
        
                                  Ludwig Tieck
                              Vittoria Accorombona
                           Ein Roman in fünf Büchern
                                   Erster Teil
                                     Vorwort
Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin, sowie ihr
sonderbares Schicksal als merkwürdig auf. Es war im Jahre 1792, als ich in
Dodslei's collection of old Plays zuerst die Tragödie Websters las: Te white
Devil, or Vittoria Corombona. Dieses Schauspiel wurde 1612 in London gedruckt
und auch damals oft gespielt. Ich vermute, dass es nach irgendeiner Novelle, die
vielleicht um 1600 mag geschrieben sein und die sich jetzt verloren hat,
gedichtet wurde, denn es entält nur eine Anklage und gibt alle Umstände, die
uns bekannt sind, in Entstellung wieder. Quadrio erwähnt die Unglückliche im
zweiten Bande seiner Geschichte der Poesie und lobt und rechtfertigt sie: nach
ihm zitiert sie Tiraboschi in seinem grossen Werke nur kurz. Riccoboni in seiner
Geschichte der Universität Paduas erzählt ihren Untergang, ebenso Marosini in
seiner Venetianischen Geschichte. Auch Lebret erzählt in seiner Geschichte von
Venedig die Ermordung Vittorias; die meisten Nachrichten finden sich aber im
Magazin dieses Geschichtschreibers. - Die neuere Darstellung des Herrn E. Münch
habe ich erst gesehen, als meine Arbeit schon vollendet war. Dieser wunderbare
und tragische Vorfall musste die Zeitgenossen und ihr Mitgefühl in Anspruch
nehmen. Ist die Geschichte ihrer Ermordung, sowie der Bestrafung des Luigi
Orsini in vielen Büchern klar und deutlich erzählt, so ist die Ermordung
Perettis, ihres ersten Gemahls, um so dunkler, und in allen Umständen und
Motiven verwirrt Wahrscheinlich verschwiegen alle Zeitgenossen geflissentlich
den Zusammenhang, denn selbst der geschwätzige und erfindungslustige Leti geht
nur kurz und eilig über diese Begebenheit hinweg, und scheint es selbst gar
nicht gewusst zu haben, dass der Neffe des Kardinals mit der Virginia Accoromboni
(wie Quadrio sie nennt) vermählt gewesen ist. So war es denn dem Dichter
erlaubt, mit seinen Mitteln die Lücken dieser sonderbaren Geschichte auszufüllen
und das Dunkel derselben mit poetischen Lichtern aufzuhellen.
    Vieles in diesem Roman ist aber nicht erfunden, sondern der Wahrheit gemäss
dargestellt. So ermordete im J. 1576 in der Nacht des 11. Julius Pietro der
Mediceer auf seinem Landhause seine Gemahlin Eleonore von Toledo, und den 16.
Julius desselben Jahres starb auf dem einsamen Schloss des Paul Giordano,
Herzogs von Bracciano, dessen Gemahlin Isabella auf rätselhafte Weise. (S.
Galluzzo Gesch. der Grossherzoge von Toscana, Bnd. II.)
    Ein Gemälde der Zeit, des Verfalls der Italienischen Staaten sollte das
Seelen-Gemälde als Schattenseite erhellen, und in das wahre Licht erheben. Diese
Vittoria, oder Virginia Corombona oder Accorombona wird, so hofft der Dichter,
die Herzen der reinen und starken Gemüter für sich gewinnen, und so die
Verleumdung des alten englischen Tragikers verdunkeln, dessen poetischer Wert
(im Gegensatz früherer Tage) von manchen neueren Kritikern viel zu hoch
angeschlagen ist.
    Dresden, im Julius 1840.
                                                                        L. Tieck
 
                                  Erstes Buch
                                 Erstes Kapitel
Es war in dem Jahre des Jubiläums 1575, als sich die Familie Accoromboni in
einem Gartenhause in dem anmutigen Tivoli aufhielt, um dort, während der heissen
Monate, die frische Kühle, den Anblick der Wasserfälle und die schöne Aussicht
auf den stürzenden Teverone und die zauberischen Hügel der reichen Landschaft zu
geniessen. Die Mutter der Familie, eine grosse stolze Matrone, noch im Alter
kräftig und nicht ohne Spuren ehemaliger Schönheit, regierte, obgleich nicht
reich, ihr Haus mit so vieler Umsicht und Kenntnis, dass Anstand und Fülle sich
zeigte, und Fremde gern in dieser Familie verweilten, wo sie Bildung,
musikalisches und poetisches Talent und selbst Gelehrsamkeit antrafen.
    Diese Mutter, eine edle Römerin von hoher Gestalt, war die beseelende Kraft
des Hauses, denn ihre mächtige Gegenwart gebot allen Bekannten und Fremden
Ehrfucht. Sie war stolz auf ihre edle Abkunft, sowie auf ihre Kinder. Sie
stammte von einem alten adlichen Geschlecht, und ihr Gatte Accoromboni war in
Rom ein angesehener Rechtsgelehrter gewesen, der für die Grossen, sowie den Staat
die wichtigsten Angelegenheiten verwaltet, bedeutende Prozesse mit Ehren geführt
und gewonnen hatte. Schon dessen Vater hatte als Rechtsgelehrter die Liebe und
Achtung der Römer gewonnen und beide Männer standen in vielfachem Verkehr mit
Fürsten, den Patriziern und den berühmten Gelehrten und Schriftstellern in allen
italienischen Staaten. So war das Haus der Accoromboni bekannt und besucht, und
selten kam ein ausgezeichneter Fremder nach Rom, der sich nicht der stattlichen
Mutter der Familie hätte vorstellen lassen.
    Die meiste Befriedigung fand die hohe Frau aber in ihrer Familie und in
Gesellschaft ihrer Kinder. Der älteste Sohn war durch seine Beschützer, unter
welchen der grosse Kardinal Farnese obenan stand, schon Abt, und die Mutter
rechnete darauf, ihn bald als Bischof begrüssen zu können, wohl gar etwas später
ihm im Purpur des Kardinals ihre Verehrung zu bezeigen, denn er war als
Gelehrter geachtet und als feiner Weltmann beliebt.
    Marcello, der zweite Sohn, war wild und unbändig, streifte oft viele Tage im
Gebirge umher, ohne nachher der Mutter Rechenschaft abzulegen, wo und mit wem er
seine Zeit zugebracht habe. Sosehr die Mutter mit dem stolzen Blick aus dem
grossen blauen Auge alle Menschen zur Ehrfurcht und gewissermassen zum Gehorsam
zwang, sowenig vermochte sie über das starre Gemüt dieses Marcello, der sich zu
erniedrigen glaubte, wenn er einem Weibe gehorchte.
    Sie hatte allen ihren Einfluss anwenden wollen, diesem Unbeugsamen die Stelle
eines Hauptmanns in der Garde des Papstes zu verschaffen, er selber aber hatte
am meisten dagegen gearbeitet, weil er seine Freiheit noch nicht aufopfern und
sich keiner Disziplin fügen wollte.
    Flaminio, der jüngste Sohn, schien ganz das Gegenteil von jenem. Er war
schmiegsam, fein gebaut, zart in seinem Wesen, fast mädchenhaft, ein verehrender
Diener seiner Mutter, deren Wink und Blick ihm Gebote waren. So war er der
Geschäftige, alles Besorgende im Haushalt, der Aufseher der Dienerschaft, der
Bote über Land, der Ratgeber anderer Jünglinge und der Liebling junger Mädchen,
um deren Wohlwollen er aber, so freundlich er in seinem Betragen war, sich nicht
sonderlich bemühte. Denn es schien, dass er seine ganze Liebe dem jüngsten Wesen
in der Familie, seiner holdseligen Schwester Vittoria, oder Virginia, wie sie
auch zuweilen genannt wurde, zugewendet hatte. Ein Fremder, der sie beobachtete,
hätte ihn eher für den verliebten Bräutigam, als den Bruder der lieblichen
Erscheinung halten sollen.
    Diese Vittoria glänzte wie ein Wunder, oder wie eines jener Bilder aus der
alten Zeit, die der entzückte Beschauer, einmal gesehn, niemals wieder vergessen
kann. Kaum in das siebenzehnte Jahr getreten, war sie fast schon so gross wie
ihre Mutter, ihr Antlitz war blass und nur mit leichter Röte gefärbt, die oft,
bei selbst schwacher Bewegung des Gemütes völlig entfloh, oder sich, schnell
wechselnd, so seltsam erhöhte, dass sie dann als ein anderes, dem vorigen fast
unähnliches Wesen erschien. Ihr zart geformter Mund glühte in rubinroter Farbe;
sein Lächeln unendlich erfreuend, sein Zürnen oder Schmollen erschreckend. Die
längliche, sanft gekrümmte Nase hatte den edelsten Charakter im Oval des schönen
Antlitzes, und die Augenbrauen fein gezogen, dunkelschwarz, belebten den
Ausdruck des feurigen Auges. Ihr Haar war dunkel, und hatte im Lichte
Purpurschimmer, es floss geregelt über Nacken und Schulter: sass sie nach denkend,
die langen schneeweissen Finger in die Fülle des Haares halb vergraben, so hätte
Tizian kein holderes Modell zu seinem schönsten Bildnisse antreffen können.
    Aber weder Tizian, noch irgendein Maler hätten den Blick des Auges, das fast
schwarz zu nennen war, den Ausdruck und das Feuer desselben auch nur schwach
andeuten können. Dieser Ernst des Blickes, dieser Tiefsinn, dann wieder die
aufblühende Freundlichkeit übten einen seltsamen Zauber, das Zornfeuer war
selbst dem Frechen unerträglich. Es war ein liebliches Naturspiel, dass die
langen Augenwimpern fast blond, oder gelb waren, so dass sie wie Strahlen in der
Bewegung blitzten, oder so wundersam schimmerten, wie jene lichten Goldstrahlen,
die wir zuweilen an altgriechischen Bildnissen der Minerva wahrnehmen.
    Wie mit beschränkten Mitteln die verständige Mutter Julia allen ihren
Kindern auch eine gute Erziehung, Unterricht und Wissenschaft hatte geben
können, so war doch Vittoria, diese hohe Erscheinung, ihr Liebling, und
diejenige, auf welche sie ihre stolzesten Hoffnungen gründete. Sie selber war
oft über den früh gereiften Verstand dieses ihres Kindes erstaunt, sie musste das
Gedächtnis bewundern, in welchem Vittoria alles Gelesene und Gelernte
aufbewahrte, wie sich die Mutter nicht weniger des Talentes erfreute, welches
aus den Versen der Tochter hervorleuchtete.
    Die Familie sass im Saale beisammen, als Marcello seinen Hut und Mantel nahm,
den Degen umgürtete, und von der Mutter Abschied nehmen wollte, indem diese mit
ernster Miene fragte: »Wohin wieder?«
    »Freunde, Bekannte besuchen«, erwiderte der ungestüme Jüngling; »der Morgen
ist so schön, und ihr alle werdet mich nicht vermissen.«
    »Man hat mir sagen wollen«, erwiderte die Mutter, »du haltest im Gebirge mit
dem verdächtigen Ambrosio Umgang. Der rohe Mensch soll ja mit jenen Banditen in
Verbindung stehn, die in der Gegend von Subiaco streifen.«
    »Ei! meine Mutter«, sagte Marcello, »man nennt heutzutage alles Banditen,
was nicht Schulmeister, Priester, oder Advokat ist. Und doch plündern diese oft
mehr, als jene freien Menschen die sich zuzeiten aus sehr gegründeten Ursachen
mit dem langweiligen Staate überworfen haben, und unter denen man angesehene
Grafen, tugendhafte Leute, ja Männer antrifft, die von fürstlichen Häusern
abstammen.«
    »Mein Sohn«, sagte Julia sehr ernst und nahm dem übermütigen Sohne den Hut
aus der Hand, den sie auf den Tisch legte: »du sprichst, wie ein unbesonnener
Knabe, der weder mit Welt noch Moral bekannt ist: magst du kindisch bleiben,
wenn das dein Stolz ist, nur das vergiss niemals, dass dein herrlicher Vater, so
wie dein verehrter Grossvater Advokaten waren.«
    »Gewiss nicht«, sagte Marcello, »stehn doch ihre Namen in so manchem
verdriesslichem Buche verzeichnet, dass man schon deshalb versucht wird, ein ganz
entgegengesetztes Metier zu ergreifen.«
    Hastig riss er den Hut vom Tische hinweg, und sprang so eilig aus der Tür,
dass der Mutter die beginnende Rede auf der zürnenden Lippe erstarb.
    Flaminio stand auf und schloss die Türe wieder, die der Fortstürmende in
seiner eilenden Hast offen gelassen hatte.
    Vittoria sah von ihrem Buche auf, um mit einem sanften Lächeln dem Auge der
Mutter zu begegnen. »Was denkst du, mein Kind?« fragte Julia.
    »Ich bin schon seit lange der Überzeugung«, antwortete die Tochter, »dass man
den Burschen gewähren lassen muss. Er sucht einen männlichen Stolz und Trost
darin, dir nicht zu gehorchen, sondern zu widersprechen: je mehr du also
ermahnst, je mehr sucht und findet er Gelegenheit, das zu tun, was du
verbietest. Zeigst du dich seinetwegen unbekümmert, so wird er von selbst zur
Vernunft zurückkehren, weil er sich dann einbilden kann, als freier Mensch zu
handeln.«
    »Wenn nur nicht vorher Unglück geschieht«, bemerkte die Mutter seufzend.
    »Das, wie alles, muss man der Vorsehung anheimstellen«, sagte Vittoria, »denn
er ist doch der Erziehung und Ermahnung entwachsen.«
    »Woher nur«, fing die Mutter wieder an, »hat der Knabe diese Unbändigkeit?
Sein Vater war milde und sanft, nachgiebig, folgsam, ein Feind alles wilden
ungestümen Wesens: die Ruhe und Gesetzteit selbst. - Von wem?«
    »Gewiss von dir«, sagte Vittoria lachend.
    Die Mutter stand auf, ging nach dem Fenster, sah in die Landschaft hinaus,
kehrte dann um, betrachtete die Tochter ganz nahe mit grossen Augen und sagte
kurz und schneidend: »Von mir?«
    Vittoria liess sich nicht irremachen, schloss ihr Buch, legte es in die Kapsel
und sagte ruhig: »So denke ich mir die Anstammung dieses tobenden Blutes. Dein
fester Sinn, dein grosses, starkes Gemüt, dein edles Wesen, das für seine
Überzeugung Blut und Leben hingeben würde, ist in ihm als Mann in diese
jugendliche Roheit umgeschlagen, die sich später selber erziehn wird. War ich
doch auch ein wildes Kind, und gewiss warst du nicht allzu zahm, als du noch mit
deinem Püppchen spieltest.«
    »Du magst recht haben«, antwortete die Mutter, »mir ist der Gedanke noch
nicht eingefallen. Freilich vergessen wir nur allzuleicht in späteren
Verhältnissen, wie wir in unsern frühesten Jahren waren.
    Ich habe da wieder den Camillo Mattei gesehen«, fing die Matrone von neuem
an; »er schien auf unser Haus zuzugehn: ich weiss nicht, was er immer hier will.«
    »Er ist ja ein allerliebstes Kind«, sagte Vittoria erfreut; »man neckt sich
mit ihm so hübsch, er ist dabei so ehrlich und treu, dass man ihn liebhaben muss.«
-
    »Was soll er uns?« fragte Julie, und wendete das Haupt unwillig ab; »er ist
unwissend, einfältig, von geringem Herkommen; nun liegt er schon dem armen
Weltpriester, seinem Ohm, seit Wochen zur Last: kann er nicht nach Rom zu seinen
Eltern, den Bürgersleuten zurückkehren, um seine Schulstudien fortzusetzen?«
    »Lass ihn, liebe Mutter«, bat Virginia, »er gefällt mir, und uns allen im
Hause; unsere Familie ist als eine gastfreundliche bekannt; sollen wir bei
diesem guten Mattei eine Ausnahme machen? Frage nur unsre Amme, oder unsern
alten Guido, wie gut und lieb dieser immer freundliche Camillo ist.«
    Die Mutter zwang sich heiter zu erscheinen, als Camillo eintrat, sich
demütig verbeugte und schüchtern stehnblieb, bis sich Flaminio zu ihm gesellte,
und ihm einen Sessel in seiner Nähe anbot.
    »Camillo«, fing Vittoria an, »Ihr habt neulich die Zeichnungen von den
Bildern sehen wollen, die der Kardinal Farnese in seinem neuen Schloss
Caprarola von Zuccheri hat malen lassen: seht, hier ist das schöne Buch, er hat
es uns gestern geschickt.«
    Camillo blätterte und sagte dann etwas beschämt: »Ich verstehe zuwenig von
diesen grossen und sinnreichen Sachen. Und an diesen Kämpfen und Schlachten kann
ich mich vollends nicht erfreuen. Freilich wohl, die Schlacht des Konstantin,
oder Attila von Raffael -«
    »Läppischer Mensch!« rief Vittoria, halb zürnend und halb lachend, »wenn er
mit Raffael kommt, muss sich alles verkriechen. Und doch meint der Kardinal wohl,
und sein Maler noch mehr, er könne es mit dem jungen Manne und seinen
vatikanischen Zimmern aufnehmen, und stehe auf der Leiter der Kunst noch einige
Stufen höher. Und diese Bilder hier aus dem Saale des Schlafs und der Träume
sind auch echt poetisch; diese herrlichen Erfindungen werden immer als Muster
gelten können.«
    »Kann alles sein«, erwiderte Camillo etwas verdriesslich: »es ist aber ein so
schöner klarer Morgen, und dabei noch gar nicht heiss, dass wir lieber mit den
verehrten Damen einen Spaziergang machen sollten.«
    Die Mutter nahm ihren Sonnenhut, und Vittoria folgte ihrem Beispiel. »Gehn
wir dann nach der Villa Este«, sagte die Matrone, »und besehen einmal wieder die
Herrlichkeiten des neuen Palastes und alle die Künste und Schönheiten des
Gartens.«
    »O nein!« rief Vittoria unwillig, »alle diese kleinen Springbrunnen und
Bildchen in Marmor, so fein gelegt und geschnitzt - wären nicht die Zypressen
hingesetzt, die doch dazwischen ein ernstes Wort reden, so wäre diese Anstalt
ganz unerfreulich. Nein! hin zu den allerliebsten Wasserfällen! Zu Mäcens Villa,
der Neptuns-Grotte, da löst sich unser Herz und Gemüt, und die liebliche,
unendlich schöne Natur fasst mich wie ein grosser Dichter vertraulich bei der
Hand, und sagt mir so herzliche, rührende, erhebende und lustige Dinge in mein
horchendes Ohr, wie sie in keinem Buche und in keiner Handschrift stehn.«
    Flaminio führte die Mutter und Camillo ging an der Jungfrau Seite. Man
konnte es ihm ansehn, dass er sich neben der hohen schönen Gestalt beschämt und
klein fühlte, und doch zugleich geschmeichelt, dass er mit ihr so vertraulich
wandeln durfte.
    Als sie in die Nähe der Wasserfälle gekommen waren, setzte sich die Mutter
mit ihrem Sohne in den Schatten der Olivenbäume, und liess ihr Auge sinnend an
den Formen der schönen ölbekränzten Hügel umherschweifen. Vittoria aber sprang
an ihr vorüber, um sich in der Nähe des Wassers zu ergötzen. »Wie vieles wisst
Ihr«, fing Camillo leise an, »wie Unermessliches - und ich - -«
    »Lasst alle den Kram«, rief Vittoria übermütig und ging schneller. »O seht
die alltäglichen Wunder dieser Landschaft und diese Wasser, diese Märchen und
goldenen Fabeln, die es nicht müde werden, sich immer wieder selbst alles das
poetische Zeug vorzuerzählen, und die uns doch, sosehr wir sie auswendig wissen,
immer neu bleiben. Hier lasst uns Kinder sein, wahre Kinder, die sich immer in
ihrem Spielwerk vergessen.«
    Indem lief ihr ein Kaninchen vorüber, in den Berg hinein. Vittoria sprang
ihm nach, und warf einen buntgefärbten Ball, den sie bei sich trug, dem kleinen
weissen Tiere nach. Der Ball rollte den Hügel hinab, nach dem Flusse zu, der sich
hier mit Brausen von bedeutender Höhe in die Tiefe stürzte, und mit seinem
Strudel unten einen Trichter bildete, den viele die Grotte des Neptun nannten.
Aus Furcht, der Ball möchte vom Strudel fortgeführt werden, rannte sie so eilig
hinab, dass Camillo ihr kaum folgen konnte, aber auch so unbesonnen, dass sie,
unten angelangt, und sich zu eilig und stark nach dem glänzenden Spielzeuge
hinabbeugend, wirklich in den tosenden Strudel stürzte. Überwältigt und
besinnungslos schrie Camillo laut auf und stürzte sich nach, erfasste die schöne
Gestalt, die sich nur eben noch an einem vorragenden Gesteine festielt, fiel
hart auf das Geklipp, und rang sich mit der Beute, Brust an Brust verzweifelnd
gedrängt, empor: er gewann Kraft, und schneller, als es sich spricht, hatte er
sich mit ihr gerettet. Unbewusst und mit der Verzweiflung Riesenkraft trug der
Kleinere die grössere Gestalt fort, zwar nur wenige Schritte empor, aber doch
enfernt genug, um in Sicherheit im blitzenden Grase neben der Geretteten ruhen
zu können. Die Strahlen des nahen Wasserfalles spritzten, abstäubend vom fernen
Fels wie Staub, oder gewebter farbiger Glanz über ihre Körper und Angesichter.
Leichenblass, aber still lächelnd, sass Vittoria im Grase, dankbar blickte sie
ihren Retter an, und reichte ihm die zitternde Hand. Camillo, erschrocken noch
und entzückt, taumelnd, betäubt, küsste die dargebotene schöne Rechte mit
Inbrunst. -»Wie kann ich dir lohnen?« fragte sie. -»So!« rief er aus, indem der
Blöde, Verschämte, brennende Küsse auf die schönen Lippen drückte. - Sie
schwieg, wehrte ihn nicht ab, und nur, als der Berauschte von neuem und heftiger
begann, wandte sie das Antlitz ab und schlug ihn lächelnd mit den glänzenden
Fingern auf seinen heissen Mund.
    Jetzt besann er sich, und es wurde ihm nun erst möglich, sie zu sehn und zu
betrachten. Der Hut war mit dem Balle in den Wogen verlorengegangen, die
schwarzen Locken des Haares waren aufgelöst, noch floss und triefte das Wasser
vom Haupte, der schöne Busen mit seinen jugendlichen festen Marmorhügeln war
fast ganz frei und glänzte blendend im lichten Dämmer, das Baum und Fels
lieblich verbreiteten, an Leib und Hüfte schmiegte sich, die herrliche Form
bezeichnend, das nasse Gewand, und so erschien sie dem Jüngling, wie man wohl
die Nymphen der Quellen in schönen Gemälden abbildet, oder Amphitriten selbst,
die hehre Gemahlin des göttlichen Neptun, der sie vielleicht vor wenigen
Augenblicken von Liebe betört in seiner Grotte hatte zu sich entraffen wollen.
Sie erfreute sich des Spiels, welches die Sonnenstrahlen in Dunst und Nebel des
stäubenden Wassers trieben, denn viele glänzende Regenbogen tanzten und wogten
wie selbstständige Wesen im aufgelösten Kristall. »Sieh, Camillo!« rief sie
freudig aus, »ich halte die Fabel und das Unmögliche hier sichtbar in meiner
Hand. Ja, ich kann sogar, so spielen die Geister der Natur, dir sichtlich und
körperlich diese bunt glänzende Woge hinreichen, das lachende Kind der Sonne.
Und sieh! zu meinen Füssen spielen ebenso im Grase die lieblichen, neckischen
Gespenster, die Tages-Irrlichter, die dem Apollo mit freundlicher
Widerspenstigkeit aus dem Dienst gelaufen sind. Und nun noch, Freund, hat uns
der Waldvogel von drüben zum besten, der schreit ein höhnendes Triumphlied, als
wenn wir ins Wasser gefallen wären, um uns unter die Fische anwerben zu lassen.«
    »Aber«, sagte Camillo zögernd und warnend, »wir müssen zur Mutter zurück und
nach Hause; du wirst dich erkälten, und davon und vom Schreck krank werden.«
    »Der Schreck ist längst verschwunden«, sagte sie, indem sie sich zögernd
erhob und ihr Busentuch ordnen wollte, dessen Verlust sie erst jetzt mit einer
kleinen Beschämung gewahr wurde. »Ja wohl müssen wir zurück«, sagte sie dann mit
leiser Stimme. -»Müssen wir? - O über alles dies Müssen in unserer Alltagswelt.
Freilich, die Fabel fliegt fort mit Schmetterlingen, Schwalben und Nachtigallen,
wir kommen immer an das letzte Wort auch des schönsten Gedichtes, machen das
Buch zu und legen es in den hölzernen Schrank. Nach dem herrlichsten Gesang
erschallt die heisere Stimme des elenden Dieners, und ladet die Gesellschaft an
den Esstisch. Muss denn das alles so sein? Oder könnten wir nicht mit einem Gott
oder einem hohen Geist ein Pactum schliessen, dass es anders sich gestaltete?«
    Camillo sah sie mit grossen Augen an, und führte sie an der Hand den hohen
und steilen Berg hinauf. Flaminio kam ihnen oben mit der Mutter schon entgegen.
Wie erschraken beide, als ihnen Camillo mit kurzen, eiligen Worten das Abenteuer
und die überstandene Gefahr erzählte. Flaminio erblasste und ward so schwach, dass
er sich an einen Baum lehnen musste. Die Mutter ergoss sich in Danksagung und Lob
Camillos über seine Kühnheit und Geistesgegenwart. »Kommt mit uns«, beschloss
sie, »teuerster Freund, kleidet Euch um, Flaminio wird Euch von seinen Kleidern
geben, wärmt Euch in einem Bett, trinkt glühenden Wein und lasst Euch unsre
Pflege gefallen.«
    »Nein! nein!« rief Camillo, »Eure Güte und huldreiche Freundlichkeit erkenne
ich mit Dank, aber ich bedarf sie nicht. Ich fühle vom Wasser nichts, die Sonne
scheint warm, ich laufe zu meinem Oheim, der gar nicht weit ist, und kleide mich
um. Meine Wonne, dass ich Euch so habe dienen und Euch Eure herrliche Tochter
retten können. Ein unverdientes Glück!«
    So lief er fort, und die Matrone, ohne zu sprechen, führte ihre Kinder nach
ihrem Hause. Vittoria war nachdenkend und Flaminio tief gerührt.
    Als Camillo zu seinem alten Oheim kam und ihm die sonderbare Begebenheit
erzählte, sagte der verdriessliche Mann: »Immer Kindereien getrieben, die zum
grössten Unheil ausschlagen können. Wenn ihr nun beide ertrunken und vom Strudel
verschlungen wärt! Ich hab es dir schon oft gesagt: der Umgang mit diesem
hochmütigen Volke ziemt dir einfachem Bürgerkinde nicht. Was kannst du von ihnen
erlangen? Du wirst mit deinem Stande unzufrieden werden und deine Zeit
verlieren, und wenn du jeden Tag mit Leib-und Lebensgefahr einen von ihnen aus
dem Wasser ziehst, hast du keinen Dank davon. Das geht mit Kardinälen und
Baronen um; wenn der hochnasige Abt, der älteste Bruder einmal herkommt, sieht
er mich kaum über die Achsel an. Der lange Mensch wird mir niemals etwas zu
Gefallen tun, sosehr ich mich auch vor ihm demütige. - Jetzt in deine Kammer da
hinein! Zieh dich aus, kriech ins Bett, dass du warm wirst, ich will dir das
Essen hineinschicken.«
    Camillo gehorchte ihm gern, nur um mit sich allein zu sein. Fast ohne zu
wissen, was er tat, kleidete er sich aus, legte sich nieder, und träumte die
Begebenheit immer wieder von neuem. »Gott im Himmel!« sprach er zu sich selbst:
»wer bin ich? Und sie hat mich du genannt. Diesem himmlischen Munde habe ich
Küsse rauben dürfen, und, ich habe es im Taumel wohl gefühlt, sie hat mich
wiedergeküsst. Nachher wendete sie sich weg, aber wie freundlich, wie zärtlich!
Und das Angesicht! der Busen! O was kann Marmor, Farbe nachbilden, wenn die
Wahrheit, das Leben sich uns nahe und wirklich so hinstellt! - Ich habe gelebt.
- Diesen Körper nahe am meinigen gefühlt, gedrückt, das Pochen ihres Herzens
empfunden. - Und - der eine Augenblick - wo sich das Gewand weghob im
Emporringen, und Bein und Knie sich entblössten. - Kann ich diesen Glanz je
wieder vergessen? Wird die Erinnerung daran mich nicht elend, wohl gar rasend
machen? - Wie matt ist Licht und Schimmer und Farbe und glänzendes Weiss gegen
den Glanz und die Herrlichkeit, die uns der Körper eines schönen Weibes
offenbart! Und diesen Himmel, einmal geschaut, will das Auge immer wieder sehn.
- Wozu noch leben? Diese Momente kehren niemals, niemals wieder. - Hätte ich
nicht vielleicht besser getan, mich mit ihr vom Strudel nieder in den ewig
dunkeln Abgrund hinunterwälzen zu lassen? Sie zu morden, statt sie zu retten?
Wissen wir denn, was der Tod ist? Mir wäre er Wollust, Himmel, Seligkeit
gewesen, wenn auch im Grauen der Verzweiflung.«
    So phantasierte Camillo und konnte weder den Schlaf finden, noch wirklich
wach sein.
 
                                Zweites Kapitel
Da die Familie Accoromboni sehr viele Bekannte und Freunde hatte, vorzüglich im
nahen Rom, so war es natürlich, dass alle diejenigen, die von ihnen wussten, bald
durch das Gerücht jene Begebenheit erfuhren, und zwar mit Übertreibungen, so dass
manche glauben mussten, die junge und schöne Vittoria sei der Welt durch einen
frühzeitigen Tod entrissen worden. Die Mutter, welche ihre tiefe Rührung
verbarg, da sie die Äusserung einer jeden Schwäche scheute, hoffte den jungen
Camillo bald wiederzusehn, und ihm noch einmal Dank zu sagen, und bei ihm selbst
zu erforschen, auf welche Art sie ihm vielleicht auf seinem künftigen Lebenswege
nützlich sein könne. Als er aber nicht erschien, ward sie besorgt, und Vittoria
noch mehr, dass der Jüngling wohl erkrankt sein könne, denn sie konnten nicht
glauben, dass er, ohne von ihnen Abschied zu nehmen, nach Rom zurückgereiset
wäre. In dieser Erwartung sagte die Mutter zur Tochter an einem Morgen: »Mein
Kind, es ziemt sich nicht, dass wir uns um den jungen Menschen, dem wir dein
Leben zu danken haben, so gar nicht kümmern. Er ist arm, seine Eltern, wie ich
gehört habe, leben in der Stadt nur sehr kümmerlich, man sagt, dass er sich dem
geistlichen Stande widmen soll, wir müssen also irgendeine Summe ihm oder seinen
Eltern einhändigen, damit er seine Studien bequemer fortsetzen könne, und ihn
nachher einigen unsrer wohlwollenden Gönner dringend empfehlen, damit er bald zu
einer einträglichen Stelle befördert werde, so dass er nachher seine armen Eltern
selber unterstützen kann. Bei solchen Gelegenheiten kehrt mir immer wieder der
Wunsch zurück, dass ich reich sein möchte, um durch meine Wohltat das Glück eines
solchen Hülfsbedürftigen auf dauernde Weise gründen zu können. Auf jeden Fall
werde ich ihm die hundert Scudi geben, die ich neulich für unerwartete Fälle von
meinem Ersparnis zurücklegen konnte. Empfehlung, wenn sie wirksam ist, kann
nachher als eine grosse Summe angerechnet werden. Was meint ihr, Kinder, Flaminio
und du, Vittoria, zu dieser meiner Absicht?«
    Flaminio stimmte unbedingt der Mutter bei, doch Vittoria schüttelte lächelnd
den Kopf, so dass die Mutter sie betroffen ansah und mit ihrem forschenden Blicke
ihre Meinung erraten wollte. »Nein! nein!« rief das lebhafte Mädchen, »glaubt
mir nur, unser Camillo ist ganz anders, als wie ihr ihn euch denkt. Ich habe ihn
seit lange beobachtet und kenne ihn ganz genau. So blöde das junge Wesen
scheint, so schwachgemut und ungewiss in seinem Denken und Tun, was vielleicht
daher komme, dass sein Charakter noch nicht ausgebildet ist, so stolz ist doch
dieser Jüngling, so dass er gewiss, verwundet und gekränkt, diese Wohltat, die ihm
wohl gar als eine Bezahlung erscheinen möchte, ausschlagen würde. Glaube auch
nicht, liebe Mutter, dass es sein Wunsch ist, ein Geistlicher zu werden. Er hat
mir schon vor einigen Monaten in Rom bekannt, dass ihm dieser Stand verhasst sei;
Soldat möchte er werden, oder als Handelsmann auf Reisen gehn, eine Seefahrt
versuchen und fremde Länder sehn. Wunderliche Schicksale der Seeleute, der
grossen Feldherren und Condottieri - das reizt ihn, solche Bücher, wie das alte
Gedicht von dem Feldhauptmann Piccinini, liest er am liebsten, und versäumt, wie
er nur irgend kann, Messe und Gottesdienst, so dass ihm auch viele seiner
Schulgenossen feind sind und ihn erbost nur den Ketzer und Luteraner nennen. -
Und dann - hundert Scudi! Liebe Mutter - wenn ich nun doch einmal bezahlt werden
soll bin ich denn nicht mehr wert? Diese Taxe ist allzu gering, dafür schlage
ich mein Hündchen noch nicht einmal los.«
    »Törichtes Wesen!« sagte die Mutter lächelnd, »wie kindisch du zuweilen
sprechen kannst, da dich doch viele kluge Männer in manchen Stunden wegen deines
Verstandes bewundern wollen. Das Unbezahlbare, das Höchste lässt sich niemals mit
Münze ausgleichen, das weiss ich so gut, wie du. Aber eben deswegen muss ein
Leben, wie das des Kindes, das die Mutter, wenn es entflohen ist, nicht mit
Millionen zurückkaufen kann, mit Dank, mit Kleinigkeit, mit Hülfe erwidert und
belohnt werden. Der Wohltäter fühlt dies auch selbst und nimmt das, was
Freundschaft reicht, wenn er es bedarf, mit Rührung an, als wenn es ein grosser
Schatz wäre. Sind wir doch immerdar mit dem Leben und den Elementen, die uns
beherrschen, im Kampf: kann ich dem Nebenmenschen diesen erleichtern, so tue
ich, selbst durch eine Kleinigkeit, etwas Gutes.«
    »Alles wahr«, sagte Vittoria, »aber darum ist auch in diesem Falle, der so
gewichtig ist, Wohlwollen und Freundschaft, ein Entgegenkommen im Vertrauen, ein
kindliches und brüderliches Verhältnis, so dass ein solcher Wohltäter mit zur
Familie gehört - für den Zartfühlenden der wahre Dank und die grösste Belohnung.
So sollten wir mit diesem freundlichen und bescheidenen Camillo sein, und auch
in Rom seine arme Eltern manchmal sehn, die sich gewiss durch solche Auszeichnung
sehr geschmeichelt und beglückt fühlen würden.«
    Die Mutter stand auf, und ging heftig im Saale auf und ab. »Also dahin
sollte es kommen?« sagte sie und setzte sich wieder langsam in den Sessel.
»Vielleicht bereitet sich uns allen von diesem Zufalle aus ein trauriges
Schicksal. Eben alles dies, was du mir deklamierend hergesagt hast, wollte ich
vermeiden und unmöglich machen, weil ich das menschliche Herz besser kenne als
du. Weil sich so natürlich ein vertrauliches Verhältnis, eine brüderliche
Annäherung aus solchem Unglück entwickelt, weil für dieses ein eigentlicher Dank
und eine Belohnung unmöglich sind: so will der erst so grossmütige Wohltäter nur
gar zu leicht das gerettete Wesen selbst an Zahlungs Statt, und vernichtet so
seinen Dienst, indem er sich das Liebste eigennützig zum Opfer bestimmt; die
Gerettete ist oft im Überschwang des Dankes schwach genug, eine solche
Schuldforderung anzuerkennen, ohne einzusehn, dass sie auf diesem Wege nur später
eines andern Todes stirbt. Und sollte ich dich je auf diese Weise verlieren
können, so wäre es mir eben auch nicht schmerzlicher, wenn dich die rasenden
Wogen dort verschlungen hätten. Gerade darum muss nun dieser Mattei unser Haus so
wenig wie möglich betreten; wir sind ihm zum höchsten Dank verpflichtet, aber
wir müssen uns ihm mehr als je entfremden: er muss fühlen, dass wir in
verschiedenartigen Elementen leben, und dass unsere Lebenskreise sich niemals
berühren können.«
    »Ihr überrascht mich, Mutter«, sagte Vittoria hoch errötend. »Nein, ich bin
diesem kleinen freundlichen Camillo so gut, fast wie unserm Flaminio da - aber
deswegen - - was du andeutest Frau Julia, davon könnte ja niemals die Rede sein.
Du sagst, du kennst das menschliche Herz besser als ich - kann sein; aber ich
kenne mein eigenes Herz, mein Wesen, das dir doch vielleicht in einigen Teilen
noch fremd und unbekannt ist.«
    »Wie die Jugend in ihrer Unerfahrenheit spricht!« antwortete die Matrone
nicht ohne Heftigkeit. »Dein Herz! dein Wesen! Hast du denn schon etwas der Art,
da du noch gar kein Schicksal, keinen grossen, mächtigen Schmerz erfahren und
erlebt hast? Ehe das Eisen geschmolzen, gehärtet und gehämmert wurde, ist es
eine unscheinbare Erdscholle, ohne elastische Kraft, Schneide und Widerstand.
Dein Wesen ist nur noch Traum und Ahnung; was du bis jetzt warst und geworden,
ist nur noch Widerschein meines Geistes, Denkens und meiner Erfahrung. Glaube
mir, Kind, es schlafen in uns grässliche Gespenster, tief im Hintergrund unserer
Seele, wohin der Blick der spielenden Jugend und die vorlaute Phantasie niemals
reicht. Man lernt alle Menschen früher als sich selber kennen. Wäre nun dieser
Camillo immerdar um dich, gewöhnte sein Gemüt so an deinen Umgang, dass dieser
ihm zu seinem Dasein unentbehrlich würde, und du wolltest ihn nun als einen
Überlästigen abschütteln, so würde er aus Eitelkeit, verletztem Gefühl,
Zärtlichkeit und Kränkung in eine solche tödliche Leidenschaft geraten, so in
Wut, Eigennutz und Aufopferung rasen, so vor deinen Augen hinsterben, dass dein
Mitleid, Kummer, Gewissen, die Vorwürfe, die du dir machtest, dein eignes Wesen
dir ganz verhüllen könnten, dass du auch auf eine Zeitlang glaubtest, dieselbe
Leidenschaft zu empfinden, und du zu spät deine Aufopferung bereutest. Glaube
mir, alles dies geschieht, sogar nicht selten, und so erwachsen nur zu oft aus
scheinbarer Liebe die unglücklichsten Ehen. In gewissen Stimmungen werfen wir
unser Selbst und Heiligstes mit mehr Leichtsinn hinweg, als wir dem gierigen
Hunde den Knochen hinschleudern. Eine freie und edle Wahl, meine Vittoria, muss
deine Vermählung mit einem ausgezeichneten und hochstehenden Manne herbeiführen,
er muss deiner wert sein, so dass dein reiches Wesen durch ihn gewinnt. Dazu
gehört vor allen Dingen, dass er dich versteht, dass er die Welt und den Adel
echter Geister kennt; ein solcher muss dich erheben, du nicht ihn. Das dürftigste
Schicksal, das kläglichste, entwickelt sich in den Ehen, in welchen das Weib
höher steht, als der Mann.«
    Vittoria hatte ihr feuriges Auge sinken lassen, ihr schönes Haupt ruhte
zwischen beiden Händen, indem sie die Arme auf den Tisch stützte, so dass die
fliessenden Haare dunkel, wie eine Wolke, niederwallten. Plötzlich sah sie auf,
wie von einem Traume erwachend, und erschrak fast, als sie ihren Bruder Flaminio
in der Nähe erblickte. Sie stand auf, flüsterte dem Bruder leise etwas zu,
worauf dieser das Zimmer verliess. »Was hast du, Tochter?« fragte die erstaunte
Mutter.
    »Ich wollte dir nur sagen«, erwiderte sie, »und das sollte mein junger
Bruder nicht hören, dass ich gar nicht, niemals heiraten will und werde.«
    »Du hast heute deinen törichten Tag«, erwiderte jene: »kann mein Kind sich
so etwas vornehmen oder beschliessen?«
    »Ich sehe wohl, Mutter«, sagte Vittoria tief bewegt, »dass du mich, trotz
deiner Liebe, nur geringe schätzest. Was nützen uns Bücher, der Umgang mit
verständigen Männern, die Kenntnis der Vorzeit und alles, was uns die edelsten
Geister singen und sagen, wenn das alles nur wie an Klötzen und Steinen
vorübergeht und nicht zu unserem Geiste sagt: stehe auf, die Morgenstunde ist
da, rufe aus allen Kammern deines Herzens und Gehirns die Diener, dass sie an die
Arbeit gehn, dass in den Wellen des Blutes Entschlüsse und Kräfte erwachen, die
das Geistige, Unsichtbare in Tat und Wahrheit verwandeln! Ja, Mutter, und so bin
ich geworden, bin so geschaffen, dass ich ein Grauen vor allen Männern empfinde,
wenn ich den Gedanken fasse, dass ich ihnen angehören, dass ich ihnen mit meinem
ganzen Wesen mich aufopfern soll. Sieh sie doch nur an, auch die Besten, die wir
kennen, auch die Vornehmsten: wie dürftig, arm, unzulänglich und eitel sind
alle, wenn sie alle Verlegenheit der ersten Besuche ablegen und sich so recht
frei und offen zeigen. Diese klägliche Lüsternheit, die aus allen Zügen spricht,
wenn das Wort Liebe oder Schönheit nur genannt wird; diese alberne hohnlächelnde
Tugend, die jene andern, welche für moralisch gelten wollen, zur Schau tragen;
diese Dienstbeflissenheit und das Kriechen vor den Weibern, die sie doch in
ihrem Herzen verachten - o weh! wenn ich in diesen Gesellschaften meine
Heiterkeit behalten soll, so muss ich mich in einen Traum von Leichtsinn hüllen
und meine Beobachtung zum Schlaf einwiegen. Und diesen Herzlosen, Gelangweilten,
Geldgierigen, nach Ehrenstellen, und Lob der Grossen Durstenden soll ich das
Kleinod meines reinen Leibes, meiner Keuschheit und Unschuld hingeben, wie man
sich Tisch, Gefäss, Buch oder sonst ein Totes aneignet? Und - nur mit Entsetzen
kann ich an diese Aufgabe unsers Lebens denken - wie aus einem Schrank, wie aus
lebendigem Sarge soll mir unter Qualen ein Wesen genommen werden, das ich bin
und doch nicht bin, das in seinem ersten materiellen Blödsinn mich ebensowenig
kennt, vielleicht weniger, wie die Nelke, die ich in meinem Scherben erziehe. O
mir graut, nur davon zu sprechen. Und dies Leiden, den Graus, den Abscheu zu
erleben, wirklich zu erleben, ich ertrüg es nicht! Wie sehr tatest du recht,
Mutter, mir unsere Bandello, Boccaz und den leuchtenden Ariost nicht zu
verschliessen, wie manche Eltern tun, denn statt zu verlocken, hat sich diese
sogenannte Liebe, die immer nach diesem entsetzlichen Ziele strebt, die berühmte
allwaltende Leidenschaft mir nur verhasst gemacht.«
    »Welche Unnatur!« rief die Mutter aus, »Kind, deine entartete Phantasie ist
es nur, die dir Grauen erregt, nicht diese Bedingung des Lebens selbst, die
durch göttliche wie menschliche Gesetze ihre Weihe, wie alles Heilige, erhalten
hat.«
    »Ich verstehe ja auch«, erwiderte die Tochter, »den Willen Gottes und der
Natur, ich verehre diese Satzung und begreife ihre Notwendigkeit - aber warum
soll ich mich ebenfalls dem Ausspruch fügen und nicht zurücktreten dürfen, wie
so viele Priester, Nonnen und Heilige?«
    »Und in ein Kloster wolltest du dich vergraben, du lebensmutiges Kind?«
    »Nein, Mutter«, rief Vittoria aus, »lieber sterben! Ich verehre die Ehe;
bist du, herrliche Julia, doch Mutter geworden, und Mutter vieler Kinder; muss
ich dir doch dafür danken, da ich nur durch dich in dies freundliche Dasein
gerufen wurde. Lass mich gewähren. Vielleicht erzieht mich Zeit und Erfahrung
noch anders. Du meinst, der Mann müsse höher stehn, als das Weib. Noch habe ich
keinen gesehn, der sich dir nur vergleichen dürfte; meinen teuren Vater habe ich
nicht gekannt und kann mir kein Bild von ihm machen; aber müsste ich durchaus dem
Gesetz nachgeben, so scheint mir vielmehr ein Mann, wie Camillo, meiner Ehe zu
passen, den ich eigentlich ohne alle Bitterkeit unter mir fühle.«
    »Ich werde noch lange«, sagte die Matrone, »über unser Gespräch und deine
sonderbaren Meinungen nachzudenken haben. Demjenigen, was allem Lebensreiz,
bewusst und unbewusst, der Poesie und aller Kunst zum Grunde liegt, dem willst du
entsagen, und doch bist du für Malerei und Poesie begeistert, doch hast du Sinn
für die männliche Schönheit: wie willst du mit deiner Unnatur dich in geselligem
lebenden Kreise bewegen?«
    »Mit Mut und Entschlossenheit macht sich alles«, erwiderte die Tochter mit
heiterer Miene. »Gestern noch las ich das hübsche Büchelchen von der Tullia
d'Aragon, Über die Unendlichkeit der Liebe. - Sieh, diese weltberühmte Frau hat
sich niemals vermählt, und wurde von der ganzen Welt vergöttert, in Bildnissen
verherrlicht, und der grosse Bembo, der herrliche Poet Bernard Tasso und so viele
andere berühmte Namen haben ihr gehuldigt.«
    »Kind! Kind!« sagte die Mutter mit schwerem Seufzer - »wohin gerätst du?
Dieses Wesen, so schön, so poetisch sie war, durfte sich an Tugend und Hoheit
niemals mit der vermählten Colonna und andern Dichterinnen vergleichen: Du weisst
auch, dass sie zum Teil deshalb bekannt und beliebt war, weil ihre Sitten, so
sagt man, sich durch Leichtsinn auszeichneten; ihre platonische Liebe soll mehr
als einmal zur irdischen herabgestiegen sein, und so könnte, weil auch du schön
bist, dein Eigensinn dich statt zur Gattin, zur Buhlerin machen.«
    Vittoria legte der Mutter den Finger auf den Mund und sagte: »Bitte! bitte!
Was sagt die Welt nicht alles von grossartigen Frauen. Ich denke mir, dass sie ein
schönes reines Leben führte, das Edelste jener Gelehrten, Fürsten und Dichter
sich aneignete, die zu ihren Füssen sassen. Hat nicht der ernste pedantische
Ortodox, der alte Speron Sperone in Padua einen eigenen Dialog über die Liebe
geschrieben, wo sie auftritt und von dem grossen Bernardo Tasso verehrt und
gepriesen wird. Dieser herrliche Dichter verleugnete auch nie, dass sie seine
Göttin war.«
    »Vergiss nicht«, sagte die Matrone, »dass der finstere Sperone damals jünger
war, und dass er gewissermassen in einem spätern moralischen Dialog alle jene
Äusserungen und Meinungen zurückgenommen hat.«
    »Um so schlimmer für ihn!« rief die Tochter aus, »denn was einmal wahres
Eigentum unsers Geistes war, sollen wir niemals wieder weggeben. Wer gegen sich
selbst nicht treu ist, kann es gegen niemand sein. Wer sich verleugnet, wird
auch das Göttliche verleugnen. Da helfen sie sich denn freilich mit den
traurigen eisernen Schranken einer dürren Moral und einer missverstandenen
Religion.« -
    »Camillo vergessen wir ganz darüber«, sagte die Mutter, indem sie aufstand.
Sie ging in die Gesindestube, und fühlte, dass dieses Gespräch eine Epoche ihres
Lebens bilde, denn sie war dadurch in eine ganz andere Stellung zu ihrer Tochter
gerückt worden. Diesen strengen Geist des eben erst aufgeblühten Kindes hatte
sie nicht geahnet, sie sah jetzt ein, dass der poetische Leichtsinn, das Harmlose
des schönen Wesens, der oft kindliche Übermut ebensoviel Vorsatz, als
Temperament war. Sie sorgte jetzt, das Düstere der Vorstellungen möchte einst
über die Heiterkeit den Sieg davontragen. Schwanken wir nicht immerdar, sagte
sie zu sich, an der Grenze des Wahnsinns hin? Arbeit, Pflicht, Scherz und
Andacht müssen uns immerdar zerstreuen, um nicht in den stets offnen Abgrund
hineinzutaumeln, wie sie vor wenigen Tagen dort in den Wassersturz.
    Sie sendete Ursula, die alte Amme, da Flaminio nicht zugegen war, zum
Weltpriester hin, um zu erfahren, ob Camillo Mattei nicht gar von jenem Wagnis
krank geworden sei, da er noch immer nichts von sich hatte hören lassen. Die
berührige geschwätzige Alte freute sich, in dem kleinen Orte, in welchem sie nur
wenige Unterhaltung fand, wieder einmal eine neue Bekanntschaft zu machen.
Nachdem sie ihre Kleidung verbessert und einen weissen Schleier umgelegt hatte,
begab sie sich in das kleine Haus des Priesters. Der Alte sah verdriesslich von
seinem Gebetbuche auf nach der unbekannten Besucherin hin, die sogleich redselig
die Grüsse ihrer Herrschaft hersagte, und sich dann erkundigte, warum denn der
junge, liebenswürdige Mattei noch nicht wieder gekommen sei, um die herzlichsten
Danksagungen der ganzen Familie zu empfangen.
    »Setzt Euch, alte Person, ruht Euch aus«, sagte der Priester; »das Schwatzen
muss Euch sehr müde machen. Mein Neffe, Gott tröste ihn, ist krank. Die junge
fröhliche Dame ist, wie ich höre, mit weniger selbst als einem blauen Auge
davongekommen. So geht es immer mit den Vornehmen und Reichen: wir armes
Gesindel müssen alles ausbaden und den Schaden bezahlen. Das Wasser hat meinem
jungen Bengel nicht geschadet, aber beim Hineinspringen ist er so heftig auf die
spitzen Steine aufgeschlagen, dass Rücken, Rippen, Hüften, alles ein Schmerz ist.
Er hat Beulen und ist so blau gefärbt und angelaufen wie der damaszierte Stahl.
- Das wisst Ihr doch von Eurer Jugend her, aus der Naturgeschichte, Ihr altes
Kind, dass Steine nicht so weich sind, wie das Wasser?«
    »Lieber Himmel, nein«, sagte Ursula, »das habe ich noch nicht vergessen. Ich
habe alle meine Herrschaften aufgesäugt, sonst wäre meine gnädige Signora Julia
auch wohl nicht so schön geblieben, und alle die Kinder, vorzüglich aber das
älteste, der Herr Abbate, mögen mir vielen Verstand und Einsicht, auch
Gedächtnis weggesogen haben, womit sie nun in der Welt prunken und Aufsehen
erregen, aber diese Kenntnis und Einsicht ist mir doch geblieben. Ja,
ehrwürdiger Herr, Steine sind in der Regel hart, aber auf verschiedene Art, nach
seiner Temperatur ein jeder; aber darauf hinstürzen, ist keinem Körper gesund.
Sonst hätten die bösen Juden den heiligen Stephanus gar nicht steinigen können,
wenn in den Kieseln nicht eine gewisse Harte wäre.«
    »Eure Kenntnis wandelt auf dem ganz richtigen Wege«, fuhr der Priester fort;
»man freut sich, mit Menschen von Geist und Erfahrung Bekanntschaft zu machen,
denn die Welt verdummt immer mehr. Aber meinen Neffen, den haben die
Herrschaften, so scheint es mir, verbraucht, denn wenn er auch wiederaufkommen
sollte, wird er doch zeitlebens ein Narr bleiben. Da phantasiert und tollt er
auf seinem Lager herum, und spricht von den alten heidnischen Göttern, von denen
er wenigstens ein Dutzend, so schreit er es aus, da unten im Wasserfall,
kennengelernt hat. Dann sagt er zur Abwechselung, er sei selbst eine von den
alten Gotteiten, und Euer hochgewachsenes Fräulein habe ihn dazu gestempelt. Er
meint in seiner philosophischen Raserei, er hätte sich eigentlich, wenn er
Menschenverstand gehabt hätte, neulich umbringen sollen, und die überweise
Vittoria zugleich mit, so würden die beiden jetzt in den elysischen Gärten
spazierengehn, und die reifsten und süssesten Maulaffenbeeren von den Bäumen
herunternaschen. Von der Religion will er nun gar nichts wissen, weil er meint,
die könne ihm zu seinem künftigen Fortkommen in der Hölle doch von keinem
sonderlichen Nutzen sein, denn Herr Pluto und dessen unterirdische Richter
examinierten die Kandidaten nach einem gar andern Katechismus. Kurz, der Bursche
ist mir und der ganzen Christenheit dermalen verdorben, und das hat einzig Eure
superkluge Herrschaft: zu verantworten, die das junge Blut als einen Pudelhund
mit sich nahm, um verlornen Hochmut aus dem Wasser wieder heraufzuholen. Ich
habe sogleich den Apoteker müssen kommen lassen, der ihn bepflasterte, und ihm
Latwergen und Tränke und Tropfen mitgebracht hat, die ich armer Gesell aus
meiner knappen Wirtschaft nun alle bezahlen muss; alles bittres, verfluchtes,
niederträchtiges Zeugs, wo sie mir noch viel Geldes dazugeben müssten, wenn ich
sollte überredet werden, das gottlose Höllengesöff hinterzuschlucken. Der
einzige greifliche Vorteil bei der ganzen verfluchten Geschichte ist, dass das
dumme Lammsgesicht in den ersten zehn Jahren nicht wieder braucht geprügelt zu
werden, weil ihm Rücken und Rippen von der remarkablen Geschichte beinah
zerquetscht und zertrümmert sind.«
    »Geistlicher Herr«, sagte Ursula, »Ihr beliebt so klug und so quatsch
durcheinanderzusprechen, dass es fast unmöglich ist, Eure Meinung zu kapieren.
Wenigstens macht Ihr es den Laien ziemlich schwer.«
    »Nun, so seht Euch die Bescherung selbst an«, sagte der Geistliche, »wenn
Ihr Euch aus meiner Legende nicht zu vernehmen wisst.«
    Sie gingen in die Kammer, wo der Kranke sich unruhig auf seinem schlechten
Lager wälzte. Seine Augen glühten, und als die beiden eintraten, rief er ihnen
entgegen: »Teuerster Monsignore Charon, bringt er sie jetzt herüber, meine
längst angetraute Gemahlin, die Dame Vittoria? Ei was! Ist sie schon seit den
kurzen dreihundert Jahren so sehr gealtert, wie muss ich dann erst aussehn, der
ich schon vor meiner Geburt ein alter Kerl war? - Wie? Runzeln in dem braunen
Gesicht? Warum gerade so? Kann das Alter denn nicht bloss ehrwürdig erscheinen,
warum muss es gerade lächerrlich sein?«
    »Nein, nein, junges Blut«, rief Ursula unwillig aus; »ich bin nicht die
Herrschaft, ich bin die Amme, die sie grossgesäugt hat, darum lasst Eure
Pasquinaden und wendet Euch an Gott, damit er Euch gesund mache und Euren
verfallenen Verstand wiederherstelle.«
    »Ihr habt sie mit Eurem Blut, mit Eurer Milch, mit Euren Lebenskräften
gesäugt?« rief der Kranke; »kommt näher, Musterbild aller Schönheit, denn auf
die Weise hat sie ja nur von Euch ihre Vollkommenheiten. Ehe sie selber war,
ruhten ihr Auge, die süsstönende Rede, die Himmelslippen, alle die Verse, die sie
weiss und selber dichtet, schon in dieser verknöcherten, kastanienbraunen Brust?
O kommt und reicht mir auch etwas von dieser Nahrung, damit ich doch einige
Ähnlichkeit mit ihr bekomme.«
    »Pfui!« schrie die Alte erbittert, »er sollte doch wenigstens auf eine
dezente Art rasen, dass wohlerzogene Frauenzimmer sich über seine Liebesphrasen
nicht zu schämen brauchten.«
    Sie ging böse und scheltend fort und erstattete der Herrschaft nur einen
sehr unvollkommenen und verwirrten Bericht. Die Signora Julia schickte durch
ihren jüngern Sohn eine bedeutende Summe zum Pfarrer, damit ihm der kranke Neffe
nicht zu viele Ausgaben veranlasse, auch sorgte sie dafür, dass ein verständiger
Arzt ausser dem halbgelehrten Apoteker sich, auf ihre Rechnung, des Leidenden
annahm. Auch kühlende Sachen, eingemachte Früchte und andere Erfrischungen
besorgte sie, und so hoffte sie, bald von der Besserung und Genesung des Camillo
Mattei zu vernehmen.
 
