiten.
    Im Wagen lag Otto, ob todt, ob verwundet, liess sich nicht unterscheiden.
Vrenely und Duguet hielten ihn stützend in ihren Armen.
    Gott sei Dank, er lebt! rief Leontine, ich sehe es Herrn Gottard an.
    Anna war bereits unten am Tore, Gottard stand vor ihr. Ja, er lebt! aber
er ist verwundet, doch hoffe ich, nicht gefährlich.
    Ohne weitere Worte schlossen sich beide dem nach der Treppe hingewandten
Zuge an. Vrenely hatte fortwährend des betäubten, wie es schien, bewusstlosen,
Otto Haupt auf ihrer Schulter und trug mit, mutig und fest wie ein Mann. Das
Tuch, das sie im Wagen über den Kopf genommen gehabt, war zurückgesunken, in
reicher Fülle fielen ihre dunkeln Locken und Flechten über Hals und Achsel und
umschleierten ihr und Otto's bleiches Gesicht; sie sah aus wie eine Mater
dolorosa.
    Otto ward auf ein Ruhebett in einem an den Salon stossenden Zimmer gelegt;
Anna hatte schon einen Wundarzt rufen lassen. Mit unhörbar leisen Bewegungen
trug Leontine alles herbei, was zu des Kranken Pflege dienen konnte. Sophie,
früh an solche Scenen gewöhnt, bereitete still dem Wundarzt das Nötige zum
neuen Verbande; Duguet hatte ihr gesagt, dass Otto den Arm zwei Mal gebrochen.
    So erwachte, nach einem leichten Aderlass, der so lange Jahre Vereinsamte,
rings von liebenden, sorgenden Blicken umgeben, fast wie zu einem schmerzlichen
Glück; keiner hatte ihn aus den Augen verlieren wollen. Anna! war sein erster
Laut; als er sie neben sich sah, reichte er ihr die Hand und sank lächelnd, aber
erschöpft zurück in die stützenden Kissen.
    Allmälig langten nun auch die übrigen Naturforscher an, mit denen er die
verunglückte Expedition unternommen. Alle waren ihm besorgt und voll warmer
Teilnahme gefolgt, und einstimmig nannten alle das Vrenely seine Retterin. Erst
jetzt fiel den Hausbewohnern ihre Gegenwart auf.
    Lauterbrunn, Grindelwald und das Haslital liegen nahe bei einander, nur die
grosse und kleine Scheideck trennen sie. Am Tage, ehe die Gletscheruntersuchung
vorgenommen werden sollte, hatte das Vrenely ihren Herrn Ohm, den gewesenen
Landammann, nach Lauterbrunn begleiten müssen, wohin ihn ein Geschäft berief.
    Im Gastof hörten sie noch Abends vom Unternehmen einiger fremden Herren,
die am nächsten Morgen gar die Gletscher auszumessen gedächten. Auch dort ward
das Wagstück vielfach getadelt; ein alter Hirt zeigte sich besonders bedenklich,
er war den Weg über die Wenger Alp und Scheideck herabgekommen, und sagte, Wind
und Wetter seien drüben gar wüst; auch erzählte er eine Menge schauerlicher
Unglücksfälle, die bei derlei tollen Wagstücken sich ereignet.
    Nach Grindelwald zu habe es schwer geschneit, meinten andere, es werde sich
wohl kaum ein Führer finden nach so böser Nacht.
    Das Mädchen überkam eine dunkle, namenlose Angst. Ob er dabei sei, wusste sie
nicht, nicht einmal, dass er Tags vorher nach Bern gekommen.
    Jetzt trat ein Fuhrmann aus Wengern mit an den Schenktisch; sie kannte den
Seppi. Es führt ein gefahrloser Weg von einem Tal ins andere, der Gebirgspfad
ist der bereits erwähnte über die grosse Scheideck hin.
    Der Fuhrmann war im Begriff, mit seinen Karren abzufahren. Vrenely
schmeichelte dem Ohm die Erlaubnis ab, die Gelegenheit benutzen zu dürfen, um
eine Bekannte in Grindelwald zu überraschen, sie wolle zeitig wieder zu
Lauterbrunn eintreffen, versprach sie. Der alte Mann hatte noch gar nicht einmal
Zeit gehabt, sich auf das Ja oder Nein zu besinnen, so sass sie schon auf dem
Wägelchen, neben dem Seppi und rollte mit ihm das Tal entlang.
    Als sie in die Weitung desselben kamen, begegneten ihnen Bauern und Hirten,
die auch von den Fremden erzählten, die wirklich schon seit mehren Stunden
aufgebrochen und dem Eismeer zugewandert wären.
    Unter einem Vorwande stieg das Mädchen am ersten Hause des Grindelwalds ab,
in ihrer Seele hatte plötzlich die Sorge eine feste Gestalt bekommen, sie war
Ahnung, ja fast Gewissheit eines drohenden Unglücks geworden. Es war grimmig
kalt, obschon die Luft jetzt heiterer war, sie wickelte sich fest in ihr
Mäntelchen und eilte querfeldein einem Sennbuben zu, der jetzt im Tal auf der
Herbstweide das Vieh hüten half. Der Knabe war halb blödsinnig; sie hatte ihn
oft beschenkt, und er war ihr mit grosser Neigung zugetan. Diesen holte sie
jetzt und beredete ihn mit ihr hinauf nach dem untern Gletscher zu gehen, es
mochte eine Stunde Wegs sein.
    Lange sahen sie nichts von den Fremden, endlich bei einer Wegkrümmung
gewahrten sie hoch über sich am Schneegebirg schwarze, sich fortbewegende
Punkte; sie schienen nach dem oberen Gletscher sich hinzuziehen. Aber der Wind
hatte sich heftig erhoben hier in der Höhe und wehte ihr den Schnee, der noch
ganz weich und flockig in den Aarfen und Fichten hing, wie einen Schleier in's
Gesicht; noch immer vermochte sie nichts zu unterscheiden. Sie eilten weiter. Wo
der obere Weg an die Gebirgsschlucht führt, sah sie von Neuem die dunkeln
Gestalten.
    Herr, mein Gott! fuhr das Vrenely fort, dort oben lag schon allentalben
fusshoher fester Schnee, und seitwärts an der Alp rollten donnernd Lawinen hinab
in den Bach und in die Enge; bald sah ich die Wanderer, bald sah ich sie wieder
nicht. Mit der Gletschermessung wird es heute nichts! dachte ich in meinem
Herzen. Ob er nur dabei ist? Es hatte mir Niemand die Namen der Fremden nennen
können, und keiner von allen, denen ich begegnet, hatte sie mir zu beschreiben
vermocht. Die kalte Bergluft versetzte mir den Atem und den Friedli fror und er
wollte nicht weiter mit. Ich gab ihm alles Geld, was ich bei mir hatte, und
lockte es dem Bübeli ab, dass wir noch fortstiegen. Jetzt sah ich die Männer
wieder, aber seitwärts, hoch über uns und weit; sie gingen sichtlich nach dem
zweiten, dem Obergletscher. Scharf zeichneten sich ihre Gestalten gegen die
hellgraue Schneeluft ab, dem Einen fiel im Gehen der Mantel von der Schulter, er
haschte mit der Hand darnach. Mein Jesus! das war er, an der Bewegung hatte ich
ihn erkannt.
    Das Herz stand mir still vor Scham, was sollte ich nun sagen, wenn sie das
Unternehmen aufgaben, das nicht gelingen konnte bei dem Wetter, und wenn sie
herunterkamen und mich da fanden?
    Schrillend scharf pfiff der Wind, grell wie ein Nachtvogelschrei. Der Schnee
wirbelte immer dichter um mich her, ich musste gar die Augen schliessen, und
dennoch litt mich's nicht, umzukehren. Als ich wieder aufblinzle, steht er ganz
allein am Bergrand, und ich sehe keinen der Andern mehr um ihn, und wie ich
beklommen scharf und schärfer hinüberschaue, kommt es weiss und schwer die Alpe
heruntergerollt, zwei, drei kleine Lawinen zugleich stürzen tobend neben ihm und
uns in die Talschluchten. Die Gletscher konnte keine derselben treffen, ich
fühlte es an der Windspur, und doch sträubte mir die Angst das Haar. Plötzlich
fragt' ich mich selbst: Wo ist er hin? Ich sehe ihn nicht mehr. Da riss es mich
vorwärts mit unwiderstehlicher Gewalt; ich sprang, ich lief, das Friedli konnte
nicht nach. Nun war ich oben an dem Gletschermeer. Es klang herüber wie fernes
Rufen; weiter noch gewahrte ich die Führer, sie gingen eilig hin und wieder, sie
suchten, sie riefen. O, es war sein Name, den ich hörte!
    Ich hab' ein scharfes Aug', wie ein Falkenblick hielt es die Spitze fest,
auf der ich ihn zuletzt gesehen. Immer ängstlicher rannten die Führer auf der
Höhe an mir vorüber, indem sie rückwärts schrien, es könne ihn keine Lawine
erreicht haben, und endlos seinen Namen wiederholten; aber all ihr Umherlugen
war umsonst, er blieb verschwunden. Ich, ich weiss, wo er ist! kreische ich auf,
mit einer Gewalt, dass mir fast das Herz in der Brust zerspringt, ich habe ihn
gesehen! und springe auf den Gletscher und packe den Führer am Arm und reisse ihn
fort mit mir - es war der Jacquelin, ich kannt' ihn wohl. Er ist in einen
Eisspalt gefallen; und der mir nach und alle Andern hinterdrein. Es fragt
keiner, es zögert keiner, ich reisse sie mit mir fort, durch die unsäglich
bebende Angst meiner Seele; ich wusste, er war, von dem Brausen der Lawinen
erschreckt, in irgend eine verschneite Tiefe getreten, im Fallen vom Schnee
überdeckt; ich wusste es gewiss, klar und deutlich, wie ich meines Lebens mir
bewusst bin. Ich flog den Uebrigen voran, bis ich nicht mehr konnte, da nahm mich
Jacquelin auf den Arm und kletterte mit mir über die Eisblöcke hin, um den Platz
schneller zu erreichen.
    In den Spalten lag viel lockerer Schnee, er musste kürzlich erst als Ball
herabgekollert und durch die Schwere seiner eigenen Wucht geplatzt sein. Lange
konnten wir nichts entdecken; ein Riss sah aus wie der andere. Ich kroch auf
Händen und Füssen bis an die äussersten Ränder. Nein, Gottes Barmherzigkeit wird
es nicht zugeben, dass mein Gedächtnis fehle! Es muss da sein! Jetzt erst gewahrte
ich etwas in dem tiefblauen Spalt, es schimmerte rot, es war das Futter seines
Mantels. Ich sah hinab, dass mir die Augäpfel schier verglasten: es regte sich
nicht! Was ich von da an getan, weiss ich nicht; sie hatten Hacken, Schaufeln,
Stricke geholt; wie Jacquelin hinabgestiegen, wie sie ihn heraufgewunden, ich
weiss es nicht. Ich war die Erste, fuhr sie nach einer Pause fort, die seine Hand
ergriff, als er nun vor uns auf dem Eise lag; sie war noch warm. Nach einigen
Secunden schlug er die Augen auf und - erkannte mich.
    Das Andre weiss ich, du herzig Mädchen! rief Leontine, indem sie dem Vrenely
mit tränenüberströmtem Gesicht in die Arme fiel. Ich weiss, wie du, als er
heraufgezogen ward, immer noch besonnen jede Handreichung tatest; ich weiss, wie
du voranliefst mit grösster Gefahr und den alten Mann holtest, der ihn verband
und seinen Arm schiente, wie du die ganze Nacht bei ihm wachtest, bis endlich am
Morgen Duguet kam und euch alles Nötige brachte, noch eh' dein Bote abgegangen.
O Vrenely! rief sie immer heftiger weinend, jetzt muss er dein werden! Verlörst
du ihn jetzt, du müsstest ja daran sterben!
    Jetzt? O nein! sagte kopfschüttelnd das Mädchen, das Vrenely hat ja nun ein
Glück für's ganze Leben! O Fräulein, Fräulein! fühlen Sie es denn nicht? Ich,
ich habe ihn gerettet! Wenn er nun fort durch die Welt zieht, setzte sie
träumerisch und tiefernst hinzu, in weit, weit entlegene fremde Länder und alle
die grossen Studien und Entdeckungen macht, von denen er manchmal so schön
sprach, und wenn er immer berühmter wird und allen Menschen ein Gottessegen -
das Vrenely hat ihm ja das Leben erhalten, mit dem er das alles tut! - Und -
sie errötete tief und schlug die Augen nieder - jetzt schäme ich mich auch gar
nicht mehr, dass Sie - und er, und so viel andre Leute es wissen, dass ich ihn so
lieb habe, ihm so ganz unaussprechlich gut bin, wie gar keinem andern Mann auf
Erden; denn sehen Sie - sie heftete den klaren Blick auf Leontinen - das Vrenely
will ja nun gar nichts weiter in der Welt. Darum lassen Sie ihn nur ruhig seine
Strasse ziehen, und wenn er auch das arme Schweizermaidly oft Jahrelang vergisst,
manchmal wird er doch daran denken. Das ist mein Segen bis an den Tod.
    Mit immer gleich heiterer Kraft stand das Mädchen Annen bei, als Otto nun
schwer erkrankte. Mit unerschütterlicher Ausdauer pflegten ihn die Frauen,
dazwischen musste Vrenely noch für den alten Vater sorgen und im Institut ihre
Stunden geben. Otto's Zustand blieb mehre Tage bedenklich, er hatte eine starke
Contusion am Hinterkopf und man fürchtete eine Hirnentzündung. Es war graulich,
mit welcher wirbelnden Hast die Gedanken in seinem Kopfe sich drängten, welch
entsetzliche Lebendigkeit und Unruhe aus allen seinen Zügen sprach. Oft rief er
halbe Stunden lang Anna's Namen.
    Vrenely sass still neben ihm, ihre Hand reichte ihm den kühlenden Trank und
ihr liebes Gesicht behielt den freundlichen gütigen Ausdruck; keine Träne trat
in ihr Auge, das, nur jedes seiner kleinen Bedürfnisse zu entdecken bemüht, für
nichts Anderes einen Blick hatte.
    Allmälig legte sich der nervöse Zustand, er kam zur Besinnung, zur
Erinnerung dessen, was geschehen. Als er kräftiger ward und die Frauen ihn
mitunter ein paar Stunden lang sich oder Sophiens geübter Pflege überliessen, sass
Gottard viel bei ihm. Die beiden jungen Männer kamen einander näher und ein
Bandtiefer gegenseitiger Achtung schlang sich um beider Seelen. Lieben konnte
Otto Gottard nicht, er war ihm nur dankbar. Das Herz hat Fühlfäden, die
unendlich weiter reichen, als das Erkennen des klarsten Geistes.
    Als Otto wieder auf zu sein vermochte, liess er sich von Duguet zu Annen
geleiten. Mit welcher Freude flog sie ihm entgegen! wie sorgsam rückte sie dem
Freunde den Sessel in den jetzt selten gewordenen Sonnenstrahl! Wie suchte sie,
gleich einer liebenden Schwester, ihm alles recht bequem zu machen! Sie war
überglücklich, dass er lebe und genese. Otto sah sie mit unaussprechlich inniger
Wehmut an, dann reichte er ihr die Hand: Ach! sagte er, du meinst es gut,
unendlich gut, und doch, Anna, wie weh' - er vollendete nicht.
    Wunderlich verschieden schien Otto's Leiden auf die drei Freundinnen gewirkt
zu haben, was sich am deutlichsten in der Art ihrer Krankenwartung aussprach.
Leontine war an fast geister- oder elfenstiller Pflege kaum zu erreichen, sie
flog mehr, als sie ging, und doch wie in unhörbar leisem Fluge. Sie sass oft
viele Stunden bei ihm, meist unbemerkt, hinter dem Vorhang seines Bettes; war er
trübe, schaute sie hervor und erzählte ihm, sang ihm mit halber Stimme seine
Lieblingslieder, oder sie las ihm ihre Gedichte vor, sie zeichnete bei ihm
lauter närrisch-possenhaftes Zeug, das ihn lachen machte, so dass er seinen
Schmerz vergass.
    Anna war sich immer gleich, weich und ernst, erriet sie immer seine Seele.
Sie schrieb für ihn nach Basel und an seinen noch in Freiberg lebenden Vater.
Sie tat eigentlich weniger, als die Andern, beschwichtigte aber mehr und regte
ihn weniger durch äussere Dinge auf, nur dass eben sie die Welt ihm sonnenhell und
dennoch so finster machte!
    Mit unbeschreiblicher Zarteit trat das Vrenely zurück, sowie seine Genesung
vorwärtsschritt, mit jedem Tage sittsam scheuer, stellte sie sich wieder an die
alte Stelle; des ganzen Unfalls erwähnte sie mit keinem Wort. Verlangte er
jedoch zufällig einmal gerade von ihr eine kleine Handreichung, dann zuckte der
elektrische Strahl namenloser Seligkeit durch ihr ganzes Wesen, und man wusste
kaum das Auge abzuwenden von dem Licht des Glücks, das ihre Züge durchleuchtete
und allem, was sie tat, den Zauber der tiefsten Herzensneigung verlieh, dem,
einen sich ihm Jugend und Schönheit, kaum ein Männerherz widersteht.
    Anna! sagte eines Morgens Otto, dieser Zustand muss enden. Ich kann meine
Vorlesungen wieder beginnen, den linken Arm brauche ich nicht dazu, ich muss
zurück nach Basel. Aber ich habe vorher noch vieles mit dir zu besprechen, eh'
wir scheiden.
    Wird es dich nicht angreifen, lieber Freund?
    Er verneinte schweigend. Dann fuhr er fort: Ich muss es aussprechen, denn ich
denke doch unaufhörlich daran.
    Soll ich dir entgegenkommen, Otto? Soll ich dir sagen -
    Ich habe Kraft, liebe Anna! Du weisst, genauer vielleicht, als ich selbst,
was geschehen, was Vrenely für mich getan. Ich kann kaum weniger tun, als ihr
das Leben geben, das sie mir erhalten. Ich bin entschlossen - ihr meine Hand zu
bieten.
    Anna sah ihn freudig an. Ich wusste es, Otto, und glaube mir, du wirst
glücklich werden!
    Glücklich! Anna! sagte er sehr trübe, du solltest jetzt nicht mehr so reden!
Sie erbleichte. Ruhig, Kind! ich rufe keine Dämonen aus ihrem Dunkel an's Licht.
- Ich will lieber unglücklich sein, als unglücklich machen; siehst du, das ist
Alles. Es kostet mich einen hohen Preis: die volle Freiheit meiner Wissenschaft.
    Anna blieb eine Weile nachdenkend stumm. Eine Ehe ohne gegenseitige Liebe,
Otto -
    Lass das! unterbrach er sie streng. Ein Mann, Anna, liebt einmal, einmal,
nicht öfterer. Unsre Sinne und unsre Eitelkeit, unser Egoismus und eure Schwäche
mögen uns in tausend Verhältnisse hineinziehen, vielleicht ist keiner sicher, in
keinem Alter, in keiner Stellung, vielleicht bin ich es noch am ehesten durch
meine Wissenschaft, sie hat mein Leben bisher mir erhalten, trotz seiner Gluten.
Gluten, von denen deine Engelsseele keine Ahnung hat. Still! still! ich bin kein
Teufel, aber ich bin nur ein Mensch, Anna, ein Mann! Keiner von deinen
Papiermaché-Weltfratzen. - Nun denn, versteh' mich recht, hätte ich die
Möglichkeit deiner Liebe noch vor mir, die Möglichkeit, sage ich - denn, fuhr er
immer wilder fort, dein Mann ist sterblich und das Leben ist lang - nie würde
ich einer Andern meine Hand reichen; möchten die Geier dieser Qualen an mir
nagen, gleichviel. Aber, komme es, wie es wolle, ich kenne dich, deine starke
Seele, Anna! mich wirst du nie lieben; mich nicht, das Glück blüht nicht mir! -
O wer an ein Jenseits glaubte, so recht glaubte, mit der blinden Sicherheit des
Köhlerglaubens, um sagen zu können: aber dort! Nun gleichviel, - oder
vielleicht! ich bin kein Frömmler, aber ich glaube an ein Jenseits. Dort also -
vielleicht!
    Er neigte seinen Kopf auf ihre Schulter und schwieg.
    Lange sassen sie beide so stumm neben einander.
    Weisst du, fuhr sie nach einer Weile gepresst fort - es war, als klammere sich
ihre Seele gewaltsam an einen andern Gedanken, wie man im Wellenstrudel ein
schwimmendes Bret ergreift - weisst du, dass Leontine dich liebt?
    Ja, sagte er fest. Lass sie! Ich bin wie ein dunkler Schmetterling durch ihr
Blumenleben geflogen und habe einen fliegenden Schatten darauf geworfen. Ein
Sonnenkuss des nächsten Tages - und sie hat mich vergessen. - Ach, diese
glücklichen, ewig bewegten Naturen! Er strich mit der Hand schwermütig über
seine edle Stirn und die noch feuchten Augen. Ich werde das Mädchen nicht
betrügen, ich werde nicht heucheln; ich kann ihr Treue geben, Liebe - Liebe in
deinem und meinem Sinne nicht! O bitte, bitte, fuhr er fast heftig auf, lehre
mich nicht dein Herz kennen! Ich fühle es wie das meine in der eigenen Brust.
Was die Welt, was Millionen Weiber Liebe nennen, was sie selbst in ihrer zarten
Unerfahrenheit so nennt und glaubt, das gebe ich ihr.
    Anna erwiderte nichts, sie hatte seine Hand gefasst und lange in der ihren
gehalten. Plötzlich beugte sie sich nieder und eine Träne und ihre Lippen
berührten sie zugleich.
    Anna! Um Gottes willen, Anna! schrie Otto. Er sprang auf, riss sich los,
stand einen Moment wie besinnungslos schwankend, dann stürzte er vor ihr auf die
Knie nieder und barg sein Gesicht in ihren Schoos. Endlich hob er die Augen
wieder, umschloss sie, immer noch kniend, mit dem gesunden Arm, und sah sie so
nahe, lange und innig an.
    Anna meinte zu vergehen; sie hatte keinen Mut, keine Kraft mehr gegen dies
Übermass der Qual, aber kein Hauch der Scheu vor der Gewalt seiner Leidenschaft
befleckte auch nur eine Secunde ihre Gedanken. Da bog sich Otto noch näher zu
ihr hinüber, küsste leise erst ihre Augen, dann ihren Mund - und liess los. -
Schon an der Türe wandte er sich und sah sie noch einmal mit dem Ausdruck des
tiefsten Seelenschmerzes an und ging stumm, ohne wieder aufzublicken, von ihr.
    Am nächsten Morgen aber ging er zum Vrenely und bat sie um ihre Hand. Er
sagte ihr, dass sie ihm das teuerste Mädchen auf Erden sei, dass er die Hoffnung
habe, sie glücklich zu machen; sie möge ihm nun das Dasein wieder lieb werden
lassen, das er ja nur ihr verdanke.
    Das gute Kind war tief bewegt, sie wehrte es nicht, dass Otto sie an seine
Brust zog, und legte sanft ihr Köpfchen an sein Herz. Dann aber hob sie das
Rosengesichtchen zu ihm auf und sagte, es sei nun allzuspät ihm zu bergen, wie
sehr sie ihn liebe; als er aber sie noch näher zu sich hinziehen wollte, wand
sie sich still aus seiner Umarmung und sprach ohne Schüchternheit mit der
zartesten Hingebung und doch ganz fest es aus, dass sie ihn genug liebe, um nicht
sein schönes, der Wissenschaft geweihtes Leben verderben zu wollen. Wenn er sie
heirate, müsse er seine grossen Reisen aufgeben, und das würde ihn gewiss
unsäglich unglücklich machen - darum möge er von ihr ziehen, frank und frei,
durch kein Versprechen an sie gebunden, und ihrer zuweilen gedenken. Sie aber
wolle daheim den alten Vater pflegen und seiner auch nicht vergessen. Und käme
er einst nach Jahren wieder und habe dann sein Sinn sich nicht von ihr gewandt,
dann, ja dann werde sie unaussprechlich glücklich sein, ihm anzugehören.
    Nein! sagte Otto ernst und bestimmt, indem er ihre Hand inniger drückte,
dein schönes Herz irrt. Der Mensch hat nur den Augenblick, nur dessen ist er
gewiss. Er ist der feste Strand, auf dem er sicher fusst, die Zukunft ist ein wild
bewegtes Meer, man muss nicht unnütz sich ihm vertrauen. Und die Trennung, ach,
armes Kind! du kennst sie nicht, das ist die Brandung, an der das Schiff
zerschellt. Nein, nein, jetzt lass mich in Basel dir und mir die neue Heimat
gründen, den sichern Hafen bauen. Lass mich sogleich mit deinem Vater sprechen.
Ich reise diese Nacht ab, aber ich hole dich - er wollte sagen, wenn Anna fort
ist, sagte aber - wenn die nächsten Rosen blühen.
    Und, setzte er immer freundlicher hinzu, denn ihr Glück leuchtendes Gesicht
erhellte auch sein Inneres, bist du erst eines Naturforschers Frau, ei nun, so
musst du eben mit forschen lernen. Warum kannst du denn nicht mit nach Schweden?
Wer weiss, ich könnte wieder in ein Schneeloch fallen -
    Vrenely hätte nicht so ganz Wahrheit und Natur sein müssen, um es zu
vermögen, dem Drängen des so heiss Geliebten, der ja längst ihr ganzes Wesen
beherrschte, zu widerstehen. Beide gingen zum alten Vater hinüber, dessen
rührende Freude Otto'n an den seinen erinnerte und sehr bewegte. Seinem Selbst
zum Trotz fühlte er sich glücklich, und blieb es - bis er Annens Haus wieder
betrat und sie sah.
    Er war aber den Einwohnern desselben nicht bestimmt, auf dem jeden von ihnen
anders, aber doch so gewaltig ergreifenden Eindruck dieser Stunde zu weilen,
noch war das Vorgefallene, obschon Allen bewusst, nicht zur Sprache unter ihnen
gekommen, als sich die Tür öffnete und Herr Gottard todtenbleich und mit
zerstörten Zügen ins Zimmer trat. Er hatte soeben die Nachricht vom Verscheiden
des Ministers H**** erhalten, der unerwartet auf dem Rückwege von Verona
gestorben war. Der Brief, den seine zitternden Finger krampfhaft umschlossen,
war im Augenblicke abgesandt, in welchem ein Courier die Trauerpost nach Berlin
gebracht.
    Grosser Gott! schrie Anna, aufspringend und mit gerungenen Händen vor
Gottard hintretend, und alle Ihre Hoffnungen, alle Ihre Arbeiten - -
    Für den Augenblick vernichtet, gnädige Gräfin! erwiderte er dumpf; aber -
    Der Fürst ist todt? riefen Leontine und Otto zugleich. Aber Kronbergs
Gesandtenstelle, seine Reise nach Petersburg?
    Das bricht ja alle seine Pläne, sagte Otto - und ward plötzlich noch
bleicher, als vorhin Gottard.
    Anna kam zur Besinnung, der kalte Schweiss trat ihr auf die Stirn. Sie hatte
weder an Petersburg, noch an den Gesandtenposten gedacht.
    Es ist nicht zu redressiren, sagte Leontine vor sich hin; sie hat ihn total
vergessen.
    Otto war aufgestanden, die Stirnadern drohten ihm zu springen; er trat ans
Fenster, den innern wilden Aufruhr seines Wesens zu verbergen.
    Ein Brief vom Herrn Grafen, flüsterte Sophie Annen zu, ich habe ihn draussen
Duguet abgenommen. Gott sei Dank! nun werden die Frau Gräfin doch gleich
erfahren, wo wir den Winter zubringen.
    Er entielt die nämliche Nachricht.
    Gottard hatte sich gefasst; er berichtete noch einige mit dem Todesfall in
Verbindung stehende Nebenumstände und verliess dann den Salon. - Otto war wie
vernichtet.
    Und Vrenely? ach, die sass daheim überselig an ihrem Nähtischchen und nähte
dem Verlobten, dem Geliebten ein längst heimlich gesticktes Halstuch fertig. Vor
ihr sassen der alte Vater und die fast eben so alte Professorin, bei welcher sie
ihren, ja, ihren Otto kennen gelernt, und alle drei erzählten einander zum
hundertsten Mal jeden kleinen Umstand der glücklich-unglücklichen Zeit dieser
Bekanntschaft und malten sich die Zukunft mit den glänzendsten Farben der
Hoffnung und Erinnerung aus.
    Zuweilen sank dem Mädchen die Arbeit in den Schoos, die Tränen schossen ihr
in's Auge; sie musste die kleinen Hände über der hochschlagenden Brust falten,
weil der innere Jubel, die tiefe, selige Dankbarkeit gegen Gott sie
überwältigte. Ach, ich bin's ganz gewiss nicht wert! seufzte sie errötend, und
dann lachte sie wieder über alle die vielen Schneelöcher, in die er noch fallen
werde beim Berzelius, und schalt, dass er noch immer nicht da sei; bis ihn die
Hausklingel verkündigte und ihr der Schreck in alle Glieder fuhr: er kam ja, um
Abschied zu nehmen!
    Mit drückender Schwere schlich den Andern der Tag hin. Die plötzliche
Wendung in Aller Geschick war, obschon jedem Einzelnen bewusst, dennoch keinem in
ihrem ganzen Umfange deutlich. Vrenely sogar fühlte mitten im Glück den heimlich
ritzenden Dorn der Rose. Sie hätte Otto um keinen Preis aufgeben und dennoch ihm
volle Freiheit lassen mögen; es drängte sie ein unbekanntes Etwas, ihm Zeit zu
gönnen, das Krankenlager hatte ihr nur allzuklar gezeigt, mit welcher
schmerzlich-leidenschaftlichen Hingebung er Annen anhing, aber eben so gewiss war
sie dessen, dass diese ihn nicht wieder liebe. Anna's erwachende Neigung für
Gottard war des Mädchens scharfem Blicke nicht entgangen, doch eine leise Scheu
liess sie vor ihr das Seelenauge niederschlagen, ihr Herz wollte nicht darum
wissen, dass die verheiratete Anna ein anderes Bild in sich trage, obschon sie
ihr, Otto zu lieben, vergeben hätte. Stand er aber selbst ihr gegenüber, sah sie
ihn so fest und kräftig ihrem zweifelnden Blicke begegnen, dann war ihr wieder,
als sei alles gut, was er gewollt, als könne er gar nicht irren, als müsste
gerade sie ihn aus dieser Schlucht glühender Qual herausziehen, wie aus der
eisigen Tiefe.
    Otto sprach sich über seine Verlobung ernst und würdig aus. Leontine
wünschte ihm mit bezaubernder Freundlichkeit Glück; ihre Wangen glühten
fieberisch, aber sie blieb völlig Herr ihrer selbst und jeder Äusserung. Die
grosse Welt gewöhnt ja auch die heftigste Natur, die Erregungen des Gemüts und
der Leidenschaft zu bergen.
    Der gute Professor, der sehr willkommen Abends sich einfand, vermochte es
indessen auch nicht, den Stunden eine heitere Färbung zu geben. Otto war mit
Vrenely übereingekommen, ihre Verlobung bis zu seiner baldigen Rückkehr zu
verschweigen, weil er am nächsten Morgen in aller Frühe abzureisen gedachte. Der
Professor, der sich halb und halb im Vertrauen fühlte, war schalkhaft und leicht
wie ein bleierner Vogel. Sophie und Duguet wurden den ganzen Abend mit
Reiseanstalten und wiederholten Befehlen gequält. Sophie sah abwechselnd Annen
und Leontinen an und schüttelte betrübt den Kopf, aber sie beugte sich jeder
ihrer Launen und war unermüdlich in Herbeischaffung des Verlangten.
    Plötzlich entstand ein Tumult auf der Strasse, der Lärm schien aus einem am
Ende derselben gelegenen Kaffeehause heraufzudringen; es war ein mistönendes,
wüstes Geschrei, man unterschied französische und italienische Flüche, deutsches
Schelten und Drohen. Ein dichter Menschenknäuel schien sich in einer Ecke der
Gasse um etwas herum zu winden und zu drängen. Anna klingelte heftig. Duguet war
in Otto's Angelegenheiten ausgeschickt, der Kutscher trat ein. Die Gräfin
befahl, sogleich die Ursache des Auflaufs zu erfragen.
    Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und brachte die Antwort: die gnädige
Herrschaft möchte unbesorgt sein, es wären nur eben ein paar italienische
Spitzbuben und Maleficanten arretirt worden, die Aufruhr stiften und die Schweiz
verraten wollten.
    Die traurigen Massregeln, zu welchen im Jahre zweiundzwanzig die Verfälschung
einer ministeriellen Note Veranlassung gab, sind allgemein bekannt. Einem
Lauffeuer gleich durchflogen beängstigende Gerüchte einer drohenden Umwälzung
des bis dahin friedlich erhaltenen Zustandes die ganze Schweiz; in krassester
Entstellung verbreiteten sich die seltsamsten Gerüchte durch die höheren und
niederen Volksclassen. Unzählige, meist harmlose Fremde, denen die Cantone Genf,
Waadt und Wallis bisher ein sicheres Asyl geboten, mussten plötzlich, des
Carbonarismus verdächtig, dasselbe verlassen; sie wurden polizeilich aufgehoben,
gewaltsam entfernt, sogar gefänglich eingezogen. Der panische Schreck hatte
jetzt auch in Bern der Gemüter sich bemächtigt und wirkte um so gewaltsamer,
als er später denn in den anderen Städten erwacht war.
    Annens freiheitschlagendes Herz hatte schon Wochen lang mit den
Unglücklichen gelitten, die, schuldig oder nicht, ein so unerwartet hartes
Verhängnis in fremdem Lande traf. Sie liess sich eben noch einmal die näheren
Umstände des traurigen Vorfalls berichten, als Leontine und Otto zugleich
eintraten, die in ihren gegenüberliegenden Zimmern von dem ganzen Lärm nichts
gehört hatten. Der Kutscher wiederholte sogleich seine Erzählung. Kaum aber
hatte Leontine die ersten Worte derselben vernommen, als sie todtenbleich und
bebend, wie von einem heftigen Schwindel befallen, mit sehenden Augen blind,
tappend den ersten Stuhl zu erreichen suchte, und unfähig, sich auf den Füssen zu
erhalten, wie bewusstlos darauf niedersank. Anna, Sophie und Otto sprangen zu,
sie zu halten; es dauerte mehre Minuten, ehe sie den Anfall, gegen den sie
sichtlich mit allen Kräften rang, gewaltsam überwand. Der Kutscher wollte
sogleich zum Doctor laufen, Sophie wehrte es, Annen zuwinkend, ab; sie
versicherte, es wären Vapeurs, sie sei dergleichen am Fräulein längst gewohnt,
und das englische Salz, das irgend auf Tisch oder Console liegen müsse, würde
augenblicklich helfen. Alle Anwesenden, sogar der alte Professor, liefen,
natürlich das Salz suchend, im Zimmer umher, nur Gottard, der hinter Madame
Sophie stand, blieb unbeweglich. Ce n'est pas lui! flüsterte ma bonne der noch
halb Betäubten in's Ohr. Herr Gott, da ist das Salz in meiner Tasche! Mille
pardons! fuhr sie, zur Gesellschaft gewendet, fort: Sehen Sie, es wird schon
besser!
    Leontine hatte sich wirklich erholt; mit grosser Anmut entschuldigte sie den
ihr selbst unbegreiflichen Zufall.
    O dear, o dear! schrie im Eintreten Lady Frederic, die express von ihrem
lieben Professor Abschied zu nehmen kam. Ist das da draussen ein Spectakel! In
ihrem Eifer bemerkte sie natürlich Leontinens Unwohlsein gar nicht. Da haben sie
einen von meinen Landsleuten, das heisst, ich wollte gerade das Gegenteil sagen,
einen von meinen Nichtlandsleuten, einen Engländer arretirt. Ein Irländer hätte
sie nicht hier vier Wochen lang dazu erwartet. Der arme Mensch ist tipsy, ich
glaube, sie nennen das hier ein wenig betrunken, und will sich durchaus mit der
Polizei boxen. Sie suchen nach drei Andern, die aber nach dem enormen Lärm sich
schwerlich finden lassen werden.
    Ich bitte Sie, Gottard! sagte Anna, was ist's eigentlich?
    Landammann Wateville hat leider eine zweite und diesmal wirklich
autentische Note österreichischer Seits erhalten, die allerdings auch die hier
sich aufhaltenden Fremden bedroht. Man spricht von Stiftung einer neuen
carbonarischen Freimaurerei; auch der französische Minister scheint sehr
ernstliche Massregeln zu Entfernung ihm verdächtiger Personen zu nehmen.
    In dichtem Kreise umschlossen alle Anwesenden den Erzähler. Lady Frederic
begann zu fragen. Leontine nahm jetzt lebhaft Teil am Gespräch, ihr Unwohlsein
schien vergessen. Otto, Gottard und der Professor arbeiteten das vorgeschlagene
Tema nach allen Seiten durch.
    Draussen war es still geworden bis auf den Sturm, der an die Fenster schlug
und den ein lustig gepfiffenes italienisches Volksliedchen durchtönte.
    Ah! sagte Anna, nenna sta grazia toja! und Venedig tauchte vor ihr auf. Gott
sei Dank! den haben sie nicht!
    Leontine war jetzt brillanten Humors und zankte sich auf's Possirlichste mit
dem alten Professor.
    Hätte ich Sie, mein gnädiges Fräulein, doch wahrhaftig nicht für eine solche
Erzdemagogin gehalten!
    Bitte, bitte! erwiderte sie lachend, nur für mein Herz bitte ich um das
Conservativ- oder, wie es jetzt heisst, Reactionssystem.
    Man reizt die Jugend zum bestimmtesten Widerspruch durch diese scharfen
Massregeln, perorirte Lady Frederic. Es hat einen eigenen zauberhaften Reiz, den
Märtyrer einer Idee zu spielen.
    Hier ist von einer im Allgemeinen untergegangenen, im Einzelnen leider nur
allzu wunder-lebendig erhaltenen Ueberzeugung die Rede, sagte Gottard.
    In diesem Augenblicke variirte unten der Pfeifende und ging in
wunderlich-kecken Modulationen in das Tema des bekannten Polenliedes: »Noch ist
Polen nicht verloren!« über.
    Da haben wir's, schmunzelte der Professor, unser musikalischer Demagog ist
mit der Geographie brouillirt.
    Leontine lachte laut; sie und Lady Frederic liefen an's Fenster, es war aber
Niemand zu sehen.
    Aber, mein gnädiges Fräulein, sagte der Professor, wenn Sie mit dem Lichte
in der Hand an's Fenster treten, zeigen Sie sich, anstatt den Gegenstand auf der
Strasse zu beleuchten.
    Oh! Oh, yes, of course! meinte Lady Frederic.
    Otto hatte sich still in eine Ecke gesetzt; zuweilen sah er aus derselben
Annen wehmütig lächelnd an, als wollte er sagen: Das nanntest du Liebe?
    Gottard sprach schön und ernst über politische und Staatsangelegenheiten
mit dem Professor und suchte die gescheiten, aber etwas schonungslosen Fragen
der Lady, die sie wie Raketen in die Unterhaltung warf, abzupariren. Am Ende
ging der Abend, wie viele seiner trüben Brüder, vorüber.
Als am nächsten Morgen Anna mit ihrem bedrückten Herzen wieder allein war,
überlas sie nochmals Kronbergs Brief. Der grösste Teil desselben war vor Empfang
der Todesnachricht geschrieben. Wie bei seiner Abreise, schien er einen
verlängerten Aufentalt seiner Familie in Bern zu wünschen; wie sollte sie ihm
sagen, dass dieser ihrer Empfindung nach unmöglich geworden? Von der Liebe eines
Andern mit einem Mann, der uns liebt, zu sprechen, ist schwer; aber einem
Gemahl, der uns nicht mehr liebt und doch als sein Eigentum mit eifersüchtigem
Blicke bewacht, das Gefühl dieses Andern als Hebel unserer Handlungen zu
bezeichnen, scheint fast unmöglich. Sie fürchtete im besten Falle Spott,
gleichgültiges Hinnehmen des ihr so Wichtigen, im schlimmern arges Misverstehen
und kränkenden Verdacht. Ihr Verlassen Berns war Kronberg unbequem, und leider
ist Unbequemlichkeit in unsern Tagen fast das Wichtigste,
Verabscheuungswürdigste in den Augen unserer Männer geworden. Ich glaube, die
Bequemlichkeitsliebe ist an die Stelle des Faustrechts getreten, wenigstens
wirkt sie zuweilen eben so schonungslos und gewaltsam als jenes. Ich habe
Freundschaft, Liebe, Vertrauen und vielgestaltiges Glück an dieser unserer
fatalen Zeiteigenschaft scheitern sehen und nie begreifen können, warum man sie
noch nicht zu den grössten Leidenschaften zählt, die einzelnen Auserwählten das
Leben zum Paradiese, den meisten aber zu einer sich täglich wiederholenden Qual
und Sorge machen.
    Es wird ihm sehr unbequem sein! wiederholte sich Anna und sann und sann,
einen Vorschlag aufzufinden, der ihrem Gemahl die Mühe spare, ihr einen andern
Aufentaltsort anzuweisen. Im wiederholten Lesen des Briefes ward ihr immer
deutlicher, dass des Fürsten Tod die ganze nur nach seinem Willen bestimmte
Sendung nach Petersburg annulliren und dass sie vielleicht gar einem Andern
zugeteilt werden könne - was dann? Vielleicht kam dann Kronberg selbst,
vielleicht berief er sie und Leontinen nach Berlin.
    Dann tauchte wieder Gottard's Bild zwischen den Zeilen auf. Wie unwichtig
erschien die eigene Sorge, dieser gehemmten gestörten Wirksamkeit gegenüber.
Könnten wir nur etwas für ihn tun! dachte sie weiter. Sie kam an einen gestern
schon besorgten Auftrag, eine Summe Geldes einzucassiren. Die Rollen lagen vor
ihr auf dem Tische.
    »Da ich, schrieb Kronberg weiter, über das Salaire des Herrn Gottard nichts
Bestimmtes mit ihm abgemacht, du aber, wie mir scheint, immer noch mit seiner
Metode und seinem Betragen wohl zufrieden bist, so warte nicht das Ende des
Jahres ab, sondern gib ihm funfzig Taler in Gold und frage ihn zugleich, ob er
mit hundert funfzig jährlich und freier Station zufrieden ist. Der arme junge
Mann ist vielleicht in Geldnot ohne dass wir es ahnen.«
    Mechanisch war Anna aufgestanden und hatte blindlings eine der Geldrollen
ergriffen. Plötzlich durchzuckte sie der Gedanke, dass es Gottard, Gottard sei,
dem sie dieselbe geben, den sie damit bezahlen solle. Eiseskälte durchrieselte
ihre Glieder; sie liess das Geld fallen - es rollte auf dem Boden umher. Mit
starrem Blick folgte sie dessen Bewegung; sie zitterte mit jeder Secunde
heftiger. Jetzt bohrte der entsetzliche Gedankenstrahl wie ein glühendes Eisen
sich immer tiefer ihr ins Gehirn: Du sollst den Mann bezahlen, den du liebst -
er steht in Kronbergs Dienst!
    Wie zerbrochen knickte die hohe Gestalt zusammen. Und also ist es wahr, und
also liebe ich ihn? wirbelte in rastloser Hast das fragende Empfinden durch jede
Fiber, durch jeden Pulsschlag ihres Wesens hin. Unwiderruflich elend -
antwortete sie sich selbst.
    Lange vermochte sie durchaus nichts weiter zu fassen, noch dachte sie nicht
entfernt an ein Unrecht gegen ihren Gemahl, sie fühlte nur den Moment und seine
Pein, und dass ihr Geschick entschieden sei; sie gehörte zu den Unglückseligen,
die nicht weinen im Schmerz - die trocknen Tränen brannten ihr in den
Augenhöhlen. Nach vielen Stunden fand sie Sophie in einer Ecke ihres Kanapees,
wie von plötzlicher Krankheit ergriffen, stille liegen; sie hatte heftiges
Fieber und war, von der endlosen Gedankenjagd tödtlich erschöpft, in dumpfe
Betäubung gesunken.
    Aber es wurde wieder Tag. Erbarmungslos schlangen sich die Stunden zur Kette
in einander; sie sollte, sie musste weiter leben.
    Ihre Knaben kamen, ihr guten Morgen zu sagen. Als sie die Kinder sah,
überflutete ein nie gekanntes Weh ihr Herz. Anna war fast immer gesund, und den
Kleinen war es so ungewohnt, die Mutter leidend zu sehen; sie brachten ihr
schönstes Spielzeug, Früchte und Blumen mit, alles, was sie nur besassen, und
wollten, damit die Mama pflegen, wie sie es ihnen bei kleinen Uebeln getan.
    Lange hielt Anna Beide fest in ihre Arme geschlossen und sah die lieben Züge
wieder und wieder mit stillem Ernste an. Es war ihr sonnenhell in der Seele,
dass, was auch geschehe, in welchen Abgrund von Qual oder Schuld dies gewaltige
Gefühl sie stürze, nichts jemals von ihren Kindern sie trennen könne und dürfe.
    Wochen, Monate lang hatte sie sich zu täuschen vermocht. Otto, sogar
Leontine hatten längst das trübe Geheimnis erraten; jetzt, da auch sie sich
dessen bewusst geworden, feilschte und marktete sie nicht, weder mit ihrem
Herzen, noch mit ihrem Gewissen. Jede Selbstlüge blieb dieser starken, grossen
Seele fern, es lag vor ihr wie ein unermessliches dunkles Unglück; aber sie
beschloss, ihre Leidenschaft zu tragen, elend zu sein, wenn es denn
unvermeidlich, aber nie und nimmer das Gefühl des Verlustes ihrer Kinder auf
sich zu laden.
    Ach! auch in Annen lag der Drang nach Glück, der, mächtiger noch als der
Instinct, den Lebensmüden im Schiffbruch zwingt, an den schwimmenden Mast des
zertrümmerten Schiffes sich zu klammern und mit den Meereswogen ihn ums verhasste
Dasein kämpfen heisst. Dieser heisse quälende Durst nach Glück, den fast immer die
Liebe in jeder Menschenbrust zuerst erweckt, der mit den dahinrinnenden Stunden
immer riesiger alle Kräfte der Seele überwächst und den alles spätere Leben fast
nie zu stillen vermag. Aber dem Weibe gab die erhaltende Natur ein ungeheures
Gegengewicht, dass sie in diesem Ringen nach Glück nicht unbedingt zu Grunde
gehen müsse: die heilige, aber so allmächtige Mutterliebe.
    Nicht umsonst erfanden die Alten das schöne Wunderbild vom Pelikan, der die
eigene Brust aufreisst und mit dem Herzblut seine Jungen nährt; nicht umsonst
eint der Indier die zerstörende und erhaltende Kraft zu einer und derselben
Gottesgestalt. Tiefer noch als die leidenschaftlichste Glut greift das Gefühl
der Mutterliebe in alle Urbedingungen unseres Lebens ein und ruft schaffend und
vernichtend zahllose unverstandene, unerklärbare Erscheinungen des Lebens
hervor.
    Anna dachte von dem Allen nichts, sie fühlte es nur: die Lichtausströmungen
der höchsten Ueberzeugungen berühren das ganze individuelle Leben, nicht die
einzelne Kraft. Die Radien eines solchen unmittelbarsten Verstehens unseres
Selbst fliessen mit der tiefsten Empfindung in einen Brennpunkt zusammen.
    Sie sah ihn wieder. Alle Drei lebten das tägliche Leben so neben einander
hin wie immer. Leontinen wurde das Reden am leichtesten; sie barg ihren Kummer
um Otto nicht, sie klagte sogar auf's Anmutigste um ihn und verklärte diese
zarte Klage mit jedem Reiz ihrer so reichbegabten Natur. Es lag eine so
elegischliebliche Wehmut in Allem, was sie tat; kein Geständnis der Liebe, nur
ein Jammer um weit entrücktes und verlorenes Schöne.
    Vrenely sass viel bei ihr. Leontine ging sogar zuweilen mit in die Kirche,
wenn das Mädchen für Otto beten wollte, sie hatte allmälig eine Art poetischer
Frömmigkeit von jener angenommen und den Glanz ihres scharfen, spottenden Witzes
in der Rückspiegelung einer so schönen Einfachheit von sich geworfen wie einen
unnütz gewordenen Schmuck; und in dem Allen war kein Falsch, es war die
augenblickliche Gestaltung ihres Wesens. Nur Eins war sonderbar, Leontine, die
stets Gesellige, war gern allein, als miede sie die grellen Widersprüche des
Aussenlebens. Anna musste sie gewähren lassen, denn zum ersten Mal war sie der
Freundin gegenüber nicht unbefangen; zum ersten Mal hatte Anna ein Geheimnis.
Obwol sie ahnte, dass es Leontinen längst keines mehr sei, konnte es ihrer
Meinung nach niemals unter ihnen zur Sprache kommen.
    Man hat zuweilen im Traum das Gefühl des Fliegens, des Hinschwebens über
schöne Gegenden und geliebte Menschen; das Erwachen ist fast immer mit dem
Schreck eines tiefen Sturzes verbunden. Ich glaube, das gab uns das Wort: aus
dem Himmel fallen. So war es Annen; wie im Traume hatte sie sich hoch erhoben
über das eigene Leben, ihr ahnete ein schweres Erwachen.
    Aber sie war trotz dem Allen glücklich und insgeheim sich dessen bewusst.
Wenn Gottard sprach, empfand sie es als ein Glück, und wenn er schwieg und sie
seine edeln Züge ansah, war's nur ein anderes; in seinem Gehen, Kommen, Bleiben,
vor Allem aber, wenn er seine ernsten Lieder sang, die sein Wesen, wie seine
Verhältnisse rückspiegelten, durchwogte sie ein Gefühl der Seligkeit, das sie
nicht einmal mit dem Gedanken zu berühren wagte, um nicht aus dem Himmel zu
fallen. Töricht, töricht, dass man sagt: Unschuld und Jugend - die Frühlinge
der Menschenbrust - kehren nie wieder! Anna war eine Frau von vierundzwanzig
Jahren, und die Liebe machte sie zum vierzehnjährigen Mädchen.
    Gottard war unter ihnen der einzige wahrhaft Unglückliche; auch er wandte
den Blick ab vom eignen Innern, um nur auf Annens und ihrer Kinder Leben
hinzublicken und in der ihm vielleicht nur karg gemessenen Zeit des
Beisammenbleibens noch alles ihm Mögliche für sie zu tun.
    Mit Briefen Kronbergs war auch ein Schreiben des Ministeriums an Gottard
eingelaufen. Nicht nur fanden seine Arbeiten die vollste Anerkennung, es ward
ihm zugleich die Aussicht zu einer umfassenderen Tätigkeit eröffnet. Wie es
schien, hatte der Fürst selbst noch vor seiner Abreise die eingesandten Berichte
dem Cabinet, für welches Gottard arbeitete, vorgelegt und die Klarheit der
Darstellung, die ernste Genauigkeit derselben, die Genialität der Combinationen
bei grösster Tüchtigkeit der Auffassung hatten die Blicke des Ministeriums auf
deren Verfasser gezogen. Ueberrascht, ihn nicht schon früher bemerkt zu haben,
schien man höheren Orts entschlossen, ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren.
Seine Bahn war gebrochen.
    Gottard teilte der Gräfin die günstige Wendung seines Geschickes mit und
bat, ihm zu vergeben, wenn er sich öfters dem unverdienten Vorzug - das Wort
Glück wagte er nicht - in ihrem engeren Familienkreise zu weilen, entziehe. Es
war ihm ein tiefer furchtbarer Ernst um die Bekämpfung der ihn schwächenden
Leidenschaft, darum mied er sie oft; ein Vergessen, ach, nur ein Verschmerzen
seiner Liebe fiel ihm längst nicht mehr ein.
    Unerwartet kündete jetzt Kronberg seiner Gemahlin seine Rückkehr an; er
befahl, ein paar Gastzimmer in Stand zu setzen, und bat Annen, seine Abreise
nach Bern Allen, selbst Leontinen, zu verschweigen. Es schien leicht zu
erraten, dass Josephine ihn begleiten und ihre Tochter mit einem freundlichen,
Alles ausgleichenden Besuch zu überraschen gedenke.
    Sie wird mir Leontinen entführen, seufzte Anna, den gelesenen Brief faltend,
und wir gehen dann wohl Alle nach dem Ort, den Kronberg als Aufentalt bestimmt.
Eben wollte sie in den Saal zurück, als Gottard aus der Tür ihres Zimmers ihr
begegnete und ernst und dringend sie um ein Gespräch weniger Minuten bat. Mit
ehrerbietigen Ausdrücken entschuldigte er sein Einmischen in eine Angelegenheit
ihres Hauses und schien dann verlegen, den Zweck desselben näher zu berühren.
    Kronbergs Befehl nach, hatte ihm Anna das unglückselige Geld zwar zustellen
lassen, die Summe aber vergrössert und die Bitte ausgesprochen, die Auslagen für
die Knaben davon zu bestreiten und später mit ihrem Gemahl das alles zu
berechnen. Auf diese Weise war das Geld ein blosser Vorschuss für die Kinder.
Unwillkürlich suchten ihre Gedanken hierin einen Zusammenhang mit dem
gewünschten Gespräch; eine tödtliche Verlegenheit bemächtigte sich auch ihrer.
