
        
                               Jeremias Gottelf
                                 Geld und Geist
                                      oder
                                 Die Versöhnung
 Das wahre Glück des Menschen ist eine zarte Blume, tausenderlei Ungeziefer
umschwirret sie, ein unreiner Hauch tötet sie. Zum Gärtner ist ihr der Mensch
gesetzt, sein Lohn ist Seligkeit, aber wie Wenige verstehen ihre Kunst, wie
Viele setzen mit eigener Hand in der Blume innersten Kranz der Blume giftigsten
Feind; wie Viele sehen sorglos zu, wie das Ungeziefer sich ansetzt, haben ihre
Lust daran, wie dasselbe nagt und frisst, die Blume erblasst! Wohl dem, welchem zu
rechter Zeit das Auge aufgeht, welcher mit rascher Hand die Blume wahret, den
Feind tötet; er wahret seines Herzens Frieden, er gewinnt seiner Seele Heil, und
beide hängen zusammen wie Leib und Seele, wie Diesseits und Jenseits.
    Im Bernbiet liegt mancher schöne Hof, mancher reiche Bauernort, und auf den
Höfen wohnt manch würdiges Ehepaar, in ächter Gottesfurcht und tüchtiger
Kinderzucht weitin berühmt, und ein Reichtum liegt da aufgespeichert in Spycher
und Kammer, in Kasten und in Kisten, von welchem die luftige neumodische Welt,
welche alles zu Geld macht, weil sie viel Geld braucht, keinen Begriff hat. Bei
allem diesem Vorrat liegt eine Summe Geld im Hause für eigene und fremde
Notfälle, die in manchem Herrenhause jahraus, jahrein nicht zu finden wäre.
Diese Summe hat sehr oft keine bleibende Stätte. Wie eine Art von Hausgeist,
aber keine böse, wandert es im Hause herum, ist bald hier, bald dort, bald
allentalben: bald im Keller, bald im Spycher, bald im Stübchen, bald im
Schnjetztrog und manchmal an allen vier Orten zu gleicher Zeit und noch an ein
halb Dutzend andern. Wenn ein Stück Land feil wird, das zum Hofe sich schickt,
so wird es gekauft und bar bezahlt. Vater und Grossvater sind auch nie einem
Menschen etwas schuldig geblieben, und was sie kauften, zahlten sie bar und zwar
mit eigenem Gelde. Und wenn Verwandschaft oder in der Freundschaft und in der
Gemeinde ein braver Mann in Geldverlegenheit war oder einen Schick zu machen
wusste, so wanderte dieses Geld hierhin und dortin, und zwar nicht als eine
Anwendung, sondern als augenblickliche Aushülfe, auf unbestimmte Zeit, und zwar
ohne Schrift und Zins, auf Treu und Glauben hin und auf die himmlische Rechnung,
und zwar eben deswegen so, weil sie noch an ein jenseits glaubten, wie recht
ist.
    In die Kirche und auf den Markt geht in ehrbarem Halblein der Mann, und die
Erste des Morgens und die Letzte des Abends schaltet die Frau im Hause, und
keine Speise kömmt auf den Tisch, welche sie nicht selbst gekocht, und keine
Melchter in den Schweinstrog, in die sie nicht mit blankem Arme gefahren wäre
bis auf den Grund.
    Wer solche adeliche Ehrbarkeit sehen möchte, der gehe nach Liebiwyl ( wir
meinen nicht das in der Gemeinde Köniz, wissen auch nicht, ob sie dort gefunden
würde). Dort steht ein schöner Bauerhof hell an der Sonne, weitin glitzern die
Fenster, und alle Jahre wird mit der Feuerspritze das Haus gewaschen. Wie neu
sieht es daher aus und ist doch schon vierzig Jahre alt, und wie gut das Waschen
selbst den Häusern tut, davon ist es ein täglich Exempel.
    Eine bequeme Laube, schön ausgeschnjetzt, sieht unterm Dach hervor; rings ums
Haus läuft eine Terasse, ums Stallwerk aus kleinen, eng gefügten Steinen, ums
Stubenwerk aus mächtig grossen Platten. Schöne Birn- und andere Bäume stehen ums
Haus, üppig grünt es ringsum; ein Hügel schirmt gegen den Bysluft, aber aus den
Fenstern sieht man die Berge, die so kühn und ehrenfest Trotz bieten dem Wandel
der Zeiten, dem Wandel der Menschen.
    Wenn Abend ist, so sieht der Besucher neben der Türe auf einer Bank einen
Mann sitzen, der ein Pfeifchen raucht und dem man es ansieht, dass er tief in den
sechziger Jahren steht. Unter der Türe sieht er zuweilen eine lange Gestalt mit
freundlichem Gesichte und reinlichem Wesen, welche dem Mann etwas zu sagen oder
etwas zu fragen hat, das ist des Mannes Frau. Hinten im Schopf tränkt ein
hübscher Junge, schlank und keck, die schönen Braunen, während ein älterer
Bruder Stroh in den Stall trägt, und aus dem Garten hebt sich aus Kraut und
Blumen herauf zuweilen ein lustiges Meitschigsicht und frägt die Mutter, ob es
etwa kommen solle und helfen, oder schimpft über Wären im Kabis, über Katzen im
Salat, über Mehltau an den Rosen und frägt den Vater, was gut sei dagegen.
Diensten und Tauner kommen allgemach vom Feld heim, ein Huhn nach dem andern
geht zSädel, während der Tauber seinem Täubchen noch gar emsig den Hof macht.
    Ein solches Bild hätte man fast alle Abende vor Augen gehabt, wenn einer vor
fünf oder sechs Jahren vor jenem Hause zu Liebiwyl stillegestanden wäre, und
wenn er dann die Nachbaren oder eine alte Frau, welche etwas unterm Fürtuch
gehabt, gefragt hätte, was das für Leute wären, so hätte er in Kürze ungefähr
Folgendes vernommen.
    Das seien bsunderbar gute und grausam reiche Leute. Als sie vor ungefähr
dreissig Jahren Hochzeit gehabt hätten, da seien sie das schönste Paar gewesen,
welches seit langem in einer Kirche gestanden. Mehr als hundert Wägelein hätten
sie zum Hochzeit begleitet, und noch Viele seien auf den Rossen gekommen, was
dazumal viel mehr der Brauch gewesen als jetzt, ja sogar das Weibervolk hätte
man zuweilen auf Rossen gesehen und bsonderbar an Hochzeiten. Das Hochzeit habe
drei Tage gedauert, und an Essen und Trinken sei nichts gespart worden, man
hätte landauf, landab davon geredet. Aber dann hätte es auch Hochzeitgeschenke
gegeben, dass es ihnen selbst darob übel gegruset hätte. Zwei Tage lang hätten
sie mit Abnehmen nicht fertig werden können und noch Leute zur Hülfe anstellen
müssen; aber ein berühmterer Bauernort sei auch noch nie gewesen das Land auf,
das Land ab.
    Einen solchen Hof, von den schönsten einen und ganz bezahlt und manchtausend
Pfund Gülten dazu, das finde man nicht allentalben. Sie hätten es aber nicht
für sich alleine, die wüssten noch, dass die Reichen Verwalter Gottes seien und
von dem erhaltenen Pfund Rechnung stellen mussten. Wenn jemand sie zu Gevatter
bitte, so sei es nie Nein, und die meinten nicht, seit das Holz so teuer sei,
hätten arme Leute keines mehr nötig. Die Diensten hätten ihre Sache wie nicht
bald an einem andern Ort; da meinte man noch nicht, es müsse alles an einem Tage
gearbeitet sein und dazu sei es schade um ein jegliches Tröpflein gute Milch,
welches ihnen vor die Augen komme.
    Kurzum das seien rechte Leute, und einen Frieden hätten sie unter sich, wie
man sonst selten antreffe; da sei das Jahr aus, das Jahr ein lauter Liebe und
Güte, es hätte noch niemand gehört, dass eins dem Andern ein böses Wort gegeben.
Wenn es unter der Sonne Leute gebe, welche es hätten, wie sie wollten, und
nichts zu wünschen, so seien es die; öppe glücklichere Leute werde man nicht
antreffen.
    So urteilten die Leute und hatten dem Anschein nach vollkommen recht, und
doch war auch hier wahr, dass jedermann seine Bürde schwer finde und dass den
meisten Lebensbürden die Eigenschaft anwohne, dass sie immer schwerer werden, je
länger man als Bürde und ununterbrochen sie trage, dass ihre Last zu einer
Unerträglichkeit sich zu steigern vermöge, in welcher jedes andere Gefühl, jedes
Glück und jede Freude untergeht. Allerdings hatten sie sehr lange, was man so
sagt, recht glücklich mit einander gelebt; doch war es auch wahr geblieben, dass
an allen Orten etwas sei, aber dieses Etwas blieb nur vorübergehend, ward nicht
zur andauernden Empfindung und kam nie vor die Leute.
    Es ist kurios, wie das, was die Menschen im Allgemeinen so oft gegen
einander aufregt, so gerne trennend ebenfalls zwischen Eheleute kömmt; ich meine
das zeitliche Gut. Nur wo ein Instrument rein gestimmt ist, klingt es bei
kundiger Berührung rein wider, wo aber das Instrument unrein geworden, antwortet
es misstönend auch der kundigsten Hand, auch bei der leisesten Berührung. Es
scheint, das Verhältnis zweier Eheleute, wo Beide ein Interesse haben, Beiden
das Gut gemeinsam gehört, Beide jeglichen Schaden gemeinsam fühlen, sollte dem
Zwiespalt vorbeugen, aber eben das ist, was ich meine: Friede und Zwiespalt
liegen nicht in den Verhältnissen, sondern in den Herzen. Man wird mir etwas
zugeben, man wird sagen: ja, wo alles Vermögen vom Manne kommt, wo er alleine
alles verdient und das Weib nichts mitgebracht hat, da geschieht so etwas gerne,
oder wo vom Weib alles kömmt und von dessen Sache der Mann lebt, ebenfalls; da
wird das rechte Mass selten gefunden, und das Eine meint, es möge alles erleiden,
und das Andere, man sollte es bei jedem Kreuzer zeigen, wem es gehöre und wem
man es verdanke. Oder, wird man sagen, wo ein Mann haushälterisch ist und das
Weib vertunlich, wo der Mann alles zu Ehren ziehen möchte und das Weib von
nichts den Wert kennt und alles an die Kleider hängen möchte, oder wo der Mann
gutmeinend ist, das Weib aber den Geizteufel im Leibe hat, wo der Mann will, was
Recht und Brauch ist, das Weib aber Kaffeebohnen zählt und niemand was gönnt, da
muss es Streit geben, da kann es nicht anders sein.
    Allerdings, so ists. Aber es gibt nicht bloss Streit, sondern noch
Schlimmeres als Streit, andauernden Zwiespalt, und zwar nicht bloss wegen
Lastern, sondern noch weit mehr wegen Eigentümlichkeiten, und zwar auch da, wo
man in der Hauptsache durchaus einig ist.
    Unsere Eheleute waren Beide von Haus aus reich, Keines hatte dem Andern
etwas vorzuhalten. Er hatte den Hof geerbt mit wenig Schulden, sie ungefähr
vierzig, oder fünfzigtausend Pfund eingebracht. Beide waren haushälterisch,
gaben wenig Geld für Unnützes aus, zogen alles bestmöglichst zu Ehren, gingen
wenig von Haus, waren dabei guten Herzens, dienstbar, hülfreich und wohltätig.
Nach altländlicher Sitte hatten sie auch das Geld gemein, die Frau ging über das
Schublädli so gut wie der Mann, und vom Auf, schreiben der täglichen Ausgaben
und Einnahmen war keine Rede. Zu diesem Schublädli hatten sie nur einen
Schlüssel, und wenn eins denselben von dem Andern forderte, so fragte nie eins
das Andere, für was es Geld nehmen wolle.
    Christen, der Mann, hatte eine behagliche Natur; wenn er an der Arbeit war,
so tat es ihm selten einer zuvor an Fleiss und Geschick, aber Mühe kostete es
ihn, an die Arbeit zu gehen.
    Er schob nicht ungern von einem Tag zum andern auf, und was sich ihm heute
nicht schicken wollte, schickte sich ihm selten schon morgen. Es mochte Wetter
sein, wie es wollte, so fing er nie eine der grossen Sommerarbeiten im Lauf einer
Woche an. Wenn alles um ihn her zappelte, so sagte er ganz kaltblütig, wenn das
Wetter gut bleibe, so wolle er am nächsten Montag auch anfangen, aber so in der
Mitte der Woche möge er nicht; der Vater hätte es auch nie getan, und das sei
ein Mann gewesen, es wäre gut, es würde noch viele solche geben. Wenn es aber am
nächsten Montag nicht schön Wetter war, so wartete er ruhig noch eine Woche ab.
Er hätte noch nie gesehen, dass man im schlechten Wetter gutes Heu mache, und
wenn es genug geregnet hätte, so werde es auch wieder gut Wetter werden. So kam
es dann allerdings, dass er gewöhnlich zuletzt fertig ward mit einer Arbeit und
zu vielem keine Zeit fand. Er meinte aber, wenn man schon seine Leute nicht eis
Tags töte, so zürnten sie einem deswegen nicht, und wenn das Vieh auch nicht sei
was Menschen, so solle man doch auch Verstand gegen dasselbe haben, wofür hätte
man ihn sonst. Es sei Mancher, er gönne keine Ruhe weder Menschen noch Vieh,
aber er sehe nicht, dass die gar weit kämen; was sie erzappelten, könnten sie dem
Doktor geben oder dem Schinder. Die Tiere, welche er hatte, waren ihm alle lieb,
und wenn er eins fortgeben sollte, so wars, als wollte man einen Plätz von
seinem Herzen damit. Er löste daher aus seinem Stall nicht viel, und mit den
höchsten Preisen machte man ihm nichts feil, wenn es ihm eben ins Herz gewachsen
war.
    Daneben, wenn er jemand etwas fahren, mit einem Pferd einen Dienst leisten
sollte, so sagte er niemand ab, war dienstfertig in alle Wege, nur Geld schenkte
er nicht gerne. Es hielt ihn überhaupt hart, es auszugeben. Man wüsste nicht, wie
hart es ginge, bis man es hätte, sagte er, und wenn man es einmal fort hätte, so
hätte es eine Nase, bis man wieder dazu käme.
    Anders war darin Änneli, seine Frau. Die war ein rasches Mädchen gewesen und
hatte sich dreimal umgedreht, während eine Andere einmal. Kuraschiert ging sie
an alles hin, und an den Fingern blieb ihr nichts kleben. Sie war in ihrer
Jugend viel gerühmt worden von wegen ihrer Gleitigkeit; so ging es ihr bis ins
Alter nach, dass sie gerne voran war in allem. Es gehe in einem zu, sagte sie,
und wie viel Zeit man gewinne das Jahr hindurch, wenn man alles rasch angriffe,
wüsste man nicht, man könnte es mit fast ds Halb weniger Leuten machen. Z'gyzen
begehre sie nicht, Gott solle sie davor behüten; aber wenn man Kinder hätte, so
müsse man immer daran denken, dass sich einst das Gut verteile, und wenn man es
mit dem ganzen Gut bösdings machen könnte, wie sollten es dann die Kinder machen
mit dem halben oder einem Viertel? Dann kämen ihr auch immer die vielen armen
Leute in den Sinn, denen man helfen sollte, für die hatte man nie zu viel. Und
allerdings war Änneli bsunderbar gut und konnte niemandem etwas absagen; die
Kleider gab sie fast vom Leibe, äsiges Zeug, was man wollte, ja selbst Geld
schlüpfte ihr durch die Finger, wenn sie gerade im Sack hatte. Zu allen
Tageszeiten sah man arme Leute, besonders Weiber mit Säcklein, kommen und gehen.
Böse Leute redeten ihr nach, einesteils sei sie gerne eine berühmte Frau und
besser als andere Weiber, andernteils höre sie gerne, was in andern Häusern sich
zutrage, und das arme Weib kriege am meisten, welches am meisten Böses von den
Nachbarsweibern zu berichten wüsste. So redeten die andern Weiber. Es war aber
vielleicht nur Neid, weil sie nicht so gerne und aus gutem Herzen gaben wie
Änneli, dass sie ihr so etwas andichteten.
    So waren also Christen und Änneli in der Hauptsache einig und gleich
gesinnt. Beide wollten ihr Gut verwalten, dass sie es einst vor Gott verantworten
könnten, wollten gut sein und doch an die Kinder denken, aber jedes hatte dabei
seine eigentümliche Weise; Christen wollte zusammenhalten, was er einmal hatte,
Änneli wollte sich um so rascher rühren und aus allem den rechten Nutzen ziehen,
damit sie dem Dürftigen um so treuer helfen könnte in seiner Not.
    So war die Art eines jeden, aber das Eine störte das Andere in seiner Art
viel weniger, als man hätte glauben sollen. Es schien allerdings manchmal dem
Christen, als ob seine Frau zu gut wäre und jedem Klapperweib Glauben gebe, und
als würde das, was sie auf diese Weise unnütz ausgebe, ein artig Sümmchen
ausmachen. Allein da er nicht meinte, er müsse alles gleich sagen, was ihm in
Sinn kam, so hatte er Zeit zu vergleichenden Betrachtungen. So dachte er, ein
jeder Mensch hätte etwas an sich, und er wolle doch lieber, Seine sei zu gut als
zu bös, und daneben sei sie doch sparsam, für die Hoffart brauche sie nichts;
mit dem Haushalten möge sie nicht bald eine, und wenn es Ernst gelte, schaffe
sie für Zwei und brauche nicht eine Jungfrau hinten und vornen. So möge es schon
etwas erleiden, und er könnte leicht eine haben, welche viel mehr brauchte und
dazu nicht verrichtete, was sein Änneli.
    Änneli kam es allerdings manchmal bis in die Fingerspitzen, wenn ein Metzger
für eine Kuh bot, dass es ihr schien, sie dürfte das Geld kaum nehmen, und die
Kuh gab wenig Milch, nicht einmal gute und nur kurze Zeit. Die Kuh war nichts
als schön, und Christen konnte doch nicht von ihr lassen, nahm das Geld nicht,
behielt sie im Stalle, wo sie nichts nutzte, als einer bessern den Platz zu
verschlagen und dass hie und da jemand sagte: Das sei die schönste Kuh in manchem
Dorfe weit herum, man könne weit laufen, ehe man eine solche antreffe. Und
manchmal kam es ihr vor, als sollte sie aus der Haut fahren, wenn die Sonne so
warm am Himmel stand, das Korn so reif auf dem Felde, der Montag war aber noch
nicht da, und Christen sass behaglich ums Haus herum oder ging erst ans
Bändermachen, welche in andern Häusern längst fertig waren. Und wenn dann
endlich der Montag kam und mit ihm alle die vielen Leute, welche Christen nötig
glaubte, für welche alle Änneli kochen musste, und eine Wolke stand in einer Ecke
am Himmel, und von wegen der Wolke stand Christen mit allen seinen Leuten vom
Morgenessen bis zum Mittagessen ums Haus herum, werweisend, ob sie einhauen
wollten oder nicht, und sie kamen am Mittag alle wieder zum Essen, und kein Halm
war noch abgehauen, so wollte es Änneli fast über den Magen kommen, und es legte
sich wie ein Stein über ihr Herz.
    Und dann dachte sie, es müsse jeder Mensch seine Fehler haben und jeder
seine Bürde, und wenn Christen nicht so wäre, so hätte sie auch gar nichts und
müsste fürchten, dass etwas viel Ärgeres käme. Darum wollte sie sich auch nicht
beklagen; andere Weiber hätten es ja viel schlimmer, und während der Mann alles
vertäte, sollten sie nichts brauchen. Und was hätte sie davon, wenn ihr Christen
in alle Spitzen gestochen wäre und in allem der Erste, und er wäre dann wüst
gegen sie und gegen Andere, gönnte niemand etwas und dächte nur ans Raxen und
hätte kein Herz als nur fürs Geld und das Fürschlagen? Sie wollte doch mit
hundert Andern nicht tauschen, und wenn Christen auch nicht der Erste hinterm
Korn sei, so sei er auch nicht der Erste hinterm Wirtshaustische, und wenn er
auch oft der Letzte im Heuet sei, so sei er doch nie der Letzte, der von einem
Markt heimkomme oder sonst von einer Lustbarkeit, und wenn man so eins ins
Andere rechne, so wüsste sie nur zu rühmen, und Sünde wäre es, zu klagen, und
Keinen wüsste sie, an welchen sie ihren Christen tauschen möchte.
    Wo das Gemüt der Menschen noch auf diese Weise rechnet, da weist es sich
nicht nur zurecht, sondern es ist auf dem Wege zur Zufriedenheit mit seinem
Schicksale, ist rechter Dankbarkeit gegen Gott fähig, nimmt dem Missgeschick
seinen Stachel, den Fehlern der Mitmenschen ihre Säure. Nur da, wo der
Gesichtskreis sich verengert, so dass man das Gute nicht mehr sieht, sondern nur
das Böse, wo das Gefühl sich schärft für das Unbeliebige und in gleichem Masse
der Sinn abnimmt für das Dankenswerte, nur da ist das Unglück fertig und der
Abgrund öffnet sich, aus welchem als grauenvolles Gespenst die Zwietracht
steigt. Wie der östreichische Soldat auf die Haselbank, ist der arme Mensch mit
seinen eigenen Gedanken fast wie mit seinen Haaren gefesselt an das, was ihn
drückt, beschwert, kann nicht mehr loskommen, stöhnt, klöhnt, zappelt, zanket,
webert, wimmert, aber alles umsonst, er ist angeschmiedet mit Fesseln, gegen
welche keine Feile hilft. Menschen können ihm nicht helfen, und Gott will es
nicht, denn wer sich hinstreckt auf diese Bank, der hat auch von Gott gelassen.
    Christen und Änneli waren also allerdings glücklich und auf dem Wege zu noch
grösserem Glück, weil sie sich und ihr Geschick wogen mit der Wage der
Dankbarkeit, welche der Mensch Gott schuldig ist.
    Nun geschah es freilich auch, dass dem Einen oder dem Andern ein empfindlich
Wort entfuhr, aber so verblümt, dass es unter vielredenden Stadtleuten nicht
einmal beachtet worden wäre. Dass Christen zum Beispiel sagte, wenn Änneli es
anbot, ein Schnäfeli Fleisch ihm ins Hinterstübli zu stellen: »He, es ist mer
gleich, wenn du noch hast.« Das fühlte Änneli schon als Trumpf, weil sie das
Bewusstsein hatte, dass sie allerdings aus Erbarmen manches weggegeben, was
Christen auch genommen und vielleicht vermisst hatte. Wenn aber Christen so
drehte und an nichts hin wollte und seine vielen Leute im Taglohn, aber nicht an
der Arbeit hatte, so gramselte es Änneli wohl in den Gliedern und es entfuhr ihm
die Frage: Wenn sie nichts zu tun wüssten, so wollte es sie an den Kabis
z'bschütten reisen. Christen empfand das übel, weil er wohl wusste, dass sie viel
genug zu tun hätten, wenn er nur daran hin könnte, und dass seiner Frau so viele
Leute, welche nichts täten und doch Lohn und Essen wollten, katzenangst machen
müssten.
    Solche Worte kamen freilich selten, aber hier und da entrannen sie doch. Es
wurde darüber nicht geeifert und gezankt, wie es zuweilen unter hochgebildeten
Leuten der Fall ist, dass vor aller Welt um einen halben Birnenstiel Mann und
Frau sich zanken, bis die Frau in Krämpfe fällt oder gar in Ohnmacht. Das,
welches den Trumpf erhalten, schwieg, wenn es ihn schon tief fühlte und er ihm
weh tat. Doch wie tief er auch ging, lang haftete er nicht, er eiterte nicht.
Hauptsächlich waren es zwei Gründe, welche es verhüteten, dass solche
eingegangene Trümpfe nicht böses Blut machten.
    Ännelis Mutter wohnte bei ihnen. Das war eine gar verständige Frau und hatte
den Tochtermann sehr lieb. Sie war früher bei einem andern Tochtermann gewesen,
welcher sie roh und wüst behandelt hatte. Sie hätte alles dargeben sollen und
nichts brauchen, alles annehmen und zu nichts was sagen. Hier hatte sie es, wie
sie es wollte. Christen zog sie zu Rat, als wenn sie seine eigene Mutter wäre,
hielt sie um ein Geringes, und wenn im Haus etwas Gutes zu essen oder zu trinken
war, so ruhte er nicht, bis die Mutter auch davon hatte, wenn sie es auch nicht
begehrte. Und wenn es ihr irgendwo fehlte, so ging er ihr selbst zum Doktor und
hielt diesem an, er solle recht anwenden, es möge kosten was es wolle; wenn ihm
das Mutterli abgehen sollte, er wüsste nicht, wie es ferner machen. So sah die
Mutter deutlich, sie sei ihm nicht im Weg und er möge ihr Leben und alles Gute
so lange gönnen als Gott, und das ist wahrhaftig nicht an allen Orten der Fall.
Wenn nun das Mutterli sah, dass ein Wort eingeschlagen hatte, Änneli bös war,
vielleicht gar weinte und ihr klagte, so was hätte sie nicht verdient und sie
halte es nicht mehr aus und sie wolle lieber sterben als länger so dabei sein,
so goss Mutterli nicht Öl ins Feuer, sondern sagte: »Du gutes Kind, du weisst gar
nicht, was Leiden ist, und weil du grosses Leiden nicht kennst, darum nimmst du
ein klein Wörtchen so schwer auf. Aber Änneli, Änneli, versündige dich nicht; es
macht mir immer Angst, wenn ich junge Weiber wegen so kleinen Dingen so nötlich
tun sehe, der liebe Gott suche sie mit schwerem Unglück heim, damit man es
erfahre, warum er einem das Weinen gegeben und wann er das Klagen erlaubt. Wenn
du gehabt hattest was ich, dann würdest du für solche Kleinigkeit Gott danken
und darin ein Zeichen sehen, dass er dich recht lieb hat. Denk doch, wie ich es
gehabt habe!« Und sie erzählte Änneli eine Geschichte aus ihrem Leben, von ihrem
Manne oder ihrem Tochtermanne und wie sie sich da habe fassen müssen, wenn
Unglück und Elend nicht noch grösser hätten werden sollen. Freilich tönte das
anfangs manchmal nicht gut bei Änneli, und sie sagte: »Ich bin darum nicht Euch,
und was habe ich davon, wenn Ihr noch böser gehabt habt als ich, darum habe ich
noch lange nicht gut.« So sprach Änneli wohl, aber der Mutter Rede wirkte doch,
es setzte sich ihr Zorn, und ihre Liebe richtete sich wieder auf. Wenn sie dann
ganz wieder zufrieden war, so warf sie ihrer Mutter scherzweise wohl vor, man
sollte eigentlich meinen, Christen wäre ihr Kind, denn sie hätte diesen lieber
als sie, und er möge machen und sagen, was er wolle, so sei alles recht. Sie
glaube einmal, wenn Christen ihr die Nase abbeissen wollte, sie zündete ihm dazu.
    Aber die Mutter redete auch Änneli z'best. Wenn sie dem Christen einmal ein
Wort ins Herz gejagt hatte und die Mutter sah, dass es drin sass wie ein Splitter
im Fleische, trappete sie Christen nach, bis sie ihn in einer heimlichen Ecke
hatte, und bat ihn, er solle es nicht übel nehmen; er wisse wohl, Änneli sei
ängstlicher Natur, und sie hätte ihr das nie abgewöhnen können, gäb was sie
probiert hätte. Aber es bös meinen, das tue sie nie, und wenn er nur zufrieden
wäre, sie wisse, sie wäre es sicher auch gerne. Christen war nicht so, dass wenn
jemand sich unterzog, er dann um so wüster tat, er wurde auch nicht um so
aufbegehrischer, je demütiger einer sich darstellte; die Art hatte er nicht, zu
einem Ratsherrn hätte er nicht getaugt. Er sei nicht böse, sagte er dann der
Schwiegermutter, aber es daure ihn, dass Änneli meine, sie müsse für ihn sinnen.
Alles auf einmal machen könne man nicht, und so unbesinnt dreinfahren wie ein
Muni in einen Krieshaufen, das möge er nicht. Er hätte nie gesehen, dass viel
dabei herauskomme. Aber er wisse wohl, ein jeder hätte seine Art und dass Änneli
es gut meine. Darum wenn ihm schon zuweilen etwas eingehe, so trage er es ihr
nicht nach, man müsse mit einander Geduld haben, es hätte ein jeder seine
Fehler, und wofür sei man sonst in der Welt?
    So mittelte, als guter Hausgeist, die Schwiegermutter die meisten
Streitigkeiten, oder, um es besser zu sagen, ebnete die kleinen Spalten, welche
sie zwischen den Herzen sah. Hier und da war wohl eine Spalte, welche sie nicht
sah oder welche sie nicht ebnen konnte, ehe die Sonne unterging; die ebnete und
schloss dann ein anderer Geist.
    Es war eine alte schöne Haussitte, welche durch Jahrhunderte eine unendliche
Kraft übte und alles, was Streitbares in den Herzen sich ansetzte, alsobald
zerstörte und tilgte, welche wie ein guter Geist den Frieden erhielt, bei
welchem Gottes Segen ist und welcher den Kindern Häuser baut: wer zuletzt zu
Bette kam, Mann oder Weib, betete dem Andern hörbar das Vaterunser, und schwer
musste der Schlaf sein, wenn das Erste nicht erwachte und nachbetete mit Andacht
und aus Herzensgrund. Wenn dann die Bitte kam: »Vergib mir meine Schulden, wie
ich vergebe meinen Schuldnern«, und es war Streit oder vielmehr Spaltung
zwischen Mann und Weib, so klang sie wie eine Stimme Gottes in den Herzen, und
die Worte zitterten im Munde. Und wenn dann die andere noch kam: »Und führe mich
nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von allem Bösen«, so versenkte und
tilgte schamrot vor Gott Jegliches, was es dem Andern nachgetragen, und es
schlossen sich die Herzen auf, und jedes nahm seine Schuld auf sich, und jedes
bat dem Andern ab, und jedes bekannte sein Glück und seine Liebe und wie nur im
Frieden ihm wohl sei, aber wie der böse Geist an ihns komme, er wisse nicht wie,
ihm schwarz mache vor den Augen des Geistes und ihns treibe in die Trübnis des
Zornes und der Unzufriedenheit. Wie dann, wenn das Gebet komme, es ihm wäre, als
komme eine höhere Macht hinter den bösen Geist im Herzen, setze mit scharfer
Geissel ihm zu, dass er, wie er sich auch winde, dahinfahren müsse, und dann sei
ihm, als erwache es aus einer Betäubung, als gehe eine Tür ihm auf, als sehe es
aus wilder Nacht in einen schönen sonnigen Garten, so dass ihm sei, als müsste es
den ersten Eltern so gewesen sein, als sie aus der Wildnis noch den letzten
Blick ins verlassene Paradies getan. Dann treibe es ihns mit aller Gewalt diesem
Garten zu, in aller Angst, es möchte ihm gehen wie den ersten Eltern, die immer
weiter davon wegkamen, und Ruhe habe es nicht, bis es wieder drinnen sei, und
dieser sonnige Garten sei der Friede und das trauliche Verhältnis, und wenn es
die ganze Welt gewinnen könnte, an diesen Garten des Friedens tauschte es sie
nicht. So blühte ihnen neu ihr Gluck wieder auf, und in freudiger Demut bekannte
jedes seine Fehler, bat ab seine Schuld, versprach, recht rittermässig zu kriegen
gegen diesen bösen Feind, der unabtreiblich immer wieder komme. In süssem Frieden
schliefen sie ein, und wenn dann ein junger Tag auf blühte am Himmel, so
erwachten sie mit neugestärkten Herzen Es war ihnen, als hätten sie sich neu
gefunden wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; sie sehnten sich nach einander, in
geheimem Verständnis suchten sich ihre Augen, und Christen trappete unvermerkt
dem Änneli nach und Änneli trat alle Augenblicke unter die Türe, zu sehen, wo
doch Christen sei.
    So verstrichen Jahre, und die gute Mutter starb. Es war ein harter Schlag
für die Leute im Hause, ein guter Geist schied mit ihr, sie missten sie alle und
lang. Christen sagte oft, eine solche Schwiegermutter gebe es nicht mehr auf der
Welt, er glaube es nicht, und kein Tag verging, dass er nicht sagte: »D'Muetter
het allbets gseit - -«
    Der andere gute Hausgeist aber, der starb nicht, sondern blieb bei ihnen und
einigte ihre Herzen immerfort und half ihnen auch tragen, was das Leben sonst
noch Schweres ihnen brachte. Denn es gibt in jeglichem Leben harte Schläge, wie
es in jeglichem Sommer Gewitter gibt, und je schöner der Sommer ist, um so
mächtiger donnern die einzelnen Gewitter über die Erde.
    Gott hatte sie mit Kindern gesegnet, ihre innigste Freude hatten sie an
ihren. Da kam die Hand des Herrn über sie, und hinter einander nahm er ihnen die
schönsten und liebsten, und es war ihnen, als sollte keines mehr übrig bleiben,
als sollten sie alleine bleiben in der Welt. Es kam ihnen schwer an, sich zu
fassen, und lange, lange ging es, bis sie recht aufrichtig sagen konnten: »Der
Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«
Sie versuchten es oft, aber sie schämten sich und schwiegen, denn sie fühlten,
dass das Herz ganz anders redete, und sie wussten wohl, was Gott von solcher
Zwietracht zwischen Mund und Herzen halte. Aber sie trugen mit einander, und
wenn sie des Abends mit einander beteten und eins fing an: »Unser Vater«, so
stockte wohl die Stimme, und das Weinen kam, und das Andere weinte mit, und
lange konnte Keines wieder beten. Und doch liessen sie nicht nach, bis es eins
vermochte, und wenn auch jede Bitte neues Weinen brachte und hinter jeglicher
die verlornen Kinder standen und das Reich und der Wille und das Brot, kurz
alles, alles an sie mahnte und bei den Schulden die Angst kam, ob sie nicht
etwas an ihnen versäumt, an ihnen sich versündigt hätten. Konnten sie aber alles
begwältigen, konnten sie sich durchringen, wie Wanderer durch Klippen und
Schlünde, bis zu dem Ende, konnten sie mit einander beten: »Denn dein ist das
Reich, dein die Kraft, dein die Herrlichkeit« - dann kam Ruhe über sie, die
Wellen der Schmerzen sänftigten sich. Sie konnten sich denken die Kinder in der
Herrlichkeit des Vaters, bei der Grossmutter, konnten sich denken die Zeit, wo
auch sie durch die Kraft des Vaters auferweckt bei ihnen sein würden in des
Vaters Reich in alle Ewigkeit. Dann konnten sie mit einander reden von den
gestorbenen Kindern und wie sie so gut und lieb gewesen und was sie alles gesagt
und wie es gewesen wäre, als hätten sie ihren Tod geahnt. Von den toten kamen
sie auf die lebendigen, redeten von ihren Freuden und Hoffnungen und wie sie den
gestorbenen glichen und jeden Tag ihnen ähnlicher würden und wie es ihnen wäre,
als hätten die Kinder sie viel lieber und mühten sich nach Kräften, die Lücke
auszufüllen. Allmählig wuchsen die lebendigen an die Stelle der toten, wurden
gleichsam die Blumen, welche der Toten Gräber deckten, den Augen der Eltern
verbargen.
    Drei Kinder, wie gesagt, waren ihnen übrig geblieben, zwei Buben und ein
Mädchen. Der Jüngste war der Mutter Liebling, das Mädchen des Vaters Herzkäfer,
der Älteste allen lieb. Die Kinder hatten überhaupt der Eltern Art und wuchsen
in der Sitte des Hauses auf in adelicher Ehrbarkeit. Mit gar vielem Lernen
brauchten sie den Kopf sich nicht zu zerbrechen, aber fest in der Bibel wurden
sie; das sei die Hauptsache, meinen Vater und Mutter, die hätte sie ohne grosse
Künste im Rechnen und Schreiben hieher gebracht.
    Allerdings waren auch Beide in beiden Dingen keine Hexenmeister, und wenn
Christen seinen Namen schreiben sollte, so nahm er einen Anlauf, als wenn er
über einen zwölf Schuh breiten Graben springen sollte, und wenn Änneli mit dem
Ankenträger uneins war in ihren Rechnungen, so wurde sie plötzlich einig mit
ihm, sobald er die Kreide nahm, und was er aufmachte, war ihr recht, sie wusste
wohl warum.
    Etwas anders war es mit dem Arbeiten. Änneli musterte sie dazu und meinte,
sie lernten es nie zu früh und etwas Nützliches machen sei besser als etwas
Ungattliches, und etwas müsse gehen bei Kindern. Christen aber meinte, so früh
trage Arbeiten nichts ab, es erleide nur den Kindern, und wenn sie später
sollten, so möchten sie nicht; wenn ihnen einmal der Verstand komme, so griffen
sie von selbst an. Einmal er habe es so gehabt, und es werde niemand sagen, dass
er nicht arbeiten könne und möge. Diese Verschiedenheit gab auch hie und da
einen Anlass, dass sie einander vergeben und vergessen konnten. Denn wenn Änneli
musterte, so entrann Christen wohl zuweilen ein: »He, ich wollte sie nicht
zwängen; wenn sie möchten, sie täten es schon.« Und wenn Christen mit
Wohlgefallen dem Nichtstun der Kinder zusah, so sagte wohl zuweilen Änneli: Es
dünke ihr, es sollte doch dem Einen oder dem Andern in Sinn kommen, etwas
Wichtigeres zu machen. Aber alles dieses tilgte der gute Hausgeist wieder aus,
tilgte alle Abende die Säure, die sich zuweilen in den alternden Herzen ansetzen
mochte.
    Etwas ging auf die Kinder über, denn Kinder sind eine weisse Wand; so weiss
die Hände sind, welche über sie fahren, zuletzt werden doch die Spuren derselben
sichtbar. Christen, der Älteste, der sich niemand besonders anschloss, war ein
stilles Gemüt, ihn liess man am meisten gewähren; er sagte wenig, aber empfand
viel, lebte mehr in einem innern Leben als im äussern und schien daher untätig
und gleichgültig. Annelise war ein liebliches Mädchen, aber es konnte tagelang
von einer Arbeit sprechen, ehe es daran ging; war es einmal daran, dann konnte
es die beste Jungfrau beschämen, es geschah aber selten. Die armen Leute hatten
es nicht gerne, sie hielten es für hochmütig und wüst, wenn es aber darum zu tun
war, einer armen Frau etwas zu bringen oder ihr zu wachen, so war Annelise immer
parat; auch die jungen Bursche hielten es für hochmütig, weil es nicht anlässig
war wie Andere, hielten es für hoffärtig, weil ihm alles wohl stand und es immer
zweg war, als käme es aus einem Druckli. Resli, der Jüngste, war ein schöner
Bursche, rasch, tätig, gwirbig wie die Mutter; wie sie, wurde auch er etwas
ängstlich in der Arbeit, und während sein Vater einmal handelte in seinem Stall,
hatte er mit Täubchen, Kaninchen, Schafen siebenmal schon gewechselt. In allen
war etwas Schweigsames, Keines redete viel, aber wenn sie redeten, so wollten
sie in jedes Wort viel legen. Und allerdings war jedes Wort, das eins zum Andern
fallen liess, gerade wie ein Lichtstrahl, der hundertfältig splittern kann. Nur
der Älteste konnte viel reden, wenn irgend ein Schlüssel, zum Beispiel ein gutes
Glas Wein, ihm den Mund auftat; dann zeigte er, dass vieles in ihm war, an das
man nicht dachte.
    Je mehr Eigentümlichkeiten in einen Haushalt treten, desto bewegter wird das
Leben, wenn auch nicht von aussen sichtbar, so doch im Innern fühlbar. Wie lieb
man einander auch hat, etwas stösst doch auseinander, etwas hat jedes an sich,
das am Andern mehr oder weniger empfindlich sich reibt. Ein jedes hat sein
eigentümliches Gebiet, welches es wahren zu müssen glaubt vor jeglichem
Eingriff, ein jedes macht seine bestimmten Ansprüche, welche sich scheinbar
zufällig und bewusstlos ausbilden und deren Nichtbeachtung, auch wenn es mit
keinem Wort, keinem Blick verraten wird, tief kränkt. Bei solchen Ansprüchen, je
bewusst, loser sie entstanden sind, um so mehr meint man, ihre Gewährung verstehe
sich von selbst.
    So hatte jedes dieser Kinder wie sein eigentümliches Wesen, so auch seine
eigenen Ansprüche, sowohl an die Eltern als an die Geschwister, und ihre
Nichtbeachtung trieb einen Splitter in sein Herz, und je schweigsamer man nach
der Haussitte über solche Dinge war, um so leichter hatten solche Splitter
geeitert.
    So zum Beispiel war Christen kränklicher Art, zu entzündlichen Krankheiten
geneigt, die zuweilen Folgen hinterliessen, welche einer Auszehrung glichen.
Christen forderte nun Rücksichten für diese Schwäche, in der Arbeit, in der
Speise, in der Pflege, in der Benutzung des Arztes usw. Man tat alles Mögliche,
aber da sein Aussehen die Krankheiten nicht immer verriet, da er meinte, was er
innerlich empfand, sollte man ihm auch äusserlich ansehen, so konnte es nicht
fehlen, dass er sich zuweilen vernachlässigt glaubte, meinte, man achte sich
seiner nicht und wäre froh, wenn er weg wäre.
    Annelisi machte Ansprüche an die Welt, war ein lustig Ding, und wer weiss, ob
nicht im Hintergrund ihrer Seele der Wunsch schlummerte, nicht schön Annelisi zu
bleiben, sondern auch eine Bäuerin, wie die Mutter eine war, zu werden. Sie war
daher gerne in aller Ehrbarkeit bei dieser, bei jener Lustbarkeit, und natürlich
nicht gerne wie ein Aschenbrödel, sondern so aufgestrübelt und aufgedonnert wie
jede Andere. Nun aber waren die Brüder nicht immer bereit zu ihrem Begleit, und
alleine mochte sie nicht gehen, und der Vater wollte nicht immer Geld zu allem
geben, was Annelisi nötig glaubte, und die Mutter war gewöhnlich auf des Vaters
Seite und sagte, sie sei auch nicht Hudilump gewesen und hätte nirgends hintenab
nehmen müssen, aber solches hätte sie nie gehabt, ja nicht einmal davon gehört.
Sie hätte ihrer Mutter mit so was kommen sollen, jawolle! So was tat dann
Annelisi weh, und sie meinte manchmal, sie sollte nur der Brüder wegen da sein
und an ihr sei niemand etwas gelegen. Nur z'arbeiten sei sie gut genug, wenn sie
aber auch etwas wolle, da sei niemand daheim.
    Resli, der natürlich wohl wusste, dass er einmal den Hof erben werde, der
hätte gerne mehr gehandelt mit der Arbeit, mehr gehandelt, mehr benutzt, und es
schien ihm oft, als wenn niemand an ihn dächte, ja als ob alle so viel brauchten
und so wenig täten als möglich, nur damit ihm nichts überbleibe. Er war gar
nicht geizig, aber er war ängstlich, und in dieser stillen Ängstlichkeit, welche
er nicht einmal zeigen durfte, kam er Vielen hochmütig vor, und Andere hielten
ihn für geizig, weil er sehr oft zu Hause war, um zu der Sache zu sehen, während
Andere herumhürscheten unnützerweise und Geld brauchten.
    Weder Vater noch Mutter kannten dieses innere Wesen; man lauscht es sich
selten ab, darum denkt man auch nicht daran, dass es in Andern sei; aber die
Mutter hatte von früher Jugend an die Kinder mit ihrem versöhnenden Hausgeist
bekannt gemacht, hatte sie das Unser Vater so recht gelehrt, dass sie es nicht
gedankenlos beteten, dass es ihnen auch war erst wie ein tiefer See, in den sie
allen Groll versenkten, und dann wie eine hohe Leiter, auf welcher sie ins Land
des Friedens, in den Himmel stiegen. Besonders bei den Brüdern, welche bei
einander schliefen und meist zusammen beteten, hatte dieses die Frucht, dass sehr
selten die Sonne des Morgens den Schatten noch sah, der bei ihrem Untergang das
Herz des Einen oder des Andern verdunkelt hatte. Bei Annelisi hielt es etwas
härter, weil keine bestimmte Gelegenheit ihr gegeben war, ihr Herz des Grolles
zu entleeren; wenn das Gebet sie allerdings versöhnlich gestimmt hatte, so
konnte sie ihre Gesinnung nicht ausdrücken, nicht Frieden schliessen, nicht durch
ein Bekenntnis sich entlasten. Gewöhnlich kam dann die Gutmütigkeit der Brüder
zu Hülfe, die, wenn sie einmal etwas abgeschlagen hatten, hintendrein reuig
wurden und eine Zeitlang um so gefälliger waren, oder die Schwäche des Vaters,
der gar gerne seinem lieben Meitschi hintendrein etwas kramete, welches noch
mehr kostete, als was Annelisi gern gehabt, aber nicht bekommen hatte.
    So lebte die Familie berühmt und im Wohlsein, bis ein Schlag, äusserlich
nicht von grosser Bedeutung, ihr ganzes Glück zu zertrümmern drohte.
    Christen musste nicht nur sächlich die Gemeindelasten tragen helfen, sondern
auch persönlich, das heisst er musste Vogt werden, öffentliche Verwaltungen
übernehmen, sich auch in Behörden wählen lassen. Dieses ist an sich selbst eine
Last, es ist aber auch bedeutende persönliche Verantwortlichkeit dabei, und
seltsamerweise ist an manchem Orte diese persönliche Verantwortlichkeit
unbezahlter Gemeindsbeamteten sehr gross, während den wohlbezahlten
Regierungsbeamteten gar keine auferlegt ist. Wo das System herrscht, jeder
Korporation dem Individuum gegenüber unrecht zu geben, aus dem übel verstandenen
Grundsatz persönlicher Freiheit, und jeden Halunken zu begünstigen gegenüber dem
rechtlichen Manne, aus übel verstandener Humanität, da wird diese
Verantwortlichkeit zu einer förmlichen Gefahr zu einem Schwerte, das an einem
Pferdehaar über des Gemeindebeamteten Haupte hängt.
    Christen, bei seiner Unkenntnis aller Gesetze, bei seiner Unfähigkeit,
selbst zu schreiben, wurde dies sehr beschwerlich und kostbar. Aus eigenem Sacke
musste er nicht nur fremde Hülfe bezahlen, sondern hing auch ganz von fremdem
Rate ab und musste diesem folgen, wie ein Blinder dem Hündchen, welches ihn
leitet. Die eigentliche Gefahr jedoch fühlte er weniger als Änneli, wie dann
Weiber immer mehr Ängstlichkeit besitzen vor dem Kommenden aus der dunkeln
Zukunft als Männer. Alle diese Geschäfte, welche Christen von seinem Geschäfte
und von seiner Arbeit weg, zogen, waren Änneli überhaupt zuwider, jedoch liess
sie dieses den Mann nicht entgelten, wie Weiber oft tun, die dem Manne noch mehr
verbittern, wessen er sich nur gezwungen unterziehen muss. Insbesondere aber war
ihr der verdächtig, welcher dem Mann am meisten mit seinem Rat beistand, sie
warnte ihn oft vor demselbigen. Es komme ihr immer vor, sagte sie, als sei er
falsch an ihnen; er sei viel zu schmeichlerisch und rühmerisch und dazu immer
nötig; so einer mache oft für zehn Batzen, was ein Anderer nicht für tausend
Pfund. Aber Christen konnte ihn nicht entbehren, guter Rat ist immer teuer und
in mancher Gemeinde auch um Geld fast nicht zu haben; Änneli wusste selbst
niemand, der bessern geben konnte, und damit er nicht etwa aus Not sie verrate,
spendierte sie demselben, so viel sie konnte, und wenn er kam, so musste er
allemal im Hinterstübli, wo ihm etwas zwegstand, welches er daheim nicht hatte.
Es gibt aber Leute, welche, je mehr man ihnen gibt, nicht nur um so ungenügsamer
werden, sondern auch in den Wahn geraten, als sei man völlig in ihrer Gewalt und
als könnten sie einen ungemerkt und ungestraft missbrauchen, wie sie nur wollten.
Sind sie einmal auf diesen Punkt geraten, so treiben sie gerne ein doppelt
Spiel, lassen sich von uns bezahlen und von Andern bestechen, um uns zu foppen
und zu betrugen. Sie rechnen, wenn man aus zwei Händen zu nehmen wisse, so gebe
es akkurat doppelt so viel als nur aus einer. Es gibt mehr Leute, welche von
solchem Schmaus leben, als man glaubt.
    Christen war Vormund, hatte fremdes Vermögen hinter sich, ob Geld oder
Schriften, weiss ich nicht, kann beides gewesen sein, denn dass die Titel immer da
seien, wo sie dem Gesetz nach liegen sollten, ist nicht gesagt; wo ein
Regierungsbeamteter und ein Gemeindsbeamteter, ein Gemeindschreiber zum
Beispiel, unter einer Decke liegen und unter einem Hütlein spielen, da können
noch heutzutage ganze Vermögen verschwinden, und wo ist das
Verantwortlichkeitsgesetz gegen den Regierungsbeamteten? Über die unschuldigen
Gemeindräte oder die noch unschuldigern Gemeinden geht es aus. Später muss es die
Gemeinde ersetzen; kleine Diebe hängt man vielleicht, grosse aber lässt man
laufen.
    Christen dachte nun von ferne nicht ans Betrugen, aber er sollte beschummelt
werden.
    Es waren Leute, welche Geld nötig hatten. Christens Ratgeber wurde ins
Interesse gezogen, und dieser bewog den guten Mann, das Geld aus den Händen zu
geben oder anzuwenden, die Titel zu versilbern oder abzutreten. Er sagte
Christen, der Gemeinde sei es ganz recht, er habe mit ihr geredet, und sie habe
ihn autorisiert, er solle es also nur unbesorgt machen, ihm könne es auf keinen
Fall etwas tun. Wenn ihm die Sache einmal aus den Händen sei, so sei er aus
aller Verantwortlichkeit, brauche sie nicht zu hüten, und er wolle alles schon
so schreiben, dass er zu allen Zeiten, es möge gehen, was da wolle, drus und
dänne sei. Dem Christen leuchtete das ein, und er hatte durchaus kein Arg.
Änneli aber traute nicht und sagte: Sie könne nicht helfen, aber sie traue der
Sache nur halb, es treffe fünftausend Pfund an, und mit dem sei nicht zu spassen;
sie hülfe noch zu einem rechten Mann zu Rat zu gehen, man sei nie z'vorsichtig.
    Aber Christen redete ohnehin nicht mehr, als er musste, und von Geschäften so
ungern als möglich, weil er nicht gerne verriet, dass er gar nichts kannte, denn
er schämte sich seiner Unwissenheit doch, wenn er schon seine Kinder nicht
begehrte geschickter zu machen. Zudem wusste er nicht, wem er trauen sollte, wenn
er sich auf seinen Ratgeber nicht verlassen konnte. Wenn der ein Schelm an ihm
sei, so glaube er denn gewiss, es sei kein braver Mensch mehr in der Welt, und
was es ihm dann nütze, Mühe zu haben und herumzulaufen, wo man ohnehin alle
Hände voll zu tun hatte; so redete et. Christen war allerdings auch misstrauisch,
aber eben deswegen suchte er nicht neue Vertraute, sondern hielt am Glauben
fest, wenn der alte Ratgeber treulos sei, so sei keine Treue mehr auf Erden; den
habe er doch probiert auf alle Wege, es dünke ihn, er sollte es mögen halten. Da
Änneli das Wüstest alles nicht machen wollte, so ging richtig die Sache vor
sich, und alles schien gut, denn lange Zeit sagte kein Mensch, dass es nicht gut
sei.
    Nach mehreren Jahren erst fing die Sache an sich zu rühren; allerlei unter
der Hand wurde geredet, und aus der Gemeindratstube heraus schlich, man wusste
nicht wie, das Gerücht, Christen hätte sich gröblich verfehlt mit Vogtsgeld, es
werde ihm an die Beine gehen um viel tausend Pfund. Änneli, die zwar selten von
Haus kam, aber doch alles vernahm, nicht nur was ging, nicht nur was geredet
wurde, sondern noch ds Halbe mehr, vernahm also bald: Es heisse, es ginge
Christen grusam an die Beine, und wenn er nicht so reich wäre, so möchte es ihn
lüpfen. Änneli erschrak gewaltig, obgleich sie wusste, dass es so übel nicht gehen
konnte, und Christen musste auf der Stelle zu seinem Faktotum und ernstlich
fragen, was an der Sache und ob da etwas zu fürchten sei, von wegen, er möchte
lieber zu der Sache tun, ehe es zu spät sei. Der nun lachte ihn aus, dass er doch
auf solches Weiberdamp hören möge, es wäre gut, wenn alles so sicher wäre wie
das. Da sei er ihm gut dafür, dass es ihm keinen Liar kosten werde, und wenn noch
jemand etwas sage, so solle er sie zu ihm schicken, er wolle sie dann brichten.
Nein, da möchte er doch dann nicht so jemand hineinsprengen, dafür sei er noch
lange zu gut. Er hätte schon manchmal können, wann er gewollt, aber o Jere, wenn
er schon ein arm Mannli sei, so hätte er doch noch ein Gewissen und wohl noch
ein besseres als mancher Reiche. Da solle er nur nicht mehr Kummer haben und
ruhig schlafen; was er gemacht habe, sei gut gemacht, und wie gesagt, er wolle
ihm gut sein für jeglichen Kreuzer, den er deretwegen sollte zu Schaden kommen.
    Christen ging getröstet heim, tröstete sein Änneli, und einige Zeit lang
blieb alles wieder still. Aber die Sache tauchte wieder auf und zwar ernster als
früher, und neue Angst kam über die Eheleute. Nun ruhte Änneli nicht, bis
Christen zu einem rechten Manne ging. Der wollte lange mit der Sprache nicht
heraus, sagte, er verstehe sich nicht darauf, hätte Die Schriften nicht gesehen,
und fragte endlich Christen, er werde eine schriftliche Bevollmächtigung von der
Gemeinde erhalten haben zu seinem Verfahren? »He nein«, sagte Christen, »man hat
mir gesagt, das sei nicht nötig, es werde alles eingeschrieben in den
Gemeindbüchern, da könne man alles finden, und die Sache doppelt zu machen,
trage nichts ab.« »He nun« sagte der Mann, »wenn die Sache im Gemeindsbuch
eingeschrieben ist, so kann es dir allweg nichts tun.« Nun war Christen wieder
getröstet, denn dass es eingeschrieben sei, zweifelte er gar nicht. Aber Änneli
traute nicht so recht; er solle doch gehen und nachsehen, ob es denn wirklich
drin sei, sagte sie. Brummend ging Christen und brachte Die Antwort heim, der
Gemeindschreiber hätte gesagt, er hätte jetzt nicht Zeit nachzuschlagen, das
gebe mehr zu tun, als so eine Frau glaube; aber er könne darauf zählen, dass
alles, was erkannt worden sei, darin geschrieben stehe, er wisse wohl, was er
schreiben solle oder nicht. Nun schien Die Sache wieder abgetan, und Christen
sagte: Die Leute könnten seinetalben stürmen, was sie wollten, wenn einer das
Gemeindebuch im Rücken habe, so könne einem niemand etwas tun, und sollte es der
Teufel selber sein.
    Da schlich sich einer, welcher gerne insgeheim den Leuten die Haare
zusammenband, aber dabei nie genannt sein wollte, an Änneli und vertraute ihm:
Das sei gewiss nicht im Gemeindbuch, und es sei eine abgekartete Sache gewesen,
Christen hineinzusprengen, und der Gemeindschreiber suche die Sache geheim zu
halten und zu verdrehen so lange als möglich. Aber einmal müsse Christen doch
zahlen, das sei fertig. Und es wäre besser, er wüsste das so bald als möglich,
vielleicht dass er noch etwas aus dem Feuer ziehen könnte, wenn er zu rechter
Zeit daran hingehe. Das waren alles lauter Donnerschläge für das arme Änneli,
und um so härter trafen sie, weil sie nicht begriff, wie man da helfen könnte,
als dass Christen vor den Gemeindrat gehe und ihm alle Schand sage und vor allem
aus dem Gemeindschreiber, dass er ein Schelm sei und ein verlogener Kerli, und
dass er von allem nichts wolle; sie könnten seinetalben sehen, was sie machen.
Das würde wenig helfen, sagte da neue Ratgeber, aber Christen solle einen Auszug
aus dem Gemeindbuch fordern, und wenn man ihn nicht freiwillig geben wolle, so
solle er ihn richterlich fordern lassen, da werde sichs schon finden, was im
Gemeindbuch stehe und nicht stehe.
    So ging es auch, und nach vielen Umtrieben kam endlich Christen zu da
Erklärung, dass vom ganzen Handel im Gemeindbuch kein einzig Wort stehe; von der
Sache sei wohl geredet worden, aber Erkanntnis sei keine gegangen, man werde
gedacht haben, es sei am besten, wenn man das dem Vogt überlasse, was er mache,
sei ihnen recht. Somit war es entschieden, dass Christen fünftausend Pfund zahlen
musste; erholen konnte er sich nirgends, und der, welcher ihn hineingesprengt,
hatte die schönsten Ausreden und schob die Schuld auf Andere.
    Ich weiss nicht, soll ich sagen: dieser Verlust traf die Familie wie ein
Donnerschlag, der ihr Glück zerschmetterte, oder: dieser Verlust ward zum
giftigen Wurme, der ihren Frieden nach und nach zerstörte. Es wäre nicht das
Eine, nicht das Andere ganz richtig, denn es traf sie wohl der Schlag heftig,
gewaltig, aber nach dem Schlage war der Wurm da und lebte giftig fort.
    Fünftausend Pfund sind nichts für einen Kaufmann, er sieht derhalben nicht
nebeume, wie der Bernerbauer sagt. Fünftausend Pfund liessen sich bei ihrem
Vermögen leicht verschmerzen, setzten sie nicht einmal in augenblickliche
Verlegenheit, wenn sie einige Zinsschriften wagten; ja wenn sie nur das
vorrätige Geld zusammenmachten, den Spycher zur Hälfte leerten, so war alles
abgemacht. Aber beim Landmann geht es nicht zu wie beim Kaufmann. Bei dem
Letztern ist lauter Spiel: heute wird er getrümpft, morgen trümpft er wieder;
eines Tages kann er Zehntausend verlieren, morgen Zwanzigtausend gewinnen, und
bei jedem Verlust ist eben dieser Wechsel der Trost. Ganz anders ist es bei dem
Landmann; da geht die Sache langsam aber stetig, kleine Verluste gleichen sich
durch kleine Gewinnste aus, Fehljahre durch gute Jahre, und bei Fleiss und
Sorgsamkeit und ohne grosses Unglück geht es langsam vorwärts. Und kommen grosse
Unglücksfälle, geht ihm all sein Vieh in Boden, brennt sein Haus ab mit all
seinen Vorräten, schlägt es ihn auf Jahre zurück: er schickt sich darein mit
bewunderungswürdiger Ergebung; was sollte er dagegen machen, das kam aus des
Herrn Hand, über diese Verluste spotten die Menschen nicht, und Kinder und
Kindeskinder tragen sie ihm nicht nach.
    Verliert er aber Summen auf ausserordentlichem Wege, durch Ungeschick oder
der Menschen Bosheit, dann weicht der Friede so gerne von ihm und es kömmt, was
man hierzulande Hintersinnen nennt. Der kommende Tag ersetzt sie nicht,
vielleicht ersetzt er sie in seinem ganzen Leben nicht, und was werden Kinder
und Kindeskinder von ihm sagen!
    Christen und Änneli hatten wohl etwas vorgespart, allein es ging genug zu,
es harzete. Er wusste seine Sachen nicht recht geltend zu machen und brauchte zu
allem viel Zeit und viele Leute, und Änneli war eine gute Frau, und gar vieles
schwand ihr unter den Händen fort, sie wusste nicht wie. Fünftausend Pfund mussten
ihnen, wenn es auf das Ersetzen ankam, eine unermessliche Summe scheinen, Die
Frucht ihrer ganzen Lebenszeit.
    Zu diesem kam noch ein Anderes: die Kinder waren erwachsen, vor ihnen liess
der Verlust sich nicht verheimlichen; was sagten die dazu, wie mussten die ihn
aufnehmen? Kinder auf dem Lande teilen die Arbeit der Eltern, sehen die Früchte
davon, kennen die Schulden und Gülten, sind weit enger ins Verständnis gezogen,
geben daher um so eher ihre Willensmeinung. Alle waren heiratsfähig. Schadet
ihnen dieser Verlust nicht am Heiraten, der Lärm davon noch mehr als die Sache
selbst? Denn alles wird vergrössert, auch entsteht gar gern der Glaube, wo solche
Verluste hervorbrechen, da seien noch viele zu gewärtigen; eine Sache,
namentlich ein Unglück, kommt nie alleine. Und wenn sie wirklich heiraten
wollten, woher die Ehesteuer nehmen? Wenn man jetzt noch Ehesteuren geben
sollte, so musste man sich ganz entblössen, musste vielleicht gar Geld leihen, weil
man nicht alles abkünden konnte, oder musste alle Titel versilbern, musste in
seinen alten Tagen schmalbarten oder die Jungen mit leeren Händen gehen heissen.
Arme Tage schwebten Tag und Nacht vor Ännelis Augen.
    Das musste grosse Bitterkeit ansetzen in des Ehepaars Gemütern, denn mit dem
Gelde war ihnen ja auch ein grosser Teil ihres Lebens verloren. Wir fühlen alle,
das Leben ist eine grosse Gabe, und mit dieser Gabe sollen wir vieles, vieles
gewinnen, mit dieser zeitlichen Gabe sollen wir das ewige Leben erwerben. Aber
nun meinen gar Viele, mit dieser zeitlichen Gabe hatten sie nur zeitliches Geld
zu gewinnen, ja gar Viele, die vom ewigen Leben als dem höchsten Ziele sprechen,
scheinen darunter doch nur zeitliches Gut zu verstehen oder höchstens eine
zeitliche Frau mit zeitlichem Gute. Und nach dem zusammengeraxeten Gute schätzen
sie ihres Lebens Wert, wie der Maulwurf nach der Höhe des aufgeworfenen Hügels
seine Kraft. Wenn aber aller Gewinn verloren geht, dann hintersinnet man sich,
das heisst, man kann nichts mehr anders denken, als wie es gegangen ist und nicht
hätte gehen sollen; denn man hat ja eigentlich alles verloren, nicht bloss das
Geld, das verloren geht, sondern das Leben, welches man an das Geld gesetzt.
    Christen und Änneli waren kreuzbrave Leute, von den brävsten, die man sehen
will zu Stadt und Land, aber den Wert des Menschen schätzten sie doch nach
seinem Besitztum und den Wert eines Lebens nach dem gemachten Fürschlag; so und
so viel hat er geerbt, dann und dann hat er zu husen angefangen, und jetzt,
denket doch, hinterlässt er -
    Sie wussten es halt nicht besser, waren, wenn sie auch in der Schule nicht
viel rechnen gelernt, doch in dieser Rechnungsweise von Jugend auf geübt, und
wenn Christen es auch nie sagte, so dachte er es doch vielleicht manchmal, wenn
er im Wirtshaus auf einem Stuhl absass: »Hier setzen sich hunderttausend
Bernpfund nieder.« Nehmt ihm das nicht übel, denn noch ganz andere Leute wissen
nicht, dass wenn man auch die ganze Welt gewönne und litte Schaden an seiner
Seele, man das Leben nicht nur verloren, sondern einen grossen Schaden
davongetragen.
    Sie gingen herum manchen Tag, als ob sie vor den Kopf geschlagen wären, und
konnten nichts anderes denken als: Fünftausend Pfund, fünftausend Pfund! Weniger
als Die Eltern waren die Kinder angegriffen, sie hatten ein langes Leben vor
sich, welches ihnen reiche Hoffnung bot zum Ersatze des Verlustes. Am meisten
schien es Annelisi zu fühlen, als ob sie glaubte, zunächst müsste sie den Verlust
entgelten an ihrer Aussteuer oder derselbe möchte vielleicht diesen oder jenen,
den sie im Auge hatte, abschrecken. Jedoch geschah nicht, was an so manchem Orte
begegnet wäre, die Kinder machten den Eltern keine Vorwürfe, ja gebrauchten
manches aufmunternde Wort. Aber wo die Eltern die Gemüter der Kinder
ausschliesslich aufs Geld richten und alle andern Rücksichten den Augen der
Kinder fernehalten, da müssen sie es erfahren, wie das Schwert sich gegen seinen
eigenen Herrn kehrt; wenn sie etwas Ungeschicktes machen, haben sie zu tragen
den Zorn und die Vorwürfe der Kinder, und wenn sie alt werden, derselben
Unverstand und Ungeduld, die alle Tage mit Gott hadert über der Eltern langes
Leben. Hier herrschte noch Liebe und herrschte die alte Sitte, dass die Kinder
die Eltern ehrten, auf dass sie lange leben möchten in dem Lande, welches ihnen
Gott gegeben.
    Wie es dem ergeht, dessen Haus verbrannt ist mit an dem, was es barg, so
ging es auch Christen und Änneli. Zuerst füllt der Verlust die Seele, eine Art
Betäubung herrscht, dann dämmern Gedanken durch die Betäubung, wie Lichtstrahlen
durch den Nebel, es leuchtet die Notwendigkeit ein, etwas vorzukehren, den
Schaden zu ersetzen, es flackert das Sinnen auf, wer den Verlust verschuldet.
    Christen hatte kein Haus aufzubauen, aber er begann nachzudenken, wie die
fünftausend Pfund zu ersetzen wären. Und allemal, wenn eine Frau zum Hause
schlich, loderte ihm der Gedanke auf: Die trägt wieder etwas fort, welches Geld
gelten würde, und was will ich hausen und sparen, während auf der andern Seite
fortgegeben wird alles, was nicht angenagelt ist? Der gute Christen hatte es
auch wie viele andere Leute; was er nötig glaubte, das wollte er bei Andern
anfangen, und hätte doch wissen sollen, dass wenn der Bauer mir seinen Leuten
mähen will er vorausmäht und nicht hintendrein.
    Änneli kam es wieder in den Sinn, dass sie gewarnet habe, das Geld
herauszugeben, dass sie Christen angeraten, noch jemand anderes zu Rate zu
ziehen, dass sie den trügerischen Freund nie hätte leiden mögen, sondern vielfach
ihren Verdacht geäussert. Sie begann daran zu sinnen, ob wohl die Zeit gekommen
wäre, dass mit wenigern Leuten mehr gearbeitet würde. Und wenn sie durch den
Stall ging und zwei oder drei Kühe sah wie Flühe, aber fast ohne Milch, so
konnte sie sich nicht entalten, zu rechnen, wie manche Dublone da zu machen
wäre, wenn man sich zu rangieren wüsste. Das alles ging im Inwendigen vor, fast
wie des Blitzes Schein fuhr es vorüber; böse Worte gab man sich nicht, treulich
beteten sie mit einander, und friedlich, wenn auch oft mit schweren Seufzern,
schliefen sie ein.
    Aber ein alt Sprüchwort sagt: Der Teufel ist ein Schelm, und wenn er auch
umhergeht wie ein brüllender Löwe, so schleicht er noch viel mehr herum in
Gestalt von flüchtigen Gedanken, luftigen Nebeln gleich, und diese Gedanken
streifen zuerst nur über eine Seele, dann schlagen sie sich allmählig nieder
darin, haften, setzen sich fest. Dann steigen sie herauf in unsere Blicke, in
unsere Gebärden, brechen endlich als Worte zum Munde heraus, und während wir
glauben, wir reden aus dem göttlichsten Recht, ists der Teufel, der grimmig und
lustig uns zum Munde aus flattert und dem Nächsten mit Klauen und Hörnern zu
Leibe geht, bis auch aus dessen Munde ein Teufel fährt und eine Schlacht
zwischen Beiden sich erhebt auf Kosten der Armen, in deren Seelen der Teufel
sich hinabgelassen und aus deren Mund er wieder herausgefahren ist.
    Eines Tages wars, als ob einer wäre, der ersinnete, was sie böse machen
könnte, und alles dieses herbeiführte und ihnen antäte. Es gibt solche Tage, wo
eins hinter dem Andern kömmt wie eine Schneegans hinter der andern, wo das
Ärgerliche nicht aufhören kann, bis die Galle überläuft und es Wetter gibt
zwischen den Menschen.
    Als man in den Stall kam, war ein Pferd über die Halfter getreten und hatte
sich übel verletzt, so dass man dasselbe des Morgens nicht brauchen konnte; im
Kuhstall fehlte auch etwas, und als man Flachssamen brauchen wollte, hatte die
Mutter den letzten einer armen Frau gegeben, welcher Umschläge verordnet waren.
In den Ställen vertrappeten die Leute ihre Zeit, so dass auf dem Felde nichts
geschah, und während Andere schönes Emd einmachten, blieb das Ihre schön dem
Regen zweg. Abends kam ein Berner Metzger, der Kühe suchte und von ihrem Stalle
gar nicht fort wollte. Er meinte, es müsste erzwungen sein, zwei oder wenigstens
eine feil zu machen, und bot Geld, dass man es fast nicht hätte nehmen dürfen. Es
war eine Zeit, wo fette Kühe fast nicht zu erhalten waren, und die Metzger die
grösste Not hatten, denn obs Kühe gebe oder keine, darnach fragen die Stadtleute
gar nicht, aber Fleisch wollen sie haben, und zwar je besser, desto lieber,
ihretwegen kanns der Metzger von Zaunstecken schneiden oder aus Kabisstorzen.
    Aber Christen tubakete ganz gelassen an seiner Pfeife und sagte dem Metzger:
»Du hasts schon manchmal gehört, ich gebe sie nicht. Um was so ein Berner
Metzgerli sie vermag zu kaufen, um das vermag ich sie auch zu behalten.« Alle
Einreden des Metzgers, dass andere Kühe für ihn weit nützlicher wären, dass er an
drei Kühen wenigstens sechzig Kronen zwischenaus machen würde, gingen in den
Wind. Änneli hörte dem Märten mit ungeduldigem Herzen zu, ging oft aus und ein
und konnte sich nicht entalten, zu dem Metzger zu sagen: Es dünke sie, er wäre
nicht der Uwatligist, und wenn sie mit einem handeln wollte, so wäre er nicht
der Letzte.
    Das war ein Stich, der bei Christen Fleisch fasste, aber er sagte nichts
darauf, sondern nur zum Metzger: »Du hast gehört, was ich will, und jetzt wollte
ich mich nicht länger säumen, wenn ich dich wäre. Wenn du heute noch etwas
anderes finden willst, so hast du deine Zeit zu brauchen.«
    Bald darauf kam eine arme alte Frau, welche einen kranken Sohn hatte;
derselbe erhielt sie sonst, jetzt war die Not gross. Derselbe fing an sich zu
erholen, und der Doktor hatte Wein verordnet. Aber wo nehmen und nicht stehlen?
In solchen Fällen war Änneli die Zuflucht, und umsonst nahm man sie selten zu
ihr. Als die arme Mutter kam und mit dem Fürtuch die Augen wischte, noch ehe sie
anfing, und dann vieles vom Sohn erzählte, wie er so gut gegen sie sei und wie
er krank geworden und wie sie in der Not seien und sie wäger heute noch nichts
Warmes gegessen, und jetzt sollte sie Wein kaufen und hätte keinen Kreuzer im
Hause und wüsste keinen aufzubringen. Wenn doch Änneli ihr dr tusig Gottswille
nur einige Batzen leihen wollte oder, wenn es möglich wäre, nur eine halbe
Krone, so wäre ihr geholfen, und sie wollte dafür spinnen, bis sie selber sagen
müsste, es sei genug. Aber wenn ihr der Sohn sterben sollte, sie wüsste nicht, was
sie anfinge, unter Tausenden gebe es keinen Solchen.
    Änneli war in grosser Verlegenheit. Wein hatten sie diesen Augenblick keinen
Tropfen im Hause, wie sonst manchmal der Fall war, und Geld hatte sie auch nicht
mehr im Sack als sechs Kreuzer. Sie liess sich sonst nie so auskommen, dass sie
nicht einige Batzen oder Franken in irgend einem Sacke hatte. Aber sie hatte
letztin zu Gevatter stehen müssen, hatte seit der Sichelten, wo es den
Ankenhäfen übel ergangen war, keinen Anken mehr verkauft, sparte ebenfalls
Augsteneier auf, hatte kein Geld gemacht, und das Schlüsseli hatte eben Christen
im Sack. So konnte sie die Frau doch nicht gehen lassen; wenn der Sohn sterben
sollte, so hätte sie ja keine ruhige Stunde mehr im Leben und das letzte
Stündlein wäre ihr auch nicht ruhig, und doch war es ihr grausam zuwider, dem
Christen das Schlüsseli zu fordern. Sie stellte der Frau vorläufig etwas Warmes
zweg und suchte dann den Resli, sie wusste, dass der Geld genug hatte, allein der
war zum Viehdoktor gegangen und hatte den Schlüssel zum schafft im Sack; der
andere Sohn war im Stall, hatte aber kein Geld im Sack, sondern alles in Reslis
schafft. Annelise aber hatte den Schlüssel verloren zu seinem Gassettli, worin es
sein Geld hatte; es war, wie wenn alles verhexet wäre. Da nahm endlich Änneli
das Herz in beide Hände, ging hinaus und sagte: »Gib mir doch geschwind das
Schlüsseli!« Christen ward ganz rot im Gesicht, suchte es langsam, gab es
endlich mit den Worten: »He, ich wollte doch machen, dass morgen auch noch wäre.«
    So etwas hatte Änneli noch nicht gehört, es stellte ihr das Blut, einen
Blick tat sie auf Christen, den der auch noch nie gesehen, aber sagen konnte sie
kein Wort, sie ging mit ihrem Schlüsseli wie stumm ins Haus, und als sie der
alten Frau die halbe Krone herzählte, zitterten ihr die Hände so, dass die in den
höchsten Ausdrücken dankende Frau plötzlich fragte: »Aber mein Gott, was fehlt
dir, wird es dir gschmuecht?« »O nein«, sagte Änneli, »es ist nichts anders, das
gibt es mir, wenn ich lange kein Blut ausgelassen. Es ist allbets bald vorbei.«
Und Änneli fasste sich zusammen, denn kein fremdes Ohr hatte je eine Klage gehört
und kein Auge Tränen gesehen in ihrem Auge, ausser bei natürlichen Anlässen; was
unter ihnen vorging, sollte keine Posaune auf den Strassen verkünden. Aber es
kostete dieses Zusammenfassen schwere Mühe, und kürzer als sonst fertigte sie
die Frau ab; sie konnte es fast nicht aushaken, bis sie ihr den Rücken sah. Die
gute Frau konnte fast nicht aufhören zu danken, aber nicht nur aus Dankbarkeit,
sondern es stach sie auch der Gwunder, was Änneli wohl in diese Bewegung
versetzt hatte, und solange sie im Hause war, hatte sie Hoffnung, es zu
erfahren. Als sie es endlich verlassen musste, stellte sie sich draussen bei
Christen und hätte noch gerne ein neues Gespräch angefangen, aber der gab ihr
keine Antwort. Gewiss haben die mit einander etwas gehabt, dachte sie, und ob dem
Sinnen, was es gewesen sein möchte, vergass sie fast die halbe Krone, mit welcher
sie nun ihren Sohn laben konnte.
    Wie die Frau zur vordern Türe aus ging, schoss Änneli zur hintern hinaus,
machte sich etwas bei den Schweinställen zu schaffen, und da sie dort noch nicht
ruhig war vor Knechten und Mägden, so schlich sie nach dem Bohnenplätz, der
schon gar manchmal als schöner grüner Umhang gedient hat für Dinge, die nicht
für jedermanns Augen sind.
    Dort liess sie endlich ihren Tränen freien Lauf, und es dünkte sie, wenn nur
das Herz auch gleich käme den Tränen nach, so wäre doch dann ihr Leid zu End.
Sie konnte nicht mehr stehen, sie musste niedersitzen in den Bohnen, der Boden
wankte unter ihr, schwarz ward es um Augen und Seele, als ob man ein grosses
Leichentuch um beide geschlagen hätte.
    Also so ging es ihr jetzt, jetzt sollte sie das Unglück alleine entgelten,
sollte den armen Leuten abbrechen, sollte es sie entgelten lassen, wessen sie
sich doch so gar nichts vermochten! Das dünkte sie eine grosse Sunde, dass man ob
der Armut wieder ersparen wolle, was menschliche Bosheit und eigene Schwachheit
gefehlt; hatten sie doch selbst oft darüber sich aufgehalten, dass es zunächst
immer die Armen entgelten müssen, wenn ein Reicher einen Verlust erleidet, indem
man zuerst immer den Armen abschränzt, ehe man sich selbst etwas Entbehrliches
abbricht, und jetzt sollte es bei ihnen auch gerade so zugehen? Und was trug das
ab?
    Eine Kleinigkeit, während man da, wo man das Zehnfache erübrigen konnte,
alles im gleichen Trappe gehen liess und sich keinen Zollbreit ändern konnte.
Dublonen liess man fahren, und wegen einer halben Krone musste sie Worte hören,
dass sie meinte, man haue ihr Leib und Seele abeinander. Sie sehe jetzt, dass
keine Liebe zu ihr mehr da sei, dass sie der Sündenbock sei, der alles ausessen
sollte, was Andere eingebrochet. Hatte sie nicht gewarnt, gemahnt? Aber man
achtete sich ihrer nicht, glaubte ihr nichts, und jetzt sollte sie es alleine
entgelten. Wenn noch ein Funke von Liebe zu ihr da wäre, so wäre man nicht so
gegen sie. Und ging dann etwa die Sache alleine aus Christens Gut, hatte sie
nicht auch eingekehrt, dass es wohl ein Almosen ertragen möchte! Ja, wenn sie
eine bräuchige Frau wäre oder eine hoffärtige oder eine, die gerne im Sessel
sässe, so wäre es noch eins, aber ringsum sei Keine, die mehr eingebracht und
mehr schaffete, und da möchte sie doch wissen, ob es ihr nicht auch etwas für
ihre Freude ziehen möchte, und armen Leuten zu helfen sei einmal ihre Freude,
und sie möchte wissen, ob das nicht besser wäre als Hoffart und Märitlaufen; Und
je mehr sie weinte, um so völler ward dem armen Änneli das Herz, dass es sie
dünkte, es müsse zerspringen und es wolle die Seele oben zum Kopfe hinaus.
Schwere, zornige Wolken wälzten sich über ihr Gemüt: Fortlaufen, Scheiden,
Klagen, Aufbegehren, Auspacken, Wüsttun, eins nach dem Andern kam, und eins nach
dem Andern ging, vor dem Einen schämte sie sich der Leute wegen, das Andere
wollte sie nicht um der Kinder willen; aber wie das Feuer das Wasser verzehrt
und das Nasse trocknet, so verzehrte der Zorn das Leid und trocknete die Tränen,
und als sie merkte, dass man sie suche ums Haus herum, da war es in ihrem Gemüte,
wie es oft nach einem Gewitter am Himmel ist; es regnet nicht, es donnert nicht,
aber es scheint auch die Sonne nicht, trüb und trotzig sieht es am Himmel aus,
und was werden will, weiss kein Mensch. Wie sie merkte, dass die Suchenden sich
entfernt und niemand mehr hinter dem Hause sei, verliess sie ihren Kupwinkel und
erschien im Hause, wie ein kluges Weib es so wohl versteht, dass es mitten unter
den Leuten ist und Keiner sagen kann, wann und woher es gekommen.
    Die Kinder fühlten wohl, dass etwas nicht gut sei, aber keines frug nach der
Ursache und jedes ging so bald wie möglich der Ruhe zu.
    Christen rauchte wie üblich seine Pfeife vor dem Hause, und wo er einmal
sass, da stand er nicht gerne auf, und wie gerne er auch im Bette gewesen wäre,
so war es ihm doch so zuwider, daran hinzugehen, dass er bis nach Mitternacht
sitzen konnte, ehe er zum Entschlusse kam. So sass er auch diesmal lange und
alleine draussen, und vielleicht nicht bloss aus Gewohnheit, sondern
wahrscheinlich war es ihm auch, wie es jedem Menschen ist, wenn er sich einem
Menschen nähern soll, von dem er weiss, dass er beleidigt ist, aber nicht weiss,
ist er streitbereit oder friedfertig, während man selbst den Mut noch nicht
gefasst hat, offen und ehrlich den Frieden zu begehren.
    Endlich suchte er doch das Beet. Er war der Letzte, er betete sein Unser
Vater, aber alleine, Änneli betete nicht mit. Als er fertig war, wartete er eine
Weile; Änneli blieb stumm, er wusste nicht, schlief sie oder wachte sie; das
erste Wort konnte er nicht reden, die Frage »Schläfst?« harte er zehnmal im
Halse, aber dort blieb sie, er legte sich schweigend nieder. Es war das
erstemal, dass sie sich nicht gegenseitig bsegneten mit dem frommen Wunsche:
»Gute Nacht gebe dir Gott.«
    Änneli harte nicht geschlafen, aber auch sie wollte nicht zuerst reden.
Christen wars, der gegen sie so gröblich gefehlt, an ihm war das erste Wort, und
auf dieses erste Wort wartete sie; aber ob sie mit ihm Friede machen wollte oder
nicht, das wusste sie nicht, aber sagen wollte sie ihm, was ihr fast das Herz
zerreissen und was sie nicht ertragen konnte, wenn es so gehen sollte.
    Als Christen betete: »Vergib mir meine Schulden, wie ich auch vergebe meinen
Schuldnern«, da dachte sie, ob er wohl an die Schuld denke, welche er heute
gegen sie gemacht. Als er gebetet, erwartete sie seine Rede; als er aber
schwieg, als er sich zum Schlafen legte, ohne Wunsch und ohne Segen, da sagte
sie zu sich selbst: So, ist das so gemeint; jetzt ists fertig! Kann der seine
Sünden nicht mehr bekennen, so bin ich ein armer Tropf; aber so ganz unterntun
lasse ich mich nicht. Änneli dachte wunderbarerweise gar nicht daran, dass es
heisse von Sünden vergeben, sondern hatte nur Bekennen im Kopf und dass dieses
Bekennen Christen zukäme, und weil er es nicht tat, so sah sie darin eine neue
Schuld, eine Schuld, die sie gar nicht verzeihen konnte, und als Wunsch und
Segen noch ausblieben, da war es ihr, als sei zwischen ihr und Christen ein
weiter und tiefer Graben, über den keines Menschen Fuss kommen könne, zu keinen
Zeiten mehr. Manchmal war es ihr, als müsste sie reden, als sei alles gefehlt,
wenn sie einmal in Groll und Ärgernis niedergegangen und die Sonne darüber
aufsteigen liessen; aber solche Regungen wurden immer wieder unterdrückt durch
den trotzigen Mut, dass sie einmal zeigen müsse, sie nehme nicht alles an, wolle
nicht alles ausbaden, was Andere angerichtet, lasse nicht mit sich umgehen, als
ob sie ein Waschlumpen wäre oder als wäre sie mit leeren Händen gekommen.
    Selbe Nacht kam kein Schlaf in ihre Augen, aber auch keine Reue in ihr Herz.
Als kaum der Morgen graute, stund sie auf, nur um Christen nicht etwa »Guten Tag
gebe dir Gott« wünschen oder ihm auf seinen Wunsch danken zu müssen. Und das war
wiederum der erste Tag, den sie ohne Wunsch und Segen begannen. Trübselig und
wortlos verstrich er, und als der Abend kam, da legte zuerst Christen sich
nieder. Ihn verlangte nach der Stimme seiner Frau, die er den ganzen Tag über
nicht gehört, und es war ihm unwohl dabei geworden, denn sie war ihm lieb und er
hatte die Rechnung gemacht, dass wenn sie schon gegen die Armen viel zu gut sei
und mit ihnen viel unnütz verbrauche und das Lumpengesindel ziehe wie Zucker die
Fliegen, so sei sie doch sonst sparsam und arbeitsam und er könnte leicht eine
haben, mit welcher er viel böser zweg wäre, und es hätte jeder Mensch etwas an
sich, das zu scheuen wäre, aber der eine minder, der andere mehr. Er wollte
diesmal reden; ds Tublen trage nichts ab, und bald dreissig Jahre seien sie im
Frieden bei einander gewesen, für den Rest wollten sie keinen neuen Brauch
anfangen. Änneli kam, betete, aber betete leise für sich alleine. Wenn Christen
ihr nicht »Gute Nacht« wünschen möchte, so wüsste sie nicht, warum sie für ihn
beten solle, so dachte sie. Und Christen wartete sehnlich auf das Beten, wollte
nachbeten; als aber kein lautes Wort kam, als Änneli ohne Wunsch sich zum
Schlafen legte, da wusste er fast nicht, wie ihm war. Dass er gestern ohne Segen
sich gelegt, dachte er nicht, nur an das, was Änneli jetzt tat. So, ist das so
gemeint, sagte er zu sich selbst, so kann ich auch anders sein, warte du nur! So
von einem Fraueli lasse ich mich noch nicht kujonieren, dafür bin ich nicht auf
der Welt, und für was wäre ich der Mann, als für zu sagen, wie es gehen solle,
und wenn du tublen willst, so tuble meinetalb so lange du willst, einmal ich
frage dich nicht, was du habest.
    So stieg das Feuer auch in Christen auf, und wie es bei langsamen Naturen
der Fall ist, um lange zu bleiben. Änneli aber hatte erwartet, Christen werde
fragen, warum sie nicht bete, dann wolle sie ihm so recht auspacken. Als nun
Christen nicht fragte, nichts sagte, da dachte sie bei sich selbst: He nun so
dann, wenn du es so haben willst, so habe es, aber dass du so ein Wüster wärest
und dass du mich so wenig lieb hättest, das hätte ich nicht geglaubt, und nicht
viel fehlte, es wäre ein heftiges Weinen über sie gekommen, so voll ward ihr auf
einmal das Herz. Aber Zorn ward Meister und trieb, was im Herzen war, als heisse
Dämpfe in den Kopf hinauf.
    So begannen Beide erbittert die Nacht, standen am folgenden Morgen wortlos
auf, und eine traurige Zeit begann für das Haus.
    Sobald ein Groll im Herzen bleibt und sich setzet, wird dieses Herz
selbstsüchtig. Sein Gesichts- oder vielmehr Gefühlskreis verengert sich. Wie die
Spinne nur die Fliegen zu erfassen vermag, welche in den Bereich ihres Netzes
kamen, so vermag der Groll nur die Dinge zu empfinden, welche ihn berühren;
alles andere ist für ihn gar nicht in der Welt, er sieht es nicht, er riecht es
nicht, und naht es sich fühlbar, so stösst er es zornig zurück. Wo in einem
Herzen die Harmonie zerstört wird und ein Gefühl die Oberhand gewinnt, da
trittet Beschränkteit ein, und wie Archimedes, in seine Berechnungen vertieft,
die Einnahme seiner Vaterstadt nicht gewahrte, so fasset ein so recht innig
Grollender es kaum, wenn sein eigen Haus brennt, und ein hart Leidender es kaum,
wenn tausend Andere in seiner Nähe wimmern und webern würden.
    Redet mit einem Liebenden von Brand und Wassernot, die Tausende unglücklich
gemacht, um so mehr freut er sich seines Glückes, wenn euch nämlich hört. Redet
einem Missvergnügten von einer glücklichen Ernte, welche der Not von Tausenden
ein Ende gemacht, er verflucht den Segen Gottes, weil er Andere zufrieden
gemacht. Redet einem Zornigen von der Sanftmut unseres Herrn, so gibt er euch
eine Ohrfeige, wenn er nämlich fasset, was ihr redet. Lasst einen Regenten eitel
sein, so benutzt er den Staat ungefähr wie eine Dame ihr Schmuckkästchen; die
Folgen sieht er nicht, wie nahe sie auch liegen, und zwischen monarchischen und
republikanischen Regenten ist hierin kein anderer Unterschied als zwischen einem
Tropf und dem andern Tropf.
    Lasst eine Leidenschaft überhaupt im Herzen eines Menschen sich ansetzen, so
wird sie euch gleich einem losgebundenen Element, das alles verzehrt, was in
sein Bereich kömmt, und erst in sich zusammensinkt, wenn alles verzehrt ist,
wenn es keine Nahrung mehr findet. Lasst Eheleute dauernd grollen, so nimmt nicht
nur das ganze Haus diese Färbung an, wird unheimlich, sondern alle Interessen
gehen in diesem Grolle auf, alle Gefühle verlieren mehr und mehr ihre Kraft, und
wie die Gedanken an diesem Grolle unausgesetzt nagen, so verlieren sie ihre
Schärfe für alles andere, ja es ist fast, als ob sie auch die Augen schwächte,
dass sie das Notwendigste nicht mehr sehen, für das Liebste keinen Sinn mehr
haben. Diese Zustande wachsen so allmählich, man weiss nicht wie, denn wie
gesagt, der Teufel geht nicht immer umher wie ein brüllender Löwe, sondern sehr
oft auch als ein schleichender, und die Hölle hat viel Ähnlichkeit mit einem
Ofen, sie wird nicht auf einmal glühend, sondern zuerst nur lieblich warm.
    So ging es auch dem armen Ehepaar. Wohlverwahrt trugen sie ihren Groll in
ihren Herzen, liessen ihn anfangs nicht unter die Leute, blieben bei ihren
angeerbten Sitten, und anständig ging es zu wie vorhin. Aber express verkaufte
nun Christen seine Kühe nicht, express hielt er nicht weniger Leute, förderte die
Arbeit nicht rascher, sondern alles eher das Gegenteil, und Änneli, weil sie
dieses sah, so ward sie nur um so freigebiger und hiess manche Frau vor Christens
Ohren bald wieder kommen. So trotzte eins dem Andern, während Keines die
fünftausend Pfund vergass und jedes meinte, sie sollten wieder erhuset werden;
aber jedes meinte, auf anderem Wege, und je weniger das Husen vorwärts wollte
auf diese Weise, um so mehr wuchs die innere Missstimmung.
    Diese wurde zuerst fühlbar den Kindern. An allen ihren Angelegenheiten
nahmen die Eltern immer weniger teil, achteten sich derselben kaum, die Kinder
konnten gehen und kommen, weder Vater noch Mutter fragten: woher, wohin?
Schlechten Kindern ist das recht, guten Kindern aber hat es etwas
unbeschreiblich Unheimliches.
    Wenn Annelisi sonst heimkam von irgend einer Lustbarkeit, so hörte die
Mutter gerne erzählen, wie es zugegangen, wer zugegen gewesen, und lockte wohl
durch Fragen hervor, was Annelisi gerne sagte. Dann liess sie Worte fallen über
diesen Burschen und jenen Burschen, dass die Tochter wohl merken konnte, wer als
Schwiegersohn willkommen wäre und wer nicht. Solche Gespräche waren auch die
beste Gelegenheit, über Nebenbuhlerinnen sich zu beschweren und der Mutter zu
sagen: »Nein aber, Mutter, einen neuen Kittel muss ich notwendig haben. Es sind
Meitschi dagewesen, wo sie daheim mit den Zinsen noch genug zu tun haben, aber
einen so schlechten Kittel, wie ich einen habe, hat keins angehabt. Und
Göllerketteli habe ich nur die, welche ich erhalten, als mir der Herr erlaubt
hat, und die sind so leicht und altmodisch, es trüge leicht eine hoffärtige Magd
sie nicht.« In solchem Zusammenhang hatte die Mutter wider neue Anschaffungen am
wenigsten, und wenn die Mutter einmal Ja gesagt hatte, so sagte der Vater seinem
Annelisi nie Nein. Das ward auf einmal anders.
    Es gab allemal saure Augen, wenn es irgendwohin wollte. Kam es heim und
wollte mit einem Bericht des Erlebten wieder gut Wetter machen, so schwieg die
Mutter oder sagte, sie möge des Gstürms nicht, und ehemals seien die Mädchen
daheim geblieben und hätten den Eltern etwas abgenommen, statt in der Welt jeder
Lustbarkeit nachzufahren wie die Vögel dem Hirs. Und wenn es etwas vom
Anschaffen sagte, eine Kappe gerne gehabt hätte oder ein Gloschli, so seufzte
die Mutter und schwieg oder sagte: Wenn es einmal fehle, so komme gerne alles
zusammen und helfe einander, um einen zu Boden zu machen, und sie hätte
geglaubt, es hätte mehr Verstand als so. Wenn es dann weinte, weil es der Mutter
nichts mehr treffen könnte, und der Vater fragte ihns zufällig: »Was plärest
aber?« und es antwortete, es mache es niemand mehr recht und Freude sollte es
keine mehr haben, es erleide ihm, so dabei zu sein, und zuletzt nehme es den
Ersten den Besten, nur um fortzukommen, so antwortete ihm der Vater: »He nun so
denn, so nimm, und komme dann, mir brav Ehesteuer zu fordern, es geht in einem
zu. Es ist besser, man mache gleich hintereinander fertig, so weiss man doch
auch, woran man ist.«
    Das tat dann Annelisi grusam weh. Es war ein gutes Kind und liebte seine
Eltern, aber dass es das Unglück allein entgelten und nur für andere Menschen auf
der Welt sein sollte, das meinte es doch auch nicht. Wie der Bauernsohn gerne
ein Bauer wird, warum sollte die Bauerntochter nicht auch gerne eine Bäuerin
werden? Es ist nicht nur wegen dem Manne selbst, der doch auch allerdings nicht
zu verachten ist, sondern wegen dem unabhängigen Regiment, das eine rechte
Bäuerin führt, und der Achtung, in der sie steht; denn eine rechte Bäuerin,
deren es im Kanton Bern viele gibt und welche die Sonnseite des Bauernlebens
sind, ist die Mittlerin des Hauses zwischen Gott und Menschen, ist die sichtbare
Vorsehung in allen leiblichen Dingen. Und jetzt sollte Annelisi keine werden,
weil der Vater fünftausend Pfund verloren und eine Ehesteuer ihm zu hart ankam!
Das tat ihr weh.
    Der älteste Sohn war empfindlicher Natur, und hatte er schon vorhin hie und
da geglaubt, man hätte nicht genug Rücksichten für ihn, so geschah das jetzt
noch viel öfters und nicht immer mit Unrecht. Früher sah der Mutter Auge jede
Veränderung in jedem Gesichte, und wo sie eine bemerkte, da traf sie Vorsorge.
»Christeli, ich habe dir heute Trank angerichtet, du gehst nicht aufs Feld«, so
sagte sie, und im halben Tag rief sie ihn ins Stübli, wo sie ihm etwas
Meisterlosiges zweg hatte, damit er nicht an der harten Speise der Arbeitenden
sich noch mehr verderben müsste. Und wollte es nicht bald bessern, so sagte sie:
»Man wird zum Doktor müssen«, und manchmal sagte sie sogar: »Es wäre gut, er
käme selbst, er könnte dann selbst sehen, wo es dir fehlt; so mit dem Brichten
breicht man es nicht allemale recht.« Nun ging diese Aufmerksamkeit verloren;
die Mutter frug ihn viel seltener, ob ihm etwas fehle, und wenn er es manchmal
zu merken gab mit Nichtessen oder Berzen, so war sie imstande zu sagen: »Du musst
nicht so nötlich tun, es wird schon bessern; je mehr man sich achtet, um so mehr
tut einem weh.« Und wenn er liegen musste und meinte, er sei recht übel zweg, und
vom Doktor redete, so war der Vater imstande zu sagen: Man könne nicht das ganze
Jahr durch einen für ihn auf der Strasse haben; des Dokterns hätte er doch bald
satt, er hätte jetzt sein Geld für andere Sachen zu brauchen, aber je nötiger er
es hätte, um so mehr begehrten die Andern zu brauchen.
    Solche Reden gingen Christen tief ins Herz. Es dünkte ihn, nicht länger als
er noch leben werde, sollten sie es ihm gönnen; aber es gehe ihnen noch zu lange
und sie möchten nicht warten, bis er weg wäre. Es kam ihn manchmal an, wenn er
nur heute sterben könnte, damit sie sich so recht ein Gewissen machen müssten. Es
würde sie doch wohl z'plären tun, wenn sie mit ihm zChilchen müssten und denken,
sie hätten besser zu ihm sehen können, er lebte noch, wenn sie das Geld für den
Doktor nicht gereut hätte. Und wiederum kam ihn das Weiben an, damit er jemand
hätte, der zu ihm sehen würde und für ihn tun, was er mangelte. Dann strich er
umher, besuchte Orte, deren er sich eigentlich hätte schämen sollen, liess Geld
aufgehen in den Wirtshäusern, dass männiglich meinte, er werde bald verkünden
lassen; aber plötzlich verleidete es ihm wieder, er sah kein Mädchen mehr an,
rührte keinen Wein mehr an, wollte wiederum sterben.
    Weitaus am meisten litt darunter der jüngste Sohn, Resli. Die Mutter hatte
ihm früher oft gesagt: »Resli, je früher du mir ein Söhnisweib bringst, um so
lieber ist es mit, aber drei Sachen achte dich wohl: nimm eins, das sich wäscht,
aber nicht nur oberhalb des Göllers, sondern auch unterhalb, eins, das alles
anrühren darf und die Saumelchtern nicht scheut, und eins, dem man nicht zweimal
die Zeit wünschen muss, ehe es einmal danket. Ich bin froh, an die Ruhe zu
stellen, und wenn du mir so eine bringst, so soll sie nicht über mich zu klagen
haben.«
    Freilich sagte Resli: »Mutter, es pressiert mir nicht.« Aber er redete doch
gerne mit der Mutter über die Meitscheni und hörte, was sie für einen Trumpf
hatte für dieses oder jenes und was sie von dessen Familie wusste bis zur
Grossmutter hinauf. Denn Resli hielt gar viel auf dem guten Namen und wollte nur
eine Frau »von braver Familie nache«. Er wollte nicht, dass man den Kindern die
Eltern vorhalten könne und hielt ebenso viel auf ehrlichem Gut, und eine mit
ungerechtem Gut hätte er nicht mögen, und wenn sie einen ganzen Kässpycher voll
Dublonen gehabt hätte und dazu es Myneli, wie wenn man es aparti tangglet hätte.
    So ein junger Kerli weiss aber, wenn die Mutter es ihm nicht sagt, nicht, was
in einer Familie vorgegangen und was ihr anhanget; er sieht bloss, wie das
Meitschi tut, und sehr oft sieht er auch dieses Tun durch eine Brille. Und wenn
er auch einsieht, wie dumm es tut, so meint er noch sehr oft, aus einem
Meitschi, das dumm tut, gehe es eine Frau, die gescheit tue - aber ohä! Es ist
daher einer glücklich, wenn er eine Mutter hat, mit welcher er vernünftig über
die Meitscheni reden kann und die nicht meint, das Himmelreich bestehe in einem
Geldsack und wenn ihr Sohn schon eine dumme Frau kriege, so mache es nichts,
weil er gescheit für Zwei sei.
    Mehrere Jahre hatte Resli bereits in der Welt gelebt und hatte schon an
viele Mädchen gedacht, hatte schon manchmal gwerweiset: Will ich dies oder will
ich jenes, das wäre reicher, das wäre schöner, das wäre lustiger und jenes e
Werchadere vom Tüfel, aber noch keines hatte er angetroffen, bei dem er in sich
selber dachte: Das will ich und kein anderes, und wenn ich das nicht haben kann,
so will ich gar keins, und wer weiss, vielleicht hänge ich mich noch.
    Da war einmal ein schöner Sonntag, und es dünkte Resli, er möchte auch
einmal baden. Er machte sich zweg, steckte eine schöne Rose auf den Hut, legte
das schönste Halstuch um und sagte, man solle abends zum Essen und Füttern nicht
auf ihn warten, man wisse nie, was es gebe, und säume sich manchmal ungsinnet.
    Gleich nach dem Mittagessen ging er alleine, denn sein Bruder hatte gerade
seine kranke Laune, und einen Knecht so gleichsam als Sicherheitswache mit sich
nehmen, wie es oft geschieht, der dann mit des Meisters Sohn isst und trinkt,
sich aber auch für ihn schlägt und prügeln lässt, das mochte er nicht.
    Es war ein heisser Tag, der Staub lag handhoch auf der Strasse, und als Resli
aus dem Bade kam, dünkte es ihn, er sei ein ganz neuer Mensch, er hätte Flügel
und könnte fliegen über Berg und Tal. Zwei lustige Geiger riefen zum Tanze, und
rasch hörte er die genagelten Schuhe den gygampfenden Boden stampfen. In
langsamer Ruhe stieg er die Treppe auf, trat unter die Türe, sah im öden Saal
ein halbes Dutzend Paare dampfen und stampfen und ein Dutzend Mädchen an den
Wänden stehen, welche auch gerne gezeigt hätten, wie sie ihre Kittel schwingen
könnten und wie sie das Stampfen erleiden möchten, auch wenn es auf ihren
eigenen Fussen (Füsschen kann man nicht wohl sagen) stattfinden sollte.
    Resli gehörte nicht zu den weichen Herzen, die sich aller verlassenen
Mädchen erbarmen, die meinen, wenn ein Mädchen tanzen möchte oder sonst etwas,
so hätte sie der Herrgott apart dazu geschaffen, des Mädchens Wunsch zu
erfüllen. Zudem ist es bei uns zulande nicht so mit einem Tanze abgetan, so dass
wenn der Geiger den letzen Strich tut, man das Mädchen flädern lassen kann,
unbekümmert, in welche Ecke oder an welche Wand es gerät, wie es unter den
heutigen Zierbengeln Mode wird. Reicht ein Bursche einem Mädchen zum Tanz die
Hand, so steigen in demselben gleich ein Fuder Hoffnungen auf. Zuvorderst steht
eine Halbe Wein, welche der Tänzer kommen lässt, hintendrein kommt Essen, ein
schönes Schnäfeli Bratis, dann eine schöne Heimfahrt und endlich ein lustiger
Hochzeittag. Das steigt alles auf, sobald ein Mädchen eine Hand zum Tanzen
kriegt, und so eine Hand ist gleichsam der Schlüssel zu einem Schranke, der voll
Herrlichkeit ist und der einem aufgeht, sobald man mit dem Schlüssel recht
umgeht. Wenn aber nach ein oder zwei Tänzen sonder Komplimente ein Bursche seine
Tänzerin fahren lässt, so versinken auf einmal alle diese Hoffnungen, und
aschgrau wird es dem Mädchen im Herzen, wie es uns allen würde, wenn wir das
Morgenrot gesehen hätten und nach dem Morgenrot käme keine Sonne, sondern
wiederum die Nacht.
    So täuschte nun Resli nicht gerne, und für etwas mehr als höchstens einen
Tanz war ihm keines der Mädchen anständig. Er forderte daher einen Schoppen für
sich alleine und setzte sich an den Schenktisch, unbekümmert um die ärgerlichen
Augen, die wie Fliegen und Wespen seine Ruhe gern gestört hätten. Aber Resli
trank kaltblütig seinen. Schoppen und dachte: Wenn nichts Besseres kömmt, so
trink ich aus und gehe.
    Und wie der Böse kommen soll, wenn man an ihn denkt, so kömmt in guten
Stunden uns auch der Engel vor die Augen, an den gerade unsere Seele dachte.
    Wie Resli aufsah, sah er ein Mädchen am Eingange stehen von ganz anderem
Schlage als die Mädchen drinnen an der Wand. Es war nicht reich gekleidet, nicht
so handgreiflich schön, wie man es auf dem Lande liebt, aber auf den ersten
Blick sah man, dass da etwas Rechtes sei und aus einem berühmten Hause; der Glanz
der Züchtigkeit und Reinlichkeit, in welchem das Mädchen so gleichsam gebadet
war, gab ihm fast etwas Stolzes, dass keiner der Bursche, die da waren, sich an
ihns wagte. Resli fühlte sich auch etwas und glaubte nicht, dass für ihn leicht
eine zu vornehm sei, und wenn ihm auch das Mädchen fremd war, so dachte er doch,
Fragen werde nicht z'töten gehen. Darum stand er auf und frug das Mädchen, ob
sie einen mit einander haben wollten? Und das Mädchen sagte, es sei ihm recht.
    Mehrere Tänze tanzten sie im weiten Saale, so gleichsam der König und die
Königin unterm gemeinen Volk, und sie hatten je länger je grössern Gefallen an
einander; das ging zusammen so rund und sittig, so rasch und richtig, dass es
jedes von ihnen dünkte, so wohl hätte das Tanzen ihm noch nie gefallen und noch
mit Keinem hätte es so fortkommen können wie pfiffen. Nach einigen Tänzen sagte
er, er möchte eine Halbe zahlen, wenn es kommen wollte. Das Meitschi sagte
zuerst, es sei nicht nötig, es sei nicht durstig; indessen wehrte es sich doch
nicht halb so wie manches Stüdi, das, wenn es von weitem Wein riecht, schon die
Finger zu schlecken anfängt bis an den Ellbogen, sich aber doch, wenn jemand es
zum Wein fuhren will, erst reissen lässt, bis ihm irgend ein Bein im Leibe kracht.
    Man sah dem Mädchen an, dass Resli ihm wohl gefiel, und eben weil es hier
fremd war und es wohl sah, dass Resli es auch nicht kannte, so liess es sich um so
unbeachteter gehen und verschanzte sich nicht hinter die übliche zähe,
einsilbige Sprödigkeit. Als sie am Wein sassen und die Stubenmagd fragte, ob sie
noch etwas zu essen bringen solle, da befahl Resli gleich vom Besten, was sie
hätten. Aber da redete das Mädchen auf und sagte, ein Glas Wein zu trinken sei
ihm recht gewesen, aber essen möge es nicht, sein Vater werde bald kommen und es
abholen, sie hätten weit heim.
    Resli gebärdete sich aber auch als einer, der wusste, wer er war, und sagte
der Stubenmagd, sie hätte gehört, was er befohlen, und dem Meitschi sagte er, es
soll sich doch nicht eigelich machen, auf ein paar Batzen mehr oder weniger
komme es ihm nicht an, und wenn der Vater käme, so sei immer jemand, der esse,
was gekochet sei. Wenn es ihm aber recht sei, so wollten sie noch ein paar mit
einander haben, bis das Essen komme; er hätte noch kein Meitschi angetroffen,
mit dem sich ihm das Tanzen besser geschickt. Das Meitschi sagte nicht ab, und
nun tanzten sie wieder, dass man ihnen die Herzenslust von weitem ansah und Die
Kunde bis in die Küche drang, es tanzten Zwei oben ganz bsunderbar, man hätte
noch nie so was gesehen, und ein Kuchimutz nach dem andern streckte mit
zurückgehaltenem Kuchischurz seine schwarz angeloffene Nase neben dem Türpfosten
durch in den Saal.
    Noch zwei Tänze tanzten sie, nachdem das Stubenmeitli das Essen auf den
Tisch gestellt und ihnen immer gewunken, von wegen weil es kalte. Aber es war
Resli, als könne er das Meitschi nicht aus dem Arm lassen, und wenn er es lasse
so entschwinde es ihm und er sehe es nie wieder. Endlich führte er es doch zum
Tische, und das Meitschi liess sich führen; freilich sagte es, es sei unverschämt
und es wolle seinen Teil bezahlen, es täte es nicht anders. Es sei nicht da
hinaufgekommen, um zu schmarotzen, aber der Vater hätte eine Verrichtung gehabt
und es unten Langeweile, darum habe es dem Tanz zusehen wollen, damit die Zeit
fürgehe. Dass es selbst hätte tanzen können, sei ihm viel zu gut gegangen, und
darum wolle es ihn jetzt nicht noch in Kösten bringen. Vom Geiger wolle es
nichts sagen, aber an der Ürti zahle es seinen Teil; wenn er das Geld nicht zu
scheuen brauche, so sei es denn nicht, dass andere Leute nicht auch welches
hätten und es brauchen dürften.
    Es nahm Resli wunder, wer das Meitschi sei, und das Meitschi, wer Resli sei,
und sie schlugen Beide auf den Stauden herum; aber ein jedes wollte erst hören,
wer das Andere sei und ob die Bekanntschaft zulässig sei, ehe es herausrücke aus
seinem Inkognito. So gelang Keinem sein Vorhaben. Es dünkte Resli wunderlich,
dass das Meitschi nicht war wie andere Meitschi. Er hatte nach der Verrichtung
des Vaters gefragt und hatte vernommen, er suche Holz um etwas zu bauen. Er
hatte gefragt, ob das Haus ihnen zu klein sei. Jetzt hätte das Mädchen
Gelegenheit gehabt, aufzuzählen, wieviel Jucharten Land sie hätten und wieviel
Garben sie machten und wieviel Klafter Heu sie alle Jahre dem Küher gäben. Aber
von diesem allem vernahm er nichts, sondern bloss, dass das Haus ihnen gar
unkommod sei und der Stall sehr bös. Es wollte ihm nichts rühmen, wie er es auch
darauf anlegte, nicht einmal wieviel Schweine sie hätten, vernahm er. Darum
vernahm das Mädchen auch nichts. Er rühmte sonst gerne ihre schönen Rosse, wie
manches sie hätten und wieviel sie für jedes hätten lösen können, aber jetzt
hätte er es bei Leib und Leben nicht sagen können, wie oft das Meitschi ihm auch
Gelegenheit dazu gab. Es kam ihm vor, als ob das Rühmen ihn in den Augen des
Meitschis heruntersetzen würde und dass der am meisten sich rühme, der den Ruhm
am meisten nötig hätte.
    Während sie so mit einander worteten und Keines sich verraten wollte, kam
das Stubenmeitli mit der Nachricht, der Vater sei unten und lasse befehlen, dass
es alsobald hinunterkomme. »Sage ihm, ich komme gleich«, sagte das Meitschi,
stund aber nicht auf, machte mit Resli Gesundheit, wortete wieder, und bald
wars, als ob des Vaters Bescheid vergessen wäre.
    Da kam das Stubenmeitli noch einmal und sagte: Der Vater lasse befehlen, dass
seine Tochter auf der Stelle kommen solle, sonst fahre er alleine, man könne die
Rosse nicht einen ganzen halben Tag an den Bäumen stehen lassen. »Lass du ihn
fahren«, sagte Resli, »ich begleite dich dann heim, wenn du nichts darwider
hast.« Da ward das Mädchen rot und sagte: »Nein, das will ich jetzt nicht, aber
dankeigist, und behüte dich Gott«, und somit gab es Resli die Hand. Resli nahm
sie und wollte noch etwas sagen, und das Meitschi wartete darauf. Aber das
rechte Wort kam Resli nicht. Da stürzte die Magd hinein und rief: »Gschwind,
gschwind, dr Alt ist scho ufghocket!« »Adie wohl«, rief das Mädchen und riss sich
los. »Wart doch, los doch«, rief Resli, aber das Mädchen war schon auf der
Treppe und frug auf derselben im Fluge das Stubenmeitli: »Was ist das für e
Bursch?« »Ich weiss es nicht«, sagte dasselbe, »ich kenne ihn nicht, er ist noch
nie dagewesen.« Da ging stille das Mädchen aufs Wägeli, stille hörte es die
Vorwürfe des Vaters, stille fuhr es mit ihm dahin; es war ihm, als fahre
derselbe mit ihm ins weite, öde Meer, wo keine Freude, keine Lust mehr sei,
nichts als Herzeleid und lange, lange Zeit, bis man sterben könne.
    Resli war ganz verdutzt gestanden, und als er zum Fenster trat, um nach
Wägeli und Vater zu sehen, ob er sie vielleicht kenne, sah er nur noch die
hinter ihnen aufwirbelnde Staubwolke. Da tat es ihm im Herzen weh, und er konnte
nicht aufhören, in den Staub zu sehen, hoffend, der Wind möchte kommen und den
Staub verjagen, noch einmal könne er das Meitschi sehen; und lange war Staub und
Wägeli verschwunden, und immer noch sah Resli ins Weite, und immer wirser tat es
ihm im Herzen. Es dünkte ihn da, wie wenn ein Mühlstein darauf läge, und der
Staub biss ihn in den Augen wie noch nie. Tausend Pfund reuten mich nicht, dachte
er, wenn ich wüsste, wer die wären.
    Als er dieses dachte, merkte er hinter sich das Stubenmeitli. »Mach mir die
Ürti«, sagte er rasch, als ob er fürchtete, dasselbe lese an seinem Rücken die
Gedanken in seinem Herzen. »He, es ist fünfundzwanzig Batzen«, sagte dasselbe.
Während es das dargelegte Geld nachzählte, dünkte es Resli, er möchte doch noch
etwas wagen, und sagte: »Was sind das für Leute gewesen?« » Das ist der
Dorngrütbauer, er wohnt da in den Dörfern unten, exakt in welcher Gemeinde, weiss
ich nicht, aber es soll ein gar grusam Reicher sein. Du hast dich aber
überzählt, es sind zwei Batzen zu viel, fünfundzwanzig Batzen habe ich gesagt
und nicht siebenundzwanzig.« »So behalte sie«, sagte Resli, »ich begehre sie
nicht wieder.« »Du bist ein seltsamer Bursch«, sagte das Stubenmeitli, »die
Meisten wollen mir zu wenig gehen, und du gibst mir zu viel. Aber ich will es
nehmen, ich mangle es übler als du, und du sollest Dank haben z'tausend Malen.
Aber weisst du, was ich noch lieber möchte als die zwei Batzen?« »Nein«, sagte
Resli. »Einen mit dir haben möchte ich, du kannst es bsunderbar wohl. Willst?«
»He, meinetwegen, öppe einen«, sagte Resli. »He nu so de, Gyger, so mach denn
fry e lustige, aber gschwind! Sonst, wenn die Wirtin merkt, dass ich tanze, so
kommt sie und nimmt mich bei den Züpfen; sie ist heute aber gar eine böse, und
ich will lieber, sie komme nicht dazu.« Nun ging sTanzen los, und das Meitschi
ward selig, tat Sprünge wie ein junges Böcklein, vergass aber doch nicht, trotz
seines Glückes in einer Pause zu fragen: »Woher kömmst du?«
    Da dünkte es Resli erst, wenn seine erste Tänzerin nicht wisse, woher er
komme, so brauche es die gegenwärtige auch nicht zu wissen, aber bald besann er
sich eines Bessern und gab seinen Stammsitz an; denn wäre es nicht möglich, dass
man hier ebenfalls nach ihm fragen würde?
    »So, bist du der«, sagte das Stubenmeitli; »ich habe viel von Liebiwyl
gehört, bin aber noch nie dort gewesen. Des Dorngrüter Bauern Tochter hat
gefragt, woher du kämest, aber was man nicht weiss, kann man nicht sagen«. (Man
frägt im Emmental meist »Woher bist« statt »Wer bist«, da nach alt-adelicher
Sitte die Menschen bekannter sind unter den Namen ihrer Höfe als denen ihres
Geschlechts). »Soll ich dir noch eine Halbe holen, Du wirst doch nicht schon
fort wollen, du kämest ja Tags heim!« »Nein, ich mag nicht mehr trinken«, sagte
Resli. »So musst du noch einen mit mir haben«, sagte das Stubenmeitschi, und nach
dem einen wollte es noch einen und noch einen, gäb was Resli sagen mochte, und
wer weiss, wie manchen Resli noch hätte haben müssen, wenn nicht die Wirtin unter
der Türe erschienen wäre, um das arme, in seine Privatgeschäfte vertiefte
Meitschi zu suchen. »So, bist du da, du Donnstigs Bubennarr, was du bist, wohl,
dir will ich!« rief sie mit klebriger Stimme in den weiten Saal durch Geigen und
Stampfen mitten hindurch, dass das arme Mädchen zusammenfuhr wie von einem grossen
Dorn gestochen, sich umsah und mit einem Satz zur Stube aus fuhr, als wenn es
schrittlings auf dem Bysluft führe.
