
        
                                  Fanny Lewald
                                   Clementine
                                  Erstes Capitel
Also weil der Herr Geheimrat mich gestern geistreich gefunden hat, soll und muss
ich ihn heiraten? fragte Clementine und sah dabei lachend ihre jüngere
Schwester, die Frau des Professors Reich, an, die ganz erhitzt auf dem Sopha
ihres Wohnzimmers sass.
    Darum allein nicht, entgegnete diese, aber Du darfst diese Verbindung nicht
ausschlagen, wie alle andern, die sich Dir boten. Der Geheimrat von Meining ist
ein sehr geachteter, gebildeter und reicher Mann; er ist freilich fünfzig Jahre
alt, Du bist aber schon siebenundzwanzig, was kann denn passender sein? Du hast
mir selbst gesagt, dass Du an Dein früheres Verhältnis zu Robert Talberg mit
vollkommener Ruhe dächtest; warum also wieder ein Glück, ein wahrhaftes Glück
von Dir weisen, das sich Dir vielleicht nie wieder bietet? Mein Mann wünscht
diese Verbindung, die Tante, Deine letzte Instanz, dringt darauf, Meining
erwartet das Glück seines Lebens davon und Du selbst hältst Meining nicht nur
für einen liebenswürdigen, sondern auch für einen ehrenwerten Mann; was willst
Du denn eigentlich, Clementine?
    Ich will nicht lügen, Marie! Ich will, ich kann es nicht, und je
achtungswerter mir der Geheimrat erscheint, um so weniger möchte ich ihn
täuschen; ich kann nicht heiraten, quäle mich nicht.
    Beide Damen gingen fast erzürnt von einander; die kleine, rosige Professorin
in die Arbeitsstube ihres Mannes, um ihm das vermutliche Mislingen ihres Planes
mitzuteilen; die ernste, schlanke Clementine auf ihr Zimmer, um den Sturm, den
diese Unterhaltung in ihr erregt hatte, ruhig austoben zu lassen.
    Clementine und Marie Frei waren die Töchter eines hochgestellten preussischen
Beamten. Sie hatten früh ihre Mutter verloren und eine Tante, Frau von Alven,
eine kluge, feinfühlende Frau, die Witwe, und deren einziges Kind früh gestorben
war, hatte die Erziehung der beiden Mädchen im Frei'schen Hause übernommen.
Nichts konnte aber verschiedener sein, als der Charakter dieser beiden
Schwestern: Clementine, heftig, geistreich und zu tiefem Fühlen geneigt, wurde
schnell von plötzlichen Eindrücken gefesselt, die sich dauernd ihrer Seele
einprägten; was sie einmal ergriffen hatte, was ihr lieb geworden war, das
konnte keine Macht ihr entreissen, das hielt sie fest für's Leben. Aus diesem
Gefühl entsprangen die treue Anhänglichkeit für Frau von Alven, die innige Liebe
für ihren Vater und die fast mütterliche Zärtlichkeit für die um sechs Jahre
jüngere Marie; aber zugleich auch eine leidenschaftliche, unwandelbare Liebe für
Robert Talberg, einen jungen Mann, mit dem sie in ihrer ersten Jugend in allen
befreundeten Familien zusammengetroffen war.
    Talberg hatte in tausend Dingen die auffallendste Charakterähnlichkeit mit
Clementinen. Auch auf ihn wirkten in seiner Jugend die Eindrücke des Moments,
und obgleich mit dem schärfsten Verstande und ungewöhnlichem Geiste begabt,
hatte sein leidenschaftliches Herz ihn häufig fortgerissen und er sich oft
dadurch in eigentümlich verwickelte Verhältnisse gebracht, die bald störend,
bald fördernd auf ihn gewirkt. Ein ungebändigter Freiheitssinn, ein an
Tollkühnheit grenzender Mut, eigensinniges Beharren auf seinem Willen und doch
eine fast kindliche Weichheit gegen die Personen, die er liebte, machten ihn für
die Frauen unwiderstehlich; besonders da ein gebietendes, männlich schönes
Äussere gleich anfangs für ihn einnahm. Talberg hatte Clementinen, wie alle
jungen Leute ihres Kreises, seine Huldigungen dargebracht, weil sie hübsch und
in der Mode war; bei näherer Bekanntschaft entdeckten Beide aber eine solche
Aehnlichkeit in ihren Neigungen und Gesinnungen, sie begegneten sich so oft in
ihrem Entusiasmus für das Schöne, dass das gewöhnliche Wohlgefallen sich in eine
wirkliche, ernste Neigung verwandelte und sie sich gegenseitig, ohne durch
bestimmtes Versprechen an einander gebunden zu sein, als zu einander gehörend
betrachteten. Clementinens Verwandte sahen ein Verhältnis, das für die Zukunft
so viel Glück zu versprechen schien, ruhig wachsen, und als Talberg den Ort
verliess, nahm man allgemein an, dass das junge Paar längst einig und verlobt sei.
    Clementine selbst lebte von da ab nur in der Erinnerung an Robert; Alles,
was ihr begegnete, was sie tat, wurde im Geiste Robert's Urteil unterworfen,
der, um mehrere Jahre älter als sie, einen wesentlichen Einfluss auch auf ihre
geistige Richtung ausgeübt hatte. Sie liebte Alles, was seinem Willen angemessen
schien, verwarf Alles, was gegen seine Ansichten sein konnte, und lebte getrennt
von ihm, mitten in der Gesellschaft, doch ganz allein mit dem fernen Geliebten;
wie jene Nonnen, die, sich beständig unter den Augen ihres himmlischen
Bräutigams wähnend, nur seinem Willen leben und kein anderes Gesetz kennen als
das seine. Die Liebe zu dem Abwesenden war ein religiöser Cultus in ihrer Brust,
und selbst der Gedanke, es könne ihr jemals möglich sein, den dringenden
Bewerbungen anderer Männer die geringste Aufmerksamkeit zu gönnen, fiel ihr nie
ein. Sie war den Ihrigen ergeben, half der Tante treulich die schöne Marie
erziehen und bildete rastlos an sich fort, damit Robert, wenn er einst
wiederkäme, sie nicht unter seinen Erwartungen fände.
    So waren ein paar Jahre vergangen, die kleine Marie war zu einem reizenden
Mädchen herangewachsen und das harmloseste, unbefangenste Kind geblieben. Ihre
Familie, ihre Toilette, die Bälle, ihre kleinen Abenteuer von gestern, das war
die Welt, die sie kannte; man liebte sie allgemein und was konnte sie noch
wünschen? Sie war das verzogene Kind des Hauses. Bald nach ihrem sechszehnten
Geburtstage hatte Professor Reich um ihre Hand geworben, hatte die Zustimmung
des Vaters erhalten und die kleine Braut war mit der Myrtenkrone und dem weissen
Schleier zum Altare mit demselben Gefühle gegangen, mit dem sie ein Jahr vorher,
am Tage ihrer Confirmation, die Kirche betreten hatte. Sie hatte das Bewusstsein
eines wichtigen Schrittes, ohne sich die Folgen desselben klar zu machen; und
nachdem der schwere Abschied von Vater, Schwester und Tante vorüber war, folgte
sie ihrem Manne, froh und sorglos wie ein Kind, nach Heidelberg, wo er
angestellt war.
    Clementine blieb nun allein zurück. Sie war stiller und ernster geworden,
von Robert hatte sie nur selten gehört, die Zeit seiner Rückkehr wurde von den
Seinen immer weiter hinausgeschoben und sie konnte es sich nicht verhehlen, dass
Robert's Wunsch, sie wiederzusehen, lange nicht mehr so lebhaft sein müsse, als
in jener Stunde, wo sie unter den heissesten Tränen mit dem ersten Kusse von
einander Abschied genommen hatten.
    In dieser Zeit erkrankte Clementinens Vater und nach wenig Wochen standen
sie und die Tante an seinem Sarge. Ihr ganzes Leben war nur ein Schrei des
Schmerzes, der Robert herbeirief, um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen, um
alle Liebe, die der teure Vater besessen hatte, auf den geliebten Freund zu
vererben - aber Robert, obgleich ihm der Todesfall angezeigt worden, kam nicht
zurück; und seine Mutter äusserte gegen Frau von Alven, dass ihr Sohn wohl so bald
nicht heimkehren würde, da Berufsverhältnisse und, wie sie glaube, auch eine
Herzens-Neigung ihn an seinen jetzigen Aufentalt fesselten. Frau von Alven
erschrak, hielt es aber für ihre Pflicht, endlich einmal mit Clementinen offen
über deren Zukunft zu sprechen. Sie war durch den Tod ihres Vaters unumschränkte
Herrin ihrer Handlungen geworden; die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt
zurück, und so trat sie eines Tages ganz plötzlich mit der Frage vor die Nichte
hin, welche Plane sie nun für die nächste Zeit gemacht habe? Sie verhehlte ihr
dabei nicht, dass sie Berlin zu verlassen wünsche, verschwieg ihr nicht, was
Roberts Mutter ihr gesagt hatte, und war nicht wenig überrascht, Clementine bei
der Nachricht, die für sie ein Todesstoss sein musste, anscheinend ruhig zu
finden.
    »Ich weiss es längst, gute Tante!« sagte sie, »dass Robert mich nicht liebt,
sehr lange schon; und dass er jetzt für mich kein Wort des Trostes, der
Teilnahme hat, keinen Gruss durch die Seinen, das nimmt mir mit dem letzten
Zweifel die letzte Hoffnung; aber es ändert in meinen Gefühlen für ihn Nichts.
Wir waren Beide durch keinen Eid an einander gebunden, Robert liebt mich nicht
mehr, hat mich vielleicht nie geliebt, und ich habe sein Wohlwollen für Liebe
gehalten - so glaubt er sich frei und ist es auch; denn nicht der Eid, sondern
die Liebe bindet. Ich aber liebe ihn mehr als je, er ist Alles, Alles, was ich
liebe, und darum bin ich sein, auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten.
Entgegne mir darauf Nichts,« fuhr sie fort, als ihre Tante eine Einwendung
machen wollte, »ich weiss, wie gut Du es mit mir meinst; darum lass mich mir
selbst. Dich aber länger von den Freunden und der Heimat zu trennen, wohin es
Dich zieht, dazu habe ich kein Recht. Marie verlangt nach mir, ich werde nach
Heidelberg gehen, werde ihr nützlich sein und in dem Kreise ihres Hauses meine
Zukunft finden. Versprich mir aber, dass Du mir nie fehlen wirst, wenn ich Dein
bedarf.«
    Frau von Alven weinte still; Clementine kniete vor ihr nieder, küsste ihre
Hände und bat: »und nun noch Eins! Ich habe seit Jahren mehr gelitten, als ich
zu leiden für möglich hielt; ich fürchte jede Berührung meiner tiefen Wunde mehr
als den Tod; versprich mir, dass Robert's Name nicht mehr zwischen uns genannt
wird und dass wir uns trennen ohne Abschied; wir bleiben ja doch im Innern stets
beisammen.«
    Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen darauf rollte der Postwagen,
welcher Frau von Alven in ihre Heimat führte, an Clementinens Wohnung vorüber,
in der sie mit ihrem Schwager am Fenster stand, der gekommen war, sie nach
Heidelberg abzuholen.
    Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten Zeit, dem wehmütigen Gefühl,
von den Räumen zu scheiden, die so lange die stillen Zeugen ihres Lebens waren,
tat die Ruhe im Hause ihrer Schwester Clementinen anfänglich sehr wohl. Sie
hatte die junge Frau fast unverändert gefunden. Marie liebte ihren Reich von
Herzen, betete ihre beiden Kinder an, sorgte treulich für ihr Haus und war eine
Frau, wie die Mehrzahl der Männer sie wünscht. Der Professor hielt regelmässig
seine Vorlesungen, arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube und
liess sich während der Mahlzeiten mit der grössten Teilnahme Alles erzählen, was
in der Zwischenzeit von der Frau, den Kindern und den Dienstboten irgend zu
erzählen war. Beide Eheleute waren durchaus zufrieden mit einander und wünschten
nichts Besseres, als dass es immer so bliebe. Ohne bestimmten Blick in die
Zukunft, ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit, ging ein Tag nach dem
andern hin, und alle Abwechselung in Marien's Leben machte der Besuch
gleichgestimmter Frauen und ein Spaziergang in der nächsten Umgebung. - Es
dauerte auch nicht lange, bis Clementine sich äusserlich in diese Lebensart
gefunden hatte, und bald war sie Allen unentbehrlich geworden. Ihr beweglicher
Geist hatte tausend neue Spiele für die Kinder, manche Erleichterung für Marie,
manche Bequemlichkeit für den Professor hervorgerufen; es machte ihr Vergnügen,
die Ihrigen zu erfreuen - aber sie selbst fühlte sich einsamer als vorher.
Getrennt von ihren gewohnten Umgebungen, von der Tante, der ihr ganzes Herz
offen lag, in der gleichförmigen Lebensart im Reichschen Hause, fühlte sie eine
solche geistige Leere, dass nur die schöne Natur Heidelbergs sie aus ihrer
Apatie zu reissen vermochte. Um sich zu zerstreuen, suchte sie eifrig längst
vernachlässigte Studien wieder hervor, sie schmückte ihr kleines Stübchen, das
nach dem Neckar sah, auf das freundlichste; aber vergebens. Stundenlang sass sie
mit dem Buche in der Hand, sah den schönen Strom vorüberfliessen, blickte
ernstaft die kleinen Häuser von Weinheim an und sah doch Nichts, als Robert's
Bild, wie er zuletzt vor ihr gestanden, dachte Nichts, als die tiefe
Demütigung, verschmäht zu sein.
    In einem kleinen Orte wie Heidelberg konnte eine Erscheinung wie Clementine,
nicht unbemerkt bleiben; ihre ganze Persönlichkeit flösste lebhaftes Interesse
ein, während ihr nach Aussen abgeschlossenes Wesen für Kälte und Stolz galt. Man
hatte sie bei ihrer Ankunft in alle Zirkel eingeführt, und überall hatte sie
einen neuen Reiz in die Gesellschaft gebracht; besonders waren es die jüngeren
Mädchen und die älteren Männer, die sich ihr anschlossen. Die Mädchen, weil sie
von ihr keine Beeinträchtigung zu fürchten hatten, da sie jede Annäherung und
Bewerbung eben so fein als bestimmt zurückwies; die älteren Männer, weil in
ihrer Unterhaltung so viel Belebendes und Anregendes lag, dass sie sich die
glücklichen Bemerkungen, die Clementine sie machen liess, unbedingt als ihr
eigenstes Eigentum zuschrieben.
    Unter diesen Männern war unstreitig der Geheimrat von Meining der
bedeutendste. Er galt für einen der ersten Aerzte Deutschlands, war ein
stattlicher Mann von fünfzig Jahren und so wohl erhalten, dass er den Ansprüchen,
auch durch sein Äußeres zu gefallen, nicht ganz entsagt hatte. Man sah, dass er
in der Jugend ein schöner Mann gewesen sein musste, und mit einer bei älteren
Männern nicht seltenen Eitelkeit liess er bisweilen erraten, dass ihm das Glück
bei den Frauen hold gewesen sei. Auch stand er noch jetzt in grosser Gunst bei
den Damen und wurde gern gesehen in jeder Gesellschaft. Manche Mutter hätte ihn,
der ihr selbst früher den Hof gemacht, recht gern zum Schwiegersohne angenommen,
und allerdings war er, vermöge seiner Stellung, Das, was man gewöhnlich eine
gute Partie zu nennen pflegt. In seiner Jugend hatte er die Frauen zu sehr
geliebt, um sich an Eine dauernd binden zu mögen; dann hatte diese Leidenschaft
ernsten Studien Platz gemacht. Er hatte Reichtum, Ehre und einen grossen Ruf
erworben, und der Gedanke, sich zu verheiraten, war allmälig ganz in den
Hintergrund getreten, je mehr Reiz die materiellen Genüsse des Daseins für ihn
gewannen und je mehr sich die eigentümliche Selbstsucht aller Hagestolzen in
ihm ausgebildet hatte. Doch war sein Gefühl für das Schöne und Gute niemals
erloschen; er war in einzelnen Momenten einer Lebhaftigkeit und Hingebung fähig,
die einem jüngeren Manne anzugehören schienen, und in dieser Stimmung konnte er
die bedeutendsten Opfer bringen; dann fühlte er die Möglichkeit und den Wunsch,
Andere an seinem Glücke Teil nehmen zu lassen, und hätte vielleicht daran
gedacht, eine Frau zu nehmen, wenn es ihm nicht unbequem gewesen wäre, danach zu
suchen. Doch liess er sich die Neckereien über diesen Punkt recht gern gefallen
und lächelte wohlgefällig, wenn man behauptete, an einem schönen Morgen werde er
einst ganz plötzlich mit einer Braut angefahren kommen, die ein Phönix an
Schönheit und Liebenswürdigkeit sein und ihm wie ein Ideal erscheinen werde;
sowie sein Haus ihm das schönste, sein Rock der beste und überhaupt Alles, was
sein eigen, ihm als das Vollkommenste vorkomme.
    Als Freund des Professors Reich und als Arzt der Familie hatte er Clementine
in deren Häuslichkeit kennen und schätzen gelernt. Er hatte durch Marien, noch
vor Clementinens Ankunft, erfahren, dass diese dem Grame über eine unglückliche
Liebe fast erlegen sei, und nun sah er sie selbst: noch schön, obgleich lange
über die erste Jugend hinaus, und liebenswürdiger und geistreicher als irgend
eine Frau, die er kannte. Er sah das Mädchen, das der Mittelpunkt der
Gesellschaft geworden, eben so liebenswürdig im Hause; sie hatte Rat für den
Bedrängten und die zärtlichste Sorgfalt für den Leidenden; unermüdlich besorgt
für Andere, schien sie zufrieden, ohne gerade froh zu sein, und ihre Ruhe wurde
durch jene kleinen Veranlassungen, welche die meisten Frauen ausser Fassung
bringen, niemals erschüttert. Ihre äusseren Vorzüge zogen ihn an, und wenn er
manchmal auf ihrem ausdrucksvollen Gesicht die Spuren eines tiefen Leidens, oder
gar ihre Augen noch trübe von vergossenen Tränen sah, flösste sie ihm eine
lebhafte Teilnahme ein. Er hatte einmal mit Reich über Clementine gesprochen,
und diese hatte geäussert, seine Schwägerin sei allerdings ein vortreffliches
Mädchen, nur leider zu überspannt, und er wünsche nichts sehnlicher, als dass sie
bald einen vernünftigen Mann bekäme, den sie liebe; denn sonst würde sie zu
Grunde gehen durch ihren selbstgenährten Gram.
    Ob Reich diese Bemerkung absichtlich gemacht, ob eine Absicht in des
Geheimrats Frage gelegen, lassen wir dahingestellt sein; nur das steht fest,
dass von jenem Tage an in Meining der Gedanke an eine Verbindung mit Clementinen
erwachte. Dieses Mädchen in seinem Hause walten zu sehen, von ihrem Geiste seine
Mussestunden verschönen zu lassen, ihrer milden Pflege in kranken Tagen zu
geniessen und sie, der er von Herzen zugetan war, ihren Kummer vergessen zu
machen, war bald sein Lieblingswunsch geworden. Er hielt sich für den Mann, der
sie über den verlorenen Geliebten zu trösten vermöchte, und je mehr und je
länger er seine Bewerbungen um sie fortsetzte, je werter wurde sie ihm, je
gewisser, dass er ihr nicht gleichgültig bleiben könne. So trat er denn, nachdem
sie einen Abend vorher sich freundlich in Gesellschaft begegnet waren, am
nächsten Morgen mit seiner Werbung um Clementinens Hand vor den Professor hin.
    Reich war sehr erfreut, Marie entzückt über das Glück, das sich ihrer
Schwester bot; Clementine allein sagte, wie so oft schon: »ich kann und werde
nicht heiraten.«
    Man schrieb der Tante, Frau von Alven bestürmte die Arme mit den
dringendsten Vorstellungen, Meining wollte ihr Zeit lassen, sich zu
entschliessen, und unterdessen nahmen die Ermahnungen und das Zureden des
Professors und Mariens kein Ende; die Unterhaltungen, mochten sie mit dem
Fernliegendsten beginnen, endeten zu Clementinens Qual doch immer wieder mit dem
Geheimrat von Meining.
    Bei einer solchen Scene fanden wir die Schwestern, am Anfang unserer
Erzählung, und es war nötig so weit zurückzugehen, um den Leser mit den
handelnden Personen bekannt zu machen, wobei wir uns zugleich das Recht
vorbehalten, den Faden der Ereignisse, so oft es uns geeignet scheint, in den
eigenhändigen Papieren und Briefen derselben zu verfolgen.
 
                                Zweites Capitel
Sinnend stand Clementine am Fenster, als sie in ihr Zimmer getreten war; die
Gedanken zogen, wie Bilder eines Schattenspieles, schnell an ihrer Seele
vorüber; sie wollte dem Zureden ein Ende machen und mit der Tante dabei
beginnen. So setzte sie sich denn nieder und schrieb:
Dein Brief hat mir wehe getan, liebe Tante! Traust Du mir bei meinen Handlungen
keine anderen Beweggründe, als Ueberspannung oder Eigensinn zu? Hältst Du mich
denn für ein Kind, das die Verhältnisse des Lebens verkennt? So gut als Ihr Alle
weiss ich, dass nach den Begriffen der Welt die Stellung einer verheirateten Frau
der eines Mädchens vorzuziehen ist. Glaubt mir aber, dass es eine tiefe
Notwendigkeit ist, die mich abhält, den Schritt zu tun, zu dem Ihr Alle mich
überreden möchtet.
    Ich hasse die Ehe nicht; im Gegenteil, ich halte sie so hoch, dass ich sie
und zugleich mich zu erniedrigen fürchte, wenn ich dies heilige Band knüpfte,
ohne dass mein Gefühl Teil daran hätte. Was kann es Beglückenderes geben, als
mit einem geliebten Manne sein Leben hinzubringen? Für ihn zu sorgen, seine
Freuden und Leiden zu teilen; zu wissen: Alles, was mein Herz bewegt, Alles,
was mich berührt, teilt und fühlt mein bester Freund mit mir? Beide leben dann
ein doppeltes Leben. O! ich habe mir das oft sehr schön gedacht, ich habe es
heiss gewünscht, und ich halte heute noch die Ehe für den einzigen Weg, der den
Menschen zu der grössten Vollkommenheit führt, die seiner Individualität möglich
ist. Darum aber kann ich den Gedanken an eine gleichgültige Ehe nicht ertragen,
weil sie für mich eine unglückliche wäre; und ich habe es nie begreifen können,
wie in der Ehe irgend Etwas die Menschen an einander kettet, als ihr Herz. Die
Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste, heiligste Verbindung, die gedacht
werden kann; rein, wie ein Engel des Lichts, geht das Weib aus den Armen ihres
geliebten Gatten hervor, und wenn man mir, nach dem katolischen Ritus, die
Madonna, die reine Mutter Gottes nannte, hat für mich ein rührend tiefer Sinn
darin gelegen, ein ganz anderer Gedanke, als die Kirche ihn will. Ja! die Ehe
ist rein! und aus der Umarmung liebender Gatten kann ein göttlicher Mensch, ein
Retter der Welt entstehen.
    Aber was hat man aus der Ehe gemacht? Ein Ding, bei dessen Nennung
wohlerzogene Mädchen die Augen niederschlagen, über das Männer witzeln und
Frauen sich heimlich lächelnd ansehen. Die Ehen, die ich täglich vor meinen
Augen schliessen sehe, sind schlimmer als Prostitution. Erschrick nicht vor dem
Worte, da Du mich zu der Tat überreden möchtest. Ist es nicht gleich, ob ein
leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem Manne
hingibt, oder ob Eltern ihr Kind für Millionen opfern? Der Kaufpreis ändert die
Sache nicht; und ich gestehe Dir, ich würde das Weib, das augenblickliche
Leidenschaft und heisser Sinnentaumel hinreisst, gross finden, gegen Diejenige, die
das Bild eines geliebten Mannes im Herzen sich dem Ungeliebten ergibt, für den
Preis seines Ranges und Namens. - Könnte ich glauben, der priesterliche Segen
hätte Kraft zu binden und zu lösen, könnte das »Ja«, das ich spräche, eine ganze
Vergangenheit aus meiner Seele tilgen, wer weiss, was ich täte. So aber! - Ich
liebe nun einmal einen Mann, der mich verschmäht, dem meine ganze, ungeteilte,
anbetende Liebe kein Glück zu bieten vermochte, als ich jung und schön war; und
ich sollte einen Ehrenmann, der von mir die Freude seines Lebens erwartet, mit
einem heiligen Eide betrügen? Ich sollte ihm ein Weib werden, das die Achtung
vor sich selbst verloren hat? Das könnt Ihr nicht meinen, das kannst Du nicht
wollen. Ich denke mit Ruhe an Robert, so lange ich mir selbst lebe; tritt aber
der Gedanke, einem Anderen gehören zu sollen, vor mein Auge, dann sehe ich, dass
ich nur in Robert lebe und dass mir der Traum der Vergangenheit mehr ist, als
irgend eine Zukunft mir bieten könnte. Lass mir die Ruhe meines Bewusstseins.
    
