
        
                                  Fanny Lewald
                                     Jenny
                       Von der Verfasserin von Clementine
 Bei Gerhard, dem ersten Restaurant einer grossen deutschen Handelsstadt, hatte
sich im Späterbst des Jahres achtzehnhundertzweiunddreissig nach dem Teater
eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besondern Zimmer zusammengefunden,
die anfänglich während des Abendessens heiter die Begegnisse des Tages besprach,
allmälig zu dem Teater und den Schauspielern zurückkehrte und nun in
schäumendem Champagner das Wohl einer gefeierten Künstlerin, der Giovanolla,
trank, welche an jenem Abende die Bühne betreten hatte.
    Sie soll leben und blühen in ewiger Schönheit! sagte entzückt der Maler
Erlau, und möge es mir vergönnt sein, die Feueraugen und den Götternacken dieses
Mädchens immer vor meinen Augen zu haben, wie sie sich mir bei der gestrigen
Sitzung zeigten. Ihr seht sie Alle in der falschen, täuschenden Beleuchtung der
Bühne, und könnt nicht ahnen, wie schön ihre Farben, wie regelmässig und
vollendet ihre Züge und wie üppig ihre Formen sind. Ich sage Euch, sie ist der
Typus einer italienischen Schönheit.
    Wenn sie nur nicht so verdammt jüdisch aussähe, sagte wegwerfend der junge
Horn, der Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns. Ich sagte es gleich zu meinem
Vetter Hughes, den ich Ihnen, lieber Erlau! als einen Mitentusiasten empfehlen
kann, und der für nichts Augen hatte, als für diese Person, die mir wirklich mit
all ihrer gepriesenen italienischen, oder sagten Sie orientalischen Schönheit?
im höchsten Grade missfallen hat. Wir lieben in unserer Familie diese Art von
Schönheit nicht, es ist eine uns angeborne Antipatie, und mir wurde erst wieder
in England bei den schlanken, blonden Insulanerinnen recht wohl, nachdem ich
mich in Havre ein Jahr lang unter jenen kleinen, brunetten Französinnen in der
Frankfurter Judengasse geglaubt hatte.
    A propos, von Judengasse, lieber Ferdinand! fiel der Vetter, ein geborner
Engländer, und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt, dem Sprechenden ins Wort,
wer war wohl das ganz junge Mädchen in der zweiten Loge rechts von der Bühne?
Sie ist offenbar eine Jüdin, aber es ist ein sehr interessantes Gesicht.
    Ich kenne die Leute nicht, antwortete der Gefragte.
    Schämen Sie sich, rief im komischen Zorn der Maler, und verleugnen Sie
nicht, wie unser heiliger Apostel Petrus, seligen Andenkens, Ihren Meister und
Herrn. Sie sollten den reichen Banquier Meyer nicht kennen, bei dessen Vater Ihr
Herr Vater die Handlung erlernte, und von dem er die Mittel zu seinem
Etablissement erhielt, als er sich in Ihre Mutter verliebte? Freilich kam Ihr
Herr Papa durch diese Heirat in die schönste Mitte der Kaufmannsaristokratie,
und mag in der Gesellschaft wohl seine alttestamentarischen Verbindungen
vergessen haben.
    Horn war halb beleidigt, halb verlegen. Ach so! sagte er, die Meiers hatten
die Loge? Es waren die Meiers? Die Tochter soll ein hübsches Mädchen werden,
eine sehr reiche Erbin, sie steht noch zu Diensten, lieber Vetter! - Das ist
aber auch Alles, was ich von ihnen weiss.
    So erlauben Sie mir, nahm der Candidat Reinhard, ein schöner, junger Mann,
der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehört hatte, die ihm nicht zu
gefallen schien, das Wort, so erlauben Sie mir, Ihnen, falls es Sie interessirt,
nähere Auskunft über die Familie zu geben. Das Meiersche Haus ist eines der
gastlichsten in unserer Stadt, die Mutter eine freundliche, wohlwollende Frau,
der Vater ein sehr gescheidter und braver Mann, der ein offenes Herz für die
Menschen und die Menschheit hat, und sich lebhaft für Alles interessirt, was es
Grosses und Schönes gibt. Die Leute haben nur zwei Kinder: einen Sohn, der mein
genauer Freund ist, den Doctor Meyer, und eben diese Tochter, Jenny Meyer, die
ich bis vor Kurzem unterrichtet habe.
    Und ist Niemand da, der die Handlung fortsetzt, wenn der alte Meyer, dessen
Firma ja sehr bekannt ist, einmal stirbt? fragte der Vetter.
    Ja wohl, ein Neffe, seines Bruders Sohn, der auch Meyer heisst, und schon
lange in der Handlung ist. Man sagt, er werde die Tochter heiraten und das
Geschäft einst übernehmen, antwortete Reinhard zögernd.
    Der Glückliche, ich könnte ihn beneiden, denn das Mädchen ist wahrhaft
reizend, rief der Engländer aus.
    Das denkt Freund Reinhard auch, lachte Erlau, und gewisse Leute wollen
behaupten, dass er die junge Dame, nachdem er ihre geistige Ausbildung
meisterhaft geleitet, jetzt praktisch in der Conjugation mancher Zeitwörter
unterrichte, als da ist: ich liebe, du liebst u.s.w. u.s.w. Werde nicht rot,
lieber Reinhard, es ist eine Bemerkung, wie jede andere, und ich teile Deine
Neigung und Anhänglichkeit für das ganze Meiersche Haus. Es sind gute und
gebildete Leute, und wenn auch die sogenannte Elite der Gesellschaft dort im
Hause nicht zu sehen ist, so findet man den grössten Teil unserer Gelehrten und
Künstler, eine Menge von Fremden, und vortreffliche Unterhaltung bei Meiers. Ich
wüsste kein Haus, das ich lieber besuchte, als das ihre.
    Sie schildern die Familie so anziehend, dass Sie mir fast den Wunsch
einflössen, mich in dem Hause einführen zu lassen, sagte Hughes.
    Nicht doch, William! fiel Horn ein, meine Mutter würde das sehr ungern
sehen, wie kommst Du nur darauf? Ich bitte Dich, diese Juden hängen wie die
Kletten zusammen, und bist Du erst in einem ihrer Zirkel, so steckst Du auch
gleich so fest in der ganzen Clique, dass man sich scheuen muss, mit Dir an
öffentlichen Orten zu erscheinen, aus Furcht, von Deiner mosaischen
Bekanntschaft überfallen zu werden. Die Visite bei Meiers -
    Würde Ihnen beweisen, dass Ihr Herr Vetter mit seinen Gesinnungen in mancher
Beziehung noch tief im Mittelalter steckt, unterbrach Reinhard die Rede, und ich
bekenne Ihnen, Herr Horn, dass mir Ihre Äusserungen nicht nur in unserer Zeit
höchst befremdlich scheinen, sondern dass ich sie geradezu für unschicklich
halte, nachdem ich Ihnen gesagt habe, dass ich der Familie befreundet bin und sie
hochachte.
    Entschuldigen Sie, ich vergass, dass Sie Lehrer in dem Hause sind und die
Sache also anders ansehen müssen. Ich aber, der ich unabhängig bin, gestehe
Ihnen - - - -
    Gestehen Sie Nichts mehr, Sie haben ja schon so Vieles heute gestanden, rief
Erlau dazwischen, was Sie lieber hätten verschweigen sollen. Sie sind ein
reicher, junger Kaufmann, sehr elegant, sehr fashionable, was kümmern Sie
Geständnisse und Juden? Mein Gott! Sie haben nun einmal die Antipatie, und Sie
brauchen ja auch nicht zu Meiers zu gehen, Es hat Sie Niemand gebeten - selbst
nicht, fügte er halblaut, gegen Reinhard gewendet, hinzu, als vor drei Jahren
die Sonntag dort war und der junge Herr alle Segel aufsetzte, um eingeladen zu
werden. Ich bitte Dich, Reinhard, ärgere Dich über den Laffen nicht und lass ihn
laufen.
    Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen, auf dem sie leicht eine
verdriessliche Wendung nehmen konnte, da öffnete sich plötzlich die Türe und ein
junger, hübscher Mann, kaum dreissig Jahre alt, trat in das Zimmer. Er war nur
mittler Grösse, aber kräftig und wohl gebaut, hatte krauses, schwarzes Haar, eine
gebogene Nase, ein Paar durchdringend kluge, schwarze Augen, und vor Allem eine
hohe, gewölbte Stirn, die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter
verriet. Seine Bewegungen waren rasch, wie sein Blick. Er hatte eine gelbliche
aber gesunde Farbe, und war modern, doch ganz einfach gekleidet. Kaum war er in
das Zimmer getreten, als Erlau und Reinhard ihm mit dem Ausruf: Guten Abend,
Meyer, gut dass Du kommst! entgegen gingen. Er wandte sich aber, die Begrüssung
nur flüchtig erwidernd, an Horn, und sagte: Ich komme eben aus dem Hause Ihrer
Eltern. Ihr Fräulein Schwester hat sich den Fuss beschädigt, als sie nach der
Rückkehr aus dem Teater aus dem Wagen stieg. Man hat mich holen lassen, es ist
jetzt Alles in Ordnung, durchaus nichts zu befürchten, und ich freue mich, dass
ich Sie hier treffe, denn ich glaube, man erwartet Sie zu Hause. - Guten Abend,
und schön, dass ich Euch noch finde, fuhr er, gegen die Freunde gewendet, fort,
und setzte sich zu ihnen nieder.
    Horn machte ein paar besorgte Fragen, die von Doctor Meyer beruhigend
beantwortet wurden, dann brach jener auf, und William wollte ihn begleiten.
Erlau indessen, der niemals genug Leute beisammen haben konnte, und dem der
Engländer gefiel, redete ihm zu, bei ihnen zu bleiben, um noch ein paar Stunden
zu plaudern. Im Hause Ihres Onkels können Sie Nichts nützen und hier, sagte er,
haben wir Gelegenheit, Sie unserm Freunde, dem Doctor Meyer, von dem wir vorhin
sprachen, vorzustellen, also bleiben Sie immer hier.
    William war das zufrieden, und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise, indem
er William versicherte, er beneide ihn um den Genuss, in so vortrefflicher
Gesellschaft noch länger zu bleiben, dabei warf er einen spöttischen Blick auf
Meyer, den dieser nicht sah, da er Horn den Rücken zugewendet hatte, und den
Reinhard mit verächtlichem Achselzucken erwiderte.
    Ein Kellner räumte die leeren Bouteillen, die gebrauchten Gläser fort, und
setzte eine volle Flasche vor die Zurückbleibenden hin.
    Erlau, Reinhard und William, die schon seit einer Stunde beim Weine sassen,
gerieten allmälig in eine immer munterere Laune, gegen welche Meyer's Ruhe
eigentümlich abstach. Vor Allen konnte Erlau's ausgelassene Fröhlichkeit sich
nicht genug tun; ein Witz folgte dem andern, ein Toast dem andern. Alt-England
soll leben! rief er aus, mit seinen freien Institutionen, mit seinem edlen Lord
auf dem Wollsack, seiner magna Charta und seinen Constables und Beefsteaks, und
Sie sollen leben und leben immer mit uns, wie heute, Mr. Hughes.
    Der Toast wurde erwidert. Hughes trank auf die Einheit Deutschlands;
Reinhard liess die deutschen Frauen leben, Erlau vor Allen die Schauspielerin,
von der schon früher die Rede gewesen war, und Meyer gab sich dem Treiben hin,
wie ein Erwachsener, der mit Kindern spielt. Er nahm äusserlich Teil daran,
während ihn im Innern offenbar ein anderer Gegenstand beschäftigte, und er in
ein Hinträumen versank, aus dem Erlau's Ruf: Meyer, die Deinen sollen leben! ihn
aufstörte. Schweigend und nur mit dem Kopfe nickend dankte dieser, und trank
sein Glas aus. Damit war aber Erlau noch nicht zufrieden.
    Mein Gott! Du unerträglich ernstafter Doctor und Misantrop, gibt es denn
nichts mehr auf der Welt, was Dich aus Deiner philosophischen Philisterlaune
herausreissen kann? - Ich erschöpfe mich in hinreissender Geistreichheit, ich
verschwende die beste Laune, den allerbesten Wein an Dir, und Du nimmst meine
Liebenswürdigkeit, die doch heute ganz ausserordentlich ist, hin, wie ein Bettler
das tägliche Brot, ohne Freude und Genuss, und giesst den edlen Wein hinunter,
gedankenlos, als gälte es, das harte tägliche Brot mit langweiligem Wasser
hinabzuspülen. Ich werde irre an Dir, Doctor! Was fehlt Dir, was denkst Du, was
meinst Du? Soll ein Gott vom Himmel steigen, um Dir zu beweisen, dass die Welt
die beste ist, in der auf ödem Kalkfelsen dieser Göttertrank zu wachsen vermag?
in der auf allen Wegen die schönsten Blumen erblühen, und in manchen alten
Häusern die hellsten Mädchenaugen blitzen? Sünder, gehe in Dich, und tue Busse,
und rufe mit mir: Die Weiber sollen leben! - und - ha! nun hab' ich's, was ihn
wecken wird; steht auf, ihr Weisen, und trinket mit mir! Meyer, Deine Schwester
soll leben! -
    Reinhard und Hughes standen auf, und der Letztere rief lebhaft: Ja! das
schöne Mädchen mit dem dunkeln Flammenblick soll leben und immer leben! -
    Auch Reinhard, in dem noch mancher Widerhall seiner Studentenjahre
nachtönte, erhob sein Glas, und bereitete sich, es gegen die andern Gläser
klingen zu lassen, nur Meyer blieb ruhig sitzen und sagte: Seit wann ist es
Sitte, dass man bei Zechgelagen auf das Wohl unbescholtener Mädchen trinkt? Ich
werde es wenigstens nicht leiden, dass der Name meiner Schwester in meiner
Gegenwart im Weinhause entweiht werde. Setzen Sie sich, meine Herren! den Toast
nehme ich nicht an. -
    Dieser ruhige, ernste Ton schien Erlau plötzlich abzukühlen, während er den
Engländer in lebhafte Bewegung versetzte. Er ging rasch auf Meyer zu, und rief:
Verzeihen Sie mir, mein Herr! aber Sie müssen mein Freund werden! Wir Engländer
haben sonst nicht das Herz auf der Zunge - aber Ihr Deutschen seid unsere
Stammverwandten. Ihr wisst es, was sweet home und a blushing maid dem Herzen sein
können - Sie wissen es vor Vielen gut, darum schlagen Sie ein, Doctor! ich bin
dessen nicht unwert!
    Meyer tat, wie Jener es verlangte, und tat es gern, denn es lag so viel
Ehrenhaftes in dem Gesicht des Fremden, dass es augenblicklich für ihn einnahm.
Auch Reinhard schüttelte ihm die Hand und man trank auf die Dauer und das
Gedeihen des neuen Bundes. Dadurch blieb Erlau allein stehen; er goss zwei Gläser
voll, nahm in jede Hand eins derselben und sprach in affectirter Traurigkeit:
Auf das U folgt gleich das Weh, das ist die Ordnung im A B C - auf jeden
Augenblick voll Wonne eine Ewigkeit von langer Weile, denn ich schwöre Euch! die
rechte, wahrhafte Ewigkeit wird erst recht langweilig sein. Auf jede
liebenswürdige Sünde folgt bei Euch eine unausstehliche Bussfertigkeit. Anatema!
über das ausgeartete Geschlecht, das nicht begreift, wie man sündigt aus süsser,
inniger Ueberzeugung; dem nur en passant ein kleines, bornirtes Sündchen in den
Weg kommt, und das nie jenes grossartige Gebet des edlen Russen begriff und
gläubig zu beten vermochte: Herr! führe mich in Versuchung, damit ich
unterliege! - Hier stehe ich allein, ich fühle es, in einer verderbten Zeit, in
der mich Niemand versteht, und so muss ich für mich allein den Toast ausbringen:
Gott erhalte mich in meiner geliebten Sündhaftigkeit, worauf ich dies Glas
ausleere - und hole der Teufel Eure verdammte Tugend, bei der man nicht an ein
hübsches Mädchen denken und ihm Glück wünschen darf, ohne eine Ladung Moral und
ein Fuder Gefühl in den Kauf zu bekommen. - dabei leerte er das zweite Glas, und
sagte verdriesslich, während die Andern herzlich lachten: und nun könnt Ihr Alle
ruhig nach Hause gehen, nachdem Ihr mich mit Eurer abgeschmackten
Sentimentalität um meine beste Laune gebracht habt. Geht nach Hause und schlaft
wie die Ratten und träumt tugendhaft - ich werde noch nach dem Fenster der
göttlichen Giovanolla wandeln, und sehen, ob dieser süsse Strahl der Liebe, der,
Gott sei Dank! keine Heilige ist, noch über der Erde leuchtet, oder ob er sich
schon hinter den Wolken des Schlummers verborgen hat, und mir erst morgen wieder
als Stern und Sonne aufgehen will. - Beiläufig könnte ich dann diesen unsern
Insulaner in das Haus seines Onkels geleiten, in sein sweet home, damit er uns
nicht auf den Querstrassen des Lebens verloren gehe, und seine warme Seele nicht
erstarre in kalter Winternacht. - Gute Nacht, liebe Söhne! Gute Nacht, Meyer -
kommen Sie, Herr Hughes! - Mit diesen Worten brach er auf und die Gesellschaft
ging aus einander.
Wo warst Du gestern, Eduard? fragte Jenny Meyer am nächsten Morgen ihren Bruder,
als dieser in das Wohnzimmer seiner Eltern trat, in welchem die Familie
frühstückend beisammen sass. Wir hatten Dich zum Tee erwartet, und Du kamst
nicht! Auch im Teater bist Du nicht gewesen!
    Steinheim war bei mir, und unser Joseph, und wir plauderten eine Weile; dann
wollte ich mit ihnen hinauf kommen, und Eure Rückkehr aus dem Teater erwarten,
wurde aber plötzlich in das Haus des Commerzienrats Horn gerufen, wo sich die
Tochter den Fuss gebrochen hatte, als sie aus dem Teater kam. So gingen meine
Gäste fort, und ich sprach nachher, als ich den Verband angelegt hatte und nach
Hause gehen wollte, bei Gerhard ein, fand dort Bekannte, und blieb noch eine
Stunde sitzen!
    Mein Gott! rief die Mutter, hat sich das schöne Mädchen schwer beschädigt?
    Du hörst es ja, antwortete der Vater, sie hat den Fuss gebrochen, und ein
schwerer Fall, ein ganz verzweifelter muss es wohl sein, wenn der alte Horn sich
entschloss, gerade Eduard rufen zu lassen.
    Das kannst Du nicht behaupten, lieber Mann! Eduard ist doch, obgleich einer
der jüngern Mediciner, in den ersten Häusern der Stadt Hausarzt, sowohl bei
Christen, als bei Juden; und Du weisst selbst, wie ungemein zuvorkommend ihm
überall begegnet wird, und wie sehr man für ihn eingenommen ist!
    Ich weiss es wohl, und es freut mich, dass er sich diese Stellung errungen
hat, aber eben so wohl weiss ich, dass es jener ganzen Clique gewiss die höchste
Ueberwindung gekostet hat, den jüdischen Arzt in ihre engern Kreise zu ziehen.
Sie entschuldigen sich vor sich selbst mit dem Nutzen, den er ihnen gewährt, und
doch! wer weiss, ob Eduard überall den gleichen Empfang fände, wenn er sich mit
einer Jüdin verheiratete, und für seine Frau dieselben Rücksichten verlangte,
als für sich? Den einzelnen jungen Mann nehmen sie allenfalls gern auf. Eine
Familie? da würden sie vielleicht Bedenken haben.
    Das glaube ich nicht, sagte die Mutter, im Gegenteil, ich bin überzeugt,
dass Eduard nur zu werben braucht, um eine Frau, aus welchem christlichen Hause
er wollte, zu bekommen, und ich kann es nicht leugnen, dass ich nichts sehnlicher
wünsche, als ihn recht bald eine solche Verbindung schliessen zu sehen!
    Der Vater lächelte, und Eduard erwiderte: Eine Verbindung der Art, liebe
Mutter, werde ich nie eingehen, das weisst Du wohl. Ich werde mich niemals taufen
lassen, und Deine ehrgeizigen Hoffnungen für mich, mit denen Du in der Zukunft
eine grosse Laufbahn voll Ehrenstellen, Orden und Würden für mich erblickst,
werden sich schwerlich jemals verwirklichen. Es sei denn, dass eine neue Zeit für
uns heraufkäme.
    Die zu schaffen Du Dich berufen fühlst, mit Steinheim, Joseph und Andern,
fiel Jenny ein. Ich bitte Dich Eduard, nur beim Frühstück verschone mich mit
Politik, nur die eine Tasse Kaffee lasse mich ohne politische Zutaten geniessen.
Vater! verbiete ihm überhaupt, schon beim Frühstück vernünftig zu sein. Er hat
ja dazu seine grosse Praxis, und den ganzen, langen Tag, der Morgen muss für uns
sein.
    Der Vater gab scherzend den gewünschten Befehl und fragte, ob Eduard nicht
wisse, wie man bei Horn's darauf gekommen sei, gerade ihn rufen zu lassen.
    Ihr Hausarzt, der alte Geheimrat, fand den Fall sehr bedenklich, berichtete
der Sohn, tat sehr ängstlich, und daher bestand das Fräulein selbst darauf,
sich von ihm nicht den Verband anlegen zu lassen, und verlangte, man solle nach
mir schicken. Wenigstens erzählte mir der Commerzienrat es so, ich weiss nicht,
ob, um mir begreiflich zu machen, dass er selbst es nicht getan hätte, oder um
mir mitzuteilen, welch schmeichelhaftes Vertrauen die Tochter in mich setze.
    Ist sie so schön, als sie zu werden versprach? Ich habe sie in der Schule
gekannt, sagte Jenny; aber spiele nicht den kalten, gefühllosen Arzt, der nichts
sieht, als die Krankheit, fügte sie hinzu.
    Sie ist so schön, dass selbst der Kälteste sich an ihrem Anblick freuen muss,
antwortete er; dabei war sie so geduldig bei dem grossen Schmerz, so
liebenswürdig gegen die Umgebung, so dankbar gegen mich, dass ich ganz für sie
eingenommen bin. Ich würde es sehr bedauern, wenn sie nicht völlig herzustellen
wäre.
    Jenny war ganz glücklich, den Bruder so erwärmt zu sehen, und meinte, die
Kranke könne sich glücklich schätzen, die werde gewiss sorgsamer und besser als
manche Königin behandelt werden, aber Eduard möge sich bei der Kur nicht zu sehr
anstrengen, damit er sich nicht etwa selbst eine Herzkrankheit zuziehe, die
leicht unheilbar sein könnte.
    Nun kam auch Joseph Meyer, der Neffe, welcher ebenfalls im Hause wohnte,
dazu. Er war fast in gleichem Alter mit Eduard, doch liess sein düsteres Wesen
ihn älter erscheinen als er war. Er hatte ein kluges Äussere, ohne hübsch zu
sein, weil er sehr unregelmässige Züge hatte, und gewöhnlich etwas mürrisch
aussah. Nur selten flog ein Lächeln über das markirte Gesicht und verbreitete
ein mildes Licht über die Augen, die eigentlich höchst gutmütig waren, aber
fast immer brütend zur Erde blickten. Joseph und Eduard waren von Kindheit an
die besten Freunde gewesen, und hatten, einander gegenseitig ergänzend, sich zu
dem gebildet, was sie geworden waren, zu tüchtigen Menschen, Jeder in seiner
Art. Nur fehlte Joseph das liebenswürdige Wesen, der schöne ungezwungene
Anstand, die Eduards Erscheinung so angenehm machten; und vor Allem hatte dieser
eine angeborene Beredsamkeit, während Joseph in den meisten Fällen nur kurz und
abgebrochen sprach.
    Natürlich wurde bei Josephs Ankunft das eben Mitgeteilte wiederholt und
nochmals besprochen. Er liess sich das Ganze ruhig erzählen, und sagte dann mit
seinem gewöhnlichen sonderbaren Lächeln: O ja, so sind sie, wenn sie Dich
brauchen, können sie recht liebenswürdig sein. - Aber höre doch einmal, wie sie
von Dir reden, wenn sie unter sich sind. - Frage einmal, ob sie Dich für
ebenbürtig halten?
    Diese Äusserung, eben jetzt ausgesprochen, wo man in so guter Laune war,
verstimmte die Uebrigen sichtlich. Jenny, die das düstere Wesen des Vetters
nicht liebte, war die Erste, die ihren Verdruss äusserte, indem sie ihm den Caffee
mit den Worten reichte: Da! Du Störenfried! trinke nur, damit Du nicht brummen
kannst. - Auch Madame Meyer schien unzufrieden. Der Vater fing an, die Zeitungen
zu lesen, die Joseph mitgebracht hatte, und nur der Doctor plauderte noch eine
Weile mit ihm fort; dann entfernten sich die drei Männer, um an ihre Geschäfte
zu gehen, und nur Mutter und Tochter blieben zurück.
    Joseph wird doch von Tag zu Tag unerträglicher, sagte die Letztere, er wird
immer finsterer, immer abstossender, und ich freue mich auf kein Fest, auf nichts
mehr, sobald er dabei ist, weil ich weiss, dass er mir jede Freude stört.
    Und doch glaube ich, wandte die Mutter ein, dass es kaum ein reicheres,
edleres Herz gibt, als das seine. Ich wüsste Niemand, der so freudig Alles für
seine Geliebten zu opfern bereit wäre, Niemand, der es mit mehr
Anspruchslosigkeit täte als er. Auch achten wir Alle ihn von Herzen, haben ihn
sehr lieb, und es tut mir leid, dass Du Dich nicht in seine Eigenheiten schicken
kannst.
    Können? mein Gott! können würde ich es schon, aber ich will es gar nicht.
    Das ist es eben, was mich betrübt, mein Kind! - Dies ewige ich will und ich
will nicht, dies unfügsame in Deinem Wesen, das ist es, was mich über Dich
besorgt macht. Als Du geboren wurdest, und ich Dich auf meinem Schoss
heranwachsen sah, habe ich oft zu Gott gebetet, er möge alles Unheil von Dir
abwenden. Bisher ist mein Gebet auf fast wunderbare Weise erhört worden, und
doch sehe ich es mit Schmerz, dass wir Menschen Gott eigentlich um nichts bitten
dürfen, weil wir nicht wissen, was uns frommt.
    So hättest Du mir also lieber Unglück wünschen sollen? fragte die Tochter
lächelnd.
    Zu Deinem wahren Heile wäre es vielleicht besser gewesen. Ich schloss von
meinem Herzen auf das Deine, und darin irrte ich. In Dir ist der Charakter
Deines Vaters, der feste, starke Sinn, und Eduards Einfluss hat diese
Charakter-Richtung in Dir noch mehr ausgebildet. Vom Glück verzogen, von uns
Allen mit der nachgiebigsten Liebe behandelt, hast Du es nie gelernt, Dich in
den Willen eines Andern zu fügen; was man an Dir als Eigensinn hätte tadeln
sollen, das haben Vater und Bruder als Charakterfestigkeit gelobt, und ich
begreife, dass Dir Joseph zuwider ist, weil er allein Dir entschieden und mit
Nachdruck entgegentritt. Trotzdem weiss ich, dass er Dich mehr liebt, als Viele,
die Dir schmeicheln. Bei den Worten reichte die milde Frau der Tochter die Hand.
Diese nahm sie, drückte einen Kuss darauf, und sass eine Weile schweigend bei
ihrer Arbeit.
    Man sah es ihrem lieblichen Gesichte an, dass irgend ein Entschluss, ein
Gedanke sie beschäftigte; auch legte sie plötzlich die Arbeit bei Seite, sah
ganz ruhig die Mutter an und sagte mit einer Stimme, der man nicht das Geringste
von der Bewegung anmerkte, die ihre Züge verrieten: Mutter! den Joseph heirate
ich niemals. Niemals, Mutter! - Sage ihm das, und auch dem Vater. Ich weiss, dass
Ihr es wünschet, dass Joseph es erwartet und mich nur erzieht, um eine gute Frau
an mir zu haben; die Mühe aber kann er sparen. Sieh, fuhr sie fort, und ihre
Fassung verlor sich mehr und mehr, so dass sie zuletzt bitterlich weinte, sieh,
gute Mutter! was Dein Beispiel, Deine Geduld, und Vater und Eduard, die ich so
lieb habe, nicht über mich vermochten, das kann Joseph, den ich gar nicht liebe,
gewiss nicht von mir erlangen. Ihr sagt oft, ich sei noch ein Kind, ich werde
erst in einigen Wochen siebzehn Jahre, aber solch ein Kind bin ich nicht mehr,
dass des Cousins rauhe, befehlende Art mich nicht verletzte. Andere haben mich
auch getadelt, aber sie verlangen nicht das Unmögliche von mir. Dort die grosse,
hohe Pappel im Garten biegt der Wind hin und her, und meinen kleinen,
stacheligen Cactus hat er gestern mitten durchgebrochen, weil er sich nicht
beugen konnte. So ist mein Herz! Es mag Euch starr, rauh und hässlich erscheinen,
aber es kann, so hoffe ich, Blüten tragen, die Euch freuen. Man kann mein Herz
brechen, aber es niemals zu schwächlichem Nachgeben, zu schwankender Gesinnung
überreden - und das schwöre ich Dir, lieber will ich sterben, als Joseph's Frau
werden.
    Laut schluchzend warf sie sich vor die Mutter nieder und barg das Gesicht in
ihren Schoss. Erschreckt über so viel unerwartete Leidenschaftlichkeit schlang
die besorgte Mutter die Arme um das geliebte Kind und versuchte auf alle Weise
es zu beruhigen. Sie versicherte Jenny, dass sie allerdings glaube, der Vater
würde ihre Verbindung mit Joseph gern sehen, doch sei es ihm nie in den Sinn
gekommen, jemals ihrer Neigung Zwang anzutun. Sie solle selbst über ihre
Zukunft entscheiden; sie wisse ja, dass die Eltern keinen andern Wunsch hätten,
als das Glück ihrer Kinder - aber Alles war vergeblich. Jenny konnte nicht zur
Ruhe kommen, und die Mutter sah an der Leidenschaftlichkeit, die so plötzlich,
so anscheinend grundlos hervorgebrochen war, dass wohl schon lange ein andres
stilles Feuer in Jenny's Seele geglüht haben mochte. Wer dieses Feuer aber
angefacht, das wusste sie nicht zu erraten. Sie konnte sich nicht erinnern, dass
irgend einer der jungen Männer, die in ihr Haus eingeführt waren und Jenny auf
jede Weise huldigten, einen besonderen Eindruck auf diese gemacht hätte. Sie
sann und sann, während die Tochter noch ganz erhitzt und aufgeregt wieder an den
Nähtisch zurückgekehrt war, und sich emsiger als sonst mit einer Arbeit
beschäftigte, die gar nicht so grosser Eile bedurfte. Sie wurde aber allmälig
ruhiger dadurch, und hatte sich äusserlich bereits gesammelt, als man den Doctor
Steinheim meldete.
    Einen Augenblick schwankte die Mutter, der in dieser Stimmung jeder Besuch
unwillkommen war, ob sie ihn annehmen solle, oder nicht, dann entschied sie sich
dafür, weil sie hoffte, Steinheim's Lebhaftigkeit werde Jenny auf angenehme
Weise zerstreuen. Als er darauf nach wenig Minuten in das Zimmer trat, wurde er
von beiden Damen wie ein alter Bekannter behandelt. Er mochte siebenundzwanzig
bis achtundzwanzig Jahre alt sein, hatte eine grosse, kräftige Figur und einen
vollblütigen, rotbraunen Teint. Sein krauses schwarzes Haar, die dunkeln Augen
und der starke bläuliche Bart konnten ebenso gut dem Südländer als dem Juden
gehören, und machten, dass er von vielen Leuten für einen schönen Mann gehalten
wurde, während Andere die Kohlschwarzen Augen starr und unheimlich, die
Schultern hoch, den starken Hals zu kurz und Hände und Füsse so gross fanden, dass
dieses Alles ihm jeden Anspruch auf wirkliche Schönheit unmöglich mache. Er
selbst schien indessen gar nicht dieser Meinung zu sein, das bewies die sehr
studirte Toilette, die aber trotz ihrer gesuchten Eleganz des Geschmacks
ermangelte. Er trug an jenem Morgen einen kurzen dunkelgrünen Ueberrock, zu dem
eine ebenfalls grüne Atlasweste und mehr noch ein dunkelroter türkischer Shawl
sonderbar abstachen, den er unter der Weste kreuzweise über die Brust gelegt und
mit einer grossen Brillantnadel zusammengesteckt hatte. Handschuhe, Stiefel und
Frisur waren nach der modernsten Weise gewählt, aber all das stand ihm, als ob
er es eben wie eine Verkleidung angelegt hätte. Es war für den feinen Beobachter
etwas Unharmonisches in der ganzen Erscheinung, das störend auffiel.
    Ich bitte tausendmal um Vergebung, sagte er, dass ich in diesem Morgenanzug
vor Ihnen erscheine, aber ich bin so durchweg erkältet, meine Nerven sind so
abgespannt, mein Wunsch, Sie zu sehen, war so gross, dass ich dachte, die Damen
entschuldigen Dich wohl. Es ist allerdings eine Verwegenheit - aber: »ich kann
nicht lange prüfen oder wählen, bedürft Ihr meiner zu bestimmter Tat, dann ruft
den Tell! Es soll an mir nicht fehlen.«
    Mein Gott! Herr Doctor! geht es so bergab mit Ihnen, dass Sie von dem
göttlichen Shakespeare, dem erhabenen Calderon und dem heiligen Schmerzenssohne
unserer Zeit, dem unvergleichlichen Byron, schon zu unserm armen Schiller
zurückkehren müssen? Sie haben also in den letzten Tagen wohl gar zu viele
Citate verbraucht? fragte Jenny spottend, und -
    Jenny! 'rief die Mutter mit missbilligendem Tone. - Aber Steinheim liess sich
nicht stören, er ging zu Jenny und sprach: »Mit Ihnen, Herzogin, hab' ich des
Streits auf immer mich begeben,« und Sie werden auch nicht mehr streiten wollen,
meine schöne kleine Feindin! wenn ich Ihnen sage, dass ich als der Verkünder sehr
interessanter Nachrichten komme. Erstens ist Erlau entzückt über den Vorschlag
Ihrer Frau Mutter, hier am Sylvesterabend Tableaux darzustellen, zweitens - -
nun raten Sie - hat man heute Herrn Salomon, einen jüdischen Kaufmann, zu einem
städtischen Amte erwählt.
    Das Letztere ist mir ungemein gleichgültig, rief Jenny, aber für die erste
Nachricht bin ich Ihnen sehr dankbar, und sie macht mir grosses Vergnügen. Weiss
es Eduard schon?
    Was denn?
    Dass der Kaufmann Salomon gewählt ist? - fragte Jenny.
    Also sehen Sie, sehen Sie, es ist Ihnen doch nicht so gleichgültig, als Sie
behaupten, und wie könnte es auch. Wen sollte es nicht freuen, wenn alte
barbarische Vorurteile allmälig vor der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit
weichen müssen; wenn ein Volk, das Jahrhunderte hindurch mit Füssen getreten
wurde, endlich allmälig die Rechte erlangt, an die es dieselben Ansprüche hat,
als die andern Bürger des Staates, wenn .... A propos! was ist gestern bei
Horn's vorgefallen, man liess ja Eduard noch so spät holen? sagte Steinheim, der
oft von dem Hundertsten, wie man sagt, auf das Tausendste kam. - Ich höre, die
Clara Horn hat den Fuss gebrochen; Erlau sagte es mir, der mich, das fällt mir
eben ein, bei der Giovanolla erwartet! Wie hat sie Ihnen gestern gefallen, die
Giovanolla? Sie gehen doch morgen wieder hin? - Das Alles fragte er so
durcheinander, dass es nicht möglich war, irgend eine der Fragen zu beantworten;
dann wandte er sich, Abschied nehmend an Madame Meyer, riet Jenny nochmals, das
Teater nicht zu versäumen, und empfahl sich mit den Worten: »So süss ist
Trennungswehe, ich sagte wohl Adieu, bis ich den Morgen sähe.«
    Mutter und Tochter sahen ihm lächelnd nach.
    Ehe wir in der Erzählung fortfahren, müssen wir aber einen Rückblick auf den
Lebensweg der Personen werfen, von denen diese Blätter handeln sollen.
Die Familie Meyer galt bei Allen, die sie kannten, für eine der glücklichsten.
Der Vater hatte ein hübsches Vermögen, das er von seinen Eltern ererbt, durch
Tätigkeit und kluge Berechnung in einen grossen Reichtum verwandelt, dessen er
bei seiner Bildung auf würdige Weise zu geniessen wusste, und von dem er dem
Dürftigen gern und reichlich mitteilte. Aus Neigung hatte er sich früh mit
seiner Frau, einem schönen und guten Mädchen, verheiratet, die ihm mit immer
gleicher Liebe zur Seite gestanden, und ihm zwei Kinder, Eduard und Jenny,
geboren hatte. In seiner Frau, und mit ihr in diesen beiden Kindern, hatte Meyer
Trost und Ersatz gefunden, wenn Welt und Menschen ihren Hass und ihre
Unduldsamkeit gegen den Juden bewiesen, wenn man ihn ausgeschlossen hatte von
Gemeinschaften, ihm Rechte verweigert, deren Gewährung jeder Mann von Ehre zu
fordern hat. Die Tätigkeit, Wirksamkeit und Liebe, denen einer grossen
Gesammteit zu nutzen nicht vergönnt war, waren lange Zeit hindurch Eduard's
alleiniger Segen geworden, da er mehr als zehn Jahre älter war als seine
Schwester.
    Man wundert sich oft, dass die Juden noch immer die Geburt eines Messias
erwarten und die göttliche Sendung Jesu weder anerkennen noch begreifen. Aber
von ihrem Standpunkte aus muss das ganz natürlich scheinen. Wie sollten sie an
eine Lehre glauben, deren missverstandene Grundsätze ihnen bis auf den heutigen
Tag die blutigsten, widersinnigsten Verfolgungen zugezogen haben? wie an einen
Erlöser, der sie bis jetzt nicht von Schmach und Unterdrückung erlöset hat? Von
der Liebe, die Jesus der Menschheit gepredigt, haben die Juden bei den Christen
seit jener Zeit wenig zu bemerken Gelegenheit gehabt. Sir haben in der Tat noch
keinen Messias gefunden. Welch ein Wunder also, wenn sie ihn um so sehnlicher
erwarten, je mehr sie der Befreiung und Erlösung sich wert fühlen; wenn jeder
Vater bei der Geburt eines Sohnes freudig hofft, dies könne der Erlöser seines
Volkes werden, und wenn er den Knaben so erziehen möchte, dass der Mann reif
werde für den grossen Zweck.
    So war auch Eduard's Erziehung in jeder Beziehung sorgfältig geleitet
worden. Sie sollte ihn zu einem Menschen heranbilden, der in sich Ersatz für die
Entbehrungen finden könnte, welche das Leben ihm auferlegen würde, und sollte
ihn anderseits fähig machen, die Verhältnisse zu besiegen, und sich wo möglich
eine Stellung zu verschaffen, die ihn der Entbehrungen überheben und alle
Vorurteile besiegen könne. Glücklicherweise kamen Eduard's Fähigkeiten dem
Wunsche seiner Eltern entgegen. Eine starke Fassungsgabe und eine grosse
Regsamkeit des Geistes machten, dass er die meisten seiner Mitschüler
überflügelte, und erwarben ihm ebenso sehr die Gunst der Lehrer, als eine
gewisse Herrschaft über seine Gefährten. Von Liebe und Wohlwollen überall
umgeben, schien sein Charakter eine grosse Offenheit zu gewinnen, und er galt für
einen fröhlichen, sorglosen Knaben, bis einst in der Schule der Sohn einer
gräflichen Familie, mit dem er sich knabenhaft in Riesenplanen für die Zukunft
verlor, bedauernd gegen ihn äusserte: Armer Meyer, Dir hilft ja all Dein Lernen
Nichts, Du kannst ja doch nichts werden, weil Du nur ein Jude bist.
    Von dieser Stunde ab war der Knabe wie verwandelt. Er erkundigte sich eifrig
nach den Verhältnissen der Juden, er fühlte sich gedrückt und gekränkt durch
sie, und nur sein angeborner Stolz verhinderte ihn, sich gedemütigt zu fühlen;
doch entwickelte sich durch das Nachdenken über diesen Gegenstand bei ihm sehr
früh der Begriff von jenen Rechten des Menschen, die Alle in gleichem Grade
geltend zu machen vermögen, das Bewusstsein innern Wertes, und ein Zorn gegen
jede Art von Unterdrückung. Je älter er wurde, und je mehr er erkennen lernte,
welche Vorzüge ihm schon bei seiner Geburt, durch die Aussicht auf eine
glänzende Unabhängigkeit zu Teil geworden waren, je bestimmter er einsah, zu
welchen Ansprüchen ihn seine Fähigkeiten einst berechtigen dürften, um so mehr
empörte sich sein Herz gegen ein Vorurteil, das alle seine Hoffnungen
unerbittlich vernichtete.
    Grade in der Zeit von Eduard's Kindheit war wieder eine neue Judenverfolgung
durch ganz Deutschland gegangen und die allgemeine Stimmung hatte sich natürlich
auch in der Schule sichtbar gemacht, die Eduard besuchte. Spott und Kränkungen
mancher Art waren nicht ausgeblieben; man hatte wohl gehofft, der feige
Judenjunge werde Alles ruhig dulden. Darin hatte man sich aber geirrt. Eduard's
Charakter war furchtlos, und er erlangte durch Uebung bald eine Gewandteit und
Entschlossenheit, die Jeder sich anzueignen vermag. Er lernte fechten, reiten,
schwimmen, und nachdem er sich ein paar Mal mit starker Hand selbst sein Recht
verschafft hatte, fand er Ruhe, und endlich auch wieder seine frühere überlegene
Stellung zu seinen Gefährten wieder. Hatte der Jüngling früher in einzelnen
Momenten dem Gedanken Raum gegeben, sich von dem Judentume loszusagen und
christ zu werden, so verschwand der Plan plötzlich bei dem Anblick der
Rohheiten, die er als Knabe selbst von sogenannten gebildeten Christen gegen
seine Glaubensgenossen ausüben sehen. Er konnte sich nicht denken, dass das Recht
und die Wahrheit sich auf einer Seite befänden, die so zu handeln im Stande war,
und Verfolgung machte auch ihn, wie tausend Andere zu allen Zeiten, nur fester
seinem Volke angehörig.
    Er hatte sich aber in jener Zeit gewöhnt, sich in der Opposition zu
empfinden und das Gefühl verliess ihn nie wieder, weil er beständig in
Verhältnissen lebte, die dazu gemacht waren, seine Opposition hervorzurufen.
    Da Eduard keine Neigung für den Kaufmannsstand hegte, beschlossen seine
Eltern, ihn studiren zu lassen, wobei ihm freilich nur die Wahl blieb, Mediziner
zu werden, oder nach beendigten Studien in irgend einem andern Fache als
Privatgelehrter zu arbeiten, da ihm der Eintritt in eine Staatsstelle ebenso wie
die Erlangung eines Lehrstuhles als Jude unmöglich waren. Er entschied sich für
das Erstere und verliess das Vaterhaus, um die Universität zu beziehen.
    Glücklicherweise herrschte damals auf den Hochschulen ein freier
akademischer Geist, und die neuen Verhältnisse übten auf Eduard einen guten
Einfluss aus. Hier galt er selbst, sein eigenstes Wesen, ohne dass ihn Jemand
fragte, wer bist Du? und was glaubst Du? Sein Geist, seine körperliche
Gewandteit erwarben ihm die Achtung seiner Genossen, sein Fleiss, das Wohlwollen
der Lehrer, und die Bereitwilligkeit, mit der sein reichlich gefüllter Beutel
Allen offen stand, die Sorglosigkeit und Genussfähigkeit, die er zu jedem Feste
brachte, machten ihn bald zum Lieblinge der ganzen Burschenschaft, der er sich
mit jugendlicher Begeisterung angeschlossen hatte. Die Idee der Freiheit und
Sittlichkeit, die jenem Bunde ursprünglich zum Grunde lag, berührte die
zartesten Seiten seiner Seele, und kam seiner ganzen Richtung entgegen. Er
fühlte sich gehoben als Glied eines schönen Ganzen, das harmonisch aus den
verschiedensten Elementen zusammengesetzt war, frei in einem Verbande, in dem
Alle gleiche Rechte genossen.
    Unter den Jünglingen, die sich an ihn angeschlossen hatten, und deren
Freundschaft ihn beglückte, war Reinhard ihm der liebste geworden. Er war der
Sohn einer armen Predigerwittwe, die einer reichen Familie angehörte. Von seinen
Verwandten unterstützt, hatte er die Schule besucht und kaum die Universität
bezogen, als er erklärte, nun weiter keines Beistandes zu bedürfen, da er in
sich die Kraft fühle, für seine Existenz selbst zu sorgen und hoffentlich auch
seine Mutter ernähren zu können. Es hatte ihn seit Jahren schmerzlich gedrückt,
von Andern abhängig zu sein, es hatte ihn gedemütigt, seine Mutter von den
Wohltaten einer hochmütigen Familie leben zu sehen, welche ihr niemals die
Heirat mit einem armen bürgerlichen Candidaten vergeben wollen. Abhängigkeit
irgend einer Art schien ihm die grösste Schmach, weil sie ihm Kränkungen
zugezogen, die er nie vergessen konnte, und nur zu leicht mussten er und Eduard
sich verständigen, da Beide, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen, sich in
ihrem Ehrgefühle verletzt, in mancher Rücksicht von der Allgemeinheit
ausgeschlossen empfunden hatten.
    Wenn Reinhard den halben Tag mit mühevollem Unterrichten zugebracht hatte,
und mit unerschütterlichem Eifer seinen teologischen Studien nachgekommen war,
erquickte ihn Abends der Frohsinn, der Geist und der Reichtum an Hoffnungen,
mit denen Meyer in die Zukunft sah. Im Anfang ihrer Bekanntschaft waren ihre
religiösen Ueberzeugungen freilich oftmals zwischen ihnen zur Sprache gekommen,
und ein Gegenstand lebhafter Erörterungen geworden. Meyer konnte es nicht
begreifen, wie man an einen Sohn Gottes, an seine Menschwerdung, an die
Dreieinigkeit, an die wirkliche Anwesenheit Christi im Abendmahl zu glauben
vermöge - ein Glaube, den Reinhard mit tiefer Ueberzeugung heilig hielt, und den
zu lehren und zu predigen sein sehnlichster Wunsch war; denn er gehörte zu jenen
poetischen Naturen, die sich Alles, was sie ergreifen, zu einer Religion
gestalten, und bei denen der Glaube an die Wunder ein wahrhaftes Bedürfnis ist.
Später aber war davon niemals mehr die Rede zwischen ihnen gewesen, weil sie
fühlten, dass der verschiedene Glaube sie Beide doch zu demselben Ziele leite,
und ein äusseres Ereignis war dazu gekommen, sie noch fester zu verbinden.
    Es war gegen die Zeit ihres Abgangs von der Universität gewesen, als die
Regierung es für nötig gefunden hatte, eine Untersuchung gegen die
Burschenschaft einzuleiten. Meyer und Reinhard waren nebst vielen Andern
verhaftet, längere Zeit mit Verhören und Untersuchungen geplagt und erst nach
einem halben Jahre freigesprochen worden. Meyer hatte diese Zeit gezwungener
Zurückgezogenheit benutzt, sich für sein Doctorexamen vorzubereiten, das er in
den ersten Tagen der wiedererlangten Freiheit gemacht, und war dann in seine
Vaterstadt zurückgekehrt, um dort seine Carriere zu beginnen. Zwar war er, wie
es zu geschehen pflegte, noch eine geraume Zeit unter der sorgsamen Aufsicht der
höhern Polizei geblieben, aber das hatte ihn in der Ausübung seiner
medicinischen Praxis nicht gehindert, die er gleich mit dem glücklichsten
Erfolge begann. Anfänglich waren es, wie gewöhnlich, nur die Armen gewesen, die
seiner Hülfe begehrt und sie bei ihm gefunden hatten, doch das Gerücht von
einigen glücklichen Kuren, von seiner Uneigennützigkeit und Menschenliebe, hatte
sich schnell verbreitet, seine Praxis hatte angefangen, sich auch in den höhern
Ständen auszudehnen, und sein Loos würde ein beneidenswertes gewesen sein, wenn
nicht aufs Neue die alten Vorurteile gegen ihn geltend gemacht worden wären.
    Meyer's sehnlichster Wunsch war nämlich dahin gegangen, Vorsteher irgend
einer bedeutenden klinischen Anstalt zu werden, um lehrend zu lernen und zu
nützen. Auf eine solche Stelle an irgend einer Universität Deutschlands hatte er
aber nicht rechnen können, und es war ihm also wünschenswert geworden,
wenigstens die Leitung einer Krankenanstalt zu erhalten. Als dann durch den Tod
eines alten Arztes die Directorstelle eines Stadtlazarets freigeworden, hatte
er nicht gezögert, sich darum zu bewerben, besonders da er einer günstigen
Meinung im Publicum gewiss gewesen war. Die Vorstellungen der Armenvorsteher und
mancher andern Leute hatten die betreffende Behörde auch wirklich dazu vermocht,
den jungen geachteten Arzt, dessen Kenntnisse ihn ebenso sehr zu dieser Stelle
empfahlen, als seine strenge Rechtlichkeit und seine reinen Sitten, zum Director
zu wählen und bei der Regierung um seine Bestätigung einzukommen. Meyer war auf
dem Gipfel des Glückes gewesen, und in der Freude seines Herzens hatte er sich,
nachdem er gewählt worden war, anheischig gemacht, auf das immerhin bedeutende
Gehalt zu Gunsten der Lazaretkasse zu verzichten. Einige Wochen waren in frohen
Erwartungen hingeschwunden, er hatte die Glückwünsche seiner Freunde empfangen
und bereits daran gedacht, seine Wohnung im elterlichen Hause mit der neuen
Amtswohnung zu vertauschen, als der Bescheid der Regierung angelangt war,
welcher statt der erwarteten Bestätigung die Aufforderung entalten, Meyer möge
zum Christentume übertreten, da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei,
einem Juden irgend eine Stelle anzuvertrauen. Vergebens waren seine
Vorstellungen, wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hindernis
sein könne, wie diese Zurückweisung in den Gesetzen des Staates nirgends
begründet sei - die Regierung war bei ihrem Entschlusse geblieben. Man hatte
Meyer einen unruhigen Kopf genannt; seine Neider, an denen es dem Talentvollen,
Glücklichen nie fehlt, hatten über die jüdische Anmassung gelacht, die sich zu
Würden dränge, für die sie nicht berufen sei, und dabei vergessen, dass die
Behörden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl für den Würdigsten
erklärt hatten.
    Auf das Empfindlichste gekränkt, hatte Meyer schon damals sein Vaterland
verlassen wollen; doch die angeborene Liebe zu demselben und der Gedanke an
seine Eltern hatten ihn davon zurückgehalten. Er war in der Heimat geblieben,
und obgleich er das Unrecht, das ihm geschehen, niemals vergessen, oder es
verschmerzen können, das schöne Feld für seine Tätigkeit verloren zu haben,
hatten ihn die Anerkennung, die er fand, der ausgezeichnete Ruf, den er erwarb,
endlich schadlos gehalten für die erfahrene Zurücksetzung.
    Bei seiner Rückkehr von der Universität hatte er Jenny als ein liebliches
Kind von eilf Jahren wiedergefunden, das sich mit leidenschaftlicher Innigkeit
an ihn hing, und für das er eine Zärtlichkeit fühlte, die ebenso viel von der
Liebe eines Vaters, als eines Bruders besass. Die Eltern hatten die Kleine
niemals aus den Augen verloren, und jeden Wunsch des nachgebornen Lieblings mit
zärtlicher Zuvorkommenheit erfüllt. Eduard war überrascht durch den Verstand und
den schlagenden Witz des Kindes, er sah, dass ein lebhaftes, leidenschaftliches
Mädchen aus demselben werden müsse, konnte sich es aber nicht verbergen, dass die
übergrosse Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht, einen Eigensinn
entstehen gemacht hatten, dem bis jetzt nur durch seinen Vetter Joseph eine
Schranke gesetzt worden war, der, im Meierschen Hause lebend, die Kleine mit
seiner ernsten, rauhen Art tadelte und zurechtwies. Dafür hatte Jenny den Cousin
schon damals nicht leiden mögen, und es dem Bruder unter vielen Tränen geklagt,
wie garstig der Joseph sei, wie er ihr Alles zum Trotze täte, und wie sie
hoffe, in Eduard einen Beschützer gegen den unliebenswürdigen Cousin zu finden.
    Der junge Mann begriff bald, dass bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten
sei, und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem
Lehrer und Erzieher. Sie lernte fast spielend, ja es schien oft, als läge das
Verständnis aller Dinge in ihr, und man dürfe sie nur daran erinnern, um klar
und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen, die man ihr erst mitzuteilen
wünschte. Ebenso wahr und offen als Eduard, wuchs sie diesem von Tag zu Tag mehr
ans Herz, und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte, dass sich in Jenny zu
viel Selbstgefühl und eine fast unweibliche Energie zeigten, obgleich er es
Joseph zugestehen musste, dass sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu
früh, die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten, so fiel es ihm doch
schwer, als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben musste, weil
seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit mehr dazu übrig liess.
    Eduard drang deshalb darauf, man möge seine Schwester einer Privatschule
anvertrauen, die von den Töchtern der angesehensten Familien besucht wurde. Er
hoffte, der Umgang und das Zusammenleben mit Mädchen ihres Alters werde bei
Jenny die Härten und Ecken, die ihr Charakter zu bekommen schien, am leichtesten
vertilgen. Die Eltern folgten seinem Rate und die neuen Verhältnisse machten in
vielen Beziehungen einen günstigen Eindruck auf Jenny. Sie gewöhnte sich, ihrem
Witze nicht so zügellos den Lauf zu lassen wie in dem elterlichen Hause, wo man
ihre beissendsten Einfälle nur lachend getadelt hatte; sie lernte es, sich in den
Willen ihrer Mitschülerinnen zu fügen, dem Lehrer zu gehorchen, aber sie fing
auch an, sich ihrer Fähigkeiten bewusst zu werden, welche sie in eine Klasse
gebracht, in der alle Mädchen ihr im Alter um mehrere Jahre voraus waren. Von
einem Umgange, wie Eduard ihn für sie gehofft hatte, war indessen nicht die
Rede. Die halberwachsenen Mädchen dieser ersten Klasse mochten sich
grösstenteils mit dem bedeutend jüngern Kinde weder unterhalten, noch
befreunden, das ihnen obenein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde. Andere,
denen Jenny's lebhaftes, freimütiges Wesen behagte, und die gern mit ihr
zusammen waren, konnten von ihren Eltern nicht die Erlaubnis erhalten, die
Tochter einer jüdischen Familie einzuladen oder zu besuchen, und zu diesen
Letztern gehörte auch Clara Horn. Zwei Jahre älter als Jenny, hatte sie dieselbe
unter ihre Vormundschaft genommen, ihr geraten und geholfen, wenn das verzogene
Mädchen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden gewusst, und dadurch ihr
volles Vertrauen erworben. Ihr hatte Jenny in den Zwischenstunden von ihren
Eltern, von ihrem Bruder, von allen ihren Freuden erzählt, und damit ihrer
Beschützerin eine Vorliebe für die ganze Meiersche Familie eingeflösst. Wenn nun
Clara nach solcher Mitteilung ihre kleine Freundin glücklich pries, und sie um
die Eintracht ihrer Eltern und die Liebe ihres Bruders beneidete, da sie Beides
entbehrte, wenn Jenny sie dringend bat, zu ihr zu kommen und das Alles mit ihr
zu geniessen, hatte Clara immer verlegen geantwortet, sie dürfe das nicht.
Endlich hatte Jenny sie einmal beschworen, ihr den Grund zu sagen, warum sie
nicht zu ihr kommen könne, da hatte Clara ihr mit Tränen erklärt, sie dürfe
nicht, weil Jenny's Eltern Juden wären und ihre Eltern diesen Umgang niemals
gestatten würden. Jenny wurde glühend rot, sprach aber kein Wort, und gab nur
schweigend der weinenden Clara die Hand. Die nächsten Stunden sass sie so
zerstreut da, dass weder Lehrer noch Mitschüler sie erkannten. Sie dachte über
Clara's Worte nach, und es wurde ihr klar, wie sie allein und einsam in der
Schule sei, wie keines von den ihr befreundeten Mädchen sie besuche, oder ihre
Einladungen annähme, ausser bei solchen Gelegenheiten, wo man die ganze Klasse
einlud, und sie, ohne es zu auffallend zu machen, nicht zurücklassen konnte. Sie
erinnerte sich der ewigen Frage, bei wem sie eingesegnet werden würde, und des
Lächelns, wenn sie den Namen des jüdischen Predigers nannte. Es schien ihr
unerträglich, künftig in diesem Kreise zu leben, und als sie nach Hause kam,
warf sie sich weinend den Eltern in die Arme, flehentlich bittend, man möge sie
aus der Schule fortnehmen. Alle Tränen, die sie in der Schule standhaft
unterdrückt hatte, brachen nun gewaltsam hervor. Eduard kam dazu, und bei der
Schilderung, die sie von ihrer Zurücksetzung und Ausgeschlossenheit machte,
deren sie sich jetzt plötzlich bewusst geworden war, fühlten ihre Eltern und ihr
Bruder nur zu lebhaft, dass sie auch dies geliebte Kind nicht gegen die
Vorurteile der Welt zu schützen, ihm nicht die Leiden zu ersparen vermochten,
die sie selbst empfunden hatten und nun wieder mit ihm erdulden mussten.
    Jenny länger in der Anstalt zu lassen, fiel Niemand ein, weil man das bei
ihrem Charakter fast für untunlich hielt und mit Recht fürchtete, dass ihre
Fehler, die man zu bekämpfen wünschte, dort unter diesen Verhältnissen nur
wachsen könnten. Man gab also den Besuch der Schule wieder auf, und Jenny sollte
wieder zu Hause unterrichtet werden, wobei man aber die Aenderung machte, dass
man ihr Terese Walter, die Tochter einer armen Beamtenwittwe, zur Gefährtin
gab, die in der Nachbarschaft wohnte und mit der sie von früh auf bekannt
gewesen war.
    Jenny hatte bis dahin für Terese keine besondere Zuneigung gefühlt. Jetzt,
getrennt von der Schule, in welcher Umgang mit Mädchen ihr zum Bedürfnis
geworden war, wurde Terese ihr Ersatz für diese Entbehrung, ja, ihr einziger
Trost. Es bildete sich dadurch allmälig eine Freundschaft zwischen den beiden
Mädchen, die sich sonst wohl niemals besonders nahe getreten wären, da Teresens
mittelmässige Anlagen, ihr ruhiges und stilles Wesen zu Jenny's Art und Weise
nicht recht passten, und sie derselben unterordneten, was aber freilich dazu
beitrug, das Verhältnis zu befestigen.
    Als es nun nötig wurde, einen Lehrer für die beiden, jetzt fast
fünfzehnjährigen Mädchen zu wählen, schlug Eduard seinen Freund Reinhard dazu
vor, der in sehr beschränkten Verhältnissen noch immer in der Universitätsstadt
lebte, in welcher die Freunde einander begegnet waren. Reinhards Bemühungen,
nach gemachtem Examen eine Pfarre zu bekommen, waren an dem Einwande
gescheitert, den man gegen ihn wegen seiner burschenschaftlichen Verbindungen
machte. Ein paar Jahre war er Hauslehrer gewesen, hatte die Stelle aber
aufgegeben, weil sein Gehalt zwar für seine Bedürfnisse hinreichte, jedoch nicht
gross genug war, seiner Mutter die Unterstützung zu gewähren, deren sie bedurfte.
Seitdem hatte er durch Unterrichten und durch literarische Tätigkeit für sich
und seine Mutter zu sorgen gesucht. Von Eduard Beistand anzunehmen, hatte er
verweigert, und nur mit Vorsicht konnte derselbe ihm den Vorschlag machen, nach
dessen Vaterstadt zu kommen, um den Unterricht der beiden Mädchen unter den
vorteilhaften Bedingungen, die man ihm stellte, zu übernehmen.
    Eduard's Plan gelang. Er sah seinen Freund nach mehrjähriger Abwesenheit
wieder, und fand in ihm mit grosser Freude den alten treuen Gefährten, den er
verlassen hatte; doch war er im Denken und Fühlen mannigfach verändert. Ein
düsterer Ernst hatte sich seiner bemächtigt. Die Armut hatte ihn stolz,
misstrauisch und reizbar gemacht, und dadurch die Schönheit seines Charakters
beeinträchtigt. Im höchsten Grade streng gegen sich selbst, wahr gegen seine
Freunde, glühte er für Recht und Freiheit, hing er mit dem alten schwärmerischen
Glauben dem Christentume an, das ihm der Urquell der Wahrheit und der Liebe
war. Der günstige Erfolg, den sein Unterricht im Meierschen Hause hatte,
verschafte ihm bald so viele Schüler, dass er den Aufforderungen, die in dieser
Beziehung an ihn gemacht wurden, kaum genügen konnte, während sie ihm eine
sorgenfreie Existenz bereiteten, da der Unterricht in der reichen Handelsstadt
ganz anders als in dem kleinen Universitätsstädtchen bezahlt wurde. Er konnte
seine Mutter zu sich nehmen, mit der er seine kleine freundliche Wohnung
teilte, und die treffliche Frau wurde bald in vielen Familien, besonders aber
im Meierschen Hause ebenso geachtet und geliebt, als Reinhard selbst. -
    Auf Jenny hatte der neue Lehrer einen eigentümlichen Eindruck gemacht. Weil
Eduard ihn so hoch hielt, hatte sie im Voraus die günstigste Meinung für ihn
gehegt, und als nun Reinhard in ihrem elterlichen Hause vorgestellt worden,
hatten ihr sein Äußeres und sein ganzes Wesen auf ungewohnte Weise Beachtung
geboten. Weit über die gewöhnliche Grösse, schlank und doch sehr kräftig gebaut,
hatte er eine jener Gestalten, unter denen man sich die Ritter der deutschen
Vorzeit zu denken pflegte. Hellbraunes, weiches Haar, und grosse blaue Augen, bei
graden regelmässigen Zügen, machten das Bild des Deutschen vollkommen, und ein
Ausdruck von melancholischem Nachdenken gab ihm in Jenny's Augen noch höhere
Schönheit. Er bewegte sich ungezwungen, sprach mit einer ruhigen Würde, für die
er fast zu jung schien, doch liessen sich seine grosse Abgeschlossenheit, seine
sichtbare Zurückhaltung nicht verkennen, die er selbst der Freundlichkeit
entgegensetzte, mit der man ihn im Meierschen Hause empfing. Terese und Jenny,
welche man ihm als seine künftigen Schülerinnen vorstellte, behandelte er mit
einer Art Herablassung, die Terese nicht bemerkte, von der aber Jenny, durch
die Huldigungen Steinheim's und Erlau's bereits verwöhnt, sich so betroffen
fühlte, dass sie ganz gegen ihre sonstige Weise sich scheu zurückzog und weder
durch Reinhard's Fragen, noch durch Eduard's und der Eltern Zureden in das
Gespräch und aus ihrer Befangenheit gebracht werden konnte.
    Nach einigen Tagen hatte der Unterricht begonnen, und beide Teile waren
sehr mit einander zufrieden gewesen. Reinhard fühlte sich durch die
ursprüngliche Frische in Jenny's Geist angenehm überrascht, und die ruhige,
stille Aufmerksamkeit Teresens machte ihm Freude. Was Jene plötzlich und
schnell erfasste, musste diese sich erst sorgsam zurechtlegen und klar machen,
dann aber blieb es ihr ein liebes, mühsam erworbenes Gut, dessen sie sich innig
freute, während Jenny des neuen Besitzes nicht mehr achtete, wenn er ihr
Eigentum geworden war, und immer eifriger nach neuen Kenntnissen strebte. Diese
unruhige Eile machte, dass sie sich ihres geistigen Reichtums kaum bewusst ward
und sich und Andere damit in Verwunderung setzte, wenn sie gelegentlich
veranlasst wurde, ihn geltend zu machen.
    Für Reinhard war der Unterricht doppelt anziehend. Er hatte wenig in
Gesellschaften gelebt, wenig mit Frauen verkehrt, und ihr eigentümliches
Gemütsleben, die ganze innere Welt desselben, war ihm fremd. Mit erhöhter
Begeisterung las er die deutschen Klassiker mit den Mädchen, wenn er Jenny,
hingerissen durch die Schönheit der Dichtung, rot werden und ihr Auge in
Tränen schwimmen sah. So hatte er ihnen einst das erhabene Gespräch zwischen
Faust und Gretchen vorgetragen, das mit den Worten beginnt: »Versprich mir,
Heinrich!« und das schönste Glaubensbekenntnis eines hohen Geistes entält.
Reinhard selbst fühlte sich wie immer lebhaft davon ergriffen, und als Jenny bei
den Versen: »Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist Alles. Name ist Schall und
Rauch, umnebelnd Himmelsglut!« weinend vor Wonne dem Lehrer beide Hände reichte,
ihm zu danken, hatte er dieselben schnell und warm in die seinen geschlossen,
obgleich er es einen Augenblick später schon bereute.
    In Folge dieser Stunde und eines dadurch entspringenden Gesprächs war
Reinhard zu der Erkenntnis gekommen, dass Jenny, obgleich tief durchdrungen von
dem Gefühl für Schönheit und Recht und von dem zartesten Gewissen, dennoch in
seinem Sinne aller religiösen Begriffe entbehrte. Ihre Familie hatte sich von
den jüdischen Ritualgesetzen losgesagt; Jenny hatte daher von frühester Kindheit
an sich gewöhnt, ebenso die Dogmen des Judentums als die des Christentums
bezweifeln und verwerfen zu hören, und es war ihr nie eingefallen, dass es
Naturen geben könne, denen der Glaube an eine positive geoffenbarte Religion
Stütze und Bedürfnis sei. Ja, sie hatte ihn, wo ihr derselbe erschienen war,
mitleidig wie eine geistige Schwäche betrachtet. Um so mehr musste es sie
befremden, dass Reinhard, vor dessen Geist und Charakter ihr Bruder so viel
Verehrung hatte, dass ihr Lehrer, der ihr so wert geworden war, einen Glauben
für den Mittelpunkt der Bildung hielt, den sie wie ein leeres Märchen, wie eine
den wahren Kern verhüllende Allegorie zu betrachten gelernt hatte. Reinhard
behauptete geradezu, dass ein weibliches Gemüt ohne festes Halten an Religion
weder glücklich zu sein, noch glücklich zu machen vermöge. Absichtlich führte er
deshalb die Unterhaltung mit seinen Schülerinnen häufig auf christlich-religiöse
Gegenstände, so dass in seinem Unterricht Religion und Poesie Hand in Hand
gingen, wodurch den Lehren des Christentums ein leichter und gewinnender Einzug
in Jenny's Seele bereitet wurde.
    Ihr und Reinhard unbewusst war aber mit dem neuen Glauben nur zu bald eine
leidenschaftliche Liebe für den Lehrer desselben in des Mädchens Herzen
entstanden, für den begeisterten jungen Mann, der ihr wie ein Apostel des Wahren
und des Schönen gegenüberstand. Aus Liebe zu ihm zwang sie sich, die Zweifel zu
unterdrücken, die immer wieder in ihrem Geiste gegen positive Religionen
aufstiegen, und sich nur an die Morallehren zu halten, die dem Gläubigen in dem
Christentume geboten werden. Reinhard seinerseits hatte nicht eigentlich daran
gedacht, seinem Glauben eine Proselytin zu gewinnen, diese Schwäche lag ihm
fern, denn er liess jeden Glauben gelten, weil er Geltung für den seinen
forderte; nur einem dringenden Mangel in dem Herzen seiner Schülerin hatte er
abhelfen wollen. Er war überzeugt, dass der Glaube in Jenny den geistigen
Hochmut zerstören, ihr Wesen milder machen müsse, und war sehr erfreut,
wirklich diese Resultate zu erblicken, ohne zu ahnen, dass ihre weichere
Stimmung, die er für das Werk der Religion gehalten, nur eine Folge ihrer Liebe
zu ihm war. Jenny fühlte das Bedürfnis, an einen Gott zu glauben, der das Gute
jenseits lohne, weil ihr kein Erdenglück für Reinhard ausreichend schien; sie
wurde demütiger, aber nicht im Hinblick auf Gott, sondern vor dem Geliebten;
und der Gedanke, ihre Liebe könne jemals ein Ende finden, oder durch den Tod
aufhören, machte sie so unglücklich, dass ihr die Hoffnung auf Unsterblichkeit
und ein ewiges Leben wie der einzige Trost dagegen erscheinen musste.
    Den Eltern und Eduard blieb die vorteilhafte Veränderung in Jenny's Wesen
nicht verborgen, und wenn Eduard, was häufig geschah, mit Reinhard über die
Schwester sprach, so verfehlte er nicht, es dankend anzuerkennen, wie wohltuend
des Freundes Unterricht auf Jenny wirke. Nur Joseph schien die Meinung nicht zu
teilen.
    Er wird eine schlechte Christin aus ihr machen, äusserte er gelegentlich,
verweigerte es aber, sich näher darüber zu erklären, weil er ein Geheimnis nicht
verraten wollte, das ihn nur seine eifersüchtig wachende Liebe so früh hatte
erkennen lassen.
    So war Jenny in das sechszehnte Jahr getreten. Ihr Äußeres hatte sich schön
entwickelt, ihre Liebe zu Reinhard war von Tag zu Tag gewachsen, und es konnte
nicht fehlen, dass sie mit der Hingebung, die sie dem jungen Lehrer in den
Stunden bewies, einen Eindruck auf ihn machen musste, den er vergebens mit allen
Waffen der Vernunft bekämpfte. Denn welche Hoffnungen konnte er für die Neigung
hegen, die er für Jenny zu fühlen begann? Selbst wenn die Eltern darin
willigten, sie Christin werden zu lassen und sie ihm zur Frau zu geben, konnte
er es wagen, das reiche, verwöhnte Mädchen in sein armes Haus zu führen? - So
eigensüchtig durfte er nicht sein; und von den Unterstützungen ihres Vaters zu
leben, zu wissen, dass seine Frau ihre behaglichen Verhältnisse nicht ihm allein
verdanke, der Gedanke schien ihm, nach den Erfahrungen seiner Jugend, fast
unerträglich. - Nach jeder Stunde nahm er sich vor, den Unterricht unter irgend
einem Vorwande zu beendigen, um eine Liebe nicht tiefer in sich Wurzel fassen zu
lassen, die kein Erfolg krönen konnte, die einmal aufgegangen, blitzesschnell
und mächtig aufschoss, obwohl er sie mit festem Willen still in sich verschloss.
Auch Jenny hielt sich scheu zurück. Aus Furcht, sich zu verraten, ging sie,
sobald der Unterricht vorüber, und ihre Familie oder Fremde zugegen waren,
plötzlich aus ihrer Hingebung in eine fremdtuende Kälte über. Sie zeigte
anscheinend für jeden Andern mehr Teilnahme als für Reinhard, und dieser blieb
dann meistens an Teresens Seite, um im Gespräch mit ihr seine qualvolle
Aufregung so gut als möglich zu verbergen.
    Besonders war es Erlau, welcher Reinhard's Eifersucht erregte. Mit ächtem
Künstlerentusiasmus bewunderte er Jenny's erblühende Schönheit, und seine
frohe, kecke Laune half dem jungen Mädchen oft über ihre Befangenheit und über
all ihre Verwirrung fort. Es tat ihr wohl, wenn Erlau sie ganz begeistert
lobte; sie freute sich, wenn Reinhard es hörte, dessen scheinbare
Gleichgültigkeit sie schmerzte, und während sie eifersüchtig auf Terese sich
von dieser und von Reinhard fern hielt, suchte sie Erlau geflissentlich auf, der
sich ohnehin gern in ihrer Nähe befand.
    In solchen Stimmungen liess sie sich von Steinheim bisweilen zu lebhaften
Unterhaltungen hinreissen, in denen der Witz die Hauptrolle spielte, und die oft
in eine Art von Neckereien und Scherzen übergingen, an denen Reinhard, seiner
ganzen Natur nach, keinen Anteil zu nehmen vermochte. Jenny wusste das wohl,
aber sie vermochte nicht, dem Geliebten die unangenehme Empfindung zu ersparen.
Je teilnahmsloser und ferner er sich davon hielt, jemehr überzeugte sich Jenny,
dass sie ihm ganz gleichgültig sei, und um so weniger sollte er eine Ahnung von
ihrer Liebe erhalten. Nur vor Reinhard's Mutter löste sich die Stimmung des
jungen Mädchens zu seltener Weichheit auf.
    So oft die Pfarrerin das Meiersche Haus besuchte, verliess Jenny
augenblicklich die ganze übrige Gesellschaft, um sich ausschliesslich der
Pfarrerin zu weihen. Jedes Wort, das diese sprach, war ihr wert; stundenlang
konnte sie ihr zuhören, wenn sie von der Kindheit ihres Sohnes erzählte, von den
unzähligen Opfern, denen der Jüngling sich für sie unterzogen, von der immer
gleichen Liebe, die der Mann ihr darbringe, und wie sie nichts sehnlicher
wünsche, als den geliebten Sohn bald in Verhältnissen zu sehen, die es ihm
möglich machten, an der Seite einer guten Frau das Glück zu finden, das Gott ihm
gewiss gewähren müsse.
    Jede solche Erzählung diente nur dazu, Jenny's Liebe lebhafter anzufachen;
und je deutlicher das Bewusstsein derselben in ihr wurde, je bestimmter der
Wunsch in ihr hervortrat, Reinhard anzugehören, um so unerträglicher mussten ihr
die Bewerbungen Joseph's scheinen, die von den Wünschen ihrer Eltern unterstützt
wurden.
An einem der Abende, welche Jenny's Unterredung mit ihrer Mutter folgten, sassen
Madame Meyer, die Pfarrerin und Jenny in der Loge, welche ihr Vater für immer
gemietet hatte, um die berühmte Giovanolla zum ersten Male als Susanne im
Figaro auftreten zu sehen. Der erste Act war vorüber, als Eduard mit Joseph und
Hughes in der Loge erschien, den Letztern seiner Familie vorzustellen. Nach den
ersten Worten flüchtiger Begrüssung fing man von der Oper, von der heutigen
Aufführung, von der Sängerin, von dem Texte des Figaro, und endlich von Musik im
Allgemeinen zu sprechen an. Eduard tadelte das abwechselnde Sprechen, und Singen
in den Opern. Es muss Alles gesungen werden, sagte er, wenn es nicht einen
sonderbaren Effect machen soll, dass Jemand im Momente höchster Aufregung sich
plötzlich in der Rede unterbricht, ruhig ein paar Minuten wartet, bis die
Einleitungstacte vorüber sind, und dann in demselben Affecte zu singen anfängt.
    Du hast Recht, fiel Joseph ein, erst lehre aber unsere Sänger so deutlich
singen, dass man sie verstehen kann! denn in hundert Fällen sind es die
eingeschalteten Reden allein, aus denen man einigermassen entnimmt, wesshalb die
Leute auf der Bühne sich eigentlich ereifern.
    dabei werden diese Zwischengespräche auch so unverzeihlich leicht behandelt,
dass man sie nur mit Widerwillen hört, fügte Hughes hinzu. Ich muss dabei an einen
der ersten Tenoristen Deutschlands denken, den ich einst in einer Residenz Ihres
Vaterlandes hörte, und der, als er den Fra Diavolo in ganz erträglichem Deutsch
gesungen hatte, beim Sprechen in ein so reines Schwäbisch verfiel, dass es den
possenhaftesten Eindruck machte.
    Mich dünkt, wandte die Pfarrerin ein, als sei in der Tat bei der Musik das
Wort die Nebensache, da Instrumentalmusik und namentlich die Töne der Orgel
denselben Eindruck auf das Gefühl zu machen vermögen, als der Gesang.
    Das möchte ich nicht behaupten, meinte Joseph, mich langweilt jedes
Instrumentalconcert, und zu einer Kirchenmusik zu gehen, würde mich keine Macht
der Welt bewegen.
    Weil Du ein Verstandesmensch bist, rief Jenny aus, immer bereit, die Ansicht
der Pfarrerin zu teilen und Joseph zu widersprechen, weil Du die Empfindung
Anderer nicht kennst.
    Oh! Deine Empfindungen und Gefühle z.B. kenne ich am Ende doch, warf Joseph
neckend hin, aber mit einem Blick und einem Tone, der ihr das Blut zu Kopfe
trieb.
    Einen Augenblick schwieg sie bestürzt, dann nahm sie sich zusammen, und
sagte zu Hughes: Glauben Sie nicht auch, dass die Musik der Worte entbehren
könne?
    Insofern bestimmt, als man gewiss sang, ehe man daran dachte, den Gesang mit
der Sprache zu verbinden. Mir scheint es aber, als ob Musik und Dichtung so nahe
zu einander gehören, dass man kaum sagen darf, die Dichtung könne der Musik, oder
diese der Dichtung entbehren. So vollkommen jede Kunst für sich allein zu
bestehen und zu entzücken vermag, so gibt es doch gar viele Fälle, in denen erst
beide zusammen, sich ergänzend, zu dem vollendeten Ganzen werden, das uns
begeistert.
    Ich will doch lieber den Tasso ohne Musik hören, als den Figaro ohne Worte,
lachte Joseph.
    Was das nur wieder für ein Streit ist, sagte Eduard, der bis dahin mit
seiner Mutter gesprochen und an der Unterhaltung nicht Teil genommen hatte. Wie
oft hast Du, Joseph, mit grossem Vergnügen der Aufführung der Ouverture gerade
des Figaro zweimal hintereinander zugehört. Merken Sie es sich aber, lieber
Hughes, dass meine Schwester und mein Vetter es sich zur Aufgabe gemacht zu haben
scheinen, einander zu widersprechen, wenn es irgend angeht.
    Jenny fürchtet, wir könnten sonst Mangel an Unterhaltung haben, und der
Stoff würde ihr fehlen, unterbrach ihn Joseph, übrigens bin ich in der Tat
nicht sehr empfänglich für Musik, obgleich ich sie recht gern habe.
    Du brauchst Dich dessen nicht zu rühmen, flüsterte Jenny dem Cousin ins Ohr,
als in dem Augenblick die Introduction zum zweiten Acte begann: Who is not moved
wit rapture on sweet sounds, is fit for treason, stratagem and spoil, let him
not be trusted. -
    Joseph war verletzt. Er verliess die Loge, die Uebrigen rückten leise die
Stühle zurecht, um von dem Gesange der Sängerin nichts zu verlieren, und mit
reinem, schönem Tone stimmte sie das »heilige Quelle meiner Triebe« an. Jenny
bog sich einen Moment über die Brüstung der Loge hinaus, um sich nach ihren
Bekannten umzusehen, und ihr erster Blick fiel auf Reinhard, dessen Augen
sehnsüchtig an ihr hingen.
    Seit der letzten Stunde, seit einigen Tagen hatte sie ihn nicht gesehen, der
es schwer genug über sich gewonnen hatte, sie zu meiden. Sie musste wenigstens
von ihm hören, von ihm sprechen, darum hatte seine Mutter die Einladung zum
Teater erhalten. Als Madame Meyer und Jenny vor der Türe der Pfarrerin
vorfuhren, hatte Jenny das Herz vor Freude bei dem Gedanken gebebt, nun werde
Reinhard, wie er pflegte, die Mutter hinunter geleiten - aber er kam nicht. -
Nur das Dienstmädchen leuchtete vor, und der Meiersche Diener half der Matrone
in den Wagen. Auf die Frage von Madame Meyer, ob Herr Reinhard heute das Teater
nicht auch besuche, hatte seine Mutter erwidert, ihr Sohn sei von dringenden
Arbeiten so sehr in Anspruch genommen, dass er durchaus zu Hause bleiben müsse,
und ihre Bitte, sich heute einmal Ruhe zu gönnen und den Figaro zu hören, habe
er entschieden abgelehnt.
    Damit war Jenny jede Hoffnung für den heutigen Abend genommen worden; sie
hatte sich aber schwer genug in den Gedanken gefunden, und konnte nun kaum einen
Schrei freudiger Ueberraschung zurückhalten, als sie den Geliebten plötzlich vor
sich sah, als das Bewusstsein in ihr auftauchte, er, der so unverwandt zu ihr
emporblickte, könne nur ihretwegen gekommen sein.
    Und so war es in der Tat. Er hatte zu arbeiten versucht, aber das Bild der
Geliebten war zwischen ihn und die Arbeit getreten. Er sah sie in glänzender
Toilette, die sie liebte und in der sie so schön war. Er sah, wie das bleiche,
feine Köpfchen, von langen dunkeln Locken beschattet, alle Blicke auf sich zog.
- Es litt ihn nicht am Schreibtische. Unruhig schritt er im Zimmer umher; er
überlegte, dass Erlau, der Bewunderer der Giovanolla, dass Steinheim gewiss im
Teater sein, dass Erlau vermutlich jetzt in der Loge neben Jenny sitzen würde.
Was die Liebe allein nicht vermocht hatte, das errang die Eifersucht: er griff
rasch nach Hut und Mantel, und war eine Viertelstunde später im Teater.
    Erleichtert atmete er auf, als er die Männer nicht in ihrer Nähe bemerkte.
Heute, nachdem er sie zwei Tage nicht gesehen, in denen er unaufhörlich an sie
gedacht und die heisseste Sehnsucht empfunden hatte, heute schien sie ihm schöner
und begehrenswerter, als je! Aber Alles lag trennend zwischen ihm und ihr:
Religion und Verhältnisse, und vor Allem ihre Kälte. Ja! wenn er ihr mehr als
nur ein Lehrer wäre, den sie hochhielt, wenn sie ein anderes Interesse für ihn
hätte, wenn sie ihn liebte! Mit diesen Gedanken hingen seine Augen an ihr, als
ihr Blick ihn traf, und das selige Entzücken in ihren Zügen, die glühende Röte,
die ihr Gesicht urplötzlich überflogen, gaben ihm eine Antwort, die ihm das Herz
aufwallen machte. Hunderte von Menschen waren jetzt zwischen ihm und der
Geliebten, und das Geständnis, das er im Alleinsein ihr nie zu machen gewagt
hatte, jetzt war es seinem Herzen entschlüpft; die Zuversicht zu Jenny's Liebe,
auf die er bisher nie gehofft, jetzt vor hundert Zeugen war sie ihm geworden.
    Das ist das Geheimnis der Liebe, dass sie zwei Herzen verbindet zu Einem, und
diese absondert unter Tausenden; dass das Gefühl der erwiderten Liebe nicht der
Worte, kaum des Blickes bedarf, um sich deutlich zu machen. Es ist, als ob die
Liebe wie ein flüchtiger Aeter dem einen Herzen entströme, um das andere zu
erfüllen und zu beleben. Aber nur das geliebte, geöffnete Herz empfindet das
Lebenswehen, das für es ausgeströmt wird. Die Uebrigen berührt der Strom von
Jenseits nicht, und sie atmen ruhig die kalte Erdenluft, ohne zu ahnen, wie
schnell und leicht und freudig zwei Herzen in ihrer Nähe klopfen.
    Reinhard und Jenny waren allein mit einander, mitten in dem menschenvollen
Raume. Nur für sie allein sang die Gräfin, nur um ihren stillen Gefühlen Worte
zu geben, und wie zum Schwure blickten sie sich ernst und heilig in die Augen,
und wiederholten innerlich: »Lass mich sterben, Gott der Liebe, oder lindre
meinen Schmerz.«
    Jenny, dem Kindesalter noch sehr nahe, wurde froh wie ein Kind, nachdem die
Gewalt des ersten Eindruckes sich etwas vermindert hatte. Sie war glücklich in
dem Bewusstsein, geliebt zu werden; sie hätte es dem ganzen Publicum zurufen
mögen: meinetwegen ist er in das Teater gekommen, und er liebt mich! und doch
hatte sie nicht den Mut, seiner Mutter zu sagen, dass er da sei, und dass sie ihn
sähe. Ihr ganzes Gesicht lächelte schelmisch, als Cherubin kläglich fragte:
»Sprecht, ist das Liebe, was hier so brennt?« Reinhardt wandte kein Auge von der
Geliebten, und ein ganzer Frühling von Glück und Wonne blühte in seinem Herzen
auf, als Jenny bei der wiederholten Frage: »Sprecht, ist das Liebe, was hier so
brennt?« ihn mutwillig ansah, und ganz unmerklich für jeden Andern, ihm ein
freundliches »Ja« mit den schönen Augen zunickte.
    Bald war das Finale des zweiten Actes mit seinem rauschenden Prestissimo
vorüber. Reinhard verliess seinen Platz, und eilte, in die Nähe der Geliebten zu
kommen. Es war ihm, als müsse er nun in Einem Worte alles Leiden und Hoffen der
letzten Monate vor ihr entüllen, als müsse er sie an seine Brust schliessen und
ihr danken für das Glück, das sie ihm in dieser Stunde gegeben. Er hätte das
zarte Mädchen auf seinem Arm forttragen mögen, sich durchkämpfend durch eine
Welt von Hindernissen, um das süsse Kleinod ganz allein zu besitzen, um es an
einen Ort zu bringen, wo kein begehrender Blick Diejenige träfe, die sein Ein
und Alles war.
    Und als er die Tür der Loge geöffnet hatte, als Jenny sich umwendete, und
er das Rauschen ihres seidenen Kleides hörte, da wusste er kein Wort zu sagen. Er
sprach einige gleichgültige Dinge mit ihrer Mutter, hörte, wie seine Mutter sich
freute, dass er noch so spät gekommen sei, und setzte sich schweigend neben Jenny
nieder.
    Sie fühlte das Peinliche seiner Lage und auch sie war befangener, als
jemals. Endlich brachte sie stockend die Worte hervor: Ich habe Herrn Reinhard
schon beim Beginn des zweiten Actes gesehen.
    Und warum sagtest Du das nicht gleich? fragte ihre Mutter.
    Ich dachte, ich wusste nicht, stotterte Jenny ganz verwirrt, bog sich zur
Pfarrerin nieder, küsste ihr die Hand und bat, als ob sie ein Unrecht gut zu
machen hätte: ach, sein Sie nicht böse!
    Beide Frauen nahmen das lächelnd für eine von Jenny's Launen, und gaben
nicht weiter auf sie Acht, als abermals der Vorhang emporrollte und das Duett
zwischen Susanna und dem Grafen ertönte.
    Für Reinhard sang der Graf nicht vergebens: »So lang' hab' ich geschmachtet,
ohn' Hoffnung Dich geliebt«; er fühlte dabei die Trostlosigkeit der verflossenen
Tage auf's Neue, und Jenny konnte sie in dem beredten Ausdruck seines Auges
lesen, ohne dass sie ein Wort mit einander zu sprechen brauchten. Sie fühlte mit
Reinhard, als die Musik aufjubelte, bei der Stelle: »So atm' ich denn in vollen
Zügen der Liebe, der Liebe süsses Glück«, und Beide versanken mit dem Gefühle
seliger Gewissheit in jene Träumereien, die wohl Jeder von uns gefühlt hat, wenn
ein grosses, heissersehntes Glück endlich von uns erreicht worden ist.
    Die Oper war zu Ende, ehe das junge Paar es vermutete. Reinhard bot Madame
Meyer den Arm, während Jenny mit seiner Mutter ging. In der Vorhalle traf man
Eduard mit Hughes und Erlau, und verabredete, dass er die beiden Herren zum Tee
mitbringen solle, zu dem Madame Meyer auch die Pfarrerin und Reinhard einlud.