                                Drittes Kapitel
Es hatte sich mit Camillo gebessert. Die kräftige frische Jugend kämpfte das
Fieber und die Krankheit nieder. Der Beistand, den ihm die Signora Julia durch
ihre Bemühung verschafft hatte, indem sie ihm einen verständigen Arzt sendete,
die Beruhigung, die sie durch ihre Unterstützung dem alten Priester gewährte,
alles dies hatte die Wiederherstellung des jungen Mannes beschleunigt. Er
meldete sich bei der Familie, um seinen Dank abzustatten, und die Mutter empfing
ihn freundlich, aber zugleich mit einer gewissen Feierlichkeit. Auch Virginia,
von dem strengen, beobachtenden Auge der Mutter beherrscht, hatte einen andern
Ton gegen ihn angenommen, als den er bisher gewöhnt war, und so fühlte sich
Camillo, der nach jener Szene ganz andere Erwartungen mitgebracht hatte,
verletzt und gedemütigt; er war verlegen, und wenn ihn die Gesellschaft nicht
beschämt hätte, so würde er sein Gefühl wohl in heissen Tränen ergossen haben.
    »Ihr werdet nun wohl«, sagte die Mutter, um das zögernde Gespräch in
Bewegung zu setzen, »zu Euren Eltern nach der Stadt zurückkehren, um
weiterzustudieren. Seid Ihr erst etwas vorgeschritten, mein lieber junger
Freund, so werde ich nicht ermangeln, Euch meinem Sohn, dem Abte, zu empfehlen,
ja ich werde vielleicht die Gelegenheit finden, zu Eurem Besten mit dem grossen
Kardinal Farnese zu sprechen, der jetzt wahrlich, zunächst unserm Heiligen
Vater, den grössten Einfluss auf die kirchlichen Angelegenheiten hat. Zeigt Ihr
Euch nun wacker und unterrichtet, darf man später von Eurer Rechtgläubigkeit
überzeugt sein, so wird es Euch gelingen, bald in eine einträgliche Stelle
versetzt zu werden, von welcher Ihr allgemach höher steigen mögt, um auch Euren
teuren Eltern ihre Liebe, und die Opfer, die sie Euch gebracht haben, vergelten
und ersetzen zu können.«
    Vittoria war im Innern über diese wohlgesetzte Rede aufgebracht, aber sie
hatte nicht den Mut, in Camillos Gegenwart ihr Erzürnen kundwerden zu lassen, um
nicht einen vielleicht unziemlichen Auftritt herbeizuführen. Die Mutter merkte
ihre Verstimmung, sie hatte sich aber fest vorgenommen, sich durch nichts in
ihrem Entschluss irremachen zu lassen. Camillo erwiderte stotternd und mit hoher
Röte im Gesicht: »Signora, ich werde noch acht Tage hier in Tivoli verbleiben,
so hat es mir der Arzt befohlen, den Ihr mir zu senden die Gnade hattet. Ich
werde dann nach Rom zurückkehren, aber ganz in Zweifel und Ungewissheit, mehr als
je, ob ich auch würdig genug sei, mich dem geistlichen Stande widmen zu können.
Es ist gar zu schmerzlich, sein ganzes Leben einem Berufe zu weihen, den man mit
entschiedenem Widerwillen antritt. Ihr wollt mich beschützen - oh, wie glücklich
würde ich mich fühlen, wenn Ihr mir irgendwo, sei es in Venedig, Florenz, oder
wo es auch wäre, eine Stelle und Aussicht beim Soldatenstande schaffen könntet.
Oder wenn sich ein Kaufherr in Genua oder ein Venezianischer meiner annehmen
wollte. Ich fürchte, ich bin nicht fromm; zwinge ich mich also, ganz gegen
Neigung, in das geistliche Wesen hinein, so ist zu besorgen, dass ich aus Tücke
und Widerspruch, wie der Mensch nun einmal ist, auf gar arge Ketzereien geraten,
und in dem Zustande Leib und Seele verlieren möchte.« -
    »Junger Mensch«, sagte die Matrone mit kalter Sicherheit, »Ihr kennt Euch
selbst noch nicht hinreichend. Folgt meinem Rate, denn er ist gewiss der beste.
An meinem eigenen Sohne Marcello erlebe ich es, wie schwer es ist, den Söhnen
eine andere Laufbahn, als die der Kirche, zu eröffnen. Beim Soldaten hat der
Edelmann immerdar den Vorzug, und alle die grossen Häuser in Italien sorgen
dafür, dass bei allen Fürsten in den Ländern ihre Schützlinge und Anverwandten
die einträglichen Stellen erhalten. Mit Kaufleuten stehe ich in gar keiner
Bekanntschaft, denn meine Verbindungen, durch welche ich Euch nützen könnte,
erstrecken sich eben nicht über Rom hinaus. Bei der Bestimmung unseres Lebens
dürfen wir nicht zuviel auf unsere Neigungen oder Leidenschaften hinhören, denn
das Schicksal des Daseins, dem wir in dem Augenblicke der Bestimmung
entgegentreten und es herbeirufen, ist zu ernst, um Spiele und Gewöhnungen der
Kindheit, jene leichten Blüten, die den Früchten weichen sollen, mit
hinüberzunehmen. Dadurch, dass Ihr uns bekannt seid, dass wir Euch so innig
verpflichtet wurden, so dass ich gezwungen bin, für Euch wie für einen lieben
Verwandten zu denken und zu sorgen, dadurch, dass es sich fügt, dass wohlwollende
Gönner und Freunde von grossem Einfluss, auf meine Worte, Bitten und Empfehlungen
achten: dadurch, lieber Mattei, zwingt Euch das, was ich Schicksal nenne, Euch
dieser Bestimmung und keiner andern zu ergeben. Und seid Ihr denn gar nicht
stolz, junger Freund? Seht um Euch, wie grosse Männer allentalben aus Armut und
Niedrigkeit sich auf diesem so ehrenvollen Wege emporgeschwungen haben. Hier, im
geistlichen Gebiet, ist die echte Republik, die Gleichheit aller Geschlechter
und Stände. Kirchendiener, Bischöfe, Heilige, ja Päpste sind aus Armut und
Dunkelheit emporgestiegen, um der Welt zu leuchten, und ihre Familie zu
verherrlichen. Haben wir nicht ganz in der Nähe ein Beispiel an unserm
Kirchenfürsten, dem gelehrten grossen Kardinal Montalto, dessen Familienname
Peretti ist? Wer spricht im römischen Staat, ja in ganz Italien diesen Namen
Peretti nicht mit Ehrfurcht aus? Und er ist einem so armen, niedrigen, schwachen
Hause entsprungen, dass Eure wackern bürgerlichen Eltern sich gegen seine Familie
wohl eine vornehme dünken mochten. Als Knabe war dieser grosse Geist genötigt,
das Vieh zu hüten, durch Almosen ward er grossgezogen, schwache, armutselige
Priester und Mönche waren seine ersten Beschützer - und jetzt! Ist er auch nicht
reich, so kann er doch, wie jeder Kardinal, in wenigen Jahren wohl selbst Papst
werden. Seht, mein Freund, der Stand, den Ihr nicht achten wollt, ist einzig
der, wo Fleiss und Charakter sich geltend machen, und die Schwächsten, hier
durchgedrungen, die Welt beherrschen können.«
    Die Frauen erschraken, als in diesem Augenblicke der erst verschüchterte
Camillo ein lautes Lachen aufschlug. »O ja«, rief er, »ich kann auch nach Asien
wandern, mich für heilig ausgeben und der grosse Mogul werden. Was hindert mich,
es auf den weltberühmten geheimnisvollen Priester Johannes anzulegen? Von
Melchisedek und den drei Königen aus dem Morgenlande weiss man auch die
Abstammung nicht. Dürfte es nicht auch geraten sein, sich mit dem Ewigen Juden
zu assoziieren und sich von dem Brausewind zum Kompagnon annehmen zu lassen? Der
macht ja auch Geschäfte mit und in aller Welt.«
    Plötzlich schwieg er still, sah starr vor sich nieder, und trocknete sich
heimlich eine Träne aus dem Auge. Mutter und Tochter sahen sich mit Erstaunen
an, und die sonderbare Blässe des Marmors stand auf Vittorias Angesicht. Camillo
richtete sich in mächtiger Verwirrung auf und sagte mit gebrochener Stimme:
»Verzeiht mir, ihr Hochverehrten, meine Ungezogenheit. Ich bin ein elender
Mensch, und verdiene nicht, in guter Gesellschaft zugelassen zu sein. Mir
geschieht recht, wenn ich von den Edlen ausgestossen werde.«
    Er erhob sich zitternd. Demütig nahte er der Signora Julia und küsste ihre
Hand, dann näherte er sich der Tochter, fasste ihre Finger, hielt sie lange fest,
und konnte dann seine Lippen kaum entfernen, indem er fühlte, wie sein Druck,
wenn auch nur leise, von der schönen Jungfrau erwidert wurde. So wankte er dann,
wie ohnmächtig, zur Tür hinaus.
    Mit dem Ausdruck der Heftigkeit stand die Matrone vom Sessel auf und ging an
das Fenster. Vittoria blieb auf ihrem Stuhle und sah mit etwas scheuem Blicke
nach der Mutter hinüber. -»Also schon jetzt!« rief die Mutter aus; »ich habe es
ja gesagt! So ist die elende Beschaffenheit unsrer menschlichen Seele, dass aus
jedem Ohngefähr tolle Hoffnungen erwachsen, deren sie sich schwindelnd
bemächtiget. Nun ist man stolz, und trotzt und pocht in verächtlicher Aufregung
einer rasenden Leidenschaft. Man spielt den Herrn der Welt, indem man tief unter
dem blödsinnigen Bettler steht. Und eigentlich hast du es verschuldet!«
    »Ich?« fragte die Tochter erschreckend.
    »Weil du kindlich und unerfahren dein Herz und deine Zunge nicht genug
bewachtest. Deine unschuldige Neigung hat er in seinem männlichen Eigennutz ganz
anders gedeutet: diese angeborne Eitelkeit und Anmassung des Geschlechts hat dich
ihm schon erniedrigt, weil du höher standest, als er, weil du ihm reizend und
wünschenswert erscheinst, seine Einbildung hat dich schon in Besitz genommen,
und dass sein Irrsinn schon zur wahren Leidenschaft herangewachsen ist, zeigt
seine Raserei, die wir von ihm haben ertragen müssen.«
    »Was kann ich aber für das alles?« warf Vittoria mit Schüchternheit ein.
    »Wie? Törin?« eiferte die Mutter, »sah ich es denn nicht (o ja, du kannst es
meinem scharfen Auge nicht ableugnen), dass du ihm noch beim Abschied die Hand
drücktest?«
    »Und wenn es ist«, sagte Vittoria, »gibt es etwas Unschuldigeres? Er tat mir
so leid, weiter habe ich mir nichts dabei gedacht.«
    »Und du meinst«, antwortete die Matrone, »dass der Ungestüme sich diesen
Druck nicht ganz anders wird ausgelegt haben? Für eine Liebeserklärung von
deiner Seite hat er ihn genommen. Liebst du ihn wirklich, so tatst du etwas sehr
Unrechtes, aber du handeltest ehrlich; liebst du ihn aber nicht, so war es ein
armseliger Betrug, und gehört zu jenen schlechten Künsten, mit denen Weiber, die
mit Recht verrufen sind, Handel und Wandel treiben, und nur gar zu oft durch
fortgesetzte Unwahrheit die edelsten Männer zur Verzweiflung bringen.«
    »Du gehst im Eifer zu weit«, sagte die Tochter mit grosser Ruhe. »Gibt es
denn ausser wilder roher Leidenschaft, die unbedingt auf Besitz dringt, und jener
kalten toten Gleichgiltigkeit, nichts Edles, Freundliches, Zartes, was zwischen
diesen Äussersten liegt? Und, dass ich es dir nur gestehe, ich war dem kleinen
Camillo immer gut, aber noch niemals hat er mir so sehr gefallen, als in seiner
aberwitzigen komischen Rede, die dich so sehr gegen ihn aufgebracht hat. Diese
Kraft hätte ich ihm niemals zugetraut. Ist es denn also möglich, wie du neulich
äussertest, dass ich auch noch Leidenschaft und Wunsch nach der Ehe würde
kennenlernen, nun so erzieht sich vielleicht meine Zärtlichkeit für meinen
Mattei noch zu dieser Liebe. So lass denn diesen Gefühlen ihren Lauf und es
ergibt sich nach Jahren vielleicht, dass du richtig gesehen hast.«
    »Dass der Wahnsinn ansteckend ist, erfahre ich nunmehr ganz deutlich«, sagte
die Mutter und sprach nun kein Wort mehr. -
    Camillo ging indessen langsam und zögernd nach dem Hause seines Oheims
zurück. Ja, ja, sprach er bei sich selbst, recht hat der alte verdriessliche
Mensch! Die Vornehmen - sie taugen alle nichts! Nur bei der Armut wohnt Liebe
und Tugend! das sehe ich an meinen Eltern, an so vielen Elenden! O dieser
verächtliche Hochmut der armen, vergänglichen Sterblichen! - Und diese
hochgetürmte weise Hoffarts-Dame! Was ist sie denn Grosses? Die Witwe eines
wohlhabenden Advokaten und Richters: dazu hätte mein Vater auch gelangen können,
wenn er das Vermögen besessen hätte, zu studieren. Sie ist freilich aus einem
adlichen Hause: ist aber doch auch zu einem Rechtsgelehrten hinabgestiegen! -
Unsinn, dass sich mit dieser Ungleichheit auch die niedrigen Stände brüsten! -
Ich, ein Geistlicher! Lieber Kohlenbrenner, Räuber, Bandit! - Und sie - ach ja,
da im Saal ist es anders, als da unten, so nah an der Hölle, wo sie sich mir mit
allen Kräften und Schönheiten ergab. Warum war ich so dumm und töricht, in
diesem Taumel, wo wir die ganze Welt vergessen, nicht mehr zu verlangen? Sie
hätt es nicht geweigert. Und was ist es denn Grosses? Das Nächste, Natürlichste,
was ein einfach unverdorbener Mensch nur denken und begehren kann. War doch
Busen, Knie und glänzender Leib schon mein, und in den Küssen entfloh meine
Seele über ihre himmlischen Lippen in ihr Wesen hinüber. - Nichts! nichts! Alles
ist eitel! Auch sie verwelkt und vergeht, nichts ist echt und wahr, als nur die
Zeit und der Augenblick; und diesen muss der Kluge ergreifen! wenn er dazu
entschlossen ist, so gehört ihm die Welt.
    Zu Hause angelangt, legte er sich nieder, denn er war wieder ein Raub des
Fiebers.
    Nach Tische wurde der Familie der allbekannte Hausfreund Don Cesare Caporale
gemeldet. Mutter und Tochter waren erfreut, den wackern Mann begrüssen zu können,
durch welchen sie aus ihrer Verstimmung gerissen wurden, und der ihnen durch
seine unzerstörbare Heiterkeit eine anmutige Zerstreuung versprach.
    Cesare Caporale war einer jener hohen schlanken Gestalten, die durch den
Ausdruck harmloser Gutmütigkeit die Hässlichkeit ihres Gesichtes vergessen machen
können. Sein Anstand und die Gebärde war edel, und man sah ihm an, dass er viel
in der grossen Welt gelebt hatte. Die kleine, zurückgekrümmte Nase in dem langen,
gebräunten Gesicht, die vielen Falten, gaben ihm neben dem fast Geringen und
Possierlichen den Anschein eines höheren Alters, als er wirklich erreicht hatte,
denn er war noch nicht fünfzig Jahr. Seine grauen, kleinen und lebhaften Augen
verrieten den Schalk, denn sie begleiteten jedes seiner Worte mit so
geistreichem Ausdruck, dass viele seiner Aussprüche von seinem Munde witzig
schienen, die man oft als Rede eines andern für unbedeutend würde gehalten
haben.
    Mit seiner gewöhnlichen Gutmütigkeit schüttelte er den beiden Damen die
Hand, setzte sich behaglich nieder und sagte: »Da bin ich wieder einmal bei
euch, ihr Gotteskinder, und das tut mir wohl, wie die Frühlingssonne dem
Kranken. Ich war wieder da hinten in meinem geliebten kleinen Perugia und habe
eine Zeitlang fröhlich mit meinen Freunden in meiner Vaterstadt gelebt. Das
liebe Nest steht noch auf dem alten Fleck, keine meiner Bekannten ist in diesem
Jahre gestorben, in meinem Vaterhause ist mein Quartier für mich immer offen,
und so habe ich denn auch die Kirchen wieder besehn, die Berge besucht, und mich
an den Gebilden unsers alten Meisters Pietro und seines grossen Schülers Raffael
erfreut. Wie ich nach Rom komme, höre ich zu meinem Entsetzen, ihr alle hier
wäret ersoffen, oder mit Erlaubnis zu sagen, ertrunken, was aber beinah auf
eines hinausläuft. Das war ein Lamento bei allen den schönen geputzten jungen
Narren, dass es nicht auszusagen ist. Je nun freilich, wenn man hübsch ist, wird
man eher vermisst, als wenn man, wie ich leider, mit einer so fatalen Fratze
herumläuft. Aber sagt um des Himmels willen, was habt ihr eigentlich angefangen,
dass man euch so verleumden darf: denn ich sehe ja, dass ihr hier ganz als
vernünftige Wesen auf dem Trocknen beisammensjetzt. Die hochgesinnte Mutter, die
ausbündige Vittoria, und der hoffnungsvolle Flaminio sind alle wohlbehalten,
wenn auch etwas nachdenkend, wo nicht gar gelangweilt, was ich aber doch nicht
zu voreilig annehmen will.«
    Die Mutter übernahm es, ihm in kurzen Worten die sonderbare Geschichte, die
so leicht tragisch hätte endigen können, zu erzählen. »Seht! seht!« sagte Cesare
am Schluss. »ich habe immer behauptet, dass unsre Virginia für ihre grosse Gestalt
in ihren Gebärden und Bewegungen zu hastig und berührig ist. Dergleichen schickt
sich nur für kleine Persönchen, die es manchmal auch recht gut kleidet. Darum
halte ich mich mit meinem hohen Körper, den langen Beinen und Armen immer so
majestätisch. Fällt mir ein lumpiger Ball ins Wasser (ich trage aber niemals
einen mit mir herum), so lasse ich ihn wegschwimmen; und dort gar in dem
Höllenrachen, den ich immer die Grotte des Neptun genannt habe, obgleich
strenggenommen der gewaltige Mann sich mit den Flüssen des Landes gar nicht
einlässt. Wenn Ihr dort umgekommen wärt, so hätte ich Euch wohl gar, als Euer
alter Anbeter besingen und beklagen müssen, obgleich mir noch niemals ein
ernstafter Vers hat gelingen wollen.«
    »Aber habt Ihr uns keine neue Komposition mitgebracht?« fragte die Mutter.
    »Der Poet«, antwortete Caporale, »ist zuweilen an Entwürfen und Plänen so
reich, dass er darüber gar nicht dazu kommen kann, einen einzigen auszuführen.
Ich lief in der schönen Gegend von Perugia viel herum und meditierte. Mein
Gedicht über das Leben des Maecenas ist nun fast fertig, aber ausser einer neuen
Komödie ist mir auch noch ein komischer Vorwurf dort in der Einsamkeit
aufgestiegen. Ich dachte mir nämlich, wie Apollo auf seinem Jagdschloss eine
Versammlung könnte ausschreiben lassen, dass sich alle, die sich für Poeten
hielten, zu ihm einfinden sollten, um aus seinem Munde und von verständigen
Richtern und Beisassen ihr Urteil zu empfangen. Die Aufgabe ist häklig und
kitzlig: denn wie viele unserer jetzt lebenden Pedanten, oder talentlosen Reimer
würde man da ärgern und kränken müssen, darum gebe ich den Gedanken auch
vielleicht wieder auf, wenn ich nicht einen anständigen Mittelweg entdecken
kann.«
    »O Bester!« rief Vittoria lebhaft aus, »da müsst Ihr alle meine Lieblinge
recht loben, und diejenigen, die mich immer geärgert haben, recht beissend
durchziehn und schwarz abschildern.«
    »Zum Beispiel?« fragte der Poet.
    »Wen kann man wohl mehr loben«, fuhr sie fort, »als den edlen herrlichen
Bernard Tasso, und dessen Sohn Torquato, wegen seines himmlischen Aminta,
Schelten müsst Ihr auf den rechhaberischen kritischen Sperone.«
    »Geht schon deswegen nicht«, antwortete der Dichter, »weil ich ihn jetzt
eben in Rom gesprochen habe, und er sich recht freundlich gegen mich erwiesen
hat. - Also um fortzufahren: ich wandelte dort in den Bergen von Perugia sinnend
umher, voll Launen und Projekte, Verdruss und Freude. So kam ich auf ein grünes
Feld in der Abendstunde, die Sonne ging unter und es gemahnte mich, noch immer
draussen zu bleiben. Mit einem Male blitzt mich aus dem grünen Gebüsch vor mir
etwas so grossäugig an, so unnatürlich feurig, dass ich dachte, die Sonne wäre
vielleicht umgekehrt: und nun sah ich's, und es war Venus, der Abendstern. Aber
noch nie hatte ich ihn in dieser Herrlichkeit gesehn. Nun gut, ich liess es mir
gern gefallen, dass es etwas so Schönes in der Welt und der Natur gab, und ging
immer weiter, an mein dummes Gedicht denkend und spekulierend. Auch gibt es
wirklich Epochen in unserem Leben, in welchen man die sogenannte Zeit völlig
vergisst. So war es mit mir. Der Abend hatte mich ausgehn sehn und die stille
Nacht fand mich noch draussen. Wie ich noch so fortwandelte, deucht mir, es
erhebe sich im Osten eine Art von lichtem Grau, ein klarer, wallender Schimmer,
und wie ich mich noch darüber verwundre (denn ich hatte ganz vergessen, dass es
wohl Morgen sein könne), fahre ich im Schrecken zurück, denn wieder blitzt eine
solche Glutmaschine, so ein Jupiter, als wenn er eben einer Liebschaft wegen zur
Erde gesunken wäre, mir entgegen, ein göttlich glänzender Stern, dicht auf dem
grünen Boden, äugelnd im feuchten Grase und den triefenden Granaten liebkosend -
und siehe da, was ich für einen zerschnittnen Vollmond hielt - nur reiner,
weisser glänzend - sei es Jupiter, Mars, Sirius - mir war es, dem Unwissenden,
die göttliche Aphrodite, die Göttin der Liebe. -
    Ihr holdseligen Frauenbilder, da besann ich mich mit wahrer Andacht auf
euch; Ihr Julia seid mein leuchtender Abend -, Ihr Vittoria mein strahlender
Morgenstern und nun liess es mir keine Ruhe, bis ich wieder hierher zu euch kam.
Mag der Himmel mit Millionen Gestirnen prangen, für mich hat er doch nur die
eine Venus. Nicht wahr Gevatterin?«
    »Ihr seid galant, Don Cesare«, erwiderte Julia, »und dabei ein Poet. Wie
schade, dass Ihr und so manche Euresgleichen doch Weiberfeinde seid.«
    »Glaubt Ihr an das Märchen?« fragte Caporale. »Nur hässliche Männer, und die
von den Frauen nicht begünstigt worden, stellen sich als Weiberfeinde. Es ist
keinem Sterblichen Ernst damit und kann es auch nicht sein. Denn diese Kaprice
der Natur, dass sie Weiber geschaffen hat, ist es doch einzig nur, weshalb es
sich, der Mühe lohnt, zu leben. Alle die Schwächen, Widersprüche, Treulosigkeit,
Mangel an Charakter, ausgemachte Schlechtigkeit selbst, was diese Moralisten
immer und immer wieder aus heiserer Kehle ausschreien, ist ja immer nur die
weibliche Natur, die sie nicht zu würdigen wissen. Wer jemals ein Weib geliebt
hat, wen jemals auch nur ein Weib wahrhaft beglückt hat, der wird ihre Lügen und
Albernheiten höher als Aristoteles, Wahrheit und Platons Weisheit schätzen. Und
so - kann ich den Morgenstern kritisieren? Verlang ich Tugend oder Moral von
ihm? O du ewige, unbegreifliche Schönheit, du himmlisches, unsterbliches und
doch so vergängliches Kleinod der Liebe und Wollust, wie roh gehn auch mit dir
die Menschen um, und hantieren so abgeschmackt mit der Göttlichkeit, als wenn es
eben auch ein Brett oder hölzernes Gestell wäre, um alten vergessenen Plunder
darauf aufzubewahren.«
    »Werdet nicht so ernstaft«, sagte die Mutter, »und erzählt uns lieber, was
Ihr in Rom Neues erfahren habt.« -
    »Potz Blitz!« rief der Poet aus, »das ist eben das Kennzeichen unsers
Jahrhunderts, dass es gar nichts Neues gibt. Wenn Ihr das nicht etwa so nennt,
wodurch jeder Quark eine Neuigkeit wird. So bastelt unser Heiliger Vater Gregor
immer und ewig an seinem neuen Kalender, als wenn wir damit ein reelles Gut
gewönnen, dass das Dümmste und Unbegreiflichste der Schöpfung, die Zeit, neu
eingeteilt würde. Das neue Jahr soll nun nicht mehr mit Ostern und dem Frühling,
sondern mit dem kalten trivialen ersten Januar anheben; und so mehr dergleichen.
Bis jetzt glaubten wir, dass die Päpste nur für die sogenannte Ewigkeit sorgten,
aber jetzt werfen sie sich auch in die irdische Zeit, um da aufzuräumen. - Neues
in Rom? Nun, dass die Kardinäle gegeneinander intrigieren, dass viele Fremde wegen
des Jubiläums nach Rom gekommen sind, dass die Kirchen und die heiligen Orter
besucht werden, dass man erzählte: der ruchlose Ambrosio sei mit einer ganzen
Bande eingefangen worden.«
    »Ambrosio?« fragte die Mutter; »wo ist der Bösewicht gefangen worden?«
    »Man sagt in Subiaco«, antwortete der Dichter ruhig: »die Bande hatte dort
in der Nacht das Haus der Magistratsperson erbrochen und geplündert, den Mann
aber selbst höher in das Gebirge hinaufgeschleppt, um an ihm Rache zu nehmen,
weil er sich im Verfolgen der Räuber besonders tätig erwiesen hatte. Doch haben
die freiwilligen Milizen sie in ihrem Schlupfwinkel überrascht und das ganze
Nest aufgehoben.«
    Die Matrone ward nachdenkend, und Caporale begriff nicht, wie diese
Neuigkeit sie so verstimmen könne. »Es ist furchtbar«, nahm Vittoria das Wort,
»wie diese Räuberscharen sich in unsrer Zeit vermehren und noch täglich
anwachsen. Von den Grossen und Mächtigen beschützt, hat fast jede Familie ihre
Bande, man bekämpft sich öffentlich, wie in einem Kriege.«
    »Ja«, sagte Cesare: »diese Orsini, Colonna, die Florentiner, die Ferrareser,
alles hat seine geworbenen kleinen Heere in unserer Stadt und dem römischen
Gebiet. Der Heilige Vater sieht durch die Finger und fühlt sich zu schwach, dem
Unwesen zu steuern. Rache und Meuchelmord werden als Edeltat angesehn und es
herrscht eigentlich nur so viel Sicherheit, als jene Mörder uns gönnen wollen.
Auch der Privatmann ist fast gezwungen, mit dieser oder jener Bande
einverstanden zu sein, um nicht von allen beschädigt zu werden.«
    »Ich mag an alles dies gar nicht denken«, warf jetzt die Mutter ein; »denn
ein Grauen befällt mich, als wenn unser Eigentum und Leben nur vom Zufall
abhingen und wir jedem Entsetzen preisgegeben wären. Alle Gespenstergeschichten,
die ich in meiner Jugend hörte, erwachen dann in meinem Innern, und unser Geist
ist der Sklave von nichtswürdigen Vorstellungen, die in unsern Nerven auf und ab
rieseln und uns das Haar emporsträuben.«
    »Nein, Mutter«, rief Vittoria: »scheltet mir nicht auf meine lieben
Gespenster und das poetische Grauen, das bei Anhören dieser Geschichten unsern
Geist gefangennimmt. Das ist wie kühler Morgenwind, der durch den Eichenwald
braust und alle Blätter in zitternde Bewegung setzt. So erfrischend und
wundersam sind auch die Legenden von wiederkehrenden Gestorbenen, von den
dunkeln Dämonen, die an einsamen Seen ihr Wesen treiben, jener seltsamen
Kobolden, die uns in gefährliche Sümpfe, oder im Gebirge an Abstürze locken
sollen; dann die Orakelstimmen in einsam abgelegenen Tälern, die Fähigkeit
Wahnsinniger oder Kranken, die Zukunft deutlich zu sehn, oder in fernen Gegenden
den Freund wahrzunehmen, und alle die Märchen von Zauberern und Beschwörern, von
den Bündnissen mit bösen Geistern. Schon des wunderlichen und rätselhaften Abano
oder Pietro Apone wegen möcht ich gar zu gern einmal nach Padua reisen, um mir
sein Haus mit dem grossen Saal und seinen Brunnen zu betrachten. Käme so ein
grosses oder kleines Gespenst in mein einsames Zimmer, so würde ich freilich
erschrecken, aber mich auch dieses Erschreckens freuen, und es recht bis in
meine innersten Kräfte hinein mit meinem Bewusstsein durchgeniessen. Ansehn würd
ich mir das Wesen, das mich seiner Bekanntschaft würdigte, und gewiss ohne
fieberhaftes Entsetzen von ihm Abschied nehmen. Ich habe mir den Fall oft genau
durchgedacht und bin meiner Fassung gewiss. Nein, das Geisterreich bietet uns die
Schrecken nicht, die der Wirklichkeit zu Gebote stehn.«
    »Wie meint Ihr das, Ihr poetische Amazone?« fragte Don Cesare.
    »Eine Vorstellung«, antwortete die Jungfrau, »verfolgt und ängstigt mich von
meiner frühesten Jugend. Ich bin allein in der tiefen Nacht, meine Familie ist
schlafen gegangen, meine Dienerin ist verabschiedet, ich will mein Lager
besteigen und die Lampe löschen, als plötzlich vor mir schreckliche Bösewichter
mit geschwärzten Gesichtern und dräuenden Waffen stehn: ich wende mich um, Hülfe
rufend, und auch von dort treten mir scheussliche, unbekannte Figuren entgegen.
Nirgend Rettung, Hülfe; das Wort stockt mir im Munde, der Atem versagt, die
Brust klopft zum Zerspringen; ganz ohnmächtig und doch klar alles sehend, rücken
die Verruchten und der Mord mir näher und näher. - Seht, indem ich davon
spreche, bin ich halb wahnsinnig vor Entsetzen. - Hinweg du abscheuliches
Bildnis! - Und könnt Ihr leugnen, dass nicht dergleichen schon hie und da
vorgefallen ist? Wir alle haben von solchen Überfällen gelesen! Und kann
dergleichen sich nicht wiederholen?«
    »O Kind«, rief Cesare, »Ihr ängstigt mich über die Massen. Beruhigt Euch,
entfernt diese niederträchtigen Vorstellungen aus Eurem Gemüt, verbannt sie
völlig, zerstreut Euch und entwurzelt diesen Unsinn, der in Euren Geist so
scheint es, schon tief hineingewachsen ist. Denn Eure Darstellung erweckt zu
meinem Grausen auch mir eine alte Grille in meinem Innern. Ich kann mich nämlich
durchaus nicht von dem Aberglauben losmachen, dass dergleichen, wenn man es sich
immer und immer wiederholt am Ende eben dadurch, wie durch unbewusste Magie zur
Wirklichkeit hinauswächst. Die Phantasie ist auf die Weise der Boden, in welchem
später dieses giftige Unkraut als wahrhaftiges hervorspriesst. Um Gottes willen,
lasst diese fatalen Spiele der Imagination bleiben.«
    Die Mutter schauderte. »Sollte denn«, sagte sie nach einer Pause, »unsre
Seele diese ungeheure Kraft besitzen, durch die Vermittlung der Imagination so
was zu erzeugen? Oder ist es nur die Fähigkeit, das Unvermeidliche der Zukunft
vorauszusehn, die sich in dergleichen Furcht und gespenstige Vision umbildet?
Was ist doch überhaupt mein Ich? Warum sagen wir immer so leicht hin: mein
Geist, meine Seele, als wenn noch ein andrer Regent höher über diesen
Regierenden in uns stände?«
    »Ja wohl«, sagte Caporale, »kommt man mit dem Denken über diese Geheimnisse
niemals zu Ende. Wir erkennen uns nur in den Funktionen unserer Kräfte, in
unserer Tätigkeit: so wendet sich unser Bewusstsein und unsre Denkkraft immerdar
von uns ab, und sieht sich nur entstaltet und unkenntlich in einem trüben,
schlecht geschliffenen Spiegel, der unser Wesen verzerrt. Ist nun unser Geist,
oder unsre Seele schon einmal dagewesen? Ist er ein gesunkener Geist, der in
bestimmten Perioden seiner Verwandlung in einen frühern seligen Zustand durch
Tat, Reue, Busse, hiesiges Leben zurückkehrt? Ist er ein Funke aus Gott, bei der
Geburt neu entflammt herabgesendet?«
    »Ihr seid ein arger Ketzer«, sagte die Mutter.
    »Ich frage nur zweifelnd an«, antwortete der Dichter, »was unsre Seele sei,
so wie Schrift und Kirche, soweit ich sie kenne, auch nichts Bestimmtes darüber
aussagen. Es bleibt immer nur übrig: Ich bin ich.«
    »Kinderei!« rief lachend Vittoria: »wer es wissen will, was die Seele ist,
der komme nur zu mir, denn ich weiss es ganz genau.«
    »Du?« sagte die Mutter, indem sie gross aufsah.
    »Ich möchte mich«, sagte der Poet, »zu Euren Füssen niederwerfen, und so,
demütig im Staube, von der hohen Sybille das heilige Orakel empfangen.«
    »Vernehmt!« rief die Tochter - »die Seele ist ihrem wahren Wesen nach, eine
kleine graue Maus.«
    »Virginia!« rief die Mutter zürnend, »schämst du dich nicht, so albern zu
sein? Oder soll diese Kinderei Witz und schalkhafte Laune bedeuten?«
    »Auch in Bernis Gedichten«, sagte Caporale, »die doch so manches
Unbegreifliche erzählen, erinnere ich mich nicht, diesen oder auch nur einen
ähnlichen Ausspruch gefunden zu haben.«
    »Es soll aber auch gar nicht Spass bedeuten«, erwiderte die Jungfrau,
»sondern es ist mein vollkommener Ernst. Die Kenntnis der Sache ist mir auch
schon vor mehreren Jahren geworden, wo sie mir in einem allerliebsten Buche
vorkam, dessen Titel ich leider nachher in meinem Leichtsinn vergessen habe. Es
ist nämlich eine Geschichte, der ich meinen Glauben verdanke, und diese will ich
euch jetzt erzählen:
    Vor alten, uralten Zeiten gab es einen Herzog von Burgund, der irgendwo in
von hier weit, weit abgelegenen Gegenden sein Land, seine Herrschaften, und
hochgelegenen Schlösser hatte. Irre ich nicht ganz, so lebte und regierte er in
einem Teile von Deutschland, nicht fern vom Rheinstrom. Nun war dieser Herr oft
von seinen Feinden bedrängt, doch war er immer siegreich aus allen Kämpfen nach
seinem Schloss zurückgekehrt. Es war schon damals eine Erfindung und ein
Unglück aufgekommen, welche uns auch in den neuesten Zeiten oft quälen. Der Herr
hatte nämlich Schulden; der Krieg hatte für Vasallen und Söldner seinen Schatz
gänzlich ausgeleert. Sooft er in seine Schatzkammer ging, sah er nur die leeren
Wände, und wenn er Truhen und Schränke aufschloss und hineinschaute, so blickte
ihm immer wieder ein trostloses Nichts entgegen. Um sich zu zerstreuen, ritt er
mit einem vertrauten Knappen in einen schönen dichten Wald hinein. Es lief schon
seit Jahrhunderten im Volk ein Märchen um, dass irgendwo, aber kein Mensch konnte
den Ort bestimmen, ein unendlicher Schatz von Gold, Perlen und Juwelen aus
Bosheit sei versteckt und verzaubert worden, so dass keine Wünschelrute, kein
Beschwörer und Hexenmeister diese Fülle unermesslicher Kostbarkeiten je
wiederentdecken könne. Wie es wohl die Armen, Notgedrängten zu machen pflegen,
so hatte sich auch der gute Herzog mit seinem treuherzigen Knappen von diesen
verzauberten Goldklumpen unterhalten, und sich an diesen versteckten und
verlornen Diamanten und Rubinen getröstet und erfrischt. Müde vom Reiten und
Schwatzen, nachdem sie tief in den schönen grünen Wald hineingeritten waren,
stieg der Fürst vom Pferde und band es an einen Baum. Wir haben selbst den
Fusssteig verloren, hier ist es so schön ruhig und einsam still, sagte der
Herzog; bewahre und bewache mich, mein getreuer Gottfried, denn eine süsse
Müdigkeit schleicht mir in mein Gehirn und drückt mir die müden Augen zu. So
geschah es, der Herzog fiel in einen erquickenden Schlaf, und der Diener wachte,
dass kein Tier oder Gewürm seinem verehrten Herrn nahen und ihn beschädigen möge.
Der Atem des Fürsten, die Brust ging hin und her und auf und ab: er lächelte,
denn ihn mochte ein angenehmer Traum besuchen. Plötzlich stockte der Atem, im
Gesicht zeigte sich Aufspannung und Anstrengung, und mit einem Male sprang ein
ganz kleines graues Mäuschen aus dem halb geöffneten Munde. Nun lag der Herzog
da, wie tot, ohne Atem und die mindeste Bewegung. Das kleine Mäuschen aber sah
sich mit funkelnden Äuglein im Grase neugierig um und schlüpfte endlich zwischen
den Blumen fort und etwas mehr in den Wald hinein, doch nicht so gar weit vom
Fürsten, der nur als starre Leiche noch regungslos dalag. So war der Knappe denn
in seinem Erstaunen und Schrecken doch begierig, was sich aus dem Wunder ergeben
würde: er ging also ganz leise und behutsam dem Tierchen nach, behielt aber
dabei immer seinen totscheinenden Herrn im Auge. Bald musste das Mäuschen stille
stehn, denn es kam an einen Bach. Das Wässerchen war nur so schmal und klein,
dass es jedes Kind mit einem Schritte überschreiten konnte, und es floss so still
und bescheiden über die Wiese und unter den grünen Büschen hinweg, dass es die
Reiter vorher weder gesehn noch gehört hatten: für die Maus aber war es ein
Strom, breiter als unsere Tiber. Und da sie durchaus hinüber wollte, lief sie
ängstlich, bald links, bald rechts dem Ufer entlang, ob sie wohl eine trockene
Stelle fände, oder ob irgendwo vielleicht das Bächlein so schmal würde, dass sie
hinüberspringen könne. Der gutmütige Knappe sah nicht ohne Teilnahme, wie das
kleine Wesen sich abängstigte. Er schaute sich um, fand aber kein dürres Holz,
zog also seinen Hirschfänger mit dem silbernen Griff aus der Scheide und legte
die blanke Waffe über das Wasser. Die Maus schien erst erstaunt, trat dann aber
behutsam und zögernd auf den glatten, spiegelnden Stahl und ging hinüber, worauf
sie sich bald in das nahe Gebüsch verlor und in eine kleine Höhle sprang, die
sich in einem grün bemoosten Felsensteine zeigte. Der Fürst lag noch tot, wenige
Schritte hinter dem Knappen. Diesem ward bange, wie der Ausgang sein würde, und
seine Angst stieg immer höher, je länger das Tier ausblieb. Wie, wenn der Fürst
sich gar nicht wiederbelebte? Würden die grossen Vasallen, würde der Tronerbe
ihm wohl diese Mausgeschichte glauben? Da wohl mehr als eine Viertelstunde
verflossen war, wollte er schon seinen Degen wieder in die Scheide stecken, den
starren Herren aufrütteln, und wenn dieser sich gar nicht regte, vielleicht in
alle Welt reiten, um nicht für einen Mörder, der vom Feinde bezahlt sei,
angesehn zu werden. Siehe da springt das kleine Wesen, seine Augen noch heller
glänzend, wieder aus dem Gebüsch hervor, sieht sich um, setzt die netten Beine
prüfend wieder auf den Stahl und wandelt behutsam bis an den Griff. Gottfried
nimmt seine Waffe und die Maus rennt wieder zum Herzog. Der Diener zweifelt, ob
er sie nun nicht doch greifen und festalten soll, weil es ihm unziemlich dünkt,
dass ein solches Getier seinem Herzog im Gesicht herumspazieren, oder gar in den
Mund kriechen soll. Aber ehe er noch einen Entschluss fassen kann, ist jene schon
wirklich zwischen den Lippen des Fürsten wieder in diesen hinein. Kaum war es
geschehn, so kehrte auch das Lächeln auf das Antlitz zurück, die Brust atmete
wieder, und nach kurzer Zeit richtete sich der Herr auf, sah um sich, die
Besinnung wiederzufinden, und schüttelte sein Haupt, als wenn er die letzten
Flocken des Traumes aus seinen Haaren schütteln wollte. Lächelnd sah er den
Knappen an und sagte dann zu diesem: Setz du dich noch zu mir her in dieses
grüne Gras, denn ich muss dir den seltsamsten Traum erzählen, der nur jemals mein
Gehirn besucht hat. - Ich war kaum hier auf dieser Stelle eingeschlafen, als mir
dünkte, ich ginge von hier weit, weit in den dicken, dunklen Wald hinein. Aber
wie war um mich die Natur verwandelt! - Das, was ich für Gras halten musste,
waren hohe, hohe, dicke Binsen, die weit über meinem Haupte hinwegragten:
ungeheure Büsche schlugen über mir zusammen, und als ich schon weit gewandelt
war, hörte ich plötzlich ein ungeheures Tosen, und ein Brüllen, wie von grossen
Wasserfluten. Und so war es denn auch. Ein breiter Strom, dessen jenseitiges
Ufer ich kaum absehn konnte, stand mir gegenüber. Ich lief bald hier-, bald
dortin, denn etwas Unbeschreibliches trieb mich an, als wenn ich durchaus
jenseits des breiten Flusses gelangen müsse. Ich spähte aufmerksam nach einem
Schiffe, Fahrzeuge, oder dem kleinsten Kahn; aber so weit ich auch lief, sosehr
ich auch mein Auge anstrengte, war nirgend dergleichen zu erspähn. Noch viel
weniger eine Brücke, die mir das Liebste gewesen wäre. So in Verzweiflung
geschah plötzlich etwas, wie man es nur in alten Wunderschriften vernimmt. An
demselben Orte, wo ich mich vergeblich umgeschaut hatte war plötzlich eine
grosse, lange und breite Brücke - aber welche! von purem, spiegelblanken,
geschliffenen Stahl, ohne Geländer und Brustwehr im Sonnenstrahl blendend und
glänzend. Was war zu tun? Behutsam, vorsichtig betrat ich die glatte Bahn,
langsam vorschreitend, um nicht auszugleiten und in den mächtigen Strom zu
stürzen. Ich kam glücklich hinüber. Nun war ich wieder in einem dichten, dunkeln
Walde, und nachdem ich noch viel gewandert war, geriet ich in eine hohe,
geräumige Felsenhöhle - und - was erblickt ich da? Tonnen, hohe, dick mit
Goldstücken angefüllt; ich musste lange, lange hinanklimmen, um den Rand der
mächtig hohen Fässer zu erreichen; schwere Goldbarren lagen auf dem Boden,
vermischt mit dem köstlichsten Gestein von aller Art und allen Farben. Ich
besah mir alles genau, und verharrte lange in diesem verzauberten
Schatzgewölbe. Ich nahm mir vor, mir die Merkmale genau einzuprägen, um die
Stelle wiederzufinden, und so verliess ich endlich den dämmernden Felsenkeller.
Ich ängstigte mich, ob die stählerne Brücke auch noch da liegen würde. Richtig,
sie war nicht verschwunden. So nun wieder den langen Gang hierher - und ich
erwache, traurig, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Sieh so war dies Gesicht
nur eine Fortsetzung unseres Gespräches, die Begier nach Schätzen, die in meiner
Armut wohl natürlich und verzeihlich ist. - Aber du sprichst nichts Gottfried? -
Du schüttelst den Kopf? Du glaubst mir nicht.
    - Dieser gute Mann war in seinem poetischen Erstaunen nur darüber verlegen,
wie er es seinem Herrn eröffnen solle, dass er ihn selber als Maus aus seinem
Körper habe auswandern sehn. Er fasste sich endlich ein Herz und erzählte ganz
einfach, was er erlebt hatte. Sie gingen die wenigen Schritte, sprengten mit den
Schwertern die Öffnung der Höhle, um sie zu erweitern, und fanden dann wirklich
einen unermesslichen Schatz von Gold und Edelsteinen. Der Herzog blieb als
Wächter zurück, der Knappe eilte nach der Stadt, holte Rosse, Geschirre, Wagen
und getreue Diener und der Tag verging, ehe man alle Kleinodien aus der Höhle
aufgeladen hatte. So wurde dieser burgundische Herr der reichste Fürst seiner
Zeit und demütigte alle seine Feinde unter seinem Szepter. Und ich wenigstens
habe aus dieser wahren Geschichte soviel gelernt, dass unsere Seele in ihrem
natürlichen Zustande eine graue Maus sei.«
    »Gesegnet der Mann«, sagte Caporale nachdenkend, »der dich einmal heimführen
wird. Ich verlasse euch jetzt, ihr geliebten Weiber, und bitte nur um die
Erlaubnis, auch morgen einen Gast herzubringen, der euch, Signora, und auch
diese junge Dichterin will kennenlernen. Ihr seid ja Fremden immer gütig und
werdet mir meine Bitte nicht versagen.«
    »Wollt Ihr nicht«, fragte die Mutter, »Euer Stübchen oben in Besitz nehmen?«
    »Nein«, erwiderte jener, »ich darf es diesmal meinem Dornherrn nicht
abschlagen, der mich schon mit dem Abendessen erwarten wird.«
    Indem hörten sie ein lautes, gewaltsames Klopfen an die äussere Tür. Es war
schon finster geworden, und der Diener eilte mit dem Licht hinaus. Verstört und
die Kleider in Unordnung stürzte Marcello herein. »Um Gott!« rief die Mutter,
»was gibt's? was ist dir?«
    »Versteckt mich nur auf einige Tage«, rief der verwilderte Jüngling, »dass
mich keiner bei euch findet. Ha! Don Cesare? Nun, der lustige Poet wird mich ja
wohl nicht verraten.«
    Die Mutter ging im Saale auf und ab und rang, Tränen vergiessend, die Hände.
Sie hatte ganz ihre Fassung verloren. »Mein Sohn ein Bandit!« schrie sie,
»vogelfrei! Wohl ein Preis auf seinen Kopf gesetzt! O Himmel, wodurch habe ich
mich so schwer verschuldet, dass ich dies erleben muss. War es doch immer mein
stolzer Traum, dass ich, wie die Mutter der Gracchen, in meinen Kindern, um die
mich die Welt beneiden müsse, meine höchsten Kleinodien sehn könne.«
    »Fackelt nicht lange!« schrie Marcello ungezogen; »diese lieben Söhne der
prahlerischen Cornelia wurden auch nachher als Rebellen und Meuterer von andern
sehr würdigen und tugendhaften Männern totgeschlagen.«
    »Kommt morgen«, sagte der Fremde, »in meinem Wagen mit mir nach Rom. Ihr
könnt meinen Diener vorstellen, und in der grossen Stadt mögt Ihr Euch viel
leichter auf einige Zeit verbergen, bis Ihr nachher mit Sicherheit die Flucht
ergreifen könnt. Ich werde Euch morgen mit Tagesanbruch abholen.«
    Die gedemütigte Mutter half den Jüngling in einem abgelegenen Gemach, in dem
sich ein tiefer Brunnen befand, verbergen. Als am Morgen Don Cesare den
Flüchtling abholen wollte, war er verschwunden, und auch Camillo hatte seinen
Oheim ohne Abschied verlassen. Man musste vermuten, dass sich beide mitsammen
entfernt hätten. -
 
                                Viertes Kapitel
Die Mutter war durch den neuesten Vorfall so erschüttert, dass sie am folgenden
Tage lange auf ihrem Lager blieb, und sich erst erhob, nachdem ihr Sohn Flaminio
und Vittoria die fremden Gäste schon angenommen hatten. Als sie in den Saal
trat, fand sie die Gesellschaft im lebhaften Gespräch. Sie suchte sich zu
zerstreuen und spannte sich zu einer erzwungenen Heiterkeit.
    Der fremde Mann, welcher mit dem wohlbekannten Dichter gekommen war, schien
ohngefähr dreissig Jahr alt zu sein. Er war schlank, gross und wohlgebaut, seine
Gebärde edel, das Auge schön und feurig. Vittoria vermutete, dass auch dieser ein
Dichter sein könne, da er mit dem alten Hausfreunde erschien, und die Gelehrten
aus allen Provinzen Italiens gern die Familie der Accoromboni aufsuchten. Der
Fremde war sehr freundlich und von den edelsten Sitten, mehr ernst als heiter,
und auf seinen Wunsch beschloss man die Villa d'Este zu besuchen, von deren
Pracht und Schönheit in ganz Italien die Rede war.
    Als sie die Villa erreicht hatten, ward ihnen der Eingang gestattet, weil
die Besitzerin nicht zugegen war. Der Fremde schien sehr aufgeregt und ward von
den Kostbarkeiten, Gemälden und dem Schmuck der Zimmer entzückt: und begeistert.
»Wie glücklich«, sagte er, »könnten die Fürsten sein, denen alles dies zu Gebot
steht, und die sich ein solches Dasein bereiten mögen. So umgeben, nichts
Niedriges, Ärmliches in ihrer Nähe, wohin sie blicken nur von Kunst angeschaut,
von Schönheit umleuchtet, Erinnerung an Geschichte und grosse Vergangenheit, die
edelsten Geister, die Raffael, Michelangelo und Julius der Römer für sie in
Tätigkeit - und doch -«
    »Ja wohl«, sagte die ernste Matrone, »wohnt nur sehr selten in diesen
herrlichen Palästen das wahre Glück. Das Schicksal und die Umstände, die
Verhältnisse des Menschen sind immer mächtiger, als der Mensch selber. Der
Einsame, Unabhängige stürzt sich aus seiner Freiheit in Dienst und Abhängigkeit,
um das zu suchen, was er Glück nennt: und jener, der im Glück zu schwelgen
scheint, von vornehmen Freunden umgeben, im Glanz des Reichtums, wünscht sich
nur allzuoft in die verlassene Einsamkeit des dürftigen Waldbruders. Freiheit
ist ein edles Wort und hat einen herrlichen Klang, es ist aber nur ein Wort, ein
verhallendes, ohne Wesen und Inhalt. Die wahre Freiheit ist nur im Tode.«
    Der Fremde sah die hohe Frau verwundert an, und Caporale sagte: »Ihr seid
heut, verehrte Freundin, aufgeregt; gönnt der Natur und dem schönen klaren
Licht, das so herrlich dort die Gebirge beglänzt, Euch aufzuheitern.«
    »Zu zerstreuen«, sagte sie: »muss doch das Edelste der Natur und Schöpfung
nur gar zu oft, sich herabwürdigend, dazu dienen, uns von uns selbst zu
entfernen.«
    »Um uns doch nur«, bemerkte der Fremde, »dort in diesen Gegenständen edler
und vollkommener wiederzufinden. Das Wahre, Gute in uns kann uns niemals
verlorengehn.«
    »Weil es vielleicht nicht da ist«, sagte Signora Julia, tief seufzend.
»Verzeiht, mein edler Herr, dessen Namen ich noch nicht einmal weiss: Eure
Liebenswürdigkeit hat mich verleitet, Euch nach dem ersten Anblick als einen
alten Freund des Hauses zu behandeln, vor dem ich nicht nötig habe, meinen
Kummer zu verbergen. Doch ist es wohl besser und schicklicher, hier in diesen
poetischen Umgebungen eine andre Sprache zu führen.«
    Jetzt verliessen sie das Haus und betraten den schönen, künstlichen Garten.
Vittoria ging schweigend an der Seite der Mutter, auch der heitre Don Cesare war
ernst geworden, und der Fremde war ganz der Betrachtung und Bewunderung der
vielfachen Anlagen, dem Wechsel der Gebüsche, der Majestät der Bäume, der Pinien
und Zypressen, dem schimmernden Glanz der vielfachen Blumenbeete hingegeben. Am
meisten entzückten ihn aber die mannigfaltigen Wasserkünste, die in sinnreichen
und versteckten Erfindungen bald in kleinen Erzfiguren den Gesang der Vögel
nachahmten, bald aus menschlichen Gestalten die Töne der Laute und vielfachen
Gesang bildeten; so wechselten Sirenen und Wassertiere in seltsamen Gruppen, so
spielten die Nereiden und Pan und Schäfer die Wasserorgeln, die Syrinx und
Flöten und Pfeifen, dort klang die ländliche Schalmei und ferner ab rieselte das
Element, welches erst zur künstlichen Musik abgerichtet war, als klarer Bach in
seinen Naturtönen dahin.
    Als der Fremde in den Ausdrücken seines Lobes immer entusiastischer wurde,
konnte Vittoria nicht länger schweigen, sondern liess sich, beinah zürnend, in
diesen Worten aus: »Ich weiss es wohl, dass alle Welt diesen Garten und diese
tönenden Kunststücke bewundert. Ärgert Euch nicht an mir, teurer Mann, wenn ich
Euch gestehe, dass ich immer nur ohne Freude diesen Plan betreten habe, da es mir
schien, als wenn Kunst und Natur hier gleich sehr verletzt würden. Die wahre
echte Kunst ist hier in eine Künstlichkeit, in eine Seltsamkeit
hineingeschraubt, die wohl Erstaunen und Verwunderung, nicht aber wahre Freude
erregen kann. Die Natur ist gewissermassen vernichtet, denn sie muss hier in den
sklavischen Dienst von gezierten Spielereien treten, die nicht einmal eine
Täuschung hervorbringen können, und die ermüden, wenn man den ersten Genuss der
Neugier und Verwunderung hinter sich hat. Wie anders wirkt ein gutes Gemälde,
ein Werk des Bildhauers, Palestrinas Musik, eine freie Landschaft, dort der
himmlische Wasserfall. Ist es nicht hier, als wenn man die Träume eines
Fieberkranken wirklichmachen, und etwas erreichen wollte, was über unser
menschliches Vermögen hinausreicht? Jedesmal aber, wenn der Mensch einen solchen
Versuch eitlen Hochmuts unternimmt, sinkt er unter sich selber hinab.«
    »Ei! ei! mein schönes Fräulein«, rief der Fremde, sie verwundert ansehend,
»wie erklingen in so zarter Silberstimme aus so reizendem Munde diese herben,
verdammenden Worte? Hat Euch niemals eine Sestine, oder eine recht künstliche
Kanzone begeistert? Wie haben unsre Natursprache, den Laut, der immer so gern
wieder in das Bäurische zurückfällt, unsere Petrarka, Bembo, Molza, Bernard
Tasso, und so manche andre erzogen! Und diese mechanischen Erfindungen, die an
sich selbst nur Staunen und ein leichtes Ergötzen erregen könnten, sollten vom
Genius nicht in seinen Dienst genommen werden, um auch diese Dinge, die auf
Linien, matematischen Grundsätzen und aritmetischen Zahlenverhältnissen ruhen,
in die höchste poetische Freiheit der Phantasie einzuführen? Wenn Euch dort die
Natur und der erhabene Wasserfall mit Recht begeistert und für Momente Eure
ganze Seele ausfüllt, so ist hier dieselbe Natur in ihrer lieblichen Erscheinung
nur in eine Regel gebunden, um sie wieder auf andre Weise in die höchste
poetische Freiheit hineinzuführen. Diese geraden Baumgänge, diese abgeteilten
und abgezirkelten Blumenbeete sind ja nur wie die Stanzen oder Terzinen eines
lieblichen Gedichts, wo das Wort der gewöhnlichen Rede auch mit wahrer
kindlicher Freude, mit Übermut, in die Regel hineinspringt, um sich selber süss
und edler zu vernehmen. Und diese Wasser, Bildsäulen, Vögel, Scherz und Ernst,
Schauer und sanfte Wollust, in diesen krausen Gebüschen, zwischen Myrten und
Lorbeer und den finstern Zypressen, die ausgebreitete Pinie dort, das Rieseln,
Flüstern in den Wipfeln, mit Duft und Echo gemischt, diese fast menschlichen
Töne, der Vogelgesang, dort das Gebirge, über uns des Himmels lichte Bläue, das
süsse Spiel der Lichter, der dunkelnde Schatten - braucht der Mensch in diesem
Traum der Wollust noch jenen Jupiter um seine Göttersäle zu beneiden?«
    »Schön!« sagte die Mutter, »sieh, mein Kind, da hast du einmal einen Gegner
gefunden, der dir deinen Eigensinn brechen könnte, wenn es ihm wichtig genug
wäre, dich in die Lehre zu nehmen.«
    »Kann sein«, sagte Vittoria, »dass dasjenige, was ich Natur, Schönheit und
Freiheit nennen möchte, doch wieder ein zu enger Begriff ist, der wohl wieder
zur Gebundenheit und Unfreiheit führen könnte. Und doch mag ich mein Wesen nicht
willkürlich erziehn; ich muss erst das selbst in mir erleben, was eben jetzt der
werte Fremde ausgesprochen hat: es ist mir unmöglich, nachzusprechen, was ich
nicht selbst einsehe, oder künstliche Wege zu suchen, um mein nächstes Gefühl
gegen meine Natur mir zu erziehn. Auch bei Büchern und Gedichten habe ich es nie
vermocht und ich will lieber für mich selbst irregehn, als nachfühlend und
sprechend mit einem andern recht haben.«
    Doch, meinte der Fremde, müsse man sich vielleicht in Schriften und
Gedichten nach andern und jenen Regeln fügen, die sich schon seit alten Zeiten
als Kritik geltend gemacht hätten.
    »So widersprecht Ihr Euch aber selber!« rief Vittoria aus. - Sie hätten wohl
länger gestritten, wenn nicht eine merkwürdige Erscheinung, die sich jetzt in
der Nähe zeigte, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte. Ein alte Frau
trat in Begleitung eines jungen, sehr reich gekleideten Mannes, aus dem nahen
Gebüsch. Sie war gross und stark, von männlichem Ausdruck und bräunlicher Farbe,
an Kinn und Oberlippe zeigte sich selbst ein leichtes Bärtchen. Alle verbeugten
sich ehrerbietig, standen still, und liessen die beiden Gestalten vorübergehen,
die sich dem Schloss zuwendeten. Als sie enfernt genug waren, fragte der
Fremde: »Wer war diese Dame, die fast das Ansehn eines starken, ältlichen Mannes
hatte?« -»Die jetzige Besitzerin dieser Villa«, nahm Caporale das Wort, »jene
weltberühmte Margarete von Parma, die Tochter des grossen Kaisers, des fünften
Karl.«
    »Ist es möglich«, rief der Fremde aus, und schlug die Hände ineinander, »dass
ich gerade hier eines solchen Anblicks gewürdigt werden soll? Dieses Denkmal
alter Begebenheiten, dieses grosse Monument mächtiger Zeiten, dieser freie grosse
Charakter unsrer Geschichte ist an mir vorübergegangen, wie ein Bild des Phidias
oder Lysippus. Aus dem Traum der Poesie und Kunst halb erwacht, stehe ich
plötzlich in der Wundersage der Historie, und es fehlt mir an einem Massstabe,
mich gleich wieder zurechtzufinden. Sie, die Arme, die aus Politik, fast noch
ein Kind, einem grausamen, wilden Medicäer, dem Herzog von Florenz, Alexander
vermählt ward, die dann seine Ermordung erleben musste, (volle vierzig Jahr sind
es jetzt,) die nachher wieder verheiratet wurde, dann vom Bruder als Regentin
nach den Niederlanden geschickt ward, wo sie sich als wahre Königin klug, stark
und gross zeigte, in der schwierigsten Lage, ein echtes, edles Gegenbild jener
grossen Elisabet von England, bis sie falscher Politik, der Kabale und dem
blutdürstigen Herzog Alba weichen musste. Was hat sie alles gesehn, erlebt und
erfahren. Wie müssen ihr die Welt und deren Fürsten, die Widersprüche, die
Schwächen der Menschen, Unglück und Glück erscheinen.«
    »Ja wohl«, antwortete Donna Julia, »nun bewohnt sie seit einiger Zeit diese
Villa, wird aber, wie sie mir neulich sagte, vielleicht noch in diesem Jahr zu
ihren Schlössern in den Abruzzen und dem Neapolitanischen reisen. Sie schien
heut sehr im Gespräch vertieft, da sie uns ausserdem wohl angeredet hätte, denn
sie zeigte sich immer meiner Familie, vorzüglich meiner Tochter, sehr gnädig und
huldreich.«
    »Sie ist eine einzige Frau«, rief jetzt Caporale. »wenigstens habe ich noch
nie eine ähnliche gekannt, oder von ihr gehört. Glaubt ihr wohl, dass sie noch
jetzt auf der Jagd, so alt sie ist, die rüstigsten Weidmänner müde macht? Sie
tummelt sich auf jedem Rosse und scheut sich auch vor dem wildesten nicht, sie
reitet und jagt allen Stallmeistern voraus, kurz sie ist eine echte Virago, in
der edelsten Bedeutung dieses Wortes.«
    Jetzt eilte der junge Mann, der mit der Fürstin vorher gesprochen hatte, auf
die Gesellschaft zu, und bat den alten Dichter Caporale, ihn der Familie
vorzustellen, der er schon seinen Besuch zugedacht hatte. Caporale sagte: »Nehmt
meinen jungen, trefflichen Freund wohlwollend auf, verehrte Damen, den Grafen
Pepoli aus Bologna.«
    »Wir haben von Euch und Eurer edlen Wohltätigkeit gehört«, sagte die Mutter:
»kein Bolognese kommt zu uns, der nicht Euren Ruhm singt.«
    Der Graf verbeugte sich zierlich und erwiderte mit einer andern diese
Artigkeit. Sie gingen hierauf nach Hause und alle setzten sich zu einem
einfachen Mittagsmahle nieder. Es gibt Charaktere, die, wenn sie auch nicht
einen starken oder ausgezeichneten Geist besitzen, doch durch unverkennbares
Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit, sowie durch feines Betragen alle Herzen
gewinnen. Zu diesen gehörte der Graf. Auch war man bald mit ihm vertraut, als
wenn er schon lange zur Familie gehört hätte. Er bildete einen angenehmen
Kontrast gegen den zweiten Fremden, der viel edler, aber nicht so vornehm
erschien: das freie, leichte Betragen des Grafen war so, dass man fühlte, er habe
sich von Jugend auf in den glänzendsten Kreisen bewegt, dass er zum Edelmanne
erzogen sei und den grosser angeerbter Reichtum von den frühesten Jahren, nicht
nur über jede Not, sondern selbst Unbequemlichkeit des Lebens hinweggehoben
hatte. Der andere Gast, dessen lebhaftes Auge so geistreich glänzte, dessen
Lippe so fein zu lächeln verstand, glich doch mehr einem Gelehrten, ob man
gleich keinen Professor einer Universität und noch weniger einen Geistlichen in
ihm erkennen mochte.
    Nach Tisch begaben sich alle in einen kleinen Gartensaal, wo man sich an der
Frische und der Aussicht in die schöne Landschaft erfreute. »Hier, in diesem
lieblichen Aufentalt«, rief Caporale, »sollten wir, wie es jetzt allentalben
geschieht, eine kleine poetische Akademie formieren, und über ein gegebenes
Tema improvisieren; oder sollte die Deklamation zu unbequem fallen, so entwerfe
man schnell aus dem Stegreif auf diesen Blättern hier ein kleines Gedicht, oder
auch ein grösseres, wie es nun gerade die Muse begehrt.«
    Die Mutter entschuldigte sich und ging um notwendige Geschäfte zu besorgen,
und Flaminio begleitete sie, um ihr hülfreich zu sein. Die übrigen setzten sich
um den runden Tisch, und Caporale sagte: das Tema sei die Gewalt der Liebe.
    Alle dichteten, und nach einer stillen Pause, als alle ihre Blätter
beschrieben hatten, sagte Cesare: »Ich bin kein Dichter, sondern nur ein
Spassmacher und so spricht es auch dies Sonett aus.« Er las es, es entielt eine
Entschuldigung, er habe immer nur der Parodie gehuldigt, und seine Eitelkeit
bestehe darin, dass man seine Gedichte nicht unzüchtig nennen könne, wenn er auch
in Spass und Witz einen Berni, oder andre berühmte Poeten niemals erreichen
könne.
    Der Graf Pepoli sagte: »Wer ist jetzt in Italien wohl nicht ein Dichter? Es
gehört zur Erziehung eines jeden Gebildeten, Verse machen zu können, und wir
haben den grossen Vorteil dass unsre schöne, fein ausgebildete Sprache schon
selber für uns dichtet. Ohne nachahmen zu wollen, wiederholt der Dilettant,
selbst ohne es zu wissen, das schon oft Gesagte.« - Seine fein gewendeten
Stanzen erzählten in zartem Bilde von dem unerwarteten Glück, in so ausgewählter
Gesellschaft auf wenige Minuten den Dichter spielen zu dürfen.
    Der Fremde las ein Sonett, dass die nahe, begeisternde Schönheit der edelsten
Jungfrau, die Mutter derselben, die grosse Fürstin, deren Anblick er gewürdigt
worden, ein Garten zur himmlischen Wollust und Traumseligkeit erschaffen, alles
dies ihn zwinge, die höchsten Töne der Poesie anzuschlagen; aber die Muse
schüttle das Haupt und lege den schönen Finger auf die Lippen, ihm zuflüsternd:
»Eben weil du zu glücklich bist und zu selig im Genuss, kannst du in diesem
Augenblick nicht dichten, lebe und sei zufrieden: Schmerzen und Poesie werden
schon zu dir zurückkommen.«
    Vittoria sah den Fremden verwundert an und dann sinnend vor sich nieder,
denn dieses Sonett schien ihr vortrefflich und von einem echten Dichter
herzurühren. Dann sagte sie mit grosser Lebhaftigkeit: »Die Herrn alle, selbst
unser Vorstand, haben in ihren Versen das aufgegebene Tema nicht einmal erwähnt
viel weniger durchgeführt; alle verbeugen sich mit der höflichen Entschuldigung,
nicht dichten zu können, und ich Ärmste habe mich, wie wir unterdrückte Weiber
immer müssen, geschmiegt und im Gehorchen ein schlechtes und langes Gedicht
geschrieben.« - Sie las eine Kanzone, deren Inhalt ohngefähr dieser war: -
                              »Gewalt der Liebe.«
»Alles, so sagen die Dichter und viele andre Sterbliche, wird von der Liebe
regiert. Ich, zu jung, um sie zu kennen, zu schüchtern, um sie herauszufordern,
wie soll ich sie besingen? Wohl sind mir viele der Hymnen bekannt, die ihre
Gotteit verherrlichen sollen; aber auch andere dityrambische Gesänge, in
welchen Venus und Amor nicht minder kräftig geschmäht und gelästert werden. Da
erscheinen alte Fabeln und grosse historische Sagen vor meinem Blick. Das
mächtige Kind der Tauben, die hohe Semiramis, fand sich plötzlich als Königin
von Babylon. Eine grosse und schöne Stadt, doch zu klein und unbedeutend für ihre
schaffende Phantasie. Ihre ganze Seele ward trunken, als sie den grossen Schatz
des Goldes, die unermesslichen Reichtümer in ihren Kammern entdeckte. Künstler,
Staatsmänner, Diener und Bürger, Maurer, Steinmetzen und Handlanger kamen nun
ihren königlichen Träumen willig entgegen.
    So erhob sich aus diesen Kammern und ihrem Geiste dies Babylon, das Wunder
der Welt. - Wie aber, wenn ein andrer Geist, vielleicht ebenso stark und kühn,
diese Paläste, Türme, hängenden Gärten und ewige Mauern aufführen wollte, und
fände nur ein kleines, kleines Kapital in seinem Vermögen? Ein lächerliches
Unding würde entstehen, ein armseliger, verächtlicher Versuch, vor jedermann zum
Spott, oder zum Mitleid den Bauenden hinstellend. - So vergleiche ich dem
grossen, mächtigen Willen dieser schaffenden Phantasie die Liebe, und der
Gegenstand, auf den diese Liebe sich wirft, sind (ein seltner Fall) die
unerschöpflichen Goldkammern der Semiramis - oder - das armselige Vermögen, aus
welchem sich mit Sicherheit und als vollendet nur eine Hütte zusammenflicken
lässt. Lass ruhen das Bauen, und entsage der Liebe, wenn der Geist, den du lieben
und anbeten, ihm gehören möchtest, nicht in seinen Tiefen die göttlichen Kräfte
aufbewahrt, durch die allein die Liebe ihre Würdigung finden kann. Darum bleibe
mir fern, holdselige Venus, mit deinen Gaben; denn nur im Fabelreiche wohnt der
Held, dessen Seele mir als Goldstrom jener Taubentochter entgegenleuchten
könnte, um die himmelhohen Türme, Paläste und schwebenden Gärten meiner
Phantasie aufzubauen.« -
Der Fremde neigte sich bewundernd, und küsste die schöne Hand der Dichterin, der
Graf sagte in feinen Worten eine zierliche Schmeichelei, und Caporale rief ein
herzhaftes: »Brava! - Nun«, fuhr er fort, »teilt uns nach Versprechen noch ein
Fragment, einige Verse aus Eurem grösseren Gedichte mit, an dem Ihr arbeitet,
mein verehrter Freund.«
    Der Fremde nahm einige zierlich geschriebene Blätter aus seinem Mantel,
indem er sagte: »Ich will Euch eine Episode des Werkes vorlesen, und mir über
diese Euer freimütiges Urteil erbitten, da viele Verständige sie schon
bekrittelt, oder selbst völlig verworfen haben.«
    Er fing an zu lesen, von Erminien und ihrer Liebe, als Vittoria ahnungsvoll
rief: »Und der Name Eures Werkes?«
    »Das befreite Jerusalem,« sagte der Fremde, wie beschämt und etwas errötend.
    »Oh, um Gottes willen!« sagte Vittoria, laut schreiend -»so seid Ihr ja
jener Torquato Tasso, von dessen Gedicht schon ganz Italien spricht - der schon
vor vielen Jahren uns den herrlichen Rinaldo gab - von dem der himmlische Aminta
herrührt, von welchem uns der tückische Caporale einzelne Stellen, wie die über
das goldene Zeitalter, mitgeteilt hat. - Ha! Bösewicht!« so wendete sie sich an
diesen - »also so boshaft könnt Ihr sein, den grossen Dichter so zu
verschweigen?«
    »Es geschah in guter Absicht«, sagte der Alte lächelnd. »Wusstet Ihr, wer
Euer Gast war, so hieltet Ihr gewiss mit Eurem Wesen an Euch; denn das liegt
einmal in unsrer Natur, dass wir es einem Fürsten oder grossen Manne durchaus
recht machen und keine Blösse geben wollen, keinen Widerspruch versuchen. Wusstet
Ihr, wer dieser Unbekannte war, hättet Ihr Euch gewiss nicht mit ihm gezankt. So
aber seid Ihr nun wie alte Bekannte und ich bin mit mir zufrieden, dass ich es
durchgesetzt habe: denn er wollte erst gar nicht einwilligen, weil er meinte, es
setze Eitelkeit und Stolz voraus, so inkognito in eine liebe Familie
einzutreten.«
    »Niederknieen müsste man«, rief das lebhafte Mädchen wieder: »so ist es
ziemlich, wenn eine Gotteit den Sterblichen würdigt, seine niedere Hütte zu
besuchen.«
    Sie erhob sich und eilte in heftiger Bewegung zur Tür. »Wie könnt ich es
verantworten«, sagte sie eilig, »wenn ich nicht meine Mutter und den Bruder
davon benachrichtigte, welchen Gast wir heute bewirtet haben.«
    Als die Männer allein waren, sprach Graf Pepoli mit grossem Verstande zu
Tasso, über das Glück, ihn persönlich kennengelernt zu haben. Tasso war
aufgeregt und konnte mit den Lobsprüchen, die der gebildete Mann ihm mit der
grössten Überzeugung und Aufrichtigkeit spendete, wohl zufrieden sein. Die Mutter
und Flaminio erschienen, und der Gast sah sich, von so vielfältiger Verehrung
und Freundschaft angeregt, um so mehr veranlasst, jene berühmte und schöne Stelle
seines Gedichtes, die damals von so vielen anmasslichen Kennern und Kritikern
verworfen wurde, mit Freude und Genugtuung vorzutragen.
    »Wie trocken und nüchtern«, sagte die begeisterte Vittoria am Schlusse, »muss
die Seele dessen sein, der die Schönheit dieser Dichtung nicht empfindet. - O
teurer, einziger Mann! ich hoffe, wenn Ihr nur irgend in Rom verweilt, dass wir
uns noch wiedersehn; aber für jetzt schlagt mir meine Bitte nicht ab, dass ich
die Hand, die so schöne, so himmlische Worte niederschrieb, in innigster
Verehrung an meine Lippen drücken darf.«
    Tasso erhob sich und sagte: »Beschämt mich nicht so sehr, schöne Jungfrau.
Aber der Dichter dürfte vielleicht vor allen andern sterblichen Menschen ein
andres Anrecht in Anspruch nehmen, welches ihm die Musen verliehen haben. Lasst
mich, in Gegenwart Eurer verehrten Mutter, zum ewigen Angedenken dieser schönen
Stunde, einen Kuss von diesen schönen Lippen pflücken.«
    Die beiden dichtenden schönen Wesen umarmten und küssten sich innig, und es
blieb, in diesem poetischen Taumel, nicht bei dem einen erbetenen Kusse, da
Tasso fühlte, dass sie seine begeisterte Berührung mit den süssen, vollen Lippen
erwiderte.
    Als man Abschied nahm, sagte der Graf: »Ich würde um die Erlaubnis
nachsuchen, morgen meinen Besuch wiederholen zu dürfen, wenn mich nicht teure
Verpflichtungen nach Rom hinzwängen. Ein Verwandter von mir, ein ferner Vetter,
aber ein reicher Mann, ist von den Banditen aus Subiaco, dort im Gebirge,
fortgeraubt worden, und die Räuber verlangen für ihn ein unermessliches Lösegeld.
Das schlimmste aber ist, dass keiner weiss, wohin sie den Armen geschleppt haben.
Nun sind viele eingefangen und nach Rom gebracht worden, und von diesen ist mir
einer bezeichnet, der vielleicht die Kunde, die genaueste, von jenem Vorfall
haben mag.«
    Die Fremden beurlaubten sich und Flaminio geleitete sie, um dem grossen
Tasso, den er innigst verehrte, noch einige Zeit näher zu bleiben.
    »Wir reisen morgen auch nach Rom«, sagte die Mutter plötzlich zur Tochter.
    »Himmel!« rief Vittoria, »wie erschreckst du mich, Mutter! Ich hoffte, wir
würden die Villagiettura noch recht fröhlich hier fortsetzen, da jetzt erst so
manche unsrer Freunde herausziehn werden; denn der Herbst hat ja erst
angefangen.«
    »Es muss sein«, sagte die Matrone.
    »O Mutter!« klagte die Tochter, »ich kann es dir nicht aussprechen, wie
schrecklich und gespenstisch mir diesmal die Stadt vorkommt. Dies grosse, ewige
Rom, um das uns so viele Fremde beneiden, und den Aufentalt dort als einen
glückseligen preisen - o wie greulich, furchterfüllt, entsetzlich erscheinen mir
diesmal seine Strassen und Plätze! Ich habe eine Vorempfindung, als wenn mir dort
das allergrösste Unglück meines Lebens begegnen, als wenn ich dort untergehen
müsse. O lass uns noch verweilen. Warum diese Hast?«
    »Warum?« rief die geängstete Mutter; »weil ich Kinder habe, die mein Stolz
und meine Freude sein sollten, und die mir zur Höllenqual werden. So wisse denn,
Unglückselige, dass sie unsern Marcello zum zweitenmal eingefangen haben: in dem
Briefe, den ich heute erhielt, spricht man von Hinrichtung, wenigstens von der
Galeere. Er hat sich wieder bei den Banditen betreffen lassen. Ich muss nach Rom;
unser Schützer, der Kardinal Farnese, muss sich unserer annehmen, sonst sind wir
verloren.«
    »Um Gottes willen«, sagte Vittoria in Tränen, »- dieser unglückliche Bruder
- diese seine Unruhe und Wildheit, die er für Kraft und Tugend hält! Aber
Liebste, o du meine einzige Freundin! schütze mich nur dort vor allen den rohen,
unbändigen Gesellen, die mich zu lieben vorgeben, die meine Freier vorstellen
wollen. O dieser abscheuliche Luigi Orsini, dieser entsetzliche Mensch, so im
Wesen, wie ich mir den Herzog Alexander Medici von Florenz, oder gar den
verruchten Cesar Borgia denke - nur vor diesem und andern seines Gelichters
beschütze mich - sonst wäre mir ja wahrlich besser gewesen, dort im Wassersturz
unterzusinken.«
    »Darüber beruhige dich, meine Tochter«, tröstete die Mutter, »- dieser
Orsini, dieser Ludwig, soll nicht über unsre Schwelle schreiten.«
    »Gib mir noch ein Versprechen!« rief Vittoria. -
    »Nun?« -
    »Dass du deine Einwilligung gibst, dass ich mich gar nicht zu vermählen
brauche! Ich hasse, ich verachte die Männer! Ich könnte eher einen vergiften,
als mich ihm unterwerfen. Dies scheint mir das ärgste, schändlichste aller
Verbrechen. Nein, Mutter, zwinge mein Gemüt nicht, dass es sich empört und sich
lieber in alle Greuel taucht, die Namen haben, als dass es sich der Gemeinheit
ergibt, die so viele jämmerliche Menschen Tugend und Notwendigkeit nennen.« -
    »Tochter! Tochter!« sagte Julia geängstigt, »vielleicht empfinde ich in
Zukunft um dich noch mehr Angst, als mir jetzt der unglückliche Marcello macht.
O Gott! Was ist das Leben? Rüste dich zur Reise.«
    Als sich Vittoria allein sah, blickte sie zum Abendhimmel empor. - Der
Mondschein zeigte ihr die Berge, sie hörte in der Stille der Nacht den
Wasserfall brausen. »Lebt wohl«, rief sie, »alle ihr geliebten, teuren Wiesen
und Bäume! - hab ich nicht heut gesehn, dass dieser göttliche Tasso auch nur ein
Mann, ein schwacher Mann war? - Nicht stärker als Camillo. - Wo find ich ein
Wesen, das ich ehren und lieben könnte? - Gut denn: der Tiberstrom wird immer
noch ebenso tief sein, wie der Teverone; - wenn man frei sein will, wahrhaft
will, so gibt es kein Schicksal, das uns Ketten anlegen könnte!«
 