    Gottard fasste sich endlich gewaltsam und bat sie, die nächste Vergangenheit
ihrem Gedächtnis zurückrufen zu dürfen. Er erinnerte sie an Otto's unerwartete
Rückkehr und an den Fremden, dem jener auf der Treppe begegnet, dann an den
letzten Abend, an den Volksauflauf, an Leontinens Ohnmacht und an das vor dem
Hause gepfiffene Lied; er bekannte ihr, die dem Fräulein zugeflüsterten Worte
Sophiens: »ce n'est pas lui« gehört zu haben; er erinnerte endlich an Leontinens
Beleuchten ihrer eigenen Gestalt, als sie mit Lady Frederic an das Fenster
getreten. Sprachlos starrte ihn Anna mit immer wachsender Angst an; sie dachte,
er werde ihr etwas über sich selbst entdecken, er aber schloss mit
wiedererrungener Besonnenheit: Unbezweifelbar gewiss scheint mir, dass eines jener
unglücklichen Opfer der Politik und eigener Ueberspannung hier im Hause
verborgen ist, und dass Fräulein Leontinens Güte und Milde auf eine Weise
misbraucht werden, die leider den Grafen Kronberg in seiner Stellung auf's
Empfindlichste compromittiren, ja seiner Ehre gefährlich werden kann.
    Anna blieb einige Secunden sprachlos. Nein! rief sie aus, wie könnte Sophie
- -
    Das ist mir selbst ein Rätsel; indessen wurden doch gerade ihre Worte der
Leitfaden in meiner Hand. Ich vermute, dass im dritten Stockwerke eine über
meinem Zimmer gelegene Bodenkammer dem Unglückseligen zum Versteck dient. Unter
einem Vorwande habe ich von des Nachbars Hause herüberzusehen versucht, die
kleinen Fenster sind verhangen, die Kammer gilt für eine Garderobe Sophiens.
    Weiss Duguet? unterbrach ihn Anna.
    Ich glaube, nein! Und gerade, um mit Ihnen zu besprechen, ob ich meine
Vermutungen Ihrem alten Diener mitteilen, mit ihm oder allein den Versuch
wagen soll, dem Verborgenen zur Flucht behilflich zu werden, kam ich hierher.
Wenn Sie es mir gestatten, Gräfin, so bekenne ich Ihnen, dass ich letzteres
vorziehe. In der Hoffnung, dass Sie mir Ihre Erlaubnis nicht versagen, um die ich
Sie herzlich bitte, habe ich - er legte ein versiegeltes Paquet auf den Tisch -
hier ein paar Verfügungen getroffen, einige Andenken und vollendete Arbeiten
zusammengerafft, die ich Ihrer Gunst empfehle. Im Fall eines Mislingens, das
mich vielleicht in Unannehmlichkeiten verwickelt, oder auch zur Flucht mit dem
Unbekannten zwingt, entalten diese Papiere vielleicht meine Verteidigung,
jedenfalls aber nichts, was Ihnen oder den Ihren irgend Nachteil bringen kann.
    Gottard! schrie Anna auf - Leichenblässe bedeckte ihre Züge - keine
Uebertreibung, die mir - sie wollte sagen, das Leben kosten würde - aber sie
streckte nur bittend die Hand aus und der Ton ihrer Stimme versagte, er brach an
der Erinnerung ihrer Lage.
    Gottard ergriff die bebende Hand und hielt sie einige Secunden in der
seinen, mit abgewandtem Blick sagte er leise: fühlen Sie denn nicht, dass ich -
gerade ich Ihn (er nannte Kronberg nicht) um keinen Preis einer solchen
Entdeckung aussetzen darf? In meinen heutigen Briefen ist von seiner Rückkehr
die Rede, er ist Gesandter in Wien geworden - und ich - bin ihm als
Regierungscommissarius für alles Juristische beigegeben -«
    Anna schlug die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf, sie faltete
die Hände bittend wie ein Kind: Ist's unvermeidlich?
    Gottard ging in tiefer Bewegung auf und nieder. Ich finde keinen Ausweg.
    Auch nicht Duguet's Hülfe?
    Nein, im Hause könnte er mir nützlich sein, die Flucht wird er vielleicht
sogar gefährden.
    Und Leontine?
    Nein, o nein! - Was auch geschehen mag, welchen Preis es auch koste, es muss
unter uns bleiben! Er hatte im Auf- und Niedergehen sich ihr zugewandt, seine
Züge hatten das seltsame, ihm eigentümlich Durchleuchtende bekommen.
    Was kann im schlimmsten Fall dem Grafen drohen? fragte Anna etwas gefasster.
    Eine entehrende Anklage der Duplicität.
    Und Ihnen, Gottard?
    Der Verdacht der Teilnahme an der Freimaurerloge, am Carbonarismus - -
    Grosser Gott! also Festung, auf lange vielleicht, im Augenblicke, da Sie dem
Höhepunkt Ihres Strebens sich nähern! - Nein, rief sie plötzlich im wildesten
Schmerz, keine Pflicht auf der Welt kann mir das gebieten!
    Gottard stand wieder still vor ihr, das Leuchten seiner Züge war jetzt wie
eine strahlende Verklärung über sein ganzes Wesen ausgegossen - ein bebendes
Gefühl unsäglichen Glücks flutete in jeder Ader, jeder Fiber; er sprach kein
Wort, er sah sie kaum eine Secunde lang an, er berührte nicht einmal ihre Hand.
Aber plötzlich floss der Glutstrom des Glückes auch durch ihr Herz und auch ihrer
Seele wuchsen Riesenflügel: Beide wussten in diesem Augenblicke, dass sie
grenzenlos geliebt wurden, grenzenlos liebten.
    Als sie wieder aufsah, war er fort.
    Indem öffneten die Knaben an Betzys Hand die Tür, sie waren schon in ihren
weissen Nachtkleidchen und kamen, der Mutter gute Nacht zu sagen, um, wie sie es
nannten, ihr Dämmerviertelstündchen durch bei ihr zu bleiben.
    Anna legte die Hände unbewusst auf's Herz, als habe sie Gott für eine grosse
Gnade zu danken: ein schwerer Lebensaugenblick war schuldrein wie mit
Engelsfittigen über sie hinweggeschwebt. - -
    Mutter! sagte Egon, indem er rasch die Lehne ihres Fauteuils erkletterte und
darauf rücklings seinen gewöhnlichen Platz einnahm, Betzy ist garstig, sie will
nicht, dass ich das schöne Gebet spreche, das Vrenely die Tante Leontine gelehrt
-
    Ich sage das vom kleinen, kleinen Englein, flüsterte schon halb im Schlaf
sein Bruder Joseph, der seinen Kopf auf Annens Schoos gelegt hatte, das ist viel
hübscher.
    Betzy wollte den Fall erörtern, Anna winkte ihr, zu schweigen. Alle Gebete,
mein Egon, sagte sie liebkosend, die aus dem Herzen kommen, sind gut und schön.
    Aber nicht so schön! meinte kopfschüttelnd Egon. Ich kann es recht gut
verstehen und Tante hat es mir auch erklärt. Höre nur! Er faltete, oben auf
seiner Lehne sitzend, die Hände und betete mit tiefer Inbrunst:
»Dass walte Gott
In Schlaf und Tod,
Wenn Leib und Seele scheiden;
Dass walte Gott
In Glück und Not
Im Finden und im Meiden.
Dass walte Gott
In seiner Treu
Auch über meiner Liebe;
Dass walte Gott,
Bewahr' vor Reu'
Die Tage hell und trübe.
All meines Herzens Bangen,
All meiner Seel' Verlangen
Geb' ich in seine Hände,
Es führe mich an's Ende.«
Ist das nicht schön, Mutter? Und das letzte hat Tante Vrenely immer gedacht,
während sie Onkel Otto im Schnee suchte.
    Anna war tief ergriffen. Es gibt Lagen im Leben, in denen man an keinen
Zufall glaubt. Sie schloss den Knaben inniger an's Herz und schlichtete den
kleinen Streit mit bebenden Lippen. Als aber die Kinder fort waren, fiel die
gedankenschwere Last des Augenblicks mit verdoppelter Gewalt auf ihre Seele
zurück; sie fühlte nicht den Mut, irgend etwas gegen Gottards Willen zu tun,
und eben so wenig die Kraft, untätig ihn einer so drohenden Gefahr
entgegentreten zu sehen. Endlich fiel ihr ein, Otto zu benachrichtigen, ihm
einen Expressen zu senden. Im Begriff, einige Zeilen aufzusetzen, um ihn nach
Bern zu berufen, überfiel sie ein neues Schwanken. Würde er zeitig genug kommen?
    Sie stand noch unschlüssig am Schreibtische, als Duguet meldete, dass der
alte Herr Professor im Salon sei.
    Wer ist noch drüben? fragte sie mechanisch.
    Die beiden jungen Damen und Herr Gottard.
    Gottlob! Heute gedenkt er also nichts in der unseligen Sache zu unternehmen!
sagte sie zu sich selbst.
    Drüben war Alles heiter. Der alte Professor erzählte und neckte die Mädchen;
Gottard war gesprächig, aufmerksam und freundlich; die vorhergegangene Stunde
trat weit zurück und barg sich hinter ihre Schwestern; in der Gegenwart schien
Alles behaglich. Im Kamin knisterte die auflodernde Holzflamme, auf dem Tische
standen schon Frühlingsblüten. Der Professor machte Vrenely eine emphatische
Beschreibung Basels; Paris und London fielen ganz daneben weg. Gottard war zum
ersten Male gesellig-liebenswürdig, er entfaltete ein hinreissend komisches
Talent, sowol im Vortrag einiger Reiseabenteuer, als in Darstellung der darin
vorkommenden einzelnen Persönlichkeiten. Er und der Professor warfen einander
das Gespräch zu, wie einen bunten Spielball; Leontine und Vrenely bildeten ein
höchst dankbares Publicum. Zum Glück kam niemand Fremdes; die Zeit verging Allen
ungewöhnlich rasch und man trennte sich spät.
    Erst auf ihrem einsamen Stübchen fiel Annen die Möglichkeit bei, dass
Gottard sie absichtlich sorglos gemacht habe, dass seine Neigung ihr ein Opfer
gebracht. Sie flog an's Fenster; drüben brannte, wie allabendlich, seine stille
Studirlampe. Aber die sorgende Liebe hat Argusaugen! Anna kannte gewisse
Bewegungen am Schatten, wenn Gottard ein Buch vom Schreibtischregal
herunterlangte, oder einen beschriebenen Bogen weglegte; sie wusste genau die
Zeit, wo der Docht trüber zu brennen begann und er Oel zugiessen musste. Sie
erwartete den Schatten seiner Gestalt; es regte sich nichts. Mit immer
gespannterer Aufmerksamkeit lauschte sie hinüber, Stunde um Stunde verging in
langsam tönenden Vierteln; mit der wachsenden Angst steigerte sich die
Ueberzeugung, dass auch die brennende Lampe zurückgelassen worden sei, um sie zu
täuschen, zu beruhigen, und dass er nicht mehr da sei. Aber wo war er? Grosser
Gott! vielleicht war schon Alles verloren! wusste sie es denn?
    Leise öffnete sie ihre Türe, dichte Finsternis umhüllte das ganze Haus, sie
schlich hinaus über den Flur; sie war sich selbst nicht bewusst, was sie
eigentlich wollte. Vor Allem horchen, ob der Fremde fort sei, ob Gottard bei
ihm in der Bodenkammer, wo er versteckt sein sollte.
    Die Türe, welche die von ihr bewohnte Etage von den Uebrigen trennte, war
abgeschlossen; ohne Sophien zu klingeln, konnte sie nicht hinaus.
    Trostlos kehrte sie zurück, warf sich am Fenster auf einem Fussschemel in die
Knie und starrte, die Hände krampfhaft gefaltet, wieder hinüber. Die Lampe war
düster geworden und jetzt nahe am Verlöschen; kein Laut drang durch die öde
Nacht, Todesstille überall. Es ward eiskalt im Zimmer, Anna erstarrte nach und
nach ganz; alles Leben zog sich in das glühende, wachende, wartende Auge, das
ihr wie eine Kohle in der Stirn brannte. Plötzlich flammte drüben eine
strahlende Helle auf, die Vorhänge wurden mit gewaltiger Hand auseinander
gerissen. Er war's!
    Er stand mit dem Lichte in der Hand am Fenster, winkte grüssend, trat einen
Schritt zurück, deutete mit der Hand rückwärts, als ob jener fort sei; er sah
erhitzt, aber kräftig und glücklich aus. Nur wenige Secunden dauerte das alles,
dann sank der Vorhang abermals und tiefes Dunkel verschlang das ganze Bild.
    Aber wer vermöchte die blendende Sonne des Glücks in Annens Seele zu
beschreiben! Er war gerettet - und das Werk vollbracht.
    Es war spät am Morgen, als Sophie die Rouleaux aufzog. Anna hatte sich erst
niedergelegt, als der Tag sie, immer noch auf ihrem Fauteuil sitzend,
überraschte; sie war wie nach einem langen Schlafe frisch und klar. Mon Dieu,
qu'elle est belle! dachte still Sophie, indem sie ihr beim Anziehen behilflich
war; eine laute Bemerkung wagte sie nicht.
    Nun war sie fertig. Annens Schritt hatte die Elasticität der frühesten
Jugend wieder, Augen und Wangen glänzten wie nie zuvor; es sprach sich ein
Gefühl einer so ganz überwältigenden Freude in jeder Bewegung aus, dass man sie
fast fragen musste, was ihr denn Glückliches begegnet? Madame müssen etwas recht
Schönes geträumt haben, sagte endlich lächelnd die alte Sophie.
    Etwas Wunderschönes, ma bonne, erwiderte Anna. Sie weiss noch nicht, dass er
glücklich fort ist, dachte sie mit heimlichem Jubel.
    Nach beendigter Morgentoilette begann sie nachzusinnen, wie sie die Details
der Flucht des Fremden erhalten könne. Sie hatte eine ernste Scheu vor Gottard,
die aus der tiefen Achtung entsprang, die sie für ihn hegte. Er wird nicht
kommen, sagte sie zu sich, denn nötig ist es nicht. Da lag das Paquet mit
seinen Schriften noch auf ihrem Schreibtische; sie verschloss es sorgsam, um -
nur etwas zu tun. Leontine kam immer noch nicht; ihr musste doch anzumerken
sein, welcher Stein vom Herzen ihr die Flucht des Fremden sei. Fast eine Stunde
über die gewöhnliche Zeit war vergangen und noch immer war sie nicht da.
    Jetzt hörte Anna einen leisen Schritt auf dem Corridor, unwillkürlich lief
sie Leontinen entgegen, öffnete ihre Zimmertür und - Kronberg schloss sie
herzlich und leise lachend in die Arme. Wie bestellt, sagte er. Still! ich
wollte dich überraschen und zuerst allein sehen. Ich habe mir einen schändlichen
Klepper gemietet, den ich nicht zugeritten, Kind! und bin vom letzten Städtchen
aus geritten. Josephine folgt mir in ein paar Stunden mit dem Wagen und der
Dienerschaft; du wirst sie schon Alle unterbringen. Aber erst muss ich dich
sprechen. Er zog sie auf's Sopha. Wie schön du bist, Anna! Wie gut dir dieser
Aufentalt bekommen ist, bei Gott! schöner als vor unserer Hochzeit! Sie
errötete. O, Kind! es ist kein Kompliment, und wir kommen auch wohl nicht mit
einander in's Gerede. - Aber die Zeit drängt! Er stand auf und schloss die Tür
ab.
    Liebe Anna! es sind hier im Hause entsetzliche Dinge geschehen; Leontine hat
in ihrem überschwenglichen Leichtsinn wieder eine unglücklich überspannte
Liaison angeknüpft.
    Leontine? Eine Liaison? Unmöglich!
    Doch, doch! erwiderte er, und zwar mit einem Abenteurer, der ihr hieher
gefolgt ist, ja sogar gewagt hat, ihr zu schreiben und bis zu ihr in unser Haus
zu dringen.
    Roderich! lass mich -
    Ich fürchte, das wilde Mädchen macht irgend eine irreparable Sottise. Ich
habe noch nicht einmal ergründen können, ob der junge Herr von Stande ist.
Jedenfalls kann ich die Last nicht übernehmen, sie zu hüten, und habe die Mutter
überredet, mich nach Bern zu begleiten, um sie wieder mitzunehmen. Ohnedies
werden wir jetzt die Schweiz verlassen, j'accepte vos félicitations, Madame! wir
sind Gesandter in Wien geworden!
    Bis jetzt hatte Anna ihre Fassung behalten, sie war durch jedes Wort, das
die Möglichkeit einer noch weit verwickelteren Angelegenheit, als Kronberg zu
ahnen schien, andeutete, zu überrascht, um eine Unvorsichtigkeit zu begehen.
    Noch mehr, fuhr Kronberg fort, während ihn die wirklich in dieser Aufregung
strahlende Schönheit seiner Frau immer wärmer für sie stimmte, du wirst dich
darum kränken! Er zog sie näher zu sich und küsste sie im Weitersprechen. Du bist
so arglos, - deine närrische alte Madame Sophie hat auch mit debauchirt und will
sich ihren Pelz verdienen.
    Grosser Gott! das trifft wieder zu, dachte Anna, eine sich steigernde Angst
begann in ihren Zügen sich zu malen.
    Ich glaube, sprach Kronberg weiter, ohne es zu beachten, es war auf eine
Entführung abgesehen.
    Aber um's Himmels willen, Kronberg! wie kommst du dazu, alle diese Details
zu wissen? brach endlich Anna ihr Schweigen, während ich hier -
    Duguet hat mir geschrieben.
    Und seine eigne Frau angeklagt?
    Anna, sagte Kronberg stolz, er hat die Ehre der Tochter seines verstorbenen
Herrn gerettet. Willst du das gütigst nicht so ganz aus den Augen verlieren! Die
Welt lebt nicht von Romantik! Doch, nun muss ich Leontinen sprechen; am
sichersten gleich hier, ehe ihre Mutter ankommt. Bleibe ruhig, auch wenn ich
etwas ernst mit ihr rede!
    Er ging an die Türe, schob den Riegel zurück und war im Begriff, zu
klingeln, als Leontine und hinter ihr Sophie eintraten.
    Leontine sah sehr übel aus, sie schien geweint zu haben und vermochte ihrer
Ueberraschung, Kronberg zu sehen, keinen warmen Anstrich der Freude zu geben.
    Leontine! sprach Kronberg streng, du hast uns, mich und Anna, auf eine
höchst schmerzliche und leichtsinnige Weise verletzt!
    Onkel! - erwiderte sie, wo möglich noch stolzer als er, indem sie sich hoch
aufrichtete und eine kalt gemessene Haltung annahm, die, eben so fern von Trotz
als Demut, nur die anerzogene Sicherheit ihres Standes verriet - da Sie sich
unaufgefordert in ein Geheimnis gedrängt haben, das Sie nicht betrifft, ist es
nicht meine Schuld, wenn Sie durch diesen Schritt sich compromittiren. Meine
Handlungsweise war keineswegs durch meinen Leichtsinn bedingt, wie Sie zu sagen
belieben, sondern durch eine alles Andere überwiegende Pflicht. Ueberdem konnte
ich nicht ahnen, dass Sie so schnell zurückkehren würden, und da ich ausser
Sophien keinen andern Vertrauten hatte, blieben Sie, auch im schlimmsten Falle,
ausser Verdacht.
    Verdacht? fuhr Kronberg, an allen Gliedern bebend, auf. Ein Kronberg in
Verdacht? Bist du rasend, Mädchen?
    Desto besser, wenn mich die Sorge um Sie übertreiben macht; so ist aber
diese Scene um so überflüssiger. Auf welche Weise Sie zum Mitwisser dieser
traurigen Angelegenheit geworden -
    Verdacht! wiederholte, noch innerlich das Wort anstarrend, der Graf.
Leontine, du wirst die Güte haben, mir den Namen des Elenden zu nennen, der, wie
ich zu ahnen beginne, deine Unerfahrenheit auf eine furchtbare Weise misbraucht
hat. Wer ist's? Er war ganz nahe an sie herangetreten und hatte ihren Arm fest,
aber nicht heftig ergriffen, indem er sie mit durchbohrenden Blicken mass. Wer
kann durch einen Schimmer von Verdacht meine Ehre beflecken? Sprich! - Oder
ziehst du vor, dass ich Sophien, deine einzige Vertraute, um die wir vielleicht
nicht ganz verdient, wie sie an uns gehandelt - dass ich Sophien zwinge, mir den
Namen zu nennen?
    Sophie stand leichenblass im Fenster; grosse dicke Tränen rollten über ihr
Gesicht; sie liess den Angriff schweigend über sich ergehen. Nur nach Annen
wandte sich zuweilen ihr bittender, trauriger Blick.
    Onkel! rief Leontine, zornig erglühend, höchstens hat meine Mutter ein Recht
zu dieser Frage, Sie haben es nicht! Er hat - durch welche grossmütige Hülfe,
ist mir selbst noch ein Rätsel - in der vorigen Nacht Ihr Haus und die Stadt
verlassen.
    In der Nacht? Mein Haus? Grosser Gott! so weit hast du dich vergessen! Nein,
nein! das ist nicht möglich! Die Tochter einer Kronberg kann ja nicht handeln
wie eine Dirne! Den Namen, Unglückselige! den Namen! -
    Und wenn Sie ihn wissen werden, Oheim! sagte sie, indem sie fest und
äusserlich ruhig die Arme kreuzte, sind Sie darum in irgend etwas gebessert? Im
Gegenteil, der Klang, der blosse Klang desselben macht Sie zum Mitschuldigen.
    Also doch! ächzte Anna, die bisher vergebens versucht hatte, den Grafen
durch leise Worte und bittende Geberden in etwas zu beschwichtigen.
    Der Name! wiederholte Kronberg, zitternd vor Wut und in convulsivischer
Bewegung kaum noch des Tons seiner Stimme mächtig, und hingen Leben und Ehre
daran -
    Jean Carlo di Viatti, sagte sie ernst, fast leise.
    Grosser Gott! schrie Kronberg auf, der berüchtigte Carbonari, den die
Cabinete verfolgen lassen, den Adjutanten des Marchese Viatti? Der Graf sank auf
einen Stuhl, seine Kraft war gebrochen.
    O, mein Freund, fasse dich! Teurer Roderich! sagte Anna, ihn liebevoll
umschlingend, das Geheimnis ist ja treu bewahrt, er ist in der letzt verwichenen
Nacht entflohen und hat Bern bereits verlassen!
    Wie, Anna? Anna, du wusstest es? Also ist's Gottard, der ihn gerettet! rief
Leontine.
    Gottard? wiederholte der Graf, in höchster Entrüstung von seinem Sessel
aufspringend. Gottard? Er stiess Annen wütend von sich. Weiber! Weiber! - Mein
Gott, mein Kopf! Ihr macht mich verrückt! - Was ist denn das wieder? Ist es denn
möglich? denkbar? - Anna, du, du wusstest darum, und gabst mich und meine Ehre in
die Hände eines Hofmeisters - eines Dieners unseres Hauses?
    Nein, nein - Onkel! schrie Leontine, mit ungeheurer Gewalt alle ihre Kräfte
zusammenraffend - bei Allem, was mir heilig ist, schwöre ich Ihnen, sie wusste es
nicht! - Die Hauptsache weiss sie noch nicht - - und auch Ihre Diplomatenehre ist
unbefleckt. Dass ich aber jetzt - o könnte ich's noch in dieser Stunde! - Ihr
Haus verlassen muss, ist klar. Wahrscheinlich haben Sie einen Gesandtenposten,
vielleicht wäre sogar jetzt Ihre Pflicht, Jean Carlo zu verfolgen. Ich sehe die
Notwendigkeit ein, sogleich zu meiner Mutter zurückzukehren.
    Eben fuhr Josephinens Wagen in den Hof; Niemand achtete auf das laute Blasen
des Postillons; Niemand gedachte ihrer Ankunft. Kronberg war wie vernichtet.
Aber, wiederholte er in trostloser Niedergeschlagenheit, ist es denn denkbar?
Was ist dir denn der Unglückliche, dass du ihm - ihm uns Alle opferst? - dass du
deine und meiner Familie Ehre vergisst, um eines Abenteurers willen, dem du am
Ende von acht Tagen vielleicht um einen neuen Liebhaber vergessen haben wirst!
Um eines Geächteten willen, der keines besseren Geschicks wert, eine niedrige
Intrigue ausgesponnen, um - -
    Halt! halt! Kronberg! rief erbleichend Leontine. Kein Wort, keinen Hauch
gegen seine Ehre! Er ist -
    Um Gottes willen! was denn, liebe, liebe Leontine! fragte Anna, unter
tausend Tränen.
    Mein Mann! sagte tonlos Leontine und fiel halb ohnmächtig ihr in die Arme.
    Eben trat Josephine, von Duguet geleitet, in's Zimmer.
 
                                 Zweiter Teil
                                       1822
Ungefähr andertalb Jahre vor den eben mitgeteilten Ereignissen, sassen einige
junge Damen in der Eremitage auf dem Wege, der nach dem alten Schloss von
Baden-Baden führt, und sahen von weitem die im Grünen umherwandelnden
Brunnengäste vorüberziehen.
    Wer kennt nicht, wenigstens dem Ruf und Namen nach, das freundliche vom
Schwarzwald umfriedete Tal mit seinem stillen Reiz, seiner milden Luft und
seinen in weiter Ferne verblauenden Vogesen! Schon hier zu atmen, ist der
kranken Brust eine Wohltat.
    Die jungen, in der Einsiedelei versammelten Plauderinnen aber waren alle
gesund; sie schalten die Stille der Saison, die Einsamkeit der Gassen, den
Mangel an einem wahrhaft geselligen Verkehr und wollten die Schönheit der
Umgebung nicht als Ersatz dafür anerkennen.
    Und allerdings hat in Baden-Baden die Natur eine so verlockend-süsse
Sirenenstimme, dass es schwer fällt, ihr zu widerstehen, und sie das eigentliche
Salontreiben Tages hindurch fast unmöglich macht, es hat sich in das Dunkel der
hier schon früh und schnell einbrechenden Nacht geflüchtet, in welcher aber
leider der grüne Tisch nicht nur die grüne Aue, sondern sogar die blumen- oder
schmetterlingsartigen Tänzerinnen verdrängt und das Spiel nicht selten allen
Zauber der Jugend und Schönheit überbietet.
    Du hast gar nicht zu klagen, Leontine, sagte eine kleine niedliche
Majorsfrau, du hast den interessantesten Brunnengast der ganzen Saison auf
deinem Hausflur.
    Bis jetzt sind wir aber in dieser Bekanntschaft noch nicht weiter als zum
ehrfurchtsvollen Gruss, lachte diese.
    Ist denn die schöne, schwermütige Dame, mit welcher er immer geht, seine
Gemahlin?
    Meint ihr den Polen mit dem unaussprechlichen Namen? fragte eine Dritte.
    Leontine, so rede doch! Du musst doch etwas von deinen mysteriösen Nachbarn
wissen! riefen die Andern.
    Ich weiss gar nichts. Alle Morgen begegne ich Beiden auf dem Wege zur
Promenade, wo es eben bei besagter ehrerbietiger und meinerseits höflicher
Verbeugung bleibt.
    C'est tout? fragte die hübsche Fürstin L....
    C'est tout! erwiderte gravitätisch beteuernd Leontine. Mais non, pardon!
die junge schwarze Dame ist nicht seine Frau, sondern seine Schwester.
    Mein Onkel, fuhr die Fürstin fort, behauptet, der Curliste zum Trotz, der
junge Mann sei gar kein Pole.
    O! sagte Gräfin Hohenheim, er hat doch so ganz den polnischen
Gesichtsschnitt, und dann den wehmütig-stolzen Ausdruck um den Mund -
    Haben Sie ihn einmal polnisch reden hören, Comtesse? fragte die Zweiflerin.
    Nein; er spricht immer französisch mit den Damen, die er am Brunnen kennt,
auch mit seiner Schwester.
    Nun sehen Sie! Am Ende hat mein Onkel doch recht?
    Aber er hat ja einen ganz polnischen Namen -
    Die kleine Prinzessin sah ungemein welterfahren aus und versicherte: Man
kann sich aber auch einen falschen Namen geben!
    O ja, wenn man ein Barbiergeselle ist; aber ein Mann von Stande!
    Ich habe ihn einmal gesprochen, meinte Fräulein von Herchenteim; er machte
mir und meiner Cousine Platz, als der König hier durchkam und plötzlich auf der
Allee ein grosses Gedränge entstand. Er benahm sich sehr höflich und zeigte den
besten Ton und Anstand. In der Nähe ist er wirklich sehr schön. - Freilich fällt
mir eben ein, dass er auch damals mit seiner Schwester nur französisch sprach.
    Das musste er jedenfalls aus Artigkeit Ihretwegen, liebes Fräulein! sagte die
Prinzessin etwas ungeduldig. Ihr Urteil ist nicht contemporain Ihres Gefallens.
    Eben schritt der junge Mann, wie gewöhnlich, ernst und schwermütig vor sich
hinstarrend, quer über den lichtensteiner Weg; die junge Dame an seinem Arme war
heute noch bleicher als sonst, sie schien sehr leidend. Er stützte sie auf's
Sorgsamste und als sich in der Allee ein leichter Abendwind erhob, suchte er
erst die Schwester noch dichter in ihren Mantel zu hüllen, und bewog sie dann
endlich, und wie man an den lebhaft bittenden Geberden deutlich wahrnehmen
konnte, nicht ohne Mühe, mit ihm umzukehren. Er zeigte übrigens dabei eben so
viel heftige Ungeduld als Liebe. Es ist kein Pole! sagte die Prinzessin, und
zerpflückte gedankenvoll eine Sternblume.
    Leontine aber beschloss, noch diesen Abend das Rätsel gelöst zu sehen.
    Der Zufall verwirklichte den Scherz, doch auf trübere Art, als sie es
erwarten konnte.
    Sie mochte, ihrer Reisegefährtin harrend, die noch auf der Promenade war,
ein Stündchen auf ihrem Zimmer zugebracht haben, als sie plötzlich die Klingel
ihres Nachbarn drei-, viermal heftig anziehen hörte; fast in demselben
Augenblicke ward drüben eine Stubentür aufgerissen und sie erkannte seine
Stimme, die laut und dringend nach dem Hausmädchen rief. Es lag etwas so
Beängstigendes, Heftiges in diesem Ton, dass Leontine, von der ihr eigenen
Herzensgüte unwiderstehlich fortgerissen, aufsprang und ihrerseits die Tür nach
dem Flur öffnete, um zu sehen, ob ein Unglück geschehen und ob man ihres
Beistandes bedürfe.
    Ein Bild fast wahnsinniger Verzweiflung stand der junge Pole vor ihr; kaum
aber gewahrte er sie, so stürzte er auf sie zu und beschwor sie im reinsten
Italienisch, mit den rührendsten Worten; um Beistand für seine unglückliche
Schwester, die nach einem ganz unerwarteten Blutsturz ohnmächtig geworden, und,
von dem heftigen Anfall erschöpft, noch bewusstlos, starr, o Gott! vielleicht
sterbend, daliege. Er wolle zum Arzt laufen, die Leidende aber nicht allein
zurücklassen. Auf sein Rufen und Klingeln sei Niemand gekommen.
    Ohne einen Augenblick sich zu besinnen, antwortete ihm Leontine, ebenfalls
italienisch, in wenigen tröstenden Worten und eilte zu der Kranken in das offen
stehende Zimmer. Eben kamen der Kellner und das Dienstmädchen die Treppe herauf,
das heftige Klingeln hatte sie endlich herbeigezogen. Es ward nach dem Arzt
geschickt und der junge Mann folgte Leontinen. Fast zugleich näherten sich Beide
dem Sopha, auf welchem das schöne Mädchen todtenblass, einer gebrochenen Blume
gleich, noch immer in krampfhafter Erstarrung und regungslos lag.
    Nach einigen angewandten Hausmitteln erholte sie sich in Leontinens Armen.
Der herbeigerufene Arzt fand den Zustand durchaus nicht augenblicklich
gefährlich, schien jedoch im Ganzen die Gesundheit der Fremden für sehr
schwächlich zu halten. Er verschrieb Arzneien, versprach nach ein paar Stunden
wiederzukommen, und empfahl die grösste Ruhe, vorzüglich aber jede
Gemütserregung zu meiden.
    Traurig schüttelte Trzebinski das schöne Haupt. Mit dem Arzt hatte er, wie
mit dem Kellner wieder französisch gesprochen; die Kranke war zu schwach zum
Reden. Seltsam, dass er ganz vergessen zu haben schien, dass er Leontinens Hilfe
italienisch erbeten. Mit rührender Einfachheit dankte er ihr für die ihm und
seiner armen Schwester erwiesene Güte und bat sie, der Leidenden morgen wieder
eine Stunde zu gönnen. Jetzt erst bemerkte Leontine, dass, bei aller äusseren
Eleganz des Benehmens, wie der äusseren Umgebung der Geschwister, Beide ohne
eigne Bedienung waren.
    Leontine war durch Zufall diesmal nicht mit ihren Eltern in Baden, sie
erwartete die Generalin erst in drei Wochen, welche diese mit Geiersperg in
Karlsruhe zubrachte. Josephine hatte gewünscht, die geliebte Tochter nach einem
fröhlich durchtanzten, sehr ermüdenden Carneval einen etwas längeren Aufentalt
in der stärkenden Luft des schönen Tals geniessen zu lassen. So ward es möglich,
dass Leontine, die mit der hingebendsten Liebe ihrer Mutter anhing, allmälig in
ein Vertrauen sich gezogen fühlte, das sie vielleicht in deren Gegenwart nicht
angenommen, jedenfalls aber nie ihr verheimlicht haben würde.
    Am nächsten Morgen benutzte sie die erste Gelegenheit des Alleinseins, um
ihre Nachbarin zu besuchen, Stanislaus sass an deren Lager. Leontine hatte nicht
vergessen, dass Herr von Trzebinski, wie der junge Pole sich nannte, im
überraschten Schmerz sie italienisch angeredet und schon im ersten Augenblick
dieser unbewussten Annäherung dessen trauriges Geheimnis erraten. Das Entbehren
aller sie begleitenden Dienerschaft war für Polen von Stande ohnedies so
auffallend, dass es ihre Vermutung zur Gewissheit erhob. Das Willenlose jenes
momentanen Vertrauens störte sie nicht, hatte ja doch in jener beängstigenden
Qual das tiefste Gefühl seines Herzens sich ihr ausgesprochen! Gerade in dieser
absichtslosen Hingebung lag für sie ein gewisser Reiz. Sie schwieg, bewahrte das
Geheimnis mit fast religiöser Treue, während der neckische Dämon ihres
unbezwinglichen Humors sie dennoch mitunter zu allerlei verfänglichen Fragen
verleitete, die ihm den Schreck eines plötzlichen Erinnerns an seine eigne
Unvorsichtigkeit geben sollten.
    Sie fand Rosalien zwar nicht besser, aber bei vollkommener Besinnung, voller
Dankbarkeit und rührender, stiller Resignation. Gern weilte sie ein paar Stunden
an deren Lager; und da das mit Gästen überfüllte Haus die Dienste einer überall
in Anspruch genommenen Hausmagd als ganz unzulänglich erscheinen liessen, sandte
sie ihr die sehr zuverlässige Babet.
    Trzebinski sah zu Leontinen auf wie zu einem Schutzengel und kleidete seinen
glühenden Dank in alle Farben einer durchaus südlichen Nationalität.
    Gräfin Werden, in deren Gesellschaft Leontine in Baden war, bemerkte auch
heute nicht ihre verspätete Rückkehr. Das Fräulein sagte kein Wort, weder von
der Krankheit ihrer jungen Nachbarin, noch von der zufällig angeknüpften
Bekanntschaft. In dem Augenblicke war das gänzliche Verschweigen blosser
Übermut, aber noch im Laufe des nämlichen Tages fühlte sie vom eigenen
Mutwillen sich gefangen und das Besprechen der ganzen Begegnung unmöglich
gemacht. Als nämlich die gute Gräfin und deren nächste Bekannten, von der
Tarantel der Neugier gestochen, in immer wunderlichkrauseren, immer
abenteuerlicheren Vermutungen über die Fremden sich ausliessen, vermochte es
Leontine nicht, ruhig zuzuhören, unwillkürlich reizte sie die Damen zu noch
tolleren Äusserungen und Voraussetzungen und hatte sich in ihrer vortrefflichen
Laune bald so fest gerannt, dass es ohne gänzlichen Verstoss gegen alle
conventionellen Formen nicht mehr ausführbar blieb, die dem Gespräch
vorangegangene Bekanntschaft der interessanten Polen einzugestehen.
    Zum Glück war Gräfin Werden eines jener bevorzugten Wesen, die nur ihren Tag
los sein müssen, gleichviel um welchen Preis und in welcher Gesellschaft. Sie
liess Leontinen gewähren. Sie fand in jedem nicht den Curpflichten geweihten
Augenblick irgend eine Bekanntschaft zu machen, eine Handarbeit zu besehen,
entdeckte einen noch nicht gekannten Laden, einen neuen Spazierweg, eine
vorzügliche Kuchensorte, - faute de mieux, sogar eine verarmte Familie, deren
Umstände sie sorgfältig erforschen musste, und alle diese vielen Gründe machten
ihr das Zuhausebleiben unmöglich. Enfin je ne suis pas sa gouvernante! sagte
sie, wenn Leontine ablehnte, sie zu begleiten.
    Auf diese Weise machte es sich ganz von selbst, dass Leontine einen Teil des
Tages bei ihren neuen Freunden zubringen konnte, ohne von der Gräfin vermisst zu
werden.
    Stanislaus von Trzebinski - so stand sein Name in der Brunnenliste - hatte
sich längst auf seine frühere Unvorsichtigkeit besonnen; er erriet aber auch
Leontinens zartes Bewahren seines traurigen Geheimnisses und wusste es ihr
doppelt Dank, da ihm, allgemeine Äusserungen und Klagen über den gedrückten
Zustand seines Vaterlandes abgerechnet, sehr schwer wurde, über Polen zu reden -
das er nicht kannte!
    Rosalie war ein schwärmerisch-weiches, kaum noch durch die lockersten Bande
der Erde angehörendes Wesen. Im Kloster aufgewachsen, kannte sie die Aussenwelt
gar nicht, aber Religion und Vaterlandsliebe waren in ihrer jungen Seele zu
einem Brennpunkt vereint, von dem alle Radien ihres Lebens ausgingen, dem alle
Kräfte desselben wieder zuströmten: ausser ihnen war das Nichts.
    Der Norden, so erschien ihr Baden, die kalte Fremde erweckten eine, sie
täglich mehr und mehr aufreibende Sehnsucht in ihrer leidenden Brust; das Gefühl
einer unvermeidlichen, vielleicht lebenslänglichen Verbannung von Italien senkte
sich, ein langsamer Tod, wie mit schweren dunkeln Flügeln auf ihre Sinne, auf
ihr in Heimatsbangen vergehendes junges Herz. Mit jedem Tage nahmen ihre wenigen
Kräfte ab. Der Arzt sah sich genötigt, ihren Zustand als höchst bedenklich zu
erklären, und bald reichte weder Leontinens, noch Babet's Pflege mehr aus. Zum
Glück hatte Badens Heilquell eine der in Köln lebenden barmherzigen Schwestern
hergezogen; Leontine suchte sie auf und die lange Gewöhnung mitleidiger
Selbstverleugnung liess die gute alte Renate ihrer eigenen kaum vollendeten
Genesung vergessen, um mit den neu geschenkten Kräften neuen Pflichten sich zu
unterziehen. Dass die fromme Alte zwar ein wenig französisch, aber weder
italienisch noch polnisch konnte, war ein zufälliger Gewinn, der das Geheimnis
der freiwillig Verbannten, Geflüchteten sicherte und ihre Gegenwart nur
heilbringend erscheinen liess.
    Als Leontine die Schwester Renata zu Rosalien führte, ergriff Stanislaus
ihre Hand, ihr Gewand, und drückte sie an seine Lippen; er war im Begriff, ihr
zu Füssen zu sinken. Alles, alles, jeden Trost meiner verödeten, zerrissenen
Existenz danke ich Ihnen! hauchte er bebend.
    Leontine war, tief erschüttert, zum ersten Male keines erwidernden Lautes
fähig; es gab kein Wort für diese so ganz ungewöhnliche Lage.
    Gräfin Werden sprach den ganzen Tag von der bedauernswerten Krankheit der
jungen polnischen Dame; für ihr Leben gern wäre sie hinübergegangen. Leontine
sah sich durch immer neue, sich häufende Gründe zu immer sorglicherem Schweigen
gezwungen. Wie hätte sie der Gräfin Zudringlichkeit von ihren unglückseligen
Freunden abzuwenden vermocht, hätte diese ihre Bekanntschaft mit denselben ahnen
können!
    Doch keine noch so sorgsame Pflege vermochte es, der armen Rosalie
Blütenleben zu fristen. An ihrem Sterbelager, an der stillen ganz prunklosen und
doch so selig vertrauenden Frömmigkeit des jungen schönen Mädchens und der
hingewelkten alten Nonne, die, unermüdlich in Nachtwachen und Dienstleistungen,
der eigenen geringeren Leiden gern vergass; an dem innern Verstehen dieser Beiden
durch Alter, Bildung und Vaterland so ganz verschiedenen Naturen lernte Leontine
den Wert eines begrenzenden Glaubens, die Gefahr ihrer eigenen Ansichten
erkennen. O, wie beneidete sie selbst Jean Carlo, wie er jetzt ohne Scheu vor
ihr sich nennen liess, um den Trost seiner Fürbitte, um sein inbrünstiges, den
von Heiligen erfüllten Himmel erstürmendes Gebet; denn nach demselben ward er
ruhiger, er hörte die fromme Schwester mit stiller Ergebung an, er fasste neue
Hoffnung und einte die Palme des Friedens der Dornenkrone, die sein Vaterland
ihm als letztes Geschenk hinterlassen. Aber diese Dornen stachen schwer und
tief, er litt unsäglich!
    Nachdem König Ferdinand des Vierten Reise nach Laibach der Neapel kaum
gewährten Constitution den frühen Todesstoss gegeben, nachdem die lange Jahre
hindurch heimlich vorbereiteten Pläne des Carbonarismus eigentlich bereits
vernichtet waren, hatte dennoch ein Spross des Freiheitsbaumes sich grünend zu
erhalten vermocht. Boralli's Schilderung der Lage des Königs in Laibach erweckte
eine durchgehende allgemeine Begeisterung und Krieg! ward die überall im ganzen
Lande widerhallende Losung.
    Jean Carlo hatte sich im Gebirg, wo er die Truppen organisiren half, den
festesten Glauben an die Tatkraft seines Volkes bewahrt. Ueber jeden Zweifel
hinweg trugen ihn die Flügel seiner jungen Phantasie und der feurigsten
Verehrung für Guglielmo Pepe, seines Oheims langjährigen Freund und
Waffengenossen. Als aber kurz nach dem so glänzenden Beginnen des Kampfes diese
Flügel, gewaltsam geknickt, zur nutzlos mit Bürgerblut befleckten Erde
niedersanken, als die regellose, wilde neapolitanische Armee, ohne Disciplin,
ohne Kriegsübung, ja sogar ohne hinreichende Waffen, der Uebermacht des
sieggewohnten österreichischen Heeres fast ohne Widerstand erlag, als mehr noch
als alles dies der durch lange Knechtschaft entartete Charakter der niedern
Volksclassen dem Gelingen allzukühner, zu rascher Entwürfe einen innern, ja den
allergefährlichsten Feind entgegenstellte, da focht Jean Carlo unter dem Helden
seiner Wahl - um die Gunst des Todes. Sie ward ihm nicht! Er erlebte es, bei
Rieti durch General Walmoden die Ueberbleibsel des unglücklichen Heeres
zerstreut zu sehen. Pepe ging nach Neapel zurück und brachte nichts mit sich
dahin, als die trostlose Nachricht seiner eigenen Niederlage.
    Jean Carlo's Oheim, der ihn an Vaters Statt erzogen, dessen Adjutant er in
dem kurzen Feldzuge gewesen, an dessen Seite er den goldnen Freiheitstraum
geträumt, ward vermisst; ob er gefallen, ob geflüchtet, war nicht zu ergründen.
    Zerbrochen an Leib und Seele, hatte Jean Carlo neben ihm gefochten, bis er
selbst bewusstlos niedersank. Ihn weckte die Nachricht der neuen Schmach, die
Carascosa's Heeresabteilung getroffen.
    Als er in einem kleinen Dorfe von seiner Wunde insofern genesen war, dass er
aufstehen und sich bewegen konnte, zog er Erkundigungen ein. Die vom König
eingesetzte provisorische Regierung hatte einen Preis auf seines Oheims Kopf
gesetzt.
    Monato, Hiacint de Passe fielen, unzählige Bekannte, Freunde und Verwandte
des unglückseligen Jünglings büssten Leben oder Freiheit ein, ihn selbst retteten
günstige Zufälligkeiten und die Zuneigung eines mit seinem Hause befreundeten
Fürsten, Medici, der sein Pate war. Ihm ward die Flucht erleichtert.
    Längst ruhten seine Eltern im Grabe, ihm blieb eine einzige Schwester, die
in einem unfern Neapel gelegenen Kloster in Pension war.
    Als er in der Nacht, verkleidet, sich hinüberschlich, um Rosalien ein
vielleicht letztes Lebewohl zu sagen, fand er die Aebtissin desselben, eine Base
seiner Mutter, von all den Sorgen um die Ihren schwer erkrankt und schon im
Todeskampf. Der Einzug des Königs war nahe, die Amnestie für Alle, die bis zum
vierundzwanzigsten März an geheimen Gesellschaften Teil genommen, noch nicht
ausgesprochen, über Jean Carlo's mögliche Rückkehr in sein Vaterland nichts
vorauszusehen, und kein einziger Verwandter, dem er die Schwester übergeben
konnte, ungefährdet oder frei, die meisten heimlich verborgen oder geflüchtet.
Noch vor Anbruch des nächsten Tages stand die Auflösung der Aebtissin zu
erwarten, die wortlos des armen jungen Mädchens zarte Hand in die seine legte.
Rosalien blieb nur die Wahl des schützenden Schleiers, das Kreuz des Heilands,
oder das Schwere der herben Teilnahme am ungewissen Geschick ihres Bruders.
    Sie wählte das letzte. In fast wahnsinniger Verzweiflung umklammerte sie den
einzigen Beschützer, der ihr geblieben, und beschwor ihn unter heissen Tränen,
sie nicht zu verstossen, sie nicht allein in dem der Knechtschaft geweihten Lande
zurückzulassen, sie mit sich zu nehmen in die Fremde - ach! die Aermste kannte
ja diese Fremde nicht, die sie um seinetwillen lieben zu können hoffte, in
welcher sie nur für ihre Todten und für die einstige Auferstehung ihres Volkes
zu beten gedachte und in der sie unbewusst sich selbst den frühen Tod erbeten
hatte.
    Die dringende Eile der Stunden und die Tränen des armen Kindes siegten.
Vereint flohen die Geschwister.
    Eine Weile lebten sie unbemerkt in Frankreich und gingen dann nach der
Schweiz. Von dort aus ward Jean Carlo nach Baden geschickt, weil seine schlecht
geheilte Wunde aufgebrochen. Ach, eine unendlich tiefere öffnete sich ihm dort,
als die Hoffnung schwand, Rosaliens Gesundheit herzustellen, deren Schwäche der
junge Mann früher bei seinen sie immer momentan neu belebenden Klosterbesuchen
nicht wahrgenommen hatte.
    Die Aerzte schrieben ihr Uebel einer Erkältung beim Uebergang der Alpen zu -
der Tod will ja eine Ursache haben.
Leontine, Schwester Renate und Jean Carlo sassen in stummem Schmerz am Bett der
plötzlich, nach einem neuen heftigen Blutauswurf sanft wie ein Kind
Entschlafenen; die Nonne betete still für die durch den unerwarteten Tod ohne
die Gnadenmittel der Kirche Hinübergegangene; Leontinens Hand ruhte zum ersten
Mal lange in der ihres armen Freundes; Keines versuchte ein lautes Wort.
    Im Hause ahnete noch Niemand die Gegenwart des Todes. Renate hatte selbst
die geweihten Kerzen zu Haupt und Füssen des Sterbelagers angezündet, den
Priester hatte man nicht mehr rufen können, so schnell hatte der Scheidekuss des
Lebens die bleichen Lippen des schönen Mädchens berührt.
    Die Badegäste und Wirtsleute schliefen, auf den Strassen hatte sich ringsum
Ruhe verbreitet, nur ein überwachter Orgelmann drehte auch schon halb schlafend
unter einem fernen Fenster sein letztes Ständchen ab, es war ein veraltetes
Volks- und Liebeslied; unwillkürlich musste Leontine darauf hören. »Keine Nessel,
kein Feuer kann brennen so heiss als heimliche Liebe, die Niemand nicht weiss.«
    Lange sassen sie so schweigend; endlich begann Carlo zu reden. Er blickte
nach dem noch nicht ergrauenden Tage; sein unruhiges Blut trug die Untätigkeit
des Schmerzes nicht, und es lastete der Gedanke auf ihm, die geliebte Leiche
hier im fremden Lande zurückzulassen. Sollte Rosalie als Polin mit einer Lüge
in's dunkle Grab gelegt werden? Welche Hoffnung blieb dann dem Trauernden, in
möglich besseren Tagen wenigstens die schöne Hülle der Schwester dem
Geburtslande wieder heim zu bringen, dem die Lebende entrissen zu haben er so
tief bejammerte? Ach, Schmerz und Glück zogen ja ihn wie sie in jedem Atemzug
hinüber! - Mit heftig erwachender Leidenschaftlichkeit erneuten sich seine
Klagen. Trostlos stand Leontine neben ihm, sie litt unaussprechlich und ach! sie
wusste keinen Rat für diese neue Form der Qual. Vergebens bot sie ihm ihres in
wenig Tagen erwarteten Stiefvaters Hülfe. Jede Mitteilung des Geheimnisses an
einen Dritten lehnte er bestimmt ab.
    In diesem Augenblicke hatte die fromme Schwester, die in stillen Fürbitten
am Fussende des Lagers kniete und in tiefster Sammlung das Gespräch nicht
beachtete, ihre Gebete beendet. Sie schritt der Türe zu und, schon an der
Schwelle, sagte sie leise: Ich gehe zum Dechanten; man wird nun bald zur
Frühmesse läuten, er wird schon aufsein.
    Wie ein Lichtstrahl durchzuckten die einfachen Worte Jean Carlo's
verdüstertes Gemüt. Ja! rief er aufspringend, im Schoos der Kirche, in der
Hingebung an ihre beseligenden Wahrheiten finde ich die Gewährung einer
Versicherung, die nichts Irdisches mir zu geben vermag. Die gefalteten Hände
fest auf die Brust gedrückt, blickte er aufwärts und ein Ausdruck der
schwärmerischsten, inbrünstigsten Frömmigkeit überflog den Schmerz seiner Züge.
    Ja, fuhr er fort, von dir, mein reiner Engel! kam mir der Gedanke. Die
Beichte sichert mein Geheimnis und bürgt mir für die Erfüllung deines letzten
Erdenwunsches!
    Er hob den Schleier, der das Antlitz der Gestorbenen deckte; sie war
unaussprechlich schön. Leise küsste er ihre weisse Stirn, dann fuhr er, zu
Leontinen gewendet, fort: Ach, Signora! könnten Sie fühlen, was in diesem
Augenblicke meine arme zerrissene Seele wie ein Friedensbote durchzieht und das
wilde Tier in mir bändigt. O, könnten Sie mit mir glauben, so wie Sie mit mir
gelitten haben; wie Sie oft mitten in der Verzweiflung mir einen Sonnenstrahl
des Glücks in die Lebensöde gesandt! Er küsste heftig ihre Hände und wandte sich
dann wieder der Leiche zu, die er mit immer steigendem aber stillerem Schmerz
betrachtete.
    Könnte ich mit ihm glauben! wiederholte sich leise Leontine. Kann ich's denn
nicht? Sie legte den Kopf zurück in die Lehne des Sessels und einzelne grosse
Tränen rollten über ihre hochroten Wangen.
    Da öffnete sich leise die Tür, lautlosen Schrittes trat der Dechant ein,
hinter ihm ein Chorknabe, der am Eingange stehen blieb. Er kannte die
Geschwister wohl, obschon nur unter polnischem Namen; es tat ihm weh, dass sein
Beichtkind ohne die letzten Tröstungen der Kirche geschieden war. Nun kam er,
von der alten Schwester herbeigerufen, den Rest der Nachtwache mit dem
unglücklichen Bruder der Verstorbenen zu teilen und den Ritus der Kirche zu
vollziehen.
    Der Dechant war noch ein junger Mann mit fast durchsichtig bleichem Gesicht;
auch ihm schien die Verheissung eines frühzeitigen Todes auf die gedankenklare
Stirn gedrückt. Eine grosse Milde und Sanftmut sprach sich in seinem ganzen
Wesen aus; so war auch sein Ruf von makelloser Reinheit.
    Leontine hatte nie einen andern katolischen Geistlichen gekannt, oder auch
nur ausser der Kirche gesehen, als den alten Domine, dem sie so übel mitzuspielen
pflegte. Sie kannte die sanfte Suade, die Gewalt der Einwirkung katolischer
Formen, dieses weiche Herrschen, dieses feste Ergreifen und Tragen der Seele
nicht, das in dem Riesenbau jener Kirche, in der Gestaltung jener höchsten
Manifestation des menschlichen Geistes sich ausspricht, und nun in der
vollendetsten Ausübung überwältigend ihr entgegentrat.