Der Letztere geleitete die Damen zu ihrem Wagen, stieg mit ihnen hinein, und als
sie wenige Augenblicke darauf in das Portal des Meierschen Hauses einfuhren, als
er Jenny die Hand zum Aussteigen bot, und diese kleine Hand in der seinen bebte,
konnte er es sich nicht versagen, sie leise zu drücken und zu halten, während
sie die ersten Stufen der Treppe hinaufstiegen. So hält man ein Vögelchen fest,
das man eben gefangen hat, weil man sich des Besitzes bewusst werden will, weil
man fürchtet, es könne uns entfliehen; aber scheu und leicht, wie ein kleiner
Vogel, machte Jenny ihre Hand frei, ging eilig die Treppe hinauf und in das
Teezimmer, wohin Reinhard ihr folgte.
    Der Vater brachte den Abend ausser dem Hause zu; die Damen setzten sich also
gleich an den Teetisch, und wenig Augenblicke später erschienen die erwarteten
Herren.
    Nun, was sagen Sie heute zur Giovanolla? fragte Erlau, sobald er Platz
genommen hatte. Sie müssen gestehen, reizender, anmutiger kann man nicht sein.
Ich hätte nie geglaubt, dass es möglich sei, bei so grossartiger Schönheit diesen
Eindruck soubrettenhafter Koketterie zu machen, und sie hat sich heute in der
Susanna als eine grosse Künstlerin gezeigt.
    Ich denke, erwiderte Madame Meyer, so gar viel Kunst bedarf sie nicht, um
sich so darzustellen, als sie ist.
    Im Gegenteil! das ist ja die schwerste Aufgabe, sich selbst zu spielen;
aber diese hat sie nicht zu lösen gehabt, denn kokett ist die Giovanolla nicht.
Wahrhaftig nicht! rief er, als die Andern zu lachen anfingen. Sie weiss, dass sie
ein Ideal von Schönheit ist, und besitzt Grossmut genug, sich den Augen der
staunenden Mitwelt in all der Vollendung zeigen zu wollen, deren sie fähig ist.
Ich musste heute bei jeder ihrer Bewegungen meine Freude zurückhalten, um nicht
fortwährend den Leuten zuzurufen, dass sie ein klassisches Modell vor Augen
hätten. O! ich habe im Geiste die wundervollsten Studien gemacht, und die
Nachwelt soll sich noch am Bilde dieses Weibes erfreuen, wenn mein Talent mit
meinem Willen gleichen Schritt hält.
    Während Du an die Nachwelt dachtest, sagte Eduard, überlegte ich, dass es
wohl keine grössere Torheit gibt, als die Jugend an solchen Darstellungen Teil
nehmen zu lassen, in denen die Sitten einer sittenlosen, verderbten Vorzeit so
anmutig und so einschmeichelnd dargestellt werden.
    Der Meinung bin ich auch, bekräftigte Reinhard. Ich will nicht leugnen, dass
dieser Abend zu den schönsten meines Lebens gehört, so viel Freude hat er mir
gebracht, und doch peinigte es mich, die Logen voll von jungen Damen zu sehen.
    Damit tadeln Sie mich, lieber Reinhard! unterbrach ihn Jenny's Mutter. Sie
wollen mir sagen, was Eduard schon mitunter äusserte, dass wir Mütter mit der
Erziehung unserer Töchter nicht sorgfältig genug zu Werke gehen. Ich glaube
aber, dass es dem reinen Sinn eines unverdorbenen Mädchens eigen ist, an einem
schönen Bilde nur die Schönheit, und nicht gleich die Flecken und Fehler zu
sehen, die es entstellen. Darum haben mein Mann und ich nie Bedenken getragen,
unserer Tochter manches Buch in die Hände zu geben, sie an manchen Dingen Teil
nehmen zu lassen, die man ihrem Alter sonst vorentält.
    Gewiss ist das häusliche Beispiel und die innere Seelenbildung die Hauptsache
bei weiblicher Erziehung, sagte Hughes. Sonst müssten ja in Frankreich, wo man
die Mädchen bis zu ihrer Verheiratung in klösterlicher Einsamkeit hält, die
Sitten besser sein, als bei uns in England und hier in Deutschland, wo man der
Jugend viel grössere Freiheit verstattet; und gerade hier beweist doch die
Erfahrung, dass die französische Zurückgezogenheit keine lobenswerten Erfolge
aufweist.
    Weil in Frankreich der ganze Zustand der Gesellschaft ein verderbter, ein
aufgelöster ist; weil die Bande der Ehe dort locker geworden sind, und das Haus,
die Familie aufgehört haben, der Mittelpunkt zu sein, von dem Alles ausgeht. Was
kann es nützen, ein Mädchen in den strengsten Grundsätzen zu erziehen, wenn der
erste Schritt ins Leben ihr zeigt, dass weder ihre Eltern, noch ihr Gatte an
diese Grundsätze glauben; wenn sich das junge, liebebedürftige Herz verraten
sieht, vielleicht um einer Tänzerin willen, die nicht wert ist, der Schuldlosen
die Schuhriemen zu lösen. Wenn dann das böse Beispiel dazu kommt, das die
sogenannten modernen Romane und das Teater bieten, da braucht man sich freilich
über die Erfolge in Frankreich nicht zu wundern, eiferte Eduard.
    Aber bei uns, mein Sohn! wandte seine Mutter ein, ist doch der Zustand der
Frauen und der Gesellschaft überhaupt ein ganz anderer. Deshalb scheint mir, Du
übertreibest den Nachteil, den Teater und dergleichen auf junge Gemüter
ausübt, und wir Deutschen können unseren Töchtern ruhig diese Genüsse gewähren.
    Im Gegenteil, liebe Mutter! weil bei uns der Mann sein Haus noch für den
Tempel seines Glückes, die geliebte Frau für die Hohepriesterin desselben hält,
weil er Ruhm, Ehre und Alles, was er ist und erwirbt, diesem Tempel und seiner
Priesterin darbringt, weil sein Hoffen und Fürchten in diesen Kreis gebannt ist
und er immer wieder dahin zurückkehrt, sobald das Leben mit seinen
gebieterischen Forderungen ihn frei lässt; darum haben wir deutschen Männer ein
Recht, zu verlangen, dass auch kein unreiner Hauch die Seele eines Mädchens
berühre, dem so viel geopfert wird.
    Und wie hoch, wie heilig ist uns das Mädchen, das wir lieben! rief plötzlich
Reinhard, der bis dahin schweigend zugehört hatte, als ob er aus tiefen Gedanken
zu sich käme. Wenn ein Mädchen wüsste, wie schwer und heftig der Kampf ist, den
der Mann zu kämpfen hat, ehe er willig und für immer auf seine Ungebundenheit
verzichtet, ehe er seine Freiheit opfert! Nur einem Wesen, das man mehr liebt
als sich selbst, das man gleich einer Gotteit heilig hält, kann man so
untertan werden, als die Liebe es uns dem Weibe macht. Wer aber ertrüge den
Gedanken, dass die Gotteit unsres Herzens unwürdigen Festen beiwohnt? Wer wollte
es ruhig ansehen, dass ihr Auge von unreinem Anblick berührt würde? Ich könnte
mein Leben daran setzen, der Geliebten eine solche Entweihung zu ersparen; und
ein Mädchen, das wahrhaft liebt, das die Liebe, die hingebende, die anbetende
Liebe eines Mannes zu begreifen vermag, das in sich auch den Geliebten achtet,
muss notwendig und freiwillig Allem entsagen, was diesen und sie zugleich
verletzt. Wer es gefühlt hat, wie wahre Liebe das Männerherz reinigt und
veredelt, dem muss es wehe tun, wenn die Mädchen selber sich um den Nimbus
bringen, den Sittenreinheit um sie hervorzaubert, und der sie unserm Herzen
gerade so teuer macht.
    Er hatte noch nicht geendet, als sein Auge auf die neben ihm sitzende Jenny
fiel, die sich hinter der dampfenden Samovare verbarg und vor Bewegung kaum den
Tee zu bereiten vermochte. Er fühlte den bittern Tadel, den er unwillkürlich
auch gegen die Geliebte ausgesprochen hatte; er wollte einlenken, aber er
vermochte es nicht, denn es war seine innerste Ueberzeugung gewesen, die er
ausgesprochen hatte. So viel Glück ihm der heutige Abend im Teater gewährt, so
weh tat es ihm doch, dass ein so schlüpferiges, sittenloses Stück, so
leichtfertige Gesänge, zum Boten seiner Liebe bei Jenny geworden waren. Das war
der Unterschied zwischen ihm und ihr, dass sie, aufgezogen in den Begriffen der
sogenannten grossen Welt, trotz ihrer sittlichen Seele, das Gefühl für die
Sittenlosigkeit mancher Verhältnisse verloren hatte, oder dass es nicht zum
Bewusstsein in ihr gekommen war. Der Figaro, Don Juan und vieles Andere, waren
ihr Dinge, an denen sie sich von Kindheit auf erfreut hatte, ohne an das Gute
und Böse daran zu denken, und das war ein Zustand, in den weder Eduard noch
Reinhard sich zu versetzen vermochten.
    Reinhard war bis zu seiner Universitätszeit in einem Landstädtchen in
vollkommener Zurückgezogenheit erwachsen, und seinem Geiste mussten die
Eindrücke, die er dann plötzlich in der Gesellschaft und durch das Teater
empfing, ganz anders erscheinen, weil er sich der Empfindungen bewusst war, die
dadurch in ihm hervorgerufen worden. Eduard hingegen war allmälig durch
Nachdenken zu der Ansicht gekommen, die er verteidigte, und die er, durch
Verhältnisse, welche wir später dartun werden, angeregt, heute ungewöhnlich
warm ausgesprochen hatte.
    Beide Männer ahnten nicht, mit welcher Verwunderung Madame Meyer und die
Pfarrerin den Ansichten ihrer Söhne zuhörten, und dass Beide tiefer in den Herzen
derselben lasen, als es ihnen lieb sein mochte. Ebenso hatte Reinhard nicht
bedacht, wie weh der armen Jenny sein Urteil tun musste, die sich in aller
Unbefangenheit dem Genusse der Musik hingegeben hatte, und die eben heute diese
Oper doppelt liebte, weil ihr während derselben die Ueberzeugung geworden war,
dass Reinhard's Herz ihr angehöre.
    Der Pfarrerin war Jenny's Bewegung nicht entgangen; sie sah den langen,
flehenden Blick, den Reinhard auf sie richtete, nachdem er gesprochen; sie sah,
dass Jenny sich zu ihm neigte und ein paar Worte sprach, die ihren Sohn in das
höchste Entzücken zu setzen schienen, denn sein Gesicht leuchtete vor Wonne,
aber verstehen konnte sie diese leise gesprochenen Worte nicht. Ich werde nie
wieder in den Figaro gehen, hatte Jenny zu Reinhard gesagt, und die Pfarrerin
überlegte vergebens, weshalb der Ausdruck von Betrübnis auf dem schönen Gesichte
des Mädchens trotz Reinhard's Freude nicht verschwinden wollte.
    Um der Unterhaltung, die für einige Augenblicke ins Stocken gekommen war,
wieder fortzuhelfen, bemerkte die Pfarrerin: Mag man nun über die Moral des
Figaro, die allerdings locker genug ist, noch so streng urteilen, es ist nicht
zu leugnen, dass die Dichtung Anmut hat, der bezaubernden Composition gar nicht
erst zu denken.
    Das macht sie um so gefährlicher, schaltete Hughes ein, wenn wir die
Gefährlichkeitsteorie der beiden Herren überhaupt annehmen.
    Ich bitte Sie, mein Herr, lachte Erlau dazwischen, lassen Sie sich doch von
den abgeschmackten Lehren nicht hinreissen. Was so ein Doctor, der längst ein
begehrter Heiratscandidat ist, und so ein Candidat der Teologie, der längst
Prediger sein möchte, unser Einem vorpredigen und aufdociren möchten, das ist ja
deshalb Alles noch nicht wahr. Lassen Sie die Beiden doch lehren, was sie
wollen; ich behaupte dennoch, dass im Figaro, im Barbier, im Don Juan, in der
ganz vergessenen, lieblichen Fanchon, etwas von der flüchtigen, zierlichen
Leichtigkeit des vorigen Jahrhunderts liegt, die uns leider verloren gegangen
ist.
    Von einer Leichtigkeit, sagte Eduard, die, in totale Verderbteit
ausgeartet, sinnlos forttänzelte zum Schaffot, trotz der warnenden Stimmen, an
denen es nicht fehlte.
    Ja! zum Schaffot, fuhr Erlau fort, auf dem die leichtfertigen Tänzerinnen
mit einer Ruhe starben, mit einer Seelengrösse, die einer Römerin würdig gewesen
wäre. Die Prinzess Elisabet starb eben so ruhig als Arria, oder irgend eine
andere Heldin Eurer gepriesenen, langweiligen Römerzeit; und der ganze
Unterschied ist der, dass die Französinnen liebenswürdig und glücklich waren, und
Glückliche machten, während so eine antike Römerin, oder römische Antike in
ihrem Frauengemache sass und tugendhaft war, und wollene Toga's webte. Da lobe
ich mir die Französinnen!
    Die alten Damen lachten, und Erlau fuhr dadurch ermutigt fort:
    Sagt mir nur ehrlich, ist Einer von Euch halb so liebenswürdig, als der Graf
Almaviva, oder Don Juan, oder Cherubin, oder der Abbé in Fanchon?
    Du vielleicht, lieber Erlau! sprach Eduard.
    Wollte Gott, ich wäre es. Ich strebe täglich, diese heitern Vorbilder einer
fröhlichen Vorzeit zu erreichen, aber kommt man dazu? Kaum hat man sich verliebt
und schwelgt in Wonne, so erzählen sie von Actien zu einer Eisenbahn, oder von
Entwürfen zu Kleinkinderschulen, in denen lauter Prüden und Pedanten erzogen
werden sollen. Denkt man daran, sein Herz frei zu machen, um es bald wieder
gefangen zu geben, so soll man einer Corporation zur Befreiung der Negersklaven
oder zur Erleichterung der Hunde beitreten; und kein Mensch denkt dabei, dass
mich z.B. dies viel mehr ennuyirt, als es irgend einen Neger langweilt,
Zuckerrohr zu tragen, oder einen Hund, seinen Karren zu ziehen.
    Es ist freilich nicht allen Menschen möglich, das Leben wie eine Lustpartie
zu nehmen, und jedes höhere Interesse als lästiges Hindernis zu verleugnen,
erwiderte Reinhard, dem diese Scherze Erlau's besonders darum missfielen, weil
Jenny ein Wohlgefallen daran fand, das er nicht billigen konnte.
    Und wie soll man das Leben denn wohl anders nehmen? fuhr der unerschöpfliche
Erlau fort. Gott hat uns fraglos für die Freude geschaffen; Gott will, dass wir
uns freuen sollen, und dass Ihr mich neulich und heute wieder in meinem besten
Vergnügen stört, ist eine wahre Todsünde. Was habt Ihr denn von dem ewigen
Moralisiren? Madame Meyer und die Frau Pfarrerin hören so andächtig zu, dass
ihnen der Tee eiskalt werden wird, und Fräulein Jenny sieht seit der
abgeschmackten Unterhaltung so traurig aus, und ist so zerstreut, dass ich noch
gar keinen Tee bekommen habe, den schweren Aerger zu ertränken, den Ihr mir
verursacht. - Liebes Fräulein, sprach er gegen Jenny gewandt, nur eine doppelte
Portion Zucker als Ausgleich für den bittern Verdruss, den Ihr Bruder mir gemacht
hat!
    Die kleine Gesellschaft war in ein herzliches Lachen ausgebrochen, das
Erlau's fröhliche Laune hervorgerufen hatte. Auch Jenny riss sich gewaltsam aus
den Gedanken heraus, die heute zum ersten Male in ganz neuer Gestalt in ihr
erwacht waren. Nur Reinhard blieb in tiefes Sinnen verloren, und sah, aufgelöst
in Liebe, zu Jenny hin, die sich eben anschickte, Erlau eine scherzhafte Antwort
zu geben, als Joseph und Steinheim in das Zimmer traten. Sie waren zu Fuss aus
dem Teater gekommen, und Steinheim entschuldigte ihr spätes Erscheinen mit den
parodirten Worten: Spät komm' ich, doch ich komme; der weite Weg entschuldige
mein Säumen.
    Aber warum fuhren Sie nicht auch nach Hause? fragte Jenny.
    Weil leider Freitag Abend ist, antwortete Steinheim, und ich meiner Mutter
den Kummer nicht machen wollte, zu fahren. Aus Kindesliebe, aus Frömmigkeit hole
ich mir in dem nassen Wetter den Tod, nach dem Echauffement im Teater, und bei
meinem reizbaren Nervensystem! Was soll man aber tun?
    Ich habe geglaubt, das Fahren sei nur am Sonnabend verboten, sagte die
Pfarrerin.
    O nein! erwiderte Steinheim, der Sonnabend fängt bei uns schon des Freitags
an, und alle Ruhe- und Sabbatfeiergesetze müssen von Freitag Abend ab gehalten
werden, bis Sonnabends die ersten Sterne blinken.
    Die Pfarrerin erwähnte es lobend, dass Steinheim sich an diese Formen halte.
- Mir sind sie ganz gleichgültig, antwortete er, ich halte sie für ein Gesetz,
das missverstanden ist, und befolge es nur meiner Mutter zu Liebe, der ich viele
Opfer der Art bringe, obgleich sie meine Gesundheit ruiniren.
    Für solch einen Mustersohn habe ich Sie nicht gehalten, sagte Jenny, die nie
der Lust widerstehen konnte, Steinheim zu necken. Ich wusste nicht, dass
Selbstverleugnung auch zu Ihren Tugenden gehöre.
    »Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen, und das Erhabne in den
Staub zu ziehn,« declamirte Steinheim. Dass Sie, holdes Fräulein, aber an mir
zweifeln, verdiene ich nicht, und ich könnte wie Cäsar sagen: »Brutus, auch Du!«
- Uebrigens wissen Sie ja, dass Sonnabends unsere Pferde geschont und ich
strapazirt werde.
    Das ist das erste Gesetz gegen Tierquälerei, rief Erlau dazwischen, und ich
wundere mich, lieber Meyer, dass Du, in doppelter Hinsicht triumphirend, nicht
längst darauf aufmerksam gemacht hast.
    Wirklich, meinte Madame Meyer, gehört aber die stille Sabbatfeier zu den
Gesetzen der jüdischen Religion, die mir sehr gefallen und zusagen - obgleich
wir sie nicht mehr halten.
    Ich finde es auch sehr schön, sagte Jenny, aber es ist doch nicht für alle
Menschen, eigentlich nur für Juden gemeint; denn ich habe bei Madame Steinheim
selbst gesehen, dass ihr christliches Dienstmädchen die Lichter putzte, was sie
selbst nicht tat.
    Also meinen Sie, fragte Steinheim, der sich neben Jenny's Stuhl hingesetzt
hatte, da das Dienstmädchen Licht putzen darf, so kann das Pferd auch ziehen?
    Ja! sagte Jenny leise, während sich bereits eine andere Unterhaltung in der
Gesellschaft entsponnen hatte. Ja! die Pferde könnten wohl arbeiten, da sie
nicht Juden sind.
    Und was sind sie denn? fragte Steinheim ebenfalls leise, um die Andern nicht
zu stören.
    Weiss ich's? war die Antwort, vermutlich Christen! - oder Heiden! fügte sie
schleunig hinzu, bemerkend, dass Reinhard, der an ihrer andern Seite sass, jedes
Wort dieser kindischen Unterhaltung gehört hatte, und sich unwillig abwendete,
als Steinheim in ein laut schallendes Gelächter verfiel, dessen Grund er aber,
auf Jenny's eifriges Bitten, nicht sagen wollte, so sehr man auch in ihn drang.
    Durch Reinhard's Brust waren die letzten Worte wie ein fliegendes Weh
gezogen, wie ein eisiger Frost über die ersten schönen Blüten des Frühlings.
Diese Leichtfertigkeit, dies Scherzen mit Allem, was Andern heilig ist, das war
es eben, was oft so trennend zwischen Jenny und seiner Liebe gestanden hatte. Er
liebte ihre reiche, schöne Natur, ihr lebhaftes Gefühl, und wurde es doch nur zu
häufig mit Betrübnis gewahr, dass Jenny, in Folge ihrer Erziehung und der
Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen war, eine Richtung genommen hatte, die
seiner ganzen Seele widerstrebte, die auch Eduard missbilligte, die aber zu
ändern ihren beiderseitigen Bemühungen bis jetzt nicht gelungen war. Reinhard
glaubte an ihr Herz, er liebte sie, wie ein kräftiges Gemüt nur zu lieben
vermag - und doch fühlte er eine Scheidewand zwischen sich und der Geliebten;
doch konnte er die bange Ahnung nicht unterdrücken, es stehe ein Etwas trennend
zwischen ihm und ihr. Jetzt bei Jenny's letzten Worten erwachte das Gefühl aufs
Neue und heute um so schmerzlicher in ihm. Trüb und verstimmt nahm er, als sich
die Gesellschaft trennte, von der Geliebten Abschied, trüb und verstimmt schritt
er an seiner Mutter Seite heim, während Jenny in ihrem Zimmer Tränen der
bittersten Reue vergoss. Sie wusste, was sie ihm angetan hatte, aber so hatte sie
heute doch nicht von ihm zu scheiden geglaubt. - Er hatte keinen Blick für sie
gehabt, und jetzt wusste er es doch, dass sie ihn liebte.
Die schöne Clara lag, während sich dies Alles begab, von Schmerzen gepeinigt auf
ihrem Krankenlager. Jung, schön und gut, umgeben von Reichtum und Luxus, hatte
sie doch niemals das Glück gekannt, für das allein sie geschaffen schien. In
ihrem väterlichen Hause war die unglückliche Ehe ihrer Eltern eine Quelle des
Leidens für sie geworden. Nur der Wunsch, sich in der Welt vorwärts zu bringen,
hatte ihren Vater einst dazu vermocht, um seine Gattin zu werben, die, wie schon
früher erwähnt, einer der angesehensten Familien der Kaufmannsaristokratie
angehörte. Die Commerzienrätin war einige Jahre älter als ihr Gatte, hatte
aber, als sie sich mit ihm verband, noch vollen Anspruch auf die Bewunderung
ihrer regelmässigen kalten Schönheit zu machen, und glaubte, ein Recht auf die
Verehrung ihres Mannes, auf seinen Dank zu besitzen, weil sie sich entschlossen,
zu einer Verbindung zu schreiten, die damals noch keine glänzende Aussicht
geboten hatte. Liebe brachten beide Teile nicht in das neugegründete Hauswesen;
und als bald darauf der herrschsüchtige Charakter der Frau dem jungen Manne sein
Haus zur Plage machte, und er sich immer mehr von ihr zurückzog, artete ihre
Stimmung in eine Bitterkeit, in eine starre Kälte aus, die vollends dazu
beitrug, die Gatten von einander zu entfernen. Die Geburt ihres Sohnes schien
eine Zeitlang das Herz der Mutter mildern Gefühlen gegen den Vater des Kindes zu
öffnen. Es war aber zu spät, um den Frieden herzustellen. Horn hatte sich,
fortgerissen von andern Männern und einem sinnlichen Temperamente, einer
Lebensart überlassen, welche seiner Frau gerechten Grund zur Klage bot, und als
einige Jahre später Clara geboren wurde, fehlte schon an ihrer Wiege das Lächeln
beglückter Elternliebe.
    Ihr Sohn war das einzige Wesen, an dem die Mutter hing. Ihm wurde, sobald er
nur im Stande war, seinen Willen zu äussern, jeder Wunsch erfüllt; und eben so
schwach und nachsichtig gegen den Sohn, als streng gegen alle Andere hatte die
Commerzienrätin den jungen Mann zu dem weichlichen, kalten und hochmütigen
Stutzer erzogen, als welchen wir ihn am Anfang dieser Erzählung zuerst
erblickten. - Um die liebliche Clara hatte die Mutter sich wenig nur gekümmert.
Die Kleine war früh einer Gouvernante übergeben worden, die glücklicher Weise
ganz dazu geschaffen war, die Seele des jungen Mädchens zu bewahren und
auszubilden. Von den Eltern nicht mehr als notdürftig beachtet, geneckt und
geplagt von den eigensinnigen Launen des Bruders, gewöhnte sich Clara schon in
erster Kindheit an eine Fügsamkeit und Anspruchslosigkeit, die später der
edelste Schmuck der schönen Jungfrau wurden. Nicht ohne Stolz sah der Vater auf
die Bewunderung, die das erste Auftreten Clara's in der Gesellschaft erregte.
Die wilden Leidenschaften der Jugend hatten sich bei ihm gelegt, sein Sohn, der
Mutter Liebling, war ihm fremd geblieben; er vermisste eine freundliche Heimat,
die Anhänglichkeit einer Familie, und so konnte es nicht fehlen, dass der Tochter
demütige Ergebenheit, ihr kindliches Anschmiegen ihn fesselten. Er liebte sie,
wie er zu lieben im Stande war. Sie war sein Stolz, die Krone seines Besitzes,
und alle seine Wünsche gingen darauf hinaus, diese Tochter so glänzend, als
möglich, versorgt zu sehen. Wie angenehm musste es ihn also überraschen, als die
Commerzienrätin, die das freundliche Verhältnis ihres Mannes zu der Tochter
stets mit gewohnter Gleichgültigkeit betrachtet hatte, ihm einst ganz
unvermutet die Frage vorlegte, ob es jetzt, da Clara bereits im zwanzigsten
Jahre sei, nicht Zeit werde, an die Verheiratung derselben zu denken. Sie
teilte ihm mit, dass sie schon seit längerer Zeit mit ihrer in England
verheirateten Schwester den Plan entworfen habe, den einzigen Sohn derselben
mit Clara zu verbinden. Sie bewies, dass ihr Schwager Hughes, nach englischer
Sitte an die Bevorzugung des ältesten Erben gewöhnt, gern bereit sein werde,
Ferdinand im Besitze des väterlichen Vermögens zu lassen, und dass auch ohne
dieses Clara reicher und glänzender versorgt sein würde, als es in Deutschland
jemals der Fall sein könnte. Der Plan, den die Commerzienrätin dabei hatte,
war, einst die gleiche Teilung des Vermögens zwischen ihren beiden Kindern zu
vermeiden; und er fand, wenn auch aus andern Gründen, bei ihrem Gatten volle
Billigung. William Hughes galt nach Allem, was man über ihn wusste, für einen
gescheidten und wackern Jüngling. Die Millionen seines Vaters kannte der
Commerzienrat aus Erfahrung, und dass der alte Hughes Mitglied des Unterhauses
war, dass auch William dies einst werden und sich eine glänzende Laufbahn für ihn
eröffnen könne, entschied nicht wenig zu Gunsten dieser Angelegenheit, so dass
die Commerzienrätin volle Freiheit erhielt, dieselbe nach ihrer Ansicht
einzuleiten.
    Nichts war leichter, als den jungen reiselustigen Engländer zu einem Ausflug
nach dem Continent und zu dem gelegentlichen Besuche seiner Familie zu
überreden, die er nur als Knabe gesehen hatte; und der schmeichelhafte Empfang,
der ihm von Onkel und Tante wurde, die grosse Freude, welche Ferdinand, dem die
Plane seiner Mutter nicht unbekannt waren, über des Vetters Anwesenheit an den
Tag legte, bewogen diesen bald zu einem längeren Verweilen in dem verwandten
Hause.
    Für Clara begann mit des Vetters Anwesenheit ein neues Leben. Mutter und
Bruder überboten sich in tausend Freundlichkeiten gegen sie, man bemühte sich,
sie in dem vorteilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen, und war jetzt
plötzlich bereit, ihren Ansichten und Wünschen zu schmeicheln, weil man sie zu
ähnlicher Fügsamkeit zu überreden wünschte. Von Natur weich und hingebend,
fühlte Clara sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaft glücklich, durch das
Wohlwollen, von dem sie sich umgeben sah; und da auch auf sie das Glück seinen
verschönenden, belebenden Einfluss zu machen nicht verfehlte, war es nur
natürlich, dass William seine Cousine sehr liebenswürdig fand. Er beschäftigte
sich angelegentlich mit ihr, und bald begann sich ein zutraulich heiteres
Verhältnis zwischen ihnen zu bilden, dessen Entstehen von der ganzen Familie mit
Freuden bemerkt wurde.
    Da kam an dem Abende, an dem diese Erzählung beginnt, der unglückliche
Zufall dazwischen, der Clara für lange Zeit von der Gesellschaft trennte, die
Heiratsentwürfe ihrer Mutter für sie zunächst hinausschob, und Eduard in ihre
Nähe brachte. Nach dem ersten Aufruhr, den dieses Ereignis verursacht hatte,
fing man im Hornschen Hause bald wieder an, sich den gewöhnlichen
Beschäftigungen und Zerstreuungen hinzugeben, und Clara wurde von ihrer Mutter
vernachlässigt wie früher, was ihr nach dem kurzen Traume von Glück um so
schmerzlicher sein musste. Fast immer, wenn ihr junger Arzt sie besuchte, fand er
sie mit einer Wärterin allein, und seinem geübten Auge konnte es nicht entgehen,
dass bei seiner Kranken die Seele empfindlicher noch als der Körper leide. Die
Geduld, mit der sie ihre Schmerzen ertrug, die Sanftmut und Ruhe ihres ganzen
Wesens, und ein Zug von stiller Resignation machten ihm die Kranke wert. Er
bemühte sich, durch Unterhaltungen mancher Art ihre Aufmerksamkeit zu beleben;
er kam, so oft er es konnte, dehnte seine Besuche lange aus, und fand den
schönsten Lohn dafür in der dankbaren Freude, mit der das junge Mädchen ihn
begrüsste; in dem Genuss, den er selbst bald dabei zu empfinden begann.
    Oft, wenn er sie am Morgen in möglichst gutem Wohlsein verlassen hatte, war
sie Abends in einem aufgeregten, beunruhigenden Zustande, für den in ihrem
körperlichen Befinden kein Grund vorhanden war, und den er mit Recht
unangenehmen Gemütsbewegungen zuschreiben musste. So fand er sie denn auch eines
Abends, weinend und so bewegt, dass sie kaum seine Fragen zu beantworten
vermochte. Ein heftiger Streit der Eltern, veranlasst durch Ferdinand's
Verschwendung und seine ungeregelte Lebensart, war unglücklicherweise in dem
Krankenzimmer ausgebrochen. Der Vater hatte sich missbilligend darüber geäussert,
dass Ferdinand jetzt fast niemals mehr bei Tisch erscheine, dass er seine Zeit in
leichtsinniger Gesellschaft verbringe, dass er durch die unverzeihliche Schwäche
der Mutter in all diesen Fehlern bestärkt werde, die er als Vater nicht länger
dulden wolle. Gereizt durch den doppelten Tadel, der sie und ihren Liebling
traf, hatte die Commerzienrätin heftig erwiedert, sie könne eine Lebensweise an
ihrem Sohne nicht so strafbar finden, zu der des Vaters früheres Betragen ihm
das Beispiel gegeben und die sie Jahre lang an ihrem Manne habe erdulden müssen.
Trotz Clara's dringenden Bitten, trotz ihrer flehentlichen Worte, sie nicht zum
Zeugen dieser entsetzlichen Scene zu machen, war sie dennoch fortgesetzt worden,
bis die Mutter in höchster Entrüstung das Zimmer verliess, und der Vater allein
bei ihr zurückblieb, sich vor der Tochter bitter über das Loos beklagend, das
ihm an der Seite ihrer Mutter geworden sei.
    Bald darauf war Eduard eingetreten. Clara war allein. Die Krankenwärterin
sass in der geöffneten Nebenstube schläfrig strickend bei der Lampe, deren Schein
durch einen grünen Ueberwurf gemildert war. Alles war still in dem Zimmer, und
Eduard hörte um so deutlicher an den unruhigen Atemzügen der Leidenden, dass sie
eben erst zu weinen aufgehört hatte. Freundlich fragte er sie nach ihrem
Befinden, er wollte ihre Hand ergreifen, um sich durch den Pulsschlag selbst
davon zu überzeugen, aber sie zog die Hand rasch fort, und sagte: »Ach! das
beweist heute nichts; ich leide freilich, aber Sie können mir nicht helfen,
lieber Doctor!« und dabei brach sie auf's Neue in heisse Tränen aus.
    Der Doctor beschied sich und versuchte sie um ihr körperliches Uebel zu
befragen, sie war aber so aufgeregt, dass sie, ihre sonstige Zurückhaltung
gänzlich vergessend, ihn mit den Worten unterbrach: Täuschen Sie sich nicht,
Herr Doctor! ich will Sie auch nicht länger damit hintergehen - die äussere Wunde
kann nicht heilen, ich kann nicht genesen, so lange meine Seele auf das
Grausamste zerrissen wird. Ich wollte oft, ich brauchte nicht zu leben!
    Und denken Sie nicht an Ihre Eltern? Wissen Sie nicht, dass auch für das
Leiden der Seele oft wunderkräftiger Balsam in der Zukunft liegt? fragte Eduard.
Gerade ein Gemüt, wie das Ihre, muss im Leben Freuden finden, weil es geschaffen
ist, Freude zu bereiten durch sein blosses Sein.
    Ich habe Niemandem Freude gemacht, ich habe immer allein gestanden unter den
Meinen, von Kindheit an; und ohne meines Vaters Liebe wüsste ich kaum, dass ich
eine Heimat habe, entgegnete sie ihm schnell. Meinen Tod würde man bald
vergessen, und er würde vielleicht ein Glück, er würde zu einem
Versöhnungsmittel werden. Sie sagen, ich hätte ein weiches Gemüt; beklagen Sie
dann mein Schicksal, das mich in die kälteste Atmosphäre versetzte, in der ich
täglich tausendfachen Tod erleide!
    Erschöpft lehnte sie sich bei diesen Worten in die Kissen zurück. Der
höchste Punkt der Aufregung war vorüber, sie weinte schweigend eine Weile fort,
der Doctor liess sie gewähren, weil er diese Tränen als das beste
Beruhigungsmittel kannte; aber er betrachtete das schöne Mädchen mit Bedauern.
Clara war eine jener Frauennaturen, die, wie er es eben gegen sie selbst
ausgesprochen, durch ihr blosses Erscheinen wohltuend wirken. Eine gleichmässige
Ausbildung aller Seelenkräfte, bei glücklicher Anlage, machte, dass Leute von dem
verschiedensten Charakter sich von ihr angezogen fühlten. Der Kluge nannte sie
klug, der Leidende teilnehmend, der Frohe fröhlich, und Alle fühlten sich
erquickt durch ihre Güte und das Wohlwollen, mit dem sie Jedem begegnete. Man
fand sie liebenswert, man war für sie eingenommen, ehe sie irgend etwas getan
hatte, dies Urteil zu rechtfertigen. Solch ein Mädchen könnte und müsste der
Schutzgeist eines Hauses sein, sagte sich Eduard, und es tat ihm leid, dass
dieses milde Wesen einer Familie angehöre, in der es weder glücklich zu sein,
noch glücklich zu machen vermochte.
    Als Clara sich beruhigt hatte und das medicinische Examen vorbei war,
ermahnte der Doctor sie, sich so viel als möglich zu schonen, sich ruhig zu
verhalten. Bedenken Sie, sagte er, dass der Körper durch Ihre Gemütsbewegung
leidet und nicht die frühere Kraft gewinnen kann, und dass Sie, andererseits, bei
diesem gereizten Nervenzustande, jedes geistige Leid doppelt schwer empfinden.
Mit diesen Worten wollte er von ihr scheiden, aber sie war wieder Herr über sich
selbst geworden, und hielt ihn noch zurück. -
    Vergessen Sie, was ich heute sagte, bat sie ihn, ich bin krank, und dabei
übertreibt man sein Empfinden. Und denken Sie nicht ungleich von mir, weil ich
die Meinen im Unmut angeschuldigt habe. Glauben Sie, Herr Doctor! fügte sie
hinzu, indem sie zu lächeln versuchte, ich bin nicht so undankbar, als ich Ihnen
heute erscheinen musste, und ich möchte nicht, dass Sie mich dafür hielten.
    Liebes, gutes Fräulein, wie mögen Sie glauben, dass ich an Ihnen irre werden
könnte? rief Eduard aus. Genügt es denn nicht, dass ich Sie kenne, dass ich seit
Wochen Ihre Geduld, Ihre Fügsamkeit bewundere, um ein schönes, ein reines Bild
Ihres Wesens in mir festzustellen? Glauben Sie mir, dem Arzte offenbart sich die
Schönheit der Menschennatur ebenso oft, als er von der erbärmlichen menschlichen
Schwachheit unangenehm überrascht wird. Ihnen danke ich das Erste, und wenn ich
als ein kalter Zweifler zu Ihnen gekommen wäre, Ihnen hätte ich die Ueberzeugung
zu verdanken, dass im Menschen ein sanfter Strahl der Gotteit lebt.
    O! ein so schlechter Christ sind Sie gewiss nicht, dass Sie jemals an Gott
gezweifelt und erst meiner Belehrung zum Glauben bedurft hätten! rief Clara, um
ihre Bewegung zu verbergen.
    Indem fiel ihr aber das Törichte dieser Äusserung ein, und ihre
Verlegenheit nahm zu, als Eduard lächelnd antwortete: Ein Gottesleugner bin ich
in der Tat nicht; aber sicher ein herzlich schlechter Christ, da ich ein Jude
bin. Gönnen Sie mir also immerhin die Belehrung durch Ihr Beispiel. Wenn es mich
auch nicht bekehrt, so bessert und erfreut es mich, und für Beides bin ich Ihnen
nur zu gern verpflichtet.
    Damit empfahl er sich und liess Clara in eigentümlicher Bewegung zurück. Sie
hatte ihren Arzt liebgewonnen und ein unbedingtes Zutrauen zu seiner Behandlung
gefasst, sie achtete ihn als Mann, heute hatte sie ihn tief in ihrer Seele lesen
lassen. Das Unglück ihres ganzen Lebens, das Niemand kannte, hatte sie ihm
entüllt, er hatte sich dabei gegen sie wie ein Bruder mild und gut gezeigt, sie
war ihm näher getreten, als jemals einem andern Manne, und - er war ein Jude.
Sie erschrak, und musste doch lächeln, denn sie hatte es gewusst, und die Ihrigen
hatten sie damit geneckt, dass sie darauf bestanden, sich nur von einem Arzte des
»auserwählten Volkes« behandeln zu lassen. Man hatte sie oft genug um den
eigentlichen Grund dieser Wahl gefragt, und doch konnte sie die Tatsache so
ganz vergessen, dass sie sie in diesem Augenblicke überraschte. Noch vor einigen
Tagen hatte William, der öfter in ihrem Krankenzimmer erschien, mit grosser
Teilnahme von der Meierschen Familie gesprochen, und dafür eine Strafpredigt
der Commerzienrätin aushalten müssen, die er mit verständigen Gründen
zurückgewiesen hatte. Jetzt war Clara völlig seiner Ansicht. Sie nannte William
in ihrem Herzen einen guten aufgeklärten Menschen - aber Eduard war mehr als
das. Sie musste an sein klares, kluges Auge denken, an seine freie Stirne, und
sein jüdisches Gesicht kam ihr fast schön vor.
    Ob Christus wohl auch ähnliche Züge gehabt haben mag? fragte sie sich, und
immer und immer wieder an ihn denkend, sank sie endlich in einen festen Schlaf,
in dessen Träumen William und Eduard und der Heiland, wie die alten Bilder ihn
uns zeigen, in einander flossen, und aus dem sie erst am frühen Morgen neu
gestärkt erwachte.
    Weniger ruhig sollte dem armen Eduard die Nacht vergehen. Während ihn Jenny
längst mit seiner schönen Kranken aufzog und seine Mutter an jenem Abend das
Geheimnis seines Herzens entdeckt zu haben glaubte, ja mit mütterlicher Sorge
bereits dem Vater davon Mitteilung gemacht hatte, merkte der Doctor es noch
nicht, dass Clara ihn mehr, als irgend eine seiner andern Kranken beschäftigte.
    Später als gewöhnlich war er an dem Abende zu den Seinen heimgekehrt. Er
fand sie ganz allein. Seine Eltern und Jenny sassen traulich beisammen, er sah,
dass man ihn erwartet und vermisst hatte.
    Komm her, mein Sohn, rief ihm der Vater entgegen, setze Dich zu uns und
erzähle, wo Du so lange geblieben bist.
    Eduard gab den Bescheid, er hätte Fräulein Horn noch besucht. Jenny
erkundigte sich nach ihrem Ergehen, er sagte, dass die Genesung nur langsam
vorwärts schreite, und dass die Kranke viel Schmerzen ertragen müsse. Da könntest
Du Geduld und Ruhe lernen, Jenny, schloss er seine Rede.
    Es scheint, als ob Clara überhaupt eine gute Lehrerin ist, antwortete jene
schnippisch, denn es ist nicht zu leugnen, dass sie Dir auch manche Begriffe
beigebracht hat, die Dir früher nicht geläufig waren. Ich sagte es noch gestern
zur Mutter, das ewige Politisiren hast Du Dir ziemlich abgewöhnt, dafür bist Du
aber so zerstreut und träumerisch geworden, dass Du gar nicht hörst, wenn man mit
Dir spricht. Entweder macht Dir Deine Patientin solche Sorgen oder Du langweilst
Dich bei uns zu Hause.
    Eduard hörte das gelassen an, und seine Mutter meinte: Etwas selten bist Du
wirklich in der letzten Zeit zu Hause geworden, und verändert finde ich Dich
auch, mein Sohn! Kannst Du uns sagen, woher das kommt, so wirst Du mich
beruhigen.
    Was Ihr für närrische Frauen seid! rief der Vater lächelnd. Ist denn das
Leben nicht täglich neu, die Natur nicht täglich verändert, und Eduard sollte
unwandelbar die gleiche Stimmung haben? Könnt Ihr wissen, was in seinem Berufe
sich für neue Verhältnisse seinem Geiste aufdrängen, und wie klein und
beschränkt ihm Eure Interessen gegen die seinigen oft erscheinen mögen? Da kommt
Ihr mit Euren Haus-und Familiengeschichten und wundert Euch, wenn man nicht mit
Anteil danach hört, und nennt das kalt, nennt es zerstreut. Eduard hat, wenn er
einst selber Hausherr sein wird, die Kunst zu lernen, mit dem Ohr zuzuhören,
ohne dass das Gehörte bis in den Kopf dringt, das lernt sich aber mit den Jahren.
    Wollte Gott! sagte die Mutter, augenblicklich zugreifend, wo ihr eine
Handhabe für ihr Lieblingstema dargeboten ward; wollte Gott, Eduard wäre erst
so weit. Ungebunden, wie er jetzt ist, lässt er sich in Dinge ein, die ihn nicht
kümmern; er nimmt, wie man so sagt, kein Blatt vor den Mund, er äussert
politische Ansichten und Hoffnungen, die unnötig die Augen der Regierung auf
ihn gerichtet erhalten, und wenn man ihn warnt, heisst es ein für allemal: Was
tut's! ich bin ja unabhängig, ich bin ungebunden!
    Das heisst, erläuterte der Vater, Du möchtest unserm Sohne mit dem süssen
Rosenband der Ehe zugleich eine tüchtige Kette anlegen, eine möglichst kurze,
damit er nicht zu grosse Sprünge machen könne. Die Mutter macht's wie Julia in
Shakespeare, »so liebevoll missgönnt sie ihm die Freiheit.«
    Freundlich nahm der Sohn die Hand der Mutter und sagte: Und doch waren heute
meine Gedanken mehr mit häuslichen Verhältnissen, als mit allgemeinen Interessen
beschäftigt. Ich hatte Gelegenheit, einen Blick in das innere Leben einer
Familie zu werfen, in der ein vortreffliches Herz unter dem Druck der
widerwärtigsten Verhältnisse blutet, und ich konnte mich des Gedankens nicht
erwehren, als ich hier eintrat, und mir so wohl und behaglich wurde in unserm
Hause, wie glücklich jene Arme in einem Kreise, wie der unsere, sein würde!
    Und wer ist die Arme mit dem schönen Herzen? fragte Jenny schnell.
    Ein Mädchen, das solche indiscrete Fragen niemals machen würde, antwortete
Eduard sehr bestimmt. Dann meinte er: In den Jahren, die ich hier prakticire,
ist es mir aufgefallen, wie die glücklichen Ehen, die Sorgfalt der Eltern für
ihre Kinder bei den Juden gewöhnlicher sind, als in den Christenfamilien. Auch
steht die Zahl der Scheidungen, wie mir ein Jurist sagte, bei den beiden
Confessionen in gar keinem Verhältnis, da eine Scheidung der Ehe unter Juden zu
den grossen Seltenheiten zählt.
    Das ist allerdings merkwürdig, meinte Jenny, denn bei den Juden ist die
Heirat doch oft nur eine Familienverabredung, von der Braut und Bräutigam
zuletzt erfahren.
    Das ist nicht nur bei den Juden, sondern überhaupt sehr oft der Fall,
entgegnete der Vater, und die Welt sieht in der Wirklichkeit nicht ganz so
romantisch aus, wie in Deinem siebzehnjährigen Köpfchen. Was aber das Glück der
Ehen bei den Juden betrifft, so verdanken sie das, sowie manches andere Gute,
dem Drucke, unter dem sie Jahrhunderte gelebt haben. Der Mann, dem die freie
Bewegung in's Leben hinein überall verwehrt war, der nichts sein eigen nennen
durfte, nicht Haus, nicht Hof, dem man das mühsam erworbene Gut unter immer
neuen Vorwänden gewaltsam zu entreissen wusste - dem blieb nichts, als sein Weib
und seine Kinder. Sie waren das Einzige, das ihm nicht leicht zu rauben war, sie
blieben sein, auch getrennt von ihm, sein durch den Glauben, und nur, indem sie
sich von diesem trennten, konnten sie aufhören, sein zu bleiben. Wie natürlich
also, wenn dem Juden Weib und Kind seine Welt wurden, und wenn bis heute das
Beispiel glücklicher Häuslichkeit segensreich fortwirkt unter ihnen, obgleich
die äussern Verhältnisse sich jetzt geändert haben.
    Ach! armer Vater, was hast Du denn für eine kleine Welt! sagte Jenny
patetisch, die gerade in der mutwilligsten Laune war. Hast Niemand, als die
Mutter und die liebe kleine Jenny! Eine Welt von zwei Weltteilen, während der
ärmste Christ fünf Welten hat!
    Und Eduard? fragte der Vater.
    O! richtig, der Weltteil Eduard sieht jetzt leider so kläglich aus, als ob
bald eine neue Sündflut hereinbrechen sollte. Oder vielmehr, er sieht aus, als
ob er statt des Herzens einen Vulkan hätte, der nächstens losbricht und bald den
Untergang des Weltteiles voraussehen lässt. O Vater! Vater! rief sie, und warf
sich an dessen Brust, als Eduard sie verwundert und nicht eben freundlich ansah,
schütze mich, der Vulkan Eduard fängt an Feuer und Flammen zu sprühen.
    Der Vater nahm das anmutige Kind in seine Arme, und beide Eltern gaben sich
dem Behagen dieses engen Beisammenseins mit vollem Herzen hin. Nur Eduard blieb
zerstreut und einsilbig, und entfernte sich, unter einem flüchtigen Vorwande,
früher, als er's sonst zu tun pflegte.
    Joseph's Brummen wird ansteckend, bemerkte Jenny scherzend, als er fort war;
die Mutter aber schüttelte ängstlich den Kopf und sagte seufzend: Vater! was
geht mit Eduard vor? Mich macht es unruhig um seinetwillen.
    Mich nicht, antwortete der alte Meyer. Eduard ist ein Mann; was es auch sei,
lasst ihn gewähren, er wird den rechten Weg zu finden wissen.
Als Eduard die Eltern verlassen hatte, und in seine besondere Wohnung kam, fand
er keine Ruhe in seinem Zimmer. Die engen Räume drückten ihn, er öffnete ein
Fenster, und obgleich der Schnee in grossen Flocken hineindrang, wurde ihm wohler
und freier, als die Luft seine heisse Stirne wieder kühlte.
    Das Haus seiner Eltern lag nahe am Hafen, ein Garten führte terrassenartig
zum Flusse hinunter, der gerade hier in das Meer mündete. Eine Unruhe, wie er
sie nie empfunden, trieb ihn hinaus und, in den Mantel gehüllt, eilte er durch
die beschneiten Gänge des Gartens. Hin und wieder fielen noch einzelne, übrig
gebliebene Blätter mit den Schneeflocken zur Erde: der Sturm jagte die Wolken
vor sich hin und hemmte Eduard im Vorwärtsschreiten. Er war ganz allein auf dem
Wege, und nun erst merkte er, dass er das Zimmer verlassen hatte, nicht achtend
des Sturmes, der ihn umbrauste, nicht der tiefen Dunkelheit um ihn her, denn
stürmischer noch und dunkler sah es in seiner Seele aus.
    Wie hatte er sich absichtlich so über seine Gefühle täuschen, wie diese
Liebe verkennen mögen? Jetzt, da er mit klarem Blicke zurückdachte, fühlte er
fast mit einer Art Beschämung, dass er in Clara von den ersten Augenblicken, da
er zu ihr gerufen wurde, nicht nur die Leidende, die Kranke, sondern immer das
schöne Weib gesehen hatte. Ihre Liebenswürdigkeit, ihr ruhiger Verstand waren
ihm von Tag zu Tag anziehender geworden, und er konnte es sich nicht verbergen,
dass Clara für ihn das Ideal eines Mädchens sei.
    So hatte er sich seine Geliebte gedacht, so seine künftige Frau gewünscht,
und sollte er sich nicht auf dem Gipfel des Glückes wähnen, da Clara ihn liebte?
Er konnte nicht daran zweifeln. Jeder Blick, jedes Wort des schönen Mädchens
verrieten ihm, ihr selbst unbewusst, eine Neigung, die bei diesem tiefen Gemüte
stark und dauernd werden musste. Alle seine Pulse schlugen warm bei der
Ueberzeugung, Gegenliebe gefunden zu haben, wo sein Herz sie so sehnlich
begehrte. Er hatte einen Augenblick hindurch ein Gefühl jenes Glückes, das den
Menschen für jahrelanges Entbehren schadlos hält; dann aber zuckte sein Herz
kalt und krampfhaft zusammen unter der rauhen Berührung der Wirklichkeit. Er
hatte sich es ausgemalt, wie Clara, seine Liebe erwidernd, mit ihm vor seinen
Eltern erscheinen würde, um diesen Bund segnen zu lassen - aber war das möglich?
    Tor! rief er aus, kindischer Tor! wohin hast Du Dich verirrt! Und er stand
still und sah hinab in die schäumenden Wellen, die so unruhig wogten, wie sein
gequältes Herz. Da brach der Mond durch die dunkeln Wolken, und glänzte einen
Augenblick in dem Wellengekräusel wieder, das sich vor den milden Strahlen zu
beruhigen und zu ordnen schien; und der Mond dünkte ihm ein klares, lichtes,
unerforschliches Auge zu sein, das auf das wilde Meer seines Lebens besänftigend
herniederschaute. Das Herz tat ihm unbeschreiblich weh, die Tränen traten ihm
in die Augen. Gott! Gott! rief es in ihm, warum musste ich in Verhältnissen
geboren werden, die mir bei jedem Schritte hemmend entgegentreten? Warum muss ich
von Allem, was meine Seele am glühendsten begehrt, geschieden sein? Warum mir
dies Leben des Kämpfens und Entbehrens?
    Vor ihm lagen die Schiffe in lautloser Stille, die Wachen gingen, um sich zu
erwärmen, mit grossen Schritten auf dem Deck umher; hier und dort schimmerte ein
Licht aus den kleinen Fenstern der Kajüten. Er fühlte die Nähe von Menschen, er
sah, dass auch sie ein schweres, saures Tagewerk zu erfüllen bestimmt waren, und
doch beneidete er ihr Geschick und ihren ruhigen Schlummer. Mochte der Schiffer
noch so lange von der Heimat getrennt sein, einst kehrt er doch zurück in ein
Land, dessen Bürger, dessen eingeborner Sohn er ist, das ihn schützt in allen
seinen Rechten; und die Gattin, die er unter allen Mädchen frei erwählte, sinkt
an seine Brust, ohne dass der Glaube, wie ein drohendes Gespenst, zwischen sie
tritt und mit kalter Hand die warmen Herzen trennt. Was bot das Leben ihm?
Kränkungen waren ihm geworden, seit er zum ersten Bewusstsein erwacht war; weder
Mühe noch Fleiss war ihm vergolten worden, wie er es gewünscht hatte und zu
hoffen berechtigt war. Nun hatte sein herz sich dem hemmenden Einflusse allmälig
entzogen, es war neu belebt und erblüht in dem erwärmenden Hauch einer edlen
Liebe, er hatte die Gefährtin gefunden, an deren Seite er den Lebensgang zu
gehen begehrte - und wieder trat das alte Schreckbild zwischen ihn und sein
Glück. - Aber war dies Schreckbild nicht zu bannen? Warum sollte er nicht, wie
tausend Andere, einem Glauben entsagen, dessen Form allein ihn von der übrigen
Menschheit trennte? Was band ihn an Moses und seine Gesetze? Es sträubte sich
bei diesen ebenso viel gegen seine Vernunft, als bei den Lehren Jesu. Warum
nicht einen Aberglauben gegen den andern vertauschen, und mit der Geliebten
vereint zu dem allmächtigen Wesen beten und rein vor seinen Augen wandeln? -
Aber war es denn allein der Glaube, den er zu verleugnen hatte? War es nicht
auch das Volk, in dem er geboren war, von dem er sich losreissen musste? Das
uralte Volk, das in tausendjährigen Kämpfen seine Selbstständigkeit zu wahren
und damit seine innere Mächtigkeit zu bekunden gewusst hat? - Kann man sich
losreissen von seinem Volke? fragte er sich, darf ich um meiner
Selbstbefriedigung willen mich von meinem Volke trennen, weil es ungerecht
missachtet, weil es unterdrückt wird? - Nimmermehr! - Unzählige meiner
Stammesgenossen haben ausgeharrt in Treue, haben Verbannung und Tod erlitten um
ihres Glaubens und ihres Volkes willen, und ich wäre feig genug, auf meines
Herzens Wünsche nicht verzichten zu können, während die Meinen leben und mich
lieben, während es mir gegeben und geboten ist, so viel ich vermag, für die
unterdrückte Nation zu wirken, der ich angehöre; sie frei zu machen aus
Sklavenfesseln, die Jahrhunderte auf ihr lasten. Wie mag ich mein Glück, das
Glück des Einzelnen, so hoch schätzen, während mein ganzes Volk nicht glücklich
ist! Ehe ich meineidig werde an den Meinen und an meiner Ehre, mag dies Herz
brechen in Sehnsucht nach der Geliebten, nach meiner süssen, schönen Clara! Und
wieder und immer wieder wollte der männliche Entschluss wankend werden, bei dem
Gedanken an die Geliebte. Eduard malte es sich aus, wie auch Clara's Seele
leiden werde unter der Trennung, die er über sie und sich verhängen müsse - wie
sie ihm zürnen werde, weil er so grosses Weh über sie bringe - und doch vermochte
er noch weniger den Gedanken zu ertragen, sich und ihr durch die Taufe alle
diese Schmerzen zu ersparen und sich mit ihr zu verbinden. Er war entschlossen
und resignirt, aber tief traurig, als er langsam den Rückweg nach seiner Wohnung
antrat. Reiflich überlegte er, wie er sein künftiges Betragen gegen Clara
einrichten werde, wie kein Blick, kein Wort das Gefühl seiner Brust entüllen
solle, und das bleiche Licht eines Wintertages sah bereits durch seine Fenster,
ohne dass Eduard daran gedacht hätte, sich zur Ruhe zu legen. Der Morgen fand ihn
todtmüde in einem Lehnstuhl sitzen, erfreut über die körperliche Abspannung, die
ihn das geistige Leid weniger zerreissend empfinden liess.
Ein Jeder hat es gewiss erfahren, wie in einem Kreise befreundeter Menschen sich
allmälig eine Epoche vorbereitet, in der unvorhergesehene Ereignisse eine
gänzliche Umgestaltung der Verhältnisse hervorrufen. Es ist, als ob ein Jeder
sich mit einem Male bewusst geworden sei, was er wolle und müsse; und wo noch vor
kurzer Zeit nur Keime vorhanden waren, steht schnell emporgewachsen eine reife
Ernte da. Aber dem Erscheinen solcher Zeitpunkte gehen in den Familien, wie in
der Natur bei der Ernte, heisse, schwere Tage voraus, in denen die Luft drückend
und unheilschwer über uns liegt und sich in gewaltsamen Gewitterstürmen abkühlt.
Wir fühlen den herannahenden Orkan, eine Unruhe überfällt uns, wir zagen vor dem
entscheidenden Momente, und sehnen ihn doch ungeduldig herbei, um in der
erfrischten Atmosphäre frisch und frei aufatmen zu können.
    Ein solcher Zeitpunkt war für den Kreis von Menschen herangerückt, in dessen
Mitte diese Erzählung uns führt. Jeder der Beteiligten fühlte, dass ein
entscheidender Schritt geschehen müsse, und Keiner hatte den Mut, ihn zu tun.
Eduard hielt es sich als eine Notwendigkeit vor, Clara zu verlassen, ehe das
Scheiden ihm und ihr noch schwerer werde, und konnte es doch nicht über sich
gewinnen, ihre Behandlung fremden Händen zu übergeben, die leicht weniger
geschickt und sorgsam sein konnten, als die seinen. Wenigstens täuschte er sich
über seine Unentschlossenheit mit dieser scheinbaren Pflichterfüllung. - Jenny
begriff es nicht in liebender Ungeduld, warum Reinhard zögere, ihr ein
Geständnis zu machen, dessen es kaum noch bedurfte, während dieser selbst ernst
mit sich zu Rate ging und, je mehr er sich und Jenny prüfte, um so ängstlicher
über den Erfolg einer Verbindung mit der Geliebten wurde.
    In dieser peinlichen Unruhe vergingen einige Wochen. Clara's Genesung war so
weit vorgeschritten, dass Eduard nur noch bisweilen ihr väterliches Haus
besuchte, um sich nach dem Zustande seiner Kranken zu erkundigen, und vor Allem,
um sie zu sehen, um mit ihr über Alles zu sprechen, was seine Seele in Anspruch
nahm. Vor ihr hatte er sich gewöhnt, alle Regungen seines Herzens, alle Gedanken
seines Geistes zu entüllen. Er hatte sie eingeweiht in das Glück und in das
Leid, das er um seiner Abstammung willen erduldet, und während er sich die
Genugtuung gönnte, der Geliebten von sich und seinem früheren Leben zu
erzählen, hatte er gehofft, es Clara dadurch zugleich deutlich zu machen, wie
sie getrennt wären durch das Vorurteil der Menschen, und wie er niemals daran
denken könne, sie sein Weib zu nennen. Anders aber, als er es berechnet hatte,
wirkten diese Schilderungen auf das liebende Herz des Mädchens. Sie wünschte und
fühlte in sich die Macht, ihn zu entschädigen für Alles, was fremde
Unduldsamkeit an ihm verbrochen hatte; sie wollte ihm zeigen, dass sie wenigstens
die Vorurteile der Menge nicht teile. Darum sprach sie offen von ihrer Achtung
und Verehrung für ihn, darum hatte sie tausend jener kleinen Aufmerksamkeiten
ihm gegenüber, in denen weibliche Liebe so erfinderisch ist, und die, allen
Andern unbemerkbar, sicher den Weg in das Herz Dessen finden, dem sie gelten.
Sie war tief ergriffen von seiner ihr bisher fremden und doch so freien
Weltanschauung; die Wahrheit seiner Worte prägte sich ihr so deutlich und
unbestreitbar ein, dass auch in dieser Beziehung der Geliebte ihr zum Ideal
wurde. Ein Tag, an dem sie ihn nicht gesehen, nicht gehört hatte, was er treibe,
was ihn beschäftige, schien ihr ein verlorner zu sein; und als nun Eduard
endlich seine letzte, ärztliche Visite machte, als Clara mit Tränen in den
Augen vor ihm stand, mit Tränen, die, wie ihre Mutter meinte, einer
übertriebenen Dankbarkeit flossen, fand sie endlich so viel Mut in sich, leise
die Hoffnung auszusprechen, der hilfreiche Arzt, dem sie zu Dank verpflichtet
sei, werde auch künftig sich dem Hause ihrer Eltern nicht ganz entziehen. Die
Commerzienrätin konnte es also füglich auch nicht wohl vermeiden, eine ähnliche
Einladung an ihn ergehen zu lassen, und trotz aller gefassten Entschlüsse, trotz
seiner Grundsätze, freute sich Eduard dieses mit Widerstreben getanen
Vorschlags. Aber wer will ihn der Schwäche zeihen, der selbst geliebt hat?
Erinnert euch, wie eure Vorsätze zu Grunde gingen, wenn in der Trennungsstunde
die Geliebte bittend vor euch stand! Fragt euch, ob die Sehnsucht nach der
Gegenwart der Geliebten nicht stärker war, als jeder Entschluss, den die Vernunft
euch vorgezeichnet hatte!
    Nachdem Eduard eine förmliche Einladung zu einem Mittagbrod im Hause der
Commerzienrätin erhalten hatte, bei dem er mit vielen der angesehensten Männer
der Stadt zusammengekommen war, die ihn kannten und hochschätzten, nachdem die
stolze Wirtin es einmal über sich gewonnen hatte, einen Juden als Gast an ihrer
Tafel zu dulden, fand es Clara nicht schwer, eine zweite Einladung für ihn zu
erwirken, besonders da Ferdinand, nach heftigen Zerwürfnissen mit seinem Vater,
seine sogenannte grosse Tour angetreten hatte, und so lange in London in dem
Hause seines Onkels bleiben sollte, als William auf dem Continent verweilen
würde. Statt also in ihren Absichten durch Ferdinand gehindert zu werden, fand
sie dieselben durch das Zureden ihres Vetters wesentlich gefördert; und ihre
Eltern liessen sich bereit finden, den Wünschen ihrer Tochter und William's
nachzugeben, da nach Clara's Herstellung das Heiratsprojekt für diese wieder
aufgenommen wurde, und die Commerzienrätin auf's Neue die zärtlich nachgebende
Mutter spielte, um desto leichter das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Dazu kam,
dass der bisherige alte Hausarzt der Horn'schen Familie gerade jetzt, nachdem er
sein Jubiläum feierlich begangen hatte, seine Praxis niederlegte, und der
Commerzienrätin selbst den Vorschlag machte, Eduard zu ihrem Arzte zu erwählen,
wodurch er gewissermassen von Rechtswegen in die Zahl der Hausfreunde mit
aufgenommen wurde. Seine fleissigen Besuche schrieb Madame Horn der Ehre zu, die
ihm durch seine Wahl widerfahren sei und die er zu schätzen wisse; und dass
Clara's Interesse für den Doctor andere Motive, als Erkenntlichkeit haben könne,
war ein Gedanke, der ihr niemals einfiel, weil sie die Liebe ihrer Tochter zu
einem Juden für eine Naturverirrung angesehen haben würde, die sie einem Mädchen
aus ihrer Familie unmöglich zutrauen konnte.
    Das Jahr näherte sich seinem Ende, als Eduard fast ein täglicher, und selbst
von den Eltern gern gesehener Gast des Horn'schen Hauses geworden war. Der
Commerzienrat, der durch seine Geschäfte fortwährend mit den jüdischen Bankiers
in Berührung kam, und den alten Meyer persönlich achtete, war natürlich weniger
hartnäckig in seinem Widerwillen gegen die Juden; und Eduard hatte, schon
während er Clara behandelte, sich das volle Zutrauen ihres Vaters gewonnen.
Hughes schloss sich immer mehr an Eduard an, und diesem war das um so lieber, als
er durch ihn in fortwährender Berührung mit Clara blieb, deren unzertrennlicher
Begleiter der Cousin seit Ferdinands Abwesenheit geworden war.
    Für Clara begann nun eine Zeit der reinsten Freude. Eduard überliess sich mit
jugendlicher Lebendigkeit der Wonne, die ihm das Beisammensein mit der Geliebten
gewährte, ohne an die Zukunft zu denken, weil die Gegenwart ihn hinnahm. Hughes,
dem Clara mit der schwesterlichsten Traulichkeit begegnete, gerade weil ihr Herz
mit Eduard allein beschäftigt war, Hughes fühlte eine wachsende Neigung für sie,
der er sich sorglos hingab, da er wusste, dass sie die Wünsche beider Familien für
sich habe. Er gehörte zu jenen ruhigen, trefflichen Menschen, die bei wahrem
Gefühle doch keiner Leidenschaft fähig sind. Er gewann Clara lieb, er liebte sie
sogar innig, aber das störte ihn weder in den Beschäftigungen und Zerstreuungen
des Tages, noch raubte es ihm eine Stunde des Schlummers während der Nacht.
Unermüdlich aufmerksam auf Alles, was Clara erfreuen konnte, stets besorgt, ihr
Unangenehmes zu ersparen, war er ganz zufrieden mit dem Wohlwollen, das sie ihm
bewies, und des Doctors Einfluss auf seine Cousine beunruhigte ihn nicht, da er
mit offenem Vertrauen an Beiden hing. Eduard hinwiederum entgingen die Gefühle
nicht, die William für Clara hegte, aber so fest glaubte er an ihres Herzens
Wahrhaftigkeit, dass nie ein Gedanke von Eifersucht in ihm rege wurde. Wenn dann
aber plötzlich die Frage in ihm hervortrat, was die Zukunft ihm bringen werde,
was das Ende von allen diesen Verhältnissen sein könne? dann zog sich eine
düstre Wolke auf seiner Stirn zusammen. Er sagte sich, dass er schlecht, dass er
unredlich handle, er rief es sich zurück, wie fest der Entschluss, Clara zu
meiden, einst in ihm gewesen sei, und fand nicht Frieden, nicht Ruhe, bis er in
Clara's Nähe Alles wieder vergass, ausser seiner Liebe für sie.
    Da er den ganzen Tag beschäftigt und Abends häufig im Hornschen Hause war,
anderer Einladungen nicht zu gedenken, an denen es dem beliebten Arzte nicht
fehlte, musste er natürlich in seinem elterlichen Hause seltener werden, obgleich
er das Mittagsmahl regelmässig mit den Seinen einnahm, und oft ängstlich nach
Musse strebte, um sie den Eltern zu widmen. Die nächste Folge davon war, dass
Jenny aus Missmut, wie sie sagte, sich an Joseph zu gewöhnen begann, und
Zutrauen zu ihm fasste. Denn Reinhard hielt sich in scheuer Entfernung, er
misstraute sich und der Geliebten. Eduard war, um Jenny's Worte zu brauchen, der
Fahne untreu geworden, und auf dem Punkte, zu desertiren. Erlau malte die
Giovanolla und folgte ihr von früh bis spät. Steinheim endlich hatte zum zehnten
Male eine jener literarischen Arbeiten vorgenommen, deren er immer ein halb
Dutzend unter den Händen hatte, die ihn ein paar Wochen lang beschäftigten und
ihm unsterblichen Ruhm verschaffen sollten, die aber niemals fertig wurden, weil
er weder Ruhe noch Fleiss genug dazu besass, und somit war die Meiersche Familie
jetzt mehr allein, als es sonst der Fall zu sein pflegte.
    Dieser Zustand wurde der lebhaften Jenny unerträglich. Gepeinigt durch
Reinhard's Benehmen, das sie sich nicht zu deuten vermochte, gelangweilt durch
die ungewohnte Einsamkeit und Stille des Hauses, tauchte einst plötzlich in ihr
der Entschluss auf, Reinhard's Zweifeln, die ihrer Meinung nach nur aus dem
verschiedenen Glauben entspringen konnten, ein Ende zu machen, und zugleich dem
Geliebten einen überzeugenden Beweis ihrer Liebe zu geben, indem sie sich von
der Religion ihrer Väter, ihrer Eltern trennte und zum Christentum überträte,
dessen Lehren ihr durch Reinhard lieb geworden waren.
    Dieser Vorsatz, einmal gefasst, kam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Terese, der
sie ihn zuerst als das tiefste Geheimnis mitteilte, ohne jedoch die wahren
Motive anzugeben, zerfloss in Tränen der Freude bei dem Gedanken, dass ihr Jenny
künftig auch durch den gleichen Glauben angehören wolle. Sie malte mit rührender
Inbrunst den Segen, der Jenny in dem Besuch der Kirche, in dem Genusse des
heiligen Abendmahls zu Teil werden müsse; sie schilderte ihr die Ruhe, den
Himmelsfrieden, den sie nach demselben empfunden, und Jenny, deren ganze Seele
gerade jetzt in der furchtbarsten Unruhe befangen war, fühlte sich dadurch in
ihrer Ansicht bestärkt, und fing an, auch die Eltern allmälig auf ihre Wünsche
vorzubereiten. Diese nahmen es anfänglich leicht. Sie hielten es für eine jener
entusiastischen Aufwallungen, die sie an ihrer Tochter gewohnt waren, und mit
denen sie sich ebenso gut für das Christentum und einen allgemeinen Kreuzzug,
als für das Judentum und die Begründung eines neuen jüdischen Reiches
begeistern konnte. Nur Joseph fasste es anders auf. Er kannte die geheimen
Triebfedern, die hier im Spiele waren, und ein doppeltes Interesse flösste ihm
den Wunsch ein, die Ausführung oder das Ausbilden dieses Gedankens bei Jenny zu
verhindern.
    Eines Tages, als man vom Mittagstische aufgestanden war, Eduard sich
entfernt, und die Eltern eine kleine Spazierfahrt unternommen hatten, die Jenny
mitzumachen abgelehnt, blieb sie mit Joseph allein in dem Esszimmer zurück und
das Gespräch wandte sich bald auf das Christentum und Jenny's beabsichtigten
Uebertritt, da Joseph sowohl als Jenny gleich lebhaft bei dem Tema beteiligt
waren.
    Was ist es denn eigentlich, fragte Joseph, was Dich so urplötzlich zu dem
Entschlusse gebracht hat?
    Urplötzlich kannst Du ihn nicht nennen, antwortete sie. Ich habe bis jetzt
überhaupt nicht über mich selbst nachgedacht; ich habe wie ein Kind in den Tag
hineingelebt. Nun ich älter werde und ernster über mich nachdenke, fühle ich,
dass die Halbheit, in der ich erzogen bin, mich nicht befriedigt, dass ich nicht
glücklich bin, und ich will das ändern.
    Joseph lächelte unwillkürlich. Und Du hoffst, das Christentum werde Dich
glücklicher machen? Täusche Dich doch nicht! Der Glaube, der Friede, der nicht
in uns ist, den bringt kein Wechsel der Religion in unser Herz, den kann Dir
weder Christus noch Moses geben.
    Das kannst Du nicht wissen, weil Du selbst nicht Christ bist! erwiderte sie.
    Und woher weisst Du es denn?
    Durch Terese, durch Reinhard. O! wenn Du wüsstest, wie selig Terese nach
dem Genusse des Abendmahls war, wie fest Reinhard daran glaubt, dass selbst
Leiden, die Gott uns auferlegt, zu unserm Heile dienen, wie sicher er darauf
rechnet, nach dem Tode mit seinen geliebten Verstorbenen wieder vereinigt zu
werden! Joseph, glaube mir, mit der Ueberzeugung muss man glücklich sein!
    Joseph schwieg eine Weile, denn Jenny's Worte, aus denen ihre angeborne
Lebhaftigkeit mit der Liebe für Reinhard zugleich hervortönte, machten einen
schmerzlichen Eindruck auf ihn. Er beneidete Reinhard, dass er Jenny's Liebe
gewonnen, und war einen Augenblick nahe daran, ganz von dieser Unterhaltung
abzubrechen und mit keinem Zweifel ein Herz zu beunruhigen, das für ihn, wie er
fühlte, hoffnungslos verloren sei. Indes war Jenny ihm zu teuer, als dass er sie
ohne Besorgnis auf einem Pfade sehen konnte, dessen Ziel ihm für ihre Ruhe
durchaus gefährlich schien, und er hielt es für recht und nötig, bei einem so
wichtigen Schritte, an dessen Ausführung er, wie er die Verhältnisse kannte,
nicht mehr zweifelte, die Stimme der Warnung ernstlich geltend zu machen.
    Verkenne mich nicht, sagte er, wenn ich an die Möglichkeit Deiner
ernstlichen Bekehrung zweifle. Du sagst mir, mit Teresens und Reinhard's
Ueberzeugung müsse man glücklich sein. Hast Du diese Ueberzeugung?
    Nein, antwortete Jenny.
    Aber Du glaubst auch, dass Gott über uns lebt, dass er unser Schicksal lenkt,
dass uns nichts begegnen könne, ohne seinen Willen, dass er allweise und allgütig
ist, dass er uns liebt?
    Gewiss, das glaube ich.
    Du glaubst, dass wir eine unsterbliche Seele haben? denn das scheint eine von
den Ueberzeugungen zu sein, die Du am tröstlichsten findest.
    Joseph, fiel Jenny rasch ein, sieh! wenn ich an die Unsterblichkeit der
Seele zu glauben vermöchte, wenn mir das bewiesen werden könnte, so dass ich es
einsehen, es begreifen könnte, dann wäre ich schon glücklich. Es ist so
furchtbar, Dasjenige auf das blosse Wort eines Andern glauben zu müssen, was uns
zur unwandelbaren, felsenfesten Ueberzeugung werden muss, wenn wir nicht
beständig in Todesangst erzittern sollen bei dem Gedanken, dass einer unserer
Lieben uns entrissen werden könne. Aber bewiesen muss es mir werden, dass ich es
erfassen kann mit der Vernunft. Dass Ihr mir sagt: Glaube, wir sind unsterblich,
das genügt mir nicht, das vermag ich nicht.
    Du vermagst nicht zu glauben, und willst Christin werden? zu einer Religion
übertreten, die, ganz auf Offenbarungen fussend, voll von Mysterien, nur durch
den Glauben besteht, in Allem, was nicht Moral oder Philosophie ist? Was ist Dir
der Sohn Gottes, der Mensch gewordene Gott ohne den Glauben? Wie kann Dich die
Anwesenheit Christi im Abendmahle erheben, wenn Du nicht zu glauben vermagst?
Oder meinst Du, man könne Dir die Gegenwart Christi im Sakramente beweisen? es
gäbe eine Erklärung für die Kindschaft Jesu? Kannst Du den heiligen Geist, die
Dreieinigkeit begreifen? Man wird Dir ein Bild dafür geben, aber wer gibt Dir
die Fähigkeit zu glauben, dieses Bild sei Wahrheit?
    O Gott! nicht weiter, rief Jenny weinend aus, nicht weiter, Joseph! mache
mich nicht haltlos.
    Doch! mein Kind! denn wie mein Kind, oder wie eine Schwester liebe ich Dich,
sagte Joseph mit bebender Stimme, sich selber überwindend, doch! - Du musst mit
Dir selbst einig werden. Du weisst, das viele Sprechen ist nicht meine Sache; um
Dich aber aufzuklären über Dich selbst, müssen wir aufrichtig mit einander sein.
Den Glauben an Gott, die Lehren, recht zu tun und dem Nächsten zu dienen,
entält das alte Testament, und Du findest sie veredelt und einer höhern
geistigen Entwickelung entsprechend im neuen Testamente wieder; und Mahomet und
Zoroaster lehrten sie - denn sie sind begründet in der Seele, die uns Gott
gegeben. Darüber hinaus ist alles Menschensatzung. Und Du, grossgezogen in den
Vorstellungen des jetzigen Judentums, wirst nie aufhören, an Alles den Massstab
der Vernunft anzulegen. Du hast gesehen, dass Deine Familie, gut und brav, den
Gesetzen der Moral gefolgt ist, und doch die Gesetze, die das Judentum
charakterisiren, als blosses Ceremonialgesetz verwirft. Du bist erzogen in der
Schule des Gedankens, wenn ich so sagen darf, und Dir ist die Möglichkeit des
Glaubens ohne Prüfung dadurch genommen. Du wirst hoffentlich ein Mensch werden
nach dem Herzen Gottes, aber Du wirst niemals Christin sein noch Jüdin. Wie wir
Juden jetzt in religiöser Beziehung denken, gibt es keine positive Religion
mehr, die für uns möglich ist, und wir teilen mit Tausenden von Christen die
Hoffnung, dass eine neue Religion sich aus den Wirren hervorarbeiten werde, deren
Lehren nur Nächstenliebe und Wahrheit, deren Mittelpunkt Gott sein muss, ohne dass
sie einer mystischen Einhüllung bedürfen wird.
    Joseph hielt inne, und auch Jenny schwieg. Endlich fragte sie leise: Und was
soll aus mir werden? Was soll ich denn beginnen, wenn ich nicht glauben kann?
    Joseph, der neben ihr auf dem Divan sass, zog sie sanft an sich und sagte mit
dem mildesten Tone, dessen seine Stimme fähig war: Du sollst Dich prüfen, ob Du
ohne Reinhard nicht glücklich zu sein vermagst, denn nur ihn suchst Du im
Christentume. Du sollst prüfen, ob Reinhard Dir eine so feste Stütze im Leben
werden kann, als die Deinen? Reinhard ist gut und brav, aber ich fürchte, Ihr
Beide werdet einander nie verstehen - und am Ende wirst Du Deinem Herzen folgen.
Das allein entscheidet zuletzt das Schicksal der Frauen. Gott gebe, dass Dein
Herz Dich niemals irre leitet.
    Er küsste mit den Worten Jenny's Stirn, sie lehnte ergriffen und verschämt
den Kopf an seine Schulter, da klopfte es an die Türe und Reinhard trat in's
Zimmer. Er blieb erschreckend stehen, Jenny erhob sich nicht weniger erschrocken
und eilte schnell hinaus, nur Joseph war ruhig und hiess den Gast willkommen.
Dadurch gewann Reinhard Zeit, sich zu fassen; einen kurzen Moment schien er zu
überlegen, dann ging er schnell und leidenschaftlich bewegt auf Joseph zu und
sagte: Ich kenne Sie nicht genau genug, um eigentlich eine solche Frage an Sie
richten zu dürfen. Sie könnten mich der Zudringlichkeit beschuldigen, aber mein
Lebensglück hängt von der Frage ab: Wie stehen Sie mit Jenny?
    Ihre Forderung ist allerdings sonderbar, antwortete Jener, da ich wirklich
nicht einsehe, was Sie zu der Frage berechtigt? Doch will ich Ihnen antworten,
weil ich Ihrer Ehre vertraue.
    Meine Cousine ist mir eine teure Verwandte, die, unter meinen Augen
aufgewachsen, mir wie eine Schwester wert ist.
    Und Sie ist nicht Ihre Braut? fragte Reinhard weiter.
    Nein! war die entschiedene Erwiderung.
    Aber Sie lieben Jenny? Was bedeutet sonst die Scene, die ich eben hier mit
angesehen habe?
    Darüber brauche ich Ihnen keine Auskunft zu geben, und es ist mehr als Sie
fragen dürfen, wenn Sie Fräulein Meyer die Achtung zollen, die sie zu fordern
berechtigt ist, sagte Joseph tadelnd.
    Reinhard wollte eben eine heftige Entgegnung machen, denn seine Eifersucht
raubte ihm die Besinnung; doch bezwang er sich gewaltsam, und mit erkünstelter
Ruhe sagte er: Ich muss es darauf ankommen lassen, wie Sie über mich in diesem
Augenblicke urteilen mögen. Vielleicht gelingt es mir bald, Ihnen in
günstigerem Lichte zu erscheinen, und mein Betragen vor Ihnen zu rechtfertigen.
- Mit den Worten verliess er Joseph, der gedankenschwer im Zimmer auf und ab
ging, bis sein Oheim mit seiner Frau nach Hause kam, denen bald darauf Eduard in
der besten Laune folgte.
Der Doctor kam aus dem Horn'schen Hause. Man hatte dort von einem Treibhause
gesprochen, in dem eine Menge der schönsten Blumen gerade jetzt in voller Blüte
ständen, und Hughes hatte dabei die Bemerkung gemacht, er halte das Treibhaus
von Eduard's Vater für eines der reichsten und schönsten, die er jemals gesehen
habe. Er erzählte von alle den verschiedenen Camelien, Azalien und Hyazinten.
Clara schien sich dafür lebhaft zu interessiren, und Eduard wagte endlich den
Vorschlag, sie möge seinen Eltern die Freude machen, sich selbst durch den
Augenschein davon zu überzeugen. Hughes fand die Idee vortrefflich; er war
gleich bereit, seine Cousine zu begleiten, und erhielt dazu nach einigen
Einwendungen die Erlaubnis seiner Tante.
    Die Commerzienrätin nämlich, die ihren Plan niemals aus dem Gesichte
verlor, fingen William's häufige Besuche im Meierschen Hause zu beunruhigen an.
Es bangte ihr vor der Möglichkeit, Jenny könne der Magnet sein, der ihn dort
hinziehe, und sie wünschte lebhaft, die Verlobung Clara's mit William, die ihr
sehr am Herzen lag, so schnell als möglich geschlossen zu sehen. Darum war ihr
jede Veranlassung willkommen, die Clara und Hughes zusammenführte, besonders
diese, bei welcher der junge Mann als Beschützer des Mädchens auftrat; und es
war ihr lieb, wenn sich die Leute gewöhnten, das Paar als verlobt zu betrachten,
weil nur zu häufig das Urteil der Welt uns erst zu Entschlüssen bestimmt, die
wir sonst vielleicht gar nicht oder doch viel später fassen würden.
    Eine grössere Freude hätte die Commerzienrätin aber weder ihrer Tochter noch
Eduard bereiten können. Beide erglühten vor Lust, als ihre Blicke sich
begegneten. Die Verabredung wurde für den nächsten Morgen getroffen, und Eduard
eilte nach Hause, um seine Eltern davon in Kenntnis zu setzen.
    Auch Reinhard war, als er sich von Joseph trennte, nach seiner Wohnung
gegangen, und so stürmisch in das friedliche Zimmer der Pfarrerin getreten, dass
diese, Brille und Strickzeug bei Seite legend, verwundert zu dem Sohne empor
sah, denn sie war dergleichen Ausbrüche in ihrer Nähe, die er wie geheiligten
Boden ehrte, nicht gewöhnt.
    Was ist geschehen, Gustav? sprich mein Sohn! fragte sie endlich, als
Reinhard, der offenbar keinen Anfang zu dieser Unterhaltung zu machen vermochte,
sich schweigend neben sie auf das Sopha warf, und tief aufatmend sein Gesicht
in den Händen barg. Was ist geschehen? Um Gotteswillen! fragte die Mutter noch
einmal, so rede doch.
    Und des starken Mannes Lippen bebten, und aus beklommener Brust stiess er die
Worte heraus: Ich liebe Jenny, und ich sah sie an ihres Vetters Brust!
    Auch die Pfarrerin fuhr zusammen. Armer Sohn, sprach sie, also ist sie
Joseph's Braut? Und ich glaubte, sie teile Deine Liebe, die ich lang schon
kannte.
    Sieh Mutter, das ist es! Auch ich habe an ihre Liebe geglaubt. Ich bete sie
an, sie ist der Gedanke meiner Tage, der ewige Traum meiner Nächte gewesen, und
nun!
    Die Mutter drang in ihn, ihr genau zu berichten, was vorgefallen sei.
Reinhard's Erzählung, von den leidenschaftlichsten Klagen unterbrochen, liess sie
einsehen, dass ihres Sohnes Eifersucht der Geliebten Unrecht getan haben möchte.
Sie fragte ihn, ob er Jenny seine Liebe bekannt habe?
    Niemals! antwortete er. Ein mir sonst unbekanntes Bangen hielt mich davon
zurück. Wenn ich es zu sagen vermöchte, wie ich Jenny liebe, das schöne, schöne
Geschöpf, dessen Lehrer ich gewesen bin, dessen Geist ich gebildet habe, dessen
Herz so warm, an dessen Seite zu leben das heisseste Verlangen meines Lebens ist!
Aber in Jenny ist noch ein zweites, fremdes Wesen, das mich kalt zurückstösst,
wenn mein Herz ihr offen und warm entgegenwallt. - Hast Du Jenny gesehen, wenn
sie den schalen Witzen des albernen Steinheim Beifall lächelt? wenn sie mit
Wonne die Huldigungen von Alt und Jung duldet, und kein höheres Glück zu kennen
scheint, als die Pracht und den Luxus, die sie umgeben, keine andere Freude, als
Allem Hohn zu sprechen, was es Grosses und Heiliges gibt? Ich habe sie am Morgen
Tränen der Rührung vergiessen sehen über Empfindungen, die sie am Abend spottend
verlachte; und oft, wenn Ihr schönes Auge mich zu den schönsten Hoffnungen
berechtigte, verletzte mich im nächsten Augenblick ihr kaltes Wort so schwer,
dass ich schon tausendmal entschlossen war, sie für immerdar zu fliehen. Und sie
zu fliehen, sie nicht zu sehen, Mutter! von Jenny zu scheiden, vermag ich doch
nicht mehr. - Beide schwiegen, und die Pfarrerin weinte still.
    Neulich, fuhr er nach einer Weile fort, hörte sie von dem Unglück einer
armen Familie sprechen; sie war sehr bewegt und doch so klug und ruhig in den
Hülfsleistungen, die sie anbot. Sie war gerührt wie ein Weib, und klar und
verständig wie ein Mann. Hoch erfreut betrachtete ich sie, wie sie geschäftig
alles Nötige ordnete und aus Kisten und Schränken zusammentrug, was irgend der
augenblicklichen Not zu steuern vermochte. Und nach einer Stunde, als
vielleicht auf ihr junges Haupt der beste Segen des Himmels von den Armen
erfleht wurde, hörte ich selbst aus ihrem Munde die Worte: Die Dürftigkeit ist
nicht poetisch, ich habe nie an die glückliche Armut geglaubt, sie ist nur
niederziehend, ist nur kläglich. - Und ich sollte daran denken, sie in ein
kleines Pfarrhaus einzuführen, das ihr niederziehend und kläglich scheinen
könnte? - Nein! niemals, niemals!
    Und wieder entstand eine lange und traurige Pause, bis die Pfarrerin endlich
sagte, indem sie ihren Arm um ihren Sohn schlang: Mein armer Sohn! leider ist
manches wahr in Deinen Klagen. Aber bist Du sicher, dass Du Jenny nicht Unrecht
tust mit Deinem Urteil? Ihr Herz ist gut, sie liebt Dich, und viele ihrer
Fehler, die ich nicht verkenne, würden sich verlieren, wenn sie in der Ehe
höhere und reinere Freuden kennen lernte, als den Luxus ihres Vaterhauses.
    O! das ist es auch nicht, rief Reinhard, innerlichst erfreut, sich
widersprochen und die Geliebte gelobt zu sehen. Das ist es nicht! Gönne ich ihr
nicht die Perlenschnur in ihren schönen Locken? Freue ich mich nicht selbst,
wenn der weiche Caschmirshawl sich um die kleine, feine Gestalt legt, und die
Schultern blendend weiss daraus hervorschimmern? Sie ist geboren für diesen
Schmuck! aber, sie kann ihn nicht entbehren; ich vermag ihn ihr nicht zu geben
und würde doch erröten, mein Weib in einer Pracht zu sehen, die sie nicht mir
allein verdankte, die ich nicht mit ihr teilen könnte, ohne von den Wohltaten
eines Dritten zu leben. Und wenn Jenny in einem jener Anfälle rücksichtslosen
Witzes jemals ein Wort sagte, das mich daran erinnerte, sie sei die Reiche mir
gegenüber - gerade, weil ich sie liebe - bei Gott! ich glaube, ich könnte sie
hassen!