                                  Zweites Buch
                                 Erstes Kapitel
Als die Familie in Rom angekommen war, richtete sie sich in ihrer einfachen
Wohnung wieder auf die frühere Weise ein. Es fehlte nicht an Besuchen, als die
Römer erfahren hatten, dass alle aus Tivoli zurückgekehrt seien. Die Mutter
suchte sogleich ihre mächtigen Beschützer in Anspruch zu nehmen, um ihren
unglücklichen Sohn von der Schande oder einem noch härteren Lose zu befreien.
Sie fand aber jetzt mehr Schwierigkeiten, als sie sich dort in ihrer ländlichen
Einsamkeit hatte vorbilden können, denn fast alle Parteien waren einstimmig der
Meinung, die Gerichte wären bis jetzt zu nachgiebig gewesen, und es sei zum Wohl
des Ganzen notwendig, dem Volke wie den Räubern ein auffallendes und
abschreckendes Beispiel zu geben. Am schwierigsten zeigte sich, was die Mutter
am wenigsten vermutet hatte, der mächtige Kardinal Farnese, der vieljährige
Freund und Beschützer der Familie. Die Fürstin Margareta von Parma hatte sich
auf dringendes Ansuchen des Grafen Pepoli persönlich an den Kardinal gewendet,
ihr und der guten Sache in diesem schändlichen Handel beizustehn, und wenigstens
den Anstalten, welche die Regierung für notwendig halten würde, nichts in den
Weg zu legen. Farnese war so aufrichtig und mitteilend, dass er der Matrone
selbst den Brief der Fürstin zu lesen übergab. »Die letzte Äusserung, werte
Freundin«, sagte er dann lächelnd, »werdet Ihr ebensogut begreifen, als ich
selber. Wie vielen Verdruss haben mir meine Feinde, vorzüglich die Partei der
Medicäer erregt, weil sie mich mehr als einmal beschuldiget haben, dass ich mit
verschiedenen Anführern der Banden in Verbindung stände, um meinen Gegnern
Schaden zuzufügen. Meinen grossen Prozess, wegen der abgeschickten Banditen, die
mich draussen in meiner Villa von Caprarola auf Anstiften dieser Partei und des
Grossherzogs hatten ermorden wollen, kennt Ihr ja, Ihr werdet Euch auch des
traurigen Ausganges dieses Handels erinnern, der mir, meinem Ruf und Ansehn so
nachteilig wurde: weil geschickte und verschmitzte Advokaten die Sache so zu
drehen wussten, dass viele einzusehn glaubten, von mir selbst rühre dies Komplott
her, ich habe die Bösewichter angestiftet, um dem Grossherzog und dem Hause der
Medici einen empfindlichen Schlag beizubringen. Nun hat jetzt der Kardinal
Ferdinand, der Bruder des Fürsten, mehr Einfluss gewonnen als je, er hat sich mit
dem frommen Carl Borromeo verbunden, und diesen beiden, die den Ruf grosser
Tugend sich verschafft haben, folgen viele andre, die auch für rechtlich gelten
möchten. Alle diese haben sich gleichsam das Wort gegeben, mir gemeinsam,
entgegenzuhandeln. Der alte gebrechliche Montalto hat sich ebenfalls ihnen
beigesellt, der Schleichende, der, wenn er auch nicht nutzen kann, doch wohl zu
schaden vermag. Der Heilige Vater selbst ist froh, wenn er von allen diesen
Geschichten nichts vernimmt, um seinen Studien, der Angelegenheit der Religion
und seinem geliebten Sohn, dem General und Gubernator von Rom zu leben. Beim
Papst vermag ich, in dieser Zeit wenigstens, vollends nichts auszurichten, weil
er mit der grössten Eifersucht in mir seinen etwanigen Nachfolger zu sehen wähnt,
und fürchtet, dass ich nach seinem Tode seiner Familie allen möglichen Schaden
zufügen möchte. Seht, so sehr hat es mir geschadet, dass man mich seit Jahren den
Mächtigen, den Einflussreichsten, ja den Despoten genannt hat, der das Kollegium
der Kardinäle eigensinnig beherrscht. Geschadet hat es mir, dass ich beim letzten
Konklave so viele Stimmen für mich hatte. Also beruhigt Euch, ich will
überlegen, wie man der bösen Sache auf irgendeinem Wege beikommen kann. - Aber
warum setzt uns auch Euer Sohn in diese Verlegenheit? Es ist zu verdriesslich,
wegen eines Verbrechers, der nicht zu den grossen Häusern gehört, Autorität und
Macht auf das Spiel zu setzen. - Weint nicht, geehrte Frau; so viel werden wir
vermögen, und dahin will ich viele meiner Kreaturen stimmen, den Prozess in die
Länge zu ziehn, dass es nicht so bald zum Spruch und zur Entscheidung kommt, und
Ihr wisst wohl, in manchen Fällen heisst es mit Recht: Zeit gewonnen, alles
gewonnen. Indessen kann in einem oder zwei Monaten sich vieles ändern, und stehe
ich einmal auf einem andern Platze, so können alle meine Freunde, zu denen Ihr
gehört, meines Schutzes gewiss sein.«
    Donna Julia fühlte wohl, wieviel sie selber beim Kardinal durch die
schlechte Aufführung ihres Sohnes verloren hatte. Sie sah ein, dass der mächtige
Mann nicht eines ganz unbedeutenden jungen Menschen wegen etwas Auffallendes
tun, oder sein Ansehn für seine Rettung wagen könne: Farnese konnte also nur
noch handeln als persönlicher Freund des Hauses, und insofern konnte sie noch
auf Wohlwollen, Unterstützung, aber nicht auf das Einwirken des Kardinals
rechnen.
    Als dieser ihre tiefe Bekümmernis sah, fasste er ihre Hand und sagte
freundlich: »Mir fällt etwas ein; geht doch einmal, zum Überflusse, zum
Montalto; der Alte setzt etwas darein, für hülfreich zu gelten, er bekehrt gern
die Sünder und tröstet die Leidenden; er kann vielleicht den Medicäer, und
dieser den Borromeo und den Gouverneur zu Eurem Besten stimmen, so dass die
Richter nachher durch die Finger sehn, oder im äussersten Fall den Delinquenten
entspringen lassen.«
    Mit so geringen Hoffnungen musste die Donna den Palast verlassen, und sie
überlegte unterwegs, wer von ihren Bekannten wohl am fähigsten sei, sie auf eine
würdige Art beim Kardinal Montalto einzuführen, dessen Bekanntschaft sie noch
nie gemacht, den sie in keiner Gesellschaft sah, weil er sehr zurückgezogen
lebte, sich nur den geistlichen Pflichten widmete und, seiner Kränklichkeit
wegen, die Mussestunden in seinem Garten zubrachte. -
    Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht, war dann in
der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun, von ihrer Amme und dem alten
Diener begleitet, nach ihrem Hause zurück. Als sie sich von dem Tempel nach der
nächsten Strasse wendete, kam ihr ein Zug von geputzten jungen Leuten entgegen.
In ihrer Mitte wandelte mit leichtsinnigem Ausdruck ein Jüngling von mittlerer
Grösse, schlank aber schwach gebaut, mit ganz hellblondem Haar, das er nur wenig
gekräuselt auf den Schultern schweben liess; sein Auge war blau, und der Ausdruck
seines Gesichtes kein bedeutender. Vittoria war im Begriff, ihn anzurufen, so
ähnlich erschien er dem wohlbekannten Camillo: doch noch einen Schritt näher,
und sie sah, wie sehr sie sich getäuscht hatte; denn in diesem Jüngling war
keine Spur jener bäurischen Treuherzigkeit, die ihr an ihrem Jugendgespielen
immer so wohl gefallen hatte, und sie erschrak fast, als sich in diesem
Augenblick sein schwebendes, unbedeutendes Lächeln in einen Ausdruck von rohem
Trotz und Gemeinheit verwandelte; denn er zankte plötzlich mit einem seiner
Begleiter und drohte diesem, einem grossen starken Menschen, sogar mit der Faust.
Vittoria war getröstet und beruhigt, als sich unerwartet der alte Hausfreund
Caporale zu ihr gesellte. Indem beide nach der Wohnung der Accoromboni gingen,
fragte sie: »Wer ist dieser junge Bursche, der sich so seltsam gebärdet? Er
scheint eins von jenen verzogenen adligen Muttersöhnchen, die sich durch
Erbärmlichkeiten wichtig machen wollen. Solche alberne Kreaturen fangen oft aus
leerem, langweiligen Mutwillen Händel an, die zu Unglück und Verderben
ausschlagen.«
    »So ist dieser nicht«, antwortete Don Cesare; »er ist das friedfertigste
Gemüt auf Erden, und meint nur als römischer Neuling, er müsse sich doch vor
jenen jugendlichen Schmeichlern und Dienern durch Mienen, lebhaftes Gespräch,
scheinbaren Eigensinn und nicht ernstgemeinten Zank ein Ansehn geben; am
eifrigsten so bemüht, wenn Fremde ihn beobachten, oder gar eine Dame ihn ihrer
Aufmerksamkeit würdiget. Und so war es nur ein kleines, improvisiertes
Schauspiel, was er Eurer schönen Gegenwart als Huldigung darbot.«
    Vittoria lachte und der Dichter fuhr fort: »Dieses Bürschchen ist der
Abkömmling von armen Bauersleuten, sein Oheim hat ihn unterhalten und ihn in
einem ganz kleinen Städtchen die Schule besuchen lassen; dann haben ihn Mönche
in die Zucht genommen und unterrichtet, und endlich, da er ganz erwachsen ist,
hat ihn derselbe Oheim nach Rom kommen lassen, um zu sehn was aus ihm zu machen
wäre. Dieser Vormund ist nämlich kein anderer, als der alte, hinfällige Kardinal
Montalto, der vor seinem Ende diesen Neffen wenigstens noch anständig versorgt
sehn möchte. Er wollte ihn zum Geistlichen machen, weil er, da ihm Reichtum und
liegende Besitztümer fehlen, ihn in der Kirche am leichtesten emporbringen
konnte. Davon will aber der schwache Mensch, in dem Punkte eigensinnig, nichts
wissen, und Ihr habt selbst gesehn, wie wenig er zum Priester geeignet ist.«
    Indem entstand hinter ihnen ein grosses Geschrei, und sowie sich Caporale
umwendete, stürzte ihm zu seiner grossen Verwunderung derselbe Jüngling, von
welchem sie eben gesprochen hatten, leichenblass und mit allem Ausdruck der Angst
an die Brust, indem er laut schrie: »Er kommt! er kommt!« Vittoria blickte um,
und zog mit ruhiger Bewegung den Dichter noch zur rechten Zeit auf die Seite,
welchem der junge Bursche mechanisch folgte, der sich noch immer mit dem Alten
fest umarmt hielt. Einer von den Stieren, die frei, an langen nachschleppenden
Seilen in Rom von mehreren Reitern, die im Trabe oder Galopp nebenbei rennen,
eingeführt werden, war seinen Aufsehern entsprungen und rannte nun die Gassen
hinab, Schlächter, Jungen und Alte hinterdrein, die Menschen, die entgegenkamen,
zur Seite springend, um nicht beschädigt zu werden.
    »Die Gefahr ist vorüber, mein Herr Peretti«, sagte der Dichter. »fasst Euch,
Ihr zittert und seid fast ohnmächtig.«
    »Wir sind unserer Wohnung ganz nahe«, sagte Vittoria, »tretet zu uns ein und
erquickt und erfrischt Euch.«
    »Sehr gnädig, Signora«, sagte der Jüngling; »es ist aber schändlich, wie
meine Freunde und Begleiter entflohen sind und mich im Stich gelassen haben.«
    Sie traten in den frischen kühlen Saal und die Magd flüsterte ihrer
Herrschaft zu: »Es ist schon einer drinnen, der gnädige Herr, die Exzellenz, der
mächtige Don Ludovico Orsini.«
    Vittoria erblasste und sagte nur leise vor sich hin: »Dies Untier ist
gefährlicher, als jenes.« Ein grosser, kräftiger junger Mann trat ihnen jetzt mit
dem Ausdruck eines frechen Übermutes entgegen. Er begrüsste die übrigen nur ganz
leicht, indem ein verachtender Blick schnell über den jungen Peretti
hinstreifte, und als der Diener Stühle gesetzt hatte, wendete er sich, stark
betonend, mit den Worten zu Vittoria »Ihr werdet meinen Brief erhalten haben.«
    »Ja«, erwiderte diese nicht ohne Verlegenheit. -
    »Und?« fragte der Graf fast in schreiendem Ton.
    »Wie kann ich Euch antworten? Was Euch sagen?« sprach Vittoria, »Ihr kennt
meine Gesinnungen, an jenem Abende, ehe wir nach Tivoli gingen, habe ich, Ihr
müsst es Euch erinnern, meine Überzeugung erklärt. Warum soll ich noch öfter
wiederholen, was mir peinlich ist auszusprechen?«
    »Ha ha ha! seltsam genug!« rief der Graf mit schallendem Gelächter: »ich,
aus einem der ältesten Häuser, reich, von Einfluss ich, vor dem Hunderte zittern,
biete einer unbedeutenden Bürgerin meine Hand, und mit dieser mein Vermögen und
meinen Rang, und sie kann mir nichts dagegen schenken, als ein artiges Lärvchen,
einen schlanken Wuchs und weisse Gliedmassen: bin ich denn rasend, da ich in den
Familien der Herzöge und Fürsten nur wählen darf?«
    »So wählet doch!« rief Vittoria, die jetzt ihren Stolz und Mut
wiedergefunden hatte: »wer zwingt Euch, ein armes, unbedeutendes Bürgermädchen
zu belästigen? Ich werde es für Gnade von Euch und wahren Gewinn achten, wenn
ich Euer Antlitz niemals wiedersehe.«
    »So?« rief der rohe Mensch, im höchsten Zorn, »es kann sich aber doch fügen,
dass ich Euch noch zu meinen Füssen knieend im Staube sehe, um Euern verehrten
Bruder vom Galgen loszubitten.«
    »Das ist zu viel!« schrie Vittoria, ganz ausser sich: »Elender! entferne dich
gleich, gleich jetzt in diesem Augenblick! So ein Armseliger, Verächtlicher,
will vorgeben, sich herausnehmen, sich so stolz dünken, mich lieben zu dürfen!
Er, für den jede Dorfmagd noch zu gut ist, er, den ich so tief verachte, dass der
Galeerensklave in meinen Augen höher steht.«
    Orsini sprang auf, und man konnte fürchten, dass der freche Mensch etwas
Schreckliches unternehmen könne. Caporale eilte ihm entgegen und hielt ihn
gewaltsam zurück. Mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung wendete sich der
Graf um und betrachtete stillschweigend den alten Mann: »Elender Versedreher«,
sagte er dann, »Ihr wagt es, mich körperlich anzugreifen.«
    »O ja«, rief dieser erzürnt; »solange ich Hand oder Fuss rühren kann, werde
ich als Mann auch mit meinem Blut eine Dame, meine Freundin, gegen
Gewalttätigkeiten schützen.«
    »Sklave!« rief der Graf, und machte sich aus der Umarmung Caporales frei.
    »Herr Graf«, erwiderte Caporale ruhig; »ich bin unabhängig, frei, man hat
mich gewürdiget, mich in der Provinz zum Governatore zu ernennen.«
    »O ja«, sagte jener; »von ein paar armseligen Burgflecken. Und wenn ich
zwanzig meiner Leute hinsende, so brennen sie dem Herrn Gouverneur seine Wohnung
ab und schleppen ihn in Ketten und Banden auf mein Schloss. Ihr seid mir aber zu
verächtlich, um mit Euresgleichen Krieg zu führen. - Und Euch, Accorombona, lass
ich nicht, und wenn Ihr mich noch schimpflicher behandelt. Die Worte eines
Weibes verletzen nicht; und der Teufel, der mich in Glut für Euch entzündet hat,
wird mir auch Mittel und Wege zeigen, Euch zu besitzen. So oder so müsst Ihr die
Meinige werden.«
    Er stürmte fort und rannte fast die Mutter um, die ihm in der Tür
entgegentrat. Vittoria warf sich laut schluchzend an den mütterlichen Busen,
diese aber kam ihr auch mit Tränen entgegen. Caporale tröstete, soviel er
vermochte, doch wusste er für den Augenblick keinen Rat. Jetzt empfahl sich der
junge Peretti den Frauen, indem er höflich um die Gunst ersuchte, seinen Besuch
wiederholen zu dürfen, und die Bekanntschaft, die unter so seltsamen Umständen
begonnen hatte, fortzusetzen. In der Tür sagte er halb für sich: »Eine schlechte
Polizei in Rom; die wilden Stiere stossen die Menschen in den Strassen um, und die
rasenden Grafen rennen in die Häuser hinein.«
 
                                Zweites Kapitel
Graf Pepoli war für seinen Verwandten eifrig bemüht; aber sosehr die Gerichte
den besten Willen zeigten, so wenig war doch Aussicht, dass ihm seine gute
Absicht gelingen würde. Der reiche Signor Velluti war verschwunden, und von
allen eingefangenen Banditen wollte kein einziger den Ort kennen, wo man ihn
hingeschleppt, oder wer ihn in Verwahrung habe. Prozess und Verhöre gegen die
Verbrecher waren noch nicht weit gediehen, und ein Advokat, den der Graf schon
reichlich beschenkt hatte, gab diesem zu verstehen, es müsse irgendeine mächtige
unsichtbare Hand im Spiele sein, die, wie es schon öfter der Fall gewesen, alles
verzögere, um diesen oder jenen zu beschützen, oder zu verhindern, dass nicht
irgendein Vornehmer ebenfalls in den traurigen Handel verwickelt werde. In den
Gefängnissen selbst, die der Graf fleissig besuchte, hörte er von einem
Verbrecher, der schon früher eingefangen war, und jetzt wegen anderer Frevel
sein Todesurteil empfangen habe, dass dieser vielleicht imstande sei, einige
Nachweisung zu geben. Graf Pepoli liess sich zu diesem verwilderten Mörder
hinführen, der mit schweren Ketten an die Wand seines finstern Kerkers
geschlossen war, und den er, als geöffnet wurde schreiend traf, indem er eben
ein Gassenlied jubelnd absang.
    Als der Verruchte hörte, von wem der Fremde zu ihm gewiesen sei, rief er:
»Ei! lebt die alte ehrliche Haut noch, und ist noch nicht gehängt? Nun, das
freut mich, grüsst den Kumpan nachher von mir recht herzlich, er wird es wohl
schon erfahren haben, dass ich mich übermorgen auf die grosse Reise begebe. Ja,
ja, mit mir ist es dermalen aus, und ob man noch einmal von vorne anfangen kann,
steht dahin. Je nun, ich bin seit lange darauf vorbereitet; nach den Gesetzen
hätte ich schon zehnmal den Tod verdient. Versteht mich, was man so nach den
Gesetzen nennt, die aber niemals ausgeübt werden, als wenn unsereins keinem mehr
schaden oder nützen kann. Ja, ich habe, und nicht bloss durch meine eigene
Schuld, meine Beschützer verloren. Ehemals war ich besoldet von recht frommen,
tugendhaften Leuten auch grossen und mächtigen: die haben mir oft durchgeholfen.
Ich war nur Dolch und Messer: diese Reichen, Verehrten, denen jedermann mit
Respekt aus dem Wege ging, waren die Hand. Meinetalb, ist doch die Welt einmal
so eingerichtet.«
    Als der Mörder das Gesuch des Grafen vernommen hatte dachte er ein Weilchen
nach, dann sagte er: »Kommt mir einmal ganz nahe, werter Herr, dass ich eure
Physiognomie betrachten kann, denn es ist so verdammt finster hier, und Ihr seht
wohl dass ich nicht zu Euch hinrutschen kann. - Ah ja! Ihr seht recht ehrlich, ja
sogar recht weichmütig aus, es wird also wohl keine Finte sein, um noch andere
gute Kameraden in das Elend zu bringen. Wir hatten ehemals einen lieben
herrlichen Menschen unter uns, Ascanio genannt, ein sanfter Kerl, der uns mit
seinen Predigten immerdar vom Morden abhalten wollte; er war ein halber Pfaff
und dachte sich vielerlei Gutes bei den Worten Himmelreich, Gewissen, Religion
und dergleichen Schnurren, die uns tätige Menschen nichts angehn. Dieser Ascanio
war immer der Vertrauteste mit dem Oberhaupt jener Bande bei Subiaco, dessen
Namen wir alle nicht wissen; denn der närrische Ambrosio, den hier die Richter
dafür halten, ist nur so ein Beiläufer, einer, der das Mus einrühren hilft,
selten aber etwas zu fressen kriegt. Dieser Ascanio war immer wie unser
Staatsminister oder Geheimschreiber. Der weiss, was der Teufel selber nicht weiss
aber dabei ein Mensch, wie ein Lamm. Den guten Burschen haben sie jetzt in
Castell Angelo eingesperrt, unter dem Vorgeben, er hätte falsche Münzen geprägt
und ausgegeben. Ist es wahr, so macht das dem pfiffigen Kerl alle Ehre, nicht
wahr? und er ist ja fast ein Genie, wie unser Benvenuto Cellini. Es kann aber
auch sein, dass es nur ein Pfiff der Unsrigen ist, dass sie ihn mit falschen
Aussagen dahin gebracht haben, damit er in ihrem Banditenprozesse nicht mit
figurieren soll. - Seht mal, guter Freund, ich vertraue Euch das alles so
treuherzig an, weil Ihr mir ehrlich ausseht. Und Ihr mögt darüber denken, wie
Ihr wollt, in meiner langen Erfahrung habe ich immer die meiste Treue und
Ehrlichkeit unter Spitzbuben, Dieben und Mördern angetroffen. Es ist ja auch
ganz natürlich, die tugendhaften Menschen in Eurer Welt leben von der Tugend,
das ist ihr Gewerbe wie es aber irgend ihr Vorteil mit sich bringt, dass sie mit
der Schelmerei mehr gewinnen können, schrammen sie aus und spazieren nebenbei.
Besonders, wenn sie keine Entdeckung zu besorgen haben. Dagegen wir armen
ehrlichen Schelme! Das Regiment bei uns könnte ja keine vierundzwanzig Stunden
bestehn wenn wir nicht untereinander Treue und Glauben hielten. Und welcher
Bischof, Graf oder Kardinal würde uns denn jemals vertrauen, wenn er uns für
ausschwatzendes Gesindel hielte? Vor zehn Jahren etwa haben sie mich zweimal auf
die Folter geworfen, aber der grosse Herr lebt noch in Ehren, Glück und Würde, so
wusste ich meine Zunge im Zaum zu halten. Und wahrlich, die Schmerzen, die sie
mir künstlich antaten, waren nicht klein. Ich habe auch jetzt den grossen Mann um
Hülfe angesprochen, aber er lacht mich nur aus, und mit Recht, denn es ist zu
lange her, die Sache ist vergessen, keiner würde mir glauben, ja kein Richter
und Advokat mich nur um das ganz verschollene Ding anhören wollen.«
    Der Graf liess dem Unglückseligen ein Geschenk zurück, damit er sich noch
einmal an Wein und einem Lieblingsgericht erheitern könne. Als er sich in
Castell Angelo beim Governadore wollte melden lassen, vernahm er, dass dieser in
einem wichtigen Geschäft über Land sei, und erst morgen zur Stadt wiederkehre.
Er nahm sich also vor, seinen Abend bei einem Freunde zuzubringen, um sich von
diesen traurigen Geschäften in einer edlen Gesellschaft wieder etwas zu erholen.
    Der Freund des Grafen, ein angesehener Römer, sah vorzüglich gern Gelehrte
und Dichter in seinem Hause. Graf Pepoli, sooft er nach Rom kam, wohnte bei
diesem Gastfreunde, der sein Verwandter war. Als man sich im heitern Kreise
gegenseitig begrüsst hatte, trat auch Caporale herein, und bald nach ihm der alte
Speron Sperone. Dieser feierliche Mann, welcher gern die jüngeren Leute
beherrschte, erschien in einem langen, dunkelfarbigen Talar, weder die Tracht
eines Priesters, Rechtsgelehrten, noch Professors, sondern ein Gewand, das er
sich selbst ersonnen hatte, und das vielleicht an die römische Toga erinnern
sollte, doch hatte es Ärmel und war um die Hüften mit einem breiten Gurt
umschlossen. Dieser Dichter, für welchen er sich gerne gab, war hoch und
schlank, sein Gesicht hatte den Ausdruck des Feierlichen, auch war seine Sprache
langsam und seine Rede gesucht.
    Die übrige Gesellschaft bestand aus einigen angesehenen römischen Familien,
Edelleuten, die ihre Frauen und Töchter hergeführt hatten, hauptsächlich in der
stillen Erwartung, den berühmten Torquato Tasso kennenzulernen, von dem man
wusste, dass er sich seit einiger Zeit in Rom aufhalte. Bald aber entstand eine
allgemeine Trauer, als der Wirt erklärte, der grosse Dichter habe zu ihm
gesendet, und seine Abwesenheit entschuldigt, indem er krank geworden sei.
    Einige junge schöne Damen äusserten laut ihr Missvergnügen und beklagten den
Armen, der so oft an Unpässlichkeit litt, und sich doch in seinen Arbeiten durch
die wiederkehrenden Leiden nicht stören liess. »Vielleicht«, sagte eine junge
schöne Frau mit lachender Miene, »kommt Tasso nicht, weil er erfahren hat, dass
er seinen grossen Gegner, den strengen Herrn Sperone, hier antreffen würde«.
    »Gewiss nicht deshalb«, sagte der ernste Mann; »denn waren wir je entzweit,
so haben wir uns jetzt wieder versöhnt, und keiner ist so geneigt als ich, den
Gaben dieses Jünglings Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er hat mich, weil
ich schon ein vertrauter Freund seines ausserordentlichen Vaters war, freiwillig
zum Kritiker seines grossen Werkes ernannt, und was kann ich dafür, wenn meine
Überzeugung mich antreibt, dem Vater den Preis des grösseren Dichters
zuzuschreiben? Und ist dies ihm eine Schande? Darf es ihn wohl kränken?«
    »Der Ruhm bleibt wenigstens in der Familie«, sagte Caporale, »und wenn unser
Bernard nur noch lebte, so müsste er sich mit seinem Sohne in den genau
abgewogenen Preis teilen.«
    »Er ist ein Dichter«, bemerkte eine der Damen, »der die Sprache so in seiner
Gewalt hat, wie vor ihm noch kein anderer; daher sind seine Verse so süss und
musikalisch, dass sie ein jedes Ohr entzücken.«
    Der alte Sperone schien über diesen Ausspruch empfindlich zu werden, denn er
sagte mit etwas spitzigem Ton: »Süss und lieblich, ja, aber die Männlichkeit
fehlt.«
    »Diese Schlachten«, warf Caporale ein, »diese aufmunternden Reden der
Helden, sind doch in heroischer, kräftiger Tonweise. Schade, dass er das Gedicht,
da es nun doch einmal fertig ist, nicht sogleich drucken lässt, damit sich ganz
Italien daran erfreuen könne.«
    »Im Gegenteil!« rief Sperone, »er kann nicht zu lange damit zögern, damit
ein Werk, das die jetzige Zeit überdauern soll, die notwendige Vollendung
erreichen möge. Er ist freilich empfindlich über diese Verzögerung, und doch ist
er wieder seinen jüngern und ältern Freunden dankbar, wegen der Weisungen, die
sie ihm zukommen lassen. Nur tadelt freilich einer oft das, was der andere lobt;
mir scheint völlig überflüssig, was ein jüngerer höchst notwendig findet. Diese
Strophe will der eine ausmerzen und ein anderer durchaus beibehalten. Das süsse
Liebesgekose, üppige, ja unzüchtige Stellen sind dem Gutdenkenden in diesem
Gedichte, das die Religion zum Gegenstande hat, ein Greuel, und ein junges
leichtsinniges Gemüt nennt diese sündlichen Ottaven die Licht- und Glanzpunkte
des Werkes, um welche es sich einzig und allein der Mühe lohne, das weitläuftige
Gedicht zu lesen. So verschieden ist der Sinn der Menschen, und es wäre deshalb
besser gewesen, einem einzigen klugen Manne die Revision unbedingt
anzuvertrauen.«
    Man stritt noch hin und her, und als die entschiedenste der Damen zu
verstehen gab, der bejahrte Kritiker möchte doch vielleicht zu einseitig
verfahren, und manche Schönheit nach seinem System gewissermassen vorsätzlich und
willkürlich verdammen, sagte der Alte mit einiger Erbitterung: »Mein Zwiespalt
mit dem jungen Tasso schreibt sich eigentlich gar nicht von der abweichenden
Ansicht seines Gedichtes her, sondern er ist viel älter und aus einer ganz
andern Ursache entsprungen. - Als der Jüngling vor Jahren sich in den Dienst des
Herzogs von Ferrara begab, war ich unter seinen Freunden der einzige, der ihm
ernstaft von diesem Schritte abriet. Er ist kein Hofmann, man muss als solcher
geboren sein, man muss nichts anders sein wollen, nichts anders kennen und
achten, als den Hof, am wenigsten aber den Dichter dortin mitnehmen wollen. Er
konnte Professor in Padua oder an einer andern Universität werden, er konnte ein
Staatsamt übernehmen, und sich auf diesem Wege, da er kein Vermögen ererbt hat,
unabhängig machen. Da lockte aber und blendete ihn der freundliche Herzog, die
Prinzessinnen, dessen Schwestern, Lob und Bewunderung von allen Seiten. Meine
Warnung schien ihm die törichte Rede eines Murrkopfs, wohl gar eines Pedanten,
der ihm seine glänzende Stellung beneidete. So bin ich denn auch in seinem
Schäferspiel Aminta als verdriesslicher Mopsus aufgetreten, im Gegensatze seines
vortrefflichen Pigna, oder Elpino. Meinetalb, man kann nicht allen Menschen
gerecht und beifällig leben, am wenigsten der Selbstständige, dem es mit Leben
und Wissenschaft Ernst ist. Was ist ein Dichter an dem Hof eines verwöhnten,
selbstsüchtigen Fürsten? Niemals wie der ebenbürtige Freund und Verwandte,
keinesweges wie der nützliche und notwendige Rat und Staatsmann. Anfangs
Günstling, Vertrauter, Liebling, Gegenstand einer unverstandenen Bewunderung;
späterhin der Gemisshandelte, der die Launen seines eigensinnigen Beherrschers
ertragen muss. Hat er sich berühmt gemacht, so wollen nun andere Höfe, Regenten
und Weiber ihn lieben, bei sich sehn; ihm geschehen Anerbietungen, er fühlt sich
wieder geschmeichelt, unterhandelt hinterrücks halb und halb, die Aufpasser
verraten es seinem Herrn, und dieser, der sich für den Wohltäter, ja den
Schöpfer des Armen hält, ist erbost, sieht in seinem vormaligen Liebling den
frevelnden Verbrecher, und sinnt, wie er sich an ihm rächen und ihn bestrafen
könne, ohne sich der Welt und den Verleumderzungen zu sehr blosszugeben. Wie sich
dieselben Fürsten in ihren Gärten eine Sammlung der wilden, seltenen und
ausländischen Tiere halten, die zuweilen wegen der Federn, oder des wundersamen
Rüssels von ihnen und den Fremden in Augenschein genommen werden, so steht ein
Poet an solchem Hofe in seinem kümmerlichen Futter. Und dann wird noch von
Beschützung der Künste und Wissenschaften gesprochen und gesungen, und Perikles
und Alexander oder Augustus angeführt, zum Verdruss und Ärger eines denkenden
Mannes, der diese Szenen kennt, und öfter in seinem Leben gesehn hat.«
    »O Ihr böser, zorniger Greis!« rief Caporale aus, »wenn Ihr so traurige
Erfahrungen gemacht habt, so seid Ihr doch nur halb im Recht, denn Ihr vergesst
es ganz und gar, auch das Gute eines solchen Verhältnisses herauszuheben.«
    »Das meiste«, antwortete Sperone, »sieht in der Welt so aus, wie es der
Mensch sehn will. Aber seid versichert, die Lage dieses armen Tasso ist gerade
so, wie ich sie beschrieben habe, und der Erfolg wird meine Aussage
rechtfertigen. Ich weiss es, dass er seiner Lage dort in Ferrara schon gänzlich
überdrüssig ist: er sehnt sich nach neuen Verhältnissen, kann ohne Beschützer
nicht leben und dichten und hat also den Mut nicht, offen mit dem Hofe zu
brechen. Der neue Grossherzog von Florenz, Francesco, ist eitel genug, um einen
berühmten Mann in seiner Nähe haben zu wollen: stille Botschaften, Vermittelung
von Fremden, Anerbietungen, alles bedrängt den Armen, er will und will nicht:
nun ist sein Fürst, die Weiber sind einmal wieder freundlich zu ihm, sie
schmeicheln und liebkosen ihm und seinem Talent; da sieht er wieder goldne Tage,
und schwimmt selig in der Abendröte. Aber der Ferrarese weiss es recht gut, dass
er auf dem Sprunge steht, von ihm abzufallen; es fehlt nicht an Klätschern, die
dies benutzen, ihn gegen den Ärmsten zu erbittern. Er war erst mit Pigna
vertraut, auch der Sekretär Guarini schloss sich ihm freundlich an: jetzt sind
sie gegen ihn und der letzte ist sein erklärter Feind, ein schlauer gewandter
Mann, und der die Haltung besitzt, die dem Torquato fehlt, dabei auch ein Poet,
und ein begabter; da muss die Eifersucht entbrennen. Nun hat ihn sein wahrster
Freund und Beschützer, Scipio Gonzaga, hierher nach Rom berufen; der Herzog hat
ihm nur ungern den Urlaub bewilligt, weil er weiss, dass hier mit dem Kardinal
Ferdinand Medicis des Tasso wegen verhandelt werden soll, ja Scipio denkt wohl
gar, den Papst selbst für den Dichter zu gewinnen, dass dieser ihm hier ein
Kanonikat oder eine Präbende zuweisen möchte; dieser aber will natürlich um eine
Nebensache Ferrara nicht beleidigen; Florenz will nicht zu offen mit seinen
Anerbietungen heraustreten; Ferrara nimmt aus Eitelkeit den Gegenstand wichtiger
wie die andern, auch vertrauen diese dem schwankenden Charakter Tassos nicht und
seiner Unentschlossenheit, und so verwirrt und verwickelt sich das Verhältnis
von allen Seiten so, dass es zum Unglück des Poeten ausschlagen muss.«
    »Eure Schilderung ist freilich eine traurige«, sagte eine junge schöne Dame,
»und wenn Euer Wahrsagergeist ein richtiger ist, so möchte ich schon jetzt den
lieben Tasso beweinen. Aber Euer Wort trifft eigentlich jedes menschliche
Verhältnis: jeder Stand muss sich durchkämpfen, jeder geistreiche Mann hat seine
Feinde, der Minister und Rat findet Verlockung, seinen Pflichten ungetreu zu
werden, wer nicht als Eremit lebt, gerät in Verwicklung und muss kämpfen, sinnen
und arbeiten.«
    »Ihr habt nicht unrecht«, antwortete der Greis, »und doch treten dem Poeten
noch viel mehr Schwierigkeiten entgegen. Hat er kein Staatsamt, oder gelehrtes,
ist er nicht Priester, so ist sein Beruf ein doppelter, durch welchen er
eigentlich ein ganz rätselhaftes Wesen wird. Verwickelt mit der Welt, ist er in
seiner Beschäftigung, in seinem Beruf doch ein wahrer Einsiedler; denn auf den
Weltlauf hat seine Arbeit auch nicht den allermindesten Einfluss. Dadurch aber
verliert er auch allen Massstab, sich an sich selbst oder den übrigen Menschen zu
messen; denn an keinem einzigen Abende kann er zu sich sagen: heut hast du
einmal etwas Nützliches getan, du hast dem, du hast jenem fortgeholfen, jenen
verwirrten Handel hast du aufgeklärt, diese Gesellschaft, jene Zunft, der
Angeklagte, jener Vornehme muss dir danken. Ist er ohne Begeisterung, so fühlt er
sich, als sei er ganz ohne Bestimmung, besucht sie ihn, so meint er alle
Menschen zu überragen; dann ertönt das Lob der Freunde, die laute Bewunderung
der Menge, das Entzücken der Weiber und Mädchen - glaubt ihr, meine Freunde, dass
es viele so starke Männer, so feste Charaktere gebe, die mit richtigem Sinn das
alles geniessen und fassen, die den Lorbeer nicht für strahlender als die
Königskrone halten, im Rausche nicht dahintaumeln, und das Leben eigentlich
verlieren sollten?«
    »Ja nun freilich«, sagte Caporale, »kann es nur selten solche Menschen
geben, wie unser grosser Ariost war. Tasso ist weicher und nicht so
selbstständig.«
    »Was die Fürsten betrifft« - fing Sperone mit einiger Feierlichkeit wieder
an - »traut doch dem alten Ausspruch: procul a Jove, procul a fulmine. - Vor
einigen Jahren besuchte ich auch eine Sammlung wilder prächtiger Tiere am Hofe
eines vortrefflichen Fürsten. Der grösste Tiger lag in seinem Käfige und sonnte
sich, indem die bunten Flecken seiner schönen Haut; im Lichte freundlich
schimmerten. Man war oft so grausam gewesen, ihm lebende grössere oder kleinere
Hunde als Atzung in seine Zelle hineinzuwerfen. Ich war daher nicht wenig
verwundert, als ich ein klaffendes Hündchen bei ihm sah, das uns mit munterem
Bellen begrüsste und auf seinem Tyrannen hin und her sprang, welcher sich allen
Mutwill von ihm gefallen liess. Der Wärter erklärte meiner Verwunderung die
sonderbare Erscheinung. Vor mehreren Monaten war der Tiger an entzündeten
eiternden Augen erkrankt, so dass er sehr verstimmt und verdriesslich war. Es ist
schwer, einer solchen Bestie einen Doktor und Arznei beizubringen und, da der
hohe Patient auch kein Gemüse, oder Fastenspeise geniessen mochte, so fürchteten
sich die Wärter selber vor dem Unwillen des zornigen Kranken. Man fuhr fort, ihm
Fleisch und zuweilen wieder lebendige Tiere in sein Behältnis zu werfen; denn
dies schien das einzige, woran er sich erfreute und zerstreute. Ein kleines
Hündchen ward ihm lebend zugeworfen. Dieses, ohne Furcht und Zittern, sprang auf
ihn freundlich zu, und leckte seine wunden Augen; jener liess es sich gefallen,
fühlte sich erleichtert und tat dem Tierchen nichts. Dieses wiederholte seine
Kur und Bemühung so fleissig, dass der mächtige grosse Tiger in wenigen Wochen
vollkommen gesund, und wieder schön und heiter wurde. Seitdem konnte der Hund
mit seinem furchtbaren Gebieter tun und beginnen, was er nur wollte und ihm die
Laune irgend eingab. Wenn sie beide ihre Fleischportion verzehrten, durfte der
Tiger sich dem kleinen Günstling nicht nahn; kamen einmal Fremde und der Tiger
war zu träge, um aus seinem hintern Behältnis vorzuschreiten und sich den
Neugierigen zu zeigen, so sprang der Kleine so lange auf dem Grossen hin und her,
zerrte ihn am Fell, biss ihn in die Tatzen, bis der Tyrann sich erhob; denn der
Kleine, Unbedeutende tyrannisierte diesen. Der Fürst stand mit seinem Favoriten
vor dem Käfig, als dieses erzählt wurde; sie freuten sich der Naturerscheinung,
und der junge Edelmann, halb Freund, halb Narr des Fürsten, erlaubte sich
manchen derben Spass über den Hof, die Damen, ja die nächsten Verwandten der
Familie, worüber der Fürst herzlich lachte. - Mir war schauerlich zumute, da
keiner von beiden (vielleicht der Tierwärter) an die Nutzanwendung dachte. Es
waren noch nicht sechs Monate verflossen, so hatte in einem Anfalle von Unmut
der Tiger seinen kleinen Freund doch zerrissen und aufgefressen, und der junge
witzige Edelmann lag im Kerker eines Schlosses in Ketten und Banden.« -
    Caporale begleitete den Grafen Pepoli noch durch die Stadt. Sie gingen dem
Hause der Accoromboni vorüber, und der Graf bemerkte: »Sollte man nicht glauben,
dass alle jene ausgezeichneten Menschen durch ihren höhern Geist ein trauriges
Geschick fast freiwillig auf sich herabziehn? Oder sind es unsichtbare,
neidische Mächte, die in der Menschheit nichts dulden wollen, das sich über die
traurige Mittelmässigkeit erhebt?«
    »Fast scheint es so«, erwiderte der Poet, »der alte Wahrsager in seinem
jüdischen Talare dort hat wohl im wesentlichen recht. Und so zittere ich auch
für dieses schöne, so vielfach begabte Mädchen dieses Hauses. Sie kann nicht:
die gewöhnlichen Wege wandeln, und der schwärmerische Geist der Mutter, statt
sie auf die richtige Bahn zu lenken, treibt sie in das Seltsame hinein, aber ihr
heftiger Geist wirft sich in den Widerspruch, und sie sucht noch steilere Bahnen
und grössere Wunder. Dazu dieser abscheuliche Luigi Orsini, welcher sie mit
seiner rohen Liebe verfolgt, dieser Mensch, so schön und wohlgebildet, und doch
ein Schandfleck unsers römischen Adels.«
    Vor der Tür erblickten sie die Leute des Kardinals Farnese; der alte Fürst
schritt aus dem Hause, sah und erkannte den Cesare Caporale, und lud ihn ein,
mit in seinen Wagen zu steigen, weil er mit ihm etwas Wichtiges zu sprechen
habe. Das Gespräch, welches beide führten, war sonderbar genug.
 
                                Drittes Kapitel
Der Kardinal Farnese hatte das Haus der Accoromboni noch niemals so oft besucht,
als jetzt. Man empfing ihn jedesmal, wie es sich von selbst versteht, mit der
grössten Ehrfurcht, und doch fühlte es die Matrone nur allzudeutlich, dass sie,
ungeachtet der Freundlichkeit des Fürsten, nicht mehr so, wie sonst, auf ihn
vertrauen konnte. Man meldete ihn wiederum, und da die Tochter in der Messe war,
so empfing ihn die Mutter, und es schien ihm lieb zu sein, sich mit dieser
allein unterhalten zu können.
    Donna Julia fühlte, so fein auch der Kardinal war, dass er heut etwas
Besonderes ihr mitzuteilen habe; denn er war halb zerstreut und doch aufgeregt,
sein schönes grosses Auge glänzte mehr als sonst und er fing ein Gespräch an, und
liess es wieder fallen, fragte, ohne die Antwort abzuwarten, und zeigte in seiner
Miene, die bald ernst, bald freundlich wechselte, dass er etwas Wichtiges
vorhabe.
    »Was Ihr mir von dem jungen Orsini erzählt habt«, so begann er endlich, »hat
mich wahrhaft erschreckt, und ich bin in der Tat in Verlegenheit, welchen Rat,
oder welche Hülfe ich Euch anbieten könnte. Dass Eure Tochter den jungen
Bösewicht verabscheut, ist natürlich, und an eine Vermählung mit ihm, so reich
und vornehm er auch ist, ist nicht zu denken. Selbst wenn Vittoria nicht dagegen
wäre, würde ich doch mit allen Kräften abraten, denn es ist zu fürchten, dass das
Schicksal dieses jungen Mannes ein furchtbares sein wird. Er, der jedes Gesetz
verachtet, der die Gefahr stündlich herausfordert, der den Rat keines Menschen
hört, er muss, wenn er sich nicht einmal völlig umkehrt, tragisch endigen. Und
doch - wer ist stark genug, seine Gewalttätigkeiten abzuhalten? Sein Anhang ist
gross, hundert verwegne Abenteurer, einige aus guten Häusern sogar, umgeben ihn,
die besoldeten Banditen ungerechnet; alle diese sind auf einen Wink von ihm zum
Tollsten und Abscheulichsten bereit. Dieses Unwesen unsers Staates ist so
mächtig geworden, dass der Heilige Vater und wir alle dem nicht steuern können.
Neapel und andere Staaten ermuntern und unterstützen diese freien Banden, um uns
zu schaden, der König von Spanien triumphiert, dass wir in dieser ängstlichen
Verlegenheit sind, und Florenz ist jenem Monarchen fast dienstbar und widersetzt
sich ihm nie. So gross ist das Übel und so furchtbar angewachsen, dass wir alle
selbst zuweilen in diesen abscheulichen Verbindungen unsere Hülfe suchen müssen,
um nicht unbedingt dem fremden feindseligen Einflusse zu gehorchen. Treibt nun
ein Orsini, oder ein andrer vornehmer Bösewicht es einmal zum Äussersten, so ist
höchstens der Bann seine Strafe, und er wird in Neapel, Florenz und Venedig mit
offnen Armen empfangen, man gibt ihm bedeutende Ämter und Unterstützung aller
Art. - Was soll also hier geschehn? Wer soll Euch in diesem kleinen Hause
mächtig beschützen? wer diesem Orsini Furcht einflössen?«
    »Aber Ihr selbst, hochverehrter Freund; kann nicht ein so mächtiger Kardinal
für seine Schützlinge stärker einschreiten?«
    »Liebe alte Freundin«, sagte der Kardinal seufzend, »unsere Macht, unser
Einfluss unterliegt ewigen Schwankungen. In diesen besteht nur, wenn Ihr Euch
darum erkundigt, die Geschichte unsers geistlichen Regiments. Handeln irgend
andre Mächtige gegen uns, offen oder unter der Hand, so entstehn Hemmungen,
Widersprüche, wir gehn vorwärts, kämpfen, und plötzlich fühlen wir uns gelähmt
und ohnmächtig, weil ein heftiger Schlag blitzschnell von einem Orte herkommt,
wo wir es am wenigsten vermuten konnten. Ist schon an den Höfen ein beständiger
Wechsel von sich ablösenden Intrigen, von Dienern und Vornehmen, die einer des
andern Kraft zu vernichten suchen, so ist dies noch viel manichfacher, stärker,
feiner und gewaltsamer in unserer Priesterherrschaft, wo nicht bloss Kardinal und
Bischof, der Herzog und Gesandte des Hofes, sondern auch wohl der bettelnde
Mönch durch seinen Einfluss einen groben Querstrich durch unsere besten Kalküls
ziehn kann. - Alles das wird mir jetzt bei Eurem Prozesse klar, der nun schon
seit zwei Jahren in der Schwebe hängt. Meine Advokaten wissen, wie es mein
ernster Wille, ja mein Befehl ist, dass alle jene Schikanen niedergeschlagen
werden, die Euch den grösseren Teil Eures mässigen Vermögens streitig machen
wollen, alle meine Klienten kennen meinen Willen - und doch - doch ist es
möglich, dass Ihr gerade jetzt unter den obwaltenden Konjunkturen Eure gerechte
Sache verliert.«
    »Um Gottes willen!« rief Donna Julia, und sank erblasst in ihren Sessel
zurück, »so träfe mich ein ungeheurer Schlag da, wo ich es am wenigsten
fürchtete! Auch noch Bettler werden? Es wäre entsetzlich!«
    »Nicht gleich das Ärgste fürchtet«, sagte Farnese, indem er ihre Hand fasste
und sie freundlich drückte; »im schlimmsten Falle hättet Ihr reiche Freunde, die
Euch keinen Mangel würden leiden lassen.«
    »Keinen Mangel?« rief sie aus, »- und von Almosen leben! von Brocken, die
man uns auch willkürlich entziehen könnte! - In eine enge abgelegene Gasse
flüchten, die Tür für jeden anständigen freien Mann verschlossen halten müssen!
Nicht mehr imstande sein, einen Armen durch eine Gabe zu trösten, viel weniger
einem alten Gastfreunde eine Schüssel vorsetzen können! Das also wäre dann der
Beschluss meines Lebens.« - Aus ihren grossen Augen stürzten brennende Tränen, sie
schien es nicht zu bemerken.
    Die grosse Gestalt des Farnese erhob sich und beugte sich tröstend über sie,
indem der zierliche Mund die freundlichsten Worte sagte. Als sie wieder mehr
beruhigt schien, sagte der Kardinal: »Nicht wahr, Ihr habt Vertrauen zu mir, Ihr
seid meine bewährte Freundin, und Ihr glaubt von mir, dass ich alles für
diejenigen tun will und werde, die ich die Meinigen nenne?«
    »Ihr seid mein einziger Schutz«, sagte die Matrone; »wenn Ihr mich aufgebt,
so bin ich ganz unter die Füsse getreten.«
    »Macht es mir nur möglich«, rief der Fürst, »ganz mit aller Kraft für Euch
zu handeln, dass ich mit begründetem Anspruch ohne mich lächerrlich zu machen,
auch das Äusserste versuchen und ausrichten darf.«
    »Wie meint Ihr das?«
    »Seht«, fuhr er liebreich fort, »die Päpste haben ihre Nepoten, die sie
nicht nur beschützen, sondern reich und mächtig, oft, wenn sich die günstige
Gelegenheit bietet, zu unabhängigen und regierenden Fürsten machen. - Könnte ich
nun Euch und die Eurigen nicht auf ähnliche Weise adoptieren?«
    Die Mutter sah ihn forschend an.
    »Ich habe aus Vittorias eignem Munde«, begann der Kardinal wieder: »dass,
wenn es nach ihrem Willen geht, sie sich niemals vermählen wird. - Und sie hat
recht. Denn welches Glück könnte diesem hochgestimmten Wesen wohl in der
gewöhnlichen Ehe blühen? Glanz, Pracht muss sie umgeben, sie muss ein fürstliches
Dasein führen und durch ihren erhabenen Geist Einfluss in die Händel der Welt
gewinnen. So gelang es dieser merkwürdigen Bianca Capello, die als eine arme
Flüchtige und Verbannte nach Florenz kam, und jetzt dort den Herzog und den
Staat regiert, knieend von allen verehrt wird, und ihre Schönheit von aller Welt
bewundert. - Erlaubt mir, fortzufahren. - Vittoria ist schöner und begabter als
diese Bianca, deren Geschichte der Welt ein Märchen dünken möchte. Ich bin kein
regierender Herzog, aber ich kann Euch und den Eurigen eins meiner grossen
Schlösser schenken, hier in Rom, oder auf dem Lande das prächtige Caprarola oder
ein anderes, ihr und den Eurigen auf ewig so fest und bündig verschreiben, dass
keiner meiner Verwandten Einwendungen machen kann, die ich auch unter den
strengsten Bedingungen so reichlich entschädigen will, dass auch der frechste von
diesen keinen Widerspruch wagen soll. Ja, dass ich es nur bekenne, meine
Leidenschaft für die göttliche Virginia ist mit jeder Woche gewachsen: ihre
Zuneigung und Liebe ist zu meinem Dasein unentbehrlich. - Übereilt Euch mit
keiner Antwort, und da ich einmal so weit gegangen bin, lasst mich alles sagen.
Gehört Ihr mir auf diese Weise an, sind wir so innigst verbunden, so gebe ich
Euch mein fürstliches Wort, ja leiste Euch, wenn Ihr es verlangt, die heiligsten
Eidschwüre, meine äusserste Gewalt, ohne alle Rücksicht auf meine Kollegen oder
weltliche Fürsten, auf Papst und Kurie, anzuspannen, um Eure und meine Wünsche
durchzusetzen. Ihr wisst aus meiner Geschichte, dass ich Tage erlebt, wo ich auch
schon ohne Furcht und Zagen handelte. Dann seid Ihr reich und mächtig, ich setze
alles daran, Euern ältesten Sohn zum Bischof zu machen, Flaminio erhält einen
einträglichen Posten, und Euer Marcello, der jetzt in naher Todesgefahr schwebt,
wird ein angesehener, wohlhabender Mann. Auf diesem Wege könnt: Ihr Euch
erretten und glücklich sein.«
    »Indem mein Kind eine Buhlerin wird?« rief sie ihm mit gedämpfter Stimme
entgegen, und warf aus dem grossen feuerstrahlenden Auge ihm einen so zürnenden
und verachtenden Blick zu, dass er scharf errötete, den Strahl nicht ertragen
konnte, und sein Auge niederschlug, indem seine feinen schönen Lippen in
Verlegenheit zitterten.
    Er fasste sich bald wieder und sagte: »Teure Freundin, Ihr seid in der Welt
aufgewachsen, und habt beobachten können. Seht um Euch, und erinnert Euch alter
und neuer Geschichten. Wer war Lucretia Borgia, die eine verehrte Herzogin von
Ferrara wurde, und vor der selbst ein grosser Bembo in zärtlichen Seufzern
kniete? Solltet Ihr denn, die Hochdenkende, so klein bürgerlich gesinnt sein, um
jenes Wort im Ernst aussprechen zu können? Hoheit und Glanz versiegelt jede
Lippe, und selbst den Armen, Erbitterten, welche lästern möchten, ist es nicht
Ernst mit ihrer finstern Tugend. Wäre ich nicht ein Verpflichteter meines
Standes, so würde ich Vittorien freien Sinnes meine Hand anbieten, so kann ich
ihr nur meine Liebe geben. Und ist dies Gefühl, diese Verbindung, die aus ihm
entspringt, nicht die allernatürlichste der Welt? Oh, das müsst Ihr ja selbst
erfahren haben, wie könntet Ihr sonst so edel und verständig sein; und wart Ihr
denn nicht auch einmal mit dem Grafen Orsini Pittiliano verbunden? - O freilich,
Euer Erröten sagt genug. - Nur jetzt keine Antwort so schnell, sie möchte eine
Übereilung sein. - Erwägt meine Vorschläge und Freundschaft in einer ruhigen
Stunde.«
    Er empfahl sich mit einem zärtlichen Handkusse, und als man die Tür öffnete,
glänzte von draussen die hohe Schönheit Vittorias in das Zimmer herein: sie kam
aus der Messe, von Caporale und dem jungen Francesco Peretti begleitet. -»Was
macht das junge Flachsgespenst in Eurem Hause«, sagte der Kardinal, indem er
noch einmal rasch umkehrte; »aus dem wird sein eselhafter Oheim, der
eingeschlafene Montalto niemals etwas machen können; warum liess er ihn nicht
draussen, bei seinen Kälbern und Rindern?«
    Zärtlich Vittoria anschauend und mit einem Blick der tiefsten Verachtung auf
den jungen Peretti verliess er das Haus, indem er noch im Vorbeigehen dem alten
Caporale vertraulich die Hand schüttelte, worüber die tief sich verneigenden
Diener in das höchste Erstaunen gerieten.
    Als sich Donna Julia allein sah, warf sie dem Fortgegangenen eine drohende
Gebärde nach und sagte für sich hin: »O du gleissender Priester! du
Abscheulicher! Also so hast du es mit uns im Sinne? Oh, welche Welt ist dies! -
Und war sie wohl jemals anders? - Der schleichende Fuchs mit der Taubenmiene! -
Es bliebe uns also nichts, als dass sich dort das alte Schauspiel mit der
Lucretia wiederholen könnte, oder der Decemvir hier mich zwänge, mit dem Stoss
eines Messers meine Virginia aufzuopfern. - Was träumte ich mich, (zum Lachen!)
die Mutter der Gracchen zu sein! - Und doch waren ihre Mörder auch Römer!«
    Sie hörte im andern Zimmer ein lautes Lachen, und der Ton schnitt ihr durch
das Herz. »So ist es«, sagte sie zu sich; »laute Fröhlichkeit dort, hier
Verzweiflung! und nur eine dünne Wand zwischen beiden! Wie hat er nur, der sich
meinen alten Freund nennt, den Mut haben können, mich an die Geschichte meiner
Jugend zu erinnern! - O nein, er fühlt nicht, wie bei der Erinnerung hundert
schartige Messer durch meinen Busen gehn.«
    Sie öffnete die Tür zum andern Zimmer und rief den alten, bewährten Freund,
den einfachen ehrlichen Caporale zu sich. Sie setzten sich, und in krampfhafter
Rührung und unter Tränen begann die Mutter den Bericht. »Quält Euch nicht so
ohne Not« sagte der Alte, »ich habe schon gestern abend alles erfahren, die hohe
Eminenz nahm mich so freundschaftlich in ihren Wagen der Kutscher musste einen
Umweg fahren, damit der geistliche Fürst in unserer Einsamkeit nur Zeit genug
behielt, mir sein ganzes Herz auszuschütten, und keinen Umstand der
weitläuftigen Geschichte zu vergessen. So bin ich denn in meinem Alter nolens
volens sein Kuppler geworden, denn es war keine Möglichkeit, seinen angenehmen
Geständnissen zu entrinnen.«
    »Und was ist dabei zu tun?« fragte die Mutter bewegt.
    »Alles oder nichts.« -
    »Und was ist die Meinung dieser Worte?«
    »Entweder sein Erbieten mit Dank annehmen, oder sich bis auf den Tod
widersetzen. Ja, bis auf den Tod, denn es gilt alsdann das Äusserste. So nimmt
Vittoria denn den wilden Orsini zum Gemahl, und der wird ihr schon mit Dolch und
Feuergewehr vor den andern Unholden Ruhe zu verschaffen wissen - oder, sie
stirbt, was ihrer starken, aufgeregten Natur vielleicht am nächsten liegt. Denn
glaubt nur nicht, diesmal wohlfeilen Kaufs loszukommen, oder dass sich alles in
leere Drohungen auflösen werde. Der Kardinal hat mit seiner feinen Spürkraft
diesen Moment schon seit lange herannahen sehen; er ist klug genug, um sich die
Gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen. So gleissend, wie möglich, hat er mir
alles eröffnet, in wehmütiger Stimmung, indem er mir oft, als seinem intimsten
Freunde, die Hände drückte, und mich beim Abschiede noch herzlich umarmte, mir
in den grössten Lobeserhebungen von meinem ungeheuren poetischen Talente sprach,
das alle jetzigen Dichter weit überragte, indem er mir unaufgefordert beteuerte,
nicht eher zu ruhen, als bis er mir eine viel vorteilhaftere Stelle verschafft
habe, als meine jetzige sei. So werde ich auch noch durch Euch zu einem
mächtigen Manne werden. - Soviel ist gewiss, wenn Ihr Euch jetzt dem Kardinal
entzieht, so geht Euer Prozess verloren und Euer Sohn stirbt unter
Henkershänden.«
    »Nicht wahr?« rief sie mit grellem Ton; »es gibt doch Freunde, wahre Freunde
in dieser Welt!«
    »Ich habe diese Nacht nicht schlafen können«, sagte der Alte: »mir war unser
Dasein mit seinen Bedingnissen noch niemals in diesem seltsamen Lichte
erschienen. Der Angelstern, den wir in unsrer Brust für einen ewigen hielten,
droht zu erlöschen, und es ist einem zumut, als wenn das Gewissen nur ein
Märchen wäre, wenn alte Männer, Priester, Fürsten, vom Volke Verehrte so ruhig
und sicher ihre Verruchteiten, als wären es ebenso viele matematische
Lehrsätze, dem erstaunten Zuhörer auseinanderlegen.«
    Der Dichter wollte sich entfernen, doch bat ihn die Mutter, zu ihrem Troste
noch zu verweilen, weil es ihr in dieser Stimmung unmöglich falle, mit ihrer
Familie allein zu sein. Ungern nur erfüllte Caporale diese Freundespflicht, weil
er fühlte, dass sein Rat von keinem Nutzen sein könne, er neue gewaltsame Szenen
fürchtete, und selbst nach diesen Erschütterungen und der durchwachten Nacht der
Ruhe bedurfte. Im Zimmer befand sich Vittoria allein: Flaminio war mit Peretti
gegangen, um diesen zu begleiten, denn der neue Fremdling hatte dem jungen
Accoromboni eine glühende Freundschaft aufgedrungen. Vittoria schien sehr
heiter, denn sie lachte noch und fütterte mit Brosamen aus dem Fenster ihre
Tauben, die sie sehr liebte.
    »Was erfreut dich, mein Kind?« fragte die Mutter mit schwerem Ton.
    »Ei, dass ich schon wieder, fast wie Circe«, sagte sie übermütig »mir einen
neuen Liebhaber eingefangen habe, den ich kaum noch in ein Tier zu verwandeln
brauche, denn er tritt mir selbst als freiwilliger Gimpel entgegen. Er schwört
mir zu, dass eine ewige, unüberwindliche Leidenschaft ihn zu meinen Füssen fessle,
um ohne Trank und Speise vom Anblick meiner schönen Augen zu leben. Er will
seinen alten Oheim zu seiner Einwilligung bewegen, oder augenblicks des
schrecklichsten Todes sterben. Er hat mir in der kurzen Zeit, dass er jetzt bei
mir war, mehr vorgeschwatzt und mir mehr Albernheiten gesagt, als alle meine
vorigen und jetzigen Anbeter in Wochen. Wenn man nicht selbst von diesem
Wahnsinn befangen ist, so gibt es auf Erden doch nichts so Lächerliches, als
diese Liebe.«
    »Und deinen Orsini hast du schon so bald vergessen?« fragte die Mutter.
    »Nun ich den ersten Schreck überstanden habe«, antwortete sie, »muss ich auch
über diesen Rodomont lachen. Er gefällt sich im Toben, seine Liebeserklärung
weiss er nur in Flüche einzukleiden. Und am Ende kann man diese Sacripante und
Rolande doch mit einem ruhigen, verständigen Blicke regieren.«
    »Lass deine Tauben«, sagte die Mutter, »und setze dich zu uns.«
    Vittoria nahte sich mit beobachtendem Blick und sagte: »Dir muss wieder etwas
begegnet sein, denn du trittst mit einem ganz verwandelten Gesichte zu mir her.
Ich wollte mit dir von diesem meinem Peretti sprechen, und herzlich in deiner
Gesellschaft lachen. Hast du das schon in einem Gedicht oder Novelle gehört, dass
ein wilder Ochs der Kammerherr ist, der den fremden, angekommenen Prinzen der
geliebten Fürstenbraut vorstellt? Selbst unter den Tollheiten des Ariost würde
diese noch als die verwunderlichste erscheinen: und doch ist die Sache
buchstäblich wahr, und sie hat gerade mir begegnen müssen.«
    »Wir stehn jetzt auf einem ganz andern Punkte«, sagte die Mutter; »seit
gestern hat sich alles völlig geändert, das kann mir dieser bewährte Freund hier
bezeugen.«
    »Nun so sprich denn«, sagte Vittoria ganz gelassen, »ich denke, ich kann
alles hören, solange noch das Tageslicht scheint; in der Nacht bin ich freilich
viel furchtsamer.«
    »Wir müssen verzweifeln!« rief die Mutter von neuem heftig aufgeregt, »alle
Mittel entweichen, alle Hülfe lässt von uns los: Armut, Schande, Elend, Tod und
Entsetzen stehn dicht vor unserer Tür, alle pochen laut und ungestüm an, und
verlangen eingelassen zu werden, und unsre schützenden Wächter des Hauses sind
entwichen und verleugnen uns.«
    »Aber wir sollen uns nicht verleugnen, und solange meine Seele mein eigen
ist, ruht auch mein Schicksal in meiner Hand. Nie, nie werde ich mich beugen,
nie dem nachgeben, was die Menschen Notwendigkeit oder Verhängnis nennen. Welch
Wesen kann zu uns treten und sagen: Du sollst mir gehorchen! Solange ich noch
ein Glied regen kann, werde ich mich nicht vor Menschen, auch nicht vor Tod und
Schicksal demütigen.« So sprach Vittoria.
    Die Mutter sprang wütend auf, die Tochter hatte sie noch niemals so gesehn
und Caporale entsetzte sich. »Ungeratene! Verblendete! Aberwitzige!« schrie sie
mit gellenden Tönen, in Haltung und Gebärde aller Grazie völlig entkleidet.
»Sieh her, vor einem kleinen Brosamen, vor diesem hier, das deiner Taube
bestimmt, vor diesem Hundertteil eines Pfennigs kannst du knien und flehen
müssen, zu ihm um Erbarmen schreien, und dem die rohen groben Hände küssen, der
es in der Hungersnot mit Verachtung dir hinwirft, wenn ich gestorben bin, deine
Freunde tot sind, deine Liebhaber dich verachten!«
    Vittoria wandte sich zitternd und leichenblass von der Mutter ab. Sie
verstand deren Wesen nicht mehr; sosehr sie war erschreckt worden, sosehr sie
sich auch vor diesem wilden Ausbruch der Wut und der Verzweiflung entsetzt
hatte, so konnte sie sich doch nicht bergen, dass ihr die verehrte Frau zum
erstenmal im Leben gering und hässlich erschienen sei. Diese Fremdartigkeit
verschlang in diesem Moment alle andern Gefühle, sie kam sich edler und höher
vor, und darum sagte sie ganz ruhig, selbst mit einer Art von kalter Verachtung:
»Sollte es denn so sehr schwer sein, zu sterben, und das ängstigende Buch zu
schliessen, ohne alle Blätter desselben durchzulesen?«
    »Verzeiht mir, Don Cesare«, sagte die Mutter jetzt zerknirscht und weinend,
»ich habe mich wohl unwürdig betragen, und Ihr seid ein Zeuge meiner Schwäche
geworden. Immer höre ich von der Törin wieder die Worte: Freiheit! Sterben! bei
denen sie sich nichts denkt. Es stirbt sich nicht so obenhin; - und wenn auch -
alles das erst durchleben zu müssen, was einem solchen Tode vorangeht!«
    »So sprecht mit mir verständlich, ruhig«, sagte Vittoria. »weiss ich doch gar
nicht einmal, wovon die Rede ist.«
    Julia ging noch einigemal im Saale auf und ab, um sich zu sammeln, dann
ergriff sie die Hand Don Cesares, wendete sich zur Tochter und sagte: »Vergib
auch du mir.« Sie setzte sich dann, und erzählte mit zitternder Stimme, die aber
im Fluss der Rede nach und nach erstarkte, von dem Prozess, der wahrscheinlich,
und mit ihm ihr Vermögen, verlorengehn würde, von der nahen Hinrichtung des
Bruders, ihrem Verarmen, der Möglichkeit der Gewalttat von seiten Orsinis, und
wie endlich der so freundlich scheinende Kardinal, er, fast der angesehenste
Mann des Staates und des erlauchten Collegii, jene Vorschläge getan, die auch
Caporale schon kenne, weil er sie kalt überlegt diesem ebenfalls mitgeteilt
habe. »Und nun du alles weisst«, schloss die Mutter, »so brich nicht in unnütze
Wut aus, sondern rate und hilf jetzt, wenn du denn so mächtig bist.«
    Die Mutter und Caporale zitterten jetzt vor dem Ausbruch der heftigsten Wut,
den sie mit Bangen erwarteten; - doch wie waren sie erstaunt, als Vittoria ganz
ruhig blieb, ja sich noch kälter und gelassener zeigte, als zuvor. Endlich sagte
sie, fast im höhnischen Ton: »Nun, Mutter, was ist es denn nun weiter? Ich
dachte, welche Wunder Ihr mir zu entdecken hättet. Wir können in kein fremdes
Land flüchten, dazu fehlen uns die Reichtümer; hier in den Provinzen, oder
unserm Vaterlande ist keiner so mächtig, oder uns so befreundet, dass er uns
schützt und erhält, wir sind der Willkür, der Ungerechtigkeit, der Gewalt und
wohl dem Morde preisgegeben. Der einzige Widerstand, der uns noch übrigblieb,
ein edler, freiwilliger Tod, wie ihn die grossen Römer nicht selten an sich
vollstreckten, diesen wollt Ihr nicht billigen, weil Ihr meint, das göttliche
Gesetz, unsre Religion, habe den Selbstmord für die unverzeihlichste Sünde
erklärt; - also - warum die Vorschläge unsers besten Freundes, des grossen
mächtigen Kardinals, nicht annehmen? Reichtum, Glanz, die Freiheit des Bruders,
das Aufblühen unsrer Familie, alles wird uns grossmütig angeboten. Kein andrer
wird dabei aufgeopfert als nur ich allein. Und wenn ich also nun mit dieser
Anordnung zufrieden wäre? Ja, wäre der Freund, der mir mit diesen Lockungen
entgegentritt, ein so grosser Mann, wie es der Papst Julius der Zweite war, wäre
er ein Lorenzo Magnifico, so wäre es selbst kein Opfer von meiner Seite, denn
ein so grosser Charakter wurde mich zwingen, ihn zu lieben. Und wie ich von der
hergebrachten Ehe denke, weisst du ja längst, Mutter. Diese willkürliche
Hingebung an schwache gewöhnliche, ja verächtliche Männer - wie soll ich
glauben, dass eine priesterliche Weihe, eine Zeremonie, dieses elende Verhältnis
heiligen könne? Nur für das blöde Auge der Menge, für den zünftigen Priester,
für jammervolle alte Gevatterinnen kann zwischen der privilegierten und
scheinbar verbotenen Verbindung ein Unterschied stattfinden. Wenn mir alle
Männer gering und armselig erscheinen wenn die Ehe selbst mir widerwärtig ist,
und du doch behauptest, jedes weibliche Wesen müsse sich ihr fügen; so begreife
ich deine zürnende Empörung über unsern alten würdigen Beschützer nicht.«
    »Ich erkenne dich nicht mehr für meine Tochter«, sagte die Mutter kalt und
verliess das Zimmer.
    Caporale war so erstaunt, dass er nicht wusste, ob er richtig gehört oder
verstanden hatte. »Lasst mich!« rief jetzt Vittoria mit dem heftigsten Ausbruch
der Tränen: »ich will allein sein; es ist mein Schicksal, von keinem Menschen
verstanden zu werden.«
 
