
        
                               Bettina von Arnim
                               Clemens Brentanos
                                 Frühlingskranz
     Aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst schriftlich verlangte
 Und liebes Kind, bewahre meine Briefe, lasse sie nicht verlorengehen, sie sind
das Frömmste, Liebevollste, was ich in meinem Leben geschrieben, ich will sie
einstens wieder lesen, und in ihnen in ein verschlossnes Paradies zurückkehren.
Die Deinigen sind
                                  mir heilig!
                                Heidelberg 1805
Verliere keinen meiner Briefe, halte sie heilig, sie sollen mich einst an mein
besseres Selbst erinnern, wenn mich Gespenster verfolgen, und wenn ich tot bin,
so flechte sie mir in einen Kranz.
                                  Holland 1808
 
                             Sr. Königlichen Hoheit
                        dem Prinzen Waldemar von Preussen
 
                             Lieber Prinz Waldemar
So weit ist's gekommen zwischen uns beiden, dass ich diese letzte Anrede wage und
lieber und naturgemässer sie finde als die auf der ersten Seite. Ich stehe auf
einmal da vor Ihnen, und alle Leute auf dem Markt vernehmen, was ich Ihnen zu
sagen habe. Vor so viel Leuten ist man aber nicht aufrichtig, man ist da nur
schicklich; folglich ist's wohl nicht schicklich, aufrichtig zu sein. Da man
aber einem Prinzen gegenüber durchaus schicklich sein muss, Aufrichtigkeit aber
Unschicklichkeit ist, so machen sich Euer Hoheit gefasst, entweder was
Unschickliches zu hören oder was Unaufrichtiges.
    Wenn ich nun meine Zueignung so begönne:
    Es ist das aufrichtigste Gefühl der Verehrung und Liebe, was mich bewogen
hat, Euer Hoheit dies Buch zu widmen. So würden Sie denken: die Freifrau von
Arnim redet dies um der Schicklichkeit willen, denn aus welchen Gründen könnte
sie mich so stark verehren? - Daraus müsste ich auf die Bescheidenheit schliessen
und auf die Einfachheit Ihrer edlen Natur, die grössere Forderungen an sich
macht. Fahre ich nun fort und sage: In diesem Buch werden Euer Hoheit viel
Analoges mit sich finden! so könnten die Schicklichkeitsmenschen behaupten, dies
sei sehr unschicklich einem Prinzen zu sagen, er habe Ähnlichkeit mit einer
Volksseele. Ich darf Ihnen daher gar nichts sagen, denn meine Aufrichtigkeit
würde entweder von Ihrer Bescheidenheit verneint oder von dem
Schicklichkeitsgefühl der Aristokraten mir verwiesen.
    Dem Publikum, in welchem ich mich heimisch fühle, das mich angeregt durch
seinen Beifall und durch sein Einverständnis mich inspiriert, zu dem kann ich
doch wohl reden ohne Einwendung, da Aufrichtigkeit bei diesem auch
Schicklichkeit ist. Nun also: ihr Leute auf dem Markt! - Ich hab dies
frühlingsduftende Buch nur dem darbieten können, gegen den ich keinen Zweifel
hege, der Feldblumenkranz könne ihm zu gering sein.
    Ich sage euch aber, ihr Leute auf dem Markt, ihr, deren Gewissen Zeugnis
gibt von jenen gefürsteten Fürsten, denen der Lorbeer und die Eiche und die
Raute Ehrenkränze tragen, dass gleich in der Brust jener grossen Männer auch ihm,
der die Huldigung im Feldblumenkranz willkommen heisst, das vaterländisch Edle,
der Eifer für Wahrheit, der Glaube an göttliche Dinge, die Würdigung der
Volkseigentümlichkeit innewohnen, die sein eigenes Streben mit den Kräften des
Gemeingeistes zu allen erhabnen Opfern zusammenschmelzen.
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Noch einmal leb wohl. Ich habe wie immer auf meinem Rückweg noch recht mit Liebe
an Dich gedacht und bitte Dich innig, indem Du stets Dich selbst veredelst,
diese Liebe zu veredlen und zu erhöhen, von der der grösste Teil meines Glückes
abhängt, ich habe jetzt ausser Dir für keinen Menschen ein ganz lebendiges
Interesse, das mir selbst Mut geben kann, mich in die Höhe zu arbeiten. Du gibst
mir Kraft und Mut und Aussicht, wenn Du in allem Guten gedeihest, denn Du
gedeihest meinem wärmeren Anteil an Dir. Suche Dich über das, was man Dir als
Pflicht zumutet, zu erheben, mache, dass alles um Dich zufrieden ist. Was Du mehr
in Dir fühlst als das gewöhnliche Bravsein, dafür hat die arme Welt ja doch
keine Ordnung, das musst Du still in Dir bilden und Gott selbst dafür Rechnung
stehen und mit der ganzen Harmonie der Gefühle dafür dankbar sein. Es ist dem
vorzüglichen Menschen gewiss sehr leicht, alle gewöhnlichen Forderungen
zufriedenzustellen, bequeme Dich ein wenig nach der Alltäglichkeit, und sie wird
mit ihren Klagen Dir nicht mehr zur Last fallen. Sei fleissig in der Musik und
Zeichnung, es sind die unschuldigsten Organe der Güte und Schönheit. Sei Deinen
Geschwistern duldsam und verschliesse, was Du mir bist, still in Deinem Herzen,
denn die meisten Menschen verstehen das nicht und ehren es daher nicht. Du
kannst so nur Dir und auch mir grossen Schmerz ersparen, weil es weh tut, wenn
das Bessre in uns misshandelt wird durch den Unverstand. Lebe wohl! Sei recht
fleissig am Ofenschirm, damit er bald fertig wird, ich freue mich drauf, dass die
Flamme durch sein Gewebe schimmert, und ich klimpere dann auf der Gitarre dazu
Lieder und Melodien, die Dein sind.
                                                                    Dein Clemens
                                Lieber Clemens!
Dein freundlich Abschiedsblättchen hat mir die Grossmama nicht gegeben, ich hätte
es vielleicht nie erhalten, wär ich nicht durch Zufall an den Ort gekommen, wo
es lag und schon eröffnet war.
    Sieh, ich hab Dich so lieb - Du bist so gut - ich möchte Dir alles sagen, um
dass Du mir lehrtest, was mich gut und Dir lieb machen kann.
    Der Anfang Deines Briefchens sagt mir zum letztenmal noch einmal Lebewohl! -
Werde ich Dich denn lange, lange nicht wiedersehen? und stehe weit zurück von
allem, was ich liebe? - Und andre gehen dazwischen hin und her, die gleichgültig
sind für Dich und mich! - Die Frankfurter Allee hat allen Glanz verloren, sie
ist ganz öde in der Nebelluft, denn weil Du jetzt nicht mit dem Abend dort mir
entgegenkommst! - So war doch der Morgen immer auch noch schön, wenn Du am Abend
dagewesen warst. Weil Du willst, ich soll früh aufstehen wegen dem Gold der
Morgenstunde, so wollt ich es ihr aus dem Mund nehmen und lief früh mit der
Dämmerung schon durch die Allee, wo all Deine Tritte in den Kies geprägt und
schön bereift waren, wär ich später gegangen, so hätten die Marktleute drauf
herumgetrampelt. Ach, die langen Winterwege, die Du gemacht hast, mir zulieb
alle! - Aus dem lustigen Haus, wo die Geschwister und Hausfreunde zusammen Witze
machten, heraus über die Schneefelder, auf der kalten, einsamen Hoftreppe, wo
wir die Winde zusammen flüstern hörten. Und im Schneegestöber bist Du wieder
allein in der Nacht den langen Weg nach Haus gewandert! - Ja, Du willst, dass ich
Dich immer so liebe, wie Du mich liebst. Und wärst Du doch ganz nah bei mir und
könnt Dich ans Herz drücken dafür, dass ich in Dir finde, was ich vergebens in
andern suchte, ein Gespräch, wo die Seele in der Pforte steht, in ruhender
Stellung zwar, aber so hingebeugt zum Nachbar, so sanft lockend, dass der auch
sich ausspreche. - Ich war in Sorgen um Deinen langen, einsamen Weg in der
Nacht, die Sterne haben wohl noch mit Dir fortgeplaudert! - Adieu, mein Clemens,
leide immer, dass ich ein wenig an Dich schreibe, und wenn meine Briefe auch
unbedeutend sind, es macht mich doch so froh! - Kann ich Dir auch abgebrochene
Gedanken schreiben, wie wenn ich mit Dir schwätzte, wo Du mir immer Antwort
gabst, eh ich's ausgesagt hatte? - Ach, wie willst Du mir Deine Briefe schicken,
die Grossmama gibt sie mir vielleicht gar nicht!
                                                                   Deine Bettine
                                 Liebe Bettine!
Dass die Grossmutter Dir den kleinen Brief nicht gab, ist mir sehr leid, es wäre
schön von ihr gewesen, hätte sie Dich gebeten, dass Du ihr ihn lesen lassest, das
hättest Du denn auch mit Freuden getan, übrigens verzeih es ihr in Deinem
Herzen, denn sie hat es gewiss gut gemeint. Diesen Brief schicke ich Dir nun frei
mit der Post, es tut mir zwar leid, dass ich Deinen lieben Namen muss so offen auf
die Post geben, allein es ist besser als ein andrer Weg, er würde ein Winkelweg
sein, da doch sich an Dir zu freuen und Dich zu hüten und verstehen zu lernen
dem Bruder ganz naturgemäss ist! -
    Schreibe mir auch nicht zu heftig, es ist nicht gut, wenn man sich dran
gewöhnt, und man tut's so leicht, weil es einem wohltut, aber ein solcher Brief
ist zu sehr Stimmung, und ein Wort gibt zu sehr das andre, da eigentlich die
Seele allein jedes Wort geben soll. Schreibe mir von Euern Scherzen und
kindischen Einfällen und kleinen Naseweisheiten. Liebe Deine Geschwister und
besonders die um Dich sind, mach Dich ihnen unentbehrlich, mache Dich allen
geliebt und geehrt, dann ist Dein Inneres ungestört und Deine äusseren
Verhältnisse recht angenehm in der Welt. Spiele brav Klavier, singe, zeichne und
lerne, wo Du kannst, nur damit kannst Du Dir Deinen Lebenskreis erweitern. Ich
sehe Dich bald wieder, zu Ostern komme ich gewiss, ich bin gar sehr vergnügt
hier, und nächstens schreibe ich Dir alles, wie ich hier lebe. Freude, das ist
das Höchste, es ist Gesundheit an Leib und Seele, die man gibt und empfängt.
                                                                    Dein Clemens
Ob Du mir abgebrochene Gedanken schreiben kannst, wie wenn wir zusammen
sprechen? - Liebes Kind, so gut ich von hier aus Dir nicht ins Wort fallen kann,
noch ehe Du's gefunden hast, würde ich Dich wohl auch nicht so gut verstehen von
so weit. Und dann ist's ja auch ein Kunstinteresse, sich voll und bündig
ausdrücken zu lernen. Der Schreiber muss zugleich an sich selber schreiben, denn
er selbst muss durch den Brief mit sich bekannt werden, Du sagtest mir ja, dass
Dir die Welt so unendlich weit vorkomme und Du Dir selber wie verloren darin
seist. Und dann sei Dir Dein Lebenskreis wieder so enge, dass Du nur ganz kleine
Schritte vorwärts tun könnest. Dies alles kommt daher, dass Du mit Deinem inneren
Menschen noch nicht bekannt bist, Du begreifst Dich noch nicht, aber in den
Briefen schaust Du in den Spiegel Deiner Seele, darum tut die tiefste Wahrheit
Dir selber gegenüber so not, um auf keinen Irrtum zu geraten über Dich selbst.
Denn die edle Seele hat eine höchste Bestimmung! Dieser nachzukommen ist ihre
ganze Aufgabe, die Welt ist so voller Ereignisse, ist ein Gewebe, in dem jedes
Menschen harmonische Bildung ein notwendiger und haltbarer Faden sein muss. Nicht
jeder Faden braucht als sichtbare Figur eingewebt zu sein, aber zur Tüchtigkeit
und Festigkeit des Gespinstes trägt jeder bei, der die Wahrheit in sich
begründet, ja es ist nicht anders möglich so, als dass er eine Hauptvermittelung
aller wesentlichen Entwickelung werde. Doch was ich Dir hier sage, was Deinem
Alter und Deinem Gedächtnis nicht angemessen ist, vergiss es wieder, Liebe, und
lasse Dir ins Herz geschrieben sein, dass selbst Jugendspiele und Scherze - kurz
alles, was Dir hier dem Gesagten gegenüber vielleicht unbedeutend erscheint, nie
unbedeutend sein kann, solange es die in überquellender Lebenslust unverwirrten
unverwickelten Gedanken hervorsprudeln.
 
                                   An Clemens
Clemente! Zu Ostern willst Du kommen? Heute haben wir den 22. März! - Nein, es
sind beinah noch vier Wochen. Aber es wird dann schon sehr schön im Garten sein.
Ich habe unsre Rasenbank erhöht, das muss früh geschehen, das kurze Gras muss
recht dicht wachsen. Unsre Katze hat Junge, sie sind so allerliebst, Clemens,
der Frühling ist nicht mehr zu leugnen, die Reben weinen. Es ist ja auch in
wenig Zeit schon Mai, aber doch in vier Wochen erst, denn dann ist gewiss das
schönste Wetter.
    Ich soll von meinem Tagewerk Dir schreiben und was wir Geschwister zusammen
treiben. Heut war ich den ganzen Tag im Garten, ich hab ja am Tag, wo Du fort
bist, am Abend noch ein Beet umgegraben und hab Salat hineingesäet, er ist schon
heraus, ich musste eine Strohdecke drauflegen gegen unzeitigen Frost. Ich will
mir doch nichts mehr von den Menschen weismachen lassen! Und statt am Abend mir
Vorwürfe zu machen, dass ich alles besser wissen will, bin ich am frühsten Morgen
schon auf, wo die ganze Welt noch schläft, und beobachte sie, erst kommen die
Tauben, sie baden sich und trinken am Brunnen zwischen den Steinen das Wasser,
ich hab sie gelockt auf der Haustreppe mit gestohlenem Futter! Morgenstund hat
Gold im Mund, darum soll ich früh aufstehen, meinst Du. - Es war noch ganz
nebelig und verschlafen, doch bald fiel das Gold der Morgenstunde schräg in die
Strasse, in den Hausgiebeln gingen die Fenster auf, da wohnen die jungen Mädchen,
die wollen auch Morgenluft schlucken, ich ging um die Ecke am Kanal längs den
Gärten, da sind so viel Veilchen, man steckt sie in den Busen, sie duften Dir
ein Weilchen, es ist ihre Sprache. Als ich vom frühen Spaziergang heimging, sah
ich den Bäckerjungen laufen, er schellte am Haus, wo die Emigranten wohnen, der
Duc de Choiseul guckte aus dem Fenster und kaufte Milchbrot, ich wollte ihn
nicht beschämen und kehrte wieder um; als ich zum zweitenmal zurückkam, trat die
Milchfrau ans Fenster, die ihm die Milch abmass. Da kamen noch viele
Milchtöpfchen zu allen Fenstern heraus; einer, der sich von Spitzbuben umringt
sieht, kann sich nicht ängstlicher durchschleichen als ich zwischen dem
Milchhandel dieser vornehmen Emigranten, ehemals waren sie von einer grossen
Valetaille umringt, die sich wieder bedienen liess von allerlei Gesindel, und nun
sind sie eingerichtet in eigner Person wie kompendiöse englische
Reisenecessaire, wo man alles beisammen hat, selbst das Überflüssige. Ist's
möglich, dass man ein Heer von Müssiggängern beschäftige mit Angelegenheiten, die
nur der Müssiggang notwendig macht? Sie malen, sie schleifen in Glas, sie sticken
Blumen auf Bandschleifen, sie drechseln, sie überschwemmen das Land mit
närrischen Künsten, und die Grossmama wundert sich, dass unter allen keine
Gelehrten sich finden.
                                                                   Deine Bettine
                                 Liebe Bettine!
Ich komme in ein paar Wochen wenigstens auf einige Tage nach Frankfurt, und Du
bist eigentlich die Ursache, freue Dich darauf und habe mir recht viel zu sagen.
- Was Du einmal in Offenbach schriebst, lese ich noch oft mit vielem Genuss, es
ist mir wie ein ewiger Brief von Dir. Ich bitte Dich, bring alle jene Gedanken,
die Dir selbst auffallen, zu Papier, es ist eine schöne Gewohnheit, und wenn man
einstens in ganz andern Verhältnissen ist, so sind solche Blätter liebliche
Andenken verflossner Frühlinge. Ich kannte ein recht liebes Mädchen, die arm und
von geringen Eltern war, sie konnte nicht schreiben und bezeichnete alles, was
ihr am meisten auffiel, mit Blumenblättern, die sie zu solchen Zeiten gebrochen
hatte, diese Blätter hätte sie nachher um vieles nicht gegeben, als sie
schreiben konnte und für eine gescheite Frau galt, ja, diese Blumenblätter sind
mir lieber als das, was sie nachher schrieb; denn an denen kann sie ihre
Fortschritte sehen, an dem Folgenden nur, wie sie stehenblieb. Dies letztere
wird nun nie bei Dir der Fall sein, Du wirst nie stehenbleiben, Du wirst ewig
fortfahren, Deine Seele zu bilden. Diese Bildung besteht nicht sowohl in
Kenntnissen, die man uns lehrt, als in der eigentlichen Erkenntnis. Eine
gebildete Seele ist die, die alle Kenntnisse, die sie hat, wie der blosse Mensch
seine Sinne anwendet, alles um sich herum zu vernehmen und zu beurteilen. Der
blosse gesunde Mensch hört, sieht, fühlt, spricht; dem Gebildeten aber wird das
Gehör zur Musik, das Gesicht zur Malerei, das Gefühl zur Gestalt und die Sprache
zur schönen gebildeten Sprache, alle seine Bildung und seine Liebe zu
verkündigen. Drum sei hübsch fleissig und fröhlich, treibe alles recht so von
selbst, ohne irgend gleich darauf zu denken, wie das und jenes, was das
eigentliche Ende davon ist, dabei herauskomme; das Ende einer jeden Kenntnis
sind wir selbst, die Menschen und unser erhöhtes Talent, sie zu lieben, zu
begreifen und uns ihnen verständlich zu machen. Lebe wohl.
                                                                    Dein Clemens
                                Lieber Clemens!
Clemens, Du hast mich mit Deinem Brief übereilt; ich wollte Dir ja noch mehr
schreiben, letzt am Donnerstag gab ich den Brief so schnell auf die Post, weil
ich's nicht erwarten kann, dass Du meinen Brief hast, er ist ja bloss eine
Liebkosung meiner Seele, von der Du willst, dass sie durch ihre harmonische
Bildung in das Gewebe der Weltereignisse sich mit als ein notwendiger Faden
einwirke, und Du meinst, es ist zu schwer für mich, das zu verstehen? - Lieber
Clemens, dies alles spricht ja laut genug und täglich und stündlich zu mir! -
Aber! - Freilich, ein grosses Aber fährt aus blauer Luft ein Blitz auf mich ein!
Und ich schäme mich, meine Gedanken vor Dir auszusprechen. Wie soll ich denn
anfangen? - Ja, ich müsste Dir von meiner Verwundrung sprechen über alles, was
ich sehe und höre in der Welt! Über die Lehren, die jene Leute mir geben, die
mich zu einem angenehmen und liebenswürdigen Mädchen erziehen wollen. Das kommt
mir aber gar nicht angenehm, sondern sehr horribel vor, was andre Leute
wohlerzogen oder gebildet nennen. Ach, und Du meinst, ich könnte diesen
Anstandsforderungen genug tun? - Ach, Clemens, weisst Du, dass mich dies alles
ganz dumm macht? - Ich verstehe entweder Deine Briefe nicht, oder alles, was Du
willst, läuft stracks dem zuwider, was jene heischen! - Und ist das nicht eine
sklavische Art des Seins, vor andern Menschen sich zu benehmen, und wird die
Seele sich nicht an das Knechtische gewöhnen, die den Konvenienzen auf Kosten
ihrer reineren Gefühle nachgibt! - Ich bin so ärgerlich, es hat mich was
gekränkt. Das junge Mädchen, was uns sticken lehrt, ist eine Jüdin, sie heisst
Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name, und ich fand letzt das erste
Sträusschen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz früh zu ihr, um sie
damit zu überraschen, ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie
war beschämt, ich aber gleich nahm ihr den aus der Hand und sagte: »Ach, lassen
Sie mich auch ein bisschen kehren.« Da kam so früh schon, denn es war noch nicht
sieben Uhr, der Hofmeister vom Eduard Betmann vorbei, der musste es der Tante
gesagt haben, dass er mich vor der Haustür eines Juden auf offner Strasse kehrend
fand - ich muss jetzt lachen; denn es ist auch recht lächerrlich - ich will Dir
die derbsten Ausdrücke von der Tante ihrer Merkuriale ersparen, sie meinte nur,
ich sei verloren, für ein besseres Dasein verloren, ich habe mich gänzlich
weggeworfen! Vous n'avez point de pudeur, point de respect humain, on vous
trouve balayer la rue main en main avec une juive! Ich musste lachen! Nein, ich
konnte nicht anders. Du weisst, ich fürchte die Tante und mag sie nicht gerne
beleidigen oder reizen! Cachez vous devant le monde, qu'on ne lise point sur
votre front les deshonorants signes de votre effronterie. Ach, ich musste noch
einmal lachen, die Tante ging hinaus! Ich hätte sie gern wieder gutgemacht,
keine Möglichkeit, ich fühlte, dass ich mich nicht ernstaft stimmen konnte. Die
Bahn war plötzlich gebrochen, ich glaube, ich werde nie wieder dazu kommen, ihre
Anstandsregeln zu respektieren. - Ach, und wenn Du wüsstest, wie hübsch es bei
dem lieben Veilchen war! - Da war alles schon so sauber im Stübchen, ein kleiner
Kaminherd, auf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Frühstück für den
Grossvater, der sass dabei und strich seinen langen weissen Bart durch die Finger,
Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schön in einen rosinfarbenen Sammet, so
nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt,
und sie bekommt dann viel Geld, wenn es fertig sein wird. Sie ernährt ihren
Grossvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbnen Bruder, denen
ist die Veilchen ganz wie eine Mutter, ich half ihr sticken, es ward recht gut,
denn ich hab Augenmass und mache die Stiche sehr egal. Alles, was mit dem Geld
angefangen werden soll! - 20 Louisdor! - Da ist so viel zu bestreiten in der
Haushaltung, vom Hemd bis auf die Schuhe und Schüsselchen und Töpfchen, und der
Herd, der eingefallen ist, und die Ofenplatte geplatzt; das muss geflickt werden
und das Wohnzimmerchen frisch geweisst, wo die Leute eintreten, um die Arbeit zu
bestellen. Veilchen ist von der Gattung Mädchen, die einen Nelkentopf vor ihrem
Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen,
die auch wohl ein Myrtenbäumchen zur Blüte bringen, aber kein Kränzchen daraus
winden. Es wär auch schade, meinte sie heut morgen und lächelte. - Wir waren so
vergnügt zusammen beim Sticken, ich fädelte die Flittern und Goldbouillon auf
einen langen Faden, da ging die Arbeit viel geschwinder; wenn sie solche Hilfe
hätte, meinte sie, dann würden die Sorgen ihr nicht so leicht über den Kopf
wachsen; ich bat sie, dass sie mich alle Frühmorgen mit soll sticken lassen, dann
wird's gewiss acht Tage früher fertig. Früh um vier Uhr geht schon die Sonne auf,
da kann ich sticken bis acht Uhr, dann muss ich zur Grossmama zum Frühstück -
jetzt wird's aber die Tante nicht erlauben, denn weil ich die Gass' gekehrt hab
- und sollt ich's heimlich tun, das wirst Du mir nicht erlauben, und sollt ich's
gar unterlassen? das will ich nicht. Mein Wort brechen, einem Mädchen, was
seinen Grossvater ernährt und seine Geschwisterkinder? - Sie weiss nichts davon,
zum Tanze zu gehen oder schön geputzt in Kleidern auf den Freier zu warten. Und
ich wollte da ein kleines unschuldiges Fädchen anspinnen ins Gewebe der Welt,
ein einzig klein Fädchen, und - nein, ich soll's abreissen, weil sich's nicht
schickt. Ach! wo soll ich in der ereignisvollen Welt meinen Faden anknüpfen,
wenn das Einfachste gegen den Anstand ist! - Wer hat diese Lügen gemacht? - Denn
das sind wirkliche Lügen, nach denen ich mich niemals richten werde! Ach, wenn
Du hier wärst, Clemens, Du würdest vielleicht es der Tante so vernünftig
darstellen, dass sie nichts dagegen haben könnte. Ich hab noch viel zu erzählen,
aber nicht heut, jetzt lauf ich in den Garten mit dem Spitz, es ist schon Nacht,
ich fürcht mich nicht, wenn der Hund bei mir ist. -
    Am 25. März. Jeden Nachmittag kommt der Herzog, der blinde Herzog von
Aremberg, mit einem grossen Pack Revolutionsblätter, Sieiès, Mercier, Pétion,
noch andre, die mit grossem Ernst am Weltgeschick weben. Das klingt ein in meine
verneinende Seele gegen alles, was ich in der Welt gewahr werde, sie beweisen
und heben den Schleier von aller Verkehrteit. Abends, wenn alles fort ist,
spricht die Grossmama mit mir, Mirabeau sei ein Komet, der alles entzündet, was
sich ihm nähert. Das Grosse in ihm verstehen lernen, adle die Seele, sie macht
Auszüge aus seinen Briefen, sie gibt mir eine Nadel, damit soll ich ins Heft
stechen, welchen Satz ich treffe, den soll ich als Gedenkspruch bewahren, sie
hatte diese Sätze selbst alle gesammelt und war überzeugt, ich werde mit der
Nadel nicht unrecht stechen, aber ich stach in: »Die Macht der Gewohnheit ist
eine Kette, die selbst das grösste Genie nur mit vieler Mühe bricht,« und die
Grossmama stutzt, ob ich den Satz nicht gar selbst erfunden hab. Nein, liebe
Grossmama, hier steht er, ich bin nicht Mirabeau, aber sein Geist ist mir ins
Blut gegangen, er wird mich ewig mahnen, nicht von der Gewohnheit abzuhängen.
Die liebe Grossmama! Adieu, mein Clemens, und schreib, dass du kommst.
                                                                   Deine Bettine
                                 Liebe Bettine!
Ich kann für Deinen lieben Brief Dir nicht besser danken, als wenn ich Dir sage,
dass ich die Woche nach Ostern bei Dir in Offenbach bin, Du kannst Dich insgeheim
für Dich drauf freuen, denn Du weisst nur mit mir allein, dass ich komme. Ich habe
heute einen Brief von der Grossmama erhalten, sie hält viel von Dir und möchte
alles auf Dich übertragen, was ihr wünschenswert scheint, sie hat mir wieder
ihren Wunsch geäussert, Du möchtest Latein lernen. Du kannst es ja ihr zur Liebe
eine Zeitlang lernen. Obschon die Sprache nichts entält für Menschen und Vieh,
sie ist hölzern und eingebildet, mit einer Wohlbeleibteit, die in ihrer langen
Toga sich auf den Bauch schlägt, um auf ihre Würde anzuspielen, und der Klang,
der dabei herauskommt, ist ihre ganze Wohlredenheit; die Grossmutter lässt von dem
Gedanken nicht los, Deine Sprachfähigkeit durch Latein auszubilden, ich hab ihr
vorgeschlagen, sie soll Dich lieber die Derwisch-, Fakiren-, Bonzen- und
Brahminensprache lassen lernen, wo so viel grillenhafte Superfeinheit drin ist,
die an die mehrere hundertundzweiundneunzigsilbige Wörter grenzt und eine
Rangordnung eingeführt hat der Konsonanten als Aristokraten, die den
bürgerlichen Vokalen gar den Eintritt nicht gestatten nd lssn ns s ws hnn gfllt
xpngrn ns brll, s dss mnchml n Wrrwrr ntstt, dss kn Tfl drs klg wrdn knn. Gib Dir
Mühe, der Grossmama das Leben so viel als möglich zu versüssen, und lieber als ein
bisschen Latein gelernt, ihre Begeisterung dafür kann unmöglich lang dauern, doch
ist's schön, dass ihre Seele immer nur im Gewand des Erhabnen sich wohl fühlt,
und wir können beide uns drüber freuen. Denn in welcher Luft könntest Du besser
atmen als da, wo der Gemeinheit Dorn und die Nessel böser verleumderischer
Zungen nicht wachsen kann. Die Grossmutter schreibt mir auch von Mirabeau,
gegenüber stellt sie den Grandison als Ideal eines sittlich moralischen
Charakters, das grenzt ans Komische. Sie lässt sich von Dir die Abhandlung
Mirabeaus über Staatsgefängnisse übersetzen und schreibt, dass es Dich sehr
interessiere. Das hab ich nicht von Dir geahnt. Aber Kind, ist es nicht etwas
Einbildung oder Eitelkeit von Dir? - So oft haben wir in vertrauten Gesprächen
alles vom Herzen weggeplaudert, was uns lieb und leid war; - und meine Seligkeit
war abends auf dem Heimweg, dass ich mich besann über Dich! - - Wie auf dem Grund
eines Sees die Fische mutwillig durcheinanderspielen, so konnt ich Deine
Gedanken spielen sehen auf dem klaren Grund Deiner Seele! Und war mein einzig
Glück, und nun klingt's anders. Und ich lausche in die Nacht hinein, und ich
höre Mirabeau, Pétion, Mercier; das lautet ja wie die dumpfe Sturmglocke, nein,
das ist ja nicht das sanfte Läuten meiner Abendglocke, wo Du die Gedanken
ausfliegen liessest wie Bienen nach den Feldblumen? - Bedenke, liebstes Kind, dass
Denken die Heimat der Seele ist, und suche nicht nach fremden Regionen, wo Dein
Schutzengel Dich nicht zu finden ausging. Ein Sichdaheimfühlen im innersten
Dasein ist die Region, in der wir in schuldlosem Bewusstsein am Quell des
Vertrauens und der Weisheit schöpfen, das heisst: Denken.
    Es ist Nacht geworden während dem Schreiben, da ging ich noch weit ins Feld,
da liegen noch einzelne Schneedecken über der Saat, das Hessenland ist ein
rauhes Land. Bei Dir ist alles wohl schon viel frühlingsmässiger, ich freu mich
doch auf Dich recht herzlich und hab auch keine Angst, dass Du nicht dieselbe
sein könntest, die Du immer warst. Es ist ein so heller Morgen heute, da sitz
ich am Schreibtisch, und der Hahn kräht schon zum drittenmal, das flösst mir ein
recht Vertrauen ein in die Zukunft. Ich werde recht oft nach Offenbach kommen
und alles tun, um die Zeit recht innig mit Dir zu verbringen. Es wird doch wohl
eine Zeit kommen, wo ich selten von Dir entfernt bin und wo wir alles zusammen
denken. Denken, was heisst das, es ist die einzige Vermittlung mit dem
Göttlichen. Es stellt sich gleich eine Säulenreihe um Dich auf, und ein Tempel
wölbt sich über Dir, und Dein Gedanke durchduftet ihn. Das ist Denkseligkeit -
Gedankenlosigkeit ist Unseligkeit. Aber Du wirst gewiss noch recht glücklich
werden und ich auch, aber das wird nur dann sein, wenn wir dem Bedürfnis genügen
unserer Seele, das können wir alleine durch Bildung. Wenn ich was weiss und so in
mir gerüstet bin, dass ich auch von jedem Punkte aus, ich mag sein wo ich will,
und vom Schicksal eine Aufgabe habe, sie zu lösen verstehe und darin mir selber
genüge und der Kunst. Das ist Bildung! - Der Mensch ist auf Erden, sich zu
bilden und dann wieder die Welt.
    Jetzt kommt der Frühling, da sitze ich abends oft am Fenster, ich wohne in
einem Garten, klimpere ein wenig auf der Gitarre und singe auch wohl das Lied
vien qua Bettina bella etc.; in den Garten kommen oft einige Kinder, mit denen
ich spiele, die zwar ein bisschen dumm sind, aber doch gesund und treu. - Ehe ich
weggehe, werde ich den Kindern ein Fest geben, auch eine Schwägerin von Rossi
hat drei artige kleine Mädchen, die gegen die schwarzen Rossibuben wie Engelchen
gegen Teufelchen aussehen, so schwarz sind diese kleinen Italiener, besonders
ist das älteste Mädchen, etwas jünger als Loulou, sehr sanft und hold; sie hat
den seltsamen Namen Anonciata, Verkündigung. Namen sind oft recht einladend, der
Deinige zum Beispiel. Diese Kinder nun, die in einem traurigen schmutzigen Hause
wohnen und mit ebensolchen Menschen, haben doch ein kleines Fleckchen rein und
schön zu machen gewusst. In dem kleinen Hof steht ein Baum, um den herum haben
sie sich ein äusserst niedliches Gärtchen gebaut, so gross wie ein grosser Tisch,
in diesem Garten nun stehen Butterblumen, Veilchen, Buchs und dergleichen,
gleich daneben haben sie sich Tisch und Bank errichtet und sitzen beisammen,
wenn die Sonne scheint, unter einer Art Laube, die sie durch in die Mauer
gesteckte Tannenzweige zusammengeflochten haben. Ich habe gestern lang mit ihnen
gesessen, ihnen erzählt und, während sie allerlei bunte Perlen und Schmelz in
Schnüre fädelten, womit sie ein kleines Handelspiel treiben, ihnen Klostereier
gemalt. - Das ist so mein Zeitvertreib, und sie wird mir jetzt lange, bis ich
bei Dir bin. Nimm dies als eine kleine Gegenerzählung für Deinen Bericht von dem
Veilchen, der ist aber schöner, und ich finde es auch ganz natürlich, dass Du
gern mit dem Veilchen das Kleid fertigsticken willst, aber ich meine doch, es
wird besser sein, wenn Du nicht am Morgen so früh Dich vom Haus entfernst. Hast
Du nicht zufällig den Herrn Hofmeister begegnet, der Dir den Verdruss machte bei
der Tante, böse über Dich zu reden? - Nun könnten doch noch andre Leute Dir
begegnen, die auch darüber reden könnten.
                                                                    Dein Clemens
Weil ich die Ostern nicht komme, sondern erst acht Tage später, so erwarte ich
noch einen Brief von Dir, Du wirst ja doch wohl die zwei Sonntage recht still
zubringen. Die Leute werden alle spazieren gehen, und Du wirst aus dem Fenster
sehen, und sie in ihrem Putz die Strasse hinab, dem Tor hinaus wandern und dann
auch wieder heimkommen sehen. Aber in der Zwischenzeit kannst Du schreiben bei
Deinem Strauss, den Du doch gewiss im Glas stehen hast.
                                Lieber Clemens!
Wenn man aber auf den Barbara-Tag Reiser von den Obstbäumen abschneidet und die
ins Wasser stellt, dann blühen sie im März, und das hab ich getan, und sie
blühen auch alleweil. Apfelblüten sind zu schön! - Wär ich als Mädchen, was die
Apfelblüte ist, ich wär doch wohl alles Liebe und herzlich Schöne. Was Du von
mir denkst, dann könnt ich Dir verzeihen, was Du mir und Dir weismachen willst.
Ja, es ist recht schön; denn ich hab das Plaisir davon, und Dir schadet's
nichts. Aber sei nur nicht ängstlich, dass ich keine Apfelblüte bin, weiss und rot
und goldner Same drin, sondern dass ich vielleicht gar so eine Nessel bin oder
Distel oder Dorn, wie Du meinst, vor denen ich mich soll hüten.
    Ich hab am Feiertag nicht können schreiben, die drei kleine Katzen auf dem
Schoss so kommod ineinandergelegt, alle drei eingeschlafen unter der
grossmächtigen Pappel im Eckelchen auf der Bank. So viel Blüten tanzten herunter,
so viel braune klebrigte Schalen platzten los von den Knospen, ich dachte, was
knistert doch im Baum; und später, wie die Katzen so sanft schliefen, da hatte
ich auch ein bisschen geschlafen. - Ach, Clemens wir wollen recht vertrauend
einander schreiben, und nichts weismachen einander! - - Und wenn Du aber frägst,
ob das Einbildung sei oder Eitelkeit mit dem Mirabeau, so kann das ja möglich
sein und doch auch wahr, ich wehr mich dagegen nicht! Aber der Mirabeau! - Ich
wollt, ich stünd vor ihm; weisst Du? - Denk ich an ihn, ich fühl mein Gesicht
brennen. Liebster Clemens, mit aller Sehnsucht meiner Arme, meiner Augen, ja mit
allem, was umfassend ist in mir, möcht ich seine Knie umschlingen! Des grossen
Helden, der auf seine Lippe nimmt das Geschick des Volkes und entzündet es, mit
seines Mundes Hauch facht er es an.
    Auf meiner Seele klarem Grund die Fischchen herumspielen sehen, das freut
Dich? - Nun, so guck! Wie sie da fahren wie der Blitz hin und her, sie prallen
ans Ufer der allbekannten todbringenden Langenweile, sie stossen sich den Kopf
ein; und soll ich keine Leuchte anzünden, zwischen diesem klippigten Grund einen
Ausweg zu finden aus der Pfütze - ins Weltenmeer? - Wohin sonst? - Glaub nicht,
dass ich im angenehmen häuslichen Kreis mich gefangen gebe, und auch nicht der
Bildungsanstalt schöner edler Ideen. Auch nicht Latein kann ich ein Jahr oder
ein halb Jahr der Grossmama zu Gefallen lernen; denn mir kann ich's nicht zuleid
tun. Ich habe ja nicht eine Vernunft, der ich folge, ich bin ja ein elektrischer
Funke, und ins Latein kann ich nicht hineinfahren, es stösst ab, sagst Du selbst.
    Es ist nichts, du Welt, wonach ich die Hand strecke. Wär's etwas! - Auf dem
Dach vom Taubenschlag die Sonne sinken sehen, das ist meines ganzen Lebens
Aussicht. Sie geht dort unter so blutrot, und mein Blut - wallt mit im roten
Meer der Sonne, und dort wird's röter, und mein Gesicht wird blässer. Ja, ich
glaub, dass der Geist des Blutes mit fortgezogen wird, wenn dort die Sonne ihre
letzten Strahlen hineintaucht. Denn denk ich feurig, dass mir's Herz klopft, dann
werd ich blass, lange war's nicht so schön hier in Offenbach als heute abend, und
lange hat mich ein schöner Abend nicht so froh gemacht und so traurig zugleich.
Es war da gar niemand, der auch nur den geringsten Anspruch hätte gemacht an
meine Seligkeit. Ich wundre mich, dass andre nicht sind wie ich! Und Du? -
Vielleicht in demselben Augenblick dachtest Du ganz was anders, das geht mir zu
Herzen. Die Sonne sank eben in den Main. Ist es Dir nicht auch so, wenn die
Sonne sich im Wasser spiegelt, man möchte sich gar zu gerne hineinstürzen und so
in dem Glanz untergehen. Aber es wiegte sich noch eine schöne Harmonie von
blasenden Instrumenten auf den Wellen; ein leichtes Schiffchen trug alle die
Seligkeit auf seinem Verdeck, still bedachtsam zog's den Strom hinauf.
Das Abendrot am Strand hinzieht,
Ergibt den Wellen sich mit Lust,
Da schwellet die beklemmte Brust
Der unbewussten Sehnsucht Lied,
So kühn gewaltig zwingt das Lied
Die Trauer der beklemmten Brust,
In Lebensmut erstrebt sie Lust,
In Liebesflut sie Wolken zieht,
Und weckt in der beklemmten Brust
Der hohen Freiheit kühnes Lied.
Sein voller Klang
Das Herz durchdrang,
Das Lied sich schwang
In Liebesdrang.
Zu ihm, zu dem ich hin verlang,
Dort über die Berge mit der Lerche,
Ihm nach der Hymne zu singen dem Volk,
Dem von seinen Lippen sie sollte erklingen.
O, Clemens, was ist mir doch heute geschehen Sonderbares, da bringt die Grossmama
heute einen alten Brief vor vom Lavater, der schon drei Jahre alt ist, kurz vor
seinem Tod geschrieben, der malt den Mirabeau und recht unglimpflich, und die
Grossmama holt die Silhouette aus dem Brief hervor, die er mitgeschickt hatte.
»Beschauen Sie die Nase«, schreibt er, »diese Nase ist eine Bauern-Nase, die
bezeichnet nicht den Helden, der die kühnsten Entwürfe beharrlich ausführt.
Seine Freunde glauben, dass er die Tugend liebte, dies kann aber unmöglich mit so
schwülstigen Lippen, deren Winkel so matt herabhängen, übereinstimmen, sein Auge
ist zwar feurig, aber von finsterer Vermessenheit und hat einen verachtenden
Blick, eine schamvergessene Gewaltsamkeit tront auf seiner Stirne, aber kein
Heldenmut, ein Zug geht durch die ganze Physiognomie, der zwar die Karikatur des
Genies markant ausspricht, nämlich Exaltation, die an Narrheit grenzt.« Und
siehst Du, so hat mich die Grossmama gequält, ich soll's herausfinden, worin es
liege, vergeblich wollt ich sie erinnern, dass sie ja so verleumderische
Ansichten über den erhabnen Charakter nicht könne gelten lassen, aber sie wollte
ihres Lavaters Schwanengesang (so nannte sie diesen letzten Brief Lavaters an
sie) nicht als verleumderisch gelten lassen. - Und Du predigst mir immer Pietät
gegen die Grossmutter! - Wo und wie soll sich das alles zusammenfinden, ohne dass
heuchlerische und kleinliche Furcht sich drein mische! Ach, Clemens! vertrauend
- und das heisst ganz wahr und offen sein, das verlangt, dass ich stets auch aus
der Tiefe meines Herzens mich an den Tag gebe, nicht umsonst will ich alles
verstanden haben, nicht umsonst hab ich meine französischen Aufsätze für Herrn
L'endroit als geheime Antworten, Fragen und Begeisterungen für diesen Mirabeau
geschrieben, habe er meinetwegen Pockengruben, die ihn bis zur Hässlichkeit
entstellen, mich geht's nichts an; nicht tief genug kann ich mich in die Gruben
seines tiefen Denkens alles Reinen und Hohen hineinbetten, ja in diesen Gruben
möcht ich begraben sein. Du wirst antworten, dass ich ihn ja nicht verstehe, -
ich versteh ihn freilich nicht, wie könnt ich all die grossen Beziehungen
auffassen, die er durch diese grausame Revolution hindurch mit der grösseren
Zukunft des Volkes anknüpfte. - Aller Jammer, der seitdem hereingebrochen ist,
den würde er mit starker Faust zurückgewiesen haben, so viel versteh ich doch,
dass er liebte nämlich: und daher keine gehässige Gewaltsamkeit geduldet hätte.
Und ich will lieber schweigen, ich bin noch so jung - und mit jedem Schritt
meines Daseins stoss ich auf lauter widerwärtige Ungereimteiten, ganz in der
Stille schlag ich die Hände zusammen über alle Narrheit, - ganz in der Stille
bete ich zu dem, der in seinem schmerzvollen Tod noch mit allen Kräften seiner
Sinne sich dem Volk zuwendete, für es zu sorgen, ja, ich bete zu ihm, dass er bei
mir, mit mir sein möge und mich lehren sprechen zu seiner Zeit. Denn auch ich
möchte die Welt umfassen. O, ich weiss, was Du sagst, Du tadelst mich. - Du
sagst, ich sei überspannt, ich wolle affektieren. - Ich beweise schon darin
meinen Heldenmut, auf einmal so aufrichtig meine Seele vor Dir auszusprechen? -
Ja, wenn Du von offnem Vertrauen sprichst - damals auf der Hoftreppe war ich ja
gar nicht aufrichtig! - ich schwieg mit meiner tieferen Seele. - Denn Du hättest
sie getadelt. - Aber doppelt kann ich nicht die Wahrheit verleugnen. Wenn Du
sagst, ich soll recht vertrauend gegen Dich sein, da muss der tiefste Quell
meines Herzens hervorsprudeln. -
    Gestern hab ich bei Arenswald eine ganze Stunde Lektion gehabt über
Elektrizität, mir flimmert's vor den Augen wie tausend elektrische Funken. Wenn
Du ein Stück Papier verbrennst, dann laufen diese Funken alle durcheinander wie
bei einer Revolution, als wenn sie allesamt die wichtigsten Geschäfte hätten, so
geht's in meinem Kopf; wenn's nur nicht so traurig ausging, zuletzt bleibt einer
nur übrig, oder zwei, das ist noch melancholischer - der läuft ganz allein durch
die schwarzen verlassenen Finsternissen; - flipps ist er weg! - Der andre dort,
weg ist er. Gestern Abend hab ich immer wieder ein Papier angezündet, um diesen
beiden Fünkchen auf ihrem Aschenweg nachzusehen. Die alte Cordel war auf ihrem
ledernen Sessel eingeschlafen, sie musste husten vom Qualm und erwachte mit sehr
schlimmem Humor, sie sperrte Laden und Fenster auf, da schien der Mond herein,
mir was ganz Neues, ich hatte nicht gedacht, dass der scheinen sollte; ich lief
in den Garten, der Spitz, der ist mein Geisterbanner, oder vielmehr bewacht er
meine Zusammenkünfte mit den Geistern; denn weil ich die Geister nicht fürchte,
wenn er bei mir ist, so ruf ich mir sie herbei und rede mit ihnen, ich würde das
allein nicht wagen ohne den Spitz.
    Lieber Clemens, ich hab Dir alles geschrieben, ich weiss, Du würdest zanken,
wenn Du schriebst - aber Du schreibst ja nicht, Du kommst ja selbst, da kannst
Du nicht, mit meinem Mund geb ich Dir einen Kuss auf Deinen, in welcher Sprache
kann ich gebieterischer ausrufen: »Halt's Maul, geliebter Bruder!« O, mein
lieber Clemens, wie freu ich mich darauf. - Die Sonne scheint mir eben ins Bett
und lässt mich nicht länger träumen von Dir. Ich kann mich mit dem Kritzlen nicht
aufhalten, sieh, wie das schöne Wetter mich schnöde macht.
    Lieber Clemens, die Sonne ist eben wieder weg, da wollt ich gern weiter
schreiben. Aber adieu, Clemens, sie ist schon wieder da, es geht gleich in den
Wald, da wollen wir frühstücken, ich will sehen, ob ich ein Veilchen für Dich
finde, komm bald, dass es noch blüht, ich bewahr Dir's am Herzen, und wenn ich
dann so redselig mit Dir bin, dann duftet Dir's aus meiner Brust.
                                                                   Deine Bettine
 
                                   An Bettine
                                                                       Frankfurt
Sei nicht traurig, liebe Bettine, dass ich nicht mehr hinaus komme, es ist besser
so, mir selber tut's leid, und es ist wahrlich keine Trägheit von mir; denn
laufe ich doch gern viele Meilen um Deinetwegen, da mich nichts herzieht als Du,
ja alles andre mich vertreibt. Es würde uns beide traurig gemacht haben, wenn
ich noch zu Dir gekommen wär, und hätte nichts genützt. Du bist mir immer nah,
und allen meinen frohen und guten Stunden wohnst Du bei, so soll Dir auch sein,
drum freue Dich und sei gut. Die Freundschaft heisst nicht zusammenhängen und
zusammensitzen, Freundschaft ist gross und frei und liegt im Gedanken, für den
jeder Raum gleich nah ist. Jemehr Du mir ähnlich fühlst, wo ich gut fühle,
jemehr Du mir ähnlich denkst, wo ich gross und edel denke, je mehr bist Du mein
Freund, je näher bist Du mir, auch liebe ich nicht Dich hier in Frankfurt noch
in Offenbach zu sehen; denn wir sind dann beide durch unsre Umgebung gedrückt,
und wir müssten, wenn wir nebeneinanderstehen, immer so stolz, so glücklich und
so edel sein, als wir es können. Wenn ich nicht hier bin, bin ich viel besser
und kann viel reiner und freudiger mit Dir umgehen.
    Ich kann Dir nichts zurücklassen und Dir nichts mehr sagen, Du weisst, was
schön und gut ist, ich hab es oft in Dir gefunden, wolle es eifrig und mit
Ernst; und wo Dich die Menschen drücken, so hasse sie nicht, sehe sie an wie
Pflanzen, die vielleicht auch in einem Boden stehen, der ihnen nicht gerecht
ist. Menschen, die sich selbst nicht kennen und nicht wissen, wo hinaus sie
sollen, sind wie Pflanzen, die nicht zum Blühen kommen. Das Blühen des Menschen
ist das innere Bewusstsein; dieses aber ist zugleich auch der Begriff der ganzen
Menschheit, wie sie in ihrer Irrungen umherschwankt, wie sie in ihrer Blindheit
und krüppelhaften Verbildung oft das Bessre zurückweist oder zerstört, aber der
bewusste Mensch, das heisst der Liebende, muss diese Störungen umgehen können, er
muss das Zurückweisen überwinden und muss grade diese Menschen pflegen, denen so
vieles mangelt, deren innerem, geistigem Lebenskeim so unendlich vieles im Wege
steht; er muss ihnen sein wie Dein Gärtner aus dem Boskett, den Du so lieb hast,
weil er ein so gesellschaftliches Leben führt mit den Blumen; vom frühen Tag an
ist er in fortwährendem Verkehr mit ihnen, und noch spät in die Nacht hinein
macht er sich mit ihnen zu schaffen und bringt sie alle zum Blühen, die einen
durch Kühle und Schatten, die andren durch Licht und Wärme. Immer geht er um sie
her und lässt sie doch in ihrer Freiheit gedeihen, sie empfinden keinen
Zuchtmeister in ihm, sie schmiegen sich willig am Stab, an dem er sie in die
Höhe richtet. Nun aber ist jenen Menschen, die uns oft missverstanden haben und
haben geglaubt, sie müssten unsern Umgang stören, eine solche Pflege nie
geworden, wie der Gärtner Deinem Nelkenstock schenkt, der ihn begiesst, wenn er
Durst hat, und lässt ihn von der heissen Sonne nicht versengen, nur am Abend darf
sie mit ihm spielen. - Die Tante weiss zum Beispiel von solcher Pflege nichts.
Ihr hartes Schicksal bei einem ganz verwilderten Mann hat ihr das Heimliche im
Lebensumgang ganz versagt, sie ist dadurch selbst weniger gefühlig geworden für
das, was die Seele angeht, sie hat eine lange Zeit in ihren Jugendjahren zwar
sich müssen stählen gegen diesen Mann, der wie ein grobes Ungeheuer vor der
Pforte aller Lebensgenüsse lag, und hätte sie auch nur selbst im besten Willen
gewagt, ihm nah zu treten, so war das Ungeheuer gleich wach; das heisst: mit
Bosheit beschlich und mit Wut überwältigte er sie, ich hab in meinen
Kinderjahren oft ihn sehen halbtrunken hinter der Tür lauern mit einem Messer in
der Hand. Die Tante hat damals sich so ernst zusammengenommen, dass jeder in
Koblenz die grösste Ehrfurcht vor ihr hegte, obschon man von der Grausamkeit des
Herrn von Möhn sich leicht eine Idee machen konnte, der mit lauter Postillionen
von morgens bis abends im Wirtshaus lag, ohne der Frau je zu gedenken, ein
Vermögen verzettelte und verschleuderte von mehreren Millionen. Das Herz durfte
dieser Tante nie aufgehen - sie musste mit der Form alles bekämpfen, und so ist
ihr auch nur die Form im Umgang mit Menschen geblieben. Hätte sie je mit sich
selber Mitleid gefühlt, so wär die Festung der Konvenienz, in der sie sich
verschanzt hielt, wie Schnee geschmolzen, dann war sie dem Mitleid ausgesetzt
oder auch der Verachtung, beides ist gleich in gewissem Sinn und soll in allen
Lagen des Lebens gemieden werden. Man soll Mitleid mit niemand haben, man soll
sich vielmehr schämen, dass es so werden konnte. Der Unglückliche steht immer
gross dem gegenüber, der sich im Hafen des Glückes wähnt und wohl befindet, da
doch wahrscheinlich ihm die bessere Tendenz ganz ermangelt, also den
Unglücklichen bemitleiden heisst dumm sein, nein, vielmehr soll man vor dem
Unglücklichen sich schämen glücklich sein zu können auf eigne Faust; sich
irgendeinen Lebensgenuss aneignen zu können oder zu wollen, der nur Beraubung
dessen ist, der nicht mitgeniesst. Hat der Mensch irgendein Weh, so fühlt er sich
krank, ist aber ein Teil der Menschheit gedrückt und bedürftig, so tanzt der
übrige Teil mit einer Art Wollust ihm auf dem Kopf herum, so lang er's zu tragen
vermag, hat er ihn gänzlich zusammengetreten, dann fällt's ihm wohl ein, durch
Mitleid die arme Seele zu kitzeln, die aber gar nicht mehr wirklich, sondern
schon lange zum Gespenst geworden ist. Gespenster fühlen ein Behagen an solchem
Tugendgekitzel, sie schmeicheln sich selbst, sie tragen sich auf Händen, sie
haben einen faktizen Verkehr mit Gott, der aber nur Götzendienerei ist, sie
belämmern alle Menschen mit ihren Anstalten der Menschenliebe; es fällt ihnen
gar nicht ein, dass sie selber die bösen Schicksalsdämonen sind, deren
Grausamkeit sie gerührt beweinen, und der sie steuern wollen mit einem Stück
Englisch-Pflaster von dem sie mit der feinen englischen Schere der Mildtätigkeit
Schnippelchen abschneiden, um damit den aufgesperrten Rachen der entsetzlichen
Wunden zu verkleben, aus denen das warme Blut an die Erde quillt. - Ich möchte
wohl aufhören, noch weiter darüber zu sagen, denn Du fühlst alles, und besser.
Mitleid ist aus Verachtung geboren und ist auch eigentlich Verachtung, und
edelgeborne Menschen werden durch Mitleid sich entwürdigt fühlen, sie wollen
lieber die eignen Kräfte dran setzen, als vom Mitleid sich betauen lassen, und
so kommt es oft, dass diese grosse Helden werden, die dem Mitleid ausweichen; denn
natürlich liegt der Keim des Helden in ihnen. Jene andern aber, die dem Mitleid
erlauben, mit Schmarotzerliebe sich an ihnen zu mästen, die werden verkümmern
und menschlicher Würde untauglich sein. Gewiss ist dies eine, dass Mitleid,
welches aus Verachtung entspringt, auch wieder die Quelle der Verachtung wird.
Der Mildtätige hält sich hoch über dem Bedürftigen. Der Habende dünkt sich in
Bildung und Streben weit über dem Nehmenden, und doch sollte er vielmehr ihn
über sich stellen. Wie die Indianer, die einen Menschen, der nichts Irdisches
sein nennt, für göttlich halten, dem sie ihre Gaben als Opfer darbringen und ihn
bitten, ihnen nicht zu zürnen, dass sie nicht so heilig sind wie er. Was machst
Du mit Deinem Gelde? - Die Geschwister sagen, Du habest nie welches, und doch
wissen sie nicht, wohin es kommt.
    Sei fleissig und mache, dass Dir das bürgerliche Mechanische im Leben nicht
verächtlich wird, es ist die Quelle von viel Geistigem, und bestrebe Dich einer
schönen Sparsamkeit. Du glaubst nicht, wie glücklich es Dich machen wird, wenn
Du fortfährst, den Luxus und die augenblickliche Mode zu verachten, und blosse
Reinlichkeit und das Gefällige Dich reizt, Du kannst mit allem, was Du ersparst,
einstens vieles Schöne und Vortreffliche erschaffen. So sollte Dir auch die Zeit
sein, - geteilt in unschuldigem Genuss und in ernstem seelenvollen Geschäft!
    Um was ich Dich aber noch bitte, so sehr ich Dich liebe, lerne schweigen,
für Dich selbst bestehen, und sei in der Würdigung eines jeden gerecht. Nur, was
ewig gefallen oder missfallen kann, dem ergib Dich, von dem wende Dich. Sei
fleissig in Deinen Gedanken, dass heisst, sei lebendig im Geist, sehne Dich nach
keiner andern Welt als nach jener andern, die in dieser schon lebt für den, der
sie findet, und Du wirst sie finden, denn allen Wesen, die mit einem edlen Durst
nach dem Ewigen um sich blicken, denen gestaltet sich das Unsichtbare; der Geist
aller Dinge erblühet in schöner Form um sie, und das ist jene bessere Welt, nach
der man sich sehnt, sie ist um uns. - Die Kunst und ihr stiller einziger Tempel:
ein reines unschuldiges und stolzes Herz.
    Ich schicke Dir hier Moritzens Götterlehre und wünsche, dass Du sie mit Ruhe,
ohne Mühe und mit Genuss durchlesest. Du musst nicht drin herumhüpfen und ein
Anekdotenbuch draus machen; denn diese Götterlehre ist eine solche andre Welt,
die sich das gebildetste Volk, die Griechen, erschaffen hatten, und kann Dir
selbst und Deinem Geiste nur wohltätig werden, wenn sie in Dir, in ihrer grossen
edlen Folge gleichsam während dem Lesen entsteht. Du sollst besonders suchen den
Gesichtspunkt für die mytologischen Dichtungen zu begreifen, das wird Dich aus
Deinem Emigrantenverhängnis hoffentlich ein bisschen ablösen. Ich will Dich in
Deinen Begeisterungen ja nicht tadeln für alles, was Dein Verstand zu fassen und
in Dir selber zu verdauen versucht. Weltgeschicke liegen jedem gleich nah und
wirken in ihm, sowie er dadurch auch berufen ist, in ihnen zu wirken. Also
studiere in Gottesnamen mit der Grossmama alle fliegenden Blätter und Reden der
Nationalversammlung durch, wähle Dir Deinen Helden unter ihnen, bete zu ihm und
für ihn und vergiss Deinen Clemens, er wird doch Dich nicht aus den Augen lassen.
Aber bedenke, dass Reife, Sachkenntnis und Neuheit ein Berg sind, der oft nur
eine Maus gebärt; Du aber bist diese kleine Maus und wirst nicht ein Fädenchen
an den Weltgeschicken zernagen, obschon es Dein Auge schärft zu überblicken, zu
durchschauen und vielleicht auch manches zu durchdringen; und vergiss die Muse
nicht über der Tonleiter der Revolutionshelden.
    Schreibe mir öfter und schicke mir Deine Aufsätze dabei, auch die über die
Revolution. Der letzte Sur la volonté de la France war schön, und ich finde mich
hinein, weil er das Allgemeine in sich entält. Lebe wohl, und nochmals herzlich
bitte ich Deine besondre Aufmerksamkeit auf Schweigen - auf für Dich selbst
bestehen und innere Kraft zu wenden und recht froh und gesund zu bleiben.
                                                                    Dein Clemens
 
                                   An Clemens
Clemente! Die Sonne hat Kräuter und Sträucher in sich verliebt gemacht, sie
schwellen vor Verlangen und werden ehestens in Blüte ausbrechen, eine Knospe
strebt der andern vor, doch sind sie nicht eifersüchtig, so viel ihrer sind.
Clemens, wenn's die Blumen tun, so will ich auch meine Liebeserklärung machen,
aber wem? - Ich lege sie in Dein Herz nieder, bewahre mir sie, und wenn Du
einmal auf einen hohen Berg kommst, wo man eine weite Aussicht hat, geliebter
Clemens, so kannst Du sie als Denkmal unsrer Eintracht stiften, aber eine weite
Aussicht muss meine Liebe haben, dann übersehen wir beide alles zugleich und
fühlen Übereinstimmung in allem, wenn wir auch in manchem verschieden denken,
und Deine griechischen Götter und meine französischen Helden bilden eine Welt.
    Du frägst mich so viel in Deinem Abschiedsschreiben, Du belehrst mich, Du
zankst mich verborgen unter heimlicher Decke, und noch so viel Fragen weckst Du
mir im Gewissen; - und voll ist die Brust von der Fülle, die Du mir all in
Deinem Brief spendest, dass ich auch wie die Rosenknospen angeschwellt bin und
möchte aufbrechen dem Licht und gar keine andre Rechenschaft mehr geben als den
Duft, den gleich der Rose meine Seele aushaucht, weil Du sie wie die Sonne
wärmst und reizest. - Aber doch wend ich zur einfachsten Frage mich, »was ich
mit meinem Geld anfange«, und gebe Dir die dummste Antwort, wo Du gleich meinen
wirst, ich wär närrisch. Ich habe das Geld verschatzgräbert! - Ja, Clemente, ich
hab's in ein klein leinenes Beutelchen gesteckt, worauf ich mit Goldfaden und
roter Seide meinen Namen gestickt hab und noch allerlei kabbalistische Zeichen;
ich hab's zugesiegelt mit einem schwarzen Siegel, einem grünen und einem roten,
dann hab ich ein Loch gegraben zwischen den zwei starken Wurzeln der Pappel an
der Rosenwand, da hab ich's in einen ledernen Schuh hineingeschoben und einen
Topf mit einem Basilikumstrauch drauf gestellt, und allemal, wenn ich Geld
kriegte, wechselte ich davon in Gold um und allemal, wenn der Mond schien, ging
ich mit dem Spitz hin und legte es dazu, und dabei hab ich das Gelübde getan,
ich wolle es verschweigen, und weil Du mir das Schweigen so sehr anempfiehlst,
so erzähle ich Dir das einzige Geheimnis, was ich hätte verschweigen können, und
nun ist alles leer an Geheimnis, und ich kann also nichts mehr verschweigen! -
Denn sonst, - mit dem Mund bloss nicht reden, das ist's doch nicht, was Du
meinst, da die Tante sich alle Mühe gibt, mir abzugewöhnen, dass ich nicht wie
ein stummer Ölgötze den Leuten in den Mund gucke, die mich etwas fragen. - Ja,
mit meiner Schatzvergrabung, davon will ich Dir noch forterzählen, weil ich's
nun doch schon gesagt hab. Ich habe dies Geld der Selene gewidmet, der
Himmelsschwester des Hesperus, diese beiden sind unsre Schutzpatrone, der Stern
ist der meinige als Bruder, der mich abends immer besuchte, der Mond ist der
Deine, der Dein Andenken oft mit seinem Schein in mir erhellt. Nun hab ich aber
dieses Opfer doch der Selene wieder geraubt, mit Zagen zwar - ich habe das Geld
eilig am Abend ausgegraben und hab's über die Gartenmauer geworfen, in den
Garten vom Magnetiseur nebenan, ich hörte es klingeln, wie's hinabfiel, und ich
rief dazu so laut als ich konnte, ohne dass man's im Haus hätte hören können: »Da
ist Reisegeld!« Und dann war mir auch, als hörte ich das Geld rappeln beim
Aufheben, aber ich lief fort. - Denn die Tante hatte am Tag vorher bei Tisch
erzählt, der Magnetiseur möchte gern abreisen, aber es fehle ihm am Reisegeld.
Aber er ist doch noch da, denn ich seh ihn alle Abend noch im Garten gehen und
beobacht ihn vom Hoffenster, ich schäme mich so sehr und traue mich gar nicht
mehr in den Garten, wo wir sonst als über die Wand allerlei Merkwürdiges
verhandelten. Aber nun kommt was Schreckliches, was da passiert ist, mir ist's
passiert. - Denk Dir, der alte Schuh, in den ich mein Geld hineingesteckt hatte,
um den schönen Beutel zu schützen, war eigentlich ein neuer Schuh, sein
Kompagnon stand ganz vergnügt in dem kleinen Kasten bei den andern Schuhen; ich
soll abgeholt werden nach Frankfurt morgen früh, die Tante frägt: »Wo ist denn
der andre neue Schuh? Das ist grosse Schlamperei von Dir, einen Schuh zu
verlieren, ich muss Dich sehr bitten, strenge Dich an, ihn zu finden,« ich lief
in den Garten, ich holte meinen Schuh unter der Pappel hervor, ich wollt ihn ein
bisschen reinigen an der Pumpe und versuchte ihm ein Ansehen zu geben, da fällt
was heraus, das glänzt in der Dämmerung, ein Ring, ich lass den Schuh stehen,
ein dunkler Stein, der funkelt so nächtlich schwarz wie der Blitz des Räubers
oder wie Mirabeaus Auge vielleicht, und inwendig im Schild steht ein schwarzes
M.
    Wir gehen morgen auf die grüne Burg zu den Geschwistern, acht Tage bleiben
wir dort, die Götterlehre nehm ich mit und den Ring, wo soll ich ihn lassen, ich
glaub, er ist ein Talisman, ich hab schon allerlei Fragen und Befehle um
Mitternacht an ihn ergehen lassen, aber der Geist ist nicht erschienen, der mir
vielleicht beistehen wollte, dumme Streiche zu machen. Adieu, Clemens, ich hab
Melodie gemacht auf ein Lied aus dem Sänger.
                                                                   Deine Bettine
                                                                       Göttingen
                                Liebe Schwester!
Ich öffne wie eine Pflanze mein Herz und rolle alle Blätter auseinander, wenn Du
herüberscheinst. Dein Brief ist mir von Marburg aus zuvorgeeilt und hat mich
hier empfangen.
    Ich will, dass Du so vernünftig werdest, dass alle Welt einst ihre Zuflucht zu
Dir nehme und Dich hochstelle, und dann will ich Dir's wieder ablernen. Hast Du
Lust, dumme Streiche zu machen, so warte, bis ich komme, und mache sie ganz
heimlich mir alleine, ich kann mich an Deinem ganzen Leben ergötzen, lese brav,
schreibe viel, alles, was Du empfindest, schreibe nieder, denn das
Ausgesprochene ist lebendig wie meine Liebe zu Dir.
    Weil Du nun einmal mein guter Engel bist, so musst Du auch Dein Amt mit Treue
verwalten, mein guter Engel muss immer heiter sein und meiner mit Hoffnung und
Segen gedenken und auch mich strafen mit Worten und mich anmahnen in Deinen
Briefen, dass ich mein Ziel nicht aus den Augen lasse, Du musst mit Deiner
Lebensfreude die meine anfachen, Du musst meinem Entusiasmus die Flügel lösen,
mit Deinem Ernst, mit Deiner Güte und Wahrheit. Willst Du das? - Sei recht
fleissig und fröhlich, und ehre und achte, was Du tust. - Den Herbst besuch ich
Dich, am End werd ich Dich kaum noch kennen, so wirst Du gewachsen sein, an
Geist und Leib; und fröhlich, und so schön wirst Du zeichnen. - Ach, Du weisst
nicht, was Du mir bist? Was ich liebe, das bist Du, Du hast es also in Händen,
kannst es mir hegen und pflegen. Wirst Du das? - O fasse ein recht lebendiges
Interesse an allem und dringe tief ein in das, was Du lernst, nicht
oberflächlich, lieb Kind, Du glaubst nicht, wie unendlich wohl es Dir tun wird,
wenn Du in ein paar Jahren etwas besitzest, dem Du Dich ganz hingeben kannst,
lasse Dir's daher recht angelegen sein, zeichne recht mutig, mach Dir nichts
daraus, ein Bildchen fertig zu haben, sondern eine Gewalt zu haben im Geist, die
Du mit Deinem Talent auszusprechen vermagst, wenn Du über das Gewöhnliche
hinauskämst, ich würde glücklicher werden als Du, schicke mir Deine Melodie,
schreibe mir und halte Wort und - fasle nicht mit Ring und Talisman und Mirabeau
usw.
                                                                    Dein Clemens
 
                                   An Clemens
Clemente! Hättest Du das letzte nicht geschrieben, so hätte ich Dir das erste
nachgesehen, dass Du mich vernünftig machen willst für die Welt - und denn am
Rand, dass ich nicht faslen soll mit dem Mirabeau; in der Mitte die grosse
Philisterglosse, wie ich mich und Dich soll bessern. Und der Sommer steht
inmitten seiner Glut, wo jeder faul sein mag, und ich soll fleissig sein und
gewachsen, wenn Du kommst, auf den Grasplatz hab ich mich gelegt unter die
Leinwand, vielleicht vom Begiessen, dass ich wachse; aber ich kann in der
Sonnenhitze nur herumschlendern. Ach, Clemente! Wenn ich mich hinsetze zum
Zeichnen - weisst Du, wie mir's da geht? Es wühlt mir im Kopf, ich muss mir Luft
machen mit einem Lied, ich muss ein neues Harpegge erfinden. Nein, das auch
nicht, es schwärmen mir Gedanken im Kopf, wie soll ich Dir sagen? -
Schmetterlinge sind's, ich muss ihnen nachjagen, aber dazwischen jagt's mich
selbst wie einen Schmetterling davon, und die Bohnen in meinem Gartenbeet muss
ich erst am Bindfaden hinaufschlängeln. Und will ich mir nicht davonlaufen, dann
kribbelt's mir im Kopf und in den Füssen, ich kann nicht sitzen bleiben, es fällt
mir das dummste Zeug ein. Meine alte Puppe vor zwei Jahren! Heut hat's mich
geplagt, ich musste sie wieder einmal betrachten, mit der ich mich zum letztenmal
unterhalten hatte, als Du zum erstenmal hierherkamst, Clemente! Du weisst noch,
wie ich sie geschwind unter den Tisch warf, als Du hereintratst, und ich sah
Dich an und kannte Dich nicht und hielt Dich für einen fremden Mann, der mir
aber so wohlgefiel mit seiner blendenden Stirne und Dein schwarz Haar so dicht
und so weich, und Du setztest Dich auf den Stuhl und nahmst mich auf einmal in
Deine zwei Arme und sagtest: »Weisst Du, wer ich bin? Ich bin der Clemens!« Und
da klammerte ich mich an Dich, aber gleich darauf hattest Du die Puppe unter dem
Tisch hervorgeholt und mir in den Arm gelegt, ich wollte aber die nicht mehr,
ich wollte nur Dich. Ach, das war eine grosse Wendung in meinem Schicksal, gleich
denselben Augenblick, wie ich statt der Puppe Dich umhalste. - - Ich habe meinen
angefangnen Brief mitgenommen, hierher auf die grüne Burg. Die Schwestern sind
auf einem weiten Spaziergang, ich war auf einem Nebenweg so ins hohe Gras
gekommen, dass ich nicht mehr drüber hinaussehen konnte, wo die geblieben sind,
da bin ich ein wenig liegengeblieben zwischen Gras und Kräutern und hab ins
Abendrot geguckt, wie das den blauen Himmel bewältigte, und die Lerchen fielen
nieder, gar nicht weit von mir, und die Frösche im Burggraben untereinander
halten ein Gered von der Moral, durch die ganze Froschtonleiter hör ich
vernehmlich krächzen: »Moral, Moral, Moral.« -
    Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren
Zweigen. Wer bin ich, dass ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach! sagen
die Linden, Du gehst so einsam zwischen unsern Stämmen herum und umfasst unsre
Stämme als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir Dich an mit unserm Duft.
    Adieu, Clemens! Es ist schon spät! - Ich konnte noch sehen, wie ich Dir von
den Linden schrieb, sie haben mir ihren Atem zum Fenster hereingehaucht, ich
musste sie wieder anduften mit meinen Gedanken, da kamen die Vögel zur
Nachterberg in ihr Gezweig, und ich hätt auch da schlafen mögen, sanft bebend
umschmeichelt vom flüsternden Laub, wie angenehm da schlafen.
    Schreib nach Offenbach, übermorgen gehen wir drei Schwestern schon wieder
zurück.
    Da schick ich Dir das Blatt, worauf ich eben mit den Linden mich unterhalten
hab.
    Ich will in die Wolken schauen und in den Mond, von dem eben der Tag
Abschied nimmt, und ich will solang hineinsehen, bis ich eine andre Welt
entdecke, und wenn ich sie gefunden hab, dann soll keine Träne mehr neidisch mir
den Glanz verdunklen, in dem meine Seele ihre Farben spiegelt! -
    Und was flüsterst du, Linde, mir ins Ohr? - »Grün, grün ist die zarte Farbe
der Seelenruh, grün im Abendschein ist die Wiege der Träume! Und jeder Halm
wiegt einen Traum, und mein Geblätter raschelt im Netz der Träume, und es winkt
dir!« -
    Ach, schweig du, Linde, es ist Nachtzeit, die Sterne glitzern durch dein
Laub und reden anderes; und das rieselt mir durchs Gebein! - Ahnung soll künftig
meine Seherin sein, und wenn ich ihr die Töne meiner liebenden Trauer geliehen
hab, um das Schwellen zu malen und das Sinken ihrer sehnenden Gewalt, so soll
sie mich wieder trösten, die, ein ewiges Meer, alle Wehmutstränen in ihren Wogen
fortwälzt, bis sie vom Trübsinn gereinigt aufsteigen als elektrisch Feuer aus
ihrem Wellenschoss. -
    »Ach du!« - flüstert die Linde - »sei nicht hoffärtig, das löst nicht den
Zauber.«
    Ich horche auf dich nicht, Linde, ich lausche den Sternen da oben! - ich hör
Musik, sie schmelzen ihr Licht ins dunkle Nachtblau, ihre Strahlen klirren im
Tanz aneinander.
    »Was du nur willst mit deinen hochstrebenden Gefühlen«, sagt wieder die
Linde; »sie langen ja nicht hinauf, komm unter meine Krone, sie schüttelt ihren
Tau auf dich, damit fühl ich dich gesegnet.«
    Ach nein, immer lauter und klarer klingen die Sterne, ich hör, wie sie
freudig ihre harmonische Verwandtschaft in die freien Lüfte tönen.
    »O wehre meinem Flüstern nicht,« sagt wieder die Linde und schmeichelt - und
meint, »was ist denn Musik der Sterne dagegen? - Wolle mich denken, du schaffest
meinen Geist durch dein Begreifen meiner Natur, dass der wieder sich um dich
winde, wie jetzt der deinige sich um mich windet, er soll dich berühren und
immer, bis deine Seele leicht und kühn sich aufschwingen lernt zu eigner Freude,
in einem Zug lieblich sprechender Töne!«
    Was sagst du, Linde? - Ist mein Begreifen deines Geistes spielende Seele? -
Linde sagt: »Meine Seele rieselt mit Schauern zu dir hinüber, weil du sie denken
magst. Denken beseelt, alle Wesen färben sich im Gedankenlicht. Was ist der
Abendschein deinen Gedanken, dass sie weit über Feld mit ihm fliegen, und weil du
ihn fühlst. Und wäre Denken nicht, so würde kein Wesen mehr beseelt sein, und
die Schöpfung würde stumm in sich versinken. Denken beseelt, und alles Wesen
erklingt in eigner spielender Farbe in seinem Licht, wodurch alles lebt und sich
unsterblich glaubt, und doch hängen sie nur vom Geiste ab, der das Denken ist.
    Wir glauben uns selbst zu erkennen als lebend, und die geheime Freude des
Werdens in uns ist doch, weil wir erklingen im Geist, der uns denkt!« -
    Sag ich wieder: So denke mich, Linde, denn schöner möcht ich nicht im
Gedanken reifen als in dem grünen Schimmer deiner Blätter, den der Abendschein
küsst, und möcht nicht edler meinen Geist hinaufgetragen wissen als im Duft
deiner Blüten.
    Die Linde rauscht im Wind und schüttelt sich, es kitzelt sie, dass ich so
artige Worte mit ihr geredet hab, es passiert ihr nicht alle Tag.
                                                                   Deine Bettine
 
                                   An Bettine
                                                             Am Rhein, Rüdesheim
Dein Gespräch mit der Linde und der herrliche Abendschein über dem Rhein und das
schöne Mädchen Walpurgis hier im Wirtshause, haben vor wenig Minuten rings um
mein Herz gebuhlt. Ich bin in das Mädchen verliebt wie ein guter Junge, und wenn
sie das Papier geschrieben hätte oder den Abendschein und die Linde verstände
wie Du, so wäre kein Treiben und kein Sehnen mehr auf Erden für mich. Aber so
ist's nicht, ich werde nicht von ihr verstanden, denn ich verstehe den
Abendschein; und sie, die sich und ihn nicht versteht, ist wunderschön, und der
liebe Gott hat Schätze in ihre Augen gelegt und einen Liebreiz in ihren Mund,
dass man einen Tempel mit diesen Schätzen könnte errichten und Gebet von diesen
Lippen wie Honig von süssen Blumen sammeln könnte, aber sie ist in einer sehr
unschönen Umgebung von Eltern und Geschwistern, und Gott segne Dich, dass Du so
bist, wie Du bist. Es ist ein alt Sprichwort, wo Schätze liegen, stellt der
Regenbogen seinen Fuss auf, aber es ist böse, es ist ein Aberglaube. Und wenn ich
dies Mädchen ansehe, bin ich so abergläubisch; der alte Bettler, der hier in der
alten Ruine vom Schloss der Gisela Brömserin wohnt, das dicht am Rhein steht, hat
seinen Herd auf dem Altar der Kapelle und schläft in steinernen Gewölben, durch
die das Himmelsgewölk herabsieht, und seine Begeisterung, die er trefflich auf
seiner Pfeife auszudrücken versteht, wenn er viele Heller beisammen hat, hallt
zwischen den vielen Pfeilern durch recht lustig, ich gehe da abends in dem lauen
Wind auf und ab und höre, wie er aus einem raschen Walzer in den andern sich
hineinpfeift, und dabei schlägt er so munter den Takt, als ob er im Tanze mit
einer schönen Walpurgis sich drehe. Ich rede oft mit ihm, und er hat mir's gar
nicht geleugnet, dass er auch noch oft sich verliebt. Am End kam's heraus, dass
wir Nebenbuhler sind, und dass die Walpurgis der eigentliche Reiz seiner
musikalischen Belustigungen ist, denn sie hat nicht weit davon einen Weingarten,
wo sie den Gästen abends ihren Weinschoppen reicht, in Krügen mit Deckeln von
blankem Zinn, und da tun ihr die Gäste schön mit Reden und verlangen auch wohl
einen Kuss, sie lässt sich's gefallen, das ärgert mich. Ich hab den Bettler damit
eifersüchtig machen wollen, und der hat mich ausgelacht, wir hörten das
Gelächter aus der Weinlaube herüberschallen, er trällerte auf seiner Pfeife
dazu, und darauf ging er eine Wette mit mir ein, dass wenn ich ihm eine Kanne
Wein dort bezahle, so wolle er von der Walpurgis einen Kuss erwischen, in
Gegenwart aller Gäste. Anstatt drüber zu lachen, machte mich's verdriesslich, er
zog aber ungeheuer fix die herunterhängenden Strümpfe und Beinkleider auf, die
Jacke hing er an den Pfeiler und klopfte eine Staubwolke heraus, dazu bellte der
Hund, den er im Zwinger eingesperrt hat, der merkte, es solle auf Abenteuer
ausgehen, und wollte mit. - Wie er sich aber seinen staubigen Bart wusch und
dann mit der Schuhbürste wichste und dann vor die Haustüre trat und bemerkte,
wie der Mond sich drin spiegle? Ich dachte, der böse Feind lache mich aus. Der
Mann sah seltsam heimlich anziehend und stolz auf mich herab, und was tat der
Mann, er legte seine Hand auf meine Schulter und ging mit einem Schritt, als ob
er ein spanischer Grande sei, in die offne Weinlaube. Ich forderte Wein für uns;
vom besten, sagte er, im Vorübergehen gab ihm das Mädchen einen Handschlag. -
Und denk Dir, er hat die Wette gewonnen! - Und mir hat sie nie einen Kuss
gegeben, so sehr ich auch drum bat, ich vergesse diesen Mann nie, wie er beide
Ellenbogen aufgestützt, die Hände über die offne Weinkanne gefaltet hielt, dann
und wann einen Zug draus schlürfte, ohne sich aus der Position zu rücken, mit
seltsamen Trinksprüchen jeden Trunk würzte; das gefiel ihr, er sah ihr tief
unter die Augen, goss die Kanne in einem Glucks hinunter, und das gefiel ihr
auch. Und kurz, sie gab ihm unaufgefordert den Kuss. In ihren Zügen spiegelte
sich eine wunderbare Schönheit, ihre Lippen zuckten und ihre Augen glänzten ihn
so freundlich an, als fliesse ihre Seele über in Grossmut, einen unschätzbaren
Schatz geben zu können. Der Mann, der nicht einmal aufgestanden war, sondern
sitzend den hinabgereichten Kuss von der schlanken Walpurgis ihren Lippen nahm,
hielt sie noch eine Weile so im Arm. Kein Fürst konnte freudig kühner sein
Anlitz über die Menge erheben.
    Alle Gäste waren still geworden; denn alle sind in das Mädchen verliebt; er
genoss noch einen Augenblick seinen Triumph, dann stand er auf und bot gute
Nacht. Die Walpurgis stand an der Gartenhecke und grüsste, indem wir
vorübergingen; und das ist's, was mir am meisten ins Herz schnitt. Ach, es ist
wahrlich alleins, ob man bettelt oder gut lebt, wem das Herz freundlich ist zu
geben und seine Liebe widerwillig zu empfangen, der allein ist reich. Wo ist
Reichtum? - Auf Erden nicht! Gold ist Sonnenschein, und Rubin ist Abendrot, aber
Liebe ist alles. Aber die Erde ist nicht alles, denn es ist wenig Liebe in ihr;
sie ist in der Liebe! - Es tut mir leid, dass Du das alles nicht auch sahest, Du
würdest schöner davon sprechen, und schön sprechen soll man, damit das Schöne
immer lebendiger wird und mehr. Denn die Liebe hat nimmer des Schönen genug.
Savigny hat alles auch mit mir gesehen, ich dachte, hier, wo seine
Studiermaschine nicht fortwährend im Gange ist, werde endlich einmal sein
Inneres zu Wort kommen; doch stumm wie immer marschiert er neben mir die Natur
auf und ab, und das verdirbt mir alles Geniessen. Morgens kommt der Barbier aus
dem Dorf, der sein Antlitz ziemlich barsch behandelt, um ihm den Bart
abzunehmen, er lässt's geschehen; wenn Walpurgis zufällig hereinkommt, stelle ich
mich vor ihn, weil ich mich schäme, dass dies schöne Mädchen sieht, wie er den
Barbier damit umgehen lässt, und dann! - Wie geht er mit mir um? - Viel ärger wie
der Barbier. Er belächelt meine Reden, er belächelt meine Gedichte, er belächelt
auch meine Verliebteiten, und kurz sein Wesen wird mir eben nicht klar, und
wenn ich darüber klage, so meint er, alles sei ja unendlich klar. Etwas ist's,
was mir ihn unverdaulich macht; vielleicht ist die Schuld mein, trotz meinem
besten Willen.
    Walpurgis hat einige Züge von Dir, und die ziehen mich vielleicht am meisten
an, die übrigen, die Du nicht hast, hast Du in der Seele und sie im Gesicht. Ich
denke immer an Deine Seele bei diesen Zügen und sage dem Mädchen schöne Sachen,
wenn ich an Dich schreibe, und rede Dich an, wenn ich ihr Schönes vorsage.
    Werde nicht bös, ich will ein bisschen hinuntergehen, vielleicht sehe ich
sie, aber sie weicht mir aus, sie weiss nicht mit mir zu sprechen, so Du nicht.
    Ach, weisst Du, was sie eben mir sagte, als ich fragte, warum sie den
Bettelmann geküsst habe? - er gefalle ihr - und ob ich ihr denn gar nicht
gefalle? - sie sagte nichts darauf. - Aber wenn sie mir auch einen Kuss gäbe, so
würde ich auf alle andre eifersüchtig werden, und dann würde das ein gross Gezänk
geben im Wirtshaus, und das wolle sie aber nicht haben. Mit wem sollte ich in
Zank geraten, es ist ja niemand im Wirtshaus wie Savigny und ich, und der ist ja
gar kein Kenner von deiner Schönheit; ich plaudre dir auf der Gitarre so schöne
Abendlieder vor, ich erzähle dir so hübsche Geschichten, ich bin früher auf als
du und guck dir zu, wenn du in den Hof herunterkommst, das rührt dich nicht? -
Sie sagt selbst: Gar nicht! Du bist nicht so, mein einzig Kind, mein
Schutzengel, was ich Dir zulieb tue, das tust Du gern und verdienst Dir einen
Dank ab, wenn es auch noch so gering ist. Wenn ich nun auch herumschweife und
mich in Liebeshändel einlasse, wenn ich's tue, so ist's doch immer, weil ich
weiss, dass ich meine Heimat habe in Dir.
    Ich hab dem Savigny gesagt, er soll ein bisschen hier dran schreiben, aber
der arme Mensch ist froh, dass er lesen kann.
    Es ist wieder Abend, er hüllt die Welt in wild zerstreute Farben, der Umriss
meiner Tage spricht mich dagegen so farbenlos an, wie wenn ein Geist mich
anredete. Die Natur kommt uns armen unnatürlichen Menschen so oft übernatürlich
vor. Walpurgis hing heut an meinem Arme, ihr Anblick, die ganze Reihe von Bergen
umher, deren Häupter unsre Nachbarn waren, erfüllte mich wie ein Traum. Die
Täler waren versunken im Nebel, und ein so lebhafter Spiegel aller Dinge in
meiner Brust, für die ich keine Stelle mehr sah, um sie mir zu bewahren. Alles
dies, was ich Dir hier deutlich hinschreibe, war Verwirrung in mir, und ich sah
träumend in den Wald hinein, während ich mit vollem Bewusstsein eine der reinsten
und entsprechendsten Umgebungen meines Lebens hätte geniessen sollen, hätte sie
Herz oder Sinn für mich gehabt. Dort sah ich ein Licht, was im Grunde des Holzes
wankte, und erinnerte mich der behaglichen Gefühle, die uns beiden so oft die
erleuchteten Hütten gaben, wenn Du mit mir am Abend durch die Dörfer gingst. Die
Ruhe nach der Ermüdung; und wir sahen da die Kinder rund um den Ofen, die
Spinnräder und die Lampe nach der Reihe einschlafen.
    Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt einen das macht, was man im Leben
die Konvenienz nennt, vielleicht hätte sie meine Empfindungen ganz auf die
verkehrte Seite verstanden. Eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit und
geschraubte Konsequenz, die, sobald wir in die Natur treten, zu höchst
verderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit führen. Mit meiner Rückkehr zu
mir selber versammelten sich nach und nach allerlei heterogene Empfindungen, und
ich fand mich endlich in einer so wunderlichen Gemütslage, wie wenn ein Weltmann
einen französischen Pas und einen munteren natürlichen Sprung in der Mitte
vereinigen müsste.
Die Wolken drängten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blut'ge Speere,
Es rollet leiser Donner in der Weite,
Noch unentschieden schwankt des Kampfes Ehre;
Von Tag zur Nacht neigt sich's zu jeder Seite.
Bald sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder,
Doch, teilst du froh mit mir, was du gegeben,
Durch die allein von Schmerzen ich genas,
Dann wirst du auch mich über alles heben,
Was ich, in deine Seele blickend, gern vergass;
Und kannst du mir auf diesen Höhen trauen,
So werd ich bald das Höchste überschauen.
Bald werd ich die Gärten der Armide fliehen, bald bin ich bei Dir.
                                                                         Clemens
 