    War der Dechant mit den Verhältnissen der polnischen Familie unbekannt, die
er vor sich zu sehen wähnte, hatte der Anblick der jugendlichen Leiche ihn
dieselben vergessen machen? Genug, er hielt Leontine vielleicht der heissen
Tränen wegen, die während seiner Worte ihr Gesicht überströmten, für
Trzebinski's Gemahlin und sprach in diesem Sinne auch zu ihr, ermahnte sie, dem
schwer Geprüften nun auch die Verlorene zu ersetzen, sich wo möglich noch enger
ihm anzuschliessen, und wie aus der Tiefe der Verwesung die Kraft eines erhöhten
Lebens der leiblichen und geistigen Natur sich entringe, so auch diesem so früh
geöffneten Grabe ein Gott geheiligtes Leben der Liebe entspriessen zu lassen.
    Jean Carlo weinte so heftig, dass er nicht sogleich die Kraft hatte, die
Anrede des Geistlichen zu unterbrechen, der im Begriff war, in einem kurzen
Uebergange dem Formular der Kirche sich zuzuwenden und deren Ceremonien zu
vollziehen, als endlich Leontinens furchtbare Erschütterung und ihr Zittern des
jungen Mannes Aufmerksamkeit gewaltsam auf sie zurücklenkten. Er ergriff mit dem
Ausdruck der tiefsten Verehrung ihre Hand und geleitete sie der Türe und Babet
zu, die schluchzend in derselben stand, dann wandte er sich wieder zum
Dechanten; in demselben Augenblick schloss sich die Türe hinter Leontinen, und
halb bewusstlos folgte sie Babeten in ihr Zimmer.
    Es war Mittag und die Trauerkunde hatte sich bereits durch das ganze Baden
verbreitet, als die todtmatte Leontine die Augen aufschlug; die gewandte Babet
hatte der Gräfin eine unruhige, durch die Nachbarschaft der Kranken schlaflose
Nacht des Fräuleins vorgelogen.
    Aber mit dieser Nacht hatte ja nun auch das Zusammenleben mit dem
neugewonnenen Freunde aufgehört! Der lange Tag verging, ohne dass Leontine mehr
von dem hörte, was sich drüben begab, als was auch die andern Hausgenossen
erfuhren. Sie sandte, wie die meisten Bewohnerinnen des Hotels, einen
Blumenkranz, der schönen jungen Todten auf den Sarg zu legen. Dass er aus
Orangenblüten und Granaten bestand, liess man für einen Zufall gelten; die
Tränen, die als Tau ihn benetzten, bemerkte Niemand. Kaum war die
Begräbnissstunde bestimmt, so vereinten sich die Gräfin und ihre Freundinnen, um
der Ceremonie zuzusehen. Es war ein Drängen und Treiben um die offene Grabhöhle,
als hätten Alle das schöne Mädchen gekannt, oder als gälte es eine Lustpartie.
Leontine warf sich weinend auf ihr Bett und schützte Kopfweh vor.
    Noch am nämlichen Abend überbrachte man ihr einige Zeilen von Jean Carlo's
Hand. Sie hielt das Blatt noch in der ihren, als draussen Babets aufjubelnde
Stimme die Ankunft Geierspergs und Josephinens verkündete; kaum blieb Leontinen
Zeit, das Papier zu verbergen, so lag sie schon in ihrer Mutter Armen.
    Von nun an begann ein ganz neuer Lebensabschnitt. Geiersperg liebte joviale
Geselligkeit, war gern in Baden und fand eine Menge alter Bekannte,
Kriegsgefährten und Jugendgenossen daselbst. Auch Josephine ward von einem
kleinen Kreise freudig begrüsst, eine Landpartie, eine Ausfahrt jagte die andere.
    Die Generalin ging freundlich auf jeden Vorschlag der Art ein, ihre
Lebensstellung war in der zweiten Ehe eine ganz andere geworden, als sie in der
ersten, im Jugendrausch der Begeisterung geschlossene Verbindung mit Waldau
gewesen. Die Zeit war ja so ganz verändert, es war Friede, und hatte auch dieser
Friede nicht alle Träume und Verheissungen des ihm vorangegangenen Kampfes
erfüllt, so waren doch materielles Behagen oder industrielles Wirken überall an
die Stelle der früheren Romantik getreten, die Josephinens Blütezeit belebte
und deren mitunter sehr dunkle Schatten die letzten Jahre Waldau's vor
Erschlaffung bewahrt hatten. Denn selbst als ihn Krankheit und der schwere Druck
der Ereignisse zur Untätigkeit verdammten, hatte sich das Wechselspiel von
Sorge, Angst und Freude, das man Leben nennt, immer noch in weit höheren
Potenzen um ihn her entwickelt, als es nun im freundlichen Beisammensein mit
Geiersperg der Fall war.
    Waldau war ein Idealist, im Alltäglichen ganz unerfahren; man musste
unaufhörlich für ihn sorgen. Geiersperg sorgte lieber noch für Andere, als dass
er ihrer Leitung sich hingab; er fürchtete beständig, gehandhabt zu werden, wie
er es nannte, und wollte alles selbst machen. Hatte Josephine in ihren
ehemaligen Verhältnissen zerrissene Herzen, kränkelndes Leben und die Keime
nationaler Hoffnungen gepflegt, hatte sie damals oft jede Seelenkraft bis zur
höchsten Spannung anstrengen müssen, so pflegte sie jetzt, ohne jedoch an
Elasticität des Geistes einzubüssen, mit nicht geringerer Anmut die Blumen und
Bäume, die ihres Gemahls Lieblinge waren, zog seine Jagdhunde auf und bewunderte
mit wirklich aufrichtiger Freude die von Geiersperg geschossenen Auerhähne und
Schnepfen. Sie war eigentlich nicht minder glücklich als sonst, denn bei ihr war
das Glücklichsein fast eine Eigenschaft des Charakters geworden.
    Leontinens Erziehung war ihr nicht ganz gelungen, das fühlte sie selbst,
doch, wie viele Mütter, blieb sie dabei blind für deren Mängel; und dann hatte
ja Leontine ihres Vaters Fehler! Geiersperg tadelte sie strenger, schon deshalb
musste Josephine die Tochter entschuldigen. Vor allem war ihm nicht recht, dass
sie kein Junge war; er hätte so gern einen Sohn gehabt. Darum hatte er die
Verbindung mit seinem Neffen Albert fast leidenschaftlich gewünscht; sie sollte
seiner väterlichen Liebe Enkel geben. Im Ganzen konnte er die excentrischen
Weiber nicht leiden; - und hast mich doch geheiratet? sagte Josephine.
    Aber Geiersperg nahm ihren Kopf zwischen seine beiden grossen Hände und küsste
sie herzlich. Von dir, liebes Kind, kann ja hier gar nicht die Rede sein, du
bist mein lieber, närrischer excentrischer Engel! Aber im Häuslichen bemerke
ich, Gott sei Dank! nur, wie du mir alles leicht und lieb machst. Wenn die
Leontine excentrisch sein wollte, wie du, so hätte ich nichts dagegen.
    Geierspergs schönste Jahre waren die gefahrreichen des Kriegs und seiner
geheimen Vorbereitungen gewesen; auch nachdem er den Dienst verlassen, blieb er
innerlich Soldat. Alles, was auf das Militär sich bezog, interessirte ihn
lebhaft; in seinem Hause herrschte die strengste Disciplin, in seinem Herzen
blieb er der alte loyale, seinem Könige unbedingt ergebene Kriegskamerad. Selbst
wo sein klarer Verstand tadelte, liess sein Gefühl dem Tadel selten Raum zum
Wort, und Leontine hatte ganz recht, ihn einen Ritter aus dem Mittelalter zu
nennen. Hätte der König seiner innersten, heiligsten Ueberzeugung zuwider
gehandelt, hätte er ihn oder die Seinen durch irgend eine Ungerechtigkeit noch
so unheilbar schwer verletzt, Geiersperg war der Mann dazu, in solchem Falle
sich lieber eine Kugel vor den Kopf zu schiessen, als den Grundsatz der tiefsten
Anerkennung und Verehrung der Legitimität seines angebornen Herrschers
aufzugeben, mit dem sein ganzes Wesen verwachsen war.
    Sehr natürlich hatten ihn die politischen Ereignisse des Jahres Zwanzig in
Neapel oft und ernstlich beschäftigt; so lange die Volkssache nicht von der des
Königs getrennt war, hatte er wahrhaften Anteil an ihr genommen. Seine
langjährige Freundschaft für einige der Hauptagenten des bewaffneten
Interventionssystems hatte ihn nicht gehindert, sich an dem begeisterten
Aufflammen der italienischen Jugend von Grund aus zu erfreuen, es weckte in ihm
ja tausend und aber tausend Erinnerungen! Später tadelte er das seiner Meinung
nach in unklugem Eifer zu weit gehende Parlament und fühlte sich in seinen
Ansichten etwas gestört; dennoch machte es ihm sichtlich Vergnügen, wenn
Leontine ihm triumphirend die Zeitungen vorlas, in denen die Fabier und Bruttier
der Abruzzen eine so glänzende Rolle spielten.
    Als sich aber der Aufstand immer bestimmter gestaltete und er das ganze
Unternehmen an der Mut-und Kraftlosigkeit des eigentlilichen Volkskernes
scheitern sah, ergriff ihn eine echt soldatische Ungeduld, er warf die Zeitungen
in einen Winkel und ging eine ganze Weile, von unreifem Zeuge, Kinderstreichen
und dummen Jungen murmelnd, im Hause umher. In Baden hatte die ganze Geschichte
vergleichsweise längst einen komischen Anstrich für ihn bekommen, den er mit
seinen alten Waffenfreunden im besten Humor ausbeutete, und deren derbe und
körnige Spässe der armen Leontine in's Herz schnitten. Es war rein unmöglich, in
dieser Stimmung über Jean Carlo's Lage mit ihm zu reden.
    Vielleicht war es diese im Kreise ihrer Lieben zum ersten Mal empfundene
Entfremdung ihres innigsten Gefühls, welche Leontinen in den Abgrund eines
hoffnungslosen, in tiefes Geheimnis gehüllten Verhältnisses fast widerstandlos
hineinriss.
    Jean Carlo begnügte sich eine Weile mit Schreiben; aber sein junges Leben
war so plötzlich leer geworden, jedes Interesse darin schien erloschen,
Vaterland und Schwester waren ihm entrissen. In Baden von jeder Verbindung mit
den ihm nach und nach in Frankreich und der Schweiz bekannt gewordenen
italienischen Flüchtlingen abgeschnitten, verstand er nicht einmal die Sprache,
die er um sich reden hörte; war es ein Wunder, wenn in dieser gänzlichen
Abgeschiedenheit, im kochenden Blut des Jünglings die Leidenschaft für Leontinen
eine Höhe erreichte, die ihn jeder Rücksicht nicht nur vergessen liess, nein, die
sie ihm geradezu unmöglich machte?
    Sein Zimmer war dem der so Heissgeliebten gegenüber; er hörte sie kommen,
gehen. Trotz Josephinens Anwesenheit fand er bald Mittel, ihr zu nahen, sie zu
sehen, zu sprechen, sie mit all dem tiefen Zauber seiner poetischen Liebesglut
zu umstricken, deren Anblick ihr völlig neu war, die sie nie zuvor gekannt, nie
früher geahnt. Denn bei uns wird ja ein wirklich vornehmes Mädchen so sorgsam
gehütet, kein Laut, kein Hauch der rohen Heftigkeit der Leidenschaft oder auch
nur menschlich-sinnlicher Schwäche berührt jemals ihr Ohr; sie weiss nicht einmal
um die Existenz derselben. Und wenn nun auf diese äterreinen Sinne, auf diese
schneeigklare Gedankenfläche die Liebe in Gestalt der heissen Leidenschaft ihr
Siegel drückt - wer darf es wagen, sie mit gemeinem Mass zu messen, oder eine
Klugheit von ihr zu fordern, die in ihrer Lage eine Erniedrigung, eine
Entwürdigung wäre?
    Jean Carlo liess nicht ab, bis sie an seinem Herzen, in seinen Armen ihm
bebend Gegenliebe gestanden und zuletzt, vom Übermass seiner sich immer
steigernden Wünsche und Qualen unwiderstehlich fortgerissen, ihm geschworen
hatte, nie einem Andern ihre Hand zu reichen.
    O, welche Glutwogen der Poesie, des Fanatismus und der sie vergötternden
Sinnlichkeit schlugen über des armen Kindes so leicht erregbarem Herzen
zusammen!
    Wie schal und abgeschmackt erschienen ihr jetzt die früheren Bewerbungen der
Männer, die ihr bis dahin von ehrerbietiger Ergebenheit vorgeschwatzt und darin
wahrscheinlich nur der Mode oder ihren brillanten Vermögensumständen gehuldigt
hatten.
    Wenn Jean Carlo spät Abends leise in ihr Stübchen hinüberschlich,
Stundenlang vor ihr kniete, ihre kleinen Füsse küsste, ihren heissen Atem trank -
dann wieder, in plötzlich erwachendem Zorn gegen sich selbst, fast verzweifelnd
sich anklagte: dass sie mit einem Male die Welt ihm geworden, dass er um
ihretwillen sein Vaterland vergesse, dass sie die heilige Jungfrau sei, zu der
sein Herz bete - wenn seine heissen wollüstig-schmerzlichen Tränen ihre Hände
benetzten, oder wenn er, von der eigenen Glut aufgeschreckt, aufsprang und
fortlief, um in der wilden Aufregung seines Wesens mit keinem Hauch ihre
kindliche Unbefangenheit zu beleidigen, dann aber, wie gebannt, am Türpfosten
fest angeklammert stehen blieb und nur von fern mit trunkenem Auge die Wonne
ihres Anblickes in sich sog, bis dann zuletzt langsam, allmälig die unbegrenzte
Herrschaft, die sie über ihn ausübte, die Gewalt seines Gefühls beschwichtigte,
ihn zurücklockte und er leise wieder näher trat und mit zitternden Lippen zur
»guten Nacht« ihre Fingerspitzen kaum zu berühren wagte, als wäre sie das ihm
von Priesterhand geweihte Bild des Allerheiligsten - dann musste ja wohl vor allen
diesen unverstandenen und doch so beseligenden Empfindungen die ruhige
Ueberlegung weichen, die ihr in einsamen Minuten eine Verbindung mit Jean Carlo
als unmöglich erscheinen liess.
    Auf den Spaziergängen traf Leontine zuweilen mit dem Dechanten zusammen.
Immer machte sein Anblick wieder denselben tiefen, ihr unerklärlichen Eindruck
einer höheren Gewalt auf sie. War sie allein, so redete er sie an, und auch er
nannte sie Jean Carlo's Stütze, seinen einzigen Trost. Den erhabeneren, an
welchen er selbst sein vielleicht einst eben so schmerzlich-bewegtes Herz
gewiesen, nannte er ihr nicht; aber dennoch lag in jedem seiner Worte die Glorie
der Kirche, welcher er angehörte; immer hob sich aus ihnen, wie in weiter Ferne,
eine Friedenshalle empor, die auf goldenen, eine Welt tragenden Säulen ruhte und
den Zagenden ein sicherndes Asyl bot. Ach! und Leontinens in solchem Zwiespalt
von Angst und Seligkeit bestürmtes Herz hatte eines solchen so nötig!
    Josephine ahnte von dem Allen nichts; sie lachte über Geierspergs Spässe, mit
denen er gegen die Neapolitaner zu Felde zog, sie freute sich über Leontinens
blühende Wangen und lobte sie, dass sie nicht tanzte. Dass diese einen Ausbruch
von Jean Carlo's wütender Eifersucht scheute, konnte die Arme nicht ahnen.
    Der Sommer ging zu Ende, mit ihm gar mancher bunte Liebestraum. Plötzlich
ward der Tag der Heimreise bestimmt. Jean Carlo's Abschied war herzzerreissend.
Er kehrte nach Genf zurück, wo er den Winter zugebracht; nach Berlin traute er
sich nicht, er fürchtete erkannt und überliefert zu werden.
    In des Dechanten Gegenwart, der einen Augenblick aus Jean Carlo's Zimmer zu
ihr hinüberkam, ihr Lebewohl zu sagen, zwang er die Geliebte, ihm das
Versprechen zu wiederholen, nie einem Andern, als ihm, anzugehören, und schwur
ihr Treue und Anwendung jeder ihm zu Gebot stehenden Kraft, um ihr sobald wie
möglich ein ihrer würdiges Loos zu bieten. Mit dem Versprechen, einander täglich
zu schreiben, schieden die Verlobten.
    Aber was konnten Briefe einer glühenden Seele, wie die Jean Carlo's war,
gewähren? Trotz aller damit verbundenen Gefahr sah er Leontinen mehre Male in
Berlin; und als sie im nächsten Frühjahr zu ihren Verwandten nach Schlesien
ging, folgte er ihr auch dortin.
    Seine Verhältnisse hatten in diesem Jahre eine Art günstiger Gestalt
gewonnen. Obschon sein Name noch immer mit dem seines Oheims zusammen auf der
Liste der zum Tode Verurteilten stand, öffnete sich ihm dennoch durch des
Fürsten Medici Vermittlung die Aussicht auf einen künftigen ungeschmälerten
Genuss seiner Einkünfte im Auslande, das allerdings nur eine beaufsichtigte
Freiheit, zugleich aber die Wahrscheinlichkeit der Milderung des Richterspruchs
in den einer längeren Verbannung ihm bot.
    Und doch waren es gerade diese Hoffnungen, die während eines
Sommeraufentalts Leontinens auf den Gütern ihrer Vettern in Schlesien einen
Bruch herbeiführten, dessen Folgen für Beide unberechenbar blieben.
    Die Familie des Baron Lersheim, bei welcher Leontine sich aufhielt, sah oft
und gern Fremde in ihrem Hause. Jean Carlo liess sich ganz unvermutet als einen
schweizer Gelehrten, einen Genfer, dort einführen, was er um so eher konnte, da
er der Sprache unbedingt mächtig war.
    Schön, gewandt, mit dem kräftig pulsirenden Leben in jedem Zuge des Geistes
wie der Gestalt, musste der junge, wirklich liebenswürdige Mann gefallen, und
bald hatte er das warme Interesse aller Mitglieder des kleinen Kreises sich
gewonnen.
    Anfangs genoss das schöne Paar der ganz unerwarteten Blütezeit ihrer Liebe,
im Schutz dieser unschuldigen Mystification, ohne Vornoch Rückblick, in der
anmutigen Frische eines jungen Gefühls und jungen Glücks. Ach, nur zu schnell
trat die vernichtende Schwüle der Leidenschaft in ihr siegend-verheerendes
Recht! Bald ekelte Beide das Spiel mit der so ernsten Empfindung ihrer Lage an.
Jean Carlo gestand dem Baron, wer er sei, und stellte ihm frei, das ihn
gefährdende Geheimnis auch den Seinen mitzuteilen.
    Lersheim dankte ihm gerührt für das ihn ehrende Zutrauen, zog aber vor, bei
der noch immer über des jungen Mannes Haupt schwebenden Gefahr, die es
schützende Hülle nicht zu heben. Den jungen Fräulein lag die Politik zu fern,
als dass sie überhaupt etwas Anderes in der Erscheinung des Fremden bemerkt
hätten, als dass er augenscheinlich ihrer Cousine Waldau den Hof mache! Die
Baronin mochte eine dunkle Ahnung eines traurigen Geschicks ihres Gastes haben,
aber zu sehr gewöhnt, ihr Urteil immer auf das ihres Gemahls zu stützen, suchte
sie nicht eigenmächtig nach der Lösung des von ihm nie berührten Rätsels. So
vergingen mehre Monate.
    Jean Carlo hätte indessen kein Mann und kein verliebter Italiener sein
müssen, wenn ihn dies tägliche, öffentliche und doch so geheimnissreiche
Zusammensein mit der von Bewerbern umringten Geliebten nicht gesteigert und zu
immer heftigeren Wünschen entflammt hätte. Fräulein von Waldau war nicht nur
eine sehr glänzende Partie mit einem ganz unabhängigen Vermögen, sie gehörte
auch zu jenen fast dämonisch die Phantasie entzündenden Gestalten, deren
Gegenwart berauschend auf die verschiedenartigsten Männer wirkt, ihre Sinne
reizt und quält; sie war eine der Frauen, die der Leidenschaft den Wahnsinn
zugesellen. Eine ihr angeborene, durch Erziehung und Umgebung ganz unberührt
erhaltene Art Unbefangenheit, eine Unschuld der Unkenntnis, die sie noch
gefährlicher machte, liess sie dem Gemeinen wie dem Unrecht lachend und
unbefleckt vorübergehen.
    Jean Carlo's heftiges Gemüt, die ihn beherrschende Glut seines Gefühls
machten ihm seine Lage bald unerträglich. Er konnte es nicht aushalten, sie
andern Männern gegenüber zu sehen, ohne sein Anrecht auf ihr Herz geltend zu
machen, er vermochte es nicht, die ihr angeborene Koketterie zu ertragen und
machte ihr oft ungerechte Vorwürfe, ja heftige Scenen um unbedeutender
Kleinigkeiten willen.
    Vergebens bezeigte ihm Leontine die innigste Neigung; vergebens machte sie
ihn auf die Notwendigkeit aufmerksam, der Welt kein ernsteres Einverständnis
mit ihr ahnen zu lassen; vergebens stellte sie ihm vor, dass des Barons
Teilnahme am Geschick eines politischen Verbrechers sich in Abneigung
verwandeln werde, sobald dessen Einfluss auf das Leben seiner nächsten Verwandten
ihm klar werde; dass ihre Familie eine Verbindung mit einem Ausländer, auf dessen
Kopf noch immer ein Preis stehe, nicht zugeben könne; dass bei einer blossen
Andeutung derselben ihr Vetter sie ihren Eltern augenblicklich zurückschicken
müsse - Jean Carlo hörte nichts, begriff nichts, als die Unmöglichkeit, diese
ewig sich erneuende Gefahr ihres Verlustes auszuhalten.
    Alle solche Erklärungen unter den Liebenden führten nur zu erneuten Klagen
und der Versicherung: dass er ruhig sein und ihr ganz gewiss unbedingt folgen
würde, wenn er wisse, dass keine Ueberredung noch Gewalt sie ihm zu rauben
vermöge, dass er aber ohne diese Sicherung nicht nach der italienischen Grenze
gehen könne, wohin ihn Fürst Medici und sein, wie er, geretteter Oheim
beschieden hatten, um Rücksprache der Milderung des Urteils und der sie
bedingenden Umstände wegen mit ihm zu nehmen.
    Leontine trieb ihn seinem eigenen Interesse nach zu dieser Reise; ihn selbst
hatte der Wahnwitz der Eifersucht zu tief erfasst; er vermochte weder den
Gedanken los zu werden, dass einem Glücklichern gelingen könne, in seiner
Abwesenheit die Braut zu bewegen, das ihm gegebene Wort zu brechen, noch sich zu
der Trennung zu entschliessen, von welcher eine spätere Verbindung mit ihr
abhing.
    Tage um Tage, Wochen um Wochen vergingen in dieser sich immer neu
gestaltenden Selbstqual. Am Ende führte eine unbedeutende Auszeichnung, die
Leontine einem Andern zu Teil werden liess, einen förmlichen Bruch herbei. Der
verzweifelnde Zorn, mit welchem Jean Carlo sie mit einer alle Rücksicht
verachtenden Heftigkeit der Lieblosigkeit beschuldigte, sie in starrer
Mutlosigkeit freigab, ihr sogar ganz entsagte, reizte sie übermässig; in
zornigen Tränen wandte auch sie sich von ihm ab.
    Im raschesten Uebergange der Klage über sie zur Selbstanklage, wiederholte
er ihr nun, dass er unter all diesen Bedingungen und Einschränkungen nicht mehr
zu leben vermöge, dass er auf ewig von ihr scheide, dass er den Wink des Himmels,
sie freizulassen, sie nicht auch noch dem Fluch seines Schicksals preiszugeben,
nicht mehr widerstehe. Noch einmal zog er sie an seine Brust, noch einmal
bedeckten seine glühenden Küsse ihre Augen, ihren Mund, ihre glänzende Stirn,
dann riss er sich gewaltsam los und stürmte fort. Vergebens suchte sie ihn zu
halten, vergebens schrieb sie ihm, beschwor ihn, wieder zurückzukehren; er war
fort nach Breslau; mehrere Tage hörte sie nichts von ihm.
    Eine unnennbare Angst erfasste nun ihr Herz. Seit Jahr und Tag hatte sie ihn,
trotz aller Koketterie, als ihren Verlobten, fast als ihren Gatten betrachtet.
In Tränen zerfliessend, malte sie sich ihr eignes Unrecht aus, ihren Leichtsinn,
ihre Gefallsucht, die Geiersperg so unzählige Male ihr vorgeworfen - ihr
dämonisches Anlocken und Aufregen der Männer, die ihr den Hof machten, bis sie
die Gequälten, Gereizten zu irgend einer allzuheftigen Äusserung ihrer
Leidenschaft veranlasst und sie ihr nun plötzlich ganz grenzenlos misfielen, oder
ihr gar lächerrlich wurden - sie klagte sich auf's Unbarmherzigste an, auch gegen
Jean Carlo nicht geduldiger gewesen zu sein, um seine Eifersucht zu schonen. Mit
jeder fliehenden Minute steigerte sich ihre Sorge, unwiederbringlich ihn
erzürnt, ihn auf immer verloren zu haben. Sie schrieb ihm nochmals nach Breslau,
erhielt aber keine Antwort.
    Es liess ihr keine Ruhe, unter einem Vorwande fuhr sie hinüber. Sie kannte
die Hausleute, bei welchen er wohnte, es waren Handwerker; sie bestellte etwas
und fragte nach ihm. Noch war er da - morgen wollte er reisen - da lag sein Pass
- grosser Gott, nach Neapel! Sie verstand ihn gleich: ohne sie mochte er nicht
leben! Noch einmal wollte er unter erborgtem Namen sein Vaterland aufsuchen,
dessen sonnengoldene Schönheit begrüssen, dann sein Haupt den Rächern ausliefern;
das Dasein war ihm plötzlich zu schwer, um es noch weiter zu schleppen.
    Anstatt zur Haustür hinauszugehen, versteckte sie sich; in einem
Augenblicke, da alles still war, schlich sie wieder die Treppen hinauf - sie
wusste die Nummer seines Zimmers. Atemlos langte sie oben an; der Finger
versagte das Anklopfen, der Fuss das Tragen der bebenden, fliegenden Glieder.
Gewaltsam riss sie die Türe auf und stürzte bewusstlos auf die Dielen des
Vorplatzes vor ihm nieder -
    Jean Carlo empfand den für ein Mädchen, wie Leontine, ungeheuern Entschluss,
zu ihm auf seine Stube zu kommen, mit so beseligender, alle Einwendungen seines
früheren Gefühls niederschlagenden Gewalt, dass er, wie berauscht von diesem
Glück, zu ihren Füssen sank und, fester als je ihr verbunden, lange nur in
wortlosem Entzücken ihr zu danken im Stande war. Aber allmälig kehrte den
Glücklichen die Besinnung zurück. Vor allen Dingen musste die Geliebte das Haus
verlassen, aber vorher sollte er ihr versprechen, bloss bis zur italienischen
Grenze zu reisen, dort seinen Oheim aufzusuchen und alle Schritte zur Erreichung
der Milderung des gesprochenen Urteils zu tun. Und abermals fiel die
entsetzliche Last auf seine Seele; zum ersten Male wagte er in dieser
grenzenlosen Hingebung Beider Herzen an einander das Wort: Heimliche Vermählung!
    Leontine erschrak; aber sei es, dass der schon allzu ungewöhnliche, bei einer
Dame ihres Standes unerhörte Schritt, dem Geliebten in die Stadt, in seine Stube
gefolgt zu sein, sie verwirrte; sei es Abspannung nach der ungeheuern Angst, die
sie während der letzten vierundzwanzig Stunden erduldet - sie widerstrebte nicht
so bestimmt, als Jean Carlo gefürchtet.
    Sein Mut wuchs durch diese unverhofft mildere Stimmung; in immer
bewegteren, immer eindringlicheren Worten schilderte er ihr von Neuem seine
Sorge, sie durch Zwang oder Ueberredung während seiner Abwesenheit zu verlieren;
er beschrieb ihr den unendlichen Trost des Gefühls, mit ihr unauflöslich fest
verbunden zu sein und die Gewissheit mitzunehmen, in der Verbannung wenigstens
sicher des ihm nicht mehr zu weigernden Glückes zu bleiben - bis endlich halb
verlockt, halb ermüdet, das unbesonnene Mädchen ihm unter der Bedingung nachgab,
gleich nach der Trauung seine Reise anzutreten. Welche Feder vermöchte den
Wonnetaumel seines Dankes wiederzugeben! Die Erinnerung daran hat oft Leontinens
späteres Leben durchleuchtet wie ein Meteor des Glücks.
    Nun aber ging zu ihrer Verwunderung alles in fliegender Schnelle. Kaum hatte
der Geliebte ihr Ja, kaum hatte er sie wohlbehalten und unbemerkt den Ihren
wieder zugeführt, so war auch der alte Domine gewonnen, die Trauung zu
vollziehen, durch welche er die Seele seiner »lieben Frölen« dem einzig
beseligenden Glauben zu sichern wähnte. Die zu dem italienischen Geschäft
bereits früher ihm verschaften Papiere, welche Jean Carlo's Geburt, Rang,
Vermögen und Identität bewiesen, waren zur Hand. Ehe Leontine zu klarer
Besinnung kam, war der sie auf ewig fesselnde Schritt getan.
    Derselbe Freund, der Viatti im Hause eingeführt, ein geachteter Mailänder,
der seit Jahren schon in Deutschland lebte und mit der Familie des Baron
Lersheim verkehrte, ward unvermutet, nebst noch einem unter dem Domine
stehenden Geistlichen, zum Zeugen der Trauung gemacht; auch Babet wohnte ihr
bei, sie war leicht zu bereden, denn Leontine war, wie wir wissen, einundzwanzig
Jahre alt, folglich mündig.
    Wenige Tage nach der Vermählung reiste Jean Carlo wirklich seinem gegebenen
Worte gemäss ab; er schied zwar mit blutendem, aber auch mit hoffnungsreichem
Herzen.
    Leider aber scheiterten alle die ihn so beglückenden Hoffnungen beim
Wiedersehen seines Oheims an beider Männer leidenschaftlich ihren früheren
Projecten anhangendem Charakter. Jean Carlo und sein Oheim fanden es in dem so
unglücklich gewählten Zeitpunkte unmöglich, sich der jetzt abermals schwer
bedrohten Gemeinschaft ihrer ehemaligen Verbündeten zu entziehen. Die
umsichgreifende Carbonaria hatte abermals unvorsichtige Schritte getan, deren
unselige Folgen nun auch Jean Carlo's Leben erfassten.
    Ein ganzes Jahr verging Leontinen in namenloser Angst, sie sah ihn nicht
wieder! -
    Ab und zu schrieb er ihr unter Babets Adresse, aber, ach! die nötige
Vorsicht machte seine Briefe unklar. Monate lang entbehrte sie jeder Nachricht,
oft wusste sie sogar nicht, wo er war. Leontine litt; sie hätte weit mehr
gelitten, hätte ihr leichter Sinn sie nicht über manchen Abgrund schauderhafter
Möglichkeit hinweggetragen. Der Schritt war einmal geschehen, es lag nicht in
ihrer Natur, mit sich selber darüber zu rechten.
    Wenn sie dann und wann über jene Zeit nachdachte, mischte sich ein höchst
peinlicher Vorwurf für ihren Gemahl in dies Nachdenken; er hatte sie einer
unabsehbaren Reihe von Schmerzen preisgegeben, wenn ihre Eltern die unglückliche
Uebereilung entdeckten; er hatte ihre Ehre sogar gefährdet, und leise, leise
flüsterte sie sich's zu: er hatte leichtsinnig gehandelt, sie preisgegeben - aus
nicht ganz edeln Gründen.
    Leontinens liebenswürdige aber vielgestaltig bewegte Natur konnte vom
Augenblick zu leidenschaftlichen Ergüssen sich hinreissen lassen, die eigentliche
Macht einer Geist, Sinn und Willen überwältigenden Leidenschaft begriff Leontine
nicht.
    Die Herbstreise des Jahres zweiundzwanzig brachte sie wieder nach Baden, und
die ferneren bereits mitgeteilten Ereignisse nach Bern, wo sie hoffte, Annen
ihr Geheimnis entschleiern zu können, als ein Brief Jean Carlo's seine Rückkehr
von der italienischen Grenze und seine nahe Ankunft in Bern meldete, wohin ihn
der Wahnsinn der heftigsten Sehnsucht nach Leontinen zog, während eben eine
Fremden-Verordnung publicirt wurde, welche unter die strengsten gehörte, die je
bekannt gemacht wurden.
    Während also alle nur einigermassen in ihr beteiligten Fremden Bern zu
verlassen eilten, langte Jean Carlo daselbst an. Das Uebrige ist unsern Lesern
bekannt.
Josephinens plötzlicher Eintritt, der die so gewaltsam überraschenden
Mitteilungen Leontinens unterbrach, brachte den Grafen Roderich augenblicklich
zur Besinnung; die gewohnte Gastfreundschaft, die anerzogene Höflichkeit, die im
Duell vor dem tödtenden Stoss den Kämpfenden den Gruss auferlegt, siegten auch
jetzt, sogar der Schwester gegenüber. Er war der Erste, der auf sie zuging, sie
mit wenigen herzlichen Worten bewillkommnete und sie bat, ihm eine unvermutete
Störung zu verzeihen, die sie Alle das Rollen ihres Wagens habe überhören
machen.
    Auch Anna wandte sich rasch der verehrten Frau zu und legte Leontinen aus
ihren Armen an das Herz der Mutter, die, völlig arglos, dem ungeheuern Schlage,
der sie treffen sollte, die heitere Stirne bot. Die Freude, ihre beiden Kinder
wiederzusehen, wie sie die beiden jungen Frauen gern nannte, verblendete sie,
der ganze peinliche Zustand ward nicht sogleich von ihr bemerkt, ja sogar dessen
unwillkürliche Andeutung in ihres Bruders Worten vermochte nicht, sie aus dem
Taumel von Glück aufzuschrecken, der sie beim Anblick der so lang entbehrten
Teuern überwältigte. Sie hatte ja die Tochter überraschen wollen, so fiel ihr
nicht einmal deren lauter Aufschrei besonders auf, sie mass ihn dem freudigen
Erstaunen bei.
    Die Gewalt des Augenblicks beherrschte Aller Zungen; Niemand hatte den Mut,
den schneidenden Schmerz sogleich in die freudeschlagende Brust Josephinens zu
senken, deren Hände die nun auch hinzugetretene Sophie mit Tränen und Küssen
bedeckte, deren Hals die herbeigestürmten Knaben jauchzend umklammerten und dann
von ihr weg und dem eben erblickten Vater zuflogen, den sie bereits unten im
Wagen vergeblich gesucht.
    Victor Hugo hat so schön gesagt: das Kind sei der Engel im Hause. Die Freude
der Kleinen legte ihren reinen Himmel auf die Gewitterschwüle dieser Stunde; ihr
Jubel war so hinreissend, ihr Fragen nach allen mitgebrachten Schätzen, all ihr
überwältigendes Schwatzen, Kosen und Erzählen so lieblich, dass sie den Sieg
davontrugen.
    Erst als Josephine längst am Frühstücktische sass und plötzlich ganz
unbefangen zu Annen sagte: Ich habe dir noch nicht gratulirt, zu Roderichs
Avancement! Wenn ihr nach Wien kommt, wirst du Gelegenheit haben, deinem Hange
zur Musik recht gründlich nachzugeben - da fiel das Unvermeidliche einer
Erklärung wie ein Meteorstein aus klarer Luft Allen auf's Herz.
    Niemand antwortete. Roderichs Züge umwölkten sich, krampfhaft verzogen sich
seine Lippen zum Ausdruck eines fast hassenden Zorns - er gedachte Gottards.
Anna erbleichte. Die Zwischenzeit hatte indessen für jeden Einzelnen das Gute
gehabt, dass Alle gleich deutlich empfanden: die Entdeckung des unseligen
Geheimnisses müsse von Leontinen selbst ausgehen. Sie hatte die sie überkommene
Schwäche bereits niedergekämpft; nur den Schmerz, den sie ihrer Mutter geben
müsse, fühlte sie in unsäglicher Qual. Auf einen fast gebieterischen Wink liess
man sie mit derselben allein.
    Keine von Beiden hat je über diese entsetzliche Stunde gesprochen; weder
Leontine, noch die Generalin haben je die Art und Weise der Entüllungen
berührt, die das schöne klare Leben der Letzteren mit einem nie wieder
weichenden Schatten der Sorge überdeckten. Umsonst versuchte es Leontine jetzt
und später, die Aussicht auf eine wahrscheinliche und baldige Lossprechung Jean
Carlo's als tröstendes Licht in das plötzliche Dunkel fallen zu lassen, das sie
selbst in der Mutter Seele geworfen, umsonst nannte sie ihr den Rang, erwähnte
sie die bedeutenden Vermögensumstände ihres Gemahls. So viel Mühe sich die arme
Mutter gab, der Tochter Loos nicht durch unnütze Vorwürfe noch trüber zu machen,
so wenig vermochte sie, die gewohnte Fassung zu erringen - ihr Mut schien
plötzlich gebrochen. Teils war es das noch immer über Jean Carlo schwebende
Beil des Henkers, das sie so entsetzte, teils mochten Erinnerungen an ihre
früheste Jugend, an die Revolution und Waldau's Geschick ihr Gewicht an den
ohnehin so schweren Augenblick hängen und die Elasticität ihres Wesens
zerdrücken.
    Als Leontine geendet und sie nicht mehr im Zimmer sprechen hörte, schlich
Anna herein und mischte ihre Tränen mit denen, die langsam und schwer den
starren Augen ihrer mütterlichen Freundin entrollten. Aber auch ihre
zärtlichsten Worte vermochten es nicht, die Eisrinde zu schmelzen, die sich
ertödtend über deren Züge und Herz gezogen. - Lange sassen alle Drei stumm und
sinnend neben einander; ach, es ist etwas Furchtbares um dies endlose
Herumwälzen eines rätselhaften Gedankens, dem Gott keine Lösung verliehen!
Roderich war sogleich zu Gottard hinübergegangen, den er mit den Knaben
beschäftigt fand.
    Vergebung, Herr Graf! rief dieser, rasch aufspringend und Kronberg
ehrerbietig entgegentretend, es wäre meine Schuldigkeit gewesen, Ihnen
aufzuwarten; ich glaubte Sie aber noch bei den Damen.
    Ein Wink des Grafen entfernte die Kinder. Sie wussten im Voraus um meine
Ankunft? fragte er streng und kalt.
    Ja, aber ich vermutete sie minder bald.
    Und konnten dennoch sie nicht erwarten, ohne vorher auf eine Art und Weise
in die inneren Angelegenheiten meiner Familie, oder meines Hauses, einzugreifen,
die, gestehe ich's Ihnen, so ungewöhnlich ist, dass man sie unbesonnen nennen
muss.
    Der Graf hatte sich in einen Lehnsessel geworfen, Gottard stand ruhig vor
ihm.
    Es ist mir lieb, Herr Graf, dass man Ihnen sogleich meinen Anteil an einer
Sache ausgesprochen, die zu berühren, ich kein Recht hätte; es erspart mir eine
Art Geheimnis, die mir drückend wäre. Doch gestehe ich, nicht geglaubt zu haben,
dass dies Wagnis mir Ihren Tadel zuziehen könne; wenigstens nicht, insofern Sie
selbst dabei beteiligt sind.
    Ich bitte, fahren Sie fort, sagte Kronberg sehr vornehm.
    Ich hatte am Morgen die Nachricht bekommen, dass ich die Ehre haben würde,
der Gesandtschaft nach Wien vom Ministerium als Commissarius beigegeben zu
werden, und dass Sie, Herr Graf, Ihr Diplom bereits erhalten; ich hatte bis dahin
nur unter der Hand diese Nachricht und noch keine übernommene Verpflichtung;
Sie, Herr Graf, waren schon Gesandter. - Mich dünkt, setzte er mit einer
leichten Verbeugung hinzu, dass Sie selbst fühlen müssen, dass mir ein innerer
Zwang bereits gebot, die Interessen der Gesandtschaft, die ich begleiten soll,
über die meinen zu stellen. Hier im Hause konnte nach Ihrer Ankunft der junge
Mann weder verborgen bleiben, noch gefänglich eingezogen werden, so musste er vor
derselben Bern verlassen. Mir scheint, ich habe sehr einfach gehandelt;
inwiefern Ew. Gnaden Familie dabei in's Spiel kommt, kann ich freilich nicht
begreifen.
    Erstaunt blickte der Graf den Hofmeister an. Woher kommt dem Menschen diese
Sicherheit, dieser diplomatische Aplomb? Er biss sich in die Lippen, er war
offenbar zu weit gegangen und Gottard im Vorteil. Im Gefühl dieses von ihm
verfehlten Schrittes ward er ärgerlich - im Aerger unbedacht, denn er setzte
hinzu: Wenn, wie Sie sagen, das Interesse des Staates, dem wir nun beide
angehören - er legte einen verbindlichen Ton auf die letzten Worte - Ihre
Handlungen bedang, wenn Sie eine allerdings mich compromittirende Verhaftung des
jungen Mannes mir ersparen wollten, wozu, fuhr er sehr ernst und gebieterisch
fort, mussten denn die Damen in's Spiel gezogen werden?
    Sie hat ihm alles gestanden! sagte sich Gottard, aber er blieb
unerschütterlich, obschon das Herz ihm in den Halsadern schlug und ein heftiger
innerer Zorn sein sonst so blasses Gesicht rötete.
    Sophie, die Kammerfrau Ihrer Frau Gemahlin, wusste um das Geheimnis,
erwiderte er kalt, so schien mir es der Anstand zu erfordern.
    Weiss er, wen er uns gerettet oder nicht? fragte sich der Graf. Hat Jean
Carlo geschwiegen? -
    Uebrigens, fuhr Gottard fort, konnte die ganze Sache mislingen und ich
selbst gefänglich eingezogen werden, auf diesen Fall wünschte ich meine Ehre
gesichert und meine Papiere, die ich versiegelt der Frau Gräfin übergab, in
besserem Gewahrsam, als sie in meinem Zimmer es sein konnten.
    Diesen Umstand hat sie mir verschwiegen! dachte Roderich. Und bei meiner
Frau, bei einer Dame, glaubten Sie dieselben gesichert?
    Sie waren nicht der Art, der Frau Gräfin irgend einen Nachteil bringen zu
können -
    Aber, unterbrach ihn der Graf, mit immer steigendem Aerger, ich werde
dennoch nie begreifen, wie Sie hierin irgend ein Verhältnis zu meiner Nichte
ahnen konnten?
    Ahnungen begreift man wohl überhaupt nicht, erwiderte Gottard fast lächelnd,
aber in durchaus höflichem Tone.
    Der Graf stand auf, ging erst eine Weile im Zimmer auf und ab und stellte
sich dann an's Fenster. Er bemerkte drüben seine Frau, die noch auf Leontinen
wartete und in unbeschreiblicher Traurigkeit still vor sich hinblickte. Das
verstimmte ihn noch mehr. Ich bitte Sie, Herr Gottard, mir aufrichtig zu sagen,
was Sie von dieser unglücklich-unklaren Geschichte wissen; die ganze Sache
greift so traurig in unser Aller Dasein ein.
    In Ihr Dasein? rief Gottard erbleichend. Mein Gott, da liegt vielleicht ein
zweites Geheimnis vor, dessen Fäden ich unbewusst erfasst! - Ich halte den jungen
Mann für geborgen. Durch besondern Zufall hatte ich den Pass eines verstorbenen
Landsmannes, eines Architekten, der am Tage vor seiner Abreise von hier
plötzlich erkrankte und verschied, er war mit mir vom Rhein hergezogen. Das
Signalement passte ungefähr, es musste auch dem Glücke etwas zu tun übrig
bleiben. Geld hatte der Graf. Ich war über des Nachbars Dach zu ihm geklettert,
weil er auf mein wiederholtes Pochen an seine Kammertür nicht öffnete und ich
nicht Madame Sophiens Losungswort wusste. - Als ich an's Fenster klopfte,
entschloss er sich endlich, mich zu hören, liess mich aber nicht sogleich ein,
sondern begann unsere nähere Bekanntschaft damit, mir ein Pistol auf die Brust
zu setzen.
    Den Teufelskerl amusirt die Gefahr! dachte Kronberg und seine Jugend flog
ihm wie eine Lichtwolke vorüber.
    Gottard erzählte fort: Allmälig überzeugte ich ihn; wir verständigten uns,
ich stieg durch's Fenster zu ihm ein; er gab meinen Gründen nach. Einen
Hausschlüssel hatte ich, und wir verliessen vor Tagesanbruch zusammen das Haus
und er - die Stadt.
    Und, fragte Roderich, und - er sagte Ihnen, wer er sei?
    Gottard zögerte einen Augenblick, dann erst antwortete er: Allerdings; es
war der Jüngere der beiden Grafen Viatti.
    Und wie erfuhr meine Nichte -?
    Er schrieb ihr; ich machte die Aufschrift und legte das Blatt in die
Stadtpost.
    Und Sie wussten, dass ein Preis auf seinem und seines Oheims Kopf steht?
    Wenn ich das nicht gewusst, was hätte mich dann vermögen sollen, meine eigne
Existenz zu gefährden?
    Herr Gottard, sagte der Graf kurz, das Alles hätten Sie für mich als
Gesandten getan?
    Gottard ward todtenblass, die directe Frage überwand ihn, er war nicht
darauf gefasst.
    Kronberg mass ihn von Kopf zu Fuss; in den Triumph des mühsam errungenen
Sieges mischte sich das Gefühl einer undeutlichen Qual und eines sich
steigernden stolzen Widerwillens, er sprach nun sehr besonnen: Und wenn die
Sache mislang, junger Mann? Und wenn Ihr unbedachtsam rascher Schritt den Grafen
Viatti, dessen Verhältnisse nicht zu kennen Sie vorgeben, auf's Schaffot
gebracht hätte, was dann? - Mit ihm sterben? Davon konnte keine Rede sein, ich
musste Sie retten, und hätte ich Sie für wahnsinnig ausgeben müssen, und hätte
Sie gerettet; aber - brachte Sie das Ihrem phantastischen Ziel auch nur um eine
Linie näher? Welche fabelhafte Brücke hofften Sie aus diesem Wagstück sich zu
erbauen? Von der Sonderbarkeit des Mittels, sich bemerklich, ausgezeichnet oder
gar vorgezogen zu machen, wollen wir gar nicht reden!
    Jetzt verstand Gottard wirklich nicht. Langsam wiederholte er: Bemerkt?
vorgezogen? - Hatte denn der Graf eine Ahnung, einen Verdacht? Ihn überschlich
eine schneidende Eiseskälte, die sein Blut erstarren machte. Er schwieg.
    Es sollte mir unsäglich lieb sein, nahm Kronberg das Wort, wenn Sie mich
wirklich nicht verständen!
    Und doch, erwiderte der junge Mann, muss ich nun um eine Erklärung Sie
ersuchen. Vor etwa vier Wochen begegnete Professor Schulz zuerst auf der Treppe
Ihrer Etage dem Grafen; dasselbe geschah mir wenige Tage darauf bei einem
Auflauf in der Gasse, den die Arrestation einiger Carbonaris veranlasste; es ward
mir nun die Gewissheit, dass mehre Mitglieder Ihres Hauses um seinen Aufentalt in
Bern wussten und vielleicht auf unvorsichtige Art denselben zu verbergen suchten.
Eine Woche später, im Augenblicke der wiederholten Bekanntmachung einer sehr
geschärften Fremdenordnung, die ihm die Flucht abschnitt, entdeckte ich sein
Versteck. Gestern erfuhr ich Ihre Rückkehr und Ernennung zum Gesandten in Wien;
es war leicht, die Unannehmlichkeiten zu erraten, welche Ihnen aus dieser
Angelegenheit entstehen mussten. Die Verhältnisse, in denen Graf Viatti hier im
Hause stand - oder mir zu stehen schien.
    Also wussten Sie es doch?
    Ich erwähnte ja wohl schon, dass ich Sophiens Worte: ce n'est pas lui!
zufällig gehört. Mir schien die einzige Lösung aus einem Gespräch mit ihm
erwachsen zu können; ich bat ihn um Offenheit und gestand ihm, dass ich selbst -
    Wie? Sie wagten? - Doch freilich, Sie wollten ihn retten! Aber um welchen
Preis? (Also weiss er's nicht! setzte er innerlich hinzu.)
    Um welchen Preis, Herr Graf? Jetzt verstehe ich in der Tat gar nicht - was
wollen Sie sagen? Darf ich bitten -
    Mein Gott, Sie sagen ja selbst, dass Sie ihm Ihre unsinnige Schwäche bekannt,
und ich sehe, dass er diesen Wahnsinn benutzt hat. Es begreift sich allenfalls,
was konnte ihm am Ende eine solche Rivalität schaden!
    In diesem Augenblick verwirrten sich Gottards Ideen wie vorhin die des
Grafen, er hielt den Uebergang für eine Falle; dass Kronberg während des ganzen
Gesprächs vorausgesetzt, Gottard habe eine Neigung zu Leontinen gefasst und
deshalb ihn mit allem Stolze seines Ranges und seiner bisherigen Stellung
behandelt, fiel ihm nicht entfernt ein. Er wurde verlegen und fand nicht
sogleich eine Antwort.
    Da es jetzt auf die Möglichkeit unseres Beisammenseins ankommt, da ich nur
höchst ungern die Carrière eines talentvollen jungen Mannes störend unterbrechen
möchte, so erlauben Sie mir schliesslich noch eine Frage. Haben Sie je gewagt,
sich auszusprechen? - irgend Jemanden eine Torheit einzugestehen - die - weiss
Leontine?
    Das Fräulein? Wie kann ich das wissen, Herr Graf!
    Nun, jedermann weiss doch, ob er sein Gefühl verrät. Haben Sie irgend Gründe
zu glauben, dass das Fräulein Ihre Leidenschaft erraten hat?
    Ich? eine Leidenschaft für das Fräulein? - Gottards Augen wurden starr, er
sah blaue und rote Funken und keinen äusseren Gegenstand mehr.
    Und für wen denn sonst? fragte der Graf.
    Beide Männer schwiegen; sie standen plötzlich als Todfeinde einander
gegenüber. Hier konnte kein Wort mehr ausgesprochen werden.
    Wie bei vielen Männern, deren Eitelkeit an die Stelle einer Herzensforderung
tritt, war in Kronbergs Seele ein wunder Fleck: das instinctmässig erratende
Gefühl, von seiner Frau nicht eigentlich geliebt zu sein. Der Quell dieser
schmerzenden Empfindung war zugleich der eines stolzen Verbergens seiner
geheimen, nagenden Eifersucht; lieber würde er Annen einem Abgrund von Schuld
und Reue zugeschleudert haben, als dass er jemals diese Schwäche einer
Leidenschaft eingestanden hätte, deren Äusserung er auf's Tiefste verachtete.
    Nach diesen Andeutungen wird man begreifen, wie er nach kaum minutenlangem
Schweigen, ohne weiteren Uebergang, sogleich mit Gottard von den Kindern zu
reden begann, deren so höchst vorteilhafte Entwicklung er dankbar pries und
zugleich sein höchstes Bedauern darüber aussprach, dass die neue Lebenswendung
Gottard natürlich nicht mehr erlauben werde, sich ferner mit der Erziehung
derselben zu befassen, da ernstere und höhere Pflichten es ihm von jetzt an
unmöglich machen müssten. Glauben Sie mir, schloss er im wohlwollendsten Tone, dass
ich die Grösse dieses Verlustes für meine Knaben schmerzlichst zu schätzen weiss.
Indessen wäre es Torheit, daran auch nur zu denken.
    Gottard stiegen die Tränen in die Augen. Er fühlte sich mit einem Male aus
jedem Zusammenhange mit der Geliebten losgerissen, er empfand den trennenden
Schnitt, der die Bande des heiligsten Vertrauens zwischen ihnen löste, er sah
sich auf eine ganz einfach herbeigeführte Weise gewaltsam aus dem Hause in's
Weite hinausgestossen, verbannt; und doch geschah das Alles so natürlich; die
Kinder, die seinem Herzen so nahe standen, mit deren Interesse jede Faser ihres
Lebens ihm verwachsen schien, sah er durch ein einziges Wort sich geraubt - er
vermochte keine Erwiderung zu finden.
    Möchten Sie, junger Freund! fuhr Kronberg mit fast väterlicher Güte fort,
seine schöne Gestalt hoch aufrichtend, indem er jetzt mit jeder Sylbe eine
grössere Herrschaft über sich errang, möchten Sie jede neue Lebensstellung so zu
Ihrem Vorteil einnehmen, jede Forderung so völlig genügend erfüllen, als dies
bei uns geschehen ist. Ich dringe nicht in Ihr Geheimnis in Bezug auf den
Grafen, ich bitte Sie Ihrerseits, nicht erforschen zu wollen, welche
Verpflichtung die Meinen hatten, ihn zu retten. Nehmen Sie meinen Dank für das,
was Sie, wie ich jetzt einsehe, im Einklang mit unsern Empfindungen, ohne
Kenntnis der näheren Umstände getan. Sie haben, obschon unvorsichtig, dennoch
edel gehandelt, und ich freue mich, Ihnen dies als Ergebniss unseres langen
Gesprächs sagen zu können. Er wandte sich, freundlich mit der Hand grüssend, der
Türe zu.