                                Viertes Kapitel
Der alte Kardinal sass sehr tiefsinnig in seinem Zimmer, verstimmt und zugleich
gerührt. Der junge Neffe, Francesco Peretti, stand verlegen im Winkel des
Gemachs, seine Augen waren rot und feucht, und man sah ihm an, dass er eben
heftig geweint hatte. »Alle meine Pläne«, fing der Alte jetzt nach einer langen
Pause an, »brechen zusammen; die Freude meines Lebens ist dahin. Seit ich dich,
Unglücklicher, sah, hat sich eine fast rätselhafte Liebe zu dir meines Herzens
bemächtigt: in dir wollte ich meiner armen Familie alles vergüten und ersetzen,
was ich zu meinem Schmerz meinen vielbedrängten Eltern nicht habe widmen können,
weil sie früher dahingingen, als ich in irgendeinem Wohlstand mich befand. Die
Schwester, den Bruder wollte ich in dir beglücken, und dich als Grundstein
niederlegen, auf welchem meine Familie einst das Gebäude ihres Ansehns und
Einflusses aufführen könnte. Du kommst an, der Tag, wo ich dich wiedersah, war
beglückend für mich, in der Täuschung war er der schönste meines Lebens. Denn
freilich, musste ich den Irrtum schon früh gewahr werden; du bist schwach, fast
ohne Charakter und Männlichkeit, scheust die Arbeit und lebst am liebsten in
Zerstreuung, und was noch schlimmer ist, in schlechter Gesellschaft. So musste
ich es bald aufgeben, dir die geistliche Laufbahn zu eröffnen, auf welcher ich
dir am hülfreichsten sein kann, da du deinen Widerwillen gegen den ehrwürdigen
Stand auch gar nicht verhehltest. Schon damals schwankte ich in meinem
Entschluss, ob ich gut getan, dich nach Rom zu rufen, oh ich dich nicht lieber
sogleich wieder auf das Land zurückschicken solle. Es kam aber noch schlimmer.
In meiner Gegenwart zitterst du vor mir und beugst dich meinem Willen, und
hinter meinem Rücken bist du ausgelassen, frech und spielst den Frevler, nimmst
die Manieren an, die du von den hiesigen Erben der grossen Häuser siehst, als
wenn du zu ihnen gehörtest. Die Studien, die ich dir aufgegeben, die dir einmal
Achtung und bedeutende Staatsämter erringen sollen, vernachlässigst du, jeder
deiner Lehrer klagt dich an, keiner will, so gern sie mir schmeicheln möchten,
Hoffnung für dich schöpfen. Nachher hast du dich von deinen verächtlichen
Gesellschaften verleiten lassen, liederliche verrufene Weibsbilder zu besuchen,
du gehst in den schändlichsten Lüsten unter, und es ist so weit gekommen, dass
meine törichte Liebe sich gewöhnen muss, deinen Tod für kein Unglück mehr zu
halten.«
    Peretti kam näher und kniete demütig vor dem alten Oheim nieder. -
»Eminenz«, sagte er flehend, »erlaubt mir Eure liebe wohltätige Hand zu küssen.
O liebster, vortrefflichster Oheim, vergebt doch noch einmal einem
irregeleiteten jungen Menschen. Ich werde mich bessern, ich werde künftig Euern
Ermahnungen mehr Gehorsam leisten: Nur -«
    »Nun ja!« rief der Kardinal mit Heiligkeit aus: »nun tut sich ein neues
Abenteuer hervor, das tollste noch von allen! Das junge Blut will jetzt schon
heiraten, das flachsköpfige Bürschchen ohne Bart, Verstand und Erfahrung, will
einen Ehemann vorstellen und eine Haushaltung führen. Sollte eine Vermählung
stattfinden, so war dazu nach manchem Jahre noch die Zeit, wenn du in der Welt
bekannt, wenn du die Achtung angesehener Familien genossest - aber jetzt schon!
Und wen? Eine Unbedeutende, wie man sagt talentvolle Dichterin! Bekannt durch
Schönheit und viele Liebhaber- alles abgeschmackt!«
    »O liebster, verehrtester Vater«, rief Francesco aus, »- ja so muss ich Euch
nennen, denn so väterlich, gütig, liebreich, mehr als ehrwürdig erscheint Ihr
mir. Glaubt mir es doch dass diese Liebe keine jugendliche Übereilung ist, dass
Eure gnädige, liebreichste Einwilligung mich glücklich und zu einem ganz andern
Menschen machen könnte. Seit ich die himmlische Accorombona nur gesehen habe,
bin ich verwandelt und gebessert; meine Gesellschaft, die Ihr mit Recht tadelt,
habe ich verabschiedet und mag sie nicht mehr sehn, denn ich weiss es jetzt, wie
edle Menschen denken und sich betragen müssen. Erhebt Ihr mich zu meinem
höchsten Glück, so werde ich Euch gewiss Ehre und Freude machen. Könnt Ihr mir
nicht Eure Einwilligung geben - ach! Teuerster, Einziger - Ihr nennt mich
schwach, und ich bin es auch - aber, wenn Ihr unerbittlich seid, so wird sich
meine Schwäche in Verzweiflung verwandeln und meinen Untergang bereiten.« -
    Er weinte von neuem und warf sich wieder in der heftigsten Bewegung vor
seinem Oheim nieder. Dieser blieb ganz ruhig, betrachtete ihn gelassen von oben,
und spielte dann nachdenkend mit seinen blonden Locken. »Die Jungfrau soll gross,
kühn und keck in ihrer Gesinnung sein«, sagte er dann; »ich habe sie nie gesehn,
aber den rechtschaffenen Vater habe ich wohl vorzeiten gekannt: wie wird diese
Starke dich lieben und achten können, wenn auch sonst alle Hindernisse gehoben
wären?«
    »Der Bruder Flaminio, dem ich mein Herz eröffnet habe«, erwiderte der
Jüngling, »gibt mir Hoffnung; er hat mir von der Schwester gesagt, wie wunderbar
ihr Wesen sei. Sie verabscheut den Luigi Orsini, der sich schon seit lange mit
der grössten Heftigkeit um sie bewirbt, und erklärt: nur mit einem stillen,
friedlichen Mann, von sanftem Charakter, könne sie in der Ehe glücklich sein.«
    »So segne dich der Herr«, sagte der Kardinal, indem er wieder die Hand auf
das Haupt des Knieenden legte; »er erfülle deine Hoffnungen. Du weisst es aber
selbst, Francesco, dass ich dich nicht mit Reichtümern ausstatten kann, ich kann
jetzt nur wenig für dich tun. Sprich mit der Mutter, die man als eine kluge,
verständige Frau rühmt. Bringe mir ihre und der Tochter Einwilligung. Vielleicht
entspringt dein und unserer Familie Glück aus dieser Verbindung, wenn sie
möglich ist. Dass sie den grossen, mächtigen Orsini ausschlägt, gibt mir von ihr
einen guten Begriff, dass sie sich einen einfachen sanften Mann wünscht, zeugt
von ihrem Verstande, und dass ihr ein kleines stilles Glück höher steht, als
Glanz und Pomp. Geh, wir sprechen uns wieder.«
    Der junge Francesco war so entzückt, dass er nicht wusste, wie er aus dem
Hause gekommen war, als er sich auf der Strasse sah. Einer seiner vorigen wilden
Bekannten wollte ihn anreden er wies aber den unnützen Burschen mit der grössten
Verachtung zurück, ohne ihn eines Wortes zu würdigen. Er flog nach dem Hause der
Accoromboni.
    Hier war die Mutter allein in ihrem Zimmer, und hatte ihre Fassung mehr
errungen, indem sie mit einiger Ruhe ihr Schicksal und ihre mögliche Zukunft
überdachte. Sie wollte sich im äussersten Fall in die Abruzzen zu einer
wohlhabenden Muhme begeben und bei dieser in der Einsamkeit mit den Trümmern
ihres Vermögens leben. Zwar graute ihr vor der Lebensweise dort, die sie schon
kannte, wenn ihre Phantasie sie ihr ausmalte, und sie sich aller Umstände
errinnerte, die sie vor Jahren gesehn und beobachtet hatte. Sie grübelte dann
wieder, weshalb sie, die Ältere, eine so viel grössere Scheu vor dem Tode, als
ihre widerspenstige Tochter habe, sie entsetzte sich weniger, wenn sie sie auch
nicht begreifen konnte, vor diesen ketzerischen Ansichten von der Ehe, dem guten
Ruf und allen diesen hergebrachten Regeln des Anstands und der Tugend, die sie
doch in ihrem Leben so oft von den höchsten, edelsten Männern, sowie von den
geistreichsten und vorzüglichsten Weibern hatte verletzen sehn. Ihr graute vor
diesen Verirrungen, und dennoch schien ihr die Tochter auch nicht ganz unrecht
zu haben, wenn diese die gewöhnliche, rechtliche Bahn des Lebens, wie so viele
Menschen sie wandelten, eine trübselige, unbefriedigende nannte. Ihre eigene
Jugend erschien ihr wieder in einem lebhafteren Lichte, und viele Erinnerungen
und Gefühle, die sie längst abgestorben wähnte, tauchten mit neuer Gewalt aus
ihrem Herzen auf.
    Es war ihr daher, wie ein Wink des Schicksals selbst, wie die glücklichste
Wendung, die sie nur hätte ersinnen können, als Francesco Peretti mit seinem
Liebesantrage hereinstürmte und in seiner Hast zugleich die errungene
Einwilligung seines Oheims meldete. Die Mutter antwortete dem jungen Menschen
sehr freundlich, und gab ihm alle Hoffnung. Er erschöpfte sich in Dank und
Entzückung, und konnte es nicht müde werden, die schönen Hände der kündigen
Schwiegermutter immer wieder und wieder zu küssen. Sie versprach, mit der
Tochter zu seinem Besten zu reden, und mochte sich gern selbst überzeugen, dass
sie dem Jüngling sichre Hoffnung geben könne.
    Sie ging nach dem Zimmer Vittorias; diese aber war nicht zugegen, und
wahrscheinlich in der Kirche, oder zum Besuch einer Nachbarin. Francesco nahm
Abschied, um noch vor Abend wiederzukommen, und sich die Bestätigung seines
Glückes zu holen. »Vergesst aber nicht, junger Mann«, rief ihm die Mutter nach,
»dass mir die Eminenz einige Punkte bewilligen muss, die nicht unbillig sind, ohne
welche aber die Vermählung nicht vor sich gehen kann, wenn auch meine Tochter
selbst ihre Einwilligung gibt.«
    Es hatte sich im Hause ein seltener Gast eingefunden, der Pfarrer aus Tivoli
nämlich. »O seht, Freund Guido«, sagte die geschwätzige Amme zum alten Diener,
als der Priester eingetreten war, »seht da den verehrten geistlichen Herrn; o
der ist so schrecklich gelehrt, dass er lauter unvernünftiges Zeug spricht was
kein Mensch versteht. Ach, das ist überhaupt der Nutzen vom Studieren, dass der
Mensch die Gabe erhält, ganz fliessend und hintereinander so recht geläufig, ohne
nur zu stocken, lauter Unsinn zu sprechen, wo unsereins über jedes Wort tagelang
grübeln müsste.«
    Der alte Priester legte seinen breiten Hut auf den Tisch, setzte sich nieder
und sagte: »Ist das Geschwätz bald zu Ende?«
    »Was verschafft uns denn die Ehre?« sagte Ursula, indem sie sich vertraulich
zu ihm niedersetzte. Guido legte den Hut beiseite und stellte vor den alten Mann
ein gutes Glas Wein und einige Früchte hin. Indem der Priester nur gleichgültig
mit einem Nicken des Kopfes dankte und trank, fing er so an: »Ich war hier in
der Stadt bei den armen Eltern des Camillo Mattei. Sie sind in Verzweiflung, die
elenden Personen. Der junge Bengel ist schon seit lange von mir fortgelaufen,
aber nicht nach Rom wie ich mir einbildete; Vater und Mutter haben ihn, seit er
zu mir kam, gar nicht wiedergesehn. Nun wollte ich Euch fragen, liebe
verständige alte Person, ob er zu Euch hierher geraten sei. Eure Herrschaft ist
keine vornehme und angesehene, das weiss ich wohl, also wird er hier keinen
Haushofmeister, Sekretär, oder Cabinetsrat vorstellen können.«
    »Nein«, unterbrach sie ihn, »solche Würden kennen wir hier in unserm Hause
gar nicht.«
    »Richtig«, fuhr der Priester kaltblütig fort, »ich dachte auch nur, ob der
Bengel nicht vielleicht als irgendein Haustier zum nützlichen Gebrauch
angestellt sei. Im Hundehause habe ich mich schon umgesehn, die Stelle ist aber
schon von einer andern würdigen Person besetzt und eingenommen, die mich auch in
ihrem Amtseifer recht derbe angeschnauzt hat. Ich wollte mich bei dem Trutahn
erkundigen, er kollerte ebenfalls was Zorniges daher, und der stolze Pfau wollte
gar nichts von mir wissen. So komme ich denn von jenem unvernünftigen Vieh zum
philosophischen und ausgebildeten Teil der weitläuftigen animalischen Schöpfung,
um mich bei Euch zu erkundigen, ob Ihr denn von meinem Neffen gar nichts wisst.«
    »Seht Ihr, Guido«, rief die Alte, »was der durcheinander welscht und
kaudert, je kunter, je bunter, wie man zu sagen pflegt. Nun denkt er gar, sein
Neffe wäre zu den unglücklichen metaviehischen Wesen übergegangen, was doch
keinen Menschenverstand in sich hat. Nein, mein Lieber, vielfach redender Mann
ich kann Euch das Naturwunder wohl besser erklären, wie es mir schon seit lange
deutlich geworden ist.«
    »Nun?« sagte der Geistliche.
    »Ja, es ist nur«, sagte sie nach einigem Bedenken, »dass Ihr gewiss ein
ungläubiger Freigeist seid, der alles aus der Natur und seiner Philosophie
erklären will. Aber soviel werdet Ihr doch wissen und in Eurem Katechismus
gelernt haben, dass es unsichtbare Wassergespenster gibt.«
    »Gewiss«, sagte der alte Geistliche, »kein Mensch zweifelt daran.«
    »Diese Amvibien nun, und Trutohnen, und Amfulotriten und Neptuns, und wie
die Bestien sonst noch heissen mögen, denn ich habe meine liebe Vittoria, die ich
selber lange gesäugt und gestillt habe, das heisst freilich in ihrer frühen
Jugend, wo sie alle diese marterlogischen Kenntnisse noch nicht haben konnte,
diese habe ich oft von diesen Geschöpfungen und krüppelgamischen Kreaturen reden
hören und mir das Wichtigste und Nützlichste daraus gemerkt, wenn sie so mit
ihrem Herren Serschanten oder Corporale, wie er auch heisst, oder mit ihrer
Mutter reden tat.«
    »Ihr könntet Professor der Mytologie an einer Universität werden«, sagte
ganz trocken der Priester und leerte seinen Becher.
    »Ach! warum nicht gar«, lächelte die Alte, »nach so was ist meine Amputation
niemals gegangen. Man kann nicht alles sein. So ein Professor lässt freilich
einen ganzen Saal voll junger Studenten an sich saugen, dass ihm auch mit der
Zeit Geist und Seele ausfährt, und er zuletzt nur noch was daherstammert, was
weder Kind noch Kegel mehr ist, so hat er sich in das Ungewaschene und
Ungehauene und Ungestochene vertiefen müssen. - Doch wieder auf diese
Wasserteufel zu kommen, so kann ich Euch zuschwören, und ich will es vor jedem
Gericht bestätigen, dass sie da in Tivoli, in Eurer Nähe ganz besonders hausen.
Ihr müsst sie ja auch oft genug gehört haben: denn in dem grossen Wassertümpel, in
dem fürchterlichen Abgrund, den sie die grosse Gaskonade nennen, da kollern sie
und bullern und brüllen und brällen ja so abscheulich, dass einem Hören und Sehen
vergeht. Denn da bin ich einmal in der Nacht oben vorbeigegangen, ich habe mich
immer gehütet, in die Hölle hinabzukriechen, und da habe ich es in der stillen
Nacht ganz deutlich immer schreien und brüllen gehört: Komm runter! komm Ursel!
Trauben kriegen! Fressen haben! Herrlich hier! Komm, komm, du Maulaffe! - Da
schrie ich aber wieder hinunter, so laut ich immer konnte: Gehorsamer Diener!
sucht Euch einen andern Maulaffen!« -
    »Nun, der hat sich auch gefunden? Nicht wahr, Frau Ursula?«
    »Gewiss«, antwortete sie, »und das ist ja eben Euer dummer, einfältiger
Neffe. Ich habe es wohl gesehn, wie die Vittoria damals den bunten Fangeball
strickte, da kam der Camillo einen Nachmittag und brachte ihr ein Flausch, oder
Papier, oder Zettel; den steckten sie in den Ball hinein und lachten dabei, als
wenn sie was Besonderes getan hätten. Das war nun aber das Paktum, womit sie
sich den Wassergespenstern verschreiben wollten, denn immer war von Neptun und
Apoll, und andern Greueln die Rede. So gingen sie aus und das Karnickelgespenst,
das weisse Koboldchen mit den roten Augen stellte so gleichsam einen Abgesandten
in seinem weissen unschuldigen Felle vor, wie die Herrn Ambassadors denn auch gar
zu gern so recht unschuldig tun, wenn sie es am dicksten hinter den Ohren haben;
nun dieser Karnickel fragt denn auch ganz freundlich und fromm: Kommt ihr jetzt?
Ja! schreit die übermütige Vittoria, gleich! und schmeisst den Ball auch mit dem
inwendigen Paktum in das strudlige Wasser. Das Wasser lässt sich das auch nicht
zweimal sagen, sondern schluckt den Ball gleich in seinen Rachen hinunter. Nun
müssen sie nachspringen, aber die Vittoria, der es doch leid werden machte,
kehrt wieder um. Camillo macht sich auch noch davon, aber die Sappermenter von
Elementsgeister geben ihn doch nicht wieder frei. Ihr habt es selbst gesehn,
alter einsichtsvoller Mann, und habt es mir gewiesen, wie er so blitzblau auf
seinem Rücken von den Teufeln gezeichnet war, dass er wie eine Brombeere, oder
schwarze rote Maulbeere ausschaute. Ihr wisst ja, wie man die Schafe und Hammel
auch auf ähnliche Art mit Rotstein zeichnet, dass man auf der Gemeinweide, oder
auch beim Verkaufen weiss, wem sie gehören. Nun hat er sich also doch freiwillig
wieder bei seiner Compagnie melden müssen. Und so hängt die Sache natürlich
zusammen. Nun fürchte ich immer, wird mein Vittorchen doch auch noch nachgeholt,
wenn sie auch hier in Rom auf dem festen Lande ist; aber die Belzebubs von da
können gewiss in die Tiber hineinschwimmen. Denn sie hat wenigstens in diesen
Tagen schrecklich viel geweint und geheult, und die Mutter nicht weniger. Auch
haben sie sich fürchterlich gezankt. Nicht wahr, nun habt Ihr's begriffen?«
    »Ja wohl«, sagte Vinzenz, der Priester:, »ich danke Euch für diesen
gründlichen Bericht; Guicciardini selbst hätte ihn nicht besser abfassen
können.«
    Als die Mutter eines Geschäftes wegen in die Kammer trat und den Priester
bemerkte, lud sie diesen an ihren Mittagstisch, wo sie und die Tochter, nebst
dem Dichter Caporale ziemlich heiter waren.
    Alle nahmen sich vor, sich nach Camillo zu erkundigen, und der Priester
entfernte sich dankbar, da er diese freundliche gastliche Aufnahme von den
Leuten, deren Stellung er in der Welt als eine hohe betrachtete, nicht erwartet
hatte, die Mutter ihm auch noch zur Erleichterung seiner Reise ein Geschenk
verabreichte.
    »Wie froh bin ich«, sagte sie hierauf zu ihrem alten Freunde, »dass diese
Unbändige sich endlich doch hat zähmen lassen. Ich habe sie wirklich nicht genug
gekannt, denn ich glaubte nicht, dass ihre frevle, unnatürliche Gesinnung sie so
weit führen könne. Morgen werde ich den Kardinal besuchen und mit ihm die
Bedingungen des Ehekontrakts verabreden. So wird Ruhe und Friede in unsre
Familie kommen und wir können glückliche Tage erleben.«
    »Aber«, warf Caporale ein, »passte dieser Eidam auch zu der grossgesinnten
Tochter?«
    »Es musste zum Schluss kommen«, sagte sie.
    »Wenn es nur nicht der Anbeginn anderer, ebenso schlimmer Verwicklungen
ist«, bemerkte der Alte.
    »Alles«, rief die Mutter, »lässt sich leichter ertragen, als der Schwindel,
in welchem wir uns jetzt taumelnd bewegten, dass mit jedem unbewachten Augenblick
das Elend unerwartet hereinbrechen konnte. Die Notwendigkeit, die Verhältnisse
zügeln und zähmen von nun an den wild umfahrenden Zufall, durch diese
Alltäglichkeit wird sie dem Leben und der Natur wieder zurückgegeben, und der
Gatte wird an ihrer Seelenstärke emporwachsen, sich an ihr erstarken und zum
Manne reifen. Indessen geht unvermerkt die stürmische Jugend vorüber, und das
Leben hat sie in die notwendigen Gleise hineingewöhnt, in denen es doch nun
einmal laufen muss, wenn es sich nicht selbst zerstören soll.«
    Als sich Caporale entfernte, traf er draussen auf dem Hofe die junge
Freundin, welche ihre Tauben fütterte. »Und Ihr wollt Euch vermählen? Und an
Peretti?« fragte er. »Ihr hofft doch glücklich zu werden?«
    »Folgt mir in den kleinen Garten«, antwortete sie; »Ihr seid uns in diesen
wenigen Tagen so nahegekommen, dass ich zu Euch vertraut, wie zu einem älteren
Bruder sprechen kann.«
    Sie gingen in eine Baumpflanzung, die über ihnen lieblich rauschte. -»Was
sollen wir glücklich nennen?« fing sie an; »ich sehe mit jedem Tage mehr ein,
dass dasjenige, was ich mir so nennen wollte, nur ein albernes Kindermärchen ist,
und doch ist alles, was jenseit dieser Wünsche liegt, nicht der Mühe wert, es
vom Boden aufzuheben, wenn es auf dem Spaziergange vor unsern Füssen schimmert.
Ich werde eingespannt, wie der Ackerstier, in das Joch der alltäglichen
Gewöhnlichkeit, so ziehe ich denn nun auch die Furchen der hergebrachten und
regelrechten Langeweile, wie die übrigen Menschen.«
    »Konnte es Euch aber wirklich Ernst sein«, fragte Don Cesare wieder, »mit
jenem Farnese? Ich berge es Euch nicht, ich war über Euern Ausspruch ebenfalls
erschrocken.«
    Sie sah ihn mit ihrem scharfen glänzenden Auge an und erwiderte: »Und wenn
ich Euch nun gerade hin sagte, dass es mein Ernst wäre - was gibt es denn da zu
erschrecken? Ob ich so oder so verkauft werde, wenn ich dann doch einmal
verhandelt werden soll, kommt doch wohl auf eins hinaus. Wer versteht denn von
euch, oder auch von Weibern und Müttern, die Hoheit, den reinen Adel einer
echten Jungfrau? Alle haben es ja längst in Geschäften, Pflege des Mannes,
Wartung ihrer Kinder vergessen, wie es in diesem Heiligtum aussieht. Die
Entweihung soll unser Beruf sein, so sagen sie alle, ich habe es aber nie
geglaubt: zwang die eiserne Not einmal, der sich auch der Kühnste beugen muss,
wie ich es jetzt erlebt habe, nun so war ein Mehr oder Weniger der Entwürdigung
immer nicht so gar wichtig. Weggeworfen bin ich, vernichtet, es hat so sein
müssen, ich erlebe meine sogenannte Bestimmung, das heisst in meiner Sprache: die
Nichtswürdigkeit.«
    »Und immer wieder muss ich vor Euch erschrecken«, sagte der Dichter.
    »Wie ich vor dem Leben«, antwortete sie mit scharfem Ton: »ja wohl habe ich
in dieses kalte ekle Schlangengewinde, in dieses Durcheinander des widrigsten
Ungeziefers erst jetzt den wahren, richtigen Blick hineinwerfen können. - Ich
möchte weinen, und ich muss eben lachen, wie Ihr seht.«
    Caporale fuhr vor dem lauten krampfhaften Lachen wie schaudernd zurück. »Ja,
ja, es ist nicht anders«, fuhr sie mit feurig glänzenden Augen, wie
phantasierend fort: »zum Lachen ist alles das mehr als zum Weinen. Nie habe ich
meine Mutter so gesehn, nie mich vor ihr gefürchtet, mich noch niemals in meinem
Innern von ihr abgewendet. Muss denn auch der edelste Mensch in der Zorngebärde,
in der Verzweiflung etwas Geringes und Unedles zustande bringen? Warum denn aus
dem empörten Abgrund die widerwärtige Schlacke heraufwälzen? Doch freilich, wenn
es vielleicht der Geist - wo kommt sie sonst her? Es ist ja das Innere, was man
so nennt, mit Worten. Oh, man könnte darüber wahnsinnig werden. - Diese ihre
ungeheure Heftigkeit, so warnte mich die entsetzende Stimme meiner sündlichen
Prophetengabe - diese brausete hervor, und sie hätte mir vielleicht gar ihren
Fluch gegeben, um doch, wenn das Unheil nun geschehen, wie Pilatus die Hände
waschen zu können. - Nun trat denn doch die grosse Herrlichkeit ein, denn meine
böse Verkehrteit hatte keiner Ermahnung nachgegeben: leidend, still,
verschlossen nahm sie daran teil und genoss den Glanz der Welt. Seht, darum will
ich die Gattin dieses kleinen Peretti werden, um nicht noch einmal alle diese
Leidenschaften zu erregen. Ich mache Ernst aus dem Opfer, was mir vielleicht
angedeutet wurde, um meine Widerspenstigkeit erst recht zu erregen. - Tue ich
aber ihr, oder der Menschheit, hiermit nur das allerkleinste Unrecht, so bedenkt
einmal, und schaudert, welche Schlacke sich jetzt aus meiner niederträchtigen
Seele heraufgewälzt hat. - Und habt Ihr schon je erfahren, wie es in Euerm
Innern beschaffen ist? - Lebt wohl, mein Freund, denn das müsst Ihr mir von jetzt
mehr als je sein und bleiben.«
    Caporale schüttelte das Haupt, als er sich auf der Gasse befand. In diesem
ernsten Lichte hatte er das Leben noch niemals betrachtet. Welche sonderbaren
Eröffnungen und Bekenntnisse hatten ihm in so kurzem Zeitraum die Mutter, die
Tochter und der Kardinal Farnese gemacht, deren Vertrauter er, ohne sein Zutun,
geworden war.
 
                                Fünftes Kapitel
Beim Gouverneur, dem mächtigen Buoncompagno, erhielt Graf Pepoli leicht Zutritt
und eine freundliche Aufnahme. Die schriftliche Empfehlung der fürstlichen
Margareta von Parma bestimmte den feinen Mann, einen so ausgezeichneten
Bittenden anders, als die Mehrzahl von Supplikanten zu behandeln. dabei hatte
diese Entführung der angesehenen Magistratsperson grosses Aufsehen gemacht, so
dass der Regierung selber viel daran lag, einen solchen Frevel auffallend zu
strafen und den Gemisshandelten frei zu machen. Dem Grafen ward also gern
bewilliget, allein und ungestört mit Ascanio, dein Gefangenen, zu sprechen, und
von ihm die Möglichkeit der Rettung des alten Mannes zu erkundigen.
    Ascanio, ein blasser, schmaler Mensch, erstaunte sehr über den Besuch des
vornehmen Mannes. Als er den Gruss vernahm, den ihm Pepoli von dem hingerichteten
Strada brachte, schrak er zusammen, doch noch weit mehr, als er vernahm, um
welche Angelegenheit es sich handle, und dass vom alten Velluti, und dessen
Befreiung die Rede sei. Der Gefangene rang die Hände und brach in ein heiliges,
laut klagendes Weinen aus. »Ich sehe«, rief er nach einer Pause, »ich bin auf
eine schreckliche Weise verloren, mein Verbrechen, falsche Münzen geschlagen zu
haben, wird nun um so mehr geglaubt werden, und obenein zieht man mich nun in
den neuen Prozess hinein! Ihr habt mich bei dieser verruchten Sache schon dem
Gouverneur genannt, man wird weiter forschen, mir die Folter nicht ersparen und
mich dann auf schmähliche Weise hinrichten. Ach Himmel, warum ist es dem
Menschen doch nicht immer vergönnt, einen einfachen und rechtlichen Lebenswandel
zu führen! Ich wäre ja so gern im engsten Kreise froh und zufrieden gewesen.«
    Der Graf suchte ihn zu beruhigen und nach und nach sein Vertrauen zu
gewinnen. Die Freundlichkeit des jungen Mannes, seine Liebenswürdigkeit brachen
auch allgemach den Starrsinn des Verbrechers und lösten seine Verzweiflung auf.
»Ich will Euch vertrauen«, sagte er endlich, »ich lege mein Schicksal in Eure
Hände, wenn Ihr leichtsinnig oder zweideutig seid, bin ich verloren, daran kann
ich nicht zweifeln; aber, wenn Ihr klug sein wollt, so bleibt Ihr ehrlich, denn
Euer Los ist, wenn Ihr mich preisgeben solltet, auch vielleicht geworfen, denn
Ihr seid durchaus ein Fremdling auf dem Boden, den Ihr jetzt zu betreten wagt.«
    Der Graf nannte ihm seinen Namen, Stand, und dass er reich sei, und gesonnen,
eine bedeutende Summe nicht anzusehn, um dies gute Werk, das er sich vorgesetzt,
durchzuführen.
    »Ich hoffe«, sagte Ascanio, »Ihr werdet mich belohnen, aber eine Bedingnis
muss jeder andern vorausgehen.«
    »Und die ist?«
    »Der Gouverneur muss mich freilassen, unbedingt, er muss meinen Pardon
unterschreiben, alles muss zwischen uns abgetan und vergessen sein. Könnt Ihr es
durch Euren Einfluss dahin bringen, so glaube ich Euch die Freiheit und das Leben
Eures Verwandten versprechen zu können.«
    Der Graf erschrak über diesen Vorschlag. »Glaubt mir nur«, rief Ascanio,
»kann das nicht geschehen, so ist alles unmöglich und wir wollen jede Rede
darüber jetzt und für immer abbrechen. Und wenn Ihr mir die Freiheit verschafft
habt, und wenn ich draussen bin und Euch geholfen habe, ist mein Leben noch immer
in Gefahr.«
    »Wer aber steht mir dafür«, sagte der Graf, »wer gibt mir die
Gewährleistung, dass Ihr, sowie Ihr im Freien seid, nicht entflieht, und ich mit
meinem Mühen so weit bin wie jetzt?«
    »Ich weiss nicht«, antwortete der Gefangene, »warum ich Euch mehr als andern
Menschen vertraue; aber, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, mich zu befreien, so
sollt Ihr mich jetzt noch hier im Kerker lassen, und mich nur erlösen, wenn Ihr
meine Aussagen wahr befunden habt. Kehrt Ihr dann frei und überzeugt zurück, so
erfüllt Euer Versprechen und wir sind uns beiderseits durch Dank verpflichtet.«
    Der Graf ging wiederum zum Gouverneur, erinnerte ihn, wie so manche
Verbrecher aus Gnade schon befreit worden wären, wie man durch diesen völlig
reuigen Sünder etwas Gutes stiften wolle, dass dieser sich anheischig mache, im
Fall er begnadigt würde, niemals wieder mit irgendeinem Trupp von Banditen
gemeine Sache zu machen, und wie man doch gestehen müsse, dass manche dieser
Räuber mehr durch Schicksale, als durch ihre Neigung zu diesem Stande getrieben
würden, viele Vornehme selber diese Wegelagerer aufmunterten und in ihren Sold
nähmen, so dass man bei diesem Armen, Zerknirschten sich wohl einmal eine
Abweichung vom Gesetz erlauben dürfe.
    Buoncompagno war als ein edler Mann von grosser Gesinnung nicht unwillig,
Pepolis Begehren zu erfüllen, weil er selbst am besten das Elend seines
Vaterlandes kannte, und weil das Verderbnis des gemeinen Mannes hauptsächlich
von den Grossen, selbst den Fürsten ausging, die durch diese Unordnung und
Verwirrung die Kräfte und das Ansehn des römischen Staates schwächen, und, wo
möglich, vernichten wollten. Er gab also dem Grafen den unterzeichneten Pardon,
indem er ihm den besten Erfolg wünschte.
    Als dieser in den Kerker zurückkam, fand er den Gefesselten beschäftigt,
einen Brief durch Wachs und eine Chiffer, die in Holz geschnitten war, zu
versiegeln. Der Gefangene war sehr erfreut als er den Gnadenbrief sah, der ihm
seine unbedingte Freiheit versicherte. »Ihr seid ein Ehrenmann«, sagte er, »wie
es wohl heutzutage nur wenige geben mag, ich verdanke Euch Leben und Luft und
dass ich nun meine Kinder und Gattin wiedersehen kann. Das ist mehr als Leben.
Auch wollt Ihr mich noch beschenken, so dass ich mit Sicherheit einen neuen
Lebensplan anheben mag. Ihr sollt sehn, verehrter Mann, dass Ihr Euch keinen
Unedlen verpflichtet. Aber so lieb Euch Ehre, Leben und Gewissen sind, handelt
nun auch genau nach meiner Anweisung, und lässt keinen Sterblichen, ohne alle
Ausnahme, wissen, was unter uns beiden vorgefallen ist. Darauf gebt mir Eure
gräfliche Hand zum Pfande.« - Es geschah. -»Nun nehmt«, fuhr er fort, »dies mit
Wachs versiegelte Blatt, aber zeigt es keinem Menschen, und wenn Ihr es
aufbrechen solltet, würde ich Euch für einen Treubrüchigen und Meineidigen
halten müssen, und es würde Euch und mir zum Verderben gereichen. Ihr würdet
nichts inwendig finden, kein einziges geschriebenes Wort, sondern nur eine
Chiffer, die Euch völlig unverständlich wäre. Dieses stumme Blatt, ohne
Aufschrift, diese Chiffer entaltend, werdet Ihr dort abgeben, wohin Euch dieses
zweite kleinere verhüllte Blatt anweiset, welches, wie Ihr seht, auch ohne alle
Aufschrift ist. Versprecht mir feierlich, dies Blatt auch nicht zu öffnen, bevor
Ihr aus den Toren Roms seid. Niemand muss wissen, dass Ihr diese beiden Zeichen
bei Euch habt. - Das Geschäft, so hoffe ich gewiss, wird Euch glücken; ich bleibe
hier und erwarte Euch, und sowie ihr zurückkehrt, führt Ihr mich zur Freiheit
hinaus. Ihr seht also, ich vertraue Euch weit mehr, als Ihr mir, denn Ihr
könntet ja, wenn Euch die Sache gelungen ist, mit meinem Gnadenbrief in alle
Welt gehn, oder ihn dem Gouverneur wieder zurückstellen. Ich hoffe aber und
weiss, wir beide sind von besserer Art, als mit so kleinen Ränken zu schachern.«
    »Wohl ist es so«, sagte der Graf, fast gerührt, »und darum nehmt und
behaltet diesen Euern Pardon, damit dieser Euch bleibt, wenn ich vielleicht
verunglücken sollte. Ich gehe sogleich noch einmal zum Gouverneur, ihm dies zu
erklären, und ihn zu bewegen, Euch die Tore zu eröffnen, im Fall mir etwas
Menschliches zustossen sollte.«
    Der Gefangene rief ihm noch nach: »Vergesst nicht, dass das Lösegeld für den
geraubten Mann nur eine tolle unmögliche Forderung zum Schein ist, denn kein
Fürst könnte es auszahlen. Die ganze Sache sollte nur die Milizen, das Militär
und die Gerichtsbeamten schrecken, dass sie in ihrer Pflicht saumselig würden und
den Mut zu solchen Wagestücken, wie der Alte unternommen hatte, verlören; auch
wollte man die Unterhändler kennenlernen, und im äussersten Fall den Gefangenen
auf eine grässliche Art ermorden.«
    Der Kerkermeister trat herein, um dem Gefangenen, auf Befehl des
Gouverneurs, vorläufig die Ketten abzunehmen, und der Graf verliess die Stadt.
Als er im Freien war, öffnete er das ihm bestimmte Blatt, und sah, dass es ihn
nach Subiaco hinwies an einen Apoteker Tommaso. Er verwunderte sich, dass er
nach dem Orte geschickt wurde, wo das Verbrechen verübt war. Er merkte den Namen
des Mannes, und vernichtete dann den Zettel sorgfältig, dass sein Diener, der ihn
zu Pferde begleitete, oder irgend sonst wer, das Blatt nicht lesen könne. In der
Nähe der Stadt liess er seinen Begleiter in einem Dorfe des Gebirges und wandelte
zu Fuss nach dem kleinen Ort. Auf seine Erkundigung vernahm er, dass der Mann, den
er suchte, gleich am Eingang des Ortes seinen kleinen Laden hatte. Er trat zu
ihm ein, sah sich behutsam um, und ersuchte ihn, mit ihm allein in seinem Zimmer
zu sprechen. Tommaso brachte ihn in ein Cabinet, und Pepoli übergab ihm das
Billet ohne Aufschrift. Wie der Apoteker das Siegel aber betrachtete, erriet
er, von wem es kam, erbrach und wurde sichtlich blass, als er die Chiffer innen
erblickte. Diese liess er sogleich am Licht, welches dastand, verbrennen, setzte
sich nieder und schrieb ein andres Zeichen, welches er behutsam mit seiner Hand
verbarg. Er siegelte hierauf das Blatt, welches er ebenfalls ohne Aufschrift
liess, und sagte dann zum Grafen: »Wenn Ihr diese Strasse hinuntergegangen seid,
so trefft Ihr etwas rechts, auf einem kleinen Platz, ein ziemlich grosses, weisses
Haus, an welchem sich über der Tür das Bildnis der Madonna zeigt; vor dem Hause
ist eine steinerne Schwelle von drei Stufen; Ihr könnt gar nicht fehlen. Wenn
Ihr angeklopft habt, so wird Euch ein ganz kleines dürres Männchen die Haustür
aufmachen; diesem sagt leise ins Ohr: Semphoras - dann wird der Euch schon
zurechtweisen. Sollte, was aber nicht leicht geschieht, eine Magd öffnen, so
wartet stillschweigend, bis der kleine Dürre zu Euch tritt.«
    Der Graf ging verwundert und sinnend über die Gasse. Als er fast schon jenes
bezeichnete Haus erreicht hatte, kam ihm Geschrei und Getümmel entgegen; es war
der Barigell, ein grosser starker Mann mit fast herkulischen Gliedern, der mit
seinen Häschern einen Verbrecher in das Gefängnis führte. Der Graf klopfte an
das Haus, die Tür öffnete sich, und die schmalste vor Dürre fast klappernde
Figur trat ihm blass und mit eingesunkenen Augen entgegen und fragte ihn mit
feinkrähender Stimme, was sein Begehren sei. Graf Pepoli neigte sich an sein Ohr
und flüsterte ihm jenes ihm anvertraute rätselhafte Wort zu. »Ah! das ist was
anderes«, sagte der Kleine, verbeugte sich und sah ihm dann freundlich lächelnd
ins Gesicht: »Ihr wisst die heutige Parole!« - Er führte den Fremden dann mit
vielen Verbeugungen eine Treppe hinauf, öffnete eine Tür, und schob den Grafen
in ein grosses, ganz leeres Zimmer hinein. »Einen Augenblick warten!« krächzte
der Kleine, indem er die Tür von aussen wieder verschloss. Der Graf ging im Zimmer
auf und ab. Die Fenster waren so hoch, dass man nirgend auf die Strasse sehen
konnte, wodurch das Gemach fast das Ansehen eines Kerkers erhielt.
    Nur zwei Sessel standen im grossen Raum und ein verschlossener Wandschrank
war noch sichtbar; sonst kein anderes Mobiliar. Graf Pepoli wurde nach und nach
verdriesslich, dass er so lange warten müsse, er horchte nach der Tür und Treppe,
vernahm aber kein menschliches Wesen. Er wurde besorgt, denn es schien ihm nicht
unmöglich, dass diese Vorschwornen, die mit so künstlichen Mitteln verbunden
waren, ihn selbst gefangenhalten konnten, wenn sie vielleicht fürchteten, dass er
schon mehr von ihnen wisse, als ihrer Sicherheit zuträglich sei. Er rasselte an
der Tür; sie war fest verschlossen, und jede Anstrengung, sie zu öffnen,
vergeblich. Indem er noch nachsann, was er wohl beginnen könne, stand zu seinem
Erschrecken plötzlich ein grosser Mann dicht hinter ihm, der ihm auf die Schulter
klopfte. Er sah um, und erriet nun, dass eine unbemerkte Tür in der Wand sich
leise geöffnet hatte. Er erstaunte aber von neuem, als er den Mann erkannte, der
kein anderer war, als jener stark gebaute Anführer der Häscher, den er vor
weniger Zeit auf der Strasse in seiner Amtsverrichtung als Obrigkeit gesehen
hatte. »Was verlangt Ihr von mir, werter Freund?« fragte ihn die hohe Figur in
einem ernsten, fast verdriesslichen Ton. Pepoli überreichte ihm schweigend das
Blatt des Apotekers. Der Barigell ging beiseit, nahm die Chiffer heraus,
betrachtete sie mit gerunzelter Stirn und zerriss das Papier dann in die
kleinsten Fragmente. - Der mächtige Antonio, so hiess dieser Vorstand der
Häscher, ging mit schwerem Tritte schweigend und, wie es schien, zürnend, im
widerhallenden Saale auf und ab. -»Euer Name, Stand, Aufentalt?« fragte er
dann, indem er zugleich den festverwahrten Wandschrank aufschloss. Der Graf
nannte sich, seinen Stand und seinen Wohnort Bologna. Unter vielen grossen,
geschriebenen Büchern, welche eine Menge alphabetisch geordneter Namen zu
entalten schienen, nahm er das eine, schlug nach, suchte und las eifrig. -»Ich
finde nicht«, sagte er nach einer Weile, »dass Ihr einer unserer Verbündeten seid
- der gute, dumme Tommaso hätte Euch besser nicht hergesendet - erzählt mir Eure
Sache, weshalb Ihr uns aufsucht.« -
    Der Graf erfüllte sein Begehren. Mit immer zunehmendem Verdrusse hörte ihm
jener zu. -»Ja«, sagte er dazwischen, »den alten Kerl halten sie immer noch
gefangen, und mit Recht. Wenn es mehr solcher gäbe, oder wenn sie aufgemuntert
würden, hätte die Brüderschaft bald ein Ende.« - Als er nun vom hingerichteten
Strada hörte, wurde er noch ungeduldiger: »- und dieser Nichtsnutzige«, rief er,
»hat er Euch zu dem zweideutigen Ascanio gewiesen? Und dieser hat die Frechheit
gehabt, Euch hierherzusenden? - wir hatten den Schlauen künstlich genug auf die
Engelsburg geschafft, wo er wohl mit zehn Jahren auf der Galeere davongekommen
wäre; aber er ist klug, er benutzt sogleich Eure Bemühungen für den alten
Bösewicht, um sich ganz frei zu machen.« - Er verschloss die Bücher und ging
dann, die Hände auf dem Rücken, im Saale ziemlich lange auf und ab. Hierauf
stellte er sich dicht vor den Grafen hin und sagte mit barschem Ton: »Wie wär es
denn, wenn ich Euch lieber gleich hierbehielte? Wenn Ihr auch nicht viel wisst,
so wisst Ihr doch genug, um mich und den guten Gevatter da unten in seiner
Apoteke verraten zu können. Am kürzesten zum mindesten wäre es so entschieden.
Der schlaue, vielwissende Ascanio bliebe am Ende auch am sichersten dort.«
    Der Graf, ohne die Fassung zu verlieren, erklärte noch einmal bündig seine
Absicht, und wie es von je sein Vorsatz gewesen sei, eine bedeutende Summe für
die Befreiung des Gefangenen zu verwenden, dass die Grausamkeit, ihn selbst
zurückzubehalten, oder gar zu ermorden, eine ganz überflüssige sei: auch würden
seine Anverwandten in Bologna, die Gerichte dort in Rom, ja die Kardinäle, der
Gouverneur und wohl der Papst selbst die genauesten Nachforschungen anstellen,
da sich die Grössten des Landes, wie die Fürstin Margareta von Parma für ihn und
sein Unternehmen interessiert hätten: ja, da, wie nicht unbekannt, Herren und
Fürsten selbst diesen Bündnissen heimlich zugehörten, so könnte er wohl gar von
diesen wegen seines Attentats hart bestraft werden. Auch warte in der Engelsburg
Ascanio auf seine Rückkehr; dieser würde, im Fall sein Beschützer ausblieb,
gewiss nicht schweigen und da dieser so sehr alle Fäden in der Hand habe, ihnen
wohl den allergrössten Schaden zufügen, weil unter solchen Umständen ihn der
Gouverneur schwerlich seiner Haft entlassen würde.
    »Ihr seid ein kluges Männchen, Graf«, sagte Antonio, »und habt fast so viele
Fassung wie unsereins. Die Sache, wie Ihr sie da vorstellt, ist nicht ohne. Der
verwünschte Ascanio weiss gar zu viel, und so klug wir uns zu sein dünken, ist er
denn doch vielleicht noch klüger. Nehmt nur, wenn ich Euch freigebe, die eine
Überzeugung mit hinweg, dass, wenn Ihr Euch gelüsten liesset, irgendeinem
sterblichen Menschen nur eine Silbe von dem zu verraten, was Ihr seitdem
erfahren habt, Ihr auch keine Stunde Eures Lebens sicher sein könntet. Übrigens
ist Euer Ansuchen zu wichtig, die Sache zu verwickelt: ich für mich selbst kann
nichts entscheiden, ich darf es nicht auf mich nehmen, und viele der
Schiedsrichter sind nicht zugegen. Nur ein Mittel gibt es. Kommt mit dem Neumond
mit Eurem Ascanio selber wieder hierher: dann ist der grosse Rat versammelt.
Übrigens kennt Ihr mich und den Gevatter niemals.« -
    Der Graf begab sich wieder auf den Rückweg, indem er die seltsamen
Verhältnisse der Welt übersann, wie er so freundlich und höflich noch vor
wenigen Tagen von Kardinälen und fürstlichen Damen aufgenommen und beschützt
war, und wie er in diesem Augenblicke in der Abhängigkeit eines gemeinen
Menschen gewesen sei, der ihm eine grosse Gnade in seiner Meinung dadurch
erwiesen habe, dass er ihn seine Strasse wieder frei habe ziehen lassen.
    Indessen verhandelte die Mutter Accorombona mit dem alten, verständigen
Kardinal Montalto wegen der Verbindung seines Neffen mit ihrer Tochter Virginia.
Der alte Mann erstaunte über die hohe Gestalt der noch schönen Matrone, über den
Ausdruck dieses klugen Auges und ihre edle und vornehme Haltung. Er fasste
dadurch sogleich ein gutes Vorurteil für den Geist und den Charakter einer Frau,
die sich mit solchem Wesen ankündigte. Donna Julia hatte bis jetzt den Kardinal
nur in kirchlichen Funktionen gesehn, weil er die gewöhnlichen Zusammenkünfte
der Menschen vermied; sie verstand aber sein kluges Auge und wusste durch den
verstorbenen Gatten, wie konsequent, umsichtig und beharrlich er sich von je in
allen Geschäften des Lebens betragen hatte.
    Nach den ersten höflichen Begrüssungen sagte die Matrone: »Eminenz, es gehört
zu den glücklichsten Vorfällen meines Lebens, mit einem so echten, wahrhaft
tugendhaften Mann in nähere Verbindung zu kommen. Haltet es für keine
Schmeichelei, denn ich spreche nur Wahrheit, dass ich unter allen Umständen ein
solches Bündnis meiner Tochter den Anerbietungen der reichsten, vornehmsten,
ältesten Familien würde vorgezogen haben.«
    »Ich glaube Euch, würdige Dame«, antwortete der Kardinal; »denn Euer hoher
Sinn, Euer Edelmut wird von aller Welt gerühmt. Auch ist Euer und Eurer Tochter
Entschluss deshalb zu loben, weil ihr es beide sehr gut Wisst, dass ich diesem
meinem angenommenen Sohne keine grossen Reichtümer, Schätze oder liegenden Gründe
übermachen kann; denn ich habe jene krummen Wege, mir Reichtum zu erwerben,
immerdar vermieden. Aber ein gut eingerichtetes Haus mit einem angenehmen Garten
werdet Ihr erhalten, und ein so anständiges, ja reichliches jährliches
Einkommen, dass Ihr Euch dieser Vermählung wegen nicht einzuschränken braucht,
und wenn das Haus, welches Ihr machen werdet, auch nicht zu den glänzendsten
gehört, so wird es jeder Billige doch gewiss zu den anständigen und wohlhabenden
rechnen. Ihr werdet Gesellschaft sehn, Diener halten; die Mobilien, die Zierden
des Hauses, sind edel, wenn auch nicht kostbar, und wenn Ihr noch Euer Vermögen
mit diesen Einkünften vereinigt, werdet Ihr allen Sorgen des Lebens entoben
sein, und Freunden Euch gastfrei und wohltätig erweisen können. Auch ich hätte
für meinen Neffen wohl eine berühmte hochadliche Familie finden können, die ihn
nicht ungern aufgenommen hätte; doch bin ich überzeugt, dass er in solcher
Umgebung zugrunde gegangen wäre. Meine Familie, die mich ans Licht gebracht hat,
war eine der ärmsten in der ganzen Mark, mit saurem Schweiss erbeutete sie ihr
Leben; sosehr es meine ackerbauenden Eltern auch wünschten, so konnten sie doch
nicht das mindeste für mich tun; wie mein frommer Freund und Beschützer, der in
Gott selige Pius der Fünfte, bin ich in meinen frühsten Jahren nur ein Bettler
gewesen, der lange von Wohltaten anderer leben musste, die fast ebenso dürftig
waren, als ich selbst. Glaubt mir, edle Frau, in der Armut, Hülflosigkeit, wo
wir immerdar auf des Himmels Gnade und den persönlichen Beistand Gottes
aufschauen müssen, tut sich eine Heiligkeit, eine süsse Weihe kund, von der die
Wohlhabenden niemals etwas erfahren. Und auf diesem Wege habe ich die Güter der
Welt geringe achten lernen, ohne sie vorsätzlich zu verschmähen, aber kein
Schmeichelwort hat mir je Gold und Goldeswert erkaufen dürfen; in Venedig,
Spanien, in meinen Diözesen, immerdar war ich mir und meiner Überzeugung getreu.
Diese meine Erfahrungen habt Ihr freilich nicht machen können, aber Ihr habt
Euch ebenfalls nie verleugnet, nicht den Grossen aufgesucht, seines Einflusses
wegen, noch vor dem Reichen, seines Goldes wegen, gekniet. Stark und fest seid
Ihr, männlich und hochdenkend, und das hat mich hauptsächlich bestimmt meine
Einwilligung so schnell zu geben, obgleich mein Neffe, streng genommen, zum
Ehegatten noch zu jung und unreif ist. Ich sah es aber, wie bald er von dieser
jungen Vornehmen durch deren Frechheit verdorben wurde; ich liebe das Kind, ich
wäre fähig, für diesen Jüngling alles zu tun, und drum übergebe ich diesen
weichen und schwachen Charakter Eurer weisen Führung, dass Ihr ihn zum Manne
bildet, dass er Recht von Unrecht, Wahrheit von Lüge unterscheiden lernt.«
    »Die Aufgabe ist nicht leicht«, erwiderte die Matrone; »damit es aber völlig
gelingen könne, ist es notwendig, auch für das Heil meiner Tochter, dass Ihr mir
eine Bitte bewilligt, und sie auch mit den Mitteln durchsetzt, die Euch gewiss zu
Gebote stehen.«
    Sie erzählte ihm hierauf von der wilden, fast tierischen Leidenschaft des
jungen Luigi Orsini, und wie er in brutaler Weise die Tochter bedroht habe, wie
man vor ihm und seinen nichtswürdigen Helfershelfern, wie den besoldeten
Banditen, in jeder Stunde zittern müsse.
    Der Kardinal versank in tiefes Nachdenken. »Diese Ruchlosigkeit«, sagte er
dann, »ist der wahre Wurmfrass unseres Staates, das Gift, welches schon seit
lange alle seine Lebensadern durchdringt. Ein Drako täte uns not, der aber auch
Kraft und Ansehen genug besässe, um seine bluttriefenden Edikte durchzusetzen.
Und doch kann es nur auf diesem Wege besser werden, wenn es ja irgendeinmal
besser werden soll. Unser verehrungswürdiger Heiliger Vater ist zu schwach, zu
friedliebend, ja er ist so sehr Menschenfreund, dass er gern noch im tückisch
verruchten Mörder das Bildnis seines Bruders anerkennt. Er vergisst nur, dass ein
verziehener Mord zehn neue erzeugt. - Doch seid ruhig, denn in diesem Falle ist
es meine heiligste Pflicht, dem drohenden Übel zu steuern, und es wird mir auch
gelingen. Ich verspreche es Euch bestimmt, der wilde Jüngling soll Eure Schwelle
niemals wieder betreten, und Euch weder in Gesellschaft, noch auf öffentlichen
Strassen, oder in den Tempeln verletzen, wenn er nicht den Bann auf sein Haupt
herniederziehen will. Das wird mir der Papst bewilligen, wenn er auch sonst
nicht mein persönlicher Freund ist; aber hier wird seine eigene Ehre, die
meinige unmittelbar in Anspruch genommen. Er wird in dieser Sache die strengsten
Befehle erteilen, und sie auch seinem Sohne, dem Gouverneur, schärfend
mitteilen; auch diesem werde ich noch heute selbst meinen Besuch machen. - Dann
werde ich Rücksprache nehmen mit einem ältern Vetter des jungen Irrwisches, dem
Herzoge Paul Giordano, dem tüchtigen, gedienten Bracciano. Vor diesem Mächtigen,
wenn er sich erhebt, zittern alle diese Wildfänge; ihm entgegenzuhandeln, wagen
sie nicht, und er hat sich bisher immer als mein persönlicher Freund erwiesen.
Also seid über diesen Punkt ohne alle Sorge.«
    »Ihr nanntet, Verehrter«, fuhr die Donna fort, »mein Vermögen; es ist für
eine Witwe wohl nicht unbeträchtlich, doch aber kaum zureichend, da ich noch
Söhnen damit, die unversorgt sind, fortelfen muss. Und, was das schlimmste, ich
bin nahe daran, es durch Schikanen einzubüssen.« - Sie erzählte ihm kürzlich, wie
gerecht ihre Sache sei, wie sie schon zu ihren Gunsten entschieden worden, und
wie nur kürzlich, um sie zu quälen und vielleicht ihre Tochter zu verderben, ein
Grosser, den sie nicht nennen wolle, auf krummen Wegen es so weit gebracht, dass
ihre Advokaten scheu zurücktraten, und die feindliche Partei nahe daran sei, zu
gewinnen.
    »Ich kann wohl den erraten«, sagte Montalto, »den Ihr mit so vieler Klugheit
verschweigt; seid ruhig, ich werde diese Sache selber in die Hände nehmen, und
meine tugendhaften Kollegen, der Medicäer Fernando und Borromäus werden mir
Beistand leisten. Jener Ungenannte wird es niemals wagen, mit seinem offnen
Angesichte hinter dem Vorhange herauszutreten, und so werden Advokaten und
Richter ihre Bahn von selber wiederfinden.«
    Jetzt stand die Donna auf, fasste die Hand des Kardinals, küsste sie mit
Inbrunst, indem sie von ihren heissen Tränen benetzt wurde. -»Was ist Euch?«
fragte der Alte erschrocken. -»O jetzt, jetzt«, rief sie schluchzend, »die
grösste Gnade das grösste Opfer, das Ihr mir noch bringen müsst, um das Elend, das
mich ins Grab drückt, wenn Ihr mein Flehn nicht erhört, abzuwenden - das Leben
meines ungeratenen Sohnes!«
    Er hörte die Geschichte des verirrten Jünglings ruhig an, und sagte am
Schlusse: »Auch diese Bitte gewähre ich Euch, ob eine solche Verzeihung gleich
meinen Gundsätzen und Überzeugungen völlig widerspricht. Auch dies muss mir Papst
und Gouverneur bewilligen; denn es ist das erstemal in meinem Leben, dass ich
dergleichen verlange. Wenn aber dieser Marcello wiederum abfallen sollte, er
wieder in schlechte Gesellschaft und durch diese in die Bande des Gerichtes
gerier, so sind, das vergesst mir nicht, für ihn meine Lippen versiegelt.«
    Sie trennten sich, beide füreinander mit der grössten Hochachtung erfüllt. In
ihrem Hause angelangt, fand die Mutter den Kardinal Farnese neben der Tochter
sitzen, mit der er schmeichelnd zart, verbindlich und fein, vielfache Gespräche
führte. Die Matrone, als sie hereintrat, erschrak fast über die Schönheit der
Tochter, die sich so blühend wie in dem Meisterwerke eines grossen Malers von dem
alten, klugen und edlen Gesicht des Staatsmannes abhob. Vittoria benutzte die
erste Gelegenheit, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn, und als die beiden allein
waren, sagte Farnese mit der unbefangensten Freundlichkeit: »Wo wart Ihr bis
jetzt, geehrte Freundin?«
    »Beim Kardinal Montalto«, antwortete jene.
    »Was wollt Ihr bei dem Duckmäuser?« rief Farnese laut lachend; »dieser
kriechende, träge Esel aus der Mark, der in seinen Gebärden noch immer den
Bettel seiner Eltern zur Schau trägt, der noch immer die Sprüchwörter der
Kärrner und Viehtreiber von dort im Munde führt, ein würdiger Liebling jenes
fanatischen Pius des Fünften, der ebenso armutselig entsprossen war - warum
erniedrigt Ihr Euch zu solchen Gesellen, von der besten Gesellschaft, die Ihr
gewohnt seid, so tief hinab?«
    »Mässigt Euch, Verehrtester«, sagte sie gelassen, »soeben haben wir
abgeschlossen; sein Neffe ist der Verlobte meiner Tochter.« -
    Dem Kardinal versagte das Wort im Munde, er war totenbleich geworden. Er,
der dafür berühmt war, dass er nie, auch bei den grössten Vorfällen des Lebens, in
Verlegenheit geraten könne, konnte die Rede nicht wiederfinden, stotterte heftig
und sagte endlich in lallendem Ton: »So? - Das habt Ihr, wie Ihr glaubt, klug
gemacht? herrlich fabriziert! Diesen gelblichen Strohgimpel, diesen unflüggen
Krammetsvogel in Euer Dohnengarn zu verstricken und ihn verzappeln zu lassen!«
    Er stand auf, stampfte mit den Füssen und knirschte mit den Zähnen. -»Ich
dachte«, fing er wieder an, »Ihr würdet als eine verständige, erfahrne Frau,
meine Vorschläge reiflich erwägen - aber nein, auch sie ist eine gackernde
tugendhafte Gans, wie die übrigen schwatzenden regelrechten Maschinen.«
    Es war ihm unmöglich, seine Wut zu verbergen, und so verliess er das Haus.
 