                                                                     Clementine.
                 Der Geheimrat v. Meining an Clementine Frei.
Mein teures Fräulein! Seit längerer Zeit erwarte ich Ihre Antwort auf eine
Frage, die über meine Zukunft entscheiden soll. Sie wissen, wie wert Sie mir
sind, lassen Sie mich offen sagen, wie warm und innig ich Sie liebe, wenn gleich
es einem Manne reiferen Alters nicht anstehen mag, eine Leidenschaft zu
bekennen, die der Jugend angehört. Ich habe in meinem Berufe Frauen in allen
Verhältnissen kennen lernen, und ich achte das Weib; ich achte und liebe in
Ihnen das Weib, das klar über sich selbst und das Leben, zu dem Gefühl seiner
Würde gekommen ist. Ich bin nicht jung genug, Teuerste! Ihnen schwärmerische
Schwüre zu leisten, aber ich biete Ihnen meine Hand mit offenem Herzen. Was ein
besorgter Gatte, ein zärtlicher Freund Ihnen sein könnte, das schwöre ich, das
sollen Sie in mir finden, und dadurch allein will ich Sie gewinnen; nur aus
freier Neigung sollen Sie die Meine werden.
    Ich verlasse Heidelberg auf kurze Zeit: Sie sollen Ruhe haben, einen
Entschluss zu fassen. Möge er zu meinen Gunsten sein! Der Ihrige.
                                                                     v. Meining.
                          Frau v. Alven an Clementine.
Ich ehre Dein Gefühl, mein Kind! wenn gleich ich es nicht unbedingt richtig
heissen kann, und es liegt mehr Selbstsucht darin, als Du zu glauben scheinst. Du
gefällst Dir darin, Dich als die Leidende, die Reine zu betrachten, und Du bist
Beides. Ich weiss, was Du geduldet hast, kenne ganz Dein reines Herz; Du bist
unglücklich geworden durch Deine Liebe und durch Robert's Wankelmut, bist gegen
Deinen Willen sein Opfer geworden: das entbindet Dich nicht von der Pflicht,
Dich mit Bewusstsein, aus freier Wahl für das Wohl Anderer zu opfern. Das Weib
ist geschaffen, sich liebend hinzugeben und zu beglücken; tust Du das? Du
glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden, wenn Du Marien Dein Leben widmest,
ihr den Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht bedarf. Du nimmst Dich
der Kinder an, wenn Du Neigung dazu hast, glaubst sie zu erziehen, und der
Menschheit, die an jeden von uns Rechte hat, damit Deine Schuld zu zahlen.
    Belüge Dich nicht selbst, mein Kind! Du, vor Vielen dazu berufen, einem
Manne das Leben zu verschönen, mit dem unerschöpflichen Reichtum an Liebe und
Nachsicht, Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer scheint, ernst gegen eine
Neigung anzukämpfen, deren Gegenstand diese Liebe gewiss nicht einmal wünscht und
Deiner nicht mehr denkt. Und wenn Mariens Kinder, die Du so sehr liebst,
heranwachsen, wenn Marie und die Kinder Deiner nicht mehr bedürfen werden, was
wird dann die unvermeidliche Leere Deines Herzens ausfüllen? -
    Ich habe das Glück, Mutter zu sein, nur wenige Tage gekannt, und doch wirft
das Andenken daran ein verschönendes Licht über mein ganzes Leben; magst Du noch
so scharf und richtig denken, noch so lebhaft fühlen, das Glück kannst Du nicht
begreifen, nicht ermessen, bis Du es gekannt hast. Ich selbst habe Alven ohne
alle Neigung geheiratet, komme ich Dir deshalb wie eine Verworfene vor? Das
aber schwöre ich Dir, so lieb mir Dein Glück ist, ich habe den Vater meines
Kindes von Grund der Seele geliebt; wir haben uns in guten und bösen Stunden
treu zur Seite gestanden, und ich habe nach seinem Tode mich nie entschliessen
können, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich ich sehr jung war und es
mir, wie Du weisst, an Bewerbern nicht fehlte.
    Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne es, ich werde irre an Dir. Du
hältst so viel darauf, die Achtung vor Dir selbst nicht zu verlieren, weil Dir
das leichter wird, als die unsere zu verdienen. Du achtest Dich, wenn Du Deiner
Liebe treu bleibst, das ist bequem und leicht - wir aber würden Dich achten,
wenn Du dem Glücke eines Anderen, eines braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern
im Stande wärest. Zwingen kann man Dich nicht, Du bist reich und unabhängig in
jeder Beziehung; aber ich wende mich an Dein richtiges Urteil, an Deine
Wahrheitsliebe und an Dein Herz. Täusche Dich nicht selbst; täusche nicht die
Erwartungen Deiner mütterlichen Freundin.
                    Clementine an den Geheimrat v. Meining.
Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen entgegenkommt, der mir seine Zukunft
weihen will, muss wissen, an wen er sich gewandt hat; und wahr, wie gegen mich
selbst, will ich gegen Sie sein.
    Eine tiefe, leidenschaftliche Liebe hat seit meiner frühesten Jugend mein
Herz erfüllt; diese Liebe ist nur flüchtig erwidert worden, sie hat mein Herz
gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach innen gewiesen, sind mir Jahre des
Leidens vergangen; ich habe mich gewöhnt allein zu stehen, ich habe es versucht,
die Erinnerung an meine Liebe zu bekämpfen - es ist mir nicht gelungen; und so
konnte es mir nie einfallen, den Bewerbungen, mit denen man mich ehrte, Folge zu
leisten, besonders da die Mehrzahl jener Bewerber mir vollkommen gleichgültig,
und ich ihnen fast ganz fremd war.
    Sie kennen mich lange und gut, und ich gestehe Ihnen gern, dass Ihre
Freundschaft mir wert, dass mir an Ihrer Achtung gelegen ist; aber niemals die
Ihre zu werden, war noch vor wenig Tagen mein fester Entschluss. Ich wollte mich
nicht verheiraten. Nicht das Zureden meiner Schwester macht mich in meiner
Gesinnung schwanken, sondern die ernsten Vorstellungen meiner Tante, die mich
sehr ergriffen haben. Ich habe schwer mit mir gekämpft, und ich will die Ihre
werden, wenn ich Ihnen nach diesen Geständnissen genüge. Ich erkenne vollkommen
und freudig Ihren Wert an, darum aber zweifle ich, dass ein gebrochenes Herz
Ihrer würdig sei.
    Glauben Sie dennoch, dass ich zu Ihrem Glücke beitragen könne, so tue ich es
von Herzen, und will streng über mich wachen, das Glück zu verdienen, das einer
Frau an Ihrer Seite werden kann. Mit innigster Achtung.
                                                                     Clementine.
                    Der Geheimrat v. Meining an Clementine.
Haben Sie Dank! wir werden glücklich sein. Teure, holde Geliebte! Ist es denn
nicht die Pflicht des Arztes, zu heilen und zu lindern? Wie gern will ich Dich
schonen, meine Clementine! wie sorgsam werde ich die wunde Seele meines kranken
Weibes hüten und heilen! Wirf die Vergangenheit von Dir, insofern sie Dich
schmerzt, bewahre jedes Andenken, das Dir wert ist; nur Eines versprich mir und
nimm es als Beweis meines vollen Vertrauens - nenne mir nie den Namen des
Mannes, der Dich leiden machte, niemals, Geliebte! Ich kenne Dich und traue Dir
unbedingt. In drei Tagen kehre ich zurück; möge die Hoffnung auf dies
Wiedersehen, meine holde, meine teure Braut! Dich so beglücken, als mich. Auf
Wiedersehen denn, Geliebte! Der Deine.
                                                                        Meining.
 
                                Drittes Capitel
Die Tage bis zur Rückkehr des Geheimrats vergingen Clementinen in der
heftigsten Aufregung. Der Brief ihrer Tante, die Bitten und Vorstellungen
Reich's und ihrer Schwester, hatten sie zu einem Entschlusse gebracht, dessen
sie sich nie fähig gehalten hätte. Meining war ihr mit so edlem Vertrauen
entgegengekommen; es hob sie in ihren eigenen Augen, dass sie, deren Herz seine
Jugend eingebüsst hatte, noch einen so bedeutenden Mann, als Meining, fesseln und
beglücken könne; sie wollte ein neues Leben beginnen, weil sie es nun einmal
gelobt, ihre Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen Entwürfen zitterte sie
vor dem Gedanken an Meining's Ankunft.
    Während der letzten Nacht, die sie schlaflos verbrachte, fiel ihr plötzlich
ein, sie müsse eigentlich noch einmal an Robert schreiben, ihm ihre Verlobung
anzeigen und ihm befehlen, sie ganz wie eine Fremde zu betrachten, wenn sie
jemals sich begegnen sollten. Aber Robert schreiben? durfte das Meining's Braut!
- ihm befehlen, sie zu meiden, hiesse ja, ihm bekennen, dass er ihr teuer und
gefährlich sei, und befehlen? - ihm befehlen, dessen Auge ihr Leitstern, dessen
leisester Wunsch ihr unumstösslichstes Gesetz gewesen war? - Alle ihre alten
Qualen, alle ihre Gewissensbisse bestürmten sie aufs Neue, sie wollte für
Meining leben und dachte nur an Robert. In wirren Fieberträumen verging der
letzte Teil der Nacht, der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster, als sie die
schweren, müden Augenlider aufschlug. Sie war vollkommen ermattet, liess sich
teilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde den Anstalten zu, die Marie
mit unruhiger Freude für die Ankunft des Geheimrats traf.
    Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine grosse
Gewalt über sich besass, ging ihm bis zur Türe entgegen und bot ihm ihre Hand
zum Willkomm; er schloss sie herzlich in seine Arme, küsste ihre Stirne und der
Bund war geschlossen.
Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhältnisse leichter zu
fügen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung peinigt, für
möglich halten sollte. So war denn auch die neue Braut plötzlich zu einer Ruhe
und Klarheit gekommen, die Meining entzückte, und ihrer Familie die Ueberzeugung
gab, dass sie Recht getan hätte, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im
Beginne des Frühjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden.
Clementine traf selbst die nötigen Anstalten für den neuen Haushalt, hatte eine
Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben, Glückwünsche zu
beantworten und blieb dadurch in einer fortwährenden Tätigkeit, die ihr wenig
Zeit zum Nachdenken übrig liess. Ihr Bräutigam brachte jeden Abend und jede
Stunde, die sein Beruf ihm frei liess, in ihrer Gesellschaft zu und hatte,
aufgeregt durch die neuen Verhältnisse, eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die
er längst verloren, und deren er sich nicht mehr fähig geglaubt hatte. So war
sie ihm von Herzen gut geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren
Geist und seinen liebenswürdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich
grade jetzt in seinem günstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine die
Hoffnung auf eine beglückende Zukunft gab.
    Indessen rückte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer
befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht werden
sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm; man konnte
sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht füglich entziehen, und
Meining äusserte lachend, am Ende sei auch eine ganze glückliche Zukunft mit ein
paar lästigen Stunden nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin
und Clementine fühlte sich auf das Unangenehmste berührt von dem widrigen
Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernstafter Gedanken, weil sie selbst so
ernst, so feierlich gestimmt war, dass jeder Scherz sie verletzen musste. Meining
hingegen nannte das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die man aber leicht
aushalten könne, und musste über manchen Einfall von Herzen lachen, obgleich er
eben so froh war als seine Braut, als die Gesellschaft sich endlich trennte, da
die Mitternacht lange vorüber war. Nachdem er Clementine vor ihrem Hause aus dem
Wagen gehoben hatte, und sie, einen Augenblick vor der Tür weilend, sich nach
dem Schloss wendete, fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd
darüber hin, und es schien ihr unmöglich, sich jetzt, mit dem übervollen Herzen,
in die engen Räume eines Zimmers zu sperren.
    Lieber Freund! bat sie, wenn Sie nicht zu müde sind, geben Sie heute noch
einem, vielleicht überspannten Einfalle nach; ich will dafür auch von morgen ab
eine grundvernünftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen auf's Schloss, es
ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir wollen heute, an dem Tage, an dem
uns Beiden ein neues Leben beginnt, auch den Tag beginnen sehen.
    Der Geheimrat war es gern zufrieden; die Nacht war schön und mild.
Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse aufwärts führt.
Eine Reihe wechselnder Gedanken zogen durch Clementinens Brust, sie sah Meining
an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein früheres Leben, schien ihre
Zukunft vorüberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen.
Oben auf der Höhe angelangt, sah man nichts, als einen dichten, weissen Nebel,
der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte kühl und Meining zog besorgt die
wärmende Hülle um die schlanke Gestalt seiner Braut. Gedankenvoll liessen sie
sich auf der Bank vor dem Weingärtchen nieder. Da plötzlich schmettert ein
tausendstimmiger Lerchenchor gen Himmel, der Nebel zerreisst vor dem ersten
Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhänden fortgezogen,
schwindet der dichte, weisse Schleier und das Neckartal liegt vor den trunkenen
Augen der Entzückten. Drüben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten,
weissen Häusern; vor ihnen der lachende, jugendmutige Strom mit Kähnen, die von
Neckargemünd daherzogen, um sie her die Wipfel der Bäume, die am Fusse des Berges
wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation, und zu ihren
Füssen das kleine schlummernde Heidelberg. Clementine war sehr ergriffen von der
Herrlichkeit des Augenblicks. Das reinste, heiligste Gefühl zog ihr Herz zu den
Menschen, die Gott einer solchen Welt wert gehalten, und mit Tränen der
Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust und sprach: Ach, lass uns schön
sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt bin ich Dein
und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare, bindet mich diese Stunde an Dich.
Ja, wir wollen glücklich, wir wollen dieser Welt wert sein! Sieh, Guter! ich
habe jetzt nichts, nichts mehr auf der Welt als Dich. Sei Du meine Welt, stehe
mir bei, wenn ich wanke, und verlasse mich nie!
    Sie war während des Sonnenaufgangs plötzlich aufgestanden, in heftiger
Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine Hände in
Tränen. Er zog sie, gerührt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit,
empor, presste sie fest an seine Brust, und der innige Druck seiner Hand, der Ton
seiner Stimme hatten noch mehr Beruhigendes, als die Worte: Mein teures,
teures Weib! ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals
trennen. - Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er
zum Aufbruch, denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie
allmälig zu beruhigen, sagte er scherzend: komm, komm, mein Herz! dass uns die
guten Heidelberger nicht zurückkehren sehen; was würden die von ihrem Arzte
denken, wenn sie wüssten, dass er seine Braut dem ungesunden Morgennebel preis
gibt. - So, unter freundlichen Gesprächen, führte er die leidenschaftlich
Bewegte den Berg hinab zu ihrem Hause.
 
                                Viertes Capitel
Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren schon eine geraume Zeit
vorüber, das Beisammensein war für die beiden Eheleute zu einer ruhigen
Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschäftigt, seine Kranken, seine
Collegia, ein grösseres Werk, das er zu schreiben begonnen, und das während des
Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; während
Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschäftigung war und es ihr selbst an
jenen wohltätigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden sonst zu
bieten pflegte. Ihre Haushaltsangelegenheiten liessen sich in einer Stunde
abtun; Meining war den ganzen Morgen ausser dem Hause in Anspruch genommen;
kehrte er Mittags zurück, so hatte ihn die grosse, angreifende Praxis müde
gemacht, er musste notwendig eine Stunde der Ruhe haben, um sich für die
Geschäfte des Nachmittages zu stärken, und waren auch diese endlich beendet,
dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, dass sogar Clementinens
Vorschläge zu kleinen Ausflügen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs so sehr
verlockt, fast immer abgewiesen werden mussten. Führte das Abendessen sie endlich
doch zusammen, so war Meining so zerstreut, innerlich so sehr beschäftigt und so
abgespannt, dass er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwünschte, der
ihn ganz und gar verlange, und ihm den ruhigen Genuss seiner Häuslichkeit
unmöglich mache. Vor seiner Verheiratung hatte der Geheimrat oft mit
Clementinen den Plan besprochen, sich von den grösseren Gesellschaften fern zu
halten, in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht und deren er überdrüssig
geworden war, und sie war das gern zufrieden gewesen. Statt dessen wollten sie
einen kleinen Kreis gewählter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich
versammeln, von deren traulichem Umgange sich beide Eheleute viel Genuss
versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen
hatten. Grade an solchen Abenden war dann Meining aber zufällig abgerufen
worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten
wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Missstimmung hatte sich dadurch
der kleinen Gesellschaft bemächtigt, die der Wirtin freundlichste
Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte. Es wurde also auch dieser Versuch bald
aufgegeben, denn Meining selbst schien keine Lust daran zu finden. Er erklärte
offen, diese Art von Geselligkeit dünke ihn noch viel unbequemer, als die grossen
Zirkel, in denen man ungestört plaudern und unbeachtet schweigen könne; ja er
fühle entschieden, dass er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die
Sphäre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube
mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, für mich beginnt in Dir ein neues
Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als früher, denn ich arbeite nicht
für mich allein; und ich finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und
Genuss, als mir jemals die Gesellschaften geboten haben, in denen ich stundenlang
im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Torheiten anhören
musste. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur für uns allein.
    Clementine willigte ein. Ihre geselligen Verbindungen lösten sich fast ganz
auf, sie sah es ziemlich gleichgültig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr
letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe mehr und Anderes gesucht hatte, als
ein glänzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewöhnliche geistige
Regsamkeit, die Meining an dem Mädchen so interessant gefunden, war in der
Zurückgezogenheit, in der sie lebten, doppelt gross geworden; der Kreis ihrer
Gedanken hatte sich in den neuen Verhältnissen erweitert; sie fühlte sich
berechtigt und wert, auch das geistige Leben ihres Mannes zu teilen und zu
verschönen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden
plaudern zu können, weil sie hoffte, er würde, wie als Bräutigam, Lust daran
finden, er würde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit, die
ihm so eigentümlich war, erzählen, ihr seine Gedanken darüber mitteilen, ihre
Ansichten hören und berichtigen - mit einem Worte, er würde sie wie einen Freund
betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke entüllt werden muss,
weil er ihn versteht, weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht
hat. Dazu kam es aber nur sehr selten. Clementine schmerzte das. Sie konnte sich
des Gedankens nicht entschlagen, dass Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt
weit weniger als früher schätze, dass er diese an seiner Gattin leicht entbehren,
vielleicht gar nicht einmal vermissen würde. Er bedurfte nur einer sorglichen
Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich, wenn er nicht zu
müde war, über unbedeutende Dinge heiter unterhielt, die er wirklich sehr lieb
hatte und der er gern viel Freude bereitet haben würde, hätte er vor übergrosser
Beschäftigung nur die Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie freuen könnte.
Vor Allem aber fühlte er sich sehr froh, ein so behagliches Haus und eine Frau
zu besitzen, die jedem seiner Wünsche mit der grössten Bereitwilligkeit zuvorkam.
Er pries sich glücklich, grade diese Frau gewählt zu haben, er zweifelte nicht,
dass sie sich zufrieden fühlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde, je
länger sie mit einander lebten.
    Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele seiner Frau aus. Sie
konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es
schmerzte sie tief, dass trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener
Stunde gehalten, ihr das Glück nicht zu Teil geworden war, das sie sich damals
erhofft. Es schmerzte sie, dass das Leben, ohne unsre Schuld, so weit
zurückbleibt hinter Dem, was es sein könnte, dass es uns nicht vergönnt ist, Das
zu werden, wozu die Fähigkeit in uns liegt. Sie konnte den Wunsch nicht
aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene
ruhige Neigung, die er für sie hegte. Es war zuerst ihr Äußeres gewesen, das
ihn angezogen; er hatte dann ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und
einen sittlichen, zuverlässigen Charakter in ihr erkannt, und diese
Eigenschaften schätzte er an ihr. Aber jener Schätze von Liebe und Hingebung,
deren sie sich bewusst war, bedurfte der ruhige, ältere Mann nicht. Er war kein
leidenschaftlicher Liebhaber, wie Robert, der heute die Geliebte kränkte und
ihre Nachsicht erforderte, während seine Liebe morgen ihre Tränen trocknete und
eine Versöhnung herbeiführte, die durch den gehabten Schmerz nicht zu teuer
erkauft wird. Es verstimmte sie, dass Meining ihre Teilnahme an seinem geistigen
Leben kaum zu begehren schien, und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung
freudig unterordnete, hätte sie es doch gern gesehen, dass er, der sich sonst an
ihrem Geiste stets erfreut, sie auch in der Beziehung neben sich mehr hätte
gelten lassen. Sie vermisste es oft auch schmerzlich, dass er sie in ihrem
Entusiasmus für das Schöne und Grosse zwar gewähren liess, dass er ihn aber nicht
mit ihr zu teilen schien; und sie bedachte nicht, dass sie von dem bejahrten
Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern könne, die ihr angeboren und durch
ihre Liebe zu dem entusiastischen Robert nur gesteigert worden war.
    Mag immerhin Selbstsucht in dem Gefühle liegen, Andere auf die Art und Weise
beglücken zu wollen, die uns die beglückendste scheint, ohne zu fragen, ob es
eben auch die Weise ist, die man von uns begehrt, es ist eine Selbstsucht, von
welcher nur wenige Menschen ganz frei sein möchten, und sie quälte Clementine um
so mehr, weil sie sich nicht zufriedengestellt fühlte und weil sie nicht so
glücklich zu machen glaubte, als sie es gewünscht hatte. Sie wollte ihrem Manne
einen wahren Himmel bereiten, und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches
Erdenglück, und in besonders traurigen Stunden war ihr eben deshalb häufig der
demütigende Gedanke gekommen, dass jede tüchtige, gutmütige Haushälterin sie
ihrem Manne ersetzen, ihm das Glück gewähren könne, das er in ihr finde. Sie
tat ihm und sich damit zu nahe, und dennoch lag etwas Wahres auch darin. Sie
hatte an sich die Erfahrung zu machen, die sich täglich im Leben wiederholt, dass
Altersverschiedenheit für das Glück der Ehe gefährlicher wird, als man
gewöhnlich glaubt; auch selbst in dem Falle, wenn der Mann der bedeutend Aeltere
ist. Das Mädchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite
Jugend, während der ältere Mann, den man bis dahin noch immer einen Mann in den
besten Jahren, einen Heiratscandidaten nannte, plötzlich vom geselligen
Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, sobald die
ruhige Häuslichkeit ihn von der Mühe, jung und glänzend zu scheinen, befreit.
Der ältere Mann, der sich verheiratet, will gewöhnlich ausruhen vom Leben; das
ältere Mädchen, deren Gefühl nicht so durch das Leben verbraucht ist, wie das
der Männer, will nun erst zu leben beginnen, und es kann dabei an Täuschungen
und Enttäuschungen nicht fehlen.
    So gewöhnte sich auch Clementine in einer Art stummer Entsagung allmählich
neben ihrem Manne wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war
und das sie Jahre hindurch als Mädchen geführt hatte. Sie erfüllte auf's
Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschäftigung umher, ergriff, der
Billigung Meining's gewiss, bald dies bald jenes und fühlte sich immer
unglücklicher, je länger dieses Suchen währte. Gar oft sehnte sie sich in jene
Zeit zurück, in der sie einsam da gestanden und ungestört das Recht besessen
hatte zu leiden, weil Niemand da war, der mit ihr und durch sie litt. Jetzt war
das vorüber. Was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, oder gar wenn er
sie weinend fände? Hiesse es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Güte
lohnen, wenn er sie nicht zufrieden sähe? Sie zwang sich zufrieden und glücklich
zu scheinen, weil die Vernunft es forderte, aber ihr Herz wusste nichts davon,
und ihr Körper litt unter dem Zwang, den sie sich auferlegte. Eine krankhafte
Abspannung bemächtigte sich ihrer, und wurde dem Auge ihres Gatten endlich
sichtbar. Auf sein ängstliches Befragen erklärte sie aber, sie sei durchaus
gesund, er sähe ja selbst, dass sie keine Schmerzen habe; es müsse ein zufälliges
Unbehagen sein, das sich gewiss bald geben würde. Seinen Vorschlag, mit ihrer
Schwester und mit deren Kindern das nahe Baden zu besuchen, schlug sie ab, weil
sie sich weder Heilung noch eine Zerstreuung davon versprach, und vor Allem weil
sie Meining, der sich schnell an sie gewöhnt hatte und sie nur ungern vermisste,
nicht verlassen wollte. Er wenigstens sollte Nichts entbehren. Sie nahm sich
vor, mehr als je über sich zu wachen, sie schien auch wieder heiterer zu werden
und neue Kraft zu gewinnen, Meining beruhigte sich über ihren Zustand, und es
blieb Alles so, wie es gewesen war.
    Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter der warmen
Sonne der Liebe, hatte sich plötzlich in die gemässigte, wenn auch noch milde
Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden, in welcher ihr Herz nicht die Nahrung
fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern
nur kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blüte, durch die eigene
angeborne Kraft.
 