    »Bist du noch da, du Donnstigs Tanzgöhl?« fuhr die Wirtin fort und richtete
ihre Kanone auf den armen Resli. »Es dünkt mich, du solltest genug haben, und
das andere Mal lasse mir meine Meitli in Ruhe oder bring eine mit, wenn du
tanzen willst, für solche Schmöckeni habe ich meine Meitleni nicht. Oder wenn du
es zwingen willst, zu tanzen, so frag mich, ob ich Zeit habe. Ists denn wahr,
dass du es so wohl könnest? Seh, lass mal probieren; Gyger, mach fry e styfe!« Und
sonder weitere Umstände musste Resli mit der dicken Wirtin, welche dampfte wie
eine siedende Fleischsuppe, die über einem andertalbzentnerigen Mocken
strudelt, an den Tanz. Er begann zu glauben, er sei verhexet, und ihm war, wenn
er nur da weg wäre; wenn nach der Wirtin noch die Köchin käme, dann das
Badmeitli, nach dem Badmeitli die Hühnermutter, nach der Hühnermutter das
Kindermeitschi und nach dem Kindermeitschi die Wirtstöchtern noch alle, so ginge
es bis am Morgen, und was wurden die Leute sagen, wenn er erst mitten im Morgen
heimkäme!
    Da erschien zum Glück unter der Türe der Wirt und fluchte: Es nehme ihn doch
wunder, warum heute alles da oben sein wolle; aber wenn das nicht aufhöre, so
wolle er ihm schon ein Ende machen und jage die Geiger fort. Es dünke ihn, für
so eine Alte sollte sie witziger sein, und wenn eine drei Männer gehabt und
vierzehn Kinder, so sollte ihr das Tanzen erleidet sein. Aber er habe schon
manchmal gehört, für die Narrochtige sei kein Kraut gut als einmal der Tod. Sie
solle sich abemachen, es seien Leute unten, die wollten etwas essen, und zwar
auf der Stelle. »He, die werden wohl warten«, sagte die Wirtin, »wir haben auch
warten müssen, bis sie gekommen sind.« »Hast dus gehört«, sagte der Wirt, »oder
soll ich dir zünden?« »Du bist ein Grobian«, sagte Die Wirtin, »hast du es
gehört, ich lasse mir nicht von dir befehlen und tanze, mit wem ich will und so
lang ich will. Komm, Bürschli, wir wollen noch einen haben«, und somit drehte
sie sich und wollte Resli wieder fassen, aber es war kein Resli mehr da; sie
streckte die Arme in die Luft und stand da, ungefähr wie Lots Weib gestanden
sein mag. Es erscholl ein donnernd Gelächter, der Wirt sagte: »Gäll, der hat es
dir gereiset!« »Wo ist der junge Löhl?« fragte die Wirtin, sah rund in der Stube
hemm, aber Resli war nirgends zu sehen. »Hat ihn der Schwarze genommen?« Und
abermal lachten alle, und der Wirt sagte: »Such nur!« Die Wirtin wurde endlich
verblüfft und sagte: »He nu so de! Wenn es hat sein müssen, so ist es mir allweg
lieber, er habe ihn alleine genommen als mich damit. Es nimmt mich nur wunder«,
sagte sie zu ihrem Manne, »warum er dich nicht mitgenommen hat, es wäre ihm in
einem zu gegangen, und er hat schon Manchen genommen, der am kleinen Finger
besser gewesen ist als du am ganzen Leib mit Haut und Haar.«
    Während unter solchen zärtlichen Gesprächen das Ehepaar an seine Arbeit
ging, hatte Resli, der zum offenen Fenster aus auf die Laube und von da ins
Freie gekommen war, schon einen Plätz Weg gemacht. Bald schiens ihm, er gehe auf
Rädern, bald wieder kniestief in der Erde, bald tanzte er mit dem Mädchen, bald
dachte er, er hätte es zum letzten Male gesehen.
    Er machte Plan um Plan, wie er zu ihm gelangen wolle, bald nachts als
Kiltbub, bald unter dem Vorwand, Kühe oder Rosse zu kaufen oder Heu oder Stroh;
so ein Bauernsohn hat gar manchen Schlüssel zu andern Bauernhäusern, wenn es ihm
ernst ist, hineinzukommen. Aber nichts gefiel Resli recht; er ersann immer etwas
Neues, und das gefiel ihm dann wieder nicht, und er war daheim, er wusste nicht
wie.
    Die Andern hatten schon gegessen, aber die Mutter hatte ihm sein Essen an
die Wärme gestellt. Sonst war sie neben ihn gesessen und hatte ihn gefragt, wo
er aus gewesen, und dann hatte ein Wort das andere gegeben, bis Beide wussten,
was sie wollten. Jetzt aber stellte sie ihm sein Essen dar, fragte nicht: »Ist
es noch warm?«, sagte nicht: »Du bist früh heim«, sagte ihm kein Wort, ging aus
und ein, als wäre er nicht da. So konnte er keine Frage anbringen, und das tat
ihm weh. Manchen Tag strich er um die Mutter herum, aber wenn er etwas vom
Sonntag anfangen wollte, so verschloss ein mürrisch-grollend Wort ihm den Mund.
    Endlich glaubte er einen günstigen Augenblick erhascht zu haben, er war mit
der Mutter alleine im Spycher und fasste ihr Korn für die Schweine. »Mutter,
kennst du den Dorngrüter Bauer?« »Warum fragst du nach dem?« »He, ich habe ihn
letzten Sonntag gesehen.« »Wie hast du gewusst, dass es der Dorngrüter Bauer war?«
»Oh, ich habe gefragt.« »Was hat dich das wunder genommen?« »Ho, nienerum. Aber
ich habe mit der Tochter einen Tanz getanzt oder zwei.« »Jä so«, sagte die
Mutter, »während man daheim für euch sorget und huset und kummert, fahrt ihr
herum und lauft jedem Schlärpli nach.« »Es dünkt mich doch, Mutter, du solltest
nicht über mich zu klagen haben, ich mache ja, was ich kann.« »Ja« sagte die
Mutter, »und läufst an den Orten herum, wo es lustig geht. Es dünkt mich, das
sollte dir vergehen, wenn du sinnetest, wie wir dran sind, und der Mut zum
Tanzen und Karisieren sollte dir vergehen. Aber so hat man es mit den Kindern,
wenn man sie am nötigsten hätte, so sieht ein jedes für sich und frägt Vater und
Mutter nicht mehr nach.« Darauf konnte Resli keine Antwort mehr geben, das Herz
tat ihm zu weh. Die Mutter sollte doch wissen, dachte er, wie lieb er sie hätte
und dass er diese Vorwürfe nicht verdiene. Wenn es einem Bauernsohn nicht mehr
ziehe, einmal im Jahr zu baden und einige Tänze zu tanzen, so wäre es doch bös,
und darneben sei er doch der Erste und Letzte bei der Arbeit, und wenn es
gerechnet sein müsste, so gehörte ihm ein schöner Lohn heraus. Und öppe für wüst
zu tun oder Schlägereien sei ja noch kein Kreuzer für ihn bezahlt worden.
    Solches dachte Resli, aber es erbitterte ihn nicht. Es war ihm immer, als
müsste er der Mutter und noch einer Andern zeigen, dass er besser sei, als man von
ihm denke, als werde man hier oder dort nach ihm fragen, und dann solle jeder
sagen müssen, einen brävern Burschen und einen, der alles besser angreife, gebe
es nicht, so weit der Himmel blau sei. Und wenn ihm die Galle aufsteigen wollte
und ihn antreiben zum Wüsttun, so wars ihm, als hebe das Meitschi hinter einem
Hag den Finger auf und sage: »Bhüet mih Gott vor einem Selligen.« Dann nahm er
sich zusammen und tat wieder, wie er dachte, dass ein Meitschi, welches gerne
einen guten Mann hätte, es am liebsten sehen würde.
    Aber wie viele Pläne er auch machte, auf das Dorngrüt zu gehen, er führte
keinen aus. Es munterte ihn niemand auf, und so wie es bei ihnen immer mehr
ging, hatte er nicht das Herz, eine junge Frau in das Wesen hineinzuführen.
    Als künftiger Besitzer des Hofes, um der Mutter zu gefallen und ein gutes
Lob zu erhalten ringsum, hatte er geglaubt, er dürfte wohl dem Vater sich näher
zur Hand stellen, dürfte ihn fragen: »Wollen wir nicht an dieses oder jenes hin?
Vater, bleib du daheim, wir wollen die Sache schon machen, dass es dir recht
ist.« Auch fragte er: »Vater, darf ich nicht mit dir zMärit, soll ich den Kleb
mitnehmen oder den Tschägg, sie sind fett und geben wenig Milch, es wäre Geld zu
verdienen, und ich sollte das Handeln auch lernen?« Dann sah und hörte der Vater
einige Zeit zu, und es dünkte ihn, er sollte selbst Freude haben am Eifer seines
Sohnes, und er sagte wohl einige Male zu sich selbst: Das gibt einmal ein
rechter Bauer.
    Hätte die Erfahrung des Vaters den Eifer des Sohnes unterstützt, die
fünftausend Pfund wären nicht nur bald ersetzt, sondern ihr Verlust wäre durch
die erzeugte Aufregung ein eigentlicher Vorteil geworden. Aber bald kamen
Eifersucht und Misstrauen über den Vater. Er meinte, Resli sei von der Mutter
aufgestiftet und sollte jetzt den Hof führen nach ihrem Sinn, mit Hasten und
Jagen und Grämpeln, wie es Vater und Grossvater nie getan. Er wollte den Sohn
nicht über den Kopf sich wachsen lassen, die Leute sollten ihm nicht sagen, sein
Sohn sei ein ganzer Kerli, und seit er regiere, gehe alles besser. Es sei eins
ein schlechter Sohn, wenn er den Pflug nicht im gleichen Loche fahre wo der
Vater. Einmal er hätte sich geschämt, regieren zu wollen, solange der Vater
gelebt, und als derselbe gestorben, habe er gebauert, wie er es vom Vater
gelernt, und es wäre auch gegangen. Aber die Welt werde immer schlechter, und
die Kinder verachteten ihre Eltern, und ein jeder Bube wolle gescheiter sein als
Vater und Grossvater. Aber solange er lebe, gebe er den Löffel nicht aus der Hand
und auch das Hefti nicht, und man solle erfahren, wer Meister sei.
    Von dieser Zeit an ging es dem armen Resli bös, und er brauchte nur ein Wort
zu einer Sache zu sagen, so ging es übel, und von allem, was er sagte, tat der
Vater gerade das Gegenteil, und wenn er ihm eine Unerfahrenheit oder
Unbesonnenheit aufrupfen konnte, so sparte er es nicht und nahm sich damit nicht
einmal vor den Diensten in acht. Wo er nur konnte, gab er ihm zu verstehen, dass
er eigentlich nur noch ein Bub sei und nichts verstünde und noch manchen Bissen
Brot essen müsste, bis er nur wüsste, was eigentlich ein Bauer sei.
    Resli verlor allen Mut, als sein Eifer ihm so übel genommen ward. War er
dann lass und mutlos, so hiess es, da sehe man, was mit ihm sei; wenn er die Sache
mit dem Maul machen könnte, so wäre es wohl gut, aber wo es müsse ausgehalten
sein, da sei er nicht daheim.
    Doch dies hätte er auch noch ertragen, er wusste gar wohl, dass man mit der
Eltern Gebrechen Geduld haben solle, wenn nur diese Vorwürfe im Stillen unter
vier Augen geschehen wären. Aber die Art im Hause hatte sich ganz geändert, und
das war es, was ihn am übelsten plagte und manchmal fast z'weinen tat. Früher
war man so besonnen mit der Rede, hütete sich, dass kein böses Wort fiel oder
wenigstens nie vor fremden Ohren; denn wenn Mann und Weib sich böse Worte geben,
was sollen Kinder und Diensten daran für ein Exempel nehmen? Und muss man sich
darüber wundern, wenn sie ebenfalls böse Mäuler kriegen? Darum auch war das Haus
so berühmt weit und breit; denn wo Keiner dem Andern ein böses Wort sagt, da
geht es im Frieden, und wo es im Frieden geht, da können böse Leute ihr Maul
nicht hineinhängen, und das ist eine rare Sache.
    Nun war es anders geworden.
    Christen und seine Frau gaben sich manches böse Wort und hielten sich
unverblümt ihre Fehler vor. Christen hielt seiner Frau ihre Wohltätigkeit vor
und wie diese und jene Frau eine ganz andere sei, so und so viel Eier- und
Milchgeld hätte sie in einem Jahr ihrem Mann gegeben. Aber da stünden nicht
immer Zwei vor der Tür und warteten, bis drei Andere, die drinnen wären,
herauskämen, um dann auch hineinzugehen. Mit einer solchen Frau sei es auch eine
Freude zu hausen, da hätte man ungsinnet immer mehr; er aber möge einnehmen, so
viel er wolle, so sei in Gottes Namen immer kein Geld da, es sei, wie wenn der
Luft darhinter wäre. Die Frau blieb nichts schuldig und sagte, fünftausend Pfund
hätte sie doch nicht verliederlichet, und sie könnte manchem armen Menschen
wohltun, ehe sie nur den Zins davon gebraucht hätte, und zwischen Spitzbuben und
armen Leuten sei doch noch ein Unterschied, und es heisse in der heiligen Schrift
nirgends, dass die einen Gottslohn davon hätten, welche Spitzbuben mästeten. Sie
könne nichts dafür, dass es nicht mehr Milchgeld gebe, sie kaufe und verkaufe die
Kühe nicht und müsse die Milch nehmen, welche man ihr bringe. Und wenn man zu
rechter Zeit jede Arbeit verrichten würde, man erhielte auch mehr und besseres
Futter. Sie wüsste Männer, welche ds Halb mehr auf dem Hofe machen würden.
    Wenn sie dann auf ähnliche Weise mit einander gewortet hatten, so konnte
sich vielleicht Christen nicht entalten, vor Knechten und Taunern zu sagen: Es
erleide ihm, dabei zu sein, und wenn seine Frau nicht bald aufhöre, ihm die
fünftausend Pfund vorzuhalten, so müsse etwas anders gehen. Änneli aber weinte
in der Küche vor den Mägden und sagte: Es sei gut, dass ihre Mutter das nicht
erlebt hätte; sie hätte es nicht ausgestanden, und wenn sie es jetzt schon
könnte, wie es ihr gehe, sie kehrte sich noch im Grabe um. Dass man so mit ihr
umgehe, hätte sie nicht verdient, und was sie gebe, gebe sie eigentlich aus
ihrer Sache, und es dünke sie, das sollte niemand viel angehen. Aber sie wollte,
sie wäre tot, Christen könnte dann eine von denen nehmen, welche so viel Eier-
und Milchgeld machten. Vielleicht machten die es wieder gut, und Christen würde
noch manchmal an sein Änni sinnen, welches jetzt in keinen Schuh mehr gut und
nichts recht sei, es möge in Gottes Namen machen, was es wolle.
    Die Worte, welche in die Ohren der Diensten fallen, Die finden nicht
unfruchtbares Erdreich, die gehen auf, manchmal tausendfältig, und wenn sie
aufgegangen sind, so stehen sie nicht still wie Korn oder Weizen, sondern
wandern von Haus zu Haus und samen sich wiederum ab in die Ohren neugieriger
Weiber, die, wie gegenwärtig die Stadttore, Tag und Nacht offen stehen. Es ist
aber mit Dienstenohren noch eine wunderliche Sache. In gewisser Beziehung würde
man ihnen das grösste Unrecht antun, wenn man sagte, das wären auch Ohren, die
nicht hörten. Denn diese Ohren hören zuweilen auf hundert Schritte, sogar durch
verschlossene Türen und solide Wände, und von dem, was sie so hören, vergessen
sie nichts; dann gibts wiederum andere Sachen, welche nicht zu diesen Ohren ein
wollen. Es gibt Dinge, man kann sie ihnen hundertmal des Tages sagen, am
folgenden Morgen wissen sie nichts mehr davon und sagen sie auch nie wieder.
Kuriose Ohren sind Dienstenohren!
    Aber nicht nur Diensten redeten, auch Annelisi klagte zuweilen einer
Freundin ihr Leid, wie es nicht mehr auszuhalten sei daheim, und es wäre ihr
zuletzt recht, den ersten Besten zu heiraten, wenn sie nur daheim wegkäme. Aber
sie solle es bei Leib und Sterben niemand sagen. Die Freundin sagte: »Was denkst
du doch, und wenn man vier Rosse ansetzte, kein Sterbenswörtchen brächte man aus
meinem Munde.« Und kaum war sie heim, so sagte sie: »Mutter, dort drüben gehts
strub zu, ds Annelisi hat es mir selbst geklagt, für viel Geld möchte ich nicht
im Hause sein. Ja, auf my armi, wenn mich jetzt einer von den Buben schon
wollte, sie könnten mir küderlen.« Der Versuch wäre jedoch nicht ratsam gewesen.
    Christeli konnte sich ebenfalls nicht entalten, wenn er getrunken hatte,
anzügliche Worte fallen zu lassen, und wenn er seine melancholische Laune hatte
und sich vernachlässigt glaubte, dann war sein Herz noch offener. Ja auch die
Bettler, welche Guttaten empfingen aus Ännelis Händen, schnappten Worte auf und
vergassen fast zu danken für die erhaltene Gabe, aus Eifer und Hast, das
aufgeschnappte Wort weiterzutragen.
    Man findet oft auf wüsten Inseln Gewächse blühen aus fernen Zonen, und es
können die Menschen es nicht fassen, wie die Gewächse auf die einsame Insel
gekommen, bis irgend ein Gelehrter sich ihrer erbarmet und mit gelehrtem
Gesichte ihnen erzählt, wie Blumenstaub fliege in der Luft herum und dieser
Blumenstaub sich hänge an eines Vogels Flügel oder Beine. Nun geschehe es oft,
dass diese Vögel durch mächtige Winde verschlagen würden weitin über den
unermesslichen Ozean. Dann würden sie müde, und wo sie festen Boden erblickten,
ruhten sie. Nun falle der Blumenstaub ihnen von den Füssen, keime, sprosse, und
nach wenig Jahren sei auf der wüsten Insel ein blühend Leben. Dem fliegenden
Blumenstaube gleichen alle Worte; sie sind Geister der Lüfte, fliegen im Winde,
hängen in Menschenohren sich, lassen sich tragen, wohin ihre Fusse gehen, lassen
sich absetzen, wo sie stehen und sitzen, keimen und wuchern, und wer sie
hergetragen, vergisst man. Wer später ihren Wuchs sieht, wundert sich, errät das
Geheimnis nicht, weiss nicht, wie lange solche Geschichten wachsen und fort und
fort wachsen weit, weit von dem Leben weg, in welchem sie sich zugetragen haben
sollen; er weiss nicht, wie leicht lange Geschichten sprossen können aus einem
geflügelten Wort, das in eines Bettlers Ohr sich hängt.
    So wurde jetzt viel geredet allentalben von der unglücklichen Familie, denn
gar zu oft flogen solche gefährliche Luftgeister, die so gerne hängen bleiben,
ums Haus herum. Und je weniger man vorher Ursache gehabt hatte, über sie zu
reden, um so mehr redete man jetzt und entschädigte sich gleichsam für das
frühere Schweigen, so wie die, welche zu fasten belieben, sich auch durch desto
mächtigeres Essen entschädigen, wenn die Fasten zu Ende gegangen.
    Mehr oder weniger mochten es ihnen alle gönnen. Da sehe man jetzt, sagten
die Leute, die hätten immer besser sein wollen als Andere, und wegen fünftausend
Pfund täten sie so nötlich. Wenn sie ein solches Vermögen hätten wie jene, sie
wollten nicht nebenume luegen, aber da sehe man jetzt, dass sie das Geld noch
lieber hätten als andere Leute und dass sie nur die guten Leute machten, wo sie
es mit ein paar Birenschnitzen und öppe einer Handvoll Mehl zwegbringen könnten.
Nein, die hätte man so weit und breit gerühmt und bsunderbar viel auf ihnen
gehalten, aber wegen fünftausend Pfund schämten sie sich doch, so wüst zu tun.
    Die Weiber absonderlich konnten ihre Freude nicht verbergen. Wegen Christen
sei es ihnen leid, sagten sie; mit dem könnte jede vernünftige Frau nachkommen,
und Manche wäre froh, der Ihrige wäre nur halb so gut wie Christen. Wenn man mit
ihm zu reden komme, so sei es nicht, dass er die Sache nicht verstehe, so
ausbündisch könne nicht Mancher über alles Bescheid gehen wie er. Aber Änni, der
Gränne, möchten sie es gönnen, der geschehe es vom Tüfel recht. Die habe
gemeint, sie habe die Weisheit mit Kaffeechachelene trunke, habe alle Weiber
verachtet, mit keinem Gemeinschaft haben, weit und breit die Beste sein wollen,
habe die armen Leute auf begehrisch gemacht, dass man ihnen nicht genug habe
geben können. Ja sie seien imstande gewesen, ihnen das Brot wieder zu Füssen zu
werden und zu sagen: Sie sollen es dem Hund geben, wenn er es möge, sie wüssten
einen Ort, wo man für arme Leute Brot hätte, das sie essen könnten. Die hätte
gemeint, sie hätte kein Fleckli nirgends und es solle kein Mensch etwas über sie
sagen und der liebe Gott könnte seine Beine nicht stille halten im Himmel vor
Freude, dass einmal so eine in den Himmel käme, und jetzt könne man sehen, wie
die eigentlich seien, wo besser sein wollen wie alle Andern. Sie hätten schon
lange gesagt, wenn der nicht etwas auf die Nase werde, so wüsse man nicht, ob
man noch an eine Gerechtigkeit glauben solle oder nicht. Aber wohl, jetzt sei es
gekommen; an der Hälfte hätten sie mehr als ds Halbe zviel, und es könnte sie
jetzt bald noch dauern. Aber wunder nähme sie es, ob Änni jetzt Die Milch
hinuntergelassen und ob es jetzt mit Leuten wie sie sich abgeben möchte. Aber
jetzt möchten sie auch nicht. Seien sie ehemals nicht gut genug gewesen, so
wussten sie jetzt auch nicht, warum so eine jetzt ihnen gut genug sein sollte.
    So räsonierten die Weiber; die Männer machten es etwas kürzer, und Änneli
fand vor ihnen mehr Gnade als Christen. Da müsste man doch blind sein, wenn man
nicht wüsste, wer den Wagen in den Hag gefahren und jetzt nichts mit ihm
anzufangen wüsste. Es sei bei einem so grossen Hofe nichts verderblicher, als wenn
man immer um eine Arbeit hintendrein sei. Das sei gerade, wie wenn man an einem
Morgen nicht auf möge und am Abend nie nieder könne. Drüben aber gehe es so, und
daran sei Christen schuld. In der Haushaltung, welche Änneli regiere, da habe
alles seine Zeit, und man habe nie gehört, dass die Diensten nicht zu rechter
Zeit essen könnten. Und was Änneli unter seinen Händen habe, das suche es zu
guter Losung zu bringen, während Christen nichts aus den Händen lassen könne und
im Handel ein rechter Fösel sei, jeder Schulbub möge ihn. Sie wollten mit Änneli
wohl nachkommen, es sei eine manierliche Frau, und wenn eine einen solchen Mann
hätte, so nehme es sie nicht wunder, wenn sie zuweilen auch ein Wort dazu sagen
wolle. Es wäre wohl gut und käme Manchem wohl, es würde keine schlimmeren Weiber
geben als Änneli.
    Dann sagten wohl die Weiber: Es gebe keine wüstern Hüng als das Mannenvolk;
es brauche eine nur wüst zu tun, so gefiele sie allen wohl. Es gelüstete sie,
den Männern es zu zeigen, wie einem sei bei so einem Änni; es nehme sie wunder,
ob sie nicht bald aus einem andern Loche pfiffen. Aber es sei ein wüst Volk, und
alles sei ihnen recht, ausser was ihre eigene Frau täte; die könnte es ihnen in
Gottes Namen nicht breichen, sie möge es anfangen wie sie wolle.
    Dieses Gerede tat aber niemand mehr weh als Resli. Alles andere hätte er im
Stillen ertragen wollen, wenn nur das nicht gewesen wäre. Ihm war es immer im
Gemüte, als würde des Dorngrüter Bauern Tochter noch nach ihm fragen, als müsste
sie vernehmen, wo er daheim sei. Und wenn sie jetzt fragte, was vernahm sie? War
nicht der alte, berühmte Name dahin? Musste es nicht heissen: Da gehe es nicht
mehr gut. Lauter Streit und Zank sei im Hause, und wenn nicht Reichtum dagewesen
wäre, so ginge es nicht mehr lange. Jetzt möchte es noch ein Weilchen halten,
aber immer könne das nicht so gehen. Es müsste eine da zweimal luegen, ehe sie
hineintrappe, sonst nehme sie einen Schuh voll heraus. Aber öppe ein rechtes
Meitschi, das noch nicht zu äusserst am Hag sei, werde sich wohl hüten. Er wusste
wohl, dass ein Name, welcher durch mehrere Geschlechter während einem ganzen
Jahrhundert erworben worden war, in wenig Jahren ganz dahin gehe, und wer musste
es büssen als gerade er, der auf dem Hofe blieb! Es kam ihm immer mehr vor, wenn
schon zehntausend, ja zwanzigtausend Pfund verloren gegangen und nur der Friede
geblieben wäre, so wäre er glücklich und wollte kein Wörtlein klagen. Es schien
ihm, als würde ein Verlust alleine das Meitschi nicht abschrecken; in ein Haus
aber, wo nur Streit und Zank sei, da hinein wurde es um alles in der Welt nicht
gehen; das, meinte er, habe er ihm wohl angesehen. Je länger je weniger durfte
er daran denken, sich im Dorngrüt zu zeigen. Jena Sonntag war ihm ein schöner
Traum, der ihm aber oft das Wasser aus dem Herzen herauf in die Augen trieb. Er
trug lange sein Leid alleine und meinte immer, die Mutter müsse in einer guten
Stunde ihm dasselbe ansehen und darum fragen; dann wolle er es ihr in der Liebe
sagen, alles, was er auf dem Herzen hätte. Vielleicht könne sie es einsehen, wie
es ihren Kindern auf diese Weise viel zu übel gehe. Aber die Mutter fühlte nur
ihr Leid, hatte keine Augen mehr für Anderer Leid, und die gute Stunde kam ihr
nicht.
    Endlich vermochte Resli sein ganzes Leid nicht mehr in sein Herz zu fassen,
er klagte dasselbe seinem Bruder. Dieser hatte ihn als einen Günstling
betrachtet, und da er ihn im gleichen Spital krank fand, wallte auch das gleiche
Mitleid, welches er mit sich selber hatte, für den Bruder in ihm auf, und
Beide wurden rätig, dass es je länger je schlimmer gehe und dass man da zu helfen
suchen müsse, wie man könne und möge. Man müsse den Eltern, wenn sie zu kifeln
anfingen, abbrechen, meinten sie, und ihnen sagen, das trage nichts ab, als dass
sie verbrüllet würden. Wenn man es ihnen in der Manier sage, so würden sie es
wohl annehmen und merken, dass sie unrecht hätten, bsunderbar wenn man dem,
welches eigentlich die Urhab sei, zeige, dass es unrecht hätte und sich doch um
Gottes und der Kinder willen besänftigen solle. Das fanden sie für das Beste,
und als Christen noch an Reslis Liebe teilnahm und sagte, es müsse nicht zu
machen sein oder Resli müsse des Dorngrütbauern Tochter haben, er wolle in den
nächsten Tagen um das Dorngrüt herumstreichen, und wenn er das Nötige vernommen,
ins Haus selbst zu kommen suchen, um zu sehen und zu hören, wie es um das
Meitschi stehe: da war Resli wieder voll guten Muts und meinte, sövli bös seien
doch die Eltern nicht, und wenn sie sehen, wie es ihnen daran gelegen sei, so
würden sie sicher schon sich Gewalt antun, sie hätten allweg noch ein Herz für
ihre Kinder.
    Dem Annelisi sagten sie nichts davon. Sie betrachteten es halb wie ein Kind
und halb wie einen Hintersäss, welcher vor Zeiten in Gemeindssachen auch nichts
zu reden harre. Bauernsöhne haben es fast wie die Katzen, welchen man es
nachredet, dass sie sich mehr an die Häuser als an die Leute schlossen und
hingen, während die Mädchen es haben wie die Täubchen, welche alle Tage ins
Weite fliegen und ob fremden Tauben ihr Häuschen vergessend ihnen gerne folgen.
Die Söhne sind die Aristokraten, die Mädchen die Radikalen; die Erstern meinen,
es gehöre ihnen alles von Rechts wegen, die Letztern flüchten sich je eher je
lieber in fremdes Land, um unter fremdem Schutz desto sicherer und mächtiger
gegen die brüderlichen Aristokraten aufzubegehren und aus ihren Klauen zu reissen
so viel wie möglich.
    Die Brüder hatten Annelisi recht lieb, aber weil es zuweilen etwas
gäuggelhaft tat, so trieben sie oft ihr Gespött mit ihm und sahen es so
gleichsam über die Achseln an. Annelisi, welches sich wohl bewusst war, dass es
nicht auf den Kopf gefallen sei und so gute Gedanken hätte als irgend ein
Meitschi, nahm das übel und vergalt den Brüdern ihr vornehm Wesen durch manche
Spottrede, manche Neckerei und verrätschte sie wohl zuweilen bei Vater und
Mutter; kurzweg gesprochen, es tat recht radikal gegen sie, wessen sie sich aber
wenig achteten, sondern nur noch vornehmer gegen Annelisi wurden.
    Wie gut Christen und Resli es auch meinten, gut kam es ihnen nicht. Die
Eltern verstunden sie nicht; es ging ihnen, wie wenn Unkundige in einer Wunde
herumfahren oder in eine Beule stechen, welche noch nicht zeitig ist. Sobald sie
in das Gekifel der Eltern reden wollten, so wurden sie an die alte Haussitte
gemahnt, seit wann es der Brauch sei, dass Kinder hineinwelscheten, wenn Eltern
mit einander redeten. Die guten Eltern dachten nicht daran, dass wenn man Die
Stützen wegnehme, das ganze Haus umfalle, und dass wenn sie selbst das erste
Bedingnis, vor den Kindern nicht zu worten, verletzten, die Kinder auch um den
alten Respekt kämen, und dass wenn Eltern vor den Kindern sündigen, die Liebe die
Kinder treibe, die Eltern zurückzuweisen, so gut als sie auch die Eltern treibt.
Der Witzigere wehrt ab, wenn nun die Kinder die Witzigern werden, sollen sie
nicht auch abwehren?
    So verstunden es aber die Eltern nicht, sahen nicht, dass sie nicht mehr die
Alten waren, sondern krank geworden, die Kinder aber die alte Lebenskraft seien,
welche sie wieder zur alten Gesundheit bringen mochte. Wenn nun die Kinder zum
Schweigen gewiesen wurden, so wollten sie sich entschuldigen und sagten: »Aber
Vater, es dünkt mich doch, es sei nicht der wert, so bös zu werden«, oder: Die
Mutter habe recht; wenn man es so machen würde, wie die Mutter sagte, es käme
besser, oder: »Der Vater hat doch auch etwas recht; man kann in Gottes Namen
nicht immer machen, was man will, man muss sich zuweilen auch nach den Umständen
richten« Das ging dann noch tiefer; was Entschuldigung sein sollte, nahm das
Eine als Billigung, das Andere als Missbilligung. So etwas während dem Streit ist
Öl ins Feuer, und zugleich kam dasjenige, welches missbilligt sich glaubte, in
den Wahn, die Kinder hielten es mit dem Andern, glaubte sich unterdrückt, wurde
nur hässiger und böser, der Streit ward häufiger, giftiger, lauter. Resli, in
seinem Tätigkeitstrieb vom Vater zurückgewiesen, der Mutter Wohltätigkeitssinn,
des Hauses Ehre, notwendig achtend und auch innerlich ihn teilend, entschuldigte
sich öfters damit: Es dünke ihn doch, man sollte zuweilen auch darauf achten,
was die Mutter sagte. Das machte den Vater immer böser über Resli, und laut
klagte er über ihn, dass er nicht warten möge, bis er den Löffel aus der Hand
gegeben; er stecke hinter der Mutter und weise sie auf, und wenn er nicht wäre
es ginge alles besser. Er merke wohl, was abgekartet sei und dass er den Hof
abtreten sollte, aber das tue er nicht, solange er ein Glied rühren könne.
Annelisi, Reslis natürlicher Gegenpart und nicht in die Absicht der Brüder
eingeweiht, nahm des Vaters Partei und sobald Resli den Mund auftat, mischte
sich auch Annelisi ein, oft noch ehe es wusste, wovon die Rede war. Wenn die
Mutter es schweigen hiess, so begehrte der Vater um so lauter mit Resli auf, und
wenn später Resli mit Annelisi alleine war, so drohte er ihm, wenn es noch
einmal den Mund auftue, so nehme er es bei den Züpfen und führe es zur Stube
aus. Er wolle ihm zeigen, was es sich in alles zu mischen hätte, und es sollte
sich schämen ins blutige Herz hinein, ein Wort gegen die Mutter zu sagen. »Tue
es nur«, antwortete ihm dann Annelisi, »wenn du darfst und du meinst, du hättest
alleine das Recht zu reden! Aber das Haus ist noch nicht deins, und solange ich
in der Kräze sein muss, will ich das Recht haben, zu reden, was ich will, hörst
du, so gut als du. Und es nimmt mich wunder, ob du dich nicht noch mehr schämen
solltest, so auf dem Vater zu sein, du solltest doch wohl sehen, was er zu
leiden hat von der Wunderlichkeit da Mutter.« »Was, Wunderlichkeit der Mutter«,
schrie Resli, »es nimmt mich wunder, wer wunderlicher sei, der Vater oder die
Mutter!« So gings, und oft war es nahe dabei, dass Die Beiden sich in die Haare
gefahren wären, wenn der ältere Bruder nicht gemittelt hätte.
    So ward, was zum Frieden dienen sollte, ein neues Reizmittel zum Streit, wie
es ja auch bei grossen Bränden geschieht, dass Feuerspritzen, welche man zur
Rettung eines Hauses in eine Gasse gestellt, das Feuer leiten vom brennen, den
Hause ins Nachbarhaus, weil, durch die Hitze angesteckt, sie selbst in Brand
geraten. Statt dass da Eltern Streit aufgehört hätte, riss Streit unter den
Geschwistern ein, und ein Streit nahm Nahrung aus dem andern Streit. So ward das
Leben immer trübseliger, und es erleidete Änneli oft so dabei, dass es zu Gott
betete, er möchte es doch sterben lassen, und Christen ging es nicht besser.
    Einmal, es war am Sonntag vor Pfingsten, am ersten heiligen Sonntag, dünkte
es Christen, er möchte noch Kuchen zum zMorgenessen. Sie hatten am Samstag
gebacken und nach üblicher Sitte Kuchen gemacht für das ganze Hausgesinde über
den Tisch weg. Dies geschah gewöhnlich in so reichlichem Masse, dass immer übrig
blieb und manchmal später den Rest niemand essen mochte. Diesmal kam Christen
die Lust an, es war, als ob der Teufel ihn stüpfe, wie man zu sagen pflegt, oder
ob er zwei Bettlerweiber vom Hause weggehen sah, ich weiss es nicht. Denn die
sind auch früh auf, und je länger je weniger soll man den Bettlern Faulheit
vorwerfen, hoschen und doppeln sie einem ja manchmal schon vor fünf Uhr an der
Türe.
    Genug, Christen wollte zu seinem Kaffee Kuchen haben, und Änneli sagte:
»Kuchen ist keiner mehr, aber ich will dir lings Brot holen.« »He, das wäre
kurios, wenn kein Kuchen mehr da wäre«, sagte Christen, »es ist ja gestern noch
so viel übrig geblieben. Gehe du, Annelisi, du wirst wohl noch finden.« »Du hast
gehört«, sagte Änneli, »es ist keiner mehr, und du brauchst das Meitschi nicht
zu schicken, wenn ich es dir sage.« »Aber wo ist denn der Kuchen hingekommen?«
fragte Christen. »Er ist einmal nicht mehr da«, sagte Änneli. »So, geht das nun
so«, brach Christen los, »fressen einem Die Bettler den Kuchen vor dem Maul weg?
Brot ist nicht mehr gut genug für sie. Es wird bald dahin kommen, dass wir nicht
einmal Brot mehr haben, wenn die Bettler uns den Hof gefressen. Aber so geht es,
wo die Frau den Bettlern die Sache besser gönnt als dem Mann und den Kindern.«
»Ich weiss gar nicht, warum du heute Kuchen willst«, sagte die Frau, »das ist nur
um zu zanken, es ist manchmal übrig geblieben und du hast keinen begehrt, so dass
er zuschanden gegangen wäre, wenn ich ihn nicht weggegeben hätte. Wenn ich dir
anbot, hast du gesagt, du liebest alten Kuchen nicht.« »Selb ist nicht«, sagte
Christen, »aber du begehrst mich auf Die Gasse zu bringen oder ins Grab, du - «.
»Vater, Vater« sagte Resli, »denket, es ist heute heiliger Sonntag, und was
werden die Leute sagen, wenn sie hören, dass wir wieder Streit haben.« »Aber was
braucht die Mutter den Kuchen fortzugeben«, sagte Annelisi, »sie hätte doch wohl
denken können, der Vater nehme noch.« »Und was hast du dareinzureden«, sagte
Resli, »die Mutter hat gewusst, was sie zu machen hat, ehe du dagewesen bist.«
»Ich habe so gut das Recht, dareinzureden, als du«, sagte Annelisi, »und lasse
mir von einem Solchen, wie du einer bist, nicht befehlen.« »Wie bin ich denn
einer?« fragte Resli. »He, einer, dass wenn man mit den Schuhen an ihn gekommen
wäre, man sie wegwürfe aus Grusen, man sei vergiftet.« »Wart, du Täsche!« rief
Resli und wollte hinter das Meitschi her. Das floh hinter den Vater und brüllte
jämmerlich, der Vater donnerte auch. Da tat die Mutter, welche hinausgegangen
war, als Resli vom heiligen Sonntag redete, die Türe auf, welche aus der Küche
in die Stube führte, und sagte: »Eh Resli, denkst du jetzt auch nicht an den
Sonntag und schämst dich nicht vor den Chilerleuten, sprichst Andern zu und
kannst dich selbst nicht halten?« Das schlug Resli wie mit einem Zaunstecken. Er
sagte: »Vater, zürne nicht, mit dir wollte ich nicht streiten, und wenn ds
Meitschi sagen darf, was es will, so ists mir auch recht, wenn du es erleiden
magst«, und ging zur Tür hinaus.
    Es war eine gestörte Haushaltung an selbem Morgen. Sobald der Streit anging,
hatten die Diensten sich fortgemacht, und als Resli hinausging, machten sich
auch die Andern fort, eines hier aus, das Andere dort aus, fast wie eine Bande,
die ob böser Tat gestört worden, und Keines kehrte in die Stube zurück, das
zMorgen blieb auf dem Tische fast bis zMittag. Niemand liess sich herbei, es
wegzuräumen.
    Änneli wollten Reslis Worte, was die Leute sagen würden, nicht aus dem Kopf.
Was werden sie erst sagen, wenn heute an einem heiligen Sonntag niemand in die
Predigt geht? Da erst werden sie uns verhandeln und allerlei lügen, warum wir
nicht gegangen. Jemand muss doch gehen. Aber Änneli fand niemand, den es senden
konnte; es musste, wenn ihr Haus repräsentiert sein sollte in der Kirche, Hand an
sich selber legen, das heisst sich des Hauses, in welches es wollte, würdig
kleiden. In ungestörter Einsamkeit vollbrachte es sein Werk, und es kam ihm
wohl, dass es zu demselben nicht fremde Hände brauchte; aber die Mutter hatte es
von Jugend auf gelehrt, dass der Mensch sich selbst müsse helfen können in allem,
was täglich ihm zur Hand käme. Dafür hätte Gott einem die Hände wachsen lassen,
über die man einsten auch Rechnung ablegen müsse wie für jedes andere erhaltene
Pfund.
    Änneli pressierte nicht, es begehrte nicht der Menge sich anzuschliessen,
welcher oft das, was vor und nach der Predige auf dem Kilchweg geredet wird,
wichtiger ist als die Predigt selbst; sein Gemüt drängte es nicht zur
Mitteilung, und für Anderer Angelegenheiten hatte es keinen Platz, es war voll
eigenen Leids.
    Eine halbe Stunde weit hatte Änneli zur Kirche, und niemand war auf ihrem
Wege, denn heute eilte alles, um noch Platz zu finden. Gar seltsam war ihr
zumute, so einsam und schauerlich, als ob sie pilgern sollte weit, weit weg und
wüsste kein Ziel, wüsste keine Heimat mehr, und alle seien vorausgezogen und
niemand wartete ihr, alleine müsste sie pilgern, weit und immer weiter. Noch
tönten die Glocken, die ihr sagten, wo die Andern seien, aber sie verhallten
bald, und stille wards. Sie hörte nichts als ihre eigenen Tritte, nicht einmal
ein Hund bellte im Tale; so stille musste es im Grabe sein. Und wenn sie nun
alleine wäre in der Welt, fände keinen Menschen mehr im Dorfe, keinen in der
Kirche, keinen mehr in der ganzen Welt, und alle wären fortgezogen durch das
unsichtbare Tor, zu welchem der Herr einzig den Schlüssel hat! Da schwollen von
der Kirche her feierliche Klänge und mächtige Töne rauschten auf, und Änneli
faltete die Hände, es war ihr, als wäre ihr wieder Mut ins Herz gekommen, und
doch bebte sie in ihrer Seele, es war ihr, als höre sie aus den Tönen heraus
eine Stimme als wie eines Richters Stimme, die sie riefe vor Gericht.
    Angefüllt war die Kirche, kein Platz schien mehr für Änneli da, sie stund im
Türwinkel. Sieh, wenn es dir so ginge, wenn du sterben würdest, dachte sie, und
kämest unter des Himmels Türe, und kein Platz wäre mehr da für dich, und du
müsstest stehen, müsstest wieder gehen, weil kein Platz für dich da wäre, weil du
zu spät gekommen, alle vorangelassen im Wahne, du kämest noch früh genug. Und
wieder nun wuchs ihr Angst ums Herz, denn es gibt Augenblicke, wo unser Herz
angstvoll ist und alles auf sich bezieht, wo die Angst um die Seele zuvorderst
ist und alle Augenblicke die Augen voll Wasser sind. Da winkte ihr eine
Taunersfrau, welcher sie auch manche Guttat unters Fürtuch gegeben; aber Änneli
merkte es nicht, bis im nächsten Stuhl eine ihr einen Mupf gab und deutete. Da
sah sie, wie die arme Frau ihr ängstlich winkte, den Andern deutete, dass sie
noch näher zusammenrücken sollten, und ihr dann ein Plätzchen frei machte im
Stuhle. So machte die arme Frau der reichen Platz in der Kirche, und diese trat
demütig näher und nahm jetzt auch eine Wohltat an. Wer weiss, dachte Änneli, wenn
ich so spät komme und voll Sündenschuld in den Himmel, wer weiss, ob mir dann
nicht vielleicht auch eine arme Frau weichet, um ein Plätzchen für mich bittet,
das ihre mit mir teilt, für Weniges, das ich getan, mir so Vieles gibt. Dann
erfahre ichs, wie reich vergolten wird das Wenige, was man auf Erden an
Nebenmenschen getan. Und als sie neben die arme Frau niedersass, war es ihr fast,
als sitze sie neben ihren Engel und hätte jetzt einen sichern Platz gewonnen,
und niemand werde sie aus demselben stossen, und ihr sei jetzt wohlgegangen in
alle Ewigkeit.
    Als der Gesang verklungen war, begann der Pfarrer zu beten, und die Gemeinde
stand auf. Es schmerzte Änneli, vom erhaltenen Platze aufzustehen, wo ihr so
wohl geworden, als sei sie zur himmlischen Ruhe gekommen. Sie dachte, wie es
wohl einem sein müsste, der den Himmel erlangt und wieder daraus weg müsste, in
die Hölle vielleicht, wo Heulen und Zähneklappen ist ewiglich. Da zuckte es in
ihrem Herzen, als ob feurige Pfeile durch dasselbe fuhren, und vor ihr standen
die vergangenen Tage, und nach ihnen kamen die gegenwärtigen, und über den
ersten stand Freude und Glück, und die letztern waren in Weh und Schmerz
gehüllt, und sie fühlte in ihrem Herzen, wie es einem sein muss, der aus dem
Himmel in die Hölle muss. War sie ja auch in schaurigem Jammertale und sah ihrem
Elende kein Ende, und von hier weg, wo ihr so wohl geworden, musste sie in kurzer
Stunde wieder heim in Qual und Zank, in des Unfriedens graulicht Gebäude. Musste
alleine dort wieder einziehen, von all den Hunderten kam niemand mit, keine arme
Frau, welche ihr ein still, friedsam Plätzchen bereitete; dort warteten ihrer
wieder die alte Not, das Elend, das nicht aus missratenen Ernten kommt und mit
den schlechten Jahren zu Ende geht, sondern das andere, das aus übelberatenen
Seelen stammt und dauert so lange als der üble Rat in den Seelen, oft so lange
als die Seele selbst, ewiglich. Ach, müsste sie doch nimmer heim, könnte sie ihr
müdes Herz doch legen an ein ruhig Plätzchen, wo es schlafen konnte, bis ihr
Plätzchen im Himmel bereitet sei.
    Da tönte in diese Gedanken hinein des Pfarrers Stimme, welcher den Text
verlas, der also lautete: »Aber ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr
vom Gewächs dieses Weinstockes trinken, bis an den Tag, da ich es neu trinken
werde mit euch in meines Vaters Reich.«
    Es war ihr, als hätte der Pfarrer in ihr Herz gesehen und die Worte gerade
auf sie gerichtet, als eine schöne Verheissung, dass ihr Wunsch bald sollte
erfüllet und sie befreit werden aus ihrem Elend und an ein ruhig Plätzchen
kommen. Sie freute sich des Sterbens, und doch kam eine unbeschreibliche Wehmut
über sie. Sie dachte anfangs wohl: Mir ginge es so wohl und niemand übel, wenn
ich darausstellen könnte. Vielleicht, wenn ich einmal fort wäre, merkten sie,
was ich gewesen und dass ich nicht mehr da bin, und sie sinneten vielleicht noch
manchmal an mich, wenn an das nicht gesinnet wird und für jenes nicht gesorget.
Sie würden vielleicht denken: Es ist notti übel gegangen, dass uns die Mutter
gestorben ist. Würde aber wohl auch jemand weinen, wenn ich stürbe, wenn sie
mich zu Grabe trügen und wenn die Erde polterte auf meinen Totenbaum? Müsste wohl
Christen das Nastuch nehmen vor das Gesicht? Und Resli, was würde der sagen,
würde er fühlen, wie übel es ihm ginge, Ach, hätte ich vor drei Jahren sterben
können, da weiss ich, was sie getan hätten; da wäre es Christen gewesen, als
hätte man ihm das Herz aus dem Leibe genommen, als müsste er diesem Herzen nach
ins Grab. Und wenn ich jetzt sterbe, steht vielleicht niemand an meinem Bette,
und wenn sie mich tot finden, so ists ihnen, als sei ihnen ein Berg vom Herzen
gefallen und der Stein des Anstosses verschwunden. Ach Gott, wenn meine Mutter
wüsste, wie es mir ergeht und dass ich ein solches Ende nehmen würde; das hätte
ich keinem Menschen geglaubt, und habe ich gemeint, wenn ich einmal sterbe, so
müsse es heissen: Wir haben noch nie eine Leiche gesehen, wo es so übel gegangen
ist, alli sufer hei pläret, man hat es fry wyt ghört, das muess afe e Frau gsi
sy!
    Heisse, heisse Tränen siedeten in Ännelis Herzen und sprudelten in reichen
Strömen über ihre Wangen. Sterben als ein Stein des Anstosses, als ein Berg auf
aller Herzen, als eine Türe vor dem Glück, das war schrecklich, und hatte sie ja
immer das Gegenteil gewollt. Von wehmütigem Schmerz überwältigt, konnte sie fast
des lauten Weinens sich nicht entalten, und der Schmerz verzehrte ihr alle ihre
Gedanken, und in die Finsternis ihrer Seele hinein tönte wieder des Pfarrers
Stimme.
    Sein letztes Mahl hätte Jesus mit seinen Jüngern gehalten; er hätte gewusst,
wann es das letzte wäre, hätte einen unvergänglichen Segen gestiftet an
selbigem, hätte dieses Mahl uns hinterlassen als ein unverwelkliches Erbe. Wann
sein letztes Mahl jeder hielte mit den Seinigen, wisse Keiner, Keiner wisse
seinen letzten Tag. Es wäre wohl gut, wenn jeder jedes Mahl als sein letztes
betrachtete, das er mit den Seinigen hielte, und so weit aus den Augen sollte
dieser Gedanke nicht liegen, denn wie mancher Hausvater sei am Abend als Leiche
auf seinem Bette gelegen, der des Mittags mit den Seinen am Tische gesessen, wie
manche Hausmutter hätte mit dem Tode gerungen, während das Mahl, das sie
eigenhändig kochte, noch über dem Feuer stund ungegessen, und wie mancher
Jüngling sei nicht über Nacht tut heimgebracht worden, der des Abends üppiglich
gelebt an seiner Eltern Tisch! Da wäre wohl gut, wenn jedes jedesmal gedächte,
dass es sein letztes sein könnte, da wurde es anders sich gebärden, würde gerne
ein schönes Wort, eine freundliche Rede hinterlassen zu seinem Andenken, dass es
nach langen Jahren noch heisse: »Ich kann es nicht vergessen, als es das
letztemal mit uns gegessen, wo kein Mensch ans Sterben dachte, da hat es noch
gesagt -. Ich habe seiter manchmal gedacht, ob er etwas vom Sterben gefühlt.
Aber es ist seiter oft mein Trost gewesen, dass wenn er schon ungesinnet
gestorben ist, er doch so gute Gedanken gehabt hat.«
    »Aber wenn einer über Tisch schlechte Reden geführt, den Geber alles Guten
geärgert, während er seine Gabe genoss, denket, wie muss es den Hinterlassenen
sein, wenn diese Reden ihnen einfallen, wie muss es dem Sterbenden sein im
Augenblicke des Todes, wo die Gedanken mit unbeschreiblicher Schnelle vor der
Seele wechseln, als ob sie das ganze Leben aufrollen wollten vor selbiger, wenn
er an seine Worte gedenket am letzten Mahle und was für ein Andenken er den
Seinen hinterlässt und was für ein Zeugnis über den Zustand seiner Seele!«
    »Oder wenn man gar in Streit und Zank die Gaben Gottes genossen, in Streit
und Zank auseinandergegangen ist, mit Groll im Herzen, mit bösen Gedanken in der
Seele vielleicht, mit bösen Wünschen auf der Zunge, und Gott rufet einen ab, er
kann nicht Friede machen, nicht abbitten, nicht zurücknehmen, er stirbt
unversöhnt, was meint ihr, muss der Tod nicht wie ein zweischneidend Schwert in
seine Seele fahren, und wie muss es den Seinen sein, und muss es ihnen nicht
allemal, wenn sie zu Tische sitzen, in Sinn kommen, wie einer aus ihrer Mitte im
Unfrieden dahingefahren! Wohin?«
    »So sollte wohl jegliches Mahl in jedem Hause genossen werden als das
letzte, genossen werden, wie Die Kinder Israel das letzte Mahl genossen im
Dienstause des Ägypterlandes, zur Reise in die Wüste bereit, so der Christ
bereit zur Reise ins wüste Tal des Todes, welches zwischen unserem jetzigen
Lande und unserem gelobten Land gelegen ist.« Aber der Geschäfte des Tages, des
gemeinen Lebens Aufregung hindere dies, halte meist den Geist nieder, dass er
nicht aufzuschauen vermöge in die Gebiete des höheren Lebens. »Aber eben darum
sollte man ja nicht versäumen, wenigstens das Mahl, welches die Erneuerung ist
des Mahles, welches der Herr als sein letztes genossen, auch als ein
Abschiedsmahl von dieser Welt zu betrachten. Nicht nur als einen Abschied von
der Sünde, sondern auch als einen Ab, schied von allen, welche uns angehören,
sollte man es betrachten, denken, man müsse nach genommenem Mahle scheiden von
all den Seinen. Hat man für sie gesorget? Seine Schuldigkeit an ihnen getan?
Welchen Namen, welches Andenken lässt man ihnen? Scheidet man im Frieden? Folgen
ihre Tränen uns nach? Bleiben ihre Herzen bei uns? Das sind Fragen, die sich
stellen sollen vor unsere Seelen. Denket euch, zum letzten Male tränket ihr
hienieden mit den Eurigen vom Gewächse des Weinstockes, diesen Abend, wenn die
Sonne scheidet, schlage auch eure Abschiedsstunde, und stellet nun jene Fragen
vor eure Seele! Was waret ihr den Euren? Was hinterlasset ihr ihnen? Wie trennen
die Herzen sich, wenn heute abend der Abschied kömmt? Ich weiss es, dieses fährt
wie eine feurige Flamme in manches Herz, und manche Quelle innern Leids bricht
auf, und manchen dunklen Schatten werfen die Gewissen über die Seelen. Denn den
Unfrieden kann man nicht leugnen, der Groll liegt auf den Gesichtern, der
gestrige, der heutige Tag können noch nicht vergessen sein, und was wir sind,
steht vor unserem Angesichte. Darum eilet und machet Friede, machet gut, holt
das Versäumte nach! Den heutigen Abend werden wahrscheinlich die Meisten
erleben, wenn nicht das Gewölbe dieser Kirche einbricht, die Brücke dort nicht
unter euch zusammenbricht, aber das nächste Abendmahl, wer wird dieses erleben?
Drei Monate liegen zwischen diesem Mahle und dem nächsten Mahle; drei Monate
sind eine lange Zeit, vergesset nicht, wie Mancher vor einem Jahre im Laufe
dieser Monate ins Grab sank! Zählet draussen die Gräber; wenn ihr sie gezählet,
so vergesset die Zahl nicht, traget sie heim und gedenket, dass Der, welcher vor
einem Jahre so Viele ins Grab legte, der Gleiche geblieben und in diesem Jahre
ebenso Viele oder viermal so Viele zu diesen legen kann, sobald Er will! Warum
sollte euch diesmal die Reihe nicht treffen? Hat einer unter euch einen
Sicherheitsschein? Junge sinds und Alte, Starke und Schwache, welche des Herrn
Arm geschlagen, welche die Ihrigen dortin gelegt. Fühlt ihr nicht, wie die
Vergänglichkeit durch eure Glieder schleicht, wie das Pochen eurer Herzen mir
recht gibt? Säumet nicht, holt nach, macht gut! Warum zögert eure Seele, den
heiligen Entschluss zu fassen? Ja, ich bin nicht schuld, sagen die Einen, der
Andere hat zuerst gefehlt. Ja, sagt ein Anderer, ich weiss nicht, ob er Friede
machen will. Die Dritten: und wenn ich heute Friede machte, so wäre es morgen im
Alten; und noch Hunderte solcher Sprüche schleichen aus dem Hintergrunde der
Seele hervor; es sind die alten Leichentücher, welche ihr schon hundertmal
gebraucht, in welchen ihr jeden guten Entschluss zu begraben pflegt. Hat Jesus
auch Entschuldigungen gemacht im Garten Getsemane? Machte er Vorbehalte, als er
sprach: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun? Machte er Ausnahmen,
als er sein Opfer am Kreuz vollbrachte? Er hatte keine Ausreden, machte aber
auch keine Vorbehalte, als er befahl, dass man siebenmal siebenzigmal in einem
Tage vergeben, den Balken aus dem eigenen Auge ziehen solle. Darum gehorcht,
versöhnt euch mit den Menschen, dann erst könnt ihr euch versöhnen mit Gott;
vergebt euren Schuldnern, dann erst werden eure Schulden euch vergeben, rechnet
nicht mit den Brüdern, wenn ihr nicht wollt, dass der Herr rechne mit euch!
Zögert nicht, zaudert nicht; wie ein Dieb in der Nacht kommt der Herr. Glaubt es
doch! Der Bruder hat euch auch eine Rechnung zu stellen, sieht ebenso viel
Fehler an euch als ihr an ihm. Diese Rechnungen aber gleicht man mit Rechnen
nicht aus, da hilft nur Vergeben und Vergessen. Darum du, der du zum Altar
treten willst und weisst, dass dein Bruder zürnet, so lass den Altar und versöhne
deinen Bruder, dann erst komme wieder! Im Himmel ist ewiger Friede; wer im
Himmel ein Plätzchen will, darf nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im
Herzen tragen. Darum reiniget euch, damit wenn der Herr kommt, ihr fröhlichen
Abschied nehmen, auf Erden ein freundlich Andenken hinterlassen, im Himmel den
ewigen Frieden finden könnet!«
    So sprach der Pfarrer, und die Worte tönten in Ännelis Seele wider fast wie
Gottes Worte. Sie trafen Punkt für Punkt ihre eigenen Zustände und Gedanken, als
wenn ein allwissendes Auge sie in ihrer Seele gelesen hätte, sie begegneten
jedem Stocken, jeder Ausflucht; Schlag auf Schlag erschütterte ihre Seele, sie
ward wie betäubt, und als der Pfarrer schwieg, da schien es ihr, sie stünde an
eines tiefen, fürchterlichen Abgrundes Rand, und eine Stimme hoch über ihr sage:
Frau, Frau, deine Zeit ist um, rette deine Seele!
    Sie ging nicht zum heiligen Mahle, mit Andern verliess sie nach der Predigt
die Kirche unwillkürlich, von einer inneren Gewalt getrieben, obgleich sie
eigentlich angezogen war, um zum Tische des Herrn zu gehen. Aber eben es war nur
der Leib, welcher die rechte Kleidung trug, und da weigerte sich die Seele und
forderte auch das Kleid der Reinigung. Betäubt, fast wie jemand, der aus grosser
Todesnot gerettet worden, aber noch nicht weiss, wie es gegangen und wo er ist,
ging sie nach Hause.
    Wie lange sie heimgegangen und was in ihrer Seele auf- und niedergegangen,
das wusste sie ebenfalls nicht. Aber sie harten ihrer geharret, Resli stand auf
der Bsetzi, und seiner Stimme, als er frug: »Mutter, kömmst du endlich und wo
bleibst so lange?« hörte man es an, dass er Angst um sie gehabt. Das Essen war
längst zweg, Annelisi hatte gekocht und schoss puckt in der Küche herum. Es war
die Verlegenheit des bösen Gewissens, das gerne sich entlastet hätte, aber nicht
recht weiss wie. Denn als die Mutter fragte, ob alles zweg sei zum Essen,
antwortete Annelisi ganz freundlich und mit viel mehr Worten, als nötig gewesen
wäre. Noch fehlte der Vater; er sei zum Waldacker hinaufgegangen, hiess es.
    Dort oben am Waldessaum sass Christen, und während der Himmel so heiter über
ihm war, die ganze Erde lachte, war es ihm so trüb im Gemüte. So kann es nicht
mehr länger bleiben, sagte er zu sich selbst; kein Essen ist mehr gut, Die
Kinder reden in alles, die Diensten ästimieren einen nicht mehr; eins zieht hier
aus, das Andere dort aus, und zuletzt geht alles über mich aus, und mit dem
Rücken kann ich ansehen, was ich vom Vater geerbt. Nein, so kann es beim Schiess
nicht mehr gehen. Aber was machen? ZBoden stellen, dass man einmal weiss, wer
Meister ist, und wenn es sein muss, sie zuweilen in die Finger nehmen, das wär ds
Best, wenn die Kinder nicht wären. Aber man muss sich vor den Kindern schämen,
und dann liefen sie fort und der Lärm würde nur grösser. Die verfluchten
Bettelweiber mit der Geisel wegjagen, und wenn eine ins Haus schleichen würde,
sie an den Züpfen hinausführen, so gutete doch wenigstens das verfluchte
Verschleipfen. Aber was hätte ich davon, als verbrüllet zu werden im ganzen
Land, und wenn eine Frau verschleipfe will, so ist ihr der Tütschel nicht listig
genug. Scheide wäre ds Kürzest, und dann könnte ein jedes mit seinem Gelde
machen und husen, wie es wollte. Aber wie ginge es dann mit dem Weibergut? Wenn
ich das herausgeben müsste, es täte mir notti weh. Und dazu hätte ich eigentlich
gar nichts wider Änni; wenn es nur weniger narrochtig tät mit dem Bettelvolk und
nicht meinte, es musste jeder Täsche aufwarten mit dem Hemd ab dem Leibe, und
weniger regieren wollte und mir die fünftausend Pfund nicht immer vorhielte, so
hätte ich gar nichts wider ihns, im Gegenteil, es wäre mir fast noch so lieb wie
ehemals. Denn daneben wäre es ein Gutes in alle Spiel, hätte Sorg zu allem, und
es sei kein Zeichen im Kalender, über welches es nicht Bericht geben könnte.
Öppe so Laster, wie die meisten Weiber damit behaftet seien, wüsste er notti an
Änneli keines. Aber die fünftausend Pfund lasse er sich nicht vorhalten; er sei
nicht für seine Freude Vogt gewesen, vermöge sich dessen nichts, und wenn sie
einem Menschen weh täten, so täten sie ihm weh, und bsunderbar weil er sehe, dass
auf diesem Wege man nicht mehr dazu käme, sondern noch um das, was man hätte.
Aber zuletzt wäre ihm an den fünftausend Pfund nicht mehr alles gelegen. Wenn
sie nur den vorigen Zustand wieder hätten und Änneli würde wie ehemals, so
könnten seinetalb die fünftausend Pfund sein, wo sie wollten. Er könnte dem Bub
den Hof abtreten und in die Hinterstube gehen, aber er schäme sich auch, schon
abzugeben und mit minderem Vermögen, als er ererbt; das würde die Leute lächern,
und zudem daure ihn der Bub. Wenn sie mit dem ganzen Vermögen nicht fahren
möchten, wie sollte es denn der Bub machen können, wenn er den Geschwistern
herausgeben und dazu ihnen noch einen grossen Schleiss ausrichten müsste? Und er
wüsste auch nicht, wie Änneli das ausstünde. Man habe schon manches Beispiel, dass
eine Mutter, wenn man ihr die Haushaltung abgenommen und sie zu nichts mehr
etwas hätte sagen sollen, verhürschet worden sei im Kopf, und bsunderbar sei es
denen begegnet, die gewohnt gewesen seien, viel auszuteilen, und die nun auf
einmal nichts mehr zu geben hätten. Er glaube nicht, dass Änneli das ausstünde,
wenn man ihm auf einmal alles abnehmen würde, und daran möchte er doch nicht
schuld sein, es sei daneben doch noch ein Gutes gewesen. Nun habe man Beispiele,
dass man mit ihnen umginge gerade wie mit Vieh. Nit, solange er lebte, wollte er
schon dafür sorgen, dass es nicht geschehen würde, aber man wisse nicht, wer
zuerst davon müsse. Er wüsste eine Frau, die auch verhürschet worden sei, weil
man ihr alles eingeschlossen und sie zu keiner Sache mehr etwas hätte sagen
sollen und nichts mehr geben, und die man jetzt, seit ihr Mann gestorben,
behandle wie ein Unvernünftiges, sie einsam und abgesondert einschliesse und
niemand zu ihr lasse. Und doch sei es nicht, dass die Leute es nicht vermöchten.
Er möchte an solchem nicht schuld sein, solches müsse einst abgebüsst werden an
beiden Orten, hienache und dortnache, und was die Kinder nicht alles ausessen,
das warte noch den Kindeskindern. Und selb möge er nicht. Resli täte es jetzt
freilich nicht, aber man wisse nicht, was er für eine Frau erhalte, und was eine
Frau aus einem Menschen zu machen vermöge, das wisse man auch nicht. Man habe
Beispiele, dass aus den freinsten Burschen halbe Tüfle worden seien vor Gyt und
Unverstand, wenn sie Weiber darnach erhalten hätten. Ja, wenn es Wyb z'ungutem
geratet, so hat es siebe Manne use und dr Tüfel könnt byn ihm ga Lehrbueb sy.
Aber was er anfangen wolle, das wüsste er wahrhaftig nicht, aber so stehe er es
nicht mehr aus.
    Bis hieher dachte Christen, nun versank er in tiefes, bewusstloses Sinnen;
einzelne Glockenklänge, mit denen leise Winde über den Wald her spielten,
weckten ihn. Es war das Zeichen, dass der Gottesdienst zu Ende sei, und eine
Mahnung, wieder zu kommen am Nachmittage, damit der Same, welcher mit fleissiger
Hand ausgestreut worden sei, mit Ernst und Nachdruck eingeeggt werden könne in
den seltsamen Boden des Gemütes, wo der bessere Same so gerne sich verflüchtigt
oder sonst nicht zum Leben kömmt. Ich sollte heim, dachte Christen, wenn ich zur
rechten Zeit beim Essen sein will, aber ich weiss nicht, ich mag nicht, es ist
mir allemal, wenn ich dem Haus zu komme, wie wenn jemand vor dem Hause wäre und
mit einem Stecken mir wehrte oder als ob etwas Böses, Grüslichs gehen sollte,
dass ich fast nicht dranhin dürfte. Ehemals ist das doch nicht so gewesen, es ist
mir gegangen fast wie einem Schiff, wo der Fluss immer stärker unter ihm
dahinschiesst. So habe ich immer stärker laufen müssen und manchmal fast
springen, je näher ich meinem Hause kam. Da war es schön. Und wiederum sann
Christen, bis ihm laut der Wunsch entrann: »Ach, wenn es nur wieder so wäre!«
Aber es wieder so zu machen, wusste er nicht, kein Rat kam.
    Trübselig machte er sich nach Hause, und sein Trübsal war bald mehr bitter
und bald mehr wehmütig und bald mehr trotzig und bald mehr melancholisch, je
nachdem die Wolke gefärbt war, welche über seine Seele strich. Aber die
Färbungen dieser verschiedenen Wolken sah man auf seinem Gesichte nicht, das war
ungefähr wie ein Holzstich, der die nämliche Färbung behält, man mag ihn
betrachten, von welcher Seite man will, und wenn die Sonne scheinet oder wenn es
regnet. Es ist kommod und unkommod, ein solch Gesicht, aber Staatsmänner und
Spitzbuben würden oft viel Geld darum geben. Freilich gibt es auch Staatsmänner,
welche es bereits haben, das sind dann aber sogenannte. Spitzbuben gibt es aber
sehr selten sogenannte, die unterscheiden sich von den Staatsmännern eben
dadurch, dass sie meist wirkliche sind.
    Dieses Gesicht brachte er heim, und mit diesem Gesicht setzte er sich oben
an den Tisch, und es war erbärmlich anzusehen, wie schnell und schweigend
gegessen ward, fast als ob jedes in einem Wespenneste sässe; aber es meinte
jedes, aus Christens Gesicht würde Blitz und Donner brechen bei dem geringsten
Anlass, wenn etwa ein Bettler hoschete oder ein Handwerksmann Geld wollte. Jedes
merkte, dass es hinter dem Gesichte grollte und gärte; aber dass es naher dem
Weinen als dem Donner war, eben das sah man nicht. Freilich donnert man zuweilen
auch aus lauter Verlegenheit, weil man nicht mehr recht weiss, wie man weint. Es
machte also ein jedes, dass es wegkam so bald möglich, auch Änneli nahm nur eine
Gablete oder zwei und suchte die Küche wieder. Das beelendete Christen aber
immer mehr, er wusste auch nicht, dass Änneli nicht seinetwegen so schnell
abseitsging, sondern weil ihr immer das Weinen zuvorderst war und ihr Herz
überhaupt so voll, dass sie meinte, es müsste zerspringen. Er glaubte, sie sei
noch böse und kupe, und eben das sei das Unglück, dass sie nie vergessen könne
und wochenlang die Sache wiederkaue, so dass wenn er zufrieden sein möchte und
längst alles vergessen, Änneli das Alte immer wieder aufwärme, und das sei doch
ehedem ganz anders gewesen, und das sei noch ärger, als wenn man am Sonntag
Schnitz und ein Mus koche und beides die ganze Woche durch wärme; so sei nicht
dabei zu sein, und das Leben erleide ihm.
    So bald möglich machte er sich auch vom Tische fort und stund lange draussen
auf der Bsetzi und wusste nicht was machen. Er wäre lieber daheim geblieben, aber
daheim fürchtete er Streit, mochte mit Änneli heute nicht alleine sein, er
wollte heute nicht mehr streiten, und doch war es ihm zuwider, wegzugehen.
Endlich ging er und war schon ein langes Stück gegangen, ehe es ihm einfiel, wie
und wo er seinen Nachmittag zubringen könnte. Änneli hatte ihm aus dem
Küchenfenster zugesehen und gedacht: Bleibt er wohl oder geht er wieder? Wenn er
doch daheimbleiben würde, wir wären alleine diesen Nachmittag, da wollte ich das
Herz in beide Hände nehmen und es ihm leeren und mich unterziehen und um
Verzeihung bitten und ihm anhalten, dass er nicht mehr so sei; es sei mir nicht
nur wegen mir und von wegen den Leuten, sondern bsunderbar wegen den Kindern.
Aber ums Bleiben durfte sie ihn nicht bitten, was würde er denken, dachte sie.
Aber als er ging, als er nicht umkehrte, sie ihn nicht mehr sah, da schoss ihr
das Wasser in die Augen wie vom Berge der Bach, wenn eine Wolke gebrochen ist.
Sie musste abseits.
    An schönen Sonntagen und besonders wo keine kleinen Kinder sind, ist es oft
einsam des Nachmittags um einen Bauernhof. Man kann zweimal ums Haus herumgehen,
man merkt nichts Lebendiges als vielleicht ein Schwein, das sich kündet, wenn
man dem Trog zu nahe kömmt, oder ein Pferd, welches durch den leeren Bahren
wiehert. Zuweilen sieht man beim dritten Mal einen Hans oder einen Peter, der im
Schatten eines Baumes wohl schläft, das Gesicht nach unten gekehrt, die Beine
aber vom Knie weg gen Himmel gestreckt. Sehr oft aber sucht man umsonst unter
den Bäumen nach solchen Himmelszeigern, man muss am Hause hoschen, muss drei-,
viermal hoschen, stark, aber geduldig; dann kömmt endlich beim siebenten oder
achten Mal eine ingrimmige Stimme aus der hintern Stüblistüre: »Doppelt neuer?«
Es ist die Stimme der Bäuerin, welche sich vor dem Fliegenheer ins Hinterstübli
geflüchtet hat, erst lesen wollte in einem geistlichen Buche, aber
unwiderstehlich gelockt worden war hinter den dicken Umhang ums breite Bett, wo
in der ungewohnten Stille bald ein seliges Schläfchen sie umfing, bis der
unwillkommene Doppler sie weckte. Nachdem sie denselben abgefertigt, sieht sie
ihm ein Weilchen nach, geht zum Brunnen, weckt sich durch einige Züge des
schönen, Bläschen werfenden Wassers und macht dann die Runde ums Haus und in der
Hofstatt, bis es Zeit wird, das Nachtessen zu rüsten, oder es sie gelüstet,
privatim ein Kaffee zu machen.
    Fast ebenso hätte es der Besucher auf jenem Hofe selben Sonntag getroffen,
alle waren ausgeflogen bis an Änneli, das gaumete. Anfangs war sie, nachdem sie
hinter der letzten Jungfrau, welche ausflog, die Türe geschlossen hatte, auch
ins Hinterstübli gegangen, hatte den Kopf aufs Bett gelegt, aber nicht Schlafens
wegen, sondern weil er so schwer von Trübsal und Jammer war. Es war ihr, als
hätte sie eine innere Gewissheit, dass sie bald sterben müsste, und im Streit
scheiden wollte sie nicht, kein Plätzchen im Himmel finden wollte sie nicht, wo
keine arme Frau ihr eines machen konnte, auch beim besten Willen nicht, wenn sie
nicht versöhnt zur Himmelstüre gekommen. Wie sollte sie es anfangen, Frieden zu
machen? Christen schien alle Tage verstockter und unversöhnlicher, und nicht das
mindeste Wörtlein nahm er von ihr an. So sann und weinte sie trostlos lange, bis
ein Doppeln an der Haustüre sie störte. Änneli zögerte; eine Bäuerin erscheint
nicht gerne mit verweinten Augen unter der Haustüre, es wäre ihr recht gewesen,
wenn der Klopfende weitergegangen wäre. Als derselbe aber nicht absetzte, so
erlaubte es dem Änneli ihr gutes Herz nicht, zu tun, als wäre gar niemand
daheim, wie es wohl oft geschieht. Ich muss doch gehen, wenn es etwa ein Unglück
wäre oder jemand für einen Kranken etwas wollte, ich müsste mir noch auf meine
Letze ein Gewissen machen, und selb will ich doch nicht, dachte sie bei sich
selbst. Sie setzte die Kappe wieder auf, strich Die Haare zurecht, wischte mit
der feuchten Hand die roten Augen aus und öffnete. Da stund draussen der
Polizeier und begehrte eine Unterschrift.
    Eigentlich war es eine flotte Dampete, welche er im Sinne trug, in deren
Hintergrunde ihm ein tüchtiges Glas Schnaps glänzte nebst dem dazugehörigen
Stück Brot wie ein Licht in dunkler Nacht. Denn so ein Polizeier ist oft neben
seinem Amte auch zugleich eine alte Frau, die sich mit Neuigkeiten Herumtragen
abgibt, mit dem Unterschiede jedoch, dass er für seine Mühe lieber Schnaps nimmt
als Kaffee, während eine eigentliche alte Frau den Kaffee mehr liebt. Änneli
hörte ihn sonst nicht ungerne, und es geschah selten, dass der Polizeier den Mund
nicht noch lange bald schleckete, bald abwischte, wenn er vom Hause wegging.
Diesmal war Änneli nicht aufgelegt zum Dampen, öffnete nur den obern Teil der
Türe und diesen nur halb, sagte: »Christen ist nicht daheim, du musst ein
andermal kommen.« Die üblichen Fragen: »Wo ist er hin? Kommt er bald heim? Wenn
ich wüsste, dass er bald käme, ich wollte warten«, fertigte Änneli kurz ab, und
als der Polizeier vom Wetter anfing und sagte, es sei schön und er traue, es
wolle einen Rung so bleiben, es wäre gut, da sagte Änneli: »Es wär gut, aber ds
Beste ist, wenn man es nimmt, wie es kömmt.« »Du hast recht«, sagte der
Polizeier, »aber wenn mans könnte, du gute Frau du.« »He, man sollte es lernen«,
sagte Änneli und machte die Öffnung in der Türe immer kleiner, so dass der
Polizeier es endlich merkte, dass er unwert sei und gehen könne. »He, so will ich
ein Haus weiter«, sagte er endlich traurig und sann, ehe er Adie sagte, noch
lange nach, wo er wohl Zeit zu einer Dampeten und ein Glas Schnaps dazu finden
könnte. Kaum war er dort abgesessen, so sagte er, was es wohl bei ds Bure in
Liebewyl wieder gegeben habe; wenn es denen dort gut gehe, so verstehe er sich
nicht mehr darauf. Die Bäuerin hätte ganz verplärete Augen gehabt, und als er
nach dem Manne gefragt, da hätte es ihn gedünkt, sie möge es kaum hervor,
bringen, sie wüsste nicht, wo er sei und wann er heimkomme. Und er wolle doch
gefragt haben, wo eine rechte Frau sei, die nicht wüsste, wo der Mann sei!
    Änneli aber hatte die Türe zugemacht, das Bett im Hinterstübli
zurechtgerüttelt, ging zur hintern Türe aus, zog sie hinter sich zu, machte die
Runde ums Haus, besichtigte die Ställe, in welchen sie lange nicht gewesen war,
machte ihren Schweinen einen Besuch, und sie begrüssten sie freundlich mit
Grunzen und Schnürfeln und erhielten zum Dank dafür einen Armvoll grünes Gras in
den Trog. Von dort trappete Änneli in die Hofstatt hinaus, trappete von Baum zu
Baum, freute sich des Segens, der so reichlich die Bäume schmückte, dachte bei
jeder Sorte, für was sie wohl gut wäre, und wie ein Feldherr die Truppen zur
Schlacht, so ordnete Änneli die sämtliche Masse nach ihrem Wert und Dienst, zum
Behalten, zum Verkauf, zu Schnitzen und zu Bätzi, zu Most und zu Branntwein, kam
unvermerkt zum Flachs, der dicht und schlank emporwuchs, dem Hanf nachstrebte,
der hochmütig auf ihn herabsah. So kam Änneli immer weiter, von einem zum
Andern, und alles war üppig und schön, und als sie am Rain hinterm Hause das
Ganze übersah, da hüpfte ihr das Herz fast vor Freude, denn so schön hatte sie
noch nie alles gesehen, und einen schönern Hof gebe es doch nicht, dachte sie.
Aber da kam schon wieder der Jammer, gerade wie in nassen Jahren nach jedem
Sonnenblick ein nur um so ärgeres Regenwetter kömmt. Das alles ist unser, und
wie gut Händel könnten wir nicht haben, und jetzt, wie haben wirs! Übler zweg
sind wir als die ärmsten Kacheler und Häftlimacher, und nicht wegen der Armut,
wir hätten Sachen genug für uns und öppe auch für unsere Kinder, aber da
inwendig ists nicht gut, da hat bös Wetter alles verherget.
    Änneli setzte sich nieder, sah über das reiche Land hinweg, sah, wie alles
im reichsten Segen prangte, vom Tale weg bis hinauf zu den Gipfeln der Vorberge,
sah, so weit das Auge reichte, den Himmel rundum sich senken den Spitzen der
Berge zu, sah ihn umranden den Kreis, welchen ihr Auge ermass, sah, wie da eins
ward der Himmel und die Erde, und von dieser Einigung kam der reiche Segen, kam
der Sonne Licht, kam der Regen, kam der geheimnisreiche Tau, kam die wunderbare
Kraft, welche Leben schafft im Schosse der Erde. Es ward dem Änneli ganz eigen
ums Herz, als sie diese Einigung zwischen Himmel und Erde erkannte und wie eben
deswegen alles so schön und herrlich sei und so wunderbar anzuschauen, weil
Friede sei zwischen Himmel und Erde, der Himmel seine Fülle spende, die Erde den
Himmel preise. Und sie dachte, ob denn eigentlich der Himmel nicht alles
umranden sollte, nicht bloss die Erde, sondern auch der Menschen Leben, so dass
wenn die Jahre ihn drängen an der Erde äussersten Rand, vor ihm der Himmel offen
liege. Darum auch alle seine Verhältnisse ein jegliches zum Berge wird, auf den
der Himmel sich senket und aus dem er in den Himmel steigen kann. Ja, jeder Tag
des Lebens, ein kleines Leben für sich, sollte der nicht im Himmel beginnen, und
wenn wir einen heissen Tag lang gewandert sind, der Abend kömmt und der Schlaf
über die müden Augen, sollten wir da nicht Herberge halten, wo der Himmel die
Erde berührt und die Engelein auf- und niedersteigen und Wache halten über den
schlafenden Pilgrim, der im Herrn entschlafen ist, damit wenn die Sonne wieder
kömmt, er wohlbewahret im Herrn erwache, gekräftigt in himmlischer Ruhe zu
irdischer Geschäftigkeit? Und hatten wir es nicht ehedem so? frug Änneli sich.
Wenn die Nacht kam, am Ende des Tages die Ruhe winkte, hoben wir da unsere
Seelen nicht hinauf und suchten in Gott und mit Gott Friede und Ruhe und liessen
dahinten der Erde Elend und versenkten ins Meer des Vergessens böse Gedanken und
jegliches Nachtragen? Da ward uns wohl, und jeden Morgen nahmen wir den Segen
Gottes mit in den Tag hinein, und jeden Abend legten wir ab, was die Erde
Unreines an uns gebracht. Jetzt aber legen wir nichts mehr ab, legen uns
schlafen mitten in Not und Elend, in Groll und Gram hinein, und böse Geister
kommen in der Nacht und nähren in wilden Träumen Gram und Groll. Und am Morgen
scheint keine helle Sonne einem ins Gemüt hinein, keinen Segen Gottes nehmen wir
in den jungen Tag hinein, sondern das alte Elend, die alte Not, welche über
Nacht noch gewachsen sind und wachsen von Tag zu Tag, so dass sie jeden Tag unser
ganzes Leben umranden, unser Auge keinen Himmel mehr sieht, wie in trüben
Regen-, in schwarzen Gewittertagen auch nur dunkle Wolken auf den Bergen liegen
und kein Himmel zu sehen ist.
    Da ging Änneli so recht klar zum erstenmal ihre Schuld auf, wie sie zu beten
aufgehört hatte und wie von diesem Augenblicke an Groll und Gram gewurzelt seien
in ihren Gemütern, und was sonst jeden Abend vorüberging, ein Bleibendes
geworden. Wohl hatte sie auch für sich gebetet, aber das Gebet war nicht
hinübergeklungen in Christens Seele, hatte nicht mehr geebnet alle Anstösse, ja
es hatte sich immer weniger erhoben zu Gott, hatte die Seele im Dunkel ihres
Jammers gelassen, und immer mehr waren es nur Worte gewesen, die, wie Steine im
Flussbette rollen, ihr über die Zunge gerollt waren. Das Licht von oben läuterte
ihre Seele nicht mehr, aber die Erde trübte sie jeden Tag mehr.
    So ging ihr auf ihre Schuld, und ihres Elendes Anfang suchte sie nicht mehr
im Verlust der fünftausend Pfund, welche mehr dem Manne als ihr zur Last fielen,
sondern im Zerreissen des geistigen Bandes, welches so lange ihre Seelen in Treue
und Liebe zusammengehalten hatte, und dieses Zerreissen war ihre Schuld. Diese
Erkenntnis, die fast wie ein Blitz durch ihre Seele fuhr, erschütterte Änneli
tief. Das hatte sie nicht gesehen, nicht begriffen, und lag es ihr doch so vor
den Füssen! Und diese Schuld hätte sie beinahe mit sich ins andere Leben
genommen, mit sich genommen die Seufzer ihrer Kinder, denen sie ihr Leben
vergiftet und vielleicht auch ihre Herzen. Jetzt erkannte sie, wie man den
Splitter sieht in des Nächsten Auge, den Balken im eigenen Auge aber nicht. Ach,
wenn sie Gott mit dem Gerichte gerichtet hätte, mit welchem sie oft ihren Mann
gerichtet!
    Eine unendliche Demut kam über sie, sie sah, wie tief unten sie war, keine
Strafe schien ihr gross genug, und sie bat die Strafe nicht ab, sondern sie
fühlte einen innigen Wunsch, gestraft zu werden, eine Freudigkeit, jede Strafe
zu ertragen; es dünkte ihr, erst dann würde es ihr wieder wohlen, wenn Gott sie
so recht züchtigte, dann erst wüsste sie, dass Gottes Augen, von denen sie so
lange nichts gemerkt, wieder auf ihr ruhten, seine Hand wieder offen wäre über
ihr. Sie fühlte aber auch, dass sie gut machen müsse, was sie gefehlt, bekennen
müsse ihre Schuld, es ward ihr so recht von ganzer Seele klar, dass nur dem, der
seine Sünden von Herzen bekenne, könne vergeben werden, und nicht nur so obenhin
einmal und in Bausch und Bogen bekennen, in der Hoffnung plötzlicher Vergebung
und Auswischens, sondern sie bekennen in der Liebe, die sich nicht verbittern
lässt, die alle Tage die Schuld bekennet, ohne Versöhnung zu erhalten, die im
Bekenntnisse verharret, auch wenn der Bruder das Bekenntnis missbraucht, sein
eigen Unrecht nicht erkennt, sondern alle Tage häuft. Sie wusste, dass an ihr nun
alles lag, dass sie der Angel war, um den des Hauses Schicksal sich drehte, dass
sie die Hand ans Werk legen müsse sonder Zagen und Zaudern, denn kömmt nicht der
Herr wie ein Dieb in der Nacht und fordert von seinem Knechte Rechnung über
seinen Haushalt? Sie wusste, sie musste vor allem aus das zerrissene Band wieder
anknüpfen; das war ihr grosses, ihr heiliges Werk.
    Man liest so oft von Helden, die Übermenschliches vollbrachten, von
Märtyrern, welche Übermenschliches ertrugen; die Schwächern beben, die Kühnern
glühen, wünschen die Tage wieder herauf, wo solchen Ruhm die Kraft erwarb,
verwünschen unsere Tage, die so geschliffen einherrollen, einer dem andern
gleich, dem Menschen nichts zu bieten scheinen als den Kampf mit der Langenweile
in diesen geschliffenen Zeiten und bei den durch sie geschliffenen Menschen. Es
ist eine Eigenheit des Menschen, dass er die Grösse und das Mächtige nur nach
Pfunden, Zahlen, Längen und Breiten zu messen weiss, dass er fürs Geistige keinen
andern Massstab hat als der Zeitungsschreiber für seine Schlachten, deren Grösse
er nach der Zahl der Toten berechnet und nach der Menge der getanen
Kanonenschüsse.
    Nun aber gibt es Helden und Martyrer immerfort, und die Gelegenheiten dazu
kommen jeden Tag. Wo göttliche Kraft im Menschen ist, da sprudelt sie hervor,
und wo ist auf Erden die Quelle, welche nicht ihr Bett gefunden? Die ächte Kraft
weiss im Kleinen gross zu sein, der öde Hochmut nur harret immer auf die
Gelegenheit, gross zu werden, und harret immer umsonst, und wenn eine Gelegenheit
zu Grossem käme, so würde er nicht gross werden, sondern gar jämmerlich klein, so
wie ein eitler Mensch, der in allen Ängsten nach einem Titel ringt, sei es ein
geistlicher oder ein weltlicher, erst recht erbärmlich wird, wenn er denselben
erhaschet hat. Ächte Heldenherrlichkeit, grossen Märtyrersinn findet und sieht
man heute wie immer, man muss ihn nur zu erkennen wissen im Leben und nicht bloss,
wenn er geschrieben angepriesen wird, man muss ihn nur zu suchen wissen in jedem
Lebensverhältnis und nicht meinen, er blühe nur auf Schlachtfeldern oder
Blutgerüsten.
    Diese Demut aber, die aus der Liebe stammet, Die alles erträgt, alles
erduldet, sich nicht verbittern lässt, die da, wo Gott sie stellet, ausharret bis
ans Ende, sei es zum Leben, sei es zum Tode, ausharret in dem Bewusstsein, dass
über dem Menschen des Herrn Wille walte und dieser Wille ertragen werden müsse
zur eigenen Sühnung und Anderer Heil, im Grössten wie im Kleinsten: diese Demut
ist der Sinn, der die Helden zeugte, aus dem die Martyrer hervortraten, der noch
jetzt Helden und Martyrer zeuget.
    Diese Demut kam über Änneli und dazu eine rechte Freudigkeit, alles
auszustehen, was Gott nur für gut finde, und nicht nachzulassen, bis alles
wieder sei wie ehedem, wo die Mutter noch lebte. Und jetzt erst war es ihr, als
durfte sie so recht wieder an die Mutter denken, und es fiel ihr auf, wie sie
sie von Tag zu Tag mehr vergessen und in der letzten Zeit gar nicht an sie
gedacht habe. Jetzt hob sie ihre Augen zu ihr auf, und ein Friede kam ihr ins
Gemüte und eine fröhliche Zuversicht, wie sie sie lange nicht gefühlt. Das kömmt
von der Mutter, dachte sie, sie freut sich auch deiner und will dich aussteuern
zu deinem heiligen Werke, wie sie dich während ihres Lebens auch so manchmal
aussteuerte mit gutem Rat und lebendiger Vermahnung.
    Als Änneli so auf dem Berge gerungen und gesieget hatte und sie die Augen
aufhob, da schien ihr alles noch viel schöner als sonst, und der Himmel schien
ihr nicht nur Die Erde zu umranden, sondern sich auf dieselbe gesenket, mit ihr
verwoben zu haben, Himmel und Erde eins zu sein. Änneli wusste es nicht bis
jetzt, dass wenn der Himmel sich hinuntergelassen hat über unser Gemüt, wenn er
inwendig in uns ist, unser Fuss jeden Ort, den er betritt, zum Himmel heiliget.
    Gekräftigt, wie neu geboren, stieg sie zum Hause hinab. Freundlich
bewillkommen sie Tauben und Hühner, folgen ihren Schritten bis zur Küchentüre,
harren dort, bis sie ihnen Futter bringt und fröhlich zusieht, wie sie lustig
und friedlich darum sich zanken. Da kömmt auch der Hund hervor, wedelt durch
Tauben und Hühner, ohne sie zu stören, und legt sein Haupt in Ännelis Schoss und
lässt sich nicht stören wenn die Katze, welche bereits auf demselben Platz
genommen, ihn mit der Tatze trifft, denn sie hatte die Krallen eingezogen und
neckte sich gerne mit dem alten Kameraden. An dieser Einigkeit und Traulichkeit
hatte Änneli grosse Freude, und sie streichelte abwechselnd bald Hund und Katze,
aber sie ging ihr auch zu Herzen und trieb ihr das Wasser wiederum in die Augen.
Wenn Hund und Katze sogar wegen alter Bekanntschaft einig und im Frieden mit
einander leben, wie können dann Mann und Frau, die Gott für einander geschaffen
hat, sich plagen und quälen und immer grössere Feinde werden, je langer sie bei
einander sind!
    So sah sie dem Spiele zu, bis, wie abends zum Walde Die Vögel wiederkehren
und zum Schlage die Tauben, ein Bewohner ihres Hauses nach dem andern heimkam,
ein jeglicher auf seine Weise. Die, welche noch ein Tagwerk hatten, eilig und
schlitzend, andere, welche nur noch essen und dann schlafen wollten, behaglich
und langsam. Die Jungfrauen kamen eilig dahergeschossen, rupften aber doch aus
dem Zaun allerlei Blümchen und Blättchen ab und ergriffen diese Gelegenheit, um
verstohlen zurückzusehen, ob Keiner ihnen folge von weitem, in welchem Falle sie
wohl noch gezögert hätten, ein Strumpfband gebunden oder sonst etwas, bis sie
vernommen, ob derselbe ihnen vielleicht noch etwas zu sagen hätte. Resli kam
wehmütig vom Walde her, Christen lustiger von Seite des Dorfes, Annelisi zur
hinteren Türe herein, man wusste nicht woher.
    Noch war Christen nicht da, mit Angst schaute Änneli nach ihm aus. Endlich
kam er langsam, zögernd und fast wie ein Schiff dem Hafen zu, dem vom Lande her
der Wind entgegenweht. Es klopfte doch Änneli das Herz, als sie ihn so kommen
sah mit dem sauren Gesicht und dem zögernden Schritt, denn was ihm im Herzen
sich regte, das wusste sie nicht. Es wollte ihr der Mut und die Zuversicht
fliehen, und sie musste ins Haus hinein und konnte kein freundlich Wort zum
Willkommen ihm sagen, wie sie gewillet war. Das tat Christen weh, als er Änneli
bei seinem Kommen ins Haus gehen sah. Kann sie mir dann nicht einmal mehr
freundlich guten Abend sagen und selbst an einem heiligen Sonntag das Dubeln
nicht lassen, dachte er, und fast wäre er umgekehrt. Nun machte er aber ein
desto saurer Gesicht und mochte fast nicht einmal dem Annelisi guten Abend
sagen, das an ihn heranschlich wie in heimlichem Verständnis oder als wenn es
ihm etwas anzuvertrauen hätte. Da aber der Vater tat, als merkte er sie nicht,
gab sie dem Hund, der an ihr sich streichen wollte, einen Stoss und ging in den
Garten zu ihren Blumen. Unterdessen hatte Änneli den Kaffee gemacht, die
Erdäpfelröste dazu, alles stand auf dem Tische bis an die Kaffeekanne, die stand
auf dem Tritte des Kunstofens, und langsam drehten die Leute zum Essen sich
herbei.
    Änneli nahm sich zusammen, festigte ihre gläubige Demut wieder, tat
freundlicher als sonst und hatte für jeden ein gutes Wort. Was sie lange nicht
getan, tat sie wieder, sie schenkte selbst den Kaffee ein und Christen zuerst;
dann kam sie mit der Milch, und weil sie wusste, wie Christen die Milchhaut
liebe, nahm sie ihr Messer und schob die meiste ihm in sein Kacheli. Und als
Christen sagte: »Hör ume, ih ha gnueg«, sagte sie: »He nimm ume, es ist für die
Angere o no da.« Das verwunderte Christen sehr, er dachte, so wäre es wieder
dabei zu sein, und er wurde gesprächig und berichtete recht kurzweilige Sachen,
wie man es lange nicht gehört hatte, dass sich die Meisten verwunderten und
meinten, Christen sei im Wirtshaus gewesen und hätte einen Schoppen mehr als
sonst getrunken. Aber Christen hatte den ganzen Tag keinen Wein gesehen, aber
als Änneli ihm wieder die Milchhaut in sein Kacheli schob, da heimelete es ihn,
es ward ihm wieder, als wäre er daheim, und das wirkte mehr, als drei oder vier
Schoppen vermocht hätten.
    So böse über sie, dachte Änneli, musste Christen doch nicht sein, und ihr
Vertrauen ward fest, und als die Haushaltung gemacht war, setzte sie sich zu den
Andern draussen vor die Küchentüre, nahm freundlich teil an allen Gesprächen; ein
freundlich Wort gab das andere freundliche Wort, man wusste nicht wie, und hoch
am Himmel stand der Mond, als eins nach dem Andern seine stille Kammer suchte.
    Änneli ging zuletzt ins Haus, schloss die Türe, sah wie üblich nach, ob das
Feuer ausgelöscht sei und alles am rechten Orte. Zweimal machte sie die Runde,
denn es klopfte ihr wieder das Herz, und ihrem Stübchen nahte sie sich, wie der
Laie sich naht dem Heiligtum im Tempel, welches sonst nur des Priesters Fuss
betritt. Schweigend rüstete sie sich zur Ruhe, schweigend suchte sie ihr
Plätzlein. Da sass sie lange und wollte wieder beten wie ehedem, aber enger und
enger ward es ihr um die Brust. Die Worte wollten den Durchgang nicht finden,
und wenn auch die Lippen sich bewegten, zur Bewegung wollte der Laut nicht
kommen; es war, als wenn eine unsichtbare Macht unwiderstehlich ihr im Wege
stünde, sie zurückdrängen wollte ins Geleise der letzten Gewohnheit. Sie fühlte
sich niedergezogen in Die Kissen, und alles in ihr rief ihr zu: Heute geht es ja
nicht, fasse dich, stärke dich, warte bis morgen, morgen gelingt es dir besser,
morgen ist bessere Zeit! Aber dann tönten ihr wieder Die Worte des Pfarrers zu,
dass die Hausmutter sterben könne, während das Essen, das sie aufs Feuer getan,
noch koche, dass im Himmel ein ewiger Friede sei, und wer im Himmel ein Plätzchen
finden wolle, nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im Herzen tragen
dürfe. Und von neuem rang sie nach einem lauten Wort, und in hellen Tropfen
stand der Schweiss auf ihrer Stirne. Da wandte ihre Seele sich mit einem
unaussprechlichen Seufzer zu Gott empor: Vater, hast du mich verlassen? Da wars,
als versinke ein finsteres Unwesen, das drohend vor ihrer Seele gestanden, als
sprängen Ketten, die um ihre Brust geschlungen; frei ward das Wort in ihrem
Munde, und langsam und bebend, aber inbrünstig und deutlich begann sie zu beten:
»Unser Vater« usw.
    Beim ersten Ton aus Ännelis Munde fuhr Christen zweg, als hätte der Klang
der Feuerglocke sein Ohr getroffen, dann sass er auf, dann rangen sich auch Töne
aus seiner Brust, er betete mit, und als Änneli die Bitte betete: »Vater, vergib
mir meine Schulden, wie auch ich meinen Schuldnern vergebe«, und nun das Weinen
über sie kam und sie erschütterte über und über und ihre Stimme nur ein
Schluchzen wird, da weinte er mit, und weinend betete er das Gebet zu Ende. Und
es ward ihnen, als wenn das Gebet die Sonne wäre, und schwarzer Nebel hätte sie
umlagert, dass eins das Gesicht des Andern nicht mehr hätte sehen können. Nun
aber kam die Sonne über den Nebel, und ihre Strahlen brachen, spalteten ihn, er
zerriss, und als ob Gottes eigene Hand vom Himmel herunterreiche, hob er sich
höher und höher, hob sich in immer lichtern Wölkchen zum Himmel auf, verlor sich
ganz und gar im Himmel, und licht und klar war es um sie, kein Schatten war mehr
da und die Herzen lagen offen vor einander. Das heilige Schweigen brach zuerst
Änneli, sich anklagend und um Verzeihung bittend, aber Christen antwortete: »Du
hast nichts zu bitten, ich bin an allem schuld, hätte ich dir gehorcht, so wäre
alles nicht begegnet.« Wunderbar war es jedem, wie das Herz des Andern so weich
war und so voll Liebe und so ganz anders gesinnet, als man es gedacht, und dass
es nur ein Wörtlein gebraucht zur Einigung. Und Keines hatte daran gedacht und
jedes das Herz des Andern ganz anders geglaubt, darum an jeder Verständigung
verzweifelt; nur die Demut Ännelis, welche sich allem unterziehen wollte um
ihrer erkannten Schuld willen, konnte durch die bergende Hülle brechen. Eben
deswegen hat uns Gott der Zukunft Schoss verdunkelt, den Vorhang gezogen vor die
Herzen der Menschen, dass wir lernen in ächtem Heldensinn und hingebendem
Vertrauen das Rechte tun, ohne nach dem Gelingen zu fragen, ohne die Anstrengung
mit dem Kampf zu messen. Da wird dann oft, was den Kleingläubigen
zurückgeschreckt hätte als unerhörtes Wagnis, dem Gläubigen plötzlich so leicht,
dass er fast erschrecken, es ansehen möchte als eine Täuschung, aus welcher er
bald um so elender erwachen werde, dass er es erkennen muss als eine Gnade Gottes,
die über dem Gläubigen so mächtig geworden. So war es auch ihnen; lange trauten
sie ihren Ohren kaum, konnten ihr wiedergefundenes Glück nicht fassen,
fürchteten bei jedem Wort, es möchte in eine wunde Spalte des Herzens fallen und
aus dem Abgrunde der Streit wieder sein struppicht Haupt erheben. Sie wählten
mit der rührenden Sorgfalt, mit welcher eine zärtliche Mutter ihres Lieblings
eiternde Wunde verbindet, die Worte aus, und in neuer Redweise erkannten sie die
Macht ihrer Liebe. Und als sie endlich sicher waren, dass keine Täuschung da sei,
dass Keines dem Andern nachrechne, sondern vergeben habe von Herzensgrund, dass
jedes in Demut seine Schwäche erkannt und lechze und dürste nach dem alten
Glück, dem alten Frieden, dass jedes ihn nicht nur vom Andern erwarte, sondern
mit ganzer Seele und allen Kräften dazu beitragen wolle, da kam ein Gluck über
sie, das sie nicht gekannt; es war fast dem zu vergleichen, welches der
empfindet, dem geträumt hat, er sei in der Hölle, der den Teufel gesehen, das
Feuer empfunden hat und der nun im Himmel erwachet und Gott schauet von
Angesicht zu Angesicht. Es war die Freude der Engel über den Verlorengegangenen
und Wiedergefundenen, es war die Freude des Vaters, als der verlorne Sohn wieder
in seinen Armen war. Ihr ganzes inneres Leben, was sie gedacht, was sie
empfunden, seit ihre Herzen sich verschlossen, strömte auf ihre Lippen, und
eines staunte über das Andere, und manchmal noch weinte Änneli und sagte: »Oh,
wenn ich das gewusst hätte, es wäre nicht so lange gegangen, aber warum verlor
ich den Glauben, warum das Vertrauen! Ach, jetzt weiss ich es, dass wenn man
Glauben und Vertrauen zu Gott verliert, man gottlos wird, und wenn man Glauben
und Vertrauen zu den Menschen verliert, so wird man lieblos, und wer gottlos und
lieblos ist, um den ist es finstere Nacht, und wenn er schon noch nicht in der
Hölle ist, so ist doch die Hölle in ihm.« Aber Ännelis Klagen stillte Christen
mit seinen Klagen, dass es ihm gerade so gegangen, und sie konnten sich nicht
sattsam wundern, wie sie einander so missverstanden, wie sie als Hass auslegten,
wo die Liebe sich regte, als Bosheit, was innerer Schmerz war. Es war, als ob
eines spanisch gewesen wäre und das Andere böhmisch, und hätten doch Beide
gemeint, sie redeten die gleiche Sprache, und hätten darum jeden Laut und jedes
Zeichen falsch und verkehrt gedeutet. Sie wurden nicht satt, solche
Missverständnisse aufzusuchen, und bei jeder Lösung wuchs das Vertrauen des Einen
zum Andern und das Staunen über ihre eigene Verblendung. Dann wuchs Änneli ihre
Schuld immer wieder ins Gemüt, dass sie es eigentlich gewesen sei, welche die
Schlüssel ihrer Herzen umgedreht und abgezogen, so dass sie verschlossen
geblieben von selbiger Zeit an. Hätte sie das nicht getan, so wäre die ganze
unglückliche Zeit nicht gewesen, sie wären in Gott immer einig geworden; denn
eben was die Erde trenne den Tag über, das solle des Abends in Gott sich wieder
suchen und finden, so habe die selige Mutter immer gesagt.
    Dann tröstete Christen, dass er auch nicht gewesen, wie er gesollt; was er
gefehlt, hätten Andere entgelten sollen, er fühle das wohl, und wenn er die
Herzen verschlossen, so hätte sie sie wiederum aufgetan und mehr als gut
gemacht. Und wenn das nicht alles so gekommen, so hätte er nie gewusst, um wie
viel mehr der Friede wert sei als fünftausend Pfund und wie das Geld nicht alles
sei, ja wie es nichts sei; denn wo der Friede fehle, da sei der Reichste ja viel
unglücklicher als der Ärmste, der den Frieden hätte. Er hätte es manchmal recht
mit Zorn gesehen, wie seinen Taunern und Knechten viel wöhler gewesen sei als
ihm und wie sie viel fröhlicher hätten essen mögen als er. Jetzt hätte er es so
lebendig an sich selbst erfahren, was Jesus damit sagen wolle: Und was hülfe es
euch, so ihr die ganze Welt gewönnet, und ihr littet Schaden an eurer Seele?
Oder was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele? Das hätte er alles
niemand geglaubt, wenn er es nicht selbst erfahren. Geld, Geld, reich, reich,
hätte ihm früher immer in den Ohren geklungen, und wem er von einem unbekannten
Menschen reden gehört, so hätte er gefragt: »Het er öppis?« Jetzt solle fürder
Friede, Friede, fromm, fromm in seinen Ohren sein, und wenn er nach dem Werte
eines Menschen frage, so wolle er auch anders seine Frage stellen.
    Aber auf ihr Glück senkte sich erst die Krone, als sie ihrer Kinder
gedachten. Sie wussten es, wie ihr Unglück auch auf die Andern übergegangen, denn
wenn alle Glieder eines Leibes es empfinden, wenn ein Glied krank wird, so
empfinden es noch viel mehr alle Glieder eines Hauses, wenn eine Krankheit in
einer Seele ausbricht, und in dem Grade mehr, je bedeutungsvoller die kranke
Seele im Getriebe des Hauses ist. Sie sahen wohl, wie Die kindliche
Harmlosigkeit und der jugendliche Frohsinn verwelkten, als ob der elterliche
Streit zum Mehltau an ihren kindlichen Seelen würde. Sie sahen erst jetzt recht
ein, wie der Streit ihre Herzen zusammengezogen, dass sie keinen Platz mehr darin
für ihre Kinder hatten, sondern nur noch für ihre Angst ums Geld und ihren
Streit darum. Sie hatten sich nicht nur um ihr Schicksal nicht bekümmert, an dem
sonst so gerne die Eltern bauen mit emsigen Händen, sondern es war ihnen wohl
selbst manchmal ein Gefühl aufgestiegen, als ob die, welche sonst ihre grösste
Freude gewesen, ihnen im Wege wären, fast eine Last.
    Jetzt waren ihre Herzen wieder weit geworden, der Kinder Glück war wieder
ihr eigenes, und freudig schlug ihr Herz, wenn sie dachten, wie dieselben sich
freuen würden, wenn sie den Streit verschwunden, die alte Einigkeit und die alte
elterliche Liebe auf einmal wieder sehen würden, als ob sie für einen Augenblick
freiwillig sich versteckt hätten, nur um freudig zu überraschen, wie oft Eltern
pflegen, wenn sie mit Kindern sich necken in fröhlichem Spiele. Ihren Kindern
bauten sie Häuser in ernster elterlicher Liebe, bis endlich Christen fragte:
»Aber sage mir, Änneli, wie brachtest du es dahin, dass dir das Herz wieder
aufging und du das Beten wieder anfangen konntest? Ich habe auch daran gedacht,
mit dir mit Manier zu reden, aber erstlich wäre ich böse geworden und du
wahrscheinlich auch, denn ich war gesinnet, nur du hättest die Fehler; aber ich
konnte nicht, wenn ich auch wollte, man hätte mir das Maul nicht mit einem
Knebel aufgebrochen.«
    Nun erzählte Änneli, wie es ihr ergangen, wie der Geist es ihr gesagt, dass
sie bald sterben werde, wie ihr geworden sei, sie sei der letzte Mensch auf
Erden und müsse eiligst den Andern nach, und dann wieder, man trage sie zu
Grabe, es weine niemand hinter ihr und sie finde keinen Platz im Himmel wie
keinen in der Kirche, wo ihr endlich eine arme Frau Platz gemacht. Wie daraufhin
der Pfarrer gesagt, man solle immer meinen, was man geniesse, sei das letzte
Mahl, und absonderlich vom Abendmahl solle man es glauben. Und darum solle man
Friede halten und Friede machen, denn mit Streit komme man nicht in den Himmel,
und Keiner solle glauben, dass die Schuld nicht an ihm sei und der Andere
aneknien müsse, sondern das Gegenteil. Da sei es ihr geworden, sie wisse nicht
wie, aber dass wieder Friede werden müsse, sei fest in ihr gestanden; um ihr
Plätzchen im Himmel wolle sie nicht kommen, und das Sterben komme ihr bald. Aber
lange hätte sie nicht gewusst, wie sie anfangen solle, bis ihr spät am Nachmittag
es aufgegangen sei, dass sie da anfangen müsse, wo der Zwiespalt so recht
angefangen, und dass sie eigentlich schuld an allem sei. Nun hätte sie gewusst,
was sie zu tun hätte, aber angst sei ihr doch dabei geworden, denn sie hätte
nicht gedacht, dass Christens Herz zum Frieden so zweg wäre, sie hätte geglaubt,
lange, lange alleine beten zu müssen, bis sie sein Herz wieder aufgesprengt;
darum hätte sie vor Angst und Bangen fast nicht anfangen können, allein einmal
angefangen, hätte sie auch nicht mehr abgesetzt, »denn sterben ohne Friede, das
will ich nicht. Als du aber alsobald aufgesessen und mitgebetet hast, da war es
mir, als wärest du mir viele, viele Tage lang verschüttet unter der Erde
gelegen, umsonst hätte ich dich gesucht, nach dir gegraben. Da sässest du auf
einmal gesund und wohlbewahrt, von Engeln emporgetragen, an meiner Seite und ich
hätte dich wieder und verlöre dich nimmer bis ich sterbe. Jetzt weiss ich es, dass
wenn ihr mich zu Grabe traget, ihr wieder weinen werdet, und wenn dumpf auf
meinen Totenbaum die Erde tönt, so wirst du den Lumpen vors Gesicht nehmen und
denken: Änneli war doch gut, und wenn ich noch einmal weiben könnte, ich nähmte
keine Andere, und es ist mir und Andern übel gegangen.«
    Da sagte Christen: »Red nicht so, von Sterben mag ich nichts hören. Aber das
will ich dir sagen, du hättest sterben mögen, wenn es gewesen wäre, geweint
hätte ich immer denn eine brave Frau warst du allweg, und lieb warst du mir auch
immer, und wenn du hättest sterben sollen, so hätte ich alles, alles vergessen
und nur daran gesinnet, wie lieb du mich hattest und wie du immer für alles
gesinnet hast zu rechter Zeit und alles verstanden wie keine Andere. Aber von
Sterben red nur nicht, erst jetzt wollen wir wieder recht zu leben anfangen mit
neuem Mut und in rechter Eintracht, und was dich freut, das soll auch meine
Freude sein.«
    »Höre, Christen«, sagte Änneli, »du bist immer ein Guter gewesen und jetzt
z'vollem gut, aber eins mochte ich noch. Du redests mir nicht aus, dass ich bald
sterben werde; es ist mir so wohl und so wunderlich, dass ich wohl weiss, dass dies
den Tod bedeutet. Aber wir wollen darüber nicht streiten, sondern es Gott
überlassen, der wird alles wohl machen. Aber eines möchte ich noch, das müsst ihr
mir versprechen. Am nächsten Sonntag, an der heiligen Pfingsten, da wollen wir
noch alle das heilige Abendmahl zusammen nehmen, so zum Zeichen, dass alles recht
gründlich vergeben und vergessen sei, so wie als wenn es das letzte Mahl in
diesem Leben wäre und der Abschied gleich darnach käme, so wie die Israeliten,
zur Reise bereit und alles abgetan, was man nicht mitnehmen soll, so an Leib und
Seele bereit, auf den Ruf des Herrn vor seinem Angesichte zu erscheinen. So
möchte ich mit euch allen noch einmal an des Herrn Tisch; dann erst, dünkt mich,
werde ich den zeitlichen und den ewigen Frieden gewiss haben; dann erst, wenn wir
ein solches inniges Versöhnungsfest werden gefeiert haben, weiss ich, dass nichts
mehr zwischen unsere Seelen kömmt. Noch kömmt immer wieder ein Bangen über mich,
als ob der Feind noch da sei, der so lange zwischen unsern Seelen stand; aber
wenn das geschieht, dann ist alles gut, dann werd ich erst mit recht frohem
Herzen sagen: Jetzt, Herr, jetzt lass deine Magd im Frieden fahren.«
    »Los, lieb Änneli«, sagte Christen, »vom Sterben rede mir nichts mehr, davon
mag und will ich nichts hören; ich wusste nicht, warum du gerade jetzt sterben
solltest, wo wir mit einander im Frieden leben könnten. Das düechte mich, ich
muss es sagen, vom lieben Gott nicht recht. Aber mit allen Freuden will ich am
Sonntag mit dir das Nachtmahl nehmen, und die Kinder werden es auch gerne tun
und eine bsunderbare Freude daran haben, wenn der alte Tschup aus ist. Und es
ist mir auch noch wegen den Leuten. Es ist so manches von uns unter sie
gekommen, wie ich wohl gemerkt habe; sie können dann auch von uns reden, wenn
sie wollen, wenigstens sehen können sie, dass es nicht so übel mit uns steht,
wenn wir zusammen vor des Herrn Tisch gehen dürfen. Es ist kurios, auf die
Religion verstehe ich mich freilich nicht recht und zur Kirche gegangen bin ich
nicht viel, es wollte sich mir so oft nicht schicken, und unserein hat gar so
viel zu sinnen, ds Geistliche kann man nicht immer im Kopf haben, aber ich muss
bekennen: allemal, wenn ich in die Kirche kam oder zum Nachtmahl, nahm ich mir
vor, mehr zu gehen. Es wohlete mir allemal, es war mir fast der Seele nach, wie
es mir ist, wenn ich zur Selteni einmal badete. Es düechte mich allemal, ich
hätte mehr Mut und es habe mir wieder gluteret vor den Augen und ich könnte
alles ruhiger nehmen. Es het mih mengist düecht, so wie wir ehemals alles, was
wir öppe mit einander gehabt haben, im Beten haben liegen lassen, so sollte man
im Sonntag alles liegen lassen, was die Welt einem die Woche über angehängt hat,
und wie man am Sonntag ein sauberes Hemd anzieht, so sollte man auch die Seele
säubern und reinigen, es würde manchen Unflat weniger geben auf der Welt. Aber
wenn üsereim schon zuweilen etwas zSinn chunt, so ist man dann z'hilässig,
darnach z'lebe, wenn es schon gut wäre. Aber es muss anders kommen, und am
Sonntag komme ich gerne; Gott und Menschen können dann sehen, ob wir einander
lieb haben oder nicht.«
    Die Freude des wiedergewonnenen Glückes hielt den Schlaf ferne von ihrem
Lager; es dämmerte draussen, die Sonne stieg herauf, ihre freundlichen Strahlen
kamen als liebliche Boten und döppeleten an die Augen der Menschen, dass sie
schauen sollten des Herrn Herrlichkeit und schaffen ihre Werke, während der Herr
dazu ihnen leuchte.
    Wonnereich und glücklich ging das alte Ehepaar in den jungen Tag hinein.
Alles Übel war versenkte, und ein neues Leben blühte im Herzen, oder es war
vielmehr das alte Leben, das neu aufgetaucht war unter dem Übel hervor, mit dem
es bedecket und das jetzt abgeschüttelt war, und über das jetzt
neunundneunzigmal mehr Freude war als ehedem, weil es verloren gewesen und
wieder gefunden worden. Sie verkündeten ihre Freude nicht laut, gaben ihr keine
besondern Worte, das Hauswesen ging seinen gewohnten Gang, aber ein seliger
Friede leuchtete auf ihren Gesichtern, und es war recht rührend zu sehen, wie
die alternden Leute sich nachträppeleten wie zwei junge narrochtige Eheleute am
Tage nach der Hochzeit, wo jedes immer zu meinen scheint, das Andere könnte ihm
noch darauslaufen. Alle Augenblicke hatte Christen in der Küche seine Pfeife
anzuzünden und kaum war er daraus, so trappelete Änneli ihm schon nach und hatte
ihn etwas zu fragen oder ihm etwas zu berichten. Schon das fiel den Kindern auf,
aber sie frugen nicht. Als Resli mittags den Rossen kurzes Futter gab, kam der
Vater zu ihm in den Stall, redete mit ihm über den Viehstand, frug, was er
meine, ob nicht etwas zu ändern wäre, es wäre da vielleicht ein ordentliches
Zwischenaus zu machen, und wenn er meine, so konnte er an den ersten
Monatdienstag nach Bern; dort mache man es immer am besten, und er müsse sich
auch nach und nach ans Handeln gewöhnen, er müsse das doch einmal machen, und je
früher man anfange, um so eher lerne man es und um so weniger müsse man Lehrgeld
zahlen. Resli stund fast auf den Kopf und folgte dem Vater freundlich durch die
Ställe, und was er meinte, fand der Vater gut.
    Fast ebenso ging es Annelisi mit der Mutter, die mit einander Kabis setzten.
Die Mutter begann von Annelisis Garderobe, musterte sie mit ihr durch, sagte von
Hemden, welche sie ihr wolle machen lassen, sobald man die Näherin herbeibringen
könne, fand, ihr Sonntagstschöpli sei abgetragen und es mangle ein neues. Sie
könne es machen, wie sie wolle, entweder schon am Abend zum Krämer und sehen, ob
er etwas Anständiges hätte, oder warten, bis an einem Ort ein Märit sei, wo man
bessere Auswahl hätte.
    Diese Reden der Mutter machten Annelisi fast wunderlich; sie wusste nicht,
war es ihr recht im Kopf oder nicht, und ihr Gewissen begann sich zu regen und
zu fragen, ob das der Lohn sei für ihre gestrige Aufführung. Sie traute der
Sache nur halb, wusste nicht, war es Ernst oder war das nur ein Anfang und hängte
die Mutter noch etwas anderes dran; sie gab daher nur halbeinlässlichen Bescheid
und wartete immer, was noch käme. Da aber nichts nachkam als ein freundlich Wort
dem andern und keine Vorwürfe und keine anderweitigen Vorschlage, da verwunderte
sich auch Annelisi und dachte: Wenn es doch immer so wäre, aber es werde sich
bald ändern.
    Aber es änderte nicht, nichts als freundliche Worte hörte man, neuer Trieb
schien ins ganze Hauswesen zu kommen, lustig und munter schnurrte sein ganzes
Räderwerk. Es war wie an warmen Märztagen, wenn warm die Sonnenstrahlen über die
Erde strömen, das schlafende Leben wecken, es lustig zu surren anfängt über den
Boden weg. Die Erde hat ihren Schoss geöffnet, Leben ohne Mass entströmet ihr, es
beginnt sich zu färben die fahle Pflanzenwelt, und erkräftigt hebt hier und da
ein welkes Pflänzchen sein grün gewordenes Haupt; dem Menschen aber wird die
Brust weit, munterer regen sich seine Kräfte, drängen ihn zu tätigerem Leben,
das Herz öffnet sich zu Lob und Preis seines Schöpfers.