    Gottard eilte ihm nach und versuchte dem fast an der Schwelle Stehenden
auseinanderzusetzen, dass er wenigstens die Oberaufsicht über der Kinder
Unterricht und den ferneren Gang ihrer Bildung für's Erste sich zu erhalten
wünsche, und dass eine Stellung, wei die ihn erwartende, unmöglich seinen ganzen
Tag in Anspruch nehmen könne. Er sprach beklommen.
    O, bester Herr Gottard, sagte lachend Kronberg, Sie kennen Wien nicht und
möchten sich einen Atlas von Unbequemlichkeiten und Untunlichkeiten aufbürden.
Nein, nein; seien Sie überzeugt, dass ich und die Gräfin, die natürlich ganz
einverstanden mit mir ist - Gottard wurde wieder todtenbleich, der Graf sah es,
aber kein Zug des triumphirenden Gesichts verriet ihn - Niemanden lieber die
Leitung der Erziehung unserer Kinder überlassen möchten; aber Sie werden bald
sehen, dass es unmöglich ist.
    Apropos, fuhr er fort, indem er die Hand auf den Drücker legte, Sie werden
wohl tun, nach Berlin zu eilen, um sich den Herren dort zu präsentiren.
Eigentlich wollte ich Ihnen das gleich sagen und vergass es; ich wünschte aber,
Sie reisten spätestens morgen früh, damit Sie mit uns zugleich in Wien
eintreffen, am achten werde ich dort sein.
    Als sich die Türe hinter ihm schloss, stürzte Gottard mit einem lauten
Schmerzensschrei auf das Sopha und barg sein Gesicht tief in die Kissen - ihm
war wie nach einer furchtbaren Operation, oder als sei ihm das Herz aus dem
Leibe gerissen, als dehne sich das lange leere Leben unabsehbar weit aus vor ihm
zu einer Ewigkeit der Pein und des Hasses. In diesem Augenblick hätte er kalten
Blutes den Grafen zu ermorden vermocht.
    Sie sehen! sie sehen, noch einmal sie sprechen! Keine Erdengewalt, kein
Gottesfluch, kein Himmel und keine Hölle hätten ihn in dem Vorsatze wanken
gemacht.
    Er ging entschlossen und fast ruhig hinüber, denn wenn Leidenschaft und ein
unerschütterliches Wollen zusammenstossen, entsteht eine wunderbare, dämonisch
über dem Leben schwebende Ruhe; er ging geradezu zu Sophien und liess sich bei
der Gräfin melden.
    Und er sah sie. Welche höhere Natur hätte nicht im Leben eine solche
Gipfelstunde höchster Qual und höchster Seligkeit gehabt, die ihr den Massstab zu
leihen vermöchte für die Minuten dieses wieder einander Gegenüberstehens.
    Anna hatte fürchterlich mit sich gerungen, um sich den Vorsatz abzuzwingen,
ihm Leontinens Vermählung zu verschweigen. Als sie ihn sah, drang ein solcher
Strom der klarsten Lebenswahrheit in ihr Herz, dass sie nicht entfernt daran
dachte, ihm irgend etwas zu verbergen. Als er von ihr ging, hatte er ihr
ausgesprochen, dass er sein Leben ihrer würdig machen werde. Was Beide einander
eigentlich gesagt, wusste keines von ihnen, es tönte kein einzelnes Wort ihnen
nach von dieser Unterredung; was sie von einander wussten, war wie ein
ursprünglich Angeborenes in die tiefste Tiefe ihrer Seele gesunken.
    Als Gottard aufstand, um zu gehen, fiel ein unermesslicher Schreck, wie eine
erdrückende Gewalt auf Annens Geist; sie starrte ihn sprachlos an und streckte
unbewusst die Hand aus, als wolle sie ihn halten. Er fasste diese weiche Hand und
küsste sie sanft. Gräfin, sagte er, die Augen fest in ihr Herz schlagend, als
sollten sie auf ewig darin wurzeln, Sie haben einmal gefragt, ob ich ein
lebenslanges Verstehen und Festalten des Herzens zu begreifen, zu glauben
vermöchte? Was der Mensch in das erwidernde Wort zu legen vermag, ist wenig - er
ist ein Bettler, wenn er spricht, ein Bettler, der sich mit geborgten Lumpen
kleidet, die seiner Seele nicht passen - dennoch habe ich geantwortet, weil Sie
fragten. In dieser Stunde, die mich von Ihnen bannt, und doch zum ersten Mal,
das fühle ich jetzt mit überraschender Gewalt, mich Ihnen frei gegenüberstellt,
lassen Sie mich Sie auf die Antwort verweisen, die Ihnen mein Leben geben wird.
Er schwieg einige Secunden, um das Beben seiner Stimme zu bemeistern, und wie
eine plötzliche Jugend überflog die himmlische Schüchternheit der Liebe seine
Züge, eine weiche, schmerzliche Zaghaftigkeit verwandelte den festen Mann wie
durch Zauber zum Jüngling. Der Laut haftete fest auf den zögernden Lippen;
endlich entrang sich ihnen ein leises, kaum hörbares: Leben Sie wohl! vergessen
Sie nicht, dass ich meines Daseins Blüte und Frucht auf Ihren Weg gelegt, nicht
als ein Opfer, o nein, - er schlug die Augen aufwärts, aber ohne den Mut, sie
anzusehen, blickte er nur vor sich hin, in die Weite des blauen Himmels - nur
als Ihr Eigentum!
    Was wollte denn Herr Gottard? fragte eintretend der Graf.
    Seine Papiere holen und mir Lebewohl sagen.
    Kronberg bemerkte das convulsivische Zittern ihrer Stimme sehr genau. Er
schwieg, setzte sich aber zu ihr auf's Sopha und blieb den ganzen Abend bei ihr.
Sie sprachen von gleichgültigen Dingen; selbst Leontinens schwer bedrohtes
Geschick wagte keines zu berühren. Josephine und ihre Tochter schrieben an
Geiersperg.
    Kronberg war entsetzlich aufgeregt, er litt tausendfache Qualen; mit
angespannter Kraft beherrschte er jeden Blick, jedes Wort. Seine frühere Liebe
für Anna war momentan erwacht in all ihrer Stärke; das Recht auf ihren Besitz,
die Willenlosigkeit, mit welcher sie jeden Ausdruck desselben ertrug, und der
ihm ganz fremde Anblick der Leidenschaft in diesen Augen, die für ihn stets nur
Wohlwollen, Güte, einen freundlichen Blick gehabt, in jahrelangem Beisammensein,
in jahrelanger Hingebung, drangen wie ein zweischneidiges Schwert in sein Herz.
Roderich war eine heftig sinnliche Natur, aber poetisch dabei, poetisch und
verfeinert bis zur Selbsttäuschung, umkränzte er den Becher des Genusses mit den
Rosen der Phantasie. Wo keine Liebe ihm entgegenlachte, nahm er den Schein
derselben in willkürlicher Uebertreibung dafür hin, aber er war dennoch viel zu
klug, um die gewaltige, durchleuchtende Wahrheit des Daseins einer solchen
Liebe, wie er sie empfunden zu haben wähnte und vergeblich in seiner Frau
gesucht, in ihrer strahlenden Gegenwärtigkeit, in der ihn marternden Realität,
die seine Eifersucht so peinlich stachelte, zu übersehen.
    Es wird vorübergehen! sagte sich seine Eitelkeit. Aber was ist's? Sein
Äußeres? - er hatte das Gefühl, schöner zu sein, als Gottard - also seine
Jugend! - In dieses Analysiren ihres Gefühls mischten sich ihm die heterogensten
Empfindungen des Stolzes, einer misachtenden Erinnerung an Annens frühere, denen
Gottards ähnliche Verhältnisse und ihrer Anhänglichkeit an dieselben mit der
ihn vernichtenden Angst vor einem möglichen Ridicule.
    Gegen Abend stürzte Egon, in Tränen gebadet, in's Zimmer und an Anna's
Brust. Mutter! Mutter! lass mich mit Herrn Gottard gehen, bei ihm bleiben!
    Herr Gottard kommt wieder, sagte Anna weich.
    Ja, aber er wird in einem andern Hause wohnen, fuhr der Knabe fort, und uns
keine Stunden mehr geben. Ich mag keinen andern Lehrer, wir wollen Beide mit zu
Herrn Gottard gehen.
    Und Vater und Mutter verlassen? fragte Kronberg streng, indem er den Arm des
Knaben ziemlich hart ergriff.
    Du tust mir weh, Papa! schluchzte das Kind, ich will dich und Mama alle
Tage besuchen; aber ich kann nichts lernen ohne Herrn. Gottard; und wer soll
mit uns gehen und uns alles zeigen? Lass mich mit ihm, Vater!
    Kronberg schleuderte zornig den weinenden Knaben von sich, der wieder
hinüberlief.
    Herr Gottard scheint eine Art Hexenmeister, sagte er scharf und kalt; ich
hasse dergleichen Uebertreibungen. Hast du dich denn gar nicht um die Kinder
bekümmert, dass diese Albernheit so tiefe Wurzeln schlagen konnte?
    Herr Gottard ist dieser Liebe völlig wert, erwiderte Anna stolz; er hat
unsäglich viel für die Kinder getan.
    Roderich lächelte verächtlich. Diese Magnetiseurs-Eindrücke sind de mauvais
goût. Ich bin ganz froh, den Menschen los zu sein, obwol er ein vortrefflicher
Arbeiter scheint und mir in Wien von bedeutendem Nutzen sein wird.
    Mit grosser Anstrengung hatte er dem Anfang seiner Phrase das Ende
angeknüpft. Er verliess das Zimmer.
»Ich vermag es kaum mehr, an die Wirklichkeit meines Glückes zu glauben, lieber
Otto!« schrieb Vrenely. »Seit Anna und Leontine und Alle fort sind, ist mir, als
habe mir nur wunderschön von dir geträumt, wie in den ersten Wochen unserer
Bekanntschaft, wo ich kein Auge schloss, ohne dein liebes Gesicht sogleich vor
mir zu sehen. Es kam Alles so entsetzlich schnell. Die Generalin und meine
Leontine schien ein mir unverständlicher, tiefer Gram zu beugen; auch Anna hat
grausam gelitten. Ich ahne wohl einen Teil, doch nicht den ganzen Umfang ihrer
Schmerzen; aber wenn ich die edle Frau und ihre Verhältnisse betrachte, muss ich
die Augen niederschlagen, sie steht so einsam mitten unter den Ihren; - wie ist
mir doch das Glück, einem vollen Blütenkranz gleich vom Himmel auf die Stirn
gefallen!
    Du könntest Annen noch in einem der Nachtquartiere sehen, da sie der Pferde
wegen so gar kurze Tagereisen machen; jedoch das Alles schreibt sie dir selbst -
ich möchte dich nur leise bitten, dir die Freude nicht zu versagen, meint' ich
nicht, dein liebes Herz sei der beste Berater. Ach, mein Otto! ich möchte um
die Welt nicht, dass du Annen jemals vergässest, kann ich gleich nicht recht
ausdrücken, warum.
    Lass uns vereint unsre Kraft anwenden, ihr den dornenreichen Weg zu
erleichtern - diese Wege über die sogenannten Höhen des Lebens sind so öde, so
traurig! Man verarmt im Steigen und verliert alle Kleinode und Blütenschätze,
die man in den stillen Tälern errungen; sie haben den Glanz und das Eis unserer
Alpenpfade, aber sie scheinen mir gefährlicher und grausamer, als unsere
Gletscher mit all ihren drohenden Schrecken.«
    Es war ein trüber, kalter Samstagsmorgen, als Otto dies und Annens
Abschiedszeilen erhielt. Er hätte hin gekonnt; er liess sich ein Pferd satteln
und ritt es auf halb ungebahnten Wegen todtmüde, übernachtete in einer
Dorfschenke im Gebirg und kehrte erst am Sonntag, Abends, spät nach Basel
zurück, als ihn die Montags-Collegien zwangen, jeden Gedanken an ein nochmaliges
Wiedersehen - wieder Scheiden Anna's aufzugeben.
    Nach vierundzwanzig Stunden lag er an einem nervös-rheumatischen Fieber
darnieder; doch seine kräftige Natur überwand es bald. Er stand auf, ermannte
sich gewaltsam, las seine Collegien, arbeitete im Laboratorium und lebte so von
einem zum andern Tage.
    Vrenely hatte entsetzlich gelitten durch sein Schweigen, aber nicht zum
zweiten Male geschrieben. Endlich schrieb er ihr auch, dass er krank gewesen,
Annen aber erwähnte er mit keinem Worte.
    »Ich danke dir«, schloss sein Brief, »damit begann mein Verhältnis zu dir,
damit lass mich fortfahren bis zum Ende. Ich danke dir, dass du bist, wie du bist,
dass du mich kennst und mich verstehst. Vertraue mir ferner und lass mich
gewähren, reden, schweigen, wie es das Herz in mir verlangt; auch ohne Laut,
Teuerste, wird es dem deinen immer antworten.«
Balsamisch weich legte sich das Frühjahr auf die ermüdete, aus manchen Wunden
noch blutende Erdenwelt; im grösseren Teile Europa's war eine momentane
politische Ruhe eingetreten; in Wien bereitete sich König Johanns Uebergabe des
brasilianischen Trons unter den Diplomaten vor; in der Gesellschaft wogte das
gewohnte Kunst-, Liebes- und Intriguenwesen wie immer. Es war noch früh im Jahr,
im Salon war es noch Winter, draussen jubelten die Lerchen auf, die goldnen
Sonnenstrahlen küssten die Blütenknospen der Veilchen, Marien- und Sternblümchen
wach. Seit den auf den vorigen Seiten erzählten Ereignissen war über Jahr und
Tag vergangen. Die Einzelnen des früher in Bern versammelten Kreises waren
auseinandergerissen, andere neue Glieder an deren Stelle in der Kette jener
scheinbar so eng verbundenen Existenzen eingefügt, das Wechselspiel des Lebens
hatte in mancher Beziehung sein Recht geltend gemacht.
    Anna's Herz war nicht heiterer geworden; gleichgültigen Auges sah sie auf
die belebten Strassen und glänzenden Equipagen, auf das anmutig-laute wohlhäbige
wiener Volksleben nieder, das durch dieselben hinwogte und an welchem ihr
leichter Wagen sie vorübertrug. Sie hatte nach beendeten Ferien ihren Egon in
sein Institut zurückgebracht - nun war es wieder leer um sie, wohin sie auch
blickte.
    Jetzt fuhr eine glänzende Stadtequipage heran. Anna schreckte zusammen und
entfärbte sich, ihr Blick ruhte eine Secunde lang fast ängstlich auf den
spiegelhellen Scheiben des Wagenfensters, es ward rasch niedergelassen. Kronberg
grüsste sie freundlich - verbindlich, fast wie ein Fremder - und sie flogen
einander vorüber.
    Als sie in ihr Cabinet trat, um vor der Soirée noch ein Stündchen zu ruhen,
sass ihr alter invalider Freund St. Luce bereits in demselben. Sie schon hier,
lieber General? Das ist freundlich von Ihnen, dass Sie mich erwarteten, sagte sie
leichtin.
    Sie wissen, verehrte Freundin, dass ich mich gar nicht gern so rottenweise
mit dem ganzen Trosse Ihrer Anbeter zugleich begrüssen lasse, erwiderte er, indem
er ihr seine einzige Hand bot - ihm fehlte ein Arm - auch habe ich auf ein
Plauderstündchen in Ihrem Boudoir gerechnet, wenn Sie nicht noch Toilette
machen.
    Nur eine fertige Coiffure drücke ich mir auf den Kopf; ich bin sogleich
wieder bei Ihnen. Sie verschwand durch eine Seitentür und kehrte nach wenigen
Minuten im schwarzen eleganten Gesellschaftskleide und dem zierlichen, ebenfalls
schwarzen, Aufsatz zurück. Nun, General! was haben Sie mir Neues mitgebracht?
    Une pensée, erwiderte lachend der Gefragte, und zwar in Stiefeln und Sporn.
(Das Gespräch wurde französisch geführt.) Ich sagte besser noch auf deutsch:
»ein Vergissmeinnicht!« ich habe den ehemaligen Besitzer Ihres Postörnchens,
Ihren Monsieur August, aufgefunden.
    Ach! Sie sind wahrhaftig eine Art Hexen-Schatzgräber und höchst glücklich im
Finden.
    Dies Mal nicht ganz. Raten Sie einmal, wer es ist?
    Wie kann ich, lieber General!
    Mein alter Bediente und ehemaliger Reitknecht August, der mich seit zwölf
Jahren nicht verlassen hat, und dem unzählige Mal die Gnade geworden, Ihnen in
oder aus dem Wagen zu helfen!
    Ist's möglich? das freut mich ungemein. Aber dass mir das nie geahnt!
    Zwölf Jahre ist der alte Kerl in meinem Dienst, ihm fehlt glücklicherweise
nur der Gebrauch des linken Armes; aber das Ding bammelt ihm noch zur Seite, er
hat nicht, wie ich, bloss einen armen Stummel aufzuweisen - kurz, wir helfen
einander eben aus; das Schicksal hat uns ja Beide auf einem Felde in einer
Stunde getroffen. Zwölf Jahre schweigt der Narr, und heute, erst heute, erzählt
er mir, dass er die Frau Gräfin, wie er Sie par excellence nennt -
    Das ist eine Artigkeit für Sie, General! weil Sie mir die Cour machen!
    Es war eine bis heute, wo er mir sein älteres Recht, Sie zu verehren,
bewiesen.
    O, schicken Sie mir ihn, lieber Freund! sagte Anna innig und weich, ich bin
ihm noch ein Gegengeschenk schuldig. Sie zeigte auf eine kleine Uhr über ihrem
Schreibtische, an welcher die ihr von August geschenkte Berlocke hing. Leider
ist Monsieur August ein Prophet gewesen, und das Postorn bläst die obligate
Begleitung zu allen Hauptmelodien meines Lebens.
    Wissen Sie auch warum?
    Vermutlich, weil ich nicht mehr gern reise und allzugern gereist habe. Was
man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle.
    Geht noch, das Alter zu ertragen, wenn man sechsundzwanzig Jahre zählt.
    Sie müssen nun nicht mehr so bestimmt von meinem Alter sprechen, General!
nicht eher, als bis mein ältester Sohn erwachsen ist, dann bin ich nach Ihren
französischen Grundsätzen der Galanterie stets ein Jahr älter als er, also
positiv jünger, als jetzt. Aber was meinen Sie wegen der Prophezeiung?
    Dass Sie uns schwankenden, unsicheren Naturen das Bild der Stabilität in der
ewig wechselnden Umgebung zu geben bestimmt sind - Sie bleiben überall Sie
selbst. Er sah sie mit tiefem Wohlwollen an, es überflorte eine Art Wehmut
seine heitere, mit Narben verzierte Stirn.
    Sophie brachte auf einem silbernen Präsentirteller ein Paar weisse
Handschuhe, ein Batisttaschentuch und Trauer-Armbänder von Lava. Anna reichte
ihr den wunderschön geformten Arm, um dieselben zu befestigen; St. Luce sah mit
heimlich vergnügter Bewunderung zu, aber er wagte kein Wort. Noch immer in
Trauer? fragte er endlich.
    Kronberg fürchtet die Todten nicht, erwiderte Anna schwermütig, nur die
Lebenden sind ihm - unbequem.
    Ist Ihr Bruder noch in Wien?
    Leider!
    Kann ich etwas für Sie tun?
    Sie schüttelte traurig das Haupt. Morgen, lieber Freund! jetzt muss ich mir
die Augen hell erhalten. Sophie hat das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Ihren Arm,
General!
    Sie traten in den Gesellschaftssaal und fanden dort bereits einige Herren
versammelt, die der Gräfin Ankunft erwarteten. Bald vergrösserte sich der Kreis;
Duguet machte den Maître d'hôtel und führte die Aufsicht über eine glänzende
zahlreiche Dienerschaft. Es war eine Reihe Zimmer geöffnet, in der eine sehr
verschiedenartige Menge sich hin und her bewegte, denn die Gesellschaft war
keine besonders für diesen Abend eingeladene, sondern einer der gewöhnlichen
Empfangstage der Kronbergs hatte den bunten Kreis gebildet. Anna machte
unvergleichlich die Honneurs, sie vergass Keinen, hatte für Alle Blicke, Worte,
Aufmerksamkeit; sie störte keine einzige Coterie, keine partie carrée, keine
Unterhaltung Zweier, die unter funfzig Menschen allein zu sein glaubten; sie
übersah keinen von Langeweile Bedrohten, kein erstes Auftreten, keine
schüchterne Unsicherheit, und tat das Alles so leicht, so ganz ungezwungen
natürlich, dass jedem Einzelnen war, als bescheine gerade ihn die Sonne ihres
Wohlwollens. Die jungen Männer umdrängten sie mit ungeheuchelter Bewunderung,
die hübschesten Frauen vergaben es ihr; nur konnte Niemand von ihnen begreifen,
dass sie, die so allgemein Ausgezeichnete, kein einziges der ihr von allen Seiten
gebotenen Herzen annahm, dass man nirgends die Anknüpffäden eines werdenden
Verhältnisses gewahrte, obschon ihr aus manchem Auge mehr als gewöhnliche
Teilnahme entgegenleuchtete, obschon unter dieser Männerschar mehre einer
mühsam gezügelten Glut der Leidenschaft für sie beschuldigt wurden; die
anmutige Frau nahm das Alles hin, als müsse es so sein, es überraschte sie
nicht, - vielleicht war ihr darum auch gar nichts gefährlich.
    St. Luce schien in ihre Nähe gebannt, er hing an ihrem Auge, am flüchtigsten
Ausdruck ihrer Züge; er bewachte sie wie ein geliebtes Kind und suchte den
kleinsten ihrer Wünsche zu erraten. Es hatte etwas seltsam Rührendes dies
stille um sie Hergehen ohne allen Anspruch. Er stand noch im kräftigen
Mannesalter, aber die schweren, schlecht geheilten Wunden, der bei Montmartre
zurückgelassene Arm, das steif gewordene, gelähmte Bein hatten ihn fast zum
Greise gemacht, sie liessen ihn um zehn bis zwölf Jahre älter erscheinen, als er
war. Dass ihn ein sehr warmes Freundschaftsgefühl zur schönen Deutschen hinzog
und ihn an ihre Schritte fesselte, liess sich leicht bemerken, doch lag in der
sonderbar verlassenen Stellung der jungen Gräfin eine wunderliche
Entschuldigung; dass sie eines führenden Arms, eines freundlichen Beachtens
bedürfe, sah Jedermann, und somit schien die Wahl des ältesten ihrer Verehrer
zum steten Begleiter ihr nur den allgemeinen Beifall sichern zu können.
    Seit vielen Monaten schon stand Anna wirklich allein in der Gesellschaft,
wie im Leben. Ohne das Gefühl einer ihn peinlich nagenden Eifersucht verloren zu
haben, hatte Roderich damit begonnen, ihr eine volle, ja vielleicht übertriebene
äussere Freiheit aller Handlungen gewaltsam aufzudringen. Nach und nach hatten
sich dem heimlichen Ingrimm dieser sorgfältig verhehlten Leidenschaft noch
andere Gründe zugesellt, seine Frau auf eine Weise zu vernachlässigen, die weder
mit seiner öffentlichen Stellung, noch mit den damaligen wiener Gewohnheiten und
Sitten der grossen Welt im Einklange stand, so leicht dieselben auch waren.
    Daran tut er indessen nicht besonders Unrecht, sagte Baron Lutbert; man
kann doch wahrhaftig nicht Zeitlebens in seine eigene Frau verliebt bleiben! Und
übrigens ist ihr alter Verehrer St. Luce auch nur - eine Uebergangsperiode.
    Die kleine Capacelli ist allerliebst! Man sagt, Kronberg wird sie gar nicht
wieder auftreten lassen.
    Ganz gut, erwiderte Herr von Feldenau, aber man muss die Dehors beobachten!
Dass er die Sängerin in seiner eigenen Equipage fährt, ist unverantwortlich, er
kann ihr ja ihren besondern Wagen halten!
    Sie meinen, weil sie keine Frau von Stande ist?
    Ja, schauen's, mein bester Baron, Verhältnisse der Art wird es geben, so
lange die Welt steht. Aber jede Dame aus unserem Kreise kann uns die Gnade
erzeigen, unserer Equipage sich zu bedienen, das fällt nicht auf, da ist nichts
dagegen zu sagen; aber so ein hübsches Weibchen sie ist, die Capacelli - Das
Gespräch ging in leises Flüstern über. Ach, was, sagte endlich Lutbert, wir
haben es Alle nicht besser gemacht!
    Es schlug zehn Uhr; Kronberg trat eben mit einigen Herren vom
Diplomatencorps in den Saal. Die Teater waren zu Ende, die Gesellschaft
vergrösserte sich und wurde lebendig. Es ward Musik gemacht und in einem
Nebensaal tanzten die jungen Leute.
    Nein, sagte eine schöne blasse Frau mit tief blauumringelten Augen, ich mag
dies kalte Feuer nicht; man hat keinen solchen Blick ohne innere
Empfänglichkeit! Die Gräfin Kronberg spielt Komödie und täuscht uns Alle; ich
mag dies Andersscheinen, als man ist, nicht.
    Mein Gott! erwiderte ihre Nachbarin, sieht denn Niemand, dass diese arme Frau
nur kalt scheint, weil sie an innerer Glut zusammenbricht?
    Die Meisten sehen es wirklich nicht; ich möchte aber das Zauberwort kennen,
das ihr inneres Leben löst, ich lese es auf keiner dieser Stirnen.
    Geben Sie Acht, da ist er! bemerkte hinter ihnen eine Stimme.
    Aus der Türe des Nebensaals trat Gottard! sein fragender Blick suchte
Annen.
    Ein interessanter Kopf! sagte die blasse Frau. Wer mag das sein?
    Gottard war eine halbe Stunde früher von Berlin zurückgekommen, wo er mehre
Monate zugebracht. Kronberg hatte Annen noch gar nicht wieder gesprochen und ihr
folglich kein Wort von dessen Ankunft gesagt. Mitten in der ernstesten
Unterhaltung mit einigen Koryphäen jener Tage hatte er den Kopf so gewendet, dass
er Beide beobachten konnte.
    Gottard sah es im Spiegel; aber er hatte sie drei volle Monate nicht
gesehen, seine Züge drückten das Aufjubeln seines Herzens aus. Anna's Gesicht
überflog ein brennendes Rot. Beide grüssten sich zugleich und begannen schon
nach den ersten Bewillkommnungsformeln ein langes Gespräch, in dem sie
eigentlich nichts sagten und dennoch Jedes von ihnen unendlich viel zu verstehen
meinte.
    Den liebt sie? fragte die blasse Frau. Aber wer ist es? wiederholte sie.
    Ein junger Envoyé des preussischen Hofs, nicht eigentlich der Gesandtschaft
attachirt, aber doch mit ihr in Beziehung; er soll bereits im Ministerium als
Geheimer- und Cabinetsrat Sitz und Stimme haben, erzählte Gräfin Schlichten.
Man sagt, er sei ein - sie flüsterte ihrer Freundin einen Namen in's Ohr - und
werde eine enorme Carrière machen.
    Jetzt sieht er sie - jetzt redet er sie an! Die blasse Frau seufzte und
versank in wahrscheinlich düstere Träume und Erinnerungen, denn sie wurde noch
starrer und bleicher, und sagte kein Wort mehr.
    Da ist der junge Gottard wieder, bemerkte ein ungarischer Offizier seinem
Nachbar. Sehen Sie doch, welche plötzliche Veränderung in der Kronberg! Ein
solcher Blick und ich würfe ihm mein Leben nach, wie eine ausgepresste Orange.
    Bah! bah! Seien Sie nicht so excentrisch, mein guter Fritz! Befehlen Sie
Ananas-Eis? Die Frau ist bildschön! Nach ihm wird sie accessible werden; warten
wir's ab!
    Sie vergessen, dass Sie von der Gräfin Kronberg sprechen, sagte fest und
scharf St. Luce, der hinter den beiden Herren gestanden.
    Der Offizier mass ihn von Kopf zu Fuss und drehte ihm, wie zufällig, den
Rücken, um dem Tanz im Nebenzimmer zuzusehen. Der alte Narr ist auch in sie
verliebt, murmelte er vor sich hin.
    Was tut denn hier ein französischer Ehrenlegionist? fragte ein Anderer.
    Er sitzt als Niobe neben dem Herzog von Reichstadt. Früher war er eine
Kreatur Napoleons, aber eine der unschädlichen; als man den Herzog von
Reichstadt herbrachte -
    Das arme Kind! Ihm sieht der Tod aus den Augen! Schon jetzt fühlt er das
Entsetzliche seines Geschicks!
    Ich bitt' Ihnen, er ist ganz vergnügt! sagte ein dicker, behaglicher Major.
    St. Luce ist dem französischen Kaiser sehr attachirt gewesen, fuhr der Erste
fort; nachdem er ihm in den Schlachten von Leipzig und Montmartre seine
Gliedmassen geopfert, ist ihm nur das Herz geblieben, das ihn dem Knaben nach,
hierher gezogen hat. Man hat ihn anfangs beobachtet, aber - Das Gespräch
verschwamm wieder im allgemeinen Stimmengebrause.
    Unterdessen standen Anna und Gottard noch mitten im Saale; sie hatten die
Aussenwelt vergessen.
    Wie anders hatten die andertalb Jahre Gottard zur Welt und zu Annen
gestellt! Sein ungewöhnliches Talent hatte ihn dem Ministerium nach so kurzer
Zeit schon unentbehrlich erscheinen lassen. Noch hatte freilich seine Lage durch
die Vielseitigkeit seiner Arbeiten, welche wiederholte Reisen zwischen Wien,
Berlin und den älteren Provinzen veranlassten, keine äusserlich bestimmte Form
erhalten können. Er hatte den Titel als Geheimerrat nur bekommen, weil man ihm
einen Rang geben musste; er schien zu jung, um ihn zum wirklichen Cabinetsrat zu
machen; was jedoch irgend mit dem gewohnten Hergang verträglich, war für ihn
geschehen, und die eiserne Consequenz, die er in den schwierigsten
Angelegenheiten der Verwaltung und Gesetzreformen mit der klarsten Auffassung
einte, hatten ihn längst mit Kronberg in gleiche Linie gestellt, dem diese
Superiorität allmälig immer lästiger zu werden begann.
    In der ersten Zeit ihres wiener Aufentalts hatte Anna Gottard öfters im
Hause gesehen; er hatte es versucht, wenigstens durch Gespräche mit ihr der
geliebten Kinder Unterricht noch eine Weile fortzuleiten, aber mit der ihm
eigenen gewandten Hartnäckigkeit war es Kronberg dennoch gelungen, ohne irgend
ein Dehors zu verletzen, ihn nach und nach immer ferner zu stellen. Anna hatte
die nicht zu bergende Abneigung ihres Gemahls gegen ihn für gekränkten Ehrgeiz
gehalten und schwer, aber geduldig getragen.
    In dem Kreise eleganter, aber ihr nicht gefährlicher junger Männer, mit
denen Kronberg seine Gemahlin umgab und aus welchem er Gottard möglichst
auszuschliessen suchte, begann deren Schönheit ein immer grösseres Aufsehen zu
erregen. Unter den eigentlichen Diplomaten hatten Gottards meisterhaft in die
seinen eingreifenden Arbeiten dem Grafen längst den Ruf eines ausgezeichneten
Staatsmannes erworben, die ausgesuchte, elegante Bewirtung seiner zahlreichen
Gäste hatte ihm den Namen eines Millionärs verschafft, und seiner stets
unruhigen Eitelkeit war demnach für den Augenblick eine äusserst seltene, volle
Befriedigung geboten.
    Nur im tiefsten Innern seines Herzens nagte unausgesetzt der Wurm der sich
stets erneuenden qualvollen Ueberzeugung: dass diese schöne, geistreiche, von der
ganzen sie umflatternden Männerwelt ihm beneidete Frau ihn nicht liebe, nie ihn
geliebt habe, und dass ein Mensch ohne Rang und Namen den kostbaren Schatz
erhoben, zu dessen Hüter ihn das Geschick, wie zum Hohne, eingesetzt.
    In diese Periode fiel des Generals Bekanntschaft. St. Luce gehörte zu den
alten Anhängern Napoleons, die ohne Eingriffe in den von ihnen als unvermeidlich
erkannten Gang der Ereignisse, in stiller Trauer überall am Grabe ihres Kaisers
zu stehen scheinen: ein wandelndes Mausoleum seiner einstigen Grösse, das noch
lange ihn überdauern wird.
    St. Luce war ein Arm abgenommen, ein Fuss gelähmt; an unbefugte Einmischung
in die durch Bonaparte's Tod ihm gleichgültig gewordene Politik des Tages war
nicht zu denken. So liess man ihn, da er ohnehin mehren fürstlichen Familien
Oesterreichs als unverdächtig bekannt war, ruhig sein kleines Erbteil in Wien
verzehren, wo seine Seele aus dem Anblick des geliebten Kaiserkindes eine Art
innerer Lebenskraft einzusaugen schien.
    Anfangs hoffte er viel für dessen Zukunft; Blüte um Blüte streiften die
Jahre diesen geheimen Hoffnungen ab! St. Luce musste den Keim des Todes langsam
das junge Leben überwachsen sehen, doch hoffte er immer, selbst noch früher als
der geliebte Knabe zu sterben, und konnte sich nicht entschliessen, die Stätte
des sich langsam öffnenden Grabes vor dem gefürchteten Augenblick zu verlassen.
Da kamen Kronbergs nach Wien. Die Episode in Frau von Waldau's Hause, die dem
jungen Manne eine so freundliche Erinnerung hinterlassen, tauchte mit erneuter
Lebendigkeit vor seinem halb erstarrten müden Geiste auf - er sah Annen wieder
und das ganze Herz ward ihm wach.
    Der alte Krieger liebte die schöne Frau mit aller Kraft, die ihm geblieben,
aber er hätte selbst den Saum ihres Gewandes vor jedem Flecken hüten mögen; er
ward ihr treuester Freund, folgte ihr wie ihr Schatten, war ihr Cavalier sans
consequence - helas! wie er selbst zu sagen pflegte, und Kronberg tat alles
Mögliche, diese ihm sehr bequeme Anhängligkeit des alten Verehrers zu beschützen
und zu proniren.
    Als Gottard sich mit der feinsten Berechnung aus dem Hause, ja so viel wie
möglich sogar aus dem Gesellschaftskreise verwiesen fühlte, der Annen umgab,
erwachte ein furchtbarer Zorn in seiner Seele. Anfangs kochte und tobte nur der
wilde Wunsch nach Rache in ihm; er war entschlossen, den ihm an Talent weit
untergeordneten Kronberg sinken zu lassen, ihn zu Grunde zu richten, ihn fühlen
zu machen, welche Gewalt er über Anna's Herz habe, was er tun könne; ihn
brannte das Bewusstsein des so ganz unverdienten Mistrauens, das ihn getroffen,
wie eine glühende Kohle fortglimmend in immer wachsender Glut. Bald aber siegte
seine edlere Natur. Mit erneuten Kräften begann er auch in der ihm
aufgedrungenen Ferne Anna's Geschick in Kronbergs Händen zu bewachen und, wo
irgend die Umstände es gestatteten, zu erleichtern. Und leider bot gar bald von
zwei Seiten zugleich sich hierzu die Gelegenheit.
    Kronberg hatte sich, durch die immerwährende Anstrengung, seine Eifersucht
zu verbergen und sich anders zu geben, als er in diesem Augenblicke wirklich
war, in eine so grimmig Alles negirende Stimmung versetzt, dass ihm jedes längere
Zusammensein mit Annen unerträglich ward. Sah sie ernst oder traurig aus, so
schien sie ihm in Liebesgram sich zu verzehren; war sie heiter, so glaubte er
sich betrogen und sein klarer Geist ertappte sich selbst auf den
abenteuerlich-lächerlichsten Vermutungen. - Als ihm gelungen war, Gottard fast
ganz aus ihrer Nähe zu verdrängen, ward jedes unnötige Gespräch mit ihr ihm
doppelt peinlich, denn zu seinen übrigen Qualen gesellten sich die eines
unreinen Gewissens und der Erkenntnis eines durchaus verfehlten Schrittes. Sehr
bald bemerkte er den innern Kampf seiner Frau und die aus einer unnötigen
Beschränkung erwachsende gesteigerte leidenschaftliche Stimmung derselben; er
fühlte, dass er das Feuer nur heller angeschürt, und in einer plötzlich ihn
befallenden Art Mutlosigkeit versuchte er sich gewaltsam zu zerstreuen.
    Unglücklicherweise reizten ihn gerade in diesem Augenblicke einige
Neckereien seiner Bekannten; Baron Rutberg klagte ihn der Eifersucht an, die
ihn zu Hause festalte. Kronberg begann, Annen zu vernachlässigen, sie seltener
zu begleiten und an Rutbergs Seite eine Menge etwas zweifelhafter
Vergnügungsorte und Arten aufzusuchen.
    Er spielte, obgleich nur in guter Gesellschaft, hatte abwechselnd Glück und
Unglück und schadete sich nicht bedeutend; er unternahm eine Art Touristenronde
durch alle Teater und Volksgesellschaften, blieb aber insgeheim gelangweilt.
Endlich machte er bei Rutbergs Geliebter die Bekanntschaft einer spanischen
Sängerin, die ihn anzog und amusirte. Dies Verhältnis, dessen lockere Fäden der
innere Überdruss geknüpft, ward bald ein ihn fesselndes, was trotz momentanem
Selbstvergessen bisher seit seiner Heirat nie der Fall gewesen. Und dennoch
blieb er - eifersüchtig.
    Anfangs erfuhr Anna nichts von dem Allen; erst als sie Kronberg im Teater
einer Dame in eine grillirte Loge folgen sah, als sie derselben Dame in seinem
mit dem Wappen seiner Familie gezierten Wagen begegnete, erschrak sie, weit mehr
vor dem Unpassenden seines Betragens und dem möglichen Aufsehen, als vor dem
Gedanken seiner Untreue, vor dem Vergessensein da, wo sie so sehr geliebt
gewesen. Ein unsäglich betrübtes Gefühl des Irrens im menschlichen Gemüt, eine
bange Scheu vor der Vergänglichkeit seiner Empfindungen paarte sich der
mildesten Anerkennung, dass sie ihn ja nicht durch Liebe an sich gefesselt. Und
wiederum mischte sich dieser edleren Empfindung ein erleichterndes Aufatmen;
sie fühlte sich im Innern minder schuldig, wohl aber sich und ihn tief
beklagenswert! - Denn ein ernsteres Nachdenken rief das Bild ihrer Knaben ihr
in die Seele, eine solche Liaison musste die Kinder ihr und Kronberg entfremden
und sie zwischen die Eltern stellen. Sie beschloss, sich von Egon loszureissen und
ihn in eine Pensionsanstalt zu tun, und trug Gottard auf, ihr eine passende zu
finden.
    Aus diesem Hinzuziehen des Freundes entwickelte sich die Notwendigkeit,
ihrem Gemahl zu verbergen, dass jener ihr noch in Rat und Tat beistehe, und
somit hatte Kronberg abermals selbst den ersten ihm verheimlichten Schritt des
erneueten Einverständnisses herbeigeführt.
    Gottards Klugheit verstand ihn zu decken. Kronberg ahnte nicht, wer ihm das
Erziehungshaus empfohlen, in dem er seinen Knaben untergebracht. Gottard aber
sah nun das Kind täglich. Josephs Nähe glaubte Anna sich noch eine Weile gönnen
zu dürfen, der Kleine war jünger und schwächer als Egon.
    St. Luce hatte den jungen Geheimrat kaum zwei-oder dreimal in Kronbergs
Hause getroffen, so war er im Geheimnis, obschon keines von ihnen eine Sylbe ihm
anvertraute. Er sah sehr bald ein, dass Anna zum ersten Male liebe, und trotz des
unleugbaren neidischen Verdrusses darüber überflog ihn eine stille wehmütige
Rührung und ein fernes Erinnern der eigenen Jugend.
    St. Luce war von guten bürgerlichen Eltern in der Normandie geboren. Die
blutigere Revolutionsepoche fiel noch in seine Kindheit, sie hatte ihn nicht
verhärtet; ihm war etwas von dem geblieben, was die Franzosen in der Provinz
enfant de famille nennen, das ihn, trotz manchem leichtsinnigen Streich seiner
eigenen früheren Jahre, an ein einfaches rechtliches Gefühl, auch in Männern
Frauen gegenüber glauben liess.
    Es ist traurig, dass in einer Menge an Erfahrung reichen Männern der höheren
Stände ein Unglaube entsteht, der sie ihr eigenes Geschlecht in Bezug auf das
unsere fast unbedingt des Egoismus und der Unwahrheit anklagen macht, noch
trauriger aber, dass unzählige Beispiele dies Urteil rechtfertigen, und zwar
gerade da rechtfertigen, wo eine Menge höchst ehrenwerter Eigenschaften die
Beschuldigung fast unbegreiflich erscheinen lässt.
    St. Luce traute also Gottard zu, dass ihn keine unlautere Absicht zu Annen
zog, aber ihr Ruf, ihr Glück, ja selbst ihre Frauenehre schienen ihm deshalb
nicht um ein Haar breit weniger gefährdet.
    Kronbergs Verhältnis zur hübschen Spanierin war eben bekannt geworden, es
war dem alten Freund höchst widerwärtig. In einem andern Augenblicke würde er es
leichter genommen haben, jetzt aber erklärte er es für eine franche bêtise,
welche Annen einem Abgrund zustosse. Und dann il n'y avait pas regardé de près!
denn die Spanierin war dem Grafen untreu, das schien nun St. Luce nicht des
Spektakels wert, den die alberne Geschichte machte, und gar unwert der
kleinsten Träne seines Lieblings.
    Kronberg fühlte sein Unrecht auch, aber um so mehr trieb ihn die innere
dämonische Gewalt, darin zu beharren. Was hätte er dagegen nicht um eine einzige
Träne Annens gegeben, wie teuer wäre ihm der Ausdruck der erwachenden
Eifersucht, des Schmerzes in ihren Zügen gewesen! Ihre sanfte, würdige Haltung
empörte ihn - gerade weil er sie billigen musste. Ihm fiel ein Stein vom Herzen,
als während Gottards Abwesenheit ein unangenehmer Vorfall ihn Annen gegenüber
in Vorteil setzte und ihm eine ganz neue, mit jenen Empfindungen durchaus nicht
in Verbindung stehende Ursache zur Misbilligung und Unzufriedenheit mit ihr gab.
    Anna trug die Trauer um ihren Vater, der sanft und ohne alle Leiden seiner
Frau in's Grab gefolgt war.
    Ihre beiden Brüder, von denen der eine vier Jahre, der andere um eines älter
war, als sie, hatten, nachdem sie mit der Generalin Geiersperg ihre Heimat
verlassen, die schon früher gewählten Lebenseinrichtungen festgehalten: der
ältere war Militär, der jüngere Kaufmann geblieben. Unglücklicherweise aber war
der erste, durch Verwendung und Rat eines jungen Verwandten verleitet, in ein
preussisches Regiment eingetreten, und als es später zum Offiziersexamen kam,
fand man ihn unfähig, dasselbe zu machen. Das Nachstudiren, zu welchem ihn Vater
und Freunde mit wohlmeinendem Rat anhielten, wollte dem bereits über die
eigentliche Lernzeit hinaus Gewachsenen nicht schmecken, im Ueberdrusse des
Mislingens wandte er sich dem praktischeren Artilleriedienst zu und ward endlich
Unteroffizier und Feuerwerker.
    In einer kleinen schlesischen Grenzstadt vergingen ihm nun mehrere Jahre,
ohne irgend eine Spur in Herz oder Gemüt zu hinterlassen
    Bei Gelegenheit einer ernstlichen Krankheit, die ihm eine Unvorsichtigkeit
beim Manoeuvre zugezogen, lernte er die Tochter seines Hauswirts, eines
ehrsamen Bäckermeisters, näher kennen. Er gewann das frische, hübsche Mädchen
lieb und sie erwiderte seine Liebe. Die im jetzigen Bürgerstande leider etwas
leichter gewordenen Sitten begünstigten ein Verhältnis, dessen allzugrosse
Vertraulichkeit den jungen, durchaus nicht unredlichen Mann zu einer Verlobung
zwang. Das Mädchen war nicht ganz arm, auch Louis hatte etwas Vermögen zu
hoffen, die Einwilligung der Militärbehörde fand mitin keine Schwierigkeit; der
alte Bürgermeister dagegen verweigerte die seine aufs Bestimmteste und
Hartnäckigste. Er erklärte sehr ruhig seinem Sohne, dass seiner Ueberzeugung nach
kein Mann eher heiraten solle und dürfe, als bis er eine Frau unabhängig zu
ernähren im Stande sei, könne mitin Louis nicht ohne den Teil seines Vermögens
auskommen, den er, der Alte, noch selbst zum Weiterleben bedürfe, so könne von
dieser Verbindung vorläufig keine Rede sein; wenn jedoch der Soldatensold und
die Mitgabe der Braut ausreiche, werde er ihm sein Jawort nicht versagen;
freiwillig dazu beitragen, dass ein Paar unvorsichtige Menschen sich in's Elend
stürzten, wolle er nicht. Im Hintergrunde der Weigerung lag freilich noch der
Umstand, dass der Katolicismus der in Schlesien wohnenden Braut dem alten
Luteraner zuwider war.
    In dieser peinlichen Verlegenheit - denn er hatte das Mädchen wirklich lieb
- wandte sich Louis an seine Schwester. Als auch ihre Fürbitten beim Vater
nichts fruchteten und Brief auf Brief ihr die traurige Lage des Mädchens
schilderten, bei deren Eltern der junge Mann bereits angehalten, versprach sie
ihm ohne Kronbergs Vorwissen bis zum Tode des Vaters einen bestimmten Beitrag zu
seiner Wirtschaft, den sie ihrem sehr reichen Nadelgelde entnahm.
    So weit war Alles gut. Die jungen Leute heirateten und der Vater gab,
obschon widerstrebend, seine Einwilligung, weil kein gerichtsgültiger Grund
vorlag, sie zu versagen; auch würde die ihm eigene Art Aengstlichkeit den
öffentlichen Widerspruch immer gemieden haben.
    Einige Jahre gingen ungetrübt, ohne besondere Ereignisse den Eheleuten
vorüber; Annen führten sie nach Wien. - Louis' Erstgeborenem hatte sich ein
Schwesterchen zugesellt; er lebte zufrieden mit seiner jungen Frau, ihre
Verhältnisse blieben kleinbürgerlich, was bei seiner Stellung und der
Unbedeutendheit des Städtchens nichts auf sich hatte.
    Da ward plötzlich das Regiment nach Glatz verlegt und nun reichte das
Einkommen nicht mehr. Die Schwiegereltern taten das Möglichste, denn die
Tochter wollte ihren Mann nicht verlassen, sie kehrten jeden Pfennig um, sparten
sich's am Munde ab, vergebens! In der grösseren Stadt, ohne den Beistand der
Mutter, unter den ihr wildfremden Leuten, verstand das arme junge Weib die
kleine Wirtschaft nicht so vorteilhaft zu führen, als daheim. Louis ärgerte
sich, schalt sie, wenn sie weinte und lamentirte, wurde heftig, grob; auch in
ihr traten die Mängel der Erziehung ihres niedern Standes vor: es ward ganz
ernstlich schlimm und musste doch getragen werden, denn die ärmeren Classen
denken nicht so leicht an Scheidung, Katoliken nun gar nicht.
    Da starb der Bürgermeister. Louis erhielt Urlaub, seine Angelegenheiten zu
ordnen, und eilte nach Türingen, die ihm zugefallene Erbschaft in Empfang zu
nehmen. Aber, ach! des Alten kleines Vermögen, in drei Teile geteilt, zeigte
sich an Ort und Stelle weit geringer, als er vermutet. Der zweite Bruder, der
unterdessen in der kleinen Stadt, in welcher er in Condition gestanden, auch
geheiratet hatte, bedurfte der ihm hinterlassenen Summe, um sein Geschäft zu
vergrössern und Compagnon seines Schwiegervaters zu werden, mitin konnte ihm gar
nicht einfallen, an Unterstützung seiner Verwandten zu denken.
    Louis beschloss, seinen noch nicht abgelaufenen Urlaub zu einer Reise nach
Wien anzuwenden, um Annen nicht nur zur Fortdauer seiner Pension und zur
Entsagung ihres Anteils von der Erbschaft zu seinen Gunsten zu vermögen,
sondern auch, um, wie er sich ausdrückte, seinen vornehmen Schwager zur Anleihe
einer namhaften Summe »breitzuschlagen«. Er hielt sich zu all diesen
Anforderungen vollkommen berechtigt: je enger die Gemüter, je grösser die
Ansprüche, das fehlt nie!
    Anna sass nach einem ganz kleinen Diner mit Kronberg, St. Luce und noch ein
Paar Herren am Kaffeetische, den sich ersterer en petit comité nicht gern nehmen
liess. Geheimnissvoll neigte sich Duguet, indem er die silbernen Kannen auf den
Tisch stellte, wie zufällig etwas tiefer als nötig, und flüsterte ihr zu, wo
möglich auf einige Minuten in das Nebenzimmer zu treten. Das war noch nie
geschehen; sie erschrak und eilte unter einem Vorwande hinüber. Hier fand sie
den soeben den Händen der Maut entronnenen, mit dickem Staub bedeckten
Reisenden, dem sie in ihrer Herzensfreude laut aufjauchzend in die Arme flog.
    Ach! nach wenigen Minuten schon ward diese reine Freude der Schwester
getrübt! Louis war zu sehr mit dem Drange seiner eigenen Angelegenheiten
beschäftigt, um andern Gedanken Raum geben zu können. Die durchaus eigennützige
Absicht seines Besuchs trat sogleich in das grellste Licht. Des Vaters Tod
schien als Verlust gar keinen Eindruck ihm hinterlassen zu haben, die
Enttäuschung in Hinsicht auf das geerbte Vermögen sprach sich scharf aus; Klagen
über sein Geschick und die sehr bestimmte Bitte, ihm nicht nur die Pension zu
lassen, sondern zu seinem Vorteil der Erbschaft ganz und gar zu entsagen,
folgten einander so schnell, dass Annen kaum Zeit blieb, eine Frage oder ein
erwiderndes Wort einzuschalten. Die kleine Summe, meinte Louis, sei ihr ganz
gewiss entbehrlich, er sähe jetzt recht ein, wie sie mitten im Golde sitze, und
auf der Post habe ihm auch schon Jemand mitgeteilt, dass sein Schwager, den er
übrigens noch nie gesehen, Millionär sei.
    Anna fühlte sich wie betäubt von dem Allen, sie war durchaus noch zu keiner
klaren Auffassung der Umstände gekommen, als unglücklicherweise Kronberg, dessen
unsinniger Argwohn durch ihr ungewohntes Verlassen der Gesellschaft geweckt
worden, in's Zimmer trat.
    Es folgte eine für Anna sehr schwere halbe Stunde. Der junge Unteroffizier,
seit Jahren an ganz untergeordnete Kreise gewöhnt, verletzte mit jedem Worte des
Grafen Eitelkeit.
    Abwechselnd verlegen durch die vornehme Haltung und sichtliche
Ueberlegenheit desselben, und familiär mit dem Manne seiner Schwester, trug er
seine Geschichte augenblicklich, ohne weitere Einleitung, auch ihm vor.
    Kronberg wandte sich, ihn unterbrechend, zu Annen, die ihm leid tat, und
bat sie an seiner Statt auf ein Paar Minuten zu den Herren hinüberzugehen, um
ihre längere Abwesenheit zu entschuldigen, zugleich aber Erfrischungen für ihren
Bruder zu senden, der gewiss nach der Reise derselben bedürfe. Er winkte ihr
freundlich mit den Augen und versprach, dass er sie gleich wieder ablösen werde.
    Anna hätte natürlich lieber gesehen, dass Kronberg drüben den Wirt gemacht
hätte; es lag aber nach langer Zeit wieder einmal die edle, milde Güte in seinen
Zügen, die ihn immer ihr gegenüber den Sieg davontragen liess; und da dem
vollströmenden Redefluss des jungen Kriegers ohnehin kein Einhalt zu tun möglich
schien, ergab sie sich in das Unvermeidliche und ging. Sehr anmutig sagte sie
den noch um den Kaffeetisch versammelten Freunden, dass ein lieber unerwarteter
Besuch aus der Heimat sie heute um die Freude ihrer Gesellschaft bringe und sie
Kronberg allein das Vergnügen, sie zu unterhalten, überlassen müsse. Sie hatte
kaum den Glückwünschen und Bedauern ihrer Gäste Genüge getan, indem sie auf
einen der nächsten Tage sie wieder einlud, um sich zu entschädigen, als Kronberg
wirklich schon kam, um sie zu befreien. Aber, ach! der schöne Strahl des
Wohlwollens in seinen Zügen war erloschen, und sein convulsivisch
zusammengekniffener Mund, sein ganz verändertes Aussehen erschreckten sie bis in
das tiefste Herz.
    Drüben fand sie ihren Bruder in der Aufregung des heftigsten Verdrusses. Er
war im Sprechen mit Roderich immer vertraulicher geworden, hatte nicht nur die
von Annen ihm zugestandene Summe jährlicher Rente erwähnt, sondern auch
geäussert, er habe ihr das eigentlich viel zu hoch angeschlagen; wenn er gewusst
hätte, wie reich sie sei, wie kostbar sie wohne und wie alles um sie her von
Gold strotze, so würde ihm doch sehr schwer geworden sein, sich nicht mit
grösseren Ansprüchen an seine Schwester zu wenden. Es sei freilich einmal die
schlimme Einrichtung in dieser Welt, dass der Eine in Sammt und Seide einhergehe,
während der Andere barfuss laufe; aber Geschwister sollten doch immer an einander
halten, und was ihn beträfe, er sei nur ein armer Schlucker, würde aber, wenn
Not an den Mann gekommen, nie einen Augenblick angestanden haben, mit Schwester
und Schwager sein bisschen Salz und Brod zu teilen.