                                Sechstes Kapitel
Nach kurzer Zeit, nachdem Graf Pepoli nach Rom zurückgekommen war, machte er
sich mit dem frei gewordenen Ascanio auf den Weg nach den Sabinischen Bergen.
Als sie im Felde waren, sagte der Freigewordene: »Nur zwei Arten von Menschen
wissen das Glück der Luft, der Landschaft und des hellen Wetters zu würdigen,
der Kranke, der eine tödliche Krankheit in seinem Bette überstanden hat, und
sich nun wiedererholt, um die Natur noch lange Zeit mit neu anwachsenden Kräften
zu begrüssen, und der Gefangene, der monatelang im dumpfen Kerker schmachtete.
Ach, welches Glück, Licht und Luft zu genieren! Wen sie so in die freie
Landschaft hinaushängen, der ist auf keinen Fall so übel daran, als dem sie in
einem engen Gefängnishofe den Kopf abschlagen.«
    »Habt Ihr nun Hoffnung«, fragte der Graf, »dass wir unser Geschäft bald
vollenden, und sogleich den armen Alten werden befreien können?«
    »Wenn ich aufrichtig sprechen soll«, erwiderte jener, »so habe ich dazu die
Hoffnung immer mehr und mehr aufgegeben, je mehr ich mir die Sache und ihre
Schwierigkeiten überlegt habe. Denn ich sehe ein, sie haben seit meiner
Gefangenschaft das ehemalige Zutrauen zu mir verloren; viele Dinge müssen sich
geändert haben, dass jener Antonio mit Euch so barsch verfahren durfte. Wenn Ihr
mir also misstraut, mein Wohltäter, oder wenn Ihr irgend zagen wollt, da ich
selbst nicht mehr weiss, wie ich mit jenen ruchlosen Menschen stehe, so mögen
sich hier unsere Wege auf immerdar trennen, und ich werde mich ewig Eurer
Wohltat erinnern, die ich Euch nicht habe vergelten können.«
    »Und jener arme Gefangene?« rief Graf Pepoli aus, »dessen einzige Hülfe und
Hoffnung ich auf Erden bin? Nein, mein guter Ascanio, lasst uns beide das Letzte,
das Äusserste versuchen. Wenn man nur den Mut nicht verliert, so gestalten sich
die Sachen immer besser, als man es erst erwarten konnte.«
    »Ich wandle mit Euch«, rief jener, »und wenn es in den Tod ginge.«
    Sie näherten sich dem Gebirge, und Ascanio fand es jetzt notwendig, sein
Antlitz und seine Tracht zu verstellen. So kamen sie nach Subiaco, und ohne sich
beim Apoteker aufzuhalten begaben sie sich in das Haus des Barigello. Der
Kleine lächelte verschmitzt, als er ihnen die Tür öffnete. Oben sass in einem
andern Zimmer, als jenem leeren, das Oberhaupt der Häscher. »Richtig«, rief
ihnen dieser entgegen, »heute haben wir Neumond, und ihr seid weder zu früh noch
zu spät gekommen. Wir gehn hinauf, nach dem Gebirge, denn die Versammlung ist
dort. Ihr, Ascanio, kennt den Ort wohl: dort ist schon manches Urteil gesprochen
worden, dort hat sich auch schon manche Strafe und Hinrichtung vollstreckt.«
    Antonio hatte indessen auch eine gewöhnliche Tracht angelegt, und unten im
Hause trafen sie vier Sbirren, welche als Bauern gekleidet waren. Ascanio
betrachtete diese Anstalten mit grossen Augen, denn sie schienen ihm nichts Gutes
zu verkündigen, und der Graf, der die Angst seines Reisegefährten wohl bemerkte,
fing auch an, unruhig zu werden.
    In der Einsamkeit, als sie den Hügel überstiegen hatten, begegneten ihnen
immer mehr und mehr Menschen, die sich ihnen anschlossen, so dass nach einiger
Zeit ihr Zug ein sehr ansehnlicher war. Ascanio schaute ängstlich um sich,
redete diesen und jenen an, da ihm aber keiner antwortete, so schwieg er endlich
verlegen und überliess sich gefasst und stumm seinem Schicksal.
    Jetzt waren sie mitten im Walde, weit abgelenkt von der gewöhnlichen Strasse.
Sie standen auf einem runden, grasbewachsenen Platze, der mit hohen
Felsenstücken steil umgeben war. Hier wurde haltgemacht, und hinter den Felsen
traten mehrere Gestalten hervor, die dem Ascanio sehr wohl bekannt waren, die
aber alle beim ersten Auftreten sich so fremd gegen ihn stellten, als wenn sie
ihn niemals gesehn hätten. Plötzlich sprang ein grosser, rüstiger Mann in ihre
Mitte und rief: »Jetzt sind wir beisammen, um Gericht zu halten.«
    Derjenige, der so rief, war in seiner Gestalt und seinem Antlitz auffallend
genug. Er war ganz schwarz gekleidet: ein breiter Hut bedeckte sein Gesicht, auf
welchem eine schwarze Feder schwankte. Sein Gesicht hatte den Ausdruck
ungeheurer Wildheit, von einer grossen Narbe, die quer über die linke Wange lief,
noch mehr entstellt; in seinen Gebärden, wie in seinen Reden war er sehr hastig,
so dass er in seiner Eile oft stotterte und manche Worte nur undeutlich zu
vernehmen gab.
    »Hierher, Ascanio!« schrie dieser unbändige schlanke Mann: »Rechenschaft
wird abgelegt, wen du von uns verraten hast, und warum du mit einem ganz fremden
Mann ein Komplott geschmiedet hast, um uns alle an das Messer zu liefern?«
    Ascanio erzählte alles genau und umständlich: seine zufällige
Gefangennehmung, wie man ihn von den übrigen getrennt und auf die Engelsburg
gesetzt habe, ein Ereignis, das ganz gewiss von den Anführern der Brüderschaft
selber herrühre. Nun sei der bekannte Strada zum Tode verdammt, dieser habe dem
Grafen Pepoli, der sich um den Gefangenen aus Subiaco grossmütig bemüht, zuerst
den Ascanio genannt, weil dieser vielleicht Mittel und Wege angeben könne, den
wohltätigen Zweck zu erreichen. Sei irgendein Verrat vorgefallen, oder etwas dem
Ähnliches, so sei einzig und allein dieser Verbrecher zu schelten. »Es war wohl
natürlich«, endete der Sprechende, »dass ich meine Freiheit wünschte, und die
Gelegenheit ergriff, die mir ein edler Mann anbot, und ihr solltet alle jubeln
darüber, weil ich nicht weiss, was die Schwäche meiner menschlichen Natur auf der
Folter oder die Furcht vor dieser möchte ausgesagt haben. Nun seid ihr dieser
Besorgnis los und es gilt nur noch, wegen des alten Gefangenen mit dem Grafen zu
unterhandeln, und dabei überdies ein ansehnliches Geld zu verdienen.«
    »Nein!« rief der grosse, wilde Mensch, und stampfte dazu mit den Füssen;
»keine Auslösung, wenn es nach mir geht! Wozu haben wir den alten Graubart dort
seinem weichen Bett entrissen? Um ein Beispiel aufzustellen, um die
Gerichtshöfe, Häscher und Soldaten einzuschüchtern, dass keiner allzu dreist uns
in die Zügel zu greifen wage. Der Preis, den wir festgesetzt, sollte nur dienen,
Überkluge, Vorwitzige herbeizulocken, und die kennenzulernen, die uns etwa jetzt
oder in Zukunft gefährlich werden könnten. Auch diese wollten wir verderben, und
nachher die Glieder des Alten, zum Schrecken und Entsetzen der Gerichte und
Häscher, in den Städten und Dörfern als Denkmal unsrer Macht und unerbittlichen
Grausamkeit aufstecken. Nun soll alles dies durch Wort und Rede eines
schwächlichen Verräters und auf sein Ansinnen vergeblich sein und widerrufen
werden? Nein, ihr meine männlichen starken Freunde, lasst euch nicht so arg von
einer glatten Zunge betören. Der Fremde, der so vorwitzig unsere Kreise betrat,
er falle zuerst, zum abschreckenden Beispiel anderer Überklugen und Anmasslichen.
Nachher mögen wir untersuchen, ob uns Ascanios Leben oder Sterben nützlicher
sei, denn er weiss allerdings zu viel, als dass wir ihn nicht als eines der
bedeutendsten Glieder unseres Bundes betrachten sollten. So zieht denn die
Schwerter!«
    Mit einem wilden tierischen Geschrei waren mehr als hundert Waffen entblösst.
Bei diesem Anblick sprang Ascanio wie rasend von seinen Begleitern fort und
stellte sich dem Redenden gegenüber. »Halt!« schrie er, so laut er es vermochte:
»seid ihr unsinnig? Bist du, Hauptmann, trunken? Diesen Grossmütigen, den
harmlosen Fremden wollt ihr in eurer tierischen Wut aufopfern? Und ich soll ihn
auf die Schlachtbank geliefert haben? Ich, der Befreite, seinen Wohltäter? Wenn
ihr denn nicht Mensch, wenn ihr denn rohes Vieh sein wollt, so nehmt mein Blut
zuerst, so treu ich euch und dem Bunde immer war, schlachtet mich zu eurer
Sicherheit, der ich um alle eure Geheimnisse weiss, aber ihn, den edlen Mann lasst
zu seiner Heimat sicher und ungefährdet zurückkehren. Das sei das letzte Zeichen
eures Wohlwollens für mich, eures ehemaligen Vertrauens, dass ihr mich statt
seiner, als freiwilliges Opfer annehmt.«
    »So sei's fürs erste!« schrie der Unbändige mit schäumendem Munde, und so
war es in einer Sekunde um Ascanio, und wohl auch um den Grafen geschehen, wenn
nicht in demselben Augenblick schnell wie ein Blitz vorspringend, ein schöner
schlanker Jüngling vor dem Wütenden gestanden hätte. -»Steckt eure Degen und
Dolche ein«, rief er mit lauter, wohlklingender, aber doch gebietender Stimme;
»ich habe alle eure Reden vernommen, ich war noch kürzlich selbst in der Stadt,
und kenne die Umstände genau; ich weiss, Ascanio ist unschuldig, und ganz im
Recht, ihr wart im Begriff einen Mord zu begehn, anstatt ein Strafurteil zu
vollziehen. Willst du, Ascanio, nun wieder zu uns treten, oder darfst du es
wagen, für dich selbst dein Leben zu führen, uns unbekannt, und keinen kennend,
wer dir auch von uns jemals wieder erscheinen wird?«
    »Das letzte ist mein Wunsch, edler Hauptmann«, sagte Ascanio mit bittender
Stimme.
    »Und Ihr, Graf«, fuhr der Jüngling fort, »wünscht Euren alten Vetter
wiederzuhaben, und selbst ungefährdet aus diesem zornigen Kreise
zurückzukehren?«
    »So ist es«, antwortete Pepoli.
    Der junge Mann entfernte sich hierauf mit dem Grafen tiefer in den Wald, wo
sie von niemand gehört werden konnten. »Ihr seid mir dankbar«, fing er an, »wenn
ich Euern Wunsch erfülle?«
    »Ohne Zweifel.«
    »Und was tätet Ihr wohl, wenn das alles in Freundschaft, und selbst ohne das
mindeste Lösegeld erfüllt würde?«
    »Alles«, antwortete der Graf, und sah ihn mit Verwunderung an.
    »Es geschehe«, fuhr jener fort, »wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, niemals,
von allem, was Ihr gesehn und gehört, zu irgend jemand zu sprechen, keinen von
uns zu kennen, wo Ihr ihn auch wieder treffen mögt, oder ihn gar auf diese
Begebenheiten anzureden - und, zweitens, wenn Euch jemand diese Chiffer bringt,
ihn aufzunehmen, einige Stunden zu verbergen, und heimlich und sicher
weiterzuschaffen. Wenn Euch diese Kleinigkeit ein Äquivalent ist für jenes Alten
und Euer eigenes Leben so reicht mir die Hand an Eides Statt, dass Ihr diese
nicht schweren Bedingungen erfüllen wollt.«
    Der Graf gelobte.
    »So geht denn mit Eurem Ascanio zur kleinen Stadt zurück ruht und erholt
Euch dort im Gastofe, binnen einer Stunde wird der Alte, der so lange entfernt
war, bei Euch sein«
    So geschah es. Der Alte ward zu seinem Verwandten, der um ihn so viel gewagt
hatte, unbeschädigt und ziemlich wohl hingeführt: die Freude, sich wiederzusehn,
wurde von beiden nicht ohne Tränen gefeiert. Man machte Anstalten, bequem nach
Rom zu reisen, Ascanio aber, der eine Sehnsucht zu den Seinigen hatte, die im
Florentinischen lebten, wollte auf dem kürzesten Wege zu diesen eilen. Der Graf
gab ihm die ganze Summe zum Geschenk mit, die er für die Auslösung seines
Verwandten bestimmt hatte.
    Langsam und bequem ward jetzt mit dem kränkelnden Alten die Reise nach Rom
unternommen. In der Nähe der Stadt stieg der Graf vom Wagen, um zu Fuss durch das
Tor zu gehn. -
    Am frühsten Morgen schon hatte Donna Julia den feinsten und zierlichsten
Brief vom Kardinal Farnese empfangen. Er sagte in diesem: der sicherste Beweis,
welche Leidenschaft ihn schon seit lange für Vittoria entzündet habe, sei die
rohe Ungezogenheit, zu welcher er sich in seinem vorgerückten Alter habe
hinreissen lassen, wodurch er sich und seinen Stand entwürdigt, sowie seine
liebste und teuerste Freundin gekränkt und verletzt habe. Wie es aber edlen
Seelen anstehe, dergleichen traurige Augenblicke, in welchen wir uns nicht
selbst angehören, zu vergessen, so sei er auch überzeugt, die Grossmütige habe
ihm schon vergeben, und sein Bestreben solle sein, durch alle nur irgend
möglichen Beweise der Freundschaft sie auch diese schwarze Stunde vergessen zu
machen. Er hoffe also, als ein Zeichen der Vergebung die Erlaubnis erneuert zu
sehen, ihr Haus besuchen zu dürfen, um Zeuge des Glückes zu sein, und seinen
Geist, wie es immer geschehe, an diesen herrlichen Gemütern der beiden Frauen zu
erheben und zu erfrischen. -
    Es war beschlossen, das Fest der Vermählung nur mit wenigen der
vertrautesten Freunde zu feiern. Der Kardinal fühlte sich zu unwohl, um zugegen
sein zu können, doch war der alte Caporale eingeladen, einige Edelleute mit
ihren Frauen, und der Graf Pepoli, von dem man aber erfuhr, dass er verreist sei
und keiner den Tag seiner Wiederkehr bestimmen könne. Jetzt trat aber Graf
Pepoli umgekleidet vor die Kirchentür, indem der Zug der Hochzeiter sich aus dem
übervollen Tempel drängte, denn Adel und Unadel waren zugegen gewesen, um die
Zeremonie anzusehen. Der Graf begrüsste die Mutter nicht ohne Bewegung, indem er
sagte: »Wie glücklich ist dieser junge Bräutigam, wie sehr könnte ich ihn
beneiden!« - Die Mutter flüsterte ihm entgegen: »Wenn Ihr mir früher im Ernst so
gesprochen hättet, wäre ich auch wohl glücklich.« - Pepoli stutzte. Geputzt, mit
dem frischesten Ansehn der Gesundheit zeigte sich Marcello mit dem Bruder
Flaminio. Die Braut erschien als ein Wunder, so gross und glänzend, dass der
kleinere Bräutigam neben ihr sich als unmündig, und beinahe lächerrlich zeigte. -
»Ich werde es Euch gedenken!« sagte eine Stimme halb leise hinter Vittoria; »ein
Ehemann, dessen Ihr Euch schämen müsst! wir sprechen uns, trotz aller Verbote,
doch wohl ein andermal wieder.« - Sie sah sich scheu um, der wilde Luigi Orsini
stand hinter ihr.
    Der Zug stieg die Treppe hinab. Ein Tumult erhob sich auf der Strasse. »Sie
führen die Galeerensklaven vorüber«, sagte ein Bürger. Man hörte das Getöse und
Klirren der Ketten. Alle verweilten, um den Zug vorüberzulassen. - »Ha! Fluch!
Fluch euch!« schrie eine laute Stimme in Verzweiflung. Virginia war einer
Ohnmacht nahe, denn sie erkannte in dem Gefesselten Camillo. - »Du Braut!«
schrie dieser wieder: »Marcello neben dir mit Edelsteinen, und ich in Ketten!
Ja, der Himmel, alle Heiligen verfluchen diese sündliche Ehe! Die Hölle jauchzt
und die Teufel steigen frohlockend aus dem Abgrund, dir den Brautkranz, die süsse
Myrte aufzudrücken!«
    Alle entsetzten sich. Die Geissel der treibenden Häscher schwirrte, und
tosend, klappernd zog die gefesselte Bande vorüber; viele in dieser lachten
laut, schadenfroh, andere grinseten boshaft, und wiesen im tückischen Lächeln
die weissen Zähne. Die Hochzeit begab sich nach dem aufgeschmückten Hause und zum
festlichen Mahl.
 
                                  Drittes Buch
                                 Erstes Kapitel
So war die Ruhe in der Familie der Accoromboni hergestellt worden. Der junge
Gemahl fühlte sich glücklich, Vittoria lebte still und ruhig, den weiblichen
Arbeiten, oder dem Lesen ihrer vielgeliebten Schriftsteller hingegeben, bald
spielte sie auf der Laute und sang mit ihrer wohltönenden Stimme die zarten
Lieder, von denen sie selbst viele erfunden hatte, bald dichtete sie und schrieb
Briefe an ihre Freunde. Viele Sonette und Kanzonen oder Stanzen liessen damals
ihre Freunde und Verehrer, denen sie sie mitgeteilt hatte, drucken, doch ohne
ihren Namen; manche ihrer Poesien liegt noch in den Biblioteken Italiens als
Manuskript verborgen. So schien sie vergnügt und ihres einförmigen, stets mit
denselben Genüssen wiederkehrenden Lebens gewohnt, mit sich und aller Welt
zufrieden.
    Das Haus der Accoromboni, jetzt Peretti, war von Fremden und Gelehrten, auch
Vornehmen mehr als je besucht. Alle Welt sprach von der Wissenschaft, Tugend und
dem Talent der schönen Vittoria, und diese Besuche von ausgezeichneten und
vornehmen Frauen und Männern, die poetischen Akademien, die Improvisationen,
Musik und Gesänge, zuweilen der Vortrag einer gelehrten oder philosophischen
Untersuchung, scharfsinnige Streitfragen und zierliche Disputationen, alles dies
hatte das anmutige Haus gleichsam zu einem Musenhaine umgeschaffen, in welchem
sich der heitere Mann, wie der ernste Jüngling wohlgefiel. Der Kardinal Farnese
besuchte wie sonst die Familie, ja fleissiger, weil er jetzt manche seiner
Freunde, Bekannten und noch mehr Unterhaltung hier fand, als vorzeiten. Er war
immerdar fein und artig, und kein Augenblick verriet mehr seine ehemalige
Leidenschaft, so dass man glauben musste, dass er von dieser gänzlich geheilt sei.
Er nahm sich mit grosser Freundschaft des jungen Peretti an, und dieser durfte
ihn oft besuchen und an seiner Abendgesellschaft in seinem Palaste teilnehmen,
welches noch öfter geschehn sein würde, wenn ihn nicht sein Oheim, der Kardinal
Montalto, der ehemalige Frater Felix, vor diesem Umgang gewarnt hätte. Denn da
dieser sich immer mehr dem Hause Medici und dem Kardinal Ferdinand anschloss, und
die Medicäer und das Haus Farnese in offner Feindschaft lebten, so konnte
Montalto nicht wünschen, dass sich sein junger unerfahrner Neffe zu genau mit
ihrem mächtigsten Gegner verbände; er warnte diesen daher vor jenes
Treulosigkeit und Falschheit, die Farnese mit gewandter Klugheit sehr geschickt
zu verbergen und durch seine Liebenswürdigkeit der Tücke und Bosheit den
Anschein der Treuherzigkeit zu geben wisse.
    Die Mutter, Donna Julia, hatte sich seit der Vermählung von der Tochter
auffallend zurückgezogen. Sie behandelte diese ganz anders, als vormals, denn
sie fühlte wohl, dass Vittoria in dieser neuen Lebensepoche ganz selbständig und
unabhängig sein müsse. Es schien auch, als sei durch jenen letzten gewaltsamen
Sturm der Leidenschaft ein gewisses scheues Misstrauen zwischen beide getreten,
so dass sie sich ebensosehr vermieden, als sie sich gegenseitig beobachteten.
Beide fühlten es wohl, ohne es sich zu gestehn, dass jenes frühere unbedingte
Vertrauen, jene hingebende, rücksichtslose Mitteilung vorüber und erloschen sei:
beide Geister waren voreinander erschrocken, und durch den Schreck, der sich
zwischen sie geworfen hatte, waren sie sich fremd geworden. Waren sie allein
beisammen, so sprachen sie über Gegenstände der Literatur oder gleichgültige
Sachen, so dass nun in späten Jahren die Mutter an sich irre wurde, ob sie ihren
Kindern auch die richtige Erziehung gegeben habe. Der Abt, welcher jetzt eine
einträgliche Präbende durch Montaltos Bemühungen in Rom erhalten hatte, war in
seinen Äusserungen fast feindselig gegen die Mutter und die mit Mühe
durchgesetzte Vermählung seiner Schwester. Er sprach bei jeder Veranlassung
geringschätzig vom Montalto, behandelte dessen Neffen, den jungen Peretti, mit
unverhohlner Verachtung und machte ganz auffallend dem alten mächtigen Farnese
den Hof, dem er oft aufwartete, und welcher ebenfalls den jungen Mann mit der
grössten Auszeichnung behandelte.
    Montalto, welcher fast alle seine Zeit den kirchlichen Pflichten und frommen
Übungen widmete, besuchte nur selten die Familie, und wenn es geschah, so war es
nur in jenen Stunden, von denen er wusste, dass er sie allein, und ohne
Gesellschaft finden würde. Mit der Mutter unterhielt er sich am liebsten, deren
Geist und Verstand er verehrte; vor der Tochter, sosehr ihm ihre Schönheit
auffiel, sosehr er sich über ihre scharfen Urteile verwunderte, schien er doch
eine Art von Furcht zu fühlen, wie vor einem ihm ganz fremden Wesen. Lieber war
ihm der schwache, unbedeutende Flaminio, den er gern zuweilen belehrte und ihn
freundschaftlich auf dieses und jenes aufmerksam machte, was der leichtsinnige
Jüngling noch niemals beachtet hatte. Geflissentlich vermied er dagegen, wo er
nur konnte, den ungestümen Marcello. Er hatte selbst den Dank des jungen Mannes
für die Lebensrettung nicht annehmen wollen, weil er sich dieser seiner Wohltat
schämte. Er wollte sich überhaupt an diesen Punkt niemals erinnern lassen, weil
diese Landplage der Banditen, sooft er nur von ihr hören musste, ihn in Zorn
versetzte, und leider wurde jedermann in Rom nur allzuoft, ja stündlich, durch
Furcht, Missetat und erschreckende Nachrichten aus den Provinzen und Gebirgen an
diese Pest des Staates gemahnt. - Marcello fühlte wohl, wie widerwärtig seine
Gegenwart dem verehrten Alten war, er verliess daher in der Regel das Zimmer,
sowie Montalto eintrat. -
    Welche Freude, sagte die Mutter in manchen Stunden zu sich selber, habe ich
denn eigentlich nun an meinen Kindern, oder jemals an ihnen gehabt? Wie war es
nur möglich, dass Marcello mit diesen Gesinnungen an meiner Seite aufwachsen
konnte? Ihm vertraut keiner; welche Stelle wird er in der Gesellschaft einnehmen
können? Sooft ich Vittoria betrachte, fliesst ein leiser Schauer durch meine
Nerven, wenn ich mich ihrer leidenschaftlichen Reden und Gedanken erinnere. Und
warum will dieser Flaminio so gar nicht zum Manne werden? Er ist gut, ja, weil
gar keine Kraft in ihm ist, böse zu sein! Und der Älteste? Was ist es mit ihm,
dass er so gar keiner Liebe fähig zu sein scheint! Er hat es ganz vergessen, wie
ich für ihn gesorgt, was er mir zu verdanken hat. - So quälte sie sich und
machte sich Vorwürfe, da sie gegen eines ihrer Kinder zu strenge, gegen ein
andres zu schwach und nachgiebig gewesen sei, dass sie durch ihre freie
Gesinnung, die sie selbst immer geäussert, sie vielleicht unfähig gemacht habe,
sich dem bürgerlichen, gewöhnlichen Leben zu fügen.
    Der alte mürrische Sperone hatte vor seiner Abreise auch noch einigemal die
Familie besucht, sich aber in ihrer Umgebung nicht allzusehr gefallen, weil man
ihm nicht unbedingt in allen Behauptungen recht geben wollte. Er äusserte zu
seinen Freunden: »Diese Vittoria erinnert mich an jene ehemals berühmte Tullia
Aragona, die ich in meiner Jugend wohl einigemal gesehn habe: nur erscheint mir
diese neue anmassliche Muse viel schöner, und ihr Ausdruck ist ein tragischer,
als wenn ihr Schicksal nicht so gleichgültig und mittelmässig, wie jener Tullia,
ausgehen könnte. Bei solchen Gesichtern fällt dem gereiften Manne, der von den
Reizen nicht mehr bestochen wird, vieles ein: sie kommen mir vor, wie jene
Bildchen und grossartigen Physiognomien, mit denen oft gute Künstler unsre
Dichter in Andeutungen und Allegorien haben ausschmücken wollen: sind diese
kleinen Werke in ihren Verbindungen und Gruppen auf dem Titel, oder den Blättern
selbst anziehend, und gut geraten, so lieset man in ihnen selbst wieder ahnend
ein Gedicht.«
    Caporale, sooft er sich in Rom aufhielt, besuchte das Haus sehr fleissig. Er
war allen Mitgliedern der Familie notwendig geworden, denn jedes fand in ihm das
Vertrauen belohnt und erwidert, indem er allen auf fast gleiche Weise mit
unparteiischer Liebe zugetan war, wenn er auch Vittoria so auszeichnete, dass
seine Freundschaft an unbedingte Verehrung grenzte. Über ihr eheliches
Verhältnis sprach er niemals zu ihr, weil er es wohl gefühlt, wie sie es
vermied, auch nur das kleinste Wort über diesen Gegenstand fallenzulassen. Er
zwang sich, gegen den jungen Gemahl freundlich zu sein und ihn zuweilen mit
einer gewissen Ehrerbietung zu behandeln: doch erschien es ihm in vielen
Augenblicken als eine komische Begebenheit, dass dieser unreife Jüngling in einem
Hause, in welchem Kunst, Poesie und Gelehrsamkeit herrschten, durch welche die
beiden weiblichen Wesen allen Männern interessant waren, als Oberhaupt der
Familie sich ziemlich unwissend zeigte, und es gern, wenn er konnte, vermied, an
den literarischen Gesprächen oder poetischen Übungen teilzunehmen. Zwar war es
nicht zu verkennen, dass der junge Mann sich eifrig bestrebte, nach allen
Richtungen hin seine Kenntnisse auszubreiten, allein die Grundlage seiner
Bildung war zu schmal, und es fehlte ihm ganz an jenem Entusiasmus, der auf
seinem kürzeren Wege den Geist mit Schätzen bereichert, und selbst ein weniges
zu vielem machen kann.
    Als Caporale an einem Abend das Haus verliess, kehrte er in der Tür des
Zimmers noch einmal um, und wendete sich zu Mutter und Tochter: »Ich muss euch,
werte Freunde, doch noch ein kleines Abenteuer erzählen, welches mir vor wenigen
Tagen begegnet ist. Ihr wisset schon, wie gern ich im Lande umherstreifte, am
liebsten allein, wo die Strassen nur irgend sicher sind. So war ich nach Albano
hin geraten, ganz meiner Laune und den Gedanken der Einsamkeit ergeben, indem
ich in einem kleinen Hause vor der Stadt mein Quartier genommen hatte. Bei
meinem Umherstreifen, auch im Hause selbst hatte ich zuweilen einen grossen,
starken Mann, von herrischem Aussehen, wahrgenommen, der mir durch sein Wesen,
Miene, Anstand und Gebärde ausserordentlich auffiel. Ich wollte endlich nach Rom
zurückkehren, und siehe da, meine Geldbörse war mir irgendwo entwendet worden,
oder ich hatte sie im Gebirge verloren. Der Wirt des Hauses, der mich nicht
kannte, weil ich es liebe, ohne Titel und Würden auf meinen Zügen zu leben, fing
in seiner Weise ein lautes Gezänk an, sprach von Landstreichern und Betrügern,
und benutzte mein Phlegma, sich immer eifriger in seinen Komödienzorn
hineinzuarbeiten. Plötzlich flog der Mann in einen Winkel seiner Stube, und ich
begriff nicht, welche Gewalt ihn dahin gezaubert hatte, als ich in selbem
Augenblick meinen Unbekannten vor mir stehen sah. Lump! rief er jenem zu, der
sich am Boden krümmte; so einen Edelmann zu behandeln! Siehst du nicht, wen du
vor dir hast? - Der bleiche Mensch empfing zitternd aus der Hand des Starken
seine Bezahlung, und ein übriges, um ihm den Schreck zu vergüten. Als ich dem
Fremden meinen Namen zugleich mit meinem höflichen Dank sagen wollte, rief er:
Unnötig, lasst uns noch eine Weile, so namenlose Bekannte und Wandersleute
bleiben. Erlaubt mir, ebenfalls für Euch ein simpler Reisender zu sein. - So
streiften wir noch einige Tage umher, und als wir ankamen, sah ich, dass er ein
Haus nicht weit von der Porta Capena besitzt, wo er nach seinem Eigensinn, fast
ohne Bedienung lebt. Seitdem haben wir uns öfter dort im Felde wiedergesehn. Ich
habe ihm viel von Euch erzählt, und er wünscht lebhaft, dass ich ihn bei Euch
einführen möge. Aber er ist eine Art von Menschenfeind, besonders hat er, so
scheint es, einen Hass auf die grosse Welt. Als er erfuhr, dass Euch der übermütige
Farnese nicht selten besucht, gereute ihn schon sein ausgesprochener Wunsch,
doch bittet er durch mich, wenn Ihr einmal allein seid, ihm zu erlauben, Euch zu
sehen, und wenn ich nicht irre, seid ihr morgen abend ohne Gesellschaft. Darf
ich den barschen Mann dann bringen?«
    »Gern«, sagte Vittoria, »nur hütet Euch, Bester, dass ihr keinen von den
berühmten Banditen in unsre Haushaltung führt die uns nachher wohl gar ausrauben
und ermorden.«
    Caporale lachte laut und erwiderte: »Nein, schöne Freundin den Anschein hat
er durchaus nicht: er eröffnete mir endlich, er sei ein wohlhabender Kaufmann
aus der Lombardei, und habe sich von dort entfernt, weil die Pest, wie wir alle
wissen, in Oberitalien auf eine furchtbare Art wütet.«
    »Du vergissest, Vittoria«, sagte die Mutter, »dass morgen der Celio Malespina
hier sein wird, und Euer junger Freund Don Cesare, der redselige Boccalini.«
    »Die beiden werden ihn wohl nicht stören, oder ihm im Wege sein«, sagte
Caporale: »doch will ich es ihm ankündigen, damit er kommen oder wegbleiben
kann. Ihr seid aber auch von der Güte, alle andern Fremden zurückzuweisen.«
    So geschah es. Die Familie war am andern Abend versammelt, und der junge
Boccalini, ein grosser Verehrer des Dichters Caporale hatte sich zuerst
eingefunden. Bald darauf erschien Malespina, der in Florenz bei dem Herzoge
Francesco, welcher erst vor einigen Jahren die Regierung angetreten hatte, seit
einigen Monden die Stelle eines Sekretärs bekleidete. Er war jung und wohlberedt
und sein neuer Eintritt in die grosse Welt, wo er plötzlich blendende und
mächtige Verhältnisse aus seiner Nähe in einem andern Lichte sah, schien ihn
sehr glücklich zu machen. Er spottete mutwillig über viele Gegenstände, die ihm
vor einem Jahr vielleicht ein ehrfurchtvolles Schweigen aufgelegt hätten. Er
kannte ausserdem die Literatur, und viele Gelehrte persönlich. -
    Jetzt trat Caporale mit seinem neuen Freunde ein. Dieser begrüsste sie alle
höflich, mit den feinen Manieren eines Weltmanns sagte dann schmeichelnd, wie er
seit lange gewünscht, die berühmte Accorombona näher und persönlich
kennenzulernen, deren Ruhm durch ganz Italien verbreitet sei: er fühle sich
überrascht, dass der Ruf der Schönheit von einem so zauberreichen Wesen noch zu
wenig gesagt habe. Auch der Mutter war er verbindlich und vergass oder übersah
auch Peretti nicht, sowie die beiden Fremden, so dass er sich durch sein sicheres
Wesen, und seinen gebildeten Ton, der ihn als einen Mann von tiefer Erfahrung
und mannigfaltigen Schicksalen ankündigte, mit allen Gegenwärtigen sogleich in
ein gutes Verhältnis setzte.
    Celio Malespina erzählte von Florenz, Boccalini spöttelte über einige
römische Gelehrte und berühmte Staatsmänner, Caporale suchte die zu scharfen
Urteile zu mildern und Virginia war so ausschliessend mit der Betrachtung des
Fremden beschäftigt, dessen Sonderbarkeit ihr auffiel und sie fesselte, dass sie
fast nur mit einigen lachenden Antworten an dem Gespräch der übrigen teilnehmen
konnte. Auch die Mutter beobachtete diesen und sie suchte emsig in ihren
Erinnerungen umher, ob sie dem bedeutenden, grossen und stark gebauten Mann, mit
diesem feurigen gebietenden Auge, nicht schon früher in ihrem Leben begegnet
sei. Peretti drückte eine gewisse Scheu und Furcht vor dem Fremden aus und war
in seinen Äusserungen, wenn er an der Unterhaltung teilnahm, noch furchtsamer und
blöder, als gewöhnlich.
    Malespina erzählte, dass jetzt einige unvollendete Gesänge des befreiten
Jerusalems von Tasso nach Florenz gekommen seien, die den ganzen Hof in
Entzücken versetzt hätten. »Es ist wohl gewiss«, fuhr er dann fort, »dass dieser
junge Mann jetzt der grösste Dichtergenius unsers Vaterlandes ist. Es erheben
sich sogar hie und da einige Stimmen, die ihn schon über unsern grossen Ariost
erheben wollen.«
    »Über das ewige Streiten und Erheben und Subordinieren!« rief Caporale
unwillig aus. »In seiner Sphäre wird der göttliche Ariost niemals wieder
erreicht werden; Tasso betritt, soweit ich sein herrliches Gedicht kenne, eine
ganz andere Region der Poesie. Diese beiden magischen Kreise können sich in
keiner Gegend ihres Zauberbanns berühren. Die Kristallpaläste Ariosts sind vom
strahlenden Lichte des Scherzes und der Lust umgossen, vom zarten Mutwillen
durchströmt und der Ernst des Lebens ist in ein leichtes, wenn auch tiefsinniges
Spiel verwandelt. Tasso wandelt mit den Gestalten seiner Sehnsucht und Poesie in
einem grünen dämmernden Hain, die Liebe ist süss, doch ohne Schalkheit, Krieg und
Abenteuer, Helden und Jungfrauen, alle sind von einer sanften Weihe
durchdrungen, und eine freundliche Wehmut erfasst und durchschauert unsern Geist,
indem wir uns dem poetischen Taumel ergeben. Wie so ganz anders das blendende,
verwirrende und verlockende Labyrint unsers Ariost! wo uns im innersten Gemach,
wenn es in diesem neckenden Garten ein solches gibt, statt des Minotaurus ein
Reigen scherzender und übermütiger Nymphen und Satyrn überrascht, die uns laut
wegen unserer Erwartungen verlachen.«
    »O wie wahr!« rief jetzt Vittoria aus: »mag Ariost für den Kenner, welcher
die Waagschale in prüfenden Händen halten darf, der grösste Dichter sein, unser
zärtlicher Tasso wird sich immer neben ihn stellen dürfen.«
    Boccalini sagte: »Glaubt mir, auch die schönsten Werke müssen erst, den
Mispeln ähnlich, eine Weile still und ungenossen liegen bleiben, bis sie für den
Gaumen der Menge die weiche Reife erlangt haben, dass diese den Geschmack an
ihnen finden. Der Entusiastische versteht sie früher und gewissermassen im
voraus, so wie der wilde, leicht erhitzte Ungebildete bald dieses bald jenes
wesenlose Gespenst als seinen Gott anbetet, und ihm einen Dienst weiht, der viel
grösser ist, als der nüchterne Götze selbst.«
    Der wohlbeleibte Fremde warf dem jungen Mann einen scharfen prüfenden Blick
zu, indem er bemerkte: »Wahr! Die Begebenheit aller Zeiten; aber ist die Zeit
selbst immer die Wurfschaufel, welche die Spreu links und die Körner rechts
wirft?
    Und hat selbst die Geschichte, die unbefangene Nachwelt niemals geirrt? Ja,
wenn diese sogenannte Zukunft nicht zerstreut und vergesslich wäre! Sie vergisst
auch nur allzuoft an den neuen Schätzen, was sie schon früher an Juwelen besass;
das Neue ist ihr oft nur das Bessere, weil die Politur die frischere ist, und
das massive Gold voriger Tage von Staub unkenntlich gemacht wurde. Hat nicht der
leuchtende Ariost und der spasshafte Berni unsern edeln Bojardo zu früh in die
Vorratskammer der Altertümer hineingestellt?«
    »Gewiss!« rief jetzt Donna Julia aus, »und es freut mich, dass ein edler Sinn
einmal diese gehaltreiche Frage aufwirft. Der Erfindungsreiche hat uns diese
Bahn geebnet, er war trunken im süssen Wein der schönen Fabel, und nun hat er
doch Undankbaren die duftenden Trauben seines reichen Berges gekeltert.«
    Vittoria betrachtete mit Freuden ihre Mutter, von deren schönem Munde ein so
poetischer Ausspruch gefallen war.
    Malespina erzählte wieder vom Tasso, wie er seinen Nachrichten zufolge,
unzufrieden am Hofe von Ferrara sei, wie er sich fortsehne, und besonders mit
dem florentinischen Fürsten, dem Grossherzoge Francesco in heimlichen
Unterhandlungen stehe. Auch sei ihm der Fürst geneigt, und vielleicht noch mehr
dessen Geliebte, Bianca Capello. Nur sei der Poet so schwankend und
unentschlossen, dass die Anfragen und Unterhandlungen niemals weiterrückten: und
der florentinische Hof wolle natürlich auch nicht zu rasch und bestimmt
entgegenkommen, um dem Herzoge Alfons, der schon seit Jahren die Medicäer hasse,
keine Blösse zu geben. -»Überhaupt«, fuhr Malespina fort, »wird den armen,
krankhaften Tasso früher oder später ein unglückliches Schicksal ereilen. Er ist
verzogen worden, und zugleich gedemütigt, manche erheben ihn seines Gedichtes
wegen zum Gott, andere tadeln eigensinnig und unermüdlich, und er ist schwach
genug, alle, die für Kenner gelten, anzuhören und ihnen selbst das Richtschwert
in die Hand zu drücken. Wollte er allen folgen, so bliebe kein Vers seines
Werkes übrig, oder unverletzt; das Notwendigste und Schönste würde ganz
verworfen; weil die pedantischen Kritiker diese herrlichen Zwischenhandlungen
unter dem Namen der Episoden verdammen, welche nach ihrer Einsicht in keinem
epischen Gedichte sein dürfen. Wehrt sich der Ärmste nun rechts und links gegen
diese Vertilger, so muss er die alten Phrasen von der Poeten-Eitelkeit hören, von
dem leicht erregten Zorn der Dichter, und dergleichen lateinische
Sprichwörterchen. Er meint es ernst mit seiner Dichtung, vielleicht zu ernst,
seine Splitterrichter aber pedantisch; diese nun, zum Erbarmen, indem sie ihn
schmerzlich verletzen, spielen die Gekränkten und Beleidigten, als wenn er ihnen
noch grossen Dank sagen müsste, dass sie das Werk, dem er Jahre von Fleiss, Studium
und Liebe geopfert, das ihn so viele Nachtwachen gekostet hat, zerfleischen und
vernichten.«
    »Ja, ja«, sagte Caporale, »ein solches Elend kann nur ein Dichter ganz
mitfühlen.«
    »So soll der Unglückliche«, fuhr Malespina fort, »jetzt mit sich und der
ganzen Welt unzufrieden sein. Er wünscht zu reisen, je weiter, je lieber: der
Herzog Alfons aber will ihn nicht entfernen; manche der Hofleute, die ihm
neidisch sind, möchten ihn vertreiben, falsche Freunde halten ihn wieder fest,
um sich schadenfroh an seinem Kummer zu weiden, dass derselbe Mann schon so tief
gesunken ist, den sie eine Zeitlang so sehr über sich erhoben sehen mussten.«
    »Man möchte weinen«, rief jetzt Vittoria mit bewegter Stimme aus, »wenn man
es sieht, wie in unserm armen Vaterlande der Genius, fast wie ein Hofhund, an
den Ketten fürstlicher Gnade gefangen liegt. Ein Spielwerk der Launen, ein Putz
für den Hochmut, ohne wahre Achtung und noch weniger Liebe: wie das Talent nicht
erkannt, und dennoch in Knechtespflicht gehalten wird, dann zufällig
aufgeopfert, oft dem gemeinsten Interesse sogar geschlachtet. - Oh, das wäre ein
Gegenstand für unsere Tragödie, viel ergreifender und durchdringender, als jene
kalten Exerzitien eines Sperone und Trissino.«
    »Ja wohl«, erwiderte Malespina. »Aber er selbst, unser Torquato, ist allzu
schwach. Selbst seinen gutgesinnten Freunden zwingt er durch manche Dinge ein
halbverachtendes Lächeln des Mitleidens ab. Könnt Ihr es glauben, Verehrte? Er
hat sich neuerdings so weit erniedrigt, dass er sich zum Inquisitor begeben, und
sich über seine Rechtgläubigkeit hat examinieren lassen. Dieser hat ihm ein
Zeugnis ausstellen müssen, dass er ganz mit ihm zufrieden sei, so wie man es wohl
Kindern oder jungen Kandidaten gibt. Aber das ist ihm nicht genug, auch nicht,
dass gelehrte, ihm wohlwollende Bischöfe ihn einen ortodoxen katolischen
Christen nennen: dringend liegt er immerdar seinem Herrn an, dass er ihn nach Rom
schicken soll, damit hier sein Glaubensbekenntnis untersucht werde. Er ist auch
wiederum, sagt man, zu einem andern Inquisitor gewandert, der wiederum auf sein
Flehen seinen ungefälschten Glauben hat bestätigen müssen. Dieser grosse Mann,
der den Plato und Aristoteles liest und kommentiert, der selbst so schöne,
tiefsinnige Dialogen schreibt dieser fällt so ganz von seiner Würde - oh, nicht
wahr, man weiss nicht, ob man weinen oder lachen soll. - Es ist doch zu
erbärmlich um diese unsere menschliche Schwäche.«
    Als diese Worte ausgesprochen waren, stand Vittoria in der heftigsten
Bewegung auf und wandelte mit grossen Schritten durch den Saal; dann stellte sie
sich hoch aufgerichtet vor Malespina hin und sagte mit Tränen im feurigen Auge:
»Mann! Don Celio! Wo kommt Ihr denn her, aus welchem einsamen Winkel des wilden
Kalabriens? Wie seht Ihr die Welt und die Menschen an, wie leset Ihr die
Geschichte?«
    Don Celio erschrak sichtlich vor dieser Anrede; die schöne Frau erschien ihm
in diesem Augenblicke furchtbar.
    »Ihr ein Hofmann?« fuhr sie mit lauter Stimme fort, »ein Menschenkenner? O
wahrt Euch, wahrt Euch, dass Euch dieses Lächeln über Tasso nicht einmal den Hals
bricht. Ihn verlachen, den Ärmsten? Ja, wären noch die Zeiten des Julius und Leo
des Zehnten, als witzige Lästerer selbst Präbenden für ihren lustigen Ateismus
erhielten, als Bembo, der galante, eben wegen seiner Feinheit, Kardinal ward,
als Peter, der Aretiner, von Priestern, Päpsten und Kaisern geehrt wurde. - Aber
jetzt! habt Ihr es denn gar nicht erfahren (und es ist doch noch nicht so tief
in die Vergangenheit entrückt), wie Euer wahrhaft grosser Fürst, der erst vor
zwei Jahren gestorben ist, damals dem fromm-wütenden Papst seinen Tischfreund,
seinen Vertrauten, den gelehrten Carnesechi aufopferte? Den edlen Mann, der hier
in Rom entauptet und verbrannt wurde? Und weshalb ward dieser Busenfreund, den
der grosse Cosmus, der so viel Edles und Schönes ausgerichtet hat, so schnöde
auslieferte, preisgegeben? Um jenen alten Präzedenzstreit endlich zu schlichten,
dass Cosmus vor Ferrara und andern ginge, die Hoheit erhielte, und statt Herzog
Grossherzog tituliert würde. Weshalb der Hass Ferraras und der übrigen Fürsten
noch fortbrennt. Kann nun Alfons, wenn er sich von seinem Hofdichter beleidigt
dünkt, diesen den Religionswächtern in die Hände spielen, glauben diese in
blindem Eifer wirklich, oder auf höhern Befehl an Tassos Ketzerei, so darf sich
der Fürst von Ferrara ohne weitere Bemühung oder Zorn zurückziehen, und nur
unsere liebende Kirche walten lassen Möglich, dass Tasso zu ängstlich ist, aber
ihn deshalb zu verlachen ist wahrlich keine Ursache.«
    Der Fremde, der sich nur Don Giuseppe nennen liess, stand auch wie in
Begeisterung auf, ging hin und fasste die schöne junge Frau bei der Hand, führte
sie zu ihrem Sessel zurück, und sagte mit bewegter, aber sehr wohlklingender
Stimme: »Ihr habt da ein sehr wahres Wort über die Fürsten gesprochen, und noch
mehr, als diese Einsicht, verehre ich Eure Ketzerei. Oh, was wären wir
Italiener, wenn viele Tausende so dächten, und diese Million denselben
heroischen Mut hätte, es so laut und dreist auszusprechen!«
    Die Mutter war erst über die heftige Rede der Tochter erschrocken, jetzt war
sie es noch mehr über die Bemerkung des fremden Mannes, und über die Art und
Weise, wie er gleichsam, als wenn es so sein müsse, den ganzen Kreis ihrer
Familie regierte. Vittoria sah den kecken Mann mit einem ganz eigenen Blicke an,
dann senkte sie das Haupt, ward auf ihre seltsame Weise rot und dann viel
blasser als gewöhnlich, und man bemerkte, sosehr sie es auch verbergen wollte,
dass sie Tränen vom Auge trocknete.
    Dem jungen Peretti war alles, was sich jetzt zugetragen hatte, nicht
aufgefallen, er sprach eifrig mit Flaminio über eine Stadtneuigkeit. Marcello,
dem alle diese Gespräche langweilig waren, hatte sich schon längst entfernt, um
irgendeine seiner Gesellschaften aufzusuchen, in denen es lauter, wilder und
lustiger herging.
    Um wieder in die gleichgültige und ruhige Bahn einzulenken, führte Caporale
das Gespräch auf die Dichtungen zurück, und ersuchte seine junge Freundin, über
irgendein Tema zu improvisieren; denn Don Giuseppe habe viel von dieser ihrer
Gabe gehört, und wie schön sie sich in dieser Übung von Entusiasmus und
Begeisterung über alle gewöhnlichen Grenzen fortreissen lasse.
    »Der fremde Herr«, erwiderte sie, »hat schon gesehen, wie unziemlich ich
mich von einem gewissen Dämon kann einnehmen und beherrschen lassen, den Ihr so
freundlich Entusiasmus nennen wollt. Darum sei es für heute genug. Besser ist
es vielleicht, wenn jeder ein aufgeschriebenes Gedicht von sich mitteilt, um
unsern Abend auf echt italienische Weise zu beschliessen. Ich bin es gern
zufrieden, dann auch eine Grille herzulesen, die ich neulich gedichtet habe.«
    Ohne weiter umzufragen, zog Caporale einige Blätter aus dem Busen, und
sagte: »So will ich den Anfang machen.« - Er las einige Kapitel aus seinem neuen
komischen Gedicht über die Gärten des Maecenas, welche alle Zuhörer in eine
heitere Stimmung versetzten. Dann gab Flaminio einige Verse zu hören, die die
Schwester ihm wahrscheinlich verbessert hatte. Donna Julia nahm aus dem Schrank
eine moralische Kanzone, die sie mit wohlklingender Stimme vortrug, und der
blonde Peretti brachte ein Lied vom Glück des Landlebens herbei, welches er so
stotternd und unrichtig vorlas, dass man wohl daran zweifeln durfte, ob es auch
von ihm selber herrühre.
    Hierauf sagte Don Giuseppe: »Jetzt, meine Damen, da die Reihe an mich
gekommen ist, fällt mir dermalen nichts ein, (am wenigsten ein Vers, da ich in
meinem ganzen langen Leben noch keinen geschrieben habe,) als eine Stelle aus
jenem weltbekannten Kindermärchen von den drei Orangen. In diesem heroischen
Zaubergedicht kommt eine eiserne Tür vor, die darüber ächzt und winselt, dass sie
so furchtbar knarren und krächzen müsse, weil ihre Angeln, ich weiss nicht, seit
wie vielen Jahrhunderten, nicht mit öl sind getränkt worden. So müsste ich auch
noch auf irgendeine Muse warten, die mir, um Verse sprechen zu können, die Kehle
geschmeidig mache. Nehmt, Verehrte, diese Erinnerung an ein Gedicht für ein
Gedicht, und diesen meinen Scherz für Ernst.«
    Boccalini las in den heiteren daktylisch-gleitenden Versen ein Gedicht, wie
der erzürnte Apollo einst den schlafenden Amor überrascht habe. Noch böse über
die Liebeswunden, die ihn so oft geschmerzt, habe er den tückischen Bogen des
Kleinen zerbrechen wollen. Wie er ihn zusammenkrümmt, ertönt, wie klagend, die
Sehne: so biegt der Gott ihn um, und erschafft die Leier. Darum will sie immer
nach Liebe tönen, auch oft, wenn der Musengott nach andern Weisen sucht. Der
Satyr erprobt nicht selten, wenn Apollo ihm freundlich ist, das Instrument der
Sehnsucht: in seiner Faust schwirrt es halb zum alten Bogen zurück und schiesst
oft bittre, vergiftete Pfeile. Doch unser Satyr, von Vittorias oder Junos
Majestät verschüchtert, lässt dem gutmütigen Caporale nur leichte Scherze von der
feinklingenden Sehne fliegen, und Apollo und Vittoria lächeln ihm Beifall.
    Die übrigen applaudierten und Virginia suchte jetzt, indem sie mehr Caporale
als Boccalini mit einem lächelnden Blicke begrüsste, aus einer Sammlung vieler
Blätter einige heraus und sagte: »Ich weiss nicht, soll ich diese Erfindung
Ballata, oder wie die Spanier Romanze, oder nur Grille betiteln.« Sie las, und
es waren in Versen ohngefähr folgende Worte; -
    »Der schwarzbraune Bräutigam.
    Der junge Fürst nahm Abschied von der Braut. Sie war ihm seit einem Monat
anverlobt. Er dachte nur an sie, und ritt jetzt in das Gebirge hinein, um seinen
Vater zu besuchen, und ihn auf die Ankunft der Schwiegertochter vorzubereiten.
    Verlass mich nicht, klagte die schöne Braut, mir ahnet Unheil. Warum gerade
in diesem Augenblicke von mir gehn? - Ich muss, sagte der Prinz, und küsste sie
zärtlich: unsere Liebe wird diese Trennung nur lächelnd überdauern.
    Nein! klagte sie weinend; ich sehe dich nicht wieder. Als gestern abend die
dunkeln Wolken so eilig durch den Himmel flogen, erblickte ich in ihnen lauter
abscheuliche Gesichter, grinsend, in fürchterlicher Schadenfreude verzerrt. Es
sind die Göttinnen des Schicksals, oder Dämonen, die dir auflauern. Sie wollen
uns trennen, sie wollen dich töten! sie fürchten, die Schadenfrohen, dass du
deine Länder beglücken wirst, sie wollen nur Unheil säen.
    Gespenster, sagte der Liebende, sind nichts Wirkliches, darum zittere, darum
bange nicht, mein holdes Liebetraut. Dass wir uns lieben, ist Wahrheit: davor
weilt und steht kein Dämon. Deine Phantasie ist krank, die Wirklichkeit gesund.
Um so viel du in Schmerzen leidest, um so mehr jauchze ich in Lust. Der gute
Geist muss Sieger sein.
    Kannst du es wissen? sprach sie, und umschlang ihn inniger. Sie meinen es
nicht gut mit uns, das habe ich in allen meinen Träumen gesehn. Du bist mir
Leben, Gegenwart und Zukunft: wenn sie dich fortreissen, wo ist noch eine Zeit
für mich?
    Da ward sein schwarzes, hohes Ross vorgeführt, sein Lieblingsross. Wie er dem
edlen Tiere gut war, so war das Pferd mit wunderbarer Freundschaft dem Herrn
zugetan; es hatte ihm schon oft das Leben gerettet. Und der Herr war dem Rappen
dankbar. Die Liebe, die den Menschen an die Tiere knüpft, ist wunderbar.
    Im Tale, tief unten, im Felsenkessel, von Schierling, Bilsenkraut und
giftigen dunkeln Blumen umgeben, hausten in der Einsamkeit weibliche Dämonen.
Ihre Freude war Unglück, Verderben, Krankheit. Das aufschlagende Feuer, das die
Hütte des Armen verzehrte, war ihnen, wenn es durch die Nacht hin leuchtete, ein
Freudenzeichen; der Verzweifelnde, wenn er ihnen begegnete, war ihnen ein Narr
und Geck, an dem sie sich belustigten. Sie hatten oft den schwarzbraunen schönen
Prinzen gesehn, sie liebten ihn alle, weil er so herrlich war, und alle wollten
sich gegen ihre Natur, ihm gefällig beweisen. Bald kam ihm die eine als
Zigeunerin entgegen, um ihm wahrzusagen, bald kam eine andere als Bettlerin;
jene, die Wildeste dort, mit dem ruchlosen Auge, wollte ihm den kürzeren Fusspfad
durchs Gebirge zeigen; - aber so sehr sie auch schmeichelten, so fein sie auch
sangen, so tief sie sich beugten, so sehr in verwandelten Larven sie ihn
anlächelten; er achtete ihrer nicht, und ihre Liebe verwandelte sich in bittere
Galle und essigsauren Hass.
    Da braust er heran, auf seinem nachtdunkeln Ross, sagte jetzt Alrune, die mit
der gelben Haut, den grossen stechenden Augen und dem langen Rabenhaar. - Das
Pferd ist auch schön, sagte Geldrude, die falsche, deren einer langer Zahn weit
über den blassen Lippen vorragte. - Wie es stampft! die Erde zittert bis
hierher! sprach Gudula, die bösartige, die die kleinen Kinder stahl und sie tot
und krank aufgeschwollen den jammernden Müttern wieder in den Weg legte. -
Alrune rief kreischend: Ich will uns alle an ihm rächen! Gebt acht, er soll den
alten Vater, er soll die schöne Braut nicht wiedersehn!
    Sie stellte sich, die Scheussliche, unsichtbar an den Weg. Da, an der Ecke
des Waldes, wo kein Kruzifix, kein Bildnis der gottgesegneten Mutter in der Nähe
war. - Da braust es heran, da klingt der Felsengrund, da weht der Mantel des
schönen Reiters im Frühlingswind, und der Wald duftet, und die Vögel singen
laut.
    Sie streift, das schreckliche Gespenst, die Gewänder ab. Ein Scheusal zeigt
sich den Geistern, denn das sterbliche Auge sieht sie nicht, aber die greulichen
Schwestern der Unholdin freuen sich der entsetzlichen Schönheit ihrer Genossin.
Wie ein brauner Zweig steht sie an der Waldecke, wie eine aufgerichtete
dunkelgelbe Giftschlange, wie eine hoch aufgeschossene ekle Pflanze, vor der
sich die Morgenluft scheu zurückbeugt und das Licht Tau niederweint, dass es den
Graus beglänzen muss.
    Holla! da sprengt der schöne Jüngling heran. Er singt ein fröhlich Lied; die
dunklen Locken fliegen ihm spielend nach, und fächeln liebkosend seine braune
Wange. Er denkt einen Liebesgesang und ruft: Wie schön ist die Natur! wie
berauschend der Lenz! wie überglücklich ich!
    Nun ist der Reitende dem Grausal nahe. Ihr Auge jubelt. Mit einem Sprunge
ist sie hinter ihm, sitzt schrittlings; die braunen Schenkel leuchten von der
Schwärze des Rappen abscheulich zurück, ihr schiefer grosser Mund lacht, die
weissen Zähne glänzen. Den dürren ausgereckten Arm, an dem die langen Nägel wie
Klauen stehn, schlägt sie, um sich festzuhalten, dem Reiter um die Brust. Er
weiss nicht, wie ihm geschieht, er sieht sie nicht sein Herz bebt, der Rappe
schaudert. - Nun sprengen sie hin, das Pferd sperrt weit die Nüstern und
schnaubt, dass die vorüberfliegende Wespe forteilt im Schreck.
    Wohin, mein Rappe? ruft der bestürzte Jüngling; du rennst aus der Bahn. Das
Pferd stemmt sich gegen den Zügel, es gehorcht nicht Sporn, nicht Ruf. Die
Schwestern sehn es jauchzend, wie Ross und Reiter dahinstürzen, über hohe und
niedere Felsgesteine und bemooste Felsenblöcke; der Reiter blickt sich scheu um,
er will die unsichtbare Klammer von seiner Brust lösen, und vermag es nicht.
Bein und Fuss schlägt die Wilde in die Weichen des Rosses, das immer toller,
immer unbändiger rennt: ihr struppigtes, starres, greises Haar fliegt wie
Borsten im Winde, man sieht das Grinsen des Antlitzes, das Zähneblöcken. - Welch
böser Geist regiert mein Pferd! schreit nun der Königssohn: was presst mir so mit
eisernen Klammern Brust und Herz, dass ich vor Schmerzen schreien möchte? - So
steh denn in der Hölle Namen! So reisst er mit Riesenkraft sein Pferd herum, der
Rappe zittert in allen seinen Fibern wie Espenlaub, doch hinter dem Reiter
schlägt die Gelbbraune die Beine schnalzend an die Weichen des Rosses, und nun
stürzt es wie rasend zurück, der Hut entfällt dem Reiter, auch seine Haare
flattern im Winde ihm nach, nun wüten Pferd und Jüngling heran, dem
Zauberkreise, dem Giftbrunnen, das Ross bricht zerschmettert nieder, der
sterbende Fürst wirft noch einen, den letzten Blick in den lichten, blauen
Himmel hinein, und wahrnimmt die kleine Wolke, die, ihn beklagend, sanft
vorüberschwimmt. -
    Nun stehn sie, die Scheusslichen, mit gierig starren Blicken umher, und
freuen sich ihrer Tat. Was kümmert es sie, dass der Vater sich härmt, und am
gebrochenen Herzen stirbt, dass die Braut weint, und jeder schöne Jüngling ihr
nur als Leiche erscheint? -
    Und so jagt manchen ein unsichtbarer Dämon mit wilder Schadenfreude in
seinen Untergang. Je schöner, je edler das verfolgte Wesen, je mehr Scheuel und
Greuel sein niederträchtiger Feind, der ihn vernichtet, er weiss selber nicht
warum.
    Und das nennen sie nachher Schicksal, unvermeidliches Verhängnis, die
kurzsichtigen Sterblichen. Oh, könnten ihnen doch die Augen aufgetan werden,
damit sie es wahrnähmen, mit wem sie es zu tun haben.«
»Ei!« rief der alte Poet, »wie kommt ihr auf eine so trübselige Erfindung? Ist
dies wohl ein Gegenstand, ihn in einer heiteren poetischen Akademie
vorzutragen?«
    Don Giuseppe schien anderer Meinung und lobte das Gedicht. »Es mag wohl«,
sagte er, »nur zu sehr ein wahres und trübes Bild unseres Lebens sein. Ausserdem
aber habe ich es mir zur Pflicht gemacht, alles, was die Signora Peretti tut und
sagt, zu bewundern.«
    »So ist es recht«, rief Vittoria, jetzt wieder ganz aufgeheitert, »eine
solche Verehrung, die durchaus keinen Tadel zulassen will, ist einzig und allein
die richtige. Nicht wahr, an unserm Ariost oder Dante noch mäkeln, diese Stelle
so, jene anders wünschen, das ist nur die Art schwacher Geister? Und so
behandelt Ihr mich, Don Giuseppe, wie ein vollendetes Kunstwerk, und ich danke
Euch dafür.«
    Als man sich jetzt zu Malespina wandte, sagte dieser: »Ich muss, wie Don
Giuseppe, um Entschuldigung bitten; ich darf mich in einer solchen Gegenwart
wohl nicht für einen Poeten geben, und wenn ich auch diese Kühnheit hätte, so
trage ich doch kein Blättchen mit Versen bei mir, und mein Gedächtnis ist mir
nicht treu genug, etwas ungelesen rezitieren zu können. Wenn Ihr es aber nicht
mit Unwillen aufnehmen mögt, so will ich Euch zur Abwechselung und Aufheiterung
eine jener an sich unbedeutenden komischen Begebenheiten vortragen, die sich in
Residenzen und an Höfen wohl oft ereignen. Nur muss ich bei den verehrten Damen
im voraus um Entschuldigung bitten, wenn die Erzählung wie wohl die meisten
komischen, hier und da, wenn auch nur ganz wenig, verletzend sein sollte.«
    Caporale erwiderte: »Es lässt sich fast alles erzählen, wenn man nicht selbst
eine unziemliche Lust am Unziemlichen empfindet.«
    »Sehr wahr«, sagte die Mutter, »das möchte wohl die richtige Art bezeichnen,
weshalb viele unserer Autoren von mir rein genannt werden, die bei andern in
einem sehr übeln Rufe stehen Wer sich selber unsittlich aufreizt, um gemeine
Lüsternheit in andern zu erregen, nur einen solchen sollte man unmoralisch
nennen.«
    »So bin ich denn dreist genug, den Spass, der sich wirklich so zugetragen
hat, zu beginnen«, sagte Malespina.
    »In unserer Residenz lebt schon seit längerer Zeit ein komischer Mann, der
unzählige Blössen gibt und sich fast immer lächerrlich zeigt, dessen ohngeachtet
aber eine gewisse Hochschätzung mit Recht in Anspruch nimmt: es ist dies der
alte Conegiani, der Gesandte von Ferrara an unserm Hofe. Dieser Mann ist lang
und hager, blass, von eingefallenem Gesicht und tiefliegenden Augen, zuweilen,
wenn er nachdenkend aussieht, wie ein Bild des Jammers; wenn er leicht und
ausgelassen sein will, so reisst er im schmalen, dürren Gesicht den grossen Mund
so weit auf, dass man sich entsetzen möchte.
    Dieses Bild des Schreckens also, oder diese klapperdürre Figur, welche die
Natur in bizarrer Laune scheint hervorgebracht zu haben, weiss aber von seiner
Lächerlichkeit nichts; so verblendet ist er und so von sich selbst eingenommen,
dass er sich für schön hält, für anmutig und geistreich; darum tanzt er gern noch
auf den Festen, spielt den Zärtlichen, den Witzigen, und versagt keinen Spass
oder keine Ausgelassenheit, die die jungen, übermütigen Kavaliere ersinnen, und
welche sie oft nur erdenken, um ihn hineinzuziehn, und sich an seiner
Possierlichkeit zu ergötzen.
    Sein vertrauter Freund ist ein junger reicher Edelmann aus Padua, der ein
schönes, witziges Mädchen unterhält; und bei diesem speiset, ohne andere Gäste,
der Gesandte fast jeden Abend.
    Die grösste Schwäche des Alten ist nun, dass er glaubt, jede Dame sei in ihn
verliebt; so dass die Frauen ihn närren und necken, oft die Zärtlichen spielen,
um ihn zum Gelächter zu machen, wie es sich von selbst versteht. Ganz öffentlich
aber hat er sein fühlendes Herz vorzüglich der witzigen und schönen Donna
Isabella gewidmet, die auch zum Schein seine Liebe erwidert, seine
Zärtlichkeiten beantwortet und den Alten in so wunderliche Posituren versetzt,
dass dieses öffentliche Verhältnis zu den Lustbarkeiten des Hofes gehört.«
    »Wer ist diese Isabella?« fragte Don Giuseppe, der sehr aufmerksam der
Erzählung zuhörte.
    »Sie ist«, antwortete Malespina, »die Schwester unsers Grossherzogs und die
Gemahlin des Herzogs Bracciano, des berühmten Orsini Paul Giordano, der sich
schon in verschiedenen Feldzügen ausgezeichnet hat, wie Ihr wissen werdet. Diese
Dame ist vielleicht die schönste unsers Hofes; sehr viele erkennen ihr den Preis
vor unserer berühmten Schönheit, der Bianca Capello. Alle Welt ist von ihrer
Anmut bezaubert, von ihrer witzigen Unterhaltung hingerissen. dabei ist sie in
ihrem edlen Betragen so gutmütig, dass die Armen und Bürgerlichen sie verehren:
ihre Gewandteit und Lebensklugheit ist so gross, dass unsere kränkliche und
ernste Grossherzogin sie ebenso liebt, und ihr ebenso vertraulich ist, wie jene
übermütige Bianca. Gewiss ein seltnes Beispiel da die regierende Fürstin gewiss
nicht leichtsinnig über die Leidenschaft ihres Gemahls denkt, und ihre
Nebenbuhlerin nur mit innigem Grauen neben sich dulden kann.
    So gab es denn im letzten Karneval einen unendlich spasshaften Auftritt am
Hofe, im Saale der regierenden Fürsein. Es war ein trauriger Regentag, und die
Fürstin, sonst ernst, fast melancholisch, schlug Tänze und Spiele vor, weil sie
sich vorgenommen hatte, an diesem Tage recht heiter zu sein. So wurde denn
getanzt, und in allen Wendungen, feierlichen wie lebhaften Tänzen, figurierte
jener beschriebene Conegiani, und spielte seine zärtliche Rolle mit der Herzogin
Isabella. Nachher ward gesungen, dann trieb man das Spiel, schwere Worte
hintereinander schnell zu sagen, was die tollsten Redensarten, burleske
unsinnige Silben hervorbrachte; wer aber fehlte, stotterte, oder falsche Worte
sagte, erhielt von einer kleinen vergoldeten Kelle einen derben Schlag in der
flachen Hand, so wie es wohl den kleinen Kindern in den Schulen geboten wird.
Viel Schläge, und heftige, bekam unser Gesandter, denn die Dame, die das
Strafamt verwaltete, spasste mit ihm nicht, wenn er wegen Fehler gezüchtiget
wurde, so dass seine Hand am Ende rot aufgelaufen war, und er mit den
lächerlichsten Grimassen die schmerzende an seinen Kleidern rieb.
    Jetzt schlugen die jungen Leute ein tolles Spiel vor, das Affenspiel,
Mattacini genannt, in welchem einer der Herren hüpft, springt, Gebärden macht,
und alle übrigen nachahmen und ebenso tun müssen. Bei dieser Tollheit sind die
Damen natürlich nur Zuschauer. Man legt bei diesem Spass die Mäntel ab und zeigt
sich im Wams, ein nachlässiges Kostüm, in welchem schöne junge Männer, welche
gut gewachsen sind, nur gewinnen können, in welcher Tracht aber das dürre, arme,
fleischlose Skelett, an welchem man weder Waden, Schenkel noch Hüften wahrnehmen
konnte, sich vollends erst wie ein aufrecht wandelnder Affe ausnahm. Dieses
übermütige Spiel führte nun ein Vetter der Herzogin Isabella an, der Graf Troilo
Orsini, ein grosser schöner Mann, in voller Kraft der Jugend, und so mit Grazie
begabt dass alle Weiber in ihn vernarrt sind. Dieser ersann nun die tollsten
Sprünge, Stellungen und Gebärden, und wie einem reizenden Jünglinge, der seinen
Körper in der Gewalt hat, und sich kennt, um zu wissen, was er sich erlauben
darf, alles schön steht, und er auch das Komische und seltsam Abgeschmackte
veredelt so erschien an unserm Gesandten selbst das Gewöhnliche verzerrt und
widerwärtig, das Absurde aber abscheulich. Ihr könnt euch die Lust und Freude
der übermütigen Jugend und der Weiber und Mädchen vorstellen; ich habe die edle
Grossherzogin noch niemals so lachen sehn. Wie wurde es aber erst, als der tolle
Troilo anfing, seinen ihm Vorstehenden mit aufgehobenem Bein und Fuss einen Tritt
in die Hüften zu geben. Wie ein kreisendes Rad ging diese Gebärde mit der
grössten Schnelligkeit durch die Versammlung: mancher Getretene fiel um, mancher
Tretende war in Gefahr: am schlimmsten erging es dem armen Conegiani, dessen
lange, dürre Figur sich zuweilen vom gewaltigen Tritt hintenüber bog, wie ein
Bogen. Die Gesichter, die er dabei schnitt, lassen sich gar nicht beschreiben.
Er versäumte es aber auch nicht, es nach Vermögen seinen Mitspielenden zu
vergelten, so dass er, wie die übrigen, in Schweiss geriet, die Grossherzogin sich
aber von Lust und übermässigem Gelächter so angegriffen fühlte, dass sie nach
diesem Spiele den Saal verlassen musste. - Nun kleidete man sich wieder an, und
der Gesandte setzte sich freudetrunken nieder zu seiner angebeteten Donna
Isabella, im Wahn, wie zauberreich er in diesen verschiedenen Windungen und
Gebärdungen die Schönheit seines Körpers entfaltet habe. Sie drückte ihm die
Hände, lobte seine Gewandheit und er war entzückt« -
    »Doch der Gemahl der Isabella - trieb er auch diese geistreichen Spiele
mit?« fragte Don Giuseppe.
    »Ihr scheint es nicht zu wissen«, sagte der Fremde, »dass der Herzog
Bracciano schon seit Jahren von Florenz abwesend ist; wenn er nicht im Kriege
ficht, so lebt der schon bejahrte Mann hier und dort. Er hat, sagt man, seine
Gemahlin nie geliebt, und sie ihn wohl ebensowenig. So sieht man auch fast
niemals unsern Fürsten Francesco in den Zimmern seiner Gemahlin, wenn diese ihre
Gesellschaften hat. Bei unsern Grossen fällt dergleichen kaum mehr auf, wie Ihr
es ja auch aus eigener Erfahrung wissen müsst. - Erlaubt aber, dass ich jetzt zu
jener seltsamen Geschichte übergehe, zu welcher das Bisherige nur die Einleitung
sein sollte, um den Helden derselben kennenzulernen.
    Der junge Troilo unterhielt, der Wohnung des Gesandten gegenüber, ein
schönes junges Mädchen, die auch mit der Geliebten des Paduaners, des Freundes
unsers Conegiani, sehr vertraulich war, wie unter diesen jungen Wesen, die das
ganze Leben von der leichtsinnigen Seite nehmen, diese Verbindungen sehr
natürlich sind. Da der alte Gesandte das Kleinod des Troilo täglich aus seinen
Fenstern, sich ziemlich nahe gegenüber sah, so ward er leichtsinnig, wie er ist,
in dieses artige Wesen entbrannt, und es schien ihm um so merkwürdiger, dass sein
Herz neben jener hohen, erhabnen Leidenschaft für die Herzogin, auch noch einer
leichteren Empfindsamkeit fähig war, und er schadenfroh imstande sei, einem
jungen Manne auf diese Weise Eintrag zu tun.
    Da sein Liebäugeln, Kusswerfen und Grimassieren mit jedem Tage zunahm, so
erzählte die mutwillige Kleine diese Neuigkeit ihrem Troilo. Dieser jubelte auf,
als er seinen Conegiani wieder von dieser Seite kennenlernte. Er befahl der
kleinen Lisa, sich gegen den Alten freundlich zu stellen, und ihm Hoffnung zu
machen, als wenn sie sich ihm und seinem Liebreiz wohl nach einiger Zeit ergeben
könne. Dem stets lustigen Paduaner wurde auch mitgeteilt, was sich ergeben
solle, und dessen junge, leichtfertige Giannina musste ebenfalls darum wissen, um
das möglich zu machen, was der Graf Troilo entworfen hatte. Dieser nämlich
erzählte seiner Muhme, der Herzogin Isabella, sogleich alles, und diese heitere
Dame, die gern mit ihrem Vetter lachte, ging sogleich auf dessen Absicht ein,
zum Teil auch wohl, um den Alten recht auffallend blosszustellen, und auf diese
Weise seine lästigen Bewerbungen abzuschütteln, da ihr jetzt wohl schon die
Rolle der Zärtlichen, im Angesichte des ganzen Hofes, lästig fallen mochte.
    Man beredete also die kleine Lisa, dass sie dem zärtlichen Gesandten durch
ihre Freundin Giannina eine Nacht zusagen liess, wie sie zum Abendessen mit
dieser Freundin und dem Paduaner bei ihm sein und nachher bei ihm bleiben wolle.
Alles ward dazu veranstaltet.
    Nun war eben seit zwei Tagen eine junge, aber überaus hässliche Sklavin von
Livorno angekommen, die, ich weiss nicht, zu welchen Diensten, im Palast
gebraucht werden sollte. Sie schielte furchtbar, hatte einen widerwärtig grossen
Mund, und war von jener fast safrangelben Farbe, die durch Vermischung mit
Europäern die Kinder erhalten, und so eine Race bilden, hässlicher, als die
Schwarzen selber. Diese Widerwärtigkeiten abgerechnet, war sie übrigens kräftig
und gut gebaut.
    Als Mann verkleidet, um nicht aufzufallen und von den fremden Dienern
erkannt zu werden, ging Donna Isabella mit Troilo nach dem Hause des Gesandten.
Sie führten die hässliche Sklavin mit sich. Troilo, der im Hause sehr bekannt und
durch seine Freigebigkeit auch beliebt war, merkte in den untern Gemächern, die
zu den Ställen gehören, einen jungen Diener. Die Sklavin, die nur ihre
barbarische Sprache zu reden wusste, hatte sich indessen schon auskleiden müssen.
Der junge Mensch führte die drei Personen auf der kleinen Treppe zu den innern
Zimmern, und von da in das Schlafgemach des Gesandten. Der Stallbediente
verstand etwas von jener barbarischen Sprache, und musste also der Wilden
bedeuten, dass sie sich im Bette ganz ruhig halten müsse. Die Garstige bequemte
sich gern, in ein so aufgeschmücktes, flaumweiches Bett zu steigen, in welchem
sie durch Müdigkeit und gesunde Natur auch sogleich in den festesten Schlaf
versank. Der Diener verliess sie, und Troilo und Isabella hörten jetzt aus dem
benachbarten Saale Scherz, Lust und lautes Gelächter. Der Alte sass neben seiner
geliebten Lisa, trank und jubelte; mit ihm war sein vertrauter Freund, der
Paduaner, und dessen Giannina. - Indem der Alte Lisa einschenkte, rief er laut:
Trink von diesem edlen Monte Pulciano! Wie oft hat mir Donna Isabella einen
Becher dieser Traube kredenzt! Fühlst du denn auch wohl, Kleine, wie sehr ich
dich erhebe, da ich vom Besitz einer solchen Gebieterin zu dir hinabsteige?
    Der Schmaus war geendigt, und Giannina nahm den Alten beiseit und flüsterte
ihm zu: Vergönnt, verehrter Freund, dass sich Lisa jetzt einsam dort auskleide,
und, ihr Gefühl zu schonen, sie Euch im Finstern empfange. Er bewilligte, befahl
auch den Dienern, sich wegzubegeben, und harrte seines Glücks. Auch der Paduaner
nahm Abschied, Lisa wartete auf der Treppe, und Giannina kam jetzt zurück, um
mit ihrem Freunde auch das Haus zu verlassen. Nun begab sich der Gesandte im
Finstern in sein Schlafgemach. Er stieg in sein Bett, nicht wenig erstaunt, dass
seine Gefährtin nach so wenigen Minuten schon so fest eingeschlafen sei. Anfangs
hielt er es für Schalkheit und Verstellung, aber ein allzu gesundes Schnarchen
überzeugte ihn bald vom Gegenteil. Erstaunt schüttelte und rüttelte er die
Eingeschlafene heftig, aber lange vergeblich. Endlich wurde sie munter, und
erhob, da sie einen Mann neben sich merkte, der ihr, wie sie glauben musste,
Gewalt antun wollte, in ihrer barbarischen, unverständlichen Sprache ein
mörderliches Geschrei. Da sprang der Gesandte mit Entsetzen vom Lager, schrie
nach Licht und allen seinen Dienern, so sehr harte er die Fassung verloren. Das
ganze Haus wurde wach. Als Licht gebracht wurde, sah man ihn zitternd dastehn,
von seinem langen Schlafrock nur dürftig bekleidet. Ohne dass er die Sache
begriff, ward die Sklavin von den Dienern fortgeführt, jener Vertraute gab ihr
unten im Stall ihre Kleider wieder, und betäubt, fieberhaft zitternd setzte sich
der Alte, alles Rates beraubt, in seinen Sessel. Wie ward ihm jetzt, als in der
Einsamkeit zwei Figuren aus einer Nische auf ihn zutraten, und er in dem einen
Mann seine hohe Gebieterin, Isabella, wiedererkannte! Er glaubte, das Haus müsse
mit ihm versinken. - So lerne ich Euch kennen, redete ihn jetzt die mutwillige
Donna an, Euch, der sich für meinen Herzgeliebten, für meinen unwandelbar treuen
Schäfer ausgeben will? Seht! welches scharfe Auge die Eifersucht hat, die Euch
schon seit Tagen unermüdlich beobachtete, und nun Eures Treubruches, Eurer
Schändlichkeit innegeworden ist. Ich wollte es meinem Vetter Troilo nicht
glauben, dass Ihr alter, boshafter, ungetreuer Mann einer solchen Unwürdigkeit
fähig wäret. Er hat Euerm Leichtsinn, Euerm Wankelmut, Eurer Sucht, die Weiber
zu verführen, niemals getraut, er hat mich immer vor Euch gewarnt. Aber, dass Ihr
von mir, die Ihr anzubeten vorgebt, so tief herabsteigen, dass Eure verirrte
Lust, Euer schwaches Gemüt zu einem solchen Scheusal sich herabwürdigen könne,
das hätte ich keinem, auch dem zuverlässigsten Manne nicht, geglaubt, wenn es
mein eignes Auge, zu meinem unendlichen Schmerze, nicht gesehn. Könnt Ihr wohl
noch ein einziges Wort zu Eurer Entschuldigung hervorbringen? 
    Der Alte wusste nicht, ob man ihn närre, ob die Rede Ernst sei, er sank in
die Knie, und bat, in Demut und Wehmut aufgelöst, um Verzeihung. Er konnte immer
noch seine Fassung nicht wiederfinden. Er mochte nicht sagen, und wagte es am
wenigsten in der Gegenwart des Troilo, wen er eigentlich erwartet habe. Er
flehte nur, als man sich trennte, seine Verirrung und sein Missgeschick zu
verschweigen. Dies wurde ihm zugesagt, und Donna Isabella war auch froh, als sie
sich, von den Dienern des Hauses unerkannt, wieder im Freien befand. - Das
Abenteuer des Gesandten blieb aber nicht verschwiegen, und er musste Anspielungen
auf seine Sklavin hören, von der man in seiner Gegenwart wie von einer fremden
Schönheit sprach, die mit seltsamen Reizen ausgestattet sei. Isabella aber zog
sich seitdem ganz von ihm zurück, und er durfte sich nicht darüber beklagen.« -
-
    »Diese possierliche Begebenheit«, bemerkte die Matrone, »wenn sie nicht sehr
ausgeschmückt ist, belehrt uns wieder, wie es an Höfen und bei den Vornehmsten
ganz anders hergeht, als wir Geringeren es uns denken können.«
    »Es ist unbillig«, sagte Vittoria, »Menschen so zu kritisieren, als wenn sie
etwa ein Buch wären, aber ich muss gestehen, dass ich diese Donna Isabella gar
nicht begreife. Schön, verständig, witzig, unterrichtet - und doch die Zeit mit
so nüchternen Spässen hinbringen zu können. Fühlt sie denn nicht, dass, indem sie
den alten Gesandten dem Gelächter preisgibt, etwas, wenn noch so weniges, auf
sie selber von dieser Geringschätzung zurückfällt? Die edlen Naturen müssen am
meisten darüber wachen, wen sie zur Gesellschaft wählen; denn die zartesten,
höchsten, leiden am meisten vom schlechten Umgange: der Mittelmässige braucht
nicht so ängstlich zu sein, denn in seiner Unbedeutendheit schützt ihn eine
Waffe, die dem feinern Geiste mangelt.«
    »Sehr wahr«, sagte Don Giuseppe, »der flache Mensch kann durch den
Hochbegabten weder zur göttlichen Natur aufsteigen, noch durch den
Nichtsnützigen zum Bösewicht verwandelt werden. Je feiner, zarter die Natur, so
leichter ist sie der Verderbnis ausgesetzt.« -
    Man trennte sich, denn es war spät geworden. Indem Don Giuseppe von den
Damen, vorzüglich von Vittoria Abschied nahm, fühlten diese beiden wohl, in
welcher Bewegung sie waren. Er zögerte, sah Mutter und Tochter mit bedeutenden
Blicken an, und bat dann um die Erlaubnis, seine Besuche wiederholen zu dürfen.
Sie wurde ihm gern zugestanden, denn beide Frauen konnten es sich nicht
verhehlen, dass ihnen dieser fremde Mann sehr bedeutsam erschienen war, wenn sie
auch nichts Bestimmteres von ihm wussten.
    Caporale begleitete diesen noch; und als sie in die einsame Gegend des
Coliseums gekommen waren, stand der Fremde einen Augenblick still, fasste die
Hand des Dichters und sagte: »Wie sehr muss ich Euch danken, Vortrefflichster,
dass Ihr mich in diese Familie eingeführt habt, und wie glücklich seid Ihr zu
preisen dass Ihr sie schon seit Jahren, und als vertraute Freunde kennt. Um des
Himmels willen, wie ist diese Vittoria an diesen Mann, oder an dieses Männchen
geraten? Sie, die, wie ich meine, nur unter den Fürsten Italiens hätte wählen
dürfen. Dazwischen muss eine höchst sonderbare Geschichte liegen. Steht er nicht
neben ihr, wie ein gemaltes Püppchen, das nur da ist, um den Saal ausfüllen zu
helfen? Kann die Mutter wirklich viel von der Verwandtschaft mit dem Montalto
erwarten? Mag der Mann fromm und tüchtig sein, aber niemand achtet ihn; er wird
niemals einen grossen Einfluss erringen, dabei ist er alt und schwächlich.«
    Caporale antwortete nur obenhin, weil er die Geschichte der Familie einem
Fremden, den er nur noch so wenig kannte, nicht preisgeben wollte.
    »Die junge Frau«, fuhr Don Giuseppe fort, indem sie weitergingen, »ist ein
wahres Wunder zu nennen. Mir ist noch niemals in der Schönheit die wahre Hoheit
und Majestät des Weibes so erschienen. Wie sie spricht! Welcher Ton! Und welch
ein Labsal ist es, sie nur anzublicken! Diese purpurdunkeln Haare, die
rabenschwarzen Brauen, unter diesen, wie Goldstrahlen, die langen gebogenen
Augenwimpern! Kein Maler hat je in seiner schönsten Begeisterung so etwas
ersonnen. Und habt Ihr wohl das liebliche Rätsel bemerkt - oder, wie soll ich es
nennen? - dass in dem linken Augenlide fünf oder sechs dieser Goldfäden mangeln?
Schlägt sie nun das Auge nieder, oder blickt sie gar auf und sieht Euch an, so
ist, als wenn Amor plötzlich aus dem Goldsaum flöhe und unverhüllt sichtbar auf
dieser entblössten zarten Stelle des Auges dastünde. - Nicht wahr? für einen Mann
von Jahren schwärme ich noch so ganz leidlich? - Ich werde gewiss von dem
erhabnen Wesen träumen.« -
    Am andern Tage ging Caporale mit schwerem Herzen zu seinen Freunden. Die
junge Frau traf er im Garten, der, sehr verschieden von dem ehemaligen Gärtchen,
sich weit hinter der schönen Wohnung ausdehnte. Vittoria eilte auf ihn zu. -
»Nun?« rief sie ihm entgegen.
    »Ich begrüss Euch«, sagte der Poet.
    »Ich dachte«, antwortete sie schmerzlich, »Ihr hättet mir etwas Neues zu
hinterbringen, und etwas Gutes, oder wenigstens Wunderbares. - Ach! Freund! ich
habe die ganze Nacht nicht schlafen können, und wenn ich auf Augenblicke
einschlummerte, so standen die Bildnisse der alten Heroen vor meinen Augen. - So
habe ich doch wirklich einen wahren, wirklichen Mann gesehen.«
    »Im Traum also?« fragte Don Cesar.
    »Wie Ihr sprecht!« rief sie lebhaft; »gar nicht, wie ein Poet, sondern wie
ein Krämer, der alles mit der Elle ausmisst: Euern Don Giuseppe mein ich, oder
wie er sich nennen mag. Ich freue mich, ihn wiederzusehn, von ihm zu hören und
zu lernen, denn jedes Wort ist gewichtig, das von seinen Lippen fällt.«
    »Ihr seid begeistert«, erwiderte der Freund sehr ernst; »wäre der Mann noch
jung, aber er ist ohngefähr von meinem Alter so würde ich Wunder was von Euch
denken.«
    »Was Ihr wollt!« rief sie unwillig: »immer und ewig muss ich das alte,
abgedroschene Märchen von Jugend und Alter wieder hören. Wer ist denn jung? Ist
es denn etwa mein uraltes, längst gestorbenes Männchen, dieser Peretti, weil er
blonde Haare und rote Wangen hat? Alle sprechen immerdar von der
Unsterblichkeit, von der hohen Würde ihrer Seele, und geben dann doch dem
Kleide, dem rohen Überzuge den Vorzug. Jugend! ist sie nicht eine Einwohnerin
des Himmels und der seligen Gefilde? Lässt sie sich denn in trägen Gefühlen, in
albernen Gedanken beherbergen? - Ich kann es jetzt ahnen, wenn auch noch nicht
verstehn, was die Liebe zum Manne sein möchte. Und wenn mir diese Vision, die
Gotterscheinung nahe tritt - wer hat ein Recht, sie zurückzuhalten? Wer ist es,
der fordern darf, ich soll mich von dieser Weihe abwenden? Weshalb? Wem habe ich
es versprochen, mir, oder ihm, oder Gott, dass ich diesen kleinen Francesco
lieben will? Lieben! als hätte ich nur gewusst, was das Wort zu bedeuten habe.«
    »Armes Kind!« sagte Caporale, »jetzt muss ich selbst fürchten, die Vermutung,
die im Scherz neulich ausgesprochen wurde, sei eine richtige: dass ich Euch
nämlich einen alten Banditen ins Haus gebracht habe. Denkt nur, ich spreche heut
bei ihm vor - alles ist verschlossen - endlich, nach vielem Klopfen öffnet ein
altes Mütterchen. Er sei schon vor Sonnenaufgang abgereist, kein Mensch wisse,
wohin, keiner, ob, oder wenn er wiederkomme: das sei einmal so seine Art und
Liebhaberei. Keine Seele könne auch von seiner Hantierung Rechenschaft geben,
denn sooft er das Haus betreten, sei er so schweigsam, wie das Grab; auch dürfe
man ihn nicht viel fragen. Kurz, er ist ein Rätsel. Und wohin? Warum? Da er
Euch, wie er mir so lebhaft versicherte, heut abend wieder besuchen wollte? Da
er von Euch, Euren Gaben, Eurer Schönheit, so entzückt ist? Da er ebenso
schwärmerisch von Euch spricht, wie Ihr von ihm? Könnt Ihr Euch diese
Seltsamkeit erklären?«
    »Jetzt erst weiss ich«, sagte sie, »dass ich unglücklich bin, ich weiss es, bis
dahin träumte ich es nur.« - Sie lehnte das Haupt auf die Schulter des Alten und
weinte heftig - »Ihn nicht wiedersehen? Er sollte ein Verräter, ein Mörder sein?
- Meinetalb. Und wenn er mir entschwunden ist, wenn er dem Hochgerichte
angehört, wenn er ein Bettler ist, meine Seele ist auf ewig mit der seinigen
verkettet. - Versteht Ihr mich, Alter? Ihr, der dieselben Jahre, ebenso viele
Sommer hat kommen und schwinden sehn, wie er? - Ja, wenn Ihr nur auch vom Trank
der Unsterblichkeit gekostet hättet! - Aber Ihr seid nur ein eingefleischter
alter Mann, zähe und unwandelbar, aber dabei gut, wie ein Lamm. Ob Euch wohl
jemals das Lieben angewandelt ist? - Ihr seid bei alledem ein komischer Patron.«
    Sie warf die dunkeln Haare nach hinten, die ihr in das Gesicht gefallen
waren, stiess ihn gelinde zurück und lief laut lachend nach einer fernen, dunkeln
Laube, in welcher sie sich verbarg. Don Cesar stand wie betäubt, schüttelte das
Haupt und sagte halb verdriesslich, indem er den Garten verliess: »Es ist eine
unangenehme Sache, der Vertraute von Personen zu sein, die über der Linie der
gewöhnlichen Menschen stehen.«
 