                                   An Clemens
Liebster Clemens, ich hab was von meinen Klosterarbeiten hervorgesucht, ein
Sträusschen von Seide gewickelt, die alte Laienschwester Monika, wie die das
Sträusschen mir wickeln lehrte, kam es mir so allerliebst vor, und nun seh ich,
dass es doch nur ein allerliebstes Nichtschen ist, aber vielleicht macht's der
Walpurgis Spass. Die Monika hatte einen Bierkrug auf ihrem Tisch stehen, von dem
erzählte sie mir damals, als wir die seidnen Blumen wickelten, der Geist ihres
verstorbenen Vetters sei gekommen und habe den Deckel vom Krug aufgemacht und
aus dem Krug getrunken, um ihr anzuzeigen, dass er tot sei. Ist es denn nur bei
solchen Gelegenheiten, dass sich ein Geist auf die Beine macht? Ich frage, weil,
ach weil ich in Gedanken so sehr, so ganz wahr und wirklich bei Dir bin, weil
ich Deine Gitarre höre im Geist und Deine Stimme ihre feurigen Lieder dazu
dichten. Clemens, Du bist so gut und so schön, wenn Du singst, bist Du so
besonders liebend noch dazu, und mir der Liebste, der Trefflichste, nicht aller
Menschen, denn Menschen kenne ich, glaub ich, gar nicht, mir sind sie nicht
aufgestossen, das lieblichste Du selbst bist Du mir, die andern sind mir kein
Selbst, sie sind zusammengeliehene, durch Umstände und Eigenheiten, die ich
besser noch Verkehrteiten nenne, entstandne Unselbsteiten. Eine grüne Wiese
mit tausend goldnen Blumen, die all auf ihren feinen Stielen im Abendschein
wanken, und ein Clemens, der über die grüne Wiese so stolz am Ufer vom stolzen
Rhein hingeht und fährt so rasch über die Saiten und singt so feurig und weich
seine Liebe. Ich möchte ihr Hohn sprechen, dass sie Dich nicht küsst, lieber als
hüben den Bettelmann, der über Dich lacht, und drüben den Savigny, der über Dich
lächelt, und der sich so offenherzig rasieren lässt. Clemente, die ungeheuren
Stricke, mit denen Du gebunden Dich wähnst, sind nur Spinnweb. Und Du fürchtest,
dass wenn Du einen Ruck tust, so reisst das ganze liebesgewebte Netz, Du willst's
aber gar nicht zerreissen. Gäb sie Dir einen solchen Rheingauer Schmatz, so fiel
die Lieb Dir nicht mit der Tür ins Haus. Was solltest Du damit, Du fühlst es
selbst. Der Savigny mag sie meinetwegen schon geküsst haben, im Weingarten oder
am Brunnen oder sonstwo, er kommt herbei, man sieht's ihm nicht an, er macht
einen ganz trocknen Mund. Du aber, Clemente, würdest mit allen Sternen Dich
darüber besprechen und Echo würde es Dir abluchsen, um es durchs ganze
Donnergebirg zu widerhallen, und Du selbst würdest schwanken wie ein Trunkner,
des süssesten Weines voll. - Und Walpurgis hat recht, dass es würde Streit setzen
im Wirtshaus. Denn das Wirtshaus würde alles entgelten müssen, und wenn das
Dachfenster nachts im Winde klapperte, so wär's ein Eingriff in Deine Träume,
grade da, wo Du vielleicht gewünscht hättest, das Dachfenster hätte Dich um
alles nicht geweckt, und wär die Walpurgis zutunlich mit dem Pommer oder mit dem
Spitz, so würdest Du ihr vorwerfen, dass sie freundlicher mit den Hofhunden sei
wie mit Dir, und würdest dabei ungerecht sein, denn ein Hündchen, das man hat
aufgefüttert, und das einem so absichtslos treu ist, das kann einem wohl näher
am Herzen liegen als ein durchreisender Liebhaber. Und sei doch ein kaltblütiger
Dichter, der gern eine Rolle übernimmt in dem eignen Lustspiel, was er dichtet.
Du und der gelehrte Jurist, der so ernstaft jung ist, und der Bettelmann, der
so lustig alt ist, und das Mädchen, das nach den Äpfeln und Birnen sieht, ob sie
heuer reifen, und dabei den Liebhabern zublinzelt, nun würde ich, wenn ich der
Dichter wär, das Stück oder auch den Akt so enden, dass ich den kräftigen
Bettelmann und den schmächtigen Gelehrten dem zurückgesetzten Studenten recht
übermütig gegenüberstellte, der sich eben auf seinen Philistergaul schwingt,
weil die Ferien aus sind und die beiden Nebenbuhler spottend von ihm Abschied
nehmen; allein wie er eben auf dem trägen Klepper den kotigen Dorfweg nehmen
will, siehe da, gleichwie im Homer die alte Bettlerin am Wege sitzend ihre
Kleider von sich abwirft, um plötzlich als blendende Göttin Minerva in die
Wolken zu steigen, wirft dieser Schimmel auch plötzlich die alte Stalldecke ab
und schüttelt seine blendende Flügelmähne und steigt in die Wolken so hoch mit
meinem Clemens, und der wirft Kränze herab von seiner himmelansteigenden Bahn
und schenkt den beiden Nebenbuhlern, was sie ohne ihn nicht fassen konnten,
nämlich, dass es lebende schwebende Natur ist, ihr himmlischer Sinnenreiz - der
zu Füssen der schönen Rheingauerin sich entfaltet und mit reinem Lebensodem sie
anhaucht im jungen Grün in der tausendfältigen Blumenflur, im klaren Rhein sich
spiegelt und wie Tau von der Sonne wird geküsst, und dann, lieber Clemens, lebst
Du ja nicht Deine eigensüchtige kleine Liebschaft, nein, den ganzen liebenden
Frühling von 1804, und träufelst ihn herab von den fünf Saiten Deiner Leier und
betäubst Deine Nebenbuhler, dass sie schlummern und Wunder träumen von Seligkeit,
die Du ihnen zumessest.
    Das wär nun das Ende von dem Melodrama, das hab ich mir erdacht am
Pfingsttag in der Liebfraukirch, wo vom Heiligen Geist gepredigt wurde, wie es
mich fürchterlich langweilte, und ich konnte meine Füsse nicht ruhig halten vor
Ungeduld, ich musste immer einen über den andern stellen, und in Gedanken war ich
am Rhein bei Dir und bei dem Bettelmann, der gar nicht unfreundlich gegen mich
war, denn wenn Du meinst, dass ich manche Züge ähnlich mit der Walpurgis ihrem
Gesicht habe, so fühl ich, dass ich wieder sehr viel Ähnlichkeit hab mit ihrem
Naturell, und ich glaube, der Bettelmann hätte auch bei mir den Sieg
davongetragen, wenn nicht! - Ja, wie soll ich Dir's beschreiben? - nämlich, als
ich eben von meiner Vision im Rheingau zurück in meiner Kirchenbank ankam, da
war der Kaplan noch immer dran, als Pfingsttaube aus seinem Kröpfchen die
Gemeine mit dem Heiligen Geist zu füttern. Der Bettelmann also hätte auch bei
mir den Sieg davongetragen, wenn meine Vision nicht plötzlich mir den lieben
Bruder Clemens daherzauberte, wie der plötzlich statt der Taube im feurigen
Galopp aus dem Schalloch herabgeflogen kam mitten in die Kirche! Der Prediger
auf der Kanzel erstarrt, die Gemeine in ihrem Gesang verstummt, der herrliche
Clemens aber auf seinem Pegasus karakoliert gleich einem englischen Reiter und
macht wunderschöne Künste auf seinem Wolkenstampfer; und auf dem Gewölk, was
seinem herrlich melodischen Ritt zum Tanzboden dient, schweben wunderschöne
Rosenkränze von einer Wolkenstufe zur andern und blühen und duften immer
schöner, und die Menschen haben das Beten vergessen, alle fangen sie die Rosen
auf, und das war Dir ein Getümmel in der Kirche und ein Jauchzen über die
aufgefangnen Kränze! Ach, ich könnte Dir noch mehr erzählen, wenn's nicht zu
lang dauerte für ein Rosenfest, dessen höchster Reiz ist, dass er bald verblüht.
Die Kirche war aus, eh ich's dachte, die Leute tummelten sich zur Kirchtür
hinaus. Die Bäcker liefen mit weissgepuderten Kuchen, es war so heisser
Sonnenschein. Den zweiten Pfingsttag ganz früh war ich mit dem Dominicus und
Anton auf der Pfingstweide, da wurde unter den grossen Linden ein grosser Kranz
gemacht für den Pfingstochsen, die Kinder gingen bei den Gärtnern herum und
bettelten Blumen dazu, sie hatten die Blumen alle zusammengebündelt und so
mancher den Stiel abgeschnürt, dass ihr der Kopf abfiel, wie ich aber am Kranz
flechten half, da ward er viel schöner, um acht Uhr war der Kranz fertig und der
Brummelochs ward mit angetan, am Nachmittag waren wir vor Betmanns Garten auf
einem Floss, das schwamm mit uns ein Stückchen den Main hinunter, es war auch
schön auf dem Main, und wie wird's doch den Tag Dir gewesen sein, Du bist wohl
einsam da herumgewandert, ich weiss, am Feiertag ist's oft gar zu wehmütig, je
schöner die Natur ist, je schauriger belagern einen die langen Schatten des
vergehenden Tages, und die Menschen sind auch alle wie Schemen; sie flirren
umher, man sieht kaum sie an, und kein Nachgedanke über sie kommt uns in den
Kopf, ach und dann, wenn man vom Spaziergang nach Haus über die Schwelle tritt,
da legt man den Blumenstrauss hin, den man gepflückt hatte, er sollte so schön im
Glase blühen, er muss welken auf dem Tisch, denn die Seele ist gar zu müde. - So
wird Dir's gewesen sein, Clemens. Aber wenn nun die Sterne aufgehen und winken,
sie hätten was mit Dir zu flüstern, dann vergisst Du der stummen Schatten, die
neben Dir hergingen, das helle Sternenlicht ist allein Dir geltend, so war's
gewiss vorgestern abend; denn ich hab Dich sehen heimgehen über die Wiesen und
hab als in mir verborgen mit Dir geredet und Dich bei der Hand genommen, und es
war gewiss eine Stunde, dass ich bloss mit Dir geredet habe in mir, und als ich
schlafen ging, da war's, als habe ich recht was Angenehmes erlebt mit Dir.
    Das ist meine Pfingsttagsgeschichte in Frankfurt, ich bin jetzt wieder hier
in Offenbach, wo ich tausend Federnelkchen aufgeplatzt fand, und der Abendwind
jagt sich mit ihrem Duft.
    Adieu, Clemens, die Federnelkchen werden auch bald alle geplatzt sein. Dann
kommst Du zurück.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
Ich sollte schon bei Dir sein, liebe Bettine, ich hatte mir gelobt, dass ich
nicht wolle nach den Pfingsttagen hier verweilen, und war auch schon in Mainz,
und jetzt bin ich doch wieder auf dem alten Fleck, Savigny ist allein zurück,
ich will ja nur noch ein Weilchen mich sammlen und so manches Lied, was ich der
Gegend und der geschäftigen Natur in ihr abgelauscht habe, noch einmal
durchgehen, damit es Dir rechte Freude machen soll.
O kühler Wald,
Wo rauschest du,
In dem mein Liebchen geht,
O Widerhall,
Wo lauschest du,
Der gern mein Lied versteht.
O Widerhall
O sängst du ihr
Die süssen Träume vor,
Die Lieder all,
O bring sie ihr,
Die ich so früh verlor. -
Im Herzen tief,
Da rauscht der Wald,
In dem mein Liebchen geht,
In Schmerzen schlief
Der Widerhall,
Die Lieder sind verweht.
Im Walde bin
Ich so allein,
O Liebchen wandre hier,
Verschallet auch
Manch Lied so rein,
Ich singe andre dir.
Ja, liebe Bettine, da hast Du wieder einmal durch die Ferne herübergesehen recht
scharf, grad wie Du mir schreibst, so war mein zweiter Pfingstabend. - Sie war
fortgefahren, sehr schön geputzt, über Land mit der ganzen Familie, ich und der
Hausknecht waren allein zurückgeblieben; ich sagte dem Hausknecht, er solle nur
auch ein wenig zu seinen Bekannten gehen, wenn Gäste kommen, so wolle ich ihn
rufen, so war ich den ganzen Vormittag allein, so still wie es im Weingarten
war, man konnte hören das Gras wachsen. Da kam mancher Wagen vorbeigefahren mit
lustigen Leuten, und wenn ihr Räderlauf in der Ferne sich verlor, da fingen die
Glocken aus den Ortschaften rundum an zu läuten, so ist mir der Morgen vergangen
von früh vier Uhr, wo die Walpurgis abgefahren war, bis um elf Uhr, wo sie
wieder heimkehrte. - Da kamen so viel Gäste von Bingen herüber, und so viele
schifften hinüber nach Bingen, dass der Rhein ein gross Spektakelstück gab von
Jauchzen und Musik auf den Schiffen, die sich bombardierten mit Trompetenstössen
und allerlei verschiedner Tanzmusik und Lieder, die sich einer über den andern
hinaus wollten vernehmen lassen, ich habe auch mit Link, der von Frankfurt
gekommen war, den Savigny bis Mainz begleitet. Link ist dort zu einer Frau
gegangen, von der er mir Wunderdinge erzählt, sie ist eine Französin aus der
Vendée, war in Jena bis jetzt, hat dort mit den grössten Gelehrten eine Zeitlang
zugebracht, allerlei wissenschaftliche Experimente gemacht. - Sie sei, sagt
Link, eine Heldin, eine ganz unerschrockne Seele, die in der Terroristenzeit
durch ihre Kühnheit Unendliches gewirkt hat, - und namentlich in der Vendée, sie
soll so schön sein, so vollkommen wohlgebildet wie ein Weib aus den Nibelungen,
sie reitet das wildeste Pferd. - Ich stand vor ihrer Tür mit Link, er ging zu
ihr mit einem Empfehlungsbrief aus Weimar, ich kehrte um mit dem Marktschiff, in
Rüdesheim bin ich erst mit Sonnenuntergang zurückgekommen, alle Wirtshäuser
tobten ganz ausgelassen; da hab ich in meinem Giebelstübchen über das Gelärm
hinaus mich recht einsamlich in alles, was das Leben mir bietet, hineingedacht,
nur Deiner hoffe ich gewiss zu sein, dass auf allen meinen Irrwegen, wo vielleicht
keiner mir begegnen mag, Du aber mir nachgehen wirst, und wenn ich mich
verlassen wähne, ich dennoch die edelste Wohnung besitze, in Deinem Herzen
nämlich. - So war mein Abend beschlossen; getanzt und gejubelt unter mir, ich
hörte das Lachen und dann leise klopfen an meiner Tür, als ich aufmachte, fand
ich einen Krug mit Maitrank - rheinischer Hippokras - auf der Schwelle und ein
Stück Festkuchen; wärst Du hier, so würde ich geglaubt haben, Du hättest es mir
vor die Tür gestellt. Aber wer soll's nun gewesen sein? - Es war ja die Walpurg,
ich hörte sie am End vom Gang laufen.
    Du schreibst mir in Deinem Brief, dass Du selbst eine gewisse Hinneigung zum
Bettelmann empfindest. -
Wenn ich ein Bettelmann wär,
Käm ich zu dir,
Säh dich gar bittend an,
Was gäbst du mir? -
Der Pfennig hilft mir nicht,
Nimm ihn zurück,
Goldner als golden glänzt
Allen dein Blick;
Und was du allen gibst,
Gebe nicht mir,
Nur was mein Aug begehrt,
Will ich von dir.
Bettler, wie helf ich dir? -
Sprächst du nur so,
Dann wär im Herzen ich
Glücklich und froh.
Laufst auf dein Kämmerlein,
Holst ein Paar Schuh,
Die sind mir viel zu klein,
Sieh einmal zu. -
Sieh nur, wie klein sie sind,
Drücken mich sehr,
Jungfrau, süss lächelst du,
O gib mir mehr.
 
                                   An Bettine
                                                                           Mainz
Liebe Schwester, Du wirst mir's verzeihen, dass ich nicht Abschied von Dir nehme,
aber ich gebe Dir nicht etwas, ich bin Dir gegeben. Du weisst nicht, wie
glücklich ich bin, dass ich Dir dies durch die liebenswürdigste Frau sagen kann,
die durch ihr Geschick schon über den gewöhnlichen Kreis der Menschen
hinausragt, noch mehr aber durch ihre Selbständigkeit, durch den festen ernsten
Willen, mit dem sie dies Geschick bekämpfte und heldenmässig ertrug, indem sie
ruhig und allein zwischen den Schrecken der Blutgerichte hindurchwandelte. Mit
solchen Naturen sich berühren zu dürfen, ist eine Auszeichnung für den, dessen
Seele und Geist vielleicht darauf angewiesen ist, durch solche Naturen sich
selbst zu bilden und durch sie zum Erhabenen gelenkt zu werden. Wie sehr ich für
Dich immer Sorge trage, das Edle und Schöne, was ich auffinde, was mir seine
Macht fühlen lässet, mit Dir zu teilen, davon mag Dir hierin der Beweis gegeben
sein, dass ich ihr, die ein so grosses Herz hat, die mit diesem Herzen ausreichte,
wo so viele verzagt sein würden, auch Dich und meine Liebe zu Dir empfohlen
habe. Ja, ich hab ihr alles mitgeteilt, dass ich nämlich die besten Kräfte meines
Lebens dran wenden möchte, um Dir eine würdige Zukunft zu bereiten. - Sie hat
mir in diesen Stunden, so einfach, als sei es nur ganz gewöhnlich, von sich
erzählt. Durch die Vendée ist sie oft auf wilden Pferden, die kaum den geübten
Reiter trugen, auf Kreuz- und Querwegen geritten, um mit den grossen Helden dort
sich zu treffen, denen sie oft auf nächtlichen gefahrvollen Wegen voraneilte,
manchen jener armen Landleute (Chouans) hat sie gerettet mit Gefahr ihres
Lebens, ihre ganze Familie aber hat die Guillotine gefressen. Nur sie, geleitet
durch ihren guten Stern, der ja auch von ihrer Stirne glänzt, ist glücklich nach
Deutschland gekommen. In Jena hat sie eine geraume Zeit geweilt und war in einer
wissenschaftlichen Verbindung mit meinem Freund, dem grossen Physiker Ritter, von
dem Goete sagt: »Wir alle sind nur Knappen gegen ihn.« - Durch einen Brief von
ihm hab ich sie hier in Mainz getroffen, wo ich seit gestern bin und von hier
nach Jena zurückgehe. Was kann ich Dir je sagen, was an dieses Weib heranreicht,
da ich nie einen bessern Gedanken hatte, als sie zu begreifen. Du sollst sie
lieben wie mich und mehr wie mich. Du sollst ihr vertrauen und sie mit allen
Deinen Armen umschlingen, mit Wurzeln und Gezweig, denn sie ist Himmel und Erde,
sie ist ein Weib, an dem die Vortrefflichkeit und Barbarei du jour (das heisst,
wie es heutzutage hergeht) gescheitert ist, sie allein kann Deine Ideen über
Revolution und Volksglück aufklären, oh sie kann Unendliches für Dich, sie ist
ein Geschöpf aus Gotteshand, ein gewöhnliches Weib wie Eva und wie sie aus dem
Herzen jedes Mannes heraussteigen soll. Wundre Dich nicht, dass ich so über sie
disponiere, da ich sie nur eine Stunde gesprochen habe, aber das organisch
Vortreffliche spricht sich in der Sekunde aus, und verhüllst Du die Venus in die
dichtesten Schleier, und der unschuldige Mensch merkt nur die Bewegung ihres
Atems, so wird er mit seiner Seele dafür haften, dass dieser Mantel die Schönheit
und die Liebe verberge. Schenk ihr die Geheimnisse Deiner Seele, alle Deine
Phantasien ergiesse ihr, sie muss sie aufnehmen und würdigen und muss Dich
beglücken, denn es ist in ihrem Wesen wie das Empfangen des Weines im Kelch.
Sprich von allem dem gegen niemand. Es ist ein glückversprechender Lebensmoment
für Dich, denn der grossen Seelen sind nur wenige, sich aber mit ihnen in so
voller Unschuld geistig zu berühren, ist auch nur wenigen geworden.
    Schreibe mir bei Friedrich Schlegel in Jena.
                                                                    Dein Clemens
                                 Liebe Bettine!
Madame de Gachet bringt Dir einen offnen Brief von mir, ich habe aber manches
währenddem gedacht. - Herzlich offenbaren kannst Du Dich ihr, denn sie versteht
Dich, und der gute Mensch hat keine Geheimnisse, auch sollst Du sie lieben wie
den geistreichen Menschen, doch nur ihren Geist und Herz, die Narben aber, die
ihr Erfahrung und Geschick geschlagen, das männliche Wilde ihres Seins und
Verstandes sollst Du übersehen, überhaupt Dich ihr nicht hingeben; mein bleiben
und Gott. - Unschuldig sein neben ihr, von ihr lernen ohne Absicht, denn die
Absicht überhaupt ist's, die solche Narben zurücklässt. Ich traue Dir unendlich
viel zu, wenn ich Dich denke mit ihr umgehend, ohne von ihr hingerissen zu
werden; Dich immer selbst besitzend und doch ganz aufrichtig, denke immer an
mich dabei, hüte Dich, wenn Du sie verehrst, dass nicht Dein eigener Genius den
obersten Platz verliere.
    Schreibe mir nach Jena bei Friedrich Schlegel, aber bald, in einigen Wochen
bin ich in Marburg.
                                 Liebe Bettine!
Und immer noch von dieser de Gachet, aber Gott weiss, es jagt mich wieder aus dem
Bette heraus, ich muss Dir noch einmal von ihr sprechen, denn es kann bei ihr
viel zu gewinnen und zu verlieren sein, und ich könnte keine Minute ruhen, wenn
ich nicht wüsste, dass Du sicher wärst. Ich weiss von dieser Frau nichts, als dass
sie mit einem der geistreichsten Menschen, einem Freunde von mir, genau
verbunden ist, dass sie jetzt die einzige Französin ist, die auf der Höhe der
deutschen Wissenschaft steht, das ist ungeheuer viel, aber um dies zu erringen,
was hat sie vielleicht erfahren müssen, und wieviel zarten Sinn haben ihr diese
widerspenstigen Wissenschaften wie kostbaren Hausrat erst zerschlagen, eh sie
sich besiegt gaben. Sie ist voll Entusiasmus, und es ist ihr in allem Ernst auf
Leben und Tod, auch hat sie die Mittel dazu, Du wirst Dir leicht denken können,
der Mensch sei ein Turm, der in der Erde wurzle und in den Himmel rage, und in
dessen Mitte eigentlich das schöne liebe Menschenleben zwischen Himmel und Erde
ist, viele Menschen steigen in die Tiefe und kehren nicht zurück und vergessen
der Mitte, die allein lebendig ist, viele steigen in den Himmel und vergessen
diese Mitte, in der doch Himmel und Erde sich umarmen, und diese sind zwar grosse
Menschen, aber nach meiner Ansicht werden sie doch nur als Mittel von Gott
gebraucht, er belohnt sie mit berauschendem Stolze für ihre Mühe mit den
Wissenschaften und lehrt sie die schöne Mitte verachten, um sie zu verführen
nicht zurückzukehren. Ich bitte Dich, bleibe in dieser Mitte und steige nur in
die Höhe, um zu beten, sonst wird das Gebet ein Handwerk. Da ich der de Gachet
von Dir erzählte, war es ihr sogleich so ernst mit Dir, dass sie vielleicht gar
nach Offenbach ziehen wollte, wenn Du ihr gefielst, um mit Dir umzugehen, es
wäre schön, wenn Du etwas Chemie von ihr lernen könntest und durch ihre
herrlichen Gedanken Deinen Geist erweitern, überhaupt durch sie einen Begriff
von vielem erhalten, doch bitte ich Dich recht herzlich, es nur zu tun, wenn es
der Zufall erlauben sollte. Ich bereue es sehr, und es ist eine Übereilung, dass
ich ihr den Brief an Dich gab, ich kenne sie doch zu wenig dazu, doch hoffte
ich, Du wirst beide morgen schon haben und eher als ihren und darum durch jenen
heftigen nicht verwundert werden, den sie Dir bringt, Du kannst alles, was
drinne steht, solltest Du sie näher kennenlernen, an ihr erproben, ob es so ist,
das meiste ist vermutlich so, aber ich will nur nicht, dass Du sie gar für unsern
Herrgott hältst, ich habe es unstreitig zu arg gemacht, daher meine liebe
Schwester, werfe Dich ihr weder zu Füssen, noch um den Hals, sondern estimiere
sie und profitiere von ihr, ich will, Du sollst mir sogleich umständlich
schreiben, wenn Du sie zum erstenmal sahest, wie's dabei herging, alles, was an
ihr wissenschaftlich ist, mag vortrefflich sein, aber ihre Grundsätze, da glaube
ich, brauchen wir zwei keine andre als unsre. Lieb gut Kind, ich habe Dir da
eine rechte Seelenschererei mit meinem hitzigen guten Willen gemacht, so geht
es, wenn der Bruder ein Poet ist. Du sollst Deine Singstunde immer in Gegenwart
eines dritten oder der Tante nehmen, denn Koch ist doch etwas gemein, setze alle
Deine Arbeiten fleissig fort, und behalte mich lieb. Du kannst die de Gachet etwa
fragen, was Du wohl lesen sollest, aber schreibe mir alles, was sie zu Dir sagt
und Du zu ihr, soviel als möglich. - Adies - Adies - die grossen dummen breiten
Ausdrücke in meinem Briefe, den die de Gachet bringt, kommen mir jetzt so
komisch vor, ich glaube und schäme mich drüber, ich wollte ihr damit
schmeicheln, sehe selbst zu, wie sie Dir gefällt.
                                                                         Clemens
Adresse Jena bei Friedr. Schlegel, schreibe bald.
 
                                   An Clemens
Geliebter Clemens! Was ist doch alles widerfahren in diesen wenigen Tagen, die
Du der Bettine nennst! - Ein Südwind auf brennenden Sohlen, in einer Wirbelwolke
von Staub, wehte mir ins Gesicht. Von einem Tag zum andern hat die Welt hier in
Offenbach einen Purzelbaum geschlagen. Denn erstens las ich im grünen Zimmer auf
der Fensterbank vor dem Herzog von Aremberg über die Volksmajestät ein
französisches Aktenstück, worüber ich Unendliches hätte den Herzog zu fragen
gehabt, der schlief aber, ich wollte nur allmählich aufhören zu lesen, damit er
nicht wach werde, ich fing schon an ganz stille zu werden, ich hatte
ausprobiert, dass er fest schlief. Siehe, da kam im Sturm dahergebraust ein
Kabriolet wie ein abgeschossner Pfeil vor die Haustür, herabspringt der
Wagenlenker, ein jugendlich voller schöner Mannjüngling mit klirrenden Sporen,
zwei Reiter, die ihn begleiten, treten mit ihm ein, ich war, ich weiss nicht wie,
nicht warum, von Schrecken durchgriffen, dass ich vergass zu reden, und besann
mich nicht, die Grossmama zu rufen, die im Garten war. Der Herzog fragte, wer da
sei, ich deutete den Fremden an, er sei blind, und sagte: »C'est un jeune
cavalier, Monseigneur, avec deux messieurs.« »Au contraire c'est une femme,«
sagte der Jüngling und näherte sich. Der Herzog wusste gleich, wer sie war, denn
er ergriff ihre Hand und äusserte ein sehr warmes Interesse. Ich lief in den
Garten, die Grossmama zu holen. Die sagte gleich von Madame de Gachet einer
Prinzess aus der Vendée, und bis wir ins Haus eintraten, schwindelte ihr der Kopf
vor Begeistrung. Ich besann mich unterdessen und wollte gern unbefangner
Zuschauer sein. Hinter der Tür vor der Grossmama ihrem Schreibzimmer blieb ich
stehen, wo ich einstens schon Herder, Boonstedten, Friderike Brunn, die Krüdner
und andere närrische Erscheinungen berühmter Leute angestaunt hatte. Es war ein
Verbeugen und Neigen der beiden Frauen und ein Beteuern, und ich hätte gern
alles behalten, um Dir's zu erzählen, es war ein zu gross Geschwirr von lauten
Stimmen; ich konnte nur den Herzog verstehen, der zu ihr sagte: »Vous êtes la
plus respectable des ennemies de la France«, sie nannte die assemblée nationale,
le dépôt de la confience de tout un peuple, und redete, als ob sie die Welt
erneuere. »Le peuple n'est plus livré aux intrigues de cour ni aux incertitudes
ministerielles«, und meinte, damit sei ihr ganzes tragisches Schicksal
ausgewetzt, und dann sprachen sie über Krieg zu Wasser und zu Land, von
Vaisseaux de guerre und Kavallerie und Infanterie, und sie redete davon, als wär
sie bei allen Schlachten mitgewesen.
    Liebster Clemens, wenn Du mir freundlich bist, dann bin ich, wo nicht ruhig,
doch zufrieden. Ruhig sein heisst bei mir die Händ in den Schoss legen und sich
auf den Kindchesbrei freuen, den wir heut abend essen. Ruhig sein kann ich
nicht, ich freu mich auf alles, was grade das Ruhigsein ausschliesst, ich muss
jauchzen vor Vergnügen über ein unbestimmtes Etwas. Was mag es sein? Das macht
mich auch wieder unruhig, ich nehme drei Treppen unter die Füsse bis zum
Dachgiebel hinauf, ich guck zum Gaubloch hinaus, was doch herkommen mag, worauf
ich so sehr mich freue, und weiss doch nicht was, und ich sah doch auch gar
nichts, soweit der Blick trägt; aber nichts! - Aber meine Seele ist eine
leidenschaftliche Tänzerin, sie springt herum nach einer innern Tanzmusik, die
nur ich höre und die andern nicht. Alle schreien, ich soll ruhig werden, und Du
auch, aber vor Tanzlust hört meine Seele nicht auf Euch, und wenn der Tanz aus
wär, dann wär's aus mit mir. Und was hab ich denn von allen, die sich witzig
genug meinen, mich zu lenken und zu zügeln? Sie reden von Dingen, die meine
Seele nicht achtet, sie reden in den Wind. Das gelob ich vor Dir, dass ich nicht
mich will züglen lassen, ich will auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir,
denn am End ist's nichts anders als das Gefühl der Eigenmacht, man nennt das
eine schlechte Seite, die Eigenmacht. Es ist ja aber auch Eigenmacht, dass man
lebt! - Wir haben in dem Kloster ein Gebet gehabt, dass uns Gott hat das Leben
neu geschenkt jeden Morgen. Ich hab's nicht geachtet, jetzt mache ich eine andre
Betrachtung darüber, dass wir für unser täglich erneutes Leben dem Gott danken,
das macht uns feige, dem Leben zu entsagen! - Aber auch noch Schlimmeres
entsteht daraus, wir schliessen die Grenze des Lebens so sehr eng ab. Wir steigen
so allmählich den Berg hinab und sagen: mein Leben geht schon abwärts, wir
setzen die Nachtmütze auf, wir räumen auf und halten an eine kleinliche Ordnung,
kurz wir haben in einemfort mit der Kreide zu tun, mit der wir alle zufällige
Flecke unserer Seelenmontur zudecken, weil wir uns auf die himmlische Parade
vorbereiten. Wenn alles so ziemlich instand ist, setzen wir uns hin und seufzen
und schwitzen als noch die paar Lebenstägelchen fort, die uns der Herrgott
zugemessen hat, in lauter Angst, dass die Kreide auch hafte auf den Flecken, und
dass kein neuer Schmutz dazu komme, und da wird denn das Leben so ledern, dass man
dem Gott den ärgsten Schimpf antun würde, es als Geschenk von ihm zu achten. Es
ist aber noch mehr und ein viel grösserer Irrtum dabei. - Nämlich die närrische
Idee, dass Leben enden könne, Leben kann wohl verlassen, was nicht vermag, Leben
zu fassen, aber es kann nie enden. - Und kurz, ich finde diese Anstalten fürs
ewige Leben so, dass es Reissaus nehmen muss vor dem Tod in uns. Aber nicht wie ihr
fälschlich meint, dass der Tod über einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und
wenn er käme, wer wird denn Anstalten machen für diesen Esel, der so schlecht
das Lautenspiel versteht, dass er damit schon einer schwachen Seele den Garaus
macht! Nein! Wie ich Dir hier noch einmal sage, das Leben flieht die Wüste des
Todes, aber dem Tod eine Macht zuschreiben über das Leben, das ist Unsinn. Es
ist aber noch ebenso dumm, irgendeine Macht anzuerkennen über uns als nur das
Leben selbst, und leg Dir's zurecht wie Du willst, ich kann's nicht weiter
ausdrücken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt für Polizei der Seele
herrscht, ich folg ihr nicht, ich stürze mich als brausender Lebensstrom in die
Tiefe, wohin mich's lockt. - Ich! Ich! Ich! - Ich greife um mich mit meinen
Fluten, ich eile in stolzen Wogen durch die Triften. Ich durchziehe euch, ihr
Haiden, - dort kommen die Berge, die Welt ist rund, mir ist jedes Tal die Höhe,
die mir zu durchbrausen beliebt, denn eben weil die Welt rund ist. -
    Clemens! Ich weiss, dass Du diese Wellen des Vertrauens gerne aufnimmst, und
ich weiss, dass bei Dir gut weilen ist, drum wird der Lebensstrom auch nur ganz
langsam fliessen, solang er durch Deine Lebensgegenden zieht, aber über meine
Neigungen kannst Du nicht disponieren. Weiss ich doch nicht, was mich Dich lieben
heisst, ich gehe Dir nach, ohne zu wissen, warum, wenn's nicht der Lebensstrom
wäre, der eigenmächtig durch Deine Fluren wallet und sich wohl befindet so, ja,
es ist sein selbsterrschender Wille, der sich durch Deine Lebensgebiete drängt,
ach und er strömt so voll, so selbstgefühlig in diesem reinen edlen Bett, über
Perlen und Goldsand, und die Ufer so blütenreich gratulieren meinem stolzen
Wogengang. - Heut bin ich närrisch, Clemente! - Der Frau Gachet kann ich auch
nur im Vorüberströmen günstig sein, aber sie lieben wie Dich selber, liebes
Flussbett, was fällt Dir ein. - Der Fluss strömt nur Dir freundlich und gutwillig,
gegen andre ist er rebellisch und rauh, ich will wohl mit der Gachet umgehen und
ein bisschen an ihr nagen mit meinen Wellen, aber mich ihr hingeben, von ihr mich
leiten lassen, was fällt Dir ein? - Ich brause vor Zorn, dass einer etwas über
mich vermögen soll, was nicht ich selber bin? - Nein, Clemens! Welches
Menschenschicksal auch über mich komme, das ist mir so jetzt ganz nicht von
Gewicht, aber mich durchreissen, Ich selber zu bleiben, das sei meines Lebens
Gewinn, und sonst gar nichts will ich von allen irdischen Glücksgütern. Gute
Nacht für heute.
    Eben jetzt bekomme ich Deinen letzten Brief und bin froh, dass Du selbst
bekennst, ein wenig übereilt geschrieben zu haben. - Sie hat gar nichts mit mir
gesprochen und Deinen Brief mir sehr freundlich in die Hand gedrückt, sie sah
mich oft ganz starr an, als wolle sie mir etwas sagen, Du kannst überzeugt sein,
dass ich mich ihr nicht zu Füssen und auch nicht um den Hals werfen werde, ich
werde alles, was ich von ihrem Geist begreife und erlerne, Deinem Urteil
unterwerfen, mein Leben und mein Glaube und die Lust, zu bekennen, was ich will
und suche, sind ja Dein, und was meine Sprache nicht auszudrücken vermag, Du
musst's finden in mir, die Dir nicht fremd ist. - Unter allen frohen Stunden
bleibt die mir am lebendigsten, wo Du mich zur Lust am Leben angemahnt. Ich
begreif doppelt rasch, ich weiss, wo mir's herkommt, dass ich in den nächsten
Lebensmoment schaue als in einen reichen Schatz, der mir wie ein Demant
entgegenbljetzt und mich begierig macht auf ihn. Der ungehemmte Lebensatem, von
dem das volle Herz getragen wird.
    Vernähme der Mensch besser, was ihm die Sterne zuwinken, so würde er sich im
Flug entfalten, und könnt ich's besser sagen, so sähest Du deutlich und klar,
der Sinn kann sich nicht ändern, er dient Dir so willig, um treu bleiben zu
dürfen, so kann er keinem andern sich zuwenden wollen, um's besser zu haben.
    Adieu, lieber Clemens, Du bist mir den Abschiedskuss noch schuldig.
                                                                   Deine Bettine
Wo bleibt denn nun jetzt die Walpurgis und die schönen Lieder der Liebe? - Nicht
wahr, jetzt bist Du nicht mehr eifersüchtig auf den Bettelmann!
                                 Liebe Bettine!
Ich danke von ganzer Seele für den beruhigenden Klang Deines Briefes, in dem
sich Selbstgefühl und Liebe so schön durchdringen. Ich weiss nun mehr über die de
Gachet, Du kannst mit ihr sein und kannst sie auch vermeiden, wenn sie Dir nicht
zusagt, denn ein Herz, was so herrlich grünt und blüht wie Deines, bedarf keiner
Seele als nur der Liebe; die hast Du von mir. Bleibe über alles Zufällige
erhaben, folge Deinem inneren Ruf, er ist zu stark in Dir, wer wollte Dich ihm
entziehen? - Es wäre Frevel, es zu wollen, da wir alle noch nicht da sind, wo
wir mit uns selbst rechten können, ob wir irgend etwas wollen sollen oder nicht,
so würde der rein als Natur hervortretende Instinkt ja nur in sich selbst
erkranken, sollte er bezwungen werden durch Reflexion, und sein Genie, die
Rettungskraft aus dem Irrtum heraus, wär ihm dadurch gebrochen.
    Dass die Welt den grossen Kreislauf macht durch Irrtum und leidenschaftliche
Verkehrteit, hat Dir selbst ja bei Deinem ersten Blick in die Welt
eingeleuchtet, dass sie aber zu ihrer Ursprünglichkeit zurückkehren solle in
vollem Bewusstsein und mit aller Gewalt, die dieses Bewusstsein gibt, das soll in
jedem einzelnen wahr werden, oder er wär dieser Welt verloren. Und ausser ihr
sein wollen ist Vernichtung. Nein! Jede individuelle Kraft kann nur durch und in
der Allgemeinheit Wurzel fassen, kann nur in ihr sich selbst verstehen lernen;
und kann nur an ihr sich erproben. Drum ist die Geschichte der Dinge das wahre
Element der Geister, und darum hat diese de Gachet eine elektrische Wirkung auf
die Menschen, weil ihre Eigentümlichkeit sogleich an der Geschichte sich
entzündet und drin aufleuchtet, ja wenn der Mensch erst da steht (das heisst oben
ansteht), dann ist sein Leben ein fortwährendes Weltwirken. Alle kühnen Taten
grosser Menschen sind ein unwillkürliches, aber ganz naturgemässes Mitwirken der
Gesamteit, oder der Geschichte der Dinge, deren Erzeugnis ja auch der Geist
ist; und Mirabeau würde nicht so Schlag auf Schlag getan haben mit jedem Worte,
wäre seine Eigentümlichkeit nicht fortwährend elektrisch eben von dieser
Geschichte seiner Zeit entzündet worden. Man beurteilt zwar oft die Menschen
nach einem sittlichen Wert oder Unwert, dieser ist aber im allgemeinen
Weltgeschick nicht mehr zu rechnen.
    Wer wird dem Mirabeau seine moralische Vergehen anrechnen? - Sie sind
geschleuderte Blitze seiner Sinne und seines Geistes, je nachdem sie in
fortwährender elektrischer Reibung mit der Geschichte der Dinge sich entladen.
Die Revolution hat unendliche derartige Charaktere hervorgebracht, sie haben
alle geleuchtet, sind scheinbar wieder verschwunden, ob sie noch wirken? - Dass
sie noch wirken, das weisst Du wohl am besten, da Du oft Deine höchste
Begeisterung für sie ausgesprochen hast und hierdurch die erste und tiefste
Grundlage Deines Begriffes in Dir geworden ist. Ganze Generationen sind
vorübergegangen, wo gar kein Weltbegriff in den Nationen hervorgetreten war, und
das ganze Menschengeschlecht im Willen und im Geist am Boden verkeimte, darum
war aber auch keine Geschichte, erst indem sie sich zum wirklichen Leben
entzündete, regte sich diese Saat selbstwirkender Eigentümlichkeiten; und diese
Gachet - was auch von der Philisterzunft ihr Nachteiliges möchte nachgesagt
werden, war doch von ihrem Zeitalter tief bewegt; sie zählte mit, sie hatte ein
Geschick, und dies webte sie kühn und lebenskräftig in die grausamen
überwältigenden Weltgeschicke mit ein. - So manches Wagnis führte sie oft nur
aus um eines einzigen armen Bauern willen, dem sie nachts vielleicht ein Brot
brachte in seinen Versteck, oder dessen Kinder und Weib sie nährte, während der
Mann nicht für sie sorgen konnte. Autentische Papiere, meinem Freund Ritter von
ihr mitgeteilt, legen es dar. In einer wilden, nicht geheuren Zeit - was wir
unendlich menschliches Elend nennen würden, das wurde dort nicht geachtet, nicht
empfunden, es war angemessnes Tagwerk, diesem Elend der Lebensbedürfnisse zu
steuern; - waren sie in etwas befriedigt, so sprühte auch gleich wieder jener
elektrische Funke, der die Weltgeschicke durch grosse Charaktere herausbildet und
aufbaut, oder sie reinigt oder erzeugt. - Wem hat diese Frau gedient in jedem
Bauern, dem sie Hilfe leistete? - Einem vertriebenen König, sie konnte das nicht
anders wollen, obschon auch ihr die Not und die Berechtigung und die Würde der
Nation heilig waren. Und nachdem nun dies schauerhafte Gewitter, was den ganzen
Erdenhimmel entzündete, wo kein Blitz aus den Wolken fuhr, der nicht traf,
allmählich ausgerollt und sich entladen hat, - da sind alle die Ihren vom Blitz
getroffen, sie bleibt allein stehen und ergreift die Wissenschaft zu ihrem
Freundesstab und sucht die edelsten Geister auf in Deutschland, weil ihr der
Vaterlandsboden durch unendlich schwere Jammerszenen unerträglich und auch
verpönt ist. Dies alles ist schön und edel, und es ist beglückend, mit solchen
Menschen sich berühren dürfen! Das musste ich Dir sagen, auf Deine Verteidigung
Deiner Lebenseigenmacht; sie sei Dir ganz individuell, unverletzt, so kann sie
doch nur als gesamtmitwirkend Dir selber wieder zugute kommen. Das ganze Du der
Menschheit muss ein Ich werden, grosse Menschen denken und fühlen nicht anders.
Und so sollst Du auch sein mit ihr, die ein Du für Dich ist, in der schönen und
edlen Seite aber dein eignes Ich sein muss. Es wird Dir vielleicht seltsam
deuchten, als ob ich Dich von der einen Seite warne, auf der andern aber sie Dir
im verklärten Lichte zeige, und so ist es auch. Ich will nämlich nicht, dass Dein
eigner Charakter, der so fest und so entschieden sich schon ausspricht, sich
allenfalls einem andern, der so mächtig einzuwirken vermag, sich unterwerfe, ich
will aber auch nicht, dass den Handlungen, die nur der wirklich grosse Mensch
begehen kann, ein schlechtes Urteil gesprochen werde. Was ich Dir übrigens über
die de Gachet hier schrieb, ist teilweise aus dem Brief meines Freundes Ritter
an mich, dieser grosse Mensch, der in seinem innern Wissen und Wirken die Zeiten
überragt, hat eigentlich hierin den Begriff von sich selber niedergelegt. Ihn
musst Du auch noch kennen lernen, es kann sich Dir nichts Schöneres entüllen von
Menschensinn als dies kindliche, bis ins Antike hinaufragende Gemüt.
    Wenn ich von der gewohnten Weise, mich mit Dir zu verständigen, hier
abgewichen bin, so ist's, weil ich die reine Menschlichkeit in Ritters Begriff
in keine andre Sprache übertragen konnte. Ich möchte Dir alles zuwenden, was
mich je gerührt und bewegt hat. Lerne, wenn Du auch nur dabei begreifst, wie man
Dich nicht lehren sollte. Dein Bestreben sei, Dich so mit Deiner Vorzüglichkeit
zu durchdringen, dass kein Mensch merke, wo Du es bist. Antworte mir und bleibe
bei dem, was Deine Seele nähren kann. Ich werde Dir bald allerlei Bücher
schicken. Vor allem bewaffne Dich gegen jeden Missbrauch, den man von Deiner
Zukunft machen könnte, gebe niemand auch nur das geringste davon in die Hände.
Lasse nur Dir selber die Herrschaft in Deinem Gemüt, und lasse mich einen
geringen Anteil dran haben, wir sind ja keine zwei! -
    Adieu, Du edles geliebtes Kind.
                                                                    Dein Clemens
                                Lieber Clemens!
Jetzt schreib ich gleich weiter von allem, was ich über Deine Warnungssorgen
vergessen hatte. Diese Frau hat mich in einem fortwährenden Schauerriesel
erhalten, und denke Dir, während ich in die Türe gelehnt sie ansah, verstummte
sie oft mitten in ihrer Rede und sah sich nach mir um, keine Goldfrucht winkt
lockender aus dem dunklen Grün als ihr lächelnder Blick nach mir, ich fühlte
mich beschämt. Bei der Heimfahrt nahm der eine ihrer Begleiter den Platz im
Whiski ein, sie schwang sich mit selbstgefälliger Anmut aufs Pferd, sie grüsste
mich, als wolle sie mir sagen: schwing dich auch aufs Ross, aus allem heraus, was
dich beengt, komm, vertrau mir, ich will dir die Hand reichen. - Und fort war
sie; und ich lief in den Garten und stieg auf die Pappel, wo hätt ich
hingesollt, so sehnsüchtig in die Weite? - Auf dem Gaul die Abendlüfte
durchsausen im Galopp! - Und hätt ich das gekonnt, mein ganz Glück würd ich
darin finden und muss Dir alles sagen, was ich hierbei denke.
    Man muss doch wohl wissen, was das Gegenteil ist von aller Verkehrteit, denn
nur in dieses hinüber kann man sich vor ihr flüchten, und doch wenn sie mich wie
Lüge und Gespensterwesen anschauderte und ich glaubte ihr Gegenteil, die
Wahrheit, zu empfinden, so war keine Gewalt in mir dazu. Die erste Melancholie,
die erste Träne, die wie eine Frage mir ins Gewissen fiel, war der Art. Ich ging
einmal in so unklarer Stimmung über den Hühnermarkt in Frankfurt, auf einmal
befand ich mich wie im Traum, aus einem Weltenraum in den andern hineingerissen,
aus der kalten mit spazierengehenden Philistern besetzten Strasse unter die
befiederten, also zur Freiheit geschaffnen Tiere. Die Tauben, die man im
Abendschein in Herden die sonnevergoldeten Wetterfahnen der Kirchtürme
umschwingen sieht, waren hier in schmutzige Körbe eingesperrt, wo sie ihr reines
Gefieder besudelten bei kargem Futter. Und morgen sollten sie von der Hand und
für den Magen eben dieser Philister geschlachtet werden, in denen nie ein
Naturgefühl den Lebensreiz erhöht hatte. - Es machte mich traurig, ich fühlte
mich hier besser und weniger beschämt als unter den Menschen. Diese Tiere sind
ein Liebreiz der Natur, sie haben Mut, sie schwingen den wolkenbringenden Winden
sich nach in die Lüfte, und alle Lebensgeister in ihnen sind angefacht. So wie
ich mich sehnte damals, mit den Tauben unter Gewittern die Türme zu umkreisen,
so hätte ich gestern auf dem Gaul im Galopp dem gewohnten Schlendrian mich
entreissen mögen. Ich hab es sehr deutlich gefühlt, was diese Frau voraus hat,
dadurch dass sie so einem Reiz kann genügen. Freiheit fühlt sie in allen Gliedern
auf dem Pferd, das sie zu lenken versteht, und wenn es sich bäumt und steigt und
sie lässt so ruhig es gewähren, denn sie weiss, es wird sich gleich fügen, und
jetzt ist sie aufgeregt durch einen Gedanken, so setzt sie dem Gaul die Sporen
in die Seite, und er fliegt wie ihr Geist mit ihr zugleich dem entgegen, was sie
erringen möchte. Ach, wie muss das die Kraft fördern Leibes und der Seele, wie
muss das den Gedanken treiben, dass er gepanzert hervorspringt gleich und drein
schlägt in den Begriff, und wie muss es das Herz heben, das Reiten? - Nur edlen
Naturen gehört das Pferd, kein Vorsatz konnte mich bewegen, auch keine
Vorstellung, keine Belehrung, keine christliche Moral irgend mich selber im Zaum
zu halten, das Gute zu tun, das Böse zu lassen. Aber auf einem Pferd, da würde
ich zu jeder kühnen Tat, auch noch im letzten Augenblick herangesprengt kommen,
denn das würde genievolle Begeisterung in mir anregen. Was ist der Unterschied
zwischen Gott und Menschen? - Dass in ihm alle Lebensreize wach sind, und aber im
Menschen schlafen sie. - Er hebt das Haupt, der Mensch, weil ihm irgend etwas
deucht, - er sucht seine Meinung, er glaubt sie gefunden zu haben; er passt sie
den unbegriffnen Dingen an, die müssen sich danach zurechtsetzen lassen, und den
nennt man einen Weisen, der das Ursprüngliche so lange verkehrt und das
Göttliche durch Schein und Trug ersetzt, damit er sagen könne, von mir geht der
Begriff aus. Und seinen verrückten Plänen fügt man sich denn, er sitzt tief im
Philisterstuhl, aber von dem Feuer eines kühnen Pferdes träumt ihm nichts.
Ebensowenig von der Wahrheit, die ein so lustiger und rascher Gaul ist, der über
Stock und Stein hinaussetzt und ums Ziel siegend herum sich tummelt. Und da
schreien die Leute über den Tollkühnen, der wie wahnsinnig über die Barriere
sprengt, verbotne Wege reitet durch die gefahrvollen brausenden Wellen hinauf
zum steilsten Ufer, gleich wird er verunglücken! Die Feigen wissen nicht, dass
diese tollkühnen Sätze abgemessen sind nach ewigen Gesetzen der Begeisterung,
sie sind gewagt, aber in ihrem Wagen liegt ihr Gelingen. Wär ich König, ich
würde die Welt untertauchen und sie gereinigt aus den Zeitenwogen hervorgehen
lassen. - Was ich sage, sei es Frevel, o so ist mir dieser Frevel lieb. Wo war
je ein Gebet stolz genug, dass ich gern es nachgesprochen hätte? -
                Hier liegen wir im Staube vor dir, Gott Zebaot.
So mussten wir im Kloster singen und nachdem ich's jedesmal mitgesungen hatte,
besann ich mich eines Tags, was es denn wohl heissen möge, es schwante mir, als
ob dem Gott der Menschheit ein Götze gegenüber stehe, der Zebaot heisse, denn
Gott und Mensch konnte ich nicht trennen und kann es noch nicht, und Staub
lecken vor dem Zebaot, das heisst mich eine innere Stimme bleiben lassen, wenn
ich Frieden haben wolle mit dem rechten Gott, der in den mondverklärten Wolken
abends sich ins Gespräch mit mir einliess über allerlei und mir recht gab, wo
aberwitzige Menschen es besser wissen wollten. Und wie wunderliche Reden führte
mit mir oft dies oder jenes auch in der Natur.
    Was hab ich alles erfahren in jenen Kinderjahren; - Wurzeln und Kräuter,
eine Blumendolde, aus der bei leisem Druck der Same aufsprang - die waren mir
Unterpfand und Beteurung vom Gegenteil alles Aberglaubens, sie sagen mir immer
dasselbe: Frei sein, und jeder Glaubensbefehl leugnet mir das, und endlich, da
die Überschwemmung der ganzen Erdenkultur auf mich losgeschwemmt kommt, da
strecke ich die Hand allem Unschuldigen entgegen, um es zu retten in meinen
Busen. Und jeder Begriff des Grossen, Kühnen, der Lüge zum Trotz Reinen, - das
ist mir ein Lebendiges, das mich anwirbt mit schmeichelnder Verheissung. Und was
war dagegen, was man mich lehrte? - Ach so unfasslich, dass man eine Maschine sein
musste, um es nachzusprechen.
    Du hast mir oft gesagt, ich solle meine Erinnerungen aufschreiben aus der
Klosterzeit, über die ich nun schon mehr als drei Jahre hinaus bin. Es ist alles
noch lebendig in mir, ich kann aber nicht die Blütenäste vom Baum abbrechen, der
ich selbst bin. Dies Klosterleben hat Knospen in mir angesetzt, Ahnungen, die
zur Wahrheit müssen reifen. Denn der Baum kann nicht selber sich berauben seiner
Düfte, die noch verschlossen sind. - Denn alles ist mir ja nicht ein Gegenstand,
ich bin es selber. Weil es aber heute in so nächtlicher Zeit ganz toll in mir
hergeht, dass ich nicht schlafen kann vor dem Gaul, der Schimmel, der mir im Kopf
herumtrabt, - so weckt er mir ja ganz leidige Erinnerungen, über die ich gleich
damals als junges Kind schon den Bann ausgesprochen habe. Ach ich bin doppelt
froh des Lichtes, das ich in Dir sehe, denn alles, was ich Dir schreibe und
sage, kommt mir vor, als gehe es von Dir aus, und ich bin so stolz in Dir, weil
Du oft mich anredest, als ob es die Stimme der Weisheit sei, auf die ich lange
gehorcht habe in die Ferne, und jetzt ist sie mir so nah in Dir, dass ich sie von
mir selber nicht unterscheide. Aber ach! hege keine zu grossen Erwartungen von
mir, bedenk, dass ja Deine Liebe mir keinen Wert mehr lässt, ich hab ihn alle für
sie hingegeben. Und heut schreib ich nun nichts mehr, aber morgen.
    Nun ist's Morgen, Clemente, aber welch ein Morgen? - Die Gachet hat sich
ansagen lassen mit noch merkwürdigen Begleitern, ein Chemiker Buch, ein
Gottesgelahrter Maijer, ein Pferdemaler Dalton. Dies Pferdegenie soll sehr
interessant sein, der blinde Dux wird auch da sein. Ich freu mich schon auf
alles, und mir klopft das Herz, aber ich werde mich doch auch selbst fühlen
gegenüber der Frau, die ein Pferd regiert wie ein Mann! - Denn kann ich nicht
vielleicht auch etwas regieren, was dem Gaul gleich ist, oder mehr noch? -
    Eben ruft die Grossmama, wir sollen ihr Blumen holen im Garten und die Urnen
frisch mit Sträussen versehen. Ich werde alle Blumenbeete rasieren, ich muss fort.
    Clemente, sie ist da gewesen, wie ist doch alles durcheinandergegangen. -
Nach dem ganzen Abenteuer haben die Franzosen im Garten einen fürchterlichen
Äpfelkrieg geführt, ich kann Dir's heute nicht mehr schreiben, ich muss erst noch
eine Nacht drauf schlafen. Aber morgen kommt sie wieder, sie hat mir's im
Vorübergehen ins Ohr geflüstert, sie ist des Teufels, aber ich bin auch des
Teufels, ich will keine Freundschaft mit ihr, ich bin zu jung. Wär ich schon so,
wie es in mir werden will, dann ritt ich stehend auf zwei Gäulen und spränge
dazu durch den Reif. Mit Kunststreichen und Übermut wollt ich ihren kühnen Ritt
ausparieren.
    Lieber Clemens, heut am Montag erzähl ich fort vom Samstag und Sonntag,
diesmal gingen hexenmässige, die Grossmama in höchster Spannung haltende Dinge
vor, eine galvanische Batterie! - Der kleine rotwangige Apoteker Buch trug
Blumenkörbe und Urnen hinaus auf den Hausflur.
    Mit Salzwasser in einer grossen erdnen Schüssel wurde ein gross Geplätscher
gemacht, runde Filzlappen und Taler und Kupferplatten aufeinander gelegt, viele
Stimmen und Hände gingen durcheinander bei dem Aufbau der Säule. Der Herzog im
Hintergrund hielt mich bei der Hand, ich musste ihm erzählen, was vorgehe.
Nachdem die Säule unter den Händen der Gelehrten mehr wie einmal umgestürzt war,
baute die Vendéerin sie selbst auf, und sie blieb stehen; es wurden negative und
positive Versuche gemacht, davon kann ich nichts sagen, als dass es nicht ganz so
ausfiel, wie man wollte. Die de Gachet verlangte feingesponnene Glasfäden, die
Frau Wrede uns gegenüber hat eine Sultansfeder von gesponnen Glas, sie sagte
mir, dass sie der Sultan dem Magnetiseur geschenkt habe, der ihn auch zu seinen
Versuchen braucht, ich klingelte an seiner Haustür, wie ich den Schall der
Glocke hörte, musste ich mich fürchten, aber ich war schon im Haus die Treppe
hinauf und stand schon vor ihm und wusste nicht, wie ich's ihm sagen solle, er
kam mir aber zuvor, wie ich von gesponnen Glas anfing und gab mir den Sultan in
die Hand, da sah er an meinem Finger den Ring aus dem ledernen Schuh, den Stein
nach inwendig mit roter Seide umwickelt und mit Harz verklebt, ich schämte mich,
ich wickelte den Faden los und reichte ihm den Ring, er besah ihn und sagte: Ein
Talisman! - und steckt ihn mir wieder an den Finger. Das war alles, was er mit
mir sprach, mit dem ich doch manches schon gesprochen hatte über die Gartenwand;
ich nahm mir auch vor, gleich den Abend noch auf die Gartenbank zu steigen und
mit ihm zu sprechen, ich werde Dir gleich erzählen, wie das aber nicht gegangen
ist. Erst wurden mit den Glasfäden Schmelzversuche gemacht, die nicht gelungen
sind, drum sollte die Säule ein paar Tage unberührt stehen und sich verstärken,
die Grossmama war in grosser Angst, es könne daran gestossen werden, und liess,
nachdem die de Gachet fort war, niemand ins Zimmer, die französischen Herren
hatten sich im Garten versammelt, es war schon dämmerig, ich kam dazu, sie
sprangen wie toll herum, machten grosse Sätze über die Blumenbeete, rissen die
Stäbe von den Pflanzen los und schlugen aufeinander und rissen vom Spalier die
gezählten noch unreifen Äpfel zum Bombardieren. - Ich war ja wie versteinert.
Denk, sie hatten ihre Röcke ausgezogen und auf die Sträucher gehängt, die waren
krumm gebogen von der Last, der ganze Garten war verwandelt, ich konnte keinen
erwischen, so war er gleich hinter einem andern drein, und wollt ich den wieder
um Gotteswillen bitten, so hatte er eins zwei drei Äpfel abgerissen und setzte
über die Rabatten hinaus, um einen zu treffen, sie waren wie toll gewordne
Geister, sie flüsterten und kicherten und gaben keinen Laut von sich, in der
Verzweiflung rief ich: »Grand-Mama vient!« da warfen sie ihre Munition auf gut
Glück dem nächsten an den Kopf, und mit ihren Röcken wie der Wind zur Gartentür
hinaus. Verwundert, dass diese alten Herren mit ihrem Podagra und Astma so
ungeheure Bocksprünge machen konnten, nahm ich den Rechen und harkte die Wege,
ich steckte die weggeworfenen Blumenstäbe wieder in die Sträucher, es war schon
dunkel, da suchte ich noch die abgerissenen Äpfel zusammen und legte sie an die
Erde, als wären sie von selbst abgefallen, vielleicht vom Wind. Im Hof des
Magnetiseurs sah ich die Leute bei einem Packwagen beschäftigt, und denk Dir, er
ist fort, heute morgen, noch ehe die Sonne aufging. Das ganze Haus öde! - Es
sieht so traurig aus, der Wind spielt mit den Dachluken. - Ich hab ihn also zum
letztenmal gesehen, wie er mir die Glasfäden gab. - Wie leid tut mir das! -
    Die de Gachet war auch noch am Sonntag nachmittag hier, kein Mensch hatte
sie erwartet und ich auch nicht, obschon sie mir es zugeflüstert hatte, so war
ich ein Weilchen allein mit ihr. Wie ängstlich war mir das! - Ach Clemens, lass
uns lieber allein alles vertrauen, alles miteinander erleben und nicht mit
andern. Dieser grosse Planet, die Gachet, erschüttert mich zu sehr, wenn er mir
so nah rückt. - Sie redete von den Himmelskörpern, ihrem subtilen Ausströmen und
von wechselseitiger Anziehung der Planeten in ihre Kreise, und vom innerlichen
Sinn im Ozean der Gefühle, und ich war ganz betäubt. Wie komme ich ihr vor, dass
sie mir so was sagt! - Sie hielt mich fest in ihren Armen, ich hätte des Teufels
werden mögen; ich schämte mich, dass ich ihr zuhören musste, gefangen in ihren
Armen, und nichts verstand; sie liess mich los, wie die Grossmama hereinkam; ich
wie ein entwischter Vogel sprang in den Garten auf die Bank und sah recht
sehnsüchtig in den verlassenen Garten vom Magnetiseur. Da war er aber doch nicht
fort, er wandelte noch ganz allein und kam gleich an die Gartenwand; er sagte
mir, seine Leute seien schon seit gestern fort, er reise in der Nacht ihnen
nach. Ich habe ihm rechte Vorwürfe gemacht, dass er so fortgehe, ohne mir davon
zu sagen, da fing er an zu lachen und sagte, ich hätte ihm ja Reisegeld
geschickt, ich lachte auch, weil ich mich schämte zu weinen. Ach, dieser Mann
war mein bester Freund. Er hat mir nie gute Lehren gegeben, aber er hat mich
belehrt. Ach Clemens, leb wohl, jetzt ist's aus mit der Gachet, denn sie sagte
der Grossmama, dass sie an den Rhein wieder geht.
                                                                         Bettine
 
                                   An Clemens
Es ist aus mit den Blumen, die letzten Asternsträusse waren die, womit wir in
voriger Woche die Blumenurnen schmückten, und die wegen der Batterie vor die Tür
gesetzt wurden. Gestern haben wir den letzten Herbst gemacht, nur noch die
Winterbirnen hängen, von denen meint die Grossmama, wir wollten sie hängen
lassen, bis erst Reif kommt, der war heut nacht, und nun frag ich: »Wollen wir
heut die Birnen abmachen, es war heut nacht Reif.« Grosser Schrecken der
Grossmama, sie hatte so in den Tag hineingelebt und gemeint, es sei noch lang
nicht Winter. Und wie sehen die Blumen aus? Wir müssen heute noch Kränze haben,
es ist eine Hochzeit hier im Haus, um drei Uhr wird der Pfarrer hier sein und
ein edles Paar zusammengeben.
    Lieber Clemente, was doch alles hier im närrischen einsamen Haus passiert!
Aber wir drei Geschwister ahneten gleich die Geschichte, ich sprang mit Flügeln
die Treppe hinauf, wir kriegten uns alle drei um den Hals und tanzten eine
Ronde, dass die Wände zitterten. Auf einmal erscheint die Tante im Negligé, halb
frisiert, was das für ein unanständiger Spektakel sei? - Und was die Hofdame
denken solle, die seit acht Tagen im Saal unter uns wohnt, dass wir so ihr auf
dem Kopf herumtanzen. Und der Tanzmeister wartet schon eine Viertelstunde. Wir
lernen nämlich schon seit vierzehn Tagen bei einem französischen Ballettmeister
einen figurierten Tanz, an dem sollen wir fortexerzieren bis zum Neujahrstag, da
sollen alle Nationen kommen, dem Fürst Ysenburg gratulieren, die Franzosen haben
dazu Madrigale gemacht avec la pointe cachée, sagt Chateaubour, der
Hauptdichter. Ich stelle eine Spanierin vor, blau und silbern, und ebenso mein
Tänzer, der Prinz Neunzehner, der gar nicht vom Platz zu bringen ist, allemal
rechts umdreht, es sei links oder rechts; so hat der Tanzmeister deswegen die
Figur umgeändert, damit er nun rechts auch auf den rechten Platz komme, und nun
läuft er wieder allemal links, wir lachten so toll in der Probe, wir waren so
ausgelassen, wir wussten, dass die Tante nicht kommen konnte, weil sie Toilette
machte, wir sprangen auf Tisch und Stühle, Herr Baleri mit seiner Pochette in
einer Staubwolke, die alte Cousine, die hereinkam mit einem Befehl der
Grossmutter, setzten wir auf ihren ledernen Sessel und trugen sie auf den Köpfen,
sie schrie, die andern sangen, und Baleri spielte einen Marsch. - Die Grossmama
liess uns in den Garten beordern. Alle Blumen vom Reif verdorben! - Wir mussten
uns an die Hambutten und die herbstlich rote Jungfrauenrebe halten, dazu Tannen
und Efeu. Wir waren sehr lustig bei diesem Dekorationsfest, wir machten's wie
die Braut und gaben den halb verblühten Astern mit farbigem Papier ein Ansehen.
Diese Heirat ist ein Werk der Grossmama, vor kurzer Zeit lernte diese Hofdame von
Meiningen bei ihr den Herrn von Drais kennen, wie er gerade vor unserm Hause
eine Draisine probierte, eine Bank mit Rädern, die Herr von Drais drauf sitzend
mit Händen und Füssen fortbewegt. Die Hofdame sah ihn dahergerollt kommen, hinter
ihm drein alles, was Beine hatte. - Nachdem sie getraut waren, hielt die
Grossmama eine bewegliche Rede. Wir spielten abends ein Sprichwort, worin die
Draisine eine Hauptrolle hatte. - Heute werden nun die Birnen abgemacht. Da freu
ich mich drauf. Das Hochzeitpaar ist nämlich gestern spät noch fortgereist und
alles wieder im stillen Geleise. Morgen wird Kartoffelernte gehalten von einem
kleinen Feld, worauf die Grossmama Musterkartoffeln ziehen lässt, die ihr von
allen Enden der Welt, ich glaub sogar von Amerika her, geschickt werden. Da
müssen wir ein Register machen, wieviel jede Staude getragen hat, der Grossmama
ihre höchste Wonne, diese Register zu vergleichen. Nun weiss ich nichts mehr, als
dass Du meinen letzten Brief nicht beantwortet hast. Buch sagte der Grossmama, Du
seist nicht in Marburg und würdest erst am 19. wieder da sein. Das ist mein
Namenstag, der nie mit andern Blumen kann gefeiert werden, als die im
Eiskristall am Fenster anschiessen. Heut ist der 4. Also 14 Tage soll ich nicht
wissen, wo Du bist, da kann der Brief ein Weilchen frieren in Deinem unbewohnten
Zimmer.
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Deine Briefe erquicken meine Seele und nähren sie, der Winter ist hier so
traurig, und Savigny tief in den Studien, überwintert die Saat seiner grossen
Zukunft unter einer Schneedecke von Verschlossenheit, die mich verzweiflen
macht. Was ich mir auch die liebende Mühe gebe ihm mitzuteilen, er ist stumm
dazu, oft denk ich mit Behutsamkeit etwas aus ihm herauszulocken, allein die
Erfahrung ist nun in sich vollendet, dass ich nie den geringsten Beweis von ihm
erhalten werde, dass, was ich ihm sage, ihn interessiert. Oft in meiner kalten
Stube (was mir nun auch noch den Winter unerträglich macht, dass der Ofen nicht
heizt, sondern raucht) komme ich darüber in Schweiss, ins klare zu kommen über
seine Klarheit, mit der bald die Tonie, bald die Gundel oder Du mich plagen. Bin
ich denn ganz auf den Kopf gefallen, dass mir diese gepriesne Klarheit und Ruhe
den peinlichsten Eindruck macht? - Also quäl Du mich nicht mit Deinen erhabenen
Ansichten, da ich ihn in der Nähe habe und er vielleicht besonders gut fernt.
    Ich hab dem Buchhändler Guilhomman den Auftrag gegeben, Dir den Homer zu
schicken. Hast Du ihn bekommen? Weiter sollst Du nächstens die Reise des jungen
Anarchasis lesen und recht aufmerksam, das wird Dich unterrichten und ergötzen.
Doch musst Du Dir keinen Zwang bei solcher Lektüre antun, Du musst sie würdigen,
indem Du sie liebst. - Die ästetischen Briefe von Schiller - hast Du sie
gelesen? -, so bedaure ich Dich für die Pein; sie sind für eine kindliche Seele
etwas hölzern. Hiervon schweige gegen die Grossmutter, sie tut Wunder der Güte in
ihrer Art - und Du sollst sie ehren. Schreibe, wenn es möglich ist, Deine
Empfindungen während oder nach der Lektüre nieder und schicke mir so etwas,
überhaupt sprich in Deinen Briefen oft mehr über den ganzen Kreis Deiner
Empfindungen, wie sie nämlich in die Welt hinausstrahlen, als über ihre
Konzentration.
    Was Du tust, erhalte Deine Seele in reiner jugendlicher Liebe zum Grossen und
Schönen. Auch die Sinne wollen die Befriedigung in der Schönheit, sie suchen es
in sich und in dem, was Einfluss auf sie übt. Du fühlst Dein Ohr beleidigt durch
eine klanglose rauhe Stimme, die keinen Geist widerhallt, so Dein Auge lenkt ab
von dem, was seinem Schönheitsreiz widerspricht. Oder es forscht nach der
tieferen Schönheit des Geistesadels und der Güte, wenn es mit hässlichen Zügen
sich bekannt macht. So ist das unschuldige Auge der strengste, aber auch der
edelste Richter, ja der König unter den Sinnen, denn es begnadigt den, der
unverschuldet gegen die Schönheit sündigt, es erhebt und rächt ihn an den
stumpfen Sinnen, die das Tiefe nicht von der Oberfläche unterscheiden.
Seelenreinheit im Verkehr mit andern, ohne Vorbedacht, ohne Berechnung, die
allein ist der helle Kristall, durch den das Leben in seiner Ursprünglichkeit
begriffen wird, und die aus sich selbst die ewigen Motive immer wieder erzeugt,
welche eine verwirrte Welt umwälzen und ihre primitive Kraft ihr wieder
verleihen. Verstehst Du mich? - Nur solchen Naturen schliessen sich alle
Lebenstiefen auf, nur sie werden gesund zwischen Lastern, ansteckenden
Krankheiten der verwirrten Zeit hindurchgehen, nur sie werden Heilung
ausströmen, nur sie werden taube Ohren hörend und blinde Augen sehend machen.
Sei unbekümmert um die Zukunft, es gibt keine; wenn Du in jeder Minute rein und
voll und ohne Langeweile lebst, so gibt es nur eine gegenwärtige Ewigkeit.
    Es würde mich freuen, wenn Du wolltest Dich mit dem Englischen beschäftigen.
Sprachen sind ein grosser Gewinn, sie entalten ausser der Verschiedenheit des
Ausdrucks auch noch ein melodisches Genie, und dies erzeugt wieder auch ein
tanzendes Genie im Geist. Und willst Du hinter alle Geheimnisse des Geistes
kommen, so nehme nur Rücksicht auf das Leben, was die Sinne führen, es spricht
Dir Befähigung und Kraft und Neigung aus. In unserer äussern Welt konstruieren
sie eine erhabne Geisteswelt, die reifen muss in ihr und endlich sich selbständig
zur Welt gebären muss. Das ist unsre Erlösung aus dem Irdischen ins Himmlische. -
So wie der Tanz Dich lebendiger und rascher macht. - Als ob von frischem
Frühlingswind angehaucht die Lebensglut aufflackert und spielend ihre Flamme
hier- und dortin wirft; so ist's mit dem Geist. Sprachen lernen, ist mit dem
Geist der aufregendsten Tanzmusik folgend, sich behagen in harmonischen
Beugungen und zierlichen kecken labyrintischen Tänzen, und dies elektrisiert
den Geist, wie die Tanzmusik Deine Sinne elektrisiert. In der Sprache aber
vermählen sich die Sinne wirklich mit dem Geist, und aus dieser Verbindung
erzeugt sich denn, was die Völker mit Erstaunen als ihr höchstes Kleinod lieben
und erheben, und wodurch sie sich erhaben fühlen über andre Völker, was den
Charakter ausspricht ihrer Nationalität, nämlich der Dichter. Drum, liebes Kind,
ist's nicht so gemeint, wie die andern es meinen, wenn sie Dich zum Fleiss
anmahnen, - wenn ich Dich drum bitte; es ist wahrhaftig aus einem tieferen
Grund; aus dem heiligen Grund der Vernunft. Diese Vernunft, die immer über uns
schwebt, selten den Fuss auf die Erde setzt, nach der schaue ich beständig und
flehe sie an, dass sie Deine Muse soll sein. Dir kömmt vielleicht das trocken
vor. Ich hab schon oft Dich zürnen hören über Vernunft und vernünftig, Du hast
dies Wort bei mir verklagt, dass es so wenig Klang als innerlichen Nachklang
habe, und wenn ich Dir auch nachgebe, dass der Klang dieses Wortes nichts
Anziehendes habe, was daher rühren mag, weil die Vernunftphilister es in
falschem Gold nachmachen, so erinnere Dich nur, was Du mir noch vor einem halben
Jahr geschrieben, die Pockengruben, die Lavater dem Mirabeau so bös auslegt,
können Dich nicht hindern, in die Gruben seines Geistes und Herzens Dich
einzubetten? - Nun so glaube mir, dass, wer im Begriff der Vernunft, ein edles
Lager findet, das mit Rosen und Lorbeern und auch mit Myrten Dir bestreut ist.
    Das Missverständnis der Welt ist der wahre Verleumder, sein Lügennetz
verwickelt alle Hin- und Widerreden, alle sich aus gegenseitiger Opposition
bildenden Meinungen, und wer sich oder seinen Grundsätzen unrecht getan fühlt,
tut wieder dem unrecht, den er selbst durch Irritation so weit gebracht hat, dass
ihm die Ahnung in der Seele gelöscht ist vom Grossen und Schönen, und betäubt
nicht mehr das Rechte erkennt. -
    Aus Empörung gegen diese Missverständnisse gegenseitiger Opposition ist die
Revolution entsprungen, und aus Eigensucht derer, die für die höchste
Liberalität zu streiten behaupten, wird sie mit ihren schrecklichen Nachwehen,
eine schauerliche Ruine für die Nachwelt, dastehen. Aber gebessert kann nur das
ganze Weltverhältnis werden durch die heilige Vernunft, lass sie Dein Mirabeau
sein, wenn dieser Name Dir besser klingt. Widme ihm Deine Begeistrungen, da er
Dir doch nur aus den Wolken herabpredigen kann, so wird dies leicht mit der
Vernunft übereinstimmen, die auch immer über allen Projekten der Menschheit
schwebt.
    Verzeih mir, wenn ich Dinge Dir mitzuteilen versuche, die viel reiner in
Deiner Seele wohnen, die ich eigentlich in Dir selber wahrnehme, um sie Dir
auszusprechen. Die Hoffnung auf eine köstliche Ernte macht mich so ungeduldig,
ich sehe alles hervorspriessen und zur Blüte sich drängen in Dir, und kann es
kaum erwarten, dass es der Wahrheit und Schönheit zugunsten reife.
    Noch einmal führ ich Dich auf Deine Studien zurück. Ach, wenn Du erst den
Shakespeare englisch lesen kannst, das ist ein halbes Leben wert. Auch zeichne
fort, recht fleissig und mit der Begierde, es zum Selbsterfinden zu bringen. -
Die Zeit, die Du nicht arbeitest, liebe Bettine, musst Du ja doch verlieren.
Keine Minute lohnt Dir in Deiner Umgebung. Ja wohntest Du in der freien Natur
und könntest in Feld und Tal und Wald und Berg herumlaufen, oder könntest Du mit
Menschen sein wie mit Sternen, die ihren Einfluss auf grosse Charaktere ausübten
und sie zu erhabnen Handlungen reizten. Aber leider haben die Sterne ihren
Einfluss verloren, ich würde Dir dann nicht sagen: »Arbeite!« denn dann würde die
Ursprünglichkeit aller höheren Anlagen in Dir wie das Wort im Geist Fleisch
geworden sein. Aber so kann es nicht sein noch werden, weil der Genius nicht
mehr als erste Kraft in uns wirkt und wir uns an die Spekulation verkaufen. Du
musst daher in Deinem Innern Dir einen Schatz sammeln, worin Du Deiner Welt
reines Sonnengold einschmelzest, auf dass die lebendige Sonne in Dir selber
aufgehe.
    Ich wollte, mir wäre so in meiner Jugend geworden! - Doch keine Klagen! -
Nein, so ist mir's nicht geworden! - Gott hat mich vieles nur im Bedürfnis
kennen gelehrt, damit ich es von Dir fordern könne; und gern vertrauend, dass Du
mir sicher folgst und unbefangen trauest, will ich Dir folgende Zeilen aus einem
grösseren Gedicht nicht vorentalten, die ich in einer Stunde geschrieben habe,
wo ich recht fest an Dich glaubte und das Leben um Deinetwillen liebte.
Kehret Gedanken doch heimwärts, eilet den Tempel zu ordnen,
schafft mir im Herzen Gebet, eh es in Sehnsucht mir bricht,
Drei sind ihrer, der Teuern, die weit in der Fremde mir weilen;
Zwei, dem Tode geweiht, grüsse noch einmal mein Blick,
Dass ich friedlich entsage dem, was die Fremde begehrt.
Dann umfasse mich Leben, - denn eine noch weilet, - ich fühle,
Dass sie das einzige ist: Leben und Liebe und Zukunft. -
Wie mir's im Herzen, - das hat ihr der Gott in den Busen geschrieben,
Wie in der Seele es mir, schrieb ihr der Gott in das Aug. -
Schweigend spricht sie das Wort, was meine Lippe nicht redet;
Flieh ich, so ist sie die Flucht; ruh ich, so ruht sie in mir.
Suchst du sie? - Dort in den Schatten des Waldes, wo sich das Dunkel
Tiefer Begeisterung löst, stiller der Himmel sich senkt,
Wo an der liebenden Brust, dem Gestade des brausenden Lebens,
Des unendlichen Meeres Woge melodisch sich bricht.
Dort weilt sie, dichtet fromm, was ihr Geister sie lehret,
Begierig, Geheimes zu fassen,
Und euch, ihr Götter, in mir, schuf nur des Kindes Gebet.
Trösterin! - Freundliche! - Dein Seherauge entsiegelt dem Tode,
Der dich als Leben umgibt, selbst den geschlossenen Blick. -
Alles Bettine! dem liebend dein schaffender Geist sich genährt,
Was deine segnende Hand, was dein Gedanke berührt,
Blühet schöner ein Freiheit verklärendes Leben.
Bilde in mir deine Welt, du, die den Zweifel nicht kennt,
Die aus dem Busen mir zog den vergifteten Pfeil.
Alles, was der Genius zu bilden mich drängt,
Bilde ich Schwacher es nicht, weilt schon gestaltet in dir.
Schützend will ich dir folgen, du Leben, das, wo ich zage, mich schützt;
Das, wo ich welke erblüht, gern mir die Jugend ersetzt.
Verwechselt im Herzen, schreitest du kühn auf tobender Woge,
Die aufbraust in mir und sänftigst sie, dass sie heller, melodischer klingt.
In dir weile ich flammend, du gibst die lindernden Öle,
Und so sühnt sich in dir, opfernd den Göttern, der Sturm.
Ach, liebes Kind, wie einzig möcht ich Deine Begriffe und Ahnungen so stark
machen, dass sie wirklich endlich zum Kern würden, zum reinen Gesetz, an dem alle
Verkehrteit zu scheitern komme. Ach lerne, arbeite, Dich zu bereichern, was es
auch sei, nichts ist unbedeutend, alles nährt und weckt und erleuchtet. Aus
allem kannst Du weben und flechten einen schattigen Hut, wo die Sonne im Zenit
steht, eine Freiheitsmütze, die Deine höheren Anlagen schützt. Ach die Welt ist
gross. Es gibt mildere Sonnenhimmel! - Spanien, wo die Orangen Dir in den Schoss
rollen, ich muss Dich hinführen, wo die ganze Natur Dir bestätigt, was Du ahnest,
was Du suchst und glaubst, drum lasse Deinen Geist kühn jede Stufe erklimmen,
fürchte nicht, dass er ermüde, nein, er kann durch sich selbst nur erstarken, wer
von den Banden der Sklaverei sich will befreien, der muss den Geist im Innern
befreien. Verberge, was ich Dir hier sage. Es gibt Gedanken, die dem Gott im
Menschen allein geweiht sind, und der Geist wird nicht Schöpfer werden, der
nicht diese als Geheimnis bewahren kann. Der Geist ist Zauberer, dies ist die
Schöpfung, die in sich selbst geheim und heilig ist, eine ewige Tiefe der Freude
und des unergründlichen Glückes, fern und unantastbar für die lärmende
vernichtende Oberfläche des Lebens.
    Wieder ein Posttag und nichts von Dir! - Wie ist das? - Hindert man Dich? -
Der Buchhändler schreibt mir, er habe Dir den Homer geschickt, hast Du ihn? -
Schreibe und liebe Deinen
                                                                         Clemens
Ach manchmal möcht ich verzweiflen, manchmal ist mir's, als müsse dennoch alles
im Rauch aufgehen, was mir so gut und so schön in Dir deucht, als könntest Du
nicht zu Dir selber kommen, um was hab ich Dich alles gebeten? - Du hast mir
versprochen, was mich so glücklich machen könnte. Versprochen hast Du's, aber
wirst Du's auch halten, wo eine lederne Zeit sich Deiner anmasset? - Du könntest
- und doch kannst Du nicht. - Warum nicht? - Frag Dich das! -
    Warum hast Du nicht von Deinen Kinderjahren die Erinnerungen aufgeschrieben?
Du hattest mir's versprochen, Du hattest mir's gelobt. Werd ich nicht auf Dich
zählen dürfen?
                                                                         Clemens
 