    Statt Salz und Brod verzehrte er im Eifer eine kalte Rebhühnerpastete und
trank starken Ungarwein und Burgunder durcheinander, die ihm Duguet zur Auswahl
hingesetzt. Der ungewohnte Wein stieg ihm zu Kopfe und raubte ihm die Besinnung.
    So, fuhr er fort zu peroriren, sollte Anna auch denken, und wenn sie ein
rechtschaffenes Herz im Leibe habe, könne sie ihre Geschwister nicht in Schulden
und Mangel versinken lassen; und dasselbe Vertrauen habe er auch zu seinem Herrn
Schwager, darum rede er so offen, frischweg von der Leber. Er und seine Frau
wären freilich nur arme, geringe Leute und ihre Freundschaft keine gräfliche,
sie gehöre aber zu einem ehrsamen, achtbaren Handwerk, das seinen Mann redlich
und notdürftig nähre. Dass ihn und seine Marie das Unglück betroffen, sei nicht
ihre Schuld, sein Weib sei brav; aber der Herr Schwager könnten sich's ja leicht
selber denken, denn er habe solchen Wohnortswechsel ja auch durchgemacht. Seine
Frau verstehe in Glatz die Wirtschaft nicht so knapp und vorteilhaft zu
führen; Annen werde es anfangs wohl auch sauer geworden sein an fremden Orten.
    Kronberg lächelte; in seinem ganzen Leben hatte er noch nicht mit Annen von
der Wirtschaft gesprochen.
    Louis trank ein Glas nach dem andern, wurde immer verworrener und steigerte
sich in's Absurde. Allmälig siegte, trotz der feinen und gewandten Weise, auch
in Kronberg die rohere Natur, er ward ärgerlich; ihn verdross Annens
Heimlichkeit, ihn verdrossen die auf nichts basirten Ansprüche des Schwagers,
der nichts gelernt hatte, und nichts getan, als heiraten und Kinder in die
Welt setzen, die er nicht ernähren konnte, und der nun herkam, um sein,
Kronbergs, von seinen Ahnen und ihm selbst wohlerworbenes Gut mit ihm zu
teilen, und zwar bloss, weil er der Bruder einer Frau war - wieder hob die
innere Schlange ihr Haupt - einer Frau, die ihren Mann nicht einmal liebte!
    Der eine Gedanke war in Kronberg zur fixen Idee geworden, vielleicht gerade,
weil er ihn nicht eingestand.
    Sehr gemessen und ernst erklärte er Louis, dass er von dem ihm von Annen
gewährten Zuschuss nichts gewusst, dass Niemand seinen Geldbeutel zu taxiren habe
und er auf keinen Fall zugeben werde, dass Anna zu seinen Gunsten ihres Erbrechts
sich begebe, weil es gegen sie selbst, dann aber auch gegen ihren jüngeren
Bruder Franz unrecht sein würde. Ob er ihr ferner überhaupt noch gestatten werde
- er erschrak über das Wort, was ging denn ihn ihr Nadelgeld an? - oder raten
könne, fügte er sanfter hinzu, die mit so wenig Dank anerkannte Zahlung der
Pension fortzusetzen, könne er für den Augenblick nicht bestimmen.
    Nun brach der Ingrimm des vom ungewohnten Wein Erhjetzten mit doppelter
Gewalt los; er sprach von einem goldenen Bauer, in den freilich nicht immer
Glück zu finden sei, äusserte, dass, wenn seine Schwester, die recht wohl wisse,
welchem ihrer Brüder ihre Hülfe nötig, nicht einmal den freien Gebrauch ihres
Reichtums haben sollte, dann freilich sei die reiche vornehme Dame nicht besser
daran, als seine eigne Frau; sie wären Beide arm, das sei wahr, er aber lege das
Geld in eine Schieblade, über welche sie und er gingen. Er sähe freilich nun wohl
ein, bei den Adeligen sei Alles das anders; er habe oft seinen seligen Vater
innerlich angeklagt, dass er die Mutter zu knapp gehalten, und sie habe ihn oft
gejammert, aber nun, wenn er's recht überlege, ginge es ja bei den Vornehmen
nicht um ein Haar besser zu, die es obendrein nicht einmal brauchten, die das
Geld haufenweise zum Fenster hinauswürfen, es verspielten oder zu allerlei
liederlichen Streichen anwendeten, und das oft auf noch schlimmere Art, als der
Soldat, der doch immer in den Augen der fein Gebildeten für den Aergsten gelten
müsse, während jene mit Comödiantinnen und Tänzerinnen Alles vergeudeten.
    Das traf einen wunden Fleck in Kronbergs Brust. Der ganz absichtslose
Ausdruck - denn Louis hatte ja keine Ahnung vom Dasein der Capacelli - fachte
eine furchtbare Flamme des Zorns in ihm an. Nach wenigen schonungslosen, durch
Eiseskälte und Schärfe des Tons gleich vernichtenden Worten verliess der Graf das
Zimmer und begab sich wieder zur Gesellschaft.
    Dies Alles erfuhr oder vielmehr erriet Anna aus den rhapsodischen
Ausbrüchen der Empörung, in welcher sie ihren Bruder fand. Ohne auf ihre Bitten
oder mildernden Erörterungen zu hören, ergriff Louis seinen Tschako und rannte
hinaus, sie hatte eben noch Besinnung, Duguet ihm nachzuschicken. Duguet, der
immer wortlos die Stimmung und den Zustand seiner Gebieterin zu erraten
verstand, folgte dem jungen Manne, führte ihn höflich in ein anständiges
Gastaus, besorgte sein Ränzel hin, bediente ihn und stand am frühesten Morgen
mit einem Magazinschneider vor ihm, der einen äusserst anständigen Civilanzug ihm
präsentirte.
    Wer irgend Wien kennt, muss begreifen, dass Anna ihrem Gatten die möglichste
Rücksicht auf Louis, des Unteroffiziers, äussere Erscheinung schuldig war. Sie
durfte Kronberg nicht den spottenden Fragen und Blicken der Ein- und Ausgehenden
preisgeben, und gestern hatte doch auch ihr ein wenig vor der staubbedeckten
Montur ihres Bruders, vor dessen sonneverbranntem Angesicht und harten Händen
gegraut. Ohnehin mussten die in der kleinen Grenzstadt nicht feiner gewordenen
Manieren desselben Kronberg störend sein, das war nicht zu ändern. Sie
bewilligte alles, was Duguet für ihn verlangte; als sich aber die Tür hinter
ihm schloss, schossen ihr ein Paar sehr bittere Tränen in die Augen.
    Man gibt der menschlichen Charakterbildung allgemein klimatische und
nationale Färbung zu; Niemand wundert sich, einen Italiener heftig, einen
Spanier rachsüchtig, einen Holländer ruhig oder gar phlegmatisch zu finden, das
alles ist als traditionell längst in die allgemeine Volksansicht übergegangen;
aber an den nicht kleineren Unterschied, den die äussere Stellung, die früheste
Umgebung, der Umgang unserer ganzen menschlichen Entwicklung aufdringt, an die
Modificirung der Ansichten und Begriffe, die sie erzeugen, denken Wenige, und
doch steht diese Einwirkung der klimatischen noch immer wenigstens gleich.
    Im Grunde hatten Beide, der Graf und der Unteroffizier, jeder von seinem
Standpunkte aus, Recht, Beide mischten nur ihrer Selbstbeurteilung einen Teil
Selbsttäuschung zu. Der Cavalier hätte nicht vermocht, einem so hoch über ihm
stehenden Verwandten mit solchen Anforderungen sich an den Hals zu werfen, aber
Unterstützung, Avancement, Avantagen hätte er ohne Scheu von ihm erwartet und
angenommen; seine edlere Natur würde vielleicht dabei mehr gelitten haben, aber
die Not hätte ihn wie jenen gezwungen.
    Der kleine Bürger dagegen ging directer zu Werke, ihm war die reiche
Verwandtschaft eine blosse Fundgrube, die Delicatesse drückte ihn durchaus nicht.
Als reicher Fabrikant würde er ähnliche zudringliche Ansprüche, wie er selbst
sie an Kronberg machte, auf's Gröbste abgewiesen haben, dagegen aber, auch ohne
Aufforderung, seiner armen Freundschaft beigesprungen sein in kurzer drängender
Verlegenheit; einem reichen Verwandten hätte er vielleicht noch lieber
beigestanden und hätte dann die Selbstbefriedigung geschmeichelter Eitelkeit mit
in den Kauf genommen. Von welchem Standpunkte aus sollten oder konnten sich nun
wohl diese Beiden verstehen? Wem sass das brennende Nessuskleid frühjähriger
Gewöhnung fester um Sinn und Seele?
    Und auch im zarteren Charakter Anna's hafteten die ersten Erfahrungen des
noch kaum in die Aussenwelt blickenden Kinderauges. Sie fühlte sich in ihren
Erinnerungen verletzt, zerspalten und weinte - um ihren Bruder. Sie gedachte der
übersehenden nichtachtenden Gleichgültigkeit, mit welcher Kronberg stets ihre
Familie betrachtet; sie schaute weit zurück in ihrer Mutter Herz, die für jeden
noch so entfernten Vetter Trost und Teilnahme in sich trug; sie gedachte Otto's
und ihres Oheims Ankunft am Neujahrstage, und es kam ihr vor, als ertrage doch
Kronberg ihre bürgerliche Abkunft sehr schwer.
    Sonderbar, dass ihr nicht einen Augenblick beifiel, dass auch Gottard ein
Bürgerlicher sei! Es ist aber unleugbar, dass in unseren Tagen dem wirklich
eminenten Talent überall Bahn bereitet ist und die Aristokratie des Geistes jede
andere weit überflügelt, bei Männern und Frauen. Dass bei den letztern an den
Fühlfäden des Gemüts, wie an den Wurzeln einer schönen Blume, der Heimatsboden
fester haftet beim Verpflanzen, liegt an der innern Poesie, mit welcher sie der
Gegenwart überhaupt selten gestatten, der schönen Vergangenheit es gleich zu
tun.
    Vermöchten wir daher nur in dem jetzigen Ringen befugter und unbefugter
Weltverbesserungen, Jeder in sich selbst die grosse Revolution zu
bewerkstelligen, die das individuelle Urteil von den Banden aller Gewöhnung und
des eigenen Standpunktes erlöste, dann wäre wirklich dem intellectuellen Sein
ein schöner Tag erschienen, es feierte dann seine goldne Zeit!
    Aber als Louis nun nach vollendeter Umwandlung zu Annen sollte, erklärte er
ihr schriftlich, sie müsse irgendwo mit ihm zusammenkommen, zu seinem vornehmen
impertinenten Schwager setze er keinen Fuss mehr. Anna traf ihn auf der
Promenade, fuhr mit ihm um ganz Wien herum, stieg am Glacis aus und ging mit ihm
spazieren. Die gestrige Scene erneute sich. Anna versprach, die Pension ferner
zu zahlen, zu Abtretung des Erbteils verstand sie sich aber nicht - ein dunkles
Gefühl warnte sie. Als sie ihn verlassen musste, um sich zum Diner zu kleiden,
bat sie ihn, mit ihr den Abend in's Burgteater zu gehen, sie wolle ihn abholen.
    Mochte ihn ihre abschlägige Antwort verdrossen oder er vergessen haben, dass
er selbst am Morgen sich geweigert, Kronbergs Wohnung zu betreten, er ward
abermals heftig und meinte, vermutlich dürfe sie ihn nicht in's Haus bringen,
ihr Mann wolle den geringen Soldaten gar nicht einmal sehen, er werde ihn wohl
durch seine Lakaien zur Tür hinauswerfen lassen? Anna litt unsäglich. Im
nämlichen Augenblicke rollte Kronbergs Equipage heran. Die Spanierin kannte
Annen, sah sie mit einem stattlichen, sogar schönen jungen Manne gehen und
lorgnettirte das Paar aufmerksam und dreist. Auch Kronberg sah schärfer hin,
trotz seiner Verwandlung erkannte er Louis; natürlich grüsste keines von Beiden.
    Wer war das? Wer ist die? fragte Louis?
    Ich weiss nicht, stotterte Anna verlegen und wurde abwechselnd bleich und
rot.
    Aber ich weiss es! Kreuz, Bomben und Granaten! Armes, armes Weib! - Er drohte
ihnen mit der Faust nach. Ohne ein Wort weiter zu reden, führte er Annen an
ihren Wagen, hob sie hinein, warf den Schlag zu und war verschwunden. Anna
zitterte heftig, sie konnte kein Auge aufschlagen.
    Wild wogte das Blut in Louis' kochender Brust, er glaubte, den Wagen
einholen zu können, um zu erfahren, wohin der Graf mit seiner Geliebten fahre,
aber die Pferde entschwanden ihm nach wenig Secunden. Betäubt, nach Entschluss
ringend, trat er in ein Weinhaus. Er trank hastig, er wusste nicht wie viel, noch
was. Am Morgen hatte er in seinem Hotel allerlei Erkundigungen eingezogen und
die widersinnigsten Uebertreibungen hatten ihn gegen den Grafen aufgehetzt; in
seinem halben Rausch hielt er Kronberg für einen Schlemmer und niedrig
schlechten Menschen, seine Schwester für eine arme verlassene Frau. Seine eignen
Nodomantaden befeuerten ihn mehr und mehr, und ehe er selbst sich dessen klar
bewusst worden, hatte der Portier, der ihn erkannte, ihm geöffnet und er war
ungesehen in's Haus bis zu Kronbergs Zimmer vorgedrungen, woselbst er Posto
fasste und ihn zu erwarten beschloss.
    Unterdessen war Anna im Nachhausefahren St. Luce begegnet, den sie sogleich
in ihren Wagen zu steigen und mit ihr nach Hause zu fahren bat. Der alte Freund
erschrak, als er ihre heftige Erregung gewahrte. Halb verwirrt vor Angst,
erzählte sie ihm den gestrigen Vorfall und dass Louis mit Kronberg hart an
einander geraten; sie bat ihn, einen von Beiden zu bewachen, um ein noch
schlimmeres Zusammentreffen zu verhindern. Wir haben Kronberg eben auf der
Promenade begegnet, schloss sie verlegen, er fuhr an uns vorüber.
    Das eine Wort war dem gewandten Franzosen genug, er wusste sogleich mit wem,
und erriet das Uebrige. Nach wenigen Minuten verliess er seine schöne Freundin,
um Louis zu besuchen, ging aber statt dessen zu Kronberg, drückte dem Bedienten,
der ihn melden wollte, einen Gulden in die Hand und trat in dem Augenblicke in's
Zimmer, als Kronberg eben seinen Schwager bei der Schulter ergriff und heftig
auf ihn eindringend, wiederholend ausrief: Wer ist der Elende? Wer hat es
gesagt?
    Pardon, cher Comte! sagte der alte General und liess im Eintreten seinen
Stock fallen, den er, mit dem Rücken jenen zugewendet, äusserst mühsam aufhob.
Auf diese Art gehindert, irgend etwas von dem zu sehen, was vorging, fuhr er
fort: Ich kam, Sie zu bitten, mich meinem jungen Freunde Müller vorzustellen,
der freilich den brillanten Offizier von Anno 8 schwerlich in mir erkennen wird.
    Kronberg hatte im Augenblick seines Eintritts die Hand von Louis' Schulter
zurückgezogen, ihm standen die Schweisstropfen glühender Beschämung auf der
Stirn, er hatte ja seinen Schwager beinahe wie einen Bedienten behandelt!
    Louis fasste sich schneller, weil das Erkennen des Generals seine
Aufmerksamkeit gewaltsamer in Anspruch nahm. St. Luce liess sich innerlich von
Beiden zu allen tausend Teufeln wünschen, hielt aber Stich und ruhte nicht eher,
bis er Louis' Stimmung beschwichtigt hatte. Die ausserordentliche Freundlichkeit
des alten Mannes, der ihn wie einen Sohn an's Herz drückte, überwältigte ihn.
Mit Bitten bestürmt, den General zu begleiten, der ihm durchaus Wien zeigen
wollte, wandte sich der junge Krieger etwas verlegen, doch jetzt in durchaus
würdiger Weise, zu Kronberg: Ich stehe Ihnen morgen zu Dienst, sagte er kalt.
    Auf Kronberg, der augenblicklich des schlauen Invaliden Spiel durchschaute,
machte die Sache einen allmälig fast komischen Eindruck. Der alte Fuchs, dachte
er innerlich, er hat ganz Recht! Mit einem Unteroffizier kann ich mich doch
nicht schlagen! Und wegen der Capacelli! ich! Er reichte, plötzlich
entschlossen, seinem Schwager die Hand. Vergeben Sie mir, ich bin zu rasch
gewesen! sagte er mit anmutiger Höflichkeit; Sie sind im Recht! Ist's aber
irgend möglich, so nennen Sie mir nun endlich den Namen des Verleumders, ich
bitte Sie dringend darum! Der Graf sah vollkommen beruhigt aus, und doch wogte
das Blut noch in ihm, als wolle es seine Adern sprengen. Ich habe vor meinem
Freunde St. Luce kein Geheimnis! fuhr er bittend fort.
    Louis schwieg immer noch. Er schämte sich, die Namen des Wirtes und einiger
untergeordneten Personen zu nennen, ein inneres Zartgefühl hielt ihn zurück; er
wusste, der reiche Graf würde solche Stimmen nicht gelten lassen. Morgen!
wiederholte er entschlossen.
    Nach secundenlangem Nachsinnen liess ihn Roderich ruhig mit St. Luce sich
entfernen.
    Ein ungeheurer Schmerz hatte ihn ergriffen, es war ihm klar, Anna, Anna
hatte über ihn geklagt! Anna hatte Geheimnisse vor ihm. Ein fressendes Mistrauen
drängte sich in seine Seele und zwischen ihn und sie. Er ward rauh,
unfreundlich, höhnisch gegen seine Frau, die diese neue Wendung seiner Laune
nicht begriff und in der die Sehnsucht nach Gottard mit jedem Tage
fürchterlicher arbeitete und bohrte, wie das tödtende Eisen, das man langsam in
die verwundete Brust senkt.
    Louis aber war wenige Stunden, nachdem er den Grafen verlassen, plötzlich
heftig erkrankt; der klimatische Wechsel oder die ungeheure innere Aufregung,
die das Gespräch mit demselben erzeugen musste und die der nur an körperliche
Strapazen Gewöhnte nicht in sich zu verarbeiten vermochte, zogen ihm ein
Wechselfieber zu. Anna und St. Luce besuchten ihn täglich; Letzterem gelang es,
ihm allmälig etwas ruhigere Ansichten einzuflössen und sein Betragen gegen den
Grafen zu regeln. Kronberg liess sich alle Morgen nach ihm erkundigen, ging aber
nicht hin. Schweigend verdoppelte er Annens Nadelgeld. Sie muss doch anständig
erscheinen können, sagte er bitter; aber sein Benehmen blieb folternd ungleich,
hart und voller Mistrauen. Jedes Gefühl seines eigenen Unrechts gegen sie war
plötzlich aus seiner Seele geschwunden.
    So standen die Dinge, als unerwartet, wie ein Trost des Himmels, Gottard
von Berlin zurückkehrte.
    Am nächsten Morgen erwachte sie mit dem Gefühl: Er ist da, du wirst ihn
sehen! Und in den Vormittagsstunden kam er. Sie durchsprachen in
hieroglyphenartigen Worten Alles, was während jener tödtenden Trennungszeit an
Beiden vorübergezogen; sie berührten es kaum und nur andeutend, denn bei solchem
Ineinanderwachsen der Seelen bedarf es keiner langen Rede; jeder Blick, jeder
Hauch, jedes Schweigen wird verstanden. Das eben ist ja das eigentliche Glück
der höheren Liebe, dass sie zwei Menschen frei macht von all den kleinen Qualen
und Fesseln des Nichtverstehens und der Seeleneinsamkeit.
    Sie erzählte ihm auch von Louis, von seinem Betragen und seiner Krankheit
und dass er nun heimzureisen gedenke, doch seltsam mit dem Entschlusse dazu
zögere von Tag zu Tag, ohne eigentlichen Grund. Als er sie verliess, begegnete
ihm im Hinausgehen St. Luce.
    Sonderbar, sagte dieser, ich bringe den jungen Müller durchaus nicht fort.
Der Arzt findet ihn genesen; sein auf unser Schreiben verlängerter Urlaub ist
fast abgelaufen; seine Rechnungen sind in unsern Händen, der Wirt, der Arzt,
der Schneider - -
    Und alles das muss die Gräfin zahlen? fragte Gottard.
    Leider! Sie besucht ihn alle Vormittage, er nimmt jedesmal halb und halb von
ihr Abschied, versichert, ein förmliches Lebewohl sei ihm unerträglich, und am
nächsten Morgen findet sie ihn wieder. Was kann das sein, er kann uns doch nicht
immer so in Wien auf dem Halse bleiben wollen! Sollte er verliebt sein oder
heimliche Schulden gemacht haben?
    Er hat gespielt, erwiderte Gottard, wie durch plötzliche Eingebung. Ich
will sogleich zu ihm.
    Gottard hatte die Fessel richtig erkannt, welche den Unglücklichen von
seinem Krankenlager nicht sich lösen liess. Louis war einem Stube an Stube mit
ihm wohnenden Glücksjäger in die Hände gefallen und alles Geld, das er von Anna
erhalten, jenem bereits zur Beute geworden.
    Die Art und Weise, durch welche es Gottard gelang, den Unbesonnenen zum
Geständnis zu bringen, kann für uns kein sonderliches Interesse haben. Als die
Summen berechnet waren, reichte Alles, was Louis an baarem Gelde besass, nicht
hin, die Hälfte der Schuld zu decken. Des ganz Unbemittelten Aufentalt in einem
Hotel, seine Krankheit, seine verschiedenen Bedürfnisse hatten Annens
Hilfsquellen erschöpft; sie hatte es nicht geradezu gesagt, Gottard hatte es im
Gespräch mit ihr durchfühlt, er übernahm sogleich einen Teil der Zahlung, für
den andern sagte er gut und verliess Louis erst, nachdem er eine lange
Unterredung mit dem Spieler gehabt und jenen zum Postofe begleitet hatte.
    In den letzten Momenten seines Aufentalts, während Gottard zu seinem
Nachbar hinüberging, nahm Louis in einigen Zeilen Abschied von seiner Schwester
und übergab den Brief dem Lohnbedienten des Hotels.
    Nachdem auf diese Weise alles geordnet und Louis abgereist war, glaubte
Gottard Annen beruhigen zu müssen, ohne ihr jedoch von der sich auf einige und
fünfhundert Gulden belaufenden Summe etwas zu sagen, die zu zahlen er
übernommen, und von welcher er hoffte, sie solle ganz unerwähnt bleiben, um der
teuren Frau nicht auf's Neue eine Ursache zu geben, über ihren Bruder zu
klagen.
    Als er Annens Zimmer betrat, fand er sie in Tränen, sie hatte ihn
angenommen, weil sie sich's nicht zu versagen vermochte. Es war die erste
Unbesonnenheit ihrer Liebe, der erste Fehltritt. Louis hatte ihr alles
geschrieben.
    Zu redlich, einen ihm ganz Fremden um eine ihm bedeutend erscheinende Summe
zu bringen, zu leichtsinnig, um die möglichen Folgen der Uebertragung seiner
Anleihe zu bedenken, schien ihm der natürlichste Ausweg der, seine Schwester zu
Gottard's Schuldnerin zu machen. Kahl und nackt, ohne alle
Selbstentschuldigung, hatte er ihr die Sache hingestellt, wie sie eben war; ja,
er hatte sogar den aufgeregten fieberhaften Zustand, während welchem er dem
Hazardspieler in die Hände gefallen, dem unverantwortlichen Betragen Kronbergs
gegen sich und Annen zugeschrieben.
    Es lag wenig Liebe und gar keine Hingebung in diesen herben Abschiedsworten
an seine Schwester, und dennoch schlossen sie mit der Voraussetzung, dass sie um
seinetwillen den Verlust der paar Taler leichter verschmerzen werde, als er,
der freilich nur zerstörte oder halberfüllte Hoffnungen seinem armen Weibe
heimzubringen habe.
    Anna weinte bittere Tränen, Louis' Egoismus schnitt ihr in's Herz, sie
fühlte sich zwischen Gatten und Bruder so fürchterlich allein, so fremd, wie in
einer endlosen Wüste. Louis' Anklage ihres Mannes war schonungslos scharf, das
Aussprechen seiner Treulosigkeit gegen sie tat ihr aus ihres Bruders Munde
weher, als in all den Bemerkungen der frivolen Gesellschaft, welche am Ende nur
lachte, spöttelte und - vergass.
    Auch Gottard, dem ganz unbegüterten Freunde, eine neue Last aufgebürdet zu
sehen, schmerzte sie - da hörte sie den ihn meldenden Bedienten. Als er aber nun
eintrat mit dem milden freudigen Ausdruck in den geisteshellen Zügen, ward ihr,
als senke sich plötzlich die Heimat um sie nieder, aus dem Himmel in ihr Herz.
    Gottard setzte sich diesmal neben sie, statt wie sonst ihr gegenüber. Ihm
war so unsäglich wohl und leicht; war doch nun diese Sorge der teuren Frau
entnommen.
    Er sprach sogleich von Louis, ging freimütig in dessen Lage und Ansicht
ein, erst ihn beklagend, dann heiter ihn verteidigend. Er schilderte ihr
Schlesien, Glatz, das er kannte, das gemütliche, etwas beschränkte Bürgerleben
des Städtchens; sprach über manche kleine Vorteile und Annehmlichkeiten, die
ein längerer Aufentalt Louis und den Seinen dort gewähren müsse. Mit jedem
neuen Abschnitt lichtete er die Farbe seiner Darstellung.
    Zuletzt erzählte er von sich, dass er selbst früher gern sein Glück auf einen
raschen Wurf gesetzt und schwer dem Spiel entsagt. Er lobte Louis' sanftes
Hinnehmen seines Eingriffs in eine ihm ganz fremde Angelegenheit; er breitete
eine lange bunte Scenenreihe vor dem geliebten Blicke aus, wie man einem kranken
Kinde ein Bilderbuch aufschlägt und mit ihm es durchblättert, und lockte so aus
allen Tiefen ihrer Seele die Schmerzen und dunkeln Gedanken hervor, um sie wie
mit einem balsamischen Zauber zu umweben. In diesem Augenblicke lag nicht die
mindeste Leidenschaft in seinem Tun zu Tage; es war die Wundermacht des tief
sein ganzes Sein durchdringenden Gefühls eines schonenden tiefen Wohlwollens,
das er bewusst und sanft anwendete, wie ein Arzt die ihm inwohnende heilende
Kraft.
    Anna war, als habe sie noch nie Jemanden zugehört, oder als tauche ihre
Kindheit wieder auf, als sässe sie noch auf Sophiens Schoos und lauschte emsig
deren Erzählungen. Wie eine Blütendecke legten sich seine Worte auf die unruhige
Qual ihres Innern. Mit einem unaussprechlichen Dankgefühl blickte sie zu ihm
auf, der Widerschein ihrer Stimmung in seinem Antlitz rührte sie fast noch
inniger, als sein Handeln. Wie selten war ihr wohlgetan worden in ihrem so
beneideten und brillanten Leben! Und Er war ihr noch dankbar dafür, dass sie es
annahm.
    Die kleine irländische Ballade, welche Leontine am ersten Abende des
Zusammenseins mit ihm gesungen, war Beiden eine Art inneren Palladiums geworden.
An jenem Abend hatte Gottard zuerst sich ihr ausgesprochen. Seitdem hatte er
die Verse in Musik gesetzt und oft gesungen. Wenn Kronberg Annen ganz
unverständlich wurde, spielte sie die Melodie; seltsam genug liegt diese Art
Doppelempfindung in der weiblichen Natur: sie wollte Roderichs früheres edles
Bild sich hervorrufen, es festalten, trotz den entsetzlichen Verzerrungen des
Lebens, und dennoch blickten Gottards ernste stetige Augen so tröstlich
zwischen den Notenreihen sie an.
    Anna sass in der Nähe des Fortepiano, auf demselben lag die Ballade
aufgeschlagen; unwillkürlich fiel ihr Blick darauf, er umflorte sich, sie ward
sehr düster.
    Gottard war ihr im Sprechen näher gerückt, sein Stuhl berührte die
Sophaecke, in welcher sie ruhte. Sein Auge folgte dem ihren, aber er verstand
den Zug ihrer Gedanken nicht sogleich; es trat eine jener gefährlichen
Gesprächspausen ein, in denen die Gewalt des sich insgeheim entwickelnden
Gefühls verräterisch der Erwiderung im Augenaufschlag des Geliebten begegnet -
Beide erröteten. Gottard ergriff ihre Hand und küsste sie unbewusst leise; sie
liess sie ihm eben so unwillkürlich.
    Zum ersten Mal versagten sich ihnen Wort und Gedanken, die innere Flut der
Empfindung und einer plötzlich sie überkommenden namenlosen schmerzlichen Ahnung
überwältigte Beide. So sassen sie schweigend neben einander, dicht zu einander
gebeugt, lautlos das Glück der Geliebten Nähe fühlend, scheu vor jeder noch
näheren Berührung zurückbebend.
    Da sprang die kleine Tapetentüre auf, die aus dem Cabinet zu einer obern
Zimmerreihe führte, Kronberg trat in dieselbe, er schleuderte den kleinen Joseph
vor sich her, den er an der Hand herabgeführt.
    Kannst du mir erklären, Anna! - begann er und blieb verstummend, staunend an
der Schwelle stehen - er gewahrte Gottard, der aufgesprungen war, der Knabe
aber stürzte in des geliebten Freundes Arme, der ihn zärtlich an sich zog und
liebkoste. - Joseph, fuhr Kronberg nach einem höflich kalten Grusse fort, hat
mich soeben gebeten, ihn zu seinem Bruder in's Institut zu tun, weil er dort
Herrn Gottard wieder alle Tage sehen würde. Er klagt über seinen Lehrer, dass er
ihn geschlagen; wolltest du die Gnade haben, mir diesen Gallimatias zu
erklären? In der Tat kann ich auch nicht begreifen, wie es zugehen mag, dass
Sie, Herr Gottard, meine Kinder täglich sehen?
    Gottard fühlte lebhaft, es gälte, die Geliebte vor einer neuen Form der
Eifersucht zu schirmen, die Kronberg verzehrte. Beide Männer verstanden
vollkommen einer den andern: Anna's Name durfte nie unter ihnen genannt werden.
Sie sass beklommen, schwer atmend, still in ihrer Sophaecke.
    Gottard erwiderte stolz aber besonnen, dass der Director des Instituts sein
Jugendfreund sei, den er allerdings während seines kurzen Aufentalts in Wien
täglich besuche und bei welchem er den Knaben öfters treffe, zu dem ja immer
noch die herzlichste Neigung ihn hinziehe.
    Herr Gottard, unterbrach ihn der Graf, als die Kinder noch das Glück
hatten, Ihrer Obhut anvertraut zu sein, habe ich, der Vater, mir nie die
kleinste Einmischung in Ihre Ansicht und Erziehungsart erlaubt. Sie würden mich
verbinden, obgleich ich Ihre Teilnahme dankbar anerkenne, dasselbe jetzt für
mich zu tun. Doch habe ich ohnehin mit Beiden andere Pläne und kam, sie mit der
Gräfin zu besprechen. Vergeben Sie, dass ich Ihre Gegenwart in meinem Eifer nicht
augenblicklich bemerkte; die Sache hat Zeit.
    Mit gewohnter Leichtigkeit begann er ein Gespräch über ein von Gottard
verfasstes Memoire, blieb eine halbe Stunde und verliess dann das Zimmer mit der
Bitte an Gottard, mit Annen noch ein wenig Musik zu machen, indem er die auf
dem Flügel liegenden Musikalien bemerkte; das Kind liess er in dessen Armen
zurück. Ernst blieben die Liebenden vor einander stehen: die dunkle Ahnung war
schon Wirklichkeit geworden.
    Anna, sagte endlich Gottard, indem er den Knaben, der in seinen Armen
eingeschlafen war - es war Abend geworden - auf's Sopha legte, Anna! wir müssen
scheiden. Auf welche Weise ist mir selbst noch nicht deutlich, aber es gilt,
Ihnen die Knaben zu erhalten, deren Verlust Sie zerstören würde. Gott weiss, ob
ich Sie je wieder allein spreche, darum heute eine Bitte, für welche ich Ihre
Verzeihung innigst erflehe.
    Er blickte auf Joseph, das Kind schlief fest und sanft. Anna war in einer
furchtbaren Stimmung, Gottards volle bewegte Stimme vibrirte in jedem Nerv
ihrer bebenden Gestalt; sie konnte nicht reden, es erstickte sie.
    Der Graf wird meine Einmischung in seine Verhältnisse unter keiner Form
jemals vergeben, Sie würden immer dafür büssen. Sie wissen, Anna, dass mein Leben
hier, wie in der Ferne Ihnen angehört. Ich werde Wien gleich nach der
geschlossenen Uebereinkunft mit Metternich verlassen, mich ganz den Geschäften
in den älteren Provinzen widmen. Der volle, tragende Strom der Zeit - Anna, er
wird auch uns wieder zusammenführen und - es übermannte ihn, er schwieg einige
Secunden - durch alle Verwandlungen der Tage hindurch werden wir einander
erkennen. Nicht wahr, immer, überall?
    Ich hoffe es, sagte sie, zusammenbrechend.
    Nein, o nein, Anna! Sie müssen es wissen, unumstösslich gewiss, wie Sie
wissen, was Ihnen das Höchste ist, wie Sie von Gott wissen, von der Fortdauer,
tief aus dem Innern der Seele heraus - sonst wäre mein Dasein eine Hölle! schloss
er dumpf.
    Ich weiss es! sagte sie fest. Er liess sie los und ging nach seiner alten Art
einige Male hin und wieder, um sich zu sammeln.
    Es bleibt keine Zeit mehr, Wort und Ausdruck zu messen, wir haben kaum noch
nach Minuten zu zählen; also meine Bitte.
    Anna weinte, Gottard trocknete leise ihre Tränen; aber er berührte ihre
Augen nur mit dem Tuche. Hören Sie mich, fuhr er immer trauriger fort, jede
kleinliche Rücksicht einer engherzigen Delicatesse muss in diesem Augenblicke
schwinden! Ihr Gemahl darf nie, unter keiner Bedingung, auf keine Weise
erfahren, was zwischen mir und Louis vorgefallen; die Verpflichtungen, die er
und ich als Männer gegeneinander übernommen, müssen unberührt zwischen ihm und
mir allein bleiben - das, Gräfin, versprechen Sie mir! Es ist wichtiger, als Sie
ahnen.
    Louis hat mir alles geschrieben -
    Unmöglich!
    Ich weiss, welche Summe Sie für ihn übernommen. Er hat mir das Geld zu zahlen
-
    O Anna! rief Gottard, schmerzlich ergriffen, indem er ihre Hände einen
Augenblick an seine Brust zog, mussten Sie es aussprechen? Mussten Sie das
elendeste Wort in dieser Stunde sich eindrängen lassen, die wahrscheinlich für
uns keine Schwestern auf Erden hat? - Doch wie Sie wollen! Gleichviel; meine
Bitte bleibt fest: kein Vorwurf, keine Scene, kein Misverstehen darf Ihnen das
Geheimnis entlocken; Kronberg darf nie erfahren, was zwischen mir und Louis
abgehandelt! O Freundin! versprechen Sie mir, was Sie nicht begreifen, ich
bitte, ich beschwöre Sie darum!
    Ich verspreche es! sagte Anna; und glauben Sie mir, es ist kein Kleines, was
ich tue, dass ich verspreche, was ich nicht übersehen kann!
    Mutter! Gottard! schrie das Kind im Schlaf. Beide eilten zu ihm. Gottard
küsste seine blonden Locken, die über die Sophalehne herabhingen - er sah traurig
aus, wie van Eyks richtende Engel. Gott erhalte Ihnen den Knaben! rief er
gepresst, dann wandte er sich, um zu scheiden. In Beiden wogte der Kampf einer
mit jedem Moment sich steigernden verzweifelnden Leidenschaft und seine
schmerzliche Gewalt riss Herz an Herz. Gottard drückte die zitternden Hände auf
seine Augen. Nein! nein! rief er mit wachsender Heftigkeit, auch nicht den
Schatten eines Fleckens auf diese Stunde! Er bog sich leicht zu Annen nieder und
küsste ihr Gewand. Bleibe meine Heilige! flüsterte er und stürmte fort.
    Anna sank weinend neben ihrem schlafenden Knaben in die Knie und betrachtete
ihn lange; sie dachte nicht deutlich, sie fühlte nur dumpf eine unsägliche Pein;
und wie ganz von fern in Nebel eingehüllt, zog ihrer Erinnerung die erste Stunde
ihres Kampfes vorüber, als ihr klar geworden, dass sie Gottard liebe. Wenn ich
nur nicht wahnsinnig werde! seufzte sie. Endlich küsste sie ihren Joseph wach, um
ihn zu Bett bringen zu lassen.
    Nach fünf Minuten hörte sie Kronbergs Schritt im Vorzimmer. Er sah erhitzt
und unglücklich gestimmt aus; er kam von der Capacelli, die ihm irgend eine
Scene gemacht haben mochte. Dem Aerger über sie gesellte sich die Entrüstung
über Gottards unverschämte Eingriffe in alle Rechte, die ihm die Natur und die
bürgerliche Gesellschaft verliehen.
    Anna, sagte er, ich hatte gehofft, die unglückselige Geheimnisskrämerei, die
so traurige und ernste Folgen in Bezug auf Leontinen gehabt, würde in unserer
Familie wenigstens nicht Wurzel schlagen; ich habe mich geirrt! Je ne suis pas
le dupe des phrases de Monsieur Gottard! Wie er bei unserm Fortzuge von Bern
mit Gewalt sich in die unselige Geschichte Viatti's eindrängte -
    Mich dünkt, sagte Anna, wir verdanken ihm die Freiheit unseres Schwagers.
Hast du vergessen, dass am Tage nach dessen gelungener Flucht Haussuchung die
ganze Strasse entlang gehalten wurde? Sie trat zu ihm und legte sanft die Hand
auf seinen Arm. Beflecke dich nicht durch Undankbarkeit, Roderich!
    Eben so, fuhr Kronberg fort, ohne auf sie zu hören, möchte er nur ohne Recht
und Befugnis die Leitung des ganzen Bildungsganges unserer Söhne sich erhalten!
Ich glaube nicht an Infallibilität, nicht einmal an die des heiligen Vaters.
    Was soll das Alles? fragte Anna.
    Du hast mir schmerzlich-klare Gründe gegeben, vorauszusetzen, dass dieser
Gottard die Hand bei allen bedeutenderen Ereignissen unseres Lebens im Spiele
hat; ich hätte aber wenigstens erwarten können, persönlich von seinen
Einflüsterungen und Zwischenträgereien verschont zu bleiben!
    Anna schwieg; wie eine Königin stand sie ruhig und ernst vor ihm. Ich
verstehe dich nicht, sagte sie endlich.
    Leider sind mir seine Beweggründe keine Rätsel mehr! Aber bedenke, fuhr er,
immer heftiger aufbrausend, fort, bedenke genau, was du tust! Ein unedles
Erspähen meiner Tritte und Schritte ertrage ich nicht! - Ich habe dir volle,
unbegrenzte Freiheit in allen Handlungen gelassen - lass sie nicht in
Beherrschung der meinen ausarten! Armes Kind! was hoffst du zu erreichen? setzte
er, immer mehr sich steigernd, höhnisch hinzu. Meinst du, der Satan lasse mit
sich handeln und sich einen Rest des einmal von ihm ergriffenen Menschenglückes
abdingen? Er hält fester, als Liebe und Glück.
    Er warf sich auf das Sopha und blieb schweigend, als erwarte er ihre
Antwort, mit verhülltem Gesicht vor ihr sitzen. Seine Brust arbeitete
fürchterlich, er schien fassungslos. Hand und Schnupftuch verbargen ihr seine
Züge.
    Ich verstehe dich durchaus nicht, Roderich! wiederholte sie mit trauriger,
aber fester Stimme. Meinst du jedoch eine Einmischung des Geheimrats, so ist
deine Besorgnis grundlos, denn er steht auf dem Punkte, Wien auf lange zu
verlassen.
    Das ist nicht wahr! fuhr Kronberg auf, das wäre in seiner Lage Wahnsinn,
Raserei! - Was will er damit? Hält er mich - er zitterte vor Wut, seine Zähne
schlugen aneinander - hält er mich etwa gar für eifersüchtig?
    In diesem Augenblicke brachte der Jäger des Grafen ein Billet. Roderich
erbleichte; er las es mehre Male und verliess mit dem Jäger das Zimmer.
    Nach wenigen Secunden kam er zurück und nahm seinen Platz wieder ein. In
dumpfes Sinnen verloren, sassen die Gatten einander lange gegenüber. Endlich
sprach Kronberg weiter: Unser Egon ist der ausgezeichnetste Knabe, den ich je
gesehen -
    Dank sei Gottard, der seine Anlagen erweckte! dachte Anna.
    Ich hoffe, er wird einst unter den Bedeutendsten seines Vaterlands zählen,
darum will ich ihm keine berechnenden Erziehungsfesseln angelegt wissen, wie sie
mich während meiner Jugend gedrückt -
    Anna seufzte und schwieg.
    Herr Gottard und Consorten vermögen kaum, den Standpunkt zu erfassen, von
welchem aus der junge Aar seinen Flug beginnen soll. Ja! fuhr er plötzlich, wie
in's Weite blickend, aber sehr trübe fort, er mag die Flügel ungebunden
entfalten und des Vaters Beispiel soll ihn wenigstens vor einer sentimentalen
Störung seiner Carrière bewahren, zu welcher auch ihn die Umstände stossen
könnten, und der in unsern Tagen überall nur die krasseste Lebensironie
entgegentritt.
    Um Gottes willen, Roderich! fuhr Anna bebend auf, was hast du über die
Kinder beschlossen?
    Die Knaben kommen sogleich nach Berlin unter Geierspergs Aufsicht, der sie
in ein bedeutendes adeliges Institut tun mag.
    Anna starrte unbeweglich vor sich hin, der Gedanke an diese Trennung lähmte
ihre Sinne.
    Kronberg sah nach der Uhr, dann sprach er fort: Geiersperg hat mit
bewundernswerter Consequenz Viatti's Sache geführt; zweimal ist er in Mailand
und Neapel gewesen. Graf Gonfalonieri büsst mit lebenslänglichem Gefängnis, was
hier, in schonender Milde, mit Verbannung und einem gegebenen Ehrenwort
abgemacht wurde. Noch in diesem Monat hoffe ich meiner Nichte Ehre gesichert und
die Folgen dieses tollen Schrittes ausgelöscht zu sehen, noch vor Ablauf des
Sommers sie dem Kaiser als Gräfin Viatti vorstellen zu dürfen. Nun so viel
gelungen, steht mehr zu hoffen! Und merke wohl, das danken wir Geiersperg!
Geiersperg, dem Realisten. Mitten im Sprechen hatte Kronberg wieder nach der Uhr
gesehen. Der zweite Act der Medea, sagte er plötzlich in ganz anderem Ton. Darf
ich dich hinfahren? Mein Wagen wird bereits halten. - Eben meldete man St. Luce.
Kronberg liess ihn nicht zum Worte kommen, er musste mit.
    Und die Unglückselige, von tausend rätselhaften Empfindungen und Sorgen
Beängstigte musste in die Oper und das Ballet sehen, von welchem seit drei Wochen
die Rede war, und die Cavatine der Capacelli hören, die alle Welt entzückte.
Kronberg brachte sie in ihre Loge, in welche auch St. Luce ihr folgte, dann
verliess er sie. Sie wusste ihn auf der Bühne oder in der Capacelli Garderobe,
aber sie machte eine glänzende Conversation mit einer Menge sie in der Loge
umgebenden Herren, und war eine brillante, schöne, bewunderte Frau, deren
türkischer Shawl und Schmuck unzählige neidische Blicke auf sich zogen. Das ist
das Leben!
    St. Luce wusste um Louis' Abreise, er flüsterte es ihr zu und sah bewegt aus
dabei. Woher konnte er es schon wissen? In Anna's Seele flackerten die Gedanken,
wie Irrlichter auftauchend und schwindend, sie vermochte keinen einzigen
festzuhalten. Gottard war nicht auf seinem Platze ihr gegenüber. Erst in der
vorletzten Scene gewahrte sie ihn, sie sah, dass er nur kam, um zu erfahren, ob
sie im Teater sei. Nach wenigen Minuten, noch ehe der Vorhang fiel, war er
verschwunden.
    Kronberg liess am folgenden Morgen Annen wissen, er komme nicht zu Mittag
nach Haus. Den ganzen Tag über hiess es: er sei aus. Der heutige Abend war einer
ihrer Empfangsabende, es kamen eine Menge Leute; aber weder Gottard noch
Kronberg erschienen. Anna war in tödtlicher Verlegenheit, sie ersann eine
Entschuldigung um die andere. St. Luce, der ihre Angst sah, verliess die
Gesellschaft, wie er sagte, um Gottard zu sprechen. Einen Moment atmete sie
leichter auf, als sie seinen Wagen aus dem Tor rollen hörte; vergebens, er
kehrte zurück, Gottard war nicht zu Hause.
    Gegen halb elf Uhr kam endlich Kronberg; er entschuldigte sich leichtin mit
der Abreise des hessischen Gesandten, den er in seinem Hotel habe aufsuchen
müssen; er schien aufgeregt, mit Annen sprach er kein Wort.
    In einem Seitencabinet sass ein kleiner Männerkreis, einer unter ihnen
erzählte etwas, worüber alle andern laut auflachten.
    Rutberg gesellte sich ihnen zu; sie begrüssten ihn immer noch lachend als
Mephisto und fragten, ob er seinen Mantel zur Luftreise bereit halte? Rutberg
lachte auch; er schien den Scherz zu verstehen.
    Ob die eigentliche Herzenskönigin ein Gretchen oder eine Helene sei, fragte
man weiter. Ob der tugendhafte Bruder sich zufrieden gegeben habe?
    Gar nicht! fuhr eine Stimme aus der entferntesten Ecke dazwischen, der eine
Bruder hat den andern Bruder auf Rutbergs Anstiften rein ausgeplündert!
    Auf mein Anstiften? fragte Rutberg halb erzürnt, halb belustigt.
    Nun, das heisst auf des Mephisto Anstiften.
    Hat denn Gretel-Helene zwei Brüder?
    Ach nein! der eine andere Bruder - ist der Bruder einer Heiligen, die wir
Alle verehren.
    Der Name wird hier nicht genannt, meine Herren! rief ein blonder Offizier.
    Nicht einmal gedacht, bei solch einer Gelegenheit! setzte ein zweiter hinzu.
    Zum Teufel, so erzählt mir's doch auch!
    Nun also, Helene hat aus früheren Zeiten einen - Bruder.
    Ah so!
    Der Bruder ist natürlich ein Heide und seine Schutzgöttin die Fortuna. Da
aber in der Mytologie immer eine gewisse Identitäts-Confusion vorherrscht, so
hatte Venus früher als Fortuna -
    Anastasius! wenn du uns die Sache ohne Mytologie vortragen möchtest?
    Meinetwegen! Wir haben gestern, wie wir hier sitzen, zusammen im goldenen
Löwen dinirt, den Nachmittag wollten wir ganz unter uns ein Spielchen machen.
Hubert suchte also den Bruder der Capacelli auf, damit er eine kleine Bank
eröffne. Gondi kam; als aber hinter ihm die Türe abgeschlossen werden sollte,
erschien Rutberg mit seinem Pylades.
    Ohne Mytologie! schrie Rutberg.
    Nun, der Graf tat erst etwas scheu und sah uns bloss zu. Rutberg pointirte.
Die Bank verlor; als sie zahlte, legte sie markirte englische Banknoten auf, die
der Graf erkannte.
    Wie denn das?
    Er hatte sie markirt aus England empfangen und die Nummern notirt, wie das
oft geschieht, und gerade diese nämlichen Banknoten am selben Morgen dem weisen
Solon ausgezahlt.
    Der bittere Kelch dieser Erkenntnis verjüngte den Faust, den du Pylades
nennst, er wurde zornig, als wäre er zwanzig Jahre alt.
    Aber Solon rührt ja keine Karte an, er spielt nie!
    Eben darin lag die Affaire! Dem Solon hatte er sie gezahlt, wie kamen sie
denn nach Verlauf so weniger Stunden alle in die Hände des - Bruders?
    Das sieht einer abgekarteten Zufälligkeit so ähnlich, wie ein Ei dem andern,
sagte der Blondin. Glaubte er denn an den Bruder?
    Den Zusammenhang habe ich nicht weg, versicherte ein Anderer.
    Die Frage war: ob der Bruder von seiner Schwester die beiden Noten, die sich
auf etwa vierhundert Florins beliefen, erhalten habe, und für was man sie ihr
gegeben.
    Alle lachten. Rutberg, nun erzähle uns die Geschichte weiter! Du gingst ja,
nachdem Ihr verloren, mit ihm und Gondi fort.
    Was ist da viel zu erzählen! Es fand sich eben, dass noch eine Sorte Bruder
im Spiele sei und sich heimlich aus dem Staube gemacht habe.
    Und nun breitete sogleich Mephisto seinen Mantel aus und ihr flogt nach? -
    Bah! rief Rutberg, wir haben Wien nicht einen Augenblick verlassen!
    Darüber schweigt die Geschichte; die Capacelli aber war unschuldig diesmal,
nicht wahr?
    Eben traten mehre Herren und Damen in das Cabinet, die Offiziere standen
höflich von ihren Sitzen auf, das Gespräch hatte ein Ende.
    Begreifst du, sagte der blonde Offizier im Hinausgehen zu seinem Freunde,
was dieser Satan von Rutberg mit Kronberg vorhat? Die ganze Ueberraschung
scheint verabredet, weshalb hätte sonst Gondi in englischen Papieren gezahlt,
die konnte er ja in fünf Minuten umsetzen? Es steckt irgend eine Teufelei
dahinter.
    Es ist ein grosser Irrtum, zu glauben, dass nur in kleinen Städten geklatscht
wird; beinahe alle Männer in Annens Salon wussten einen Teil dessen, was ihr so
rätselhaft blieb.
    Paola Capacelli war in einem Punkte nicht um ein Haar anders, als die
meisten ihrer Kunstgenossinnen; sie nahm die Auszeichnung, die ihr in vollem
Masse ward, dankbar hin, sie freute sich der berauschenden Huldigungen, die ihr
das Publicum zu Teil werden liess, aber sie würde sie dennoch gern mit den
minder geräuschvollen vertauscht haben, welche die Gesellschaft der schönen Frau
aus höheren Ständen beut.
    Kronbergs Betragen gegen sie, obschon er die reizende Spanierin nicht
liebte, hatte durch die entsetzliche Qual, die ihm seine in einer Andern so tief
gekränkte Eitelkeit verursachte, fast immer etwas Leidenschaftliches; sein
Mistrauen, die täglichen Ungleichheiten seines ganzen Wesens, seine Heftigkeit,
seine Unruh konnten von einer Frau wie die Capacelli sehr leicht als glühende
Liebe gedeutet werden.
    Die unselige Spazierfahrt, auf welcher sie Louis neben Annen gesehen,
erweckte zuerst in Paola's Brust den Gedanken, dass auch die Gräfin einen
Liebhaber begünstige, dass Kronberg um seiner Ehre willen eifersüchtig sei und
die Trennung einer Ketzerehe nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre.
    Die schöne Paola war nicht immer in einer so glänzenden Lebenssphäre
gewesen, als die, zu welcher jetzt ihr Talent sie erhoben. Sie hatte traurige
Tage der Armut und Verlassenheit durchlebt. Das natürliche Kind des elenden
Wirtes einer Posada im Gebirge, ward sie dem armen Flecken, in welchem sie
geboren, schon als Kind von einem durchreisenden Italiener entführt, dem ihre
schöne Stimme aufgefallen. Capacelli war sein Name; er hatte sie unterrichtet,
erzogen, benutzt, verführt - am Ende geheiratet, als sie kaum den Kinderschuhen
entwachsen, um den Gewinn ihres Talents um so gewisser sich zu sichern.
    Sehr natürlich war der alternde Maestro di Capella nicht der Einzige
geblieben, den ihr Gesang und ihre Schönheit anlockten; noch ehe sie die Bühne
betreten, hatte sich ein bisher durch ihr ganzes Lebensgewebe fortlaufendes
Verhältnis zu einem bildschönen italienischen Vagabonden geschürzt, der in allen
Hauptstädten Europas, in denen sie verweilte, bald als vornehmer Reisender, bald
als Glücksritter und Spieler auftrat und wie ihr Planet, obschon minder oft
sichtbar, um seine schöne Sonne sich drehte.
    Seit einem Jahre hatte der Tod die Fessel ihres Ehestandes gelöst und die
Zeit die der Liebe gelockert. Paola und ihr Geliebter waren darüber einig
geworden, dass an eine engere, dauernde Verbindung unter ihnen Beiden zu denken,
eine Torheit sei. Der Bequemlichkeit wegen hatte er sich in Wien für ihren
Bruder ausgegeben. Seine ganz erschöpften Geldkräfte hinderten ihn für den
Augenblick, in der höheren Gesellschaft aufzutreten; er hielt insgeheim in
kleinen freundschaftlichen Cirkeln Bank und erntete im Whist und Ecarté die
nötigen Hülfsmittel dazu.