    Es ist Friede und Liebe eines elterlichen Paares die Haussonne; verbirgt sie
sich, so steht das Haus im Winter, von Frost umgürtet, von Sturm, Schnee, Regen
gehudelt, und trübsinnig, nutzlos, stöckisch sind alle seine Bewohner; scheint
sie, so taut alles unwillkürlich auf, der Sturm schweigt, der Regen hört auf,
ein fröhliches Treiben beginnt, und wie die Lerchen am liebsten in den blauen
Himmel hinein ihre Lieder schmettern, ertönen heitere Lieder ums Haus, und
jeglicher bewegt sich, als ob ihm Flügel zu wachsen begönnen. Annelisi tanzte
ihrem Tschöplituch nach und ängstigte den Schneider, Resli suchte Gespräche mit
dem Vater und strich in stiller Freude um die Mutter herum, und mit fröhlichem
Herzen, aber mit dem Kopfe in der Hand, als ob grausames Weh ihn plagte, sass
Christen, der junge, hinter einer Teekanne, welche ihm die Mutter ungeheissen
schon zweimal gefüllt, und ungefragt hatte der Vater ihm schon den Doktor
anerboten. So verging die Woche ohne ein einziges Wölkchen, denn alle Abend ward
der Friede inniger und gefestigter, und als der Samstag kam, hatte Änneli kein
Bangen mehr, sie wusste, dass er bleibend sei und nicht wie eine Morgenwolke, die
bald vergeht.
    So kam der Samstag und mit ihm sein früher Feierabend, der hier, wie in
vielen andern Häusern, pünktlich gehalten ward. Es ist nämlich noch Sitte, dass
am Samstag nach sechs Uhr oder nach dem Feierabendgeläute nicht mehr gearbeitet
wird; man macht lieber am Sonntag morgens fertig, was Samstags vor sechs Uhr
nicht beseitigt werden konnte. Obs ein Überrest des jüdischen Sabbats ist oder
eine freie Zeit sein soll zur stillen Vorbereitung auf den kommenden Sonntag,
wissen die Leute selbst nicht recht, und die Einen legen es so aus, die Andern
anders. Besonders willkommen ist sie dem jungen Volk, besonders den Dienstboten.
Diese benutzen sie selten genug zur stillen Einkehr in sich selbst, sondern
fahren ihren Verrichtungen nach, zu denen sie in der Woche keine Zeit hatten, zu
Schneider und Schuhmacher, zum Krämer, suchen nebenbei gut Schick. Die Bursche
rotten sich zusammen, die Mädchen flattern hin und her wie Mücken ums Licht oder
wie Kinder, die neckisch vor jemand laufen und in einem fort schreien: »Nimm
mich, wenn du kannst, nimm mich doch!«
    Es war abgegessen worden, das Vieh besorgt, die Mägde waren ausgeflattert,
die Knechte weggestopfet, auf dem Banklein vor dem Hause sass der Vater mit
Resli. Christen stund auf der Bsetzi, wusste nicht was machen, und Annelisi trug
Meienstöcke hin und her. Da kam die Mutter heraus und frug: »Hast du es ihnen
gesagt?« »Nein«, sagte der Vater, »aber du kannst es ihnen ja selbst am besten
sagen.« »He«, sagte die Mutter, »das kann ich wohl. Es wäre mein Wunsch, dass wir
morgen alle zum Nachtmahl gingen mit einander. Ihr wisst wohl, es war lange etwas
Ungutes unter uns. Wir meinten es Beide gut, ich und der Vater, aber wir haben
uns nicht mehr recht verstanden. Es war uns nicht von wegen uns, sondern von
wegen euch, denn für wen husen die Eltern als für die Kinder? Daran war ich den
Mehrteil schuld, und grusam habe ich da gefehlt. Das habe ich nun eingesehen und
dem Vater es gesagt, und er hat mir verzogen.« »Aber Mutter«, sagte der Vater,
»ich habe gefehlt so gut als du, ich habe so gut als du nicht gewusst, was das
Glück ausmacht, und während wir meinten, wir seien unglücklich geworden, hatten
wir sGlück noch ganz unversehrt gehabt und trieben es dann selbst vor lauter
Ängstlichkeit von uns weg, und ich noch mehr als du. Wenn ich mich etwas besser
nachegla hätte, so wären die fünftausend Pfund bald verschmerzt gewesen.« »O
Ätti, wir wollen jetzt nicht worten, ich weiss es im Herzen wohl, wie ich gefehlt
und wie ich mich vor lauter Ängstlichkeit nicht nur am Vater, sondern auch an
euch versündiget habe, denn ihr musstet auch darunter leiden, und während ich,
wie ich meinte, um euer Glück jammerte, machte ich euch unglücklich. Aber jetzt
weiss ich, dass Glück und Geld ganz verschiedene Dinge sind, und ihr habt es auch,
so Gott will, für euer Lebenlang erfahren. Gott hat uns das zeigen wollen, darum
wollen wir nicht klagen; aber eines möchte ich noch, dass ihr mir nämlich alle so
von Herzensgrund verzeihen möchtet vor Gott selber, damit wir so recht den
Frieden besiegelt hätten, damit wenn ich von euch muss, ich weiss, ihr seid mit
mir zufrieden und traget mir nichts nach, vor den Menschen nicht und vor Gott
nicht.« »Aber Mutter«, sagte Resli, »was sinnest auch, dir tragen wir ja nichts
nach und auch dem Vater nicht. Es hat uns schon lange gedrückt, dass ihr so
nötlich tut wegen dem Geld, und wir haben es wohl gewusst, dass es unsertwegen
ist; das hat uns bsunderbar plaget, aber wir konnten nichts daran machen. Wir
haben es schon die ganze Woche gemerkt, dass etwas gegangen ist, und es dünkte
uns, es gehe ein Schatten ab der Sonne, und es war ein ganz anderes Dabeisein,
es hat uns allen geschienen, wir seien auf Federn. Ja, von Herzen gern wollen
wir morgen zum Nachtmahl kommen, aber nicht von wegen dem Verziehen, sondern um
dem lieben Gott zu danken, dass alles so gegangen, und nicht von wegen dem
Sterben, du sollst erst jetzt sehen, Mutter, wie lieb wir dich haben. Es ist
gut, wenn es alle Leute wieder sehen, dass wir nichts wider einander haben,
sondern uns Gott und Menschen zusammen zeigen dürfen.«
    »Ja«, sagte Annelisi, »ich habe gegen dich gefehlt, Mutter, und es ist mir
leid; aber wenn wir morgen zum Nachtmahl gehen wollen, so muss ich geschwind noch
ins Dorf hinter den Schneider her, der hat wieder versprochen und wird nicht
halten, und wenn ich mein neues Tschöpli nicht bekomme, so kann ich nicht
mitkommen, denn im alten darf ich mich nicht mehr zeigen.« »Du bist immer das
gleiche Annelisi«, sagte der Vater, »und hast nur deine Narretei im Kopf, sonst
wurdest du jetzt nicht an dein Tschöpli sinne, sondern daran, was es heisst, wenn
Vater und Mutter und Brüder und Schwester mit einander zum Nachtmahl gehen
wollen, zu einem Versöhnungsbunde, damit sie auch mit Gott versöhnet bleiben.
Denk daran, wenn du deinen Sinn immer an der Hoffart hast, so wirst du
unglücklich und machst unglücklich, wer um dich ist. Jetzt weiss ich, was es
heisst: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz, und wenn der Schatz verloren
wird, so geht das Herz im Jammer unter. Darum müssen wir nach einem Schatze
trachten, der nicht verloren geht, um deswillen wir nicht Gott und Menschen
hassen müssen. Nein, Annelisi, heute gehst du nicht deinem Tschöpli nach,
sondern lässest Tschöpli Tschöpli sein und bleibest bei uns, und wenn du scholl
einmal ein Kapitel lesen wurdest, so wurde es dir nichts schaden. Auf mich musst
du nicht sehen, ich habe mehr zu tun und zu denken als du, und dann brauche ich
nicht immer zu lesen, wenn ich an etwas Gutes sinnen will, ich kann noch gar
manchen Spruch, den du nicht kannst; öppis Guets z'lehre ist man zu vornehm, und
es soll manchen neumodischen Lehrer geben, der sich der Bibel schämt und der
übers Fragebuch nume zäpflet. Ich habe scholl manchmal gedacht, wie es endlich
kommen müsse und dass man sich nicht verwundern dürfe, wenn die Kinder nur an
Tschöpleni denken wenn man vom Nachtmahl redet.« »O Ätti, zürnt nicht, ich habe
das so gesagt und nichts weiters gesinnet, aber ich bleibe ja gern daheim, und
es ist nicht, dass ich nur an Tschöpleni sinnen muss. Wenn morgen der liebe Gott
in mein Herz sieht, so wird er auch sehen, dass ich an Vater und Mutter sinnen
kann und daran, wie ich sein müsse, dass sie mich doch lieb haben könnten auch so
recht. Gell, Müetterli, du glaubst es?« sagte Annelisi, legte ihren Ellbogen auf
deren Achsel und streichelte ihr die Backen, wie kleine Kinder es so gerne zu
tun pflegen. Es sei notti ein Gutes, sagte die Mutter, wenn man schon zuweilen
nicht wisse, woran man mit ihr sei, und meinen sollte, sie hätte lauter Flausen
im Kopf; aber wenn sie sterben sollte, so werde Annelisi nicht die Letzte sein
in der Haushaltung und zeigen, dass sie noch etwas anderes wisse als Flausen
machen und hoffärtig sein.
    So sass die Familie in ernsten und lieben Gesprächen ungestört zusammen bis
in den tiefen Abend hinein. Vieles wurde verhandelt, aber die Hauptsache drehte
sich immer um Ännelis Glaube, dass sie bald sterben werde und dass sie morgen das
letzte Mahl mit ihren Kindern hielte. Weichmütig, aber heiter hielt sie diesen
Gedanken fest, wie sehr die Andern ihn ihr auch ausredeten. Sie redete viel von
Ahnungen und von Exempeln aus ihrer Familie, dass den Kindern die Herzen immer
weicher wurden, bis endlich der Vater sagte: Er hülfe, sie wollten hinein und
ein Kapitel lesen, da wisse man doch, dass es wahr sei, und könne sich trösten
damit; bei solchen Sachen aber wisse man nicht, was daran sei, und sie machten
einem nur traurig und unnötig z'förchten Er wolle hoffen, der liebe Gott werde
sie noch lange im Frieden bei einander lassen; hätte er ihrem Streit zugesehen,
so werde er jetzt auch seine Freude an ihrer Liebe haben wollen. Sie erbauten
sich an Gottes Wort, und in feierlicher Stimmung, fast wie am Abend vor dem
ersten Abendmahl, suchten sie die Ruhe.
    Feierlich steigt ein heiliger Sonntag übers Land herauf; da hört man keine
Kutschen, Chaisen rollen. Niemand kommt es in Sinn, Gott und seinem Gewissen
entrinnen zu wollen; da weiss man noch, was der städtische Pöbel, zusammengesetzt
aus Herrn V. und Herrn X., nicht mehr weiss, dass wenn man auch Flügel der
Morgenröte nähme und flöge ans Ende des Meeres, der auch da sei, der den Wurm im
Staube sieht und jeglichen Schlingel, sei er zu Fuss oder zu Wagen; da weiss man
noch, dass man nicht Ärgernis geben soll, und schämt sich des städtischen Pöbels,
der gerade an den heiligen Tagen rings auf dem Lande Zeugnis ablegt, wie nahe er
trotz seiner guttuchenen Kutte dem Vieh verwandt sei und wie er, ohne seiner
Ehre Abbruch zu tun, jedem Schweine »Götti« sagen kann.
    Feierlich steigt der Tag herauf und stille ists, das Säuseln des Herrn hört
man in den Zweigen der Bäume, die Seufzer der Gewissen rauschen in den Seelen,
das Beten der Herzen tritt flüsternd auf die Lippen. So war es auch in unserm
Hause, und in jedem Herzen war noch das Weh über den unwürdigen, unheiligen
Streit vom letzten Sonntag, der die eiternde Beule zur Reife gebracht und
aufgebrochen. Um so weicher war eines jeden Stimmung, um so inniger war ihr
Sinnen an den heiligen Tag, um so inbrünstiger eines jeden übliche Gebete, um so
freundlicher und weicher ihr Begegnen. Ihre Gefühle taten sich nicht durch
besondere Gebärden kund, sie traten kaum ins Auge; aber im Tone der Stimme gaben
sie sich zu erkennen, im Zuvortun bei allen Geschäften, in der Teilnahme, mit
welcher jedes Wort aufgenommen wurde, im Zueinanderstehen, ohne dass man sich
eben etwas zu sagen hatte. Selbst Annelisi war innig bewegt und dachte nicht ans
neue Tschöpli, als es das alte anzog, war früh fertig, sorgte der Mutter für
einen schönen Rosmarinstengel und wollte den Brüdern auch welche geben, aber
diese sagten, sie begehrten heute keine. Alle warteten der Mutter vor der Türe,
die noch die Jungfrauen zu brichten hatte über ihre Pflichten und wie sie zu
allem zu sehen hätten, damit das Essen nicht verdorben, das Haus nicht
verwahrloset würde. Sie liess zwar hinaussagen, man solle ihr doch recht nicht
warten, aber ohne Mutter wäre Keines vom Hause gegangen, und Keines ward
ungeduldig, und Keines rief ins Haus hinein: »Mutter, kömmst nicht bald!« Als
sie kam, sich entschuldigend, sagte Christen: »Wir hätten dir noch lange
gewartet, säumtest du dich ja um unseretwillen; es hatte jedes von uns nur für
sich selbst zu sorgen, du aber für alle«. So war keine Ungeduld in keinem
Herzen, und eines Sinnes, ohne viele Worte, in stiller Andacht zogen sie dem
Hause des Herrn zu.
    Es ist doch schön, wenn so eine ganze Familie eines Glaubens, eines Sinnes
zum Hause des Herrn zieht, Keines vornehmer im Geiste als das Andere, jedes
gläubig wie das Andere, vom gleichen Gott sein Heil erwartend, den gleichen Weg
vor Augen, nach dem gleichen Himmel trachtend. Es ist doch schön, wenn Eltern
mit ihren erwachsenen Kindern zur Kirche ziehen können, wo sie dieselben taufen
liessen, und nicht nur sagen können: Siehe, Herr, hier sind die, die du mir
gegeben hast, und Keines ist verloren gegangen, sondern noch danken können, dass
der Herr durch die Kinder die Eltern geheiliget und die Kinder Stützen geworden
seien, nicht nur für den Leib in den alten Tagen, sondern auch für den Geist auf
dem Wege der Heiligung. Wenn so eine ganze Familie zum Mahle des Herrn geht als
wie zum letzten Mahle und doch im gläubigen Vertrauen, dass der Herr nicht
scheiden werde, was sich hier gefunden, dass wenn schon der Tod als wie ein
Schatten vor das Eine oder das Andere sich stellt, dieser Schatten über Kurzem
wieder schwinden werde im Lichte des ewigen Lebens, es ist doch schön. Es wehet
in einer solchen Familie eine Kraft des Vertrauens, des Glaubens, der Liebe,
welche die Welt nicht gibt, welche die Welt nicht kennt.
    Bald waren sie nicht mehr alleine; hieher kamen Leute und dorter,
freundliche Grüsse wechselten, die Einen hemmten ihren Schritt, die Andern
beschleunigten ihn, ein jedes richtete seinen Schritt nach der Andern Schritt,
weil es nicht alleine wallen wollte auf dem Wege zur Kirche, sondern in
Gemeinschaft mit den Andern. Warum aber nur auf dem Kirchwege seinen Schritt
modeln nach der Andern Schritt, warum nicht auch auf dem Lebenswege? Nur eine
kleine Anstrengung, nur ein klein weniger Eigensinn, nur einiger Tage leichte
Übung, und einmütig und gleichen Schrittes, eine Gemeinschaft der Heiligen,
würde durchs Leben wallen, was auf ewig auseinandergeht, weil das Eine seinen
Schritt noch kürzt, während das Andere den seinigen verlängert.
    Die Leute sahen mit Verwundern die Fünfe so einträchtig zusammen gehen,
drückten aber die Verwunderung nicht einmal mit den Augen aus, geschweige dass
jemand nach der Veranlassung des nach der bekannten Spaltung um so
auffallenderen gemeinsamen Kirchganges gefragt hätte. Jeder machte seine
Mutmassungen und behielt sich vor, dieselben daheim beim Mittagessen
vorzubringen, und fast in allen Häusern war dies das Tischgespräch. Vermutungen
aller Art wurden laut, und allerdings war die Bewegung Ännelis am vorigen
Sonntag in der Kirche nicht unbemerkt geblieben, aber das Rechte erriet doch so
recht niemand, von wegen wenn man etwas begreifen will, so muss man den Sinn, aus
welchem es hervorgegangen, selbst in seiner Brust tragen. Das wissen aber die
wenigsten Leute, darum so viele Missverständnisse, darum werweisen die Meisten so
dummes Zeug, wenn sie von einer guten, uneigennützigen Tat hören; sie tragen
halt den Sinn dazu nicht in ihrer Brust. Hingegen weiss so Mancher, dass er selbst
für die schlechtesten, eigennützigsten Absichten die schönsten Gründe hat.
Mancher vermag zum Beispiel Amt, Stellung, Staat auf die schändlichste Weise zu
missbrauchen zur Sättigung seiner Lust oder seines Geldsäckels, während er von
lauter System, Gemeinwohl und Volksinteresse überfliesst.
    Die Leute strömten immer zahlreicher, je näher man der Kirche kam, denn an
Pfingsten, wenn die Sonne schön warm scheinet, wagt so manches alte Mütterli,
das durch Kalte und Kot nicht mehr kam, noch so gerne einen Kirchgang und labet
seine Seele, die auch gerne da oben wäre an des Herrn Mahl; es weiss nicht, was
der Herr im nächsten Winter mir ihm vorhat, es sucht, wo es kann, den Herrn,
damit wenn der Tod kommt, der Herr es finde.
    Wenn sie schon früh waren, so fanden sie doch mit Mühe Platz in der Kirche.
Wer es vermag, sollte immer frühe gehen, wer hintendrein hastet, kömmt sehr
selten mehr in die rechte Stimmung, so wenig als der Pfarrer, der weltliche
Geschäfte abmachen muss, ehe er ans heilige Werk gehen kann. Es ist gar eigen,
unser Gemüt, und stille und feierlich muss es um dasselbe sein, wenn es stille
und feierlich in ihm werden soll, so wie auch die Winde aufhören müssen zu
wehen, wenn die Wellen sich legen, das Meer sich ebnen soll.
    Wenn man da so sitzt im stillen, weiten Raume, vielleicht ein schönes Lied
von der Orgel tönt oder ein schönes Wort aus der Bibel kömmt, und Die Glocken
rufen die draussen herein, da, wie die Augen im Dunkel des Kellers allmählig
aufgehen und zu schauen vermögen, so geht es unsrer Seele: sie öffnet sich
Eindrücken, für welche sie sonst verschlossen war, und wenn der Prediger kommt
und als geistiger Säemann frommen Samen streut, so fällt dieser Same in offene
Seelen, wo er sonst nur Ohren gefunden hätte, und Ohren, die nicht hörten.
    So wurden ihre Seelen noch weiter, empfänglicher ihr Herz, gespannt harrten
sie auf die Textesworte des Pfarrers, welche an bewegte Seelen kommen wie eigene
Losworte oder vielmehr wie Worte aus des Herrn eigenem Munde und vom Geiste, der
alles weiss, auch die Bewegung jeglicher Seele, dem Pfarrer in den Mund gelegt
für diese oder jene Seele. Und darum haben solche Textesworte für bewegte Seelen
eine ganz eigene Kraft, und nach Jahren, wenn die Predigt längst vergessen ist,
hört man noch solche Worte anführen, durch welche die Seele niedergeschlagen
worden oder aufgerichtet.
    Da schlug der Pfarrer das heilige Buch auf und las die Worte: »Was fehlt mir
noch?« Diese Worte fielen nicht zündend in ihre Seelen, sondern fast kamen sie
ihnen allerdings vor wie eine Frucht vom heiligen Baume, aber eine fremdartige,
mit welcher sie nichts zu machen wussten; betroffen wiederholten und betrachteten
sie dieselben, aber die Beziehung auf sich fanden sie nicht.
    Da begann der Pfarrer zu reden von seiner letzten Predigt und wie er
ermahnt, dass man jedes Abendmahl geniessen möchte als ein Abschiedsmahl, versöhnt
mit allen Menschen. Aber nicht bloss an die, welche man lasse, hätte man zu
denken, sondern auch an das, was vor einem liege, an die, zu denen man wolle;
nicht nur Abschied habe man zu nehmen, sondern auch zur Reise sich zu rüsten,
und da müsse jedem die Frage von selbst kommen: Bin ich fertig, oder was fehlt
mir noch? Habe ich, was zum Himmelreiche hilft, oder was mangelt mir? Da sei es,
wo man so leicht sich täusche, und man täusche sich allemal, wenn man das Ziel
ergriffen zu haben meine. Es seien aber deren so Viele, die mit aller Zuversicht
den Himmel erwarteten und vollkommen mit sich zufrieden seien, sich innerlich
gerne zum Beispiel Anderer aufstellten, mit aller Behaglichkeit auf Andere
herabsähen und selbst ihre Fehler zu beschönigen wüssten, als wären es Tugenden,
und sie selbst Gott als solche anrechneten, fast wie zuweilen ein Mensch den
andern zu betrügen suche mit einem gemeinen Steine, den er für einen kostbaren
Edelstein ausgebe.
    Wenn man so im Allgemeinen und von weitem an den Tod dächte, so meine man
nur zu gerne, man wäre fertig und es sei leicht zu sterben; aber wenn er
plötzlich vor einem stünde, so käme es einem anders, und was man leicht
geglaubt, das käme einem schwer vor, und was man nicht gesehen, für das gingen
einem die Augen auf. Sie sollten nur an den reichen Jüngling denken, wie der
guten Muts zu Jesus gekommen, willens, das ewige Leben zu gewinnen, und das
Gewinnen leicht glaubend, weil er schon so vieles getan und die Gebote gehalten
von Jugend auf Was fehlt mir noch? habe auch der gefragt. Geh, verkaufe, was du
hast, und gib es den Armen, sagte Jesus. Darauf war der Jüngling nicht
vorbereitet, er ging betrübt hinweg; er, der gemeint, er hätte alles getan, was
er schuldig gewesen, dem fehlte noch alles zum Himmelreich. Dem fehlte der
christliche Sinn, der gehorsam ist bis zum Tode am Kreuz, ihm fehlte die Liebe,
die Gott über alles hält, den Nächsten als sich selbst; der war zu allem bereit,
aber nur zu dem, woran er gewöhnt war, und nicht zu dem, was der Herr von ihm
forderte; er war getreu, bis der Herr seine Treue erproben wollte; ihm fehlte
der Geist, der in alle Wahrheit leitet und den Menschen bewahret in jedem
Verhältnis, in jeder Anforderung ein Kind Gottes bleiben lässt, wie er die
Apostel das Rechte reden liess vor jeglichem Richter.
    »Nun leben Tausende dem reichen Jünglinge gleich, wissen nicht, dass die
Hauptsache ihnen fehlt. Sie leben in stiller Rechtlichkeit, im Geleise, in
welchem Vater und Mutter gegangen, geben keinen Anstoss und finden keinen Anstoss
im Leben, aber ihnen unbemerkt leben sie doch für etwas, und dieses Etwas ist
ein Zeitliches, es ist ihr Gut, und ihnen unbemerkt leben sie für dieses Gut, in
einer immer festeren Angewöhnung, auf besondere Weise, und dies Gewohnheit wird
ihr Meister und regiert sie, sie merken es nicht. Tritt nun etwas Besonders in
ihr Leben, fordert Gott ein Opfer von ihnen, streckt er seine Hand nach ihrem
Gelde aus, rüttelt er an ihren Gewohnheiten, machen sie Verluste oder tun ihre
Ausübungen, welche gegen kein Gebot stossen, Andern weh, verbittern sie ihnen das
Leben, dann, dann zeigt es sich, was ihnen fehlt und an was sie ihr Leben
gesetzet und wie ihr Leben ihr Meister geworden und nicht sie ihres Lebens
Meister, denn der Geist ists, der ihnen fehlt. Ob der Angst ums Geld vergessen
sie Gott, haben weder Vertrauen auf ihn noch ein Ergeben in seinen Willen; sie
werden betrübet, gehen hinweg vom Heile, dem reichen Jüngling gleich, werden
erbittert im Gemüte über die Menschen, vermögen ihrer Gewohnheit keinen Zwang
anzutun; Friede und Eintracht werden gebrochen, weil sie nur gebaut gewesen auf
die äusseren Verhältnisse, auf des Lebens gewohnten Gang und nicht auf den
lebendigen Geist, der zu jeder Stunde zu jedem Opfer bereit ist, bereit ist, das
Auge auszureissen, die Hand abzuhauen, von denen Ärgernis kommen.« Sie sollten
doch nur nachdenken, wie oft ihr Friede auf diese Weise gestört würde, wie oft
ihr eigenes Gemüt Zeugnis rede, dass Gott ihnen nicht über alles sei, wie sie zu
schwach seien für das kleinste Opfer, der geringsten Anforderung erliegen und
betrübet werden. Ja, sie sollten nachdenken, wie viele Menschen und
Haushaltungen auf diese Weise äusserlich und innerlich zugrunde gegangen seien,
eben weil sie nie erkannt, was ihnen fehle. Heute sei der Pfingsttag, und
solange er wiederkehre, sei gültig die Verheissung, dass Gott seinen Geist geben
wolle denen, die darum bitten. So sollten sie erkennen, dass dieser Geist die
höchste Gabe sei, welche Gott uns Menschen werden lasse, sollten an sein
Gewinnen das Leben setzen.
    »Dies ist der Geist, der in Christo die Welt überwunden hat, in jedem sie
überwindet, der in Christo ist; er ist köstlicher als Silber und Gold; die Welt
nimmt ihn nicht, der Tod raubt ihn nicht, er bewahrte das Glück in jedem
Verhältnis, den Frieden in jedem Hause, das Genügen in jedem Herzen; es ist der,
der uns den Vorgeschmack der Seligkeit gibt und der Schlüssel zum Himmelreich
ist.«
    »Dieser Geist wars, der dem reichen Jüngling fehlte, der noch so Vielen
fehlt, und ohne diesen ists dem Menschen schwerer, ins Himmelreich zu kommen,
als es einem Kamel wird, durch ein Nadelöhr zu gehen, und schwer besonders ists
dem Reichen, weil er sein Genügen in seinen Besitztum setzet und es vergisst, dass
weit über dem Gelde etwas anderes ist, in dem einzig das Genügen wohnet, das
fest bleibet im Leben und im Sterben, in gesunden und kranken Tagen, in
jeglichem Wechsel dieser Welt; und wenn ihm dann sein Geld Jammer bringt oder
kein Genügen mehr gibt, dann geht es ihm wie dem Menschen, der ins Wasser fällt
und nicht schwimmen kann, in zappelnder Angst beschleunigt er seinen Untergang.
Die Besonnenheit hat er nicht, die Hand zu sehen, die rettend sich ihm bietet;
er fasset sie nicht, er stösst sie von sich, er geht unter.«
    So redete der Pfarrer im Allgemeinen, führte aber das Allgemeine im
Besondern näher durch und belegte alles mit dem Leben. Da ward den Gliedern der
Familie der Text lebendig; der Stein ward zum Diamant, der die hellsten Strahlen
durch ihre Seele warf, alle Falten erleuchtete. Es war ihnen, als sehe der
Pfarrer in ihrem Herzen eine eigene Schrift und lese ihnen die ab, und diese
Schrift erzähle alles, was sie erlebt und wie es in ihren Seelen gewesen, wie
ein Irrtum sie an den Rand des Abgrundes geführt, und lese nun auch ab, was in
solchem Zustande helfen könne und was ihnen wirklich geholfen.
    Wunderbar wurden sie gerührt und erhoben, als sie im Wechsel ihrer Seelen,
in den Regungen, die sie füllten, das Wehen des Geistes erkannten, der ihnen so
lange gefehlt, als sie deutlich dessen sich bewusst wurden, dass Pfingsten
geworden sei in ihrem Herzen, dass sie ein Gut erlangt, welches über alle Güter
ist, dessen Mangel die ganze Welt nicht ersetzt, dass der Herr sie in die
Finsternis geführet, damit in der Angst der Nacht ihre Seelen den Morgen
suchten, ihre Augen nach dem Aufgang sich richteten, bis die Sonne kam. In
Staunen, in frommer Bewegung versunken horten sie, wie von der Kanzel herab
abgelesen ward vor der ganzen Gemeinde ihrer Herzen Geschichte und Zustände; es
war, als stünde dort oben ein wunderbarer Zauberspiegel, in welchem zu sehen
wäre das Innere der Herzen, welches sonst den Augen der Menschen verborgen ist.
    Und dass der Pfarrer so deutlich auf sie rede, ihr Geheimstes vor der ganzen
Gemeinde erzähle und erläutere, sie zum Gegenstand der allgemeinen Betrachtung
mache, das zürnten sie nicht; es war ihnen, als müsse es so sein, als seien
gerade solche Erlebnisse Gemeingut und sollten nicht unter den Scheffel gestellt
werden, sondern auf einen Leuchter, damit die Herzen der Nächsten auch gewonnen
würden. Es kam manchmal sie an, dass sie fast des Wortes sich nicht entalten
konnten zur Bestätigung oder Erläuterung dessen, was der Pfarrer sagte. Wenn er
ihre Namen genannt hätte, sie hätten es nicht gezürnt, denn, meinten sie, müsse
doch jedes Kind, welches in der Kirche sei, wissen, wen es angehe; nur sonderbar
dünkte es sie, dass nicht aller Augen auf sie gerichtet seien, die Entferntern
nicht aufstünden, nach ihnen zu sehen, dass alle machten, als merkten sie nicht,
wen der Pfarrer meine.
    Als der Pfarrer schloss, fühlten sie, dass, was in ihnen war, gefestigt
worden; sie hatten in ihrem Acker einen Schatz gefunden, aber erst jetzt kannten
sie ihn recht und wussten, wie er zu bewahren sei, mehr denn alles auf Erden. Und
als der Pfarrer einlud, zum Tische des Herrn zu kommen, wer von Herzen sein
Jünger zu sein begehre, da klang dieser Ruf ihnen ganz anders als sonst, nicht
mehr so wie eine allgemeine Einladung, sondern es ging sie besonders an, und es
dünkte sie, sie müssten Bescheid darauf geben. Und als sie zum Mahle gingen,
gingen sie nicht wie sonst als Solche, welche das Recht hätten dazu und es nicht
veralten lassen wollten, sondern als ob sie hingezogen würden wie durch einen
Magnet, durch eine unsichtbare Macht, wie der Dürstende zur Wasserquelle, das
verloren gewesene Kind zum Vater, der wieder auftaucht in seinem Gesichtskreise.
Das Einzelne, Besondere war vergessen, untergegangen in dem grossen Gefühle,
Gemeinschaft zu haben mit dem Vater und dem Sohne durch den Geist, der lebendig
in ihnen wohne, und als Siegel dieser Gemeinschaft empfingen sie des Mahles
äussere Zeichen, und sie empfanden es in unaussprechlicher Innigkeit, dass weder
Welt noch Tod, weder Teufel noch Hölle sie mehr von Gott zu scheiden vermöchten.
    Ernst, aber in getroster Freudigkeit verliessen sie das Haus des Herrn; sie
waren erbauet worden.
    Der Strom der Leute umwogte sie, und seltsam kam es ihnen vor, dass sie mit
ihnen unbefangen heimgingen, wie sie mit ihnen gekommen waren. Niemand gedachte
mit einem Worte, dass sie der Gegenstand der Predigt gewesen. Erstaunt hörten
sie, wie der Eine sagte: Der Pfarrer predige alle andere Sonntage über den Geiz,
man merke wohl, dass er selbst nicht viel habe. Aber er müsse sagen, es mache ihm
Langeweile, alle andere Sonntage das Gleiche zu hören. Ein Anderer sagte: Er
hätte es wohl gemerkt, der Pfarrer hätte auf ihn gestichelt, das hätte er wohl
können bleiben lassen; es dünke ihn, an einem heiligen Sonntag schicke sich das
nicht, er könnte die Leute wohl ruhig lassen. Da sei der Pfarrer letztin
gekommen und habe da Steuer gebettelt, er wisse nicht mehr für was, und er habe
ihm nichts gegeben; man habe sein Geld nicht nur für andere Leute, und er habe
es dem Pfarrer gesagt, er wolle erst für sich sorgen und sehen, dass er genug
habe. Und jetzt gehe der und halte eine ganze Predigt auf ihn, für einen Pfarrer
dünke es ihn nicht schön. Aber dem wolle er es eintreiben, die ersten sechs
Wochen sehe ihn der nicht mehr in der Kirche. Noch hatte der Eine dieses zu
rügen, ein Anderer etwas anderes; jeder hatte eine andere Predigt gehört als der
Andere, nur darin waren die Meisten einig, dass die, welche sie gehört, ihnen
nicht gefallen. Er könnte es, wenn er wollte, sagten sie; vor acht Tagen habe er
eine Predigt gehabt, Leib und Seele hätte noch lange geschlottert, aber er möge
es ihnen gar selten gönnen; das sei aber nicht dest bräver, wenn einer es könnte
und nicht wollte.
    Nur wenige Leute nahmen keinen Teil an diesen Urteilen, gingen in stillem
Ernst ihre Wege; denen hatte der Pfarrer auch etwas Inwendiges getroffen, und
dem dachten sie nach und redeten nicht in das Allgemeine; zum Disputieren war
das Herz ihnen zu voll, und mit ihrem eigenen Innern beweisen, wie recht der
Pfarrer gehabt, das mochten sie nicht. Es ist mit dem Inwendigen eine eigene
Sache, man verhüllet es ärger als seinen Leib, und die Hülle wird oft so dick,
dass kein Auge mehr hindurchdringt, nicht einmal das eigene, und die Zuversicht
auf diese Hülle wird so gross, dass man nicht einmal denkt, ein Auge könnte
durchdringen, und Gottes Auge nimmt man in dieser Meinung nicht aus.
    Dieses Verhüllen hat aber auch seinen Grund in der Angst, nicht verstanden
zu werden, in der Angst, dass die, denen man das inwendige Leben erschliesst,
Spott und Mutwillen mit demselben treiben möchten, weil sie es nicht würdigten,
nicht begriffen, wie Kinder mit den kostbarsten Edelsteinen nicht anders umgehen
als mit gemeinen Steinen und gemeine Leute desto lauter und höhnischer über das
Edle spotten, je höher es über ihrer Gesinnung steht.
    Darum auch fiel es weder dem Christen noch dem Änneli noch ihren Kindern
ein, den Leuten die Predigt auszulegen, wie sie dieselbe verstanden, und sie mit
ihrem äusserlich und innerlich Erlebten zu belegen. Sie wurden fast froh, dass den
Andern ihre Augen oder Ohren gehalten gewesen und das, was sie so klar glaubten,
ihnen dunkel und verborgen geblieben, und sagten nur hie und da, wenn sie nicht
anders konnten, ein Wort ins Reden der Leute: Ihnen hätte die Predigt gefallen,
es dünkte sie, es könne ein jeder seinen Teil davon nehmen, und wenn man dem
Pfarrer nach täte, so käme es nicht bös.
    Aber als der stille Nachmittag heraufkam, die Diensten ihre Wege gegangen
waren, schön sonntäglich feierlich es ums Haus ward, der Baumgarten, fast einem
heiligen Haine vergleichbar, mit leisem Säuseln die Bewohner des Hauses in
seinen kühlen Schatten lockte; als sie ohne Abrede, aber von gleichem Zuge
getrieben eins nach dem Andern kamen, das Eine noch vor diesem Baume stund, das
Andere Raupen abstreifte im Vorübergehen, endlich alle sich zusammenfanden unter
einem mächtigen Apfelbaume und sich lagerten ins kühle Gras, da redeten sie von
dem, was in ihrem Inwendigen vorgegangen. Allen war es mit der Predigt gleich
gegangen, allen war sie ein Spiegel gewesen, in welchem sie mehr oder weniger
klar ihre innern Zustände gesehen, und eben deswegen sahen sie so klar und
deutlich, dass der Pfarrer durchaus recht hatte und das Eine, das not tue, eben
der Geist des Herrn sei, und dass sie eben deswegen so unglücklich gewesen, weil
statt des Geistes das Geld Hebel, Mittelpunkt, Ziel ihres Lebens gewesen, und
dass es nur der Geist des Herrn gewesen sei, der die wilden Wellen in ihren
Herzen und in ihrem Hauswesen gestillet.
    Wunderbar aber schien es allen, wie der Pfarrer gepredigt, als rede er aus
ihren Herzen heraus und kleide es nur in Worte, was er in denselben gesehen, und
mache ihnen nur deutlich und hell, was sie selbst gefühlt, geahnet, aber ohne
ihm recht Worte geben zu können. Sie wussten, er kannte sie wenig, von ihnen
hatte in Jahresfrist niemand mit ihm geredet, von ihrem Inwendigen konnte
niemand anders ihm Bericht gegeben haben, kannten sie es selber doch kaum. Die
Vorgänge der letzten Woche kannte ebenfalls niemand. Sie wussten es nicht anders
zu erklären als eine Fügung Gottes, der auch noch heutzutage durch den Mund
seiner Knechte redet, die Geister lenket, die Herzen zu treffen weiss. Denn wer
ists, der dem Prediger den Text zur Hand gibt, der dem Text Leben gibt in des
Pfarrers Geiste, dass er aufblüht und zur Predigt wird und gerade zu dieser und
zu keiner andern? Der, ohne dessen Willen kein Haar aus unserem Haupte fällt und
kein Sperling vom Dache, sollte der nicht auch Macht in den Geistern haben? Und
der, der sich verkündigen lässt durch die Nacht mit ihrer Sprache, durch den Tag
mit seiner Rede, durch jede Blume, die auf dem Felde blüht, sollte der sich
nicht auch durch eine Predigt verkünden lassen können, und zwar gerade so, wie
er es will? So meinten es die Leute und fanden grossen Trost darin, dass Gott sie
angesehen und den Geist des Pfarrers also gelenket.
    Es war aber nicht nur der Text zur Predigt aufgegangen in des Pfarrers
Geiste, sondern seine Predigt war auch auf, gegangen in ihrem Geiste, war Leben
geworden, das heisst hatte mit ihrem Leben sich verwoben, und dieses Leben trat
in bald schrofferen, bald mildern Übergängen, gerade wie es der Zufall oder das
wunderbare Gedankenspiel in ihrer Seele mitbrachte, in scheinbar rein weltlichen
Gesprächen zutage, welche dem Fremden vielleicht gemütlich geschienen, denen er
aber keine Spur eines höhern Lebens, eines heiligen Geistes, eines höhern
Aufschwunges geahnet hätte. Aber es strömte der Geist des Herrn durch Feld und
Wald, durch Nessel und Nelke, er strömt durch alle unsere Lebensverhältnisse,
durch alle Worte, womit wir sie bezeichnen, wenn der Geist des Herrn in uns ist.
Nur unsere Jungens meinen, er sei an bestimmte Worte gebunden, wie die Seele
eines Frosches in den Leib des Frosches.
    Die Freude, dass die Finsternis vergangen, der Morgen wieder angebrochen,
brachte sie auf den vor ihnen liegenden Tag und seine Gestaltung, und diese
Gestaltung war nicht bloss ein Nebel hoch oben im Gebiete der Lüfte, den man mit
des Mundes Hauch von einem Munde zum andern Munde treibt, wie man auch oft
Bysluft und Wetterluft ihr Spiel treiben sieht mit den Nebeln, sondern diese
Gestaltung stellte mitten im Leben ab, und sie drückten sich aus darüber mit
ganz natürlichen, allgemein verständlichen Worten; was aber für ein Geist in
denselben lag, das fühlten die, welche gleichen Geistes waren, sehr wohl.
    Er werde alt, sagte der Vater, er fühle wohl, er möge nicht mehr allem nach,
und so könnte öppe vieles besser gehen, als es gehe, aber ändern könne er es
nicht wohl mehr. Die Jungen möchte er nicht versäumen, darum sei besser, er
stelle daraus und lasse die Kinder machen. Wenn sie öppe einander verstehen
wollten, so wüsste er nicht, warum es nicht gehen sollte.
    
    Es sei ihr auch recht, sagte die Mutter, sie wolle sich wohl gerne darein
schicken. Sie und der Vater wollten in die Hinterstube oder könnten eine Wohnung
machen lassen auf das Ofenhaus , die würde so viel nicht kosten, und wenn man
etwas raten könne oder helfen, so sei man immer noch da, und die Jungen seien
noch manchmal froh über einen. Aber anständig wäre es, wenn Resli heiraten
würde, Sollst sehe sie nicht ein, wie das zu machen wäre. Annelisi werde nicht
immer dableiben wollen, und wenn Christen heiratete und seine Frau die
Haushaltung machen müsste, und Resli nähmte einst den Hof zur Hand, so täte es
Christens Frau weh und es ginge nicht gut.
    Resli unterbrach die Mutter und sagte: Von dem wolle er nichts hören, und er
wolle sie nicht vertreiben. Dem Vater helfen, wie er könne und möge, das wolle
er gerne, und es sei seine Schuldigkeit; aber das Heft solle er nicht aus der
Hand geben. Vom Heiraten möge er auch nichts hören, er werde kaum heiraten, und
heiraten, nur um die Mutter aus der Küche zu vertreiben, das möge er gar nicht,
sie sei ihm zu lieb dazu, und sie habe die Sache dreissig Jahre gut gemacht, es
sei die Frage, ob je eine ihr die Schuhriemen auftäte.
    »He«, sagte Christen, »jemand wird heiraten müssen, ich meine, ich oder du,
vom Anneliese will ich nicht reden, das ist keine Frag. Ich aber will nicht
heiraten, so ein kränklicher Mensch, wie ich bin, soll nicht ein Haus
aufrichten, und ich könnte leicht eine erhalten, sie brächte mich das erste halb
Jahr unter den Boden. Nein, ich will bei dir bleiben, wir sind öppe immer Brüder
gewesen und werden es auch bleiben. Du musst heiraten, und dass du etwas im Spiel
habest, das hast du mir ja einmal selbst gesagt, und längst hätte ich es aufs
Tapet gebracht, wenn ich es nicht ab unserm Elend vergessen hätte. Du aber hast
es nicht, denn seiter hast du ja keinen Fuss zum Tanz gehoben und keinen Tritt
des Nachts zum Haus aus getan.«
    Resli wurde rot und wollte sich verteidigen, da fragte die Mutter: »Hör, was
ist das mit ds Dorngrüter Bauern Tochter? Du hast mich einmal nach ihr gefragt
und so wunderlich dabei getan. Ich habe dich damals abgeschnauzt, es ist mir
seiter manchmal leid gewesen, und ich hätte wieder davon angefangen, aber bald
schickte es mir sich nicht, bald dachte ich, du sagst mir jetzt doch nichts
mehr, und so schwieg ich. Ist dir die öppe im Sinn?«
    »Oh, aparti nicht«, sagte Resli.
    »Hör, sage es fry recht geradeheraus. Wenn es etwas ist, so kann man dir
helfen. Es hat schon Mancher so geschwiegen und hat die Sache so in sich selbst
verdrückt und ist hintendrein reuig gewesen«, antwortete die Mutter.
    »He nun«, sagte Resli, »so will ich es geradeheraus sagen: das Meitschi hat
mir gefallen wie noch keines, ich glaube nicht, dass es eins gäbe, das ihm die
Schuhriemen auftäte, und ich habe gleich gedacht, das oder keins. Und es ist mir
noch so, aber ich sehe wohl, dass es nichts daraus gibt.«
    »Warum?« fragte Christen, »hast gefragt?«
    »He nein«, sagte Resli, »aber ich weiss es sonst.«
    »Wie kannst du so etwas wissen, wenn du nicht gefragt hast; das geht oft
ganz anders, als man denkt. Oder ist das Meitschi verheiratet?« fragte der
Vater.
    »Selb weiss ich nicht«, sagte Resli, »und vom Meitschi wollte ich nicht
reden, es schien mir, als wäre ich ihm nicht ganz unanständig, freilich irrt man
sich leicht. Aber es ist noch etwas anders.«
    »So sage doch, was ists?« sagte der Vater. »Ists öppis z'schüchen a de
Lüte?«
    »He, wie man will«, sagte Resli. »Der Vater ist sehr reich und grusam
geizig, und wie ich gehört, ist ihm für seine Kinder nicht gleich einer reich
genug, und wenn es auch einer ist, so will er dann noch ehetagen auf alle Füli,
dass es keine Art hat. Er hätte schon zwei Töchtern so gebraucht und ehetagen
lassen, dass seine Tochtermänner daheim alleine erben und ihre andern Geschwister
mit leeren Händen gehen können. Das will ich nun nicht, ich will mich an meinen
Geschwistern nicht versündigen, dass ich denken muss, Kinder und Kindeskinder
müssten es entgelten, und wo man unter solchen Gedingen zusammenkommt, da sieht
man wohl, was Trumpf ist, und was e sellige Trumpf kann, das haben wir erfahren.
Ich begehre nicht mehr als meine Sache, dem Christen und dem Annelisi gehören
ihre Teile so gut als mir, wenn es einmal zum Erben kömmt, was, so Gott will,
noch lange nicht geschehen wird.«
    »Los Bruder«, sagte Annelisi, »wenn es nur das ist, so achte dich meiner
nicht. Christen hat nur Spässe gehabt, und es ist dann noch lange nichts
Richtiges, und wenn ich dich damit kann glücklich machen, so bleibe ich ledig.
Es wäre ja so Mancher ihr Glück gewesen, wenn sie nicht geheiratet. Wie wohl es
mir ist bei Vater und Mutter, das weiss ich, wie es mir aber so mit einem Manne
gehen würde, das ist ein Ungewisses.«
    »Wie wir es zusammen haben«, sagte Christen, »weisst du, und wenn dir das
Meitschi anständig ist, so mach, was du kannst, und was wir dir dazu helfen
können, darauf zähle, und wenn dir der Vater den Hof abtreten will kaufsweise um
ein Billiges, ich für mich hätte nichts darwider.«
    »Von dem will ich nichts hören«, sagte Resli, »Vater und Mutter sollen ihre
Sache behalten. Dass sie wegen einem Kinde sich die Hände binden sollten, das tue
ich nicht. Wegen einem Meitschi lasse ich Vater und Mutter noch lange nicht auf
die Seite stellen, wir sind jetzt so schön bei einander, wir wollen nicht
alsobald Unguts hineinmachen.«
    » Mir tätest du einen grossen Gefallen, wenn es sich machen liesse«, sagte die
Mutter; »wenn ich sterben sollte, und das werde ich bald, es wäre mir ein grosser
Trost, wenn ich deine Frau gesehen hätte.«
    »Mutter, schweig vom Sterben, du darfst uns nicht sterben, und von einer
Frau schweiget mir.«
    »Und ich schweige nicht«, sagte Christen. »Es ist doch dann noch nicht
gesagt, dass es immer gleich gehen müsse, und probieren schadet nichts. Es kömmt
nur darauf an, ob dich das Meitschi will oder nicht; wenn man das vernehmen
könnte, so müsste die Sache bald richtig sein. Hast du seiter nichts von ihm
vernommen?«
    Nein, sagte Resli, er hätte nicht gewusst, was das Nachfragen abtrage, wo es
besser wäre, er vergesse die ganze Sache, je eher je lieber.
    »Da hast du unrecht getan«, sagte Christen, »und ich will für dich
vernehmen, was nötig ist; es ist mir auch daran gelegen, dass du eine rechte Frau
erhaltest, und wenn die Mutter so Freude hat an einer Sohnsfrau, so muss sie noch
vor Ostern eine haben, oder ich will nicht Christen heissen. Vater, gib mir
einige Neutaler in Sack, die meinigen sind neue use, und ich will um etwas aus,
um Rosse, Kühe Schafe, sei es was es wolle, und somit habe ich Gelegenheit, auf
das Dorngrüt zu kommen, unbekannt, vielleicht mit dem Meitschi z'reden, und
vernehme allweg, was für Werch an der Kunkel ist und wie die Sache öppe
anzukehren wäre.«
    »Mache, was du willst«, sagte Resli, »und ich danke dir für dein Anerbieten,
aber ich will dich nicht geheissen haben und an nichts schuld sein. Ihr seid alle
nur viel zu gut gegen mich, aber ich will es auch Keinem vergessen.«
    »Das hätte ich vor acht Tagen noch nicht hoffen dürfen, dass es so kommen
könnte«, sagte die Mutter, »und wenn es mir jemand gesagt hätte, so hätte ich es
ihm nicht geglaubt. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich, und wie er das
Unglück einbrechen lässt wie einen Dieb in der Nacht, warum sollte er nicht auch
das Glück heraufführen wie die Sonne aus ihrer Kammer, wenn die Herzen dafür
reif geworden sind?«
    »Horch, was ists?« rief Resli und sprang vom Boden auf. Langsame
Glockenschläge hallten einzeln durch die Luft, alle sprangen auf. »Es stürmt, wo
brennts?« frugen alle. Rauch war nirgends zu sehen, aber nur im Halbkreise lag
frei der Horizont vor ihnen. Sie eilten dem Hause zu; in zwei Minuten sah man
Resli, den Feuerhaken auf der Achsel, den Eimer darangehängt, in raschem Laufe
dem Kirchturme zueilen, wo immer ängstlicher die Glocke um Hülfe wimmerte, und
verschwunden war das schöne Bild der innigen Familie, verschlungen vom Wirbel
der Welt.
    Aber sei auch das Bild verschwunden, ist nur der Geist geblieben; der
lebendige Geist sprüht neue Bilder immer wieder auf, schöne Kinder, Zeugen
seines Lebens.
 
                            Vorwort zum zweiten Teil
Dem geneigten Leser wird anmit eine Fortsetzung der Erzählung »Geld und Geist«,
welche im zweiten Bändchen der »Bilder und Sagen« entalten ist, dargeboten; der
Ärger vieler Leser über den scheinbar zu raschen Schluss bestimmte den Verfasser
dazu, und Bedingungen zu fernerem Leben fanden sich in der ersten Erzählung
hinreichend vor. Auf neuem Boden birgt sich das innere Leben mehr hinter äussere
Verhältnisse, und unfreundlich wölbet sich der Himmel über ihm; wer aber in
Geduld dieses überwindet, findet im Schlusse vielleicht den Geist wieder,
welcher das Geld besiegt und den Segen der Versöhnung über die Herzen bringt.
 Wer hat nicht schon den Unterschied bemerkt, der im Klange der Glocken liegt, es
gefühlt, wie verschiedene Empfindungen sie erregen im menschlichen Gemüte?
    Ernst und hoch, wie vom Himmel her, ertönen sie, wenn sie den Menschen rufen
in Gottes Haus, sich zu demütigen vor dem Allmächtigen, sich aufzurichten am
Allerbarmenden; dumpf tönt die Totenglocke, von weitem her wird es einem, als
höre man auf den Sarg die Erde prasseln, als versinke man in ein dunkles Gewölbe
und höre immer ferner und ferner des Lebens Klang. Freundlich und mild tönt die
Vesperglocke. Wer des Abends über Berg und Tal das freundliche Geläute hört, dem
wird, als empfange er freundliche Grüsse, ein gastfreundlich Laden zu süsser Ruhe,
als vernehme er des Vaters Ruf, sich zu stellen unter dessen treue Hut, zu legen
all sein Sorgen und Sinnen in dessen weise Hand. Aber wenn die Feuerglocke
erschallt, da zuckt Schreck durch die Seelen, Weiber werden blass, Kinder weinen,
Männer horchen hastig auf und stärker klopfen ihre Herzen. Es tönt vom Turme her
wie Weiberjammer, wie Kindergewimmer, wie des Feuers Knistern, und je langer die
Glocke geht, um so inniger scheinen ihre Töne zu werden, um so ängstlicher
wimmert sie, um so lauter jammert sie. Es zieht das Herz sich zusammen, bange
sucht der Mensch den Menschen, alle Augen suchen des Brandes Zeichen, den
dunklen Rauch, der weitin des Brandes Stätte weiset, den Helfenden der düstere
Stern über der Stätte, wo Hülfe nottut. Und jeder rät, wohin die dunkle Wolke
weiset, und jeder schreit auf, wenn neue Wellen wallen über Berg und Tal, das
Aufflammen neuer Häuser, das Zusammenstürzen der ausgebrannten verkündend.
    Ums Spritzenhaus, welches wie üblich in der Mitte des Dorfes stand, von
welcher gewöhnlich das Wirtshaus auch nicht ferne liegt, während die Kirche
gerne zur Seite steht, wie billig auch, das Erstere als Anker der Welt, die
Letztere ein Wegweiser aus der Welt - ums Spritzenhaus fand Resli, des Bauern
Sohn von Liebiwyl, das halbe Dorf geschart. Die Einen sahen in den wirbelnden
Rauch, der in der Ferne, aber immer dicker, immer schwärzer gen Himmel stieg;
die Andern liefen ängstlich herum, hantierten mit der Spritze, banden Schlauche
auf, schleppten Eimer herbei, schrieen nach Pferden, welche aber niemand werde
geben wollen, was ein recht Elend sei und immer so gehe, schrieen nach einem
Stück Kerze in die Laterne, da es auf den Abend gehe, und niemand wollte Kerzen
haben daheim, aber der Krämer hätte fürs Geld, sagte man. Sobald Resli kam, frug
er: »Wo ists?« Bestimmt wisse man es nicht, sagte man, aber allem an zu
Ufbegehrige, und die Brunst sei gross und alle Augenblicke scheine ein neues Haus
aufzugehen. Ängstlich rief Resli nach dem Rundellenträger, dem Führer der
Feuerläufer; der war nirgends zu sehen. Er sei weder vormittag noch nachmittag
in der Kirche gewesen, hiess es, er werde um etwas aus sein, um eine Frau oder um
eine Kuh, wahrscheinlich um das Letztere, da er in vergangener Woche den
Bernmetzgern zwei verkauft hätte. Resli, rasch entschlossen, frug: »Wer nimmt
meinen Haken?«, nahm die Rundelle, sagte: Wenn sie hier keine Rosse mehr
vermöchten, so solle jemand rasch heim zu ihnen, sie hätten noch deren, aber
machen sollten sie, dass sie bald nachkämen, sonst sei es eine Schande für die
ganze Gemeinde. Gerade an solchen Dingen nehme man ab, was für Leute in einer
Gemeinde seien ob etwas wert oder nichts. Seine Stichworte gingen in manches
Herz, um so mehr, da sie von einem jungen Burschen kamen, der noch zu gar nichts
etwas zu sagen hatte, und graue Häupter trafen, die Häupter der Gemeinde zu sein
meinten.
    Wenn ein jeder Säubub sein Maul in die Sache hängen wolle, so hätte er
nichts da zu tun, sagte der Ammann, aber wohlweislich erst, als Resli in kurzem
Trabe bereits ein Stück Wegs weit war. So ein Lümmel wisse nicht, dass man
allweg, ehe man fahre, die Rosse füttern müsse, einem jeden ein Immi Haber oder
zwei, von wege man wisse nicht, wann sie wieder zum Fressen kämen. Und wenn sie
gefressen hätten, so sei es dann manchmal nicht einmal nötig, dass man fahre, und
schon alles zBode.
    In gemessenem Trabe steuerten die Feuerläufer und mit ihnen Mancher, der
nicht daheim bleiben kann, wenn Not irgendwo ist, dem Brande zu. Je weiter sie
trabten, desto gewaltiger stieg vor ihnen die Rauchsäule auf und verschwamm
unterm Himmel in eine grosse schwarze Wolke, ein zweites Gewölbe, aus Rauch und
Russ gebildet, desto kläglicher wimmerten die Glocken, desto grösser ward der
Menschenstrom, der dem Brande zueilte. Sie hatten nicht not, wie es oft
geschieht, bei jedem Hause stille zu stehen, zu fragen, ob man da auch gestürmt
und wo man meine, dass es brenne, vor jedem Dorfe stille zu stehen und sorgsam
nach dem dünnen grauen Fädchen zu sehen, das kaum sichtbar irgendwo von der Erde
zum Himmel sich wand. Nein, da lag offen, schwarz und schaurig der glühende Ort
vor ihnen, wo das entfesselte Element in wilder Schlacht rang mit Menschenkraft,
wo weiter die Winde dem Feuer zu Hülfe flogen, dem Menschen aber der Mensch.
Und wie Regimenter, vom Donner der Schlacht herbeigerufen, nicht ängstlich oder
bedächtig das Feld umkreisen, Verweisen, wo Stand und Zugang am bequemsten sei,
sondern in die Schlacht sich stürzen, wo sie ihren Bereich erreichen, wohl
wissend, dass die schnelle Hülfe die beste ist, so stürzten die Menschen sich in
Rauch und Feuer, zu kämpfen mit Rauch und Feuer; nur den rasselnden Spritzen
eilten Kundige voraus und spähten, wo Platz und Wasser sei für sie, wie auch den
Batterien die Adjutanten vorauseilten, zu erkunden, wo die Kanonen am bequemsten
abzuprotzen, am verderblichsten zu richten seien in des Feindes Reihen.
    Kühn drang Resli mit seiner Schar in den Mittelpunkt der Schlacht, suchte
die gefährlichste Stelle, suchte die Führer; die Letztern fand er nicht. Wirre
durcheinander wogten Feuer und Menschen, geordnet war der Widerstand nirgends.
Hier befahlen Viele, dort niemand; wo jeder tat, was ihm der Instinkt gebot, da
ging es am besten. Als kluger Kommandant hatte Resli seiner Schar geboten,
bestmöglichst beisammen zu bleiben; aber allen wards nicht möglich, auch hier
war das Schicksal mächtig, das seine Lust zu haben scheint am Scheiden und
Trennen. Die Feuerläufer mit den Haken stürzten zum Brande, rissen seine Beute,
brennende Balken, ihm aus den Zähnen, rissen Angebranntes nieder, alle
Augenblicke in Gefahr, selbst zu feurigen Branden zu werden. Die mit den Eimern
stellten sich zu den Spritzen, lösten müde Mannschaft ab, reihten sich in die
Wasserzüge, traten ein, wo Lücken waren, während Resli, als Rundellenträger,
durch die Reihen flog, ordnend und mahnend Müssige in die Züge stellte,
Unschlüssigen die rechte Stelle wies, den Verband erhielt zwischen der Spritze
und denen, die das Wasser dahin schafften. Resli erfuhr es, was es heisst, in
wild wogendem, gewaltigem, andauerndem Brande einen Wasserzug zusammenzuhalten;
leichter ists, ein Regiment festzuhalten im tödlichen Kartätschenregen, im
sausenden Reitersturm, ja wer weiss, ob es schwerer wäre, ein Hundert
zusammengefangene Flöhe zusammenzuhalten auf der engen Fläche einer Hand, als
einen langen Wasserzug, bestehend aus Menschen von hundert Orten her. Bald
erleidet es einem, er drückt sich hinten ab; bald sieht ein Anderer, dass er
seinen Gefährten verloren, er schleicht sich weg; dann ändert die Spritze ihren
Stand, und wenn sie wieder Wasser will, so sind nicht die halben Leute mehr da,
der Zug ist halb zu kurz; dann kömmt eine andere Spritze angefahren, durchbricht
die Reihe, auseinander stauben die Leute; sollen die Reihen sich wieder
schliessen, siehe, so ist niemand mehr da, nach allen vier Winden ist alles
auseinander. Nun soll alles wieder geordnet werden, die Menschen halb mit Gewalt
zusammengetrieben. »Wasser! Wasser!« schreit es von allen Seiten her, und
während man am besten dran ist, kömmt einer und befiehlt, man solle fort hier,
an einem andern Orte sei Hülfe dringlich, und kaum hat man das angesagt, so
laufen zwei Andere daher mit Fluchen und Toben und wollen, dass man da stehen
bleibe, weil sonst alles Übrige noch zugrunde gehe. Da muss man von neuem dran,
muss die auseinandergelaufene Herde wieder zusammentreiben, muss sich wüst sagen
lassen, muss von Dutzenden hören, man sei ein Sturm, ein Löhl, ein Lappi und
wisse nicht, was man befehle.
    Resli erfuhr das zum erstenmal, denn wenn er schon bei mehreren Bränden
gewesen, so hatte er doch nie diesen Dienst versehen. Leicht wie ein Vogel und
kühn wie ein Löwe war er zum Brande gekommen, hatte er sich in denselben
gestürzt. Es war ihm gar wunderbar zumute gewesen, fast als ob er Flügel hätte
und Kraft in sich, die Welt zu bezwingen; er hätte während dem Laufe jauchzen
und singen mögen, wenn es schicklich gewesen wäre, und weil ers nicht durfte,
rissen seine Beine um so schneller aus, dass die hinter ihm alle Augenblicke
rufen mussten, er solle doch nicht so laufen, es möge ihm ja niemand nach.
    In fast freudiger Erregung hatte er sich ins wilde Wirrwarr gestürzt; aber
wer weiss nicht, wie jede Erregung so leicht in verschiedene Töne übergeht, die
freudige in eine wilde, die wilde in eine zornige? Einen Wasserzug hatte er
rasch zusammengebracht, und je lauter das Feuer prasselte, desto rascher eilte
er auf und ab. Die Glut ergriff ihn immer mächtiger, dem jungen Helden gleich,
dem die brausende Schlacht zum schäumenden Göttertranke wird, welcher
menschliches Fürchten versenkt und einen Mut entbrennt, welchem zu hoch der
Himmel nicht ist. Ans Lächerliche streift es aber, wenn dieser Götterbrand an
kleinlichten Dingen verlodert, am Ordnen eines Wasserzuges zum Beispiel. Dieses
Lächerliche fühlt aber niemand als der, in welchem der Brand lodert; aber dieses
Gefühl löscht die Glut nicht, sie schlägt nur wilder auf, verkehrt endlich in
Zorn sich. Resli mahnte und stellte die Leute erst in fliegender Hast, aber
freundlich, fragte, ob man so gut sein wolle, bat, man möchte ihm den Gefallen
tun, sobald mehr Leute da wären, so könnte man sich ablösen. Als aber immer
Lücken zu füllen waren, oder wenn alles geordnet war, alles wieder zerrissen
ward, da liess er erst alle unnötigen Worte weg, dann alles Bitten, dann alles
Reden, jagte nur kurzweg die Leute, welche er habhaft werden konnte, in den Zug.
Endlich begann er gegen seine Gewohnheit zu fluchen und recht ungebärdig sich zu
stellen, die Leute bei den Armen in die Reihen zu mustern und nicht immer sanft.
Eben hatte er die Sache wieder einmal in Ordnung, da fuhr die Spritze auf die
andere Seite des Hauses, und husch! war die Spitze des Zuges zerstört. Wild und
fluchend jagte er die Leute zusammen. Zwei Mädchen, die unter einem Baum mit
einander redeten, riss er auseinander und schmiss das eine dem Zuge zu. »Dampit
daheim, ihr -«, sagte er. »Ume hübschli, mach nit dr Lümmel«, sagte das Mädchen
und wandte das Gesicht ihm zu. Da sah Resli in des Dorngrütbauern Tochter
Gesicht, und die Tochter sah in Reslis Gesicht, und Beide sahen einander an,
starrten einander an, und Keines konnte zum Andern etwas sagen, und Beide waren
die Einzigen in der weiten Runde, die dastunden stille und wie vom Blitz
geschlagen. »Sorg! Sorg! Platz! Platz!« erscholl es plötzlich von allen Seiten.
Durch die Bäume, einem Weiher zu, brach plötzlich der wohlbekannte Soloturner
Eimerwagen, hinter ihm drein ein Menschenstrom, einige Spritzen; alles stob in
jähem Schreck auseinander, und als Resli sich umsah, sah er weder Wasserzüge
noch Mädchen mehr. Der Erstere kümmerte ihn wenig, er sah rundum nach seinem
Mädchen, er ging um die Bäume, er begann auf und ab zu rennen, sah nach allen
Mädchen, aber nicht nach dem Wasserzug; da packte ihn der Spritzenmeister:
»Donner, Rundellträger, was macht Ihr? Schon lange haben wir kein Wasser mehr,
und der Spycher raucht zum Brennen; jagt die Leute zusammen, ich will Euch
helfen! Steht, Leute, stellet Euch, nur noch eine halbe Stunde, so ists
gewonnen!«
    Resli musste an seine Pflicht, und wie gerne wäre er jetzt davongelaufen wie
Andere früher, die er hart an ihren Ort gewiesen! Hitze und Eifer war
verschwunden, und wenn er schon noch wie wild auf und ab lief, so sah er doch
nicht nach den Lücken, sondern nur jedem Mädchen ins Gesicht, und wie oft er
über weggeworfene rinnende Eimer stolperte, zählte er nicht, aber weitin
verkündete es jedesmal ein schallendes Gelächter. Er machte wohl noch die Runde
rund um die Reihe, Müssiggänger herbeizutreiben, sah aber wiederum nur nach
Dorngrütbauren Tochter, rannte dabei an Bäume und brachte mehr als einmal die
längst angezündete Rundelle in Lebensgefahr. Aber nirgends sah er sein Mädchen
wieder, wie manches er auch umdrehte, um wie manches er auch lief, und je länger
er es nicht fand, um so mehr ärgerte ihn sein Betragen, aber auch das Mädchen,
das gar wohl in der Nähe hätte bleiben können, wo es sicher gewesen wäre, ihn
wieder zu treffen. Resli dachte nicht daran, dass bei einem Brande an einem
fremden Orte und noch dazu nachts, wo alles in Rauch und Glut, in ungewissen
Umrissen schwimmt, man nie weiss, wo man ist, und noch dazu ein Wasserzug akkurat
dem andern gleicht. Auf einmal riss sein Wasserzug von oben an bis unten
auseinander, alles stob davon und auf leerem Platz einsam stund Resli, ehe er
zehn zählen konnte; stille ward es um ihn, nur von oben her, von den
Spritzenführern, hörte er fluchen, er wusste nicht warum. Er hatte überhört, dass
das Geschrei gekommen war, der Pfarrer halte die Abdankung. Diese will jeder
hören, Keiner sie versäumen; wo das Geschrei erschallt, sie beginne, stockt die
Arbeit, die Ordnung löst sich auf, von allen Seiten strömt die Menge dem einen
Punkte zu, wo der Pfarrer steht, manchmal auf einem Stuhle, manchmal auf den
Trümmern eines ausgebrannten Hauses, manchmal auf einer umgekehrten Bütte, in
welcher sonst gewaschen wird oder Schweine gebrüht werden. Da kam es Resli in
Sinn, was diesmal die Leute auseinandergestäubt, ein Stein fiel ihm vom Herzen.
Eile kam in seine Beine, er flog dem Haufen nach, denn wo konnte er wohl sein
Meitschi besser finden als da, wo alle sich zusammenfanden? Der Brand war
gedämmt worden, das Element der menschlichen Anstrengung unterlegen, es war nun
billig, Dem zu danken, von dem alle Kraft kommt und der jegliche Anstrengung
segnen muss, wenn sie ein Gedeihen haben soll. Auf einer Laube stand diesmal der
Pfarrer. »Rundellen vor!« ward befohlen; zunächst unter die Laube mussten ihre
Träger sich stellen, und droben begann der Herr zu danken Gott und Menschen.
Aber Resli hörte nichts, er war nur Auge und suchte sein Meitschi. Mit List und
Kraft hatte er sich auf einen Haufen Holz gedrängt, schaute über die Köpfe hin,
drehte seine Rundelle nach allen Seiten, streckte sich dazu noch, so lange er
konnte, aber nirgends sah er sein Mädchen. Gesichter sah er zu Hunderten, aber
nirgends das rechte, und wenn er auch meinte, das ist es, so war es es doch
wieder nicht, bald ein Affengesicht und bald ein Schafsgesicht, die bekanntlich
weit häufiger sich finden als hübsche Mädchengesichter.
    Die Abdankung ging zu Ende, die Menge verlief; die Führer bliesen ihre
Hörner, riefen laut die Namen ihrer Heimat und, wie zu ihren Fahnen, die
Zerstreuten zu ihren Rundellen. Resli hätte es vergessen, wenn nicht einer, der
sich zufällig zu ihm gefunden, ihn daran gemahnt hätte; er wäre lieber allein
herumgestrichen und hätte gesucht, was er verloren, aber Ehre bringt Bürde. Als
der grösste Teil der Schar beisammen war und die Heimkehr fast angetreten, fiel
Resli ein, dass er noch ein Zeugnis heimbringen sollte. Einer wandte ein, dass sei
ja nicht nötig, die Eimer, welche sie hier liessen und welche durch die Gemeinde
wieder zurückgebracht werden, sollten doch wohl die besten Zeugnisse sein, dass
sie beim Brande anwesend gewesen. Er wolle aber ein Zeugnis, sagte Resli, man
könne nicht wissen, wer die Eimer wieder bringe, und er wisse wohl, wie oft man
die Feuerläufer verdächtige, nicht beim Feuer gewesen zu sein. Die Meisten waren
auf der Seite dessen, welcher ohne Zeugnis gehen wollte, denn alle waren
fürchterlich hungerig und durstig, hatten seit dem Mittage nichts gehabt, und
das wenige Brot, welches zu Aufbegehrige, wo man mehr Worte im Vorrat hatte als
Brot, unter die Helfenden ausgeteilt wurde, war bei der grossen Menge nicht bis
zu ihnen gekommen; hier ins Wirtshaus sich drängen mochten sie nicht, sie
pressierten daher, nach einer der umliegenden Ortschaften zu kommen, wo sie
etwas zu erhalten hofften. Das fasste Resli rasch auf und sagte, sie sollten nur
vorangehen und in dem und dem Wirtshause ihm warten; sobald er das Zeugnis
hätte, käme er nach. Das war allen recht, sie gingen voraus bis an einen, den
Resli bleiben hiess; es war ihm, als könnte es vielleicht eine Gelegenheit geben,
wo er froh wäre, seine Rundelle ohne sich nach Hause zu senden. Langsam strich
er dem Schulhause zu, wo die Vorgesetzten zu finden sein sollten, stand oft
stille, drängte sich durch die dichtesten Haufen, machte Umwege, um mit Menschen
zusammenzugeraten, so dass sein Kamerad ihm sagte: »Du! du wirst noch Schläge
wollen; nach einer Brunst ists nicht richtig, die Nase allentalben zu haben.«
Aber wie er auch zündete und guckte, das Meitschi fand er nirgends, fand es
nicht im Schulhause, wo er endlich zu einem Zeugnisse kam, fand es nicht im
Wirtshause, wo er trotz allem Protestieren seines Gefährten endlich einen
Schoppen erzwängte; er musste zum Dorfe hinaus, er mochte wollen oder nicht, ohne
eine Spur vom Meitschi gefunden zu haben.
    Es war eine schöne Nacht, die Sterne flimmerten am Himmel; die grosse
Brandstätte hüllte sie in dünnen, durchsichtigen Schleier, glühte im friedlichen
Gelände einer Hölle gleich, und die Schatten der Verdammten sah in derselben
wimmeln, wer den Ort verlassen hatte und sich zurückwandte, auf den Graus der
Verwüstung noch einen Blick zu werfen. Die arbeitende Mannschaft kam ihm vor wie
eine wilde Höllenschar, welche das Feuer schürte, die Verdammten hin- und
herschleppte, von einem Feuer ins andere Feuer, während die Haufen, die ringsum
aus Feuer und Rauch tauchten, die Scharen schienen, welche, durch die Gebete der
Ihren erlöst, die Hölle verliessen, den Himmel suchten.
    Vor dem Dorfe liefen viele Wege auseinander und durch einen schönen
Eichwald, wo die majestätischen Bäume weit auseinander stunden, das Unterholz
spärlich wuchs, der Menschen Auge in tiefen Hintergrund sich verlor. Ein
eigentümlich Leben waltete in demselben. Zahllos wogten durch denselben die
Helfenden ihrer Heimat zu, lachend und schäkernd, singend und brüllend;
dumpfrasselten die Spritzen, ängstlich schwirrten die aufgeschreckten Vögel,
seltsam leuchteten die schwankenden Rundellen auf den Spritzen und den Achseln
ihrer Träger. Immer wilder und lauter gestaltete sich dieses Leben. Der schwer
aufzuregende Berner wird, einmal aufgeregt, schwer wieder ruhig. Nichts aber
lässt wohl das Blut rascher kreisen als die Aufregung bei einem Brande. Der jähe
Schreck bei den ersten Tönen der Feuerglocke setzt es in Bewegung, der rasche
Lauf zur Stätte jagt es immer rascher, Werchen und Wagen beim Brande selbst
macht es immer heisser, und kömmt zu allem noch ein Schluck Bränz, ein Schoppen
Wein in den leeren Magen, dann kocht das Blut, ein Funke bringt es zum Brande.
Daher Lärm, Geschrei, Toben und Streit allentalben durch den weiten Wald. Jede
Spritze, welche durch die Menge fuhr, drohte oder erzeugte eine Balgerei; um
schäkernde Mädchen, welche in Massen zum Brande gelaufen waren, von guten Herzen
getrieben oder gute Herzen suchend, schlugen Bursche sich blutig; alte
Dorffeindschaften setzten die Feuerhaken in Aufruhr, und manche Hake fuhr in
Menschenfleisch, als ob es ein brennender Balken wäre. Und wenn das Ding an
einem Orte angeht, so geht es allentalben los, wie eine ansteckende Krankheit,
wie das Feuer auf einem Brechplatz, das, hier gelöscht, dort erstickt, immer neu
ausbricht, bis es rundum gewesen ist.
    Resli ging mit seinem Begleiter ruhig und stolz durch das Getümmel hin; kam
ihm das Gedränge zu nahe auf den Leib, so wehrte er es mit starkem Arme, aber
sachte, zur Seite und schritt fürbas. So kam er tief in den Wald hinein. Vor ihm
hörte er Fluchen, harte Schläge, plötzlich Weibergeschrei; dunkel war es im
Schatten der Eichen und seine Rundelle die einzige in diesem Augenblick im
langen, durch Eichenäste gewölbten Wege. Akkurat tönte ihm eine weibliche Stimme
wie die, die gesagt hatte: »Mach nit dr Lümmel«, und rasch zog er aus, dem
Streite zu. Vergeblich mahnte sein Freund, aus dem Wege zu beugen oder die
Rundelle zu löschen; wie er damit unter die Streitenden komme, so könne er auf
Schläge zählen. Aus dem Wege gehe er nicht, der sei für alle Leute, sagte Resli,
und die Rundelle lösche er nicht, die hätte man dafür, um heiter zu machen, wo
es dunkel sei. Je lauter der Streit vornen ward, desto rascher zog Resli aus,
hinter ihm sein Kamerad, der, als er sah, dass Resli nicht abzuhalten sei,
meinte, wenns denn für ds Tüfels Gwalt sein müsste, so sei es ihm zuletzt gleich,
z'töde werde es nicht gehen, und um eine Handvoll Schläge mehr oder weniger
kehre er nicht die Hand um.
    Wie Trojaner und Griechen um die Helena, zankten sich allerdings die
Burschen um ein Mädchen oder zwei, und zwar handgreiflich nach der Väter Sitte.
Und als Resli über den Trupp leuchtete, sah er manch blutend Gesicht, aber, wie
er meinte, auch sein Mädchen in der Mitte. Da fuhr er gewaltig in den Ring
hinein wie ein stolzes Linienschiff in des Meeres wilde Brandung, hinter ihm der
gute Kamerad, eine Handvoll Schläge gewärtig. Da sauste es über ihren Köpfen,
und wie vom Blitz getroffen sank Resli zusammen. Bei jedem Streit, wo Viele
sind, gibt es deren Bürschchen, die ihre Haut gerne ganz behalten und doch etwas
an der Sache machen möchten; die stehen dann seitwärts im Hintergrunde und
passen die Gelegenheit ab zu einem guten Streich von hinten. Ein solcher hatte
auch Resli getroffen mit dem Feuerhaken; eigentlich galt es der Rundelle, deren
verräterisches Licht ungelegen kam.
    »Wart, du verfluchter Mörder, dich will ich!« schrie Reslis Kamerad. Das
Wort Mörder schreckte die Streitenden, in den Handel wollte Keiner kommen, und
ehe er sich versah, war der Begleiter mit Resli allein. Da lag er nun betäubt im
Blute, und jener sagte: »Gäll, es ist dir gegangen, wie ich gesagt, wenn du nur
wieder lebendig wärest.« Er zog ihn neben den Weg, wollte ihn aufwecken,
aufstellen, aber nichts gelang ihm; in der grössten Verlegenheit stund er da.
Endlich kam wieder ein Mensch durch den Wald, liess sich in die Länge erzählen,
was es gegeben, und sagte: »Weisst du was, da rechts, nicht einen Büchsenschuss
weit, ist ein kleines Häuschen, ich will es dir zeigen, da geben sie dir einen
Karren und du kannst mit ihm fahren; wenn du einmal bei den Andern bist, so
gehts dann schon.« Er zögerte, dem Rate zu folgen, den Freund wollte er nicht
allein lassen. »Du Löhl«, sagte der Andere, »fortlaufen wird dir der nicht, und
stehlen wird ihn auch niemand, und die ganze Nacht da neben ihm stehen wirst du
doch nicht wollen, er könnte sich ja verbluten.« »Es könnten vielleicht Leute
kommen«, sagte Reslis Freund, »und ihm helfen.« Er zweifle, sagte der Andere, es
sei ihm, sie seien die Letzten, aber zwingen wolle er ihn nicht. »Mach, was du
willst, anhalten will dr nicht, adie!« »Wart, wart!« rief der Kamerad, suchte
Resli bequem an einer Eiche zu betten; »jetzt komm«, sagte er, »aber geschwind,
geschwind, er ist mir doch nicht ganz am Ort.« »Ume hübschli«, sagte der Andere,
»sonst lauf meinetalb alleine, wenn du den Weg weisst«, und folgte langsam dem
Eilenden nach, und Beide verschwanden im Walde.
    Lange war es gegangen, da rauschte es durch den Wald, mit einem Karren kamen
zwei Männer gefahren. »Sieh«, sagte der eine, »dort, wo die drei Eichen
zusammenstehen, dort liegt er an der mittlern.« Vor der Eiche hielten sie, aber
da lag niemand mehr, lag weit herum niemand; still und öde war es im Walde,
alles Leben war verrauscht, die aufgescheuchten Vögel ruhten wieder.
    Da stand der arme Kamerad, nirgends war der Freund nirgends eine Spur von
ihm. Die drei Eichen waren es, ringsum standen keine so, und vor denselben lag
Blut, und unter der mittlern sah man deutlich, dass jemand da gelegen. Einige
Angst ergriff ihn, rundum zündete er mit der Run, delle, in jedes Mäuseloch
hinein, auf jeden Baum empor; dann fluchte er über sich, denken hätte er doch
sollen, es gehe so; dann über den, der es ihm angegeben und ihn noch dazu in der
Irre geführt. Plötzlich kam ein schwarzer Gedanke über ihn: »Oder hat der - mich
nur weggelockt«, sagte er, »um zu machen, was ihn gelüstete?« Und immer
schwärzer ward sein Gedanke, immer grösser seine Angst; er teilte sie dem mit,
welcher ihn begleitete, und frug ihn, ob er den nicht gekannt, der mit ihm zum
Häuschen gekommen? »Häb nit Kummer«, sagte dieser, »sieh, man sieht ja kein
Gestampf oder etwas Ungerades bei der Eiche, und wenn der etwas Böses im Sinne
gehabt hätte, so würde er dir das Häuschen nur von weitem gezeigt haben und
nicht bis zu demselben gekommen sein, wo er doch hätte denken müssen, man
erwische ihn noch ob der Tat. Aber der Mann wird zu ihm selbst gekommen sein;
was gilts, du triffst ihn im nächsten Wirtshause.« Wer glaubt nicht gerne, was
ihm angenehm, dazu noch so natürlich ist, denn dort sollten ja die Gefährten
warten, wie es Resli selbst angeordnet. Er schaffte mit dem Karrenmannli ab und
eilte dem Sammelplatze zu.
    Dort war ein gross Gedränge noch, aber beinahe wäre es ihm bei seinem Suchen
gegangen wie Resli im Walde. Da in der Gaststube seine Gefährten nicht waren, so
stürmte er durch alle andern Stuben, aber nirgends waren sie mehr. Dagewesen
seien sie, vernahm er endlich, aber ob einer zu ihnen gekommen, der blutig
gewesen sei, das wusste niemand mit Bestimmteit; die Einen meinten Ja, die
Andern Nein, die Dritten sagten, er solle sich streichen und sie in Ruhe lassen,
er sehe doch wohl, dass sie nicht Zeit hätten, sich lassen z'kinderlehren und
jeder Gwundernase Bericht zu geben; sie hätten wohl viel zu tun gehabt, wenn sie
sich eines jeden hätten achten wollen, der blutig gewesen, deren sehe man öppe
viel nach einer solchen Brunst. So ohne bestimmten Bericht musste er weiters; er
tröstete sich, so gut er konnte, und doch war ihm nicht wohl bei der Sache. War
ich doch nur bei ihm geblieben, was hat der verfluchte Karren abgetragen - oder
ists vielleicht gar der Teufel gewesen, der mich da weggelockt ? Es het ein fast
düecht, es sei nicht ein Mensch wie ein anderer. So musste er immer denken, bis
er heim war, und als er heimkam, durfte er fast nicht fragen, wo Resli sei,
sondern hatte gute Lust, ein Kind mit der Rundelle zum Spritzenhaus zu senden,
in aller Stille sich heimzudrücken, zu tun, als ob nichts geschehen und er gar
nicht dabeigewesen wäre. Indessen brachte er das doch nicht übers Herz, wie denn
gottlob der Mensch nicht den hundertsten Teil tut von dem, was im Herzen ihm
aufsteigt; er vernahm aber bald, dass kein Mensch Resli gesehen und dass alle von
ihm wissen wollten, was aus Resli geworden.
    Er erzählte nun und erzählte immer wunderlicher, weil er die Schuld
verdecken wollte, welche sein Gewissen ihm vorwarf und die doch eigentlich gar
keine Schuld war, sondern höchstens ein Mangel an Besonnenheit, nach einem
solchen Brande und noch dazu bei ödem Magen leicht verzeihlich. Er erzählte
immer wunderlicher, verworrener, wie es gekommen, dass er von Resli weggegangen,
je mehr man ihn fragte, je länger er erzählen musste, und aus dem Ding, das jeder
hörte, das je länger je mystischer ward, machte nun jeder eine eigene
Geschichte, und eine Geschichte glich der andern so wenig, als Weiss und Schwarz,
als eine Schlange und ein Elefant sich gleichen. Nach den Einen war er als tot
verscharret worden im Walde, nach den Andern zu Kilt gegangen, die Dritten
düderleten vom Teufel, die Vierten von seinem Kameraden, der längst kein Geld
gehabt und gewusst, dass Reslis Sack meist wohlgespickt war.
    Unterdessen wartete man daheim mit Bangen auf Resli; der Vater lief
ungeduldig die Bsetzi vor dem Hause auf und ab, die Mutter stund in den Weg
hinaus, und bald sagte das Eine: »Er kömmt noch immer nicht«, bald sagte das
Andere: »Siehst du ihn noch immer nicht?« Bange Stunden verflossen, und eben
schickte sich der Vater an, ins Dorf zu gehen, als eine Frau kam und sagte: »Ihr
guten Leute, ihr wartet vergeblich, der kömmt euch nicht mehr heim.« »Herr
Jemer! Herr Jemer! Was sagst, was hats gegeben?« sagte Änneli, und Christen
schoss ab der Bsetzi wie ein Häbch, dem jemand zum Neste will. »Ich darf es euch
nicht sagen«, sagte die Frau, »ich möchte euch nicht erschrecken, solche Sachen
vernimmt man immer zu früh. Adie wohl!« Änneli war blass geworden, konnte kaum
noch sagen: »Mein Gott, mein Gott, was ists?« »Wenn ich gewusst hätte, dass ihr so
erschrecktet, ich hätte wäger nichts gesagt«, antwortete die Frau, »aber mehr
darf ich wäger nicht sagen. Es ist schrecklich, wie es heutzutage geht. Adie.«
Da verlor Christen die Geduld und sagte: »Willst du reden oder nicht und mit der
Sache hervor? So zum Narren lassen wir uns doch dann nicht halten.« »Nur nicht
so böse, du mein Gott!« antwortete die Frau, »wenn ihr nicht erschrecken wollt
und es mir nachtragen, so will ich es wohl sagen, was ich im Dorfe gehört. Die
Leute sagen, Resli sei futsch; die Einen reden vom Teufel, der ihn genommen, die
Andern sagen, das sei nicht wahr, er sei tot und im Wald hieher Ufbegehrige
verlochet. Adie wohl.« Diesmal horte das Adie niemand, denn Änneli hatte das
Haupt auf die Ladenwand vor dem Garten gelegt und schluchzte so jämmerlich, dass
es ihns über und über schüttelte. Christen aber sagte: »Tu nicht so, das wird
nicht sein. Komm ins Haus, dass die Leute es nicht hören, sie könnten sonst
wieder meinen, was es gegeben hätte. Ich will ins Dorf, dort wird wohl besserer
Bericht sein; aber kurios ist es allweg, dass er noch nicht da ist.« Er wollte
Änneli hineinführen, aber es sank zusammen; er musste es tragen und mit Wasser
und mit Tropfen lange fechten, ehe er es zurechtbrachte. Dann musste er erst noch
jemand zu seinen Kindern senden, die auf dem Acker Erdäpfel hacketen, dass sie
heimkämen, und erst als sie da waren und um Mutter und Resli jammerten und
wimmerten, konnte er gehen.
    So rasch hatte seit Jahren niemand Christen gehen sehen. So wie man ihn von
weitem zum Dorfe kommen sah, hiess es: »Er kömmt, er kömmt«, und alles verbarg
sich vor ihm; die Weiber schossen in die Küche, die Männer drückten sich um die
Ecken herum in die Ställe, nur hie und da blieb ein gwunderiger Junge an der
Strasse stehen, um zu sehen, wie der bedächtige Bauer dahergeschossen kam. Hinter
ihm her streckten die Weiber ihre Köpfe über die Küchentüren und sagten: »Er
pläret nicht einmal, aber ds Änni, seine Frau, die wird tun! He nun so dann, so
gehts, heute rot, morgen tot. Aber man hätte es denken können, dass es so gehen
müsste. Wo nichts als Streit ist, da tut der liebe Gott gern ein Zeichen, wie er
den Streit hasse und das Wüsttun.«
    Doch Christen hörte dies liebliche Geflüster nicht, er segelte, da er auf
der Strasse und vor den Häusern niemand fand, der ihm Bericht geben konnte, rasch
dem Wirtshause zu. Hier hielt die Wirtin stand und gab vernünftige Kunde, aus
welcher Christen entnahm, dass noch nicht alles verloren sei und das ganze
Unglück darin bestehe, dass Resli abhanden gekommen, aber Weiteres niemand wisse,
und dass Samis Hans zuletzt bei ihm gewesen sei, der könne Bericht geben, wenn er
wolle, aber er rede gar wunderlich, bald so, bald anders, dass niemand recht
daraus komme. »Wohl«, sagte Christen, »dem wollen wir die Wahrheit füremache«,
und steuerte dem Hause zu, wo 's Samis Hans wohnte. Dort aber hatte er handliche
Arbeit, ehe er jemand füregemacht hatte; er hoschete rings ums Haus und hoschete
niemand hervor. Endlich sah er durchs Kellerloch die Bäuerin im Milchkeller, und
rasch war er bei ihr und ruhte nicht, bis Hansli entdeckt war, den er scharf ins
Gebet nahm. Hansli gab Bericht und ziemlich der Wahrheit gemäss, nur dass er den,
welcher ihn von Resli weggelockt, sehr ins Schwarze malte und zu verstehen gab,
dass es mit dem nicht richtig gewesen sein könnte. Aber dass Resli tot sei, glaube
er nicht, doch wo er hingekommen, begreife er nicht. »He nun so dann, so muss man
ga luege, du kömmst doch mit und zeigst, wo er zuletzt gewesen?« Er sei wohl
müde, sagte Hans, die ganze Nacht hätte er nicht geschlafen. »He nun, so nimmt
man Ross und Wägeli, mach dass du in einer Stund z'längst unten am Weg bist.« Hans
war bereit dazu, sobald er sah, dass Christen nicht mit ihm aufbegehrte; er
sagte, es sei niemand mehr daran gelegen, zu wissen, was mit Resli gegangen, es
sei ihm nicht nur wegen Resli selbst, sondern auch, damit man wisse, dass er ihn
nicht liederlich im Stich gelassen.
    Christen ward es auf dem Heimwege ganz wunderlich, die Beine schlotterten
ihm, und mehr als einmal war es ihm als ob es ihm schwarz werden wollte vor den
Augen, dass er sich an einen Zaun stellen musste und sich halten. Er hatte gute
Hoffnung, dass die Sache nicht halb so böse sei als die Leute ausstreuten, und
das Wasser stund ihm fort und fort hoch in den Augen aus Dank und Freude, dass
die Nachrichten besser seien, als er anfangs gedacht; aber eben deswegen liess
die Spannung des Schreckens nach, und blöde ward es ihm an Leib und Seele, und
lose nur schienen seine Glieder zusammenzuhängen. So kam er langsamer, als er
gedacht, und mit Mühe heim, wo weit im Gässchen vornen alle seiner warteten.
    »Herr Jemer! Herr Jemer!« sagte Änneli, »wie siehst du aus, er ist tot,
gäll? O Resli, my Resli, seh ich dich nie mehr!« und aufs neue schlugen die
Wellen des Jammers über das Gestade. »Tu nicht so«, sagte Christen, »wäger
nicht, allem an ist Resli nicht tot. Er wird, als er alleine war, zu sich selbst
gekommen und nun hingegangen sein, wo er jetzt noch ist. Aber suchen muss man
ihn. Christeli, gib dem Braun z'fresse und mach das Wägeli zweg, ich will mich
anders anlegen«, so sprach Christen in Ännelis lauten Jammer, gegen das Haus
gehend, und vor der Türe setzte er sich aufs Bänklein hin und sagte, man solle
ihm Wasser bringen, es werde ihm so kurios. Nun neuer Jammer, dass er doch sagen
solle, was er vernommen, einist müsse man es vernehmen, und je länger man
hingehalten werde, desto grüslicher schlage es dann nieder. Sie sollten nur
ruhig sein, antwortete Christen, die Sach sei nicht bös, aber es sei ihm so in
die Glieder geschossen, er wisse nicht wie, es werde wohl vom starken Laufen
sein und bald bessern. Änneli solle ihm ein frisches Hemd fürelege, er wolle
gehen und sich zweg machen. »O nein! Vater, du gehst nicht«, sagte Änneli,
»Christeli kann fahren, es ist dir ja übel und der Braun wild; es weiss kein
Mensch, welche Angst ich hätte, wenn du gingest.« »Samis Hans kommt mit«, sagte
Christen. »So komme er«, sagte Änneli; »er kann dich nicht gesund machen, und
wenn man so zweg ist wie du, so tuts ds Liegen am besten. Es weiss kein Mensch,
ob es nicht einen Schlagfluss, Gott behüt uns davor, oder sonst etwas Böses geben
könnte, wenn du in der Welt herumsprengtest. Nein wäger, du musst dich stille
halten, und wenn es dr nicht bald bessert, so muss Annelisi zum Doktor. Bluet
usela wär vielleicht gut.«
    Wie der Vater sich auch wehrte, er musste nachgeben und ds Christeli fahren
lassen, und die Sorge um den Anwesenden zerstreute etwas Kummer und Jammer um
den Abwesenden in Ännelis Herzen. Den rechten Weibern ist und bleibt immer der
der Nächste, der ihnen zunächst im Bereich ihrer Hülfe liegt; sie lassen nie
einen Anwesenden schmachten und stöhnen, um zu jammern um einen in der Ferne.
Christen musste zu Bette, er mochte sich wehren wie er wollte, musste sich
Suppenbrühe geben lassen, und Änneli setzte sich neben das Bett und wehrte ihm
die Fliegen, während Annelisi draussen ums Haus herumfuhr und bald in dieser,
bald in jener Ecke auf der Lauer stand, ob niemand mit Botschaft komme oder
vielleicht Resli selbst. Und zu ihm gesellte sich bald die Mutter, die vom
schlafenden Christen sich weggestohlen, und bald wiederum Christen, den die
Sorge nicht lange schlafen liess; aber gäb wie sie ausschauten, es kam niemand,
einsam blieb es ums Haus, einsam, so weit die Sinne reichten. Da sagte Änneli:
»Ja so gehts, aber wer glaubt es, ehe man es erfährt! Gestern wars so schön, und
wie waren wir alle beisammen, so glücklich und froh, und jetzt, wie ists? Jetzt
sind wir einsam; unser Bub ist hin, und das Herz aus dem Leibe möchten wir
weinen, jetzt, wo wir uns so lieb haben möchten.« Oh, wenn es der Mensch sinnen
könnte, dass man sich lieb haben sollte, wenn man bei einander ist, weiss ja doch
kein Mensch, wenn man von einander muss!
    In einem waldumsäumten Boden stund in Mitte reicher Matten ein grosses graues
Haus, dessen Hinterseite im Reiz der Neuheit glänzte; nebenbei lagen ein
Holzschopf, ein Spycher und ein sogenannter Stock mit kleinen Fenstern und einem
auf die Fenster gedrückten Dache, das akkurat aussah wie ein Hut, den ein Räuber
sich in die Augen gedrückt, damit niemand sehe, was die Augen im Schilde führen.
Allerlei lag um das Haus herum, Bauspäne und sonstiges Geräbel; die Mistgülle
lebte in süsser Freiheit, Enten und Hühner ebenfalls, und im offenen Tenn stand
ein kurzer dürrer Mann mit breiter Nase und schmalen Augen, der Strohbänder
machte für die kommende Ernte. Neben dem Tenn lag die Haustüre, die durch einen
schwarzen, rauchigten Gang zunächst in die Küche führte. Aus derselben kam rasch
ein Mädchen, dem man aber den Rauch nicht anmerkte, denn es war nett, schmuck,
sorgfältig gestrählt, und sagte: »Vater, es wird doch noch der Doktor geholt
werden müssen, er will nicht erwachen, oder was meinst?« »Was anfangs«, hässelte
der Mann, »dass ihr ihn hättet liegen lassen sollen; was ist er euch angegangen
und was hat es braucht, uns die Unmusse zu machen?« »Aber Vater«, antwortete das
Mädchen, »so hätte er ja sterben müssen.« »So hätt' er, es muss einmal sein, und
jetzt wäre es ihm vielleicht leichter gegangen als einist.« »Aber Vater, was
hätten wir uns für ein Gewissen machen müssen, wenn wir ihn hätten liegen lassen
und es dann geheissen hätte, er sei gestorben!« »Unkraut verdirbt nicht so
leicht, und du weisst nicht, ob seine Kameraden ihn nicht gesucht, und das ist
dann eine schöne Geschichte, wenn die ihn nicht finden und weiss da Schinder was
für einen Lärm machen.«
    »Es ist einmal jetzt so, Vater«, antwortete das Mädchen, »und Balgen macht
die Sache nicht anderst. Aber wolltest du nicht hineinkommen und sagen, was du
meinst? Wir haben Weinüberschläge gemacht, und jetzt sagt die Mutter, sie wolle
noch mit kaltem Wasser probieren, und wenn das nicht helfe, so wisse sie nichts
mehr anzufangen.« Das Band zusammendrehend und dasselbe zu den gemachten legend,
sagte da Alte: »So gehts, mit unserer Sache mögen wir nicht fertig werden und
haben böse und geben uns noch dazu mit andern Leuten ab und versäumen uns darob.
Aber dass du das weisst, einmal für allemal, wer liegt, den lasse liegen!
    Was vermögen wir uns dessen, wenn einer nicht zu sich selber sieht!« So
keifend ging er hinter dem Mädchen drein über die hohe Schwelle durch den
dunkeln Gang, in welchem Werkzeug stand aller Art und manche schwere Kette an
hölzernen Nägeln hing. Das Mädchen öffnete eine Stubentüre, und hinter ihm drein
brummte der Vater: Man hätte ihn nicht brauchen in die Stube zu tun und ins
beste Bett; Solche, die man im Wald auflese, tue man in den Stall, und im Stroh
wäre er noch wöhler gewesen als in einem Federbett. »Vater, der ist von einem
Hause her«, sagte das Mädchen, »wo sie nicht gewohnt sind, im Stroh zu liegen.«
»So wäre er daheim geblieben, da hätte er dann meinetalb liegen können, wo es
sich ihm am besten geschickt.«
    »St! St!« flüsterte drinnen in der Stube eine lange, hagere Frau und hielt
den blauen Umhang vor dem Bett etwas zurück. »St! er rührt sich.« Leise trat die
Tochter hinter die Mutter, an der Fusseten blieb der Bauer stehn und sah nach
einem blassen Jüngling hin, der im Bette lag, dessen Kopf verbunden war, dessen
Augen geschlossen und in dessen Hand ein Zucken sichtbar wurde, ein Heben und
Wiederfallenlassen; es war, als fühlte er irgendwo etwas, wolle hin mit der Hand
und vermöge es nicht.
    Da mangle es des Doktors nicht, sagte der Bauer, der werde bald von sich
selbst erwachen. Allbets sei es einem nicht der wert gewesen, wegen einem jedere
Müpfli desauszufahren wie ein Kegel und so i dAllmacht z'liege.
    Da schlug der Wunde langsam die Augen auf, sah matt um sich, langsam sanken
die Augenlider wieder zu; plötzlich, als ob etwas Besonderes zu seinem
Bewusstsein gekommen, fuhr er auf, sah mit Staunen in der Stube herum und frug
endlich: »Aber um Gottes willen, wo bin ich und was ist mit mir?« »He, wo
wolltest du sein, als hier«, sagte die Frau. »Aber wie bin ich hieher gekommen?«
frug Resli.
    »Seh, Meitschi, bricht«, sagte die Mutter, drehte sich, und vor Resli stund
unverdeckt Anne Mareili, des Dorngrütbauren Tochter, sittig und verlegen die
Augen gesenkt. Dem Resli ward es gar wunderlich im Herzen, er musste sich legen,
aber wie sie ihm auch zufallen wollten, die Augen schloss er nicht wieder. »Seh,
bricht, Meitschi«, sagte die Mutter, »drwylen kann ich haushasten.« »Es ist
einmal gut«, sagte der Bauer, »dass du wieder bei dir selbst bist, so braucht man
den Doktor nicht und dSach wird scho bessere. Wenn ich meine Burde Bänder
ausgemacht, so will ich wieder kommen und sehen, ob du aufmögest.« Es gingen
Beide, Vater und Mutter, hinaus, und Keines von Beiden hatte eine Ahnung von
dem, was in den jungen Herzen sich regte.
    Anne Mareili hatte seinen schlanken Tänzer nicht vergessen können, hatte an
manchem Markt, oder wo viele Leute zusammenliefen, seine dunkeln Blicke umsonst
nach ihm ausgesandt, war manchmal in dunkler Nacht, wenn der Wind über seine
Fenster strich, aufgefahren und hatte gedacht: Ists ihn wohl?, hatte dann
traurig sein Haupt in die Kissen verborgen und gesinnet und gedacht: Ob er wohl
vernommen, wer es sei, und ob es sein Lebtag nie vernehmen werde, wer er
gewesen, und ob sie nie zusammenkämen. Vergessen könne es ihn nicht, und wenn es
ihn erst in der Ewigkeit wieder sehen sollte, so kennte es ihn wieder auf den
ersten Blick. Um so tiefer und inniger prägte das schöne Bild sich ein, je
düsterer das Los war, welches ihm zu warten schien; um so weniger durfte es aber
auch die Eltern merken lassen, was tief im Herzen ihm lebte. Wenn es gesagt
hätte, es liebe einen Burschen, von dem es nicht wüsste, woher er sei und wie er
heisse, so hätten sie gesagt: »Bist e Narr, e Sturm, unser Lebtag hat man nie
davon gehört, dass ein Mädchen es Mannevolch gliebet het, wo es ihm keinen Namen
hat geben können und nicht einmal gewusst, hat er nüt oder öppis und ob er auch
an einem rechten Ort daheim ist oder nicht. Wie öppe die zusammenkommen, welche
nichts haben, das weiss man öppe.«
    Heimlich trug es das Bild in sich, wo es niemand sehen konnte, und kein Tag
verging, dass es nicht dachte: Sinnet er wohl auch noch an mich und kennte er
mich wieder, wenn wir wieder zusammenkämen? Dann stellte es neben dieses Bild
ein anderes Bild, einen siebenzigjährigen Gritti mit dünnen grauen Haaren, roten
Augen und einer Schnupfnase, und wer dann nahe bei ihm gewesen wäre, hätte wohl
gehört: »Und ich tue es nicht, und wenn sie es zwängen, so sterbe ich.«
    Das Dorngrüt lag keine Stunde weit von Aufbegehrigen, seitwärts von der
Strasse. Als Wolke um Wolke in schwarzen Wirbeln gen Himmel stieg, das Aufflammen
neuer Häuser verkündend, die Glocken immer ängstlicher um Hülfe wimmerten, da
blieb nach üblich schöner Sitte in weiter Umgegend niemand, der Arme und Beine
rüstig rühren konnte, daheim. Die Bauerntöchter liefen mit den Mägden, die Söhne
mit den Knechten, und mancher Grossätti humpelte hinterdrein, mit einem Eimer in
jeder Hand, welche von dem leichtsinnigen jungen Volke vergessen worden waren
und welche doch bei jedem Brande so nötig sind. Auch aus dem Dorngrüt war alles
fort bis an Vater und Mutter, und rüstig hatte Anne Mareili gearbeitet, war aber
von den Seinen abgekommen und suchte sie wieder. Da erschien ihm plötzlich, als
es am wenigsten daran dachte, sein lieb heimlich Bild, es schalt es Lümmel, und
wie ein nächtlicher Spuk verschwand es. In einen andern Wasserzug, der durch
dunkle Baumgärten ging, gestossen, konnte es sein Bild lange nicht suchen, musste
Eimer um Eimer laufen lassen durch die rüstigen Hände, und der Boden brannte
unter seinen Füssen und es musste bleiben. Zweimal wollte es entrinnen, zweimal
wies man es hart wieder an seine Stelle. Die Abdankung machte es frei, aber nur
zu hinterst an den Ring gelangte es, sah nichts, musste seine Leute suchen, musste
ihre Spritze suchen, denn die Mädchen wollten nicht alleine durch den Wald,
wollten mit ihrer Mannschaft gehen; sie verliessen unter den Letzten den
Brandplatz, zahlreich und im Geleite der Spritze. Langsam und Jeder seine
Helden, taten berichtend, dass wenn er nicht gewesen, der Pfarrer verbrannt wäre
oder eine Frau oder ein Hals, und wenn ihre Spritze nicht gewesen wäre, nicht
nur kein Haus, sondern kein lebendig Bein übrig geblieben wäre, zogen sie durch
den Wald. Plötzlich schrie ein Mädchen, welches etwas seitwärts gegangen war,
auf: »Herr Jemer, Herr Jemer, e Totne, e Totne!« Der Zug hielt, die Mädchen
schrieen auf, die Bursche liefen hin; man rief nach der Laterne, hinter
derselben drängten schüchtern die Mädchen sich nach. Unter einer Eiche lag ein
schlanker Bursche, das blasse Gesicht im grünen Grase; blutige Streifen liefen
über seine Wangen, mit Blut war das Gras betaut, und ein blutiger Streif lief
vom Wege zur Eiche hin.
    Auch Anne Mareili drängte sich in den Rund, den zwei Laternen hell machten.
Da lag der, den es heimlich im Herzen getragen, gefunden, verloren; da lag er,
tot. Es schrie nicht auf, es fiel nicht in Ohnmacht, aber es war ihm, als fasse
eine eiserne Hand sein Leben und drücke es zum Tode. Da rief einer: »Nein, der
ist nicht tot, er ist noch ganz warm, und ds Herz rührt sich auch, wie mich
düecht.« »So kommt«, rief der Spritzenmeister, »ehe er zu sich selbst kömmt,
sonst wer weiss, ob wir nicht noch ins Schloss müssten oder gar dSach selber
sollten gemacht haben.« Der Ring lief auseinander, die Bursche wollten wieder zu
Rosse, der Spritzenmeister sagte schon: »Hü, i Gottes Name«, da sagte Anne
Mareili: »Das geht nicht diesen Weg, den können wir da nicht liegen lassen, vor
Gott und Menschen könnten wir es nicht verantworten.« »Kommt«, sagte ein
Bursche, »dem fragen wir nichts nach; wie er dahin gekommen ist ohne uns, so
wird er auch so wegkommen. Es weiss ja niemand, wem er ist.« »Nein, so kommt er
nicht weg«, sagte Anne Mareili, »das ist ein vornehmer Bauernsohn, da obe aben,
ich habe ihn einmal angetroffen. Wenn wir den so da liessen ungratsamet und er
umkommen musste, so wurd ja unsere ganze Gegend verbrüllet, kein Kreuzer Steuer
käme da oben herab, und es möchte brennen wie es wollte, so käme niemand mehr
zur Hülfe. Es muss doch nadisch nicht heissen, unser Wald sei eine Mörderhöhle.«
Anne Mareili war im Ansehen, und es war nicht das erstemal, dass es etwas
befohlen hatte, und so stellte sein Wort die Leute; sie ratschlagten, wie der
fortzubringen sei. Anne Mareili befahl einem ihrer Knechte, auf dem kürzesten
Wege heimzulaufen und ein Wägeli mit Stroh zu bringen, bis dahin könnte man ihn
mit Zweien, die ihn hielten, vornen auf das Bänklein der Spritze setzen. Auf die
Einwendung, wo man dann mit ihm hin wolle, wenn ers doch selbst nicht sagen
könnte, wie er heisse, sagte es, dass sie darüber keinen Kummer haben sollten, das
sei nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein, den sie beherberget hätten.
Anne Mareilis zwei Brüder, die da waren, redeten zwar dagegen, aber brachten
nichts ab.
    So war Resli in dies Haus gekommen. Der Vater hatte darüber gemuckelt, die
Mutter aber gesagt: Sie hätten noch keinen kranken Bettler fortgejagt, und da
wärs doch grüslich, wenn man Bauernsöhne im Walde wollte verrebeln lassen und
dass das ein Bauernsohn sei, und zwar von den vornehmern einer, sehe man schon am
Hemde, sie hätte noch nicht bald ein so feines und weisses gesehen.
    So war es gekommen, dass Resli in Anne Mareilis Stübli war, denn dass er
dortin gebracht wurde, hatte es angeordnet, und es hatte ihns gedünkt, es
nähmte nicht alle Schätze der Welt dafür, dass er nicht da wäre, und jetzt, als
Vater und Mutter draussen waren, reichte er ihm die Hand und sagte: »Du bist doch
nicht mehr höhns, aber ich habe wäger nicht gewusst, dass du es bist.«
    »Wer wollte höhn werden in einem solchen Wirrwarr«, sagte Anne Mareili, »wer
hohn werden will, muss nicht an eine Brunst.«
    »Es war nur lätz, dass der Wagen daherkam wie vom Himmel, ich hätte dir doch
sonst gesagt, es sei mir leid, und gab wie ich dich gesucht, fand ich dich nicht
mehr«, sagte Resli. »Aber wie bin ich hierher gekommen?«
    Nun erzählte Anne Mareili, wie es zugegangen, aber die Hauptrolle teilte es
sich selbst nicht zu, sondern es bediente sich der Redeform: Me het denkt,
gglaubt, gseit, gmacht. Dann musste Resli erzählen, wie er unter die Eiche
gekommen und da alleine geblieben. Der redete nun schon etwas deutlicher und
sagte, dass es ihn immer gedüecht, er möchte ihns finden, um ihm zu sagen, dass er
ihns nicht gekannt, denn sonst wäre er doch sicher nicht so grob und unerchannt
gewesen, das sei doch sonst seine Art nicht; aber alles hätte ihn böse gemacht,
und gäb wie er die Leute zusammengestellt, sei doch gleich wieder alles
auseinander gewesen. Er hätte gemeint, er höre ihre Stimme, und nachsehen
wollen, da sei es ihm gewesen, als schlage man ihn auf den Boden hinab und
schwärzer und schwärzer werde es um ihn, je tiefer er falle; plötzlich sei alles
erloschen. Da sei es ihm in den Ohren gewesen, als rede es wieder, und mühsam
hätte er die Augen aufgetan, aber hinter der Mutter sie nicht recht gesehen;
plötzlich sei ihm eingefallen, das Meitschi hinter der alten Frau sei doch das,
welches er gesucht, allem an; das habe ihm die Augen wieder aufgetan und ihn zu
sich selbst gebracht. »Aber hast du mich denn noch gekannt?« fragte Anne
Mareili. »Warum nicht«, sagte Resli, »unter Tusige hätts mer nit gfehlt, aber
hast du mich noch gekannt?« »Es hat mir geschienen, es sei dich«, sagte Anne
Mareili, »doch habe ich es so bestimmt nicht gewusst, bis dass ich dich recht
gesehen habe. Aber weisst du, wo du bist?« fragte Anne Mareili. »Es wird im
Dorngrüt sein«, sagte Resli. »Warum meinst« fragte Anne Mareili. »Bist du nicht
ds Dorngrütbauern Tochter?« »Wer hat dir das gesagt?« »Ds Stubemeitli, wo uns
aufgewartet hat.« »So, damals schon hast du es vernommen, und wunder hat es dich
nicht genommen, wie ich heimgekommen, das ist schön von dir, und willst an mich
gesinnet haben?« »Häb es nit für ungut, hundertmal hätte ich daran gesinnet, zu
kommen, aber du hast mir nichts gesagt, und zu fragen hatte ich nicht Zeit.« »Es
ist einer ein schlechter Schütze, wenn er keine Ausrede weiss«, sagte Anne
Mareili; »du wirst vielleicht nicht abkommen können, wenn du willst, dein
Meister wird dich nicht gehen lassen.« Da hob Resli sich auf; als er aber einen
schalkhaften Zug um Mareilis Mund sah, antwortete er: »Vexier nur, du wirst wohl
wissen, wer ich bin.« »Wie wollte ich das wissen« sagte Anne Mareili, »gefragt
habe ich niemals und an der Stirne steht es dir nicht geschrieben, so wenig als
einem Andern.« »Hat es dich denn gar nicht wunder genommen?« fragte Resli. »He,
ungefähr wie du Langeweile nach mir gehabt hast, und wen hätt ich fragen wollen,
den Ätti oder unsern Kohli?« antwortete das Meitschi. »Aber Spass apart, wem
bist?« Da erzählte Resli, wer er sei, und hatte nicht nötig, viel zu rühmen,
denn wer ds Bure zLiebiwyl seien, das wusste man im Dorngrüt ungefähr so gut, als
man in adelichen Ländern die adelichen Häuser kennt. Er rühmte nicht Land nicht
Viehstand, nicht Reichtum, er rühmte bloss seine Geschwister, seinen Vater, seine
Mutter, wie gut alle gegen ihn, wie einig sie überhaupt seien. Der gestrige
Abend trat immer deutlicher vor seine Seele, das Wasser kam ihm in die Augen,
das Herz auf die Zunge, und andächtiger als vor keinem Pfarrer, heiss im Herzen
und nass in den Augen, sass Anne Mareili vor ihm. Da trat die Mutter herein mit
Kaffeekanne und Eiertätsch und sagte, sie hätte neuis gemacht und wolle sehen,
ob er möge.
    Man hat viele Erzählungen, wie man Geister vertreiben, Erscheinungen
verscheuchen könne und wie man dafür manchmal Kapuziner weiter beschicken
müsse; aber wie man das Herz von der Zunge treiben, die Seele aus den Augen,
beide hinunter in ihren tiefen, dunkeln Versteck und vor beide eine Türe machen
und vor die Türe einen Riegel schieben könne, das berichtet man uns nicht, und
doch können es so viele Leute und wissen es nicht, tun es so viele Mütter, so
viele Väter und schimpfen dann darüber, dass die Herzen sich so verstecken und
verschliessen täten. Aber es ist kurios, wie die Menschen so oft nicht wissen,
was sie machen, und noch kurioser ist es, wie die Herzen so kurios sind, fast
wie die Murmeltiere, die auch nur aus ihren Höhlen kommen ins Freie, wenn kein
Lüftchen geht, aber recht warm und lieb die Sonne scheinet.
    Stumm waren Beide, während die Herzen sich verkrochen; dann sagte Resli, sie
sollten doch nicht Mühe haben seinetwegen, er möge nicht und sollte fort, und
Anne Mareili sagte: »Weisst, wem er ist? Er ist ds Liebiwyle Bure Sohn, du weisst,
wir haben schon oft von ihnen gehört, öppe von Bettlerleuten und Andern.« »So?
He nun so de«, sagte die Mutter, »aber mit dem Fort pressier nicht, nimm zerst
und iss. Meitschi, schenk ein und gib ihm, ich habe noch den Schweinen ob, habe
gedacht, es gehe in einem Feuern zu.« Aber es war ihr nicht sowohl um die
Schweine, als um dem Vater es zu sagen, der immerfort brummte, dass man Leute
heimbringe und nicht wisse, was für Fötzeln es seien, gerade auf dem Wege komme
man ins Brüll und mache sich einen schlechten Namen. Als er hörte, für wen Resli
sich ausgab, sagte er: »Wenn es wahr ist, so kömmt er von einem rechten Orte
her, aber es hat sich schon manchmal einer für den Andern ausgegeben, und je
eher er fortkömmt, dest lieber ist es mir. Wenns dr Kellerjoggi vernimmt, es
weiss kein Mensch, was er sagt. Sorg ha muss man, Frau, du weisst doch, wie misstreu
er ist.«
    Drinnen machte Anne Mareili die Hausfrau mit Servieren und Pressieren, und
was das Trauliche dieses Amtes erhöhte, war, dass Anne Mareili alles zum Bette
bringen musste, das Kacheli hielt, während Resli aus dem Blättli trank. Man
glaubt gar nicht, wie lieb man sich während solchem Trinken und Halten werden
kann. Resli wehrte sich zwar gegen alles Essen und Trinken, aber das Halten und
Zutragen war so schön, so appetitlich, dass er ass und trank, er wusste nicht wie.
Freilich machte er lange daran, liess noch länger sich nötigen, brachte alles mit
der grössten Mühe hinunter, aber es dünkte ihn doch, so gut hätte ihn noch nie
etwas gedünkt und er möchte Tag und Nacht so essen und trinken, wenn so ein Anne
Mareili es ihm immer zutrüge und Handreichung täte. Das war so ein traulich,
herzlich Abwarten und Hinnehmen, wie es wohl selten und darum um so süsser ist.
    Da kam die Mutter wieder und die hiess auch den Vater kommen, ein Kacheli
Kaffee zu nehmen, und da war die süsse Traulichkeit wieder davongeflogen. Der
Vater war einsilbig, frug nicht einmal, wieviel Kühe sie hätten, ob auch eine
Käserei, und wieviel sie melchten; aber immer mehr blangte es Resli nach Heimat
und Mutter, immer mehr quälte ihn die Angst über die Angst, welche sie um
seinetwillen ausstehen müssten, da kein Mensch wisse, wo er geblieben, und man ja
wohl wisse, wie in solchen Stücken gelogen werde. Anne Mareili wollte ihn
trösten und sagte, bei einem so jungen Burschen sei die Angst nicht gross, die
blieben öppe manchmal aus, kein Mensch wüsste, wo sie wären, und er werde öppe
nicht besser sein als die Andern. Er sei noch keine Stunde fortgewesen, dass die
Mutter nicht gewusst hätte wo, sagte er, und beim zMorgenessen hätte er noch nie
gefehlt. Da sei er ein Exakte, sagte die Mutter, so von einem hätte sie nicht
bald gehört, ihr wäre es auch anständig, wenn ihre Buben so wären. Sie hätte
noch mehr gesagt, denn die Mütter balgen gerne über ihre Buben, wenigstens halb
so gerne, als sie dieselben rühmen und rühmen hören, und gar oft ist das Balgen
nichts anders als eine Brücke zum Rühmen, aber der Vater fiel ihr ins Wort und
sagte, wenn er wüsste, dass er es erleiden möchte, so wollte er ihn schon einen
Platz führen, dass er heute noch heimkäme. Was er doch denke, sagte Anne Mareili,
erst sei er zu ihm selber gekommen, und der Kopf sei noch wie Feuer, er solle
kommen und greifen; dazu legte es seine Hand auf Reslis Stirne, dass der gar
nicht wusste, hatte er kühl oder heiss, aber einen Umschlag, der ihm so wohl
machte, hatte er noch nie aufgehabt. Es düechte ihn, mir dem auf der Stirne
liefe er übers Meer bis nach Amerika, ohne umezluege. Jemand schicken könnte
man, sagte es, es düech ihns selber, das wär schickig. Es wolle gehn und sehen,
wen man schicken könne, es seien deren genug, die um sechs Kreuzer es wisse kein
Mensch wie weit liefen. »Aber wenn er es zwängen will, zu gehen«, sagte der
Vater, der nicht Lust hatte, zu greifen, wie heiss die Stirne sei, »was willst du
ihm dawider sein? Er soll am besten wissen, was er erleiden mag und was sie
daheim sagen.«
    Das gschweigete Anne Mareili, es ward rot über und über und ging hinaus.