    Das wird Jenny nie, begütigte die Pfarrerin, und in der Beziehung würde ich
sie ruhig an Deiner Seite sehen. Was mir an ihr missfällt, ist das jüdische
Element in ihr. Der Witz dieses Volkes ist eigentümlich und fürchterlich, er
hat mich oft erschreckt, gepeinigt, wenn es mir in ihrem Vaterhause wohl war,
wie es Einem bei so braven, gebildeten Menschen wohl werden muss. Der Witz der
Juden hat etwas von dem Stilet des Banditen, der aus dem Verborgenen
hervorstürzt, den Wehrlosen um so sicherer damit zu treffen. Er ist die letzte
Waffe des Sklaven, dem man jede andere Waffe gegen seinen Unterdrücker genommen
hat, die feige Rache für erduldete tiefempfundene Schmach.
    Mutter! Jenny's Witz ist nicht so schlimm; er ist kindisch, schnell und
treffend. Aber wenn ich, in törichter Eifersucht aufgeregt, hart über Jenny
urteilte - vergiss es, liebe Mutter! bat der Sohn, denn ich habe Jenny Unrecht,
sehr Unrecht getan. Ich selbst glaube nicht, was ich sagte; es war
Leidenschaft, Zorn, was aus mir sprach, nicht meine Ueberzeugung, nicht mein
Herz, das Jenny liebt - und nicht wahr? auch Du hast Jenny lieb? fragte
Reinhard, und die Pfarrerin schwankte, was sie beginnen sollte. Sie sah, dass ihr
Sohn zu sehr an der Geliebten hing, um selbst aus dem Munde seiner Mutter ein
Wort des Tadels gegen sie ertragen zu können. Lieber wollte er seine
Ueberzeugung, seine eigene Erfahrung in der Beziehung Lügen strafen, als Jenny
tadeln hören, die er gerade jetzt, wo die Eifersucht ihm die Gefahr, sie zu
verlieren, vorspiegelte, um so leidenschaftlicher liebte. Doch siegte die
Pflicht, ihren Sohn an Jenny's Eigentümlichkeit zu mahnen, in ihr über die
Scheu, ihm augenblicklich wehe zu tun.
    Ich habe Jenny sehr lieb, sagte sie, und die kindliche Freundlichkeit, die
Hingebung, die sie mir immer zeigt, verdienen meinen wärmsten Dank. Klug, schön
und gut wie sie ist, darf jede Mutter stolz auf solche Tochter sein. -
Reinhard's Gesicht leuchtete vor Freude und ein feuriger Händedruck lohnte
seiner Mutter diese Anerkennung. Doch, fuhr die Pfarrerin fort, täusche Dich
nicht, mein Sohn! Jenny hat Fehler, für die sie nicht verantwortlich ist, weil
sie gewissermassen nationell sind, und weil die Mehrzahl der Jüdinnen sie mehr
oder weniger mit ihr teilen. Die Lebhaftigkeit, die Rührigkeit der Juden wird
bei der grossen Masse zur unerträglichen Manier. Ihr Sprechen, ihre Geberden sind
carrikirt. Davon ist der Gebildete bis zu einem gewissen Grade frei, die
unruhige Lebhaftigkeit indessen bleibt ein hervorstechender Zug der Juden. Sie
mag vortreffliche Geschäftsmänner hervorbringen, der Weiblichkeit aber tritt sie
zu nahe. Jenny belebt eine ganze Gesellschaft; sie ist täglich neu; man hat
Freude an der Unterhaltung mit ihr, nur Ruhe findet man nicht bei ihr. Sie hat
Mut und Geist; sie bewegt sich frei und keck; und doch muss ich, wie zur
Erholung, auf Terese sehen, die in ihrer Bescheidenheit neben Jenny einen gar
wohltuenden Eindruck auf mich macht.
    Terese ist kälter; hat nicht so viel Geist, wandte Reinhard ein, und was Du
von den Jüdinnen sagst, trifft auch nicht immer zu. Ist Jenny's Mutter nicht die
liebenswürdigste, vortrefflichste Frau? Auch Jenny wird so werden, wenn sie
älter sein wird. Und diese beständige Lebhaftigkeit, die Du tadelst, wie viel
Freude muss sie dem Manne gewähren! Jenny's Geist ....
    Das ist es, was ich fürchte! sagte die Pfarrerin. Jenny's Geist ist
unerbittlich klar; er lässt sich nie von ihrem Herzen täuschen. Das ist es, was
mich besorgt macht. Diesen geistreichen Mädchen aus den jüdischen Familien, die
gleich Jenny erzogen werden, fehlt es fast immer an gutem weiblichen Umgange:
mehr unterrichtet, als die Frauen ihrer nächsten Umgebung, überschätzen sie sich
zu leicht; das Beisammensein mit Mädchen, die Sorge für die täglichen
Bedürfnisse des Hauses hört auf ihnen Freude zu machen; sie ziehen die
Unterhaltung der Männer vor, welche mit Vergnügen solche einen kleinen
Ueberläufer empfangen. Im Kreise der Männer machen ihr Geist und ihre Aufklärung
rasche Fortschritte; die neuen Begriffe, der grosse Massstab der Männer werden an
Alles gelegt; das Mädchen schämt sich der engen Verhältnisse, die ihm bis dahin
genügten; eilig werden die alten Vorurteile niedergerissen, die beschränkten
Ansichten verworfen; das Haus, in dessen friedlichen alten Mauern das junge
Mädchen heimisch ist und am liebenswürdigsten erscheint, wird zerstört, und ein
neuer spiegelblanker Palast errichtet. Durch die grossen Scheiben dringt
strahlend hell das Sonnenlicht, und glänzt von den glatten Marmorwänden wieder.
Alles ist Licht! kein Halbdunkel, kein düsterer Schatten; aber auch kein stiller
Raum, um dem Schöpfer einen Altar zu bauen, kein traulich Plätzchen für
schüchterne Liebe. - Sie hielt inne, ergriff des Sohnes Hand, und sagte mit
Bewegung: Ich habe Dir, als Du noch auf meinen Knieen spieltest, oft in Märchen
und Bildern die Wahrheit mitzuteilen versucht, die ich Deinem Herzen einprägen
wollte; die alte Gewohnheit ist mir geblieben, wie Du siehst. Jenny, von den
Ihrigen im Zweifel erzogen, ist ein weiblicher Freigeist geworden. Wird sie, die
Glaubenslose, Dich dauernd glücklich machen können?
    Reinhard sah brütend vor sich nieder, ohne zu antworten; auch seine Mutter
verlor sich in Gedanken. So sassen sie eine Weile still beisammen. Bei den
Männern, hub die Mutter dann aufs Neue an, ihrer Gedankenreihe Ausdruck gebend,
bei den Männern, bei Jenny's Vater, bei Eduard, fällt der Unglaube nicht so
störend auf, weil philosophische Erkenntnis ihnen eine feste Ueberzeugung
gegeben hat. Aber Madame Meyer selbst bedauert die Richtung, welche ihre Tochter
genommen hat, denn die Mutter ist ein frommes, echt weibliches Gemüt; und sage
mir ehrlich, mein Sohn! glaubst Du, Jenny werde jemals von Herzen Christin sein?
Wenn Du nun dastehst und mit inniger Erhebung Deiner Gemeinde das Abendmahl
erteilst im Namen unsers Heilandes, der für uns gestorben ist, wird Dein Herz
nicht bluten bei dem Gedanken, dass Deine Frau, Dein anderes Ich, der heiligen
Handlung kalt und zweifelnd zusieht und innerlich Dich und die Gemeinde
bemitleidet, die Erbauung findet, wo sie ein leeres Formenwesen sieht? Hast Du
Dir Jenny als die Mutter Deiner Töchter gedacht? - Sie könnte einem Manne unter
anderen Verhältnissen gewiss viel, sehr viel sein, aber keinem Christen, keinem
Geistlichen, der aus innerer Ueberzeugung seinen Beruf heilig hält.
    Nein! rief Reinhard plötzlich aus, nein! Du irrst Dich Mutter! Es wird
anders werden, anders sein! Das Licht göttlicher Wahrheit wird auch in Jenny's
Geist leuchten, sie wird einsehen und fühlen, dass im Christentum der Quell
ewiger Seligkeit rein und lauter strömt. Ein starker Glaube, wie meiner, muss sie
davon überzeugen, und ist sie nicht schon dem Herzen nach Christin? Alles, was
Du an ihr tadelst, liebe Mutter, wird schwinden; Du hast es selbst vorhin
gesagt, wenn ihr Gemüt die ewig wahre Lehre in sich aufgenommen haben wird,
wenn eine edlere Freude, eine selige Ruhe sie beleben werden. Denke Dir, welch
ein Glück, die Seele seiner Frau gebildet zu haben, sie gewonnen zu haben für
die Wahrheit! - Und werde ich ihr nicht Schätze bieten, edler und unschätzbarer,
als ihre Reichtümer, die mich ängstigten? Morgen noch sage ich ihr, dass ich sie
liebe, und ich hoffe, Dir morgen eine Tochter zuzuführen, die würdig ist, einen
Platz an Deinem Herzen zu finden! O teure Mutter! glaube mir! wir werden sehr
glücklich sein. Ich allein weiss, welch eine Welt von Liebe, von Grossmut in
Jenny lebt, ihre Seele entspricht dem holden, süssen Antlitz - und Beides mein!
Jenny ganz mein, mein Eigen! Es ist fast zu viel Glück! - sagte er lächelnd, und
fing an, der Pfarrerin ein Bild ihres künftigen Lebens in ländlicher Stille zu
entwerfen, das der armen Frau Tränen entlockte, eben weil sie ihrem Sohne ein
solches Loos wünschte, und doch zweifelte, ob es jemals Jenny zusagen würde. Nur
mit Ueberwindung wagte sie, ihrem Sohne den Vorschlag zu machen, noch ein paar
Tage mit seiner Werbung zu zögern, nochmals reiflich zu überlegen - denn zu
harren, bis er eine Anstellung gefunden, dazu war er nicht zu überreden.
    Die Warnungen seiner Mutter, ihre Missbilligung hatten nur dazu gedient, ihn
an Jenny's Vorzüge zu erinnern, und widerstrebend versprach er, das Meiersche
Haus ein paar Tage zu meiden, und Jenny nicht zu sehen.
Der nächste Morgen, ein Sonntag, brachte nach trüben Tagen mit Wind und
Schneegestöber, wie der Dezember sie bietet, einen klaren, frischen Frost. Die
Strassen waren trocken, und sahen in der Sonntagsstille, die in grossen
geräuschvollen Handelsstädten um so friedlicher erscheint, gar reinlich und
festlich aus.
    Mit der eitlen Sorgsamkeit einer Hausfrau musterte Madame Meyer die Zimmer,
liess nochmals jedes Stäubchen fortkehren, und wollte es doch nicht wahr haben,
dass sie heute noch mehr darauf halte, als sonst, weil sie Clara zum Frühstück
erwartete. Eduard hatte die erste Morgenstunde dazu benutzt, mit dem Gärtner das
Treibhaus zu durchwandern. Er selbst hatte die seltensten Exemplare in das
rechte Licht gestellt, den Frühstückstisch unter die Orangen setzen lassen,
deren Blüten am üppigsten dufteten, und dem Gärtner aufgetragen, ein Bouquet zu
arrangiren, das für diese Jahreszeit als ein wahres Wunder erscheinen musste.
Dann hatte er in fast knabenhafter Fröhlichkeit mit Jenny gescherzt, mit ihr
herumgewalzt, als eine Truppe Musikanten auf der Strasse spielte, und sie zuletzt
gebeten, doch zuzusehen, dass es Clara in seinem elterlichen Hause recht gefallen
möge.
    Joseph sah teilnahmlos dem fröhlichen Treiben der Geschwister zu. Er wurde
wehmütig gestimmt, als Jenny nach Eduard's Entfernung zu ihm kam, ihm die Hand
reichte und mit ungewohnter Feierlichkeit zu ihm sagte: Joseph! ich habe Dich
bis jetzt verkannt, Dich nicht genug geliebt. Was mir die Zukunft auch bringen
wird, Du sollst mein geliebter Bruder, mein zweiter Eduard sein. Willst Du das?
und Du kannst mir vertrauen, wie einem Manne, wie ich Dir! - Er antwortete ihr
nicht gleich, sie hatte sein Urteil ausgesprochen, über sich und ihn
entschieden. So sei es, war Alles, was er ihr endlich zu erwidern vermochte,
weil er alle Art von Aufregungen eben so ängstlich mied, als Jenny sie suchte;
und sie besass nicht Beobachtung genug, in Joseph's stillem, ruhigem Gesicht den
wahren Schmerz zu lesen, den ihre Entscheidung ihm verursachte. Sie war
unzufrieden mit ihm, als sie ihn verliess.
    Eduard kehrte schon gegen Mittag von seiner Praxis zurück und versuchte
umsonst, die Ungeduld zu verbergen, mit der er nach dem Zeiger der Uhr und auf
die Strasse hinaussah, von welcher die Ersehnte in Begleitung ihres Vetters
kommen sollte. Da rollte endlich ein leichtes Fuhrwerk über das Pflaster, hielt
vor dem Meierschen hause still, die Torflügel öffneten sich, der Portier zog
die Glocke, und Eduard flog die Treppe hinunter, um die Geliebte selbst zu
seiner Familie zu geleiten.
    Jenny ging ihr bis in das Vorzimmer entgegen, die Mädchen umarmten sich auf
Mädchenart mit zärtlichen Küssen, das alte, trauliche »Du« der längst
verflossenen Schulzeit wurde hervorgesucht, und es vergingen mehrere Minuten,
ehe Clara in das Wohnzimmer zu Madame Meyer kam. Sie sah schön aus an dem Tage.
Das enganliegende Kleid von heller Seide zeigte ihre stattliche Gestalt; ein
kleiner schwarzer Sammetut hob die frische Farbe des Gesichtes schön hervor,
das die langen, blonden Locken reich umgaben. Die Freude, welche ihr dieser
Besuch einflösste, der Wunsch, den Eltern des Geliebten zu gefallen, verursachten
ihr eine lebhafte Bewegung, die sehr anmutig an ihr erschien. Jenny konnte
nicht aufhören, sie zu betrachten, und Eduard's Mutter empfing sie mit der
Freude, mit welcher eine zärtliche Mutter die Auserwählte ihres Sohnes begrüsst.
Sie fand Clara noch schöner und liebenswürdiger, als sie sich dieselbe gedacht
hatte. Der Ton von Demut in ihrer Stimme, das Weiche, Milde in ihrer
Erscheinung, welches sich Eduard gegenüber zu verdoppeln schien, nahmen
augenblicklich für sie ein. Die ungeheuchelte Freude, mit der sie die Schätze
des Treibhauses bewunderte, das an den Tanzsaal grenzte, die Kindlichkeit, mit
der sie Eduard und Jenny glücklich pries, in diesem Hause zu wohnen, machte die
Andern mit ihr froh, und selbst Joseph's Stimmung wurde freundlicher vor so viel
Liebenswürdigkeit.
    Clara fühlte sich bereits ganz heimisch in dem Kreise, als der Vater
hinzukam und man sich zu dem reich versehenen Frühstück niedersetzte, während
dessen die Unterhaltung in zwei Teile zerfiel. Hughes hatte Briefe aus London
erhalten, teilte manches Neue daraus mit, und es ergab sich in Folge dessen
unter den Herren eine Unterhaltung, die zwischen geschäftlichen und politischen
Interessen sich hin und her bewegte, und an der auch Eduard Anteil zu nehmen
gezwungen war, obgleich er neben Clara sass und mehr auf ihr Gespräch mit den
Damen achtete, als er zugestehen wollte. Sie musste erzählen, wie sich der Unfall
zugetragen, der sie so lange an ihr Zimmer gefesselt hatte; sie konnte nicht
genug ausdrücken, wie dankbar sie dem Doctor für seine grosse Sorgfalt sei, wie
seine Freundlichkeit, sein Trost ihr die Stunden des Schmerzes verkürzt hätten.
Die Mutter und Jenny waren hoch erfreut über diese Äusserungen. Aber den Vater
machte die Wärme nachdenklich, mit welcher Clara von seinem Sohne sprach.
    Plötzlich klopfte es an die Türe. Man rief »herein«, musste aber den Ruf zum
zweiten und dritten Male wiederholen, ehe Steinheim mit Mephisto's Worten: »So
recht! Du musst es dreimal sagen«, seine Mutter am Arme, in das Zimmer trat. Man
stand auf, die alte Frau Steinheim zu bewillkommnen. Sie wollte aber durchaus
nicht leiden, dass man sich ihretwegen derangire, und bat mit schnarrender Stimme
und jüdischem Jargon, gar keine Notiz von ihr zu nehmen, da sie nur auf wenig
Augenblicke gekommen sei.
    Ich war bei der Benteim, deren Mann krank ist und die ausserdem Aerger mit
den Dienstboten hat«, sagte sie zur Hausfrau. Denken Sie sich, die Hanne, die
Person, welche früher bei der Rosenstiel diente, hat der Benteim aus der
Chiffonière zwei Ringe gestohlen. Da hat sie mich gebeten, bei der Rosenstiel
nachzuhören, ob dort Aehnliches passirt sei, und ich will mit meinem Sohne
gleich von hier dortin fahren. Man hat meinen Sohn so gern bei der Rosenstiel;
er amüsirt sich so mit den Mädchen, dass ich ihn leicht dazu bekam, mich zu
begleiten. Haben Sie gehört, Jenny, sagte sie zu dieser, wie die älteste
Rosenstiel das »Una voce« singt? göttlich, sage ich Ihnen! - und ehe noch Jemand
Zeit gewann, ihr Fräulein Horn vorzustellen, oder ein Wort zu sprechen; ehe
Jenny ihre letzte Frage beantworten konnte, fuhr sie gegen Clara gewendet fort:
Sie kennen doch die Rosenstiels?
    Ich habe das Vergnügen nicht, antwortete Clara ganz verwundert über das
sonderbare Betragen der alten Frau.
    Was? Sie kennen die Rosenstiels nicht? - Denke Dir, mein Sohn, Fräulein Horn
kennt die Rosenstiels nicht! Haben Sie denn nie von der Malerei der zweiten
Tochter gehört? Ein enormes Talent! sage ich Ihnen; eben so viel Genie fürs
Malen, wie die älteste für den Gesang. Rein merkwürdig! Die Mutter ist eine
geborne Strahl, von den Strahl's aus Frankfurt, abgerechnet, dass die Frau sich
zu jugendlich kleidet, eine ganz charmante Frau. Wissen Sie noch, liebste Meyer,
wie der Doctor Herzheim ihr die Cour machte? Das kann sie noch nicht vergessen.
Mein Sohn würde sagen: »Ewig jung bleibt nur die Phantasie«; aber wissen Sie,
der junge Herzheim wird die älteste Tochter nehmen, sagt man. Ich glaube es
nicht, die kann andere Partien machen, sage ich Ihnen!
    Es war gut, dass der kleinen starken Frau der Atem zu versagen anfing, denn
Clara hatte mit kaum verhehltem Erstaunen die Neuhinzugekommene betrachtet,
deren Kleidung, aus Allem zusammengesetzt, was es Neues und Kostbares gab, auf
ihrem runden, festgeschnürten Körper und zu dem sehr scharf geschnittenen,
alternden Gesichte ebenso sonderbar erschien, als ihre Sprechlust und ihr
unaufhörliches Gesticuliren. Um einem neuen Redestrome Schranken zu setzen,
fragte Jenny Herrn Steinheim, ob er in den letzten Tagen Erlau nicht gesehen
habe, auf den sie vergebens gewartet, um mit ihm das Nähere wegen der Proben zu
den lebenden Bildern zu verabreden.
    Erlau, der nie Anlage zu einem Fixsterne hatte, antwortete der Gefragte, ist
jetzt vollkommen zum Planeten der Giovanolla geworden; er, der ein Stern erster
Grösse am Kunstimmel sein könnte. Ich kenne ihn nicht mehr, ich begreife ihn
nicht.
    Was ist da zu begreifen? sagte der Vater. Er ist ein liebenswürdiger
Wildfang, wie er es immer war, und wir wissen, wie ihm Schönheit den Kopf
verdreht; junger Wein will gähren!
    »Ich bin so sehr nicht aus der Art geschlagen, dass ich der Liebe Herrschaft
sollte schmähen«, recitirte Steinheim, aber dies gänzliche Sichverlieren in
solch eine Passion von acht Tagen ist zu komisch. Man sieht ihn gar nicht. Zudem
ist er hinausgezogen an den Leuchtturm, wo ein ewiger Orkan wütet, und wo man
ihn nicht besuchen kann, ohne sich vor Erkältung den Tod zu holen!
    Haben Sie ihn in seinem neuen Atelier noch nicht aufgesucht? fragte Eduard.
Das wird ihn gekränkt haben!
    Hat er mich gefragt, wie er hinausgezogen ist, ob ich hinaus kommen werde?
Morgen wird's ihm einfallen, auf den Domturm zu ziehen, und er wird es übel
nehmen, wenn ich nicht hinauf klettere, um ihn da oben zu besuchen! dabei fällt
mir ein, liebe Mutter! dass wir jetzt unsern Besuch bei Madame Rosenstiel nicht
länger verschieben dürfen, und ich möchte - obgleich dem Glücklichen keine Uhr
schlägt, Dich daran erinnern, uns auf den Weg zu machen, weil es bereits ein Uhr
ist.
    Dieser Vorschlag brachte die alte Dame in die grösste Rührigkeit. Sie stand
auf, suchte eifrig nach Boa, Mantille und Handschuhen, die sie im Eifer des
Gespräches allmälig abgelegt hatte, und empfahl sich mit vielen Complimenten den
Anwesenden, nachdem Jenny noch mit Steinheim verabredet hatte, dass für den
nächsten Abend die Probe zu den Bildern vor sich gehen sollte.
    Der ganze kleine Kreis fühlte sich offenbar erleichtert, als die Beiden
fortgegangen waren. Jenny schämte sich des unschönen Betragens, das Gäste ihres
Hauses vor Clara an den Tag gelegt hatten. Steinheim's Citate, seine gesuchten
Witze kamen ihr unerträglich vor, und nur ihr angeborner Takt hielt sie zurück,
Entschuldigungen deshalb zu machen. Wirklich schien es, als ob etwas Störendes
in die vorhin so unbefangene Unterhaltung gekommen sei; man scherzte und
plauderte noch ein Weilchen fort, dann aber brach auch Hughes auf, und mahnte
Clara an die Rückkehr. Beim Abschiede händigte Jenny ihrem Gaste das schöne
Bouquet ein, indem sie bat, es als einen Willkomm mitzunehmen. Clara dankte
herzlich, und als nun die Mutter sie aufforderte, sie und ihr Treibhaus bald
wieder zu besuchen, nahm Clara ein paar Immortellenzweige aus dem Bouquet und
reichte sie Jenny und Eduard mit der Bemerkung: Die lasse ich zum Pfande hier,
dass ich bald wiederkomme, wenn Ihre Mutter es erlaubt. Freundlich reichte sie
dem alten Meyer die Hand und ging mit Hughes und Eduard davon, um den Rückweg zu
Fuss anzutreten und dadurch das köstliche Winterwetter ein wenig länger zu
geniessen.
    Ich kenne fast nichts Reizenderes, bemerkte Clara gegen Eduard auf dem Wege,
als ein Treibhaus, wie das Ihrer Eltern, in der Mitte des Winters. Diese
Farbenpracht, der süsse Duft erquicken doppelt zu einer Zeit, in der man Beides
nicht erwartet; abgesehen davon, dass ich schon darum Treibhäuser liebe, weil in
der Sorge des Menschen für die Pflanzen etwas Zutraueneinflössendes liegt.
    Das Letztere, liebe Clara, sagte Hughes, kann doch nur da der Fall sein, wo
nicht Prunksucht oder Speculation an der Pflege der Blumen Teil haben.
    Gewiss nur da, antwortete sie. Aber ich kann es nicht genug sagen, wie ich
mich freue, wenn ich finde, dass auch Andere die Blumen so lieb haben, als ich.
Blumen sind eine von den Freuden, die Gott uns Allen bestimmt hat, und jene
Blumenkasten, welche wir oft an den Fenstern der bescheidenen Armut sehen, tun
mir jedesmal sehr wohl.
    Wohl? fragte Eduard verwundert. Mich machen sie fast immer traurig, und das
ist ein Eindruck, der seit meiner ersten Kindheit sich gleich geblieben ist. Ich
sehe darin immer den Wunsch nach versagten Genüssen, das Streben, sich ein
kümmerliches Dasein zu verschönen, oder eine Entsagung, die mir wehe tut. Wo
ich solche kleine Blumenkasten sehe, möchte ich von unserm Ueberflusse spenden -
und gelegentlich hab' ich's getan! fügte er halblaut hinzu.
    Aber die Leute haben an ihrem kleinen Besitz, wandte Clara ein, vielleicht
oftmals ebensoviel Freude, als mancher Reiche an dem grössten Treibhaus, und
mehr!
    Glauben Sie denn, dass ich diese Treibhäuser und Treibhauspflanzen liebe?
fragte Eduard lebhaft. Es liegt etwas Unnatürliches in der Farbenpracht und dem
Duft dieser erkünstelten Vegetation, das mich ebenso unangenehm berührt, als die
Bewegung der freien Tiere des Waldes in den engen Käfigen einer Menagerie. Für
mich ist alles Geschaffene nur schön an dem Ort, für den es geschaffen ward. Ich
vermag es zu bewundern, wo ich es finde, aber es freut mich nicht, sobald man es
von seinem Platze entfernt. Auf die Gefahr hin, Ihnen zu widersprechen, bekenne
ich, mir erscheint die Zusammenstellung einer Masse von Pflanzen aus den
verschiedensten Weltteilen, die alle nur ein krüppelhaftes Dasein führen, oft
wie eine Verirrung des Geschmackes; und wenn es nicht wissenschaftlichen Zwecken
gälte, möchte ich lieber auf alle tropischen Gewächse verzichten, als sie so
kümmerlich gedeihen sehen. Ich sehe ihnen immer an, was sie sein könnten, wenn
sie in ihrer Heimat und frei wären, und die armen, kranken Verbannten tun mir
dann leid.
    Clara hörte ihm überrascht zu und blickte mit stillem Entzücken auf ihr
schönes Bouquet. Ich habe die südlichen, schönen Gewächse dennoch lieb, sagte
sie, und vielleicht ist es das Mitleid mit den Gefangenen, das mich so
unwiderstehlich zu ihnen zieht, fügte sie lächelnd hinzu.
    Wenigstens wäre das echt weiblich, schaltete William ein, als sie das
Hornsche Haus erreicht hatten und gemeinschaftlich das Zimmer der
Commerzienrätin betraten.
    Clara war sehr heiter. Sie konnte der Mutter nicht genug von der
Herrlichkeit der Treibhäuser erzählen, und sie war noch in der lebhaftesten
Beschreibung, als die Commerzienrätin abgerufen wurde.
    Mir tat es leid, sagte Eduard, als Clara's Mutter sich entfernt hatte, mir
tat es leid, dass Frau Steinheim unser Beisammensein störte. Sie meint es gut,
aber man fühlt sich doch erleichtert, wenn man sie scheiden sieht.
    Da Sie selbst das Tema berühren, erwiderte Hughes, so bekenne ich Ihnen,
dass mir Herr Steinheim auch nicht eben zusagt, und dass ich es nicht begreife,
wie Sie diese ewigen Citate ertragen können. Sein Witzeln, sein Spielen mit den
Worten machen mich oft ungeduldig.
    Ich teile ihre Empfindung, gab Eduard ihm zur Antwort, aber Steinheim's
üble Angewohnheit ist halbwegs nationell. Es walten in den Juden noch die alten
orientalischen Elemente vor; und noch heute hat z.B. der ungebildete Jude seine
Lust an kleinen Erzählungen, wie der Orientale. Er liebt es, sich in Bildern und
Gleichnissen auszudrücken, und mag gern Das, was er zu sagen hat, mit einer
jener Anekdoten begleiten, die oft schlagend genug sind und deren seine alten
Bücher zu Tausenden entalten. Solche alte Gleichnisse wird nun Steinheim nicht
leicht zu benutzen wagen, aber von der Gewohnheit derselben kann auch er nicht
loskommen, und die Citate aus neuen und alten Werken müssen ihm als Aushülfe
dienen.
    Mir kam Herr Steinheim originell und geistreich vor, sagte Clara, und etwas
Rasches, Bezeichnendes kann man dieser Art nicht absprechen. Dazu sieht er
eigentlich sehr gut aus, und dennoch, wenn ich es offen sagen darf, verletzte
mich Etwas in seiner Erscheinung. Ich weiss nicht, soll ich es Selbstgenügsamkeit
nennen, oder ein gewisses zutrauliches Wesen, das mir von einem Fremden auffiel.
    Vermutlich Beides, meinte Eduard. Ich komme leider Ihnen gegenüber immer
wieder in die Lage, den Verteidiger der Juden zu machen.
    Das haben Sie nicht nötig! beteuerte ihm Clara. Ich habe gewiss kein
Vorurteil der Art gehabt; und wäre das selbst der Fall gewesen, so verdanke ich
es Ihnen und William, dasselbe durchaus besiegt zu haben. Wie könnte ich daran
noch denken, nachdem Sie mir die Freude gemacht, Ihre verehrten Eltern kennen zu
lernen, nachdem ich in Ihrer Familie eben solch glückliche Stunden verlebt habe.
    Clara schwieg, aus Besorgnis, zu viel gesagt zu haben, und auch Eduard sass
sinnend eine Weile neben ihr und las in ihren Augen, was ihr Herz sprach und ihr
Mund verschwieg; dann fuhr er fort: Und doch würden Ihnen viele von den Freunden
meiner Familie gar sehr missfallen, obschon es gute, brave Leute sind. Die
Gewohnheit, sich immer nur in demselben Kreise zu bewegen, in welchem Alle sich
seit ihrer frühesten Kindheit mindestens dem Namen und den Verhältnissen nach
kennen, gibt den Juden eine Art sich gehen zu lassen, die dem Fremden
zudringlich und beleidigend erscheinen muss. Ich erfahre das selbst bisweilen.
Meine Verhältnisse haben mich zum Teil diesem Kreise entfernt; ich sehe manche
Personen oft kaum einmal im Jahre; und doch, treffen wir zusammen, so bin ich
gezwungen, mir die kleinlichsten Familienereignisse mit unerträglicher
Weitschweifigkeit berichten zu lassen. Ihnen bin und bleibe ich der Eduard
Meyer, der mit ihnen eingesegnet wurde, mit ihnen einmal dies und jenes
gemeinsam hatte, und sie können nicht begreifen, dass mich das Tun und Treiben
ihrer Onkel und Grossonkel nicht ebenso interessire als sie selbst.
    Das ist aber der Fehler aller engen Kreise, meinte Clara, die mit feinem
Gefühl dem Geliebten jede unbequeme Erörterung ersparen wollte. In unsern
kleineren und grösseren Zirkeln wiederholt sich, was Sie eben rügten. Das darf
man nicht so strenge tadeln, denke ich.
    Und doch tut das alle Welt bei den Juden! rief Eduard; bei ihnen, denen man
nicht einmal die Möglichkeit lässt, aus ihrem engen Kreise herauszutreten, so
gern sie es möchten. Ein Teil der gebildeten Juden kann sich dreist mit jedem
andern Gebildeten messen, er würde, wie in Frankreich, sich längst der Masse der
Nation angeschlossen haben, er würde auch in Deutschland längst nationalisirt
sein, wenn ihn sein Äußeres, seine dunklere Farbe und das schwarze Haar nicht
auf den ersten Blick von den Deutschen unterschieden zeigten. Dies fremde
Äussere erinnert unaufhörlich an eine verschiedene Abkunft und gibt, vom Pöbel
ausgehend, dem Judenhasse immer neue Nahrung, von dem wohl die Wenigsten so frei
sind, dass sie den Juden nicht den Mangel an gesellschaftlicher Bildung zum
ächtenden Vorwurf machten. Und man brauchte sie doch nur zu emancipiren, um die
Unebenheiten von ihrer Aussenseite abzuschleifen. Freilich ist es gar bequem zu
sagen: Die Juden haben einen hässlichen Dialekt, hässliche Manieren. - Woher das
aber kommt, fragt Niemand! - Dass es so ist, reicht ja hin, den Juden
auszuschliessen von der Gesellschaft, und mehr braucht es nicht, mehr will man
nicht.
    Eduard war erregter, als er selbst glaubte, Clara betrübt, und selbst Hughes
nicht frei von Befangenheit. Doch bezwang er sich, und sagte: Allerdings trifft
die Deutschen der Vorwurf, nur in den Juden die Nationalität nicht anzuerkennen,
während sie sonst jeder fremden Eigentümlichkeit mehr als nötig nachsehen.
Erwarten wir das Beste von der Zukunft, und wenigstens lassen Sie uns die
Gegenwart meines Mühmchens mit fröhlicherer Unterhaltung feiern. Das arme
Mädchen sieht schon so betrübt aus, als ob es das Unheil verschuldet hätte, und
ist so gut, dass es gewiss gern Hülfe und Aenderung brächte.
    Wenn ich das könnte, rief Clara lebhaft, und Hughes glaubte eine Träne in
ihrem Auge zu sehen, als Eduard sich bald darauf empfahl, nochmals für die Ehre
dankend, die Clara ihm erzeigt, indem sie seine Einladung angenommen hatte.
    Ehre? seufzte Clara, obgleich Eduard das Wort nur zufällig und achtlos
gewählt, Ehre? - Ach mein Gott! -
    Auch William war der Schluss der Unterhaltung peinlich geworden. Es ist
Schade, sagte er, als Jener sich entfernt hatte, dass man mit Eduard so gar
vorsichtig sein muss, weil man nur zu leicht die Saite seines Gemütes berührt,
die ewig in Klagetönen erklingt, in Dissonanzen, für die es nun einmal noch
keine Auflösung gibt. Oft tut es mir leid; aber man ist nicht immer dazu
geneigt, über unabänderliche Verhältnisse zu sprechen und Teil an ihnen zu
nehmen; man will nicht immer Mitleid haben.
    Mitleid, fiel Clara ein, stolz aus der Seele des Geliebten antwortend,
verlangt denn Eduard Mitleid? Er will sein Recht, das Recht, welches man seinem
Volke und damit auch ihm selber vorentält. Wer darf mehr verlangen, frei und
den Besten gleichgestellt zu sein, als er? Und kannst Du ihn tadeln, dass er in
jedem Augenblicke das Unrecht fühlt, welches ihm geschieht? dass er den Gedanken
ausspricht, der zum Grundton seines Wesens geworden ist? Atmen und frei sein
mit seinem Volke, das ist ihm gleichbedeutend; er kann und will nicht schweigen
von Dem, was allein ihm Wert hat. Jeder Mann von Ehre müsste so handeln; ich
begreife das vollkommen.
    So scheint es, sagte William etwas spöttisch. Es ist nur zu bedauern, dass
die Juden nicht viele solch eifrige Verteidiger finden, als meine schöne
Cousine, die ich von ihren Betrachtungen über die Gleichstellung der Juden nicht
länger abhalten will.
    Und verstimmt trennten sich die drei Menschen, die eben erst in schöner
Freundschaft glückliche Stunden mit einander genossen hatten.
Länger als bis zum folgenden Abende konnte Reinhard es nicht ertragen, von Jenny
entfernt zu sein. Mit seiner Mutter hatte er seit ihrer letzten Unterhaltung
keine Silbe über seine Liebe gesprochen; und ein ängstliches, vorsichtiges
Schweigen hatte zwischen Mutter und Sohn geherrscht, die sonst in innigster
Mitteilung zu leben gewohnt waren. Da schlug am Abend des zweiten Tages die
alte Uhr des Wohnzimmers sieben heisere Schläge, und die Pfarrerin hörte, wie
Reinhard den Stuhl vom Schreibtisch schob und schnell in seinem Zimmer
umherging. Wenige Augenblicke darauf sah sie ihn, zum Ausgehen gerüstet, bei
sich eintreten.
    Gehst Du aus, mein Sohn? fragte sie.
    Reinhard bejahte es. Die Pfarrerin schwieg. Da bog er sich hernieder, und
sagte schmeichelnd: Gib Deinem Sohne nur einen Abschiedskuss. Wer weiss, ob die
Tochter, die ich Dir bringe, mich nicht aus Deinem Herzen verdrängt! Dann küsste
er die Mutter und eilte von dannen, ehe sie ihm Etwas entgegnen konnte. Was
hätte sie ihm auch sagen sollen?
    Sie faltete die Hände, und suchte, sein Schicksal dem Himmel anvertrauend,
Ruhe im Gebet.
    Je schneller Reinhard dem Meierschen Hause zugeeilt war, je auffallender
musste ihn der Gegensatz überraschen, der sich ihm eben heute zwischen der
stillen Wohnung seiner Mutter und dem Treiben in den reichgeschmückten Sälen
darbot. Er hatte, wie es Jedem wohl begegnet, sich lebhaft vorgestellt, wie er
Jenny, mit weiblicher Arbeit beschäftigt, allein finden, wie sie ihn willkommen
heissen, ihn um sein Ausbleiben fragen, und wie er ihr es dann endlich sagen
werde, dass er sie liebe. Bis in die kleinsten Züge hinein hatte er sich das Bild
ausgemalt; es war ihm lieb geworden, und die Möglichkeit, dass es sich anders
machen könne, hatte er sich nicht beikommen lassen. Um so unangenehmer war es
ihm, als der Diener ihn nicht in das gewöhnliche Wohnzimmer, sondern in einen
der Säle führte, aus dem ihm schon von fern Erlau's fröhliches Lachen
entgegentönte.
    Eine Menge Personen bewegten sich bei Reinhard's Ankunft unruhig
durcheinander. Erlau stand bei einer Teaterdecoration, die ein Gemäuer
darstellte, und versuchte, einem jungen Offiziere die Arme in eine bestimmte
Stellung zu bringen. Nicht weit davon sass Terese mit einer Dame, Beide in weite
Tücher gehüllt, die Kopf und Gestalt umgaben. Madame Meyer spielte mit einem
Kinde, das ebenfalls bei den Bildern, die man probirte, beschäftigt werden
sollte; kurz jeder der Anwesenden hatte nur Sinn für die Probe, und Reinhard's
Eintritt wurde kaum beachtet. Wie anders hatte er es sich gedacht!
    Jenny war gar nicht in dem Zimmer. Er näherte sich Teresen und fragte nach
ihr; aber Terese hatte sie seit einer Weile nicht gesehen. Es wurde ihm
unheimlich in dem Getreibe, er wollte in ein Seitenzimmer und von da, wo
möglich, nach Hause gehen, als er, die Nebenstube betretend, Steinheim peroriren
hörte.
    Und warum soll denn nun urplötzlich aus dem Bilde nichts werden, von dem wir
uns so viel Effekt versprachen?
    Weil ich nicht will! war Jenny's kalte Antwort, die vor dem Spiegel stand
und ihre Locken ordnete.
    Aber das ist es eben, was ich frage, warum wollen Sie nicht? Sie selbst
hatten den Templer und die Jüdin gewählt; Sie sehen reizend in dem Turban aus;
der Hauptmann ist der stattlichste Templer. Gestern, noch heute früh, war Ihnen
Alles genehm, und nun? - »Löset mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur!«
    Jenny gab keine Antwort und beschäftigte sich ruhig mit ihrer Frisur, bis
Erlau hineinstürmte. Holdes, angebetetes Fräulein! rief er, keine Capricen; mein
schöner Hauptmann steht mit ausgebreiteten Armen und sieht so sehnsüchtig und so
göttlich einfältig in die Ferne, dass sich eine der Himmlischen erbarmen und in
seine Arme hinuntersteigen müsste. Seien Sie nicht unerbittlicher! Sie sind immer
ein Engel, eine Göttin; warum wollen Sie nun absolut mit einem Male eine
wasserblaue schmachtende Madonna vorstellen? Sie, die der Himmel gleichsam für
diese glühende Rebecca prädestinirte? Kommen Sie Fräulein! oder der Hauptmann
kommt aus der Position!
    Ich habe Ihnen ja vorhin gesagt, lieber Erlau, mir gefällt das Bild nicht.
Zu dem Bendemann'schen bin ich bereit und will auch gern in irgend einem
biblischen Tableau stehen, sonst aber .......
    Während Jenny die ersten Worte sagte, gab Erlau Steinheim ein Zeichen, sich
zu entfernen, warf sich, ehe sie ausgesprochen, ihr zu Füssen und rief mit
komischem Patos: Aber kann denn ein Candidat der Teologie sich nur in einen
Heiligen verwandeln? Wie, wenn es mir gelänge, ihn zum Orden der Templer zu
bekehren?
    Jenny war erzürnt und wollte das Zimmer verlassen. Aber Erlau, dessen
Mutwillen man Vieles nachsah, hielt sie, darauf bauend, an der Hand zurück.
Sind Sie böse, Fräulein! weil mein kleiner Finger mir einmal die Wahrheit gesagt
hat? fragte er. Sie sind nicht eigensinnig, ich kenne Sie; dahinter steckt die
Meinung Ihres Lehrers und Meisters, dem ich sehr gram sein würde, wenn er nicht
das hohe Glück hätte, Ihr und mein Freund zu sein. Wenn nun aber Reinhard selbst
.......
    Ich wüsste nicht, sagte Jenny mit einer erheuchelten Kälte, die um so
schneidender erschien, je bewegter sie war, was Ihnen das Recht gibt, derlei zu
vermuten? Herrn Reinhard's Meinung hat mit meinem Entschlusse Nichts zu
schaffen, gar Nichts! glauben Sie mir das.
    Erlau fühlte, dass er leichtsinnig zu weit gegangen sei, er wusste auch, dass
sie nicht dachte, was sie sprach. Aber während er noch schwankte, was er tun
solle, sie zu begütigen, sah Jenny Reinhard plötzlich vor sich stehen. Das nahm
ihr alles Maass und alle Fassung. Sie versuchte zu lachen, setzte schnell den
roten Turban auf, den sie zu der Rolle der Rebecca brauchte, gab dem
verwunderten Erlau den Arm und sagte: Kommen Sie! Sie sollen sehen, dass ich
nachzugeben weiss, und dass ich meinen eigenen Willen habe.
    Damit ging sie mit dem Maler mit flüchtigem Gruss an Reinhard schnell vorüber
in den grossen Saal.
    Reinhard war wie versteinert. So vollkommen abstossend war ihm Jenny nie
zuvor erschienen. Schon der Ton, in welchem sie mit den Männern verkehrte, hatte
ihn verletzt; er konnte sich ihr Verhalten nicht erklären und ihre Äusserung
über ihn empörte sein ganzes Herz. Das also war der Lohn für seine Liebe!
    Er hatte sich in einen Sessel geworfen, dann hatte er gehen wollen und war
doch geblieben. So ging die Zeit hin und er bemerkte es kaum. Er wusste nicht,
was er wollte, kaum was er dachte. Es war ihm dumpf und trüb zu Sinn. Mit einem
Male trat Terese an ihn heran. Sie hatte ihn gesucht und nahte ihm schüchtern
mit der Frage: warum er die Gesellschaft verlassen habe? Reinhard antwortete
ausweichend. Es ist Schade, dass Sie fortgingen, sagte Terese, Jenny sah so
schön aus als Rebecca. Es ist eine allgemeine Bewunderung und ich eilte nur
hinaus, um Sie zu suchen.
    Reinhard hörte düster brütend zu. Kommen Sie! bat Terese freundlich
dringend und beängstigt durch des jungen Mannes Schweigen, kommen Sie doch! und
sein Sie nicht so traurig, es tut mir gar zu leid! - Gutes Kind! seufzte
Reinhard aus tiefster Brust und ergriff Teresens Hand. So standen sie
beisammen, als Jenny mit einigen Andern in das Cabinet kam, und, sowie sie
Reinhard mit Teresen in dieser traulichen Vereinigung entdeckte, mit einem
leise unterdrückten Ausruf hinaus und auf ihr Zimmer eilte. Die Mutter, welcher
dieser Vorfall nicht entgangen war, folgte ihr sofort, aber kein Zureden
vermochte Jenny, den Grund ihrer plötzlichen Entfernung anzugeben oder wieder
zur Gesellschaft zurückzukehren; und die Mutter sah sich also genötigt, zu
erklären, ihre Tochter sei unwohl geworden, die grosse Wärme des Zimmers habe es
vermutlich dem sonst gesunden Mädchen angetan.
    Jenny lag indessen bitterlich weinend auf ihrem Ruhebette. Sie hatte
geglaubt, dass Reinhard die Tableauxaufstellung nicht erwünscht sei, und
vielleicht nicht mit Unrecht gedacht, es sei ihm besonders unlieb, weil er als
künftiger Geistlicher an solchen Dingen keinen persönlichen Anteil nehmen
mochte und konnte. Sie hatte also allerlei Schwierigkeiten erhoben, um entweder
sich selbst davon frei zu machen oder Reinhard durch die Wahl irgend eines
Bildes, das er liebte, damit auszusöhnen. Es war ihr unangenehm gewesen, es
hatte sie gekränkt, dass er nicht zur Probe gekommen war, weil sie irrigerweise
geglaubt, ihn dazu eingeladen zu haben; und als Erlau's unbedachte Neckerei ihr
den Gedanken eingab, Reinhard könne sich gegen ihn der Herrschaft gerühmt haben,
die er über sie hätte, fühlte sie sich davon so verletzt, dass sie teils aus
einer Art von Rache, teils aus höchster Verlegenheit die Worte sprach, die
unglücklicherweise Reinhard zum Zuhörer gehabt hatten. In heftigster Bewegung,
halb ausser sich vor Schmerz und Zorn und Scham, war sie Erlau in den Saal
gefolgt. Sie probirte, scherzte und lachte, während das Herz ihr bitter wehe
tat. Endlich war die Probe beendet; es trieb sie, Reinhard aufzusuchen, sich um
jeden Preis mit ihm zu verständigen, die Qualen zu beenden, denen sie Beide
unterlagen. Sie wollte den Saal verlassen; ohne allen Rückhalt wollte sie zu dem
Geliebten sprechen; die demütigste Abbitte schien ihr nicht zu schwer - aber
die Fremden wichen nicht von ihrer Seite. Trotz dem eilte sie, in Reinhard's
Nähe zu kommen, um ihn wenigstens zu sehen. Da fand sie, wie sie glaubte,
Reinhard und Terese in zärtlich heimlichem Gespräche. Ihre beste Freundin, der
Mann, der ihr Alles war, hatten sie, wie sie glaubte, verraten. Das war zu viel
für ein so junges, heisses Herz; sie eilte hinaus, sie war ihrer selbst nicht
mächtig.
    Jetzt in der Einsamkeit malte ihr die Phantasie geschäftig tausend falsche
Bilder vor. Sie konnte nicht begreifen, wie dies Verhältnis ihr so lange
verborgen geblieben sei; sie war empört von so viel Falschheit und schauderte
entsetzt zusammen, als Terese zu ihr kam, um freundlich nach ihrem Ergehen zu
fragen.
    Um Alles in der Welt, sagte sie heftig, lass mich allein, ich leide zu sehr.
    Darum komme ich ja eben! bat Terese teilnehmend.
    Nein, nur Du nicht, nur Du nicht! schluchzte Jenny. Dich kann ich nicht
sehen, Dich am wenigsten von Allen!
    Terese stand ratlos vor ihr. Sie verstand die Freundin nicht, sie
besorgte, dass Jenny irre rede, und noch leiser sagte sie: Aber Jenny! kennst Du
mich denn nicht? Ich bin's ja, Deine Terese!
    Meine Terese? rief Jenny und lachte bitter auf - Du bist Reinhard's und
nicht mein! Fort! - Gehe zu ihm, aber gleich! - und sage ihm, wie elend Ihr mich
macht!
    Nun fiel plötzlich die Binde von den Augen der ahnunglosen Terese. Sie
fasste Jenny in ihre Arme und fragte: Liebst Du denn Reinhard?
    O, unaussprechlich! so unaussprechlich, als ich elend bin, so wie Du ihn
liebst, so wie er Dich!
    Kaum hatte Jenny unter heissen Tränen diese Worte hervorgebracht, da flog
Terese zur Türe hinaus, die Treppe hinunter, suchte Reinhard und zog den
Ueberraschten mit sich fort. In derselben Eile führte sie ihn zu Jenny und trat
mit ihm vor sie hin, ohne dass Reinhard den Vorgang begriff.
    Jenny weint um Sie, Reinhard! rief Terese ebenfalls weinend, sie ist
eifersüchtig auf mich! und ehe sie noch vollendet, sank Reinhard vor dem
Ruhebette nieder und Jenny lag an seiner Brust.
    So vergingen selige Minuten. Dann war es Jenny zuerst, die ängstlich nach
den Eltern, nach Eduard verlangte, und Reinhard bat, mit Teresen hinunter zu
gehen und die Ihrigen wegen ihres Unwohlseins zu beruhigen, durch welches die
Fremden veranlasst worden waren, sich früher als gewöhnlich zu entfernen. Auch
Terese zog es vor, mit dem sie erwartenden Mädchen gleich nach Hause zu gehen,
und Reinhard blieb mit Jenny's Eltern in dem leeren Saal allein.
    Die Diener eilten mit gebrauchten Gläsern hin und her, die Türen der
entferntern Zimmer wurden geschlossen, die Lampen ausgelöscht. Die Mutter sass
ein wenig ermüdet auf dem Sopha, ihr Mann ging, seine Cigarre rauchend, im
Zimmer umher. Die ganze Scene hatte etwas Unbehagliches, das sich auch dem
eintretenden Reinhard mitteilte.
    Er hatte, als er Jenny verliess, nur an ihre Liebe gedacht, die ihn
berechtigte, um sie zu werben. Nun er die Bitte bei den Eltern beginnen wollte,
überkam ihn wieder ein Gefühl von Demütigung bei dem Gedanken, dass er ihnen für
ihre Tochter nichts bieten könne, als seine Liebe, die denselben vielleicht
weniger ausreichend zum Glück des Lebens scheinen dürfte, als ihm und Jenny.
Doch zögerte er keinen Augenblick, sich offen und frei auszusprechen, und seine
Befangenheit, jedes Gefühl von Ungleichheit verschwand, als er mit schöner Wärme
von seiner Liebe und von dem Glücke sprach, das in derselben läge. Die Eltern
hörten bewegt und mit Wohlgefallen die feurigen Worte des jungen Mannes, der
ihnen wert geworden war und dem sie ihre volle Achtung nicht versagen konnten.
Reinhard war ein Mann, wie zärtliche Eltern ihn ihrem Kinde wünschen mussten:
offenen Herzens, klaren Geistes und von den reinsten Sitten. Aber die Zerstörung
der Hoffnung, Jenny mit Joseph verbunden und das Bestehen seiner Handlung auf
diese Weise gesichert zu sehen, schmerzte den alten Herrn, dem freilich das
Glück der einzigen Tochter höher stand, als die Erfüllung seiner
Lieblingswünsche.
    In diesem Sinne war seine Antwort anerkennend und ehrenvoll für Reinhard. Er
bat ihn, ihm bis zum nächsten Tage Zeit zu gönnen, ehe er sein bindendes Wort zu
dieser Heirat ausspräche; er müsse erst mit sich, mit Jenny und den Seinen
einig werden, da ihm persönlich der Antrag ganz unerwartet gekommen sei. Mehr
konnte Reinhard eigentlich nicht verlangen. Er hatte es so voraussehen können,
und doch war er unzufrieden mit sich, mit Allem. Er wünschte Jenny noch einmal
zu sehen; aber das verweigerte die Mutter, besorgt, die neue Aufregung könne der
Tochter schädlich sein; doch versprach sie ihm, gleich zu Jenny zu gehen, ihr
das Ergebniss der Unterredung mitzuteilen, und entliess Reinhard mit den Worten:
Gehen Sie, Lieber, und grüssen Sie Ihre Mutter; ich hoffe, wir sehen uns morgen
Alle, und zwar recht glücklich wieder.
    Je gespannter die Pfarrerin der Rückkehr ihres Sohnes geharrt hatte, um so
mehr erschreckte sie der Ernst in seinen Zügen. Er erzählte ihr, wie Alles
gekommen war, wie er glaube, am Ziele seiner Hoffnungen zu stehen; er pries sich
glücklich, Jenny nun die Seine zu nennen, und doch fühlte seine Mutter, die ihn
kannte wie sich selbst, dass irgend Etwas sein Glück störe. Und so war es
wirklich. Reinhard war durch Jenny's Betragen bei seiner Ankunft auf eine Weise
verletzt worden, die er so leicht nicht verschmerzen konnte. Zu einer
versöhnenden Erklärung hatte der flüchtige Augenblick nicht hingereicht, den
Jenny an seiner Brust gelegen: ein Glück, das er sich und der ruhigen Neigung
der Geliebten allein verdanken wollte, war ihm vom Zufall unerwartet zugeworfen,
in einem Augenblick, in dem er kaum in der Stimmung gewesen war, es zu empfangen
oder zu begehren. Nach der leidenschaftlichen kurzen Minute in Jenny's Armen
schien ihm das Betragen ihrer Aeltern kalt, und obgleich er sich fortwährend
wiederholte, dass er Jenny's Liebe besitze, dass er seinen heissesten Wunsch
erfüllt sähe, kam keine rechte Freude in seine Seele. - Tadeln wir ihn deshalb
nicht! Es genügt nicht immer, dass wir an unser Ziel gelangen; es kommt
wesentlich darauf an, wie wir es erreichen.
Der morgende Tag wird für das Seinige sorgen! mit den Worten verliess der alte
Meyer am Abend seine Frau und Jenny, die noch lange beisammenblieben und, der
Vergangenheit gedenkend, tausend Entwürfe machten, wie es möglich zu machen sei,
dass Mutter und Tochter nicht getrennt würden, was bei Reinhard's Beruf leicht
der Fall sein konnte. Denn dass der Vater seine Einwilligung geben würde, da
Jenny ihm versichert, sie könne nicht glücklich sein, nicht leben, ohne
Reinhard, daran glaubten die Frauen nicht zweifeln zu dürfen.
    Und doch war der alte Herr der Heirat lange nicht so geneigt, als die
Beiden glaubten; und die Morgenstunde fand ihn mit Eduard und Joseph, die er zu
sich beschieden hatte, in ernster Beratung. Er teilte ihnen die Vorgänge des
letzten Abends mit und fand zu seiner Verwunderung, dass man sie gewissermassen
erwartet hatte. Eduard bekannte, er habe seit längerer Zeit eine Neigung Jenny's
und Reinhard's zu einander vermutet, habe aber absichtlich geschwiegen, weil
dergleichen Verhältnisse wie eine Aeols-Harfe wären, die man bei der leisesten
Berührung hell erklingen mache; und er habe andrerseits die Ueberzeugung gehegt,
dass die Aeltern keinen Grund irgend einer Art haben könnten, dieser Neigung
entgegen zu sein, da ihnen Allen Reinhard als einer der tüchtigsten Menschen
bekannt sei.
    Was Du da sagst, mein Sohn, sprach der Vater, ist grösstenteils wahr. Ich
finde es auch begreiflich, wie gerade Dir - Eduard wurde verwirrt, - eine
Heirat aus Neigung so unerlässlich scheint, dass alle andern Rücksichten davor
schweigen. Anders aber urteilt man in meinen Jahren, als in den Euren.
    Und doch, wandte Eduard ein, hast Du, lieber Vater! bei der Wahl Deiner
Gattin nur Dein Herz gefragt.
    Das, glücklicherweise, ergänzte der Vater, nirgend gegen Bestehendes zu
kämpfen hatte. Doch das gehört nicht hierher. In einer Stunde, wie diese, müssen
falsche Rücksichten nicht beachtet werden: ich sage es daher offen, wir Alle
wissen, dass Joseph Jenny liebt. Mir war das sehr erwünscht, denn es war mein
fester Wille, sie ihm zur Frau zu geben, und Dich, Joseph, den ich wie einen
Sohn liebe, wirklich zu meinem Sohne zu machen.
    Ich weiss das, lieber Onkel! aber Jenny hat keine Neigung für mich, und sie
würde vielleicht mit mir, wie ich nun einmal bin, auch ohne Reinhard's
Dazwischentreten nicht glücklich geworden sein! sagte Joseph, seine innere
Bewegung mit Gelassenheit bekämpfend.
    Wollte Gott, ich könnte sie Reinhard mit solcher Zuversicht anvertrauen, als
Dir, entgegnete der Vater und drückte ihm die Hand.
    Es entstand eine peinliche Pause. Eduard, der hier zwischen seinen besten
Freunden entscheiden sollte, fühlte für Beide lebhafte Teilnahme. Er gönnte
Reinhard und Jenny ein Glück, das ihn seine Liebe in voller Grösse erkennen liess,
und er empfand in Joseph's Seele, was Entsagung zu bedeuten habe. Das Misstrauen
seines Vaters gegen Reinhard aber bewog ihn endlich, das Schweigen mit der
Bemerkung zu unterbrechen, wie ihm, der Reinhard seit Jahren kenne, dessen
Charakter ein sicherer Bürge für Jenny's Zukunft sei.
    Da irrst Du! entgegnete der Vater. Ich achte Reinhard und erkenne seine
Vorzüge an, aber er lebt in einer Ideenwelt. Solche Menschen sind mir bedenklich
und taugen nicht für die Ehe. Weil er mit der höchsten Anstrengung und allem
Ernste daran arbeitet, die Vollkommenheit, die er im Auge hat, sein Ideal eines
Menschen, zu erreichen, darum glaubt er sich berechtigt, auch an Andere die
gleichen Ansprüche zu machen. So wie er das Leben, die Liebe auffasst, sind sie
nicht, und die Ehe, die sittliche Feststellung der Verbindung der beiden
Geschlechter, bleibt trotz der höchsten Liebe, die zwei treffliche Menschen
verbindet, immerdar hinter Dem zurück, was einem jungen Manne oder Weibe als
Ideal vorschweben mag! Der Ruhige, der Besonnene findet sich darin und tröstet
sich mit dem Guten, das sich ihm in der Ehe offenbart, über Das, was nicht zu
erreichen ist - das aber, fürchte ich, will und kann Reinhard nicht. Weil er
Jenny liebt, erscheint sie ihm geeignet, das Ideal einer Hausfrau, einer Gattin
zu werden, wie er sie sich träumt; er wird es deshalb auch verlangen, dass sie
sein Ideal verwirklicht, und, wie ich ihn beurteile, nur zu geneigt sein, ihr
aus den Unvollkommenheiten des Menschen überhaupt, einen persönlichen Fehler zu
machen. Mit einem Worte, Reinhard hat eine Art Ueberspannung in seinen Gefühlen,
die mich für Jenny's Glück besorgt macht.
    Eduard konnte nicht leugnen, dass die Bemerkung seines Vaters Wahrheit
entalte, verteidigte den Freund aber lebhaft und meinte, sein Vater verfalle
selber in den Fehler, den er an Reinhard rüge; er verlange, dass Reinhard
vollkommen sein solle.
    Nein! sagte der Vater, aber dass ich es Euch gerade herausgestehe, mir ist
eigentlich nichts genehm bei diesem Antrage. Jenny soll Christin werden, auch
das steht mir nicht an.
    Und doch wünscht sie eben das! bemerkte Joseph.
    Nicht doch, mein Sohn! Sie wünscht Nichts als Reinhard's Frau zu werden; das
Christentum ist ihr ein Mittel für den Zweck, das glaube mir. Und gerade auch
das macht mich besorgt. Reinhard ist zu strenggläubig, um duldsam sein zu
können, und Jenny hat zum Glauben viel zu viel Verstand.
    Eduard schüttelte den Kopf. Wen das Weib liebt, dem glaubt sie! sagte er.
Jeder Mann ist seiner Geliebten der Verkünder eines neuen Glaubens; Liebe ist
die Offenbarung, in der das Weib den Geliebten als den gottgesandten Messias
erblickt. Wenn Jenny wahrhaft liebt, wie ich gewiss bin, wird sie glauben, woran
sie will! Sie wird glücklich machen und das ist genug, um auch glücklich zu
sein.
    Meinst Du? fragte der Vater - Die Mutter ist nur zu sehr für den Plan
eingenommen, ihr ist es lieb, dass Jenny Christin wird, sie schätzt die Pfarrerin
und Reinhard hoch - und gewiss! das tue ich auch. Nur will mich's trotz alle dem
bedünken, als ob Jenny und Reinhard nicht zusammengehören. Da nun Reinhard
glücklicherweise noch keine Stelle hat, so will ich meine Einwilligung, wenn ich
sie denn geben muss, nur unter der Bedingung gewähren, dass man die Verlobung
geheim hält, bis Reinhard ein Amt erhalten haben wird.
    Dagegen machte Eduard Einwendungen. Auch Joseph meinte, dass eben dies
Brautpaar nicht dazu geeignet wäre, in solch geheimgehaltenem Verhältnis Ruhe
und Glück zu finden.
    Ich weiss aus Erfahrung, sagte Joseph, Reinhard ist eifersüchtig und Jenny's
Lebhaftigkeit allein kann dabei schon Anlass zu tausend Misshelligkeiten geben.
Auch sehe ich nicht ab, lieber Onkel! was Du eigentlich gegen die Bekanntmachung
der Verlobung hast?
    Was ich dagegen habe? rief der alte Herr nun heftig aus. Jenny ist eins der
reichsten Mädchen der Stadt, sie ist schön, klug und kaum erwachsen. Mein Name,
mein Haus ist der geachtetsten eines - solch Mädchen musste mir Dich oder einen
andern Schwiegersohn bringen, der meinem Hause Ehre machte, dem ich die Firma
übergeben, den ich den Leuten zeigen konnte. Ihr wisst, dass meiner Kinder Glück
in erster Linie bei mir steht, aber ich bin nicht allein Vater, ich bin auch
Kaufmann. Auch mein Haus ist ein Teil meines Ich's und es will mir nicht in den
Sinn, dass meine einzige Tochter sich mit einem Studenten oder Candidaten
verlobe, von dem man gar nichts weiss, als dass er wegen Demagogie in Untersuchung
gewesen ist. Und, fügte er plötzlich weicher hinzu, der vielleicht in seinem
Stolze noch glaubt, ein Opfer zu bringen, mir eine Ehre zu erzeigen, indem er
ein Judenmädchen, diese Perle von einem Mädchen, zum Weibe nimmt.
    Und wieder entstand eine Pause. Der Vater ging rasch im Zimmer umher, bis
Eduard und Joseph das Tema nochmals aufnahmen, als er ruhiger zu werden schien.
Sie erinnerten ihn an die vorteilhafte Meinung, die er selbst stets von
Reinhard gehegt, sie warfen ihm vor, einer Art von Hochmut mehr Gehör zu geben
als seinem Herzen. Joseph schilderte die Scene, die er einst mit Jenny erlebt,
als er ihr abgeraten hatte, zum Christentume überzutreten; er versicherte,
Jenny's Hand nie annehmen zu wollen, wenn sie nicht zugleich ihr ungeteiltes
Herz ihm geben könnte, und Beide schlossen in der Ueberzeugung, dass Jenny nicht
von Reinhard lassen, dass man eine so innige Neigung nicht ohne entschiedene
Gründe trennen dürfe, und dass dem Vater daher nichts übrig bleibe, als seine
Zustimmung zu geben.
    Das ist es eben, was mich so verdriesst! sagte er, schon wieder freier
geworden. Ich habe keinen recht vernünftigen Grund, meine Einwilligung zu
verweigern, und doch möcht' ich es gerne, wenn ich Jenny's Zukunft recht
bedenke. Zur Pfarrersfrau ist sie einmal nicht gemacht, und wir müssen darauf
denken, für Reinhard eine andere Stellung zu gewinnen! -
    Als die Unterhandlungen so weit gediehen waren, nahmen sie eine leichtere,
fast geschäftliche Richtung an. Man sprach davon, ob und wie man Reinhard
bewegen könne, eine andere Carriere, etwa die academische, zu erwählen. Eduard
bezweifelte, dass sein Freund darein willigen werde. Joseph meinte, wenn Jenny
ihn ernstlich darum bäte, müsse er es tun, da es im Grunde gleichviel sei, ob
er selbst Pfarrer werde oder die jungen Leute zu Geistlichen nach seinem Sinne
bilde; und der Vater sagte ziemlich dictatorisch: Für das Opfer, das ich bringe,
für das Mädchen, das er bekommt, habe ich das Recht, auch von seiner Seite auf
Fügsamkeit zu rechnen; und - so sei es denn! Jenny wird Reinhard's Frau! schloss
er lächelnd, aber mit einem tiefen Seufzer, der ein Echo in Joseph's Herzen
fand. -
    Und nun, mein Freund, sprach der alte Herr zu Joseph, lass auch uns in's
Reine mit einander kommen. Ich hielt Dich bisher in meinem Hause fest, weil ich
hoffte, es Dir als Jenny's Mitgift einst zu übergeben. Der Plan zerfällt, und
ich muss es Deiner Neigung überlassen, ob und unter welchen Verhältnissen Du
künftig bei mir bleiben willst. Ich sähe Dich ungern von uns scheiden, indessen
......
    Ich bleibe, Onkel! rief Joseph mit einem Handschlag, den der Onkel und
Eduard fest erwiderten, und die drei Männer wussten, wie sie auf einander zählen
konnten.
    Dann beriet man noch, dass Joseph als Compagnon in das Geschäft seines
Onkels eintreten solle. Und wenn Du, sagte dieser, Dir einst eine Frau wählst
und mir dadurch eine zweite Tochter bringst, so mag sich Herr Eduard seine
eigene Wohnung suchen. Der Compagnon des alten Meyer wohnt auch in dessen Hause.
    Man wollte scherzen, es kam ihnen aber nicht aus der Seele, und man ging
nach dem Wohnzimmer, in der Hoffnung, die kleine Braut zu begrüssen.
Es würde vergebens sein, das Glück der Verlobten zu schildern. Fröhlicher,
hingebender konnte kein Wesen gedacht werden als Jenny, und selbst der Vater
söhnte sich mit dem Gedanken an diese Verbindung aus, als er die Tochter so voll
Freude sah. Die engsten Bande umschlangen den kleinen Kreis. Die Pfarrerin und
Jenny's Mutter waren erfreut, nun für immer durch ihre Kinder zusammenzugehören,
und sahen wohlgefällig auf das schöne Paar, das seines Glückes täglich bewusster
zu werden schien. Joseph's edler Sinn hätte es für ein Unrecht gehalten, durch
das leiseste Zeichen von Bedauern, von Verstimmung, die allgemeine Freude zu
trüben, und als an dem Verlobungsmorgen Reinhard ihn allein fand und über ihr
früheres Zusammentreffen an jenem Abend versöhnend zu sprechen begann, gab ihm
Joseph die Hand und sagte: Machen Sie Jenny so glücklich, dass ich nie den Vorzug
bedauere, den sie Ihnen gegeben; dann ist weiter nichts darüber zu sagen.
    Eduard allein war wehmütig gestimmt. Das Glück, dessen Zeuge er war, rief
die Sehnsucht nach gleicher Befriedigung in ihm hervor und aufs Neue begann der
Kampf in ihm, den seit Monden seine Liebe und sein Gewissen führten. Am
sonderbarsten aber erschien Terese in der allgemeinen Freude. Es kam ihr vor,
als ob Jenny's Glück allein ihr Werk sei; sie gab sich das Ansehen einer
Beschützerin und tat so verständig und altklug, dass die Andern nicht aufhören
konnten darüber zu lachen.
    Lacht nur immerfort, sagte sie mit Stolz, wäre ich Euch an jenem
unglücklichen Probeabend nicht zu Hülfe gekommen, Ihr wäret noch, Gott weiss, wie
weit vom Lachen!
    Und ganz unrecht hatte sie nicht; nur dass sie sich und ihrer Ueberlegung
zuschrieb, was Eingebung des drängenden Momentes gewesen war, und dass sie es
ganz in der Ordnung fand, wenn Reinhard und seine Braut sie scherzend den
Schutzgeist ihrer Liebe nannten.
    Man war übereingekommen, da nur noch einige Tage bis zum Sylvester fehlten,
an dem gewöhnlich ein Ball im Meierschen Hause zu sein pflegte, an diesem Abende
das junge Paar als Verlobte vorzustellen. Niemand, so wünschte die Mutter,
sollte vorher davon benachrichtigt werden. Man wollte die Bilder gleich am
Anfange des Abends aufstellen, um nachher beim Beginn des neuen Jahres das
Brautpaar als den Mittelpunkt des Festes zu feiern. Nach Reinhard's Geschmack
war das nun freilich nicht und er sprach sich gegen Eduard darüber aus.
    Was kannst Du denn dagegen haben? fragte ihn dieser.
    Ich mag solch lautes Glück nicht. Liebe bedarf nicht des Trompetentusches;
wahrhaft beglückt sie nur in der Stille, und solch ein Gepränge ist mir
überhaupt zuwider.
    Sei nicht wunderlich, bedeutete ihn Eduard. Bis zum Sylvesterabend hast Du
Dein Glück fast eine Woche lang still genossen, und Du musst dann auch damit
zufrieden sein, es auf die Weise bekannt machen zu lassen, die meinem Vater
zusagt.
    Was gibt es da bekannt zu machen? sagte Reinhard verdriesslich. Was kümmert
es die Fremden? Und die Bekannten ahnen es wohl Alle, seit sie mich täglich und
zu allen Stunden in Eurem Hause sehen. Du glaubst es nicht, wie solche prunkende
Schaustellungen mir zuwider sind.
    Prunkende Schaustellungen? fragte Eduard; die hat man meinen Eltern niemals
vorgeworfen, und ich wüsste nicht, wie sie jetzt mit einem Male dazu kommen
sollten?
    Du meinst, sagte Reinhard rasch, die Verlobung mit einem Candidaten der
Teologie sei eben kein Ereignis, auf das man besonders stolz zu sein brauchte!
Da hast Du recht, und vielleicht bin ich so sehr gegen diese Ballparade, weil
ich das selbst empfinde. Vielleicht wäre ich weniger dagegen, wenn ich mit Rang
und Würden aufträte, so aber ......
    In Eduard's Seele war wirklich kein Gedanke der Art gekommen. Er empfand
seines Schwagers Äusserung fast wie eine Beleidigung; doch hatte er sich von je
gewöhnt, in diesem Punkte, in dem Reinhard von kranker Empfindlichkeit war,
Nachsicht und Schonung gegen ihn zu üben. Er liess ihn also nicht zu Ende
sprechen. Gönne uns doch die Freude, zu zeigen, dass Jenny eine Wahl getroffen,
sagte er, die uns lieber ist, als alle Leute von Rang und Würden, die sie
ausgeschlagen! -
    Damit war die Sache abgetan; aber Eduard fühlte, dass seines Vaters Ansicht
von Reinhard nicht ungegründet sei, und auch ihm wurde bange, ob der, den er mit
vollstem Vertrauen seinen Freund nannte, sich zu Jenny's Gatten eigne. Doch war
das nur eine vorübergehende Idee, die bald verschwand, wenn er sah, wie
Reinhard's ganzes Wesen, seine stolze Kälte, seine schroffe Abgeschlossenheit
vor einem Blicke Jenny's sich in Liebe auflösten; wie er in einer andern Luft zu
atmen, Alles in anderm Lichte zu sehen schien, wenn er sich in der Nähe seiner
Braut befand.
    Unter Vorbereitungen mancher Art kam der Sylvesterabend heran. Man hatte die
Säle des Hauses mehr als gewöhnlich ausgeschmückt, und selbst die Freunde des
Hauses ahnten heute irgend etwas Besonderes, obgleich Herr Meyer immer
Wohlgefallen daran hatte, sein Haus in einer gewissen Eleganz zu zeigen. Nach
den ersten Tänzen wurde die Gesellschaft in das Treibhaus geführt, das für die
Aufstellung der Tableaux eingerichtet war.
    Man hatte als erstes Bild Bendemann's »Trauernde Juden« gewählt, die in der
letzten Ausstellung mit grossem Beifall aufgenommen worden waren. Die breiten
Türflügel, welche das Treibhaus von dem Saale trennten, waren zurückgeschlagen.
Sie bildeten einen Rahmen, der die Bilder einschloss, und ein allgemeiner Ruf der
Bewunderung wurde laut, als das Aufziehen des Vorhanges das Bild entüllte, für
das die herrlichen Tropengewächse des Treibhauses den Hintergrund gaben.
    Steinheim, der den Greis darstellte, war durch seine kräftige Gestalt und
sein ausdrucksvolles Gesicht, das durch den künstlichen Bart und die
orientalische Kopfbedeckung an Bedeutung gewann, vortrefflich für seine Rolle
geeignet. Eine junge Verwandte des Hauses, die seit einigen Jahren verheiratet
und Mutter des Knaben war, dessen wir schon bei der Probe gedachten, stellte die
junge Frau mit dem Kinde vor. Zu Steinheim's Füssen ruhte, verhüllten Angesichts,
Terese, und, die rechte Hand auf die Laute gelehnt, das schöne Haupt auf den
andern Arm gestützt, sass Jenny an Steinheim's Seite. Man konnte nichts Edleres,
nichts Ergreifenderes sehen, als den Ausdruck hoffnungsloser Trauer in ihren
jugendlichen Zügen.
    Darüber war nur Eine Stimme, dass diese Darstellung einen lebhafteren
Eindruck mache, als Bendemann's Bild selbst, während sonst fast immer
dergleichen weit hinter dem Originale zurück bleibt. Man konnte nicht genug
sehen und bewundern, und Erlau musste endlich, trotz aller Bitten, den Vorhang
herunter lassen, um die Mitwirkenden nicht zu sehr zu ermüden.
    Kaum sah Reinhard seine Braut das Treibhaus verlassen, um ihr Costüm auf
ihrer Stube zu wechseln, als er ihr nacheilte. Er wünschte sie einen Augenblick
allein zu sehen, was ihm bis dahin nicht gelungen war, da er versprochen hatte,
durch keine auffallende Annäherung den Aeltern die Freude der Ueberraschung zu
verderben. Voll Liebe flog Jenny ihm entgegen; ihre Arme schlangen sich um
seinen Hals, und als er sie umfasste, hob er die kleine anmutige Gestalt in die
Höhe und liess sie nur ungern zur Erde hinunter, als sie lachend ausrief: Du
weisst wohl, mein Himmel ist in Deinen Armen, aber da heute auf Erden Sylvester
und Ball bei uns ist, so werde ich doch nun zu den Erdensöhnen hinuntereilen
müssen, also lass mich fort! bat sie und wollte sich ihm entziehen.
    Reinhard aber hinderte sie daran. Lass mich noch einmal in Deine Augen sehen,
bat er. O! rief er dann und küsste trunken Jenny's lange Wimpern, die süssen Augen
sind ja licht und fröhlich - nun bin ich ruhig, nun geh' mein Lieb!
    Jenny fragte scherzend, was er denn in ihren Augen heute besonders zu finden
geglaubt?
    Den Schmerz, den sie ausgedrückt, als Du in dem Bilde gesessen, sagte er.
Wenn ich Dich jemals so traurig sehen müsste, wenn ich es sehen müsste und könnte
den Schmerz aus Deinen Zügen nicht verscheuchen, wie unglücklich würde ich dann
sein!
    Welch ein Gedanke! Wie kommst Du nur darauf? fragte sie ihn ängstlich.
    Weiss ich's? antwortete er. Dort im Saale, als sie in Deiner Bewunderung kein
Ende finden konnten, verdross es mich, dass Du auch für Andere schön bist, dass ich
den Genuss, Dich anzustaunen, mit gleichgültigen Menschen teilen soll. Ich
wünschte Dich fort von hier, wo kein Auge Dich sähe als meines; wie ich es
damals wünschte, als Du mich im Figaro erraten lassen, was ich kaum zu hoffen
gewagt hatte. Dann überfiel mich wieder der Gedanke, ob ich allein Dir genügen,
Dir Ersatz für die ganze übrige Welt sein könnte, wie Du mir! - Wenn ich Dich
einst weniger glücklich sehen müsste, als in dieser Stunde, wenn Du es je bereuen
könntest, die Meine geworden zu sein! rief er, und presste sie so heftig an sich,
dass sie davor erschrack und abwehrend bat, er möge sie lassen; er aber drückte
sie nur fester an sich und sagte: Sieh, dass ich Dich so halten kann mit starkem
Arm, dass Du nun mein bist, meinem Willen angehörend - o! schilt mich nicht roh,
nicht ungrossmütig - dass Du von mir, von meinem Wollen abhängst, das macht mich
glücklich, ja das macht mich glücklich! - Bei den Worten liess er sie plötzlich
los, küsste sanft und still ihre Stirne, streichelte ihr Haar und schickte sich
an, sie zu verlassen. Da war es Jenny, die ihn zurückhielt und, indem sie ihre
Hände in den seinen ruhen liess, sank sie langsam vor ihm nieder und flüsterte in
Liebe aufgelöst: So bin ich Dein, Du Starker, so ganz Dein! mein Schicksal ist
fortan in Deiner Hand. -
    Die Mutter, welche Jenny vermisste, kam sie holen, damit ihre Abwesenheit
nicht bemerkt werde. Hughes, dem sie den nächsten Tanz versprochen, hatte sie
bereits gesucht und sich, seine Tänzerin erwartend, zu Erlau gesellt, der im
Treibhause die Decorationen für das nächste Bild anordnete.
    Wenn ich nur wüsste, sagte er, worin es lag, dass dieses Bild heute einen so
mächtigen Eindruck auf mich machte, während das Original, trotz seiner Vorzüge,
mich doch ziemlich kalt liess?
    Das will ich Ihnen wohl sagen, teurer Sir! antwortete Erlau, und ich bilde
mir nicht wenig darauf ein, mit dieser Aufstellung die Wirkung gemacht zu haben,
die es heute auf Jeden hervorgebracht hat. Sie haben heute zum ersten Mal
trauernde Juden gesehen, während Bendemann trauernde Düsseldorfer in
fremdartiger Kleidung gemalt hat!
    Hughes gab zu, dass Erlau recht haben könne. -
    Gewiss habe ich recht. Ich hatte, als ich in dem Katalog der Ausstellung
»Trauernde Juden« von Bendemann las, eine rechte Herzensfreude. Ich liebe die
Juden; sie sind nicht mehr Das, was sie vor tausend Jahren gewesen sein mögen,
aber es ist noch Originalität, Race in ihnen, und darum sind sie für den Maler
interessant. Nun dachte ich, wenn ein Jude den Mut hat, Juden zu malen, wenn
dieser Maler Bendemann ist, da muss es ein Stück Arbeit werden, das Hand und Fuss
hat. Ich dachte, er würde sich köstliche Gestalten, üppige Weiber mit
Flammenaugen gewählt haben - nicht doch! so weit reicht sein Mut nicht. Er
nimmt ein Sujet aus dem Judentume, aber er tauft seine Juden sammt und sonders,
er übersetzt sie fein säuberlich ins Düsseldorf'sche, und nun sitzen die
deutschen Männer und Weibsen, und sehen, so hübsch sie sind, doch nur aus, wie
Düsseldorfer Gärtner, denen die Raupen den Kohl aufgefressen haben.
    Hughes lachte -
    Was ist da zu lachen? fragte Erlau, der ganz ernstaft wurde, sobald es die
Kunst galt, die er heilig hielt. Gestehen Sie, es ist, wie ich sage. Ist schon
irgend ein Mensch so töricht gewesen, sich blonde, deutsche Modelle zu nehmen,
wenn er neapolitanische Fischer malen wollte? Das tut Niemand. Würde nicht alle
Welt lachen, es abgeschmackt finden, wenn man Zigeuner mit der Physiognomie
eines phlegmatischen Holländers malte? - oder Paria's mit goldblonden Locken und
einer Lilienhaut? Auch dem Paria muss sein Recht werden, sonst lasst ihn lieber
ungemalt und ungeschoren; und dasselbe verlange ich für die Juden. Sehen Sie
einmal den Steinheim, die Jenny an; denken Sie an das junge Weib, das sie heute
im Tableau gesehen; sind das nicht Köpfe, die sich mit allen italienischen
Modellen messen können? -
    Hughes gab es zu, dass auch ihm, trotz der widerwärtigen Carricaturen, die
man unter den Juden sähe, eine Menge wahrer Schönheiten sowohl unter Männern als
Frauen aufgefallen wären.
    Das sage ich ja, eiferte der Maler. Es ist mit den Juden wie mit den
Fürstenhäusern und dem hohen Adel, die sich auch so untereinander rekrutiren.
Die Race artet aus ins Krüppelhafte oder sie veredelt sich. Sehen Sie die feinen
Glieder, die schönen dunklen Augen, die Ueppigkeit des Orients, die finden Sie
heute noch oft bei den Juden und die Beweglichkeit ihrer Züge empfiehlt sie dem
Maler. Darum wählte ich heute das Bild und diese Personen zu dem Bilde; und ich
wollte, Bendemann selbst hätte es gesehen. Da er sich hoffentlich nicht schämt,
ein Jude zu sein, hätte er an dieser Darstellung vielleicht den Mut gewonnen,
auch Juden zu malen; denn, unter uns gesagt, feig sind die Juden doch! -
    Mowbray Du lügst! rief Steinheim's Stimme dazwischen, der, mit Eduard
eintretend, die letzten Worte hörte.
    Leider lügt er nicht, sagte Eduard ernstaft, wenn er von moralischem Mute
spricht. Denn jene sogenannte Courage, die jeder Raufbold in sich erzwingt, um
während eines Duells oder sonst einer Viertelstunde Parade zu machen, die
schlage ich sehr gering an. Der Feigste, wenn er nur eitel genug ist, sich zu
schämen, bringt das zu Stande. Aber der moralische Mut, der fehlt uns.
Jahrhunderte lang hat die Sklaverei auf uns gelegen und das Volk so gedrückt,
dass es sich glücklich fühlt, Ruhe zu geniessen, anstatt mit aller Kraft die
Rechte zu fordern, die man uns vorentält!
    Wahr ist's, bekräftigte Hughes, und um so auffallender, als man nicht
leugnen kann, dass es verhältnissmässig eine Menge von Fähigkeiten und Talenten
unter Ihrem Volke gibt. Mich wundert, dass diese sich nicht durch die ganze Erde
vereinen, dass sie nicht alle ihre Mittel aufbieten, um zum Ziele, zur
Gleichstellung zu gelangen.
    Weil sie das nicht tun, nannte ich sie feig, sagte begütigend Erlau, dem es
unangenehm war, jene Äusserung getan zu haben.
    Und mit Recht, war Eduard's Antwort. Was Du mir über Bendemann's »Trauernde
Juden« neulich sagtest, war vollkommen wahr; indes so machen sie es alle.
Michael Beer, der die Schmach der Unterdrückung auch sehr lebhaft fühlte, den es
drängte, die Ungerechtigkeit darzustellen, machte ein Trauerspiel daraus. Aber
er schilderte nicht das Elend seines Volkes; damit hätte er ja daran erinnert,
dass er selbst ein Jude sei: er malte lieber die Unterdrückung sub rosa, er
schrieb den »Paria« und dachte, vielleicht versteht man meine Meinung, und ich
habe doch nichts gesagt, wenn man sie nicht verstehen will. Das ist Feigheit.
    Und Torheit obenein, sagte Steinheim. Die Geschichte hat bis jetzt kein
Beispiel, dass irgend eine Unterdrückung aufgehoben worden wäre, weil der
Unterdrücker in grossmütiger Laune sagte: »Car tel est mon plaisir«, ausser der
Berta im Tell, die abgehend ihr »und frei erklär' ich alle meine Knechte«,
ausruft. Es heisst im Christentume: »Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an,
so wird euch aufgetan«, und es wäre Zeit, dass die Juden tüchtig anklopften,
wenn das Bitten nicht hilft, und die Christen zeigen müssten, ob sie den Spruch
ihres Heilandes zu erfüllen bereit sind.
    Erlau hatte während der Unterhaltung nicht nach den Vorbereitungen zu dem
nächsten Bilde gesehen. Ein Diener kam ihn daran zu erinnern, meldend, dass die
Herren und Damen bereits angekleidet wären. Das machte dem Gespräch ein Ende,
weil Erlau die Herren bat, ihn zu verlassen. Aber wir kommen nächstens auf dies
Tema zurück, das gerade auch für den Unparteiischen eine psychologisch
interessante Seite unsers Jahrhunderts zeigt, sagte er, als die Andern davon
gingen. Da blieb Steinheim stehen und sprach: »Greift nur hinein ins volle
Menschenleben! Ein Jeder lebt's, nicht Vielen ist's bekannt, und wo Ihr's packt,
da ist's interessant!«
    Zehn Minuten später öffnete sich das Treibhaus der Schaulust auf's Neue und
einige glücklich gewählte Bilder folgten rasch auf einander. Den Beschluss
machten Jenny und der Hauptmann mit der Scene aus dem Ivanhoe; und als eben der
Vorhang vor dem letzten Bilde gefallen war, schlug die letzte Stunde des alten
Jahres.
    Einen Augenblick schwieg Alles in ahnender Ungewissheit, in Rückerinnerung
und Erwartung; dann ging ein fröhliches Leben an. Glückwünsche und Scherze
flogen von Mund zu Mund; Freunde suchten sich gegenseitig; Eltern und Kinder
hatten sich, wenn auch nur für einen Augenblick, vereint, und ganz natürlich
hatten auch Reinhard und Jenny sich gefunden, um den Anfang des neuen Jahres,
mit dem für sie ein neues gemeinsames Leben beginnen sollte, gemeinsam zu
begrüssen.
    Nächsten Sylvester sind wir allein in unserm Hause, flüsterte Reinhard in
Jenny's Ohr, ihre Hand in der seinigen drückend, als der Vater sie zu holen kam.
Er trat mit Jenny und Reinhard in die Mitte des Zimmers und sprach zur
Gesellschaft gewendet:
    Erlauben Sie mir, meine Freunde, Ihnen beim Beginn des neuen Jahres ein
neues Mitglied meiner Familie vorzustellen. Herr Reinhard und meine Tochter sind
seit acht Tagen verlobt und ich empfehle dies junge Paar Ihrer Freundschaft.«
    Grösseres Erstaunen hätte die unerwartete Ankunft des Grosssultans nicht
erregen können, als diese einfachen Worte. Des Fragens, Wunderns, Glückwünschens
war kein Ende; und mancher junge Mann sah mit Neid auf Reinhard, an dessen Arm
Jenny, noch im Costüme der Rebecca, durch die Zimmer ging. Sie sah schön aus in
der prachtvollen Kleidung, das Haar mit Brillanten durchflochten, den weissen
Turban auf die schwarzen Locken gedrückt; und Reinhard konnte nicht unterlassen,
sie nochmals zu seiner Mutter zu führen, um auch von ihr zu hören, wie schön
seine Jenny sei. Niemand wollte erlauben, dass sie sich entferne, um ihre
Kleidung zu wechseln. Einige ältere Damen, die neben der Pfarrerin standen,
hielten die holde Braut mit freundlichen Worten zurück; da trat auch Erlau
glückwünschend hinzu und sagte leise: »So ganz unrecht hatte ich also neulich
doch nicht, als ich von dem Einfluss und der Erlaubnis eines gewissen Teologen
sprach?« -
    Sie sind ein arger Spötter und haben mir damals eine traurige Stunde
bereitet! entgegnete ihm Jenny und musste dann der Pfarrerin erzählen, was
Erlau's Worte zu bedeuten hätten.