    Gleich nach ihrer Heimkehr hatte ihm Paola das Begegnen der Gräfin Kronberg
mitgeteilt und ihm befohlen, Nachricht über den Namen und Stand des jungen
Mannes einzuziehen, den sie bei ihr gesehen, was, da Louis und Gondi dasselbe
Hotel bewohnten, keine Schwierigkeiten fand.
    Mehre Tage vergingen indessen doch, ehe er erfuhr, dass Louis Annens Bruder
sei. Paola benutzte während derselben blindlings ihre Macht, Kronbergs
Eifersucht auf die Gräfin zu steigern; das Misverstehen lag nur darin, dass sie
dabei den Fremden im Auge hatte, während jener alle ihre andeutenden Worte auf
Gottard bezog und sich bereits die Zielscheibe der öffentlichen Aufmerksamkeit
wähnte.
    In der heftigen Scene zwischen Kronberg und Louis, welche den Ausbruch
seiner Krankheit veranlasste, war Gondi ein unbewusster Hauptagent gewesen; seine
sanguinischen Hoffnungen, eine Scheidung des Grafen von dessen Gemahlin
herbeizuführen und Paola einst deren Stelle einnehmen zu sehen, hatten ihn zu
sehr gewagten Uebertreibungen verleitet. Er hatte des Grafen Leidenschaft zur
Capacelli mit glühenden Farben geschildert und Louis dadurch noch mehr erzürnt
und verwirrt. Gottards Dazwischenkunft löste endlich alle die Misverständnisse,
indem sie zugleich Louis' augenblickliches Verlassen Wiens erzwang.
    Seit dem letzten Ereignisse waren erst wenige Stunden vergangen, als
Gottard Annen von der Abreise ihres Bruders benachrichtigte und Kronberg an
Gondi's Spielbank sass. Er verliess mit diesem und Rutberg den Saal. Ohne
Umstände hatte ihm der Spieler gestanden, dass, obschon er die Noten aus Louis'
Händen empfangen, dieselben von Gottard stammten, und ihm eine
Schuldverschreibung auf zweihundert Florins gezeigt, welche den Rest der
verspielten Summe ausmachte.
    Sehr natürlich nahm Kronbergs Gefühl sogleich eine andere Richtung; abermals
trat ihm ja des Verhassten Einfluss in Bezug auf Anna entgegen! Er eilte mit
seinem Freunde in das Hotel, von da zur Post; Louis war wirklich abgereist. Fast
wäre er auf den Gedanken gekommen, mit Courierpferden der Post nachzujagen.
Rutberg begleitete ihn überall hin, war aber hinterdrein indiscret und erzählte
die Geschichte einigen guten Freunden, die sie weiter beförderten - und
commentirten.
    Rutbergs Benehmen hatte gar keinen besondern Grund, die Sache amusirte ihn;
vielleicht regte sich die geheime Hoffnung in ihm, durch einen ohnehin
unvermeidlichen, etwas schneller erweiterten Bruch des Grafen und Anna's irgend
einen Vorteil zu ziehen - vielleicht trieb ihn der instinctartige Hass gegen
Gottard; er dachte nicht darüber nach.
    Indessen führte er selbst die Klätschereien herbei, denen wir im Salon
vierundzwanzig Stunden später zugehört; aber alle Anwesenden, die sie
belustigten, bezogen Kronbergs unruhigen Zorn auf die Capacelli, Annens gedachte
Niemand dabei; und geschah es ja, war es nur, um die schöne, liebe Frau zu
beklagen.
    Nachdem ihm am Abend alle Versuche mislungen, seinen Schwager zu erreichen
und ihn noch um eine Erklärung zu bitten, hatte Kronberg, wie wir wissen, zu
Hause in dem Anliegen seines Knaben einen neuen Grund der Erbitterung gegen
Gottard gefunden; im Cabinet seiner Frau war sein erster Blick abermals auf den
Verhassten gefallen. Ein Billet Paola's hatte ihn während des Gesprächs mit Annen
dringend auf die Bühne und nach der Oper zu sich beschieden, wo sie ihm einige
sonderbare Mitteilungen versprach.
    Gottards so entschiedenes Verfahren gegen den ihm als Abenteurer bekannten
Spieler und Louis' fast gewaltsam erscheinende Entfernung hatte Paola und ihrem
Freunde Gondi viel zu denken gegeben. Der weibliche Instinct liess sie vollkommen
richtig raten und sogleich wandten sich ihre Machinationen gegen Gottard. Die
Art und Weise, in welcher sie Kronberg die Sache vorstellte, die höchst
gewandten Fragen, welche sie einer Wiederholung der Erzählung ihres Bruders
verwebte, reiften in ihm einen Entschluss, dessen ganze Torheit er fühlte, ohne
die Kraft zu haben, ihn in sich zu ersticken.
    Als er am frühesten Morgen vor Gottard stand, fiel ihm ein, dass er ihn im
Grunde gar nichts zu fragen habe - was gingen ihn die Zahlungen des Geheimrats
an? -
    Gottard sass, von einer Menge Acten und anderen Schriften umgeben, in seinem
Arbeitscabinet. Ein tiefer Ernst umwölkte seine hohe Stirn; er sah den. Lenz
nicht, der aus dem Gärtchen mit Rosenaugen in seine stille Zelle schaute, er
hörte die Mahnung all der kleinen zwitschernden Vögel nicht, die' so dringend
bittend den Frühlingston der Menschenbrust, das leise sehnende Flehen um Liebe
in seinem Herzen wach zu rufen schienen; er sah das Schattenspiel der
Blütenranken nicht, das auf seinen Papieren phantastisch auf und niedergaukelte
- jeder Sinn war der Aussenwelt verschlossen und nur im tiefsten Innern wuchs ein
einziger schmerzlicher entsetzlicher Gedanke riesenhaft, wie eine unermessliche
Nacht, und überdeckte wachsend mit seinem Dunkel das reiche vollquellende Leben
in und um ihn her, bis es zum Nichts zusammenschrumpfte.
    Es ist grauenhaft, wenn die höchsten Steigerungen des Gefühls und des
sichtenden Gedankens mit einem Male in einer unausweichbaren Ueberzeugung
zusammenfallen, die wie durch einen Brennspiegel mit den Strahlen des Erhabenen,
Ewigen über uns das kleine Hoffnungsleben des armen Menschenherzens verzehrt!
Wenn seine ganze reiche Vergangenheit, all die bunten Elemente des Glücks seiner
Zukunft, plötzlich wie ausgebrannt, schwarz verkohlt vor ihm da liegen, wenn in
Minutenenge lange Jahre einer ganz leer gewordenen und doch noch zu
durchlebenden Zeit drohend aneinander sich drängen! - solche innere Erlebnisse,
solche Vernichtung des Erdenmasses, mit dem wir sonst unsere Tage messen, hat
manch braunes Haar in unbegreiflicher Geschwindigkeit gebleicht, manch
glanzlichtes Auge ausgelöscht, dass es fortan ganz farblos die Gegenstände
zurückstrahlte, manch junges Blut haben sie stocken gemacht, als habe es der
Eisfinger des Alters berührt, - aber, ach! getödtet haben solche Augenblicke
nie.
    Gottard hatte die ganze Nacht hindurch über seine Stellung zu Kronberg
nachgesonnen; es war ihm klar geworden, dass diesem sein sich stets
wiederholendes Entgegentreten in allen engeren Lebensbeziehungen unleidlich
qualvoll sein müsse, dass eine fast übermenschliche Kraft dazu gehöre, es zu
dulden, nachdem Roderich seine und Anna's Neigung zu einander erkannt - und
konnte Gottard zweifeln, dass dem so sei?
    Unbarmherzig riss er den Schleier selbst mitleidiger Täuschung entzwei; er
war entschlossen, seiner Carrière eine andere, neue Richtung zu geben, von Annen
sich zu trennen.
    Seit gestern schauderte ihm vor der Tiefe seiner eigenen Leidenschaft; er
hatte die Unmöglichkeit empfunden, sie in jedem Augenblicke zu zügeln. Anna's
Kummer hatte ihn der Kraft beraubt, sich selbst zu widerstehen. Er wusste, dass
Kronbergs Charakter kein unedler, dass dessen Eitelkeit und Wankelmut die Folge
eines gewaltsam aus seinen Fugen herausgerissenen frühen Gefühls sei; er fühlte
alle diese Gedanken, diese ernsten stillen Mahner mit tödtendem Entsetzen, denn
sie verurteilten ihn. Er konnte sich's nicht leugnen, dem Grafen das
Unerträgliche aufgebürdet zu haben: die Superiorität eines Nebenbuhlers.
    Und plötzlich, wie eine Verkörperung des eigenen Innern stand Kronberg
selbst vor ihm, ruhig, edel in Anstand und Ausdruck.
    Gottard war einen Augenblick zu Mute, als komme jener, ihn zu fordern auf
Leben und Tod. Der Graf hatte sich gefasst; er fragte ihn ganz einfach nach dem
ihm vielleicht bekannten Zusammenhang der Zahlung einer Spielschuld seines
Schwagers, die dessen Mittel zu überwiegen scheine und dennoch abgetragen sei.
Sie fühlen, setzte er hinzu, dass ich der Gräfin einen grossen Schreck verursachen
würde, wenn ich sie direct darum befragte.
    Ich zweifle, dass sie um die Sache weiss, erwiderte Gottard. Er erzählte eben
so einfach, wie St. Luce erwähnt, dass Louis, obschon genesen, von Tag zu Tag
seine Abreise verschoben hätte, wie er selbst darauf ihn besucht, des jungen
Mannes Vertrauen gewonnen und mit ihm zu Abtragung der Schuld eine Uebereinkunft
getroffen.
    Ich brauche Ihnen, Herr Graf, setzte er verbindlich hinzu, nicht erst zu
sagen, dass eine solche von Männern gegeneinander übernommene Verpflichtung kein
Gegenstand des Gesprächs mit einem Dritten sein darf.
    Kronberg schwieg; an der Marmorglätte dieses reinen festen Willens brach
abermals seine Kraft.
    Aber, fuhr Gottard fort, fürchten Sie keinen Flecken auf Ihres Herrn
Schwagers Ehre; alles Nötige ist von ihm selbst im Voraus besorgt und die am
Total fehlende Summe wird noch heute in Gondi's Händen sein.
    Kronberg stutzte. Gottard sah völlig gleichgültig aus. Hier war nur eine
Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Gottard war mit seiner Gemahlin im tiefsten,
innigsten Einverständnisse, oder Louis hatte in rasendem Stolz sein Erbteil
verpfändet; es konnten aber Monate, Jahre vergehen, ehe das aufzuklären war. Sie
haben Sicherheit? fragte er kurz.
    Vollkommne, erwiderte Gottard. Aber nun, Herr Graf, gestatten Sie mir die
Gunst Ihres frühen Besuchs zu benutzen. Mich hat ein Vorschlag, eine Bitte nach
Wien zurückgeführt, deren Erfüllung ich Ihnen sehr ernstlich danken würde. Seine
Unterlippe bebte convulsivisch, seine Stirn blieb klar. Die Hauptfragen beim
hiesigen Gouvernement sind erledigt, dem eigentlichen Juristen bleibt für den
Moment wenig Bedeutendes mehr zu tun. Man hat uns hier den grössern Teil der
gewünschten Aenderungen zugestanden, in den alten Provinzen fordern dagegen die
Gesetzentwürfe zu Einführung ständischer Verfassungen meine Gegenwart und der
Vorschlag des Vertrags mit Russland bedarf einer strengen Revision - ich kam
hierher, Sie zu bitten, Baron Stein vorläufig an meiner Statt die hiesigen
Arbeiten zu übertragen, die etwaigen Memoires aber nach Berlin oder dahin mir
nachzusenden, wohin das Ministerium mich beordert, wenn wir meine hiesige
Aufgabe als vollendet ihm melden.
    Mit unnachahmlicher Klarheit und unsäglich wehmütiger Ruhe legte nun
Gottard dem Grafen seine zum Beschluss gereiften Geschäftspläne für sich und
seinen Stellvertreter vor. Es lag ein fast heiliger Ernst in seinen Worten und
eine so tiefe Besonnenheit, dass Roderich, zur unwillkürlichsten Bewunderung
hingerissen, zauderte, ihm zu antworten. Dies Anerbieten des edeln jungen Mannes
überraschte ihn mit zermalmender Gewalt; er fühlte, dass, was auch Gottard sagen
möge, die Willkürlichkeit seiner Entfernung von Wien ihm künftig
unübersteigliche Schwierigkeiten bereiten und hemmend in seine Tätigkeit
eingreifen könne.
    Noch schwieg er, da öffnete sich die Tür, St. Luce trat aus einem
Nebenzimmer herein. Ohne aufzusehen, reichte ihm Gottard die Hand. General,
sagte er, ich habe bereits dem Grafen meine Wünsche eröffnet. Eine ungeheure
Erschöpfung breitete ihr fahles Grau über seine Züge, es war eine Leichenfarbe,
als habe der Tod ihn berührt.
    Als endlich Roderich ihn verliess, stürzte er an des alten Freundes Brust;
die innere Erschütterung hatte ihn jedes Ausdrucks seines Schmerzes beraubt. Der
General blieb den ganzen Tag bei ihm, pflegte ihn und sprach ihm zu, wie ein
Vater seinem Sohne; aber all seine Beredsamkeit scheiterte an diesem stillen,
stummen Weh.
    Wahrlich, Eins des Andern wert! seufzte St. Luce.
    In Kronberg stürmten indessen Schmerz und Gedanken nicht minder heftig; es
war ihm unmöglich, jetzt seine Frau zu sehen. Tappend, unsicher, wie geblendet,
durchirrte er die Strassen, sah die Menschen nicht, die ihm begegneten, vernahm
nicht, was sie zu ihm sagten, es war, als habe ein unruhiger Wahnwitz ihn
ergriffen. Nach stundenlangem Umhertreiben in Wiens Strassen ging er zur
Capacelli, dort hatte man ihn bereits gesucht. Geschäftliche und gesellige
Anforderungen bemächtigten sich seiner, umdrängten ihn, rissen ihn mit Gewalt in
das Gewirr platter Alltäglichkeit.
    Mit unbeschreiblicher Sorge folgte Paola's Auge jeder seiner Bewegungen;
bebend gewahrte sie die Macht einer Andern auf sein Herz, und ein glühender Hass,
ein unvertilgbarer Wunsch nach Rache an der Gräfin begann sein geheimes Leben in
ihrer Brust zu regen.
    Sie sass zu Roderichs Füssen, küsste seine Hände, umwickelte ihn mit ihrer
Zärtlichkeit, wie mit einem Zauberschleier, all seine Gedanken umrankte, umwob
sie; mit all seinen Sinnen im Bunde, stritt ihre Leidenschaft gegen seinen
Schmerz; abwechselnd launisch, weich, gewaltsam, liess sie nicht ab von ihm, bis
ihr endlich gelungen, ihn mit in den wirbelnden Strudel ihrer eigenen
Empfindungen zu ziehen, und er ermattet, wehrlos an ihrem Busen lag.
    Dann ward sie amusant, tändelnd, fast drollig, was ihrer hohen Gestalt,
ihren markirten Zügen durch den Gegensatz einen Reiz wunderlichster Art verlieh;
leise, leise weckte sie das Leben wieder, das sie erst, wie vernichtend, in sich
gesogen, sang ihm ihre Sirenenlieder vor und wendete in diesem seltsamen Spiel,
das man eine Gefühlsorgie nennen könnte, das Herz ihm in der eigenen Brust, bis
er willen- und bewusstlos die ganze übrige Welt in ihren Armen vergass.
    Gottard hatte sich daheim still in sich beruhigt, der Abend war
herangekommen, er rang mit dem Entschluss, zu Kronbergs Soirée zu gehen - sie zu
sehen.
    Gebe Gott, sagte er ernst, dass der Graf nicht allzulange zögert; die
Hauptschritte zu meiner Versetzung müssen wir Beide zugleich tun. Ohne
Bewilligung des Cabinets kann ich nicht abreisen, diese nicht erhalten, ohne
seine officiell ausgesprochene Zustimmung.
    Wenn er ihr wenigstens die Knaben liesse, murmelte der alte St. Luce
trübsinnig vor sich hin; er will sie nach Berlin schicken.
    Das wird er nicht, erwiderte Gottard sehr bitter, wenn ich hingehe.
    St. Luce verliess ihn, um nach Annen zu sehen. Gottard hatte versprochen,
ihm zu folgen; aber als er gehen wollte, vermochte er es nicht, es war ihm mit
einem Male unmöglich geworden, gerade heute, unter so vielen fremden Gesichtern
sie zu sehen; als St. Luce zurückkehrte, um ihn zu holen, fand er ihn nicht mehr
zu Hause.
    Anna verging der Abend in tödtlich beklemmender Sorge. Als die letzten
Anwesenden sich entfernten, war Kronberg schon wieder verschwunden, ohne auch
nur ein Wort an sie gerichtet zu haben.
    Ihm war zu Mute, als habe er eine Art Hinterlist gegen sie gebraucht, er
schämte sich, ohne deutlich zu wissen, weshalb. Das ritterlich Loyale seines
Wesens empörte sich gegen den Wunsch, Gottards Anerbieten anzunehmen, und
machte ihn verwirrt und befangen.
    Am nächsten Morgen lag Anna an einem nervös-hitzigen Fieber gefährlich krank
darnieder. In ihren Phantasien rief sie stundenlang Gottards Namen, dann wieder
die ihrer Knaben; waren diese bei ihr, so ward sie stiller, liess aber keinen
derselben los, wenn ihn ihre Hand erfasste. Eine unsägliche Angst schien sie zu
verzehren.
    Jetzt war Kronberg wahrhaft beklagenswert. Sophie wandte die höchste
Sorgfalt an, das Verletzende zu bergen, ihn während der wilden Ausbrüche ihres
Deliriums von Annens Lager entfernt zu halten, vergebens! In wütend
wahnsinnigem Schmerz klagte er nicht sie, sondern sich selber an, als suche er
mit übertreibender Heftigkeit an der eigenen Qual sich zu weiden, und verliess
kaum ihr Zimmer. Zur Capacelli ging er gar nicht in diesen Tagen.
    Als er aber einmal während eines etwas beruhigteren Schlummers der Kranken
in seine Stube trat, fand er drüben Paola, in Tränen aufgelöst, am Boden
kniend, vor einem seiner Fauteuils; sie betete und mischte unwillkürlich in die
Worte ihres Rosenkranzes wilde Drohungen und Verwünschungen gegen ihn. Der
spanische, etwas fanatische Charakter der Schönen sprach sich herb und bitter
aus, fast war's Verachtung, die sie Roderich zeigte; als sie ihn aber genauer
ansah, stürzte sie mit lautem Aufschrei in seine Arme. Unwillig drängte er sie
zurück und begegnete ihr hart; weder ihr Mitleid mit seinen eingefallenen Zügen,
noch ihr Zorn vermochten es, ihn zu rühren.
    Duguet sass Tag und Nacht im Vorzimmer, dicht an der Tür des Cabinets seiner
Gebieterin und harrte irgend eines Befehls; waren sie nicht bei ihr, hielt er
die beiden Knaben auf dem Schoose, die mit ihm weinten.
    Gottard kam wohl zwanzig Mal des Tages zu Sophien, um Nachrichten
einzuziehen. Mehre Mal fand ihn Kronberg in deren Zimmer; er sass gebeugt, in
starrem Schmerz still vor sich hinblickend, so versteinert da, dass er den vor
ihm stehenden Grafen nicht einmal gewahrte.
    Als aber nach zehn, zwölf Tagen die Lebensgefahr vorüber war, reichte
Gottard sein Gesuch um vorläufige Entlassung an das Ministerium beim Grafen ein
und forderte ihn auf, demselben seine schriftliche Zustimmung beizulegen.
    Während man einer Antwort von Berlin aus harrte, übernahm St. Luce, welchem
man den Zutritt nicht länger zu weigern vermochte, die Kranke, die nun ausser
Bett in ihrer Chaise longue lag, auf Gottards mögliche Entfernung
vorzubereiten. Wehmütig reichte sie dem alten Freunde die Hand. Ich wusste es!
war Alles, was sie sagte.
    Kronbergs Stimmung hielt nicht Stich, sie verwandelte sich, wie Annens
Genesung vorschritt, mit jedem Tage mehr und mehr. Der Bruch mit der Capacelli
war zu grell zur Dauer, er sah sie wieder und versöhnte sich mit ihr. Schon
jetzt nahm er Gottards Entfernung von Wien als etwas hin, das sich gebühre, dass
seiner und Anna's Ehre wegen unvermeidlich, folglich kein Opfer sei; er war
wieder der vornehme, vom Glück verwöhnte Aristokrat, der des Untergeordneten
Dasein kaltblütig verbraucht.
    Noch einmal sah Gottard sie wieder, aber nicht allein; St. Luce begleitete
ihn hin. Anna sass zwischen ihren Kindern; sie und Gottard waren Beide
überzeugt, dass vor der Hand von keiner Trennung der Knaben von ihr die Rede sei.
Sie kannten Kronbergs Charakter und verrechneten sich nicht; ihm war zu Mute,
als sei das Bleiben Egons der Kaufpreis für Gottards Entfernung; obgleich er
sich überredete, er würde dieselbe mit Gewalt erzwungen haben, wenn der junge
Mann nicht von selbst den Forderungen der Umstände nachzugeben sich
entschlossen, so fiel ihm doch nicht im Traum ein, an diesem Preise zu mäkeln.
Alles Markten und Feilschen war ihm von Grund der Seele aus zuwider. Es mag so
bleiben, sagte er sich, bis über's Jahr; der Kinder Anwesenheit wird sie für
jetzt beruhigen und ich bringe dann später die beiden Knaben zugleich zu
Geiersperg.
    Gottard schrieb Annen einige Abschiedszeilen; es waren wenige Worte, aber
wie mit seinem Herzblut geschrieben. Sie weinte so heimlich, dass nicht einmal
St. Luce ihre Tränen gewahrte. Ueberhaupt war Anna seit der Krankheit sehr
verändert, die Trennung zerdrückte ihre noch nicht wieder erstarkte Körperkraft.
    Trennung! ein Wort, das man tausendmal hört und ausspricht, das man in
tausend verschiedenen Gestaltungen in's Leben treten sieht und doch niemals in
seinen Folgen im Voraus richtig begreift! dem Einen ein Ballast, der sein
Lebensschiff im Gleichgewicht erhält, dem Andern der Stein, der ihn in die
Todestiefe des Stromes hinabzieht; Jenem ein Hauch, ein Nichts, das er vergisst,
indem er kaum es ausgesprochen, Diesem ein schweres Dunkel, das ihn lebenslang
umgibt, in welchem er sich selbst verliert; - Ihr war's Erstarrung,
Winterseelenschlaf. Sie vergass der Trennung nie, in keiner Zerstreuung, in
keinem Interesse, keiner Arbeit, ja sogar in keinem andern Schmerz. In jeder
Secunde fühlte sie Gottards Entfernung, wie man ein abgetrenntes Glied des
eignen Körpers fühlt, immerfort es entbehrend, immerfort im Entbehren die
Gegenwart seines Schattenbildes dunkel empfindend. - Sie schrieb ihm nicht, sie
fragte selten nach ihm; wenn ihr St. Luce zufällig eine Nachricht brachte,
kostete das kleinste Wort derselben ihr einen ganzen Tag, sie konnte sich dann
auf nichts mehr besinnen und ging umher wie ein Automat.
    In der Gesellschaft sagte man: das Nervenfieber habe sie sehr stark
angegriffen, und der diesjährige Sommer sei zu heiss.
    Aber der Sommer und sein Siroccohauch verflogen - ihr Zustand war der
nämliche geblieben: da brachte der October mit seinen bunten Blumen, die alle
»Rosens spielten« und den Frühling nachäfften, die eine wahrste duftigste
Frühlingsblüte, Leontinen.
    Leontinens Lebenssonne stand im Zenit. Jean Carlo war begnadigt, das heisst,
er war verbannt - verbannt auf zwanzig lange Lebensjahre, mit dem Vollgenuss
seiner Einkünfte.
    Der Marchese Viatti trat in Wien mit solchem Glanze auf, dass Kronberg
erschrak; er fürchtete, man werde einen Teil der schon gewährten Concessionen
zurücknehmen. Er irrte; Oesterreich liebt die Pracht und den Reichtum, wie es
die Wohltätigkeit liebt und dem Hochstehenden wie dem Gemeinen gern den Genuss
gewährt und bereitet, den materielles Wohl verleiht.
    Das junge Paar mietete sich ein schönes Hotel, sah viele Leute bei sich;
und da eine so nahe Verwandtschaft jede Rivalität aufhob, erhöhte sein
brillanter Haushalt den Nimbus, der Kronbergs Gastlichkeit umgab. Die beiden
Familien erhielten ein ungeheures Uebergewicht in der höhern Gesellschaft.
    Sophie war fast immer auf dem Wege zwischen beiden Häusern. Bei Annen
hielten sie die Kinder, und dann bedurfte ja die Kleine, wie sie insgeheim immer
noch die Marchesin nannte, ihrer nicht - die war so glücklich! - Duguet war
nicht recht zufrieden mit dem Allen. Leontine hatte dem Dringen Jean Carlo's und
der innern Unruhe ihres Gemüts nachgegeben - sie war zum Katolicismus
übergetreten! Ob sie den so oft und schwer vermissten Frieden dadurch errungen,
war in diesem Augenblick der vollen Blütezeit ihrer äusseren Verhältnisse schwer
zu entscheiden; kam sie doch kaum zur Ruhe des Nachdenkens über das
Allernächste.
    Duguet also war sehr unzufrieden mit diesem Schritt. A quoi bon ces bêtises?
sagte er in seiner Revolutionsweisheit; er war nicht mit dem neuentstandenen
Kaisertum Bonaparte's zur alten Religionsform zurückgekehrt, die Déesse de la
raison, die zu seiner Zeit ein sehr schönes Mädchen und später ein altes
garstiges Aepfelweib in Bonn war, steckte ihm noch im Kopfe.
    Sophie gehörte dem Realismus an: sie fand den Schritt nötig, der künftigen
Kinder der Marchesin wegen. Kronberg kümmerte sich gar nicht darum; Anna blieb,
wie immer, mild in ihrem Urteil, sie begriff das Abschwören nicht, sie
vermochte nicht an dessen absolute Aufrichtigkeit und Wahrheit zu glauben.
Geiersperg, der das Ehepaar nach Wien begleitet hatte und so viel für dessen
Vereinigung getan, war, als er es erfuhr, mit Leontinen gleich zerfallen; er
war ein eben so echter Protestant als loyaler Legitimist, der Religionswechsel
schien ihm sündlich.
    Selbst Annen gelang es nicht, ihn milder zu stimmen.
    Wenn sie nur Jean Carlo genug liebt, um nie zu bereuen, sagte sie ihm, so
ist's ja gut! Gott ist zu gross, um in der Wandlung der blossen Form eine Sünde zu
sehen; seit Ewigkeiten schaut er dem Wechsel alles Menschenwesens zu, er wird
auch hierin das Unabwendbare seiner gegebenen Naturgesetze gelten lassen. Sind
denn die Veränderungen, welche Alter, Krankheit, Schmerz oder Glück oft
plötzlich in unserer ganzen Sinnesart hervorbringen, kleiner? Schwört nicht der
Greis die edeln Träume seiner Jugend ab? Und ist der Tod nicht vielleicht ein
weit grösserer, auf eignes Wollen erbaueter Uebertritt zu einer neuen Form der
Anschauung des Höchsten?
    Aber der Alte küsste sie und erwiderte: Wenn ich Gott meinem Herrn zwanzig
Jahre als Cuirassier gedient, warum soll ich denn im einundzwanzigsten mein
Regiment verlassen, die Uniform changiren, um ihm als Infanterist das Gewehr zu
präsentiren? Du meinst es gut, Kindchen, aber du glaubst selbst nicht daran.
    In einzelnen Minuten flog eine Wolke durch Leontinens reines Blau der
Gegenwart; der eine Schritt hatte sie all den Ihren, vielleicht sogar ihrem
Vaterlande entfremdet.
Daheim in Berlin sass Josephine in stillem, sorgendem Kummer versenkt, täglich
Briefe aus Wien erharrend oder schreibend. Ihre alte, schöne Heiterkeit, ihr
Vertrauen auf das Glück ihrer Leontine kehrten nicht wieder. Der Glanz, der ihre
Kinder in der Kaiserstadt umgab, freute sie wenig, sie war noch aus der Zeit, wo
Comfort, Häuslichkeit und eine gemütliche Gastfreundschaft höher galten, als
eigentlicher Luxus; war nur immer Alles um sie so elegant, sauber und genügend
für die sie Umgebenden, so vermisste Josephine nichts.
    Leontinens Uebertritt hatte sie tief verletzt, auch sie vermochte nicht an
die Dauer einer so im Fluge gewonnenen Ueberzeugung zu glauben, eben so wenig
traute sie Jean Carlo's Trennung vom Carbonarismus und den mit seiner ganzen
Individualität so eng verwachsenen italienischen Verbindungen.
    Fiel ihr Blick in die Zukunft, so bangte ihr noch mehr; sie fürchtete,
Leontinen könne viel Trauriges bevorstehen; woran sollte ihr Gemahl in Preussen
seine Interessen knüpfen? Deutschland war ihm fremd, keine Art fester
Beschäftigung verband ihn mit demselben. Niemand nahm an seinem Streben Anteil,
sogar die Gegenstände seiner Bewunderung in Kunst und Wissenschaft hatten eine
der deutschen Ansicht fremdartige Färbung. Die neuere, meist didaktische
italienische Poesie kann bei uns kein Element der allgemeinen Bildung werden;
der Ausdruck seiner Vaterlandsliebe konnte leicht eben so wenig Anklang finden,
denn seine excentrisch-grandiosen, auf Traditionen versunkener Grössen erbaueten
Lebensanforderungen mussten diesen durch lange herbe Erfahrungen gereiften
Männern, all den Professoren, Beamten und Offizieren, welche den Kern unserer
Gesellschaft bilden, im Vergleich zu dem, was in Neapel wirklich geleistet
worden, ein Lächeln ablocken, während sie den Staatsmännern strafbar erschienen.
Und doch lag eine so tiefe Wahrheit in der Glut dieser Jünglingsseele, ein
solcher Mut der Selbstaufopferung in diesem festen Glauben an eine mögliche
bessere Zukunft. Josephinen traten die Tränen in's Herz. Wie lau erschien das
allgemeine Mitleid, wie arm das Wort der Teilnahme an all den Qualen, die Jean
Carlo durch Wiens brillantes Gesellschaftsleben hindurchtrug, unter dessen Glanz
er schweigend das einmal Uebernommene mit verbissenem Ingrimm, einem Gefangenen
gleich, der die Kette nachzieht, mühsam und schwer durch seine Tage schleppte.
    Und nun sollte und wollte der Verbannte künftig in Berlin leben und Ruhe
halten und in den einmal angenommenen Formen und Grenzen der
staatsgesellschaftlichen Zustände ausharren, ein langes Menschenalter hindurch!
    Josephine seufzte recht schwer; fast scheute sie diesmal Geierspergs
Rückkehr, der gewissermassen durch seines Schützlings Aufentalt in Wien die
früher für diesen getanen Schritte rechtfertigen musste, und plötzlich durch den
erst hier ihm bekannt gewordenen Religionswechsel Leontinens beleidigt und
schmerzlich erregt, Wien selbst verliess, weil er durchaus mit seiner Frau fort
und auf seine Güter ziehen wollte, um den Scandal nicht mehr zu sehen, dass ein
Freifräulein des alten protestantischen Geschlechts der Waldau katolisch
geworden!
Am Lager einer schönen blühend jungen Frau stand reisefertig ein kräftiger, auch
noch junger Mann und suchte sie sehr sanft durch einen leisen Kuss zu wecken. Die
schöne Schläferin hatte eine ungemein zierliche Hand auf das seidne Deckbettchen
einer dicht neben ihr stehenden Wiege gelegt, deren leisestes Schwanken sie wach
rufen musste. Sie mochte spät eingeschlafen sein, denn die ganze Einrichtung des
Gemachs deutete auf bürgerlich frühe Stunden; die Sonne aber stand schon hoch
und sie schlief noch so sanft und fest, als wäre das ihr erster Schlaf vor
Mitternacht. Das kleine Mädchen in der Wiege sah dem Vater ähnlich, nur war es
lichtblond, und auf dem weissen Kopfkissen lagen die klaren Löckchen wie
Goldfädchen einer Stickerei und duldeten in ihrer Fülle das Mützchen nicht, das
sie nach hinten zurückgeschoben.
    Im Zimmer sah es ungemein friedlich und wohnlich aus; von Luxus war nicht
viel zu bemerken, die Möbel waren derb und doch zugleich geschmackvoll, von
Eichen- und Nussbaumholz; in den Ecken und wo eben ein freier Platz sich
gefunden, hatten sich recht gelehrt aussehende Bücherschränke eingenistet, auf
welchen Prachtexemplare von Mineralien, Glasretorten und allerlei physikalische
Instrumente so zierlich aufgestellt waren, dass sie beinahe einen Schmuck
bildeten. Das Wohnzimmer, das sich an diese geräumige Schlafstube schloss, war
ganz morgensonnenhell, die weit zurückgelegten grünen Jalousien liessen das Auge
zum Fenster hinaus über den Garten in eine Schweizergegend zu weit entlegenen
Bergen hinschweifen; seitwärts lag eine graue Stadt, es war Basel.
    Endlich schlug die junge Frau ein Paar wunderschöne, dunkle Augen auf und
ein lichtes Freudenrot rötete ihre Wangen; sie begrüsste mit dem frohen Blick
zugleich den Tag, ihr Kind und ihren Mann, pfeilschnell von dem einen zum andern
fliegend, so dass sie nicht einmal sogleich seine Reisetracht gewahrte. Vrenely,
sagte Otto, indem er sich neben das Bett und die Wiege setzte und seiner Frau
herzlich die Hand zum Gutenmorgen bot, während du die Angst der stürmischen
Nacht ausschliefst, hat sich mein innerer Horizont stark umwölkt. Ich habe einen
Brief von Duguet bekommen und werde in einer Stunde zu Annen reisen. Sie hat
Kronberg verlassen. Ich möchte dir das Alles gern unter Gottes freiem Himmel
erzählen. Steh' auf, mein Kind, und komm' mir nach in den Garten!
    Noch einen Augenblick stand er an der Wiege, wie innerlich Abschied nehmend
von dem süssen Kinde, und sah, still gerührt, dessen rosiges Gesichtchen sich an;
zu küssen wagte er es nicht, aus Sorge, es zu wecken.
    Vrenely nickte ihm ihre Beistimmung zu, sie sprach fast weniger noch als
sonst, aber nach zehn Minuten schon sass sie neben Gottard auf der Rasenbank und
las, über seine Schulter hingelehnt, den traurigen Brief mit ihm zugleich.
    »Lieber Herr! schrieb Duguet, ich muss Ihre Hoffnungen leider alle auf einmal
zerstören. Es ist gar nichts besser geworden, seit uns die Familie des Grafen
Viatti verlassen. Schlimm, ganz schlimm ist es geworden. Schon im vorigen Jahre,
nachdem dieselbe im Februar nach Berlin gereist war, lebte unsre Frau Gräfin
sehr still; sie blieb des Tages über fast immer allein, ging selten in
Gesellschaft, sah deren aber zu Haus an den vier Empfangsabenden, weil es der
Herr so wollte. Monsieur de St. Luce kam alle Tage zu ihr - ach! was hat er oft
im Stillen gelitten um sie! - aber sie klagte nie; man sah ihr nur den
heimlichen Kummer an.
    Im vorigen Herbst hatte der Herr Graf der Mad. Capacelli ein schönes
Landhaus gekauft und es sehr kostbar einrichten lassen, da brachte er meistens
seine Abende, oft auch die Mittagsstunden zu. Es war etwas wie eine gläserne
Wand zwischen unserm Herrn und der gnädigen Gräfin. Seit Herrn Gottards Abreise
von Wien hatte sie keinen Mut mehr; und nachdem einmal ein Brief des Herrn
Louis Müller an den Grafen gekommen, schien dieser innere Zwiespalt noch um
Vieles zugenommen zu haben. Der Herr Graf machten der gnädigen Gräfin eine
furchtbare Scene, in welcher sie, wie es mir vorkam, mit grosser Festigkeit
antwortete, sie wisse um diese Sache nicht.
    Von da an ging es immer schlimmer; so lange aber der kleine Joseph im Hause
blieb, sorgte sie für das Kind, das leider sehr kränklich ist, das zog sie von
sich ab. Als jedoch Joseph in Pension zu seinem Bruder kam, lebte sie eigentlich
nur an Sonn- und Festtagen, wo sie die beiden Knaben sah.
    Unser Egon ist so wunderbar entwickelt, dass er mit zwölf Jahren einem
Jüngling von sechszehn gleicht; er hat in allen Classen die ersten Preise
davongetragen, ist fest und entschlossen wie ein Mann. Vor etwa acht Tagen hiess
es plötzlich, nun sollten Beide nach Preussen, Joseph in ein Cadettenhaus nach
Berlin, Graf Egon nach Brandenburg in die Ritterakademie, um zu einem
vollkommenen Cavalier erzogen zu werden. Nun, das muss man unserm gnädigen Herrn
lassen, er ist selbst tapfer und ritterlich und voll feiner Sitte, wie ein
Marquis aus der alten guten Zeit.
    Unglücklicherweise soll jedoch unser Egon schon so viel gelernt haben und
ein so grosses Genie sein, dass er über ganz Brandenburg und die Ritterschule weg
ist; ich glaube auch selbst, dass er mit zwanzig Jahren Minister werden könnte.
Es sei ratsam, ihn in Berlin zu lassen, meinte die Familie. Das gab viel
Streit, es wurden sehr viele Briefe geschrieben und ich weiss nicht, wovon
eigentlich die Rede war; der Herr Graf wurden aber mit einem Mal sehr heftig,
was sie sonst selten in so hohem Grade sind, und befahlen, der Knabe solle
gleich am folgenden Tage mit Mad. Capacelli, die zum Gastrolliren nach Berlin
ging, dahin abreisen. Ich glaube immer noch, dass dem Herrn das Gastrolliren
fatal war, denn er hat gewünscht, die Spanierin möge die Bühne ganz verlassen;
sie aber soll geäussert haben: nur eine Heirat könne ihr diese Pflicht
auferlegen.
    Stellen Sie sich vor, bester Herr Professor! dass nun plötzlich unser Egon
erklärte, er wolle lieber zu Fuss nach Berlin gehen, als mit Mad. Capacelli
fahren, unter dem Schutze einer fremden Comödiantin reise ein Graf Kronberg
nicht! Unser Herr schäumte vor Wut - die Capacelli musste es wohl verlangt haben,
um ihr Ansehen an den Tag zu legen! - nun sollte die Gräfin Schuld sein an des
Knaben Weigerung. - O lieber Herr! was für ein Auftritt! Als endlich die
Saalklingel fünf bis sechs Mal heftig angezogen ward, stürzten wir, der Jäger,
meine Frau und ich, Alle hinein - da lag unsere liebe, schöne Gräfin,
todtenbleich und ohnmächtig auf der Erde in ihres Sohnes Armen. Er kniete neben
ihr und sah aus wie der richtende Erzengel Michael. Der Graf befahl uns, seine
Gemahlin, die unwohl geworden, sogleich zu Bette zu bringen, und verliess das
Zimmer, ohne Egon eines Blickes zu würdigen.
    Diesen Abend ward Niemand vorgelassen, nicht einmal Herr von St. Luce. Gegen
Mitternacht rief die Gräfin meine Frau und befahl, Alles zu einer Reise Nötige
für sich und Graf Egon zu packen; sie wolle nach ihres Gemahls Wunsch und Befehl
ihren Sohn selbst nach Berlin und Brandenburg geleiten; Niemand anders solle ihn
hinbringen.
    Sie schrieb noch einige Zeilen an den Herrn, die ich, so spät es war, selbst
hinübertrug zur Madame Capacelli. Drüben hatte es auch Verdruss gegeben; die
Erzherzöge und andere hochgestellte Personen hatten sich bei dem Herrn Grafen
nach dessen Gemahlin dringend erkundigt und eine so grosse Verehrung und Liebe
für sie ausgesprochen, dass der unvermeidliche éclat dem Grafen steinschwer auf's
Herz gefallen, was nun freilich die Sängerin entgelten musste, obschon sie
unschuldig daran war. O, lieber Herr Professor, wie sehr hat sich unser Herr
verändert! Wer hätte das für möglich gehalten! Er war sehr hart gegen Beide; mir
aber befahl er sogleich, am frühesten Morgen solle Egon bei ihm sich einfinden,
dann werde er das Uebrige bestimmen.
    Wir fuhren in unsern Reisevorbereitungen fort. Graf Egon war immer noch am
Bett seiner Mutter. Als sie unsere Antwort vernahm, verlangte sie aufzustehen,
um noch Einiges selbst zu ordnen; Sie wissen, sie hat immer späte Stunden
geliebt.
    Als wir aber nach einer Weile den Grafen Egon wieder im Zimmer seiner Mutter
hörten, liefen Sophie und ich an die Türe desselben. Ach Gott! in meiner Angst
beging ich etwas - qui est indigne! - ich sah durch's Schlüsselloch - da lag die
Gräfin mit gefalteten Händen und strahlendem Gesicht, es leuchtete wie das einer
Heiligen; mit gebogenen Knien lag sie vor dem zürnenden Kinde, das, wie wir gar
wohl aus seinen Worten vernommen hatten, den Vater anklagte, dass er die Mutter
zu Tode kränke. Alle ihre Vorstellungen hatten ja nichts gefruchtet. Egon fing
die angebetete Mutter in seinen Armen auf, drückte sie mit tausend Liebkosungen
an's Herz und schwur ihr, fromm und sanft wie ein Lamm den Vater anzuhören und
ihm zu gehorchen. Wie Diamanten standen die Tränen in seinen blitzenden,
zornigen Augen, aber er zwang sich zum Gehorsam und hielt auch am nächsten
Morgen Wort.
    Noch einmal kam der Herr Graf zu seiner Gemahlin, was aber unter ihnen
verhandelt worden, erfuhren wir nicht. Nach dieser Unterredung beschied sie
Sophien und mich zu sich und befahl mir - nein, der Engel bat mich sogar - beim
Grafen zu bleiben, damit der Herr einen treuen Diener um sich habe, die Reise
sei ja von nicht langer Dauer; da wusste ich aus ihrer Verlegenheit, woran ich
war. II faut respecter toujours les dehors! Ich blieb. Monsieur de St. Luce gab
ihr seinen alten Diener August mit, der gewiss meine Stelle ganz ausfüllen wird.
Der General ist auch ein Stück mitgereist; läge der Herzog von Reichstadt nicht
darnieder, hätte er sie bis hin begleitet. Ganz spät Abends sind sie Alle
abgefahren. Der Graf war ausgeritten, um ihr auf der ersten Station wieder zu
begegnen, hiess es. Ja, sie hat ihn nicht wieder gesehen; aber die Sache ging
still und ohne Aufsehen ab.
    In meinem Herzen aber ist eine unsägliche Angst; in Berlin wird sie nicht
bleiben. Herr Gottard ist in Paris, ich wage nicht, ihm zu schreiben. - Was
General Geiersperg zu der Geschichte sagen wird!
    An Sie, mein Herr Professor, glaubte ich, schreiben zu müssen; vielleicht
gibt Ihnen das Herz etwas ein, das traurige Geschick unserer lieben Gräfin zu
erleichtern.« etc. -
    Ja wohl, lieber Otto, musst du hin! sagte Vrenely. Wie ich gesehen, lässt du
das Lisely auch schon einpacken; ich will ihm helfen. Und - fuhr sie, auf halbem
Wege umkehrend, fort, indem sie dicht an ihn trat und ihre kleinen Hände auf
seine hochschlagende Brust legte, so lege du ihr unser Glück an's Herz, wie ich
mich an das deine, als einen stillen Trost! Es hat mir lange geahnt, dass sie es
nicht aushalten werde; dass aber Egon die Trennung herbeiführen musste, ist hart.
Denke ich mir die Möglichkeit, dass je unsere kleine Anna zwischen dich und mich
treten könne, möchte ich lieber die Welt verlassen, in der ich doch so himmlisch
glücklich bin.
    Otto zog sie schweigend in seine Arme. Aber er war schon halb auf der Reise.
Hältst du, fuhr er mit einem Male auf, die Trennung für eine dauernde?
    Ja, Otto, erwiderte sie fest. Anna tut nichts halb. Nun lass mich einpacken
gehen.
    Und abermals blieb sie stehen. Otto, du wirst reiche Stunden haben, schöne
und schwere. Versprich mir - sie stockte. - Was, mein Engel? - Sie von Grund aus
rein zu geniessen, wie Gott sie gibt, ohne Vor- und Rückblick, ohne gemachte
Gewissenssorge, die unnütz ist, denn ich traue dir! Und Gott traut dir auch,
sonst würde er dir nicht die wunderliche Aufgabe senden. - Sieh', mein Liebster,
fuhr sie fort, und schlang wieder den Arm um seinen Hals, ich bin so ruhig, weil
ich weiss, - blühte dir dort ein eignes Glück, so liebe ich dich genug, - um
deinetwillen den herbsten Schmerz zu ertragen und dir meines hinzugeben; aber
dem ist nicht so; du bist der Gärtner nur, der einem Andern die schöne Blume
pflegt. Ob der sie jemals blühen sehen wird - ja das ist eine andere Frage.
    Otto errötete. Du aber, sprach sie freundlich weiter, pflege die Blume;
weisst du gleich nicht, wem Gott sie schenken wird, dem Tode - dem Leben - dem
Glück? - Alles gleichviel! Pflege die Blume, wie die Parsen, von denen du mir
erzählst, die Quellen in Kanäle fassen zu seiner Ehre.
    Als sie fort war, fuhr Otto ein paar Mal krampfhaft nach seinem Herzen; eine
dunkle, trübe Stimmung, eine schaudernde Erinnerung vergangener Schmerzen
ergriff ihn. Gewaltsam strich er die dunkeln Locken aus der Stirn und biss die
Lippen fest zusammen, dann aber ermannte er sich rasch und ging zu Vrenely.
Heiter ordnete das schöne Paar Alles zur Abreise und nach einer Stunde flog sein
Char-abanc durch's Tal.
    Nachmittags kamen die Nachbarinnen, sie hatten ihn fahren gesehen. Was ich
froh bin, sagte Vrenely, ich hab' den Otto zu seinen Verwandten persuadirt, ich
wollte seine Stube während den Ferien malen lassen. Bei so was taugt der Mann
nicht im Haus; kehrt er zurück, ist Alles schmuck und sauber.
    Die Tränen, die Vrenely die halbe Nacht hindurch vergoss, sahen weder Otto,
noch die Nachbarinnen.
Es ist eine sonderbare Erfahrung, dass fast jedes irgend bedeutende Menschenleben
seinen tragischen Zeitpunkt hat; alltägliche Verhältnisse, deren Druck man Jahre
lang ertragen, überwachsen mit einem Male, exotischen Gewächsen gleich, unser
Streben, unsern Charakter, unsere Umgebung. Die bittere Aloeblüte einer solchen
Erhöhung unseres Zustandes ist leider darin von ihren Schwestern verschieden,
dass sie häufiger ihren Kelch entfaltet; indessen hat dennoch meistens das
Menschenleben nur eine einzige solche Periode, deren Steigerungen alle zum
nämlichen Ziele führen und dem Rest der Tage die Grundfarbe geben. -
    Leontinens Wagen hielt in Brandenburg vor dem bescheidenen Hause, das Anna
bewohnte. Sie sprang aus demselben und eilte hinauf. Ich konnte es nicht mehr
aushalten, ohne dich! rief sie der Freundin entgegen. Es ist seelentödtend, Papa
und Mama Domino und Piquet spielen zu sehen, in der Gesellschaft leere Floskeln
über Navarin zu hören und dabei Jean Carlo's tiefe Herzensglut auf unserem Herde
Kartoffeln sieden zu lassen! O, wäre der Unglückselige unerweckt auf dem Felde
der Ehre gebettet geblieben, nachdem er den kurzen, schönen Freiheitstraum
geträumt!
    Vergebens versuchte Anna ein Paar tröstende, mildernde Worte; Leontine
schüttelte wehmütig das Haupt und fuhr fort: das ist es eben, er verschweigt
mir, wie den Andern, aus Schonung seinen Gram, aber ich sehe ihn - und doch,
Anna, langweilt er mich auf's Entsetzlichste. Ich möchte ihn lieber Gift und
Dolch handhaben sehen, als dieses Nichtstun und sich so durch die Tage
Hinschleppen an ihm erleben! Dieses Verdämmern der tiefsten Seelenkräfte in
dumpfem Hinbrüten, und dann das Spielen mit Kleinigkeiten, grosser Gott! wie kann
ein Mann - ich bin ganz matt und müde davon, darum komme ich zu dir.
    Und glaubst du denn, fragte Anna, dass ihn die so gesunkene Carbonaria noch
interessirt, dass er sein Wort gebrochen und neue Verbindungen mit ihr angeknüpft
hat?
    Ja und nein! Er ist nicht aus einem Guss; das ist ja eben das Elend! Da er
heilig gelobt hat, sich nicht mehr in diesen Wust schwächlicher
Freiheitsversuche hineinziehen zu lassen, wird er Wort halten, das heisst, auf
seine Art: er wird zu jenen Zwecken nur sein Vermögen den Einzelnen zuwenden,
Geld auf Geld verschleudern, aber keine Details anhören. Drängen sie jedoch
jemals gewaltsam an sein Ohr, so ist wohl kein Zweifel, dass er mich verlassen
würde im ersten als wichtig sich ankündenden Moment, um vielleicht nutzlos sein
Haupt dem Beile preiszugeben. Die ganze Sache ist allmälig fixe Idee in ihm
geworden.
    Mir scheint, du vergisst seine Nationalität. Hat er dies unermüdete
Wiederauffangen abgerissener und verlorener Fäden seines Gewebes, dieses
taumelnde Entzücken beim Klang des Wortes »Freiheit!« nicht mit den Edelsten
seines unglückseligen Volkes gemein?
    Mag sein. Aber lebe nur erst den ganzen langen Tag mit einer personificirten
Idee, die nirgends ihren Anknüpfungspunkt in der Wirklichkeit findet; sieh diese
tausendfach zerstückelten Fäden in der klaren Luft der Alltäglichkeit
zerflattern wie den alten Weibersommer, der uns auch den schönen Frühling
niemals wiederbringt, Anna! - Um einer begeisterten Ansicht Alles zu opfern und
um sie, allen Umgebungen und Gegenwirkungen zum Trotz, zum Wirklichwerden zu
zwingen, zum fruchttragenden Baum sie zu machen, um, mit einem Wort, die Basis
einer Volksfreiheit aus seiner Persönlichkeit herauszubilden, gehört ein
eiserner Wille und Charakter, dann beugt sich ihm, dem Wollenden, die Welt,
gleichviel, ob in starrer Demut, oder lebendigem Gehorsam, gleichviel, ob zum
Bau einer Republik oder eines Kaisertums. Ein Napoleon oder ein Washington
würden es vollbringen und höchstens hinterher in sich zu Grunde gehen, nachdem
das ungeheure Ich mit dem äussern Stoff fertig geworden und seinen Höhepunkt
erreicht hätte. So ein besonnen verharrender, fester Sinn, wie etwa Gottards,
vermöchte das vielleicht. - Sonderbar, dass ich ihn nie vergesse!
    Anna schwieg verlegen. Leontine bemerkte es nicht und fuhr fort: Gut, dass
ich Mut habe! Gib Acht, Jean Carlo endet auf dem Schaffot, ohne irgend etwas
geleistet zu haben. Erschrick doch nicht so! Das habe ich bedacht, ehe ich meine
Hand ihm gab. Ja, ihm fehlt Charakter, wiederholte sie flüsternd halblaut vor
sich hin, und doch will er ihn einer Nation verleihen und meint die Zustände des
Volks wie aus einem Gefäss in's andere auszugiessen zu einer neuen Gestalt. Gäbe
es eine Allgemeinheit der Gesinnung, dann möchte dem Einzelnen das Grosse
gelingen, es könnte den Tropfen bilden, der den Becher überfliessen macht. Aber
so! - Unsre Zeit fordert ja umgekehrt vom Einzelnen, was sie in solchem Falle
von der Allgemeinheit verlangen sollte, eine Tatkraft, die in's Unermessliche
reicht: ein Regeneriren all der schlaff gewordenen Gemüter. Und der das könnte,
ist, glaube mir, jetzt gar nicht auf der Welt. - Nach der Oekonomie der Natur,
setzte sie heiterer hinzu, die eine gute Hausfrau ist, wird er auch wohl kaum in
unserm Säculum mehr geboren.
    Einem Manne, wie Otto zum Beispiel, traust du also eine solche Gewalt nicht
zu?
    Nein, o nein! rief fast heftig Leontine; er hat zwar Kraft, auch das
Bewusstsein alles Einzelnen, aber nicht das Genie. Er hat ein friedliches Gemüt
und neigt sich weit mehr dem Universum, als dem kleinen Vaterlande zu. Doch was
fragst du mich? Gottard ist vielleicht der Einzige, den wir kennen, der - Aber
wo ist er jetzt?
    Noch immer in Paris. In den paar Jahren unserer Trennung hat er seine Bahn
zu einer Höhe gehoben -
    Kind, ich sagte dir ja immer, dass er Minister werden würde!