Resli begriff des Alten Rede wohl, dass er da nicht wert, sondern lästig sei. Das
vertrug sein Stolz nicht.
    Er sagte daher, er hätte ihnen bereits zu danken genug und wolle nicht
länger ihnen in den Kösten sein; bis zum nächsten Dorfe möge er allweg gehen,
und möge er dort nicht weiter, so werde für Geld und gute Worte wohl ein Ross zu
finden sein. Er wolle ihn nicht zwängen, sagte der Alte, aber wenn er ein
Zeugnis wolle, wie man ihn gebracht, so sage er es ihm nicht ab; er werde die,
welche ihn geschlagen, doch kennen und angreifen wollen. Resli antwortete, er
sei der Sache nicht gewiss, und wenn er es schon wäre, so griffe er sie doch
nicht an. Einen Streich mehr oder weniger mache nicht viel aus, und das Geld,
welches er allfällig erhalten könnte, würde ihm nicht so viel Freude machen als
das Prozedieren Verdruss, und aparte hätte er es eben auch nicht nötig. »Es hat
ein jeder seine Art«, sagte der Bauer, »aber wo ich recht habe, da habe ich
recht, gebe nicht nach, und sollte es mir den Gring kosten, geschweige denn den
letzten Kreuzer.«
    Resli schwieg dazu und sagte nicht, was sie daheim auf dem Prozedieren
hielten, verliess das Bett und machte sich wenn auch schwankend und sturm, zur
Abreise bereit. Da kam rasch Anne Mareili und sagte, es seien Zwei auf einem
Wägelein gekommen und frügen ihm nach, er werde aber doch nicht fort wollen, er
hätte ja jetzt Gelegenheit, heim Bescheid zu machen. »Er kann ja jetzt reiten«,
sagte der Bauer, »und wenn ers ja will ghebt haben, so sind wir nicht schuld,
wenn ers öppe nicht erleiden mag.« Unterdessen hatte die Mutter Christeli
hereingebracht, der eine gar herzliche Freude an den Tag legte, Resli so wohl
aufgefunden zu haben und dazu just noch im Dorngrüt, das sei das Kuriosest.
»Warum ist denn das das Kuriosest, ists hier nicht wie an einem andern Orte?«
frug der Bauer. »Ho wohl«, antwortete Christeli verlegen und blieb dann stecken
auf einen Wink von Resli. Anne Mareili machte gwunderige Augen, es ahndete
etwas, das es gerne gehört hätte; aber Resli, der in des Vaters Gesicht Unrat
merkte und sein Spiel nicht gerne verdorben hätte durch ein unbesonnen mit der
Türe ins Haus Fahren, was bei Mädchen öfters vortrefflich ist, bei Vätern aber
selten, antwortete rasch: »Wir haben voriges Jahr Holz verkauft, wir reuteten
ein Waldlein aus, das mitten im Land gestanden und viel geschadet hat an der
Sonne; da ist uns gesagt worden, viel von dem Holz sei an dieses Haus gekommen.«
Christen machte seltsame Augen, als er den Bruder so reden hörte, war aber klug
genug, zu schweigen. Den Bauer nahm es wunder, wie sie das Holz verkauft hätten;
er überschlug, was der Händler zwischenausgenommen, und meinte endlich, man sei
nur ein Narr, wenn man sich mit ihnen einlasse, wer Zug hätte, täte immer am
besten, dSach selber z'kaufen an Ort und Stelle. Er meine es auch, sagte Resli,
und wenn er etwas nötig hätte, so solle er nur zu ihnen kommen, es müsste nicht
zu machen sein, oder er solle haben, was er begehre, und öppe nit z'tür, ihr
Wald möge es erleiden, und öppe es Fueder oder zweu zu führen, käme ihnen auch
nicht darauf an und sollte allweg nichts kosten, es wär nur Schuldigkeit. Man
sieht, Resli war nicht dumm; aber der Bauer war es auch nicht, trappete nicht in
die gelegte Schlinge, sondern sagte, einmal jetzt hätte er, was er nötig hätte,
und für später könne man de geng no luege.
    Unterdessen hatte die Mutter Schnaps gebracht in einer weissen Flasche, Käse
und Brot. Christeli und sein Begleiter mussten neuis nehmen, ehe sie wieder
abfuhren, und ergänzten unterdessen ihre Erzählungen. Samis Hans setzte
auseinander, wie es in der Nacht gegangen und wie Resli in alle Kuppelen die
Nase gesteckt hätte, er wüsste nicht warum, er hätte es sonst nicht so, und
Christeli setzte bei, wo sie vernommen, dass so einer im Dorngrüt sei, und wie es
heisse, bkym er sich wieder, und wie ihm selbst bei der Nachricht geworden, es
hätte ihn gedüecht, er möchte einen Brüll auslassen, dass es fry ein Loch in den
Himmel gebe.
    Resli hörte nur mit halbem Ohre, er hätte gerne noch ein vertraut Wort mit
Anne Mareili gesprochen, aber es war unmöglich. Anne Mareilis Brüder waren auch
gekommen; viele Augen, viele Ohren waren in der Stube, die, wie er wohl sah,
aufpassten, darum ward ihm unwohl, darum trieb er zum Aufbruch. Als alle dazu
zweg waren, sagte Anne Mareili: Aber frische Umschläge sollte er doch noch
haben, sie seien plötzlich zweg, sie sollten nur afange gehen, es solle nichts
säumen, gäb draussen alles fertig sei, sei es geschehen. Aber niemand ging,
selbst Christeli nicht; er meinte, draussen säume nichts, und wenns einmal zweg
sei, so steh der Braun nicht gerne. Die Umschläge wurden also vor den Andern
gemacht, aber langsam.
    Endlich ward ausmarschiert. Resli zögerte mit Danken und Fragen nach seiner
Schuldigkeit und Bitten, sie möchten kommen und es einmal einziehen, sonst könne
er es nicht vergelten, was sie an ihm getan, ohne sie hätte er nicht mehr bis am
Morgen gelebt. Dem Bauer ward das langweilig, er pressierte zur Türe hinaus, und
Regel war bei ihm nicht, dass der Gast voranging. Kaum war man draussen vor dem
Hause, so schlug Resli an seine Säcke, sagte, er glaub, er hätte den Lumpen
drinnen vergessen, und kehrte um, ihn zu holen. Die Mutter rief, er solle nicht
Mühe haben, ds Meitschi werde ihn schon holen. Ds Meitschi, das noch im Hausgang
war, kehrte richtig um, der Stube zu, aber deswegen blieb Resli nicht zurück.
»Häb nit Müh meinetwegen«, sagte er, »du weisst nicht, wo er ist.« So
verschwanden Beide, derweilen tat der Braun wüst, stieg bolzgrad in die Höhe,
dass Bauer und Bäurin luegen mussten. Da kam Resli schon wieder mit dem Lumpen in
der Hand und hinter ihm Anne Mareili aber nur bis zur Schwelle, und sobald er
noch einmal Adie gemacht und ehe er recht auf dem Wägelein war, verschwand es;
aber ob es ihm nicht desto länger nachgesehen aus irgend einem Heiterloch,
wollen wir nicht verbürgen.
    Resli hätte das Haus nicht verlassen sollen; aber da er sah, wie unwert er
da war, so wäre er um kein Geld geblieben. Er wusste nicht, war das überhaupt
ihre Art oder hatten sie etwas Besonderes gegen ihn, wo er doch nicht hätte
begreifen können was. Er mochte das Fahren nicht ertragen, gar fürchterlich weh
tat ihm der Kopf; darum blieb er in einem der nächsten Wirtshäuser, deren jetzt
zur Genüge sind, dass man nicht lange zu fahren braucht, um zu einem zu gelangen,
und hiess Christeli zufahren, was der Braun laufen möge, damit Vater und Mutter
aus der Angst kämen.
    Welche Freude Christeli heimbrachte, als er endlich zum Reden kam, kann man
sich denken, besonders da, als sie Christen alleine dahersprengen sahen, aufs
neue Todesangst in ihren Herzen aufgewacht war. Als die Mutter hörte, wo er den
Resli gefunden und wie es ihm ergangen, schlug sie die Hände über dem Kopf
zusammen und sagte, sie müssten unserem Herrgott doch noch lieb sein, denn das
sei alles so, als wenn er es ihretwegen so gereiset; es dauerten sie dabei nur
die armen Leute, denen die Häuser hätten verbrennen müssen, so gleichsam
ihretwegen, aber denen müsse auch gesteuert werden, dass es fry kei Gattig hätte.
Dass sie dort den Resli nicht behalten, sondern so gerne hatten fortgehen sehen,
das konnte sie freilich nicht verwinden. Sie hätten sich doch öppe seiner nicht
zu schämen gehabt, und gesetzt, es hätte Kosten gegeben, so wäre doch wohl
öppere dagewesen, der abgeschaffet hätte. Sie wollte von Christeli vernehmen, ob
etwa Resli etwas angebracht und von der Sache angefangen hätte. Aber Christeli
wusste nichts. Bloss hätte er gehört, dass des Bauern Tochter absolut hätte haben
wollen, dass man Resli auflade und mitnehme, und das hätte alle Leute grusam
verwundert, denn die seien öppe nicht schnitzig, Leute aufzunehmen, und für
nichts und aber nichts werde das die Tochter wohl nicht getan haben. Weiteres
hätte er nichts vernommen, aber taubs hätte es ihn auch gemacht, und bsungerbar,
wo er gesehen, wie das Reiten ihm so weh getan, dass es ihnen so darum gewesen,
seiner los zu werden.
    Änneli ward nicht müde mit Fragen, ob sie etwa nicht gewusst, wer sie waren,
und wie das Meitschi gewesen, was die Mutter für ein Gesicht gemacht, was Haus
und Hof für eine Gattig gemacht und ob Resli mit dem Meitschi nichts abgeredet,
sondern alles im Alten gelassen. Und je mehr Änneli hörte, desto unwilliger war
es nicht alleine über ds Bure, sondern auch über seine Buben, die wie jungi
Gahline die beste Gelegenheit aus den Händen liessen, denen nichts zSinn käme,
nicht einmal das Einfältigste, öppe es Bstellts z'mache. Gerade Solche müsse man
an einen Ort schicken, wenn alles verkegelt werden solle. Wenn es nur von weitem
gewusst hätte, wo Resli sei, kein Mensch hätte es abgehalten, selbst hinzugehen,
und es wett die schönste Kuh im Stall, so z'leerem wäre es nicht dort weg; es
hätte wissen wollen, woran es sei, und Resli wär noch dort und läge in der
Stube, wo so hoffärtig sein solle mit Ruhbett und überzogenen Sesseln, wo man,
wenn es niemand sehe, brauchen werde als Stelzen, damit einem die Mistgülle
nicht über die Schuhe hineinlaufe. Darauf aber hätte es nichts, so hoffärtig
innefert und so usufer ussefert; sufer usse u demüetig innenache, das sei seine
Sache, und es sei ihm immer wohl dabei gewesen und den Andern auch. Wenn man
sich gewohnt, so hocke man auf ihren Stabellen so wohl als auf Ruhbettleni, wo
manch, mal ärger verhudelt seien als eine Bettlerkappe, wo dHaar aus hundert
Löchern gwunderten, oder verdrohlet und zsämetätscht wie die Strohsäcke in einem
Spital, wo man nur alle sieben Jahre frisches Stroh gibt und Sieben in einem
Bette liegen.
    Kurz, Änneli war unwirsch, ungeduldig, und wenn man ihns hätte machen
lassen, es wäre auf der Stelle fortgefahren der Sache nach und um Resli zu
sehen, den man doch nicht so alleine könne sein lassen. Annelisi sagte, es wolle
noch heute fort, wenn die Mutter begehre; zu Resli könne es auch sehen, und wenn
mit dem Dorngrüt etwas zu machen sei, so käme ein junges Meitschi, dessen man
sich nichts achte, vielleicht besser zueche als so eine Frau, wo man gleich
vorauswisse, warum sie käme, und an ihrem Gesichte abnehmen könne auf hundert
Schritte, dass sie was Wichtiges im Sinne hätte.
    »Ja wolle«, sagte die Mutter, »du wärest mir gerade das Rechte! Bist ja für
dich nicht klug genug, geschweige denn für Andere. Nein, da muss ich selber hin
und sehen, was zu machen ist.« Das gute Änneli kam in ein rechtes Fieber hinein,
bis der Vater kam und sagte: »Bis ume ruhig; wenns gut kommen soll, so fehlts
nit, und wenns fehle soll, so hilft alles Zappeln nichts. Heute ists zu spät,
aber morgen kann man fahren und sehen, was zu machen ist allfällig.« Da wollte
eine Röte aufsteigen in Ännelis Gesicht. Als es aber in Christes gutmütige Augen
blickte, liess es sich wieder nieder; es gab Christen die Hand und sagte: »Du
hast recht; chömit, Ching, mr wei es Kapitel lese.«
    Aber den Schlaf las Änneli doch nicht herbei, und gar stürmisch, wie von
zwei Winden hin und her getrieben, bewegten sich die Wellen ihres Gemütes. Denn
ausgestritten hat niemand, solang das Herz nicht steht; solang das Herz noch
geht, erhebt sich neuer Streit, wenn ein alter endet; darum hat nur der
ausgestritten auf Erden, der auch ausgelitten hat und durch den Tod ins ewige
Leben gegangen ist. Änneli hatte noch kein Kind verheiratet und glaubte das
Wehen des Todes zu fühlen, und wo ist die Mutter, die nicht gerne von ihren
Kindern wenigstens eins, wenn nicht alle, im stillen friedlichen Schatten der
Ehe sähe, ehe sie die Augen schliesst!
    Resli war ihr Herzkäfer, und sein Glück schien zu schwanken auf Vorurteilen
wunderlicher Eltern; wie die zu beseitigen, zu zerbrechen, das ging Änneli wild
durch den Kopf, und es düechte ihns je länger je mehr, wenn es denen die Sache
nur recht sagen könnte, so wär dSach richtig.
    Daher weckte diesmal die Sonne Änneli nicht. Änneli war früher auf, suchte
Bettstücke zusammen, um wenn möglich Resli das Heimkommen zu erleichtern, machte
dabei so manche Türe auf und zu, dass alle im Hause erwachten und in der Angst,
sie hätten sich verschlafen, da die Mutter bereits im Hause herumfahre, eiligst
sich auf Beine machten, aber bald merkten, was Trumpf war.
    Christeli machte sich in den Stall, Annelisi in die Küche; nur der Vater sass
noch im Bette schläfrig und rieb sich die Augen, als Änneli mit einem Armvoll
Kleider, die es im Spycher geholt hatte, wiederkam. »Seh, Ätti«, sagte Änneli,
»da hast du Kleider; ich wollte jetzt auf, wenn ich dich wäre, so brauchst du
nicht zu pressieren und bist doch fertig, wenn wir fort wollen.« »Soll ich mit?«
fragte Christen. »Das versteht sich«, sagte Änneli, »wer sollte sonst kommen«
»Ich glaubte, du und Annelisi wollten fahren«, sagte Christen; »was ists für
Zeit?« »Denk halb vier ists. Was wollte ich mit Annelisi anfangen, wenn es etwas
geben sollte, und mit dem Draguner darf ich nicht alleine fahren.« »Nimm den
Alten«, sagte Christen, »der ist wie ein Lamm.« Aber Änneli sagte, der sei
gestern auf den Beinen gewesen, und gegen die Tiere hätte es gerne Verstand,
wenn es möglich sei. In Wahrheit wollte es den Dragoner, weil der ein prächtiges
Ross war, dass die Leute stille stunden, wenn es daherkam wie in den Lüften. Es
hiess auch die Magd Ziegelmehl stampfen und es in den Stall bringen mit dem
Befehl, ds Mösch am Geschirr abzureiben und das Ross exakt und sauber zu
striegeln, dass man ja keinen Staub mehr im Kammhaar oder sonstwo sehe, Resli
hätte es ungern. Die Wägelikissen mussten apart ausgeklopft und gebürstet werden,
und als Änneli endlich zum zMorgenessen erschien, musste Annelisi laut auflachen
und fragen, ob die Mutter zHochzeit wolle, sie sei ja in einem Staat, dass man
sie fast nicht ansehen dürfe. Und als der Vater hintendrein kam, eben so
stattlich, ward es ernstaft und frug, was es dann eigentlich geben solle, dass
sie die Hochzeitkleider, glaube es, angezogen und daherkämen als wie zwei
Brautleute.
    Und wirklich waren die beiden Alten ein recht schönes Anschauen in ihrer
ehrbaren Kleidung, an welcher nichts Geziertes war, aber alles so ehrbar und
währschaft und bei Änneli doch kostbar. Das ist ein Eigentümliches, dass der Mann
so einfach und meist in eigenem Zeuge von den Füssen bis an den Hut dahergeht,
während das Weib so manchen Neutaler am Leibe trägt, dunkel daherkömmt in
Guttuch, Oberländertuch, Kamelot, der Mann in hellem Halblein prangt oder
höchstens in hellem Mitteltuche. Es ist, als ob das Weib der dunkle Grund wäre,
auf dem im Vordergrunde der helle Mann hin und her geht, aber vom dunkeln Grunde
gehoben und getragen. Alles war anders an Beiden, nur die Schuhe hatten sie
schön schwarz vom gleichen Leder und das Hemd in blendender Weisse von gleichem
Flachse, und wer die Fäden daran zählen wollte, musste gute Augen haben. Es ist
kurios, bei den Städtern ist es meist umgekehrt; da ist, wenn der Staat recht
angeht, das Weib hell und der Mann dunkel, und auf dem Lande beginnen
leichtsinnige Weibsbilder die gleiche Mode, sie tänzerlen auch wie Pfyfolter
geblümt und glarig im Vordergrunde; ob sie aber dadurch im Werte steigen, sind
die Gelehrten verschiedener Meinung. Mögen sie, aber allweg ists doch schon, so
eines Hauses Grund und Fundament zu sein. Mit Glaren wird nichts er, baut, mit
Tänzerlen nichts ersprungen, nichts errungen.
    Änneli antwortete Annelisi: »Wirst du dann nie witzig und meinst, putzen und
hoffärtig sein sei nur für euch und mit Kleidern zwängt ihr allein etwas? Glaub
nur, beim Heiraten sieht man auch auf Vater und Mutter, und manchmal machen die
mehr an der Sache als so ein Gäxnäsi, wie du bist. Sie müssen da unten doch
wissen, dass wir auch öppe daheim und nicht so von der Gasse sind. Und wenn Resli
lange sagte, woher er sei und woher wir seien, wenn so zwei Kuderbützi
daherkämen und er dem einen Ätti sagen müsste und dem andern Müetti, wer glaubte
ihm? Sie müssen da unten doch wissen, dass hier oben auch neuer ist, dass man sich
unserein nicht zu schämen habe und dass wir zu zahlen vermöchten, wenn sie einen
Kranken nicht umsonst über Nacht zu haben vermöchten.« »Wollt ihr dann ins
Dorngrüt selbst?« fragte Annelisi; »wenns selb ist, so sinnet nur daran, was ich
am Sonntag gesagt, es ist mir noch heute so.« Änneli sagte, es komme darauf an,
wie sie Resli fänden und was er meine, aber wenn es zu den Leuten komme, es möge
sein was es wolle, neuis schmöcke müssten sie. »Ätti, hast du Geld im Sack?«
»Einmal genug für heute«, sagte Christen und zog aus dem Sack eine Handvoll
Münze, unter welcher noch einige Fünffrankenstücke hervorguckten. »Was sinnest
auch«, sagte Änneli, »mit dem willst von Hause? Sieh, da hast du das Schlüsseli,
und nimm ein Bläterli voll; du kannst es in den Busen stossen, wenn es dich zerrt
im Hosensack, man sieht es dort noch besser, wenn du es auch nicht hervorziehst,
und mir bring auch ein Hämpfeli. Man weiss nie, was es gibt, und alle Kreuzer dm
Ma müesse z'heusche, schickt sich nicht, bsonderbar an einem fremden Orte. Ja
wolle, mit so einem Hämpfeli von Hause gehen wollen, und noch so weit! Ehedem
ist das anders gewesen. Da, wo ich daheim war, hat nie ein Bauer den Pflug ins
Feld geführt, er hätte dann wenigstens hundert Taler in der Busentasche gehabt.
Selb Zeit, da ist noch Geld gewesen; jetzt weiss man nichts mehr davon.«
    Endlich war alles zweg. Christen hatte seine Pfeife angezündet, zwei Knechte
hielten den Draguner, der so wüst tat, dass es Änneli zu grusen begann. Annelisi
forderte von der Mutter noch Instruktion, wieviel Butter es verkaufen solle,
wenn der Träger komme, und Christeli sagte, was vorgestern geredet worden sei,
das solle geredet bleiben, und wenn sie einen richtigen Handel machen könnten,
so sollten sie sich seiner nicht achten. »Hü i Gotts Name«, sagte Christen, und
einen Satz tat der Draguner, dass ein Knecht hieraus flog, der andere dortaus,
Annelisi einen Schrei tat, wie wenn man ihns am Messer hätte, und noch einen,
als es knapp um den Türlistock ging, dass man meinte, sie müssten überschlagen,
und alles ins Gässli sprang, um zu sehen, wie es weiterging. Es ging gut; wenn
Christen einmal festsass, so musste ein Ross warten und auch der Draguner, wenn
auch zähneknirschend und täubelend, traben, wie Christen wollte und nicht, wie
es ihm im Leibe stak.
    »Wer kömmt dort gefahren wie aus einem Stuck, Sind vornehme Leute allem an
und bsunderbar am Ross«, sagte ein dicker Mann mit einer weissen Kappe auf dem
Kopf, der neben einem schlanken Burschen vor einem Wirtshause stand, die Hände
ruhend in den weiten Rocktaschen. Der junge Mann antwortete nicht, sondern trat
zum heranfahrenden Bernerwägelein; lautauf wieherte das braune Ross, schwenkte
gegen ihn zu, und vom Wägeli her rief eine stattliche Frau: »E lue, da ist er
ja, da hei mr ne; bis Gottwilche! Wie gehts?« »Seh nimm das Leitseil, Resli«,
sagte der Mann, »das ist mr e Tusig das, mit dem fahr ich nicht so bald wieder,
der Arm ist mir ganz lahm vom Halten.«
    »Warum nehmt ihr den?« sagte Resli, »er ist lang gestanden und sonst wild
genug, mit der Mähre wäre ein viel ruhiger Fahren gewesen.« »Die Mutter wollte
den Draguner ghebt haben«, sagte Christen und stieg mit Mühe vom Wägelein, bei
welchem die Tritte nicht eben am passendsten angebracht waren, hob dann die
Mutter, welcher das Hinuntersteigen noch saurer geworden wäre, mit kräftigem
Schwunge hinunter. Als alle festen Boden unter den Fussen hatten, erst dann ging
es recht an mit Fragen und Verwundern über Reslis Zwegsein und über der Eltern
stattlichen Aufzug. Auch die Wirtin kam herbei, und nach gehörigen
Entschuldigungen, dass sie so strub daherkomme, sich fast nicht zeigen dürfe,
nötete sie das Ehepaar in die Stube, und ehe Resli, der den Draguner in den
Stall begleitet hatte unter beständigem Wiehern und Kopfanschmiegen, zu ihnen in
die Stube kam, hatten sie die beste Bekanntschaft gemacht und die Wirtin bereits
erzählt, wie sie den Resli gepflegt, wie das aber auch ein Bursche sei, son e
hübsche und manierliche, wie ds Land auf, ds Land ab nicht mancher sein werde.
Änneli konnte nicht lange hinter dem Berge halten mit seinem Ärger, dass des
Dorngrütbauern seinen Sohn so schnöde entlassen und wie es willens sei,
hinzugehen und zu danken und abzuschaffen, damit die doch inne würden, wie man
nicht ab der Gasse sei und nichts dr Gottswille begehre.
    Die Wirtin fand das gar schön und wollte es des Grütlers von Herzen gönnen,
wenn sie recht beschämt würden. Das seien die wüstesten und stolzesten Leute
weit und breit und meinten, es sei alles schön, was sie machten. Einzig die
Tochter, wo noch daheim sei, sei nicht wie die Andern, die gönne armen Leuten
noch es Brösmeli und mög auch noch reden mit ihrer Gattig Leuten. Es nehme sie
nur wunder, wo die Bäuerin die aufgelesen hätte, oder ob es dann möglich sei,
dass eins so aus der Art schlagen könne; wo Holzäpfel wüchsen, finde man sonst
nicht Zuckerbiren. Sei es wie es wolle, das Meitli sei bravs, und wenn sie etwas
dazu machen konnte, dass es einen recht braven Mann kriegte, so wärs ihr die
grösste Freud, nur damit sie es nicht zwängen könnten mit dem Uflat. Nit, das
Mädchen daure sie auch, aber dass sie den einmetzgen und noch reicher werden
könnten, so ring und ohne Mühe, das absonderlich möge sie denen nicht gönnen.
    Natürlich fragte Änneli rasch, was das sei mit dem Heiraten, und sagte zu
Resli: »Hasts gehört?« Der blieb kaltblütig und sagte bloss, es werd öppe nit sy;
dLüt redete gar viel, während der Tag lang ist. »Wohl freilich, du Lecker«,
sagte die Wirtin, »ist etwas an der Sache, ich würde es sonst nicht sagen. Und
dir ist das auch nicht ein Tun, du hättest sonst gestern abend nicht so die
Faust gemacht und geflucht, als ich es dir erzählt habe.« »Was ists dann?«
fragte Änneli ungeduldig. »He was ists«, sagte die Wirtin, »'s ist eine alte
Geschichte, die immer wieder fürechunt und neu wird; ds Meitschi soll ihnen nur
Räf oder Kratten sein, um neues Gut auf den alten Haufen zu kräzen. Da ist da
drüben zu Schüliwyl ein alter Uflat, aber ein reicher, er hat schon drei Weiber
gehabt und alle mögen. Ihm gönnt er, aber Andern nichts, und vor Hässigi kann
niemand bei ihm sein. Er hat einen Haufen arme Verwandte, denen das Erben so
wohl täte und die deretwegen das Unmögliche verwinden, ihm um keinen Lohn und ds
halb Esse werche wie dHüng, aber zuletzt doch alle fortlaufen. Er lockt sie,
macht ihnen das Maul süss und spricht, statt ihnen Lohn und Essen zu geben, von
Einist und vom Verschreiben und plagt sie dabei so mit Werchen und Hunger und
allem Wüsten, dass zuletzt doch Keins aushält und fortläuft, und nicht genug, dass
er dann jedem nachruft: Wart du Hung, wasd bist, keinen Kreuzer musst du von mir
haben!, er vermalestiert und verbrüllet ein jedes noch obendrein, dass es ein
Graus ist, und Keines kömmt von ihm, dass es nicht ein Schelm sein soll und Gott
weiss was noch. Der Teufel hätte den längst nehmen sollen, aber es heisst, er
wolle warten, bis er einen Gspahnen fände, seine Grossmutter mangle zwei neue
Kutschenrosse, aber bis jetzt hatte er noch keinen gefunden. Unterdessen gibt er
ihm ein, zu heiraten, wahrscheinlich in der Hoffnung, dann gleich zwei Fliegen
mit einem Schlage treffen zu können, denn wenn eine nicht schon ds Teufels ist,
so muss sie es werden bei einem solchen Meerkalb. Und jetzt, was macht er? Sieht
nicht etwa auf ein arm Meitli, das er glücklich machen könnte mit seinem Gelde,
nein, gerade das reichste und schönste zentume will er, der alte Unflat, der er
ist. Im Anfang hat das Meitschi dazu nur gelacht und hat nicht glauben können,
dass es Ernst sei, und hat das Narrenwerk mit ihm getrieben. Aber wohl, dem ists
anders gekommen, als es gesehen, wie seine Leute Ernst daraus machten und es
nöteten, sich mit ihm anzulassen, und von der Stunde an hat es dem Alten kein
gut Wort gegeben; aber das wird ihm wenig helfen, es entrinnt ihm doch nicht,
und wenn er es einmal hat, so wird er es ihm eintreiben. Sie machen es so, die
alte Schnürflene.«
    »Aber warum wollen die Alten das so zwängen? Wäre ihnen ein reicher Bursch,
der doch auch öppe eine Gattig hätte, nicht eben so anständig ?« »Aber Frau,
merkst dr Gspass nit? Sie denke, von dem bekomme es keine Kinder, und wenn er
noch zehn oder zwanzig Jahre lebe, so sei es mit dem Meitschi auch vorüber, es
gebe eine reiche Wittfrau, und zuletzt falle alles wieder auf einen Haufen. Das
ist so spekeliert. Bei einem jungen Burschen hätten sie dSach nit so gwüss, da
müesst es grosses Gfell drby sy. Die Sache wäre schon lange vor sich gegangen, das
Meitschi hätte sagen mögen, was es wollte, wenn sie einig wären mit dem
Verschreiben, aber da soll es stecken. Der alte Unflat sagt, Gschriftlichs sei
nicht nötig; sterbe er, so könne seine Frau alles nehmen, sie sei ja mehr als
dreissig Jahre jünger als er. Der Dornbauer will es aber gschriftlich, er sagt,
man könne nicht wissen. Und wenn sein Meitschi vor dem Manne sterbe, so nehme
der auch, was das Meitschi eingebracht, und sie hätten nicht nur nichts davon,
ds Kunträri, und so sei es nicht gemeint. So ein Alter müsse nicht meinen, dass
er gytauf eine junge, reiche Frau kriege, er müsse den Vortel geben. Nun aber
möchte der Alte sich die Hände nicht binden lassen, und wer weiss, ob der Uflat
nicht schon an die Fünfte denkt und meint, weil er schon mit Dreien fertig
geworden, so werde auch die Vierte öppe nicht lange machen.«
    Und je mehr die Wirtin erzählte, desto feuriger brannte es in Ännelis Kopf;
es wollte wissen, wie weit es in den Dornacker sei und wo der Weg sei, der dazu
führe. Zu diesen möchte es doch einmal und sehen, was das für Leute seien und ob
sie Hörner hätten oder seien wie andere Menschen. Aber Resli wollte das nicht.
Er kannte die Mutter, die, wenn ihr etwas heiss im Herzen machte, damit nicht
hinter dem Berge halten konnte; er wusste, dass sie ihren Ärger nicht würde
verbergen können, und was daraus für Stiche und Trümpfe entstehen konnten,
konnte er sich denken, und war einmal offene Feindschaft da, dann gute Nacht.
Alles so auf einen Wurf zu setzen, dazu war Resli nicht vermessen genug, verliess
sich auf Geduld und Klugheit und begann der Mutter ihr Vorhaben auszureden, weil
sie weit heim hätten, weil ihn heim verlange, weil er auf dem Dornacker bereits
sattsam gedankt, weil sie die Leute nur versäumten, die heute Lewat schneiden
würden. Natürlich war, durch Instinkt getrieben, der Vater auf des Sohnes Seite,
aber Änneli hartnäckiger als gewöhnlich, und die Wirtin meinte, schaden würde es
doch allweg nichts, wenn sie sehen würden, dass es auch noch Leute gebe, die an
einem Orte daheim seien. Wenn sie jetzt gingen, so wollte sie ihnen unterdessen
etwas zMittag machen, so was sie öppe hatten, und bis gekochet sei, wären sie
wieder da. Aber Resli ward sehr ernst, ging hinaus und rief der Mutter nach, sie
solle doch neuis lose.
    Die Wirtin sagte zu Christen: »Wer einen solchen Sohn hat, der kann Freude
haben, sie ist ihm zu gönnen; jetzt noch eine rechte Frau, so ist dSach
richtig.« »Ja, wenn man sie nur schon hätte«, sagte Christen, »aber wenn man
meint, man habe eine, so ist dSach nüt. Es ist heutzutage bös.« »Nicht wahr«,
sagte die Wirtin, »ich darf wohl fragen, Habt ihr nicht ein Aug auf Dornbauern
Tochter gehabt? Die, wo bei der Spritze gewesen sind, haben so wunderlich
geredet, wie das Meitschi getan, als sie ihn im Walde fanden, und sie liessen
sich nicht ausreden, dass die einander nicht zum ersten Male gesehen.« »Es war
neuis, aber es wird nichts mehr sein«, antwortete Christen. »Neue einmal haben
sie mit einander getanzt, und da hat ds Meitschi dem Bub wohl gefallen und er
hat von ihm gesagt; aber er wird wohl selber sehen, dass da nichts ist als Mühe
und Umtrieb, und selbem fragt er nichts nach, so wenig als ich.« »He«, sagte die
Wirtin, »ich wollte ds Herz nicht gleich fallen lassen, ein schön und reich
Meitschi ist doch wohl öppis Müh wert; auf denen, wo einem so in den Mund
fliegen, wie im Sommer die Muggen, werdet Ihr doch auch nicht viel haben. Und
wenn ich etwas dabei helfen kann, so unter der Hand, dass es niemand merkt, so
will ichs gerne tun, von wegen dem Meitschi möcht ichs gönne, und wenn ich den
Alten etwas zwidertun kann, dass sie es nicht merken, so spar ichs auch nicht.«
    Endlich kamen Resli und die Mutter wieder hinein und die Letztere darein
ergeben, nicht ins Dorngrüt zu fahren, aber man sah, es ging ihr nahe. Alle
Umstände, die man gemacht, die schönen Kleider, das viele Geld, die halbe
Todesangst mit dem Draguner umsonst! Bloss der Trost hielt sie aufrecht, dass doch
andere Leute sie gesehen, und was diese gesehen, werde im Dorngrüt nicht
unbekannt bleiben.
    Das gute, fromme Änneli war ganz Mutter, und für seines Sohnes Glück hätte
es seine Seligkeit gegeben, wenigstens die halbe, und weil es glaubte, man hätte
seinen Sohn verachtet, so konnte es Prunk und Hoffart treiben, welche beide ihm
sonst in der Seele zuwider waren. Es ist jede rechte Mutter einer Henne gleich,
die mit Schnabel und Flügeln schlägt und pickt, wenn man ihr nur von weitem nach
einem Küchlein reckt; aber während die Sorge der Henne nur einige Wochen dauert,
erlischt die Sorge der Mutter erst, wenn das Auge im Tode bricht, und wer weiss,
ob auch dann? Und wenn ums Bett der sterbenden Mutter die Kinder stehen und ihr
brechend Auge gleitet in flüchtigem Blicke über die weinende Schar, so könnte,
wer die Schrift verstünde, im flüchtigen Blicke zusammengedrängt lesen all den
Kummer und die Sorgen, die Leiden und die Freuden, die das mütterliche Herz um
jedes ihrer Kinder getragen und die sie jetzt als ihre Lebensbeute mit ins Grab
nimmt und sie auch hinauftragen wird zu ihrem Vater und ihrer Kinder Vater.
    Änneli machte sich, um das Ding recht unter die Leute zu bringen, auf nach
dem Krämerladen. Es gehe so selten fort, sagte es, dass es anständig sei, etwas
zu kramen denen, die daheim geblieben, und es nehme ihns wunder, wie man hier
den Kaffee gebe. Das Krämerhaus ist noch mehr als das Wirtshaus der Ort, wo den
Weibern nicht nur der Mund aufgeht, sondern auch das Herz, und wo es alle Tage
Verhandlige gibt, die noch viel kurzweiliger wären als die Verhandlungen von
Grossräten und Tagsatzungen, welche doch in die Zeitungen kommen. Aber eben vor
lauter Wichtigkeit und weil man mit Leib und Seele dabei ist, hat niemand Zeit,
sie aufzuschreiben. Und doch kommen sie im Lande herum, laufen von Haus zu Haus,
richten Krieg an und Frieden, Hochzeiten und Kindstaufen, während in den
gedruckten oft weder Kraft noch Leben ist, nichts als tote Buchstaben, mit denen
man keinen Hund vom Ofen lockt, höchstens den Narren treiben kann mit einer
jungen Katze.
    Änneli traf es bei der Krämerin wie gewünscht; niemand war da, und so konnte
es reden, sehen, sich vorlegen lassen und kaufen ganz nach Belieben. Es nahm
sich Zeit, die Krämerin nahm sich Zeit, und so geschah es, dass am Ende Änneli
einen Haufen zusammengekauft hatte, welcher ihm schwer geworden wäre, ins
Wirtshaus zu tragen. dabei benahm es sich ohne Ruhmrederei, aber so recht apart,
verständig und einfach, dass es die Krämerin fast zTod wunder nahm, wer das sein
möge, und doch durfte sie nicht fragen. Denn eben dieses Betragen war so recht
vornehm, dass es ihr grossen Respekt einflösste. Wer sich selbst rühmt und vornehm
scheinen will mit Gebärden und Redensarten, der verrät seine Gemeinheit, und
jeder macht sich mit ihm gemein, und niemand scheut sich, ihn zu fragen, was ihm
in den Mund kömmt. Die Krämerin tat es durchaus nicht, dass Änneli auch nur ein
Stücklein trug, versprach, sie wolle auf der Stelle es nachbringen, sie müsse
nur noch die Erdäpfel über, tun. Sie hielt ihr Versprechen, wusste es aber zu
machen, dass sie von der Wirtin vernahm, was das für Leute seien, samt einigen
Deutnissen auf den Dornacker.
    Und wie es kam, weiss man nicht, aber die stattliche Mahlzeit neigte sich
eben dem Ende zu, der Wirt sass bei Christen und sie redeten von Knochenmehl und
Ölkuchen. Die Wirtin trug ab und zu, und Änneli sagte, es wäre bald Zeit fort,
und Resli sollte doch sehen, ob auch das Ross seine Sache hätte; es möge nichts
minder leiden, als wenn die Leute sich wohlsein liessen, während die Tiere Mangel
litten und Hunger. Resli sagte, zwar öppe viel werde der nicht mangeln, ging
aber doch nach der Mutter Willen, und wie es kam, weiss man nicht, aber wie er
aus dem Hause trat, kam gerade die Dornackerbäuerin die Strasse herauf, und Resli
konnte nicht anders, als sich bei ihr stellen, ihr die Hand längen und sagen, er
sei noch da. Sie aber tat erschrocken, dass er noch da sei, und fragte, was es
ihm gegeben und warum er nicht wieder zu ihnen zurückgekommen, wenn er das
Fahren nicht hätte mögen erleiden. Dass er dageblieben, hätte sie fry recht
ungern, die Leute könnten meinen, sie vermöchten niemand mehr ein paar Tage zu
haben; wenn sie gewusst hätte, wie es gehen sollte, kein Hung hätte sie dazu
bringen können, ihn gehen zu lassen, gäb wie er nötlich getan und es erzwängt
hätte. Es sei gut, dass sie ungefähr ins Dorf gekommen sei, er könne gleich
wieder mit ihr heimgehen, wenn es ihm nicht zu weit sei, zu laufen. Wenn sie es
gewusst hätte, so hätte sie können das Wägelein nehmen. Resli trat nicht ein in
»gewusst« oder »nicht gewusst«, aber das schlaue Gesicht der Krämerin hinter ihrem
Fenster fiel ihm auf, und ob sie gekommen aus Gwunder, um seine Eltern zu sehen,
oder wirklich, weil sie es ungerne hatte, dass er da im Wirtshause war, und
Gelegenheit zur Entschuldigung finden wollte, erfuhr er ebenfalls nicht und frug
auch nicht darnach, aber er tat sonst manierlich, wie junge Bursche wohl daran
tun, denn einen Stein im Brette der Mutter zu haben, ist kein dumm Ding.
    »Potz Tüfel!« fuhr auf einmal die Wirtin drinnen zweg, »redet dort nicht die
Dorngrütbäuerin mit Eurem Sohne?« »'s ist nit möglich«, sagte Änneli, »oder wär
es se?« »Jo wäger«, sagte die Wirtin, »es ist se. Was will jetzt die im Dorfe?
Die kömmt sonst das ganze Jahr nicht dreimal ins Dorf, nicht einmal zChilche.«
    Unterdessen war Änneli aufgestanden, hatte das Fürtuch glatt gestrichen, und
mit grosser Freude im Gesicht ging es hinaus, stellte sich der Dorngrütbäuerin
vor und nötete diese hinein, gäb wie die sich wehrte und doch gerne kam, aus
Gwunder und auch der Leute wegen, damit die nicht meinten, es wäre da etwas
Ungerades, und sie verbrülleten als wüste Leute.
    Sie musste anesitzen, musste sich vorlegen, einschenken lassen, und währenddem
redete sie immer, wie man ihn tot gebracht und wie er ausgesehen, wie sie ihn
gereinigt und wieder lebendig gemacht und wie ungerne sie ihn hätten gehen
lassen, wie aber nichts zu machen gewesen; wenn man ihn mit Ketten gebunden
hätte, sie glaube, er hätte sie zerschrissen. Diese ungeforderten
Entschuldigungen entwaffneten das gutmütige Änneli; sie lobte und rühmte der
Bäuerin Guttätigkeit, lobte und rühmte aber auch Resli und wie sie nicht mehr
begehrt hätte, zu leben, wenn man ihn tot heimgebracht, und grosse Tropfen
rollten ihr unterm Kinn zusammen. Es ging ihr auch so, sagte die Bäurin, obwohl
es sie manchmal düeche, man wäre ohne King viel ruhiger. Seien sie klein, so
seien sie einem den ganzen Tag unter den Füssen und man sei nur mit ihnen plaget;
seien sie gross, so liefen sie wo sie wollten, und ztot müsse man sich werchen
und sinnen für z'mache, dass ein jedes auch bekäme, dass es sein könnte. Denn öppe
dass ein King weniger zwegkäme als sie, das möchten sie nicht; wie man gewohnt
sei, so sei man gewohnt, und anders käme es nicht gut. Das bildete den Übergang
zur Erzählung, was sie hätten und wie sie King hätten die bsungerbar gfellig
gewesen mit dem Heiraten, dass die jetzt noch reicher seien als sie. Änneli
redete verständige Worte dazwischen, liess sich aber nicht zu gleicher
Ruhmredigkeit verleiten. Überhaupt bildeten die beiden Weiber einen grossen
Gegensatz, so etwa wie eine schöne gelbe Ankenballe mit einer angelaufenen
Kaffeekanne; hinter beiden steckt was, und zwar was Gutes, aber die eine hat ein
appetitlich freundlich Ansehen und man sieht von weitem, was sie ist, bei der
andern muss man zusehen, dass man sich nicht brämt, und kein Mensch, ders nicht
erfahren, würde meinen, dass aus ihr was Gutes kommen könnte.
    Änneli war so schmuck und durchsichtig, für eine alte Frau noch so
appetitlich, seine Rede langsam, aber bedeutsam, alle seine Bewegungen rund und
gefällig, dass, wer ihns sah, Respekt vor ihm bekam und es begriff, wie man so
einer rechten Frau Röcke anziehen kann, welche man will, und hinter allerlei
Tische sie setzen kann, hinter Teetische und hinter Specktische, hinter
Kuchitische und hinter Spieltische, und sie sitzt hinter jedem recht, zu
jedermanns Respekt.
    Die Andere hatte auch allerlei an, aber es war nur so angewuschet, und
nichts hatte den rechten, saubern Glanz; sie machte alle Kleider zu
Werktagskleidern, während an Änneli alle Kleider zu Sonntagskleidern wurden.
Ihre Hände waren nicht ungewaschen, aber beim Waschen ging immer nur noch das
Halbe ab. Die Nägel waren teils kurz, teils lang, und an allen war bald hier,
bald dort was Überflüssiges. Das Gesicht war eben nicht hässlich, aber hochmütig,
schien dazu auch klebrig; sie sprach geläufig, aber ungern hörte man ihr zu und
wusste nie, sollte man etwas glauben von dem, was sie sprach, oder nichts. Wo sie
absass, meinte sie, sie müsse zeigen, dass sie Dienste sei, und eben deswegen
hielt man sie nie für das, was sie war, und wo sie absass, sass sie ab, als wenn
sie dahin nicht gehörte. Je mehr sie vor Änneli Respekt kriegte innerlich, desto
mehr liess sie sich äusserlich auf, um über ihns emporzuwachsen, und je mehr sie
anwendete, um so einfacher ward Änneli, und je einfacher Änneli ward, desto mehr
fühlte die Bäuerin dessen Überlegenheit, desto mehr wendete sie an und ward
immer kleiner und kleiner dabei. Kurios ists, dass in vielen Dingen das Anwenden
so gar nichts hilft, sondern ds Conträri ist.
    Das Spiel lächerte die Wirtin; sie mochte es der Dorngrütbäuerin gönnen und
hätte ihm den ganzen Tag zusehen mögen, aber Christen mahnte zum Aufbruch.
Änneli wiederholte seinen Dank und erwähnte absonderlich der Tochter, die
geheissen Resli aufs Grüt bringen, meinte, es möchte die einmal gerne sehen und
ihr selbst danken; es würde sie freuen, wenn sie einmal kämen und einzögen, was
sie an Resli getan. Selb sei nicht dr wert, davon zu reden, sagte die Bäuerin,
indessen könnte es es wohl geben, drneben aber wisse man nie, was es geben
könne, es gebe manchmal mit jungen Mädchen etwas ungsinnet. Darauf trat Änneli
nicht ein, sondern fragte Christen, ob es nicht anständig wäre, der jungen
Burscht, welche sich des Reslis angenommen, ein Trinkgeld zukommen zu lassen?
Christen sagte, er hätte schon daran gesinnet und es sei gut, dass es daran
mahne, zog die grosse Blatere aus dem Busen, nahm ein Hämpfeli Brabänter und gab
sie dem Wirt mit dem Auftrage, er solle, wenn es ihm sich schicke, der
Mannschaft einen Trunk geben, was es erleiden möge, und ihr danken in seinem
Namen. Der Wirt tat gar erschrocken und sagte, selb wär doch nicht nötig, das
hätt afe kei Gattig, unter Hunderten täte das nicht einer, sie hätten das nicht
deswegen getan, und kein Einziger sinnete an so etwas, und allweg gebe er viel
zu viel, ds Halbe wäre mehr als genug. Indessen nahm er es doch, und da es die
Bäurin wunder nahm, wieviel es sei, und sie wahrscheinlich meinte, es könnte gut
sein, wenn noch jemand anders es wüsste, wieviel der Wirt erhalten, so wartete
sie es ab, bis der Besuch auf dem Wägeli zweggsädelt war, vielfach Abschied
genommen und der Draguner in kurzem Galopp zum Dorfe aus setzte.
    Wie es so geht, wenn Leute fortgehen oder fortreiten, die Bleibenden stehen
zusammen und senden den Enteilenden nicht Kugeln, aber Worte nach, liebe und
treue, böse und falsche, je nachdem die Büchse ist, aus der die Worte geschossen
werden, denn auf die kommt alles an und nicht auf die Enteilenden. Es gibt
solche Büchsen, die unserm Herrgott Spott und Schande nachsenden würden, wenn er
einmal leiblich erschienen wäre, ihnen den grössten Segen ins Haus gebracht hatte
und wieder davonginge.
    So standen sie auch, die Bäuerin und die Wirtin, und die Letztere lud und
schoss ganze Kanonen voll Preis und Ehre ab, wie das doch Leute seien, so
manierlich und gemein mit allen Leuten, von Hochmut nicht einen Flöhdrecks gross
an ihnen und doch so adelich, man wisse nicht wie. Was aber die für Geld haben
müssten, für eine einzige Nacht hätte der Junge fünf Batzen Trinkgeld gegeben und
dem Stallknecht ebenso viel, und was der Mann erhalten, sei allweg zehn Kronen;
das wäre hier herum keinem Menschen in Sinn gekommen, ja es wäre die Frage, ob
einer darnach sie nicht angegriffen als die, welche ihn geschlagen. Sie hätte
ihn gefragt, ob er die kenne, welche ihm den Streich gegeben, und ob er nicht
hinter sie wolle. Da hätte er gesagt, was dahinten sei, sei gemäht, und wegen
eines Streiches willen fange er keinen Streit an; er hätte Gott zu danken, dass
er davongekommen, und ein schlechter Dank wärs, wenn er seine Erhaltung mit
einem Prozess, wo all ehrlich Leute scheuen und Gott hasse, vergelten wollte. Das
hätte ihr bsunderbar wohl gefallen, aber sie möchte wissen, ob zentum einer die
Gedanken hätte. Wenn sie Meitscheni hätte und eins den bekäme, es könnte sie
nicht mehr freuen, wenn es einen König erhalten könnte. So rühmte die Wirtin,
und wie sie so zwei Weiber beisammenstehen sah, trappete auch die Krämerin
herbei, blies in die Posaune und rühmte, wie die Frau eine bsunderbare
Erkenntnis von allen Dingen gehabt und doch um keine Sache gemärtet hätte. Sie
hätte nie im Brauch, eine Sache zu überschätzen, wie es Manche hätte, die sie
nennen könnte, aber wenn sie ihn hätte, sie hätte um kein Geld eine Sache teurer
schätzen mögen, als sie wert sei, sie hätte gefürchtet, vor der Frau zuschanden
zu werden, und das hätte sie um kein Lieb mögen. Man wisse nie, aber solche
Leute kämen weit umher, und wenn so eine einmal sage, dort und dort hätte sie es
gut gemacht, dSach recht gekauft und um den rechten Preis, so nütze einem das
hundertmal mehr, als wenn man einmal die Sache ds Halb z'tür hätte verkaufen
können. Das sei mit den Wirten gleich, sagte die Wirtin; es meine Mancher, er
könne einen Schnitt machen, und überteure bei einem Anlass die Leute oder gebe
dSach schlecht, und von selbem an hätte er keinen Stern mehr, und wenn er die
Sache halb umsonst gebe, so brülleten die Leute die Welt voll, sie seien
bschissen, weil sie den Glauben zu ihm nicht hätten. Der Glaube mache dSach. Und
bsunderbar junge Wirte hätten das z'schüchen, sie wüsste einen, der sich mit
einem solchen Streich sein Lebtag geschadet hätte, von wegen wenn dSach einmal
brännte, so könne man ihr mit keinem Lieb mehr eine andere Kust geben, man möge
machen, was man wolle.
    So schwer hatte die Dorngrütbäurin nie heimgetragen, auch wenn sie einen
Korb voll Birnen auf dem Kopfe getragen und einen Kratten voll in der Hand. Sie
musste immer strenger daran denken, wie ihr Anne Mareili mit dem glücklich sein
würde und wie das doch ein ganz Anderer wäre als der alte Unflat, vor dem es ihr
selbst gruset hätte in der Jugend, obgleich sie nicht halb so eigelich gewesen
sei als ihre Tochter. Freilich hatte sie dieselbe, wenn sie weinte und jammerte,
oft damit getröstet, dass der Ätti noch älter sei als ihr Freier, und wenn es ihr
der Ätti tue, so könnte es ihr der Andere auch tun, sie wüsste nicht, warum es
die Tochter besser haben sollte als die Mutter. Indessen war doch etwas in ihr,
welches ihr sagte, dass dieser Trost nicht genügend sei, daher setzte sie
gewöhnlich hinzu: Es sei sich doch dr wert, für eine Sache, welche öppe nicht
lange dauern werde, so wüst zu tun, eine, der so kurzen Atem hätte wie der
Kellerjoggi, werd öppe nit hundertjährig werde. Ja, wenn es so lange dauern
sollte, so wollte sie nicht viel sagen, sie glaube selbst, öppe dr Chumligist
werde er nicht sein, und gnug tun in der Haushaltung werde eini müssen. Die
Dritte möchte sie nicht sein, was sich zweue, das dritte sich auch, aber die
Vierte, die werde ihm nadisch wohl den Marsch machen und dann hätte es sein
Lebtag gut, könne im Sessel hocke und brauche nur zu befehlen, was man ihm
darstellen solle für z'essen und z'trinken, und wenn es siebenmal im Tag Kaffee
mache, so gehe das niemand was an.
    So hatte die Mutter oft getröstet und gescholten, aber sie war doch von den
Müttern eine, welche Gefühl haben für das persönliche Wohl und nicht bloss für
Geld und Gut und ihres Hauses Glanz. Es düechte sie, wenn Anne Mareili eine
vornehme Frau werden könnte, so wüsste sie doch nicht, warum es absolut um der
Brüder willen den Alten nehmen und bloss zum Sparhafen geraten sollte. Es hätte
sie doch auch strengs düecht, dachte sie, wenn man mit ihr so verfahren wäre,
und wenn man es recht mache, so könnte man den Buben doch zueha, dass sie es
machen könnten. Wenn der Alte immer wüst tue und nicht verschreiben wolle, was
billig sei, so möge sie ihm nicht mehr z'best rede und dem Meitschi nicht
z'böst, wenn es lieber diesen wolle; sie hätte wohl gemerkt, dass er ihm im Kopf
sei, es hätte nicht vergebens so oft brichtet, wie es da einist mit einem hätte
tanzen können, und dass es ihn gleich wieder erkannt zmitts in der Nacht und
zmitts im Wald, das sei ein Zeichen, dass es ihn gut ins Aug gno heig. Vielleicht
könne man dem Einen mit dem Andern Füss machen, probieren könne man immer. Aber
das müsse sie sagen, in das Haus würde Anne Mareili sich schicken, es hätte auch
etwas so Stadlichs, und man wisse manchmal nicht, dürfe man mit ihm rede oder
nicht, und es sei so ein eigeligs, es schütt sich ab Sache, wo üeblig und
brüchlig syge u ke sterblichi Seel sich brauche ein Gewissen darüber zu machen.
    So gings der Bäurin im Kopf herum, und als sie heimkam, machte sie ein
Staatsgesicht und teilte jedem mit, was die Staatsweisheit erlaubte. Dem Manne
sagte sie, das seien Leute, wie man sie nicht dick finde, wenn man bloss aufs
Meitschi luegti, so wüsste sie nicht, wo es eines besser machen könnte allem
Ansehen nach. Besser luegen müsste man freilich allweg noch, aber sie glaubte, es
wäre nicht einmal nötig. Wenn der Andere sich nicht bald nachelöy, so hülf sie
anbinden. Geradeheraus hätten sie freilich nichts gesagt, die Wirtin, die
Täsche, werde ihnen wohl gerunet haben, dass etwas anders obhanden sei; aber dass
die Jungen einander gefielen, hätte sie wohl gemerkt, und wenn man mit ihnen
etwas wollte, so hätte man die beste Gelegenheit, man brauchte nur einmal zu
ihnen zDorf, sie hätten sie gar grusam heisse cho.
    Ihrer Tochter aber, die um sie her ging wie eine Katze um den heissen Brei,
sagte sie, das seien wunderliche Leute gewesen, zu denen schickten sie sich
nicht, Leute, von denen man nicht wisse, seien sie vornehm oder gemein; zu
rühmen hätten sie nicht viel gehabt, aber mit dem Geld seien sie umgegangen, als
ob sie einen Geldscheisser daheim hätten; sie hätten sie wohl daran gemahnt, wie
man sage, dass die Täufer seien, deren so viele sein sollen im Emmental. Es
werden zuletzt wohl deren sein.
    »Aber Mutter, die Täufer tanzen nicht, wie ich immer gehört habe«,
antwortete Anne Mareili. »Ach was, du hast immer nur dein schiessiges Tanzen im
Kopf, als wenn ds Tanzen die Hauptsache wäre in der Welt. Zähle darauf, es kömmt
dir nicht gut, wenn du nur solche Flausen im Kopfe hast; kannst du dein Lebtag
nicht auch zu guten Gedanken kommen: was der Flachs gelten werde dieses Jahr, in
welchem Zeichen man Bohnen setzen müsse und wie machen, dass es einem mit dem
Heiraten gerate, wie es Vater und Mutter gerne sähen?«
    Die Weggehenden, welche den Ort verändern, kommen aus dem Fluss der Rede; es
geht eine Weile, bis sie an die Strasse sich gewöhnen, die Worte wieder flüssig
werden, und manchmal geschieht es gar nicht, bald sind die Beine zu müde dazu,
bald ist das Ross zu wild, oder die Gedanken über das, was man gesehen und
erfahren, sind zu schwer und wollen erst verwerchet sein, ehe sie zu Worten
werden können, wie es auch oft aus den schwärzesten Wolken weder regnen noch
hageln kann, wie gerne es auch möchte.
    So redeten sie auf dem Wägeli nicht viel und am allerwenigsten von der
Hauptsache. Die Mutter kümmerte sich um Reslis Kopf, dieser hatte mit dem
Draguner zu tun, der jedoch unter seiner Leitung besser gehorchte als unter der
des Vaters, welcher sehr schläfrig war und mit seiner Pfeife sich abgeben musste,
wenn er nicht einschlafen wollte, was er jedoch nicht verwehren konnte.
    Daheim aber warten ängstlich und neugierig die Zurückgebliebenen, langsam
verläuft ihnen die Zeit, und immer zu früh gucken ihre Augen aus nach den
Heimkehrenden, und gar manchmal wird verhandelt, warum sie noch nicht da seien
und wie sie kämen und was sie brächten an Kram und Neuigkeiten, und kommen sie
endlich, so ist Geschrei ums ganze Haus, aus allen Löchern schiesst es hervor,
jedes bietet seinen Willkomm, sogar die Tiere stimmen ein, es blökt das Schaf,
es wiehern die Pferde, der Hund wedelet um Ross und Menschen, und auf der Bsetzi
steht mit aufgehobenem Schwanze die zurückhaltendere Katze und harrt, um ihre
sittsamen Liebkosungen merkbar anzubringen, eines günstigen Augenblickes.
Vorlaute Fragen werden nicht vernommen, aber ungeduldig harrt man des
Augenblickes, wo die Geschäfte abgetan, Hunger und Durst gestillt, überflüssige
Ohren sich entfernt, um zu fragen und auszupacken, was an Fragen und Antworten
in den Herzen aufgespeichert liegt.
    Obgleich Resli sehr müde war und der Kopf ihm schwer, so wartete er doch die
Auspacketen ab, denn auch ihn nahm wunder, ob Vater und Mutter nichts zu sagen
hätten.
    Annelisi war sehr unzufrieden, dass der ganze Bericht eigentlich auf nichts
hinauslief, als dass sie die Dorngrütbäurin gesehen, und auch dieser Bericht fiel
sparsam aus, denn Vater und Mutter waren vorsichtig in ihren Äusserungen über
sie, und dass mit ihr gar nichts über die Sache geredet worden, das konnte es
ihnen nicht verzeihen. Es sei ume lätz, dass es nicht dabei gewesen, dSach wäre
anders gegangen und ab Ort gekommen, meinte es. Endlich vernahm es, dass das Ding
sich nicht so machen liesse, indem etwas anderes im Spiel sei, und wo viel Dornen
seien, müsse man erst zusehen, ehe man Hand anlege, wenn man nicht die Hand voll
Dornen wolle. Da meinte Annelisi, das müssten aber doch wüste Leute sein, einem
Meitschi so etwas (Schüligs, würden die Zürcher sagen) zuzumuten. Es wolle
aufrichtig sagen, keinen Augenblick könnte es Vater und Mutter mehr lieb haben,
wenn sie ihm so etwas zumuten würden, so ein Einmetzgen bei lebendigem Leibe; es
düechs, ein rechtes Meitschi sollte fortlaufen, so weit es seine Beine tragen
täten, einmal es würde es so machen.
    Da seufzte Änneli, und Christen tubakete stark. Resli aber bekam die Augen
voll Wasser. Er sehe wohl, sagte er, dass sie etwas auf dem Herzen hätten, und er
merke wohl was. Die Leute gefielen ihnen nicht, und wenn sie schon wegen Namen
und Reichtum sich wohl schicketen, so hätten sie Kummer, inwendig sei es nicht
gut. Er sehe das wohl ein, aber auf der Welt sei leider Gottes nie alles
beisammen; bald fehle es auswendig, bald inwendig, bald am Meitschi und bald an
den Eltern. Auch ihm gefielen sie nicht, und wenn das Meitschi ihm nicht so lieb
wäre, und bsunderbar seit er es vor seinem Bette gesehen, als er die Augen
aufgeschlagen und er gemeint, er sehe einen Geist, könne er nicht von ihm
lassen. Es sei aber auch ganz anders als die Alten und hätte einen andern Sinn,
nicht nur er meine es, alle Leute sagten es. Es sei ja auch ganz anders
anzusehen, täte anders, und man sehe wohl, wie oft es sich für die Andern
schämen müsse. Zudem käme es weit von ihnen weg, des Jahrs werde man sich nicht
manchmal sehen, und sie sollten nur sehen, wie wohl es sein werde, wenn es bei
rechten Leuten sei und ungehindert tun könne, wie es ihm sei. Dann erst werde so
recht fürecho, was ihm Guets im Herze syg.
    »Man kann nicht wissen«, sagte Christen, »Blut ist Blut und Art ist Art,
aber ich will deswegen nicht wehren; du bist alt genug, um selber z'luege, du
musst sie haben.« »Vater«, sagte Resli, »glaubt mir, die Sache macht mir auch
schwer, ich weiss, es ist für mein Lebtag, ja vielleicht noch für die Ewigkeit,
und es ist mir manchmal, es wäre mir viel nützer, ledig zu bleiben, da wüsste ich
doch, was ich hätte und woran ich wäre. Aber so will es ja Gott nicht, und darum
müssen Vater und Mutter es so wünschen und den Kindern ans Herz es legen. Glaubt
mir nur, blindlings will ich nicht hineintrappen, nicht meinen, es müsse
erzwängt sein, weil ich einmal daran gesetzt. Die Sach wird ja nicht eis Gurts
gehen, und da wärs seltsam, wenn nicht an Tag käme, was innefert ist. Und wenn
ich im Geringsten merke, dass es da nicht gut ist und ds Böse eingeurbet, so
zählet darauf, es wird aus der Sache nichts, und sollte es mir das Herz
zerreissen afangs. Nachher besserete es schon, ich weiss es; aber wo lange
verstocktes Böses ist, da bessert es nie, da böset es alle Tag.« »Aber«, sagte
Annelisi, »wie willst du mit dem Meitschi zusammenkommen, da ihr ja kein Wort
mit der Mutter geredet, was dumm genug ist; und wenn sie am Sonntag schon
verkünden liessen? Oder hast du öppis Abgredts?«
    Resli kam in Verlegenheit und sagte endlich: »Häb nit Kummer, etwas muss
gehen, aber lieber behalte ich die Sache für mich, bis sie zueche an gewerchet
ist, dass man weiss, wo sie hinaus will.« »Das sollte ich zürnen«, sagte Annelisi,
»sonst ists der Brauch, dass die Schwester so um eine Sache weiss, und schon gar
manche Schwester hat dem Bruder gute Dienste geleistet, ist Lockvogel gewesen
oder Deckmantel, und ohne Schwester wäre er nie zur Frau gekommen. Und warum ich
das nicht so gut verstünde als eine Andere, das wüsste ich nicht, bin ich doch
nicht von den Dümmsten eine. Aber wenn dus willst ghebt ha, so probiere alleine,
und wenn du mich doch nötig haben solltest, so sags, ich will dir deswegen nicht
ab sein, wenn du jetzt mich schon nichts schätzest.«
    Resli schlief selbe Nacht nicht viel; so recht schwer lag es ihm auf dem
Herzen, dass er selbst den Kopf nicht mehr fühlte. Ihm selbst gefiel das ganze
Dorngrütwesen nicht, die Leute nicht, ihre Leb- und Redeweise nicht, ihr Bauern
nicht; es ging ihm fast mit ihnen, wie es einem wohlerzogenen, sittsamen Mädchen
geht, wenn es unter ausgelassene, rohe Dirnen gerät; er fühlte Ärger, Ekel und
konnte sich fast nicht entalten, zu sagen: »Ich danke dir Gott, dass ich nicht
bin wie diese da.« Mit einer Frau von dem Schlage, wie sie im Dorngrüt der
Brauch war, musste er unglücklich sein, das fühlte er, und sie passte so wenig in
ihr Haus als eine Mistgülle vor das Haus, und Vater und Mutter würden weder bei
einer solchen Schwiegertochter noch bei einer Gülle vor dem Hause es aushalten
können, das wusste er.
    Wo ein Haus seit einer Reihe von Geschlechtern ein bestimmtes Gepräge hat
und die Familie eine wohl hergebrachte Lebensweise, da ist das Heiraten ganz was
anderes, wenns nämlich glücklich sein soll, als wenn Zwei auf der Strasse sich
finden und im ersten, wohlfeilsten Stübchen sich ansetzen. Und in einem
adelichen Bauernhaus ist dies noch viel schwerer als in einem adelichen
Herrenhaus; im Herrenhaus ist der Haushalt zumeist in den Händen einer
angestammten Dienerschaft, im Bauernhaus ist es die Bäurin, welche ihn führt und
die Regel macht.
    Nun schien Anne Mareili dem Äussern nach vollkommen zu ihnen zu passen;
gemessen, freundlich, stattlich, säuberlich erschien es ihm, flink zur Arbeit
und im Befehlen nicht ungeübt. Vater und Mutter hatte es nicht widerredet, Hund
und Katze liebten es, Hühner und Tauben liefen ihm draussen nach. Das alles waren
ihm gute Zeichen, aber doch nur äussere, und was inwendig in ihm war, hatte in
der kurzen Zeit, in welcher er es sah, nicht zum Vorschein kommen können. Und er
wusste es wohl, dass ein Mädchen Sinn für ein anständiges Äussere haben kann, vor
seiner ganzen Familie sich auszeichnet, aber inwendig, wo man mit keiner Brille,
keinem Feldspiegel hinsieht, da lässt es es ruhig beim Alten und gleicht den
Übrigen auf ein Haar; das kömmt dann aber erst zum Vorschein nach der Heirat,
wenn man hat, was man will, und sich nun nach innerm Behagen kann gehen lassen.
    Resli hatte schon manchmal es gesehen, wie aus einer jungen schönen Frau ein
Ding, fast ein Ungetüm sich herauspuppte, welches man gar nicht im feinen und
lieblichen Meitschi gesucht hätte. Wenns ihm auch so gehen sollte, wenn seine
Eltern ihre grauen Haare mit Jammer in die Grube tragen müssten, und er müsste dem
zusehen - es trieb ihm aufs neue das Wasser in die Augen. Wie das auch möglich
sei, dachte tief Resli nach, aber er ergründete es nicht; aber genau zu forschen
mit Furcht und Zittern, das beschloss er. Dass Resli dies Geheimnis nicht
ergründet, soll niemand verwundern, ergründet es doch Mancher nicht, der
Professor ist oder Ratsherr sogar oder gar ein halber Moses mit glänzendem
Gesichte, mit dem Unterschiede nur, dass dessen Glanz nur rückwärts und innerlich
wirkt, daher ein Schleier nicht nötig ist.
    Hat aber niemand je ein herrlich Kleid gesehen, funkelnagelneu, glitzernd
und aller Menschen Wohlgefallen, hat er das Kleid später nicht gesehen,
abgeschossen, ohne Glanz, mit übertünchten Flecken, einem Kammermeitli am Leibe,
hat er es nicht bald darauf gesehen im matten Schimmer, aber voll Staub, bei
einem Grämpler, dann alle Tage schmieriger am Leibe einer welschen Köchin, und
endlich als Hudel irgendwo, den niemand in die Hand nehmen mochte?
    Hat niemand ein zierlich Reitross tänzerlen sehen unter einem mageren
Kavalier oder ein herrlich Tier hochauf sich bäumen sehen an einem köstlichen
Tilbury, später das gleiche Tier mühsam traben an einem Lohnfuhrwerk, dann es
Zügelten ziehen und Mistkarren, endlich aber in den Händen eines Kachelers, mit
berganstehendem Haar, einem von Mäusen zerfressenen Schwanz und gen Himmel
schreienden Rippen.
    Ja, hat noch niemand eine Mädchenhaut gesehen, glatt und weich wie Sammet,
glänzend der Seide gleich, fest und drall wie ein Trommelfell, und die Haut
spannte sich allmählig ab wie das Trommelfell, wenn viel darauf gepaukt wird,
verlor die Weiche wie Sammet, der viel getragen wird, wie Seide an Wind und
Wetter? Sie ward anfänglich zur währschaften Weiberhaut mit etwelchen Klecksen
und Spälten, dann welk wie eine Zwetschge nach etwelchen Reifen und endlich
gleich einem alten Judenkrös, wo man den Spiegel braucht, um die gelben Falten
und Fältchen zu zählen.
    So geht es mit allen irdischen Dingen, der Glanz verschwimmt, Flecken gibts,
die Hässlichkeit kömmt, und bald darauf tritt Verwesung ein, und manchmal schon
bei lebendigem Leibe. Ja, wenn nun auch das Herz irdisch ist, nur irdischer
Stoff es schwellt zu Glanz und Schönheit, zu Prunk und Lieblichkeit, was sollte
anders sein Los sein, als das Los alles Irdischen ist, zu verblühen, zu
verwelken! Flecken und Schmerz, steigende Hässlichkeit, zahllose Falten,
Jämmerlichkeit bis in alle Ewigkeit! Man balsamiert wohl ein, aber damit wehrt
man der Hässlichkeit, wehrt man den Falten nicht; man setzt Herzen in Weingeist,
aber damit werden sie um nichts appetitlicher.
    Aber einen Balsam gibt's, ein Geist hat ihn getränket, und wo ein Tropfen
dieses Balsams auf ein Herz gefallen ist, da sprüht er Leben aus und das Leben
ätzt Schmutz und Flecken aus; in immer reinerem Glanze strahlet es, es blüht die
Schönheit auf, die in ewiger Jugend strahlet, von der man viel gefaselt, zu der
man lange das Elixier gesucht, das doch längst schon gegeben war vom Himmel
herab, aber die Menschen erkannten es nicht, es suchten es immer noch die Toren,
wie noch immer die Juden des Messias warten. Wo aus kleinem Senfkorne das Leben
erblühet, dessen Funke Christus auf die Erde gebracht, da bleibt dem Herzen die
Hässlichkeit ferne, es glätten sich die Falten, es tritt nicht die grässliche
Täuschung ein, die den schlägt, der mit einer Schlange am Herzen aus der Liebe
Traum erwacht. Es strahlet immer klarer das wunderbare Ebenbild auf, dessen
Urbild auf des Himmels Trone sitzet. Wer ein solches Ebenbild gebunden, der hat
einen ewigen Fund getan wenn er auch nur eine sterbliche Hand gefasst; denn wenn
auch die Hand welkt, modert, das neugeborne Herz blüht als ewig jung, ewig schön
in immer göttlicherer Klarheit fort.
    Wie schwer ists aber, durch glatte, seidensammete Haut hindurch zu sehen auf
des Herzens Grund, zu entdecken dort tief unten, ob die Flamme des ewigen Lebens
glühe, ob die Lüfte der Verwesung wehen, ob Moder oder süsses Leben unser Teil
sein werde. Zu solchem Schauen hilft Wissenschaft nicht, taugen Brillen nicht,
das Alter schützt vor Torheit nicht, kindliche Augen sehen am klarsten, das
Beste aber tut Gott und denen besonders, die kindliche Augen haben, ungeblendet
noch vom Glanz oder Staub der Welt.
    Wenn Liebende unbemerkt sich finden wollen, so müssen sie entweder die
grösste Einsamkeit wählen oder das grösste Menschengewühl; die Gegensätze berühren
sich. Der Instinkt der Jugend fühlt das so sicher heraus, was die Erfahrung des
Alters bestätige. Will ein Mädchen so recht sicher und unbemerkt einen Werber zu
Gesichte fassen oder ein Werber unbehorcht einem Mädchen das Glück
auseinandersetzen, welches er ihm zugedacht, so wird ebenso lieb als das dunkle
Obergaden ein heller, lichter Markttag gewählt, und in irgend einem Winkel oder
Stübchen unterhandelt das Pärchen ungestört und unbeachtet einen lieben langen
halben Tag lang, denn wenn Geigen gehn und lauter gut Schick vom Himmel fallen,
am Morgen auf dem Kühmärit, am Abend auf dem Meitschimärit, da hat jeder mit
sich selbst zu tun, rennt dem eigenen Glücke nach, hat nicht Zeit, einem Andern
nachzulauern oder horchend an einer Wand zu stehen. Man denkt sich gar nicht,
wenn man mitten im Gewühle des Ross- oder Garnmärit ist, wie manches Pärchen
einsam zusammensjetzt, denn die Narren sind selten, gewöhnlich halbsturme Witwer,
welche förmlich Stuben empfangen, wie allfällig fremde Rosshändler tun, um sich
Witwen und Mädchen vorführen zu lassen, zur Auswahl und zum Heiraten. Wenn man
die Scharen Mädchen mit ihren Gesichtern voll Hoffnung zMärit ziehen sieht, so
denke man sich nur, dass die meisten was im Schilde führen, dass man in Burgdorf
oder Langnau oder Signau oder Höchstetten was zum Gschauen zu finden hofft und
an wichtige Verhandlungen denkt. Aber o je, was für ganz andere Gesichter sieht
man so oft schon durch den Nachmittag nach Hause kehren; die Nase um einen
halben Schuh gewachsen und die untere Lippe hangend bis auf den Boden, dass sie
alle Augenblicke Gefahr laufen, darauf zu trappen, oder dass man sie für Lätschen
an den Schuhen ansieht.
    Als Resli sein vergessenes Nastuch holte, hatte er rasch ein Bestelltes
gemacht, aber nicht das Gewühl hatte er auserlesen, sondern die Einsamkeit,
teils weil er sowohl mit den Marktgelegenheiten als mit der Familie Läuf und
Gängen zu wenig bekannt war. Denn Anne Mareili auf einen Markt zu bestellen, den
die halbe oder ganze Familie besuchte, wäre gefährlich gewesen, und auf einen
Markt, welchen gewöhnlich niemand besuchte, wäre verdächtig gewesen, und
wahrscheinlich hätte man aufpassen oder Anne Mareili nicht gehen lassen.
    Aber an einem Orte, von Natur einsam, lag ein Bad, das wegem Wasser
bsunderbar berühmt war, wegen den Wirtsleuten aber destweniger, denn entweder
hatten sie nichts, das Fleisch gestern aufgegessen und das Brot am Morgen, oder
aber wenn sie etwas hatten, so liessen sie sich bezahlen, dass einem das Liegen
weh tat. Sie wollten halt so und so viel aus dem Bade ziehen, und jeder Gast
sollte seinen Anteil daran bezahlen. Nun meinten sie, wenn nur hundert Gäste
kämen, so hätten sie das Recht, aus diesen hundert Gästen den gleichen Profit zu
ziehen, als sie gezogen hätten, wenn tausend Gäste gekommen wären. Das Publikum
versteht bei solchen Rechnungen aber nicht Spass, und da ihm meist an
    der Wirtschaft mehr gelegen ist als am Bade, so ward der Ort nicht nur von
Natur einsam, sondern auch von Menschen leer, und wer was Ruhiges wollte, der
fand es dort Sonntag und Werktag.
    Tag und Namen dieses Ortes hatte Resli dem Meitschi ins Ohr geflüstert, und
es hatte genickt dazu; das wars, was ihn so getrost machte und warum er nicht
begehrte, dass einstweilen jemand anders hinein sich mische.
    Dort sass nun Resli schon lange am bestimmten Tage, und kein Anne Mareili kam
dem waldigen Abhange nach oder über den gebrechlichen Steg von der Ebene her.
Düstere Wolken jagten sich am Himmel, ein saurer Wind strich durch die Lüfte,
Badewetter war es nicht, und düster und sauer sah es aus in Reslis Gemüte, und
Liebesfreuden sonneten es nicht. Angst und Bangen war darin, und wie es dann
geht, wenn man warten muss und immer banger wird ob dem Warten: hunderterlei
Dinge kommen einem in Sinn, warum man warten müsse, und ein Ding ist immer ärger
als das andere Ding, und eines macht einen immer böser als das andere, und wenn
man endlich recht böse ist, so schlägt der Zorn in Angst über, und tausenderlei
fällt einem ein und steigert von Minute zu Minute des Wartens Pein. Oh, Warten
ist hart, so recht Warten ist fürchterlich, ist eine Folterbank, die kein Gesetz
abschaffen kann, über die keine Zeit hinauswächst. Aber wir sollen eben nie
vergessen, was das Warten ist an der Himmelstüre, wenn kein Pförtner kommen kein
Schlüssel im Schloss sich drehen, kein Willkommen uns entgegenschallen will,
kein Liebesblick durch das Schlüsselloch dringt, kein Säuseln uns Gnade
verheisst, wenn es immer düsterer um uns wird, immer kälter, schauerliche
Finsternis wie eine Wolke uns umfängt, die Wolke allmählig zur Nacht wird und
die Nacht zur Hölle erglüht, und keine Stimme will ertönen, keine will Erbarmen
rufen, wie wir auch warten unter Heulen und Zähneklappern in des Wartens
entsetzlichstem Entsetzen. Aber wenn man so in banger Spannung auf etwas
Geliebtes auf Erden wartet, denkt man an jenes entsetzliche Warten nicht,
sondern man sitzt auf glühendem Stuhle und wiegt die Wenn und Aber ab, die Ob
und Noch, die Was und Wie.
    Hat es mich nicht verstanden? Kömmt es noch? Wars schon da ? Hat es sich
verirrt? Haben sie es nicht gehen lassen? Hat es nicht kommen wollen? So
werweisete Resli in sich in einer glühenden Pein, denn wochenlang hatte er es
sich ausgedacht, wie, wenn er gegen das Bad komme, er Anne Mareili von der
andern Seite her kommen sehe, und wie sie akkurat bei dem Bade zusammentreffen
würden. Jetzt war er schon stundenlang da, man hatte ihn gefragt, ob er baden,
ob er essen wolle; er solle es nur zu rechter Zeit sagen, von wegen an einem
solchen Orte könne man nicht hexen, wie etwa die Leute meinen möchten, dass wenn
sie daran dächten, die Sache schon zweg sei. Resli hatte ausweichenden Bescheid
gegeben, endlich Essen bestellt; die Stubenmagd brachte Teller und sagte, ds
Angere werde sie bringen, sobald der Bub mit dem Brot komme; der schiessig Bub
mache immer so lange, er werde wahrscheinlich auch öpperem warten. So leitete
sie ein Gespräch ein, von dem man nicht recht wusste, sollte es eine Einleitung
sein zu einer Schimpfeten über ihre Meistersfrau und des Hauses Unordnung oder
aber zu einem Privatvergnügen mit dem hübschen Burschen.
    Da ging langsam die Türe auf. »Gott grüss euch miteinander«, sagte eine
Stimme, und ein Mädchen stand in der Stube, dessen Backen rot anliefen, während
die Stubenmagd aufstund vom Vorstuhle und antwortete: »Gott grüss dich wohl.
Womit kann ich aufwarten?« Resli war auch rot geworden, ob aus Überraschung oder
weil er es ungern hatte, dass die Stubenmagd so nahe bei ihm gesessen, wissen wir
nicht; rasch stund er aber auf und sprach: »Gottwilche, Base! Bist du auch da?
Was bringt dich Guts dahin?« Anne Mareili merkte Resli und sagte: »Bis mir auch
Gottwilche! Ich bin auf dem Wege gewesen zu euch, und jetzt kann ich dir die
Sache verrichten; es ist mir noch anständig, so kann ich zu rechter Zeit wieder
heim sein Es ist bei solchem Wetter nicht lustig auf der Strasse sein, aber dSach
hat pressiert.« Resli sagte: »Komm hock und tue Bescheid«; er hätts bald nicht
gekannt. Das war wirklich auch fast kein Wunder, denn Anne Mareili war nicht
geputzt, sondern mehr verkleidet, hatte ein dünn, kurz Kitteli, einen
halbleinernen Tschopen, ein halbreistenes Hemde an, eine Rosshaarkappe auf dem
Kopf, war mehr angezogen wie eine mittelmässige Jumpfere und nicht wie eine
reiche Bauerntochter, und doch war es auch so recht hübsch und stattlich, dass
man da auch wieder sah, dass nicht immer die Kleider es sind, welche die Leute
machen. Die Stubenjumpfere sagte, sie werden dSach wohl zusammen wollen, und
wenn sie es begehrten, so wolle sie dieselbe ihnen in ein oberes Stübli tragen,
es seien weniger Fliegen dort, und wenn man mit einander zu reden habe, so sei
man bas alleine. Nit dass sie jemand hier stören würde, so an einem Orte sei sie
nie gewesen, wo weniger Leute kämen, längs Stuck niemand als der Mühlekarrer und
der Kämifeger, nicht einmal Bettler. Von wegen je böser eine Stubenmagd über die
Frau Wirtin ist, desto zärtlicher wird sie in der Regel gegen die Gäste, und
warum sollte sie nicht? Zieht es doch zum Herzen das Herz, und wenn die Frau
Wirtin das Herz der Stubenmagd nicht will, warum sollte diese dasselbe nicht den
Gästen austeilen dürfen?
    Das Stübchen war klein, das Lischenruhbett eingesessen, der Tisch wackelte;
es hatte nicht die fernste Ähnlichkeit mit irgend einem Prunkgemach, sei es
einem Salon oder der berühmten blauen Stube; aber doch kam es Resli und Anne
Mareili wunderbar vor, und als sie neben einander auf dem Ruhbett sassen, fanden
sie anfänglich keine Worte. Alles, was sie einander zu sagen hatten in der
kurzen ihnen zugemessenen Frist, hatte sich aufgestaucht vor dem engen Durchpass;
eins klemmte das andere ein, bis endlich Resli die Masse zu lösen begann mit der
Bemerkung: »Ich habe geglaubt, du wollest nicht kommen, ich müsse unverrichteter
Sache wieder heim.«
    »Es ist ein Wunder, dass ich da bin«, sagte Anne Mareili; »ich habe lange
nicht gewusst wie machen, und als ich einmal es gewusst, da hat es etwas gegolten,
bis ich los geworden.«
    »Hast du dann nicht im Sinne gehabt, zu kommen? Hast du Mut gehabt, mich zu
sprengen und umsonst warten zu lassen?« sagte Resli. »Zürn nicht«, sagte Anne
Mareili, »aber wenn das nicht so gegangen wäre wie der Blitz, so hätte ich es
dir gleich damals abgesagt.« »Begehrst du dann nichts von mir, oder mich nur zum
Narren zu halten? Hab ich mich dann geirrt, wenn es mich düechte, es sei dir
fast wie mir und ich sei dir auch öppe e weneli wert?«
    Da tat Anne Mareili einen Blick auf Resli; das Wasser schoss ihm in die
Augen, dann sagte es langsam: »Du weisst darum nicht, wie ich es habe. Mein
Brauch ists nicht, öppe im Lande herumzufahren, bald hierhin, bald dortin; das
ist das erstemal, dass ich einem an ein Ort hingekommen bin. Und wenn ich schon
wollte, man liesse mich nicht. Wir haben immer zu werchen mehr als genug, und
dann ists Üse auch, dass es nach ihrem Kopf gehe und nichts dazwischenkomme. Und
da ists mir lang gewesen, was es doch nütze, zu kommen. Nichts, als mir das Herz
noch schwerer zu machen, als es schon ist, und ds Beste war, ich schlüge alles
aus dem Kopf und liess es sein, als wüsste ich nichts von dir.«
    »Das wäre schön von dir gewesen, und darauf hätte ich dir nicht viel gehabt;
dann hätts mih düecht, es sei kein Meitschi mehr einen Kreuzer wert, und was du
von deinen Alten sagst, wird doch nicht eine Sache sein, die nicht zu ändern
wäre«, sagte Resli.
    »'s wird wohl. Aber eben deswegen hets mih düecht, ich möchte dich noch
einmal sehen und dir sagen, du sollest es doch recht nicht an mir zürnen, dass
meine Eltern es dir so wüst gemacht haben und dich fortgelassen, wo du ja kaum
bei dir selbst gewesen bist und ds Ryten nicht hast erleiden mögen. Aber es ist
ihnen eben gewesen, dass es dr Kellerjoggi, den ich nehmen soll, nicht vernehme
und dass wir nicht etwa viel mit einander redeten und es ihnen dann etwa eine
Störung gebe in ihr Eingricht. Von wegen, wo der Vater durch will, da muss es
durch, kosts was es wolle und gehe es übel oder nicht. Da hets mih düecht, das
möchte ich dir noch sagen, dass du nur nicht zürnest und mit mir dich nicht
plagest, dSach trag doch nichts ab. Aber einist wäre ich doch noch gerne bei dir
gewesen, darum bin ich gekommen, vielleicht sehen wir uns dann unser Lebtag
nicht wieder.«
    »Das wär«, sagte Resli; »sövli übel wird es doch nicht stehen, haben wir
doch nicht z'ernstem probiert; so leicht setz ich von einer Sache nicht ab,
darauf kömmt es nur an, dass du willst und mich begehrest. Dann möchte ich doch
sehen, ob man dich zum Alten zwängen kann und dich mir nicht lassen muss. Aber
eben darauf kömmt es jetzt an. Was meinst?«
    »Das werde ich dir öppe nicht z'längem sagen müssen«, sagte Anne Mareili;
»wenn du mir nicht lieb wärest, so wäre ich nicht da; keinem Menschen auf der
Erde wäre ich hieher gekommen und hätte ihm z'lieb so wüst getan und gelogen.
Hätte ich gesagt, ich käme deinetwegen, so wäre keine Rede gewesen, dass sie mich
hätten kommen lassen; da habe ich zWort gehabt, ich wolle ds Guetjahr trage. Ich
habe ein Gevatterkind nicht weit da weg, und das ist letztes Neujahr nicht
gekommen, wie sie es sonst im Brauch haben. Sie meinten, nachezlaufe mangle es
sich nicht, das Jahr sei bald um, am nächsten Neujahr werde es schon kommen, da
könne man es ihm für zwei Jahre zusammen geben. Und gäb was ich gesagt habe, sie
sind dabei geblieben. Und wenns schön Wetter gewesen wäre, dass das Werchen
draussen recht gegangen wäre, so wäre keine Rede davon gewesen, dass ich hätte
kommen können. Der Vater ist gar misstreu, und wenn er dSach nicht auf der Hand
hat, so trauet er nichts. Da habe ich bei der Mutter pläret und ihr gesagt, es
sei doch schrecklich; wenn ich den haben müsste, so wüsste ich wohl wie ich es
bekäme; keinen Tag könnte ich mehr fort, und jetzt, wo ich noch daheim sei,
gönne man mir nicht einmal einen Tag für fort; so hätts doch keine Jumpfere.
Aber wenn man so wüst gegen mich sein wolle, so solle man nur sehen, gut komme
das nicht, ich wolle es ihnen vorher sagen. Das ist der Mutter zHerze gange, von
wege, wenn dr Vater nicht wäre, öppe so bös gegen uns wäre sie nicht, sie wüsste
noch, was Erbarmen ist. Sie hat mit dem Vater geredet und mir darauf gesagt:
Sage öppe nicht mehr viel und gehe, aber mache nichts Ungeschicktes, ghörst,
wenn ich etwas vernehmen müsste, es weiss kein Mensch, wie es ginge! Jetz ists mir
aber doch himmelangst, und es düecht mich, wenn ich nur schon wieder daheim
wär.«
    »Du hast dann nicht Freud bei mir?« frug Resli.
    »Oh, plag mich nicht und frag nicht so«, sagte das Meitschi, »allem an weisst
du nicht, wie es einem ist wenn man alle Augenblicke fürchten muss, es sehe einen
jemand, der einen kenne und verrate. Und wenn man immer denken muss: was machen
sie für Augen, wenn ich heimkomme, was sagen sie mir, wie wüst werden sie mit
mir tun; wenn man das vorstehnds hat und denken muss, das ist der letzte Tag, wo
ich hätte Freude haben können, und kanns nicht einmal, weil mit dem Tag auch ein
Elend näher kömmt, das ärger ist als das Grab. Du weisst nicht, wie es einem da
ist.«
    »Wohl«, sagte Resli, »das ist z'denke. Öppe ganz am besten ist es mir auch
nicht immer gewesen, und auch schon ists mir im Kopf gewesen, dass ich mich
dessen, was ausser mir gegangen, nichts geachtet und dass ich hätte plären mögen,
wenn die Sonne am schönsten geschienen. Wohl, das begreife ich. Du hättest also
nichts gegen mich und begehrtest mich zu heiraten, wenns nur an dir wäre?«
    »Rede mir nicht davon«, sagte Anne Mareili, »es macht mir das Herz nur
schwerer; ohnehin wenn ich dich ansehe, so muss ich immer an den Kellerjoggi
denken mit seinen Augen, die immer tropfen wie ein alter Weinhahne, und wenn ich
an ihn denke, so chunt mih ds Briegge a.«
    »Lybstalbe gefiel ich dir also besser als der alte Unflat?« frug Resli.
    »Gang mr«, sagte Anne Mareili, »selligs z'frage!«
    »Aber wenn dr Alt my Lyb hätt, so wärs dr recht?«
    »Wenn ich gewusst hätte«, sagte Anne Mareili, »dass du nur daran Freude
hättest, mich zu plagen, so wäre ich nicht gekommen, und hättest mir noch
zehnmal Bscheid machen lassen. Nein wäger, es ist mir nicht nur Lybstalb, dass
mir Kellerjoggi zwider ist. Ich weiss nicht, aber es düecht mich manchmal, ich
könnte mich in alles schicken, wenn er nicht so wüst gegen alle Menschen wäre
und alle Laster an sich hätte. Oh, es ist ein schreckliches Dabeisein, wenn man
immer das denken muss, es vrfluchen einen alle Leute und kein Mensch bete für
einen, und einem dabei die Hände gebunden sind, dass man auf keinen Weg öppe gut
machen kann. Davor gruset es mir am meisten, denn ich weiss wohl, das kann ich
nicht so in der Geduld annehmen, sondern ich ertaube auch, und was ich dann
anfange, weiss Gott! Und deretwege habt ihr ein gutes Lob, wie ich vernommen, und
rechtschaffen geht es bei euch zu; da könnte man Guts lerne, und ich mangelte
das so übel, ich gspürs wohl, wie nötig ich es hätte. Und deretwege, ich will es
aufrichtig sagen, habe ich mehr als Lybstalb an dich gesinnte; 's düecht mich
immer, wenn es Gott so gut mit einem meinte, als es heisst, er sollte einen nicht
so dem Teufel lassen vor die Füsse werfen, wo man doch deutlich weiss, dass es der
Hölle zu geht.«
    »He«, sagte Resli, »der liebe Gott wehrt sich nicht für dich, du musst dich
wehren. Aber wer weiss, wenn es dir mit deinen Reden recht ernst ist, so könntest
du vielleicht auch sinnen, der liebe Gott hatte uns zusammengeführt so
ungsinnet, dass du dich an mir halten und ich für dich in den Riss stehen, mich
für dich wehren könnte.«
    »Was meinst wegem Ernst?« fragte Anne Mareili, »was soll mir ernst sein?«
    »Ich meine so wegen der Seele und von wegen dem lieben Gott. Es ist nicht,
dass ich meine, es sei dir nicht ernst, aber es ist mir schon manchmal so
gegangen, dass ich habe den lieben Gott hineinstossen wollen, wo doch die Sache an
mir lag, und dass ich die Seele füregstosse ha, wo es mir doch nur um etwas
Leibliches war. Ich habe nur gemeint, wenn es dir recht um die Seligkeit wäre,
so würdest du das den Eltern vorgestellt haben, und wenn ein guter Blutstropf in
ihnen wäre, so könnten sie ja kein Wort mehr sagen. Ich will nicht sagen, dass
wir die Besten sind, und es ist manchmal strub genug gegangen bei uns, doch so
Gott will ists vrwerchet. Aber auch wo es am trübsten ausgesehen, so hätts wohl
Lärm geben können wegem Geld, aber wo eins gesagt hätte, dSach wär ihm vor der
Seligkeit und es wollte nicht schuld sein daran, so hätte kein Mensch mehr ein
Wort gesagt, nit dMuetter, nit dr Vater.«
    »So ist es darum nicht bei uns«, sagte Anne Mareili, »es ist mir leid, dass
ich es sagen muss, und jemand Anderem sagte ich es nicht. Da könnte ich lange
sagen, nur auslachen würde man mich und sagen: Du Löhl, was fragst doch dem
darnach! Wenn er macht, was er will, so mach du, was du kannst; dHauptsach ist,
dass du einen reichen Mann kriegst und dass er dir die Sache lässt verschreiben,
dem andern allem hast du nichts nachzufragen. Ach, sie meinen, mit dem Gelde
hätte man alles, an diesem klebe alle Herrlichkeit, wie an einem klebrigen
Stecken der Staub. Darum fragen sie allem nichts nach als dem Gelde alleine, und
mich geben sie dar, wie man arme Würmer an die Angel steckt, wenn man Fische
fangen will. Ich bin ihnen niemere, sie denken nicht an meinen Leib, nicht an
meine Seele, nicht an meine Lebtig, nicht an meine Ewigkeit, sondern an nichts
als an das Geld, das sie mit mir fangen wollen, und was ich sage und wie ich
bitte, sie achten sich dessen gerade so viel, als der Fischer sich achtet, wie
der Wurm zappelt, den er an die Angel steckt.«
    »Das ist bös«, sagte Resli, »aber sie werden doch auch eine Religion haben?«
    »Ich glaube es«, sagte Anne Mareili, »sie werden; unterwiesen sind sie
worden, wie üblich, aber viel davon habe ich nicht gemerkt, ich sags mit Leid.
Du glaubst nicht, wie es mir manchmal angst wird unter unserem Strohdach, wo man
den ganzen Tag flucht, selten ein Gebet verrichtet wird, wo über Tisch geredet
wird, dass einem düecht, es sollte den Wänden übel werden, und selten ein Mensch
zum Nachtmahl geht. Wenns donnert oder wenn ich nachts denken muss, wie leicht
ein Funke nebenausfallen und wir alle verbrennen könnten, ehe nur jemand das
Feuer merkte, und die Hölle so uns anginge schon bei Lebenszeit, dann wirds mir
so angst, dass ich kein Aug voll schlafen kann, dass ich im Hause herumgehen muss,
zu sehen, ob nicht irgendwo noch Feuer ist; und wenn ich nichts finde und mich
niederlege, so dünkt es mich, ich rieche Rauch, muss von neuem auf, und der
Morgen kömmt, ehe ich mir trauen darf im Bette. Und meine Furcht darf ich nicht
merken lassen, sie lachen mich sonst aus, halten mir vor, ich sehe mich nach
Kiltern um, und wenn ich sonst etwa sage, man solle doch öppe auch denken, dass
einer ob uns sei und es wäre gut, wenn man auch etwas mehr daran sinnete und
darum täte, so sagt man mir, ich solle nur zu mir sehen, und so dumms werde ich
doch nicht sein, alles zu glauben, was der Pfaff sage, und zu meinen, alles sei
wahr, was geschrieben stehe; da wäre ich ja ein Aff, und dere seien heutzutage
nicht mehr viel, sie seien rar. Da gruset es mir manchmal, dabei zu sein, du
glaubst nicht wie, und ich habe den lieben Gott schon manchmal gebeten, er solle
mir da weghelfen, und jetzt will er mir dazu helfen, aber wie! Noch an ein viel
ärger Ort.«
    »Nit, nit«, sagte Resli, »vrsündige dich nicht; der liebe Gott lässt sich
nicht so mustern und dr Marsch machen wie ein anderer Mensch, und wenn man
selbst das Rechte breicht, so ist das, was er einem schickt, immer gut, aber
eben aufs Breichen kömmt es an.«
    »Ich kann weiss Gott nicht helfen«, sagte Arme Mareili, »aber denk doch nur,
wie es einem sein muss, so in aller Himmelangst, das Elend vor sich, und ein Tag
nach dem andern kömmt näher, und hinten eine Wand und neben Wände, oben der
Himmel vermacht und nirgends eine Hand, die aufbricht, dass man fliehen, dem
Elend entrinnen kann. Denke, wenn man selig sterben möchte, und bei lebendigem
Leibe schon wird man dem Satan zugeworfen; denk, wie wäre dir, und wüsstest du
immer, was du redtest?«
    »Wenns dir so ist«, sagte Resli, »und es wird, so kummere nicht, dir muss
geholfen werden; wir sind doch ja nicht mehr Heiden, und es würde mich doch
wunder nehmen, ob es unter Christen ärger zugehen sollte als zur Zeit, wo man
dem Moloch opferte.« Lieb sei es ihm vom ersten Augenblick an gewesen, wo er es
gesehen, aber seit er seine Eltern und ihr Haus gesehen, hätte er allerdings
Kummer gehabt. Es hätte ihn düecht, seine Leute seien wohl rauh und frügen nur
nach dem Zeitlichen, und das bringe den Frieden nicht und mache das Glück nicht
aus; sie hätten es erfahren. Und nun sei es ihm schwer gewesen, es sei auch so
und hätte seiner Leute Art. Wenn man sich aber in diesen Dingen nicht verstünde,
so hätte es gefehlt, und wenn man sich dem lieben Gott nicht unterziehen könne,
wie wollte sich dann ein Mensch dem andern unterziehen? Und er wolle es
geradeheraus sagen, er hätte sich gescheut, seinen Leuten einen Menschen ins
Haus zu bringen, der das Beten nicht verstünde und kein Begehren hätte, ein
Christ zu sein und nach dem Friede z'trachte. Er wüsste, ein Söhnisweib hätte es
öppe nicht bös bei ihnen, aber dass seine Leute es um des Söhnisweibs willen bös
hätten, das hätte er neue auch nit mögen. Aber jetzt sei er guten Muts, und es
solle auch so sein, dSach werde doch öppe wohl zu machen sein.
    »Ach«, sagte Anne Mareili, »wenn ich einmal in einem solchen Hause leben
könnte, wo ich nicht alle Nächte Furcht haben muss und öppe dr Tag düre Friede,
es düechti mih, ich wäre im Himmel, wenn man dann auch schon nicht so reich wäre
dazu. Aber setz ab, das gibt es nun einmal nicht. Der Vater wills, und wenn der
einmal etwas gewollt, so hat er noch nie abgesetzt. Wehren kann ich mich noch
ein Stück und wüsttun, aber was hilfts, am Ende muss es doch sein.«
    »Hör«, sagte Resli, »willst du mir versprechen und treu sein, so nähmte es
mich doch wunder, ob nichts zu machen wäre; aber auf dich kömmt alles an, wenn
du nicht standhaft bist, so ist dSach verspielt. Willst du, so gib mir die Hand
und sage: Ja in Gottes Name!«
    Anne Mareili ward rot und blass, Tränen stürzten ihm über die Wangen, es hob
langsam die Hand, legte sie in Reslis, dann sagte es langsam: »Ja in Gottes
Name!« und in heftigem Weinen lehnte es sich an Reslis Schulter.
    Stille drückte Resli die Hand, welche in seiner lag, und stille war es
lange; es war, als beteten Beide leise, als flöge in leisem Flügelschlage ein
Engel zu den Verlobten, zu empfangen und emporzutragen, was in ihren Herzen
lebte und bebte. Resli zog seine Uhr hervor und sagte: »Nimm sie als Ehepfand.
Ich weiss, für uns ist es nicht nötig, aber es freut mich, wenn ich denken kann,
du habest etwas von mir und wenn du sie schlagen hörst, denkst du an mich, und
glaube nur, so oft es schlägt in der Uhr, so oft schlägt es mir im Herzen für
dich.«
    Anne Mareili betrachtete die stattliche, schwere silberne Uhr mit den
erhöhten Zahlen und der schweren silbernen Kette und sagte: »Ich behielte sie
gerne, sie freute mich, aber ich darf doch nicht; ich darf sie nicht aufziehen,
ich könnte sie auch nirgends bergen, dass ich nicht fürchten müsste, man könnte
mir darüber kommen, Vater oder Mutter könnten sie finden. Nimm sie wieder, und
wenn ich dich recht verstanden habe, so braucht es zwischen uns eigentlich kein
Ehepfand. Aber etwas hätte ich gerne von dir, nicht wegen der Sach, sondern weil
es von dir ist und damit ich es, wenn ich alleine bin, hervorziehen kann und
Gschauen und denken: das ist von ihm, was macht er wohl, was denkt er ächt?«
    »Was soll ich dir wohl geben?« sagte Resli; »hätte ich daran gesinnet, so
hätte ich einen Ring gebracht oder ein Ketteli, aber jetzt habe ich hell nichts
bei mir.«
    »Ring oder Kette«, sagte Anne Mareili, »dürfte ich ja auch nicht nehmen, es
wäre das Gleiche wie mit der Uhr; aber gib mir ein Geldstück, was für eins, dass
du willst, und ich will dir auch eins geben; das achtet niemand, und wenn wir
die ansehen, so können wir dabei an einander sinnen, so gut, als wenn es eine
Uhr oder weiss kein Mensch was wäre.«
    Sie zogen ihr Geld hervor, erlasen dasselbe, und Resli las einen treuen,
ehrenfesten alten Bernzwanziger mit einem wackeren Schweizermann darauf aus,
Anne Mareili aber ein neu Guldenstück. Diese Stücke verwechselten sie nicht,
erachteten sie, mit den Fünffrankenstücken könnte man sich verirren, und doch
käme niemand in Sinn, dass sie was zu bedeuten hätten, wenn man ihnen das Geld
erlesen würde.
    Resli steckte sein Guldenstück apart ins Leiblitäschli, Anne Mareili behielt
es in der Hand; aber Beiden ward erst jetzt so recht behaglich und traulich im
Stübchen und so recht offen ums Gemüt. Es war ihnen, als könnten und müssten sie
einander alles sagen, was sie auf dem Herzen hätten und was sie in Liebe und
Leid gesinnet. Anne Mareili erzählte, wie es ihm gewesen, als es mit dem Vater
fortgefahren und nicht hätte vernehmen können, woher Resli sei. Mit mehr als
hundert Bursche hätte es schon getanzt, aber mit keinem sei es ihm so gegangen;
da hätte es ihm schon während dem Tanzen immer getönt, der oder Keiner, und als
er nun verschwunden, sei es ihm gewesen, als gehe der Himmel zu. Lange hätte es
nicht mehr lachen mögen und nichts als stunen und sinnen; die Mutter hätte es
manchmal auseinandergenommen und gemeint, es sei etwas Verdächtiges, aber was
hätte es ihr sagen sollen? Nirgends hätte es ihn mehr antreffen können, und alle
Sonntag hätte es denken müssen, lässt er öppe heut verkünden? Und wenn es am
Freitag zusammengeläutet, so hätte es sich fast nicht des Weinens erwehren
mögen, es hätte immer denken müssen, läuten sie ihm wohl heute zKilche? Aber
erst als man ihns mit dem Kellerjoggi zu plagen angefangen, hätte es recht an
ihn sinnen müssen, und kein Morgen sei ihm aufgegangen, wo ihm nicht vorgekommen
sei, als hätte es ihn des Nachts im Traume gesehen.
    »Aber du«, frug Anne Mareili, »hast du gewusst, wer ich war?« Da ward Resli
rot und sagte, es solle ihm recht nicht zürnen, er wolle ihm Punktum die
Wahrheit sagen. Aber Anne Mareili ward rot, fast böse, und sagte, es möge nichts
hören von einer Liebe, die ein Jahr daure, und man wisse, wo das Meitschi sei,
und tue keinen Wank, um zu ihm zu kommen; es hätte ihn aufrichtiger geglaubt und
wisse jetzt, woran es sei. Mit grosser Mühe kam Resli zur Rede und bat, es möchte
doch nicht so aufbrennen; wenn es ihn gehört, so werde es zufrieden sein. Er
erzählte nun Punktum, wie es zu Hause gestanden, wie die Mutter ihn nicht habe
anhören wollen, wie er allen Mut verloren und bsunderbar, als er nachgefragt und
vernommen, wie reich sie seien und dass ihr Vater apart auf reiche Tochtermänner
hielte und dass diese von ihren Eltern alles alleine erbten. Aber wie wunderbar
es nun gegangen sei, dass am selben Tage, wo sie daheim so recht sich versöhnt
für immerdar und er Eltern und Geschwistern sein Herz eröffnet, wie er an einem
Meitschi hange, aber nicht Mut gehabt wegen ihrem Streit und wegen deren
Reichtum, und sie ihm zugeredet, er solle daran hin, und ihm alles Liebs und
Guts versprochen, es gestürmt und das Feuer so seltsam und ungesinnet sie
zusammengebracht hätte. Er müsse glauben, das sei nicht von ungefähr gewesen,
darum habe er auch Mut zum Glauben, es komme alles gut, denn wenn sie nicht
zusammenkämen, so wüsste er doch nicht, warum alles so gegangen wäre. Anne
Mareili hatte Mühe, sich darein zu finden, dass Resli gewusst, wer es wäre, und
doch so lange bei ihm sich nicht gekündet; wenn es ein Bub gewesen wäre, das
hätte es nicht übers Herz bringen können, sagte es. Jetzt könne es es begreifen,
und es wolle ihm verzogen haben, aber so recht lieb müsse er ihns haben, lieber
als alles in der Welt, gerade auch so, wie es ihn lieb haben wolle, sonst hätte
es den Mut nicht, so recht sich zu wehren und anezstoh. »Aber, dass ich doch
frage, wie muss die Sache gehen, und was willst du jetzt vornehmen?«
    Guter Rat war da teuer und um so mehr, da Anne Mareili meinte, es sei kein
Zögern, kein Aufschieben, weil Kellerjoggi sich jüngst nachgiebiger gezeigt und
dem Vater verheissen, wenn er nur verkünden lassen wolle, so wolle er mit dem
Verschreiben sich auch nicht eigelig machen, sondern sich öppe nachela, dass man
zufrieden sein könne. Ein langes Unterholzen war da nicht tunlich, es musste
rasch zu Werke geschritten werden, und da schien es endlich Resli am
männlichsten und am besten, wenn er geradezu selbst käme und dem Dorngrütbauer
die Tochter abforderte; dann aber müsste Anne Mareili zu ihm stehen und bekennen,
sie seien einig und es wolle keinen Andern. Anne Mareili hätte es besser
gefallen, wenn der Vater gekommen wäre, es hätte sich besser im Hintergrunde
halten können, es wäre der Sache nicht so geradezu auf den Leib gegangen
gewesen, hätte nicht geheissen: Vogel friss oder stirb. Mädchen scheuen dieses
Geradeaus, kommen lieber hintenum zur Sache oder so bei Längem, süferli, wie
eine Katze zur Maus; so geht es freilich oft leichter, aber es ist doch nicht
jedes Mannes Sache, und auch oft kömmt man vor lauter Umwegen nicht zur Sache.
    Dann kam es natürlich aus, wo es gewesen, und darauf konnte es zählen, dass
es, solange es noch daheim war, kein gut Wort mehr bekam. Wenn es sein müsse,
sagte Anne Mareili, so wolle es sich in Gottes Namen darein schicken ihm zulieb,
wenn er ihm schon ein ganzes Jahr nicht nachgefragt hätte. Aber es sehe voraus,
es gehe nicht, und dann noch einmal etwas zu versuchen, werde bös sein, es werde
so wohl der Kübel auf einmal ausgeleert werden. Jedenfalls solle er nicht böse
werden, manierlich bleiben, man möge ihm sagen was man wolle, damit man keinen
Grund hätte, ihm ein für allemal das Haus zu verbieten. Es schlottere aber
schon, wenn es daran denke, und er solle ihm doch recht nicht zürnen, wenn es
sich erst zeige, wann es müsse.
    Resli hatte immer grössere Freude an dem Mädchen, je mehr er es ansah, es war
trotz seiner geringen Kleidung so sauber und nett, redete so gesetzt, manierlich
und doch ohne Zimpferlichkeit, sondern in aller Aufrichtigkeit. Es ass und trank
ohne Ziererei, so viel es nötig hatte, aber dabei so säuberlich und appetitlich,
dass man selbst Appetit bekam darob. Es sagte nicht: »Ih mah nit Krut, ih ha
daheim o«; es streckte die Finger, namentlich die kleinen, nicht nach allen vier
Winden aus, nahm ebenso wenig das Fleisch in die ganze Hand, fuhr auch nicht so
grosse Stücke Kuchen ein, dass es das Gesicht über und über mit Brosmen
bepflasterte, es machte alles so nett ab, gnagte sogar Beine mit Manier, was
viel heisst. Resli hätte ihns den ganzen Tag mögen essen sehen, während man
Andere nur einmal hinter einen Tisch zu setzen braucht, um sie sich erleiden zu
lassen; es schien ihm immer mehr, es hätte etwas von seiner Mutter, und er
konnte doch nicht sagen was, es war nicht hier, es war nicht dort, es war in der
ganzen Art. Es ward ihm immer auffallender, wie das Meitschi in diesem Hause so
werden konnte. Wie die Spanier fast alle dunkel sind, die Engländer aber blass
und blond, in der Jugend wenigstens jeder seine Landesfarbe im Gesichte trägt,
so hat hinwiederum fast jeder Mensch seine Hausfarbe, und alle Glieder des
Hauses sind mehr oder weniger damit angelaufen. Man sieht zum Beispiel Familien,
in welchen alle Kinder und Kindeskinder, ja bis ins siebente Glied hinaus,
Schmutzgüggel bleiben, sich nie waschen, als wenn sie müssen, und nie mehr, als
was zunächst vor die Leute kömmt, welche daher ordentlich sprüchwörtlich werden.
Nun aber schien es ihm so gar nichts zu haben von seinen Leuten und der
Hausfarbe oder dem Hausgeruch (denn manchmal ists eben ein Geruch), weder
innerlich noch äusserlich, dass er fragen musste, ob es denn immer daheim gewesen.
Da vernahm er, dass es in seiner Jugend lange bei einer Grossmutter gewesen, einer
gar lieben, aber seltsamen Frau, aber es hätte sie geliebt, dass es ihns
gedünket, es möchte, als sie starb, mit ihr ins Grab. Lange hätte es daheim sich
nicht gewöhnen können und es sei ihm immer gewesen, man hätte es nicht so lieb
wie die Andern und alles sei nicht recht, was es mache. Als seine Schwestern
fortgekommen, habe es gebessert, und die Mutter hätte noch manchmal auf ihns
gehört, aber dem Vater, dem sei es nie recht gewesen, bis jetzt, wo er mit ihm
einen Handel machen könne. Er sei schon böse über ihns geworden, ehe es auf der
Welt gewesen, und dessen, dass es darauf gekommen, vermöge es sich doch nichts.
    Wie doch so ein Tag verrinnt und was das für ein Unterschied ist zwischen so
einem Tage, wo man zum ersten Male mit seinem Lieben ungestört unter vier Augen
sitzt, und zwischen einer langen Krankennacht, wo man alleine mit seinem Schmerz
auf seinem Lager liegt! Wie langsam die Zeit dahinrinnt, jede Sekunde, wie ein
langsamer Bluts, tropfe vom Körper langsam tropft, von der Uhr weg ins Meer der
abgelaufenen Sekunden, und in endlose Weiten die Stunden sich dehnen, Sandwüsten
gleich, wo kein Schatten ist, keine Ruhe, nichts als schwere Pein und unendliche
Weiten! Und wenn es endlich Mitternacht schlägt, eine Ewigkeit vergangen
scheint, aber unsere Pein nicht abnimmt, denn eine neue Ewigkeit reiht sich an
die vergangene Ewigkeit, schwarze trostlose Stunden sind es, die wiederum vor
uns liegen, ohne Schatten, ohne Ruhe, sechzigmal sechzig Sekunden müssen langsam
abtropfen, ehe eine vorüber ist, und manche muss vorübergehen, ehe ein junger
Morgen scheinet, und über was denn eigentlich, über unsere alte Pein. Aber was
die Sonne bescheinet, das wird erträglicher, milder, lieblicher, selbst der
Menschen Pein.
    Wie aber die Zeit von dannen rennt, Stunden schwinden, aus dem Morgen Abend
wird, wo in Liebe zwei Herzen offen liegen, die Liebe Liebe in den Augen liest,
die Ohren voll süsser Töne sind, und ungehemmt der Liebe Rede über die Zunge
quillt! Wohl redet die Liebe verschieden, redet in herrlichen Worten, die dem
Hauche der Geister gleichen, nicht eigentliche Worte sind, nicht Leib haben,
sondern fast klingen wie Kinderlispeln oder unaussprechliches Seufzen; aber sie
redet auch recht derbe, zieht ein rauhes Kleid an, wirft Worte aus, die
Feldsteinen gleichen oder gar Felsenstücken, wie aus dem Schosse des
feuerspeienden Berges auch allerlei kömmt, eine glühende Feuersäule, schwarzer
Rauch, schwere Steine, flüssige Lava, und doch der gleiche Schoss es ist, der sie
gebiert, die gleiche Kraft, die sie auswirft.
    So war es Resli und Anne Mareili Abend geworden, sie wussten nicht wie, und
Anne Mareili begann zu pressieren und Resli es zu verweilen, bis es endlich doch
sein musste. Scheiden und Meiden tut weh, heissts, das erfuhren sie, und besonders
dann, wenn man voraus weiss, dass das nächste Treffen ein schweres ist und dessen
Ausgang möglicherweise ein unglücklicher. Gerne hätte Resli sein Meitschi
begleitet, aber es sagte es ihm ab. Die Felder hätten Augen, die Wälder Ohren,
und wenn etwas Böses anzustellen sei, so führe der Teufel ungesinnet Leute in
den Weg, die man hundert Stund weit weg glaube. So schieden sie beim Hause,
nachdem das Stubenmeitli ihnen glückliche Reise gewünscht und manchmal geheissen
hatte wieder zu kommen, und wenn sie was zu verrichten hätten und es bhülflich
sein könne, so solle man es nur sagen. Resli wusste es, wie ein Fünfbätzler
fünfzigfältige und ein gut Wort hundertfältige Früchte tragen kann, bei einem
Stubenmeitli nämlich, bei Stallknechten ist es umgekehrt, darum kargte er mit
beiden nie, war aber auch mit keinem von beiden verschwenderisch; darum ward er
allentalben gerne gesehen und doch nirgends zum Besten gehalten.
    Anne Mareili hatte einen schweren Heimgang, denn wenn der Geliebte von ihrer
Seite weicht, so kömmt den Mädchen gewöhnlich das Zagen an, selbst in geebneten
Verhältnissen, geschweige denn, wenn Unholde drohen und Klüfte gähnen.