                                   An Clemens
Clemente, Du warst bei der de Gachet und nicht zu Hause im Stübchen, und jetzt
klagst Du über Deine Einsamkeit, wo Du kaum den Fuss auf die Schwelle gesetzt
hast. Und fragst ängstlich, warum ich nicht schreibe. Ei, weil Du nicht da
warst. Weil bis zum 19. November keiner wusste, wo Du gewesen bist. Du schreibst
mir endlich den schönen langen Brief, den ich nun schon acht Tage mit mir
herumtrage, jetzt wirst Du denken, warum ich immer noch nicht antworte! was da
dran schuld sein mag? - gar nichts ist schuld, als dass Dein Brief mich ganz
betäubt hat, und ich hab ihn sehr vielmal gelesen und kann ihn nicht behalten,
der Inhalt ist mir immer noch fremd. Ja, Du warst bei der de Gachet, dort hast
Du an der galvanischen Batterie Dich elektrisch geladen, und nun fährst Du mit
feurigen Zungen auf mich los. Soll ich denn wirklich schreiben heute? - Oder
soll ich wieder den Posttag versäumen? Denk, es liegt meinem Geist, dem Du die
Schöpfung einer neuen Welt zumutest, wie Blei in den Gliedern. Ich mocht lieber
nicht schöpfen. Die ästetischen Briefe von Schiller? - Freilich hab ich die
nicht gelesen, denn ich kann nicht auf Komma und Punkt Achtung geben. Der
Grossmama hab ich wohl draus vorgelesen, aber in Gedanken war ich wo anders, aber
wo, weiss ich nicht; aber von der Lektüre hab ich nicht profitiert, denn ich weiss
nichts davon. Ist es Krankheit, dass ich so zerstreut bin? Es ist wohl Schwäche
in dem geistreichen Kopf, lieber Clemens, dem Du so hohe Würden und Kräfte
zuschreibst in Deinem Gedicht. Du schreibst aber von mir nicht, nein, gewiss
nicht, ich bin kein solcher Einsamkeitskobold, kein solch Wolkengespenst, noch
Schattenriss der Erhabenheiten.
    Jetzt wirst Du böse, ich merk's. - Macht es Dich böse, Clemens, dass ich so
Dir antworte auf Deinen treusten ernstesten Willen für mich? Von Spanien! - Ach,
erst hat mir die de Gachet davon gesprochen, wie wir allein waren an jenem
Sonntag, da hab ich ihr recht glücklich widersprochen, worüber sie sehr erstaunt
war; und hab gesagt, was denken Sie, dass ich hier sollte den Garten verlassen,
der mir so lieb ist, und mein Bruder Franz, der mich so lieb hat, wenn ich so
weit von dem fort wollte, und mein anderer Bruder Dominikus, der mir
Schmetterlinge bringt, wenn sie bald aus der Puppe sich losmachen, die fliegen
dann zu Dutzenden im Garten herum auf den Blumen, und mein Bruder George, der
vornehmste aller Menschen, und mein Bruder Christian, der eine matematische
Korrespondenz mit mir führt, und mein Bruder Anton, der ist ein Phantast, mit
dem dichte ich Fabeln, und mein Bruder Peter liegt in der Familiengruft in der
Karmeliterkirche bei Vater und Mutter und noch drei Schwestern, die gewohnt
sind, dass ich sie grüsse, wenn ich in Frankfurt durch die Mainzer Gasse gehe, wo
die Karmeliterkirche steht. - Sie war verwundert über dies grosse Register
unzerreissbarer Vaterlandsbande, sie sprach von einem grossen Weltteil, von Oliven
und Orangenwäldern, von blauen Fernen, von heissem Mittag und kühlen Abendlüften,
und dass Du mitgehen werdest, und dann könne ich ja immer mit Dir sein, und es
seien so interessante Menschen dort, viel edler von Geist und Gestalt wie
hierzulande. Ich sagte: »Ich will aber nicht immer mit dem Clemens sein, sonst
könnten wir einander lästig werden, und mir ist das liebste beim Willkommen, ihm
an den Hals springen und beim Abschied ihn vors Tor begleiten.« »Vous êtes un
enfant«, hat sie gesagt, »sentez donc combien en voyageant votre âme et votre
fantaisie se developeront et puis vous serez avec moi, je vous aimerais, et vous
comprendrez, la vie, le monde, la nature tout autrement.« Glaubst Du, das habe
mir keinen Eindruck gemacht? - Gewiss hat es mich Überwindung gekostet. Ich sah
ihr unter die Augen, plötzlich kam sie mir vor wie ein Seeräuber oder sonst eine
edle Spitzbubengattung; sie glaubte schon, sie habe mich gefangen, da kam die
Grossmama, ich riss mich los, - und jetzt verfolgt mich's, dass sie vielleicht
nicht eine Frau, sondern ein Kriegsheld sein könnte, sie sieht so edel aus zu
Pferd, so frei, sie bekümmert sich gar um nichts, sie lässt den Gaul dahin
sausen, nur der Reitknecht war diesmal mit, das Pferd bäumte, als sie aufstieg,
sein Übermut wiegte sie in den Lüften, und fort! - Ich sah ihr durch die alte
kalte Domstrasse nach. - Und also, ich bleib hier, und sie reitet nach Spanien,
am rauschenden Strom hin zwischen Felsen durch, der Schweiss rinnt ihr vom
Gesicht. Was schadet's? - Immer hoch, immer frei, immer stolz; und ich hier in
der Mansarde zähle die Dachziegel da drüben und betrachte dem Sperling sein Nest
unterm Dach, die dort sieht die Adler über sich wegschweben und kämpft mit dem
Lämmergeier, der die einsame Herde beraubt, und ich laufe mit der Giesskanne und
begiesse die Bohnen.
    Ach, was kann ich Grosses tun? Auf die Pappel klettern beim Gewitter, dass es
auf mich losdonnert und blitzt? - Oder im Winter auf den Schneeflächen mich
tummeln; dem Treibeis nachhelfen im Main? -
    Clemente, schreib mir solche Briefe nicht von unmöglichen Anlagen in meinem
Geist. Ich mein dann, ob ein Kobold Dich neckt, der Dir das alles weismacht. - O
schreib keine Gedichte, worin Du meinen Namen nennst, es ist, als ob Du in die
einsame Wüste hineinrufst, ich lausche selber, ob aus der Tiefe meiner Sinne Dir
etwas antworte. - Nein, - die Sinne werden müde davon, Du rufst sie an zum
Arbeiten, das wollen sie nicht; sie sind eigensinnig. Du willst meine Trägheit
überwinden, mich aufreizen, und vor ungeduldigem Eifer spring ich von einem Buch
zum andern. Ich will nicht mit den Katzen spielen, nein heute nicht, ich will
gewiss schreiben - lernen, - nein, es will nicht in mir, es lacht mich inwendig
aus und sagt, du lernst ja doch nichts. Ach, wenn Du wüsstest, wie ich mich oft
bezwingen möchte, Du würdest sehen, es ist nicht Mangel an Treue. - Ich kann
mich keiner Beschäftigung hingeben. Inwendig ruft es: dortin, und dort ruft's
wieder hierher, und hier lockt's, da flüstert's, und hinter mir und vor mir, und
in den Lüften gehen Stimmen durcheinander, die mich reizen.
    Heut hab ich mir vorgenommen, meine Lebensgeschichte zu schreiben. Gleich
hier auf dem Blatt will ich anfangen.
    Es war einmal ein Kind, das hatte viele Geschwister. - Eine Lulu und eine
Meline, die waren jünger, die andern waren alle viel älter. Das Kind hat alle
Geschwister zusammengezählt, da waren's dreizehn, und der Peter vierzehn und die
Terese und die Marie fünfzehn, sechzehn und dann noch mehr, die hat es aber
nicht gekannt, denn sie waren schon tot; es waren gewiss zwanzig Geschwister,
vielleicht waren es gar noch mehr. Der Bruder Peter ist gestorben, wie das Kind
drei Jahr alt war, von dem weiss es aber noch sehr viel. Er hatte schwarze Augen,
die ein blendend Feuer von sich strahlten, in die hat das Kind oft sich ganz
verloren vor tiefem Hineinschauen.
    Der Bruder Peter trug das Kind oft auf einen kleinen Turm auf dem Haus, da
fütterte der Peter allerlei Gefieder, Tauben und eine Glucke mit jungen Hühnern,
da sass das Kind mit ihm, da dichtete er ihm Märchen vor. Das waren Stunden, die
glitzern wunderschön aus der frühsten Kindheit herüber. Was fing denn der Peter
noch für närrische Dinge mit dem Kind an? - Er war misswachsen und daher sehr
klein, er nahm es am Weihnachtstag mit in die Kirche, das sollte keiner sehen,
er nahm einen grossen Bärenmuff und hielt ihn vor sich und das Kind, dass man
nicht Kopf, nicht Hand sah, nur die vier Beine trappelten immer vorwärts, die
Leute wunderten sich über das kuriose Rauchwerk, das allein über die Strasse
lief.
    Einmal hatte der liebe Bruder heimlich im Garten etwas gebaut, dann führt er
das Kind hinein. Da ist ein kleiner Hügel aufgeworfen, da hebt er einen Stein
auf, da springt auf einmal ein Wasserstrahl empor, ein kleines Weilchen, dann
hört's wieder auf. Das hast du alles deinem Schwesterchen zu Gefallen getan, o
Bruder Peter! Es liebte dich aber auch sehr. Morgens, wenn es aufwachte,
standest du vor seinem Bettchen, und es lachte mit dir, noch ehe es die Augen
öffnete. Es lernte an deiner Hand die Stiegen erklettern, immer führte es sich
an dir. - Da war's einmal schon spät, eben wollte die Sonne untergehen, er stand
an der Wendeltreppe mit dem Kind; die letzten Sonnenstrahlen leuchteten ihm ins
Gesicht, er ward so totenblass, das Kind klammerte sich fest ihm an, lass los,
sagte er kaum hörbar und fiel die Treppe hinunter, das Kind hatte aber sein
Kleid festgehalten und war mit heruntergefallen. Da trug man den Peter ins Bett,
das Kind sah den liebenden Bruder nicht wieder. Auf seine Fragen war die
Antwort, der Peter sei begraben; er verstand nicht, was das sei. Noch manchmal
sehnte es sich nach dem Bruder und noch manchmal in einem Eckchen sass es Abends,
wo das Licht nicht bis hin leuchtete, da sah es in der Dämmerung seine dunkeln
Augen es anleuchten, oder war das Einbildung? -
    Der Vater hatte das Kind sehr lieb, vielleicht lieber als die andern
Geschwister, seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen. Wollte die Mutter
etwas vom Vater verlangen, da schickte sie das Kind, und es solle bitten, dass
der Vater Ja sage, dann hat er nie es abgeschlagen. Nachmittags, wenn der Vater
schlief, wo keiner Lärm wagte oder Störung zu machen, das Kind aber lief ins
Zimmer, warf sich auf den schlummernden Vater und wälzte sich übermütig hin und
her, wickelte sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schlief ermüdet auf
seiner Brust ein. Er lehnte es sanft beiseite und überliess ihm den Platz; er
ward nicht müde der Geduld. Viel Lieblichkeiten erwies er ihm, beim
Spazierenfahren liess er halten auf der Blumenwiese, bis der Strauss gross genug
war, das Kind wollte gern alle Blumen brechen, das nahm kein Ende, die Nacht
brach ein, und den Strauss, viel zu gross für seine Händchen, bewahrte ihm der
Vater.
    Was ging denn noch Schönes vor und webte allerlei Lustiges ihm in den
Lebensteppich. Das belebte Leben auf der Strasse! Gegenüber im Haus die offne
Halle, in der vom Mai bis in den Herbst die Nachbarn kampierten den ganzen Tag,
da spielten die Kinder mit dem Mops, und der Papagei auf der Stange plauderte
Spitzbub, das wollten wir gern den ganzen Tag hören. Wie glücklich war das Kind
mit dem Schlüsselblumenstrauss, den die Milchfrau mitbrachte morgens früh. Ach
das Land! - Die Wege hinaus ins Freie! - Die Kinder schiebelten sich lustig den
Wall hinunter ins tiefe Gras. Und das Klapperfeld, wo das Gespenst rumorte im
bösen Haus, und der Herr Bürgermeister hatte Wache hinpostiert, zehn Mann von
innen, und von aussen auch zehn an die Türe gelehnt, hat das Gespenst in der
Nacht umgeworfen, in der Nacht mit dem Glockenschlag zwölf. Der Doktor Faust
habe da gewohnt ganz im Verborgnen und sei erst jetzt gestorben, seitdem rumort
es. Da erzählten sich die Leute abends spät noch Wunder vom Doktor Faust, wie er
die Bäume konnte blühen machen mitten im Winter und so schnell, dass man zusehen
konnte, wie die Blüte herauskam. Das Kind schlief nicht, es erlauschte alles in
seinem Bettchen und freute sich der Unmöglichkeiten.
    Einmal starb eine vornehme fremde Frau, die in der Stadt krank gelegen hatte
an unheilbarem Übel. Sie hatte das Kind oft kommen lassen an ihr Bett und ihm
viele Spielsachen gegeben. Ein langgedehnter Grabgesang hallte durch die
Strassen, schwarze Männer trugen den Sarg. Da wird die vornehme Frau begraben,
hiess es, und man erzählte viel von ihrem schmerzlichen Tod! - Was ist das, Tod?
Begraben! Nicht mehr da! - Das Kind kann's nicht begreifen, dass man nicht mehr
da sein könne. Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht mehr sein. - Nein!
Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht, ins Blumenelement, und
nicht sich besinnt, nur taumelt lichttrunken, nur freudig schwärmt, so lösen die
Kranken, die Müden sich ab vom Leib, so steigen sie auf ins reinere
Freiheitsleben, das ist alles, was den Sinnen nicht sichtbar war. Wie die Raupe
sich veredelnd umwandelt, so kann's der Mensch auch. - Hätte es doch wieder
vergessen können, was das heisst, von der Erde scheiden! - Der nächste Frühling,
vom Tod an der Hand geführt, kommt und geleitet ihm die schönste Mutter ins
Grab. Da ist Zerstörung im Haus, die Freunde! - Und viele dankbare Tränen
fliessen. Der Vater kann's nicht ertragen, wohin er sich wendet, muss er die Hände
ringen, alles scheuet seinen Schmerz. - Die Geschwister fliehen vor ihm, wo er
eintritt, das Kind bleibt, es hält ihn bei der Hand fest, und er lässt sich von
ihm führen. Im dunklen Zimmer, von den Strassenlaternen ein wenig erhellt, wo er
laut jammert vor dem Bilde der Mutter, da hängt es sich an seinen Hals und hält
ihm die Hände vor den Mund, er soll nicht so laut, so jammervoll klagen! -
Gesegnetes Haupt, das an seiner seufzenden Brust lag und von seinen Tränen
überströmt ihm Linderung gab. - Werde doch auch so gut wie Deine Mutter, sagte
in gebrochnem Deutsch der italienische Vater. -
    Ach, lieber Clemens, heute kann ich nicht mehr von der Kindheitsgeschichte
schreiben. Und es ist ja auch gar nichts, was ich da aufgeschrieben hab, und
doch bin ich erschüttert und muss um die Toten weinen. Mein Licht geht gleich
aus, es ist so kalt im Zimmer, jetzt spür ich erst, dass ich mit blossen Füssen die
ganze Zeit am Schreibtisch sitze. Wenn ich wieder schreibe, will ich fortfahren
vom Kloster zu erzählen, wo wir bald nach dem Tod der Mutter hingebracht wurden.
Adieu Clemens, wenn wir nach Frankfurt kommen, geh ich gleich in die
Karmeliterkirche und sehe, wie es da ist, ich hab Eltern und Geschwister so
lange nicht besucht, wenn sie's fühlten, wenn sie sich wunderten, dass ihr Kind
sie versäumt.
                                                                   Deine Bettine
                                 Liebe Bettine!
Ich habe Deinen Brief mit vieler Rührung gelesen, sei versichert, dass ich bald
umständlich schreibe, heute ist keine Zeit, ich füge Dir einen Brief bei, den
ich von Franz erhielt. Glaube, dass ich mich in gewisser Hinsicht unendlich über
seine Treue gefreut habe. Was er von Dir schreibt, ist ganz meine Meinung, nur
dass alles, was wir beide allein unter uns und voneinander wissen, dadurch so
überwiegend bleibe, als es wahr ist. Was Franz schreibt, ist so ehrlich gemeint
und so wahr, als Du wohl weisst, dass es sich von selbst versteht, den Brief
erhältst Du als Beweis meines unbegrenzten Zutrauens, und dass ich Dir nichts
verhehle, die hintere Seite des Briefs schneide ab für die Meline nebst den
Abbildungen der Zirkassierinnen aus Oberhessen. -
    Was Franz von unbekannten Ländern schreibt, heisst nichts, als dass er selbst
keine Lust zu reisen hat, fühlte er sich in Dich hinein, seine Güte und Liebe,
die immer nur für andre sorgt, würde gewiss sich selber Aufopferungen zumuten, um
Dich zu befriedigen, und fühl ich Dich recht heraus, so glühst Du eigentlich vor
Sehnsucht, mit der de Gachet in das fremde Land zu ziehen, und das verdient dies
göttliche Weib. - Ja, ich war bei ihr, wenig Tage war ich mit ihr zusammen bei
meinem Freund Ritter, der doch gar zu gut ist, mir himmlische Briefe schreibt
über Dich, die er liebt durch mich. Ich kann Dir nicht aussprechen, wie
notwendig mir es ist, manchmal über Dich zu sprechen, ich tu es aber mit solchen
Menschen nur, die viel grösser sind und besser als ich. Und Ritter, der
liebenswürdigste, der, wie Moses mit seinem Stab an den harten Fels der
Wissenschaft schlägt, aus dem die reine kristallhelle Quelle der Weisheit
hervorsprudelt, und wer es wagt, seinen Becher dran zu füllen, der wird von der
Grösse dieses unsterblichen Menschen durchdrungen. Mit Schlegel war ich auch,
aber mit ihm hab ich nie von Dir gesprochen; er ist gross und sehr bedeutend in
der Literatur, und Du musst ihn auch einmal sehen, aber ihm kann man nicht sagen,
was das Innere beschäftigt, mit ihm kann man nur Witz und Übermut treiben, und
doch kommt man dabei meist zu kurz, weil er Scharfsinn der Kritik und Satire nie
versteht, sobald es auf ihn geht. -
    Ach, was brauchst Du zu lernen, wenn Du so lieb bist beim Nichtlernen. Mag
es gehen, wie es will, das Bessre und Höhere wird doch Dich all durchströmen und
wird sich läutern in Deinem unberührten Wahrheitssinn. So bin ich auch unendlich
erquickt von der Beschreibung Deiner Kinderjahre, liebes Kind, wollt ich auch
Dir beteuern, sie seien unendlich schön und der tiefste Dichtersinn blicke da
heraus, Du würdest es nicht glauben. Du glaubst in solchen Dingen mir nie. Aber
wenn Du nur Dir die einzige Frage tun wolltest, warum Du grade so schreibst und
nicht mit andern Wendungen und Reflexionen; so wirst Du Dir anworten müssen, dass
es so in Deiner Seele geschrieben steht, und weil Du dem nicht untreu sein
magst, nicht ihm untreu sein kannst, so sprichst und denkst Du so, wie Du
denkst. - Also leugnest Du schon nicht, dass Dein Denken und Sprechen der reinste
Abdruck Deiner Seele ist, wenn aber ein Maler ein Bild machte, in dem er den
reinsten Abdruck der Natur wiedergäbe, würde das nicht ein unvergleichliches
Bild sein? - Eine Mutter verloren im Anschauen des Kindes und die von allem, was
sonst noch um sie hervorgeht, nichts weiss, würde das nicht ein ewiges Bild sein?
- Ein Mädchen wie Du so alt, in der Dämmerung sitzend unter einem Blütenbaum,
und ein Knabe wie ich, so wie wir beide beieinander sassen am Weg, das grüne Feld
hinter uns und der ferne Fluss und die Schafherde, die an uns vorüberzog, die
eine Staubwolke machte, was die Abendröte ein wenig verdeckte, weisst Du's noch?
    Du sagtest, es sei malerisch, warum denn aber? - Es waren ja doch nur lauter
einfache Gegenstände, keiner würde darauf gemerkt haben, der vorüberging, noch
weniger würden Leute express hingegangen sein, um sich dran zu erbauen; aber doch
ist viel Lärm um nichts in der Welt, aber deswegen wird dies Nichts doch nicht
etwas. Deine Erzählung aber ist etwas und doch nicht mehr als jene Abendszene,
die Du malerisch fandst. Drum schreibe ruhig fort und mit Pietät, das heisst
verwirf nicht, was Du schreibst, beglücke mich damit. Wenn es das ewige Leben
und Weben der Natur ist, so einfache Szenen zu bilden, so wolle es nicht besser
machen können. Die Natur ist die grössere, die edlere Bildnerin, und weil Du ihr
nachgesprochen hast, so hat Deine Erzählung Stil, sie deckt nämlich den Ausdruck
des Begriffs und der Empfindung vollkommen. Leb wohl und schreib weiter, ich
warte mit Sehnsucht darauf. -
                                                                    Dein Clemens
 
                                   An Clemens
Lieber Clemens! Am Neujahrstag haben wir unser Ballett aufgeführt, es ist holter
die polter durcheinander gangen, es ist alles verkehrt gangen. Mein Neunzehner
war ein Ritter, dem nichts haften wollte, wir mussten mehrere Proben halten im
Kostüme, bald fiel ihm der Panzer, bald die Schienen ab; und endlich am Tag der
Aufführung war eine grosse Not, alles rennte durcheinander, einer rief nach
Schminke, der andre nach Strumpfbändern, der dritte hatte den Zwickelbart
verloren, wir Mädchen zogen uns aus dem Gedräng zurück auf die Tische und
Kanapees - und da warteten wir ruhig, bis die Flut sich gelegt hatte und die
Ebbe eintrat, wo wir alle an Blumengirlanden geschnürt von unserm Ballettmeister
hinübergeleitet wurden, dem der Schweiss von der Stirne rann, bis er uns in
Ordnung hatte. Der Vorhang wurde hinweggezogen, und wir tanzten vor alten
Hofmasken und Perücken einen trefflichen mimischen Tanz, der allerlei bedeuten
sollte, es ging passabel, bis wo wir einen Ringeltanz um das Ysenburgische
Wappen tanzten, an das wir unsre Kränze aufhängen sollten; mein Neunzehner fiel
und riss mit seinem Kranz das Wappen herunter, das fiel auf ihn, und alle Kränze
flogen im Saal herum. Ich richtete geschwind das Wappen wieder auf, damit es
nicht sollte für ein bös Omen ausgelegt werden. Dann tanzten wir nach den
Kränzen, als hätt es nur so sein müssen, und teilten diese den Herrschaften aus;
dies Impromptu ging besser als das eingeübte. Die Damen traten vor den Spiegel
und probierten sie auf, und mancher stand der Kranz recht schön. - Unterdessen
verwandelten wir uns in Bauern, das ging auch sehr geschwind, wir Mädchen
schürzten die Röcke hoch, zogen die Hemdärmel hervor und einen Brustlatz vor,
ebenso schnell hatten die Ritter sich verwandelt, die als Bauern schon im
Pappendeckelpanzer staken. Blumen, Bänder, Früchte, Obst in Körbchen standen
schon bereit. Eh man drei zählen konnte, waren wir in Ordnung aufmarschiert, ein
Erntezug, vorauf die Musikanten und Fahnen der Landleute, alles mit Silber und
Goldpapier dekoriert, ein junger Mensch Bükes führte die Dorfmusikanten, er
spielte auf dem Haberrohr, er hatte schon so viel Witze gemacht, er schnitt so
närrische Gesichter, dass ich kaum konnte meine Verse deklamieren, da stolperte
der Neunzehner hinter mir, und lässt seinen Korb mit Äpfeln über mich hinaus
rollen, es erschallte ein gross Lachen, kein Mensch denkt mehr an die Verse von
Chateaubour. Der Dichter, der sich so viel Hoffnung gemacht hatte, quel effet
que cela fera. - Die schönen zirkelrunden Borsdorfer waren bestimmt gewesen, in
einem Akt in unserm Bauerntanz, nach der Rede, in der ich unterbrochen ward, zu
figurieren. Wir sollten im Tanz einander gegenüberzustehen kommen und nach der
Musik mit diesen Äpfeln ein Ballspiel aufführen. Und dies hatten wir nun
wochenlang eingeübt, so sicher wie die besten Bombardiere. - Sollte nun dies
beste Kunststück durchfallen? - Wir rafften schnell die Äpfel auf und stellten
uns in Ordnung auf. Die Rohrpfeife wollte nun die Zwischenmusik überspringen und
die Musik zum Ballspiel einleiten oder aufpfeifen. Aber die Geigen verstanden
das nicht und kamen ihm nicht nach, sie blieben auf dem alten Satz; es gab ein
Charivari. Die jungen prinzlichen und gräflichen Herrschaften, die dies Spiel
nicht zum Ballett gehörig glaubten, hatten sich drein gemischt und warfen mit
Äpfeln um sich her, mancher mag da getroffen worden sein, der nicht gemeint war.
Doch es fing an menschlich zu werden unter ihnen, sie probierten ihre Kränze
auf, wie sie nach ihrer Meinung ihnen recht gut standen, so ging man bekränzt
herum und, als ob dadurch die Klausur der Etikette aufgehoben sei, lief alles
untereinander, stiess sich mit den Ellenbogen und stolperte ohne weitere
Entschuldigungen. Bükes mit seiner Pansflöte führte einen Satirtanz auf aus
eignem Ingenium und spielte selbst dazu auf, er endigte dies Impromptu mit einer
Ode von Ovid, die er langsam und deutlich mit allen möglichen Modulationen, bald
mit Donnerstimme, bald mit sanftem Flüstern deklamierte und dazwischen mit der
Pansflöte Intermezzos spielte. - Er wurde bewundert. Mehrere, die sich als
Lateiner wollten zeigen, gaben ihm das beste Lob, was er mit grossem Pläsier
anhörte, weil er allerlei lateinisches sinnloses Zeug zusammengewürfelt hatte,
was ganz ohne allen Zusammenhang war gewesen.
    Gestern, lieber Clemens, hab ich bis hierher geschrieben, vielleicht
langweilt Dich's, es ist aber gleich aus, die bekränzten Herrschaften setzten
sich zur Tafel, sogar die alte Prinzess Rotenburg hatte einen Kranz von
Wacholder mit Perlen durchflochten auf ihre altmodische Blondencoiffüre gesetzt,
die dadurch sehr verschönert ward. Tannen, Myrte, Orangen, Oleander und Lorbeer
kränzten manchen alten Kopf, dessen grosse Hakennase unter dem Kranzschatten sich
sehr vorteilhaft ausnahm. Die Musik dauerte während dem Essen fort, das Ballett
aufführende Personal tanzte dazu auf eigne Faust allerlei groteske Sprünge. Alle
Augenblicke wurde Tusch geblasen; wozu wir im Hintergrund das Vivat verstärkten.
Um Mitternacht war gegenseitiges Umarmen, dazu tanzten wir die Ronde, alle an
einem blauseidenen Band uns haltend, auf dem Verse gedruckt waren auf alle hohe
Personen. Im Tanz machten wir Halt und schürzten das Band mit dem Vers über den,
an den es gerichtet war, so bekam jeder seinen Vers zu lesen. Nun kam eine grosse
Pastete, der Deckel wurde abgehoben, da sprang ein kleines Hündchen heraus, aber
ganz klein, der Herzog hatte es, ich weiss nicht woher, aus dem südlichen
Frankreich verschreiben lassen, zum Neujahrsgeschenk für die Fürstin von
Ysenburg. Dies Pläsier war ganz apart, kaum besann es sich ein wenig, so bellte
es die ganze Gesellschaft an, noch zwei andre kleine Hunde wurden herbeigeholt,
um Bekanntschaft zu machen, die waren aber nicht so klein. Das Gebell der drei
kleinen Hündchen übertönte alles und vermittelte die gegenseitigen Redensarten
und Glückwünschungen. Das Lob dieses Festes läutet wie ein wohltönend
Glockenspiel hier in der ganzen Umgegend unsern Ruhm aus, man will es noch
einmal wiederholt haben. Einmal ist keinmal, aber noch einmal, das ist zuviel.
    Liebster Clemens, noch Lebensgeschichte kann ich gar heut nicht mehr
schreiben. Du lobst mir alles, aber um so mehr drückt das mich nieder, diesem
Lob zu entsprechen, Du willst mir Lust machen, den gewöhnlichen Acker meines
Lebens umzupflügen, jede harte Scholle zu zereggen; nein Clemens, wenn Du die
weissen Wände meines Studierkabinetts, das heisst meines Kopfes ansähest und
nichts drin fändest als Spinnweb, wie wolltest Du Zins von dieser Armut fordern!
- Ich kann doch nicht auf jede Seite schreiben, dass die Leute mir ganz närrisch
vorkommen, und sonst begegnet mir nichts jeden Tag, und ist mir von Jugend auf
nichts begegnet als der grosse Gedanke wiederhallend von Stufe zu Stufe meines
Ingeniums: Alles, was begonnen wird in der Welt, sei närrisch. dabei komme ich
mir eben auch nicht anders vor, eben weil kein Bestand in mir ist, weil ich von
so manchem ein profundes Gefühl habe und dennoch ein Spielball der Zerstreuung
bin, die ganz gehaltlos ist, das fühl ich, das quält mich, davon möcht ich
gesunden und weiss nicht wie. Wenn Du aber nun wieder kommst und sagst, es stecke
alles in mir und ich könne Wunder verrichten, und ich fühle mich aber behaftet
mit allen Verrichtungsfehlern, und nur dass sie keinen Schaden machen, weil
nichts an mir verloren ist. Du wirst Dich kreuzigen! - Ich kann aber nicht
anders, als dass ich bekenne, worüber ich lange mit Zweiflen gerungen habe, dass
nämlich - alles nichts aus mir werden bloss Sünde Deiner närrischen Einbildung
ist, dass etwas Grosses in mir stecke. - Eine Zeitlang hab ich Dir geglaubt, wenn
Du mir als manchmal mit so vieler Liebe davon sprachst, ich solle meine bessere
Natur, meine Vorzüge vor den Augen der Welt verbergen, ich war des besten
Willens; aber, da ich nun diese Vorzüge wirklich gut zu verpacken gedachte,
siehe da fand ich gar nicht, was ich allenfalls zu verschweigen oder zu
verbergen habe. In Talenten komm ich nicht vorwärts, ich kann unmöglich meine
elenden Versuche in der Kunst hochschätzen, eine Flora hab ich in Rötel
gezeichnet, ich hab sie auch gleich darauf in Papierstreifen zerschnitten, um
die Wachslichte mit fest zu machen. Meine musikalischen Versuche? - Ich hatte
ziemliche Freude am Generalbass, da hat sich mein Lehrer, der Herr Preissing, zum
Fenster hinausgestürzt. Ich mag ja an Musik nicht mehr denken. - Und nun kommst
Du mit meiner Lebensbeschreibung auf rechter Heide, man könnte die Grashälmchen
zählen, die da wachsen. - Das einzige, was mich intressiert, sind die
französischen Miszellen über Revolutionsbewegungen, so menschlich, so
verständlich, ein Kind muss ihre Naturgemässheit empfinden. Ich hab mir die
Aufgabe gemacht, in meinen französischen Arbeiten sie zum Tema zu nehmen, ich
bin zufrieden, da ich vorwärts komme auf einem Feld, wo alles auf festen tiefen
Begriff ankommt, wo das Echte, das Göttliche bloss ein vernünftiger Schluss ist,
wo ich glaube, weil die Glaubensartikel seelenerziehende Argumente sind.
    Wo aber die Sündenregister wie eine elende Hühnerleiter an die Himmelspforte
angelehnt sind, da mag ich keinen Versuch machen, mich zu bilden, mich zu
bessern, soll ich da von Stufe zu Stufe hüpfen wie ein Hühnchen, damit es auf
die Stange zu sitzen komme neben den Hahn? - Nein! Auf mein Seel in einem Flug.
Über die Sündenregister hinaus wie die Verheissungen der Himmlischen. Sind die
Seligen selig geworden, so lasse sie mit ihresgleichen, schmeichle nicht wie ein
Schmarotzer um sie herum, dass Du auch gern wöllest vom Himmelsbrot essen. Ich
aber sag mir, kannst Du nicht lernen entbehren? Grad das, wonach alle verlangen?
- Kannst Du nicht lieber wollen, dass die andern selig werden, die so sehnlich
darum bitten und seufzen, da Du doch gar nicht danach seufzen kannst? - Dies
Seufzen, Flehen und Ringen nach Seligwerden macht mich mitleidsvoll, hätt ich,
was sie fordern, ich gäb's ohne Bedingung! Aber wer kann's haben? - Wer kann den
Anstrich des Himmels dem Unsinn geben, in den hinein allen so sehr verlangt. -
Wer kann das machen, dass Unsinn immerdar ein Quell erneuerter Freuden sei? -
Gott nicht, denn sonst würde er gewiss nicht anstehen, den Seligkeitverlangenden
die Himmelstore weit aufzusperren und wie die alten Nönnchen in Fritzlar uns
immer die himmlischen Freuden gleich einem Tanzboden beschrieben, nur viel
schöner als sie es beschreiben könnten, so würde er die Musikanten drauf
losschmettern lassen und erquickende Himmelsspeise in Fülle lassen herabregnen.
Ach, er könnte froh sein, wenn noch Menschen wären, die solchen Genüssen möchten
sich hingeben. - Eine unschuldvolle Energie der Unersättlichkeit, ist die
möglich? - Ich war immer schon satt von der Beschreibung des Himmels. Ein
unaufhörlich Preisen und Lobsingen - damit fing's an. Ich sang auch gern, aber
nicht Kirchenlieder; ich sang, um mein jubelnd Herz auszuströmen, das zum Tanz
geneigt war, von einem innern Lebenstakt frisch bewegt, meine Entschlüsse waren
rasch und sind es noch, dass heisst, ich entschliesse mich. - Zu was? - Ei davon
ist gar nicht die Rede! Der Entschluss! Ein freudiges Durchrauschen aller
Lebensadern! - Ein freies Auftreten auf den gottgeschaffnen Boden der Erde,
überallhin blitzen meine klugen Augen und jagen die Nachtvögel aus ihrem
Versteck. Was sind Dinge, zu denen wir uns einen Entschluss erkümmern, im
heimlichen Rat unsicherer Begriffe, feiger Moral, verschrobner Lebensansichten
und noch gar heimlicher Schwächen und eigensüchtiger Begierden hin-und
hergeworfen. Ein solcher Entschluss? Wo blieb die Energie, ihn zu tragen? - Nein!
Entschluss - tief in mich hinein fühl ich: - er ist der Mut, frei zu schweben
über aller Gemeinheit. - Dinge, zu denen wir uns entschliessen müssen, die sind
nicht. Wir schauen den einzigen Gott an in uns; er durchfährt elektrisch uns die
Glieder; das ist Entschluss. Verstehen wir uns, lieber Clemens? - Mein alter
Magnetiseur würde das verstanden haben, es sind seine Antworten auf meine
Fragen, es sind aber freilich keine Antworten auf Deine Forderungen an mich, -
ich weiss, was Du mit Recht mir vorwirfst! - »Und doch könne ich keinen Willen
mir erkämpfen, ruhig und einfach die Entwickelung meiner Talente zu betreiben.«
Ach ich weiss ja, dass ich mich schämen muss, jeder blaue Berg wirft mir das vor,
er sagt: »Ich stehe reiner und edler da als Du!« - Mich befällt auch oft eine
tiefe Melancholie über mein Nichts. - Was kann ich dafür? - Die Sünden der Welt
haben auch mir den Boden abgegraben. Was ist das, wenn die frische kraftvolle
Erde, die den Baum nährt, ihm geraubt wird, und er soll zwischen kalten Steinen
Nahrung hinaufsaugen in den Gipfel! - Ach, der Bach selbst muss traurig
hinsickern über seine entblössten Wurzeln. - So viel Lebensansicht hab ich mir
erworben in diesen Verhandlungen über Freiheit und Lebensrechte, dass ich weiss,
dass dies die Sünde ist der Welt, für die ist der Gott gestorben, das glaub ich,
das weiss ich, aber soll er auferstehen, so muss diese Sünde getilgt sein durch
seine Auferstehung.
    Ich fürchte mich vor Dir das auszusprechen, doch ist's die Mitte meines
Denkens. Die unverständlichen Aufsätze von mir, die Du mit soviel Neugierde
studiertest, sie sind Funken und glühende Asche von diesem Herd, dessen Flamme
manchmal hell aufleuchtet; ein ewiges Menschwerden des Geistes durchbricht alles
sinnliche Bedürfnis und wirft es nieder und steht aufrecht über ihm, und ja, das
ist's, was ich Entschluss nenne, zu sein und zu werden, ob ich's verstehe oder
nicht. Rechenschaft geben? - Warum? Die Geistesauferstehung selbst ist
Rechenschaft allem Unsinn, der aber sie verwirft. Lass den Geist werden und seine
grossen Zauberkräfte werden über dieses Fordern nach Rechenschaft über
Höllenbrodem und Fegefeuer sanft hinüberwallen, und Satzung und Glaubensartikel,
sie reichen nicht an seine Region, und wenn sie auch noch so grosse Staubwolken
aufregen unter den Menschen.
    Ich wollte Dir ja vom Kloster schreiben, ich wollte Dich überraschen mit der
Erzählung dieser einförmigen Tage, wo viel träumerische Knöspchen auf feinen
Stielchen rankten! - Aber da lass' ich mich überraschen vom Schauder über das
Gewöhnliche, was die ganze Welt zum Narrenhaus umwandelt. O, Ihr Bienen alle,
die Ihr mich umsummt habt im Klostergarten. Ihr Nelken- und Lavendelbeete, die
Ihr mich gedeckt habt mit Euern Düften.
    Ach, es ist Winter in mir, und der Schnee der Weisheit deckt die Erde. O
Erde, lass den Frühling wieder treiben, halte den Atem nicht länger an, hauch
deinen süssen Duft aus, er genügt mir statt Paradiesesfreuden. Willst Du deine
Gräser herauslassen und deinen Bächen freien Lauf, Erde, dann küss' ich dich und
schenke dir meine Seele.
    Das heisst, das Unterhandlen mit dem Himmel bin ich ganz müde. Das heisst
wieder: alles ist zwar in Richtigkeit und an der Tafel angekreidet. Ach käm nur
einer und löschte mit dem Schwamm das ganze Fazit aus, dann wär noch Hoffnung,
dass die Natur im Menschen wieder aufwachte.
                                                         Deine Schwester Bettine
                                  Liebes Kind!
Ich fühle mich in eine ganz wunderliche Lage hineingeschoben durch Deine
ausgreifenden und wieder tief im Lebensschacht herumwühlenden Mitteilungen. Oft
ist mir, als stehe ich auf einem vulkanischen Boden, wo die verwitterte Lava von
der schaffenden Natur üppig begrünt hervorbricht in Flammen und verzehrt es
wieder. Und hier und da liegen Brandstätten unter dem ewig blauen Himmel. Was
nützt mein guter Wille, meine Stimme, mein Wort. Wie könnte das diesen Boden
erschüttern, in dem ein innerliches Wirken verborgne Wege schleicht und dann
jeder Gewalt unerreichbar plötzlich das begonnene Gepflegte zerstörend
aufflammt. - Weisst Du, was Du sprichst? - Nein! Denn ich kann Dir den Mut nicht
zutrauen, Dich Nationen und Jahrtausenden gegenüberzustellen und denen Hohn zu
sprechen. Das tust Du aber, blind wie Du bist, springst Du über Abgründe, und
immer glücklich fühlst Du den Boden unter Deinen Füssen. Man sagt, der Blitz
erschlage keinen Schlafenden, drum soll man während dem Gewitter keinen
Schlafenden stören. Ich frage mich, ob Du schläfst, ob Du träumst, und dann mein
ich, das Gewitter bist Du selber; es rollen Ideen donnernd in Deinem Geist, die
aneinander zerschmettern; und vor meinen Augen sinkt in die tiefste Spalte, die
plötzlich gähnt, was eben noch meine Hoffnung war, was ich mit demselben süssen
Willen hütete, wie Du Deine Blumen und Kräuter. Deine unverständlichen Aufsätze,
wie Du sagst, seien die glühende sinkende Asche und ausfahrenden Funken von dem
Herd, auf dem der erwachende Geist sich seiner Unverständlichkeit entbindet.
Einmal will ich mich vor Dir aussprechen darüber, sollte ich mich irren, so sage
mir es. Ich war bis jetzt noch immer so sehr der einzige Gesichtspunkt, nach dem
Du mit inniger Begierde hinsahst, in dem das meiste um Dich her nicht das war,
was den Geist auf eine würdige Art fesseln kann. Deine Aufsätze, teilweise auch
Deine Briefe, stellen daher oft mehr Selbstgespräche vor, oder eine Art Gebete,
in denen der Gedanke sich selbst lieben und würdigen lehrt und in einer
sehnsuchtsvollen Andacht verweilt. Diese Andacht ist von allen Gesichtspunkten
heilig und unverletzlich, da sie allein das Erwachen eines trefflichen Menschen
verkündigen kann; sie liegt über der Bildung wie alle Gottesverehrung als die
erste Poesie des Menschen; sie ist die Morgenröte vor dem geschäftigen Tag, der
Frühling und das Kindliche in dem Fortschreiten jeder Art von Leben überhaupt;
so schienen Deine Briefe und Ergiessungen bisher mir auch nur die erste schöne
reflektierende Bewegung Deines Erwachens in der lieben Welt, und Dein Gefühl,
Deine Rührung und Dein Gott sind eins und dasselbe darin; ein Morgengebet eines
an sich frommen Menschen, den man nicht grade dazu angehalten hat. Wolltest Du
meinen, in Deinen Briefen spräche bloss Deine Liebe, Dein antwortender Geist zu
mir, so täuschest Du Dich, sie sind Deine Liebe zu allem, so wie es Dein
reflektierender Geist über alles und in allem ist, den Du mir anvertraust; Du
kannst nicht zweiflen, dass sie mir daher das höchste lebendige Interesse
umfassen, und dass Deine Geistesanlagen mir ebenso heilig sind, als es mir
rührend ist, dass Du sie mir anvertraust; warum ich also wünschte, dass Du die
Kette dieser reizenden Lebensaufregungen nicht unterbrechen mögest, das erweist
sich von selbst, da es aber ebenso unmöglich als unnatürlich sein würde, ewig
oder sehr oft in dieser Rührung zu verweilen, ja am End komisch und dann gar
schändlich werden könnte. Es gibt solche Epochen in der Geschichte, wo dasselbe
im grossen geschah. Diese Epochen bildeten ihre Krankheitsstoffe aus, als die
Andacht nicht mehr im einzelnen Menschen vor dem Verstand sicher war und daher
allgemeine Religionen hervorkamen, dann als gar keine Andacht mehr da war und
eine Menge Religionszeremonien ihre Stelle vertraten, das war komisch, und da
die Religion als Mittel zu schlechteren Zwecken gebraucht ward, das war
schändlich, denn sie ist die Krone alles Lebens und die einzige Ruhe in uns, die
jede einzelne Bildung krönt, und indem sie über alles Ungebildete bloss Zufällige
erhebt, dieselbe dem ganzen Dasein, Gott und uns zugesellt. Diese Andacht also,
die Liebe, die Du in Deinen früheren Aufsätzen aussprichst, oder auch Deine
Sehnsucht überhaupt, zu bilden und gebildet zu werden, kann nur wie der Morgen
jeden Tag einmal und wie der Frühling jedes Jahr einmal und wie die erste
kindische Poesie jeder Völkerbildung in dem Volke nur einmal erscheinen und so
ins Unendliche in diesem Zirkel rückwärts und vorwärts in engeren und weiteren
Kreisen, und es wäre daher komisch oder schändlich, Dich dazu zu zwingen oder zu
verstellen, das erste wär komisch und das zweite schändlich. Du schreibst also
bloss, wenn ich Dich durch einen Brief, der Dich an das Bessere erinnert, in
Deinem Geist aufrühre. - Aber kennte ich Dich nicht besser, müsste ich dann nicht
glauben, Du liessest es bei dieser blossen Andacht bewenden, und auf das gerührte
Gefühl des Erweckten in Dir folge keine Arbeit, kein Streben? Beinah willst Du
mir's weismachen! - Darum hab ich Dich aufgefordert, Gedanken, Geschichten,
Begebenheiten, Fragen, Meinungen usw. niederzuschreiben, damit Du mir ohne
Anstrengung schreiben könnest und Dich nicht dazu erst zu stimmen brauchst, es
war mein Wunsch, denn ich selbst lerne durch Dich mich aussprechen. Wie schön
sind Deine letzten Briefe davon erfüllt, wie wahr und warm Deine Reminiszenzen
aus den Kinderjahren, wie tief Dein Gedächtnis noch aus Deinem ersten und
zweiten Lebensjahr. Liebste Bettine, bedenk Dich doch, dass solche Eigenschaften
von der Natur als köstlichstes Lebensgeschenk in die Seele geprägt sind, dass es
feinste Organisation des Geisteslebens ist, so schreiben zu können. Vielleicht
sag ich manches in meinen Briefen, was Dich stört, lass es ungesagt sein.
Überhaupt nähre das Vertrauen, denk, Du sprichst auf der Höhe auf freien Bergen
oder im tiefen Wald, wo nur die Natur Dich auffordert zum Sprechen, nicht der
verblendete Mensch, der vielleicht eigensinnig. Oft erschreckt es mich, und es
kommt mir vor, als wär Dein Gefühl und Dein durch dies Gefühl gebildeter kühner
Wille lange wie eingesperrt gewesen und bräche nun so stolz und unbändig hervor,
so berührte mich eben ein grosser Teil Deines letzten Briefes; ich habe mich
gefragt, ob ich durch Äusserungen Deinen eigentümlichen Wendungen in den Weg
getreten sei, und beinah glaube ich's, denn auch in diesem Augenblick fühle ich,
wir stimmen nicht ineinander.
    Ich wollte Dir noch mehr schreiben, aber eben erhalte ich einen Brief von
Leonhardi, er habe Dich zweimal gesehen, und wenn die Zeit schöner werde, wolle
er öfter nach Offenbach kommen; ich finde das nicht weiter sehr wünschenswert,
weil unbedeutende Menschen oft einen Einfluss haben, eben weil sie das Bedeutende
aufheben, ich habe jedoch nichts weiter zu erinnern als dem Leonhardi doch nur
höchstens scherzend zu begegnen, auf andern Wegen würdest Du ins Philistertum
geraten, denn er ist ein hypochondrischer Mensch, der sich leicht einbilden
kann, er sei dies oder jenes und müsse Dich wärmen oder schützen oder Dir
Weltansichten eröffnen, ein solches Pfuscherwesen lasse Dir nicht in den Weg
treten. Er hat Bücher und kann Dir die geben, die ich will. Sei stolz und lasse
Deine Einsamkeit Dich nicht verführen, Deine Zeit an Menschen zu verlieren, von
denen Du nichts gewinnst.
                                                                    Dein Clemens
Du sollst einem meiner Freunde, der dich bittet, den ich und viele für den
einfachsten, genialischsten Menschen seiner Zeit halten, ein kleines Geschenk
machen, sticke, nähe irgend etwas; es ist Ritter, der Naturphilosoph, der Freund
der Gachet, denke was Hübsches aus, sage niemand, für wen.
                                 Liebe Bettine!
Du schreibst mir nicht, dies martervolle Schweigen ertrage ich nun sechs Wochen.
Dein letzter Brief erregte mir Zweifel, die mich ungeduldig auf den folgenden
machten, ich schrieb Dir in einer ganz entgegengesetzten Empfindung, wollte Dir
sagen, dass die Basis alles sittlichen Gefühls nicht Stimmung, sondern Wahrheit
sei, dass die Wahrheit wieder nur echte Religion sein könne, dass aus dieser kein
lügenhafter, sondern ein ganz echter Bildungstrieb nur hervorgehe, der in jeder
Handlung, in jeder Äusserung den ganz reinen Menschen darstelle; dass eben nur
dieser Mensch allein wirkungsfähig sei, das wollte ich Dir sagen, ich wollte Dir
aber nichts sagen, was Misstrauen gegen Dich beweise; was ist das nun, dass Du
schweigst? Ach wolltest Du mir doch nur einige Hilfe leisten, so würde mir das
eine Erholung sein, woran ich jetzt verzweifle, nämlich den Wegen nachzuspüren,
die sich Deinem höheren Interesse anfügen. Deine Briefe sind ja doch keine
Kunstarbeit? - Oder kannst Du sie nur in gewissen Stimmungen hervorbringen? Da
doch so vieles darin sich noch ganz unentüllt zeigt, vieles nur ahnungsweise
anregt. Wie kommt's, dass dies alles Dich auch nicht reizt, es noch ferner in Dir
zu beschauen und mir mitzuteilen? Es ist etwas sehr Vortreffliches und Seltnes,
Briefe zu schreiben, die bloss die Geschichte des Herzens zum Gegenstand haben,
ohne zu lügen. Ich will hier dies näher auseinandersetzen. Der gebildete Mensch
oder der empfindendere lebt ein doppeltes Leben, er lebt das gesellige
praktische Leben seines Standes, seiner Familie, und lebt das Leben seines
Geistes, seiner Begriffe, seiner Empfindungen. Jenes Leben ist gebunden und
bestimmt durch seine Umgebung und den Punkt, auf den er in der bürgerlichen Welt
gestellt ist; dieses aber hat das Universum, die Natur, und das eigne Gemüt zum
Gegenstand, insofern es frei in sich selbst fortbildet, ohne dass das praktische
Leben des Menschen darauf einwirke. Beides zusammen bildet seine Geschichte, die
(wie sich diese beiden Leben in ihm mehr oder weniger bestimmen, aufheben oder
durchdringen, oder gegenseitig erhöhen), die Geschichte eines schwankenden,
einseitigen, geschlossenen oder ewig fortstrebenden Gemütes ist. - Die Berührung
des höheren Lebens in uns, mit dem Leben, welches durch die Umstände
hervorgebracht wird, bildet die Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit unserer
Lage, unsre Zufriedenheit, unser Gedeihen, was jedem Geschöpf das Klima und der
Boden ist. Aber alles kann ein Umstand dieses Lebens werden, auch was sonst kein
Umstand ist; die Geschichte eines andern Menschen. Insofern nun diese mit unserm
höheren oder bürgerlichen Leben in Berührung kommt, bildet sich uns der
Mitbürger, der Genosse, der Nachbar, und bei totaler Berührung, der Freund.
Dieser kann, ewig fortschreitend, in höherer Annährung endlich sich beinah mit
uns durchdringen; dies nenne ich das Anziehen, Erfassen, es wird endlich zum
Bedürfen. Denn es geht von der einen Seite die nämliche Tätigkeit aus wie von
der andern und wird endlich geistige Lebensforderung. Und hier, wo vier Arme
offen sind, entsteht die Umarmung, der Bund, und dann die Trennung mit
Einverständnis in einem dritten, das Ziel. Endlich aber das Wiederfinden, wenn
jeder seinen halben Zirkel durchlaufen hat. Das Leben ist zwischen zweien
vollendet; jeder hat das Seine im Sinne des andern errungen; sie haben sich im
Mute verwechselt, im Streben getrennt und durchdringen sich nun im Errungnen, in
der Ruhe des Bewusstseins, das Ziel. Von hier aus geht ein neuer Abschnitt der
geistigen Lebensgeschichte an, diese Ruhe, dies errungne Ziel ist der stille
Punkt eines erhöhten Werdens, denn die Verzweigungen geistiger Verhältnisse
gehen ins Unendliche, sie sind der wahre Sakontalabaum, der Blüte und Früchte
zugleich trägt. Und das beglückt ja so unendlich in der Freundschaft, dass der
junge Blütenbaum, noch ganz innerlich beschäftigt mit dem Treiben seiner Blüte,
bewusstlos die Nahrung reift für den Geist, der auf ihn angewiesen ist. Bei
dieser Gelegenheit sage ich Dir, dass ich dies schöne Buch, die Sakontala, für
Dich bestellt habe; Du musst sie in wenig Tagen erhalten. Ich wollte sie Dir erst
mitbringen, um sie vielleicht mit Dir zusammen zu lesen; aber wenn wir
beieinander sind, da ist ja immer Blumenzeit, und da findet sich so manche Blume
am Weg, die wir spielend betrachten, dass wir zu keiner Beschäftigung und zu
keinem ernsten Resultat kommen. Die Sakontala soll ein solches Resultat in Dir
bilden. Was an andern Menschen als vorüberstreifender Genuss auch nur eine äussere
Bildung bewirkt, das fasst in diesem Freundschaftklima Wurzel und wird
selbststrebender Geist.
    Ich habe Dir hier in der Berührung mit dem Freunde die Geschichte jeder
Berührung mit dem Lebendigen erzählt, deren Bedingung die Wahrheit ist, wenn sie
nicht das elendeste Verderben in uns hervorbringen soll, denn alle Trauer, alle
Unzufriedenheit ist eine Folge der Lüge; nicht grade der Lüge in uns, sondern
der Lüge an sich. Eine Ansicht, die wir von jeher, durch uns und andre, durch
Unerfahrenheit, durch das, was noch nicht ergründet ist, haben, ist Lüge an
sich; - und fähig sein, heisst daher nichts als Anlage zur Wahrheit haben; sich
bilden, heisst diese Fähigkeit verstärken; gebildet sein aber heisst, in uns die
Möglichkeit zur Annahme aller Wahrheit hervorgebracht zu haben. Dann tritt das
Wissen ein oder die wirkliche Besitznehmung von der Wahrheit; diese ist
unendlich wie die Wahrheit. Es sind daher alle Menschen fähig. - Viele bilden
sich, wenige sind gebildet, und zählbar sind die, welche wissen. Das eigentliche
Verderben aber ist die Wiedervernichtung des Erbauten, des Gewussten, dessen, was
einmal in unserm Besitz ist, ist die Zerstörung unsrer geistigen Gesundheit
durch alle Art von Missbrauch, und endlich die schändlichste aller Arten der
Schändung, die Lüge in uns, die wir um so leichter herrschen lassen, als wir
meistens in der Trägheit die Selbstbetrachtung verabsäumen und keinen Begriff
von der Wahrheit haben, in diesem Falle nun sind die meisten Menschen, auch
viele, die sich zu bilden scheinen, denen aber die Bildung nicht eine
Verstärkung ihrer Anlage zur Wahrheit, sondern ein Amüsement wird, ihre
Unfähigkeit zur Wahrheit zu entlangweilen, oder die Vorwürfe der Lüge in sich zu
ersticken. Solche gebildete Lügner sind die miserabelsten, denn ihre Lüge hat
eine Art von Arm und Bein und scheint lebendig, um sie noch dichter zu
umschlingen, sie fürchten sich auch meistens vor jedem Zuwachs ihrer Bildung wie
vor einem neuen Schlangenkopf und wissen sie sehr viel, so platzen sie vor
Dünkel und Anerkannteit, die letzte Gattung ist der Keim aller Hoffart. - Wir
können auch gewissermassen unschuldig, aber doch nicht ohne die verdiente
Beschädigung der Affektation, in die Lüge fallen, und zwar auf folgende Art. Da
Konsequenz oder ein vernünftiges Auseinanderfliessen der Handlung, das wir selbst
beherrschen, eine einzelne Tugend scheint, so will man sie gern im einzelnen
ausüben und lügt, wenn man zugleich zwei oder dreierlei verschiedene Arten von
Konsequenzen auszuüben glaubt, grade auf ebensoviel verschiedene Arten. In
dieser Lüge ist Schmeichelei, Heuchelei, ja sogar eine gewisse Gattung von
Höflichkeit zu Haus, der man sich oft mit Fleiss nicht entalten darf. Es ist
aber sehr lächerrlich, indem man seine Wahrheit aufopfert, konsequent sein zu
wollen, da diese beide eins sind. - Man hört oft: »Dieser und jener Mensch hat
keinen Charakter, er bleibt sich nicht gleich.« - Und in dieser Rede ist doch
nichts gesagt, als dass dieser Mensch uns nicht in chronologischer Ordnung eine
gewisse Anzahl ähnlicher Empfindungen zusammengelogen hat. - Oder hat er nicht
gelogen, sondern ist wirklich ein solcher Rosenkranz, der aus denselben Gebeten
besteht, und den man schlafend beten kann: »Dieser Mensch ist nicht kommod, um
ihn gelegenheitlich zu beurteilen, um von ihm zu sagen, er ist ein hübscher,
grader, krummer, kleiner oder magrer Mann.« Der wahre Mensch, der sich hingibt
in der Freundschaft, klaubt nicht eine gewisse Partie seiner Erscheinung heraus,
er gibt sich immer mit der ganzen Lebenssumme grade so ausgedehnt hin, dass er
den Augenblick der Hingabe erfüllt. Das, was man Charakter nennt, kann daher nur
durch die grösste Menge ähnlicher Züge im Menschen begriffen werden und ist nur
merkwürdig im Begeisterten als die Gestalt des Schattens, die seine Bewegung
nach irgendeinem Licht auf sein Gemüt zurückwirft, und im bloss erwerbenden
Menschen als die Gestalt seiner Beschränkung, aus denen man, wie aus den
Schatten, welche die Weltkörper aufeinander werfen, astronomische Schlüsse auf
die Gestalt, Lage und Durchkreuzung der Sphären, ihre Bildung, ihren Stillstand
oder ihre Bewegung machen kann. Es gibt aber noch einen andern Gesichtspunkt für
das Interesse, das man an einem Charakter haben kann, und obschon er nicht
hierher gehört, wo ich nun vom Umgange (Verkehr untereinander) rede, so will
ich, um einem schiefen Einwurfe vorzubeugen, doch etwas davon sagen.
    Der Charakter kann allgemein merkwürdig sein, wenn man ihn als Kritiker
betrachtet, dies ist die Betrachtung, deren jeder Charakter als Kunstwerk würdig
ist; es sei nun, dass ich wirklich den Charakter einer gedichteten Person oder
wirklich eines lebenden Menschen wie ein Produkt seines Lebens, als Kunstprodukt
der dichtenden Natur anschaue. Sich zu dieser Ansicht erheben zu können,
erfordert einen sehr hohen Standpunkt, denn man muss sich dann zur ganzen Poesie
- Schöpfungskraft der Natur - wie der Kritiker zum Dichter verhalten; und hier
wird mehr erfordert, als nach den geschriebenen Geetzen einer gewissen
Kunstschule dem freien lebendigen Gedicht die Brust aufzuschneiden, um noch
minutenlang zeigen zu können, wie ihm das Herz schlägt. -
    Die Konsequenz aber, welche etwas wert ist, ja allein den Wert des Menschen
bestimmt, ist eine musikalische, sie ist Harmonie im weitesten Sinne und wird,
insofern er mehr oder weniger das ganze Leben berührt, mehr oder weniger
Tonarten und Modulationen umfasset, doch immer nur in harmonischen Übergängen
wechseln. Insofern er nun bloss das Tema der ganzen Musik ist, ist sein Gang aus
sich selbst und kann er einen Charakter haben, aber insofern er die Harmonie des
Ganzen mitbegründet, hat er nur den Charakter seines Instruments; sein Leben
aber ist ohne Charakter, bloss ein Teil der ganzen Harmonie. Von dieser
Konsequenz der Harmonie kann aber nur die Rede sein bei umfassendern Menschen,
denn, um harmonisch zu werden, muss man schon eine gewisse Anzahl von Tönen
umfassen, und ist hier die Rede nicht von jener Gattung, die nur insofern leben
als ihrer etliche Tausend wohl, wenn sie zusammentreten, ebenso leicht alle zu
einem tüchtigen Menschen gehörigen Eigenschaften als eine vollständige
Kriegskontribution zusammenbringen könnten. Hieher gehören alle Menschen, welche
ihrem Stande Mittel sind und sich nicht über ihn erheben, welche nur halb leben,
wie ich oben anführte, nur das praktische Leben haben und daher nie
biographische Personen werden können, man müsste dann als Kunstprodukt einen
einzelnen betrachten, nicht um ihn, sondern bloss um die Umstände seiner Zeit an
ihm zu erlernen, denn diese Leute sind unglücklich genug, nichts als ihre
Umstände zu sein, deswegen sind sie doch ebensowenig verächtlich als die
Irokesen, obschon weniger merkwürdig. Sie sind die Besitzer des zeitlichen
Lebens und werden auch bei der grössten Frömmigkeit nie selig werden, da der
Himmel nicht zukünftig, sondern von jeher und ewig ist und in nichts anderm
besteht als in dem Verstehen und Besitzen der Harmonie. Wir erwerben durch
Tugend den Himmel, wir erringen durch Fleiss die Kunst, wir lernen durch Harmonie
die Musik, wir gebären sie endlich selbst in leichter, ewig voller und ergossner
und empfangener Lust des ewigen Lebens, das ist gleichbedeutend. Jene aber sind
weit entfernt hievon und verhalten sich, wie das gebogne Holz, das noch am
Stamme grünt oder dorrt, zur schön geschwungenen Mutter der Töne und der Lieder
- der Lyra im Arme des Sonnengottes. Aber auch der wilde Wald rauscht und grünt
und ist lieblich oder mächtig, wenn ihn ein empfindend Gemüt begreift, aber er
ist nichts ohne dieses. Hier trennt sich der Weg, und ich sage Dir, wo es recht
ist, jene Menschen zu vergessen, und wo es recht ist, sie nicht zu verachten: wo
Du mit dem Höchsten an sich, mit dem Geiste das Wesen des Geistes betrachtest,
wo Du betest oder dichtest oder liebst, sollst Du jener vergessen und ständest
Du unter ihnen; denn man soll auch im Haine Gott anbeten und die Bäume
vergessen. Betrachtest Du aber die Welt historisch, so darfst Du sie ebensowenig
verachten, um nicht in lächerliche Sentimentalität zu fallen, als der ins
Lächerliche hineinfallen wird, der einen Acker verachtet, auf dem die Mäuse ihre
Kornspeicher haben. Nur auf einem Punkte ihrer Erscheinung können sie mehr
lächerrlich als verächtlich - doch, wenn es etwas lange dauert, etwas fatal
werden. Es ist dies der Fall, wenn sie sich auf Augenblicke emporheben, wenn sie
von Bildung reden und Geschmack haben wollen, besonders erscheint dies in den
Menschengattungen, in denen das praktische Leben am kondensiertesten ist, die
nur eine Berührung mit dem Äussern kennen, die nichts wollen als brauchen, die
den Geschmack, um ihn zu brauchen, zur Mode herabschänden und sogar auch
manchmal jenes zweite Leben, das sie nicht haben, brauchen und es zur
lächerlichsten Grimasse herabwürdigen, bis ein solcher das schimpft, was er
nicht kennt, und verliebter, dürstender zu seinem praktischen Leben zurückkehrt.
Auffallend ist es zu bemerken, wie er immer zu triumphieren scheint, und wie
dieser scheinbare Sieg manchen an dem Kampf nach dem Vortrefflichen erlahmen
macht, der sich dann in den Sold begibt, der für kein Vaterland und keinen
Himmel streitet, der nur kümmerlich das Leben erwirbt und keinen Himmel. Doch
scheint er dies nur, und so sehr uns oft der unwillige Ausruf gerecht scheint,
die Kunst gehe betteln und die Dummheit grase, so halte ich ihn doch für die
Erfindung einer sehr gemeinen Ansicht, und er hat sich auch schon als solche
charakterisiert, da er nun schon ein Gemeinplatz geworden ist. Die Kunst geht
nie betteln, wohl aber der Künstler, würde Kotzebue sagen, um aus seinem
Reichtum zu beweisen, dass er kein Künstler ist. Wenn die Kunst betteln geht, ist
es meistens nur ein Beweis, dass sie arm ist, denn die wahre Kunst beherrscht
alles und öffnet alle Schätze, der selbstische Künstler aber, der aus Kaprize
oder Unkenntnis nur für sich selbst dichtet, er mag darben und muss gern darben,
um nicht erbärmlich zu sein.
    Nun aber haben wir jetzt keine allgemeine Kunst und ist bloss eine Zeit des
Krieges in der Bildung, drum gehn viele Künstler arm herum mit ihrem Reichtum,
und mit Recht mögen jene keine Leute machen, die nur aus Bosheit, Unsitte und
für kein Vaterland mitstreiten. Es ist eine wahre und sehr würdige Reflexion,
dass die Welt keine moralische Anstalt ist, wo ein Geschöpf das andre aufmuntern
soll, so dass gleichsam der Elefant dem Esel nichts als ein gut Beispiel sei, ein
Elefant zu werden, und so fort; denn die Progression geht nicht auf Erden, im
Leibe - sie geht im Geiste vor. Auch geht die Bildung nicht feldeinwärts oder
der Quere, sie geht in die Höhe anbetend und in die Tiefe forschend. Jedes
Geschöpf ist als Kompositum beschränkt und als vollkommen mehr oder weniger
frei; in es selbst aber ist sein Geist gesetzt, der, insofern er nur empfindet,
als er nur in sich selbst ist, sich selbst als den Mittelpunkt des Ganzen
betrachtet. So ist der Dünkel jedes Standes zu entschuldigen; aber dem ganz
freien, gebildeten Menschen ist die stille Betrachtung erlaubt, den bloss
praktischen Menschen zu verachten; wenn er spricht: »Ich triumphiere« - denn
triumphiert ein geboren Tauber, der geigen will, aus Mode, und die Geige in den
Ofen steckt, mit den Worten: »Ist es nicht viel edler, Tabak zu spinnen und zu
rappieren, da habe ich doch was für meine Nase, ich weiss nicht, was die Leute an
dem Kolophonium riechen.«
    In eben diesen Fehler verfallen alle Menschen, die sich krankhaft oder aus
Trägheit zum Bessern zu erheben ausgeben und ebenso nur die Empfindung, Bildung
oder Kunst brauchen, ihre Lumpen mit zu flicken; sie geben die schändlichsten
Blössen und werden meistens sehr verächtlich; dies ist sehr häufig bei den
Weibern der Fall, die nach der bürgerlichen Ordnung, die jetzt sehr in Verfall
ist, nichts als die Repräsentanten der erbärmlichen Bildung, die eigentlich das
künstlerische Personale des praktischen Standes geworden sind. Ich wollte, hätte
ich Zeit, leicht beweisen, dass alles Übel, häusliches und körperliches und
geistiges, bloss durch das dumme Bestreben nach Geschmack, der Tochter der
Verachtung der Künste, entstanden ist. Ich verstehe hier bloss das Verderben der
Töchter, worüber von Familienvätern und ältern Brüdern, ja oft von den
Verderbern selbst geklagt wird, und ich will gerne als Märtyrer für die Aussage
sterben: kein treuer und unschuldiger Greis und Vater kann würdigere Tränen
weinen, als um den Untergang der Religion; - so ganz, was der kräftige
unschuldige gemeine Mann Religion nennt, nicht das neue Wort. Die Weiber oder
Mädchen, sagte ich, sind die kränksten an dieser Afterbildung, ihre krankhafte
unbefriedigte Laune ist Empfindung, ihr Fieber Begeisterung, ihre
Sittenlosigkeit wird Philosophie. Ich sagte, sie bedeckten ihre Lumpen mit
Bildung, und setze hinzu, dass sie dadurch meist sehr lächerrlich werden, indem
sie nur entblössen, was sie bedecken wollen. Die Bildung ist nichts als der
höhere Glanz der Nackteit, die die freie Keuschheit der Schönheit ist. Nun aber
heisst, sich mit Bildung ausflicken, nichts als die Löcher im Gewand mit einer
Laterne beleuchten, denn die Bildung ist durchsichtig, und um so mehr erscheinen
daher heutzutag die meisten gebildeten Mädchen äusserst miserabel, als sie grad
darin die Ausbesserung nötig haben, was das Heiligste des Menschen ist, im
Verstande, der Liebe, im Herzen und der Zucht; und ich möchte sie die Laterne
nennen, die die schlechten Strassen unsrer Städte nicht so erleuchten, dass man
sie sicher durchwandle, um nicht den Hals zu brechen, nein sie leuchten nur,
damit man diesen Dreck bewundere, denn dies ist die Prätension dieser
kleinstädtischen Dummheit (ich sage kleinstädtisch auch von Paris in Hinsicht
des Universums). Lass uns ihnen zum Trotz, meine liebe gesunde Bettine, ihre
unsaubere Illumination nicht betrachten und kommen wir darauf zurück, dass alle
die Abscheulichkeiten, die ich Dir hier zeigte, nur Folgen der Lüge sind, von
der ich zu sprechen ausging, und dass wir deswegen Freunde sind, weil wir das
bessere Leben unsrer Sitten, unsrer Gefühle, unsres Fleisses in Geselligkeit
hinbringen und mit zu dem grossen geheimen Staat der vortrefflichen Menschen
gehören wollen; willst Du aber hier in diesem Lande mein Nachbar sein, so darfst
Du mir nicht eine einzelne Art von Reflexion bloss hinstellen, darfst nicht
allein mir danken, wenn ich Dich grüsse, Du musst ordentlich hübsch mit mir
schwätzen, denn was so mit Deiner Person vorgeht, ist mir meist unbekannter und
oft wissensnötiger, als was mit Deinem Gemüte vorgeht, drum schreibe mir jeden
Schritt und Tritt von den Menschen, die mit Dir sprechen, was Du über diesen und
jenen empfindest, was Du plauderst; denn ich habe mich nicht wenig geärgert, dass
Du mir nicht erzähltest, dass Du bei Leonhardi getanzt, und wie Du dort warst,
dass die vortreffliche Duchaget mit Dir sprach, die mir sagt, es sei Deine
Pflicht, mir darüber zu schreiben, dass Du lange in Frankfurt warst, von allem
dem nichts? In Deinen Briefen ist oft ein Ausbruch von Rührung über meine, aber
ich will nicht Dich rühren, ich will durchaus, dass Du Dich selber rührst, das
heisst, dass Du vor meinen Augen herumspringst wie ein junges lustiges Mädchen;
Deine allzugrosse Ernstaftigkeit gegen mich musst Du Dir nicht so ernst werden
lassen, sonst kömmst Du in Gefahr mich hoch zu schätzen, und dann bist Du auf
dem graden Weg des Kindes, das aus besonderer Achtung gegen den beinernen Löffel
nie Selbstessen lernt, und am Ende kannst Du doch nicht immer Brei essen, der
Mensch ist ein fleischfressendes Tier, und da hilft kein Löffel, und das
Vorkauen wird ekelhaft. Lebe wohl, schreibe, sonst schreibe ich nicht mehr, oder
bist Du krank, hast Du alle meine Briefe nicht erhalten, ich verstehe es nicht.
Noch eins, hüte Dich sehr aufzufallen, sei oder scheine stets in der
Gesellschaft lieber dumm als vorlaut und mit dem Händeklatschen der Toren
belohnt, es verführt zu einer miserablen Selbstgefälligkeit, die alle
Fortschritte auch bei dem besten Willen tötet, und kannst Du es nicht in Dir
dahin bringen, so vermeide lieber die Menschen, denn es ist entsetzlicher, von
gemeinen Menschen für genialisch als für einen Narren gehalten zu werden, am
besten aber für einen guten ruhigen Menschen.
                                                                    Dein Clemens
Soeben schreibt mir die Toni, wie sie Dich besucht habe, sie habe Dich munter
und fleissig beschäftigt gefunden, aber Du sehest übel aus; wie ist Dir, liebes
Kind, hast Du Kummer, quält Dich etwas, Du weisst nicht, wie mir der Gedanke
meine Ruhe nimmt, Du seist bang und ängstlich im Innern; ich bitte Dich um alle
Liebe, um alles, alles, giesse mir Dein Herz aus.
                                                                    Dein Clemens
Drei Briefe hast Du, diesen lasse der Toni lesen, wir müssen Freunde haben, sie
liebt uns.
 