    Den Zeitraum benutzte der Maler, Reinhard in seiner gewohnten Art zu
gratuliren. Dir, Du Mann Gottes, hat es der Herr wahrhaftig im Schlafe gegeben,
sagte er. Da setzt sich der Mensch hin und langweilt das arme Kind zwei Jahre
lang mit alten, unnützen Geschichten, nach denen kein Hahn mehr kräht, und hat
gewiss wacker auf den gottlosen Paris geschimpft, der die Helena entführte und
den braven Menelaus mit langer Nase stehen liess. Nun aber, ehe man sich's
versieht, hat er selbst die Schönste am Arme, geht mit ihr davon und lässt uns à
la Menelaus zurück. Ich glaube, auch meine Nase muss sich in diesem kritischen
Moment ein wenig verlängern, und Steinheim's und des armen Joseph's
Riechwerkzeuge wachsen gigantisch. - Halt, glückseliger Bräutigam, fuhr er fort,
als Reinhard davon gehen wollte, so kommst Du mir nicht los! Dass Du mich neulich
veranlasst hast, dem schönen Mädchen eine trübe Stunde zu machen, das mag Dir
Gott vergeben! Und künftig machst Du den Templer, wenn Jenny es will, Du
seltener Tugendritter! - Mit der Keuschheit und der Armut wird's nun bald ein
Ende haben, wie der feurige Brillant an Deiner Brust, den ich jetzt erst
bemerke, und Deine noch feurigern Blicke mir deutlich beweisen; aber das dritte
Gelübde - Gehorsam, dazu kann Rat werden. Ich wünsche Dir nur so viel Geduld,
als Du Glück hast! Denn das Commandiren und Wollen verstehen Fräulein Jenny und
Papa Meyer aus dem Fundament. Hätten sie mir nur befohlen, Dich zu allen Teufeln
zu jagen und statt Deiner die holde Rose von Saron zu freien, Du hättest sehen
sollen, ob ich's nicht getan hätte!
    Ohne auf Reinhard's Ungeduld zu achten, drehte sich der Wildfang dann
plötzlich zu Jenny und sagte: Auf mein Wort, Fräulein! wenn Reinhard nicht der
beste Gatte wird, ist's seine Schuld. Ich habe ihm seine Pflichten strenge
vorgehalten und verlange zum Lohn nur die Gunst, die künftige Frau Pfarrerin in
diesem Costüme malen zu dürfen, um den Pastor stets zu erinnern, dass er, so
gescheut er ist, doch noch mehr Glück als Verstand hat.
    Mit diesen Worten eilte er lachend davon. Aber seine Rede liess ein
unangenehmes Gefühl in Reinhard's Brust zurück, der es sich nicht verbergen
konnte, wie man ihm den Besitz Jenny's für ein nicht zu erwartendes Glück
anrechne und sich allgemein darüber wundere.
Ein paar Tage lang war diese Verlobung ein Gegenstand der Unterhaltung bei
Allen, die, wenn auch nur entfernt, mit einem der beiden Teile bekannt waren.
Manche lobten es, dass der Vater bei der Wahl eines Gatten für seine Tochter nur
auf ihre Neigung gesehen; Andere und gerade die Freunde und Verwandten des
Hauses machten ihm einen Vorwurf daraus, dass er, der angesehenste Jude der
Stadt, seine Tochter zum Christentum übertreten lasse. Dergleichen hatte aber
auf den klaren Sinn des würdigen Mannes keinen Einfluss. Nachdem der Entschluss
reiflich überdacht und ausgeführt war, stand er als Tatsache unwandelbar vor
ihm und kein fremdes Urteil vermochte seine Ansicht darüber zu erschüttern.
    Anders war es mit der Mutter. Auf sie blieben die wiederholten Bemerkungen
der Leute, dass Jenny zu ganz andern Verbindungen berechtigt gewesen wäre, wenn
sie nun einmal Christin werden sollte, nicht ohne Einfluss; und während ihr Mann
mit der Wahl seiner Tochter vollkommen zufrieden geworden war, fing die Mutter
sie zu bereuen an.
    Sie überlegte, wie diese und jene Tochter eines reichen Kaufmanns einen
berühmten Künstler, einen Baron, einen Grafen geheiratet hatte. Reinhard war
ihr sehr lieb; sie vor Allen hatte das Verhältnis gebilligt und geschützt gegen
die frühere Ansicht ihres Mannes, und diese Verbindung war ihr vollkommen
ausreichend zu Jenny's Glück erschienen, bis das unnütze Geschwätz von Dritten,
die ihr damit zu schmeicheln wähnten, die Saat der Unzufriedenheit in ihre Brust
streuten. Vergebens wiederholte sie sich, dass ihre Tochter glücklich sei; es
fiel ihr unaufhörlich ein, es hätte doch noch beglückender für Jenny sein
müssen, wenn Reinhard nicht ein junger Teologe, sondern ein Mann von Stande
gewesen wäre. Dass er es nicht war, konnte sie ihm zwar nicht zur Last legen; es
musste ihn aber ihrer Meinung nach veranlassen, durch besondere Zuvorkommenheit,
durch gänzliche Selbstverläugnung Jenny dafür zu entschädigen.
    Mit ihrem Manne oder mit Eduard davon zu sprechen, wagte sie nicht, weil sie
überzeugt war, auf Tadel zu stossen. Sie fühlte das Törichte dieser Ansicht,
denn sie war eine verständige Frau; aber immer wieder trug die Verblendung und
Eitelkeit der Mutterliebe den Sieg davon. Es war und blieb ihr unangenehm, dass
man ihre Jenny nicht auch in dieser Beziehung beneidenswert fände, und sie
beschloss, obgleich ihr das sonst niemals in den Sinn gekommen, durch einen
verdoppelten Luxus in Allem, was Jenny umgab, der Welt zu zeigen, dass ihre
Tochter in der Lage sei, eine glänzende Heirat entbehren zu können.
    Dadurch aber kam die arme Jenny von dem ersten Tage an in eine peinliche
Lage. Während die Mutter unaufhörlich auf ein gewisses Schaustellen drang,
verweigerte Reinhard dies entschieden, und die junge Braut musste oft
beschwichtigend und versöhnend auftreten, worin sie von der Pfarrerin
glücklicherweise unterstützt wurde.
    Schon an dem Tage, an dem das Brautpaar die üblichen Besuche machen sollte,
gab es kleine Misshelligkeiten. Die Mutter hatte ein langes Register derjenigen
Personen entworfen, denen die Verlobten sich vorstellen sollten, und ihrem
Diener die grösste Sorgfalt für die Equipage anbefohlen, als Reinhard erklärte,
er begreife nicht, weshalb sie zu einer Menge gleichgültiger Leute fahren
müssten, mit denen sie schwerlich in Berührung bleiben würden. Er hoffe, recht
bald eine Stelle zu bekommen und die Stadt zu verlassen; seiner Meinung nach
genüge es daher vollkommen, wenn sie die nächsten Verwandten und Freunde der
Familie besuchten. Zu diesen könne er mit Jenny hingehen, wolle gleich heute
damit anfangen und hoffe, seine Braut ebenso wohlbehalten heimzubringen, als ob
sie gefahren wäre. Davon wollte jedoch die Mutter nichts wissen. Sie
versicherte, kein Mensch habe jemals Verlobungsbesuche zu Fuss gemacht, und fügte
hinzu: Glauben Sie mir, lieber Reinhard, Jenny ist gar nicht im Stande, so weite
Wege zu gehen.
    Ja, das ist freilich übel, erwiderte Reinhard lächelnd; aber wie soll das
werden, wenn wir später keine Equipage haben werden? Da wird sie sich doch daran
gewöhnen müssen!
    Jenny, die Reinhard's Widerstreben sofort begriff, legte sich ausgleichend
in das Mittel. Sie schlug vor, ein Paar der Anstands-Besuche in dem Wagen ihrer
Eltern, die andern aber zu Fuss zu machen, und alle Parteien waren für den
Augenblick damit zufriedengestellt. Indes es sollte nicht das letzte Mal sein,
dass Jenny's Vermittelung nötig wurde.
    Zu des Vaters Freude, der das Brautpaar in der Stille mit sorglicher Liebe
beobachtete, entwickelte Jenny bei diesen Versuchen, Reinhard's und der Ihrigen
Wünsche zu vereinen, eine ganz neue Seite ihres Charakters. Sich selbst
vergessend, war sie unaufhörlich bemüht, sich den Ansichten der Andern zu fügen,
den leisesten Wünschen ihres Verlobten zuvorzukommen. Hatte ein geräuschvoll
verlebter Abend ihn unbefriedigt gelassen, so erlangte sie am nächsten Morgen
gewiss die Erlaubnis, den ganzen Tag bei der Pfarrerin zuzubringen, um ihm zu
zeigen, dass ihr im traulichen Beisammensein mit ihm die reinste Freude erblühe.
Dann war Reinhard glücklich; dann konnte er nicht aufhören sich ihrer zu
erfreuen, und es entzückte ihn, wenn sie sich seiner Mutter bereitwillig zu
kleinen häuslichen Hülfsleistungen anbot, zu denen sich in ihrem elterlichen
Hause, wo eine grosse Dienerschaft jedes Winkes harrte, die Gelegenheit nicht
bot.
    So sehr sie früher darauf gehalten hatte, auch in Kleinigkeiten ihren Willen
zu haben, so fügsam wurde sie jetzt. Einzelne unbedachte Äusserungen ihrer
Mutter liessen sie vermuten, dass ihre Eltern die Verlobung mit Reinhard als ein
grosses Opfer betrachteten, welches sie dem Glücke ihres Kindes gebracht hatten.
Das bewog Jenny, den Ihrigen nachzugeben so weit es irgend möglich, und machte
andrerseits sie noch zärtlicher gegen Reinhard; denn es tat ihr leid um
seinetwillen, dass er den Eltern nicht der erwünschteste Sohn unter allen Männern
auf der Welt, wie ihr der Geliebteste war. Mit jedem Tage, den sie bei seiner
Mutter verlebte, wurde er ihr teurer und verehrungswürdiger. Sein reicher
Geist, seine unbestechliche Gradheit zeigten sich in all ihrem Glanze, wenn er
sich ohne Rückhalt gab. Oft, wenn er sich dann in süsse Schwärmereien verlor,
hörte sie mit einer Andacht, mit einer Erhebung zu, von der die Pfarrerin innig
gerührt war. So, sagte sie einst zu ihrem Sohne, mag Maria zu den Füssen des
Herrn gesessen haben, und Jenny bemerkte lächelnd: Mehr als ich ihn liebe,
liebte auch gewiss Maria den Herrn nicht. Das vollkommenste Einverständnis
herrschte unter den Liebenden, und selbst der Vater gewann Vertrauen für die
Zukunft seiner Tochter.
    Man war seit Jenny's Verlobung daran gewöhnt, sie mehrere Tage der Woche der
Pfarrerin zu überlassen. Damit nun den Eltern dieses Entbehren ihrer Tochter
nicht zu empfindlich werde, hatte man Terese eingeladen, an jenen Tagen Jenny's
Stelle bei der Mutter zu ersetzen, und man kam schliesslich überein, Terese für
den Sommer, den die Familie auf ihrem Gute zuzubringen gewohnt war, als
Hausgenossin mit hinaus zu nehmen. Auch die Pfarrerin wollte dann die Stadt
verlassen, um einige Zeit bei einer Freundin zu verleben. Deshalb strebte man
jetzt, jemehr der Winter sich zu Ende neigte, die letzte Zeit vor dieser kleinen
allgemeinen Auswanderung noch recht mit Bewusstsein zu geniessen. Durch Hughes und
Clara war der engere Kreis der Hausfreunde im Laufe des Winters vergrössert
worden, nachdem Clara, wenn auch nur schwer, die Erlaubnis erlangt hatte,
Eduard's Familie in Begleitung ihres Vetters öfters wiederzusehen.
    Erfreut durch diese Erlaubnis, die ebenso sehr William's Liebe für Clara
entsprach, als seiner Freundschaft für die Familie Meyer, warf William sich zum
Protector dieses neuen Verhältnisses auf. Er stellte der Commerzienrätin vor,
wie es gerade ihr, einer der vornehmsten Damen der Stadt, wohl anstände, ein
Beispiel zeitgemässer Bildung zu geben, indem sie allem Gerede zum Trotz, Jenny
und Clara, die einander sehr zusagten, auch ungestört mit einander umgehen
lasse.
    Sie haben früher den Doktor Meyer zu Ihrem Arzte gewählt, liebste Tante,
sagte er schmeichelnd, und es sind viele Familien unserer schönen Welt Ihrem
Beispiele nachgefolgt. Vor Ihrem klaren Verstande können jene Vorurteile,
welche einst die schroffe Trennung zwischen verschiedenen Confessionen
verursachten, nicht mehr Stich halten. Wenn ich Ihnen nun sage, dass Sie mir den
grössten Gefallen tun, so oft sie die Cousine meiner Begleitung anvertrauen, und
dass Clara sich vortrefflich in der Meierschen Familie unterhält, so darf ich
hoffen, Sie heben für Clara und Jenny den Grenzcordon auf und geben ihnen
völlige Freiheit für ihren Verkehr.
    Die Commerzienrätin tat darauf, als ob William's Gründe sie überredet
hätten, und wenige Tage, nachdem Reinhard mit Jenny versprochen worden war,
erhielten Eduard und seine Schwester Einladungen zu einer Gesellschaft im Hause
der Commerzienrätin, die aber nur Eduard annahm, weil Jenny sich nicht
entschliessen konnte, ohne den Bräutigam hinzugehen. Dem Vater war dies ganz
gelegen, da er im Ernste meinte, was er nur scherzend aussprach, er sähe es
gern, wenn Leute, die ihm eine Ehre mit ihrer Einladung zu erzeigen glaubten,
lieber über zu viel Zurückhaltung als zu bereitwilliges Entgegenkommen klagten.
    In jenen Tagen wurde nun Jenny's Verlobung bekannt gemacht und Clara gehörte
zu Denjenigen, welche am meisten davon überrascht wurden, sich am meisten
darüber freuten. Sie sass im Zimmer ihrer Mutter, als am Neujahrsmorgen ein
Diener das Meldungsbillet hereinbrachte. Die Commerzienrätin geriet in die
beste Laune, nun sie mit Zuversicht wusste, dass sie die einst gefürchtete
Nebenbuhlerin für ihre Clara nicht mehr zu scheuen habe, und reichte das Billet,
nachdem sie es gelesen, ihrer Tochter mit der Bemerkung hin: Da sieht man
deutlich, wie solchen Leuten selbst der Reichtum zu nichts hilft: ein Candidat
der Teologie! Für Dich soll einmal eine andere Wahl getroffen werden!
    Clara antwortete keine Silbe, denn sie hatte in ihrer freudigen
Ueberraschung gar nichts von der Rede ihrer Mutter gehört. Sie hielt das Blatt
in den Händen und las mit klopfendem Herzen immer wieder die Worte, welche ihr
Jenny's Verlobung mit Reinhard verkündeten. Das war ein Lichtstrahl von oben,
der urplötzlich die Nacht ihres Kummers erhellte. Jetzt war Alles gut, all ihr
hoffnungsloses Leiden beendet, jeder Zweifel gehoben. Wenn Jenny sich mit
Reinhard verlobte, konnte auch der Liebe Eduard's zu ihr kein Hindernis von
seiner Seite im Wege stehen; und sie wünschte nur zu erfahren, durch welche
Verhältnisse dieser glückliche Wechsel der Ansichten in der Meierschen Familie
hervorgebracht worden war. Sie bestürmte Hughes mit Fragen, sie wollte wissen,
ob der Doctor mit dieser Heirat einverstanden sei, ob die Eltern sie gern
sähen; und die Versicherung ihres Cousins, dass Alle sehr glücklich und erfreut
darüber wären, reifte ihre Hoffnung zu beseligender Ueberzeugung, so dass sie
freudestrahlend Eduard entgegenging, der im Laufe des Tages hinkam, ihnen zum
neuen Jahre zu gratuliren.
    Der Umgang zwischen den beiden jungen Mädchen gewann bald eine grosse
Innigkeit, nachdem die ersten Schritte getan waren. Clara hörte nur zu gern von
Eduard erzählen; was er gesagt, gewollt, getan, Alles war für sie von
Wichtigkeit. Was nur in irgend einer Beziehung zu ihm stand, erregte ihre
Teilnahme, und sie fühlte sich zu Jenny doppelt hingezogen, weil sie mit ihr
stundenlang von dem Geliebten sprechen konnte, ohne, wie sie wähnte, irgend
einen Verdacht zu erregen. Darin aber täuschte sie sich freilich. Jenny, der die
leidenschaftliche Liebe Eduard's zu Clara längst ausser allem Zweifel war, hatte
auch bald in Clara's Seele gelesen. Ein gleicher Bildungsgrad machte ihr das
Beisammensein mit Clara höchst angenehm, sie fand an ihr, was sie an Terese
stets vermisst hatte, ein Gemüt, das mit ihr in rascher Empfänglichkeit
sympatisirte, und eine Tiefe des Gefühls, welche Terese nicht in dem Grade
besass, oder mindestens nicht zu äussern vermochte. Solch eine Schwägerin hatte
sie sich gewünscht; auch ihr schien es nur zu natürlich, dass Eduard kein Opfer
scheuen werde, um Clara zu besitzen, und Beiden wurde es zu einer süssen
Gewohnheit, zu einem Bedürfnis, häufig bei einander zu sein.
    In ungetrübter Freude waren so einige Wochen verflossen, als Hughes eines
Abends verstört in die Stube seiner Tante trat, und indem er ihr einen Brief
reichte, die Worte ausrief: Ich muss fort, Tante! mein Vater liegt zum Sterben!
    Die Commerzienrätin erschrak so sehr als die kaltblütige Frau es überhaupt
vermochte. Denn so unangenehm ihr auch die plötzliche Entfernung William's
erschien, so leuchtete ihr doch der materielle Vorteil ein, der für den Sohn
entstände, wenn er schon jetzt in den Besitz der väterlichen Schätze käme. Sie
versäumte also nicht, in wohlgewählten Worten ihr tiefes Bedauern über das
Unglück auszudrücken, das ihrer Schwester durch den Tod des Gatten drohe; sie
brachte es selbst bis zu Tränen bei dem Gedanken an William's Abreise; und
dieser, aufgeregt durch die entsetzliche Nachricht, die ihn bis in das Herz
getroffen, liess sich von der künstlichen Teilnahme der schlauen Frau täuschen.
Er musste Jemanden finden, dem er seine Gefühle entüllte, und Clara, vor der er
es am liebsten getan hätte, war seit einigen Stunden bei der Freundin. Er
fragte nach ihr, er wolle und müsse Abschied von ihr nehmen.
    Beruhige Dich, sagte die Commerzienrätin, ich will sie rufen lassen, und
sie soll den Rest des Abends mit Dir verbringen. Sie wird wie ich untröstlich
sein über den Verlust, der uns Allen zu drohen scheint. Sie schellte darauf, und
befahl dem eintretenden Diener, anspannen zu lassen und das Fräulein zu holen,
weil Herr Hughes morgen früh verreisen wolle.
    Morgen? Tante! ehe ich kam, waren die Pferde bestellt, mein Diener bereitet
mein Gepäck, und ich harre auf den Ton des Postorns. Ich reise gleich; jeder
Augenblick, den ich zögere, kann mich um den Trost bringen, meinen Vater noch zu
sehen, noch ein Wort von seinem Munde zu hören - nur in der höchsten Eile ist
noch Hoffnung!
    Das lag ausser der Erwartung der Tante: sie klingelte nochmals und der Diener
erhielt geschärfte Befehle. Er sollte dem Fräulein sagen, Herr Hughes reise
gleich, weil sein Vater zum Tode erkrankt sei.
    Um Gottes willen, das nicht! rief Hughes in grossmütiger Vorsorge, lieber
reise ich, ohne sie zu sehen, ehe so furchtbarer Schreck sie unvorbereitet
treffe.
    Ein Wink entfernte den Diener, und die Commerzienrätin ging unruhig im
Zimmer umher, jeden Augenblick am Fenster spähend, ob der Wagen das Portal nicht
schon verlasse? Auch Hughes war in qualvoller Spannung. Dann, als das Rollen der
Räder auf den Steinen hörbar wurde, schien es ihm Hoffnung zu bringen. Ein
ängstliches Schweigen herrschte im Zimmer, Tante und Neffe hingen mit gespanntem
Auge an dem Zeiger der Uhr, der sich ruhig und langsam von Sekunde zu Sekunde
fortbewegte, während ihr Ohr ebenso ängstlich auf jeden Ton lauschte, der von
der Strasse heraufschallte.
    Ich begreife nicht, wo Clara bleibt, sagte nach einer Weile peinlicher
Erwartung die Commerzienrätin.
    Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, und mein Vater stirbt! fiel William, der
nur den Einen Gedanken hatte, ihr tonlos ins Wort. Denken Sie, Tante, jede
Minute Aufschub kann mir die Möglichkeit rauben, den Vater zu sehen, den ich
mehr als Alles liebe, und trennt mich zugleich von Clara, ohne dass ich sie
gesprochen habe, ohne dass sie weiss, wie ich sie liebe! -
    Da atmete die Commerzienrätin tief auf, ein siegreiches Lächeln glitt
einen Augenblick über ihre Züge - sie war am Ziele! Aber schnell besonnen, trat
sie mit dem Ausdruck inniger Teilnahme zu William, legte ihre Hand auf die
seine und sagte beruhigend: Möchte Dir so sicher das Leben Deines Vaters
erhalten werden, als Clara's Liebe und ihre Hand, die ich Dir von je bestimmte.
-
    Wer sagt Ihnen, Tante! rief der Jüngling - da schmetterte fröhlich und laut
das Postorn, und sich gewaltsam zusammennehmend, fügte er hinzu: Leben Sie
wohl, Tante, grüssen Sie mir Clara!
    Gehe mein Sohn, erwiderte mit Feierlichkeit die Tante, und kehre uns bald
und glücklich wieder. Für Clara's Herz bürgt Dir ihre Liebe, für ihre Hand bin
ich Dir Bürge, und sollte es Gott gefallen, Dir den Vater zu rauben, so findest
Du hier einen Vater wieder, der den Gatten seiner Tochter mit offenen Armen
empfangen wird.
    Hughes umarmte sie zärtlich und eilte hinaus; dann kehrte er zurück, zog
einen Ring von seinem Finger und reichte ihn der Tante. Für Clara! sagte er und
sie soll mein gedenken! Dann eilte er davon.
    Und wieder erklang das Schmettern des Postorns; die Commerzienrätin trat
an das Fenster und sah dem Wagen nach, bis einige Minuten später ihre Equipage
sichtbar wurde und Clara bei ihr eintrat. Sie hatte trotz William's Verbot durch
den Diener die traurige Nachricht bereits erfahren.
    Wo ist William? fragte sie mit einer Lebhaftigkeit, welche die Mutter nur zu
leicht für ein Zeichen der Liebe nehmen konnte. Auch hielt sie es für
angemessen, die Rolle, welche sie bei Hughes mit so viel Glück gespielt, bei
Clara fortzusetzen. Sie umarmte ihre Tochter mehrmals, küsste sie zärtlich und
sagte: Beruhige Dich, mein Kind! Du siehst ihn wieder. Wenn Du wüsstest, wie ihm
das Scheiden schwer war! Sein Schmerz war so gross, dass er mich, ohne es zu
wollen, zur Vertrauten seiner Liebe machte. Er sendet Dir diesen Ring und ich
habe ihm statt Deiner versprochen, dass er bei Dir Trost finden würde, falls es
Gott gefallen sollte, ihm seinen Vater zu nehmen.
    Clara fuhr erschreckt zusammen; das hatte sie am wenigsten erwartet. Nach
ihrer Meinung musste gerade Hughes um ihre Liebe für Eduard wissen, denn gegen
ihren Vetter allein hatte sie sich stets offen über denselben ausgesprochen. Sie
hatte in der Bereitwilligkeit ihres Cousins, ihre Bekanntschaft mit Jenny
einzuleiten und ihren nähern Umgang zu befördern, eine Billigung ihrer Gefühle
gesehen und sich dankbar dafür mit einer Zärtlichkeit an William angeschlossen,
die ihr Bruder ihr einzuflössen niemals weder gestrebt, noch vermocht. Sie
begriff es nicht, wie der Vetter dies Wohlwollen für Liebe nehmen könne, da sie
wusste, wie himmelweit es von dem Gefühle verschieden sei, das sie für Eduard
empfand; und doch quälte sie der Gedanke, William, der vertrauende, grossmütige
Mann, könne sie eines leichtsinnigen Spiels mit seinem Herzen beschuldigen. Es
tat ihr wehe, dass sie ihn, wenn auch ganz absichtslos, getäuscht, und sie
bedauerte von Herzen, ihn nicht mehr gesprochen zu haben, um es zu verhindern,
dass er Hoffnungen nähre, die sie nicht zu erfüllen dachte, Aber nicht Das allein
war es, was sie beunruhigte. Sie wusste, dass ihre Mutter, nun sie endlich das
Gelingen ihres Planes sicher vor sich sah, nicht so leicht davon abgehen würde,
am wenigsten zu Eduard's Gunsten. Mitleid mit William, mit Eduard und mit sich
selber, Furcht vor den Leiden, denen sie notwendig durch ihre Liebe ausgesetzt
war, und auch aufrichtige Betrübnis, dem Wunsche ihrer Eltern nicht folgen zu
können, drängten zusammen auf sie ein, und weinend legte sie William's Ring von
sich, den die Commerzienrätin ihr aufgezogen hatte.
    Recht so, liebe Tochter! sagte die Mutter, als sie es bemerkte, auch ich
finde es schicklicher, dass die Braut sich mit dem Ring ihres Verlobten erst dann
schmücke, wenn er selbst ihn an ihre Hand steckt. Doch weine deshalb nicht. In
wenigen Wochen kehrt William hoffentlich zurück, und die ganze Stadt soll es
dann wissen, wie glücklich Du bist und wie glücklich Du mich durch die Erfüllung
meiner langgehegten Wünsche machst! Ich hatte nicht Unrecht, mein Töchterchen,
zu behaupten, dass Dir einmal ein anderes Loos bereitet werden solle, als der
kleinen Jenny! fügte sie triumphirend hinzu, indem sie Clara nochmals umarmte
und sie dann verliess.
    Was soll ich tun? rief Clara, als sie sich allein sah. Die verschiedensten
Plane und Möglichkeiten fielen ihr auf einmal ein. Sie wollte ihrer Mutter
nacheilen und ihr Alles bekennen; aber wozu sollte das führen, da ihre Mutter
gerade die Heirat mit William wünschte und sich ihrer Liebe zu Eduard
entschieden widersetzen würde? Sich dem Vater anvertrauen? Das würde die Mutter
für eine Kränkung ihrer Rechte halten und doppelt erzürnt sein! Dann wollte sie
William schreiben und sich seiner Grossmut überlassen; als sie indes bedachte,
wie ihr Brief den Sohn trauernd an der Leiche seines Vaters finden könne, fehlte
ihr der Mut, seinen Schmerz noch zu erhöhen durch das Geständnis, sie könne ihn
nicht lieben. Ratlos sann sie lange hin und her, bis die glückliche
Schnellkraft der Jugend sie plötzlich das Ereignis in besserem Lichte erblicken
liess. Sie fing an zu hoffen, die Krankheit ihres Onkels werde so gefährlich
nicht sein; William müsse ihn gewiss auf dem Wege der Genesung finden; und es
machte sie glücklich zu denken, Eduard werde ohne Zweifel William's Abwesenheit
benutzen, sich gegen sie zu erklären. Dann, wenn es unwiderruflich sei, werde
ihr Cousin es auch viel leichter tragen, besonders wenn Entfernung und die
Freude, seinen Vater wiederzusehen, ihm zu Hülfe kämen. Als aber ihre
Vorstellungen erst diese Richtung genommen hatten, waren bald alle Sorgen
vergessen, so sehr, dass sie es sich vorwarf, nicht trauriger über ein Ereignis
zu sein, von dem ihr Vetter so tief ergriffen sein musste.
    Ein Bote von Jenny, der abgesandt war, zu fragen, was Clara's plötzliche
Nachhauseberufung veranlasst habe, erhielt ein ruhiges Billet mit den nötigen
Erklärungen zur Antwort, der die Bitte hinzugefügt war, Jenny möge sie morgen
recht zeitig besuchen.
Zwei Dinge waren es besonders, die seit einigen Wochen Reinhard beschäftigten:
die baldige Erlangung einer Stelle für sich, und Jenny's Uebertritt zum
Christentume, zu dem ein aufgeklärter Geistlicher sie vorbereitete.
    Mit freudiger Aufregung batte Jenny dem ersten Besuche des Pastors
entgegengesehen; es drängte sie, sich mit ihm über manches Bedenken
auszusprechen, das sich in ihr gegen die neue Lehre erhob und dessen sie gegen
Reinhard nicht zu erwähnen vermochte, aus Furcht, ihn zu beunruhigen und zu
betrüben. Auch schwiegen tatsächlich vor dem Einfluss, den ihres Bräutigams
Gegenwart und sein feuriges Wort auf sie ausübten, ihre Zweifel; aber sie
erwachten um so stärker, wenn sie allein blieb und der Zauber geschwunden war.
Sie wähnte, wenn das Bekehrungswerk gelingen solle, müsse ihr Lehrer genau den
Zustand ihrer Seele kennen, und stand nicht an, sich mit voller Offenheit
darüber zu erklären.
    Ich habe, sagte sie, mein Leben lang an Gott gedacht; ich habe seit meiner
frühesten Kindheit, wenn mir etwas besonders Gutes oder Böses begegnete,
geglaubt, das komme mir aus seiner Hand; und da mir meine Eltern als seine
sichtbaren Stellvertreter auf Erden erschienen, mich vollkommen ruhig und
glücklich gefühlt, ohne nach einer besonderen religiösen Erkenntnis zu streben.
    Und Sie fühlen diese innere Zufriedenheit auch jetzt noch? fragte der
Geistliche.
    Nein! erwiderte sie. Schon vor vielen Jahren hatte mich eine Freundin darauf
hingewiesen, wie mir der rechte Glaube fehle. Ich dachte darüber nach. Ich
stellte mir vor, welche Schicksals-Schläge das Leben mir bringen könne; ich
dachte an den Tod der Meinen und fühlte, dass ich solchen Leiden nicht gewachsen
wäre, dass ich keine Kraft dagegen in mir fände. Terese, eben jene Freundin,
sprach mir von der Unsterblichkeit der Seele. Ich verlangte Erklärung, und sie
sagte mir: Glaube! Das konnte ich nicht. Ich wandte mich an meinen Vater um
Aufschluss, und mehr als alle Gründe dafür beruhigte mich die Ueberzeugung, dass
mein Vater, der klardenkende Mann, an die Fortdauer der Seele glaubte. Ein
leerer Schein konnte ihn nicht täuschen. Er sagte mir, Alles was Du siehst,
empfindest, bist, ist Gott! Ein Unendliches belebt durch sich selbst, durch sein
Dasein, die Welt. Die Sonne und das Sonnenstäubchen sind er selbst. In mir, in
Dir, in jenem Moose ist er, belebend, wirkend, immer derselbe Eine Gott,
gleichviel in welcher Gestalt er sich offenbart. Die Form kann vergehen; unser
Auge schliesst sich ermüdet für immer; der menschliche Körper zerfällt in Staub,
wie jenes Moos, wenn seine Zeit vorüber, wenn sein Organismus abgenutzt ist,
oder plötzlich zerstört wird; aber der Strahl von dem Geiste Gottes, der uns
belebt, durch den wir uns selbst bewusst werden, der das Moos die Nahrung aus der
feuchten Erde ziehen lehrt, damit es wachse und blühe, der Geist bleibt, denn er
ist ein Teil Gottes! - Gott! -
    Da der Pastor schwieg, fuhr Jenny fort:
    Als nun meine Gedanken einmal auf diesen Weg gelenkt worden, forschte ich
weiter, bald bei meinem Bruder, bald bei meinem Vetter, vor deren Meinung ich
grosse Achtung hatte. Ich fragte nach den Gesetzen Moses, der unsere Religion
gestiftet. Man nannte mir die Gebote und sagte, Moses verlange nur die Erfüllung
jener Pflichten, die jedem guten Menschen sein Herz von selbst gebiete, so lange
er durch das Böse nicht verdorben sei. Dasselbe lehre auch Christus und alle
Stifter von Religionen. - Und worin besteht, fragte ich, der Unterschied
zwischen den Religionen, da er stark genug gewesen ist, Jahrhunderte hindurch
Krieg und Unterdrückung hervorzurufen? In Formen, antwortete man mir, welche die
Leute in ihrer Blindheit höher schätzten als den Geist. Strebe darnach, dem
Beispiel des Guten zu folgen, das man Dir gibt, und Dich so rein zu erhalten vom
Bösen als möglich. Denke Dir, hatte einst mein Vater gesagt, ein kleines zartes
Gefäss, in das eine unsichtbare Hand den kostbarsten Samen gestreut: wie würde
man es ängstlich hüten, damit es keinen Schaden nähme, es vor jedem Flecken
bewahren, jedes Stäubchen davon entfernen, wenn man wüsste, dass nur in vollkommen
reiner Schale die heilige Saat gedeihen könne! Solch ein Gefäss bist Du und nur,
wenn Du rein bist von bösen Gedanken, kann sich die Gotteit in Dir entfalten.
    Jenny mochte es den Mienen ihres Zuhörers ansehen, dass er diese Auffassung
nicht billige, doch liess sie sich dadurch nicht irre machen, sondern fuhr ruhig
fort: Dieses Gleichniss erfreute mich, und - ich war damals noch ein Kind, Herr
Pastor! - ich fragte, ob nicht endlich, wenn die Saat zu einem mächtigen Baume
geworden, dieser das kleine Gefäss zersprenge und sich frei mache, um frei die
Wipfel zu dem blauen Himmel zu erheben, von dem das Samenkorn einst
herabgekommen sei? Ja! sagte mein Vater, und dies Freiwerden nennt man Sterben!
    Eine artige Allegorie, unterbrach sie der Pfarrer jetzt, aber das will
Christus nicht. Wir sollen nicht spielen mit Dem, was das Heiligste ist; wir
sollen es mit Ernst erfassen, mit jenem Ernste, der Christus am Kreuze sterben
machte für uns.
    Das sagt auch Reinhard, stimmte Jenny bei. Ich soll das Leben mit Ernst
betrachten, und ich selbst fühle das Bedürfnis, seit ich Reinhard kenne und
empfunden habe, dass es auch dunkle Stunden in unserm Dasein gibt. Glauben Sie
mir, wenn ich an die Möglichkeit dachte, von Reinhard, dem ich so unauflöslich
gehöre, für das ganze Leben getrennt zu sein, dann reichte der fröhliche Glaube
meiner Jugend nicht aus. Ich verlangte danach, einen Ersatz zu finden, der mich
schadlos halte für das Leiden auf dieser Welt; und ich wünschte besonders, dass
es mir möglich wäre, die heiligsten Interessen des Menschen auf dieselbe Art
aufzufassen, wie mein Bräutigam. Mit Einem Worte, ich möchte Gott erkennen und
das Leben begreifen, wie Christus es lehrt, ich möchte Christin werden dem
Herzen nach. - Lehren Sie mich das, sagte sie, und ich werde es Ihnen ewig
danken!
    Der alte Mann gab ihr die Hand und sah sie lange an, ohne zu sprechen. Er
erkannte in Jenny einen gut gebildeten Verstand, der dabei seine ursprüngliche
Kindlichkeit behalten hatte und in dem sich das Streben nach Klarheit auf
eigentümliche Weise mit einem poetischen Gemüte vereinte. Eben deshalb liebte
Jenny es, Gedanken, die sie sich nicht ganz deutlich zu machen wusste, in einen
poetischen Schleier zu hüllen, als ob sie sie dadurch vor der entweihenden
Berührung des Zweifels behüten könne. Dem Pastor wurde ihre Richtung gleich in
dieser ersten Unterredung klar. Er erriet, dass kein inneres Bedürfnis, sondern
nur Liebe zu Reinhard der Beweggrund sei, welcher sie dem Christentume
entgegenführe, und er tadelte sie deshalb nicht. Ein langes Leben hatte ihn zu
der Ueberzeugung gebracht, die er in früher Jugend mit ortodoxer Strenge
bekämpft, dass man Christ sein könne ohne den Glauben an die christlichen Dogmen,
und er war, einmal zu dieser Erkenntnis gelangt, ernstlich mit sich zu Rate
gegangen, ob diese Ansicht ihn nicht zwinge, sein Amt niederzulegen. Mit dem
gewissenhaftesten Eifer hatte er die Lehre Jesu und sich selbst geprüft und sich
dadurch in der Ueberzeugung befestigt, dass Liebe und Duldung bei
fortschreitender geistiger Entwickelung die Grundzüge des Christentums und
besonders des Protestantismus ausmachten. In diesem Sinne hatte er sein Amt
behalten und verwaltet. Er hatte von ganzem Herzen darnach getrachtet, unter
seiner Gemeinde die Lehre Jesu in ihrer moralischen Reinheit zu verbreiten, und
auch die Form heilig geehrt, in der diese Lehre uns übergeben worden ist, ohne
jedoch Diejenigen fanatisch zu verdammen, die sich ausschliesslich an den Geist
hielten. Diese bekannte Gesinnung hatte den Vater bewogen, ihn zu Jenny's Lehrer
zu wählen, womit Reinhard, nur auf Zureden seiner Mutter, sich einverstanden
erklärt.
    Der Unterricht begann, und der Pastor musste natürlich sein erstes Augenmerk
gegen die panteistische Weltanschauung richten, in der Jenny, ohne es zu ahnen,
erwachsen, und in welcher die dichterische, gewissermassen heidnische Vorstellung
der Gotteit ihr lieb geworden war. Es freute sie, Gott zu sehen in Allem, was
sie umgab, und obgleich sie sich zu der reinen Anschauung Gottes im Geiste zu
erheben vermochte, hatte sie oft die heitere Zeit des griechischen Altertums
zurückgewünscht, in der es den Menschen möglich war, sich die Gotteit als unter
ihnen wandelnd zu denken. Viel leichter als mit Reinhard konnte sie sich mit
ihrem jetzigen Lehrer verständigen; und es gewährte ihr in der ersten Zeit eine
wahre Befriedigung, zu sehen, dass sich ihr Verstand mit Ueberzeugung den Lehren
anschliessen könne, die man ihr bot; doch das sollte nicht allzulange währen.
Hatte sie sich geistig spielend an den Göttern der Vorzeit erfreut, so
widerstrebte der Gedanke an die Menschwerdung Gottes, nun sie ihn als Bekenntnis
annehmen sollte, ihrem Verstande. Die Erlösung, Genugtuung und Versöhnung durch
Christus kamen ihr wie grobe, sinnliche Begriffe vor, die weder auf einen Geist,
noch auf das Verhältnis eines Vaters zu seinen Kindern Anwendung finden konnten,
und die Dreieinigkeit erschien ihr unerfassbar.
    Mit aller Kraft ihrer Seele hörte sie den Vorträgen ihres Lehrers zu; sie
wollte sich aus Liebe um jeden Preis überzeugen; glauben, was Millionen
Menschen, die es kaum so eifrig gesucht hatten, wie sie, zur beseligenden
Gewissheit, zur Stärkung in Not und Tod geworden war. Warum sollte gerade ihr
das unerreichbar bleiben? Warum gerade ihr, die ihn so eifrig erstrebte, der
Glaube versagt sein? Eine quälende Unruhe bemächtigte sich ihrer. Geistig
unaufhörlich mit der Lösung ihrer Zweifel beschäftigt, auf der ihr ganzes Glück
beruhte, erschien sie dem Geliebten zerstreut und teilnahmlos, und er drang in
sie, ihm den Grund ihrer Verstimmung zu entdecken. Das aber vermochte Jenny eben
nicht. Sie schützte körperliches Unwohlsein, Sorge um Eduard, den offenbar ein
tiefer Schmerz bedrückte, und tausend andere Veranlassungen vor, und versuchte
durch eine erzwungene Heiterkeit Reinhard zu beruhigen, dem diese plötzlichen
Wechsel ihrer Stimmung als Launen erschienen und der sich missbilligend über
dieselben äusserte. Dazu kam, dass er, so oft sie allein beisammen waren, sich bei
Jenny nach dem Fortgange des Religionsunterrichts erkundigte; dass er zu wissen
begehrte, was sie gehört und wie sie es aufgenommen habe. Und doch war es gerade
Dieses, was sie zu vermeiden wünschte. Sie suchte es also einzurichten, dass
Reinhard in den Stunden, die er gewöhnlich bei ihr zubrachte, bald Terese, bald
Clara als Dritte fand; und mit Scherzen mancher Art machte sie jeder ernsteren
Unterhaltung ein Ende, aus Besorgnis, diese könne eine Richtung nehmen, die sie
zu scheuen Ursache hatte. Wie natürlich setzte ein solches Betragen Reinhard in
Verwunderung. Er konnte sich diese Leichtfertigkeit nicht erklären. Jenny hatte
früher mit besonderer Vorliebe ernstafte Unterhaltungen mit ihm geführt, und,
um dieselben ungestört zu geniessen, jede Gelegenheit benutzt, die Anwesenheit
dritter Personen zu verhindern. Jetzt kam sie selbst zu seiner Mutter seltener
und oft zu Zeiten, in denen sie ihren Bräutigam ausser dem Hause beschäftigt
wusste. Reinhard begriff das nicht. Er tadelte es als Achtlosigkeiten, er war
verstimmt, die guten traulichen Stunden bei seiner Mutter wollten nicht mehr
wiederkehren.
    Jenny schmerzte diese Unzufriedenheit ihres Verlobten; aber sie tröstete
sich über den Kummer, den sie ihm und dadurch sich selbst bereitete, mit der
Hoffnung, dass es ihr endlich doch gelingen müsse, das Christentum zu erfassen,
und dass Reinhard erst dann erfahren solle, wie schwere Zweifel sie durchkämpft,
wie wacker sie gerungen habe.
    In dieser Zeit begab sie sich eines Tages zur gewohnten Stunde in die
Wohnung des Pastors, der jetzt mit ihr das Kapitel von der Dreieinigkeit
verhandeln sollte. Nach einer einfachen Einleitung sagte er ihr, die ersten
christlichen Philosophen, welche über die Dreifaltigkeit gedacht, hätten von ihr
gesagt: Gott war! aber ausser ihm Nichts. Gott dachte sein Bild; und da das
Denken und Entstehen bei Gott eins ist, so war dies Bild Gottes vorhanden, ohne
selbstständiges Wesen zu sein, denn es besteht nur in Gott. Dieses Wesen, für
das die deutsche Sprache kein Wort hat, heisse in dem Urtext der Bibel Logos und
sei in dem Menschen Jesus Mensch geworden, als die geistigen Geschöpfe der Erde,
die Menschen, einer göttlichen Offenbarung gewürdigt werden sollten. Darum nenne
sich Christus den Erstgeborenen. Das Band nun zwischen diesem Gedanken Gottes
und Gott sei der heilige Geist. Man könne also Gott allein, ohne Jesus und den
heiligen Geist denken, nicht aber die letzteren ohne Gott - denn nur in ihm sind
sie. -
    Als Jenny diese Erklärung vernommen hatte, rief sie freudig: O! Sie geben
mir das Leben wieder, indem Sie mir sagen, ich dürfe Gott denken, ohne Christus
und den heiligen Geist! Das ist der Gott, den man mich von Kindheit an gelehrt
hat, der uns Alle beschützt. So vermag ich ihn zu glauben.
    Nein, meine Tochter! wendete der Greis ihr ein, erstaunt über die
willkürliche Auslegung, welche Jenny seinen Worten gegeben. Nein, Sie täuschen
sich selbst! Ich habe Ihnen gesagt, dass wir Gott allein zu denken vermögen, aber
es konnte unmöglich meine Absicht sein, Ihnen den Glauben an die Dreifaltigkeit
Gottes preiszugeben, den unsere Religion lehrt.
    Das begehre ich auch nicht, sagte Jenny, noch immer in freudiger Erregung.
Ich weiss, Gott ist - und er sandte Christus, der mehr als wir, mehr als Mensch,
aber doch nicht dem Schöpfer gleich war, zu uns, um uns zu belehren; und wenn
ich an Gott glaube, und zu ihm und Christus bete, und ihnen vertraue, dann wird
mir der Beistand des heiligen Geistes nicht entgehen. - Der Pfarrer schüttelte
bedenklich das Haupt und sprach sehr ernst: Es mag Ihnen leichter werden, sich
in diese Vorstellung hineinzudenken, als an die Verkörperung, das Menschwerden
eines rein geistigen Wesens zu glauben. Und doch ist Ihre Ansicht verwerflich;
denn sie ist das erste Hinneigen zur Vielgötterei. Christus ist nach ihr ein
Halbgott, und es werden zwei Wesen der Verehrung hingestellt, während die
christliche Religion nur Ein Urbild kennt, den Schöpfer, von dem Christus und
der heilige Geist nicht zu trennen sind, denn er ist der dreieinige Gott!
    Das konnte Jenny zwar denken, aber sie vermochte nicht, es als eine Wahrheit
einzusehen, die eben als Wahrheit Glauben gebiete. Sie begriff die
Notwendigkeit dieses Glaubens nicht.
    Es ist hier nicht der Ort, noch kann es unsere Absicht sein, eine Abhandlung
über die christliche Religion zu geben, sondern es kommt nur darauf an, die
Wirkung derselben in dem Gemüte eines jungen Mädchens darzutun, das nicht von
Jugend an in dem Glauben an diese heiligen Symbole erzogen war; und den Einfluss
zu erzählen, den der Unterricht im Christentum auf Jenny und auf ihr Schicksal
übte. Wir dürfen deshalb die mehrstündige Unterredung des Pfarrers mit Jenny
übergehen und nur bemerken, dass nach manchem vergeblichen Versuche, ihr ein Bild
von der Dreieinigkeit zu geben, welches sie befriedigte, der Pfarrer sie endlich
anwies, die Dreieinigkeit als ein Symbol aufzufassen, an das zu glauben Gott uns
durch Christus geboten habe.
    Das stürzte aber Jenny auf's Neue in den alten Kampf hinein.
    Sie hatte versprochen, nach dem Unterricht zu Reinhard's Mutter zu kommen,
und ging, da Reinhard sie damit neckte, wenn sie sich stets der Equipage
bediente, langsam und sinnend der fernen Gegend zu, in der die Pfarrerin wohnte.
    Immer und immer wieder dachte sie an das Gehörte. Wenn sie sich die Gotteit
unverändert und ungeteilt stark, in Gott, in Christus und dem heiligen Geiste
dachte, so waren entweder Christus und der heilige Geist Eigenschaften Gottes,
was der Pastor so nicht gedeutet haben wollte, oder sie waren Ausströmungen,
Strahlen Gottes: und diese Deutung näherte sich in gewisser Art dem Panteismus,
vor dem der Pfarrer und Reinhard sie oft und ernst gewarnt hatten, der zu
Hochmut und Selbstanbetung führen sollte, da man nur zu geneigt wäre, den Gott
in sich anzubeten und darüber den einzig wahren Gott zu vergessen. Vergebens
rang sie darnach, zu einer klaren Vorstellung zu kommen, es gelang ihr nicht,
und immer wieder tönte ihr das furchtbare »glaube« ins Ohr, auf das man sie
verwies und das sie nicht in sich erzwingen konnte.
Der Abend fing schon an hereinzubrechen und die Atmosphäre hatte jenen warmen,
schwülen Duft, der in unserm Klima den ersten Tagen des beginnenden Frühlings
häufig eigen ist und der Seele eine weiche melancholische Stimmung gibt. Jenny,
der man früher niemals erlaubt hatte, ohne Begleitung eines Dieners die Strasse
zu betreten, wollte sich, um Reinhard zu gefallen, gern von Allem entwöhnen, was
der Luxus den Reichen zum Bedürfnis macht, und hatte zu Hause erklärt, sie werde
allein von dem Hause des Pastors zu ihrer künftigen Schwiegermutter gehen.
    Es war das erste Mal, dass sie den Versuch machen wollte; und als sie nun bei
einbrechender Dunkelheit - - denn der Unterricht hatte länger als gewöhnlich
gedauert - allein durch die Strassen ging, überkam sie ein Unbehagen, wie sie es
nie zuvor empfunden hatte. Sie fürchtete, dass irgend einer ihrer Bekannten sie
so allein umhergehen sehen könnte, und wünschte doch sehnlich, Jemandem zu
begegnen, der sie beschütze, da ihr bange war unter dem Gewühl der Männer und
Frauen, die jetzt um die sechste Stunde von der Arbeit heimkehrten. Wenn die
Mutter wüsste, dass der Unterricht so lange gedauert hat; wenn sie wüsste, dass ich
nun im Dämmerlichte, in der fernen Vorstadt ganz allein auf der Strasse bin, in
der mich Niemand kennt, fern von Reinhard und so weit von Hause, wie besorgt
würde sie sein! so sagte sie sich; und - rief es in ihr - was will dies
Verlassensein bedeuten, gegen die geistige Vereinsamung, in der ich mich
befinde? Durch einen Eid will ich mich in wenigen Wochen lossagen von dem
Glauben meiner Väter, den ich begreife und heilig halte, und zu einer Religion
übertreten, gegen welche meine Ueberzeugung sich noch immer sträubt. Das kann
Gott nicht wollen, das wäre Sünde.
    Aber was konnte sie denn tun, sich zu befreien aus dieser Not? Sich
Reinhard entdecken oder irgend Jemandem, hiesse Reinhard verlieren; denn nur als
Christin konnte sie die Seine werden, konnte er ihr gehören. Sie erschien sich
unglücklicher als jene Arbeiter, die in Dürftigkeit, aber gewiss ruhigen Geistes
neben ihr herschritten. Was hatte sie verbrochen, um so schwer geprüft zu
werden? Die sorglose Freudigkeit, mit der sie an Gott gedacht und das Rechte
getan, hatte ihr Reinhard geraubt und sie auf Lehren hingewiesen, die ihr bis
jetzt nicht die geringste Beruhigung boten und sie den qualvollsten innern
Kämpfen preisgaben. Vater und Mutter sollte sie verlassen, sich von dem Bruder,
von allen Freunden trennen. Sie sollte Reinhard folgen nach einem Orte, den sie
nicht kannte, und der, vielleicht fern von der Heimat, öde und traurig sein
konnte. Sie dachte an ihr helles, sonniges Zimmer, an das Treibhaus, an all jene
Behaglichkeiten des Lebens, die sie nie hochgeschätzt hatte, weil sie nicht
gefürchtet, sie jemals entbehren zu müssen. Auch wäre das gar nicht nötig, wenn
Reinhard nicht so wunderlich wäre, dachte sie weiter. Warum sollte sie nicht
alle diese kleinen Bequemlichkeiten auch in ihrem Hause haben können, da ihr
Vater nur zu glücklich sein würde, ihr Alles zu gewähren, was sie wünschte? Aber
Das gerade wünschte Reinhard nicht. Das erlaubte sein Stolz ihm nicht, den er
ihr nicht zum Opfer bringen wollte, während sie Alles opfern sollte: Heimat,
Eltern, Freunde und ihre Ueberzeugung, und es so gern, so bereitwillig tat, um
des Geliebten willen. Ertrug sie doch jetzt eben Zweifel und Furcht und
Bangigkeit, und das Alles nur aus Liebe zu ihm! Wie ernst strebte sie, den
Gedanken der Dreieinigkeit zu fassen um seinetwillen! Denn sie selbst, sie
konnte wie bisher sehr glücklich sein auch ohne diese Erkenntnis - aber ohne
Reinhard nicht.
    Je dunkler es wurde, um so mehr beschleunigte sie ihren Anfangs gemessenen
Schritt, und langte endlich in der verzagtesten Stimmung von der Welt fast
atemlos bei ihrer künftigen Schwiegermutter an. Die Pfarrerin kam ihr wie immer
liebevoll entgegen, aber sie erschrak, als sie Jenny den Hut abnahm und in ihr
verstörtes, bleiches Gesicht blickte. Die feuchte Abendluft hatte ihr Haar
durchnässt, es fiel ungelockt über ihre Stirn und machte sie noch bleicher
erscheinen, als sie ohnehin war. Grosse Tränen fielen aus ihren Augen.
    Um Gottes willen, Kind! rief die Matrone, und zog sie ängstlich zum Sopha,
vor dem auf einem Tische die kleine Lampe brannte, was ist geschehen? wo kommst
Du her? So rede doch, bat sie dringend, da Jenny noch immer kein Wort zu
sprechen vermochte, was ist Dir zugestossen?
    Jetzt, da sie sich in Sicherheit fühlte, wollte Jenny sich selbst
verspotten, aber es gelang ihr nicht. Aufgeregter, als sie es wusste, erzählte
sie, wie sie Reinhard zu Liebe habe ohne Diener gehen wollen, wie der Abend sie
überrascht und eine kindische Angst sie überfallen habe. Die Pfarrerin suchte
sie freundlich zu beruhigen und redete ihr zu, künftig Versuche der Art zu
unterlassen. Sie selbst wollte ihrem Sohne sagen, dass er auch im Scherze nicht
solche Anforderungen machen und Dinge verlangen dürfe, an die seine Braut weder
gewöhnt sei, noch sich zu gewöhnen nötig habe. Dann schob sie die Lampe in die
Höhe, nötigte Jenny, sich zu ihr auf das Sopha zu setzen, stellte das
Teegerät zurecht und fing, um sie zu zerstreuen, an, ihr scherzend
vorzuhalten, wie es gar nicht lange dauern werde, bis Jenny im eigenen Hause
schalten könne.
    Dann brauchst Du, armes Kind, sagte sie tröstend, nicht mehr so spät allein
in Religionsstunden zu gehen, und kannst dem Bösewicht, der Dich zu dieser
unzeitigen Promenade veranlasst, und der eben nach Hause kommt, als wackere
Hausfrau die Furcht gelegentlich vergelten, die Du heute unnötig ausgestanden
hast.
    Wirklich trat, noch während die Mutter also sprach, der Sohn herein und
fragte ängstlich, als er, von dem plötzlichen Lichtwechsel geblendet, Jenny
hinter der Lampe nicht gleich sah: Ist Jenny noch nicht hier? Ich bin ihr bis
zum Hause des Pastors entgegengegangen, als es dunkelte und ich sie noch nicht
hier sah, weil sie heute zu Fuss und allein zu kommen versprach. Dort aber ist
sie lange fort, und - -
    Hier ist sie! rief Jenny, und die Pfarrerin sah mit Wohlgefallen, wie die
Beiden sich entgegenflogen und des Glückes und der Freude gar kein Ende werden
wollte. Dann aber schilderte sie dem Sohne, in welcher Bewegung seine Braut bei
ihr angelangt war, und er versprach, künftig viel vernünftiger zu werden, und
keine Kunststücke, wie die Mutter sie nannte, von dem geliebten Mädchen zu
verlangen.
    Es will mir nur immer nicht in den Kopf, sagte er dann neckend, dass Ihr
jungen Mädchen so gar verwöhnt seid. Haben doch selbst die Engel auf Erden
gewandelt, warum sollte mein kleiner Engel es nicht können, so wie sie?
    Vergiss nicht, scherzte die Pfarrerin, dass solch ein Engel sich aufschwingen
konnte, wenn ihn das Irdische zu rauh berührte, damit ist es aber jetzt vorbei;
denn es geschehen leider keine Wunder mehr.
    Ach! sage Gott sei Dank! mein Mütterchen! rief Jenny, mich quälen die alten
Wunder schon so sehr, dass ich genug an ihnen habe und nach neuen nicht begehre.
Kaum aber hatte sie es gesagt, als sie das Wort bereute, denn Reinhard fragte,
ob der Pastor etwa von den Wundern zu ihr gesprochen habe, und wovon überhaupt
die Rede gewesen sei?
    Nun war das Gespräch, das sie gefürchtet hatte, kaum noch zu vermeiden, und
sie erzählte ruhig alles, was der Pastor ihr über den Gegenstand gesagt hatte,
ohne den Eindruck zu berühren, den es ihr gemacht. Dann, als Reinhard zu wissen
verlangte, ob ihr denn nun die Idee der Dreieinigkeit einleuchtend geworden, ob
sie nun erfasst hätte, was ihr früher unbegreiflich gewesen sei? sagte sie: Nun,
Eine Dreieinigkeit habe ich immer erkannt, die vielleicht wieder Andern
unverständlich oder wenigstens nicht so in sich und durch sich bedingt
erscheint, als mir. Es ist die Dreieinigkeit der Kunst! Diese ist mir von jeher
einleuchtend gewesen, so sehr, dass ich Poesie, Musik und bildende Kunst gar
nicht von einander im Innersten der Seele zu trennen vermag; dass ich sie wie
Eines immer zusammen empfinden und die Anschauung oder der Genuss Einer dieser
Künste mir gleich, wie zur Ergänzung, das Bedürfnis nach der andern hervorruft.
Mir wird jede Musik Gedicht und jedes Gedicht zum Bilde. Hier ist mir, obgleich
ich jede Kunst als selbstständig in sich erkenne, doch eine unauflösliche
Einheit denkbar: und so kann man nicht sagen, dass ich bis jetzt den Begriff der
Dreieinigkeit nicht hatte.
    Reinhard wandte ein, dass der Vergleich nicht richtig sei, und wollte zu
seiner eigentlichen Frage zurückkommen. Jenny unterbrach ihn aber ängstlich und
sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit: Und noch eine Dreieinigkeit begreife
ich: Du, mein Mütterchen, und Reinhard und ich, wir sind drei und sind doch
Eines und so einig, dass der geliebte Reinhard auch mit keiner Sylbe
widersprechen darf, wenn seine Jenny es behauptet. Habe ich das recht
verstanden? fragte sie den Glücklichen, der so vielem Liebreiz nicht zu
widerstehen vermochte und sich willig den Plaudereien seiner Braut hingab, ohne
ihrer religiösen Erkenntnis weiter zu gedenken.
    Wenn er Jenny so vor sich sah in einfachster Kleidung, die sie ihm zu Liebe
jetzt fast immer trug, wie sie in dem kleinen Stübchen an seiner Seite sass, ihm
den Tee bereitend und mit den sanften klugen Augen freundlich nach jedem seiner
Wünsche spähend, so ruhig und so begnügt; dann konnte er es nicht fassen, wie
ihm jemals davor bangen mögen, sie aus dem reichen Hause ihres Vaters in
beschränktere Verhältnisse zu führen. Er warf es sich dann vor, ihr Unrecht zu
tun mit seinen Zweifeln; er nahm sich dann vor, ihr bei nächster Gelegenheit
den Mangel an Zutrauen zu bekennen, den er in dieser Beziehung zu ihr gehabt
habe; und heute vollends empfand er sich auf dem Gipfel des Glückes, denn heute
waren sein Herz und sein Verstand gleich befriedigt durch die Geliebte. Er hatte
keinen Wunsch, als dass es stets so bliebe; und dass es also bleiben werde, davon
war er überzeugt.
    Als sie nun so in friedlicher Stille beisammen waren, klopfte es an die
Türe. Reinhard ging um zu öffnen, und trat bald darauf mit einem Briefe in der
Hand wieder bei ihnen ein, den er, nachdem er ihn schnell durchlesen, seiner
Braut mit den Worten reichte: Nun endlich, meine Jenny! lies, o, lies!
    Doch hinderte er selbst sie daran, denn er erzählte, wie dieser Brief ihm
die Nachricht von dem Entschlusse eines entfernten alten Verwandten bringe, zu
seinen Gunsten eine Pfarrerstelle niederzulegen, die er bis jetzt bekleidet
hatte. Fröhlich, wie ihn die Aussicht machte, überhörte er die Bemerkung der
Mutter, dass die Pfarre zu Schönfelde, von der eben die Rede war, in einer gar
traurigen Gegend liege, und glücklicherweise entging ihm ebenso Jenny's
Erbleichen bei der Mitteilung.
    Heute gerade, wo Reinhard sich zufrieden und mit sich einig fühlte, war
Jenny in einer völlig entgegengesetzten Stimmung. Nachdem sie auf dem Wege zur
Pfarrerin zum ersten Male an die Entbehrungen gedacht, die sie sich künftig
werde auferlegen müssen, erschien ihr Alles, was sie bisher in der Wohnung ihrer
Schwiegermutter idyllisch und behaglich gefunden, wie entzaubert. Die kleine
Lampe fand sie düster, die Zimmer eng und beklommen; und in so kleinen Räumen,
in solch beschränkten Verhältnissen für immer zu leben, hielt sie für ein
Unglück, das selbst durch Reinhard's Liebe nur gemildert, nicht aufgehoben
werden konnte. Mit gewohnter Freundlichkeit half sie der Pfarrerin bei den
Zurüstungen zu dem einfachen Mahle und deckte den kleinen Tisch, wie sie
pflegte; aber es machte ihr heute kein Vergnügen, und sie hätte es gern der
jungen Magd überlassen, wenn sie nicht gewusst hätte, wie sehr sie ihren
Bräutigam damit erfreute, der sie während der kleinen Arbeit nicht aus den Augen
verlor und mit Blicken der innigsten Liebe jede ihrer Bewegungen betrachtete.
Trotzdem konnte sie ihre Niedergeschlagenheit nicht besiegen und sie war sehr
zufrieden, dass weder ihr Bräutigam, noch dessen Mutter etwas von Dem errieten,
was in ihr vorging. Sie fühlte sich gradezu erleichtert, als sie gegen die
zehnte Stunde das bekannte Rollen ihres Wagens hörte und von der Pfarrerin
Abschied nahm, die sie mit ängstlicher Sorgfalt in den Mantel hüllte und noch
ein Tuch hinzufügen wollte, damit sich Jenny nicht erkälte.
    Nein, nein, Mütterchen! Ich bedarf ja all' dessen nicht; ich gehe ja nicht,
ich fahre nach Hause! sagte sie mit solchem Vergnügen, dass es ihr selber komisch
vorkam, als sie an Reinhard's Arm die Treppe hinunterging, der sie im Wagen nach
Hause begleiten wollte, wo sie die Ihrigen noch beim Tee zu finden und ein
Stündchen mit ihnen zusammen zu bleiben hoffte. Als dann der Diener den Fusstritt
herunterschlug, sie gewandt beim Einsteigen unterstützte und die Türe des
Wagens schloss; als Reinhard das Fenster in die Höhe zog und sie an seiner Seite,
bequem und warm, dahinflog, drückte sie sich mit einer nie gekannten Wollust in
die seidenen Kissen. Ihre ganze Heiterkeit war wiedergekommen; und heiter und
fröhlich trat sie auch mit Reinhard bei ihren Eltern ein, als ob sie dieselben
wer weiss wie lange nicht gesehen hätte. Es gefiel ihr unbeschreiblich, viel
besser noch als sonst zu Hause; es machte ihr besonderes Vergnügen, dass sie
Eduard und Joseph noch bei den Eltern fand, so dass sie, als man sie fragte, wie
es ihr ergangen, in Selbstverspottung ihre Angst und ihre Abenteuer schilderte.
    Und für all die Heldentaten, die ich heute so herrlich vollbracht habe,
lieber Vater! bitte ich nur um Eine Belohnung. Du sollst mir zur Hochzeit nicht
Perlen, nicht Brillanten schenken; daraus mache ich mir nichts und die möchten
auch für eine Frau Pfarrerin nicht passen, welche Andern mit tugendhaftem
Beispiele vorangehen soll, sagte sie, indem sie sich scherzend ein sehr
ernstaftes Ansehen gab, aber einen guten, ordentlichen Landauer, liebes
Väterchen, den kannst Du mir nur immer kaufen!
    Der möchte leicht ebenso unpassend, als die Brillanten sein! wendete
Reinhard ein, und ich zweifle, dass ein Paar gewöhnliche Landpferde solche
Carosse ziehen oder zieren würden.
    Nun, da muss Vater ein Uebriges tun und zwei Pferde zulegen! rief Jenny
lachend.
    Und dann soll der Pfarrer wohl in einer Equipage, die den reichsten Edelmann
beschämt, durch das Dorf nach der Kirche fahren, um die Verachtung des Irdischen
zu predigen? fragte Reinhard nicht ohne Spott. Solch eine Equipage möchte leicht
mehr kosten, als meine künftige Pfarre in zwei Jahren einträgt, und würde uns
deshalb übel anstehen. Du solltest nur sehen, liebste Jenny, wie meine
Amtsbrüder ruhig auf einem Leiterwagen über Land fahren: da würdest Du
begreifen, wie eine Staats-Equipage uns nicht kleiden kann.
    Aber Sie können doch Jenny nicht zumuten, auf einem Leiterwagen oder irgend
einer andern elenden Karrette herumzufahren? meinte die Mutter verdriesslich.
    Warum nicht? sagte Reinhard, gereizt durch den Ton dieser Frage. Meine
Mutter ist Jahrelang so gefahren und es ist ihr vortrefflich bekommen, obgleich
sie es ebenso wenig gewöhnt war, als Jenny! Aus Liebe kann man Viel!
    Streitet doch nicht um des Kaisers Bart! rief Eduard dazwischen, als er sah,
wie unangenehm seiner Schwester diese Wendung des Gesprächs sein musste. Wenn
Reinhard eine Pfarre haben wird, mögt Ihr nach dieser Stelle Euren Wagen
einrichten, und das ist noch weit im Felde!
    Glücklicherweise! murmelte die Mutter für sich, während Reinhard eben zu
erzählen anfing, dass er im Gegenteil auf dem Punkte stehe, eine Stelle zu
erhalten, die ihm, Alles zusammengerechnet, doch sechs bis siebenhundert Taler
bringen könne, und die nur den Einen Fehler habe, nahe der Grenze, in einer
nicht eben angenehmen Gegend, zu liegen; doch hoffe er, nicht allzulange dort zu
bleiben, und wolle sie bestimmt annehmen, weil man sie ihm biete.
    Und was sagt Jenny dazu? fragte der Vater, nun ebenfalls gekränkt durch die
rücksichtslose Art, mit welcher Reinhard über seine Zukunft entschied, ohne an
die Wünsche Jenny's oder ihrer Eltern irgend wie zu denken.
    Nun ich muss ja meinem Manne folgen, wie es in der Bibel steht, sagte Jenny
mit einer Stimme, die das Weinen verriet, obgleich der Mund lächelte, aber
vielleicht warten wir auch noch, bis sich eine Pfarre hier in der Nähe findet.
    Ich bestimmt nicht! fuhr Reinhard auf. Es gilt die Erreichung meiner beiden
Hoffnungen. Ich stehe an der Schwelle, einen Wirkungskreis und Dich zu gewinnen:
willst Du Dich mir länger entziehen - gut! ich muss es tragen; aber selbst meine
Liebe soll mich nicht verleiten, meinen Beruf zu versäumen, der mir höher gilt
als Alles. Doch werde ich Dich keines Weges zwingen. Kannst Du und willst Du
noch in Deinem Vaterhause bleiben, so muss ich es mir gefallen lassen, und meine
Mutter allein wird mir dann folgen, bis mein Loos sich günstiger gestaltet.
    Mit den Worten stand er rasch auf und wollte sich entfernen, aber Jenny
hielt ihn in sprachloser Bewegung zurück. Es war der erste wirkliche Streit mit
dem Geliebten, auch Eduard suchte Reinhard zu besänftigen, während die Mutter
verdriesslich schmollte. Joseph sah bald düster vor sich nieder, bald blickte er
verstohlen auf Jenny und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, wie es
seine Art war, wenn ihn etwas unangenehm berührte. Nur der Vater blieb
anscheinend ruhig, und sagte: Zu warten, bis Sie eine bessere Stelle in unserer
Gegend haben, Reinhard, dazu würde ich meiner Tochter und Ihnen eigentlich auch
raten; wenn Sie nicht überhaupt besser täten, in der Stadt zu bleiben. Ich
wollte schon lange darüber einmal mit Ihnen sprechen, und rechne darauf, dass Sie
morgen in der Frühe zu mir kommen, damit wir es ohne die Frauen überlegen.
    Reinhard schickte sich an, zu antworten, der alte Herr liess es aber nicht
zu.
    Das hat Zeit bis morgen, lieber Freund! sprach er, bis morgen können wir
Beide das Für und Wider überdenken und verständigen uns dann leicht. Machen Sie
jetzt nur Ihren Frieden mit Jenny und der Mutter und - ehe Sie über christliche
Geduld predigen dürfen, mein junger Freund, fügte er lächelnd hinzu, werden Sie
noch ein gutes Teil Ihrer Lebhaftigkeit abzulegen haben.
    Reinhard war ebenso verstimmt als verlegen: verstimmt über die
Anforderungen, die man an ihn machte, und verlegen über die Herbigkeit, zu
welcher er sich hatte hinreissen lassen. Er näherte sich seiner Braut, die ihm
ihre Hand entgegenreichte, und fragte, sich zu ihr neigend: Bist Du böse? sei es
nicht! Dann sie festaltend ging er zu der Mutter, küsste ihr, mit ein paar
freundlichen Worten sich entschuldigend, die Hand, und empfahl sich den Männern.
Jenny begleitete ihn, und auch Eduard wollte mitgehen; der Vater aber, der es
bemerkte, sagte leise: Bleibe hier, lass sie allein.
Tage vergingen und wurden zu Wochen. Das Frühjahr entfaltete sich immer
heiterer; man näherte sich der warmen Zeit und konnte mit neuer Hoffnung auf die
schönen Tage des Maimonats blicken. Die Pfarrerin war abgereist, nicht ohne die
Besorgnis, dass es vielleicht ratsamer gewesen wäre, in der Stadt zu bleiben, da
ihr Sohn seit einiger Zeit manche kleine Reibungen mit seinen künftigen
Schwiegereltern gehabt hatte, die nur durch ihre und Jenny's Vermittelung
ausgeglichen worden waren. Der Vater hatte nämlich Reinhard bestimmt erklärt,
dass er erst dann seine Erlaubnis zur Hochzeit geben werde, wenn Reinhard eine
Stelle gefunden habe, die ihn vollkommen sorgenfrei ernähre, oder wenn er sich
dazu verstände, von den Eltern seiner Braut eine Mitgift anzunehmen,
hinreichend, Jenny ein bequemes, häusliches Leben zu gewähren, was er bis jetzt
abgelehnt hatte. Ich will nicht, hatte er ihm den Morgen, an dem er ihn zu sich
beschieden, gesagt, dass Jenny ohne allen Grund sich Entbehrungen auferlege; und
ebenso wenig, als ich von Ihnen verlangen kann, ihr jene Stellung von Ihrem
Gehalte zu verschaffen, ebenso wenig können Sie von mir fordern, dass ich meine
einzige Tochter in einer Hütte wohnen und sich mit ungewohnter Arbeit quälen
lasse, während ich und wir Alle uns hier im Schoss des Wohllebens befinden.
    Wenn nun aber dies Wohlleben mit meinem Stande nicht verträglich ist!
entgegnete Reinhard. Wenn Sie wüssten, lieber Vater! fügte er hinzu, wie sehr ich
die Opfer fühle, die Jenny mir bringen muss; wie sie mich oft drücken, Sie würden
anders über mich urteilen. Lassen Sie mich offen sein, wie ich es gegen den
Vater meiner Braut zu sein verpflichtet bin. Ich habe mit aller Kraft meines
Willens gegen die Liebe gekämpft, die ich für Jenny fühle, weil ich wusste, dass
unsere Wege weit von einander lägen; dass es Torheit sei, zu wähnen, ich würde
ihr jemals eine Sorgenfreiheit bereiten können, welche dem Leben gleich käme, an
das sie gewöhnt ist. Meine Liebe zu Jenny, und mein Vertrauen zu ihr, waren
stärker, als alle Einwendungen der Vernunft. Ich täuschte mich selbst mit dem
Glauben, dass Liebe jede Entbehrung nicht nur leicht, sondern unfühlbar mache.
Tadeln Sie mich deshalb nicht zu strenge.
    Der Vater drückte ihm die Hand und fragte: Und jetzt?
    Jetzt, antwortete er, sehe ich, dass die Wirklichkeit auch gegen die
tiefsten, zärtlichsten Gefühle ihre Rechte geltend macht. Ich sehe ein, dass
Jenny nicht in der Lage leben kann, die meine Einnahme allein ermöglicht, und
bin sehr unglücklich darüber, mich mit einem Luxus umgeben zu sollen, der für
mich nicht passlich ist.
    Davon ist nicht die Rede, sagte der Vater begütigend. Es kann meine Absicht
nicht sein, Sie in Verhältnisse zu bringen, die unpassend für Ihren Beruf sind.
Nur das sollen Sie annehmen, dass ich Jenny eine Mitgift gebe, die Ihrer Einnahme
so viel hinzufügt, als nötig ist, um sie dem besten Pfarrergehalte im Lande
gleich zu machen. Dagegen können Sie nichts einwenden. Ich achte den Stolz, den
Sie in sich zu bekämpfen haben; aber zu sehr ins Ideale müssen Sie sich nicht
verlieren. Sie haben mich zu Ihrem Vater angenommen, lassen Sie mich auch Ihren
König sein, der Ihnen ein Gehalt gibt, wie Ihre Kenntnisse es verdienen.
    Reinhard erkannte mit Achtung das Ehrenwerte in dem Betragen des
vortrefflichen Mannes und dankte ihm für die Zarteit, mit welcher er ihn
behandelte. Er fühlte, dass er das Anerbieten annehmen müsse, so schwer es ihm
auch sei, und erklärte sich dazu bereit.
    Sie haben recht, mein teurer Vater, sagte er, aber es kostet mich das Opfer
eines Glückes, des erhebenden Gefühles, meinem Weibe nicht nur ihr Gatte und
Beschützer, sondern auch ihr Ernährer zu sein - und es wird mir schwer fallen,
auf dieses Anrecht zu verzichten.
    Da klopfte der Vater ihm auf die Schulter und schalt ihn einen Schwärmer,
der sich wohl noch bessern werde; er hatte aber die Besorgnis, dass Dem nicht so
sein möchte.
Von dieser Stunde an war Reinhard mit sich selbst zerfallen. Er warf es sich
vor, sich aus Liebe für seine Braut in die Lage gebracht zu haben,
Unterstützungen anzunehmen, er, der es gebilligt hatte, dass seine Mutter lange
Zeit sich auf das Kümmerlichste beholfen hatte, um dieser verhassten Abhängigkeit
zu entgehen. Nur gegen seine Mutter hatte er sich über seine Unterredung mit
Jenny's Vater ausgesprochen. Sie hatte dem verständigen Manne vollkommen
beigestimmt und ihrem Sohne versichert, dass keinem Andern als ihm ein Kummer
daraus erwachse, mit der Hand eines geliebten, reichen Mädchens ein angemessenes
Jahrgeld anzunehmen, oder wie es hier der Fall wäre, eine Mitgift, die im
Verhältnis zu Jenny's einstigem Reichtum unbedeutend blieb. Sie machte ihn
darauf aufmerksam, wie Jenny trotzdem noch Vieles entbehren würde, woran sie in
ihrem väterlichen Hause gewöhnt worden, und wie sie durch die Freudigkeit, mit
welcher sie der Zukunft gedächte, einen sicheren Beweis dafür gebe, dass ihr
Reinhard's Liebe höher gelte als jener Reichtum, den nur Reinhard selbst so
hoch anschlage, um sich damit zu quälen. Für einige Tage hielten diese
Vorstellungen vor, dann aber bedurfte es nur eines Wortes, das irgend Jemand
arglos aussprach, und das eine andere Deutung zuliess, um ihn aufs Neue mit dem
finstersten Unmut zu erfüllen. Es bewährte sich auch an ihm, dass Niemand uns so
tödtlich zu verletzen, so unablässig zu peinigen vermag, als wir selbst, weil
Niemand so genau die wunde Stelle unserer Seele kennt und sie in jedem
Augenblick so tief und sicher zu treffen weiss als eben wir. Darum sollte man
sich vor keinem Feinde so sehr hüten, als vor seinen eigenen Schwächen und
Phantasien, mögen sie noch so nahe mit der Tugend verwandt sein! Jedem Feinde
tritt man mit Härte, mit aller Macht des Geistes entgegen, und eine Art von
Schadenfreude nebst der Lust am Siege sind uns vortreffliche Hülfstruppen gegen
den Feind ausser uns. Wer hat aber Selbstbeherrschung genug, mit offenen
ehrlichen Waffen gegen sich selbst zu kämpfen? Wen freut es, über ein
verhätscheltes Kind des eigenen Wesens zu siegen, das wir doch immer lieben,
eben wie ein Vater sein Kind, wenngleich er nicht blind für dessen Fehler ist?
    Dennoch hatte sich äusserlich nach jener Unterredung des Vaters mit Reinhard
das gute Vernehmen zwischen allen Teilen wieder hergestellt, und Herr Meyer
konnte seiner Frau die Versicherung geben, dass für Jenny's Zukunft in Bezug auf
die gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens nichts zu befürchten sei.
    Eine andere Angelegenheit aber verursachte ihm immer lebhaftere Besorgnis:
Eduard's tiefer Kummer nämlich, den dieser vergebens unter der Maske ruhigen
Ernstes zu verbergen strebte und dessen Grund der Vater nicht erst zu erraten
brauchte. Nachdem er also mit Reinhard geordnet hatte, was ihm für Jenny's
Zukunft unerlässlich schien, liess er Eduard eines Tages zu sich rufen.
    Der Verkehr zwischen Vater und Sohn war immer einfach gewesen, und auch
jetzt machte der Vater keine besondere Einleitung. Ich habe ein ernstes Wort mit
Dir zu reden, sagte er, als sie allein beisammen waren, und ich habe nicht erst
nötig, Dir den Gegenstand zu nennen. Ich glaubte mit Recht erwarten zu dürfen,
dass Du mir aus einem Verhältnis kein Geheimnis machen würdest, welches Dich seit
lange schon beschäftigt. Du kannst nicht leugnen, dass Du eine Liebe für Fräulein
Horn empfindest.
    Auch möchte ich das nimmer, fiel Eduard lebhaft ein.
    So beantworte mir ehrlich die Eine Frage, wohin soll das führen? - Bist Du
entschlossen, Christ zu werden? fragte er, da Eduard schwieg.
    Um keinen Preis, erwiderte Eduard fest, selbst um den Besitz des Mädchens
nicht! Er war bewegt und kämpfte die Bewegung nieder. Dann sagte er nach einer
Weile: Es ist wahr, ich liebe sie, und um sie zu erlangen, sie mein zu nennen,
soll kein Mittel unversucht bleiben. Ihres Herzens bin ich gewiss, obgleich nie
ein Wort von Liebe unsere Lippen berührt hat; und nicht aus Misstrauen schwieg
ich gegen Dich, sondern weil an dem Tage, an dem ich Dir Clara als meine Braut
vorzustellen hoffte, ich Dir einen doppelten Sieg zu verkünden wünschte.
    Der wäre? fragte der Vater.
    In keinem Gesetz des Landes ist die Ehe zwischen Christen und Juden
verboten, obgleich sie nicht gebräuchlich bei uns ist. Ich habe um die Erlaubnis
zu solcher Ehe nachgesucht, mich darauf stützend, dass in Dänemark und Holland,
die ebenfalls streng protestantische Länder sind, solche Verbindung stattaft
ist. Wenn es mir nun gelingt, diese Erlaubnis zu erlangen, wenn ich, indem ich
mir die Geliebte gewinne, zugleich einen Schritt vorwärts gegen das Ziel mache,
das wir erstreben, dann wollte ich vor Dich hintreten und Dir die erkämpfte
Braut als Tochter zuführen.
    Und wenn Du diese Erlaubnis nicht erhältst? fragte der Vater; und da der
Sohn darauf nicht antwortete, fügte Jener mit gerechtem Bedenken hinzu: Dann
hast Du, auf eine höchst zweifelhafte Aussicht hin, die Ruhe, vielleicht das
Glück eines Mädchens zerstört, das zu edel von Dir dachte, um zu glauben, Du
würdest unvorsichtig Hoffnungen in ihr erregen, die zu erfüllen Dir unmöglich
ist. Sage mir nicht, Du hättest Clara Deine Liebe nicht gestanden. Das sind
Entschuldigungen, die kein ehrlicher Mann sich machen darf. Sie kennt Deine
Liebe; sie erwiedert sie; das wissen wir Alle, Clara's Eltern vielleicht
ausgenommen. Dass Du um Clara's Liebe geworben, und das hast Du; verzeih mir,
mein Sohn, das war keine gute Tat, das war ein schweres Unrecht, sobald Du
entschlossen warst, nicht Christ zu werden.
    Eduard fuhr auf, nahm sich aber zusammen und sagte ruhig: Unrecht wäre es
vielleicht gewesen, wenn ich nicht mit aller Kraft gegen diese Neigung gerungen
hätte; wenn ich sie nicht auf jede Weise vor Clara zu verbergen gesucht und
nicht ihr selbst immer die Hindernisse, die uns trennen, vorgehalten hätte.
Clara weiss, dass wir nicht viel zu hoffen haben.
    Wozu nützt ihr dieses Wissen? fragte der Vater. Rechnet sie darum weniger
auf die Erfüllung Eurer gemeinschaftlichen Wünsche? Und geschah es auch, um ihr
jede Hoffnung zu rauben, dass Du sie in unser Haus geführt hast? Glaubst Du,
Jenny's bevorstehende Taufe werde ihr nicht den Mut geben, auch von Dir das
Nämliche zu erwarten? Was soll Clara's Vater von mir denken, dass ich seine
Tochter in mein Haus aufgenommen und mich dadurch zum Förderer und Schützer
einer Liebe hergegeben habe, durch die das Mädchen unglücklich wird?
    Vater, Du gehst zu weit! sagte Eduard in heftiger Bewegung. Der Vater aber,
der bis dahin mit kalter Ruhe, fast streng mit dem Sohne gesprochen hatte, nahm
plötzlich seine Hand, die er herzlich drückte, und sagte mild: So, Eduard,
urteilt der Mann, und Du verdienst den Tadel. Der Vater bedauert Dich, und
wollte Gott! ich könnte Dir helfen. Mein Herz ist nicht so kalt geworden, dass
ich Dein Leiden nicht verstehen könnte; aber weil ich Dich, mein Sohn, vor Reue,
und das Mädchen, das ich schätze, vor Kummer wahren möchte, darum ist es meine
Pflicht, Dir zu sagen: halte inne. Tue keinen Schritt vorwärts; vermeide Alles,
was Euch einander näher bringen, Clara's Erwartungen erhöhen könnte, bis Du
weisst, ob Du auf sie hoffen darfst. Denn wenn selbst, was ich bezweifle, der
Staat eine solche Verbindung zugäbe, stände Dir mit Clara's Eltern noch ein
schwerer Kampf bevor. Und doch wollte ich, sie allein wären es, die Du gegen
Dich hast! schloss er, und sah bekümmert auf das verdüsterte Antlitz des Sohnes.
    Dieser schwieg lange, dann sagte er: Ich bin mir bewusst, dass der Gedanke an
Clara's Ruhe ebenso wenig aus meiner Seele gekommen ist, als das Gefühl meiner
Liebe! Der Schwäche bin ich freilich schuldig, dass ich mein Herz nicht fest
zusammen nahm, dass ich mich dem beglückenden Reiz des Augenblicks mehr als ich
sollte, überliess, dass ich hoffte, weil ich wünschte; aber falle mein Loos, wie
es wolle, Du sollst mich Deiner würdig finden.
    Das genügt, mein Sohn! sprach der Vater. Ich traue Dir, und wollte nichts,
als Dich warnen vor Dir selber.
    Damit trennten sie sich, Beide tief ergriffen und besorgt, aber ruhig im
Äußern, wie sie es immer waren, obgleich Eduard nun mit doppelter Ungeduld die
Entscheidung seines Schicksals ersehnte.
    Je länger er diese Liebe zu Clara in stiller Brust genährt, um so tiefer war
sie in sein Herz gedrungen. Er konnte zwar sein Leben ohne Clara's Besitz
denken, aber kein Glück ohne sie. Sie zu erkämpfen und seinem Volke zugleich
damit zu nützen, das war der belebende Gedanke in seiner Seele geworden; und mit
der Energie, die ihm eigen war, hatte er rasch die nötigen Schritte dazu
getan, ohne mit irgend Jemandem darüber zu sprechen. Anfangs hatte er mit
Zuversicht auf einen günstigen Bescheid gerechnet und sich mit einer Art von
stolzer Sorglosigkeit der Leidenschaft hingegeben, die ihn beherrschte; nun
aber, als die Antwort, die er erwartete, von Tag zu Tag ausblieb, als die
Erkundigungen, welche er einzog, auf eine abschlägige Bescheidung hinzudeuten
schienen, mussten die Ermahnungen seines Vaters einen um so tiefern Eindruck auf
ihn machen. Zerstreut war er zu seinen Kranken gekommen und hatte kaum die
nötige Aufmerksamkeit für ihre Klagen in sich erzwingen können. Das machte ihn
noch trüber und unzufriedener mit sich. Er zog sich in den Stunden, welche ihm
seine Praxis frei liess, ganz in seine Wohnung zurück und kam auch nur des
Mittags zu den Seinen, weil in dieser Stimmung ihm selbst der Umgang mit seiner
Familie keine Freude machte.
    So mochten etwa acht Tage vergangen sein. Er sass Abends an den geöffneten
Fenstern seines Zimmers und sah, in tiefe Gedanken versunken, nichts von der
Pracht des Frühlings, dessen lieblichste Blumen in dem Garten, der das Haus nach
dem Hafen hin begrenzte, sich zu entfalten anfingen. Lebhaft erinnerte er sich
jener Winternacht, in der dieselbe hoffnungslose Liebe ihn in Sturm und Wetter
hinausgetrieben hatte, und der leidenschaftlich erregte Zustand jener Stunde
schien ihm beneidenswert gegen die Mutlosigkeit, welche er jetzt empfand, und
aus der ihn, wie er wähnte, nichts empor zu rütteln vermochte. Da pochte es an
seine Türe, und es trat der Postbote herein, der ihm einen grossen, mit
amtlichem Siegel geschlossenen Brief aushändigte. Eduard wusste, was er ihm
bringen konnte. Mit hastiger Hand erbrach er ihn. Er näherte sich dem Fenster,
um bei den letzten Strahlen des Tages die feste, deutliche Schrift zu lesen -
dann legte er das Blatt zur Seite, und blieb gedankenvoll, den Kopf gegen die
Scheiben gelehnt, am Fenster stehen.
    Es war entschieden. Der Jude durfte nicht auf das Glück hoffen, die Geliebte
zu besitzen. Was war nun zu beginnen?
    Er hörte über seinem Haupte, in den obern Zimmern, Stühle hin und wieder
rücken; er sah empor, es war Nacht geworden. Man stand vermutlich bei seinen
Eltern von der Abendmahlzeit auf. Er hatte also mehrere Stunden in dumpfem
Brüten verbracht und kein kräftigender Gedanke war erleuchtend in die Nacht
seines Schmerzes gedrungen. Flüsternd berührten Jenny's und Gustav's Stimmen
sein Ohr. Der milde Abend hatte sie ins Freie gelockt und Eduard erblickte sie
bald darauf in den breiten Gängen des Gartens. Aber! trog ihn sein Auge? noch
eine dritte Gestalt ging mit ihnen. Terese konnte das nicht sein; sie war wenig
grösser, als Jenny, während diese schlanke, hohe Figur Jenny bedeutend überragte.
Sie war es! Noch ahnte sie nichts von dem Schmerz, den er bekämpfte, den der
nächste Tag auch ihr bringen musste. Nur noch dies Eine Mal wollte er sie
glücklich sehen. Es schien ihm, als hätte sie im Vorübergehen, trotz der
Dunkelheit, nach seinen Fenstern geblickt - im nächsten Moment war er an ihrer
Seite.
    Wo kommst Du her, Nachtwandler? fragte Jenny scherzend. Du hast mich
förmlich erschreckt, als Du so plötzlich hervortratest; und auch die arme Clara
fuhr zusammen. Wo warst Du denn bis jetzt?
    In meinem Zimmer, antwortete er.
    Da war es dunkel, als wir vorübergingen, bemerkte Reinhard verwundert, und
Deine Eltern wähnten Dich ausser dem Hause.
    Das war ein Irrtum! erwiderte er, ebenso zerstreut und tonlos, als er die
erste Antwort gegeben.