    Das sagt Duguet auch von mir, liebe Tante! rief lustig auflachend Egon, der
aus dem Nebenzimmer eingetreten war, aber ich fürchte, du hast es sicherer
getroffen. Herzlich willkommen! Er umarmte und küsste sie. Aber, sprach er fort,
indem er sich nach allen Seiten umsah, wo ist denn Otto?
    Leontine wurde blass - leichenblass.
    Anna hatte die ganze Zeit hindurch versucht, das Gespräch auf ihn zu
bringen, sie hatte den wilden Ausbruch des Gefühls ihrer Freundin vorüberlassen,
dann mit des Freundes Anwesenheit sie überraschen wollen, nun nahm ihr der
Zufall das Wort von den Lippen.
    Unaussprechlich tröstlich war Annen die plötzliche Erscheinung ihres
Jugendfreundes gewesen; ihre Lage in Brandenburg war nicht angenehm. Die bei der
Geburt von hoher Hand einem der Knaben verliehene Präbende konnte, wie sich bei
Regulirung des Eintritts in die Militärschule fand, nicht angenommen werden, sie
war gegen die Statuten, Anna's Bürgerlichkeit machte sie unmöglich. Egon, in dem
sich bereits die Stimmung unserer jetzigen Jugend im Keime zu zeigen begann, war
höchst aufgebracht, dass man nicht seiner Mutter wegen eine Ausnahme machte; er
war vorläufig noch ein legitimer Demagoge, der einer ganzen Welt die Freiheit
und sich den Grafentitel gönnte.
    In Berlin war Anna nur einen Tag geblieben; sie suchte Kronbergs Wünschen
hinsichtlich der Kinder möglichst nachzukommen. Dem jüngern, trotz seiner
Schwächlichkeit, zum Offizier bestimmten Joseph war diese Militärschule
notwendig, für Egon passte sie nicht. Sie hatte an Kronberg geschrieben und
harrte seiner Entscheidung, als unerwartet Otto, wie der Strahl eines milden
schönen Sterns, die Nacht des Zweifels und Trübsinns in ihr brach und
zerteilte. Er stand plötzlich im Zimmer und fragte mit den sanftesten Tönen
seiner tiefen Stimme: Komme ich dir recht, liebe Anna? Du bedarfst vielleicht
nicht den Arm, aber das Herz - vielleicht sogar den Kopf deines Jugendfreundes.
    Mit unsäglicher Liebe hatte er sie seit mehren Tagen gepflegt, getröstet,
zerstreut; frisch und jugendlich, erschien er neben Egon fast wie ein älterer
Bruder. Er zeigte sich ruhig und doch klopfte sein Herz, wie sonst, Annen
entgegen, und doch war sie nicht minder schön, als damals! Und jetzt mit Einem
Male war auch Leontine da und die unvergessliche Zeit seiner Liebe drang wie eine
Gegenwart auf ihn ein. Aber Otto verbarg seine tiefe Erschütterung, er hatte das
in seiner Ehe still gelernt.
    Leontinen traf sein Anblick wie ein Blitzstrahl.
    Und ich bin katolisch geworden! dachte sie, was wird er dazu sagen? An
ihrem namenlosen Schreck bei dieser Frage fühlte sie, wie sehr sie noch ihn
liebe. Auch sie war vorsichtiger, sie schlug das Auge erst auf, als sie es
ruhiger werden fühlte.
    Immer noch war ihm Anna die seine Seele weckende, erwärmende Sonne, prächtig
entfaltete sein Geist die Flügel ihr gegenüber, alle seine Ideen wuchsen und
erweiterten sich. Nachts, nachdem er von ihr gegangen, arbeitete er die
kühnsten, schwierigsten Probleme seiner Wissenschaft aus, er lebte tausendfach,
nach allen Richtungen hin, ohne zu ermüden; der Morgen fand ihn immer frisch und
klar.
    Aber keinen Augenblick vergass er seiner Vrenely daheim. Täglich schrieb er
ihr, und sein liebevoller, herziger Brief entielt kein lügenhaftes Wort. Er
freute sich mit tiefer, dankbarer Rührung seiner Häuslichkeit, ihrer und des
Kindes; Stunden lang sprach er von ihrer Anmut, Wahrheit und Güte. Dass sie und
Anna zu der nämlichen Gattung Wesen gehörten, fiel ihm kaum ein; Meilen weit
lagen diese Gefühle auseinander.
    Eine Frau wird diese Doppelempfindung nie verstehen.
    Bei Anna's Trennung von Kronberg war der Name der Capacelli nicht über ihre
Lippen gekommen, nur von den Knaben war die Rede gewesen. Anna hatte ihrem
Gemahl bloss angedeutet, dass sie, allen den Mislauten der Gegenwart ein Ende zu
machen, ihre Entfernung für gut, für nötig halte, und ihm des Sohnes
unbedingten Gehorsam gelobt, wenn sie selbst ihn begleite. Ihre Freunde dagegen
hatten die Annen durch das Verhältnis zur Capacelli erschwerte Stellung in Haus
und Gesellschaft auf den Zustand ihres Gemüts übertragen; Niemand begriff, dass
sie die ihr aufgedrungene Rolle der mishandelten unglücklichen Gattin so ruhig
hinnahm, weil sie ihr Einsamkeit und ein leichteres Aufatmen gönnte. Erst als
Kronberg einen Schritt tun wollte, der sie zu einer öffentlichen Erniedrigung
gezwungen hätte, stieg der Gedanke einer Trennung in ihr auf.
    St. Luce schrieb oft. Er war Kronbergs Freund geblieben und bis zu Otto's
Ankunft, die Annen abermals zum Schreiben veranlasste, das einzige
Verbindungsglied zwischen den getrennten Gatten unter sich und Gottard, der
noch immer in Paris sich aufhielt. Kronberg hatte noch nicht geantwortet.
    Als Franzose hatte St. Luce den Vorfall mit der Capacelli leichter genommen,
als Geierspergs und die Andern. Er warf Kronberg immer noch die Dummheit eines
unnützen éclat vor. Allerdings war er jetzt auf einen momentanen gänzlichen Sieg
der Spanierin gerüstet; auch er hielt die Trennung Anna's von Roderich für eine
vielleicht dauernde, an gerichtliche Scheidung zu denken, fiel ihm nicht ein.
    Wie es nur dahin gekommen? übersann er auf einem langen, einsamen
Spaziergange; war doch eigentlich seit Anna's Krankheit nichts Bedeutendes
geschehen! Kronberg war ja so reich, es konnte Annen wahrhaftig einerlei sein,
mit welcher hübschen Frau er einen Teil seines vielen Geldes durchbrachte;
eifersüchtig war sie ja nicht. Uebrigens wenn er nun Pferde, Spiel und andere
Zerstreuungen geliebt hätte, wäre es besser gewesen? - Eine deutsche Frau
freilich kann sogar auf Jagdhunde eifersüchtig sein, man hat das erlebt, brummte
er vor sich hin. C'est à peu près égal! - Wenn sie am Ende doch so eine Art
kleinstädtischer Eifersüchtelei - quelque idée de petite ville - gehabt hätte? -
Nun sass sie ganz unnütz in Brandenburg, allein, ohne Zweifel gedrückt von der
neuen Schwierigkeit, die ihre bürgerliche Geburt dort dem Fortkommen der Kinder
in den Weg legte! Fameuse bêtise allemande! murmelte er immer ärgerlicher. Sein
Verdruss hatte den alten Herrn bereits um halb Wien herumgetrieben, als eine
rufende, atemlose, vom Laufen halb erstickte Stimme: Monsieur! Monsieur de St.
Luce! ihn Halt machen hiess.
    Es war Duguet, der, in einer Art Gefühlsstrangulation heftig gesticulirend,
auf ihn zustürzte, eine Neuigkeit der wichtigsten Art schien ihm fast die
Besinnung zu rauben, doch hatte er äusserlich alle Flaggen des innern Jubels
aufgesteckt, sein Hut sass fast verkehrt, sein rotes Schnupftuch flog in der
Luft über die Büsche weg, wie sonst die Serviette über die Möbeln.
Unglücklicherweise war er vor lauter Bewegung fast sprachlos.
    Endlich brachte er die Worte heraus: Der Herr Graf haben mit Madame
Capacelli gebrochen, jeder Verbindung mit ihr entsagt, ihr das Haus geschenkt,
brieflich von ihr Abschied genommen; vier Billets, die sie ihm geschrieben,
unerbrochen zurückgeschickt; abgeschlagen, sie wiederzusehen. Baron Rutberg ist
gekommen, er hat ihn sehr freundlich empfangen, die Herrn sind in der besten
Laune auseinandergegangen.
    Bist du betrunken oder im Traume, mon cher? rief St. Luce, ergriff Duguet
beim Kragen und schüttelte ihn aus Leibeskräften, als wollte er ihn wach
rütteln.
    Das hölzerne Bein trug den General nicht mehr, er wankte. Zum Glück stand
eine Bank in der Nähe. Duguet liess sich respectuell schelten, schütteln, fragen,
hatte jedoch für das Alles nur die eine Antwort: Mais c'est vrai, ma foi, c'est
bien vrai!
    Wie ein paar Inspirirte gingen der alte Herr und der alte Diener nach Hause.
Die ganze Welt schien ihnen anders geworden. Nun muss sie ja wiederkommen!
    Am nächsten Tage beklagte die ganze Crème der guten Gesellschaft in Wien
diesen armen, guten, kleinen Narren! die Capacelli, die wegen eines
Teatercontracts so halbtodt, elend und krank nach Berlin gemusst.
    Paola war wirklich krank, sie liebte Roderich, weil er es ihr so entsetzlich
schwer gemacht, ihre Zwecke bei ihm zu erreichen; sie war ihm mitunter untreu,
weil das einmal in ihrer Natur lag, weil ihr lange dauernde Treue ganz unmöglich
war. Sie hatte bis zu diesem Augenblicke, der alle ihre Hoffnungen vernichtete,
keineswegs aufgegeben, doch noch Gräfin Kronberg zu werden, und wirklich die
Knaben mitzunehmen sich erboten, um sie zu gewinnen und ihr Ansehen in Berlin
geltend zu machen; - und nun ohne alle Ursache, ohne irgend eine denkbare
Veranlassung trennte er sich von ihr, und obendrein im Moment ihrer
unvermeidlichen Abreise. Es war zum Wahnsinnigwerden!
    Sie sann sich das Haupt müde, den Grund seines veränderten Benehmens
aufzufinden; ihre Phantasie arbeitete sie in einen Fieberzustand hinein, in
welchem sie wirklich endlich Wien verliess.
    Mag sein, dass Roderich ihrer überdrüssig geworden, mag sein, dass sie die
Saiten bei dem nicht mehr jugendlich fühlenden Manne zu hoch gespannt; wer
konnte dem reifen Diplomaten so ganz genau ansehen, was ihn bewegte? Er reichte
seinem Freunde St. Luce die Hand und bat ihn, nicht davon zu sprechen.
    Seine Freigebigkeit gegen Paola kannte keine Grenzen; er schickte noch eine
Menge Geschenke in ihr Haus, die er ihr früher versprochen, es waren wirkliche
Kostbarkeiten darunter.
    Rutberg und der ganze kleine Männerkreis, der ihn umgab, war teils in
starre Bewunderung dieser Grossmut versunken, teils wütend. Wer kann mit einer
solchen Verschwendung Schritt halten? fragte Einer den Andern. Die Damen, deren
Gunst diese jungen Herren sich rühmten machten ihre Bemerkungen ebenfalls; Jedes
sah die Sache mit andern Augen an, sie erregte ein für Kronberg günstiges
Aufsehen. Einige fromme Seelen freuten sich seiner Rückkehr zum Rechten; im
diplomatischen Kreise sprach man diesen Abend bald da, bald dort leise. Kronberg
sah es. Er erklärte sich gegen Niemanden; war er vielleicht sich selbst nicht
klar?
    Duguet suchte den ganzen Tag hindurch in jedem kleinen Dienst eine an
Anbetung grenzende Dankbarkeit, eine Art stummer Verehrung an den Tag zu legen;
nie war er respectvoller gegen seinen Herrn gewesen. Der Kerl bedient mich, als
ob ich der Kaiser wäre! sagte, immer noch lachend, Kronberg vor sich hin; aber
es tat ihm doch wohl.
    Einmal fand ihn Duguet dem Bilde seines Sohnes gegenüber, er glaubte, die
Worte zu vernehmen: Toller Bube! er hatte Unrecht in der Manier, in der Sache
wahrhaftig nicht so ganz!
    Es wäre Kronberg selbst sehr schwer geworden, sich von dieser plötzlichen
Umwandlung seines Innern, vielleicht auch bloss seiner Handlungsweise
Rechenschaft zu geben. Der Hauptgrund war wohl: dass der Stachel der Eitelkeit ihn
nicht mehr wund ritzte, mit ihm schwand seine scheinbare Leidenschaft zur
Capacelli, die aus so vielen, so verschiedenen Elementen zusammengesetzt, so
wenig wirklich war. Anna's Kälte erregte in der Entfernung nicht mehr seine
Eifersucht, er fühlte es nicht mehr so notwendig, ihr und der Welt eine
scheinbare Gleichgültigkeit zu zeigen. Der Spanierin Hochmut hatte sie zu einer
unpassenden Forderung, ihn selbst zu einem noch viel unstattaftern Schritt
verleitet, dessen er sich nun hinterdrein schämte.
    Anstatt Annens Briefe zu beantworten, beschloss er, selbst mit Courierpferden
nach Brandenburg zu reisen und sie abzuholen. Dass sie irgend sich weigern könne,
ihm zu folgen, fiel ihm nicht ein; die Sache war ja nun abgetan! Die Kinder
konnten am Ende doch unmöglich bei ihr bleiben. Besser war es allerdings, Egon
in Berlin zu lassen, und eben dort konnte Anna ihn am ruhigsten von sich
entfernt im Hause ihres Schwagers wissen.
    Kronfeld hatte ein fast weibliches Talent, sich im Geist die Umstände so
zurecht zu legen, wie sie seiner Neigung nach am günstigsten ihm erschienen.
    Während er zu einer kurzen Abwesenheit in seinem Cabinet die gehörigen
Verfügungen traf, liess sich durch einen der Laquaien ein junger Mann melden, der
um die Gnade bat, ihm aufzuwarten. Der Graf, in seine Arbeiten vertieft,
erwartete einen neuen Secretär; ohne aufzusehen, nickte er gewährend. Gondi trat
ein.
    Mit einem Schwall bombastischer Worte und aller Uebertreibung seiner Jugend
und seines Metiers gestand er dem Grafen, dass er nicht wirklich Paola's Bruder
sei, schwur ihm jedoch, dem Gefühl und Verhältnis nach seit Ewigkeiten nicht
anders zu ihr gestanden zu haben, und hielt seinen eigenen Verdiensten eine
lange Lobrede.
    Zu seiner Verwunderung hörte ihn der Graf schweigend, ohne sonderliche
Zeichen des Erstaunens, ruhig an. Gondi sprach sich nun gegen Paola's Charakter
aus, klagte sie der grössten Unzuverlässigkeit und Unwahrheit an und erbot sich,
dem Grafen alle Beweise seiner Aussagen in die Hände zu geben.
    Und was soll ich damit? fragte Roderich.
    Von dieser mit tausend Ringeln Seele, Geist und Körper umwindenden Schlange
sich lösen, sagte trotzig der Italiener, dem Zorn und Eifersucht das Gefühl
erduldeter Mishandlung vergegenwärtigten bis zur Qual. Er ballte die Hände und
biss vor Wut in die eigenen Finger, dazwischen fuhr er mit seinen Ausrufungen
und Schmähungen fort, bis ein fast convulsivisches Schluchzen ihn hemmte.
    Armer Narr! murmelte Kronberg. Gott sei Dank, dass ich nicht verliebt bin,
wie er!
    Immer trotziger und heftiger sprach Gondi sich aus; er war gekommen, weil er
es ihr versprochen, freilich in ganz anderer Absicht; aber das Gefühl, dass sie
in der inneren Empörung über Kronbergs Härte nun in Berlin ohne ihn neue
Verhältnisse schliessen werde, hatte momentan die alte Leidenschaft in ihm
erweckt, und anstatt dem Grafen in der übernommenen Rolle Gutes von ihr zu sagen
und durch ihren Jammer auf dessen Herz zu wirken, riss ihn das innere Empfinden
ihrer Nichtswürdigkeit und seiner trostlosen Schwäche in ganz entgegengesetzter
Richtung fort. Und dennoch, klagte er, bin ich selbst an sie gefesselt, dennoch
würde mich mein Weg mit ihr zusammenführen, ginge auch der eine nach Süden, der
andere nach Norden. Das ist's ja, dass man ihre fluchwürdige Sirocconähe nicht
los wird!
    Wir wollen nicht behaupten, dass Kronberg immer so klar gesehen, wie in
dieser halben Stunde, obschon er in einem Winkel seiner Seele nie an den Bruder
geglaubt; der junge Mann schien sich längst zurückgezogen zu haben und war ihm
bei ihr nie in den Weg gekommen. Roderich hörte ihn fortwährend ruhig an bis zu
Ende, dann sagte er ihm mit wohlwollender Freundlichkeit: er habe sein früheres
Verhältnis zur Capacelli gekannt; übrigens sei es unwürdig von einem Mann, sich
an einer Frau zu rächen; das weibliche Geschlecht sei übel genug gestellt in der
Welt, dem männlichen gegenüber. Da aber sich zu rächen, wo man einst geliebt und
Gunst gefunden, gälte in Deutschland für erbärmlich.
    Mit grosser Güte erkundigte er sich nach Gondi's persönlicher Lage, stellte
ihm die Gefahr des Hazardspiels in Oesterreich vor, und bot ihm an, ihm
beizustehen, wenn er eine andere würdigere Lebensweise versuchen wolle. Endlich
entliess er ihn mit einem Geschenk, bat ihn jedoch, nur im Fall, dass er sein
bedürfe, ihn wieder aufzusuchen, da die Vergangenheit entschieden für immer
abgetan bleiben müsse.
    Seit langer Zeit atmete Roderich fröhlich auf, ein heiteres Gefühl der
Selbstzufriedenheit floss durch seine Lebenspulse und drang ihm tief an's Herz.
Und nun zu Annen! sagte er lächelnd.
    Er hatte St. Luce vorgeschlagen, ihn zu begleiten; der junge Herzog von
Reichstadt hatte sich wieder erholt, mit Freuden nahm der General das Anerbieten
an. Duguet sang triumphirend seinen Marlborough und liess unter seiner Aufsicht
den Wagen packen.
    So standen also die Dinge in Wien; unglücklicherweise hatte in Brandenburg,
Berlin und Paris Niemand von dieser günstigen Umgestaltung der Verhältnisse die
leiseste Ahnung.
    Gleich nach Anna's Abreise hatte der General an Gottard geschrieben, der
Brief kam an, als dieser eben seine Geschäfte in Paris beendet und zur Abreise
bereit war.
    Gottard zählte noch nicht Dreissig; in diesen Jahren rollt das Blut noch
rasch und glühend, einem Lavastrom gleich, in den Adern. Die Möglichkeit einer
nicht entfernt durch ihn veranlassten Scheidung ihrer Ehe, das Bewusstsein, Annen
ein in jedem Bezug passendes Loos bereiten zu können, die Aussicht, ihr seine
Hand zu bieten, mit der einzigen Frau, die er je geliebt, die er nie eine Stunde
aufgehört zu lieben, vereint leben zu können, überwältigte ihn. Mit
unwiderstehlicher Gewalt von der Macht des Augenblickes ergriffen, zauderte er
keine Stunde, er flog nach Berlin. Sie war nicht mehr da; auch Leontine
abwesend, bei ihr. Er erfuhr dies zufällig und konnte sich nun nicht
entschliessen, Geierspergs aufzusuchen, er kannte Beide nicht. Wie ein Träumender
ging er volle vierundzwanzig Stunden in Berlin umher. Er hielt es nicht länger
aus; er nahm Postpferde und eilte nach Brandenburg.
    Die kleine Stadt gewährte ihm nähere Details. Im Gastof, wo er
Erkundigungen einzog, erfuhr er, wo sie wohne; auch Otto's Anwesenheit ward ihm
mitgeteilt. Er freute sich derselben, dann aber beneidete er ihn
unbeschreiblich, dass er ihm zuvorgekommen und die ersten traurigen Tage mit
Annen durchlebt hatte.
    Mit einem Male hatte den sonst gefassten, besonnenen Mann der Wirbel
grenzenlos leidenschaftlicher Gefühle und Hoffnungen erfasst, jede Secunde
steigerte ihn; als habe ihn die Wünschelrute einer zauberischen Gewalt berührt
und tausend Quellen seines Herzens wach geschlagen, strömte die Flut
unsäglichen, fast tödtenden Glücks durch sein ganzes Wesen. Er musste sie sehen!
jetzt - gleich! - -
    Auch Anna war seit einer halben Stunde überaus glücklich. Sie hielt einen
Brief ihres Bruders aus Schlesien in der Hand, den sie wiederholt durchlas.
Louis war nicht mehr beim Militär, eine ihm unerklärliche, ganz unbekannte
Fürsprache hatte ihm die Stelle eines Postmeisters mit einem kleinen Gehalt
verschafft. Nachdem ihm durch seinen Hauptmann unter den Fuss gegeben worden, um
seinen Abschied zu bitten, welchen er, da er die gehörige Anzahl Jahre gedient,
»seiner geschwächten Gesundheit wegen« mit allen Ehren und Anerkennung guter
praktischer Kenntnisse erhielt, hatte ihn der Antrag wie ein ihm vom Himmel
zugefallenes Geschenk überrascht. Nun konnte er froh und ruhig mit seiner
Familie leben, seine Kinder erziehen. Dem kleinen Amt war er völlig gewachsen.
Er hatte ein Häuschen als Wohnung angewiesen bekommen, und Feld und ein
Gärtchen. Er schwamm in Wonne, und rührend schön war die wirklich tief gefühlte
Dankbarkeit, mit welcher er der Schwester abbat, dass er je an ihr gezweifelt,
während sie so redlich für ihn gesorgt. Es musste ja ihr und Kronbergs Werk sein,
dass er nun plötzlich so glücklich geworden. Louis erschien durch seine Reue und
den Jubel seines Herzens so hingebend liebenswert, dass Annen jeder frühere
Miston aus dem Gedächtnisse schwand. Auch seine Frau hatte mit einer hübschen
klaren Handschrift einige Zeilen voller Dank und Herzensfreundlichkeit dem Brief
zugefügt; das Glück verleiht gut gearteten Menschen fast immer eine gewinnende
Anmut.
    Anna war glücklicher, als Beide. Konnte sie wohl einen Augenblick daran
zweifeln, dass es Gottard sei, der dies Alles möglich gemacht, der es für sie
getan zu ihrem Trost?
    Das Gefühl seiner Liebe überkam sie wie eine stille Seligkeit; Tränen
übertauten das Blatt, das sie noch in den Händen hielt. Unwillkürlich war ihr,
als empfinde sie wieder die Wohltat seiner Nähe, ihre Lippen flüsterten
bewusstlos seinen Namen. Ja, das bist Du, mein Gottard! sagte sie leise und hob
das noch umflorte Auge - grosser Gott! es traf das seine! - Er lag zu ihren
Füssen, fasste ihre Hände, drückte sie an seine Stirn, an seine Lippen.
Besinnungslos sah sie ihn an, wiederholte aufschreiend seinen Namen und sank
kraftlos, vom Augenblick überwältigt, mit dem Gesicht auf seine Schulter, an
seine Brust.
    Wer zählte je in einer solchen Lage die Minuten? Wie lange das Gefühl der
namenlosen Wonne, dieses Anschauens des Geliebten, ohne Vor- noch Rückblick auf
Vergangenheit oder Zukunft, gedauert, wusste Anna nicht. Jetzt sass er neben ihr
auf dem Sopha; wie von einem unerhörten seltsamen Traum befangen, lauschte sie
seinen Worten. Lange verstand sie ihn nicht; plötzlich ward ihr sein Irrtum -
ach! sein wahnsinniges Hoffen klar, wie ein Skorpion tödtete diese Stunde sich
selbst, vernichtete das volle Leben, das sie genährt. - Was Gottard wähnte,
sagte, wünschte, passte ja nirgends in die Wirklichkeit. Sie ihre Kinder
verlassen! sie von Egon sich trennen! Nein, das war ja nicht zu denken, nicht zu
tun, weit eher konnte sie sterben.
    Mit Löwenmut fiel die arme Frau über, das hoffnungschlagende Herz des
Geliebten her und entblätterte alle seine Blüten. -
    Vergebens wiederholte er ihr, dass die Trennung von ihrem Gemahl bereits
hinter ihr liege, dass es Raserei sei, einem blossen Begriff ein ganzes Leben zu
opfern.
    Sie schüttelte stumm und traurig den Kopf, aber seine Worte schmerzten sie,
ohne sie irre zu leiten.
    Anna! rief Gottard endlich verzweifelnd, seit sechs Jahren habe ich eine
freudenlose Existenz von Tag zu Tage hingeschleppt; im Edelsten,
Erfolgreichsten, das ich zu leisten versuchte, klang immer die Todtenstimme
meines Herzens vernichtend durch; ich fühle, dass mir der Boden unter den Füssen
fehlt. Anna, lassen Sie mich meine Aufgabe vollenden! Gewähren Sie mir Frieden!
Enden Sie diese rastlose Pein, dieses stachelnde Glückverlangen, dieses
verzehrende über einer Unmöglichkeit Sinnen und Brüten, an welche zu glauben,
der männlichen Natur eine schlimmere Vernichtung ist, als Krankheit oder Tod.
Der Zwiespalt zerfrisst mit seinem Rost mein Herz, meine Sinne. Was zu tun
Menschen möglich war, ist von beiden Seiten geschehen, und jetzt, da eine
unbegreifliche Barmherzigkeit des Zufalls die Möglichkeit einer innern
Vollständigkeit, einer geistigen Genesung uns gewährt, jetzt wollen Sie in
kränkelndem Pflichtgefühl einer unwahren Ueberzeugung, einer gemachten
Notwendigkeit sich und mich opfern?
    Bis in's Tiefste erschüttert, hörte sie ihn an, dann begann sie zu erzählen.
Je länger sie sprach, desto trüber wurde Gottard. Sie sprach über Egon, über
dessen richtenden Blick, der schon jetzt mit schneidender Schärfe den Vater
getroffen, über die beiden Briefe, die sie selbst von Brandenburg aus an
Kronberg geschrieben. Im Reden ward sie mutiger. O, mein Freund! sagte sie
fest, wir können uns einander opfern, denn wir sind eins; aber kann ich den
Knaben beider Eltern berauben? Hat meine Liebe zu Ihnen, Gottard, des Vaters
Herz ihm entfremdet, darf ich die Mutter auch von ihm trennen? Verlangen Sie
nicht, was wir Beide nicht ertrügen.
    Leben Sie wohl, Anna! sagte Gottard, bebend vor Schmerz, aber rasch
entschlossen. Es war das letzte träumerische Aufflammen meiner Jugend, es war
ein wundersüsser, schöner Traum, der, wie alle Morgenträume, in blasses Tagesgrau
verweht! O Anna, Anna! nun darf ich dich niemals wieder sehen!
    Er zog sie einen Augenblick an seine Brust, ihr war, als breche ihr Leben. O
Gottard! hauchte sie leise, sein Sie nicht allzu hart gegen uns Beide! Können
wir denn wissen, was Gott über uns verhängt? Lassen Sie uns treu sein und still
halten!
    Es lag eine so tiefe, demütige Gottergebenheit in Anna's Worten, wie in
ihrem ganzen Wesen, dass plötzlich Gottards milde Natur, wie wach gerufen, aus
dem Dunkel des eigenen Innern sich erhob. Still hielt er sie in seinen Armen,
sah sie weich und innig an und strich ihre seidenen Locken zurück, die ihr in's
Gesicht gefallen.
    Nun denn, mein Engel, lebe wohl! Lebe tausendmal wohl! Nicht auf immer. Aber
weine nicht, o weine nicht, Anna! Leise bog er sich nieder - Beide sassen noch
auf dem Sopha - seine Lippen berührten kaum, sie streiften nur ihren goldnen
Scheitel.
    Monsieur de St. Luce, Madame! rief Auguste's Stimme. Die Türe ward
aufgerissen, Leontine, Viatti, Otto, St. Luce und - Kronberg standen vor den
Unglückseligen.
    Ein dumpfer ächzender Laut, kein Schrei, kein Seufzer - ein schneidendes
Wimmern durchdrang das Zimmer. Kronberg lehnte sich wie bewusstlos an die Tür,
Viatti unterstützte ihn. Leontine war auf Anna zugesprungen, die in
todtenähnlicher Ohnmacht am Boden lag; St. Luce und Otto hatten sich hastig
zwischen Gottard und Kronberg gestellt.
    Wortlos, zitternd vor Grimm und wahnsinniger Verzweiflung starrten beide
Männer einander an. Kronberg fasste sich zuerst, an Viatti's Arm verliess er das
Zimmer.
    Leontine trat entschlossen auf St. Luce zu. Sind Sie Auguste's gewiss? fragte
sie, convulsivisch zitternd.
    Wie meines Lebens, Frau Marquise!
    So ist nichts verloren, denn unschuldig ist sie, so wahr Gott lebt! Aber
jetzt schaffen Sie mir Sophie, lieber General, dann verlassen Sie uns. Bereden
Sie mit Otto, was getan werden muss.
    Vor Allem, sagte der graue Invalide, ist die äussere Ehre, der Ruf der
Unglückseligen vor einem unauslöschlichen Flecken zu wahren.
    Still legte er sie mit Leontinens Hülfe auf's Sopha. Otto stand wie
versteinert; etwas Furchtbares war geschehen. Er verstand diese Möglichkeit
nicht; eine Secunde lang war er an Annen irre geworden.
    Kronberg war mit Viatti sogleich in den noch unten haltenden Wagen
eingestiegen und fortgefahren; Niemand wusste wohin.
    Gottard stand im Vorhause und starrte mit gekreuzten Armen düster vor sich
hin, als suche sein Geist die Möglichkeit einer Ausgleichung des Geschehenen, an
die er selbst nicht glaubte. So fand ihn Otto. In zwei Worten hatten sich Beide
verständigt, St. Luce's Brief hatte ja ihn hergelockt, wie Duguets Schreiben
früher Otto.
    Er wird mich fordern! sagte kalt und ingrimmig Gottard.
    Er wird mich hören! erwiderte Otto.
    Unterdessen war St. Luce die Treppe herabgekommen; als Offizier sah auch er
einen blutigen Ausgang der Sache als unvermeidlich voraus.
    Alle Drei gingen in den Gastof, den Gottard und Otto bewohnten. Sie
erwarteten dort Nachricht von Kronberg. Gottard war trübe, aber gelassen.
Keiner von ihnen sah Anna wieder. Otto liess Auguste rufen, um ihn zu befragen.
Sie hatte sich erholt; in Leontinens sorgender Obhut wussten die Freunde die
teure Frau geborgen. Persönlich ihr zu nahen, vermieden sie ohne alle
Erklärung, um keinen Schein des Einverständnisses ihr aufzubürden.
    Mehre Stunden vergingen in dieser Spannung. Gottard benutzte sie, um auf
den Fall eines Duells im Voraus alles Nötige zu ordnen; er schrieb fortwährend,
doch wie es beiden Freunden vorkam, nur in Staats- und geschäftlichen
Angelegenheiten. Annen schrieb er nicht.
    Gegen Abend kam endlich die erwartete Ausforderung. Kronberg war mit dem
Grafen Viatti in ein nicht allzuweit entlegenes Städtchen gefahren, von wo aus
er den Kutscher mit dem Briefe zurückgesandt hatte. Die Ausforderung lautete auf
den nächsten Morgen, als Ort der Zusammenkunft war ein Wäldchen zwischen
Brandenburg und dem besagten Städtchen angegeben; das Billet selbst war in sehr
gemessenen Ausdrücken an Gottard gerichtet.
    Ich wünsche, sagte dieser, dass es uns gelingen möchte, dem unvermeidlichen
Duell eine scheinbare, dem wahren Anlass fremde, Ursache zu geben, auf keinen
Fall können wir auf eine gänzliche Verheimlichung desselben rechnen. Im Uebrigen
stehe ich dem Herrn Grafen ganz unbedingt zu Befehl.
    Er antwortete in wenigen Zeilen.
    St. Luce und Gottard beabsichtigten, in einer Stunde zu fahren; Otto war im
Augenblicke, da er des Grafen Aufentaltsort vom Kutscher erfragt,
vorausgeritten, er wollte ihnen zuvorkommen.
    Er liess sich bei Kronberg melden und ward sogleich angenommen. Zu seinem
Erstaunen fand er Roderich in einer ganz unerklärlichen, selbst durch das
Vorgefallene in dieser Weise nicht zu motivirenden Stimmung; seine Aufregung,
die krampfhafte, fast fieberartige Rastlosigkeit, die ihm nicht einen Augenblick
auf einer Stelle zu bleiben gestattete, das mit gänzlicher Erschöpfung
wechselnde, hörbar heftige Schlagen seines Herzens, die fliegende Röte seines
Gesichts waren nicht natürlich; er kam Otto krank vor, was er aber, zornig
auffahrend, leugnete.
    Nach Otto's Ueberzeugung konnte der Graf in seinem Innern Anna's äussere
sinnliche Treue unmöglich bezweifeln, über ihre Neigung zu Gottard aber musste
er seit Jahren im Klaren sein. Hierauf gründete er seine Hoffnung, die Sache
beizulegen, er und St. Luce betrachteten das Duell als durch Viatti's
Anwesenheit herbeigeführt, den der Zufall zum unwillkürlichen Zeugen des ganzen
Auftritts gemacht.
    Sehr anders erschien der Fall den Hauptinteressenten. Kronberg war fest
entschlossen, Gottard zum Krüppel zu schiessen, oder ihm seine Kugel durch's
Herz zu jagen. Gottard hatte mit sich selbst abgeschlossen und war fertig mit
Allem; er hatte eben so fest sich vorgenommen, unter keiner Bedingung auf den
Grafen zu feuern. Beiden war auf diese Weise, wie bisher, noch ferner
fortzuleben, unmöglich geworden.
    Otto bat Kronberg, noch einmal ohne Zeugen ihn sprechen zu dürfen, ehe
Gottards Antwort durch den rückreitenden Diener anlange, die ohnehin durch
seine Anwesenheit als gegeben zu betrachten sei. Kronberg versprach, ihn ruhig
zu hören, blieb aber in einem unstäten Auf- und Niedergehen im Saale. Otto
erzählte nun von Duguets Brief, von dem Eindrucke, den derselbe auf ihn gemacht,
und von seiner augenblicklichen Abreise von Basel, um Annen beizustehen in
dieser Trennung ihrer Ehe, die auch ihm einer gerichtlichen Scheidung gleich
geschienen.
    Sie wissen, sagte er weich, dass Anna meine Schwester ist, nur glichen wir
von jeher den Dioskuren, sie gehört den himmlischen an, ich der Mutter Erde. Und
weiter malte er mit naturtreuen Farben ihr stilles Leben in Brandenburg aus, der
Marquise Ankunft, Egons und Josephs Liebe zu Beiden und die sich an der
freundlichen Gegenwart mildernde Stimmung Aller. Annens Unkenntnis jeder
späteren Wendung in Gottards Geschick trat in all' diesen Einzelnheiten
deutlich hervor; in Otto's ganz einfacher Rede lag eine durchgreifend wirkende
Wahrheit. Das ganz Unvermutete der Ankunft Gottards schien den Grafen stutzig
zu machen; er blickte Otto mit durchbohrender Gewalt in's Gesicht.
    Können Sie, schloss dieser fest und scharf, auf den Fall eines unglücklichen
Ausganges dieses Zweikampfs eine mögliche Form des Lebens der beklagenswerten
Gräfin sich denken? Welche Stellung bleibt der mit einem Mal durch diese
Oeffentlichkeit Preisgegebenen vor der Welt? - Uns Protestanten beut kein
Kloster eine schirmende Zuflucht; die harte, schwere, ihre Kräfte weit
überwiegende Last wird erbarmungslos auf die zarten Schultern geladen und sie
muss sie vor Aller Augen mit sich bis zum Grabe tragen. Und was gewinnen Sie
selbst?
    Wild auflachend, unterbrach ihn Roderich. Junger Freund, haben Sie nie Ihr
Herz an einen Irrtum gehängt? Was ich gewinne? Im Fall meines Todes die
Gewissheit, dass, die mich getäuscht, betrogen, verraten hat, über meinem Sarge
kein Asyl des Glückes sich erbaut; im Gegenfall, dass ich nicht mehr dieselbe
Luft mit dem Verhassten atme? - Erschreckt hielt er ein: er hatte den Abgrund
seiner langen Seelenqual verraten!
    Erstarrt blickte ihn Otto an. Entsetzlich! rief er aus. Ein kalter Schweiss
trat ihm auf die Stirn, auf jeden Fall war Anna's Ruhe verloren - und auf immer!
Wen auch der Schuss des Gegners treffe, jedenfalls traf er ihre ganze
Erdenzukunft.
    Eben hielt der Wagen, die beiden Herren langten an. Gottard sah ruhig aus.
Er näherte sich höflich dem Grafen und bat ihn um eine Gunst.
    Kronberg verbeugte sich.
    In gewählten, sehr sorgfältig überlegten Worten erklärte Gottard: er sei
überzeugt, dass in Beider Brust der Wunsch, der Gräfin Ruf ihren Kindern makellos
zu erhalten, überwiegend sei, deshalb sei er jetzt schon gekommen. Er erlaube
sich, dem Grafen den Vorschlag zu tun, den Rest des Abends diesem Zwecke zu
widmen, ein Souper und Karten bringen zu lassen und ihrem morgenden
Zusammentreffen das Ansehen einer beim Spiel entstandenen Mishelligkeit zu
geben.
    Der Graf nahm das Anerbieten an, behielt sich jedoch das Recht vor, die
Gattung der Waffen und die Einrichtung des Zweikampfes zu bestimmen, und wählte
Pistolen.
    Gottard überliess ihm diese und jede andere nähere Bestimmung.
    Es ward Wein gebracht, Essen, ein Spieltisch und Karten; dem Kellner deutete
man an, dass man seiner vorläufig nicht bedürfe.
    Ungefähr eine Stunde lang blieben die vier Herren beisammen; es herrschte
eine eisige Höflichkeit. Endlich erhoben sich Gottard und Otto, einen Wundarzt
aufzusuchen, der zugleich des Erstern Zeuge sein musste, da Kronberg St. Luce
dazu aufgefordert.
    Sehr geschickt verbreiteten sie das flüchtige Gerücht eines Streites beim
Ecarté. Jede Massregel ward so getroffen, dass im Augenblick die Sache als ganz
folgelos erschien, während ihr Ausgang zu einem bestimmten Schluss führen musste.
    Als sie zurückkehrten, stand Kronberg auf und trat Gottard entgegen. Herr
Geheimrat! sagte er, was auch morgen das Schicksal über uns entscheide, die
Zarteit und Entschlossenheit, mit welcher Sie von der äussern Ehre der Mutter
meiner Kinder eine Schmach, von dem Leben der Knaben einen tiefen Schmerz
abwenden, verdient meinen achtungsvollen Dank. Obgleich es ein sehr schmerzendes
Gefühl ist, das mir denselben auferlegt, gebieten mir Pflicht und Ehre, Ihrer
Loyalität vor diesen Herren die vollkommenste Anerkennung auszusprechen.
Gottard dankte schweigend.
    Die beiden Freunde wollten einen nochmaligen Versuch der Versöhnung wagen,
Kronberg wies sie stolz zurück, ergriff Viatti's Arm und verliess den Saal.
    Es war ausgemacht worden, sich am nächsten Morgen um sechs Uhr am dazu
bestimmten Orte zu treffen; die beiden Duellanten sollten von einer gegebenen
Entfernung aus auf einander zu gehen und Jeder schiessen, wann er wollte.
    Als Kronberg und der Marchese sich wandten, das Zimmer zu verlassen, stürzte
St. Luce auf Gottard zu und drückte ihn an seine Brust wie einen Sohn, dann
folgte auch er den Andern; als Secundant Kronbergs glaubte er nicht allein bei
jenem verweilen zu dürfen.
    Und nun eine Bitte, sagte Gottard zu Otto; haben Sie die Güte, mich morgen
während des Duells nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen, das Uebrige
mag der Doctor Hollau besorgen, der Ihr Mitsecundant ist. Ich wünsche, dass Sie
Annen sagten, dass ich gehandelt, wie Der musste, der ihr Herz gekannt. -
    Ehe noch Otto ihm etwas zu erwidern vermochte, hatte er sein Schlafzimmer
betreten und hinter sich abgeschlossen.
Anna's fieberheisse Hand ruhte noch zwischen den beiden Leontinens, ihr feuchter,
glühender Blick hing noch an den bereits geschlossenen Lippen der Erzählerin.
Leontine hatte ihr Alles mitgeteilt, was sie durch Duguet über Kronbergs Bruch
mit der Capacelli und dessen rasche Abreise erfahren. - Anna war tief
erschüttert. Roderichs Rückkehr zu der eignen ursprünglich edeln Natur seines
Wesens glich dem Morgentraume seiner ersten Neigung für sie; und gerade in
diesem sein Bild verklärenden Lichte, gerade in dieser Milderung der stets
unterdrückten harten Anklage ihres Innern gegen ihn musste die Verzweifelnde sich
ihn mit fast unumstösslicher Gewissheit als den Mörder des Geliebten denken. Das
Duell, von dem sie überzeugt war, es finde statt, glich in ihren Augen keinem
Zweikampf, denn sie blieb dessen Ausgangs gewiss. - Das zwiefach Dämonische der
Empfindung übermannte sie. Laut aufschluchzend barg sie ihr Haupt tiefer in die
verhüllenden Kissen; o wie gern hätte sie in kühler Erde es gebettet!
    Auch Leontinens Elasticität schien gebrochen. Sie kniete am Bette der
Freundin, die sie fortwährend mit angststierem Auge bewachte. Sie wusste selbst
nicht, was sie so Entsetzliches fürchtete. Zwischen den Fingern knitterte sie
ein kleines Zettelchen von Viatti's Hand, das man ihr heimlich aus dem Gastof
zugeschickt; es sollte sie beruhigen und atmete doch nur die tiefste Empörung
gegen Annen aus, die erst vor Kurzem ihrem Gatten das Mitwissen um einen
inhaltschweren Brief mit frecher Grossartigkeit abgeleugnet und jetzt vor dem
Unglückseligen auf eine Weise entlarvt sei, die nur seinen Tod zu wünschen
lasse. - Kronberg musste ihm also unbedingtes Vertrauen geschenkt haben.
    O hätte Leontine aus dieser engen Schlucht der Pein nur einen einzigen
Moment in Viatti's Herz schauen können! Sie fürchtete mit verwirrender Sorge die
Feuerbrände des Mistrauens, der wütenden Eifersucht seiner ewig in sich
arbeitenden und stets von aussen unbeschäftigten Natur, deren Einfluss in diesem
Augenblick Kronbergs Seele allein beherrschte! Doch wo ihn auffinden? - Das ganz
Hülflose der Lage beider Frauen war schaudererregend.
    Und, seufzte sie - fortredend aus den sich innerlich jagenden Gedanken
heraus - wenn es nun anders käme? O, es ist ja nur ein anderes Entsetzliche,
dich daran erinnern zu müssen, dass auch Gottards Kugel treffen kann! Aber das
Grausenhafte bleibt sich immer gleich. - Nun, vielleicht, vielleicht trifft sie
ihn nicht zum Tode; er ist besonnen. - Anna, jetzt, erst in diesem Augenblick,
verstehe ich Jean Carlo's sich an den Glauben klammernden Trost ganz. In solchem
Abgrund Wahnwitz erweckender Pein, die eine Menschennatur aus allen ihren Fugen
reisst und sie zum Spielball der innern Höllengeister macht, beut nur allein die
Kirche den schwachen Hoffnungsstrahl, der, ach! so klein, dennoch, unserer
ewigen Lampe gleich, das nächste Dunkel hellt. O Anna! was hilft mir all mein
Geist - trügerisch oder nicht - lass mir den einen kleinen Dämmerschein, an den
ich mich mit aller Kraft des Gemütes anklammern möchte, den Gedanken an die
Fürbitte! Ja bitten, bitten für den Beklagenswerten, der den Tod gibt und sein
eignes ganzes Leben hindurch an der furchtbaren Erinnerung stirbt. O könnte
ich's mit ihm abbüssen! Der Mensch hat ja in solchem Jammer nichts, das er
ergreifen kann, als den Kelch des Glaubens und das Kreuz der Busse!
    Leontinens Haupt sank auf Annens Decke, sie weinte laut.
    Anna richtete sich fast geisterhaft auf. Du zweifelst, um wessen Tod wir zu
klagen haben? rief sie mit einer grauenerregenden Mischung von Qual und innig
zärtlichklagender Lust. O, irre dich nicht! Gottard ist vor Allem Mensch. Für
Kronberg bete, dass ihm Gott vergebe, gegen seine innere Ueberzeugung zu handeln,
weil es ihm die Scheinehre gebeut; bete für ihn, so lange du lebst, ich fürchte,
ich vermag es nicht. - Grosser Gott, ist es denn möglich! Du glaubst, ich hätte
schon verlernt, Gottards Herz zu durchschauen? Du glaubst, er - werde je auf
den Vater meiner Kinder zielen? Hast du denn nie ihn verstanden, nie dieses
Mannes Charakter erkannt? Er stirbt für mich, wie er für mich gelebt. Er ist der
Beneidenswerte, der Freie, der das einfach Rechte darf!
    Sie sank zurück in ihre Kissen und eine tiefe Erschöpfung hielt sie lange
von jeder Äusserung zurück, bis sie wieder irgend ein Gedankenbild, ein
Glockenschlag aufschreckte.
    Sophie schlich still hinaus zu August und Duguet, die im Vorgemach trostlos
bekümmert und gebeugt nebeneinander am Kamin sassen.
    Und das sehen! sagte Duguet. Das Haus, das uns genährt, dem wir gedient
dreiundzwanzig Jahre hindurch - das Haus zusammenbrechen sehen über der lieben
Kinder Haupt, die in ihrer Sicherheit und Unschuld nichts ahnen! Jeden Moment
können Graf Egon oder Joseph kommen und der Leiche ihres Vaters begegnen!
    Wenn ich nur wüsste, wohin sie gefahren! seufzte August. Sophie trat zwischen
die Beiden. Meine armen Freunde, sagte sie, mir ist nicht gut, ich bin von all
dem Elend übersättigt, das ich auf der Welt gesehen; das Warten auf neues
Unglück halte ich nicht mehr aus.
    Mein Gott! fuhr sie fort und sank wie zerbrochen auf einen Stuhl, mit auf
den Knien gefalteten Händen, ich habe zu viel davon mit durchlebt, erst die
Revolution und die Marquise d'Alvigni, und die jungen Grafen, die ersten Kinder,
die ich auferzogen - und deren Vater, dessen Kopf unter der Guillotine fiel.
Dann meinen armen Marc, die lange bange Sorge um meine kleine Leontine. Nun das
Herz meiner liebsten Herrschaft, meines Herzblatts! Siehst du, Duguet, es ist
zuviel für so ein Paar alte Schultern.
    Er fasste erschrocken ihre Hand. Du bist krank, Sophie! Nimm deine Tropfen,
tue mir's zur Liebe!
    Auch August drang auf sie ein.
    Nenni, nenni! sagte sie mit ihrem Lütticher, scharfen Dialekt, es hat nichts
auf sich. Ein armer treuer Hund stirbt auch zu seines Herrn Füssen. Mais, j'en ai
assez! Ich kann nur Euch Beiden gute Nacht sagen. Sie reichte jedem eine Hand.
    Und mit plötzlich concentrirter Sorge überflog ihr Auge nochmals das Zimmer,
ob auch nichts Nötiges zu tun; da erreichte Leontinens Ruf ihr Ohr. J'y vais,
j'y vais, Madame! sagte sie, indem sie von der Tür aus noch einmal, zum letzten
Mal, auf ihre beiden Freunde zurückschaute.
    Ich weiss, meiner Treu, nicht, wie mir ist, murmelte August, es ist mir so
bitterwunderlich um's Herz. Zum Teufel! ich habe doch so allerlei mitgemacht,
Schlachten, Plünderung, Brand, und diese dumme Geschichte -
    Duguet weinte still vor sich hin.
    Allons, allons, vous pleurez? rief der alte Soldat. Mais fi donc! qu'est ce
bête de pleurer pour ça!
    Ihm selbst liefen zwei helle Tränen die Backen herunter.
Morgens um fünf Uhr trat Gottard, völlig angekleidet, in Otto's Zimmer, den er
auch fertig fand. Die gewöhnlichen Vorkehrungen wurden getroffen, auf den Fall
der Flucht, der schweren Verwundung u.s.f.
    Gottard blieb ruhig am Tisch sitzen und liess den Freund gewähren. Seit
ihrer frühesten Studentenzeit hatten Beide, mit gar andern Interessen und
Arbeiten überhäuft, sich nie um ein Duell gekümmert, fast neugierig sah er ihm
zu.
    Halb sechs erinnerte er Otto, es sei Zeit. Sie gingen gelassen, wie zu einem
ernsten Geschäft. Man hatte Kronbergs Pistolen mit Doppelläufen gewählt. Für den
Notfall steckte Otto ein zweites Paar ein. Den Arzt und Wagen sollten sie wie
zufällig am Tore treffen.
    Nach wenigen Minuten erschienen auch Kronberg, Viatti und St. Luce; die
beiden Letzten ruhig, wie eines solchen Auftritts lange gewohnt; Kronberg,
aufgeregter, als zu vermuten bei so einem trefflichen Schützen und so gewandten
Mann. Er sah glühend rot aus und in einer Weise bewegt, die weder zu seiner
Ritterlichkeit, noch zu seiner Selbstbeherrschung passten. Es flog Otto durch den
Kopf, er sei doch krank.
    Gottard wurde bleich. Beide Herren grüssten einander; das Feld ward
gemessen.
    Während der Zeit schaute Gottard noch einmal über die weite Fläche der
Gegend hin; die ersten, noch goldenen Strahlen der Sonne lagen auf den nächsten
Baumgipfeln, der zum Duell gewählte Platz noch im Schatten, von ihnen unberührt,
aber hell.
    Die Secundanten gaben das Zeichen, die Herren traten an ihre Plätze.
    Otto wandte, wie er's versprochen, kein Auge von Gottard; der junge Arzt
sah zum Rechten.
    Beide spannten den Hahn ihrer Pistolen und schritten langsam aufeinander zu.
Gottard hob den Arm, hielt sein Pistol gespannt, völlig ruhig; keine Muskel des
Arms, kein Zug des Gesichts zuckte.
    Jetzt pfiff Kronbergs Kugel, sie streifte Gottards linke Schulter, dieser
hielt ruhig sein Pistol in unveränderter Lage und schritt weiter. Kronberg
schrie auf und sank zusammen. Halt! Halt! riefen die Secundanten. Atemlos, aber
fest wie eine Mauer, stand Gottard.
    Er ist todt! rief der Arzt.
    St. Luce und Viatti suchten ihn vom Boden aufzuheben.
    Unmöglich, unmöglich, meine Herren! rief mit Donnerstimme Otto; Geheimerat
Gottard hat nicht geschossen! Die Kugeln sind beide in den Läufen! Mit voller
Besonnenheit riss er ihm das Pistol aus der Hand und setzte den Hahn in Ruhe.
    Endlich begriff Gottard, der den Tod von Kronbergs zweitem Schuss erwartete,
was geschehen; auch er stürzte auf Kronberg los. Sie rissen seinen Rock, seine
Weste auf, der Arzt holte seine Instrumente. Entsetzlich! schrie Gottard und
fiel mit gerungenen Händen auf den Leichnam nieder. Dem Grafen war eine Ader am
Herzen zersprungen; er war todt.
Langsam und feierlich zogen zwei Leichenzüge durch die sonst so stillen, heute
von einer gaffenden Volksmasse gedrängt erfüllten Gassen Brandenburgs. Seltsam!
auf den schmucklosen Sarg der armen Sophie, die sich am Vorabende des Duells
krank gelegt und nicht wieder aufgestanden war, flossen die meisten, vielleicht
die zärtlichsten Tränen. August und Duguet waren Beide trostlos. Welcher von
Beiden ist denn der Mann? fragte ein altes Hökerweib.
    Aber auch Kronberg ward tief und aufrichtig beweint. Das seltsame Geschick,
das ihn betroffen, hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf den fremden Grafen
gezogen, der eigens von Wien gekommen schien, um in Brandenburg zu sterben. Das
Geheimnis des Zweikampfs war im ersten Schrecken vergessen, die Sache selbst
verstellt, umgewandelt, widerrufen worden. Manche erzählten, der Graf sei auf
einer Spazierfahrt plötzlich todt in die Arme seiner Gemahlin gesunken, Andere,
er habe wegen ihr sich mit einem ihm ganz Fremden geschossen. Viele Versionen
des beklagenswerten - und doch für Einen glücklichen Ereignisses durchzogen die
Stadt.
    Otto und Viatti hatten Annen die Trauerpost überbracht. In einem ernsten
Gespräch unterwegs war es dem Ersten gelungen, Viatti die unselige Verflechtung
der Umstände mitzuteilen und sein Urteil über Annen zu berichtigen; doch blieb
ein seltsamer Stachel in des jungen Mannes Brust. Es war Gottard, der ihn
gerettet in Bern, Gottard, der, schuldig oder nicht, seines Oheims Tod
herbeigegeführt, Gottard, dessen frühere Dazwischenkunft seine Vereinigung mit
seiner Gemahlin und durch dieselbe sein Lossagen von jeder Teilnahme der nie
ganz endenden Freiheitsversuche Neapels veranlasst hatte. Gottard blieb der
Dämon seines Lebens, wie er der seines dahingeschiedenen Oheims gewesen.