    Wer ist wohl, der nicht schon von der Teufelsbrücke gehört hat und von dem
finstern Loch jenseits und wie jenseits des Loches ein wunderbar friedlich
Gelände sei, wo sanft die Wasser fliessen, sonnig die Wiesen glänzen, hell der
Kühe Glocken läuten, fruchtbar die Berge zu Tale laufen, freundliche Menschen
wohnen bei gutem Käse und herrlichen Fischen? Aber wer diesseits der
Teufelsbrücke steht in wildem Felsentale, eingeklemmt zwischen nackter Fluh, die
gen Himmel strebt, zu seinen Füssen donnernd die wilde Reuss in schäumendem Zorne,
hinter ihm kommen stäubende Wetter gezogen, und Not und Sehnen treibt ihn nach
dem Tale des Friedens, auf ebner Bahn und weichem Rasen die müden Glieder zu
sonnen, aber vor ihm fehlt die Brücke, gähnt die Kluft, und höher und höher
spritzt der wilde Fluss seine gierigen Wellen, und ungestümer drängen die
Gewitter sich nach, und oben geht die Sonne vorüber, ihre Strahlen verglimmen an
der Felswand, und Nacht wird ff über dem Graus: der mag sich denken, wie es in
Anne Mareilis Seele war. Es hatte einen Blick getan in der Ehe selige Gelände,
wo des Gemütes Wogen friedlich rauschen, des Friedens Sonne scheinet, im
Schwersten des Herrn Segen ist, der Liebe Läuten jede Stunde zum Sonntag macht,
das Leben zum Sabbat des Herrn weiht; aber vor seinen Füssen gähnt der Abgrund,
und aus dem Abgrund empor streckt ein Unhold nach ihm seine Arme, über den
Abgrund fehlt die Brücke, hinter ihm drängen die Wetter. Der elterliche Wille
wäre die Brücke, dann ein Schritt, es wäre drüben über seinen Jordan, stände im
Lande Kanaan, dem gelobten, dem ersehnten. Aber dieser Wille ist keine Brücke,
hat vielmehr ins harte Wetter sich gewandelt, das ihns tückisch zum Abgrund
drängt, aus dem empor des Kellerjoggis versüderete Augen näher und näher
zwitzeren. Kann es aber nun etwas Grässlicheres geben, als wenn in tückische
Kobolde die Eltern sich wandeln, welche auf der gefährlichen Lebensfahrt
neckisch und teuflisch ihre eigenen Kinder locken und drängen in Schlünde und
Gründe, in denen die Hölle ihre Eingänge hat? Ein einzig freundlich Wort, der
Ausgang aus der Gefahr, der Eingang ins sichere Land wäre gefunden. Und wie muss
so einem Kinde sein, wenn es klar seine Lage erkannt hat, das heilige Land, den
schwarzen Abgrund, und es geht heim zu den Eltern, die mit einem Worte ihm
erschliessen könnten seine Herrlichkeit, und es weiss, sie wollen nicht, und es
weiss, es liegt in ihrem Sinne, dass es sich opfere dem Moloch, der aus dem
Abgrunde die Arme reckt! Da kann man sich wohl denken, wie es dem armen Kinde
sein muss, und wenn es weinen muss, so recht des Herzens Grundwasser aus den Augen
quellen, wer will es tadeln, wer will ihm sagen: »Schwyg ume, schwyg ume, das
macht nüt, häb o Vrstang«? Aber wie es Eltern geben kann, die mit einem Wörtlein
ihre eigenen Kinder mit Leib und Seele retten können und tun es nicht, das kömmt
Vielen unerhört und unbegreiflich vor, und doch ist dies nicht nur sehr fasslich,
sondern sogar handgreiflich, alle Tage zu sehen.
    Man hört noch hie und da vom alten, grauen Heidentume, hört mit Schaudern,
wie man Kinder geopfert, erwachsene Töchter, halbgrosse Söhne, Sklaven zu
Hunderten, ja wie von einem indischen Götterwagen noch dato alljährlich Hunderte
Gott zu Ehren zermalmt würden, und wer das hört, macht, wenn er katolisch ist,
ein Kreuz, und Reformierte fröstelet es einfach, und alle sagen: »Gottlob sind
diese Zeiten vorbei und rollt der indische Wagen nicht auf unsern Wegen!« Und
doch ist das Heidentum mitten unter uns und Menschenopfer sind gäng und gäb, und
da greuliche zermalmende Wagen des Gottes Unverstand rollt alle Tage über
Tausende, nicht über Hunderte bloss.
    Schon so oft ist es ausgesprochen worden, dass sobald der Mensch einen Götzen
habe, er demselben alles opfere, was er hat, und je klarer diese Wahrheit ist
und alle Tage zutage tritt tausendfach, um so weniger fasst sie da Mensch. Ist
einem Menschen Geld sein Götze, so opfert er ihm Leben, Ehre, Kinder. Hat einer
die Ehr- oder Familiensucht, so opfert er derselben Leben, Geld, Kinder usw.,
und klagen die Letztern, so schreit er Mordio über kindlichen Undank, wie er sie
habe glücklich machen wollen, und sie tätens nicht begreifen, wie stockklar es
auch sei. Das ist halt Götzendienst, und der will Opfer.
    Nun freilich verbergen sich diese Eltern zumeist hinter dem Vorwande, dass
Kinder nicht wüssten, was ihnen gut sei, und dass Eltern für sie den Verstand
haben müssen. Richtig ists, dass Kinder es oft haben eben wie Kinder, denen jeder
Doggel den sie hinter den Fenstern eines Ladens sehen mit schönen Backen und
langen Züpfen, zu Herzen geht, dass sie meinen ihn haben zu müssen. Da mag Wehren
gut sein, aber einen andern ebenso argen Doggel dagegen ihnen aufzwingen, das
ist unrecht, denn Götz ist eben Götz. Aber auch oft meinen es die Kinder recht,
die Eltern unrecht, ihr starrer Wille ist Sünde und Unbarmherzigkeit. Der
Unbarmherzigkeit der Eltern, der Torheit der Kinder ist aber durch kein Gesetz
zu wehren, und wäre dasselbe aus der allerneuesten Fabrike, da mittelt alleine
der christliche Sinn, der zu werten weiss ein jedes nach seinem Werte.
    Man mag sich aber denken, wie schwer das Gehen wird, wenn so schwer das Herz
einem ist, wenn jede rinnende Sekunde näher dem Abgrund uns bringt, für das
wölbende Wörtlein keine Hoffnung ist.
    Anders aber ging Resli heim, voll Mut und Freude, war doch das Mädchen sein
und nicht nur dem Worte nach, sondern Inneres und Äusseres war, wie wenn Gott es
apart für ihr Haus erschaffen, er ihm eine zweite Mutter hätte schenken wollen.
Mit dem Laufen wuchs ihm der Mut, und als er heimkam, hatte er keinen Zweifel
mehr, dass nicht alles gut gehen werde. Es werde doch wohl noch Gerechtigkeit im
Himmel und auf Erden sein, sagte er.
    Es war ziemlich spät, als er heimkam, aber noch schimmerte Licht durchs
Fenster; auf der Bsetzi traf er den Vater an mit seinem Pfeifchen, in der Stube
las die Mutter in der Bibel, hinter dem Tische nähte Annelisi an einem Göller,
und auf dem Ofen erhob sich schlaftrunken der Bruder. Gäb wie er sagte, er möge
nichts, sie sollten nicht Mühe haben, er sei nicht hungerig, war im Hui der
Tisch gedeckt, stand Essen und Trinken vor ihm, und während er ass und trank,
wurden gleichgültige Reden gewechselt: wie warm es heute gewesen, ob man am
Roggenschneiden sei, ob Obst sei an den Bäumen und wie da unten die Kirschen
gerieten. Erst als Annelisi abgeräumt, das Tischtuch weggenommen hatte, doch
nicht eher, als bis Vater und Bruder noch anerboten worden war, was übrig
geblieben, frug die Mutter: »Und jetzt, wie ists gegangen? Bricht, ists cho, und
was hets gseit?« Nun gab Resli Bericht, wie er gewartet und wie sie einander
gevettert und was das Mädchen geredet und wie es ihm immer lieber geworden sei
und wie er ein grusam Bedauern mit ihm gehabt und was sie abgeredet und wie den
ganzen Tag kein Mensch sich gezeigt, der sie verraten könnte.
    »So hats doch keinen Verdruss einstweilen«, sagte die Mutter; »es hat mir
immer Kummer gemacht, sie liessen es nicht gehen oder schicken ihm jemand nach.«
»Ja aber denk, Mutter«, sagte Resli, »wie es ihm sein muss, wenn es gegen ihr
Haus kömmt und es da erst recht verbergen muss, wessen sein Herz voll ist, ärger
als ein Schelm gestohlene Habe. Und ists doch nichts Böses, das es im Herzen
trägt, nichts, dessen es sich zu schämen braucht, sondern etwas, das Vater und
Mutter zuerst wissen sollten und das es ihnen nicht sagen darf, weil sie meinen,
ihres Messtischs Herz sei ihr Holzschopf, wo nichts drein und draus darf ohne ihr
Vorwissen, und kömmt die Liebe an, man weiss nicht wie und kann selbst nicht
wehren, wenn man schon wollte. Ich habe nicht genug denken können, wie anders
ich es habe, wenn ich heimkomme. Da werde man mir warten, habe ich gedacht,
akkurat wie ich es getroffen, der Vater auf der Bsezi, die Mutter hinter der
Bibel, und ich habe gar nicht warten mögen, bis ich heim war, um alles sagen zu
können, was ich gehört und gesehen. Es het mih mengist düecht, mi ziehy mih fry
am ene Welleseil. Oh, ihr glaubt nicht, was das für ein lustig Heimkommen ist
und wie ruhig man dann ins Bett geht, wenn man alles hat brichten können, fry ds
ganz Herz ablade.« »Ja, Kinder, so ists lustig«, sagte der Vater, »und jetzt hei
mrs und jetzt bheit mrs, sinnet dra, wies angers ist. Wir wollen es haben wie
Leute, denen das Haus hat angehen wollen aus Unachtsamkeit, die es noch haben
löschen können, die können auch nicht Sorge genug tragen zum Feuer ihr Lebtag
lang.«
    »Ja«, sagte Annelisi, »so ists, da ist es lustigers Drbysy.
    Aber warten mag ich nicht, bis ich das Meitschi sehe; das nimmt mich wunder,
was das für eins ist, welches es dir hat antun können als wie ghexet. Ich bin
doch auch nicht das Leidist, aber ich mag tun wie ich will, so zweg bracht, wie
dich dein Meitschi, habe ich Keinen. Die, welchen ich den Tätsch gebe, hängen
sich nicht, und die, welche fragen, was der Vater mir wohl Ehesteuer gebe, und
ich sage, ich traue eine trägene Aue und halbrystige Hemli bis gnue, die gehen
und sehen sich nicht mehr um, gäb wie ich ein Büschelimüli mache und Auge wie
Fürsprützerädli. Und wegen Keinem habe ich mich gehängt, gäb wie Mancher auch
schon gegangen ist, und Keinem wäre ich eine Stunde weit nachgelaufen, die
Schuhe hätten mich gereut. Da nimmt es mich doch wunder, wie das sei mit der
Liebe, ob sich die Leute das nur so einbilden oder ob der liebe Gott apartige
Herzen gemacht hätte, so brönnigi, wo selber gleich im Feuer sind und andere
anstecken könnten, wie Kuderbützeni auch gleich angehen, wenn man mit
Schwefelhölzern hineinfährt. So eine brönnige Liebe ist schön, ich muss es sagen,
sie gefiele mir auch, aber eben wissen möchte ich, was man machen müsse, damit
sie angehe, oder ob man dafür besonders beschaffen sein müsse.«
    »Du bist ein leichtsinnig Annelisi«, sagte die Mutter, »meinsts nit bös,
aber über solche Dinge spottet man nicht; auf jeden losen Spott kommt böser
Lohn, und wie es dir mit der Liebe noch geht, weisst du nicht, das ist eine
Sache, die nicht zu ergründen ist und vor der niemand sicher ist. An
Liebestränke glaube ich nicht, obgleich einer in Soloturn sein soll, der
verflümeret starchi und gueti Liebestränke gemacht, aber auch verflümeret teuer,
doch heigs ihm afe böset damit, heissts. Aber gwüssni Stunde sinds, wo sie einen
ankommt, als ob man einem einen Stein anwürfe, ich könnte auch etwas davon
erzählen, und so eine Stunde wirds auch gewesen sein, als Resli mit seinem
Meitschi zusammentraf.«
    »Mutter, was könntest du erzählen, Mutter, was?« fragte Annelisi, und die
Andern machten ebenfalls fragende Gesichter. »He, King«, sagte Änneli, »nur dass
ihrs wisst, es weiss niemere, wie lang ich noch lebe, und dass ihr ein Beispiel
daran nehmen könnt, so will ichs sagen. Wo der Vater um mich buhlet hat, habe
ich anfangs auch nur mit ihm das Gespött getrieben; ich bin ein lustig Meitschi
gewesen, gerade wie Annelisi, und es het mih düecht, ich wollte all lieber als
den, und den nehmte ich nicht um keinen Preis. Da habe ich einmal, an einem
Langnaumärit wars, etwas gesehen, und da wars, als ob man mir einen Stein ans
Herz würfe, und von Stund an ists mir anders gewesen und es het mih düecht, den
oder keinen, und gäb wie ich mich geschämt habe und es habe verbergen,
verwerchen wollen, es war alles nichts, und gäb es lang gegangen ist, haben wir
verkünden lassen.« »Mutter, was hast du gesehen?« fragten alle. »He, ich wills
fry sagen«, antwortete sie, »sellig Sachen sollen nicht verborgen bleiben, wer
weiss, zu was es dient, und wenn ich noch etwas sagen will, so darf ich nicht
warten. Es ist Märit gewesen in Langnau und tanzet habe ich mit so einem
ungschlachten Truber Bauernsohn und getan haben wir, welches ungereimter und
wilder. Da wars mir auf einmal, als rufe mich jemand, ich sah mich um, aber es
kündete sich niemand; ich tanze zu, höre wieder rufen, und mit dem ists mir, als
gehe jemand draussen am Fenster vorbei und winke mir dringelich dreimal. Ich
wusste nicht, wers war, aber die Augen sahen mich so bekannt an, als wären es
meine eigenen Augen. Ich vergass Truber und Tanz, alles um mich, und mache mich
hinaus. Draussen sehe ich niemand mehr kein Mensch, der dem glich, den ich
gesehen, aber hinten in des Hauses Ecke sehe ich unsern Ätti, der kehrt mir den
Rücken, aber ich sehe, wie er das Nastuch in der Hand hat. Anfangs glaubte ich,
er blute nur, aber er wischte sich die Augen, und fry gschüttet hets ne. Da wars
mir, als würfe man mir einen Stein ans Herz, und von Stund an mochte ich keinen
Andern mehr ansehen, und wie gesagt, gäb wie ich mich wehrte, mein Herz sagte,
der und kein Anderer, und was ich ausgestanden, bis er mir wieder nachgelaufen
und die Sache richtig gewesen ist, das weiss niemand; Tag und Nacht habe ich ihn
gesehen, wie er die Augen wischte, und bis wir geheiratet waren, gabs wohl keine
Nacht, dass ich nicht darob erwachte. Darum, Annelisi, spotte nicht, du weisst
nicht, wie es dir geht. Und denk, wie grüslig, wenn man einen ausgespottet hat,
und wie er weitergeht, fährt uns der Stein ans Herz, aber jener kehrt nicht um,
geht jetzt einer Andern nach.«
    »Und ich weiss nicht«, sagte Annelisi, »ob ich, und wenn man mir mit
zentnerigen Steinen das Herz zerbenggelt hätte, dass es ein Grus wäre, dass es
wurde wie ein lötiger Heitibrei, einem nachliefe. Bstellet hat mich schon
Mancher, aber gekommen bin ich Keinem, wenigstens express nicht.« Resli ward rot,
aber rasch sagte die Mutter: »Los, red nicht, wennd dSach nicht verstehst. Du
mahnst mich an einen, der im heissen Sommer über die lachet, die im Winter auf
den Ofen sitzen und wollene Strümpfe tragen. Und was eins nicht mag, dass dies
dann auch niemand tun soll, das ist noch lange nicht gesagt. Wie viele
Bestellungen hiehin, dortin werden nicht gemacht, und Mädchen, welche unbsinnt
gehen, sind sicher eine grössere Zahl, als solche sind, welche nicht gehen. Und
warum sollte man in ein ehrbar Wirtshaus nicht gehen dürfen, und was ist da
unanständig, Es ist Landsbrauch, und wer einen ehrbaren Sinn ins Wirtshaus
trägt, bringt sicher einen ehrbaren Leib wieder hinaus. Dann, Meitschi, was
meinst, was tätest, wenn wir dich verkuppeln wollten einem alten Sünder, wenn
wir dich verspotteten und verlachten, der Vater dir abputzte, die Mutter des
Vaters Meinig wäre und die Brüder auf dir wie der Teufel auf einer armen Seele,
und ein rechter Bursche machte dich und du ihn, und im Hause wäre keine Ecke zu
einem vertraulichen Wort, und du hättest doch das Herz voll und es hiess:
Entweder nimm dBestellig an oder ergib dich dem grauen Unflat - Meitschi, was
tätest? Jetzt hast du gut krähen, aber sinn, was ich gesagt, und jetzt, wenn du
Anne Mareili wärist, Meitschi, was tätest, Meitschi, was meinst?« »Ach Mutter,
nichts meine ich«, sagte Annelisi, »ich täte, was du mir raten würdest.« »Du
bist es Täschli«, sagte die Mutter. »Aber jetzt, Kinder, geht ins Bett und
danket Gott, dass er gemittelt hat, dass wir wieder mit einander reden können in
Liebe und Friede, und betet, dass es immer so bleiben möge.«
    »Zürn nüt«, sagte Annelisi zu Resli, »aber was witt, ich bin schalus über
das Meitschi, welches du lieber hast als mich, und das wird so bleiben, bis ich
einen finde, der mir auch lieber wird, als du mir bist. Sehen möchte ich das
Meitschi doch, es nähmte mich wunder, obs denn auch so ein Ausbund ist, dass kein
anderes ihm zu vergleichen wäre; das wäre bös für alle, wo es nicht bekämen.«
»Dank dem lieben Gott auch dafür, lieb Annelisi«, sagte die Mutter, »dass er
jedem Menschen apartige Augen gegeben hat, es wäre bös, wenn es anders wäre. So
ist mir jetzt mein Mann der liebste, brävere Kinder als meine sehe ich nicht,
und es wird sich wohl noch einer finden mit solchen Augen, welchem du als das
schönste und beste Meitschi erscheinst auf Gottes liebem Erdboden.«
    Resli wartete nicht lange, die Abrede auszuführen, aber es ging ihm doch
dabei, wie es gewöhnlich geht, wenn zwischen dem Entschluss und der Tat eine Zeit
liegt, und auch nur eine kurze. Das Fassen des Entschlusses hat Kraft verzehrt;
als der Entschluss geboren war, hatten die Geburtskräfte sich abgespannt, und
Ruhe ist eingetreten. Nun steht der Mensch da, wie von hoher Höhe herabgefallen
ins tiefe Tal, und vor ihm steht als eine neue Höhe die Tat da; da ist nicht ein
Schreiten, ein Satz von einem zum andern, sondern ein neuer Anlauf tut not, ein
neues Aufraffen, was gewöhnlich menschlicher Trägheit so schwer wird. Taten
vollbringen sich schwer und selten, wie die Weiber auch nicht alle Tage gebären,
der Himmel nicht alle Tage donnert; des Menschen Tun ist meist nichts als ein
tägliches Abhaspeln der täglichen Gewohnheiten. Eine Braut abfordern,
absonderlich unter solchen Umständen, ist eine Tat, und wenn man schon dazu den
Entschluss gefasst hat, so ist sie damit nicht vollbracht, sondern mit jedem Tage,
der zwischen der Ausführung liegt, wächst die Lust, dieselbe jemand anders in
den Sack zu schieben.
    Mehr als hundertmal ward Resli reuig, dass er nicht nach, gegeben, als Anne
Mareili meinte, er solle den Vater senden; er empfand es, wie im Übermut eine
Rute sitzt, die unbarmherzig geisselt. Ists doch eigentlich Übung, dass Väter
Brautbitter bei den Eltern der Braut sind, dass sie hingehen und sagen: »My Bueb
möcht dys Meitschi, du wirst doch öppe nüt drwider ha, es wird dr recht sy?«
Manchmal macht man es schöner, wie zum Beispiel jener Ätti, der am Läufterli
doppelte des Abends spät, bat, der Alte möchte unters Fenster kommen, und als er
erschien, anhub: »Es ist Gottes Wille, dass mein Bub und dein Meitschi
zusammenkommen sollen, und da habe ich mich darein ergeben, du wirst wohl auch
müssen. Aber fragen hätte ich dich doch mögen, was du Ehesteuer geben willst,
öppe drütusig Pfung, düecht mih, nit?« »D'Sach ist mer recht«, antwortete der
Andere, »aber mehr als hundert Kronen gebe ich allweg nit.« »Wird nit Ernst sy«,
antwortete der Erste. »Wohl ists«, sagte der Andere, »nit e Chrüzer meh chan ih
gä, selb ist no zviel.« »So wirds nicht Gottes Wille sein«, sagte der Erste,
»dass die Zwei zusammenkommen, des Herrn Ratschläge sind unerforschlich und seine
Wege wunderbar. Adie wohl und zürn nüt.« »Ds Kunträri«, antwortete der Andere
und machte satt das Läufterli zu.
    Und warum es Übung ist, dass Väter gehen, kömmt erstlich noch aus dem alten
schönen Grundsatze, dass Eltern für das Wohl ihrer Kinder sorgen sollen in
jeglicher Beziehung, und aus jener alten schönen Zeit, wo die Kinder nicht mit
der Muttermilch sich emanzipiert glaubten und auf die Eltern stark herabsahn,
sobald sie die Nase selber schneuzen konnten. Zwischen unbarmherzigem Zwang und
frommer Sorge ist ein unendlicher Unterschied, denn es ist ein Unterschied
zwischen Eltern, die Geldsack mit Geldsack kuppeln, ein Pöstlein aufs andere
Pöstlein pfropfen, einen Namen mit einem andern Namen paaren wollen, und
solchen, die es verhüten möchten, dass ihre Söhne nicht heidnische Weiber nehmen
aus dem Lande der Moabiter und Kananiter, sondern sie wählen aus den frommen
Töchtern des Landes. Nebenbei tun, sobald die Sache ihnen recht ist, die Väter
nicht ungern diesen Gang, ja manchmal streiten die Mütter um den Vorzug, ihn tun
zu dürfen. Das ist so ein Anlass, wo ohne Ruhmredigkeit Vater und Mutter Zeugnis
ablegen dürfen von ihren Kindern, von ihrem ganzen Hauswesen, und wohl dem
Vater, Heil der Mutter, die bei dieser Gelegenheit aufrichtig sagen dürfen:
»Noch kein Herzenleid hat mir mein Kind gemacht, mit uns und unsern Kindern war
Gott für und für«! dabei werden wohl, das heisst wo aus aufrichtigem Herzen die
Worte kommen, die Augen tränen, werden zu heiligen Altären werden, auf denen
freudige Dankopfer erglühen.
    Mutter und Vater wären Resli gegangen, aber er hatte es anders gewollt und
hielt sich jetzt nicht dafür, seinen Kleinmut zu bekennen und zu sagen: »Ätti,
gang du, ih darf nit.« Er nahm den zweiten Anlauf wirklich und ging. Aber das
war ein Stolpern und Studieren, bis er im Dorngrüt war!
    Wer hat nicht schon einen Studenten stolpern sehen mit seiner ersten Predigt
im Kopf, in der Tasche, in beiden Händen, allentalben, um und um, dass er selbst
zu einer lebendigen Predigt ward über eines Studenten nebelhaftes Heldentum in
der Einbildung und wie er aber nichts ist als ein kleiner Nebel in der
Wirklichkeit, der stolpern muss über Steine und Steine, bis er selbst, wenn er
ächtes Korn hat, erhärtet zum Felsen, an dem Nebel streichen, Wellen sich
brechen, die Luft sich läutert. Aber noch ganz anders stolpert ein Schulmeister,
Schullehrer will ich sagen (von wegen die Demut kömmt; Meister sich zu nennen,
schämen sich die Herren Lehrer mehr und mehr, besonders die unbärtigen), wenn er
am Pressen der ersten Kinderlehre ist, wo es gerade ist, als wenn man mit dem
Kopfe aus den Steinen eine lebendige Quelle schlagen wollte oder aus Tuner
Trauben in harten Jahren was Nasses. Und doch weiss Keiner, was Stolpern ist,
wenn er nicht einen Dito gehört hat stolpern an einer eidgenössischen Rede an
einem eidgenössischen Schiesset, dass man mit Kanonen schiessen musste, damit er
nicht Leib und Seele verstolpere. Da machen es die Fürsprecher besser; die reden
zu, mags nun kommen wie es will, und wenn einer dem Volke ein Kompliment mache
und sagt: »O Volk! O edles Volk! Bald wirst du aufstehen, wirst aber nicht
wissen warum«, so meint er noch, was er gesagt. Es gibt halt unverschämte Leute!
    Und doch stolperte Resli noch viel ärger an allem dem, was er reden sollte
im Dorngrüt, und je näher er demselben kam, desto häufiger stolperte er. Wie
richtig er auch alles gesetzt hatte, was er sagen wollte: das, wenn es dä Weg
gang, jenes, wenn es dr anger gang: wenn er wieder von vornen anfangen,
repetieren wollte, so hatte er den Anfang vergessen, und wenn er den neu
erdichtet halte, so kam ihm das Übrige krausimausi durcheinander, dass er ärger
daran zu erlesen hatte, als wenn er Flachssamen aus einem Heufuder herauslesen
sollte. Meinte er es auseinander zu haben, wollte es überblicken, hutsch, war
alles ärger als zuvor, und je näher er dem Hause kam, desto krauser ward alles,
aber desto mehr schwitzte er. Aber Resli war nicht der, welcher sich leicht von
einer Sache begwältigen liess. Stille stand er und sagte zu sich: So geht das
nicht, das muss anders vorgenommen sein, so wie ein Bub willst du doch dort nicht
aufmarschieren. Was ich reden soll, wird mir schon kommen, wenn ich sehe, was
Trumpf ist, und vielleicht ist das zu vernehmen, ehe ich dort bin. Sagt' es, bog
ein, und nicht lange darauf sass er hinter einem Schoppen in dem Wirtshause, wo
seine Eltern ihn abgeholt hatten, und vor ihm auf dem Vorstuhl die Wirtin.
    Die Wirtin wusste ihm nicht viel Tröstliches zu sagen. Das Mädchen rühmte
sie, es sei sich dr wert, anzusetzen für dasselbe, seiner Person wegen, aber
öppe wegem Reichtum könne man es leicht anderswo besser machen, denn öppe viel
würden die Meitleni nicht erhalten, wenn man es nicht mit Prozedieren zwänge.
Aber streng rede man davon, dass es nächsten Sonntag verkündet werden werde mit
Kellerjoggi, und Wehre werd dem Meitschi wenig helfen, was der Alte wolle, das
zwäng er düre und wärs durch sieben eiserne Türen durch. Aber z'probiere werde
nicht z'töten gehen, fressen werde man ihn nicht, aber wenn sie ihm raten könne,
so solle er etwas kramen, das gehe dort allweg wohl an und mach, dass man öppe
manierlicher gegen ihn sei, wenn man schon nichts von ihm wissen wolle. Das
wolle sie ihm sagen, erschrecken müsse er sich nicht alsobald lassen, sonst
solle er lieber nicht gehen; darauf solle er zählen, dass er da mit Aufbegehren
mehr ausrichte als mit Ordelitue, bsungerbar beim Alte. Wer mit dem ordeli tue,
den sehe er nur so für einen Schnuderbub an, mit dem er machen könne, was er
wolle.
    Resli liess sich brichten, nahm ein Vierpfünder-Zuckerstöckli und ein Pfund
Kaffee in ein Säckli und marschierte gefasst, als wie einer, der seine Seele Gott
befohlen, mutig und todesgewärtig ins Feuer der Schlacht geht, dem Dorngrüt zu.
    Bald lag es vor ihm, halb alt, halb neu, halb grau, halb blank, und welches
ihm besser gefiel, das wusste er nicht. So geht es noch Manchem mit Alt und mit
Jung, dass man nicht weiss, was einem besser gefällt, und ganz besonders, wenn Alt
und Jung unter einander ist wie Kraut und Rüben, wird einem das Urteil schwer.
Indessen kömmts halt nicht aufs Dach, sondern auf die Leute an, obs einem unter
einem Dache gefällt und wohl ist oder ds Kunträri. Es gibt strube Dächer, es ist
einem wohl darunter, wenn nämlich biederherzige Menschen darunter hervor einem
die Hand längen, und es gibt nagelneue Schieferdächer, die verflucht haltbar
sein sollen, strenge Winter ausgenommen, und es wird einem darunter, dass man dem
Teufel Götti sagen möchte, wenn die Leute eben auch halb und halb sind, alle
Laster haben, aber schöne nagelneue Worte dazu. Oh, was so schöne nagelneue
Worte glänzen und flimmern können, viel ärger als die Sterne am Himmel, und seit
man im Kanton Bern kein eigenes Geld mehr schlägt, keine schönen Dublonen mehr,
keine ehrenfesten Neutaler, hat man sich aufs Prägen von glitzerenden Wörtern
gelegt, die so ganz frisch, so hagelnagelneu glänzen, dass man darob ds Teufels
werden möchte. Mit der Zeit böset es ihnen freilich auch, aber dann prägt man
neue, und kommod ists, dass man dazu kein eigenes Haus bedarf, jedes Wirtshaus
und jedes Rataus passt dazu und den Stempel trägt jeder im eigenen Maul.
    Aber eben darum wusste Resli nicht, wie es ihm werden werde unter dem Dache,
denn kein Mensch war sichtbar um dasselbe, kein Ringgi bellte, kein Hahn krähte,
still war es rundum. Er doppelte an der Nebentüre, er doppelte an der
Vordertüre, stille bliebs, nichts regte sich. So ein stilles Haus hat etwas
Geheimnisvolles, Schauerliches, es wird einem, als müsse da innen was
Wunderbares sein, und ob es sich kund gebe, ob zum Fenster hinaus, ob hinter der
Türe hervor, das weiss man nicht. Je mehr man hoschet, desto ängster wird einem,
denn um so Wunderbareres erwartet man.
    So ging es Resli. Er hoschete zum ersten Male, wartete, hoschete zum zweiten
Male, wartete, wartete länger, endlich zum dritten, aber stark klopfte ihm das
Herz, alle Sinne waren scharf gespannt. Stille bliebs im Hause; aber wie er
zusammenfuhr, als hinter ihm plötzlich eine Stimme fragte: »Was hest welle?« Und
als er sich umsah, war niemand hinter ihm, und schauerlich war es ihm, dass er da
stand, nicht rückwärts, nicht vorwärts konnte, bis noch einmal die gleiche
Stimme frug: »Wasd welle heigist?« Da er diesmal dem Orte, woher die Stimme kam,
das Gesicht zukehrte, so sah er unten im Garten zwischen grünen Bohnenblättern
eine lange Nase und endlich der Bäuerin ganz Gesicht. Resli stellte sich vor,
und langsam machte sich die Bäuerin los aus dem grünen Geflechte und langsam kam
sie auf ihn zu, augenscheinlich ratschlagend in sich, wie sie sich zu gebärden
hätte. Langsamkeit ist eine schöne Sache; wer sie recht zu ratsamen weiss, wird
sich selten anders verfehlen, als dass er Andern höllisch lange Weile macht.
    Resli machte sich so höflich, als er konnte, aber die Bäuerin hiess ihn nicht
hineinkommen, sondern bloss abhocken auf dem Bänklein vor der Küche. Dort gab er
ihr sein Säcklein, sie solle es leeren, er sei in der Nähe vorbeigekommen und
hätte gedacht, er wolle ein Zeichen tun für die Müh und Kosten, welche sie
seinetalben gehabt. Die Bäuerin sagte: »E, aber nei! Daran hätte ich doch nicht
gesinnet, das hat sich nicht nötig, bhäbs.« Aber Resli setzte nicht ab und
brachte die Bäuerin bald dahin, dass sie sagte: »He nu so de, weds zwänge witt,
aber es hatt sih notti nüt brucht.« Sie ging hinein; bald darauf hörte man es
lustig knistern In der Küche, und als die Bäurin wieder kam, hatte sie ganz
freundliche Augen es war, als ob sie ihr der Zucker so süss gemacht hätte. Er
müsse warten, sagte sie Resli, ohne etwas Warmes lasse sie ihn nicht fort. Aber
so sich zu verköstigen, das heig afe ke Gattig! Resli pressierte nicht; die
Bäuerin setzte sich neben ihn und rüstete Bohnen, und wie eine Bohne um die
andere aus dem Schosse der Bäuerin ins Körbchen zurückfiel, gab ein Wort das
andere, und nach und nach kam Resli aufs Weiben und wie es eine bei ihm haben
müsste, wenn er eine fände, die ihm anständig wäre; e wüeste Hung gegen eine Frau
mochte er dann nadisch nicht sein, sich nicht etwas aufs Gewissen laden, da gehe
das Aufladen wohl ring zu, aber mit dem Abladen könne man nicht mehr zwegkommen.
»Allem an«, sagte die Bäuerin, »hätte dann eine Frau nicht bös bei dir?«
    »Wäger nit«, sagte Resli, »öppe wegem Reichtum will ich nicht sagen, dass es
eine nicht besser machen könnte, aber mehr als genug kann eine doch nicht essen
und mehr als gut es doch nicht haben, und genug fände sie so Gott will bei uns,
und wegem Gutaben, traue ich, würde es eine kaum besser machen..«
    »He ja«, sagte die Bäurin und seufzte, »es wär gut, es wäre allentalben so,
aber Gutaben und Reichsein ist zwei. Manche Arme hat es so gut oder besser als
manche Reiche.«
    »He ja«, sagte Resli, »es ist so, und schon Manche, wo Geld genug hatte,
aber e Hung vo Ma, hat mich grusam duret, und es het mih düecht, ih möcht dä
Uflat ungspjetzt dur e Bode niederschla. Wenn ich eine bekommen könnte, gerade so
wie Euer Meitschi eins ist, es düecht mich, ich wollte ihm den Geiger haben, so
oft es wollte, und barfuss lief ich ihm, wohin es wollte, und sollte es über ein
Dornhag sein bis ga Basel abe. Wenns z'mache wär, das möcht ich, und ich traue,
auch meinen Leuten wäre es bsunderbar anständig. Gesehen haben sie es zwar
nicht, aber viel Grühms von ihm gehört.«
    » Sövli ernst wirds dr nit sy, wird tuest«, sagte die Bäuerin, »u de wärs
z'spät. Anne Mareili hat schon einen, dSach ist richtig, sust gfielst mir noch,
und ich glaubs, ds Meitschi hätt nit sövli bös bei dir.«
    »Es freut mich«, sagte Resli, »wenn Ihr das glaubt, und deswegen, hoffe ich,
werdet Ihr ein gutes Wort für mich einlegen. DSach wird doch wohl zu ändern
sein, und dem Meitschi wärs auch recht, wie ich Grund habe zu glauben.«
    »Es tut wüst, ja, ich weiss es wohl, aber es hilft ihm nichts, als dass es
nachher um so böser hat«, sagte die Alte. »Sie machen es einem so, die Donnstigs
Grännine; nimmt man sie gerne, so halten sie einem vor, man sei ihnen
nachgelaufen, und wehrt man sich und muss doch anekneue, so treiben sie es einem
ein, dass man anfangs vergehen möchte vor Plären, nachher bessert es einem. Ich
habe es auch erfahren und weiss, wie es geht.«
    »Darum«, sagte Resli, »seid eine Mutter am Meitschi, legt ein gut Wort für
ihns ein, macht die Sache mit dem Alten krebsgängig, Ihr sollt Euch Euer Lebtag
nicht reuig sein; ds Meitschi will ich auf den Händen tragen und Euch auch.«
»Hör chäre«, sagte die Frau, »es hilft nüt. Mein Mann hat einen Gring wie ein
Landvogt, was er einmal darin hat, das bringt man ihm nicht mehr daraus. Nun
setzt er an die Heirat mit dem Kellerjoggi, es ist ihm wegen den Buben. Das sei
das Einzige, für was man die Meitscheni brauchen könne, dass man sie reich
heiraten mache und öppe, dass die Buben noch zum Erben kämen, so mehre sich die
Sache, statt dass sie sonst mindere und die Buben durch die Meitscheni zuletzt
über nichts kämen. Und es ist wahr, Kellerjoggi ist reich, und wenn alles öppe
kömmt, wie man denkt, so können da einmal üser Buebe Hung usenäh.«
    »Aber«, fragte Resli, »sind dann eigentlich nur die Buben Euere Kinder, und
soll einem nicht eins sein was das Andere?«
    »Was weiss ich«, sagte die Bäurin, »es ist der Brauch diese Weg, und wie es
der Brauch ist, so macht mans. Ich will nicht sagen, dass das Meitschi mich nicht
dauert, aber was will man, es muss es haben wie die Andern auch. Dafür ist man
auf der Welt. Sonst, wenn das nicht wäre, hättest du mir nicht übel gefallen.
Wenn unser Ätti tot ist, so könnte ich zu euch kommen. Machen tut er es nicht
mehr lange, er muss des Nachts manchmal husten, dass es einem übel gruset, und
ganz Stunde muss er aufhocken. Öppe gut habe ich es bei ihm nicht gehabt, und
wenn ich einen Kreuzer habe brauchen müssen, öppe zUnnutz nit, selb wär mr
selber nit zSinn cho, so hat er für zwei mit mir aufbegehrt, und wenn ne üse
Herrgott öppe bald will, su kehre ih mih nit lätz, was hilfts? Mi muess sih i
dSach wüsse z'schicke. Aber notti reut er mich, denn nachher habe ich es noch
böser. Die Buben sind schon jetzt so wüst gegen mich, dass sie nicht wüster sein
könnten, und wenn dSach erst ihre ist, so bekomme ich es, wies kein Hund hat in
der ganzen Gemeinde. Da nehmen sie alles, und was sie mir geben sollen, geben
sie mir nicht, und wenn ich schon dene Manne klage, so nützt es nichts, ich
kriegs nur böser. Es hats ein jeder auch so gemacht, und was ist so an einer
alten Frau gelegen, wo man je eher je lieber unter dem Herd hat! Da, hatte ich
gedacht, könnte ich zu euch, wenn üse Ätti greiset wär, und bruchte meinen
Schleiss dort; du würdest notti schon sehen, dass ich ihn bekäme, und mich davon
brauchen lassen, was ich öppe nötig hätte; öppe alles nicht, es bliebe immer
noch übrig, was ihr nehmen könntet. Es hat mir wohl gefallen, bsunderbar, wie
deine Mutter hat könne kramen und bifehle, es het mih düecht, wenn ich es einmal
so haben könnte, nur einen Monat lang, ich wollte zufrieden sein, aber mein
Lebtag habe ich nie bifehlen können und werde auch nie dazu kommen, dass Gott
erbarm! Aber vrsprenge hets mr ds Herz scho mängist welle, wenn ich daran
gedacht, dass mein Mann vierzigtausend Pfund von mir hat können nehmen, so gut
als wie einen Batzen, und wie ich davon nichts gehabt, aber habe können Hund
sein fast vierzig Jahre lang; von wege, ich bin noch gar jung gewesen, wo ich
ihn habe nehmen müssen und schier nit welle ha. Es hat mich auch düecht, ich
möchte noch ein wenig ledig und lustig sein und so einen finde ich immer noch,
wenn ich auch zehn Jahre noch warte. Jetzt macht es Anne Mareili doch besser, es
muss Seinen, so Gott will, nicht vierzig Jahre haben, auf das allerhöchst kömmt
es mit zwanzig Jahren daraus, und dann hat es notti ein Schönes verdient; aber
zwanzig Jahre sind lang und e alte Uflat e wüesti Sach.«
    Unterdessen war in der Küche etwas Warmes zustande gekommen, der Mittag
näher, und vom Felde her hörte man Stimmen und Hundegebell. Die Bäurin nötigte
ihn hinein und sagte, es sei drinnen neuis zweg, und dass das Volk ihn sehe, sei
eben nicht nötig. Resli gehorchte und ward ins bekannte Stübchen gewiesen, wo er
krank gelegen und wieder erwacht war; es war Anne Mareilis Stübli, das sicherste
im ganzen Hause, denn des Meitschis Stube betritt nicht leicht ein anderer Fuss
als solche, welche es eigenhändig einlässt.
    So ein Mädchenstübchen, sei es gross oder klein, schön oder schlecht, ist
immerdar ein Geheimnis oder wenigstens die Hülle eines Geheimnisses; manchmal
birgt die Hülle ein Heiligtum, selig dann die Hand, welche die Hülle hebt,
manchmal birgt sie das Gegenteil, und besser wäre der Hand, welche die Hülle
gehoben, gewesen, sie wäre verdorret, ehe sie den unglücklichen Griff getan.
    Resli achtete sich der Suppe nicht, welche auf dem Tische stand; er sah
rings im Stübchen sich um, betrachtete alles in einer Andacht, die inniger und
heiliger war als die englische, mit welcher die weisshaarigen Vögel alles
betrachten, was in ihren Reisebüchern steht, und jegliche Stube eines Berühmten,
in die sie gewiesen werden, andächtiger betrachten, als jener Engländer die
Jungfrau vom Rugen hinüber im Laternenschein. Er war nämlich am Abend bei Nacht
nach Interlaken gekommen, wollte vor Tag am Morgen fort und wollte doch die
Jungfrau sehen, liess an lange Stangen Laternen binden und zünden in die Nacht
hinaus, und was er gesehen, weiss man nicht, aber er sagte: »Byutiful! Encore un
moment«, schrieb etwas auf, dann ging er heim, trank Tee, ass dazu andertalb
Pfund Anken und andertalb Dutzend harte Eier und strich sich am folgenden
Morgen wieder.
    Und wie er da so herumschaute, Resli nämlich, von einem zum andern, ging die
Türe auf und Anne Mareili trat herein; die Mutter hatte ihm einen Wink gegeben,
dass neuer seiner warte. Es schlug die Hände zusammen, als es ihn sah, ward bald
rot, bald weiss, und als es ihm stumm die Hand längte, zitterte sie.
    »Die Mutter meints nicht bös«, sagte er.
    »Ja, gschauet einander nur«, sagte diese, rasch eintretend, »und esset
schnell, und je eher du gehst, dest besser ists. Aus der Sache gibt es doch
nichts, und wenn der Alte dazukäme, so wär das Wetter los für nichts und aber
nichts.«
    »Aber Mutter«, sagte Anne Mareili, »du wirst doch nicht begehren, mich so
unglücklich zu machen, häb auch ein Gefühl für mich!«
    »Hör chäre« sagte die Mutter, »du weisst ja, wie dr Ätti ist und was ich zu
einer Sache zu sagen habe. Und so wegem Manne ists wäger nit dr wert, ds
Wüestist alles z'mache. Am End kömmts aufs Gleiche hinaus, nehme man den oder
diesen, öppe e chly besser oder e chly böser, es ist e gringe Unterschied, und
wenn es schon nicht nach dem geht, was man im Kopf hat, deswegen fährt einem der
Kopf doch nicht ab, darauf chast zele. Ih hätt sust scho dryssig Jahr kene meh.«
Man gewöhne sich an alles. Dreissig Jahre sei es nie gegangen, wie sie gewollt,
deretwegen würde es ihr jetzt gar ungewohnt vorkommen, wenn es einmal ginge, wie
es sie düeche, dass es ihr anständig wäre. Und wenn dr Ätti einist abgehe, und
sövli lang gehe es nicht mehr, sie sage es noch einmal, so hätte sie den Glauben
zu ihnen, dass sie es bei ihnen nicht am bösten hätte. Aber was nicht sein könne,
müsse man nicht zwangen wollen, und wenn man zuweilen ein gutes Tröpfli Kaffee
habe, so lerne man sich in manches schicken, wo man anfangs geglaubt, es wolle
einen in die Luft sprengen.
    So tröstete die Mutter, aber dieser Trost schlug nicht ein. Trost und Gemüt
verhalten sich gar seltsam zusammen, und gar selten weiss ein Mensch, ob er mit
seinem Trost Öl oder Wasser ins Feuer giesst. Die Einen trösten und haben selbst
den Glauben nicht zu ihrem Troste, und Andere trösten, nach dem es sie düecht,
und denken nicht, dass es den Andern ganz anders düecht.
    So fasste auch der Bäurin Trost bei ihrer Tochter nicht. Resli zu trösten,
erachtete sie nicht für notwendig; wahrscheinlich meinte sie, einer, der nur
einen Finger zum Fenster hinauszustrecken brauche, damit Zehn ihm daran hingen,
werde sich nicht hängen, wenn er die nicht kriege, die ihm angfähr ins Gesicht
geschienen. Es war ihr, wenn er nur fort wäre. So aber war es Resli nicht. Er
sass neben Anne Mareili und rückte mit Essen nicht fort, gäb wie die Mutter
sagte: »Seh iss doch, nimm doch, es kaltet ja.« Das Kacheli mit dem gleichen
Kaffee stand noch immer vor ihm, und mit dem ersten Stück Eiertätsch war er auch
noch nicht fertig. Und Anne Mareili machte auch keine Anstalt zum Gehen, als die
Mutter die Nachricht brachte: »Seh mach und gang, si göh wieder, und was würd dr
Ätti säge, wenn er dich nicht auf dem Felde sähe! Der geht dort vorbei, wenn er
heimkömmt.« Aber Anne Mareili war nicht ab Platz zu bringen. Der Ätti hätte in
der letzten Zeit so oft mit ihm wüst getan, sagte es, dass einmal mehr oder
weniger ihm gleich sei. Und so darin hangen zwischen Leben und Sterben möge es
nicht länger, aber wunder nähmte es ihns, ob dann ein Ätti das Recht hätte, mit
einem so umzugehen, dass es gerade so sei, als tötete er einen, das möcht es doch
erfahren. »Du guets Tröpfli«, sagte die Mutter, »probiers mit ihm, wennd darfst;
du wirsts erfahren, was ein Ätti kann und was ein Meitschi kann.« »Ja, Mutter,
das will ich, von wegen ich glaube, es komme da aufs Couragi an, und wenn ein
Meitschi fest in ihm selber ist und öppe es paar Wort und es paar Kläpf nit
schücht, su wird öppe so e Ätti nit alles zwänge. Und tut er z'wüst, so laufe
ich fort, und wohin, weiss ich wohl.«
    Da ward der Mutter himmelangst; sie hatte das Couragi längst verloren und
begehrte die Suppe nicht mit auszuessen, welche Anne Mareili einbrockete, sie
begehrte nicht Schläge, und fortlaufen konnte sie nicht, sie wusste kein Haus, wo
sie Gottwilche gewesen wäre.
    Sie bat ihns, es möchte gehen; zu Resli sagte sie, es düeche sie, es sollte
ihm lieb sein, nicht Ungelegenheit zu haben, und wenn sie ihm zu Gutem raten
könne, so solle er gehen, so streng er möge. An ihrem Meitschi würde er doch
eben nicht alles erobern, dSach sei den Buben, und von der Haushaltung verstehe
es nichts, es hätte dSach geng alles a sei gla, es vrstang i Gottsname nüt, als
so gradane dryzschla; so ein Bursch, wie er sei, könne es hundertmal besser
machen, und wenn sie ihn wäre, so wollte sie doch nicht so Mühe haben, wo es
nichts als Verdruss gebe. Aber auch zu ihm redete die Bäurin wie an eine Wand,
und je strenger sie redete, desto weniger achteten sich die Zwei ihrer, sondern
führten Privatgespräche. Da ward die Alte endlich böse und sagte: »Ih sägen ech
zum letztemal, göht! U wenn dr nit ganget, su luegit de. Ob de dr Alt chunt oder
dr Tüfel, es chunt ech i eis.«
    Da ging die Türe auf und der Alte trat ein. »Herr Jesis, er chunt, er
chunt!« rief die Bäurin und machte sich hinaus. »Das geht lustig«, sagte der
Bauer, doch eben nicht zornig, »grad wie es im Spruchwort heisst: wenn die Katze
aus dem Hause ist, so tanzen die Mäuse. Haben sie dich schon wieder gefunden
hinter einem Hag?« »Nein«, sagte Resli, »diesmal bin ich selbst gekommen. Mutter
und Vater alten und sind schon lange an mir, dass ich weiben solle, aber es hat
mich bisher nie düecht, dass ich möchte, bis jetz. Jetz habe ich wollen fragen,
ob Ihr mir Eure Tochter geben wollt. Öppe bös haben soll sie nicht, und öppe bös
machte sie es auch nicht. Wir haben eine styfe Sache, wo man dabei leben kann
der Hof ist zahlt, Usgleues ist auch noch etwas, es sind unserer Drei, und ich
bin der Jüngst.« »So, so, du machst nit viel Federleses, Bürschli, fahrst mit
der Tür ins Haus, als wenn vom Himmel herab kämest, und wirst meine, ich solle
jetzt gleich anekneue und Ja sagen und dir noch danken für die Ehr und das
Zutrauen. Aber selb macht sich nicht so und so gleitig geht das nit, oder was
meinst, Meitschi, soll ne klepfe und wotsch ne?« »Mir wärs recht, Ätti«, sagte
Anne Mareili, »ich wusste nicht, was ich darwider haben sollte.« »So, das wüsstest
du nicht«, sagte der Bauer, »du wirst nicht mehr wissen, was abgeredet ist?
Allem an scheint das eine abgeredete Sache, und es mangelt nichts mehr, als dass
ich schön nachsage, was ihr mir vorsagt. So, so, das geht afe lustig
heutzutage.« »Nein, Vater«, sagte Anne Mareili, »so ists doch nicht, und es ist
mir recht, dass Ihr gerade dazukommt, es wäre öppe niemand in Sinn gekommen,
öppis hinter Euerem Rücken anzustellen. Aber das sage ich noch einmal und werde
es immer sagen, den Kellerjoggi nehme ich nicht, einen Unflat mag ich nicht.«
»Warum holst du mir kein Kacheli?« sagte der Bauer, »oder ist dSach nicht auch
für mich?«, setzte sich an den Tisch und sagte dazu: »Es macht heute heiss.« Dann
sprach er von diesem, von jenem, frug nebenbei, ob sie auch eine Käserei hätten,
und liess alles abwickeln, was an dasselbe sich knüpfen lässt, hielt so gleichsam
ein verblümt Examen. Endlich frug er: »Wo bleibt die Mutter? Sage ihr, sie solle
einen Schlack Wein bringen, er düecht mich nie besser als auf den Kaffee. Ich
habe heute noch keinen gehabt, ich habe pressiert, es het mih düecht, ih müess
hei.«
    Die Mutter war draussen und hatte sich wohl gehütet, in die Nähe zu kommen;
sie hatte es akkurat wie ein Knabe, der brennenden Schwamm auf einer
Schlüsselbüchse hat oder auf einem Feuerteufel: er horcht ängstlich, obs nicht
bald losgehe, aber das Gesicht hält er wohlweislich so weit als möglich vom
Feuer ab.
    Als Anne Mareili hinauskam, erschrak sie und meinte, sie müsse vor Gericht,
als es aber seinen Auftrag ausrichtete, frug sie freudig: »Was, hat er zugesagt,
ist dSach richtig?« »Nichts hat er gesagt«, sagte Anne Mareili, »er tut, als ob
er von allem nichts gehört, und redet da von Ziger und Käsmilch, dass man vor
Ungeduld fast selber Ziger wird. Ich kann mich gar nicht auf den Ätti
verstehen.« »Zähle darauf«, sagte die Mutter, »es hat etwas Ungerades gegeben
mit Kellerjoggi. Die alte Säble! Es wird einer den Andern betrügen wollen, und
jeder wird meinen, der Andere solle es nicht merken. Üse Ätti wird öppis gmerkt
ha und nit zwüsche Stüehl und Bänk welle, er het lieber Figge und Mühle.« »Weiss
nit«, sagte Anne Mareili, »aber Figge und Mühle können auch fehlen, das erfährt
gegenwärtig so manche stolze Tochter, die sich in ihren Ängsten die Beine
abläuft um einen Mann und vor lauter Figge und Mühle zu einem unehlichen Kinde
kömmt. Es ist jetzt afe eine Schande, eine Bauerntochter zu sein, und man nimmt
bald alle in eine Wid.« »Ja«, sagte die Mutter, »dWelt ist afe schlecht.« »Ja«,
sagte Anne Mareili, »aber noch manches Meitschi sinnete das Bessere, aber man
lässt nicht lugg, bis es nicht anders als die Andern ist.« »He ja«, sagte die
Mutter, »es geht all Weg«, aber der Tochter Sinn verstund sie nicht.
    Drinnen gings in lauter Friede, dass die Mutter sich gewaltig wunderte, als
sie den Wein brachte und sah, wie der Alte mit Resli redete, freilich nicht wie
mit seinesgleichen, denn der Dorngrütbauer war der Meinung, dass seinesgleichen
nicht auf Erden sei, und kein Altadelicher konnte auf seine Weise stolzer sein
als der Dorngrütbauer. Seine Einbildung stützte sich nicht nur auf seinen
Reichtum, sondern auch auf seine Weisheit und Einsicht. Er hatte einige Händel
gewonnen, und einmal war er fast Ratsherr geworden, hatte sich wenigstens bereit
erklärt, dass er es annehmen würde; zudem waren ihm einige Redensarten über
Herren und Pfaffen geläufig, mit denen er regelmässig alle Sonntage einige
Handwerksbursche und an Gerichtstagen den Gerichtschreiber zu lachen machte.
Daher behandelte er niemand als seinesgleichen; wem er Ehrfurcht bezeigen
sollte, den floh er, aus welchem Grunde wahrscheinlich er auch von unserem
Herrgott keine Notiz nahm und tat, als ob derselbe nirgendwo wäre; mit wem er
zusammentraf und sich abgeben musste, der musste es wissen und empfinden, dass es
der Dorngrütbauer sei, mit dem er rede. Und wenn er mit einem zusammentraf, der
ihn nicht kannte, was noch hie und da geschah, obgleich seine Nase selten
ausserhalb seiner Kuhweid zu sehen war, so sagte er, das düeche ihn kurios, sust
wüss öppe esn ieders King uf dr Welt, wer der Dorugrütbauer sei. Es wäre sehr
merkwürdig gewesen, wenn der und Goete sich einmal getroffen hätten, sie Zwei
an einem Wirtshaustisch, zwischen Beiden etwa ein Kalbskopf an weisser Sauce, und
hätte der Goete nicht gewusst, wer der Dorngrütbauer sei, und der Dorngrütbauer
ebenso wenig von dem Goete: was die sich für Augen gemacht hätten und wie jeder
bei sich gedacht hätte, der weiss afe nüt, wird ume son e Löhl sy! Nun, über
dieses Verwundern darf man sich bei solchen Notabilitäten nicht verwundern,
geschah es doch sogar einem gewissen (Löhl darf man nicht sagen) Badbeschreiber
in Deutschland, das heisst einem Solchen, der für Geld oder freies Logis mit Kost
gewisse Bäder rühmt, dass er sich gröblich wunderte, wie auf irgend einer Strasse
irgend ein ordinärer Mensch nicht wusste, wer er sei. Nun er wird gemeint haben,
wenigstens unter seinesgleichen sollte er bekannt sein.
    So ein junger Bursche war natürlich tief unter ihm, und er liess es Resli
auch gehörig fühlen mit Manieren, Bemerken und Widersprechen, wie man es alle
Tage hören und sehen kann, wo Notabilitäten zu sehen sind. Resli war bescheiden,
aber nicht katzenbucklicht, er gab Bescheid, passte dabei aber auf Gelegenheit
wie die Katze auf die Maus, aber lange umsonst.
    Endlich fragte der Bauer: »Du wirst den Hof erhalten?«
    »Allweg«, sagte Resli, »und wenn Ihr mir die Tochter gebt, so gibt sie eine
Bäurin, die öppe de Kümi nicht zu spalten braucht.« »Es gibt Höfe droben«, sagte
der Bauer, »ich möchte sie nicht geschenkt, und wenn man Schulden darauf hat, so
wäre man ringer Polizeier, der doch noch öppe all Tag Brot bekömmt, bald hie,
bald da. Es wird gemacht sein, du wirst den Andern doch öppe nicht viel müssen
herausgeben?« »Gemacht ist nichts«, sagte Resli, »aber öppe hart halten wird man
mich nicht, sie sind alle gut gegen mich, und es meint öppe Keins, dass zLiebiwyl
kein Bauer mehr sein sollte. Der Hof ist öppe nicht ganz eben, aber stotzig Land
ist doch auch keins, und wenn einer zu ihm sieht, so wäre da unten in den
Dörfern öppe nicht manches Haus, in welchem Platz hätte, was auf demselben
gemacht wird.«
    »Ich habe heute vernommen, dass mir Laden nicht kommen, welche ich gekauft zu
haben meinte; jetzt habe ich zwei oder drei Bäume zu wenig. Fände ich bei euch
welche? Du hast mir letztin davon gesagt, dass ihr Holz verkauft?«
    » Oh, aparti verkaufen wir nicht Holz, aber wenn jemand mangelt und wir
können ihm einen Gefallen tun, so sagen wir es ihm nicht ab«, sagte Resli, »In
unserm Holzschopf wird wohl etwas von Laden sein, was Euch anständig wäre; kommt
und sucht Euch aus.«
    » So, habt ihr Vorrat auf den Kauf hin ?« fragte der Bauer. »Nein, aparti
nicht. Aber wenn etwas Abgähndes ist im Walde oder andres, das mehr schadet, als
ihm aufgeht, so machen wir es im Winter nieder, und was Laden gibt, tun wir zur
Säge. Der Vater meint, man wisse nie, was es geben könne, und wenn man es
brauche, so habe man es. Es sei ihm nichts mehr zuwider, als wenn man erst die
ganze Welt aus gumpen müsse, ehe man an etwas hin könne.«
    »He, wennd meinst, ihr habet Laden, einen Baum zwei Zoll und zwei
andertalbzöllige, aber saubere, so wäre es möglich, dass ich die andere Woche
hinaufkäme, wenn man etwa ein Ross entmangeln kann.« »Deren«, sagte Resli, »haben
wir zum Auslesen, und wenn Ihr mehr mangelt, so braucht Ihr auch nicht weiter.
Aber von wegen der Tochter möchte ich fragen, wärs Euch wohl anständig?« »He«,
sagte der Bauer, »pressiere wird das öppe nit sövli, man hat danach alle Zeit,
davon zu reden, und ds Meitschi ist uns nit sövli erleidet, dass das so eis Gurts
gehen muss. Man kann immer noch davon reden, und wenn ich die andere Woche
hinaufkomme, so gibt vielleicht ein Wort das andere.«
    Weiter konnte es Resli nicht bringen, trotz allen diplomatischen
Redensarten, und als er sagte, die Sonne sei schon teuf und er habe weit, so gab
man ihm nicht zu verstehen, dass er bleiben könne, sondern man sagte, die Tage
seien lang und finster werde es nicht, um zehne komme der Mond. Er musste
aufbrechen, lud aber vorerst noch grausam ein, dass der Bauer die andere Woche ja
nicht fehlen und Frau und Tochter mitbringen solle; sie seien doch noch nie da
oben gewesen. Dass das Weibervolk die ganze Welt sehe, meinte der Bauer, halte er
nicht für nötig; wenn er sie an alle Orte führen sollte, wo sie nicht gewesen,
so hätte er mehr zu tun, als er möchte, und sei z'alte für noch anzufangen. Mehr
wollte er nicht sagen, und mehr liess er ihn nicht sagen, weder zu einem Zeichen
noch zu einem Worte hinter seinem Rücken gab es Zeit oder Raum; er begleitete
Resli bis auf die Strasse und hütete Haus und Strasse mit scharfen Blicken, dass
keine Maus was Geheimes hätte tun können, geschweige denn ein Meitschi. Erst als
er sich überzeugt hatte, dass Resli in der Ferne wirklich verschwunden, ohne
Versuche zu weiterer Annäherung, ging er ins Haus zurück und nahm die Weiber
scharf ins Gebet: Wie der dahergekommen, was sie mit ihm gehabt und warum sie
ihm aufgewartet hätten, als ob er bereits Hochzeiter wäre.
    Die Mutter machte sich ganz unschuldig. Sie wies das Zuckerstöcklein vor
(den Kaffee verschwieg sie), das hätte er als Kram gebracht für seine
Verpflegig, und da hätte sie ihn müssen hinein heissen und ihm etwas Warms
machen, wegem allgemeinen Gebrauch; an etwas anders hätte sie nicht gesinnet. Da
sei aber Anne Mareili dazugekommen, und die hätten gleich mit einander getan wie
dGöhle, bsunderbar wenn sie draussen gewesen. Sie hätte darauf Anne Mareili oft
gehen heissen und ihm gesagt, es komme nicht gut, es solle selbst sagen, ob es
nicht so sei, aber es hätte nicht darum getan.
    So unschuldig kam Anne Mareili nicht davon. Es bekannte offen, dass es dem
Resli bekannt, es sage nicht Nein, er solle nur auch machen, dass der Vater Ja
sage; den Kellerjoggi aber, den nehme es allweg nicht, lieber wollte es sich
rösten lassen wie Kaffeebohnen. »Selb wär z'probiere«, sagte der Vater und
weiter nichts, wüst tat er gar nicht. Das wars, was Anne Mareili grusam
verwunderte, aber einen ganzen Tag umsonst, denn erst am folgenden Tage konnte
es die Mutter ihm erzählen, wie Kellerjoggi den Vater erzürnt und wie dieser es
ihm nun weisen wolle.
    Kellerjoggi hatte nämlich eingewilligt, sein Vermögen dem Anne Mareili
verschreiben zu lassen, und es war abgeredet worden, an einem Markttag an einem
gewissen Orte zusammenzutreffen, um den Kontrakt schreiben und dann alsobald
verkündigen zu lassen. »Nun kömmt Kellerjoggi nicht, sondern schickt ihm so
einen Lumpenhund und Bauerngumper, wo an allen Orten sind und nichts begehren,
als die Leute hineinzusprengen und Bauern zu betrügen. Mit dem soll der Vater es
ausmachen und schreiben lassen, und der fängt aufs neue zu märten an und will
den Vater überreden, der Ehekontrakt pressiere nicht sövli; wenn man es begehre,
so könne man wohl zuerst verkünden lassen, das hätte nichts zu sagen. Da ist der
Vater bös geworden und hat ihm gesagt, ob er meine, er habe einen Schulbub vor
sich, der nicht wisse, dass eine Verkündigung ein Lätsch sei, und wer daraus
wolle, Haare lassen müsse. Er sei aber z'jung und z'dumm dazu. Dem Kellerjoggi
solle er nur sagen, mit der Sache solle es nichts sein, und meinen solle er
nicht, dass er am Dorngrütbauer einen Narren habe, mit dem er machen könne, was
er wolle.« Gab was der Lumpenhund gesagt, Kellerjoggi habe Rückenweh und könne
das Fahren nicht ertragen, habe der Vater nichts hören wollen, sondern sei in
der Täubi fortgegangen; des Wartens habe er jetzt genug, und es gebe noch Andere
für sein Meitschi als so alte Böck und Sünder, habe er gesagt. »Allem an hat
einer von unsern Buben dem Alten es gchläfelet, Resli sei da. Nun wird er
gedacht haben, besser könnte das sich nicht schicken, um es dem alten Hung zu
weisen, und darum hat er nicht wüst getan, ds Konträri, dSach ist ihm noch recht
gewesen. Und wer weiss, jetzt kommt die Sache vielleicht noch gut, wenn nur dr
Ätti bald fährt und den Kellerjoggi nicht etwa ein anderer Laun ankömmt, dass er
daherkömmt und dem Kübel wieder einen andern Mupf gibt. Oder der Ätti änderte
Sinn, aber ich glaube es nicht, ds Geld ist ihm lieb und zwänge noch lieber;
aber wenn öpper gescheiter sein will als er und ihn zum Narren halten, das mag
er nicht erleiden, da reut ihn kein Geld mehr, da will er für ds Tüfels Gewalt
ds Gegeteil von dem, was er gerade vorher het welle zwänge für ds Tüfels Gewalt.
Er ist e Kuriose, üse Ätti.«
    Der Eröffnung hörte Anne Mareili mit grosser Andacht zu; ein Berg glitt ihm
vom Herzen, vor ihm tat der Himmel sich auf, aber wie er herunter war, rutschte
langsam der Berg wieder das Herz hinauf, der Himmel schloss sich wie ein Blitz,
und schwarze Angst umfloss es wieder, schwarz und immer schwärzer. Auf einem
Felsenvorsprung im Meere, auf den er sich zur Ebbezeit hinausgewagt, ist einer
rasch von der Flut erfasst, der Rückweg ihm abgeschnitten worden; er muss warten,
muss hinaussehen ins weite Meer, sehen, wie die Wogen schäumen, steigen, muss sie
fühlen, wie sie lecken an seinen Füssen, höher und immer höher, und langsam rinnt
die Zeit vorüber, und wilder wird die Flut, und je wilder sie wird, um so
langsamer rinnt die Zeit. Wie hoch die Flut steigen wird, wer sagt es ihm, wer
kennt des Mondes Launen, des Windes Tücke, was beide über ihn verhängen? Ob er
nach einer Stunde auf eigenen Beinen gerettet ans Ufer geht oder als Leiche von
mutwilligen Wellen ans Ufer gespült wird, weiss nur der, der jede Tücke kennt und
jede Laune. Und nun ein junges Mädchen, das den Himmel offen vor sich sieht,
aber es darf den Fuss nicht heben, es darf nicht hinein; es muss warten, und wie
lange, weiss es nicht, sechs Tage, sechs Nächte, sechs Wochen vielleicht, und ob
es hineingetragen oder versenkt wird in der Lebensflut tiefuntersten Grund, das
hängt nicht von Wind oder Mond ab, nicht von der Gnade dessen, der Wind und Mond
regiert, sondern von den Launen zweier alten Vögel, zweier durchtriebenen
Käusene, die nichts wissen von Menschenglück und Menschenliebe, sondern nur
spielen Trumpf um Trumpf und stechen, was vorliegt, Herz oder Dame oder Bub,
Karten ziehen, je nachdem der Teufel sie sticht. Und auf dieses Stechen und wie
dr Teufel die Alten sticht, muss das Mädchen warten, kann nichts daran machen,
muss warten Tag um Tag, und wie manchen noch, das weiss es nicht. Wer weiss nun,
was so einen alten Käusi angeflogen kömmt über Nacht, was ihn sticht, was ihn
plagt, ein böser Husten oder was anderes? Wer weiss, was er am Morgen stechen
will, ob das Herz oder die Sau?
    Wer alte Käusene kennt, welche Launen regieren, die leben, je nachdem der
Teufel sie sticht, ohne Gewissen und ohne Erbarmen, der kann sich denken, wie es
Anne Mareili sein musste. Jetzt war sein Glück seinem Vater recht, weil er damit
den Kellerjoggi so recht, wie man sagt, abetüfeln konnte; aber wenn Kellerjoggi
kam und sich unterzog, sein Rückenweh recht gross machte, seinen Agenten recht
dumm, der nicht gewusst, was er redete, zu nichts den Auftrag gehabt, so war die
ganze Freude aus und der Friede unter den Sündern wieder hergestellt. Und wenn
der Vater dann noch hinfuhr, wie er versprochen hatte, so war er imstande, sie
dort im Ungewissen zu lassen, bis er recht wohlfeile Laden gekauft, und dann
erst zu sagen, sie sollten nur nicht weiter Mühe haben, aus der Sache werde
nichts, er tue es nicht. Wenn es draussen doppelte an der Türe, so fuhr es hoch
auf; wenn es von weitem ein Wägelein hörte, so zitterte es, bis es sich
vergwissert hatte, dass nicht der Kellerjoggi darauf sitze, und wenn der Vater
vom Hause wegging, so stund es in alle vier Ecken Kehr um Kehr und hatte nicht
Ruhe, bis der Vater heim war, bis es wusste, was er für ein Gesicht heimgebracht.
    Ein Tag nach dem andern ging um, ohne dass einer dem Vater den Kellerjoggi
oder einen andern Sinn gebracht; aber es kam der Sonntag, der Vater war auch
noch nicht gefahren, und wenn er fahren wollte, das wusste niemand, und niemand
fragte ihn. In diesem Hause ward nicht Familienrat gehalten, wie es sonst wohl
in andern geschieht, hier war unumschränkte Despotie. Der Vater wollte, dass die
Söhne reich blieben, er sorgte dafür, aber er befahl, und in sein Regiment sich
zu mischen, das wagte niemand. Und wenn er Argwohn fasste, einer seiner Söhne
hätte Mut, den Kopf aufzuheben und etwas von eigenem Willen spüren zu lassen, so
drückte er ihm den Kopf nieder, dass derselbe froh war, ihn unten zu behalten. Er
zog die Söhne zu Bauern, liess sie zAcker fahren und handeln; aber wenn er irgend
merkte, dass einer derselben anfing zu glauben, er verstehe die Sache und möge
mit Kauf und Verkauf bald den Vater, so war er imstande, ein Pferd, welches
einer seiner Söhne eingekauft, unter dem Preise wegzugeben, nur um denselben
demütigen, ihm vorhalten zu können, wieviel an einem Ross, welches derselbe
eingekauft, verloren gegangen und dass solche Schnuderbuben doch nicht meinen
sollten, sie könnten schon etwas. Wohl, das würde gehen, wenn der Alte nicht
noch immer das Heft in der Hand behielte! So führte er ein Regiment, und wenn
ein Kind etwas fragte, so sagte er: »Lue de«, und wenn sonst jemand etwas von
ihm wissen wollte, so sagte er entweder ebenfalls nichts oder das Gegenteil von
dem, was er eigentlich im Sinne hatte. Nur der Mutter sagte er zuweilen etwas,
wenn sie sich nämlich recht demütig und stille verhielt. Rührte sie sich, zeigte
sie Neugierde, so sagte er ihr: »Ja wolle, am ene sellige Babi wird man öppis
sagen, das dKing uf dr Gass nit sölle wüsse. Geh und köhl de Säue; für selligs
het me dWyber, i ds Angere häb dNase nit, sust überchunst druf, es geiht dih o
hell nüt a.«
    Da aber doch selten ein Mensch ist der nicht seine Stunden hat, in denen er
gerne schwatzt oder der nicht gerne einmal die Perücke abzieht und ist, wie er
ist, und schwatzt, wie ihm ist, und selten einer ist wie Ludwig der Vierzehnte,
den auch sein Kammerdiener nie in seiner Gemeinheit, sondern stets nur in der
Perücke gesehen, so packte er zuweilen bei seiner Frau aus, was er dachte, was
er wollte; dann musste sie ihm gellen, ihn rühmen und hatte vielleicht einige
gute Stunden, wo sie meinte, sie seien Beide recht gute Freunde. Aber sie
brauchte dieses Gefühl nur einigermassen merken zu lassen, so gab er ihr einen
Tätsch, dass sie merken konnte, dass ihr Mann sie nicht zum Freund, sondern nur
zum Hund wolle. Was sie in solchen Stunden erfuhr, das sagte sie manchmal Anne
Mareili, weil es verschwiegen war und sie nicht verriet. Die Buben aber erfuhren
nichts davon, denn sie zeigten eine souveräne Verachtung gegen das Weibervolk;
dem liessen sie es auf allen Suppenbröcklene merken, wer da einmal zu befehlen
hätte.
    An einem Sonntag ging der Dorngrütbauer selten aus, wenn er nicht irgend
einem Geschäft nachfuhr mit Ross und Wägeli, manchmal um Holz aus, manchmal um
eine Kuh oder sonst was. Er rechnete am Sonntag, und nachmittags war meist
jemand da, der mit ihm verkehren wollte, bald ein Metzger, bald ein Zinsmann,
bald ein Nachbar, der Rat suchte, bald ein Anderer, der Geld wollte.
    An jenem Sonntag tat er wie gewohnt, und Anne Mareili bebte nur vor einem
heranfahrenden Kellerjoggi; aber es wusste doch immer, was ging, und hatte den
Vater sozusagen unter den Augen. Wie erschrak es aber, als er, sobald er zu
Mittag gegessen hatte, sich sunndigte, den Hut bürsten liess und abzog, ohne zu
sagen wohin, aber in der Richtung eines Wirtshauses, wo des Sonntags Kellerjoggi
gewöhnlich seinem Namen Ehre machte und welches zwischen Schüliwyl und
Aufbigehrige lag.
    Unwillkürlich zog es Anne Mareili dem Vater nach, aber bis es sich
zweggemacht, war er seinen Augen längst entschwunden, aber dennoch musste es
gehen. Es werde ihm neue so angst, sagte es der Mutter, es düechs, es müsse ein
wenig voruse. »He nun, so geh«, sagte die Mutter, »aber mach, dass du heim bist
für dSach z'mache! Auf die Jungfrauen kann man sich nicht mehr verlassen, gäb
wie man es ihnen sagt; wenn die hinter sieben Zäunen ein Bubenbein sehen, so
bringt man sie mit keinem Lieb mehr ab Platz.«
    Anne Mareili ging der Richtung nach, in welcher der Vater gegangen war, aber
keine Spur vom Vater fand sich mehr. Wege liefen nach allen Richtungen aus, es
wählte nicht, lief den geradesten; bald stand vor ihm das Dorf, wo ihre Kirche
stund, und nun fiel auf einmal ihm die Verlegenheit aufs Herz, was es dort
machen, was es zWort haben wolle, und wenn es durchs Dorf durch sei, wohinaus es
dann wolle. Wenn es gesagt hätte, es wolle ein Kehrli machen, spazieren gehen,
man hätte es angesehen wie einen Stier ohne Hörner, ein Schwein ohne Ohren, und
bis dato noch schämen ehrbare Mädchen auf dem Lande sich des Kehrlis und
Spazierens ohne Ziel; sie spazieren auch, aber sie haben entweder etwas beim
Schuhmacher zu verrichten oder möchten sehen, was ihr Flachs mache oder der Hanf
auf der Rösti. Dann war es so früh, und es kam daher wie aus einer Kanone; so
wegen mir nichts und dir nichts kömmt man aber nicht so früh und so wie aus
einer Kanone.
    Da fing es an zusammenzuläuten zur Kinderlehre. Beruhigend klangen die Töne
in sein verwirrt und ängstlich Herz hinein, sie waren wie das Öl, das Aarons
Haupt umfloss und Ruhe in sein Herz ihm goss; vor ihm ging es auf wie ein gross und
herrlich Tor, das in kühle, friedliche Hallen führt aus heissem Gewühle. In die
Kinderlehre, düechte es ihns, möchte es einmal wieder; seit es die Erlaubnis zum
heiligen Abendmahl erhalten, war es nie in derselben gewesen. Dass Bauerntöchter
dieselbe besuchen, ist nicht Mode, kein guter Schick ist dort zu machen, keine
Kurzweil ist darin zu treiben, und wo es nicht Mode ist, geht man nicht hin, so
ume vo wege nüt mag man sich nicht auslachen lassen. Nur so arme Mädchen und
zuweilen auch ein sinniger Bube kommen her, die es einsam anweht draussen in der
Welt, die Heimweh haben nach dem Orte, wo sie die Liebe Gottes angeweht, wo sein
Licht helle Strahlen in ihre Herzen geworfen, die ein Heimweh haben nach dem
Lehrer, der ihre Herzen einem höhern Sinne aufgeschlossen, dessen Worten sie es
angefühlt, dass er ein Herz für sie habe, wie keines auf Erden für sie
geschlagen, dass sie ihn so recht aus Herzensgrund erbarmen, dass er sie retten
möchte aus des Verderbens Schlund mit allen Kräften und von ganzer Seele. Wie
wohl tut es ihnen, wenn sie ihn sehn, wenn sie die alten und doch immer neu
werdenden Lehren hören! Und wenn sie fühlen, dass unter ihnen der Boden wankt,
dass die Wellen der Welt die Scholle, auf der sie stehen, vom Ufer reissen, so
wenden sie nur um so inniger ihre Blicke nach dem treuen Lehrer, und Tränen
drängen sich ins Auge, und jede Träne ruft: Wenn der es wüsste, was würde er
sagen! Da wird oft das Herz so heiss, Bekenntnis um Bekenntnis drängt sich hervor
bis an die Schranke der üblichen Sitte; da erkalten sie wie Lava in des Meeres
Schoss, und was der Lehrer wohl im Auge sah, das überschritt die Lippen nicht,
das versteinerte nach und nach. Wenn dann im Herzen die Welt erkaltet, da taut
wohl das versteinert Gewesene wieder auf; er hätts gut mit mir gemeint, heisst es
dann, aber was will me? Ih ha mih gschoche, u du ischs gange, wies gange ist.
Wenn ich ihn nur noch einmal sehen könnte und der liebe Gott mir verzöge, so
wärs, was ich wünschte. So dünkt es manches arme Mädchen und zuweilen auch einen
Buben, die fühlen, dass kein Herz so warm für sie schlägt als das da innen. Diese
haben eben kein Vorwort nötig, wenn sie in die Kinderlehre gehen wollen; die,
wenn sie nicht narrochtig tun, laufen unbeachtet.
    Anne Mareili hatte den Pfarrer auch geliebt, es düechte ihns immer, er meine
es so gut, kein Mensch so auf der Welt; mit keinem Lieb hätte man es von einer
Unterweisung abgehalten, und als sie zu Ende waren, düechte es ihns, es wäre ihm
jemand gestorben und zwar das Liebste, welches es auf der Welt hatte. Es hatte
darauf einige Male gesagt: »Es düecht mih, ih möcht zKingelehr.« Dann hatte die
Mutter gesagt: »Was witt doch, du Göhl, es düecht mih, du söttisch gnue
Kingelehr übercho ha. Es geiht ja ke Mönsch, was witt doch? DLüt lache dih ume
us.« So hatte es die Mutter abgehalten, und Anne Mareili liess sich abhalten, es
hatte es nicht besser gesinnet.
    So halten noch viele Eltern ihre Kinder vom Gottesdienst ab, und nicht nur
vom Gottesdienst, sondern auch von Gott selbst. Wartet nur, ihr Toren! Wenn ihr
eure grauen Haare mit Jammer zur Grube tragt, dann schreit ihr vielleicht nach
Gott; aber zwischen euch und eurem Gott stehen dann eure Kinder, die ihr an
Teufel und Welt verraten, und wie wollt ihr erlöst und selig werden, so eure
Kinder durch euch verführt und verflucht sind?
    Jetzt düechte es Anne Mareili, dahin möchte es einmal wieder, und alsbald
fiel ihm bei, wenn es die Leute frügen, was es da wolle, so könne es zWort
haben, sie hätten einen Ackerbub und es nähme sie wunder, wie der antworte und
ob ihm der Herr wohl erlauben würde. Das könnte freilich noch Mancher zWort
haben, um zur Kinderlehre zu gehen; aber leider sind der Mütter, der Väter gar
zu viele, die sich nie darum kümmern, wie ihr Kind dem Herrn antworten könne in
der Kinderlehre, die sich ebenso wenig darum bekümmern, was einst ihr Kind dem
Herrn antworten müsse am Tage des Gerichtes. Aber wartet nur, es kömmt eine
Stunde, wo ihr anhören müsst, ihr mögt wollen oder nicht, was das Kind antworten
muss, und wehe dann euch, wenn das Zeugnis gegen euch ist, euch anklaget als
Seelenmörder, und Seelenmörder ist noch ganz was anderes als Leibesmörder! Dann
gehen euch die Ohren auf, sie mögen verpicht sein wie sie wollen, und die
Predigt könnt ihr nicht verschlafen, wie manche auf Erden ihr auch verschlafen
habt; die Donner des Zornes Gottes wecken, darauf könnt ihr euch verlassen.
    Anne Mareili mässigte, sobald es den Fund getan, seinen Schritt und ging ganz
zimpferlich ins Dorf, wie es sich Dorngrütbauern Tochter ziemte, suchte so
unbemerkt als möglich zur Kirche zu gelangen, und wenn ihns jemand ansprach, so
brachte es seinen guten Grund vor, gegen welchen man ihm gewöhnlich einwendete:
»He, was witt, lass du die zusammen machen; gäb du gehest oder nicht, es fällt
doch wies will oder wie der Herr den Laun hat. Komm, in der Kirche schläfert es
dich nur, und in der Luspinte wird getanzt!«
    Als Anne Mareili in die Kirche kam, hatte es verläutet, der Herr den Psalm
verlesen; schon ging die Orgel, mit gwunderigen Augen sahen sich die Kinder nach
ihm um, dass es ganz rot ward und fast reuig, dass es gekommen.
    Während die Orgel ging, gingen seine Gedanken dem Vater nach, sahen, wie er
den Kellerjoggi fand, wie sie Frieden machten, sah den Tritt vor dem Taufstein
und dachte sich, wenn es da knien müsste mit dem alten, an Leib und Seele wüsten
Manne, sich verkaufen lassen musste mit Leib und Seele, wie es unter Christen,
und zwar unter den vornehmsten am öftersten, üblich und bräuchlich ist. Immer
lebendiger trat ihm der Alte vors innere Gesicht; es sah ihn dort knien, sah
sich an seiner Seite, sah, wie der Pfarrer las und immer las und immer näher die
Stelle kam, wo es Ja sagen sollte; immer enger schnürte sich sein Herz zusammen,
es dünkte ihns, als müsste es ersticken oder geradeaus in die Kirche hineinrufen:
Nein, Nein und immer Nein in alle Ewigkeit. Da schwieg plötzlich die Orgel; aber
seine Beklemmung löste sich nur langsam, Göller und Hemde und Kittel, alles war
ihm zu eng geworden, denn wo es einem zu eng ums Herz wird, da ist kein Göller
weit genug, da ist selbst Gottes weite Welt zu eng. Aber wenn es einem zu eng
wird in der weiten Welt, da findet man wohl ein ruhig, frei Plätzchen im eigenen
Herzen, wenn man ein Herz darnach hat.
    Da begann der Pfarrer zu reden: Wie es draussen in der Welt wandelbar sei,
das Wetter unterm Himmel wie die Zustände auf Erden, wie auf den Sonnenschein
der Regen folge, auf den Sommer der Winter, auf gute böse Jahre, und Trübsale
wechselten mit Glück und Freude. Dieser Wechsel sei aber nicht ungefähr oder
komme aus Bosheit, sondern aus Gottes väterlicher Hand. Das aber sei wichtig und
nie zu vergessen; denn wie draussen es wechsle, solle es nicht wechseln in des
Menschen Seele, denn es solle eben der Mensch über den Wechsel sich erheben und
zu einem bleibenden, unveränderlichen Wesen werden, er solle nicht gleichen der
wechselnden Welt, sondern dem Vater im Himmel, in welchem kein Schatten der
Umkehr und des Wandels sei. Um aber so zu werden, müsse der Mensch es wissen und
nie vergessen, dass er ein Kind unter des Vaters Auge sei, der jedes Haar an
seinem Haupte behüte und keines ausfallen lasse ohne seinen Willen, jede gute
Gabe gebe und jede Züchtigung; dann vermöge er den kindlichen Sinn zu bewahren,
der dankbar bleibe dem Vater in guten Tagen, willig und geduldig in Trübsalen,
in guter Zuversicht auf die Zukunft, gleichmütig und demütig immerdar in festem
Glauben, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zur Seligkeit dienen müssten. Wo
aber der Mensch sein Auge nicht also fest und unverwandt auf Gott gerichtet
halte, nicht es immerfort läutere im Anschauen seiner Herrlichkeit, da werde es
getrübt vom Wechsel der Welt und ändere Farbe mit jedem Wechsel. Dessen sei
Zeugnis das Leben so vieler Menschen, in dem Übermut wechsle mit Kleinmut,
Hochmut mit Niederträchtigkeit, eitles Wesen mit Jammersucht, Leichtsinn mit
Trübsinn. Man solle doch nur in die Häuser schauen, und wo man sehe, dass Gott
vergessen, man sich nicht mehr bewusst sei, dass man die guten Tage Gott zu
verdanken hätte, da werde man Übermut und Hochmut finden, alle verachte man,
sich selbst mache man zu seinem Götzen; aber man solle nur sehen, wie schwer
diese Leute die kleinste Widerwärtigkeit nähmen, wie sie sich sträubten und
ärgerten, wie sie sich gebärdeten, wenn nicht alles nach ihrem Kopfe ginge, wie
sie zagten in schweren Nöten, wie durch diesen Wechsel ein mürrisches Wesen sich
ansetze, ihr Friede beständig getrübt sei, im Glück durch Übermut, im Unglück
durch Kleinmut, in der Jugend durch Hoffart, im Alter durch Jammersucht. Man
klage immer mehr über die Welt und das mit Recht, denn je mehr man der Welt die
Herrschaft einräume über sich, desto elender werde man, ein welkend Laub im
Winde, das nie weiss, wenn der Fuss kömmt, der es zertrittet oder ob es eine Welle
dahinnimmt. »Würde man die Welt überwinden und an Gott sein Leben knüpfen, dann
würden die Klagen über die Welt verstummen, sie würde wieder unser Paradies
werden. So ist manche kleine Hütte, ob welcher man Gottes Auge offen sieht, ein
köstlicher, friedlicher Tempel, während so manches grosse Haus nur Elend
herberget, und immer mehr Elend, je grösser es wird; in ihm ists Nacht, denn
Gottes Liebe scheinet nicht hinein, und dass auch über ihm Gottes Auge wacht,
daran sinnet niemand. Sie wälzen sich in Not und Sorgen, in Jammer und Klagen,
in Streiten und Zanken, in Neid und Ungenügen dem Grabe zu. Elend war hier ihr
Teil, was wird ihnen drüben werden? Und doch wäre Gottes Hand auch ihnen nahe,
aber sie öffnen ihre Augen nicht, und wehe dem, der sie ihnen öffnen wollte; im
Übermute der Welt würden auch sie jetzt noch nach Steinen greifen. Ihr Kinder
aber, vergesset es nie und nimmer, euer himmlische Vater waltet über euch, nicht
blindes Ungefähr; was kömmt, kömmt aus seiner Hand, darum vergesset nimmer Dank
und Demut, Geduld und Zuversicht zu euerem getreuen Gott und Vater, der im
Himmel ist.«
    So kinderlehrete der Pfarrer auf freundliche Weise in wechselnder Rede und
Gegenrede. Es heimelete Anne Mareili gar sehr, denn alles das hatte es schon
gehört, wenn auch nicht mit gleichen Worten, und manches Wort tauchte ihm auf
aus der wunderbaren Kammer der menschlichen Seele, in welcher so manches
unbeachtet vergessen liegt, welches in entsprechenden Augenblicken wieder zutage
trittet, manches Wort, welches der Pfarrer nicht aussprach; auch die alte Zeit
tauchte ihm auf, in der es als lustiges, wildes Mädchen das alles hörte mit
grosser Andacht, aber ohne inniges besonderes Verständnis, wo es die Worte des
Pfarrers hielt wie Perlen und Edelsteine, an denen man grosse Freude hat, aber
ehrerbietig sie beiseite legt und keinen besondern nähern Gebrauch von ihnen zu
machen weiss. Und so geht es zumeist; es geht mit der Lehre auch, wie es mit Korn
und anderem Samen geht, welches eine Weile im Schosse der Erde ruhen muss, ehe es
zu eigenem Leben erwacht, was gar schnell aufgeht, verdorret schnell wieder. Das
Leben ist es, welches des Herren Worte ausbrütet in den Herzen der Menschen. So
wars ihm anfangs, als sei die alte lustige Zeit wiedergekehrt, aber so war es
ihm nicht lange. Die Worte schienen ihm einen ganz anderen Klang zu haben als
ehedem, sie glitten ihm nicht mehr so süss und sanft ins Herz hinein, sie bebten
alle Falten erschütternd im Herzen wider, und wie ein Echo tönte es ringsum: Ja
so ists; das Leben gab ihm der Worte Verständnis, das zweischneidige Zeugnis
ihrer Wahrheit, das Leben machte auf einmal lebendig, was wohlbewahrt in dunkler
Kammer gelegen.
    Ja, über ihrem Hause war es trübe und finster, und drinnen fehlte der Friede
und das Genügen und jedem Herzen Dank und Demut und Zuversicht; denn ihrem Hause
fehlte Gott, an sein Walten dachte niemand, ihm dankte niemand, auf ihn hoffte
niemand; wenn schon Lippen beteten, stumm blieben doch die Herzen, jedes Leben
war los von Gott, und jeder führte es nach seinem Sinn und in eigener,
eingebildeter Machtvollkommenheit. Wenn ein reicher Segen Scheuer und Spycher
füllte, so dankte man nicht Gott, sondern ass und trank um so reichlicher an den
Sichelten und tat um so wüster, und wenn das Wetter Verderben drohte, so grollte
man mit dem Wetter, aber um besseres bat man den Herrn des Wetters nicht; was
dieses eintrage, jenes schade, so rechnete man, aber was der Herr zu diesem sage
und zu jenem, so frug man nicht; eines war des Andern Feind, jedes lauerte auf
seinen Vorteil und des Anderen Schwäche, zwischen den selbstsüchtigen Herzen
mittelte Gott nimmer, darum war daheim ein so düster und unheimlich Sein.
    Das hatte Anne Mareili schon lange gefühlt, aber so klar war es ihm nicht
geworden, so klar war es ihm nie geworden, wie es selbst trotz der eigenen
Unheimlichkeit erfasset sei und untertänig ihrem bösen Hausgeiste. War doch Gott
ihm kein Trost, suchte es doch im Gebete den Frieden nicht, hatte doch all sein
Glauben wenig Einfluss auf seine Stimmungen, suchte sein Auge in keiner Schickung
Gott, war ja auch sein Leben eigentlich los von Gott, wenn es auch weder
ungläubig noch lasterhaft war. War es aber nicht deswegen so in Ängsten, ein
ratlos Laub im Winde, meinte sich abhängig von alten Launen alleine und dachte
nicht daran, dass auch es Gottes Kind sei und jedes Haar auf seinem Haupte in
dessen Schutz und dass in einem festen Entschluss, in Gottes Namen gefasst, die
beste Abwehr sei für unbegrenzte Angst?
    Aber so ists, schön Predigen ist nicht schwer und viel Glauben auch nicht,
aber den Glauben zum Leben werden zu lassen und die Predigt zu einer Brücke vom
alten Wort ins junge Leben, das ist schwer. Zumeist hat es der Mensch wie ein
kluger Kaufmann, alles wohl sortiert, hier eins apart und dort das andere für
sich, in einem Krummen ist der Glaube, in einem andern sind die Ansichten, in
einem dritten die Grundsätze, in einem vierten die Gefühle, das Leben aber hat
er in den Fingern, und wenn er seinen Kunden wägen tut Rosinen und Weinbeeren,
Mandeln und Kaffee, so frägt er weder nach Ansichten noch nach Grundsätzen,
sondern wiegt eben, wie es ihm in den Fingern ist. Schlägt der Kaffee ab, so
wiegt er wie der frommste Christ, denn viel Absetzen so schnell als möglich ist
sein grösster Vorteil; schlagen die Weinbeeren auf, so kleben sie ihm an den
Fingern und er wiegt wie ein emanzipierter (das sind eben die schlimmsten) Jude,
denn je weniger er heute gibt, desto mehr löst er aus den andern morgen. So aber
wie ein wohlassortierter Jude soll es der Christ nicht haben, er soll eins sein,
das heisst nicht alles durcheinander, einem Knäuel gleich, in welchem es hinten
und vornen gleich strub ist, wie es in mancher Schreiberei aussieht und in
manchem oberkeitlichen und sonstigen Haushalt, sondern einem schönen Baume
gleich, wo aus lebendig gewordenem Kerne die festen Wurzeln sprossen, schlank
der Stamm gen Himmel strebt, schattenreich und weit die Äste sich ausbreiten.
Der Glaube ist das Wurzelgeflecht im christlichen Herzen, entsprossen dem
lebendig gewordenen Worte, der Stamm ist des Lebens Wuchs, das den Himmel sucht,
die Äste die einzelnen Verrichtungen, welche das Leben fordert. Dieses
Einswerden in sich ist auch das Einswerden mit Gott, unser Ziel auf Erden, zu
welchem Christi Fussstapfen führen, aber wohlverstanden nicht diesseits, sondern
erst jenseits.
    Weit kommoder als dies ists freilich, wenn man annimmt unser Fleisch sei
unser Gott, und was das wolle, sei recht; da ist die Einheit rasch da, aber es
ist die Einheit, welche bereits in der Maus und in der Katze, im Hunde und im
Hasen ist.
    Kommod ists wieder, wenn man unser Fleisch für einen dürren Ast erklärt, der
nichts mehr zu bedeuten hätte, also den Glauben oder den Geist nichts anginge,
so dass was allfällig noch mit ihm vorginge, ehe er völlig zu Staube würde, sie
nicht im mindesten zu verantworten hätten. Das ist den Worten nach zwei, aber
dem Wesen nach eins; es führt beides zu der Einheit, welche im Tiere ist, aus
welchem wir uns emporwinden, aber nicht in Gott, zu welchem wir emporsteigen
sollen.
    Gar Manche aber auch meinen, der aufgespeicherte Same sei das Ackerfeld
selbst, und denken nicht, dass was im Spycher wächst, Auswuchs oder Würmer sind.
Was im Spycher ist, muss man, während es gesund ist, mahlen, dann gibt es
gesundes Brot, wird zu Fleisch und Blut in gesunden Körpern, oder man muss es
eben wieder aufgehen lassen in des Lebens Ackerfeld zu neuer Frucht, zur Frucht,
die bis in den Himmel reicht.
    Es sprosste in Anne Mareili, wie nach einem fruchtbaren Gewitterregen, wenn
im Westen durchs Gewölk die Sonne bricht, während im Osten der wunderbare
Gnadenbogen sich wölbet. Es war auch ein Durchbruch. Aber wenn es sprosst, so
streckt der Stamm seine Äste doch noch nicht bis in den Himmel hinein, und eben
den Sprösslingen ist der Reif am gefährlichsten.
    Als der letzte Gesang vorübergerauscht, der Pfarrer den Segen gesprochen,
der Sigrist die Türe geöffnet, ging Anne Mareili ungern aus dem kühlen,
friedlichen Hause hinaus ins heisse, staubige Leben; es fühlte eben in sich Leben
wogen, Gefühle kreisen, der heiligen Stunde hätte es so gerne abgewartet
innerhalb den stillen, heiligen Mauern. Wer aber sein Leben draussen hat, nicht
drinnen, wer sein Gehör anstrengen muss, seine Sinne zusammenhalten, die, wie ein
Trupp wilder Buben, sich nicht gerne stille halten an einem Orte, der mag wohl
kaum warten, bis der Pfarrer schweigt, der Sigrist ds Loch aufmacht für die
ungezogenen Buben, die hinausfahren, ehe er es noch recht offen hat. Anne
Mareili musste mit den Anderen hinaus und trappete ins Dorf hinein, ohne dass es
durch etwas gezogen ward, ohne dass es wusste, wohin es wollte; innerlich war
seine Seele gekehrt. Aber seiner selbst war es nicht lange; erst rief ihm die
Krämerin, kramen sollte es, dann riefen ihm zwei Gefährtinnen, eine Halbe zahlen
sollte es, dann kam die Wirtin und rief, dGeiger seien da und tränken nur noch
einen Schoppen, die Halunken meinten, sie könnten keinen Zug tun, wenn sie nicht
den Kragen voll hätten, sie sollten doch ja nicht weiter, im Augenblick ginge es
an. So umarfelte die Welt das Meitschi von allen Seiten, zog es dem Strudel
wieder zu, an dessen Enden es sich gewiegt hatte; es ging hinein, es wusste nicht
anderswohin, hatte keine Ausrede bei der Hand, und wer weiss, ob die Wirtin nicht
etwas für ihns wusste, Aber stille war es, die Welt überwältigte sein Sinnen
nicht, die äussern Eindrücke überfluteten es nicht, der Wein ersäufte es nicht,
die Geigen übertönten es nicht, und als die andern Mädchen hinaufgingen, um zu
sehen, ob Schreiss da sei, sagte es: Etwas Grechts sei nicht da, öppe es paar
Buben, die nicht drei check Krüsch hoch seien und die tanzen müssten, wenn niemand
anders da sei, wenn es ihnen nicht gehen solle wie Heustüffeln in den Erdäpfeln,
die, sie möchten springen wie sie wollten, doch nicht voraufkämen. So blieb es
sitzen, und alsbald war die Wirtin bei ihm und stärkte ihns, dass es nur
standhaft bleibe, einen Brävern bekäme es nicht, sie wisse es, und vom
Kellerjoggi wisse sie Sachen, wenn sie bewiesen wären, so wäre der wohl alt
genug. Sie wollte lieber eine lebendige Kröte zum Manne und noch dazu eine
geschundene, als so einen alten Kellermoloch. Mehr konnte die Wirtin nicht
sagen, andere Gäste nahmen sie in Anspruch. Anne Mareili zahlte, ging; was es
gehört, ging ihm über Geigen und Tanzen.
    Mehr und mehr festigte sich in ihm der Entschluss, der Heirat mit dem
Kellerjoggi, wenn sie wieder auf das Tapet kommen sollte, sich ernstlich zu
widersetzen, wars doch keine Not, sondern nur Zwang, den Eltern an sich selbst
nichts geholfen, sondern nur den Reichtum der Brüder vermehrt, die deshalb um
nichts besser mit ihm gewesen wären. Wollten sie ihm Resli nicht lassen, in
Gottes Namen, darein wollte es sich fügen, und doch zog es ihns immer inniger
nach einem Hause, wo Friede sei und Genügen, Gott Hebel und Sonne, wo mit Gott
begonnen ward der Tag und mit ihm geschlossen. Da, düechte es ihns, wäre ihm
wohl, wäre ihm, als wenn es käme unter ein sicher Obdach aus finsterem Walde, in
welchem Räuber ihm nachgestellt, wilde Tiere gebrüllt, giftige Schlangen durchs
Gras gekrochen; da wollte es beten und gehorchen alle Tage seines Lebens, keine
Unantwort mehr geben, keine saure Miene machen nimmermehr. Und es gaukelten vor
seinen Augen die lieblichsten Bilder, wie es dort schaltete und waltete, ein
treu Söhnisweib war und der Eltern wartete, wie es ein lieb Weibchen war, mit
dem Manne freundlich tat und er mit ihm, wie es alles anstellte und gerühmt ward
von allen Leuten.
    So verschwammen ihm immer mehr Himmel und Erde und beide waren eins. Reslis
Haus ward sein Himmel und im Himmel schien ihm Reslis Haus, und so wanderte es
langsam, gedankenvoll dahin, bis rohes, wildes Bellen ihns weckte; es war ihr
roter Mutz, der alle Vorübergehenden neckte. Ach, wie viele Himmel gibt es
nicht, aus denen ein roter Mutz mit Bellen uns verjagen, ja manchmal eine
einfache Katze, braucht nicht dreifarbig zu sein, mit Miauen uns verjagen kann.
Dort stand es lange und schaute ihr Haus und rechnete zusammen, was alles darin
sei, wie man es haben könnte, wie man es hätte und wie das Gutaben nicht
abhänge vom Garbenstock, nicht vom Heustock, nicht vom Schmutzhafen, nicht vom
Geldseckel, und wie es ihnen nicht übel ginge, wenn alles dies verbrennen täte,
indem sie es böser nicht hätten, vielleicht besser, denn man käme wahrscheinlich
der Wanzen los. Aber was am meisten schmerze, was einem Haus und Bett verleide,
dieses verbrenne das Feuer nicht, wasche das Wasser nicht weg, dieses sitze an
einem Orte, wo irdisches Feuer nicht brennt, wohin Wasser nicht reicht, und
triebe man es auch mit Spritzen von allen Seiten. Aber dass es eben hier geboren
worden, hatte das nicht auch Gott gewollt, und wenn es eines Spittlers Tochter
gewesen, in Schmutz und Hudeln, hätte es Resli je angesehen? Sollte es murren,
undankbar sein? Nein, das wollte es nicht, wollte anerkennen und dankbar sein,
wollte Resli entsagen, wenn es sein müsste, aber wollte den Kellerjoggi nicht um
kein Lieb, keinen Preis. Zu der Brüder Hung sei es nicht geboren, es stehe
nirgends in der Gschrift, dass das Gottes Wille sei.
    Die Sonne senkte sich, und Anne Mareili ging heim, ziemlich ruhig, was auch
der Vater heimbringen möchte, denn nur solange man nicht gefasst zu sein meint,
währt die Angst; ob man dann aber auch wirklich gefasst sei, wenn man auch gefasst
zu sein glaubt, das ist eine andere Frage.
    Von weitem schon kam ihm ihr Mutz entgegen und ränggelete mit dem Schwanz,
so weit es ihm möglich war, denn wenn er schon ein wüster Hund war, so war er
doch dankbar. Still wars sonst ums Haus, bloss die Enten schnaderten in der
Mistgülle und die Schafe blökten zum offenen Gatter hinaus; die Jungfrauen aber
waren, wie die Mutter richtig gesagt, noch weit von heim, werden wahrscheinlich
auch in irgend einer Mistgülle geschnadert haben. Die Schweine grunzten
gewaltig, als es bei ihnen vorbeiging; sie wussten auch, wer es war, und als es
in die Stube trat, berzete auch die Mutter im Nebenstübli, durch das Raxen der
Türe aus ihren Träumen gestört. Es ist meist so, dass wo der Bauer ein Raxer ist,
da raxet und gyret alles; da raxet das Tennstor, die Wagenräder, die Stuben-,
die Gänterlistüre, ja selbst der Hosensack.
    »Bist dus?« fragte die Mutter und zog die Kappe wieder zweg, »was ist für
Zeit ? Es wird Zeit sein zum Feuern, geh und mach zweg; es muss zweggmacht sein
für die Säu, u für us geihts de grad i eim, u was de nit da ist, cha hingernache
luege.«
    Anne Mareili, ein getreuer Adjutant, jedoch ohne galonierte Hosen (die
Obersten sollen galonierte Schnäuze kriegen nächstens, an Geflemmten wolle man
den Effekt probieren, heisst es), fütterte die Schweine an der Mutter Statt. Wie
es eben dran war, den Trog zu putzen, kam der Vater daher, tat die Türe auf zum
Stall, und wie Anne Mareili das Herz klopfte, während der Vater die Schweine
besah, aber nicht wegen den eigentlichen Schweinen, sondern wegen Kellerjoggi,
das begreift niemand, als wem einmal an Vaters Lippen ein Urteil gehangen hat,
das, wie eine Kartätsche in den Leib, schlagen konnte in das Lebensglück. »Die
tun nicht bös«, sagte er; »am kalten Märit können wir zwei vorab den
Burgdorf-Metzgern geben, öppe eim, der Geld hat; wenn wir die andern ausmästen
bis Lichtmess, so wiegt jede drei und einen halben Zentner, und wennd morn
mitwillst düruf, so mach, dass du vor den Fünfen zweg bist.«
    Man sagt bald, es sei einem gewesen, als ob Feuer durch einen durchgefahren
oder als ob man einen mit Wasser beschüttet hätte über und über, aber wie es
Anne Mareili war, das konnte es nicht sagen. Es wusste nicht, tanzte es mit dem
Säutrog oder fuhr es mit samt dem Haus durch die Luft, und ehe es begriff und
antworten konnte, war der Vater fort und gab den Rossen zu fressen, brummend
über die Liederlichkeit des jungen Volkes, das um sechs Uhr noch nicht heim sei,
nicht ausgehudelt habe, wohl, denen wolle er. Er dachte halt nicht daran, dass
jeder meinte, der Meister, weil er so früh ausgegangen, werde auch spät
heimkommen, darnach sich richtete und verrechnete, so gut der Meister sich
selbst verrechnet hatte. Der war auch ausgegangen, um zufällig den Kellerjoggi
anzutreffen, und traf denselben richtig auch an, aber nicht wie er gehofft
hatte. Derselbe tat gar kaltblütig, weder verblüfft noch zornig, brachte es ihm
schön, als er hineinkam, sagte bloss im Vorbeigehen, er sei letztin nicht
gekommen, er hätte öppis Rückeweh gehabt, aber die andere Woche werde es sich
wohl geben, wenn er öppe Zeit hätte. Der Dorngrütbauer nahm das hin und sagte
bloss, er wisse nicht, was es gebe, könne nichts versprechen, es gebe manchmal
etwas ungsinnet. Darauf sprach er von gleichgültigen Dingen. Wie er den Schoppen
aus hatte, brach er auf, gäb wie man ihn bleiben hiess. Er müsse gehen noch etwas
schauen, sagte er, wenn es einem an etwas gelegen sei, so müsse man gehen,
während es noch Zeit sei, mit dem Warten habe man schon manches versäumt, dann
sei man reuig und es nütze doch nichts. Das ging dem Kellerjoggi hinein; er
drehte die Rede lang um und um und dachte: Ist das ghaue oder gstoche? Er wird
einen nur glustig machen wollen, meinte er endlich, aber er ist am Lätzen; wenn
die Katzen Mäuse fangen wollen, so müssen sie der Sache wohl abpassen. Aber zu
listig kann man manchmal auch sein, und Abpassen und Verpassen ist einander nahe
verwandt.
    Anne Mareili konnte vor Freuden der Mutter den erhaltenen Bericht fast nicht
sagen, setzte aber doch hinzu: »Mutter, gehe du mit dem Vater; du bist so lang
nie von Hause weg gewesen und noch gar nie dort oben.«
    Die Mutter hatte es ungern, dass der Vater das Meitschi auserlesen, und
zürnte es, wie es so geht, auch an der Tochter, die sich dessen nichts
vermochte. »Wenn er mich wollte«, sagte sie, »so hätte er es mir anerboten; aber
ich weiss wohl, er schätzt mich nichts und schämt sich meiner, und wenn er mir
jetzt schon zehn Batzen geben wollte, dass ich mitgehen sollte, er könnte mir
küderlen.« Das wäre zu probieren gewesen; aber was der Bauer einmal wollte,
daran war wenig mehr zu ändern, und an diesem gar nichts. Die Mutter hatte
allerdings recht, er schämte sich ihrer, sie war ihm zu ungattlich und redete
ihm nie recht. Gab sie ihm recht, so war es ihm nicht recht, widerredete sie
ihm, so ward er erst böse. Sie hatte es bös treffen. Seine hübsche Tochter hatte
er viel lieber neben sich; er hatte eine gewisse Meinung mit ihr, die sich in
ihrem Grunde nicht viel von der Meinung unterschied, die man mit einem schönen
Ross hat oder einer aparti stolzen Kuh und dass man lieber mit einem Engländer
ausfährt als mit einer Mähre, welche halb von den Mäusen gefressen ist. Er
schmunzelte allemal, wenn einer sein Meitschi wohlgefällig ansah. Gäll,
hättischs, dachte er; er empfand so eine Art Galgenfreude, wenn er sein Meitschi
wie ein Stück Speck dem Mannevolk einen ganzen Tag lang durchs Maul ziehen und
bei jedem denken konnte: Der nähms auch, aber ohä!
    Ganz anders hat es ein alter Käusi, wenn er eine schöne junge Frau neben
sich hat. Jeder freundliche Blick, den sie erhält, geht ihm wie ein Stich durchs
Herz; was haben die zusammen, denkt er allemal, wenn die einander nicht kennten,
sie hätten sich nicht so angesehen, da muss etwas sein. So kriegt er lauter
Stiche ins Herz, dass wenn dasselbe nicht wäre wie altes Händscheleder, dasselbe
ganz verlöchert würde. Geht er aber ohne sie, so stechen ihn seine eigenen
Gedanken, und alle Augenblicke muss er denken: Was macht sie jetzt?
    Wen sieht sie jetzt? Wer ist wohl bei ihr, der Tüfels Täsche ? So wird er
gestochen, er mag mit ihr fahren oder sie daheim sitzen lassen; geschieht ihm
aber recht, ist Strafe für den Glust.
    Anne Mareili freute sich gar unbeschreiblich, je unverhoffter und wie
ausgemacht sein Glück, wie ein Engelein aus dem Himmel, ihm vor den Füssen stund.
Es hürschete in der Küche herum, dass die Mutter es daraus schicken musste; es
kehrte in seinem Stübchen das Oberste zu unterst, und als es den Schaden umsah,
hatte es lauter alte Rustig für morgen zweggelegt und alles, was es wollte,
wieder in den schafft getan. Es wollte nicht gäuggelhaft erscheinen, sondern so
recht ehrbar und anständig, wie es sich ziemt. Das ist aber für ein Meitschi ein
schwer Ersinnen, wenn es dieses nicht von Jugend auf seiner Mutter absehen kann.
    Es ist wohl nicht bald etwas so schwer, besonders wenn es ersinnet werden
muss und nicht angewohnt ist, als sich immer so zu kleiden, dass weder etwas
Nachlässiges noch etwas Narrochtiges zum Vorschein kommt, dass jedermann sagen
muss: »Das kömmt doch tusigs brav daher, geng wie us eme Druckli use, nüt zviel,
nüt zwenig.« Gäb wie leicht ein Bändeli zviel, eins zu wenig, etwas Schmutziges
oder etwas Glariges, etwas Zerrissenes oder Überflüssiges, so ist alle Mühe und
Arbeit umsonst und man wird Schlärpli oder Gäuggel tituliert, und diese Titel
werden weit häufiger ausgeteilt, als man glaubt, und an Mädchen, die sich das
nicht träumen liessen. Es ist aber auch wirklich schön, ein himmelschreiend
seiden Fürtuch und kuderige Strümpfe dazu, oder ein schöner weisser Lampihut mit
Federn oder Lätschen vom Tüfel und ein blau oder weiss Band daran, das man mit
keinem Stecklein anrühren möchte, oder schöne schwarzseidene à jour-Handschuhe
bis an die halbe Hand, hinten an den Fingern goldene Ringe und vornendran Klauen
wie ein Habch, oder eine goldene (wenigstens gelbe) Kette um den Hals und Dreck
hinter den Ohren, oder á jour-Strümpfe und verkniepete Schuhe und gwunderige
Ferseren. Es ist wirklich eine strenge Sache für ein Meitschi, eben recht in
allem zu sein, zu machen, dass alles nicht bloss zusammen, sondern auch zu Zeit
und Ort passt, dass es nicht zum Nachtmahl geht zum Beispiel wie ein Pfau, der
zHimmel fliegen will, oder im Winter wie ein Sommervogel und schön himmelblau
und schnadelig im Gesichte. Aber am allerschwersten mag es doch sein, sich recht
zu kleiden, wenn man auf die Gschaui reitet; wenn je, so passt hier ein alt
Sprichwort: Zu wenig und zu viel verhöhnt alle Spiel. Eine alte Frau sieht
scharf, sieht, was hinter den Ohren ist oder hier oder dort, was man nicht sehen
soll, und eine alte Frau ist oft wunderlich, und wenns der einen recht wäre, ist
es der andern nicht.
    Anne Mareili hatte einen natürlichen Sinn für das Rechte und die nicht zu
kaufende Gabe der Nettigkeit; es stund ihm alles wohl, es strahlte so gleichsam
aus den Kleidern heraus, und doch sah man gar nicht, dass es angewendet, dass es
gedacht: Helf, was helfen mag! Es war meist alles so, dass man meinte, es müsse
so sein und nicht anders, es hätte gleichsam gerade so von selbst sich
verstanden. Was ihm aber die Sache sehr erschwerte, war, dass es nicht kaufen
konnte was es wollte, sondern dass ihm sehr viel Kleider kramsweise zukamen, bald
vom Vater, bald von der Mutter; manchmal war es dabei, manchmal nicht, und weder
der Vater noch die Mutter hatten je von Geschmack gehört, sie wussten nur, was
steich und was wohl schmöck, und meinten, was sie schön düech, sei schön, und
schön düechte sie, was himmelschreiend war oder was wohlfeil war und doch, wie
sie sagten, in die Augen schien. So krameten sie manchmal, dass es Anne Mareili
das Wasser in die Augen trieb, während es schön danken musste. Und was sie
gekramet, das musste es auch tragen, sie zürnten es sonst an ihm. Das Dümmste
musste es einige Male tragen, dass die Eltern es sahen. Das tat es denn auch etwa
als Gotte an einem Nebenausort oder in der Nähe herum, wo es wohl bekannt war,
oder in der Familie, wenn es an irgend ein Mahl musste. Hatten sie es so gesehen,
so vergassen sie es und es konnte sich desselben wie, der entledigen auf
beliebige Weise.
    Man kann sich daher denken, dass die Wahl Mühe kostete, besonders da die
Toilette eines Bernermädchens da anfängt, wo eine vornehme Dame noch gar nicht
daran denkt, beim Hemde nämlich; das Hemd bildet eine der köstlichsten Zierden.
Ich weiss nicht, wie Königinnen Hemder tragen; selbst von der Viktoria ihrem, von
der sonst allerlei in den Zeitungen stand, habe ich nie etwas gesehen oder
gehört, aber ich bin überzeugt, sie würde es kaum merken, dem Stoffe nach, wenn
man ihr eins von einer Berner Bauerntochter leihen würde, eins nämlich, wo Ärmel
und Stock vom gleichen Stücke wären, was freilich nicht immer der Fall ist, wie
es bei Wäschen an den langen Seilen zu sehen. Es ist halt in allen irdischen
Dingen gerne Bschiss. Aber das bin ich überzeugt, dass manche Hofdame und manch
ander adelich Ding gar keine solche Hemder hat und es ungern hätte, wenn man
wüsste, wie manches sie hat und welche. Die Hoffart im Hemde ist die schönste
aller Hoffarten; das reine, feine Hemd über dem Herzen soll dem Mädchen eine
tägliche Predigt sein, dass es auch rein bleiben müsse unterm Hemde, denn was da
unten werde gesponnen, auch noch so fein, das müsse einmal an die Sonne.
    Die Mutter hatte es recht böse an selbem Abend und ward daher rumpelrurrig
aus dem ff. Anne Mareili war hell nichts für sie und keine Jungfrau kam heim,
sie musste die Sache alleine machen. So Jungfräuleni kommen nicht heim, solange
eine Geige geht, solange noch Hoffnung zu einem Schick vorhanden ist; so
Jungfräuleni haben selten Sinn für ihre Pflicht und christlichen Ernst im Leibe,
sie haben nichts im Leibe als den Sinn der Mücke, die auch nichts kann als
tanzen, und zwar am liebsten um ein Licht, bis die Flügel verbrannt sind. Dann
ists mit dem Tanzen aus und ein elend Raxen fängt an, das währet, bis endlich
der Tod kömmt. Was dann aber auch an einem solchen Abend, wo sie alles alleine
machen muss und am Morgen eine Andere dafür ausfahren kann, eine Mutter abzerrt,
man glaubt es nicht, wenn man es nicht gehört hat. Es kömmt ihrer Umgebung wohl,
dass sie gewöhnlich alle ihre Vorsätze unterm warmen Federnbette verschläft,
sonst wahrhaftig, es würde geschehen, dass man an einem schönen Morgen statt
Hammen und Speckseiten lauter Jungfrauen im Kämi könnte hängen sehen und statt
der Würste die Geiger.
    Anne Mareili konnte lange nicht schlafen, es war ihm viel zu heiss in seinem
Stübchen, und wenn der Schlaf kommen wollte, so kam die Angst auch, die hörte
dann donnern oder regnen. Anne Mareili fuhr auf, steckte die Nase zum Läufterli
aus, husch! war der Schlaf entflohen. Dann kam er leise wieder, drückte leise
ihm die Äugelein zu; plötzlich fuhr Anne Mareili auf und schrie: »Halt, Ätti,
halt, Herr Jeses, Herr Jeses, mr falle, lue doch ds Bord!« Da sass es dann ganz
verblüfft im Bette, wenn es merkte, dass kein Bord da war, schämte sich vor sich
selbst, huschte unter die Decke, der mitleidige Schlaf erbarmte sich seiner
wieder, drückte leise die Augenlider nieder, ein angenehm Schnarchen liess
liebliche Töne hören. Da plötzlich ein lauter Schrei, und bolzgerade stand Anne
Mareili im Bette und schrie: »Häb, Ätti, häb, dr tusig Gottswille, häb, häb,
lue, der Kohli het Fecke und wott flüge!« Das lächerete wohl den Schlaf, aber
boshaft ist er nicht, er ist der Menschen mildester Freund auf Erden. Alle
Abende kömmt er mit Bechern voll süsser Labung und stärket die Menschen zu neuem
Tagewerk. Wie eine treue Mutter zum dritten und vierten Male ansetzt, einen
heilenden Trank dem kranken Kinde einzuflössen, so tut auch der Schlaf. Nur wo er
weiss, dass einem recht not täte, an den Himmel zu sinnen Tag und Nacht, weil gar
zu weit er noch von der engen Pforte ist, da kömmt er nicht, da gibt er dem
Menschen Zeit zum Sinnen. Aber gar viele Menschen verstehn ihn nicht und sinnen
nur an die Welt, deren eben das Herz voll ist.