    Höre, Eduard! rief Jenny, um nur irgend etwas zu sagen, weil sie nicht
wusste, was die Stimmung ihres Bruders, die sie beunruhigte, bedeute, wenn Du nur
gekommen bist, uns zu erschrecken, so hättest Du fortbleiben sollen. Gustav war
so gut, so lieb; Du hast uns um die schönste Erzählung aus seinen frühern Jahren
gebracht, die ich nicht aufgeben will, und ich gehe mit Gustav fort, wenn Du
nicht heiterer sein kannst.
    So geht, ihr Lieben! sagte er, und lehnte sich tiefaufatmend an den dicken
Stamm einer mächtigen Kastanie, deren junge Blätter leise unter der Berührung
der Nachtluft zitterten.
    Unentschlossen standen Alle einen Augenblick einander gegenüber; dann führte
Reinhard Jenny einen Augenblick mit sich fort und bot Clara den andern Arm. War
es nur Täuschung, oder hatte Eduard wirklich seine Hand bittend gegen Clara
bewegt? - aber das Brautpaar war bereits einige Schritte fort, und Clara stand
noch in scheuer Entfernung allein vor Eduard. Sie hatte die Hände ängstlich über
die Brust gefaltet, trat ihm näher und fragte mit sanfter Bitte: Sie kommen
nicht mit uns?
    Der Ton dieser süssen Stimme, das war mehr, als Eduard ertragen konnte.
Clara! Clara! rief er mit einer Leidenschaftlichkeit, in der das ganze Leiden
der letzten Stunden sich zusammendrängte, und riss das junge Mädchen gewaltsam an
seine Brust, das sich an ihn lehnte, als ob sie an seinem Herzen Schutz gegen
ihn selbst erwartete. Wie nach langer drückender Hitze die schwarzen Wolken sich
in grossen einzelnen Tropfen entladen, so fielen aus Eduard's Augen heisse schwere
Tränen auf die Stirn Clara's und auch sie weinte still.
    Warum weinen wir denn, fragte sie endlich, wenn ich mit Ihnen bin?
    Weil ich Dich verloren habe, antwortete er gepresst, weil ich über Dein
geliebtes Haupt den Fluch heraufbeschworen, der mich verfolgt. Auf dies geliebte
Haupt, sagte er, es in seinen Händen haltend und mit der Zärtlichkeit eines
Vaters küssend, auf das ich alles höchste Glück herab zu rufen dachte.
    Sie hing sich fester an seine Brust, und er fühlte, wie sie zitterte; aber
kein selbstsüchtiger Gedanke kam in ihre reine Seele, nur der Kummer des
Geliebten war es, den sie zuerst empfand. Armer Eduard! seufzte sie, und ich
wagte, fröhlich zu hoffen, während Sie litten, ich hoffte ......
    Liebste! Dein Wagen ist da! rief Jenny's Stimme und schreckte Clara empor
von Eduard's Brust, der ihr seinen Arm reichte; und sie hatte dieses Beistandes
nötig, um sich aufrecht zu erhalten. Ohne ein Wort der Entschuldigung oder des
Abschiedes, geleitete Eduard sie an Reinhard und an der Schwester vorüber zu
ihrem Wagen, drückte einen langen Kuss auf ihre Hand, und ging dann schnell in
sein Zimmer zurück, dessen Fenster er verschloss.
    Die Verlobten sahen ihnen erschrocken und verstehend nach. Auch sie
schritten dem Hause zu. Die Armen, klagte Jenny, und Reinhard zog sie näher an
sich, wie wenn er sich vor ähnlichem Scheiden bewahren wollte. Arm in Arm
langten sie bei Jenny's Eltern an. Sie entschuldigten mit einem Vorgeben Clara's
Fortfahren ohne Abschied; Eduard's wurde gar nicht erwähnt. Bald darauf trennten
sich auch die Uebrigen, Reinhard und Jenny mit schwerem Herzen, und erst,
nachdem sie sich durch einen nochmaligen Gang nach dem Garten überzeugt hatten,
dass Eduard zu Hause sei. Sie sahen ihn durch die Vorhänge an seinem Schreibtisch
sitzen.
    Er schrieb an Clara. Sein Brief an die Geliebte lautete also:
    Jene Stunde, die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte, ist
herangekommen und zur Trennungsstunde für uns geworden - das höchste Glück, das
Bewusstsein, Ihre Liebe zu besitzen, wird zum Schmerz, denn auch auf Sie fällt
die Pein des Scheidens. - Zürnen Sie mir um deshalb nicht. Mehr, als mein
eigener Schmerz, peinigt mich der Gedanke, dass Sie mit mir leiden, dass meine
Liebe Sie nicht zu schützen, nicht zu beglücken vermag. Ich könnte eine Welt
hassen, in der Herzen, die zusammen gehören, getrennt werden, weil das Eine so,
das Andere anders zu seinem Schöpfer betet, der Beide für einander erschuf, der
sie, wie uns, zusammenführte. Jahrtausende hat der Fluch über meinem Volke
geschwebt, nun hat er auch mich getroffen. Ich wähnte, es sei an der Zeit frei
zu werden von jenen Fesseln, die blinder Pfaffenglaube der ganzen Menschheit
angelegt. Ich hatte Dich gesehen, ich liebte Dich, und ich hoffte, Du solltest
die Aurora werden, welche ein neues Morgenrot der Aufklärung für unser ganzes
Land verkündete. Denn nicht allein den Juden trifft der Wahnwitz dieses Hasses,
er schlägt in gerechtem Undank selbst die Mutter, die ihn erzeugt. Auch Du! die
Christin! leidest unter ihm. Aber wer hiess Dich, einen Juden lieben? Warum
wolltest Du lieben, was die Deinen hassen? Die Deinen, welche sich zu einer
Religion der Liebe bekennen! - O! Christus wusste, wie der Hass zerfleischt,
entmenscht, darum predigte er Liebe, und die Unwürdigen begriffen nur den Hass,
vor dem er sie gewarnt.
    Aber ich wollte ruhig sein und nicht auch in Deine Seele den Widerschein des
Zornes leuchten lassen, der in mir lodert! Ruhig denn! - Seit ich Dich kenne,
seit ich Dich liebe, habe ich keine Stunde ruhigen Glückes gekannt als in Deiner
Nähe. Nur der Zauber Deiner Gegenwart konnte mich trösten, mich vergessen
machen, dass ich Dich nicht besitzen würde. Ich fühlte es, wie Dein Herz sich zu
mir neigte, und wollte Dich und mich vor jeder Hoffnung bewahren, indem ich Dir
sagte, mit wie unauflöslichen Banden ich an mein Volk gekettet sei. Es ist nicht
der Glaube, der mich an das Judentum bindet: ich bin weder Jude noch Christ in
dem Sinne der Menge - ich bin ein Mensch, den Gott geschaffen, der seinem
Schöpfer dafür dankt und der seine Mitgeschöpfe liebt. Aber meine Ehre fesselt
mich an mein Volk, das gleich mir in Unterdrückung seufzt. Was dem verbannten
Polen sein Vaterland, das ist dem Juden die Gemeinde; nur der Verräter sagt
sich von ihr los. Denkst Du jener Polenhelden, die wir jüngst gesehen, und der
Wunden auf ihren gramdurchfurchten Stirnen? Diese Wunden können heilen; aber der
Schmerz ihrer gebrochenen Herzen nimmer! Geschieden von Bräuten, Weibern und
Kindern, kamen sie in unser Land, Alles war ihnen geraubt, und sie hatten nichts
als die Ehre und den heiligen Gram um ihr gesunkenes Vaterland. Nach langem
Elend war das Volk der Polen erstanden, um mit Männerkraft seine Ketten zu
zerreissen. Es misslang und die Unterdrücker trugen wieder den Sieg davon.
    So ist es mir ergangen. Ich wollte versuchen, auf Deinen Besitz zu
verzichten, zu entsagen; aber Entsagen ist Feigheit, so lange noch eine
Möglichkeit da ist, das Glück zu erreichen. Ich verlangte vom Staate die
Erlaubnis, Dich mein zu nennen, ohne Christ werden zu müssen. An Deiner
Zustimmung, an Dir zweifelte ich nicht, und mit Dir hoffte ich die Einwendungen
der Deinen leicht zu besiegen. Ich hoffte, glücklich zu sein mit Dir, und
Tausenden, die gleich uns gelitten, ein Befreier von bejammernswertem
Vorurteil zu werden. Es ist anders gekommen.
    Der Staat, der es erlaubt, dass Menschen, ohne alle innere
Zusammengehörigkeit, einander den Eid der Treue vor dem Altare schwören, der es
duldet, dass die Jungfrau mit gebrochenem Herzen in die Arme eines Mannes geführt
wird, welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Bundes
lachte, den er heute beschwört, der Gesetze gibt, diese fluchenswerten Ehen zu
schützen - derselbe Staat will es nicht dulden, dass zwei Herzen, die in reinstem
Einklang schlagen, sich verbinden, weil sie auf verschiedene Weise Gott für das
Glück danken würden, das er ihnen durch ihre Liebe gewährt. - Das sind die
Gesetze, vor denen man Achtung verlangt!
    Nur Eine Zuflucht bietet sich uns dar, wenn Du es vermöchtest, Dich von
allen Vorurteilen zu befreien, wenn Du Dich entschliessen könntest, mir unter
dem Schutze der Meinen in ein Land zu folgen, das unsere Ehe zulässt, und dort
die Meine zu werden; wenn ich Dich im Triumphe zurückführen dürfte und den
Verblendeten zeigen könnte, wie die Liebe frei ist vor dem Urteil eines weisern
Staates; wenn Du durch Ein Wort uns den versagten Himmel zu öffnen bereit wärest
- ein Leben voll der wärmsten, ergebensten Liebe sollte es Dir lohnen; Dir, aus
deren Hand mir Liebe und Freiheit zugleich gegeben würden.
    Mitten im Fluge solchen Hoffens fühle ich aber bereits das Unrecht, das ich
an Dir begehe, indem ich Dich zum Richter über unsere Zukunft mache. Das hätte
ich Dir ersparen sollen, und doch kann ich es nicht. So nimm denn wenigstens das
heilige Versprechen, Du Geliebte, dass ich mit keinem Worte versuchen werde, das
Urteil, wie Du's auch fällst, zu ändern. Was Dein liebendes Herz vermag oder
nicht vermag, was Dein gerader Sinn Dir zu tun gebietet, das soll auch meine
Richtschnur sein. Nur versage mir die Gunst nicht, Dich noch einmal zu sehen.
Und somit Lebewohl!
    Vergebens würde es sein, ein Bild des Schmerzes zu geben, mit welchem Eduard
diesen Brief geschrieben, oder der Gefühle, die er in Clara hervorrief. Wer es
je erfahren hat, plötzlich eines Glückes beraubt zu werden, auf das er eben ein
volles Anrecht erworben zu haben glaubte, der mag ahnen, was Eduard und Clara
bei dem Gedanken an ihre Trennung litten, nachdem sie durch das gegenseitige
Geständnis ihrer Liebe sich an einander gebunden. Von Minute zu Minute zögerte
Clara, eine Antwort zu geben, die, so innig sie Eduard liebte, niemals eine
günstige sein konnte. Immer hoffte sie, es werde sich ihr ein Ausweg aus dem
Labyrinte zeigen; sie fürchtete Eduard's Leiden zu vergrössern durch die
Schilderung ihres Schmerzes; sie wollte ruhig werden, um ihn zu beruhigen; und
das war der Brief, den sie endlich an ihn schrieb:
    Gott hat es mir auferlegt, dass ich mit den ersten Worten, die ich Ihnen
schreibe, Ihnen und mir den tiefsten Schmerz bereite, den eine Menschenbrust
empfinden kann. Er wird uns Kraft geben, ihn zu ertragen. Liebte ich Sie
weniger, oder wäre ich nicht vollkommen gewiss, es könne kein Zweifel an meiner
Liebe Raum in Ihrer Seele finden, ich würde nicht den Mut haben, Ihnen zu
sagen, dass ich nicht die Ihre werden, dass die schönste Hoffnung meines Lebens
nicht erfüllt werden dürfe. Ach, lieber Eduard! als ich Jenny und Reinhard
verbunden sah, da wagte ich mir zu gestehen, dass ich ein ähnliches Glück
begehrte und erhoffte, obgleich ich wusste, was Sie von Jenny's Uebertritt zum
Christentume dachten; wie Sie bei Jenny billigten, was Sie selbst niemals zu
tun vermöchten. Ich täuschte mich gern, weil ich Sie liebte und kein höheres
Glück kannte, als Ihnen in jeder Stunde meines Daseins, mit jedem Gedanken, mit
jedem Gefühl meiner Seele zu eigen zu sein. Ein Familienleben hatte ich erst in
dem Hause Ihrer Eltern in seiner heiligen Schönheit kennen gelernt, und ich
wünschte sehnlichst, mit Ihnen zu den Kindern dieses glücklichen Hauses zu
gehören, das mich mit so viel Güte empfing, in dem ich die schönsten Stunden
meines Lebens genossen habe.
    Glauben Sie mir, ich verlange nichts als Ihre Liebe, nichts als Sie, Eduard!
und jedes Band, das uns vereinigte, wäre mir heilig. Ich möchte Ihr treues Weib
sein, gleichviel, welch ein Priester den Segen über uns gesprochen; jedes Land,
jedes Verhältnis wäre mir gleich. Ich könnte ruhig den Tadel der Menge ertragen
- aber den Segen meiner Eltern kann ich nicht entbehren. Ohne diesen Segen, den
ich nie zu erhalten hoffen darf, so lange Sie nicht Christ geworden sind, gäbe
es, selbst mit Ihnen, kein Glück für mich.
    Meine Mutter hat mich William verlobt, ohne mich darum zu befragen, und ich
habe mich dadurch keinen Augenblick für gebunden gehalten. William selbst würde
meine Hand nicht begehrt haben, hätte er meine Liebe zu Ihnen gekannt. Ich
vermag, so leid es mir tut, den Wunsch meiner Mutter nicht zu erfüllen, ich
kann William's Frau nicht werden. Aber auch die Ihre nicht, Eduard! Sie bindet
die Ehre an Ihr Volk, mich die Pflicht an meine Eltern, und ich darf an eine
Verbindung nicht denken, die auch einer minder stolzen Frau als meiner Mutter
verwerflich scheinen müsste durch die befremdlichen Schritte, welche eine Trauung
im Auslande erfordert. Ich wähnte, Liebe sei allmächtig, nun sehe ich, dass sie
vor Pflicht und Ehre sich beugen muss. Ich bin bereit, das Opfer zu bringen -
aber es ist ein schweres, furchtbares Opfer, ich bringe es mit blutendem Herzen,
und weiss kaum, wie ich das Unvermeidliche ertragen werde.
    Sie nehmen Abschied von mir, Eduard! Sie sagen mir Lebewohl! das begreife
ich nicht! Ist es nicht hart genug, dass wir einander nicht gehören sollen?
Wollen wir uns selbst um das Glück bringen, uns zu sehen, uns zu sprechen und
Trost für unser Leid in dem Beisammensein zu suchen, das uns vergönnt ist? Ich
kann den Gedanken nicht fassen, Sie nicht mehr zu sehen; ich möchte den Trost
nicht entbehren, Ihrer treuen Brust anzuvertrauen, was mich bewegt, und zu
erstarken an den grossen Gedanken Ihres Geistes. Waren wir nicht glücklich bis
jetzt, auch ehe das Wort Liebe ausgesprochen wurde? Hatten wir uns nicht
verstanden? So kann und soll es wieder werden! Man sagt, der Strom, der die
Dämme durchbrach, könne niemals wieder von selbst in jene Schranken
zurückkehren; das mag sein. Wo aber die Schranke allein Zuflucht vor gänzlichem
Verarmen zu geben vermag, da muss man sie aufs Neue erbauen, sich hinter sie
flüchten, um das einzige Gut zu behalten, das uns geblieben ist.
    Schreiben Sie mir nicht mehr, das kann nicht sein. Lassen Sie uns versuchen,
die Ereignisse des gestrigen Tages im tiefsten Grunde des Herzens zu bergen. So
allein - und ich rechne auf Sie, als ob Sie es mir mit dem heiligsten Eide
gelobt hätten - dürfen wir uns wiedersehen. Sie, Eduard, sollen mich schützen
vor der Gewalt unserer Liebe; Ihrem starken Willen vertraue ich mich an. Nur ein
paar Tage der Einsamkeit gönnen Sie mir, mich zu gewöhnen an das schwere Loos,
das uns geworden ist. Doch was klage ich? Ich begehrte Glück und Leid mit Ihnen
zu tragen, und sollte mutlos werden, nun die Prüfung naht? Nein, Eduard! Sie
sollen sehen, dass Sie sich nicht in mir geirrt haben, dass ich würdig gewesen
wäre, die Ihre zu sein, weil jedes Schicksal, das ich mit Ihnen teile, mir
erträglich scheint. Um mich sorgen Sie nicht, ich weiss, dass Sie mich lieben! Mit
dem Bewusstsein kann ich Alles tragen; denn Liebe, selbst hoffnungslose Liebe ist
Glück! Daran halten Sie fest, Eduard! wenn wir uns wiedersehen.
    Dieser Brief brachte auf Eduard die doppelte Wirkung hervor, ihm Clara im
vollsten Lichte ihres ruhig milden Wesens zu zeigen, und ihn zu ermannen,
obgleich er ihn die ganze Grösse seines Verlustes fühlen liess. Er durfte nicht
kleiner sein als sie, die ein unabwendbares Geschick mit Ergebung trug und mit
ängstlicher Sorgfalt das geringe Glück, auf das sie Anspruch hatte, sich und dem
Geliebten zu erhalten strebte. Doch nur schwer und allmälig gelangte er zu der
Fassung, welche Clara gleich in sich gefunden hatte, um ihn damit zu beruhigen.
Auch ihm drängte sich dadurch unwillkürlich die Frage auf, ob in der
Frauen-Natur wirklich eine höhere Leidensfähigkeit liege, als in der des Mannes.
Er bewunderte Clara, aber er konnte ihre Entsagung kaum begreifen. Ja, einen
Augenblick lang wagte er zu glauben, Clara's Gefühl könne an Stärke dem seinigen
nicht gleich sein; sie müsse ihn weniger lieben, als er sie. Das ist eine
Ungerechtigkeit, deren man sich nur zu oft schuldig macht. Weil das Weib besser
liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und
sich in dem Glück des Andern vollkommen vergessen kann, schilt man es kalt und
tröstet sich über den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das
Weib sei leidensfähiger als der Mann. Die Schmach fühlt man gar nicht mehr, den
Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen
zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt; man denkt
nicht an jene schweren Stunden, in denen sie genötigt sind, sich zu
beherrschen, wenn ihr Herz gepeinigt wird. Wer sieht die Tränen, die oft aus
der innersten Seele hervorbrechen möchten, während ein Männerarm die schöne
Gestalt umschlingt und mit ihr durch die fröhlichen Reihen des Walzers
dahinfliegt? Ihr seht nur die schimmernden Tautropfen auf dem Rosenkranz in
ihren Locken, nur die Perlen, die den schönen Nacken zieren, und ahnet nicht,
dass hinter dem feuchten Blau des Auges, das Euch entzückt, Perlen und
Tautropfen glänzen, viel kostbarer und reiner, als der Tand, den Ihr bewundert.
Ihr preiset das süsse Lächeln des holden Mundes, der nur zu oft traurig lächelt
über ein Dasein, das so grelle Gegensätze in sich schliesst. Kommt dann Einer
einmal zu der Erkenntnis des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz
birgt, dann schreit er über die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts, und
vergisst, dass Jeder, der ein Mädchen traurig sieht, ohne sich zu bedenken, auf
eine unglückliche Liebe schliesst und mit roher Hand das stille Geheimnis an das
Licht ziehen möchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe
gezündet, erkennt seinen Besieger in dem Manne, fühlt sich ihm untertan, als
Sklavin seines Willens, und möchte doch aus angebornem Schamgefühl nicht dem
Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft
blutig drückt, und selbst zerbrochen, unvertilgbare Narben zurücklässt. Geliebt
werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück
Lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen zu können,
unglücklich lieben, eine Kränkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne
Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze Entwickelung der weiblichen
Seele auf dem Verhältnis zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit
anklagen, wenn es den geheimnisvollen Prozess seines geistigen Werdens schamhaft
der Welt verbergen möchte. In der ganzen Natur schreitet die Entwickelung so
mystisch verhüllt vor, dass wir fast überall nur das Fertige erblicken, ohne uns
über das Werden Rechenschaft geben zu können. Warum verlangt man es denn anders
von den Frauen? Es mag den Mann stolz machen, die sichtbare Vorsehung des Weibes
zu sein; zu fühlen, dass Glück und Unglück ihm aus seiner Hand kommt; aber es
sollte ihn auch Mitleid und Schonung für die Armen lehren, die echt biblisch die
Hand küssen, welche sie schlägt. Man hat sich nicht zu wundern, wenn einst die
Stunde kommt, in der das Weib gleichen Schmerz mit dem Manne zu tragen berufen
ist, es ruhig in liebender Ergebung zu finden, wo der Mann gegen das Schicksal
tobt, so lange er die Möglichkeit begreift, ein besseres Loos zu ertrotzen.
    Das Letztere war denn auch Eduard's Fall, der nicht allein die Geliebte
verlor, sondern der aufs Neue glaubte eine Unbill rächen zu müssen, die man an
ihm, an seinem Volk begangen. Er hasste in der ersten Leidenschaft des Schmerzes
die Welt, die noch immer in stumpfer Gefühllosigkeit Recht und Wahrheit
verhöhnte. Seine Phantasie erschrak vor keiner noch so gewaltsamen Massregel,
welche ihn zum Besitz der Geliebten, zur Erlangung seines guten Rechtes führen
konnte. Dann, als der erste Sturm vorüber war, las er Clara's Brief aufs Neue
und verstand die Schönheit einer Seele, die so zu entsagen vermochte. Er konnte
die Zeit nicht erwarten, in der es ihm vergönnt sein würde, sie wiederzusehen,
und durfte doch nicht wagen, den ersehnten Augenblick herbeizuführen, ehe sie
ihn dazu berechtigte. Sein Herz war noch tief erschüttert, als sein Geist schon
wieder zu seiner Klarheit gelangte und sich an einem Gedanken mächtig
emporrankte. Um sein Glück war es geschehen, sein Leben hatte man der reinsten
Freuden beraubt; darum fühlte er den Mut, Alles von sich zu werfen, sein
Vaterland, seine Aussichten für die Zukunft, selbst seine Freiheit, wenn es sein
musste, um damit das Einzige zu erkaufen, das noch Wert für ihn hatte: die
bürgerliche Gleichstellung seines Volkes. Diese Idee gab ihm die nötige Kraft,
noch an demselben Tage vor seinem Vater zu erscheinen und ihm zu verkünden, er
habe das Spiel verloren, auf das er alle seine Hoffnungen gesetzt.
    Der Vater war bewegt. Auch ihn traf der Schlag doppelt, in seinem Sohne und
in seinem Volke, obgleich ihm das Gelingen dieser Angelegenheit höchst
zweifelhaft gewesen war, aber er war kein Mann des Wortes, wo es etwas zu tun
galt. Und was soll jetzt werden? fragte er den Sohn.
    Clara weiss es bereits, antwortete Eduard. Ich hatte ihr geschrieben, um
Abschied von ihr zu nehmen. Ich war entschlossen fortzugehen, um ihr und mir die
Trennung zu erleichtern. Ich wollte mich in der freien Grösse der Natur
verlieren, weil ich mir einen Augenblick vorspiegelte, ich würde irgendwo die
Bande nicht fühlen, die mich an Clara binden; die Ketten vergessen, unter denen
die Juden seufzen. Der erste Schmerz ist trügerisch in jedem Sinne. - Dann kam
Clara's Antwort! - Er seufzte, und blieb eine Weile schweigend in seine Gedanken
vertieft, darauf fuhr er fort: Sie will nicht, dass wir scheiden; ihr sanftes
Herz vermag es zu entsagen, sie hofft, in die Schranken ruhiger Neigung
zurückzukehren, glücklich dabei sein zu können. Ich soll sie wiedersehen, bald,
in wenig Tagen - und soll schweigen - wie ist das möglich?
    Möglich, mein Sohn! sagte der Vater, muss es sein, weil Clara es so will; und
das Einzige, was Du tun kannst, ist, Dich unbedingt in jeden Vorschlag zu
fügen, den sie Dir macht, und von dem sie sich Beruhigung verspricht.
    Du fragtest mich neulich, Vater! als wir über diesen Gegenstand sprachen:
wohin soll das führen? Ich gebe Dir heute die Frage zurück. Wohin soll die Pein
führen, uns zu sehen und zu schweigen von Dem, was jeder Blick, jeder Gedanke
uns dennoch verrät?
    Zu einer notwendigen Trennung, wenn Ihr nach Monden eingesehen haben
werdet, dass der Instinkt der Jugend sich gegen jeden hoffnungslosen Zustand
sträubt. Denn lösen, Eduard, musst Du jetzt ein Band, das Clara an Dich bindet,
ohne ihr die mindeste Aussicht auf Glück zu geben.
    Und mit diesem Bewusstsein soll ich sie sehen? rief Eduard. Ich soll sie
sehen und daran denken, sie zu lassen?
    Sprich nicht von Dir, sagte der Vater ruhig, Du bist ein Mann!
    Aber Clara! was soll aus Clara werden? fragte Eduard im Tone des tiefsten
Schmerzes.
    William's Frau, wenn es irgend mit ihrer Neigung zu vermitteln ist,
antwortete mit festem Ernst der Vater, und fuhr, ohne auf Eduard's Widerstreben
bei dem Ausspruch zu achten, in seiner gewohnten Weise also fort: Der herbe
Kelch, den uns das Leben bisweilen zu kredenzen liebt, muss ganz und schnell
geleert werden, wenn wir uns das Leben nicht schwerer machen wollen, als es
leider oftmals ist. Darum stehe ich keinen Augenblick an, Dir zu sagen, Clara
ist für Dich verloren, sie fühlt sich in diesem Augenblick so unglücklich wie Du
- vielleicht noch mehr - aber damit ist Euer Leben nicht beendet. Denn gerade
dieses Mädchen vermag es, ihr Glück in Andern zu finden. Wenn sie William's Hand
ausschlägt, zerfällt sie mehr und mehr mit ihrer Mutter. Die Deine kann sie
niemals werden; soll sie unaufhörlich den Vorwürfen einer herrschsüchtigen
Mutter ausgesetzt bleiben, damit Dir der Schmerz erspart werde, sie mit einem
andern Mann glücklich zu sehen?
    Kann sie so schnell vergessen? sprach Eduard im Tone des Zweifels, und schon
bei dem blossen Gedanken an die Möglichkeit erbangend: Kann sie das auch nur
wollen?
    Das hoffe ich, mein Sohn! Nur Toren verlangen Etwas, dessen Unmöglichkeit
sie eingesehen haben. William ist brav und liebt seine Cousine, Clara hätte ohne
Dein Dazwischentreten diese Liebe gewiss erwidert, und ich wünsche um ihretwillen
lebhaft, dass sie noch jetzt, wenn auch mit Ueberwindung, sich zu dieser Ehe
entschliesst, in der ich allein Glück und Ruhe für sie erblicke, wenn Du sie und
William, die Dir Beide als einem Freunde vertrauen, auf den rechten Standpunkt
leitest.
    Nimmermehr! rief Eduard. Es ist genug, dass ich sie verliere. Kannst Du
glauben, dass ich, ich selbst sie in die Arme eines Andern führen werde?
    Ich erwarte das von Dir, wie ich Dich kenne! antwortete Herr Meyer.
    Eduard konnte sich gegen die Wahrheit in den Worten seines Vaters nicht
verblenden, so gern er es auch wollte. Er erkannte die edle strenge
Gerechtigkeit des Greises, aber sein Gefühl empörte sich noch dagegen, als gegen
eine Sünde an Clara selbst. Indes der Vater liess sich nicht erweichen. Er wollte
gleich in dieser Stunde in seinem Sohne jeden möglichen Selbstbetrug ertödten.
Er glaubte am sichersten jenem langwierigen, unbestimmten Hinsiechen der Seele
vorzubeugen, wenn er die Wunde rasch nach allen Seiten hin untersuchte, sie
tüchtig ausbluten liess, und dann die Heilung der Zeit, und besonders dem
Bedürfnis nach Glück überliess, das uns unbewusst antreibt, zu genesen, wenn ein
geistiges Leid uns niedergeworfen hat. Denn wir sind zum Glück geschaffen, wir
streben darnach, und erlangen es am sichersten, wenn wir uns durch keine
falschen Hoffnungen täuschen lassen.
    Eine Weile sassen Vater und Sohn noch bei einander, dann schieden sie mit
einem Händedruck und Eduard ging davon, um am Bette der Kranken Trost zu
bringen, er, der dessen selbst noch so nötig bedurfte.
Also Adieu princesse? Adieu plaisir? sagte Steinheim zu Jenny, die auf dem
Balkon unter Erlau's Anleitung spielend die Gegend aufnahm, welche vor ihren
Augen lag. Sie wollte das Bildchen Reinhard schenken, ehe sie morgen auf das Gut
hinausfuhren.
    Adieu gewiss, für ein paar Tage, antwortete sie, doch hoffe ich, an Vergnügen
soll es uns nicht fehlen; es sei denn, dass Ihnen, die Stunde Wegs nach Berghoff
zu weit und zu anstrengend wäre.
    Sagen Sie dem Hypochondristen das noch einmal, Fräulein, meinte Erlau, so
glaubt er es und bleibt zu Hause; natürlich unter jämmerlichen Klagen über seine
schwache Gesundheit und über den Undank seiner Freunde, die sich Landgüter
kaufen, ohne auf die Entfernung von seinem Hause und auf seine Rheumatismen
Rücksicht zu nehmen.
    Der Wunden lacht, wer Narben nie gefühlt, rief Steinheim. Wenn solch ein
Springinsfeld, wie Erlau, der mit jedem Hasen um die Wette laufen könnte, doch
nicht über die Empfindungen vernünftiger Leute spotten wollte, welche, ohne
deshalb schwerfällig und alt zu sein, sich dennoch bei warmem Wetter ihres
Körpers als einer Zugabe bewusst werden, die sie am Laufen und Fliegen
verhindert.
    Jenny und Erlau lachten, und man rief Terese herbei, um sie an der
Unterhaltung Teil nehmen zu lassen. Sie trat hinter Jenny's Stuhl und
bewunderte die raschen Fortschritte, welche deren Arbeit seit einer Stunde
gemacht hatte. Du solltest Dir, sagte sie, so lange Du noch zu Hause bist,
allmälig alle Deine Lieblingspunkte zeichnen, um sie Dir zum Andenken
mitzunehmen, wenn Ihr einst fortgehen werdet.
    Der Gedanke ist des Monarchen wert, Fräulein Terese! fiel Steinheim ein.
    Und schöne Gegenden werden Ihrem Auge erquickend sein, sprach Erlau, wenn
Reinhard darauf besteht, Sie in jene Einöde zu führen, in der die Heerde weidet,
die er hüten soll. Ich sehe Sie schon, Fräulein, mit einem Schäfer- oder
Krummstabe - ich weiss nicht, was Pfarrerinnen in Arkadien führen, - durch die
sandigen Fluren wallen. Ich höre Sie, Reinhard zu Liebe, über jedes Haidekraut,
das der Boden hervorbringt, in Ach! und Oh! zerfliessen und Gott danken dafür,
dass er diesen Sand aus seiner grossen Barmherzigkeit erschaffen, damit er uns in
die Augen fliege, wenn ein warmer Luftauch sich je einmal in solch eine Gegend
verirrt.
    Lassen Sie das Reinhard ja nicht hören, warnte Jenny, er würde es übel
deuten!
    Du solltest es auch nicht leiden, liebe Jenny, meinte Terese, da Du weisst,
wie unangenehm diese Scherze Deinem Bräutigam sind, der mit so viel Liebe an
seinen künftigen Aufentaltsort denkt.
    Ich wollte, sie ginge nach dem entzückenden Orte und liesse uns Jenny hier!
sagte Erlau leise zu Steinheim, und: Wer weiss, wie gern sie das täte!
antwortete dieser ebenfalls leise, während Terese versicherte, für sie würde
ein ganz eigner Reiz darin liegen, einem Manne sein einziges Glück zu sein. Je
schlechter die Gegend, je weniger lockend die äussern Verhältnisse, um so teurer
müssten ihm ja Frau und Heimat werden.
    Gott bewahre mich vor solchem Glück! rief Jenny und legte den Pinsel fort;
das ist ja, um mich bei Zeiten an biblische Wendungen zu gewöhnen, der Weib
gewordene Egoismus. Mein Mann sollte entbehren, damit ich geliebt würde? Wie
kann man so Etwas denken? Weisst Du, was ich mir wünschen würde? Reinhard müsste
Herr sein über die ganze Welt und alle ihre Schätze. Alle Menschen müssten ihn
anbeten, weil er eine neue schöne Zeit heraufgeführt, und dann müsste er den
schönsten Lohn für seine Taten darin finden, wenn ich Diejenige wäre, die ihn
am meisten bewunderte und liebte. Die Hand, mit der ich Abends die Falten auf
seiner Stirn glättete, müsste ihm noch lieber sein, als die Kronen, die er auf
sein Haupt drückt - denn nebenher müsste er ein Herrscher aus eigener
Machtvollkommenheit sein und nicht von Gottes Gnaden Da das aber nicht sein
kann, schloss sie, und nahm den Pinsel wieder vor, ist nächst solchem Herrscher
mein Reinhard mir der Liebste.
    Das sieht Dir ähnlich, sagte Terese, Du suchst nun einmal das Glück immer
und überall in äussern Dingen und weichst darin von Reinhard ab, der nichts
begehrt, als ein bescheidenes Loos und einen segensreichen Wirkungskreis.
    Jenny stand verdriesslich von der Arbeit auf und ging mit Erlau nach der
andern Seite des Balkons, während Steinheim Terese mit ihren soliden Ansichten
neckte und zuletzt die Worte hinwarf: Uebrigens glaube ich auch, dass Fräulein
Jenny mit einer Hütte und einem Herzen nicht ganz so zufrieden wäre, als manche
Andere.
    Diese Worte, die halb scherzend, halb absichtlich gesprochen waren,
erreichten Jenny's Ohr. Sie wendete sich um, sah Terese plötzlich rot werden
und sich unter einem gleichgültigen Vorwande entfernen. Auch sie erglühte einen
Augenblick, warf einen langen forschenden Blick auf Terese und fuhr mit der
Hand über die Stirne, als wenn sie einen Gedanken verbannen wollte, der ihr
unvermutet aufgestiegen war.
    Steinheim gesellte sich gleich nach Teresens Entfernung zu den beiden
Andern, und machte die Bemerkung, Terese gewöhne sich schon seit einiger Zeit
einen gewissen pedantischen Ton an, der sonst nur Gouvernanten eigen zu sein
pflege. Sie will immer Alles besser wissen, sagte er, immer belehren, »man merkt
die Absicht und man wird verstimmt.«
    Es ist so böse nicht gemeint, entschuldigte Jenny, sie glaubt nur, mich
erziehen zu müssen, weil meine Eltern und Reinhard selbst sie mir früher oft als
Beispiel aufgestellt haben. Zudem hält sie sich meinem Bräutigam für den
Unterricht verpflichtet, den er uns gegeben hat, und möchte aus Dankbarkeit
gegen ihn mich zu einer recht vollkommenen Frau nach seinem Sinne machen, und
dazu fehlt noch viel.
    »Sie muss also aus Liebe quälen,« sagte Steinheim und nahm bald darauf
Abschied von Jenny, die wieder zu malen angefangen hatte.
    Nun war sie mit Erlau ganz allein. Eine Weile arbeitete sie eifrig fort,
vielleicht um ungestört über etwas nachzudenken, bis der Maler sie fragte, ob
sie Neigung hätte, Teresens Rat zu befolgen und die schönsten Ansichten der
Gegend zu skizziren?
    Nein, antwortete sie, ich bedarf dieser sinnlichen Anhaltspunkte nicht, um
mich deutlich und mit Vergnügen an Orte zu versetzen, die mir durch irgend etwas
teuer sind. Es ist mir im Gegenteil oft lästig, wenn solch ein Bildchen mir
eine Landschaft, die mir im schönsten Lichte fröhlicher Erinnerung vorschwebt,
so dürftig und verkleinert zeigt, dass sie mir fremd und schattenhaft erscheint.
    Da werden Sie mich vielleicht für einen Menschen halten, der ganz und gar
der Sinnenwelt gehört, wenn ich Ihnen sage, dass ich erst vor einiger Zeit das
Bild einer Dame beendete, um es mir als Andenken an sie zu bewahren.
    Geht die Giovanolla denn schon fort von hier? Ich hatte gehört, es sei
gelungen, sie für die hiesige Bühne zu gewinnen, sagte Jenny mit Beziehung auf
die Huldigung, welche der junge Maler seit Monaten der schönen Sängerin
unverhohlen dargebracht.
    Die Giovanolla würde ich mir ebenso wenig zum Andenken malen als die
mediceische Venus. Sie ist mir Studie, und vielleicht die schönste, die man
findet. Solche Köpfe bewahrt unser Album, und sie gehören der Nachwelt, der wir
sie überliefern. Anders ist es mit den Gestalten, die dauernd in unserer Seele
leben und deren Abbild, nur von uns gesehen, auf unserm Herzen ruht, erwiderte
Erlau und zog eine kleine Kapsel hervor, die er mit einem Federdruck öffnete,
und in welcher Jenny ihr eigenes Bild im Costüme der Rebekka sprechend ähnlich
vor sich sah.
    Erlau! rief Jenny erschreckt, um Gottes willen, was soll das heissen?
    Das heisst, dass ich nicht das Irrlicht, der Leichtfertige, der Unbeständige
bin, für den Sie mich halten; es beweist, dass auch ich das geistig Schöne
erkennen und leidenschaftlich - er hielt inne und sagte dann mit leiserem Tone:
verehren kann.
    Verwirrt und überrascht schwieg Jenny still und sah scheu zur Erde nieder.
Dies Schweigen benutzte Erlau. Fürchten Sie nichts, Jenny! sagte er, ich gehöre
nicht zu den Toren, die jeden schönen Stern, der in ihre Seele leuchtet,
hinabziehen möchten in den Staub, um ihn sich anzueignen. Ich freue mich, dass er
ist, dass er seine leuchtenden Strahlen auch in mein Auge fallen lässt, denn er
ist es, der meinen Farben ihren Glanz, meinen Gebilden ihren tiefen Sinn
verleiht; und ich verlange nichts, als dass er sich nicht verdunkeln lasse durch
irdische Verhältnisse, dass er nicht untergehe in der Prosa eines gewöhnlichen
Lebens. Versprechen Sie mir das? rief er mit Wärme und reichte ihr seine Hand
entgegen.
    Mit vollster Zuversicht! antwortete Jenny und schlug in die dargebotene
Rechte. Ich verspreche Ihnen immer das Bild des Schönen in der Seele, und das
Streben danach in mir rege zu erhalten. Ihrem Schaffen und Wirken, Ihnen selbst
wird mein Geist willig folgen; und in der Liebe zur Kunst bleiben wir vereint,
wenn wir einst uns trennen.
    Und das geschieht noch heute, sagte Erlau. Dieser ganze Winter hat schwer
auf mir gelegen, mein Herz hat unter seinem eisigen Scepter viel gelitten. Es
hat mir weh getan mein Herz - recht weh! und Hass und Neid, und wie diese
Dämonen sonst noch heissen mögen, die alle sind in meine sonst so fröhliche Seele
gezogen. Seit ich dies teure Bild gemalt, hat kein anderes mehr gelingen
wollen; es wird immer nur das Eine, und darum, Jenny! muss ich gehen. Wenn erst
Italiens heiterer Himmel und seine schönen Menschen mich wieder umgeben, dann
wird es besser werden. Und wenn ich zurückkehre, soll Niemand ahnen, wie ich
geweint, als ich zum letzten Male vor Dir stand, Niemand als nur Du!
    Mit diesen Worten schied er plötzlich und liess Jenny betäubt und erschüttert
zurück.
    Nie war es ihr eingefallen, dass Erlau einer solchen Liebe fähig, dass sie der
Gegenstand derselben sein könne. Sie hatte ihn geistreich gefunden; seine
fröhliche Laune, sein unerschöpflicher Humor und besonders sein bedeutendes
Talent hatten sie angezogen, und sie konnte sich nicht verhehlen, dass er ihr vor
ihrer Verlobung in einer Weise begegnet sei, die ihr seine Neigung hätte
verraten können, wenn sie damals auf irgend Jemand, ausser auf Reinhard geachtet
hätte. Erlau's Liebe zu ihr betrübte sie, und doch machte es ihr Freude, von ihm
um jener Eigenschaften willen geliebt zu werden, welche sie selbst in sich als
eine Quelle poetischen Genusses schätzte, und die Reinhard fast unbeachtet liess.
Sie hatte mit Erlau die sprudelnde Leichtigkeit des Geistes gemein, die Scherz
und Ernst auf wundersame Weise zu mischen und das Leben wie ein fröhliches Spiel
zu nehmen begehrt, dessen ernste Bedeutung sie trotzdem wohl verstand. Aus
dieser gewohnten Denkart hatte ihr Verhältnis zu Reinhard sie gerissen, und so
sehr sie Reinhard's Charakter ehrte, so erschreckte sie doch oft der strenge
Ernst, den er selbst auf die unbedeutendsten Verhältnisse angewendet wissen
wollte. Jetzt besonders, als sie angstvoll mit den Zweifeln gerungen, die der
Uebertritt zum Christentum in ihr hervorgerufen, hatte Erlau, ihre trübe
Stimmung bemerkend, mit unermüdlicher Gefälligkeit täglich auf irgend eine
kleine Zerstreuung für sie gedacht. Er sah sie leiden, er bemerkte, dass seine
Gesellschaft ihr willkommen sei, und ohne die Quelle ihres Kummers entdecken zu
wollen, war er glücklich, ihr Alles zu gewähren, was sie zu bedürfen schien. Je
ernster er sie sah, um so mehr strebte er, sie mit sich auf die heitere Höhe des
Daseins zu führen, auf die ihn seine poetische Seele und die Freiheit des wahren
Künstlerlebens stellten. Seine Bemühungen waren nicht ohne Wirkung auf sie
geblieben, nun sollte auch dieser Trost ihr genommen werden. Es war ihr, als ob
mit Erlau der Genius ihrer fröhlichen Jugend von ihr scheide. Sie hatte ihn lieb
gehabt, mehr, als sie es gewusst hatte, das fühlte sie in dieser Stunde. Ihm
hatte sie sich gleich gefühlt und sich nie gescheut, sich ihm in aller
Excentricität zu zeigen, zu welcher der Augenblick sie gerade hingerissen hatte.
Er war dem erwachsenen Mädchen ein lieber treuer Spielgefährte gewesen, und
wehmütig schlug sie die Hände zusammen und sagte: Wie wird es still sein, ohne
seine Fröhlichkeit! wie still und ernst!
    Sie sah ihm lange nach, als er von dannen ging, ohne nach ihr
zurückzuschauen, und sie sagte sich dann, als er ihrem Blick entschwunden war,
von diesem Scheiden dürfe Niemand, auch Reinhard nichts erfahren. Es war Erlau's
Geheimnis, nicht das ihre. Erlau besass ihr Bild, das für Reinhard zu malen er
unter immer neuen Vorwänden sich geweigert hatte. Sie hätte es ihm vielleicht
nicht lassen dürfen; aber es zu fordern, hatte sie nicht den Mut, nicht die
Besonnenheit gehabt. Daneben gönnte sie es ihm, und doch kam es ihr wie eine
Untreue an Reinhard vor, dass sie schwieg, besonders, weil trotz aller
Einwendungen ihres Gewissens, Erlau's stille Liebe ihr im Herzen heimlich
wohltat. Wie schroff stach gegen dieses Mannes selbstlos verschwiegene Liebe
das Betragen ihrer nächsten Freundin ab!
    Schon vor langer Zeit war Jenny der Eifer unangenehm gewesen, mit dem
Terese immer gegen sie Partei genommen hatte, wenn sie in den gleichgültigsten
Sachen von Reinhard's Meinung abwich. Es fiel ihr ein, dass sie sich einmal
scherzend gegen Joseph darüber beschwert und dieser erwidert hatte, er halte
Terese für neidisch, und rate überhaupt davon ab, sie ganz in die Familie
aufzunehmen. Das hatte Jenny mit tausend Gründen bestritten. Sie hatte damals
den Vetter darauf hingewiesen, wie gutmütig Terese stets gewesen sei, wie
anhänglich und anspruchslos; sie hatte versichert, dass sie nie etwas Uebles von
ihr glauben würde, und hatte dann lächelnd hinzugefügt: Sie ist doch
gewissermassen Reinhard und mir zu Hülfe gekommen, und hat mindestens dazu
beigetragen, uns schneller in den Hafen des Brautstandes zu bringen; dafür
ertrage ich ihre kleinen Schwächen, denn lieb hat sie uns Beide, Reinhard sowohl
als mich.
    An ihrer Liebe für Reinhard habe ich nie gezweifelt, hatte Joseph
geantwortet, und so gleichgültig diese Bemerkung ihr damals erschienen war, so
deutlich erinnerte sie sich jetzt der Absichtlichkeit, mit welcher er sie
ausgesprochen. Tausend kleine Züge, welche sie früher nicht beachtet, fielen ihr
jetzt ein, und erhoben die Vermutung, die sich ihr heute aufgedrungen hatte,
zur Gewissheit. Sie konnte sich es nicht verbergen: Terese hatte eine Neigung
für Reinhard gefasst, und missgönnte ihr das Glück, von ihm geliebt zu werden. Sie
muss fort, Terese darf nicht mit uns bleiben, das war Jenny's erster Gedanke.
Dann dachte sie an die Reihe von Jahren, in denen sie Terese gekannt, an
unzählige kleine Liebesdienste, welche sie sich gegenseitig erzeigt hatten; sie
erinnerte sich, wie Terese lange Zeit ihr einziger Umgang gewesen, und dass
erst, seit sie Reinhard und Clara kannte, jene so in den Hintergrund ihres
Herzens getreten sei. Teresens Gesundheit war schwankend; Eduard, der ihr Arzt
war, hatte gehofft, der Sommer auf dem Lande werde ihr gut tun, da sie im Hause
seiner Eltern es nicht nötig hatte, sich so angestrengt zu beschäftigen, als
bei ihrer Mutter. Madame Meyer hatte Teresens Gesellschaft gern; sie war ihr in
mancher Hinsicht bequem, und es schien nicht unwahrscheinlich, dass Terese sich
gern entschliessen würde, als Gesellschafterin in dem reichen Hause zu bleiben,
wenn Jenny nach ihrer Hochzeit aus demselben schied. Alle diese Rücksichten
stimmten Jenny milder. Sie durfte hoffen, noch im Laufe des Jahres mit Reinhard
verbunden zu werden, und einige Monate, meinte sie, gingen ja leicht vorüber.
Mochte Terese immerhin sie auf das Land begleiten, wenn sie ihrem Bräutigam
offen die Wahrheit bekannte, konnte für Niemand Gefahr daraus entstehen. Durfte
sie, ohnehin die Glücklichere, der armen Terese aus kleinlicher Eifersucht eine
Zuflucht in ihrem väterlichen Hause missgönnen, in das sie auf Jenny's Bitten
eingetreten war? Reinhard's Liebe konnte ihr ja nie geraubt werden und ihr
festes Vertrauen zu derselben musste ihm Freude machen.
    Trotz dieser Gedanken, welche sich nach einander in Jenny entwickelten,
konnte sie einer gewissen Beklommenheit nicht Herr werden. Erlau's und Teresens
Bilder traten störend zwischen sie und Reinhard; und so sehr sie es sich zu
verbergen strebte, sie fühlte ungeachtet ihrer guten Vorsätze einen Groll gegen
Terese, wie sie ihn selbst an jenem Abend nicht empfunden hatte, an dem ihre
Eifersucht Veranlassung zu ihrer Verlobung geworden war. Damals wusste Terese
nicht, was Jenny für Reinhard fühlte; jetzt war es anders! Sie war erbittert
gegen ihre Freundin. Nur die Furcht, zu zeigen, dass ihr Terese gefährlich
scheine, hielt sie von Schritten gegen dieselbe zurück. Aber ihr Verlobter
sollte und musste Alles wissen, musste heute noch erfahren, was Terese sei.
    Reinhard kam eben die Strasse herauf. Die kleine Skizze, welche für ihn
bestimmt war, hatte Jenny bei Seite gelegt, weil in dem Augenblick Erlau's
Andenken mit dieser Arbeit so innig verwebt war, dass sie eine Scheu empfand, sie
ihrem Bräutigam mit diesen Empfindungen zu schenken. Des armen Erlau's
tränenschweres Auge hatte auf dem Blatt geruht: nun sollte ihr Verlobter sich
daran erfreuen? Unmöglich! Als Reinhard die Tür des Treibhauses öffnete, das
den Saal von dem Balkon trennte, machte Jenny schnell die Mappe auf, zerriss das
Blättchen und warf die Stücke in die lebhaft bewegte Luft, die sich derselben
bemächtigte und in tändelnder Eile dem Strome zuführte, welcher am Garten
vorüberrauschte.
    Reinhard freute sich, seine Braut allein zu finden. Er teilte ihr einen
Brief seiner Mutter mit, welche mit vieler Zärtlichkeit von Jenny sprach und die
Zusicherung gab, bei der Taufe Jenny's nicht zu fehlen, die, um jedes Aufsehen
zu vermeiden, auf dem Landsitz vollzogen werden sollte, sobald man sich dort
wieder heimisch gemacht haben würde. Nach dieser Ceremonie musste Reinhard
verreisen, um mit seinem alten Onkel persönlich die Bedingungen wegen der
Uebergabe seiner Stelle an ihn zu verabreden; und das ist, sagte Reinhard, dann
endlich die letzte Schwierigkeit, die wir zu beseitigen haben, um an das Ziel zu
gelangen. Nun steht uns voraussichtlich kein Hindernis mehr entgegen.
    Wer weiss? meinte Jenny. Wie? wenn ich nun plötzlich eifersüchtig würde und
Dich nicht reisen liesse?
    Jenny! könntest Du so süsser Torheit fähig sein? antwortete Reinhard, ich
fände Dich mit einer solchen nur noch liebenswürdiger, als je zuvor! Dann
würdest Du es fühlen, wie sehnsüchtig ich danach verlange, Dich bald mein
Eigentum zu wissen, wie unglücklich mich die Galanterien, die Aufmerksamkeiten
all der Männer machen, die Dich hier umschwärmen, und die, das fühle ich, mehr
oder weniger ein wirkliches Interesse daran haben, Dir zu gefallen, Deine Gunst
zu erwerben.
    Das quält Dich, lieber Gustav? fragte Jenny. Was würdest Du denn beginnen,
wenn nun Jemand, ausser Dir, auf den närrischen Einfall käme, sich in mich alles
Ernstes zu verlieben?
    Wer wagt das? rief Reinhard, denn ich kenne Dich, Du scherzest nicht mit
solchen Dingen; Du verbirgst mir etwas. Sage mir, was ist es? Treibe kein Spiel
mit mir, für das ich keinen Sinn habe und das mich peinigt.
    Jenny machte sich von Gustav's Arm, der sie umschlungen hatte, los und
sagte, Steinheim's Manier nachäffend: Und erst gespiesst und dann gehangen! So
würdest Du doch über jeden Mann urteilen, Du Grausamer, der so unglücklich
wäre, Deine Neigung für mich begreiflich zu finden, während ich in nächster Nähe
ein Wesen dulde, das - nun das vielleicht auch recht gern Frau Pfarrerin
Reinhard würde; und ich bin so grossmütig, Dir das zu erzählen und ihr zu
vergeben.
    Wovon sprichst Du denn eigentlich? fragte Reinhard dringender; Du weisst, dass
ich nicht geschickt zu solchen Scherzen bin, und es ist etwas in Deinem Auge, in
Deiner ganzen Art, was mich Ernst in diesen Neckereien vermuten lässt, darum
sage mir, was hat sich denn ereignet?
    Ereignet? wiederholte Jenny, und setzte sich wieder zu ihm nieder, ereignet
hat sich eigentlich nichts; ich habe aber eine Entdeckung gemacht, die ich Dir
vielleicht verhehlen würde, wärest Du nicht eben von Eitelkeit so fern, als ich
von Eifersucht. Terese liebt Dich, des bin ich gewiss.
    Unmöglich! rief der junge Mann.
    Das finde ich nicht, antwortete Jenny, ich finde es im Gegenteil gar sehr
natürlich und, wie ich aus Erfahrung weiss, sehr zu entschuldigen. Aber denke
nicht daran, lass es uns Beide vergessen, und - ich glaube, nun ich es Dir gesagt
habe, ich hätte es vielleicht nicht tun sollen, denn .....
    Liebstes Herz, unterbrach Reinhard sie fröhlich, also doch! Du kannst auch
eifersüchtig sein? So lieb hast Du mich? Wie soll ich nur Terese danken, dass
sie mir zum zweiten Male solch unverhoffte Freude bereitet! Ich wollte wirklich,
ich könnte ihr vergelten, denn das habe ich oft gemerkt, sie ist in ihrer
verständigen überlegten Art mein bester Anwalt bei Dir. Sie hat Dich manchmal in
so freundlicher Weise auf das Gute aufmerksam gemacht, das unsere künftige
Stellung mit sich bringen wird, dass ich ihr von Herzen ein ähnliches Glück
wünsche. Und sie hat ja in der Tat allen Anspruch, den Männern zu gefallen!
    Findest Du? ich finde das durchaus nicht, wendete Jenny ein. Terese ist
freilich auch noch jung, aber sie hat für mich ein gewisses Etwas, nenne es
Pedanterie oder wie Du sonst willst, das mir missfällt. Sie ist so
altjüngferlich, so überlegt. Alles ist Absicht bei ihr und ich begreife im
Gegenteil gar wohl, weshalb sie den Männern selten nur gefällt.
    Reinhard zog Jenny an seine Brust und sagte lachend: Siehst Du, und ich
begreife wieder, weshalb Männer, wie Steinheim, Erlau und die Andern, den Frauen
gar nicht gefallen sollten. Aber Du hättest mir heute beim Abschied von der
Stadt nichts Besseres geben können, als die Versicherung, dass Dir die arme
Terese wirklich gar so sehr missfällt. Lass es indes nur gut sein - wenn meine
kleine Braut nicht mehr neben ihr sein wird, um sie zu verdunkeln, findet wohl
irgend ein braver Mann die gute Terese nicht so unliebenswürdig, als sie Dir
heute erscheint.
    Er verlangte darauf zu wissen, wie Jenny zu der Vermutung hinsichtlich
Teresens gekommen sei, und obgleich seine Braut ihn wegen dieser Neugier
neckte, konnte sie nicht umhin, ihm mehr zu erzählen, als eigentlich in ihrer
Absicht gelegen hatte, nachdem sie gesehen, welch ein Interesse er daran nahm.
In Berghoff, dem prächtigen, am Meere gelegenen Landhause ihres Vaters, finden
wir Jenny wieder. Clara war hinausgefahren, sie zu besuchen, und harrte mit
bangem Herzklopfen der Ankunft Eduard's.
    Sie hatte ihn noch nicht wiedergesehen, und war lange mit sich zu Rate
gegangen, wie und wann dies erste Begegnen vor sich gehen könne. Eduard war
allerdings als Arzt bei ihrer Mutter gewesen, und hatte lange dort verweilt, in
der Hoffnung, Clara werde endlich wieder für ihn sichtbar werden; aber sie war
nicht erschienen. So resignirt sie sich fühlte, war sie doch ihrer Fassung nicht
gewiss genug, um im Beisein ihrer Mutter Eduard zum ersten Male sprechen zu
wollen, und endlich, als die Sehnsucht nach ihm immer reger wurde, benutzte sie
ihr Versprechen, Jenny in Berghoff zu besuchen, in der Voraussetzung, dass Eduard
den Abend dort zubringen und die Anwesenheit der ganzen Familie ihr eine ruhige
Haltung möglich machen werde.
    Clara's Eintritt erregte grosse Freude bei ihren Freunden, aber zugleich ein
allgemeines Fragen nach ihrem Ergehen, denn man fand sie übel aussehend. Sie
versicherte indessen, sich vollkommen wohl zu fühlen, und ging gleich zu einer
allgemeinen Unterhaltung über. Der Vater, der anwesend war und sie mit mehr als
gewöhnlicher Aufmerksamkeit behandelte, bot ihr dabei hilfreich seinen Beistand.
Jenny aber täuschte das nicht, und sie benutzte die erste Gelegenheit, sich mit
Clara zu entfernen, um wo möglich von ihr selbst zu erfahren, was seit jenem
Abend im Garten, zwischen Eduard und ihrer Freundin vorgegangen sei, und ob sie
den beiden, ihr so teuren Personen irgend Beistand oder Trost gewähren könne.
Sie kannte William's Neigung für ihre Freundin, seine Werbung und die Scheu, mit
der Clara an die Zeit seiner Rückkehr dachte, ohne dass eines der beiden Mädchen
aus leicht begreiflicher Rücksicht jemals den Grund berührt hatte, der Clara
dieser Verbindung abgeneigt machte. So lange Jenny ihre Freundin heiter und
Eduard unverändert ruhig gesehen, hatte sie es für zudringlich gehalten, um
dasjenige zu fragen, was man ihr verschwieg; nun sie aber Clara's bleiches
Antlitz, ihres Bruders düstere Stimmung sah, konnte sie sich nicht länger
überwinden. Mit aller ihr eigentümlichen Lebhaftigkeit kniete sie vor Clara
nieder und bat, indem sie sie mit beiden Armen umschlang: Sage mir, was ist
geschehen? Warum hast Du so viel gelitten, dass Du bleich und traurig aussiehst?
Was fehlt Eduard? Sage es mir, wenn Du mich genug liebst, mich mit Dir leiden zu
lassen.
    Du weisst es, antwortete Clara, aber gerade darum lass mich davon schweigen.
Helfen kannst Du mir nicht, Niemand kann es, und das Einzige, was Du für mich
tun sollst, ist, mich mit Eduard ein paar Minuten allein zu lassen, wenn er
heute herauskommt. Willst Du mir das gewähren?
    Jenny versprach es, und traurig sassen sie lange beisammen, bis der Hufschlag
eines Pferdes die Ankunft eines Reiters verkündete und nach einer Pause banger
Erwartung der Vater mit Eduard zu ihnen kam. Man sah es dem Doktor an, wie
schwer er sich beherrschte, als er, Clara begrüssend, ihre Hand ergriff und
küsste. In Clara's Augen schwammen grosse Tränen, nur die Anwesenheit des Vaters
hielt sie zurück, aber dieser schien von dem Allen Nichts zu sehen. Er hielt
einen Brief in der Hand und gleichmässig, wie immer, fragte er die Tochter, ob
sie etwas von Erlau's Abreise gewusst hätte? Er melde sie Eduard in diesem
Schreiben und nehme zugleich von allen seinen Freunden Abschied. Jenny verneinte
es; der Vater aber sagte scherzend: der Brief ist wieder Erlau's treuestes
Abbild; hört nur, wie er lautet: »An Eduard Meyer, mit dem Befehl, es als
Currende an das übrige Volk zu senden, das sich nach vierundzwanzig Stunden
Abwesenheit eines Entfernten etwa noch erinnern sollte.«
    »Lieber Doktor! ziehe Dein Taschentuch hervor und trockne Deine verwunderten
und hoffentlich weinenden Augen, da Du erfährst, dass ich längst zum Tore hinaus
bin, wenn ich Dir dies Lebewohl sage. Du kannst nicht behaupten, dass ich treulos
desertire - die lange und langweilige Campagne eines norddeutschen, nebelgrauen
Winters habe ich voll rührender Geduld und lobenswerter Teilnahme mit Euch
durchgemacht; ich habe Eure steifgeschnürten, gebildeten Schönen tanzen gesehen,
mich in hundert Gesellschaften gelangweilt und ruhig Eurem sogenannten
vernünftigen Treiben und Wirken, Eurer Aestetik und Politik, Euren Diners und
Zweckessen, Euren Vereinen und all den tausend Narrheiten zugeschaut und, was
noch mehr ist, ich habe meine rechte Hand im Zaume gehalten, die täglich sich in
hundert Karrikaturen zu zeigen verlangte. Die Karrikatur aber ist ein Bastard
der Kunst, ein unwürdiger Sohn, den die Mutter verleugnen muss, und zu dessen
Vater ich mich und meinen ehrlichen Namen nicht hergeben mag. Wehe Euch! wenn
Eure unverbesserliche Geschmacklosigkeit mich endlich dazu verleitet hätte, und
Ihr waret nahe daran, mich auf diesen Irrweg zu führen. Darum fliehe ich Euch
und wende meine Schritte nach jenen Gegenden, über denen ein blauer Himmel
lacht, in denen man das Regieren den Fürsten und das Denken den Pfaffen
überlässt, die dafür bezahlt werden und es doch nicht tun, und wo man keinen
Gewerbschein zu lösen braucht, wenn man nichts verlangt, als ruhig in der Sonne
zu liegen und sich der paradiesischen Wonne des dolce far niente zu befleissigen.
- Von Euch und Eurem gepriesenen civilisirten Leben verlange ich gar nicht zu
hören. Ihr sollt und könnt mir nicht schreiben, weil ich nicht weiss, wo ich sein
werde, und, wenn ich es irgend vermeiden kann, meine schreibkundige Hand zu
nichts brauchen will, als die Blüten und Freuden zu pflücken, die mir am Wege
winken. Erst wenn dieser Winter lange hinter mir liegen wird, soll der Pinsel
die einzelnen Lichtstrahlen wiedergeben, die durch Eis und Schnee unvergesslich
in meine Seele drangen. Denn jede Nacht hat ihre Sterne; auch im nordischen Eise
blitzen sonnenhelle Brillanten funkelnd hervor, das Auge zu erfreuen - aber zu
beleben, zu erwärmen, das verschmähten sie leider. Und somit lebet wohl! Du
lieber Eduard, die Deinen alle und Ihr übrigen Freunde; geniesst des spärlichen
Sonnenlichtes, das Euch geworden, wachset und gedeihet, Jeder auf seine Art, und
wenn Ihr in Berghoff die Sonne untergehen und den Mond am Horizonte emporsteigen
sehet, so betet mit mir, dass der Götter reichster Segen dies Fleckchen Erde,
diese Oase in der Wüste, dies Tal beglücken möge, wo unter dem Schutze
sorglicher Liebe die schöne Rose von Saron erblühte. Möge Apoll ihr und ihren
Pflegern den süssen Duft lohnen, den sie in die Seele eines seiner Söhne
gehaucht, sie, die allein ihn vor dem gänzlichen Erstarren in der traurigen
Farblosigkeit Eures Landes beschützte. Nochmals lebet wohl!«
    Da hast Du noch ein Abschiedscompliment, mein Kind! sagte der Vater, und zum
Danke für dasselbe magst Du sorgen, dass der Brief nach Erlau's Wunsch den
näheren Freunden des Hauses mitgeteilt werde. Uebrigens freut es mich um des
jungen Mannes willen, dass er noch solch rascher Entschlüsse fähig ist; denn
Italien wird ohne Frage ihm die Vollendung geben, für die er berufen ist. Gib
mir jetzt den Brief, ich will ihn der Mutter und Teresen zeigen und ihnen die
Abreise des liebenswürdigen Wildfangs anzeigen.
    Ich komme mit Dir, rief Jenny, als ihr Vater, nachdem er, seinem Wunsche
gemäss, Eduard über die Pein des ersten Wiedersehens fortgeholfen, sich entfernen
wollte. Clara selbst hielt sie aber zurück, und sprach: Nein, liebe Jenny!
bleibe nur, es ist besser so. Was Dein Bruder und ich uns zu sagen haben,
braucht für Niemanden, am wenigsten für Dich ein Geheimnis zu sein.
    Clara! rief Eduard, was soll diese erheuchelte Ruhe, die Sie peinigt und von
der in diesem Augenblick meine Seele weit entfernt ist! O! das Glück, Sie
endlich, endlich wiederzusehen, ist doch nicht im Stande, mich das Leid
vergessen zu machen, das uns trifft!
    Auch ich leide, erwiderte Clara mit bebender Stimme, aber wir müssen als
Freunde mit einander zu tragen versuchen, was wir nicht zu ändern vermögen. Sie
bleiben mir ja, sagte sie, und fasste Eduard's und Jenny's Hände, die sie vereint
an ihr Herz drückte, und auch unsere Jenny wird uns bleiben, und so vieles Gute,
und die Achtung vor uns selbst, und - die Liebe, setzte sie kaum hörbar noch
hinzu. Sie muss uns genügen und erheben, schloss sie, und verbarg weinend ihr
Gesicht an Jenny's Brust, die sich zärtlich und mit ihr weinend an sie
schmiegte.
    Eduard bog sich zu dem Mädchen nieder, machte seine Hand von Clara los und
drückte einen langen Kuss auf ihre Stirn. Möge uns Friede werden! seufzte er, und
stumm sassen sie lange beisammen. Endlich versuchte Eduard mit der Frage, ob
Clara noch am Abende nach der Stadt zurückzukehren denke, das Gespräch
anzuknüpfen.
    Ja! antwortete sie, und ich zweifle, dass wir uns in den ersten Tagen
sprechen werden, wenigstens hier in Berghoff nicht, da meine Mutter die Ankunft
meines Vetters erwartet und - sie stockte, aber Eduard und Jenny errieten das
Fehlende.
    Da stehen Dir schwere Tage bevor, sagte Jenny und blickte ängstlich Eduard
an, der blass geworden war und unwillkürlich ausrief: Auch das noch und schon
jetzt!
    Mein Onkel ist hergestellt, fuhr Clara fort, und ich wusste schon, als wir
uns zuletzt sahen, dass mein Vetter wiederkehren werde. Ich wollte es Ihnen
sagen, als ich herkam, aber ich versäumte es.
    Und wieder entstand eine lange, drückende Pause, in der Niemand sprach, weil
Jeder sich scheute von dem Gegenstande zu reden, der ihn allein beschäftigte.
Eduard wollte irgend einen bestimmten Entschluss fassen; er wollte Clara
beschwören, diese stumme Resignation aufzugeben, oder lieber ein Beisammensein
zu vermeiden, das für ihn bitterer als jede Trennung sein musste. Dazustehen vor
der Geliebten, der er entsagen sollte, und sein Herz zu bezwingen, das fand
Eduard unerträglich. So süss es seiner entstehenden Neigung geschienen, ohne
Worte jede zarte Regung in dem geliebten Herzen zu verstehen, ehe das
entscheidende Geständnis den Lippen entflohen war, so qualvoll dünkte ihn jetzt
ein Zwang, der ihn zu leidender Untätigkeit, zu peinlichem Erwarten des
Kommenden verurteilte; ihn, der bis jetzt allen Begegnissen seines Lebens rasch
handelnd entgegengetreten war. Deshalb erschien ihm Reinhard, der, eben in
Berghoff angelangt, seine Braut suchte, wie ein Erlöser aus drückenden Banden.
Erst nachdem die ganze Familie beisammen und eine Stunde in Mitteilungen
mancher Art vergangen war, konnten sich Eduard und Clara allmälig von den
schmerzlichen Empfindungen befreien, die sie erduldet hatten, und zu des Vaters
grosser Genugtuung sich, wenn auch ohne wahre Teilnahme, in die Unterhaltung
der Uebrigen mischen, bis endlich, von Eduard heiss ersehnt, die Trennungsstunde
schlug. Und wieder geleitete er Clara zu ihrem Wagen, wie an dem letzten Abende,
den sie in der Stadt zusammen verlebt; aber gegen den dumpfen Gram, den Beide
jetzt empfanden, musste ihnen der Schmerz jener Stunde wie ein Glück erscheinen.
Denn in jenem Schmerze lag noch Bewegung und Leben; heute aber fühlten sie die
Entsagung wie ein Leichentuch über ihre Zukunft gebreitet und schieden wortlos,
hoffnungslos.
Wie man verabredet hatte, sollte Jenny's Taufe nun in wenig Tagen vollzogen
werden, und die Abfassung des nötigen Glaubensbekenntnisses führte sie zu
ernstlichem, erneuertem Nachdenken über diesen Punkt. Menschen von besonders
lebhafter Phantasie ist es möglich und eigen, sich allmälig in einen bestimmten
Ideenkreis hineinzudenken, ihn nach allen Richtungen hin mit Gründen
auszustatten, und sich so ein Gebäude zu errichten, das den Schein der
Festigkeit und Vollendung an sich trägt, ohne irgend eine wirkliche Basis in der
Ueberzeugung Desjenigen zu haben, der es aufgeführt. Wie der Dichter, namentlich
in seiner Jugend, die Geschöpfe seines Geistes kaum von den um ihn her lebenden
Menschen zu unterscheiden vermag; wie Kinder sich spielend so fest in die
erfundenen Verhältnisse ihrer Puppen hineindenken, dass sie unwillkürlich
Erfundenes und Wirkliches vermischen und nicht mehr trennen können, so ging es
in gewisser Art Jenny mit ihrer religiösen Erkenntnis. Nachdem sie vergebens
versucht, die Symbole des Christentums mit dem Verstande zu erfassen,
bemächtigte sich einst plötzlich ihre Einbildungskraft derselben, und sie wurde
mit Ueberraschung gewahr, dass sie Vieles sich denken und in seinen Folgen und in
seiner Veranlassung ausmalen, ja es bis zu einer deutlichen Vorstellung in sich
ausbilden könne, woran ihr der Glaube fehlte. Christus, der eingeborne,
gekreuzigte und wieder auferstandene Sohn Gottes, wurde für sie zu einer so
festen Gestalt in seinen Wundern, wie es ihr früher irgend ein Gott des Olymps
gewesen, wie es ihr noch jetzt Goete's göttlicher Mahadö war, der die sich
opfernde Geliebte mit sich verklärt aus den Flammen emporhebt. Sowie sie, trotz
der historischen Kenntnis des mittelaltrigen Johann Faust, diesen gänzlich in
der unsterblichen Gestalt des Goeteschen Faust verloren hatte, weil der
Letztere allein ihr durch die poetische Schönheit des Gedankens als wirklich
erschien, so bildete sie aus dem Menschen Jesus, den die Apostel beschrieben,
jenen mystischen Christus in sich aus, wie ihn die spätern christlichen
Philosophen als Teil der Dreieinigkeit dachten. Sie wähnte, als diese
Erscheinung in einer bestimmten Form in ihr lebte, endlich an Christus und seine
Wunder zu glauben, in dem Sinne, den Reinhard verlangte, so dass sie mit vollem
Vertrauen von sich zu behaupten wagte, jetzt sei ihr nicht bloss die christliche
Moral, sondern die Menschwerdung Christi zu einer vollkommenen Wahrheit
geworden. Wie bei allen Trugschlüssen stimmte plötzlich Alles zu ihren Ideen,
nachdem sie willkürlich einen Anfangspunkt für ihr System gefunden hatte, den
sie als richtig annahm, obgleich er es in der Tat nicht war. Die sichere Ruhe,
mit der sie sich hinterging, täuschte auch Reinhard und den sie unterrichtenden
Pastor, obgleich der Letztere über eine so unerwartete Veränderung der ansichten
bei seiner Schülerin sehr überrascht zu sein schien.
    Dazu kam, dass seit einigen Wochen Clara und Eduard ihre Teilnahme in
Anspruch nahmen, während zugleich die Entdeckung von Teresens Liebe für
Reinhard und Erlau's unerwartetes Geständnis sie vielfach beschäftigt und ihre
Gedanken von den Forschungen über das Christentum abgezogen hatten, bis der für
die Taufe festgesetzte Termin herannahte und sie wieder darauf hinlenkte. Als
sie nun jenes Glaubensbekenntnis niederschreiben wollte, das sich eigentlich
streng an die im »Glauben« entaltenen Dogmen binden musste; als sie ihr
Nachdenken fest auf den Punkt richtete, fing das Luftgebäude ihrer künstlichen
Ueberzeugung zu schwanken an, und die Schöpfung einer regen Phantasie zerfloss
vor dem festen Blick ihres Verstandes in ein Nichts. Sie bemerkte das mit
Schrecken. Sie hatte Ruhe und Heiterkeit gewonnen durch die Täuschung, der sie
sich unbewusst hingegeben; was frommte ihr eine Einsicht, die ihr Beides
schonungslos raubte, die sie in das alte Chaos des Zweifels stürzte und, wenn
sie wahr sein wollte, sie von Reinhard trennte, weil ihr Uebertritt zum
Christentum bei diesen Zweifeln zu einer Lüge wurde? Vergebens wollte sie die
Vorstellungen in sich zurückrufen, die ihr vor wenig Stunden geläufig und klar
gewesen waren; es gelang ihr nicht. Ebenso wie es dem Erwachsenen nicht gelingt,
jene Empfindung in sich hervorzuzaubern, die wir als Kinder alle haben, wenn wir
im Wagen dahinfahrend wähnen, Bäume und Häuser an uns vorüberfliegen zu sehen,
während wir stille stehn. Wenn uns erst einmal das Gegenteil unumstösslich
bewiesen worden, kann selbst unser fester Wille das Trugbild nicht mehr
erzeugen. Einen Moment lang mag man hoffen, sich gegen die Wahrheit verblenden,
eine liebgewordene Täuschung in sich festalten zu können - die Wahrheit siegt
doch immer. Es ist ihr Prüfstein, dass sie siegen muss, und auch Jenny sträubte
sich jetzt vergebens gegen die Gewalt der Wahrheit.
    Die Ueberzeugung, dass der Geist des Christentums die Hauptsache in
demselben sei, war es allein, die ihr einen Ausweg für ihre Besorgnisse zeigte,
einen Ausweg, vor dem ihre Redlichkeit sich scheute. Was aber sollte sie tun?
Jetzt, nachdem sie unaufhörlich ihren Glauben an die christlichen Dogmen
behauptet hatte, plötzlich erklären, sie habe sich getäuscht und sie könne
nichts davon glauben? Das hätte sie eigentlich am liebsten getan, aber würde
man nicht an der Unfreiwilligkeit dieser Täuschung zweifeln, und annehmen, sie
habe bis jetzt gegen ihre Ansicht etwas behauptet, um ihren Zweck zu erreichen,
was zu beschwören ihr der Mut fehle? Vor Reinhard und ihrem Vater, vor Eduard
in diesem Lichte zu erscheinen, brachte sie zur Verzweiflung, abgesehen selbst
von der Trennung von dem Geliebten, die unvermeidlich wurde, wenn sie sich
weigerte, Christin zu werden. Sie schauderte vor der Wahl zwischen der Wahrheit
und der Liebe; sie fühlte, dass Alle sie bedauern, Alle mit ihr leiden würden,
falls sie sich wirklich entschliessen müsste, den Geliebten ihrer Ueberzeugung zu
opfern. Alle würden es beklagen, selbst Joseph, der sie ungern Christin werden
sah, und Erlau, der sie liebte - Alle - nur Terese nicht. Terese allein konnte
sich darüber freuen, und wie sie dieselbe jetzt zu kennen glaubte, würde Terese
eigensüchtig genug sein, auf den Trümmern von Jenny's Liebesglück sich eifrig
ihr bürgerliches Wohnhaus zu begründen. Das sollte und durfte aber nicht
geschehen; Terese sollte nicht ernten, wo Jenny mit ihrem Herzblute gesäet
hatte, und wieder und immer wieder ging sie daran, Alles durchzudenken, was ihr
je von religiösen Ansichten bekannt geworden war, bis sie entschieden zu der
Ueberzeugung gelangte, die Dogmen als eine Nebensache zu betrachten und, um
Reinhard's Meinung zu schonen, endlich ein Glaubensbekenntnis zu Stande brachte,
das in Spitzfindigkeit dem ältesten Jesuiten Ehre gemacht hätte. Mit grossem
Geschick hatte sie vermieden, jener Lehren von der Kindschaft Christi, der
Erlösung durch seinen Tod und der damit gegebenen Genugtuung zu erwähnen, ohne
irgend Zweifel an ihrem Glauben bei Reinhard dadurch zu veranlassen, der sich
ganz einverstanden mit dem Glaubensbekenntnisse erklärte, als Jenny es mit
innerster Beschämung vorlegte. Des Geliebten Beifall, seine Freude über ihre
Erkenntnis demütigten sie und machten sie vor sich selbst erröten. Er liebte
sie, er freute sich über sie, während sie ihn in Dem betrog, was ihm das
Heiligste war. Sie sagte sich, dass sie Reinhard's Vertrauen unwürdig hintergehe;
sie hätte ihm gern die Wahrheit gestanden, wenn er nur gleich ihr dem Gedanken
Raum gegeben hätte, dass man an Christus auf verschiedene Weise glauben, und doch
einander lieben und glücklich mit einander sein könne. Sie begriff es nicht, wie
der sonst so freisinnige Mann nur in diesem Einen Punkte von so unerbittlicher
Strenge sein konnte. Was tat es ihrer Liebe oder ihrem häuslichen Glücke, wenn
Jenny den Gekreuzigten für den ersten unter den Menschen, statt für Gott hielt,
so lange sie nur seine Lehren befolgte? Indessen führten alle diese Gedanken sie
doch nur immer auf den einen Punkt zurück, dass Reinhard es nimmer zugeben würde,
sie Christin werden zu lassen, wenn sie ihm die Wahrheit bekenne: dass sie ihn
verliere, wenn sie es nicht werde. Das machte sie verzagt, und diese Kämpfe
ermüdeten sie so sehr, dass sie aus Schwäche Mut zu einer Trennung von dem
Geliebten fühlte, wie Feiglinge zu Selbstmördern werden würden, wenn im Moment
der Entscheidung nicht eben ihre Feigheit sie von der Tat zurückhielte.
Jenny wusste sich keinen Rat in der Verwirrung ihres Sinnes. Von Natur offen und
mitteilend, sah sie sich teils durch die Verhältnisse, teils durch ihre
eigene Schuld in ein Gewebe von Heimlichkeiten und Täuschungen verstrickt, das
sie in ihren eigenen Augen erniedrigte. Clara's ruhige, ergebene Entsagung
leuchtete ihr als Beispiel vor; sie wollte nicht kleiner sein als ihre Freundin,
denn auch sie war sich bewusst, das Unvermeidliche würdig tragen und eher das
Glück, als die Achtung vor sich selbst entbehren zu können. Wie würde es sein,
fragte sie sich also immer wieder, wenn ich vor Reinhard hinträte und ihm
erklärte: Ich liebe Dich mehr, als Du es weisst, ich hatte meine ganze Zukunft an
Dich geknüpft; aber Christin nach Deinem Sinne kann ich nie werden, darum muss
ich auf das Glück verzichten, auf das ich mit Dir hoffte. Terese liebt Dich,
sie glaubt wie Du an Christus, möge sie Dir ein Glück gewähren, das Du aus den
Händen einer Jüdin nicht annehmen darfst. Aber schon bei dieser innerlich
gehaltenen Rede zerfloss die Aermste in Tränen, trotz der Grossmut, welche sie
gegen ihre Nebenbuhlerin auszuüben dachte. Sie stellte sich den Kummer vor, in
dem sie die schönsten Jahre ihres Lebens fern von Reinhard vertrauern würde, sie
sah ihn an Teresens Seite glücklich, sah sich von ihm vergessen, und noch
heisser und bitterer flossen ihre Tränen. Was würden ihre Eltern sagen? Was
würde man in den Kreisen ihrer Bekannten von ihr denken? Welch' widersprechende,
tadelnde und nachteilige Gerüchte könnten sich über sie verbreiten! Während sie
ihr höchstes Glück einer religiösen Ueberzeugung mit blutendem Herzen opferte,
würden Neid und böser Wille sich in die innersten Verhältnisse ihres Lebens
drängen, und Gründe zu dieser Handlung suchen, von denen keine Spur in ihrer
Seele war. Könnte nicht selbst Terese bereit sein, Reinhard zu beweisen, dass
Mangel an Liebe zu ihm, oder die Furcht vor seinen beschränkten Verhältnissen
und dem Leben in ländlicher Zurückgezogenheit, sie zur Lösung dieses Bündnisses
veranlasse, und dass sie die Religion nur zum Deckmantel gebrauche? Jenny sah
Reinhard vor sich, sie sah, wie er mit Verachtung auf sie blickte, wie er sie
von sich stiess, er, der sie einst geliebt, an dem sie stets mit warmer Neigung
gehangen, und trotz aller innern Kämpfe, trotz der warnenden Stimme ihres
Gewissens liess sie die Taufe für eine bestimmte Stunde ansetzen, und beschloss,
durch jenes erkünstelte Glaubensbekenntnis, das sie beschwören konnte, ohne
gerade einen Meineid zu begehen, sich unauflöslich mit Reinhard zu verbinden,
weil sie sich vor den Leiden fürchtete, die eine Trennung von ihrem Geliebten
notwendig für sie zur Folge haben musste.
    Reinhard, seine Mutter und Clara sollten die Zeugen bei Jenny's Taufe sein,
und die Pfarrerin war zu diesem Zwecke nach Berghoff gekommen, wo sie ein paar
Wochen zu bleiben versprochen hatte. Auch Reinhard machte sich frei von seinen
Geschäften in der Stadt, um diese Zeit ganz mit seiner Braut zu verleben, da er,
wie schon gesagt, gleich nach der Taufe mit seiner Mutter zu seinem alten Onkel
fahren und dort verweilen wollte, bis die Entscheidung über seine Anstellung
definitiv erfolgt sein würde. Obgleich nur ein paar Monate seit der Abreise der
Pfarrerin verflossen waren, fand sie das Verhältnis ihres Sohnes zu Jenny
wesentlich verändert und fast umgekehrt. Reinhard's Eifersucht hatte sich
gelegt, da Erlau dieselbe nicht mehr erregte; mit den äussern Verhältnissen
seiner Zukunft, mit dem Reichtum seiner Braut hatte er sich ausgesöhnt, je mehr
er sich überzeugte, dass die ganze Familie denselben zwar in seinem Werte
begriff, aber doch nicht überschätzte oder damit absichtlich prunkte; und da nun
auch Jenny's religiöse Erkenntnisse sich seinen Ansichten angeschlossen hatten,
war er vollkommen glücklich, und zu jener innern Zufriedenheit gelangt, die ihn
seit seiner Verlobung geflohen hatte. Diese innere Ruhe machte ihn heiter,
nachgebender und mitteilender, als er es jemals gewesen war. Er hatte tausend
Aufmerksamkeiten für Jenny's Eltern, behandelte Eduard mit der zartesten
Sorgfalt, da er ihn über einen Verlust trösten wollte, dessen Grösse er mit ihm
empfand, ohne dass Jener irgend über seine Liebe oder seinen Gram mit ihm
gesprochen hatte. Mit Jenny unablässlich beschäftigt, war er es jetzt, der sich
an jeder Kleinigkeit erfreuen und bei jedem Begebnis eine fröhliche, scherzhafte
Seite hervorheben konnte. Selbst Teresens Neigung für ihn diente, so sehr er es
auch verheimlichen wollte, nur dazu, sein Glück zu erhöhen, indem sie seiner
Eitelkeit, deren er sich kaum bewusst war, schmeichelte und ihm in Jenny's
Eifersucht einen ihm wohltuenden Beweis ihrer Liebe gab. Er fühlte sich in
gewisser Weise Teresen dafür verpflichtet, behandelte sie mit freundlicher
Zuvorkommenheit, und in dem täglichen Beisammensein mit ihr stellte sich ein
zutraulich bequemes Verhältnis zwischen ihnen her, das aber von Teresens Seite
an Unbefangenheit verlor, je ruhiger Reinhard sich demselben überliess.
    Mit Freuden hatte die Pfarrerin die Verwandlung bemerkt, welche die Stimmung
ihres Sohnes erlitten hatte, aber um so rätselhafter erschien ihr Jenny. Ein
düstrer Ernst, eine krankhafte Reizbarkeit hatten sich ihrer bemächtigt, und
besonders hatte Terese von der Letztern in einem Grade zu leiden, der der
Pfarrerin missfiel. Jenny's Liebe zu ihrem Bräutigam schien äusserst lebhaft, sie
konnte sich keinen Augenblick von ihm trennen; sie war unruhig, wenn sie ihn
nicht sah, und doch vermisste das scharfe Auge der Pfarrerin in Jenny's Liebe
jene innige Hingebung, welche sie früher für Reinhard gezeigt hatte. Es lag ein
Etwas in ihrem Betragen, in ihrer ganzen Art, das ihr unheimlich, ja fast
dämonisch vorkam, und wovon sie sich doch keine bestimmte Rechenschaft geben
konnte, um so weniger, als Jenny von einem unersättlichen Hang zu immer neuen
Zerstreuungen erfüllt schien, der Niemanden in ihrer Umgebung zur Ruhe kommen
liess.
    Fahrten zu Wasser und zu Lande, Besuche in der Nachbarschaft und
stundenlange Spazierritte wechselten schnell mit einander ab, ohne dass Jenny,
die eifrig darnach verlangte, Genuss darin zu finden schien. Reinhard liebte die
Natur und jede Art von Bewegung im Freien, deshalb liess er sich gern
bereitwillig finden zu jedem Vorschlag der Art, welchen Jenny machte, bis auch
ihm endlich ihre fieberhafte Unruhe auffiel, die nicht eher nachliess, bis sie
körperlich ganz erschöpft zusammenbrach und dann stundenlang in vollkommener
Abspannung und weichster Stimmung verharrte. Bat er sie, von dieser
anstrengenden Lebensweise abzustehen, sich Ruhe und Erholung zu gönnen, so riss
sie sich gewaltsam aus der Apatie empor, versicherte, weder krank noch ermüdet
zu sein, und bestand darauf, diesen letzten Sommer in Berghoff mit Reinhard, wie
sie es nannte, noch recht in Eile zu geniessen.
    Gegen dies wilde Treiben, das zuletzt Jenny's Mutter ebenso beunruhigte, als
die Pfarrerin, erschien Teresens stille, häusliche Tätigkeit um so
wohltuender. Sie hatte allmälig sich fast des ganzen häuslichen Regimentes
bemächtigt und wusste für Jeden mit Sicherheit das Bequeme und Angenehme zu
verschaffen, ohne dass man es von ihr verlangt hatte. Dadurch machte sie sich
namentlich den älteren Personen unentbehrlich, und auch Reinhard konnte nicht
umhin, ihr lobend zu gestehen, dass sie ein seltenes Talent besitze, die Wünsche
ihrer Umgebung zu erraten und zu befriedigen. Je mehr durch Gewöhnung auch für
ihn die Bequemlichkeit des Lebens an Reiz gewann, um so angenehmer erschien ihm
die Weise, mit der Terese vorzusorgen wusste. Jenny's Äusserung, dass Terese
sich Liebe erkoche und erwirtschafte, begegnete daher allgemeinem Tadel, wie
überhaupt ihr Verhältnis zu ihrer Freundin der Pfarrerin immer mehr missfiel und
Allen ein Rätsel dünkte, Reinhard ausgenommen, der diese ungewohnte Härte in
Jenny's Charakter nur zu leicht und gern entschuldigte.