                                Fünftes Capitel
Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend
in ihrem Zimmer sass, in einer jener Stimmungen, in denen alles Leid der Welt auf
uns zu drücken scheint. Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht, ihn
beschäftigt gefunden und ihn nicht sprechen können; dann hatte sie, weil ihr das
Herz so voll war, ihrer Tante schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen?
    Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese
treue, mütterliche Freundin zu sein, hätte sie nicht vermocht, und ein Wort der
Klage, des Missmutes laut werden zu lassen, wäre ihr wie ein Unrecht gegen
Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So war es kein
bestimmter Schmerz, der sie drückte, aber eine Traurigkeit, eine Müdigkeit, die
schlimmer waren als Schmerz. Trübe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten
mit wehmütigen Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit. Sie dachte der
Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie
wenig sie das Glück gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld,
denn ihr Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es
sei eine Schwärmerei, sagte sie sich, dass sie nicht glücklich zu sein vermochte
mit einem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet hätten. Wie durfte sie auch von
dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die sie selbst nicht für ihn
fühlte? Ihre auf Achtung gegründete Neigung erwiderte er herzlich, aber Liebe,
wie sie derselben bedurfte, konnte er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte
nicht sein ausschliesslicher Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine
Berühmteit der Welt gehörte. Er hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite
Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages. Dafür hatte sie Teil an seiner Ehre,
trug seinen berühmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glück erwarten
können, als sie die Seine geworden war. Wie durfte sie mehr verlangen? Wie sich
zurücksehnen nach den lebhaften, stürmischen Eindrücken ihrer Jugend? Sie klagte
sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie war unzufrieden mit sich selbst
und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrüten, aus dem ihres Gatten Tritte, die
sie auf der Treppe hörte, sie aufschreckten.
    In der besten Laune trat er in das Zimmer. Er hielt einen grossen Brief in
seiner Hand. Rate, liebe Frau! sagte er, was ich Dir hier bringe? Aber rate
etwas Grosses, Gutes, denn es übertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich
sicher sehr erfreuen!
    Clementine riet mehrmals vergebens, bis der Geheimrat ihr den Brief zu
lesen gab, der die Anfrage des preussischen Ministeriums entielt, ob er sich
entschliessen könne, seine Heidelberger Verhältnisse mit einer Anstellung in
Berlin zu vertauschen, die ihm unter den glänzendsten Bedingungen angetragen
wurde.
    Diesen Brief habe ich vor vierzehn Tagen erhalten, fügte er hinzu, habe mir
nun Alles reiflich überlegt und denke, heute an die preussischen Behörden zu
schreiben, dass ich ihre Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freiere und
bedeutendere Stellung haben als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich
gewiss viel behaglicher fühlen, als in dem kleinen Heidelberg.
    Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte
Clementine, sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die
Hoffnung einer Veränderung, die ihr augenblicklich erwünscht schien, weil es
eben eine Veränderung war.
    Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in den Tod
vergessen. Deshalb kamst Du wohl auch heute so früh in mein Arbeitszimmer? Aber
ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen Kranken bei mir hatte. Nachher
kamen gleich meine Studenten; dann wartete schon mein Wagen, ich musste zu einem
Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube
gar, heute Morgen bin ich heftig gegen Dich gewesen! Sage mir selbst, war es
nicht so?
    Clementine hatte es allerdings wehe getan, dass ihr Mann sie mit einem recht
unfreundlichen: »störe mich nicht, ich habe keine Zeit!« fortgeschickt hatte,
als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen, dass er auch den ganzen
Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich öfter geschah; aber sie
dachte, am Hochzeitstage hätte er kommen müssen, den hätte er nicht vergessen
dürfen. Immer geneigt, die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben,
hatte sie Meining, als er ihr den Brief brachte, beschämt bekennen wollen, wie
sie geglaubt, er hätte ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das
keine Frau so leicht vergibt; aber nun hörte sie es, es war ihm wirklich ganz
und gar entfallen, und nur zufällig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine
Freundlichkeit vertrieb indes sofort den innern Verdruss, und sie setzten sich
Beide so fröhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange nicht gewesen
war. Meining war lebhaft wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft; er machte
die prächtigsten Plane für die Zukunft; er klagte sich an, dass er seine arme
Clementine über die Gebühr vernachlässigt, dass er und sie ihr Leben gar nicht
recht genossen hätten.
    Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt vor uns, und
hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen; aber nicht
mir allein, der leidenden Menschheit muss und wird es nützen. Ich darf mir nun
schon etwas mehr Ruhe gönnen. Die Praxis gebe ich auf und beschäftige mich in
Berlin nur mit teoretischen Arbeiten und mit der Klinik. Mögen meine Schüler
den Weg verfolgen, den ich ihnen gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine
praktische Erfahrung will ich machen, dass Du, meine Beste! eben so vortrefflich
die Honneurs eines grossen Hauses, als das Glück der engsten Häuslichkeit zu
machen verstehst, dass Du überall gleich liebenswürdig, überall dieselbe bist.
    Bist Du der Einsamkeit denn müde, lieber Meining? Und wird Dir in Berlin das
Leben in der Gesellschaft behagen, da es Dir hier kein Vergnügen machte? fragte
sie.
    Ganz gewiss! Denn ich bedarf von Zeit zu Zeit gänzlicher Veränderung der
Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener
Zurückgezogenheit sehnte und grosses Glück darin fand, so freue ich mich jetzt
der Abwechselung und verspreche mir viel davon, auch für Dich. Ich habe mir das
Alles überdacht. Schon meine Verhältnisse zum Hofe werden mich nötigen, ein
Haus zu machen, und was sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit,
und damit Du Dich gleich jetzt davon überzeugst, lasse ich meine Collegia für
den heutigen Abend absagen und wir bleiben zusammen.
    Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an. Sie glaubte nur zu gern an eine
frohe Zukunft, nicht erwägend, dass unsere Entwürfe und Hoffnungen dem Balle
gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch so prächtig, noch so
hoch steigen, das Gesetz der Schwere zieht ihn unwiderstehlich nieder, und man
ist froh, wenn man ihn wieder in den Händen hält, mit denen man ihn emporwarf.
Es ist eben dem Menschen nicht gegeben, sich lange in jener Stimmung zu
erhalten, in die ein Moment der Aufregung uns versetzt; glücklich diejenigen
Gemüter, denen das Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet,
denen es ein Höhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu
dem der Wunsch hinstrebt.
    Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie
versetzt hatte, fiel es Clementine schwer auf's Herz, sie müsse das neue Glück
mit der Trennung von ihrer Schwester und von deren Kindern erkaufen, die ihr
fast unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wusste. Aber daran hatte er gar nicht
gedacht. Er hatte sie nicht mit einer Sylbe gefragt, ob sie eben so gern nach
Berlin gehe als er selbst, sondern es bestimmt vorausgesetzt, weil es ihm
erwünscht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung zu bereiten durch
einen Entschluss, der auf ihr ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war, der
ihre ganze Zukunft in sich schloss. Meining konnte gewiss sein, dass sie sich
keinem Plane entgegen zeigen würde, den er wert hielt, aber schon die
gewöhnlichste Rücksicht hätte es verlangt, dass er seiner Frau die Berufung
gleich mitgeteilt und wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt hätte. Das
war es eben, was sie auch oft drückte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das
man sehr liebt, dem man jedem Kummer ersparen möchte - aber sie war kein Kind,
sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen teilen wollte, und die sich seine
Zurückhaltung für Geringschätzung auslegte. Er hatte ihr nur selten und sehr
oberflächlich von seiner Vergangenheit gesprochen, nie um die ihrige gefragt;
sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich Nichts
gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das störend, es schien ihr eine Art
von Gleichgültigkeit zu sein, und darum versuchte sie es auch an jenem Abende,
nachdem sie von einer Fahrt in's Freie zurückgekehrt waren und ihr Mann wieder
von Berlin, von seinen Entwürfen für die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm
über ihre frühere Neigung für Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre
Vaterstadt zurückkehren sollte, fast wie eine unerlässliche Pflicht erschien.
    Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten unterbrach:
Ja! Du hast Recht, wir müssen uns einmal darüber verständigen. Ich weiss, mein
Kind! dass Dir vielleicht Manches über mein früheres Leben erzählt worden ist,
das Deine Besorgnis und, warum soll ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine
Neugier und Eifersucht erregt haben mag; aber ....
    Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier und Eifersucht, das ist es
nicht. Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich bisweilen besonders ernstaft
oder nachdenkend werden sah, es möchten vielleicht Erinnerungen aus vergangenen
Zeiten sein, die Dich beschäftigten; und es hat mir dann leid getan, nicht
einmal ahnen zu können, was Dich bewegte. Eheleute sollen ja keine Geheimnisse
vor einander haben, und ich gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes,
Trauriges darin, vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem Rätsel zu stehen.
Man hat mir von einer Leidenschaft -
    Nun, ein für allemal, liebste Clementine! lass das Rätsel unerraten! fiel
der Geheimrat ihr in das Wort. Es liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen
ich mich anzuklagen hätte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder
meine Zukunft beunruhigen könnte, das muss Dir genügen. Ich habe Dir selbst
gesagt, dass meine früheren Jahre von manchen lebhaften Gefühlen bewegt worden
sind, aber was das sogenannte Vertrauen zwischen Eheleuten betrifft, so halte
ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, für eine unnötige, kaum delikate
Neugier. Frage Dich selber, ob ich nicht Recht damit habe?
    Aber, wandte sie ein, man beurteilt den Menschen doch ganz anders, wenn man
die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten?
    Das sind Redensarten, Kind! Dass ich jung war, Leidenschaften hatte, wie
jeder Andere, das kannst Du Dir denken und das habe ich Dir gesagt; dass ich
dabei eben so oft glücklich als unglücklich war, das versteht sich von selbst;
und ob die Gegenstände dieser Liebe Amalie oder Rosamunde hiessen, ob sie blond
oder braun waren, das ist wohl ziemlich gleichgültig, da sie jetzt jedenfalls alt
und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen können. Uebrigens, schloss
er scherzend, übrigens kennst Du meine letzte, unwandelbare Neigung und Liebe
für eine Frau, welche, ihre kleinen überspannten Ideen abgerechnet, ein ganz
vollkommenes Geschöpf ist. Von dieser Frau hängt das Glück meiner Zukunft ab,
und ich glaube an sie so unbedingt, dass mir ihr liebes, offenes Auge mehr Gewähr
gibt, als alles Erzählen aus der Vergangenheit, bei dem doch immer ein fremdes
Geheimnis gratis in den Kauf gegeben wird.
    Clementine musste lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so dass
Meining wohl fühlte, heute müsse er sich ganz darüber aussprechen. Desshalb fuhr
er plötzlich ernstaft fort: Lass uns einmal darüber ganz in's Klare kommen. Wenn
ein verständiger Mann eine Frau nimmt, deren Vater er sein könnte, so muss es mit
vollem Vertrauen auf den sittlichen Wert dieser Frau geschehen. Nicht um Dir
aus meinen früheren Verhältnissen ein Geheimnis zu machen, vermeide ich die
Berührung der Vergangenheit, sondern aus Schonung für uns Beide. Du hast mir,
als ich um Dich warb, gesagt, dass Dein Herz nicht frei sei; ich habe dennoch
gewünscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist, in Wahrheit! nie ein Zweifel an
Dir in meinen Sinn gekommen. Aber ich wiederhole Dir es heute, was ich Dir
damals schrieb: ich will von Dir den Namen Deines frühern Geliebten niemals
wissen. Vielleicht begegnen wir ihm im Leben. Glaubst Du, ich sei so ganz frei
von Eifersucht, dass ich Dich nicht ängstlich beobachten würde, dass ich nicht
ganz gleichgültige Dinge missdeuten könnte?
    Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich
schweigen? Kannst Du denn glauben, dass ich jemals .... rief sie ganz betroffen
aus.
    Der Geheimrat legte seine Hand auf die ihre und sagte mit sanfter Abwehr:
Ich glaube, dass ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein Luftzug ihn
trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten in tiefster Brust,
ohne dass ein Wort ihr neues Leben gibt. Ich habe stets die Frauen belächelt,
die gegen eine Leidenschaft zu kämpfen behaupteten und, indem sie dies immerfort
sagten, aller Welt von dieser Leidenschaft erzählten, von der sonst vielleicht
Niemand etwas erfahren haben würde. Darum also, um Dir den Sieg über eine
Neigung, die Du selbst unterdrücken wolltest und musstest, zu erleichtern, um mir
die Geschmacklosigkeit eines Eifersüchtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum
wollte ich, dass nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte;
darum wünsche ich es noch jetzt so. Ich weiss Dir Dank für das Glück, das ich in
Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen Tag, meine Wahl
und Dich - aber, ich bekenne Dir's offen, die Art von Vertrauen, die Du meinst,
liebe ich nicht. Es liegt oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten in
rücksichtsvollem Schweigen, als in plauderhaften Mitteilungen. Ich denke, meine
kluge Clementine, Du wirst mich darin verstehen; wo nicht - nun so müsste ich
einmal, gegen meine Gewohnheit, Gehorsam und Fügsamkeit gegen meine Ansichten
von Dir verlangen, auch wenn sie nicht die Deinen wären.
    Die Erörterungen hatten den Geheimrat aufgeregt; er erhob sich und ging
langsam im Zimmer auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll am Fenster stehen
blieb. Clementine war keines Wortes mächtig. Tief durchdrungen von ihres Mannes
gütiger und kluger Liebe, bedauerte sie es, ein Gespräch herbeigeführt zu haben,
das ihm unangenehm war und ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich
begonnen hatte; und doch tat ihr Meining's augenblickliches Leiden im Grunde
wohl. Sie sah wie sehr er sie liebte und dass er um sie litt, aber sie vermochte
nicht den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die ihren Mann zerstreuen, ihn
von den peinlichen Gedanken abziehen konnte, die ihn bedrückten. Sie war selbst
so erschüttert, dass sie ihren Gefühlen Raum lassen musste, und sie vermochte es
nicht, nach Art mancher Frauen, über Dinge, die sie beschämen, mit verstellter
Ruhe fortzugehen. Sie stand also auf, schlang ihren Arm durch den seinen und
sprach: Sei nicht böse, Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage
nur, Du gestrenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun
komme und stecke als Zeichen der Versöhnung die Friedenspfeife an. Indes bereite
ich den Tee und - das ist mein Friedens- und Versöhnungspfand.
    Ein Kuss, den ihr Mann herzlich erwiederte, war das Ende dieser Scene, und
nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preussische Ministerium
geschrieben, verging der Abend den Beiden, wie er begonnen, in traulichem
Plaudern über die künftigen Verhältnisse, und langem Ueberlegen, wie es möglich
sein würde, später auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu
verschaffen, um die Trennung der beiden Schwestern nicht zu einer dauernden
werden zu lassen.
 