                                   An Clemens
Der verminderte Septakkord hat seinen Satz auf dem Leitton des Grundtons.
    Kleine 3.
    Falsche 5.
    Verm. 7. Die erste Versetzung auf der Sekunde des Grundtons:
Quintsextakkord,
    die zweite auf der Quart: Terzquartakkord, die dritte auf der Sext ist der
Sekundenakkord.
    Ich hätte dies sollen in mein Studienbuch schreiben, ich will Dir nur
zeigen, dass ich studiere. Ich kann leichter eine Melodie erfinden als sie in
ihre Ursprünglichkeit auflösen. Innerlich ist alles tiefer zu fassen in der
Musik als sich ans Gesetz zu halten; dies Gesetz ist so eng, dass der
musikalische Geist jeden Augenblick es überschwemmt.
    Was mich selber bilden soll, das muss aus mir auch hervorgehen, drum möchte
ich aller Teilnahme ausweichen und allein mit mir fertig werden. Es kommt mir
wie Frevel vor, dass ich mich einer Leitung hingebe, die vielleicht das
Ursprüngliche in mir verleitet. So war's mit der Gachet, und was Du über
Freundschaft sagst in Deinem Brief, das macht mich flüchten vor ihr. Gäb es
Höhlen und Verberge, in die man sich könnte zurückziehen vor gewissen
Gefühlsanrechten, ich würde dahin flüchten. Ich schaudre vor solchen Allgewalten
des Daseins, sie erregen die Eifersucht der Eigentümlichkeit; Freundschaft ist
aber gewiss eine die höchsten Seelenkräfte verzehrende Schmarotzerpflanze. Ich
soll doch mein eigen werden, dies ist doch der Wille meines Ichs, denn sonst wär
ich umsonst; dies eine, was mich eigentümlich aus dem Gesamtsein heraus bildet,
das ist der Adel des freien Willens in mir; anders kann ich's nicht ausdrücken.
- Sich dem Begriff und Willen eines andern unterwerfen, der auch kein Selbstsein
hat - denn sonst würde dieser Wille nicht die Geistesnatur des Freundes zu
seinem Herd wählen, sondern in sich selber aufflammen, - das ist Verzichten auf
diesen Adel des freien Willens. So steht das in mir fest, dass ich den nicht
aufgebe. Die Freundschaft behauptet zwar, die edlere Natur im Freund
hervorzurufen; wie aber kann dieser Adel des Willens sich bilden, wenn nicht in
sich und durch sich selber? Raubt da die Freundschaft nicht die Kraft der
höchsten Tätigkeit dem Freund, der dann nicht mehr den Willen in sich trägt des
besonderen Seins? - Die Freundschaft hat ihn ausgelöscht. Held sein ist nicht
befreundet sein, Selbstsein ist Held sein; das will ich sein. Wer selbst ist,
der muss die Welt bewegen, das will ich. - Dies helle Selbstsein soll nicht
verdunkelt werden durch den Schatten der Freundschaft; ich brauch das nicht, ich
kann den Sonnenbrand vertragen, und Freundschaft ist Brudermord. -
    Ich hab zu fechten mit meinen Gedanken, sie fahren gleich auf und wollen
immer recht haben.
    Am Generalbass hab ich auch meinen Ärger. Ich möchte diese Gevatterschaft von
Tonarten in die Luft sprengen, die ihren Vorrang untereinander behaupten, und
jeden, der den Fluss der Harmonien beschifft, um den Zoll anhalten. Aber so wahr
diese unumstösslichen Ohrengesetze nur verschimmelte Vorurteile sind, die der
Genius mit der Ferse von sich stösst, so wahr werden diese Gefühlsanrechte, denen
ich drohe, dass sie mir nicht auf den Hals kommen sollen: als Freundschaft,
Grossmut, Milde, Mitleid (das ist das allerekeligste), Gerechtigkeit, Nachsicht,
Ehrgefühl und alle sittlichen und Moraltugenden ein elend Ende nehmen - es sind
Vampire, die dies Selbstsein des freien Willens heimlich lüstern aufsaugen.
    Alle Tugend komme von Gott, steht im Katechismus. Schachert der Gott so mit
dem Pfennig des Verdienstes? - Verdienst ist Schimäre, ist Lüge. Das fühlt der
freie Geist, und bei ihm wird die reine Kraft nimmer zum Verdienst sich
ausmünzen, die man abwägen könne; nein, sie ist das Selbstsein. Wer ist der
verdienstlose freie Geist? - Der soll König sein! Von ihm fällt der Verdienst
ab, er muss frei sein. Verdienst macht ihn unfrei, denn er muss sich ihm
verpfänden. Dies ist aus meinem Tagebuch, worin ich meine Revolutionsgedanken
aufschreibe: »Der ist nicht König, der aus Hilfsmitteln der Not das
augenblickliche Mögliche benützt, um seine Verdienste daraus zu bilden. Nur der
ist König, der ganz frei, ganz mächtig diesen Adel des Willens an seiner Zeit
ausbildet. - Willkür kann nicht hervorgehen aus dem Adel des freien Willens, sie
ist zusammengesetzt aus unfreier Bildung, die der Egoismus der Klugheit
ausgedacht hat. - Und Freundschaft ist ein vorbereitender Egoismus jener
Bildung, die den Platz des freien Willens sich angemasst.« - Ich könnte Dir noch
mehr aus diesem Buch absonderlicher und verwirrlicher Gedanken aufzeichnen, die
wie mutwillige junge Herden untereinander sich stossen, die aber ein gewaltiger
Hebel sind dieser freien Natur in mir. Ich hab der Grossmutter draus vorgelesen,
und sie meint, ihr sei bange, ich könne vom Fels stürzen. »Auch im Geist kann
man sich versteigen, mein Kind«, sagte sie und erzählte mir die Geschichte des
Kaisers Max auf der Martinswand, sie sagte, die Engel sollen ihn da wieder
heruntergetragen haben, aber nicht immer sind diese bereit, wenn man sich so
mutwillig versteigt. - »Was brauch ich denn wieder herunter, liebe Grossmama,
wenn ich mich oben erhalten kann? - Könnte ich denn nicht auch ein
Wolkenschwimmer werden?« - »Kind meiner Max«, sagte sie, »was hast du vor
wunderliche Gedanken«. Auch darüber kann ich mich trösten, wenn meine Gedanken
nicht mit der Klugheit der Menschen übereinstimmen; diese Klugheit verträgt sich
nicht mit meiner hüpfenden und springenden Natur, die in allem sich selber
verstehen will und wie ein Speer sich der Klugheit entgegenwirft. »Das weiss
Gott«, sagte die Grossmama. »Aber Kind, wie sieht es aus in dir?«
    Wie es aussieht in mir, liebe Grossmama? Nicht wie hier in Offenbach die
Wiesen weit hinaus sich ziehen und der Waldrand hinter dem beschifften Fluss
bescheiden und lieber, das rasche Bächlein mit seinen grossen Eichen überwölbt,
und die grosse Bleiche, wo alles so früh schon tätig ist, und die engen
Schleichwege zwischen blühenden Hecken, die ums Dorf führen - und denn ganz in
der Ferne die Gebirgslinie, die an den Himmel ihre Weisheitsschrift ankreidet,
an die der freie Wille ohne Auslegung der Schriftgelehrten, ohne Glaubenszwang
sich hingibt; dazu die blaue Heerstrasse der Wolkenzüge. Nein, dies
Vaterlandsbild gleicht nicht meiner Seele, es ist mir doch, ich komme anders
woher! - Hoch und niedrig waldumwachsenes Felswerk, an dem der Rasen schüchtern
hinaufklettert, und das seine eigensinnigen Klippen so trotzig hinausstreckt, an
dem die Nebel sich zerreissen. - Wege des Geheimnisses zwischen brausenden
Wassern immer tiefer in unverständlichen Windungen, wo der Sonnenstrahl
herabbljetzt ins enge Tal und nährt zärtlich die blauen Blüten, und das
Sinnenfeuer der Natur dampft aus dem kalten Stein, der in der Sonne erschwjetzt.
Der Wacholderstrauch duftet mir da Weihrauch und stachelt meine Wange, und ich
weiss nicht, was Glück ist, als nur - dass die Natur dies heimliche Vertrauen zu
ihr so mächtig beantwortet.
    Dort wohnt der Knabe, von dem will ich erzählen, wie er in der Nacht sich
eilig rüstet, soweit die Sterne leuchten, zu wandern, wo neue Berge
heraufsteigen und Wälder, und Quellen eng zwischen Klippen herab in freie Länder
wallen. Die Sonne steigt, er kommt herab zum Feigenbaum, im feuchten Sand zu
ruhen, die Wolke kühl, vom Wind heraufgetragen, regnet auf ihn nieder, er
schöpft den Trunk aus der Quelle, er ersteigt den Baum nach den Feigen, die sind
noch herb, und er harrt unter dem belaubten Dach, dass die Sonne sie soll reifen.
    Dies Lebensbild schrieb ich auf und sagte der Grossmama, so sehe es aus in
mir; die weite Welt wollte ich durchlaufen und bleib liegen unterm Feigenbaum
und warte, dass die Feige mir in den Schoss falle, und vergesse aller
Zukunftsgedanken. Der Grossmama gefiel dies alles, sie sprach von poetischen
Gesichten und Geistergegenden und die Seele könne oft in ganz andern Klimaten
gedeihen als der Leib. - »Und,« sagte sie, »wenn man reiset, kommt man in
Gegenden, in denen die Seele zu Haus ist, da kommt man mit ihr zusammen; und
lernt erst ihre Persönlichkeit verstehen.«
    Es ist wahr, Clemens, in mir ist ein Tummelplatz von Gesichten, alle Natur
weit ausgebreitet, die überschwenglich blüht in vollen Pulsschlägen, und das
Morgenrot scheint mir in die Seele und beleuchtet alles. Wenn ich die Augen
zudrücke mit beiden Daumen und stütze den Kopf auf, recht fest, dann zieht diese
grosse Naturwelt an mir vorüber, was mich ganz trunken macht. Der Himmel dreht
sich langsam, mit Sternbildern bedeckt, die vorüberziehen; und Blumenbäume, die
den Teppich der Luft mit Farbenstrahlen durchschiessen. Gibt es wohl ein Land, wo
dies alles wirklich ist? Und seh ich da hinüber in andre Weltgegenden? - Besinn
Dich doch darauf. Ich kann Dir doch heut nicht mehr schreiben, ich bin zu
schläfrig, die Grossmama hat mir den ganzen Abend indische Pflanzen gezeigt; und
Kolibris, so klein und fein; wie Schönheitspfeile gucken sie mit ihren spitzen
Schnäbelchen aus den Blüten.
    Deinem Freund Ritter hab ich eine Sammetmütze gemacht, wie ich selbst eine
aus Übermut trage, aber ohne den Lorbeerkranz, den ich darum gewunden, den er
aber immer aus Übermut tragen kann, weil dieser mir scheint der Flussgott zu
sein, der die Urne seines Geistesstromes ergiesst.
                                                                   Deine Bettine
                                 Liebe Bettine!
Ich habe Deinen lieben lieblichen Brief vor zwei Minuten erhalten; ich hab ihn
noch nicht in mich selbst verwandelt, das Herz bebt noch. Ritter wird sich
freuen, Ritter, dieser grosse Ritter, zu dem Goete sagte: »Gegen ihn sind wir
alle Knappen!« - Lieb Mädchen, er wird Dir danken, dass Du ihn nie wieder
vergisst. In seinem letzten Brief schrieb er, er lasse schon ein weissseiden
Felleisen machen, die Dankbriefe an Dich zu schicken. Leb wohl, Engel, bald bin
ich bei Dir im Himmel.
                                                                    Dein Clemens
 
                                   An Clemens
Ich habe geglaubt, Du würdest kommen, so sind nun schon vierzehn Tage herum, wo
ich jeden Tag Dir entgegensehe und deswegen auch nicht schrieb, und noch wegen
etwas anderem. Weil ich manchmal zu sehr ergriffen bin, wenn ich an Dich denke,
und versäume oder vergesse vielmehr darüber, an Dich zu schreiben, was ich
denke. Ich will Dir nun erzählen, wie mir ist, und wie ich bin, damit Du keine
Sorge um mich haben sollst. Ein Tag wie der andere: frohsinnig, lustig, ja
manchmal fast ausgelassen, und dennoch find ich innerlich recht viel ernste
Fragen. Die erste Frage bist Du. Der Clemens, sagt mir eine innere Stimme, hat
viele Fäden ins Weltgewebe eingesponnen, alle sind sie Geist und Feingefühl, aus
Schönheit und Güte hergeleitet, und man kann die edle und erhabne Natur von ihm
daran beweisen, aber doch führen sie alle wieder zu Misskenntnis und Undank und
auch nicht dahin, wo der Clemens meint, und dem er doch so viele Glückseligkeit
der Gegenwart opfert. - Und dann denk ich gar, Du wirst durch Aufopferung Dich
wohl um allen Vorteil dessen bringen, was die Menschen als Glück erringen
möchten. Wie komme ich dazu? - Ach verzeih mir's, ich habe ein Buch von Dir
gelesen. - Bei der Grossmama lag es - und ich hörte, dass sie darüber sprach - sie
wollte aber gar nicht, dass ich es wissen sollte, sie legte es auch sorgfältig
unter andre Bücher. Wie ich aber allein in ihrem Arbeitszimmer war, denn ich
schlafe da, damit eins von uns in der Nähe von der Grossmama nachts ist. - Es
liess mich nicht schlafen, ich dachte immer, es sei wohl besser, nicht nach dem
Buch zu suchen, aber ich hab's doch gelesen. Du hattest mir nie davon gesagt,
und ist's denn wahr, dass es von Dir ist? - und so vieles, was mich ganz
verwirrt! - Grosse und kleine, törichte und vernünftige Begebenheiten scheinen
mir darin verflochten, und dann scheint es mir so sonderbar geschwärmt, und
Höhen und Tiefen, die meinem Geist wie ein Rätsel daliegen. Marias Satire heisst
dies Buch - ist das vielleicht, wie die Schuld und die Unschuld eine verkehrte
Rolle spielen in der Welt, oder ist es scharfes und schonungsloses Beobachten
und Behandeln der Verhältnisse und Menschen? - Was frag ich doch, es geht mich
ja gar nichts an, und wir zwei sind ja bis jetzt immer in - der Liebe und dem
Geist - sehr begreiflichen Lagen miteinander gewesen, wo Du recht wie Maitau,
von dem man wächst und gedeiht, auf mich gewirkt hast. - Nun aber ist mir's, als
wärst Du verzaubert und legtest die Haut der klugen Schlange dann ab, wenn Du
bei mir bist. - Und da kommen mir Gedanken über Dein Glück, die mich verwirren.
Ach, ich hoffe, dass Du es nicht der Mühe wert halten wirst, auf meine mir selbst
unverständige Gedanken und Gefühle zu achten. Ich will lieber von mir sagen: ich
hab jetzt viel zu tun, noch ausser den Büchern von Dir lese ich auch noch viel
vor, französisch-politische Sachen. Ich bin aber jetzt sehr zerstreut und kann
gar solchen Anteil nicht mehr dran nehmen; obschon es mich immer dahin bringt,
dass ich an die Zukunft denken muss wie an einen grossen freien Plan, auf dem die
Welt ganz unabhängig von Meinungen und Willensstreit sollte neu geboren werden
und sollte sich abwaschen von den Zeitumständen und von Leidenschaften und
Begierden und alten Satzungen und sollte die besten, nützlichsten Kräfte und die
erhabensten Empfindungen entwickeln. Denn bis jetzt scheint mir, als sei das
noch nicht so gekommen! - Und soll ich denn fortfahren, Dir alles zu sagen? Wenn
es auch nur kindisch herauskommt und ganz unerfahren? - Ach, was nützt
Erfahrung? sie verführt nur dazu, dass die Leute mit Eigensinn an dem einmal
Festgestellten hängen und durchaus sich nicht zugestehen, dass die Vernunft das
Bessere oder das Wahre erfinde. Zu was nützt es denn, einen forschenden Geist zu
haben, wenn es nicht wäre um die Mittel zu einer neuen Schöpfung zu finden,
worin dieser Geist als in einer Ordnung, die von ihm ausgeht, die zugleich ihn
trägt und ernährt, das Göttliche schafft. - So gross und einfach wie ich mir das
alles denke! Wie könnte ich je glauben, dass ich selbstgedachte Ideen über Welt
und Menschenwesen würde können geltend machen? - Und doch muss ich mich dem
hingeben, als sei es der Fusspfad, der durch unbewanderte Gegenden mich leitet,
vielleicht über gefahrvolle Klippen, die aber in mir Kräfte bilden, mit welchen
ich vielleicht manches erwerben könnte, wovor andre zurückschrecken und
erbleichen, ich aber nicht. - Wenn ich manchmal still stehe und mich nach andren
Menschen umsehe, so fühle ich, wie ich mit ihnen nicht zusammenstimme, wenn ihre
Herzen von aussen her erschüttert und berührt werden, dann zeigen sich Tugenden;
das ist ja aber der Zufall, der hier wirkt, was ist das aber, eine Tugend des
Zufalls? -
    Ich möchte Dir alles vertrauen, was mir im Herzen liegt, aber es liegt so
viel drin, was ich selbst nicht erkenne. Ich möchte beinah sagen, alle Tugend
sei mir zuwider! - Ja! - Ich glaube dies, dass der Mensch ganz das Echte sein
soll und nicht das Unechte. Tugend ist ja aber, was von dem Unechten sich
gestaltet als eine Seeleneigenschaft, die wir in ihrer Übung Tugend nennen. Wenn
aber die Echteit der grosse Ozean wär, der zwar alle Strömungen in sich
aufnimmt, nie aber überwallet, sondern alles umfasset? - Können wir dann sagen,
der Ozean ist tugendreich? - (flüssereich) oder nur: der Ozean ist er selber! -
Sein und Werden ist zweierlei, das sag ich mir auch, und Werden ist für das
wirkliche Leben Kraft fühlen und diese anwenden, und nicht bloss sich zum Helden
träumen. Und dies ist, was mich oft vor mir erschreckt, dass ich im Lande der
Phantasie mir eine grosse Rolle auserwählt habe, die ich zwar ohne Gefahr spiele,
die aber nicht die Wirklichkeit berührt. - Wie mache ich's, dass ich aus dieser
Verbannung des Wirklichen erlöst werde? Dann wär ich nicht mehr traurig, wenn es
mir deutlich würde, was ich will, kann und soll! Dann würde ich mich mit den
Plänen meiner eignen Gedanken beschäftigen; die Welt wäre mein, ich brauchte
nichts von andern und meine Liebe würde gar nicht ein sehnendes Verlangen,
sondern eine wirkende Macht sein. Clemens, ich bin dumm, dass ich solche
Gewaltsgedanken habe, und sage mir oft: »Das ist Dichtung, Du willst aber nicht
bloss aus feuriger Einbildungskraft Dich selbst erdenken wie Du sein möchtest,
sondern Du willst selbst sein.« - Prüfungen und Gefahren bestehen, die aus der
Tätigkeit hervorgehen, das ist Tugend üben, daraus geht das wirkliche Sein erst
hervor. Tugend ist also das Werden, das Sein aber ist Allmacht. - Clemens!
Welche Sehnsucht habe ich zu diesem Sein! - Aus sich selbst handeln, fühlen, dass
man das Schicksal beherrsche, weil alle Keime zu allem, was mir widerfahren
kann, durch mein Tun lebendig werden und zum Blühen kommen und zu Früchten
werden muss. - Mit andern Worten vermöge meines Charakters und meiner Kraft
handeln und, was ich überschaue, auch bemeistern in meinem Innern; das scheint
mir der Herd des Lebens oder der Altar, auf dem die Opferflamme alles Irdische
verzehrt dem innern Gott zu Ehren, und ich will dies immerhin Religion nennen,
obschon dies ganz und gar das innerste tiefste Wurzellager ist des Geistes,
während Religion doch eine über uns selbst erhabne Einwirkung auf uns übt.
    O Sonne schein hernieder und helle mir den Sinn auf, und dass ich nicht
schüchtern vor dem Schatten fliehe, und dass die Zukunft nicht einst wie ein
schwerer Hammerschlag auf meine Vergangenheit falle und sie als nichtig
zusammenschmettere! - Clemens, da siehst Du, wie das in mir ist, was andre
Menschen mit Gebet ersetzen, ich auch rufe an ein himmlisches, aber kein mit
Tugenden (die ich in mir nicht umfasse) ausgeschmücktes Phantom! - Ich rufe an,
alles was meine Tätigkeit reizt, ich sage mir, du willst alles, was aus der
Natur des Menschen entspringt, mutig ertragen, du willst mit rechter Erkenntnis
dich von der Erkünstlung und der Verstimmung des menschlichen Geistes ablösen
und diese überwinden. Und dann sag ich mir: Wer ist Gott? - Gott ist die
Zukunft! Wen diese nicht göttlich an sich reisst, dass er sich von den Ketten
befreie aller Vergangenheit und in der Zukunft ganz aufgehe, den führt's nicht
zu Gott. Ich weiss und fühle, dass ich recht habe! - Denn dies allein löst alle
Ungleichheiten des Glückes auf. Weltbegebenheiten, die gefährlich aussehen für
die Ruhe und die Gegenwart, die wallen da als reiner geistiger Strom zwischen
politischen Ufern, die von schwarzen stupiden Geistern bevölkert sind, dem
Göttlichen zu; das heisst: dem die Freiheit zeugenden Gott. Politik aber ist ein
aus sehr beschränktem Interesse hervorgehendes sehr stupides Handeln und führt
nicht zu Gott, nicht in die Zukunft, sondern es fesselt die Sinne an eine schon
im Werden vergehende Gewalt.
    So träume ich, so denke ich, wenn ich manchmal in der Nacht aufwache und der
Mond scheint ins Zimmer, wenn das immerwährende Treiben in den Wolken die Frage
an mein Geheimnis richtet, was wird wohl aus meinem Leben werden? - Viel soll
daraus werden, geb ich den Wolken zur Antwort, aller Kampf und Widerwärtigkeit
in der dunkeln Flut der Seele rinnt in der Schöpfungskraft der Zukunft entgegen.
Vieles übt das Mondlicht in mir, wie ein dichterisches Genie sieht es und denkt
für mich und übt Talente in meiner Phantasie und erhebt mich so hoch über mein
Sein, dass ich gleichsam das Bewusstsein davon verliere und in dem Spiel mich
selbst gar nicht mehr herausfinden kann. Ach, welche schöne Träume, - ach, wenn
ich denen nachkommen könnte! Aber wenn der Mond untergegangen ist und der Schlaf
hat mich überfallen, dann beim Erwachen ist keine Spur mehr von diesem Zauber in
meinem Geist. Die Veilchen, die kleine Goldstickerin, von der ich Dir im vorigen
Jahr schon manchmal sprach, die hat mir von manchen jüdischen
Religionsgebräuchen erzählt; wenn der Jude den Neumond erblickt, dann sammlet er
seinen Geist, als wolle er seiner Zauberkraft sich unterwerfen. - Und der Jude
klagt ihm und betet, dass ihn der Hass gegen die Feinde nicht verblende, und dass
die Verachtung dieser ihn nicht niederdrücke; und er stellt sich vor dem
Richterstuhl des Mondes, und auf seinen Heimwegen aus Fremde, da öffnet er sein
Gewand dem Neulicht, dass es seine Brust bescheine. Möchte es auch nichts als
bloss Gebrauch sein, so deutet es doch darauf, dass er will zu einer höheren
Sphäre emporgehoben sein durch den Neumond, er verlangt von der Gewalt der
Natur, dass sie ihn erhebe. Wie schön ist dies und wie viel wahrer, als wenn ich
ein Register mache meiner Sünden und mir diese schlimme Rechnung auszulöschen
erbitte von Gott! - Clemens, ich habe mir dies aus der jüdischen Religion
angenommen, oder es ist vielmehr in mich wie ein Blitz hereingefahren, dass ich
zu dem Mond eine Ehrfurcht hege und ein Vertrauen und ich könnte Dir noch viel
mehr sagen, aber auch von den Türken habe ich gelernt das Abwaschen; wenn ich
abends meine Hände wasche, so dient mir das statt Abendgebet; es macht mich
unendlich heiter beim Schlafengehen; - als liege ich in der Wiege einer
schöneren Welt und als werde ich aus dieser Wiege herausfliegen und - jetzt
schweig ich, Clemente, denn Du sollst Dich nicht verwundern über den Trieb
solcher Eigenheiten, es ist ja auch nichts Tiefes, es ist nur ein leises
Berühren mit der Natur. Und was mögen wohl andere für Gesichte und innerliche
Seltsamkeiten haben! - Da fallt mir die de Gachet ein, sie war am Rhein, wo sie
sich ein kleines Gut gekauft hat, manchmal möchte ich bei ihr sein, und ich
glaube auch und fühle, dass sie vortrefflich ist wie Du und Deine Freunde, aber
oft zweifle ich noch an ihr, wenn ich höre, wie sie bei jeder Gelegenheit von
dem spricht - was ihr heilig sei, sagt sie; und ich hab darüber eine
Unterhaltung mit ihr gehabt, sie wohnt auf vierzehn Tage in Oberat, wo sie
jetzt unwohl ist, aber sie wird bald wieder an den Rhein gehen, sie frug mich,
ob ich nicht mit Dir auch bloss von dem spreche, was mir heilig sei? - Ich lachte
sie aus. - Das machte sie böse, sie suchte mich zu überführen, dass ich ganz
kindisch sei und noch nichts vom Leben begriffen habe, denn ich habe noch nicht
vom Baum der Erkenntnis gegessen. - Ich sagte, der trage Äpfel und ich mache mir
nichts aus Äpfeln; wenn ich nun noch dazu gewarnt sei, dass die Äpfel von diesem
Baum eine so wunderliche, unangenehme Erkenntnis des Bösen einem beibringen, das
dann überall einem in den Weg trete, um einem das Vergnügen am Leben zu
verderben, so wolle ich lieber nie Äpfel essen und lauter Kartoffeln, die nicht
schädlich sind. - Sie sah mich so gemischt an - sie sagte lieber gar nichts
mehr. - Ich guckte zum Fenster hinaus nach den kleinen Pflänzchen, die eben
begossen wurden, und nach dem Feld, wo der Landmann den Acker furchte, sie wohnt
bei diesem Mann, um das Pflügen zu lernen, denn sie will im Rheingau ihr Feld
selbst bestellen, und sie ging hinaus, um eine Lektion von Hot und Haar zu
nehmen, den Pflug ordentlich wenden zu lernen, sie begleitete mich noch, nachdem
der Pflug ausgespannt war, durch die Hecken hinter der Gerbermühle weg; sie
fragte, ob das nicht was Heiliges sei, die Erde zu bestellen. - Das kann wohl
sein, aber dass man gegenseitig sich ergiesse über seine Heiligkeit, dass kommt mir
fremd vor. - »Ja«, sagte sie, »fremd kommt einem das Heilige vor, aber das
Unheilige befremdet nicht, das wie ein unheimlicher Strom aller Unterhaltung das
ganze Leben mit sich reisst und überall seinen Schlamm zurücklässt. Wer kann noch
darauf rechnen, dass der Boden des Geistes wieder gereinigt werde von bösen
Dünsten? Die Welt, die so schön könnte sein, wird untergehen, weil das Heilige
vertauscht wird mit dem Scheinheiligen. Es wird eine grosse Verwirrung werden im
Geist der Menschen, und die das Grosse zu tun berufen sind, die werden das Kleine
tun, so geht es mit der Revolution; der Strom des Unheiligen darin ist zu stark,
und die ihm widerstehen, die werden darin untergehen. Das Grosse zu bewirken kann
man immer nur die heiligsten Mittel ergreifen, wo aber zum edelsten Zweck ein
unheilig Mittel dient, da ist er verloren und erzeugt nur Übel«, sagte sie. Sie
war so schön vom Feuer ihrer Rede und von der Morgenluft. Du hättest sie lieben
müssen, ich auch liebte sie, und sie sprach weiter: »Wer das Grosse tut aus
reinem Genie, nämlich ohne sündhafte Vermittlung der eignen Schwäche, die ja
doch das Grosse nicht zu fassen vermag, der kann nicht untergehen. Umstände,
Zufälle, Geschicke reichen diesem aus. - Seine Grösse muss alles decken, erzeugen,
zaubern. War unser König wirklicher König, der nur seine Kraft sammelte durch
das Genie, das immer heilig ist. - Wer konnte ihm widerstehen! Nicht die Nation!
- Geist ist alles, er ist die Macht des Heiligen - er fühlt sich, und dies
Gefühl eben macht ihn zum Herrscher. Die Zuflucht aber zu fremden Mitteln ist
unheilig, und sei der Zweck auch noch so edel und gross, er wird nie verehrt, er
wird unter den eignen Trümmern begraben. - Und die Welt sieht das alles mit
Staunen an und gewöhnt sich zuletzt an die umgestürzten Trümmer, und baut ihr
herabgewürdigtes Leben darauf fort.« - Wie die Frau das alles sagte, so fühlte
ich mich so sehr beklommen vor ihr, und wie ich sah, dass sie keine Tränen wollte
fliessen lassen, ging ich zurück hinter einen Baum und sah mich nicht mehr um
nach ihr; sie stand bald auf von dem Stein, wo sie gesessen hatte, sie sagte
noch zum Abschied, ich solle immer bedenken, dass jeder Mensch das Recht habe,
der grösste zu werden, und dass darin die ganze Erziehung der Seele begründet sei,
- und dass dazu nicht die äussere Grösse und Anerkenntnis gehören, aber die
Geschicke, die seien der Tempel aller Grösse und ihr eignes Geschick beweise es,
dass sie diesen Gedanken immer vor Augen gehabt, sie wolle gross werden in ihrem
Schicksal. »Cette pensée est mon pilote«, sagte sie, »et il me menera par tous
les mondes et cieux!« - Ich vergass Abschied zu nehmen, ich sprang zwischen den
Hecken fort. Wie ich mich nach ihr umsah, stand sie noch da, ich winkte ihr mit
dem Sacktuch, sie nickte mir und ging weg, und jetzt legte ich mich an die Erde
und liess mein Herz ausklopfen.
    Ich war gestern in Frankfurt, es war ein Herr Burckhard da, der uns viele
schöne Bilder und Handzeichnungen zeigte, es waren meistens italienische
Gegenden. Ich möchte nach Italien, ich möchte so gern reisen, die Sehnsucht ist
gar zu gross; ich beschwichtige sie damit, dass ich mir einbilde, Dich bald zu
sehen, diese Freude ist doch noch grösser; ich will mittlerweile recht fleissig
lernen. O Generalbass! - Werden wir uns je einander bezwingen? - O Zeichenkunst,
werde ich je weiter kommen? Die Toni bekümmert sich recht viel um mich. -
    Ich habe mir ein kleines Kabinettchen eingerichtet, in dem ich studiere,
links steht das Klavier, was die eine Wand des Kabinettchens ausmacht, rechts
ist das Fenster, aus dem hör ich abends noch den Klavier-Hoffman gegenüber oft
bis Mitternacht phantasieren und vor mir ist der Tisch und dazwischen noch ein
kleiner Ausgang. Auf dem Tisch liegt Homer und viele andere Bücher, und denn
mein Schreibkästchen mit allen Deinen lieben Briefen. Im Homer lese ich oft;
könnte ich Dir nur darstellen, was ich da für Erfahrungen mache - welche
Rückerinnerungen einer früheren Welt in mir aufgehen. Diese Götter kenne ich,
mein Clemens, die auf goldnen Sandalen die Wolken beschreiten. Sie machen
ungeheuere Schritte und gleiten weit dahin wie auf Schlittschuhen, ehe sie ein
Bein vors andre setzen, und wenn sie sich wenden, so prallen die Wolken vor
ihnen zurück und versenken sich zwischen Geklüft, und wenn sie denn
vorübergeschossen sind in ihrer Ruhe wie der Blitz, dann bricht ihr Zorn in
Gewittern los. - Sieh da im Fenster steht noch eine Hyazinte, die ich selbst
früh aufzog, sie neigt sich zu mir, als wollte sie sehen, was ich schreibe. Ich
bin heute so vergnügt und freue mich so auf alles. Jetzt werde ich ein wenig in
den Garten springen und einen Grasplatz in meinem Gärtchen zurechtmachen, wenn
Du wieder kommst, dass wir uns zusammen daraufsetzen. Ich will ihn so gross
machen, dass man sich recht bequem drauf legen kann und träumen.
                                                            Lieb mich. - Bettine
Eben lese ich diesen langen Brief durch. - Ach, wie verwirrt sind doch meine
Gedanken auf dem ersten Blatt! Versteh ich denn, was ich hab gesagt? - Wenn Du
es vermagst, einen Sinn herauszudenken, das könnte mich noch bei mir
rechtfertigen, denn gestern glaubte ich sehr deutlich, mich selbst zu verstehen.
Ich hab auch so albern über dein Satirenbuch geschrieben wie ein altes
Mütterchen. Und dann von der Revolution zu reden, haben meine Gedanken auch so
ungebärdig sich angestellt. Wie klar und hell ist dagegen, was ich Dir von der
de Gachet wieder gesagt habe, und doch hat sie's selbst noch einfacher und ganz
mächtig ausgesprochen. - Und doch hab ich manchmal mich unterfangen, sie zu
tadeln, oder Argwohn zu hegen gegen sie - die doch so viel grösser und wahrer ist
als alle andre Menschen. Gelt, Clemens, solche Naturen wie die Gachet sind
keiner Kritik unterworfen, denn sie sind weit erhaben über die Gedanken, die wie
ein ungeweihter Rauch aufsteigen aus Vorurteilen, die Gott nicht wohlgefällig
sind.
    Hat mir denn der Ritter nicht danken lassen für meine Samtmütze? - Und hat
er sich nicht über den antiken Lorbeerkranz gefreut? - Das hör ich so gern, wenn
die Leute sich bedanken. -
    Wunderschöne Musik ist das meinen Ohren.
    Noch eine vergnügliche Stunde muss ich vor Abgang des Briefes Dir melden.
Heute morgen, als ich den Brief schon zugemacht hatte und wollte ihn eben dem
Juden Hirsch in seinen Schnappsack werfen, in der Meinung, er sei es, der an der
Türe klingelt, so war es der freundliche Pfarrer Sch ...z, der die Grossmutter
und auch mich besuchen wollte, so sagte er mir wenigstens; ich hab's geglaubt,
obschon es mir was Neues war, dass mich jemand besuchen wollte, und nun noch dazu
aus der Ferne will ein so gelehrter Mann bis nach Offenbach gekommen sein, um
mir weiszumachen, dass er vorzüglich gekommen sei, mich zu sehen! So ein Pfarrer
kann lügen! - Er hat mich geküsst auf die linke Wange und hat mich versichert, es
sei wahr. - Und Du habest ihm schon lange meine Bekanntschaft machen lassen
durch Deine Gespräche über mich! - Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. -
Clemente; der Pfarrer ist ein guter Kerl, aber er ist, glaub ich gewiss, ein
Aufschneider. - Er kann wohl nichts davor, er muss ja Sonntags immer himmeln. -
Und er hielt mir auch eine allerliebste Zauberrede, die etwas Nachwehen von
Kirchenduft hatte. Nein, Clemente, die Rede war wirklich schön; - ach er war ja
gar zu gut der Mann, wie kann ich doch dumm von ihm reden; er hat mich später
auch auf die rechte Wange geküsst und hat mir gesagt, wie schön und edel - ich
weiss es gar nicht mehr, was er gesagt hat, denn ich war zerstreut, denn ich
musste an einen alten Töpfer denken, der gleicht ihm; von dem Töpfer will ich Dir
was erzählen, was sehr Hübsches, ich hab seine Bekanntschaft auf dem letzten
Weihnachtsmarkt gemacht, er hatte einen ganzen Korb voll Tiere gebacken und bunt
glaciert, die bot er zum Verkauf fürs Kindervolk, das seinen Korb umringte und
mehr danach verlangte, als nach allen andern Spielsachen. - Es war auch nicht
von ohne. Zum Beispiel einen Schlitten hat er gemacht, der einen Schwan
vorstellt, weiss glaciert mit schwarzem Schnabel, ein Mohr steht hinten drauf,
schwarzbraun glaciert mit einem grünen Kittel. Dieses Kunstwerk besitze ich
selbst, es steht in meiner Kunstkammer, das heisst unter meinem Bett. - Dem
Töpfer hatte ich damals seinen ganzen Tonkunstvorrat abgekauft für die Kinder,
jedes ging mit einem Lamm oder Fuchs oder Wolf, Bär, Löwe usw. ab, ich behielt
das Hauptstück, den Schlitten; er wollte nun eiligst wieder Neues anfertigen,
und ich wollte gern mit ansehen, wie er damit fertig werde. Und, liebster
Clemente, ich hab drei Abende bei dem Mann zugebracht, Frau und Kinder sassen bei
der Lampe und machten Tiere, die Gott nachträglich noch schaffen muss, wenn er
gerecht sein will, oder seine Unendlichkeit bleibt unerwiesen, denn was die
Phantasie der Töpferskinder erfunden hat, ist noch nicht im Naturreich
geschaffen, dem Vater war aber alles recht, er gab diesen Geschöpfen einen
Schneller und einen Drucker und setzte sie auf Postamente, sie wurden angemalt
von einem Kittel mit einem breiten Schlapphut als Kopf, er sass in der Ecke beim
Feuer am Herd und warf einen mächtigen Schatten. Wie ich nun sah, dass alles so
fix ging, dass keiner zagte, seine Kunstwerke zu fördern, wie keiner eine Kritik
übte, wie alles recht war, was da entstand, da schämte ich mich meiner
Schüchternheit. Ich sass nun auch am Tisch und machte Tonkünste, ins Tierreich
wollte ich mich nicht wagen, ich machte einen Baum, auf seinen Zweigen sitzen
Vögel, so recht antik mit wenig Blättern, kannst Du denken. - Kaum fing er an zu
werden, so hatte der Schlapphut eine Schlange drum geringelt, und der Töpfer
Adam und Eva drunter gestellt. - -
 
                                   An Bettine
Wer kann auf Deine Briefe antworten, mein Kind, da es so kalt ist hier und so
einsam, wenn Dein liebes Bild nicht neben mir stände und alle Deine Liebe ruhig
empfing, ich armer Bewusstloser, von mir selber und von Menschen Verlassner, wäre
erschrocken über die vielen Herrlichkeiten, die Du um mich hervorzauberst; eine
Welt ist mit Deinen Blättern eingedrungen, und doch, ich bin's nicht würdig,
denn was kann ich Dir wiedergeben? - Etwas hat mich geärgert, aber es tut
nichts, auch habe ich mit dem Fuss gestampft, das ist, weil Dich Sch...z geküsst
hat, der ein guter, freundlicher Mann, aber etwas sentimental und stark wie die
Grossmutter ist, leid das nicht wieder; - und was mich angeht, macht er mir
schreckliche Langeweile, er liebäugelt mit dem Universum, das noch nie an ihn
gedacht hat, und meint immer, es meine ihn, wenn es ihn gar nicht meint. - So
viel über diesen Freund, der über mich mit Dir spricht und mit mir sehr gern
über dich sprechen würde, daran zweifle ich keineswegs, allein da hat er seine
Mühe verloren, wenn er einen ganzen Milchkübel von Sentimenten aus mir melken
will - und bin ich nicht ungerecht, wenn ich des Teufels über ihn werde: da ich
doch grade so mit Savigny stehe, von dem ich wieder nichts losbringen kann,
darüber nur folgende Worte: ich gehe nun schon lange mit Savigny um und ringe
vergebens gegen seine Verschlossenheit, die mir zwar nichts verbirgt, weil ich
durch lange Übung eine Sprache an ihm erfunden habe, die er nicht spricht,
sondern die sich selbst spricht. Ich empfinde diese Verschlossenheit jetzt mehr
als sonst, weil ich fauler geworden bin zu buchstabieren. Seine Äusserung über
meine Bitte hierum war die, dass ich alles um mich herum eher verschliessen als
eröffnen könne; dies befremdete mich nicht, weil mir es schon mehrmals geäussert
wurde. Da ich nun keinen einzigen Menschen sehe als ihn und unser gegenseitiges
Verstummen etwas Peinliches hat, solang es mit dem Lusten zum Sprechen kämpft,
so will ich diesen Lusten, der von ihm in gleichem Masse erwidert werden dürfte,
nach und nach aufheben. - Ich habe nun nichts mehr in der Welt, wovon ich gern
rede als von Dir, und habe weiter auch niemand, mit dem ich's könnte. Savigny
verstummt dann ganz, wenn ich von Dir rede, ist es eingeborne Antipatie gegen
Dich oder gegen meine Art zu sprechen. - Wenn Dich's interessiert, so lege Dir's
selber aus.
    Ach, ich sehe immer nach Deinem Bilde hin und bin unendlich einsam, da hab
ich gestern zwei Lieder geschrieben für Dich.
Wie sich auch die Zeit will wenden, enden
Will sich nimmer doch die Ferne,
Freude mag der Mai mir spenden, senden
Möcht dir alles gerne, weil ich Freude nur erlerne,
Wenn du mit gefaltnen Händen
Freudig hebst der Augen Sterne.
Alle Blumen mich nicht grüssen, süssen
Gruss nehm ich von deinem Munde.
Was nicht blühet dir zu Füssen, büssen
Muss es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde,
Bis du mir mit frohen Küssen
Bringest meines Frühlings Kunde.
Wenn die Abendlüfte wehen, sehen
Mich die lieben Vöglein kleine
Traurig an der Linde stehen, spähen,
Wen ich wohl so ernstlich meine, dass ich helle Tränen weine,
Wollen auch nicht schlafen gehen,
Denn sonst wär ich ganz alleine.
Vöglein, euch mag's nicht gelingen, klingen
Darf es nur von ihrem Sange,
Wie des Maies Wonneschlingen, fingen
Alles ein in neuem Zwange; aber dass ich dein verlange
Und du mein, musst du auch singen,
Ach, das ist schon ewig lange.
Am Berge hoch in Lüften,
Da baute er sein Haus;
Am Tore liegt Gewitter,
Nun kann er nicht hinaus.
Die Wolken, sie wollen nicht ziehen,
Der Pfad ist steil und schwer,
O Lieber, Herzlieber in Lüften,
O wenn ich bei dir wär!
Wohl bei dir über Wolken,
Wohl bei dir über Wind,
Wo fromme Vöglein schweben
In Himmelsluft so lind.
Meine Flüglein, die sind mir gebrochen
Und heilen auch nicht eh,
Bis ich zu der Herzliebsten
Durch Tür und Tor eingeh!
Dass ich so stolz in Lüften
Mein Haus gebauet hab,
Das muss mich gar betrüben,
Ich kann nicht mehr hinab;
Die Riegel sind alle verrostet,
Die Tore, sie gehen so schwer
O Liebchen, Herzliebchen im Tale,
O wenn ich bei dir wär!
Wohl bei dir in dem Garten,
Wohl bei dir in dem Wald,
Wo dichte Bäume stehen
Und Vogelsang erschallt.
Ich kann kein'n Kranz mehr flechten
Und singen auch nicht eh,
Bis ich zu dir, Herzliebste,
Durch Flur und Wald eingeh.
Sie dringt wohl durch die Wolken,
Geht ein durch Tür und Tor,
Die Flüglein schnell ihr heilen
Und heben sie empor,
Wohl über die Wolken und höher
Zu Gott wohl in die Höh,
Trägt sie das treue Herze,
Ade, Herzlieber, Ade! -
Er dringt wohl durch die Wolke,
Geht ein durch Flur und Wald,
Ein Kranz wird ihm geflochten,
Ein Lied ihm auch erschallt,
Wohl unter dem Baum und wohl tiefer,
Wohl unter grünem Klee
Ruht nun sein stolzes Herze,
Ade, Herzliebste, Ade! -
Mach doch eine Melodie darauf. Dein Clemens
Und nun schliesse ich den Brief, als ob ich das geringste Dir geantwortet hätte
auf alle Liebkosungen Deines Geistes, die in Deinem Brief in so schöner
Konsequenz einander folgen. Deucht mir doch, als habe Gott Berg und Tale und
alle Schönheiten der Natur in so lieblicher Verwirrung untereinandergeworfen,
als Deine Weisheit ihr gleicht, und die Gachet hast Du so warm in Deine
Begeistrung eingebettet, als sei sie Dein Gast, dem Du den Ehrenplatz einräumst.
    Du machst mich dennoch reich, obschon Du mich auch marterst, denn ich
verbringe viele Stunden einsamer Zeit mit Nachdenken über einzelnes. Deine
letzte Erzählung vom Töpfer hat mich wieder auf alte Sprünge geführt, ob Dein
Platz nicht auf eine Künstlerwerkstatt sich beschränken möge! - Und doch könnte
mich Deine Zukunft anklagen, Dich beschränkt zu haben mit diesem Begriff. Das
Wort ist das allumfassendste Element, das den reinsten Genuss gewährt, aber auch
ist es das gewagteste, aber wer kühn ist, der muss ein Feld dazu haben; - Du bist
zu allem zu lebendig, schreitest über alles hinaus; Lernjahre kann ich Dir gar
nicht zudenken, reflektieren. - Ach Kind, es ist was Trauriges, lies dies Blatt,
was ich hier beilege, und was ich an meinem mondhellen Schreibtisch schrieb,
gestern, als ich Deinen Brief in der Dämmerung zum zweitenmal überlesen hatte
und über Kunst und Deine Verwandschaft zu ihr viel gedacht hatte.
    Sobald wir Geschichte der Kunst sagen wollen, setzen wir eine einzige Kunst
voraus, die aber nur Idee ist und als Kunst nie existiert hat, denn es liegt
eine historische Unmöglichkeit in der Totalbildung aller Menschen, und sobald
diese eine Kunst soll dagewesen sein, müsste diese Totalbildung dagewesen sein,
und nach meiner Meinung ist nur nach dem Ende der Welt eine solche einzige Kunst
dagewesen. Es gibt keine einzige Kunst, denn die Kunst kann nie gewusst werden,
und nur die Künste waren da. - Diese einzige Kunst kann nie gedacht werden, denn
solange noch gedacht wird, ist die Kunst noch nicht bewiesen einzig, da das
Denken in der Kunst aufgehoben sein und als Gedachtes erscheinen muss. Es gibt
ein einziges Leben, denn alles Leben ist ein Gelebtes, die Kunst aber ist ein
ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich. Das einzige Wissen ist das,
dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte; da aber diese totale Kunst
das ganze Wissen aufheben würde, indem diese sogenannte einzige Kunst das
ungewusste Wissen ist, so kann diese einzige Kunst nur im allgemeinen Tode liegen
oder im allgemeinen Nichtwissen, wir wissen von keinem Wissen als durch unser
Dasein, unser Dasein ist unsere Trennung von dem Äusseren durch die Sinne. Unsere
Sinne sind der Gegensatz der Kunst oder der Künste, und je höher unsre Sinne
gebildet sind, je mehr Künste sind da, denn jedem Grade des Wissens ist eine
neue Kunst entgegengesetzt. Die Kunst ist also nimmer da als lebendig, sondern
als Tod. Denn blosses vollendetes Dasein ist Tod, - Schönheit ist Tod - jede
angenommene Kunst als einzige Kunst kann also nur ein verlornes sein und daher
alle Erhebung, alle Rührung bei echten Kunstwerken nur religiös und nicht
künstlerisch. Kunst ist daher Bedingung der Religion, wie Religion Unbedingung
der Kunst; und Kunstwerk ist Bedingung dieser Bedingung in der Erscheinung. Wie
Erscheinung Bedingung einer gewissen Konstruktion des Wissens ist; aber nie des
totalen Wissens, denn dieses ist Nichtwissen, weil zum Wissen keine Gleichheit,
sondern Sieg gehört. Es gibt also nur Künste, und Sterben ist nur der Sieg des
grösseren zu wissenden Tod oder der allgemeinen Unsterblichkeit.
    Freundschaft hat allein keine Gotteit, weil sie übersinnlich ist! -
    Hier fielen mir die Augen zu; grade im Augenblick, als ich Deinem Genius
widersprechen wollte, der in einem Deiner früheren Briefe Dir diktierte,
Freundschaft sei Brudermord.
    Ach, ich bin matt und müde und höchst traurig. - Der Geist Deines Briefes
ist stark kompromittiert durch den meinen, dass er Dir nicht besser zu entgegnen
weiss. Adieu, lieb mich und verzeih mir alle Schwächen, die ich heute so stark in
mir fühle. Ich habe heute Morgen den Savigny persuadieren wollen, Dein Bild
anzusehen und es schön zu finden, ich machte einen Versuch, ihn zum Sprechen zu
bewegen, allein er sagt partout nichts. -
                                Lieber Clemens!
Der Savigny kann wohl ruhig Dir zusehen, wie Du schwärmst für ein Bildchen, das
zwar nur gemalt auf ein kleines Brettchen doch Deine Schwester Dir lieblicher
ins Gedächtnis ruft, als sie wirklich ist. - Der Savigny sieht still dem zu, wie
Du und andre ausgreifen nach Glück, und tausend Missverständnissen dadurch
begegnen; seine Glückseligkeitslehre geht ungestört über dem Gewirr Eurer
phantastischen Neigungen weg, er sieht Eure Freuden und Leiden wie Tag und Nacht
wechseln, denn wie könnte er Anteil nehmen an dem neugefundnen Glück, dass Ihr
jeden Augenblick aus dem grossen Ozean der Zufälligkeiten herausfischet und
gleichgültig wieder in diesen Ozean hineinfallen lasset, was Euch im ersten
Augenblick geblendet hat. Ihm aber wächst im heimlichen Grund eine Blume, die
nicht verblüht, Du nennst sie seine Studiermaschine, ich nenne sie seine Muse.
Was er hört und sieht, das entgleitet seinen Sinnen wieder, sobald es nicht
Bezug auf sie hat. Und das ist natürlich, was Dir unnatürlich deucht. Und wo er
fühlt, mag er nur sich selber in diesem Wirken fühlen, seine Muse führt ihn mit
freundlichem Anstand die Berge hinan, die andre unersteiglich finden, und
bereitet ihm die Ordnung, die er notwendig fordert, wenn er sich einheimisch bei
ihr fühlen soll, es muss ihr doch was an ihm liegen, sonst pflegte sie ihn nicht
mit dieser Sorgfalt. Drum soll Dich auch sein Stillschweigen nicht verdriessen,
denn Du und ich sind ausser aller Ordnung. - Das nennt er nun Verschliessen, - dass
seine Ordnung mit Deiner Ausserordnung die Grenzscheide zieht. - Du bist
ungerecht, ihm das zu verargen, aber Dir ist's zu verargen, dass es Dich
ungeduldig macht; ich bitte Dich, was fragst Du danach, oder wie ist's möglich,
dass Du nachträglich noch melancholisch darum sein kannst. - Welche Freude hab
ich, wenn er mir schreibt, auch nur wenig Worte, seine Briefe sind mir
Heiligtümer, aber welche Freude hab ich, auch wenn er nicht schreibt, an dem
reinen Himmelsblau, das die schwarzen Schwalben durchjauchzen heute zum
erstenmal, die alte Kordel freut sich und liest aus ihrer frühen Ankunft einen
warmen Sommer, ihre neunzig Jahre sonnen sich gern. Wie schön ist's an ihr, dass
sie an allem sich freut. Ja, es gibt viele Lesearten von dem, was die Seele
begehrt. - Und alles tönt in die Wahrheit, die in Dir selber erklingt, und dazu
kann Savigny immer schweigen. Was er Dir wörtlich sagen könnte, das ist nur
Nebensache gegen diesen Hauptinhalt des Schweigens oder Nichtssagens, worüber Du
klagst, dessen doch sein inneres Leben bedarf.
    Ich bin nicht neugierig, was innerhalb seiner Geistesburg vorgeht; so wenig
als auf das, was innerhalb von Klostermauern vorgeht. Wer einmal weiss, alles
geht innerhalb der vier Wände der Ordnung, wie kann der noch Kunde davon haben
wollen und sich kränken, wenn keine erschallt.
    Weisst Du, es ist heute der 7. Mai, geh in den Wald, lausch der Nachtigall,
die drauf losschmettert, trotz dem »schweigenden Haine«, sie durchschallet das
Revier allein, und allein hört sie begeistert sich zu. Schweigt, Ihr Nachbarn,
denn sie antwortet eben ihr volles Leben dem Frühling, der hat sie darum
gefragt. Mit Savigny und Dir ist solch Frag- und Anwortspiel nicht, wie der
Frühling und die Nachtigall haben. - Was willst Du nun noch? - Du bist im
Unrecht, und er ist im Recht in seiner Stummheit. - Du aber, Clemens, darfst
nicht verstummen, Du lockst wie ein Vogelsteller die zärtlichen Waldsänger; o
wer hat nicht Lust, ein Vögelchen in der Nähe zu sehen, zu haschen und zu
liebkosen und dann wieder fliegen zu lassen. Du lockst mir sie herbei, die das
Naturleben so glücklich, so ganz ergötzlich bevölkern. -
    Die Briefe Deines Ritter! - Er singt ja zu mir! - Und Du hast mir's ganz
verschwiegen? - Und jetzt bitte ich, schick ihm die beiliegenden Zeilen. -
    Clemens! - Ich weiss, dass eine ganz eigne Polizei existiert, womit man die
jungen Mädchen verfolgt. - Und das nennt man in der Ordnung. Und aber Ordnung
umfasst nicht das Ausserordentliche, das sich reimt mit dem Göttlichen. Ordnung
ist hölzern, sie kann sich nicht reimen! - Aber Göttlich und ausserordentlich
reimt sich. Die Purpurröten! Sie wogen, sie durchleuchten und färben reizend die
strömenden Lüfte, lasse sie das freie Blaue in sich trinken! -
    Lieber Ritter! Dem Clemens zum Trotz zaubere Du doch ein wenig Rot mir in
die blaue Ferne, ich schlürfe es wie das rote Blut der Traube, und wenn ich auch
ein wenig trunken träume! -
    Clemente, ich muss Deiner lachen! - »Wie sie so sanft ruhn, alle die
Seligen.« - Dies Lied fällt mir eben ein. - Ja, es ist in der Ordnung, dass sie
ruhen, und es reimt sich nicht auf mich, die singt: Du, o Dionysos, umschlingst
die Seele und trägst aus purpurtrunknen Gluten sie hinüber ins ewig frische
Blau! - Das ist nicht in der Ordnung (denn wer Teufel versteht es), aber es ist
doch unendlich schön und reimt sich mit meiner lebendigen Seele.
    Mir sind Ritters Briefe ein Zauberspiegel seiner Geistesnatur! Nichts von
Ordnung darin. Aber »jeden Nachklang fühlt mein Herz« reimt sich auf diese
Ausserordnung. Jeder Halm auf der Abendwiese wiegt sich in diesem Nachklang, und
darauf reimt sich: »Es steht von goldnen Blumen die ganze Wiese so voll«, und es
ist schön, wie sie aus seinen Briefen mir zunicken, und das ganze
Seelengeheimnis ist nur ein ewig Blühen und Fruchtbringen der Natur, an dem der
Vergleich des Herkömmlichen stumm vorübergeht; - es hat keinen Teil an ihm. - Im
Geheimnis ist der Mensch frei, er hat keinen Richter, sein Gewissen hält Wache
für ihn auf der höchsten Höhe. Und übersieht und erkennt und erreicht alles, was
dem Gewissen der Vorurteilsmenschheit ein furchtbarer Kampf ist.
    Wer Ewigkeit glaubt, hat die Unsterblichkeit. Wer dem Geheimnis nicht
einverleibt ist, hat keine Existenz. - Ich hab das antworten wollen auf Deine
kunstvertiefte Schauung; und ich hab sie gar nicht verstanden und wieder gelesen
und noch nicht verstanden. Und endlich hab ich aber gemerkt, dass ich mich immer
zerstreuen liess durch einen schmalen Lichtstreif, der durch ein Astloch des
zugemachten Ladens fiel, quer über meinen Schreibtisch, in dem tanzte der
Demantstaub des Lichtes, und ich sah ihren Kontertänzen zu, anstatt nachzudenken
über das, was ich nicht gleich verstand. - Jetzt hab ich aber dem Astloch den
Rücken gewendet. Und da hab ich mich besonnen, so scharf ich vermochte. Da sagst
Du: »Es gibt nur ein einziges Leben, denn das Leben all ist ein gelebtes.« - Ja,
Clemens! - Ein gelebtes, wo jeder Atemzug ewig drin fortlebt. - »Die Kunst aber
ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich.« - Ach, darauf hab
ich mich stark besonnen; und immer schwankt's. - - Und jetzt weiss ich's! - Oder
weiss ich's dennoch nicht? - Ein ungelebtes Leben! Mein Gott! Meine Götter, zu
denen der Geist alle Sinne alle Augenblicke die Tempelstufen hinanträgt. - Wie
die Lichtstäubchen dort den Sonnenstrahl hinantanzen, - in denen aller Geist
sich einwebt oder auflöst. Ist das die ungelebte Kunst, die nicht möglich ist im
Leben, - so lebt doch der Geist einzig in ihr und steigt bis zur obersten
Sprosse der Himmelsleiter mit starkem Willen; - mir ist bang, sie muss ihm
nachgeben. - Still! Hier verwirrt sich's! - »Das einzige Wissen ist das, dem
eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte.« Ich schäm mich, eine Antwort
zu suchen. - Und doch hab ich sie: Das einzige Wissen ist der liebende Geist,
die einzige Kunst ist das des zu liebenden Göttlichen, was des Geistes Streben
an sich reisst durch seine magnetische Kraft. Die Kunst also ist ungelebte
Magnetkraft, die alles Leben an sich reisst. - Ach! - In der fernsten Ferne
meines Lebens sehe ich, fühle ich diese Magnetkraft mich beherrschen, - sie ist
Kunst in sich. Feuerkraft ist sie, dem Geisteswillen sich zu unterwerfen. Das
Ungelebte zwingt das Lebende! - Bist Du's zufrieden, Clemens? - - Adieu.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
Liebes Mädchen! Hier ohne Dich zu wohnen, wenn ich das aushalte, so darf ich
mich meiner Stärke rühmen. - Ach, wo ist's in der Welt wieder so schön als hier
in diesem Frühling hoch in den Lüften zu schweben, dem Himmel so nah, dass jedes
der sechs Fenster meiner Stube eine prächtige Landschaft unter Rahm und Glas
bringt. Nur das Grosse der Stadt berührt mich; die Türme sehen mir in die
Fenster, und die Stadtuhren sind meine Wanduhren, ich kann nichts tun als an
Dich denken, Dein Bild hinhalten. Der Frühling flieht von meilenweiten Bergen
über die blühenden Felder und den sanften Strom und die klingenden, singenden,
schwingenden Wälder her zu mir; und bringt Blumendüfte, Farben und Klänge mit,
all herein zu den sechs Fenstern, und da halte ich Dein Bild in die Mitte, dass
es der Reichtum der Jugend umwalle. Ach, warum bist Du nicht da? - Ich bin
entsetzlich ungeduldig um Dich! - Überall entbehre ich Dich, und selbst an Dich
zu schreiben macht mir Schmerz, weil Du mir auch dazu fehlst! Ja, zu den
Gedanken an Dich, zu Dir selbst fehlst Du mir. Und wenn Du da wärst, so wärst Du
überall in der Herrlichkeit. - Und alles Sprechen ist nicht wert, ein Wort
darüber zu verlieren, so wie alles Schiessen keinen Schuss Pulver wert ist. - Wenn
ich Dir sagen soll, wie es hier ist, wie es mir ist, wahrhaftig ganz anders als
beim de Gabrielli, der Sonn und Mond, Wald und Tal und Ferne und Sturm auf
ölgetränktem Papier uns so deutlich vormalte, und wir uns beide freuten so
herzlich darüber. Nein, es ist auf dem Papier nicht zu erschwingen, was ich
brauchte, Dir zu sagen, was man hier in einer Minute empfinden kann, ich müsste
in einer Minute wahnsinnig und gescheut, dichtend und liebend und spottend und
lebend und sterbend sein, um Dir dies Leben recht wieder zuzuströmen. Das Haus
mitten in den Berg gebaut, aus allen Stockwerken in den Garten, selbst aus dem
Keller. Wenige Schritte oben das prächtige Schloss und Eichen und alles. O ich
möchte noch einmal närrisch werden, da ich's einmal schon bin. Daneben steht am
Garten ein hoher, alter Turm, da lassen wir nun eine Treppe hinaufführen, ich
bin schon mit einer Leiter hinaufgestiegen; oben wird ein Zelt aufgeschlagen,
und da hängt man wie ein Luftschiffer über Berg und Tal. - Ach ich langweile
mich tot, dass Du nicht da bist, Bettine, dass Du nicht da bist all du Frühling,
den ich soeben erzählt hab, dass Du alles nicht da bist, was da ist, weil Du mir
fehlst, lieb Mädchen. Gott weiss, ich sehe nur alles im Auge, im Genuss derer, die
ich liebe, und ohne sie ist die Welt mir eine ausgebrannte Kohle. Aber ich liebe
auch Gott und sein Werk und am meisten Dich, Du bist mir sein Absteigquartier.
Die Vögel philosophieren in den Lüften, die Frösche weissagen in den Teichen,
und ich versuche ihnen nachzusingen und zu quaken, derweile sie ihre Studia
absolvieren. - Ach helf mit - wirke auf Deinem Fleckchen, der Welt den Frühling
in seiner Fülle in den Schoss zu ergiessen, damit das Leben überall sich regt;
sonst kommen Vögel und Frösche bei Euch zu kurz vor lauter Amtsgeschäften. - -
    Sieh aber nur, so sind die Menschen, so bin ich auch. Gestern und vorgestern
hab ich das Vorhergehende geschrieben, da war alles das noch neu und
wünschenswert, ich konnte noch nach Dir und nach der Natur begehren. Heute ist
es schon ganz anders, ich begehre nur nach Dir, es ist mir, als hätt ich Dich in
ewiger Zeit nicht gesehen, und ich empfinde recht deutlich, wie Erinnerung und
Sehnsucht einander so ähnlich sind, dass sie sich sogar ergänzen. Und was die
Erinnerung nie gewusst hat, das kann die Sehnsucht in Erfahrung bringen und es
der Erinnerung überliefern. Dass ich Dich so lebhaft vor mir sehe und in jeder
Minute Deiner gedenke, ist doch nur eine Folge davon, dass Dein Bild erst so
kurze Zeit deutlich in mir aufgeregt ist durch Deinen Brief, und hätte ich nun
seit längerer Zeit nichts von Dir erfahren, so würde mein Sehnen danach der
Erinnerung die Rolle abnehmen. Die Nähe hinter und vor uns regt uns gleich stark
an. Was wir vergessen, töten wir, wessen wir gedenken, das beleben wir. Was uns
vergisst, das tötet uns. Jede Sehnsucht ist Begierde, zu bilden, zu gebären, jede
Erinnerung ist eine Wiedergeburt. Wahrhaftig, liebes Kind, ich liebe den
Frühling nur, weil ich mit innigerer Rührung Deiner drinnen gedenken mag, weil
er das einzige ist, das mir in Momenten Dich würdig ersetzen kann, und er
versteht und reflektiert mich doch noch nicht wie Du und kann mich nicht so
belehren und erquicken. Aus einer recht herzlichen offenherzigen Liebe kann doch
nur allein in der Welt etwas werden, und wenn der Menschen Geist sich nicht
recht gewaltig durchdringt und nicht recht muss, so bleibt es eine ewige
Lumpenkrämerei und gibt immer Platteiten. So wie die Elemente sich durchdringen
und die Welt bilden und der Geist und die Welt sich durchdringen und den
Menschen bilden und der Mensch diese Liebe mit einem freien Blick ansieht, und
indem er ihre Notwendigkeit und seine Freiheit in dieser Notwendigkeit
betrachtet, den Gott erkennt und anbetet - alles das ist nur eine herzliche
Liebe, wo diese Liebe nicht ist, da ist die Dummheit und all das Böse, das uns
empört. - Ich kann mich oft recht an dem Gedanken entzücken, dass mir in Dir die
Welt, die mir gegenübersteht, die Welt, die ich gern ansehen und lieben mag, ja
alles, was des Meinigen auf Erden werden sollte, zum Menschen erschaffen worden
ist, der mich wieder aufnimmt in seine Gedanken und sich an meinen Freuden
ergötzt; seitdem kommen alle freundlichen Ideen, die ich denke, zu mir zurück
und denken mich wieder; und was ich anschaue mit Liebe, das schaut mich wieder
so an; seitdem bin ich zur Welt geworden und lebe das Leben, das man mein Leben
nennt, das aber des Lebens Leben selber ist. - Ich habe mich oft unterfangen,
meine Liebe zu Dir zu meinem eignen Werk zu machen, aber es war ein verkehrter
Streich, ich bin das Werk meiner Liebe zu Dir, und nicht diese Liebe mein Werk.
- Meine unglückliche frühere Neigung preise ich jetzt hoch, denn ich habe mich
dadurch erkennen gelernt, und so kann ich Dich in jeder Minute recht verstehen,
und Du brauchst keinen Blick unerwidert in die Welt zu tun; und alles, was von
Dir laut wird, findet einen freundlichen Richter in mir. - Gott will's so haben,
dass wir uns lieben und einander belehren sollen, ich sehe es in allen Dingen und
gebe mich dem offen hin, denn ich will nicht mit der Wahrheit streiten, denn es
ist nicht möglich, sich zu trennen von dem, in dem man sich begriffen fühlt; es
ist undenkbar wie alles Resignieren, was immer nur auf sich selbst verzichten
heisst. - Es resigniert niemand, so wenig als das Wasser resignieren kann Wasser
zu sein, solange es noch Wasser ist. - Und Resignation ist nach meinem Begriff
nichts als eine lächerliche Selbstgefälligkeit in einer notwendigen Veränderung
unseres Selbst, welche Veränderung durch diese lächerliche Selbstgefälligkeit
allein entsteht. - Resignation und Kaprize sind an und für sich dieselben
tötenden Feinde des eigentlichen freien und vollen Lebens, das nichts von sich
weiss, und das mit einer von beiden zu sterben beginnt. Wenn wir mit Kaprize das
Leben festalten wollen, so resignierte das Leben schon auf uns und ist im
Abmarsch. - Wenn wir resignieren, so sind wir im Abmarsch, und das Leben hat die
Kaprize, uns nachzulaufen oder nicht, und beides ist eine gegenseitige schlechte
Koketterie, bei der man die Zeit verliert. Denn dass wir so oder so leben, ist
grade der Beweis, dass wir so leben wollen und sollen, solange wir wollen; da das
Leben die Durchdringung des Geistes und Stoffes ist, in der sich nach ewigen
Gesetzen grade die Lebenserscheinung konstalisiert, so ist's in allem. Das ganze
Leben kehrt in sich selbst zurück, und wo wir schon so in uns selbst
zurückgegangen sind, dass wir von uns selbst und also von keinem Ding uns mehr
getrennt denken können, heisst es, sei der Tod; der Tod aber ist in jedem Momente
des Lebens, da das Leben nichts ist als das ewige Zurückkehren und Hervorgehen
des Lebens aus und in sich in demselben Momente. - Ebenso ist das Leben in jedem
Momente des Todes, denn Leben und Tod sind eins; um leben zu können, muss man
ewig sterben, und um sterben zu können, ewig leben. Die Ansicht vom Leben im
Gegensatze vom Tod ist eine sehr beschränkte Ansicht, und etwa so, als klage ein
Handwerksbursch über die Flüchtigkeit der Zeit, weil der viele Spass am blauen
Montag ihm den seinen so kurzweilig macht. Alle Menschen, die ihre eigne
Biographie für ihr Leben halten und so lange einen Menschen für lebendig halten,
als seine Stelle nicht vakant ist, sind solche Handwerksburschen, und ihr Leben
sind blaue Montage. -
    Wir leben nur durch das Bewusstsein unseres Lebens, aber ohne alles Leben
überhaupt haben wir kein Bewusstsein, und wir leben daher nur durch die Ewigkeit
des Lebens, die alles Leben ist und jedes Leben.
    So gibt es denn nur ein Leben. Damit übrigens etwas lebe, muss es im Momente
erscheinen und also von der Zeit gefesselt sein; insofern also unser
eigentümlich Leben im Momente liegt, ist es in diesem von der Zeit gefesselt,
und hinter jedem Momente liegt dessen Tod; der Tod also befestigt das Leben in
der Zeit, die Zeit aber selbst ist ein Produkt von uns, denn wir können eine
Ewigkeit denken, also liegt der Tod in der Ewigkeit, und Leben ist nichts als
die Ewigkeit, die wir uns zueignen dadurch, dass wir uns ein Stückchen von ihr
mit einem hinten vorgehaltnen Tod auffangen. - Doch ich kehr zu Dir zurück,
liebes geliebtes Kind, ist doch diese Reflexion schon eine Sünde gegen Dich, ich
habe in Dir meine Ewigkeit so schön gefangen, dass ich nicht länger
grammatisieren darf; da das Leben der Sprache ein Gedicht mit mir lebt, das Du
bist, Du Lied vom Weibe, von Liebe und von Gott. - Dass ich Dich so liebe, dafür
danke Gott, wenn es Dich glücklich machen kann, ich danke ihm auch um Deiner
Liebe willen. Es ist ein grosses Erbarmen von ihm, dass er uns alles in einander
gegeben hat, und wir dürfen nicht stolz darauf sein, denn es ist nur Gott, den
man liebt, den Gott im Menschen, und je schärfer und tiefer wir blicken, je mehr
erkennen wir ihn, und je ruhiger und einfacher wird die Liebe. - Etwas Rührendes
liegt in unserer Liebe; wenn ich Dir ernst über lebendige Stellen meines Lebens
spreche, die nun gestorben sind, und wenn ich Deiner gedenke! - Aller Lärm wird
dann stumm, alle Menschen werden mir steinern neben Dir, und dies Stille erwacht
in eine Musik, ich möchte sie eine innere Musik nennen, die sich selbst hört.
Wenn ich aufrichtig sein soll, spreche ich mich gegen niemand gern aus als gegen
Dich, denn Du verstehst mich und freust Dich meiner. Mit den andern Menschen
verbindet mich nichts als ihre Seltenheit. - Gute Nacht bis morgen! -
                                                                         Clemens
Sollte die Günderode Dir einen sehr wunderbaren Brief von mir zeigen, so
verwundre Dich nicht, ich bin begierig, was sie darauf spricht.
 