                                Zweites Kapitel
Don Giuseppe, der am Abend erfahren hatte, dass Malespina am folgenden Morgen
wieder nach Florenz zurückreisen würde, hatte, da ihm ein plötzliches Geschäft
zugekommen war, sich schnell entschlossen, mit diesem unterrichteten Manne die
Reise gemeinschaftlich zu machen. Noch in der Nacht war die Abrede genommen
worden, und sie waren schon früh, vor Anbruch des Tages ausserhalb der Tore Roms.
    Der gesprächige Malespina beantwortete gern, soweit er konnte oder durfte,
alle Fragen des wissbegierigen Lombarden und sagte unter anderm: »Es ist gewiss
und augenscheinlich, dass unsre Zeit so vieles an das Licht bringt und zur
Wirklichkeit macht, was ganz die Gestalt hat, wie es jene Märchen liebende
Poeten erzählen. Darum darf man sich auch nicht wundern, wenn vieles, das auf
die Dauer bestehen sollte, sich ebenso schnell entwickelt und plötzlich
beschliesst, wie es unerwartet aufgetreten war. Wie arm und hülfsbedürftig kam
diese jetzt allmächtige, kluge Bianca Capello mit dem jungen armseligen Gatten
flüchtig von Venedig. Der junge Prinz Francesco sah sie; bald war sie seine
Geliebte: so schlau und verständig ist dieses schöne Wesen, dass er jetzt nach
dreizehn Jahren noch ebenso leidenschaftlich ihr ergeben ist, wie in den ersten
Wochen. Wir alle sind überzeugt, dass, wenn etwa seine Gemahlin sterben sollte,
er Bianca zur Grossherzogin erheben würde. Als der vorige Mann der Bianca sich
durch Übermut allen verhasst gemacht hatte, ward er ermordet und niemand beklagte
ihn. Überhaupt, so gern unser Fürst streng sein möchte, haben die Meuchelmorde
in der Stadt wie in der Provinz ausserordentlich zugenommen, denn es scheint den
Mächtigen immer das kürzeste, den Gegner, der Verdruss und Verwicklung erregt,
aus dem Wege zu räumen.«
    Die beiden Männer konnten sich in ihrem Fuhrwerk so frei und ungestört
unterhalten, weil Giuseppe keinen Diener bei sich hatte und der Florentiner
seinen Wagen von einem halbtauben Menschen lenken liess, der nur seine Pferde
beachtete.
    »In Eurer Erzählung gestern«, fing Don Giuseppe an, »ist mir manches unklar
geblieben, und ich zweifle selbst, ob sich alles so habe zutragen können, und
doch scheint Ihr sehr unterrichtet, ja Ihr waret bei jenen läppischen Spielen am
Hofe wohl selber zugegen.«
    »Gewiss«, erwiderte jener. »Aber, mein Freund, wenn Ihr niemals an Höfen
gelebt habt, so wisst Ihr auch nicht, was Übersättigung und Langeweile alles
erzeugen können. Wieviel Aufwand, übertriebene Pracht, Gold in Haufen
weggeworfen, übermässige Belohnung der Künstler und Gewerbe bei Hochzeiten - und
daneben unwürdige Knickerei und Geiz. Die edelsten Geister unserer Zeit so oft
in Tätigkeit, das Vollendete, Grosse hervorzubringen, wovon unsere Nachkommen
noch mit Bewunderung sprechen können; - und unmittelbar darauf solche Spiele und
Spässe, welche ihr eben läppisch genannt habt. Der Grossherzog sieht seine
kränkelnde Gemahlin nur selten, er wünscht sich männliche Erben, damit sein
Reich nicht an seine Brüder falle: der Kardinal Ferdinand ist ein vortrefflicher
Mann, fein, gewandt und edel, aber der Grossherzog betrachtet ihn natürlich mit
Neid und Eifersucht. Der jüngste, Don Pietro, der viel in Spanien gelebt, und
mit einer Spanierin aus dem Hause Toledo vermählt ist - was soll man von diesem
sagen? diesem wilden ausschweifenden Mann, den Krankheiten ausgehöhlt haben, der
in seiner Wut kaum einem Menschen gleicht - er wird gefürchtet und gehasst, und
setzt ebendadurch alles in Schrecken, er herrscht dadurch, dass er es gar kein
Hehl hat, wie er keine Rücksichten kenne und sich alles für erlaubt halte.« -
    »Da Ihr Euch so gerne mitteilt, Don Celio, so erlaubt mir noch einige
Fragen, und löst mir einige Zweifel auf, die Eure Erzählung von jenem
lächerlichen Gesandten aus Ferrara mir erregt hat«, sagte Don Giuseppe. »Jener
Troilo von Orsini, den Ihr nanntet und als einen schönen jungen Herrn
beschriebet, muss mit der Herzogin von Bracciano, jener Isabella, auf einem sehr
vertrauten Fusse leben, ich möchte das Verhältnis verdächtig nennen, da er so
ganz keine Rücksicht auf ihren Stand und Ruf zu nehmen scheint, dass er sie zu
diesen nächtlichen Spaziergängen und Verkleidungen missbrauchen darf.«
    »Mein geehrter Herr«, sagte Celio, »Ihr nehmt diese Verhältnisse zu streng
und feierlich. Wie die arme Grossherzogin, die doch eigentlich in keiner wahren
Ehe lebt, sich oft in Langeweile, Verdruss und Eifersucht verzehrt, und sich
daher gern in zuweilen schlechten Spässen ergeht und erheitert, so ist es auch
auf ähnliche Weise mit Donna Isabella beschaffen. Ihr Gemahl, der Herzog von
Bracciano, ist ein tapfrer Herr, ein Mann in hundert Rücksichten ausgezeichnet,
aber der Liebe mag er wohl nicht fähig sein. Seine Bravour hat sich früh im
Dienst der Republik Venedig erwiesen, er ist schon etlichemal leidenschaftlicher
Soldat gewesen, noch vor drei oder vier Jahren hat er sich im Kampf gegen den
Türken vielen Ruhm erworben, und schon vor zwölf Jahren ging er von Venedig aus
zur See: aber die arme Gemahlin hat ihn nur noch wenig gesehn.«
    »Ihr kennt den Mann nicht persönlich?« fragte der Fremde.
    »Nein«, antwortete Celio, »denn er hat sich schon seit Jahren nicht in
Florenz gezeigt; aber alle, die von ihm sprechen, achten ihn hoch, wegen seiner
männlichen Tugenden; aber sie fürchten ihn auch, denn er ist barsch und
unerbittlich, wenn er erzürnt ist; selbst der Grossherzog hat eine gewisse Scheu
vor ihm. Nun geht er seiner Laune nach, lebt bald hier, bald dort, und hält in
Rom ein prächtiges grosses Haus, wo es ihm sein grosses Einkommen erlaubt, die
Kardinäle und andere Fürsten zu überglänzen. Dann ist er wieder auf Reisen,
unterstützt die armen Anverwandten und bändigt diejenigen, die sich zu trotzig
erweisen. Aber die arme Isabella! Er soll sie nur aus politischer Rücksicht
geehlicht und niemals geliebt haben. Nun hat sich dieser leichtfertige Ton am
Hofe eingeführt, der einem Fremden auffallen könnte, welcher aber nur sehr
selten ärgerliche Geschichten oder Verhältnisse hervorruft. Und so steht Donna
Isabella auch ganz rein und unbescholten da. Aber die Langeweile, das einsame
Leben, ein unbefriedigtes Dasein führen sie dahin, vielleicht mit zu grossem
Ernst diese läppischen Spässe zu verfolgen.«
    »Hat sie Kinder?«
    »Nur einen Sohn und eine Tochter, den Virginio, der noch unmündig ist, und
den sie wie ihre Virginia liebt. Sie hat sich sehr jung, fast noch selbst als
ein Kind verheiratet.«
    »Wie ist es nur möglich«, begann der Fragende wieder, »da dieser Troilo doch
immer ihren Verehrer und Liebhaber vorstellt, dass er den Mut hat, eine so hohe
Dame mit seiner besoldeten Geliebten bekannt zu machen, dass er es wagt, sie
zusammenzubringen: was muss Donna Isabella von ihm denken? Wie ihn ansehen, wenn
sie ihn etwa lieben sollte? Und woher diese ganz unbegreifliche Vertraulichkeit,
wenn ihr Verhältnis kein unerlaubtes ist? Seht, das ist ein Rätsel, welches ich
mir gar nicht auflösen kann.«
    »Weil Ihr die Höfe nicht kennt!« rief Celio lachend; »weil Ihr alle diese
Stümpereien und Kleinigkeiten aus einem zu moralischen Gesichtspunkte anseht!
Dass der junge Graf seine Liebschaft der Herzogin anvertraut, ist ja der
sicherste Beweis, dass beide nur Scherz und Zeitvertreib suchen: denn ausserdem
würde sie doch wohl eifersüchtig sein und ihn nach einer solchen Eröffnung von
sich entfernen. Wenn der regierende Herr, wie es bei uns der Fall ist,
öffentlich in einem Verhältnisse lebt, das nicht ganz den Gesetzen gemäss ist, so
ahmt die Umgebung ihn nach und übertreibe und überbietet jene Ungebundenheit.
Darum ist er auch schon einigemal mit Zorn und Bestrafung hart, ja grausam
dazwischengefahren. Jedoch, um ein Beispiel zu geben und abzuschrecken,
vergeblich.«
    »Und sich als Mann zu verkleiden!« fing Don Giuseppe wieder an: »so in
finsterer Nacht mit dem jungen Manne allein auszuwandern! Im Stall mit einem
Diener und einer Sklavin zu verweilen.«
    »Überlegt doch nur«, sagte Celio halb unwillig, »dass es nur auf diese Art
möglich war, den ganzen Spass durchzuführen. Die Diener des Gesandten durften sie
doch nicht als Donna Isabella erkennen: ein langer Mantel verhüllte sie ganz,
sie gab sich nachher nur dem Gesandten zu erkennen, um diesen recht zu
beschämen.«
    »Nun meinetalb«, sagte Don Giuseppe: »was geht mich auch die ganze
widerwärtige Geschichte an? Aber ein Verwandter der Dame dürfte es doch höchst
anstössig finden, dass sie mit dem jungen Menschen, wenn er auch ihr weitläuftiger
Vetter ist, auf der Strasse und unten im Hause so lange im Finstern verweilt:
dann wieder im Schlafgemach im Dunkeln, jener unzüchtigen Szene ganz nahe. Alles
das setzt in der Dame einen Leichtsinn voraus, den meine Einbildung mit
weiblicher Tugend durchaus nicht zu reimen weiss.«
    »Hab ich je einen so schwerfälligen hartnäckigen Mann gesehn!« rief Celio
aus: »gut, dass Ihr es nicht nötig habt, an Höfen zu leben. Ihr gemahnt mich fast
wie der ehrbare Sperone, der sich in Rom hauptsächlich dadurch bei den Vornehmen
verhasst machte, dass er in jeder Gesellschaft in seinem selbsterfundenen langen
Professorhabit erschien, der ihm so ehrwürdig auf die Füsse reicht, und hinten
nachschleppt, ein Talar, wie ihn weder ein Professor noch ein Philosoph jemals
in Italien getragen hat; am wenigsten in vornehmer Gesellschaft. - Die Gemahlin
des Prinzen Pietro, diese ist es, die ein öffentliches Ärgernis erregt. Sie
nimmt gar keine Rücksicht, hoch und niedrig, alles ist ihr gleich willkommen:
und dabei bemüht sie sich nicht einmal, ihre Schande und Ausschweifung den Augen
der Welt zu entziehn. Freilich ist ihr Gemahl noch schlimmer und ruchloser, der
mir dem allerniedrigsten Pöbel verkehrt, in den schmutzigsten Kneipen sich
schimpfliche Krankheiten auflieset, aller Welt schuldig ist, weder Treue noch
Glauben kennt, und ihr, der Verlornen mit einem gottlosen Beispiel vorangegangen
ist. Über das ruchlose Leben der beiden ist selbst der Grossherzog empört: nur
hegt er, so stark und stolz er ist, doch vor dem Bruder eine gewisse Scheu: und
sie verlacht in Leichtsinn und Frechheit jede Ermahnung. Man hat mir immer
gesagt, dass wenn die züchtigen, eingezogenen Spanierinnen einmal den Zwang
abgeworfen haben, sie viel wilder und unzüchtiger als unsre Landsmänninnen sein
sollen. Der Fürst selbst hat den Bruder der Frau ermahnt, ihr Zaum und Gebiss
anzulegen: es ist ihm selbst befohlen worden, an den Vater der Ausgelassenen zu
schreiben, damit dieser von Neapel herüberkomme, um sie zu züchtigen, und das
Ärgernis wenigstens zu mildern, wenn er es nicht ganz aufheben kann. Man ist nun
gespannt, ob es zur Scheidung kommen oder ob man sie in ein Kloster verstossen
wird. Vielleicht, dass der Gemahl sie auch so tief verachtet, dass er sich um
ihren Lebenslauf nicht mehr kümmert.« -
    So, unter mancherlei Gesprächen verging den Reisenden die Zeit. Celio
Malespina wusste vielerlei von Gelehrten sowohl, wie von Staatsmännern. Was er
auf seinen Reisen gesehn und erlebt, hatte sich seinem Gedächtnis gut
eingeprägt, und er wusste auch kleine, unbedeutende Begebenheiten gut
vorzutragen, weil er ihnen eine frische, lebendige Färbung gab, so dass die
Figuren und Sachen den Hörenden vor Augen standen.
    Don Giuseppe war sehr abwechselnd in seinen Launen: bald heiter, bald wieder
sehr ernst, ja finster. Wenn ihn Malespina befragte, antwortete er nur: einige
Verlegenheit in seinem Kaufmannsgeschäft, das er dort in Mailand ordnen müsse,
mache ihn nachdenklich, wenn er sich den Verdruss denke, der ihn dort erwartete.
    Sie hielten sich unterwegs nirgend auf, weder in Bologna noch Siena. Oft, in
der Zeit, wenn die Pferde der Ruhe bedurften, ging Don Giuseppe durch die Stadt,
oder über Feld, seinen Reisegefährten nicht beachtend: ein andermal war er
wieder sehr freundlich und liess sich kostbaren Wein und herrliche Früchte
nachtragen, die er selbst eingekauft hatte, und in Fröhlichkeit mit seinem
redseligen Reisegefährten teilte.
    Als sie in die Nähe von Florenz gekommen waren, verweilte Giuseppe in einem
Borgo, der nur noch wenige Miglien von der grossen Stadt enfernt lag. Er sagte zu
Celio: »Hier, mein teurer Gesellschafter, muss ich mich von Euch trennen: liegt
der Ort Eurer Bestimmung doch ganz nahe vor Euch, wo wir ja doch voneinander
scheiden müssten. Ich werde hier noch im Gebirge einen alten Ohm besuchen, den
ich, wenn ich ihn jetzt versäumte, vielleicht niemals wiedersehen würde.« -
Jetzt erhob sich, indem sie freundlich Abschied nehmen wollten, ein Streit der
Höflichkeit, denn der Mailänder wollte dem Florentiner die ausgelegten
Reisekosten so reichlich vergüten, dass er sie dadurch wohl ganz allein bezahlte.
Malespina weigerte sich, der Lombarde aber war so dringend, empfindlich, ja halb
befehlerisch, dass Celio endlich nachgeben musste. -»Ich bin reich«, sagte der
Lombarde, »wenn mein Geschäft dort nicht ganz verunglückt, gewiss viel reicher
als Ihr. Ich habe es wohl gemerkt, dass Ihr einigemal meinetwegen auf der Reise
zögertet, dass Ihr hie und da, meiner Person zu gefallen, mehr aufgehen liesset,
als wenn Ihr allein gewesen wäret, und so dürft Ihr meinetwegen keinen Schaden
leiden, denn Ihr seid noch ein junger Hofmann, und Euer Glück noch keineswegs
entschieden.«
    »Alter Herr«, sagte Celio empfindlich, »ich habe Euch mehr als einmal daran
erinnert, dass Ihr von Höfen nichts wisst. Es ist auch ganz natürlich; denn wenn
der reiche Kaufmann auch einmal mit den Herrschaften in Berührung kommt, so kann
er immer nur ihre ganz oberflächliche Aussenseite gewahr werden, die doch immer
nur eine Maske sein muss.«
    »Ihr habt nicht unrecht«, erwiderte jener, »und doch möchte ich, als der
ältere Mann, Euch, dem jüngern, noch zum Abschied einen Rat geben, der weit mehr
wert ist, als jene unbedeutende Summe, über welche wir so unnötig gestritten
haben.«
    »Und der wäre?« -
    »Sprecht, da Ihr ein Hofmann sein wollt, weniger, erzählt das was Ihr glaubt
gesehn und erlebt zu haben, nicht andern, am wenigsten Fremden.«
    »Alter Herr«, rief Celio verdriesslich, »ich sollte Euch für Euern
gutmeinenden Rat danken, und doch weiss ich es nicht anzufangen. Ich bin der
Sekretär der Chiffer bei meinem gnädigsten Herrn, und ich verdiente gehängt zu
werden, wenn ich auch nur das allerkleinste Geheimnis, ja nur eine Nachricht,
die mir beim Dechiffrieren früher als jedem andern zukommt, verraten, oder
ausplaudern wollte; auch die gleichgültigste. Was ich Euch gesagt habe, und dort
in Rom gesprochen, erzählen sich die Kinder auf den Gassen.«
    »Wenn gleich«, erwiderte der Ältere: »man gäbe oft viel darum, auch ein
gleichgültiges Wort wieder zurücknehmen zu können. Nur allzuleicht kommt man
durch diese Redseligkeit in eine gewisse Abhängigkeit von Menschen, mit denen
man lieber nichts zu tun haben möchte; mindestens erzeugt es mit Unbekannten
oder Fremden eine gewisse Art von Vertraulichkeit, die uns auch drückend werden
kann. Wen man als Redseligen kennt, dem kann der kluge Verleumder auch leicht
etwas anheften, und von ihm das glaubwürdig machen, was er niemals gesprochen
hat.«
    So trennten sie sich, beide verstimmt.
 
                                Drittes Kapitel
Es war im Beginne des Julius, welcher in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze
eintrat. In Italien ist es schon oft bemerkt worden, dass in diesen heissen
Monaten die meisten Untaten und Verbrechen geschehn. Im Norden will man
wahrgenommen haben, dass auch bei anhaltender übermässiger Kälte das Gemüt des
Menschen sich verhärtet, und der Grausamkeit zugänglicher ist, als bei milderem
Wetter. - In dem schönen Florenz sah man in allen Häusern und Palästen die
Vorkehrung, sich eine anmutige Frische und Kühlung zu verschaffen, viele der
reichen Familien bezogen ihre höher liegenden Schlösser im Gebirge, und auch der
Hof hatte schon beschlossen, einige der angenehmen Paläste auf dem Lande zu
besuchen.
    In seinem Palast war der Grossherzog Francesco mit Arbeiten beschäftigt. Noch
nicht weit in Jahren, fing er doch schon an, stark zu werden. Der Ausdruck
seines Gesichtes war milde und freundlich, sein Auge verständig und leuchtend,
er affektierte aber gern einen starren, abschreckenden Ernst, wie er in Spanien,
wo er lange gelebt hatte, vom Könige und den Ersten des Reiches gesehn hatte,
die er sich gern zum Muster nahm, wodurch er seinen italienischen Dienern und
Untertanen oft unbequem wurde. Sein Sekretär Malespina stand vor ihm, mit dem er
zufrieden schien, indem er wohlgefällig dessen Berichte aus Rom anhörte. Es war
ihm nicht unwillkommen, alle die Kleinigkeiten zu erfahren, die ihm sein
Geheimschreiber von seinem Bruder, dem Kardinal, mitteilen konnte. Mit
Schadenfreude hörte er einige Anekdoten aus dessem Privatleben an, und von den
kleinen Blössen, die sich doch auch im Eifer oder Nachlässigkeit der Mann gibt,
der sich am meisten bewacht.
    Ein Kammerherr trat ein und meldete den Herzog Orsini von Bracciano.
Francesco erschrak sichtlich und sprach halblaut mit dem Ausdruck des tiefsten
Verdrusses im Gesicht: »Bracciano? Wo kommt der ungestüme Mann her? Was will er
in Florenz? Das ist ja so plötzlich und unvermutet, wie ein Donnerschlag aus
heiterm Himmel.«
    Er winkte dem Edelmann, dieser ging hinaus, die Flügeltüren wurden geöffnet,
und in seinem glänzenden Kleide trat der grosse starke Fürst mit königlichem
Anstande herein. Mit einem von Freude strahlenden Gesicht ging ihm Francesco bis
zur Tür entgegen und umarmte ihn herzlich. Der Sekretär aber riss gross die Augen
auf und glaubte, der Palast müsse mit ihm versinken, denn dieser eintretende
Herzog Bracciano war niemand anders, als jener Don Giuseppe, sein Reisegefährte
von Rom her. Indem der Grossherzog den Fürsten Bracciano zum Lehnsessel führte
entfernte sich Malespina blass und bestürzt, ohne dass Paul Giordano die mindeste
Kenntnis von ihm nahm, als wenn er ihn schon gesehen hätte. Der Sekretär
begriff, dass es klüger sei, von jenem Abend zu Rom und der Reise hierher mit
diesem vornehmen Begleiter zu keinem Menschen ein Wort verlauten zu lassen.
    Nach kurzer Zeit trat auch der jüngste Bruder des Herzogs, Don Pietro, der
wilde, herein. Blass und abgezehrt, wie er war, so ein irres Feuer auch aus
seinem unstät rollenden Auge blitzte, so erkannte man doch die edle Grundgestalt
der Medicäer in seinem Angesicht. Er war heftig aufgeregt, und sprach von der
Schande seines Hauses, er schalt auf die Familie, dass weder Vater noch Bruder
sich herbeibemühen wollten, ein Weib, das so öffentliches Ärgernis gebe, zu
bestrafen. »Und was soll nun geschehn?« rief er mit zorniger Gebärde. »Denn ich
dulde diesen Schandfleck unseres Hauses nicht länger.«
    Bracciano sprach von Scheidung, und die Verirrte in ein einsames Kloster zu
verbannen. »Um noch mehr Aufsehn zu erregen?« fragte der Prinz, indem er mit dem
Fuss heftig auf den Boden stampfte. »Eins ist kürzer und sicherer, ohne Gerichte
und Priester zu bemühen.«
    »Was sinnst du?« fragte der Herzog.
    »Hast du so lange in Spanien gelebt«, antwortete jener, »und kannst noch
zweifeln? Nur bei der Wahrscheinlichkeit, nicht einmal beim Beweise, dass der
Mann vom Weibe beschimpft sei, zeigte sich dort der stets fertige Dolch.«
    »Mein Prinz«, sagte Bracciano, »überlegt kühl und ruhig bevor Ihr zum
Äussersten schreitet. Diese Eleonora ist schön und klug, Ihr habt sie vormals
geliebt, erspart Euch, ihr und der Welt das Traurige. Gebt der Verleumdung und
der Tadelsucht nicht von neuem Gelegenheit, Euer erlauchtes Haus zu
verunglimpfen, in welchem das Schicksal schon so oft mit blutigem Finger die
glänzenden Blätter seiner Geschichte bezeichnet hat.«
    Als der Grossherzog in demselben Sinne sprach und Mässigung anriet, rief Don
Pietro im höchsten Unwillen: »Was kann der ältere Bracciano von dem wissen und
fühlen, was in meinem jugendlichen Herzen tobt? Sei er doch mässig, gelinde und
phlegmatisch: unsre witzige, übermütige Schwester wird sich so mehr ihres
häuslichen Glückes, oder ihrer Ungebundenheit erfreuen können. Ihr, Herr Herzog,
seid jahrelang abwesend, Ihr seid im Grunde von Eurer Frau geschieden, Ihr denkt
und handelt wie ein Italiener, Ihr seid auf jenem Ehrenpunkte nicht so
empfindlich: auch gibt Euch die Schwester keine Veranlassung zur Wut und Rache.
Und mein fürstlicher Bruder! Er weiss sich doch auch immer auf eine kurze Art
Ruhe zu schaffen, wenn ihm jemand im Wege steht. So wenig Ihr, mein gebietender
Herr und Bruder, Euch auch um Eure Gemahlin kümmert, so würdet Ihr doch gewiss,
wenn ihre Schande so offenbar wäre, dieselbe Bahn betreten, die ich im Sinne
habe. Und das ist auch das grösste Vorrecht unsers Standes, dass wir nicht, wie
die kümmerlichen Menschen dunkler Geschlechter nach Form und Recht zu fragen
brauchen. Lassen wir uns mit diesen ein, so wird der geborne Fürst immer in
Nachteil geraten; denn die kleine bürgerliche Schadenfreude und der Neid zwacken
an seinem klaren Recht dann so hin und her, dass er auch das Notwendigste endlich
nur mit Verdruss und Demütigung erlangt.«
    Der Grossherzog schien durch sein Stillschweigen diese Aussprüche zu
billigen. Das Gespräch nahm eine andere Wendung und Don Pietro entfernte sich.
Der Grossherzog sah ihm sinnend nach und schien innerlich zu erwägen, wieviel
Gewalttätiges sich schon im Hause der Medicäer ereignet habe, wieviel er selbst
veranlasst und wieviel Tragisches noch im Schoss der Zukunft schlummern möge.
    Bracciano beurlaubte sich, indem er sagte: dass es seine Absicht sei, einmal
auf seinen Jagdschlössern hier sich zu ergötzen, sich mit der liebenswürdigen
Gattin, die er zu sehr vernachlässiget habe, völlig auszusöhnen, sich der
Erziehung seines Sohnes zu widmen, und durchaus den Hausvater zu spielen: einen
Zustand und Charakter, den er in seinem bewegten Leben fast noch gar nicht habe
kennen lernen. Der Grossherzog lächelte freundlich aber zweideutig, als wenn er
alle diese Reden in einem andern Sinne verstände. Bracciano entfernte sich, um
in seinem Palaste die nötigen Befehle zu geben, weil er auf seinem Schloss im
Gebirge eine grosse Jagdlust veranstalten wollte.
    Don Pietro reisete auch mit seiner Gemahlin und wenigem Gefolge ab. Donna
Isabella empfing ihren Gemahl Bracciano mit einiger Verlegenheit, da sie ihn
seit Jahren nicht gesehn hatte. Sie verwunderte sich noch mehr über seine
freundliche Vertraulichkeit, die sie auch in früheren, besseren Zeiten an ihm
vermisst hatte. »Ja«, sagte er, »ich will einmal diesen Sommer ganz mir und
meinem Genius leben; mein schönes Jagdrevier in Cerreto habe ich seit zu lange
vernachlässigt, auch du siehst dich gern zu Pferde im frischen kühlen Walde und
scheust dich, wahre Heldin, nicht vor dem wilden Eber. Diese schönen Tage sollen
uns ungestört von lästiger Gesellschaft dahinfliessen: nur wenige Freunde werden
uns besuchen und nur Jagdgenossen. Ich begreife selbst nicht, warum ich meine
Schlösser hier nicht schon mehr ausgebaut, und bequemer eingerichtet habe: geht
mir doch mein Schwager, der Grossherzog, mit so trefflichem Beispiel voran. Er
kann auch freilich bequemer die grossen Summen in seinem Pratolino aufwenden, als
ich es vermöchte.«
    Die Herzogin Isabella befand sich wie in einer neuen Welt Auf diese Rückkehr
ihres Gemahls hatte sie niemals rechnen können: ihre ganze Lebensweise musste
durch dieses unerwartete Ereignis eine andere Einrichtung gewinnen. Sie glaubte
den Gemahl und seine Eigenheiten zu kennen, und doch erschien er ihr jetzt in
einem ganz neuen Lichte, als wenn sie gewissermassen jetzt zuerst seine
Bekanntschaft machte. Sie ward ängstlich, und wollte sich doch ihre Angst, als
eine grundlose, ableugnen.
    So begab sie sich in den Palast, um von dem Grossherzog ihrem Bruder Abschied
zu nehmen. Sie fand ihn allein in seinem Arbeitszimmer. Er war still und
nachdenkend. Die schöne Frau die fast grösser war, als der Bruder, umarmte diesen
mit Herzlichkeit und empfahl sich seinem Wohlwollen und Schutze. Er antwortete
nur wenig, und sie zögerte noch zu gehen, und wusste selbst nicht, weshalb sie
zauderte. »Du siehst krank, mein geliebter Bruder«, sagte sie endlich, »blass und
ermüdet.« -»Ich wollte von dir das nämliche bemerken«, antwortete er, »du
scheinst aufgeregt und eine fieberhafte Röte brennt auf deinen Wangen.«
    »Werden wir uns fröhlich und gesund wiedersehn?« fragte sie fast weinend im
Ton. Sie erschrak vor dem stechenden Blick den sie aus seinem Auge empfing, doch
verschwand dieser scharfe Glanz plötzlich und wich einer sanften Zärtlichkeit in
seinem Auge, indem er ihr die Hand drückte und sie zur Tür geleitete.
    Sowie sie über die Schwelle schreiten wollte, umarmte sie der Bruder noch
einmal mit ungewöhnlicher Heftigkeit, er drückte sie lange an sich, indem er
zitterte und entliess sie dann mit dem Ausdruck tiefster Wehmut. Ausserhalb dem
Vorhang der Tür, dünkte es ihr, als höre sie den starken, kalten und
verschlossenen Bruder weinen, und sie wollte schon wieder umkehren, aber die
Kammerherren und Hofdamen, die sie feierlich umringten, um sie nach den
entfernten Gemächern der Grossherzogin zu führen, verhinderten sie daran.
    Sie traf die kränkelnde Fürstin blass und erschöpft auf ihrem Ruhebette
liegen. »Ich habe schon erfahren«, sagte diese, »wie glücklich du bist, dass du
dich mit deinem Gemahl wieder versöhnt hast, du Beneidenswerte. Nur mich
verfolgt das Elend in allen Gestalten, und es ist sehr wahrscheinlich, dass ich
euch bald verlasse: bin ich doch auch mir und allen Menschen nur zur Last.«
    In der Bewegung, in welcher die Herzogin sich befand, küsste sie feurig die
Hände der kranken Fürstin. »Du bist gut, geliebte Schwester«, sagte diese; »so
wild und leichtsinnig du auch manchmal sein kannst, du liebst mich, ich habe es
immer gefühlt, wenn du auch mit jener da, die ich nicht nennen mag, auf einem zu
vertrauten Fusse lebst - wohl deinem Bruder zu gefallen mehr, als weil du sie
wahrhaft achten könntest. - Verscherze nun nicht wieder die Liebe und Achtung
deines Gemahls; er hat grosse Eigenschaften, er ist grossmütig bis zur
Verschwendung, tapfer, ein Edelmann und Fürst in jeder Ader, dabei nicht
jähzornig und rachsüchtig, wie es so viele der Unsrigen hier sind.«
    Von der Fürstin begab sich Isabella zu Bianca. Sie traf sie in ihrem
Ankleidezimmer, beschäftigt, Putz, Kleider und Schmuck zum heutigen Feste
auszuwählen. »O Törin!« rief ihr Bianca entgegen, »dass du jetzt schon reisest,
und nicht das heutige Fest noch abwarten willst. Sieh mich einmal an, ich habe
heut zum erstenmal die neue Schminke versucht, die mir der Doktor empfohlen hat:
sie ist etwas zu rot, hebt aber dadurch freilich das Feuer der Augen noch mehr
hervor. Mein kleiner Francesco ist entzückt von dieser Erfindung. Nicht wahr, er
fängt an, recht dick zu werden? Aber es kleidet ihn nicht übel; doch ein anderer
Mann, wie der Kardinal Ferdinand, der kalte, abgemessene Mensch, der lauersame.
Denke! - unser, oder dein Troilos ist verschwunden; er soll wo draussen auf dem
Lande krank liegen aber kein Mensch kann sagen, wo. Ich hatte schon so sicher
auf ihn gerechnet, dass er mit seinen Spässen unser heutiges Fest beleben sollte.
- Hüte du dich nur etwas vor deinem Bracciano: er war hier bei mir und er
gefällt mir gar nicht. Er hat sich in den Jahren, dass ich ihn nicht gesehen
habe, recht verändert. So herrisch, gebietend, sich so breit machend: und in
seinem hoffärtigen Auge so eine Art Verachtung, selbst gegen mich, als wenn er
Kaiser wäre und ihm die Welt gehörte. Diese tückischen, bösartigen Männer, die
sich selber alles erlauben, und uns armen Weibern dann die kleinsten Schwächen
vorrücken wollen! Hast du gehört, wie Pietro, der ungezogene Mensch, gegen seine
Frau gewütet hat? Es ist wahr, sie ist etwas zu weit gegangen, die Tolldreiste,
und wir alle haben ja auch deswegen jeden Umgang mit ihr abbrechen müssen; aber
wer ist er denn, der ausschweifendste aller Menschen? darf er die Tugend
predigen wollen?«
    So ergoss sich das herzlose Geschwätz noch eine Weile, dann nahm sie mit
gleichgültiger Freundlichkeit von Isabellen Abschied und sagte beim Scheiden:
»Ich weiss es, liebe Herzogin, du bist immer meine wahre Freundin gewesen; du
hast mir auch immer das Wort geredet, wo es die Gelegenheit gab, oder es
notwendig war; das werde ich dir niemals vergessen, und es findet sich gewiss
eine Zeit und Veranlassung, wo ich dir vergelten und dir auch hülfreich sein
kann.« - Sie hüpfte fort, weil eine Schneiderin sie im nächsten Zimmer
erwartete.
    Isabella konnte die verschiedenen Betrachtungen nicht loswerden, die sich
ihr wider Willen aufdrängten. Wodurch übte diese Capello, die ihr heute fast
hässlich erschienen war, diese unbeschreibliche Gewalt, diese alles vermögende,
über den Bruder aus? Der Grossherzog war klug, nicht so fest, wie Cosimo, sein
Vater, aber in seinen Angelegenheiten ein starker, unbeugsamer Mann; er war
unterrichtet, fein, stolz, er hielt auf seine Würde, und suchte seinen Hof
prächtig und bewundert zu machen. Es überschlich sie der peinigende Argwohn, dass
sie doch auch in mancher Hinsicht dieser Bianca ähnlich sein möchte und dass der
stolze, durchaus männliche Bracciano sie dann nicht ganz ohne Grund habe
verachten dürfen.
    Sie reiseten ab. Der Herzog nahm nur seine Jäger und vertrauten Diener mit;
sie einige Kammerfrauen und die alte Amme des Hauses, denn man wollte draussen im
Waldschlosse recht einsam und behaglich leben. Es war die Laune des Herzogs, dass
er zuzeiten alle Etikette und die Zeichen seines Standes von sich entfernte, und
dann wieder plötzlich die glänzendste Pracht entfaltete. So wenig konnte er den
Zwang der Regel dulden, dass alles dies oft ohne alle Vorbereitung geschah, was
die Umgebung wie die Dienerschaft zuweilen in die grösste Verlegenheit versetzte.
    Wie mit Feierlichkeit empfingen sie in der Wildnis das einsame Schloss und
die Diener und Beamten, die dort zur Aufsicht angestellt waren. Als sich
Isabella in ihren Zimmern befand, und aus ihren Fenstern die Aussicht auf den
Wald und die grünen Hügel betrachtete, sagte sie zu sich: Was ist es nur, dass
mir hier aus Bäumen, Wänden und Felsen diese Schauer rieselnd entgegenquellen?
Ich war schon sonst hier, aber damals erfreute mich diese Einsamkeit, die jetzt
quälend auf mich drückt.
    Sie ritten in den Wald hinein, und der Herzog schien in dieser frischen
Natur, die er schon als Knabe geliebt hatte, wie verjüngt. Er scherzte über den
sichtbaren Missmut seiner Gemahlin: ihn ergötzte der kühle Schatten, ihn
erquickte das Blasen der Waldhörner, die er von seinem Jägermeister in gewissen
Entfernungen hatte aufstellen lassen. »So phantasiert es sich lieblich«, sagte
er: »alle wunderlichen Gestalten des Ariost und Bojardo begegnen uns hier; man
sieht eine poetische Vorzeit durch die Dämmerung wandeln und geistig schwanken.
Nicht wahr, hier müsste es einem Dichter recht wohnlich sein?«
    Sie stiegen ab an einer anmutigen Stelle, wo ein kleiner Brunnen, den der
Herzog im Walde erschaffen hatte, durch sein rieselndes Geschwätz zur Ruhe
einlud. Man genoss hier nur Wein und Bracciano fuhr phantasierend fort: »Hier
gemahnst du mich in deinem Jagdkleide, dem grünen Hut und deiner Schönheit, wie
die Königin Ginevra, die etwa hier an diesem Zauberbrunnen nach ihrem Lancelot
ausschaut. Es fehlen nur die Frühlingsvögel, um mit ihrem sehnsuchtsvollen
Gesang das Poetische dieser schönen Stelle zu vollenden. - Nur du hast deinen
dichterischen Mutwillen eingebüsst und ich muss hier allein phantasieren.«
    »Du hast in Rom«, erwiderte sie, »oder wo es sein mag, deine
Dichterschwingen entfalten lernen, denn früher habe ich dich in solchen Reden
und Gleichnissen niemals vernommen.«
    Bracciano wurde plötzlich sehr ernst und tiefsinnig; denn ein holdseliges,
grosses, glänzendes Bild stieg in seiner Imagination auf. Gegen diese Erscheinung
war diese, die zu ihm sprach, nur eine geringe, unbedeutende - und jene, wie
fern ihm! Von den Verhältnissen der Welt ihm entrissen. Er und die Herrliche
angekettet an dürren Zwang, der in sich selbst weder Kraft, Notwendigkeit, noch
fesselnde Gewalt zu haben schien. Das ist von jeher den starken Gemütern das
traurigste, kläglichste Gefühl gewesen, sich diesen Zufälligkeiten fügen und
sich demütig dem Einspruche resignieren zu müssen, den ihr Herz verachtet.
    Plötzlich fuhr er auf, und sie ritten nach der Wohnung zurück. Als es
finster geworden war, erhob sich ein Sturm und Gewitter. Der Wind brausete
furchtbar durch die Waldung, die alten Stämme schüttelten sich und die
brechenden Zweige krachten zum Erschrecken. Dann kam ein starker, sausender
Regen, und ihm folgten Blitze und brüllende Donnerschläge. Man setzte sich zum
Abendessen, die Herzogin zagend, der Mann frohen Mutes, denn ihn ergötzte stets
bis zu lauter Freude dieser Aufruhr in der Natur.
    Ein alter Kammerdiener, der aus Florenz kam, liess sich noch am späten Abend
melden. »Wer sendet dich? Was willst du?« rief ihm Bracciano entgegen.
    »Vergebt, mein gnädiger Herr«, antwortete der Alte, »dass ich so nass und
triefend vor Euch erscheine: es ist aber die Nachricht nach der Stadt gekommen,
dass auf dem alten Schloss der Medicäer, dort in Cafaggiolo, die Dame Eleonora
plötzlich verschieden ist.«
    »Wie?« rief Isabella, und ward totenbleich.
    »Woran ist sie, so jung noch, gestorben?« fragte Bracciano ganz ruhig.
    »Am Herzklopfen«, sagte der alte Diener; »der Prinz Pietro ist selbst in
grösster Eile mit dieser Trauerbotschaft nach der Stadt geritten. Er selber ist
aber gar nicht traurig, sondern wüst und wild wie immer. Deshalb wird auch schon
allentalben laut geschwatzt und vielerlei erzählt: und er selbst soll gar nicht
einmal widersprechen, sondern gleichsam durch sein Stillschweigen alles zugeben:
dass er sie nämlich im einsamen Zimmer mit eignen Händen erwürgt, oder erdrosselt
habe, um sie wegen ihres schlechten Lebenswandels zu bestrafen. Es ist aber
immer hart und grausam, eine solche Rache zu nehmen.«
    »Gewiss«, sagte Bracciano, »ebenso unverzeihlich, als unnatürlich. Sie hat
zwar aller Sitte Hohn gesprochen und den erhabnen Namen der Medicäer, sowie das
Haus Toledo geschändet; aber der Prinz hat dennoch wie ein Ruchloser gehandelt.
Freilich war es unverzeihlich, dass sie als Mann verkleidet in dunkler Nacht
durch die Stadt lief, mit Jünglingen im vertrauten Verkehr war, sich zu Sklaven
und Sklavinnen mit leichtsinniger Vertraulichkeit herab erniedrigte, maskiert in
fremde Häuser ging, um unzüchtige Szenen zu belauschen und ihre Freude an ihnen
zu haben; - alles dies war unverzeihlich: - aber ermorden! mit eignen Händen! -
Dadurch hat der Prinz sich selbst auf Lebenszeit gebrandmarkt. Das ist die
verruchte spanische Sitte jener blinden Eifersucht und verabscheuungswürdigen
Rache, die in unserm Italien niemals einheimisch werden sollte.«
    Er verabschiedete den Alten, und befahl ihm, sich umzukleiden, ein
Abendessen zu geniessen und sich zeitig niederzulegen, damit er nicht erkranke.
Es geschah so. - Isabella sass wie vernichtet an dem Speisetische. Das Zimmer
ward ihr zu enge, und doch zwang sie sich, zu geniessen, was der Gemahl ihr mit
scheinbarer Freundlichkeit vorlegte.
    »Denkwürdige Begebenheiten!« sagte er nach einer Weile: »so watet die
Leidenschaft und das heisse Blut immerdar in unsern grossen Häusern. Wie einfach
war die Lebensweise des alten Cosmus, jenes ehrwürdigen Vaters des Vaterlandes,
wie rein und edel steht jener grosse Lorenzo Magnifico da! Aber nun mit dem
Herzog Alexander brechen Untaten und Unglück herein. Diese Söhne des edeln
zweiten Cosimo, die so rätselhaft in früher Jugend sterben: die Blutszenen, die
schon jetzt, seit der kurzen Regierung deines Bruders vorgefallen sind. Von
andern Familien jener Papst Alexander, und sein scheusslicher Sohn Cesar Borgia,
noch manche Päpste, die Familie der Visconti und Sforza in Mailand, der
Ferrarese, der den eignen Sohn hinrichten lässt - und alles wird erregt durch
Liebe, Wollust, Eifersucht, Rachgier, Eigennutz und Herrschbegier!« -
    Er ging im Saale auf und ab und sagte dann: »Keine grössere Wonne, als nach
so furchtbarem Gewitter im Finstern durch den erfrischten Wald zu schreiten: das
war von Jugend auf meine Lust.«
    Er nahm den Degen und die Jagdflinte und entfernte sich. Isabella sass in
stummer Verzweiflung und rang die Hände. Dahin war also nun der schwärmende
Leichtsinn des Lebens ausgeschlagen! Sie irrte durch die Zimmer: in den
Vorstuben, vor den Türen, allentalben ihr fast unbekannte Diener, mit strengen
Angesichtern. Da kam die alte Amme und winkte ihr geheimnisvoll, so dass sie,
entfernt von allen, sie in der Schlafkammer ganz allein sprechen könne. Als sie
sich sicher wussten flüsterte die Amme: »Hier! nehmt das Blättchen! Der Alte
sagte mir, wie er ankam, er hätte deswegen nur die traurige Botschaft
übernommen, um Euch das Blättchen, wenn auch mit Lebensgefahr, abzuliefern. Er
ist zwar reichlich belohnt - aber das Leben geht doch über alles.«
    Isabella nahm zitternd das Papier. Sie kannte die Hand wohl; es entielt
nur: »Um Gottes willen! flieht! gleich! im Augenblick, da Ihr dies empfangt!«
    »Wohin? Wie?« rief Isabella in Verzweiflung; »die Fenster zu hoch, der Wald
unwegsam und mir unbekannt; kein Pferd, kein vertrauter Mann - wenn jener Alte
vielleicht aus der Stadt -«
    »Alles umsonst«, heulte die Amme, »ich bin schon an seiner Tür gewesen, sie
haben ihn eingeschlossen. - Wohin man sieht, stehn die ernsten, verdriesslichen
Wächter mit finstern Gesichtern; wir sind wie in einer Festung verriegelt.«
    An alle Fenster ging die geängstigte Isabella, um einen möglichen Ausweg zu
entdecken; aber alles war umsonst. Jetzt kehrte der Herzog zurück und die Amme
verliess ihre Gebieterin. Er stellte Flinte und Degen wieder in die Ecke, zog die
Handschuhe aus und sagte: »Es ist doch beinahe kalt geworden, man sollte sich
mehr vor solchem schnellen Wechsel der Witterung in acht nehmen. Solltest du es
glauben, der ehrliche Alte, der so unbesonnen und hastig herausritt, um uns jene
Trauerkunde zu bringen, er hat sich so erhitzt, und nachher durch das Gewitter
so erkältet, dass er jetzt schon in dem Zimmer unten tot liegt.«
    Isabella stiess einen laut gellenden krampfhaften Schrei aus, indem ihr
ganzer Körper zitterte. Von ohngefähr ging ihre vertrauteste Kammerfrau, die
schöne junge Stella, an der Tür vorbei: diese kam, da sie diesen ungewöhnlichen
furchtbaren Aufschrei vernahm, schnell herein. Sie sah, wie Bracciano um die
leidende Gemahlin bemüht war; er hielt sie in den Armen und sagte: »Ist es die
Reise, ist es die Furcht, welche ihr das Gewitter erregte? sie ist wie von einem
Schlagflusse getroffen worden.«
    Stella rieb ihr die Schläfe: die halb ohnmächtige Herzogin warf einen fast
sterbenden Blick auf die befreundete Gestalt, drückte ihr die Hand und lispelte:
»Bei mir bleiben!«
    »Sie wird immer schwächer«, sagte Bracciano; »Ihr seht meine Angst, Stella.
O schnell, schnell lasst Euch unten von meinem Oberjägermeister das Elixier, das
heilsame, geben, das ich ihm anvertraute, im Fall mir im Walde auf der Jagd
etwas zustiesse: schnell!«
    Es dünkte der Kammerfrau, als wenn die schwache Ohnmächtige sie festalten
und ihr etwas sagen wollte; aber sie vermochte es nicht und Bracciano rief
wieder: »Ihr seht, wie meine Gemahlin leidet. - Eilt!«
    Stella flog fort. - »Seht«, sagte der Herzog leise, »da fällt das Billet des
Troilo aus Eurem Busen; warum habt Ihr es nicht gleich zerrissen?«
    Jetzt kam Stella in fliegender Eile und herzklopfender Angst zurück. Wie sie
aber eintreten wollte, fand sie die Tür von innen verriegelt. Sie klinkte und
klopfte. Da war es ihr, als hörte sie ein Weinen, dann einen lauten Wortwechsel,
ein Schluchzen - plötzlich war alles still. - Bracciano öffnete die Tür und
sagte: »Wer hat sie verriegelt? Seht die Arme.«
    Isabella war vom Sessel heruntergesunken. Stella kniete neben ihr nieder und
legte das schöne Haupt in ihren Schoss: sie rieb Schläfe und Stirn mit der
kräftigen Essenz: sie sah, wie die Sterbende am Halse und im Gesicht blaue
Flecken hatte, wie die Augen aufgeschwollen herausstanden: ein brechender Blick
schaute sie noch einmal mit ungewissem Lichte, dämmernd und aufflackernd an,
dann lag Isabella tot in ihren Armen.
    »Seht!« rief Bracciano klagend, »sie ist dahingeschieden, die Unglückselige,
noch im Tode schön und reizend. Ja weint nur, arme Stella, Ihr habt eine liebe
Herrin, eine grossmütige, freundliche verloren. Und ich Verlassner! so schnell sie
einzubüssen, da ich sie eben erst wiedergewonnen hatte. Hierher kam ich, um in
fröhlicher Häuslichkeit, in stillem Frieden den Sommer an der Seite des
geliebtesten Wesens zu geniessen - und nun kehre ich als trauernder Witwer zur
Stadt zurück.«
    Stella war ausser sich, die andern Dienerinnen erschraken, als sie diese
schreckliche Neuigkeit erfuhren. »Die Reise, das feuchte Schloss, das
schreckliche Gewitter haben es ihr angetan; dies Grauen hat ihrem zarten Körper
den Schlag zugezogen, und der Herzog ist untröstlich.« So sprachen sie
untereinander.
    Man kehrte zur Stadt zurück. Bracciano voran und die Leiche folgte ihm nach.
Soeben war die Totenfeier für Eleonore Toledo beschlossen, und eine zweite wurde
jetzt mit noch viel grösserem Pomp für die junge, dahingeschiedene Schwester des
Grossherzogs veranstaltet. Der Bruder der Verstorbenen ging traulich Arm in Arm
mit Bracciano, und beide schienen einander freundlich zu trösten: sie waren, das
sahen alle Zuschauer, inniger vereint als je. Pietro war nicht zugegen.
    Als sie aus der Kirche zurückkehrten, gewahrte Bracciano in der Menge den
Geheimschreiber Malespina, und sagte halblaut im Vorbeigehn: »Nicht wahr, nun
gibt es wieder recht viel zu erzählen?« - Diesen schauderte und er verliess das
Gedränge, um in der Einsamkeit nachzudenken.
 