                                Sechstes Capitel
Indessen rückte die Zeit dieser Trennung, die für den Oktober festgesetzt war,
schneller heran, als man es wünschte, und der Abschied von Heidelberg fiel dem
Geheimrat und seiner Frau viel schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren
an das mildere Klima, an den kürzeren Winter gewöhnt. Meining hatte eine lange
Reihe von Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund
gefunden; Clementine konnte sich von der Schwester und namentlich von den
Kindern nicht losreissen, und die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele begann mit
Tränen und mit schwerem Herzen, wie es gar so oft geschieht.
    Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf das Reisen selbst gefreut.
Der Geheimrat hatte es sich zum Feste gemacht, seine junge liebenswürdige Frau
all seinen alten Freunden, die sie auf dem Wege besuchen wollten, zu präsentiren
und ihrer Bewunderung zu geniessen; während Clementine, die noch reiselustig war,
sich doppelten Genuss davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag
ein eigner Zauber für sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung mit
ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf sich selbst
beschränkt. Sie wusste, dass ihr Herz weit und froh werde, so oft es ihr vergönnt
war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen; sie hoffte dasselbe von
Meining und war im Voraus entzückt über das Glück, das sie Beide in dieser
Stimmung empfinden mussten. Leider aber verbitterte der Himmel selbst die
erwartete Freude. Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewöhnlich kühl
und regnig geworden und blieb fast beständig schlecht. Man konnte kaum daran
denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstrassen neblig, trotz der
noch frühen Jahreszeit; in den Städten still, weil der Regen die Leute zu Hause
hielt. Meining, der sonst immer gesund war, hatte, darauf trotzend, sich eine
Erkältung zugezogen, die, wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und
das Wiedersehen seiner frühern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu
verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig gealtert, dass ihr Anblick ihm
peinlich war, weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerückten
Jahre mahnte. Er fand einige mitten in einer grossen Familie, gedrückt von Sorgen
und nicht belohnt für ihr Leben, wie sie es verdienten, Andere untergegangen in
Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden Verhältnissen, verheiratet mit
Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht
unterlassen, ihn halb im Ernste, halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, dass
er doch eine gar junge Frau gewählt hätte, was, trotz ihrer Liebenswürdigkeit,
immer bedenklich sei; Jene rührten ihn durch eine Masse von Klagen, durch
Leiden, denen er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glücklich zu
sein, um so drückender wurde ihm die Lage seiner frühern Bekannten. Unwohl und
niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die grösste Beschleunigung der
Reise und beschloss Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel und zur
Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhältnissen, nur
einverstanden sein konnte.
    Bei der Eile, mit welcher die Reise zurückgelegt wurde, sah sich Clementine
wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt. Als sie zuerst
die bekannten Plätze erblickte, überfiel sie eine solche Wehmut, dass ihr die
Tränen aus den Augen stürzten und sie sich, wie ein banges Kind, an Meining
schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei,
was sie bewegte. Da ging die erste bekannte Person vorüber, und ein Gefühl von
unbeschreiblichem Vergnügen trocknete die Tränen. Nun war es bald ein
Dienstmädchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit dem sie
auf den Bällen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer Freundin
gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft - kurz
auf jedem Schritte neue Gegenstände der freudigsten Erinnerung. Sie war wieder
zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte gar nicht Alles sehen und
bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens und Bewunderns würdig, zeigte. Er
wurde selbst heiter, als er den Ort, an dem er zu wirken berufen war, so
glänzend und bewegt vor sich sah, und die Freude seiner Frau erhöhte diese gute
Stimmung. Jetzt bog der Wagen in die Jägerstrasse ein; sie hielten vor dem Hause
von Clementinens Eltern, in dem Hause, in welchem sie jetzt wieder wohnen
sollte.
    Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes geblieben, das ein Verwandter
für sie verwaltet hatte, als sie Berlin verliess, und hatte sich das Quartier,
welches ihre Eltern einst inne gehabt, frei machen lassen, sobald sie die
Nachricht von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie
wieder in die wohlbekannten Räume ein. Es war ihr, als hätte sie sie eben
verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange zurück; aber wie war Alles so
fremd, so öde! Die Zimmer, kaum notdürftig möblirt, schallten wieder von der
Stimme der Sprechenden; nur die Stimme des teuren Vaters, der herzliche
Willkomm der Tante tönten nicht an ihr Ohr - sie waren todt, entfernt! Und doch
sass da drüben am Fenster noch die schöne, stattliche Frau mit dem
Wachtelhündchen, vor der Türe die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen
Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grüssend
an den Fenstern der gefeierten Sängerin vorüber; die Schauspieler eilten zur
Probe in das nahe Teater; die Feinschmecker zogen zu Tiermann. Es war Alles
das Alte geblieben, nur Clementine war eine Andere, eine Fremde in der Heimat
geworden.
    Mit diesen Gefühlen betrat sie ihr ehemaliges Stübchen und versank in tiefe
Gedanken, aus denen das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die
auspacken und einrichten und herstellen wollten. Dann kam Meining hinzu, die
Wohnung wurde durchwandert, Rücksprache über die nötigsten Erfordernisse
genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend für diesen
Tag und die ganze nächste Zeit.
    Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschäfte für die Hausfrau. Der
Geheimrat wünschte sich glänzend einzurichten, seine Säle zu dem Sammelplatz
der geistigen Grössen zu machen, und in diesem Sinne mussten die Einrichtungen
getroffen werden. Clementinen's geläuterter Geschmack, ihr angeborner
Schönheitssinn kamen ihm dabei vortrefflich zu Statten. In wenigen Wochen waren
die öden Zimmer in eine Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht
einfach und behaglich erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und für
diese Umgebung geschaffen war, und Meining fand eine Freude daran, Clementine in
diesen neuen Verhältnissen zu betrachten. Fast täglich wurden ihr Fremde
vorgestellt. Ein grosser Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und, obgleich
das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermisste sie doch gar sehr ihre
früheren Bekannten, deren sie nur noch äusserst wenige in Berlin vorfand. Von
ihren Jugendfreundinnen waren die meisten verheiratet und mit ihren Männern
nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren teils
gestorben, teils, da sie dem Beamtenstande angehörten, ebenfalls versetzt; so,
dass ihr eigentlich nur die Frau eines reichen Kaufmannes von dem früheren Kreise
übrig geblieben war. Clementine hatte dieselbe erst ein Jahr vor ihrer Abreise
von Berlin kennen lernen, und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer
vollkommen unähnlichen Charaktere, angezogen. Clementine war eben damals sehr
niedergedrückt gewesen, und es hatte sie gefreut zu sehen, dass Jemand so
lebensfroh, so vollkommen glücklich sein könne, als Marianne, deren gutmütiges,
offenes Wesen sie für dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran
gefunden, Marianne, die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Teil
nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genüssen, die ihr elterliches Haus
fast täglich bot. Dort hatte jener reiche Bankherr die Mittellose kennen
gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinen's Abreise
geheiratet. Bezaubert von dem Liebreiz seiner Frau, hatte er ihr in der ersten
Zeit ihrer Ehe in Allem den Willen gelassen, und Marianne hatte sich dann in ein
Meer von Zerstreuungen gestürzt, die nicht ganz ohne nachteiligen Einfluss auf
sie geblieben waren. Eine Anlage zu Ziererei und Gefallsucht, die Clementine oft
an ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's
Innigste ergeben, und sehr glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen war, liess
Clementine die Hoffnung nicht schwinden, die Lebenslustige werde von den
Torheiten, welche sie in dem Weltleben angenommen, zurückkommen, je mehr
dasselbe ihr zur gleichgültigen Gewohnheit und das Kind ihr Freude und
Beschäftigung werden würde. Sie gab sich also ohne Rückhalt dem Vergnügen hin,
welches das Beisammensein mit der früheren Bekannten ihr gewährte; Marianne
behauptete, ausser sich vor Entzücken über die Rückkehr ihrer Clementine zu sein,
und da ihre Männer durch Geschäfte sehr beansprucht, die Frauen also sich selber
überlassen waren, kamen sie häufiger zusammen, als es eigentlich in
Clementinen's Absicht gelegen hatte.
    Der Geheimrat hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu
übernehmen, durchaus festalten wollen; er konnte es aber nicht durchführen, da
er bald von den angesehensten Familien der Residenz in bedenklichen Fällen zu
Rat gezogen wurde, und die Hülfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem
Armen nicht versagen durfte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es
beschlossen hatte. Eine ausgedehnte Praxis nahm ihn bald so sehr in Anspruch,
dass er kaum Zeit behielt, seinen Vorlesungen an der Universität gerecht zu
werden, und Clementine sah ihn also fast noch weniger, als in Heidelberg, da er
sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte, und somit
auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch
immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, dass die Eheleute, die sich
Morgens nur flüchtig gesprochen hatten, erst bei dem späten Mittagessen wieder
zusammentrafen, welches sie bald als Gäste ausser dem Hause oder mit Gästen in
ihrem Hause einnahmen, und dass dann Meining, wenn er anderweit in Anspruch
genommen war, seiner Frau dringend zuredete, den Abend nicht allein zu verleben,
sondern das Teater oder eine Gesellschaft zu besuchen, in welcher sie sich zu
unterhalten hoffen konnte.
    So geschah es auch, als sie eines Mittags in kleinerm Kreise im Hause des
Bankiers gegessen hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen, und
Marianne bat ihre Freundin, den Rest des Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in
alten guten Tagen, ein wenig von alten guten Tagen zu plaudern. Später, zum
Tee, sollten die Männer zurückkehren.
    Marianne hatte der Geheimrätin nie so nahe gestanden, dass diese zu einer
besonders vertrauten Unterhaltung mit ihr geneigt sein konnte. Sie versprach
sich deshalb von dem Abende keine wesentliche Befriedigung, willigte aber doch
ein, ihn mit Marianne zu verleben, weil dieser viel daran gelegen zu sein
schien. Nachdem die Männer sich entfernt hatten, zogen sich die beiden Frauen
dann in ein kleineres Zimmer zurück, setzten sich behaglich nieder, und, wie
immer, begann die Unterhaltung von ganz äusserlichen Dingen. Man sprach von Moden
- und von Kleidung, und Marianne meinte: Mit Dir ist im Grunde nicht davon zu
reden, denn Du, meine Beste! kleidest Dich wirklich wie eine Nonne! Schon als
Mädchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hüte mich tödtlich
gelangweilt; nun aber, wenn man Deine neue Equipage und die Diener in Eurer
Livree sieht, müsste man wirklich meinen, nun werde eine Dame in strahlender
Toilette daraus hervorsehen - aber nein! eine Herrenhuterin, eine barmherzige
Schwester sieht heraus, mit edlen Zügen, dunkeln Augen, mit freundlicher Miene;
und man erfährt verwundert, die Dame im schwarzen schlichten Kleide, die in
sanfter Nachlässigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche
Geheimrätin von Meining, die Frau eines unserer berühmtesten Männer, der sie
unaufhörlich mit Schmuck und Putz überhäuft. Weisst Du, lieber Schatz! dass Du
damit Deinem Manne zu nahe trittst? Man muss ja glauben, dass Du nicht glücklich
bist, wenn Du Dich so aufgiebst. Die junge, schöne Frau eines alten Mannes, die
so schmachtend aussieht und jeden Schmuck verschmäht, muss man durchaus für
unglücklich halten. Aber Scherz bei Seite! bist Du denn glücklich verheiratet?
Ich konnte mir gar nicht denken, dass Du Dich jemals einem so alten Manne
verbinden könntest. Wie lebst Du denn eigentlich mit Deinem Manne?
    Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr jung,
aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb, dass mir gar
Nichts zu wünschen bleiben kann. Und in der Tat! jung bin ich ja auch nicht
mehr; Meining ist dreiundfünfzig Jahre, aber ich bin auch schon dreissig Jahre
alt, und damit ist man eben keine junge Frau.
    Marianne lachte laut auf. Als ob ich jünger wäre! und doch behandelt mich
mein vierunddreissigjähriger Mann ebenso wie er unsere kleine Nanny behandelt;
nur dass er gern möchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und
Tochter verraten aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen wünscht.
Schade überhaupt, dass Du nicht meinen Mann geheiratet hast. Er ist bezaubert
von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verständigen, geistreichen Wesen, und
als der Geheimrat neulich erzählte, dass Ihr in Heidelberg ganz wie die
Einsiedler gelebt hättet, und wie häuslich Du eigentlich wärest, schien das
meinem Manne der Gipfel des Glücks zu sein; während ich mir fest vornahm, Dich
für die fabelhafte Langeweile zu entschädigen. Was hast Du denn eigentlich dort
angefangen?
    Oh! ich habe dort sehr angenehm gelebt! Besonders scheint es mir in der
Erinnerung so. Freilich war ich viel allein - aber hier sehe ich Meining fast
gar nicht; und wenn mich auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft noch
unterhält, so werde ich seiner doch bald wieder müde werden und Meining
vielleicht noch früher als ich. Dann beginnen wir wahrscheinlich unser stilles
Leben wieder, und Du kannst dann selber sehen kommen, wie wir's eben treiben.
    Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in aller
Welt, was Du solch einen langen Tag hindurch beginnst? Ich stürbe bei dem blossen
Gedanken an solche einsame Glückseligkeit.
    Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt,
Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Ich bin ja
immer gern zu Hause gewesen.
    Marianne lächelte, sah der Freundin fest in's Auge und sagte mit
schmeichelnder Stimme: Erlauben Sie, gnädige Frau! dass ich an allen Ihren Worten
zweifle. Mir ist es vorgekommen, als hätten Dero Gestrengen, was man so nennt,
eine unglückliche Liebe gehabt, und als hätten Sie sich nachher aus - nun aus
dépit amoureux verheiratet.
    Sie hielt plötzlich inne, da sie sah, dass die Geheimrätin die Farbe
wechselte und ihr die Antwort schuldig blieb, wie man sie einem zudringlichen
Kinde weigert; und als könne sie eine Ungeschickteit durch die zweite vergessen
machen, rief sie: Ich schwöre Dir, ich habe es in der Tat geglaubt, als ich
Dich kennen lernte, aber ich habe nie gewagt, Dich damals darum zu befragen. Nur
Frau Talberg bin ich, ehe sie Berlin verliess, einmal deshalb angegangen, weil
Du mit ihr früher so bekannt warst, und sie sagte mir, sie hätte nie davon
gehört. So wollte ich Dich's heute einmal selber fragen, und da wirst Du böse!
Wie ist das nur möglich, bei einer lange abgetanen Sache. Ich hab' es ja nicht
bös' gemeint! Es war im Grunde nur ein Scherz - ein Zeitvertreib! -
    Ich weiss, ich weiss das! entgegnete Clementine, die ihrer Aufwallung schnell
wieder Meister geworden und bemüht war, der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu
machen. Sie bat darauf, man möge ihr die kleine Nanny holen lassen, und in dem
Tändeln mit dem Kinde verging die Zeit bis zu der Männer Rückkehr. Der
Geheimrat aber fand seine Frau verstimmt; sie klagte über Ermüdung und man
brach früher als gewöhnlich auf.
                               Siebentes Capitel
Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt; Gesellschaften, Teater, Bälle
und Concerte wechselten fast täglich mit einander ab, Meining fand, wie er es
selbst vorausgesehen, eine grosse Freude an der Gesellschaft, die ehrenvolle und
höchst schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten begegnet ward, freute
ihn und regte ihn an; dazu kam, dass er sich von seinen nähern Bekannten hatte
überreden lassen, Karte spielen zu lernen, und er fand darin eine so angenehme
Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit, dass ihm schon darum
die Gesellschaft lieb wurde, weil er sicher war, dort seine Partie Whist oder
L'hombre nicht zu entbehren. Dadurch sah sich auch Clementine aus der
abgeschlossensten Einförmigkeit schnell in eine ganz entgegengesetzte Sphäre
versetzt. Der Name ihres Mannes, sein Rang und Reichtum und ihre eigne
Liebenswürdigkeit zogen die Blicke auf sie. Man bemühte sich, sie in den Zirkeln
zu haben, und der Nachsatz: »kommen Sie, Frau von Meining ist bei uns«, wurde
mancher Einladung hinzugefügt. Clementine lächelte oft selbst, wenn sie
bedachte, wie sie gar Nichts dazu tue, den Ruf der Liebenswürdigkeit und des
anmutigsten Geistes zu verdienen. Sie gefiel, weil sie einen Jeden gewähren
liess, sie sprach im Ganzen wenig und ruhig, hörte mit Verstand zu, konnte aber
doch bisweilen, wenn ihr Gefühl angeregt wurde, zu lebhaftem Gespräche
hingerissen werden oder einen Streit durch eine geschickte Wendung beenden. Das
nahm die Männer für sie ein. Und obgleich sie nach jener Unterhaltung mit
Marianne mehr Sorgfalt als bisher auf ihre Kleidung wendete, um nicht wieder zu
ähnlichen Bemerkungen Anlass zu geben, machte ihr gänzliches Verzichten auf jene
Bewunderung, die durch eigene Schönheit und durch Pracht der Kleidung
hervorgerufen wird, den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen. Meining's
zärtliche Eitelkeit auf seine Frau fand hier in dem grössern Kreise die
reichlichste Nahrung, und er gefiel sich darin, sie mit Schmuck und Luxus zu
umgeben, um den Edelstein, den er in ihr besass, auch in der glänzendsten Fassung
zu zeigen. Hatte er sie früher geachtet und wert gehalten, so war er nun recht
eigentlich verliebt in sie. Sie war ihm die treue Gefährtin von früher und doch
eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man ihn um des
Besitzes dieser Frau willen glücklich pries. Dann unterliess er nie, ihre
häuslichen Tugenden, von deren Ausübung jetzt gar nicht mehr die Rede war, auf
das Eifrigste zu rühmen und hinzuzufügen, wie töricht es sei, zu einer
glücklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung zu betrachten,
er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch vollkommen glücklich.
    Und in der Tat, die Ehe des Geheimrats konnte man für ein Muster von
Zufriedenheit betrachten. Denn dass Clementine unter den Spitzen und Perlen ihr
Herz leer und sich mitten in der grössten Gesellschaft häufig verlassen fühlte,
das konnte die Welt nicht wissen. Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu
bleiben schien, nach Mariens Kindern, sie hätte viel darum gegeben, wenn Marie
ihr eines derselben anvertraut hätte, aber weder Marie noch der Geheimrat, der
das unruhige, kindliche Treiben nicht mehr liebte, zeigten dazu Neigung, so dass
sie auch diesen Wunsch bald aufgeben musste, und das Liebebedürfniss in ihrer
Seele blieb unbefriedigt. Sie fühlte sich alt werden und arm in all' dem
Reichtum, der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem Leben könne keine
Freude mehr erblühen, wurzelte immer tiefer in ihrem Herzen. Dazu kam, dass die
neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich selbst kaum zu
gestehen wagte, das Bild des einst Geliebten trat hier, wo sie die schönste Zeit
ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhörlich vor ihr inneres Auge.
    Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem Mädchenstübchen sass, das
sie sich jetzt zum Arbeitszimmer eingerichtet hatte, gedachte sie mit inniger
Wehmut an die Stunden, die sie hier in Robert's Andenken verträumt, und ein
Gefühl von Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer, ohne dass sie selbst sich
dessen deutlich bewusst war.
    In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Decembers folgendes
Billet von einer Frau, die für einige Zeit ihren Wohnsitz in Berlin
aufgeschlagen hatte, um sich von dem Geheimrat beraten zu lassen, wodurch auch
Clementine mit ihr bekannt geworden war.
    Werte Frau! hiess es in demselben, der Geheimrat verlässt mich eben, mit dem
Versprechen, heute Mittag bei mir auf gut Glück ein Mittagbrod einzunehmen, wenn
Sie ihn begleiten wollen. Und wollen müssen Sie diesmal; wäre es nur, um einen
meiner geistreichsten Bekannten kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und
den ich eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur für wenige Tage hier
ist, alles Schöne seiner Vaterstadt versprochen und ihm zugesagt, dass er die
liebenswürdigste der hiesigen Frauen bei mir finden solle.
    Machen Sie, dass ich mein Versprechen halten kann. Der Geheimrat lässt Ihnen
durch mich sagen, er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also!
    Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrat nach Hause
kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig Personen
bestehende Gesellschaft schon beisammen: Frau von Stein mit einer Dame im ersten
Zimmer, die Männer in der Nebenstube, die eben angekommenen Zeitungen
durchblätternd. Auch Meining ging in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit
mit einem Manne zurück, den Clementine, da sie mit dem Rücken gegen die Tür
gesessen hatte, erst erblickte, als der Geheimrat ihn zu ihr führte. Herr
Talberg, sagte er, der, wie ich eben höre, ein Freund Deines väterlichen Hauses
war.
    Clementine war keines Wortes mächtig. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte
ihre Brust, ihr Herz schlug so heftig, dass es sie betäubte, und ihre Aufregung
wäre sicher Niemandem entgangen, wenn nicht Frau von Stein in komischem
Verdrusse ausgerufen hätte: Also Sie kennen einander? O! das ist ein
himmelschreiendes Unrecht! Das ist ja der interessante Fremde, den ich Ihnen
angekündigt hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den
Sie besser kennen, als ich selbst!
    Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lächeln und Robert
entgegnete: Für mich, gnädige Frau! ist die Ueberraschung, die Sie mir
zugedacht, um so grösser, da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermutete.
In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in der grossen Welt, dass wir auch von
den glänzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig mehr erfahren.
    Diese künstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es
gelang ihr, eine gleichgültige höfliche Antwort zu geben. Sie fragte, ob
Talberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, dass er, nach dem Tode eines
Verwandten, dessen grosse Güter an der Mecklenburger Grenze geerbt und dort
seinen Wohnort gewählt habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene
Tätigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schloss er, verlasse ich meine
Einsamkeit, um etwa wie im vorigen Jahre das Marienbad, oder wie jetzt, um meine
Vaterstadt einmal wieder zu besuchen. Doch denke ich höchstens ein paar Wochen
hier zu verweilen.
    Ein Diener meldete, dass angerichtet sei, und die Gesellschaft begab sich zur
Tafel. Man setzte sich nieder, man plauderte. Clementine war es, als erlebte sie
das Alles nur im Traume, aber in einem Traume, aus dem sie zu erwachen
fürchtete. Sie sah Robert wieder! Das war die stolze, hohe Gestalt, das
befehlende Auge, die siegesgewisse Stirne; das war der Mund, der so kalt und
eisig spotten und so unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zur Bitte
öffnete; das war das schöne, dunkle Haar mit der Fülle seiner reichen Locken,
das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirn gedrückt hatte. Jeder Laut seiner
Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Erinnerung
an. Neues Leben schien für sie zu beginnen, ihr Gesicht glühte, ihr Herz schlug
frei, es war ihr, als würde sie nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit
aus winterlicher Nacht plötzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne
geführt, und sähe rings umher den Frühling blühen. Nicht der Vergangenheit,
nicht der Zukunft gedachte sie, sie war glücklich im Moment.
    Während Clementine diesem sie bewältigenden Zauber nachgab, war die
Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden. Der Geheimrat sprach sich anerkennend
über die ganze Richtung aus, die er in der preussischen Verwaltung gefunden, und
die es ihm doppelt lieb mache, seine jetzige Stellung angenommen zu haben. Er
wunderte sich, dass Robert, der von seiner Familie für den Staatsdienst bestimmt
worden war, und die ersten Schritte dazu mit Neigung getan hatte, sich
plötzlich aus der Carrière zurückgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu
bewogen hätte.
    Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhängigkeit. Man
kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus
betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit,
oder als ein Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er mir keine
Befriedigung.
    Und ich hätte grade geglaubt, dass der Wunsch nach Wirksamkeit in der
Verwaltung, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genüge finden müsse, sagte
Meining.
    Nicht im Geringsten! versetzte Robert. Der Dienst bei der Verwaltung ist ein
reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr, die gehen
muss, wenn sie aufgezogen wird. Glücklich genug, wenn der Uhrmacher sein Fach
versteht und die Räder nicht zum Gehen zwingen will, nachdem er die Feder
zerbrochen hat.
    Mich dünkt aber, dass es in Preussen an einsichtsvollen Dirigenten nicht
fehle; dafür bürgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens können
Sie nicht leugnen, dass überall der beste Wille vorhanden ist! fuhr der
Geheimrat fort.
    Das leugne ich auch nicht! entgegnete Robert. Die Frage für den
Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist aber die, ob seine
Ansichten von Menschenglück, von Fortschritt mit denen übereinstimmen, die ihm
zu verbreiten befohlen werden. Das war nun leider nicht mein Fall. Ich sah und
erkannte manches Gute, das gefördert wurde; aber mir blieb überall das drückende
Gefühl eines geflissentlich gehemmten Fortschritts, und diese Halbheit machte
mir meinen Beruf zur Last. Ich mochte nicht für Halbheiten mein ganzes Wirken
opfern.
    Das Gespräch nahm mehr und mehr eine politische Wendung, die ganze kleine
Gesellschaft nahm allmälig Teil daran; selbst die Damen mischten hin und her
eine Bemerkung ein, und es fiel deshalb der Hausfrau auf, dass Clementine stiller
als gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete diese, dass ihr mit dem
Wiedersehen des früheren Lebensgenossen das Andenken an ihre Jugend, an
Entfernte und Gestorbene erwacht sei und sie bewege. Frau von Stein fand das
natürlich, aber auch der Geheimrat, der bisher sich fast ausschliesslich mit
Talberg unterhalten, bemerkte, als man sich vom Tische erhob, gegen seine Frau,
dass ihn ihr Schweigen überrasche. Hast Du das Sprechen heut verschworen?
scherzte er - oder wärest Du unwohl, Liebe? Deine Hand ist in der Tat sehr
kalt! fügte er schnell besorgt hinzu.
    Keines von Beidem! antwortete sie, Du weisst, ich habe manchmal meine stillen
Tage, an denen das Hören mir ein doppelter Genuss ist.
    Nun, der soll Dir wieder werden, meine Liebe! Ich habe Herrn Talberg eben
aufgefordert, morgen den Abend mit uns Beiden zuzubringen, und ich denke, er
schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.
    Im Gegenteil! ich nehme es mit Freuden an, wenn ich nicht fürchten muss zu
stören! meinte Robert.
    Sie werden uns sehr willkommen sein, brachte Clementine scheu hervor, und
nach einer kurzen und ganz oberflächlichen Unterhaltung trennte man sich für den
Abend.
    Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit seiner Frau nach Hause und
drang mit einem gewissen Eifer in sie, ihm den Grund ihrer auffallenden
Zerstreuteit und Teilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen
Frau von Stein und er liess es gelten. Einen Augenblick aber hatte sie
geschwankt, ob sie ihrem Manne nicht sagen solle: nimm die Einladung zurück, ich
kann diesen Mann nicht wiedersehen! Dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die
sie einst mit Meining über unzweckmässiges Vertrauen gehabt hatte, sie bedachte,
dass Talberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, dass sie ihn, ausser an dem
nächsten Abende, wahrscheinlich nicht mehr sehen werde, und das beschwichtigte
ihre Zweifel. Sie beschäftigte sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends
mit all den kleinen Dingen, die ihrem Manne angenehm sein konnten, und erhielt
sich dadurch in einer Art Heiterkeit, die auch ihn erheiterte und ihn völlig
sorglos machte.
    Und doch schlief sie mit dem traurigen Bewusstsein ein, ihren Mann zum
erstenmale absichtlich getäuscht zu haben, und des Geliebten Bild begleitete sie
auch noch in dem Traum der Nacht.
 
                                 Achtes Capitel
                                Robert Talberg
                           an den Hauptmann v. Feld.
                                                   Berlin, den 5. December 1839.
Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit den Behörden
abgemacht und die wenigen alten Bekannten, die ich noch gefunden, wieder einmal
begrüsst. Es ist ein Unrecht von Dir, dass Du Deine langweilige Garnison nicht
verlässt und die zwanzig Meilen nicht herüberfährst, damit wir in Berlin, dem
Schauplatz unsrer raschen Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage
zusammenleben. Mir ist hier Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner
Abwesenheit, und ich könnte ganz ernstafte Betrachtungen machen über das Leben
und die Vergänglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze
Generation, die ich früher gekannt, bereits gestorben, und eine neue, junge Welt
herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, dass diese Bemerkung, in der sich
so viel Schmerzliches verbirgt, für Alle eben so alt, als für den Einzelnen
immer neu ist. Für mich liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung, das
Leben intensiv so schnell und viel zu geniessen, als ich es vermag, und Andern zu
nützen, so gut es geht.
    Augenblicklich unterhält mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und doch
weiss ich, dass ich mich nach wenig Tagen zurücksehnen werde nach meinem lieben
Hochberg, dass mir die schöne Welt fade, die Stadt eng vorkommen wird, und dass
ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrünen Wäldern, zu meinen gefrornen Seen
zurückeilen werde. Auch habe ich, für den Fall, dass diese Lust mich plötzlich
anwandelt, meine Einrichtungen getroffen. Meine Einkäufe sind besorgt, und ich
glaube fast, länger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich so geflissentlich
zu amüsiren, es sei denn, Du träfest währenddessen hier ein.
    Denke Dir, welch eine Begegnung ich hier gehabt habe! Du erinnerst Dich wohl
der schönen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem Brühl'schen Balle
vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, huldigtest, bis Du zufällig
bemerktest, dass mich ein lebhafteres Interesse an sie fesselte. Damals war ich
fest entschlossen, sie zu meiner Frau zu machen, denn ich liebte sie oder
glaubte es wenigstens, und unsre Verbindung war eine zwischen uns und den beiden
Familien stillschweigend abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit,
Entfernung und neue Eindrücke verdrängten ihr Bild aus meiner Seele und - doch
Du kennst jene Vergangenheit mit ihren stürmischen Erinnerungen. Genug also! ich
habe Clementine in diesen Tagen hier ganz unerwartet als Geheimrätin von
Meining wiedergesehen und sie sehr verändert gefunden. Es ist, so scheint mir,
nur noch die Spur von ihrer Schönheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und
älter, als sie ist; eine wehmütige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der
Augen, der durch die lieblichen Züge um den Mund nicht gemildert wird, lassen
mich vermuten, dass sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend älter, fast
ein Greis. Er ist offenbar sehr eingenommen von dem Wesen seiner Frau, die hier
wieder sehr gefeiert wird; übrigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich
für den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd. Wie
ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich.
    Ich schreibe Dir nur so flüchtig, weil ich bestimmt voraussetze, Dich hier
wiederzusehen. Lass mich bald von Dir hören, damit ich meinen Aufentalt danach
einrichte.
                             Derselbe an Denselben.
                                                                Den 8. December.
Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir sehen uns
erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, zu mir führt? Es ist eine
Torheit, dass Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht so töricht, als Dein
Vorschlag, dass ich länger in Berlin bleiben und mir unter den Töchtern des
Landes eine Burgfrau für Schloss Hochberg suchen solle. Ich denke, über den Punkt
kennst Du meine Gesinnungen. Nach der Täuschung, die ich erfahren, nach jener
tollen Leidenschaft, mit der ich an Brigitte hing, bin ich mit der Liebe fertig,
und eine blosse Haushälterin - dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten muss,
wenn sich der geliebte, schönselige Engel in eine anspruchsvolle, launenhafte
Frau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst kennen, wenn
sie zur Frau geworden ist; und mögen dann die Charaktere noch so elend
zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende Last mit
sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das! - Ueberlege es Dir selbst, wie
viele von unsern früheren Bekannten glücklich oder innerlich gefördert worden
sind durch die Ehe, die ich übrigens nicht angreifen will. Sie passt nur nicht
für Jeden, und ich glaube, ich würde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich
mir die Kleider anzöge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Hätte ich zu
sechsundzwanzig Jahren geheiratet, ich wäre nun vielleicht ein solider
Hausvater, der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags in die Kirche führt
und die Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt möchte das mir nicht mehr anstehn. Nimm
selbst den Fall, ich fände ein Weib, wie ich es wünschen müsste, das Wort und
Probe hielte - wo wäre die Gewissheit, dass ich für sie passte? In der Ehe wird gar
zu oft nur Einer von den Gatten glücklich, und das scheint mir auch zwischen dem
Geheimrat von Meining und seiner Frau der Fall zu sein, bei denen ich neulich
einen Abend zugebracht habe. Er ist, das sieht man, mit seinem Loos durchaus
zufrieden; ob sie es ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung für
ihren Mann, den Jeder für ihren Vater halten muss. Sie kann wirklich noch recht
schön sein, gradezu noch schön. Obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah,
gewaltig verändert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zügen zurück,
erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an ihrer
schönen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe Rot, das
heisses Blut und die Sinne in die Wangen treiben, sondern der lichte, zarte
Wiederschein einer warm empfindenden Natur und ganz etwas Eigentümliches an
ihr. Sie ist noch immer eine interessante Frau.
    Heute Abend will ich noch einen Ball mitmachen, morgen noch ein paar
Besuche, und dann geht's in den Wald zurück.
 
                   Der Hauptmann v. Feld an Robert Talberg.
                                                               Den 11. December.
Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, dass ich diesen Brief in Gottes
Namen nach Berlin richten kann, und dass er Dich dort finden wird. Fährst Du
nicht wirklich sehr bald ab, liebster Freund, so bleibst Du lange dort; und
willst Du wissen, was Dich festalten wird? die Geheimrätin von Meining. Ich
habe immer die Ueberzeugung gehabt, dass Dir Clementine weit mehr war, als Du
nachher in Deiner Sturm- und Drangperiode selbst geglaubt hast; wo Du von
Freundschaft, herzlicher Anerkennung und allem Teufelszeuge fabeltest, während
eine ganz gesunde, innige Liebe Dir im Herzen sass, bis jene unglückselige, aber
freilich reizende Brigitte, wie ein Komet an Deinem Horizonte erschien, und Dich
in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit sich fortriss. Es war eine tolle Zeit. Du
bist übrigens mit den Frauen lange nicht so fertig, als Du glaubst, und wenn Du
Dir nicht bald eine vernünftige Frau nimmst, stehe ich für Nichts. Sei gescheut
und mache aus Grossmut und Reue, »aus herzlicher Anerkennung und Freundschaft«,
keine dummen Streiche.
    Das ist ein ehrlich Soldatenwort - kurz und bündig, wie ich es liebe.
                           Aus Clementinens Papieren.
Den 6. December. Gott sei Dank! Der Abend ist vorüber. Der Mensch kann doch
gewaltig viel über sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach dem Entzücken und der
bangen Scheu, mit der ich Robert gestern wiedersah, hätte ich es nicht für
möglich gehalten, den heutigen Abend so ruhig mit ihm verleben zu können. Wie
schlug mir das Herz, als er in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier
erblickte, wo ich einst an seinem Herzen die bittersten Tränen des Abschiedes
weinte, und doch einen Himmel von Hoffnungen in der Brust trug. Auch ihn schien
es zu bewegen, als er in die alte, ihm einst so bekannte Wohnung trat, die ihm
doch fremd geworden sein muss, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm
geworden bin. Seine Stimme klang mir gestern so weich, so mild, es lag die
Versöhnung einer langen Vergangenheit darin - oder trog mich nur mein Wunsch? Er
ist noch ganz der Alte, mir noch derselbe, der er mir immer war; auch Meining
schien ihn sehr anziehend zu finden. Er hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen,
die ich aber nicht wünschen kann und darf. Es ist so schwer, gegen Jemand den
gleichgültigen Ton der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand,
dessen Stimme das Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will, das
soll man ja erreichen können; und Robert fährt bald wieder fort, und Alles
bleibt wie es bis jetzt gewesen. Er muss viel gedacht, viel erlebt haben, seit
ich ihn nicht gesehen. Es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht
ausspricht und was ich dennoch höre und verstehe. Wenn ich nur Herr wäre über
mich; aber mein Herz klopft und meine Nerven beben, wenn er kommt. Ich wollte,
er wäre nicht mehr hier.
    Den 8. December. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme von Mariannens
Ball zurück, und ich bin munter und frisch wie in der Jugendzeit. Es ist mir
noch nicht möglich, mich zur Ruhe zu legen. Das erste klare Winterwetter hat
immer einen so belebenden Einfluss auf mich ausgeübt. Sogar schreibelustig bin
ich; habe ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch,
vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Mariannens Fest war aber
auch ganz reizend, Meining wünscht, ich möchte es mir zum Massstab nehmen für das
unsere. Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich doch interessanter, als es
mir seit lange schien; und heute, wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft
tanzen sah, hat es mir fast leid getan, dass ich seit meiner Verheiratung
darauf verzichtet habe. Talberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er
tanze sonst auch nicht mehr, wir müssten zusammen eine Ausnahme machen; ich
mochte aber nicht. Als ich mich entschloss, Meining's Frau zu werden, habe ich
durch die Verbindung mit einem so viel älteren Manne dergleichen Genüssen
entsagt, indes habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als ich,
während die Andern tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem Whist zusah und
Talberg neben mir war, ob wir nicht sehr glücklich wären, einander wieder zu
sehen? Wir müssten doch alte Bekannte und Jugendfreunde sein. Robert antwortete:
Ich bin es gewiss und wünsche nur, dass Frau von Meining mich nicht ungern wieder
sieht. Ach! rief Marianne, welche Frau sieht einen alten Anbeter nicht gerne
wieder, so lange sie noch jung und schön ist; und von der Seite ist Frau von
Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze Unterhaltung höchst zuwider, ich
schämte mich und fürchtete, mein Mann könnte sie hören; der war aber so in sein
Spiel vertieft, dass er des Geschwätzes gar nicht inne ward. Endlich ging ich zu
den alten Damen in das Nebenzimmer, aber auch dahin kam mir Marianne neckend
nach, lachte, tat geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch machen
lassen, so gut wie wir, und der schöne Talberg hat das nicht vergessen. Denn
als ich ihn heute etwas ins Gebet nahm, war er Deines Lobes voll und in
Bewunderung Deiner Schönheit. Und darin hat er so unrecht nicht: denn heute, wo
Du einmal trotz Deiner Einfachheit Dich stylvoll angekleidet hast, siehst Du
wirklich so eigenartig aus, dass es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer etwas
Besonderes, das man fühlt und sieht, aber nicht nachmachen kann - heute indes
bist Du ganz reizend! - Ah! da kommt er wieder! Nun ich will nicht stören, car
l'on revient toujours à ses premiers amours! und damit ging sie, die Melodie des
Liedes trällernd, leichtsinnig wie ein Kind davon. Ich war in der peinlichsten
Verlegenheit, Talberg aber gleichmässig und freundlich. Wir sprachen von
Mariannens wunderlichen Eigenheiten. Talberg meinte, sie gliche auffallend
einem Kupferstiche, den er in diesen Tagen angekauft, und den er mir zur Ansicht
schicken wolle. Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren
fort, als man zu Tische ging.
 