                                   An Clemens
Es geht schlecht mit meinem Witz, Dein Brief ist wie der Blitz in mich
eingeschlagen, und ich kann Dir Neues davon sagen, wie das einem tut! - Gar
nicht - tut es einem. Geist samt Eindruck verschwunden! Erst hab ich mich
besonnen, ob ich nicht Dir diese Lähmung verschweigen solle, dass ich nämlich mit
Deinem Brief nichts anzufangen weiss und lieber Dir etwas vorzaubere vom
Frühling, der hier gar nicht schlecht ist. Gibt's der Tage viele wie der
gestrige Sonntag? - Himmelsbläue - unendliche! kräftige! vom Sonnenfeuer
durchglüht, die Bäume vermählten ihre Schatten einander, alles im schönsten
Frieden lautloser Stille, - die Orangen warfen als ihre Blüten herunter, - da
hab ich gelegen im Boskett und alle Blüten aufgefressen, konnt nichts mehr zu
Mittag essen, die Grossmama frägt, ob ich krank sei, in der Nachbarschaft sind
die Rötlen. -
    Dein Brief kam um zwei Uhr, ich wollt ihn studieren unter jenen duftenden
Bäumen, ein narkotischer Balsam strömte aus seinen weisheitsvollen Blättern, der
Sonnenschein ging, ich hatte den Brief nicht bedacht, aber beschlafen, aber doch
blieb mein Begriff gelähmt. Der Mond kam, und der Tag war noch nicht vergangen,
ich ging zum Gitter im Boskett, wo die Blumen alle stehen auf hohen
Paradegestellen, man kann dran hinaufsteigen. Der Gärtner stand oben mit der
Giesskanne, ich ward ganz durstig, wie sie so gierig das kühle Wasser schluckten,
ich trank aus der Giesskanne. Der Gärtner wollt es nicht leiden, ich sollte
warten, dass er ein Glas hole. Ich bin dem Gärtner gut, er ist mein bester
Geselle. Alles, was er sagt, verbindet sich so nah mit der Gegenwart. Die
Blumenglocken bewegten sich vom Abendwind, der zieht mit sanftem Brausen durch
die erfrischten Sträucher und nimmt den Staub der Blumen mit sich fort; jeden
Abend sieht der Gärtner diesem Spiel des Windes mit den Blumen zu. Grade in
diesem Monat versäumt der Wind es keinen Abend, sagt der Gärtner.
    Was ich gesehen hab noch? - Eine Biene, die sich ein Bad zurecht machte in
dem Schüsselblatt von einer Geissblattblüte, sie patschte drin herum, tauchte den
Kopf unter und wusch sich von allen Seiten mit ihrem Rüsselchen, grad wie eine
Katze. - Nun denk ich, ob man eine Biene nicht könne zahm machen auch wie eine
Katze. Dass sie hereingeflogen käm abends und schlief da auf einem Nelkenstock
oder Wicken oder sonst einem Blumenstock, den die Bienen lieben. Der Gärtner
meint, eine oder die andere, die einen aparten Sinn habe, könne das wohl - und
sagte noch allerlei von den Bienen, was die Leute nicht glauben, weil es zu
gescheut wär für so kleine Tiere, aber es sei dennoch wahr; ich glaub's, warum
soll er es nicht besser wissen, da er diese mit so grosser Liebe beobachtet, das
heisst mit Geist. Die Leute sind wohl auch so dumm zu glauben, ein Gärtner habe
keinen Geist; - aber, der hat Geist - und kann also mit Geist beobachten, das
heisst mit Liebe. -
    Ja, Clemens, ich hab gestern abend noch an Dich schreiben wollen, aber ich
musste nachdenken über die Bienen. Ob sie wohl einen an der Stimme erkennen
würden? - Die Bienen haben ein fein Gehör, sie richten sich bei weiten Ausflügen
nach dem Abendgeläut, sie unterscheiden genau die Glocke ihres Dorfs, das hat
der Gärtner in seinem Dorf hundertmal beobachtet. Wir überlegten's noch mit dem
Heimlichmachen der Bienen; - einen Blumenstrauss im Mund, sich ins Gras legen und
schlafend stellen. Kommen die Bienen, so muss man sie nicht verjagen, sagt der
Gärtner, wenn sie auch an den Blumen vorbei aufs Gesicht fliegen, sie stechen
nicht. - Wenn eine erst zahm ist, dann kommen mehrere. - Das wär mir eine
Freude, Clemente, über alle Freuden, wenn ich so an einem heissen Sommertag in
der Lindenallee spazieren ging und die Bienen kämen alle von den Bäumen
herabgeflogen und umschwärmten mich. Er würde gleich mit schwärmen, meint der
Gärtner! - Ich weiss es - und er flög wohl auch daneben; und ich weiss - liebster
Clemente! Der ist aber kein sentimentaler Pfarrer, der mit dem Universum
liebäugelt!
    Bis die Bienen wirklich kommen und mich umsummen, dass ich mein eigen Wort
nicht hör, hat's Zeit, Deinen liebenden Brief zu besprechen. Schon in Deinem
früheren Brief über Kunst steht - - ich fühl, dass solche tief durchdachte
Gedanken, die Du an mich zwar richtest, doch vielmehr der Welt angehören, das
erstemal wollte ich sie wie einen musikalischen Satz durch einen Gegensatz
beantworten, wodurch erst seine Basis begründet wird, sagt der Musiker, und eine
Symphonie aus sich hervorzubilden vermag. Aber, Clemens, ich fühlte mich so
beklommen bei Deinem neuen Brief! - Er passt nicht zu meiner feurigen
Frühlingsstimmung. »Durch Feld und Wald zu schweifen, mein Liedchen
wegzupfeifen!« - - - er passt nicht zu meinem himmlischen leichtsinnigen
Stubenkamerad, meinem Dämon, - nicht Damon - der mir's unter die Füsse gibt, ich
soll mich nicht auf Stelzen begeben. - Und »was kann ich, was kann ich dafür?« -
Dass es mir gar um Freundschaft und Liebe nicht zu tun ist.
    Gestern, Dienstag, waren wir im Forstwäldchen auf einem Ball, bei Moritz
Betmann. - Der Brief kommt nicht weiter heute, es steht ein Blumenstrauss auf
meinem Tisch von lauter Vergissmeinnicht, wunderlich gebunden wie ein Kelchglas.
In der Mitte auf dem Grund des Kelches sind Moosrosen. Wie schön! - Ja, ihr
Rosen seid schön, und euer Gewand ist die Schönheit selbst, und euer Reiz
umwallt gleich die Brust, an der ihr vergeht! Und ihr seid so schnell fort, und
doch hat man so zärtlich euch geliebt - und doch seufzt man euch nicht nach! -
Warum nicht? - Hat's Gott gewollt, dass man euch liebe, wie der Clemens mir sagt:
ich sei berufen mit ihm zusammen, dass wir einander lieben, wenn das so wär, dass
Gott wolle, wo er gar nicht zu wollen hat, ich würde ihm widerspenstig sein und
den grad nicht wollen lieben, den er dazu geschaffen. - Denn das bändigt mich
eben grade nicht, wenn er vielleicht sagte, wie die Kindererzieher, wenn sie
Äpfel austeilen, magst du den nicht, so kriegst du gar keinen! - Fühl ich mich
hingezogen zu manchem, so ist's nicht aus vorbedachtem Gefühl, nicht weil ich
glaub, Gott hab es so gewollt, - es würde mir allen Farbenschmelz und
Heiligenschein konsumieren, dies Soll oder Muss. Die Rosen - sie glänzen im
Abendschein, sie locken mich, sie zu umfassen, sie zu küssen. Ich bin ganz bei
ihnen, wenn wir abends im Mondenschein allein zusammen plaudern, und fühle mich
nicht allein mit den Blumen wie oft mit Menschen. Und wenn es Deine eignen Ideen
sind, Clemens, die Dich wieder lieben, wie Du mir schreibst, so sind die Blumen
wohl die Liebesgedanken der Natur, von denen sie auch wieder geliebt wird.
Liebesgedanken sind sie. - Die Rosenknospe ist's, sie wirft in ihrer
Verschränkteit glühende Blicke in das Auge, das sich in ihrem Anschauen
verliert. Wenn sie nachher dem Tag sich erschliesst, dann ist sie nicht mehr so,
sie lacht dann jedem Vorübergehenden und wird die Blume des Tages, an der alle
gleichen Anteil zu haben meinen. Drum als ich gestern von meinem knospenreichen
Rosenstock ein Paar davon abbrach zum Ballsträusschen, das tat ich ungern, so
jung von ihrem nährenden Stamm sie zu trennen, die so an der Grenze ihrer
Jungfrauenzeit aus ihrem grünen Kinderjoppelchen recht neugierig herausguckten,
aber ich dachte: ach, morgen habt ihr ja doch das grüne Jäckchen abgeworfen und
seht die Tage euerer Kindheit für nichts an. - »Und Du! - Für was siehst Du sie
an, Deine Kinderzeit, dass Du so reden darfst?« - sagen die Rosen wieder. - Ach
Rosen! - Vorwürfe von euch! - Da ich doch meine Zeit mit euch vertändle. Aus der
Natur süssestem Gefühlsschmelz ihr selber hervorgegangen! - Seid ihr Blumen nicht
der Liebesdrang, der Venusgürtel der Natur? - Ihrer Lippen würzigen Atem hauchen
die Blumen in reizenden neckenden Antworten allen Liebesanträgen aller Wesen in
ihr. Und die Rosen, sie sind die Antwort, die im Necken schon sich in einen Kuss
verwandelt und ohne Widerstand durch ihre eig'ne Schönheit Zeugnis gibt: »Die
Liebe hat die Natur besiegt.« -
    Es war mir so wehmütig, gestern Abend mit meinen Rosen allein, und bin
ungern von ihnen geschieden, um schlafen zu gehen, und hab mich noch recht in
ihr weiches junges Grün hineingeschmiegt zum Abschied! - Und hab so wunderliche
Träume gehabt in der Nacht. - Sonnenstrahlen, die scharf und rein durch dichtes
Gewölk auf mich trafen, und da war alles in üppiger Blüte um mich her und atmete
kaum vor Schwüle, und ich stand da allein unter diesen Blüten allen, mit offner
Lippe nach einem Tropfen Labung. - Ach, heisser Tag, du drückst die Blumen! - so
dacht ich dort. Es tat mir so leid, dass ich nicht den Regen ihnen aus dem Gewölk
niederschütteln konnte, und als ich aufwachte, war mir's noch schwermütig, und
heute den ganzen Tag so fort. - Wenn nicht eins mir Freude gemacht hätte. - In
der heissen Mittagsstunde kamen wirklich ein paar Bienen hereingeflogen,
umsummten meine Rosen, meinen Maiblumenstrauss, meinen Basilikum, meine Ranunkel
sind noch nicht offen, schmecken den Bienen auch nicht. Nelken sind auch noch
nicht aufgeblüht, die sind aber wahre Lockspeise für sie, und die stehen doch
schon alle da, dass sie von ihnen gesehen werden, was in der Zukunft auf sie
wartet, sie werden wiederkommen und werden sich in meinem Wirtshaus betrinken,
dazu mache ich ihnen Musik. Gleich als sie ankamen heut, so nahm ich die Gitarre
und klirrte ihnen was drauf vor, sie summten, es war ein deliziöses
Doppelkonzert und hat mir meine Munterkeit wiedergegeben, die mit einem Fuss
schon ausgeglitten war und schier in den rauschenden Bach der Empfindsamkeit
wäre gestürzt. - Adieu! - Ich und meine Bienen, was kann ich mehr verlangen.
                                                                         Bettine
                              Meine liebe Bettine!
Da ich vermute, dass Dich ein kleiner Ärger weiter nicht ins Grab stürzen wird,
so hab ich einigen Lusten, mit Dir zu schmälen. Stelle Dir vor, einiges in
Deinem Brief hat mir einen unangenehmen Eindruck gemacht, zum Beispiel das mit
dem Rosenstöckelchen. Es kam mir immer vor, als sei es recht artig, eine gewisse
Rührung bei unschuldigen Dingen zu empfinden, ja zur Not könne man auch sagen,
es war mir, als müsse ich es umarmen, aber es wirklich zu umarmen und noch gar
dabei in wehmütigste Gedanken zu versinken, das geht etwas in die Wildnis und
ist stark empfindsam, hält auch nicht Stich, stelle Dir vor, an welchem knappen
Fädenchen die Geschichte hängt; fällt sie, so fällt sie mit der schönsten
Empfindung ins Lächerliche, denn eine gelbe Rübe, eine Kartoffel sind doch
ebenso unschuldig als ein Rosenstrauch, und dennoch wäre Deine ganze Umarmung
verunglückt, wenn das Rosenstöckelchen sich in eine solche Rübe verwandelt
hätte. Auch hast Du bei näherer Beleuchtung wohl nur einen erd'nen Topf umarmt.
Wenn ich der Rosenstock gewesen wär, so hätt ich gesagt: »Oho, schönstes Kind!«
und dann hättest Du wahrscheinlich gelacht. Ich hoffe, Du gewöhnst Dir täglich
mehr solche Explosionen ab. Du weisst, wie oft ich Dir über ähnliche Anfälle
gepredigt habe. Auch das lange Herumtragen und Betrachten der Träume ist
kindisch, und während man auf eine Menge schöner Empfindungen, die man bei
Gelegenheit solcher Träume hat, bei hellem Tag auf eine geträumte Weise stolz
wird, vergisst man eine Menge zu tun, was wirklich, wahr und Pflicht ist. -
Wieviel gescheuter wär's gewesen, wärst Du auf dem Ball recht vergnügt gewesen
und hättest mir das meiste, ja alles erzählt, das hätte mir weit mehr, ja
unendlich viel Spass und Freude gemacht. - Sehr artig wär's, wenn Du doch einmal
Deine Träume gern näher überlegst, die Nacht drauf in einem neuen Traum den
vorigen zu bedenken, bei Tag aber recht lustig und vergnügt und fleissig zu sein,
denn sonst läufst Du Gefahr, einem gewissen Mann ähnlich zu werden, der sehr
bewandert in der Sternkunde war und alle Augenblicke in einen Graben fiel; ja
endlich elendiglich in einem Brunnen ersoffen ist, weil er immer gen Himmel
guckte; Du läufst Gefahr, dass die Leute sagen, sie ist sehr klug im Traum, aber
nicht recht gescheut im Wachen. Ich bitte Dich um des Kaisers seinen Bart
willen, werde nicht empfindsam, und lasse Dich nicht von dem Lied der Katzen
sogar rühren, gehe spazieren, gebe Dich mit der Toni, mit der Lotte ab und freue
Dich ihrer vernünftigen Kälte. Ich bitte Dich um alles in der Welt, werde nur
keine Seraphine Hohenacker, die Geisterseherin! - Wahrhaftig, dann musst Du am
End verzweiflen, denn ich werd alle Tag gescheuter und unempfindsamer, es ist
was Miserables um einen empfindsamen Menschen in der Welt; und zwar gerade, weil
die Welt nichts weniger als empfindsam ist und einem kein Baum aus dem Wege geht
oder beweint, wenn man sich ein Loch an ihm in den Kopf stösst. Wenn Du überdem
wüsstest, wie man durch Kränklichkeit zu all diesen zärtlichen Empfindungen
kommen kann, und dass die Besessenen und Hexen in den vorigen Jahrhunderten nicht
anders als solche hypochondrische Personen waren, so würdest Du Dich noch mehr
hüten, in eine solche Empfindsamkeit zu fallen. Dagegen hilft oft viel Bewegung,
Springen, Singen und Tanzen, Beschäftigung, der Agnes helfen in der Küche, wenn
sie allenfalls einen guten Kuchen backt, den auswäschern, kneten und in die
Backschüssel hineinrunden, oder auch einen ordentlichen Aufsatz machen, selbst
über die französische Revolution, wär mir lieber, und ich bin jetzt sehr
bestraft dafür, dass ich dies Interesse bei Dir untergraben hab. Ich bitte Dich,
wenn es noch Zeit ist, ergreif es wieder, hol Deine alten Tagebücher hervor, in
denen wirst Du Anknüpfungspunkte genug finden, es war manches so Schöne, so
wahrhaft Grosse darin; ja ich kann Dir sagen, dass ich manches draus erfasst habe
als ganz neu gedacht und als gut gedacht, es hilft einem auch zur Vermeidung
aller Liebesgedanken, das Grosse, das Wesentliche der Welt zu seinem Haupttema
zu machen. Dort bist Du ja auch auf dem Boden, der Deinem Geist die wahre
Elastizität gibt. - Der Empfindsame bringt auch nie etwas hervor, weil er sich
keines Dinges bemächtigen kann, sondern nur von allem überwältigt wird. Ich habe
überhaupt einen entsetzlichen Widerwillen gegen die Empfindsamkeit, denn sie
wird über nichts empfindlicher, als wenn man sie für eine Kränklichkeit erklärt,
da sie eine Feinheit der Seele sein will. Was ich aber unter Empfindsamkeit
verstehe, wirst Du wohl wissen. -
    Nichts vor ungut, Du weisst, dass ich Dich vernünftig liebe und es gut meine.
    Es würde mich freuen, wenn Du etwas Geschichte läsest, und ausserdem meistens
Goete, und immer Goete, und vor allem den siebenten Band der neuen Schriften,
seine Gedichte sind ein Antitodum der Empfindsamkeit. Aber als Geschichte rat
ich Dir Müllers Schweizergeschichte, es ist etwas Himmlisches, ich glaube,
Leonhardi hat sie. Es sind zwar einige dicke Bände, aber desto länger dauert die
Freude, setze Dir täglich ein paar bestimmte Stunden, wo Du drinnen liesest. -
Wenn Du Dich meines heftigen Unwillens erinnerst, den ich in Offenbach hatte, so
oft ich alberne Bücher bei Dir fand, so wirst Du mir das Recht zugestehen, mich
sehr zu beklagen, dass Du jetzt vermutlich alles lesen magst, was Dir vorkommt.
Überhaupt ist es mir sehr verdriesslich, dass Du mir nichts von Deiner innern
Bildung schreibst, mich nicht fragst, was Du lesen sollst und dergleichen. Was
soll alles Phantasieren über dies und jenes, was nun einmal so ist, wie es ist.
Besser wäre es, wenn Du Dein Vertrauen zu mir so benütztest, dass Du mir Einfluss
in Deine Bildung gönntest. - Dass Du mich über alle Lektüre um Rat fragtest - und
dergleichen. -
    Um eins bitte ich Dich noch in Deinen Briefen, nämlich gebe mir immer
Nachricht, sobald irgend etwas Bedeutendes bei Euch vorfällt, von jeder Reise,
sobald Du davon erfährst. - Meine Briefe an Dich zeige niemand, mit solchen, die
betrübt sind, wie immer ohne Ursache, habe Mitleid mit ihnen, suche aber nicht
etwa sie zu trösten, indem Du, beim Lichte besehen, in dieselbe erbärmliche
Stimmung Dich herabsinken lässt und auch betrübt wirst. Der Umgang mit solchen
Leuten ist deprimierend und zerstört alle Kraft in uns. Dass Du übrigens dieses
nicht so wörtlich nimmst wie Eulenspiegel, hoffe ich. - Du könntest mir einen
grossen Gefallen tun, wenn Du, doch ohne Übereilung oder Faulheit, mir ein halb
Dutzend leinene Stiefelstrümpfe stricktest, aber nichts weniger als fein,
sondern nur stark und derb. Toni wird so gütig sein, Dir das Garn nach Offenbach
zu besorgen. Auch höre ich gar nichts mehr von Lulu und Meline, es tut mir leid,
dass Du von diesen Deinen treuen Gespielinnen gar nichts zu schreiben weisst.
Schicke mir doch mit umgehender Post einige Lot der besten schwarzen Kreide,
auch etwas weisse, auch englische ist mir lieb; es ist für einen armen Jungen
hier, der ganz vortrefflich zeichnet, schicke sie aber ja gleich. Von Savigny
hab ich keine Grüsse an Dich, wenn Du etwa danach fragen solltest, ob er sich
Deiner noch erinnert. - Er hat seine Studien und seine Freunde, und denkt an
sie, wenn sie ihm ins Gedächtnis kommen, er schreibt öfter an Gundel,
vermutlich, weil er ihr manchen Rat gibt. Savigny, der immer helfend und
wohltätig ist, nützt ihr unstreitig viel. Dir kann er in dieser Weise nicht
nützlich sein, deswegen schreibt er an Dich nicht, ich finde das ganz natürlich,
da er in Sachen des Ungangs ganz anders denkt als ich, so würden wir uns oft
stören. Du verlangst ja wohl auch nichts weiter, als dass ich alles, was ich weiss
und für Dich gut finde, Dir von Herzen mitteile, und ich verlange, dass Du mir
traust. - Sei kein Allmein, schicke die Kreide, stelle Dich nicht so heilig,
nehme das Leben leicht und Deine Pflichten ernst, lerne mit vernünftigen Leuten
lustig und fröhlich umgehen und habe mich in vernünftigem Andenken.
                                                   Dein ehrlicher Bruder Clemens
Noch etwas! - Verphantasiere Dich nicht mit dem Gärtner! - Er ist ein guter
vernünftiger Bursche an seinem Platz, nämlich unter Kraut und Rüben. Es ist sein
romantisch Leben ganz gut mit den Blumen, das aber doch gewiss halb aus Deinem
Magen kommt. - Aber einen tüchtigen Kohl muss er mir doch auch ziehen und muss
seinen ordentlichen Respekt davor haben. -
                                Lieber Clemens!
Liebe Günderode! Denn, lieber Clemens, ich muss doch gewiss einen haben, bei dem
ich Dich verklage, Dir ins Gesicht kann ich's nicht alles sagen, was ich
Schlimmes von Dir weiss und aus Deinem Brief heraus sogleich entdeckt habe. Ach,
ich möchte gar zu gerne nicht pfiffig sein und lieber gar nichts merken, aber
wenn ich's nun einmal gemerkt hab, wie soll ich's machen, es übergehen würde
doppelt listig sein. - Also schreib ich's hier ans Günderödchen, da kannst Du
gleich erfahren, wie zwei Mädchen sich über einen listigen Jüngling lustig
machen. Also denk nur, Günderödchen, der Clemens ist eifersüchtig über den
Gärtner. - Lies nur diesen Brief von ihm, wo er gleich von vorne herein mir
meine Sentimentalität mit den Blumen vorwirft und wirklich die Vergleiche bei
den Haaren herbeizieht. Kartoffel, Gelerüb, Rose! - Und dann, ich wär
sentimental, und dann mir Heilmittel eingibt, ein halb Dutzend Paar leinerne
Stiefelstrümpf, an denen ich ein halb Dutzend Jahre knottlen soll, um mich zu
kurieren, und denk doch, Günderode, so geht das drei, vier Seiten fort, aber von
dem, was ihn eigentlich ärgert, davon weiss er nichts zu sagen, da ist er ganz
unschuldig. Mit der gesunden Lotte soll ich umgehen, um von meiner
Empfindsamkeit mich zu heilen, schwarze Kreide soll ich ihm schicken und weisse
Kreide und von meinen Geschwistern soll ich ihm schreiben, von denen wisse ich
nichts zu sagen, wirft er mir vor, - und ich hatte mir doch vorgenommen ihm zu
schreiben, dass Lulu ein kaffee- und milchfarbnes seidnes Kleid an hatte, war ihr
so sehr schön stand. Vom Ball soll ich ihm erzählen, schreibt er, wie kann ich
das? - Wollt ich mein Liebesabenteuer von jener schönen Ballnacht ihm mitteilen,
das wär ihm wohl gar nicht angenehm. Günderode, davon lasse Dir ja nichts
herauslocken, von meiner triumphierenden Heimfahrt erzähle ihm nichts, und wen
ich beim Aufgehen der Alba am Wege stehen sah, der mich grüsste, und dem ich
meinen Kranz aus dem Wagen zuwarf, das schreib ihm nicht, das bleibt unter uns
Mäderchen! - Und die Revolutionsgeschichte mit allen ihren Rebellern hier in
Offenbach und mit meinen tausendfach facettierten Reflexionen darüber, die meint
er, soll ich wieder hervorholen. - Ja, wenn er wüsste, was wir zwei beide, ich
und Du, alles schon drüber miteinander gedacht und verhandelt hatten und was wir
niedergeschrieben und auch so manches Blatt schon zerrissen haben. O Günderode,
damals hatte er auch keine Ruh und predigte Dir so lange, Du solltest mich davon
abbringen, so hatten wir denn beschlossen, im stillen darüber uns allein
Rechenschaft zu geben, weil doch diese Weltangelegenheit eine ganz andre
lebendige, ins tiefste Denken eingreifende Gewalt ist, weil sie doch ein
Richteramt führt über alle heiligen Rechte der Menschheit, weil sie doch in sich
selber eine ganz von allen Urgründen der Lebens- und Bildungsstufen aufstrebende
Geistesbahn ist. Geschichte studieren! Müllers Schweizer Geschichte! Bon! Aber
sie ist vorbei, gedürrte Quetschen, schmackhaft zwar, aber was soll ich mit
Backobst! - Was soll ich mit euch - ihr krüppeliges Winterausdauerungsprodukt,
bin ich ein Hamster, der beide Backentaschen voll in seine Vorratskammer
aufspeichert? - Nein, ich bin eine frank und freie lustige, helle Bergquelle,
vom Zufall oft durch Wüsten und Paradiese hinrauschend mit gleicher
Lebendigkeit; geht's über Klippen, dann ist er gleich noch einmal so aufgeregt,
da stampft er, da gischt er, da dampft und braust gleich seine Lebenskraft
heller aus dem lichten Schaum hervor. Nein, ich bin nichts. Aber, wenn einer das
sagt, dann bin ich gleich etwas. - Auch fürchtet der Clemens, ich lese alles
durcheinander - und macht mir Vorwürfe, er denkt, Romane können mir die
seltsamen Gedanken einprägen, und wenn er wüsste, dass keine Romane mir je
gefallen können als nur meine eignen! - Gibt es etwas Ärgerlicheres als
Liebschaften sich vorerzählen lassen, wo man sich gleich wundert, wie die
Schafe, welche auf diesem Romanen-Teppich weiden, nur zu diesem Schwindel kamen,
und der meint, dazu käme ich. - Noch eine ganz närrische Seite tritt oft wie ein
mir unverständliches hebräisches Wort auf den Lehrstuhl, und zwar mit den
feierlichsten Gebärden, so dass ich im Anfang ganz ängstlich wurde und mir
vergeblich den Kopf zerbrach, was das sein möge. - Von nun an beseitige ich
meine Skrupel, weil ich erst jetzt deutlich sehe, dass der liebe, liebste Clemens
auch von allerlei ihm selbst nicht recht deutlichen Beweggründen angespornt
wird, manches zu wollen, zu fordern, zu beteuern. Das Wort ist Pflicht. »Tue
Deine Pflicht mit Ernst - das Leben nehme leicht«. - Seh ich mich um nach meiner
Pflicht, so freut mich's recht sehr, dass sie sich aus dem Staub macht vor mir,
denn erwischte ich sie, ich würde ihr den Hals herumdrehen! So erpicht bin ich
gegen sie. - Nun, ich hoffe, dass ich und meine Pflicht nie zusammen kommen,
falls eine sollte auch auf mein Los gekommen sein - ich würde sie mit meinem
ernsten Blick schon in Schranken halten, dass sie mir nicht über den Hals käme,
ich verstehe keinen Spass hierüber, meine ganze Natur kommt in Aufregung, und
Kräfte machen sich in mir auf die Beine, die alles in Grund und Boden trampeln,
was sich mir aufsätzig machen will. Also Pflicht, halte dich im Hintergrund,
wenn du nicht abgedroschen sein willst. - Meinetwegen geh zum Herrgott und klag,
dass du nichts bei mir ausrichten kannst, wenn ich ihm's vorstell, wird er schon
Raison annehmen. Heilige Harmonie der Natur, dich wollen sie aus dem Geleis
bringen der einzig göttlichen Sphäre, der Freiheit nämlich, und wollen zur
zinspflichtigen Pflicht machen alles, bis auf den Adel der Seele sogar, aus dem
alles Grosse entspringt. - Entspringen heisst ja aber schon dem Strang der Pflicht
ausweichen, ich aber entspringe ihr nicht, ich wende mich grade um gegen sie,
seh ihr scharf ins feige Angesicht und sage ihr: Weiche zurück vor meinem reinen
Instinkt des reinen grossen Mächtigen, von dem du dir nichts träumen lässest. -
Und denk, Günderode, auch meine Träume greift mir der liebe Clemens an mit
seiner Satire, und wenn er doch in unserm Traumbuch läse, wo wir so seltsame
wunderliche Sachen und Gedanken schon aufgeschrieben, aus denen Du schon Stoff
zu manchem schönen Gedicht gefunden hast. - Wenn er Deinen Franken in Ägypten
läse, ein geträumtes Abenteuer gab dazu den Stoff - aber jetzt werd ich gleich
einmal meine Pflicht überschreiten und werde ein bisschen zum Gärtner gehen, da
es die Abendstunde ist, wo er begiesst, da hab ich ihm versprochen zu kommen und
zwar nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Lust am lieblichen Geschäft, aus Lust
an alle dem frischen Leben, was sich in dem schönen Schmelz der Farben regt, am
Wachstum der Knospen und an allem in allem! Und auch zum Kohlbeet werd ich
gehen, was der Clemens für des Gärtners Pflichtniederlassung hält. - Ich werde
mich da mit meinem Pflichtstrickstrumpf hinsetzen und etliche Pflichtmaschen
stricken, ich werde aus Pflicht gegen meine Bildung in der alten
Schweizergeschichte lesen, dass der Teutone keine Stiefelstrümpfe trug, als er
noch ein freier Mann war, ich werde also aus Pflichtgefühl am Altar der Freia
mein Strickzeug niederlegen und das Gelöbnis ihr tun, nie wieder Stiefelstrümpfe
zu stricken, die dem freien deutschen Charakter Fesseln anlegen! -
    Soweit meine Mitteilungen an die Günderode, lieber Clemens, über Deinen
Brief; ich hab ihr zwar nicht wörtlich so geschrieben; denn es braucht zwischen
uns der Worte nicht so umständlich, und diesmal war sie selbst hier, und wir
gingen zusammen spazieren im Boskett, und wir lachten am allervergnüglichsten
über deine Besorgnis um meine Melancholie, hinter der sich doch nur immer die
Langeweile verbirgt, da ich die aber gar nicht herberge, da ich wie ein kleiner
Sprjetzteufel oder sogenannter Laubfrosch (Rakete) feurig herumhüpfe, morgens aus
dem Bett in den Garten barfuss; denn ich hatte ja wahrhaftig gestern meine
Studienbücher liegen lassen. - Dann wieder hinauf, angezogen, dann zur Grossmama
frühstücken, dann Klavier exerzieren, Generalbass - Hoffmann kommt, entwickelt
kabalistische Mysterien der Musik, die ungeheure Kabale und Schikane ihrer
Torsperre; der geniale Hoffmann, der Mann des Ruhmes und der Begeistrung, hebt
diese Gesetze mir zulieb auf, namentlich die der Metrik, die so engherzig sind,
dass jedem Volksredner in dieser engen Taille der Atem ausgeht. - Jetzt macht
mir's Freude zu komponieren. - Hymnen der Diane, Päane an Dionysos, von Stolberg
übersetzt. - Ja, das macht mir Freude, ich klettere als abends aufs Dach von der
Waschküche, dort erfind ich die wunderlichsten Wendungen. Der Himmel rötet sich
davon vor tiefem Mitgefühl, und die Sterne drängen sich herbei und lauschen, und
Hoffmann lauscht auch, er ist unser nächster Nachbar. Meine Stimme ist
durchdringend, wär mein Geist es auch! - Hoffmann kommt am Morgen in die Stunde,
kann meine Melodie halb auswendig, was ich mit Bleistift notiert habe, kann er
meist besser als ich - übers Metrum streiten wir zwar nicht; denn er will
durchaus, es soll sein, wie ich's ursprünglich singe, Takt und Auftakt kommen in
Subordination und dürfen nicht ihre herkömmliche Observanz mehr geltend machen,
er sagt, wenn ich mich hineinstudiere, so wird's der Musik eine neue Bahn
brechen. Närrischer Kerl! Willst mir schmeicheln, mir Mut machen zum Lernen;
weiss ich doch, dass er's mir weismacht, so trägt's doch meine Begeistrung
unendlich hoch! Zu Unerhörtem, noch Ungehörtem. Hoffmann machte als ein kraus
Gesicht. - Aber denk doch - bald gewöhnte er sich - nein, er verliebte sich
hinein - und letzt, als er in einem Konzert phantasierte auf dem Klavier, hat er
alles ineinander geflochten; es war schön, ja so begeisternd schön, ich wusste
nicht, was ich hörte, ich konnte meinen Ohren nicht trauen! Es kam mir so
deutlich vor, als habe ich das gesungen. Als er am andern Tag in die Stunde kam
und fragte, wie sein Spiel mir gefallen habe, sagte ich ihm mein Entzücken, aber
doch sei es mir so bekannt vorgekommen, ich hätte beinah jede Wendung
vorausgeahnt, so fremdartig sie auch geklungen habe. »Ja freilich, es sind Ihre
eignen Wendungen.« - Gott, ich war ganz beschämt, dass ich so schön gefunden, was
ich selber erfunden hatte, er tröstete mich aber! - Er sagte, er habe die Mauer
zu übersteigen oft Lust gehabt, allein über einen gelehrten Musiker fallen die
andern alten Generalbasstyrannen wie die Krähen her, rupfen und hacken ihn, aber
eine unschuldige Liebhaberkomposition berücksichtigten nicht diese alten
Hintersassen des Hochmuts und der Pedanterie. Andre mit gesundem Gefühl Begabte
werden diese Lieder schon ihrer Eigentümlichkeit halber gern hören und gern
nachsingen. Denn aus fremden Landen komme manches in der gestatteten
Harmonienfolge Unerhörtes, und doch errege es selbst das verbildete Ohr zum
Genuss, glaubt, es wird am End dergleichen keinen Widerspruch mehr erleiden, die
unschuldige Weisheit muss sich einschwärzen.
    Genug vom Generalbass! Du siehst, lieber Clemens, dass er seinen Platz in
meinen verschiednen Interessen behauptet. - In meinen Heften, die ich vor
vierzehn Tagen, also zum 1. Mai geheftet habe, und die den ganzen Monat
ausdauern sollten, hab ich schon jetzt kaum Platz, Randglossen zu machen, so
hat's Ideen geregnet mit dem Mairegen. - Ich hatte nämlich aus Pedanterie mir
meine Hefte numeriert und eingeteilt, auf jeden Tag so viel Seiten, heute in der
Geschichte, morgen Musik, übermorgen Ph., ich sag's nicht was, aber Philosophie
ist's nicht, die mich übel anriecht auf Hochdeutsch. - Aber es ist das schönste
weisheitsvollste Wissen für mich, in dem ich unendliche Aufschlüsse finde von
Sonne und Mond und allem, was war und noch sein wird, und hab ich wollen eine
Einrichtung der Ordnung machen und einmal Pflichtgefühl spielen, und alles war
in schönster Ordnung und Gelöbnisse, sie nicht zu überschreiten. Aber Mirabeau
hat Recht behalten, mein Genie hat diese Ketten gesprengt wie ein Pulverturm,
der in die Luft flog und alles untereinander warf, es ist kurios mit anzusehen.
Aus den vier Heften ist keins zu unterscheiden, was es behandlen soll, schon auf
der dritten, vierten Seite ist's wie unterirdisch Feuer, das sich aus dem Schoss
des Wissenschaftlichen hervorwühlt und wie eine Lava alles verschüttet. Das
Erdreich, über das solche Lava sich ergiesst, soll am fruchtbarsten werden.
    Ich hab schon sehr genug geschrieben! - Doch kann ich's nicht unterlassen,
noch alles, was den ganzen Tag mich wie ein Bratapfel auf dem häuslichen Herde
dem Feuer aussetzt und gar macht, hier zu notieren. - Auf die Darre bei der
Grossmama komme ich auch jeden Tag ein paar Stunden, des Unendlichen unendlich
viel, was da vorkömmt. - Vorzüglich eine Reise zweier Erdwürmer ihr vorzulesen,
welche die Erdschichten untersuchen. Die Grossmama schluckt Kohlen, Kalk, Kreide,
Kies, Kranitlager hintereinander (fünf K von ungefähr), ich bin immer froh, wenn
die guten Herren ins Wirtshaus einkehren, wenn sie die Schnapsflasche
herausholen und die Wurst, wenn sie die Nachtmütze überziehen und aufs Ohr sich
legen, aber ich kann ja nicht mit ausruhen, ich muss gleich weiter - das ist
meine peinlichste Zeit, ich seh auch die Grossmama oft so stupid an, dass sich die
Verwunderung darüber auf ihrem Gesicht malt. - Jetzt denk Dir die
Emigrantenangelegenheiten noch alle unter meiner Obhut, alle Wege, wozu einer zu
faul ist die Beine aufzuheben, fliege ich im gewaltigen Sturmflug hinab, hinan.
Die frühen Morgentauwege, wo ich allemal mit nassem Schuhwerk heimkehre und
bringe einen Strauss mit. - Und das ist doch noch nicht alles: Hühner und Hunde
der ganzen Nachbarschaft wollen auch sich mit mir abgeben, und Deine
Stiefelstrümpfe stellen sich nun gleich einer Heiduckenwache vor die Tür des
Gartens des Lebens, »wo die wirbelnden Blüten im Winde sich drehen«. - Lied
komponiert von Sterkel. Adieu! -
                                 Liebe Bettine!
Ich gebe Dir in wenig Worten eine recht erfreuliche Antwort auf Deinen lieben,
tollen, wunderlichen Brief, der wie alle Deine Briefe nicht zu beantworten ist.
Denke Dir - in vierzehn Tagen seh ich Dich wieder! - Den 1. Juni bin ich in
Frankfurt, und den 1. Juni ist mein lieber Freund Achim von Arnim in Frankfurt!
Ritters grosser Nebenmann in der Physik. - Die eigentliche grosse Freude, die mich
hinzieht, ist, dass Du meinen lieben göttlichen Arnim kennen lernen wirst und ein
freundliches Bild mehr in Dein Leben tritt. Es wäre schön, wenn Du um die Zeit
in Frankfurt sein könntest, wo nicht! - Wo nicht, so bringe ich ihn nach
Offenbach! Gott gebe dann besser Wetter als nun, damit Dein Kabinett, der Garten
brauchbar ist, uns drei miteinander zu erfreuen. Versteht sich, dass Du niemand
vom Inhalt dieses Briefes erzählst.
    Ich schreibe Dir hier einige Lieder der Minnesänger aus dem Altschwäbisschen
her, die ich, soviel es der Reim erlaubt, übersetzt habe. Es gibt wohl kein
Gedicht mit soviel Klang als das erste, es ist vom Herrn Ulrich von
Liechtenstein an seine Geliebte, und nun an Dich von mir, an die alles von mir
ist.
Wohl mir der Sinne,
Die je mir gegeben die Lehre,
Dass ich sie minne,
Von Herzen je länger je mehre,
Dass ich ihr Ehre
Recht als ein Wunder so sunder so sehre
Minne und meine sie reine, sie selig, sie hehre.
Selig ich wäre,
Ja ganz in Freuden erglühte,
Wollte mein Schwere
Bedenken ihr hohes Gemüte.
Nimmer doch müde
Werd ich zu ringen mit singen im Liede,
Wie ich mir hüte ihr Güte, sie Blume, sie Blüte.
Mit Händen umfalte
Ich flehentlich auch ihre Füsse,
Dass wie Isalde
Tristanten sie mich trösten müsse.
Und mich so grüsse,
Dass ihr Gebäre mein Schwere versüsse,
Dass sie mich scheide von Leide, sie Liebe, sie Süsse.
All mein Gedanken
dabei meine Sinn allgemeine,
Gar ohne Wanken,
Besorgen besonders das Eine,
Wie ich ihr bescheine,
Dass ich nun lange mit Sange sie meine
In stetem Mute sie Gute, sie Reine.
Sehnlich ich ringe,
Dass einstens bei grauendem Haare
Freudig ich singe,
Wie ich ihr Herz noch bewahre.
Traurige Jahre
Wird sie mit Blicken erquicken für wahre,
Dann wird mein Singen verjüngen die Holde, die Klare.
Es hat mich einige Mühe gekostet, es Dir zu übersetzen, und ich habe es daher,
doch fast zu seinem Gewinst, etwas verändern müssen.
Es stund eine Frau alleine
Und harrte über die Heide
Und harrte wohl ihres Lieben,
Ein' Falken sah sie da fliegen.
O wohl dir Falke, frei du bist,
Fliegst hin, wo dir's am liebsten ist,
Erwählest dir im Walde
Einen Baum, der dir gefalle.
Und also hab auch ich getan,
Ich wählt mir selber einen Mann,
Den suchten mir meine Augen,
Den halten mir schöne Frauen.
O weh, wann lassen sie mein Lieb,
Hielt ich doch ihre Trauten nie!
Dies und das folgende ist von Herrn Dietmar von Ast, dem Minnesänger.
Auf der Linden obene
Da sang ein kleines Vögelein,
Vor dem Walde ward es laut,
Da hob sich neu das Herze mein,
An einem Ort, da es eh schon war,
Da sah ich Rosenblumen blühn,
Die mahnten mich der Gedanken viel,
Die mich zu einer Frauen ziehn.
Es dünket mich wohl tausend Jahr,
Dass ich in Liebesarmen lag,
Und ohne mein Verschulden gar
Miss ich das nun schon manchen Tag,
Ach, seit ich keine Blumen sah,
Und hörte kleiner Vöglein Sang,
Seit war all meine Freude kurz
Und auch der Jammer allzu lang.
Was Du noch über mein Buch sagst, ist ihm zu viel Ehre angetan, wenn ich Dir
nichts davon gesagt habe, wenn ich Dir es nicht in Händen gab, so ist's, weil
ich fühle, dass was Besseres in Dir ist, als alle meine Bücher und Gedanken Dir
geben können. -
    Den Brief, den Ritter mir über Dein Geschenk geschrieben, lege ich Dir hier
bei, finde Du den Dank selbst heraus, aber bewahre ja mir den Brief mit den
übrigen, die ich Dir letzt schickte; denn seine Handschrift ist mir heilig. Wenn
Du doch auch ein Käppchen für den Arnim machen könntest, damit wir ihm gleich
etwas schenken können, da er wohl schnell abreist, so wär das wohl hübsch. Du
weisst nicht, wie ich mich freue, dass Du ihn und er Dich sehen soll, er ist gar
zu lieb und lustig wie wenige Menschen auf Erden. Adieu, lieb Kind, schreib doch
dem Savigny ein oder zwei Worte, wie Du sonst auch immer von Zeit zu Zeit ein
Blättchen ihm oft schicktest. -
Briefe auf seiner Rheinreise mit Arnim, die sie zusammen machten, nachdem sie
acht Tage in Frankfurt und Offenbach zugebracht hatten.
                                 Liebe Bettine!
Der Frühling war so schön, der Rhein trug mich so gastfrei. Arnim hat mich so
lieb. Da trat ich hierher in meine Jugend, die mich rings umfing. - Ach, und ich
bin so unglücklich geworden, ich liebe so heftig, so heftig die Geliebte meines
einzigen Freundes hier, Gott gebe mir Kraft, dass ich entsagen kann, das Mädchen
ist Benediktchen K. - -, schreibe mir gleich, schreibe auch an sie ein paar
Zeilen dazu, wenn sie Dich kennte, sie liebte mich vielleicht.
Koblenz!
                                                                        Brentano
                                             Bei Bürger Scheidel, Firmungstrasse.
Schreibe dem Savigny, was ich Dir schrieb, ich kann nicht mehr. -
 
                                   An Clemens
»Schreib mir gleich«, das kann geschehen, da bin ich mit der Feder in der Hand!
- »Schreibe auch an sie ein paar Zeilen dazu!« - Ei, Clemens, Du bist nicht
recht gescheit! - »Wenn sie Dich kennte, sie liebte mich vielleicht.« Gewiss
nicht. Wenn sie mich kennte, so würd ich ihr sagen, sei ganz ruhig,
Benediktchen, der Clemens wird allemal ein Narr, wenn er an den Rhein kommt, im
vorigen Jahr war's so mit der Walpurgis, da brausten Reime wie Schäume! -
Clemens, versuch's doch, zu dichten, das erleichtert vielleicht Dir die Brust. -
Dort, wo Deiner Kindheit goldne Tage in fröhlichem Spiel dahinflogen, auf
nimmermehr wiederkehren, wo Du mit Nachbarskindern im Sand spieltest, wo
Benediktchen schon seinen blonden Lockenkopf an Deine Schulter versteckte, wenn
die Sonne zu heiss brannte, wo Du ihm das Stumpfnäschen putztest und schon damals
ihm drohtest, dass wenn es nicht Deine Braut sein wolle, so werdest Du Dich
erschiessen. Gäb das nicht eine Idylle, einen zärtlichen Roman? Woher weiss ich
das alles? - Eben kam der Kanonikus Linz zur Grossmama direkt von Koblenz,
erzählt, dass Du dort im Korbachischen Hause Schiffbruch gelitten, dass Dein
Freund ein schöner munterer, vollblühender preussischer Jüngling, weitergereist
sei, wahrscheinlich um Deiner Liebe keinen Eintrag zu tun, da er dem
Benediktchen, das auch rote Wangen habe und blond sei und voll wie eine Rose und
ein Ringelhaar habe bis auf die Erde, diesem habe Dein preussischer Freund besser
gefallen; so sei er fort nach Düsseldorf, wo er Dich erwarte, wenn Du würdest
Deine Liebeskapriolen fertiggeschnitten haben (Ausdruck des Kanonikus Linz, Du
kannst's ihm nicht übelnehmen, er ist geistlicher Herr und muss aus Solidität
schon dergleichen Liebeshändel verachten). Clemente, Du bist närrisch! - Ich
kann es deutlich erkennen an der Nachschrift Deines Briefes: »Schreibe dem
Savigny alles, was ich Dir schrieb.« Was ist denn das alles, was ich schreiben
soll? - Ich habe das Blättchen auf die andere Seite gedreht, es befand sich ganz
weiss, und ich bin in höchster Unwissenheit! - Was soll ich dem Savigny
schreiben? Dass Du glücklich in Wochen gekommen bist mit einer neuen Liebschaft?
- Am Rhein, wo's allemal so geht? - Ja in Wochen! - Denn so lang wird's kaum
dauern, denn Du wirst Dich gewiss schon früher wieder herausmachen und wirst
gelaufen kommen und Deinen Kirchgang tun bei mir und von mir Dich aussegnen
lassen wieder, denn das muss ich allemal. Das erstemal Walpurgis, das zweitemal
die Gachet, und nun Benediktchen, hinter all dem steckt nun noch Mienchen, da
steckt die Günderode, da steck ich auch, dahinter steckt auch die Eitelkeit. -
Die Braut Deines einzigen Freundes. Der Freund ist vielleicht ein dicker,
ungeschliffner, gar nicht reizender Bräutigam. Du siehst im Spiegel ein edles
Antlitz mit sanftem Reiz der Unterlippe, mit unendlich anmutig witz'gem Feuer
der Oberlippe widersprechen. Du siehst eine blendende Stirn, auf der das Genie
nicht zu verschleiern ist, und ein Paar schwarze Augen und einen ganzen Kerl,
der gewohnt ist zu siegen! - Du kommst, und die Braut ist schon mit Kuchenbacken
beschäftigt; sie hat keine Zeit mehr zum Scherzen, die Wirklichkeit geht an, das
Spiel der Lieblichkeit kann nicht auf dessen Kosten getrieben werden. O
Clemente, Deine blaue Halsbinde, Deine wunderschön lederne Beinkleider! Deine
rote Freiheitsmütze! - Die ganze Armatur wurde von mir bestellt und dem
Schneider mit einer witzigen Bemerkung nach der andern das Bequeme, aber
notwendig Elegante eingeschärft. - Ich war bei der Günderode, als ich von Eurer
Begleitung nach dem Mainzer Schiff zurückkam, ich lachte, und sie lächelte (sie
lächelt immer nur über Dich, sie lacht nie), wie ich ihr aber die Beschreibung
machte von Euch zwei, wie Arnim so schlampig in seinem weiten Überrock, die Naht
im Ärmel aufgetrennt, mit dem Ziegenhainer, die Mütze mit halb abgerissnem
Futter, das neben heraussah, Du so fein und elegant, mit rotem Mützchen über
Deinen tausend schwarzen Locken, mit dem dünnsten Röhrchen, einen lockenden
Tabaksbeutel aus der Tasche, und wie Arnim unterwegs die Bemerkung machte, die
Mädchen am Brunnen sähen Dir mit Wohlgefallen nach, dass Du da unterwegs getan
hast, als verständest Du das nicht, und nachher es dem Arnim zuschobst, aber
doch gleich sehr viel schärfer auftratst, als wenn Dir wer weiss welcher
originelle Geist so ganz durch den Leib gefahren wär, und wie Du mit Deinem
zierlichen Sprung ins Mainzer Schiff mit einem so selbstbewussten Genuss
hineinsprangst. - Es sei prophetisch, meinte gleich die Günderode! - Und wir
verbrachten noch den letzten Nachmittag in ihrem Stiftskämmerchen mit Glossen
über Dich. - Kaum bin ich hier, so kommt Dein Briefchen mit allem Schaden, den
Deine Vorbereitung Dir angerichtet hat; denn sie hat leider wie der Blitz in
Dich selber eingeschlagen. Verzweifle nicht! - Aber dem Savigny schreib ich's
nicht, genug, dass es die Günderode weiss. - Da hast Du nun meinen Brief.
    Und noch eins hab ich mit der Günderode ausgemacht, Dich zu fragen - ob Du's
noch so unpassend findest, dass der Gärtner an den Blumen hängt, seiner Passion,
und nicht so am Kohl, seiner Pflicht.
                                                    Deine barbarische Schwester.
 
                                   An Clemens
Lieber Clemens! Es wird mir bange, dass Du nicht schreibst, und eine Zeile kannst
Du schreiben! Bist Du wieder ruhig? Mein unartiger Brief wird doch kein
Missverständnis zwischen uns gemacht haben. Ich hab Nachricht von der Gachet
bekommen, sie ist auf ihrem Gut in Laubenheim und freut sich über ihre
gedeihenden Felder. Bei untergehender Sonne geht sie ihrem Pflug entgehen und
reitet dann auf dem Ackerpferd nach Haus, ich hab sie recht lieb jetzt so mitten
in ihrer Haus- und Feldwirtschaft, sie hat so weit mehr Anzügliches für mich,
als wenn sie geistreiche Sachen erzählt, sie hat mich grüssen lassen, auch liess
sie sich erkundigen, ob ich Dich immer noch so liebhabe, wie das närrisch
gefragt ist? - Du gehst doch wohl zu ihr auf Deiner Heimreise. Ach, ich möchte
Dich zerstreuen, ich hab an allerlei gedacht, was Dir Freud machen kann! -
Diesen Herbst wirst Du gewiss am End doch am Rhein zubringen, der Kanonikus Linz
meinte, es sei die Rede davon gewesen, nach Düsseldorf zu gehen, hast Du keine
Nachricht von Deinem Freund Arnim? - Bei dem würde es gewiss am besten sein für
Dich, der heitere Jugendmutige wird Dich vom Schwindel befreien. Vielleicht, dass
Du recht verzweifelte Stunden haben magst. Was weiss ich von der Liebe! - Ich
hätte Dir nicht so leichtsinnig, so unbarmherzig schreiben sollen. - Verzeih
mir's! - Ich werde diese Messe ruhig hier in Offenbach bleiben! - damit es mir
nicht zu leid tut, wenn ich Dich nicht sehe. Ach, ich wollte, ich könnt Dir eine
Freude machen! - Die Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte, die fliegt da oben
am Himmel wie eine Schwalbe, sie hat sich eben so hoch geschwungen, dass ich sie
mit blossen Augen gar nicht mehr sehe; wenn Du nicht willst, dass ich sie ganz aus
dem Gesicht verliere, so schicke mir ein Fernglas. Schreib, ich soll Dir zulieb
es tun, gib mir ein Lebenszeichen! -
 
                                   An Bettine
Wer diesen Brief von mir erhält, weiss ich nicht! Welchem von meinen Freunden
schreibe ich, und wer ist mein Freund? Ich bin schon acht Tage in der
französischen Republik, bin auch verliebt, habe Ruinen gesehen, Spitzbuben und
Weiber, die bloss der Einfachheit der Forderungen an sie wegen immer die besten
sein mögen, die wir haben, in der schlechtesten Welt, die wir haben. Wenn Du ein
Mensch bist, der sich gerne mit der Idee abgibt, wie dies oder jenes besser sein
könne, der sich in der Zeitlichkeit damit beschäftigt, die Stube zu möblieren,
so wäre hier unendlicher Stoff für Deine Ideen, für Schlosser und Schreiner.
Alles Gegenwärtige ist mir nur der Stiel, an dem ich Vorzeit und Zukunft
anfasse. Die unendlich tiefen vollen und unsichtbaren Gefässe. Die meisten haben
nur den Stiel in Händen und sind mit dem Stiel zufrieden, weil sie nicht wissen
dürfen, was sie tun, um etwas zu tun. Wie mir's gegangen ist, willst Du wissen,
mir ist's nie gegangen. Ich bin, drum liebe ich und lebe ohne Liebe und Leben;
ich bin ein geborner Idealist. Ich bin ein Schüler der ewigen Erkenntnis! -
Alles begreifen, ist mein Handeln! - Alles lieben, meine Sorgen. Und dass ich
alles Deinem Herzen hinbiete, das zu reich an Gerechtigkeit und ewiger Milde
ist, um zu besitzen, das ist mein kleiner Fluch, glücklich bin ich nicht, das
ist Menschenwerk, unglücklich bin ich nicht, das ist auch Menschenwerk; ich bin
alles, das ist Gotteswerk, und mag es niemand beweisen, das ist arme
Bescheidenheit, die Kunst aber ist die Kanaille, die mich mit diesem
sorgenvollen Ehrgeize behängt hat, und die Trägheit ist es, der ich es verdanke,
dass ich so edel bin.
Lieb und Leid im leichten Leben,
Sich erheben, abwärts schweben,
Alles will das Herz umfangen,
Nur verlangen, nie erlangen.
In dem Spiegel all ihr Bilder
Blicket milder, blicket wilder,
Kann doch Jugend nichts versäumen,
Fortzuträumen, fortzuschäumen.
Frühling soll mit süssen Blicken
Mich entzücken und berücken,
Sommer mich mit Frucht und Myrten
Reich bewirten, froh umgürten.
Herbst, du sollst mich Haushalt lehren,
Zu entbehren, zu begehren,
Und du, Winter, lehr mich sterben,
Mich verderben, Frühling erben.
Wasser fallen, um zu springen,
Um zu klingen, um zu singen,
Schweig ich stille, wie und wo? -
Trüb und froh, nur so, so!
Arnim, Arnim, Dir ruf ich ewig nach, nur neben Dir mag ich leben und sterben,
beides muss ich, seit ich Dich kenne, mag ich es auch. Du freue Dich meinen Teil,
Du weine meinen Teil, ich gönne Dir beides und wäre zufrieden mit Dir, und so
wenig als einer sich selber gewährt, der kein Verlangen nach mehr hat. Neben Dir
ist mir's traurig ergangen, und doch konnt ich in Dich als in den
Frühlingshimmel schauen! - Dich hab ich als einen solchen gefunden und mein
selbst vergessen. So bist Du mir entgegengekommen und hast mich solchermassen
geliebt! - O Jugend, o Leben, o Liebe, o Tod, ob Webstuhl der Zeit! - O Teppich,
o Gastmahl, o Rausch, o Kopfweh, o Nüchternheit der Gegenwart. O notwendige
Ewigkeit der Gemeinheit und Ungemeinheit, o Allerheiligstes, o
Allerunheiligstes.
    Im Sandrat steht ein Kupfer, es stellt eine trinkende Psyche vor, auf der
Stirn der Psyche fängt die einzige kreisende Linie an, die das ganze Bild
herausbringt; an diesem Pünktchen sucht mich, wenn Ihr Euch nach mir sehnt, da
sitze ich und hab ein Hütchen auf.
    Du bist es, Du liebes Mädchen, die diesen Brief erhält. Du bist mein
einziger Freund; auch bin ich bald wieder bei Dir. Meine Liebe hier ist
geendigt, nein, Dir geopfert, hier hast Du noch ein Lied, schreib mir nicht
hierher, ich bin früher wieder bei Dir. Mein Herz sehnt sich wieder nach Deiner
reinen, tiefen Seele, o Du Engel, Du bleibst mir ewig. Hier hast Du ein Lied,
das ich niederschrieb, als ich Benediktchen gesehen hatte, ich hatte es
eigentlich geschrieben, als ich an Dich dachte. Doch zuerst einige Worte über
einliegende Zeilen von Ritter, die er mir ohne eine Zeile an mich so schickte.
Ich weiss nicht, was er damit sagen will, finde sie auch sehr unver- ständlich,
und Du sollst ihm also nichts drauf antworten und sie so lange für einen Wisch
halten, bis etwas Gescheiteres oder nichts erscheint, und damit gut.
Am Rheine schweb ich her und hin
Und such den Frühling auf,
So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn,
Wer wiegt sie beide auf.
Die Berge drängen sich heran
Und lauschen meinem Sang,
Sirenen schwimmen um den Kahn,
Mir folget Echoklang.
O halle nicht, du Widerhall,
O Berge, kehrt zurück,
Gefangen liegt so eng und bang
Im Herzen Liebesglück.
Sirenen, tauchet in die Flut,
Mich fängt nicht Lust, nicht Spiel,
Aus Wassers Kühle trink ich Glut
Und ringe heiss zum Ziel.
O wähnend Lieben, Liebeswahn,
Allmächtiger Magnet,
Verstosse nicht des Sängers Kahn,
Der stets nach Süden geht.
O Liebesziel, so nah, so fern,
Ich hole dich noch ein,
Die Frommen führt der Morgenstern
All zu der Liebe ein.
O Kind der Lieb, erlöse mich,
Gib meine Freude los,
Süss Blümlein, ich erkenne dich,
Du blühest mir mein Los.
In Frühlingsauen sah mein Traum
Dich Glockenblümlein stehn,
Vom blauen Kelch zum goldnen Saum
Hab ich zu viel gesehn.
Du blauer Liebeskelch, in dich
Sank all mein Frühling hin,
Vergifte mich, umdüfte mich,
Weil ich dein eigen bin.
Und schliesst du den Kelch mir zu,
Wie Blumen abends tun,
So lasse mich die letzte Ruh
Zu deinen Füssen ruhn.
Adieu, lieb Kind, auf Wiedersehn.
                                                                         Clemens
                                 Liebe Bettine!
Ich habe zu viel die ganze Zeit an Dich gedacht, und mein Gemüt sass zu gleicher
Zeit zu sehr wie auf einer Schaukel, als dass ich Dir hätte schreiben können,
auch hab ich täglich abreisen wollen, aber es hat sich mir Abenteuer an
Abenteuer gereiht, und ich bin mit allerlei künstlichen Spinnweben umflochten
worden, die ich im Anfang leicht hätte zerreissen können, aber ich sah mit
künstlerischer Lust den Geweben zu und habe aus kindischer Tollkühnheit mir
selbst Stricke daraus geflochten. Ich habe den Geliebten Benediktchens so
liebgewonnen, dass ich den beiden Glücklichen emsig in ihrer Intrigue helfe.
Beide haben sich wie Engel gegen mich betragen, Benediktchen ist eins der
holdesten und genialsten Mädchen, die man wahrscheinlich nur einmal begegnet.
Ausserdem habe ich noch eine wunderliche Liebschaft, aus der ich gar nicht klug
werde. Zwei Freundinnen hab ich auf einer einsamen Insel in einem engen Flusstal
hier kennengelernt, der Vater des einen Mädchens hat auf der Insel einen
Eisenhammer, das andre Mädchen ist von hier, eine Freundin Benediktchens, sie
ging die Einsiedlerin besuchen, und ich begleitete sie. Hannchen heisst die
Einsiedlerin und Gretchen die Freundin, sie ist klein, äusserst niedlich und
fein, eines Seraphs Gestalt, aber einen ernsten Kopf mit schwarzen, tiefsinnigen
Augen, an ihrem Gesichte ist nichts schöner als die ewig rege Freundlichkeit,
die in einem beständigen wunderlichen Kampfe mit dem Tiefsinn von Stirn und Auge
begriffen ist. Wenn man sie ansieht, ist es, wie wenn schnelle Wolkenschatten
unter dem Sonnenschein her über die Felder fliehen. Sie ist streng und
freundlich und gleich einem Granatbäumlein, das in unserm Klima keine Frucht
trägt. Sie ist nicht glücklich, denn kaum mag man sie zu umarmen wünschen, so
wünscht man auch, sie zur Freundin zu haben, weil sie zu bescheiden ist, ihr
volles Herz in sehnsüchtigen Blicken zu verraten. Sie sieht einen nur mit
vertraulichen Augen an, an denen die Begierde zu einem schwermütigen Ergötzen
des Zweifels wird.
                                Lieber Clemens!
Dein fliegend Blatt ist mit dem Morgenwind nicht zum Fenster herein-, sondern
hinausgeflogen. Eben hatte ich meinen Sitz zum Schreiben zurechtgerückt, so
macht der Wind die Tür auf, packt mein Blatt und ab mit zum Fenster hinaus,
dahin, von wannen er gekommen war, was kein Mensch weiss, wo das ist, ich seh ihm
nach und entdecke, dass er mit dem Blatt in den Schornstein unseres Nachbars
Johann Andree sich retiriert, er konnte in den Suppennapf fallen und dem Herrn
Andree aufgetischt werden; um dem zuvorzukommen, sprang ich hinunter, fand das
Blatt schon unterwegs nach dem Kanal, es schwebte über dem Wasser, nur ein
Wunder konnte es retten, das war eine graue Mütze, die es auffing, die dem Arnim
gehörte, der vor mir stand mit einem zweiten Brief in der Hand, den er mir von
Dir mitbrachte. Aber warum hast Du auch auf so dünn Papier geschrieben,
äterischer wie die Luft selber, vielleicht weil er das Gewand Deiner Seele ist,
der Widerschein Deiner selbst! -
    Die beiden Freundinnen sind ein Paar Nebenfacetten Deiner verklärten
Einbildung, die hundertfältig facettiert ist, sie strahlt im eignen Glanz, was
schön ist zu empfinden, zu geniessen, und wer sich in Dir gespiegelt sieht, der
muss Dich lieben, weil er eben nicht frei ist von Eigenliebe. Man kann vor
anmutigster Schelmerei, die vom Witz zur Rührung sich durchneckt, aus der
hinüberspringt zur Seiltanzkunst und da solche Sprünge macht, dass einem Hören
und Sehen vergeht, gar nicht dazu kommen, dass man so weit sich mit Dir einliesse,
Dir ein Gnadengeschenk zu machen mit irgendeinem Pfand der Zärtlichkeit. Einen
Kuss zum Beispiel, wie kann man ihn Dir geben, Du hattest Dir ihn schon genommen
wie einen Apfel, den man gedankenlos vom Zaun bricht, Du spielst Ball mit zum
Zeitvertreib, Du haschst ihn wieder, Du wendest und drehest Dich damit vor dem
geblendeten Auge der Geküssten, die nicht begreifen kann, wie dies Pfand der
Zärtlichkeit bestimmt war, solche Luftsätze zu machen. Die andern, die zusehen,
lassen sich hinreissen von diesem Spiel, sie sind ausser sich vor Vergnügen über
den göttlichen Clemens, eh sie sich's versehen, hast Du einen neuen Apfel
abgerissen von den Zweigen des Wohlwollens, der Hinneigung und Begeistrung, der
alte Apfel rollt in die Ecke und beschämt die, der Du ihn durch Deine Neckerei
geraubt hattest. - Clemente, sei nicht böse über diese Charakteristik, sie ist
ja nur die spanische Wand Deiner andern »Torheiten«, sagte die Günderode. Tiefe
Weisheit sagte ich, wahre, tiefe Liebe sagte ich, Heiligtum der reinsten,
edelsten Freundschaft. Und der Clemens kann in seiner Treue nicht verglichen
werden; er fasst die Seele, er legt sich warm wie ein brütender Vogel über sie
und schützt sie und streitet für sie und harret geduldig über ihr mit grosser
Sorge und Vorsicht, aber dann kriecht öfter auch ein Gänschen aus dem Ei, aus
dem er einen Schwan auszubrüten hoffte, und das ärgert ihn dann sehr.
    Soweit ich und die Günderode über Dich; nur noch eins wollte ich behaupten,
dass sie nämlich gewiss auch einen Apfel misse an den herabsenkenden Zweigen ihrer
adeligen Seelengüte! - Clemens, wenn Du den geraubt hättest auch zum Spiel nur
und hättest ihn nicht bewahrt als ein Geschenk der Göttin Fortuna, so prophezei
ich Dir Schlimmes. - Du weisst, wer ein solches Pfand vernachlässigt, an das
diese eigensinnige Göttin oft das Heil ganzer Geschlechter knüpfte, der muss dann
einen bösen Dornenpfad wandern, von dessen stacheligen Zweigen er keine süssen
Feigen sammeln kann. - Ich fragte die Günderode über dies Pfand und ob sie
glaube, dass es in Deiner Seele Gedächtnis gut und edel verwahrt sei - sie ward
ein bisschen nachsinnend darüber - dann lächelte sie und zog mich auf ihren Schoss
und küsste mich zärtlich! - Ich weiss, dass die Günderode Dir gütig gesinnt ist,
sie ist die beste und edelste von uns dreien. Aber natürlich, wenn Du auf dem
Tanzplatz herumgaukelst all Deiner seltsamlich verphantasierten Scheingöttinnen,
da kann die echte sich nicht herablassen, eine von Dir gewählte Rolle zu
übernehmen. - Ach, ich vergesse ganz, Dir noch viel zu erzählen.
    Der Arnim kam zu uns ins Stift und fragte, ob man bei dem herrlichen Abend
nicht wolle hinaus nach der grünen Burg, so wanderten wir bei Abendschein die
stillen Feldwege, ich lief immer voraus, wendete um und sah die beiden vom
untergehenden Tag mit einem Nimbus umfangen, schreiten, mehr schweben - optische
Wirkung des Lichtes, das seinen Sonnenharnisch abgelegt hatte! - Das Licht, wenn
es nicht tront, ist mild, einfach, bescheiden, kindlich und wohl gar wie ein
Kind zum Spielen geneigt. - So auch der Welterrscher, im Sonnenfeuer seiner
Macht durchglüht er alles mit Geistesfeuer, ihm muss werden, was seines Willens
ist; aber wenn er sich entkleidet dieser Gewalt, ist er wie ein Kind! - Der
Arnim sieht doch königlich aus! - die Günderode auch; der Arnim ist nicht in der
Welt zum zweitenmal, die Günderode auch nicht. Die beiden gehen da nebeneinander
an diesem schönen, heitern Abend! Aber dort kommt ein Gewitter! Die Winde kehren
vor uns den Weg, wir müssen eilen! Wir fangen an zu traben, wir wollen eben in
Galopp uns setzen, ergiesst das schwarze Gewölk sich über uns, unten blitzt es,
die Donner schlagen ihre Wirbel. Wir erreichen einen dichtlaubigen
Kastanienbaum, die Regenflut läuft an seinen breiten hängenden Ästen hinab,
dicht am Stamm ist's trocken. Der Arnim breitet seinen grünen Mantel um uns, die
Günderode hat mit dem Kragen den Kopf geschützt, ich konnte es aber nicht
drunter aushalten, ich musste sehen, was am Himmel passiert. Da zogen die
Regenschichten nacheinander vorüber, es war ein Gewühl. Ganz so stell ich mir
das Wetter vor unter der Erde, wenn da ein Postament von Wolken wär, auf dem sie
tronte. - Kurz, es war entweder das unterste Naturgestell, was mit dem Gewand
ihrer Farben und Schönheitsschmelz verdeckt ist, und sie hatte dies ein bisschen
zu hoch geschürzt, oder es war die Kehrseite der Kulissen, hinter die man wirft,
was nicht soll an Tag kommen. Aber Nacht und Dunkel kommt ja auch an den Tag; um
so heller der leuchtet, um so dunkler sie uns droht. - Ein Weilchen gefiel mir
dies böse Abenteuer. Arnims wunderschöne Jugendnähe elektrisierte mich, ich
opponierte dem Gewitter mit allerlei vom Zaun gebrochner Philosophie, die nicht
Hand und Füsse hatte und nasse Flügel, die liess sie hängen. - Wir gingen weiter,
jetzt, wo der Wind die Wolken ins Gebet nahm, rissen sie aus. Die Günderode
wurde ins Bett gesteckt, wir sollten die Nacht dableiben. Wer war froher wie
ich. Eine schöne Sommernacht unter einem Dach mit dem Arnim, mit Günderödchen
durchplaudert, - doch haben wir uns gezankt. Wir stiegen die Leiter der
Begeistrung hinan in unserm Nachtgespräch, eins überhüpfte das andere, oben
zankten wir einander, dass wir nicht in ihn verliebt seien, dann zankten wir
einander, dass wir kein Vertrauen hätten, und wollten's nicht gestehen, dass wir
ihn doch liebten, dann rechtfertigten wir uns, dass wir es nicht täten, weil jede
geglaubt hatte, dass die andre ihn liebe, dann versöhnten wir uns, dann wollten
wir grossmütig einander ihn abtreten, dann zankten wir wieder, dass jede aus
Grossmut so eigensinnig war, ihn nicht haben zu wollen. Es schien ernst zu
werden, denn ich sprang auf und wollte mein Bett von dem ihrigen wegrücken aus
lauter Zorn, dass sie den Arnim nicht wollte. Auf einmal hören wir husten und
sich tief räuspern. Ach, der Arnim war durch eine dünne Wand nur von uns
geschieden, er konnte deutlich alles vernehmen, er musste es gehört haben, ich
sprang ins Bett und deckte mich bis über die Ohren zu. Uns klopfte das Herz wohl
eine halbe Stunde, keins muckste mehr die ganze Nacht. - Am andern Morgen früh
um sechs Uhr sah ich zum Fenster hinaus den Arnim schon unter den Linden
spazierengehen. Jetzt wollten wir doch probieren, ob er uns gehört könne haben.
Ich ging ins Nebenzimmer, die Günderode sprach ungefähr dasselbe und ebenso laut
wie am Abend. Ich legte mein Ohr an die Wand und hörte teilweis', aber nicht
alles; als ich aber sah, dass sein Bett gerade an der Tür stand und dass das
Schlüsselloch mit dem Kopfkissen auf gleicher Höhe stand, und dass man da alles
deutlich hören konnte - wie zwei marode Schiffer, die eben gescheitert sind an
der Sandbank, die sie solange ängstlich umschifft hatten, guckten wir uns an.
Wir mussten zum Frühstück! - Wir setzten uns mit dem Rücken gegen die Tür, um ihn
nicht gleich sehen zu müssen, was half der eine Augenblick, wir mussten ihm ja
doch die Sträusschen abnehmen, die er eben aus dem Feld mitbrachte,
Vergissmeinnicht! - Ach, nun war's gewiss, dass er's gehört hatte. Ach, Clemente,
es war recht wunderlich! - Das war gewiss so ein Gefühl, was man Verlegenheit
nennt! - Ich nahm die Gitarre von Gunda und sang »Das schmerzt mich sehr, das
kränket mich, dass ich nicht genug kann lieben Dich«. - Der Arnim gab mir seinen
Handschuh und bat, den zerrissnen Daumen zu flicken. - Ich hab's getan, Clemente.
Ach, aller Anfang ist schwer, der Handschuh duftete so fein, so vornehm. - Ein
grauer Handschuh von Gemsleder, ich habe ihn mit Hexenstichen benäht, er zog ihn
gleich an, den linken Handschuh aber liess er liegen und promenierte mit seinem
Stock neben uns. Ich warf seinen vergessenen Handschuh unter den Tisch, ich
dachte, da mag er liegen, wenn er ihn zurücklässt, dann heb ich ihn zum Andenken
auf; denn er geht ja morgen fort. »Wird nicht wiederkommen, wird nicht
wiederkommen, das tut mir weh« - ich hab ihm dieses alte Volkslied vorgesungen,
es hat ihm sehr gefallen. -
    Der Arnim ist fort! - er hat den Handschuh zurückgelassen. Gestern nahm er
Abschied, und gestern leuchteten noch die Sterne uns beim Heimgehen, er suchte
einen Stern aus, den wir alle drei wollten sehen, wenn wir aus der Ferne
aneinander dächten. Ach Gott, ich hab den Stern vergessen, er hat's so deutlich
expliziert, und nun kaum war er fort, wusst ich's nicht mehr, ich fragte die
Günderode, denn die ist sternkundig, aber die neckt mich und nimmt dies als
einen Beweis, dass ich gewiss in ihn verliebt sei! Es ist aber doch nur, weil
mir's so leid tut, dass er vielleicht treu und redlich seinen mit uns
ausgemachten Stern ansieht, in der Meinung, wir guckten auch, und nun gucken wir
beide wie die Hahlgänse daneben.« -
    Lieber Clemens, gestern nahm Arnim Abschied, und gestern schrieb ich dies
nieder, und heut bin ich wieder ruhig über die Sternengeschichte, denn mein
Gewissen würde mich dann ewig geplagt haben, ob ich auch zu rechter Zeit nach
dem Stern sehe. Ich würde am End jeden Tag eine ganze Stunde meinen Kopf haben
in die Höhe halten müssen, es wär eine Pein gewesen, um gleich des Kuckucks zu
werden. Ich wollt, Du wärst bei mir, ich hab Dich doch ganz allein lieb, und so
lieb wie mich hast Du niemand anders. - Wenn Du auch noch so sehr meinst, Du
müssest über Deine Liebschaften verzweifeln, weil immer keine Gegenliebe dabei
herauskommt. Es ist einmal so, die Menschen machen sich nichts aus uns beiden,
und wenn wir ihnen ebenso vorkommen, wie sie mir alle zusammen vorkommen, dann
ist's ihnen nicht zu verdenken; denn so albern sind sie wohl, dass sie uns ebenso
absurd finden, als wir gescheit sind, sie närrisch zu finden. Aber vom Arnim tut
mir nichts leid, als dass ich so kalt Abschied von ihm genommen hab, ich fragte
ihn lachend, ob es ihn dann gar nicht rühre, dass er nun weggehe, und es war mir
doch gar nicht so ums Herz. Ich hätte viel lieber Abschied von ihm genommen wie
von Dir, nicht wie von einem Fremden, der mich gar nichts angeht.
    Jetzt freut mich's, dass ich so aufrichtig gegen Dich sein kann, und wenn Du
an Arnim schreibst, so sage ihm, dass ich ihn noch recht liebhabe, aber nicht so
deutlich sage es ihm wie hier in diesem Brief. Ich würde Dir eher geschrieben
haben, aber ich bekam erst viel später Deinen Brief von Christian, der auf der
grünen Burg den ganzen Tag im Gras liegt und Flöte bläst, und die Leute sagen,
die ganze Gegend wär wie verzaubert von diesen Flöten-Variationen »Mich fliehen
alle Freuden,« und wenn er aufhört zu blasen, so spitzen sie die Ohren, als ob
sie was hörten, das ist die schweigende Stille, die sie hören, das ist ihnen ein
so längst entwöhnter Ton, eben weil die Flöte weder bei Tag noch Nacht von
seinen Lippen kommt.
    Clemens, komm bald, komm ja recht bald, an Benediktchen einen Gruss, und sie
soll Dich gehen lassen. - Komm, ich hab Dir viel zu sagen.
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Während ich Deinen Brief las, donnerte und blitzte es rings im Tale, nun ist es
ruhig, aber ich kann Dir nicht heute ruhig antworten, es ist keine Zeit,
wahrlich, Dein Brief selbst lässt mir keine Zeit, ich gehe jetzt in den Garten,
da will ich an Dich denken und Deinen Brief dem Sonnenschein, der durch die
Gewitterwolken bricht, vorlesen, der wird Dich in Offenbach freundlich dafür
ansehen und Dir danken, dass Du an ihn geschrieben hast. Drum, er konnte auch
nicht umhin, er muss Dir gleich recht warm glühende Antwort geben. Ein
freundlicher Kerkermeister, dem es jammert, dass er den Gefangnen im Kerker muss
schmachten lassen, wie vergnügt bringt er die Botschaft der Befreiung, und wie
eilig und wie sanft löst er die Fesseln; so war's mit Deinem Brief, er kam mit
dem Schlüssel in Händen, ich fühlte vom erleichterten Herzen die Fesseln
niederfallen eine nach der andern, und die Sonne schien mir ins Herz, da war's
auf einmal anders; ich dachte, wie bin ich doch betrunknen Sinnen hingegeben
gewesen. - Ja, es ist alles schön, was ich erlebte, und die Liebe und Güte
dieser Menschen gegen mich ist wirklich lieb und edel, aber schöner ist doch
nichts als frei sein und ungefesselt lieben, wie ich meine Schwester liebe, und
dann fühlte ich, dass nichts mich so beglücken kann als die spielende Heiterkeit
in Dir, die doch aus innigster, warmer Lebensquelle strömt, lieb Kind! - Tanz
ist doch edel! - ja gewiss mit die reinste, die erhabenste der Künste! - Denn
jede Kunst hat im Geist ihre Apoteose, und Deine heitere Lebensansicht, Deine
Gefühle sind tanzende Wendungen nach der lieblichsten Melodie. - Diesmal im
Brief spielen Deine Gefühle auf der Schalmei und begleitet der Witz mit dem
Triangel dazu. -
    Meine Gitarre wünsche ich mehr als je hierher, ich möchte sie mit nach
Düsseldorf nehmen; wenn Du sie könntest lassen in eine Decke einpacken, wäre
gut. Hast Du dem Ritter geschrieben? - Schreib ihm doch, er ist einer, der
besser ist wie die Albernen, die uns für absurd halten, schreib ihm, lieb Kind!
- wie Du ans Weltall schreiben würdest, wenn Du auf einem vertrauten Fuss mit ihm
wärst. Denn er ist im Begriff, die Schöpfung auszusprechen. So wie der Urgeist
sie im Moment der Erfindung aussprach, was ein und dasselbe ist dem Erfinden, so
geht sie in geläuterten gehöheten, geistigen Begriffen durch ihn durch, als ob
sie bloss geschaffen, um auch einem so erhabnen Streben des Geistes durch ihren
Begriff zu lohnen. - Lies doch wieder in den guten Büchern, die Du hast, lieber
Engel - und werde immer ruhiger und bemühe Dich, einzelne Dir merkwürdige
Lebenspunkte aufzusetzen, und schenke mir dann und wann so was! - Dem Arnim will
ich schreiben, dass Du ihn liebhast, er erwartet sich's aber auch nicht anders,
denn er hat Dich gewiss ebenso lieb; - und vom Günderödchen war's ebenso recht,
dass es ihm nicht den Vorzug gab. Denn es will gewiss gleich teilen zwischen mir
und ihm, und wir vier gehören ja alle einander an.
 