    Zum dritten Male aber kam er zu Anne Mareili wieder, nahm aber diesmal süsse
Bilder mit, ob denen Anne Mareili nicht erschrak, in die mit süsser Wonne es sich
versenkte; denn lieblich wurden seine Mienen, ein Lächeln schwebte über ihnen,
dem süssen Dufte gleich, der aus den Blumen steigt. Der schönste Tag brach an, es
merkte ihn nicht, goldene Sonnenstrahlen gwunderten übers holde Mädchen hin, sie
weckten es nicht, sie glänzten in seine Träume hinein, zauberten den süssesten
Tag herauf, den es je erlebt. Aber wie die schönsten Tage gewöhnlich mit
Gedonner enden, so fuhr in seinen schönsten Traum auch die Stimme der Mutter:
»Seh wennd doch mit willst, so steh auf, das ist doch afe kei Manier, im Bett
liege, bis man fort will, und alles a mih z'la!«
    Da tat Anne Mareili einen Satz wie ein Ross in der Schlacht, wenn ihm eine
Bombe oder sonst etwas auf den Kopf fährt, stand mitten im Stübchen, wusste aber
lange nicht, wo es war, bis es den Tag vor den Fenstern sah und die Kleider
rings auf Tisch und Stühlen. »Herr Jeses, Mutter, hab' ich mich verschlafen«,
sagte es, »und doch so früh auf wollen! Zürn doch recht nicht, ich bin gleich
zweg.«
    Mit dem Dorngrütbauer war nicht zu spassen, und wenn einer ein streng
Regiment führt, so tut er alles eher als warten, das wusste Anne Mareili und
hexete sich zweg, man wusste nicht wie, aber als es fertig war, rann ihm der
helle Schweiss von der Stirne. Es kam ihm wohl, dass sein Gesicht das Schwitzen
erleiden mochte, was bekanntlich nicht alle Gesichter vermögen, und dass es sich
schicken konnte, ohne eben zu pfuschen, was eben wieder gar Wenige können. Das
Letztere ist eine Eigenschaft, welche von Jugend auf erlernt werden sollte, und
besonders von den Meitscheni, es fehlt aber gewöhnlich der Lehrmeister dazu.
Ferner kam ihm wohl, dass es den Kaffee brühheiss trinken konnte, was aber eine
Unart ist, welche bekanntlich fast alle Tochter von ihren Müttern lernen können,
denn schon war der Vater fertig, nahm die Geissel und ging; das hiess so viel als:
Ich fahre, wer mit will, kann zusehen.
    Krieg macht flätig, der Friede lässig. Anne Mareili war getrüllet und hatte
daher etwas von einem Soldaten an sich, der auch zweg sein muss und nichts
vergessen darf, wenn die Trommel geht oder es heisst, der Feind sei da. Darum
trüllet man die Soldaten im Frieden, und wenn getrüllet wird, so ist das eben
nur Trüllen und nicht Kriegen. Freilich geschieht es oft, dass Trüllen für die
Hauptsache angesehen wird und ein Trüllmeister für ein Hauptkerl, besonders wenn
er similorige Epauletten hat und allfällig noch schreiben kann und Kolonne
machen, auf dem Papier nämlich, im Kriege ist dann aber all nichts und ds
Trüllen ist vergessen. Hat man doch schon oft während dem Trüllen von einem Tag
zum andern Tag alles vergessen, was man befohlen hat oder was befohlen worden;
wie sollte man dann nicht alles vergessen haben, wenn der Krieg kömmt, wirket
doch kaum was so eigen auf das Gedächtnis, als wenn es blitzt, als wenn es
kracht. Und wenn das Hauptquartier mit dem schlechtesten Beispiel vorangeht, was
darf man dann vom gemeinen Soldaten fordern? Die Haupttrüll ist aber immer die
fürs tägliche Leben, wo Vater und Mutter die Trüllmeister sind; die ist nicht
bloss gut fürs Gvätterle, die ist zu allen Dingen nutz; wer aber diese Trüll
nicht empfangen hat, ist ein Lädi fürs Leben, ein Meisterlos, ein Zaaggi: soll
er laufen, so hat er die Strumpfbändel vernistet, soll er schiessen, so hat er
kein Pulver, oder hat er gar das Unglück, in die Regierig zu kommen, so macht er
die Weibel tubetänzig, die Schreiber ds Teufels, die Geschäfte zu einer
verhürschete Strange; dabei wird es ihm am Reden nicht fehlen, von wegen je mehr
einer zaagget und hürschet, desto mehr redet er gewöhnlich und manchmal sogar
schön.
    Anne Mareili war gut getrüllet, absonderlich vom Vater, der für niemand
Nachsicht und Geduld hatte; wer mit ihm fahren wollte, musste zweg sein; war er
fertig, so sass er auf, und sass er oben, so sagte er »Hü!«, und wer nicht fertig
war, konnte nachspringen oder daheim bleiben. Bei ihm hätte noch manches Ding,
Frau oder Tochter, das Schicken gelernt und das Springen.
    Es war daher fertig, wunderbar schnell (oh, was die Meitscheni sich schicken
können, wenns sein muss nämlich, man glaubt es nicht); es hatte weder das Nastuch
vergessen noch die Brasselets zu den Myten, welche es freilich erst auf dem Wege
von der Küche zum Wägeli anzog; aber als der Vater absass, hatte es schon den Fuss
auf dem Tritt, und in diesem Fall war er doch nicht Hungs genug, zu sagen »Hü!«;
er wartete dann, bis man wirklich niedersass. Die Mutter trappete, trotzdem dass
sie daheim bleiben musste, nach bis zum Wägeli; sie hoffte auf ein freundlich
Abschiedswort von ihrem Alten. »Dass ihr mir dann heute fertig werdet mit
Werchziehen«, sagte dieser, »und spreitet es dann sogleich auf dem Moosacker,
dass es aber gemacht sei, wenn ich heimkomme. Hü, Kohli!« Und nachdem er ein paar
Male ausgeschlagen, zottelte endlich Kohli taubsüchtig seines Weges. »Er ist u
blybt e Wüeste«, brummte die Mutter und ging zur Küche; aber ob sie den Kohli
meine oder ihren Alten, darüber erklärte sie sich nicht näher.
    Ein wunderschöner Morgen wars, als vom Dorngrüt weg Vater und Tochter
fuhren, einem verhängnisvollen Tage entgegen. Hell schien die Sonne, kohl war
die Luft, in üppiger Mannigfaltigkeit glänzte die in reichem Taue perlende Erde,
und nach und nach ward auch der Kohli heiterer und trabte munter von hinnen.
    Es hat was Eigenes und wirkt auch eigens ein auf unser Gemüt, unserem Glück
entgegenzutraben in frischem, hellem Morgenwinde. Mancher Fähnrich hat dies
erfahren, der in den ersten Morgenstrahlen mit fröhlichem Trompetenklang seiner
ersten Heldentat entgegenritt. Des Feindes Feldmarschall wollte er zusammenhauen
in Mitte der Armee, wollte der Erste sein auf dem Mauerkranze, der Erste auf der
feuersprühenden Batterie, und wie immer enger und enger das Herz sich
zusammenzog, je näher die Stunde der Tat anrückte, wird er ebenfalls erfahren
haben. Das Gleiche hat mancher Schütze erfahren, der lange von Bechern, Stutzern
und Goldbarren geträumt, an schönem Morgen dem ersten Schiesset entgegenfuhr in
grünem Kleide, im Jubel der Gefährten. Wie er auf den Platz der Ehre kam, da
dutterte ihm das Herz, es zwirrte ihm vor den Augen, so klein war die Scheibe,
so weit der Stand! Gerne hätte er das Schiessen aufgeschoben, aber es rennt von
dannen die Zeit; dann trinkt man sich Mut ins Herz, will mit Vierunddreissiger
den Schlotter aus den Armen treiben, und doch zittert der Stutzer in der Hand;
ob man den Zweck von oben oder von unten zu nehmen habe, weiss man nicht mehr,
und aus dem Stutzer fährt der Schuss, man weiss nicht wie und nicht wohin. Allweg
nicht in den Zweck, oft nicht einmal in die Scheibe.
    Was eines Mädchens Herz bewegt, wenn es bald, bald am Ziele ist, welches es
mit ganzer Seele erfasst hat, kann man sich denken. Aber wie es schlägt, wenn es
einer Hölle entronnen und dem Himmel entgegenfährt, bald, bald ihn erreicht, das
kann nur der recht sich denken, der auch einmal vom Höllentor weg noch gen
Himmel fuhr. Aber je näher man dem Himmel kommt, desto mehr will es einem
schwindeln, desto mehr ängstigt die Kluft, welche noch zwischen uns und dem
Gestade liegt, desto mehr fällt uns ein, was uns am glücklichen Landen hindern
könnte. Wenn der Kornet in die Schlacht reitet, so ist es Gott und er, welche
die Sache ausmachen, und steht der Schütze im Schiessstand, so ist zwischen
seinem Stutzer und der Scheibe nichts als ein bisschen Luft. Ehedem kam noch
manchmal der Zeiger dazwischen, jetzt ist dem auch abgeholfen. Wie viel schwerer
hats ein Mädchen, neben dem ein zwängischer Vater sitzt mit apartigem Kopf, und
das auf Gschaui zu einem jungen Burschen fährt, wo Vater und Mutter und
Geschwister sind und wahrscheinlich alle mit apartigen Köpfen, und diese Köpfe
alle haben etwas zu sagen, können sich stellen zwischen ihns und sein Ziel!
    Der Vater sprach nicht viel, er dachte seinem Ladenhandel nach; die Tochter
sprach in dem Masse noch weniger, als ein Herzhandel das Herz mehr angreift als
ein Ladenhandel. Manchmal schien ihr der Kohli so langsam zu gehen, dass ihr ein
»Hü, Hü« nach dem andern auf die Zunge kam, und manchmal schien ihr, als kriege
derselbe Flügel und müsse sie rufen: »O Ätti, Ätti, häb, häb!« Auf einmal hielt
der Ätti wirklich still. »Herr Jemer, wo sy mr?« rief Anne Mareili, welches
plötzlich die Angst ankam, sie seien schon an Ort und Stelle. »ZHerrlige«, sagte
der Vater, gab dem Stallknecht das Leitseil und sagte ihm: »Spann aus, und das
Ross bleibt über Mittag hier.« Jetzt wusste Anne Mareili, dass es absteigen solle
und dass Liebiwyl in der Nähe sein müsse. Dem Rosse nach ging der Vater in den
Stall, und Anne Mareili stund zwischen Wägeli und Wirtshaus, wusste nicht was
machen, und als das Stubenmeitli ihns hineinkommen hiess, sagte es, es wolle dem
Vater warten, es wisse nicht, was der im Sinn habe.
    Der hatte im Sinn hineinzugehen, wie es sich erzeigte, und Anne Mareili
folgte ihm. Drinnen kannte ihn der Wirt, tat erfreut, ihn zu sehen, und frug,
was ihn Apartes einmal in ihre Gegend bringe, wo man ihn sonst nicht zu sehen
pflege. Der Dorngrütbauer tat vertraulich und sagte, er hätte noch etwas an Holz
und Laden nötig und gedacht, er wolle hier durchkommen, er (der Wirt) könne ihm
vielleicht raten, wo er es am besten und wohlfeilsten finde. »Mit dem Holz ist
es bös«, sagte dieser, »es geht alles fort, wir können ihm nachsehen und bald
unser eigenes nicht mehr sägen lassen. Die Sager sägen auf den Kauf hin, und uns
Bauern lassen sie warten, bis die Würmer im Holze sind, und gäb wie wir bitten
und fluchen, so zäpfeln sie uns nur aus. Dürre Laden oder Holz sind rar, öppe
hie und da noch ein Bäumchen bei einem Bauer, aber nicht oft, vielleicht hat der
Sager im Taubloch noch etwas.« »Ists wyt?« fragte der Dorngrütbauer. »O nein,
keine Viertelstunde, da zvorderst im Graben«, antwortete der Wirt. »Es ist mir
gesagt worden, der Bauer zu Liebiwyl hätte immer Vorrat«, sagte der Dorngrüter.
»Das ist«, antwortete der Wirt, »der hat immer, aber nicht auf den Kauf hin, nur
hie und da gibt er jemand zGfallen. Kennt Ihr ihn?« »Nein«, sagte der Bauer.
»Sein Sohn wurde an der Brunst zu Aufbegehrige geprügelt und blieb liegen,
unsere Leute fanden ihn und brachten ihn heim; der hat gesagt, wenn wir etwas
mangelten, so sollten wir nur kommen, wenns der Ätti hätt, so müesste mrs ha.
Aber ich weiss, wie das ist, zGfalle geben! Märten darf man nicht, und wenn man
einen betrügen kann, so spart mans nicht.«
    »Habt nicht Kummer« , sagte der Wirt, »wenn Euch der Sohn dies gesagt hat,
so findet Ihr dort, was Ihr wollt, und wie nirgends wohlfeil und gut. Sie hätten
sich nicht dafür, wie unkommod es ihnen wäre, nicht zu halten, was der Sohn
gesagt. Das sind noch apartige Leute, wenn alle so wären, so könnte unsereiner
noch sein in der Welt. Ich nehme ihnen fast alle Kälber ab, und öppe was billig
ist, nehmen sie gerne, aber mehr als etwas wert war, musste ich nie zahlen und
erhielt die Sache recht, und wenn sie etwas kaufen, so zahlen sie, was billig
ist, und plagen einen nicht mit Märten, dass es einem düecht, man mochte ihnen
fünf Finger Usgwicht geben. Öppe ungsorget darf man Schweine von ihnen kaufen
auf Gewicht, man wird nie Steinkrätten voll Kieselsteine in den Därmen finden.
Mit denen ist noch z'handeln, aber sonst ist mit den Bauern fast nichts mehr zu
machen, sie glauben bald keinem Wirt mehr etwas. Nüt für unguet z'ha! Es werden
die Bauern öppe auch alle Tage witziger, und sie müssens, wenn sie die Haut
unter den Ohren behalten wollen und es ihnen nicht gehen soll wie den Hasen, die
immer rarer werden, je mehr Jäger es gibt.« »Sind die Leute reich?« »Ja«,
antwortete der Wirt, »das sind noch Bauern, wie ehedem gewesen, haben noch Würze
hängen nicht zu oberst in den Ästen und müssen nicht wie so Viele jetzt, wenn
sie drei Dublonen mangeln, um Geld aus und um Milch, wenn sie ein Kaffee machen
müssen ungsinnet.« »Ho«, sagte der Dorngrütbauer, »es wird doch dere noch mehr
geben, welche einen Tropf Milch übrig haben und einen Kreuzer Geld, und mügli
wärs, dass dWirte auch noch oft froh darüber sind, wenn sie Geld bei Bauern
finden oder eine Kuh, und manchmal zwei, dings haben können.« »Es gibt auch
beider Gattig«, sagte einlenkend der Wirt, »aber wenn ich raten kann, so geht
dortin, reuig werdet Ihr nicht werden.« »Allweg«, sagte der Bauer, »will ich
zuerst zur Säge, liegt beides an einem Wege?« »Nein«, sagte der Wirt, »dort bei
jenem Haus mit dem roten Dache gehen sie voneinander, und Ihr musst wieder zurück
bis dort, um von der Säge nach Liebiwyl zu kommen.«
    Als nun Vater und Tochter zum neuen Dache kamen, sagte der Vater zu Anne
Mareili: »Geh du afe! Wenn sie etwa nicht daheim sind, so kann man sie rufen,
damit ich nicht lange warten muss, von wegen, noch heute wollen wir heim und es
ist weit.« Somit ging er links und liess Anne Mareili stehen. Das wäre gerne in
den Boden gekrochen, wenn ein Loch dagewesen wäre, bis der Vater wiederkam, aber
dastehen durfte es nicht, es musste rechts, wie schwer es ihm auch ward. Was man
gewöhnlich schüchtern nennt, war Anne Mareili nicht; es wusste, dass es des
Dorngrütbauern Tochter war, und konnte Rede stehen und an ein Haus klopfen, ohne
rot zu werden und dumm zu tun. Aber es gibt eine Schüchternheit, eine innere
möchte man sie nennen, die man nicht sieht, an die man daher meist nicht glauben
will. Sie ist etwas Unnennbares, halb Bescheidenheit, die fürchtet, jemand zu
stören, ihm lästig zu sein, halb Scheu, sich selbst mit einer fremden
Persönlichkeit in Berührung zu bringen, ein inneres Widerstreben, sich selbst
einem fremden Auge zu öffnen, vor fremden Ohren auszusprechen, was das Herz
bewegt, auf der Seele sich abspiegelt. Diese Schüchternheit trägt mancher Mann
zu Grabe, sie wohnt in manchem Weibe, umschleiert, als dessen bestes Ich; ihr
eigentliches Haus aber ist das Herz der Jungfrau, aber um so fester umschleiert
sie es, je bedeutsamer der Moment ist, dem sie mit Bewusstsein entgegengeht. Anne
Mareili, von der Liebe Angst und Weh gedrängt, hatte Resli in sein Herz schauen
lassen, sich gegeben, wie es war, ohne viel Umstände und Komplimente. Es hatte
Resli so viel als das Leben gerettet, dieses Bewusstsein war der Schlüssel zu
seinem Herzen gewesen. Aber jetzt sollte es alleine zu einem Hause gehen, wo es
nie gewesen, sollte dort anklopfen, musste vielleicht lange erklären, wer es sei;
was Resli von ihm gesagt, das wusste es nicht, und ob es ihnen recht anständig
sei, ebenfalls nicht, was es sagen sollte und wie sich benehmen, wusste es darum
auch nicht. Vielleicht konnte es gar ans unrechte Haus gelangen und zum Gspött
werden oder niemand zu Hause treffen als einen bösen Hund, ungefähr einen wie
ihren roten Mutz, was sollte es dann machen?
    So schritt es schwer und ängstlich zwischen hohen Lebhägen ein enges Gässchen
entlang; da hörte es hinter dem Hag rechts erst eine Sense durchs Gras fahren,
dann sagen: »Höre du, heute kommen sie nicht, sie wären da.« Darauf sagte eine
andere Stimme, und die kam ihm gar wunderbar bekannt vor: »Das ist nicht gesagt,
kommen können sie immer noch, es ist weit.« »Zähl darauf«, sagte wieder die
erste Stimme, »sie kommen nicht, sie haben dich nur abschüsselen wollen, um ds
Wüestist nicht alles z'machen. Warum hätte dir sonst der Alte so nahglusset? Du
bist dr Narr im Spiel, und z'wette wär, dass sie gestern vrkündet worden.« »Selb
nit«, sagte die andere Stimme, »das hätt ds Meitschi nit ta und mr Bscheid
gmacht.« »Ah bah, verlass dich doch auf kein Meitschi«, sagte die erste Stimme,
»wenns a Notknopf kömmt, so sind sie alle gleich, und gäb wie sie vorher gränne,
wenns heisst, jetzt müsse es sein, sie wollten zum Pfarrer, das Hochzeit
anzugeben, so hat man noch Keiner ein sauber Fürtuch vorbinden müssen, sie hat
es noch immer selbst getan.« »Nimm nicht alle in einen Klapf«, sagte die andere
Stimme, »es gibt mancher Gattig Mädchen, so wie vieler Gattig Buben, du liessest
dich auch nicht mit jedem zusammenzählen. Zähl darauf, meins wäre nicht gegangen
und hätte mir Bscheid machen lassen.« »Es muss dann ein Apartes sein«, lautete
die Antwort. »Wie ists eins? Es nähmte mich doch wunder, es zu sehen.«
    »Ich kann es dir so recht nicht sagen«, wurde geantwortet, »du musst warten,
bis du es siehst, und dann wird es dir sicherlich gefallen. Es ist gross, fast
wie die Mutter, und doch kein Bohnenstecken, hat eine schöne Haut, sufer, nit
kührot, aber auch nicht wie ein ausgewaschener Fürfuss, läng Züpfe, dunkle Augen
und bsungerbar schöne Zähne; wenn es den Mund auftut, so düechts einem, man sehe
das Gätterli zum Paradies, und noch ganz funkelnagelneu, und bsunderbar fründlig
chas de dryluege, dass es eim düecht, es schmelz alles i eim. Sonst gwöhnli macht
es ein ernstaft Gesicht, fast wie wenn es einem etwas befehlen wollte, und Häng
hets, man sieht ihnen ds Werche an und ds Wäsche, wies am e Meitschi wohl
asteiht.« »Und taubs hast du es auch schon gesehen?« wurde gefragt. »Taubs habe
ich es zu Aufbegehrige gemacht, aber wie ich es erkannte, war es wieder
verschwunden.« »So nimm dich in acht und spring nicht so zsämefüesslige hinein«,
sagte die erste Stimme, »ich für meinen Teil heirate kein Mädchen, wenn ich es
nicht taubs gesehen, so taubs, als es nur immer werderi könnte. Und wenn ich
nicht angfähr dazu käme, so liesse ich nicht nach, bis ich es selbst so taubs
gemacht hätte, dass es eim düechti, es möchte einen ungschabt fresse.« »Warum
das?« wurde gefragt, »du bist immer der seltsam Christeli.«
    »Ja lue«, sagte derselbe, »ich will wissen, wie sie dreinsehen und was sie
tun, wenn sie taub sind, und warum sie es werden.« Ich will dir etwas sagen, es
weiss es kein Mensch noch. Einmal hatte ich auch im Sinne zu heiraten, das war
ein Meitschi wie aus Seide und Sammet gemacht und ordlig wie ein Lebkuchen, von
dem hätte man glauben sollen, es könnte kein Wässerchen trüben, keine andern
Augen machen als süsse und nie anders reden als wie durch ein Pfeifenröhrchen. Es
het mih düecht, es schryss mih e ganze Tag bi de Haare bis am Abend, dass ich bei
ihm war. Da kam ich einmal an einen Ort, wo getanzt wurde; es war noch nicht da,
ich wartete, es kam nicht, aus Langeweile nahm ich ein Meitschi, hatte drei mit
ihm und zahlte darauf ihm eine Halbe. Während wir sie tranken, kam mein Mädchen
herein, ob es draussen mir aufgepasst, weiss ich nicht. Aber Augen machte es mir,
dass es mir schien, es strecke sie armlang zum Kopf aus und jedes hätte fünf
Krallen wie ein Lämmergeier. Mit mir wollte es nichts zu tun haben, schoss im
Saal herum wie ein Wespi an einem Fenster, zahlte mir zTrotz ihrer Jungfrau Wein
und Essen, schoss dann heim wie bsessen. Ich auf und nach, nicht weit von ihrem
Hause holte ich es ein, unterzog mich, wollte bestens mich versprechen, aber
wohl, ich erfuhr, was ein ertaubet Meitschi kann! Es machte mir ein noch zehnmal
ärger Gesicht als vorhin, die Nase tat sich auf, die Augen wurden wie
Pflugsrädli, und aus dem weitgeöffneten Munde fuhr eine Stimme, so dick wie ein
Weberbaum, und sagte mir so wüst, wie ich mein Lebtag es nie gehört. Schysshung
war das Manierlichste. Als ich das Mädchen so sah, so ungattlig tun, und Augen
machen, ärger als ein ertaubeter Stier, und reden wie ein halb, voller Weltsch,
da entfiel es mir plötzlich, statt der Liebe hatte ich ein Abschüchen. Lieber e
taubi Katz als so eine, dachte ich, machte mich davon, so streng ich konnte, und
die Angst, es sei hinter mir und begehre mein, verliess mich nicht, bis ich
daheim im Bette lag.
    »Da war mir, als hätte mich jemand aus dem Wasser gezogen oder als wäre ein
schwer Fuhrwerk über mich gegangen und unerwartet erwache ich statt tot
unversehrt, und ich tat einen teuren Eid, nie mehr zu heiraten oder wenigstens
nicht, bis ich das Mädchen so taub als möglich gemacht und erfahren, ob was es
ertaube und wie. Da tätschelt man die Mädchen nur, däselet ihnen, und wenn sie
im Geringsten die Miene verziehen, so fragt man hundertmal: Was hest, was hest?
und macht den Kratzfuss um sie wie ein Hund um heisse Milch. Wenn eine schon
wollte, sie könnte nicht wüst tun, und so geht es, bis man sie hat. Nun meint
man, man habe sie und ds Fangen sei nicht mehr nötig, geht gradane, und wie man
so gradane tut, tut das Mädchen auch, wie es gewohnt ist, lässt seine Hornlein
hervor, von wegen, es braucht sich vor niemand in acht zu nehmen. Wenn nun jedes
so auf einmal ganz natürlich tut, fällt jedes aus den Wolken und niemand mehr
zerteilt die Wetter mit Däselen hinten und vornen, das Heulen geht an und das
Zähneklappern und jedes klagt, es sei bschisse worden. Das Weib klagt, der Mann
täte nicht nach Schuldigkeit flattieren und tätscheln, der Mann schüttelt sich
und sagt, es grus ihm, so was hätte er nie erlebt, es werde ihm fast gschmuecht.
So, Bruder, gehts, und wenn ich geheiratet gewesen wäre, als ich das Gesicht
gesehen, und nicht noch ledig, es wäre mir nicht nur fast, sondern ganz
gschmuecht geworden; so aber lief ich davon, ward gescheit und dankte Gott.
Darum, Bruder, nimm dich in acht, wunder nähmte es mich, ob dein Meitschi auch
noch so lieblich bliebe, wenn es so recht taubs wäre aus dem ff.«
    So redend trug Christeli eine Gablete Klee auf den Wagen, blieb aber stehen
wie eingewurzelt. In grünem Hasellaube sah er ein Mädchengesicht, dessen
funkelnd Augen, paar starr auf ihn gerichtet war. »Was düecht dich, was mache
ich für ein Gesicht?« frug das Mädchen, als es sich entdeckt sah, und schalkhaft
spielte über das Gesicht ein Lächeln, Christeli aber stand da wie Butter an der
Sonne und wäre weiss kein Mensch wie lange dagestanden, wenn nicht Resli, sobald
er die Stimme hörte, herbeigekommen und im grünen Hag sein Meitschi entdeckt
hätte.
    Als dasselbe von sich reden hörte, konnte es begreiflich nicht mehr weiters;
es wollte eigentlich nicht horchen, sondern sich nur zeigen, aber es scheute
sich, Christeli zu unterbrechen, ist das ja nicht höflich, und so stund es
stille da, bis Christeli es erblickte. Als Resli freudig es anredete: »Bis
Gottwilche! Das ist bravs, ih ha afe zwyflet«, da sah man nichts mehr von der
Ernstaftigkeit, in welcher Christeli das Meitschi anfänglich erblickt, es
machte ein gar freundlich Mieneli und sagte: »Trauist de niemere? Was me
vrspricht, das haltet me de notti. Dr Ätti het welle, dass ih mitehömm, er ist
afe alte u fahrt nit gern alleini.« Nun kam auch Christeli herbei, gab die Hand,
hiess ihns Gottwilche und sagte, es werde doch nicht für ungut haben, was er da
gestürmt, er sage manchmal etwas für die Langeweil, dessen müsse man sich nicht
achten. Aber er hulf, sie wollten heim, die Leute könnten sonst meinen, sie
seien sturm und redeten mit den Haselstauden.
    Von dieser Seite her kam man zum Hause, ohne andere Häuser zu berühren; es
lag in weitem Baumgarten, rundum ein geräumiger Platz, aber nirgends ein
verzattert Stück Holz, nirgends herumliegend Stroh, alles wie an einem Festtage,
freundliche Blumen in den Fenstern, auf der breiten Terrasse sonnete sich ein
alter Hund, der ohne Bellen, aber freundlich wedelnd ihnen entgegenkam. Der
Vater schnefelte im Holzschopf, die Mutter putzte Samen, und Annelisi fegte das
Milchgeschirr beim Brunnen. Von dort sah es Anne Mareili zuerst hinter dem
Kleewägeli mit Resli gehen, liess das Melchterli fahren, schoss zur Nebentüre
hinein, zur vordern hinaus, rief der Mutter zu: »Sie kommt, sie kommt!« und
husch wieder hinein und davon und hörte nicht mehr wie die Mutter sagte: »Du
tust doch wieder dumm und weisst, wie ich das uhöflig Wese so ungern habe. Was
wird sie denken!« Desto freundlicher ging die stattliche Frau Anne Mareili
entgegen, hiess es in Gott willkommen und sagte, wie sie blanget hätte, es zu
sehen, und wie es sie freue, wenn es ihm hier gefalle, dass es für immer bei
ihnen bleiben möge. Aber es solle hineinkommen, drinnen Bericht geben, wo es den
Vater hätte.
    Schon unter der Türe erschien Annelisi wieder, aber mit einem Halstüchli um
die Ohren, einem saubern Fürtuch, und vor lauter Luegen vergass es fast den
Willkomm. Aber was ist einem Meitschi bei neuer Begegnung wohl wichtiger, als zu
ergründen, was die Kommende für ein Gesicht hat und was sie anhat vom Kopf bis
zu den Fussen! Bis es weiss, wie ihr Gloschli verbändelt ist, ob rot oder schwarz
oder gar blau, hat es keine Ruhe. Wie freundlich zwei Mädchen sich auch
begegnen, wie willkommen sie sich auch heissen, sie betrachten einander doch wie
zwei Schwinger, die sich auch die Hände geben, ehe sie einander fassen zum
Niederwerfen. Nun ist ein Glück dabei, dass bei solchem Messen gewöhnlich jedes
Mädchen denkt: Nein, gottlob, so hübsch wie die bin ich doch denn nadisch auch,
es ist sih doch dr wert, es selligs Gheie z'mache! Aber es selligs Göller oder e
selligi Kittelbrust muss ich auch haben, ih la nit lugg, bis ich eine habe, u de
no e schöneri. Ob diese beiden Mädchen auch so dachten, sagten sie nicht, aber
wahrscheinlich, denn sie wurden noch freundlicher gegen einander, als sie sich
recht betrachtet hatten, natürlich deswegen, weil jede sich selbst doch noch
besser gefiel als die Andere. Jede hatte auch recht, es kam nur darauf an, von
welchem Standpunkt man ausging und welchen Gesichtspunkt man ins Auge fasste.
Ging man von einem vornehmen Standpunkt aus, so war Anne Mareili schöner,
schlanker und von regelmässigern Zügen, fasste man das Wesen ins Auge mit mehr
bürgerlichem Auge, so war Annelisi beweglicher, lustiger, von geistiger und
leiblicher Frische, welche eben gern in einem rundlichten Wesen wohnt und welche
man eben nicht für vornehm hält.
    Die blanke Küche, die schöne, helle, grosse Stube fielen Anne Mareili auf, so
hatten sie es nicht daheim, und als es unter der Küchentüre noch nach aussen sah,
in den schönen Garten, über Matten und Felder weg, in deren Mitte so frei und
stattlich das blanke Haus stand, so musste es bekennen, dass es einen schönern
Bauernsitz noch nie gesehen, und mächtig bewegte sein Herz der Gedanke, was es
heisse, hier Bäurin sein zu können. Und doch fühlte es sich gedrückt, unwohl, und
eine Art Beklemmung nahm immer zu, fast wie gewisse Leute des Morgens sie
empfinden, wenn es abends ein Gewitter geben will. Alles war so freundlich gegen
ihns, alles gefiel ihm so wohl, man stellte ihm, gäb wie es sich wehrte, den
besten Kaffee auf, wie sie ihn daheim nie hatten, Käs und weisses Brot, und alle
nahmen sich Zeit, bei ihm zu sein, und keinem Gesicht sah man Ärger an, dass man
so für nichts und wieder nichts, ume so weg em ene Meitschi, einen heiligen
Werktag versäumen müsse. Es fühlte, dass da ein viel manierlicher Wesen sei als
bei ihnen, so eine Art von Haussitte und Anstand, welche man im Weltsche hinger
nicht lernt, welche zusammengesetzt ist aus Gutmütigkeit und gegenseitiger
Achtung, welche zur andern Natur geworden und welche Kinder gegen Eltern üben
und Eltern gegen Kinder, und wenn sie alleine sind und vor fremden Leuten. Es
müssen nämlich auch die Eltern ihre Kinder achten, wenn sie deren Liebe und
Achtung bewahren und wenn sie wollen, dass ihre Kinder achtungswert werden und
bleiben sollen, müssen sie sie namentlich vor fremden Leuten mit Achtung
behandeln. Nun aber findet man in gar manchem Hause die Sitte, dass entweder ein
Glied der Familie, Mann oder Weib, den Leuten zeigen will, wer Meister sei und
wer zu befehlen habe, oder dass jedes, Gross und Klein, zeigen will, dass man auch
etwas sei, sich nicht unterntun lasse usw. Dies führt zu den widerwärtigsten
Auftritten und wirkt das Gegenteil von dem, was man bezweckt; man macht sich
statt gross recht klein damit, und wie man sich gegenseitig nicht achtet, streift
man sich auch die Achtung Anderer ab. So war es bei ihnen. Der Vater meinte, er
müsse allen Leuten zeigen, wie er die Seinen mustern könne. Die Brüder taten es
ihm nach, man wehrte sich, so gut man konnte, man tat nicht manierlich zusammen.
    Anne Mareili fühlte die Überlegenheit in solcher Sitte, und wenn der Vater
komme, so werde es sich erst recht schämen müssen, dachte es. Ein Inwendiges
spiegelt sich auswendig oft gar seltsam ab. Demut erscheint wie Hochmut, ein
gedrücktes Wesen wie Nichtachtung und Unfreundlichkeit. Je mehr Anne Mareili das
Unbehagen fühlte, welches aus dem Bewusstsein dieser Überlegenheit entsprang, um
so weniger ward es dessen Meister, um so dunkler ward die Wolke, die es
überschattete. Resli sah das wohl, war auf Dornen, wusste aber nicht, woran es
lag, gab sich die grösste Mühe, Anne Mareili im schönsten Lichte zu zeigen, und
je mehr er sich mühte, desto dunkler ward es auf Anne Mareilis Gesicht. Man
weiss, wie jeder es hat, der jemand Geliebtes vor die Leute stellt; man möchte,
dass sie täten wie nie sonst, so schön und manierlich, damit man Lob bekomme und
Ehre von ihnen. Wie manche Mutter hat nicht ihr Kind unter Geheul und
Zetergeschrei aus einem Zimmer getragen in halber Verzweiflung! Sie harte mit
dem Kind Puff machen wollen, und je mehr sie das wollte, desto weniger wollte
das Kind, desto mehr tat es das Gegenteil, und das Ende war, dass der Zorn die
Mutter fast versprengte, das Brüllen aber das Kind.
    Das ist aber noch gar nichts gegen einen Liebhaber, dessen Mädchen zum
erstenmal zu seinen Eltern kömmt; der möchte, dass sein Mädchen täte wie die
leibhaftige Liebenswürdigkeit und dass seine Eltern mit dem Mädchen täten wie mit
einem leibhaftigen Engel, der gradwegs vom Himmel gekommen. Er hat Angst nach
beiden Seiten hin, siehe mit einem Auge auf das Mädchen, mit dem andern auf die
Eltern; bald meint er, es fehle hier, da will er hier nachhelfen, dann scheints
ihm dort zu hinken, es will dort nachhelfen, kommt dabei in eine Art von Fieber,
wird selbst am unliebenswürdigsten, macht kehrum alle taub, und am Ende gehts
ihm wie einem ungeduldigen Weber mit einer vershürscheten Strange schlechten
Garns. So ging es freilich Resli nicht, dazu war er eben zu adelich, aber fast
Blut schwitzte er doch. Sein Meitschi war so seltsam, so schweigsam, fast
pumpelrurrig, dass er es kaum mehr kannte, fürchtete, man hätte irgendwo gefehlt
oder Christelis Rede rüche auf. Er ward um so freundlicher, Anne Mareili merkte
es wohl, aber es machte ihm die Wirkung, als ob jemand den Hals ihm
zusammenschnüre, es konnte fast keinen Laut mehr von sich geben.
    Es ist kurios mit Kindernaturen, also auch mit weiblichen (je besser diese
sind, desto mehr ähneln sie den Erstern); der Widerspruch scheint ihnen recht
eigentlich im Fleische zu sitzen, und zwar zvorderst in allen Fingerspitzen, es
wird wahrscheinlich die Erbsünde sein, die natürlich um so klarer hervorscheint,
je durchsichtiger die Haut noch ist. Wenn so ein altes Leder von Professor, das
in Foliantenstaub ergrauet ist, oder so ein Luder von Schlingel, das auf allen
jüdischen und christlichen Mistaufen sich dickgewälzt, sie leugnet, so nimmt es
einen nicht wunder, es ist ganz natürlich, sintemalen Luder und Professor vor
lauter auswendigem Staub oder Dreck den inwendigen nicht mehr ahnen, geschweige
sehen, sondern der süssen Hoffnung leben, unter der Haut wenigstens sei es
sauber. Eine Kokette, ein Weibel, ein unbedeutendes Staatshaupt fühlen sie,
wissen sie aber zu vertuschen, drängen sie nach unten, nach hinten; aufwärts
aber und vorwärts fechten sie mit Lächeln und Nicken.
    Aber, wie gesagt, gute Kinder, die artig sein sollen, und liebe Mädchen,
welche man liebenswürdig möchte, denen sieht man sie am meisten an, die können
sie am wenigsten überwinden, merken es wohl, wenigstens die Letztern, möchten
sich darüber die Finger abbeissen, wenigstens die Nägel, und während sie am
Werweisen, wie sie überwinden sollen, sind, machen sie dazu Gesichter, als wenn
sie bereits am Schlucken der Finger wären. Ganz besonders aber kömmt sie junge
Weibchen an, an denen man, solange sie Bräute waren, blind gewesen ist, das
heisst sie kömmt sie nicht erst an, sondern man merkt sie erst, wenn aus der
Braut ein Weibchen geworden. Kurios! Da, liebe Leute, gilts klug sein, nicht mit
dem Holzschlägel lausen wollen, da muss man süferli tun mit Däselen, sachte
fortfahren, aber nicht unerchannt, und luegen dazu und nur so zuweilen mit dem
nassen Finger ganz leise und süferli ein Brämi abmachen. Mit solcher junger
Weiber Liebenswürdigkeit oder Erbsünde (ist fast ein Tun) ists ungefähr wie mit
einem Bienenstock, der schwärmen will; wehren kann man ihm nicht, aber reisen
kann man ihn mit Süferlitun, das aber versteht gewöhnlich nur, wer schon mehr
dabeigewesen ist. Das war Resli nie, darum vermochte er Anne Mareilis Gemüt
nicht zu reisen, gäb wie er anwendete und ihm Gelegenheit zu geben meinte, sich
zu zeigen in der Holdseligkeit, welche Resli an ihm gerühmt hatte.
    Die Ankunft des Vaters machte eine Unterbrechung, erleichterte aber Anne
Mareili nicht. Es nahm Ärgernis am Vater und hatte die grösste Muhe, dieses nicht
auszusprechen. Obgleich es selbst nicht recht wusste wie tun, so düechte es ihns
doch, es sollte den Vater brichten, was anständig sei und was er reden solle und
was nicht, und wenn Resli auf Dornen sass, so sass dagegen Anne Mareili auf
glühenden Kohlen. Dem Vater dagegen war es recht behaglich, er ass und trank, und
weil er es umsonst hatte, noch zweimal so viel als gewöhnlich; er kaufte Laden,
und weil er sie weit unter dem Preise erhielt, zweimal so viel, als er brauchte,
und weil er Grossmut am Brett sah, so hätte er dem Liebiwylbauer Ross- und
Kuhstall ausgekauft ums halbe Geld, wenn der nicht, klug genug, gesagt hätte,
wegem nahen Säet mangle er Zug und wegen den vielen Leuten Milch, so dass er
weder Kuh noch Ross entmangeln könne. Darum machte der Dorngrütbauer sich hinter
eine Staatskalbete, und da diese weder Milch gab noch Zug, sintemal eine
Staatskalbete einstweilen zu nichts anderem taugt als zum Fressen und Ansehen,
so galt hier die Ausrede nicht; wenigstens drei Dublonen zu wohlfeil kriegte er
sie. Dies merkten alle, aber niemand verzog dabei ein Gesicht als der
Dorngrütbauer selbst; den lächerte es vrflümeret heimlich, und er dachte, es sei
doch noch immer so, dass wer uvrschant tue, dest bas sei.
    Anne Mareili war bei diesen Staatsaktionen nicht, es besah derweilen mit
Annelisi die Plätze. Als es beim Heimfahren sich nicht entalten konnte, dem
Vater zu sagen, es müsse sich fry schämen, wie er die Sache bekommen hätte, so
erhielt es zur Antwort: »So schäme dich, es kostet nichts. Aber wennd nit es
Babi bist, so lass dir gesagt sein, dass man die Birnen schütteln muss, wenn sie
fallen wollen.«
    So ging der Morgen um, und in die Stube mussten sie wieder, wo ein
Mittagessen zwegstand, wie im Dorngrüt noch keines auf den Tisch gekommen, so
nett und appetitlich, und nicht bloss so gradane Schnitz und Tellerete voll
Fleisch, schwynigs und gräuchts, sondern da war Voressen, es kam sogar Bratis,
und war doch nicht Kindbetti, und das ging neue alles so gschlecket, dass es Anne
Mareili fry recht dudderte, wenn es dachte, wie sie hier gewohnt seien und wie
es sich nicht zu helfen wüsste, wenn dSach an ihm wäre. Das müssten afe Sache in
dem Hause sein, für so aufzuwarten, dachte es, und nebenbei musste es Ärger
verwerchen über den Vater, der wiederum ass, als wenn er heute noch nichts gehabt
hätte. Je mehr der Vater ass, desto weniger brachte die Tochter hinunter, so dass
es die guten Leute recht gmühte und sie vielfach sich entschuldigten, dass sie so
schlechtlig aufwarteten; wenn sie gewusst hätten, dass sie kämen, so hätten sie
sich besser versehen, ein andermal wollten sie öppe luegen, dass sie es besser
breichten. Das machte Anne Mareili noch verlegener, zog ihm den Hals zu, es
mäuelte immer mehr und gäbelte auf dem Teller herum, als wenn es mit blossen
Fingern in Nesseln heuete. Es gmühte die Mutter recht, und als Resli einmal in
der Küche an ihr vorüberging, konnte sie sich nicht entalten, ihn zu fragen, wo
sie wohl gefehlt hätte, dass das Meitschi so stills sei und nichts esse, so werde
es doch nicht immer sein? »Nein«, sagte Resli, »es ist sonst fründlich und
gspräch; dass man gefehlt, wüsste ich nicht, es wird öppe ds Fahre nicht mögen
erleiden und Kopfweh haben, wies am Wybervolch mängist git.« So entschuldigte
Resli, aber wohl war es ihm doch nicht dabei.
    Von der Hauptsache war über dem Essen nicht die Rede; erst als niemand mehr
essen mochte, der Wein gebracht wurde und billig gelobt war, denn es war nicht
Kuttlenrugger von Erlach oder Biel, frug Christen, nachdem ihm Änneli bereits
mehrere Winke gegeben hatte: »Und, wie hei mrs wege diesem, wes Euch recht wär,
üs wärs gar aständig. Wir alte afe u wüsse nit, wie lang mrs no mache, u da wär
us denn dra glege, we mr wüsste, wem wir die Sache hinterliessen. Wir haben es
Üsem schon lange gesagt, er söll wybe, aber es het ne neue kes Meitschi chönne
adrähye, bis er Euers gesehen hat, an dem hanget er jetz grusam; ds Meitschi
hätt auch nichts darwider, meint er, und wenns Euch recht wär, so hulfen wir
eine Hochzeit machen. Öppe aparti rühmen will ich nicht«, sagte Christen, »aber
ich denke, wenn sie zusammenkommen und ume e kly zur Sach luegen, so werden sie
öppe ihr Lebenlang mehr als genug haben.«
    Änneli wischte sich die Augen, Christeli war hinausgegangen, als der Vater
begann, Annelisi auch, Resli und Anne Mareili schwiegen; der Dorngrütbauer
versorgete noch ein ansehnlich Stück Hamme und sprach endlich: Wege desse sei er
eigentlich nicht hiehergekommen, und wenn er gewusst, dass es sövli ärst sei, so
hätte er vielleicht Laden Laden sein lassen. Aparti hätte er nichts gegen sie,
wegen der Fürnehmi wolle er ihnen nichts vorhalten, es könne nicht en iedere dr
Fürnehmst sy, und wegem Reichtum chönnt me luege. Aber wohl weit sei es ihm
abhanden, und so wisse man nicht, wie es einem King gehe, und dara sölls doch am
ene Vater am meiste glege sy. Mi chönnts schindte, mi vernähmts nit, bis es
z'spät wär. Und er müsse sagen, da sei er am chutzligste; er möge viel erleiden,
aber dass man einem seiner Kinder Böses tue, das mög er nicht erleiden, da wär er
imstande, ds Wüstest z'mache (Anne Mareili machte ganz bedenkliche Augen, es
schwieg wohl, aber in den Augen stand geschrieben: O Ätti, wie lügst!). Er wisse
wohl, dass man mit den Meitschene nicht viel machen könne und man sie dafür
hätte, um sie z'vrmanne, aber dafür sei man da, um zu sehen wie. Wenn er Anne
Marei dem ersten besten Schlabi hätte geben wollen, so könnte dasselbe schon
Grossmutter sein.
    Nun tat auch Änneli eine Rede dar und meinte, das hätten sie ihm z'danken,
dass er sövli für dKing lueg, aber er solle auch denken, dass der liebe Gott sein
Kind eben für ihren Resli habe aufsparen wollen. Kummer, dass es ihm nicht gut
gehe, solle er nicht haben. Er solle fragen, bös Lob hätten sie nicht, und vor
Gott und Menschen hätte es schon manchmal versprochen, eine böse Schwiegermutter
wolle es nicht sein, ein Sühniswyb müsse es, wenn es nur e chly gattlig tue, bei
ihm haben, wie es daheim nie besser gehabt. Deretwegen könnte er sein Kind
ungesorget ziehen lassen.
    Von wegen dem lieben Gott, sagte der Bauer, möge er nicht viel hören; wenn
er gewollt hätte, so hätte der nicht viel dazu zu sagen gehabt. Er wolle der
Sach nicht ab sein dahin und daweg, aber wie man bette, so liege man. Ds
Meitschi sei ihm aparti nicht vrleidet daheim, Zeit wärs afe mit ihm, aber
daneben hätte er noch immer z'esse und z'werche für ihns. Er wolle lose, was sie
im Sinn hätten zu tun, wenn es etwas aus der Sache gebe.
    »Das«, sagte Christen, »versteht sich von selbst, Resli ist dr Jüngst u
nimmt dr Hof öppe um enes Billigs u git de Angere use, was öppe recht ist.«
    »Es ist mit dem gar es Ungwüsses«, sagte der Bauer, »es kömmt immer darauf
an, wer dahinterkömmt; es geht afe unerchannt, die Buben sollen mehr
herausgeben, als ihnen bleibt. So gehts nicht gut, dBauern will man zBode mache,
dHäftlikrämer und dSchryber söllen obenauf, das ist schon lange zwegkorbet. Ds
Best ist, man lasse die Sache machen bei Lebzeiten, dann hat man es in der Hand
und kann machen, wie es einem gefällt, und wenns einmal abgetreten ist, so ist
es abgetreten, es wird dann öppe niemand mehr viel daran machen können.«
    Das hätte sich hier nicht nötig, sagte Christen, und gebe nur unnötige
Kosten. Wie recht, komme der Hof dem Jüngsten zu, niemand hätte etwas darwider,
und zviel zu geben, werde ihm kein Mensch zumuten. Es sei Landsbrauch, dass die
Höfe beisammenblieben, und so müsse es auch sein. Wenn man die Höfe verteilen
wollte, so wäre ds Buren us und alles ginge zgrund. Man könnte keinen Zug mehr
haben, hätte auf die magern Büggel keinen Aufzug mehr, die Heimet würden
ermagern und die Leute dazu. Alles wollte nur am Land hangen, und wie es mit den
kleinen Heimeten gehe, sehe man gut. Sie vermöchten weder sich noch ihre
Besitzer zu erhalten; die Meisten, welche nicht Geld ausserhalb des Hages zu
nehmen wüssten, gingen ja auf solchen Kühheimetlene zugrunde. »Unser Amtsrichter
hat erst letztin brichtet, es sei ein Land, man sage ihm Irland, dort gehe es
strub und mehr als die Halben stürben Hungers, und das komme alles von der
Verteilung des Landes, wo eine Haushaltung nur so viel hätte, und zwar nur
pachtsweise, dass sie dabei in guten Jahren weder recht leben noch recht sterben
könnten, sondern so zwischeninne plampeten wie der Kalle in der Glocke, in
schlechten Jahren aber Hungers sterben müssten wie im Herbste die Fliegen. Nein,
so ist es bei uns gottlob nicht, da bleibt das Land noch beieinander, dass es
sich und eine rechte Familie ernähren kann. Und wo öppe rechte Kinder sind, da
gibt es beim Teilen nicht Streit und Keins begehrt zu viel heraus. Es weiss öppe
jedes, was so auf einem Hof alles auszurichten ist, und Keins begehrte den Ort,
wo es daheim gewesen, zu zerstören, sondern jedes hat Freude daran, wenn es ein
rechter Bauernort bleibt, wie von alters her, und öppe auch in der Familie, dass
ihn der Jüngste nicht zu verkaufen braucht. Solang eins lebt, weiss es öppe, wo
es daheim ist und dass, es mag ihm geben was es will, es dort immer ein Heim
findet und nicht gleich auf die Gemeinde muss. Man wurd sich öppe schämen. Nur
was es heisst, alles auszurichten, was Vater und Mutter zGvatter gstange sy, bis
alles öppe ghüratet het! Ja, wenn öpper us dr Familie zGvatter gstange ist, so
lat sih alles geng gegem Hof zue u meint, er syg halb da daheim, wenn scho Götti
oder Gotte nimme lebe oder wyt dadänne ghüratet hei. Daran sinnet öppe esn
ieders rechts King u bigehrt, dass dr Jüngst öppe vrma z'sy. U wenn Vater und
Muetter sterbe, so ist dr Jüngst geng dr Jüngst, und wenn der Hof nit zu ihm
luegti, so luegti an manchem Orte niemere zu ihm, denn einen Hof kann man ihm
doch nicht so liederlig verliederlige. Es wüsst kei Mönsch, wies ging, we so
jungi Büebli ume Geld hätte, wo niemere zu ne meh luegt, wo me ume zu dene
luegt, wo könne stimme an ere Wahlversammlig oder gar am Grosse Rat.«
    »Ja, ja«, sagte der Dorngrütbauer, »selb wär guet, wes geng so wär, aber mi
weiss nie, was dLüt öppe achunt oder was ne gseit wird, darum ists immer guet, we
me drvor ist. Und da düecht es mih, ihr solltet den Hof dem Jüngsten verkaufen,
dass er dabei sein kann. Was ist er wert?«
    Christen sagte: »Aparti gschatziget habe ich ihn nicht, aber mein Vater
selig hat immer gesagt, unter Brüdern sei er sechzigtausend Pfund wert. Seiter
habe ich dazugekauft, und das Land het türet, es wüsst kein Mensch, wie hoch er
an einer Steigerung käme, bsungerbar wenn er stuckweise ausgerufen würde.«
    »So um zweiunddreissig oder dreissigtausend Pfund könntet Ihr ihn also
abtreten«, sagte der Dorngrüter, »der Bub kriegte immer noch Schulden und hätte
zu tun genug, von wegen, öppe usegä tue ich nicht, es schickt mir sich nicht,
ich stümple nicht gerne; sie können dann einmal alles zusammen nehmen, es gibt
nur umso besser aus.«
    Christen sagte: »Die Schulden werden ihm nicht viel tun, Gülte sind auch da,
und dBsatzig ist gross, Schiff und Gschir wird er öppe nit viel bruche la
z'mache, u dr Wald ma o öppis erlyde, wes sy muess. Es ist de öppe nit, dass ih
alles niedergmacht u nit a dKing däicht ha, wies öppe a mängem Ort gscheh ist.«
    »Dest besser«, sagte der Bauer, »und wenn Gülti sy, so düecht mih, es wäre
da auch etwas zu machen. Öppe ds Kumligste könnte man abkündte, sGeld könnte der
Bub nehmen und zahlen damit. Es wüsst ke Mönsch, wohers chäm, u wenn öppere frug,
su chönnt me sage, es wär Ehstür. U nah dere het ke Tüfel z'frage, u wenns
öppere tuet, su wyset ne ume zu mir, ih will de dem scho Bscheid un Antwort gä.«
    Änneli seufzte schwer auf diese Rede, aber Christen sagte: Es düeche ihn,
selligs sei nicht nötig. Wenn Resli den Hof um fünfzigtausend Pfund nehme, und
sechzigtausend möchte es auch erleiden, so seien alle wohl zufrieden und Resli
mache einen guten Drittel best. Wenn er dann die Gülten herausgebe und aus dem
Wald nehme, was es wohl erleiden möge, so würden die Schulden ihn nicht plagen.
Sein Weibergut sei noch da in Gülten und vielleicht noch etwas dazu, und was
Resli einmal von seiner Frau bekommen sollte, das brauche er nicht an die
Schulden zu verwenden; so wie jetzt alles gelte, hätte der Hof die längst
gezahlt, wenn er einmal z'erben kommen sollte. Aber so ein Schelm an seinen
Kindern zu werden, das begehre er in seinen alten Tagen nicht; er begehre nicht,
dass einmal Enkel und Urenkel ins andere Leben ihm nachkommen und vor Gott es ihm
vorhalten möchten, er hätte sie zu Schelmen und Bettlern gemacht. Davor, wie es
an manchem Orte gehe, wo nur eins erbe und den Andern nur ein Bettlergeld gebe,
hätte es ihm immer gruset, und nicht bloss wegen ihm selbst; aber es heisse, ein
ungerechter Kreuzer fresse zehn gerechte, und das gelte noch, man sehe es alle
Tage; darum müsse so mancher Urenkel barfuss laufen, weil der Grossvater ein
Schelm gewesen an seinen eigenen Geschwistern, Geschwisterskindern oder andern
Leuten. Das möge er nicht, und wenn er mehr Kinder gehabt oder wenn Christeli
hätte heiraten wollen, so hätte er nicht begehrt, sie daheim zu behalten, und
gemeint, sie müssen für den Jüngsten den Hof werchen und ihre beste Zeit für ihn
verbrauchen, sondern sie hätten etwas für sich anfangen müssen, und er hätte
ihnen wollen zweghelfen. Es dürfe einer nicht vierzig Jahr alt werden aufs
Vaters Hof, wenn er einmal davon müsse und fortkommen solle; es müsse einer in
die Welt hinaus, während er noch klebrig sei; wenn einer einmal gstabelig
geworden, so sei es ustubaket, er brauche, was er habe, und dann müssten andere
Leute ihm helfen. So gehts! Was recht sei, müsse Resli haben, sie gönnten es ihm
alle; aber mehr als recht, das möchten sie ihm nicht gönnen, dazu sei er ihnen
z'lieb, und denen unterm Herd möchten sie es nicht zuleid tun.
    Das brauche er nicht halb so spitz zu nehmen, sagte der Dorngrütbauer, es
werde öppe e jedere dWehli ha, z'säge, was er denk, und mache werde auch ein
jeder können, was er wolle, dazu werde es nicht zu spät sein. Aber so dem ersten
besten Fötzel und Schuldehung gebe er seine Tochter nicht; sie hätten es gehört,
und gseit syg gseit.
    Darauf sprach Änneli: Er solle verzeihn, Christen hätte es nicht bös gemeint
und nur so beispielsweise geredet, er hätt minger o chönne, es syg wahr. Aber
einen Schuldenhung gebe Resli doch nicht. Wenn er den Hof um sechzigtausend
Pfund übernehme, so werde er nicht zehntausend Pfund darauf schuldig, daran
zahle ihm der Wald das Meist, und wenn er den Hof verkaufen wollte, was aber
neue nit z'denke sei, so hätte er de fry viel mehr g'erbt als die Andern.
DSchulde werden ihn nie plagen, es mög gehen wie es wolle, und viel Bauern, die
es besser machen können als er, würd es nicht geben, und es wär noch mancher
froh, er hätte es so. Dann müsse man auch nicht vergessen, dass von dem viel,
leicht, wenn man öppe grecht und billig handle, noch viel vorume chömm; es sei
noch Keins von den Andern geheiratet, »und ob es eins tut, weiss man nicht, aber
mir Wüsttun könnte man es zwängen. Aber was meinst du dazu?« wandte sich Änneli
zu Anne Mareili, »dih geihts am nächsten an und hast doch kein Wort noch dazu
gesagt.«
    Diese unerwartete Frage erschreckte Anne Mareili wie ein Kanonenschuss, der
ungsinnet hinter dem Rücken abgebrannt wird. Während des ganzen Gespräches hatte
es in seinem Herzen gezittert; es ward um sein Glück gehandelt, und des Handels
Ende ward seinem Auge, welches weder in die Tiefen der Herzen sah noch den
Handel selbst übersah, immer dunkler, und als es nun selbst sich hineinmischen
sollte, zitterte es, es möchte den Ausgang noch schwieriger machen, antwortete
daher in seiner Angst, es liesse sichs gefallen, wie sie es machten. »Üsereim het
zu selligem nit viel z'säge, mi muess es näh, wies chunt.«
    Das arme Meitschi wusste nicht, dass ein keckes, gerades Wort hundertmal
besser ist als ein verdrücktes, achselträgerisches; aber wissen das noch ganz
andere Knebel nicht als ein Mädchen, dessen Herz im Bangen der Liebe erzittert!
    Erlickt aber die Hohlheit zu jeglicher Zeit das Gewicht solcher geraden
Rede, die Hohlheit, die schwer wiegen will auf der Wage der Zeit, so bläst sie
sich auf mit Luft bis zum Himmel hinauf und redet dann wie vom Himmel herab und
meint nun, die Menschheit sollte die Blase für den Berg Sinai nehmen und ihre
Stimme für die Stimme Gottes. Und die Menschheit tut dieses wirklich manchmal,
nimmt ihr Quaken für Donnern, fürchtet sich, und die Quäkenden verbergen in
glänzenden Schleiern ihre Saugesichter, vorgebend, es seien Mosisgesichter. Das
tut namentlich das gegenwärtige, weltstürmende Geschmeiss. Knirpse tun wie
Titanen, Dozenten mit Schweinsseelen und in Schweinsleder gebunden gebärden sich
wie Herkules, der bekanntlich oben ein Tierfell hatte, unten aber nackte Beine.
Wer aber gar brüllen kann wie zehntausend Stiere und daneben sich wohlsein
lassen fünfhundert Säuen gleich, der sagt, er sei der Herrgott selbst,
einstweilen aber wolle er sich begnügen, wenn man ihn zum Professor mache oder
zum Bürgermeister.
    Solche reden keck und gerade, dass es einem düecht, sie sollten fry ein Loch
in den Himmel stüpfen mit ihren Worten; sie bringen allerdings es dahin, dass man
eine Schweinsblase ansieht für den Berg Sinai und unten an der Schweinsblase
einen Altar errichtet mit einem goldenen Kalbe darauf oder wenigstens einem
Ehrenbecher. Aber leider ist das Ding nur wie Nebel und die Himmelsstüpfer
erfinden sich, wenn man recht hinsieht, als Heustüffel, die bekanntlich nur
einen Sommer dauern, und wenn der rechte Moses wieder kommt, so zerfallen Kälber
und Becher wieder in ihr Nichts.
    Wenn also von kecker und gerader Rede die Rede ist, so wird eben nicht die
Rede gemeint, die eigentlich weder keck noch gerade ist, nichts als unverschämt,
sondern die Rede, welche unverhohlen ausspricht, was das Herz bewegt und
wünscht, dem Unrecht Unrecht sagt, der Wahrheit aber Zeugnis gibt. So gehts aber
oft in der Welt, der Wahrheit trittet Schüchternheit in den Weg, ein leidig
Fürchten und Werweisen, während die Unverschämteit als Vorreiterin der Lüge
beständig bei der Hand ist. So geht es gerne Meitschene, deren Herz gefangen ist
und befangen ihr Verstand, und wer will von einem armen Meitschi fordern, dass
wenn gefangen sein Herz ist, unbefangen sein Verstand bleibe!
    So ging es Anne Mareili. O wie gerne hätte es dem Vater angehalten, er solle
sich in diese Verhältnisse nicht mischen, alles Gott und guten Leuten
überlassen, wie gerne gesagt, es sei mit allem zufrieden, wenn es nur daheim weg
und hiehin kommen könnte; aber es fürchtete, den Vater noch hinterstelliger,
hinterhäger zu machen, und die Forderungen des Vaters zu unterstützen, dazu war
es eben zu wenig unverschämt, zu wenig radikal, und dessetwegen ward sein Vater
ärgerlich und weh tat seine Antwort den Andern; es verfehlte sich also gegen
beide Partieen.
    »Und dann du, was sagst du dazu?« frug der Dorngrütbauer den Resli, »dich
gehts am nächsten an, und es düecht mich, wie ich meinte, sollte es dir recht
sein, du hättest es z'gniessen.« Resli, dem das Herz weh tat, antwortete, es sei
ihm so: Anne Mareili sei ihm lieb, er glaube, es gebe eine Frau wie dMuetter,
und über Bösha solle es nie zu klagen haben. Er hätte dessetwegen nie gefragt,
was es hätte und wieviel es mitbrächte, und wenn es nichts hätte, so sei es ihm
recht. Aber deswegen düeche es ihn, man sollte auch ihnen vertrauen und öppe
denke, man mache, wie recht. Übrigens lasse er ihm alles gefallen, aber öppe dass
die Andern z'klagen hätten, begehre er nicht. Gschwisterti seien einmal immer
Gschwisterti.
    Er meine, dHut söll eim lieber sein als ds Hemmli, und wenn man eine Frau
wolle, so hätte man nichts nach den Geschwisterten zu fragen, sagte der Bauer.
Aber ihm sei es gleich, sie könntens machen, wie sie wollten, deretwegen sei er
nicht hergekommen. Könne es sein Meitschi bsungerbar gut machen hier oben, so
möge er es ihm gönnen, sonst aber, wenn es gmannet sein müsse, finde es bei
ihnen ein Dutzend für einen, und dann wisse er doch, was für einen, und hätte
dSach unter Augen, es möge gehen, welchen Weg es wolle. Es sei da einer, der
hätte schon lange angesetzt, und so gut mache sein Meitschi es nie mehr.
Freilich meine ds Meitschi, der sei ihm wohl alte, aber es werde ihm wohl noch
dGlarlöcher aufgehen, dass es es begreife, je älter, dest besser. Selb hätt er
nit Kummer, und gehe es manchmal lang, bis so am ene Meitschi dGlare ufgange.
Aber wenn sie noch heim wollten, so wär es Zeit furt.
    »Nit«, sagte Christen, »so ists doch nit gmeint, u ufbinge wollen wir nicht;
was wir gesagt haben, ist nicht bös gemeint, und si Sach z'säge, het öppe en
iedere dWehli. Dr Bueb lyt üs am Herze, un öppe uf enes paar tusig Pfüngli uf
oder nieder wirds öppe Keim acho; wo me enangere lieb het, bricht ds Geld öppe
ke Handel. Ds Meitschi isch ihm aständig, u mir hei nüt drwider, we mrs scho nüt
chenne, wo selb süst nüt schadt, we me enangere scho öppe vorher e weneli
chennt. Aber wie gseit, wir sind etwas weit auseinander, selb ist wahr, es hat
aber auch seinen Nutzen, selb ist auch wahr; man ist einander manchmal nur zu
nah. So geht es einmal in der Welt, die Berge kommen nicht zusammen, aber die
Menschen wohl, und wenn sie einmal zusammengekommen, so soll man sie nicht
scheiden, das ist meine Meinung. Was meint Ihr, wie ist die Sache z'machen? Was
möglich ist, soll geschehen.«
    »Was meinst, Meitschi?« sagte der Bauer zu seiner Tochter, »es ist deine
Sache, red!« Anne Mareili wars nicht ums Reden, die bitterste Angst guälte sein
Herz; sie kann nicht enger zusammenpressen das Herz des Spielers, der alle seine
Habe auf eine Karte gesetzt und nun starren Auges auf die zögernden Hände des
Bankhalters sieht. Jede Rede mehrte seine Angst, jede Rede zürnte es dem
Redenden, weil sie nicht den Abschluss brachte, sondern ihn hinausschob; es
düechte ihns, es gäbte alles, was es auf Erden und im Himmel zu erwarten hätte,
wenn mans nur richtig machte, gäb wie. Hingerdry chönn me geng no luege u 's
mache, wie me öppe well, dachte es. Sein Vater war zäh, auf den setzte es keine
Hoffnung, alle also auf die Andern. Dass diese werweiseten und Bedenken hatten,
ärgerte ihns also doppelt, und besonders an Resli tat es ihm weh, es düechte
ihns immer mehr, wenn der ihns recht lieb hätte, so wäre ihm alles recht, er
würde nichts scheuen, um ihns zu erhalten; hingerdry chönnt me ja de geng luege
und 's mache, wie man es ha wett. Darum antwortete Anne Mareili, es hätte nicht
geglaubt, dass es da so viel Bsinnens gebe, dem an, was man ihm gesagt; aber es
sage nichts dazu, wie der Vater es mache, sei es ihm recht, aber das Märten sei
ihm zwider, es wäre lieber nicht dabei, es müss es sagen.
    So sei es ihm auch, antwortete der Vater, und so wolle er sagen, was er
wolle: Sie sollten dem Sohn den Hof abtreten für vierzigtausend Pfund, dass
sobald sie geheiratet, sein Meitschi Kelle und Schlüssel übernehme, und wenn
Resli vor ihm ohne Kinder sterbe, so erbe das Meitschi den Hof dahin und daweg.
So wolle er und sonst nicht.
    Resli wurde ganz blass, als er das hörte, die Lippen bebten ihm, als ob er
reden wollte; aber wenn ers schon gewollt, für kein Lieb hätte er ein Wort
hervorgebracht. Etwas Giftiges quoll in ihm auf, welches sonst seinem Herzen
fremd war, ein Stolz regte sich in ihm, von dem er nicht wusste, woher er kam.
Kam man da von unten her und meinte, hier oben sei lauter Dummheit und man könne
mit den Menschen umgehen als wie mit Tröpfen und Halbwitzigen; war dann keine
Liebe im Meitschi zu ihm, sondern nur zu seinem Hofe, und während er nichts
forderte, von keinem Kreuzer Ehsteuer sprach, wars dann recht, dass man von ihm
alles forderte? War er ein Kerli, den man vergolden musste, damit ein Meitschi
ihn nehme? Er fing an zu fühlen, dass er alleine ein Mädchen wert sei und dass
sein Ich alleine mehr wiege als manch ander Ich, und wenn dasselbe
hunderttausend Pfund mit sich auf die Wage nähme.
    Der gute Resli wusste halt nicht, dass selten ein Mädchen eine rechte Wage hat
für das rechte Ich, und dass wenn es sie schon hätte, auf der Eltern Wage ein
rechtes Ich doch nie mehr zieht als eine Nulle, und dass jedes Ich zu seinem Ich
noch legen muss einen Zinsrodel oder ein Geschäft oder einen Titel samt Namen,
wenn es irgend etwas ziehen soll, gäb wie wenig. Das wusste Resli nicht und sah
auch nicht in Anne Mareilis Herz hinein, nur an sein Gesicht, und das hatte ihm
bereits sattsam Kummer gemacht. Es arbeitete gewaltig in seiner Brust, es
düechte ihn, er möchte satteln und reiten auf Leben und Tod, gegen was man
wollte; wissen sollte man, dass er nicht Nichts wäre, sondern Resli, der
Bauernsohn zu Liebiwyl, e rechte Burscht un e Draguner trotz eim. Die Weiber
haben einen eigenen Sinn für das, was sich auf den Gesichtern regt; dieser Sinn
ist ein Schlüssel zu den Herzen der Männer, in diesem Sinne läge auch die
Herrschaft über sie, wenn nicht wiederum im Weibe ein eigener Geist des
Widerspruchs läge, der das, was es im Herzen sieht, nicht beherrschen, sondern
unduldsam seine Stelle ihm nicht gönnt, es vertreiben will mit Keifen oder
Zürnen. Mütter sind geläuterter als Weiber, ihre Liebe ist meist weniger
selbstsüchtig, sie sehen ebenfalls in die Herzen ihrer Söhne (kurios, mehr als
in die ihrer Töchter), aber sie stellen sich ihnen nicht entgegen, sondern als
Schirm und Schutz, als Vorfechter davor oder wenden es unvermerkt mit
Zärtlichkeit, wie man ja Butter weich macht, wenn man sie kneten, und Eisen
flüssig, wenn man es giessen will.
    So lasen Anne Mareili und Änneli in Reslis Gesicht die unsichtbare Schrift,
die auf der wunderbaren Tafel seines Herzens geschrieben ward von unsichtbarer
Hand. Heiss und kalt fuhr es Anne Mareili den Rücken auf, als es sie sah, für
kein Lieb hätte es ein freundlich Wort reden können; hätte es reden müssen, so
wär ein Gallenstrahl hoch aufgesprjetzt. Aber rasch ergriff Änneli das Wort und
sprach, das seien Sachen, an die man nicht gedacht und über die man nicht mit
einander geredet hätte. Es für seinen Teil legte gerne die Bürde ab, und je eher
ihm Resli ein Söhnisweib zubringe, dest lieber sei es ihm, und gerne wolle es
abgeben und dasselbe machen lassen; es sei müde und ruhe gerne, und öppe ume
z'bifehle sei nie seine Sache gewesen, deswegen brauche man nicht Kummer zu
haben. Aber wegen dem andern müsse man doch mit den Andern reden, es gehe sie
auch an, und wenn man es vorher abgeredet und ausgemacht, so gebe es hintenher
keinen Streit. Wegem Christeli hätte man kaum was zu fürchten, aber wenn
Annelisi heiraten sollte, so wüsste man nicht, was es für einen Mann bekäme.
Darum wäre es am besten, man redete noch mit einander, ehe man das Wort gebe.
    Es sei ihm recht, sagte Christen; »wo sind sie wohl, man kann sie rufen«.
Ein Schatten flog über Ännelis Gesicht, schon hatte es den Mund offen, da sprach
der Bauer, das pressiere nicht halb so, und wenn man sie jetzt gleich riefe, so
meinten sie, wie nötlich er täte, und selb sei nicht; ds Cunträri, es sei ihm
lieber, man behielte noch auf beiden Seiten dWehli, man wisse nie, was es gebe,
es könne in einem Tage Ungsinnets geben ganz Hüfe. Sie sollten öppe mit
Glegeheit mit einander reden, und wenns ne recht sei, so sollten sie Bricht
machen, und mache man keinen, so sei es ihm, wie gesagt, auch gleich, denn dSach
sei ihm doch nur halb recht, und wenn er nicht sähe, dass es am Meitschi hier
gefiele, so möchte er lieber nichts mehr davon hören. So tue er es ihm zu
Gefallen, aber dessetwegen sollten sie nicht meinen, sie könnten mit ihm machen,
was sie wollten; so es Meitschi sei immer z'tröste, un öppe dr Narr mache und
sih hingersinne, das sei in seiner Familie nicht dr Brauch. Gits nit dä, su gits
en Angere, u gits Kene, so cheu mrs süst mache, so denk me i syr Familie. U de
wärs nimme Zyt, öppe lang no z'rede, es sei schon vier, und sie hätten noch
angere Sache auszumachen.
    Nun begann er zu seufzen und zu berzen wegen den Laden, wenn er die nur
daheim hätte, er hätte sie nötig und wisse nicht, wie sie holen, da sie alle
Hände voll zu tun und alle Tage gleich nach morgens zwei Uhr zwei Züge im Felde
haben müssten. DKalbete, die könnte man allfällig durch einen Jungen holen
lassen, aber dLade, die mangelten Zeit und Rosse, und er wüsste sy Seel nicht wie
machen; se z'vrdinge z'füehre, verteure sie ihm gleich, dass er sie ringer, es
wüss ke Mönsch wo, kauft hätt. Deretwegen, sagte Änneli rasch, sollte er nicht
Kummer haben, ein paar Bäume Laden zu führen, hätten sie immer Zeit, zugleich
könne man Bricht bringen und dSach usmache; am Donnstag oder Freitag, wenn es
ihm recht sei, gebe sich das schon.
    Eingemärtet habe er das Fuhren nicht, sagte der Bauer, und wenn es etwa viel
kosten sollte, so wollte er lieber noch warten. Das sei nun gleich, eingemärtet
oder nicht, was man anerbiete, sei anerboten, und dafür nehme man öppe kein
Geld, sagte Christen. Er solle nur sagen, an welchem Tage es ihm am
anständigsten sei. Wenn das so gemeint sei, antwortete der Dorngrüter, so wolle
er es mit Dank angenommen haben, all Tag seien ihm gleich, dr Freitag noch
schier lieber als der Donnstag. Öppe Futter brauchten sie nicht mitzubringen,
der Gattig hätte er genug; mit Haber zwar sei er nicht am besten versehen, aber
dest besser sei das Heu, und wenn es noch etwas mehr sein müsse, so täte es
Reiterkorn auch. Aber jetz hulf er fort, bis sie daheim seien, sei es längst
Nacht.
    Er solle nicht pressieren, hiess es, allweg doch vorher noch recht essen und
trinken, wofür sonst wärs da? Das liess er sich allerdings nicht lange sagen, und
Glas um Glas rutschte ihm runter, man wusste nicht wie, und wer weiss, wie lange
er gesessen, wenn Anne Mareili nicht immer heftiger am Heimgehn getrieben hätte.
    Es hatte, wie unsere Weiber zu sagen pflegen, voll bis obenaus, es zwitzerte
ihm vor den Augen, und unendlich viel hätte es darum gegeben, wenn es sein Haupt
hätte legen können auf ein Bett in dunkler Kammer und da so recht ausweinen
Liebeszorn und Liebesangst, verbergen können das eigene Herz vor den eigenen
Augen. Es war ihm so wind und weh, da wegzukommen, es fühlte immer mehr, dass es
seiner nicht Meister sei, ein Reiz seiner Herr werde, dem untertan zu sein es
nicht gut ist, sintemalen man nie weiss, was alles zu tun er imstande ist. Es
fühlte sich in einem Zustande, in welchem eine Wolke ist, die regnen möchte,
aber bereits ein Wesen fühlt, das den Regen hemmt, dafür aber hageln lässt; denn
obs regnet oder hagelt, hängt nicht von der Wolke ab, sondern von der
Luftschicht, in die sie gerät, von dem Winde, der über sie hinweht. So brachte
es Anne Mareili zum Aufbrechen, aber holdselig war es dabei nicht, es sah aus,
als wenn es zürnte, und es zürnte allerdings, und zwar über alles: über ihns,
weil es mit dem Weinen kämpfen musste, über den Vater, weil er so getan, dass den
Andern der Mut zu entfallen schien, über Resli und seine Leute, weil sie die
Sache ins Bedenken gezogen, so gleichsam sie an eine Kommission gewiesen.
    Ach ja, an Kommissionen weisen, das ist ein prächtig Ding, denn jedwede
Sache soll doch reiflich erwogen, jeder Beschluss rundum bedacht sein, ehe er
gefasst wird. Aber wo ein jung Herz in Liebe schlägt, da sind solche Kommissionen
und ihr Erwägen ein grässlich Ding, denn was kömmt da wohl alles ins Spiel und
was wird wohl alles bedacht und wie lange geht es wohl, bis eine Kommission eine
Sache ausgedacht! Und wo ein ander Herz in Eifer für eine schöne Sache schlägt,
im Feuer der Begeisterung sie erfasst, in der Klarheit eines reinen Aufblickes
sie erschaut hat, was wer, den diesen Herzen so oft Kommissionen für ein
schändlich, greulich Ding! Es kömmt einem manchmal vor, als ob solche
Kommissionen nichts respektierten als ihren eigenen Kot und sich als Käfer
dächten und alles ihnen Vorgelegte als Düngerklötze, die sie nach Lust und
Bequemlichkeit zu durchwühlen hätten, um an dem einen Teil sich selbst zu
mästen, vom Rest aber zu sagen, es sei halt Dünger und Dünger gehöre auf den
Mist. Es gibt Kommissionen, die weder Sinn, Verstand noch Willen haben zu dem,
wofür sie kommittiert sind, die nichts als Kyb, Neid und Eigendünkel haben und
daher wirklich nichts respektieren als den eigenen Kot. Manchmal ignorieren sie
vornehm, was ihnen übertragen worden, und man hat Beispiele, dass sie es
verlieren und doch nach Jahren mit beispielloser Frechheit rapportieren über
das, von dem sie höchstens den Deckel gesehen. Da kömmt es dann kommod, wenn man
lügen kann, dass die Schwarten krachen, und schamlos ist wie eine kuhrote Kuh,
die auch nie röter werden kann, als sie bereits ist, es mag geben, was es will.
    Nun war es allerdings ein parlamentarischer Kniff von Änneli, dass es die
Sache aufs Referendum schob, aber es geschah nicht in böser Absicht. Es sah, was
kochete, und eben diese Kocheten wollte es nicht anrichten lassen. Es gibt
Augenblicke im Privat- und Staatsleben, welche man verrauschen lassen muss, wenn
man nicht graune Sachen machen will. Diese Augenblicke erfordern Takt, den hat
man leider nicht immer, in neuen Kantonen nicht, ja am Vorort selbst nicht; die
Aargauer zum Beispiel könnten Beispiele von Exempeln erzählen. Anne Mareili
aber, noch eine junge Kreatur, gleichsam ein neuer Kanton, begriff das nicht,
und dass es ohne Sicherheit und Gewissheit heim musste, vom vermeintlichen sichern
Port weg wieder aufs unsichere Meer hinaus, wo jeder Haifisch und jeder
Kellerjoggi aufs neue nach ihm schnappen konnte, das wollte ihns fast zerreissen.
    Sie gaben ihm das Begleit fast bis nach Herrlige, aber es ging trüb zu
zwischen ihnen, und als man Abschied nahm, wurde manch üblich Wort gewechselt,
aber kein herzliches, trotzdem dass das Augenwasser in manchem Auge stand, und
gäb wie man anwendete, das klare, wahre Wort fand sich nicht; und kurios ists,
wie es so selten sich findet, wie so selten es sich im Gemüte gestaltet, und wo
es sich auch gestaltet, doch die Kraft fehlt, es auszusprechen. Es ist halt auch
in unserm Gemüte wie am Himmel, welcher so selten wolkenrein ist, und ist ers,
so weht meist ein rauher Wind, oder ehe noch die Sonne niedergeht, kömmt schon
der Sturm gezogen und verhüllt das Helle wieder.
    Finster zog nach vollendetem Abschied es hinter dem Vater her, und als der
einige Male keine Antwort erhielt, blickte er zurück und sah, wie Anne Mareili
mit dem Nastuch im Gesichte focht. »Plärist?« fragte er. »Nein«, sagte es, »aber
ich bin flessig.« »Ich wusste auch nicht, was z'pläre hättest«, sagte der Vater,
»gehe es wie es wolle. Kömmst du dahin, so ist für dich gesorget, tun sie
hinterstellig, he nun, so gibt es was anders. Das sind dumm altväterische Leute,
die für jede Sache einen apartige Brauch haben, meinen, wie witzig sie seien,
und doch nichts verstehen; einmal für vierzig Kronen habe ich sie mögen. So dumm
Lüt habe ich längs Stück nicht angetroffen. Denen muss man den Marsch machen zu
rechter Zeit; wenn du unter ihres Regiment müsstest, in acht Tagen machten sie
dich ds Tüfels. Darum habe ich für dich gesorget, wenn du ds Maul schon nicht
hast auftun wollen.«
    »Aber Vater«, sagte endlich Anne Mareili, »und wenn sie nicht wollen? Es ist
doch auch wohl strengs für sie.« »He nun, so habe ich doch wohlfeile Laden und
eine Kalbete, woran auch etwas zu verdienen ist. Aber habe nicht Kummer, die
tuns, sie hätten sich nicht dafür, zurückzugehen. Uvrschants von ihnen ist es
gewesen, dass sie nicht gleich eingeschlagen, nachdem sie uns haben kommen
heissen, so dass man hätte meinen sollen, es sei ihnen im voraus schon alles
recht. An uns wäre es gewesen, sih z'bsinne, und nicht an ihnen. Sie hättens
schon für eine Ehre nehmen sollen, dass es uns nur dr wert gsi ist, ga z'luege da
in ihr Gitzinest hinauf. Am täubste hat mich dr Jung gemacht, dem wärs doch am
meisten angestanden, sein Maul aufzutun und einzureden, so nötli, wie er getan
hat; aber ein Wort ist ein Wort, das er gesagt hat. Es muss notti nicht alles mit
denen Leuten sein, sonst hätte er nicht so weit laufen müssen für eine Frau und
hätte nicht brauchen so nötlich zu tun. Es ist gut, hat man sich in acht
genommen u nit gmeint, mi müess zsämefüesslige dry. So wie es jetzt ateigget ist,
kann man der Sach abwarten.«
    Anne Mareili kannte den Vater; sonst hatte dessen Wort nicht gute Statt in
seinem Herzen, jetzt aber fand es Boden, schwoll auf und keimte. Es steigerte
eine Stimmung, die bereits vorhanden war, gab unbestimmten Gefühlen feste
Richtung, übermachtete die Liebe, erbitterte das Herz, kurz tat, was Aufweisung
gewöhnlich tut, machte einen Schaden grösser, trieb ihn der Unheilbarkeit
entgegen, zeitigte Empfindungen, die ohne sie rasch verglommen wären, zum
Brande, und was ein solcher Brand alles zu verzehren imstande ist, wer weiss es
nicht!
    Oh, Aufweisungen sind Teufelswerke, und Aufweisen ist ein höllisch Wort. Als
der Teufel es bei der Eva anfing, Gottes Gebot ihr vernütigte, ihr weismachte,
der liebe Gott gönn ihr guet Sach nicht, da wusste er wohl, was er damit in die
Welt pflanzte; denn Aufweiserei bricht aller guten Lehr und Strafe die Spitze
ab, raubt der Gutmeinenheit das Vertrauen, ist die Handhabe, an welcher der
Teufel die Dummen hält; denn wer einmal der Aufweiserei die Ohren geöffnet hat,
der ist gerade, als wenn er auf einem Schlitten sässe am stotzigen Berge, an
dessen Fuss das Höllentor ist; oben gibt ihm der Teufel einen Mupf, und
stötzlige, hü, trärerä! gehts dem schwarzen Loche zu.
    Wie Viele aber sie treiben, diese Aufweiserei, die sind des Teufels Diener,
und wie die Metzgerbuben und Metzgerhunde den Metzgern Kälber, treiben sie dem
Teufel Seelen zu. Bedenken dies dann die nie, welche niemand von sich lassen, es
sei denn, sie hätten sie aufgewiesen gegen die, durch deren Hand sie Gott
regieren will? Wenn jemand unversehens der Kopf aufschwillt zu einem
unförmlichen Klotze, gross wie ein check wird, so heisst es, man sei in einen bösen
Luft gekommen oder sei uf enes Unghür trappet. O Mensch, bedenk, wenn du ein
klein Ärgernis hast und jemand bläst es dir auf, dass es dir Kopf und Herz
zersprengen will, dass es dir vorkömmt, es habe die Seele nicht mehr Weite in der
Haut, bedenk, o Mensch, das ist der wahre böse Luft, und dem Teufel selbst bist
du auf den Stiel getrappet, und seine giftigen Klauen hat er in dein Herz
geschlagen! Mach, dass du los wirst, salbe dich mit Demut und waffne dich mit
Sanftmut, strecke den Schild des Glaubens vor dich und rufe: »Gang furt, Tüfel,
ih wott nüt vo dr!«
    Schwer ist dieses freilich, denn wenn der Mensch missstimmt ist, gereizt ist,
so macht ers nicht wie ein Doktor, der den Missklang zu lösen, den Reiz
aufzuheben sich müht, sondern eine eigene Verkehrteit macht es ihm zur Lust,
den Reiz zu steigern, die Missstimmung immer mächtiger zu machen, und dieser
Verkehrteit lässt er freien Lauf und sinnet nicht, was sie ist, wohin sie
treibt. Wir haben ein gutes Wort dafür: abbrechen müssen wir; wer ihm selber nit
abbrechen kann, ist e arme Tropf, sagt man. Abbrechen ohne Gnade muss man solche
Stimmungen, abgebrochene Pflanzen haben keinen Wachstum mehr, sie verdorren.
    Nun brach Anne Mareili niemand ab, es selbst vermochte es auch nicht, und
was der Vater begonnen, setzte die Mutter fort. Sie hatte sich gefreut, die
Sache werde richtig gemacht werden, hatte auf einen guten Tochtermann gehofft,
der zuweilen ihr krame ein Pfundlein Kaffee, zu dem sie ziehen könne, wenns mit
Ihrem fertiggemacht hätte. Nun war die Sache noch in hängenden Rechten und in
Zweifel gestellt, das ärgerte sie sehr. Ihr Alter sei der uvrschantist Hung, was
gebe, sagte sie, und gheusche heig er wien e Narr, aber das düech si an ihm
nichts anders, von wegen, er sei so, sei immer so gewesen und werde immer so
bleiben. Aber von diesen düeche es sie wüst, und sie könne es ihnen nicht
verzeihen, dass sie werweisen wollten und abraten. Es müsse doch nicht alles mit
ihnen sein, und wenn dr Jung es auch nur ein Augvoll lieb hätte, so würde er
anders angesetzt und seinem Alten wüst gesagt haben, bis es gegangen wäre, wie
ihrer Buben auch gemacht hätten. Sie hulf es ihnen zeigen, dass man sich nicht
zum Besten halten liesse, und wenn er jetzt auch mit gutem Bescheid käme, so
müsste er lange nicht wissen, ob man wolle oder nicht. »O Jere, sie müssen nicht
meinen, dass hier nicht auch Leute seien, die selber zu essen haben und wissen,
was der Brauch ist, o Jere! Ein Reicher wärs u guet Sach könntist ha, aber die
müesse de notti wisse, we me da ungeruche in ihre Wildnuss chunt, me nit chunt
für sih la z'regiere u z'kujiniere, das cha me hie unger o ha, sondere für guet
Händel z'ha und se z'brichte, was o unger rechte Lüte dr Bruch ist, u drnah
z'fahre u se dra z'gwenne.«
    Solche Reden umsurreten Anne Mareili, und wenn schon zuweilen ein Gedanke
ihm kam, dass was man zu Liebiwyl gesagt, nicht so ungegründet sei, so fasste der
nicht Fuss. Es düechte ihns, alle Leute sehen ihm an, dass es auf der Gschaui
gewesen, und möchten es ihm gönnen, dass es unverrichtet heimgekommen. Es nahm
sich vor, am Freitag, wenn Resli komme, recht kohl und kalt zu sein, sich lange
nicht zu zeigen, und wenn er komme mit dem besten Bescheid, so wolle es ihn
anhalten lassen bis gnueg, damit er für alle Zeit wisse, wie man mit ihm umgehen
müsste; von wegen, wie man sie gewöhne, so hätte man sie. Zu dem kam noch das,
dass Kellerjoggi sich wieder zeigte, und dringlicher und nachgiebiger als nie.
Wahrscheinlich hatte er Wind von dem, was unterhänds war, möglich auch noch
andere Gründe zur Ehe, kurz eines Abends kam er dahergetrappet. Er tat, als ob
nichts vorgefallen wäre, setzte sich aufs Bänklein vor der Küche, frug nach dem
Ätti und brichtete unterdessen der Mutter von seinem Reichtum und seinen
Vorhaben. Und als der Vater endlich kam, lauernd und es dick tragend hinter den
Ohren, sagte Kellerjoggi unbefangen: Es hätte da neuis gä, aber jetzt syg er
drübercho und heig gseh, wies syg, und darum komme er wieder und wolle sehen,
wie es stehe zwischen ihnen. Man habe so allerlei brichtet übers Meitschi vo dr
Brunst nache. Er hätte es nie geglaubt, aber wissen hätte er doch wollen, was an
der Sache sei, von wegen, wenn man afe dJahr uf eim heig wie er, so lueg me
zerst, ehe man dSach richtig mach. Darum hätte es ihm nicht pressiert, jetzt
aber sei es ihm daran gelegen, dass dSach i dRichtigkeit komme, er wisse jetzt,
dass man gelogen habe; aber wie lang man lebe, wisse man nie, es gehe manchmal
geschwinder, als man mein. Erst vorgester sei dr Kuderwirt gsund und wohl ins
Bett gegangen und tot ufgstange, u ke Mönsch heigs ghört, wonr gstorbe syg. Selb
grus ihm, so möcht er doch nicht sterben. We me i gwüssne Jahre sei, so sollte
man immer jemand bei sich haben, die wüss, was gang, und emel o öppe chönnt es
Gebet verrichte, wenns ungsinnet a Notknopf käm.
    »He ja«, sagte die Frau, »ich habe auch schon manchmal daran gesinnet, wenn
mein Alter so gehustet hat, dass es mich düechte, er sött ds Herz a dDieli ueche
sprenge, es wär gut, wenn ich ein Gebetbuch zweglegte; man kann nicht wissen,
was es gibt, und wenn man in der Angst etwas suchen soll, so findet man es
nicht, bsungerbar öppis, wo me öppe nit viel brucht. Und denn könnts z'spät
werde, u das chönnt mr doch de gruse, vo wege, es könnte etwas bleiben hangen,
wo besser wär, es bliebe hier, u dass de son e armi Seel müesst umecho, selb wär
doch de neue grüslig; wes einist het müesse sy, so wärs doch de besser, es blieb
drby un esn ieders blieb, wos wär, mi het öppe gnue chönne binangere sy bi
Lebzyte.«
    »Du bist e Sturm u weisst nicht, wasd redest«, sagte der Bauer, »geh und gib
den Schweinen, hörst nicht, wie sie nötlich tun. So haben es die Weiber; was sie
nichts angeht, darum kümmern sie sich, u darob vergesse si ihr Sach; es weiss kei
Tüfel, wie es ging, wenn man nicht immer hinten und vornen wäre.«
    »He ja, öppis ist an der Sach«, sagte Kellerjoggi, »aber gut ists doch
allweg, wenn me allbeeinist an die Seele auch sinnet, gangs de, wele Weg es
well, su het me doch de nüt gfehlt. Es ist mir manchmal so wunderlich, es geht
mit mir alles ringsum und es düecht mih, ih fahr Gutsche, wyt wyt weg, u zletzt
bin ich doch am gleichen Ort, wo ich abgsessen bin. Lang mache tue ihs nimme, ih
förcht, ih förcht! He nu, gangs wies well, mi muess's anäh. Aber öppe, wie gseit,
so alleine, dass niemere für eim betet, sturb ih nit gern, ds Lebe ist längs, u
drwyle geit mängs, wos besser wär, es wär nit gange, u wos guet ist, wes
drhinger blybt u wes eim öpper abnimmt. Drum han ih denkt, ih well hüt no cho,
es wird öppe nüt meh im Weg sy, dass mes richtig mache cha. Ists daheim, ds
Meitschi, wo ists?«
    So sprach Kellerjoggi, und der Dorngrütbauer hörte es nicht ungern, sagte
aber, sövli gschwing mach sich das doch nicht. Schreiber hätte man keinen bei
der Hand, und mit dem Meitschi müess da wieder frisch geredet werden; es hätte
sich jetzt darauf verlassen, es sei nichts mehr, und denn wisse man nie, was
dMeitschi agstellt heige. dabei möchte er doch wissen, wie ers jetzt im Sinn
hatte, die Sache machen zu lassen. Darauf hustete Kellerjoggi grimmiglich, kam
lange nicht zu Atem, tat, als ob ihm fast etwas versprengt wäre, sagte endlich,
als er wieder zu Atem kam: »Ja, ja, so gehts nicht mehr lang, und was du tun
willst, heisst es, das tue bald«; er müsse jetzt heim, er mög dr Nachtluft nicht
mehr erleiden. Aber er solle doch zu ihm kommen die nächsten Tage und darauf
zählen, dSach werd richtig; aber säumen solle er nicht, man wisse nie, wie reuig
man werden könne. Er leu ihm guten Abend wünschen, sagte er und stopfete davon.
    »Du alte Dolders Schelm, was du bist«, brummte ihm der Dorngrütbauer nach.
Aber das nahe Sterben machte doch Eindruck auf ihn, und er dachte, etwas könnte
doch an der Sache sein, u luege müess me. Anne Mareili begriff noch besser den
Kniff, aber das machte ihns umso böser über Resli, je mehr es Kellerjoggi hasste.
Nun war es neuen Drangsalen ausgesetzt, die Sache ins weite Feld gestellt, und
vor dem allem hätten sie sein können, wenn sie nicht so eigelich getan, sondern
sich hinzugelassen, wie man es öppe begehrt hätte.
    Über Liebiwyl war der Himmel auch nicht helle. Als die Familie vom Begleit
zurückging, redeten sie abgebrochene Worte von gleichgültigen Dingen, aber Keins
frug das Andere: »Was sagst du dazu, wie haben dir die gefallen?« »Du solltest
noch Bohnen gwinnen«, sagte Änneli zu Annelisi. »Ich habe geglaubt, es gebe ein
Wetter«, sagte Christen. »Vater, soll ich das Wasser abreisen?« frug Resli. »Es
düecht mich, das Emd hätte brav agsetzt«, bemerkte Christeli. So gings nach
Hause, dort jedes seinen Geschäften nach. Annelisi ertrug das schwer, es machte
ihm ordentlich eng über den Magen, so alles verschlucken zu müssen, was ihm
durch die Gedanken lief; aber es wusste wohl, wenn Vater und Mutter von einer
Sache nicht anfingen, so stund es ihm nicht zu. Als es einen Korb suchte für die
Bohnen, ging Christeli vorbei. Da konnte es sich nicht entalten, ihn zu stellen
und zu fragen: »Du, wie het si dr gfalle?« »So bös nit«, sagte Christeli, »son e
weneli e Schüchi oder e Suri, ih weiss selber nit, welches von beiden.« »Mich«,
sagte Annelisi, »nimmt ume ds Schinders wunder, wie die es Resli hat können
antun und was er an der sieht, er, der sonst son e Exakte un e Figgestiel ist,
won ihm so lang Keini recht gsi ist hie ume. Brav genug wär si, aber dass man de
öppe kei Bräveri fände hier herum, selb nit. Aber z'rede weiss si i Gottsname
nüt. Ich habe alles Mögliche angefangen, von Schiessete und Märite, von Buben und
Mägden, aber ein Wort ist ein Wort, das ich anders herausgebracht, als so
trockne Ja und Nein und: e dr Tusig! Und was das für e Stolzi ist, keim Meitli
het si es fründligs Wort gä, und hättist gseh, wie die ere nahgrännet hei! Und
de Maniere het si de öppe nit gar, hast nicht gesehen, wie sie ds Fleisch noch
mit dem Finger ab der Gablen stösst, Und dann ein Naselümpli hat sie gehabt, so
es klys und es dünns, dass ich mich geschämt hätte, mit einem solchen zDorf
z'fahren, und wenn sie es hat brauchen wollen, so hat sie längs Stück nit gwüsst,
wos ist, oder hat die Nase nicht finden können. Ich will wetten, die braucht
daheim keinen Lumpen, sondern dFinger u ds Fürtech.«
    »Du bist immer das Gleiche«, sagte Christeli, »es usfüehrisch Meitli. Denk,
wenn dich jemand hörte, was sagte er von dir! An einem fremden Ort kannst du tun
wie der heilig Feierabend, dass dLüt meine, sie müssten mit dir in e Vrsammlig.
Vielleicht ists bei diesem umgekehrt, liebliger daheim als zDorf.« »Du bist ein
böser Christeli«, sagte Annelisi, »aber wart du nur, kein guts Wort gebe ich dir
mehr. Wenn ich aufrichtig bin gegen dich und meine, ich habe einen Freund an
dir, so kömmst du mir so!« »Zürn nit«, sagte Christeli, »ich habe da nur so was
nachedampet, was ih am Sunndi ghört ha. Es ist einer im Wirtshaus gewesen und
der hat gesagt, es gebe zweier Gattig Mönsche, die eine seien gut für dGass, die
andern gut für ds Hus, und die einen hätten Manieren daheim und die andern
daheim keine, aber ds Tüfels viel zDorf, und es gäb schöne Visitegsichter, die
vrfluxt wüste Kuchigsichter seien. Nun komm es darauf an, was me lieb, aber wenn
me das scho wüss, so werd me doch gern bschisse, vo wege, man sehe die Meitleni
doch meist nur auf der Gass und könne sich daher gar nicht vorstellen, was sie in
der Küche für Gesichter machen oder wenn sie sollten Bohnen gwinnen und lieber
klappern möchten und dLüt usführen.« »Wart nume, du«, sagte Annelisi, »kein Wort
sage ich dir mehr, und wenn de dr Dokter manglist, so kannst du selbst laufen«,
so schnauzte es und schoss dem Bohnenplätz zu.
    Als alles zu Bette war und Christen und Änneli in ihrem Stübchen, redete
lange Keines, aber schwer seufzte Christen. »Was hast du?« fragte Änneli. »Ich
weiss es selbst nicht«, sagte Christen, »aber es ist mir neue so schwer. Was ich
zur Sache sagen soll, weiss ich nicht, sie gefällt mir nur halb.« »Was gefällt
dir nicht?« fragte Änneli. »Ds Meitschi noch gut genug, von dem will ich nichts
sagen, obschon öppis e wenig holdseliger nichts schadte; aber der Alt hat mich
geärgert, das ist so recht einer, wo meint, es sei niemand gescheit als er und
wenn er aus seinem Dorfe weg sei, so komme er zu lauter halbwitzigen Menschen.
Er hat doch wohl gewusst, wo er ist, und hat getan, als wäre er auf dem Märit,
als hätte unsereinem keinen Verstand, und gemärtet, wie ich mich unter den
fremdesten Leuten schämte. Ich glaube, er hätte uns die Kleider am Leibe
abgekauft, wenn ich nicht gesagt, ich brauche sie selbst.« »Das«, sagte Änneli,
»sind Gewohnheiten; einer hats so, ein Anderer anders, und wer öppe viel auf den
Märten herumkömmt, meint, er sei immer darauf.«
    »Von dem wollte ich nichts sagen«, sagte Christen, »das könnte mir gleich
sein, aber die Gedinge, die er gestellt hat, die sind uverschant. Wenn er noch
viel geben wollte, so hätte er ds Recht, auch etwas z'fordern, aber nichts zu
geben und alles zu wollen, das het afe kei Gattig. Er hat getan, als wär kein
Meitschi mehr in der Welt als seins.« »He«, sagte Änneli, »sie haben es so da
unten. Geht es ihnen an, so nehmen sie alles, will man nicht, so nehmen sie auch
mit Minderem vorlieb. Es hat mich auch gedrückt, und bsunderbar Resli, der hat
mich dauern können. Aber was meinst, wie macht man das?«
    »Ich hulf, die Kinder machen zu lassen«, sagte Christen, »es ist ihre Sach,
was den Preis anbelangt, hingege wegem Abtrette, das ist mr zwider. Aber am
Meitschi hets mih o nit schöns düecht, dass es em Vater nit abbroche het und ne
so het la mache, es hätt sölle meh Vrstang ha un abwehre. Ih muess säge, wenn son
es gytigs, wüests Fraueli da sött uf e Hof cho, ih dräyhti mih no im Grab um.«
»Wir wollen öppe nit hoffe«, sagte Änneli, »Resli sagt gar, es sei nicht so und
der Gyt daheim sei ihm zwider. Daneben weiss man es nicht, es düecht se manchmal,
wenn sie daheim sind, sie möchten es ganz anders machen und haben als im
elterlichen Hause, und doch dann muss es einmal in ihrer Haushaltung akkurat am
gleichen Schnürchen gehn. Doch das Best wollen wir hoffen, es ist müglig, dass es
nit gwüsst het, was säge, u dass es sih ds Vaters gschämt het unds nit het dörfe
la merke. Es ist nichts, das einem so weh tut und eim so es dumms oder es bös
Gesicht macht, als wenn man sich öpperem schämt und sichs doch nicht darf merken
lassen, da ist man wie vor den Kopf geschlagen. Sagt man etwas, so macht man die
Sache noch schlimmer, sagt man nichts, so gehts am Ende über einen los. Ich
weiss, was das kann. Ich habe auch jemand gehabt, der zuweilen getan, dass ich
durch den Boden durch hätte kriechen mögen, und je wüster er getan hat, desto
weniger habe ich ihn verlassen dürfen, es hätt kein Mensch gewusst, was er
angestellt hätte. Das ist ein Dabeisein, es glaubt es kein Mensch, als wer es
erfahren hat. Drum ists auch möglich, dass es dem Mädchen so ging, man muss das
Bessere hoffen. Wenn es sich öppe aparti vor dem Resli verstellt hätte, so wüsste
ich nicht, warum es sich nicht auch vor uns hätte verstellen können. Aber es
wird eben so eine Natur haben, dass es zeigen muss, wie es ihm inwendig ist, und
das sind nicht die Schlechtern. Wenn man einander öppe einmal versteht und sagen
darf, wie es einem ist, so kömmt man dä Weg hundertmal besser zweg als mit
jemand, der sich stellen kann, wie er will, und ganz anders, als er es meint.
Öppe so wege ere jedere Fliege, wo surret, wird man dann auch öppe nicht ein
Gesicht machen, als wenn man Tannzäpfen schlucken sollte.«
    »Du redest immer z'best«, sagte Christen, »und hest recht, es ist besser dä
Weg, as wenn me allen z'böst redet. Aber Hürate het geng e Nase, u gäb wie men o
öppe brav ist un recht denkt, so chas doch übel gehen, wenn man einander nicht
recht versteht oder enandere ds Mul nit gönnt. Es muss immer einer da sein, der
Friede macht, wenn dWelt wott zwüsche yche cho und dZwängigi. Resli weiss sonst
wohl was er macht, und hat die Augen am rechte Ort, drnebe ist er nit link, und
wenn er sieht, dass dSach fehle will, so wird er nicht meinen, dass er auf dem
Wagen bleiben müsse bis zletscht, er weiss sonst, was er macht, u weiss o no
z'rede wenns sy muess; weder hüt, da hets ihm nit füre welle.«
    »Ds Herz wird ihm z'volls gsi sy«, sagte Änneli. »Es ist eine wichtige Sach
für uns, aber gottlob, dass wir einig sind und üse Herrgott üse Friede ist.
Zwängen wollen wir nichts mehr in der Welt, wer weiss, wie bald sie uns unter den
Füssen wegschlüpft; öppe rate können wir und unsern Herrgott bete, dass er unsere
Kinder durchs rechte Türli führe wie uns, wenns auch zZyte ruch gnne geiht. Und
er wird scho, ich habe nicht Kummer, es ist noch der alt Gott, wo auch uns
geführt. Als wir zusammenkamen, waren wir auch nicht, was wir jetzt sind, und
doch hat er uns nicht verlassen, sondern geführt bis hieher, dass wir gottlob
noch so recht aufrichtig zu ihm beten dürfen, und mein Trost ist, dass es heisst,
frommer Eltern Segen baue den Kindern Häuser. Öppe die Besten sind wir nicht,
aber das weiss ich und fühl ich, üse Herrgott hat uns doch für die Seinen, am
Segen sölls nit fehle, und üse Herrgott wird ihm scho Kraft geben. Wotsch du
oder soll ich?« »Bet ume«, sagte Christe.
    »Vater im Himmel«, betete Änneli, »vergib uns unsere Schulden, wie auch wir
vergeben unsern Schuldnern, rechne sie üse Kinge nit a. We mr öppis Guets ta hei
uf dr Welt, das rechne de Kinge a u hilf ne dessetwege. Aber nit, dass de se rych
machist u vornehm, aber bhalt se uf dyne Wege, bhalt ne dr Friede im Herze u dr
Friede im Hus u dFreud für e Himmel. Bhalt se als Gschwisterti unter enandere,
dass eis em andere sy Trost ist, sys Hauptküssi, we sHerz schwer ist u dr Kummer
zvorderist. La nüt zwüsche yche cho, nit dr Tüfel, nit e Mönsch, und was i sHus
chunt, o Vater, das segne auch, nimms uf i Bund, durchfürs mit dym Geist, la is
es zum Engel werde, der is dr Himmel no besser zeigt. Gern wei mr ihm nahgah,
mir bigehre nit voruszgah. Gib am Resli e rechti Frau mit dm rechte Geist, der
nahm Friede trachtet u nah dem, was not tuet fürs ewig Lebe. Gib Beide Sanftmuet
und Geduld, dass sie dr Glaube u dr Muet anenandere nie vrliere, dass dSunne nie
untergeiht vor ihrem Zorn, dass sie nie schlafe, oder sie heige vor dir enandere
dHänd gä u guet Nacht gseit u du heigist se gsegnet. O Vater, viel hei mr dih
betet, aber wos us rechtem Herze chunt, wirds dr nie zviel sy, u wer weiss, wie
lang mr no Zyt hei z'bete. Machs wied witt deretwege, aber üsi King vrgiss nit u
üse Seele erbarm dih!« »Amen«, sagte Christen.
    Es war an den beiden folgenden Tagen fast, als ob eine Leiche im Hause wäre,
ein Gegenstand stiller Trauer, über den zu reden jedermann sich scheute; in
stillem Wesen verrichtete man seine Arbeit, aber jedermann schien gerne allein
zu sein, als ob er noch mehr innerlich als äusserlich zu verwerchen hätte. Dieses
innerliche Verwerchen ist eine altadeliche Tugend, oft stillen Leuten angeboren,
es ist eine reiche Werkstätte: in derselben werden die Grundsätze geschmiedet,
auf welche Menschen absetzen, um ihre Namen im Himmel anzuschreiben, da werden
die Seelen geläutert zu reinen Spiegeln, in welchen Gott zu schauen ist, da
werden die Leben geweiht zu heiligen Opfern, welche ewig und in alle Ewigkeit
gelten. Knechte und Mägde merkten wohl, dass etwas obhanden war, und aus einem
natürlichen Instinkte verschwanden sie, so viel sie konnten, gaben Raum zu einem
vertrauten Wort. Dennoch gab es sich nicht bis am Mittwoch abends, als eben auch
Knechte und Mägde abseits waren. Der Vater, der auf dem Bänkchen sein Pfeifchen
rauchte sagte, er hülfe hineingehen, der Wind sei sauer und neuis sollten sie
doch abreden.
    Drinnen frug der Vater: »Wer fahrt?« »Ich, denk«, sagte Resli. »Was wotsch
für e Wage näh?« »Denk dr breitschienig«, antwortete derselbe. »Ist der nicht
z'schwere?« »Sechs Bäum soll ich doch lade, u da muess es e guete Wage sy.« »Ists
nit zviel?« fragte der Vater. »Es macht sich, der Weg ist gut, dLade sy tür, un
es geiht alles nidsig, u was me ungereinist füehrt, dara brucht me nit zwure
z'mache«, antwortete Resli. »Wennd gfahre magst, mir ists recht«, sagte der
Vater. »Aber was willst du für Bescheid geben, darüber muss man doch auch reden«,
sagte Christeli. »He, ich habe gedacht, kurzen«, antwortete Resli und stützte
den Kopf in die hohle Hand, als ob ihm das Licht weh täte in den Augen. »Man
kann kurzen geben und doch mancher Gattig«, antwortete der Vater. »Da ist nur
ein Bescheid möglich«, sagte Resli, »auf die Geding hin gibt es nichts aus der
Sache, ich will nicht, dass alle ihr Gluck einschiessen müssen für mich, und für
was am End? Für öppis, wo no ke Mönsch weiss, was daraus wird. Zuerst ists mr
gsi, dr Knecht chönn fahre, aber du han ih denkt: aständig sygs, was ih agfange
heig, das mach ich selber us. U de ist mr ds Meitschi zSinn cho, das duret mih;
so ists nit, wies dr Schyn het, es het mih düecht, emel einist möcht ihs no
gseh. Gangs de nache wies well.«
    »Was meinst du, das nicht gehe?« fragte Christeli, »man muss doch zuerst über
eine Sache reden, ehe man den Mut verliert und den Stecken wirft.« »Das ist doch
öppe nicht nötig zu sagen«, antwortete Resli. »Der Alt hat dSach so gestellt,
dass gar nichts daran zu machen ist. Der infam Hund weiss wohl, was er macht, er
will nichts von der Sach und will damit nur einen Andern in das Garn jagen. Ich
merke ihn wohl, aber dem sage ich noch was, ehe wir auseinander kommen; der
graue Schelm muss wissen, dass wir auch an einem Ort daheim sind und nit Hunde
sind. Belle cheu si de nadisch da nide besser als wir hier oben.« »Nit«, sagte
Änneli, »so musst du nicht tun; wenn man ein Meitschi lieb hat, so muss man dessen
Vater nicht schelten, ästimiere sött me ne, syg er de wie nr well. Aber von der
Sach muss man reden stückswys u se nit so arfelswys desusschiesse. Was meinst, was
geht nicht, was ist nit z'gattige?«
    »He, da will er vor allem aus, dass mir der Hof nicht höher angeschlagen
werde als vierzigtausend Pfund, und sövli Kronen ist er wert, wenn alles aufs
Höchste getrieben würde. Ich will nicht sagen, dass er mir so teuer gegeben
werden solle, weniger wär billig; aber wenn ich ihn um vierzigtausend Pfund
begehrte, so wäre ich ein Schelm an diesne, und eins von ihnen bekäme nicht mehr
als dreissigtausend Pfund und ich fast so viel als Beide.« »Was, dreissigtausend
Pfund«, rief Annelisi, »so viel bekäm ich! Da nimm du nur den Hof für
vierzigtausend Pfund; wenn ich dreissigtausend Pfund bekomme, so will ich
auslesen ds Land auf, ds Land ab und erst jetzt mih recht ufla u bäumele wie
sWetter, potz Hegel!« »Nit, nit«, sagte Christen, »es gspasset sich da nicht.«
»He, Ätteli, es ist mir ernst«, sagte Annelisi, »da spasse ich nicht.« »So macht
sich das, Bruder«, sagte Christeli; »wenn Annelisi so denkt, so will ich ihm
auch daran denken, und wenn einmal sein Mann muggeln sollte, so hab ichs in der
Hand, ihn z'gschweige, wele Weg er will. Das soll also nichts heissen, wenns nur
das ist, so ist dSach e gmachti.« »Das ist ume gchäret«, sagte Resli, »du weisst
ja wohl, dass da noch anderes ist, was nit guet ist u wo nit geiht.« »He, man muss
doch darüber reden, es wird sein wegem Verschreiben.« »Ist das nicht ein Unsinn!
Wenn mir der Hof abgetreten würd und es könnte ihn erben, wenn ich stürbe, so
wärs ja möglich, dass ihr ihn alle mit dem Rücken ansehen und so ne Ärgäuerkafli
darauf müsstet gnürzen und hustern sehen. Das möcht ich euch doch um keinen Preis
von der Welt zleid tun.«
    »Ich will mich in dieses eigentlich nicht mischen«, antwortete der Vater,
»aber wie wärs, wenn man machen würde, dass Christeli in diesem Fall das Recht
hätte, ihn um den Preis, wo er dir angeschlagen ist, an die Hand zu ziehen, Das
wäre nicht unbillig, vierzigtausend Pfund trüge sie allweg hinweg, und sagen muss
ich, weh täts mir, wenn der Hof so ungsinnet aus der Familie kommen sollte, und
ich weiss es, es täte allen Leuten weit umher ungwohnt. Nit, ich will nicht
hoffen, dass du sterbest, aber man weiss ja nie, was es gibt.« Er hätte es auch
gedacht, sagte Christeli, es täte ihm bsunderbar weh, da fort zu müssen; aber
sagen habe er es nicht wollen, er möchte doch nicht, dass man sich an dem alleine
stosse. Wenn es so zu machen wäre, so sei es ihm recht, ja wenn es öppe dem Wald
nicht zu wüst gegangen in der Zeit, so nähmte er ihn zurück um fünfzigtausend
Pfund. So düech es ihn, das Meitschi sollte es wohl wagen dürfen, zu ihnen
hinauf zu kommen; gehe es wie es wolle, so gehe es ihm nicht bös, und öppe
besser werds es niene mache. »Aber recht ists auch nicht«, sagte Resli, »dass
alles auf eine Seite kömmt und dass ds Hürate ist wie Chrüz und Bär, wo man
macht, welches dem Andern das Seine abgewinne; da muss ich sagen, das drückt
mich, dass ich alles verwyben und vielleicht nichts erwyben soll. Es ist grad so,
als wenn öppis an mir z'schüche wär, das ich mit Geld sollte gut machen. Und
doch wüsst ich nicht was, und wenn man gegen einander rechnen wollte, so wüsste
ich nicht, wer dem Andern heraus schuldig wär. Das ist ein Hochmut und e
Uvrschantigkeit, dass es mr i alli Glieder schiesst.«
    »He«, sagte Änneli, »wenn dir das Meitschi recht lieb ist, so sieh das nicht
an, in den Ehetag wird der liebe Gott wohl ein Loch machen, ehe es lang geht.
Wegen etwas, wo zwanzig gegen eins zu wetten ist, dass es nichts abträgt, sollen
Zwei nicht von einander lassen, welche sich lieb gewonnen so recht. Das ist gar
eine seltene Sache, rechte Liebe, und so wege Bagatellsache muss man sie nicht
zerstören; man muss nie vergessen, dass einer glücklich ist, wenn er einmal in
seinem Leben zu solcher Liebe kömmt, zum zweiten Male gibt es sich ihm kaum. So,
wenn deine Geschwister nichts dagegen haben, so wollte ich das annehmen. Wenn
dein Meitschi öppe es Herz het, wies z'hoffe ist, so sinnet es ne ihr Lebtag
dra.« »Es ist gut«, sagte Resli, »es ist wäger besser, als es sich hier gezeigt
hat. Ich habe mich salbst nicht darauf verstehen können, aber sagen muss es mir
noch, was es gehabt hat.«
    »So wär man ja richtig«, sagte Christen, »ohne Streit und ohne Zank, wie es
öppe nicht an manchem Orte so gegangen wäre; das freut mich, und blybit so, es
wird euch noch wohl kommen im Leben, und man kann einander gar oft zGutem sein,
wenn man ein Herz zu einander hat und sich kann verstehen. Sinnet daran,
Kinder.«
    »Ja nein«, sagte Resli, »es ist noch eins, aber us selbem gibt es nichts,
und da es wegem Geld nicht darauf ankömmt, so denke ich, werden sie nicht ds
Wüstest alles machen, um es durez'zwänge, und wette si, su tät ihs nit. Ich will
doch de nadisch auch wissen, ob ich dem Meitschi lieb bin oder nicht und ob es
meinetwegen auch nachgeben und sich etwas gefallen lassen kann.« »Was wär denn
das?« fragte Annelisi, »habe ich ihm etwa nicht gefallen und soll ich aus dem
Hause? Wenns das ist, ume zuegfahre, mit dreissigtausend Pfund will ich schon
nächsten Sonntag verkünden lassen, mit Zweien statt mit einem, oder ih gange is
Weltschlang ga lere bradle u Kürbsbrei esse; es heisst, für füfzg Dublone es
Jahrs überchömm me ebe halb gnue dere im Weltschlang.« »Schweig doch mit deinen
Flausen«, sagte Änneli, »es wird öppe von dir nicht fast die Rede gewesen sein,
dulden wird man dich wohl müssen, solange wir auch da sind.«
    »Ja, Mutter, das meine ich auch«, sagte Resli, »aber habt Ihr nicht gehört,
dass dr Alt von Abtreten geredet hat, er meint, Ihr sollet abgeben, ich solle den
Hof gleich übernehmen, Nutzen und Schaden mir gleich angehen, und dann wär Anne
Mareili Meisterfrau.« »He nun so dann«, sagte Änneli, »geschehe nichts Böseres,
die Ruhe ist mir auch zu gönnen, daran einmal stosse dich nicht.« »Wohl, Mutter«,
sagte Resli, »das ists eben, woran ich mich stosse und was ich durchaus nicht
tue. Solange Ihr lebt, sollt Ihr da zu befehlen, zu schalten und zu walten
haben, wie Ihr es von je im Brauch gehabt habt; anders tue ich es nicht, es
freute mich nicht mehr, hier zu sein.« »Du bist doch e Göhl!« sagte Änneli,
»warum doch nicht; eine junge Frau mag der Sache besser nach als eine alte, sie
kann gleich anfangen, wie sie es gerne hat. Es drückt junge Weiber oft gar sehr,
wenn sie sich in einem andern Hause neu gewöhnen sollen.« »Drück es sie nun oder
drück es sie nicht, so will ich, Mutter, ich mag nun die oder eine andere Frau
bringen, dass Ihr, solange Ihr mögt, die Meisterschaft im Hauswesen behaltet. Mit
dem Ätti und mir wirds öppe, so Gott will, im Alte blybe, solang mr lebe, und
wie Ihr es mit Annelisi habt, so sollt Ihr es mit meiner Frau haben; das will
ich, und mengere twege.« »Mach dich deretwege nit köpfig«, sagte Änneli, »ich
wüsste nicht, warum du gerade das erzwangen wolltest, der Eigensinn trägt nichts
ab.«
    »Mutter, es ist nicht Eigensinn, aber ich habe die Sache wohl überlegt. Wir
haben öppe ein Hauswesen, wie wir uns dessen nicht zu schämen brauchen; wir
haben genug, und für andere Leute ist auch etwas da, so ists bei Mannsdenken
gewesen und soll so bleiben, solang wir hier sind. Es würd öppe am enen iedere
von uns wehe tun, wenns ändern sollte. Dort unten haben sie ganz andere Bräuche,
und die begehre ich nicht hierherauf, sie wären mir und euch nicht anständig.