                                Neuntes Capitel
Am nächsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den
Tiergarten vorfahren lassen, als man ihr Talberg anmeldete. Sie empfing ihn,
und er entschuldigte sich, dass er den Kupferstich selbst bringe; er habe sich
aber das Vergnügen, sie zu sehen, nicht versagen können. Doch wolle er sie von
ihrer Promenade nicht abhalten und bäte um die Erlaubnis, sie zu ihrem Wagen
führen zu dürfen. So geschah es. Während sie die Treppe hinunterstiegen,
überlegte Clementine, was sie nun eigentlich tun solle. Jeden Andern hätte sie
augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und Talberg
darum zu bitten, konnte sie sich nicht überwinden. Was würde aber Meining dazu
sagen, wenn sie ihm erzählte, wie flüchtig sie Talberg abgefertigt hätte, und
was würde dieser selbst von ihr denken? So entschloss sie sich, ihn für den Abend
einzuladen, und er sagte freudig zu.
    Am Mittage erzählte sie dem Geheimrat von dem Besuch und von ihrer
Einladung, der sich derselben freute und hinzufügte, er habe den Obrist B. und
den Maler R., die er zufällig gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen. Wir
machen dann ruhig unser Spiel, sagte er, und Du musst Deinen Gast, da er nicht
spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.
    So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten, Robert
und Clementine allein an ihrem Teetische, und sie fühlte eine fast mädchenhafte
Scheu, als sie nun nach langjähriger Trennung, zum ersten Mal mit dem geliebten
Manne, der ihr ein Fremder sein musste, sich allein befand, allein in jenen
Zimmern, in denen sie so oft in glücklicher Unbefangenheit und im Gefühl der
wärmsten Liebe beisammen gewesen waren. Nun war das Alles anders. - Ihre
Befangenheit entging dem scharfen Auge Talberg's nicht, dessen Blicke an ihr
hingen, denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte
anfangs kein rechtes Gespräch in den Gang kommen, und Talberg blätterte in
halber Zerstreuteit in einem Buche, das zufällig auf dem Sopha lag. Es war das
Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung
wandte.
    Lieben Sie Heine noch so als früher? fragte Robert, ich weiss, dass Sie von
den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr entzückt waren;
und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe fort.
    Nicht so unbedingt als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, dass mich
Vieles in den Liedern, die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und
anzog. Dass der Schmerz über eine verschmähte Liebe, dessen er sich schämt, sich
in wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als
ergreifend, dass er aber später Nichts mehr schont, selbst nicht diese Liebe,
nicht die Sitte, nicht sich selbst, das hat ihn mir verleidet.
    Ja freilich, für den Gebrauch der Jugend hat er nicht geschrieben! bemerkte
Robert, und ein spottender Zug wurde um seinen Mund sichtbar. Aber wüssten Sie,
meine gnädige Frau, wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht, wie es oft
grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsere Kindheits- und
Jugendwelt fesselten, zerreisst; wie es uns Alles raubt, Glück, Poesie und
Glauben - Sie würden Heine vielleicht anders beurteilen.
    Vielleicht! antwortete sie, aber ich müsste den Dichter beklagen, der so sehr
an sich und der Menschheit irre werden konnte, dass er die Leidenschaft nur in
ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit längst zum Raube geworden ist und
dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens einflösst. Wenn ich von mir auf
andere Frauen schliessen kann, muss Heine's Zerrissenheit ....
    Also auch Sie, auch Sie sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt
sehr gross, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? - etwa die Leute, die in enger,
dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg haben? die
aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine
Verlockung der Sünde empfinden? Die Leute, die den heissesten Wunsch des Herzens,
das einzige Glück ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes,
bürgerliches Gesetz anstösst? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine
beurteilen? Glauben Sie mir, gnädige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an
Körper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde
gekettet, doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der Erde ohne das
ersehnte Glück, für den Himmel nichts als eine unbestimmte Hoffnung - wer sich
da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreissen lässt, wer sich nicht blutig stösst
an den Barrieren und Hecken bürgerlicher und göttlicher Gesetze - der ist kein
Mensch, der müsste ein Gott sein.
    Robert war, während er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah
ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte,
und denen bei ihm nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermut folgte, wenn sie
nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich
früher oft ihr Einfluss auf sein Gemüt geltend gemacht, deshalb begann sie auch
jetzt nach einer Pause, in der Robert in tiefes Denken versunken war: Nun wohl
denn mir, dass ich kein Mann bin, dass mich das Leben nicht so hart enttäuscht
hat, und dass mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.
    Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden? haben Sie nie die
Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen? Ist er Ihnen nie
unbequem geworden?
    Niemals! - als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht
getan; später hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt, und dann ist mir
das eigne Gefühl ein guter Compass geworden, dessen Nadel mir immer wieder den
rechten Weg zeigte und nach Norden wies.
    Ja! nach Norden, sagte Talberg, nach dem Norden der kalten Vernunft, in dem
das heisse Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante, sagte er plötzlich
abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?
    Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen
Dingen über, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall der Erregung bemerkbar
blieb, die Robert's Seele bewegte. Endlich hörten die Herren zu spielen auf, man
ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder über
die politischen Ereignisse des Tages. Robert sprach seine freisinnigen Meinungen
unumwunden aus, und schien dabei verwundert, dass Clementine, die in früher
Jugend wie eine gelehrige Schülerin all' seine Ansichten geteilt, sich jetzt
mehr dem Bestehenden und Hergebrachten zugewendet hatte. Mich dünkt, sagte er,
Sie hätten einst mit viel grösserer Teilnahme den bewegenden Ideen unsrer Zeit
gehuldigt, und ich hätte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue
Aera zu verkünden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?
    Und wer sagt Ihnen, dass mich die grosse Idee der Freiheit nicht noch eben so
erwärmt, dass ich den Entusiasmus der Männer dafür nicht begreife? antwortete
sie. Damals glaubte ich aber, auch für uns Frauen sei die Freiheit, nach der die
Männer streben, ebenfalls ein unerlässliches Gut, und nur von diesem Glauben bin
ich zurückgekommen.
    Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, in
denen wir ein Ideal verehren, nicht mit uns fühlen und mit uns Teil haben an
den höchsten Schätzen, nach denen wir streben? Warum sollte ein Geschlecht, dem
Eleonore Prohaska und das Mädchen von Saragossa angehörten, nicht eben so
lebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland haben als wir?
    Für ein Vaterland, wandte Talberg leichtin ein, haben die Frauen
allerdings oftmals keinen Sinn, und sie können ihn im Grunde auch nicht haben.
Ihre Heimat wird ihnen durch die Ehe zugewiesen, ihr Vaterland gibt ihnen ihr
Mann. Würden Sie es Ihrer Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin wäre,
nicht sehr verargen, wenn sie nicht mit Ihnen von Herz und Seele eine Deutsche
würde? Und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur für eine
allgemeine Freiheit, für eine Freiheit in abstracto Interesse haben können,
fügte er lächelnd hinzu.
    Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gnädige Frau? fragte
sie der Obrist.
    Ich sage Ihnen ja, antwortete die Geheimrätin, dass ich die liberalen
Gesinnungen der Männer vollkommen begreife und achte, dass ich selbst aber eine
gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle.
Wir sind nicht gewöhnt, uns in die Menge zu verlieren; wir stehen abgesondert
für uns und lassen uns von den Männern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein
ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch
lieber beten wir den König unsres Herzens mit tiefster Demut an, der uns viel
mehr unteilbar ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik gewesen.
    Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundsätze für
Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Frauen nicht. Ich kannte selbst
eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der Deutschland die
Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre begruben; und so angenehm ich
sie sonst immer fand, so unerquicklich schien sie mir, wenn sie jene Ideen von
Freiheit aussprach, die im Munde ihres Freundes gross und würdig klangen.
    Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrat! fuhr Talberg fort, ja ich
glaube sogar, dass die wahre Stellung des Weibes eine abhängige sein muss. Ich
wünsche nur, dass sie von dem freien Manne abhänge, der in ihr den Menschen
achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz und alle Rechte
zuerkennt, deren sie bedürfen. Sie müssen mit uns den Gedanken der Freiheit
teilen, ohne sie selbst zu begehren, weil für sie dieselbe ein Unding ist.
    Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu
Talberg's Äusserung gab, werden nicht alle Frauen dieser Meinung sein; denn,
wenn sie auch die freie Frau der St. Simonisten empörend finden, so liessen sie
sich doch nur zu gern ein bisschen emancipiren, und ich für meinen Teil wollte
Nichts dagegen haben, wenn man mir einige recht schöne junge Mädchen als Schüler
und Collegen zuerteilen wollte.
    Wenn es so weit ist, meinte der Geheimrat, lasse ich mir meine Frau zum
Assistenten ernennen!
    Und glaubst Du, Lieber, dass ich dazu nicht vortrefflich wäre? Glaubst Du,
wenn man mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften unterrichtet hätte, mit
denen man die jungen Leute so früh bekannt macht, ich hätte das nicht auch
erlernen können? fragte Clementine.
    Im Gegenteil; ich bin überzeugt, Du wärest der niedlichste Professor im
Mousselinkleide geworden und würdest die interessantesten Vorträge gehalten
haben. In Fällen, in denen psychische Leiden der Krankheit zu Grunde liegen,
würde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner liebenswürdigen Neugier
vielleicht schneller die Quelle des Uebels erraten, als wir Männer; denn eine
gewisse Art von Scharfsicht besitzen die Frauen gewiss in höherm Grade als wir:
ich meine die Scharfsicht des Herzens, die wirklich sehr gross bei ihnen ist.
    Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen, sagte
der alte Obrist, denn in mein Fach pfuschen die schönen Hände nicht hinein; aber
ich möchte grade von Ihnen, meine Gnädige! die Sie eine sanfte und kluge Frau
sind, es einmal erfahren, was Sie sich von der Emancipation der Frauen denken,
und wie Sie sich dieselbe in der Ausführung wohl vorstellen.
    O! versetzte Clementine, ich habe überhaupt nicht viel daran gedacht, weil
ich sie, meinem ganzen Wesen nach, für mich nie begehrenswert fand. Emancipirt
wird das Weib, wie Herr Talberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und in der
Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr Mann; aber auch
gleiches oder wenigstens ähnliches Recht. Man soll sie nicht gewaltsam
niederhalten und ihr nicht unnötig Leid aufbürden, das sie nicht tragen kann,
ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns; wir müssen Herr sein über uns
selbst, sonst über Niemand - und so denke ich, Alles, was die sogenannte
Emancipation bezwecken könnte, wäre, eine Erziehung zu befördern, die uns für
unsern Beruf tüchtiger machte.
    Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schöne Dinge begehren Sie
nicht? fragte der Obrist.
    Das mag vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein, die ich augenblicklich
nicht durchdenken kann. Es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen, gegen
Brüder, Väter oder gegen den eigenen Mann, das scheint mir ein so trauriges
Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich ich eine gute Protestantin bin,
in meinen Augen ein Sakrament und unauflöslich ist.
    Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden lässt,
weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht mehr ertragen
konnte? weil Laster und Verderbteit des einen Teils, oder auch nur ganz
verschiedene Gesinnungen das Zusammenbleiben zu einem Unheil machen und ein
Glück untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei Menschen
erblühen könnte?
    Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das weiss ich
bestimmt, dass ich lieber sterben möchte, als mein Wort brechen, und dass ich die
Möglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten könne, nicht begreife.
    Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining küsste sie, trotz der
Anwesenheit der Fremden, auf die Stirne; sie machte sich aber eilig von seinem
Arme los, ging mit Talberg, der zuletzt gar keinen Anteil mehr an der
Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, und man trennte sich dann bald
darauf.
 
                                Zehntes Capitel
                       Talberg an den Hauptmann v. Feld.
                                                               Den 18. December.
Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe
wohl auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg
beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grüble über Gott
und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne dass damit in der
Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen
Gütern gar nicht beschäftigt; meine Anordnungen für die Ausführung meiner Zwecke
sind getroffen und müssen nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen.
Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich
habe ihm heute die nötigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, dass ich
die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen würde, und
dass er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde herschicken solle. Ich
behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen
Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen würde.
    Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich häuslich eingerichtet, die
alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin.
Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind, bringe ich
häufig bei Geheimrat von Meining zu, wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das
Angenehmste vergeht. Sehr viel trägt dazu die Geheimrätin bei. Sie ist voller
Geist und Gefühl; anregend, wie keine Andere; dabei die angenehmste Haltung und
eine Höflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen kommt. Alles um sie her ist Grazie
und weibliche Eleganz! Mich dünkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh
liegen sehe, ich müsste ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein
Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehört; und obgleich
ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch
vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon behaglich
und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke, den sie sehr
liebt und der ihre Zimmer erfüllt. Wenn ich mir denke, dass diese schöne junge
Frau dem alten Manne gehört, den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann, tut
sie mir immer leid; und ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich
hätte ein Unrecht gegen sie gut zu machen, und sie wäre glücklicher gewesen,
wenn sie mein geworden wäre. Fände ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele
ich so klar lesen könnte und die mich so vollkommen verstände, als sie, ich
glaube, dann entschlösse ich mich doch zur Ehe. Dass mein einsames Leben auf
Hochberg im Grunde traurig ist, das fange ich erst hier wieder zu fühlen an.
    Du siehst, Dein guter Rat von neulich trägt vielleicht noch seine Früchte;
willst Du ihn aber wirksam unterstützen, so benutze die treffliche
Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlänglich Platz für uns Beide.
                             Derselbe an Denselben.
                                                      Am zweiten Weihnachtstage.
Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer
Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten,
meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging,
sagte mir gleich, Herr Geheimrat hätte ausser dem Hause gespeist, die gnädige
Frau sei zu Hause, aber er zweifle, dass sie mich annehmen würde. dabei tat er
so geheimnisvoll, lächelte so pfiffig, dass ich neugierig wurde und ihm bis in
den kleinen Esssaal folgte, der nur noch durch Clementinen's Wohnzimmer von ihrem
Arbeitskabinet getrennt ist, das ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte
nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, dass ich ihm durch die
dunkle Zimmerreihe gefolgt war, liess er die Türe offen, so dass ich den
reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein höchst zierliches,
kleines Gemach, mit grüner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein
Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon
zerstreut umher, und ich hörte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich
die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du
hältst ja gar nicht still!
    Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grünen Couchette, die vor dem
Kamin stand, und hielt ein schönes, zweijähriges Mädchen in den Armen. Zwei
ältere Mädchen, etwa fünf- und siebenjährig, waren um sie beschäftigt, das eine
ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf
einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild!
Clementine war schöner, als ich sie je zuvor gesehen. Das schwarze Haar hing in
aufgelösten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren, von denen ihr
einige wie eine Binde über der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel
zurückgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behängt,
den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. Hände, Hals und Arme waren marmorklar in
der Beleuchtung und das fein gerötete Gesicht bezaubernd in dem Ausdruck von
Glück, der aus ihren Augen strahlte.
    Sie erhob sich, als ich gemeldet wurde, rasch von ihrem Divan, und gab dem
Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleich bereit
sein, mich zu sehen. Die Türen wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem
Lauscherposten zurück und wurde nach einigen Augenblicken in das Cabinet
geführt, das einen ganz veränderten Anblick gewonnen hatte.
    Die zerstreuten Spielsachen waren einigermassen geordnet, die beiden grössern
Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste sass bei
Clementine auf dem Divan. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt,
sich in eine grosse, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten
entgegen: Entschuldigen Sie es, dass ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich
habe mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muss nun
zusehen, dass sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das
sich ängstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, während sie stand; nötigte mich
dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich war so entzückt über die
Scene, dass ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt
hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wären, und erfuhr, es wären
die Töchter einer Familie, die in dem Hause wohne und ihr die Kinder bisweilen
überlasse. Es sind meine Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause
ist, dem sie zu viel Geräusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um
ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die ich ihnen oft
verdanke. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind das meine
lieben Pflänzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich freut. Sie glauben
nicht, wie gut und wie gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir,
halb mit den Kindern beschäftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit ihnen und
mit mir.
    Ich hätte stundenlang so sitzen mögen. Plötzlich merkten wir ein helleres
Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich besorgt für die
Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen
könnten, auszulöschen. Ich tat es und nahm nun auch die beiden grössern Mädchen
zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch
ein Onkel? Clementine bejahte die Frage und nannte meinen Namen. Warum bist Du
nicht immer hier, Onkel? - Weil ich nicht immer hier sein darf. - Hast Du denn
die Tante Clementine nicht lieb? - O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus.
- Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wärterin sagt, der
Onkel Geheimrat könne uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. - Tante,
unterbrach Röschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel
Meining fort. Ja! Tante! tue das, dieser Onkel, der ist so schön und freundlich
wie Du bist, schick' den alten Onkel fort! - Das Alles schwatzten die kleinen
Dinger so schnell durch einander, dass man gar nicht Einhalt tun konnte.
    Clementine wurde rot, und Tränen, die sie mir verbergen wollte, traten ihr
in die Augen, als sie sich rasch zu Emma bückte. Schäme Dich, sagte sie, dass Du
so von dem guten Onkel Meining sprichst. Wenn Du ihn nicht lieb hast, dann kann
ich Dir auch nicht gut sein, und Du darfst nicht wiederkommen, Du böses Kind!
Ihre Stimme bebte, ich fühlte, was sich in ihr regte, und ich hätte ihr dies
Leiden mit meinem ganzen Sein vergelten mögen; denn, was soll ich es Dir
verbergen - ich liebe Clementine.
    Wie spielt das Leben mit uns, mein Freund! und wie wenig verstehen wir unser
Glück. Diese Frau war einst von Herzen mein, und ich konnte sie verschmähen; sie
liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstört,
das fühle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiss ich, dass ich
Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es möglich, dass ich diese Liebe
verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefühl meines Herzens gewesen, und ich
selbst habe mich um mein Glück gebracht. Ihr und mein Unglück habe ich selbst
bereitet.
    Um ihr nicht zu sagen: ich bete Dich an! um ihr nicht zu Füssen zu fallen,
stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine lehnte
sie entschieden ab, da ihr Mann an dergleichen keinen Teil nähme und sie, ohne
ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich - ein
unvergessliches Bild in der Seele.
    Aber es ist mir lieb, sehr lieb, dass sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht,
sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte.
Grade weil ich sie liebe, will ich selbst über sie wachen; ja fast könnte ich
wünschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht
getrübt werde - und doch scheint mir das Leben sehr arm ohne das Bewusstsein
ihrer Liebe.
    Dass ich bleibe, bedarf nun keiner weiteren Bestätigung mehr.
                            Der Hauptmann an Robert.
                                                               Den 27. December.
Sage mir, was fängst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst Du nicht
mehr, dass Du Brigitte eben so heiss geliebt, dass sie Dir auch das vollkommenste
der Weiber dünkte? Rede mir nicht mehr davon, dass Du noch bleiben willst; wenn
Dir Clementinen's Ruhe und Ehre wert sind, eile sie zu verlassen, ehe es für
Euch Beide zu spät wird. Grade weil ich überzeugt bin, dass Clementine nie einen
Andern liebte, als Dich, weil auch ich glaube, dass nur Vernunft und Pflicht sie
an ihren Mann fesseln, weil ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und
fürchte, grade darum musst Du fort.
    Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglücklicher zu werden, als sie es
vielleicht schon ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewusstsein, das sie
bisher aufrecht erhielt, willst Du ihr das rauben? Willst Du die Ehre ihres
Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren häuslichen Frieden, Deinen Wünschen
opfern? Du wirst es tun, aber sage mir nie mehr, dass Du Clementine geliebt
hast.
                            Robert an den Hauptmann.
                                                               Den 29. December.
Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwürfe vergebe ich Dir,
weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie meine Ehre. Wie
kannst Du aber Brigitten's nur erwähnen, im Vergleich zu Clementinen? Jetzt
fühle ich es mehr als je, dass nur Sinnlichkeit und Verblendung mich an Brigitte
fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der entzückte, stürmische Beifall des
Publikums sie über sich selbst erhob und sie alle Leidenschaften, die das Herz
der Orsina durchtobten, selbst zu fühlen schien, und nun dastand, ruhend in
sich, abgeschlossen, fest und gross, mitten in einer untergehenden Welt, erschien
sie mir so gewaltig, dass es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in
ihr, was ich erwartet hatte, einen grossen Charakter, ein glühendes Herz,
versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten Entzückens hat
sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flösste sie nicht ein. Ich war eitel
darauf, sie zu besitzen, die Alle mir beneideten; ich freute mich ihrer und
schwelgte wie sie in ihren Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge
trunken an ihr hingen und ihr kühnes Auge nur mich suchte, dann habe ich ein
eigentümliches Glück empfunden. Es liegt ein grosser Reiz in der Hingebung einer
Frau, die der Bühne, der Welt angehört. Sie regte meine Phantasie mächtig an,
meine Sinne waren in dem höchsten Aufruhr, ich war ausser mir. Ich hätte sie und
den Grafen ermorden können, als sie mit ihm entfloh - ich hätte mit ihr die Welt
durchziehen, mich mit ihr vernichten mögen; aber nie ist es mir eingefallen,
niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken, wie Clementine mir ewig vor Augen
steht. Wäre Brigitte mir treu gewesen, ich hätte vielleicht nie an Haus und Weib
gedacht, sie hätte mich fortgerissen. An ihr unstätes Leben gekettet, hätte ich
mich über mich selbst, über sie, über Alles noch lange, wer weiss, ob nicht fast
für immer getäuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer widerstand.
Nun aber! Hättest Du Clementine, die schöne Geliebte meiner ersten Jugend,
gesehen wie ich, in der züchtigen Haube, die Kinder um sie her und sie selbst
ein frohes Kind mit ihnen: Du würdest wie ich keinen andern Gedanken haben, als
sie. Wenn ich sie mir denke, als mein Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern
meines Schlosses - ich wäre der seligste Mensch geworden. Ach! »ich wollte
unendlich glücklich sein oder unendlich elend - und jetzo bin ich elend.«
    Sie verlassen kann ich nicht; genug, dass sie sich mir entzieht, so viel sie
kann, dass ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich weiss es ihr Dank, dass sie
mich flieht; denn grade ihre Sittenreinheit ist es, die ich an ihr liebe. Und
doch bleibe ich in Ihrer sanften Nähe. Ich weiss, sie und ich, wir haben Beide
keine Hoffnung auf Glück, als das, uns in flüchtigen Momenten zu begegnen, die
abzukürzen ich nicht den Mut habe. Denke von mir, was Du willst; ich bleibe.
 