                                   An Bettine
                                                                      Düsseldorf
Warum schreiben wir uns nicht? - Ich gehe in jeder Stunde mit Dir um, Dein Bild
steht immer hinter meinem Tintenfass, und ich sehe Dich immer an. Wenn ich Dein
Bild aufgestellt habe, so bin ich honett, gut, einfach und stolz. - Ich gehe
hier mit vielen Leuten um, die schlechter sind als ich und Du, man muss auch das
lernen. Was mich hier fesselt, ist die Galerie und das artige Teater, dann der
geschickte Musikdirektor, dem ich eine Oper dichten will, und der mir dafür
Unterricht in der Komposition geben wird. Eine kleine Oper habe ich schon fertig
für Neujahr, wo sie aufgeführt werden soll in Mannheim, er arbeitet noch daran.
Hast Du Savigny in Frankfurt gesehen? Wie war er? - Wie lebst Du, was machst Du?
- Ich hab heut an Christian geschrieben, ich bitte, schreib ihm auch. Bald ist
mein Namenstag, schick mir dann einen recht langen Brief, er ist mir das
Liebste, aber ungezwungen, ungeniert, so wenn Dir's einfällt und was Dir
einfällt, ich werd mir's schon zurechtlegen. Kommt Minchen Günderode nicht auch
zuweilen mit ihrer Schwester zur Dir? - Ich bin ihr einen Brief schuldig. Küsse
sie von mir, sage ihr, dass ich sie liebe, wie ich jetzt kein anderes Wesen
lieben kann! - Denn in meine Oper denk ich die Hauptrolle mir gerade wie sie!
und den ersten Liebhaber wie mich. - Ich muss ihr zu Füssen fallen, ich muss sie
küssen, sie mag wollen oder nicht. - Und sie muss auch am End einer langen Arie
mir in die Arme fallen und mich beglücken, stelle ihr das doch recht beweglich
vor; und dass es ja nicht anders sein könne, weil sie einmal meine Opernheldin
ist, sie soll sich bewegen lassen darauf einzugehen. Das wird recht schön sein,
wenn ich mir denke, es sei alles wahr, dann werde ich mir die lieblichsten
hinreissendsten Szenen zum Küssen malen!
    Hast Du was gedichtet, geschrieben, schicke mir es in meine Einsamkeit. -
Wenn Du ein Kinderkleidchen für ein liebes rundes Mädchen von drei Jahren
hättest, aber recht hübsch und bald, so würdest Du mir grosse Freude machen. Wo
nur Arnim stecken mag, ich hörte seit meinem Brief nichts mehr von dem Jungen.
Du bist wohl recht ruhig. - Ich bin es auch. Ich schicke Dir vielleicht bald
mein Porträt. Schreibe mir einen langen historischen Brief. Deine Empfindung,
meine Empfindung kennen wir ja! - -
    Ich werde noch eine Weile hier bleiben, denn zu sehen, zu hören, ja
mitzufühlen, wie alles Denken und Erdenken plötzlich fliessend wird in
musikalischen Gesetzen, die der Poesie den Kopf zurechtrücken, das macht mich
ganz hingerissen. - Leb wohl! Schreib!
                                                                         Clemens
                                Lieber Clemens!
Ich will gleich anfangen mit dem, was mich zuletzt frappiert in Deinem Brief! -
Ich hab Angst, die Musik wird schlecht zu Deiner Oper. - Warum? - Weil Du eine
so enorme Freude daran hast! - Ich kenne Dich ja! - Du lässt Dich gar zu leicht
begeistern. Einem Kapellmeister gegenüber, wenn er seine Musik vorträgt, ist
nicht zu spassen mit fünf Sinnen, sie gehen in die Brüche! Er betrachtet Dich als
einen guten Kerl, den er mit Herablassung Strassen führt, welche Dir unbekannt
sind, Du kannst da gar keine Autorität haben, Du musst Dich führen lassen! Die
Effekte, die Du nur in Gedanken hörst und Dir natürlich ganz übernatürlich
vorstellst bei vollem Orchester, machen Dich in Dankbarkeit hinschmelzen vor dem
Kapellmeister, der überrascht von dem Eindruck, den er Dir macht, eine ganz neue
Bekanntschaft mit seinem Talent zu machen glaubt, er komponiert drauflos, weil
er eine Quelle der Erfindung in sich entdeckt, auf die er früher nicht sich
verlassen konnte! - Nun findet er, dass Du trotz Deinen Dichterlaunen ein sehr
verständiger, urteilsfähiger junger Mensch bist, Du wirst gelobt als höchst
liebenswürdig, die Sängerinnen werden begeistert, sie strengen sich an,
wetteifern! Fräulein Petersilie soll die Hauptrolle haben, sie verleugnet den
Peter zu Haus und kommt bloss als Silie. Der Name Silie bewegt Dein Dichtergenie
zu Explosionen von Begeistrung. - Kurz, es wird ein Wonnemonat, wie noch kein
schönerer war, wo Dichtkunst und Tonkunst sich vermählen! -
    Hoffmann hat hier ein Duett gemacht, wozu Du mir den Text schon früher
gabst: »Hör, es klagt die Flöte wieder, und die kühlen Brunnen rauschen.« - Ja,
wenn Dein Komponist so arbeitete wie er! - Dazu muss man aber, in eine
Einsiedelei verborgen, Blumen und Gras umher, im Schlaf versunken, nach der
Ferne lauschen, wo die rauschende Welt endlich auch betäubt ruht. - So ist aber
der gute Hoffmann, sein kränklicher, gebrechlicher Körper sondert ihn ab von den
Schwelgereien der Musiker, von ihren Weltverhältnissen und Liebeleien! - Durch
den Hoffmann hab ich manches begreifen lernen. Erst war ich als immer
verwundert, wie doch ein Mensch so ein traurig Los tragen müsse, der seinen Leib
doch nicht verlassen könne, der ihm Schmerzen macht; jetzt weiss ich's aber
anders. Der Geist überwindet alles. Und wenn der Geist kämpft, so muss er doch
stark dadurch werden. Der Geist kann nicht Wunden erliegen. »Invulnerable«, sagt
Mirabeau. Es kann nur vielleicht ihm versagt sein, sich geltend zu machen! -
Aber vielleicht ist der Leib die verschlossne Werkstätte, in der der Geist zur
höchsten Stufe der Bildung gelangt; und wenn er erst durchgeläutert und geglüht
als vollendetes Kunstwerk seiner selbst, zugleich mit dem Lebenskeim zu einer
höheren gewaltigeren Bildung versehen, neue Welten durchdringt - was ist's da,
dass in dieser Welt die Krankheit wie ein böser Traum ihn anflog. - Guter
Hoffmann! - Ich höre sein Klavier bei offnen Fenstern in die Mondnacht rauschen!
Er denkt gewiss, ich lieg im Bett und hör ihm zu! -
    Gute Nacht, morgen schreib ich weiter, weil Du einen so langen historischen
Brief verlangst. -
    Den wollt ich Dir wohl schreiben, den schönen langen historischen Brief,
wenn nur was vorgehen wollte! - Ich hab zwar gar keine Neigung, dass etwas
vorgehen soll, aber doch wie letzt in der Blaufärberei am Kanal Feuer ausbrach,
machte mir das ein unendliches Vergnügen; damit stimmte das Volk mit seinem
Schauspielertalent überein. - Eine Verzweiflungs-und Jammergeschreikomödie,
gewürzt mit den ausgelassensten Scherzen; das Ganze war unwiderstehlich, ich
bedauerte, dass es nicht schicklich war mitzuspielen, sondern nur zuzuhören. -
Gegenüber vom Feuerbrunstteater, im freien Feld steht das grosse Haus, worin
Bernards blasende Instrumentisten alle wohnen, die manchmal sich das Pläsier
machen, aus allen Fenstern heraus nach den vier Weltgegenden hin ihre Passagen
zu exerzieren, diese waren durch die ausschlagenden Flammen in Begeistrung
versetzt, - sie bliesen Tusch, wenn ein Stück Dach einfiel oder Mauer! - Was
einen doch gleich Lebensübermut durchströmt, wenn die Menschheit nicht so
ängstlich am Besitztum klebt! - Wenn man hört Mitleidsquellen rieslen, über das
einzige bisschen Habe, was den Armen nun verloren ist - das macht so malade, es
steht einem der Verstand still, da doch gewiss jeder genug hätte, wenn jeder
wüsste, was er mit dem seinen anfangen soll. - Der Blaufärber hatte die
grossmütigste Gleichgültigkeit bei diesem Veraschen seiner Einbläuung, und es
kamen die närrischsten Witze vor bei der Judenspritze, bei welcher der
Blaufärber selber stand und sie fortwährend dirigierte gegen die zwei uralten
Linden in seinem Hof, die sein Ururgrossvater, der auch Blaufärber war, gepflanzt
hatte, unter denen der Färber seine Hochzeit gehalten. - Wenn ihr mir die
erhaltet, sagte er zu den Juden, so schenk ich euch zwanzig Taler. - Nun wurden
die Juden so feurig, lauter arme Lumpen! - Es gab ein Gezänk mit der Polizei,
sie wollte auf die unnützen Linden kein Wasser verwendet haben, die Juden
schrieen mörderlich, als man ihnen den Schlauch entriss, nach dem Blaufärber; der
kam herbei und musste ihn wieder erobern. »Was solle die alte Bääm,« sagt der
Herr Bolezei! - Wie, Herr Polizei! - Sie schmähen die alten Linden, das
Wahrzeichen von Offenbach? - »Ei, do könnt ganz Offebach abbrenne, und die
Wahrzeiche bliebe alleen stehe. Die könnte doch das Maul nicht uftun und
erzähle, dass Offebach da gestane hat.« -
    Die Linden wurden übrigens gerettet; denn die Juden liessen sich nicht zu nah
kommen! - Die Hornisten, Hautboisten, Klarinettisten und Fagottisten
schmetterten ihre Passagen dazwischen wie freie Göttersöhne in des Mondes blauem
Licht, der über ihrer Wohnung tronte und nichts von seinem Glanz verlor durch
die gegenüber aufqualmende Feuersäule, die sich oft vom Rauch nieder musste
drücken lassen! - Der Mond hat Charakter, die Gestirne haben Charakter, der
Himmel, der sie trägt wie ein Baum die Äpfel, der ist der Charakterbaum. - Die
Menschenseele ist ein kleiner fliegender Samenstaub, der einen guten Boden
sucht, um auch Charakter zu werden. - Das Werden! - Das grosse Werden - ist und
soll sein der einzige Genuss, sagt die Günderode, der wird aber nicht, der nicht
göttlich wird, sagt die Günderode auch noch. - Für heut hab ich genug
geschrieben; nun wünsch ich, dass morgen wieder was vorfallen möge, einzig, um
meinen historischen Brief fortsetzen zu können. -
    Heut ist aber doch nichts vorgefallen, so sehr ich auch getrieben habe und
dem Fenster hinausgeguckt, ob nichts kommen wollte. - Vom Feuer war viel die
Rede, man besuchte die Grossmama, um ihr zu gratulieren, dass ihr der Schreck
nichts geschadet habe; sie wurde am End ärgerlich, wie einer nach dem andern
kam, die Fürstin von Ysenburg war zuerst bei ihr gewesen, da war es gleich Mode
geworden. - Es ist schlimm, dass die Grossmama sich nicht gut verleugnen kann,
weil sie nie aus Garten und Haus kommt! - Diese Häuslichkeit hat einen eignen
poetischen Schimmer, alles in der höchsten Reinlichkeit und Heimlichkeit
erhalten, - zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit ist nichts vernachlässigt,
selbst das aufgeschichtete Brennholz am Gartenspalier ist unter ihrer Aufsicht
der Schönheitslehre. - Wenn es im Winter muss verbraucht werden, so lässt sie es
immer so abnehmen, dass die Schneedecke soweit wie möglich unverletzt bleibt, bis
Tauwetter einfällt, wo sie's abkehren lässt. Im Herbst hat sie ihre Freude dran,
wie die roten Blätter der wilden Rebe es mit Purpur zudecken. - Im Frühling
regnen die hohen Akazien ihre Blütenblättchen drauf herab, und die Grossmutter
freut sich sehr daran! - Ach, was willst Du? - Es gibt doch keine edlere Frau
wie die Grossmutter! - Wer den wunderschönen Blitz ihres Auges verkennt, wenn sie
manchmal sinnend mitten im Garten steht und späht nach allen Seiten und geht
dann plötzlich hin, um einem Zweig mehr Freiheit zu geben, um eine Ranke zu
stützen - und dann so befriedigt in der Dämmerung den Garten verlässt, als habe
sie mit der Überzeugung alles gesegnet, dass es fruchten werde. -
    Nein, heute ist nichts weiter vorgefallen, was ich historisch nennen könnte,
der Tag ist total vorbei! - Und nichts, was nur den Hund hätte zum Bellen
gebracht. - Nur eine kleine elegische Szene. Die Grossmama hat manchmal einen
Verdruss an so einem Federvieh, wenn es in ihre Hausordnung sich nicht fügt, so
muss es geschlachtet werden, diesmal traf das traurige Los der Hinrichtung ein
impertinentes Huhn, was immer mit grosser Geschwindigkeit die Weizenkörner,
welche sie für alle streut als Dessert zum Haber, für sich allein erschnappte.
Dies Huhn war von Meline in Affektion genommen, gleich als es auskroch, heisst
Männewei, von Mannweibchen, weil es lang unentschieden blieb, ob das Tier ein
Hahn oder Huhn sei, da es einen so roten, stolzen, doppelten Kamm und einen
schönen roten Bart hat, kurz, ich komme grade an der Küche vorbei, wie die taube
Agnes auf dem Schemel sitzt, das Huhn zwischen den Knien, das Messer wetzt. -
Ich springe hinzu, zieh den Schemel unter ihr weg, sie fällt auf die Nase, das
Huhn unter dem Messer weg flattert mit grossem Geschrei durchs Küchenfenster; es
war die Zeit, wo die andern Hühner schon alle im Hühnerstall mit ihrem Hahn der
goldnen Ruhe geniessen, kaum hörten sie aber das Notgeschrei der Henne, als alle
loslegten mit Gackern! Ich war voll Schreck über meine Kühnheit, die Hinrichtung
zu verhindern. Ich jagte das Huhn durch den Garten, ganz am End der Pappelwand
fing ich's erst ein, wo sollte ich mit hin, bracht' ich's zurück, so wurde es
dennoch abgetan, aber mir schauderte, eine Suppe von diesem Huhn zu essen. - Ich
marschierte zum Gärtner im Boskett. - Der nimmt es unter seine Obhut, bis
bessere Zeiten kommen. - Wie kann man auch Tiere, die täglich unter uns
herumlaufen, uns trauen, einem nicht aus dem Weg gehen, plötzlich, was sie gar
nicht gewärtig sind, über sie herfallen und fressen. Die taube Agnes ist sehr
erschrocken, dass der Poltergeist die Schawell unter ihr weggezogen hat, sie
erzählt noch mehrere Fälle von diesem Spukeding; - einmal war es mit ihrer Haube
ausgerissen - sie war aber am Fensterspiegel hängen geblieben. - Diesmal mit der
Henne, keiner glaubt ihr das, aber jeder wundert sich, dass es verschwunden ist
und nicht wieder erscheint. - Und endlich, meint die Agnes, werden wir's doch
einsehen, dass es spukt. Die alte Kordel setzte sich mit dem Rädchen herbei, die
Agnes erzählte lauter Geschichten vom Küchenteufel, eine ganz aparte Klasse;
wollt ich auch jetzt sagen, dass ich das Huhn weggeschleppt habe, keiner würde es
glauben. - Abends beim Sternenschimmer, wo ich den Kopf weit aus unserm
Mansardfenster streckte, um recht viele Sterne zu Zeugen meines feierlichen
Schwures aufzurufen, tat ich das Gelübde, alles dran zu wagen, wenn ich einen
Menschen in Gefahr sehe und wenn auch selbst das Messer schon über seinem Haupte
schwebt. - Ein rascher Entschluss vermag viel, aber Zagen ist das Verderben aller
Grosstaten! Hätt ich nur einen Augenblick mich besonnen, so lebte jetzt kein
Männewei mehr! - Und mit so einem Tier ist's eine besondere Sache, man weiss
nicht, ob es ein Jenseits hat, doch lebt es gern, doch hat es mehr mit der Natur
zu schaffen wie wir, doch gehört ihm die Welt, jeden Augenblick es drauf
verweilt, ja es ist der Mühe wert, ein Leben zu retten, sei es welches es wolle.
Ach, die Schwäne fallen mir hier ein, die ihr schneeweiss Gefieder im eignen
Blute mussten baden, die Helden der Gironde! -
    Schon wieder ist der Abend angerückt, lieber Clemens! - Heute sind keine
Ereignisse vorgefallen, nur Nachrichten eingelaufen, die aber vielversprechend
sind. - Savigny ist auf dem Trages und erwartet uns zum Diner den Sonntag, wir
werden also morgen in die Stadt gehen, diese Nachricht brachte Doktor Ebel als
Auftrag von Leonhardi, der uns einen Platz in seinem Wagen anbot. - Ebel ist ein
naturforschender Mistfinke, aber die Grossmama geht ganz darüber hinweg, dass er
immer ein schmutziges Hemd an hat und schwarze Nägel, und tat folgenden,
merkwürdigen Ausspruch: »Mein Kind! - Die Reinlichkeit ist zwar die edelste
Tugend und ist verschwistert mit der sittlichen Reinheit. Selbst ein
lasterhafter Mensch erhebt sich aus seinem Sündenpfuhl, wenn er sich wäscht und
ein reines Hemd anlegt, die Würde des Menschen fühlt sich dadurch neu belebt. -
Aber - -«, sagte sie und hielt ein, denn der Mistfinke, der einen Augenblick
abwesend gewesen war, trat herein und brachte der Grossmama allerlei Abfall von
der Natur, den sie sollte in ihr Naturalienkabinett aufnehmen. Unter andern ein
Stück Leinwand von Asbest, was unverbrennlich sei. - Moose, welche auf der
höchsten Spitze der Spitzberge wachsen - purpurrot! St. Pierre und Buffon wurde
geholt, um über Schnecken und Muschelsamen, wovon Ebel eine ganze Bonbontüte
voll mitgebracht hatte, zu befragen, sie blieben die Antwort schuldig! - Ebel
erzählte also, dass dieser, aus dem Grund des Schwarzen Meeres, ihm von einem
Freund zur Untersuchung mit vielen Mühen und Unkosten gesendeter Muschelsame die
wunderbarsten Erscheinungen entalte, mit einem Vergrösserungsglas betrachtet,
werde man die ausgebildetsten Formen drinnen finden, die so klein seien, dass man
sie für Sandkörnchen halte. - Die Grossmama war begeistert für diese
Merkwürdigkeitstreckelchen, aus denen die Welt zusammengebacken ist, und die
Ebel mit Lebensgefahr unter einer Taucherglocke von einem kühnen Taucher wollte
erhalten haben, ein Paketchen draus gemacht und mit Noten versehen in ein
Kästchen gepackt, worin noch andre Seltenheiten der Art liegen. - Das war nun,
was er in der rechten Rocktasche mitgebracht hatte. Nun griff er in die linke
Rocktasche. Das erste Päckchen entielt ein Stück Spinnweb von der Riesenspinne,
- er konnte es ordentlich auseinanderfalten, ohne es zu zerreissen, es fiel dabei
sehr viel Staub heraus, die Grossmama hätte dies Chemisett der Arachne gewiss gern
unter ihren tausend Wundern der Welt besessen, allein Ebel wickelte es
sorgfältig wieder ein und steckte es in die Westentasche! - Ich glaub, er hat's
irgend im Winkel auf dem Boden entdeckt und hat ihm die Reise aus Indien
erspart! - Dafür entschädigte er sie mit einem Stück Brot von der Brotbaumfrucht
in Otaiti. - Dies war eine grosse Galanterie, denn bekanntlich ist ihr Liebling
unter allen ihren Werken dieser Roman, der auf Otaiti vorgeht; sie war also
durch dies Brot so entzückt, dass ihr die Tränen herabrannen! - »O Kinder,« sagte
sie, »wieviel Schönes harret noch eurer, wenn ihr euer Interesse an der Natur
ausbildet, glaubt mir, nicht allein das, wozu die Natur etwas geschaffen zu
haben scheint, hängt mit diesem Etwas zusammen und ist darauf angewiesen; nein,
es führt alles eine Sprache mit dem Geist. Dieser aber ist wie ein Kind, die
grosse Rednerin Natur spricht nur liebkosende Worte zu ihm, ja sie ahmt sein
Lallen nach, nur um ihm sich verständlich zu machen; aber es muss einstens dahin
kommen, dass sie die höchste Begeistrung zu ihm ausspreche, und dass er ihr
Antwort darauf geben könne.« »Ja,« sagt ich, »liebe Grossmama. Wenn die Natur
erst mit dem Menschen spricht, wie Mirabeau zu der Nation, dann werden lauter
Freiheitshelden geboren werden!« - Ebel - kreuzigt sich immer vor mir, er ist
mehr noch als Hase! - Jede Idee, die ich ausspreche, deucht ihm ein
Pistolenschuss, das Geringste, was ich sage, hält er für eine Erbse, die ich ihm
mit einem Blaserohr in die Perrücke ziele; - es kommt ihm immer vor, als
erschüttre ich das Weltall mit meinen Behauptungen. - Er lauscht manchmal, ob
er's nicht krachen hört. - Er guckt nach dem Wetter und behauptet, die Wolken,
die da herankommen, seien gewitterhaft von meiner elektrischen Natur
zusammengezogen, und er mag durchaus nicht in meiner Nähe verweilen bei schwüler
Luft, er fürchtet für sein geschätztes Dasein, das Gewitter könne in ihn
einschlagen und seine Seele ungewaschen und ungekämmt vor den Richterstuhl
Gottes bringen! - Der Herzog von Gota war dabei, als er dies einmal sagte, und
hatte seine Verwundrung über den gelehrten Naturforscher, er fragte ihn, ob er
denn an ein letztes Gericht glaube, ob er an die Hölle glaube? - Da kam es
heraus, dass er an noch mehr glaubt; nämlich an einen grossen Aktenschrank, worin
alle Lebensprozesse aller Menschen drinnen in höchster Ordnung aufgestapelt
sind. Dieser Aktenschrank ist sehr leicht beweglich, auf einen Wink fliegt er
auf und präsentiert gerade die Akten, die zum Prozess des Lebensverflossnen die
nötigen überweisenden sind, denn kein Mensch wird verurteilt, er werde denn von
der Gerechtigkeit des Richterspruchs überzeugt, - damit er sich die Höllenpein
nicht durch den Trost erleichtere, er sei ungerecht verdammt, - »denn Gott kann
nicht ungerecht sein,« setzt Ebel hinzu! »O Hirngespinst, o Scheusal, o
Gespenst, o Empusa,« sagte der Herzog, und seitdem trägt Ebel den Namen Empusa!
Er wird auch nicht mehr maskuliniert, sondern muss weiblich passieren, was ihn
ärgert, mich aber auch.
    Genug von der Empusa; als sie geflohen war, so wollte die Grossmama das Wort
für ihn nehmen und meinte, es sei doch gut von ihm, diese Freude ihr zu machen.
Ich holte Licht und bat die Grossmama so sehr, sie möge doch die Asbestleinwand
ins Licht halten. Aber ach, sie brannte ab. - Adieu Leinwand! - Adieu, Ebel, Du
bist kein charmanter Ebel mehr! -
                      Fortsetzung des historischen Briefes
Am Samstag sind wir um neun Uhr nach Frankfurt gefahren! Der erste, der am
Kornfeld von Sachsenhausen uns begegnet, war die Empusa; sie hatte sich nicht
mehr am Abend in die Stadt getraut, es war Meltau gefallen, und so blieb sie auf
der Gerbermühle, damit nicht auf ihm der Meltau sich hafte, der sehr oft die
Auszehrung veranlasse. Ich rief dem Kutscher halt, sprang aus dem Wagen, brach
mehrere Ähren ab, nahm sie in den Mund und liess sie blühen; - dann persuadierte
ich die Empusa, doch diese Roggenblüte durch den Mund zu streifen und zu essen,
als ein ganz sicheres Mittel gegen die Auszehrung. Dies hab ich im Kloster
gelernt. Empusa frass die Roggenblüte, fühlte sich nun, gesichert gegen den
Meltau, ganz munter. - In unserm Haus war alles voll Sonnenschein und erinnerte
mich sehr an unsere Kindheit, wo wir uns als in die Galerie versteckten, um dort
das kleine Seeschiff zu betrachten und die unzähligen kleinen Wachspüppchen von
allen Ordensgeistlichen, vom Papst an bis zu den Bettelmönchen und Nönnchen. -
Die Galerie stand offen, ich verweilte dort bei manchem aufgehobenen Kinderspiel
aus unserer frühsten Zeit; auch fand ich dort in einem Schrank den schönen
Kastorhut der Mutter mit einem blitzenden Band von Stahl und Goldperlen, auf den
der Papa als die Johanniswürmchen setzte, wenn er mit uns am Abend im hohen
Sommer spazieren fuhr. - Der Kastorhut war mir gar zu lockend; ich setzte ihn
auf, er stand mir schön, ich glich der Mama; denn ihr Bild wurde mir wieder ganz
deutlich - und der Papa hatte mich auch lieb vor allen Kindern, ich glaub wohl,
dass ich ohne Sünde den Hut kann behalten. - Ich frage bei Dir an, ob's ein
Diebstahl ist, - unterdessen hab ich ihn zum Günderödchen gebracht, dass sie mir
ihn versteckt, bis Du mir schreibst, ob Du erlaubst, dass ich den Hut behalte! -
Ich behalt ihn aber doch! - Abends war bei der Gunda der Tee; da waren allerlei
Menschen, die ich noch nicht gesehen hatte, aber auch Link war da, Dein Freund!
- Sie erwarteten Heinse, aber der kam nicht, den ich doch so gern gesehen hätte.
Ich sass auf einer Schawell an der Türe des Kabinettes, das ganz voll war, - an
Günderödchens Seite, so lehnte ich mich an sie, und während ein Doktor Kästner
sang: nicè bella nicè amata, schlief ich ein; kein Mensch hat's gemerkt. -
    Gestern am Sonntag fuhren wir nach dem Trages; - schon um sieben Uhr waren
die Wagen vorgefahren, alles, was mitfuhr, hatte sich im Saal versammelt, alles
war eingestiegen, und als alles eingestiegen war, da war kein Platz mehr für
mich! - Da hiess es, der Leonhardi kommt gleich vorgefahren mit Fr. von
Barkhausen, mit denen fährt die Bettine. - Der Leonhardi kam erst gegen zehn
Uhr! - Keine Frau von Barkhausen mit; man war unsicher, ob ich allein mit ihm
über Feld fahren könne, unterdessen stieg ich ein und sagte: »Fahr zu Kutscher!«
Und bald war ich mit meinem Leonhardi in die sommerlichen Felder entflohen. -
Jetzt lass Dir erzählen und glaub es nicht, das kann mich nur überzeugen, dass es
Dir zu toll vorkommt; er klappte einen Tisch auf, darauf legte er einen
Folianten, den er mitgenommen hatte, einen Krug Geilsheimer Wasser, den er mit
einer Schlinge ans Fenster befestigte, plazierte er auch darauf - und nun legte
er sich mit beiden Ellbogen auf seinen Tisch und fing an, in der Chronik zu
studieren und Exzerpte zu machen. - Nachdem ich eine Weile eine grosse Warze und
eine kleinere Warze auf seinem Backen betrachtet hatte, so fing ich an zu
pfeifen. - Das war ihm verdriesslich; er bat mich, stille zu sein; denn er habe
da was sehr Ernstes vor und sich es zum Gesetz gemacht, nie Zeit zu verlieren! -
Ich schwieg recht gern, aber ich sang in Gedanken und vergass das Schweigen und
sang wieder laut. - Das störte ihn sehr; er machte mir Vorwürfe, dass ich keinen
Augenblick Ruhe haben könne! - Als wir an einer Schenke hielten, um die Pferde
zu füttern, setzte ich mich auf den Bock und liess den Leonhardi mit seiner alten
Chronik im Wagen! - nur einmal liess ich halten, weil eine wunderschöne Blume am
Wege stand, die wollt ich pflücken; da machte der Leonhardi einen fürchterlichen
Lärm, ich hatte aber meine Blume. O blühte sie doch ewig! - Es ist mir lieb, dass
bis jetzt mir noch niemand gesagt hat, wer sie ist, denn dann setzt man
gewöhnlich auch hinzu, sie ist ganz gewöhnlich und wächst da und da sehr häufig!
- Nun lass Dir nur erzählen, wie schrecklich bös ich den Leonhardi gemacht hab;
ich wollte nämlich ein bisschen fahren, und ich kann es auch recht gut. Da hat
mir der Kutscher die Zügel gegeben; der Leonhardi, der alle Augenblick aus
seiner Chronik herausguckt, sieht das, ruft, ich soll's sein lassen, die Pferde
scheuen leicht. Der Kutscher sagt, ich könnte getrost fahren; - ich schnalze mit
der Zunge und werfe den Pferden die Zügel ein bisschen auf den Hals, sie werden
charmant mutig, und es geht noch einmal so rasch! - Der Leonhardi kriegt Angst
schrecklich, die Pferde seien ausgerissen, steckt eilig den Kopf durchs offne
Fenster, wirft den Krug, der Pfropfen geht heraus und das Geilsheimer Wasser
fliesst über die Chronik.
    Es musste gewischt und geduppt werden den ganzen Weg! - Aber jetzt kommt was
sehr Lächerliches; er holte einen ganzen Pack alter Zeitungen aus der Tasche,
ohne die er nie reist, sagte er, - und nun wurden die nassen Stellen
bepflastert; das ging so fort, bis wir in den Wald kamen, wo der Weg zu schlecht
ist, um zu lesen oder zu pflastern. - Wir kamen an, wie eben die Krebse auf den
Tisch getragen wurden, - ungeheuer grosse Kerle aus dem Goldweiher. Der Leonhardi
zankte noch nachträglich auf mich, dass ich allein am späten Kommen schuld sei -
ich hätte alle Augenblick eine Blume abbrechen wollen, ich hätte das Geschirr an
den Pferden in Unordnung gebracht, ich hätte die Pferde wildgemacht. - Es waren
mehrere Hakennasen aus Savignys Familie da - es war ein ziemlich heisser
Nachmittag, mit verbrannten Nasen kamen wir vom Hahnenkamm zurück; Savigny war
über die Massen freundlich und schloss alle Schleusen seines Paradieses auf und
schien dennoch so einsam unter uns allen, als wären wir wie eine Horde Räuber
bei ihm eingefallen. Die Zeit kam zum Aufbruch; auf der Heimfahrt war ich nicht
in Leonhardis Kutschenverlies eingesperrt, er hatte dagegen appelliert. - Ich
schlief im Wagen bis in Hanau, wo die Pferde futterten; da sahen wir Minchen,
und da teilte ich ihr Deinen Brief mit, sie freut sich recht, die Heldin Deiner
Oper zu sein. Dort kam der Georg gefahren und nahm mich in sein Gig, wo ich
durch die kühle Nachtluft sehr erquickt ward. - Heute Nachmittag sind wir wieder
in Offenbach angekommen; ich wollt, ich wär gar nicht fortgewesen, so müde bin
ich von dieser Reise. - Ich endige meinen historischen Brief, weil es mir grade
so ist, als werde nichts heut vorgehen, woraus ich geschichtlichen Honig saugen
könnte. - Günderode, Minchen und Marianne grüssen. - Du kommst wohl diese Messe
nicht nach Frankfurt? -
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Dein letzter Brief hat mich mehr als je ein vorhergehender erfreut, er ist recht
fröhlich, ohne alle Melancholie, und Du hast eine grosse Darstellungsgabe; immer
mehr werde ich überzeugt, dass Du eigentlich zum poetischen Auffassen aller
Ereignisse, auch der kleinsten, das grösste Talent hast, und ich kann Dir nicht
genug empfehlen, daran festzuhalten. Alles, was Du mir erzählt hast, ist gut und
lieb und wahr. - Wie weh sollte es mir tun, wenn Du aus Deiner natürlichen
Richtung herauskämest. - Wie schön wird unsere Freundschaft werden, wenn nichts
Unklares und Trübes mehr in ihr herrscht und unsre Empfindungen sich klar und
tief aussprechen, und wir uns recht vernünftig aneinander freuen können. Dass Du
ruhig und heiter bist und dahin strebst, fühle ich mit Freuden, und dass ich auch
dahin strebe, darfst Du mit Recht von mir begehren. Du glaubst, ich werde diese
Messe nicht nach Frankfurt kommen, ich komme doch, und vielleicht bleibe ich den
ganzen Winter über in Frankfurt. Savigny ist dann freilich allein in Marburg,
doch im Sinne des Worts genommen ist er das wohl immer, was Du wohl an ihm
bemerkt hast. Am deutlichsten erscheint seine Einsamkeit darin, dass er einen nie
vermisst; mich schmerzt das oft. Da ich aber an die Vollendung eines Menschen
kaum stärker glauben darf als an die seinige, so wäre es töricht von mir, näher
zu untersuchen, ob er ganz recht hat, mich nur grade so zu lieben und nicht
mehr; er hat sicher recht und damit holla! - Eines fehlt uns, liebe Bettine, und
mir mehr als Dir; es ist die Kunst, mit sich selbst genug zu haben, die müssen
wir erlernen. Es ist das einzige Mittel, zum Überflusse zu kommen, denn dann
haben wir die Hülle und die Fülle, indem unsre Liebe zueinander, die nun Gott
sei Dank das beste und edelste Geschenk des Geschickes ist, ein Übermass ist über
das, was als unsere innere Lebensgenüge noch obendrein uns geworden ist. - Gott
wird Dir vielleicht und hoffentlich zu einem lieben Manne helfen und mir zu
einem lieben Weibe, mit diesen Verhältnissen und dem gehörigen Glück und Unglück
wird es sich so angenehm leben, als es zum Leben notwendig ist. Das nach der
Meinung vieler Narren und Weisen höchst eitel und nicht sehr zu schätzen sein
soll. - Doch noch eins, mein Kind! - Es ist zwar leicht, sich über vielen
Verdruss, über viele Kleinlichkeiten hinauszusetzen, noch leichter aber ist's,
sich alles das zu ersparen. Sich ein wenig einzuschränken, um keinen Verdruss zu
haben, lohnt wohl der Mühe; Verdruss kränkt uns doch und nimmt uns das Vertrauen
zu den Menschen; hieraus wäre wohl zu empfinden, dass er dem freien Lebensorgan
unseres Herzens in den Weg tritt, und wenn wir ihn nicht mehr empfinden, so ist
das doch eine Abstufung unserer Seele. Wie schön ist es nun, die Menschen um
sich her so zu berühren, dass sie einem keinen Verdruss mehr machen können, und
doch die Freiheit und das ganze Leben seines Herzens zu behalten. Dass Du nun von
so vielen Menschen verkannt wirst, wie zum Beispiel von Ebel, der trotz seiner
schwachen Seiten ein sehr gelehrter Mann ist, und von Leonhardi, der offenbar
einen Widerwillen gegen Dich hat, wundert mich nicht, da mir selbst in einzelnen
Minuten Deine Erscheinung nicht ganz gefällt und mich drückt. Wenn ich das
empfinde, der ich Dich so gut kenne, wie sollen das alle die Leute nicht
empfinden, die keinen Menschen kennen? - Nun zweifle ich aber gar nicht, dass es
Dir einleuchten werde, wie es nicht zu verschmähen sei, allgemein liebenswürdig
und geliebt zu werden; denn nur dann kann man behaupten, zur wahren Schönheit
des Gemüts gelangt zu sein, wenn kein guter Mensch unbefriedigt von uns geht. -
Ich weiss nicht, Bettine, warum es mich so unendlich unmutig macht, wenn ich
Trätschereien über Dich höre, aber ich glaube, es ist deswegen, weil es eine
wirkliche Nachlässigkeit von Dir ist, sie zu veranlassen. - So habe ich jetzt
zum Beispiel wieder gehört, dass Du dem Mädchen, was Dich sticken lehrt, Briefe
von mir und Dir vorliest, und was hindert dies Mädchen, sie mag ein gutes
Geschöpf sein oder nicht, das, was sie gehört, herumzutragen? - Was Du selbst
nicht verbirgst, wird sie auch nicht verschweigen und hat es wohl nicht
verschwiegen, sonst wüsste ich's nicht. So wie Du zu ihr mit Deiner
Vertraulichkeit hinabsteigst, steigt sie wieder hinab, und sofort ist der Weg
sehr kurz, dass unser ganzer Umgang ein Gassenhauer wird. Das ist nun eine sehr
verdriessliche Sache, das macht Dich und mich den Leuten lächerrlich und mit
Recht, und uns beiden macht es die Leute beschwerlich, denen Du es so wenig wie
ich verdenken darfst, über das zu lachen und zu spotten, was mit solchen
Prätensionen im Kote gefunden wird. Sehr ungeschickt und ebenso töricht aber wär
es, wenn Du dem Mädchen das verweisen wolltest oder nur ein Wort darüber
verlörst; denn das Mädchen hat gar nichts verbrochen, sondern bloss Dir selber
sollst Du es verweisen und das recht tüchtig. Diese ganze Geschichte kann zwar
sehr zufällig und nicht so bedeutend sein, als sie hier auf dem Papier Dir
wiedergegeben ist, auch hast Du vielleicht Dein Vertrauen seitdem beschränkt,
von dessen Mitteilung zu der niedrigsten Klasse kein grosser Schritt ist, sie
selbst mag sein wie sie will, sie darum zu verwerfen, wäre unmenschlich, aber
überhaupt in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten, ist sehr töricht.
Du siehst nun, ob die Brüder und Anverwandten keine Ursache haben, mit Dir und
mir unzufrieden zu sein, wenn sie solche Dinge von uns erfahren sollten; ich
glaube, sie haben keine Ursache, unsern Umgang zu ehren, wenn Offenbacher Juden
sich über ihn unterhalten. Werde nicht traurig über diese Geschichte, sondern
nehme Dich in acht mit Deinem Vertrauen. Es kommt am Ende der Verdruss auf mich
und mit Recht, warum habe ich Dich nichts Besseres gelehrt. Ich habe unlängst
den Franz gebeten, Dich nach Frankfurt zu nehmen; er täte es gern, nur macht er
mancherlei Einwendungen, er begehrt, dass Du der Toni gehorchen, reinlich,
fleissig und häuslich sein sollst, das ist nun freilich in etwas gegen Deinen
Freiheitssinn, der in Dir von der Grossmutter ordentlich erzogen wurde, aber das
wirst Du ihm doch nicht verdenken, bei der grossen Ausbreitung des
Familienzirkels im Hause kann er nur wünschen, dass ein so junges Mädchen wie Du
sich an ihn und Toni anschliesse, dies ist eine notwendige Folge seines treuen
Gemüts. - Du wünschest nicht in Frankfurt zu sein, so wie Du jetzt bist, ist es
Dir viel angenehmer, weil Wald und Flur Dir vor der Tür entgegenlachen, weil
Musik und alles und die Einsamkeit Dir dort teilweise geraubt werden und auch
der Umgang der Grossmutter Dir dort fehlen wird. Aber wär es vielleicht nicht
besser und zuträglicher für Deine ganze Zukunft, wenn Du Dich mit Geist und
Seele in einen ganz andern Zirkel stelltest? - Du würdest eine schöne Mühe
anwenden, Dich dem Franz gefällig zu machen, Du wirst selbst nach und nach Dich
mehr der Gesellschaft anderer Menschen, der das Weib nie entgehen soll und darf,
anpassen, und mit viel grösserer Freude und Ruhe wirst Du Dich selbst und die
innere Bildung Deiner Seele fortsetzen, wenn Du siehst, dass die Menschen Dich
lieben. Es wäre selbst das schönste Unternehmen, mit Mühe daran zu arbeiten
(ohne doch deswegen es merken zu lassen), die Geselligkeit und Freundlichkeit
unseres Hauses unter Deinem heimlichen Schutzrecht gedeihen zu machen, und ich
zweifle nicht daran, dass es Dir möglich wäre, wenn Du recht wolltest. -
    Sieh, das sind alles fromme Wünsche, und ich weiss kaum, ob die Momente, an
die sie sich knüpfen, wirklich eintreten werden, und ob es möglich sein wird, je
auf einem solchen Parterre des Witzes und des Extraordinären einen freundlich
häuslichen Garten anzulegen, wo jeder gern sein möchte. Ich habe nie Gemüter
angetroffen, die so warm lieben und zugleich sich schämen, diese Liebe zu
äussern. So trifft der Spott immer die Innigkeit, und ist keiner da, der sie
auslacht, so lacht sie sich selber aus. - Übrigens weiss ich bei allem dem nicht,
ob man damit übereingekommen ist, Dich nach Frankfurt zu nehmen; mein Wunsch
wäre es beinah, dass Du mehr in den gewöhnlichen Frankfurter Schlendrian kämst,
damit Du das Auffallende in Deinem Betragen etwas unterdrücktest, denn durch
dies Auffallende kannst Du leicht einstens noch viel Verdruss haben, nicht als
wäre es deswegen schlecht an sich, nein, es ist nur hinderlich und steht oft und
bei dem Weibe fast immer im Wege, Gutes zu wirken.
    Die Sitte kann keinem Menschen erlassen werden; sie ist eine Art
Allerweltsprache, ohne die man nie verstanden wird; doch soll der Mensch in sie
ebensowenig von Jugend auf hineingeleimt werden, als er ganz unfähig für sie
werden darf. Aber schön ist, wenn sie der Mensch mit freiem Willen ergreift, sie
durch die schöne Eigentümlichkeit seines Daseins veredelt und so allen andern in
dieser allgemeinen Sprache sich selbst liebenswürdig und verständlich macht.
Jede gänzliche Verschliessung des Menschen ist verderblich und hat etwas
Fürchterliches und Unnatürliches, um so mehr, wenn sie nicht ganz freiwillig,
sondern durch eine äussere schmerzliche Berührung mit der Welt hervorgebracht
ist, die aus Unfähigkeit und Unbildung entstand; denn in dem Zusammenhang
besteht die ganze Grösse der Welt, und an ihr können wir uns allein stärken und
bilden. Wer sich diesem Zusammenhang entzieht, muss ein grosses reiches Leben
zurückgelegt haben, das er nun ausbilden und verarbeiten will, oder er muss sich
von seinen Wunden heilen wollen, so kann er zu entschuldigen sein, wenn er
zurücktritt. Aber jener, der durch Ungewohnheit und Ungeschicklichkeit im Umgang
mit Schmerz und Sehnsucht nach eben der Welt, der er sich nicht anpassen kann,
sich zurückzieht und auf sich selbst reduziert, der verdient bei allen übrigen
Verdiensten doch von dieser Seite für einen unvollkommnen ungeschickten Menschen
gehalten zu werden und wird mit Recht ausgelacht, wenn er seiner Unbeholfenheit
den Namen der Zurückgezogenheit oder der Betrachtung geben will. Solange, liebe
Bettine, als die Einsamkeit Dir noch anklebt als Widerwillen gegen die
Gesellschaft, musst Du Dich nach den Menschen umsehen und alle Mittel anwenden,
Dich von allen Menschen geliebt zu machen.
    Das Leben des Weibes ist fester und unbeweglicher als das Leben des Mannes,
das Weib berührt die Menschen näher und muss Segen über ihre Umgebung verbreiten.
Was frommt es Dir, wenn dann und wann ein geflügelter Denker an Dir vorübereilt,
der Dich grüsst und weiter eilt und Dir die Sehnsucht unbefriedigter Liebe
zurücklässt! Ich weiss nicht, welches Bild schöner ist, ein Marienbild von einem
trefflichen Meister, das in einer kleinen Dorfkirche vergessen hängt, aber vor
dem fromme und unschuldige Menschen beten, oder eine herrliche Statue in den
Händen von Barbaren, die dann und wann von einem durchreisenden Kunstkenner oder
von einem reisenden Engländer bewundert wird. Jenes wird nie verkannt und immer
gewürdigt, dieses wird selten erkannt, und jeder Dünkel brüstet sich mit ihm.
Ich wünsche es daher herzlich, liebe Bettine, dass Du auch verkehrtere Menschen
und gewöhnliche durch deinen Umgang, durch eine einfache, durchaus sittliche
Erscheinung, die, ohne aufzufallen, alle die Rechte der Liebenswürdigkeit und
Güte geltend macht, erfreuen mögest. Du rettest dadurch mich von Vorwürfen und
machst, dass Deine Liebe zum Schönen nie als eine Zuflucht erscheint, sondern ein
freies schönes Erheben, das wie die Andacht und Religion neben dem stillen
häuslichen Leben steht. -
    Arnim hat mir neulich viel geschrieben, er ist bis Mailand herumgeirrt und
hat viel gedichtet; sein ganzer erster Brief ist über Dich, doch ohne
Verliebteit, mit freundlicher Achtung und Annäherung erfüllt. Wenn ich nach
Frankfurt komme, lese ich ihn Dir vor; er ist jetzt in Genf und grüsst Dich
herzlich. - Sollte Dir übrigens der Vorschlag gemacht werden, nach Frankfurt zu
kommen, so mache keine Einwendung, als höchstens, dass Du gern Dein eignes
Kämmerlein haben möchtest; denn die vielen anderweitigen Berührungen, denen Du
ausgesetzt bist, wenn Du die Wohnung teilst mit Gundel, die ganz andere
Gewohnheiten und Verkehr hat, als ein so junges Mädchen wie Du sie haben kannst,
würde auf Deine fernere Bildung sehr verderblich wirken. - Adieu, liebstes
Schwesterchen, sei vergnügt und fleissig und fein.
                                                                    Dein Clemens
 
                                   An Bettine
                                                                      Düsseldorf
Bettine, Du schreibst nicht! Das macht mich ängstlich um Dich. Du bist seit
vierzehn Tagen in Frankfurt; ich muss mir das von andern schreiben lassen, es ist
zum erstenmal, dass ein Brief so lang ohne Antwort blieb; ich hatte Dir
geschrieben aus ernsten Gründen und Dir ans Herz gelegt, was Dir so notwendig,
mir so wichtig und heilig ist. Was kann Dich abhalten, mir zu antworten? - Ich
bin seit gestern hier aus Jena, wo ich mit meinem Ritter war, der auch Dir so
gut ist, dem Du nichts geantwortet hast auf seine liebevollen Zeilen. Was ist
das, dass Du verachtest, wenn ein so grosses Gemüt Dich freundlich begrüsst, dass Du
diesen Gruss verschmähest! Ist es nicht, als wenn Du dem Sonnenschein, der sich
über die Dächer zu Dir herniederstiehlt, um Deine Wohnung durch seinen Besuch
Dir freundlich zu machen, die Fenster verhängtest? Ich schreib Dir heute nicht
mehr, aber ich bitte Dich, vernachlässige nicht Deinen treuen Bruder! Ich bitte
Dich, schreib, Du glaubst nicht, wie es mich manchmal packt, als könne diese
reine Freude an Dir mir verdorben werden. -
                                Lieber Clemens!
Ich sitze hier schon eine halbe Stunde und besinne mich, - nicht was ich Dir
schreiben soll; denn ich hab genug zu sagen, aber wo ich anfangen soll! Das
geschieht mir nun schon so oft, als ich auf Beantwortung Deines letzten längeren
Briefs denke. - Und sonst war das nicht so! Nie hab ich mich bedacht, es floss
mir aus der Feder! - Deine Verweise kränkten mich nicht, wenn sie auch manchmal
aus der Luft gegriffen waren, - und jetzt weiche ich dem aus, Dir zu schreiben,
alles dient mir zum Vorwand; ich gehe zur Günderode ins Stift, ich bleibe länger
bei ihr mit dem heimlichen Willen, dass es zu spät sein möge, Dir heute zu
schreiben, und so vergeht ein Tag nach dem andern; an jedem wache ich auf mit
dem Gefühl einer Tagespflicht, die ich gern hinter mir haben wollte und zu
untüchtig bin, sie zu leisten. Also, Du siehst wohl, dass es nicht Leichtsinn
war, hätte ich den nur dabei gehabt, so wär mein Brief schon längst bei Dir
angelangt. - Ich hab der Günderode davon gesagt und hab ihr (es mag Dir
vielleicht nicht recht sein) Deinen Brief ganz vorgelesen. - Sie sagte, der
Clemens spielt in einer fremden Tonart, in der Du nicht bewandert bist, in die
Du auch nie hineinkommen wirst, es ist daher nur zweierlei zu tun, entweder Du
antwortest ihm Punkt für Punkt, wie wenn Du vor Gericht ständest, wo man ja
auch, aus dem innern Lebenskreis herausgeworfen, wie ein Hund parieren muss. Oder
Du überspringst alles, was er rügt, was er frägt und empfiehlt; denn er wird
doch wohl nicht mehr von der Stimmung dieses Briefs durchdrungen sein. Ich fand
auch diesen letzten Rat vorzuziehen, allein, wo ich hier am Schreibtisch sitze
mit mir allein (denn Dein Brief hat mich isoliert, und ich weiss nichts in diesem
Augenblick vom Spielplatz geschwisterlicher Liebe), also mit mir allein hier, in
den Spiegel sehend über meinem Schreibplatz. - Da regt sich ein ungeheures
Selbstgefühl! - Clemens! Ich glaub wohl, es gibt Menschen, die sich lenken
lassen von dem Geiste anderer, ich auch, sobald dieser Geist in dem meinen
widerhallt, sobald also er den meinen zur Übereinstimmung weckt. - Diesmal tut
er das nicht, ich könnte diesem Brief wie der Inquisition gegenüberstehen, die
nie den Sinn von einem freisinnigen Menschen erfassen kann, als nur zu seinem
Verderben! - Und - noch eine Frage: Soll ich Dich beschämen durch meine Antwort?
- Das wär schlimm; denn es be- wiese Dir, dass es mit der Hingebung in
Freundschaft und Liebe nichts ist, dass alles Rufen und Berufen immer dem inneren
Selbst weichen müsse, dass alles, was diesem inneren Selbst widerspricht, von ihm
mit Füssen getreten wird, und ich muss Dir sagen, lieber Clemens, dass ich ganz
nach diesem göttlichen Ebenbild des Selbstseins geschaffen bin. -
    Nun lasse uns immer diese bittere Frucht anbeissen, denn ich seh, es geht
doch nicht anders, und eher wird mir das Herz nicht leicht Dir gegenüber.
    Also erst der Eingang Deines Briefes, der mir ein Streben nach Klarheit und
Ruhe unterlegt! - Nein, Clemens, ich habe kein mir bewusstes Streben der Art, das
muss von selbst aus dem Lebensquell hervorspringen. Eines Strebens bin ich mir
bewusst, weil sich alle meine Kräfte darin bewegen. Das ist innere
Unantastbarkeit. Du nennst das »die Kunst mit sich selbst genug zu haben« - mir
ist das keine Kunst, warum? - Weil ich alles mein nenne, weil alles mein ist,
was ich anrede, was mich erregt. - Sehnsucht hab ich nie gehabt, von Kindheit an
nicht, ich könnte Dir aus dem Kloster darüber erzählen. Das Schöne hab ich
liebgewonnen, ich nahm es an, wenn man mir es schenkte, um gleich es wieder zu
verschenken. Nur in der Freiheit, in dem Fürsichbestehen gefällt mir das Leben;
und ich werde nie etwas an mich reissen. Ich werde mich hinneigen, aber ich werde
mich nicht gefangen geben.
    Du denkst Dir also unsre Liebe zueinander als den »Überfluss und die Fülle
des künftigen Lebens? Die uns zu der Genüge desselben noch obendrein gegeben
ist.« - Du sprichst aus: »Gott werde mir hoffentlich zu einem lieben Manne und
Dir zu einer lieben Frau helfen.« Das sind Deine Worte an mich! Und das ist die
Tonart, in die ich durchaus nicht übersetzen kann. Und - ich kann mich dabei
auch gar nicht aufhalten, die liebe Frau, der liebe Mann mögen sich
zusammenfinden, wo es ihnen deucht, ich will sie nicht genieren! Mehr lässt sich
von mir nicht herausbringen. - Jetzt gehst Du weiter in Deinen Vermahnungen, als
ob die Philister Dich trunken gemacht hätten, und sprichst vom Verdruss und von
Abstumpfung gegen die Berührung mit Menschen. Ach, das mag ich gar nicht noch
einmal lesen, mir ist, als müsse ich mit einem Mückenplätscher diese närrische
Mücken von Dir alle totschlagen. - Nun sagst Du, dass Dir, der mich doch so gut
kenne, meine Erscheinung in einzelnen Minuten auch nicht gefalle.
    Ach, wär es möglich, dass eine fremde Sprache eine andre fremde Sprache mit
ihren Klängen und Wortarten so ganz decke, dass einer einen Roman in der einen
schrieb, der andre in der Meinung, es sei die andre Sprache, in ihr diesen in
der ersten geschriebnen Roman läse? - Und kriegte da eine Geschichte heraus, von
der keine Spur je geahnt oder gemeint war. So ist's mit Dir, und ich muss Deine
Hoffnungen alle niederschmettern, dass ich mich bemühen würde, »allgemein
liebenswürdig und geliebt zu werden«. Du hast mich nicht in meiner Sprache
gelesen; Du hast eine andre Natur herausgekriegt, die Dir nur dann und wann
nicht gefällt, meistens aber doch. Wenn Du aber in der meinigen Sprache mich
gefasst hättest, so würde ich keinen Augenblick Dir gefallen, nein, davon nicht,
von andern Dingen wär die Rede. Ein Gewimmel von Missverständnissen.
    Nun lasse uns noch durch den Morast der Trätscherei waten, da ich
hochgeschürzt bin und daher nicht fürchte, mich zu beschmutzen. - Und doch kommt
es mir sehr hart an, dass ich hier Halt machen muss. - Was Deine Briefe anbelangt,
so liegen sie alle mit Nummern bezeichnet in einem kleinen Schränkchen, das ich
zur Not bei einer Feuersbrunst oder Überschwemmung unter den Arm nehmen könnte
und damit das Weite suchen; ich geh an diesen Behälter nie, nur wenn ich einen
neuen Ankömmling hineinsperre wie im Kloster, heraus kommt mit meinem Wissen
keiner! - Ja, ich selbst lese sie nicht leicht wieder, wie ich sonst wohl tat,
denn eine zu grosse Masse von Gedanken durchströmt mich und führt mich wie ein
gelichtetes Schiff auf die hohe See, die Heimat hab ich im Herzen, aber ich kehr
zu ihr nicht zurück, ich lande unter fremden Himmelsstrichen. - So geht's mit
Deinen Briefen, sie sind meine Heimat, in ihnen bin ich geboren, aber die Heimat
hab ich verlassen. So wenig ich die Türe meiner Hütte öffnen kann hier im fernen
Weltteil, so wenig öffne ich diese Briefe, die mir geliebt, aber fern liegen. -
Versteh mich, das heisst, liebe mich darum!
    Nun will ich Dir noch vom Veilchen erzählen, Du sagst von ihr, »sie mag ein
gutes Geschöpf sein, zu der ich hinabsteige mit meiner Vertraulichkeit!« - Wer
bin ich denn, dass ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten Geschöpf
vertraulich wende? - Bin ich ein Engel? Nun, die fliegen ja den guten Menschen
nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt, aber ich glaube nicht, dass ich ein
Engel bin, ich glaub vielmehr, dass ich zu ihr hinansteige, statt herab! - Sie
ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Grossvater, sie weiss, der alte
Mann muss sterben mit seiner Krankheit, er ist schon zwischen siebzig und achtzig
Jahre, aber sie hat ihn hingeführt, seine Enkel hat sie ausgetan bei
befreundeten Juden für ein Kostgeld, so hoch sie es zu erschwingen vermag. Die
Hoffnung, dass die Bäder ihm nutzen, macht den alten Mann geduldig in seinen
Schmerzen; so denkt sie ihn leise den Lebenspfad fortzugeleiten, so pflegt sie
ihn! Er ist mein Grossvater, sagt sie, mein Vater war sein Liebling, er hat gar
sehr viel an ihm getan! - Und so wischte sie sich den Schlaf aus den Augen am
Abend, denn sie war früh aufgestanden; - also, da las ich ihr als vor aus den
Büchern, die ich von Dir hatte, manches schöne Lied von Goete hat sie auswendig
gelernt während dem Sticken, und ich fädelte ihr die Nadeln ein. Es waren die
liebsten Zeiten mir. Als sie wegging, hab ich ihr versprochen, nach den Kindern
zu sehen; und ich bin deswegen mit ihr im Briefwechsel, so lasse ich ihr
Stickmuster bei dem Goldarbeiter Fink machen, wenn sie neue Aufträge hat, - ich
schicke ihr die Seide und das Gold und geb ihr meine Ansicht, es ist mir immer
das grösste Pläsier, wenn ein Auftrag bei ihr einläuft, wobei meine Erfindung von
ihr in Anspruch ge- nommen wird, mein liebstes ist Stahlflitter und Perlen, und
letzt haben wir eine grüne Sammetrobe in solchen Stahlgirlanden angeordnet mit
einem Netz von goldnen Raupen darüber, und das soll so wunderschön gewesen sein,
schreibt sie, dass man nicht glaubt, in Paris könne es besser gemacht sein. -
Meinst Du, so was hätte keinen Reiz für mich? Wohl freue ich mich über einen
solchen Brief. Und wie manche Stunde in der Nacht habe ich in Erfindungen
geschwelgt. Du siehst, lieber Clemens, die Gegend ist anders, als Du sie gedacht
hast, da ist kein Steg, der hinab in die Gemeinheit führt. Wir befinden uns
innerhalb der Grenzen des einfachsten Verkehres, und Deine Furcht, dass Dein
Umgang mit mir ein Gassenhauer werde, und dass man ihn belache und sich darüber
ärgere, im Kote zu finden, was mit so hohen Prätensionen auftrete, ist dem
inneren Wesen nach ungegründet. - Du schreibst, »in eine vertraute Freundschaft
mit ihr zu geraten, ist töricht.« - Clemens, was wär es, wenn ich auch dadurch
mich abhalten liess, der Veilchen die kleinen Gefälligkeiten zu erzeigen, weil
Offenbacher Juden von mir sprechen? -
    Mein Aufentalt hier in Frankfurt dauert nun schon vierzehn Tage, morgens
früh wecke ich den Franz und laufe mit ihm in die Gemüsgärten vor der Stadt. Das
ist meine beste Zeit. Da ich mit der Gundel in einem Zimmer wohne, so ist das
Eckelchen, worin ich mich bewege, sehr klein, dafür hab ich einen grösseren Raum
bei der Günderode im Stift, wo ich Landkarten male von Alt-Griechenland. - Doch
dort kommt der alte Domherr von Hohenfeld hin und sieht auf mich herab und gibt
mir Anweisung, das ist mir unangenehm. - Ich hab früher mit dem Sonnenschein
gern verkehrt, jetzt ist mir lieber die Nacht, wo ich auf den langen dunklen
Gängen spazieren gehe und erwarte, dass ein Geist kommt mit mir zu reden; mit dem
Dominikus unterhalte ich mich über die Republik der Herbstspinnen auf der
Altane. Wohin ich gehe, ist der wie von einem allgemeinen Landregen aufgeweichte
Pfad der Langenweile, in dem man leicht mit dem Schuh stecken bleibt und nicht
weiter kann! - Doch sollte ich mich nicht fassen können und meinen Geist auf die
Weide treiben (Du nennst es Bildung meiner Seele, ist mir ganz unverständlich!),
»ich soll mein auffallend Betragen unterdrücken«, weiss nicht, in was es besteht,
- soll die »Sitte als eine Allerweltsprache aus freier Anmut führen lernen«, wo
ist das Teater, wo man diese Rolle spielt? -
    Du hast es also gewünscht, ich möchte Offenbach verlassen, um in einen
höheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten. Lieber Clemente, in dem
Offenbacher Kreis war die Katz zu Haus, in diesem hier tanzen die Mäuse auf dem
Tisch! - Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr annehmen, obschon ich
oft dabei gähnen musste. Das letzte, was ich ihr vorlas, sind die lettres de
Madame de Sevigné, es hat ihr sehr leid getan, dass sie meiner Seelenbildung
nicht konnte diese letzte Hand anlegen. Hier verstehe ich wohl, was sie meint.
Diese an eine Tochter geschriebne Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf
dem Tanzplatz der höheren Welt, wo alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall
klatscht. - Ich werde nie in die Verlegenheit kommen, solche Briefe schreiben zu
müssen. -
    Adieu, Clemens. Ich werde auch unter den Mäusen keine Gelegenheit haben,
mich geltend zu machen; es ist ein apart Geschlecht, ich gehöre nicht dazu.
    Ich hab einen recht garstigen Singlehrer, einen alten Distelbart! Pfui! Wie
mir der zuwider ist; wenn er fort ist, mach ich Fenster und Türen auf, damit die
Atmosphäre seines Dagewesenseins nicht im Zimmer eingeklemmt bleibe. - Wenn Dir
nächstens geschrieben wird, dass ich über Schmerzen auf der Brust klage, so
bedaure mich nicht, ich muss lügen um des Distelbarts willen.
    Adieu, ich gehe jetzt zur Günderode und lese ihr diesen Brief vor und
konsultiere, ob ich diesen widerbellerischen Brief Dir schicken soll.
    Clemens! - Die Günderode hat gesagt, der Brief wär sehr gut und ich soll ihn
Dir schicken.
                                                                         Bettine
                                                                      Düsseldorf
                                 Liebe Bettine!
Du wirst Arnims Brief für Dich und Gundel erhalten haben, heute erhielt ich Dein
liebes Schreiben und danke Dir herzlich. Ich hoffe von Dir einen Brief in
Marburg zu finden, wohin ich in wenig Tagen abreise, und begehre denn auch
sehnlich nach einem ordentlichen schriftlichen Verkehr mit Dir. Dein heutiger
Brief hat mir einen ganz eignen Eindruck gemacht. Ich weiss nicht, in wiefern
sich Dein Gemüt verändert hat durch Deinen Aufentalt in Frankfurt, dass Du so
ruhig in eine verneinende Position Dein ganzes Wesen übertragen hast. Ich kann
mich nicht ohne Deine Treue im Leben denken, und so habe ich leicht Furcht, ich
könne durch ein unwillkürliches Verletzen Dich verscheuchen wie ein Reh, dem
einer nachging, und es liebt doch mehr den Wald als alle Liebe, die man ihm
bietet. - Und was ist es denn, was ich in meinem letzten Brief Dir aussprach? -
Alles, was ich von Deiner Liebe erwarte; ich erwarte in ihr die Liebe eines
unverschrobenen, reinen, einfachen Gemütes. Wenn Du aller Verschrobenheit
entgegenarbeitest, ich glaube zum andern, was ich Bildung der Seele nenne,
brauchst Du keine Mühe. Um eines bitte ich Dich, lasse Dich nicht in die
Basereien und Flüstereien ein, die dort in der Luft wehen, die als ewig
langweiliger Schweif schiefer Liebeleien das Interesse für unmittelbaren Geist
durchkreuzen! Bleibe um Gotteswillen wie Du warst! Sei jedermann höflich, aber
nie, nie mit einem Menschen vertraulich, den Du nicht achtest. Ich weiss, wie
leicht man durch das langweilige unordentliche Leben in der Gesellschaft zu
niedrigen Gattungen der Unterhaltung seine Zuflucht nimmt, da nichts Grosses,
nichts Edles in ihr unsre Fähigkeiten anregt, sondern Klatscherei, Kokettieren,
dummes Witzeln und so weiter, worüber der Mensch nach und nach schlecht wird.
Und solltest Du mir's verdenken, dass ich zärtlich um Dich besorgt bin, und dass
ich in dieser Besorgnis jeden Schatten verfolge, der sich in Deine Nähe wagt,
von dem ich nicht weiss, ob nicht ein falsches Licht diesen Schatten wirft, da
seit einem langen Monat Du nicht geschrieben hattest. Du müsstest mir immer etwas
zu sagen haben, aber Du vergisst mich gewiss einmal ganz. Andere mögen mir wohl
gut sein, aber herzlich geliebt, scheint mir, war ich nur von Dir, bei der ich
keine Nebenbuhler hatte, deren Lehren Dir mehr galten als die meinen. Menschen,
die nie wünschen können, was ich wünsche, die waren nie Deine Freunde, und Du
hast mich bisher nicht in meinem Glauben geschwächt und mich mit meinem
Vertrauen noch nicht entzweit, wie mir schon manche schmerzliche Erfahrung
geworden. Liebe Bettine, tue Dein Möglichstes, mir getreu zu bleiben, hebe das
Dunkle, Schwankende in Deinem Vertrauen zu mir auf, lasse es klar und fest
werden, dass nie etwas zwischen uns treten könne, selbst Deine Nachlässigkeit
nicht. Ausserdem bitt ich Dich noch um eines: ohne Dich öffentlich allzuhoch zu
halten, so halte Dich doch innerlich über jeden Preis. Der Edelstein, der seinen
Preis bestimmen kann, ist der Taxe immer noch unterworfen. Sich so betragen, dass
man den verdient, den man nicht lieben kann, und den glücklich machen kann, den
man liebt; das ist die Würde und die Höhe, auf die sich die Bildung der Seele
schwingen soll, und das ist das ganze Geheimnis, was Du vorgibst oder auch
meinst, nicht verstehen zu dürfen. - O, weiche mir nicht aus; - die Idee, dass
ich Dich jemals weniger schätzen dürfte, als ich bis jetzt zu meinem Trost und
meiner Lebensfreude immer noch getan, macht mich sehr betrübt. O ich bitte Dich,
liebe Bettine, bringe es dahin, dass die Menschen und Du selbst Dich ehren. Wenn
auch jene Dich nicht verstehen und Du selber Dich nicht begreiflich machen
kannst. - Den zweiten oder dritten Jenner bin ich wieder in Marburg. Wenn es Dir
und Gundel Freude macht, an Arnim zu schreiben, so erwarte ich Euern Brief in
Marburg zum Einschluss. - Hast Du nicht wieder das ungezogne Hannchen oder
Hänschen gesehen, Minchen vergiss um alles in der Welt willen nicht zu grüssen und
zu küssen, ich kann sie manchmal tagelang nicht vor den Augen wegbringen, sie
ist meine Opernheldin, nur noch viel lieber und zarter, sie hat mich einmal dazu
verführt, dass ich diese Oper schrieb, täglich lässt mir der Kapellmeister Ritter
ihre Grazie in den schönsten Melodien erklingen, und oft muss ich's selbst ihr
sagen in Tönen; noch am Abend spät erfind ich mir Melodien zu meinen Versen, die
Ritter mit freundlicher Anerkenntnis in die Oper aufnimmt, für mich klingt das
alles schön, ja hinreissend. Aber kann mich's nicht auch bestechen, die Lust sie
doppelt zu besingen, mit der Melodie und den Worten. -
    Deine Verhältnisse mit dem Stickermädchen berühr ich nicht ferner. - Es ist
einmal traurig, dass oft das Einfachste, wenn es ungewöhnlich ist, eine Laufbahn
der Gefahr wird, aber ich kenne auch Deinen Eigensinn oder Heroismus, - um Dich
nicht zu beleidigen, - dem Trotz zu bieten, wenn Du etwas für Recht hältst,
kenne ich.
    Ich freue mich doch sehr auf den Savigny, da ich nun wieder Proviant auf die
langen Winterabende habe, ihm zu erzählen. Wenn er auch wenig oder gar nichts
antwortet, so hört er doch mit einem Interesse zu, das entschädigt für die
Antwort, die er einem schuldig bleibt. - Du glaubst nicht, wie wenige man findet
in der Welt, die ganz frei sind vom Schlechten und Gemeinen, und wie ein Mann
gleich Savigny ein wahres Wunderwerk ist.
    Ich will Dir noch eine Ballade hierher schreiben, die ich gestern gemacht
habe, nur um dem Arnim ein Gedicht schicken zu können, die Geschichte von
Gottschalk Overstoulz und der Maus und Bischof Engelbrecht habe ich in der
Kölnischen Chronik gelesen, es geschah im dreizehnten Jahrhundert, das andre ist
hinzugedichtet, viel Gutes mag vielleicht nicht dran sein, aber es reimt sich
doch, hat Anfang und Ende und gefällt Dir vielleicht.
Von Köllen war ein Edelknecht
Um Botschaft ausgegangen,
Den Vater hielt ihm Engelbrecht,
Der Bischof, hart gefangen.
Er ging gen Arle manchen Tag,
Er ging in schweren Sorgen,
Sein Liebchen ihm im Sinne lag,
Der hätt er es verborgen.
Gar traurig er am Brunnen lag,
In Busch und grünen Hecken,
Da hört er schallen Hufesschlag
Und tät sich schnell verstecken.
Zum Brunnen ritt ein froher Mann,
Sein Hütlein tät er schwenken,
Ein andrer ging betrübt heran,
Die Lanze tät er senken.
Und sprach zum frohen - Froher Mann,
Was mag Dich so erfreuen -
Lass ab zu trauren, hub der an,
Gott will uns Trost verleihen.
Denn Gottschalk, der getreue Mann,
Geht frei aus seinen Banden,
Durch Gottes Wunder er entrann
Mit allen den Verbannten.
Er hatte eine kleine Maus
Sich also zahm erzogen,
Die lief da freundlich ein und aus,
Und war dem Herrn gewogen.
Doch einst der kleine Freund entlief
Und wollte nicht mehr kehren,
Und wie Herr Gottschalk pfiff und rief,
Das Mäuslein wollt nicht hören.
Da sprach betrübt der treue Mann,
Ich muss dich wieder haben,
Und mit den Freunden er begann,
Dem Mäuslein nachzugraben.
Und in der Erde eingescharrt
Fand Meissel er und Feilen,
Womit er ihre Bande hart
Gar leichtlich konnte teilen.
Der andre sprach, mein Schwesterlein
Das liegt gar hart gefangen,
So hart, dass selbst das Mäuslein klein
Nicht könnt zu ihr gelangen.
Des Schlosses Dach ist himmelblau,
Die Mauern grüne Wellen,
Die Graben rings sind Flur und Au,
Die Fenster Fluss und Quellen.
Der süsse Knecht, die Liebe brach
In ihres Herzens Kammer,
Ihm folgten die Gesellen nach,
Der Schmerz und böse Jammer.
Die Hoffnung blies ihr Lämpchen aus
Die Schmerzen sie bezwangen,
Und legte sie ins dunkle Haus
Wohl auf den Tod gefangen.
Am Fels, wo wild der Rhein zerschellt,
Wo bös die Schiffe stranden,
Dort ewig sie gefangen hält
Der Schlund in kühlen Banden.
Ein Freund des Bischofs sie belog,
Herr Hermann sei erschlagen,
Der insgeheim gen Arle zog,
Den Vater zu erfragen.
Dann zäumten sie die Rosse auf,
Um von dem Quell zu scheiden,
Und gaben sich die Hand darauf,
Den Bischof zu bestreiten.
Und wie sie aus dem Walde schon,
Trat wieder an die Quelle
Hermann, des treuen Gottschalks Sohn,
Der traurige Geselle.
Er eilte an das Wasserschloss,
Wo bös die Schiffe stranden,
Und schrie, wer macht mich fessellos,
Wer sprenget mir die Banden.
Leb wohl, leb wohl, o Vater mein,
Leb wohl in grossen Ehren,
Ich hab verloren das Mäuslein klein,
Es kann nicht wiederkehren.
Leb wohl, leb wohl, o Kerker mein,
Das Mäuslein ist verloren,
Das Schwert muss meine Feile sein,
Da tät er sich durchbohren.
Und stürzt hinab ins kühle Haus,
Wo Liebchen liegt gefangen,
O Liebchen breit die Arme aus,
Ihn herzlich zu empfangen.
Ach läg gefangen im kühlen Haus,
Die mich so hart betrogen,
Sie hätte, eh dies Lied noch aus
Mich auch hinabgezogen.
Grüsse die Gundel und alles, wem es Spass macht, dem lese mein Liedlein.
                                                                         Clemens
 
                                   An Bettine
                                                            Marburg, am Mittwoch
Den Montag bin ich von Münster wieder zurückgekehrt. Savigny ist mir dort
begegnet und war freundlich; dass ich keinen Brief von Dir hier gefunden habe,
macht mich traurig oder lässt mich einsam in meiner Trauer. - Deinen Brief, worin
die Reise auf den Trages beschrieben, hab ich ihn lesen lassen; er hat aber
keine Silbe gesprochen und die Zeitung nachher gleich weitergelesen. Überhaupt
spricht er nie von Dir und hört ungern von Dir reden. Das ist vielleicht in
seiner Art und muss Dich nicht verdriessen, Du hast die richtigste Ansicht von
ihm, und wenn Du nichts mehr von ihm begehrst, werde ich nichts mehr an ihm
vermissen, der keinen Menschen vermisst.
    Adieu, in höchstens vier Wochen bin ich bei Dir.
                                                                         Clemens
                                Lieber Clemens!
Es ist wohl wahr, dass ich Dir lange nicht geschrieben habe; denn mein letzter
Brief, in dem ich wie ein ungebärdig Kind mich allem widerstemme, was Du mir
vorhältst, der gilt nichts. Aber diesmal, noch ehe ich Deinen langen Brief
eröffnet hatte, nahm ich mir vor, auf der Stelle zu antworten; so hielt ich denn
an mich, liess mir erst eine Feder schneiden, mit der ich gleich recht kulant
schreiben wollte; und wie ich schreibefertig war, erbrach ich erst Deinen Brief,
in dem ich las und noch einmal las und wieder las, dass Du in meinem letzten
Brief Dich nicht zurechtgefunden hast und nicht mehr weisst, ob meine Briefe
ruhig und zufrieden oder kalt und erschlafft sind; ob ich Dich noch ebenso liebe
wie sonst oder Dich ziemlich vergessen habe, da stockten meine Gedanken. -
    Ich habe zwar lange stillgeschwiegen gegen Dich, der Grund aber war kein
andrer, als weil die Antwort mir nicht gleich einfallen wollte; ich bin nicht
geübt, mich zusammenzunehmen und zu suchen in meinem Herzen nach Antworten. Auf
Vorwürfe, die Irrtum sind, auf Sorgen, die mich nicht grämen, auf Fragen, von
denen ich nichts weiss. Da denk ich und will noch einmal denken, weil ich ja
suchen muss nach Antwort, und weil es ja nicht ist wie in Offenbach, wo ein
frischer Wind durch die Pappeln rauschte, alle Blätter zum Flüstern und Plaudern
brachte, auch meine Gedanken auf die Flügel nahm und zu Dir hinflog! - Sieh, das
ist schuld, dass ich weniger schrieb; der Offenbacher Luftzug, ach, der erhielt
mich so frisch! - Ach, die Strassen waren mein, die so sauber morgens in der
Frühsonne dalagen, und die roten dunkelroten Granitäuser mit Spiegelfenstern
und grünen Gittern. Ach, jetzt erst vermiss' ich alles! Wenn die liebe Domstrasse
noch in gemächlichen Morgenträumen sich dehnte und ich mit den reinlichen
Täubchen allein drin auf und ab spazierte; sie waren mich so gewohnt, sie flogen
nicht auf, wenn ich kam! - Und dann waren noch mehr kleine Hauptpläsiere und
Schelmstreiche, die auf den ganzen Tag mich glücklich machten. Das war zum
Beispiel, wenn ich ging auf Raub nach Rötel für meine Zeichnungen. In dem roten
Granit, von dem dort die Häuser gebaut sind, steckt solcher Rötel von
verschiedenen Nüancen bis zum stärksten Scharlachrot! Den hab ich in der
frühsten Frühe, wo kein Mensch merkte, dass ich die Häuser demolierte, mir beim
Herrn Nachbar herausgebohrt und habe dann meiner Flora einen Kranz von Rosen
aufgesetzt mit diesem gestohlnen Gut! - Vier Knaben in Rotstift mit Perücken in
schwarzer Kreide spielen mit einem Bock in weisser venetianischer Kreide auf
hellblauem Papier. - Die Gassenbuben, denen ich sie manchmal aus dem Fenster
heraushielt, freute es unvergleichlich, und einer holte den andern herbei;
manchmal waren ihrer fünf bis sechs, die baten, ich soll ihnen den Bock zeigen,
sie haben mich bewundert. - Hier hat Fräulein Leonhardi einen Homer gezeichnet!
- Er wird sehr geschätzt; ich werd's nie dahinbringen, einen Kopf zu zeichnen,
der so viel Lob verdient und so wenig Neid, da er grade aussieht wie ein alter
Schulmeister, der die Auszehrung hat und deswegen sehr ärgerlich gestimmt ist.
Die Gassenbuben würden vor ihm ausreissen, aber nicht ihn bewundern wie meinen
Bock! - Ach, die schmutzigen Strassen hier! Wenn in Offenbach ein Platzregen kam,
sahen da die Pflastersteine aus wie frisch gewaschne Gesichter, - hier muss man
ein paar Tage durch die Pfützen patschen! - Aber was schadet das, wenn die
Sonne, die dort sie schnell auftrocknete, nur hier Gelegenheit fänd, irgend zu
einem zu schleichen; solang ich hier bin, hat sie noch nicht einmal mir das
Fenster auf die Dielen gemalt! - Um solche Dinge muss ich Sehnsucht haben, als
müsse ich aus der Haut fahren. - Ich gehe in die Karmeliterkirche, setze mich da
in die Bank, wo das Kirchenfenster mit seinem Weinlaub sich auf den Boden malt;
der Schatten des Laubes spielt mir auf dem Kleid, der Wind weht das Blatt
herunter, so fällt Schatten mir vom Schoss, das amüsiert mich so träumerisch. -
Die Zeit, die ich dort verliere - nicht wahr, ich könnte sie nützlicher
anwenden? Alles ist hölzern, was ich hier Ernstaftes beginne! Ich hab nur
Interesse an Dummheiten. - Ein innerer Drang, heraus aus der Frankfurter
Eierschale, die ich durchpicken möchte - in die Kirche gehe ich ins Hochamt
gern. Der Franz sagt: »Du bist ja recht fromm, Mädchen!« - Was zieht mich in die
Kirche? - Der Weihrauch, es ist doch ein bisschen ein stolzer Geruch! - In den
Strassen riecht es nach Schacher; Sonntags sind die Läden geschlossen! Was steckt
denn hinter diesen eisernen Stäben und Gittern? - Schacher, Geld! - Was machen
die Leute mit dem Geld? - Ach! Sie geben Diners, sie putzen sich und fahren mit
zwei Bedienten hinten auf. - Gestern erzählt der Dominikus, dass in Wien immer
ein Bedienter von Heu ausgestopft ist, das riechen des Fiakers hungrige Pferde;
sie schieben dicht an den Staatswagen heran, der Fiaker schlummert, jeder Gaul
packt ein Bein der Galahosen und rupft das Heu heraus. Die Schenkel werden
dünner, bis nur die Hälfte des Heumannes noch am Wagen hängt; der Herr steigt
ein, der andere Diener springt hinten auf neben den Halbmann, dessen Eingeweide
der Wind plündert. - Aller Reichtum ist ein ausgestopfter Kerl, mit dem man
Parade macht, und die Lungerer sind die Hungerpferde, es ist ihnen einerlei, ob
der seine Eingeweide verliert, an dem sie sich sattfressen. -
    Du merkst, Clemens, dass ich wieder mit allerlei der Beantwortung Deines
Briefes ausweiche! - Mich hat zwar dies lange Stillschweigen nicht irre gemacht,
ich glaub noch fest, dass ich Dir am nächsten bin. Dein Käfig voll Turteltauben,
die Du am Rhein Dir eingefangen hast, die Dir im Kopf girren und gurren und
(Bemerkung der Günderode) dazu noch andere herbeilockst. Deiner Bruderliebe
zapfst Du ein Schöppchen Moral für mich ab. Ich lasse es stehen; denn ich kann
keinen Appetit mir dazu anschaffen, aber ich nehme es für genossen an. - Und da
muss ich Dir doch wohl beweisen, wie ich das Kleinod Deiner Liebe heilig halte
über alle Moral hinaus.
    Und sage Du nicht, aber Du vergisst mich gewiss einmal ganz! Dich vergesse ich
nie, aber ich vergesse manches über Dich. - Deiner Sorgen, die mich ermüden
würden, wollt ich nicht augenblicklich sie vergessen; Deiner Moral vergess' ich,
die meiner Liebe Eintrag tun würde. -
    Das alltägliche Leben ist hier sehr zudringlich, wo nicè bella nicè ingrata
mich verfolgt durch die ganze Wüste, in welchem die Gemeinde der Gesellschaft
sich versammelt; da war's in Offenbach doch anders, wo ich jeden Tag im
Erbrausen der Symphonien mich konnte verlieren. Die Abendstunden waren lieblich
bei der Grossmama, wo wir über alten Büchern studierten, dort sind mir oft über
Nacht die tiefsten Gedanken eingefallen. Ich hab die höchsten Rollen
durchgespielt, mich tief ins Leben hineingedacht, nicht bloss so obenhin, und hab
mehr in denen gewaltet und geschaffen in meinem innern Sinn als in allem Äussern.
Ich dachte oft: auf was freust Du Dich denn so sehr? - Es war, den Traum der
Einbildung von voriger Nacht fortzusetzen, wenn ich schlafen gehen werde. Meine
grossen Menschheitsprojekte führte ich da auf die Höhe des Weltmeeres. - In der
Dunkelheit der Nacht so allein, da wird das Tiefste, was man will, recht
deutlich! - Wenn man durchführte, was man in der Nacht bei Mondschein
halbschlummernd sich ausdenkt! - Was würde dann noch als Traum können verworfen
werden? - Ich tue meine grossen Taten alle im Traum, das Morgenrot scheint mir
oft noch hinein, so nah drängt sich ihm das Tagsleben, und ich springe auf meine
Füsse ganz voll Willenskraft, aber wo soll ich doch das Leben anfassen? - Für
einen zu sorgen oder zwei, die mir grade in den Weg kommen, deucht Euch allen
Extravaganz! - Ihr verbietet mir mit einem armen Judenmädchen Umgang zu haben;
und ich will Umgang haben mit allem, was zugleich mit mir auf dieser Welt lebt.
Oder sind dies etwa keine gerechten Ansprüche: dass ich bin und der Hilfe bedarf,
die Du geben kannst. - Aber Sittlichkeit und Anstand, das sind zwei dumme
Wächter, die dem menschlichen Sein und Willen den Weg verwehren. Fordere nun
nicht mehr, ich soll Dir treu bleiben; ich bleibe Dir in allem treu, was meine
Natur nicht verleugnet, aber Deine närrische Angst, ich soll nie, nie mit einem
Menschen vertraulich werden, den ich nicht achte, während ich mit allen Menschen
vertraulich bin und gar keinen Unterschied zu machen weiss, als der sich von
selbst macht! - Manchmal bist Du doch gar zu blind über mich. - Ich kann die
Menschen gar nicht voneinander unterscheiden und soll doch mich nur an die
halten, die ich achte! - Ich könnte zu dieser Achtung sehr leicht die unrechten
herausgreifen, was soll ich sie erst lange hin und her wenden, zu dem bisschen
Umgang, das doch nichts mehr gilt als eine Prise, welche die schnupfenden Leute
sich bieten. Die Günderode und ich gehören einstweilen zusammen, bei ihr ist der
Ablagerungsplatz unserer Bemerkungen und Witzeleien; das macht sich von selber.
- Ich bitte Dich um Gottes willen, gebe doch auch Deine Stossseufzer auf um einen
lieben Mann, den Du mir herbeiwünschest, und an den Du nur denkst, wenn Du
präokkupiert bist von einer andern Liebe als der brüderlichen, wo dann, wie
natürlich, keine Zeit zu dieser bleibt. Es ist Vorsorge, geliebter Clemens, aber
glaube, dass ich keiner Stütze im Leben bedarf, und dass ich nicht das Opfer
werden mag von solchen närrischen Vorurteilen. Ich weiss, was ich bedarf! - Ich
bedarf, dass ich meine Freiheit behalte. Zu was? - Dazu, dass ich das ausrichte
und vollende, was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun. - Die Liebe, mein
Clemente, die werde ich einfangen wie den Duft einer Blume, alles wird dem Geist
zuströmen, der nicht mehr sorgen wird, wie er sich soll zu verstehen geben; denn
im Allerinnersten ist es Tag bei mir, dagegen mir die Welt sehr dunkel vorkommt,
in der ihr glaubt, Licht zu haben, und dies Licht ist aber nur das, welches die
Philister scheinen lassen; ein garstiges schmutziges Talglicht zum Nutzen und
Besten der Bärenhäuter, zu deren Nutzen immer das ganze Leben berechnet ist. -
So gehöre ich denn in einen andern Kreis der Allgemeinheit, wo sich fassen
möchten: Kinder, Helden, Greise, Frühlingsgestalten, Liebende, Geister. - Warum
wähl ich mir diesen? Weil die mich fragen nach dem Irdischen, sie gehören zu
mir! - Da glänzen die Wolken schon im Abendrot. - Späte Rosen glühen schon in
der Halbdämmerung! Nacht gibt doch Kraft zur Unsterblichkeit.
                                                                         Bettine
Einen Gruss von Gundel.
 
                                   An Bettine
Ich habe einmal eine Geschichte gelesen von zwei Liebenden, die mutterselig
allein in einem Walde sassen, aus dem sie nicht mehr herauskonnten. Diese Leute
wandten alle Mittel auf, um der Langenweile zu entgehen, sie setzten sich
einander gegenüber auf Bäume und pfiffen und schimpften und machten sich
Vorwürfe, hatten Ängste usw.; sollten in unsern letzten Briefen sich nicht
einige Ähnlichkeiten mit diesen Verliebten finden lassen? - Ich zweifle kaum
daran, und es hat also vermutlich nichts auf sich. - Zu meiner letzten
ängstlichen Ermahnung an Dich hat mir eine gewisse Undeutlichkeit eines Briefes
über Dich Anlass gegeben, die aber nur eine Undeutlichkeit ist. Lass Dir daher
meine Besorgteit als einen Beweis meiner Liebe und nicht als einen Argwohn oder
Beschuldigung gelten. Dass ich seit einer Zeit nicht mehr im Ton früherer Tage
schreibe, fühl ich selbst deutlich, aber ich bereue es nicht. Alles Wesen hat
auf Erden seinen Frühling, Sommer usw.; wir spielen ganz natürlich mit den
Kindern und werden ernster mit den Erwachsneren, denn wir fühlen, dass sie selbst
zu leben beginnen, und wir haben nun kein Recht mehr, sie zu zerstreuen. Wenn
einer ein Erzieher wäre, so tät er dies absichtlich, ist er ein blosser
Liebender, so tut er es, ohne davon zu wissen, und so ist es bei mir der Fall;
unser Verhältnis ist nun ernster zueinander und weniger auf die bunte Phantasie
gegründet, weil unser Verhältnis zum Leben ernster ist. Man wird zur leicht
verführt, die andern Menschen zu vergessen, sobald man sich einem einzigen mit
Bequemlichkeit ergeben kann, und man nennt es nur zu leicht ein liebendes Gemüt
haben, wenn man ein einseitiges Gemüt hat; und wir sollen uns ja durchaus bilden
und alle unsere Flächen der Seele mit der Welt in unschuldige, wohltätige
Berührung bringen. Je einzelner und ausgezeichneter aber der einzelne Mensch
ist, dem wir uns allein hingeben, je mehr beschränken wir uns, je mehr bestehlen
wir die andern Menschen um das Wohltätige, was unsere Liebe für sie haben
könnte, und wenn wir es beim Lichte betrachten, sind die Menschen nicht so
verschieden, als sie aussehen. Wir dürfen nur das Wesentliche vom Zufälligen in
ihnen trennen und nur jenes lieben, so wird unsre Selbstliebe zur natürlichen
schönen Liebe für die ganze Gattung; und richten wir dann über uns einzelnen,
wie wir über die ganze Gattung so gern richten, so gehen wir der schönsten
Bildung entgegen; wir erheben uns zu Repräsentanten der reinen Menschheit, wir
werden, was wir für das Höchste, Schönste in der Produktion des Universums
erkennen, wir werden Bilder der reinen Menschheit, Ebenbilder Gottes. -
    Je begehrender, je wünschevoller aber unser Herz ist, je grössere Pflicht
liegt uns ob, uns zu bilden, je rührender uns die Liebe anderer zu empfinden und
anzuschauen ist, je mehr müssen wir das in uns für sie ausbilden, was uns mit
ihnen verbinden kann; denn der ist kein guter Mann, der gerne wohltut und nichts
zu erwerben sucht. Wir beide lieben einander herzlich um unserer selbst willen,
das hat die Natur durch die Ähnlichkeit unserer Gemüter so wohltätig in uns
vorbereitet, - es bliebe also bloss uns noch übrig, uns einander zu lieben, um
aller andern halben! - Das ist schwerer, denn hier setzen wir allgemein
anzuerkennende Vortrefflichkeit in uns voraus; - lass uns bescheiden sein, und
wir müssen eingestehen, dass wir sehr weit von der Vortrefflichkeit entfernt
sind, und hier trennen sich unsere Wege, nicht unsere Herzen; denn wir müssen
uns auf einige Zeit aus dem Gesichte verlieren, da Du ein Weib bist und ich ein
Mann, und ein vortreffliches Weib etwas ganz anderes ist als ein braver Mann. -
    Doch lasse das alles ungeschrieben sein, es gefällt mir nicht, glaube mir,
Deinem Herzen und Deiner Liebe. Damit Du mein Vertrauen und meine Liebe
erkennst, damit Du die Menschen begreifst, die um Dich sind, damit Du etwas
freudig fühlst, was auch mich innig erfreut hat, so sende ich Dir einen Brief,
der mir über Dich geschrieben ward, und der für Dich und mich den Beweis
entält, dass ein vortreffliches geistvolles Wesen den innigsten Anteil an uns
nimmt, Dich und mich liebt, - so schicke ich Dir die beiden Briefe, wovon der
erste meine Warnung an Dich veranlasste. - Auf diesen ersten Brief antwortete ich
und beschwerte mich über die Undeutlichkeit seines Inhalts in Hinsicht Deiner
und erhielt hierauf die heutige schöne Antwort, die ganz Dein Herz und Geist
einnehmen muss. Ich bitte Dich aber, davon, dass ich Dir die Briefe mitteile, Dir
nichts merken zu lassen, da diese Leute Dir nicht vertrauen, wie ich es tue. -
Nochmals bitte ich Dich herzlich, ja sogar ernstlich, um Vermeidung aller
männlichen Gesellschaft, ausser in Gegenwart von Franz und Toni. Auch bitte ich
um Fleiss, lieb Kind; sei wahr und treu, ich liebe Dich unendlich.
                                                                         Clemens
    Beiliegenden Brief besorge an Minchen.
    Ich finde den ersten der beiden Briefe nicht gleich; ich schicke also nur
den zweiten, aber schweige und schicke ihn zurück.
                                    Clemens!
Sehr viel Ärger wird Dir alles machen, was ich eben im Begriff bin, Dir zu
schreiben. Ich spür schon, dass ich sehr alles das sein werde, was Du im ganzen
ein ungezognes oder ungebärdiges Ding nennen kannst, wenn Du willst; - erstens,
da der zweite mir gesendete Brief, den Du wunderschön edel nennst, nichts als
Lüge über mich und von mir ist, so behalte nur Deinen ersten ganz und gar für
Dich, - denn es ist mir gar nichts daran gelegen, dergleichen durchzustudieren!
- Und ich wollte doch lieber etwas anderes tun, als dergleichen Geschwätz nur zu
berücksichtigen an Deiner Stelle, ob dies oder jenes ist oder war. Ich sage Dir
feierlichst, warte bis ich irgendeine Explosion gemacht habe; dann schreie:
hätte ich mir das gedacht! - Obschon auch dies nach geschehener Tat nichts
helfen kann! - Aber dann hat doch Dein Nachseufzer einen Grundton und kann daher
schon eine Melodie aus sich entwickeln. - Du hast mich nach Frankfurt promoviert
- jetzt, wo ich da bin, läufst Du wie eine Glucke am Ufer, wo das Entchen
schwimmt, und glucksest Dich ganz müde vor Angst. Aber ich schwimme gar auf
keinem gefährlichen Element, es ist lauter Einbildung von Dir!
    Deine Illusionen hüpfen wie die Heuschrecken in Deinem Brief herum; ich weiss
nicht, welche ich zuerst erwischen soll. - Die allerledernste Heuschrecke ist
mir die, wo Du mich mit Gewalt willst auf den grossen Unterschied hinweisen
zwischen einem vortrefflichen Weib und einem braven Manne. Mögen sich diese zwei
beiden zusammenfinden auf irgendeinem glücklichen Stern, nur das einzige bitte
ich mir aus, dass Du es mir nicht zu wissen tust; und ein für allemal will ich
von diesem Heiligtum gänzlich ausgeschlossen sein! - Und zweitens - Deine
Warnung vor aller männlichen Gesellschaft! Die Günderode sagt zu mir, sie kenne
keine männliche Gesellschaft, ausser die meine. Ich, lieber Clemens, kenne auch
keinen männlichen Umgang als den mit den Hopfenstecken, die mir die Milchfrau
besorgt hat für den kommenden Frühling, sie sind die derbsten unter meinen
Bekannten, auch gehe ich zwar mit ihnen um, aber nicht zart; ich schneidle dran
zurecht kleine Rinnen, an denen die Bindfäden hin und her sich flechten. -
Manchmal hab ich die ganze Stube voll Hobelspäne und Schwielen in der Hand. Die
nicè ingrata, obschon sie Dein Universitätsfreund ist, und nachdem Du ihr den
Doktorschmaus bezahlt hattest, mit Deinen besten Kleidern durchging, hat zwar
einen Bart und möchte vielleicht auch für einen Mann gehalten sein; aber sie
sieht in den Spiegel und singt nicè bella, und wer zweifelt, dass sie eine Nicè
ist. Gerne fliehe ich sie, soweit der Schall ihrer Stimme trägt. Clemens, vor
Ärger kann ich das Schöne in Deinen Briefen nicht würdigen, ich will im
ursprünglichen Geist mit Dir eins sein, aber mich fasst eine Ungeduld, Deine
Belehrungen zu überspringen; - es ist ein wahrer Schiffbruch mit der Moral, sie
ist wie ein Uhrwerk, an dem die Kette gesprengt ist, sie rasselt sich aus, und
auf einmal steht die Uhr still, und so tot sind mir diese Werke der Belehrung!
    Ich laufe zur Günderode, sie liest mit mir Deinen Brief; wir sind beide
drüber hinaus, wir zanken einander, wir lachen einander aus, wir kommen auf
keinen grünen Zweig! - Gestern gingen wir bei schönem Frost um die Tore,
Günderödchen und ich - es war schon dämmerig und die Allee ganz leer; ich war
aufs Glacis gesprungen und wollte das Kunststück machen, von einem Tor zum
andern zu kommen, ohne herabzufallen; da trat der Mond hervor, und ein leiser
Wind machte ihm durch die Wolken Bahn, da sprang ich wieder herab und zog es
vor, mit der Günderode einen sanften philosophischen Schritt zu halten.
    Adieu! - Noch einmal! Dein mitgeteilter Brief ist voll Unkraut der Lüge.
                                                                         Bettine
St. Clair ist hier, - erste männliche Unterhaltung in der Ecke des Fensters, -
ich könne eine Jeanne d'Arc sein, in mir läge Stoff zur Heldennatur, die
Auriflamme zu ergreifen, für die Erhaltung der Freiheit und Menschheitsrechte.
Diese Unterhaltung hat mir geschmeichelt, - ich liebe Kriegestaten! - Kühn!
Entschieden! - Das sind Eigenschaften, die ich in meiner Seele ausbilden möchte,
- aber der Sklavenmarkt der Gesellschaft ist dazu nicht. - Wohin fliehen! -
Überall triffst Du auf einen Boden, der der Saat der Drachenzähne nicht günstig
ist.
 