Und dann würd es auch viel Lachens geben deretwegen; die Leute würden öppe
z'reden haben, und selb begehre ich auch nicht. Meine Frau kömmt in mein Haus,
und da soll sie öppe fortfahren, wie ich mich gewohnt bin, wie es mir anständig
ist; das, mein ich, sei nicht über Ort. Das muss sie aber alles lernen, sie weiss
von unsern Bräuchen nichts, sie muss sich selbst zuerst daran gewöhnen. Und
unsere Mutter ist öppe eini, wo ein Söhniswyb öppe mit der Liebi nachziehn wird,
wie öppe nit en iederi. Sie wird nicht alles an einem Tage wollen, sie wird
Geduld haben, sie hat ja von je mit uns allen Geduld gehabt, wir haben sie öppe
erfahren, seitdem wir leben; auch ein Söhniswyb wird nicht bös Sach bei ihr
haben und im Trab sein, ehe es daran denkt, wes e kly Vrstand het und dr Friede
bigehrt. Soll aber meine Frau gleich das Heft in die Hand nehmen, so nimmt sie
es, wie es daheim üblich war, frägt vielleicht die Mutter einige Male, und
andere Male vergisst sie es. Sagt ihr die Mutter ungfragt, was nicht recht ist,
wer weiss, wie sie es aufnimmt und ob sie nicht meint, die Mutter wolle sie
kujonieren und es gehe sie nichts mehr an. Und muss ich es ihr sagen: Die Mutter
hat es so gemacht, so sind wir es gewohnt, frag doch die Mutter, wer weiss, wie
sie das dünkt, ob sie nicht im Herzen denkt, sie könne nichts recht machen, ob
sie nicht schalus wird und meint, ich habe die Mutter lieber als sie, und dann
sich und Andern das Leben schwer macht mit Plären und Dublen oder sonst Wüsttun.
Und wenn wir nichts sagten, es verdrückten, so wären wir auch nicht wohl dabei,
und Zufriedenheit wär keine.«
    »Oh, so wird sie doch nicht sein, du wirst doch wohl wissen, an wen du so
gesetzt hast«, sagte der Vater. »Vater, was weiss ich«, sagte Resli, »die Mutter
kenne ich und ihr darf ich vertrauen, sie wird mir öppe es Fraueli nit plage.
Aber wie ein Meitschi ausfällt, kann man nicht wissen, und wie es in ihm
aussieht, nicht sehen. Es hat einmal einer gemeint, es komme schon viel darauf
an, ob sie am Hochzeittag die Sonne anscheine oder es regne; regne es, so hätte
man manchmal ds Schinders Not mit ihrem Gesicht die ganze Ehe durch. Es kann
etwas so in ein Herz hineinkommen, gäb wie wenig, und es ist ganz angers und
vrpfuscht für geng.« »He ja«, sagte Änneli, »haben wir das nicht selbst erfahren
und nicht etwa jung, sondern wir alte Stöcke.«
    »Darum möchte ich lieber ds Gwüssere spiele; man kann sich an einen
Hausbrauch gewöhnen, wenn man Kind im Haus ist, man weiss nicht wie, hingegen
wenn man einmal regieren soll, lässt man sich nicht mehr gerne brichten, sondern
macht, wie es sich einem schickt«, sagte Resli. »Und dMuetter ist witzig gnueg,
wenn ds Meitschi öppis Chumligs weiss, wo kurzer oder besser geiht, ihm sy Sach
auch gelten zu lassen und einzuführen; dMuetter ist nicht von denen eine, wo
meine, dKunst bstand darin, alles, was man nicht selber macht, zu vernütigen; my
Muetter weiss wohl, dass dKunst die ist, aus allem immer das Beste zu nehmen und
alles am besten suchen z'mache. Darum meine ich, solle meine Frau bei ihr in die
Lehre gehen, und darum übernehme ich den Hof nicht.« »Um öppis hest recht«,
sagte der Vater, »aber wenn du so damit kommst, so machst du sie bös und sie
stange dr zruck. Sag du das Ding so, dass wenn ich dir die Sache verkaufe und dir
Nutzen und Schaden gleich angeht, so wirst du mir also vierzigtausend Pfund
schuldig; die muss ich vertellen, du aber den Hof nicht min, der, so gibt es
doppelte Telle, und das sei mir zwider; säg, das wär nur son e Gspass von dreissig
bis vierzig Kronen, das begreift der Dorngrütbauer allweg.« »Nein, Vater«, sagte
Resli, »das sage ich nicht so, verzeiht, Vater, man kann sich doch auch z'fast
unterzieh. Sie konnten zuletzt meinen, wie dumm oder wie schlecht wir wären, dass
wir uns alles gefallen liessen, und das konnte dem Meitschi doch endlich auch in
Kopf kommen, dass es meinte, wie viel mehr es sei als wir, und das tät wäger nit
gut. Das möchte ich nicht erleiden, und wenn ihr scholl nicht viel sagen würdet,
so gings euch doch hinein.« »An dem«, sagte die Mutter, »wollte ich doch nicht
hangen, wenn es sonst ginge ohne das; denk, das ist ume e Meinige und vielleicht
noch e lätzi, und so bloss ere Meinige twege vonenandere z'la, wär doch e strengi
Sach.«
    »Mutter«, sagte Resli, »es chunt nie gut, wo eins alleine sich unterzieh
soll und sich nicht eins dem Andern unterzieht. Nun haben wir uns unterzogen auf
eine Weise, wie sie mir grusam zwider ist; es müssen ja alle darunter leiden,
und in der Hauptsache tut man, was sie wollen, und lässt sich in unsern Sachen
befehle, wo man ihnen doch nichts sagt, was man von ihnen haben möchte und wie
sie es mit dem Lande halten sollen. Was ich jetzt will, ist eine Nebensache, wo
nur das Meitschi angeht, wo dem Vater hell gleich sein kann. Het mih ds Meitschi
lieb, so tuet es mr dr Gfalle, hets doch deretwegen nüt dest meh, nüt dest
minger, u wotts mr dä Gfalle nit tue, he nu, so erfahre ich noch zu rechter
Zeit, was ich z'erwarte hätt, denn was es Meitschi eim nit tuet, das tuet eim de
e Frau auch nicht, u das tuet si nit.«
    »Du bist lätz dra«, sagte Änneli, »wäger. Wenn ich zurückdenke, wo ich
Christen genommen habe, und es vergleiche mit jetzt, so ist das ganz anders.
Selbist, und er ist mr doch recht lieb gewesen, habe ich immer Kummer gehabt,
ich gebe ihm zu viel nach, ich verderbe ihn, und wenn er etwas von mir gewollt
hat, so habe ich lang studiert, obs ächt nüt mach, wenn ich ihms zGfalle tue,
und hergege habe ich ihm manches vorgelegt, es ist mir nicht ernst gewesen, aber
ich habe nur sehen wollen, ob er mich recht lieb habe, und hätte er es nicht
getan, so hätte ich, es weiss kein Mensch wie, getan und mih gha, als wenn mr ds
grösst Unglück geschehen wäre. Wenn Christen nicht so gut gewesen wäre und es
hätte machen wollen wie du, es weiss kein Mensch, wie es gegangen, ich glaube
nicht, dass wir zusammengekommen. So ists gsi, jetzt düecht es mich, ich wollte
ihm tun können was er begehrte, und nüt düecht mih z'strengs, dä Weg hets
gänderet. Es gruset mr geng, wenn man einander so fecken will, es ist geng Gott
vrsuecht, und es chunt meist uf es Nüt a, mengist uf es einzigs Wort, uf e
Blick. Und meine söll man doch nie, dass wenn man zusammenkomme, man sei, wie man
sein solle, sonst hats schon gefehlt; Liebi u Vrstang muess me all Tag als
Schlyfsteine bruche, wes guet cho söll.
    Wenn meine Mutter selig noch lebte, die würd dr dr Text lese!«
    »Mutter, versteht mich recht«, sagte Resli. »So fecke, bloss um nichts und
wieder nichts, in einer Lumpesach, ume so für z'luege, wer nachgebe müess, das
möchte ich auch nicht; das ist ja grad, was unter Eheleuten nicht sein, nie
anfangen soll, das Nünizieh ums Rechtaben, das ist e Elend, Ihr habt recht.
Aber hier ists nicht so, hier handelt es sich um eine Hauptsach, um Recht und
Unrecht; es handelt sich darum, wer dem Andern sich unterziehen soll, eine alte
Frau einer jungen oder die junge der alten, ob denn eigentlich dMuetter uf dSyte
sött un dr Vater wie es Paar alti, usbruchti Schueh, oder ob es jungs Meitschi
no i dSchuel söll und sich solle den Alten unterziehen, solang öppe Gott will,
und zweitens auch, ob sich eine Frau dem Mann unterziehen will, wie es doch auch
in der Bibel steht, Mutter, oder ob der Mann dr Löhl machen soll. Ich muss es
sagen, wenn ich an Euerm Platz wär, so begehrte ich gar nicht so abzugeben, ehe
ich wüsste, wie es käme, oder ich möchte keinen Krauch mehr oder es wär mir
grusam erleidet. Und, Mutter, ich muss Euch sagen, ich hätte geglaubt, Ihr hättet
mich lieber als so und möchtet Euch doch gmühen, um so mit Liebi und Vrstang
dFrau nachez'zieh. Aber ich merke, die ganze Sach ist Euch nicht recht, ds
Meitschi gfallt Euch nicht, darum möchtet Ihr ganz drus und dänne und lieber nüt
mit ihm z'tue und Eure Sache aparti haben. Das merk ich, und so wärs besser, man
gäbte die ganze Sach auf und redti graduse, währet es noch Zeit ist, als dass man
dann so hintendrein sagt: Ih has doch denkt, ih has doch glaubt, ih has doch
gmeint, u gseit han ihs o, aber ume für mih selber.«
    »Los, los,«, sagte der Vater, »wird nicht bös, du solltest doch wissen, dass
dMutter es besser meint, als du es ihr andichten willst, und dass sie deinetwegen
noch nie eine Mühe gschoche hat. Aber öppis recht hast du auch, da muss ich dir
Beifall geben; so da von vornenherein zu regieren und dEltern von ihrer Sach weg
z'sprenge, selb ist nicht recht, solange sie es nicht gerne von selber tun oder
eins von ihnen gestorben ist. Ja, wenn eins oder das Andere sturb, ih oder
dMuetter, das wär es Angers; de schickt es sih bas, dass es jungs Ehpaar dSach
übernimmt z'grechtem, vo wege, für es rechts Hus z'füehre, müesse Ma u Frau sy.
Ist dMuetter gstorbe u buret dr Vater furt u ds Sühniswyb macht dHushaltig, su
het äs meh z'bidüte as dr Ma, es ist dMeisterfrau u är ume dr Bueb; lebt
dMuetter no u wott fürtbure, so ist dr Bueb wie dr Ma u dFrau sött ume dJumpfere
sy, u selb tuet o nit guet. Lebe aber Vater und Mutter noch, so habens Sohn und
Söhniswyb eins wie das Andere, sind Beider Ghülfen, u Keis het sih z'chlage.
Darum bist du nicht so über Ort, aber sagen will ich nichts dazu. Übersinn dSach
noch recht und stell dir alles vor und auch, wie es dir wäre, wenn es aus der
ganzen Sache nichts geben, und was die Leute dazu sagen würden.«
    »Ho«, sagte Resli, »darauf dürfte ich es ankommen lassen; wenn dLüt öppe
wüsse, wer me ist, so wissen sie wohl, auf welcher Seite der Fehler ist.« »Du
guete Tropf«, sagte der Vater, »meinst? Ich hätte geglaubt, du kenntest dLüt afe
besser als so. Weisst du nicht, dass es Leute gibt, die immer froh sind, wenn sie
jemand einen Schlemperlig anhängen können? Und je mehr sie einen beneidet haben,
desto lieber tun sie es und dest ungrymter. Und weisst nicht, dass man, sei man
wer man well, immer Freund und Feind hat; das zeigt sich nie besser, als wenn
eine Hochzeit zWasser geht. Da geht es ärger ringsum als im Frühling im Seeland,
wenn dFrösche ihre Singverein hei; ich habe einmal dort Wein geholt, u ds
sälbist bin ih fast e Narr worde. Wenn son e Hürat z'nüte wird, am ene Ort muess
geng dr Fehler sy.
    Manchmal ist der Bräutigam ein afechtig Bürschchen und möcht dr Schwäher
klemme, weiss nit recht wie, geiht zRat, u dummi Wyber dampe ihms us, u hingerdry
tuet er de no wie es hässigs Kotäneli. Oder dr Schwäher ist e hochmüetige
Gnürzi u möcht dr Tochterma für e Schuehwüsch ha un ihm dr Gottswille gä, was
ihm vo Rechts wege ghört. Oder dSchwiegere ist e brutali Gränne und meint, dr
Tochterma satt Tag u Nacht vor ihre oder vor em Meitschi uf de Kneue sy u lache,
we si ds Mul uftuet, wien e Löhl. U wenn er das nit tuet u witziger ist as si u
si sih no mängist vor ihm schiniere muess vo wege dr Dummheit, su wyst si
dTochter uf u seit ere: Dä möcht ih afe nit, lue de, wies dr geiht, wed einist
furt bist, er ist e Tyrann, e Tyrann, säg ih dr! U bi de Lüte verschreit si ne,
u will er sie nit u dTochter nit het welle zum Götz mache, su seit si, er heig ke
Religion, u weiss doch selber nit, was für eine sie hat oder ob gar keine. Und
manchmal ist ds Meitschi es Laschi u tuet wien e Löhl, u nüt isch ihm schön gnue
u kes Mannevolk wüest gnue, und er überchunt am End auch gnue. An allen diesen
Orten düecht eim doch, me wüss, wo dr Fehler syg, aber das git es Gred, dä Wäg u
diese Wäg, dass me ganz sturm wird, nit weiss, was obe, was unte ist, nit meh
weiss, het me e Kirsisturm vor ihm oder Surkabis.«
    »So gehts, wo dSach am Tag ist, dass es eim düecht, me chönn se mit em
Bschüttgohn näh, u was meinst, wie würd es bei uns gehen? Da ist nichts am Tag,
da ist keis längs Dreiss gsi, da ist nicht eins hier aus gesprungen um Rat, das
Andere dort aus, man ist nicht zu den Wahrsagern glüffe und auch nicht zu den
Verwandten oder Bekannten, wo grusam vornehm sy u doch gern alles wüsse; man hat
es unter sich gehabt, und die Leute haben kaum gewusst, dass etwas obhanden. Jetz
denk auch, was erst das für ein Gerede geben würde, denk doch, wie sie uns es
gemacht, als wir so zweg waren, und doch war da dUrhab am Tage genug. Eben dass
man es so geheim gehalten, wurde gegen uns geltend gemacht; die Einen würden
sagen, wir hätten uns der Sach geschämt, die Andern, wir hätten einen reichen
Fisch vor der Bähre gehabt und gefürchtet, es könne uns jemand z'böst reden; die
Einen würden sagen, wo wir das Vermögen hätten weisen sollen, so sei nichts da
gewesen, jetzt wisse man, warum es selb Mal so wüst gegangen; die Andern dagegen
würden lachen und sagen, du seist hineingesprengt worden und wo es um eine
Ehesteuer zu tun gewesen, habe es sich gezeigt, dass der Vater der Braue am
Geltstagen sei und chum no dNase ob em Wasser heig. Man würde von unehlichen
Kindern reden, die zum Vorschein gekommen, und was erst alles vom Dorngrüt her
erschallen, was sie dort ausbreiten, in die Welt hinaus blasen würden, das kann
ich dir nicht sagen. Aber glaub mir, Resli, es wären wüste Sachen, du würdest
z'lyde gnue ha, und Viel möchten dirs gönne, und wer weiss, vor was allem es dir
wäre, vo wege, sellige Lärm lässt immer was dahinten. Die eigelige Meitli sind
gewöhnlich die beste, und öppe von weitem her läuft nicht bald ein Meitschi
herbei, das nichts von allem weiss; bi de Buebe git sih das eh. Glaub nur, du
würdest Verdruss genug haben, gäb wie unschuldig wir dabei sind und das Recht auf
unserer Seite haben. Das sage ich dir nicht, damit du alles tuest, was man von
dir will, sondern nur, damit du weisst, wie es geht, und du hintendrein nicht
sagst, du hättest es nicht gsinnet, wenn du es gsinnet, du hättest es anders
machen können. U jetz guet Nacht u fass dih guet, damit, es mag gehen, wie es
will, du auf den Beinen bleibst. Du hast jetzt alles in deiner Hand und mahnst
mich an einen am Steuerruder; wenns zwüsche Wirble durchgeht, häb an dih u lue
guet.«
    Nun war die Sache äusserlich abgetan bis ans Zwegmachen und Laden; geredet
wurde nicht mehr darüber, es sann jetzt jedes wieder. Und wie gesagt, wo der
rechte Sinn ist, da kömmt beim Sinnen mehr heraus, als man denkt, meist mehr als
mit Reden.
    Wenn man dem Treiben zu Liebiwyl zugesehen hätte, so würde jedermann
geglaubt haben, Christeli sei der Bräutigam und wolle eine Hoffahrt tun das Land
hinab. Fast den ganzen Morgen hatte er mit den Rossen zu tun, nahm eins nach dem
andern zum Stall hinaus zum Brunnen und ward nicht fertig mit Striegeln und
Wäschen. Annelisi, das vorbeiging und sah, wie oft er jeden Schweif ins Kübli
tauchte und ihn dann ausstrich, meinte, es wäre schade, dass er nicht eine
Kammerjungfer gegeben, es gäbte gewiss manche vor, nehme Frau, sie wäre froh über
so eine. »Ich denke«, antwortete Christeli, »o mängs Buremeitli hätt mih nötig,
es soll dere gä, wo me ringer e Stall misteti, als so eins süfereti.« »Oh, stich
ume, du breichst mih doch nit, un mit em Süfere weiss ich nicht, wer fleissiger
ist, öppe es jungs Meitschi oder son e alte Vetter, wo zletzt z'fule wird, es
Jahrs zweumal es angers Hemmli azlegge.« Da stäubte Christeli einen nassen
Rossschweif aus, und Annelisi schrie mörderlich auf: »Nu du, du Uflat! Herr
Jemer, wie gsehn ih us, o myn Gott, mys Mänteli, u han ihs erst hüt früsch
agleit!«
    Am Nachmittag putzte Christeli das Geschirr, hohe das schönste aus dem
Spycher, und spiegelblank musste ihm das Messing werden. Er machte sie in der
Küche fast ds Guggers, wollte immer etwas, bald einen leinenen Lumpen, bald
einen wollenen, bald wollte er Essig, bald wollte er Öl. Christeli wollte
zeigen, wer man sei und dass man zu Liebiwyl noch einen Rosszug vermöge. Christeli
hatte es wie alle alten Vettern, diese sind mehr den Katzen ähnlich als den
Hunden; ein Hund nämlich hängt mehr an der Person, eine Katze mehr am Ort. Nun,
die bessern Katzen lieben auch Menschen, laufen der Bäurin nach bis in den
Kabisplätz und der Tochter bis in des Weges nächste Krümme; dann kehren sie aber
um, wenn es weiter geht, und machen, dass sie heimkommen. So haben es alte
Vettern auch. Sie lieben wohl Personen, besonders die, welche ihnen das Kännli
auf den Ofen stellen oder dänne decken, wenn sie im Holz sind; sie lieben auch
irgend ein Kind, solange es ihnen nachläuft und bei ihnen gerne schlafen will.
Aber von allem, was weiter geht, dem Hause den Rücken kehrt, wenden sie sich ab,
denn so wie ihnen im Hause am wöhlsten ist, sorgen sie auch fürs Haus, und so
wie es in ihrer Familie am besten ging, sorgen sie für ihre Erhaltung, balgen
wohl über deren gegenwärtige Glieder, aber auf die Jungen bauen sie ihre
Hoffnung, dass sie die Vergangenheit herstellen, und suchen für die Mittel dazu
zu sorgen. Darum sorgte Christeli so sorgsam für schönen Aufzug; man sollte von
dem Zug und von dem Hof, zu dem er gehörte, noch lange reden da unten, wo kein
rechtes Haus sei.
    Die vornehme Welt hält viel auf einer schönen Equipage. Zwei Pferde dran
sind schon was, für vier aber muss man ein Graf sein. Bei einem rechten Bauer
gräfelts, der hält wenigstens vier Pferde, zwei tüchtige Stuten hinten, zwei
lüftige junge Mönche vornen. Ehrenfest ziehen die einen daher, tänzelnd die
andern, aber wenn Not an Mann kömmt, der Wagen an den Berg, dann vereinen sie
treu ihre Kraft und liegen ins Geschirr, jedes so stark es mag. Es ist eine
Freude, so mit vier tüchtigen Rossen zu fahren in Wald und Feld, Fuhrmann und
Pferde aneinander gewöhnt, dass die Letztern dem Erstern ohne Worte unter der
Geisel laufen, wie und wohin er will. Darum ist die Geisel auch eine Art von
Szepter, sie fuhren zu können ein Ehrenpunkt. Man liest von jungen, vornehmen
Engländern, wie sie die Kutscher machen, sich hoch meinen, wenn sie vier Pferde
vom Bocke führen können; man liest von Parisern, welche gerne engeländerlen, dass
sie es auch versuchen; die alle machen es eigentlich nur unsern Bauernsöhnen
nach. Es bildet ein eigentlich Ereignis, wenn ein Vater seinem Sohn die Geisel
gibt, er erhebt ihn damit zu seinem Mitregenten und Stellvertreter. Die Geisel
ist gleichsam ein Marschall- oder Feldherrnstab, welchen der König seinem besten
und treusten Soldaten gibt. Aber ebenso ist es ein Ereignis, wenn ein Vater
seinem Sohne die Geisel wieder nimmt. »Denk o, er het ihm dGeisle gno!« heissts.
Ärgeres droht ein Vater seinem Sohne nicht leicht als: »Ich nehme dir die
Geisel!« Das geht gleich vor dem Enterben her, und wenn man einen General wieder
zum Gemeinen macht, es kann ihm nicht ärger als einem Sohne sein, der vom Pfluge
weg wieder unter die gemeinen Hacker auf den Acker muss. Und diese Strafe wird
nicht bloss verhängt oder gedroht, wenn einer schlecht fährt, den Wagen in den
Kot, die Pferde zutod, sondern auch wenn der Sohn zu einem Mädchen geht, welches
dem Vater nicht anständig ist, oder in ein Wirtshaus, welches dem Vater verhasst
oder verdächtig ist, und wegen andern wichtigen Vergehen mehr.
    Resli hatte die Geisel, Christeli hatte sie nie begehrt, dessenungeachtet
wandte er alle Sorgfalt an den Zug und labete sich an dem Gedanken, wie die
Leute luegen, wie sie fragen werden, wem der Zug sei, wenn sie die vier stolzen
Braunen mit dem schönen Geschirr und dem mächtigen Ladenfuder durchs Land laufen
sehen, als wäre die Last federleicht. Als sie das Fuder luden, sparte er die
gewaltigen Ketten nicht zum Binden, und als Resli bemerkte, es manglen sich
nicht so viele, die Wege seien gut und öppe schlagen werde es nicht fast, so
meinte Christen, es sei besser zu viel binden als zu wenig, dKettene hätte man
dafür, und sie müssten da unten wissen, dass sie hier die Ketten nicht zu sparen
brauchten und nicht mit Seilstümpen zusammenzuplätzen, wie er sie schon manchmal
da unten herauf habe Holz holen sehen, wo sie dann nicht einmal genug deren
Seilstümpen gehabt, sondern von Haus zu Haus hätten springen müssen, um zu
entlehnen.
    Früh um drei wollte Resli fort und alleine. Der Vater hatte ihm anerboten,
mitzugehen. Es möge geben, was es wolle, so sei es kommod, wenn ihrer Zwei
seien, hatte er gesagt. Aber Resli hatte es abgelehnt, er wollte seine
wichtigste Angelegenheit ab Ort treiben alleine, mit freier Hand, nach seinem
Sinn; so ziemt es eigentlich dem Manne.
    Wenn eine solche Ausfahrt in einem Bauernhaus im Biet ist, so wird öppe
nicht viel geschlafen, und am folgenden Tag merkt man es doch den Leuten gar
nicht an. Das ist nicht wie in einem Herrenhaus, wo die Köchin drei Wochen
grännet, wenn sie einmal um fünf auf muss statt um sechs, und sieben Wochen, wenn
man es ihr für um vier Uhr zugemutet hat. Im Stalle füttert jemand, und wer es
tut, geht selten zu Bette. Bauernpferde fressen langsam und viel, lassen sich
behaglich alle Zeit dazu. Es ist wirklich, als ob es ihnen dieser und jener, der
in einem Stalle nächtlich viel gefüttert hat, abgeguckt hätte, wenn er acht bis
zehn Stunden an einer Kindbetti sitzt und langsam immer isset, eins nach dem
andern, von der Suppe bis zur Tatere, und zwischendurch tapfer tränket. Und wie
im Stalle gesorgt wird für den abfahrenden Geiselherr, so vergisst man auch
seiner vornen im Hause nicht. Da legt die Mutter halb angekleidet sich zu Bette,
damit sie sich nicht verschlafe, denn nicht nur die Pferde, sondern auch der
Fuhrmann muss gut seine Sach haben, wird nicht mit etwas Gewärmtem abgespiesen
oder einem dünnen Kaffee oder gar bloss mit einem Glase Brönz, sondern wenigstens
eine gute Rösti, wenn nicht ein Eiertätsch, wird ihm vorgesetzt, und was er über
lässt, erhält, wenn er fort ist, der treue Wärter im Stall. Die Köchin ist eben
gewöhnlich die gute Mutter selbst; das Werk vertraut sie selten einer Magd, wenn
der Sohn fährt, das wäre der Magd zu viel vertraut, so vertraulich hält man sie
nicht. Es ist auch eigentlich die alte, ächte Hausfrau, welche das Feuer
anzündet im Hause des Morgens und des Abends es löscht; sie ist des Feuers
Herrin und das Feuer ihr Diener, sie ist des Hauses Priesterin, sie wahret, sie
brauet des Hauses Segen auf ihrem Herde. Es ist etwas wunderbar Ehrwürdiges und
Altertümliches in diesem Beherrschen des Herdes, diesem Schalten und Walten mit
dem Feuer, der wahren Hausfrau eigentümlichste Pflicht.
    So ging es auch selbe Nacht zu Liebiwyl. Als Resli gegessen hatte, war auch
angespannt; die Knechte hatten freiwillig sich hervorgelassen und geholfen.
Änneli hatte ihrem Resli noch sehr zugesprochen, er solle es nicht zu streng
machen, sich ihrer nicht achten, wenn es zuletzt nur an der Meisterschaft hange;
wenn ds Meitschi öppe e guete Wille heig, su chönn mes geng no brichte. Er solle
doch recht an alles sinnen, was der Vater ihm gesagt; wenn man einmal so weit
sei, so seis immer bös, wenn dSach i Krebs gang. Aus dem Stübli rief noch der
Vater, fragte erst: »Willst Geld, ds Schlüsseli ist im Hosesack, nimm, was
manglist.« Dann sprach er auch zu und sagte, er solle nur machen, dass er das
Meitschi bekomme, wenn er an ihm hange; wenn man es einmal hätte, so werde doch
öppe son es Meitschi geng no z'dressiere sy, es syg doch geng ume es Meitschi.
»Ebe«, sagte Resli, »drum düecht mih, man sollte so einem nicht so ganz unger
dFüess ga ligge, dass es meint, es bruch syr Lebtig nüt as uf eim umeztrappe.
Wenns dann nicht so ist, als man ihm vorgespiegelt hat, man hintendrein anders
ist, dann geht ds Pläre a; es seit, mi heigs bschisse, heig ihm da es süesses Mul
gmacht, u jetz tüei me, wie we mes fresse wett u wie wenn es alleine alles
ustrappe sött. Und öppis hets de recht, aufrichtig gege ihm ist me nit gsi. Wie
mes ha wott, so soll mes säge, Ätti. Un i Gottsname, darauf will ich es jetzt
ankommen lassen.«
    »Mach wied witt«, sagte Christen, »öppis recht hest, aber es ma gah wies
will, nimms de öppe nit grusam zHerze, denk de, es syg guet gange.« »Ich will
machen, was möglich ist«, sagte Resli, gab dem Vater die Hand, wünschte ihm
einen glücklichen Tag und ging. Die Geisel stach am Sattelross, das rüchelend den
Kopf an Resli rieb, als dieser nach der Geisel fasste, während Christeli zündete
dem alles überschauenden Fuhrmann. »Ist der Haber im Kratten?« frug Resli, der
des Bauern halbzentnerigen Wink nicht vergessen hatte. »Ein halber Mütt liegt
unten«, sagte Christeli. »Ich habe gedacht, du könntest ds Schwähers Rosse auch
einmal etwas kramen, Haber wird ihnen wohl seltsam sein.« Nun kam die Mutter
noch mit ihrem Laternli und frug: »Du hast doch nichts vergessen, hest e Lumpe,
u Zwick, u dSackuhr?« »Ja, Mutter«, sagte Resli, »ich glaub, alles.« »He nu so
de«, sagte sie, »su schaff de wohl, mach ume hübschli u chumm nit z'spät hei,
bhüet dih dr lieb Gott!«
    »Hü, i Gottsname«, sagte Resli und hob die Geisel; satt zogen die Rosse an,
und vorsichtig zündete Christeli, bis sie aus dem Hofe draussen im Wege waren. Es
ging immer etwas eng zwischen den Türlistöcken durch, aber das war eben die
Kunst, darum wurde das Türli nicht grösser gemacht, sondern die neuen Stöcke
immer in die alten Löcher gepflanzt. Der junge Geiselherr hätte es für eine
Schande gehalten, wenn er nicht zu einem ebenso engen Türli hätte einfahren
können als der alte, und allerdings, im ganzen Dörfchen hätte es geheissen: »E
Fuehrme git ds Bure Resli syr Lebtig nit, denkit ume o, si hei ihm ds Türli
müesse wytere, wo me scho hundert Jahr us- u ygfahre ist, u ist alle wyt gnue
gsi, u mi het öppe nie ghört, dass neuer agfahre syg.«
    Glücklich, wie üblich, kam Resli durch und fuhr trotz der schweren Last
rasch seinem Ziele zu. Die Geisel in der Hand, vier rasche Rosse unter seinem
Wink, steigerte in Resli das Selbstgefühl sich immer mehr, und immer mehr fand
er sich in seinem Recht, wenn er sich nicht ganz unternliesse als einer, der mit
Geld es zwängen müsse, wenn er eine Frau wolle.
    Die Liebe ist wunderlich, ist stolz und demütig, sie duldet alles und ist
wie ein Pulverfass, das aufsprüht, man weiss nicht wie; sie ist süss wie die gute
Sommermilch und wird sauer, wie sich der Wind dreht; sie setzt das Leben ein und
weigert Kleinigkeiten; sie bietet ungeheissen Hab und Gut, schlägt Kreuzer ab,
wenn sie gefordert werden, hält die schwersten Proben aus und verschmäht am Ende
den Lohn um dessentwillen sie die Proben bestanden.
    Als Fräulein Kunigunde den Ritter Delorges ihrem Händsche nachsandte, da
ging Ritter Delorges und holte ihn. Aber es wuchs ihm, das Schwert an der Seite
und des Mutes Brand in der Brust, der Kamm, als er aus der Ungeheuer Mitte
zurückkehrte. Er fühlte, sein Leben sei mehr wert als an eine flüchtige Laune
gesetzt zu werden, dass wer mit einem Leben spielen könne, von sittlichem Ernste
nichts wisse (wohlverstanden: er fühlte es, aber was sittlicher Ernst sei, hat
Ritter Delorges kaum gewusst), und als er wieder vor das Fräulein trat, schmiss er
ihr den Handschuh ins Gesicht und sprach: »Den Dank, Dame, begehr ich nicht.«
Dieses Selbstgefühl muss die rechte Liebe zu einem Menschen in sich tragen (die
Liebe zu Gott ist eine andere, sintemalen Gott einem nichts Niederträchtiges
zumutet), sonst ist sie eine hündische, das heisst sie ist nichts als eine
Begierde, welche um jeden Preis befriedigt sein will, sei es nun eine Begierde
nach purem Fleisch oder eine Begierde nach einem vollen Mushafen, worin
vielleicht noch Würste sind, oder nach einem schönen Hundshalsband, wo auf
blankem Messing ein glitzernd Wappen steht. Die heraldische Begierde möchte
dato, wenn das Halsband nicht aus einem Mushafen hervorguckt oder um einen Hals
von schönem Fleisch gelegt ist, rar geworden sein. Aber es ist auch der beste
Mensch dem Fleische untertänig und hängt mehr oder weniger von äussern Zuständen
und Einwirkungen ab. Den hielte ich mit Feuer und Geist getauft, der der Gleiche
wäre mit Hudeln an den Beinen oder mit einer Krone auf dem Kopfe, an der Spitze
von hunderttausend Mann oder zwanzig Dutzend Besen ziehend, hungrig und durstig,
ohne Schuh in Kot oder Schnee, oder sich erhebend von einer englischen
Lordstafel in bequemem Wichs, oder voll Läuse und voll Schulden, einem guten
Schick nachgehend, oder Gold im Sack und Muggen im Kopf, auf stolzem Engländer
der Liebe nachreitend (Apropos, es wird Mode, dass wer heiraten möchte und nur
Körbe gekriegt, sich ein Pferd anschaft. Ein schlechtes Kompliment für den
Menschen, der zweibeinig die Liebe nicht erreicht und vierbeinig glaubt
versuchen zu müssen; es ist aber auch ein schlechtes Kompliment für unsere Zeit,
es wird wahrscheinlich im Zeitgeist sein; es ist aber das allerschlechteste
Kompliment für die Damen, erstlich, weil es den Anschein hat, dass man mit vier
Beinen ihnen näher komme als mit zweien, und zweitens, weil man gegen einen
grollenden Unterleib und gegen spröde Damen das gleiche Mittel versucht). Wer in
allen genannten Lagen der Gleiche bleibt, die gleiche Ruhe, das gleiche
Selbstbewusstsein bewahrt, das Herz am gleichen Flecke behält, den Kopf auf
gleiche Weise, gleich hoch und doch gleich einfach trägt, den hielte ich für den
besten Mann. Der wäre wohl zu gross für des bayrischen Königs Walhalla; der gute
König wüsste nicht, in was für einen Sprachknäuel er ihn einwickeln, auf was für
einen unghürigen Satz er ihn abstellen sollte. Wer aber, der kein Düpfi ist,
kein Bayer, keine Regierungsmajestät, hat nicht schon erfahren, wie man in
verschiedenen Um- und Zuständen bei der grössten Ehrlichkeit doch ein ganz
Anderer ist, anders vor einem Gläschen als nach demselben, anders hinter einem
Schulteiss als vor demselben, anders vor den Wahlen als nach denselben, anders,
wenn man eintrittet, als wenn man austrittet. Ach Herrgott, wer wollte die
vielen Anders alle nennen, bei denen es einem anders wird, schysserig zu Mut oder
kühn, niederträchtig oder hoffärtig, oberländerisch oder aargauerisch,
weibelochtig oder jünkerlig usw.
    Nicht nur Schmiede und Schlosser sind halt Naturprodukte, wie jene
schulmeisterhafte Geistbüchse sagte, sondern wir alle werden es wahrscheinlich
sein nach seiner Meinung; somit sind wir auch chemische Stoffe, und chemische
Stoffe wirken auf einander, und je nachdem ich mit diesem oder jenem Stoff in
Verbindung komme, werde ich auch anders, werde so oder so bewegt und verändert,
nehme an oder stosse ab, werde ein ander Produkt, so dass ich zum Beispiel, wenn
ich mit jenem Schulmeister in Verbindung gebracht würde, vielleicht was weiss ich
für ein Hauptkerl werden könnte, oder vielleicht wieder ein Blütterlüpf
sondergleichen, nachdem er halt mir spendete oder entzöge; ich müsste es halt
erwarten sein.
    Nun möchte ich fragen, ob so einem chemischen Stoff, einem jungen hübschen
Burschen nämlich, der einen starken Arm hat und Geschick, mit Sparren, Ketten,
Winden um, zugehen, wenn er mit einer Geisel, einem Sattel, vier schönen
Pferden, welche sein und zirka hundert Dublonen wert sind, einem guten Kaffee,
Rösti und Käse in Rapport und Beziehung gebracht wird, nicht ein eigen
Selbstbewusstsein entstehen muss, das Gefühl: du bist auch was wert, in der
Wagschale sollst auch du ein ziehend Gewicht sein und nicht Silber und Gold
allein. Wie er das frühere Mal blöd und bang hinuntergewandelt war, so ward er
jetzt nicht keck und trotzig, doch aber mutig und fest, und als er auf dem
Dorngrüt einzog, trugen nicht nur seine Braunen den Kopf hochauf, sondern auch
er, und wie sie frisch und munter rücheleten, so knallte lustig seine Geisel.
Diesmal brauchte er nicht lange jemand zu suchen, gar freundlich kam zuerst Anne
Mareili ihm entgegen, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich habe blanget afe und
gemeint, du kommest nicht mehr. Bringst guten Bericht?« Und dazu guckte es ihm
gar lieblich in die Augen, und während er die eine Hand hielt, tätschelte es mit
der andern das wilde Dragunerross, das scharrte und tat, als komme es erst aus
dem Stalle. »Ich meins«, antwortete Resli. »Meine Leute waren bsunderbar gut
gegen mich, dass ich mich fry schämen musste.«
    » O Herr Jere, wie froh bin ich, du glaubst es nicht. Denk nur auch, dä alt
Uflat, dr Kellerjoggi, ist wieder dagewesen, hat alles Liebs und Guts vrsproche,
hat unserm Vater den Mund süss gemacht, sich gestellt, als ob er sterben wollte,
dass ich den grössten Kummer ausgestanden, der Vater lasse sich wieder mit ihm
ein. Das ist nun zwar nicht geschehen, er hat ihm ausweichenden Bescheid
gegeben, aber ich fürcht, ich fürcht, wenn es den geringsten Anstand geben würde
in unserer Sache, ich entrönne dem Kellerjoggi nicht. Lieber sterben wollte
ich.« »Häb nicht Kummer«, sagte Resli. Da kam die Mutter, und als Resli ihr die
Hand geben wollte, sagte sie: »Ih ha gar e wüesti, ih darf dr se fast nit gä, ih
ha mym Alte dSchueh gsalbet. Es ist gut, dass du kömmst, ds Meitschi hat sich
fast die Augen aus dem Kopf gesehen, gäb wie ich gesagt, du werdest nicht vor
Mittinacht dich auf den Weg gemacht haben. Ih ha afe gförchtet, es werd blings.
Aber ist niemand umdeweg, der dir abnehmen hilft und dr zeigt, wo du mit den
Rossen hin sollst? Es wird afe heiss, u sGschmeuss wird bös. Lue doch, wo Hans un
Joggi sy, die Stopfine.«
    Aber Anne Mareili hörte die Mutter nicht, sondern blieb bei Resli stehen,
rühmte seine Rosse und sagte ihm, wie es afe Längizyti gehabt, es hätte es
düecht, die paar Tage seien eine Euikeit; es hätte gemeint, es gstangs nicht
mehr aus. So was gestehen die Mädchen sonst nur unter vier Augen, vor den Leuten
wollen sie den Namen gewöhnlich nicht haben, dass sie jemand anhangen mit Leib
und Seele. Ja es gibt welche, die meinen, es schicke sich selbst unter vier
Augen nicht, so etwas zu bekennen. 's sind kuriose Dinger, die Mädchen, und man
versteht sich nie auf sie, solange man nicht weiss, dass viele eine Rolle spielen
müssen, andere eine Rolle zu spielen dressiert werden und die Zahl derer nicht
so gross ist, welche ihre Seele zeigen dürfen, wie sie ist, oder welche weder
durch dumme Mütter noch durch dumme Gouvernanten noch durch dumme Bücher
verleitet werden, eine dumme Rolle schlecht zu spielen, statt das Schönste an
ihnen, reine Liebe, zu zeigen in ihrer edeln Natürlichkeit.
    »Sövli dumm ga z'rede«, sagte Mareilis Mutter, »gäb wie lieb si eim sy, su
muess me ses nie la merke u dNägel geng halbers davorne ha, sust meine si scho,
si chönne mit eim mache, was si welle. Mach ume so, du wirst es bald z'merke
übercho. Aber du losist mr nüt, ih wirde no selber dene Stopfine nah müesse,
dene schiessige Schlürfene.«
    »Seh!« rief sie mit greller Stimme gegen das Haus, »ist de niemere umdeweg!«
Da kam der Dorngrütbauer selbst von der Bühni herunter und sagte, die Andern
seien eben mit der Mistbütti fort, sie werden wohl selbst abspannen können. Er
war nicht halb so freundlich als das Weibervolk, kam langsam heran, ging erst um
die Laden herum, ehe er zu Resli kam, und frug dann, statt Gottwilche zu sagen:
»Hest mr die, wo ich ausgelesen, oder öppe anger?« He, sagte Resli, er solle
selber sehen, er werde sie wohl noch kennen, und seien es sie oder seien es sie
nicht, so werde er öppe an diesen Laden wenig auszusetzen haben, öppe schöner
würden kaum zu finden sein. Aber er soll ihm sagen, wo er hinfahren solle, die
Laden müssten abgelegt sein, es wär ihm lieb, wenn die Rosse ab der Sonne kämen.
Der Bauer zeigte ihm den Ort, Gräbel lag herum und eng war der Weg fürs grosse
Fuder. »Zuechefahre wird sich kaum geben«, sagte der Dorngrüter. »Mr wei luege«,
sagte Resli, hob die Geisel, und ohne Hustern und ohne Donnern liefen unter der
Geisel und durch einige Worte geleitet die Rosse scharf und schnell, wohin sie
sollten, und stunden alsbald aufs Wort. »Du bist schon mehr gefahren«, konnte
der Bauer sich nicht entalten zu sagen; vielleicht wäre es ihm anständig
gewesen und es hätte ihn gelächert im Herzen, wenn Resli das ganze Fuder
überleert hätte. »Lue«, sagte die Mutter, »wie der fahre cha, ich glaube nicht,
dass einer von unsern Buben es so könnte; aber geh und nimm Eier aus, es werden
wohl sein. Ich habe nicht einmal mehr für einen Eiertätsch im Keller; we me ke
Krüzer Geld het, aber e wüeste Hung zum Ma, u doch allbeeinist es wysses Brötli
möcht oder e Wegge, was wett me dr Weggefrau anders gä as Eier?« »Muetter, ih
weiss nit, wo sie sNest hei«, antwortete Anne Mareili, schoss den Rossen nach und
half sie abnehmen, trotz dem Mahnen, es solle es nur sein lassen. »Ja wolle
weisst du dNester nicht«, sagte die Mutter, »wo ist es Meitschi, das
dHüehnernester nit weiss! Aber es hat den Narre gfresse a dem Kerli; wes ne nit
überchäm, ih glaub, es hintersinnete sich. He nu, er gefiel mir auch un schynt
nit son e Hündligürter und Batzeklemmer z'sy. Het er mr ächt aber öppis
gchramet, es hätt ihms sauft ta, bsungerbar wenn ih myner Eier für ihn bruche
muess.«
    Es beelendete Resli, als er seine Rosse in den dunkeln, engen Stall pressen
und im Zweifel leben musste, ob er je wieder eins lebendig aus der Presse kriege
und wie seine Rosse sich mit den andern Rossen vertragen wurden, die scheu und
wild an die Krippe heraufschossen, sobald jemand in den Stall kam, wie
verwilderte Kinder ums Haus schiessen, wenn ein Fremder gegen das Haus kommt. Und
wie diese sich nicht mehr zeigen, als allfällig um gegen den Fremden den Hund zu
hetzen oder Steine zu werfen oder ihm wüst zu sagen, so konnte sich auch seines
Lebens wahren, wer hinter diesen Rossen durchgehen wollte. Das Beste war, sie
erst tüchtig abzuschlagen und dann den Gang zu wagen. Wie Kinder tun, wenn man
gegen ein Haus kömmt, und Rosse oder auch Kühe, wenn man in den Stall kömmt,
daran kann man viel erraten von dem, was inwendig im Hause ist, ja selbst der
Hund, der auf der Bsetzi liegt, verrät schon viel.
    Nun musste Resli mit dem Alten abladen oder wenigstens es anfangen, und
Peinlicheres gibt es wohl nichts für einen jungen raschen Kerli, der alle
Handgriffe los hat und gerne rasch zu Ende wäre, als mit jemand, von welchem man
nicht weiss, macht ers express unbeholfen oder ist ers von Natur, ein Werk
gemeinsam verrichten zu müssen. Und wenn der rasche Kerli noch dazu eine
wichtige Ausmacheten vorstehend hat, wenn es sich entscheiden soll, ob er sein
Lieb kriege oder nicht, so wird eine solche Arbeit doppelt peinlich. Zudem
wollte der Alte die Laden, um spätere Arbeit zu ersparen, gleich aufgeknebelt,
es fehlten aber die Knebel dazu; die Scheiter waren auf alte Mode, noch vier
Schuh lang, sie mussten also abeinander gemacht werden, und dazu waren sie noch
so ungleich dick, so krumm und holpericht, dass man sie ärger auslesen musste als
heutzutage die junge Mannschaft. So wusste der Bauer den armen Resli gut Dings zu
versäumen, zudem musste er noch alle Augen, blicke von der Arbeit in den Stall,
weil dort die Rosse rumorten und zusammenschlugen, dass man meinte, sie wären
daran, den Stall auseinanderzuschlagen. Endlich band er sein Sattelross
zuvorderst gegen die andern Rosse zu, das konnte er getrost machen lassen, das
wusste sich Platz zu machen wie eine hässige Frau an einer Feuerplatte. Wenn sie
die Rosse nur weissen hörten und der Bauer sagte: »Los, was geht aber, mi muess
denk ga luege«, so antwortete Resli: »Ih hulf se la mache, si werde enangere nit
fresse.« Wenns aber zum zweitenmal wiederkam, so lief doch dann der Bauer,
fürchtend, sein Nebenross zöge den Kürzern, und hieb mit der Geisel ein,
wohlweislich aber zumeist auf Reslis Rosse. Das war so ein Vorpostengefecht,
aber ganz auf die alte Mode, dass wenn die Könige sich grollen, es über der
Völker Haare geht.
    Es war gar nicht früh mehr, als man zum Essen kam, und da hatte es
auffallend gedunkelt auf Anne Mareilis Gesicht. »Wir können dir nicht aufwarten,
wie ihr uns aufgewartet habt«, sagte es, »du musst vorlieb nehmen, es ist einmal
sufer, das kann ich dir sagen.« »Vexier nit«, sagte er, »es wär mir leid, wenn
ihr Umstände gemacht hättet. Es ist eigetlich uvrschant, dass ich schon wieder da
bei euch zuechehocke, aber wils da ist, so will ich einmal nehmen in Gottes
Namen.« Aber den innern Ärger Anne Mareilis, dass die Mutter es nicht hatte, um
so recht aufzuwarten, auch kein schönes Geschirr, keine schönen Gläser, den
merkte er nicht, wohl aber die Wolken auf dem Gesicht. »Was hats wohl aber
wieder?« dachte er, »vorhin so zweg u jetzt so muggig, ists de sövli lünig oder
hats mit den Alten etwas gehabt?«
    Was auf einem Gesichte liegt, das sieht man leicht, aber was es
daraufgestossen, das zu fassen ist schwer. Es ist mit den Wolken auf den
Gesichtern fast wie mit den Wolken am Himmel. Manchmal sieht man sie wohl
sichtbarlich aufsteigen aus einem vorliegenden Nebelloch, manchmal weiss man mit
ziemlicher Gewissheit, dass es Bysenebel sind, Kinder des kühlen, sauern Windes;
aber unzählige Male begreift man ihr Entstehen nicht, sie erscheinen und
schwinden, man weiss weder woher noch wohin, und nur das weiss man, dass
verflümeret gerne der heiterste Himmel in den schwärzesten umschlägt. Ein
gelehrter Hansdampf hat mir einst das ganz gründlich erklärt, er hat mir gesagt,
Wolken seien eigentlich verdichtete Dünste, entstünden also aus Dünsten. Ich
konnte ihm nichts darwider haben, aber als ich ihn frug, woher die Dünste
entstünden, so sagte er, aus Feuchtigkeit, und als ich ihn frug, woher die
Feuchtigkeit und ob alle Dünste gleicher Beschaffenheit seien, so sagte er mir,
ich solle selbst hingehen und sehen. Was hätte mir der erst geantwortet, wenn
ich ihm meine Bedenken wegen den Wolken auf einem Mädchengesicht mitgeteilt?
»Schlüf abe u lueg«, würde er mir gesagt haben. Der Rat, wenn man ihn befolgen
wollte, würde gewiss manchem Mädchen den Husten machen, und was hülfs, unten zu
sein, wenns stockfinster da unten wäre und man zufällig die rechte Laterne nicht
bei sich hätte? Indessen, wenn man einmal den Hals runter wäre, so käme es
sicher manchem Mädchen kommod und wohl, wenn man sehen täte, woher die Wolke
käme und was sie für Dunst entielte, denn gar manche Wolke entsteht aus heissem
Liebesgrunde, sieht aber akkurat aus wie eine aus giftigen Gründen. Ein gut
Liebeswort würde sie zersetzen in ein freundlich Lächeln, eine zärtliche Träne,
und hätte man von weitem meinen sollen, sie berge Donner und Blitz oder gar ein
Erdbeben.
    Und weil eben Resli den Grund nicht sah, woher die Wolke kam, so schien sie
ihm verdächtig, und er hätte viel darum gegeben, sie wäre nicht gewesen; der
Kaffee schien ihm bitter und der Eiertätsch, an welchem in der Tat der Mangel an
Eiern mit Mehl ersetzt war, bodenbös. Und je weniger gut er Anne Mareili selbst
dünkte und je weniger Resli davon ass, desto ärgerlicher ward Anne Mareili, ja
recht hässig, und durfte es doch nicht mit Worten erzeigen. Das wusste es, dass
Kinder mit nichts sich einen bösern Namen machen, als wenn sie Vater oder Mutter
vor den Leuten widerreden oder gar sie vernütigen; das tat es nie, auch wenn es
ihm das Herz fast versprengen wollte. Es retirierte sich dann in sein Stübchen,
lag übers Bett und schnüpfte grusam, wobei ihm höchstens eine Türe etwas härter
als sonst aus der Hand entrinnen mochte. Diesmal konnte es nicht fortlaufen, es
konnte nichts als der Katze einen Stupf geben; aber wenn ein Mädchenherz so
recht schwer geworden ist, vermag es der blosse Stupf einer Katze zu entladen?
Ich frage.
    »Und jetz, was hast für Bricht?« fragte der Bauer, als die Weinflasche auf
dem Tische stund. »Es wär mir lieber, es wär nüt, aber weil doch einmal das Wort
heraus ist, so will ich lose, ob es euch recht ist, wie ich gesagt habe. Aber
wie gesagt, lieber wärs mr, es wär nichts, vo wege, wenn eine Katze Bratis
schmöckt, so läuft sie den Mäusen nicht mehr nach.« »Ja, aber schon manche Katze
hätte verhungern müssen, wenn sie auf das Bratis hätte warten wollen, welches
sie geschmöckt«, antwortete Resli. »Sei es nun mit der Katze, wie es wolle«,
antwortete der Bauer, »so ists wie gseit, we ds Wort nit gä wär, su gäbt mes
nimme.« »Und du«, fragte Resli Anne Mareili, »bist du etwa auch reuig?« »Es ist
mir geng wie geng«, antwortete Anne Mareili. »He nu so dann«, sagte Resli, »so
hoffe ich, sei der Sach nichts im Weg, myner Lüt sy guet gege mr gsi und haben
in allen Pünkten ygwilliget. Der Hof soll mir verschrieben werden um
vierzigtausend Pfund, und wenn ich sterben sollte ohne Kinder, so kann es die
vierzigtausend Pfund nehmen und damit machen, was es will.« »Dr Hof, wirst
meinen«, sagte der Bauer. »Nein«, sagte Resli, »der Hof ist, so lang man sich
hintere bsinne mag, in der Familie gewesen, und da täte es uns weh, ihn daraus
zu lassen. So hat Christeli gemeint, wenn er noch lebte, so wollte er ihn an
sich ziehen, vo wege dr Familie.« »So, Bürschli«, antwortete der Bauer, »soll
das Märten angehen? Werdet meinen, wir wussten nicht, was mehr wert sei,
vierzigtausend Pfund oder der Hof. Sövli uvrschant hätte ich euch nicht
geglaubt. Aber das wird nicht das Einzige sein, was du im Kropf hast, gib gleich
alles füre, so ist ds Gchähr us.« Es dünke ihn, was er mit dem Hof gesagt, sei
so unbillig doch nicht, und hundert gegen eins sei zu wetten, dass es nicht dazu
kommen werde; das sei auch alles, was man begehre. Dass Nutzen und Schaden ihm
erst angingen, wenn Vater oder Mutter stürbe, und bis dahin dSach noch unter
ihrem Namen gehe, das werd ihnen öppe gleich sein, antwortete Resli.
    Da stand der Bauer auf: »So, meinst? Meinst, du seist listige gnue, das so
einzuschlirggen, dass man nicht merke, was ihr im Sinn habt? Ja wolle.« »Es ist
da wäger keine böse Absicht«, sagte Resli, »und nichts einzuschlirggen.« »Mach
nicht dr Löhl«, sagte der Bauer, »du wirst doch nicht Lappis genug sein, nicht
zu merken, dass es ein Unterschied ist, wenn du den Hof um vierzigtausend Pfund
jetzt antrittest oder erst in zwanzig Jahren oder noch später, vo wege, we me so
uf öppis passe muess, so täten es die Leute einem nicht zGfallen, zu sterben.
Wennd jetzt dr Hof nimmst, so kannst in zwanzig Jahren etwas machen, und dass man
den Alten öppe zinse wie am ene Frömde, ist öppe niene dr Bruch; we sis ume
mache chönne, su ists alles, was nötig ist.«
    Gege de Eltere begehre er nicht wüst zu sein, er würd es öppe auch nicht
begehre, dass seine Kinder gegen ihn wüster wären als gegen andere Leute, sagte
Resli. Das zähle sich nicht zusammen und gehe einander nichts an, aber wie man
es mache, so hätte mans, antwortete der Bauer, und sövli dumm solle man ihn
nicht meinen, dass er sei. Daran hätte man nicht gedacht, antwortete Resli. Er
zweifle nicht, seine Eltern würden ihm jährlich geben, was man öppe bigehren
könne billigerwys. »Aber warum dann nicht, wie ich es haben will, wenn es auf
eins herauskommen soll?« fragte der Alte.
    He, sagte Resli mit schwerem Herzen, er wolle es fry graduse säge. Ihre
Mutter hätte viel an ihnen getan und sei eine gute Frau, da möchte er nicht, dass
sie so nebeus gschosse würd wien e alte Wäschlumpe, es tät ihre viel z'weh, sie
gstünd es nicht aus, wenn sie auch nicht drglyche tät. Und dann seien hier und
bei ihnen andere Bräuche, und wie man sich gewohnt, so sei man sichs gewohnt,
wie öppe dr Bruch syg um ein ume, u fahr me angers, so hätte dLüt z'resiniere
und spottete eim us. Da hätt es se düecht, Anne Mareili söll zunene cho wie ds
Ching vom Hus und lehre, was öppe dr Bruch syg u wie mes mach bei ihnen, »und
wenn dMuetter de öppe dehingeblybe sött, su könnts de furtfahre, wies is öppe
aständig wär. Bös brauchte es nicht zu haben, z'werche wurd ihm niemere zviel
zuemuete, und gwahnet sy mr, dSach öppe z'ha, dass mes drby mache cha. Ds
Conträri, dä Weg hätte es es besser, als wenn es dSach alle übernehmen müsste,
und wenns dr Muetter ume gueti Wort gibt, so häts die beste Händel.«
    »Das gfiel mir«, sagte die Bäurin, »aber es muss noch ein arig Wesen sein bei
euch, dass du so viel von der Mutter sagst. Hie ume sinnet man an die nicht, als
wenn öppis Wüests z'mache ist oder öppere a neuis dSchuld sy söll. Und wenn wir
hundert Kinder z'verheiraten hätten, ich käme niene vor als öppe, wenn vom
Trossel dRed wär u nit Sache da wäre, Tischlache u Lylache; da fluchete man öppe
über mih, dass ih nit hätt la tueche u won ih mit em Gspünst hicho wär. Ja wolle,
tueche, we me eim dr Flachs unghechlet verkauft, wies jetz afe die Möffe, die
Händler, ygfüehrt hei!« »We du gingest ga abwäsche«, sagte der Mann, »so könnte
man im Tage einmal das Feuer löschen.«
    Unterdessen hatte Resli dem Anne Mareili versichert, dass es die Mutter gewiss
wie ihr eigen Kind haben würde und dass es es viel besser hätte, wenn die Mutter
es nach und nach anleitete, als wenn es auf einmal alles befehlen sollte und
doch um nichts wüsste; es gehe viel ringer zu helfen, wo man es gut mit einem
meine, als zu befehlen, wo man die Sach nit kenn (in einer vernünftigen
Haushaltung ist es nämlich umgekehrt als in einer Knabenhaushaltung, in einem
Staat zum Beispiel, oder bei einem Bataillon). Und Anne Mareili hatte der Sache
Beifall gegeben und gesagt, es wäre ihm recht so, es hätte ihm Kummer genug
gemacht, wenn es auf einmal alles übernehmen sollte, es hätte wohl gesehen, dass
ein Hausbrauch nicht wie der andere sei.
    Als der Bauer seine Frau hinausgemustert hatte, sagte er: »Aus der Sache
gibt es nichts, ich will dir die Laden zahlen. Ich sehe schon, wie ihrs wollt:
mys Meitschi für e Hung ha u Usrede uf alli Füli. Darum ist Abbreche am besten.
Wie gesagt, wenn me Bratis schmöckt, su lauft me nit de Müse nah, ih will ga
Geld reiche.« »Aber Vater«, sagte Anne Mareili, »dSach wär mr recht u lieber so,
ih bi bas drby. Was soll ih ga bifehle, wo ih dSach nit chenne? Ih wett mih ihne
emel avrtraue.« »Das vrsteihst nit, u drum hest nüt dryz'rede«, sagte der Alte.
»Aber Vater«, antwortete Anne Mareili, »ich muss doch dabei sein.« »U müessist, su
han ih z'bifehle. Was gredt ist, ist gredt«, und somit ging er, Geld zu holen.
    »Aber du mein Gott«, sagte Resli, »was ist der Vater preussisch; ist es uns
dann nicht erlaubt, bei dieser Sache unsere Meinung zu sagen, und Unbilligs
wollen wir nichts. Aber so Hudel und schlecht Lüt sind wir doch nicht, dass wir
uns alles müssen gefallen lassen und Gsetzi machen.« »Er ist geng so«, klagte
Anne Mareili. »Er zwängt alles durch in der Gemeinde und meint, es solle daheim
auch so gehen. Jetzt hat er die Sache mit dem Kellerjoggi wieder im Kopf, der
alte Schelm hat ihn wieder andrehen können. Aber lass dich nach, ich halte dir dr
Gottswille an. Am Vater bringe ich nichts ab, ich weiss es wohl; was er im Kopf
hat, das ist darin, und lieb hat er mich nie gehabt. Du musst dich meiner
annehmen, wenn du mich lieb hast, gib ihm nach; ich verspreche dir, ich will
deinen Eltern ein Kind sein, habest du den Hof oder habest du ihn nicht. Wenn
ich hier einmal entronnen bin, wenn wir einmal beisammen sind, so können wir es
immer machen, wie wir wollen, dann hat uns niemand mehr etwas zu befehlen. Und
was du willst, das tue ich, es soll dir versprochen sein.« Er glaube es gerne,
sagte Resli, er wüsste, dass es ihn lieb hätte, aber es sei immer wegen Leben und
Sterben, und darin hätte der Vater recht, dass wie man es mache, man es hätte.
Was an ihm sei, wolle er von Herzen tun, aber für die Andern könne er doch nicht
versprechen, und billig sei es auch nicht, dass seinetwegen alle sich entgelten
sollten und alle tun, als ob sie nichts wären; das dürfte er ihnen nicht
zumuten.
    »Aber hast du mich dann nicht lieb, und wenn du willst, so sagen die Andern
alles nach, ich habe wohl gesehen, wie sie an dir hangen, und wenn du nicht dem
Vater alles nachsagst, so bindet er auf und macht es mit Kellerjoggi richtig.
Denk an mich!« »Du bist mir lieb, lieber als ich mir selbst, aber wenn da Vater
ein Wort hat, sollen wir nicht auch eins haben, und ist etwa das unsere das
unbillige, soll ich Vater und Mutter auf die Seite stossen?« antwortete Resli.
»Glaub mir nur, ich will Kind an ihnen sein, mich unterziehen, ich bins ja
gewohnt, aber mach, wies der Vater will, sonst heisst der dich gehen, und was er
einmal gesagt, nimmt er nicht zurück«, sprach dringlich das Mädchen, trat vor
Resli, sah angstvoll und liebvoll ihm ins Auge.
    Resli tat es im Herzen weh, er schlang den Arm um Anne Mareili, drückte es
an sich. »Wie lieb du mir bist, weisst du nicht«, sagte er, »und wenn ich sieben
Leben hätte, ich gäbte sie dir alle, vo wege, die Lebe wäre myni. Ich weiss, du
hieltest dein Wort und wärest wie recht. Aber die erste Woche könnte ich
sterben, dann kämen Andere über dich und du wärest nicht mehr Meister.« »Du
stirbst aber nicht«, sagte Anne Mareili, »du musst Gott vertrauen.« »Ja«, sagte
Resli, »aber vor dem, wo man selber tut, muss man selber sein, da nützt ds
Vertraue nüt. Das hat Gott einem selbst zugestellt, dass man luege, was man
mache.« »Los, los« , sagte Anne Mareili, »wie er Geld zählt, bald wird er fertig
sein, o versprich mir, sag zu allem Ja und machs ab!« »Aber Meitschi«, sagte
Resli, »denk doch, wenn ich sterben musste und läge da und müsste denken, sobald
ich begraben sei, müssten meine Leute ihre alte Heimat mit dem Rücken ansehen,
denk o, Meitschi, wie mir wäre, wie dir wäre und ob ich wohl beten könnte für
meine arme Seele und hoffen dürfte auf ein seliges Sterben?«
    »Los, los, dr Vater ist fertig! Dr erst Tag können wir es ja ändern,
versprich nur, was der Vater will, z'halten brauchen wir ja nur, was wir wollen,
aber mach, dass ich fortkomme!« »Aber soll ich den Vater anlügen«, sagte Resli,
»und auch meine Leute, sollen wir unser Glück auf Lug und Trug bauen, denk o,
Meitschi! Standhaft wollen wir sein, treu einander und von Menschen uns nicht
scheiden lassen, dann können wir auf Gott vertrauen, kommen sicher zusammen, und
dann mit reinem Gewissen.« »Los, los, er tut das Gänterli zu, er kömmt, er
kömmt, säg dr tusig Gottswille nache, was er vorsagt, oder du hast mich nicht
lieb und ich will nichts mehr von dir u wett, ih hätt dih nie gseh! Uf de Kneue
halte ih dr a«, so rief zitternd, mit unterdrückter Stimme Anne Mareili; seine
Lippen wurden blass und seine Augen stunden gross und starr in ihren Höhlen. Und
ehe Resli eine Antwort geben konnte, trat der Alte herein, frug nicht um den
Bescheid, sondern zahlte in Päcklene und möglichst schlechtem Gelde seine Schuld
auf den Tisch, an dessen Ecke Anne Mareili bebend sich hielt. »Da hasts«, sagte
er, »du wirst pressiere für heim, und aufhalten will ich dich nicht.«
    Da trat auch Resli zum Tische, das Geld sah er nicht an, aber schwer kämpfte
es in seiner Brust. »So da weg«, sagte er, »möchte ich doch nicht, und ein
vernünftig Wort wird wohl erlaubt sein. Was Geld und Gut anbelangt, will ich
nicht märten, was möglich ist, soll geschehen. Dass man da den Vorteil nicht
begehrt, hat man gezeigt und mit keinem Wort gefragt, ob das Meitschi etwas
mitbringe oder nichts. Einstweilen haben wir genug, und was es künftig geben
soll, überlassen wir Gott. Gebe es etwas oder nichts, so hoffe ich, können wir
es mit Gottes Hülfe fürder machen. Aber etwas will ich offenbaren, damit könnt
Ihr dann in Gottes Namen machen, was Ihr wollt. Es gibt in jeder Familie
zuweilen etwas, manchmal kann man es mit Gottes Hülfe verwerchen, manchmal aber
nicht. So hat es auch etwas bei uns gegeben, und damals hat mein Vater
gwerweiset, ob er mir nicht den Hof abtreten solle. Da aber hat der Vater
gefunden, dass die Mutter das nicht verdiene, weil sie bedeutend Gut eingebracht
und eine Hausmutter sei, die für alles Sinn hätte und Vrstang für alle, und so
eine, hat er gedacht, soll man nicht bei guten Kräften auf die Seite stellen,
weil es ihr leicht in das Gemüt kommen könnte, wenn sie nicht mehr über alles
könnte, zu nichts mehr etwas sagen sollte. Das ist eine schwere Verantwortung
vor Gott, wenn man so um zeitlichen Nutzens willen jemand beiseite stellt, dem
Gott seine Kräfte noch erhalten hat. So hat der Vater gedacht, und ihm wäre es
öppe gleich gewesen, hinterezstah u mih la z'mache. U sött ih angers denke gege
dr Muetter, wo geng e Muetter a mr gsi ist, vo dr erste Stung a bis jetz, u geng
zerst u zletzt gsi ist, wos üse Nutze gsi ist, u ke Rueh gha het, wes eim öppe
gfehlt het oder sih öppis Bös a eim erzeigt het ? Ih hätt wäger nit ds Gwüsse,
so lieb mr ds Meitschi ist, ih könnts nit vrantworte vor Gott u Mönsche, u
dessetwege soll my Frau nit dest böser ha u nüt dest minger. U sinnet o dra, dass
dr o King heit u nit wüsset, wies Ech gah cha un dr o froh sy chönntet, we dKing
öppe guet gegen Ech wäre.«
    »Was frage ich deiner Mutter nach, die geht mich nichts an«, sagte der
Bauer, »und zu meinen Kindern will ich schon sehen, die werden öppe nicht viel
anders machen, als ich will. Du hasts gehört, was gredt ist, ist gredt. Zähl du
dein Geld, ich will dr heisse gschire«, und ging.
    Resli liefen, ihm unbewusst, Tränen die Backen ab; blass und lautlos, mit
bebenden Lippen, stund am Tische Anne Mareili. »Ists auch möglich«, sagte Resli,
»so habe ich doch noch niemand erfahren und nicht geglaubt, dass einer, der
selbst Kinder hat, einem gegen die Eltern so etwas zumuten dürfte. So wollen wir
treu aneinander halten, dann wird öppe kein Mensch viel zwängen.« So sprach er
und bot Anne Mareili die Hand. Aber lautlos stand dieses da, nur die Lippen
bebten, und immer grösser starrten die dunkeln Augen. »Gib mir noch ein gutes
Wort«, bat Resli, »an dem will ich mich halten und auf Gott vertrauen, und wenn
du mich nötig hast, so mach mir Bescheid, die Wirtin tut dir schon den
Gefallen.« Damit fasste er Anne Mareili in seinen Arm. Da flammte dessen Gesicht,
hart stiess es ihn zurück: »Geh mir weg, rühre mich nicht an, jetz weiss ich, wie
du mich liebst,« zitterte es heraus. »Wie habe ich dich gebeten, und was hast du
getan! Was habe ich dir versprochen, und wie hast du mir vertraut! Ja, vertraue
so einer nur auf Gott, verlassen wird er dich, wie du mich verlassen!« Wie Resli
reden wollte, es hörte ihn nicht. »Geh weg«, rief es, »ich mag dich nicht sehen,
nicht hören! Ein Wort, und du hättest mich erlöst, und willst nicht und machst
mirs so, und jetz -« da ging seine Rede in krampfhaftes Schluchzen über, es
stürzte ins Nebenstübchen, warf sich aufs Bett und weinte, dass es das ganze Bett
erschütterte.
    Verstummt war Resli, Schrecken ergriff ihn, er wollte trösten,
entschuldigen, ging nach zum Bette, bat um ein gutes Wort, wollte dessen Hand
ergreifen; aber es hörte ihn nicht, zuckte, wenn es seine Hand fühlte, zusammen,
als wenn diese eine Schlange wäre. Wie er so dastund und es ihn fast zerriss, so
weg zu sollen, kam die Mutter und sagte: »Lass du das Mädchen sein, es hilft
jetzt nichts mehr. Was gehst und verkegelst dSach; selber ta, selber ha. Es ist
öppe recht, we me zu re Muetter luegt un ere allbeeinist öppis kramet, aber mit
ihre ga dr Narr z'mache, ist dumm und trägt nichts ab. Einist muess si doch vom
Hof, gäb es Jahr früher oder später, und was soll ihr das machen! Einmal mir
wärs recht, wenn mir jemand dBurde abnähmte und ich meine Sache gleich hätte,
öppe allbeeinist es Tröpfli Kaffee un es äsigs Möckli. Aber jetz mach, dass
fortkömmst, vom Meitschi bekömmst du doch keinen Bescheid mehr; es ist es
Grüsligs, wes so zwegchunt, und wenn dr Alt drzuechunt, su seit er dr wüest.«
»So gehe ich doch nicht gerne fort«, sagte Resli. »Bist selber schuld«, sagte
die Alte, »nimm ds Geld u gang, angers gits jetz nümme.«
    »Er soll cho«, rief eine harte Stimme zur Türe ein, »es cha ke Mönsch die
Donners Keibe gschire.« »Mi söll se la sy«, rief Resli, trat noch einmal zum
Meitschi: »Ume no es guets Wort«, bat er, »dr tusig Gottswille, so la mih nit
furt!« Aber Schluchzen war die Antwort, und tiefer drückte das Mädchen den Kopf
ins Deckbett. »Komm, komm«, rief die Mutter, »ih ghöre dr Alt! Nimm ds Geld, es
git dr ke Mönsch es guets Wort drfür«, und somit wischte sie das Geld in Reslis
daliegenden Hut, drückte ihm diesen in die Hand. »Adie«, sagte sie, »und zürn
nüt, es geht nicht allemal, wie man gerne möchte, und es ist gut, wenn man sich
früh daran gewöhnt.«
    »Es wäre Zeit, dass du kämest«, sagte der Bauer, »so ungrymti Ross habe ich
noch nie im Stall gehabt.« Weh und Zorn wogten hoch auf in Resli, des Bauern
Worte waren eine Art Aderlass. »Wenn man vernünftig mit ihnen umgeht, so sind sie
vernünftiger als mancher Mensch«, sagte er. »Du wirst uns doch nicht lehren
wollen mit Rossen umgehen«, sagte der Bauer, »dazu bist du noch z'junge.« »Has
nüt im Sinn, es chönnt mr z'lang gah«, sagte Resli. »Wie meinst« fragte der
Alte. »Es gäb mänger Gattig Lüt un mänger Gattig Ross, u die eine möge erlyde,
was die angere us dr Hut sprengt, es chunt geng uf ds Gwahne a.« »Da musst du
deine wunderlich gwehnt ha«, sagte der Bauer.
    Reslis Antwort ging im Stall verloren. Dort war ein stark Brüllen; Knechte
standen mit Stecken und Geiseln im Gang, seine Rosse waren in der Krippe oben,
des Bauern Rosse hatte man geflüchtet. Als er die Zuversicht sah, hiess er sie
alle hinausgehen mit Stecken und Stangen und fing mit seinen Rossen zu reden an.
Da wars, als ob sie, verirrt in der Wüste, eine bekannte Stimme hörten, in Not
und Drangsal einen Retter erblickten; sie wieherten laut auf, drehten ihm die
Köpfe zu, und wenn sie schon noch hin- und herfuhren, so biss oder schlug doch
keines mehr. Er gschirete und zäumte ohne Not und ohne Zorn, denn die Rosse
erbarmten ihn, darum liessen sie es auch willig geschehen und folgten ihm auch
willig aus dem Stalle. Draussen kriegte er aber wieder seine liebe Not mit ihnen,
als sie den Bauer und die Andern erblickten. Eins wollte hier aus, das andere
dort aus, wahrscheinlich den kürzesten Weg der Heimat zu. Er musste alleine
anlegen, denn sobald jemand von den Andern zu nahe kam, schossen die Rosse in
die Zügel oder schlugen aus; er hatte mit seiner hässigen Mähre zu tun, der er
in der Hast den unrechten Kommet angelegt und die jetzt nicht Vorross sein wollte
und es doch bleiben musste, da er nicht ändern wollte und der Draguner ihm
wirklich diesmal unterm Sattel anständiger war.
    Während diesem schweren Geschäft (vier verwilderte Pferde allein zu schirren
und anzulegen, ist nämlich nicht leicht) hatte er sich gefasst, und in dem Masse,
als seine Rosse ruhiger wurden, ward auch er es. Mit aller Gelassenheit räumte
er seine Sachen zusammen, suchte noch eine Kette, die vergessen worden war, ob
absichtlich oder nicht, untersuchte er nicht, leerte den Habersack in des Bauern
Futterkasten, gab zehn Batzen Trinkgeld einem Knechte, trat zum Bauer und
sprach: »Lebt wohl, dankeiget, es steht z'vrgelte.« »Hest nüt z'danke«,
antwortete dieser. »Dankeigist du für ds Füehre; was es kostet, habe ich nicht
gefragt, ihr habt es mir anerboten.«
    Resli achtete sich der Rede nicht, sass in raschem Schwung im Sattel, hoch
bäumte sich sein Braunross, laut wieherten alle, aber in gemessenem Schritte
zügelte er sie, unter sich das tanzende Ross, und erst hundert Schritte vom Hause
liess er in Trott die Pferde fallen, der rascher und rascher ward, schnell ihn
den Augen der Nachsehenden entführte.
    »Das ist e stolze Bursch und kann sReiten«, sagte der Eine; »der weiss mit
den Rossen umzugehen und weiss öppe auch, was der Brauch ist«, sagte der, welcher
das Trinkgeld empfangen. Nachdenklich hatte ihm der Bauer, die Hände in den
Westentaschen, nachgesehen, dann sagte er zu den Knechten, es düeche ihn, es
wäre jetzt genug gölgötzet u es wäre Zeit, wieder etwas zu machen, hätten sie
doch fast einen halben Tag versäumt; dann ging er vom Hause weg, hinter ihm
drein sein roter Mutz.
    Rasch liefen Reslis Rosse, immer rascher rollte sein Blut in den Adern, und
je rascher es rollte, umso heisser ward es, umso langsamer schienen ihm die Rosse
zu laufen. Hand und Fuss juckten ihm unwillkürlich, zum schnellsten Jagen die
Pferde zu treiben. Es kochte in ihm auf glühendem Herde in einem Kessel
beisammen Zorn und Weh, Liebe und Leid, Stolz und Demütigung, und wie der Wind
die Glut erhitzt, liess das schnelle Reiten den Brand unterm schauerlichen Kessel
immer heisser erglühen.
    Es ist allerdings ein eigentümliches Heimgehen oder Heimreiten mit einem
Korbe auf dem Rücken, sei derselbe nun ein grober oder ein feiner, sei er von
den Eltern geflochten oder des Mädchens selbsteigenen Händen; immerdar wird er
ähnlich sein einem Stück Schwamm, der auf unserm Herzen gleichsam als auf einem
nassen Feuerteufel sitzt, dasselbe zischen und Funken sprühen lässt, dass es ein
Graus ist. Natürlich zischen nicht alle Feuerteufel gleich, die einen haben mehr
Pulver als die andern, und auch nicht alle Funken haben die gleiche Farbe, aber
sprützen und spretzeln, mehr oder weniger, tut jeder allweg. Ein Korb ist
jedenfalls ein dumm Ding, ein Nasenstüber, eine Demütigung, ein Urteil, dass man
einen nicht möge, nicht wert sei, die Schuhriemen aufzulösen, es ist ein
Dämpfer, der einem aufgsetzt wird. Ob diese Körbe handfester oder zierlicher
seien, mit verzuckerten Mienen gegeben werden oder mit höhnischen, darauf kömmt
wenig an, das Hauptgewicht liegt anderswo.
    Ist der Korb nichts als das Fehlschlagen einer Spekulation, gleichsam das
Ablecken des Pulvers auf der Pfanne, so ists richtig eine fatale Sache; eine
verfluchte, sagt man, wird taub über Meitschi und Eltern, aber da es halt so
ist, so schüttet man anderes Pulver auf die Pfanne, räumt vorsichtiger das
Zündloch und sucht aufs neue zum Schusse zu kommen, am liebsten natürlich auf
eine fette Wildsau oder ein blankes Rebhühnchen; wer aber gar zu taub ist, lässt
sich verleiten und schiesst auf den ersten besten Spatz. Solche Schüsse gehen
gerne los, worob aber niemand mehr erschrickt, als wer sie selbst losgedrückt.
    Anders gestaltet der Feuerteufel sich, wo er mit Liebe halb oder ganz
getränkt ist; der ist nässer, sprüht langsamer, aber länger, und wehmütig
flimmern die Funken, und betrübte Gedanken streifen, durchkreuzen den Horizont
der Seele. War man zu wenig hübsch, zu wenig reich, zu wenig vornehm, zu wenig
galant und elegant? Ach, und auf solche Lumpereien und Nebendinge achtet die
Welt, und ds Herz sieht sie nicht, ds Herz, die Hauptsache, wie der Docht in der
Kerze; und wie wäre dieses Herz so schön, so gut, so voll Liebe, und wäre auf
den Knieen gelegen lebenslänglich und hin- und hergerutscht, auch
lebenslänglich, hätte Kartoffelrinde zusammengelesen emsiglichst, hätte sie,
ungesalzen und geschmalzen mit Liebe, gekocht oder gebraten nach Belieben am
Feuer der Liebe und sie dargereicht auf den Knieen der Liebe und unter Säuseln
von Liebe und auf Schüsseln der Liebe. Und ob dem Verschmähen dieser süssen,
lebenslänglichen Kost weint man bitterlich, setzt sich an einen Bach, ja selbst
an einen Fluss, damit die Tränen gleich unschädlichen Abfluss haben, und
balanciert, ob man ihnen selbst nachwolle oder nicht. Wenn unterdessen die Sonne
untergeht, so hat man die innigste Sehnsucht, mit ihr unterzugehen ins Bett der
Nacht; wenn dann aber der Wind kühl weht, tut man einige Knöpfe ein, und weht er
noch kühler, so geht man einstweilen heim, von wegen dem Pfnüsel. Aber über
Nacht hat man grosse Gedanken über Menschenwert und wahres Glück, und vor dreissig
Jahren oder noch länger hat man unter solchen Umständen viel an Werter gedacht.
Das war nämlich ein Mensch, der sich von wegen Liebe und allerlei sonst
erschossen.
    Wiederum anders ists, wenn der Korb nur ein halber ist, entweder nur von den
Eltern oder nur vom Mädchen ausgeht. Da ist Stolz dabei und man sinnet auf
Eroberung oder Überlistung des den Korb austeilenden Teiles. Ist man mit den
Eltern einig und hat das Mädchen sich spröde gemacht so denkt man viel an
elterliche Rechte und an die gute alte Zeit, wo so ein dummes Meitschi keinen
Gux mehr ausgelassen, wenn einmal die Eltern Ja gesagt, ja man denkt sogar an
Zwangsmassregeln und ob jenes System nicht auch hier anzuwenden wäre, jenes
System nämlich, wo man einem das Reden verbietet, bis man sich gebessert hat.
Ist man aber von den Eltern geschasst worden und war man doch mit dem Mädchen
einig, so denkt man an den Zeitgeist, der den Eltern allen Zwang verbietet,
dagegen den Kindern das Zwängen zulässt (aus welchem Grunde wahrscheinlich einige
Gelehrte meinen, der Zeitgeist sei kindisch geworden), oder sieht die Eltern
rundum an, ob nicht hinten die Rückenmarkauszehrung oder vornen die Wassersucht,
unten das Podagra oder oben eine respektable Gehirnentzündung zu hoffen sei,
wodurch am natürlichsten jeder Zwang beseitigt würde, und nebenbei weiss man sich
gut auszudrücken über elterliche Beschränkteit, Standesvorurteile oder des
Alters stupiden Geiz, der meine, man lebe vom Gelde alleine. Und wenn man einen
Stock in der Hand hat, so können die Vorbeigehenden zu ihren Beinen Sorge
tragen, sind aber Disteln bei der Hand, so werden die richtig geköpft, und jedem
fliegenden Kopf wird nachgerufen: »Gäll du Ketzer, jetz heschs«, wobei die,
welche es allfällig hören, im Zweifel bleiben, ob unter dem Ketzer der Vater
oder die Mutter zu verstehen sei oder einfach bloss der Distelkopf.
    Auf Resli passt, wie man sieht, keiner dieser Fälle, darum ward ihm auch ganz
apart. In seiner Macht wäre es gestanden, den Korb abzuwenden; das Mädchen
liebte ihn, den Eltern konnte er gewähren, was sie wollten, und jetzt war er von
Beiden verstossen, von den Alten verhöhnt, und das Mädchen hatte ihm kein gutes
Wort gegeben, im Zorn den Rücken ihm gewandt. Und doch war er im Recht, bei
ihnen aber Unverstand, am dem scheiterte sein Lebensglück. Nun ist nichts, was
man weniger begreift, als Unverstand, nichts erbittert daher mehr als dieser,
und den von Einzelnen erlittenen schreibt man zumeist der ganzen Welt und Gott
auf Rechnung; daher zumeist junge Menschenfreunde (Philantropen) alte
Menschenhasser werden, denen die ganze junge Begeisterung in einen alten zähen
Gallensatz sich niedergeschlagen hat.
    So ging es auch Resli. Die ganze Welt schien ihm ein Saunest, dem er im
Galopp hätte entrinnen mögen, je eher je lieber, und dem lieben Gott warf er
Blicke zu nicht für Gspass, dass er solchen Unverstand habe zur Möglichkeit werden
lassen. Er hatte die grösste Mühe, seine Rosse nicht abzuflachsen so recht
vaterländisch, aber es dünkte ihn, wenn nur so ein rechter Bauerndrüssel auf
einem Wägeli oder mit einem Zug ihm begegnen würde oder gar ein lästerlicher,
rot gefütterter Kommis mit einem erzwängten Schnauz, die wollte er mit einem Riss
zusammenwettern, dass nicht eine Handgross ganz an ihnen bliebe; aber
glücklicherweise begegnete ihm niemand als ein Hund, der herlief, die Pferde
anzubellen, wie es eben Tiere gibt, sogar Menschen, welche alles anbeten müssen,
was in ihren Gesichtskreis kommt. Dieser kriegte einen so tüchtigen Geiselhieb,
dass er das Bellen einstweilen vergass und heulend nach Hause lief und eine
Zeitlang nicht gewusst haben soll, ob das Bellen ganz verboten sei oder nur zu
Zeiten.
    Allmählig setzte sich das Fieber, und das allgemeine Gefühl wandelte sich in
ein besonderes Denken, gleichsam in ein Wiederkauen des Vergangenen, in ein
neues Überschlagen, ob er recht oder unrecht gehabt. Wenn er an den Bauer
dachte, so juckte es ihn immer neu im Arm, und wehe dem Pferde, das in diesem
Augenblick die geringste Untugend erzeigte, es kriegte richtig eins aus dem
Salz; denn es war Resli in solchen Augenblicken nie, dass er ein Pferd schlage,
es kam ihm immer vor, der Bauer kriege die Hiebe, und da wars ihm, je härter sie
wären, desto wöhler täten die dem Ketzer. Dann glitschten seine Gedanken, er
wusste nicht wie, aufs Meitschi, und dort blieben sie, aber uneinig unter
einander. Anfangs zürnte er auch ihm bitterlich, dann tauchte in ihm ein
Fürsprech auf, der stellte sich an des Meitschis Platz, behauptete dessen
Rechte, zeigte ihm, wie sein Nachgeben nur ein formelles gewesen, in re er recht
behalten, wie es da nur um eine Wendung sich gehandelt, nur auf ein Stücklein
Zutrauen angekommen wäre, und wenn dies zwei Liebende nicht mehr zu einander
hätten, wer es dann noch haben sollte! Wie, wenn er wirklich das Mädchen lieb
gehabt und Erbarmen mit dessen Lage, er ja wohl hätte nachgeben müssen, was in
diesem Punkte ganz alleine an ihm gestanden, wozu noch die Mutter selbst ihn
gemahnt, ja ihn gewarnt hatte, die Sache auf die Spitze zu treiben, da es gar
nicht am Mädchen gestanden, ob es nachgeben wolle oder nicht, sondern rein in
der Gewalt des brutalen Vaters, der einen Pfifferling nach Recht und Billigkeit
fragte. So wars ja nichts als Eigensinn von ihm, dass er darauf bestund, den Hof
jetzt noch nicht zu wollen, und also am eigenen Eigensinn, nicht am Unverstand
Anderer scheiterte sein Lebensglück.
    Wenn nicht ein dichter Haselhag zu beiden Seiten den engen Weg begrenzt
hätte, wer weiss, ob er nicht rasch umgelenkt und in sausendem Galopp dem
Dorngrüt zugefahren, seinen Eigensinn abgebeten hätte!
    Aber diesem Fürsprecher gegenüber stund von Anbeginn, anfangs in nebelhafter
Ferne, in unbestimmten Umrissen, ein schaurig Bild; das Bild kam näher und
näher, bestimmter wurden seine Züge, es war das Bild des zitternden, zornigen
Mädchens in seiner krampfhaften Aufregung, wie es so blass dastand, wie so zornig
dessen Augen leuchteten, so blass seine Lippen bebten, so wild es ihn
zurückstiess, so haltlos aufs Bett es sich warf, so masslos weinte und winselte.
So hatte er noch keinen Menschen gesehen, die Mutter nicht, Annelisi nicht,
keine Jumpfere. Etwa höhn waren alle gewesen, hatten rascher geredet oder streng
geseufzt, auch geweint und waren in einen Ecken gestanden und hatten das Gesicht
nicht gerne sehen lassen, aber so ausser sich und so ohne Antwort auf ein
freundliches Wort, unversöhnlich und rücksichtslos, war nie eine ihm
vorgekommen. Es kam ihm in Sinn, was sein Bruder ihm gesagt von ertaubeten
Meitschene auf die neue Mode; auf und ähnlich hatte Anne Mareili getan. War er
nicht glücklich, dass er das zu rechter Zeit noch gesehen, dass er dieses Weh in
seiner ganzen Wüste erfahren; denn wie unglücklich hätte er werden können wenn
er es erheiratet, und welche Schande erleben müssen wenn er eine Frau
heimgebracht, welche etwas an sich hatte das man bei ihnen nicht kannte, das
gerade aussah, als wäre sie vors Hüsli use, und von dem er nicht wusste, wie oft
es sie ankam und ob vor den Leuten oder nur privatim vor den Eltern und dem
Manne. Vom fallenden Weh hatte er schon viel gehört, und immer hatte es ihm
darob gegruset, aber dieses Weh schien ihm noch viel ärger. Es hatte das Mädchen
verzerrt, dass er es gar nicht wieder erkannte; es war ein durchaus Anderes
geworden, eines, das er lieber nicht mit einem Stecklein anrührte, geschweige
dann lieben mochte und gar noch zur Frau es haben. So stellte die letzte
Erinnerung dem armen hin- und hergeworfenen Resli das Mädchen immer greller dar,
dass er sich fast seiner Liebe zu schämen, sich zu freuen begann über das letzte
Ereignis.
    Die letzte Erinnerung, der letzte Blick, das letzte Wort setzt so gerne sich
fest dem Abgehenden, alles Aussergewöhnliche so leicht jedem, der es sieht, dass
eine grosse Bedeutsamkeit in der letzten Gebärde liegt, dass überhaupt eine grosse
Bedeutsamkeit darin liegt, wie jemand Gebärden macht, die bei andern Menschen
Eindruck hinterlassen, und ganz besonders bei einem Mädchen sind diese Gebärden
von Bedeutsamkeit. Kokettisieren, die Schöne und Liebliche machen soll kein
Mädchen, aber so viel Herr über sich selbst sein sollte jedes, dass es sich nie
selbst unschön, wüst macht, unschön, wüst werden lässt. Es gibt einen hohen,
schönen Zorn, der die Jungfrau zur Göttin macht, der aber ist selten, jeder
andere verzerrt das Mädchen, und der gröbste Benz, der gar nicht weiss, was schön
oder unschön ist, sagt: »Nei aber, das cha afe wüest tue, so eins begehr ih
nadisch nit!« Es ist freilich viel gefordert von einem Mädchen, dass es immer
seiner Herr bleibe, sich nicht fortreissen lasse, kanns doch mancher Mann nicht!
    Nun ists sicher ebenso unrecht und noch unendlich unrechter, wenn ein Mann
sich hinreissen lässt, als wenn es ein Mädchen tut, und schaden tut es ihm, und
öppe viel hält ihm niemand darauf, aber so unschön, so widerlich macht es ihn
doch nicht, wie es das Mädchen, wie es die Frau macht. Das ist halt Sache des
Gefühls, und weil es das Gefühl ist, welches uns von wegen der Schönheit und dem
freundlichen Masse in allem zum Weibe zieht, so kann man halt nichts dafür, wenn
dieses Gefühl durch widerliche Ausbrüche verletzt wird, halt lieber im
Heidenland wäre oder gar bei den Heiducken als so einem kannibalischen
Weibsgesicht gegenüber.
    Wie es nun Zufälle geben, Umstände sich häufen können, wo ein Mann in einen
Zorn gebracht wird, der ihn zum Mörder macht, des Mörders Strafe er auch
ausstehen muss, während man ihn allgemein bedauert und Barmherzigkeit bei Gott
für ihn hofft, so kann Weh, Leid und Zorn ein Mädchen in einen Zustand
versetzen, durch welchen es seinen Liebhaber absprengt. Es war ihm nicht
möglich, anders zu sein, es war ihm auch nicht zuzumuten; aber die Wirkung, der
Eindruck sind einmal da, sind geborne Dinge, ein fait accompli, welches selbst
die Tagsatzung anerkennt; wer wischt sie nun aus, wer macht sie ungeschehen,
übertüncht das Bild wieder, das vor den Augen des Liebhabers schwebend bleibt?
Wer bricht die Folgerungen ab, die aus dem Bilde entspringen, denn das ist
gleich, wie wenn ein Mädchen einen bösen Beinbruch tut. Heilen werde es wohl,
ansehen werde man ihm einstweilen nicht viel, aber sellige Ding gäbten halt böse
Alter, so redet man.
    Bei allem, was auf Anne Mareili lastete, bei dem innigen Wunsche, aus ihrem
Hause in Reslis Haus zu kommen, bei dem Glauben, niemand könne ihm dazu helfen
als Resli, bei dem Glauben, der Liebhaber müsse, wenn er treu liebe, alles
hintansetzen und zum Opfer bringen, bei dem Glauben an den eigenen guten Willen,
der das Opfer nur scheinbar machen, alle Folgen und Schwere ihm nehmen würde,
bei allem dem, wem wäre nicht so geworden wie dem armen Meitschi, wer hätte
nicht Augen gemacht und hintendrein noch was ganz anderes als geweint und
geschluchzt? Aber was die Augen sehen, das haben sie halt gesehen, und woher es
gekommen, daran denken Viele nicht; bei Andern kommen wohl Gedanken daran, aber
die Gedanken kommen meist lang hintendrein, werden leicht verweht, wenigstens
immer von neuen Zweifeln angeweht.
    Bei Resli war es umgekehrt gegangen, die Gedanken waren vor dem Bilde da,
von wegen, der gute Boden in seiner Seele war ziemlich tief und trug lieber das
Gute als das Böse, und die Liebe ging als Samen über ihn hin. Das Bild trat
Reslis Gedanken gegenüber und kämpfte mit ihnen. Das Bild war die böse Fee,
welche in seinen Liebesgarten schlich und seine Geliebte verzaubern wollte in
ein scheusslich Drachenbild, zum Werwolf mit feurigen Augen, zur wütenden Hyäne
mit den grimmigen Zähnen, das Haar bolzgradauf vor Zorn und Wut. Aber als ein
treuer Ritter kämpfte er redlich gegen die böse Fee, und wie sie auch immer neu
ansetzte und mit List und Kunst in immer neuen Gestalten daherfuhr, stund er als
wie mit breitem Schwerte vor der Geliebten und wehrte dem bösen Zauber. Wie der
Kampf ein innerlicher ward, verschwand die äussere Aufregung, ernst sass er im
Sattel, ruhig lenkte er die Rosse, und wer freundlich den stattlichen Fuhrmann
grüsste, erhielt freundlichen Dank.
    Das Mitleid mit dem Mädchen gewann die Oberhand, er bedauerte es von
Herzensgrund, die Roheit des Alten verwand er; so ein Mensch habe keinen
Verstand, dachte er, und wie man mit einem rechten Menschen umgehe, das wisse er
nicht. Es freute ihn, dass er keinen besondern Ärger erzeigt, sondern fest
geblieben war bis hundert Schritte vom Hause weg, und mehr war ihm doch auch
nicht zuzumuten. Aber eins stund ihm fest, dass die Sache aus und ab sei; es war
ihm, als tue sich ein unendlicher Abgrund auf zwischen dem Dorngrüt und ihm, als
seien die vergangenen Tage eine versunkene Welt, die er nur noch im Traume
betrachten könne, die mit seinem zukünftigen Leben nicht zusammenhingen. Dass es
so war, tat ihm weh, denn wen schmerzt das Herz nicht, wenn was Liebes zu Grabe
geht, wer trauerte nicht in tiefster Seele, wenn die Sonne ihm aufgegangen wäre,
und sie versänke, Nacht wäre es wieder und keine Hoffnung da, dass die Sonne
wieder käme? Und wenn an einem solchen Grabe ein Mann steht, so träufelt wohl
Träne um Träne nieder, aber ins Grab stürzt er sich nicht nach, eine starke Hand
hält ihn oben: es ist der Glaube, dass nichts aus Zufall kömmt, sondern alles aus
der väterlichen Hand dessen, der die Sterne ihre Bahnen führt und die Haare auf
unserm Haupte hütet. Die Brust zerschlägt er sich nicht, die Haare zerrauft er
sich nicht, klagt als Mörder, als Ursache des Todes sich nicht an. Wenn sein Tun
ein überdachtes war und seine Versuche nach dem Masse seiner Kräfte, dann sind
Selbstanklagen nichts als Zeugen eines unklaren Verstandes, eines kindischen
Gemütes, welches dem einmal Verhängten sich nicht fügen will, welches nie dahin
gelangt, Recht und Unrecht nicht nach dem Erfolge zu messen, sondern als Dinge,
die für sich bestehen. So ward es Resli auch mehr und mehr; je ruhiger er wurde,
je bestimmter er seinen Verlust erkannte und fühlte, um so weniger plagten ihn
Zweifel über sein Tun.
    Er hatte nicht anders handeln können, er hatte sich nicht nur so
ausgesprochen, sondern es war auch das Rechte, was er gesagt, und dieses Rechte
beugt sich nicht nach den Umständen, es ist nicht ein Bohnenstecken, den man
abbrechen kann, wenn er zu lang ist, auch nicht eine Summe Geldes, an der man
märten kann, wo es endlich für den, der es hat und dem an einem Handel etwas
gelegen ist, auf ein Stück mehr oder weniger nicht ankömmt, wenn nur der Handel
richtig wird. In diesem Rechttun ohne Märten und ohne Beugen liegt ein
unendlicher Trost, es fordert aber auch eine grosse Kraft, es ist das Ausharren
und Getreusein bis ans Ende, es ist das Aufgeben des Wahnes, dass man mit Ducken
und Klügeln, auf selbstgewählten Wegen wie auf ebener Bahn an ein seliges Ziel
gelangen könne, es ist das Aufgeben des Wahnes, dass man weiser als Gott sei und
seines eigenen Glückes Schmied in des Wortes falscher Bedeutung. Wohl wird es
sehr oft schwer der menschlichen Klugheit und der menschlichen Schwäche, weil
wir in unserer Kurzsichtigkeit für uns und Andere das Ärgste bei dem strengen
Festalten des Rechts fürchten, und so oft ist doch eben in diesem Rechttun ohne
Märten und ohne Beugen unsere und Anderer Rettung, wo wir in unserer
Kurzsichtigkeit das Gegenteil gefürchtet. Wenn wir aber märten und uns beugen,
so kommt es sehr oft ganz anders, als wir gemeint, und das Märten und das Beugen
wird uns zum Mühlstein, den wir uns selbst an den Hals gebunden, und dann, wenn
wir ob Märten und Beugen versinken, wo das Meer am tiefsten ist, was haben wir
für einen Trost? Ihr Rechtsgelehrten, welche ihr den Zeitgeist anbetet, der eben
nichts ist als ein solches Beugen vor dem eigenen Aberwitz, als ein Märten mit
dem Teufel, sagt mir: mit dem Mühlstein um den Hals, was wächst uns für ein
Trost empor aus dem Meere, wo es am tiefsten ist? Da sind keine Äste, wo man wie
ein Eichhörnchen von einem Aste auf den andern springen kann, wenn der eine oder
der andere vom Winde zu stark geschaukelt wird; da ist dann nichts mehr als
unter uns das tiefe Meer und am Halse der Mühlstein.
    Dieser Trost kam allmählig immer mehr über Resli, er hatte aufrichtig und
ehrlich recht getan, und nun in Gottes Namen! Das kann aber der nie sagen, der
gemeint, geglaubt, gedacht, gehofft, sich geduckt, gemärtet hatte und nun
getäuscht wird, der Erfolg ein ganz anderer ist, als er gemeint, gedacht; dem
gehen die Worte »In Gottes Namen« nicht aus dem Munde, sie bleiben hängen auf
der Zunge wie Fliegen im Karrensalb.
    Langsam und spät kam er nach Hause, und alle warteten seiner guter Dinge,
hielten dieses Spätsein für gute Vorbedeutung, ja Annelisi redete schon von zu
Bette gehen, denn er komme doch nicht heim, es wolle ihnen das für gewiss sagen
und einen Meienstock oder eine Halbe darauf wetten, mit wem da wolle. »Es gult«,
sagte Christeli, »wennd auch zahltest, wasd vrlörest, aber du hast ja nie kes
Geld. Resli kömmt so gewiss heim, als Heu nicht Stroh ist. Es ist möglich, dass
der Bauer da unten im Grüt hie und da öppe e Mönsch zGast het, öppe viel nit; ih
bi o dert gsy, un öppe viel het me mr nit anerbote, aber vier Ross hat der nicht
über Nacht. Ds selbist han ih ume eis by mr gha, u selb het niemere bigehrt in e
Stall z'tue, ume öppe für e Stung oder e halbi.«
    Bald darauf hörten sie durch die nächtliche Stille Rädergerassel. »Das ist
ihn«, hiess es. »Nein, es ist ihn nicht, man hörte ihn klepfen, er würde strenger
fahren«, ward entgegnet, und während dem Werweisen noch lenkte er still und ohne
Peitschenknall durchs Türli. »Es het gfehlt«, sagte die Mutter.
    Trübe und stille ward es in Liebiwyl, aber eine Innigkeit, eine stille
Freundlichkeit verband die einzelnen Glieder der Familie wie noch nie. Wer hat
es nicht schon erfahren, wie still und öde es in einem Hause wird, aus dem ein
geliebtes Wesen zu Grabe getragen worden, wie leer und trüb den Zurückkehrenden
vom traurigen Begleit das Leben scheint, allentalben ihnen etwas fehlet,
während sie um so inniger an einander sich schliessen, in liebevoller Sorge um
das Glied sich reihen, welches durch den Verlust am härtesten getroffen worden,
die verlorne Liebe ihm zu ersetzen suchen. Wie überhaupt in allen Herzen die
Liebe klarer und leuchtender aufbrennt, wie ja auch die Sonne nie heller
scheinet als nach gewaltigen Gewittern. Das ist der Segen der wahren Liebe, dass
in der Liebe selbst der Balsam liegt für die Wunden der Liebe.
    So lebten sie in stiller Freundlichkeit zu Liebiwyl, und jedes redete
sanfter mit Resli, und jedes suchte es ihm zu zeigen, wie lieb es ihn hätte und
alles für ihn tun möchte. Über die Sache selbst ward wenig oder nichts mehr
geredet. Resli hatte natürlich erzählt, wie es ihm ergangen war, und die ganze
Familie es tief empfunden, wie Resli behandelt worden; die Jungen hatten sich
hauptsächlich über Anne Mareili geärgert und Annelisi gesagt, so könnte es es
doch Keinem machen, zu dem es nur einen Funken Liebe hätte. Die Alten aber
schmerzte der Übermut des Vaters am meisten gegen eine Familie, deren er sich
doch nicht zu schämen hätte; am Meitschi dünke es sie nichts anders, es King syg
emel geng ume es King, wüss doch mänge Alte mängisch nit, was er tue. Die Mutter
deutete darauf hin, dass sie so etwas gefürchtet und gerne sich unterzogen hätte,
aber tadeln tat Resli niemand; die Sache war abgetan, und was nützt es, wenn
hintendrein ein jedes sagt: So hätte ich es gemacht, und so hättest du es auch
machen sollen? Hintendrein ist gut reden, sagt das Sprüchwort, und die Erfahrung
bestätigt es auch. Während vor der Tat guter Rat teuer ist, hat nach der Tat
jedes Babi Steinkrätten voll und trägt sie einem nach dringt sie einem auf und
zwar gratis. Es ist nichts ärgerlicher als dieses Ausbündeln von Weisheit, wo
sie nichts mehr abträgt; mit dem verschonte man Resli.
    Am meisten drückte es Änneli, dass die Hoffnung, eine Sohnsfrau zu erhalten,
in ungewisse Ferne gerückt war; es hätte so gerne die noch gesehen, die nach ihm
schalten und walten sollte in diesem Hause. Aber zu etwas Neuem drängen, das
mochte es den Sohn nicht; ein solches Drängen zur Unzeit vergrössert nur den
Widerstand, ist eine von den bittern Früchten der Liebe, die einem Menschen als
Glück etwas aufdringen will, zu welchem derselbe weder Lust noch Liebe hat.
Resli war darum auch so gerne bei der Mutter, die ihm von alten Zeiten
brichtete, ihn bekannt machte mit vergangenen Sitten und den Vorgängen in der
Familie, so weit hintern sie selbst etwas wusste. Wo das Ringen mit der Gegenwart
den Menschen nicht mehr allein fasst, sein Herz sich losgemacht hat von den
Dornen und Disteln des gemeinen Lebens, da denkt er an die Vergangenheit,
kümmert sich um die Zukunft, sorget für das Los seiner Kinder, forschet nach
denen, die ihn auf die Welt gestellt, ihm ein Dasein verschafft. Über der
Menschheit tiefsten Niederungen, wo der Mensch beginnt, Vergangenheit und
Zukunft in Beziehung auf sich und die Seinen ins Auge zu fassen, entsteht die
Familie.
    Der Familie Schatzkästlein soll aber nicht sein das Verzeichnis der blossen
Namen der gestorbenen Familienglieder, soll nicht bloss entalten die
Sparpfennige der haushälterischen Ahnen, sondern dieses Schatzkästlein soll
entalten Sitten und Erlebnisse der Väter, zu Warnung und Weisheit der Kinder.
An dieser Familiengeschichte sollen Kinder aufwachsen wie am Spalier der edle
Fruchtbaum. Der Väter Sinn und Art, welche sie über das Gestrüpp erhoben, wird
auf die Kinder übergehen. Dieses wird vergessen; Namen oder Geld, am liebsten
Namen und Geld, meint man, machen die Sache, das sind aber beides tote Dinge und
erhalten sich nicht, ohne Seele sind sie ein Leib, der verfault, weil eben die
Seele gewichen. Freilich schämt man sich zuweilen der Familiengeschichte, darf
den Kindern sie nicht erzählen; Torheit! Wie treu und schön erzählt nicht das
Alte Testament den Kindern Israels das Tun der Väter Israels, beides, zum
Vorbilde und zur Warnung!
    In sich trug Resli ein Leben, welches er der Mutter Auge, so innig er sie
liebte, nicht erschloss; es war das Leben seiner Liebe, seine versunkene
Liebeszeit. Eine solche versunkene Liebeszeit gleicht den Sagen von versunkenen
goldenen Zeiten und Ländern, mit dem Unterschiede jedoch, dass die Sagen der
Völker sich immer grauer färben, im Herzen der Liebenden die versunkene Zeit
immer goldener wird, wie auch oft das Abendrot immer dunkler erglüht, je tiefer
die Sonne geht, je weiter es vom Westen steht. In sich trug er, je heller das
Abendrot erglühte, um so fester den Entschluss, keinen Versuch zu machen, das
versunkene Liebesland heraufzuzaubern aus des Meeres Grund. Aber eben deswegen
verbarg er es in den Tiefen seiner Seele und verhüllte es mit finsterm
Schweigen; er wusste der Menschen Art, die so gerne heraufbringen möchten das
Versunkene, die so gerne denen, welche sie lieben, wieder geben möchten das
Verlorne und oft mehr verlieren im Suchen, als sie wiederfinden, wenn sie das
Verlorne finden. Er kannte seiner Mutter Milde, ihre Liebe, die, wenn sie
erkennen würde sein inneres Leben, ihr eigen Leben opfern würde, um wieder
anzuknüpfen das zerrissene Band, um ihm wieder zu gewinnen, was er als verloren
so hoch im Herzen trug. Es war seine heilige Überzeugung, dass es also gut sei;
diese Überzeugung stand ihm wie ein Fels in der Brandung, vom schönen Abendrot
gerötet, von der Liebe Weh umbrandet. Er vermied alles Reden davon, alles Fragen
darnach; er fühlte, wie leicht ein Wort zum Zauberwort wird, das Schranken
sprengt, Felsen zerstäubt, wie leicht es zum Taucher wird, der Versunkenes
zutage bringt, zur bewegenden Gewalt, die den Willen der Menschen dahinrollt
nach ihrem Belieben. Aber wenn er alleine war, so durchlebte er immer wieder das
erlebte Liebesleben, und allemal erglühte es in neuen Farben, und süsser schien
sein Mädchen und süsser die Liebe, die sie verbunden.
    Darum war er auch so gerne alleine, und so oft stand er auf des Nachts,
legte sich unters Gadenfenster und versank in süsses Träumen. Wenn seine Augen
den Wagen am Himmel sahen, wie er so ehrenfest und sonder Wanken durch den
Himmel fährt, himmlische Geister führt, ohne Halt, ohne Umleeren, so dachte er
des dunkeln Hauses im Dorngrüt, über das der Wagen lautlos dahinfuhr in hehrer
Majestät, dachte an sein Mädchen unterm grünen Dache und wie es ihm ums Herz und
ob auch er darin noch lebendig sei und das vergangene Leben zuweilen erblühe in
wehmütigem Glanze? Die Antwort hätte er für sein Leben gerne vernommen. Oh, wenn
es so wäre, wie gerne wäre er nicht mit seiner Seele aus seinem Leibe gezogen;
er hätte Haus und Hof verlassen und sich im Bilde angesiedelt, welches das
Mädchen im Herzen trug, hätte da im dunkeln Grunde seine Wohnung aufgeschlagen
und ein süsses Leben geführt mit des Mädchens Gedanken in freundlichem Kosen,
wäre verschwunden gewesen für die Welt und hätte die Welt nicht gemisst, denn auf
Erden schon hätte er im Himmel gelebt in des Mädchens Liebe, in dessen liebender
Seele. Oh, wie es da ein Leben sein müsste voll holder Wonne, die kein
menschlicher Blick befleckt, kein Wort sie auszudrücken vermöchte! Des Morgens
zu lauschen, wie das Mädchen seine Augen aufschlägt, wie die ersten Strahlen der
Sonne in seinem Auge flimmern; der Erste zu sein, den dessen Liebe begrüsst, den
es wecket im Herzen, mit dem es tändelt und spricht, für den es betet zu Gott
und ihn vertrittet vor den Menschen; den ganzen Tag mit ihm gehen zu können
Schritt und Tritt, in jedem einsamen Orte sich rufen zu hören, küssen zu fühlen,
ja mitten im Gedränge, selbst mitten unter höfelnden Menschen vom treuen Mädchen
mit Innigkeit umfasst zu sein, sein Alles zu sein, in seinem innersten Heiligtum
zu sein und zu sehen und zu hören, wie dessen Augen blind, dessen Ohren taub
werden, wie dessen Sinnen und Sehen sich nach innen zieht, auf das Bild im
Herzen sich richtet, in ihm aufgeht: wer möchte das Bild nicht sein im Herzen
seines treuen Mädchens? Und wenn der Abend kömmt, des Mädchens Sehnen wächst,
allein zu sein mit seinem lieben Bilde, wenn es dasselbe endlich ungestört
tausendmal herzt und küsst, dann seine Augen schliesst, vertauensvoll sein Herz
dessen Hut überlässt, um nun zaubern zu können liebliche Träume in des Mädchens
weichen Schlaf: welch ein Reich voll Wonne öffnet da nicht seine Tore! Oh, wer
möchte nicht so wohnen als liebes Bild in des lieben Mädchens reinem Herzen,
mochte da nicht sein Lebenlang warten, bis der Vater aus diesem Himmel in den
seinen uns nimmt!
    Lebensjahre hätte Resli darum gegeben, wenn er dort oben in den grossen
Sternen, gleich als wie in einem Spiegel, es hätte sehen können, was da unten in
seines Mädchens Herz sich rege, ob er auch noch in selbem sei und in welchem
Glanze. Gar oft dachte er: Wenn wir einander nicht mehr sehen in dieser Welt und
Beide sterben, sehen wir uns dann wohl wieder in einer andern Welt, erkennen wir
uns wohl und ist da auch noch etwas zwischen uns, oder können wir dort bei
einander sein in ungetrübter Liebe?
    So sinnete, so träumte er, und mancher abenteuerliche Plan ging an ihm
vorüber, wie er erfahren könne, was im Dorngrüt gehe und wie dort die Sachen
stünden. Er konnte dort als Bettler erscheinen oder als Kiltbub bei den Mägden,
konnte bei der Wirtin in eigener Gestalt sich einschleichen und vernehmen oder
Bericht machen lassen, er konnte als stilles Unghür das Haus umkreisen und
bewachen jeden Eingang und Ausgang.
    Dieses und eine Menge anderes bedachte er und tat nichts, nicht aus
Unschlüssigkeit und weil er werweisete zwischen diesem und jenem, sondern weil
er eben nichts tun wollte und seine Überzeugung feststund, dass es so bleiben
müsse. Hundertmal juckte es ihn, mit seiner Mutter zu reden über seine Gedanken,
aber weil er wusste, wie sie sich verbünden würde mit seiner Sehnsucht, hielt er
das Wort gefesselt an ehernen Banden.
    Dieses stille Liebesleben ward nachgerade doch Annelisi langweilig, und es
erwachte in ihm die Sehnsucht nach etwas Lustigerem, Lebendigerem. Und es ist
seltsam, wie es Buben und Wespen fast gleich haben. Solange eine Birne hart und
bitter ist, da fliegen die Wespen wohl darum, aber rasch vorbei, sobald sie aber
nur gäb wie zu mürben beginnt, so ists, als wenns die Tilders Wespen von weitem
schmöckten; sie kommen scharenweise daher und stechen an und geben nicht lugg,
bis die ganze Birne kaput ist. So machens die Wespen nämlich. Nicht ganz gleich
die Buben; die merken also auch fast auf hundert Stunden, wenn Birnen mürben,
aber jeder möchte die ganze Birne für sich und frisst nicht gerne in Gemeinschaft
mit Andern sie an. Und wenn das Mädchen nicht gleich gekapert wird, so ist oft
nur das grosse Gedränge schuld und weil das Mädchen nicht ins Klare kömmt, wer
ihns am angenehmsten und zärtlichsten fressen würde.
    So ging es auch um Annelisi wie wild. Ja sogar einige Fürsprecher liessen
sich herbei, gleichsam wie grosse Raubvögel (denn je grösser das Aas, desto grosser
die Vögel sind, welche es herbeilockt), und breiteten rotverbrämte Mäntel
stattlich aus und schlenggeten die Haare oder strichen den Schnauz und redeten
zärtlich nach neuer Mode, welche freilich zuweilen ans Kannibalische streift.
Sie machten aber keinen Eindruck, strichen umsonst Schnäuze und liessen Mäntel
flattern und wedelten mit den Haaren, eine neue Art ungebundener Zöpfe, nur dass
man sie jetzt vornen trägt statt wie ehedem hinten.
    Ein junger Bauer, mit dem Annelisi aufgewachsen war, über den es von seinem
ersten Schuljahr an bis zum letzten geschimpft, sich mit ihm gezankt, gekratzt,
gestriegelt, über den es von dort an beständig zu lachen und zu spotten hatte,
der schlich sich auch unter die Wespen, welche um die Birne flatterten. Annelisi
spottete nur ärger und richtete alle Pfeile des Witzes und der Bosheit auf ihn,
dass ihm die Mutter oft abwehrte und ihns bat, es solle doch schweigen und
denken, es könne sich versündigen. Dann bat es wohl ab, aber handkehrum fiel es
in den gleichen Fehler, nur noch ärger.
    Da kam derselbe eines Sonntags, als Christen alleine hütete, zum Haus,
setzte sich zu Christen und bat ihn um seine Tochter. Der horchte natürlich
gewaltig auf und sagte: »Hans Uli, du kömmst mir ungsinnet, an dich habe ich afe
nicht gedacht. Meinetwegen hätte ich nichts darwider, aber bigryfst, ehe ich
etwas sagen kann, muss ich doch mit meinen Leuten reden, und was ds Meitschi
seit, weiss ich nicht.« »Was selb ist«, sagte Hans Uli, »wir wären neue richtig.«
»Das wär arig«, sagte Christen, »es wird öppe nit sy.« »Wohl wäger ists«, sagte
Hans Uli, »es het mrs emel verheisse, u sövli e Schalk wirds öppe nit sy.« »Öppe
selb nit«, sagte Christen, »mit sellige Dinge ist nit z'gspasse. Aber wunder
nimmts mich doch, dass es so ist, und wenn du es nicht selbst sagtest, so glaubte
ich es nicht.« »He«, sagte Hans Uli, »es ginge mir selbst so, wenn es mir jemand
anders sagte. Nit, gfalle hets mr geng u wär mr lieb gsi. Aber es het immer nur
ds Gspött mit mir triebe un z'zanke gha, nüt hätt ih dra dörfe sinne, ds
Gunträri, ih ha mängist denkt, wenn das einist heirate, so müsse dem ghornet,
gklepft, ta sy, dass es e grüsligi Sach syg. Da bin ich letztin im Neuenbad
zHerrlige und stande e so u luege u ha nit gwüsst, will ih oder will ih nit oder
wos mr fehlt, da klopft mr neuer uf dAchsle u seit: Hest aber ds Öl vrschüttet,
du arms Tröpfli? Aber weisst ih wüsst dr öppis. Wennd drei mit mr hest und de e
Plätz wyt mit mr heichunst, so zahl ich dir e Halbi, u wes sy muess, no für e
Krüzer Käs u für e halbe Brot, aber meh nit. Und ih ha ds Mul längs Stück off
vrgesse u nit gwüsst, was das bidüte söll, vo wege, es ist Eues Annelisi gsi, wo
mih süst ume usglachet ha un ds Gspött mit mr triebe, u ha gmeint, es well jetz
o. U won ih nüt säge, seit es du: Los Hans Uli, kannst mir es Gfalle tue, es sy
da zweu Raubtier hinger mr, grüslig Burste, ih weiss nit, sys Ratsherresühn oder
sust Unghür, eis git sih für e Dokter us u ds angere für e Mediziner; weiss nit,
was das ist, aber eine ist zottleter as dr Anger, u wüester u uflätiger tuet üse
Melcher nit un ist doch e Länder. Vor dene förchte ih mih, und ih bigehre
dSchang nit, dass mih dLüt by ne bim Wy gseh oder mit ne tanze. Ih ha ds Zuetraue
zu dr, du layist mich öppe nit im Stich. Ih ha nit gwüsst, wos so mit mr gredt
het, stange ih uf em Kopf oder uf de Füesse, aber es ist emel du mit mr zfriede
gsi, un eis het ds anger gä, un ih ha müesse gseh, dass ih ihm nit sövli zwider
bi, as ih geng glaubt ha. Aber hundert Ränk ha es doch gha, bis es mir endlich
nachegseit un erlaubt ha, dass ihs abfordere dörf. Aber dabei hat es nicht sein
wollen, wie es öppe anständig gewesen und ich es auch gemeint. Gehen könne ich
seinetalb, aber vor Mitternacht sehe es dann niemand daheim, hat es gesagt.«
    »Es ist immer das Gleiche«, sagte Christen, »nit es Bös, selb nit, es ist mr
lieb, und wenn es sih öppe gsetzt het, su gits no e rechti Husfrau. Aber jetz
hets dr Kopf no voll Fuge und es meint, wenn me nit dr Narr tryb all Tag, su syg
das nit glebt. Aber das wird ihm auch vergehen, noch wie mancher Andern, ohne
Wallisbad. We dus wage witt mit ihm, su ist mr dSach recht, aber bsinn dih
recht, es ist es Ketzers Meitschi.« »He ja«, sagte Hans Uli, »ih has erfahre« -
da war es Christen, der dem Tenn zunächst sass, er höre awas hinter dem
verschlossenen Tore. Es könnte etwa eine ihrer Jungfrauen sein, dachte er, die
müssten doch ihre Nasen in allen Ecken haben, stand auf, rascher als gewöhnlich,
tat ds Töri auf; da dünkte es ihn, einige Burden Roggenstroh, welche in der Ecke
aufgeschichtet waren, bewegten sich, er deckte ab, und siehe da, hinter
denselben sass sein Töchterlein und horchte aufs Scheltwort.