                                 Elftes Capitel
                           Aus Clementinens Tagebuch.
Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos
verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich auf seinen
Arm zu stützen, während mein Herz Nichts mehr kennt, als jene unglückselige
Liebe? Ach, ich hätte mich so gern getäuscht; ich wollte mich überreden, dass ich
ihn jetzt mit Ruhe sehen, dass er mir ein Freund werden, dass er mein armes,
einsames Leben verschönen könne. Und ein Kind mit seiner Einfalt muss mir die
Falschheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du dafür?
    Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne
Meining's Aufmerksamkeit zu erregen? So muss ich ihm täglich begegnen, mich
verstellen, lügen und kalt scheinen, während die heisseste Liebe mich zu ihm
zieht, während ich fühle, wie er mich liebt. Und ich habe keine Wahl! Ich muss
fortschreiten auf dem Wege des Trugs! Meining's Frieden, seine Ruhe müssen
erhalten werden, Robert darf es nie erfahren, wie ich ihn liebe, wie ich meine
Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die einen Andern
liebt! Wer mir das je als möglich vorgestellt hätte! - Und wie soll es enden!
    Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Strassen und peitscht den Schnee
vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist es fröstelnd und
bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er käme zurück und bliebe bei mir,
denn ich fürchte mich allein vor mir selbst. Ich wollte lesen und vermochte es
nicht; die Kinder, die ich holen liess, sprachen von Onkel Talberg, von dem mein
Herz ohnehin schon laut genug spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah
auf die Strasse hinaus; eine arme Frau ging vorüber, starr und weinend vor Kälte.
Ich liess sie hereinholen, wärmen, speisen und kleiden - wohl ihr, dass man ihr
helfen kann. Mir kann Niemand helfen!
    Den 2. Januar. Mir träumte die ganze Nacht von Dir. Ich sass mit Dir und den
Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer, das auf- und niederwogte,
und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand, immer neue bildend und die
frühern zerstörend. Darauf erzähltest Du von Deinen Reisen und Deinem Leben und
sagtest: wir sind uns schon früher begegnet, da haben wir uns geliebt, und Du
liebst mich noch, Clementine. Nun fing ich bitterlich an zu weinen. Du aber
küsstest mein Haar und führtest mich hinab an's Meer. Schweigend und ruhend auf
Deinem Arme, wandelte ich auf und ab mit Dir, und Du zogst lange, weisse
Perlenschnüre aus den Wellen, und schmücktest mein Haar, dass mir die vollen
Perlenreihen bis an das Herz niederreichten. Da wurde mir entsetzlich bange, und
ich sagte: aber Perlen bedeuten ja Angst und Tränen? und Du lächeltest trübe
und sprachst: erwartest Du es anders?
    Ich wachte auf, in Tränen gebadet. Gott selbst wollte mich warnen im
Traume. Was soll ich tun?
                          Clementine an Frau v. Alven.
                                                     Berlin, den 3. Januar 1840.
Glück auf zum neuen Jahre, meine gute Tante! und möge es uns nichts Uebles
bringen. Hast Du mich denn ganz vergessen, dass auch kein Wort mehr von Dir zu
hören ist? Ich sprach noch gestern mit Meining davon, der Dich leider noch immer
nicht kennt; und wir überlegten, ob es nicht möglich wäre, dass Du jetzt für
einige Zeit zu uns kämest. Mir geschähe der grösste Gefallen damit, denn ich habe
seit Jahren Nichts so sehnlich gewünscht, als wieder mit Dir, Du treue Freundin,
zusammen zu sein. Auch weiss ich eigentlich nicht, was Dich davon abhalten
könnte, recht bald zu kommen, damit Du noch einen Teil der Winterfreuden und
das beginnende Frühjahr mit uns geniessen könntest.
    Du hast es mir immer abgeschlagen, uns in Heidelberg zu besuchen, unter dem
doppelten Vorwande, die Reise sei zu weit, und Eheleute müssten erst Jahr und Tag
allein mitsammen leben, ehe sie an einen Hausgenossen denken dürften. Beide
Rücksichten fallen jetzt weg, und ich fange getrost an, Deine Wohnung bei uns
einzurichten. Du sollst die Zimmer haben, die Du früher bewohntest; Alles soll
an der alten Stelle stehen, und Deine Clementine hat auch die alte Liebe für
Dich.
    Komm Herzens-Tante! ich bin so viel allein, ich habe Grillen, die ich nicht
bannen kann; ich muss Dir Vieles sagen, ich bedarf dringend Deines Rates, also
lass Dich nicht vergebens bitten und erwarten.
    In acht Tagen könntest Du hier sein, wenn Du noch die gute, flinke Tante
wärest. Meining, der immer sehr gütig gegen mich ist, bittet mit mir um Deinen
Besuch und empfiehlt sich Dir bestens; so auch die Generalin und alle Deine
übrigen Freunde, die sich ein Fest daraus machen, Dich wiederzusehen. Schreibe
mir, welchen Tag Du einzutreffen denkst, gute Tante! Wir kommen Dir, wenn es
Meining's Geschäfte erlauben, bis zur ersten Station entgegen oder schicken Dir
mindestens unsern Wagen und Diener. Aber komme bald, denn ich bedarf Deiner in
der Tat.
 
                 Frau v. Alven an die Geheimrätin v. Meining.
                                                    St...., den 12. Januar 1840.
Mein liebes Kind! ich wünsche gewiss ebenso sehr als Du, dass es uns vergönnt
würde, eine Zeit mit einander zu verleben; leider müssen wir aber den Plan noch
für eine Weile hinausschieben, da ich nicht wohl genug bin, jetzt an eine Reise
zu denken. Indes will ich mich so rüsten, dass ich bei der nächsten gelinden
Witterung mich auf den Weg mache, und so wollen wir Beide um einen milden Winter
bitten.
    Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst, das kann ich nach diesen
unbestimmten Ausdrücken nicht verstehen; will es auch nicht, falls irgend etwas
Deinen häuslichen Frieden gestört hätte. Dergleichen kommt wohl in jeder Ehe vor,
und man muss sich nur hüten, ein Wort davon, auch gegen die beste Freundin, laut
werden zu lassen. Der Frieden stellt sich oft gar leicht wieder her; das
ausgesprochene Wort kann aber nie zurückgenommen werden und ist nur zu oft eine
Saat, die böse Früchte trägt. Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und brav
und liebt Dich. Musst Du Dich also aussprechen, ist es Dir Bedürfnis, so sei es
gegen ihn. Suche mit ihm und Dir selbst in's Reine zu kommen, und - wenn Du
dulden musst, dulde schweigend. Das ist der einzige Rat, den ich für
verheiratete Frauen habe.
    Im Frühjahr sehen wir uns, wie ich hoffe, wieder; mögen dann mit dem Winter
auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges, kräftiges Mädchen;
halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige, mein Kind! damit Du in den
Himmel kommst. Gott erhalte Dich, und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es
herzlichst wünscht Deine treue Tante.
Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrübnis. Sie hatte in der
Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewusst, als die Tante zu ihrem
Beistande herbeizurufen. Robert gänzlich zu vermeiden, war in ihren
Verhältnissen unmöglich, ohne dass Meining es bemerkte; fast täglich traf sie mit
dem Geliebten zusammen und litt unsäglich, wenn sie ihren Gatten so freundlich
gegen Talberg sah. Sie hätte Meining Alles bekennen mögen, ihn bitten, mit ihr
fortzugehen, damit sie dieses Elends ledig würde. Je mehr ihr Herz an Robert
hing, je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fühlte sie das
Bedürfnis, demselben dienstbar zu sein, sich vor ihm zu demütigen, und ihn
durch jede mögliche Aufmerksamkeit für die entzogene Liebe zu entschädigen. Wenn
dann Meining erfreut und dankbar für so viel Zuvorkommenheit und Güte, sie in
seine Arme schloss oder sie küsste, hätte sie vor Scham vergehen mögen; besonders
wenn sie bemerkte, wie dann Robert's Auge auf ihr ruhte, wie er die Farbe
wechselte, und düster wurde und nicht Ruhe fand, bis Meining sich entfernte.
    Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau ihr
Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von Alven nur wenig
ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu finden, wenn sie selbst
sich in ihre Häuslichkeit zurückzöge. Aber Frau von Alven verweigerte für's
erste den Besuch, Clementine blieb mit ihrem Kummer allein, und wusste Nichts zu
tun, als die Kreise, in denen sie Robert zu begegnen glaubte, so wenig als
möglich zu besuchen.
    Anfänglich schien Talberg das zu billigen, und nur die unverkennbare
Freude, mit der er sie jedesmal wiedersah, verriet ihr, wie schwer er sie
vermisst hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft
auf das Höchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen zu begegnen,
als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend vermuten konnte, fehlte
er niemals, und wenn sie sich nur für einen Augenblick im Teater oder auf der
Promenade zeigte, war er sicher an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem,
ein paar Tage hindurch nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine
häufiger werdenden Besuche nicht angenommen, so wusste er sich durch den
Geheimrat selbst eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den
Mut, ihm deshalb zu grollen. War er doch so glücklich in ihrer Nähe! Sie hätte
ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder ein
freundliches Wort zu gönnen, weil sie, unaufhörlich gegen ihr Herz kämpfend, den
Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Robert's mit Ruhe gedenken, wenn
sie ihn nicht mehr sähe, und es werde ihr gelingen, sich ihrem Manne zu
erhalten.
 
                                Zwölftes Capitel
Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen, welche zum
Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich
ziehen, Frauen sowol als Männer; und sind diese Letzteren jung und
liebenswürdig, so kann es nicht fehlen, dass sich die Augen der Mütter liebreich
auf sie richten und die der Töchter sich schmachtend niederschlagen. Die
Stellung eines reichen Heiratskandidaten wird dadurch zu einer sehr
unterhaltenden, wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die kleinen
Intriguen zu beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere
Augen, süsseres Lächeln sah aber selbst Rinaldo nicht in Armiden's Gärten, als
sie jeden Abend Talberg erblickte, wohin er trat.
    Seine Erscheinung hatte in dem Kreise ein gewisses Aufsehen gemacht; und
seine Equipage, seine schönen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das
Interesse zu vermindern, welches er eingeflösst hatte. Leider schien es aber, als
ob für seine mächtigen klaren Augen die jungen Mädchen gar nicht vorhanden
wären. Kalt und höflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne irgend eine der
Schönen auszuzeichnen, so dass endlich eine der älteren Damen, welche eine
einzige Tochter hatte, sich entschloss, ihre Wünsche der Geheimrätin unter dem
Siegel der Verschwiegenheit zu entüllen.
    Die Staatsrätin war reich, ihre Johanna, eine hübsche, frische Blondine,
von der klugen Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit einem Worte »eine
vortreffliche Partie«. Die Staatsrätin sah, dass Talberg viel im Meining'schen
Hause und anscheinend mit Clementinen befreundet war; sie entdeckte ihr also,
nach einer langen und vorsichtigen Einleitung, dass sie lebhaft wünsche, ihre
Johanna, die nun neunzehn Jahre alt sei, zu verheiraten. Sie ist, wenn ich
einmal sterbe, sagte sie, ganz verwaist, und ich brauche Sie nicht zu
versichern, dass mich dieser Gedanke oft beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, dass
mich Talberg in jeder Beziehung anspricht; sein feines, geistreiches Wesen ist
zutrauenerweckend, und grade Das, was manchen Frauen an Talberg missfällt, das
kalte Betragen gegen junge Mädchen, ist mir ein Beweis mehr, dass er ein sehr
guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein würde. Sehen Sie, Liebste! wenn
Sie Talberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal
zusammen einladen möchten - damit sie einander doch kennen lernten - das
verpflichtet ja zu Nichts, Talberg selbst braucht es gar nicht zu wissen; und
gelingt es, so haben wir einem Paar lieber Menschen zu ihrem Glück verholfen,
und ich, liebste Freundin! bin Ihre Schuldnerin für immer.
    Sie hätte noch lange fortsprechen können, ohne von Clementinen unterbrochen
zu werden, so erschrocken war diese anfangs vor der Aussicht, Robert
verheiratet zu denken. Bald aber siegte ihre edlere Natur. Es schien ihr, als
zeige ihr der Himmel selber eine Möglichkeit, sich und Robert zu erretten, und
so schwer es ihr auch fiel, ging sie bereitwillig auf den Gedanken dieser
Verbindung ein, und versprach, so weit es in ihrer Macht stände, die nötigen
Schritte dafür zu tun.
    Als aber die Staatsrätin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit
heissen Tränen auf das Sopha. Sie selbst sollte Robert eine Frau geben, sie
sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben! Sie sollte
ihn dann nicht mehr sehen - denn sicher würde er mit der jungen Frau gleich nach
der Hochzeit nach Hochberg gehen. Wie konnte sie das auch nur wünschen? Eine
lebhafte Eifersucht zuckte in ihr auf. Sie sah im Geiste Johanna schon in
Hochberg walten, sie sah, wie Robert glücklich war mit der jungen, von ihm
geliebten Frau, und ein Gefühl von Neid und Bitterkeit, wie sie es nie gekannt
hatte, regte sich in ihr bei dem Gedanken, dass eine Andere das einzige Glück
besitzen würde, nach dem sie selber sich ihr Leben hindurch vergeblich gesehnt
hatte, dass eine Fremde ihm das Glück bereiten würde, das er einst in ihr zu
finden gehofft - und wie glücklich musste ein Mann mit seinem Herzen sein können!
    An dem Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glück! das war ja
Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm fortan nur Schmerz und keine reine
Freude mehr bereiten; so sollte er denn glücklich werden, durch ein Mädchen, das
sie ihm gewählt. Dann würde er freilich fortziehen, sie würde ihn entbehren und
wie schwer entbehren! Aber er würde glücklich sein, und sie selbst musste es
versuchen, in dem Bewusstsein des Unabänderlichen ruhig zu werden, und durch die
grösste Hingebung das Unrecht gegen Meining zu sühnen trachten, das sie ihm wider
ihren Willen angetan hatte.
    An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre
Eifersucht liess sie in Johannen plötzlich eine unwiderstehliche Schönheit
erblicken, sie fand sich selbst verblüht und alt, sie malte es sich aus, wie
Robert überrascht sein würde durch Johannen's jugendliche Reize; wie schnell er
sie selber darüber wieder vergessen würde. Das aber sollte ihre gerechte Busse
sein. Sie selbst wollte Johanna an sich ziehen und, so weit sie es vermöchte, zu
deren Ausbildung beitragen, damit Talberg in seiner künftigen Frau all' das
Glück fände, das Clementine ihm wünschte. So war in wenig Minuten aus einem
jungen, fremden Mädchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte, ein
Gegenstand der Abneigung für Clementine geworden, dessen sie einen Augenblick
später schon wieder mit einer fast mütterlichen Rührung gedachte und an deren
Zukunft sie mit den edelsten Gefühlen ihrer Seele hing.
    Eine Freude, wie nach guter Tat, belohnte sie für den Kampf dieser Stunde;
sie fühlte sich ihrem Manne gegenüber durch ihr redliches Streben
gerechtfertigt. Sie hatte Mut, ihm frei in das Auge zu sehen, und dachte mit
weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abende erwartete, an welchem
ihr Mann seine gewohnte Partie in seinem Hause zu machen dachte, und auch
Marianne und Frau von Stein sich bei ihr einstellen sollten.
    Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage länger
geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimrätin waren die Fenster geöffnet, der
leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder und beugte die
Blüten einer mächtigen Cala, die in grünem Kübel neben dem Lehnstuhl stand, auf
Clementinens schönes Haar. Ihre Nerven hatten durch die leidenschaftliche,
unterdrückte Aufregung der letzten Zeit gelitten; sie fühlte sich sehr matt und
ruhte in ihrem Sessel, damit ihre Gäste später Nichts von ihrer Schwäche gewahr
würden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weissen Blume und kühlte ihr Gesicht
mit den grossen, träumerischen Blättern. So mag wohl die Lotosblume blühen, dachte
sie, und sehnte sich hin nach den stillen Tälern einer fernen Welt, fort aus
der Gesellschaft und aus Verhältnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine
Welt voll Frieden, voll Schönheit und voll Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet,
der, um sie wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, früher gekommen war,
als sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten sich
einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als sonst und
fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte über Ermüdung, drückte aber die Hoffnung
aus, die gute Jahreszeit werde sie herstellen, wenn sie erst ihre Sommerwohnung
bezogen haben würde. Nur noch wenig Wochen, sagte sie, und wir wandern Alle aus
und die Stadt wird leer; auch Sie gehen ja nun vermutlich bald auf's Land
hinaus?
    Ich weiss es selbst noch nicht, gnädige Frau, erwiderte er, Berlin ist mir
wieder so wert, so sehr zu einer lieben Gewohnheit geworden, dass sich meine
bisherige Vorliebe für das Landleben für den Augenblick verringert hat. Es ist
also wohl möglich, dass ich nur für eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine kleine
Inspektion zu halten, und dann zurückkehre. Hochberg ist mir zu todt, zu still
....
    Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig
schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil Sie dort
so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben und werden es
auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf des Gutsbesitzers in
unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht an Sie, Sie haben eine
Pflicht gegen Ihre Leute und dürfen, denke ich, eben so wenig dauernd von Ihren
Gütern ferne bleiben, als ein König seine Krone zu seinem Vergnügen niederlegen
dürfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf Hochberg angenehmer zu machen
suchen, Sie sollten ....
    Gäste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu mir
lockt, und dergleichen Gäste mehr. Ja, gnädige Frau! wenn ich Sie einmal dort
sehen könnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen wollten! Sie glauben
nicht, wie schön, wie sehr schön es bei mir in Hochberg ist! Aber Sie werden
nicht kommen.
    Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war, so
eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn gedrückt hat, von sich wirft, -
doch! Sie müssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen überhaupt
schon lange raten.
    Sie! rief Talberg, als traue er seinen Sinnen nicht, Sie wollten mir das
raten! Wie konnten Sie auf den Gedanken kommen? Wie können Sie glauben -
    Ich meinte, sagte Clementine, die in ihrer tiefen Bewegung mühsam nach
Fassung rang und sie durchaus gewinnen wollte, ich meinte, lieber Freund, dass
Sie sich glücklich fühlen und glücklich machen sollen. Sie haben so oft gegen
mich den Wert der Häuslichkeit gerühmt; warum wollen Sie also einsam Ihr Leben
verbringen? Und, rief sie, sich zu einem scherzenden Tone zwingend, von dem ihre
Empfindung weit entfernt war, damit Sie wissen, was ich im Sinne trage, ich
selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht. Achten Sie auf das erste Mädchen, dem
ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle vorstellen werde.
    Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie liess ihn aber nicht dazu
kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide
schwiegen, es war eine bange Pause.
    Ja! sagte er endlich und lächelte höhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein
leidenschaftlicher Tor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von sich
entfernen muss; auch wenn es mein einziges, letztes Glück zerstörte. Sie haben
Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre Wahl, meine
Gnädige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen, denn ich bin grade in
der rechten Stimmung, einen liebenswürdigen Gatten zu machen. Aber freilich,
eine Frau, die so viel Glück in der Ehe gefunden hat, als die Geheimrätin von
Meining, will es Andern auch bereiten. O! über die grossmütigen Frauen!
    Wie ungerecht sind Sie! das war Alles, was Clementine den stürmischen,
unwürdigen Worten entgegnete, aber ein paar grosse Tränen zitterten in ihren
Augen.
    Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war blass geworden, und auch sein
Auge war von Tränen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, fasste ihre Hände
und sprach: Sei es so! Sie haben Recht, ich werde gehen und zwar bald, weil Sie
es wünschen. O! Sie sind rein und licht wie der Kelch dieser Blume; tief wie in
ihn, sehe ich in Ihr heiliges Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe
keinen Willen als den Ihren. - Damit bog er sich zu ihr nieder, dass er fast vor
ihr kniete, küsste ihre Hände und ging eilig hinaus.
    Clementine schlug ihre Hände, wie im Gebet, zusammen und blieb in
schwermütigem Hinbrüten, bis Marianne und die übrigen Gäste kamen. Dann, weil
sie sich innerlich Gewalt antat, verfiel sie in eine überreizte Laune, welche
Frau von Stein und Marianne allerliebst und höchst unterhaltend fanden, und bei
welcher ihr selber das Herz brechen wollte und alle Nerven bebten. Auch war sie
in den nächsten Tagen kaum im Stande, die nötigen Einladungen und Besorgungen
für ihren Ball zu machen. Sie fühlte sich krank und bestand doch, trotz
Meining's Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Sie liess
Robert, der gekommen war nach ihr zu fragen, wie alle übrigen Besuche, abweisen
und bat den Geheimrat, er möge ihr, da das gesellige Treiben sie wirklich
angreife, nur ein paar Tage vollkommener Ruhe gönnen, deren sie bedürfe, um zu
dem Balle frisch und gesund zu sein.
    Der verhängnisvolle Abend kam denn auch heran. Die ganze Wohnung war
glänzend geschmückt, alle Zimmer geöffnet, Blumen und Kerzen überall. Grosse
Spiegel und glänzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und Kerzen fröhlich
wieder. Der Geheimrat war in der besten Laune, als er Alles so festlich und
heiter um sich her sah; aber in Clementinens Seele war es nicht so hell. Und
dennoch sah sie schön aus in ihrem schwarzen Kleide mit der weissen Perlenschnur
um ihren stolzen Nacken. Ihr Haar, einst Robert's Entzücken, war glatt
gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck. Weshalb sollte sie sich auch wohl
schmücken? Sie hatte den ganzen Tag gebangt vor dem Gedanken an den Abend, sie
hatte unaufhörlich mit sich selbst gekämpft. Nun war sie ruhig, aber müde; müde,
wie ein Sieger nach der Schlacht.
    Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsrätin mit ihrer
Tochter war unter den ersten Gästen, die sich einstellten. Clementine ging ihnen
ein paar Schritte entgegen und ein herbes Weh fuhr durch ihre Brust, als sie das
frische, junge Mädchen erblickte, das in dem rosenfarbenen Kleide mit dem
Strausse von Rosen in den blonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens
aussah. Wie segnend küsste sie das blühende Kind auf die Stirne. Bleiben Sie bei
mir, sagte sie, und helfen Sie mir die Wirtin machen. Ihnen übergebe ich die
junge, tanzlustige Welt, Sie müssen dafür sorgen, dass sie sich gut unterhält.
Die fröhliche Johanna verlangte es nicht besser. Sie fiel der Geheimrätin um
den Hals, nannte sie die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen wahren
Engel und war noch an ihrer Seite, als Talberg endlich eintrat.
    Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht mehr gesehen. Er ging schnell
auf sie zu, um sie womöglich gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen; denn er
wusste, dass er ihr unrecht, dass er ihr wehe getan, und mehr noch, als sie
selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber begrüsst, als
sie, um es zu keiner besondern Unterredung kommen zu lassen, ihm ihren kleinen
Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte sich kalt gegen
Johanna und zog sich, da die Geheimrätin als Wirtin in Anspruch genommen war,
mit einigen Herren plaudernd zurück. Vergebens versuchte er, sie einen Moment
allein zu treffen, immer fand er andere Männer und Frauen an ihrer Seite, die
nicht weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich von dannen zogen. Das
peinigte ihn mehr und mehr. Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung
ihrer Schönheit überein, und einer der anwesenden Künstler fragte ihn, ob er das
prächtige Tableau bemerkt habe, das die ernste Schönheit der Geheimrätin und
die liebliche Johanna gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal neben
einander gestanden hätten. Er hatte es wohl bemerkt; aber es hatte ihm eine
traurige Bedeutung gehabt. - Es dünkte ihm, als wolle dieser Ball kein Ende
nehmen. Immer auf das Neue jubelten die Walzer durch den Saal, Frohsinn und
Eleganz herrschten allerwegen, Johanna, die Schönheit des Festes, strahlte vor
kindlicher Lust; nur zwei Herzen in den weiten Sälen teilten die Festes-Freude
nicht.
    Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brüstung eines
Fensters und liess teilnahmlos die Huldigungen und Erzählungen eines älteren
Hausfreundes an ihrem Ohr vorübergleiten, während ihr Auge Robert und Johanna
suchte. Da, als der Sprechende sie endlich verliess, trat Robert eilig zu ihr.
Sie sind krank gewesen, sagte er. Sie haben gelitten, ich sehe es, warum haben
Sie mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie zu sehen, Ihnen zu
sagen, wie mich das Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen habe? Wenn
Sie wüssten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu versöhnen, Sie würden mir
längst vergeben haben.
    Denken Sie nicht mehr daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben.
Dann, nach kurzer Pause, meinte sie: Sehen Sie das schöne fröhliche Leben um uns
her. Sehen Sie wie heiter mein hübscher Schützling ist.
    Robert antwortete ihr nicht darauf, und erst nach einer Weile sagte er sehr
ernstaft: ja! Fräulein Johanna ist ein schönes, und gewiss ein harmlos
glückliches Geschöpf; soll sie aufhören das zu sein? soll sie unglücklich werden
wie .... so Mancher?
    Clementine wagte nicht ihn anzusehen, und er fuhr fort: Ich habe Sie
verstanden, gnädige Frau! aber soll solch ein fröhlich schuldloses Kind zum
Opfer gebracht werden um meinetwillen? Ein Opfer muss gebracht werden, das fühle
ich; so will ich es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon gehe ich nach
Hochberg; ich habe es bereits meinen hiesigen Bekannten gesagt, auch der
Geheimrat weiss es. Morgen schon werde ich gehen und nur, um Sie noch einmal zu
sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich heute noch einmal gekommen. Erlauben
Sie denn, dass ich schon jetzt von Ihnen scheide; und haben Sie Dank, innigen
Dank für das Glück, das ich in Ihrer Nähe noch einmal gefunden habe. Leben Sie
wohl, wiederholte er, und noch einmal ruhten Auge in Auge. Dann sah sie
Talberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im Nebenzimmer
verschwinden; und wie hell die Töne der Musik auch klangen, wie hell die Kerzen
in dem Saal auch glänzten, es war kalt und Nacht geworden für ihr Herz.
    Kaum aber hatte Talberg sich entfernt, als die Staatsrätin herbeikam.
Neugierig fragte sie nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine, die den
Zweck dieser Fragen wohl kannte, dass Talberg ihre Johanna sehr hübsch, sehr
anziehend gefunden, dass er aber zunächst Geschäfte halber auf seine Güter gehe.
Das genügte der erfreuten Mutter für das Erste. Andre Gäste folgten preisend,
scherzend, Abschied nehmend, Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten.
Es war ihr, als ob in wüstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewühl an
ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstürmten. Sie atmete erst
auf, als die Zimmer leer wurden, als Meining sie ebenfalls verliess, als sie sich
für einen Augenblick allein fand. Sie sah zerstreut um sich her - auf die matter
brennenden Kerzen, auf die von der Wärme welkenden Blumen, die die Köpfe sinken
liessen - und so wie diese, gebrochen an Körper und Geist, zog sie sich endlich
zurück, und ein tiefer, letargischer Schlaf sank endlich wohltätig auf ihre
Augen nieder.
 