                                   An Bettine
Meine liebe Schwester, Dein letzter Brief hat mir einen recht traurigen Tag
gemacht, weil ich so etwas nicht erwartete. Der Brief, den ich Dir anvertraute,
ist einer der liebevollsten Briefe, deren ich mich erfreute, Du erklärst ihn für
eine offenbare Lüge! Wer so lügen kann, liebe Bettine, der ist sehr geistvoll
und sehr liebenswürdig, ich hab diesen Brief nochmals gelesen und mich trotz
Deiner Beschuldigung wieder von ihm hingerissen gefühlt; - und wenn Du seinen
Inhalt ebenso verstehst, wenn ich ihn nicht unrecht erkläre, so sind unsre
Meinungen verschieden. Übrigens will ich Dir nicht Unrecht geben, da Du wissen
musst, was Du schreibst; nur musst Du mir erlauben, mich für Dein Recht hierin
nicht zu interessieren. Ich sage nur so viel noch von jenem Brief, was ihn mir
durch und durch unschuldig macht: erstens fängt er damit an sich selbst zu
beschuldigen, dann erzählt er eine Abfahrt zum Ball, die wohl nicht wahr sein
muss, weil Du mir von ihr gar nichts geschrieben hast. Ein Ball, wo Dich die
Leute alle ansahen und Du allen auffällst, ist ja auch nichts Merkwürdiges in
Deinem Leben. - Sonst entält er nichts als innige Rührung über Deine Liebe zu
Franz und zu den Kindern, ja er tadelt sogar Franzens Neckerei und erkennt, wie
Du Dich schön dabei beträgst. Was von Deinem Gemüt darin gesagt ist, das ist
nach meiner Kenntnis Deiner nicht nur wahr, sondern sogar geistvoll dargestellt.
Über den ganzen Brief ist Innigkeit, Begierde nach der Liebe eines würdigen
Wesens und nach schöner Eintracht verbreitet.
    Jetzt will ich aus dem Briefe das ausziehen, was allein gelogen sein kann,
weil es allein Tatsache ist, weil der übrige Teil nur die Empfindung des
Schreibers darstellt. - Erstens: Bettine war schön! Das ist nun freilich gelogen
und muss Dich ärgern; sie sprach viel auch wohl in den Tag hinein! Das halte ich
nicht ganz für gelogen, da ich es sehr oft bei ähnlichen Gelegenbeiten mit einer
unangenehmen Empfindung an Dir bemerkt habe. Ich weiss, wie leicht Du in
unendliche Lebhaftigkeit übergehst, und um so auffallender aus einer traurigen
Stummheit hervor. - Das Unschuldige darin kenne ich auch, aber das kennen nicht
alle Menschen, nicht dieser oder jener, der gegenwärtig ist, und dem Du dadurch
frei oder töricht oder kokett vorkömmst. -
    Ob und wann Ihr vor oder nach der Ankunft von Leuten retiriertet, ein
Umstand, dem Du mit Unrecht einige Widerlegung widmest, ist ganz uninteressant.
Genug, dass Ihr Euch zurückzieht, da Ihr wisst, dass Franz, dem wir nur seine
Vortrefflichkeit danken können, Euch gern sieht, er, der mehr wert ist, als wir
alle, hat die paar Freistunden nicht die Freude der Geselligkeit, er liebt uns
so innig, und wir danken's ihm nicht. Ihr, die bei ihm wohnt, solltet ihm noch
treuer anhängen, und er klagt so bescheiden über das, was er Dir befehlen
könnte, dass Du nicht herunterzubringen bist. - Du musst viel von Gundel zu
lernen, mit ihr auszutauschen haben, da Du selbst die paar Minuten dem Franz
nicht gönnen kannst. - Ich habe immer gefunden, dass mit mir zusammen Du nicht
viel zu erzählen hattest, da wir keine grosse Abenteuer haben, warum musst Du nun
der Familie die Abendstunden rauben, um sie wieder da zu verbringen, wo man auch
Dich nicht wünscht, und wo Du beschwerlich fällst, was Du aus dem folgenden
Brief ersehen kannst, in dem dargelegt ist, dass Gundel ihren ganzen Tag opfert,
Dich anzuregen, dass Du Deine Schuldigkeit tust (ich hoffte, Du würdest sie von
selbst tun). Ich finde es daher sehr indiskret von Dir, ihr diese Stunden, in
denen sie allein sein möchte, auch noch zu stehlen.
    Wenn ich in Frankfurt bin, so lese ich oft abends vor; alle hören mir gern
zu und sind zufrieden mit diesen Stunden, warum kannst Du das nicht auch? - Ich
verlange nicht von Dir, dass Du dem einen in der Familie mehr anhängst, wie dem
andern; man soll keinem Menschen anhängen, insofern er Partei macht! In Deinem
Wesen sollte sich vielmehr jede zufällige Trennung vereinigen, jedes
Missverständnis lösen. Im Wesentlichen hat nach meiner Ansicht einer so wenig mit
Dir gemein als der andre; und Du sollst Dir selbst vertrauen und dem, was Dein
Herz am liebsten beschäftigt. - Erinnere Dich, dass man Dir sagte, Du würdest
Dich an mir betrogen finden, und dass man Dir Dein Vertrauen zu mir vorwarf. - Du
äusserst oft Ausdrücke von Charakterstärke; diese sind zum wenigsten, wenn Du sie
auch noch nicht erprobt hast, doch ein Beweis, dass Du auf diese Eigenschaften
den höchsten Wert legst; ich hoffe daher, dass Du nichts zwischen unsere Liebe
kommen lässt, was sie erkälten könnte. Wie der Hunger der beste Koch ist, so ist
auch die Langeweile der beste Kuppler. - Ich bin nicht vortrefflich, es sind
daher nicht meine Verdienste, die mich Dir interessant erhalten können, oder das
neue Überraschende in mir, es ist Deine Treue, wenn die nicht zur Lüge in Dir
soll werden, wodurch alles in Dir zur Lüge werden müsste, was wir in diesen
Jahren miteinander erlebt haben an guten und bösen Stunden, so kann der nächste
Wind dies Band, das dann nur ein Strohband ist, zerpflücken und es als Spreu in
die Lüfte zerstreuen. -
    Wenn Du, wie ich hoffte, jene Erkenntnisse, die ich Dir immer gepriesen,
wirklich liebtest, wenn Du Dich dem eigentlichen Wesen der Kunst und Poesie
hingeben wolltest, so würdest Du Ruhe, Friede und Glück geniessen, ohne Dich den
andern zu entziehen; Du würdest als wahr empfinden, was ich Dich immer gelehrt
habe, dass nur der Mensch kann geliebt werden, insofern er ein wahrer und reiner
Spiegel des Ewigen und Göttlichen wird. - Und Du würdest selbst Deiner Liebe zu
mir ihren Wert und ihr Gesetz geben können, insofern ich jener Voraussetzung
entspreche. Ich habe Dir nie das Einzelne geraten. Ich habe Dir immer das Ganze
zu zeichnen gesucht, wie ich es begriff; - um Deiner Persönlichkeit keine Gewalt
anzutun. Ehre Deine Persönlichkeit und bilde sie zum Schönen für alle, dann
wirst Du glücklich sein; werde nicht zur Törin, wie die andern, bilde Dir nichts
ein! Arnim lässt Euch grüssen; er schriebt mir von Genua, Nizza und Paris. - Mein
Lustspiel wird jetzt zugleich mit einem Buch von Arnim in Göttingen bei Diedrich
gedruckt.
                                                         Schreibe Deinem Clemens
Grüsse die Günderode, sage, dass ich schreiben würde, aber ihre Antworten sind
nicht auffordernd, nicht erschliessend, sondern vielmehr abschliessend. Weiss Gott,
warum wir alle aus dem Paradies des Vertrauens herausgeworfen sind, und keiner
findet irgendeinen Schleichweg dahin zurück. -
 
                                   An Clemens
Die Weck- und Schreckposaune! Ist aber nichtsdestoweniger das Kämpfende. Achtes
Kapitel, sechster Vers: Jakob hatte lange mit dem ihm unbekannten Manne
gerungen; alle seine Kräfte angewandt und noch nicht genug, ob ihn gleich das
Gelenk seiner Hüfte verrenkt war; daher sagte jener: »Lass mich gehen, denn die
Röte des Morgens bricht an.« Aber Jakob antwortete: »Ich lass' dich nicht; es
sei denn, Du segnest mich.«
    Er will den Segen, der den Segen in Armen hat! - Er hält den, der ihn und
alles hält.
    Dein Brief ist so voll sorgender Liebe zu mir und doch so ohne Zutrauen, dass
ich eigentlich nicht weiss, ob ich mich freuen soll oder nicht. Wie kannst Du
glauben, dass dch witzig und kokett werde, um Deine Liebe zu verspielen; ich
werde alles tun, um sie unberührt zu behalten; ich will einfach bleiben und gut.
- Ich will auch auf den vergangenen Streit nicht zurückkommen und nichts
entscheiden über Recht oder Unrecht. Nur allgemeine Bemerkungen lasse mich hier
oben ansetzen; nämlich:
    Erstens: Empfindung ist grade gelogen und Tatsache wahr.
    Zweitens: Wer klagt, ist nicht unschuldig!
    Drittens: Einen Ball, wo die Leute mich ansehen, wie die Kuh das neue
Scheuertor, ist mir gar nicht wichtig, von ihm zu erzählen.
    Viertens: Man kann mich loben, aber auch lügen.
    Fünftens: Die unendliche Lebhaftigkeit, aus der ich oft plötzlich aus einer
traurigen Stummheit übergehe, und die Dir oft unangenehm aufgefallen ist, hat
sich auf jenem Ball nicht ergossen! -
    Soll ich Dir sagen, wie es mir ergangen ist an jenem Abend? - Als wir
eintraten in den Saal, da stand ein ganzer Trupp langer, dünner, kurzer, dicker,
breiter, alle schwarzgekleideter Tanzherrn in der Mitte, die soviel Raum zum
Tanz liessen zwischen sich und den Wänden, an denen die jungen Mädchen zwischen
Mamas aufgereiht waren wie allerlei Marktfrüchte, worunter Schoten, Rüben und
Zwiebeln nicht die wenigsten waren, hier und da ein angenehmer Blumenkohl, nur
selten ein Borsdorfer Apfel, worunter ich zu zählen; jetzt holten die Herrn
diese Rübchen, Zwiebelchen und Schotenbukettchen zum Tanz. Alle hatten Uhrketten
mit allerlei Berlocken, manche zwei aus der Tasche hängen; diese Berlocken
machten ein Glockenspiel wie eine Herde. Ich sass da dicht am Musikantenbalkon
und vertrieb mir die Zeit, mit beiden Händen meine Ohren zuzuhalten, um nichts
von der Musik zu hören; dabei sah ich mir die Menschen an, die da herumhüpften,
und hatte die Empfindung, als ob sie alle toll seien, und endlich musste ich
lachen, ich liess die Hände los, da brauste mir der Walzer seinen vollen Strom
ins Gehör! - Dann machte ich ein zweites Experiment; ich klappte die Ohren auf
und dann wieder zu, so kam ich stückweis zu einer ganz aparten Musik, die ich
mir aneinanderflickte, wie eine Harlekinjacke! - So vertrieb ich mir die Zeit.
Endlich kam Grunelius, der lange, und tanzte einen Walzer mit mir, ich aber
nicht mit ihm, denn er hielt mich schwebend, und ich kam nicht dazu, eine
Fussspitze auf die Erde zu setzen. Zu diesem Kunststück mit mir wie mit einer
Porzellanurne herumzutanzen, brauchte er alle Kneifgewalt seiner langen Finger,
die er wie Krallen in mich einschlug; denn wär ich heruntergefallen, so konnte
ich den Hals brechen; da hätte man ihm vielleicht Vorwürfe machen können. Wer
war froher als ich, da ich wieder an meinem Platz war; nun schob ich mich ganz
unter den Balkon, hinter einen Haufen Schals und Flöre; ich lehnte mich in ein
Eckchen und hatte ein heimatliches Gefühl, noch ein Weilchen konnte ich mit Mühe
mich wach erhalten, aber wie es kam, dass ich dem Drang zu schlafen nachgab, weiss
ich nicht zu sagen, genug, der Kampf war kurz, der Schlaf siegte, aber als edler
Feind, denn nie hab ich süsser geschlafen, die Musik war wie Goldfrüchte, die ein
duftender Wind von den Zweigen löste da oben auf dem Berg und mir alle in den
Schoss rollte; alle die Lichter waren Sterne am Himmel. Auf einmal erwachte ich,
zu meinem Erstaunen da zu sein, wo ich bin; statt dem Berg mit Orangenbäumen
besetzt lauter närrische Gesichter, die im Schweiss ihres Angesichts Bassgeige und
Fidel streichen oder mit aufgeblasenen Backen trompeten! - Statt dem klaren
Nachtimmel mit Sternen Staubwolken, die sich mit der Erleuchtung um den ersten
Platz streiten. - Eine Pause tritt ein, toute la masse des mâchoires en
mouvement, mehrere Erfrischungen zu verkauen. Es machte diese Bewegung, die
immer zwischen den Kinnladen und den Schläfen korrespondierte, einen so fatalen
Eindruck auf mich, dass mir schwindelte, und ich fühlte, dass ich eine Art mal au
coeur bekam! - Ach Clemens, kann man so physisch unglücklich werden, wie ich in
diesem Augenblick war? - Ach hätte ich doch in jenem Augenblick in Offenbach in
unserm Hof können meinen Kopf unter die Pumpe halten, wo ich mir schon manchmal
ähnliches Weh vertrieb, wenn mich ein Ekel überkam über irgend etwas, das mir
unerträglich war. - Ach Gott! - Ach lieber Gott, Du hast so viele geflügelte
Boten, schick mir doch einen, der mich hier wegträgt auf mein Kopfkissen in die
Sandgasse, - das war mein inneres Stossgebet; ich wagte nicht den Kopf umzudrehen
und nach dem Engel umzuschauen, aus Furcht vor dem Schwindel. - Da steht
plötzlich der Franz Chameau vor mir, ob ich den Kehraus wolle tanzen? - Da ich
als vierjähriges Kind oft mit ihm gespielt hatte, wo wir uns oft einander den
Wall heruntergestossen hatten, so machte ich diesmal keine Komplimente mit ihm
und sagte: »Ach, gehen Sie Esel und machen Sie mir nicht schwindlig mit Ihren
Uhrketten.« Diese Worte können höchstens das gewesen sein, was ich in den Tag
hineingeredet soll haben; mehr ist mir nicht bewusst, den ganzen Ball hindurch
gesprochen zu haben, den ich noch verwünsche! - Ich muss fort, ich muss wieder
nach Offenbach, in die dunkle, reine Nachtluft dort meine Seufzer verhauchen.
Die weissen Wände meines Stübchens mit den gelben Streifen, die Diele von Holz,
der grau angestrichene Tisch und Schrank! - Ach, ich sehne mich dahin! - Ach,
ich kann die Teppiche nicht leiden! Die rotseidenen Vorhänge rauschen mich noch
ganz krank - und ich kann jetzt nicht fortschreiben, weil ich ganz übel bin,
bloss von der Erinnerung. -
    Lieber Clemens, seit zwei Tagen liegt der angefangene Brief da, und ich
mochte nicht wieder drangehen aus Furcht vor dem Schwindel, lasse uns über die
anderen Punkte jenes Briefes schweigen, aus Furcht vor diesem Schwindel! - Ich
weiss Dir ja auch was Besseres zu sagen, jetzt kommt der Frühling bald; denn in
Erwartung des März hab ich keinen Respekt mehr vor dem Winter, und meine
Sehnsucht, die grüne Saat bald herauskommen zu sehen, stellt ihn mir auch näher,
ach ja gewiss, der Frühling ist ein Knabe aus weiter Ferne, in so reiner klarer
Luft kommt er herangezogen, dass man ihn schon von sehr weit her sehen kann.
Heute habe ich einen Brief von Dir wieder gelesen, den Du mir im letzten
Frühling schriebst, er ist so schön; wenn ich die Zeit mir ihm so entgegeneilend
denke, wie die Felder und Wiesen dann auch bei Euch grün werden, und dann fangen
die Obstbäume an zu blühen, und der Himmel wird ganz blau! Vielleicht schreibst
Du mir dann auch einen blühenden Brief wieder, wenn die Sonne auf Deinen
Schreibtisch scheint. Ich habe dann zwar noch eine Beschäftigung mehr, denn die
Altane wird ganz mit Bohnen und Hopfen bepflanzt. - Das wird ein grünendes Zelt,
das ganze Haus wird lustiger aussehen. Die Stangen hab ich mit dem Dominicus
schon geordnet; - Kasten haben wir mit guter Erde gefüllt, da sollen die
Sonnenblumen zu einer erstaunlichen Höhe drin wachsen; auf die Mauer kommen
erstens ein Aurikelflor, zweitens Ranunkeln - meine liebsten Blumen! - Wenn
diese sind abgeblüht, dann kommen die Grasblumen! Nein, diese sind mir die
liebsten! - In die Mitte mache ich einen Sitz, auf beiden Seiten kommen meine
zwei grossen weissen Rosensträuche hin, die der Gärtner in Offenbach mir
überwintert, und den Granatbaum und den Feigenbaum, unter dessen Schatten man
ganz gedeckt ist! - Adieu, lieber Clemens! Ich bin und bleibe wie ich war, Du
tätest mir das grösste Unrecht, wenn Du nur vermuten könntest, dass ich anders
werde. - Ach, ich kann ja meine Seele nicht abwerfen wie ein schlechtes Gewand!
-
                                                                         Bettine
                                Lieber Clemens!
Eben ist mein Brief schon fort, und da kommt George mit einem nachträglichen
Anliegen an Dich. Am 19. März ist dem Clausner sein Geburtstag; George will, dass
wir ihm etwas vorzaubern, um sein langes Alleinsein ein bisschen mit vergnügten
Augenblicken zu unterbrechen, er meint, Du würdest gewiss etwas Schönes erdenken,
- wo wir alle mitwirken könnten. - Was könnten wir machen, Clemens, besinne
Dich, in der Übereilung fällt mir gar nichts ein: vielleicht ein Schattenspiel
in der Tür vom Saal angebracht, das gibt ein Familienpläsier, wenn wir am Abend
alle beisammen sind und die Dekorationen malen und die Figuren dazu; und mach
fort, schüttel's aus dem Ärmel!
 
                                   An Bettine
Ich kann Dir nur ein paar Worte schreiben, da die Post spät ankam. Dein Brief
hat mich recht gerührt, schreib mir doch ausführlicher und hüte Dich vor aller
Überreizung. Du hättest eine Ohnmacht gehabt, schreibt mir die Toni, und an die
Wand Dich gestossen und ein tiefes Loch dicht unter dem Aug! -
    Ich fühl es an meinem Aug, so sehr leid tut mir's! So sind wir denn wieder
recht einig; ach Gott, ich bin doch so ängstlich! - Sei doch nur recht vergnügt,
so wirst Du gewiss nicht mehr solche Anfälle haben! Ich habe Dich gekränkt zwei
Wochen lang mit dummen Briefen, und dann kamst Du auf den Ball und warst im
Herzen nicht freudig dazu, da war Dir die ganze Welt ein Ekel, da musste Dir wohl
wüste im Kopfe werden! - Warum muss ich denn allein nur so dumm sein, hätte ein
anderer so von Dir gedacht, ich hätte ihm den Kopf zurechtgesetzt und hätte Dich
geschützt gegen jeden Vorwurf! - Ach ich bitte Dich, sei glücklich. Ostern komme
ich nach Frankfurt, da wollen wir uns recht ausschwätzen. Grüsse die Gundel, sage
ihr mein Mitleid mit ihrem Unwohlsein wie auch, dass ich einen grossen Brief von
der Mereau habe, und dass zwischen uns ein artiger Briefwechsel, eine Art
Präliminär-Friedensartikel sich zu erheben scheint. - Grüsse die Toni, aber Dein
Aug, Dein Aug! Das scharfe Eisen, was so dicht daran Dich verwundete, leidet
doch Dein Aug nicht; ich fühle, wie ich Dich liebe voll Angst! Tut es denn noch
sehr weh? - Und eine Ohnmacht, gut, dass ich nicht dabei war. Ich bitte, halte
Dich gut! Ergib Dich keiner Betrübteit, wenn es vielleicht eine böse Narbe
wird! Wenn's doch erst besser Wetter wär, so könntest Du doch die frische Luft
geniessen, sie ist Dir sehr notwendig, sie ist Dein Element. - Du musst alles
Traurige vermeiden! - Es könnte Dir schädlich sein.
    Lebe wohl, lieber Engel.
                                                                         Clemens
                                 Liebe Bettine!
Ich erhalte Deinen kleinen Brief wieder zu spät, um viel zu schreiben, grad noch
fünf Minuten. Kannst Du's mir genauer noch beschreiben, das Geburtsfest
betreffend? Illumination? - Ölgetränkt? - Wohin? - Wie gross? So will ich Euch
viele Ideen angeben, wenn Du mir umgehend bestimmter schreibst und Ihr noch
nichts angefangen habt; - so kann ich Euch bis zum 19. noch ein kleines
Lustspiel dichten für die Schattenpersonagen. Braucht Ihr etwa auch Verse?
Schreibe bestimmt darüber.
                                                                         Clemens
                                 Liebe Bettine!
Euer Fest auf Claudinens Geburtstag liegt mir so am Herzen, dass ich wünschte,
Ihr möchtet etwas recht Schönes und Edles vorstellen, das Euch Ehre machte, Du
weisst, wie oft auch das Ölgetränkte, wenn es noch so gut angelegt war,
verunglückt. - Ich habe daher nachgedacht und etwas ziemlich Artiges erfunden,
was sich auch gut ausführen lässt und bis auf ein Härchen passt. Das Ganze ist ein
kleines Drama in einer Szene, dass ich Euch schreiben will, und das Ihr, wenn Ihr
mir augenblicklich schreibt, ob Ihr meinem Vorschlag folgen wollt, schon den
nächsten Mittwoch haben sollt. Ich will es Euch hier näher beschreiben: Einige
Mädchen haben eine Freundin, die sie sehr lieben, und deren Geburtstag sie
feiern wollen; sie wissen aber nicht wie, denn ihre Freundin ist so
vortrefflich, dass sie nicht wissen, wie sie ihr recht Ehre erweisen sollen. Da
sie über ihre Anschläge sinnend in den Wald gehen, finden sie eine Matrone, der
sie ihr Anliegen vorbringen; diese ist eine Zauberin und verspricht den
Jungfrauen zu helfen. Sie sagt: »Ich will eurer Freundin die Taten des edlen
Weibes zeigen, das an ihrer Wiege stand, sie unsichtbar wiegte, ihre Träume
bildete und ihr, ohne dass sie es weiss, Vorbild und Schutzengel geworden ist,
nehmt die Blumen, die hier liegen, und windet Kränze!« Da müsst Ihr Euch dann
zusammensetzen und Kränze machen und während der Arbeit ein zweckmässig sanftes
Terzett oder Duett singen, wozu ich Euch, wenn Ihr mir irgendein Muster angebt
aus einer Oper, einige Verse machen will, auch kann es Lied mit Chor- oder
Wechselgesang sein, wie Ihr mir die Anzahl der Jungfrauen oder das Lied
bestimmt. Wenn dann Eure Kränze fertig sind, so spricht die Zauberin: »Geht und
holt eure Freundin und bekränzt sie!« Dann geht Ihr auf Clodine zu, die unter
den Zuschauern sitzt, hängt ihr die Kränze von weissen Rosen und Lilien um und
führt sie zu der Zauberin; diese nun hebt den Vorhang von ihrem Zauberspiegel,
in dem die folgende Geschichte transparent gemalt und illuminiert erscheint.
    Claudia war eine römische Vestalin; ihr Vater ein Feldherr. Nach einem Sieg
wollte er einen Triumphzug in Rom feiern, aber ein Tribun, der sein Feind war,
verbot es ihm; Claudius triumphierte dennoch. Der Tribun, erzürnt über seine
Kühnheit, näherte sich ihm von hinten und wollte ihn plötzlich vom Wagen reissen,
Claudia bemerkte es und vergisst aus Liebe zu ihrem Vater die Ruhe und Majestät
ihres geheiligten Standes; sie springt dem Tribun vor, wirft sich in des Vaters
Wagen, umfasst ihres Vaters Knie und weist den Tribun zurück. Dieser muss nun von
seinem Vorhaben abstehn, denn was eine Vestalin berührt, ist heilig, und sie ist
dem Tribun an Macht gleich. Ich habe Euch die Szene mit der Feder skizziert hier
beigelegt, wie sie am wenigsten Mühe zu malen kostet. Man sieht von hinten in
den Wagen, der Triumphierende merkt es noch nicht, alles ist der Moment. Die
Vestalin muss ganz verschleiert sein, in weisse Gewänder gehüllt; auf dem Rande
des Wagens steht eine Viktoria wie gewöhnlich bei dem Triumph, in der Ferne
werden Trophäen getragen; das Ganze ist in den kleinsten Raum gedrängt. - Wie
schön passt das auf Clodine, ihre treue Liebe zu ihrem Vater, ihre Zucht, ihr
Name Claudia. Das wäre eine Szene. Eine andre aus dem Leben dieser Vestalin ist
folgende: Die Römer wollten das Bild der Göttin Zybele nach Rom auf einem
Schiffe über die Tiber fahren, aber das Schiff ging nicht von der Stelle; da
trat die Vestalin in einen Kahn, betete die Göttin an, band dann ihren Gürtel an
das Schiff der Göttin und zog das Schiff ohne Mühe herüber als einen Beweis
ihrer Tugend. Das wäre ein zweites transparentes Bild; dann könnt Ihr um sie
herum tanzen und sie küssen und drücken usw. Ihr müsst mir aber bestimmt die
Arien schreiben und die Anzahl der Mädchen, damit ich die Verse schreiben kann,
Ihr müsst mir dazu die Worte der Arie schreiben, und wie sie einfallen, damit ich
meine ebenso einrichten kann. Ich meine Lotte die Zauberin, Kundel, Du die
Mädchen, oder auch die Jung dabei, wenn Ihr wollt, wegen dem Tanz, oder wie es
Euch lieb ist. Da hättet Ihr Euer ganzes Fest einfach, neu und schön; spreche
doch mit dem Georg gleich darüber, und wenn Ihr dann wollt, so habt Ihr am
Mittwoch alles; ich eile mich und bleibe ein paar Nächte auf. Die Bilder könnt
Ihr ja nach der Skizze besser gezeichnet gleich von einem Maler zurechtpinseln
lassen, sie müssen in der Form eines grossen Spiegels gemacht werden.
    In diesem Augenblick erhalte ich den äusserst geistvollen Plan zu Eurem
Schattenspiel; ich will alles so gut machen, als ich kann, aber ich erschrecke
fast vor dem Plan, wenn ich nur Leichtigkeit genug besitze; das Ende sei mir
überlassen, sagt Ihr. So haben wir denn wirklich wie Brüder in der Ferne
gearbeitet. Der Clausner steigt mit Winkelmann ein und fährt zu Brentano. Nun
fällt der Vorhang Eures Schattenspiels, und nun lasst meine Szene angehn, die
geht gleichsam bei Brentano vor, und das Edle, Rührende in ihr hebt das Komische
wieder auf, so dass das Fest ganz den Eindruck einer freudigen Anmut bekömmt.
Euer Schattenspiel ist dann ein himmlisches Vorspiel; was ich entworfen, ist
überhaupt äusserst leicht auszuführen, und wie glücklich wird Clodine durch die
Berührung ihrer kindlichen Zärtlichkeit sein. - Schreibt mir doch gleich den
Samstag, ob Euch mein angehängter Plan gefällt. In Tonis Stube unter der Treppe
kann die Höhle der Zauberin sein, Ihr dürft nur um die Ecke herum eine spanische
Wand stellen, so habt Ihr ein Teater, und in der Höhle ist ja noch dazu ein
Eingang auf den Gang; schöner könnte es nicht sein. Das Schattenspiel macht Ihr
an der Saaltür und seid in Tonis Stube. Während es hinweggenommen wird, kleiden
sich die Schauspielerinnen an, die Gesellschaft tritt in Tonis Stube und ist nun
gleichsam mit dem Postwagen in der Sandgasse angekommen, und da geht das weitere
vor. Den Gesang, den Tanz könnt Ihr ja weglassen, wenn es Euch zu viel wird.
Aber mein Bild der Vestalin, meine kleine Szene mit der Zauberin, sie freut mich
gar sehr, und ich weiss, es wird sehr herrlich auf das Komische wirken. Schreibt
gleich umgehend, was Ihr wollt, an dem Schattenspiel fange ich heute schon an.
Die Idee mit dem Postwagen und Winkelmann ist göttlich. Danke der Toni herzlich.
                                                                         Clemens
                                 Liebe Bettine!
Du hast mir einen schönen Ofenschirm geschickt, er entzückt alle Leute, die ihn
betrachten, und ist jetzt der grösste Schatz meines Mobiliarvermögens, ausser
Deinem Porträt, wie Deine Liebe überhaupt mein grösster Besitz ist.
    Ich sende Euch hier das Schattenspiel, ich habe es in einem Tag geschrieben,
das ist alles, was ich zu seiner Entschuldigung sagen kann. Die kleinen
Cochonerien, die es entält, habe ich genau nach dem übersendeten Plan verfasst
und mir darin keine Freiheit erlaubt! - Soeben erhalte ich Euren Familienbrief,
worin Ihr noch viele Umstände vorbringt von Teater und dergleichen, was ich von
hier aus nicht begreife, ich habe Euch doch das Lokal bestimmt, könnt Ihr nicht
fertig werden damit, so spielt das Schattenspiel und lacht womöglich, ich will
versuchen, allein, ohne Hilfe die Claudine zu erfreuen; die Posse hab ich
geschrieben, das Edle will ich dichten! - Auf den Schirm hat die Günderode mit
Bleistift von ungefähr ihren Namen gekritzelt, auch dies Zufällige hat mich sehr
gerührt. Schreibe bis Mittwoch wieder, Deine Briefe sind die einzigen, die ich
jetzt habe! - Adieu!
                                                                         Clemens
                                   An Clemens
Unser Teetisch hat sich in eine Pappfabrik verwandelt, George führt den
englischen Phaëton aus mit Jockei und Pferden. Franz macht die Dekorationen, ich
wollte die Schauspieler machen, es misslang, ich wurde abgesetzt und darf nur
immer noch das zweite Bein machen, den zweiten Arm, und die Zimmer darf ich
möblieren! - Auch soll ich alle Nähnadeln einfädeln. Günderödchen kommt
zuweilen, weil ich nicht so oft zu ihr komme, und dann verschwinden wir ins
kleine grüne Kabinettchen hinter der Treppe. Den Christian hatten wir erwartet,
dass er uns würde helfen, er kam gestern an zu Pferde mit einem scharlachroten
Mantelsack, einer Pelzmütze, einem Dompfaffen und einem zahmen Marder, den er
mir schenkte; dies Tierchen plagt mich sehr! Aber weil es so sehr schön ist; es
will auf meinem Schoss schlafen, und wenn ich's herunternehme, dann knurrt es und
fletscht mir die Zähne. Auch hat ihm der Christian tanzen gelehrt, es quält
mich, aber es ist mir doch eine Gesellschaft! - Die Proben vom Schattenspiel
werden gemacht; da ich keine Rolle dabei habe, so konnte ich gestern mit
Marianne in die Oper gehen! - Ich hab mich an Offenbach erinnert bei der Musik.
Palmira! - Diese Oper gibt mir die Empfindung, als läg ich auf duftendem Heu und
schlief und hörte das Ganze nur mit halbem Ohr. Heute Morgen war so schöner
Reif, ich bin mit Marianne bis auf die Gerbermühl gefahren, von dort ging ich
zur Grossmama! - Sie war recht erfreut; ich hab mit ihr ausgemacht, dass ich zum
Frühjahr bei ihr sein will und die ganze Frühlingsarbeit im Garten machen, wie
im vorigen Jahr noch! - Ach, das ist jetzt für mich ein Erholungspläsier! Beim
Gärtner war ich und hab nach meinen Bäumen gesehen, alles sieht kernfrisch bei
ihm aus und dem Frühling entgegenstrebend. - Er glaubte nicht, sagt er, dass es
diesen Frühling so schön sein werde wie im vorigen Jahr! - Die Witterung lasse
sich nicht so gut an; - ach Frankfurt, du liegst mir wie Blei auf dem Herzen! In
meinem Schreibschrank hab ich in Offenbach gewühlt und hab da den Anfang von
einer Beschreibung meines Klosterlebens herausgefunden und dann auch ein
Märchen, zu dumm - die Günderode hat's gesagt. Aber vom Kloster soll ich
weiterschreiben, wenn das Schattenspiel vorbei ist. -
    Es ist hier im Haus kein einsam Winkelchen, wär die Günderode nicht, dann
wüsst ich nicht, wo ich mich suchen sollte! - Der Toni ihr Kind hat die Rötlen
gehabt, da hab ich als abends gesessen.
    Heute Abend wird eine Hauptprobe des Zauberfestes vorgenommen. Ich musste
alle Rollen abschreiben, hin und wieder laufen, alles herbeiholen! Am Samstag
werde ich Dir die Einrichtung und Verfassung des Ganzen berichten und den
nächsten Dienstag, wie das Ganze abgelaufen ist. Lieber Clemens, wann wirst Du
denn kommen? Schreib mir genau den Tag, rechne es aus, wenn es möglich sein
kann, dass ich mich freue und jeden vorangegangenen Tag einen weniger zählen
kann, bis plötzlich die Freude hereinbricht, dass Du da bist, und dann gibt es
schöne Tage! Ich werde die ersten Frühlingsgänge mit Dir machen, wir werden mit
dem Günderödchen manche Stunde verbringen; ach gestern war's schön bei ihr, da
hatten wir ein klein Feuerchen in ihrem Ofen angemacht und ohne Licht waren wir
da beisammen und sahen die Flammen spielen, die Günderode machte ein Märchen
draus, sie legte alles aus, was die Flammen miteinander plauderten. -
    Das schöne Wetter duftet schon, wenn man vor's Tor kommt, die Hecken können
die Veilchen nicht mehr verbergen, sie hauchen einen an, ganz vergnügt, dass sie
gebrochen werden! Die Luft, sie kommt geströmt aus wärmeren Landen, man möchte
mit sich aufschwingen, wenn sie den süssen Atem der Pflanzen davonträgt. -
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Soeben hab ich Deinen Brief erhalten; es freut mich, dass meine schlechte Arbeit
Euch genügte; die Kürze der Zeit usw. - Beiliegenden Brief gib am Morgen ihres
Geburtstages der Claudine, er entält ein Gedicht von mir, gedruckt für sie, Du
sollst niemand im Hause davon sagen, ehe Du es ihr selbst gegeben hast; dann
aber kannst Du ein Paket mit etlichen fünfzig bis sechszig Exemplaren dieses
Gedichtes, welches ich heut mit dem Postwagen schickte, öffnen, dem George fünf
Exemplare zum Verteilen geben, der Toni ebensoviel, ebensoviel der Grossmutter
schicken; der Gundel auch soviel, auch schicke jeder Günderode eins, die übrigen
gibst Du der Clodine für ihre Freunde. Ich bitte Dich aber, das Paket vom
Postwagen nicht eher zu öffnen, als die Clodine den inliegenden Brief erhielt,
denn es ist unschicklich, dass Du es eher gelesen hättest, als sie, auch liegt in
jenem Paket keine Zeile von mir an Dich, ermässige daher Deine Neugierde und hebe
es auf bis zur rechten Stunde, dann gehst Du auf Dein Zimmer und teilst die
Exemplare ein und gibst jedem das seine. So geschwind habe ich noch nichts
gedichtet.
    Seit meinem letzten Brief bis heut gezeichnet, geschrieben, gedruckt! - Ich
wünsche sehr, dass Du mir alles schreibst, wie es gegangen, besonders ob sich
Schwab erfreute.
                       Am Geburtstage einer Freundin von
                         Clemens Brentano, den 19. März
Durch grüne Auen wollt ich mit dir schweifen,
Wärst du des süssen Maien frohes Kind,
Und wollte sinnreich nach den Blumen greifen,
Zu flechten dir ein zärtliches Gewind,
Wir Blüten werden all in Liebe reifen,
So spräch der Kranz, weil wir dir ähnlich sind.
Doch keine Blume ist vor dir entsprungen,
Der ungeteilten Kraft bist du gelungen.
In leisem Schlummer träumend sinnt die Erde,
Wie sie die junge Zeit erfreuen soll,
Da sieht sie sich, in züchtiger Gebärde
Stehst du vor ihr so sinnend, liebevoll,
Und jungfräulich begrüsste dich ihr Werde,
Der keine Blume noch am Busen schwoll.
Doch bald die Einsamkeit dir zu versüssen,
Lässt als Gespielen sie dich Veilchen grüssen.
So fehlen Blumen, Blume dich zu kränzen,
Die selbst des Jahres frühste Blume blüht,
Doch in des Lebens Garten ohne Grenzen,
In dem der Frühling ewig kehrt und flieht,
Seh eine edle Blume fern ich glänzen,
Die bis zum Namen selbst dir ähnlich sieht,
Das Herrliche kehrt ewig zu dem Leben,
Und jeder Sommer muss uns Lilien geben.
Dich Römerin, Vestale seh ich wieder,
Dich Claudia, die treu den Vater ehrt,
Keusch hüllt ein reiner Schleier dir die Glieder,
Die aller Liebe reine Flamme nährt.
Es priesen uns noch keines Sängers Lieder
Den hohen Sinn, den uns dein Leben lehrt,
Bescheidne, zürne nicht, lass es gelingen,
Die Römerin will der Barbare singen.
Da Claudius, der Feldherr, siegreich kehrte,
Will er, als Sieger soll ihn Roma sehn,
Der in der eignen Tat den Römer ehrte,
Will im Triumphe auch die Tat erhöhn,
Doch ein Tribun, der tiefen Hass ihm nährte,
Will, ungepriesen soll sein Werk vergehn:
Es lässt der Mächtige dem Sieger sagen,
Du sollst durch Rom nicht deine Lorbeern tragen.
Doch achtet, trotzend auf des Sieges Flügel,
Der Feldherr nicht des Richters ernsten Stab,
Im Heeresprunk grüsst er die sieben Hügel
Von seines Wagens goldner Höh herab,
Und tausendfach in heller Waffen Spiegel
Grünt ihm der Lorbeer, den der Sieg ihm gab,
Es lenket durch des Volkes laute Mitte
Der Zug zum Kapitole hin die Schritte.
Da öffnet zweien sich das Volksgedränge,
Erzürnt tritt der Tribun zum Sieger hin,
Ihn, dem er untersagt des Siegs Gepränge,
Will er gewaltsam von dem Wagen ziehn:
Auch Claudia dringt durch der Bürger Menge
Zu ihrem Vater und umfasset ihn.
Besiegt muss der Tribun zum Volke kehren,
Den sie berührte, muss er zürnend ehren.
Die Jungfrau gab dem Sieger das Geleite,
Der mit dem Adler nun die Taube trug,
So stand sie schüchtern an des Vaters Seite,
Und um die Tochter er den Purpur schlug,
In schönerm Sieg trug sie aus schönerm Streite
Zum Kapitole hin der laute Zug:
So Heldenmut und Schönheit sich gesellten,
Es triumphiert die Holde mit dem Helden.
Wer auf der Erde gleich den Göttern handelt,
Dem öffnet sich der hohen Götter Kreis,
Auf Erden sind sie menschlich einst gewandelt
Und waren edel, sinnbegabt und weis',
Zu Göttern hat der Glaube sie verwandelt,
Denn Göttlichkeit ist aller Schönheit Preis,
So wollte Rhea gern, da du gebeten,
In deiner Heimat Götter Mitte treten.
Zu Schiffe auf der gelben Tiber Wogen
Führt man Cybelens Bild von Pessinunt,
Schon nahet sich des Segels voller Bogen,
Der Göttin Ankunft eilt von Mund zu Mund,
Sie zu empfangen kommt das Volk gezogen,
Doch plötzlich fasst den Kiel des Flusses Grund,
Und wie sich auch der Schiffer Arme regen,
Fest ruht das Schiff und lässt sich nicht bewegen.
Da flehet kniend Claudia am Strande
Der hohen Götter gute Mutter an,
Löst dann den keuschen Gürtel vom Gewande,
Und zu dem Schiffe führet sie der Kahn,
Den Gürtel knüpft sie an des Kieles Rande,
Und gütig folgt Cybele ihrer Bahn.
Stumm sieht das Volk sie durch die Wellen gleiten,
Von Reinen lassen Götter gern sich leiten.
So in des Vaterlandes grosser Sitte
Lebt Claudia, die Römerin, auch gross,
Nun teilst du, Claudia, in unsrer Mitte,
Ein frommes treues Kind des Vaters Los.
Was göttlich noch auf Erden, folgt dem Schritte
Der Jungfrau gern nach in des Hauses Schoss.
Strebt ihr zu gleichen, der wir uns verbanden,
Ich liebe sie, die früher ich verstanden.
                                 Liebe Bettine!
Diesem Brief tue nicht so viel Ehre an als allen meinen vorhergehenden, denn ich
schreibe in einer wunderlichen Stimmung und scheine mir gar nicht vernünftig zu
sein. Seit einigen Tagen ist es so schönes Wetter hier wie im Sommer; ich sitze
nicht mehr meinem schwarzen Ofen gegenüber; alle Fenster meiner hellen Stube
stehen auf; ich habe keine Rast und keine Ruhe, ich gehe in dem Haus aus und
ein, kleide mich alle Augenblicke anders an und empfinde eine ganz wunderbare
Angst, so als harre ich am Fenster ein geliebtes, schönes Mädchen vorübergehen
zu sehen; oder als müsse mich jemand heimlich lieben, ich wüsste nicht wer, und
wünschte dieser oder jener, kurz ich kann Dir's nicht sagen, wie mir es ist, und
ich muss mich recht zusammennehmen, nicht weichherzig zu werden. Es ergreift mich
alle Frühling so ein Hinausweh! - Heimweh darf ich es nicht nennen, - und was
mich dann betrübt, das ist, ich weiss, dass es mir draussen auch nicht wohler wird.
Wenn Du es nicht wärst, die mir das Leben zu erfreuen suchte, so wüsste ich
nicht, wie mich anstellen. Bin ich nicht recht undankbar gegen Dich, Du opferst
mir Dein ganzes Leben auf, und ich bringe den grössten Teil des Jahres fern von
Dir zu; Du zählst die Minuten bis zu meiner Ankunft, und ich halte mich noch ein
paar Tage in Wetzlar auf. Aber schreiben musst Du mir nach Wetzlar, bei Herrn von
Bostell werde ich wohnen, mit der nämlichen Post, mit der Du sonst hierher
schreibst. Dienstag abend musst Du mir schreiben, damit ich gleich aufbreche und
zu Dir laufe. Den ersten und zweiten Tag wird es nun zwar sehr herrlich sein,
wenn wir zusammen sind, aber die ganze Woche, wie wird es dann sein? - Und den
Monat? - Werden wir uns nicht im Hause langweilen, während draussen im Wald jeder
Sperling es besser hat? - Wir wollen recht viel spazierengehen, und morgens
früh, wenn noch alles schläft, schon vor den Toren herumlaufen. Soeben erhalte
ich Deinen Brief, der ebenso abgeschmackt vom schönen Wetter spricht wie der
meinige, ich hoffe doch, dieser soll Dich mehr freuen, als mich der Deinige! Ich
fand einen fremden Ton drin, oder vielmehr ermüdet und abgespannt, was ich sonst
gar nicht an Dir gewohnt bin, Deine Unruh treibt Dich auch umher, vielleicht ist
das schöne Wetter dran schuld. Bis den Sonntag werde ich gewiss bei Dir sein,
lebe wohl. -
                                                                         Clemens
Von Minchen Günderode hast Du lange nicht geschrieben; wenn die Günderode Dein
Märchen nicht gut findet, so ist's doch nicht gesagt, dass ich's nicht erst sehen
will, ehe Du es ins Feuer wirfst, wie Du es schon mit manchem gemacht hast. Wenn
sie aber sagt, dass Deine Klostergeschichte gut ist, so freue ich mich unendlich
darauf, sie mit Dir zu lesen. Ist sie denn schon so weit, oder hast Du
vielleicht noch Platz in dem Heft, das Du dazu wirst geheftet haben? Wie schön
wär's, wenn Du mir alle Tage ein einziges Blatt wolltest davon vollschreiben,
bis ich komme, noch acht Tage nach Empfang meines Briefes.
                                 Liebe Bettine!
Claudinens Brief war mir die schönste Belohnung, und doch ist mir ein ganz
gewöhnlicher von Dir immer viel lieber als ein solcher ungewöhnlicher. Dass Du
mir heute nicht geschrieben, ist mir ordentlich ganz schmerzlich gewesen; Du
hast mich verwöhnt mit Deinen Briefen. Ich werde nun nicht mehr lange
ausbleiben; Bostell ist hier, mit dem werde ich einige Tage nach Wetzlar gehen,
dann komme ich nach Frankfurt, aber eher musst Du nicht aufhören, mir hierher zu
schreiben, bis ich Dir sage, dass ich nach Wetzlar fort bin, bis zum Sonntag hab
ich gewiss einen Brief noch von Dir. Ach, es ist mir eine so grosse Wohltat, wenn
ich Dich zufrieden weiss, dass ich am Freitag mit Begierde dem Postwagen
entgegeneilte, weil mir Christian geschrieben hatte, er werde kommen; ich hab
zum wenigsten erfahren, dass Du heiter und vergnügt bist, auch hat er mir die
Relation vom Fest gebracht. Robinson ist mit Christian gekommen; ein guter Kerl,
eine Art von wunderlichem Leonhardi. - Ich kann heute Dir nicht mehr schreiben,
es genüge Dir, dass ich seit Tagen mehr als je an Dich denke, und besonders seit
ich von Arnim aus Bern einen schrecklich langen Brief erhielt, in dem er von Dir
kein Wort spricht. Nein, das ist nicht wahr; er grüsst Dich herzlich und denkt
oft an Dich. -
    Wie steht's um Deine Klostergeschichte? - Schreib mir! Es ist keine rechte
Ruh mehr hier im Hause: der Pfarrer Bang liegt oben und schnarcht, Christian
bläst immer lamentable Flöte und Winkelmann exzerpiert die Lesebiblioteken. Nun
kommt dieser Weltanswurst, der Robinson und will von mir profitieren, und nun
bin ich schon ganz zusammengeworfelt und finde mich zwar zusammen, aber nicht
aus mir heraus.
                                                                         Clemens
                                Lieber Clemens!
Hier ein Brief von Md. Mereau, der an mich adressiert war; Du hast sie
vielleicht jetzt schon gesehen und mit ihr gesprochen, sage mir, ob sie noch
schön ist, oder vielmehr, ob Du sie noch lieb hast. Ich war auf der Gerbermühle
und hab der Marianne von Deinem Lied erzählt, nun musst Du ihr es auch schicken,
sie ist sehr begierig darauf wie natürlich, ich soll Dich grüssen von ihr. Ich
hab gefragt, warum sie so wenig mit uns war während Deinem Hiersein; ach, sie
wusst es nicht warum! - Und ich weiss auch nicht, warum ich hiersitze und der
Zukunft den Rücken drehe und in den Spiegel einer weit zurückgezogenen Zeit
schaue und auf einen kleinen Fleck nur schaue. Das ist der Beginn unseres
Briefwechsels! - Weil Du jetzt fort bist, so hab ich mich gar nicht mehr
besinnen können, wie ich Dir sonst schrieb, der Mereaubrief will doch zu Dir,
ich muss ihn schicken und schreiben! - Da suche ich nun in Deinen früheren
Briefen, wie es sonst mit uns war, so ganz gedächtnislos bin ich und finde ein
Lauffeuer verbundener Gefühle und Gedanken, ein Morgenrot, ein Morgenlicht, ein
Aufblühen, ein Mittagsglühen, ein unermüdliches idealisches Tragen und Heben,
ein Lehren in Liebe verwandelt und endlich eine schöne reine Lebenskühle! - Ich
bin ermattet, sie tut mir wohl, diese Frische! - Meine Sinne wollen schlafen ein
wenig, es war ein zu heisser Frühling. Knospe an Knospe blühen alle, - Du gehst
voran; ungeduldig, da machst Du die Tür auf vom nächsten Revier, wo die Blüten
freudig herumtanzen, und wie es da weitergeht mit Befruchten und Reifen, das
ergreift Dich. Das Leben will keine Zeit verlieren! Ich aber bleib noch hier,
das schmale grüne Fleckchen des Unvergesslichen! - erster Geschwisterliebe,
erster Erscheinung des Lebens, der ich mich verbunden habe; das braucht ja
keiner Rosenglut, keiner glühenden Früchte, das Hoffnungsgrün ist so rein, so
einladend immer, auch im Nebel lebendig durchschimmernd. - Das ist mein
Plätzchen. -
    Es ist jetzt sehr still bei mir, weil Du nun fort bist, ich werd mich aber
bald wieder dran gewöhnen. - Du wirst doch wohl nicht mit Deinem Freund Wrangel
nach Russland gehen! - Ich rate herum! - Sonst hast Du mir alles gesagt, diesmal
gingst Du mit einem Geheimnis auf dem Herzen! - Ich seh Dich in Gedanken über's
Meer forteilen; das gebührt Dir ja auch. - Ich ging in andre Weltteile und
machte da jede Hütte auf an Deiner Stelle. - Wie ist das dumm, dass man wie ein
eingesperrter Vogel von einem Stängelchen zum andern hüpft, von Marburg nach
Frankfurt, wieder nach Marburg, zur Abwechslung nach Jena oder Weimar! - Für was
lernt man Geographie und kann die Welt auswendig auf den Tisch malen! - Und
bleibt hinterm Tisch sitzen, kommt nie in sie hinein. O, welche schwere
Verdammnis, die angeschaffnen Flügel nicht bewegen zu können; Häuser bauen sie,
wo kein Gastfreund Platz drin hat! - O Sklavenzeit, in der ich geboren bin! -
Werden die Nachkommen nicht einst mitleidig mich belächlen, dass ich mir's musste
gefallen lassen, wenn wir vielleicht als Geister einstens sklavische Natur uns
vorwerfen! - Wie! Ihr habt den Geist eingesperrt und einen Knebel ihm in den
Mund gesteckt und den grossen Eigenschaften der Seele habt Ihr die Hände auf den
Rücken gebunden? - Ach Clemens, gehe Du doch nur immer aufs Meer, wo jede Welle
in die andere fliesst! wo nichts noch feste Gestalt hat, wie gewonnen, so
zerronnen! Besser, dass alles zerfliesse, als dass Gestalt gewinne, was nicht ganz
Grossmut und Freiheit wäre! - Das sind so nachwehende Töne aus meinen
Unterhaltungen mit der Günderode, die auf drei Wochen nach Hanau ist.
    Gestern waren wir bei Betmann zu einer Lektüre vom Hamlet, die Szene
zwischen ihm und Ophelia unterbrach die Vorlesung, jeder hatte sie allein für
sich gelesen, aber laut sie zu lesen, das wollte keiner. - »Ich will's
vorlesen,« rief ich, und glaubte, nur die Schwierigkeit dieser Szene, Charakter
und Doppelklang der Ironie wiederzugeben, verhindere das Weiterlesen. »Wie, Sie
wollen's lesen?« schrien alle; ich war schon aus meiner Ecke hervor am Tisch und
las mit lauter Stimme die ganze Szene trefflich, ja trefflich, denn die ganze
Zeit hatte ich eine Umwälzung aller Sinnen erlitten, und nun kam die Rache, und
die Lenznacht meiner Empfindungen stieg aus meiner Brust empor wie eine
Feuersäule, und ich las fortstehend und freute mich am Widerhall meiner Stimme,
und - siehe da, alle waren fort in die andren Zimmer, ich war allein gelassen
worden. - Was sie dachten, weiss ich nicht. Auf mich hatte es eine glückliche
Wirkung; zum erstenmal wieder eine Nacht wie die in Offenbach sonst waren, wo
der Schlaf so leicht mich deckte, als sei es ein Erwachen in eine höhere Sphäre.
- Es weissagt etwas in mir, dass eine Kraft in dieser Welt sei, die mit
Leidenschaft mich liebt.
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
                                                      Weimar bei Friedrich Meyer
Ich ging so hastig von Frankfurt; mein eiliges Entlaufen, mein gehemmtes Gehen
und Wiederkehren, das musste Dir, geliebtes Kind, wie das Tun eines Nachtwandlers
vorkommen, und so war's auch; ich war wie ein Schlafender, der sich gern seines
Traumes erledigte, wenn er nur könnte; nun hab ich bei diesem Abschied von Dir
gefühlt, dass ich träume, dass ich wohl erwachen werde, wenn ich im Traumwahn von
Deiner Seite weiche, dass ich dann in nichts Ersatz finden werde für die Heimat
bei Dir. - Aber der Traum gibt einem andre Hoffnungen, die allergrössten vom
Erdenleben! - Und führt einem durch die allerunbesonnensten feurigsten
Lebensepochen; ist man erwacht, so sitzt man tief in der leeren Erdenschererei,
und alle prophetischen Klänge der hohlen Bassgeige Erfahrung begrüssen einem mit
dem fatalen: Hab ich dir's nicht gesagt? Bis jetzt bin ich dahin noch nicht
gekommen, meine Hoffnung im Steigen, meine Erwartung vom Zusammenleben mit viel
bedeutenden wunderlichen, liebenswürdigen Menschen hier, aufs höchste gespannt!
- Der Park steht in seinem edelsten Grün. Du hast solchen üppigen Rasen, so
belaubte Kronen noch nicht gesehen wie hier, wo ein rascher, kühler Fluss mit
unendlicher Geschäftigkeit alles Leben nährt und in seinem Verband hält, er gibt
der irdischen Lust allhier einen himmlischen Anstrich von Kraft, von Poesie, von
Lebensfülle. Einbrüche, Wortbrüche und noch speziellere Brüche stürzen alle die
Verhältnisse ein, die nicht unter des Wonnemonats heiliger Gerichtsbarkeit
stehen. Er teilt Hirtenbriefe aus zu Schäferidyllen; Ablassbriefe, Beichtzettel,
Schmutztitel von Erbau- und Predigtbüchern im Wonnemonat gehalten, findest Du an
den heimlichen Ufern der Ilm hingestreut, alles vom Wonnemonateiligen
unterschrieben. Du findest aber auch in diesem Park die schönsten Altargeländer
zum Anbeten der Heiligen! - Gerichtsschranken zum Verurteilen, Ketten und
Fussblöcke zum Fesseln. Und da liegt mancher, der sich nicht kann helfen, da sind
Prüfstände des tentamen und examen rigorosum des Lebens, Krieg, grosser Kampf,
kleine Hinrichtungen, Missetäter, die ihr Leben lang an einer Kette schleppen,
Gaudiebe und Gaudiebinnen, die leicht von Hand zu Hand gehen lassen, was sie
ewig zu bewahren geschworen hatten. Aber auch mitten unter diesem Gewühl findet
sich der Schlüssel zu dem stilleren Garten des Eden, in dem zuerst das stille,
milde Erfreuen über das Sein einem anwehet, - wo man zuerst es sich sagt, welch
beglückend Gefühl dieses Sein ist, das die Entzückung unterbricht, um aufs neue
wieder den Segnungen der Ruhe sich hinzugeben. Der Morgen geht auf; - unter dem
Baumschatten auf der Haustürbank ruhig hingelagert, sich und die Welt anschauen,
das deucht einem das perennierende Vergissmeinnicht des Genusses. -
    Ich könnte so fortträumen, um Dir zu beweisen, dass ich träume! - Es ist ein
wahrer Tauschimmer von Lebensblüten, und alle meine Empfindungen sind ein
blumiges Spielgärtchen, in dem die erfrischte Welt in der Morgenröte liegt! -
Und die Vergangenheit? -
Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden,
Und jeden hab ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich's, flüchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich zurücke.
Und manchem habe ich die Hand gedrücket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab in mir selbst die Kränze all gepflücket,
Denn keine Blume war, kein Frühling da,
Und hab im Flug die Unschuld mit geschmücket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen,
Konnt niemals nicht des Werkes Freude teilen.
Rund um mich war die Landschaft wild und öde,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grüsste mich kein Sänger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt' keines Hirten Flöte,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich hörte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.
Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,
Senkt ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;
Doch nimmer konnt es eigne Ruhe finden,
Kehrt trübe in die Aussenwelt zurück,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
»Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.«
Ich sah sie nicht, die grossen Süssigkeiten,
Vom Überfluss der Welt und ihrer Wahl
Musst ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedrückt von unerkannter Qual,
Konnt nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl,
Von ewigen unfühlbar mächt'gen Wogen
In weite weite Ferne hingezogen.
Eben erhalte ich Briefe von Arnim mit seinen Reiseplänen schon unter Segel; er
geht übers Meer; unsre guten Wünsche, mögen sie ihm gute Engel der Begleitung
sein; lese selbst, die Briefe schicke hierher zurück. - Deine kleine Freundin
Löwenstern wirst Du nun bald wiedersehen, sie ist gestern abgereist, ich hab sie
aus meinem Fenster bei ihrer Freundin Fümelle einen zärtlichen mädchenhaften
Abschied nehmen sehen; wenn Du sie siehst, so empfiehl mich ihr als Deinen
treuen Bruder, den ihre Freundschaft zu ihrer Gespielin sehr gerührt hat; das
Fräulein Fümelle wohnt mir gegenüber und wird, wie ich höre, auch bald nach
Offenbach gehen, ich sehe oft mit Vergnügen, wie sie ihre kleine zierliche Figur
von Fenster zu Fenster trägt und keine Ruhe in den Füsschen hat, und wie ihr Herr
Papa sein Barbierbecken am Fenster stehen hat, und wie das Barbierbecken den
Herrn Papa abwartet, bis er seinen Bart hineinschaben lässt von dem kunstreichen
Messer eines Weimarer Barbierheros! - Alles ist nämlich hier von einer Muse des
Übermutes genährt, keiner geht über die Strasse ohne persönliches Gefühl des
Mitwirkens in die tolle Alltäglichkeit, selbst bis auf den Friseur, der einer
der wichtigsten Kavaliere ist. Das ganze Windmühlenwerk der Künste ist
fortwährend im Gang, die Hand des Tonkünstlers und der Fuss des Tänzers klappen
ineinander, die Kunstreihe körperlich geistiger Fertigkeiten wird durch einen
Aufwand geistiger Regierung aufs höchste gesteigert. Fragen, Suchen und Finden
sind drei verschiedene Ichs, die überall sich beisammenfinden, sie bilden wie
eine Ölschlagmühle eine Witzschlagmühle. Nun schlagen auch noch die Nachtigallen
dazu. Zwischen den blühenden Büschen wandlen Deutschlands grösste Geister,
eingehüllt in den Nimbus ihres Namens; - es ist für einen Anekdotenjäger das
beste Revier; wärst Du hier, wir würden die Zeit aufs beste geniessen, und Du
würdest auf dem Schmetterlingsflügel der Welt wie auf einem Teppich Dich
tummeln, denn so möchte ich Weimar nennen statt deutsches Aten, mit welchem
absurden Namen es sich prahlt. -
    Ich bleibe auf jeden Fall einige Zeit hier, wo Du mich gern wissen sollst,
denn ich bin sehr gern und glücklich hier und streife meinen Missmut ab wie eine
alte Schlangenhaut. Das einzige ist, das Salbadern mit Herders Tod langweilt
mich; aber auch hierüber ist ein Scherz nicht unwillkommen:
Herder ist von uns gegangen,
Goete sieht ihm traurig nach;
Wieland trocknet seine Wangen,
Und Amaliens Herze brach. -
Diese empfindsame Gesellschaft hab ich, wie sie im Vers beschrieben ist, mit
schwarzer Kohle an die weisse Gartenwand vor Goetes Garten, der in den Park
führt, abgemalt; alles ist hingegangen, es zu betrachten. Der abgehende Herder
und der weinende Wieland sind unwiderstehlich gelungen! -
    Lebe wohl! Schreibe mir, schreibe doch der Mereau ein paar Worte und liebe
sie, wie ich es um Dich verdiene, dass Du die liebst, die mich versteht. - Von
allem diesen haben wir unter uns gesprochen, und Du wirst mit andern nicht davon
reden.
    Du kannst mir einen Gefallen tun, wenn Du mir sechs kleine Chemisettchen
gestickt und mit Kragen von feiner Leinwand machen lässt; ich wünsche sie aber
sehr bald, deswegen lass sie recht artig, aber nicht zeitspielig machen. Ich
konnte diesen kleinen Toilettenbetrug sonst nicht leiden, aber ich will hier ein
bisschen unter die Leute gehen und weiss ja noch nicht, ob sie verdienen, mich in
meinem wahren Hemde zu sehen; die Dinger müssen nur ein Herzfleckchen und
bisschen Hals sein. Herz und Hals wage ich nur in der Liebe.
                                                                   Dein Clemens,
                                                             bei Friedrich Meyer
Ich habe nicht Zeit, das Lied an Marianne abzuschreiben, schreibe Du es ab.
Es stehet im Abendglanze
Ein hochgeweihtes Haus,
Da sehen mit schimmernden Augen
Viel Knaben und Jungfraun heraus.
Sie wechslen mit Weinen und Lachen,
Sie wechslen mit Dunkel und Hell,
Mit schimmernden Augen und Wangen
Sie wechslen ihr Röcklein gar schnell! -
Dort hab ich mein Liebchen gesehen,
Ein freundliches zierliches Kind;
Sie konnte wohl schweben und drehen
Wie fallende Blüten im Wind.
Und die in dem Hause dort wohnen,
Sind heilig und wissen es nicht,
Sie spielen mit Kränzen und Kronen
Alltäglich ein neues Gedicht.
Sie sind gleich den Göttern und handlen
Alltäglich in andrer Gestalt,
Mein Liebchen wird auch sich verwandlen,
Das tut meinem Herzen Gewalt.
O Liebchen, wo bist du geblieben?
Ich steh vor dem schimmernden Haus,
Und will dich bescheiden nur lieben,
O Liebchen, o sehe heraus!
Ich will dein pflegen und warten
Im Herzen so treu als ich kann,
Da seh ich sie sitzen im Garten
Wohl bei einem reichen Mann.
So kauf ich mir Harke und Spaten,
Bind mir ein grün Schürzelein vor.
Ich stell mich, als wär ich der Gärtner,
Und klopf bei dem Reichen ans Tor.
Tu auf, o Reicher, den Garten,
Ich will dir so gern ohne Sold
Die Blumen all pflegen und warten,
Sie sind ja mein Silber und Gold.
So sei mir, o Gärtner, willkommen,
Zieh höher die Rosenwand mir.
Verflecht sie zu Netzen und Schlingen,
Ich habe ein Vögelchen hier.
Zieh höher und dicht mir die Laube,
Zieh mir ein gitternes Haus,
Dass keiner das Vögelchen raube,
Dass es nicht fliege heraus.
Da klinget so herzlich und süsse
Im Garten ein inniges Lied,
Die Bäume sie senden ihr Grüsse,
Die Blume lauschend ihr blüht.
Da seh ich mein Liebchen so weinen,
Sie sieht zu mir heimlich herauf.
Die Sonne will nicht mehr scheinen,
Die Blumen, sie gehen nicht auf.
So hast du dann es verlassen,
Das schimmernde Götterhaus,
Deiner Locken Gold wird blassen,
Deiner Augen Licht geht aus.
O Liebchen, o sei nicht so munter,
Du hast vergeudet dein Los;
Dein Sternlein, es geht ja unter
Tief in des Meeres Schoss.
Ans Meer will ich und stehen
Still in dem Abendschein,
Da muss in den Wellen ich sehen
Versinken dein Sternelein.
Im Niedersehen da rollen
Die Tränen still hinab,
Die sich vereinen wollen
Mit deines Sternes Grab.
Dies Lied hab ich ersonnen
Wohl vor jenem Zauberhaus,
Das glänzt in der Abendsonne,
Wo du nicht mehr siehst heraus.
Als Jugend um Liebe brennte
In irrem Liebeswahn,
Da wolltest du ihn nicht erkennen,
Die hell mich blickte an.
                                Lieber Clemens!
Dein Brief hat einen Eindruck auf mich gemacht, wie ungefähr das Licht wirken
muss auf einen, der lange blind gewesen oder im Dunklen herumtappte. - Du gingst
von hier und warst so unzusammenhängend, dass selbst die Trennung von Dir
übersprungen war; Du liefst, Du liefst, hätte ich nicht dem Buben vor der
Haustür mein Schnupftuch in die Hand gedrückt und ihm gesagt, er solle Dir
nachlaufen, denn Du habest es vergessen, so wusste ich nicht, wie ich Dich im
letzten Augenblick noch an mich erinnern sollte. - Der Knabe kam zurück und
sagte, Du habest es in den Busen gesteckt und aufgetragen, mich tausendmal zu
grüssen! - Tausendmal! - Einmal wär genug gewesen! - Wenn Du nur vorher Dich
besonnen hättest, dass Deine Schwester Dir gegenüberstand und wartete, dass Du sie
ans Herz drücken solltest. - Der Knabe sagte mir auch, der Postwagen war noch
nicht fertig angespannt, Du seist voran dem Tor zugegangen! - Ach, Deine
Ungeduld fortzukommen, sie war Dir eingeimpft durch jenen letzten Brief, den Du
aus Weimar erhieltst; das Fieber ergriff Dich gleich, Du stürmtest fort! - Du
hast mich immer geplagt, dass ich nie einen Versuch gemacht habe, Deine Bitte zu
erfüllen, irgend etwas niederzuschreiben. Ich hab ein Märchen geschrieben, seit
Du weg bist.
    Ein schwermütiger Jüngling, von Träumen aufgeregt, erwacht in der Nacht, die
heiss und glühend die Welt umfängt wie gestern, wo es die ganze Nacht
wetterleuchtete; er stürzt hinaus ins Freie mit seinen getreuen Hunden und kommt
in einsame fürchterliche Gegenden, wo schreckliche Wasserfluten von den Felsen
niederstürzen und die Bäume auf den Höhen über ihm zusammenkrachen, wo es feucht
ist und giftige Kräuter am Gestein sich hinaufranken und betäubend duften. Hier
hört er auf einmal ein helles fröhliches Lied singen, mit lustiger Stimme, er
geht dem Tone nach und entdeckt einen mutwilligen Knaben, der über einem
schrecklichen Abgrund sich schaukelt, über den brausenden Wassern, die in
stürmender Eile dahinrollen. Er sieht's, erschrickt, wird tief bewegt von der
Lebenskeckheit, viele Empfindungen machen sein Herz ganz wild und glühend, er
glaubt das Kind zu kennen, er will es warnen, er will es retten, doch nein, es
ist ihm noch fremd, nun entspringt heisse Liebe zu dem heiteren Wesen in
Todesgefahr, die Hunde klettern ihm nach, wie er sich versteigt, dem Kinde
nachzukommen, sie suchen ihm Bahn, doch mit Angst, und möchten ihn abmahnen, er
gelangt endlich hinauf, jetzt ist die Frage, was er mit dem Kinde anfängt. -
    Er stösst ihm einen Dolch in die Brust, ohne es zu wissen, sagt die
Günderode. Ich bin aber nicht so grausam und will das nicht, ich sage nein, es
begegnen ihm mit dem Knaben noch wunderbare Dinge, der sich ganz mit seinem
Schicksal verknüpft, das führt ihn durch Glaub, Hoffnung und Lieb, und das
Märchen endet auf eine eigne Art. - Wenn es so enden soll, sagt die Günderode
wieder, dann ist der Clemens der Jüngling, seine neue Geliebte ist der Knabe und
wir zwei sind die zwei getreuen Hunde, die zwar ihn warnen, aber nichts
vermögen, hätt es aber nach meiner Art geendet, so warst Du, Bettine, der Knabe.
-
    Ja, wir beiden treuen Hunde von Dir, lieber Clemens, ahnen ein schwer
Gewitter über Deinem Haupt. - Wir möchten Dich wieder nach Hause persuadieren
und Dich beschwören, den Block zu fliehen, wenn Du auch ein Weilchen die Ketten
mit Dir noch herumschleppen musst. -
    Ach Clemens, ich bin müde und bin wie krank, aber es wird schon besser
werden, könnt ich nur zur Grossmama nach Offenbach; die Luft ist mir dort
zugetan, sie brachte mir immer gute Botschaft von Dir, besonders im Frühling, da
war die Luft ganz würzig von aller herzlichen Begeistrung der Bruderliebe. Die
Günderode sagt auch zu mir, geh nach Offenbach, aber nun hat mir gestern der
Gärtner meinen Orangenbaum geschickt und meinen Feigenbaum und den Granatbaum
voll Knospen, wer wird sie pflegen, bis ich wiederkomme? - Ich häng an diesen
Bäumen, die nun schon zum zweitenmal mir blühen, ich bin ihr Spiegel, sie sehen
sich in mir, sonst sagt ihnen keiner, dass sie schön sind, - so will ich hier
bleiben. - Aber die Schwalbe dort, die alle Jahr am Dachfenster baut, und der
zulieb ich nachts es offen liess, und die hereinkam morgens, mich zu grüssen, wenn
ich noch schlief, die wird nach mir suchen, und der Lavendel, der jetzt blüht,
wer wird ihn abschneiden? Es wird alles verkehrt gehen dort, ich will hin auf
acht Tage nur. Ich hab mit Bäumen und Sträuchern zu reden, hören sie meine Rede
zu ihnen nicht mehr, so werden all sie meine Sprache wieder vergessen. - Oft am
Fenster früh, wenn der kühle Wind von Osten her den Tag ankündigte, sah ich den
Mond noch am Himmel mit dem Morgenstern sich unterhalten. Alles ist Mitteilung
in der Natur, alles hat Flammenzungen, selbst der kalte Quell, in dem Du Dein
Antlitz badest! Denn: ist Kälte nicht auch Feuer? - Ob der Schnee nicht die
glühende Asche ist, die vom Himmel herabfällt, Du kannst's nicht wissen! -
Gleich drauf, als er die Asche abgelagert hat, entzündet sich die blühende Erde,
die düftereiche, - alles wird Flamme, der Vogel, der im Busch hüpft, ist ein
spielend Flämmchen, und so alles Leben ist Flamme des erschaffenden Geistes! -
Wer ist aber dieser? - Ich bin, die es zu denken vermag und im Gedanken den
Glauben verbirgt wie den Keim im Busen der Erde. Der Glaube ist die Kunst, die
Macht und die Kraft des Schöpfungswerkes! - Sie wird stille stehen, die
Welterzeugung, die Schöpfung - wenn wir sagen, weiter gibt es nichts, als was
wir durch die bedingende Grenze unsers Wissens erlauben, dass es sei. - Ja wohl
auch - weiter gibt's nichts! Ich erlaub aber alles, was ich zu denken vermag,
dass es gleich sein darf. Wie soll ich das Schöpfungswort: Es werde, mir anders
auslegen? - Ich glaub daran, dass wir einander begreifen sollen, wir geschaffne
Wesen - dass im Begreifen das Erschaffne liege, dass im Erschaffen die
Unsterblichkeit ihren unendlichen Keim heraufträgt zum Licht! - Licht! - Licht!
- Was ist das? - ist's das, was wir mit dem dunklen Blick unseres Auges
auffangen? - Was uns den Vorhang wegzieht, der Nacht und Flur und Wälder zeigt
im Schmuck der Farben? - Ja, das ist's, aber wo ist sein Ende? - Es erleuchtet
die Unendlichkeit in die Ewigkeit hinein. O, was ist in der Ewigkeit möglich? -
Die offne Pforte, aus der die Schöpfungskraft niederwallt, ein voller
unversiegbarer Strom! - Das Lichtelement, - der alles umfangende Schoss dessen,
was der Geist begreift. - Dies Begreifen ist ein Lichtschöpfen; das ist der
Gedanke. Denken ist, einen Leib annehmen, das ist Wirklichwerden! - Wer aber
dies Wirklichwerden erzeugt, der ist eine erschaffende Kraft! Diese Kraft ist
die Unsterblichkeit im Menschen, wer sie übt, der kann nicht vergehen, was aber
nicht in ihr liegt, das ist Asche, die niederfällt, wie der Schnee niederfällt
von der Himmelsfeste. Diese Geistesasche liegt schützend über dem nachkommenden
Weltenfrühling, er wird durchdringen mit seinen tausend und aber unzählbaren
Flammengeschlechtern, die alle zur Unsterblichkeit sich aufschwingen, die alle
Tatkraft werden der Erschaffung! Ja, das ist die Werkstätte des Gottes, sie
heisst Weltengeist, in ihr wirkt die Menschheit das Unendliche, nur um selbst
unendlich zu sein! - Und ich bedenke dies und frage mich, was für ein Werk in
der Schöpfung soll ich doch vornehmen? - Damit ich meine Unsterblichkeit feste
und sie durch die Ewigkeit strahle, denn alles Tun ist nur Selbsterhaltung, und
was ich nicht belebe mit meinem Geist, in dem bin ich gestorben, aber den Tod
soll ich bezwingen, das ist die Aufgabe der Unsterblichkeit.
    Wie tief fühle ich's, dass es so ist und sein muss! - Und ich getraue mir, in
meinem Geiste diese Schöpfung fortzuführen in dem, was mir am nächsten liegt,
was mich anspricht um Erlösung! - Es sind die Blumen, die wollen von mir
begriffen sein, allerdings um ihrer selbst willen! - Sie sind verstanden in
allen Winken, die sie uns geben, so sind sie in eine neue Sphäre geboren, und
auch sie sind unsterblich durch den Begriff, der sie immer weiter erzeugt! - so
ist's gewiss, dass sie eine Sprache führen, die ganz mit unsern Empfindungen
verwandt ist, sie reden also mit uns! - Nun? - Haben wir denn keine Antwort? -
Keine Mitteilung ihnen zu machen? - Ach nein! Eine Blume ist ja nur ein
Fragzeichen der Natur; - die ganze Natur ist Sprache, die Blume ist ein Wort,
ein Ausdruck, ein Seufzer ihrer vollen Brust! - Ja die Blume spricht auch für
sich zu Dir, aber die ganze Natur bedarf ihrer, um sich selbst auszusprechen,
und alles Sein ist ihre Sprache, so redet die Natur mit dem Geist! Und diese
liebende Unterhaltung ist die Nahrung des Geistes, daraus schöpft er seine
Unsterblichkeit, dass er sie begreifen lernt und durch den Begriff sie eben
forterzeugt. Also ein Erzeugender kann nicht sterben, denn in ihm würde die
Unsterblichkeit untergehen! -
    O lache mich nicht aus mit meinen Reden, es ist nichts, es ist Kopfweh,
unendliche Müdigkeit; schlafen verlangt's in mir! An die Mereau soll ich
schreiben? - Was denn? - Ich kenne sie nicht, sage mir, was sie ist, so will ich
einen Stein in den Brunnen werfen, ob sie versteht, was der ankündigt.
    Am Morgen nach einer wohldurchschlafenen Nacht muss ich doch dem Brief von
gestern noch einen menschlichen Schluss geben, Du könntest sonst glauben, ich
habe mich verstiegen (übergeschnappt). Clemens, was hab ich Dir vorgeplaudert? -
Ich will's nicht wieder lesen, sonst würde ich's vielleicht zerreissen, und einen
zweiten schreiben kann ich nicht. Gestern war ein Kopfwehtag, heute bin ich
wohl, aber matt und sehr aufgelegt zum Schlummer, und es ist mir doch so bequem,
dass ich mir selber angehöre, und nichts will ich von allem behalten, was mir auf
ewig sollte bleiben. Übertrage meine Liebe zu Dir auf die gute Sophie! Ich werde
dann kommen und naschen wie ein Kätzchen von dem, was ehmals mein war! - Adieu
doch! ich bin schon ganz froh, dass ich nichts mehr zu hüten habe mit sauerem
Schweiss. Lieber ein Bettelmann sein als ein Hüter von etwas, was einem doch
nicht gehört!
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Ich bin sehr betrübt, dass Du mir gar nicht schreibst, ich bin immer in Ängsten,
Du mögest krank oder unwillig auf mich sein, auch Sophie ist betrübt darüber,
denn sie liebt Dich gar sehr, ich habe mir alle Deine Briefe von Marburg
schicken lassen und sie ihr vorgelesen, Du glaubst nicht, Liebe, wie sie das
rührt, und täglich, wenn ich vertraulich mit ihr zusammensitze und uns recht
wohl wird, spricht sie: »Ach, wenn doch Bettine bei uns wäre!« Sie wird durch
Deine Freundschaft recht glücklich werden, bis jetzt hat sie auf Erden noch
keine Seele gehabt, die sie so recht lieben konnte, sie ist ihr ganzes Leben
durch wohl grausamer getäuscht und misshandelt worden als irgendein anderes
gütiges und schuldloses Wesen, und allen hat sie vergeben, alles hat sie
vergessen, ist nicht menschenfeindlich gesinnt, ist immer freundlich, mild und
unendlich anmutig, ich habe eine ruhige, herzliche Empfindung für sie, die ich
vorher nie gehabt, und auch sie liebt mich täglich mehr und inniger, und wir
vertrauen unserm Geschick, das uns voneinander gerissen, um uns einander besser
wieder zu geben. Liebe Bettine, ich habe Dich so unendlich lieb, so lieb, als
ich Dich je liebte, ich fühle immer mehr, dass Du mein Herz genährt und erhalten
hast. Du hast mich zu dem Menschen erzogen, den meine Geliebte achten und lieben
muss, ohne Dich wäre ich verzweifelt am Leben und an dem Heil. Ich wollte, Du
könntest mich verstehen, ich wollte, Du könntest recht deutlich fühlen, wie Dir
nichts durch meine Liebe zu Sophien entzogen wird, nein, ich fühle tief im
Herzen, wie ich mich durch sie in Deiner Liebe verherrlichen kann, ich werde,
durch sie zur Ruhe gebracht, alle die Kräfte meines Geistes und meines Herzens
im Tüchtigen glücklicher entwickeln, ich werde ohne Sehnsucht, ohne Begierde die
Augen auf mein Tagewerk wenden können und es zur Ehre meines Lebens vollenden,
Du bleibst ewig meine Richterin, Du bleibst das Mass meiner Empfindung und mein
vertrauter Gott auf Erden. Wie Du liebst, Bettine, solcher Liebe wird auf Erden
nicht genug getan, und wen Du an Dein Herz schliesst, der betet, Deine Arme
aber überreichen ihn, sie reichen in den Himmel und holen den Segen herab für
den Frommen, den Du liebst. - Liebes Kind, wir werden noch einstens sehr
glücklich sein auf Erden, denke Dir, wenn Du die Gattin eines einfachen
vortrefflichen Mannes wärst, der mich liebt, und ich und Sophie, wir alle viere
leben in inniger Verbindung und teilen alles und ehren uns gegenseitig und
lernen uns einander das Vortreffliche ab. Ich habe das feste Vorgefühl, dass es
uns bald so werden wird, und ich bete darum zum Himmel, Du kannst meinem Himmel
nur recht vertrauen, denn er liebt Dich, und gewährt er Dir meine Bitte nicht um
meinetwillen, so ist es doch um eines gewissen lieben Kindes willen, um die
geliebteste Bettine. Ich bin jetzt täglich bei dem vortrefflichen Bildhauer
Tieck, der mich sehr lieb hat, es ist etwas Entzückendes, ihn arbeiten zu sehen,
wie er Götter und Menschen mit einem kleinen hölzernen Spatel aus Ton
herauszaubert. Ich wünschte Dich oft zu mir her, dass Du das auch sehen könntest.
Ich hoffe Dir bald etwas von seiner Arbeit schenken zu können, um es auf Deinen
Tisch zu stellen, er hat mir es versprochen. - Ich bitte Dich nochmals herzlich,
mir ja gleich und viel zu schreiben, und wenn Du Sophien auch schreiben
wolltest, so recht, wie es Dir ums Herz ist, ich glaube, es würde sie sehr
freuen. - Ich bat Dich in einem Briefe um eine Puppe für der Mereau ihr Kind,
ich bitte Dich nochmals herzlich darum, die Kleine plagt mich alle Tag, und hier
kann man keine leidliche haben. Schreibe mir doch ja, so glücklich bin ich doch
nicht auf Erden, dass einige Worte von Dir mich nicht unendlich glücklicher
machen könnten, sei mir tausendmal geküsst; grüsse Gundel von Herzen.
                                              Dein Clemens, bei Doktor Fr. Mayer
                                  Liebe Seele!
Schon viele Tage war ich sehr betrübt, gar keinen Brief von Dir zu haben, ich
war oft recht ängstlich, Du mögest mich nicht mehr recht lieben, und ich wäre
doch so recht unglücklich ohne Dich. Heute wollte ich Dir nun mein Leid über
Dich recht kläglich beschreiben, und da erhielt ich denn Deinen einzig lieben
Brief, der mich wieder ein bisschen traurig macht, auf eine andere Weise. Dass Du
Sophien nicht recht leiden magst oder vielmehr Dich gegen sie verschliesst,
betrübt mich, wie sehr! - Deine Liebe ihr übertragen? - o mein Kind, das ist
auch wunderbar - wem auf Erden könnten wir unsre Liebe zueinander übertragen? -
Ich schwöre Dir, liebe Bettine, ich würde nie ein Weib nehmen können, bei dem
ich Dich entbehren könnte. Ich werde glücklich sein mit ihr, wenn Du mit
glücklich sein willst; sie wird mit mir in meine Einsamkeit nach Marburg ziehen,
- den Winter schon wird sie mein Weib sein, st - st - kein Wort davon geredet. -
Wir wagen keine Freiheit, wir sind beide gut und vernünftig, unsre bürgerlichen
Verhältnisse werden sich nicht verwickeln und uns strangulieren! - Wir sind
vergnügt und leicht. Das ganze Blatt hat sich überhaupt gewendet, sie liebt mich
jetzt leidenschaftlich, wie ich sie sonst liebte, und ich bin ruhig. Ich werde
nicht an ihr handeln, wie sie einst an mir, sie würde sterben, - sie ist sehr
gut und resigniert auf alles um meinetwillen. Doch lerne sie kennen, und dann
liebe sie, dann hasse sie, Du wirst überhaupt entscheiden über uns. Schreibe mir
noch immer hierher, aber um Gottes und des Himmels willen schreibe mehr das
Unmittelbare, was mich und Sophie angeht; wenn Du es nicht tust, das kränkt mich
unendlich. Nochmals aber bitte ich Dich, der Mereau selbst zu schreiben!
    O Kind, Du willst mit Blumen und Kräutern Dich einlassen und glaubst schon
sie zu verstehen. Warum willst Du den Kreis des Vertrauens nicht auch ihr
aufschliessen? - Sie auch wirst Du erlösen aus einem bezauberten Kreis der
peinlichsten Gefühle! - Mich liebt sie mehr wie ihr eigenes Leben, und Du, die
ich so liebe, Du stehst starr und stumm vor ihr, als gehöre sie nicht zu Deiner
Welt. - Du stossest sie aus? - Was hat sie Dir getan? Schreib es ihr, sie wird
sich dann verteidigen, denn sie liebt Dich innig und liest immer in Deinen
Briefen und lernt lieben daraus! - Sonst kenne ich mehrere vortreffliche
Familien, so was ich und Du vortrefflich achten, Leute, die mich leiden mögen! -
Und besonders lege ich mit meiner Gitarre und Deinen Kompositionen viel Ehre
ein.
    Alle Abend sitze ich mit irgendeiner Gesellschaft bis spät in die Nacht und
singe und spiele, dass mich alles lieb hat und hinterdrein doch wieder auf mich
schimpft, das gehört sich aber so auf dem Weimarer Plundermarkt. Ich bleibe wohl
noch ein paar Wochen hier, drum schreibe immer hierher; sehr erfreuen könntest
Du mich, wenn Du mir, was Hoffmann komponierte, wenn auch bloss mit
Klavierbegleitung, abschreiben liessest, aber bald, und mir es schicktest.
    Vor einigen Tagen war ich in Lauchstädt, sechs Meilen von hier; ein Badeort,
wo während der Kurzeit die hiesigen Schauspieler spielen, dort sah ich das neue
Stücke von Goete, die »Eugenie«, es wurde schlecht gegeben, aber es ist, nu, es
ist halt von Goete. - Als ich in die Promenade dort trat, wer kam mir zuerst
unter die Augen? - Minna R-bach, das Mädchen von Altenburg, das ich einst
liebte, Perigot, der Pariser (lässt Dich grüssen), führte sie. Perigot begrüsste
mich, sie erblasste; sie hat einen dummen reichen Mann geheiratet, sie ist sehr
unglücklich. Bei Tisch sassen wir öfters nebeneinander, sie war sehr verlegen,
ich redete kein Wort mit ihr; am Abend vor ihrer Abreise machte ich durch
Perigot die Bekanntschaft ihres miserablen Mannes, den ich bat, mich seiner Frau
zu präsentieren, er tat es; ich setzte mich neben sie und sagte ihr leise:
»Nicht wahr, Minchen, ich hatte recht, es geht dir recht schlecht, wie ich dir
gesagt habe.« - Da weinte sie beinah und musste tanzen gehen; ich aber entfernte
mich und setzte mich allein in die Allee, wo ich recht vergnügt an Dich
gedachte, wie doch die andern Weiber alle nichts gegen Dich sind! - Du sollst
bald eine grosse Freude haben; ein Geschenk erhältst Du in einigen Wochen von
mir, so köstlich, so lieb, so hast Du in Deinem Leben nichts gehabt, ich möchte
es gar zu gern sagen, was es ist, aber ich denke durch mein Stillschweigen Dir
einige Briefe abzujagen. Übermorgen wird es angefangen, nun Du wirst ein freudig
Wunder daran erleben, aber höre, sei mir auch gut und halte auch mehr auf
Sophien. Lebe wohl, für Puppe, Chemisettchen und Rock danke ich.
                                                                    Dein Clemens
Ich schreibe Dir morgen einige Gedichte ab, die ich gemacht.
                                Lieber Clemens!
Eins hab ich ganz vergessen Dir zu sagen, dass Marianne ihr Gedicht von mir
empfangen hat! Ich war so sehr betäubt, als ich Dir das letztemal schrieb, wie
es immer geht, wenn ein tiefer Traum durch nichts sich abwälzen lässt, wenn
alles, was das äussere Leben hinzubringt, von ihm ergriffen wird, um sich tiefer
hineinzuträumen, wenn jedes zufällige Ereignis neue Traumverflechtungen bildet.
- So war mir's, und so ist mir's noch hier in dem alten Stadtleben! Diese
Empfindungen, diese Erinnerungen meines Traumlebens müssen erst ganz abgestorben
sein, ehe ich offen und frei mit Euch sprechen kann über das Wie und Warum. Denk
Dir eine Schäferhütte mit einer Wiese umher mit duftendem Grün, ein Muster
einfachen Glückes, die Lämmer hatten da ihre poetische Trift, - die
niederregnenden Blüten versprachen Früchte! - Und nein! Du hast geirrt, es war
da keine Wiese, es war nur ein Traum hinter einem grünen Bettvorhang! - Ich reib
die Augen, ich frag, ist's möglich? - Es war doch alles so wahr in jener Heimat,
dass ich mich in dies Erwachen nicht finden kann, und nun weiss ich nicht, ob ich
nicht jetzt eben erst in die Traumpforte trete und entschieden ist, ob ich jetzt
träume oder früher geträumt hab, bis dahin werd ich an Deine Sophie nicht
schreiben. - Ach Clemens! Das deucht Dich wunderlich, eigensinnig vielleicht,
und widersprechend Deiner Bitte, Deiner Sehnsucht! - Aber Dein letzter Brief
führt ja da schon wieder ein Minchen R-bach auf, die Du einst liebtest, von der
ich nichts weiss! - Und war das kein Traum von Dir? - Und nun führst Du den Traum
fort, so wie Du sie kommen siehst, gehest Du wieder auf Deinen Traum ein; Du
gehst an ihr vorbei, tust im Traum, als ob Du sie nicht kennst, schleichst Dich
dann an sie heran, um ihr Vorwürfe ins Herz zu schleudern, die sie verdient, wie
Du meinst, und zuletzt wachst Du auf mit der Satisfaktion, Deiner früheren
Geliebten eine Röte und dann eine Totenblässe abgejagt zu haben. Du erzählst mir
Deinen Traum, wie Du eben im Begriff stehst, mich in einen neuen Traum mit
hineinzureissen; - was soll ich mich willkürlich brauchen lassen, da ich wirklich
bin, in Geschichten, die unwirklich sind? - Wollte ich mich da gleich bereit
finden lassen, Du könntest nach geraumer Zeit, aus diesem Traumleben erwachend,
mir Vorwürfe machen, Illusionen in Dir genährt zu haben, die dann zu nichts
zerfallen! - Du sagst jetzt schon, Du liebtest sie nicht mehr wie sonst! - Du
sagst, dass sie selbst Dich einmal verworfen habe. Ach, was kann mich denn
abhalten, Dir zu dienen als die Gefahr, die Du dabei läufst! War ich nicht
manchmal schon die kleine Rettungsinsel, wenn alles rund um Dich her
überschwemmt war? - Soll ich mich nun auch überschwemmen lassen? Dass Du nicht
weisst, wohin Du den Fuss setzen sollst, wenn die Flut über Dich gestürzt kommt?
Wenn Ihr beide Euch wirklich wach glaubt, so entschuldigt mich, dass ich so
traumversunken bin und mich nicht zu Euch hinüberträumen kann! - Und
entschuldigt es, dass dies alles eine Sorge ist um Dich, die mich im Traum
gepackt hat.
    Weiter weiss ich Dir nichts zu sagen, als dass ich müde und schläfrig bin.
Gestern waren wir auf der Gerbermühle, die Günderode mit mir, welch himmlischer
Aufentalt; warum kann man's versäumen, wenn man die Sonne so untergehen sah,
dass man sich wieder auf dem Platz einfindet, um sie am Morgen wieder zu
empfangen! - Adieu doch! -
                                                                         Bettine
 