    Die Freunde geleiteten Annen und ihre Söhne der Leiche ihres Gatten und
Vaters zu, die St. Luce mit unerschütterlicher Treue bewachte, und die Kinder
wussten nur, dass er in einem Streite sich erhitzt, dann in der Morgenkühle vom
Schlag getroffen sei; sie begegneten dem Trauerwagen und schlossen sich ihm an.
Anna hatte den Mut, die Leiche gleich zu sehen.
    Es war ein furchtbarer Augenblick! zu dunkel in seinen geistigen Tiefen, zu
unergründlich an wechselnder Pein, zu niederschmetternd im Gefühl der Ohnmacht
menschlicher Natur, als dass man ihn beschreiben könnte. Gottard floh nicht,
aber er zeigte sich nicht; ernst und trübe blieb er in dem kleinen Orte zurück,
um abzuwarten, ob eine Klage gegen ihn sich erhöbe. Der junge Arzt nahm ihn in
seine Wohnung auf.
    Geierspergs kamen Beide zur Bestattung, Viatti hatte ihnen einen Courier
gesandt. Alles glitt zurück in die alte hergebrachte Form, in die Trauerflöre,
in den Pomp einer fast fürstlichen Bestattung.
    Als die letzten Töne des Trauermarsches verklungen und all dieser
entsetzliche Schmuck des Todes verschwunden war, mit welchem wir zuletzt die
Kleinheit und Erbärmlichkeit alles äussern Erlebens so schroff und grell durch
den Gegensatz des der Leiche Bleibenden bezeichnen, wollten Geierspergs Annen
nach Berlin mitnehmen.
    Sie schlug es ab, übergab ihnen aber, nach des Vaters Willen, Egon, der
seine Vorstudien in Berlin beginnen sollte. Sie selbst blieb mit Joseph, der in
der Ritterakademie aufgenommen war, zurück. Nach Wien zog sie nichts. St. Luce
versprach noch, einige Monate bei ihr zu verweilen. Otto gedachte heim.
    Anna! sagte er, als er am Vorabend seiner Abreise vor die in tiefe
Witwentrauer gehüllte Freundin trat, die ernst und still seiner harrte, ich
bringe dir Gottards Abschiedsgruss. Er ist nach Berlin zurück. - Obschon es mir
gelungen ist, im ersten Augenblick der Gefahr deines Freundes Hand als rein vom
Blute deines Gatten zu zeigen, werden doch deine Knaben späterhin gewiss, wie so
manche Andere, erfahren, dass eine Ausforderung, ein Zweikampf stattgefunden, und
- die Welt wird ihnen das Warum nicht schenken. Deshalb meint Gottard, er dürfe
dich jetzt noch nicht aufsuchen; aber er wünscht dir zu schreiben. - Was mich
selbst betrifft, Anna! - er sprach mit sichtlicher Selbstüberwindung - so rufen
mich Pflicht und Dankbarkeit zurück in meine erworbene Heimat, zu meinen
Studien, zu meinem Weib und Kind. Und du bedarfst deines Freundes nicht mehr;
ein Anderer darf dir näher treten; der Freund deiner ersten Jugend weicht
zurück.
    Lieber Otto! erwiderte Anna, ich danke dir viel, am meisten aber, dass dein
mit meiner ganzen Kinderzeit so eng und fest verwachsenes Bild in so ganz klaren
lichten Zügen mir bleibt - zu meinem Trost! - Kehre denn zu Vrenely zurück, sie
wird sich um dich bangen.
    Ja, das wird sie, sagte er, trübe vor sich hinblickend; denn ich habe ihr
seit dem Unglück nicht wieder geschrieben, ich vergass sie, mich, Alles, um dich!
und um ihn, setzte er hinzu, den du liebst.
    Den ich liebe! - Anna errötete heiss, dann kehrte sie den Kopf mit einer
edeln, fast königlich stolzen Wendung ihm zu. Ja, Otto! ich liebe ihn! Ich werde
ihn lieben, so lange ich lebe, aber -
    Sei recht glücklich, Anna! sagte er gepresst. Er wandte sich, um zu gehen.
    Sie ergriff leise seine Hand und zog ihn neben sich nieder auf das Sopha,
dann sah sie ihn still mit ihren grossen veilchenblauen Augen an und hielt ihn so
einen kurzen Augenblick. Erinnerst du dich noch deutlich unserer ersten Jugend?
des dunkeln Hauses und der engen in stumpfen Winkeln ausbiegenden schiefen
Gasse, in der gar nichts eine helle Farbe hatte? -
    Als unser Herz, Anna! als unser fröhlich schlagendes Herz! -
    Weisst du noch, fuhr sie fort, wie wir oft Sonntag Nachmittags Stunden lang
hinübersahn in des so nahen Nachbars blindgebrannte Fensterscheiben, ganz
überzeugt, es müsse irgend etwas da geschehen, und du erzähltest mir lauter
Märchenanfänge -
    Otto hatte sich zurückgelehnt in die Ecke, er hielt ihre Hand noch, aber
sein Auge sah nur das damalige Kind, nicht sie. Drüben, sagte er langsam, wohnte
der Mann, der die Electrisirmaschine hatte. Wir fingen der Tante alten schwarzen
Kater ein und electrisirten erst ihn, dann die Türklinke, die den Hausknecht
die Treppe herabwarf, als er den Kater suchte. - Wie hiess doch nur Euer Hund,
dessen Gebell ich nachmachte, damit du herunterkommen solltest, um ihm die
Haustür zu öffnen?
    Maus, sagte Anna und lachte. Ein gar närrischer Name für einen Hund. Der
Vater hatte ihn lieb, es war ein alter steifer Spitz.
    Ich seh' ihn noch! Und wie die Mutter böse wurde, wenn ich ihn Sonntags
herausliess -
    Ja, er lief mit bis zur Kirche. Ach, Otto! es ist, glaube ich, in der Welt
nirgend mehr solch ein Sonntag!
    Und Beide entwarfen sich das Bild eines Sonntags der kleinen Stadt, wie ihn
nur die Jugend kennt, mit all seiner Poesie und all seinen Einschränkungen,
seinen Freuden und seinem Sonnenglanz, den die enge Bürgerhaushaltung
widerstrahlt - nichts hatten sie vergessen.
    Siehst du, Otto! fuhr sie fort, wäre ich in der engen, grauen Strasse
geblieben, vielleicht wäre ich glücklich und frei, aber so! -
    Freilich, nun bist du eine Gräfin. Aber was schadet das?
    Ich bin eine arme, in einen andern Boden versetzte Pflanze, sagte sie
träumerisch-wach, die im Heimatsgrunde nicht zur Blüte kam. Ich habe nicht fest
anwurzeln können in der fremden Erde, so kunstvoll sie des Gärtners Hand um mich
her gelockert und gehäuft. Ich habe mich immer gefürchtet vor meinen eigenen
Verhältnissen, ich habe mich fremd gewusst, nicht gefühlt unter allen diesen
Fürsten und Grafen, deren Wesen mir nie imponirte, deren Interessen mir oft eben
so flach und erbärmlich vorkamen, wie die meiner ersten Umgebung. In meinem
Vaterhause hatte mich die oft rohe Hand der Armut, der Kleinlichkeit, der
beklemmenden Sorgen kleinbürgerlicher Verhältnisse eingeängstet bis zum
Hinüberflüchten in die mir neue, fernliegende grosse Welt; aber die in stille
Winkel verkrochene, unter grauer Altertümlichkeit fortblühende Poesie jener
Lebensmorgendämmerung liess meine Seele nicht los. Unablässig zog sie mir nach,
rief mir das Herz zurück zu sich, dass es mir hätte zerspringen mögen in der
Brust. Mein ganzes Leben hindurch hat mir eine goldene, helle Mittelstrasse des
Geistes geahnt, eine freie Entwicklung höchster, ungekränkter Menschlichkeit.
Als junges Mädchen, als Frau sogar, habe ich sie bald hier, bald dort geträumt;
jetzt träumen sie Millionen mit mir, die sie, leider! eben so wenig finden
werden wie ich, obschon Alle sie suchen.
    Otto drückte die liebe Hand, die er noch in der seinen hielt. So viel, so
offen hatte Anna nie über sich gesprochen.
    Das waren meine Träume, Otto! fuhr sie fort, das war meine Vergangenheit.
Nun hat mich das Leben plötzlich von beiden abgeschnitten und mich in eine
grelle, helle Gegenwart geschleudert; Kronberg ist todt, die Gräfin Kronberg
steht nun an seiner Stelle. Sie ist ihren beiden Söhnen einen makellosen Ruf und
die Möglichkeit, sie unbegrenzt zu lieben, schuldig. Der Vater schläft den
langen Todesschlaf, die Mutter muss für ihre Kinder wachen. - O, glaube mir,
Otto! sie sollen sich menschlichschön und frei entwickeln, jeden Vorzug ihres
Geschicks und jede Gunst des Zufalls geniessen, aber keine einzige der meistens
diese Gunst, diese Vorzüge begleitenden, oft sie bedingenden Fesseln soll mir
die frischen, schönen Knabenseelen drücken oder beengen. Sie sollen keine
Schwächlinge, keine Charakter- oder Geisteskrüppel werden. Weder Viatti, noch
Geiersperg sollen jemals einen entschiedenen Einfluss auf deren Lebensrichtung
erhalten. - Es ist hart, denn jetzt kann und darf ich mein Geschick nicht an das
meines Freundes schliessen.
    Anna! schrie Otto auf, ist das dein Ernst, wagst du schon jetzt dich zu
entscheiden?
    Und warum nicht jetzt? Heute, morgen, über's Jahr, ist das ein Anderes? Er
wird auch jetzt mich verstehen. Otto, wer im Augenblicke des Zweikampfs den Mut
hatte, mit dem Mörder des Geliebten fortleben zu wollen, um der Kinder willen,
hat auch den, eine Trennung zu tragen, die nur eine äussere ist, nie eine innere
werden kann!
    Otto seufzte schwer. Du bist so jung und das Leben ist so entsetzlich lang!
    Sie aber schüttelte den schönen Kopf und legte die Hand auf ihr bang
schlagendes Herz. Und doch, traue mir!
    Vom Nebenzimmer herüber tönte Leontinens leise Stimme, sie sang ein Lied,
das Otto liebte. Einen Augenblick horchte er wehmütig ihren Tönen, dann ging er
hinein, auf lange Abschied von ihr zu nehmen.
                                     Lied.
O nur kein Wort, kaum ein Gedanke!
Es spielt im Rosenkelch die Luft,
Es träumt der Schmetterling im Duft,
Der Abendhauch im matten Glanze;
Es winkt verschwiegen dir die Ranke,
Lockt in den Zauber dich hinein -
O nur kein Wort, kaum ein Gedanke! -
Da bricht ein Strahl die Wunderstille!
Wie all-lebendig Wald und Welt!
Nun spricht dein Herz, nun ruft das Feld;
Es schwirrt und summt um jede Pflanze;
Der Glutmoment warf ab die Hülle,
Aufbljetzt der grelle Sonnenschein! -
Wo blieben Zauber, Traum und Stille?
In Basel waren die Ferien zu Ende. Vrenely hatte zehn Mal die Nachbarn getäuscht
mit der Versicherung: es gehe ihrem Manne gar wohl, er sei auf dem Rückwege.
Aber nun ward ihr das Herz allzuschwer, so schwer, als zöge es sie unter die
Erde.
    Hatte sie den lauten Tag zur Ruhe gebracht, so kam die Nacht mit ihren noch
lautern Träumen, das Elend schrie sie gewaltsam wach - und dann war er nicht da.
Sie lief an's Fenster, riss es auf, gewiss, er musste unten sein, sie hatte wohl im
Schlaf das Rollen des Wagens überhört, aber - da war nichts als Dunkel, und
Herbstwinde sausten über die Baumwipfel und krachten, und schüttelten an Tür
und Laden. Die Nacht schaute mit tausend schwarzen Augen durch die geöffneten
Fenster in das schwach erhellte Zimmer, in dem sie schlafend und wachend
immerfort wartete auf ihn.
    Es hatten schon viele Studenten angefragt, ob der Professor nichts habe
hören lassen; die Collegia waren angeschlagen, die andern Vorlesungen begonnen.
Manchmal war ihr, als rückten all die fernen Berge ganz eng zusammen, als würfen
sie alle ihre rollenden, stürzenden Bergwasser, all ihre Lavinen und ihre Stürme
ihr auf's Herz, als wanke der Fels unter ihrem Fuss, ja als könne ihr armer Kopf
wohl ganz irre werden, wenn ihr der eine Gedanke einfalle, den sie noch nicht
dachte, nur ahnte, und den sie immer fortschob mit Gewalt, wenn er ihr näher
treten wollte. Und nah lag er ihr, das fühlte sie wohl, entsetzlich nahe!
    Nicht einmal beten konnte sie mehr, die Angst verwirrte sie und zerstreute
sie; sie faltete dem kleinen Mädchen die noch willen- und bewusstlos
herumgreifenden Händchen und blickte gen Himmel. Es war eben so gut wie ein
Gebet.
    Endlich hatte sie beschlossen, ihm nachzureisen; denn sonst sterbe ich,
sagte sie traurig vor sich hin, wenn ich nicht weiss von ihm, und das ist doch
das Allerschlimmste. Sie rüstete sich, packte ein; es war nun Abend; der
Herbstsonnenschein lag rot und brennend auf der altergrauen Stadt, sie sah ganz
jung und rosig davon aus, das machte Vrenely Mut. Sie setzte sich mit dem Kinde
auf das schon fertig gepackte Köfferchen und blickte über die Wiege weg in den
wieder Tag und Leben verheissenden Strahl - da umfassten sie plötzlich von hinten
zwei kräftige Arme und drückten sie an ein warmes, treues Herz. Gott im Himmel!
er war's und hatte sie überschlichen. Bleich, verkümmert, mager war er. Sie
fragte nichts, schalt nicht, warf ihm nichts vor; sie zog ihn an den Tisch auf's
Sopha, dass er bequem ausruhe, dann lief sie, Alles herbeizuholen, was den
Ermüdeten erquicken konnte. Die letzten Stunden hatte er zu Fuss gemacht, um auf
Richtwegen früher anzukommen. Bei jedem, was sie brachte, fiel sie ihm um den
Hals, drückte ihn an's Herz und eilte, noch mehr zu bringen. Zuletzt rückte sie
ihm die Wiege noch bequem zurecht, dass er die Kleine immer sehen könne, und
setzte sich still zu seinen Füssen auf einen Schemel. Er nahm das schlafende Kind
und küsste es wach. Du siehst aus, wie der heilige Joseph! sagte sie lachend;
all' ihre Munterkeit war erwacht.
    Erst als er lange geruht, gegessen, getrunken hatte, legte sie ihr Köpfchen
auf seine Schulter, sah ihn mit den glänzenden schwarzen Augen innig zärtlich an
und sagte: Du hast wohl viel gelitten? Ueber sich sagte sie gar nichts.
    Otto spielte mit ihren langen Flechten und erzählte. Sie schreckte zurück
auf dem Schemel, faltete entsetzt die Hände; so halb zurückgelehnt, starrte sie
ihn an und lauschte ihm jedes Wort von den Lippen. Gott, das war's! ächzte sie
und ihre Tränen liessen ihr kein Wort weiter.
    Als er geendet, weinte sie noch laut. Und ich, ich, die dich anklagte,
deines Schweigens wegen, o vergib mir! vergib mir! Zärtlich küsste sie seine
Hand, er aber zog sie an's Herz.
    Diese Anna ist ein grossartiges Weib, sagte Vrenely, ihre Augen trocknend;
viel besser, als ich. Wie sehr begreife ich, dass du sie so liebst! Gott weiss,
ich habe mein Kind lieb da in seiner Wiege; aber dir um des Kindes willen
entsagen, das könnte ich nicht. Leontine hat sie oft dem Pelikan verglichen, der
mit dem Herzblut seine Jungen letzt; nun gibt sie den Söhnen unendlich mehr, als
so ein bisschen Blut, denn das arme Herz schlägt fort in ihrer Brust ohne alles
Glück. Und Er! o es ist ungeheuer!
    Sie versank in ernstes Sinnen. Aber sage mir, fragte sie wieder, ist's
unvermeidlich? Gottard hat ja den Anfang der Erziehung der Knaben -
    Unter diesen Umständen, in dieser Stellung, mit diesen von allen Seiten
drohenden Anklagen -
    Ach! sagte Vrenely, es mag sein, dass sie muss; aber all diese hellen, klaren
Lebenshöhen sind doch entsetzlich!
    Nicht für Anna, liebe Vrenely! Sie barg ihr Haupt an seine Brust.
 
                                      1832
Von einem der stillsten Laubgänge des weimarischen Parkes aus, da wo man die
träumerische Ilm zögernd an den beblümten Wiesen vorüberschleichen sieht, wo
ihre sonderbar leisen, schweren Wellen einem flüssig gewordenen Plasma oder
Jaspis gleichen und durch geheimnissreiche Tiefe unwiderstehlich lockend das Auge
nach sich ziehen, blickten eben so träumerisch, wie das Wasser und die es
umfriedenden Erlen, zwei schöne noch junge Frauen in das anmutige Sommergrün
und in die Winterstille verklungener Freuden. Mit bebenden Lippen hoben sie den
Schleier von all den glücklichen und traurigen Ereignissen der letzten Jahre,
die sie getrennt, in verschiedenen Ländern und Umgebungen zugebracht. Die
Freundinnen hatten sich hier in der Vaterstadt der Eltern ein Rendezvous
gegeben, denn die Jüngere und Zartere von Beiden gedachte eine weite Reise
anzutreten. Es waren zwei ungewöhnlich edle, anziehende Erscheinungen, sie
schienen Beide kaum das dreissigste Jahr überschritten zu haben; ihr Leben stand
im Zenit, wie die Mittagssonne über ihren Häuptern.
    Der glühende Zauber dieser Stunde, die der Mitternacht gleich die Gespenster
aus ihren Gräbern löst und sie über die schweraufatmende Erde hin wandeln lässt,
mochte auch die Frauenzimmer erfasst haben, denn auch sie riefen die Geister
ihrer Vergangenheit wach und liessen sie dem zu Boden gesenkten Blicke
vorüberziehen.
    Einen Moment lang zwang die drückende Schwüle die Jüngere, den Hut
abzunehmen; sie zeigte ein wunderliebliches Gesicht im frischesten,
durchsichtigsten Colorit, von hellblonden Locken umwoben, die wie goldene
Staubfäden im Luftzuge spielten, einer exotischen Blüte gleichend.
    Ich bin davon wie von meinem eigenen Dasein überzeugt, sagte sie.
    Und du hast nie wieder von ihm gehört, und nie auch in Italien und Sicilien
eine Spur von ihm gefunden!
    Nein, weder da, noch in Malta, noch in Griechenland, wo ich nicht minder
sorgsam ihn gesucht. Und doch bin ich überzeugt, dass er lebt! Er wollte
verschwunden sein und blieb es. Glaube mir, er hat das bessere Teil erwählt.
Seine ewig nach Freiheit und Bewegung, ja nach Kampf dürstende Seele konnte den
faden Zuckerwasserzustand unserer Alltäglichkeit nicht ertragen. Die Plänkeleien
unserer Ehestandstruppen waren glücklicherweise noch blosse Vorpostengefechte
geblieben, als die Nachrichten aller der Nationalaufstände uns erreichten. Die
Volksunruhen zogen ihn nach Belgien; er gab vor, einen Bekannten in Aachen
besuchen zu wollen, und reiste ab. - Mir ahnte ein langer Abschied. Als alle
diese friedlichen Volkssiege wie reife Erntegarben sich übereinander legten,
duldete es ihn nicht mehr in unserem legitimen Norden; die Julirevolution hat
er, bei Gott, so wenig verschmerzt, wie ein junges Mädchen den ersten Ball, den
man ihm versagt.
    Du bist bitter, Leontine!
    Ach! wir haben entsetzlich gelitten, ehe es so weit kam, ehe wir uns
gestanden, dass die Trennung unvermeidlich und unser Leben ein lang
ausgesponnenes Elend sei. Und doch habe ich ihn unsäglich vermisst, denn wer kann
das Ungewöhnliche, das Erregende entbehren, wenn er es erst gekannt! - O, glaube
mir, das Menschenherz hat etwas Tigerartiges in seiner Natur, wenn es einmal vom
Blut der Leidenschaft getrunken, wird es wild und lechzt darnach, wie jener nach
seiner Beute.
    Anna seufzte. Auch ihr waren die Tage entblättert, sie standen kahl und
frostig vor ihr und der Lebenssturm hatte oft mit ihren Erinnerungen gespielt
und sie beängstigend umhergejagt, wie der Herbstwind die abgefallenen Blätter.
    Leontine schwieg und sah lange vor sich nieder; als sie die Augen aufschlug,
blitzten zwei glühende Tränen darin auf.
    Und jetzt? sagte endlich Anna.
    Jetzt? - jetzt lass mich dann an das falsche Todeszeugniss glauben, weil er es
will. - Als ich noch für ein Mädchen galt unter euch, war ich längst eine Frau;
jetzt lass sie eine Witwe mich nennen und mich wie damals heimlich ihm vermählt
bleiben. - Ach, das ist das Wenigste, was ich tun kann!
    Lass mich, fuhr sie noch wehmütiger fort, nun auch Italien vergessen, das
ich um ihn, durch ihn, ach, nie mit ihm gekannt! Lass den Göttertraum der Jugend
der Poesie, den Fanatismus, den ich in ihm geträumt und der mir in seinem
Vaterlande wahr geworden, nun auch zu Ende sein, und lass mich nicht weiter
erzählen!
    Ein ganzes Jahr habe ich ihn auf meiner Villa erwartet, immer sein harrend,
in Rom, Florenz und Wien gelebt, ja, Anna, gelebt! mit vollem Bewusstsein des
Lebens, das ich immer umsonst bei euch gesucht und entbehrt, mich freudig
eingetaucht in den Ocean des Schönen, wie sich die Sonne golden in die goldne
Tiber taucht! - Ein Jahr hindurch habe ich wie ein Kind geschwelgt im Genuss,
laut gelacht, wenn ich froh war, geweint und geschrien, wenn mir wehe geschah.
All das künstliche Eis der Sitten, Etiquette und Gewöhnung habe ich schmelzen
lassen in mir, an der Glut des Augenblicks, der mich auf seine leichten Flügel
nahm und über all eure Quälereien hinwegtrug; - und nun ist's vorbei! - Sie
sagen mir Alle, dass ich noch jung, noch schön bin und frei und reich dastehe in
der Welt. Nun, es werden ja vielleicht auch andre Sonnenstrahlen mein Herz
erwärmen! Glücklich, wie ich's gewesen, möchte ich gar nicht wieder sein. Kehrte
das wieder einen Augenblick, nur einen, so müsste es ewig dauern, oder er würde
zur Hölle! Sie schwieg.
    Nach einer langen Pause fuhr sie fort: Wer nur innerlich noch recht viel
erwarten könnte!
    Sie lehnte den Kopf zurück und summte mit halber Stimme ein venetianisches
Gondelierlied vor sich hin. Allmälig geriet sie in das so oft von Jean Carlo
gesungene Nenna sta grazia a toja. Sieh, sagte sie lächelnd, wie die Melodie
sich mir wieder einschleicht! - Ach, Alles in der Welt ist treuer, als das
menschliche Herz!
    Anna fasste ihre beiden Hände und drückte sie an ihre Brust. Leontine,
verliere dich nicht! sagte sie weich; deine eigene bewegte Brust lässt dich das
ohnehin stets Wandelnde, Wechselnde bodenlos glauben - das Leben hat auch
bleibende Tiefen, die den ewigen Himmel zurückstrahlen.
    Lass das, erwiderte Leontine, ich klage ja nicht! Dass mir gerade nur das
Flüchtige schön erschien, dass ich von ihm eine ewige neue Rückkehr hoffte und
deshalb die Fesseln, mit denen ihr Alle es verletzt und verkrüppelt euch
bewahrt, nicht ertragen konnte, liegt in meiner Natur. Ich habe ihn - Jean Carlo
meine ich - nicht geliebt in euerm Sinne; aber dass ich ihn wie die Anderen
verlor, ist grauenhaft, entsetzlich!
    Was mag seitdem Alles durch ihre Seele gezogen sein, dachte Anna.
    Und doch, erwiderte Leontine, als habe sie ihr den Gedanken von der Stirn
gelesen, und doch habe ich Otto nie vergessen!
    Da sind sie! rief eine kräftige jugendliche Stimme. Es glänzte etwas wie
eine Uniform im Gebüsch, und zwei sehr schöne junge Männer flogen auf die Frauen
zu. Wie haben wir euch gesucht!
    Egon! Joseph! rief die glückliche Mutter, mit innerem, stolzem Jubel die
Beiden betrachtend. Siehst du, Leontine, sind das noch Knaben?
    Egon küsste der Tante die Hände und sah sie mit so durchdringendem, glühendem
Blick an, dass sie lachend den ihren niederschlug. Aber Anna hatte Recht, Egon
war beinahe ein Mann zu nennen, obschon er noch an der Grenze seiner achtzehn
Jahre stand. Das kastanienbraune Haar, das in leichter Krausse unter dem
Studentenmützchen hervorquoll, das etwas hellere Schnurrbärtchen, der schwarze
Sammtrock bezeichneten den deutschen Jüngling; die ungewöhnlich frühe Ausbildung
seiner Züge und seiner ganzen Gestalt hätten ihn jedoch leicht für einen
Engländer oder Iren gelten lassen.
    Joseph war Cadet; er hatte alle Schalkheit, allen Mutwillen seiner Tante
Leontine geerbt, er sah aus wie der Page im Figaro, nachdem er eben Offizier
geworden, und suchte, wie dieser, dem ganzen weiblichen Geschlechte, seine
Mutter und Tante mit einbegriffen, den Hof zu machen.
    In der einen Stunde seiner Anwesenheit in Weimar hatte er nicht nur alle
Stellen aufgefunden, an denen Anna's Erinnerungen hafteten, er hatte bereits
auch alle Staats-, Gesellschafts- und insbesondere alle Militärinteressen
erkundet und mit in die seinen aufgenommen. Von Euerm alten Waldau'schen Hause
ist keine Spur mehr, versicherte er die Frauen. Tante Leontinens Gärtchen ist
auch verschwunden; Weimar ist eine schöne freundliche Mittelstadt Deutschlands
geworden und sieht nicht mehr aus wie eine geniale, nicht gut aufgeräumte
Gelehrtenwirtschaft.
    Während Anna Egon über die ihr fast schmerzlichen kleinen Veränderungen
befragte, flüsterte Joseph der schönen Tante eine Menge Geheimnisse zu. Leontine
war ganz heiter geworden und sah nun zehn Jahre jünger aus, als vorhin.
    Und seid ihr allein gekommen? fragte sie endlich.
    Bewahre! Wir haben deinen Lord Frederic, den du eine Lady nennst, höchst
eigenhändig aus dem Wagen gehoben, nachdem wir sie und ihren Neger von Dresden
her escortirt. Ihre Lordschaft haben aber drei Nachtfahrten gemacht und studiren
pour se délasser eben die türkische Grammatik und den Koran; sie wollten uns
also nicht herbegleiten und rechnen auf deine und der Mutter baldige Rückkehr.
    Und du kannst mich hinführen, sagte Leontine.
    Stolz bot ihr der Cadet den Arm und grüsste mit der Linken im Abgehen die
Zurückbleibenden.
    Das Paar sah allerliebst aus; obschon sie dem Alter nach seine Mutter sein
konnte, erschien Leontine neben ihm wie eine ältere Schwester.
    Egon sah ihr mit leuchtenden Blicken nach. Ist sie nicht immer noch
wunderbar schön? fragte er. Er seufzte leise; Anna aber lächelte freundlich. Man
nennt in Frankreich das erste graue Haar einer jungen Frau le cheveu historique;
obgleich fast unhörbar leise, schien der Mutter dieser erste Seufzer des Sohnes
eine ganze idyllische Geschichte voll lauter Frühlingsempfindungen zu entalten
- le soupir historique, dachte sie. Und als müsse das höchste Erdenglück vom
Himmel herab auf den ersten Wunsch dem Sohne zu Füssen fallen, sah sie dankbar
auf in die wolkenlose Bläue.
    Wie weh den Frauen selbst das Leben getan haben mag, wenn sie für ihre
Kinder hoffen, liegt immer etwas Primitives in ihrem Gefühl; die Narben der
Erfahrung sind plötzlich alle in ihnen ausgelöscht und sie glauben der Zukunft
unbedingt, als wären auch sie - sechszehn Jahr.
    Mutter, sagte Egon, indem er neben ihr sich auf die Bank setzte, ich möchte
mit dir reden; aber nicht wie ein Knabe, nicht wie ein Jüngling, wie ein
werdender Mann zu einer Frau, die schon Alles geworden, nur das Eine nicht, was
sie vor Allem hätte werden sollen - glücklich!
    Anna erschrak; sie erwartete irgend ein Geständnis.
    Seit vier Jahren, fuhr er fort, hast du, teure Mutter, nur für uns,
ausschliessend für Joseph und mich, gelebt, Alles danken wir dir!
    Du vergisst Geiersperg, sagte Anna weich.
    O nein! der Onkel hat getan, was er vermochte, um uns die Leitung des
Vaters zu ersetzen; aber glaubst du wohl, sie würde ihm bei ein paar Trotzköpfen,
wie die unsern, gelungen sein, wenn er die Zügel nicht gar oft in deine liebe
Hand gegeben hätte?
    Wo willst du eigentlich hinaus? fragte Anna heiter; immer noch erwartete sie
irgend ein Bekenntnis.
    Ich wollte dir sagen, liebe Mama, dass wir flügge gewordene, aus dem Nest
gefallene Vögel sind, die nächstens ihren Flug in's Weite versuchen werden. Ich
bin achtzehn Jahr und Student, Joseph in seinem bunten Rocke siebzehn - er
errötete wie ein junges Mädchen. - Mutter! Freundin! nun lass deine wilden Buben
ziehen, es ist unmöglich, sie länger festzuhalten. - Uebergib sie nur ganz
sorglos dem blauen Himmelsocean, sie sind der Heimat gewohnt und werden sich
nicht verfliegen.
    Ach, sagte Anna, war es das? O Kinder! ich weiss es längst, dass ich euch nun
dem Leben, der Welt und ihrem Wirbel überlassen muss, und werde es. Ihr werdet
nicht einmal die bangen Schläge meines Herzens hören. Nein, nein, mein Egon! nie
soll die Mutterliebe euch eine Fessel werden!
    Er küsste ihr die Hand. Es entstand eine kleine Pause. Anna war in's Sinnen
geraten und in stilles Hinbrüten versunken.
    Am meisten nach dir danken wir dem Präsidenten Gottard, fuhr Egon fort.
Hast du lange nichts von ihm gehört?
    Seit fast zwei Jahren nicht, antwortete sie gepresst; seine Geschäfte machen
ihm das Briefschreiben schwer. Du weisst, dass er jetzt die Interessen der ganzen
Provinz zu vertreten hat -
    Freilich, erwiderte Egon fast obenhin. Er sah den Geisterzug nicht, den er
in der Mutter nachzitternder Seele erweckt. Aber möchtest du ihn nicht einmal
wiedersehen?
    Plötzlich überflutete eine himmlische Jugend die schöne Frau. Trotz ihrer
vierundreissig Jahre ward sie schöner, als je; es lag eine so edle Verklärung der
Seele in ihrer ganzen Erscheinung. Ich würde mich unendlich freuen, ihn zu
sehen, sagte sie; aber schwerlich werden uns die auseinanderliegenden Wege
sobald zusammenführen.
    Und wenn er nun einmal ganz unerwartet käme, Mutter?
    Anna vermochte nicht zu antworten.
    Musst du uns doch nun unsern eigenen Zug nehmen lassen, du Arme! Kannst uns
nicht anders, als mit dem Herzen begleiten, dessen Flügel uns so oft Mut und
Kraft zugefächelt haben - er legte ihre Hand auf seine Augen und den Kopf auf
die Lehne der Gartenbank.
    Aha! sagte der rückkehrende Joseph, hast du Cato den Text gelesen, Mutter?
Will er wieder einmal die Welt verbessern und allweise sein, trotz unserm
Herrgott? Tröste dich, liebste Mama! hast du doch noch mich hoffnungsvolles
Schlingelpflänzchen, um dich und ihn vor seiner Moral zu retten und vor seinem
vielen besten Rat! Ich habe nur den einen, und er ist zu gleicher Zeit mein
höchster Wunsch: sei recht glücklich, Mutter! so glücklich, als noch gar kein
Mensch auf Erden geworden; denn auf Ehre! sagen wir Offiziere: noch Niemand hat
es mehr verdient!
    Im Gehen hatte Egon ihren Arm in den seinen gelegt; die jungen Leute führten
sie unmerklich aus dem Park über den daran stossenden Platz, dem Hotel zu, das
Alle auf ein paar Tage bewohnten. Als sie an die Türe ihres gemeinschaftlichen
Salons traten, fanden sie Duguet und August vor derselben.
    Ist dein Herr zu Hause? fragte Anna den letztern.
    Seit dem Tode des Herzogs von Reichstadt hatte sich St. Luce wieder
eingefunden. Er war entschlossen, sie nie wieder zu verlassen, immer in ihrer
Nähe seinen Wohnsitz aufzuschlagen.
    Es fiel Annen auf, dass der alte Diener nicht sogleich antwortete; als sie
ihn und Duguet genauer ansah, bemerkte sie in beider Zügen den Ausdruck einer
tiefen, gewaltsam zurückgehaltenen Rührung. Arme Freunde! sagte sie, ach! ihr
seid nicht die Einzigen, die hier Sophiens schmerzlich gedacht! - Sie reichte
ihnen die Hand, die jene ehrfurchtsvoll an ihre Lippen drückten. Keiner
erwiderte ein Wort.
    An der Türe liess Egon, der sie geführt, ihren Arm los. Ich will die Tante
Leontine holen! Plötzlich aber kehrte er um und fiel der Mutter um den Hals:
Mutter! Mutter! Dein Glück ist der innigste Wunsch deiner Kinder! Er war
verschwunden. Auch Joseph hatte unter heftigen Küssen sie losgelassen; sie stand
verwundert und allein auf der Schwelle des Saales.
    Am Fenster, den Rücken ihr zugewandt, gewahrte sie einen stattlichen
Fremden. Bei dem Geräusch ihres Eintritts kehrte er sich um; es war - Gottard.
    Tief bewegt ihr die Hand entgegenhaltend, schritt er auf sie zu. Verzeihung,
teuerste Anna! rief er mit dem vollen Klange, den nur die Freude dieser
weichen, sonoren Stimme, die sonst gedämpft ertönte, zu verleihen pflegte. Ach!
mit dem ersten Laut rief er das ganze vergangene Leben ihr wach, es umgab sie
wie eine überreiche Gegenwart. Anna! wir Alle sind im Complott gegen Sie
gewesen! Geiersperg, St. Luce und Ihre Söhne, Alle haben sich auf meine Seite
geschlagen: denn ich konnte ohne Sie, teuerste Freundin, das Dasein nicht
länger ertragen, ich musste Sie wiedersehen! Ich musste!
    Trunken von Glück, keines Ausdrucks mächtig, liess sie sich von ihm zum Sopha
geleiten. Erst jetzt sah sie ihn wirklich, bis dahin hatte eine Art Nebel auf
ihrem Auge, ein Schwindel von Seligkeit sie verhindert, ihn deutlich zu sehen.
Aber als er nun fortsprach, gewann sie Zeit und blickte auf. Gottard war in den
vier, fünf Jahren bedeutend gealtert, die ungeheure Geistesarbeit, die rastlose
Tätigkeit seines Berufs hatten Spuren hinterlassen, aber sie hatten sein
Äußeres gereift, ohne es irgend zu schwächen; er war noch immer schön.
    Es lag ein solcher Ausdruck von Güte in seinen harmonischen Zügen, eine
solche Zusicherung des Schutzes, der Hülfe, des Trostes in dem tiefen Ernste
desselben, in seinem ganzen Auftreten; auch ohne ihn zu lieben, würde man ihm
eine Welt aufgebürdet und anvertraut haben, so ruhig, sein selbst bewusst, so in
sich selbst concentrirt stand er da: ein Bild der höchsten Milde, wie der
ausgearbeitetsten Kraft.
    Demonstrationen des Gefühls, fortgesetzter Briefwechsel, ja sogar jeder
regelmässige gesellschaftliche Verkehr waren dem mit den bedeutendsten Arbeiten
Ueberhäuften, auf eine der höchsten Stellen des Staates Berufenen längst
unmöglich geworden; dennoch war Annens Bild nie aus seiner Seele, nie aus seiner
Sehnsucht gewichen.
    Nach dem unseligen Duell hatte er, während Anna in Brandenburg blieb, eine
Zeit lang in Berlin gelebt, um die Fäden einer neuen, immer ausgedehnteren
Tätigkeit anzuknüpfen. Während dieser Vorbereitung seiner veränderten Laufbahn
hatte Geiersperg ihn kennen und schätzen gelernt. Beide Männer stimmten in der
Ansicht überein, dass nur eine längere Trennung von Annen in den Seelen der
heranwachsenden Knaben, in der Ansicht und im Urteil der Gesellschaft die
teure Frau flecken- und makellos im Besitz der ihr nötigen Anerkennung
erhalten könne.
    Das schwere Opfer ward gebracht; schweigend, wie fast immer die schweren
Opfer. Gottard suchte beim Ministerium um einen Zweig der Verwaltung in
Schlesien nach; sein Wunsch ward ihm gewährt.
    Sonderbar genug, aber ein Beweis, dass ein wahrhaft eminenter Kopf in unsern
Tagen die äusseren Verhältnisse beherrscht, hatte der wiederholte Umschwung, den
Gottards Liebe seiner amtlichen Tätigkeit gab, weder hemmend, noch störend auf
seine Laufbahn eingewirkt, unaufhaltsam hob sie sich; sein Weg ging
ununterbrochen aufwärts, sogar wo sich dessen Richtung änderte.
    Die Verschmelzung grosser Tat- und Geisteskraft ist selten, und dennoch
bedarf unsere industrielle Zeit derselben so sehr. Gottards Uneigennützigkeit,
sein bürgerlicher Fleiss und seine aristokratische Nichtachtung des Einzelnen, wo
es die Masse galt, gaben ihm einen immer ausgedehnteren Wirkungskreis, ja eine
in manchem Bezug fast herrschende Gewalt über seine Mitbürger und Untergebenen.
    Als ihn der Zufall wieder einmal mit Geiersperg zusammenführte, fragte er so
angelegentlich nach Annen, dass der alte unermüdliche Handlanger der
Zeitereignisse, Geiersperg, mit einem Male innerlich beschloss, nun seine Neffen
erwachsen und die Gerüchte über des Vaters Stellung zu Gottard denselben zur
Prüfung vorgelegt werden konnten, die jungen Leute selbst auf den Gedanken an
eine zweite Verbindung ihrer Mutter mit dem nunmehrigen Präsidenten zu bringen.
    Seine Absicht ward vollkommen erreicht. Die Zusammenkunft Leontinens mit
Annen und der Lady Frederic, die erstere nach Konstantinopel zu begleiten
beabsichtigte, ward zum Moment des Wiedersehens erwählt. Geiersperg war
überselig, ein kunstvolles Manoeuvre ausgeführt, durch die Gründe seiner
Beredtsamkeit alte Vorurteile besiegt zu haben, wie Leontine lachend ihm
vorwarf.
    Alle trafen ungefähr zur nämlichen Zeit in Weimar zusammen.
    So ward es möglich, Annen ein Wiedersehen zu bereiten, das die vom Glück so
lange Entwöhnte vielleicht in banger Scheu von sich gewiesen haben würde, hätte
sie es vorausgeahnt, das aber nun in seiner überraschenden Erscheinung einem
elektrischen Funken gleich in ihre müde Seele traf und plötzlich alle
schlummernden Kräfte derselben weckte, ohne sie zu überreizen. War es doch fast
das erste Mal in den langen, stets in Bezug auf einander hingelebten Jahren
ihrer Bekanntschaft, dass die Liebenden und Freunde - sie waren einander Beides
und wussten es von einander - ruhig, nur von der Freude des Augenblicks bewegt,
sich aussprachen.
    In jedem Worte feierte ein zerdrücktes, verborgenes Gefühl oder eine lange
verschwiegen und heimlich geteilte Ansicht eine Auferstehung. Beider überreiche
Natur strahlte so edle Gaben der innern Schönheit aus, dass sie in gegenseitiger
Freude, Eines an dem Anderen durch die Gegenwart erfüllt und befriedigt, weder
die Schatten der abgeblühten Vergangenheit hervorriefen, noch an der
verschleierten Gestalt der Zukunft rührten. Diese aus tiefen vollen Quellen
zusammenfliessenden Seelen brachten ja unwillkürlich in jedem Worte, in jedem
Blicke einander ihr Allerbestes zu und eben darum blieb der schönen Stunde ihrer
Vereinigung jede Schranke bestimmter Wünsche oder Entschlüsse ganz fern, denn
sie gedachten nicht einmal der Zeit.
Lady Frederic hatte sich vorgenommen, nach dem Orient zu reisen, Griechenland
und Konstantinopel zu sehen. Die Russen hatten Frieden geschlossen mit der
Pforte; Griechenland erwartete von der hand der verbündeten Mächte seinen König.
Die alte Freiheitsfreundin sehnte sich nach all den geheiligten Stätten, denen
neue bessere Zeiten entblühen sollten; aber auch den Herd der Knechtschaft, wie
sie die Türkei nannte, wollte sie in Augenschein nehmen; nur so, demonstrirte
sie, sei es möglich, sich ein deutliches Bild der Gegenwart zu verschaffen.
    Eigentlich war es der lebhaften Frau zu stille in Deutschland geblieben, die
constitutionellen Reformen spannen sich sachte ab, und dann musste sie sich doch
überzeugen, ob dear King Leopold Recht oder Unrecht gehabt, die angebotene Krone
auszuschlagen.
    Leontinens Rückkehr nach Italien kam ihr höchst erwünscht. Sie ruhte nicht
eher, als bis ihr gelungen, die gewohnheit- und alltäglichkeitscheue Freundin zu
überreden, sie nach dem Orient zu begleiten. Leontine wollte einen Harem und
eine Moschee sehen und willigte also trotz Geierspergs unabweislichen Gründen
ein.
    Seit Italien schien eine innere Unruhe, ein Gedränge vielfach verschlungener
und dort empfangener Eindrücke ihre Launen noch wechselnder, ihre Gefühle noch
unruhiger zu machen. Nur ein einziger Goldfaden zog sich durch das seltsame
bunte Gewebe ihrer Gedanken, Phantasien und Empfindungen hin: der Wunsch, Jean
Carlo aufzufinden und ihm die ungeheuern Geldmittel zur Erleichterung seines
Zweckes zufliessen zu lassen, die er scheidend ihr zugeworfen. Sie wusste nicht
recht, was mit dem Gelde anzufangen; eine Art Toilettenluxus abgerechnet, an den
sie von kleinauf gewöhnt war, hatte sie wenig Bedürfnisse, wenig Wünsche; es
fehlte ihr gänzlich an eigentlicher Liebe zum Besitz, weil sie ihr ganzes Dasein
aus dem eigenen Innern herausspann.
    Jean Carlo in Griechenland zu finden, schien Leontinen nicht
unwahrscheinlich; dort konnte es ihr gelingen, noch einmal seinem so vielfach
geknickten Leben erneute Hoffnungen und Tätigkeit zu geben, indem sie die ihm
geraubten Hülfsmittel zurückbrachte, die er für seine Landsleute bedurfte und
deren Entbehren grossenteils das Geschick der Griechen entschieden hatte.
    O dear, o dear! unser lieber Herr Gottard! How are you? rief die gute alte
Lady, als sie unvermutet, das allgemeine Wiedersehen und Begrüssen
unterbrechend, in den Salon trat. Ei, sagen Sie mir, bitte, haben Sie wohl wieder
etwas Genaueres über die neu zu errichtenden Logen der Carbonaria erfahren, und
glauben Sie, dass diese mit den griechischen Angelegenheiten verwickelt sind?
Haben Sie wohl gehört, dass unser teurer Graf auch früher einmal sehr gravirt in
dieser Geschichte gewesen, vor seiner Heirat nämlich - Sie wissen doch, dass der
Tod ihn uns entrissen? Alles dies fragte sie hörbar leise, Leontine sollte es
nicht bemerken. Aber sie fragte glücklich alle Anwesenden aus der insgeheim
gefürchteten Rührung heraus, die sie zu überkommen drohte, und brachte mit ihrem
durchaus nicht Gemerkt- und Begriffenhaben der Seelenzustände aller Anwesenden
eine so glückliche Unterbrechung hervor, dass ihr Jeder innerlich Dank dafür
wusste.
    Joseph machte ihr entschieden den Hof, liess sich Arabisch, Indisch und
Türkisch von ihr vorlesen und ging sehr ergötzlich auf alle ihre Pläne ein.
    Leontine war der geistigen Kreuz- und Quersprünge ihrer alten Freundin zu
sehr gewohnt, um auch nur einen Augenblick sich verletzt zu fühlen; sie war
sogar gefällig genug, nicht zu hören, was jene zu flüstern wähnte.
    St Luce war am übelsten daran, er vermochte sich nicht eher vor ihrem
gutgemeinten aber übel angebrachten Eindringen in seine Gefühle und Ansichten zu
retten, als bis Anna sie auf die frisch blutende Wunde aufmerksam machte, die
dem Freunde der Verlust des angebeteten Kaiserkindes geschlagen.
    Als aber am folgenden Tage die gute alte Lady eine ganze Weile dem
Zusammensein der Freunde und der Waldau'schen Familie zugesehen, ward sie sehr
nachdenkend. In einem unbemerkt geglaubten Augenblick ergriff sie plötzlich St.
Luce's Arm: General, lieber General, ich muss Ihnen etwas sagen! Meinen Sie
nicht, dear Sir, dass unser guter Herr Gottard eine gewisse Vorliebe für die
Gräfin hat? Und nun entwickelte sie ihre Ansicht, dass bei seiner hohen amtlichen
Stellung die Partie gar so übel nicht sei, dass die Gräfin nicht von Adel, wie
man ihr versichert, und die ganze Verbindung durchaus keine unpassende zu nennen
sei.
    Trotz seines Kummers geriet der Invalide in ein so jugendlich herzliches
Lachen, dass selbst seine grosse Höflichkeit es nicht zurückzuhalten vermochte und
mehre Mitglieder des kleinen Kreises, dadurch herbeigezogen, mit Bitten und
Fragen auf die Lady eindrangen, die in der felsenfesten Ueberzeugung, St. Luce
von seinem Vorurteil so am besten zurückzubringen, eine lange Rede hielt, in
welcher sie ihre Wünsche für die Liebenden aussprach. Liebe kenne kein Gebot,
versicherte sie, und Anna sei so schön, dass man ihr kaum so viele Zwanzig geben
wurde, als sie deren Dreissig zähle. Herr Gottard aber, setzte sie mit drolliger
Verlegenheit hinzu, steht doch wohl kaum ihr darin nach, und in Old England würde
Niemand töricht genug sein, ein so von Himmelshand geschürztes Band nichtiger
Einwendungen wegen zu zerreissen.
    Sie hatte das Eis gebrochen. Obschon Alle lachten, war ihr abermals Jeder
dankbar, denn die Angelegenheit kam nun zur Sprache. Gottard warb um der
Geliebten Hand.
    Egon beschwor die teure Mutter, ihr schönes einfaches Leben nicht durch
eine Uebertreibung zu verderben. Ein unnützes Opfer ist eine Sünde! sagte er
ernst.
    Anna war unaussprechlich bewegt. Schon dass gerade der Sohn ihres Herzens
fast den Bewerber für den so lange und heiss Geliebten machte, hatte etwas tief
Erschütterndes. Gottards Freude aber erhob den Augenblick zu einer höchsten
Lebensweihe. Einen grossartigen edeln Menschen das Leid des Daseins tragen sehen,
wirkt sogar auf selbstische und gemeine Naturen; der Schmerz verleiht dem so
Hochstehenden einen Glorienschein und macht den Dornenkranz zur Krone; aber
einen ungewöhnlich Begabten, dessen Leben ein Segen für die Andern, für ihn
selbst unbefriedigt und schmerzlich dahinfloss, plötzlich im Sonnenglanz des
höchsten möglichen Erdenglückes zu erblicken, wirkt noch allgewaltiger. Es
öffnet uns einen Blick in den Himmel und gewährt uns ein tiefes, jauchzendes
Vertrauen auf das Geschick; all der Unmut, der bange Zweifel, die
Irreligiosität, die uns oft betrübendes Erfahren aufdrängen, fallen ab wie eine
Wolkenhülle und der Glaube tritt uns wieder nahe und strömt seine Seligkeit in
unser wundes Herz.
Wer diese Menschen so zusammen sah in ihrer heiteren Liebe, wem Annens
strahlendes Gesicht, Gottards so geistig-schönes Dankgefühl, der Kinder und
Freunde Jubel damals die Empfindung des dankbaren Glaubens an mögliches
Menschenglück in die Brust gesenkt, wie ein schützendes Amulet gegen das
Mistrauen des Ueberdrusses, der wird ein solches Begegnen nicht vergessen haben.
Möge sein Erinnern desselben das Samenkorn eines inneren heiligenden Segens für
den werden, der am Leben verzweifelt.
    Auch jetzt in unsern Tagen noch möchte ich dem schauensmüden blasirten
Reisenden, der so viel Städte, Bücher, Bilder, Kunstwerke aller Art mit mattem
Blick besieht, den eine innere Rastlosigkeit von Land zu Lande, von Meer zu
Meere treibt, wünschen, dass ihn sein Weg an Gottards Landhause vorüberführe.
    Wenn der Präsident nach langen beschwerlichen Berufsgeschäften, die auch ihn
oft zu weiten Reisen veranlassen, heimkehrt zu seinem stillen, friedlichen Asyl,
umfängt ihn eine selbst erbaute Welt des Schönen. Was Wissenschaft, Kunst und
Reichtum dem Dasein als Schmuck gewähren, liegt dort in reichen Garben
aufgehäuft. Anna hat einen Zauberkreis der Häuslichkeit darum hergezogen. Noch
immer stehen sie und Gottard, unverändert im Innern, von der Zeit unendlich
mild behandelt, schön und edel, in vollster Kraft, nebeneinander, noch immer ist
ihre Neigung dieselbe, noch immer eint sie das seltenste, innigste Verstehen.
    Egon zählt bereits unter unsern bedeutendsten Staatsmännern. Da Gottard
keine Kinder hat, übertrug sein Herz auch in diesem Bezug die Neigung auf keinen
neuen Gegenstand.
    Die Zeiten haben sich verändert; ihren Anforderungen zu genügen, ist
alljährig schwerer geworden. Gottard sieht seinen Nachfolger in Egon, dessen
die seine einst überragende Wirksamkeit er sorglich und besonnen dem Lieblinge
vorbereitet.
    Joseph ist der schönste und beliebteste Offizier seiner Garnison und ist
dabei der unempfänglichste für Frauenliebe. Obschon er jeder Dame den Hof macht,
erzählt er ihr zugleich, dass nur die ganz besondere glückliche Mischung von
Fehlern und Vorzügen seiner Tante Leontine ihn dauernd zu fesseln vermöchte, und
dass er trostlos ist, hier bei den nordischen Barbaren weilen zu müssen, während
die Unbarmherzige unter griechischer Sonne altert, ohne auf ihn zu warten.
    Und Leontine? Sie ist immer noch ein anmutiges, vielleicht für sich und uns
unlösbares Rätsel. Seit einer Reihe von Jahren hat sie Deutschland nicht wieder
betreten. Ob sie in Griechenland den verlorenen Gatten wiedergefunden, ob sie
ihm noch heimlich verbunden ist, ob andre Neigungen und Verhältnisse ihre Seele
erfüllen, Niemand weiss es, selbst Anna nicht. Sie schreibt unendlich geistvolle,
inhaltreiche Briefe, deren Flammenzüge Leuchtkugeln gleich aufblitzen in dem
kleinen Kreise ihrer Freunde, und den Zustand des Bodens, auf dem sie
anzuwurzeln scheint, in seiner Eigentümlichkeit und in seinen wechselnden
Gestaltungen richtiger schildern, als alle unsere Tageblätter und Reisenden.
    Gar andere, tiefernste Briefe, meist in Bücherform und gedruckt, sendet uns
Otto. Ihn umgibt ein Kreis geliebter Kinder und treuer Freunde. Die unendliche
Tätigkeit seiner Seele erhält ihn frisch; die seit den letzten Jahren mit
Riesenschritten fortschreitende Wissenschaft trägt ihn über alle kleinen
Lebenssorgen hinweg. Vrenely ist der Trost seiner Tage geblieben; in ihrem Hause
herrscht noch immer die anmutige saubere Bürgerlichkeit, in der wir sie zuerst
gefunden; in ihrem Herzen blüht die Poesie und treibt mit jedem Jahre neue
Frühlingsknospen. Otto kennt nur das Universum und sein Haus; die
Gesellschaftswelt und die Politik der Zeit kümmern ihn jetzt fast eben so wenig,
wie sie in den Tiefen der Erde es taten, als er mit dem Grubenlicht und dem
Schlägel in der Hand von den Schätzen der Wissenschaft träumte, die jetzt sein
Forschergeist erreicht. Annen hat er nicht wiedergesehen und alle Einladungen
Gottards mild, aber bestimmt abgelehnt.
 
    