    Christen musste herzhaft lachen, und das Meitschi war nicht einmal verlegen.
Es hätte es wunder genommen, wie so ein Bürschli einem Vater einen Heiratsantrag
mache und was man nebenbei von ihm sage, es werde da wohl etwas zum Vorschein
kommen, das es sonst nicht zu hören bekäme, und akkurat so sei es gegangen,
sagte es. »Du«, wandte es sich zu Hans Uli, »du hättest dann nichts zu sagen
brauchen, dass ich dich geheissen, mit mir zu kommen, und gäb ich dich wolle, ist
auch noch die Frage; es kommt darauf an, was der Vater sagt, bestimmt verheissen
habe ich dir nichts.« Verlegen stund der arme Hans Uli da, bis Christen sagte,
es hätte gehört, was er gesagt, und Gspass treibe man mit solchen Dingen nicht.
Aber er hülfe es noch nicht vor die Leute lassen und einstweilen davon
schweigen. Es sei nächstens heilig, da könne man ohnehin nicht verkündigen
lassen, und dann sei es ihm auch wegen Resli, dem würde sein Unglück neu
aufrüchen, wenn es schon jetzt eine Hochzeit geben sollte. Öppe der Mutter müsse
man es sagen und zwar noch diesen Abend, es werde ihr ein Trost sein, von wegen,
wenn man so leichtsinnige Meitscheni habe, so wüsste man nie, was man noch an
ihnen erleben müsse. Hätten sie einmal gemannet, so könne der Mann zusehen und
hüten.
    Da ward Annelisi halb böse und meinte: »So, Vater, wenn ich euch so viel
Kummer gemacht habe, so ist es Zeit, dass ich gehe, aber ich habe doch gemeint,
ich führe mich auf, dass ihr öppe nicht viel z'förchte hättet.« »Ich klage nicht
über dich«, sagte Christen, »aber wie schwach ein Mensch ist, weiss er selbst
gewöhnlich zuletzt, und wenn er mit Ehren durchkömmt, so hat man es unserm
Herrgott z'danke, nicht ihm, ghörst!« Es war die sogenannte heilige Zeit im
Herbst, die der Bettag schliesst, welcher vor der Türe stand.
    Heilige Zeit - als ob nicht jede Zeit und jeder Tag zu unserer Heiligung uns
gegeben, Gott geweiht sein sollte! Aber der Mensch findet so gerne mit Gott sich
ab, gibt ihm etwas, das Übrige will er apart haben und gebrauchen nach seinem
Sinn. Einige Tage nimmt er sich etwas in acht, nennt dieses heilige Tage, glaubt
damit Gott einstweilen abgefunden, geht getrost ans alte Leben wieder hin und
treibt es mit um so grösserer Lust, fast wie es Schlemmer treiben, die express
einige Stunden fasten, um nachher mit um so grösserem Appetit zu fressen. So wird
alles verkehrt dem verkehrten Gemüte, und selbst die heilige Zeit wandelt sich
für ein solches in einen Fluch um. Schön aber sind unsere vier heiligen Zeiten,
unsere vier geistigen Jahreszeiten, wo jede die andere gebiert, jede aufs Gemüt
der Menschen eigens wirkt und in beständigem Wechsel und Wiederkommen den
Menschen vor geistigem Schlafe wahren soll. Wenn im Herbste die Ernte in den
Scheuern liegt, junge Saaten einer neuen Ernte entgegengrünen, an den Bäumen die
Blätter gelben und zwischen ihnen die hellen Früchte glänzen, dann soll der
Mensch es sich bewusst werden, dass auch er ein Baum sei, von dem Früchte
gefordert werden, dass die Menschheit sei der grosse Weltenacker und gerichtet
werde nach den Früchten, die auf selbigem stehen. Es soll im Geiste der Mensch
den Herrn sehen, wie er alle Tage am Baume vorübergeht und nach Früchten sucht,
soll nun selbst seine Augen richten nach diesen Früchten, soll schauen nach dem,
was der Herr sucht. Da wird ein Weh im Herzen geboren, ein göttliches Leid, denn
wie wenig trägt der Mensch, die sogenannte Krone der Schöpfung, dem Baume
gegenüber, und das Wenige ist wurmstichig und befleckt, wie krankhaft und
spärlich steht die Saat auf dem grossen Acker und wie üppig und reich das
Unkraut, welches der Feind dazwischen gesäet! Da soll der Strom der Busse
anschwellen in seinem Herzen, da soll das innige Verlangen geboren werden nach
dem, der da kömmt, das Verlorne zu suchen, der den Himmel öffnet, dass die Engel
Gottes niedersteigen mit reichen Geistesgaben, der den guten Samen bringt, uns
das Mangelnde ergänzt mit seiner Fülle. Es ist ein Gedenkfest, dass wir noch in
der Irre wandeln und verloren gingen in der Wüste, wenn Gott uns nicht einen
Führer senden würde; es ist eine Mahnung, getrost zu bleiben in der Wüste, denn
hinter ihr liege das verheissene Kanaan, und zu ihm gelange, wer dem Führer
folge.
    Dieser Tag hat noch immer seine hohe Bedeutung unter uns, feierlich wird es
uns zumute, und je näher wir ihm kommen, desto demütiger werden wir, desto
klarer stellt das Bewusstsein sich heraus, dass wir vor Gott des Ruhmes mangelten,
dass all unsere Gerechtigkeit sei wie ein unflätig Kleid. Es gibt freilich Leute
unter uns, welche sich dieses sich aufdringenden Bewusstseins mit aller Macht zu
erwehren suchen. Es sind hier nicht die gemeint, welche teoretisch Christus und
die Sünde abschaffen wollen, sich selbst zum Götzen machen möchten, welche, bei
Lichte besehen, akkurat dem Kalbe gleichen, welches die Juden anbeteten, mit dem
Unterschiede jedoch, dass diese Kälber dato noch nicht golden sind, aber um so
unverschämter an die Welt die Forderung stellen, dass dieselbe sie vergolde und
bis dahin wenigstens reichlich füttere und tränke, und das Letztere lieber mit
Wein als mit Bier, und diesen ebenfalls je besser desto lieber. Das sind die,
welche in ihrer stupenden Anmassung singen können:
                    Und vor der Menschheit schreit ich gross
                         noch durch Jahrhunderte daher,
und die eben deswegen nichts sind als Zeugen der Wahrheit des Evangeliums,
welches sie vernichten wollen, als Denksteine, dass wer sich selbst erhöht,
erniedrigt werden werde, dass sie eben nicht länger dauern als das Kalb, das noch
dazu golden war, das zu Pulver gestossen ward und welches Pulver verschlucken
mussten die, welche das Kalb angebetet hatten, welches ihnen sehr übel bekam,
denn es machte ihnen Bauchweh und einer erwürgete den Andern. Akkurat wie es
heute geht, wo, wer heute der Götze war, morgen zu Pulver zerstampft wird, und
übermogen die, welche ihn zerstampft, sich gegenseitig erwürgen. Und jener arme
Tropf, der die schmählichen Worte sang: »Und vor der Menschheit schreit ich gross
noch durch Jahrhunderte daher«, um den bei Lebzeiten kaum tausend Menschen
wussten von tausend Millionen, von dem nur einige Kameraden Lärm machten und ihn
herumführten und zeigten, wenn er irgendwo durchkam - (Apropos, die Literaten
haben den Schneidern etwas abgeguckt. Wenn nämlich so ein Schneider auszieht, so
singen alle Schneider um ihn her, einer trägt ihm die Stiefel nach, ein anderer
die Flasche, er selbst hat das Glas in der Hand, bedankt sich ringsum, indem er
vortrinkt und hintendrein brüllt, was die andern vorgebrüllt. Wer so ein
Schneiderlein hat ausziehen sehen und ihn nach zehn Jahren sitzen sieht,
krummbeinig, erlahmt, an Leib und Seele ersiecht, der hat was gesehen, der hat
gesehen, was jetzt die sogenannten Literaten auch machen, die ziehen gerade so
aus und rum wie ehedem die Schneider. Obs ihnen wohl auch nach zehn und abermal
zehn Jahren ergehen wird wie dem armen Schneiderlein, dass in zehn Jahren nicht
Zehne mehr etwas von ihnen wissen werden, einige Bibliotekare in fürstlichen
Biblioteken ausgenommen?) - jener arme Mensch ist ein lebendiger Denkstein von
diesem grenzenlosen Übermut, und jetzt wird er es in dem verschmähten Jenseits
erfahren haben, was der Hochmut kann, was an der Selbstvergötterung ist und wie
tief die Selbsterhöhung stürzt. Wer weiss, ob er nicht auch gebeten hat,
zurückkehren zu dürfen, denn er habe Brüder und die seien wie er und wohl noch
ärger! Ob er zurückgekehrt ist, wissen wir nicht, seine Brüder haben weder etwas
davon gesagt noch ein Beispiel genommen; wir zweifeln aber, denn Einem recht,
dem Andern billig, und was der reiche Mann vernommen, das wird wohl auch ein
aufgeblähter Wissender vernehmen müssen.
    Von denen, die ich hier beschrieben, kann ich in Beziehung auf den Bettag
nicht reden, er macht ihnen weder kalt noch warm, und wie sie ihn zubringen
wollen, darüber sind sie nicht in Verlegenheit; sie bringen ihn zu wie das
vergangene Jahr, und dass man ihn so zubringen kann, dafür ist beizeiten gesorgt.
    Die Leute, von denen ich reden möchte, sind die, denen er störend in ihr
Leben trittet, Handwerker, die in den gewohnten Pinten nicht schöppeln, Agenten,
die in Wirtshäusern nicht auf gut Schick passen, Gebildete, die nicht in
Lesezimmer können und in sich nichts zu lesen haben, und endlich unglückliche
Leisterren, deren Zusammenkunftsort an diesem Tage ebenfalls verschlossen ist.
Es gibt Leute, sie sind von unglücklicher Furcht geplagt; wenns Nacht wird oder
wenn sie alleine sind, so haben sie Angst, furchten sich vor dem Teufel oder
einem Gespenst und schreien Zetermordio um Hülfe; die Leute bedauert man. Es
gibt aber Leute, die dürfen nie mit sich selbst alleine sein, sie furchten sich
vor sich selbst, sie sind sich selbst ihr Teufel; es gibt Leute, deren grösster
Graus es ist, mit ihrer Familie alleine zu sein im eigenen Hause, ohne Wein und
ohne Klang, es wird ihnen wie in der Hölle; das sind unglückliche Leute, die
sind zu bedauern.
    Es ist auf dem Lande wohl mehr Sinn für das Ernste, und im Hause unter den
Seinen ists dem Landmann wöhler, und mit dem Betrag weiss mancher Bauer weit mehr
anzufangen und empfindet mehr seine Bedeutung als gar Mancher, der viel von
Geist zu reden weiss, aber doch eigentlich nur von Fleisch, Brot, Wein und
ähnlichen Dingen lebt.
    Ruhig geht schon der Vorabend ein, und eine wunderbare Stille liegt am Tage
selbst überm ganzen Land. Man hört kein Geräusch als nur hie und da ein
Chaischen, in dem Stadtleute sind, welche ihrem eigenen Teufel entrinnen
möchten. Es wird an rechten Orten wenig Bauern geben, welche an diesem Tage ein
Ross aus dem Stalle nehmen würden. Man sieht nichts als Predigtleute, vielleicht
solche, welche die Neugierde in eine entferntere Gemeinde getrieben, um zu
hören, wie den Nachbarn der Text gelesen wird, wie man denn allerdings lieber
Andern abkapiteln hört als sich selbst und seltsamerweise eine Predigt in einer
fremden Kirche nicht auf sich bezieht, als ob das Wort Gottes nur in unserer
eigenen Kirche das Recht hätte, unser Herz zu züchtigen. Hie und da sieht man
bei einsamen Häusern wohl eine Wäsche flattern, die irgend eine verwahrloste
Frau an die Sonne gehängt und die da ruhig hängen bleibt, obgleich es eigentlich
verboten ist. Aber es ist halt die Welt eine Kugel und dreht bekanntlich sich
um; was oben war, kömmt unten, und wie man zu Zeiten beim Erlaubten ruhig war,
beim Verbotenen gestört wurde, so dreht sich natürlich mit der Welt auch dieses
Ding um, bald wird man ganz getrost das Verbotene treiben können, aber sich wohl
in acht zu nehmen haben vor dem, was erlaubt, gesetzlich einem zugesichert war.
Und wer kann was dafür, dass die Welt sich dreht?
    Und wie die Gemeinde in feierlicher Stille des Wortes harret, das zur Busse
rufen, eine tiefe Furche reissen soll ins eingerissene Leben, so sinnet der
Prediger auch mit Ernst und Andacht über diesem Worte, schaut über das Saatfeld
schaut die Krankheiten an, die auf demselben sichtbar werden, der Ernte die
grösste Gefahr drohen, und was er tief und ernst erwogen, das legt er seiner
Gemeinde vor, nicht in Anschwellungen des Zornes als ein Oberherr, da seine
Sklaven züchtigt, nicht als ein Schweinehirt, der seine Schweine peitscht,
sondern ernst und bewegt, im Bewusstsein, dass auch er der Gemeinde Glied und
vielleicht nur dadurch über den andern Gliedern, dass sein Auge schärfer schaut,
sein Mund genauer bestimmt die Krankheiten, die durch die Saaten gehen.
    In Liebiwyl war dieser Tag von je ein heiliger gewesen, den man in der
Stille zubrachte und wo, Krankheitsfälle ausgenommen, keinem Menschen im Hause
es nachgesehen worden wäre, wenn er nicht wenigstens einmal die Kirche besucht
hätte, und zumeist waren die Predigten des Pfarrers noch lange der Gegenstand
ernster Unterhaltungen.
    An diesem Tage gehen die Leute nicht langsam, gemächlich zur Kirche, sie
eilen, die zahlreichen Züge gleichen Strömen, die Niederungen zueilen, zu spät
will niemand sein, jeder Platz noch finden; je älter die Leute sind, desto
früher machen sie sich auf den Weg, und längst, wenigstens bei schönem Wetter,
ist die Kirche angefüllt, wenn der Prediger kömmt, ernst und feierlich, im
Bewusstsein, dass was in seiner Brust sich rege, auch in den meisten Andern lebe,
und auf den Herrn hoffend, dass der Herr das rechte Wort ihn finden lasse, das,
was sich innen regt, äusserlich zum Leben zu bringen.
    Christen und Änneli hatten darüber nachgedacht, wie das Jahr ein so
wichtiges für sie geworden und wie der Herr in demselben sie gesegnet und
gezüchtiget wie noch in keinem, und wo wohl noch die Sünde sei bei ihnen, und
wie es mit Resli gehen, Gott ihn führen werde. Lange hatten sie am Abend vorher
ernste Gedanken gewechselt, und die bewegte Seele wollte lange sich nicht in des
Schlafes Ruhe finden. So verschliefen sie sich fast am Morgen, und ungern hatte
es Änneli, denn an solchen Tagen hatte es Hasten und Jagen nicht gerne, denn gar
schwer wird es dann dem in die häuslichen Wirren versenkten Gemüte, zu der Ruhe
zu kommen, welche alleine der fruchtbare Schoss für des Herrn Wort ist. Aber zu
seiner grossen Verwunderung war schon die meiste Morgenarbeit abgetan und das
Meiste zweg, so dass die Haushaltung nicht versäumt war und Änneli seine Zeit auf
sich verwenden konnte. Dieses Vortun war ihm eine seltsame Sache, weil die
Jungen wegen dem Aufstehen sich zumeist auf die Alten verlassen; darum fragte es
auch verwundert die Tochter, welche geschäftig am Herde waltete: »Wer het dih
gweckt?«
    »He guete Tag, Muetter«, sagte Annelisi, mit gerötetem Gesichte sich
umwendend, »bist auch erwacht« »Guten Tag gebe dir Gott«, antwortete Änneli,
»aber sag mir doch, warum bist du schon auf, und wer hat dich geweckt?« »Mutter,
niemere, aber ich habe auch etwas gsinnet und an mich gedacht, und da hat es
mich düecht, es würde mir wohl anstehen, wenn ich in Zukunft aufstehe und ihr
liegen bliebet, ihr habt den Schlaf nötiger als ich, und wenn es mir einmal dazu
kömmt, aufstehen zu müssen, so bin ich daran gewöhnt.« »He ja«, sagte die
Mutter, »das schadet dir nichts, aber wie bist du vor lauter Flausen zu diesem
Sinnen gekommen?« »He, Muetter«, sagte Annelisi, »es ist de öppe wäger nit, dass
ich nicht schon manches gesinnet habe, aber ich kann es nicht so erzeigen wie
Andere. Es ist wahr, ich habe viel Fehler, aber dass es mir de öppe nit ernst
syg, besser z'werde, selb ist doch dann nicht, und wenn ih werde will öppe nit
glych, aber doch schier wie du, Muetterli, und das möchte ich, so habe ich noch
viel zu tun und einen weiten Weg. Daran habe ich gestern gsinnet, und es ist mr
angst worde, u fry recht, und ih ha mr vorgno, mih grad hüt uf e Weg z'mache u
dir nache, vo wege, ih weiss o nit, wie lang mr üse Herrgott Zyt git. Es ist so
plötzlich us mit eme Mönsch, mi weiss nit wie und het mängist ume nit Zyt, dra
z'sinne.«
    »Du hast recht, und bsunderbar junge Wybere gehts gerne so«, sagte die
Mutter, »und wenn sie erst recht glücklich sein wollen, so nimmt sie Gott weg.
Darum, Kind, freut es mich, dass du daran sinnest und von selbst, ich hätte es
dir nicht zugetraut. Fahr so fort, so kann ich fröhlich sterben, denn du bist
doch immer das gewesen, wo mir am meisten Kummer gemacht hat. Aber eine schönere
Freude hat mir auch noch Keins gemacht als du jetzt, und ich wusste wäger mich
nit z'bsinne, dass mr grad am ene Morge, wo ih ufcho bi, neuis so Fröhligs
bigegnet wär als hüt. Denn woran haben die Eltern Freude als an den Kindern, und
die grösste ist die, dass sie gut werden und fromm, dass me öppe einist alli wieder
zsämechunt. Wenn ih ume wüsst, wies mit Resli ging u dass der noch glücklich
würde, de wett ih gern sterbe.« »Öppis Dumms e so, Muetterli, ja wolle, sterbe,
wo wir dich je länger je nötiger haben! Sagst du nicht manchmal, wenn wir etwas
darnach sagen: Schweiget, Kinder, versündiget euch nicht.« »Das ist nicht das
Gleiche, Kind«, sagte die Mutter. »Wenn die Bäume gewachsen sind, so nimmt man
ihnen die Stecken weg; lässt man sie zu lang, so schadts ne. So tuts der liebe
Gott, er weiss, wenn es Zeit ist. Aber wenn wir noch nicht essen können, so will
ich mich zwegmachen, so pressiere für zChilche tue ich nicht gern, u de faht mr
dr Ate a fehle«
    Es war ein schöner Herbsttag, klar und mild die Luft und ganz voll
Glockentöne; schwiegen sie hier, so hallten sie, bald milder, bald ernster, von
anderswo her. Es war, als ob ein treu Elternpaar zuspreche seinem Kinde, und
schwiege des Vaters ernste Stimme, so begönne leise, milder, aber gleich innig,
die Mutter.
    Sonst ist allem voran immer die leichtbeinige Jugend, diesmal zogen alte
Mütterchen vorauf, langsam und oft noch stille stehend, und alte Männer gingen
mit ihnen, sprachen von alten Tagen und was zu ihren Zeiten gepredigt worden.
Und was ist die Menschheit anders als eine grosse Heeressäule, die dem Grabe
entgegenwandert, dort des Leibes los wird und durchs schwarze Tor den hellen
Himmel sucht! Wo an diese Wahrheit gemahnt wird und an die Heimat und über die
Gräber gewandelt wird, da gehen billig die Alten voran; sie soll es drängen dem
Ziele entgegen, sie soll es freuen, Bahnen zu brechen der Jugend, die so viel
schwerer sich losreisst vom heitern Sonnenlicht. Aber rührend ists doch, die
alten Leutchen, die Spitze der Todessäule, zu sehen, wie sie so andächtig und
gläubig dem Herrn zuwandert, so vertrauensvoll zwischen den Gräbern geht, so
ergeben über die letzte Reihe blickt, ob wohl das nächste zum eigenen Kämmerlein
sich gestalten werde.
    Unter den Ersten war auch Änneli, und wie tat das manchem armen Mütterchen
so wohl, dass es mit der guten Bäurin zu Liebiwyl zur Kirche gehen konnte, die so
freundlich fragte und sprach, und gar manches Mütterchen ging grader auf, als es
seit zehn Jahren gegangen war. Oh, es ist seltsam, wie freundliches Wesen wohl
tut und armen Herzen erquicklich ist, wie Kranken der Sonne Licht! Und wenn ein
Armer am Sterben ist, sein himmlischer Vater zunächst ihm ist, wenn ein Reicher
und Hoher als freundlicher Bruder an seine Seite trittet, es erquickt und
stärket den Armen, belebenden Tropfen gleich; er richtet sich empor, es ist ihm
als wenn es ihn erst jetzt recht freute, zu sterben, er weiss, wie
unbeschreiblich süss der Hauch der Liebe durch die Seele fährt. Oh, wenn man
wüsste, was in freundlicher Liebe für eine Kraft läge, es würde nicht nur Mancher
seine aufrichtige Liebe freundlich zu machen suchen, es würden Juden, alte und
junge, sie nachahmen, der Prozente wegen.
    Sie drängten sich um Änneli, und als sie in die Kirche kamen, wollte jede
wissen, wo man den Herrn am besten verstehe, und ordneten es in eine Bank mit
Rücklehne und an die Wand, wo es öppe am bequemsten sei und hingefer u nebefer
anliegen könne, vo wege, dr Herr mach mängist wohl lang, u de werd me grusam
müed, bsungerbar im Krüz.
    Nach und nach füllte sich die Kirche an, die Glocken riefen, der
Schulmeister las, und fry herzhaft, er wollte noch über die Glocken übere, und
auf einmal verstummte alles, oben auf der Kanzel erschien der Pfarrer, blass und
angegriffen, und nachdem er sein Gebet verrichtet, verlas er leise das zu
singende Lied.
    Ernst schwollen die Töne auf, ernste Andacht liessen sie in den Herzen
zurück, und demütig beteten sie um segensreiche Empfängnis des segensreichen
Wortes. Begierig horchten sie auf das Grundwort, welches der Herr der Schrift
entnommen, und hörten folgende Worte: »Gefällt es euch nicht, dass ihr dem Herrn
dienet, so erwählet euch heute, welchem ihr dienen wollt, es sei den Göttern,
denen eure Väter gedient haben, welche jenseits des Flusses waren, oder den
Göttern der Ammoniter, in welcher Land ihr wohnet. Ich aber und mein Haus wollen
dem Herrn dienen.«
    Es war ein schwer Wort, aber Viele dünkte es doch seltsam, dass der Pfarrer
jetzt noch davon sprechen könne, dass man wählen solle, wem man dienen wolle; es
sei ja längst ausgemacht, dass sie alle Christen seien, meinten sie.
    Der Pfarrer begann mit der Bemerkung, dass er auf eines aufmerksam machen
müsse, was alle Völker, welche ihrem Untergange entgegengegangen, mehr und mehr
ausser acht gelassen hätten, was aber ganz eigentümlich im Alten Testament
bezeichnet sei und dessen Eckstein das fünfte Gebot sei: »Halt in hohen Ehren
Vater und Mutter, auf dass du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott,
geben wird.«
    Aufmerksam machen müsse er auf das Haus und dessen Bedeutung.
    »Dass unter Haus die Familienglieder, welche in einem Gebäude wohnen, zu
verstehen sind, so wie unter Kirche nicht bloss der Tempel, sondern alle, welche
sich darin versammeln, das brauche ich wohl nicht zu bemerken. Das Haus ist der
erste Tempel Gottes gewesen, der Hausvater der erste Priester, der dem Herrn das
Liebste geopfert, den einigen Sohn. Die Frömmigkeit des Hauses ist vom Herrn
belohnt, des Hauses Irrungen sind gezüchtigt worden. Lest die Geschichten von
Isaak und seiner Söhne Zwiespalt, von Jakob und seines Hauses Greuel, von Eli,
Samuel und ihren Söhnen, von David und dem Lieblingssohne Absalon, der den
grössten Jammer über den Vater gebracht: aus dem schlecht geleiteten Hause ist
den Vätern das Leid erwachsen. Als die Familie zum Volke geworden, hat man ein
gemeinsames Haus gebaut, damit man nie vergesse in allgemeinen Zusammenkünften,
dass man eigentlich nur eine Familie sei; ein jedes Haus ist der Tempel geblieben
einer jeglichen Haushaltung, das Leben des Hauses der tägliche Gottesdienst, das
Walten des Hausvaters des Priesters Amt und Verrichtung. Darum haben die Juden
nur einen Tempel gehabt, den zu Jerusalem, der das ganze Volk als eine Familie
fasste; in der Zwischenzeit war jedes Haus der heilige Ort, wo der Hausvater mit
all den Seinigen Gott diente, jeder andere Tempel, jedes Errichten eines Altars
auf Höhen oder in Wäldern war Abfall, war Götzendienst, ein Zeichen, dass sie
ihre häuslichen Tempel verliessen, nicht mehr zu heiligen wussten, sie und ihr
Haus nicht mehr dem Herrn dienen wollten. Dieses Verhältnis hat im neuen Bunde
sich nicht geändert, ist nur verklärt und ganz besonders geheiliget worden.
Unter vielen Stellen will ich nur die anführen, wo es heisst: Ihr aber seid das
auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das
eigentümliche Volk, das ihr verkünden sollt die Tugenden des, der euch berufen
hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht. So ist jeder Christ ein
Priester, sein Haus sein Tempel, seine Familie sein Altar, auf welchem er als
Weihrauch dem Herrn soll aufsteigen lassen die Tugenden des, der ihn berufen hat
aus der Finsternis in sein wunderbares Licht; unsere Kirche ist nichts als das
allgemeine grosse Haus, wo wir uns bewusst bleiben sollen, dass wenn auch die
Notwendigkeit es gebietet, in besondern Häusern zu wohnen, wir doch alle nur
eine Familie seien, und dass wenn die Umstände uns auch verschiedene Häuser
geben, Paläste den Einen, Hütten den Andern, wir darum doch nicht grösser werden
oder kleiner, sondern dass es bei jeglichem auf die Treue ankömmt und was für
einen Haushalt er mitbringt und was für eine Rechnung er davon abzulegen vermag.
Es ist also jetzt noch jedes Haus ein eigener Tempel Gottes, gleichsam eine
Zelle im Reiche Gottes, ist die Pflanzstätte des wahren Gottesdienstes und hat
die Verheissung von Gottes Huld und Gnade, denn wo Vater und Mutter verehrt
werden als Stellvertreter Gottes, sich aber auch als solche betragen, da soll
Gottes Segen wohnen, da gibt Gott Bestand dem Hause, er heiliget es zu seinem
Tempel. So soll es sein im Christentum, und da wir uns Christen nennen, so soll
es so unter uns sein.
    »Liebe Andächtige, heute haben wir einen Busstag, unseres Elendes sollen wir
uns bewusst werden, sollen jammern und klagen darüber. Wenn jeder unter euch
reden wollte, an Jammer und Klage würde es nicht fehlen, und wirkliches Elend
wäre der Klage Gegenstand. Aber wie selten einer würde des Elendes Grund und
Wurzel da suchen, wo sie ist. Es ist des Menschen Art, über alles zu klagen, nur
nicht über den eigenen Abfall, die eigene Verkehrteit. Liebe Andächtige, ich
will euch Hauptklagen anführen, die man hört, wenn man nur einige Worte mit
Menschen spricht, nur einige Augenblicke an einem Orte steht und hört, was
Andere reden. Alle Klagen, welche ich gehört, führe ich nicht an, aber die,
welche ich auslasse oder vergesse, die nehmt und macht es so, wie ich mit den
angeführten, so werdet ihr auch über diese ins Klare kommen.
    »Ihr klagt, nicht jeder über sich, nein, es klagt der Mann über das Weib,
das Weib über den Mann; der Mann klagt, das Weib sei nicht mehr des Hauses
Mutter, nicht mehr seine sichtbare Vorsehung, nicht mehr dessen Amme, von der
die gesunde Speise kömmt für Leib und Seele allen, die im Hause wohnen. Das Weib
klagt über den Mann, dass er ausser dem Hause des Hauses Mark verzehre, des Hauses
Dienst versäume, dass er ob Sammeln oder Verzehren des Geldes vergesse die
Menschen, die um ihn wohnten, das Weib, das seine Hälfte sein sollte, die
Kinder, die seine Zeugen vor Gott sein werden. Die Eltern klagen über die
Kinder, über Mangel an Treue, an Gehorsam, über den hochmütigen Sinn, der alles,
was nicht jung ist und nagelneu, verachtet, der meint, es sei mit allen Dingen,
allen Menschen wie mit schlechtem Zeuge, welches nur ganz neu schön sei und zu
gebrauchen. Ihr klagt über die Dienstboten, wie sie störrisch seien und
begehrlich, unzuverlässig und treulos, kein Gewissen hätten und nichts im Auge
als den Lohn und dass der Tag umgehe so ring als möglich. Ihr klagt über die
Armen im Allgemeinen, dass sie an die Stelle der Barmherzigkeit das Recht
gesetzt, dass sie meinen, es heisse beten und betteln, statt beten und arbeiten,
dass sie giftigen Neid im Herzen trügen, von Christus sich immer mehr entfernten,
dem Tiere sich immer mehr näherten. Ihr klagt über Lehrer und Schulen, dass die
Kinder immer weniger nutz wären, je mehr sie lernten, und doch am Ende von der
Hauptsache nichts wüssten. Ja ihr klagt über Regierung und Regenten, klagt über
ihr Tun und euere Täuschung, über ihr Nichttun und euere Zweifel, klagt so
manches, das ihr wohl wisst, hier aber nicht auszusprechen ist. So klaget ihr,
oder ists nicht so? Aber auf wen fallen die Klagen zurück? Auf euch, ihr
Hausväter, auf euch, ihr Hausmütter! Wo bilden sich die Ursachen zu diesen
Klagen? In euerm Hause, in euerm Sinn, ihr Hausväter, ihr Hausmütter! Ist euch
euer Haus noch der heilige Tempel, steht in ihm noch der heilige Altar, auf dem
ihr dem Gott, der im alten und neuen Bunde sich so herrlich geoffenbaret hat,
alles, was er begehrt, und vor allem das Liebste opfert? Oder habt ihr den
Tempel verlassen, eigene Höhen euch auserwählet, weilet dort, bauet Altäre dort
und opfert dort selbsterwählten Göttern alles, Leib und Seele, Heil und
Seligkeit, Knechte und Mägde, Söhne und Töchter, Eigentum und Vaterland, kurz
alles, was unter abgöttisch gewordene Hände kömmt?
    »Liebe Andächtige, ihr wisst, dass meine Sitte es nicht ist,
Verdammungsurteile auszusprechen, von denen ich niemand ausnehme als mich
selbst; aber wo durch die Zeit eine Krankheit geht, da bleibt selten jemand von
ihr unberührt, am wenigsten ich, es schwebt über Jeglichem der Zeitgeist, der
die Krankheit mit sich führt oder die Krankheit selbst ist, gerade wie wenn in
der äussern Luft ein Krankheitsstoff getragen wird, zum Beispiel der rote
Schaden, sehr selten jemand unberührt bleibt, sondern die Meisten davon berührt
werden, wenn auch die Krankheit nicht ausbricht, auch der Tod nicht droht, so
doch durch ein Unbehagen, das durch unsere Glieder schwebt, von dem wir nicht
wissen, woher es kömmt, und zumeist auch nicht, was es eigentlich ist. Ich bin
der Meinung, dass es eben niemand zieme, zu sagen: Ich danke dir, Gott, dass ich
nicht bin wie jener arme Zöllner! Darum werdet ihr auch nicht zürnen, wenn ich
keine Ausnahme mache, nicht rede von absonderlich braven Leuten, die keinen Fehl
hätten, von Häusern, die nichts als heilige Tempel wären; zu anmasslichen
Sektierern will ich euch nicht stempeln, und als Esra betete: Ich schäme mich,
mein Antlitz aufzuheben zu dir, denn unsere Schuld ist gross geworden bis an den
Himmel, wen nahm er da aus? Die Priester, die Regenten, die Reichen? Er nahm
niemand aus. Wen man vom allgemeinen Bekenntnis der Sündhaftigkeit, der
Sündenschuld ausschliesst, den stösst man damit aus der Gemeinschaft der
Gläubigen. Dass je reicher, je mächtiger einer sei, er auch ein desto grösserer
Sünder sein müsse, wollen wir nicht sagen, aber lebendiger soll das
Schuldbewusstsein in ihm sein, denn ihm sind zehn Pfund anvertraut und nicht nur
ein Pfund, und wie schwer es einem Kamel sein muss, durch ein Nadelöhr zu gehen,
das soll er fühlen im eigenen Gewissen. Wer sich ausnehmen will, und ich zweifle
nicht, dass es Solche gibt, es gab und gibt und wird immer Solche geben, die sich
zu den Andern nicht zählen, dazu bedarf man weder apart geboren noch apart weise
zu sein, die mögen es selber tun, aber dann Sorge tragen, dass in ihrer
Ausscheidung sie nicht sich selber richten, und zwar mit einem harten
Gerichte.
    »Alle die vorgebrachten Klagen sind richtig, aber ihr, ihr Hausväter, ihr
Hausmütter, die ihr klagt, ihr seid zumeist die Schuldigen, und aus dem
verwahrlosten Hause herauf wachsen, wie im Moraste Schwämme und Giftpflanzen,
die Dinge auf, über die ihr klaget.
    »Wenn Mann und Weib über einander klagen, was klagen sie eigentlich? Dass das
Haus nicht mehr ihr Tempel sei, dass Gott nicht mehr zwischen ihnen sei, dass
jedes dem eigenen Götzen sich zugewandt, dass eins vom Andern fordere, dass es ihm
als seinem Götzen diene, dass er auswärts opfere, was das Haus selbst bedürfe;
was klagen sie eigentlich, als es sei der Friede fort zwischen ihnen, der
Friede, der nur von Gott kömmt und der nur in seinen Tempeln wohnt! Das Eine
oder das Andere, zumeist Beide, stehen nicht als Priester am Hausaltare, warten
des heiligen Feuers nicht, das die Herzen rein glüht von irdischen Schlacken;
daher die Klagen, daher das Weh, das durch zerrissene Glieder fahrt. Ihr klagt
über die Kinder und wundert euch darüber. In der Taufe habt ihr versprochen, sie
dem Herrn zuzuführen, tut ihr es? Vater, zeigst du deinem Kinde Gott, des
zeitlichen Lebens ewige Bedeutung? Und du, Mutter, nährst du in frommem Sinne
der Kinder geistigen Hunger und Durst und öffnest ihnen die Augen, dass sie im
Sichtbaren das Unsichtbare sehen und die Quelle des Leides über jegliche Sünde,
jegliche Befleckung? Gewöhnt ihr sie, euch als Priester nicht nur, sondern als
Engel Gottes zu betrachten, die ihnen der Herr auf Erden vorausgesandt, um an
erfahrner Hand sie zu geleiten aufrechter Bahn zum ewigen Ziele? Gewöhnt ihr
sie, das Haus zu betrachten als eine Freistätte des Guten; Tut ihr das? Oder was
meint ihr, wenn die Kinder euern Abfall von Gott sehen, dem Allmächtigen, dem
Allwissenden, und euern Ungehorsam gegen ihn, sollen sie dann euch gehorchen,
euch, den Schwachen und Gebrechlichen; Und wenn ihr selbst mit der Muttermilch
sie einsaugen lasst Fleischeslust, Augenlust, Hoffart des Lebens, was wollt ihr
euch da der Früchte weigern, die aus solchem Samen entstehen?
    »Oder wollt ihr sagen, Religion zu lehren sei der Lehrer Sache, Religion
lehrt sich eben nicht wie ein Rechnungsexempel, und liesse sie sich auch lehren,
wie soll sie da gelehrt werden, wo ihr mit Wort und Tat das Gegenteil von dem
tut, was der Lehrer lehrt' Was würdet ihr von einem Acker erwarten, den man
ansäet und alsobald nach der Aussaat wilde Schweine und andere Tiere hineinlässt?
Wenn ihr von den Lehrern fordert, dass sie die Kinder zu Christen machen, so müsst
ihr erstlich Lehrer wählen, welche selbst Christen sind und nicht etwa dem
Christentum den Krieg angekündigt haben, und wenn ihr Christen zu Lehrern habt,
so müsst ihr sie weder verhöhnen noch verdächtigen noch gar ihre Arbeit und ihren
Fleiss verwünschen, oder dann suchet nicht Trauben an den Dornen; müsst nicht von
der Torheit besessen sein, nicht christliche Kinder zu begehren, sondern bloss
gute, so allgemein gute, ohne Glauben, ohne Christus, ohne Gott.
    »Man klagt über die Hausgenossen, über die Dienstboten. Aber woher die
Klagen, als weil jedes christliche Band zwischen Herren und Dienern zerschnitten
ist, das Verhältnis nur auf dem hohlen Recht beruht, wo jedes das Seine sucht
und nicht das, was des Andern ist! Woher anders, als weil zu wenig christlicher
Ernst in den Hausern ist, um die Seelen man sich nicht kümmert, sein eigen Haus
geduldig zum Schlupfwinkel der Sünde machen lässt und zufrieden ist, wenn der
Leib seine Pflicht tut. In so vielen Häusern hält man die Dienstboten nie zur
Kirche an, ja man ist froh, wenn sie nicht gehen, gibt ihnen weder Platz noch
Buch zum Lesen, lässt sie fast absichtlich verwildern. Ich will niemand schuld
geben, dass gerade er schuld an diesen Klagen sei, aber ursprünglich liegt der
Grund des Verderbens der Dienstboten nicht in ihnen selbst, sondern in den
Häusern, in den Häusern, denen sie entwuchsen, in den Häusern, in die sie
gerieten. Es trifft dieser Vorwurf arme und reiche Häuser. Es sind leider sehr
viele Arme, welche bloss noch leiblich leben, geistig aber tot sind, deren Hütten
nichts viel Besseres sind als die Höhlen, in welchen die Tiere des Waldes
wohnen. Aber auch viele arme Kinder wurden in reichen Häusern erzogen, und viele
wurden nicht besser als die Kinder in jenen Höhlen; geschieht es ja, dass man sie
in den Stall hinaus zum Vieh verstösst und Kälber es besser hätten als Kinder.
Aus diesem Grunde auch, weil des Hauses Dienst fehlt, weil die Kirche nicht mehr
das gemeinsame Vater- Familienhaus ist, das bindende Band zerrissen wird,
entsteht der Hass zwischen Reich und Arm, den die Bruderliebe nicht mehr mittelt;
der versöhnende Geist entschwindet, es verschwindet der Geist, der alles, was
der Vater gibt, als gut nimmt, der Geist, der sich freut, dem Herrn dienen zu
können, wenn auch an kleinerem Altare; hängt doch des Feuers Glanz und Grösse
nicht vom Altare ab, auf dem es brennt, sondern von der Treue und dem Eifer
dessen, der des Feuers wartet.
    »Torrecht aber auch ist das Klagen über Regenten, denn aus eurer Mitte, aus
euern Hausvätern sind sie nicht nur hervorgewachsen, sondern von euch selbst
auserkoren; haben die Hausväter den rechten Sinn, so werden sie auch die Rechten
sehen, die da wüssten, worauf es ankommt, wenn es das Heil eures Volkes giltet.
Dürftet ihr euch bekennen zu dem, der bekennt sein will, wenn auch er euch
bekennen und erkennen soll, so hättet ihr weder über Regenten noch über
Regierung zu klagen. Die Gründe eurer Klagen wachsen also aus den Häusern
heraus, und ihr wisst es nicht; ihr sehnt euch nach bessern Zeiten, nach
freundlichem Morgen, und schafft doch Finsternis, webet selbst das Böse in die
Zeit hinein.
    »Darum lege ich auch euch die Frage vor wie Josua, der auch seinen guten
Grund gehabt, doch keinen bessern als ich heute: Wem wollt ihr dienen, irgend
einem Götzen oder dem Herrn, dem ich und mein Haus dienen wollen? Ihr werdet
meinen, das sei eine müssige Frage, aber das ist sie eben nicht; ihr werdet
sagen, das verstehe sich von selbst, dass ihr Christen seiet und mit euerm Hause
dem Herrn dienet, aber das versteht sich eben nicht von selbst.
    »Ein Haus will man machen, ein Haus will man bauen, ein Haus möchte man
besitzen, aber alles das in Beziehung auf die Welt, auf den äussern Schein; man
will ein braver Mann sein, eine berühmte Frau, aber an das recht christliche
Haus, ans christliche Priestertum denkt man nicht; bedenkliche Verlegenheit
würde über so manchem Gesichte sich lagern, wenn man manchen Hausbesitzer,
manche sogenannte Hausfrau nach ihrem christlichen Priestertum fragen würde; man
heisst sich Christ und dient der Welt, man hat ein Haus, darin zieht die Welt ein
und aus, aber dem Herrn ist es nicht geweiht, man meint es nicht bös, aber was
man eigentlich will und ist, weiss man nicht, man hat eben nicht daran gedacht.
Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen, so sprach Josua, und wir, was wollen
wir?
    »Es ist, ihr mögt wollen oder nicht, das Haus der Spiegel euerer selbst,
eueres Inwendigen; ist euer Herz zerrissen oder hoffärtig oder zuchtlos, so wird
alles dieses auch euer Haus sein, wird als Zeuge und Spiegel täglich euch vor
Augen stehn. Seht, darum ists auch, warum so oft Menschen nicht daheim sein
mögen, warum es dem Manne wird im eigenen Hause, als ob er im Gefängnis wäre,
der Frau wie einem Vogel, der in eine Stube sich verirrt, dass ihnen wind und
bange wird innerhalb der eigenen Schwelle; was sie im Spiegel sehen, vor dem
grauet ihnen, des Hauses Predigt, die ohne Worte, aber wie ein zweischneidend
Schwert durch ihre Seele fährt, möchten sie nicht hören, aber wo wollen sie
hinfliehen? Das Herz, so öde und ohne Trost, aber voll Stürme Wind und Graus,
das folgt ihnen überall, dem entrinnen sie nicht, das sitzt ihnen nicht bloss auf
der Ferse, das sitzt mitten in ihnen. Und das Haus sollte doch eben sein der
süsse friedselige Zufluchtsort des Pilgerims nach vollbrachtem Tagewerk, der
freundliche Hafen, den der Schiffer sehnsuchtsvoll sucht, wenn hart des Lebens
Wellen ihn geschaukelt; im Hause findet er den Frieden, der aus der Liebe
wächst, die süsseste Frucht eines Gott ergebenen Herzens. Und lasst euch nicht
irren durch ödes Geschwätz unseliger Toren, es ist nicht der Staat, nicht die
Schule, nicht irgend etwas anderes des Lebens Fundament, sondern das Haus ist
es. Nicht die Regenten regieren das Land, nicht die Lehrer bilden das Leben,
sondern Hausväter und Hausmütter tun es; nicht das öffentliche Leben in einem
Lande ist die Hauptsache, sondern das häusliche Leben ist die Wurzel von allem,
und je nachdem die Wurzel ist, gestaltet sich das Andere. Täuschet euch nicht,
es mag zuweilen die Krone des Baumes noch grün scheinen, während schon die
Wurzel welket; aber lange bleibt die Krone nicht grün, dürre wird es bald in
ihren Ästen, und wenn ein Sturm übers Land kömmt, so wird sie einen grossen Fall
tun, die Wurzel hielt den Baum nicht mehr: so wird es dem Vaterland ergehen,
wenn man es bauen will auf öden Wüsten statt auf gottseligen Häusern.
    »Darum, so kehret, wenn ihr klaget, die Augen in euere Häuser, betrachtet
sie: sind sie Tempel Gottes, brennt darin als ewig Feuer die Liebe und die
Treue, wartet ihr als treue Priester eueres Gottes heiligen Dienst Tag und
Nacht? Seid ihr euch bewusst, dass was ihr auch seid unter den Menschen, euer
höchst Amt und Beruf eben das Priesteramt, eben das Warten von Gottes heiligem
Dienste ist im Tempel, den ihr euer nennt, im Tempel, in dem ihr mit euerer
Familie wohnt, im Tempel, wo ihr selbst die heiligen Opfer sein sollt? Und wenn
ihr und euer Haus dem Herrn fürder dienen wollt, so meine ich eben diesen
heiligen Dienst und nicht ein kühles Halten irgend eines Gebotes hie und da,
wenn es die Leute sehen oder es sonst eben nicht unbequem ist oder nicht schwer
fällt. Ich meine eben den Dienst, den auch Paulus meint, wenn er sagt: So
ermahne ich euch nun, lieben Brüder, durch das Erbarmen Gottes, dass ihr euere
Leiber darstellet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei,
welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und wollt ihr also dem Herrn dienen,
so bekennt es offen vor den Menschen und steht in all euerm Tun zu euerm Glauben
und gebt dessen Zeugnis; darf doch auch so mancher öde Wicht zu seinen toten
Götzen stehen, warum dann nicht ihr zu euerm lebendigen Gott?«
    So ungefähr redete der Pfarrer, aber ausführlicher, und namentlich den
letzten Spruch erklärte er, wie man sich heilig darzustellen hätte als ein Gott
wohlgefälliges Opfer und sein Haus zu machen habe zu einem heiligen Tempel. Und
es war grosse Stille und Andacht in der Kirche, und wohl nicht manches Herz war
darin, das dem Pfarrer nicht recht gab, und nicht manche Seele, die nicht an das
eigene Haus dachte, und manches Auge ward nass, wenn es erkannte, wie es im Hause
aussah, und weil ihm jetzt die Verständnis kam, warum ihm so übel darin war. Und
manch Anderer durchlief seines Hauses Geschichte, und klar ward es ihm, warum
der Friede desselben gestört war und sich herstellte, warum die Freudigkeit
verdunkelt war und hell wieder strahlte. Alles das in dem Masse, als auf des
Tempels Altare dunkel oder hell brannte das heilige Feuer. Und manches arme Weib
wischte im Stillen eine Träne ab, denkend, welchem Dienste der Mann fröhne, und
nahm sich vor, eine desto treuere Priesterin des Herrn zu sein, und mancher Mann
freute sich seines Weibes, dem das Haus alles war, und mancher hatte es
umgekehrt. Und manches Kind begriff besser der Eltern Zucht und gelobte
willigere Treue.
    Auch Änneli fühlte sich eigends bewegt, es säuselte in ihm wie himmlisches
Wesen, es ward ihm so wehmütig und doch so unaussprechlich wohl. Vor ihm stand
ihr Haus in freundlichem Glanze, es durfte desselben sich freuen vor Gott und
Menschen; es fühlte so recht innige Wonne, dass dort sein Eingang, sein Ausgang
sei und Christen so einig mit ihm, so freudig des gleichen Dienstes wartend, und
die Kinder so treu, anhänglich, nichts Zwieträchtiges zwischen ihnen und kein
Zweifel, dass auch sie das Haus im gleichen Glanze erhalten würden, und nicht vor
den Menschen nur, sondern auch vor Gott. Es fühlte so recht innig das Glück,
wenn Eltern mit Zuversicht sagen können: Jetzt lass deinen Diener im Frieden
fahren, und das können sie nur dann, wenn sie sicher wissen, dass ihre Kinder in
Gott gewurzelt, ihre Namen im Himmel eingeurbet sind. Änneli war nicht stolz, es
betete nicht: »Ich danke dir, Gott, dass unser Haus besser ist als andere
Häuser«, aber es freute sich herzinniglich, dass wenn Gott es abrufe, es nicht zu
erschrecken brauche, es nicht umsonst auf der Welt gewesen, es das Pfund,
welches der Herr ihm gegeben, nicht vergraben, sondern ihm mit Wucher
zurückgeben könne: ein Haus, im Herrn erbaut, drei Kinder, im Herrn erzogen, der
Welt mächtig, aber ihrer nicht die Welt, und kann eine Hausmutter Höheres,
Köstlicheres bringen vor Gott und erwartet er anderes von ihr als ein frommes
Haus und fromme Kinder?
    Wohl fiel ein Schatten in die Freude, es war der düstere Resli, der nicht
klagte, aber wenig lachte, viel schaffte, aber gerne alleine war und dann so
trübe war, wie die Mutter im Stillen oft bemerkt hatte; es war das Bangen, dass
er alleine bleiben möchte, der stumme Wunsch, die noch zu sehen, welche einst an
ihrer Stelle stehen sollte als fromme Priesterin an des Hauses heiligem Altare.
Und dieser Schatten wars, der der guten Mutter Auge trübte; aber bald glänzte
durch die Wolke hell und klar des Vertrauens goldener Stern; der Herr, der bis
hieher geholfen, der alles so wohl gemacht, sollte der nicht ferner helfen, wars
nicht getrost ihm zu überlassen, nicht mit ergebenem Herzen zu sagen: Wie du
willst, und nicht wie ich will! Und so fasste Änneli es auch, aufgerichtet und
freudig ging es heim; es war ihm, als ziehe jemand an ihm, so leicht und wohl
war es seit Jahren nicht gegangen.
    
    Diese Predigt war nicht ohne Eindruck an den Leuten vorübergegangen, hatte
Beifall gefunden wie selten eine. Da hätte der Herr recht, sagten sie, ds Hus
sei dWürze vo allem, u wenns da fehl, su chönns Korn u Heu gä, so viel es well,
es bschüss alles nüt. »Ja«, sagte ein fürwitziger Schneider, »und was mir am
besten gefallen hat, ist, dass dr Herr afe selber säge muess, dSchuel trag nüt ab
u dKing lehre nüt drin, emel nüt Guets. Wenn ih myni King nit daheime lehrti, i
dr Schuel lehrte si i Gotts Name nüt. Un wenns dr Herr afe selber seit, su muess
es sy. Aber ih hätt nit glaubt, dass er sövli witzig wurd, und o nit, dass ers
seiti, wenn ers scho gsäch. Deretwege muess ih Respekt vor ihm ha, so zu eim cha
me dr Glaube ha, dass er seit, was wahr ist; aber es sy nit di Halbe e so.«
    Was das für ein freundliches Heimkommen ist, wenn in allen der Friede Gottes
ist, wenn man nichts Störendes daheim hat, die Einen in der Stille des Hauses
Geschäfte besorgt, die Andern im Hause des Herrn neue Kraft gefunden, neues
Licht, neuen Trost, dann beiderseits sich sammeln um des Hauses Tisch, alles in
der Ordnung ist, alles zufrieden ist, die Einen auftragen, was sie daheim
bereitet, die Andern mitteilen und zerlegen, was sie in der Predigt gesammelt;
da fasst man es, was Paulus damit meint, Essen und Trinken zu Gottes Ehre, und in
solchem Essen und Trinken ist dann auch Gottes Segen.
    Es wolle hüten diesen Nachmittag, sagte Änneli, es werde öppe Keins von
ihnen daheimbleiben wollen; an einem solchen Tage solle man nichts versäumen,
man wisse nicht, wenn man wieder dazu komme. Und wenn der Pfarrer diesen
Nachmittag wieder anwende wie am Vormittag, so könne jedes sein Teilchen nehmen,
und es wäre schade, wenn eines es nicht hörte. »Es söll mir aber doch öpper Reis
heimbringen, es halb Dutzend Pfund oder was.« Sie hatten brichtet, wie dr rot
Schade so grusam regier und so bös syg, bi ds Styni Glause seien vier King krank
und dMuetter selber auch, Keis chönn am Andere mehr Rat tun und hätten von allem
nichts. »Das ist ein schrecklich Dabeisein, und die Leute können mich erbarmen,
ich kann es nicht sagen. Wenn ihr heim seid, so will ich noch hin und sehen, wie
da zu helfen ist, so kann man die Sache nicht gehen lassen, denk man doch auch,
wie es eim selber wär, sövli krank u niemere, das eim hilft, und nüt im Hus und
vielleicht kein Mensch, der ihnen zum Doktor geht.«
    »Muetter«, sagte Christeli, »schicket öppere, es geht Euch scho eis vo dene
Meitlene, oder wartet bis morgen. Das ist noch e Plätz bis zu dene Leute, und
Ihr seid schon in der Kirche gewesen.«
    »Von denen Meitlene kann ich keins schicken«, sagte die Mutter, »die sehen
nicht, was fehlt, und die Leute wissen es vielleicht selbst nicht oder können es
nicht sagen oder dürfen es nicht, und dann weisst wohl, Christeli, wie hässig es
einem macht, wenn man krank ist und nicht reden mag und man da immer gefragt
wird und Bscheid und Antwort gä söll. Da muss man es einem an den Augen absehen
ohne langs Gfrägel. Und wenn die Meitleni scho dr guet Wille hätte, so fehlte
ihnen die Erfahrung; man muss bei solchen Sachen gewesen sein, wenn man wissen
will, was nötig ist.«
    »So wartet bis morgen«, sagte er. »Aber Christeli, was denkest auch, was
meinst, wenns dir fehlte und zMittag sagte man es mir und ich antwortete: He nu
so de, mr wei öppe luege, wenn es mir sih de schickt, su will ih ihm de morn
einist neuis arichte.« »Ja, Mutter«, sagte Christeli, »das zählt sich nicht
zusammen, ich bin dein Kind.« »Öppe zählt sich das nicht zusammen, denk doch
auch, vier Kinder und nicht nur ein Kind liegen an der wüsten Krankheit, und
kann keins dem andern anders helfen als helfe pläre u gruchse.
    Und dann eine ganze Nacht so, denk, wie lang, wie schrecklich!« »Aber Ihr
könnet da doch kaum helfen«, sagte Christeli.
    »Das weisst du nicht und ich nicht, aber ich glaube, wohl. Schon das tut
ihnen wohl, wenn sie sehen, dass jemand sich ihrer annimmt, dass sie doch auch
nicht so ganz verlassen sind. Denk doch, es könnte ja vielleicht eins sterben
über Nacht, und niemand wäre da und nähmte es von den Lebendigen weg und legte
es beiseite.«
    »Aber Mutter, du wirst doch nicht über Nacht dort bleiben wollen?«
antwortete der Sohn. »Das weiss ich nicht«, sagte Änneli, »es kömmt darauf an,
wie es öppe ist; aber wenn ich zu rechter Zeit nicht heim sein sollte, so habt
nicht Kummer, denket, ich sei dort. Und möglich wärs, dass wenn ich jemand fände,
ich nach etwas schicke, was etwa mangeln sollte, gebt es ihm dann.«
    »Aber Muetter, gang mir nicht, es heisst, dr rot Schade syg ansteckend,
schicket es Meitli«, rückte Christeli endlich mit seiner eigentlichen Meinung
heraus. »Aber Christeli, Christeli, was sinnest auch, schäm dih! Welle di guete
Lüt sy und öpperem öppis schicke, wo mir nüt gspüre, wo grad ist wie nüt, u
drmit es Meitli schicke, wo nüt het as dGsundheit, u die sött es ga opfere, u
mir hätte dr Ruehm, un ihm danketi nume niemere, nei Christeli, das ist nie üse
Bruch gsi u mit selligem chumm mr nümme.«
    In den Hütten der Armen ist wohl keine Krankheit, die Cholera etwa
ausgenommen, fürchterlicher und ekelhafter als die rote Ruhr, der rote Schaden.
Wo vielleicht nur ein rechtes Bett ist und noch dazu ein schlechtes, die Übrigen
mit einzelnen Bettstücken sich behelfen müssen, selbst mit Hudeln, bald in
leeren Bettstätten, bald auf dem Ofen, vielleicht auch auf den Tischen; wo kein
Glied der Familie mehr als zwei Hemder hat, eins am Leib, eins am Zaun zum
Trocknen, kein Vorrat irgend einer Art ist, selbst das Holz für den täglichen
Gebrauch zusammengelesen werden muss; wo man einem, der zu Mittag essen wollte,
nichts gekocht fand und klagte, es sei längst zwölf vorbei, antwortete: »Du
Narr, we mir esse wei, su luege mr nit a dUhr, mir luege i Kuchischaft, wenn nüt
drin ist, su hört me koche, sygs de zwölfi oder nit«; wo es so ist, da denke man
sich das Elend bei einer Krankheit, wo Reinlichkeit, Wäsche Wechsel, Diät und
Pflege die Hauptsache sind!
    Als nachmittags die Leute heim waren aus der Predigt, machte Änneli sich
auf; niemand widerredete mehr, aber sie boten ihm alle das Geleit an, und als es
keins annehmen wollte, baten sie dringlich, es möchte an sein Alter denken und
bald heimkommen.
    So hatte es sich Änneli, welches doch schon bei vielem Elend gewesen, nicht
vorgestellt, wie es es fand, dass so alles in allem fehlen könnte, sich nicht
gedacht. Es hatte allerlei mitgebracht, also Reis, etwas Wäsche für die Kinder,
Brot und selbst in einer Flasche Nidle, weil es gehört hatte, dass sie
drangstillend (einhüllend)sei. Aber Holz fand es nicht, Butter fand es keine, an
Wäsche und Reinigungsmitteln einen schauderhaften Mangel, so dass es ihm fast
übel ward. Es waren allerdings, besonders weil es Sonntag war, auch Menschen da;
Einige hatten etwas mitgebracht, Brot, Lebkuchen, selbst Fleisch, und zwar
gesalzenes und geräuchertes, andere legten einen Batzen oder sechs Kreuzer dar
und jammerten: »Herr Jemer, wie sieht das aus, da hielte ichs wäger keine Stunde
aus, nein, das ist afe grüslig.« Andere leisteten einige Handbietung, sagten
dann, sie müssten heim, es koche sonst niemand, aber wer ihre Stelle vertrat
hier, darum kümmerten sie sich nicht. Man ging ab und zu, frug, antwortete,
urteilte dass wahrscheinlich alle stürben bis vielleicht an die Alte wenn sie es
ausstehen möchte, aber die Sache in die Hand nahm niemand, ehe Änneli kam.
    Änneli band das Stückwerk aneinander. So einer verständigen Hausfrau ist es
unmöglich, in der Unordnung zu sein, es ist ihr zum Instinkt geworden, jedes an
seinen Platz zu stellen und die vereinzelten Tätigkeiten zu einem Ganzen zu
ordnen, wo keine Kraft der andern entgegenarbeitet, sondern eine der andern vor
und in die Hände. Und das tut so eine erfahrne Hausfrau nicht dadurch, dass sie
mit vielem Reden daherbraust wie eine Windsbraut, dass sie unter die Leute fährt
und sie auseinandersprengt wie ein Wirbelwind, der über das Heu auf dem Felde
kömmt, sondern das geht fast auf die Weise, wie unser Schöpfer es macht; es
steht jedes auf seinem Platz, es weiss eigentlich nicht wie, und jedes bildet
sich ein, es hätte eigentlich den Anstoss gegeben und wenn es nicht dagewesen
wäre, so wäre es viel z'übel gegangen; was ihm, wäre kem Mönsche zSinn cho. Zum
Doktor ging jemand und im Vorbeigehen mit Aufträgen nach Liebiwyl, Holz kam
herbei für die Not, Butter, Reissuppe übers Feuer, gelüftet ward, gesäubert, und
je mehr getan ward, desto weniger ward gestürmt und geschwatze, so dass die arme
Frau sagte, es düech se, es well afa bessere, es heig ere scho viel gwohlet.
»Wenn öpper dr Vrstang het, dr Wille wär geng no öppe da; aber mit em Vrstang,
da ist me mängist übel zweg.«
    Am Abend noch kam Annelisi daher, schwer bepackt und mit dem Auftrage, die
Mutter solle heim, es wolle dableiben. Aber es konnte lange reden, die Mutter
wollte nicht. Wenn so eine rührige Frau einmal daran ist, etwas in Gang zu
bringen, Hand an ein Werk gelegt hat, die Hand kann sie nicht davon abbringen;
sie kriegt eine Art Fieber, kömmt in Jast, den man nicht stellen kann. Zu dem
kam noch Zweites. Wer arme Kinder mit Leiden und Tod ringen gesehen, der weiss,
dass in ihrem Anblick zumeist etwas unendlich Rührsames liegt. Zumeist ist so
armen Kindern von Jugend auf eingeprägt, dass sie eine Last sind, dass Vater und
Mutter um ihretwillen so schwer ringen müssen mit dem Leben. Wenn man es ihnen
auch nicht deutlich sagte, so sehen sie es doch. Wenn sie ganz klein sind, so
kräzt sie die Mutter, nimmt sie der Vater; so wie sie aber ab deren Armen
kommen, so entfremden sie sich auch mehr oder weniger den Herzen, es sei dann
ein bsungerbar hübsches u gwirbiges Kind, das sich festzuketten weiss an dem
einen oder dem andern Herzen. Es ist aber eigentlich weder Hübschi noch
Gwirbigi, es ist Flattierigi der Haken, mit dem es sich ins Herz gehängt. Wie
schon tausendmal gesagt worden, es ist jedes Herz, ich möchte fast sagen das
wüsteste, liebedurstig; versteht es nun ein Mensch, und Kindern ist es besonders
gegeben (denn sie sind liebevoll, ehe die Liebe in der kalten Welt zu Eis
erstarrt, zur Selbstliebe sich verknöchert und zusammengezogen hat), das
Brünnlein der Liebe in ein Herz zu reisen, so wird dieses den süssen Trank
begierig in sich saugen und das Kind freudig gewähren lassen. Das sind aber eben
nur Ausnahmen zumeist und trifft meist die jüngsten Kinder, die noch nicht in
der Welt erkaltet, verknöchert sind. Die andern müssen sich selbst behelfen:
entbehren, man kann ihnen nicht gewähren, leiden, man hat nicht Zeit, sich zu
achten, tragen, man hat nicht Zeit, sich mit ihnen zu plagen. Es ist eine harte
Schule für weiche Herzen, und wie viele werden wohl da zerdrückt, und doch liegt
in dieser natürlichen Schule eine Art Barmherzigkeit; es ist eine Schule fürs
harte Leben, wie man Baumstecken härtet im Feuer, leider aber oft sie verbrennt
dabei, damit sie nicht faulen in Wasser, Schnee und Erde. Es soll sich dabei
Ergebung bilden, eine Gewohnheit, zu dulden und zu tragen, ohne zu klagen, und
diese eben sieht man so oft bei armen kranken Kindern. Sie schreien nicht, sie
weinen nicht; in glühender Hitze, im ärgsten Fieberfrost liegen sie auf dem
jämmerlichsten Lager, ihre Lippen sind braun im Brand; auf dem Ofen ist ein
zerbrochen Geschirr mit etwas Nassem, aber niemand hat Zeit, es ihnen zu
reichen, sie schweigen, leiden, ihre Augen richten sich wohl dem Geschirr auf
dem Ofen zu, aber sie warten, bis die Mutter im Vorübergehen es merkt und frägt:
»Wotsch öppe trinke?« Wenn man dagegen reiche Kinder sieht in ihrer
Begehrlichkeit, in ihrer Unfähigkeit, den Schmerz zu ertragen, wie sie schreien,
wenn sie beinahe sich gehauen, und wie ihrer Sieben um sie springen müssen, wenn
sie sich wirklich gehauen, und sie doch nicht gschweigen können, so ist es
wirklich zum Erbarmen. Man fängt dann wohl an zu werweisen, wer glücklicher sei
fürs Leben, das reiche oder das arme Kind, fängt an, immer stärker darüber zu
sinnen, warum es so schwer sei und namentlich den Eltern, die rechte Mitte zu
treffen für das Leben, so schwer sei, das Herz zu härten für das Leben, es weich
zu erhalten für das Lieben.
    Durch die harte Schule waren auch die kranken Kinder gegangen, sie lagen
ergeben, stumm, stumpf, würden Solche sagen, die das nicht verstünden, in ihren
Hüdelchen; was sie dachten, was sie empfanden, ob sie an das Leiden dachten oder
an den Tod, von dem so viel geredet ward, oder an Genesung? Sie gaben kein
Zeichen von sich. Aber als die alte, schöne, freundliche Frau sich ihrer annahm,
sie säuberte, reine Hemder ihnen anzog, ihnen hülfreich beistand, sie tröstete,
ihnen zu trinken gab, weiche, warme Sachen, da war es fast, als ob sie
aufwachten, als ob sie wieder reden möchten, und das Kleinste, ein blasses, aber
lieblich Mädchen mit krausen, blonden Härchen um den Kopf, fragte: »Bist du öppe
my Gotte?« »Ja, King«, sagte Änneli, »dy Gotte will ih sy.« »Gäll, du gehst
nicht von uns, du bleibst jetzt bei uns, bis es für ist u Müetti wieder ufma«,
sagte es. »Ja, du guts Kind, ich verlasse euch nicht«, hatte Änneli gesagt, und
jetzt konnte es wirklich nicht fort. Die Kinder, und besonders das blasse,
blonde, hatten es gefesselt, es war ihm, als ob es ihre Grossmutter wäre und als
ob Gott, wenn es sie verliesse, sie aus seiner Hand fordern würde. Dieses sagte
Änneli Annelisi freilich nicht, sondern anderes; aber es ist ja so häufig so,
dass wir viel sagen, aber gerade das nicht, warum wir etwas gesagt, warum wir das
wollen und nicht was anderes. Von wegen, was wir nicht wissen, können wir nicht
sagen, und wie oft geschieht es uns nicht, dass wir etwas wollen, wir wissen
nicht warum, der Entschluss steigt uns auf als wie ein Gespenst aus dunkelm
Schlunde, und erst wenn es so da vor uns steht, suchen wir nach Gründen, sein
Dasein zu rechtfertigen.
    Eine rechte Reisbrühe zu kochen für diesen Fall wüsste niemand, sagte Änneli,
man koche das Ding gewöhnlich ein wenig, aber den Reis verkoche man nicht; wenn
man anrichte, so sei das lautere Wasser obenauf und der Reis hocke ganz am
Boden, und dHauptsach bei einer solchen Brühe sei, dass sie schleimicht sei,
anhänke in den Därmen, wie der Doktor gesagt habe; eine solche Brühe wolle es
selbst kochen. Dann müssten die Kinder Dokterrustig nehmen; die Frau sage zwar,
man könnte innen nichts beibringen, sie nähmten nichts. Das müsse nun sein, und
wenn sie jemand etwas abnähmen, so nähmten sie es von ihm, sie seien jetzt an
ihns gewöhnt, und es wolle das einmal probieren. Es gehe ihm schier leichter,
jetzt hier zu bleiben, als heimzulaufen. Am Morgen könnten sie ihm dann Ross und
Wägeli schicken, und wenn jemand kommen wolle, ihns abzulösen, so sei es ihm
recht, daneben, wenn einmal die Sach im Gang sei, so werden sich wohl Leute aus
der Nächsemi zeigen. Aber vergessen solle man nicht, noch Haberkernen zu bringen
und von denen Bettdecken eine, wo im Spycher hingen.
    Gäb was es sich sträubte, Annelisi musste gehen, und gäb was die arme Frau
dagegen einwandte, Änneli blieb als Wärterin. Sie dürfte das nicht annehmen,
sagte die Frau, sie wüsste nicht, wie es vergelten. Öppe so bei einer Kindbetti,
da wollte sie nichts sagen, da sei es der Brauch, da hätte öppe eine Frau die
andere nötig, und sie sei manchmal froh darüber gewesen, aber bei einer solchen
Krankheit hätts afe ke Gattig. Wenn man das Trinken auf den Ofen stellen wollte,
so wollte sie sehen, wie sie es mache. Sie weinte, als Änneli auf seinem Willen
bestand, und meinte, sie hätte nicht geglaubt, dass so eine gute Frau auf der
Welt noch lebe, und noch so eine vornehme und wo selligs nit nötig hätt auf der
Welt und nit für e Himmel, weil sie sonst schon darein käme und ihn für gwüss
hätt. Aber wie ihr das Erwarmen wohltäte, weil sie nicht immer auf sein müsse,
sie könne es nicht sagen.
    Endlich kam Zeug und das Versprechen, der Doktor werde morgen früh da sein;
man solle alle Stunden von der Rustig geben und Brühe z'trinke, so streng man
möge. Vielleicht, dass dann noch müsse kristiert sein. »E aber nein«, sagte die
Frau, »sövli Hung wird er doch nicht gegen uns sein wollen, sövli, dass wir schon
aufmüssen, wird er uns doch nicht noch mehr kujinieren wollen!« »Habe nicht
Kummer, Frau, nimm jetzt und schlaf dann ein wenig. Lue, aufs Doktern verstehen
ich und du uns nicht, und manchmal ist, was unser Gattig Lüt ds Dümmste dunkt,
ds Witzigist«, sagte Änneli. Darauf machte es sich an die Kinder, die sonst
keinen Zeug einnehmen wollten. Schmeichelnd fing es beim Jüngsten an, versprach
gute Brühe, und das Kind nahm und sagte, das sei fry guet, es hätte nicht
geglaubt, dass Dokterzüg so gut sei. »Hast du noch nie gehabt?« fragte Änneli.
»Nein, aber man hat mir oft gesagt, ih söll folge un is Bett, sust werd ih krank
u de gäb me mr Dokterzüg, u das steich vom Tüfel u dräyh eim ganz zringsetum und
syg yznäh öppis schröckligs.« »Jä so«, sagte Änneli. Auch die andern Kinder
nahmen ein, teils weil das Jüngste es genommen hatte, teils weil sie der
freundlichen fremden Frau es nicht recht weigern durften.
    Die Nacht war eingebrochen, die Mutter schlief; Änneli das beständig
beschäftigt war, bald mit den Kindern, bald mit Kochen und andern Dingen noch,
wollte Licht machen, fand die Lampe, aber kein Öl dazu, gäb wie es suchte an
allen Orten, wo man sonst das Öl zu haben pflegt; leise fragte es eins der
Kinder darnach. »Wir haben schon gestern keins mehr gehabt«, antwortete das
Kind. Glücklicherweise war es Mondschein und sehr helle, indessen unbequem war
es jedenfalls. Wenn Änneli zuweilen absitzen konnte, so musste es immer und immer
wieder denken: Kein Öl und vier krankne Kinder! Unsereim weiss doch wahrhaftig
nicht, wie es solche Leute haben, wir haben es viel zu gut. Wie wäre mir doch,
wenn was mangelte, gäb wie leicht, in meiner Haushaltung, und nur eine Nacht
lang, es legte mich schlaflos, und wenns nur kein Kaffee wäre oder kein Mehl und
ich wüsste, den andern Tag könnte ich deren wieder haben, so viel ich wollte. Und
hier nichts, kein Geld, kein Brot, von allem nichts, und alle krank! Nüt ha u
nit wüsse wo nah, nein, das stünde ich nicht aus! Und doch würde ich müssen,
dachte es, wenn unser Herrgott es wollte, aber ich weiss nicht, wie mir wäre. Und
doch müsste ich es ertragen, wenn Gott es wollte! Oh, wenn man geben kann man
weiss nicht, wie es einem anders ist, als wenn man nehmen muss. Und wenn ich meine
Kinder auch so hätte müssen liegen sehen in schlechten Hüdlene, so matt und
mager, nichts als die Haut über die Beinchen, Herr Jemer, wenn ich eins von
ihnen noch so sehen müsste, nein wäger, das ertrüge ich nicht! Und wenn mir Gott
die Wahl liesse zwischen dem Reichtum und den Kindern, entweder sie so sehen ohne
alle Sachen, in schlechtem Bett, oder sie gar nicht zu haben: was lieber?
    Ach Gott, ach Gott, dachte Änneli, wie gut ist doch der da oben, dass er
einen nicht in Versuchung führt, solche Fragen nicht tut, es macht, wie ers am
besten findet! Aber wenn ich denken müsste, ich müsste alles, alles geben und
hätte nichts mehr für meine Kinder, und sie lägen so da und ich könnte nicht
einmal für sie betteln, es würde mir das Herz zerreissen, und doch gäbte ich sie
nicht. Was hülfs mir, reich zu sein, wenn ich keine Kinder mehr hätte, da müsste
ich mich ja zu Tode weinen und könnte nichts mehr sagen als: Hätt ih se doch no,
hätt ih se no!
    Wie doch das ein hübsches Kind ist, musste es denken, als es das kleine
Mädchen aufheben musste und der Mond auf dessen Gesichtchen sich spiegelte, durch
die Locken schimmerte, golden sie säumte. O du armes Kind, was wird aus dir
werden, wie bös wirst du es einst haben und wie reich wäre manche Frau, wenn sie
dich hätte! Da lägest du in einem andern Bettchen, und wer weiss, was du für
Aufwart hättest! Gott hat es so gemacht, er wird wissen warum. Aber unsereim
begreift es nicht. Ach, man begreift so manches nicht! Warum der armen Frau
nicht mehr geben, mit Minderem könnten wir es ja auch machen und müssten doch
lange nicht so wohnen und hätten noch lange Geld für Öl! Aber so hat ers
gemacht, es wird gut sein so und muss gut sein, dHauptsach ist, dass man sich
nicht versündige, sei man reich oder sei man arm, die Reichen nicht an den
Armen, die Armen nicht an den Reichen. Nein wäger, versündigen will ich mich
nicht! Wenn Christen das sehen würde! Doch Christen ist gut und bsungerbar in
der letzten Zeit, aber wenn er das Elend sehen könnte und die Kinder, er würde
mir noch manches verzeihen und begreifen, wies mir ist, wenn mir jemand was
bettelt. Ih muess gä, i Gottsname. Was weiss man, wie die Leute zweg sind, denke
man doch an dieses Elend! Christen braucht das nicht zu sehen, er hat ein gutes
Herz, aber Andere sollten es sehen, es gibt deren, die bodenbös sind, und wenn
sie einen armen Menschen ausdrücken, das Blut ihm aussaugen könnten, sie sparten
es nicht, die wüeste Hüng, Gott vrzieh mr my Süng. Aber eine jede Frau und ein
jeder Mann sollte wissen, wie es einem gehen kann in der Welt, und sollte sehen,
was Elend ist. Es klagt so Mancher, ist nie zufrieden und weiss nicht, was bös ha
ist, sinnet nit, wie gut ers hat, und versündiget sich schröcklig mit Neid und
Klage. Oh, wenn man gsund in ein warm Bett schlüpft und dKindli alli deckt sind
und öppe ihr Sächli haben, wie sollte man da glücklich sein und Gott loben und
preisen.
    So sinnete Änneli in selber Nacht, und keinen Preis der Welt hätte es
genommen, dass es diese Nacht nicht erlebt hätte. Wenn so ein Tag fürgang wie der
andere und man nicht aus seinem Hause komme und immer das Gleiche sehe, so wisse
man nicht, was das Leben sei, und die Gedanken würden so kurz, dass sie an nichts
dächten als an sich und die eigenen Sachen, und dass man nicht begreife wie es
anderwärts anders gehe als um ein herum, und es einem auch anders gehen könnte.
Denn das Unglück, welches hier sei, könnte ja so leicht auch zu ihnen kommen ein
oder zwei lange Schritte, so wäre es bei ihnen, und wie sie das angreifen müsste,
wenn es so ungsinnet daherkäme, dachte es bei sich, und wie eben deswegen so
viele Leute hart und gleichgültig werden, weil sie nicht sehen, wie es Andere
hätten, und so verzagt und fast gottlos im Unglück, weil sie den Wechsel
vergessen hätten und wie über Nacht der Herr die Prüfung senden könne, und nicht
nur in eine Bettlerhütte, sondern ins vornehmste Herren- oder Bauernhaus.
    So verging Änneli rasch die Nacht, an ihm war sie gesegnet, aber auch an den
Kranken, und friedlichen Schlaf und freundliche Gesichter sah der Morgenstern,
als er durch die Fenster blickte.
    Mit dem Morgen kamen andere Leute, kam Christen selbst daher mit finsterem
Gesichte, aber dem Nötigen. Änneli kannte das Gesicht, Christen musste das Ross
anbinden, musste ins Stübchen kommen, musste das Elend und die Not ansehen, musste
die Kinder sehen, wie sie so erbärmlich aussahen. Aber Christen machte deswegen
kein freundlicher Gesicht, es düechte ihn, das hätte alles so sein können, ohne
dass deretwegen seine Frau eine Nacht hier zu sein gebraucht, deretwegen sei die
Sache doch so, wie sie sei. »Komm du jetzt«, sprach er. »Willst du fort?«,
sprach das kleine Mädchen, »nein, Gotte, bleib, du hast es ja vrsproche«, und
hing sich an Ännelis Hals und liess sich fast nicht begütigen mit allerlei
Versprechen, und die andern Kinder, wenn sie auch nicht viel sagten, so sah man
doch, wie hart es ihnen ging, dass die gute Frau, die so viel Erbarmen und
freundliche Worte hatte, fortwollte. Die Mutter aber weinte und konnte wenig
sagen, als dass der Vater im Himmel es ihr vergelten möchte; e selligi Frau gebe
es nicht mehr auf der Welt, und in Zeit und Ewigkeit wolle sie diese Nacht nie
vergessen, es sei gerade gewesen, als ob ein Engel dawäre und ihnen wachete.
    Als Christen das hörte, zogen sich die Wolken fort von seinem Gesichte, er
begriff erst, was Änneli getan; sein Herz ward weich, das Erbarmen kam, er ward
freundlich, sagte, wenn schon die Frau heimkomme, deswegen sollten sie nicht
vergessen sein, aber sie alte afe und mög nümme alles erlyde. Sie sollten nicht
Kummer haben, es werde schon bessere, und wenn sie wieder gesund wären, so sölle
si de öppe cho, mi well de luege, was me tue chönn. Das war von Christen viel,
der sonst derlei Dinge seiner Frau überliess, und was ihm die Frau auf dem
Heimwege erzählte, rührte ihn noch mehr. Man wisse nicht, wie man es hätte,
sagte er, aber vrwundere tue es ihn, dass sövli Not da zmitts unter ihnen sein
könne. Öppe am wüsteste sei man doch hier gegen die armen Leute nicht, und doch
könne es solche Falle geben. Aber man sinn nit dra, öppe selber z'luege, u will
so Viel zum Hus chöme, su mein me, wer öppis mangli, der lauf selber nache.
    Es war ein kühler Herbstmorgen, als sie heimfuhren, ein scharfer Nordwind
strich ihnen entgegen; es fröstelte Änneli, als sie heimkamen, es hatte warm
gehabt und sich nicht wärmer angezogen, als es aufs Wägeli sass. Daran hatte
niemand gedacht, und weit war übrigens der Weg nicht. Seit gestern hatte es
nichts genossen, den Kindern mochte es die Brühe nicht wegtrinken, und anderes
hatte es nichts. Wenn man so leer im Leibe sei, so friere man doch afe, sagte
es, es hätte es nicht geglaubt. Annelisi werde aber schon an ein Kaffee gesinnet
haben, und es müsse sagen, so hätte es nie nach demselben blanget als jetzt.
    So war es auch, das Kaffee war zweg, und Änneli lebte wohl daran, aber bei
jedem Schluck musste es sagen: »O Kinder, wir wissen nicht, wie gut wirs haben
und wies hergege arm Lüt hei; warms Esse, es warms Bett, u we mr öppis mangle,
su cheu mrs ga näh im Keller oder im Spycher, oh, mi weiss nit, was das ist u was
me het!«
    Die Kinder waren an der Mutter, dass sie gang ga ligge, um wieder recht zu
ihr selbst zu kommen, mit grosser Muhe brachten sie es dahin. Änneli war so voll
des Gesehenen, dass es lieber den Kindern den ganzen Morgen brichtet hätte.
»Schlaf du jetzt, Mutter« , musste Annelisi mehr als ein Halbdutzendmal sagen,
ehe sie es entliess; »los no das, u denk doch!« hielten es immer aufs neue fest.
Und lange wollte der Schlaf nicht kommen, und als er kam, war er unruhig und
bewegt. Annelisi hatte die Türe nur zugezogen, um zu hören, wenn die Mutter was
begehre. Es hörte sie reden, sah hin und fand sie schlafend. »Komm doch« , rief
es Resli. »Komm hör, wie dMuetter redt, und schlaft doch, soll se ächt wecke?«
»Ich liesse sie schlafen«, sagte Resli, »sie hät gar es lings Herz, die Lüt hei
se grusam erbarmet, un das chunt ere jetz für. Ih glaub, es syg nüt angers, aber
gang nit dadänne u gib wohl acht.«
    Änneli erwachte mit Kopfweh, sagte aber nichts; es war recht unwohl, wollte
aber nicht den Namen haben, wie die Andern auch fragten. Änneli fürchtete, die
Andern möchten sagen: »Jä lue, Muetter, warum gehst und machst solche Dinge,
haben wir es dir nicht gesagt, du magst wäger so etwas nicht erleiden.«
    Diese Furcht ist ein Ding, das oft zu finden ist und viel Unheil stiftet,
denn sie ist Ursache mancher Verheimlichung, die einen übeln Ausgang nimmt.
Manchmal liegt diese Furcht im Bewusstsein einer Schuld, man war gewarnt worden,
man tat es dennoch; manchmal entsteht sie durch allzu grosse Ängstlichkeit oder
Zärtlichkeit anderer Personen, die sich gleich grusam gebärden, aus der Haut
fahren und einen Güterwagen in die Apoteke schicken, um Medizin zu holen. Dann
gibt es aber auch Leute, welche den Gugger im Leib haben, Predigten anzubringen;
die lassen sich, wie bekannt, an Sündern am bequemsten applizieren. Erwachsenen
Personen kann man nun so mit Anstand doch nicht jede Kleinigkeit vorhalten, die
Anlässe zum Predigen fänden sich selten, wenn sie nicht glücklicherweise
zuweilen unwohl würden. Merkt man nun so etwas an ihnen oder klagen sie gar, so
ist dies die prächtigste Gelegenheit, die bekannten Sprüchlein anzubringen: »Han
drs nit scho mängist gseit, lue, jetz hesch es, du wotsch mr geng nüt glaube,
aber mira, ih cha schwyge, ih will nüt meh säge, du wirst es welle zwänge, he nu
so de, i Gotts Name, wenns ha witt, su häbs, aber nume gib de mih nit dSchuld.«
Es gibt Leute, denen man so aufwarten muss, aber wie gesagt, es gibt Leute, die
allen so aufwarten und die, wenn man ihnen alles mit der grössten Sorgfalt
verheimlicht, dass sie gar keine Predigt anbringen können, an einem schönen
Morgen so anfangen: »Hör, ich muss dir einmal was sagen, wird nit scho
ungeduldig, es ist dy Sach und ih chönnt eigetlich schwyge, wenns mr nit um dih
wär. Du darfst das gewiss nicht mehr so gehen lassen, du musst abführen oder sonst
etwas machen.« »Aber es fehlt mir ja nichts«, ergeht die Antwort. »Eben das
ists, was mir Kummer macht. Es fehlt dir sonst von Zeit zu Zeit etwas und jetzt
so lang nichts mehr. Das ist nicht gut, du hest nit Sorg gnue, u lue, ih säge dr
jetz zur rechte Zyt, lue wasd machst, gwüss gits öppis Bös drus, was, chan ih dr
nit säge, ih bi kei Dokter, aber öppis gits. Und drum tue drzue, ds Marei geiht
dStadt ab, es chönnt dir doch die Laxierig la rüste, wo dr geng so wohl ta het.«
    Solche Gäuggle waren freilich Ännelis Leute nicht, aber hätten doch
vielleicht nicht gedacht, dass man geschehenen Dingen z'best reden solle, hätten
gesagt: »Mutter, warum meinst auch, du seist noch zwanzigjährig. Mutter, warum
glaubst niemere nüt und vertrauist üs nüt a!« Änneli verbarg daher, dass zum
Kopfweh, zur Mattigkeit noch Bauchweh kam, ein Durchfall begann; so geheim als
möglich machte es sich Tee, und da es ihn nur trank, wenn es niemand sah, so kam
es selten genug dazu. Endlich merkten es aber Annelisi und Christen. »Los,
Muetter, es fehlt dir; wo hets, sägs doch, du bist nit zweg.« Es sei nichts
anders, sagte Änneli, es hätte nur ein wenig dr Dürlauf, das werd scho bessere,
es hätte Kamillentee angerichtet. »Hör, auf der Stelle muss man zum Doktor
schicken, das kann man nicht so gehen lassen, wer weiss, was es geben könnte«,
sagte Christen. »Das wäre sich wohl dr wert«, sagte Änneli, »so wege eme bitzli
Dürlauf zum Dokter z'schicke, er wurd is schön uslache. Man kann noch Brühe
kochen, und wenn es dann nicht bessert, so kann man immer noch luegen.« »Ja, mit
em Luege ist scho mänge Mönsch gstorbe«, antwortete Christen. »He«, sagte
Änneli, »emel bis morn wird es nit alles zwänge, und wenns de nit besseret, su
cha me schicke. Es sollte ohnehin jemand in die Öle und bifehle, dass man uns
doch unsern Lewat öle; wir haben fast kein Öl mehr, und ich habe keine Ruhe, bis
wir wieder haben, ich weiss jetzt, wie es einem ist, wenn man kein Öl im Hause
hat.«
    Am folgenden Morgen aber war es Änneli nicht besser, sondern viel schlimmer;
es war sehr matt, und sein Übel hatte nicht abgenommen. Früh lief jemand zum
Doktor ab, mit dem strengen Befehl, sich nicht zu säumen auf dem Wege. Der Bote
kam wieder mit dem Bescheid, die Mutter müsse grusam Sorge tragen, mit dem
Dürlauf sei nit z'gspasse, dr rot Schade regier, und bös. Nachmittag komme er da
durch (der Doktor nämlich) und wolle dann zuechecho.
    Als diese Nachricht kam, war es, als ob der Blitz eingeschlagen hätte ins
Haus, da war kein Gesicht, welches nicht bleich ward, keine Hand, die nicht
zitterte, daran hatte man nicht gedacht; dass die Mutter den roten Schaden
bekommen könnte, war ihnen nicht eingefallen, selbst Christeli, der vor der
Ansteckung gewarnt hatte, sinnete nicht mehr an so etwas, da die Mutter ihn
nicht gleich mit sich brachte wie irgend ein Ungeziefer, das man auf der Strasse
aufgelesen. »Herr Jesis, Herr Jesis, dMuetter dr rot Schade«, jammerte alles bis
auf den Güterbub hinunter, den man hinter dem Hause weinend antraf und der
jammerte: Wenn die ihm stürbe, so hätte er niemere meh uf dr Welt, und aufs
Gutjahr hätte sie ihm eine neue Kleidung versproche, wenn er sich gut stelle,
und ihm sie gewiss auch gegeben. Christen war ganz geschlagen, hatte fast den
Sinn verloren; wenn er zur Türe aus wollte, so fand er die Falle nicht, musste
lange sie suchen. Man wusste eigentlich nicht, warum man so erschrak, noch schien
keine Gefahr da, der Doktor hatte nur vor ihr gewarnt. Aber die Mutter war nie
krank gewesen, nie dahinten geblieben, man sah sie an als des Hauses Vorsehung,
von der alles ausging, und dass die auch zurückbleiben, vielleicht gar sterben
könnte, das kam allen erst jetzt in Sinn und schlug daher alle, als ob ein Blitz
durchs Haus gefahren wäre. Dem Annelisi, das der Mutter den Zeug geben sollte,
liefen die Tränen stromsweise die Backen ab, und die Hand bebte ihm so gewaltig,
dass es weder den Löffel halten noch mit dem Gütterli den Löffel treffen konnte.
Resli musste ihm helfen. Änneli blieb gelassen, tröstete, sagte, sie sollten doch
nicht so machen wegen öppis, das noch nicht da sei, und wenn es ihn bekomme, so
sei es noch nicht gesagt, dass es daran sterben werde, und wenn es stürbe, so
hätte es ja einmal sein müssen, und gäb e chly früher, e chly später, darauf
komme es ja nicht an, sie hätten Ursache, Gott zu danken, dass er sie so lange
beieinander gelassen. Vor zwanzig Jahren, da wohl, da wäre es ihnen übel
gegangen, aber jetzt seis ja gleich, jetzt könnten sie es machen ohne ihns.
    Als nachmittag der Doktor kam, war auch der rote Schaden da. Was das für ein
Jammer war! Der Doktor machte erst ein bedenklich Gesicht und sagte: »Richtig,
da hei mr ne, wien ih gseit ha.« Als er aber die Gesichter der Andern sah, da
tröstete er auch und sagte, so sollten sie nicht tun, sie machten der Mutter nur
Angst. Was er machen könne, das wolle er machen, und sövli eine gute Frau werd
öppe üse Herrgott nit welle la sterbe, es ginge den armen Leuten und allensammen
viel z'übel. Sie kamen ihm noch alle nach bis weit vor das Haus hinaus, um zu
fragen, was er meine, und ihn zu bitten, er solle doch anwenden und alles
machen, was zu machen sei, und bifehle, was sie tun sollten, je mehr je lieber.
Und als sie wieder hineinkamen, sass eins hier ab, das Andere dort, stützte den
Kopf und barg die Augen hinter die Hand, schlich dann hin und sah, was die
Mutter mache. Es wollte alles wachen, wollte dabei sein, wollte helfen heilen,
und am Morgen stand selbst der Melker früher auf als sonst, weil er nicht mehr
schlafen konnte und die Angst um die Mutter ihn auftrieb, zu vernehmen, wie es
durch die Nacht gegangen. Von wegen, wenn es einem Dienstboten fehlte, so hatte
er sich auch der Mutter zu trösten; sie schlief um seinetwillen manchmal nicht
und stand ungsinnet an seinem Bette mit einem Kacheli. Und wenn er schon brummte
innerlich über den Trank, so tat ihm doch die Sorge wohl und das Bewusstsein, dass
er nicht vergessen sei, wenn er schon nur ein Knecht sei.
    Der Anfall war sehr stark für eine ältere Frau, und der Doktor machte sehr
bedenkliche Gesichter, befahl grossen Fleiss und hatte selbst auch grossen. Das
müsse einander helfen, sagte er. Am Morgen früh war er schon da und abends kam
er meist wieder, und noch grössern Fleiss hatte die ganze Familie, sie kam nicht
aus den Kleidern; wenn schon nicht alle in der Stube waren, es zog doch Keines
seine Kleider aus, und wenn eins schon schlief, die Unruhe weckte es doch bald
wieder, um vor der Mutter Türe zu horchen, was drinnen vorgehe, oder in die
äussere Stube, wo Botschaft zu vernehmen war, wenn jemand aus dem Stübli kam.
    Der Doktor hatte verboten, dass man nicht alles in die Stube lasse, weil das
der Kranken nur Angst mache, und namentlich bei dieser Krankheit, wo man immer
aufmüsse und die Leute dabei einem hinderlich seien. Damit hatten sie grosse Not.
Sobald es bekannt wurde, die Bäurin sei krank, so kamen die Leute weiterum her
und wollten sie besuchen. Die Stube wäre nie leer geworden, eins hätte gesagt:
»Herr Jesis, wie sieht die aus, die erlebt den Morgen nicht«; jemand anders
hätte gesagt: »Nein aber, wie hat die gleidet, aber es ist schon mancher Mensch
wieder zweg gekommen und ist doch noch viel schröcklicher zweg gewesen«. Ein
Schauerfall hätte den andern gejagt, und dazu hätten sie brav pläret, arme
Weiber hätten gejammert, und wenn eins Abschied genommen, so hätte es gesagt:
»He nu so de, umegseh wirde ih dih nümme, aber bete will ih, dass dr öppe Gott
dyner Sünde vrgeb«, und ein Anderes hätte gesagt: »Ih muess hei, su leb de wohl,
u we mr enangere hie öppe nümme gseh sötte, su wei mr hoffe, dass mr dert öppe
wieder zsäme chöme.« Sie hatten grosse Not, die Menge abzuhalten; es meinte jedes
das Recht zu haben, hineinzugehen, und Leute sind, die halten es für eine
eigentliche Sünde, wenn man nicht alles zum Kranken lässt, oder meinen, er liege
in grossen Sündenängsten und rede Sachen, die niemand hören solle; eine
Krankenstube, meinen sie, solle öffentlich sein wie die heutigen Kammern oder
Grossratssitzungen. Wir verhehlen es nicht, dass manchmal sicher mehr Erhebung und
Erbauung zu finden wäre in einer Krankenstube als in einem Grossrats, oder
Tagsatzungssaal. Indessen kömmt es hier auf das Heil der Kranken an, und wenn
man Säle als Krankenstuben betrachten wollte, so wäre es den Patienten darin zu
ihrer Genesung vorteilhafter, sie wären geschlossen, von wegen, es macht der
Kranke sich gerne vor den Leuten forsch und sollte eigentlich auf den Nachtstuhl
oder der grössten Ruhe sich befleissen und fleissig einnehmen und abführen.
    Mit lieblichem Wesen und Essen und Trinken däselete man die Leute ab und
schützte den Doktor vor. Das begriffen Wenige. Die Einen meinten, die Bäurin
werde gewiss schon gestorben sein und z'grüslig aussehen, als dass sie sie dürften
sehen lassen; Andere sagten, sie seien zu vornehm, öppe sonst an allen andern
Orten hätte man sie hineingelassen, und die Dritten flüsterten endlich, die
Bäurin möchte gerne was offenieren und ihre Leute begehrten lieber, dass es nicht
gehört würde und vor die Leute käme, vielleicht, dass sie auch diesem oder jenem
was geben möchte, sie sei notti eine gute Frau gewesen, aber die Kinder möchten
es ihnen nicht gönnen. So redeten die Leute auf ihre gewohnte Weise, in der sie
nie denken, was sie reden, so dass man von den Meisten hoffen muss, der Grund sei
besser als der Mund.
    Änneli aber redete nichts von Sterben, und das machte den Seinen gute
Hoffnung; sie dachten, es müsse selber am besten wissen, wie es ihm sei, und
wenn es neuis gspürte, so würde es es sagen; sie hofften wieder, da der Tod
nicht einsmal kam.
    Und eines Morgens schien der rote Schaden aufgehört zu haben, da hatten sie
grosse Freude, und dass es nach sövli Leiden schwachs sei, düechte sie nichts
anders. Es strengte selbst sie an, auf den Acker zu gehen, allesamt, Resli könne
bei ihm bleiben. Er hätte die ganze Nacht gewachet, da könne er vielleicht ein
wenig schlafen. Wenn es etwas geben sollte, so sei es ja nicht weit, man hätte
sie plötzlich. Es war so heiter und schön draussen und allerdings Arbeit not, dass
sie gingen, obschon es sie düechte, sie könnten nicht fort, und es war Keins,
das nicht noch vorgab, etwas vergessen zu haben, und nachsah, ob es der Mutter
nicht noch was tun könnte.
    »Sind sie alle fort?« frug die Mutter. »Ich glaube es«, sagte Resli, »ich
höre keinen Menschen mehr.« »So komm und sitz da neben mich, ich habe mit dir zu
reden, und öppe laut mag ich nicht mehr. Los, Kind, lang macht es nicht mehr mit
mir, und da möchte ich ab dem Herzen tun, was noch auf demselben ist.« »E
Muetter, öppe das nit, es wird sicher bessere, wollt Ihr nicht einen Augenblick
schlafen?« sagte Resli. »Es ist jetzt nicht Zeit zum Schlafen«, sagte Änneli,
»meine Zeit ist aus, ich fühle es, es git de bald e länge Schlaf zum Leue. Los,
schwyg u gib mr dHand, es ist ja Gottes Wille, dass die Einen gehen, die Andern
kommen. Aber eben das ist jetzt mein grosser Kummer und das Einzige, wo ich auf
dem Herzen habe, dass die noch nicht da ist, die nach mir hier sein wird, dass ich
mein Tagewerk niemand abgeben, Mann und Kinder niemere anempfehle kann. Das
drückt mich. Fragen habe ich dich nicht wollen, wie es dir sei im Herzen, ich
habe gesehen, dass du viel zu verwerchen hast und das lieber alleine machst. Aber
jetzt möchte ich deinen Sinn doch wissen; liebst das Meitschi, oder sinnest an
ein anderes? Denn eine Hausfrau musst du haben, Annelisi folgt dem Mann, ich dem
Vater droben, da muss jemand anders herbei.«
    »Nein wäger, Mutter, an kein ander Meitschi habe ich gesinnet, wie wollte
ich auch!« »So liebst das andere noch?« fragte Änneli. »Mutter, ich sollte
nicht, aber aus dem Sinn bringen kann ichs nicht, und wenn ich schon etwas
anderes denken will, es ist immer wieder da und steht mir vor den Augen.« »Los,
Kind, das freut mich, du nimmst es also, wenn ich nicht mehr bin?« »Was denkt
Ihr, Mutter«, antwortete Resli, »da wärs ja, als hätte ich auf Euern Tod
gewartet und Ihr wäret mir jetzt aus dem Weg gegangen. Nein, Mutter, das soll
niemand glauben. Auch kann ichs nicht vergessen, wie es mir Augen gemacht hat,
so zornige, Mutter, sie haben fry zündet, und kein gutes Wort hat es mir geben
wollen, dr tusig Gottswille habe ich darum bete, wie ih no kei Mönsch bete ha,
un keis Wörtli hets mr gseit, u so hets mih la gah. U so könnt ih niemere la
gah, u wärs my ärgst Find. U da soll ih ga anekneue u ga säge: Gottlob, dMuetter
ist jetz tot! U für was für es Meitschi? Wo mr keis guets Wort het welle gä.
Muetter, wenns als Frau so tät, so wüest un lätz, ih wär dr unglücklichst Tropf
uf dr Welt u müesst mih ja schäme vor alle Lüte, vor Knechte u Mägde.«
    »Kind, du musst das nicht so nehmen«, sagte Änneli. »Dass du nicht auf meinen
Tod gewartet, das weiss öppe, wer uns kennt, und die Andern machen uns nichts.
Und wegem Meitschi musst du nicht so sein und das sövli höch ihm näh. So wege
einem einzigen Augenblick es zu verstossen aus deinem Herzen, und ds Meitschi
hanget a dr, denk doch, wenn unser Herrgott auch so sein wollte!«
    »Nein, Mutter, wenns mich lieb hätte, so hätte es nit so ta; es ha scho hie
son es gspässigs Gsicht gmacht, ih ha nit gwüsst, was ih drus mache söll, es het
mr himmelangst gmacht«, antwortete Resli.
    »Ich habe der Sach auch nachgedacht, Kind, und anfangs hets mih duret; ich
habe geglaubt, es gefalle ihm hier nicht, man warte nicht gut genug auf und
erweise ihm nicht genug Ehre, und bin fast misstreus worde. Da ists mir
aufgegangen auf einmal, es ha mih düecht, sein Mänteli sei ein Fenster, und was
dahinter sei, könne ich sehen, so deutlich, wie wenn es mir vor Augen wäre, und
doch ist der Spiegel eigentlich in meinem Herzen gewesen, und was ich in dem des
Meitschis erkannte, las ich eigentlich ab in mir. O Kind, glaub, wenn man sich
zurückbesinnt, wie es einem gewesen und was man gedacht und erfahren, so ist das
gerade, als ob man lesen könnte eine unbekannte Gschrift, wo die meisten
Menschen nicht einmal die Buchstaben sehen, geschweige dann sie verstehen. So
ists mir gegangen. Von meinem Vater habe ich nie viel gesagt, aber betet für ihn
viel. Er hat viel wüst getan, daheim und in den Wirtshäusern, es ha mih mängist
düecht, ih möcht i Bode schlüfe, un wenn Lüt drby gsi sy, su han ih nit viel
gseit, aber es Gsicht gmacht akkurat wie dys Meitschi, u ha so weni as mügli
vorufgluegt, damit ih dr Vater nit gsäch u nit, was dLüt für Auge mache, un es
guets Wort hätte ich keinem Mönsche chönne gä, und hätts ds Lebe golte; es het
mih düecht, ih möcht entweder pläre oder täubele, dass es kei Gattig hätt. Und
mein Vater wäre mir doch noch lieber gewesen als der Andere, e so wüest mit
Märte un uf e Gyt hi Jeste ist er doch de nit gsi. Das hat das Mädchen drückt,
hier hats ihm gefallen, und viel ist ihm ungewohnts gewesen; ich habe mich dann
wohl geachtet, wie es dies und jenes gschauet het und wie es ihm fremd gewesen,
und daheim wars grusam gerne fort, bsungerbar wenns so e Wüeste hürate sött, und
grusam angst ists ihm worde, es gäb aus allem nüt, bsunderbar wo dr Alt so
uvrschanti Geding gstellt het. Es hätte gerne was mögen dazu reden, aber es hat
sich nicht trauet, hat Kummer gehabt, es müesst afa pläre u zeige, wies ihm drum
wär, oder es chönnt dSach verstöre; ih ha recht Erbarme mit ihm gha. Und grad
so, es düecht mih, ich sehe es, wird ihm daheim gewesen sein, wo du und der Alte
die Köpf gegen einander gemacht; es ist ihm übers Herz cho, und was es so lang
vrha het, ist usbroche; die Meisten, glaub mirs, hätte no wüester ta.«
    »Mutter, ich will Euch glauben«, sagte Resli, »dass es ihm so gsi ist, aber
tue hätts nit so sölle, ih hätt kes Herz meh zun ere Frau, die so Auge macht und
kes Wort meh vo re gä will, gäb wie me ahet. Eine schücht das, e Angere dieses,
aber selligs ist mir grusam zwider, wo de vor all Lüt chunt un dChilche- und
dMäritlüt drvo rede, wie die Frau aber ta heig un usgwüetet, si syg gar nit by
re selber gsy meh.«
    »Höre, Kind«, sagte die Mutter, »du bist unbarmherzig, wegen einem Male
willst du das arme Kind verwerfen, welches nicht so getan hätte, wenn es dich
nicht so lieb gehabt. Glaub mir, eben die, wo an einer Frau keinen Fehler
wollen, die werden am meisten gestraft, eben die, wo nicht genug auslesen
können, werden am öftersten betrogen, von wegen, die aufrichtigen Mädchen denken
nicht daran, die Heuchlerinnen zu machen, die pfiffigsten aber merken, was
Trumpf ist, verstellen sich und führen sie an. Glaub mir, eine ohne Fehler
erhaltest du nicht, und wohl dir, wenn du die Fehler vorher weisst. Glaub mir,
wenn wir jung sind, können wir alle recht böse werden. Lies aus, wie du willst,
behaltest du nicht Geduld und Liebe, übest Sanftmut, wirst ein rechter Mann, den
die Frau ästimieren muss, und hilft Gott nicht nach, so hilft dir alles Auslesen
nichts. Du hast mich so lieb und willst ds Muster für eine Frau an mir nehmen,
willst von einer Jungen fordern, dass sie sei wie eine Alte, die dur so vieles
duremüesse het; Resli, ist das recht; Glaub mir, wenn du mich jung gekannt
hättest, du hättest mich nicht genommen, ich wäre dir z'wüest und z'wild gsi.
Aber für was ist me uf dr Welt, als für sih z'bessere? Du willst das Meitschi
vrstosse und denkst nicht, wie es so einem armen Kind sein muss, wenn an einem
einzigen Wörtchen sein Glück hanget, und vielleicht das zeitliche und ewige
Glück, und das Wörtlein wird nicht gesprochen, und das Glück geht unter, denk
dir das! Und das Mädchen muss da zusehen und darf nicht viel dazu sagen, darf
nicht zeigen, wie es ihm ums Herz ist, und soll da gleichmütig bleiben, aber
Resli, denk! Eine Abgefeimte wäre dir um den Hals gefallen und hätte es mit
Flattieren versucht, das Meitschi tat aufrichtig, tat, wie es ihm war, und das,
Resli, willst du ihm übel nehmen? Nein, tu mir das nicht, versprich mir, du
wollest ihm verzeihen und es wieder suchen. Versprich mirs, denk daran, du hast
auch Sünden und mangelst Barmherzigkeit. Das wär no mys einzig Bigehre uf dr
Welt, de wett ih gern sterbe. Glaub mr, ih has lang überlegt, ih weiss, was es
Hus vrma, in einem andern Haus wär ich auch anders geworden. Es ist i mängem
Hus, als ob e guete Geist drin wär, mi cha nit angers, un es wird mr meh un meh,
als wenn ih ne gspürti; wer weiss, viellicht gsehn e bald.«
    »Mutter, redet nit so, wollt Ihr was?« sagte Resli. »Wotsch mrs vrspreche,
wieder um das Meitschi z'luege?« »Mutter, aber wie soll ich, soll ich mich
wieder lassen wegjagen wie ein Hund? Ja, wenn ich ein gutes Wort hätte von ihm;
aber so muss ich glauben, es habe mich nicht lieb, und kein Zeichen hat es
seiter getan.«
    Da sah er einen eigenen Schein fahren über der Mutter Gesicht, sie faltete
die Hände, er erschrak. »Mutter, Mutter, was hast?« frug er. Er sah ihre Augen
gegen die äussere Stube blicken, dortin deutete sie; er sah sich um, dort stand
in der Zwischentüre, den Kopf an den Pfosten gelehnt, sein Meitschi, Arme
Mareili, blass, mager, und weinte bitterlich.
    Da stand Resli, als ob ein Geist vor ihm stünde, weder Laut noch Schritt
stund in seiner Macht. Da streckte Anne Mareili ihm die Hand entgegen. »Bring
mrs«, sagte Änneli leise. Was sie gebot, tat Resli willenlos, und Änneli fasste
Beider Hände und sagte: »Jetzt sehe ich, dass ich Gott lieb bin; was ich noch
gewünscht, hat er mir gegeben. Jetzt bleibt beisammen, seid treu einander, seid
aufrichtig, und was eins im Herzen hat, das zeigs dem Andern, dass es kein
Missverständnis gebe. Missverständnisse sind schröcklich, sie wachsen mitten aus
der Liebe heraus, sie wachsen zwischen die Herzen hinein und sprengen sie von
einander. Sinnet daran, denket an uns und habt einander immer lieb, denket dra,
ih luege uf ech. - Resli, gang lauf, rüef se, es duret nimme lang, ih gspüres -
es wird mr so kalt, ih möcht se no alli gseh. Lauf, spring!«
    Als er draussen war, frug Änneli Anne Mareili: »Gäll, du hest mr ne lieb un
lebst ihm zGfalle?« Da sank Anne Mareili vor dem Bett auf die Knie und
schluchzte: »O Mutter, o Mutter, Ihr seid kein Mensch, ein Engel seid Ihr; oh,
wenn ich sein könnte wie Ihr!« »Nein, kein Engel, e schwache Mönsch«, sagte
Änneli, »aber üse Herrgott macht mih viellicht drzue. Wennd dr Wille hest u nit
vo üsem Heiland last, su wirst o eine, wirst besser als ih, du hest e herteri
Schuel gha als ih. - Lieb mr ne geng u bis ufrichtig, er ist mr o grusam lieb
gsi, ume z'lieb, aber er ist on e Guete, e bessere Bueb gits nit uf dr Welt. -
Gäll, du hest mr ne lieb u schickist dih in e! - Glaub mr, es geiht dr guet, du
weisst no nit, wie guet er ist u wie er es Herz het. - Es het mih hert von ihm,
er ist mr lieb, ih chas nit säge, aber üse Herrgott wird mrs wohl vrzieh, er het
mr ne ja gä. - Häb mih e weneli, ih möcht ufsitze. - Es wird mr so wunderlich,
so kalt, und doch so heiter vor de Auge; geiht mr scho di anderi Welt uf? - Wenn
si doch käme, ih würd se gern gseh, alli bi enander; e nu so de, so han ih doch
dih gseh. - Wenn er krank wird, gäll, du hest Sorg zun ihm und wehrst ihm ds
Werche ab? - Ghörst nüt, chöme si? - Wenn si nume chämte. - Deck mih besser, es
ist, als wetts mih früre ums Herz. - Wennd zornig wirst, erzeigs nit, gang dänne
u bet es Vater Unser! - O Gott, Gott, witt mih, es düecht mih, ih gseih my
Muetter!«
    Da kamen die Gerufenen, weinend, in voller Hast. Anne Mareili erschrak,
wollte Platz machen am Bette, es war ihm, als hätten die Andern näheres Recht,
es ward ihm auf einmal wieder so fremd und leid ums Herz. Aber Änneli hielt
seine Hand und sagte leise: »Üses King! Heits lieb! Es ist jetz di neui Muetter.
- Zürnet mir nüt u sinnet allbeeinist a mih! - U du, bhäb mih lieb«, sagte
Änneli zu Christen, »ih will dr on es Plätzli sueche im Himmel.« - Dann nahm es
seine Hände zusammen, die blassen Lippen bebten, in eigenem Glanze schlug es
seine Augen empor. So betete es leise, leise neigte sein Haupt sich auf die
Seite - um eine gute Frau, um eine gute Mutter war die Erde ärmer.
                                     Schluss
Meine günstigen Leser werfen mir so oft vor, meinen Erzählungen fehle der
Schluss, dass ich genötigt bin, die Schlüsse förmlich herzusetzen. Ich beginne
also hier damit, da auch hier der gleiche Tadel sich erheben könnte. Allerdings
ist die Neugierde in Beziehung auf die persönlichen Verhältnisse nicht
vollständig befriedigt; die Umstände, welche Anne Mareili an der seligen Mutter
Bette brachten, sind nicht angegeben, Änneli ist nicht zur Erde bestattet, die
Hochzeit von Anne Mareili und Resli nicht gefeiert. Das alles hätte sich wohl
erzählen, einschalten lassen, wenn der Verfasser bloss die Neugierde seiner Leser
im Auge hätte. Aber er ist untertan einem eigenen Geiste, der in jeder Erzählung
lebendig wird, sie leitet und schliesst; der Verfasser kann eine Erzählung
beginnen, aber dieser Geist ist es, der sich ihrer bemächtigt und sie gestaltet
nach seinem Willen. Es ist dieser Geist ein eigentümlich Wesen, er war es, der
mit Ännelis Tod einen freundlichen Schlussstein setzte der Erzählung »Geld und
Geist«, welche die Leser so freundlich aufgenommen. Das Betragen des Kellerjoggi
und des Dorngrütbauern, Anne Mareilis Leiden und das Ereignis, welches ihns nach
Liebiwyl brachte, hätten den Schloss nur getrübt, freilich den Gegensatz greller
gemacht, aber vielleicht neue Klagen über die Länge der Erzählung erzeugt, zum
Verständnis des Ganzen, zur Verklärung des Bildes einer guten Mutter nichts
beigetragen. Die Leute sind manchmal wunderlich, klagen bald über Kürze, bald
über Lange; teilweise ist es mir schmeichelhaft, teilweise wohl peinlich Es lässt
sich Holz nach Schuhen messen, Kopistenarbeit nach der Seitenzahl, aber wie lang
sein Kind werden wird, weiss kein Vater, und wenn dasselbe über Gebühr auswächst,
ein Mädchen z.B. über sechs Schuh hinaus, so wird kein Vater zu finden sein, der
den natürlichen Wachstum künstlich oder gewaltsam hemmt, unten oder oben abhaut.
Freilich mögen Körperteile zu kurz oder zu lang sein; aber wo ist der Vater, der
vollständiges Ebenmass in seiner Gewalt hat, und wo ist der Vater, der
Verkürzungen und verunstaltende Verlängerungen immer richtig erkennt; erkennen
es doch die Leser selbst nicht, denn wenn man ihnen das Urteil überliesse, wo
abzuschneiden, wo zuzusetzen sei, so würden sie vielleicht nach langem Reden
darin einig werden, das Ding sein zu lassen, wie es von Anfang gewesen.
    Es wäre leicht möglich, in einigen folgenden Bändchen den Tod des
Dorngrütbauern zu zeichnen, den Gegensatz zu zeigen zwischen dem Tod im Geiste
und dem Tod im Gelde; aber eben der Geist weigert sich dessen. Erstlich weil er
sich Ännelis Tod nicht trüben lassen, weil er zweitens nicht von sich sagen
lassen will, er hätte es, trotzdem dass er im Geist sei, doch nur aufs Geld
abgesehen. Somit ist die Erzählung »Geld und Geist« vollendet.
    Über den Verhältnissen stehen die Persönlichkeiten, wie über der Neugierde
die Liebe. Sollte es mir gelungen sein, den in vorstehender Erzählung
aufgestellten Persönlichkeiten Leben einzuhauchen, Leben, welches Leser lieb
gewonnen, lieb gewonnen wie das Leben werter Bekannter, teurer Kinder, welches
sich entwickeln zu sehen zu den wesentlichsten Lebensgenüssen gehört, so dass man
im Geiste sie fortbildet, auch wenn Gott den Faden derselben abbricht, die
Erscheinung löscht, sie andershin versetzt: so steht der Entwicklung dieser
Leben in neuem Rahmen nichts im Wege als zwei Dinge: Erstlich das Misstrauen, als
ob solche Erzählungen ebenso viele Schrepfhörner sein sollten, angesetzt den
Finanzen des Publikums. Der Verfasser sagt es dem Publikum frank und frei ins
Gesicht, dass er weit mehr zu des Publikums Nutzen zu schreiben glaubt als zum
eigenen. Zweitens der Kopf des Verfassers und die Zeit, welche Gott ihm gibt.
Dieser Kopf ist ungeordnet, unorganisiert, treibt allerlei einem neu
aufgebrochenen Acker gleich, dessen wilde Triebe nicht gezähmt und geregelt
worden; die Zeit aber des Ausführens wird kaum mehr lange dauern, denn spät ward
der Acker aufgebrochen, eine beschränkte Zeit hat jede Jahreszeit. Wie kein Jahr
nur aus einem Frühling besteht, welcher Leben, und einem Sommer, welcher die
Reife bringt, sondern auch aus einem Herbste, in welchem wohl manches keimet,
aber für einen andern Sommer, und einem Winter welcher die feierliche Ruhe
bringt zur Sammlung für den andern Sommer: so werden die Leben selten gefunden,
welche die schaffende Kraft und die Wärme, welche zur Reife das Geborne führt,
bis zu ihrem Ende bewahren. Wie nahe dem Verfasser der Herbst schon ist, der
Saaten keimen lässtt doch nur für einen andern Sommer, wie nahe der Winter der
nichts mehr gebiert, sondern das Geborne nur wahre für das neue Gottesjahr, das
weiss eben Gott alleine.
 
    