    Nach Jenny's früher geäussertem Wunsche sollte auch Terese unter ihren
Taufzeugen sein, doch schien sie diesen oft besprochenen Vorsatz jetzt ganz
plötzlich aufgegeben zu haben. Sie erklärte, als die Pfarrerin sie deshalb zur
Rede stellte und ihr bemerklich machte, wie diese Zurücksetzung für Terese
empfindlich sein müsse: Es täte ihr leid, aber sie könne sich nicht
entschliessen, es wäre ihr unmöglich, sie dazu aufzufordern. Diese entschiedene
Äusserung veranlasste die Pfarrerin, weiter in Jenny zu dringen, sie konnte
jedoch keine nähere Erklärung von ihr erlangen. Jenny behauptete, ohne Gründe
anzugeben, sie habe sich in Terese geirrt, sie fühle eine wachsende Abneigung
gegen sie, und könne dieselbe nicht überwinden. Als zufällig eben während dieser
Unterredung Terese mit einer Anfrage von Jenny's Mutter hinzukam und mit einer
heftigen, kurzen Antwort von Jenny abgefertigt wurde, die gleich darauf das
Zimmer verliess, benutzte die Pfarrerin die Gelegenheit, mit Teresen einmal
darüber zu sprechen, ob sie vielleicht den Grund zu Jenny's gereizter,
launenhafter Stimmung kenne?
    Terese verneinte es. Ich weiss nur das Eine, sagte sie, dass ich ihr Betragen
gegen mich nicht verdient habe, und ich würde es nicht ertragen, wenn mich das
Andenken an unser früheres Verhältnis nicht nachsichtig gegen sie machte.
    Und wissen Sie denn nicht, liebes Kind, seit wann diese Verstimmung sich
Jenny's bemächtigt hat? Man könnte vielleicht irgend Etwas zu ihrer Beruhigung
tun, wenn man die Veranlassung dazu kennte.
    So wie Sie Jenny jetzt sehen, liebe Frau Pfarrerin, ist sie seit wir in
Berghoff sind, antwortete Terese, und allerdings habe ich eine Vermutung
darüber, die ich Ihnen mitteilen möchte, wenn Sie mir heilig versprechen
wollen, gegen Jeden, besonders aber gegen Ihren Sohn darüber zu schweigen.
    Die Pfarrerin zauderte einen Augenblick, dann bat sie Terese, diese
Mitteilung lieber zu unterlassen, wenn sie nicht wirklich nötig zu Jenny's
Glück, zu ihrer Herstellung sei.
    Ich bin in einer sonderbaren Lage, antwortete Terese, und weiss selbst
nicht, ob es nicht meine Pflicht ist, ein Geheimnis zu verraten, zu dessen
Kenntnis ich nur zufällig gelangte; denn noch dürfte es Zeit sein, ein Unheil zu
vermeiden, das meinen teuersten Freunden droht.
    Die Pfarrerin wurde unruhig, und Terese fuhr fort: Den Abend, ehe wir nach
Berghoff zogen, zeichnete Jenny mit Erlau auf dem Balkon vor dem Treibhause eine
Ansicht der Gegend, welche sie für ihren Bräutigam bestimmte. Sie war Anfangs
ganz heiter; Steinheim war auch mit ihnen, und Jenny rief mich ebenfalls herbei,
um mir ihre Arbeit zu zeigen und mich an der Unterhaltung Teil nehmen zu
lassen. Diese nahm, wie gewöhnlich, wenn jene Drei ohne Reinhard beisammen
waren, eine ziemlich fade Wendung. Das Gespräch langweilte mich, so dass ich
Jenny aufmerksam machte, wie wenig dieses Geplauder und Geschwätz ihrem
Bräutigam behagen würde. Darüber wurde sie verdriesslich und heftig, und so ist
es seit jenem Tage geblieben.
    Aber mein Kind, sagte die Pfarrerin im Tone des Vorwurfs, Sie können doch
kaum annehmen, dass ein so geringer Tadel Jenny's ganzes Wesen, ihr ganzes
Verhältnis zu Ihnen so vollkommen verändern könne, besonders da sie sonst Tadel
von Jedermann mit grosser Freundlichkeit zu ertragen pflegte, was mir an ihr
stets angenehm aufgefallen ist.
    O, Gott bewahre! das glaube ich auch nicht, erwiderte Terese, ich halte es
nur für begreiflich, dass ihre üble Laune sich gerade gegen mich richtet, weil
wir zufällig jenen kleinen Streit in einer Stunde hatten, die ausserdem von
entschieden traurigen Folgen für Jenny war.
    Terese, unterbrach die Pfarrerin sie sehr ernstaft, Ihre halben Reden
scheinen mir ein Geheimnis mitteilen zu wollen, das Sie vielleicht verschweigen
sollten. Sie sind aber bereits zu weit gegangen, und ich muss Sie bitten, mir nun
die volle Wahrheit zu entüllen, damit ich selbst entscheide, was wir für Jenny,
die ich als meine Tochter liebe, tun können und müssen.
    Terese schien zu schwanken, dann aber sagte sie rasch und mit grosser
Bestimmteit: Nun denn, Frau Pfarrerin! Ich glaube, Erlau's Abreise ist die
Veranlassung zu der vollkommenen Veränderung, welche mit Jenny vorgegangen ist.
    Das wäre ein grosses Unglück, rief die alte Dame erschreckt. Aber was bringt
Sie auf diese Vermutung?
    Eine blosse Vermutung hätte ich Ihnen nicht mitgeteilt, antwortete Terese,
ich habe die feste Ueberzeugung, dass es so ist. Nachdem Steinheim den Balkon
verlassen hatte, hörte ich, denn ich war im Treibhause beschäftigt, Erlau
lebhaft mit Jenny sprechen, und obgleich ich weder Alles verstehen konnte noch
wollte, vernahm ich, dass Erlau ihr seine Liebe gestand und ihr zugleich Lebewohl
sagte, weil er ohne Hoffnung in ihrer Nähe nicht leben könne. Den nächsten Tag
war er abgereist, und als sein Abschiedsbrief uns gebracht wurde, behauptete
Jenny, die man darum fragte, von seiner Reise ebenso wenig gewusst zu haben, als
wir. Trotzdem hat sie ihm wahrscheinlich das für Reinhard bestimmte Bildchen zum
Andenken geschenkt, denn ich habe es seit dem Abend nicht mehr gesehen, und es
ist auch nie wieder die Rede davon gewesen. Am nächsten Tage zogen wir hieher
und seitdem ist Jenny's traurige Stimmung, wie Sie selbst wissen, im Zunehmen
begriffen.
    Die Pfarrerin schwieg lange Zeit und schien mit sich selbst zu Rate zu
gehen, dann sprach sie: Gott verhüte, dass Ihre Behauptung wahr sei! Ich kann
nicht glauben, dass Jenny sich so vollkommen über ihre Gefühle getäuscht haben
könne, und bin ebenso fest von ihrer Liebe zu Reinhard überzeugt, als von der
seinen für sie. Indes ist leider unser Herz tausend befremdlichen Eindrücken
zugänglich, und es ist nicht unmöglich, dass sich irgend ein Widerstreit von
Gefühlen in der Seele der armen Jenny erhoben hat, den sie mit ihrer
leidenschaftlichen Weise gewaltsam bekämpfen will und hoffentlich bekämpfen
wird. Es ist denkbar, dass ihre Unruhe dadurch entstanden ist, und ich danke
Ihnen für das Geständnis, das Sie mir gemacht haben, wie für die Geduld, mit der
Sie die Unfreundlichkeit des armen Mädchens ertragen. Nur Eins muss ich Ihnen wie
die heiligste Pflicht an's Herz legen: Lassen Sie weder Jenny, noch meinen Sohn
es ahnen, dass Sie irgend eine Vermutung der Art hegen.
    Wie können Sie das nur glauben? fragte Terese. Rechnen Sie fest auf meine
Verschwiegenheit, um so mehr, als auch Ihres Sohnes Glück davon abhängt, dem ich
lebenslang für so Grosses verpflichtet bin und für den kein Opfer mir zu schwer
fallen sollte.
    Die Pfarrerin umarmte sie gerührt. Sie versicherte sie, wie sie ihre Achtung
in hohem Grade gewonnen habe, und wie sehr sie ihr die Schonung Dank wisse, mit
der sie Jenny behandle. Lassen Sie uns vereint, sprach sie, dahin wirken, Jenny
mit sich selbst wieder auszusöhnen und ihr das Glück zu erhalten, das sie und
mein Sohn von der Zukunft erwarten. Unsere innigste Anerkennung wird es Ihnen
danken, und wenn Sie sich wirklich meinem Sohne verpflichtet fühlen, tragen Sie
ihm Ihren Dank jetzt in einer Weise ab, welche ihn für immer zu Ihrem Schuldner
macht.
    Terese versprach Alles und sie schieden mit den herzlichsten gegenseitigen
Versicherungen.
    Wie weit Terese bei dieser Unterredung sich selbst über die Beweggründe
ihrer Handlungen getäuscht hatte, wie weit sie absichtlich dabei zu Werke
gegangen, möchte schwer zu entscheiden sein. Ob sie wirklich an Jenny's Liebe
für Reinhard zweifelte, an eine Neigung für Erlau glaubte, ob nur der Wunsch,
Reinhard und Jenny vor Reue zu bewahren, allein sie antrieb, der Pfarrerin jenen
Bericht zu erstatten, das lassen wir dahingestellt sein. Jedenfalls aber war sie
sich der eigensüchtigen Motive, die zweifelsohne in ihrer Seele sich regten,
nicht deutlich bewusst, so dass sie die Lobsprüche der Pfarrerin mit ruhigem
Gewissen annahm und sich Jenny gegenüber in einer stillen Grösse erschien, welche
es ihr leichter machte, sich fügsam und nachgebend gegen sie zu betragen.
    Ihrem Vorsatz getreu, schwieg die Pfarrerin gänzlich über die Entdeckung,
welche Terese ihr gemacht hatte. Jenny tat ihr leid, und doch zürnte sie ihr,
weil sie nicht daran zweifelte, dass Erlau wirklich einen Eindruck auf Jenny's
bewegliche Phantasie gemacht und sie verleitet haben könnte, Reinhard untreu zu
werden, wäre Erlau selbst ihr nicht zur rechten Zeit zu Hülfe gekommen. So lieb
sie ihre künftige Schwiegertochter hatte, konnte sie sich doch nicht verbergen,
was sie stets gedacht und früher auch gegen ihren Sohn geäussert hatte, dass eine
Frau mit so unruhigem Geiste, mit solch beweglichen Leidenschaften viel weniger
zu Hoffnungen auf ein ruhiges eheliches Glück berechtigte, als z.B. ein Mädchen
von Teresens soliden, wenn auch weniger glänzenden Eigenschaften. Sie zitterte
bei dem Gedanken, ihr Sohn könne durch irgend einen Zufall von der Neigung
seiner Braut für Erlau unterrichtet werden, und fühlte sich sehr beruhigt, als
endlich der für die Taufe bestimmte Tag gekommen war und sie die Aussicht hatte,
nun mit ihrem Sohne Berghoff auf einige Monate zu verlassen. In dieser Zeit, so
hoffte sie, würde Jenny zur Ruhe kommen, ohne dass Reinhard etwas von dem Kampfe
in ihrem Herzen zu erfahren brauchte.
Die Eltern beide, Eduard, Joseph, die Pfarrerin, Terese und Clara waren in
ernster Haltung in einem Zimmer beisammen, in das freundlich die Strahlen der
untergehenden Sonne hineinfielen. Ein runder, mit schwerem Teppich behangener
Tisch, auf dem ein silbernes Becken in silberner Schale stand, nahm die Mitte
desselben ein. Neben diesem einfach hergerichteten Hausaltar stand Jenny's
Lehrer, der würdige Pastor, und erwartete, gleich den Uebrigen, den Eintritt
seiner Schülerin. Sie hatte gewünscht, die letzten Stunden vor ihrer Taufe ganz
allein zu bleiben, und ihren Bräutigam ersucht, sie erst rufen zu kommen, wenn
Alles zu der feierlichen Handlung bereit sein würde.
    Nun trat sie an Reinhard's Arm in das Zimmer und Allen fiel die Blässe ihrer
schönen Züge auf, als sie sich in die Nähe des Pastors stellte und Reinhard
zurücktrat. Nach einer kurzen Anrede des Geistlichen sprach Jenny ihr
Glaubensbekenntnis und empfing die Taufe. Sie schien sehr ergriffen zu sein, als
das Taufwasser ihre bleiche Stirn berührte. Aber keine Träne war in ihr Auge
gekommen, keine Muskel ihres Gesichtes hatte gezuckt, und nur der bebende Ton
der Stimme hatte, während sie das Glaubensbekenntnis ablegte, der Herrschaft
ihres festen Willens Trotz geboten.
    Jetzt war die kurze Ceremonie vorüber; Jenny war Christin geworden. Mit
wahrer Innigkeit zog Reinhard die Geliebte an sein Herz und Tränen der reinsten
Freude glänzten in seinen Augen. Doch nur einen kurzen Moment ruhte sie, wie um
sich zu erholen und Kraft zu gewinnen, an seiner Brust; dann flog sie, von einem
innern Impuls getrieben, zu ihrer Mutter und sank, bitterlich weinend, ihr in
die Arme.
    Es wäre vielleicht für einen ruhigen Beobachter anziehend gewesen, hätte er
während der Taufe in den Seelen der anwesenden Personen die verschiedenen
Gefühle zu lesen vermocht, von denen sie bewegt wurden. Jenny's Mutter weinte,
weil es ihr vorkam, als trete durch die Taufe ein fremdes Element zwischen sie
und ihre Tochter. Eduard und Clara, welche einander gegenüber standen, waren in
schmerzliche Gedanken vertieft, und wenn ihre Blicke sich zufällig trafen,
wandten sie dieselben schnell von einander ab, als fürchteten sie, die ernste
Feier durch die beredte Sprache ihrer Augen zu entweihen. Die Pfarrerin dankte
Gott, dass es endlich so weit gediehen sei, und betete inbrünstig, der Herr möge
nun auch ferner dies Paar beschützen und alles Störende, das ihnen noch in der
nächsten Zukunft drohen könne, gnädig an ihnen vorüberführen. Dieses innere
Gebet verhinderte sie, Teresens Unruhe zu bemerken, die keinen Blick von
Reinhard und seiner Braut abwendete und, fast ebenso bleich als diese, mit
Gewalt in Jenny's Seele lesen zu wollen schien. Joseph aber entging dies
ängstliche Spähen Teresens nicht, das ihn ebenso wenig, als Jenny's qualvolle
Aufregung befremdete. Er sah finster auf die Scene vor seinen Augen, als auf
etwas, das er lange erwartet hatte; nur als Reinhard nach der Taufe die Braut in
seine Arme schloss, fuhr er mit der Hand nach dem Herzen, als ob er dort einen
flüchtigen Schmerz empfinde.
    Der Vater allein war vollkommen ruhig und heiter geblieben. Er hatte
Wohlgefallen an Reinhard und dessen stolzer, voller Freude; er liess alle den
erregten Empfindungen Raum, sich zu beruhigen, dann war er es, der die Türen
des Zimmers öffnete, in den Garten hinaustrat und die Uebrigen aufforderte, ihn
zu begleiten.
    Es war drückend warm im Zimmer geworden, denn die Sonne brannte auf die
Scheiben der geschlossenen Fenster. Um so erquickender erschien Jedem die
frische Abendluft, welche, von dem Duft der prächtigen Orangenblüten balsamisch
durchzogen, ihnen entgegenströmte. Reinhard war einer der Ersten, die der
Aufforderung des Vaters folgten. Er verlangte sehnlichst, mit seiner Braut
allein zu sein, und wandte sich mit ihr, sobald es tunlich war, einem
entlegenern Teile des Parkes zu. Dort angekommen, setzten sie sich nieder unter
den Schatten einer mächtigen, von Epheu grün umrankten Kastanie und schweigend
sah Reinhard lange mit der innigsten Liebe auf Jenny, die, noch sehr bleich und
ermattet, sich mit geschlossenen Augen an ihn lehnte und dringend Ruhe zu
bedürfen schien. Die Spannung der letzten Zeit hatte, nun die Tat vollbracht
war, nachgelassen und einer weichen Müdigkeit Platz gemacht. Als Reinhard das
zarte Mädchen so in seinen Armen hielt, das mit den geschlossenen Augen, den
ruhigen, regungslosen Zügen und der weissen Kleidung wirklich einer schönen
Leiche glich, fuhr ihm schmerzlich der Gedanke durch die Seele, sie könne
sterben, während er sich von ihr trenne, und er werde sie niemals wiedersehen.
Er schrak zusammen. Wäre es eine Ahnung? fragte er sich, und eine fast kindische
Furcht liess ihn die Möglichkeit wähnen, die Geliebte könne gerade jetzt in
seinen Armen gestorben sein. Behutsam küsste er plötzlich Jenny's lange Wimpern,
indem er sie mit den zärtlichsten Worten bat, nur einen Laut zu sprechen, ihm
nur zu sagen, dass sie lebe, dass sie sein Glück mit ihm fühle.
    Ja, ich lebe, Geliebter! antwortete sie auf seine Frage und schlug lächelnd
die Augen zu ihm empor. Ich lebe! Und ob ich Dich liebe? O! Gott weiss es, wie
ich davon in dieser Stunde Zeugnis gegeben habe. Ich liebe Dich wie mein Leben,
wie meine Seele - nein, mehr als meine Seele. Ist es so recht? fragte sie und
lehnte sich wieder an ihn, nachdem sie sich während des Sprechens aufgerichtet
und die Hände fest ineinander gefaltet hatte. Aber warum fragst Du mich erst, ob
ich Dich liebe? fuhr sie nach einer kleinen Pause fort.
    Weil ich den Ton Deiner Stimme hören wollte, mein süsses Leben. Du sahest so
bleich und so verklärt aus, dass ich fürchtete, Du könntest die Erde verlassen
und aus meinen Armen in den Himmel zurückkehren, von dem Dein Antlitz ein so
treues Bild war.
    Ach! hätte ich so hinüberschlummern können, seufzte Jenny, so im vollen
Besitz Deiner Liebe.
    Als ob diese Liebe Dir jemals fehlen könnte, rief Reinhard fast entrüstet
aus. Siehe, Jenny, einst gab es eine Zeit, in der ich an Dir, an Deiner Liebe
zweifelte, Dich fliehen und vergessen wollte. Das ist Alles nicht mehr möglich,
und seit Du durch Deine Liebe mich zum Herrn über Dein Geschick gemacht, bin ich
Dir zu eigen geworden, mehr als irgend einem Menschen. Du weisst es, sagte er,
immer wärmer werdend, ich würde vor keinem Könige knien, kein Weib hat mich
jemals zu seinen Füssen gesehen, ich glaubte, nur vor Gott mich beugen zu können
- und nun knie ich vor Dir, und bekenne Dir, dass ich Dich fussfällig bitten
könnte, mich zu lieben, mir treu zu bleiben, wenn ich daran zweifeln könnte,
weil in Dir allein das ganze Glück meines Lebens beruht.
    Er war wirklich vor ihr niedergesunken und hielt sie mit seinen Armen
umfasst, während seine Augen an den ihren hingen. Schöner, hingebender hatte sie
ihn nie gesehen, glücklicher hatte sie sich nie gefühlt, und doch stieg eben in
diesem Augenblicke der Zweifel in ihr auf, ob Reinhard sie mit dieser Innigkeit
lieben, ob seine Neigung nicht wanken würde, wenn er einst erfahren sollte, wie
sie ihn getäuscht, um sich seine Liebe zu bewahren, um die Seine zu werden.
    Sie drückte ihn voll Leidenschaft an ihre Brust, und ihm zärtlich und fest
ins Auge blickend, sagte sie: Versprich mir, dieser Stunde immer zu gedenken,
wie ich ihrer nie vergessen werde, und wenn einst ein Tag käme, an dem Du irre
an mir würdest, an dem ich Dir Deiner Liebe weniger würdig schiene - dann, aus
Barmherzigkeit, dann denke an diese Stunde, dann lass mich Dich daran erinnern
und eine Stütze in dieser Erinnerung bei Dir finden!
    Was bedeutet das? fragte Reinhard verwundert, wie kannst Du glauben, jemals
eines andern Fürsprechers bei mir zu bedürfen, als meiner Liebe zu Dir?
    Das gebe Gott! rief Jenny. Aber wenn Du mich einst schwach und tadelnswert
finden, wenn Du mich deshalb weniger lieben, mich von Dir weisen solltest, dann
möge Deine Neigung mein treuer Schutz sein; sie möge Dir deutlich machen, dass
ich aus Liebe kein Opfer scheute, dass ich Alles erdulden wollte, Alles! Nur Dir
entsagen - das konnte ich nicht, das werde ich niemals können, dazu fehlt mir
die Kraft.
    Ich verstehe Dich nicht, sagte Reinhard, vergebens einen Sinn in diesen
Reden suchend, der in irgend einem Zusammenhang mit ihren Verhältnissen stehen
konnte, aber das schwöre ich Dir, ich werde nie an der Lauterkeit Deiner Seele,
an der Reinheit Deines Herzens zweifeln; Du sollst in mir alle Liebe finden, die
Dir gebührt, und auch Nachsicht, wenn es möglich wäre, dass Du sie jemals
brauchtest; denn wie sollte ich Dir nicht Alles verzeihen, so lange Deine Liebe
mir bleibt!
    Schwöre mir das, Geliebter, flehte sie mit einer Angst, als ob sie
fürchtete, er könne seine Meinung ändern.
    Ich schwöre es Dir! antwortete Reinhard und reichte ihr seine Hand, welche
sie lange festielt, dann leidenschaftlich an ihre Lippen drückte und mit den
Worten: Nun bin ich ruhig, nun ist es gut! endlich wieder losliess.
Wenige Tage nach Clara's erstem Besuch in Berghoff war William zurückgekehrt. Da
er den Tag seiner Ankunft nicht bestimmt angegeben, fand er zufällig weder seine
Tante noch Clara zu Hause, und wurde von dem Diener zu Herrn Horn in das
Comptoir gewiesen, mit dem Bemerken, Frau Commerzienrätin würde sehr überrascht
sein, ihn schon zu finden, da man seine Ankunft heute noch nicht erwartet hätte.
    Nicht erwartet zu werden von Personen, nach denen man sich gesehnt hat,
gehört zu den peinlichsten Gefühlen, die uns nach längerer Trennung von
denselben berühren können. Tausendmal hatte er es sich vorgestellt, während er
in seinem Wagen einsam und rasch dahinflog, wie die Tante und Clara ihm
entgegeneilen und er mit dem Willkomm zugleich den Brautkuss von den Lippen
seiner Cousine küssen werde. Statt dessen empfing ihn sein Onkel zwar
freundlich, aber durch Geschäfte zerstreut, in denen er ihn unterbrochen hatte,
und mit so eiligen Fragen nach dem Befinden seines Vaters, nach seiner Reise und
den Aussichten für das nächste Handelsjahr in London, dass der junge Mann wohl
merken konnte, wie gern sein Onkel ihn abzufertigen wünsche. Er zog sich also
bald zurück und begab sich in die Zimmer der Damen, um dort die Heimkehr
derselben zu erwarten.
    Eine eigentümliche Empfindung beschlich ihn, als er sich wieder in den
Räumen befand, aus denen er, von Furcht und Hoffnung bewegt, geschieden war.
Gleich nach seiner Ankunft in London hatte er der Commerzienrätin geschrieben
und einen kurzen, herzlichen Brief für Clara beigelegt, den sie ihm beantwortet,
ohne eigentlich seiner Werbung zu gedenken, indem sie ihm hauptsächlich ihre
Teilnahme an der Krankheit seines Vaters, ihr Bedauern über seine plötzliche
Abreise unter so traurigen Umständen ausdrückte, und die Hoffnung äusserte, dass
dennoch Alles sich zum Besten und nach ihren Wünschen fügen werde. William
selbst gehörte nicht zu den Menschen, welche es lieben, sich mündlich oder gar
schriftlich über ihre Gefühle auszusprechen; die Zurückhaltung seiner Cousine
überraschte ihn deshalb nicht. Sie wusste, dass er sie liebe; die Tante hatte ihm
die Hand ihrer Tochter zugesagt, hatte ihm die Versicherung gegeben, dass Clara
seine Neigung erwidere, und da diese sich nicht dagegen erklärt hatte, las er
mit fröhlichem Vertrauen aus den wenigen und flüchtigen Briefen, welche er von
ihr erhielt, Alles das heraus, was sein Herz begehrte. Jetzt, wo er jeden
Augenblick den leichten Tritt der Geliebten zu hören hoffte, wo er ihrer mit
lebhafter Ungeduld harrte, fiel es ihm auf, wie wenig Clara bis jetzt dazu
getan hatte, ihn ihrer Liebe oder nur der Zustimmung zu seinen Ansprüchen zu
versichern. Er setzte sich sinnend auf den Platz nieder, den er so häufig Clara
gegenüber an ihrem Arbeitstische eingenommen hatte. Ein Nähkästchen, welches
Eduard in einer Verloosung gewonnen und in William's Beisein Clara geschenkt
hatte, erkannte er wieder. Es war schon ein wenig abgenutzt und musste eben
gebraucht sein, denn es entielt ausser verschiedenen Gerätschaften für
weibliche Arbeit eine Visitenkarte des Doctor Meyer, auf welche mit Bleistift
das Datum eines der letzten Tage und die Worte geschrieben standen: Bedauert,
die Einladung der Frau Commerzienrätin Horn für heute nicht annehmen zu können.
Eine politische Broschüre lag aufgeschlagen neben dem Kästchen; sie gehörte
ebenfalls dem Doctor Meyer, wie die von seiner Hand geschriebenen Anmerkungen in
derselben verrieten. Von all jenen eleganten Kleinigkeiten, die William seiner
Cousine geschenkt, schien sie keinen Gebrauch zu machen, denn sie standen in
kalter Ordnung neben einander auf einer der Etagèren aufgerichtet, wo sie nur
die Hand des Hausmädchens gesäubert und Clara's Auge vielleicht niemals
getroffen haben mochte. Das tat William wehe und machte ihn unmutig und
nachdenkend, so dass er fast erschrack, als er endlich die Stimme seiner Tante
hörte.
    Eilig stand er auf und ging den Damen entgegen. Mit einem: Willkommen, mein
Sohn! umarmte ihn die Commerzienrätin und, gegen Clara gewendet, fügte sie
hinzu: Nun, da ist er! Ich will wie eine ächte Romanmutter, die ich Euch immer
war, den zärtlichen Erguss Eurer Herzen nicht stören und erwarte Euch erst in
einer halben Stunde in meinem Zimmer.
    Es ging aber der sonst so klugen Frau, wie allen sehr förmlichen, gemessenen
Leuten, die, wenn sie einmal unbefangen und herzlich scheinen wollen, meist
völlig aus der Rolle fallen und die ungeschicktesten Verstösse begehen. Clara und
William standen sich verlegen gegenüber, beide gepeinigt durch die
unvorteilhafte Lage, in der sie sich befanden. William hatte statt einer
zärtlichen Braut, die ihn liebend begrüsste, sehnsüchtig nach ihm verlangte, ein
Mädchen vor sich, das ihn mit scheuer Zurückhaltung behandelte und offenbar eher
erschreckt, als erfreut durch seine Anwesenheit war. Er fand Clara verändert,
und um nur aus dem peinlichen Schweigen herauszukommen, fragte er: Warst Du
krank, mein Clärchen? Du bist so bleich, so still. Und freut es Dich denn gar
nicht, dass wir beisammen sind?
    O gewiss, lieber Cousin! antwortete sie, es freut mich von Herzen, dass Dein
Vater hergestellt ist und dass Du zu uns zurückkehren konntest.
    Lieber Cousin? und weiter Nichts? rief William scherzend, Mein Clärchen, das
klingt doch wirklich zu cousinenmässig, und selbst eine Cousine hätte mir längst
ihren Mund statt der Hand zum Willkomm reichen müssen. Er schloss sie in seine
Arme und küsste sie, trotz ihres Widerstrebens, herzlich. Ah, rief er, das ist
ein ander Ding, nun lebe ich erst wieder! nun weiss ich, dass ich hier bin und
wozu ich wieder hier bin. Wenn Du wüsstest, Clärchen, wie meine Eltern sich
freuen, Dich bald als Tochter zu begrüssen! Mein Vater will, wenn seine Kräfte es
erlauben, selbst bei unserer Hochzeit gegenwärtig sein, und ich habe ihm
versprochen, dass wir auf ihn warten, wenn er sich ein wenig mit seiner Erholung
beeilt.
    Und wie weit ist diese vorgeschritten? fragte Clara, froh, das Gespräch von
der bisherigen Richtung ablenken zu können. William aber deutete diese Frage
nach seinem Sinne und antwortete tändelnd: So weit, mein Fräulein, dass Sie ihr
Hochzeitskleid bestellen und Ihr Reisekostüm anordnen müssen; denn so lieb mir
Deutschland und seine Sitten geworden sind, nach der Trauung geht es fort, und
unsern Honigmonat verleben wir in England, bei uns auf dem Lande.
    In der Freude seines Herzens bemerkte William nicht, wie er ganz
ausschliesslich die Kosten dieser Unterhaltung trug, während Clara mit schlecht
verhehltem Bangen seinen Worten zuhörte und nur dann und wann eine gleichgültige
Frage dazwischen warf, bis das Eintreten ihrer Mutter sie befreite.
    Natürlich war eine der ersten Fragen, welche die Commerzienrätin an ihren
Neffen richtete, nach dem Ergehen ihres Sohnes, weil dieser die Zeit seiner
Heimkehr von Monat zu Monat gegen seines Vaters Wünsche hinausgeschoben hatte.
    Ferdinand ist gesund, berichtete William; fügte aber mit einer gewissen
Zurückhaltung hinzu: ich zweifle jedoch, ob er freiwillig sobald zurückkehrt,
als Sie es wünschen, liebe Tante.
    Und was ist es, was ihn davon abhält? Was fesselt ihn so sehr?
    Eine Schwäche, falls man eine Leidenschaft so nennen darf, mit der man
Nachsicht haben müsste, wenn sie einem würdigeren Gegenstande zugewendet wäre.
    Die Commerzienrätin gab ihrer Tochter ein Zeichen sich zu entfernen, dann
nötigte sie William, sich zu ihr zu setzen, und verlangte, dass er ihr rasch und
unumwunden sage, was sie wissen müsse. Die Angst der Mutter machte William
vorsichtig. So schonend als möglich teilte er ihr mit, wie Ferdinand gleich bei
seiner Ankunft in England die Bekanntschaft einer schönen aber übel berufenen
Frau gemacht habe, welche seine Geliebte geworden sei und ihn in seinem Hange
zur Verschwendung bestärke, nachdem sie ihren frühern Geliebten, einen jungen
Mann vom Stande, ruinirt und verlassen habe.
    Sie hat Ferdinand vorgespiegelt, erzählte William, um seinetwillen und nur
aus Liebe für ihn mit ihrem ersten Verehrer gebrochen zu haben, der, wie sie
behauptet, ihr die Ehe versprochen hatte, und Ferdinand ist in einer
unglücklichen Stunde so töricht gewesen, ihr schriftlich eine eben solche
Zusicherung zu geben, die er später in Gegenwart ihrer und seiner Bekannten
wiederholt hat, und auf deren Erfüllung sie jetzt dringt, ohne von irgend einem
Vergleich oder einer Abfindung hören zu wollen.
    William hielt inne, weil er sah, wie schwer die Nachricht seine Tante traf.
    Nur weiter, weiter! bat sie, als sie das Zaudern ihres Neffen bemerkte.
Hältst Du es für möglich, dass mein Sohn ehrlos genug sein könnte, wirklich an
eine Heirat mit einer solchen Frau zu denken? dass er mir, seiner Mutter, eine
solche Frau zur Tochter aufzudringen denkt?
    Ich hoffe, antwortete William, dass es Ihren Ermahnungen gelingt, ihn davon
zurückzubringen, was bis jetzt freilich weder meinem Vater, noch mir gelungen
ist.
    Er muss zurück, noch heute schreibe ich ihm, rief die Commerzienrätin wie
ausser sich, er soll und muss gehorchen.
    Das wird er nicht, liebste Tante, bemerkte William, und Sie würden sich,
falls er Ihnen sogar gehorchte, nur der Unannehmlichkeit aussetzen, diese
lästigen Verhältnisse in Ihre Nähe zu ziehen; denn ich zweifle keinen
Augenblick, dass jene Frau ihm auch gegen seine Erlaubnis hieher folgen und hier
auf die Erfüllung seines Wortes dringen würde. Darum haben Sie Geduld, schreiben
Sie ihm, dass Sie um das Verhältnis wissen, dass Sie es missbilligen; aber
vermeiden Sie eine Strenge, welche ihn leicht zu offenem Widerstand, zu
unüberlegten Schritten treiben könnte, da er sie von Ihnen nicht gewohnt ist.
Vielleicht wäre es sogar besser, Sie überliessen es dem Onkel einzuschreiten,
obgleich mein Vater mir riet, Ihnen zuerst die Mitteilung zu machen.
    Das war gut, war klug, sagte die Commerzienrätin, denn Dir darf ich es
bekennen und Du weisst es vielleicht selbst, dass niemals ein gutes Vernehmen
zwischen Ferdinand und seinem Vater herrschte. Männer vergessen es leicht, dass
sie einst selbst jung und der Nachsicht bedürftig gewesen sind, und - fuhr sie
fort, plötzlich umgestimmt durch den Gedanken, ihr Liebling Ferdinand könne
irgendwie den Tadel seines Vaters auf sich ziehen - vielleicht ist es mit
Ferdinand so schlimm nicht, als wir glauben. Deshalb versprich mir, seinem Vater
nichts zu sagen, bis ich selbst eine Antwort von meinem Sohne erhalten haben
werde.
    William versprach das, aber die Kränkung, die ihr Stolz erlitten hatte, der
Schreck und die Unruhe, die sie empfunden, waren so lebhaft gewesen, dass ihre
gewohnte Selbstbeherrschung sie verliess und sie von nervösen Zufällen ergriffen
wurde, welche sie nötigten, ein paar Tage ihr Zimmer zu hüten und ihr Clara's
Pflege und Wartung unentbehrlich machten.
    Dadurch bekam William seine Braut, denn als solche betrachtete er die
Cousine, wenig nur zu sehen. Trotzdem musste ihm ihr Betragen auffallen, das
offenbar zurückhaltender und befangener war, als sie sich ihm jemals gezeigt
hatte. Er konnte nicht begreifen, weshalb sein Onkel mit keinem Worte seiner
Verlobung gedachte, er sah, dass man sie wie ein Geheimnis behandelt haben müsse,
und obgleich dieses gewissermassen durch die Umstände entschuldigt werden oder
selbst geboten sein konnte, fand er die strenge Beobachtung der Etiquette unter
so nahen Verwandten, die alle einig und glücklich über diese Verbindung waren,
übertrieben. Er nahm sich vor, sobald die Commerzienrätin wieder wohl und
sichtbar sein würde, auf die Bekanntmachung seiner Verlobung mit Clara zu
dringen, weil ihm seine jetzige Stellung lästig war, und er hoffte, die
ungewöhnliche Schüchternheit seiner Braut werde sich von selbst geben, wenn ihr
beiderseitiges Verhältnis zu einander kein Geheimnis mehr sei.
    Am zweiten Abende hatte sich denn auch der Zustand der Mutter so weit
gebessert, dass Clara sie auf ihren ausdrücklichen Befehl verlassen musste, um
sich ihrem Bräutigam nicht unnötig zu entziehen, der, innig erfreut, sie wieder
zu haben, ihr den Vorschlag machte, mit ihm nach Berghoff zu fahren. Er
wünschte, Clara möge sich nach den in der Krankenstube ihrer Mutter verlebten
Tagen in freier Luft erholen und zugleich mit ihm die befreundete Familie
besuchen, von der er noch Niemand gesehen hatte. Clara lehnte aber Beides ab und
bat William, ihr in ihr Zimmer zu folgen, da sie ihn allein und gleich zu
sprechen habe.
    Als sie sich in demselben allein mit ihm befand, sagte sie: Ich weiss
wirklich nicht, lieber William, wie ich es machen soll, Dir zu sagen, was Du
doch erfahren musst. Du bist mir mit so herzlichem Vertrauen entgegen gekommen,
so gut, so freundlich gegen mich gewesen, dass ich Dir nie genug danken kann. Sie
stockte; William sah sie verwundert an und sagte: Ist denn das Versprechen, die
Meine zu werden, nicht der schönste Dank, den meine Liebe von Dir begehrt?
    Das ist es eben, fiel Clara ein, was mich beunruhigt. Glaube mir, ich
erkenne Deine treue Anhänglichkeit mit tiefer Beschämung, ich achte Dich von
Herzen -
    Aber Du liebst mich nicht, rief William, sage es kurz, Clara! Du schlägst
meine Hand aus, weil ich Dir gleichgültig, oder wohl gar zuwider bin.
    Nein, das nicht; gewiss, das nicht. Ich habe Dich lieb, William, von Herzen
lieb, ich bin überzeugt, dass einer Frau ein schönes Loos an Deiner Seite werden
muss - aber ich kann Deine Frau nicht werden.
    So liebst Du einen Andern? fragte William heftig und stand auf.
    Ein leises, kaum hörbares Ja von Clara's Lippen gab ihm darauf Antwort. Er
trat erschreckt zurück. Dann blieb er lange schweigend vor Clara stehen und
fragte endlich, mühsam seinen Schmerz bekämpfend: Und weiss der Glückliche, dass
Du ihn liebst? Verdient er das Glück, das er mir raubte?
    Er weiss es, antwortete Clara, aber glücklich ist er nicht und bin ich nicht,
und können wir nie werden.
    Jetzt verstand er sie; und im Tone des Vorwurfs fragte er: Und das erfahre
ich erst jetzt, nachdem ich seit lange an Deine Liebe geglaubt, auf Deine Hand
gerechnet hatte? Wie durftest Du so an mir handeln? Wie konnte Deine Mutter mir
so zuversichtlich ihr Wort für Dich geben?
    Vergib mir, William, bat Clara, wenn ich Dir verschwieg, was wir einander
nur gestanden, um es für ewig zu vergessen. Niemand weiss davon, und von Dir, von
Deiner Grossmut erflehe ich es als die höchste Gunst, dass Du selbst dem
Anspruche an meine Hand entsagst und mir beistehst, die Verzeihung meiner Mutter
zu erlangen. Sie wird unerbittlich darauf dringen, dass ich ihr Wort löse und Dir
meine Hand gebe, die Du nicht begehren wirst, da Du jetzt Alles weisst.
    William hatte sich niedergesetzt und sah düster sinnend vor sich nieder. Die
widersprechendsten Gefühle wogten in seiner Brust. Ein paarmal war es, als ob er
seinen Gedanken Worte geben wolle, dann aber unterdrückte er sie wieder, wie
wenn er das rechte Wort noch nicht gefunden hätte, bis er endlich aufstand,
Clara die Hand reichte und sagte: Du siehst wohl, dass ich darauf nicht
vorbereitet war, mich nicht darein finden kann; denn es fällt schwer, so
plötzlich von seinen liebsten Hoffnungen zu scheiden. Darum fordere heute keinen
Entschluss, kein Versprechen von mir; nur darauf nimm mein Wort, Niemand, auch
Deine Mutter nicht, soll Dich zu einem Schritte zwingen, der mich nicht
glücklich machen kann, wenn Du ihn nicht freiwillig tust.
    Guter, edler Mann! rief Clara dem Enteilenden nach, der sie nach seinen
letzten Worten verlassen hatte, um Eduard aufzusuchen und sich mit diesem zu
erklären.
    Er traf den Doctor glücklicherweise in der Stadt und zu Hause, wo er in den
jetzt einsamen Gängen des Gartens umherging und schnell William entgegeneilte.
Sie reichten sich die Hände zum gewohnten Gruss, aber plötzlich zog Hughes seine
Hand zurück und Eduard, die Absichtlichkeit dieser Handlung bemerkend, sagte:
Sie kommen von Ihrer Cousine!
    Ich komme von ihr und weiss Alles, antwortete der Andere. Was haben Sie mir
darauf zu sagen?
    Einen Augenblick bedurfte Eduard, um sich zu sammeln, dann sprach er mit
sicherer Stimme: Wir Beide, denke ich, können auch in dieser Angelegenheit, die
uns gleich nahe berührt, offen zu Werke gehen, weil sie dem Einen so heilig ist,
wie dem Andern. Es wäre unwahr, wenn ich mich einer Grossmut rühmen wollte, die
ich nicht in mir fühlte. Ich liebe Clara, das wissen Sie, und würde Alles daran
gesetzt haben, sie zu besitzen, wäre es möglich für mich gewesen, ohne meine
Ehre zu opfern. Nur nachdem ich alles Mögliche versucht, vergeblich versucht
habe, fügte ich mich widerstrebend in den Gedanken, Clara zu entsagen.
    Und das erzählen Sie mir? mir, dessen Ansprüche an Clara Sie kannten, mir,
der Sie für seinen Freund hielt?
    Sie irren! entgegnete der Doctor. Ich kannte Ihre Ansprüche nicht, aber ich
ahnte, dass Clara Ihnen bestimmt und teuer sei, ich wusste fast gewiss, dass meine
Hoffnung sich nur von meinen Wünschen täuschen liess, und dennoch kämpfte ich
vergebens gegen eine Neigung an, die Clara erriet und teilte, so sehr ich sie
ihr zu verbergen strebte. Der Kampf um Liebe, um ein Weib ist ein unerbittlicher
Kampf, ein Kampf auf Leben und Tod. Es gibt kein Drittes. Und wenn zwei
Unglückliche auf dem Meere schiffbrüchig umhergetrieben werden, wenn ein letztes
Brett Beide von sicherm Verderben trennt, wenn Einer untergehen muss; werden Sie
Den verdammen, der, um sich zu retten, den Andern im unwillkürlichen Trieb der
Selbsterhaltung hinunterstösst, auf die Gefahr hin, ihn sinken zu sehen?
    Ihr Gleichniss mag richtig sein, versetzte William bitter; ich bin nur leider
nicht in der Stimmung, mich mit Gleichnissen abzufinden, und muss Sie deshalb
bitten, mir unumwunden zu erklären, wie Sie in Betreff meiner Cousine jetzt zu
handeln denken. Eduard wollte heftig werden, aber er bezwang sich und antwortete
mit möglichster Ruhe: Ich handle, wie Clara es von mir gefordert, wie ich es vor
mir selbst verantworten kann, und ich bitte Sie, zu bemerken, dass nur die
Rücksicht auf Ihr gekränktes Gefühl und auf die Ansprüche, welche Sie an Clara
zu haben glauben, mich zu irgend einer Erklärung veranlasst, die Sie in diesem
Tone von mir zu fordern nicht berechtigt sind. Nachdem ich jede Hoffnung
verloren hatte, mir Clara zu gewinnen, und ihr im ersten Schmerz darüber meine
Liebe gestand, wollte ich für immer von ihr scheiden; und ich sagte ihr das
schriftlich. Sie selbst befahl mir zu bleiben, obgleich auch sie von der
Hoffnungslosigkeit unserer Liebe vollkommen überzeugt war. Ich blieb, weil sie
es wünschte, weil sie die Entsagung, zu der wir verdammt sind, leichter zu
tragen hoffte, wenn wir uns nicht plötzlich und gewaltsam trennten. Seitdem habe
ich sie nur selten und niemals allein gesprochen; ich habe mir keine Annäherung
erlaubt, ich wage auch nicht, den kleinsten Anspruch an Clara zu machen, weil
ich leider ihr nichts bieten, nichts sein darf, was mich dazu ermächtigte. Ich
weiss, man wird darauf dringen, dass Clara sich verheiratet. Schwer wird mir der
Gedanke, sagte er, und seine Festigkeit wankte so sehr, dass seine Stimme
zitterte, es wird mir schwer werden, die Geliebte als das Weib eines Andern mir
vorzustellen, sehr schwer! Dann sammelte er sich wieder, reichte William die
Hand und sagte: Aber meine Hand darauf, ich werde sie ruhiger und lieber in
Ihren Armen, als in denen jedes andern Mannes sehen, denn auch Sie sind mir
wert und Sie verdienen ein Mädchen wie Clara, weil Sie es zu würdigen wissen.
    William war von des Doctors sichtbarem Schmerz und seiner Offenheit
überwunden. Er schlug in die dargebotene Rechte und sagte: Sie wissen es nicht,
wie sehr ich Clara liebe, aber gerade darum möchte ich nicht, dass sie mir mit
Widerstreben folgt, ich will nicht, dass der Gedanke, sie hätte doch vielleicht
die Ihre und mit Ihnen glücklicher werden können, wenn ich nicht dazwischen
getreten wäre, jemals von meiner Frau gedacht werden soll. Darum überlegen Sie
selbst: Gibt es eine Möglichkeit, ein Mittel, durch das Sie Clara's Hand
erlangen können, so trete ich zurück.
    Ich habe keine Aussicht, keine, antwortete Eduard schmerzlich, aber
bestimmt, als die Emancipation unsers Volkes, die noch in weiter Ferne liegt,
und auch dann stehen mir die Ansichten von Clara's Eltern entgegen. Clara selbst
hat mir jede Hoffnung genommen und glaubt an keine.
    Das genügt mir! rief William mit einer Freude, welche deutlich hervorbrach,
obgleich er sie aus Zartgefühl vor dem Freunde zu verbergen trachtete.
    Eduard sass in sich gekehrt und wortlos, und sein Freund ehrte, ebenfalls
schweigend, diese Todtenfeier seines Herzens. So verging eine lange Zeit, bis
William sich erhob und, indem er sich zum Fortgehen anschickte, Eduard Lebewohl
sagte.
    Sie gehen schon? fragte dieser, wie aus schwerem Traum erwachend, und sah,
nachdem sie sich mit einem Händedruck getrennt, dem rasch Dahineilenden lange
nach. Dann, als er ihn aus dem Gesichte verloren hatte, rief er: Er geht zu
seiner Braut! und wie ein Dolchstoss zuckte die Gewissheit durch sein Herz.
Schwere Tropfen fielen aus seinen Augen nieder. Sie galten der verlornen
Geliebten.
Die Commerzienrätin war von der Sorge um ihren Sohn völlig hingenommen. Sie
schrieb ihm, dass sie durch ihren Schwager und durch William von dem Grunde
unterrichtet sei, der ihn abhalte, nach Deutschland zurückzukehren. Sie beschwor
ihn, sich loszureissen, kein Opfer an Geld zu achten, um sich von einer Frau zu
befreien, deren wahre Absicht ihm nicht verborgen sein könne, und war
unvorsichtig genug, ihm zu diesem Zweck eine immerhin beträchtliche Summe aus
ihrem Privatvermögen anzuweisen, damit sein Vater gar nichts von diesem
Verhältnis zu erfahren brauche. Was die aufrichtige Besorgnis einer Mutter, die
Furcht vor üblem Aufsehen, einer so stolzen Frau nur einzugeben vermochten, das
stellte sie ihm in den beredtesten Worten vor, und harrte angstvoll und
ungeduldig seiner Antwort. Doch der erste Termin, der sie bringen konnte,
verging und kein Brief von Ferdinand erschien. In dieser peinlichen Ungewissheit
traten alle übrigen Angelegenheiten in ihren Augen zurück und selbst von Clara's
Verlobung war die Rede nicht. Die Commerzienrätin nahm dies Verhältnis als
längst entschieden an; sie sah William und Clara oft und freundlich beisammen,
das genügte ihr, und jetzt an irgend eine gesellschaftliche Rücksicht wie die
Bekanntmachung dieser Verbindung zu denken, war sie nicht gestimmt.
    Für William und Clara war das eine Erleichterung. Er hätte Clara dem Freunde
abzutreten vermocht, wenn sie dadurch glücklich geworden wäre. Da dies nicht
möglich war, dachte er nur daran, sie für sich zu gewinnen, denn er war sicher,
dass ihr Herz endlich seiner warmen Liebe und seinem festen Willen, sie zu
beglücken, nicht widerstehen werde. Er wollte sie durch keinen raschen Schritt
drängen; er sprach ihr nicht von seiner Liebe, aber sein schonendes Betragen,
seine zarten Rücksichten taten das um so deutlicher. Unbefangen brauchte er das
Recht, welches sein doppeltes Verhältnis zu ihr ihm gab, fast unausgesetzt in
ihrer Nähe zu sein. Er las mit ihr, er begleitete sie auf ihren Spaziergängen,
und sie konnte es sich nicht verhehlen, dass William's Unterhaltung in ihrer
jetzigen Verfassung eine Zerstreuung für sie sei und sie abhalte, gänzlich in
den Gram über Eduard's Verlust zu versinken. Eduard hatte sie fast täglich, aber
nur flüchtig in dem Zimmer ihrer Mutter gesehen, deren Zustand seine Behandlung
nötig machte. Ausserdem hatte er es vermieden, sie zu besuchen. Er brachte die
Abende, wenn er konnte, auf dem Landsitz seiner Eltern zu; das Unwohlsein der
Commerzienrätin hielt Clara viel zu Hause und beschränkte sie auf die kleinen
Ausfahrten und Spaziergänge in Begleitung ihres Vetters.
    So waren einige Wochen vergangen, als William, der Clara in ziemlich
heiterer Stimmung sah, sich endlich das Herz fasste, mit ihr von seiner
Unterredung mit Eduard zu sprechen. Ich bin Dir noch Aufklärung über mein
Verhältnis zu Dir und zu Eduard schuldig, sagte er. Dass man sich nicht ohne
Kampf entschliesst, ein Glück, wie Deine Liebe, hinzugeben, oder auf Deinen
Besitz zu verzichten, das glaubst Du mir, denn jetzt am wenigsten würde ich Dir
schmeicheln dürfen. Doch hätte ich zu entsagen vermocht, um Dich glücklich mit
Eduard zu wissen, den Du liebst, und ich habe das Eduard gesagt.
    Clara reichte ihm bewegt die Hand und klagte: Du kannst mir doch nicht
helfen, so edel Du auch bist.
    Aber lindern kann ich, trösten, fiel er ihr ins Wort, und das vergönne mir.
Eduard fühlt wie ich, dass Deine Mutter nicht darein willigen würde, Dich
unvermählt zu lassen, auch wenn ich ganz auf Deine Hand verzichtet hätte. Und
glaube mir, kein Mann, den man für Dich wählen könnte, wird Dich mehr lieben,
als ich, Niemand mit grösserm Vertrauen die Zeit abwarten, bis Dein gerechter
Schmerz sich gemildert haben und Du im Stande sein wirst, wieder an ein Glück zu
glauben, das Dir jetzt unmöglich scheint.
    Clara schüttelte schweigend den Kopf, er tat, als ob er es nicht bemerke,
und fuhr nur noch freundlicher fort: Ich komme Dir vielleicht kalt vor und Du
fürchtest Dich vor dieser Ruhe; aber sie kommt aus der Zuversicht, dass Du Dich
in die unabwendbare Trennung von Eduard fügen und dass es meiner treuen Liebe
gelingen müsse, Dich wieder zu erheitern, Dich froh zu sehen in dem Bewusstsein,
einem redlichen Manne das höchste Gut zu sein. Er schilderte ihr, wie
sehnsüchtig seine Mutter in ihr die Tochter erwarte, die der Himmel ihr selbst
verweigert habe; wie man sie lieben und mit offenen Armen im Hause seiner Eltern
empfangen werde, und seine tiefe Rührung zu verbergen, schloss er mit der
scherzenden Bemerkung: Du kannst doch vielleicht nicht verlangen, Clärchen! dass
ich jetzt, nachdem ich den Eltern die Versicherung gegeben habe, in Dir den
grössten Schatz des Continents mit nach Hause zu bringen, allein zu ihnen
wiederkehren und ihnen sagen soll: Ich war ein eitler Tor, als ich von ihrer
Liebe sprach, sie hat mich nicht gemocht.
    Unwillkürlich lächelte Clara; da konnte William sich nicht länger halten
und, mit aller Fröhlichkeit eines Liebenden aufspringend, nahm er sie in seine
Arme, küsste sie und rief: Mag nun daraus entstehen, was da will, das ertrage ein
Anderer, wenn man sich Monate lang für den glücklichsten Bräutigam gehalten hat,
mit einemmal wieder zum Cousin zu werden. Einen Kuss habe ich glücklich
gestohlen, gleichviel, ob als Verlobter oder als Cousin; nun will ich wieder
geduldig warten und ruhig Deinen Zorn ertragen.
    Und zornig war Clara wirklich über einen Ausbruch, der in so grellem
Widerspruch zu seinen Worten stand, dass sie ihn schnell und offenbar gekränkt
verliess. Indessen, diese Unterredung blieb doch nicht ohne Wirkung. Gewohnt an
verständige Ueberlegung, konnte Clara es sich nicht verbergen, dass William Recht
hatte, als er behauptete, ihre Mutter werde auf eine andere Heirat bestehen,
wenn es ihr selbst gelänge, sich jetzt von der Verbindung mit ihrem Cousin zu
befreien, dessen Betragen ihren aufrichtigen Dank verdiente. Sie sah ein, dass
sie und Eduard keine Hoffnung hätten; aber dass Eduard ihrem Vetter das
zugestanden hatte, verletzte sie, ohne dass sie ihn anzuklagen vermochte. Sie
konnte an Eduard's Liebe, an seinem Schmerz über ihre Trennung nicht zweifeln;
sie nannte es recht, dass er sie jetzt vermeide, und doch war sie unzufrieden mit
ihm, mit William und mit sich, obgleich sie fühlte, dass Keiner von Allen anders
handeln konnte, als er's tat. Der Gedanke, von Eduard getrennt zu sein, fasste
auf die Weise in ihr Wurzel, ohne dass dadurch William ihr näher rückte, der sich
in seiner herzlichen Bewerbung immer gleich blieb und sein Ziel keinen
Augenblick aus dem Gesichte verlor, die Neigung der Geliebten zu gewinnen. Er
hatte daneben die schwere Pflicht, seine Tante über sein eigentümliches
Verhältnis zu Clara zu täuschen, was um so nötiger war, als die
Commerzienrätin noch immer vergebens auf Antwort von Ferdinand harrte und
deshalb gereizt und leicht verletzlich war.
    Sie hatte ihrem Sohne zu wiederholten Malen geschrieben, sich endlich an
ihren Schwager gewendet und von ihm erfahren, wie Ferdinand gleich nach Empfang
ihres Briefes mit seiner Geliebten verreist sei, ohne irgend eine Nachricht zu
hinterlassen, wohin er gehe oder wohin man ihm die Briefe von Hause nachsenden
solle. Es scheint, bemerkte ihr Schwager schliesslich, als ob er aufs Neue in den
Besitz einer grössern Summe gekommen sei, welche ihm diese Reise möglich macht.
Es blieb jetzt der Commerzienrätin keine Wahl, sie musste sich entschliessen,
ihrem Manne das Geheimnis zu entüllen, und die unangenehme Scene, welche die
Heftigkeit beider Teile hervorrief, warf die Mutter aufs Neue nieder. Da langte
endlich ein Brief von Ferdinand an, aber er war nicht an die Eltern, sondern an
William gerichtet und lautete wie folgt:
    »Du hast Dich der Mühe unterzogen, ohne dass ich darum bat, meiner Mutter
eine Mitteilung zu machen, die ich noch geheim zu halten wünschte. Es scheint,
dass dergleichen Vermittlungen Dir Vergnügen machen, und Du wirst es deshalb in
der Ordnung finden, wenn ich Dich jetzt ersuche, meine Eltern gefälligst davon
zu unterrichten, dass ich mich in der vorigen Woche verheiratet habe und mit
meiner Frau nach Paris gegangen bin. Ich werde dort bleiben, so lange die Summe,
welche meine Mutter mir geschickt hat, ausreicht, in Paris in der Weise zu
leben, an welche meine Frau gewöhnt ist. Danke meiner Mutter, dass sie, wie immer
meine Wünsche erratend, auch jetzt meiner Bitte zuvorkam und mir die Mittel
gab, schneller zur Ausführung eines Entschlusses zu schreiten, der
unwiderruflich war, weil er mein Glück sichert und zugleich die Erfüllung einer
Pflicht ist gegen eine Frau, die aus Liebe für mich eine glänzende Zukunft
aufgegeben hat. Jeder Versuch, diese Verbindung zu lösen, würde vergebens sein,
da sie durchaus nach allen Gesetzen gültig vollzogen ist, und würde nur die
Folge haben, dass ich mit meiner Frau früher nach Hause käme, um die nötigen
Schritte dagegen zu tun, obgleich, wie meine Mutter zu schreiben beliebt, die
Anwesenheit meiner Frau, welche doch ein Lord D. zu seiner Gemahlin erkoren
hatte, ein Schimpf für unsere Familie sein würde. Darüber will ich nicht
streiten, da Vorurteile nicht auf mich wirken, ich ersuche Dich also nur,
meinen Auftrag auszurichten. Meinen nähern Freunden habe ich meine Heirat
selbst gemeldet. Meine Frau und ich wünschen Dir und Clara bald ein Glück, wie
wir es geniessen.«
    William war erschrocken, obgleich der törichte Entschluss ihm nicht
unerwartet kam. Er wusste, welchen Eindruck diese Neuigkeit auf seine Tante
hervorbringen musste, aber es war nicht möglich, sie ihr zu verheimlichen, da
Ferdinand zugleich an seine Freunde geschrieben und damit dies Verhältnis zum
Stadtgespräch gemacht hatte.
    Die Familie war in der höchsten Aufregung. Der Commerzienrat eiferte und
zürnte gegen seine Frau, deren unglückliche Verblendung den Sohn verzogen und,
wie diese jetzt selbst gestand, ihm die Mittel zur Ausführung dieser törichten
Heirat gegeben hatte. Clara weinte über das Loos, das ihr Bruder sich bereitet,
und musste doch ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre Mutter wenden, die dieser
Brief vollkommen vernichtet hatte. Die Commerzienrätin versicherte, diesen
Schimpf nicht überleben zu können; sie gab sich einer so fassungslosen
Entmutigung hin, dass Eduard selbst unruhig über ihren Zustand wurde. Er bat
deshalb William und Clara, die Mutter auf irgend eine Weise zu besänftigen, da
bei einer Frau ihres Alters und ihrer Constitution die Nervenzufälle, welche
sich seit einiger Zeit immer wiederholten und jetzt bedeutend zugenommen hatten,
leicht einen traurigen Ausgang nehmen könnten. Anfänglich war jede Vorstellung,
jeder Einwand verloren, und erst nach einigen Tagen gelang es William, der
leidenschaftlichen Frau einen Trost zu geben, mit der Hindeutung, wie Clara's
Liebe und Sorgfalt, die sich jetzt im schönsten Lichte zeige, wohl ein Glück
sei, das die Mutter nicht verkennen dürfe. Dadurch bekamen die Ideen der
Commerzienrätin plötzlich eine andere Wendung.
    Ja, Du hast Recht, mein Sohn, sagte sie, an Clara habe ich mich schwer
versündigt, sie habe ich lange nicht genug geliebt. Aber jetzt werde ich
vergelten; sie soll jetzt mein Stolz, mein Alles sein, und jetzt gleich soll
Eure Verlobung gefeiert werden, damit die Leute nicht glauben, die Schande, die
mein Sohn über mich bringt, habe mich ganz niedergebeugt. Sie sollen sehen, dass
mir in Clara und in Dir noch grosse Freude geblieben ist, und dass ich weder so
schwach, noch so alt bin, mich von einem Unglück niederwerfen zu lassen. Hole
mir Clara herbei, wir wollen die nötigen Schritte noch heute tun.
    Das hatte William nicht beabsichtigt und es setzte ihn in Verlegenheit, um
so mehr, als Clara es leicht für ein planmässiges Werk von seiner Seite halten
konnte. Er versuchte also der Tante zu beweisen, wie ein zu gleichgültiges
Verhalten bei der Nachricht von Ferdinand's unerwarteter Vermählung missdeutet
werden könne, und beredete sie, nicht jetzt, während sie noch leidend und Clara
so betrübt über ihren Bruder sei, ein Fest zu feiern, das mit voller Freudigkeit
begangen werden müsse. Dadurch erlangte er einen kurzen Aufschub. Offenbar hatte
aber die Aussicht, welche ihr William in Clara's Glück eröffnete, eine günstige
Wirkung auf seine Tante gehabt. Sie erklärte, sich wohler zu fühlen, erstand von
ihrem Lager und söhnte sich mit ihrem Manne aus, um sich mit ihm über Clara's
Mitgift zu verständigen, die sie jetzt ebenso sehr zu erhöhen wünschte, als sie
früher auf Beschränkung derselben zu Ferdinand's Gunsten gedrungen hatte. Dies
Alles entging Clara nicht. In ängstlicher Erwartung sah sie der Stunde entgegen,
in welcher dieser Gegenstand endlich zwischen ihr und ihrer Mutter zur Sprache
kommen musste, und diese Stunde liess nicht auf sich warten.
    Eines Morgens liess die Commerzienrätin Clara früher als gewöhnlich rufen.
Sie hatte ihre Krankenstube verlassen und sass mit einer gewissen Feierlichkeit
in ihrem Lehnsessel. Als die Tochter bei ihr eintrat, reichte sie derselben
freundlich die Hand, nötigte sie, sich zu ihr zu setzen, und sagte, nachdem sie
einen Augenblick über den Anfang der Unterhaltung nachgedacht hatte: Mein Kind,
es ist zwischen uns nicht immer so gewesen, wie es hätte sein sollen; und ich
will Dir es gestehen, ich habe Dich verkannt. Ich habe Deine Sanftmut für
Schwäche gehalten, habe Dir auch sonst in meinem Herzen Unrecht getan, weil ich
alle Plane für das Ansehen unsers Hauses nur auf Ferdinand basirte. Er hat meine
Hoffnungen betrogen - ich habe keinen Sohn mehr.
    Ein nervöses Zittern fuhr trotz der Mühe, mit der sie es verbergen wollte,
sichtbar durch ihre Glieder. Clara bat sie, sich zu schonen; sie versuchte ein
Wort zu Gunsten ihres Bruders einzulegen und der Mutter vorzustellen, wie seine
unbesonnene Handlung vielleicht weniger traurig in ihren Folgen sein würde, als
man glaube.
    Die Commerzienrätin liess sie nicht vollenden. Das verstehst Du nicht, sagte
sie heftig. Kann denn irgend Etwas die Schmach vertilgen, dass ein Weib wie jenes
den Namen unserer Familie, meinen Namen trägt? Fürchte nicht, dass Ferdinand
Mangel leiden, dass Dein Vater ihn enterben könne, wie er neulich gedroht. Er
soll mehr haben, als er bedarf, mehr, als Lord D. der Person geboten hätte,
unter der einzigen Bedingung, dass er unsern Namen ablegt, dass er nie nach
Deutschland kommt, dass ich nie wieder von ihm und von dem Frauenzimmer Etwas
höre. Für mich ist Ferdinand todt, ich habe keinen Sohn mehr, wiederholte sie
noch einmal.
    Während dieser Rede war sie immer heftiger geworden und brach zuletzt in
krampfhaftes Weinen aus, das sie zu erleichtern schien. Auf Dich allein ist nun
meine Zukunft angewiesen, sagte sie. Deine Söhne sollen die Erben dieses Hauses
werden und William hat mir versprechen müssen, dass sie unsern Namen neben dem
Euren führen sollen. Morgen muss der Ehecontract aufgenommen werden und sehr bald
soll Eure Hochzeit sein. Ich würde nicht Ruhe haben, ehe ich nicht die einzige
Angelegenheit beendet habe, die mir auf Erden noch Freude machen kann, und dass
Du mir diese letzte Freude machst, das wird Dir Segen bringen. Gott gebe, Du
würdest eine glücklichere Mutter, als ich.
    Sie fiel ganz erschöpft in die Kissen des Sophas zurück, Clara stand
sprachlos an ihrer Seite, bemüht, sie durch den Geruch stärkender Essenzen zu
beleben. Sie hatte sich vorgenommen, ihrer Mutter zu sagen, dass sie William
nicht liebe und ihn nicht heiraten könne, und hatte sich gefasst gemacht, den
heftigen Zorn derselben mit Ergebung zu tragen. Jetzt aber, als die Mutter vor
ihr lag, die stolzen Züge ganz gebrochen von der Macht des Leidens, fehlte ihr
der Mut, sie durch eine entschiedene Weigerung noch mehr zu betrüben. Nur um
Aufschub wollte sie fürs Erste bitten und tat es, indem sie der
Commerzienrätin vorstellte, wie ihr leidender Zustand keine Aufregung gestatte
und wie William gern bereit sein würde, zu warten, bis die Mutter wieder ganz
wohl und kräftig sei. Aber auch davon wollte diese nichts hören, und als in
diesem Moment Eduard in das Zimmer trat, um seinen täglichen Morgenbesuch zu
machen, richtete die Commerzienrätin sich lebhaft mit der Frage empor: Sagen
Sie, lieber Doctor, glauben Sie, dass Freude meinen Nerven schaden könne?
    Im Geringsten nicht, antwortete er unbefangen; ich glaube vielmehr, dass
Erheiterung Ihres Gemüts mehr zu Ihrer Genesung beitragen würde, als irgend
eine Arzenei.
    Also haben Sie nichts dagegen, wenn wir morgen die Verlobung meiner Tochter
feiern?
    Eduard schwieg betroffen; Clara sah ihn mit flehenden Blicken an, ihr Atem
stockte; denn von dieser Antwort hing ihre Zukunft ab. Die Commerzienrätin
schien aber zu glauben, ihr Arzt überlege, ob ihre Anwesenheit in grösserer
Gesellschaft zulässig sei, und sagte: Ich spreche ja von keinem grossen Feste,
nur im engsten Kreise wollen wir die Verlobung vor sich gehen lassen. An solche
Feste, wie Ihre Eltern bei Jenny's Verlobung veranstalteten, darf ich jetzt
freilich nicht denken, auch wird Clara zur Entschädigung in dem Hause ihrer
Schwiegereltern Glanz und Feste in Überfluss finden - deshalb soll Alles morgen
in Stille vor sich gehen und dagegen dürfen Sie keine Einwendungen machen.
    Nein, gewiss nicht! Ich darf keine Einwendungen dagegen machen! antwortete er
mit einem Seufzer und blickte auf Clara, die sich, unfähig seinem Blicke zu
begegnen, an einen Stuhl lehnte, um nicht ihrer Bewegung zu unterliegen.
    Kaum aber hatte die Commerzienrätin Eduard's Erlaubnis erhalten, als sie
die Klingel zog und dem Diener befahl, William zu ihr zu bitten. Eduard hielt
die Hand der alten Dame noch in der seinen, und richtete eine Frage über ihren
Zustand an sie, als William schon dem Ruf der Tante Folge leistete.
    Gleich, gleich, Doctor! unterbrach sie ihn, seien Sie nicht böse. Aber Sie
selbst gestanden mir, Freude sei meine beste Arznei, darum muss ich William
sagen, dass Sie mir die Erlaubnis gegeben haben, morgen die Verlobung der beiden
Lieben feiern zu dürfen.
    Eduard! rief William. Doch ehe er noch ein Wort hinzufügen konnte, sprang
Eduard auf und wollte Clara zu Hülfe eilen, die, unfähig sich länger zu
beherrschen, bleich und matt der Tür zuwankte. Plötzlich blieb er stehen und
sagte rasch, aber mit einer Selbstbeherrschung, die Jeden täuschen musste, der
die Verhältnisse nicht kannte: Ihre Braut ist unwohl, William, begleiten Sie
sie.
    In demselben Augenblick war William auch an Clara's Seite, ihre letzte Kraft
verliess sie, er umfing sie stützend mit seinen Armen, und in Eduard's und in
ihrer Mutter Gegenwart weinte sie heisse Tränen über ihr verlorenes Liebesglück
an ihres künftigen Gatten Brust.
    Noch am Abende fuhr Eduard nach Berghoff hinaus. Clara ist mit William
verlobt, sagte er, nachdem er sich mit den Seinen begrüsst hatte.
    Das freut mich sehr, antwortete sein Vater und drückte Eduard die Hand,
während die Frauen ihn um nähere Mitteilungen baten. Mehr wurde zwischen Vater
und Sohn nie wieder über eine Angelegenheit gesprochen, welche früher zwischen
ihnen der Gegenstand lebhafter Erörterungen, banger Besorgnis und schweren
Kampfes gewesen war.
    Eduard fuhr nach wie vor an jedem Morgen in das Haus der Commerzienrätin,
so lange ihre Gesundheit seine Pflege erforderte; nur Zeuge von Clara's
Verlobung zu sein, hatte er unter einem Vorwande verweigert, und William und
Clara wussten ihm dies Dank. Die ersten Tage, an denen er das neue Brautpaar sah,
bedurfte es seiner ganzen Kraft, um äusserlich eine Fassung zu erzwingen, die ihm
in seinem Geiste noch fehlte. Aber William stand ihm wie seiner Braut in edler
Weise bei. Er selbst begleitete bald darauf Clara nach Berghoff und mit einer
Gewandteit, die aus dem feinsten Schicklichkeitsgefühl und einem wohlwollenden
Herzen entsprang, wusste er Eduard und Clara vor jeder zu schmerzlichen Berührung
zu bewahren.
    
    Während die Damen sich mit einer Unterhaltung über die in beiden Häusern
nötig gewordenen Ausstattungen für die Bräute beschäftigten, zog William seinen
Freund mit sich und sagte: Lieber Eduard! Clara hat gegen mich das Verlangen
geäussert, Sie noch einmal allein zu sprechen, und ich hatte ihr zugesagt, ihr
dazu Gelegenheit zu geben. Später bin ich anderer Meinung geworden, ich habe
Clara gebeten, der Erfüllung dieses Wunsches zu entsagen. Sie werden mir zugeben
müssen, dass es für uns Alle besser ist, wenn wir uns so schnell als möglich über
eine Zeit fortzuhelfen versuchen, die an schmerzlichen Eindrücken nur zu reich
ist. Deshalb habe ich meine Tante überredet, unsere Hochzeit zu beschleunigen.
In vierzehn Tagen spätestens soll sie vollzogen werden.
    Ich billige Ihre Ansicht vollkommen und danke Ihnen für Alles, was Sie tun,
Clara's Gefühle zu schonen, antwortete der Doctor.
    Und nun Eduard! sagte William, noch eine Bitte. Ich habe Sie seit unserm
ersten Begegnen für einen seltenen Mann gehalten; weil Sie der sind, lassen Sie
es mich nicht entgelten, dass ich glücklicher bin als Sie. Ich werde bald eine
Frau haben, die ich liebe - soll ich deshalb den Freund verlieren, den ich
gewonnen zu haben glaubte?
    Nein, bei Gott! das sollst Du nicht! rief Eduard, hingerissen von William's
Worten. Glaube mir, William! dass ich Dich aus Grund der Seele achte; aber wundre
Dich nicht, wenn mir jetzt, wo ich von den Hoffnungen meiner Vergangenheit so
plötzlich scheide, Gegenwart und Zukunft noch umwölkt erscheinen; wenn ich
keinen andern Gedanken habe, als wie gross das Glück war, auf das ich verzichten
musste. Dir vertraue ich dies Glück an, und könnte mich Etwas trösten, so wäre es
das Bewusstsein, Clara an Dich, an den Würdigsten verloren zu haben.
    Arm in Arm kehrten sie zu den Uebrigen zurück, sie fanden Steinheim in der
Familie, der eben dazu gekommen war. Ich schwöre Ihnen, sagte er, ich wäre
längst einmal hieher gekommen, wenn die fatale Hitze mir nicht eine vollkommene
Nervenabspannung zu Wege brächte; besonders da die Stadt so still und einsam
ist, wie Pompeji vor der Ausgrabung.
    So bringen Sie uns keine Neuigkeiten mit, und wir Landleute wissen mehr als
Sie. Denken Sie nur, der räuberische Engländer entführt uns Clara schon in der
nächsten Woche! bemerkte Jenny.
    Ja! dann hat er ein Recht, stolz zu sein, weil wir dann das Einzige an ihn
verlieren, um das England uns beneiden musste, rief Steinheim, Posa's Worte
parodirend, indem er sich gegen Clara tief verneigte.
    Die Hitze macht Sie nicht galanter, sagte Jenny lächelnd, denn Sie
vergessen, dass William mich nicht ebenfalls mitnimmt, sondern dass ich hier
bleibe, um mich an Ihnen für Ihren Mangel an Galanterie zu rächen.
    Gehört die Rache auch zu den christlichen Tugenden einer Frau Pfarrerin?
fragte Steinheim, und da Jenny, gegen sein Erwarten, nichts darauf erwiderte,
sondern die Frage fallen liess, wendete er sich zu den Herren, die, seitwärts
stehend, mit einander sprachen. Bald aber kehrte er wieder zu den Damen zurück,
weil, wie er behauptete, da, wo die Männer sässen, ein furchtbarer Zugwind wehe,
von dem man in dieser Witterung den Tod haben könnte. Man lachte ihn aus, und
doch war er heute Clara willkommen. Seine Anwesenheit, seine Unterhaltung, auch
wenn sie, wie fast immer, nur sein »Ich« betraf, zogen die Aufmerksamkeit von
ihr ab; und je grösser der Zirkel wurde, um so ungestörter konnte sie sich in die
Erinnerung alles Dessen versenken, was sie in diesem Kreise erlebt hatte, und
was sich heute unwillkürlich ihrem Geiste aufdrängte.
    Sehen wir Sie vor Ihrer Hochzeit noch? fragte die Hausfrau sie, als sie
später schieden.
    O, gewiss! antwortete Clara, ich komme noch Abschied von Ihnen Allen zu
nehmen, da wir gleich nach der Trauung abreisen. Denken Sie unser, wenn wir
nicht mehr hier sein werden! bat sie mit kaum unterdrücktem Weinen, und ihr
Blick traf Eduard, der ihn nur zu wohl verstand. William aber machte der stummen
Scene schnell ein Ende und führte seine Braut davon.
Die Trauung des neuen Ehepaares war vorüber; die junge Frau in Reisekleidern war
des Augenblickes gewärtig, in dem die Diener melden würden, dass Alles zur
Abreise bereit sei. Die Gäste hatten sich entfernt, nur Jenny und Eduard waren
noch geblieben. In sich gekehrt sah dieser kaum, was um ihn vorging; er
wünschte, der schwere Kampf des Scheidens wäre an Clara und ihm bereits vorüber.
Die Commerzienrätin sprach mit ihrem Schwiegersohne und empfahl ihm die
dringendste Vorsicht für die junge Frau, welche Hand in Hand mit ihrem Vater da
sass, der in ihr seine einzige Freude verlor.
    Da trat ein Diener herein und wie ein elektrischer Schlag durchzuckten Jeden
die einfachen Worte: Der Postillon hat angeschirrt!
    Weinend schieden die Eltern von der einzigen, schönen Tochter; weinend sank
sie Jenny in die Arme und wollte, sich gewaltsam losreissend, an Eduard vorüber,
ihrem Manne folgen. Dieser aber hielt sie zurück. Und Eduard? sagte er leise
mahnend, und führte sie selber zu dem Freunde hin. Das war mehr als sie ertragen
konnten, aber William hatte vorausgesehen, was er ihnen damit tat, was er ihnen
damit leistete und gewährte.
    Jetzt in der Stunde der Trennung bedurfte es keines Geheimnisses, gab es
keine Entweihung für diese reine Liebe mehr. Eduard zog die Geliebte, William's
Frau, tief erschüttert, an sein Herz, und drückte einen langen Kuss auf ihre
Stirne. Gott segne Sie! rief er, und schloss dann auch William noch einmal in
seine Arme. Gott segne Euch! Er konnte nicht weiter sprechen. Ueberrascht, aber
mit ehrendem Schweigen, sahen es der Vater, sah die Mutter es.
    Leben Sie wohl, Eduard! Ihnen vermache ich meine Eltern, sagte Clara kaum
hörbar, stehen Sie ihnen bei! - Und nun erst nahm William ihren Arm und führte
sie zu dem Wagen, der sie bald den Augen der nachsehenden Freunde entzog.
Nach Clara's Abreise schien Eduard sich plötzlich zu ermannen. Ein Leben, das
ihm keine Freude bot, wollte er für Andere nützen; nicht umsonst hatte er seine
Hoffnung geopfert und der Geliebten entsagt. Er fing an wieder vorwärts zu
blicken, mit neuem Eifer seine medizinischen Studien und die Bestrebungen
aufzunehmen, die er im Verein mit gleichgesinnten Männern schon früher für die
Befreiung seiner Glaubensgenossen gemacht hatte. So hatte der Vater ihn zu
finden erwartet, und das erhabenste Verhältnis bildete sich immer schöner
zwischen ihnen aus, denn auf die rasche Tätigkeit des Sohnes übten die Ruhe und
Weisheit des Vaters den segensreichsten Einfluss. Seit Eduard ganz von der
Leidenschaft für Clara beherrscht, nur dieser und dadurch sich selbst gelebt,
war er auch mit Joseph und Steinheim weniger zusammengekommen; sie nahmen den
Rückkehrenden nun mit Freuden wieder auf. Jetzt erst erfuhren sie auch, welche
Forderung Eduard an die Regierung gestellt, und die abschlägige Antwort, die ihm
geworden, und Beide errieten leicht, was ihn bewogen hatte, jene Angelegenheit
so heimlich zu betreiben.
    Wir müssen mit unermüdlicher Beharrlichkeit den Weg verfolgen, sagte Eduard,
den wir für den rechten halten. Es kommt nur darauf an, dass wir ausharren, nicht
verzagen und immer wieder kommen, so oft man uns auch abweist.
    Das werden sie jüdische Unverschämteit nennen! bemerkte Joseph.
    Mögen sie es immerhin. Nur in der Beharrlichkeit liegt Hoffnung, nur wenn
wir unablässig dagegen stürmen, können die Verschanzungen fallen, hinter denen
sie uns unsere Rechte vorentalten; und fallen müssen sie. Unser Recht muss uns
werden.
    »Und wär' es mit Ketten an den Himmel geschlossen!« unterbrach ihn
Steinheim, der selbst bei einer so ernsten Unterredung, die ihm sehr am Herzen
lag, seine üble Angewohnheit nicht überwinden konnte. Glücklicherweise war man
so sehr daran gewöhnt, dass Niemand es weiter beachtete. Auch Joseph und Eduard
hörten nicht darauf, sondern überlegten lange, ob man jetzt, nachdem Eduard's
persönlicher Wunsch abschlägig beschieden worden, dieselbe Bitte für die Juden
im Allgemeinen bei der Regierung wagen solle. Sie stritten hin und her und kamen
endlich überein, dass Eduard sich nach Jenny's Hochzeit, die nicht allzu fern
mehr war, selbst nach der Residenz begeben und versuchen möchte, was dort zu
erreichen sein würde. Nach diesem Beschlusse verliess Steinheim die Andern, und
Eduard, der erst jetzt wieder auf seine Umgebung aufmerksam zu werden anfing,
sagte zu Joseph: Da wir Jenny's Hochzeit erwähnen, sage mir, Du, der Du meine
Schwester nie aus den Augen verloren hast, was quält Jenny? liebt sie Reinhard
nicht? scheut sie sich vor dem Leben auf dem Lande? oder was geht sonst mit ihr
vor? Ich finde sie geistig in einer Weise verändert, die mich um so mehr
überrascht, als sie mir bis jetzt gänzlich entgangen war.
    Du hast Recht! sagte Joseph, aber wir können ihr nicht helfen, sie quält
sich selbst, und ich weiss nicht, wie das enden wird.
    Wie meinst Du das? fragte Eduard bestürzt.
    Ich bin überzeugt, Jenny ist ohne allen Glauben an die christlichen Dogmen
Christin geworden, und der Gedanke, einen Meineid geschworen zu haben, peinigt
und verfolgt sie mit einer Gewissensangst, vor der sie sich nicht zu schützen
weiss.
    Wär's möglich? - Sollte es Das sein? Was bringt Dich auf die Vermutung?
    Jenny's ganzes Wesen und vor Allem eine Unterhaltung, die ich vor einigen
Tagen mit ihr hatte. Sie brachte absichtlich das Gespräch auf
Religionsverschiedenheit und gestand mir, jetzt, da sie Christin geworden wäre,
käme sie sich manchmal wie ausgeschlossen oder verstossen von den Ihren vor. Es
sei ihr, als wenn sie nicht mehr wie sonst zu den Eltern gehöre, obgleich sie
sich doch Reinhard durch die Taufe nicht näher gebracht fühle. Sie fragte mich,
was ich von dem Eide denke? ob ich überhaupt glaube, dass alle sogenannten Sünden
auch Sünden vor Gott seien? und sie äusserte sich überhaupt in einer Art, die mir
bei ihrem Geiste lächerrlich und kindisch erschienen wäre, wenn ich nicht darin
eine vollkommene, innere Verwirrung, einen Zwiespalt gefunden hätte, der mir
herzlich leid tat. Zuletzt sagte sie mir, sie könne den Gedanken nicht fassen,
nicht mit ihren Eltern auf demselben Kirchhofe zu ruhen. Ich stellte ihr vor,
das sei eine Torheit; auch wir, obgleich noch Juden, könnten leicht fern von
allen Freunden eine Ruhestatt finden, und es sei gewiss höchst gleichgültig, wo
man uns begraben würde. Sie aber blieb dabei, es wäre ihr schrecklich, und war
überhaupt in einer Stimmung, in der jeder Vernunftgrund fruchtlos bleiben musste.
    Das arme Kind! rief Eduard, was kann man für sie tun?
    Wir müssen sie sich selbst überlassen. Ich bin überzeugt, dass sie den Ausweg
finden wird. Das muss man abwarten und ich hoffe, sie findet ihn bald, besonders,
wenn irgend ein äusserer Anlass ihrer Unentschlossenheit zu Hülfe käme und sie
veranlasste, sich offen darüber zu erklären, wo eigentlich die Quelle ihres
Leidens liegt.
    So lass uns gemeinschaftlich über sie wachen, bat Eduard, damit wir den
rechten Augenblick nicht verfehlen, wenigstens Jenny glücklich zu machen, da wir
es nicht geworden sind.
    Leidensgefährte! - sagte Joseph mit einer Miene und einem Tone, die ein
eigentümliches Gemisch von Spott und Schmerz ausdrückten. Wir wollen sie
behüten, so gut es geht, aber ich fürchte, auch ihr ist nicht zu helfen!
    Und leider war Joseph's Vermutung nur zu richtig. Je glücklicher sich Jenny
in Reinhard's Liebe fühlte, um so mehr demütigte sie der Gedanke, unwahr gegen
ihn zu sein. Von frühster Kindheit an hatte man ihr die Lüge als etwas so
Unedles, so Verächtliches dargestellt, dass sie sich nur mit Entsetzen zu
gestehen vermochte, wie tief sie sich in dieselbe verwickelt habe. Der Zustand
ihrer Seele möchte für Denjenigen, der ihn nicht von selbst versteht, schwer zu
beschreiben sein. Sie fühlte sich dem Elemente, in dem sie geboren, der
Atmosphäre, in der allein sie atmen konnte, entrissen. Man hatte sie gelehrt,
wahr gegen sich selbst, gegen jeden Andern zu sein, und Recht und Wahrheit waren
die Sterne gewesen, auf die man von jeher ihr Auge gelenkt. Gott ist die
Wahrheit, das Recht, das Gute und das Schöne, hatte ihr Vater ihr stets gesagt,
und so lange Du das Recht tust, so lange Du wahr bleibst, bist Du Gottes Kind
und mein liebes Kind! - Stundenlang konnte die Erinnerung an diese freundlichen
Worte, bei denen sie sich sonst so glücklich gefühlt, sie jetzt quälen. Nachdem
sie damit angefangen hatte, unwahr gegen sich selbst zu sein, hatte sie durch
eine damals unfreiwillige Selbsttäuschung von ihrem Vater die Erlaubnis erlangt,
zum Christentume überzutreten, an das sie zu glauben wähnte. Als aber der
Zweifel in ihr erwachte; als sie mit aller Anstrengung und dem Aufwande von
tausend Scheingründen in sich die Lehren Reinhard's und des Pastors zu begründen
strebte; da, sagte sie sich jetzt, da habe sie gewusst, dass sie niemals werde
glauben können, was sich gegen ihre Vernunft sträube; und dass sie dennoch, trotz
dieser innern Gewissheit, Christin geworden sei, dass sie ihren Vater, Reinhard
und sich selbst habe hintergehen wollen, das war ein Verbrechen, um
dessentwillen sie sich verächtlich vorkam, eine Sünde, die sie sich nicht
vergeben konnte. Aber was ist Sünde? fragte sie sich dann wieder. Wenn ich
Reinhard nicht anders glücklich machen konnte als durch eine Unwahrheit; wenn
ich selbst ohne sie elend werden musste, kann Gott ein Unrecht strafen, das aus
grosser Liebe begangen wurde? Einen Augenblick fühlte sie sich dann frei und
gerechtfertigt durch die Liebe; durch den Kampf, den es sie gekostet, aus Liebe
gegen ihre Ueberzeugung zu handeln. Sie hatte aus Liebe ein Opfer gebracht, das
ihr schwer geworden war, sie hatte sich selbst überwunden - das war es ja
gerade, was Gott von uns verlangt - und diese Idee gab ihr Ruhe, bis sie sich
gestand, dass auch dies wieder eine Unwahrheit sei. Nicht nur um glücklich zu
machen, sondern um es zu werden, war sie Christin geworden; es lag Selbstsucht
auch in dieser Handlung, und die Bemerkung, dass es ihr fast zur Gewohnheit
geworden, sich nach ihrem Bedürfnis selbst zu täuschen, vermehrte ihre
Seelenpein in einem Grade, der ihr jedes ruhige Urteil raubte. Eine Furcht vor
der Strafe Gottes bemächtigte sich ihrer Seele, und sie, die nicht an die
mystischen Lehren des Christentums zu glauben vermochte, überliess sich fast
willenlos dem Aberglauben des alten Testaments, das Gott einen Rächer nennt, das
Böse strafend bis in das fernste Glied. Auch Reinhard, sagte sie sich, ziehe ich
mit in mein Verderben; auch ihn wird der Strudel erfassen, wenn ich ihm nicht
mehr verbergen kann, dass ich nicht glaube. Was soll er dann beginnen? Er wird
mich lieben und mir doch nicht verzeihen können! Auch er wird in den heillosen
Kampf zwischen seiner Liebe und seinem Glauben geraten; auch auf sein teures
Haupt werde ich das Elend herabbeschwören, das mich nicht ruhen lässt, und das
wird die erste Strafe sein, mit der Gott meine Sünden rächt.
    In dieser Verfassung ihrer Seele vermehrten die Briefe des Geliebten ihr
Leiden. Sie sprachen ihr warme Liebe und ein volles unbedingtes Vertrauen aus.
Er schilderte ihr das Glück einer Ehe, wie er sie an ihrer Seite erwarte, die,
auf gleichen Ansichten, gleicher Ueberzeugung gegründet, in gemeinsamem Streben
nach Vollkommenheit, den Himmel auf Erden bieten müsse; und meldete ihr endlich
voller Freude, dass der Tag zu seiner Ordination bestimmt sei und er, sobald ihm
diese Weihe geworden, zurückkehren werde, um sie heimzuführen. Seine Mutter, die
seiner Ordination beizuwohnen wünsche, sei bereits bei ihm und werde mit ihm zur
Hochzeit nach Berghoff kommen. Dann wünsche er vor derselben mit Mutter und
Braut das Abendmahl zu nehmen, was Jenny bisher noch nicht empfangen hatte, und
bald nach der Hochzeit abzureisen, während seine Mutter in der Stadt bleiben
würde, um sie die Tage des ersten Beisammenseins ganz ungestört und allein
geniessen zu lassen.
    
    Jenny's Herz schlug freudig der langersehnten Nachricht entgegen, sie
drückte das Blatt an ihre Lippen. Vor der sichern Hoffnung auf die nahe
Vereinigung mit dem Geliebten war für einen Augenblick jeder andere Gedanke aus
ihrer Seele geschwunden; und sie begann den Brief nochmals zu lesen, um nur
keines der Worte zu verlieren, welche sie so glücklich machten. Da fiel ihr
Blick auf die Stelle: Ich wünsche noch vor unserer Hochzeit mit Dir das
Abendmahl zu nehmen, und auch auf diese Weise in die heiligste, innigste
Gemeinschaft mit Dir zu treten, die Du bald als mein geliebtes Weib,
unauflöslich, untrennbar mit mir verbunden, mein sein wirst.