                                Viertes Kapitel
In Rom hatten sich, durch ihre Stellung gegen den herrschsüchtigen Farnese dazu
veranlasst, die beiden Kardinäle Montalto und Ferdinand der Medicäer immer enger
aneinandergeschlossen. Es war fast schon entschieden, dass, im Fall ein Konklave
eintreten würde, die Wahl gewiss nicht auf den Farnese fallen solle, und so
vereinten sich, ausser dem frommen Borromeo, heimlich oder öffentlich immer mehr
Prälaten der Medicäischen Partei, weil der Hochmut des Farnese viele verletzt
hatte und sie einsahn, dass alle in ihren Interessen beschädigt würden, wenn
dieser hochfahrende Mann den päpstlichen Stuhl besteigen sollte.
    Montalto und Ferdinand waren eben beisammen, weil der junge Kardinal dem
alten wichtige Nachrichten mitteilen und um dessen Rat bitten wollte.
    »Wie es in Florenz steht, verehrter Freund«, begann Fernando, »brauche ich
Euch nicht zu schildern, denn Ihr kennt selbst das Elend und die Schande, in
welche sich mein schwacher Bruder verwickelt hat. Diese Bianca, diese
Abenteuerin, beherrscht ihn so unbedingt, dass Volk, Adel, alles leidet. Er ist
von Natur edel und grossgesinnt, er liebt Kunst und Wissenschaft, er verehrt die
Religion, und dennoch gelingt es der elenden Buhlerin, in so vielen Stunden ihn
sich selber abtrünnig zu machen. Ihre Ausschweifungen haben sie dahin gebracht,
dass sie keine Kinder mehr gebären kann, und dennoch hat sie schon im vorigen
Jahre meinem Bruder einen Sohn untergeschoben, das Kind armseliger, unbekannter
Eltern. Francesco ist glücklich und glaubt der Betrügerin alles. Von
verschiedenen Ammen waren schon seit Monaten einige schwangere Weiber bewacht
und bestochen: sie, in verstellter Krankheit, wusste abwechselnd des Bruders
Mitleid, Freude und Hoffnung zu erregen. Eine dieser Frauen kam mit einem Knaben
nieder, und dieser wurde sogleich künstlich in den Palast geschafft, und dann
als der Sprössling des Grossherzogs vorgewiesen. Die Ammen, sowie diese gemeinen
Mütter, sind nach und nach verschwunden, damit sie nicht irgendeinmal das
Geheimnis ausplaudern könnten. Ihr kennt ja die abscheuliche Art und Weise, die
sich, vorzüglich jetzt, in meinem Vaterlande eingeführt hat: der tote Mund ist
schweigsam, und Meuchelmord ist ein fast öffentliches Gewerbe und eine
rechtliche Hantierung geworden.«
    »Furchtbar ist es in ganz Italien jetzt!« rief Montalto höchst erzürnt: »wem
soll der Herr die Geissel in die Hand geben, diesen Greuel zu vertreiben?«
    »Nun habe ich gestern«, fuhr der Medicäer fort, »einen Eilboten von Bologna
erhalten, und zugleich die Schriften über ein merkwürdiges Verhör und einen
Mordanfall, der dort im Gebirge, in der Nähe der Stadt sich zugetragen hat. Eine
dieser Ammen, die die verschlagenste sein mag, und bei der Capello scheinbar in
der grössten Gunst stand, ist nämlich von Bianca mit ansehnlichen Geschenken und
Belohnungen in ihr Vaterland entlassen worden. Oben im Berge wird der kleine Zug
von scheinbaren Räubern angefallen, man lässt die Frau für tot liegen: alle
entfliehen. Sie aber kommt wieder zu sich, wird nach der Stadt geführt und
erklärt vor den Richtern, dass sie jene Räuber sehr gut als Florentiner erkannt
habe, Schurken, die im Solde der Bianca stehen, und die sie, die Amme selbst,
oft auf Befehl ihrer Herrin ausgesendet habe. Es kann nichts fruchten, diese
Sache jetzt bekanntzumachen, aber für die Zukunft werde ich diese Zeugnisse
aufbewahren, und die Frau, wenn sie genesen sollte, selber nach Rom
hierherkommen lassen. Wohin wir blicken, Verrat und schlechte Künste. Und ist es
nicht wunderbar und fast unbegreiflich, dass diese Weiber, nur allzuhäufig die
schlechtesten, ohne Reiz, Schönheit und Verstand die grössten, geistreichsten
Männer, als wären diese blödsinnig und verrückt, an ihrem Gängelbande leiten,
wohin sie nur wollen. - Und dann wieder - Euch ist das neueste Unglück unserer
Familie bekannt.«
    »Ja wohl«, sagte Montalto; »plötzlich ist Eure Schwester, so wie Eure
Schwägerin gestorben.«
    »Es befällt mich oft ein Grauen«, begann Ferdinand wieder, »wenn ich an die
seltsam wechselnden und blutigen Szenen meiner Familie denke. Mein jüngster
Bruder, ein Mann, immerdar in Zorn, Lust und Mordgier entbrannt, dabei schwach
und kränklich, wie so oft diese Tyrannen, ist wie ein Bild aus alten Tagen, wie
ein feuriges Meteor, das dräuend und schreckend vorüberfährt, und nachher nicht
mehr gesehen wird. Mit Blut hat er das, was diese ruchlosen Männer ihre Schande
nennen, rein gewaschen. Sie erlauben sich alles; und die Sitte der gottlosen
Welt ist so, dass man dem Manne kaum verargt, was bei dem Weibe ein
Todesverbrechen, auch von den ruchlosesten Sündern, genannt wird. Freilich war
diese Leonore eine Schande der Welt. Indessen, auf wen fällt eigentlich die
Schuld zurück, als auf meine Brüder? Der Regent löst ohne Scheu, ganz
öffentlich, alle heiligen Bande der Ehe auf; Pietro versäumt die Frau, verachtet
sie, bringt Buhlerinnen alles Gelichters in ihre Nähe, hat früher ihre Sinne
aufgeregt, und verlangt nun, dass sie als Nonne leben soll, weil sie seinen Namen
trägt. Und meine arme, unglückselige Isabella! Auch sie war vom ältern Manne
ganz vergessen und verachtet; sie glaubte vielleicht, den Gemahl niemals
wiederzusehn, sie hielt sich für geschieden, und der starke, hochfahrende
Bracciano erscheint auf einmal wieder, um auch sie wegen der verletzten Ehre zu
bestrafen. Nach unsern Sitten und unsinnigen Begriffen des Ritterstandes und
Adels hatte sie freilich den Tod verdient; denn ihr Verhältnis mit Troilo Orsini
war offenkundig. Durch die Niedrigkeit der Bianca ward ihr Leichtsinn erregt und
gestärkt, sogar in dem Masse, dass sie selbst des Troilo bezahlte Buhlerinnen
kannte, und mit ihnen scherzte und lachte. Mein Bruder, der gewiss nicht an den
natürlichen Tod der Schwester glauben kann, ist doch dem Bracciano befreundeter
als jemals, und ich kann mich, wie alles steht und liegt, auch nicht von ihm
zurückziehn, und muss an diese plötzliche Krankheit des Schlages vor den Augen
der Welt glauben. Ihr Buhle Troilo ist auch schon nach Frankreich entflohen, wo
er auf den Schutz der Königin rechnet. Der unerbittliche Bracciano hat ihm aber
schon zwei seiner Banditen, reich belohnt, nachgesendet, die ihr Opfer in Paris
gewiss nicht verfehlen werden.« -
In der Familie Accoromboni herrschte scheinbar Glück und Ruhe. Der furchtbare
Orsini hatte sich nicht wieder gezeigt, so viel hatten über ihn die ernsten
Drohungen des Gouverneurs Buoncompagno vermocht. Es liess sich hoffen, dass
Flaminio, der sehr unterrichtet war, bald eine Anstellung erhalten würde, da der
Kardinal Montalto sie ihm verheissen hatte. Durch die Bemühung des alten Mannes
hatte der älteste Sohn, Octavio wirklich schon den Rang und die Würde eines
Bischofs erlangt. So sah denn die stolze Mutter viele ihrer Wünsche erfüllt, und
sie hätte ungestört die Erhebung, die der Familie in ihrem Alter geworden war,
mit Behaglichkeit geniessen können, wenn nicht viel Bitteres sich diesem Kelche
der Freude eingemischt hätte. Wie vielen Dank auch der neu bestellte Bischof
seinem Oheim Montalto schuldig war, so unerkenntlich zeigte er sich, ja er
machte kein Hehl daraus, wie tief er den würdigen und wohlwollenden Greis
verachtete. Er schloss sich unverhohlen und mit übertriebenem Eifer der
intrigierenden Partei des Kardinal Farnese an, weil er glaubte, durch diesen
tätigen Feuergeist gar anders, als durch den saumseligen Montalto befördert zu
werden. Darum erschien er auch nur selten bei seiner Schwester, und er suchte
eine befriedigte Eitelkeit darin, dieser und noch mehr deren Gemahl Peretti mit
unverhohlener Verachtung zu begegnen. Er zankte auch mit der Mutter wegen dieser
Heirat, die er eine Erniedrigung der Familie nannte. Derselbe Ungestüm, welcher
die meisten Glieder des Hauses bezeichnete, war bei diesem Manne ganz in Stolz
und Hochmut verwandelt worden, und diese Leidenschaft regierte in seinem Gemüte
so heftig, dass er kein Mittel scheute, um sie zu befriedigen. Deshalb war es der
Mutter, wie der Schwester lieber, wenn er nicht erschien, als wenn er zankend
und hofmeisternd sie einmal besuchte; es gingen auch Wochen hin, ohne dass sie
ihn sahen.
    Es konnte der verständigen Mutter auch unmöglich verborgen bleiben, dass
diese Ehe, welche sie gestiftet hatte, diesen Namen nicht verdiene. Vittoria
ertrug den Gatten nur so eben, sie übersah ihn zu sehr; seine Schwäche, die auch
dem blödesten Auge auffiel, musste sie verachten.
    Der herbeste Kummer entstand aber über den ungestümen Marcello, der sich
weder durch Liebe, noch Strenge bändigen liess. Nur einmal war Montalto in den
heftigsten Zorn, ja in Wut geraten, so dass Mutter und Tochter sich vor dem alten
Priester entsetzten, als die Nachricht gekommen war, dass in Zank und gemeinen
Händeln Marcello einen vornehmen Jüngling wiederum gefährlich verwundet habe,
und aus Rom entflohen sei, um sich einer der vielen Banden anzuschliessen, die im
Lande, so wie ausserhalb, von den Mächtigen unterhalten wurden. Bei der leisesten
Vorbitte der Mutter, auch diesmal zu vermitteln, war er im blinden Zorneseifer
aufgefahren: er verwünschte die gefühllose Niederträchtigkeit des Jünglings, und
verbat ein für allemal, in seiner Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen.
Auch für den jungen Camillo liess er keine Vorbitte gelten, und wiederholte, wie
sehr er es bereue, dass er den nichtswürdigen Marcello damals vom Galgen befreit
habe, dort sei derlei Gelichter am besten versorgt, und seine Familie würde an
ihm nur Gram und Schande erleben.
    Graf Pepoli war aus Bologna wieder nach Rom gekommen. Er eilte, das Haus der
Accoromboni, jetzt Peretti, wieder zu besuchen, weil für ihn diese Menschen zu
den merkwürdigsten gehörten, die er jemals hatte kennen lernen. Vittoria war
sehr erfreut, ihn wiederzusehn, denn, gedrückt von ihrer Lage, war ihr jeder
gebildete Fremde eine trostreiche Erscheinung. Nach den ersten Begrüssungen sagte
der Graf: »Ich muss Euch, Verehrte, ein Begebnis mitteilen, das mich wahrhaft
erschreckt hat. Vor einigen Monaten ist der arme, bis zur Verwirrung geängstigte
Tasso heimlich aus Ferrara entwichen. Niemand wusste dort am Hofe, wohin er sich
gewendet haben könne; endlich erfuhr man, er sei fast wie ein elender Bettler
bei seiner Schwester in Sorrent angekommen. Nun hat ihn seine Unruhe wieder nach
Rom getrieben - soeben ist er angelangt - aber, Himmel! wie verwandelt! Wie sich
so ganz unähnlich! Wie unkenntlich! - Wie würdevoll und ruhig erschien er uns
damals: eine zarte, edle Wehmut durchzog und läuterte sein Wesen, er war sanft
und bescheiden, und doch fühlte er seinen Wert - und jetzt - ich sah ihn bei
seinem Beschützer Scipio Gonzaga - so ganz ohne Haltung und Würde, unruhig,
hastig, hin und her fahrend und wie verwirrt, das Antlitz eingefallen und die
Augen erloschen, eilig, stotternd, viel fragend, ohne die Antwort abzuwarten -
ein Bildnis zum Erbarmen und zum Entsetzen. Dieser grosse, herrliche Mann, mit
diesem sublimen Talent, der so sicher und fest in sich selber ruhen könnte, der
andern wie sich eine Quelle namenlosen Glückes sein sollte - oh, wie seltsam ist
doch das Gewebe unsers Lebens geflochten, dass nur zu oft das Schönste und
Edelste uns bloss zu unserer Zerstörung gegeben wurde, und scheinbares Glück, das
uns so freundlich entgegenschreitet, nur ein verhülltes Elend ist.«
    Vittoria war tief erschüttert, indem sie jenes schönen Tages in Tivoli
gedachte.
    »Alle seine Freunde«, fuhr der Graf fort, »vorzüglich Gonzaga, beschwören
ihn: auf keinen Fall wieder nach Ferrara zurückzugehen; der Fürst sei erzürnt,
die Prinzessinnen ihm abgewendet, seine Neider und Feinde von mehr Einfluss als
je. Aber ein böser Dämon scheint ihn mit kranker Hast und gespenstiger Unruhe
dahin zurückzujagen. Er denkt und spricht nichts anderes. Um sich seinem Herrn
ganz als ergebener Diener und bereuender Untertan zu zeigen, ist er auch bei
Masetto, dem Agenten Alfonsos, abgestiegen, und behält dort seine Wohnung. Er
ist ein untergegangenes schönes und edles Menschenbild.«
    Es war natürlich, dass man in Rom in der Gesellschaft von den beiden
plötzlichen Todesfällen der jungen Frauen Eleonore und Isabelle sprach, die sich
so schnell hintereinander ereignet hatten. Nur wenige glaubten an Krankheit und
natürlichen Tod. Donna Julia betrachtete die Tat der beiden Fürsten mit Grauen;
»niemals«, beschloss sie, »habe ich diesen schroffen Herzog Bracciano gesehen,
ich denke mir ihn aber entsetzlich. Der Mord schwacher, hülfloser Frauen hat in
der Vorstellung noch etwas viel Grässlicheres, als Grausamkeit und tödliche
Verletzung, die sich Mann an Mann erlaubt.«
    »Oft«, bemerkte Vittoria, »ist dergleichen auch keine Tat, sondern ein
Schicksal, das sich aus den Umständen unabweislich wie von selbst entwickelt.
Aus der naiven Erzählung des Fremden der so gar kein Arg von der Erbärmlichkeit
seiner Novelle hatte, ging doch deutlich hervor, dass diese Donna Isabella ein
sehr geringes Wesen sein musste. Wenn ein so klägliches Leben untergeht, so kann
man wohl Erbarmen damit tragen, aber es ist nur wenig daran verloren. Und der
Mann - o ja, man kann, man darf ihn schelten; aber warum Grauen und Entsetzen
vor ihm empfinden? Scheltet doch die hergebrachte Sitte unsers verwirrten
Lebens, diese Ehre, wie es die Männer nennen, dieses schwarze Nebelgespenst, dem
schon so viele Opfer gefallen sind. Und abgesehen von allem andern, muss man die
Umstände, Verhältnisse, Zufälle, die obgewaltet haben, alles genau kennen, um
ein eigentliches richtiges Urteil zu fällen. Ich mag den Fürsten nicht
verteidigen, oder auch nur entschuldigen, weil er mir unbekannt ist; aber in
einer Behauptung werde ich nicht unrecht haben, dass auch die stärkste Frau, wenn
sie liebt, vor dem Manne in ihrer Zärtlichkeit eine gewisse Scheu und Furcht
haben müsse, durch welche das Geheimnis der Liebe dann noch eine höhere Weihe
erhält. Diese Furcht und Scheu ist ja nur die gesteigerte Achtung vor der wahren
Männlichkeit, die die Frau verehren will: sosehr sich die Gatten auch verstehen
mögen, so gibt es eine Grenze, wo sie sich, wenn auch nicht fremd, doch
geheimnisreich bleiben müssen, und hier an dieser Grenze hält jene Scheu Wacht,
die sich selbst in ein ahnendes Grauen, in einen süssen Schauer verwandeln kann.
Auch der liebende Mann wird das Weib nie ganz verstehn. Eine Zarteit, eine
Aufopferung, ein Hingeben über die Natur und Möglichkeit hinaus, wird ihm, sooft
er es ahnen kann, auch ein Erschrecken einflössen.«
    Der Mutter war diese Erörterung sehr unangenehm, denn jedes Wort war fast
wie ein Spott auf die Ohnmacht Perettis. Jetzt stürzte der Kammerdiener fast
zitternd herein und meldete, dass der Herzog von Bracciano seine Aufwartung zu
machen wünsche. Selbst die Mutter, sosehr sie täglich die vornehmsten Besuche
annahm, wurde etwas verlegen. Vittoria schrie auf, als Paul Giordano in seiner
Trauer, mit der edeln, stolzen Gebärde eintrat, und der Mutter versagte vor
Verwunderung das Wort, das sie eben aussprechen wollte.
    »Ihr edeln Frauen«, sagte Bracciano mit seiner schönen, volltönenden Stimme,
»müsst mich als einen alten Bekannten aufnehmen, wenn meine Bitte irgend etwas
bei euch gilt. Dem unbekannten Don Giuseppe zeigtet ihr Vertrauen; warum soll
ein anderer Name mich euch entfremden?«
    »O Exzellenz«, rief Donna Julia, nachdem sie sich wieder gesammelt hatte,
»warum uns damals und unsern Caporale so listig hintergehn? Ist es nicht
Bosheit, dass Ihr Euch nun an unserer Verlegenheit ergötzen wollt?«
    »Eure Tochter, verehrte Dame«, antwortete der Herzog, »scheint mir gar nicht
verlegen. Übrigens legt Ihr mir eine Absicht unter, die meinem Wesen völlig
unnatürlich sein würde. Ich lebte schon seit Wochen inkognito in Rom und der
Umgegend, wie es denn meine Liebhaberei ist, mich zuweilen von allen Banden der
Gesellschaft zu befreien, um mich selbst und die andern Menschen in ihrem
wirklichen Wesen kennenzulernen. In meinem Hause hier glaubte man, ich sei
wichtiger Geschäfte wegen in Neapel. Da lernte ich zufällig den wackern Don
Cesar kennen, und wir sprachen viel von euch; da er mich nur unter der Maske,
mit einem nichtssagenden Namen kannte, nahm der wackere Mann lange Anstand, den
Rätselhaften bei euch einzuführen. Aber ich danke ihm um so mehr, denn die
Erlaubnis, euch zu meinen Freunden zählen zu dürfen, wird zu den glücklichsten
Begebenheiten meines Lebens gehören.«
    Man ergoss sich in höflichen Erwiderungen, und Pepoli, der dem Herzoge schon
seit Jahren bekannt war, führte hauptsächlich das Gespräch. Vittoria war stumm
und sass fast wie im Traum; ihr Auge wurzelte auf dem Antlitze des Gastes, und
sie verglich ihr damaliges Gefühl, als sie ihn hatte kennen lernen, mit dem
jetzigen. Die beiden Stimmungen waren sich so ähnlich, und doch wieder so
unähnlich; ihr war, als habe sie sich im jetzigen Augenblick völlig verloren,
und doch blitzte sie in diesem Vernichtetsein ein so helles Bewusstsein der
wahrsten Existenz an, dass dieses Grübeln ihr schon hohes Glück war.
    Als die Besucher sich entfernt hatten, wollte man sich niederlegen, und
zögerte nur noch, weil der junge Peretti ausblieb. Er hatte sich angewöhnt, oft
aus den Gesellschaften, die er besuchte, und die nicht die besten waren, spät
nach seinem Hause zu kommen, aber noch nie war er so lange ausgeblieben, als es
heute geschah. Man war schon besorgt, man fragte die Dienerschaft, wo der junge
Mann sein möge, als sich vor dem Hause ein lautes Getümmel erhob. Man öffnete
die Türe, und fremde Menschen trugen den Jüngling herein, der schwer verwundet
schien. Er hatte Streit gehabt, man hatte gefochten, und so war er verletzt nach
seiner Wohnung gebracht worden.
    Die Mutter seufzte, denn es schien ihr nun schon ausgemacht, dass sie
dasjenige, was sie das wahre Glück des Lebens nannte niemals finden würde. Sie
ging in ihr Schlafzimmer, fast grollend mit dem Schicksal. Wundärzte wurden
gerufen, und Vittoria blieb die ganze Nacht bei dem Kranken, welcher, seinen
Klagen nach, empfindliche Schmerzen litt.
    Als es Tag geworden, erschien die Mutter wieder. Es hatte sich ein heftiges
Wundfieber eingestellt, welches den Arzt, der jetzt von Montalto war gesendet
worden, sehr besorgt machte. Endlich fand sich der Schlummer ein, und man konnte
für den Kranken wieder Hoffnung schöpfen. Vittoria wich nicht vom Lager des
Leidenden, sie schlief fast gar nicht, sie genoss wenig und alles für den jungen
Mann besorgte sie, die Umschläge der Wunde, die oft auf der Schulter erneuert
werden mussten, die Dekokte, die Tränke. Sie gab ihm ein, sie tröstete ihn auf
seinem Lager, wenn er vor Schmerzen winselte, um ihm irgend Erleichterung zu
verschaffen. Sie sah niemand, und erschien niemals im Besuchzimmer: Bracciano
meldete sich wieder bei der Mutter aber Vittoria kam nicht zur Gesellschaft.
Selbst Caporale, als er wieder in Rom war, ward seiner jungen Freundin nicht
ansichtig, und die Mutter bewunderte stillschweigend diese strenge Tugend, die
sie der Tochter niemals, ja vielleicht sich selber nicht in diesem hohen Grade
zugetraut hatte.
    So waren mehr als acht Tage verflossen. Der Kardinal, der mehrmals nach dem
Zustand seines Neffen hatte fragen lassen erschien endlich selbst. - Man sah an
seinem Antlitz, wie sehr er sich um den geliebten Neffen gehärmt, wie sehr ihn
die Möglichkeit seines Todes geängstigt hatte.
    Er erkundigte sich genau nach dem Befinden, er fasste selbst den Puls des
jungen Mannes, er untersuchte seine Kräfte, und fühlte sich endlich getröstet,
dass sich die Besserung so bestimmt angekündigt hatte, so dass man hoffen durfte,
dass nach einigen Wochen auch die letzten Spuren, bei der Jugend des Kranken,
verschwunden sein würden. »Wie bist du aber nur«, fragte dann der Alte, »in
diesen unglückseligen Streit geraten?«
    »Mein edler Ohm«, antwortete der Neffe, »das sind noch die Folgen meiner
früheren Sünden; jene wilden Jugendgenossen, mit denen ich ehemals lebte, und in
deren Gesellschaft mir Vittoria, an jenem Tage, als ich ihrer zum ersten Male
ansichtig wurde, begegnete - diese verfolgen mich jetzt mit Vorwürfen, dass ich
mich ihnen abgewendet habe, dass ich ihre Gesellschaft verschmähe. Derjenige, mit
welchem ich damals am vertrautesten war, der reiche, junge Mensch, Cesar
Valentini, hat mir schon lange mit empfindlichen Schmähungen zugesetzt. Ach,
Verehrtester, man ist jung, man wird endlich auch empfindlich; so schalt ich
zurück, dass sie mir zu roh wären, ihr Umgang mir jetzt pöbelhaft dünke, dass, wer
bessere Gesellschaft kenne, sie wie die Pest fliehen müsse, und dergleichen
mehr. Wir zogen, und ich ward überwältigt, weil mehrere über mich herfielen, ich
aber keinen zu meinem Beistande hatte. Jetzt, höre ich, ist seit diesem Anfall
dieser Valentini entflohn, weil er die Gerichte fürchtet, und noch mehr Euch,
mein geliebter Oheim.«
    »Mag er nur weit entrinnen«, sagte der Kardinal, »und sich hüten, die Stadt
nicht wieder zu betreten! Danke dem Himmel, dass du der Gefahr und dem Tode
entgangen bist.«
    »Ja wohl hat er sich gnädig an mir erwiesen«, antwortete Peretti mit einem
tiefen Seufzer: »aber auch ihr, meiner Gemahlin danke ich, zunächst der
unmittelbaren Hülfe Gottes mein Leben, denn sie hat mehr an mir getan, als alle
Ärzte, sie hat sich zur Magd erniedrigt mich zu pflegen, und sich Schlaf und
Nahrung versagt, um immer bei mir zu sein.«
    Er nahm ihre Hand und küsste sie mit dem Ausdruck der dankbarsten Rührung.
Auch der Kardinal war, indem er Abschied nahm, freigebig in Lob und Dank, und
Vittoria begnügte sich, dem ehrwürdigen Manne mit gewöhnlichen Reden zu
antworten und sich seinem Gebet und Segen zu empfehlen.
    »O anbetungswürdige Vittoria«, sagte jetzt der zerknirschte Peretti, als sie
allein waren, »ich kann es dir nicht mit Worten aussprechen, wie sehr ich mich
unter dir fühle, wie niedrig klein und gemein, du grosses, erhabnes Wesen. Ja,
ich weiss es, ich fühle es innigst, dir gegenüber bin ich nur schlecht, und
armselig - aber der Himmel wird mir beistehn, dass ich besser, und deiner etwas
würdiger werde.«
    Er hielt inne und sah sie bietend an. Sie antwortete ihm mit einem strengen
Blick und sagte dann: »Du erwartest, Francesco, dass ich, dem Herkommen und der
Höflichkeit gemäss, dir widersprechen, und deine Selbstanklage mit beruhigender
Freundlichkeit zurückweisen soll. Ich kann dies aber nicht und will es auch
nicht, denn du bist jetzt wieder stark genug, um Wahrheit aus meinem Munde
vernehmen zu können.«
    Sie ging zur Tür, und Peretti erstaunte nicht wenig, wie er sah, dass sie
diese verriegelte. »So können wir ungestört sein«, sagte sie hierauf, indem sie
sich zu ihm setzte. -
    »Ja, Francesco«, fing sie an, »du bist ein schwaches Wesen, und früh gingen
deine Vorsätze unter, die du so sicher gefasst hattest. Dass ich dir nicht mit
Liebe ergeben war, du weisst es, ich brauche es dir nicht jetzt zu sagen.
Schnell, in wenigen Tagen erlosch das, was du deine ewige Leidenschaft nanntest,
ich ward dir gleichgültig, alltäglich. Dies sei kein Vorwurf, ich beklage mich
nicht über deine Ohnmacht, ich hatte es so erwartet, und es war mir Trost und
Beruhigung, dass dieser Zustand so früh eintrat. Warum also wollen wir nicht
still und einverstanden ein Band lösen, das uns niemals hätte vereinigen sollen?
Ich will dir Schwester sein, hülfreiche Gefährtin, Pflegerin in der Krankheit,
aber niemals deine Gattin.«
    Francesco war betreten, und wusste nicht, was er antworten sollte. »Um so
mehr ist dies nötig, und mein fester, unwandelbarer Entschluss«, fuhr sie fort,
»weil ich es recht gut weiss welche Gesellschaften du aufsuchst, wie du zu allen
deinen früheren Sünden mit verstärktem Gelüste zurückgekehrt bist. Dein Oheim
soll die Geschichte deiner Händel glauben, o ja, ich gönne dir gerne diese
Genugtuung. Ich aber weiss es, dass du neben andern schlechten Weibsbildern jene
verrufene Agnes besuchst, die dich deiner Geschenke wegen annimmt, dass dich dort
dieser Valentini getroffen hat, dass diese Rauferei nur ihretwegen entstand.
Geplündert, krank, mit verletztem guten Namen, verwundet kehrst du von diesem
Gesindel zu mir zurück, und kannst, wenn dir ein Funke von Gefühl blieb,
unmöglich erwarten, dass ich mich nicht gegen schändenden Missbrauch zu gut dünken
sollte. So wie du lebst und denkst, wäre diese Vertraulichkeit nur schmachvoller
Ehebruch, die Entweihung alles Göttlichen in mir. - Ich werde zu niemand, auch
zu meiner Mutter nicht sprechen, keiner braucht zu ahnen, welche Übereinkunft
wir getroffen haben. Solltest du aber klagen, unzufrieden sein, so sei
versichert, Peretti, dass ich mich sogleich in ein Kloster, oder zu den Tieren
des Waldes flüchte, um deiner loszuwerden. Oder öffentlich aller Welt von dir
erzählen, und lieber in der Barbarei als Sklavin dienen, als deine Gemahlin
heissen.«
    Francesco sah sie von der Seite an, drückte dann die Augen zu und murmelte
etwas von Gehorsam des Weibes und ehelichen Pflichten, die allen auferlegt
wären, und welche die Kirche geheiligt hätte.
    Vittoria stand auf und sah ihn von oben herab mit einem tödlich verachtenden
Blicke an. »Soll ich dich verlachen«, sagte sie dann, »oder dich mit Ekel
hassen, wie ein widerwärtiges Gewürm? Darfst du ein solches Wort in unserm
Verhältnis nennen und noch ein Mensch sein wollen? Das wäre also ein Sakrament,
was ich abwechselnd mit der schmutzigsten Kreatur teilte? - Und wäre ich
verworfen genug, in mehr als tierischem Leichtsinn so Leben und Gefühl zu
vergeuden, so darf ich es um so weniger, seit ich erkannt habe, was die Liebe
ist, was die Göttlichkeit im Manne zu bedeuten hat. Nun wäre es mir Wonne, zu
sterben eher, als diesem Gefühl, dieser Weihe, die mein Herz durchströmt, auf so
schmähliche Weise abzufallen. Wie danke ich jetzt mit Inbrunst dem Himmel, dass
er es nicht zugelassen hat, dass ich nicht fürchten darf, ein Wesen von dir
stammend, in die Welt zu setzen: das arme Gewürm würde mir aus unschuldigen
Blicken nur meine Verworfenheit entgegenschreien und ich könnte es ermorden, um
das Denkmal dieser Erniedrigung zu vertilgen.«
    »Und dieser göttliche Mann?« fragte Francesco furchtsam.
    »Ich sollte ihn dir wohl nennen«, antwortete sie, »dass du forschen möchtest
mit deinem schwachen Sinne, ob er auch meine Anbetung verdient. Frage ich doch
nicht nach deinen Katarinen, oder Euphemien, oder wie diese Wandelnden alle
Namen führen, denen du dein Herz zuwendest.«
    »Und ihm also«, fragte er wieder, »dem Ungenannten, willst du dich ganz
ergeben?«
    »Auch diese Frage ziemt dir nicht«, rief sie unwillig: »aber ich bedarf
dessen nicht, und er, ich weiss es, wird es nicht fordern, obgleich ich es jetzt
erkenne, dass diese Vereinigung in gegenseitiger Liebe und Anbetung der seligste
Triumph ist, den die Natur zu feiern vermag. Weil dieser Sieg, dies stürmende
Gefühl, welches unmittelbar an den Himmel klopft, das allerhöchste alles
Erschaffenen ist, ebendarum werde ich es mir versagen können, und nur im
Anschaun, in der Bewunderung seiner Hoheit leben und träumen. Verstehn sich
unsre Herzen doch ohne Worte. Auch mag in dem allgemeinen Vorurteil doch eine
gewisse Wahrheit schlummern und dämmern, dass dem Manne mehr erlaubt ist, als dem
Weibe, und dies Gefühl, die Achtung vor diesem Aberglauben wird mich bewahren:
vorzüglich aber die Furcht, sein Gemüt, (da der edelste Mann noch eine gewisse
Roheit in sich hegt,) möchte nicht so geläutert sein, dass er mich nicht nach
dieser Hingebung, etwas, wenn auch nur um ein weniges, geringer achten dürfte.«
    »Wenn ich von meinem Erstaunen erwache«, sagte Francesco, »so begreife ich
nicht, wie gerade du, Vittoria, so ganz unweiblich sein kannst.«
    Lachend sagte sie: »Ja wohl, diese eure ganz abgestandenen Redensarten von
Unschuld, Mädchenhaftigkeit, Jungfräulichkeit und Weiblichkeit, die ihr uns
entgegenhaltet, um unsrer Entwürdigung, indem wir blödsinnig bleiben, oder uns
so stellen, schöne Namen zu geben. Ei wie himmlisch steht das unbewusste Mädchen
in ihrer Unschuld da, wie die reine Lilienblume. Und sie wird ein Raub des
Lüstlings, da man nichts loben will, als diese süsse Einfalt, (die der Frau nicht
mehr ziemt,) oder die Frechheit der gesunkenen Metze. Als wenn das nicht höhere
Würde, Tugend und Unschuld wäre, so frei zu denken, zu fühlen und zu sprechen,
wie es freilich denen nicht erlaubt ist, die die Gemeinheit in ihrem Innern
empfinden.«
    »Wohin aber«, rief Francesco aufgebracht, »zu welcher Ehrlosigkeit kann eine
solche Gesinnung führen!«
    »Sei ganz ruhig, mein Männchen«, sagte sie, »ich werde diese deine Ehre
gewiss besser bewahren, als du selber. - Ehre! - O Menschen, welche Sprache redet
ihr denn? - Ich soll es freilich nicht wissen, aber ich weiss es doch, wie du mit
meinem Bruder Ottavio einig bist; wie ihr beide meine und eure Ehre gerne dem
grossen mächtigen Farnese verkauftet, wenn ich nur jämmerlich genug dächte,
nachzugeben? Nicht wahr? - Schlafe jetzt wohl und zweifle nicht, dass ich meinen
Willen durchsetze. Du aber kannst, wie du es schon tatest, jetzt mit meiner
Einwilligung so ungebunden leben, wie es deine zügellose und schwache
Imagination dir nur eingeben mag.«
    Sie verliess ihn, und er hatte vielen Stoff, lange über das Gesprochene
nachzudenken.
 
                                  Zweiter Teil
                                   Viertes Buch
                                 Erstes Kapitel
In der Familie Accoromboni und Peretti hatte indessen Friede und Ruhe geherrscht
und alle Mitglieder derselben genossen eines anscheinenden Glückes. Viele
angesehene Männer und Frauen besuchten gern das wohlhabende Haus, und der junge
Peretti verlor nach und nach jenen Anschein unreifer Unmännlichkeit, konnte den
Gesprächen Verständiger leichter folgen, und lernte in ihrem Umgange mehr und
mehr ein anständiges Betragen. So segnete denn mit beruhigtem Gemüt der Oheim
Montalto diese Ehe und war nur darüber verstimmt, dass, ohngeachtet aller
Warnungen, der Neffe sich immer bestimmter zum hinterlistigen Kardinal Farnese
hinneigte, der ihn durch Schmeichelei und glänzende Verheissungen gewann.
    Der Herzog Bracciano wiederholte seine Besuche, und bald war die Familie mit
ihm auf den Ton eines vertrauten Freundes gekommen, denn er hatte sich der
Mutter dadurch empfohlen, dass er mit einem reichlichen Gehalt den jüngsten Sohn
Flaminio als vertrauten Sekretär in seinen Dienst genommen. Manchem Beobachter
war diese Versorgung auffallend, da um dieselbe Zeit Flaminio sehr vorteilhafte
Anerbietungen des Farnese von sich gewiesen hatte. So waren die Mitglieder der
Familie auffallend in zwei Parteien geteilt, indem Peretti und der Bischof
Ottavio ganz dem Farnese, die übrigen dem mächtigen Paul Giordano ergeben waren.
Vittoria verschloss gegen jedermann ihre Gefühle und nur Bracciano verstand ihren
Sinn.
    Der Graf Pepoli hatte sich wieder, wichtiger Geschäfte halber, nach Rom
begeben. Er erstaunte nicht wenig, als er im Palaste Medici einen schönen und
edlen Jüngling wiederfand, den er sogleich für jenen Anführer der Banditen
erkannte, der ihm vor einiger Zeit im Gebirge das Leben gerettet hatte. Die
Räubereien der Banditen und ihre Unternehmungen der Rache waren zu einem
wirklichen Kriege gegen den Kirchenstaat ausgebrochen, man drang bis vor die
Tore Roms, die kleineren Städte wurden ausgeraubt und oft halb zerstört, und die
Macht des Staats war mit dem Dienst seiner ungetreuen, oft verräterischen
Beamten und Soldaten nicht hinreichend, diesem Übel zu steuern, denn da die
Banden besser und pünktlicher bezahlten, so liefen viele zu ihnen öffentlich
über, andere, bestochen, weigerten sich zu kämpfen und liessen sich leicht und
gern besiegen.
    So unterhandelte jetzt der Kardinal Ferdinand von Medici, auf Ansuchen des
Papstes, mit jenem Alonso, Grafen Piccolomini, der mit dem grössten Heere von
Banditen Rom bedroht und beunruhigt hatte. Piccolomini war willig, das Gebiet
des Kirchenstaates zu verlassen, wenn man ihm seine Güter im Florentinischen
zurückgab. Der verständige Beobachter konnte an diese seltsamen Verhandlungen
sehr eigentümliche und niederschlagende Betrachtungen knüpfen, dass die
Verwirrung so weit gediehen war, dass Rom mit Empörern, Räubern und Mördern, wie
mit einer rechtsbestätigten Macht unterhandelte, öffentlich, im Palaste eines
angesehenen Kardinals, und dass Florenz halb gezwungen, halb gefällig nachgiebig
vieler Rücksichten wegen, dem frechen Empörer die Besitzungen wiedergab, die er
früher durch offenen Verrat zur Strafe eingebüsst hatte.
    Als der verständige Kardinal sich mit dem Grafen allein sah, sagte er: »So
tief sind wir gesunken, dass wir einen so schändlichen Frieden abschliessen
müssen: dies beweist, wie sehr die notwendigsten Verhältnisse, alle Grundlagen
eines Staates, aufgelöst sind, und dass wir, trotz anscheinender Gesetze,
Herrschaft und Verwaltung, in einer wahren Anarchie nur noch dahinschmachten.«
    In einer andern vornehmen Gesellschaft fand der Graf Pepoli den unbändigen
Luigi Orsini. Er betrug sich mässiger und mit besserem Anstand als gewöhnlich,
denn er war in Gesellschaft der schönen Leonore, aus dem altberühmten Hause
Savelli, mit der er sich seit kurzer Zeit verlobt hatte. Diese schöne edle
Gestalt zeigte in ihrem sanften und zarten Wesen vielen Stolz, und man konnte
bemerken, dass sie selbst den starren Sinn ihres Bräutigams schon jetzt gebrochen
hatte. Graf Pepoli erschrak fast, als er mit Orsini den Grafen Pignatello im
vertrautesten Verhältnis fand, jenen Verruchten, der ein Anführer der Banden, im
Walde von Subiaco Ascanio und den Grafen Pepoli hatte ermorden wollen.
    »Ah Don Giovanni«, rief Vittoria dem Grafen entgegen, als er in den Saal
trat, »Ihr kommt gerade recht, mir in einem Streite beizustehn, den ich fast
schon verloren habe.«
    Der Eintretende fand eine ziemlich grosse Gesellschaft versammelt, unter
welchen der Herzog von Bracciano und der Kardinal Farnese die vornehmsten Gäste
waren. »Um was handelt es sich, edle Donna?« fragte der Graf: »ich werde Euch
nur von geringer Hülfe sein können, wenn ein Geist, wie der Eurige, seine
Behauptung schon beinah fallenlässt.«
    »Unsre Freundin«, sagte Bracciano, »liebt es zuweilen, paradoxe Meinungen zu
verteidigen. Und ihr ist es nicht genug, den Schwächern, wie mich, in
Verlegenheit zu setzen, sondern sie geht viel weiter, und will uns beschämen. So
äussert sie ihre Freude darüber, dass der Heilige Vater mit dem Piccolomini, als
wenn dieser Neapel oder Florenz selber wäre, einen Frieden abschliessen muss, dass
ein ehrwürdiger Kardinal sich dem Geschäfte unterzieht, und dass wir alle, wenn
wir leben und gedeihen sollen, die Obermacht eines Piccolomini oder Sciarra
anerkennen müssen.«
    »Und doch beschuldigt sie uns«, fuhr Farnese fort, »dass wir diese Banden
erschaffen haben, dass sie in unserm Solde stehn, und dass wir gleichwohl von
ihnen abhängig sein sollen.«
    »Meine Meinung ist nur«, erwiderte Vittoria mit Lebhaftigkeit, »dass diese
Empörer, Verbannte, Räuber und von der Gesellschaft Ausgestossene bei unserer
Verwirrung notwendig, ja dass sie eine Wohltat zu nennen sind. So wie fast alle
Gesetze bei uns ihre Kraft verloren haben, wie jeder tut, was er will, wie der
Mächtige jedes Gelüste befriedigen kann, wie keiner ihm widersprechen darf, so
frage ich nur: was würde aus uns hier werden, wenn diese Verbannten, die zu
einer grossen selbstständigen Macht angewachsen sind, nicht einigermassen diese
Willkür hemmten und zügelten? Alle diese furchtbaren Menschen sind freilich dem
Gesetz verfallen: dies ist aber so schwach und ohnmächtig, dass es die
Straffälligen nicht ergreifen und festalten kann. Sie sind also die kräftigeren
Naturen, die freien, selbstständigen, dem schwankenden Staate mit seinen
zagenden Anstalten gegenüber. Sie sagen also durch ihren öffentlichen Austritt
dreist und öffentlich: das Wesen, welches ihr einen Staat nennen wollt, erklären
wir für untergegangen; hier in den Feldern, Bergen und Wäldern bilden wir
vorläufig den echten, wahren Staat, auf Freiheit gegründet, im Widerspruch aller
jener quälenden, engherzigen Hemmungen und unverständigen Bedingungen, die ihr
Gesetze nennen wollt! Alles, was sich losreissen kann, was der Freiheit geniessen
will, kommt zu uns, und früher oder später muss unsre Gesinnung die im Lande
herrschende sein, aus unserer Kraft muss sich neue Verfassung, ein besseres
Vaterland entwickeln, und die schlimmern Räuber, die engherzigen, klüglich
Eigennützigen, die zaghaften Egoisten sitzen, von uns verbannt, hinter ihren
morschen Mauern und wurmstichigen Gesetzen, an welche sie selber nicht mehr
glauben. Wahrlich, nach dem, was wir hier erleben, liefern wir eine Erklärung
zum ersten Buch des grossen Paduaners, unsers Livius, dessen beginnende Erzählung
manche Zweifler für eine Fabel haben erklären wollen. Scharen solcher Verbannten
und selbständigen Männer haben das starke Rom gegründet, aus diesem Blut und
Stamme sind die Welterrscher entsprossen, die ihre Gesetze und ihren Willen
über den Erdkreis trugen. Werden diese Freien einmal bei uns von den Gefangenen,
Furchtsamen besiegt, so ist wohl die letzte Kraft Italiens erloschen. Denn keine
knechtische Scharen eines Spartakus sind es, sondern die im Überfluss, im
Reichtum Erzogenen, die wahren Aristokraten: freilich zitterte vor jenen das
starke, festgegründete Rom und unterwarf sie endlich: bei uns zagt und zittert
jedermann, an sich verzweifelnd, ohne kräftigen Widerstand zu leisten; doch kann
vielleicht diese laue Schwachheit den Sieg davontragen, denn diese dem Staat
Empörten sind auch oft gegen sich selbst empört, sie kämpfen gegeneinander, und
es hat sich erwiesen, dass sie weit ernstlicher gegeneinander fechten, als die
Soldaten und gedungenen Söldlinge des Staates gegen sie. So stehn diese Freien
denn auch in Dienst und Lohn der hiesigen und auswärtigen Mächtigen und reiben
sich zuweilen untereinander auf. Jeder der Magnaten hat seine Bande, auf die er
zählen kann, die stets willig ist, ihm gegen den Staat, aber auch gegen einen
andern Tyrannen Hülfe zu leisten. So wird ein Schwert, welches Bosheit, Rache
und Grimm zücken möchte, von einem andern Kräftigen in der Scheide festgehalten,
und so sind diese Verbannten die wahren Schützer unsers Lebens und unsrer
Sicherheit, die Beschränker der Tyrannei und Willkür, ganz anders wie unsre
Gesetze, über welche der Mächtige nur lacht. Eigentum, Leben, Freiheit ist
gefährdet, von hier und dort, aber ohne jene Räuber wäre alles unbedingt der
schlaffsten, charakterlosen Willkür preisgegeben.«
    »Schlimm, wenn es ganz so steht«, sagte Bracciano.
    »Es ist etwas Wahres in dieser ziemlich poetischen Schilderung«, bemerkte
Farnese; »wenn das Zeitalter einmal eine bestimmte Richtung angenommen hat, sei
es, welche es wolle, so kann der einzelne, der mit im Strome schwimmt, sich dem
allgemeinen Zuge und Falle der Wogen unmöglich entziehn, oder ihm gar widerstehn
wollen: der Kluge wird im Gegenteil alle die Vorteile ergreifen und für sich
benutzen, die sich rechts und links neben ihm zeigen. Auch ändert sich jedes
Verhältnis, jeder Zustand wieder nach und nach, denn die Zeit ist die
gewaltigste Kraft; wie sie allein den Gram über Unglück und Verlust von Freunden
lindern kann, so dämpft sie auch Entusiasmus und Leidenschaft, und dieselbe
Empörung, die alles vernichten wollte, kehrt, wenn die Gewässer gesunken sind,
wieder friedlich in dasselbe Bett zurück, das sie erst mit stolzem Verschmähen
verlassen hatte.«
    »Doch ist durch die Überschwemmung«, warf der Herzog ein, »hier dürres Land
in fruchtbares verwandelt, dort Acker und Wiese zur Einöde gemacht. Derselbe
Zustand kehrt, einmal gestört, nie ganz auf dieselbe Weise wieder. Die Kunst,
jede Bewegung und Eruption, jede Krisis zum Vorteil zu lenken, das Gute
befördern und den Schaden mildern, ist nur den allerwenigsten gegeben: mit einem
Wort, die Kunst des Herrschers ist die seltenste.«
    »Sie ist wohl Talent«, bemerkte Vittoria, »und wie wir immer sehn, dass kein
grosses Talent einzeln steht, sondern nur, wie Bäume im Gebirge, in der Ungebung
von Gruppen gedeiht und geschützt wird, so ist es wahrscheinlich mit der
Regentenkunst ebenfalls. Ruft eine Grösse die andere hervor und weckt und stärkt
sie, oder ist es mehr der Epidemie zu vergleichen, die nun einmal, ohne dass der
Mensch die Ursache anzugeben weiss, in der Luft herrscht, und sich dann durch den
Verlauf der Zeit wieder verliert, wie sie in dieser entstanden ist? Kann man sie
nur zählen, alle die grossen Männer, die sich in einem Zeitraum eines halben
Jahrhunderts, vor meiner Geburt, zusammendrängen? Ariost, Bernard Tasso,
Machiavell, Bembo, Annibal Caro; und Raffael, Buonarotti, Tizian, Correggio,
Julio und unzählige Künstler und Maler aller Art? Fand der fünfte Karl nicht
einen zweiten Julius und zehnten Leo, und viele treffliche Kardinäle sich
gegenüber? Soll ich diesen hohen Geistern auch noch den verruchten Peter, den
Aretiner zugesellen? Aber wohl darf man noch Guicciardini nennen und Leonardo da
Vinci, wie Franz den Ersten und manchen Fürsten jener Tage. Dass ich nicht den
scharfsinnigen tiefen Pomponatius in Padua vergesse, den Lehrer Sperones und von
hundert mächtigen Denkern - und, was haben wir jetzt? Und beneidet nach funfzig
Jahren jene Generation nicht vielleicht wieder die unsrige, die wir uns doch
eines Torquato Tasso, einer Elisabet von England, und so mancher kräftig
strebenden Menschen noch rühmen dürfen?«
    »Wir sind auf dem Wege«, sagte Farnese mit einiger Bosheit, »auch grossartige
Ketzer zu rühmen.«
    »Wir sind hier im vertrauten Kreise«, fuhr Bracciano mit einiger Heftigkeit
auf, »und in die innere Familie hat die Inquisition bis jetzt noch nicht
eindringen mögen.«
    Der Kardinal lächelte und antwortete mit feiner Liebenswürdigkeit: »Man kann
mir wohl zutrauen, dass ich kein Freund der Inquisition und jener strengen
Massregeln bin, die sich so oft, vielleicht ohne Not, für Heilungsmittel
ausgeben.«
    »Und meine Meinung«, fuhr Vittoria ruhig fort, »ist auch zu unbedeutend,
oder meine Person vielmehr, als dass irgendwer ein Gewicht darauf legen könnte.
Doch glaube ich, dass die Kirche ebenso gegen unsre erste Hälfte des Jahrhunderts
zurücksteht, wie in Staatskunst, Wissenschaft, Malerei und Poesie. Schon seit
Alexander dem Sechsten hatte sich in Glaubenssachen ein freier Sinn offenbart,
und ging gleichsam allen den Neuerungen in Deutschland und Frankreich voraus.
Wären jene grossen Päpste und Kardinäle, die selbst die Freigeisterei und den
Unglauben ertrugen, indem sie selber teil daran nahmen, weniger leichtsinnig
gewesen, hätten sie ihre moralische Würde mehr gewahrt, so möchte ich jene Zeit
eine goldene der Freiheit, der Poesie und des Denkens nennen. Ein grosser Teil
der Menschen war der Zuchtrute und Furcht entwachsen, die Kirche musste sich
bequemen und der neu aufgehenden Zeit entgegenkommen: die anstössige Lebensart
der Geistlichen musste sich bessern und so war im notwendigen Umbau vieler
veralteten und morschen Teile der Kirche eine Einigung mit den starken Geistern
des Auslandes wohl möglich, und der gefährliche Riss im Gebäude wäre nicht
eingebrochen. Aber der Kluge verachtete, der Einfältige schalt die neuen
Symptome, so verlief die günstige Zeit, und nun hat sich, um zu bessern, eine
strenge Finsternis, ein Hass und Geist der Verfolgung, vernichtend über das bis
dahin so heitere Leben gelagert. Seit dem vierten Paul, dem frommen Pius dem
Vierten und dem krankhaft gläubigen Fünften, haben wir jetzt am milden und
menschenfreundlichen Gregor, unserm Heiligen Vater, einen Herrscher, der die
straff angezogenen Bande, die ihm jene in die Hand legten, nicht wieder darf
locker auseinanderfallen lassen. Ja wohl sehne ich mich in jene heitere Vorzeit
zurück, in denen unsre Eltern ohne Furcht vor diesem dunkeln Geist der Kirche
denken und sprechen durften. Hat das Leben doch schon des Elends genug und des
Grams, sind wir doch von allen Seiten beschränkt und gebunden - so konnte man
hier doch dem Spiel und dem Ernst, der Poesie wie Philosophie ihre freie
Rennbahn zu Entwickelung der edelsten Kräfte gestatten.«
    Farnese stand auf, zwar freundlich lächelnd, aber doch verwirrt und in
ungewisser Gebärde. Er küsste die Hand der Rednerin und sagte: »Nicht so laut und
öffentlich; denn man kann nicht wissen, wie diese Meinungen mit Zusätzen und
entstellt herumgetragen werden möchten.«
    »Gewiss von keinem in diesem edlen Kreise«, sagte Bracciano, indem er sich
ebenfalls erhob, um Abschied zu nehmen. Er verweilte vor Vittoria, die ihm
jetzt, beinah so gross, wie er selbst, gegenüberstand, indem er ihre Hand fasste
und festielt, ohne sie zu küssen. »Ihr denkt in allen Dingen gross«, sagte er
dann, »und steht immerdar vom Haufen abgesondert, im Glanz Eures eigentümlichen
Wesens und Glaubens. Ja wohl solltet Ihr eine Semiramis sein, um der starren
kleinlichen Welt beurkunden zu können, was das Herz und die Gesinnung eines
grossen Weibes vermögen.«
    Auch Pepoli verliess mit allen übrigen den Saal und Vittoria fühlte sich
beschämt, dass der Mann, den sie so innigst verehrte, jenes jugendliche Gedicht
aus den schönen Tagen von Tivoli kennen sollte, welches sie für so unreif hielt.
Nur der gutmütige Caporale konnte es ihm mitgeteilt haben.
    Peretti, der wiederhergestellt war, entfernte sich auch, um sich nach seinem
abgelegenen Schlafgemach zu begeben. Die Mutter welche das neu eingetretene
Verhältnis wohl erriet, wies alles Nachdenken darüber von sich ab. Betrachtete
sie unbefangen ihren Schwiegersohn, so musste sie sich bekennen, dass sie ihn in
ihrer blühenden Jugend niemals als Gatten neben sich hätte dulden können. Sie
beseufzte die Entfernung, die zwischen ihr und ihrer Tochter unverkennbar lag,
so dass beide gerade über die wichtigsten Gegenstände und Verhältnisse ihres
Lebens am wenigstens sprachen. Mit beklemmtem Gefühl verliess sie die Tochter,
die auch alle Diener zu Bette sendete, um in der Nacht noch im Saal in der
Einsamkeit sich und ihren Gedanken zu leben.
    Als alles still und ruhig war, öffnete sie die Tür zum Garten und
betrachtete das Licht des abnehmenden Mondes, das rätselhaft durch die Bäume
schimmerte. Dann setzte sie sich und schrieb in wehmütiger Stimmung noch einige
Gedichte nieder.
    »O du süsse Rosenknospe!« so lauteten die Verse, »warum zitterst du, den
Kelch, den duftenden, zu öffnen? Der Mondschein schlummert im Grase neben dir,
und breitet seine weichen schlaftrunkenen Arme um deine grüne kräftig
schwellende Hülle. Er hat dem Abendtau geboten, flüssige Demanten dir
überzustreuen, sie sollen dich bestechen, zum süssen Kuss den roten Mund zu
öffnen. Du bleibst dir treu, verschwiegen und stumm. Da kommt die allgewaltige
Sonne und du musst deinem Schicksal gehorchen. Der Tau rinnt, sowie du ihn
öffnest, als grosse, zitternde Träne in deinen Busen: wie glänzt sie auf dem
frischen Rot! Nun geht die Braut im Frühlingshauch vorüber und sagt zu ihrem
Jüngling: O sieh die Wonne dieser Blume, wie sie das feuchte Kind des Morgens
liebkosend im Purpur ihrer Blätter wiegt, und wie im vielfachen Schimmer der
Tropfen lacht, hochentzückt, von der schönsten Blume so gepflegt zu sein. Sie
stehn und schaun im Bilde hier ihr namenloses Glück - und wissen, oder bedenken
nicht, dass dieser Glanz das Unglück des Lebens ist - die Träne des Elends - und
dass am Abend die jugendfrische Rose mit zerstreuten Blättern tot auf dem Boden
liegt.« -
»Im weiten Meer, im dunkeln Grund bewegt sich die Muschel. Wie bin ich einsam!
klagt sie. Wie kann auf lieber Erde Pflanze und Tier im heitern Lichte sich
ergehn. Welche wüste Nachbarschaft die meinige! Wohin ich blicke und denke, nur
kalte, stumme Ungeheuer. Elend und Widerwart auf dunkelm Grunde: oben, an des
Lichtes Grenze das traurige Geschlecht der ziehenden und schwimmenden
Schuppentiere. Keiner weiss, keiner kennt meine Sehnsucht. Fremd mir alles, ich
in mir selbst verschlossen muss mich verzehren in Angst nach ungekannter Freude.
- Da bricht es, ein Seufzer, Klage, Jammer, oder tötendes Jauchzen aus der
Ärmsten, und, einer stillen Träne gleich, setzt sich festgehalten das Leid an
die schimmernde Umhüllung. Die zarte Krankheit wächst im stillen fort, so wie
die Sehnsucht steigt. Schon wird ihr selbst das harte Haus zu enge. Da wird sie
im Tode erlöst. Ein kluger Fischer zerbricht die Wände, sie stirbt, er nimmt die
köstliche unschätzbare Perle und trägt sie zum König hin, in dessen Krone sie
fortin glänzt, als der kostbarste Schmuck. - O armer Torquato Tasso! - Und darf
ich sagen: o ärmste Vittoria? - Oder bin ich zu eitel?«
»Nein, eitel nicht, aber auch so elend bin ich nicht. - Hat doch der edelste der
Männer dich verstanden, und sagt es dir in jedem Blick. Ja, wie der armen
verwelkenden Pflanze der sanfte Regen des Himmels, so sind diese belebenden
Blicke aus den klaren Geisteraugen. Die Geisterbrunnen, die Jungbrunnen, von
denen die Märchen erzählen, sind sie mir. Denn wie der Wilde sich zuerst im Bach
und Strom mit Staunen sieht, so habe ich mich in deinem Blick, in deinem
Seelengruss, zuerst erkannt. O welch ein Schauer von Seligkeit, welch ein
Wonnegrauen flog durch alle Fühlungen, Gedanken und Ahnungen meiner Seele, als
ich mir zuerst sagen durfte: siehe, dieser ist Geist von deinem Geist, und Liebe
von deiner Liebe! Und wenn ich jetzt, in diesem Augenblick stürbe - ist es denn
nicht genug, für diesen einen einzigen Moment gelebt zu haben? Wenn die höchsten
Geister in des Unnennbaren Nähe ein entzücktes Sein geniessen, wenn sie, ihm
ähnlich, im ganzen All nur eins in der Unendlichkeit der Schöpfung sich und
seine Liebe erblicken - so rufe ich: wohl mir! dass ich in seinem Erscheinen den
Reichtum seines Herzens und die unendliche Fülle des meinigen zugleich
erblickte.« -
»O du arme, arme Welt! - Mich lästern wirst du einst vielleicht, mich den
Niedrigsten zugesellen, wenn du von mir und meinem Wandel die elenden,
abgerissenen Silben erfährst. Kannst du mich stören und die selige Harmonie, die
mit ihren süssen Kreisen klingend durch mein Wesen schwingt? Ihm nur bin ich ihm
nur denk ich, ihm nur sterb ich. Eilt er mir voran, so flieg ich ihm durch alle
Welten, durch Sein und Ahnung nach und durch den leeren Raum. Wohl ist im Tode
erst Einigung und Leben. Uns trennt die nahe Gegenwart, wenn meine Hand die
seine rührt, so ruft das Ewige im Drucke: flieht! dortin! wo keine Zeit und
Stunde herrscht, wo man nur nach Entzückungen die Ewigkeit rechnet, wo kein
Ermüden ist, kein Vergessen, kein Zweifel und keine Frage. Aug in Auge, Geist in
Geist, du ich und ich du, mehr als Gedanke und Gefühl - o armer Mensch, kehre
doch zu dir und dieser Erde zurück, auch hier siehst du im Bilde, was du suchst;
auch das einfache Wort ist ein ewiges: jeder Augenblick der Liebe ist ja ein
unerschöpfliches Meer - ach! mein Geliebter! ohnmächtig nach allem Aufschwung
sinke ich beglückt in deine Arme - und alles ist lebendig in mir, was ich vor
Tausenden von Jahren schon suchte, da ich mich unbefriedigt in allen Windungen
nach dir sehnte.«
    Sie sass nahe an der Mauer, die das Haus von der Strasse trennte, denn die
Wohnung stand frei und abgesondert. Indem sie schrieb, war es ihr schon oft
gewesen, als wenn sie ein sonderbares Geräusch vernähme. Es war, als wenn ein
Tier oder ein Mensch sich draussen auf der Strasse an der Mauer etwas zu tun
machte. Gleich, wenn sie hinhorchte, war es wieder still, dann liess es sich
wieder vernehmen. Vittoria, die nicht ängstlich war, wollte das Fenster öffnen,
um hinauszusehn, was so in ihrer Nähe sich verdächtig bewege; aber das Fenster
war, der Sicherheit wegen, von den Dienern zu fest verschlossen, sie konnte es
ohne Hülfe nicht auftun. Jetzt, indem sie wieder an der Wand mit Aufmerksamkeit
horchte, kam es ihr ganz deutlich vor, als vernähme sie das Aufatmen eines
Schlafenden. Sie konnte nicht länger zweifeln, da dieses Atmen bald in Röcheln,
und dann in Schnarchen überging. Die Töne waren aber nicht, wie im Freien,
sondern hallten, wie in einem engen Gemach: und doch wusste sie, dass kein Zimmer
mehr neben diesem Saale sei.
    Indem sie so, nicht ohne Besorgnis, an der langen Wand hin und her tappte,
fühlte sie mit der Spitze des Fingers plötzlich ein Knöpfchen, nicht grösser und
dicker als etwa eine Linse, unkennbar in der Mauer, mit Farbe überstrichen - und
sowie sie den Druck stärker wiederholte, öffnete sich plötzlich ohne Geräusch
die Wand. Sie sah in der Dämmerung, dass dennoch dort, wo sie die Strasse glaubte,
noch ein schmales Gemach sich befinde, aus welchem jetzt viel deutlicher das
regelmässige Getöne des fremden Schlafenden erscholl. Sie zögerte einen
Augenblick, ob sie die Diener wecken und rufen solle, Mitternacht war längst
vorüber und die unerwartete, seltsame Entdeckung hatte ihren Sinn befangen. Doch
nahm sie nach kurzem Besinnen die Lampe in die Hand und schritt hinein. Wie
erstaunte und erschrak sie, als sie dort ihren Bruder, den verbannten Marcello,
in einem Sessel schlafend fand. -
    Sie setzte die Lampe auf den kleinen Tisch und weckte dann den Träumenden,
der sich lange nicht aus seiner Schlafbetäubung finden konnte. »Du? Schwester?«
rief er dann, »hier? du hast das Kunststück auch entdeckt?« -
    Er musste erzählen, warum und wie er in die Stadt gekommen sei. »Ei!« sagte
er auf seine gleichgültige Weise, »ich bin schon oft heimlich in eurem Hause
gewesen, und dein freundlicher kleiner Peretti logiert mich immer in das
niedliche Gartenhaus, zu welchem er dann selbst die Schlüssel behält. Auch
Ursula weiss es jedesmal, wenn ich hier bin, und hilft mir herein und heraus.
dabei ist die gute Alte so schweigsam wie das Grab. Wie ich nun neulich wieder
einmal im Hause bin, was aber nur die Alte für diesmal wusste, vergisst mich das
gute Tierchen, ich irre in dunkler Nacht herum, gerate in den Saal hier, kollre
gegen die Wand und entdecke unverhofft diesen niedlichen Versteck. Den hat sich
damals, als er sein Haus für sich selbst baute, dein feiner Schwiegervater
angelegt, und keinem Menschen ein Wörtchen von diesem Geheimnis gesagt. Man kann
durch diese dünne Wand alles hören, was im Saal gesprochen wird, so kann man
durch Baum und Gesträuch versteckt, die auf der Gasse stehn, auch durch die
verhüllten Fensterstäbe jede Silbe hören, die sie draussen im Freien reden. So
mag der Alte damals manches erlauscht haben. Jetzt wohnt er da oben, um euch
diesen kleinen Palast zu geben. Heute schlich ich wieder herein und verspätete
mich, und so musste ich notgedrungen alle eure Konversation und deine Tollheiten,
Schwester, mit anhören. Jetzt aber, da Ursula doch wohl schläft, werde ich durch
den Garten und über die Mauer den Rückweg suchen müssen, da du die Hausschlüssel
nicht hast.«
    Die unsichtbare Tür wurde leise und fein wieder zugemacht, und als Marcello
schon im Garten war, kehrte er noch einmal um, und raunte der Schwester zu:
»Hüte dich nur vor der Schlange, dem Farnese, der hat Böses gegen dich im Sinne;
- und dein Männchen - o der liebe niedliche Blondkopf - der ist auch ein feiner
Fuchs. Traue ihm ebensowenig.« - Er entfernte sich schnell und sie blieb noch
lange im einsamen Saale allein, vielerlei bedenkend.
 