                              Dreizehntes Capitel
Mit dem Gefühle der vollkommensten Stumpfheit erwachte sie am nächsten Morgen.
Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles gleichgültig. Ein grauer Nebel
schien ihr über die Welt gebreitet, die warme Frühlingssonne schien ihr kalt,
der blaue Himmel farblos. Was konnte der Tag ihr noch bringen, so unabsehbar
lang er sich auch vor ihr ausbreitete. Was sollte sie denken den ganzen Tag
hindurch, was erwarten? Wie sollte sie das Leben ertragen?
    Fröstelnd bog sie sich in die Kissen zurück und wollte nochmals zu schlafen
versuchen. Ach! im Schlafe hatte Robert's Bild vor ihrer Seele gestanden, und im
Wachen an ihn zu denken, war ihr Sünde. Da öffnete Meining leise ihre Türe und
fragte: Bist Du schon wach, mein Kind? Ich muss um acht Uhr fort, komme erst spät
zurück und wollte sehen, wie es Dir nach dem Balle geht?
    Clementine richtete sich empor; der rote Schein der seidenen Vorhänge fiel
auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, dass Meining nicht
aufhören konnte, ihr zu sagen, wie hübsch sie sei, sie zu küssen und zu preisen,
während Nichts in ihrem Herzen seiner Zärtlichkeit entsprach. Jetzt stand sie
nach ihrem Empfinden so tief, als jene Frauen, die ihr immer den entschiedensten
Abscheu eingeflösst hatten; sie musste die Liebkosungen eines Mannes dulden, und
ihre ganze Seele gehörte einem Andern. Ein kalter Schauer flog durch ihre
Glieder, das Herz krampfte sich ihr zusammen, ein ohnmächtiger Schwindel erfasste
sie. Meining schellte nach der Kammerfrau, holte selbst Essenzen herbei und
befragte, als Clementine sich erholt und er sie verlassen hatte, die alte
Dienerin, ob die Frau sich früher schon beklagt, ob irgend Etwas vorgefallen
wäre? Das Mädchen wusste nichts zu sagen. Die gnädige Frau hätte gestern Abend
sehr angestrengt geschienen, meinte sie, und hätte ihr befohlen, sie so schnell
als möglich zu entkleiden und gleich das Licht zu löschen, da sie nicht mehr
lesen werde. Aber, fügte sie hinzu, krank muss unsre gnädige Frau wohl sein, wenn
sie's auch nicht wahr haben will. Sie kann seit vielen Wochen, Tage hindurch,
wenn sie allein ist, aufgestützt sitzen und weinen, oder mit gefalteten Händen
starr auf einen Fleck sehen; das war sonst niemals ihre Art, und das dauert, bis
der Herr Geheimrat nach Hause kommen. Dann ist's mit einemmal vorüber, sie ist
frisch und munter, aber es hält eben nur nicht lange vor.
    Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meining's Besorgnis zu beruhigen. Eine
körperliche Störung war in der Gesundheit seiner Frau nicht vorhanden;
allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt, aber ihre Energie hatte diese
Reizbarkeit sonst glücklich und schnell überwunden. Auf mehrfach wiederholte
Fragen deshalb hatte sie immer eine ausweichende oder ganz verneinende Antwort
gegeben, und es blieb ihm daher nur die Vermutung, dass irgend ein Seelenleiden
seinen nachteiligen Einfluss auf Clementine äussere. Vergebens aber sann er, was
es sein könne. Er war es sich bewusst, seine Frau mit der herzlichsten Liebe
umgeben zu haben, sie besass Alles, was das Leben angenehm machen, es verschönen
konnte; sie schien frei von Leidenschaften, die das Glück stören. Er wusste
keinen Grund für das plötzliche Schwinden der Gesundheit aufzufinden und
beschloss, unter der Hand bei Marianne nachzuhören, ob er vielleicht durch diese
auf die rechte Spur geleitet werden könne.
    Aber auch bei dieser fand er keinen Aufschluss für die befremdliche
Erscheinung. Sehen Sie, bester Geheimrat, meinte sie, Ihre Frau war immer
vernünftiger und besser als wir Andern, und nun als Frau ist sie auch wieder
nicht wie wir. Sie hat gewiss die richtigsten Grundsätze, aber sie übertreibt
sie, sie macht sich alt noch vor der Zeit. Dass sie nicht tanzt, weil sie
verheiratet ist, dass sie neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine
Schlittenpartie machten, und wir Alle, Talberg an der Spitze, sie darum baten,
nur darum nicht mitfuhr, weil Sie nicht daran Teil nehmen konnten, das sind
Alles Uebertreibungen, mit denen sie uns Andre tadelt; und wir müssten es ihr
übel nehmen, wäre sie nicht so zuvorkommend und so gut, dass es ganz unmöglich
ist, nicht für sie eingenommen zu sein, und das sind wir denn auch Alle, mein
Mann und Talberg nicht am Wenigsten. Sie ist ja auch das Muster einer Frau,
denn »Meining wünscht oder Meining möchte nicht gern« das sind ihre
entscheidenden Gründe. Machen Sie nur, dass sie sich erholt, denn Sie haben
Recht, man sieht es, dass sie leidet.
    O! und heute ist sie leidender, als ich sie je gesehen! bemerkte Meining.
Hätte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst vor ein paar
Tagen riet. Aber da war kein Halten, kein Abreden, der Ball musste durchaus
gegeben werden, weil die Vorbereitungen einmal getroffen waren. Nun haben wir
die Folgen.
    Marianne lächelte. Mit dem Ball, sagte sie, hatte es eine eigne Bewandtnis,
und da hat Clementine Ihnen einmal nicht die Wahrheit gesagt, wenn sie
behauptete, die Einrichtungen wären nicht mehr zu ändern. Talberg war nur
länger nicht zu halten; sonst hätte sie den Ball wohl aufgeschoben, da sie sich,
wie sie selbst mir sagte, wirklich unwohl fühlte. Der Ball galt ja Talberg ganz
allein.
    Er galt Talberg? Was soll das heissen? fragte Meining sehr verwundert.
    Sehen Sie, lieber Geheimrat! das rate ich so, denn bestimmt weiss ich es
nicht - aber ich pflegte mich in solchen Sachen nicht zu irren! Als ich neulich
bei Clementinen vorfuhr, wurde ich abgewiesen; es hiess, die Staatsrätin sei bei
ihr. Was konnte sie mit dieser Geheimes zu beraten haben? Nachher des Abends,
als zuletzt die Partie bei Ihnen war, kam Talberg, der erwartet wurde, nicht.
Clementine sagte uns, er sei vorher bei ihr gewesen, sie hätte eine Weile mit
ihm geplaudert und sie gestand mir, es sei die Rede von einer Verheiratung für
ihn gewesen. dabei war sie in bester Laune, also musste er eingewilligt haben.
Nun kommt Ihr Ball. Die kleine Johanne musste die Tochter vom Hause machen, ich
sah selbst, wie Talberg ihr von Clementinen vorgestellt wurde, und - sie lachte
- nun die Sache ist eben abgemacht.
    Ich glaube, Sie täuschen sich trotzdem, denn Talberg ist abgereist, oder
wird noch heute reisen, sagte Meining.
    Unmöglich! rief Marianne mit ihrer ganzen Zuversicht, und es lag Meining
nicht daran, sie eines Andern zu überführen. Befreiteren Sinnes sagte er ihr
Lebewohl.
    Die Unterhaltung, bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den Gedanken
zu hegen geschienen, dass Clementine sich unglücklich oder nur unzufrieden fühle,
war für Meining eine Beruhigung gewesen. Er ging rüstig seinen Tagesgeschäften
nach und fand, als er zum Mittage nach Hause kam, seine Frau heiter und
freundlich seiner wartend. Sie hatte, weil er ihr die grösste Stille empfohlen,
in ihrer Stube das Essen auftragen lassen; sie war bemüht, den Schreck, den sie
ihrem Manne am Morgen verursacht, so viel als möglich vergessen zu machen, und
er verlangte es nicht besser, als ihrer Versicherung zu glauben, dass er Nichts
für sie zu fürchten habe.
 
                              Vierzehntes Capitel
                          Aus Clementinen's Tagebuch.
Den 27. Februar. Gott Lob! Der erste Tag ist vorüber! und noch ein Tag und noch
einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es büssen, dass Du mich
lieb hast, mir vertraust? Soll das der Lohn Deiner Arbeit, die Freude Deines
Alters sein, dass Dich in Deinem Hause ein kränkelndes, missmütiges Geschöpf
empfängt? Und wie gut er ist, wie er für mich sorgt; und wie elend ich's ihm
danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt, mir und Allen. Wenn Robert -
fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meining's Frau, sein Glück, sein Wohl
allein dürfen mein Ziel sein, und Gott wird mir die Kraft geben, es zu
erreichen, wenn er sieht, wie ernst ich danach ringe.
    Den 3. März. Ich bin wohler, Meining ist ruhig über mich. Es kann, es wird
Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafür, wenn ein
Gefühl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrücken
liess und mich beherrschte? Habe ich nicht Alles versucht, was mir Pflicht und
Recht geboten? Nun ist es vorüber, er ist fort. Auch er wird seinen Frieden
wiederfinden und wird glücklich werden. Ich? - Ich muss es ja sein, weil ich
nicht mir selbst gehöre.
    Im Landhause, den 2. April. So wäre ich denn hier eingerichtet! Krank,
traurig und müde! o! so müde! Es gibt Leiden, die den meisten Menschen
glücklicher Weise unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in das
Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch für die Zukunft, nicht einmal den,
dass es jemals anders werden möge. Wo ist die erste, frohe Jugendzeit hin, in der
ich reich an Mut, an Lust, und so überreich an Liebe in das Leben sah? Ich
fühlte mich glücklich in der Liebe meines Vaters, kein andres Gefühl in meiner
Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es
war, ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich würde, wenn
mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte - das wäre das Einzige, was ich
wünschen darf, was ich wünsche. Dann würden Meining und auch Robert freundlich
mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein müdes Herz es fordert.
    Den 10. April. Die Welt ist so schön, Alles scheint glücklich, warum kann
ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefühl von Bitterkeit in mein Herz, das
mich erschreckt. Der Vogel darf glücklich und fröhlich von Blatt zu Blatt
fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel sie bedarf, um schön zu
erblühen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum Leben machen könnte. Wenn
ich Abends hinaufsehe zu dem Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe
ihre ewige Bahn durch leuchten, so begreife ich nicht, wie nicht Einer von all
den Sternen Mitleid fühlt mit mir, warum nicht Einer herunterkommt, mich zu
trösten, oder warum er nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben,
dass er mich versteht, dass er mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt.
Hätte ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen durfte, die würde mich nicht
so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie würde ihr
müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie würde mit mir weinen, würde mich
bedauern.
    Pflicht! - Hat denn irgend ein Geschöpf ausser dem Menschen eine andre
Pflicht, als glücklich zu werden? Freilich aber ist nur der Mensch in seinem
wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen, sich Pflichten zu schaffen, die zu
erfüllen ihm fast unmöglich ist.
    Den 27. April. Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich
entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der Prinz hat
dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht ablehnen dürfen. Ich
habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen;
ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und hätte den
übrigen Teil der Reise allein mit meinem Mädchen und dem Diener meines Mannes
fortgesetzt. Vielleicht hätte mir die Zerstreuung wohlgetan; hauptsächlich
hoffte ich aber Meining damit eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um
sich hätte, wenn er in G .... seine Häuslichkeit wieder fände, wo der Prinz
sechs bis acht Wochen die Cur gebrauchen muss. Meining hat es aber nicht
gewünscht, weil er glaubt, ich würde die Luft dort nicht ertragen können. Nun
ist er abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen. Ich
solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen würde, mich pflegen, mich
zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfände, denn ich sei sein
höchstes Gut! - Wie mich das gedemütigt hat! Ich weinte vor Scham, und Meining
glaubte, dass meine Tränen nur dem Abschiede von ihm galten - ich täusche ihn
mit jedem Atemzuge! Elendes Dasein! Wenn er mein Vater wäre, wie könnte ich ihn
lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden würde er mit dem Gefühl von
Verehrung sein, das ich für ihn hege, wie würde er sich der Liebe seiner Tochter
für Talberg, den er so hoch hält, erfreuen. Jetzt aber!
    Den 4. Mai. Ich fühle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil ich
mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in jedem
Augenblick zu bewachen, zu strafen habe, weil ich nicht, wie ein feiger Sklave,
Herz und Geist verstellen muss. Auch die vollkommene Stille um mich her tut mir
sehr wohl. Ich überschreite die Schwelle unsers Gartens kaum, ich ziehe mich
ganz in mich selbst zurück, und es scheint mir, als ob dadurch mehr Klarheit und
Friede in mein Gemüt käme. Aber noch einmal, nur noch einmal möchte ich ihn
sehen, nur noch ein einziges Mal ihn sprechen! Und wozu? frage ich mich dann
wieder. Könnte ich unter diesen schönen, säuselnden Bäumen schlafen, immerfort
schlafen - bis zu Meining's Rückkehr; tief, tief schlafen und dann erwachen, und
die ganze Vergangenheit wäre mir entschwunden, wie das Bewusstsein eines bösen
Traumes, wenn man früh die Augen aufschlägt und der liebe, helle Tag fröhlich
durch die Fenster grüsst.
    Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals
darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.
    Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als der
an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in dessen
Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und ihn lieben ist mir Eins -
wie konnte ich jemals wähnen, ich würde aufhören, ihn zu lieben? Wie hat man
versuchen dürfen, mich zu einer Heirat zu überreden? Ich habe in der Zeit, die
meiner Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich müsse ihn einst ruhig wieder sehen
können, weil er mein Herz, meinen Stolz so tief gekränkt hat, ich würde ihn
deshalb nicht mehr lieben. Törichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig
gegen die Liebe. Sie ist Alles: Demut, Hingebung, Selbstverläugnung, Geist,
Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz auf das
Glück, von ihm gewählt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir vernichtet und
keine Möglichkeit, es jemals zu ändern. Nun fühle ich die Folgen dieses
Schrittes an der innern Zerstörteit meines Daseins. Mit aller Glut der Seele
zieht es mich zu dem Geliebten, ich möchte ihn nur einmal sehen, nur den Ton
seiner Stimme hören - ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen.
    Den 12. Mai. Er ist wieder hier; hier, in meiner Nähe. Ich habe seine Stimme
im Vorzimmer nach mir fragen hören, ich sah ihn durch den Garten zurückkehren
und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist Glück! Das ist Sonne und
Frühling! Er hat mir geschrieben, und ich habe den Brief uneröffnet
zurückgesandt; ich hätte es nicht tun sollen. Und doch! Weiss ich nicht, was er
schreibt, was er begehrt, und kann ich es gewähren? Auch seinen Besuch habe ich
abgelehnt. Wie einen Ueberlästigen habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er
lächeln über die Feigheit, die sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem Schutz,
wie verächtlich wird sie ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen
Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht zurückweisen konnte. Mehr vermag
ich nicht. Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn,
die Sehnsucht ist zum körperlichen Schmerz geworden; ich fühle mich der
Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich möchte zu
ihm eilen, ich möchte ihm sagen, wie ich ihn liebe. - Ich! die dreissigjährige
Frau, das Weib eines Andern!
                        Robert an den Hauptmann v. Feld.
                                                            Berlin, den 16. Mai.
Ich hielt es nicht länger aus in Hochberg, und bin wieder hier. Man hatte mir
zufällig geschrieben, dass Clementine krank sei, dass ein Nervenleiden ihr Leben
zu bedrohen scheine. Da litt es mich nicht länger dort, ich musste sie sehen, ich
eilte hieher. Begreifst Du es, mein Freund? Sie leidet, sie stirbt, und ich, ich
trage daran die Schuld, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage
hier, bin täglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden. Es hiess, sie
sei zu angegriffen, um Besuche anzunehmen. Was ich auch tat, sie zu sehen,
Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen ich trotz ihres Verbotes in
ihr Zimmer dringen, und von ihr fordern möchte, mir nach Hochberg zu folgen, und
die Meine zu werden. Ich weiss es, ich fühle es an meiner Liebe für sie, dass sie
mich liebt, dass sie für Meining nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es
büssen, dass sie sich unwürdige Fesseln anlegen liess, die sie und mich erdrücken?
Was kann der alte Mann an ihr lieben? Er, der es nicht weiss, was ihr reiches
Herz bedarf, wie es geliebt werden muss, wie es zu lieben vermag. Und grade jetzt
kann und muss ich sie sprechen, mich mit ihr verständigen, denn Meining ist nicht
hier.
    Heute habe ich ihr geschrieben; sie hat selbstquälerisch meinen Brief
ungelesen zurückgesandt. Ich möchte ihr die Qualen, die sie sich vergrössert,
ersparen, und kann es nicht. Sie muss sie durchkämpfen, wie ich es tat, um
später die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf. Sie muss es fühlen, wie ich,
dass unsre Verbindung eine innere Notwendigkeit ist, der zu widerstehen eine
Torheit, eine Sünde ist. Waren je zwei Wesen für einander geschaffen, so ist
sie es für mich; ich könnte sagen, sie sei mein anderes Ich, so finde ich mein
Denken in ihr wieder, so teile ich jedes ihrer Gefühle; und doch drückt es Das
nicht aus, was wir einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen
und trennte ihn in Mann und Weib, damit beide Teile nach Vereinigung streben
und ein doppelt glückliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem Entbehren
sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen. Sie ist mein,
ein Teil meines Selbst, das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der
Selbstmörder sein Leben von sich wirft; sie ist die Liebe, der Duft, das Licht
meiner Seele, der zarte Wiederhall alles Grossen, das ich gedacht - sie war einst
mein, sie soll es wieder werden.
    Wende mir nicht ein, dass ich selbst sie aufgegeben habe; ich hatte sie
vernachlässigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber früh oder
spät mussten wir uns wiederfinden, wie es geschehen ist, weil wir Eins sind.
Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt entreissen. Ich will
mein Glück um jeden Preis! Ich will es nicht selbstsüchtig wie ein wilder
Jüngling; ich will es, mit der ruhigen, ernsten Ueberzeugung des Mannes von
Meining fordern und von ihr selbst, weil mein Glück das ihre ist und ihr Leben
rettet.
    Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich fürchten? So klein ist Clementine
nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt sie mich zu überreden,
dass es ihr gelingen werde, mich für Meining zu opfern, der mir mein Eigentum,
mein Leben geraubt hat? Nimmermehr! Hätte ich sie nur gesprochen! Aber ich kenne
ihre Ueberspannung, ihre übertriebene Gewissenhaftigkeit. Freiwillig wird sie
mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewähren, und Niemand ist hier, bei dem ich
sie treffen könnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist; sie
verlässt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, ich habe also keine Wahl.
Denke an mich. In wenig Stunden wird mein Loos - ich hoffe es - zu meinem Glück
entschieden sein.
 