    Ihrer Hand entsank das Blatt, jetzt war der Augenblick gekommen! Zum zweiten
Mal, wie bei der Taufe, ein Spiel zu treiben mit Dem, was Reinhard das Heiligste
auf der Welt war, das vermochte sie nicht. Dies, das fühlte sie, dies war der
entscheidende Moment, in welchem sie entweder sich durch einen gewaltsamen
Entschluss in ihrer eigenen Achtung wieder herstellen und ihr Gewissen in Bezug
auf Reinhard beruhigen, oder sich mit geschlossenen Augen in ein Labyrint
stürzen musste, in dem sie und der Geliebte untergehen konnten.
    Der Kampf war ernst und schwer, aber die Wahrheit siegte, und aufgelöst in
Schmerz schrieb sie nach durchwachter Nacht, als schon das helle Tageslicht in
ihre Fenster schien, folgenden Brief an Reinhard:
    Geliebtester! Wie viel glücklicher wären wir Beide, wenn statt dieses
Briefes die Nachricht in Deine Hände käme, Deine Jenny sei gestorben. Du würdest
weinen, mein Reinhard! Du würdest um mich trauern, mein Andenken lieben, wie Du
mich liebst, und ich wäre, erhoben von diesem Gedanken, geschieden und hätte
Ruhe. Warum konnte ich nicht sterben, als Du mich das letzte Mal in Deine Arme
schlossest, als Deine Liebe mich so beglückte? Denkst Du daran, wie ich es
wünschte, wie ich es Dir sagte, weil ich schon damals ahnte, dass ein Augenblick,
wie der jetzige, mir bevorstehen könnte?
    Bei der Erinnerung an jene Stunde beschwöre ich Dich, bei der Liebe und
Nachsicht, die Du mir damals gelobt hast, stosse mich jetzt nicht von Dir, mein
Geliebter! Du, der mich fast seit meiner Kindheit kennt, den ich liebte, seit
ich ihn zuerst sah. Du bist mein Lehrer gewesen und kennst meine Seele; Du
weisst, dass mein Geist ebenso heiss nach Wahrheit dürstet, als mein Herz Liebe
verlangt. Darum kannst Du mich verstehen, darum musst Du Mitleid mit mir haben,
wenn ich Dir sage, dass ich Dich mehr als die Wahrheit liebe, dass ich meine
Ueberzeugung zwingen wollte, sich meiner Liebe zu fügen. Ich vermag es nicht
länger.
    Von Augenblick zu Augenblick zögere ich, Dir ein Bekenntnis zu machen, von
dem ich fürchte, dass es Dich tief betrüben, mich in Deinen Augen heruntersetzen
könne. Ich möchte Dich an all die Liebe erinnern, die uns vereint, an das Glück,
das wir gemeinsam erhoffen, damit sie Dir vorschweben, wenn ich Dir Alles gesagt
haben werde.
    Ich glaube nicht, dass Christus der Sohn Gottes ist; dass er auferstanden ist,
nachdem er gestorben. Ich glaube nicht, dass es seines Todes bedurfte, um uns
Gottes Vergebung und Nachsicht zu erwerben. Die Dreieinigkeit, die er lehrte,
ist mir ein ewig unverständlicher Gedanke, der keinen Boden in meiner Seele
findet. Ich glaube nicht, dass es ein Wunder gibt, dass Eines geschehen kann,
ausser den Wundern, die Gott, der Eine, einzig wahre, täglich vor unsern Augen
tut. Und selbst zu Christus, des erhabenen, göttlichen Menschen Erinnerung kann
ich das Abendmahl nicht nehmen, mich nicht zu einer Ceremonie entschliessen, die
mir wie eine unheimliche Form erscheint, während Du die innigste Verbindung mit
Gott darin feierst.
    Ich kann nicht anders! Diese Ueberzeugung ist stärker als meine Liebe, als
ich! Nach furchtbarem Kampfe wurde ich Christin; denn schon vor der Taufe war
die Wahrheit in mir Herr geworden über eine Täuschung, die ich mit der Angst der
Verzweiflung in mir zu erhalten strebte, um Deinetwillen! Lügen kann ich nicht
länger, aber auch glauben kann ich nicht - kein Ausweg ist möglich; und mit dem
Gefühl der tiefen Liebe, die ewig wahr und unverändert in mir ist, werfe ich
mich an Deine Brust. Du sollst mir sagen, wie ich Frieden mache zwischen Liebe
und Glauben, wie ich mich wiederfinde in dem Gewühl des Kampfes.
    Wenn Du mich liebst, habe Mitleid mit mir, komme bald, komme gleich und lass
mich aus Deinem Munde die Worte hören, die meiner Seele allein Ruhe geben
können. Sage mir, dass Du mich lieben kannst, wenn ich auch nicht an Christus
glaube, wie Ihr es verlangt. Ihr sagt, er sei die Liebe - nun, dann ist er mit
mir, denn ich liebe Dich, wie je ein Mensch zu lieben vermochte; ich kenne kein
Glück als Deine Liebe. Schreibe mir nicht! Das dauert zu lange, komme selbst,
damit ich Dich sehe und in Deinen Augen die Antwort finde, die langsam aus
todten Lettern zu lesen, eine Qual wäre, die Du mir ersparen wirst, weil Du mich
liebst. Ja! ich weiss, dass Du mich liebst. Mit dem Glauben, sage ich Dir, auf
Wiedersehen! Geliebter, Lehrer, Freund, mein Alles auf der Welt! Lass mich nicht
lange auf Deine Ankunft warten, jetzt, wo jede Minute mir zu Jahren wird, bis
ich Dich sehe!
    Nachdem sie diesen Brief gefaltet und der Diener ihn besorgt hatte, schien
es ihr, als hätte sie nichts von Dem gesagt, was sie eigentlich gedacht. Sie
wollte ihn zurück haben, es anders sagen, nochmals überlegen. Sie warf sich vor,
zu rasch gehandelt zu haben, sie befahl dem Diener, sich zu beeilen und Alles
aufzubieten, um ihr diesen Brief zurückzubringen. Aber vergebens. Die Post war
abgegangen, kein Widerruf war möglich. Nun, so mag Gott sich meiner erbarmen!
rief Jenny und stürzte weinend zu ihren Eltern, die jetzt durch sie das
Geschehene erfuhren und, mit ihr leidend, Alles aufboten, ihr Ruhe und Trost zu
geben. Zärtlich, nur für den Augenblick besorgt, versicherte ihre Mutter, Jenny
könne doch unmöglich daran zweifeln, dass Reinhard sie liebe, und sie hege das
Vertrauen, ein so aufgeklärter Mann werde an seiner Braut wegen einer
Meinungsverschiedenheit nicht irre werden. Sie erinnerte sie, wie duldsam sich
Reinhard und die Pfarrerin gezeigt, noch ehe von irgend einem Verhältnis zu
Jenny die Rede gewesen, und sprach die feste Ueberzeugung aus, Reinhard in
wenigen Tagen hier und Jenny glücklich zu sehen. Und doch weinte sie mit der
Tochter, denn ihr Herz war fern von den Hoffnungen, mit denen sie diese zu
beruhigen strebte.
    Täusche Jenny nicht mit Erwartungen, die sich nicht erfüllen werden, oder
ich müsste Reinhard nicht kennen, sagte der Vater. Ich fürchte, er kommt nicht.
    Gott im Himmel, was habe ich getan! rief Jenny.
    Was ich Dir zu tun geraten hätte, antwortete ihr Vater, hätte ich Deinen
Zustand früher schon gekannt. Du durftest nicht daran denken, in eine Ehe zu
treten, der nach Reinhard's Ansicht das innere Bindungsmittel fehlte. Du
durftest namentlich ihn nicht täuschen über Deine Gesinnung. Jetzt hast Du Deine
Pflicht erfüllt und Du wirst in dem Bewusstsein, das Rechte getan zu haben,
Kraft finden, auch das Schwerste zu ertragen.
    Jenny war trostlos. Sie wollte einen zweiten Brief schreiben. Kannst Du
etwas von Dem widerrufen, was Du in dem ersten gesagt? fragte der Vater. Sie
musste zugeben, das sei ihr nicht möglich. So schreibe auch nicht, bedeutete er
sie.
    Dann verlangte sie, gleich jetzt zu Reinhard zu reisen. Sie wollte ihn
sprechen, alle seine Einwendungen besiegen, aber auch Das erklärte ihr Vater für
untunlich. Sieh, mein geliebtes Kind, sagte er, Du bist nun leider einmal in
einen Kreis von Widersprüchen geraten, aus denen nur ein gewaltsamer Ausweg
möglich sein wird. Reinhard ist duldsam gegen den Andersgläubigen, aber seine
Frau will er nicht nur dulden, er will sie lieben, sie soll ein Teil seines
Ich's werden. Das kannst Du nicht, wenn Du in Dem, was einmal der Mittelpunkt
seines Wesens ist, so vollkommen von ihm abweichst. Selbst wenn er sich
überwinden und schweigen wollte, würde schon die Notwendigkeit, gegen seine
Frau auf seiner Hut zu sein, mit ihr nicht über seine heiligsten Interessen
sprechen zu können, eine Störung Eures Glückes werden, abgesehen davon, dass
Deine Gesinnung gerade zu seinem Beruf in einem noch schrofferen Widerspruche
steht.
    Innig zog er sein leidendes Kind in seine Arme, aber er versuchte nicht, es
zu trösten. Blicke fest in Dein Inneres, sagte er, dort wirst Du Quellen des
Trostes finden, die uns nie fehlen, wenn ein Schmerz uns trifft, ein Unglück uns
droht, das wir nicht selbst verschuldet haben. Wir Alle leiden mit Dir und Gott
wird Dir beistehen.
    Eine tiefe Trauer schien über dem Hause zu liegen. Jeder fürchtete, Jenny
auf irgend eine Weise zu verletzen, ihr wehe zu tun. Man wollte sie schonen,
sie die ganze Grösse der Liebe fühlen lassen, die man für sie empfand, und selbst
Terese, der die obwaltenden Verhältnisse kein Geheimnis bleiben konnten, hatte
wahres Mitleid mit Jenny, die sich in stiller Ergebung zu fassen versuchte, was
bei ihrem lebhaften Charakter um so rührender erschien.
    Ebenso traurig sah es bei Reinhard und seiner Mutter aus. Ihn hatte Jenny's
Brief wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel getroffen, und er war Anfangs
keiner Empfindung, keines Gedankens mächtig gewesen. Nur das Bewusstsein, dass ihm
ein grosses entsetzliches Unglück widerfahren sei, stand klar vor seiner Seele.
Wie war das möglich, wie hatte das geschehen können? fragte er sich und sass in
starrer Betäubung da, bis die Pfarrerin hinzukam und mit Schrecken den Ausdruck
schweren Kummers in den Zügen ihres Sohnes erblickte. Sie fragte, was ihm
geschehen sei? Statt aller Antwort reichte er ihr Jenny's Brief. Brauchen wir zu
sagen, wie er auf sie wirkte? - Sie setzte sich neben ihrem Sohne nieder und
ergriff seine Hand. Sie konnten Beide keine Worte finden.
    Das also ist das Ende alles meines Hoffens! rief Reinhard endlich und
versank wieder in sein früheres Brüten. Und Jenny, fügte er dann hinzu, was wird
aus ihr mit ihrem heissen Herzen?
    Das ist meine kleinste Sorge! Für Jenny wird der Trost sich finden! meinte
die Pfarrerin bitter. Denn kaum hatte sie sich von dem ersten Schrecken erholt,
als ihr mit erneuerter Deutlichkeit Teresens Behauptung einfiel, Jenny liebe
Erlau und habe sich schon lange nicht glücklich in Reinhard's Liebe gefühlt. Die
Pfarrerin war eine verständige, welterfahrne Frau, sie war aber auch Christin
und Mutter, und tief verletzt in ihrem Glauben und in ihrem Sohne. Unzählige
verschiedene Verhältnisse hatte sie im Leben kennen gelernt. Selbst in dem
Kreise ihrer Bekannten gab es viele Juden, die zum Christentum übergetreten
waren und glücklich und ruhig in demselben lebten. Warum sollte Jenny allein,
die ihr selbst so oft mit wahrer Erbauung von Jesu und seinen Lehren gesprochen,
kein Heil zu finden im Stande sein an der Quelle, aus der Segen für die ganze
Menschheit geströmt war? Jenny, die obenein Reinhard zum Lehrer gehabt, dessen
innige, fromme Ueberzeugung Jeden gewinnen musste? An diesen Grund von Jenny's
Zerrissenheit konnte sie nicht glauben; und tat sie es dennoch, dann schauderte
sie vor dem Leichtsinne, mit dem das Mädchen einen Meineid begangen hatte. Wer
mit den heiligsten Dingen spielen konnte, bot auch dem Gatten keine Sicherheit.
Ebenso wie gegen Gott konnte sie sich einst gegen ihren Ehemann versündigen,
denn im Grunde war es vielleicht nur Erlau's würdiges Betragen gewesen, das sie
abgehalten hatte, schon ihrem Bräutigam untreu zu werden. Der Schmerz über die
Leiden ihres Sohnes machte sie ungerecht, und ihre gekränkte Muttereitelkeit
gewann so sehr über ihre Vernunft den Sieg, dass sie dem Sohne ihre Zweifel an
Jenny's Aufrichtigkeit und ihre ganze Unterredung mit Terese mitteilte.
    Kaum aber hatte sie es getan, als sie das Unheil zu bereuen anfing, das sie
angerichtet hatte. Ein Funke, der in eine Pulvermine fällt, kann keine
zerstörendere Wirkung hervorbringen, als die Worte seiner Mutter auf Reinhard.
Mit tiefer Wehmut hatte er Jenny's bis jetzt gedacht. Sein Leiden und das ihre
hatte er gleichmässig und vereint empfunden; er hatte sich alle Beredsamkeit der
Welt gewünscht, um Jenny eine Ueberzeugung zu geben, welche es möglich machte,
ihre Trennung zu verhindern, die für sie in den jetzigen Verhältnissen
unvermeidlich wurde. Nun, bei der Erzählung der Mutter, erwachte seine
Eifersucht aufs Neue. Sein altes Misstrauen fing sich zu regen an, und wie eine
Furie verfolgte ihn unablässig der Gedanke, das Spielzeug in den Händen eines
Mädchens gewesen zu sein, das ihn verwarf, sobald ein neuer Wunsch es
gleichgültig gegen den frühern werden liess. Er hatte Jenny so sehr geliebt, er
war bereit gewesen, ihr Alles, selbst seinen Stolz, sein Ehrgefühl zu opfern; zu
Almosen von der Hand ihres Vaters hatte er sich um ihretwillen erniedrigen
gewollt, und nun er sich am Ziele wähnte, in ihre Hand seine Hoffnungen, seine
höchsten Wünsche legte - nun besass ein Anderer ihr Herz, und sie entzog ihm ihre
Hand unter einem Vorwande, der sie in seinen Augen verächtlich machte. Jenny zu
verlieren schien ihm ein Glück gegen die Pein, sie nicht mehr achten zu können;
sie, in deren junge Seele er selbst den Keim alles Grossen und Schönen gepflanzt,
die er als eines der schönsten Werke des Schöpfers heilig gehalten hatte.
    Würde nur Jemand ihm warnend, beruhigend zur Seite gestanden haben, er hätte
sich aus der Verwirrung der Leidenschaften leicht und schnell zurecht gefunden;
denn nur zu deutlich hatte ihm, so lange er selbstständig geurteilt, Jenny's
Brief den Zustand ihres Herzens verraten, und kein Zweifel an der Wahrheit
ihrer Worte war in ihm aufgekommen, bis die Mutter seinen Argwohn rege gemacht.
In ihrer Entrüstung achtete die Pfarrerin nicht auf die heissen, flehenden Bitten
Jenny's, die nichts sehnlicher verlangte, als Reinhard's Eigentum zu bleiben;
der Gedanke allein, Jenny weigere sich, Reinhard's Frau zu werden, sie schlage
die Hand ihres Sohnes aus, ihr Sohn sei von seiner Braut abgewiesen, war ihr
gegenwärtig und er erbitterte sie um so mehr, als sie Grund hatte, auf den Sohn
stolz zu sein, der diese Verbindung wie sein höchstes Glück erstrebt hatte.
Geschäftig, ihn zu trösten, hielt sie ihm das Unrecht vor, das man an ihm
begehe, und steigerte dadurch sein eignes Leiden so sehr, dass er, von Eifersucht
und gekränktem Stolz getrieben, in der ersten Aufregung seines
leidenschaftlichen Schmerzes diese Antwort schrieb:
    Ein Mädchen, das Seelenstärke genug besitzt, den vertrauenden Mann, der mit
glaubensvoller Liebe jeden Zweifel an sie für eine Todsünde gehalten, mit dem
heiligsten Eide zu täuschen, wird die Kraft finden, eine Trennung zu ertragen,
der mein Männermut zu unterliegen droht. Wohl ihr, wenn diese Kraft sie auch
vor Reue zu bewahren vermag.
    Anfänglich sollte das Alles sein, was er ihr sagen wollte, und seine Mutter,
welche dies Blatt gelesen, war eilig, es abgesendet zu wissen, weil es gerade so
ihrer Gesinnung entsprach. Aber ein anderer Geist, eine unsägliche Traurigkeit
kam über Reinhard. Er nahm das Blatt aus den Händen seiner Mutter, öffnete es
nochmals und fuhr fort:
    Jenny, warum hast Du mir das getan? Gab es kein anderes Spiel, als das mit
meinem Herzen? Ich weiss jetzt Alles, weiss, dass mich mein Argwohn nicht betrog.
Du kannst mich nicht mehr täuschen. Alle Bande zwischen uns sind gelöst, mein
Gewissen verlangt, dass ich sie zerreisse, aber mein Herz blutet. Ich fühle, dass
ich kein Weib die Meine nennen darf, dem der heilige Glaube, welchen zu
verkünden ich berufen bin, verschlossen ist. Und doch könnte ich Dich lieben,
könnte Dich segnen, wenn Du mir nur die Möglichkeit gelassen hättest, Dich zu
achten. Warum sagtest Du mir nicht, dass Du Erlau liebtest, dass nur er Dich
beglücken könne? Für Dich wäre mir das Opfer nicht zu schwer gewesen. Aber Du
liebtest ihn und gelobtest mir Treue; Du teilst meinen Glauben nicht und
schwörst, dass auch Dich Christus durch seinen alleinseligmachenden Tod mit dem
Vater im Himmel vereint. Jenny, wie durftest Du so grausam das Ideal zerstören,
das ich in Dir anbetete? Wie konntest Du Deine Seele, dies heilige, Dir von Gott
vertraute Pfand, bis zu dieser Tat versinken lassen? Sage mir nicht, dass Du
Dich getäuscht hast, das ist unmöglich, wenn Du es nicht wolltest. Selbst Liebe
entschuldigt die Lüge nicht, und diese Lüge ist es, die uns für ewig trennt,
denn ich habe unwiederbringlich den Glauben an Dich verloren, in der ich alles
Heilige und Wahre liebte. Lebe denn wohl, Du, die ich nimmer vergessen kann, die
mir das grösste Glück und das tiefste Leid meines Lebens gegeben. Lebe wohl. Ich
klage Dich nicht an, denn Du bist unglücklicher als ich, der im Glauben eine
Stütze finden wird. O, wollte Gott, dass ich Dir den Glauben geben könnte zum
Dank für das Glück, das ich, wenn auch nur durch eine Täuschung, bisher in
Deiner Liebe genossen!
    So kam der Brief in Jenny's Hände. Sie selbst vermochte ihn nicht zu lesen,
ihre Hände zitterten, die Buchstaben schwammen vor ihren Augen. Sie reichte
ihrem Vater, der gerade bei ihr war, das Blatt hin und fragte bebend: Kommt er?
Sage mir, ob er kommt, ich kann nicht lesen. - Verneinend schüttelte der Vater
das Haupt, nachdem er den Brief beendet, und gab ihn der Tochter wieder, die
sich gewaltsam zusammennahm, um ihn hastig zu durchfliegen. Eine tiefe Ohnmacht,
das einzige Glück, das ihr in dieser Stunde werden konnte, senkte sich auf sie
nieder.
    Als sie erwachte, las sie wieder und immer wieder den Brief, ohne zu
begreifen, wie Reinhard an ihrer Liebe zweifeln könne, oder was der Gedanke
bedeute, dass sie Reinhard um Erlau's willen aufopfere. Sie hatte sich gesagt,
dass eine Trennung bei Reinhard's Gesinnung denkbar sei, aber für möglich hatte
sie sie nicht gehalten, trotz der Andeutungen ihres Vaters. Von dem Geliebten
verachtet, ohne Glauben, ohne Hoffnung, mir selbst eine Last, was bleibt mir im
Leben? rief sie aus.
    Jenny! sagte der Vater verweisend und doch mit unaussprechlicher Liebe, zog
seine Tochter in seine Arme und rief auch die Mutter herbei, dass sie Beide mit
ihrer Liebe das Kind beschatten möchten vor dem versengenden Strahl des
Schmerzes, der sie getroffen.
    In tiefem Kummer schwanden Stunden und Tage für Jenny hin; immer erwartete
sie, Reinhard werde zur Erkenntnis kommen, er werde bereuen, und wenn auch eine
Wiedervereinigung unmöglich sei, werde er dennoch kommen, um sie noch einmal zu
sehen, um in Frieden von ihr zu scheiden. Aber vergebens. Und wieder verlangte
es sie, dem Geliebten zu schreiben. Sie wollte ihm nur sagen, wie sie Niemanden
liebe, als ihn, wie ihr der Argwohn in Bezug auf Erlau unbegreiflich und
schmerzlich sei. Sie bat, man möge ihr die Beruhigung gönnen. Aber auch ihr
Vater und die Ihren fühlten sich schwer gekränkt durch Reinhard's Betragen gegen
Jenny, und der Vater fragte: Erlaubt es Dein Stolz, Dich einem Manne zu nähern,
der Dich so verkennt?
    Ich fühle keinen Stolz, antwortete Jenny, nur das Bedürfnis nach seiner
Liebe, die mein höchster Stolz gewesen ist. Nur seine Achtung will ich mir
erhalten. Er soll nicht wie einer Unwürdigen meiner gedenken, er soll mir
glauben, dass ich ihn allein geliebt habe, das ist Alles, was ich noch verlange.
    Nein, sagte der Vater, wenn Reinhard nur das leiseste Verlangen nach einer
Erklärung ausspräche, würde ich jedem Deiner Wünsche in dieser Rücksicht meine
Billigung geben. Vor einem Manne aber, der seiner Braut die unwürdigste
Wortbrüchigkeit zutraut, und weder an ihre Liebe, noch an ihre Schwüre glaubt,
vor dem soll meine Tochter sich mit keiner Bitte um Vertrauen erniedrigen. Mit
Reinhard's krankhaftem Ehrgefühl, mit all seinen Forderungen hatte ich
Nachsicht, denn er selbst verdiente Achtung und Du liebtest ihn, jetzt indessen
scheint es mir fast eine Wohltat, wenn ein Verhältnis sich löst, in dem Du
nimmer glücklich werden konntest, sei es, dass Reinhard so gering von Dir dachte,
als er es augenblicklich tut, oder auch, dass Heftigkeit sein Urteil so ganz
verblenden, ihn so ungerecht selbst gegen seine Braut zu machen vermag. Ich
fordere es als einen Beweis Deiner Liebe zu mir, dass Du keinen Versuch machst,
Dich mit Reinhard zu verständigen, eine friedliche Lösung Eurer Bande
herbeizuführen, wenn er es nicht ausdrücklich von Dir verlangt. Du warst
Reinhard's Braut, aber Du bist auch meine Tochter; auch die Ehre Deines Vaters
muss Dir heilig sein, auch ihr musst Du ein Opfer bringen können, ja, ich fordere,
dass Du es mir bringst.
    Und so geschah es. Reinhard und Jenny sahen sich nicht wieder, niemals fand
irgend eine Erklärung zwischen ihnen statt, und ein Brautpaar, das mit
leidenschaftlicher Sehnsucht nach seiner Vereinigung gestrebt hatte, war
plötzlich und auf die schmerzhafteste Weise für immer getrennt.
    Still und einsam verlebte man den Sommer in Berghoff, da auch Terese einige
Zeit nach diesen Ereignissen zu ihrer Mutter zurückkehrte. Sie behauptete, zu
Hause nötig zu sein, und man sah es nicht ungern, als sie selbst den Wunsch
aussprach, die Freunde zu verlassen, weil ihre Anwesenheit Jenny nicht angenehm
zu sein schien.
    Erst spät im Jahre kehrte man in die Stadt zurück. Jenny hatte sich allmälig
wieder in die Verhältnisse einzuleben, die ihr fremd geworden, da ihnen die
Beziehung auf Reinhard genommen war.
    Und als diesmal der Sylvesterabend erschien, der im vorigen Jahre so
glückliche Menschen in ihrem Vaterhause vereinte, war die Familie allein und
nahm selbst Steinheim's Besuch nicht an, um Jenny's schmerzliche Erinnerungen zu
schonen, wennschon man mit Dank sein Bestreben erkannte, den Freunden, mit denen
er die guten Stunden verlebt, auch am bösen Tage ein treuer Gefährte zu sein.
Nahezu acht Jahre waren seit diesen von uns erzählten Vorgängen entschwunden,
als im Schatten der Bäume, welche sich auf der Klosterwiese in Baden-Baden
erheben, an einem Junimorgen eine Dame ruhig vor ihrem Zeichenbrette sass. Es war
eine kleine schlanke Figur. Lange schwarze Locken fielen auf das Papier nieder
und verbargen das Gesicht der Arbeitenden; aber man war berechtigt, feine Züge
zu erwarten, wenn man von ihrer schmalen Hand und dem zierlichen Fuss auf ihr
Gesicht schliessen sollte. Ein sechsjähriger, hellblonder Knabe spielte in
einiger Entfernung und versuchte vergebens, die Aufmerksamkeit der Dame auf sich
zu ziehen. Er kam endlich näher und rief: Sieh hin Tante! dort kommt der Vater
mit Graf Walter. - Dann, als die Dame sich erhob, um die Kommenden zu begrüssen,
sprang er fröhlich fort und bot den Herren in seinem fremdklingenden Deutsch
seinen Willkomm und guten Morgen.
    Ist Deine Mutter noch in ihrem Zimmer, Richard? fragte der Vater des Knaben.
    Nein! antwortete für ihn die Zeichnerin, die unsere Leser wohl wieder
erkannten, nein, lieber Hughes; Clara ist Ihnen mit der Wärterin und Lucy
entgegen gegangen, um Ihnen von den neuesten Fortschritten zu erzählen, welche
die Kleine gemacht hat. Ich wundre mich, dass Sie ihr nicht begegnet sind. Sie
wollte am Goldbrünnlein auf Sie warten.
    O, Schade! rief Hughes, dass wir durch die Stadt gingen und sie verfehlten.
Ich will sogleich zurückkehren, sie zu holen. Sie bleiben wohl hier bei unserer
Freundin, lieber Walter, und erwarten unsere Rückkehr.
    Mit dem grössten Vergnügen! antwortete der Angeredete, wenn ich das Fräulein
nicht in der Arbeit störe!
    Ach! die kann ich später beenden, sagte Jenny freundlich. Kommen Sie, Herr
Graf, und beichten Sie, warum man Sie in den letzten Tagen gar nicht mehr
gesehen hat?
    Er tat, wie sie von ihm begehrte, und Hughes ging mit seinem Knaben davon,
die Mutter und das kleine Schwesterchen zu holen.
    Während nun der Graf von seinen Ausflügen und Streifereien in der Umgegend
erzählt, sei es uns vergönnt, mit flüchtigen Umrissen den Zeitraum von acht
Jahren auszufüllen, der zwischen der ersten und zweiten Hälfte unserer Erzählung
liegt.
Der Schmerz über die Trennung von Reinhard hatte Jenny's Seele in ihren
innersten Tiefen erschüttert und sie prüfend in ihr eigenes Herz blicken lassen,
um dort einen Grund für Reinhard's ihr unerklärliches Betragen zu finden. Es
schien ihr leichter, Unrecht zu haben, sich selbst eines Fehlers zu zeihen, als
Reinhard eine Schuld beizumessen: denn wahre Frauenliebe klagt lieber sich, als
den Geliebten an. Nun ist das menschliche Herz recht eigentlich der Acker, den
man nur zu durchwühlen braucht, um die köstlichsten Schätze zu entdecken. Auch
Jenny fand deshalb in sich, statt des Unrechts, das sie in ihrem Herzen suchte,
die Kraft, das Leben zu ertragen, es trotz seiner Schmerzen zu lieben. Sie
gewann es über sich, fremdes Glück und Leid zu dem ihren zu machen und in der
Hingebung an Andere, an ihre Freunde, Trost für einen Verlust zu finden, der ihr
unersetzlich schien.
    Als Herr Meyer sie so weit beruhigt und fähig sah, sich durch den Wechsel
äusserer Gegenstände zerstreuen zu lassen, machte er den Vorschlag zu einer
Reise, die im Beginn des Frühjahrs angetreten wurde. Man ging nach dem südlichen
Frankreich, verlebte einen Winter in Paris und besuchte Italien im folgenden
Jahre. Hier war es, wo Jenny den Maler Erlau wiederfand, dessen Name aus der
Ferne ruhmvoll erklungen war, und dessen treffliche Arbeiten sie in Paris zu
bewundern Gelegenheit gehabt hatten.
    Das Wiedersehen war ein Augenblick tiefer Bewegung für Beide. Erlau, seinem
Vorsatz getreu, hatte ausser aller Verbindung mit seinen Freunden gelebt; er
wähnte Jenny längst mit Reinhard verheiratet und die Entdeckung des Gegenteils
erfüllte ihn mit Hoffnung. Von der Stunde an wurde er Jenny's unermüdlicher
Führer in der Wunderwelt, die sich in Italien vor ihren Augen erschloss und die
ihren vollen Zauber auf zwei so lebhaft fühlende Menschen auszuüben nicht
verfehlte. Aber nicht lange sollte Jenny diese Freude ungetrübt geniessen. Sie
gewahrte mit Sorge, dass Erlau's Leidenschaft für sie nicht erloschen sei, dass
sie jetzt in dem täglichen Beisammensein wieder heftig entbrannte und sich von
Hoffnungen nährte, die Jenny nicht zu erfüllen vermochte. Dies veranlasste die
Ihren, auf Jenny's Wunsch Italien zu verlassen, und rief Erlau's Erklärung
hervor, dass auch er entschlossen sei, der befreundeten Familie zu folgen und
bald in seine Heimat zurückzukehren. Je weniger Jenny dieses erwartet hatte, um
so mehr hielt sie es für Pflicht, sich offen und frei gegen Erlau über ihr
gegenwärtiges Verhältnis zu erklären. Sie gestand ihm, wie jetzt, kaum genesen
von ihrer Herzenswunde, ihr der Gedanke an eine neue Liebe unmöglich sei. Sie
beschwor ihn, um seiner und ihrer Ruhe willen, ihr nicht zu folgen. Sie sagte
ihm, wie wert er ihr sei, wie sie hoffe, statt seiner Liebe einst seine
Freundschaft zu erwerben, und erlangte endlich von ihm das Versprechen, dass er
nach England gehen und dort in William's und Clara's Nähe leben wolle, da er
versicherte, ohne Jenny jetzt in Italien nicht ausdauern zu können.
    So trennten sie sich zum zweiten Male und Jenny kehrte nach einer
Abwesenheit von andertalb Jahren in ihre Heimat zurück. Hier fand sie in den
äussern Verhältnissen nur wenig verändert. Ihr Bruder ging ruhig und ernst die
Bahn, welche er sich vorgezeichnet hatte. Geschätzt und unermüdlich in seinem
ärztlichen Beruf, hatte er zugleich unverwandt das Wohl und den Fortschritt
seines Volkes im Auge, dessen freie Entwicklung aber nur dann möglich war, wenn
überhaupt eine freie, zeitgemässe Verfassung in seinem Vaterlande Raum fand. Sein
eifriges Bestreben, zur Erreichung dieses Zieles beizutragen und, der
Gesammteit nützend, zugleich sein Volk zu erlösen, verband ihn mit vielen
Gleichgesinnten aus allen Ständen. Die Besten des Landes erkannten seine
Fähigkeit und die grosse Uneigennützigkeit seines Charakters an; denn die
Hoffnung, nach erlangter Emancipation der Juden, für sich selbst Würden und
Ehrenstellen zu erwerben, hatte ebenso wenig Einfluss auf ihn, als die Furcht vor
jenen Verantwortungen, denen sein kühnes Wort und seine freisinnigen Schriften
ihn bereits häufig unterworfen hatten. Ihm genügte sein Bewusstsein und die
achtende Anerkennung seiner Mitstrebenden. - Noch immer lebte er in seinem
väterlichen Hause. Sei es, dass seine Tätigkeit ihn so ganz hinnahm und ihn sein
Alleinstehen nicht fühlen liess, oder dass er kein Mädchen gefunden hatte, das
seine Neigung erregte, er war unverheiratet geblieben.
    Den Eltern Clara's, welche sie scheidend seiner Sorgfalt empfohlen, war er
ein treuer und geschätzter Freund geworden. Ihm, das wussten sie jetzt,
verdankten sie das Glück ihrer Tochter, das in einer vollkommen
übereinstimmenden Ehe mit William immer schöner erblühte. In Eduard's Brust
schüttete die Commerzienrätin ihren Kummer über das Schicksal ihres Sohnes aus,
der unstät Deutschland und Frankreich durchstreifte und, von seiner Frau
beherrscht, ein unwürdiges Leben führte. Ferdinand fühlte bereits das Elend und
die Schande, in die er sich gestürzt hatte, aber er war zu schwach, die
Sklavenketten zu brechen, die ihn entehrten. Auf den ausdrücklichen Wunsch der
Horn'schen Familie war Eduard mit ihm in Verbindung getreten, und da es ihm
gelungen, Ferdinand's Vertrauen zu gewinnen, gab er die Hoffnung nicht auf, es
werde ihm einst möglich sein, den Verlornen seiner Familie wiederzugeben.
    Mit herzlicher Freude empfingen Eduard und der treue Joseph die
heimkehrenden Lieben. Der Anblick jener Räume, in denen sie so glücklich gewesen
und so viel gelitten hatte, erweckte in Jenny's Brust die wehmütigsten
Erinnerungen, und sobald sie sich mit Eduard allein sah, wagte sie, nach
Reinhard zu fragen, was sie in ihren Briefen nie getan hatte. Sie wusste, dass er
sein Amt angetreten hatte und die verdiente Liebe und Achtung seiner Gemeinde
besass. Das hatte ihr Terese mitgeteilt, deren Mutter bald nach der Abreise der
Meyer'schen Familie gestorben war. Seit aber Terese eine Gouvernantenstelle auf
dem Lande angenommen, hatte Jenny auf einige Briefe, die sie ihr schrieb und in
denen sie ihr die freundschaftlichsten Anerbietungen machte, keine Antwort
erhalten. Um so unerwarteter traf sie die Nachricht, Terese habe durch
Vermittlung der Pfarrerin jene Stelle, ganz in der Nähe von Reinhard's Wohnort,
erhalten, und sich vor wenigen Wochen mit ihm verlobt.
    Als Jenny dies erfuhr, zog ein trübes Lächeln um ihren Mund, und Eduard
drückte ihr schweigend die Hand. Er und Joseph schienen sich jetzt Jenny's
Zufriedenheit gleichsam zum Zweck ihres Lebens gemacht zu haben; und in
beglückender Eintracht, in friedlicher Ruhe schwanden der Familie einige Jahre
nach ihrer Rückkehr still dahin. Treffliche Männer hatten sich um Jenny werbend
ihr genaht, die Wünsche von Jenny's Eltern hatten sie unterstützt, aber kein
Erfolg ihre Bemühungen gekrönt. Wagte die besorgte Liebe ihrer Mutter, ihr ja
zuweilen Vorstellungen deshalb zu machen, so bat Jenny, man möge Nachsicht mit
ihr haben, denn es sei ihr unmöglich, die Wünsche zu erfüllen, die man für sie
hege. Ich bin ja zufrieden und glücklich, liebe Mutter! sagte sie dann; ich habe
Dich, Vater, Eduard, Joseph und Alles, was nur irgend mein Herz begehrt an Liebe
und Schonung. Würde ich das in dem Hause eines Mannes finden, den ich nicht
liebte? Und da alle Zumutungen und Gespräche dieser Art Jenny sichtlich für
längere Zeit verstimmten, war es endlich der Vater selbst, der seiner Frau
anriet, nicht in Jenny zu dringen, sondern ruhig eine Zukunft zu erwarten, in
der die Erinnerung an Reinhard ihren Einfluss auf Jenny verloren haben und die
Vorschläge ihrer Freunde leichter Gehör bei ihr finden würden.
    Aber diesen Zeitpunkt sollte die Mutter nicht erleben; ein plötzlicher,
schmerzloser Tod entriss sie ihrer Familie. Wie tief der Verlust empfunden wurde,
wie er die Engverbundenen nur noch fester aneinander schloss, wie Jeder die Lücke
auszufüllen strebte, die dadurch in den Herzen der Andern entstanden war, bedarf
kaum einer Erwähnung. Nun stand Jenny allein an der Spitze ihres Hauses, auf sie
war ihr Vater gewiesen. Dies Bewusstsein erhob sie in ihren eigenen Augen und
tilgte jeden andern Wunsch aus ihrem Herzen, als den, für ihren Vater zu leben
und sein Alter zu verschönen. Jene religiösen Zweifel, welche einst das Glück
ihrer ersten Jugend untergraben hatten, waren längst und glücklich besiegt.
Eigenes Nachdenken und der Beistand der Ihren hatten sie zu dem Standpunkt einer
Gottesverehrung geführt, zu dem ihre ganze Erziehung sie hingeleitet hatte.
Geistig frei und mit klarstem Bewusstsein, die zärtlichste Tochter, der Trost
aller Leidenden und doch wieder die heitere, geistreiche Wirtin ihres
gastfreien, väterlichen Hauses, so erschien Jenny, nachdem der Schmerz über den
Tod ihrer Mutter sich gemildert hatte. So finden wir sie auch einige Wochen nach
ihrer Vereinigung mit Clara in Baden wieder.
    Der Wunsch, sich zu sehen, war bei beiden Freundinnen gleich mächtig
geworden, doch hatten Umstände mancher Art die Erfüllung desselben bis jetzt
unmöglich gemacht und mit wahrer Freude trafen sie nach achtjähriger Trennung in
Baden-Baden zusammen. Dort hatte man sich rendez-vous gegeben und wollte später
gemeinschaftlich in die Heimat der Damen zurückkehren, um Clara's beide Kinder
den Grosseltern vorzustellen. Anfänglich sollte auch Erlau, der sich ganz in
England angesiedelt und dort eine ehrenvolle Stellung erworben hatte, William
nach Deutschland begleiten. Die unruhige, rasche Lebhaftigkeit des Jünglings war
aber in dem Manne nicht erloschen und er hatte den Wunsch, sein Vaterland und
seine Freunde zu sehen, aufgegeben, um sich einer englischen Gesandtschaft nach
dem Orient anzuschliessen, bei der sein Hang für das Ungewöhnliche volle
Befriedigung zu finden hoffen durfte.
    Die beiden befreundeten Familien hatten nun, sobald sie in Baden angelangt
waren, absichtlich ihre Wohnung ausserhalb der eigentlichen Stadt genommen, um
allein in dem Besitz des gemieteten Hauses und in der freien, ländlichen Natur
zu sein. Man wollte sich selbst leben und Jenny war gar nicht damit zufrieden,
als William ihr gleich nach ihrer Ankunft erzählte, wie er in einigen Tagen
einen Freund, den Grafen Walter, erwarte, den er ihr als einen Genossen für die
Zeit ihres Aufentalts in Baden ankündigte.
    Graf Walter gehörte einer der ältesten Familien Deutschlands an. Wie die
meisten Jünglinge seines Standes früh in das Militair getreten, war er mit
seinem Regiment in die Vaterstadt Clara's gekommen und in ihrem elterlichen
Hause fast mit allen Personen unserer Erzählung bekannt, mit Hughes befreundet
geworden. Später hatte er den Dienst verlassen, bedeutende Reisen gemacht und
war, um sich zur Uebernahme seiner Güter in landwirtschaftlicher Beziehung
vorzubereiten, auch nach England gegangen, wo er aufs Neue mit William und Clara
zusammen getroffen war. Auf ihre Bitten war er ihr Gast geworden, so lange er in
England verweilte, und noch jetzt rechnete er die Zeit, welche er mit ihnen,
teils in London, teils in ihrem Landhause verlebt hatte, zu den anmutigsten
Erinnerungen seines genussreichen Lebens. Nichts konnte ihm also willkommener
sein, als die zufällige Begegnung mit jenen Freunden an den Ufern des Rheines;
und unabhängig, wie er es in jeder Beziehung war, liess er sich bereitwillig
finden, den Sommer mit ihnen in Baden zuzubringen.
    Jenny hatte er früher nur flüchtig gesehen, aber obgleich er sie nicht näher
kannte, erinnerte er sich dunkel, von ihrer Liebe zu einem jungen Teologen
sprechen gehört zu haben. Jetzt hatte er von Clara, auf sein Anfragen, nähere
Auskunft über Jenny und die Lösung jenes Verhältnisses erhalten und war, durch
Clara's und William's Erzählungen, gespannt auf die Bekanntschaft eines Mädchens
geworden, an dem beide Gatten mit solcher Liebe hingen. Trotz der günstigen
Vorurteile aber fand er doch in Jenny bald noch mehr, als er erwartet hatte;
und sie sowohl als ihr Vater wussten es William sehr bald Dank, den Grafen für
ihren kleinen Kreis gewonnen zu haben, da auch ihnen der Umgang des
hochgebildeten Mannes grosse Freude gewährte.
Nachdem Walter an jenem Morgen Jenny den verlangten Bericht abgelegt, bat er um
die Erlaubnis, die Arbeit zu besehen, mit der sie sich beschäftigt hatte, als er
ankam. Bereitwillig nahm sie ihr Skizzenbuch wieder vor und zeigte ihm eine
Gruppe von Bäumen, die sie am Tage vorher in der Nähe des kleinen Wasserfalls
entworfen hatte.
    Ich kann es nicht ausdrücken, sagte Jenny, wie ich diese schönen, grossen
Bäume liebe. Sie geben mir immer ein Bild unsers Lebens, das fest in der Erde
gewurzelt, doch sehnsüchtig himmelan strebt; und in dem Spiel der
sonnenbeschienenen Blätter liegt ausserdem für mich ein hoher Genuss. Die
schönsten Träume meiner Kindheit, die rosigsten Märchen gaukeln an mir vorüber,
und alle Wunder der Feenwelt scheinen mir möglich, wenn ich das flüsternde Kosen
der Blätter höre.
    Das ist eine ächt deutsche Empfindung, bemerkte Walter, die ich vollkommen
begreife und mit Ihnen teile. Ich bin so glücklich, in meinem Park die
herrlichsten Eichen zu besitzen, und weiss meinen Voreltern Dank, die mir jene
Bäume gepflanzt. Auch für mich sind sie eine Quelle immer neuen Genusses, wie
die ganze Natur, die uns umgibt. Sie schreitet mit uns fort, sie lebt mit uns,
sie hat Antwort für unsere Fragen, und es ist für mich das Zeichen eines wahren
Dichters, wenn er die Sprache versteht, welche die Natur in seinen Tagen zu den
Menschen spricht.
    Glauben Sie denn, fragte Jenny, dass die Einwirkung der Natur auf das Gemüt
des Menschen nicht zu allen Zeiten dieselbe blieb?
    In so fern gewiss, antwortete der Graf, als sie immer die höchsten,
heiligsten Empfindungen seiner Seele anregt. Aber je nachdem diese Gefühle sich
im Laufe der Zeiten ändern, wechselt auch der Eindruck, den sie auf uns macht.
Der heitre Grieche sah in den schönsten Bäumen seines Waldes liebliche Dryaden,
die ihn mit Liebe umfingen. Dem deutschen Mittelalter predigten sie den Ernst,
der auch in den düstern Domen gelehrt wurde, sie sprachen ihm von dem Kreuz, das
aus ihrem Holze gezimmert worden ...
    Und uns? fragte Jenny lebhaft.
    Uns weisen sie hinauf in die Region der Klarheit, uns predigen sie Freiheit
und Licht mit ihren himmelan strebenden Zweigen, sagte Walter mit schöner
Erhebung, und eben deshalb hoffe ich, wir werden nun endlich auch eine Menge
veralteter, stereotyp gewordener Bilder los werden, von denen viele mir geradezu
verkehrt erscheinen und schädlich wirken.
    Verkehrt? wiederholte Jenny, wie meinen Sie das? und welche Bilder rechnen
Sie dazu?
    Walter sann einen Augenblick nach, dann sagte er: Um gleich eines der
gewöhnlichsten zu nennen: Das Bild des Baumes und des Schlingkrautes für die
Ehe. Sie glauben nicht, wie müde ich dieser starken Eichen bin, an die sich
zärtlich der Epheu anschmiegt; der Ulmen, an denen die Rebe sich vertrauend
emporrankt. Leider ist es in vielen Ehen so wie in dieser Naturerscheinung. Es
gibt Bäume und Männer genug, die in angebornem Naturtrieb hoch und kühn
emporstreben und sich von einer kümmerlichen Pflanze umrankt finden, die weder
sie zurückzuhalten noch sich aufzuschwingen und zu gedeihen vermag in einer
Höhe, für die sie nicht geschaffen ist! Aber schlimm genug, dass es so ist, und
kein Dichter dürfte dies Bild brauchen, wenn er das Ideal schildern will, das
von dieser innigsten Vereinigung in uns lebt. Das Gleichniss ist falsch! schloss
er und sah verwundert auf Jenny, die, während er gesprochen, den Stift
aufgenommen hatte und mit dem grössten Eifer zeichnete. Nach einigen Minuten
reichte sie dem Grafen, der über ihre scheinbare Zerstreuteit ein wenig
verletzt und schweigend neben ihr sass, ihre Zeichnung hin und fragte: Und so,
Herr Graf! befriedigt dieses Gleichniss Sie?
    Sie hatte mit kunstgeübter Hand eine vortreffliche Skizze entworfen. Zwei
kräftige, üppige Bäume standen dicht nebeneinander, frisch und fröhlich
emporstrebend, mit eng verschlungenen Aesten. Darunter las man die Worte: »Aus
gleicher Tiefe, frei und vereint zum Aeter empor!«
    Walter betrachtete das kleine Bild mit Freude; sah dann mit einem Ausdruck
hoher Bewunderung in Jenny's glühendes Gesicht und sagte: So vermag man nur das
wiederzugeben, was tief empfunden in uns selbst lebt. Schenken Sie mir dies
Blatt, als Zeichen, wie unsere Gesinnung in dieser Beziehung übereinstimmt. Ich
bitte, lassen Sie es mir!
    Nein! antwortete Jenny, wenn Ihnen die kleine Zeichnung gefällt, wenn sie
Ihnen richtig scheint, werden Sie es natürlich finden, dass ich sie meinen
schönen Vorbildern zueigne; dass ich sie Clara gebe, welche eben mit ihrem Manne
und den Kindern über die Brücke kommt. Auch mein Vater ist mit ihnen! Lassen Sie
uns ihnen entgegengehen.
    Es war ein gar erfreulicher Anblick, die Familie zu sehen, als sie über die
Wiese dahinschritt. William nun gegen das Ende der dreissiger Jahre, war ein Bild
selbstbewusster, kräftiger Männlichkeit geworden. Er und die blühend schöne
Mutter führten die kleine Lucy in ihrer Mitte, die seit einigen Tagen die ersten
Versuche machte, auf den eigenen Füsschen fortzukommen, und mit aller Gewalt dem
Bruder nachlaufen wollte, der fröhlich jubelnd voransprang. Man konnte kein
anmutigeres Bild ehelichen Glückes finden und Walter's Augen suchten Jenny, die
plaudernd am Arme ihres Vaters hing und nur allein mit ihm beschäftigt war.
    Nachdem man sich niedergelassen und eine lange Zeit mit den lieblichen
Kindern vertändelt hatte, sagte William zu Walter: Ich habe gewünscht, dass wir
alle beisammen wären, ehe ich Ihnen einen Plan entülle, den ich schon seit
einigen Tagen in mir ausgebildet habe. Ich wollte Ihnen vorschlagen, jetzt, wie
einst in England, unser Hausgenosse zu werden, um die flüchtige Zeit unsers
Beisammenseins recht zu geniessen. Sie finden Raum genug bei uns und sollen
durchaus nicht genirt sein. Auch für Ihre Dienerschaft, Ihre Equipage ist
hinreichend Platz, und wie sehr es mich erfreuen würde, Sie wieder einmal als
meinen Gast zu sehen, bedarf keiner Versicherung.
    Der Vater vereinte seine Bitte mit William's, und ohne lange zu überlegen,
nahm Walter den Vorschlag unbedingt und mit sichtlichem Vergnügen an. Man machte
Entwürfe, wie man sich einrichten wolle, um so viel als möglich mit einander zu
sein und doch Jedem die nötige Ruhe und Freiheit zu gönnen, ohne welche auf die
Länge kein behagliches Dasein denkbar ist; und man trennte sich erst, nachdem
man übereingekommen war, Walter solle noch im Laufe des Tages sein Hotel
verlassen, um sich gleich heute bei seinen Freunden einzurichten.
    Als er fortgegangen war, bemerkte Jenny: Mir hat die Art sehr gefallen, mit
der Walter William's Erbieten annahm. Ein Anderer hätte vielleicht Einwendungen
gemacht, das Bedenken geäussert, er könne beschwerlich sein, und zuletzt sich in
Danksagungen erschöpft, wenn er die Einladung angenommen hätte. Von dem Allen
tat er nichts. Er dachte offenbar im ersten Augenblick nur daran, ob es ihm
selbst zusagend sei; dann, als er sich davon überzeugt hatte, sagte er, ohne
weitere Umstände: Ich komme mit grosser Freude, wenn Sie mich haben wollen! und
doch lag gerade in dieser Einfachheit für mich etwas besonders Angenehmes.
    Das ist es auch! bestätigte der Vater. Es spricht sich darin ein festes
Zutrauen zu dem Freunde und zu sich selbst aus; die Ueberzeugung, er wisse, wie
willkommen er seinen künftigen Wirten sei, und die Versicherung, er sei ihnen
gern verpflichtet. Ueberhaupt charakterisirt sich ein edles Gemüt, ein freier,
durchgebildeter Sinn am meisten in der Art, mit welcher man Dienste empfängt und
Gefälligkeiten annimmt. Sie auf eine schickliche Weise zu leisten, erlernt
Mancher.
    Ach! auch das ist nicht jedes Menschen Sache! wandte William ein. Wie oft
erdrückt man uns mit der Art, in der man sich uns dienstwillig und gefällig
zeigt!
    Eben weil man es nicht ist! erwiderte der Vater. Weil man sich das für eine
Tugend, für eine Pflichterfüllung, oder gar für ein Opfer auslegt, was dem
wohlwollenden Sinne ganz einfach und natürlich erscheint. Wer bereit ist, Andern
zu dienen und gefällig zu sein, wer empfunden hat, wie viel Freude darin liegt,
der gönnt diesen Genuss auch den Uebrigen und nimmt Hülfsleistungen und
Gefälligkeiten so gern und unbefangen an, als er sie erzeigt. Er weiss, dass Geben
seliger sei als Nehmen, und dass die Befriedigung des Gewährenden gewiss ebenso
gross ist, als die des Empfangens. Darum habe ich Vertrauen zu Personen, die mit
guter Art anzunehmen verstehen, ohne den innerlichen Vorbehalt, durch einen
Gegendienst bald möglichst quitt zu werden oder zu vergelten. Dies Vertrauen hat
mich fast niemals betrogen und findet in Walter auf's Neue seine Bewährung.
Damit aber auch er sich nicht getäuscht finde, lassen Sie uns selber danach
sehen, dass Alles für ihn bereit sei, wenn er kommt.
So sehr Jenny und Clara sich ihres Wiedersehens erfreuten, so lieb sie einander
waren, so konnte es Beiden doch nicht verborgen bleiben, dass es ihnen eigentlich
an jenen gemeinsamen Berührungspunkten fehle, welche die Basis der Freundschaft
machen. Sie hatten im Ganzen nur wenig Monate zusammen verlebt, eine Reihe von
Jahren war seitdem verflossen, und trotz eines fleissigen Briefwechsels waren sie
einander in ihrer gegenwärtigen Entwicklung fremd, und wussten sich nicht recht
ineinander zu finden. Wie Clara's ganze Erscheinung Glück und Zufriedenheit
ausdrückte, wie jeder Zug die Wonne aussprach, welche sie als Gattin und Mutter
empfand, so zeigte sich auch in ihrer geistigen Richtung eine gewisse Ruhe, ein
abgeschlossenes Begnügen. Sie hatte die höchsten Schätze des Lebens erreicht
und, obgleich sie für die Aussenwelt nicht abgestorben war, interessirte sie
dieselbe doch eigentlich nur in so weit, als sie William berührte und mit seinen
Wünschen und Ansichten zusammenhing; denn sie lebte eigentlich nur in ihrem
Manne und in ihren Kindern. Jenny hingegen wollte, durch Eduard daran gewöhnt,
Teil nehmen an allem Grossen und Wichtigen. Mit weiblicher Schwärmerei hing sie
an den Planen und Hoffnungen Eduard's, nicht um seinetwillen allein, sondern
weil sie auch die ihren geworden waren. Geistige und künstlerische
Beschäftigungen füllten die grösste Zeit ihres Tages aus, und mit ihrer gewohnten
Lebhaftigkeit strebte sie nach neuen Kenntnissen, nach höherer, vielseitiger
Ausbildung der Anlagen, die sie ungenützt in sich fühlte.
    Mit schmerzlichem Lächeln sah Clara auf diese Richtung ihrer Freundin hin.
Sie glaubte in sich die Erfahrung gemacht zu haben, dass bei Frauen die lebhafte
Teilnahme an den Erscheinungen der Aussenwelt ein Zeichen innerer Unbefriedigung
sei, ein Ersatz, mit dem sie sich für ein Glück entschädigen, das ihnen nicht
geworden ist. Jenny hingegen erschien Clara's Wesen als eine Entsagung, die sie
bewunderte, ohne zu glauben, dass sie selbst im Stande wäre, sich zu solcher
freiwilligen Selbstbeschränkung zu entschliessen.
    Bei so verschiedenen Ansichten ward eine gegenseitige Schonung derselben zur
Pflicht, und da die ersten Versuche sich zu verständigen, ohne Erfolg geblieben
waren, vermied man es darauf zurückzukommen, und Jenny war nahe daran, ihr
Beisammensein mit Clara etwas einförmig zu finden, als durch Walter's tägliche
Anwesenheit eine erwünschte Abwechselung in ihr Leben kam.
    Er war schon nach wenig Tagen ihr steter Begleiter bei den Spaziergängen, zu
denen die Umgegend Baden's so unwiderstehlich lockt. Vor ihm durfte sie sich
sorglos in ihrer eigentümlichen Denkweise gehen lassen, und Walter, der dadurch
Jenny's hohen Wert täglich mehr erkennen und schätzen lernte, äusserte nach
einiger Zeit gegen William und Clara, wie anziehend und bedeutend Jenny ihm
erscheine.
    Und nicht auch schön? fragte Clara.
    Sehr schön! antwortete der Graf, und um so fesselnder, als man ihren Augen
anzusehen glaubt, dass sie schon geweint, ihrem Munde, dass er schon vor Schmerz
gezuckt hat. Solch feucht verklärten Augen gegenüber fühlt man den Beruf zu
trösten, zu vergüten, und so heiter Jenny auch erscheint, ist mir doch immer,
als hätte die Zukunft bei ihr noch Vieles gut zu machen, als müsse sie durch
Glück für früheres Leid entschädigt und belohnt werden.
    Das klingt sehr warm, lieber Graf! sagte William scherzend, und fast, als ob
Sie nicht abgeneigt wären, die Entschädigung zu übernehmen. Hüten Sie sich vor
den feucht verklärten Augen.
    Sie tun mir Unrecht, entgegnete Walter, wenn Sie meinen Worten irgend einen
andern Sinn unterlegen. Dass ich unsere Freundin so lebhaft schätze, ohne sie zu
lieben, das gerade macht mir ihren Umgang wert und erhöht den Reiz, den ihr
scharf ausgeprägter Charakter, ihr selbständiges Wesen für mich haben.
    In dem Augenblick kam der kleine Richard herbei und rief: O kommt doch die
Tante sehen, kommt doch Alle an das Fenster!
    Man folgte ihm, wohin er zeigte, und erblickte Jenny, die eine junge blasse
Frau der niedern Stände unterstützte, während sie das Kind derselben auf dem
Arme trug. Walter flog die Treppe hinab, um ihr beizustehen; denn es war Mittag,
die Sonne brannte heiss und Jenny schien erschöpft von der ungewohnten
Anstrengung.
    Führen Sie die Frau in's Haus, sagte Jenny, als Walter dazu kam, aber
behutsam. Das Kind behalte ich.
    Der Graf erfüllte ihren Wunsch, und nachdem man für die arme Kranke gesorgt
hatte, erzählte Jenny, wie sie dieselbe ohnmächtig am Wege gefunden, sie durch
ihre Bemühungen in's Leben gerufen und mit unsäglicher Anstrengung bis hieher
gebracht habe, da jetzt in der Mittagsstunde Niemand die Strasse gekommen sei,
den sie um Hülfe hätte bitten können.
    Nicht Ein Mensch war zu sehen, sagte sie. Ich blickte nach allen Seiten, ich
rief so laut ich konnte und der unerträglichste Stutzer wäre mir ein hülfreicher
Götterbote gewesen, wenn er in dem Augenblicke erschienen wäre.
    Es ist besser so! meinte Clara. Du hast die arme Frau glücklich hieher
gebracht und bist allen Bemerkungen entgangen, die man darüber leicht gemacht
hätte.
    Zu diesen bot wohl eine so einfache Handlung keinen Anlass, sagte Jenny
unbefangen. Ich konnte doch unmöglich die Frau allein und hülflos liegen lassen,
bis ich von hier oder aus der Stadt Beistand geholt hatte. Zudem hätte ich das
schreiende Kind doch mit mir nehmen müssen und endlich weisst Du, liebes
Clärchen, dass mir die Urteile der Menge sehr gleichgültig sind, wenn ich Das,
was ich tue, vor mir und meinem Vater verantworten kann.
    In Jenny's Worten, in ihrem ganzen Wesen lag in diesem Moment so viel
Natürlichkeit und doch ein so edler Stolz, dass Walter sie mit Entzücken
betrachtete, obgleich auch ihm der Gedanke unangenehm gewesen, man hätte Jenny
bei jenem Samariterdienste beobachten und sie falsch beurteilen können. Aber er
selber machte sich diese Scheu zum Vorwurf.
    Wie wir doch nach allen Seiten hin auf Widersprüche in den Sitten unserer
sogenannten civilisirten Welt stossen! sagte er zu dem Vater, der indes dazu
gekommen war. Wäre eine der Dienerinnen des Hauses der Unglücklichen begegnet,
und hätte sich ihrer angenommen, so würden wir das schön und lobenswert
gefunden haben; und nun tadeln wir die Gütige, dass sie nicht unbarmherziger zu
sein vermochte, als ihrer Dienerinnen Eine, obgleich der Dienst, den sie
leistete, grösser war, denn er musste ihr beschwerlicher scheinen.
    Sie billigen also die Handlung meiner Tochter unbedingt? fragte der Vater.
    Walter stockte einen Augenblick und meinte dann: Wenigstens hätte ich selbst
nicht anders zu handeln vermocht.
    Aber Sie würden wünschen, sagte der alte Herr, dass Jenny auf keine zweite
Probe der Art gestellt würde, denn wir wollen einmal kein Mädchen von der
gewohnten Sitte ihres Standes abweichen sehen. Dennoch ehre ich ein Gefühl, das
in solchen Augenblicken rücksichtslos zu handeln vermag, ohne an das, was man
davon sagen wird, zu denken; und ich bin vielleicht selbst Schuld daran, wenn
Jenny das Urteil der Leute nicht eben sehr hoch anschlägt. In meinen
Verhältnissen war es mir Pflicht, meine Kinder bis zu einem gewissen Grade
gleichgültig gegen die öffentliche Meinung zu machen, die wir ein für allemal
gegen uns hatten und deren Einfluss auf uns und auf Jeden doch viel grösser ist,
als wir es glauben wollen.
    Clara, die gleich Anfangs ihre Äusserung bereut hatte und es nun doppelt
tat, da sie Herrn Meyer zu einer Erklärung bewogen, welche er ebenso gern
vermied, als Eduard sie suchte, Clara sagte: Versteht mich nur nicht falsch! Ich
tadle Jenny nicht. Nur vor der Verderbteit Derjenigen war mir bange, welche ihr
irgend eine unlautere Absicht, ein Schaustellen dabei zur Last legen konnten.
Wir Frauen sind so sehr gewöhnt, uns nur innerhalb unseres schützenden Hauses zu
denken, dass wir erschrecken, wenn wir uns ausserhalb desselben handelnd
erblicken.
    Entschuldige Dich nicht und mich nicht, Clärchen! sagte Jenny, die bis dahin
schweigend einer Unterhaltung zugehört hatte, bei der sie so nahe beteiligt
war. Du kennst meinen alten Wahlspruch: »Tue was Du sollst, komme was mag.«
Kann ich dafür, wenn ich den Mut dazu von früher Jugend an fühlte? Mit diesen
Worten entfernte sie sich schnell, um nach ihrem Schützling zu sehen, und liess
Walter in grosser Bewegung zurück. Es war das erste Mal, dass er mit einer
jüdischen Familie in nähere Berührung kam und Jenny's Geist und Schönheit, des
Vaters maassvolle Würde zogen ihn um so mehr an, als sie etwas ihm Fremdes und
Eigentümliches besassen. Er hatte von jeher gewusst, dass Jenny eine Jüdin sei;
aber so fern hatte er diesen Verhältnissen gestanden, dass er fast nie daran
gedacht, es könne ein edles Unglück darin liegen, Jude zu sein. Jetzt aus des
Vaters schlichter Äusserung tönte ihm, dem Glücklichen, der Schmerzensschrei
eines ganzen Volkes entgegen und sein Mitleid mit demselben knüpfte, ihm
unbewusst, ein neues Band, das ihn an Jenny fesselte.
    Er wenigstens wollte durch sein Verhältnis zu Jenny und ihrem Vater zeigen,
dass er frei von den Vorurteilen sei, durch die, wie er allmälig von Jenny
erfuhr, auch sie und die Ihrigen so empfindlich gelitten hatten. Er machte sich
es zu einer Ehre, überall ihr Begleiter zu sein, und erklärte frei und offen,
wie er ihre und ihres Vaters Gesellschaft dem Umgang mit vielen seiner
Standesgenossen vorziehe.
    dabei ging Walter's Selbsttäuschung so weit, dass er jenes Gefühl, welches
ihn zu handeln antrieb, nur für eine Gerechtigkeit, für eine Genugtuung des
freien Glücklichen gegen den Unterdrückten hielt. Er glaubte nur seiner
politischen Ueberzeugung, seiner Achtung vor den Menschenrechten zu folgen, die
ritterliche Pflicht eines Edelmannes zu erfüllen, indem er durch sein Beispiel
gegen ungerechte Vorurteile kämpfte.
    Einem Onkel, der durch Bekannte von Walter's Verhältnis zur Meierschen
Familie unterrichtet war und mit einiger Unruhe desselben gegen ihn erwähnte,
schrieb er in dieser Zeit:
    »Sie haben mich gewöhnt, mein teurer Onkel! die Besorgnisse und Vorwürfe zu
verstehen, die Ihre schonende Liebe für mich zwischen die Linien schreibt, um
mir jede unangenehme Empfindung zu ersparen. So lese ich hinter dem
wohlwollenden Rat, in die Heimat zurückzukehren und nicht wieder so gar lange
von meinen Besitzungen fern zu bleiben, die Besorgnis, ich könnte nicht allein
in diese Heimat einziehen, sondern eine Gattin mit mir bringen, die Ihnen, dem
ehemaligen Vormund, dem väterlichen Freunde, nicht willkommen wäre, so gern Sie
mich übrigens verheiratet und unser altes Geschlecht fortgepflanzt wüssten.
    Fürchten Sie nichts! Meine Freundschaft für den Kaufmann Meyer und für seine
Tochter ist allerdings eine lebhafte und, wie ich denke, dauernde; indes ist mir
der Gedanke, dieses treffliche Mädchen zu heiraten, vollkommen fremd. Sie
wissen, und ich glaube das fürchten Sie gerade, dass kein Vorurteil mich
abhalten könnte, ein bürgerliches Mädchen, das ich liebte, zur Gräfin Walter zu
machen: doch ich liebe Jenny Meyer nicht, so sehr ich mich ihrer Freundschaft,
ihres Umganges erfreue. Es ist wahr, sie ist schön und liebenswürdig in hohem
Grade, aber eine gewisse Jugendlichkeit, das weiblich Weiche fehlt ihr, das man
an Mädchen ungern vermisst. Sie weiss mit Sicherheit, dass sie gefällt, es ist ihr
lieb, ohne dass sie Anspruch darauf macht; und sie würde, wie mich dünkt, nicht
das Geringste dazu tun, die Meinung oder Gunst eines Mannes zu erwerben.
Gefällt sie, ist's ihr recht, wenn nicht, so gilt's ihr gleich. Gestehen Sie,
das ist eigentlich nicht die Art, welche wir an einem Mädchen lieben. Es liegt
etwas Männliches darin, das interessant ist, das den Umgang sehr erleichtert,
unser Vertrauen, unsere Freundschaft erweckt, aber Liebe erzeugt es nicht.
    Ich traf mit dieser Familie ganz zufällig durch die Vermittlung eines
gemeinsamen Freundes zusammen und nahm mit Dank das Erbieten desselben an, seine
und ihre Wohnung zu teilen. Dies veranlasste vermutlich jenes Gerücht meiner
Verlobung mit einer Jüdin, das Sie erschreckt hat. Für diesmal, das sehen Sie,
sind Sie der Sorge ledig, mich eine Heirat schliessen zu sehen, die so stark
gegen Ihre aristokratischen Ansichten verstossen würde. Was die Zukunft bringt,
dafür kann ich nicht einstehen. Doch ohne Scherz! Sie wissen, wie ich darüber
urteile, und habe ich je den Beruf gefühlt, mit allen Waffen kämpfend gegen
Vorurteile aufzutreten, so war es nach manchen Mitteilungen, die mir Fräulein
Meyer über ihre Jugend und die Verhältnisse ihres Bruders machte, der auch Ihnen
dem Namen nach bekannt sein muss. Jene Vorurteile, das sind die Drachen unserer
Tage, die zu vertilgen, Ritterpflicht wäre; und so viel an mir ist, will ich
beweisen, dass ich noch ein Ritter bin, wie jener St. Georg, der den Lindwurm
tödtete. Es würde Sie selbst ergreifen, wenn Sie Jenny mit Stolz von dem Unglück
sprechen hörten, das sie mit Tausenden teilt und für Alle empfindet; denn
obgleich sie lange zum Christentum übergetreten, ist sie von Grund der Seele
Jüdin geblieben. Sie gesteht das frei und es macht sie mir um so interessanter,
wie denn ihr ganzes Wesen mir eine neue Erscheinung, ein Rätsel ist, das mich
anmutig beschäftigt. In ihr vereinen sich der Geist und der Mut eines Mannes
mit einem Frauenherzen, und es überrascht mich oft, dass doch zuletzt, trotz
aller männlichen Klarheit, irgend eine liebenswürdige weibliche Schwäche oder
ein lebhaftes Gefühl den Sieg über all ihren Verstand erringen.
    Sie sehen aus der Weise, in der ich ruhig ihren Charakter zu zergliedern
vermag, dass mein Herz ganz frei ist. Selbst der geübteste Anatom vermöchte das
nicht, wenn das Klopfen des Herzens ihm die Hand unsicher macht, wie viel
weniger ich. Also unbesorgt, mein väterlicher Freund! Finden Sie mir in unsern
Kreisen eine liebenswürdige Gattin und ich will mich nicht länger sträuben, mir
Ketten anlegen zu lassen, die sehr beglückend sein können, wie ich hier an
meinem Freunde und seiner schönen Frau bemerke.«
Tage und Wochen schwanden auf die anmutigste Weise dahin. Walter überliess sich
immer mehr dem steigenden Interesse, das ihn an Jenny fesselte und ihm ihren
Umgang zu einem Bedürfnis machte, auf das er nicht mehr wohl verzichten konnte,
und auch ihr war Walter bereits seit lange ein werter Freund geworden. Da
entzog die Ankunft einer Freundin, der Geheimrätin von Meining, Jenny auf
einige Tage der Gesellschaft ihrer Hausgenossen.
    Frau von Meining, nur wenige Jahre älter als Jenny, war an einen bejahrten
Mann verheiratet, der in Berlin als Arzt eine bedeutende Stellung einnahm. Dort
hatte Jenny sie kennen gelernt und ein unbedingtes Vertrauen zu ihr gefasst, das
durch den hohen sittlichen Wert jener Frau vollkommen gerechtfertigt wurde.
Fast jeden Sommer pflegte die Geheimrätin in Baden zu leben, wo sie eine
Besitzung hatte, während ihr Mann seinem fürstlichen Herrn auf dessen Reisen
folgte, und die Aussicht, Jenny zu treffen, hatte sie um so mehr bestimmt, auch
in diesem Jahre ihren Lieblingsort wieder zu besuchen. Leider aber war sie
diesmal unpass in Baden angelangt, und eine grosse Reizbarkeit der Nerven nötigte
sie, sich für's Erste der Gesellschaft fern zu halten und sich allein auf Jenny
zu beschränken, die mit Freude ihre Zeit zwischen der Geheimrätin und den
Ihrigen teilte.
    Willig liess man sie darin gewähren; nur Graf Walter konnte sein Missvergnügen
über Jenny's häufige Abwesenheit nicht verbergen und äusserte eines Abends gegen
den Vater, wie er sich die Abwesenheit einer so liebenswürdigen Tochter nicht
gefallen lassen würde. Clara lachte darüber und der Vater bemerkte: Sie werden
auch uneigennützig werden, mein Freund, wenn Sie das Glück empfunden haben
werden, das man in der Zufriedenheit seiner Kinder geniesst. Uebrigens muss man
auch der armen Leidenden die kleine Zerstreuung gönnen, die meiner Tochter
Gesellschaft ihr gewährt.
    Aber heute bleibt Fräulein Jenny doch ungewöhnlich lange dort, sagte Walter,
als man Anstalten machte, sich für den Abend zu trennen, ohne Jenny's Rückkehr
zu erwarten.
    Meine Tochter hat den Wagen erst nach elf Uhr bestellt. Die Geheimrätin
leidet an Schlaflosigkeit und Jenny wollte versuchen, ob es ihr nicht gelänge,
sie durch leises, gleichmässiges Vorlesen oder auf irgend eine andere Weise in
Schlaf zu wiegen. Ich wünsche der liebenswürdigen Frau und Euch eine gute Nacht.
    Mit den Worten entfernte sich der Vater; auch Clara und William zogen sich
zurück und liessen Walter allein. Es war ihm zu früh, sich zur Ruhe zu begeben.
Er ging hinab ins Freie, um noch eine Stunde der Kühlung zu geniessen, denn er
fühlte sich mismütig, unruhig und in grosser Spannung. Ihm war, als stehe er am
Vorabende einer neuen Epoche seines Lebens, als erwarte er etwas, oder als müsse
ihm heute irgend ein besonderes Ereignis begegnen. Und wenn er sich fragte, was
ihn so bewege, worauf er so sehnsüchtig harre: dann musste er sich bekennen, dass
er es selbst nicht wisse. Vergebens versuchte er diesen Zustand zu bekämpfen,
und um endlich, wie er glaubte, eine körperliche Erregteit durch Ermüdung
abzustumpfen, ging er rastlos und schnell vorwärts. So befand er sich nach
kurzer Zeit am Ausgange der Lichtentaler Allee, in der Nähe des Hauses, in
welchem Frau von Meining wohnte. Die Meiersche Equipage hielt vor ihrer Türe.
Die Fenster der Geheimrätin waren matt beleuchtet. Zerstreut blieb Walter eine
Weile stehen, sah zu den Fenstern empor und schickte sich dann plötzlich zur
Rückkehr an. Kaum aber hatte er ein paar hundert Schritte gemacht, als er sich
auf eine der Bänke warf, die sich in der Allee befinden, und in ein tiefes
Hinträumen versank, aus dem ihn dennoch der Fusstritt jedes Vorübergehenden
emporschreckte. Allmälig wurde die Allee einsamer. Die Uhr des Nonnenklosters in
der Stadt schlug zwölf. Bald darauf hörte er das Rollen von Rädern, er fuhr auf
und blickte nach der Gegend, woher der Ton zu kommen schien. Aber täuschte er
sich nicht? Ein weisses Kleid schimmerte glänzend aus der Dunkelheit empor. er
eilte der Gestalt entgegen, sein Herz schlug hörbar - Jenny stand vor ihm.
    Sie hier, Graf Walter? sagte sie überrascht, doch freundlich, und legte
ihren Arm in den des Grafen, der ihn ihr schweigend bot.
    Wer es nicht empfunden hat, wie viel Vertrauen in der Art liegen kann, mit
dem eine Frau sich auf den Arm eines Mannes lehnt, der wird nicht begreifen, wie
Walter sich so glücklich fühlte, als Jenny's Arm jetzt in dem seinen ruhte. Denn
es gibt gewiss nichts Gleichgültigeres, als die Sitte, einer fremden Dame den Arm
zu bieten, und doch fast nichts Süsseres, als wenn diese gleichgültige Sitte
unter Personen zur traulichen Gewohnheit wird, die es noch selbst nicht wissen,
wie nahe sie schon zu einander gehören.
    Was unverstanden wie eine dunkle Ahnung in Walter geschlummert hatte, das
fühlte er plötzlich als unwiderstehliche Wahrheit. Er hatte Jenny immer schon
geliebt und jetzt, da sie freundlich und doch sorglos, als müsse es so sein,
seinen Schutz und seine Stütze annahm, jetzt ging die Sonne der Liebe siegreich
in seinem Bewusstsein auf und er fragte sich: Warum erst jetzt?
    Schweigend legten sie eine Strecke des Weges zurück, denn Walter vermochte
nicht zu sprechen vor freudiger Bewegung, und Jenny fühlte sich so geborgen
unter dem Schutze dieses Mannes, so zufrieden in dem Gedanken an die
Erleichterung, die sie ihrer Freundin verschafft hatte, dass sie sich willig
jener weichen Ruhe überliess, zu der die schöne Sommernacht verführerisch einlud.
Allmälig aber wurde ihr Walter's Schweigen peinlich. Es war als ob seine
Stimmung sich ihr mitteilte, sie fühlte sich beklommen, geängstigt, und um nur
eine Veränderung in diese Lage zu bringen, sagte sie: Es war so schwül in den
Zimmern der Frau von Meining, dass ich dringend die Notwendigkeit fühlte, mich
abzukühlen, und deshalb mit unserm alten Diener den Fussweg einschlug. Die Nacht
ist heut' so schön.
    O, unaussprechlich schön! wiederholte Walter und die frühere Stille trat
wieder ein. Jenny's Unruhe stieg dadurch von Minute zu Minute. Sie bildete sich
endlich ein, um sich Walter's Schweigen und ihre Unruhe zu erklären, ihrem Vater
sei irgend ein Unglück begegnet und man habe ihr Walter entgegengeschickt, sie
davon in Kenntnis zu setzen. Wie ging es meinem Vater, als Sie ihn verliessen?
fragte sie besorgt.
    Er war wohl und munter, und hatte sich zur Ruhe begeben, ehe ich fortging,
antwortete der Graf, und Jenny, als sie in diesem Augenblick ihre Wohnung
erreichten, machte ihren Arm aus dem des Grafen los und sank aufatmend auf den
Sitz vor ihrer Türe nieder. Sie hätte weinen mögen, so gepresst war ihr das
Herz. Sie wollte aufstehen und noch in das Zimmer ihres Vaters gehen, um sich zu
überzeugen, dass er wohl sei, und war doch so beklommen und so bang bewegt, dass
sie kein Glied zu rühren vermochte. Dem Grafen musste es eben so ergehen, er
setzte sich schweigend zu ihr nieder.
    Es war still um sie her; nur das Rauschen der Blätter, das leise Rieseln des
Oelbaches tönten an ihr Ohr. Balsamisch drang der Duft des frisch gemähten
Grases von den Wiesen empor und Jenny's Seele fand Ruhe und Frieden in dieser
feierlichen Stille, der sie sich mit Wonne hingab. Da tauchte plötzlich ein
lichter Schein am nördlichen Horizonte auf, hell und immer heller, so dass der
ganze Himmel davon durchleuchtet und verklärt schien, während ein Lichtmeer den
Ursprung der herrlichen Erscheinung bezeichnete. Einzelne Strahlen schossen
blitzschnell gegen den Zenit empor, im wechselnden Farbenspiel und mit ganz
überirdischer Pracht; dann verschwammen sie wieder in dem Lichtmeere und neue,
ebenso glänzende Flammenstreifen tauchten daraus hervor. Es war das schönste
Nordlicht, das man seit lange gesehen hatte und bewundernd hingen Jenny's Blicke
an dem erhabenen Anblick. Ihre Hände falteten sich unwillkürlich und mit
bebender Stimme sagte sie: Und sie sprechen von Offenbarung! Als ob es eine
göttlichere, unwiderstehlichere geben könnte, als diese. Wer sollte nicht
glauben an Den, der in solchen Zeichen zu uns spricht? Das ist Gott! Das ist der
Gott, den ich anbete, und der keines Mittlers, keiner sinnverwirrenden Lehren
von Kreuz und Blut und Tod bedarf, um uns fühlen zu lassen, dass sein die Macht
und Er die Liebe ist.
    Tränen der Begeisterung flossen aus ihren Augen. Kein Gedanke, als die
anbetende Verehrung, die tiefste Demut vor Gott war in ihrer Seele, als Walter
mit einem Ausruf von Entzücken sich vor Jenny niederwarf und ihre gefalteten
Hände an seine glühenden Lippen presste. Erschreckt und unangenehm durch diese
leidenschaftliche Berührung in ihrer Andacht gestört, stand Jenny auf und sagte
mit einem Tone des Vorwurfs: Entweihen Sie die Stunde nicht. Knien Sie nicht vor
dem Geschöpf, wenn der Schöpfer selbst Sie einer solchen Offenbarung würdigt!
Und sie schritt rasch in das Haus, an dessen Türe ihr Diener ihres Eintritts
wartete.
    Bestürzt sah Walter ihr nach. Sein Herz hatte voll grenzenloser Liebe
verlangt, sich in dieser feierlichen Stunde der Geliebten für immer zu eigen zu
geben, und im Übermass des Gefühls war er vor sie niedergesunken. Wie sie in dem
Phänomen, so betete er in ihr die Macht des Schöpfers an, und kalt und tadelnd
hatte sie ihn von sich gestossen. Er warf es sich vor, wie ein blöder Träumer vor
Jenny gestanden zu haben, statt von ihr wie ein Mann ihre Hand und ihr Wort zu
fordern. Jetzt, sagte er sich, jetzt könnte sie mein sein. Ich könnte meine
Lippen auf die ihren drücken, den Schlag ihres Herzens an dem meinen fühlen,
wissen, dass sie mein ist für immer - dass sie mich liebt ....
    Walter hielt inne. Dass sie ihn liebte, dafür hatte er keinen, gar keinen
Beweis, und doch glaubte er an ihre Liebe. Eine Liebe wie die seine konnte nicht
unerwidert bleiben, sie musste Gegenliebe finden. Diese Hoffnung gab ihm Mut;
und voll Vertrauen auf einen glücklichen Ausgang wollte er am nächsten Morgen
Jenny seine Liebe gestehen und von ihrem Vater die Hand seiner Tochter fordern.
Doch nur zu oft vernichtet der Morgen die Hoffnungen des vorigen Tages. Als
Walter das Zimmer betrat, in dem man sich zu versammeln pflegte, sah er an den
verstörten Zügen der beiden Damen, dass ihre Ruhe erschüttert, ein unangenehmes
Ereignis hereingebrochen sein müsse. Clara schien geweint zu haben und
schüttelte traurig das Haupt, als Herr Meyer tröstend sagte: Sie sollten froh
sein, mein Kind, dass dies Verhältnis nun endlich zu einer Entscheidung gekommen
ist. An den augenblicklichen Schmerz darf man nicht denken, wo eine lange und
hoffentlich bessere Zukunft gewonnen werden soll.
    Um nicht zu stören, verliess der Graf das Zimmer und ging zu William, den er
schreibend fand. Von ihm erfuhr er, wie vor einer Stunde ein Brief Eduard's an
ihn angekommen sei, der diese allgemeine Aufregung verursacht hatte. Er schrieb
ihm:
    Mein Freund, mache Dich gefasst, eine Mitteilung zu hören, die, obgleich
erwünscht in ihren Folgen, doch für den Augenblick ihr Betrübendes hat.
Ferdinand ist bei mir, aber er ist krank und sehr zu beklagen.
    Vorgestern in der Nacht schellte man an meiner Türe. Man öffnete und kam,
mich zu wecken, weil ein Kranker nach mir begehre. Gleich darauf trat der Fremde
bei mir ein und ich fragte, wohin man mich verlange, wer erkrankt sei? Ich
selbst bin krank zum Sterben und ich wollte, ich wäre todt, antwortete der
Unbekannte. Ich sah ihn prüfend an. Eine verfallene Gestalt, verfallene Züge und
wenig, fast ergrautes Haar - obgleich der Mann so alt nicht schein, um diesen
gänzlichen Verfall zu rechtfertigen. Sie kennen mich nicht mehr, oder wollen Sie
mich nicht kennen? fragte er höhnisch. Aber ich hatte ihn bereits erkannt, trotz
der fast unglaublichen Veränderung in seinem Äußern. Es war Ferdinand.
    Ich nötigte ihn, sich niederzusetzen. Ich fragte nach seiner Frau. Nennen
Sie das Weib nicht! rief er und sein Gesicht zuckte krampfhaft. Mit dem Wenigen,
das man mir als Almosen hinwarf, vermochte sie sich nicht zu begnügen. Ihre
Vorwürfe, ihre Ansprüche brachten mich zur Verzweiflung. Ich war krank, ein
Fieber nahm mir die Besinnung und diesen Zeitpunkt benutzte sie, mir Alles zu
rauben, was ich noch besass, und mich zu verlassen. Ich hatte ja nichts mehr zu
verschenken, zu verschwenden! sagte er, und wieder flog das krankhafte Zittern
durch seine Züge.
    Ich sah, dass seine körperliche Erschöpfung aufs Höchste gestiegen war, und
redete ihm zu, die Nacht bei mir zu bleiben, zu ruhen; wir könnten das Nötige
dann am Morgen überlegen. Er betrachtete mich mit einem Misstrauen, das mich
befremdete, da er mich doch aufgesucht hatte, und sagte: Wollen Sie erst von der
Familie Horn Verhaltungsbefehle holen? Nun wusste ich, wie ihm beizukommen war.
Es gelang mir, ihn zu beruhigen. Ich liess eine Mahlzeit auftragen, denn er
bedurfte dringend einer Erquickung. Mit gieriger Hast griff er nach den Speisen
und brach dann, als er sich gesättigt hatte, in ein lautes Weinen aus. So komme
ich in meine Heimat zurück! rief er und fing darauf an, mir zu erzählen, wie er
seit gestern fast keine Nahrung zu sich genommen, den Postwagen nicht verlassen
hätte, aus Scheu, hier in der Nähe seiner Vaterstadt Bekannten zu begegnen. Auch
hatte ich kaum, wovon eine Mahlzeit zu bezahlen, sagte er. Sie hat mir Alles
genommen, ehe sie mich verliess. Als ich zum Bewusstsein erwachte, war ich allein,
ein Bettler. Seit Monden war unser Credit erschöpft, Niemand wollte uns mehr
borgen. Ich erfuhr, dass sie einem Russen gefolgt war, der ihr lange nachgestellt
hatte und ihr glänzendere Aussichten versprach, als sie bei mir erwarten konnte.
Ein Ring, den ich nie abgelegt und den ich jetzt verkaufte, bot mir die Mittel,
sie zu verfolgen - doch bald sah ich die Torheit dieses Unternehmens ein. Ich
mag sie nicht wiedersehen. Eine unbezwingliche Sehnsucht trieb mich hieher. Ich
will hier sterben, wo ich geboren und jung gewesen bin.
    Erschöpft fiel er in den Sopha zurück, und da ich absichtlich schwieg,
schlief er bald ein, obgleich er heftig fieberte. Seitdem hat sich unverkennbar
ein nervöses Fieber heraus gebildet und die Krankheit ist im Steigen. Er hat nur
wenige klare Augenblicke, in seinen Phantasien aber spricht er mit dem tiefsten
Hass von seiner Mutter, der er sein Unglück zuzuschreiben scheint. Wenn nicht
besondere Zufälle dazwischen treten, hoffe ich auf seine Herstellung. Indessen
halte ich es für ratsam, den Eltern die Anwesenheit Ferdinand's zu verbergen,
bis er körperlich und geistig im Stande ist, ein Wiedersehen mit ihnen zu
ertragen. Jetzt, da die Trennung von seiner Frau erfolgt ist, wird es uns ein
Leichtes sein, ihn allmälig seinen Eltern und seinen früheren bürgerlichen
Verhältnissen wieder zu geben.
    Beruhige Deine Frau deshalb und sage ihr, dass es ihm an der Pflege und
Sorgfalt, die sein Zustand erfordert, nicht fehlen soll. Ich bürge dafür und
hoffe, Dir bald tröstlichere Nachrichten geben zu können.
    Mit der Entschlossenheit, die William's ganzes Wesen charakterisirte,
erklärte er gleich nach Lesung dieses Briefes sich bereit, nach Clara's
Vaterstadt zu reisen, um nicht Eduard allein die Sorge für den Unglücklichen
aufzubürden, und unter strömenden Tränen beschwor ihn seine Frau, sie mit zu
nehmen, es ihr zu vergönnen, dass sie selbst die Pflege des Bruders übernehmen
und seine Rückkehr in das väterliche Haus einleiten könne. Auch dazu war William
geneigt, nur die Unmöglichkeit, mit den Kindern eine so schleunige Reise zu
machen, wie sie hier erforderlich war, schien ihren Wünschen ein Hindernis in
den Weg zu legen, bis Jenny mit ihres Vaters Zustimmung sich erbot, die Kinder
unter ihre Obhut zu nehmen und mit sich nach Hause zu bringen. So ward es
beschlossen, noch an demselben Nachmittage abzureisen, und in trauriger Stimmung
sah Clara der Stunde entgegen, in der sie zum ersten Mal sich von den Lieblingen
ihres Herzens trennen sollte, während William und Jenny ihr Mut zusprachen und
das Nötige besorgten.
    Natürlich mussten Walter's persönliche Wünsche vor diesen Ereignissen in den
Hintergrund treten. Jenny schien des vorigen Abends vergessen zu haben. Sie war
eifrig um Clara bemüht und gönnte sich nicht eher Ruhe, bis sie die Freundin
wohlversorgt auf dem Wege in die Heimat wusste. Dann liess sie die Kinder in ihre
Zimmer bringen, richtete sie dort gehörig ein und traf endlich zur Teestunde
mit dem Grafen und ihrem Vater zusammen.