                                   An Bettine
Du hast nun wohl meinen letzten Brief, der mit dem Deinigen sich gekreuzt hat,
und ich hoffe, er hat Dir einen ruhigen, ja glücklichen Eindruck gemacht, damit
die Verwirrungen der Sprachen wie in Babylon nicht den Fortbau unseres Glückes
hindern.
    Was hat Dein Brief mir und der armen Sophie für eine Angst gemacht, ich
begreife Dich nicht! - Hab ich Dir nicht mehrmals gesagt, dass von Dir meine
Zukunft abhänge, dass es Dein Wille ist, ja Deine Neigung, die mich bewegt zu
allem, die mich lenkt! - Und ich sage Dir nun, dass ich Sophien nie heiraten
werde, wenn Du sie nicht liebhaben kannst, das ist auch ihre feste
Entschliessung, und sie opfert mehr dabei auf als ich, denn sie liebt mich mehr
als ich sie liebe, sie hat keine Bettine, ich habe eine, die ich ewig mehr
lieben werde als alle Menschen! Es ist mir ewig leid, dass ich darüber an andre
geschrieben habe. Man scheint alle Glocken bei einer Sache angezogen zu haben,
die gar nicht der Mühe wert ist; was hat man Dir über uns gesagt? - Sag es
aufrichtig. dabei sitzt Du in Frankfurt zwischen trostlosen Wänden und weisst Dir
keinen Rat! Hast Du denn gar kein Vertrauen mehr zu mir? - O liebes Herz, sei
ruhig! Glaube an mich und verirre Dich nicht! Auch der Traum hat seine Ansprüche
an die unverkümmerte Wahrheit; das zu schöne Leben ist ja Traum, und wenn Du
erst mit uns beiden vereint bist, dann ist mein Leben zu schön, und dann träumen
wir alle drei glücklich, und Du wirst's doch nicht scheuen, im Traum Deinen
Bruder glücklich zu fühlen, glücklich zu machen! -
    Jetzt erst merke ich, wie ich von den Leuten verschieden bin, denn meine
Idee, mich mit Sophie zu vereinigen, ist mir eine der einfachsten meines ganzen
Lebens; ich kann Dich versichern, zu Dir aus meiner Stube in die Deine zu gehen
war mir immer wichtiger und mit mehr Sorge verknüpft; Deine Angst aber ist nicht
in der Ordnung. Du solltest mich so lieben, dass alles, was ich mit Gleichmut und
Ruhe tue, das heisst: dass alles, was ich eigentlich tue, Dir gar keine Sorge
machen könnte. Schau mir in die Augen, mein Kind, mein treues, gutes Kind, und
störe Dich nicht, was an meiner Seite vor sich geht; es geht uns beide nichts
an, wir müssen unser Sein, unser Denken miteinander, nicht mit der Welt
vermengen, sonst gibt es Schmerzen. So wie Du allerlei Übles ahnest, so ahne ich
Gutes, oder doch vielmehr ganz ordentliche ruhige Begebenheiten und erschrecke
nur darüber, wie Dich etwas so ganz Gewöhnliches in Sorgen setzen kann! - Ich
sage Dir daher nur noch einmal, Sophie wird nicht mein Weib, wenn Du sie nicht
lieben kannst, aber Du wirst sie lieben, das ist gar nicht anders möglich, sie
wird Deinetwegen express nach Trages kommen, sie hat eine Begierde nach Dir wie
noch nie nach einem Menschen. So oft ich ihr einen solchen Sorgenbrief wie den
letzten Deinigen bringe, wird sie immer sehr gerührt und betrübt, aber wenige
Minuten drauf wird sie wieder froh und viel mutiger als vorher, sie fühlt sich
so viel, viel besser als man von ihr denkt, und freut sich inniglich darauf,
unsre Liebe zu gewinnen. Ich versichere Dich, ich werde so glücklich mit ihr
sein, als man es dans ces pays bas auf dieser Erde sein kann, und das Schönste
bei dem allen ist, dass wir uns gar nicht störend sein werden, dass das Schwere,
Plumpe der gewöhnlichen Ehe uns nicht berühren soll; wir werden leben, wie es
Schneeflocken zusammenschneit, und wie die zerrinnen, wenn ein neuer Frühling
kommen sollte, so werden auch wir zerrinnen, wenn wir nicht beisammen bleiben
sollten usw.
    Mache mich nicht unglücklich, liebes Kind, sei nicht traurig um mich, ich
schwöre Dir, so wahr als Gott und unsere Liebe lebt, es ist da nichts, was Dich
mit Recht betrüben kann! Vertraue mir ganz, aber verstelle Dich nicht, als seist
Du ruhig, wenn Du es nicht bist. Ach, aber welcher göttliche Beweis von Deiner
grossen Liebe zu mir wäre es, wenn Du mit aller Innigkeit so recht aus ganzer
Seele mir vertrautest! Wenn Du wirklich ruhig würdest und zu Dir sprächst: der
Clemens kann nichts tun, was mich betrübt, er wird mein Glück nur vermehren, nur
befestigen können; in diesem Vertrauen will ich auf die Zukunft mich freuen.
Liebes Kind, blicke um Dich auf die Herrlichkeit Gottes in der Natur und in der
Kunst und in unserer Liebe, liebes Kind, lasse Dich keine Sorge einnehmen. Ein
tüchtiger Mensch kann nicht unglücklich werden, ich fühle, ich kann es nicht,
denn ich bemerke mich nicht mehr, so klein bin ich gegen Natur, Kunst und die
Liebe, und so auch tue Du.
    Es wäre sehr betrübt, wenn Dich dieser Brief gar nicht ein bisschen trösten
sollte, er geht mir so recht von Herzen! - Gunda schreibt mir aus Frankfurt, Du
seist sehr krank gewesen aus Liebe und Sorge zu mir, deswegen hättest Du mir
nicht geschrieben, Du seist so krank gewesen, dass die ganze Familie um Dich
besorgt gewesen sei! Mein Kind, ist das wahr? - Und Du hättest es mir
verschwiegen? - Das kränkt mich, das ist gewiss ein Schreckenberger von der
Gundel! Liebes Kind, nehme Dich zusammen, sei lustig und vergnügt, ich schwöre
Dir, es ist auch nicht für zwei Pfennige Elend auf der Erde, und ich hab gar
nicht nötig, besorgter oder vergnügter als sonst zu sein; denn es wird ewig beim
Alten bleiben; die Natur strengt sich nicht an, natürlicher zu sein, Gott hat
bis dato noch keine Ursache gefunden, göttlicher zu werden, der Mensch ist so
menschlich als genug, und der Clemens ist und bleibt halt der Clemens, und wenn
ich sechstausend Weiber nehme, so werde ich immer nach wie vor der Clemens sein.
Ich würde auf die letzten Nachrichten von Euch gleich zu Dir gekommen sein, wenn
mich nicht folgendes abhielt: erstens kann Sophie nicht eher nach Trages reisen
als in ungefähr vierzehn Tagen, und ich kann sie doch nicht allein hinreisen
lassen; zweitens will ich meine Büste von Tieck für Dich modellieren lassen und
der konnte noch nicht anfangen, weil ein grosser Bacchus, den er macht,
umgefallen und zerbrochen ist, so dass er ihn erst von neuem machen musste. Diese
Büste ist das überraschende Geschenk, was ich Dir versprochen habe, es wird Dir
grosse Freude machen; er giesst einen nicht ab, wie Franz und Toni abgegossen
wurden, er modelliert einen aus freier Hand! - Ich will nun doch nicht eher von
hier gehen, bis ich Dir mein Wort gehalten habe! -
    Savigny schrieb mir heut, er habe einen Brief von Arnim an mich, ich aber
habe den Brief noch nicht, auf den ich unendlich ungeduldig bin; er hat ihn
Christian gegeben, ihn mir zu schicken, und der ist ein kommst du heut nicht, so
kommst du morgen! -
    Eben erhalte ich zu meinem haarzubergerichtenden Erstaunen beiliegenden
verwirrten Brief der Grossmutter! Ich weiss nicht, was er bedeuten soll. Es muss
ihr von hier aus, wo vom Schuster bis zum Herzog alles von mir und der Mereau
spricht, manches Unwahre erzählt worden sein; - sie spricht mir auch von Dir! -
O sei um Gotteswillen nicht betrübt über mich, wolltest Du denn, dass ich nie
heiraten sollte? - Liebe Bettine, wenn Du es verlangst, so will ich das einzige
Weib, was mich als Gattin glücklich machen kann, verlassen und will ein
Einsiedler werden! Sei doch ruhig und setze mich nicht in Angst. Ich weiss mir
nicht zu raten und zu helfen, wenn Dir es nicht wohl wird. -
    Heut hab ich ein Liedchen an Arnim gemacht und eine schöne Melodie dazu, ich
weiss noch nicht, wo er jetzt wohnt, drum schicke ich es Dir allein, da er noch
wohl in Deinem Herzen wohnt. Mädchen! Wenn Du meine Freunde so lieben kannst,
warum wehrst Du Dich so gegen meine Freundin? -
    Wunderlich ist's, dass alle Leute, welche die Mereau kennen, sich ebenso
wunderlich gegen unsere Verbindung wehren; wie Ihr auf sie zürnt, so zürnen sie
auf mich. Ja, zieht und zerrt nur, wir lieben uns, und Ihr müsst Euch einst noch
freuen daran!
    Dies Liedchen ist das beste, was ich gemacht habe, mir ist es recht wie dem
Jäger!
                            Der Jäger an den Hirten!
Durch den Wald mit raschen Schritten
Trage ich die Laute hin,
Freude singt, was Leid gelitten,
Schweres Herz hat leichten Sinn!
Durch die Büsche muss ich dringen
Nieder zu dem Felsenborn,
Und es schlingen sich mit Klingen
In die Saiten Ros' und Dorn.
In der Wildnis wild Gewässer
Breche ich mir kühne Bahn,
Klimm ich aufwärts in die Schlösser,
Schaun sie mich befreundet an.
Weil ich alles Leben ehre,
Scheuen mich die Geister nicht,
Und ich spring durch ihre Chöre
Wie ein irrend Zauberlicht.
Haus' ich nächtlich in Kapellen,
Stört sich kein Gespenst an mir,
Weil sich Wandrer gern gesellen,
Denn auch ich bin nicht von hier.
Geister reichen mir den Becher,
Reichen mir die kalte Hand,
Denn ich bin ein guter Zecher,
Scheue nicht den glühen Rand.
Die Sirene in den Wogen
Hätt sie mich im Wasserschloss,
Gäbe, den sie hingezogen,
Gern den Fischer wieder los.
Aber ich muss fort nach Tule,
Suchen auf des Meeres Grund
Einen Becher, meine Buhle
Trinkt sich nur aus ihm gesund.
Wo die Schätze sind begraben,
Weiss ich längst, Geduld! Geduld!
Alle Schätze werd ich haben,
Zu bezahlen meine Schuld.
Während ich dies Lied gesungen,
Nahet sich des Waldes Rand,
Aus des Laubes Dämmerungen
Trete ich ins offne Land.
Aus den Eichen zu den Myrten,
Aus der Laube in das Zelt
Hat der Jäger sich dem Hirten,
Flöte sich dem Horn gesellt.
Dass du leicht die Lämmer hütest,
Zähme ich des Wolfes Wut,
Weil du fromm die Hände bietest,
Werd ich deines Herdes Glut.
Und willst du die Arme schlingen
Um ein Liebchen zwei und zwei,
Will ich dir den Baum bald zwingen,
Dass er eine Laube sei.
Du kannst Kränze schlingen, singen,
Schnitzen, spitzen Pfeile süss,
Ich kann ringen, klingen, schwingen
Schlank und blank den Jägerspiess.
Gib die Pfeile, nimm den Bogen,
Ich bin Ernst, und Du bist Scherz,
Hab die Sehne ich gezogen,
Du gezielt - so trifft's ins Herz.
Schreib, mein Kind, sei ruhig, Heiopopeio, in drei Wochen küssen wir uns.
                                                                         Clemens
                                                           Weimar, 23. Juli 1803
                                 Liebe Bettine!
Gestern abend war ich bei Sophien, sie war ungewöhnlich schwermütig, auch ich
war nicht vergnügt, der Gedanke an Deine zärtliche Angst um mich versetzt uns
beide oft in solche Trauer; wenn ich ihr dann erzähle, wie ich Dich über alles
liebe, wie ich Dich so vortrefflich halte, so wächst ihre Sehnsucht nach Dir
unendlich und mit dieser ihr Mut. In dieser Idee Deiner Liebe gewiss würdig zu
sein, Dir nah zu sein, Deine geliebte Freundin zu werden, von Dir vieles zu
erlangen, was sie bis jetzt umsonst auf Erden gesucht hat, ergriff sie eine
innerliche himmlische Heiterkeit, sie ward ruhig, und ihr Anblick gab mir eine
eigne Seligkeit. Heute morgen schickte sie mir beiliegenden Brief an Dich, den
sie noch spät in der Nacht in jener hoffnungsvollen liebenden Begeisterung
geschrieben hat; ich zweifle nicht, Du vortreffliches, geliebtes Herz, dass Du
die Seele dieses Briefes ehren wirst, dass Du ihr aufrichtig, ohne Delikatesse,
ohne alle Resignation antworten wirst; Wahrheit sage auch ihr, sage alles, was
Du empfindest, sie kann alles ertragen um meinetwillen, und sei recht ruhig und
zufrieden; wenn Du sie kennen wirst und sie keineswegs lieben kannst, so wird
sie nie mein Weib. Ich muss noch an Savigny schreiben; drum lebe wohl; ich bitte
Dich herzlich, schreibe mir öfter, aber ums Himmelswillen lauter Wahrheit! -
mein, Dein, Sophiens Glück hängt davon ab. Heute hat Tieck meine Büste für Dich
angefangen.
                                                                         Clemens
 
                                   An Clemens
Was uns nah ist, lieben wir innig im Leben, was uns näher ist, können wir nicht
genug lieben! Wer liebend auf seinem Weg weiter geht bis ans Ende, der hat die
Wallfahrt nach seiner Heimat recht als ein Kind mit aller Andacht vollendet und
kommt auch als Kind an das End seines Lebens! - Wie weise, wie ernst müssen
diese Kinder nicht sein! Wie gross, wie herrlich, und doch sieht ihnen ihre Grösse
niemand an. Sie treten lächelnd in den Kreis, und wenn sie scheiden, treten sie
lächelnd wieder ab, dies ist Sonnenschein im Leben, Ihr aber seid gerührt über
die lächelnde Einfalt und schauert über das geheime Geistige darin; das sind
kühle Wolken, erquickender Regenschauer im Leben. - Der lächelnde Mund kömmt
näher, er küsst Euch die Tränen von den Wangen, dies ist Regen und Sonnenschein
zugleich, eine Art Aprilwetter, das man Laune nennt und auf welches gemeinlich
der herrliche Regenbogen erfolgt, der Friedensbote von Gott gesandt, der die
Weltanschauung in ein freudiges Licht stellt und Milde nach dem Sturm verkündet.
So geht es auch mir. Oft hängt die Träne auf der lächelnden Lippe, und der
Friede sieht aus den Augen, von denen die Träne eben hinabrollte. Wenn nun aber
der lächelnde Mund nicht gleich bereit ist, die Träne zu empfangen, das heisst,
wenn der Regenbogen nicht gleich erscheinen will, so entsteht daraus die Trauer,
die Dich ängstigt, und die Du mir für diesmal vergeben musst, weil ich Dir mit
Wahrheit den Beweis geben kann von meiner Liebe zu Dir, dass mir nichts mehr weh
tun wird, was Du auch unternimmst, dass ich alles um Deinetwillen lieben werde,
was Du Dir aus voller warmer Seele aneignest; ich weiss ja, dass Du meinen Anteil
an Deinem Glück nicht verschmähest, mehr begehre ich nicht. Sieh, ich denke oft,
ehe man eine Hand umwendet, ist es anders mit des Menschen Gedanken und Träumen
und Entschlüssen. Also mag auch noch vieles geschehen, wovon jetzt unser Herz
nichts ahnt, und was es traurig machen würde, wenn es das jetzt schon wüsste;
denn wenn wir nur bemerken wollen, wie oft kein Pulsschlag, kein Wink mehr von
Dingen da sind, von denen wir uns nie zu trennen glaubten. Es ist eigentlich
entsetzlich! - Man darf nicht viel dran denken, denn sonst erscheint einem das
Leben wie ein alter Mann, der eine kindische Neuigkeit mit wichtiger Miene uns
hinterbringt, um uns etwas weiszumachen, und dem wir auf die Spur gekommen sind
und nun nichts mehr glauben wollen, und wenn wir denn immerfort denken und
grübeln wollen, so werden wir am Ende wie spukende Geister und spazieren ewig
unter unsern alten Ruinen herum, indessen die übrigen sich schon neue Gebäude
aufgeführt haben. Freilich, wenn freundliche Jäger sich gerne in solche
Schlösser verlieren, sich nicht vor dem geistigen Druck der geistigen Hand
fürchten, unerschrocken den glühenden Becher kredenzen, mitwandlen in stiller
Mondnacht über Flur, Berg und Tal und Strom, leise durch die Flut rauschen. - O
blieb es ihm immer so kühl bis ans Herz wie dem Fischer! O könnte er doch immer
aus Tulens Becher trinken, trinken bis zum Hinsinken, wo er begraben liegt.
    Clemens, Dein Lied hat mich erfreut - es gibt eine Zeit im Jahr, wo die
Bäume so festlich rauschen, geschmückt mit ihrem Laub, als ob sie den Bräutigam
erwarten, und wenn wir wissen wollen, was denn die eigentliche Macht ihrer
Schönheit ist, so ist's immer ihre eigne Gestalt! So ist's mit Deinem Lied,
vielleicht auch mit Deinem Charakter, mit allem, was aus Dir hervorgehen wird
noch! - Es ist, als ob es die Vorbereitung einer festlichen Zeit sei, und wenn
wir uns näher ihm vertrauen, so ist es immer wieder es selbst! Du bist es
selbst, das Glück, auf das Du Dich so festlich vorbereitest, das Glück, dem Du
Dich anvertraust.
    Soeben habe ich Sophiens Brief erhalten, er ist zu freundlich gegen mich.
Wirklich, ich verdiene es nicht. Sie sollte mich schelten, dass ich die ganze
Zeit so mürrisch gegen sie war, und nun unterwirft sie sich meinem Urteil! - Was
soll ich darauf sagen? - Clemens, was ist dies Verehren, was sich auf nichts
reimen will in mir? - Ihr kommt mir vor wie einer, der den heiligen Geist
erwartet, und weil da grade eine Taube sich zu Euerm Fenster gewöhnt, so
empfangt Ihr sie mit grosser Begeistrung! Und doch Deine Begeistrung hat mehr
heiligen Geist in sich als die Taube, die nur ein paar Futterkörnchen sucht. In
wenig Tagen schreib ich an Sophie; dass die Post mir auf dem Nacken sitzt, merkst
Du am kurzen Atem meines Briefs. Wir gehen in wenig Tagen nach Schlangenbad;
verzögre Deine Reise, bis wir zurückkommen, denn hier bleiben kann ich nicht,
schon der Gedanke an andre Luft sagt mir, ich soll gehen.
    Apropos von der Grossmama, die schon mit Deinem Vorhaben uns benachrichtigte,
noch ehe die Propheten und Vorläufer Deinen neuen Glauben verkündet hatten, die
also aus dem Urborn geschöpft haben muss, nämlich aus Handbrieflein von Weimar. -
Dass ich krank gewesen, ist auch wahr, ich habe Dir nichts davon gesagt, weil ich
Dir erst schrieb, als ich schon wieder besser war und Dir keinen unnützen
Schrecken einjagen wollte. Ich möchte Dir gern noch viel Liebes sagen und meiner
Treue Dich versichern, sowie auch Sophie, aber wirklich, die Zeit will nicht
warten. Adieu, ich umarme Euch tausendmal.
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Deinen unendlich liebevollen, seelenvollen Brief habe ich heute morgen im Bette
erhalten, er hat mich aufgeweckt, und ich habe ihn gebetet. Sei zufrieden, mein
Kind, es hat sich alles so gewendet, wie Du es wünschtest, Sophie wird mein Weib
nicht, aber meine liebe, sehr liebe Freundin. Sie selbst hat freiwillig nach
reifer Überlegung dieser Verbindung entsagt, aber sie kann nicht leben ohne
mich, und sie ist entschlossen, nach Marburg zu ziehen, um meine und Savignys
Gesellschaft zu geniessen. Ich habe ihr heute morgen sogleich Deinen Brief
geschickt, und die beiliegenden Zeilen schickte sie mir mit zurück, Du glaubst
nicht, wie sie Dich und mich liebt, und wie wir auf Erden ihr Alles sein werden.
Liebe kann ich nicht für sie empfinden, aber ein Vertrauen, eine Neigung, die
nahe an Liebe grenzt. - Der Dichter Tieck war vor kurzem hier, er hat mich so
lieb gewonnen, dass wir Tag und Nacht beisammen waren, ach, er ist ein recht
vortrefflicher Mann, er hat mir seinen Dornenstock, den ihm Hardenberg (Novalis)
geschnitten, geschenkt, und ich gab ihm dafür die kleine Vorstecknadel von Dir,
ich habe ihm viel von Dir erzählt, er liebt Dich herzlich, und ich habe ihm
versprochen, Dich um ein Kleidchen für sein vierjähriges Kind zu bitten, der
Gedanke machte ihm unsägliche Freude. Sein ganzes Wesen hat eine grosse Gewalt
über alle Menschen, wie auch Arnims Wesen eine solche Macht übt. Die beiden
lieben sich wechselseitig von Herzen. Du glaubst nicht, wie mich die Liebe
dieses Mannes gestärkt und aufrichtig gemacht hat. - Meine Büste wird in wenigen
Tagen fertig, und dann reise ich ohngefähr von heut in zehn Tagen nach Marburg
und von da nach Schlangenbad zu Dir, um Dir vieles zu erzählen; dass ich nach
Schlangenbad komme, ja von allem rede kein Wort. Freust Du Dich dann nicht auf
die Büste? - Überlege es recht, welches Opfer Sophie gebracht hat für Dich, für
mich, ach ihre Güte ist unbeschreiblich gross, ich schwöre Dir, sie wird Dir eine
teuerste Freundin werden. Lebe wohl, sei gesund, pudle Dich hübsch, bald bin ich
bei Dir. Aber um Gotteswillen schreibe noch einmal hierher, gleich von
Schlangenbad. Schicke den Brief an die Mereau.
                                                                         Clemens
Freitag, den 4. August.
                                Lieber Clemens!
Nur ein Wort, ich bin in Schlangenbad und habe soeben Deinen Brief bekommen, ich
kann Dir nur erzählen, dass ich morgen ausführlich schreiben will, wenn der
Genuss, auf die Höhen zu steigen und in die Ferne zu spähen, mich dazu kommen
lässt.
    Sophie ist wunderbar, dass sie mich so gern sehen will, ich weiss nicht, was
ich von mir denken soll, dass ich bis jetzt noch gar nicht daran gedacht hab.
                                                                         Bettine
Grüsse sie von Herzen und sag ihr, ich hoffe mein Möglichstes von unserer
Zusammenkunft, aber so bald wird's nicht sein können, da wir sechs Wochen hier
bleiben!
    Clemens Du bist artig, und Sophie ist fein, Ihr wollt Euren Brautkranz von
mir geflochten haben, darum ist es, dass Ihr ihn wieder aufbündelt und mir alle
aufgelösten Blumen in den Schoss schüttet! - Geschwind Wasser her, dass sie mir
frisch bleiben, und dort auf der Wiese breche ich noch viele dazu, und alle Ihr
kleinen Geschlechter, die Ihr die Augen noch nicht dem Licht öffnet, seid zum
Reigen im Hochzeitskranz gebeten. Ihr sollt an Euern feinen Stielen nicken auf
der Braut ihrem Köpfchen und Ja sagen, wenn allenfalls die Braut zagt, denn! -
Es ist wahr - ich würde ja auch gar sehr zagen - wenn ein wonneträumender
Trunkener vor mir stände und wollt mich fragen: Willst du mich glücklich machen?
- Und: »Nein!« würde ich da sagen viel eher, aber nicht: »Ja«, und der Pfarrer
würde sich wundern; und weiter würd ich sagen: »Seh, wie du fertig wirst, wenn
du durchaus und mit Gewalt dein Glück dir willst bequem einrichten, damit es
sich bei dir niederlasse!« - Euch sag ich, meine teuren Freunde, denn die seid
Ihr mir jetzt, was ich nicht verdeutschen kann, was aber tief in meiner Seele
liegt. Grad vor meinem Fenster steht ein Rosenstrauch mit unzähligen
Rosenfamilien, heut morgen vom Tau ganz schwer lagerten die langen schwanken
Äste beinah am Boden, ich nahm einen Zweig ins Aug, auf den grad die Sonne
blitzte, und dachte, das soll die Sophie sein, und wie ich hinunterkam, war's
eine freudige Rosenmutter mit drei Knöspchen dicht ihr am Busen! - Ich hab sie
nicht abgebrochen, ich will sehen, wie sie emporkommen. Ach! Ein Knöspchen ist
grad wie ein Wickelkindchen! - Ach, auch sie verlangen, dass man die Lippe
zusammenziehe und ein Schnütchen mache und sie küsse! - Sie wollen tändlen, sie
lächlen und wollen angelacht sein, und die Lust, wie ein Vögelchen, hüpft in
ihren Zweigen!
    Ich war ja auf der Reise hierher sehr vergnügt! - Auf dem Bock sass ich, und
die Neugierde, was es denn alles gäb in der Welt, liess mich die ganze Nacht
nicht schlafen! - Was hab ich gesehen? - Ganz stille Landstrassen mit Bäumen
besetzt, die wie besessen an uns vorbeirennten! - Durch Dörfer. Die kleinen
Häuser sind ja auch Knospen, sie umhüllen in seinen Windeln ein Geschlecht, es
könnte edel blühen; aber ihm fehlt die Luft, die reine, balsamische des Geistes.
Ach, wann wird der herabträufeln und von welchem Himmel? - Er ist höher als der
Nachtimmel voll unzähliger Sterne, der über meinem Haupte schwankte! - Die
Sterne strahlen gegen Morgen viel heller und freudiger, und doch sahen sie ihrem
Untergang entgegen! Alles wird schöner, wenn es sich bald verändert; und wird
das wohl im Tode auch so sein? Die Wolken erröteten endlich ganz freudig - und
die Sterne? - Wo waren die geblieben? - Ist das Fexierspiel im Himmel ein
schönes Spiel, ei dann nehm ich mir's heraus, und meint der liebe Himmel, er hat
mich, eh er sich's versieht, bin ich ihm entwischt. - Und eine Philosophie
schaffe ich mir gegen ihn an, die es ihm wett mache!
    Ich bin krank gewesen bloss von der Gottphilosophie, die mir Günderödchen
wollte eintrichtern, das regte mir die Galle auf und machte mir so fürchterlich
Schwindel, dagegen ist nun nichts gut als ein Kräutchen am Weg gebrochen! - Oder
am nächsten Bach oder auf der Wiese, wo alle Tag die Herde weidet, pflück ich's
nicht, so frisst's der nächste Hammel ab! - Und damit dreh ich dem Gott den
Rücken und fress' mein Futterkraut, ich kann so nicht in die närrische Art mich
finden vom Gastmahl im Evangelium, wo der eine, der kein hochzeitlich Kleid an
hatte, zur Tür hinauspromoviert wurde! Und doch, weil einmal ein paar gute
Schelmen etwas Besseres zu tun hatten als bei Tische zu sitzen und zu schlemmen,
wird der Herr des Gastmahls aufsässig und ladet die Krüppel und Bettler ein, die
kommen zu Scharen herangehinkt und gehockt und getrampelt. Sie hatten die besten
Seiten ihrer Lumpen nach aussen gehängt, der Herr des Gastmahls war damit
zufrieden. Sie räuspern sich, sie husten, sie niessen in die Suppe wie solcher
Leute Brauch; der Herr des Gastmahls lässt es sich gefallen! - Sie geniessen sie,
knöpfen sich den Bauch auf, sie schwemmen mit köstlichen Weinen die Bissen
hinab! - Der Herr hat seinen Wohlgefallen daran. Der Weinstrom begräbt unter
seiner Woge den gastlichen Anstand. Der Herr des Gastmahls streicht sich den
Bart und geht so ganz fidel mit diesen Fleetzen um, aus Trotz gegen die, welche
sein Gastmahl nicht wollten annehmen; der eine hatte einen Acker, der andere
einen neuen Backtrog, der dritte eine Frau im Handel.
    In meinen Lernbüchern aus dem Kloster, wo wir alle Sonntag mussten eine
Betrachtung über das Evangelium aufschreiben, was vorgelesen worden war, steht
folgende Bemerkung: »Ich bin recht froh, dass die armen Schlucker sind bei dem
Herrn zu Tisch gewesen, aber warum konnte er doch so böse sein gegen die, welche
lieber ein anderes Geschäft taten, als bei ihm zu Gaste essen, vielleicht weil
sie sahen, dass er den zur Tür hinauswarf, der ihm nicht gefiel, wollten sie
nichts mehr mit ihm zu schaffen haben! Ich hätte mich auch gefürchtet, bei einem
so strengen Gastgeber zu essen.« -
    Unsre Reisenacht hat mich ganz glücklich gemacht, obschon sie die Gegend mit
ihrem Mantel zudeckte. Ausser ein paar Strohhütten, die vor Weinlaub nicht aus
den Augen sehen konnten, war nichts am Wege, ein plaudernder Bach, dessen
Mundart ich noch nicht verstehe, war unser Begleiter im engen Tal bis ins
Schlangenbad hinein, von wo aus ich Dich grüsse, in der Hoffnung auf vier bis
sechs himmlische Wochen! - In denen die Muse des Vielschreibens mich umtanzt. -
Du hattest mir Gedichte wollen abschreiben, Deine Liebesliedchen! - Schicke sie
mir, damit ich sie entziffern kann.
                                                                         Bettine
                                 Liebe Bettine!
Du bist ein närrisches Mädchen, nun bist Du in Deinem letzten Brief wieder
lustig, und wir waren grade sehr traurig wegen Dir. Sophie weint oft tagelang,
sie glaubt, sie werde mich durch Dich verlieren. Nun waren wir schon
entschlossen, in ein paar Tagen nach Trages zu reisen, damit Du sie dort sehen
könnest, und nun gehst Du auf einmal ins Schlangenbad. Sophie ist sehr traurig
darüber, sie weiss nun gar nicht, wie sie zu Dir gelangen soll, ich bitte Dich,
schreibe bald, ob es vielleicht gar nicht möglich ist, dann gehe ich grade nach
Marburg, doch ohne Sophie, die auch dahin zieht; wann, wissen wir noch nicht.
Ich bitte Dich herzlich, werde nicht wieder ängstlich, beim Lichte besehen war
die Langeweile in Frankfurt viel dran schuld. Arnim ist jetzt in England, wohin
ich ihm nicht schreiben kann. Meine Büste erhältst Du in einigen Wochen; du
wirst sie finden, wenn Du von Schlangenbad zurückkehrst, vielleicht besuche ich
Dich dort von Marburg aus. Um alles in der Welt willen verliebe Dich in niemand,
den ich nicht kenne. Die Männer sind ausser mir, Arnim und Wrangel nichts wert
und Savigny, der aber einen starken Naturfehler hat, dass er Dich nicht versteht,
kann auch noch hinzugezählt werden, der ist aber mehr vortrefflich, als dass er
mir's wert wäre, folgert sich daraus. Schreibe der lieben Sophie, antworte auf
ihren lieben Brief! -
                                                                 Dein Clemens. -
Du fragst nach meinen Liebesliedern, närrisch Kind, nicht alle Seufzer lassen
sich in Worten aussprechen, und dass Du sie mit seufzen solltest, - ach nein, das
macht mich zu wehmütig, viel lieber lasse Dich mit ihnen anhauchen, an die der
Schmelz der Poesie in reinen Kristallen sich anlegt.
Von den Mauern Widerklang -
Ach! - Im Herzen frägt es bang:
Ist es ihre Stimme?
Und vergebens sucht mein Blick,
Kehret mir ein Ton zurück?
Ist's nur meine Stimme? -
Auf der Mauer höherm Rand
Sind die Blicke hingebannt,
Doch ich seh nur Sterne;
Und in hoher Himmelssee
Ich die Sterne küssen seh,
Wären's unsre Sterne!
Nacht ist voller Lug und Trug,
Nimmer sehen wir genug
In den schwarzen Augen;
Heiss ist Liebe, Nacht ist kühl,
Ach, ich seh ihr viel zu viel
In die schwarzen Augen.
Sonne wollt nicht untergehn,
Blieb am Berg neugierig stehn;
Kam die Nacht gegangen.
Stille Nacht, in deinem Schoss
Liegt der Menschen höchstes Los,
Mütterlich umfangen.
Willst du mir Trost verleihen,
Lass mich aus deinen Augen
Der Liebe Schwärmereien,
Minutenwahrheit saugen.
Lass um des Lichtes Quelle
Die trunkne Fliege schwirren,
Lass, wird es ihr zu helle,
Sie in die Flamme irren.
Du sahest im Nektarkelche
Die heitre Psyche sterben,
Wenn ich noch länger schwelge,
Lässt du mich auch verderben?
Aus deines Herzens Raume
Möcht ich nur einmal trinken
Und dann zum kühnsten Traume
Im Götterrausche sinken.
Du bist die Zaubervase,
Die meinen Geist umhüllet,
Und im Champagnerglase
Ist schon mein Los erfüllet. -
Dies letzte kleine Gedicht, liebe Bettine, entstand, weil unsre Sophie (denn so
muss ich sie nennen, die auf Deine Gunst meines Glückes Los gesetzt hat) einen
kleinen Schmetterling retten wollte, der, nachdem er seine Flügel am Licht
verbrannt hatte, in ihrem Champagnerglas versank. - Ach Kind! Diese Gedichte
sind wie die kleinen Johanniswürmchen, die leuchtend hin und wider fahren.
    Nun sing ich Dir hier noch ein Liedchen, was aus den Saiten meiner Gitarre
entschlüpfte, als ich gestern abend im Mondenschein mit Sophie am Fenster lag,
nachdem ich Deinen lieben Brief ihr vorgelesen hatte und sie recht tief bewegt
war von dem Glück, was Du ihr im Rosenbusch unter Deinem Fenster prophezeist. -
Sieh dort auf dem Wiesengrunde
Tanzen jetzt ein Elfchen munter
Unterm Rosenbusch hinunter,
Der die Blätter niederstreut.
Elfchen spielen Lotto heut,
Schreiben auf die Blätter Nummern,
Ja, du darfst nur kühnlich schlummern,
Denn dein Glück kommt dir im Schlummer.
Du gewinnst die beste Nummer:
Eine Braut wirst du im Schlummer,
Drum erwachst du ohne Kummer,
Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit. -
Sieh, wie scheint der Mond so weit,
Und die Frösche und die Unken
Singen bei Johannisfunken
Ihre Metten ganz betrunken.
Brünstig glühn Johannisfunken,
Sternlein kühl am Himmel prunken,
Und das Irrlicht hüpft betrunken,
Wo du gingst, ein Jungfräulein.
Auf dem Acker glüht ein Schein,
Wo beim Drachen eingetruhet
Kaltes Gold, das rot erglutet,
Fiel dein Kränzlein unvermutet
In des Drachen Gruft hinunter,
Und der Drache ist gebunden,
Und der Schatz ist dir gefunden:
Gold und Silber, Edelstein,
Und drei Rosen, die sind dein.
Diese kleinen Gedichte oder poetischen Mücken, die einen umschwirren in heiteren
Stunden, summen einem im Geist, bis man sie mit dem Reim totschlägt und in den
Busen eines Freundes einsargt, damit sie doch da anständig begraben sein mögen!
- Deiner Treue von jeher hab ich diese Spur heiterer und beglückender Stunden
nun ganz unbefangen hingegeben; keinem andern Menschen könnt ich das. O wie sehr
fühl ich in diesem Augenblick, was Du mir bist! - Ach lasse darum diese Gedichte
einen Wert für Dich haben, weil Du der Lebensbaum bist, der in seine frische
Rinde sie von der Bruderhand sich eingraben lässt; lasse es mit Dir verwachsen
das Gefühl, dass glückliche Zeiten auch mich begrüssten, und wenn böse Zeiten
kommen, so lasse mich in Deines Herzens Schrein die Schätze der Erinnerung
finden. In dieser Empfindung einer stillen Nacht, wo ich die Schätze der
Freundschaft und Treue, die nur in geliebten Menschen aufbewahrt sind,
überzählte, hab ich auch nachfolgendes Gedicht an Dich gemacht:
Lass Dich, mein Kind, den Tadel nicht verführen,
Vertrau, wenn Du ihn hast, dem guten Sinn
Und sprich: Nur weil ich nicht unsterblich bin,
Will die Versöhnung liebend mir gebühren.
Denn Gottes Hand, sie kann uns plötzlich rühren,
Und stürb der Freund mir unversöhnet hin,
So würde scharfer Tadel den Gewinn,
Dass Liebe ich gegeben, mir entführen.
Bis dahin suche Trost in dem Sprichworte,
Dass Rom nicht ist in einem Tag gebauet,
Dass alle alles auch zugleich nicht können,
Dass vor dem Morgen erst der Himmel grauet,
Dass trunken bunt Aurora pflegt zu brennen,
Bevor der Gott tritt aus der Sonnenpforte.
Schreib, befriedige uns, beglücke und pflege unser Glück, ersehnt, verlangt von
Deinem treuen Bruder
                                                                         Clemens
Schmerzlich ist's mir immer, wenn Du Deiner Klostertage erwähnst und nie Dich
bemühen magst, sie ein bisschen zu ordnen, da Du selbst noch Material dazu hast!
- Wär's denn nicht höchst intressant, einen kleinen Katechismus Deiner
religiösen Begriffe zu geben?
 
                                   An Clemens
Endlich komme ich dazu, laut zu sagen, was ich heimlich oft dachte. Du siehst im
Zauberspiegel die Bettine, wie sie sein könnte, aber nicht ist! -
    Ich staune an, was Du von mir glaubst und erwartest, ich wundre mich und
begreife nicht, vor was und wem Du mich warnst! - Die Günderode schreibt, Du
habest Dir die Aufgabe gemacht, mich durch eine Wiedergeburt Deines Geistes als
Ideal zu bilden. - Ach, ich bin recht erschrocken davor! - Und möchte mich vor
Dir verbergen, dass Du ja nicht dazu kommest! - Du bittest mich, mich nicht zu
verlieben; ach, Clemens, wenn Du mich nicht idealisieren willst, dann will ich
Dir das gern versprechen! Mein Herz ist nicht leicht bestechlich, und verliebe
ich mich einmal wirklich, so werd ich Dich nicht zum Vertrauten machen, aus
Furcht, dass es Dir missfallen könnte. Hier im Schlangenbad hab ich mit dem Herzog
von Gota viel zu kämpfen, der mir alle Tage von Sophie spricht, er nennt sie
seine Erate und gibt mir beiliegenden Streckvers für sie. Ihr werdet es in der
Überfülle Eures Glückes nicht achten! - Warum hat er's auch gereimt und geleimt?
Was man in der Prosa zu sagen sich gedrungen fühlt, geht tiefer. -
    Ich schwelge hier, es gefällt mir alles; am liebsten ist mir der Morgen, wo
man nur Bauern begegnet, und der Abend, wo die Lichter in den Hüttchen brennen,
man sieht da das ganze Familienleben hellerleuchtet. - Da geh ich oft abends
spät noch mit dem Vogt hinab den Talweg, und da durch ein kleines Fensterchen
sehe ich die armen Leute sitzen und emsig spinnen und wirken, so fern von allem
Bedürfnis im Reichtum des Fleisses, der Andacht und des Vertrauens! Eine so
kleine Stube deucht mir so voll von dem Gefühl ihres innern Wertes dieser
Menschen, die ihr schwer errungenes Abendbrot gerne teilen mit dem ärmeren Gast.
- Wenn ich mir nun denke, dass Ihr beide ein solches Haus bewohntet, und dass Euch
da die Einsamkeit nicht drücken sollte, und Ihr backtet da Euer Ambrosiabrot, um
es andern mitzuteilen, so habe ich Euer Glück begriffen und schreibe davon der
Günderode. Die Günderode mit der sanften Würde ihres dichterischen Standpunktes
unter den Menschen schreibt wieder wie folgt: »Wer liebt den Clemens nicht? So
wie er einem entgegentritt; wer durchschaut alle Menschen, wer geht so tief in
dem Auffinden ihrer Innerlichkeit, und was könnte man ihm sagen, was er nicht
schärfer und wahrer aufgefasst hätte? Alle Menschen berührt kaum sein Hauch, und
sie atmen, als wenn sie aufblühen wollten in edlere Begriffe und schönere
Handlungen.« - So schreibt die Günderode; das lautet ganz schön zum Ansatz eines
Posaunenstückes Deines Ruhmes, der aus dem Nebel der Zeit golden aufsteigen und
einen schönen Tag verbreiten werde. »Aber«, fährt die Günderode fort: »so scharf
dieser Clemens und so nahe er fremden Menschen in ihrem eignen Bewusstsein tritt,
so sehr heben ihn seine Launen aus dem Sattel über sich selbst, die ihm den
Begriff seines Amtsgeschäftes ganz verdüstern, und ich kann es gar nicht leiden,
wenn er davon so klein und unbürgerlich denkt. - Wie dieser Dekrete ausfertigt
und jener auf den Rednerstuhl tritt, so ist der Clemens dazu bestimmt durch sein
Leben, das sich in die Begeisterung des Witzes, der Philosophie, des Eifers und
der Experimentenlust verzweigt, die Menschen zu wecken und in der dunklen Kammer
eine Kerze anzuzünden, manches Neue alt und manches Alte neu zu machen, und dass
er nicht wie die meisten gebildeten Menschen gegen das Leben, gegen Geschäfte,
Künste, ja gegen Vergnügungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke
geht und lebt, wie man einen Pack Zeitungen liest, nur damit man sie los werde,
- das macht ihm viel Ehre. Nur bisweilen überfällt ihn eine seltsame
Blödsinnigkeit, dass ihm die Tage unnütz vorkommen und meint, es wäre nichts und
käme zu nichts, weil das, was durch ihn entstanden, nicht wie ein beschriebener
Bogen Papier vor ihm liegt.« - Ach, Clemens, es ist gut, dass sie über Dich und
nicht an Dich schreibt, denn Dir selber hättest Du das alles nicht sagen lassen
und Dein Verwerfen ihres Missbegriffs von Dir will ich gar nicht hören müssen.
Das fügte sie noch hinzu, dass der Lebensbalsam, den Du für andre hast, einem
feinen geistigen Öl in einem verschlossnen Gefäss gleich ist. Nur mässig
verbreitet, erquickt und belebt es, ganz geöffnet betäubt, tötet es und verzehrt
sich selbst, oft habe Dein Witz einen in die Ecke geworfen, wo er das Aufstehen
vergessen! - Von Jung Stilling, dessen Bekanntschaft die Günderode in Heidelberg
machte, schreibt sie: »Der Mann hat meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt, er hat
etwas Liebes, man sieht, dass sein Leben aus einem Guss ist, dass sich von seiner
Jugend bis ins Alter eine grade Linie zieht und er mehr die Umstände bestimmt
hat, als sich von ihnen bestimmen lassen; selbst seine breite Eitelkeit, mit der
er unaufhörlich Fürsten und Prinzen bei den Haaren herbeizieht, indem er sich
ihre Namen von seiner Frau soufflieren lässt, hat etwas Treuherziges und
beleidigt nicht.« -
    Liebster Clemente, ein wahrhafter Zug nur aus meiner Seele gebe Dir Licht
über mein Zurückhalten gegen Deine Verbindung mit Sophie! - Du schwebst also
immer noch im Irrtum, als könne es mich unglücklich machen? - Hab ich Dir das
gesagt? - Nein! - Meine Krankheit, ein Gallenfieber - hat wahrhaftig keine
Beziehung zu Dir! - Die Günderode hatte mich geplagt mit Philosophie; ich musste
ihr Schelling vorlesen, - das hat mich krank gemacht. Ach, ich war so brennend
verlangend nach frischer Luft, dass die ganze Welt um mich vor Begierde zitterte
wie die Gegenstände in der Nähe des Feuers; so kam Bewusstlosigkeit, und als ich
wieder zu mir kam, da war das erste, dass sie ein Gelübde tat, mich nie wieder
Philosophie studieren zu lassen, - ich hatte im Fieber fortwährend davon
phantasiert. Was willst Du nun? - Wär es Deine Verbindung gewesen, die mir zwar
auch Sorge machte, aber doch nicht so viel wie die verdammte Philosophie, so
würde ich von der phantasiert haben, das war aber gar nicht. - Und sei jetzt
ruhig über beides, denn keines kümmert mich mehr! - Und sag nicht, Du willst um
meinetwillen jetzt nicht heiraten und willst lieber mit Deiner Sophie zusammen
unglücklich sein! - Ich würde Dir gleich hierher schreiben: »Du sollst sie
heiraten!« wenn ich nicht fürchten müsste, Du glaubtest am Ende gar, Du habest
sie nur um meinetwillen geheiratet. Nein, so was muss man tun aus sich, für sich
und wegen sich, aber keinem andern zu Gefallen weder lassen noch tun. - Ich
begreif kein Philistergesetz, aber dass ein Baum wurzle im geeigneten Boden
seiner Nahrung, das begreife ich, und mögen seine Äste recht schlank in die
Weite sich strecken, dass die Sonne ihn früh vergolde und der Wind mit ihm
plaudere, und dass kein hässlicher Irrtum Dich um die Wahrheit Deines Glückes
betrüge.
    Es ist heut so trüb, so trüb wie nirgend in der Welt, man möchte sich vor
lauter Trübsinn verlieben. Die Nebel nehmen hier die seltsamsten Gestalten an,
und der Regen fällt zuweilen auf kleine Stellen, nicht tropfenweis', sondern aus
einem Guss herab. Diese Trübheit macht mir Deutlichkeit und Klarheit so lieb, so
reizend sonst auch öfters Dunkelheit, Verworrenheit und Undeutlichkeit
erscheinen mag; - drum hab ich's auch gewagt, durch meine Deutlichkeit diesmal
die Verworrenheit in Dir aus dem Dunkel ins Klare zu bringen.
    Ich küsse Dich, lieber Clemens, und drücke Dich an mein Herz; sei gut und
gegen mich besonders und traue mir mehr wie Dir, das heisst in gewissen Dingen. -
Du musst wissen, dass ich schon eine Weile im Mondschein schreibe, weil mein Licht
ausging. Der Mond schwimmt zwischen dem Gewölk, und die grauen Berge drüben
sonnen sich in seinem Schein, ich wollte sagen: monden sich, und begleiten sich
gegenseitig mit Schatten, und die kleinen Quellen ruschlen so leise wie
Gespenster. -
    Leonhardi ist hier, er stählt sich mit Stahlbädern! Was wird dann erst
werden, wenn diese Kur gelingt! -
                                                                         Bettine
                                                                         Marburg
                                 Liebe Bettine!
Ich bin seit wenigen Tagen wieder hier. Meinen Brief, in dem ich Dir sage, dass
ich Sophien nicht heirate, hast Du wohl erhalten? Ich hoffe auf Antwort; -
unterdessen muss ich Dich um alles in der Welt bitten, Dich nicht phantastischer
Schwermut zu übergeben, der alles Schöne und Wahre endlich in uns erliegt. Ich
habe Dich so oft gebeten, Du solltest Deine Empfindungen und Phantasien mehr von
Dir trennen und sie allein für sich in irgendeiner Form niederschreiben, sie zur
Poesie erheben, wie die Kirche von dem Dorf, der Wald vom Felde stets getrennt
sein muss, wenn etwas gedeihen soll. Dann fordere ich weiter auch, nie wieder an
meiner Liebe zu zweifeln, noch zu glauben, dass ich je ohne Deine Liebe leben
möchte. - Wenn Du Dich nicht zu Sophien neigen kannst, so ist dies nur, weil Du
sie ganz verkennst; es ist nicht jene Sophie mehr, die mich nicht verstand, es
ist ein unschuldiges, liebes, treues, göttliches Weib.
    Liebes Kind, sei glücklich! Es tut mir leid, dass Du mir nie schreibst, es
freue Dich, meine Büste zu erhalten, in ungefähr drei Wochen wird sie Dir Tieck
zusenden, es ist die beste Büste, die er gemacht, ein wahres Kunstwerk! - Sie
ist Dir zulieb gearbeitet, halte sie lieb und schone sie! Ich werde wohl in
einiger Zeit zu Dir kommen, wenn Du mir schreibst, wann Du wieder in Frankfurt
sein willst.
    Da ich von Weimar wegging, ist Sophie auf einige Zeit nach Dresden gegangen,
um sich zu zerstreuen. Ein Brief des Herzogs von Gota an Sophie, worin er über
Teater schwindelt und nur davon spricht, Sophiens und mein Dichtertalent der
Bühne zu widmen, bewog mich folgendes zu schreiben, wozu mein Aufentalt in
Lauchstädt mir Gelegenheit gab; ich habe mit dem trefflichen Tieck dort viel
über Teater verkehrt. - Diese Truppe, von Goete auf eine Stufe gebracht, wo
sie jedem gefällt und eigentlich imponiert, war der Gegenstand der galanten
Konversation an table d'hôte, und da alle Laufgräben der Fadheit, Unwahrheit und
Gemeinheit mit Wetter- und Teatergesprächen eröffnet werden, so ist es doch
noch wunderbarer, wenn man in öffentlichen Blättern verkündigt, wie dieser oder
jener mit Beifall aufgetreten und bis auf ein gewisses Schnarren mit
hinreichendem Gebrülle das schwer zu befriedigende, sehr gebildete Publikum zu
München, Mannheim, Stuttgart usw. ganz entzückt hat; alles dergleichen kommt mir
viel erstaunlicher als Zeitungsartikel vor, als irgend die einsamen
Wetterbeobachtungen eines neben seinem Barometer studierenden Landpredigers im
Reichsanzeiger oder sonst in einem Provinzialblatt.
    Es kann sein, man will dadurch einer Geschichte der Kunst vorarbeiten,
gleich einer Weltgeschichte aus Armeebulletins, doch dergleichen soll mit vieler
Teilnahme und grossem Nutzen gelesen werden. - Mir auch scheint es eine äusserst
wichtige Sache ums Teater zu sein, mit der man es über die Massen gern recht
ernstaft meinen möchte. Ich selbst gedenke meiner frommen Wünsche, die sich bei
meinem schweren Leiden im Parterre, wo ich doch wohl, seit der Vetter von
Lissabon Hering in den Kaffee getaucht, fünfundzwanzigmal gesessen haben mag,
entwickelt haben, ich würde diese Wünsche veröffentlichen, wenn nicht alles
dieses wie Spreu in der Luft verflöge vor Ludwig Tieck, der allein beauftragt
ist, der Mimik ein Licht aufzustecken, da er das grösste mimische Talent ist, was
jemals die Bühne nicht betreten. Dieser Dichter, der als darstellender Künstler
die Bühne zu einer Ehre gebracht haben würde, deren sich wenige diesseit oder
jenseit der Lampen träumen, ist kein Schauspieler geworden, worüber Talia und
Melpomene mit inniger Beschämung trauern sollten, denn er hat den innersten
Beruf und ein Talent zur Bühne, wie es sich alle Jahrhunderte einmal
hinaufverirrt. - Seine einzelne Äusserungen müssen einen zum Nachdenken erwecken,
sie sind im Zusammenhang mit vielen trefflichen andern Kunst- und
Lebensansichten und haben mich so erhoben und begeistert zur Bühne, der ich gern
darum mein Talent widmen werde, wenn ich welches habe; - ich glaube aber auch,
dass man so wenig in der Kunst und der Geschichte als in der Natur plötzlich
wirken könne. Der Bedingungen zu einer Vollendeteit auf irgendeinem Punkte des
Daseins sind unendliche; es kann wohl ein Mensch vortrefflich sein, er kann
gelungen sein, dass ihm aber alles gelinge, besonders in einer Sache, die, wie
die dramatische Kunst, nur mit allgemeiner Weltkrankheit erkrankt und mit
allgemeiner Weltgenesung genesen kann, wäre eine beinah rasende Zumutung. Selbst
einem so ausserordentlich von dem Schöpfer geliebten Menschen, als Goete ist,
konnte das nicht gelingen, - denn es wäre eine ebenso gesegnete Vereinigung
aller geistigen, physischen und historischen Weltkräfte nötig, um mittelbar
durch einen Menschen der Bühne aufzuhelfen, als sie nötig war, um einen so
grossen reinstrebenden Menschen, als Goete war, aufzustellen! - In keiner
Kunstgattung sind aber die Bedingungen ihrer Vollendung so unendlich als in der
dramatischen. Nur auf dem äussersten Gipfel ihrer historischen, moralischen und
künstlerischen Grösse kann eine Nation ein vortreffliches Teater haben, dies ist
zu beweisen! - Aber von dem Bedürfnis desselben ist man entfernt in einer Zeit,
wo man mit peinigenden Mängeln überzufrieden stolziert und das Teater ohne alle
Kunsteiligung in den Kreis der menus plaisirs hinabgesunken ist.
    Als in der menschlichen Gesellschaft die Unschuld verloren ging, trat die
Sitte als Vermittlerin auf, als Zucht und Treue entwichen, liessen sie die
Höflichkeit und Savoir faire als Geschäftsträger zurück. Als die Würde sich von
dem Verdienst trennte, liess es sich mit der Etikette ein, da die Völker nur
grosse Haufen eigennütziger Bürger wurden, entstanden die stehenden Heere, und
die Ehe als zwingendes Gesetz zeigt, dass die Liebe sich nicht immer sehr ehrbar
betragen haben mag! - Alle diese vermittelnden Selbstvertreter aber sind
ehrwürdig, wenngleich nicht unmittelbar göttlich und heilig, denn sie sind
Fussstapfen, Träger, Telegraphen, Hieroglyphen entflohener Götter von der Erde,
und an sie knüpft sich die Hoffnung, die Erweckung besserer Zukunft und alles
Strebens. Sie stehen zwar stumm, starr und tot wie Memnonssäulen in den Wüsten
der Geschichte, aber jede Morgenröte legt ihren Strahl erinnernd an ihre Stirne
und lässt sie mahnend tönen. Für die Kunst aber ist immer nach ihrem Untergang
ein solcher wohltätiger, wenngleich armer, doch allein würdiger Träger jene ihre
ernste, strenge, rechte, oft pedantische Periode gewesen, die wir Schule nennen.
Wenn die freie genialische Produktion das sterbliche Kind der Unsterblichkeit,
seinen schönen blühenden Leib, dem Scheiterhaufen des ewigen Geschickes
hingegeben, dann sammeln fromme und gerechte Menschen das bloss Rechte,
Notwendige und Gesetzliche, ich möchte sagen Matematische aus ihrem Andenken
und stellen uns das Gerippe des Untergegangenen in seiner gesetzlichen Schönheit
vor Augen, das, mit Verstand drapiert, oft lange noch herrlicher und
bewundrungswürdiger, ja würdiger ist, als wir es sind, die es nicht verstehen.
Manche Völker haben nur der Schule zu verdanken, dass sie noch eine Ahnung der
Künste besitzen, und ich halte es für eine Weisheit, Bescheidenheit und Mässigung
Goetes, auf seiner Stelle für das Teater die Schule in Deutschland aufgestellt
zu haben, die seinen Bemühungen dauerndern Wert geben wird, als wenn er alle
Genialität auf dieser Bühne zu einer Zeit losgelassen hätte, wo nichts als eine
Tierhetze daraus werden konnte. Es ist nicht Not in der Kunst, das Vortreffliche
anzuschaffen, es ist Not, das Schlechte, Falsche, Verkehrte abzuschaffen, denn
alles Vortreffliche erblühet aus dem Rechten und Wahren. - Die Freiheit ist die
Blüte des Gesetzes, der Tod aller darstellenden Kunst aber ist die Eitelkeit und
Selbstgefälligkeit, und ich werde mir es niemals nehmen lassen, dass einst die
strenge, grausam scheinende bürgerliche Verachtung der Schauspieler ein
Hausmittel der Geschichte war, vortreffliche Künstler zu haben. Um auf die Bühne
berufen zu sein, dazu gehört ein Schatz von Talent und Unschuld, der die ganze
Welt mit ihrer Ehre gewissermassen wie ein Schiff in den Grund bohrt, um über den
Lampen auf der Zauberinsel der Fata Morgana zu landen. Jetzt aber gleicht das
Teater einem Strande, dessen Bewohner aus gestrandeten Schiffern bestehn, die
sich ganz wohl befinden; ist hie und da ein Robinson drunter, den wir gern
ansehen, so spielen seine Gehilfen doch die Affen zu schlecht, indem sie aus
Eitelkeit sich ihre Menschlichkeit immer merken lassen, als dass man nicht lieber
den Campeschen Robinson läse, als ihm zusähe. -
    Die grosse Trauer und Angst aber, die mich bisher immer im Parterre,
besonders wenn die Helden und Biedermänner, die ersten Liebhaber männlichen und
weiblichen Geschlechts in ihrem durch ganz Deutschland hergebrachten
edelmütigen, ekelhaften, eitlen, heuchlerischen, mit Empfindung eingesalbten Ton
die Tränen und Seufzer des unschuldigen Publikums erwürgen und erjammern, geht
mehr aus einem allgemeinen Entsetzen über dies Geschick der Kunst als aus
Unwille über die Schauspieler hervor, die sich unendlich quälen und allen
möglichen Lohn und Dank verdienen; denn wie sollten sie es besser machen, als
man es machen kann? Die Leute wollen es nicht besser und ein Schelm gibt mehr
als er kann7.
    Dies Bruchstück aus meinem Glaubensbekenntnis über das Teater hab ich Dir
hierhergeschrieben, um dass, wenn bei Euren Soirees dort im Schlangenbad
vielleicht die Rede zwischen dem Herzog August und Dir auf mich oder Sophie
kommt, Du ihm allenfalls das Nötige sagen kannst. Es ist mir wichtig, dass Männer
wie dieser, der immer Sophiens warmer Freund war, doch zugleich auch gewahr
werden, dass es keine engherzige Natur ist, keine Liebeständelei, die mich und
Sophie zusammenführte, sondern mannigfache Übereinstimmungen und Ergänzungen der
Gemüter, der Ansichten, der Begriffe und der Ausführungen unserer Lebenspläne. -
    Lebe wohl, lass bald von Dir hören und behalte lieb Deinen
                                                                         Clemens
Eben erhalte ich Deinen Brief mit den Mitteilungen der Günderode, schicke mir
den ganzen Brief und sage ihr, dass ich ihr herzlich danke für alles, was sie
über mich denkt und beschliesst, und ihr werde ich antworten. -
 
                                   An Clemens
Clemente, gestern erhielt ich Deinen Brief in Schlangenbad! Ich hätte sehr gern
ihn dem Herzog von Gota vorgelesen oder lesen lassen, allein er war schon am
Morgen abgereist, es war schade, er hatte gern etwas mit mir zu verhandeln, da
er so oft auf dem Spaziergang neben mir herlief, zog er seine Schreibtafel
heraus, stellte sich vor mich, dass ich nicht weiter gehen solle, es war recht
lächerrlich. Von der Günderode erzählte ich ihm, von Deiner Sophie hat er mir
viel erzählt, unendlich Schönes. Sie hat mir eingeleuchtet wie ein Stern, ich
musste darüber entzückt sein und verwundere mich, dass ich ihn begegnen musste
hier, der die Sophie so verehrt, mir eine ganze Brieftasche voll Gedichte an sie
vorlas, alle Tage unendlich Vortreffliches mir erzählte. Dafür hab ich ihm auf
meiner Gitarre mehrere Präludien zu seinen Liedern komponiert. Es war eine Not
mit seinen französischen Gedichten, zu so was konnte ich keine musikalische
Anwendung machen. Unter mir wohnt die Kurprinzessin von Hessen, der hab ich alle
Nacht aus dem Fenster vorgespielt, das machte ihr viel Freude, sie hat mich in
Affektion genommen und ist oft mit mir allein spazieren gegangen, ich sollte ihr
erzählen, da war viel von Dir die Rede! Von wem soll ich sonst reden. Aber von
meinem Aufentalt bei der Grossmama und von manchen ernsten Geschichten und
Gesichten der französischen Revolution war die Rede; da wunderte sie sich, dass
ich so ernste Dinge berühre schon in der Jugend.
    Ich weiss, was Jugend ist: inniges unzerstreutes Empfinden des eignen Selbst.
- Die Einsamkeit aber ist eine Quelle, sich selbst zu trinken. Dieser Gedanke
gefiel der Kurprinzess, ich musste ihn ihr in ein Denkbüchlein schreiben; und ich
setzte noch hinzu: »Denken ist, die Wege Gottes beschreiten, - durch Denken
gelangt man zu Gott!« Und dies gefiel der Kurprinzess so, dass sie mich dafür auf
die Stirne küsste. - Sie redet nun oft mit mir und nennt das seltsame Gedanken,
was ich so herausplaudere ohne viel Nachdenken; so hatte ich letzt gesagt, der
Gedanke sei ein geflügelt Ross, und wer es regieren könne, der schwinge sich mit
ihm auf in die Unsterblichkeit. - Das alles will sie behalten und aufschreiben;
- immer möchte sie mehr aus mir herauslocken, als ich grade sagen kann oder mag,
denn zu geistiger Offenbarung gehört der Wille, den Geist zu entfalten. - Der
Geist ist zwar immer wandelnd, nämlich in ihm selber wandelt sich alles, was er
berührt, und davon wächst und blüht er und reift zur Frucht selber. - Unser
höchstes Wirken ist Denken, gibt es vielleicht Geister, die noch ein höheres
Wirken haben als Denken? Und was mag das sein? - Nein! Denken ist das grosse
Lebensmeer der Gotteit, aus dem entspringt alles Wirken! - So sag ich, und die
Kurprinzess freut sich an diesen Reden und will wissen, wo ich das alles her
habe, ich sage, das sind Hobelspäne von Gesprächen mit der Günderode, und dass
ich mich da oft durch die Gedankenfülle durchdränge wie durch eine Volksmenge,
die mich umwimmelt, und dass ich den ersten besten beim Ohr kriege, und viele
andre witschen mir durch. - Da freut sich die Kurprinzess und will mehr wissen,
und ich muss als in einem fort aus dem Ärmel schütteln. - Und der Glaube ruft den
Geist herbei, der sagt seine Geheimnisse, die Natur haucht sie aus. - So ist
jeder, der belehrt sein will, ahnungsvoll wie die Knospe, die dem Licht
aufbricht, aus ihrem Kelch duftet die Begeistrung fürs Licht. - Und das Licht
kann dieser Begeistrung nicht widerstehen, so wenig der Geist der Liebe
widerstehen kann! -
    Ich bin heute so munter, ich möchte noch mehr schwätzen! Meine Augen sehen
im Dämmerlicht sehr hell, ich schreib gern bei Mondschein, da kann ich so
vergnügt im Zimmer auf- und abgehen. Am Himmel tragen die Wolken ihre
Begebenheiten mir vor, sie ballen sich zusammen und türmen sich und schreiten
auseinander und steigen und kreuzen sich und lassen sich nieder, kurz es ist ein
Staatsleben unter ihnen. - Am meisten seh ich die Revolutionsereignisse drin!
Wollt ich prophetisch sein, ich würde mich an die Wolken halten! - Nicht, dass
sie wirklich Geschicke ausmalen könnten. Aber der Geist kann sich selber ahnen,
selber erkennen und sich selber hinüber erzeugen in das, was er sich vorstellen
kann. Gewiss kommt einst eine Zeit der Erlösung, wo nicht mehr einer die Wahrheit
prophetisch oder ahnungsweise vorträgt, sondern wo die ganze Welt zugleich weiss
und empfindet, was ihr Lebensnahrung gibt, und wo sie drin wuchert, wie im
üppigen Boden die Pflanzen und Früchte wuchern! - Gedeihen des Geistes ist eine
über alle Vorsichtsmassregeln und Begriffe und Bedeutungen hinausstrebende Kraft.
- Alle Philosophie erstickt, umstrickt, und zwar mit groben Stricken, den
ungebundenen Geist. Ach, ich hab da letzt noch mit Sinclair disputiert. - Ich
kann aber nicht disputieren, ich muss mich nur totärgern, bis der Kerl fertig
ist, wo ich gleich bei der ersten hölzernen Redensart als schon ausser mir komme,
ich kann auf nichts acht geben, sie sagen, ich wär eingebildet; die andern sind
eingebildet mit ihrer Repulsion und Attraktion und Potenz und Notstall der
Philosophie und Kunstreligion.
    Es gibt Menschen, die sind wie die Raupen, sie zehren nur vom Pflanzenstoff
des Geistes, wenn die sterben, so werden sie zu Schmetterlingen, die gaukeln in
ihrer Seligkeit so über den Blumen. Das, womit sie ihren Geist nährten, gab
ihnen keine andere Offenbarung der Seligkeit als nur diese! -
    Was der Geist in sich entwickelt, das wird seine Offenbarung, sein höheres
Leben! - Der Maler hat ein ganz besonders Himmelreich (Verewigung), in das er
sich durch seine Kunst hinüberübt und lernt! - Aber! aber! - Die Maler malen ja
alle daneben und nicht das, was ihnen wieder Geist gibt. Der Künstler muss ja
etwas hervorbringen, was ihn wieder erzeugt, sonst ist's aus mit der Ewigkeit.
Der Musiker komponiert ja falsch und wenn er noch so sehr den Generalbass reitet,
grade deswegen; er spielt ja Menschensatzung und nicht Überirdisches! - Der
Sänger singt ja falsch, und wenn er noch so rein trifft, er trifft ja die Seele,
das Gefühl dessen nicht, der Geist hat und auf höhere Berührung wartet. - Der
nur erzeugt die wahre Kunst, der das hervorbringt, was die Zeit zu dem erhöht,
wozu sie reif ist, um sie weiter zu reifen. - Der singt falsch, der durch seinen
Gesang nicht das göttliche Licht der Freiheit in dem Hörer entzündet, denn er
erfüllt nicht den Zweck der Kunst und gibt dem Geist Ärgernis, denn er zieht ihn
herab.
    Mit diesem letzten will ich in Deine Saiten eingreifen, von dem, was Du über
Schauspielkunst sagst. - Mir hat der Mond diktiert.
    Ich möchte der lieben Sophie auch noch was sagen, aber ich hänge vom Mond
ab, dass er mir doch einen Augenblick dazu Licht gebe! - Eben kommt er! - Licht
und Feuer in den zerstreuten Hütten funkelt durch das Grün der Bäume. - So weit
ich seh, versinkt die Welt in Ruh!
    Clemens, die Sterne funkeln zu Tausenden am Himmel, unter meinem Fenster
steht meine alte Invalidenschildwache und passt auf ein Ständchen meiner Gitarre,
er ist gewohnt, mich abends noch singen zu hören, ich werd ihm ein alt
Klosterlied an die Jungfrau Maria singen, denn es ist morgen Maria Himmelfahrt.
    Deine Freundschaft mit Tieck entzückt mich, - oft, wenn ich in seinen
Schriften las, hatte ich eine grosse Begierde, ihn kennen zu lernen. Ich werde
ein Kleidchen machen für sein Töchterchen, so schön als möglich, das schenk dem
Liebchen von mir. - Du kommst also, Clemente! Ich freue mich. - Wir sind jetzt
ganz allein hier! - Wir machen Promenaden ins Wilde! - Die Toni hat aber als den
Mut verloren, wenn wir den Weg verloren hatten! Ich dachte, es wäre recht
närrisch, wenn wir uns nicht wieder in die Heimat fänden und gingen so fort und
kämen in fremde Lande.
                                                                         Bettine
                                Lieber Clemens!
In wenig Tagen gehn wir von hier ab. Ich weiss nicht, ob wir uns in Wiesbaden
aufhalten. Du musst meinen letzten Brief nicht erhalten haben, weil ich nichts
von Dir weiss. So sehr ich mich freu, Dich wiederzusehen, tut's mir doch leid,
die Gegend zu verlassen; hier hab ich zum erstenmal die Natur beklettert, mitten
in ihrem Schoss konnte der Mutwille nicht Ruhe halten; wohin mein Auge blickte,
dahin wollte ich, oft meint ich mit Händen die Berge zu greifen, und wenn ich
eine Strecke gelaufen war, dann war's, als sei ich viel weiter entfernt vom
Berg. Erreichen muss man nicht wollen; goldne Wünsche, grünende Hoffnungen,
wartet nicht, dass ich euch nachlaufe, wenn ich auch euch nachseufze ein
Weilchen! - Es ist vor ein paar Tagen ein Mann hier durchgekommen mit einer
Flugmaschine, er wollte sich damit sehen lassen, aber Leonhardi, der noch zwei
Stahlbäder zu nehmen hat, wovon er ganz stahlblau wird, wollte durchaus nicht,
dass der Mann fliegen sollte, der Mann wollte uns auf der Terrasse ein
Flugstückchen machen, für einen Taler wollt er's tun. Leonhardi sagte, der
Mensch fällt gewiss und bricht Hals und Bein, dann haben wir die Heilkosten, den
Doktor, den Apoteker, den Chirurg, den Aufwärter, das Essen, die Nachtwache,
die Wartfrau und zuletzt vielleicht gar die Begräbniskosten samt Pfarrer und
Küster auf dem Hals, zu so wenig Badegästen, als wir noch sind, kann sich das
sehr hoch belaufen. Alles war von Leonhardis Weltweisheit eingenommen, der noch
vorbrachte, er säh es dem Kerl an, der sei express gekommen, ein Unglück
anzurichten. Vom Manne hatte ich erfahren, dass er keine drei Batzen habe, denn
er hatte auch schon gestern keine mehr gehabt und sich durchbetteln müssen.
Leonhardi behauptete, des Mannes Augen seien auf seine Taschen gerichtet
gewesen, er sei ein Dieb. - Ich brachte die Nachricht, der Mann wolle mit Gewalt
fliegen; da seht ihr, sagte Leonhardi, er will uns einen Streich spielen. Ich
wurde also wieder zu dem Mann geschickt, ob er nicht gutwillig gehen werde, wenn
man ihm ein Douceur gebe. Ich brachte die Nachricht: der Mann wolle absolut
fliegen und lade die Gesellschaft bei Mondschein auf die Terrasse. Ach, sagte
Leonhardi, in dem Menschen sitzt die Verzweiflung; das ist eine dumme Geschichte
in der einsamen Gegend, wo keine ordentliche Polizei ist, - dem Mann verbieten
zu fliegen habe er keinen Befehl, meint der Polizeimann, sagt der Badepeter,
erzählte ich. - Der gute invalide Polizeisoldat musste kommen; der sagte: »Lassen
sie ihn, der wird nicht weit fliegen, er ist auch Invalide, es kann nicht jeder
Nachtwächter in Schlangenbad sein, um sein Brot zu verdienen.« - Da haben wir's!
- Ein zerschossner Kerl will da noch ungeheure Kunststücke machen! - Alles war
aufgeregt, jeder lachte darüber, aber man wollte ihn los sein. - Mit zehn Gulden
geht er ab, rief ich. Die zehn Gulden waren gleich beisammen und noch mehr,
jeder steuerte ungezählt bei. - Ich lief mit dem Geld zum Mann, der gar nichts
davon wusste, auch so viel Geld seit lange nicht gesehen hatte. Ich konnte ihm
schwer begreiflich machen, dass es sein gehöre, wenn er nicht fliegen wolle; dies
letzte begriff er vollends gar nicht, denn er liess sich durchaus nicht vom
Fliegen abhalten, was er vorher eigentlich nicht im Sinne hatte, es musste jetzt
geschehen! Ich lief auf die Terrasse und rief, der Mann kommt, er will doch mit
aller Gewalt fliegen! - Ein grosser Spektakel war da los, der Mann zog aus einem
Pappkasten zwei Schläuche, blies Luft hinein, es wurden zwei Pferdchen draus,
ein weisses und ein schwarzes, so gross wie Windhunde, angespannt an einen
Luftballon, in dem der Amor sass, das ging in die Höhe an einem langen Bindfaden
und schwebte zehn Fuss über uns, er hielt dabei eine Rede über das schwarze und
weisse Pferd am Liebeswagen. Voigt sagt, diese Rede sei aus dem Plato. Als der
Phaeton vom Abendwind eine Weile herumgetrieben war, wickelte der Mann den
Bindfaden wieder auf, entliess die Luft aus den Gaulen und nahm mit tausend
Danksagungen Abschied. - Wir alle waren sehr lustig über die Geschichte und
gönnten es dem guten Mann, der durch seine Gutmütigkeit den besten Eindruck
gemacht hatte.
    Wir sind jetzt ganz allein hier, wir machen von morgens bis abends die
herrlichsten Spaziergänge, ich glaube, es wird traurig werden, wieder in mein
finsteres Zimmer eingesperrt zu sein. Aber es wird doch ein angenehmer Winter
sein; die Heiraten der Geschwister werden nicht wenig zur häuslichen
Glückseligkeit beitragen. Ich wundre mich, dass Du so wenig Anteil dran nimmst.
    Grüsse Sophie von mir, und wenn Du schon in Marburg bist, so schreib ihr, dass
ich alle Tag an sie denke.
                                                                         Bettine
                                Liebe Schwester!
Deinen letzten Brief von Schlangenbad, in dem Du Deine baldige Abreise
angezeigt, nebst der Fluggeschichte erhielt ich eine Minute später, als mein
Brief an Dich abgegangen war. Ich erwarte von diesem für Dich so gütig gewesenen
Sommer nun auch gute Wirkung für Deine Gesundheit, Deinen Mut und Fleiss. Was
mich betrifft, so bleibe ewig beruhigt und vertraue mir ganz, dass ich in unsern
engen Bund nie ein Wesen aufnehmen werde, als nur, wenn es sehr vortrefflich
ist. Ich liebe und ehre Sophien zu sehr, um mehr von ihr zu sprechen; wenn Du
sie kennen wirst, liebe Bettine, so wirst Du für sie empfinden, was auch ich für
sie fühle. Sie macht alles gesund und blühend, sie ist die ewige Jugend und
immer ein Kind, sie ist wie ihr letzter Brief sagt, eine sehr arme Frau, aber
ein unendlich reiches Kind. Wenn ich nach Frankfurt komme, will ich Dich über
alles belehren und Deine Besorgnisse so aufklären, dass Du Dich über das Ganze so
freuen sollst, wie ich es tue. Nur bitte ich Dich nochmals, in allen Dingen, die
mich betreffen, keine Vertraute zu haben.
    Mit Savigny stehe ich auf einem ganz ordentlichen Fuss, wir achten uns, ohne
doch dass unsere Herzen innige Mitteilungen hätten. Seine Verschlossenheit, sein
Verkehr mit Gunda und Winkelmann, ohne dass ich weiss, was sie miteinander wollen,
und vor allem sein Geständnis, »dass er mit Dir platterdings gar nicht existieren
und keine Berührung mit Dir erträglich sei.« Dieser deutliche Widerwille gegen
das, was ich auf Erden am meisten liebe, gegen Dich, dies alles hat mir mein
Verhältnis mit ihm bestimmt. Ich achte ihn aber mehr als irgendeinen Menschen in
der Welt; dass er das Talent nicht hat, vertraulich zu werden, lasse ich ihn
weiter nicht entgelten. Übrigens teile ich ihm nichts mehr mit, weil er stumm
wie ein Ölgötze gegen mich ist, und so wäre das gut. Manchmal muss ich tief in
Gedanken über ihn sitzen, denn ich habe manche kontroverse Erfahrungen an ihm
gemacht, die ich zu reimen nicht imstande bin; doch - alles ist gut und
bedeutsam in der Welt, und wer weiss, wie sich dies noch einmal zurechtrücken
wird! Über was kann ich denn klagen, als dass ich ihn in dieser Abgeschlossenheit
nicht verstehe; das ist am End auch meine Schuld und nicht die seine. Und mir
selber kann ich dies auch nicht verdenken, da ich's bei allem guten Willen noch
nicht weiter gebracht habe, als mich zu verwundern und mir jede Missbilligung zu
verbieten, bis ich eines Bessern belehrt werde, was ohne Zweifel einst sein
wird, da mir noch so viel zu lernen und zu begreifen bevorsteht. Nun siehst Du,
mit meinem guten Weib werde ich gerechter werden, da sie mild ist und doch
unendlich lebensfrisch; da sie die Weltverhältnisse weit besser versteht als ich
und die grosse Lebensklugheit besitzt, an die menschliche Gesellschaft keine
Ansprüche zu machen, obschon sie allen Beziehungen in ihr genügen kann und mit
ihrem Wohlwollen immer gibt, wo sie verlangen könnte; und ihre Liebe niemals
aufdringt, in der Einsamkeit selbst ihren Reichtum an Geist niedergelegt hat, in
dem sie schwelgen kann und reicher ist als andre, die sich im Besitz der
Wohlhabenheit fühlen. Es wird kommen und muss kommen, dass sie das Eis schmelze,
denn sie ist der Frühling und hat den Geist des Belebens! - Und das gewinnt die
Herzen! Drum ist fürs erste mein Aufentalt in Marburg mir wichtig grade um
Savignys willen, wenn das so kommen dürfte, dass er allem dem entspräche, was in
ihm sein muss, was ich aber nie zu Tag fördern konnte, wenn ich wirklich durch
meine Hast, durch meine Unbefähigung, bessern Menschen gerecht zu sein, allein
die Schuld trüge, dieser oft qualvollen ungewürdigten Stunden und Tage unseres
Zusammenseins! - Und Sophie, die ganz menschliche Freundin meiner Seele, baute
zwischen uns die Brücke eines edlen Verkehrs, wo nicht mehr eine grausame Ironie
mich mit ihren Pfeilen träfe. Liebes Kind, dann müssen wir's ihm auch hingehen
lassen, dass er Dich nicht mag! - Es wird kommen, es wird kommen die gewünschte
Frühlingszeit! - Nun sei froh und glücklich und grüsse mir die neu verheiratete
Schwägerin.
    Eben erhalte ich Deinen früheren Brief aus Schlangenbad, der über Weimar
gegangen war. Ich bitte Dich herzlich, schreibe mir oft so, schreibe mir oft und
viel, Deine Gedanken ziehen so im Flug, als wären sie Vögel aus fremden,
heisseren Ländern. - Wie soll man ihrer habhaft werden, wenn nicht ein treuer
Freund sie auffängt! Spreche mir auch von Günderödchen, von Mariannen, die ich
ewig lieben werde. - Und noch eins. - Alles, was durch andre Leute von Sophie
Dir gesagt wird, glaube nicht, denn Du weisst ja, wie andre Leute von mir
sprechen, wie auch die, welche für die besten, die edelsten gelten, nur Böses
von mir zu sagen wussten oder ahnten, und doch hast Du das nie in mir gefunden! -
Nicht wahr, liebstes Kind, das hast Du nie? - Das ist auch der Segen, der auf
Dir ruht, dass keine Ungerechtigkeit noch aus Deiner Seele geflossen ist, dass
keine Äusserlichkeit, kein Egoismus mit Deinem Gefühl wuchert oder prachert. -
Aus der Ambition entspringt manches Übel der Seele, und dies hat so böse Folgen
oft, dass ich manchmal meine, alle Lähmungen des Geistes entspringen vielmehr aus
dem Ehrgeiz, als dass dieser ihn fördert. - Grossmut ist die Quelle alles
Reichtums und jeder, der sich abzuschliessen wähnt, um sein inneres Eigentum für
sich allein zu bewahren und es wie einen künstlichen Springbrunnen in die Höhe
zu treiben, der wird auch einen solchen Springstrahl hervorbringen, lustig und
ergötzlich anzuschauen, und die Menschen werden sich wundern, und es wird die
Rede sein von dem famosen springenden Wasser im ganzen Land, wie von der Fontäne
auf Wilhelmshöhe! - Aber was ist es nun, wenn die Röhren, durch welche das
Wasser läuft, einmal aus ihrer Lage kommen und der Strahl versiegt, oder wenn
die unterirdischen Wasser durch Zufall und Naturereignisse eine andere Wendung
nehmen, dann steht die Fontäne mit ihren Prätensionen, bewundert zu werden, ganz
verlassen; höchstens geht die Rede durchs Land: die Fontäne springt nicht mehr!
Schade um die alte Fontäne, sagen dann die Leute, wir haben unsern spiegelklaren
Bergstrom, der sich wohltätig durch unsere Fluren verbreitet! Sehet den
schiffbaren Fluss, in dem unsre munteren Bäche und Flüsse zusammenkommen, dem
gemeinsamen Leben zu Nutz und Frommen! - Da unterscheidet man sie nicht mehr
voneinander, ob dieser oder jener seine Wellen dazu hergibt, den Verkehr des
Menschen untereinander zu fördern. - So muss es sein, liebes Kind! So und nicht
anders kann das Vollkommne, das Genügende im Geist sich erweitern und verteilen
und beleben alle, die von ihm sich zu nähren berufen sind! - Und so will es sich
gestalten, seit ich meine Sophie habe! - Und mögen die Fontänen für sich
springen, solang es geht zur Bewundrung der gelangweilten Menge; trägt der
schiffbare Fluss erst die Weltbegebenheiten und die Entwicklung des Weltgeistes
auf die Höhe des Weltmeeres, in das er einströmt, dann mag die Fontäne in
verödeter Natur springen oder nicht, Schiffe könnte sie doch nimmer tragen.
Schreibe bald Deinem Clemens, der von Dir lebt, sich von Dir getragen fühlt zum
Bessern, zur Lust, das Leben zu geniessen und zu beherrschen.
    Soeben kommt die Frankfurter Post. Ich habe keine Zeile von Dir und von
niemand. Savigny erhält die Briefe bündelweise; meine Einsamkeit erhöht sich so
immer mehr, ich bitte Dich herzlich, schreibe, ich bin traurig, wenn ich so
meinen Herrn Baron seine Briefe verschlingen sehe, ohne mir etwas mitzuteilen,
und ich habe gar nichts. Du hast ja auf der Welt nichts zu tun, schreibe mir
doch oder ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst.
                                                                         Clemens
 
                                    Fussnoten
1 Ihr war eine Schwester gestorben.
2 Anhang I, S. 397
3 Anhang II, S. 401
4 Ein Briefbote, der alle Tage von Offenbach nach Frankfurt ging.
5 Dem die Jungfrauen einen Widder opferten, wenn sie öffentlich einen Wettlauf
hielten.
6 Siehe Anhang.
7 Sollten vielleicht nicht manche wirkliche Schelme sein? - Denn viele können
gar nichts. -
 
    