                              Fünfzehntes Capitel
Es war ein schwüler, heisser Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft und
drückte Clementinen's jetzt doppelt reizbare Nerven nieder. Ein Teil der
Dienerschaft hatte die Erlaubnis, den Sonntag auswärts zuzubringen, benutzt; die
Uebrigen hielten sich in dem entlegenen Dienerzimmer auf, da die Geheimrätin
erklärt hatte, ihrer nicht zu bedürfen. Alles um sie her war still und einsam,
sie sass lange in Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trüber und
trüber, wie ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die
Schwalben, die ängstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in
einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden
unermüdlich fort, so oft er abriss, ihn auf's Neue knüpfend - kein Laut in der
Natur, ausser dem heimlichen Flüstern der Bäume, die nicht aufzuatmen und sich
zu regen wagten, bei der glühenden Luft. Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde
nieder. Es war ihr, als müssten sie sie erdrücken, wenn es so fortging. Sie hielt
es nicht länger in den dumpfen Zimmern aus, sie hoffte frei aufzuatmen im
Freien, sich selbst zu entfliehen, und ging eilig hinab in die breiten Alleen
des Gartens. Aber auch hier fand sie weder die Kühlung, noch die Beruhigung,
deren sie bedurfte; sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb
sie mit ungewohnter Hast durch die schattigen Partien des Gartens, nach den
offneren, freien Plätzen; sie näherte sich dabei der Strasse und sah den
Briefträger dem Tore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimrats brachte.
    Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich
nicht entschliessen konnte, in das Haus zurückzukehren, ging sie in den Pavillon,
wo sie für den Abend zu bleiben dachte, zündete selbst die Lichter an und setzte
sich zum Lesen nieder. Je länger sie las, je bewegter schien sie zu werden;
endlich legte sie den Brief fort und lehnte sich in den Divan zurück, das
Gesicht in den Händen verbergend. Meining's liebevoll sehnsüchtiger Brief tat
ihr mehr wehe, als die härtesten Vorwürfe es vermocht hätten. Es fiel ihr
schwer, Lob zu ertragen, das sie nicht verdiente, Liebe zu empfangen, die sie
nicht erwiderte, und ein Vertrauen zu geniessen, das sie nicht vergelten konnte.
Es wäre ihr nicht möglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu Ende zu
lesen, es schien ihr, als wäre er nicht an sie gerichtet. Er galt der
Clementine, die Meining's würdig war, die Anspruch hatte auf seine Achtung - das
war sie nicht mehr. Hatte sie doch gestern noch Robert auf das Lebhafteste
herbeigewünscht; wozu nützte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte
immer als Sieger aus demselben hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen
sich selbst zu sein und - auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an dem
Namen des Geliebten, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom
Schlummer, als vom Wachen, nervöse Menschen nach starker, geistiger Aufregung
oft befällt. Alle ihre Gedanken flossen und verschwammen in einander, bis die
ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas, das ihr fremd und vollkommen
gleichgültig dünkte, vor ihrem getrübten Blicke dalag.
    Da öffnet sich plötzlich die Türe des Gartenhauses, die hohe Gestalt eines
Mannes erscheint in der Türe. Er ruft sie an mit ihrem Namen, er breitet ihr
seine Arme entgegen und, widerstandlos zu ihm hingezogen, fliegt sie mit einem
Ausruf des Entzückens ihm entgegen und sinkt ihm an das Herz.
    Unter den Küssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust, und die
zärtlichsten Worte der Liebe, die süssesten Tränen sagen ihm, wie warm das Herz
ihm schlägt, das an dem seinen klopft.
    Er bat sie nicht um ihre Liebe, er gelobte ihr die seine nicht, und doch
floss das Geständnis ihrer Liebe von Clementinen's Munde, doch hörte Robert nicht
auf, der Geliebten zu sagen, wie glücklich er sei. Er ruhte zu ihren Füssen, er
küsste ihre Hände, beugte ihr Haupt zu sich hernieder, und sie barg wieder wie in
ihrem Traume ihr Angesicht in seinem dunkeln Haar, das sie spielend durch die
feinen Finger gleiten liess. Worte, die dem Himmel angehörten, wechselten mit
kindischem Spiele, wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt.
    Draussen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in grossen,
rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch die
buntgemalten Fenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine Gemach.
Die ängstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz erbittend, und er
fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser Schwäche.
    Sieh, Geliebte! sprach er, so will ich Dich immer behüten, immer suche
Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit, wie froh macht mich
das Gefühl meiner Kraft, Dir, Du Zarte, Schwache! gegenüber. Glaube mir, alle
Eure Gewalt liegt in Eurer Hülflosigkeit; werde nie mutig, nie stark, meine
Geliebte! Niemals könnte ich, wie Meining, Deiner süssen Furchtsamkeit lachen;
und jedes Gewitter, das über uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese
Stunde sein. Ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, künftig in den kühlen
Gemächern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine Arme führt.
    Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber plötzlich
aufschreckend machte sie sich aus den Armen des Geliebten los. Meining's Name
hatte Alles um sie her verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und die
Wirklichkeit machte ihre Rechte wieder geltend. In dem Rausch der Ueberraschung,
in welche das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie versetzt, hatte sie
Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das unaussprechliche Glück, das sie
ihr Leben hindurch ersehnt, von des Geliebten Munde das Geständnis seiner Liebe
zu hören und ihm zu sagen, wie er ihre Welt, ihr Schicksal, ihr Alles gewesen
sei von ihrer Jugend an. Nun kam das niederschmetternde Bewusstsein über sie, dass
diese erste Stunde des Glückes auch sicher die einzige und letzte für sie sein
werde und müsse. Aber das Verlangen ihres Herzens war befriedigt, ihre lang
verschwiegene heisse Liebe war, wenn auch nur für einen Augenblick, frei und
schön zur hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte
durchgedrungen und hatte geblüht, zur Freude des Geliebten. Das konnte, das
musste ihr genügen, jetzt und immerdar.
    Verlasse mich, gehe! bat sie plötzlich und schlang doch ihre Arme fesselnd
um seinen Hals. Es ist vorbei, vorbei für immer! Er verstand sie nicht.
    Ich soll Dich lassen? und in dieser Stunde? fragte er.
    Kann es denn anders sein? klagte sie. Du selbst hast mit dem Namen meines
Gatten mich an ihn erinnert, den ich so treulos verrate, der es nicht ahnt, in
liebendem Vertrauen, dass sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen
Armen, an Deinem Herzen beweint. Gehe, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst!
rief sie noch einmal und ihre glühenden Tränen flossen auf seine Brust.
    Nein! ich gehe nicht! versetzte er. Liebst Du mich denn nicht? Musst Du nicht
mein sein, weil Du mir gestanden, dass Du nur mich allein geliebt? Ich will nicht
mehr leben ohne Dich, ich will es nicht, Du sollst nicht hinsterben in
fruchtlosen Kämpfen. Leben sollst Du für mich, für mich allein. Denkst Du wohl
jenes Abends, als Dein müdes Haupt in den Blättern der Cala sich barg, wie hart
ich war, wie ungerecht der Zweifel an Dir mich damals machte? Jetzt, da ich
Deiner sicher bin, jetzt, da ich Meining und den Adel seines Sinnes kenne -
    Nicht weiter, ich beschwöre Dich, flehte Clementine, Meining liebt mich, ich
weiss es und ich kenne seine Grossmut - aber dringe nicht in mich, jetzt nicht.
Verlasse mich nur jetzt, nur heute, morgen hörst Du von mir - gewiss, nur jetzt
lass mich allein.
    Ich höre von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Kannst Du Dich mir nach so
langem Entbehren, nach so kurzem Glücke so schnell entziehen? Glaubst Du, dass
ich einwilligen werde, mir auch nur einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart
rauben zu lassen, jetzt da Du wieder mein bist? Nein, morgen in aller Frühe bin
ich wieder hier, morgen und alle Tage will ich's in Deinen Augen lesen und an
Deinem Herzen empfinden, dass die Welt die Mühe des Lebens vergelten, überreich
vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in der Hoffnung gehe ich. Und so gute
Nacht, mein schönes, holdes Glück. Denke auch im Traume an mich - ist es mir
doch selber wie ein schöner Traum, dass ich Dich wieder gefunden habe, dass Du mir
wieder leuchtest, Du lieber Stern aus meiner Jugendzeit; nun gehe mir niemals,
niemals wieder unter. Und nun lebe wohl und ruhe sanft, Du holdes, süsses Weib!
    Noch einmal sanken sie einander in die Arme, noch einmal hob er die Geliebte
zu sich empor, und ruhten Herz an Herz und Mund an Mund. Noch ein langer Kuss, in
den sie alle Glut, alle Liebe ihres Lebens presste, noch ein kurzer Augenblick
voll Wonne, und Clementine war allein - allein mit der Ueberzeugung, auf dem
Gipfel ihres Lebens gestanden zu haben, entschlossen, den Weg, der ihr zu machen
blieb, unerschütterlich fest fortzuwandeln, reich durch das Andenken an diese
Eine nun entschwundene Stunde.
    Schlaflos verging ihr die Nacht, sie rang vergebens nach einem Entschlusse.
Bald hielt sie es für nötig, ihrem Manne Alles zu bekennen, seine Vergebung zu
erflehen und ihr Schicksal in seine Hände zu legen, dann wieder schien es ihr
eine heilige Pflicht, ihm Alles zu verschweigen wie bisher. Robert baute seine
Hoffnungen auf ihre Trennung von ihrem Manne, und wider ihren Willen sah sie
sich in Hochberg neben und mit ihm wirken. Sie empfing ihn, wenn er Abends
zurückkehrte, sie teilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn glücklich an
ihrer Seite, sich selber glücklich neben ihm - aber konnte sie jemals glücklich
werden? Konnte sie sich losreissen von dem Manne, von dessen Leben sie seit
Jahren ein Teil gewesen war? Er war ihr Gatte, hatte ihr in all den Zeiten, die
sie mit einander verlebt, mit sorglicher Liebe angehangen; sie war seine Freude,
sein Glück, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen! Sollte er sie verachten
müssen? Sollte er einsam und allein in seinem Alter bleiben, weil sie mit kalter
Selbstsucht auf den Trümmern seines Glückes ihr Haus gebaut? Es war eine lange
dunkle Nacht, die sie durchwachte, aber der Tag brach endlich an, und mit ihm
traten die Vernunft und das Gefühl der Pflicht, die Herrschaft über die
zügellosen Schöpfungen der Phantasie und des Herzens wieder an. Als sie sich am
Morgen von dem Lager erhob, war sie mit sich einig.
    Der frühe Morgen brachte ihr von dem Geliebten Kunde.
    Ich kann die Zeit nicht erwarten, Du Teure, schrieb er ihr, in der ich Dich
wiedersehen darf, ich muss Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkürzen.
Jene Besorgnis, die uns überfällt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir nach
langer Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten Türme der Vaterstadt
uns sichtbar werden - dieser Unruhe kann ich jetzt nicht Herr werden, da ich
mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfüllung meiner sehnlichsten
Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens nähere. Ich möchte bei Dir
sein, Deine Hand in der meinen halten und in dem warmen Lichte Deiner Blicke die
schöne Gewissheit Deines Besitzes fühlen. Als ich gestern tief in Deine Augen
blickte und mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin
ich eifersüchtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flüchtig könne mein
Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser. So gewiss, so
klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit mit mir selbst, mich
aus Deinem Auge verschönert anblickt, so wird jeder Gedanke, jedes Gefühl meines
Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich gefühlt und doch unendlich schöner
wiedergegeben, wenn es durch die läuternde Atmosphäre Deines Herzens, Deines
Geistes gegangen ist. Ja! mein teures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine,
nur zusammen können wir das höchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen möglich
ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefühl, dass ich in Dir den schönsten
Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen habe, die nun
mein sind für ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die Jahre von Schmerz und
Kummer vergessen machen, die ich in unglücklicher Verblendung über Dich verhängt
hatte? Nur das beruhigt mich, dass eine Liebe, wahr und stark wie meine, Alles
ausgleicht, dass es kein Opfer gibt, keines, meine Clementine! das ich Dir nicht
mit Freuden zu bringen im Stande wäre, wenn Dein Glück es erheischt.
    Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich? Glaube
mir, jetzt ist Alles gut. Ich fühlte es gestern, als Du in meinen Armen ruhtest,
als Dein Haupt auf meine Schulter sank: die Nacht des Leidens ist vorüber, und
eine schöne Zeit wird uns werden. Nun erst werde ich mein Land lieben, ganz
anders lieben, weil es den heimischen Herd entält, an dem Du waltest; mit ganz
anderm Sinne werde ich für die Zukunft säen und wirken für ein Geschlecht, das
nach uns lebt - o! eine schöne Zeit wird uns jetzt werden. Möge sie Dir mit dem
heutigen Tage beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ängstigt und quält,
Geliebteste! Die Hindernisse irdischer Verhältnisse müssen vor der Gewalt unsrer
Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich
vereint. - Fühlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An die Zeit denke, wenn
wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wünsche sie so sehnlich herbei
als ich, der nach Dir verlangt mit aller Glut und Liebe, welcher ein
Menschenherz fähig ist. Ich möchte ein Gott sein, wenn Götter stärker zu lieben
vermögen, als wir, um Dich so glücklich zu machen durch meine Liebe, als ich es
wünsche, um Dir das Geschenk Deines Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges
Wiedersehen, Geliebte! Noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe - wie lange ist das
noch, und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte. Ganz und
immer Dein.
Ruhig, wie ein abgeschiedener Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine auf
diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine Stunde des
höchsten Glücks empfunden, nun fühlte sie die Kraft zu entsagen.
    Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl getan
und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie an das Dasein
Gottes glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von Dir das
Opfer, das mich das schwerste dünkt. Wir dürfen uns nicht wieder sehen, mein
Freund! weil wir nicht für einander leben dürfen.
    Höre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen könnte, muss Dich
gestern die Freude, welche mir Dein Wiedersehen bereitet, von meiner heissen
Liebe überzeugt haben. Kein trüber Gedanke hat mir die Seligkeit gestört, das
Geständnis Deiner Liebe von Deinem Munde zu hören, mein höchstes Glück in Deiner
Freude zu geniessen. Was der sehnlichste, einzige Wunsch des Mädchenherzens war,
Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewährt, die sie Dir nicht lohnen darf. In den
Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir gequält, von Dir
entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des herbsten Schmerzes
verbracht, die nun alle ausgetilgt sind aus meinem Leben durch eine Stunde des
Glückes, und diese Stunde werde ich Dir ewig danken; wie in dieser Stunde soll
mir Dein geliebtes Bild gegenwärtig bleiben.
    Die Deine aber werde ich nie. Ich darf mein Glück nicht auf Kosten der Ruhe
und Ehre eines Mannes erkaufen, der mir sein Glück und seine Ehre anvertraut,
mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat. Kann ich die Liebe, die er für mich
hegt, gewaltsam seinem Herzen rauben? Darf ich, die Jahre hindurch seine
Gefährtin war, ihn verlassen, da das Alter sich ihm naht? Soll ich ihn dem
Gespötte preisgeben, das grausam jeden verratenen Ehemann verfolgt? Soll die
Welt ihn verlachen, weil er grossmütig mir vertraute, obgleich er durch mich
selbst wusste, dass mein Herz nicht ihm allein gehören könne? Du weisst es nicht,
wie zart, wie schonend er mich behandelt, wie vollkommen er meine Achtung,
meinen Dank verdient hat. Ob er mir verzeihen wird? ich weiss es nicht - nur das
fühle ich, dass ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem Willen, um
Dich aus meinem Herzen zu reissen, dass ich vor Gott mich schuldlos fühlen darf
und selbst die Stunden nicht bereue, die ich gestern mit Dir verlebt, und die
mich über eine freudlose Vergangenheit trösten, für eine schwere Zukunft
entschädigen sollen.
    Ich lege mein Loos in Meining's Hände; er mag mir vergeben, mich von sich
weisen - Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es mir beschieden wäre,
meinen Gatten zu überleben. Sieh darin keine Schwärmerei, keine Ueberspannung:
ich halte die Ehe, Du weisst es, für ein unauflösliches, ewig bindendes Band. Das
Weib ist kein todter Besitz, der heute aus den Händen des Einen in die des
Andern übergeht; ganz, ungeteilt, frei und frisch an Geist und Leib muss sie dem
Manne gehören. Dass ich mit geteiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist das
Unrecht, welches mein Leben zerstört und alle meine Leiden und auch jetzt die
Deinen hervorgerufen hat. Ich tat es, weil man mich überredete, es sei Pflicht;
weil ich glaubte, ich könne Dein vergessen und frei werden.
    Noch einmal einen gleichen Schritt zu tun, die gleiche Sünde gegen Dich zu
begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht, Dich zu
vergessen, so wenig würde das Andenken an Meining je für mich aufhören. Könntest
Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen im Stande wäre? Willst Du ein
Weib, das selbst in Deinen Armen an den Verrat denken würde, den es begangen
hat? dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse vergällt wäre?
    Täusche Dich nicht, Geliebter! so würde es sein. Ich, gequält von inneren
Vorwürfen, Meining einsam und verhöhnt, sein Name, für dessen Ruhm er Jahre lang
gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten, entehrt durch
seine Frau - und Du? Ich fühle, was ich Dir einst hätte sein können, kann und
wird Dir keine Andre werden - was ich Dir jetzt noch werden könnte? Mein Herz
zieht sich zusammen bei dem Gedanken, dass ich selbst mich um das Glück gebracht,
Dich so zu beglücken, als ich es gehofft. Jetzt wäre ich zweifach elend, denn
ich würde Dich unglücklich sehen durch mich, und auch Deine Ehre wäre verloren.
Oder ertrügest Du es ruhig, zu hören: das ist Talberg, wegen dessen sich
Meining von der Frau geschieden, die Talberg jetzt geheiratet hat. Und die
lächelnden Blicke, welche solche Worte begleiten - o! es wäre ein Fluch, der
über uns schwebte, gegen den wir keinen Schutz, auch nicht in unsern Herzen
fänden.
    Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben wir
für einander, und nur wie man der teuren Todten gedenkt, lass uns an einander
denken. Die Tränen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich das Opfer fühle, das
ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten Augenblicke, die ich mit Dir
verlebe. Ich möchte mein ganzes Herz Dir zeigen, wie es Dein ist und Dein war;
Du weisst es und fühlst es, wie schwer es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so
unaussprechlich geliebt.
    Lebe denn wohl Geliebter, mein Leben, mein Glück! - Ich nehme Dich bei dem
Worte, dass kein Opfer Dir zu schwer sei für mich. - Versuche es nicht, mich zu
überreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf, dass Du noch heute die Stadt
verlässest, dass Du es nicht versuchst mich wiederzusehen, weil Du mich liebst.
    Und nun Gottes schönster Segen über Dich! Möge eine reiche Zukunft Dich für
den Schmerz dieses Scheidens entschädigen. Denke mein oft, wie einer Schwester,
der Dein Glück tiefstes Bedürfnis ist; mögest Du das Glück finden, das Du von
mir erwartet hast! Lebe wohl, und denke ohne Sorge an mich. Jetzt werde ich Ruhe
haben. Ich habe das schönste Glück empfunden, ich konnte es besitzen und opfre
es meiner Ueberzeugung, das wird mir Frieden geben. Gott sei mit Dir auf allen
Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe wohl.
Mit bebenden Händen wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener übergeben. Es war
geschehen. Tief atmend ging Clementine auf und nieder, und ein Friede, wie sie
ihn lange nicht gekannt hatte, machte sie das, was sie für Pflicht erachtet,
leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, sie wollte sich vor ihrem Manne
demütigen, wie es ihr gebührte, er sollte sie nicht für fehlerloser halten, als
sie war, und wie sie sich selber kannte, sollte er sie kennen, und entscheiden
über sie.
    Ich habe gestern Deinen Brief erhalten, schrieb sie ihm, und er hat mich
gerührt und beschämt, denn ich habe mich vor Dir anzuklagen. Ich habe es nie
vermocht, meine Fehler zu beschönigen, und so will ich auch vor Dir, vor meinem
Manne, nicht besser scheinen, als ich es bin.
    Du weisst, als Du mir Deine Hand angetragen, zögerte ich sie anzunehmen,
nicht aus Misstrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir es nicht
verborgen, dass ich einen Andern geliebt, dass sein Andenken mir noch sehr teuer
war - aber ich hatte Dir versprochen, dagegen zu kämpfen, und das habe ich
redlich getan. Trotz Deiner Liebe, trotz meines festen Willens, ist diese
Leidenschaft nicht erstorben, sie ist neu erwacht, als ich den Gegenstand
derselben, den ich kaum zu nennen brauche, wieder gesehen habe. Vielmals hat das
bekennende Wort auf meinen Lippen geschwebt, ich habe Dich um Schutz gegen mich
anflehen wollen; aber Dein ausdrückliches Verbot, Dein Widerwillen gegen solches
Vertrauen hat mich zurückgehalten, und mehr noch, dass ich Dich, den ich von
Grund der Seele ehre und achte, nicht betrüben wollte. Deine Zufriedenheit, Dein
Glück waren der Zweck meines Lebens geworden, und ich mochte Dir nicht Schmerz
bereiten, weil ich hoffte, allein den Sieg zu gewinnen.
    Seit acht Tagen ist Talberg zurückgekehrt und hat täglich versucht, mich zu
sprechen, was ich ihm nur verweigerte, weil ich es musste. Gestern ist er
unerwartet zu mir gekommen; ich habe das Geständnis seiner Liebe gehört, ich
habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe, und ich bekenne Dir das offen, weil ich mich
frei vor Gott und vor Dir fühle. Dass ich nicht willig dieser Leidenschaft
gefröhnt, dass ich mit aller Gewalt mich zu befreien gestrebt, dafür bürgt Dir
Deine Kenntnis meines Herzens, meine Achtung vor unsrer Ehe und meine gebrochene
Gesundheit. Du hast ein Recht die Wankelmütige von Dir zu weisen, mir Deine
Liebe zu entziehen, aber Du musst mir Deine Achtung erhalten; denn jetzt habe ich
entsagt und für immer. Halte das nicht für leere Worte, welche Dich bestechen
sollen; erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin ich mit reinem Bewusstsein
Dein, während am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Talberg störend zwischen
Dir und mir stand. Ich fühle mich unzertrennlich an Dich gebunden und würde mich
noch als zu Dir gehörig betrachten, wenn Dein gekränkter Stolz mich verstiesse.
Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich Das nicht wie ein Verbrechen büssen
lassen, was ich gegen meinen Willen empfand; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht
entziehen, weil ich mich dessen nicht unwürdig fühle.
    Und nun, mein Freund! mein guter, milder Freund! kennst und weisst Du Alles;
gewähre mir Mitleid mit meiner Schwäche und erhalte mir, wenn Du es vermagst,
Deine Liebe. Ich sage Dir nicht Alles, was ich für Dich fühle, nur als Bittende
wende ich mich an Dich, und ich wünsche und hoffe, Du werdest Deinem Weibe kein
strengerer Richter werden, als Du es sonst dem Menschenherzen zu sein pflegtest.
Eine schwere Krankheit hat lange in mir gelegen, die Krisis ist vorüber, und ich
werde genesen, ich fühle es. Du, der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt,
Du wirst die Genesende nicht verlassen, die gesund werden will und wird, um für
Dich zu leben.
    Vergib mir und sage mir bald, dass ich Dir noch wert sei, dass Du meine
Stütze und mein Freund bleiben willst. Schreibe mir bald, ich verlange sehr nach
diesem Briefe, und vergib mir, was ich, wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir
tat. Vergib es mir, weil ich mir selbst vergeben möchte, und lass mich Deine
Clementine bleiben.
    Auch diesen Brief wollte sie sofort befördern, doch fand es sich, dass die
Post nach J.... erst am folgenden Tage abgehe und dass er also noch liegen
bleiben müsse. Dadurch gewann sie Zeit, an den Eindruck zu denken, den ihr
Schreiben auf Meining hervorbringen würde, auf ihn, der vollkommen arglos an sie
und ihre Liebe glaubte. Wie würde es ihn betrüben, wie unglücklich würde es ihn
machen! Sie hatte ihm ihr Herz entüllt, um sich selbst genug zu tun; jetzt
empfand sie, dass in dieser Handlung weit mehr Selbstsucht als Tugend läge. Um
sich zu beruhigen, um ihr Gewissen zu besänftigen, raubte sie Meining, von
dessen Vergebung sie überzeugt sein konnte, die sie mit Recht zu verdienen
glaubte, seine Ruhe. Was konnte die Folge von diesem Briefe sein? Sie nahm ihrem
Gatten seine Zuversicht, sie zwang ihn zu einem Argwohn, der ihn selber
demütigen musste, und stellte sich ihm als ein Opfer, als ein Muster von
Entsagung gegenüber, nachdem sie eben nur ihre Pflicht getan hatte. Und sie war
bereits mit sich darüber einig, schweigend, wie sie gegen ihren Mann gefehlt,
auch zu ihm zurückzukehren. In dem Augenblick brachte man ihr noch einen Brief
von dem Geliebten.
    So sei es! weil Du es willst! hiess es in demselben. Ich scheide von Dir,
weil Du's gebietest. Du hast Recht, jetzt ist's zu spät. Ich habe unser Glück
einst freventlich vernichtet und vermag nicht mehr, es uns auf's Neue zu
bereiten, obgleich ich Dich mehr liebe, stärker, heisser als je. Wie sehr liebe
ich Dich! - Und muss ich erst nun, da die schwere Stunde solcher Trennung vor uns
steht, es erkennen, dass Du noch viel reiner und grösser bist, als ich selbst in
den begeistertsten Augenblicken es für möglich hielt? Warum, schöner Stern,
stiegst Du noch einmal in aller Pracht Deines Glanzes an meinem Lebenshorizont
empor, wenn Du mir untergehen musst für immer? Doch nein! Du bleibst! Du bleibst
das klare Licht, auf das mein Auge blickt, das seine leuchtenden Strahlen in
meine Seele wirft, wenn ich im Gewühl der Welt den Glauben an die Menschen je
verlieren könnte. Du bist! - und wer darf zweifeln an der Göttlichkeit des
Menschen.
    Ich scheide von Dir! Du fühlst wie ich, was dieses Wort bedeutet; was es
heisst: zu entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde unsers
Abschiedes entweihen. Wie jene selige Insel, die nur einmal in Jahrtausenden aus
dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwählten Paradieses-Wonne bereitet,
dem sie zu schauen vergönnt ward, so taucht das Andenken an die Stunden, die ich
gestern mit Dir verlebt, ewig beseligend aus dem Meere meines Lebens empor. Du
hast mich reich gemacht, Geliebte! reich für immer, denn wer vermag zu lieben
wie Du! - Weh mir, dass ich selbst unsre Welt zerstört!
    Lebe denn wohl, Geliebte! lass mich Dir danken für die Gunst Deiner Liebe,
für das kurze und doch so unvergessliche Glück. Unvergesslich und doch so
flüchtig, gleicht es jener stolzen Blume, die nur eine Stunde blüht, weil diese
eine Stunde vollendeter Schönheit herrlicher ist, als das ganze, matte Leben
aller andern Blumen. Lebe wohl, schöne, hohe Königin der Nacht, Geliebte meiner
Jugend, Sehnsucht aller meiner Tage. Lass uns fortgehen auf der Bahn, die Du für
uns gewählt hast und die ich gleich Dir betrete. Wir haben die reinste Freude
des Lebens gekannt - lass uns in Anderem das Glück suchen, das wir freiwillig
opfern. O! nur noch einmal lass es mich sagen, nur noch dies eine Mal höre es an,
dass ich Dich liebe, wie nur je ein Weib geliebt ward, Dich, meine Clementine!
Und damit nun für immer Lebe wohl!
Stumm drückte Clementine den Brief gegen ihr Herz, aber keine Träne kam in ihre
Augen. Sie hatte sich selber wiedergefunden, ein Werk der Befreiung geübt an
sich und an den beiden Männern, zwischen denen ihr Schicksal sie gestellt.
    Sie war wie zu neuem Leben geboren. Sie konnte an Talberg denken ohne die
stürmische Unruhe der Leidenschaft, ohne die peinigenden Vorwürfe des Gewissens,
ohne die Sehnsucht, die ihn herbeiwünschte und sich deshalb verdammte; und
selbst auf Meining's Rückkehr sah sie mit Zuversicht, weil sie sich seiner
wieder würdig fühlte. Es war ihr feierlich zu Sinne, als sie Robert's Briefe und
den, welchen sie für ihren Mann geschrieben, zusammen in die Lade ihres
Schreibtisches verbarg. Dort sollten sie unberührt liegen, wie jene Dokumente,
die man unter dem Grundstein eines neuen Baues birgt, denn auch sie fing an zu
bauen für die Zukunft, mit dem frömmsten Sinne, und mit der Hoffnung auf die
Dauer dessen, was sie schaffen wollte.
    Am andern Tage, als sie, nicht ohne Wehmut, den Gartensaal betrat, fand sie
noch Meining's Brief dort liegen, den sie in der Aufregung jenes Abends nicht zu
Ende gelesen und dort vergessen hatte. Mit welch andern Empfindungen las sie ihn
jetzt! Ja, selbst die Nachricht, dass er früher wiederkehren würde, dass sie ihn
in vierzehn Tagen erwarten könne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles für seine
Heimkehr herzurichten, wie die Erlebnisse der letzten Tage auch noch in ihr
nachhallten.
    Der wiedergewonnene Seelenfriede verfehlte nicht, seinen wohltätigen
Einfluss auf Clementine zu äussern. Er brachte ihren Nächten Schlaf und ihren
Nerven Ruhe, so dass ihr Gatte, als sie ihm bei seiner Heimkehr freundlich, wenn
auch mit klopfendem Herzen, entgegenkam und ihm dann weinend um den Hals fiel,
sie weit wohler fand, als an dem Tage, an dem er sie verlassen hatte. Er war
froh sie wieder zu sehen, und nur das verdross ihn, dass sie von Zeit zu Zeit
seine Hand, die in der ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre Lippen drückte, statt
seine Umarmung zu erwidern.
    Als dann im Sommer Frau von Alven anlangte und das gute Einverständnis der
Eheleute sah, konnte sie sich nicht entalten, ihrer Nichte im engsten Vertrauen
zu bemerken, es käme immer und überall nur darauf an, dass Mann und Frau sich
wirklich verständigen wollten, denn eine glückliche Ehe zu führen, das habe jede
Frau in ihrer Hand. Du wärst mit keinem Manne so glücklich geworden, als mit
Meining, sagte sie, selbst mit Talberg nicht, der Dir bei Deiner Verheiratung
doch noch sehr am Herzen lag.
    Clementine entgegnete Nichts darauf. Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen für
sich. Ein paar Jahre später erlangte der Einfluss des Geheimrats die Berufung
seines Schwagers nach Berlin, und als Marie die Schwester wiedersah und das
gegenseitige Fragen und Erzählen erst im Zuge war, rief Marie mit einem Male:
Die neueste Neuigkeit bringe ich aus Wiesbaden mit. Ich habe dort Talberg
wieder gesehen. Was für ein schöner Mann ist der geworden! Auch seine Braut ist
frisch und lässt Dich vielmals grüssen. Sie sagt mir, Du hättest sie mit Talberg
bekannt gemacht. Sie werden gleich nach der Hochzeit für Jahr und Tag auf Reisen
gehen, weil Talberg es so will. Aber Clementine, sagte sie, sich unterbrechend:
wie Du ernstaft wirst! Wir Frauen sind doch närrische Geschöpfe! Ich glaube,
lieber Meining! meine Schwester wundert sich noch heute, dass Talberg, der in
frühster Jugend eine Neigung für sie hatte, die sie teilte, sich nach zehn,
zwölf Jahren endlich entschliessen kann, eine Andere zur Frau zu nehmen. Sage
einmal selber, Schwester, ist's nicht so?
    Clementine schwieg, aber Meining drückte ihre Hand und sagte, als sie später
allein waren, sehr bewegt: Treues Herz! jetzt weiss ich, woran Du vor zwei Jahren
erkranktest und woran Du littest. Wohl uns, dass Du genesen bist!
 
    