    Jetzt erst fühlte sie, wie sich seit gestern ihr Verhältnis zu Walter
geändert hatte. Sie wusste nun, dass er sie liebte, und obgleich er ihr sehr wert
war, war ihr seine Liebe nicht willkommen. Sie konnte den rechten Ton für die
Unterhaltung nicht finden, wurde zerstreut, dann verdriesslich, dass sie sich so
wenig zu beherrschen wisse, und entfernte sich unter dem Vorwande, Frau von
Meining ihren Besuch zugesagt zu haben.
    Walter, dem Jenny's befangenes Wesen, ihre Zurückhaltung nicht entgangen
war, glaubte sie durch sein leidenschaftliches Betragen verletzt und benutzte
ihre Abwesenheit dazu, ihrem Vater seine Bitte um Jenny's Hand auszusprechen, um
sich dann auch gegen sie zu erklären und in seiner Liebe eine Entschuldigung für
den Ungestüm zu finden, mit dem er sie gestern erschreckt hatte.
    So oft der Vater auch in gleicher Lage gewesen war, so sehr überraschte ihn
Walters Antrag. Er fragte, ob der Graf die Liebe seiner Tochter besitze?
    Ich glaube mit Zuversicht, dass mir ihre Freundschaft und Achtung gewiss ist,
ich hoffe, ihre Liebe zu erwerben, antwortete Walter.
    Und ist Ihre Familie von dem Schritte unterrichtet, den Sie tun wollen,
lieber Walter?
    Nein, aber Sie wissen, dass ich unabhängig und Herr meiner Handlungen bin.
    Indem Sie mir diese Erklärung geben, sagte Herr Meyer, gestehen Sie mir zu,
dass Sie die Meinung der Ihrigen gegen sich haben würden. Das fürchte ich selbst,
und ich wünschte, ich könnte Ihre Werbung ungeschehen machen. Ich weiss nicht, ob
Jenny Sie liebt, noch wenigstens ist sie, wie ich hoffe, frei genug, eine
Trennung von Ihnen zu ertragen; darum folgen Sie meinem Rate, Herr Graf,
benutzen Sie William's Abreise, uns gleichfalls zu verlassen, und geben Sie
einen Wunsch auf, dessen Erfüllung Ihnen und uns leicht Kummer machen könnte.
    So verweigern Sie mir Jenny's Hand? fragte Walter erbleichend und setzte mit
einem Ton, dem man den gekränkten Stolz anhörte, hinzu: Darauf war ich nicht
vorbereitet.
    Ruhig nahm der Vater des Grafen Hand und zog ihn zu dem Sitze nieder, von
dem er aufgestanden war.
    Verstehen Sie mich nicht falsch, sagte er. Ich glaube Ihnen durch mein
Betragen gegen Sie, gezeigt zu haben, dass ich Sie achte, Sie für einen edlen
Menschen halte. Sie selbst wissen, dass Ihre Stellung in der Welt den Ansprüchen
des ehrgeizigsten Vaters genügen müsste. Aber die gräflich Walter'sche Familie
könnte vielleicht die Tochter eines Juden nicht der Ehre würdig erachten, welche
Sie ihr mit Ihrer Wahl erzeigen. Davor möchte ich mein Kind bewahren und Sie vor
der schweren Pflicht, Ihre Frau gegen die Vorurteile Ihrer Familie und Ihrer
Standesgenossen zu schützen.
    Und glauben Sie, dass mir dazu der Wille oder die Kraft fehlt? fragte Walter.
Glauben Sie, dass Jenny's persönlicher Wert nicht die Einwendungen besiegen
würde, die mein Onkel gegen diese Verbindung machen könnte? Er ist der Einzige,
dessen Meinung mir Etwas bedeutet, dessen Ansichten ich schonen möchte, und er
wird den Schritt billigen, wenn er Jenny kennt und meine Liebe für sie. Ich war
glücklich, seit ich denken kann, ich habe Alles, was das Leben schön macht, nur
eine Gattin fehlt mir, mein Glück zu teilen. Da führt ein günstiges Geschick
mir Jenny zu. Ich liebe sie, ich möchte Ihrer Hand mein höchstes Gut verdanken,
und Sie verweigern es mir, weil Sie mich von Vorurteilen nicht frei glauben,
die man in unsrer Zeit kaum noch der Unbildung verzeiht.
    Wollte Gott, es wäre so! sagte der Vater ernst, dann sollte mir kein Gatte
willkommener für Jenny sein, als Sie; Keinem würde ich meine Tochter mit
grösserer Zuversicht vertrauen als Ihnen. Diese Erklärung muss Ihnen für meine
volle Achtung bürgen. Bei den Worten reichte er dem Grafen seine Hand, der sie
herzlich drückte. Was aber nun Ihren Antrag und Ihr Verhältnis zu Jenny
betrifft, darin folgen Sie mir. Es gilt das Giück meiner Tochter und das Ihre.
Trauen Sie mir, der ich die Welt und die Menschen länger kenne, als Sie. Ich
betrachte Sie für frei von jeder Verpflichtung gegen uns. Uebereilen Sie nichts.
Lassen Sie sich Zeit, die Ansicht Ihres Onkels zu hören, prüfen Sie selbst die
Meinung des Kreises, dem Sie angehören, und wenn Sie dann Ihren Wunsch noch
hegen, wenn Jenny damit einverstanden ist, will ich von Herzen einen Bund
segnen, der in Bezug auf Sie schon jetzt meine vollkommenste Zustimmung hat.
Sind Sie damit zufrieden? fragte er.
    Muss ich nicht? antwortete der Graf, der sich nur ungern in den Gedanken
fand, sein Ziel so weit hinausgeschoben zu sehen, obgleich er fühlte, dass der
Vater seiner Denkart nach nicht anders handeln konnte, und ihn deshalb nur um so
höher schätzte. Aber nur mit Widerstreben verstand er sich dazu, sich gegen
Jenny nicht zu erklären, bis er seinen Onkel von seiner Absicht in Kenntnis
gesetzt und dessen Antwort erhalten haben würde, und er verliess den Greis, um
seinem Onkel schreiben zu gehen. Auch Herr Meyer zog sich zurück, um Eduard
seinerseits von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Er machte ihn auf die
glänzenden Verhältnisse, auf den trefflichen Charakter Walter's aufmerksam und
sagte: Dennoch widerstrebt meine innere Ueberzeugung dieser Verbindung fast eben
so sehr, als einst der mit Reinhard, mit dem Unterschiede, dass jetzt meine
Besorgnis den Verhältnissen gilt, während sie bei Reinhard den Charakter des
Mannes betraf. Niemand ist so gleichgültig gegen das Urteil der Menschen, dass
Lob oder Tadel seiner Umgebung ihn kalt liesse, und es könnte für Jenny's Glück
eine harte Probe werden, wenn sie es erleben müsste, Walter's Entschluss von
seinen Standesgenossen getadelt und ihn dadurch verletzt zu sehen. Ihre erste
Verlobung brachte sie in geistiger Beziehung in einen traurigen Conflikt, diese
könnte sie in ein schwer zu überwindendes Missverhältnis zu den äussern Umständen
versetzen, und sie leicht ebenso unglücklich machen, als jene. Wie ich Jenny
beurteile, fühlt sie das selbst und hat Scheu vor Walter's unverkennbarer
Neigung, weil sie sich nicht den Mut zutraut, seiner Liebe und seiner Werbung
zu widerstehen. Bei Walter's persönlichen Eigenschaften und seiner Stellung in
der Welt würde das vielleicht jedem Mädchen schwer, da keines von Eitelkeit frei
und Walter ganz der Mann ist, Liebe und Zutrauen zu erwecken. Doch bin ich
überzeugt, dass diese Heirat früher oder später zu Stande kommt, und teile Dir
diese Nachricht mit als Etwas, das ich nicht gern sehe, aber nicht zu hindern
vermag. Deinen Ansichten dürfte das Verhältnis willkommen sein. Gott gebe, dass
meine Besorgnis mich trüge und Jenny so glücklich werde, als sie es verdient.
    In seiner Ansicht von Jenny's Scheu vor der Bewerbung Walter's und ihrem
Misstrauen gegen sich selbst hatte ihr Vater sich wirklich nicht getäuscht. Jenny
war zu sehr an Huldigungen gewöhnt und nicht mehr jung genug, um in jeder
Annäherung eines Mannes Liebe zu erblicken. Gerade deshalb hatte sie sich in
ihrem Verhältnis zu Walter, in seiner Gesellschaft um so behaglicher und freier
gefühlt, als sie mit Sicherheit glaubte, hier keinen andern Ansprüchen zu
begegnen, als denen, welche man einem geachteten Freunde willig zugesteht. Jetzt
war ihr plötzlich die Ueberzeugung des Gegenteils geworden und mit ihr das
Bewusstsein, dass sie durch Walter's Liebe manchem neuen Kampfe ausgesetzt werden
könnte: sei es, dass er ihre Hand verlange, oder aus Rücksicht auf seine
weltliche Stellung darauf verzichte. Verstimmt gemacht durch diese Gedanken,
langte sie, während Walter die Unterredung mit ihrem Vater hatte, bei Frau von
Meining an, die in Jenny's beweglichem Gesicht die Spuren einer innern Unruhe
leicht bemerkte. Sie fragte um die Ursache derselben, obgleich Jenny anfangs die
Tatsache leugnete, und erst nach freundlichem Bitten und Dringen von Seiten der
Geheimrätin sagte Jene:
    Ich habe die Entdeckung gemacht, die Liebe eines Mannes zu besitzen, an die
ich nie gedacht habe, und das ist mir unangenehm.
    Die Geheimrätin sah sie verwundert an, lächelte dann und meinte: Das heisst,
Du bemitleidest ihn, weil Du diese Liebe nicht erwiderst und er Dir nicht
gefällt. Das kommt wohl vor im Leben und sollte Dir nicht so neu sein, Dich so
sehr zu verstimmen.
    Im Gegenteil, antwortete Jenny, er ist mir lieb und wert, und gerade darum
tut es mir so wehe.
    Jenny, sagte die Geheimrätin plötzlich ernstaft geworden, ich will kein
Vertrauen erzwingen, wenn Du nicht geneigt bist, es mir zu gewähren. Nur das
Eine sage mir, mich zu beruhigen: Ist der Mann, der Dich liebt, verheiratet,
oder sonst in einer Weise gebunden, die Deine Unruhe erregt? Nur die Eine Frage
beantworte mir.
    Nein, nein! rief Jenny, über den feierlichen Ernst ihrer Freundin lächelnd,
Er ist frei und unumschränkter Herr seines Willens; ich zweifle nicht, dass er
mir seine Hand anträgt, aber das ist es, was ich fürchte und was mein Vater
ungern sehen wird.
    So ist er arm und seine Stellung der Deinen all zu ungleich? fragte Frau von
Meining.
    Kennst Du meinen Vater und mich so wenig, entgegnete Jenny im Tone des
Vorwurfs, zu glauben, dass dergleichen uns irren könnte? Nein, im Gegenteil, es
ist Graf Walter, der mich liebt, und dessen Liebe ich befürchte.
    Walter! rief die Geheimrätin erfreut und setzte dann hinzu: Du bist unwahr
gegen Dich oder mich. Walter's Liebe kann Dir nicht unwillkommen sein, denn
gleichgültig ist er Dir nicht.
    Das habe ich auch nicht behauptet, antwortete Jenny. Aber ich habe durch
meine Verlobung mit Reinhard so viel gelitten, mich so an das ruhige Glück
gewöhnt, welches ich jetzt geniesse, dass ich vor dem Gedanken zittere, neuen
Stürmen ausgesetzt zu sein. Ich habe in der Liebe meines Vaters und meiner
Brüder - denn auch Joseph ist mir ein Bruder - in der Kunst mir eine Welt
geschaffen, in der ich Freude finde und sie den Andern bereite. Nenne es
Feigheit oder Selbstsucht, wie Du willst, ich mag aus diesem sichern Hafen mich
nicht aufs Neue in das Meer des Lebens wagen. Ich will nicht heiraten.
    Und wenn Dein Vater stirbt?
    Dann leben mir die Brüder ...,
    Die wahrscheinlich Deinen Entschluss nicht teilen, fiel ihr die Geheimrätin
ins Wort, die sich verheiraten würden, wenn Du Dich Ihnen durch einen
vernünftigen Entschluss entzögest und so ihr und Dein Bestes fördertest. Wie viel
hundert Mal hast Du mir über die hohe Ansicht gesprochen, die Du von der Ehe
hegst! Wie erhaben hast Du mir Walter's Idee davon geschildert, als Du mir
neulich von der Unterhaltung erzähltest, die Du über diesen Gegenstand mit ihm
gehabt hast. Also Gleichnisse zeichnen kannst Du, aber im Leben sie durch Dich
zu verwirklichen, stehst Du an!
    Sie war ganz erhitzt durch den Eifer, mit dem sie gesprochen hatte, lehnte
sich in ihren Sessel zurück und sagte lächelnd, da Jenny nachdenkend schwieg:
Wie sich doch Alles im Leben wiederholt. Meine Tante würde eine Freude haben,
könnte sie sehen, wie ich jetzt an Dir die Ermahnungen probire, die sie mir
gemacht hat, ehe ich mich verheiratete. Ich denke aber, sie finden bei Dir ein
so williges Ohr, als bei mir, und nehmen auch ein so glückliches Ende.
    Das sagst Du, Clementine, rief Jenny, Du, die mir selbst erzählt, welchen
Kampf Du noch nach Deiner Hochzeit zwischen Pflicht und Liebe bestanden hast.
    Clementine strich mit der Hand über die hohe, zarte Stirn und sagte mit
unbeschreiblicher Weichheit und Demut: Ich halte Dich nicht für schwächer als
mich. Was ich vermochte, musst Du auch vermögen. Du sollst es auch kennen lernen,
das Glück, seine Neigung dem Glücke eines Andern zu opfern, und darin ein neues,
besseres Glück zu finden. Dann nach einer Pause fuhr sie fort: Uebrigens, was
will ich denn? Von dem Opfer einer Neigung ist ja hier die Rede nicht! Du liebst
keinen Andern; Du bist frei und Walter ist Dir wert. Was drückt und ängstigt
Dich also?
    Der Gedanke, man könne mir ehrgeizige Motive unterlegen, sagte Jenny
lebhaft, wenn ich Walter's Hand annehme; und - dass ich es Dir gestehe - die
Möglichkeit, er könne es einst bereuen, eine Bürgerliche, eine Jüdin,
geheiratet zu haben, wenn irgend ein Ereignis ihn unangenehm daran erinnert.
Ich mag nicht, wie Walter es in jenem Gleichniss nannte, die kümmerliche Pflanze
sein, die sich zu einer Höhe emporrankt, für die sie nicht geboren ist. Liebte
ich Walter, vielleicht wäre ich dann schwach genug, meine Vernunft zu
verleugnen; jetzt nimmermehr! Mag Walter sich eine Gefährtin wählen, die ihm
gleich ist an Vorzügen des Ranges und der Geburt, die mit ihm auf gleicher Höhe
erwuchs. Ich will keinem Menschen Etwas verdanken, das er jemals bereuen könnte,
mir gegeben zu haben.
    Aus der Hand eines geachteten Gatten entehrt keine Gabe und er bereuet sie
nicht, wenn er sie, wie Walter Dir, mit ruhiger Ueberzeugung darbringt, sagte
Clementine, die es fühlte, dass hier der Punkt läge, von dem Jenny's Weigerung
gegen Walter's Wünsche ausging. Auch sie kannte Walter und, erfreut durch den
Gedanken, ihn und Jenny verbunden zu sehen, wünschte sie wo möglich dazu
beizutragen. Darum vermied sie es für diesmal, Jenny auf dieser für sie
empfindlichsten Seite anzugreifen und bemerkte ablenkend: Und das ist doch der
einzige Grund, der Dich besorgt machen kann!
    Nein! antwortete Jenny, auch in mir sind Gründe dagegen. Mir fehlt die
Fähigkeit, mich in dem Leben eines Andern aufgehen zu lassen. Meine Existenz ist
eine fest bestimmte, in sich abgeschlossene. Ich habe mich an eine gewisse
Freiheit gewöhnt, die ich nicht mehr entbehren kann und die ich in der Ehe doch
aufgeben müsste. Vor Allem aber, wie ich Reinhard liebte, kann ich nicht wieder
lieben. Mir fehlt die Jugendlichkeit, die Frische des Herzens, das fühle ich
tief. Ich kann so nie wieder lieben!
    So liebe Walter anders! wandte Frau von Meining ein. Auch Du bist sicher
nicht das erste Mädchen, das ihn die Liebe kennen lehrt. Er ist ein Mann, der in
der Schule des Lebens und des Hofes seine Prüfungen bestand. Den ruhigen Mann
reisst keine Leidenschaft blindlings hin; was er tut, hat er überlegt, was er
verspricht, will und wird er halten. Und was die Frische des Herzens betrifft,
so ist es mit der Liebe, wie mit dem Menschen überhaupt. Die Geschlechter gehen
und kommen, jedes hat die Erfahrungen des vorigen für sich, sie gleichen sich
fast alle und doch - hat jedes neue Geschlecht seine Torheit und seine
Weisheit, seine Jugend, seine Blüte, nach seiner Individualität; eine Blüte,
die rein und schön ist, obgleich sie erst auf der Asche der geschiedenen
Generation erwuchs. Darum Mut, mein Herz! Den falschen Stolz besiege und im
Uebrigen vertraue der Liebesfähigkeit und der Liebebedürftigkeit des
Frauenherzens.
    Eine innige Umarmung beendete diese Unterhaltung, die in Frau von Meining
den Entschluss hervorrief, sich so bald als es ihr möglich sein würde, der
Gesellschaft anzuschliessen, um Jenny und Walter schnell an ein Ziel zu bringen,
das ihr für Beide so glückversprechend schien. Diese freudige Hoffnung tat für
die Anregung ihrer Nerven mehr, als irgend eine Arzenei vermochte, und schon am
nächsten Tage nahm sie zum ersten Male Walter's Besuch an, der fast täglich in
ihrer Wohnung gewesen war, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen.
Zwei Gefühle waren es besonders, die Jenny beunruhigten und sie bewogen, sich
von Walter zu entfernen: Die Furcht, welche sie Frau von Meining gestand, vor
einer Verbindung, die man gerade in den Kreisen eine Missheirat nennen würde, in
denen sie als Walter's Frau zu leben bestimmt war, und, was sie nur sich selbst
bekannte, Scham vor sich selbst, dass sie einer zweiten Neigung fähig sei, die
sich entschieden zu Walter's Gunsten in ihr geltend machte. Trotz ihres klaren
Verstandes besass Jenny die Schwärmerei eines tieffühlenden Herzens und hatte mit
Treue das Andenken des Geliebten ihrer Jugend in sich gepflegt, bis sich nach
Reinhard's Verheiratung der Gedanke in ihr ausgebildet, sie habe jetzt keinen
Anspruch mehr an Liebesglück zu machen, ihr Leben sei in der Beziehung beendet.
    So hatte sie sich seit Jahren mit der Idee: »entsagt zu haben« wie mit einem
Wittwenschleier geschmückt, den sie jetzt abzulegen sich nicht entschliessen
konnte. Sie fühlte ihre wachsende Neigung für den Grafen, aber sie kämpfte
dagegen, wie gegen ein Unrecht, weil sie sich scheute, den Ihrigen zu sagen: Ich
liebe wieder! und weil sie doch zu wahrhaft war, um eine Verbindung mit Walter,
die sie trotz aller Bedenken wünschte, für eine blosse Verstandsheirat
auszugeben, was ausserdem kränkend für ihn gewesen wäre.
    Nach Jahren innern Friedens mit sich selbst machte dieser Zwiespalt ihrer
Seele ihr doppelte Unruhe und gab ihr einen Anstrich von Kälte, die Walter irre
an ihr zu machen drohte; da ohnehin die Sorge für Clara's ihr anvertraute Kinder
ihr einen Grund gab, den Grafen weniger zu sehen, als es früher der Fall gewesen
war. Dadurch trat eine Art von Spannung zwischen Walter und Jenny ein, von der
Beide gleich viel zu leiden schienen, bis es Frau von Meining gelang, des Grafen
Vertrauen zu gewinnen. Sie bat ihn Geduld zu haben, Jenny Zeit zu lassen, bis
sie sich selbst klar geworden sei: Glauben Sie, lieber Graf! sagte sie, je
deutlicher in uns Frauen das Bewusstsein von der Heiligkeit der Ehe wird, je
langsamer entschliesst man sich, den Schritt zu tun. Jenny steht jetzt bang und
zögernd auf der Schwelle des Tempels, die sie vor zehn Jahren leichterzig und
sorglos überschritten haben würde. Lassen Sie sich dadurch nicht irren! Ich
würde es für unrecht halten, Jemand zu einem Entschlusse hin zu drängen, zu dem
er keine Neigung hat, oder dem seine Eigentümlichkeit widerstrebt. Jenny wird
aber nur durch ein von ihr missverstandenes Gefühl gehindert, ihr Glück und das
Glück eines Mannes zu gründen, den sie hoch und wert hält. Da muss man aus
Freundschaft ein Uebriges tun und die Gute gelinde dazu zwingen, glücklich zu
sein und zu beglücken.
    Das ist ein hartes Wort! bemerkte Walter, und selbst Jenny's Hand möchte ich
weder der Ueberredung noch dem Zwang verdanken.
    Aber Sie sind damit zufrieden, wenn Jenny sich und Ihnen gestehen lernt, dass
ihre eigene Neigung sie zwingt, die Ihre zu werden? fragte Frau von Meining
freundlich.
    Wenn Sie Jenny davon überzeugen könnten, erwiderte Walter, wie würde ich es
Ihnen danken!
    Lassen Sie das, mein Freund! wandte die Geheimrätin ein. Ich bleibe Ihnen
verpflichtet und mein Mann wird es Ihnen Dank wissen, dass Sie mich aus meiner
Abspannung befreiten, indem Sie mir Gelegenheit gaben, an Ihnen und meiner
Freundin ein gutes Werk zu üben. In wenig Tagen denke ich Jenny in ihrer Wohnung
selbst aufzusuchen und rechne dann auf Ihre Begleitung.
Heute ist ein wahrer Glückstag, sagte Jenny zu Frau von Meining, als dieselbe an
einem heitern Morgen in Walter's Begleitung zum ersten Male Jenny besuchte und
mit ihr unter dem Schatten der Bäume sass. Du scheinst den letzten Rest von
Schwäche von Dir geworfen zu haben und auch meine arme Kranke ist heute so wohl,
dass ich es wagen konnte, sie gehörig um ihre Verhältnisse zu fragen.
    Und was haben Sie erfahren? fragte Walter, den die Frau interessirte, weil
Jenny Teil an ihr nahm.
    Eigentlich nicht viel mehr, als mein Vater schon durch die Behörde wusste. Es
ist eine von den traurigen Geschichten, die sich leider täglich wiederholen. Sie
ist die Tochter eines Handwerkers aus Gernsbach und kam gewöhnlich während des
Sommers nach Baden, um in einem Hause auszuhelfen, in dem man Wohnungen
vermietet. Hier hat sie einen armen Jägerburschen kennen gelernt und ihn gegen
den Willen ihres Vaters geheiratet, der sie einem wohlhabenden, aber sehr alten
Bürger in Gernsbach bestimmt hatte. Ein unglücklicher Fall auf der Jagd, in
Folge dessen das Gewehr losging, raubte ihrem Mann im Herbst das Leben, lange
ehe ihr Kind geboren wurde. Im Winter gab es kein Verdienst für sie und in die
bitterste Armut versunken, aus Mangel erkrankt, ist sie nun schwach und elend
nach Gernsbach gegangen, um dort das Mitleid ihres Vaters anzuflehen. Der aber
hat sie und ihr Kind mit Verwünschungen von sich gestossen, sie hat hierher
zurückkommen und Arbeit suchen wollen, als sie auf dem Wege zusammenbrach, wo
ich sie fand. Sie sagte mir, dass ihr Vater kein anderes Kind hätte, als sie, und
wohl die Mittel, für sie zu sorgen. Aber er hätte gehofft, mit dem Gelde des
reichen Schwiegersohnes sein Gewerbe zu vergrössern und selbst ein reicher Mann
zu werden, und dass sie ihn um diese Hoffnung betrogen, werde er ihr nicht
vergessen und verzeihen.
    So muss man hier für sie sorgen! meinte Frau von Meining.
    Sie selbst verlangt nichts mehr, als die Mittel, sich durch einige Pflege
Kräfte zu erwerben, um wieder arbeiten zu können, sagte Jenny. Wie sie mir
erzählt, hätte ihr Vater sie, ohne das Kind, wohl zu sich genommen, weil er
hoffte, jener Bürger würde sie auch jetzt noch heiraten, wenn sie sich von
ihrem Kinde trenne. Das aber will und soll sie natürlich nicht und so meint mein
Vater, man müsse einen der nächsten Tage dazu benutzen, nach Gernsbach zu fahren
und versuchen, ob man nicht durch ein Jahrgeld, das man an das Leben des Kindes
knüpft, den Vater vermögen könne, Tochter und Enkel bei sich aufzunehmen, wo sie
am Ende doch am besten untergebracht sein würden.
    Walter stimmte dieser Ansicht bei und man verabredete eben einen Tag für
diese Fahrt, als ein Mann von etwa vierzig Jahren mit einer jungen Frau am Arm
sich dem Platze näherte, auf dem die Gesellschaft vor dem Hause sass. Ein Diener
trug ihnen, trotz des schönen Wetters, einen Männerüberrock und einen kleinen
Teppich nach.
    Steinheim! rief Jenny, als sie ihn erkannte, und stand auf, ihn und seine
Begleiterin zu begrüssen: Vielmals willkommen!
    »Erneute Huldigung gestatte mir!« sagte Steinheim, ihr mit steifer
Galanterie die Hand küssend, und vergönnen Sie mir zugleich, Ihnen meine Frau
vorzustellen und sie Ihrer Freundschaft zu empfehlen.
    Madame Steinheim war ein sehr hübsches, siebzehnjähriges, höchst
schüchternes Wesen, das zu ihrem Manne wie zu einer Gotteit emporsah und sich
nicht der Ehre wert zu fühlen schien, ihm anzugehören. Steinheim war sehr stark
geworden und pflegte sein Äußeres und seine Gesundheit noch mit der alten
übertriebenen Vorsicht. Die junge Frau, welche diese seine alte Schwäche noch
nicht zu kennen schien, stand ihm darin mit ängstlicher Sorgfalt bei.
    Nachdem Jenny die Angekommenen mit ihren Freunden bekannt gemacht hatte,
fragte sie Steinheim, was ihn, den abgesagten Feind alles Reisens, zu dem
Entschluss gebracht habe, sich dennoch auf den Weg zu machen und eine
Häuslichkeit zu verlassen, die jetzt erst wahren Reiz für ihn haben müsse.
    Ich bin mir selbst ein Rätsel! antwortete er, und mir scheint, dass mit dem
Liebesfrühling, der so urplötzlich in meiner Brust erwachte, ein ganz neues,
junges Leben für mich begonnen hat. »Ein unbegreiflich holdes Sehnen trieb mich
durch Wald und Wiesen hinzugehn.« Ich wünschte meiner Frau zu zeigen, wie schön
die Welt sei und konnte mich der Gefahr, die das Reisen für meine Gesundheit
hat, jetzt leichter aussetzen, da Hannchen - er wies dabei auf seine Frau - mit
dankenswerter Sorgfalt über mir wacht. Aber findest Du nicht, sagte er, sich
unterbrechend, dass der Fussboden hier feucht ist, mein lieb' Schätzchen?
    Das liebe Schätzchen bejahte es, und nach einer leichten Entschuldigung
gegen die Damen, liess Steinheim den Teppich unter seine Füsse breiten und zog den
Ueberrock an, wobei der Diener und seine Frau ihm behülflich waren. Dann fragte
er nach William und Clara, von deren Anwesenheit in Baden er durch Eduard gehört
hatte, während ihre Abreise ihm fremd war, denn auch er war schon längere Zeit
auf der Reise und vom Hause entfernt. Er erkundigte sich, wem die Kinder
gehörten, die seitwärts unter Obhut der Wärterinnen sichtbar waren. Man rief
Richard herbei, liess Lucy bringen und auch das hübsche, nun sauber gehaltene
Kind der armen Frau, wobei die Verhältnisse derselben nochmals flüchtig
besprochen wurden.
    Da sieht man, sagte Steinheim, wie tief das Gefühl für Standesunterschiede
im Menschen begründet ist, das man einen leeren Wahn schilt. »Doch dieser Wahn
ist uns ins Herz gelegt, wer mag sich gern davon befreien«, besonders, wenn es
darauf ankommt, eine Ehe zu schliessen, in der vollkommene Gleichheit der
Verhältnisse die erste Bedingung zum Glücke ist?
    Hätte Steinheim absichtlich eine Äusserung machen wollen, die für alle
Anwesende gleich verletzend wäre, er hätte keine bessere finden können. Seine
Frau und Frau von Meining waren Beide wohl um zwanzig Jahre jünger, als ihre
Männer, und welch unangenehmen Eindruck Jenny und Walter durch die Behauptung
empfingen, bedarf keiner Erwähnung. Steinheim fühlte aber davon nichts, da er
die Verhältnisse der einzelnen Personen nicht kannte und fuhr, immer nur mit
sich beschäftigt, fort: Es hat eine Zeit gegeben, in der ich auch an ein
Verschmelzen der Stände, wo möglich gar an eine gleichmässige Verteilung der
Güter dachte und, von Eduard's Ueberspannteit angesteckt, nur von Reformen und
von Weltverbesserungen träumte. »Der Traum war kindisch, aber göttlich schön«;
ich gestehe es, obgleich ich mich freue, daraus erwacht zu sein.
    Und was hat denn Ihre plötzliche Sinnesänderung bewirkt? fragte Walter.
    Herr Graf! »die Zeit kommt auch heran, wo wir was Gut's in Ruhe schmausen
mögen«, antwortete der Gefragte, sich selbst Beifall lächelnd. Dies Reformiren,
Politisiren und dergleichen schickt sich nur für die Jugend, die Nichts zu
verlieren und Alles zu gewinnen hat. Zudem trieb der ewige Aerger, in dem solch
ein Parteikampf uns hält, mir die Galle in's Blut, raubte mir den Schlaf und
hätte mich zuletzt noch um Gesundheit und Leben gebracht, wenn mir nicht endlich
die Erkenntnis gekommen wäre, dass es für mich Zeit sei, den Liberalismus Andern
zu überlassen und fortan nur mir, der Literatur, die Ansprüche an mich hat, und
meiner kleinen Frau zu leben, die mit meinem Entschlusse sehr zufrieden ist.
Gestehen Sie, Herr Graf! das ist das Vernünftigste, was man tun kann. Sie, ein
Edelmann aus altem Hause, werden es begreiflich finden, dass ich, ein nicht
unbemittelter Bürger, das Haupt einer Familie, mich aus Grundsatz zur äussersten
Rechten halte und entschieden gegen Alles eifre, was gegen das Bestehende läuft.
Der Unterschied der Stände ist ein heiliger und muss aufrecht erhalten werden,
wie der des Besitzes und des Glaubens; und nur wenn das geschieht, kehrt sie
wieder: »die goldne Zeit, womit der Dichter uns zu schmeicheln pflegt«.
    Steinheim glaubte, als er das Schweigen der Gesellschaft, das entzückt
aufhorchende Gesichtchen seiner Frau bemerkte, des allgemeinen Beifalls sicher
zu sein und warf sich mit der Bravour einer Sängerin, die eine grosse Arie
glücklich beendet hat und nun des Bravo harrt, in seinen Stuhl zurück. Umsonst!
Niemand rief ihm Beifall zu, die Frauen warfen einzelne Worte hin und nur Walter
sagte kurz: Ich bekenne Ihnen, dass ich nicht Ihrer Meinung bin! als ob er es
nicht der Mühe wert hielt, sich in irgend eine nähere Erörterung einzulassen.
Dann ging er schnell zu andern Dingen über, fragte Steinheim nach seinen Reisen,
und bald war dieser auf ein neues Steckenpferd gebracht. Er sprach von den
Teatern, die er besucht, von der Art, in welcher der berühmte Seidelmann, den
Alle kannten, den Natan dargestellt hatte, und erklärte dieselbe für die
vollendetste Schöpfung der Schauspielkunst.
    Der Kunst, bemerkte Walter, insofern sie der Natur entgegensteht, denn diese
fehlt den Schöpfungen von Seidelmann, mehr oder weniger, fast immer.
    »Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt? dem dies, dem das«, recitirte
Steinheim, und Sie müssen doch eingestehen, dass Lessing's Natan ein Meisterwerk
ist, und dass jener Schauspieler die Absicht des Dichters immer vollkommen
begreift und versinnlicht.
    In diesem Falle bestimmt nicht! sagte der Graf. Mir scheint, was die
Dichtung anbetrifft, Natan der Weise überhaupt mehr eine grossartige Allegorie,
ein didaktisches Gedicht, als ein darstellbares Schauspiel zu sein. In dem
Bestreben, die positiven Religionsunterschiede als unwesentlich darzustellen,
sobald die innere, wahre Religion vorhanden, hat Lessing den einzelnen
Repräsentanten der verschiedenen Confessionen ihren nationalen und durch den
Glauben bedingten Typus genommen, so dass Saladin, der Templer und Natan, drei
so ganz abweichende Charaktere, eine Art von protestantischer
Familienähnlichkeit bekommen. Das tut dem Interesse Abbruch, welches man an
ihnen nähme, wenn die Gegensätze schärfer gezeichnet wären. Dazu kommt noch, dass
die Ruhe, mit der der Templer, der strenggläubige Christ, sich als den
Abkömmling eines Muselmannes, den Bruder einer Jüdin erblickt, etwas Unwahres
hat, wie der ganze Schluss, der nicht befriedigt - wenigstens auf der Bühne
nicht. Das Schauspiel unterhält den Zuschauer nicht, so herrlich das Gedicht
ist, und wird durch den Darsteller noch langweiliger1.
    Madame Steinheim, die bis dahin fast kein Wort gesprochen, sondern sich mit
den Kindern beschäftigt hatte, stimmte dem Grafen schüchtern bei.
    »Brutus! auch Du?« rief ihr Mann, und drohte ihr mit dem Finger, in einer
Weise, die er für schalkhaft zu halten schien.
    Madame Steinheim hat Recht! bekräftigte Walter. Gerade da liegt jenes
Schauspielers Fehler in dieser Rolle. Er ist nicht der schlichte, klare Mann,
der aus eigener Anschauung Gott, die Welt und den Menschen begriffen hat; nicht
der anspruchslose Weise, der sich seiner hohen Weisheit kaum bewusst ist und sie
für die natürlichste Erkenntnis hält - sondern ein selbstbewusster Gelehrter, der
seine Sentenzen im Katedertone vorträgt, weil er ihre wichtige Bedeutung fühlt.
Deshalb stellt er sich jedesmal in Position, ehe er eine seiner moralischen
Behauptungen spricht und der Schein von Demut, von Schlichteit, mit dem er
sich umgibt, täuscht uns keinen Augenblick. Lessing dachte sich einen Erzvater
in heiliger, erhabener Einfalt und jener stellt uns einen Professor des
neunzehnten Jahrhunderts vor, der wohl fühlt, dass er tausend Mal gescheuter sei,
als sein Auditorium, sich aber hütet, es zu zeigen, weil er weltklug genug ist,
Niemand beleidigen zu wollen. Er erscheint feig und arrogant zugleich.
    Frau von Meining lächelte und stimmte dem Grafen bei, auch Jenny schien
seine Ansicht zu teilen.
    »Dergleichen Reden hören sich gut an, doch hat es allerlei Bedenkliches
damit!« sagte Steinheim. Vor Allem vergessen Sie nicht, dass Natan, der
Unterdrückte, der verachtete Jude, zu seinem Herrn und Unterdrücker spricht. Das
mag die bescheidene, fast furchtsame Weise seines Auftretens bei aller seiner
Selbstschätzung entschuldigen.
    Im Gegenteil! rief Jenny. Wenn er es fühlt, dass er ein freier Mensch ist
vor den Augen des Schöpfers, wenn er die Qual empfindet, unterdrückt, verachtet
zu sein, so muss ihn das nur stolzer gegen seinen Unterdrücker machen. Was kann
ein Mann wie Natan fürchten? - Ketten und Gefängnis? Darüber erhebt ihn sein
Selbstgefühl; - den Tod? Er hat sein Weib und seine Söhne sterben sehen und Gott
getraut, er kann den Tod für sich nicht fürchten. Feigheit ist nur die Schwäche
kleiner Seelen; wer sich wie Natan frei empfindet, fürchtet Niemand und fühlt
sich, selbst als verachteter Jude, den Besten gleich!
    Sei es, dass Jenny durch Steinheim's frühere Behauptung über die notwendige
Gleichheit in der Ehe verstimmt worden war, oder dass der Ausdruck »verachteter
Jude«, den er jetzt gebraucht, ihr in Walter's Anwesenheit unangenehm gewesen,
genug, sie fühlte einen Unmut in sich, der ihr fast Tränen erpresste. Mit
ungewohnter Heftigkeit hatte sie die letzten Worte gesprochen und stand dann
schnell auf, um ihrem Vater entgegen zu gehen. Sie fiel ihm um den Hals und
küsste seine Hände: Du weiser Mann, Du armer verachteter Jude! sagte sie so
leise, dass selbst ihr Vater die Worte nicht vernahm, der sich begrüssend zu
Steinheim wandte, heiter nach Nachrichten aus der Heimat fragte und Alle in die
Unterhaltung verwickelte. Nur Jenny war in tiefes Nachdenken versunken. Walter
bemerkte es und versuchte vergebens, in ihrer Seele zu lesen, als ein leichter
Windstoss durch die Luft fuhr und Madame Steinheim unruhig auf ihren Gatten
blickte. Er schlug den Kragen seines Ueberziehers in die Höhe und rief: »Wie
ras't die Windsbraut durch die Luft! Mit welchen Schlägen trifft sie meinen
Nacken!« Weisst Du, Hannchen! ich fühle ein Schnupfenfieber im Anzuge, und wenn
wir dies Baden-Baden nicht bald verlassen, stehe ich für Nichts. Indes, wenn es
Dir hier gefällt ....
    Um Gottes willen, nein! sagte die kleine Frau ängstlich, und dann zu den
Damen gewandt: Es ist ganz prächtig in Baden und ich hatte gehofft, hier das
Badeleben kennen zu lernen, von dem man mir immer erzählt; aber mein Mann hat so
erstaunlich reizbare Nerven und meinte gleich, die Luft in diesem engen Tale
würde ihm nicht zusagen. Darum wollte ich nur, wir wären schon heraus und in
Ems, wo mein lieber Steinheim eine Cur zu brauchen denkt.
    Während dieser Rede war Steinheim aufgebrochen, hatte sich fest in seinen
Rock geknöpft, seine kleine Frau an den Arm genommen und empfahl sich, Goete's
Worte parodirend, also: »»Wir aber, die wir hier nur Fremde sind und hier nur
wenig Augenblicke weilten, wir kehren freudig und entzückt zurück, wenn wir Euch
in der Vaterstadt begrüssen. Ihr zählt uns zu den Euren und wir fühlen, welch
einen Vorzug uns dies Loos gewährt.««
    Bald war das ungleiche Paar den Blicken entschwunden. Der Diener mit dem
zusammengerollten Teppich folgte ihm in gemessener Entfernung auf dem Fusse nach.
Eine grössere Gesellschaft hatte sich am Abend bei Frau von Meining versammelt.
Es war das erste Mal, seit sie in Baden lebte, und sie hatte es Herrn Meyer und
Jenny zur Pflicht gemacht, von der Partie zu sein, da sie dieselben mit einigen
Personen bekannt zu machen wünschte, die ihnen fremd waren. Die Gesellschaft war
ziemlich belebt, man hatte geplaudert, musicirt und die Geheimrätin forderte
Jenny auf, nun auch etwas zu singen. Bereitwillig ging diese aus dem Salon in
das Wohnzimmer, in der Hoffnung, unter den dort befindlichen Noten mehrstimmige
Sachen zu finden, weil sie glaubte, dass dergleichen unterhaltender sein würde.
Die Etagère, auf der die Noten lagen, stand hinter einer Tür, deren geöffnete
Flügel Jenny verbargen, so dass sie von einigen Personen, die in der Tür
standen, nicht gesehen werden konnte, obgleich kein Wort, das jene sprachen, für
Jenny verloren ging.
    Was wird man jetzt singen? fragte eine alte Dame, deren Brust ein
Stiftskreuz zierte, einen jungen Attachè der österreichischen Gesandtschaft beim
Bundestage.
    Ich glaube, das Fräulein Meyer proponirte mehrstimmige Piecen! antwortete
der junge Mann.
    Sagen Sie mir, lieber Baron! die Meyer's scheinen ja Juden zu sein, wie
kommt Frau von Meining und namentlich Graf Walter zu den Leuten? Man sagt, er
soll der unablässige Begleiter dieser Familie sein und man hält ihn für
extravagant genug, die Vermutungen, von denen ich eben in dieser Rücksicht
hörte, wahr zu machen, sagte die Stiftsdame.
    Wie können Sie nur so etwas wiederholen, meine Gnädigste! Graf Walter
gefällt sich allerdings darin, der Rotüre gegenüber den Liberalen zu spielen,
indes von der Torheit, die Sie ihm zutrauen, eine Jüdin zu heiraten, ist er
sicher fern. Die Meyer ist hübsch und pikant. Die Galanterie eines Grafen wird
ihrer Eitelkeit schmeicheln und Sie wissen, die Freiheit des sogenannten
Badelebens entschuldigt Manches! schloss lachend der Baron.
    Atemlos und wie gelähmt stand Jenny da, den Kopf gegen eine Säule der
Etagère gelehnt, als Frau von Meining zu ihr trat, der ihr langes Ausbleiben
aufgefallen war. Erschreckt fuhr sie empor, fasste sich aber gleich und sagte
anscheinend ruhig: Ich finde die Noten nicht und möchte überhaupt nicht singen,
wenn Du mich davon freisprechen wolltest. Aber davon wollte Frau von Meining
nichts hören. Mit den freundlichsten Bitten nötigte sie Jenny, an dem Flügel
Platz zu nehmen und wenigstens irgend ein Lied zu singen, um damit der
Gesellschaft ihren Tribut zu zahlen. Einen Augenblick schien Jenny nachzudenken,
sie mochte um die Wahl eines Liedes verlegen sein, dann war es, als ob ihr
plötzlich ein Gedanke käme, sie griff mit sicherer Hand ein paar Accorde und
begann Byron's »Mädchen von Juda« zu singen, das von Kücken so meisterhaft
komponirt ist. Ihre starke, metallreiche Stimme schien von dem Zorn in ihrer
Brust einen neuen Zauber zu gewinnen, die tiefste Trauer klang aus ihren Tönen
und als sie die zweite Strophe mit den Worten endete: »O Vaterland süss, o
Vaterland mein! wann wird dir Jehovah ein Rachegott sein?« wagte Niemand zu
atmen und Alle standen wie festgebannt und beherrscht durch die Gewalt des
Zornes, der in diesen Tönen zu Gott rief und von ihm Rache erflehte. Dann ging
der Gesang wieder zu wehmütiger Klage über, Jenny's Stimme wurde weicher, bis
sie nochmals mächtig erklang in den Worten: »in Knechtschaft des Feindes der
Jude verlacht«, und endlich matt in dem Wunsche erstarb: »O Vaterland süss, o
Vaterland mein! könnt ich nur im Tode vereinet dir sein.«
    Die Röte der Begeisterung, die während des Singens Jenny's Wangen gefärbt
hatte, war gegen das Ende des Liedes gewichen. Ruhig, aber angegriffen, stand
sie vom Instrumente auf. Kein lautes Zeichen des Beifalls war zu hören, in
Vieler Augen standen Tränen; Andre sahen sich befremdet an. Sie schienen dunkel
zu ahnen, dass ihnen hier, wo sie flüchtige Unterhaltung zu finden gehofft, eine
Wahrheit entgegengetreten war, vor der sie erschraken, wie vor einem Gespenste,
das plötzlich am hellen Tage in die Reihen der Lebenden tritt. Selbst Walter und
Frau von Meining waren überrascht. So hatte der Graf Jenny niemals singen hören;
er, der ihre Seele kannte, hätte sie beschwören mögen, ihm die Ursache des
Schmerzes zu vertrauen, der sie eben jetzt erschüttert hatte. Er wollte und
musste sie sprechen, aber sie vermied seine Annäherung und verliess bald, nachdem
sie gesungen hatte, die Gesellschaft.
    Walter begleitete sie aus dem Saale hinaus und benutzte einen Augenblick, in
dem ihr Vater im Nebenzimmer von einem Bekannten angeredet wurde, zu der Bitte,
Jenny möge ihm heute noch eine kurze Unterredung gestatten, an der sein Glück
und seine Hoffnung hänge.
    Ihr Glück, Herr Graf, antwortete Jenny, liegt ausserhalb meiner Sphäre und
Sie täuschen sich, wenn Sie es in meiner Nähe suchen! Glauben Sie mir das, und
dringen Sie nicht in mich! Sie reichte ihm bewegt die Hand zum Abschied und ging
am Arme ihres Vaters davon.
    Jenny's Gesang und ihre ganze Erscheinung waren, während dies in einem der
Nebenzimmer geschah, im Saale der Gegenstand der Unterhaltung geworden. Einige
priesen ihre Schönheit und Anmut, andere fanden ihr Auftreten abstossend und
stolz, zu ernstaft und selbstbewusst für ein Frauenzimmer; und ebenso grosse
Meinungsverschiedenheit herrschte über ihren Gesang.
    Die Stimme ist vortrefflich, bemerkte die Stiftsdame, aber es zeigt immer
von wenig Erziehung, sich und seine Gefühle so preiszugeben. Ich will gestehen,
es mag unangenehm genug sein, dem jüdischen Volke anzugehören, indes ist es doch
nicht unsere Schuld, dass Fräulein Meyer eine Jüdin ist und sich dessen schämt,
und ich begreife nicht, mit welchem Rechte sie sich in der Gesellschaft in einer
Weise gehen lässt, die für meine Nerven zum Beispiel viel zu stark ist. Ich
versichere Sie, sie hat mich völlig krank gemacht!
    Viele stimmten ihr bei, schwiegen aber, als Frau von Meining sich dem Kreise
näherte, in welchem bald eine leichtere Unterhaltung den Eindruck verwischte,
den Jenny's Lied auf die Gesellschaft hervorgebracht. Nur Frau von Meining
dachte mit ängstlicher Besorgnis an sie, und ihr entging es nicht, dass auch der
Graf bald nach Jenny's Entfernung das Haus verlassen hatte.
Der Abend war schwül und dunkel, als Walter aus den glänzend erleuchteten
Zimmern der Geheimrätin in die nächtliche Dämmerung hinausschritt. Er hatte im
Laufe des Tages die Antwort seines Onkels erhalten, der es ihm nicht verbarg,
wie diese Verbindung mit Jenny entschieden gegen seine Ansichten und seine
Wünsche sei. Was ich aber nicht hindern kann, schrieb er, mag ich auch nicht
tadeln. Du bist unwiderruflich entschlossen und so wünsche ich von Herzen, dass
Du in Deiner künftigen Gattin und in ihrer Liebe Ersatz finden mögest für die
schweren, grossen Opfer, die Du ihr bringen willst. Sobald Deine Verlobung
erklärt ist und Du mit Deiner Braut in unsere Gegend kommst, denke ich Dich zu
treffen, um das Mädchen kennen zu lernen, das Dir würdig scheint, den Namen
einer Gräfin Walter zu tragen, eine Ehre, um die manche hochgeborne Jungfrau sie
beneiden möchte. Fräulein Meyer wagt viel, indem sie sich auf diese Höhe stellt,
und Du wirst Mut und Energie brauchen, um sie dort zu halten. Aber das gerade
reizt Dich! Nun, so geschehe, was geschehen soll, und wir wollen sehen, wie man
der Angelegenheit die beste Wendung gibt.
    Durch diesen Brief von dem Versprechen gegen Herrn Meyer befreit, Jenny
seine Liebe noch zu verschweigen, hatte er mit freudiger Bewegung den ganzen Tag
eine Gelegenheit gesucht, sie allein zu sprechen. Steinheim's Besuch, ihre
darauf folgende Verstimmung hatten es ihm aber unmöglich gemacht, sich ihr zu
nähern und ihn genötigt, sie bei Frau von Meining um jene Unterredung zu
bitten, die sie ihm verweigert hatte. Niemand konnte weniger persönliche
Eitelkeit besitzen als Walter; indes war er sich der Vorzüge bewusst, welche ihm
seine Geburt und seine Verhältnisse vor vielen Männern gaben. Von Jugend auf
hatte man ihm wiederholt, wie er jedes Mädchen durch seine Bewerbung ehre und
überall waren die Frauen ihm in einer Weise entgegengekommen, die ihm eine
Bestätigung für jene Behauptung geboten. Jetzt liebte er mit aller Hingebung
seiner Seele. Jenny's früheres Betragen hatte in ihm die Hoffnung erweckt, dass
sie seine Gefühle teile; er war bereit, sie gegen die Vorurteile der vornehmen
Gesellschaft zu schützen, deren Ansicht er gegen sich hatte, und sie verweigerte
sich ihm, obgleich sie seine Liebe kannte.
    Voll quälender Ungewissheit kehrte er endlich nach seiner Wohnung zurück; in
Jenny's Zimmer brannte Licht und ein Schatten bewegte sich an den Vorhängen hin
und her. Auch sie musste noch wach sein. Das muss anders werden, sagte Walter zu
sich selbst. Ich will, so teuer sie mir ist, weder um ihre Liebe betteln, wenn
sie mich ihrer unwert hält, noch ihren Frieden stören. Morgen ist sie mir
verlobt, oder ich sehe sie nie wieder! Trotz des männlichen Entschlusses seufzte
er, als er nochmals nach Jenny's Fenstern blickte, und eine Träne verdunkelte
seinen Blick. War es der Gedanke, Jenny zu verlieren, oder das Gefühl gekränkten
Stolzes, das sie erpresste? Walter zerdrückte sie schnell, als schämte er sich
derselben und ging in das Haus, um auf seinem Lager, das der Schlummer floh, der
Geliebten und des kommenden Tages zu denken.
    Auch Jenny konnte keine Ruhe finden. In der ersten Empörung ihrer Seele
hatte sie, kaum heimgekehrt, sich ihrem Vater in die Arme werfen, ihm das
Erlebte mitteilen und ihn beschwören wollen, am folgenden Tage Baden mit ihr zu
verlassen. Aber der Gedanke, wie tief die Ueberzeugung ihren Vater schmerzen
würde, dass immer wieder der Fluch der Vorurteile auf seinen Kindern ruhe, dass
kein Alter und kein Verhältnis sie davor schütze, nötigte sie zum Schweigen und
scheuchte sie in ihr Zimmer zurück, wo sie sich einsam ihrer Empörung und ihrem
Schmerze überliess. Sie konnte sich es nicht verhehlen, sie liebte Walter; nicht
mit der stürmischen Glut der Leidenschaft, die sie für Reinhard einst gefühlt,
sondern mit jener ruhigen Zuversicht, die an der Brust des Geliebten zwar nicht
den Himmel jugendlicher Hoffnung, aber eine sichere Zuflucht in allen Stürmen
des Lebens erwartet. Sie wusste, wie teuer sie ihm sei, sie konnte sich in den
lieblichsten Farben eine Zukunft an seiner Seite denken und hatte ihre Hoffnung,
ohne es zu wissen, bereits an diese Zukunft geknüpft. Das fühlte sie an dem
Schmerz, den der Gedanke, sich von Walter trennen zu müssen, in ihr hervorrief.
Aber diese Trennung stand jetzt als Notwendigkeit vor ihr. Die Äusserungen
Steinheim's am Morgen und die Unterhaltung, deren Zuhörerin sie am Abend gewesen
war, hatten ihr gezeigt, was sie ohnehin fühlte, dass sie Walter, indem sie seine
Hand annehme, in den Kampf verwickle, den sie als Jüdin gegen die Meinung der
Menge zu bestehen hatte.
    Ich war stark genug, sagte sie, noch ein halbes Kind, meiner Liebe zu
entsagen, um Frieden mit mir selbst zu haben, und sollte nicht Kraft besitzen,
für Walter ein Gleiches zu tun, für ihn, der mir ein so grosses Opfer bringen
will? Nein! Den Leidenskelch, der mir vom Schicksal bestimmt ist, will ich
allein leeren. Ich will Walter wiedersehen, ich will ihm morgen sagen, dass ich
nie die Seine werde, weil ich ihn liebe, und mir wenigstens den Trost erhalten,
sein Leben nicht verbittert zu haben.
    Man hatte verabredet, am nächsten Tage die Fahrt nach Gernsbach zu machen,
um mit dem Vater der jungen Frau, deren Beschützerin Jenny geworden war,
Rücksprache zu nehmen, und man wollte in zwei leichten Kaleschen fahren, da die
Ungleichheit des Weges einem grossen Wagen manche Schwierigkeiten bot. Noch am
Abend hatte Jenny's Vater Frau von Meining aufgefordert, einen Platz in seiner
Kalesche anzunehmen, und Jenny wusste also, dass sie mit Walter fahren würde.
Diese Gelegenheit wollte sie benutzen, sich gegen ihn zu rechtfertigen, und ihm
begreiflich zu machen, dass sie scheiden müssten. Auch Walter hatte seine
Hoffnungen auf diese Fahrt gesetzt und war unangenehm überrascht, als am Morgen,
nachdem die Wagen vorgefahren waren, der kleine Richard Jenny beschwor, ihn mit
sich zu nehmen. Anfangs schlug Jenny es ihm ab, aber der kleine Schmeichler
schlang seine Arme um ihren Hals und rief weinend: Jenny! Du hast mir's ja
gestern versprochen und hast Mama versprochen, dass Du mich immer mitnimmst, und
Du sagst, man muss Wort halten. Ich bitte Dich, Tante! nimm mich mit, ich werde
ganz artig, ganz artig sein.
    Wollte sie die Absicht, mit Walter allein zu sein, nicht verraten, so war
es nicht möglich, dem Knaben die Bitte abzuschlagen, da sie ihm dieselbe
wirklich am vorigen Tage zu erfüllen versprochen hatte. Ebenso wenig konnte sie
daran denken, ihn in den Wagen ihres Vaters zu weisen, dem die Unruhe des
lebhaften Kindes bei solchen Fahrten lästig war. Sie musste sich also, wenn auch
nicht gern, dazu entschliessen, Richard in Walter's leichtem Wagen mit sich zu
nehmen, der, mit des Grafen mutigen Pferden bespannt, schnell einen so
bedeutenden Vorsprung gewann, dass sie den Wagen ihres Vaters bald nicht mehr
erblickten.
    Der Morgen war prächtig, die schnelle Fahrt durch die wunderschöne Gegend
erheiterte Jenny's Seele. Zu jener Unterredung, zu der sie sich die Nacht
hindurch mit Kraft und Mut gewaffnet hatte, liess die Anwesenheit des Knaben es
nicht kommen, der bald Deutsch, bald Englisch sein Entzücken aussprach, nach dem
Namen jedes Dorfes fragte, an dem man vorüber fuhr und im Wagen aufspringend mit
seiner Schmetterlingsscheere nach den Schmetterlingen haschte, welche fröhlich
gaukelnd durch die Lüfte flogen. Sagte man ihm, sich ruhig zu halten, so fiel er
Jenny um den Hals, fragte, ob er denn nicht artig sei, versprach, sich gleich
besser zu betragen, und war einen Augenblick darauf zu der ausgelassensten
Fröhlichkeit und Unruhe zurückgekehrt.
    Wie dies fröhliche Kind mit der heitern Natur zusammenpasst, die uns umgibt,
sagte Walter, der mit Vergnügen den schönen kräftigen Knaben betrachtete. Wir
sind fraglos Alle erschaffen, um so glücklich zu sein; und wird einst jenseits
eine Rechenschaft von uns gefordert, so wird uns sicher jede Stunde, die wir
durch unsere Schuld an Glück verloren, als eine Sünde ausgelegt werden.
    Es kommt darauf an, erwiderte Jenny, was Sie unsere Schuld nennen, und ob
...
    Jenny! wie heisst der Fluss? fragte der Knabe, sie unterbrechend, als man eben
jetzt eine freie Stelle erreicht hatte und die Murg sichtbar ward, an deren
hohem Felsenufer der Weg nach Gernsbach hinführt. Je näher man diesem Städtchen
kommt, je steiler werden die Abhänge des Weges. Die ganze Gegend hat einen
ernstern Anstrich, man kommt in die Höhen des Schwarzwaldes, die tiefer ins Land
hinein bei Vorbach, wo jene bekannten Holzschwellungen stattaben, einen fast
schauerlichen Charakter gewinnen.
    Jetzt fuhr man an dem linken Ufer der Murg dahin und Jenny konnte sich eines
leichten Schwindels nicht erwehren, wenn sie von der Höhe, auf der die Strasse
gebahnt ist, hinab sah in das dunkle Wasser des Bergstromes, das hart an dem
Fusse der steilen Felswand hinfliesst. Das ununterbrochene Steigen und Fallen des
Weges brachte natürlich auch eine grosse Abwechslung in der Schnelle des Fahrens
hervor, da die Pferde bald langsam eine Höhe hinaufstiegen, bald sie in Eile
hinunterliefen, woran Richard eine unsägliche Freude zu finden schien. Endlich
hatte man den höchsten Punkt der Strasse erreicht, von wo sie sich zu einer Tiefe
senkt, welche die Anlegung von Hemmschuhen, auch für das leichteste Fuhrwerk und
selbst bei den stärksten Pferden nötig macht. Der Kutscher stieg ab, um diese
Vorkehrung zu treffen und Richard erbat sich die Erlaubnis, zwischen Jenny und
Walter auf den Sitz zu steigen, um zuzusehen, wie jener die Ketten losmachte,
die Räder in die Hemmschuhe hob und dann zu den Pferden zurückkehrend, dem
Diener die Zügel abnahm und vorwärts fuhr.
    Lass mich da stehen bleiben, Jenny! sagte der Knabe, und zusehen, wie faul
die Räder nun sind! Ach! rief er dann, indem er sich mit der
Schmetterlingsscheere in der Hand hinüberbog, als ob er sie antreiben wollte:
Ich werde euch laufen lehren!
    In dem Augenblick hörte man ein leises Klirren und Richard rief fröhlich:
Hei, wie die Dinger nun fortfliegen! Die Kette des einen Hemmschuhes war
gerissen, das andere Rad war durch die plötzliche Bewegung des Wagens aus dem
Gleise gesprungen und mit fürchterlicher Schnelle flog die Briczka der Tiefe zu,
ohne dass die Anstrengungen des Kutschers etwas gegen die Schnelligkeit
vermochten, mit welcher der Wagen auf die Pferde eindrang, was sie natürlich zu
verdoppeltem Laufe antrieb. Ein Sturz der Pferde, ein Fehltritt nur, und der
Wagen, aus der Richtung gekommen, lag zerschmettert am Fusse der Felsen in den
Wellen der Murg! Niemand, ausser dem jubelnden Knaben, konnte sich es verbergen,
wie drohend die Gefahr sei.
    Das Kind, das Kind! schrie Jenny, als sie das Unheil bemerkte, und zog mit
Walter's Beistand den Knaben zu sich herunter, den sie in Todesangst an sich
presste.
    Walter sah unverwandt auf die Pferde hin. Er hatte seinen Arm wie schützend
um Jenny gelegt und sagte: Keinen Laut! keinen Schrei! ich beschwöre Sie! Dann
zum Kutscher gewandt: Halte die Zügel kurz, sieh nicht zur Seite! halte die
Pferde fest, halte sie fest! und wir sind gerettet! Aber so ruhig er sich zu
scheinen zwang, seine Stimme bebte, sein Gesicht war todtenblass, als endlich der
Wagen in der Tiefe still stand, als der erschöpfte Kutscher die Zügel hängen und
die Pferde stehen und sich verschnaufen liess.
    Walter's erster Gedanke, sein erster Blick galt Jenny. Sie war leblos, aus
einer kleinen Stirnwunde blutend, zurückgesunken und ihre Arme hatten den Knaben
losgelassen, der sie jetzt weinend umfasst hielt. Bei der Hast, mit der sie das
Kind an sich gedrückt, hatte der eiserne Griff der Schmetterlingsscheere Jenny's
Stirne mit so heftigem Schlage getroffen, dass er die Haut zerriss, ohne dass Jenny
in der entsetzlichen Aufregung des Momentes die Verwundung oder das
herabtröpfelnde Blut bemerkte. Nur des einen Gedankens, das Kind zu retten, das
man ihr anvertraut hatte, war sie sich bewusst gewesen, und als mit dem
Stillestehen der Pferde die furchtbare Angst von ihr gewichen, war sie, von
einer in Seelenleiden durchwachten Nacht schon ohnehin angegriffen, ohnmächtig
zusammengebrochen. An eine augenblickliche Hülfe war hier nicht zu denken; kein
Haus in der Nähe, und wie weit der zurückgebliebene Wagen noch entfernt sei,
liess sich nicht berechnen. Mit zitternder Hand legte Walter ein Tuch um Jenny's
Stirne, nahm die ganz Bewusstlose in seine Arme und befahl dem Kutscher, so
schnell als möglich vorwärts zu fahren, um Gernsbach zu erreichen, damit man das
Nötige für Jenny herbeischaffen könnte.
    Wie hatte er gewünscht, die Geliebte in seine Arme zu schliessen, sie an
seiner Brust zu halten! Jetzt war sein Sehnen erfüllt und doch wie anders als er
es gehofft! Mit unaussprechlicher Liebe hingen seine Augen an Jenny's bleichen
Zügen, er versuchte durch Reiben ihre Hände zu erwärmen, und wer schildert sein
Entzücken, als ein leiser Schimmer von Röte, ein schwacher Atemzug die
Wiederkehr des Lebens anzeigten, als Jenny endlich langsam die grossen dunkeln
Augen aufschlug, den Knaben mit sanftem Lächeln anblickte und dann still weinend
wieder an des Grafen Brust sank. Seiner selbst nicht mächtig, drückte er sie an
sein Herz und erwärmte mit seinen Küssen ihre kalten Lippen.
    Warum weinst Du noch? Warum küsst Dich Graf Walter? fragte der Knabe,
ungeduldig das ihm peinliche Schweigen brechend.
    Weil Jenny meine Braut ist, weil wir uns freuen, dass wir dem Tode entgangen
sind, antwortete ihm Walter, strahlend vor Liebe und Wonne, weil nun ein
schönes, glückliches Leben vor uns liegt! Komm, Richard, komm! Du musst unsere
Freude teilen, denn auch über Dir, geliebtes Kind! hat die Hand des Todes
geschwebt; komm, küsse auch Deine Jenny, küsse meine Braut!
    Und Jenny? Bei des Knaben erster Frage hatte sie sich von Walter's Brust
emporgerichtet, beschämt über das Geständnis, welches sie demselben in ihrer
Schwäche gemacht, als sie Ruhe suchend, sich an ihn, wie an ihren anerkannten
Beschützer lehnte. Jetzt stieg der Gedanke an die Trennung von dem Grafen wie
ein düsterer Schatten vor ihrem Geiste auf, sie wendete sich ab von dem
Geliebten und barg mit einem tiefen Seufzer das Gesicht in ihren Händen. Aber
Walter's Stimme, die Freude und Liebe, die aus seinen Worten klang, machten ihr
innerstes Herz erbeben, und als er zärtlich sagte: Du wendest Dich fort von mir?
vermochte sie nicht zu widerstehen, reichte ihm beide Hände hin und sagte: Ich
habe es gewollt, ich wollte Dich meiden, weil mir Dein Glück teurer ist als
meines! Gott will es anders - wir leben noch! so will ich denn auch für Dich
leben für und für!
    Jenny's Hand in der seinen, Richard auf seinen Knien haltend, so langte
Walter vor dem Gastause in Gernsbach an, wo man ihn schon kannte, da er früher
mehrmals auf seinen Streifereien hier eingesprochen war. Er und der Diener
halfen Jenny aus dem Wagen, der Graf verlangte nach einem Arzt für sie, aber sie
versicherte, dass sie weder eines Arztes, noch irgend eines Beistandes bedürfe.
Nur der Kopf ist mir ein wenig schwer, sagte sie, während sie die Binde von der
Stirne nahm, mir ist, als hätte ich zu tief und zu lange geschlafen - und
wirklich weiss ich kaum, ob ich erwacht bin, oder ob ein schöner Traum mich noch
umfängt.
    Frau Gräfin sollten doch den Doctor kommen lassen! sagte die geschäftige
Wirtin und rief damit eine flüchtige Röte und ein freundliches Lächeln auf
Jenny's Wangen hervor, das Walter unendlich glücklich machte. Arm in Arm harrten
sie der Ankunft ihres Vaters, der mit Ueberraschung sie in dieser Stellung sah,
und, als er den Vorgang erfahren, als Walter ihn an sein Versprechen erinnert
und dessen Erfüllung verlangt hatte, tief bewegt sein Kind segnete, das in so
grosser Gefahr ihm erhalten war und nun einer glücklichen Zukunft entgegenging.
    Herr Meyer und Frau von Meining allein genossen der Reize, welche Gernsbach
und das schöne Schloss Eberstein schmücken. Walter und Jenny sahen nur sich, und
während jene sich der köstlichen Aussicht erfreuten, die man aus den Fenstern
jenes Schlosses über das ganze Tal geniesst, sass das Brautpaar am Fusse des
Berges in dem Schatten einer Laube und Jenny erzählte dem Geliebten, wie sie
noch gestern ihn habe beschwören wollen, sie zu verlassen, und wie schwer ihr
der Entschluss geworden, weil sie ihn so lieb, so herzlich lieb habe. Alle ihre
Besorgnisse sprach sie ihm offen und frei aus, selbst jenes Gespräch der
Stiftsdame teilte sie ihm mit, das sie so tief verletzt hatte, und fragte: Wird
es Dich nie schmerzen, wenn Du Aehnliches hören müsstest?
    Niemals! sagte Walter entschieden. Glaube mir! Habe ich es je als ein Glück
empfunden, auf den Höhen des Lebens geboren zu sein, so war es, weil von dieser
Höhe aus, mir jene Vorurteile, die den Sinn der Menge verwirren, stets so gar
klein und töricht erschienen sind, weil dieser Standpunkt unser Tun und
Handeln sichtbar und zur Richtschnur für viele Andere macht. Ich bin stolz
darauf, Dich, Du Geliebte, mit der Grafenkrone zu schmücken, zu zeigen, dass mir
Dein Besitz mehr gilt als alle Würden der Welt; und kein Tadel kann mich
verletzen, da ich weiss, dass nie ein herrlicheres Weib unsern alten Namen
getragen hat als Du!
    Und Dein Onkel? Deine Angehörigen? Werden sie mich willkommen heissen, werden
Sie gleich Dir denken? wandte Jenny ein.
    Mein Onkel ist ein edler Mann und hat wie ich nicht mit dem Leben zu ringen
gehabt; wir fanden unsern Platz bereitet. Darum würdigt er, gleich mir, die
Stellung, die das Verdienst unserer Voreltern uns erworben; aber er ehrt auch
die Würde Desjenigen, der sich selbst erst seine Welt erschaffen muss. Je freier
ein edler Mensch sich selbst empfindet, je weiter wird sein Herz, je lebhafter
empört er sich gegen Fesseln, die man den Andern anlegt, gegen Unterdrückung und
Unrecht. Mein Onkel billigte meine Wahl nicht, ich gestehe Dir das ein, weil sie
die alte Sitte unsers Hauses gegen sich hatte; nun sie unwiderruflich ist und
mein Glück begründet, wird er Dich lieben, wenn er Dich sieht, und gerade in ihm
wirst Du wie ich ihn kenne, einen Freund und Beistand finden.
    In solchen Gesprächen und in fröhlichen Entwürfen für die Zukunft flogen die
Stunden vorüber, und der Vater musste Jenny endlich daran erinnern, welche
Absicht sie hieher geführt.
    Wie leicht mit Glücklichen zu unterhandeln sei, das hatte der Vater der
kranken jungen Frau bald rühmend zu erkennen. Was er irgend verlangte, wurde ihm
schnell und gern gewährt. Man kam überein, ihm eine Summe zur Erweiterung seines
Gewerbes anzuvertrauen, während man für die Tochter und ihr Kind ein Kapital
festsetzte, hinreichend, sie unabhängig von ihrem Vater zu unterhalten, der
unter diesen Verhältnissen nicht anstand, der Tochter und dem Enkel sein Haus
wieder zu öffnen, in das sie nach wenig Tagen einziehen sollten.
    Erst spät am Tage fuhren die Glücklichen nach Baden zurück, wo eine neue
Freude ihrer harrte in den Briefen, die aus der Heimat angekommen waren. Wie der
Vater es vorausgesehen, hatte Eduard sich der Verbindung Jenny's mit Walter
gefreut, von deren Wahrscheinlichkeit Jener ihn benachrichtigt hatte. Er sah
darin unwiderleglich den Triumph der Vernunft über die Vorurteile, deren
Bekämpfung sein Lebenszweck geworden, und während diese Heirat Jenny's Glück
begründete, gewann sie für Eduard einen Bundesgenossen, der aus Rücksicht auf
sein eigenes Interesse und seine eigene Ehre, künftig die Rechte der Juden
vertreten musste, wo sie irgend angefochten wurden. Eduard meldete noch, dass
Ferdinand hergestellt und in den Kreis seiner Familie zurückgekehrt sei, was
auch ein Brief von William und Clara wiederholte, die Beide in den wärmsten
Ausdrücken von dem Danke sprachen, zu dem sie Eduard verpflichtet wären. Sie
nannten ihn den Gründer ihres Glückes, eines Glückes, dem jetzt nur die
Anwesenheit ihrer Kinder fehle, um ein ganz vollkommenes zu sein, und Clara bat
Jenny und den Vater, ihre Abreise von Baden wo möglich zu beschleunigen, weil
sie sich nach den Kindern sehnte.
    Da nun ohnehin die Zeit, welche Frau von Meining gewöhnlich in Baden
zuzubringen pflegte, sich bereits ihrem Ende nahte, so entschied man sich,
Clara's Bitte nachzukommen und Baden etwas früher zu verlassen, als man es
beabsichtigt hatte.
Ueber der Meyer'schen Familie, die wir durch wechselnde Erlebnisse begleitet,
schien nun ein günstiges Gestirn in ruhiger Klarheit zu leuchten. Vereint mit
Frau von Meining und Walter hatte man Baden verlassen, die Erstere fast bis in
ihre Heimat begleitet, und nachdem man die Kinder wohlbehalten in Clara's Arme
geführt, hatte Jenny freudigen Herzens an Walter's Seite ihr väterliches Haus
betreten. Die vollste Eintracht verband ihre Familie mit der Horn'schen. Eduard
schien in dem Glücke seiner Schwester, in der Freundschaft William's und Clara's
den fröhlichen Sinn seiner frühesten Jugend wiederzufinden und gab sich von
ganzer Seele dem Vertrauen hin, mit dem Walter ihm brüderlich entgegenkam.
Männer wie Eduard und der Graf mussten sich leicht verständigen, da ihre
Gesinnungen, wenn auch von verschiedenen Punkten ausgehend, sich am Ziele
begegneten, und selbst die Ankunft von Walter's Onkel, deren Jenny bisweilen mit
Scheu gedacht hatte, trug nur dazu bei, ihr Glück zu erhöhen. Eine gewisse
vornehme Zurückhaltung, welche der alte Graf bei der ersten Begegnung mit Jenny
und ihrer Familie beobachtete, war vor Jenny's Liebenswürdigkeit und der ruhigen
Würde ihrer Angehörigen bald gewichen. Schon nach wenigen Tagen, in denen sie
die volle Liebe des alten Grafen gewonnen hatte, sagte er, als er sich Abends
mit Walter allein befand: Da es einmal nicht zu ändern ist, bekenne ich Dir, Du
hättest schlechter wählen können, als dies Mädchen, die, ihre Geburt
abgerechnet, eine wahre Perle unter den Frauen ist. Aber folge mir! heirate sie
bald. Es klingt mir doch nicht angenehm, Deinen Namen immerfort mit dem dieser
übrigens wackern Familie vereinigt nennen zu hören. Ist Jenny Deine Frau, so
hört das natürlich auf und die Gräfin Walter ist leichter gegen jede Einwendung
zu souteniren als das Fräulein Meyer. Sage dem lieben Mädchen, dass ich es wohl
mit ihm meine und darum die Beschleunigung Eurer Ehe wünsche. Ich denke den
Vater schnell zu überzeugen, dass es für Euch das Beste ist, wenn Ihr bald als
Mann und Frau auf Deine Güter geht und dort verweilet, bis Alles in die Residenz
zurückkehrt, wo ich Euch erwarten will, um bei Eurem ersten Auftreten in unsern
Kreisen mit dabei zu sein.
    Obgleich die Wichtigkeit, welche der alte Graf auf die Ausführung dieses
Planes legte, Walter übertrieben schien, stimmte er doch so wohl mit seinen
eigenen Wünschen zusammen, dass er bereitwillig darauf einging, und man erlangte
von Herrn Meyer das Versprechen, Jenny's Hochzeit mit Walter schon in den ersten
Tagen des Novembers zu feiern. Der Onkel - wie wir den alten Grafen mit Walter
nennen wollen - der Onkel selbst machte fast überall den Begleiter und
Beschützer der Verlobten, deren Gesellschaft ihm das lebhafteste Vergnügen
gewährte. Bisweilen fiel es ihm wohl auf, wie er jetzt ganz ausser seinem
gewohnten Kreise, in der Mitte einer jüdischen Familie lebe und sich ganz
behaglich dabei fühle, dann aber beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass es
vernünftig sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und dass seine Pflicht ihm
gebiete, den Schritt, den sein Neffe nun doch getan habe, gleichsam durch die
Anerkennung zu rechtfertigen und zu heiligen, die er der künftigen Gräfin Walter
schon jetzt bewies. Er hatte erklärt, bis zur Hochzeit seines Neffen in der
Stadt bleiben zu wollen, und unbeschäftigt, wie er es war, betrieb er
angelegentlich die Besorgung der Equipagen, des Silbergerätes und alles Dessen,
was sonst noch zur vollständigen Einrichtung des künftigen Haushaltes gehörte;
oder er besuchte, da die Jagdzeit begonnen hatte, die Edelleute seiner
Bekanntschaft, die in der Nähe ihre Besitzungen hatten.
    So war man in die letzten Tage des Oktobers gekommen, als der Onkel, während
sie im Meyer'schen Hause zu Mittag assen, seinen Neffen aufforderte, ihm zum Dank
für die Mühe, welche ihm die Besorgung der neuen Einrichtung verursachte, auch
seinerseits gefällig zu sein und ihn zu einem Freunde zu begleiten, der am
nächsten Tage eine Jagdpartie veranstalten wollte, zu der er auch die beiden
Grafen eingeladen hatte. Walter antwortete Anfangs ausweichend, aber der alte
Herr wollte keine Entschuldigungen annehmen und sagte zu Jenny: Ich bitte Sie,
Töchterchen! legen Sie ein gutes Wort für einen alten Onkel ein, der Ihrem
Bräutigam einst die erste Flinte in die Hand gab, und sich wieder einmal an den
Künsten seines Schülers erfreuen möchte.
    Was wollte Walter machen? Er musste die Einladung des Greises annehmen,
dessen bittender Ton sonderbar gegen seine befehlende Haltung abstach, und man
stand von der Tafel auf, weil der Graf schon in der Dämmerung auf das Land zu
fahren wünschte, um vor der Nacht bei seinen Freunden einzutreffen.
    In lebhafte Diskussionen über eine Massregel der Regierung vertieft, sassen
nach dem Mittagsessen die beiden alten Herren, ihren Kaffee trinkend, vor der
Flamme eines Kamins, während Walter mit seiner Braut in der Brüstung eines
Fensters stand und Eduard und Joseph die neuesten Zeitungen durchflogen.
    Ich fahre ungern hinaus! sagte Walter. So sehr ich die Jagd liebe, so wenig
sagt mir gerade diese Gesellschaft zu, die mich ausserdem ein paar Tage von Dir
trennt.
    Wie wäre es, fragte Jenny, wenn ich den Onkel bäte, Dich mir und meinem
Vater zu lassen, da wir ja doch kaum noch eine Woche bei ihm bleiben?
    Nein! lass das, Beste! antwortete der Graf, und am Ende müssen wir diese
kleine Trennung, die uns gerade jetzt so unangenehm ist, wie ein Opfer
betrachten, das wir den Göttern bringen, damit sie uns nicht beneiden. Wir sind
zu glücklich gewesen bis jetzt und haben ja die ganze Zukunft vor uns!
    Sage das nicht Walter! bat Jenny; es klingt so sicher und wer ist des
nächsten Tages nur gewiss?
    Abergläubisches Kind! schalt der Graf, indem er sie an sich zog. Warum
sollte das Schicksal, das mich von Jugend auf begünstigte, mir jetzt seine Huld
entziehen, da ich sie mit Dir zu teilen denke? Sei nicht bange, Geliebte! und
vertraue mit mir meinem alten, wohlbekannten Glück!
    Indessen hatte Eduard von der Zeitung aufgesehen und blickte mit Freude auf
das Brautpaar hin: Schade, dass die Mutter das nicht sieht! sagte er leise zu
Joseph, dass sie nicht sieht, welch eine Zukunft Jenny's harrt, und wie froh der
Vater sich in ihrem Glücke fühlt! Wie würde sie Teil nehmen auch an den
Hoffnungen, die ich jetzt fester als jemals in mir hege; die vielleicht bald zu
schöner Wahrheit werden!
    Weisst Du, was noch bis dahin geschieht? entgegnete Joseph in seiner
gewohnten Art. Den Todten ist am wohlsten, lass sie ruhn.
    Unangenehm durch diese Worte in seiner heitern Stimmung berührt, stand
Eduard auf und trat zu dem alten Grafen, der sich eben zum Fortgehen anschickte
und Walter aufforderte, ihn zu begleiten. Herzlich nahm dieser Abschied von
seiner Braut; es war die erste Tage lange Trennung seit ihrer Verlobung, Jenny
geleitete ihn bis in das Vorzimmer hinaus.
    Also zwei Tage, Walter! sagte sie, länger bleibst Du nicht fort. Hören Sie,
lieber Onkel! Keine Stunde länger borge ich Ihnen Walter und Sie selbst bringen
mir ihn wieder! - rief sie den Scheidenden zu.
    Auf mein Wort! antwortete der alte Graf, als er mit seinem Neffen davonging.
    Es war noch hell am Tage und Walter bat seinen Onkel, da sie noch Zeit
hätten, mit ihm in den Laden des Juweliers zu treten, bei dem er den
Brautschmuck für Jenny bestellt hatte, der noch einiger Abänderungen bedurfte.
Dort fanden sie einen Edelmann, der früher mit Walter in demselben Regimente
gedient hatte, und nun nach Jahre langem Aufentalt an verschiedenen Höfen
Europa's nach Deutschland zurückgekehrt war.
    Verwundert, die beiden Grafen Walter hier zu sehen, wo sie weder Angehörige
noch Besitzungen hatten, fragte Jener, während der alte Graf mit dem Juwelier in
ein Nebenzimmer ging, wo Jenny's künftiges Silbergerät aufgestellt war: Welch
ein Zufall führt Sie in diese Stadt, lieber Graf?
    Ich bin meiner Braut von Baden-Baden hieher gefolgt, und bleibe bis nach
unserer Hochzeit hier!
    Sie sind Bräutigam? fragte der Baron, und mit wem?
    Meine Braut ist ein Fräulein Meyer, die Tochter des Bankier Meyer.
    Ah, scherzen Sie nicht, ein Judenmädchen? rief der Baron lachend.
    Was fällt Ihnen daran auf? fragte Walter herb und scharf.
    Oh! Ihre Verhältnisse sind zu gut arrangirt, antwortete Jener noch immer
lachend, als dass Sie solche Heirat machen könnten.
    Sie hören aber, dass ich sie mache! sagte Walter, heftig auffahrend, und
werden gut tun, Ihre Verwunderung auf sich selbst zurückzuwenden, denn ich
finde sie unverschämt.
    Der Baron wollte in demselben Tone antworten, als der alte Graf mit dem
Juwelier in das Zimmer und, ohne die Veranlassung des Streites zu kennen,
zwischen sie trat. Keine Scene, meine Herren! - sagte er gebietend, aber leise.
Sie wissen, wo Sie sich finden, was braucht es weiter? - Und, indem er dem
Goldarbeiter ruhig noch einige Befehle gab, verliess er am Arme seines Neffen den
Laden und den zurückbleibenden Baron.
    Was hat es da gegeben? fragte er. Der Neffe berichtete aufgeregt, was
geschehen sei. Der alte Herr schüttelte das Haupt: Das war es, was ich
fürchtete! Dergleichen konnte nicht ausbleiben! sagte er, wie zu sich selbst.
Dann zu Walter sich wendend: und was willst Du tun?
    Können Sie noch fragen? antwortete dieser. Der Unverschämte soll mir
Genugtuung geben für die Beleidigung. Ich eile, einen meiner Freunde
aufzusuchen. Ich werde Sie nicht hinausbegleiten, Onkel!
    Ruhig, ruhig, Walter! sagte der alte Graf. Ich werde eben so wenig
hinausfahren. Die Angelegenheit ist sehr fatal! Aber sie muss ernst und rasch
beseitigt werden, darin stimme ich Dir bei. Es ist das Beste, Du weisest jede
Vermittelung ab, zeigst gleich jetzt, dass Du in der Beziehung keinen Scherz
verstehst, und damit man erfährt, wie Deine Familie die Sache ansieht, will ich
selber Deinen Secundanten machen. Das Handwerk ist mir freilich etwas fremd
geworden - indes ich finde mich wohl noch zurecht.
    Walter drückte dem väterlichen Freunde die Hand, der seine Unruhe scherzend
verbergen wollte, und nahm dankbar sein Erbieten an.
    Die Herausforderung liess auch nicht auf sich warten, und Walter bat seinen
Onkel, es so einzurichten, dass sie sich am nächsten Morgen schon treffen
könnten. Er selbst wolle seine Angelegenheiten ordnen und den Abend dann bei
Jenny zubringen. Aber sein Onkel riet ihm davon ab. Er stellte ihm vor, dass
Jenny ihn nicht erwarte. Wozu eine unnötige Rührung, sagte er, die sie
beunruhigt und Dich aufregt. Ihr jungen Herren der jetzigen Zeit nehmt solche
Dinge viel zu schwer. In meiner Jugend war das anders! Doch will ich Dich nicht
hindern, Deine Angelegenheiten, wie Du es nennst, zu ordnen. Nur zu Jenny gehe
nicht! Du siehst sie ja morgen wieder, sei es, dass Dir ein kleiner Aderlass
zugedacht ist, oder dass Du so davon kommst, und Du gehst ruhiger an die Sache,
wenn Du Deine Braut ganz unbesorgt weisst.
    Diese Einwendungen überzeugten Walter und er fügte sich ihnen willig.
Jenny schlief am Morgen ruhig, von anmutigen Träumen gewiegt, als man gegen die
Gewohnheit sie aufzuwecken kam. Verwundert fragte sie, was man verlange, da der
Eintritt ihres Vaters und Eduard's sie ein unerwartetes Ereignis ahnen liessen.
    Jenny! sagte ihr Vater, kleide Dich schnell an, Du sollst heute zeigen, dass
Du die Seelenstärke hast, die wir Dir zugetraut. Walter ist erkrankt und
verlangt nach Dir!
    Er ist todt! - rief Jenny, überwältigt von dem jähen Schreck.
    Nein, er lebt! antwortete Eduard, aber er ist schwer verwundet auf der Jagd,
und auf seinen Wunsch hat man ihn hierher gebracht!
    Wenig Augenblicke darauf kniete Jenny an dem Lager des Geliebten. Er kannte
sie noch, dies bewies der Blick voll Liebe und Trauer, mit dem er sie begrüsste,
die matte Bewegung, mit der er seine Hand auf ihr Haupt legte, als sie neben ihm
niedersank. Aber der Jammer auf den Gesichtern der Anwesenden, die Ruhe und
Untätigkeit, welche in dem Zimmer herrschten, sagten ihr deutlich, dass hier
keine Hoffnung sei, dass sie an einem Sterbebette stehe. Des Grafen müdes Haupt
ruhte wieder an ihrer Brust, unverwandt hing ihr Blick an den Zügen des
Geliebten, keine Träne kam in ihre Augen, keine Klage entschlüpfte ihren
Lippen. Ihr stummer Schmerz beunruhigte die Anwesenden, und mit den Worten:
Jenny! so musste ich mein Wort lösen! - versuchte der alte Graf, so tief er
selbst gebeugt war, die Unglückliche aus ihrer furchtbaren Ruhe zu reissen. Aber
umsonst! Sie sah den Onkel ihres Bräutigams bemitleidend an, reichte ihm die
Hand und versenkte ihre Seele wieder in das regungslose Anschauen des Geliebten.
    Eine Stunde furchtbarer Stille war so entschwunden, nur Eduard's
Bestrebungen, dem Verwundeten einige Erleichterung zu schaffen, unterbrachen die
erdrückende Ruhe. Da hörte man plötzlich einen lauten Atemzug, Walter's Kopf
sank vorwärts - er hatte geendet.
    Und mit einem Schrei des furchtbarsten Schmerzes fuhr Jenny nach ihrem
Herzen und fiel auf die Leiche ihres Bräutigams nieder.
Am folgenden Tage verkündete die Zeitung: »Gestern fand hier ein Schuss-Duell
zwischen dem Grafen W ... und dem Baron W ... statt, dessen Folgen für den
Grafen tödtlich waren. Er stand auf dem Punkte, sich zu vermählen und der
Schmerz über seinen Verlust hat auch der unglücklichen Braut das Leben gekostet.
Familienverhältnisse sollen die Veranlassung zum Streite gegeben haben!«
    Weiter unten las man: »Den plötzlich erfolgten Tod seiner einzigen Tochter
Jenny meldet tief betrübt unter Verbittung des Beileides seinen Freunden und
Bekannten R. Meyer.«
Bei Fackelschein hatte Graf Walter die Leiche seines Neffen aus der Stadt führen
lassen, um sie selbst in die Gruft seiner Ahnen nach ihrem Stammschlosse zu
begleiten. Jetzt am Morgen standen drei Männer an einem frisch aufgeworfenen
Grabe. Es waren der Vater, Eduard und Joseph. Sie hatten es von ihren Freunden
als eine Gunst verlangt, dass man ihnen allein die Bestattung der teuren
Geschiedenen überlasse, und Niemand hatte es gewagt, ihre Trauer zu stören. Hell
ging die Sonne an dem heitern Himmel auf, der freundlichste Herbstmorgen
beleuchtete das Grab. Einsam standen die Ihren auf dem fremden christlichen
Kirchhof, auf dem nun Jenny fern von ihrer Mutter, fern von jedem
Blutsverwandten ruhte. Starr und schweigend sah der unglückliche Vater zur Erde
nieder, die sein Kind bedeckte, als aus Joseph's Brust der Ausruf: Wozu leben
wir noch? herzzerreissend zum Himmel tönte und die ersten Tränen in die Augen
des Vaters lockte.
    Da richtete Eduard sich mächtig empor: Wir leben, sagte er, mit der
Begeisterung eines Sehers, um eine Zeit zu erblicken, in der keine solche Opfer
auf dem Altare der Vorurteile bluten! Wir wollen leben, um eine freie Zukunft,
um die Emancipation unsers Volkes zu sehen!
                                    Fussnoten
1 Ich würde dies Urteil nicht wieder haben abdrucken lassen, da ich es jetzt
als ein falsches erachte - wäre es nicht in den Gang des Gespräches verwebt und
schwer zu beseitigen gewesen.
                                                               Anmerk. der Verf.
 
    