                                Zweites Kapitel
Italien feierte wieder ein Fest, weil der Grossherzog Francesco nach dem Tode
seiner Gemahlin die bekannte und berüchtigte Bianca Capello öffentlich
geheiratet und zur Fürstin erhoben hatte. Der Kardinal Fernando, der Bruder des
Regenten, war empfindlich gekränkt, doch erschien er öffentlich als ein
versöhnter Freund des Grossherzogs: er war vertraut und höflich gegen die neue
erwählte Gemahlin und Fürstin, und da der Senat von Venedig Bianca für eine
Tochter der Republik feierlich erklärt und ihr dadurch den hohen Adel des
Staates mitgeteilt hatte, so war es nicht zu verwundern, wenn berühmte und
unberühmte Poeten diese Vermählung mit ihren Hymnen begrüssten. Ein schönes
Gedicht liess der arme Tasso bei dieser Gelegenheit ertönen, der schon in seinem
Kerker schmachtete: warum der scheltende Sperone, der den Fürsten nicht
schmeicheln wollte seine rauh klingende Leier bei dieser Gelegenheit in seinem
hohen Alter stimmte, ist weniger zu begreifen, wenn sein wie in Verlegenheit
stammelndes Gedicht nicht entstand, mehr um Venedig als der neuen Grossherzogin
gefällig zu sein.
    Der Herzog Bracciano äusserte sich sehr milde über diese Missheirat und
Vittoria stimmte ihm bei, obgleich sie die schmeichelnden Poeten, selbst ihren
alten Hausfreund, Caporale, sehr tadelte. »Gewiss«, sagte sie, »entsteht jedes
Gedicht mehr oder minder aus irgendeiner Veranlassung, und welche Unzahl
vortrefflicher Meisterwerke verdanken wir diesem Aufruf und zufälligen
Aufschwung! Aber schon ist es Sitte und unerlässliche Notwendigkeit geworden, dass
die Poesie sich bei jeder Standeserhöhung, bei Tod oder Geburt, Vermählung eines
Fürsten und Mächtigen, bei Errichtung eines Hauses, oder noch kleineren
Veranlassungen vernehmen lässt; und wie arm, nüchtern und ungeniessbar ist nun
vieles Getränk eingeschenkt worden, das sich für berauschenden Wein ausgeben
will. Und dann diese ersonnenen Liebschaften, oft ernst in Heuchelei, oft nur in
galanten und feinen Anspielungen und Wendungen; andre, an Damen gerichtete
Begeisterung, die gar nicht leben - wo kann in diesem albernen Gesang der Mode
sich Erhebung für Religion und Vaterland, wo der Hass des Tyrannen und
schändlicher Willkür, wo die Lobpreisung des wahrhaft Edlen, wo die echte ewige
Leidenschaft grosser Liebe vernehmen lassen? Durch dieses stets wiederholte
Stammeln und Lallen wird dem echten Gesang die stark tönende Zunge ausgerissen
und es kommt dahin, dass auch der Bessere die Affektation affektiert. Ja, diese
mächtige Harfe durch welche der Adler Dante mit seinen grossen Schwingen rauscht
- wie hallt da Vaterland, Tugend, Himmel und Natur im einklingenden Echo jeden
tiefsinnigen Ton zurück, und die Poesie ist die Gattin des prophetischen
wahrsagenden Genius!«
    Wenn zwei edle Gemüter sich auf die Weise näher gekommen sind, wie das
Schicksal Vittoria und Bracciano zueinandergeführt hatte, so empfängt jedes
Wort, jeder Ausspruch in dieser Aufregung hoher Leidenschaft den Charakter der
Weihe: der Liebende nimmt die Rede als Orakel auf, und grübelt und deutet auch
aus dem nur Hingeworfenen einen tiefen Sinn. In dieser Entzündung der Herzen
wird den beiden alles Poesie und Wahrheit. So sah der Herzog und die junge
schöne Frau in allem, was sie lasen oder hörten, in der Begebenheit des Tages
oder in alter Geschichte, immer nur Anspielungen auf sich und ihr beiderseitiges
Verhältnis. - Wo habe ich denn bis jetzt gelebt, und wie! pflegte der Herzog in
einsamen Stunden wohl zu sich selber zu sagen, dass ich den Menschen und seinen
Wert, dass ich die Hoheit des Weibes noch niemals gesehn und verstanden? Musste
ich zum Manne heranreifen, um in so späten Jahren erst mich selbst im innersten
Geheimnis meines Herzens zu finden? - Und ich sollte nicht das erringen, was
Himmel und Natur für mich erschaffen haben?
    Mit diesen Gesinnungen begab sich der Herzog wieder einmal, und ohne
Gefolge, wie er gewöhnlich zu tun pflegte, nach dem Hause der Peretti. Als er
eintrat, bemerkte er, dass alle Mitglieder der Familie das Haus verlassen, und
Vittoria sich allein im Gartensaal befinde. Er überraschte sie, indem sie eben
jene Gedichte fortsetzte, an denen sie gern in einsamen Stunden arbeitete und
schrieb, sie war so vertieft und abwesend, dass sie ihn erst gewahr ward, als er,
über ihre Schulter gebeugt, das Blatt schon gelesen hatte. Sie verwunderte sich,
war aber nicht erschrocken, noch weniger stellte sie sich so, als sie sich
plötzlich allein mit dem Geliebten sah. Er freute sich dieser ruhigen Fassung
und sie antwortete: »Wäre ich jetzt empfindlich, oder erzürnt, so möchtet Ihr
mein Freund, wohl gar glauben können, es sei ein ersonnenes vorsätzliches Spiel,
dass Ihr mich einsam bei diesen Dichtungen treffen, und sie auf diese Weise
kennenlernen solltet. Aber dem ist nicht so. Ihr erinnert Euch gewiss, dass Ihr
gestern bestimmt sagtet, es wäre Euch unmöglich, uns heut zu sehn, meine Mutter
und Peretti sind beim Kardinal, ihm zu danken, denn unser Prozess ist endlich,
und zwar zu unsern Gunsten entschieden, so hatten denn die Diener den Befehl,
alles abzuweisen, und nur Euer Name ward nicht genannt, weil ich die Hoffnung
Eures Besuchs aufgegeben hatte.«
    »Und so wird mir einmal das ungehoffte Glück, Euch so ganz allein zu
treffen«, erwiderte Bracciano: »- und so lasst mich jetzt alle diese Blätter,
diese lieblichen Bekenntnisse lesen. -
    O Vittoria!« rief er nachher aus: »was bist du für ein Wesen, für ein
Wunder!« - Er umarmte sie und sie entzog sich seinen Küssen nicht. - »Wie ist
dir?« fragte er dann, als er sah, wie sehr sie zitterte.
    »Wie?« antwortete sie mit bewegter Stimme, »so selig, wie ich nicht mir
einbilden konnte, dass eine solche Wonne für uns Menschen geschaffen sei. Zu
glücklich bin ich so in deiner Gegenwart. Eine solche Seligkeit, sagten die
alten Griechen, gönnen uns die Götter nicht, sie werden uns bald durch Unglück
trennen. O Giordano! wir fordern das Schicksal heraus durch unsern Obermut, ein
solcher ist Sterblichen nicht erlaubt, und die Götter werden uns strafen. Und
bist du denn glücklich?«
    »Mehr als Worte es fassen und aussagen können«, antwortete der Herzog
begeistert. »Wie gross bist du und edel, dass du ohne Wort und Rede meine Liebe
gefühlt und verstanden hast. So lass uns vielmehr den Göttern auf die wahre Art
dankbar sein, anstatt sie zu fürchten: ist doch der ganze Olymp zu uns
herniedergestiegen, unser Gefühl, unser Mut hat uns ihre Gunst gewonnen, zagen
wir dann nicht, an ihrem Gastmahl teilzunehmen.« »Und wie liebst du, Liebster?«
fragte sie.
    »Dass ich dir ganz unbedingt gehöre, du ganz mir«, sprach der Trunkene: »dass
unter uns kein Zweifel waltet, keine ängstliche Furcht uns die kleinste Wahrheit
oder grösste Wonne unterschlagen darf, dass du mir keine Faser deines Herzens
verdeckst, dass du jeder Frage mit Liebe und Wahrheit Antwort gibst.«
    »Ja, Freund«, sagte Vittoria, »das ist mein Wunsch selbst; aber, wenn die
Lüge unter uns verbannt sein soll, so bleibt es doch immer schwer, die wahre,
eigentliche Wahrheit zu finden. In der Lüge und Heuchelei spricht der böse
Geist; aber in der Leidenschaft nicht immer der der Wahrheit.«
    »Und du könntest zögern«, sagte Bracciano, »da du mich liebst, ganz mein zu
sein, ohne Rückhalt und Vorbehalt? Du selber hättest diesen nächsten
natürlichsten Wunsch nicht, wenn du mich liebst? du könntest kalt und überweise
es ansehn, wenn ich mich in Sehnsucht verzehre? O du Angebetete, lass uns das
Elend des Lebens ja nicht durch willkürliche Satzungen und Eigensinn, die sich
Tugend nennen wollen, erhöhen.«
    »Du wirst mich verstehn, Geliebtester«, antwortete Vittoria. »Mein Herz,
meine Seele, alles mein Wünschen ist dein; wie kann es anders, wenn mein
Eigensinn es auch selber wollte. Die unbedingte Hingebung ist in der Liebe
alles, das habe ich erst erfahren, seit ich dich kenne. Inbrünstiger Wunsch,
Wonne und Paradies ist mir mit dir jene Vereinigung, die ich sonst mit Grauen
betrachtete - aber, ist denn nicht auch in der Liebe, auch ohne diese
Vollendung, das höchste Glück? Jeder Blick von dir ist meinem Herzen ein Gruss
aus dem Himmel, jedes Wort eine Offenbarung, und jeder Druck der Hand eine
selige Gemeinschaft der Geister. Wäre ich frei, Teuerster, ich käme deinem
Wunsch entgegen, ja ich könnte mit mitleidigem Lächeln auf die Welt
herniedersehn, wenn sie mich deine Buhlerin nennen wurde; aber ich habe meiner
Mutter, dem Kardinal und diesem Peretti mein heiliges Wort, mein feierliches
Versprechen gegeben, niemals zu freveln, niemals diese Untreue und Schwachheit
mir zuschulden kommen zu lassen. So wie die Sachen in der Welt stehn, muss ich
dem guten, edlen Montalto mein Versprechen halten, ich darf ihn und meine Mutter
nicht auf diese Weise kränken. Du glaubst nicht, von welcher Schmach uns
Montalto durch seinen Edelmut, durch diese traurige Vermählung erlöst hat. Wäre
ich frei und ungebunden, so wär ich dein. - Sieh, ich habe dir jetzt mit meiner
Liebe auch die Wahrheit gegeben.«
    Bracciano schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und ging
unzufrieden im Saale auf und ab. »Ich Unglücklicher!« rief er aus, »dass ich dich
nicht früher habe kennen lernen! du meine Gattin - welch Glück dem meinigen zu
vergleichen! O du Himmlische, was ist dir gegenüber die verächtliche Bianca
Capello, die täuschende und heuchelnde Lügnerin, und doch ist sie jetzt die
rechtmässige Gemahlin des Fürsten! So sehr ist dieser so schwache Francesco doch
von der Gewalt der Liebe bezwungen worden.«
    »Und du könntest nicht glücklich sein«, fragte Vittoria furchtsam, »ohne
diese Befriedigung?«
    »Ja«, rief Bracciano, »glücklich und selig, mehr als einer, den ich kenne,
und doch elend zugleich. Ja wohl ist die Zeit der mächtigste Gönner und Feind:
damals, als du noch kein Wort gegeben, als du mir als freie, edle Jungfrau
entgegentreten konntest, o warum lernt ich dich damals nicht kennen? - Und nun?
- So flicht sich unser Schicksal zusammen, um uns zu erdrosseln, und die
Leidenschaft wirft sich wütend und doch ohnmächtig in die Notwehr, und erliegt
endlich im Kampf, oder siegt scheinbar durch Verzweiflung. Und dann - o dann ist
das Leben nicht mehr jenes klare, reine Blatt, das der Jüngling in seinem
Lebensbuche aufschlägt, um eine jugendliche Hymne begeistert hineinzuschreiben.«
    Er versank in ein tiefsinniges Hinbrüten, stand lange, das Haupt
niedergesunken und blickte dann nach dem Garten und dem Abendhimmel: »Ha,
Isabella!« rief er plötzlich, »- du drohst, du mahnst - ja, du hast dich jetzt
an mir gerächt, und mich gedemütigt.«
    Vittoria schrak zusammen, weil sie ihn zu verstehn glaubte. Ihr war, als
wenn plötzlich eine tiefe schwarze Nacht in ihre Seele falle. Wo war in diesem
Augenblick die Gegenwart und das Gefühl der Liebe, von dem sie noch eben
begeistert war? So kann zuweilen in uns die letzte Spur des Lebens verschwinden,
und ein Grauen befällt uns, dass das, was uns als reiches mannigfaltiges Paradies
erschien, nun, da die süsse Täuschung verschwunden ist, als unübersehbare dürre
Steppe vor uns liegt, ein Nichts dürrer Verzweiflung.
    Er stand jetzt vor ihr, und beide sahen sich mit einem Blicke an, der sich
nicht beschreiben lässt. Auch selbst nach diesem Blicke konnten sie die Rede noch
nicht wiederfinden. So fühlten ihre Seelen jenen sonderbaren Druck, der uns
beängstigt, auch wenn Lüge, Unwahrheit, Heuchelei uns fern stehn: der furchtbare
Tod schwingt dann seine Flügel durch unser ohnmächtiges Wesen und ermattetes
Dasein.
    »Ich kenne deine Gedanken«, sagte er endlich, nachdem er wieder durch den
Saal gegangen war, und sich dann niedergesetzt hatte, »aber sie war meiner ganz
unwürdig, und selbst ihre Brüder haben kein Wort der Klage ausgesprochen. Und du
standest hell und klar in jenem finstern Momente vor mir; und auch ohne
Vorwurf.«
    »Auch jenen Abend«, sagte sie jetzt, »an welchem der Schwatzende hier war,
hat uns das Verhängnis gesendet. Das ist die grosse Frage des Lebens, wie sehr
man sich den Schickungen widersetzen darf, wie man sie bezwingen kann. Dass du
mir vorher Entsetzen erregtest, gehört auch als ein dunkles Bild in das Gedicht
meiner Liebe und meines Lebens.«
    »Ach! Vittoria«, klagte jetzt Bracciano, und Tränen stürzten aus seinen
Augen, »in manchen Momenten glaube ich, dass ich deiner nicht würdig bin, dann
fühle ich dich so viel grösser und herrlicher. Ja, zu deinen Füssen muss ich
liegen, im Staube vor dir und deine Füsse küssen, als dein Huldiger oder
demütiger Sklave, dem deine Hoheit, deine Gnade erst die Freiheit schenken
kann.«
    Er warf sich nieder und barg schluchzend sein Haupt in ihren Schoss. So
überliess er sich einige Momente dem seligen Genuss jener wehmütigen Hingebung,
jener Auflösung aller Kräfte und Gedanken, wo wir uns selbst enfliehen und uns
verlieren, und nur noch in den Pulsen der süssesten Rührung unser Leben fühlen.
Sie legte weich und zart die rechte Hand in die Locken seines Haars, und er
fühlte sich jetzt, wie erwachend durch und durch beglückt, weil ihm war, als
segnete ihn der höchste Engel des Himmels und spräche ihn von allen seinen
Sünden frei.
    Unangemeldet, wie er als nächster Verwandter, sich dieser Freiheit bedienen
durfte, war der Bruder Vittorias, der Bischof Ottavio hereingetreten. Er warf
einen boshaften prüfendes Blick auf die Gruppe und fragte die Schwester, die
sein Eintreten auch nicht bemerkt hatte: »Vittoria! ist Seiner Exzellenz nicht
wohl?«
    Vittoria sah, ohne zu erschrecken auf, und ruhig erhob sich der Herzog,
blickte, noch Tränen in den Augen, den Bruder mit festem Gleichmut an und sagte:
»Sehr wohl, Herr Bischof, war mir, so freudig bewegt, wie selten im Leben: Eure
Schwester hatte mir eben einige ihrer neuesten Gedichte hergesagt, und diese
sind so schön, dass ich ihr nur auf den Knieen meinen Dank sagen konnte. Ihr
seht, ich schäme mich dieser schönen Rührung nicht, dass auch die Stärke des
Mannes von dem Zauber der Poesie zerschmelzen kann.«
    »Immer eine seltene Erscheinung«, erwiderte mit fragendem Lauschen der
Bruder; »möchte mir die Schwester die schönen Ottaven oder Sonette nicht
ebenfalls mitteilen, damit ich die Erfahrung machen könne, ob mein Gemüt
vielleicht weniger nachgiebig wäre?«
    »Du würdest diese Verse doch nicht begreifen«, sagte Vittoria kalt, stand
auf und verschloss die Blätter in ihrem Schrank.
    »Ich bin freilich«, sagte der Bischof, »in der Poesie nicht so eingeweiht,
wie hochbegabte Kenner, indessen sollte doch wohl, was so gewaltige Rührung
hervorbringen kann, auch dem Laien verständlich sein.«
    »Nicht immer«, sagte Bracciano, indem er seinen Hut nahm und sich zum
Abschied rüstete: »es gibt Stimmungen, in welchen die Kunst der Musen leichter
Eingang in unsere Herzen findet, als in andern kältern Augenblicken.«
    »So muss es wohl sein«, erwiderte Ottavio, »und Eure Exzellenz ist natürlich
seit dem Tode Ihrer schönen Gemahlin, mehr als früher, zu solchen Tränen und
Rührungen aufgelegt.«
    »Signor«, sagte der Herzog und trat ganz nahe an ihn heran, indem er ihm mit
scharfem Blicke, halb zürnend, halb verachtend in sein Auge sah: »ich wusste
nicht, dass wir so vertraut miteinander wären, dass Ihr etwas von meinen
Seelenzuständen wissen könntet. Ich pflege mein Vertrauen und meine Freundschaft
nicht so eilig auszubieten.«
    Mit diesen Worten entfernte er sich in stolzer Haltung. Ottavio setzte sich
jetzt der Schwester nahe gegenüber, und sagte mit spöttischer Feierlichkeit:
»Ich habe da wohl eine Szene unterbrochen, die vielleicht das Vorspiel zu einer
andern war, die noch weniger einen Zeugen vertrug. Also schon jetzt, so früh
schon, du schwachherzige Schwester, fängst du an, die Ehre unseres Hauses zu
vergessen?«
    Ohne zu erröten, mit Eiseskälte sah ihn starr und fest die Schwester mit den
grossen Augen an. »Wie tief ich dich verachte, kann ich nicht aussprechen.« Nur
diese wenigen Worte sagte sie. Ottavio, der den Blick des stolzen Herzogs mit
entgegnender Dreistigkeit ertragen hatte, schlug jetzt, mit den Augenlidern
zitternd, den Blick zu Boden und eine Schamröte übergoss sein Antlitz, »So kalt
kannst du mir das sagen?« Nur diese wenigen Worte konnte er stotternd
hervorbringen.
    »Dass ich dem Bruder es sagen«, sprach sie, »und es so sagen muss, demjenigen,
der mein Schutz sein sollte, der mit mir unter demselben mütterlichen Herzen
gelegen hat, das, glaube mir, spaltet mir, zwar nicht erst jetzt das Herz, nein,
denn ich bin endlich ruhig geworden. Aber welche Todeskämpfe es mir gekostet
hat, welches Ringen in der gequälten Seele, das kann ich dir Kalterzigen nicht
in Worten ausdrücken. Und wozu? dein Busen ist allem Edlen entgegen gepanzert:
mich wirst du mit deiner Heuchelei niemals täuschen. Gehe nur hin, und erzähle
ihm alles, was du glaubst gesehn zu haben: was kümmert es mich? Ihr alle, Gute
wie Schlimme, habt mich so hingestellt, dass ich nur mir selbst verantwortlich
bin. Ihr sollt mein Schicksal nicht aufhalten und mein Wesen nicht beschränken,
ihr, schlimmer, als die Pharisäer!«
    »Ich verstehe dich nicht«, sagte Ottavio verlegen, der sich aber gern
sammeln wollte; »wem wiedersagen? Was meinst du damit?«
    »Man möchte lachen«, erwiderte sie, »wenn der Narr nur selber lustiger dabei
aussähe: nun, dem weltberühmten Niemand, der ja alles Böse, Schlechte und
Verächtliche in der Welt ausrichtet, der arme Sündenbock, auf den alle Laster
und Bosheiten immer gewälzt werden: diesem Niemand kannst du es sagen, oder auch
seinem Erbfeinde, dem Jemand: denn freilich ist der Niemand auch wieder der
Tugendsame, Gottesfürchtige, Wohltätige, der ohne Laster und Leidenschaft ist,
und wenn Niemand so ausbündig und tadellos ist, so muss irgendein Jemand doch
wohl dies und das verbrochen haben. - O ihr armen Armseligen! hat Gott denn
wirklich für euch die Sprache erfunden und sie euch mitgeteilt?«
    Mit dieser Rede liess sie ihn stehn, um sich in ihren Zimmern zu
verschliessen. Ottavio, der Hohnlächeln und verachtenden Spott in ihren Mienen
gesehn hatte, war erfreut, als die Mutter mit ihrer Gesellschaft in das Haus
trat. Vittoria liess sich, als unpass, durch den Diener entschuldigen. -
 
                                Drittes Kapitel
Die Mutter, Donna Julia, hatte sich schon seit lange in alle die Einrichtungen
gefunden, welche Vittoria in ihrem Haushalt für notwendig hielt. Es befremdete
sie eigentlich nicht, wenn sie sah, wie die beiden Ehegatten auf keine Weise in
dem Verhältnis lebten, wie es Sitte, Gesetz und Religion verlangen. Sie waren
stets getrennt, und sahen sich nur, wie zufällig, wenn Besuchende im Saale
versammelt waren. Sie benutzten die Gewohnheit, welche schon damals eine
missverstandene Schicklichkeit und Courtoisie in Italien einführte, dass Mann und
Frau sich nicht beisammen in fremden Häusern zeigen, und so erblickte man
Vittoria allentalben nur in Gesellschaft des Herzogs Bracciano, dem alle übrige
erklärte Verehrer der schönen Frau hatten weichen müssen. Vittoria behandelte
immerdar mit einer stillen, nicht auffallenden Geringschätzung, an welche er
sich nun schon gewöhnt hatte, ihren Gemahl; eine Vernachlässigung, die ihn jetzt
nicht mehr demütigte, da er so auffallend von vielen Grossen, vorzüglich vom
Kardinal Farnese beschützt wurde. Die Mutter Julia war bekümmert, dass sie so
ganz das Vertrauen der Tochter, sie wusste selbst nicht wie, verloren hatte, und
die bange Ahnung eines vielleicht bald einbrechenden Unglücks bedrückte ihr
Gemüt, so dass sie nach und nach alle Heiterkeit verlor. Es machte sie auch das
Gefühl unglücklich, dass ihr Sohn, der Bischof, ihr und dem Kardinal Montalto
fast mit offenbarer Feindlichkeit entgegentrat, und sich offen als Anhänger der
Farnesischen Partei erklärte: von ihrem Sohne Marcello brachte sie nichts in
Erfahrung, als nur betrübende Gerüchte, so dass sie für diesen immerdar zittern
musste, und so war das Glück, auf welches sie gerechnet hatte, fast in nichts
zerronnen.
    War der Herzog Bracciano auch glücklich, so kämpfte sein ungestümer Geist
doch immerdar, mehr und alles zu erringen. Indem er seine Geliebte wegen ihres
edlen Mutes verehren musste, fühlte er doch, wie unwürdig ihr gegenüber ihr
sogenannter Gemahl erschien, auch quälte ihn eine sonderbare Eifersucht, denn er
wusste oder ahnete wohl, was Farnese gehofft, und früher der junge Orsini
beschlossen hatte. Dieser vermied geflissentlich alle Gesellschaft, wo er die
Accorombonis treffen konnte und lebte ganz seiner Braut, der schönen Savelli,
mit welcher er sich auch nach einiger Zeit vermählte, zum Erstaunen vieler
Römer, welche es nicht begreifen konnten, wie die edle, von allen verehrte
Jungfrau sich mit dem Ausgelassensten der römischen Jugend verbinden könne.
    Es war ein Fest und ein Maskenball unter den jungen Leuten veranstaltet
worden, an welchem auch Peretti teilnehmen sollte. Vittoria entzog sich seit
einiger Zeit diesen rauschenden Vergnügungen, und so auch dieser Anstalt, und um
so mehr, weil man beschlossen hatte, dass das Festino bis in den folgenden Tag
hinein dauern sollte. Die Mutter war unwohl und ging früh zur Ruhe, alle
Bekannte und Freunde, jeder Besuch war abgewiesen worden, und so hatte Vittoria
Gelegenheit, sich wieder einmal ganz der Einsamkeit zu ergeben, die sie jetzt
mehr als je gern aufsuchte, sooft es nur irgend möglich war. Denn dem
beobachtenden Freunde entging es nicht, dass sie viel ernster war, als früher,
dass jene jugendliche übermütige Laune, die sie ehedem so reizend machte, sie
jetzt nur noch selten besuchte. Heut am Abend überliess sie sich gern den
süssesten Träumen, weil es verabredet war, dass Bracciano sie sehn, und ungestört
bis spät sich ihres Gesprächs und ihrer Gesellschaft erfreuen solle. Der Herzog
kannte ihr Wesen und ihre Festigkeit so gut, dass er mit keinen neuen Hoffnungen
zu ihr schlich, und sie durfte sich so vertrauen, dass kein Flehn oder liebliches
Träumen ihre Entschlüsse in dieser nächtlichen Einsamkeit erschüttern würden.
    Ursula, die Vertraute, liess auf ein gegebenes Zeichen den verkleideten
Fürsten in den Saal. Vittoria erwartete ihn beim Scheine einiger Kerzen, sie
hatte verschiedene ihrer Gedichte hervorgesucht, die sie ihm nach seinem Wunsche
mitteilen wollte. Bracciano war sehr feierlich gestimmt und nahm traurig und
nachdenkend Platz an ihrer Seite. Sie erlaubte ihm gern Kuss und Umarmung und
beide ergingen sich dann in süssen Plaudereien, die nur Liebende zu schätzen
wissen, in jenen Kleinigkeiten, die den übrigen Menschen nur unbedeutend
erscheinen, und an denen sich die Berauschten entzücken.
    Endlich sagte Bracciano: »Und du willst dies Elend noch ferner so ruhig mit
ansehen, in welchem wir beide verstrickt leben? Es ist dir nicht möglich, einen
grossen, herzhaften Entschluss dir abzuringen, um uns eine neue Bahn zu brechen?
Können wir nicht nach Venedig gehn, selbst nach Toskana, oder Frankreich und
Deutschland? Alles, was ich besitze, lege ich zu deinen Füssen: meine
Verbindungen, mein Rang sichern dir in jedem Lande eine ehrenvolle Aufnahme, wer
weiss, was indessen hier mit dem schwachen, oft kränkelnden Peretti geschieht,
und dann erkläre ich dich vor aller Welt für meine Gemahlin. Gilt es das Glück
des ganzen Lebens, die höchste Wonne unseres Daseins, so muss man nicht zu
zaghaft jeden hemmenden Umstand in Erwägung ziehn - was ist das Geschwätz der
Menge? das Lästern jener Moralisten, deren engherziges Gemüt niemals das Grosse
begreifen kann? Und können wir es uns denn nicht mit sicherer Überzeugung sagen,
dass nicht gemeine Lust oder Leichtsinn uns unüberlegt in diese Bahn wirft? Ist
die Liebe das Edelste der Welt, so muss sie endlich auch, nach langer Entsagung,
ihren Preis erringen.«
    »Liebster«, antwortete sie, »ich habe dir schon sonst über diesen Gegenstand
offen und wahr meine Meinung gesagt, meinen festen, unerschütterlichen
Entschluss. Ihr übrigen Menschen fasst es nicht, von welchem Elend uns damals der
edle Montalto auf so edle Art errettete: diese scheinbare Ehe, es ist wahr, ist
nichtig und ungültig, ich habe sie niemals anerkannt, und seit ich dich sah,
völlig in meinem Gemüt, wie für die Wirklichkeit vernichtet. Auch wagt es
Peretti nicht, mir darüber Vorwürfe zu machen, er weiss, wie ich ihn verachte, ja
wie sehr ich Grund hätte, ihn zu hassen, wenn er mir nicht zu unbedeutend wäre.
Aber ich kann meine grossartige tugendhafte Mutter nicht so kränken, die schon
ein stiller Gram verzehrt und ihr Leben untergräbt. Ihr und dem armen Peretti
habe ich feierlich versprochen, diese, von der Welt so laut ausgerufene Ehre
nicht zu verletzen. Und wie sollte ich den gerechten Vorwürfen, oder gar dem
Blick des tugendhaften Montalto begegnen können? - Mit dir entfliehn? - Und
diese Kardinäle, deine Familie, Florenz und die Fürsten Italiens - welch
Geschrei, welche Anklage würden sie erregen, welche Verfolgung! Und
hauptsächlich gegen mich, denn in diesen Fällen ist das Weib immerdar das Opfer.
Nun würdest du gekränkt und verletzt sein, dein hoher Rang und deine Würde
verwundet, und es wäre nur das natürlichste, dass unsere Liebe, die wir jetzt,
und mit Recht eine ewige nennen, getrübt und krank hinsänke. - O warum bist du,
der du bist: mit allen diesen reichen grossen Familien, diesen Kardinälen und
Fürsten nah und näher verwandt, mit zwei schönen Kindern gesegnet, um deren Erbe
man besorgt sein würde - warum bin ich, von den Umständen gedrängt, auch in
diese hohe Verwandtschaft getreten, warum habe ich, so fest ich auch zu sein
glaubte, meine Freiheit geopfert? - Sieh, Geliebter, so hat sich unser
Verhängnis durch und gegen unsern Willen geschmiedet, und unzerreissbare Ketten
um uns gelegt. Keine Menschenkraft kann sie zerreissen. Und sind wir denn nicht
glücklich? Wahrhaft beseligt? Wie arm, niedrig, und tief unter mir, erscheinen
mir alle die übrigen Menschen, wie bejammernswürdig, dass sie nicht so lieben,
wie wir.«
    »Nicht solche Worte!« rief Bracciano, »du hast recht und doch auch wieder
unrecht, und wenn du so oft diesen Satz verteidigst, der ganz der menschlichen
Natur und der edelsten Kraft unsers Herzens widerstreitet, so gerate ich auf den
Argwohn, dass du Sophistereien liebst, oder kalt bist und mich nicht wahrhaft
liebst.«
    Sie drückte ihm weinend den herzlichsten Kuss auf die Lippen und sagte dann
flehend: »Nicht so mich kränken.« - Die Träne, die in den goldenen Wimpern
zitterte, küsste er ihr nun vom Auge, dann sprach er: »Wer dich so sieht, dies
grosse Auge, diese Träne wie ein gefangenes Vögelchen in Goldstäben des Käfigs,
diese aneinandergelegten Finger der flehenden schönen Hände, und dazu den
Silberton, das süsse Flöten dieser seelenvollen Stimme vernimmt, der muss, ist er
nicht wahrer Skyte und Barbar, dir alles bewilligen. - Es sei. - Wie nun aber,
Liebste, wenn du in einem Prozess auf Scheidung drängest? Du kannst ja gewiss
gültige Gründe aufführen.«
    »O schweige, schweig!« rief sie heftig aus, »wenn ich nicht in Schaudern
vergehen soll. Ich bin dreist und mutig, wenn es gilt, verwegen; aber allen
dergleichen schändlichen Fragen, Zweifeln, Darlegungen müsste ich unterliegen:
die Liebe darf vielleicht in der Feier ihrer Mysterien (so denke ich es mir) die
Scham verleugnen - aber vor Rechtsgelehrten, kalten Männern, ihre Frechheit mit
Frechheit überbieten - nein Liebster, eher würde ich mir auf offnem Markt den
blank geschliffnen Dolch in die entblösste Brust stossen. - Es ist aber auch nur
dein Scherz, Geliebter, denn ich kenne dich viel zu gut, um es anders zu nehmen.
- Und wäre ich die Unverschämte, die sich selbst zum eklen Schauspiel preisgeben
möchte - was würde es fruchten? Der Heilige Vater ist fromm, er und das
Kollegium ständen der Familie Peretti bei, viele meiner und deiner Feinde würden
alles gegen mich aufbieten - und nach Jahren würde dann wohl entschieden, dass
ich zur Strafe meiner Gottlosigkeit in einem armseligen einsamen Kloster Busse
tun müsste, um von einer bigotten Äbtissin und nichtswürdigen Nonnen gepeinigt zu
werden.«
    Sie liebkosete ihm, scherzte, lachte und weinte, so dass er selbst in einen
sonderbaren Humor geriet und ausrief: »Nun? Wenn ich mich nun doch auf rohe
Barbarei legte? dich einmal plötzlich an einem schönen Morgen mit Gewalt
entführte, in die weite Welt mit der Jammernden und Widerspenstigen
hineinreisete, und hier Mama und Heiligem Vater, dem lieben Peretti und seinem
Oheim, sowie dem Kollegium und meinen Muhmen, Vettern und Basen das leere,
nüchterne Nachsehn liesse? Wie dann?«
    »Recht so, mein Liebster«, sagte sie lachend, »da geraten wir auf die rechte
Bahn. Und so reiseten wir denn, und reiseten, Arm in Arm, in das Unendliche fort
und fort, bis alle Vettern und Basen weit, weit hinter uns lägen, und wir
landeten dann an einer unbewohnten, unentdeckten Insel im Stillen Ozean, ohne
Menschen, höchstens mit einigen Affen bevölkert, Palmenwein, die süssesten
Früchte, die herrlichsten Blumen, alles wüchse uns freiwillig entgegen - die
Jahreszeit ein ewiger Frühling - nun entdeckten wir plötzlich einen alten, aber
sehr menschenfreundlichen Zauberer. Seine Kunst, alle seine Geister ständen uns
zu Gebot, er hexte uns immer Speise und Trank, schöne Kleider, auch einen
herrlichen Palast herbei: hübsche, niedliche Elfen und Feen unsre Bedienung, und
kein einziger Teufel oder böser Dämon auf der ganzen Insel. Wie bei der Circe
hörten wir dann den einsamen Webstuhl sausen, und die stärkste und künstlichste
der Feen webte uns die Gewänder, andre, kleinere, legten mit fast unsichtbaren
Nadeln die feinsten Stickereien hinein. Nun fährst du, auf einem schönen Wagen,
von Hirschen bespannt, auf die Jagd, dann sitzen wir im bunten Kahn und fischen,
im Wald singt dazu die Nachtigall und der Quell rauscht - jeder Baum klingt in
seiner eignen Singstimme - und so lebe ich fort und fort in Liebe mit meinem
lieben Männchen, bis wir beide alt und grau werden; und ich bin auch vor jeder
Untreue des zärtlichen Gatten gesichert, denn es lebt keine einzige Frau, nicht
ein Mädchen auf unserm Weltteil dort. - Nicht wahr, so wollen wir es einrichten,
so einfach und ganz vernünftig, ohne alle falsche, poetische Erwartung?«
    »Und unter den übrigen Affen dort, wäre auch meine Gemahlin ein wunderliches
Äffchen«, antwortete Bracciano, indem er ihr leise mit den Fingern den
blendenden Nacken schlug. »Wie nur geschieht es, dass alles, was du treibst und
tust, dir so liebreizend steht? Und die kleine Plaudertasche ist dann gleich
wieder so gross und erhaben, springt aus der lieblichen Narretei so plötzlich in
den Tiefsinn, kann eben noch neckisch einen mit dem Feuerblick so erschrecken,
dass, wie die Griechen sagten, alle Grazien bei deiner Wiege gestanden haben
müssen, um dich mit diesen Göttergaben zu beschenken. Du Hebe und Juno, Pallas
und Venus - und vor allen andern, und was dich am schönsten schmückt, die
eigentümliche, einzige Vittoria!«
    »Schmeichler!« sagte sie und schlug ihm auf den Mund, worauf sie dann seine
Lippen zärtlich küsste. Er fasste ihre Hand, und lobte die schmalen, langen
Finger, sie spielte mit seinen schwarzen, immer noch krausen Locken, er küsste
und drückte die Hand und löste dann ihr langes Haar, dass es über den weissen
Nacken wogend niederrollte.
    So, sein Alter ganz vergessend, sass er tändelnd bei seiner jungen Geliebten,
beide in diesem Augenblick spielenden Kindern nicht unähnlich. Plötzlich wurden
sie aus ihrem Jugendtraum aufgeschreckt, denn die alte Ursula kam hastig herein
und flüsterte: »Um Gott und alle Heiligen! unser Herr kommt ganz unerwartet nach
Hause, und noch ein vermummter Mann mit ihm: ich habe sie beide von oben aus
meinem Kämmerchen beobachtet, sie sind schon an der Haustür und unser Herr hatte
den Schlüssel mitgenommen. Was ist zu tun?«
    Die erschreckte Alte entfernte sich wieder. »Ja, was ist zu tun?«
wiederholte Vittoria: »wenn ich auch alle Rücksichten fahrenliesse, so kannst du
nicht nach meinem Zimmer gehn, denn meine Kammerfrau erwartet mich dort -«
    »Warum mich verstecken?« fuhr der stolze Bracciano auf »bin ich ein Knecht?
Wenn ich sie beide mit diesem Dolche niederstosse, so werden sie schweigen.«
    »Und ich?« klagte Vittoria: »und unser Haus? Und mein Ruf?«
    Da fiel ihr plötzlich das kleine Cabinet ein, welches sie neulich zufällig
entdeckt hatte: sie schlug an die Wand, schob den Geliebten hinein, zeigte ihm
den kleinen Drücker auf der andern Seite, und entfernte sich eilig, nachdem sie
vorher alle Kerzen ausgelöscht hatte. Sowie sie die Tür hinter sich zugemacht
hatte, hörte sie die beiden schon durch den andern Eingang hereintreten.
    Peretti trug eine Blendlaterne unter seinem Mantel, und schien, so wie er
taumelte, einen kleinen Rausch von dem Maskenfeste mitgebracht zu haben. Er
zündete einige Kerzen wieder an, sah sich dann im Saale um, und begab sich
schwankend an alle Türen, um jede sorgfältig zu verschliessen. »Nun sind wir ganz
sicher«, sagte er dann leise.
    Jetzt wickelte sich der Fremde aus seinen Umhüllungen, und es zeigte sich in
einer Verkleidung der Kardinal Farnese. »Wir haben uns nun«, sagte dieser, »aus
der Tollheit Eurer jungen Freunde, die mich gewiss nicht erkannt haben, so ganz
allein fortgeschlichen, Ihr sowie ich ohne Diener, und ich rechne nun darauf,
dass Ihr Euer Versprechen halten werdet.« -
    »Setzt Euch nieder, grosse, furchtbare Eminenz«, sagte Peretti, halb
stammelnd; »es ist gewiss und fast augenscheinlich, dass ich nicht fähig bin,
lange aufrecht zu stehn, so fleissig und freundschaftlich habt Ihr mir dort
zugetrunken. Denn eins ins andere gerechnet, ist der Mensch in allen Dingen und
Genüssen nur eines gewissen Masses fähig, der mehr und der weniger, so wie die
Gaben nun von der Natur ungleich ausgeteilt sind.«
    Der Kardinal schien sehr verdriesslich, er sah sich um, und sagte dann: »Ich
hoffe doch, dass Ihr Eures Wortes noch eingedenk seid.«
    »So muss ich mir denn einen Mut fassen«, fuhr Peretti fort, »grossherzige und
allmächtige Eminenz, und Euch, da es nicht zu ändern steht, gleichsam mit Trotz
entgegentreten.« - Er sank in die Knie, fasste die Hand des Alten und küsste sie
mit vieler Zärtlichkeit.
    »Warum habt Ihr Euch so betrunken?« fuhr ihn Farnese an.
    »Im Gegenteil«, antwortete der junge Mann, »jetzt bin ich allzu nüchtern;
aber dort, im Saale, als wir im Nebenzimmerchen beide ganz allein bei dem
vortrefflichen Syrakuser sassen, da freilich mein herrlicher Beschützer, da war
ich mehr als berauscht, denn meine Zunge sprach, wovon mein Herz nichts wusste.
Ach! Mann! hocherfahrner Priester und Regent - nicht wahr, wir lügen nur
allzuoft, bald wissentlich, bald unwissentlich? Ich log zwischen beiden, ich
erkannte meine Lüge und meinte es doch so herzlich gut mit Euch, dass ich
zugleich wünschte, sie möchte zur Wahrheit werden können.«
    »Ich verliere die Geduld über dem Geschwätz«, sagte der Kardinal. »Habt Ihr
es denn ganz vergessen, unter welchem Versprechen Ihr mich hierhergelockt habt?«
    »Gewiss nicht, mein erlauchter Patron«, fuhr jener fort, »und so bin ich denn
gezwungen, Euch reinen Wein einzuschenken, wie man zu sagen pflegt, zum Dank
dafür, dass Ihr mir dort auch den allerreinsten gegönnt habt.«
    »Nun also?« -
    »Ach Himmel! wie lange ist das schon her, wie lange, dass ich nicht mehr,
weder bei Tage, noch in der Nacht, zu meiner Vittoria habe kommen dürfen, so dass
ich sie zeiter auch immer Virginia genannt habe. Das war mir nun in meiner
mutigen Trunkenheit ganz aus meinem Gedächtnis entwichen, als ich Euch so
treuherzig versprach, Euch im Finstern so in ihre stille Kammer zu führen, als
wenn ich es wäre. Ja so ein löblicher Betrug bliebe recht lustig und schön, wenn
er nur möglich wäre, wenn das nur gleich nach meiner Vermählung hätte geschehen
können, aber jetzt ist sie immer fest eingeriegelt, und brennt immer Licht, und
lieset und studiert und dichtet ganze Nächte hindurch. Brächen wir auch das
Schloss auf, so entstände ein greulicher Skandal, dass das ganze Haus wach würde,
und die grosse fürchterliche Mutter auch dazu käme, und wie es mir Armen dann
erginge, das könnt Ihr wohl selber ermessen.«
    »Und nun also?« sprach Farnese ergrimmt; »sie sieht Euch nie, seit Monden
nicht, wohl gleich nach den ersten Tagen der Ehe hat sie Euch verabschiedet, sie
verabscheut Euch? Ihr habt im Hause hier nicht das mindeste Recht? Und das alles
habt Ihr im tierischen Rausch vergessen? Schmeichelt mir mit der Aussicht: und
deswegen besuchte ich nur Euer dummes Gelag, dass es möglich sei, mich in der
Nacht verkappt zu ihr einzuführen. Dass Ihr mich am Morgen unerkannt wieder aus
dem Hause lassen wolltet? Und nun -«
    »Nun«, fiel Peretti ein, »sehe ich freilich ein, dass das ein niederträchtig
falsches Sprichwort ist: in vino veritas. Aber warum seid Ihr mir böse? Aus
Respekt vor Euch, aus Liebe zu Euch, habe ich ja nur die gute Frau so
vernachlässiget, weil ich mich so ganz unwürdig fühlte, Euer Nebenbuhler zu
sein; das hat sie denn auch so unwirsch gemacht, dass sie mich ganz und gar von
sich wegjagte. Aber wir wollen drum nicht verzweifeln, und einen besseren Plan
ersinnen und ausführen.«
    »Ich habe Euch, das wisst Ihr«, sagte Farnese, »meinen Schutz zugesagt, und
Ihr seht es selber ein, dass Euer gebrechlicher Oheim, den kein Mensch achtet,
der ohne allen Einfluss ist, Euch nichts nützen kann. Ich will Euch befördern und
zum reichen, mächtigen Manne machen, aber ich muss sie, diese Stolze, besitzen,
die mich verhöhnt, oder Euch ist der Untergang geschworen.«
    »Ich überlasse sie Euch ja«, rief Peretti, »denn vielleicht hasse ich sie
ebensosehr, als Ihr sie liebt. Wir alle sind auf Eurer Seite und stehn Euch bei,
bloss der elende Flaminio nicht, der bei dem prahlerischen Bracciano in Diensten,
und dem ganz ergeben ist. Aber der Abt Ottavio ist ganz Euer eigen, ich bin Euer
geschworner Diener und der tapfre Marcello will Blut und Leben für Euch
aufopfern.«
    »Marcello?« rief der Kardinal erstaunt, »das kann ich Euch nimmermehr
glauben.«
    »Ich habe ihn ganz in der Hand«, sagte Peretti; »seht, Verehrter, er ist
schon seit lange ein Verbannter, ein Bandit; aber, ein kluger Kopf, wie er ist,
weiss er sich doch oft in die Stadt zu schleichen, und dann beherberge ich ihn
bei mir, dort in dem kleinen Gartenhause. Da haben wir schon vielerlei
miteinander verabredet, und wenn Ihr ihn gut bezahlt, so lässt er das Leben für
uns.«
    »Freund!« rief Farnese, »hütet Euch vor diesem verwegenen Menschen! In
welchem Lichte würdet Ihr erscheinen, wenn ihn die Häscher in Eurem Hause
aufheben sollten!«
    »Sorgt nicht«, antwortete Peretti, der nun nach und nach nüchtern geworden
war. »Wir sind beide zu vorsichtig. Aber auf meinen Plan zurückzukommen, so ist
es dieser, der gar nicht fehlschlagen kann. Ich habe mit meiner Familie
verabredet, dass wir in wenigen Tagen alle wieder auf einige Wochen nach Tivoli
hinübergehen, um dort das kleine Haus, ein Eigentum der Familie, zu bewohnen.
Nun fährt die stolze Vittoria dann in dem einen Wagen ganz allein, wie sie es
immer tut, nur etwa zwei Kammerfrauen mit ihr, ich folge mit der Mutter nach. Da
will ich es schon so einrichten, dass der zweite Wagen Schaden nehmen soll, und
wir bedeutend zurückbleiben. Halben Weges, auf dem wüsten Felde, können Eure
verkappten Leute, oder Eure Freunde des Gebirges, die freien Menschen, sie
leicht entführen und schnell auf eins Eurer Schlösser, oder zu einem sichern
Freunde bringen. In Tivoli selbst ist sie auch leicht aus dem kleinen Hause
wegzurauben: oder von einem Spaziergange, weil sie es liebt, oft ganz allein
umherzuwandeln. Ist sie nun erst in Eurer Gewalt, so muss sie sich, ihrer eignen
Wohlfahrt wegen, bald ergeben. Denn sonst lasse ich ihr mit einem Prozesse
drohen, dass sie mich böslich verlassen, dass sie sich freiwillig von irgendeinem
Eurer Kastellane oder Stallmeister, wegen bewussten Ehebruchs von diesem ihrem
Liebhaber habe entführen lassen: dann wird ihr gesagt, wenn sie ruhig bei Euch
bleibt, sich die Geschenke von Euch, Reichtum und Wohlleben mit Euch gefallen
lässt, so werde ich gänzlich schweigen, und tun, als lebe sie von mir, mit meiner
Bewilligung, getrennt.«
    »Lieber Mann«, sagte Farnese jetzt, »Ihr seid viel klüger, als ich geglaubt
habe. Meldet mir nur, an welchem Tage und in welchen Stunden die Reise nach
Tivoli vor sich geht, und ich will mich gar nicht mehr hier sehen lassen, um
allen Verdacht um so mehr zu entfernen. Bei dieser Abrede soll es also bleiben:
sie soll glücklich, reich und vornehm werden, und Euch werde ich so belohnen,
dass Ihr selber über meine Grossmut erstaunt denn meine Leidenschaft zu ihr ist
eine unendliche. - Aber jetzt lasst mich, nach Euerm törichten Benehmen im
Rausch, wieder unbemerkt aus dem Hause: denn ich fürchte, der Morgen dämmert
bald herauf.«
    Er nahm seine Umhüllungen wieder auf, und Peretti suchte den Schlüssel des
Hauses hervor. Kaum hatten beide mit der Kerze den Saal verlassen, als
Bracciano, der jedes Wort vernommen hatte, sich aus seinem engen Cabinet
behutsam herausschlich, die Tür wieder andrückte, und den beiden mit leisen
Schritten nachging. Der Saal stand offen, auf dem Gange folgte er dem
Lichtschein in der Ferne. Nun standen jene beide an der Tür des Hauses und
Peretti fügte den grossen Schlüssel ein, um zu öffnen. Auf tat sich leise und
langsam die Tür, und Farnese schlüpfte auf die Gasse, im selben Moment aber
blies Bracciano, der jetzt dicht hinter Peretti stand, die Kerze aus, gab diesem
einen kleinen Stoss, und sprang aus dem Hause, sich nach der entgegengesetzten
Seite wendend, als wo er den Verhüllten im aufdämmernden Dunkel wandeln sah.
Peretti wusste nicht, wie ihm geschehen war, zitternd und halb ohnmächtig
verschloss er die Tür, begab sich in sein Gemach, und konnte sich lange von
seinem Schreck und Grauen nicht erholen.
 
                                Viertes Kapitel
Peretti musste noch viel darüber sinnen, wer jener Fremde gewesen sei, der ihn so
erschreckt und sich so verdächtig in seinem Hause versteckt habe. Er riet auf
viele, konnte aber nirgends eine sichere Vermutung finden. In seiner
Verlegenheit und Angst war er unklug genug, dem Kardinal Farnese den Vorfall zu
erzählen, und wurde noch verwirrter, als dieser in Schreck und Zorn ihn heftig
anliess, dass dergleichen in seinem Hause möglich sei. »Wie?« rief er aus, »Ihr
verlockt mich in stiller finstrer Nacht in Euer Haus, ich folge Euch in
unziemlicher Verkleidung, weil ich Euch mein unbedingtes Vertrauen schenke; -
und in unserer Nähe lauert ein Mörder, oder wenigstens ein Verdächtiger, ein
Unbekannter! Wie leicht war es ihm, so ohne Diener, unbewaffnet, wie wir waren,
uns zu ermorden - und welchen Ruf erwarb mir dann in der Welt dieser verdächtige
Tod! Bedenkt, Peretti, ob es mir wohl zu verargen wäre, wenn ich Euch selbst für
einen verruchten Bösewicht und Verräter hielte, der im Komplott meiner Feinde,
mir boshafte Schlingen legt, und mir nach dem Leben stellte. Erinnere ich mich
Eures sonderbaren Benehmens, so wird der Argwohn fast zur Wahrscheinlichkeit.
Wie? Ihr beredet mich, Euch verkleidet nach jenem Festino zu folgen, um mir dort
wichtige Entdeckungen und Vorschläge mitzuteilen? Damals wart Ihr noch nicht
berauscht, und konntet also wissen, dass Ihr mir etwas Unmögliches versprachet
und verhiesset. Nun also waren wir auch bei der spätern Beratung, als Ihr etwas
mehr zur Vernunft gekommen wart, nicht allein: sagt selbst, ob ich im Unrecht
bin, wenn ich Euch für einen Verräter halte?«
    Peretti bereute herzlich seine unbesonnene Mitteilung, denn statt Rat und
Hülfe bei seinem Beschützer zu finden, musste er diese Vorwürfe hören, und die
Rache des Kardinals befürchten. Er entschuldigte sich so gut er konnte, und
beteuerte seine Redlichkeit und seinen Diensteifer. »Ich will Euch glauben«,
sagte endlich der Alte, »und Eure Unschuld könnt Ihr mir dadurch beweisen, dass
noch in dieser Woche Euer Umzug nach Tivoli stattfindet. Dann muss ich genau
Stunde und Minute der Abreise erfahren: ich werde die Meinigen anstellen, und es
so einrichten, dass fürerst nicht der mindeste Verdacht auf mich fallen kann.
Späterhin ist es gleichgültig. Gelingt die Sache, so sind wir völlig ausgesöhnt
und ich schenke Euch meine Freundschaft und mein unbedingtes Vertrauen. Finde
ich Euch falsch und unwahr, mit meinen Feinden im Bündnis, so werdet Ihr meiner
Rache nicht entgehen, und der Mächtigste soll Euch vor meinem weitreichenden Arm
nicht schützen können, geschweige Euer schwacher Oheim.«
    Dies Gespräch fiel am Montage vor, und Peretti verhiess, da schon vorläufige
Anstalten getroffen, einige Diener schon hinausgesendet waren, die manche
Bequemlichkeit hinübergeschaft hatten, gewiss freitags früh, mit seiner Familie
nach dem Landhause und der lieblichen Gegend aufzubrechen.
    Vittoria sass, da das Wetter so schön war, mit ihrer Mutter und dem
treuherzigen Caporale in der kühlen Laube ihres Gartens. Er war, da er sich von
Rom nicht entwöhnen konnte, wieder aus seiner Landschaft herübergekommen, und
befand sich am liebsten in dieser Familie, die ihm seit Jahren in Rom am meisten
befreundet war. »Ihr seid so ernst, Donna Julia«, sagte er jetzt, »und ich finde
schon seit lange Eure Stimmung anders als ehemals, und doch seid Ihr, nebst den
Eurigen, wohl und gesund.«
    »Und mein Sohn Marcello?« erwiderte sie, »kann ich ihn denn vergessen, und
das Schwert nicht sehn, das ihm immerdar über dem Haupte hängt? Kann ich mit
Ottavio zufrieden sein?
    Seitdem wir höher hinaufgestiegen sind, fühle ich mich beklemmter, und mir
ist immerdar so zumute, als wenn plötzlich aus irgendeinem Winkel ein
erschreckendes Unglück hervorbrechen würde.«
    »Nun reisen wir ja«, sagte Vittoria tröstend, »schon am Freitage nach unserm
geliebten Tivoli. Da wirst du dich wieder im Freien ergehn, deine
Lieblingsplätze besuchen. Dort wollen wir uns erfreuen und erfrischen, und ich
werde mich jenem betäubenden Wasser-Abgrunde nicht wieder nähern.«
    »Du zittertest damals«, sagte die Mutter, »nach der Stadt zu reisen, und
hattest eine Vorahnung von etwas Entsetzlichem, was dich hier betreffen müsse:
diese Furcht ist nicht erfüllt worden, und so, möchte ich hoffen, kann es
vielleicht auch mit meinem Gefühle sein. Denn ich gestehe, ich bebe in Angst vor
dieser Reise und schelte selbst meine blinde Weiberfurcht kindisch, und kann
doch dieses Grauen, das mir auf jedem Schritte nachschleicht, nicht
verscheuchen.«
    »Wie damals meine Angst«, sagte Vittoria mit einem sonderbaren Ton, »mir nur
grosses, unerwartetes Glück bedeutete, so wird es dir auch widerfahren, Teuerste,
und du wirst dich mit frischer Kraft dort in Tivoli deines Lebens erfreuen. -
Doch muss ich dich jetzt verlassen; ich selber muss nach allen meinen Musiksachen
und nach meinen Schreibereien sehn, dass nichts verlorengeht oder in unrechte
Hände kommt.«
    Sie hüpfte fort, und die Mutter sah mit einem langen wehmütigen Blick der
schönen, dahinschwebenden Gestalt nach. »Ich glaube«, sagte sie nach einer Weile
mit schwermütigem Ton, »diese meine Augen werden Tivoli niemals wiedersehn.
Geschieht es, so fürchte ich, wahnsinnig zu werden.« -
    Caporale war in Verlegenheit, was er der aufgereizten Frau antworten sollte,
die ihm krank zu sein schien, denn ihr grosses Auge hatte den ehemaligen Glanz
verloren, sie war bleicher als sonst, und die Wangen waren eingefallen. »Ihr
verwundert Euch über mich«, fuhr sie nach einiger Zeit fort, »- ach! ich weiss am
besten, was ich seiter gelitten habe. Glaubt mir, alter Freund gewisse
Erschütterungen unserer Natur, wenn wir auch nachher wieder gleichgültig
weiterleben, zittern und unterhöhlen fort und fort in unsrer Seele, bis von der
dauernden Anstrengung und dem Um-sich-Fressen des Giftes die Schale zerbricht.
So hat meine Tochter, meine beiden Söhne, der boshafte Farnese, jetzt dieser
Peretti, alle haben wetteifernd diese zersprengenden Angstgefühle in meinen
Geist geschüttet. Kann man diese Ehe ohne Furcht und Grauen betrachten? Wie soll
es enden? Der Gemahl entzieht sich uns, und ist ein Knecht des Farnese, so wie
mein ältester Sohn. Und was will dieser Bracciano in unserm Hause? Wird der
Gewalttätige vielleicht die Rolle des jüngern Vetters, jenes Luigi fortsetzen
wollen, der jetzt ruhig und vermählt ist? Ich zittre, sooft ich die hohe
mächtige Gestalt hier sehe und mein Auge seinem herrschenden Königsblick
begegnet. Ja, diese Orsini! seit meiner frühen Jugend haben sie sich wie böse
Dämonen in den ruhigen Lauf meines Lebens hineingedrängt, und so hat mich der
schlaue Kardinal mit einer Jugenderinnerung geschreckt, mit einer Begebenheit,
die ich längst vergessen glaubte.«
    Caporale ersuchte sie, da sie doch Vertrauen zu ihm habe, welches er nie
missbrauchen könne, ihm etwas davon mitzuteilen und sie begann: »Ihr wisst es,
Freund, dass ich von dem alten Geschlecht der Agubio abstamme. Mein Vater war
nicht reich, aber was ihm an Vermögen abging, schien er durch Stolz ersetzen zu
wollen. Früh ward in unserm Hause auf unserm Gut der bekannte und berüchtigte
Graf Nicola Pitigliano eingeführt, der zu der Familie Orsini gehört, so wie
Bracciano, sowie jener Luigi, und noch viele andre unbändige Gemüter, wie es
Euch bekannt ist. Diesen Graf Nicola, welcher nachher verräterisch seinen armen
Vater durch einen Überfall von seinem Schloss vertrieb, und ihn dann dem Elende
preisgab, der nachher seinen leiblichen Bruder meuchlerisch ermorden wollte,
dieser, der es jetzt mit den Banditen hält und der Anführer einer grossen Bande
ist, dieser böse Mensch, der nun ebenfalls (denn die Gerechtigkeit des Himmels
vergisst niemals die Wiedervergeltung) von seinem eignen Sohn durch Verrat aus
seinem Besitztum vertrieben ist, dieser Nicola war als Jüngling eine anmutige,
ja eine schöne Erscheinung. Ich darf und kann es nicht leugnen, er gewann mein
junges unerfahrnes Herz. Mein Vater aber, der seinen bösen Charakter genauer
kannte, war ihm entgegen. In unserm Hause war seit kurzem ein junger, stiller,
liebenswürdiger Mann wohnhaft, der als Rechtsgelehrter die verwickelten
Geschäfte meines Vaters besorgte und in Ordnung brachte, das Muster eines
verständigen, geregelten Mannes, angenehm im Umgang, unterrichtet und von zarter
und einnehmender, wenn auch nicht schöner Bildung. Es ist die Art der jungen,
übermütigen Mädchen, wenn sie im Aufblühen sind, sich zu erfreuen, wie auf
Männer von verschiedenem Charakter ihre Reize Eindruck machen. So überliess ich
mich diesem Mutwillen, und hörte weder auf die ernsten Warnungen meines Vaters,
noch meiner Mutter. Die Zeit ging hin, der Graf immer ungestümer, und Federigo
mit jedem Tage schwermütiger.
    Der Stolz meines Vaters hinderte ihn, die Liebe des jungen Rechtsgelehrten,
die er wohl bemerkte, weil sie durch seinen Tiefsinn nur allzu auffallend wurde,
mit einem guten Auge anzusehn. Mir war dieses Seufzen und Wehklagen
unerträglich, und mein unbändiger Sinn neigte sich immer mehr dem wilden Grafen
zu. Gestehe ich es nur, dass auch viel Stolz und Hochmut sich in meine
Leidenschaft mischte, und ich, zum Teil seines Standes wegen, den Bürgerlichen
so unbedingt verschmähte.
    Meine Mutter sah es wohl, wie der Gram und die Eifersucht das Herz des Armen
verzehrte, aber wenn mein krausgelockter hoher Graf mich anlächelte, so war mir
jeder Mensch, alles Leiden und die ganze Welt gleichgültig. Wie oft habe ich
nachher über das Unbegreifliche dieser heftigen Leidenschaft nachdenken müssen,
die alle unsre Kräfte, Vernunft und Wohlwollen, Gewissen und Frömmigkeit, alle
Freiheit unsers Wesens so völlig unterjocht, dass es nur dem furchtbaren Bann
eines unzerreissbaren Zaubers zu vergleichen ist. So gingen denn Tage, Wochen und
Monden hin und ich kann wohl meinen Zustand so bezeichnen, dass ich mir selber
ganz abhanden gekommen war, und mich in manchen Momenten einer aufdämmernden
Besinnung hätte umsehen mögen, wo denn mein früheres Selbst geblieben sei.
    Völlig entzog ich mich der Liebe meiner Eltern und ihrer Aufsicht; wenn der
Geliebte nicht zu uns kommen konnte, erhielt ich Briefe von ihm, es war, ich
gestehe es zu meiner Beschämung, nur Zufall oder Gnade des Himmels, dass ich
nicht der Leidenschaft erlag, wenn wir uns selbst im Garten oder im Zimmer
allein überlassen waren. Mein guter Engel hatte mich völlig verlassen, wenn er
mich nicht mit den Argusaugen der Eifersucht, in der Person Federigos bewacht
und beobachtet hätte. Dieser kannte und wusste alle meine Taten, Schritte und
Entschlüsse, er, ohne sich meinen Eltern mitzuteilen, kämpfte dem bösen Genius
entgegen.
    Die Nacht war bestimmt, in welcher ich meinem Hause entfliehen, und durch
vertraute Menschen in die Arme Pitiglianos geführt werden sollte. Es geschah,
ich fuhr ab, in stiller Mitternacht, meine mir unbekannten Begleiter waren
stumm: der Morgen dämmerte empor, als wir den Ort der Bestimmung, ein einsames
Haus im Gebirge, erreicht hatten. Ich war allein, auf den Geliebten harrend, im
Zimmer, als Federigo hereintrat.
    - Ich mag die Szene nicht schildern, die sich nun entwickelte. Er hatte um
alles gewusst, und jene ruchlose Entführung in eine Rettung verwandelt: er selbst
hatte mich begleitet, mit andern verhüllt und unerkannt: früher, als das des
Grafen, war er mit dem Fuhrwerk an dem bezeichneten Ort erschienen und ich hatte
mich täuschen lassen. Aber mit welchem Schmerz, welcher Raserei, ja
Verzweiflung, nahm ich diese Täuschung auf: es gab keine beschimpfende
Benennung, mit der ich ihn nicht kränkte, keinen Fluch, den ich nicht auf mich
selber herabrief. Es half dem Treuen nichts, dass er mir erzählte und bewies, wie
der Graf an diesem nämlichen Tage seine Hochzeit mit einer Erbin aus einem alten
Hause feire, und er mich nur, aus Hohn und Mutwillen, in der nämlichen Zeit, um
mich und meine Familie zu schänden, als seine Buhlerin habe entführen wollen.
Als ich erst imstande war, zu sehen und zu hören, konnte ich den Briefen, den
Zeugnissen, die mir der tugendhafte Mann vorwies, nichts entgegensetzen. Aber
mein Zorn steigerte sich über diesen seinen Triumph so ungeheuer, dass ich ihm
diese Dokumente, die mich beschämen sollten, vor die Füsse warf, und dreist, ja
frech erklärte, auch unter dieser entehrenden Bedingung würde ich dem Grafen auf
sein Schloss gefolgt sein. So tief war ich nicht gesunken, dass dies meine wahre
Empfindung hätte sein können, ich stiess diesen Unsinn nur heraus, um den
Getreuen recht empfindlich zu demütigen.
    Und Ihr könnt, Ihr werdet mich niemals lieben? - Solange ich meiner Vernunft
mächtig bin, niemals! rief ich ihm entgegen! Ich hätte aber wohl fühlen können,
dass ich jetzt und seit lange schon vom Unsinn befangen sei. - Federigo war jetzt
auch in Verzweiflung, und unter Tränen und demütigem Flehen schwur er mir, dass,
wenn ich jede Hoffnung für alle Zeiten ihm raubte, er sich vor meinen Augen
ermorden würde. - Ich lachte höhnisch über dieses Wort, und erwiderte ihm, wie
das die abgenutzte Phrase, die veraltete Drohung aller verschmähten Liebhaber
sei, und dass dergleichen Aberwitz mein festes Herz am allerwenigsten rühren
könne. - Plötzlich aber stiess er, zu meinem Entsetzen, sich einen grossen Dolch
in die Brust, und sank zugleich blutend zu meinen Füssen nieder. - Ich war so
bestürzt, gerührt und ausser Fassung, dass ich erst nach einiger Zeit um Hülfe
rufen konnte, um die Wunde, welche tödlich schien, verbinden zu lassen. Zum
Glück war ein durchreisender Arzt im Hause, der aber für das Leben des
Ohnmächtigen nicht einstehn wollte. Um die Verwirrung zu erhöhen, kam mein Vater
an, in Wut, denn sein Stolz war auf das empfindlichste gekränkt worden.
    So von allen Leidenschaften zerrissen, versank ich in einen betäubenden
Stumpfsinn, so dass ich auf einige Wochen mein Leben fast verlor. Ich war nicht
gesund, ohne doch krank zu sein. Mein Vater, der von dem Zustande des Federigo
Accoromboni innigst gerührt war, rief mir immer wieder zu: Sieh, du Verwilderte,
Undankbare, dies ist echte Treue und Liebe! - Als die Stürme der Leidenschaft
hinter mir lagen, bemächtigte sich ein unendliches Mitleiden meines Gemütes, und
ich musste das Herz, das für mich schon geblutet hatte, in das meinige schliessen.
- So ward ich eine Accorombona und durch diesen wackern, tugendhaften Mann die
Mutter von vielen Kindern. - Meine leidenschaftliche Liebe aber hat er nie
besessen. - Lebt wohl, teurer Freund; wir sehn uns, vielleicht, in Tivoli
wieder.« -
    Sie verfügte sich in das Haus, um auch zur nahen Abreise Anstalten zu
treffen.
 
                                Fünftes Kapitel
Am Donnerstage war man fröhlich bei Tische versammelt; Caporale ergötzte alle
Anwesenden durch heitere Erzählungen, und nur Donna Julia war nachdenkend und
nahm am Scherz des Dichters nur wenig teil. Peretti war ausgelassen, wie man ihn
nur selten gesehn hatte, und die Frauen tadelten es im stillen, dass er sich des
heissen Weins im Übermass erfreute. Die Dienerschaft war schon zum Teil in Tivoli
und die letzten Wagen, die am Morgen des folgenden Tages abgehn sollten, standen
auch schon aufgepackt im Hofraum.
    Caporale trennte sich diesmal, er wusste selber nicht warum, ungern von der
Gesellschaft. Er zögerte noch beim Abschied. Beklemmt und mit einem Seufzer
verliess er endlich das Haus.
    Man ging zeitiger schlafen, als gewöhnlich, um am Morgen desto früher wach
sein zu können. Schon war Vittoria in ihr Gemach gegangen und die bekümmerte
Mutter schlief schon, Peretti, der die entferntesten Zimmer oben bewohnte, hatte
sich, da er berauscht war, früher als alle niedergelegt. Nur einige Diener waren
noch wach.
    Da klopfte es laut und ungestüm an das Tor, wie wenn jemand in Eile wichtige
Nachrichten bringt. Der Diener öffnete, und verwunderte sich im stillen, dass der
rohe, unstäte Mancini, einer der verdächtigsten Gesellen in Rom, so dreist und
so spät eintreten dürfe. Er müsse augenblicks den Herren, Signor Peretti
sprechen, ein wichtiges, höchst wichtiges Blattabe er ihm zu überreichen. Da
der freche Bote nicht abliess, so führte der alte Guido den Ungestümen in das
Schlafzimmer seines Herrn. Es war nicht leicht, den weinbetäubten Peretti zu
ermuntern. Als es endlich gelang, und dieser den Boten, der immer zu seinen
Vertrauten gehört hatte, erkannte, als Kerzen angezündet waren, las er den
Brief, welcher folgendermassen lautete:
»Geliebter Schwager: sowie Du dies Blatt empfangen hast, wirf Dich in die
Kleider, und eile nach Monte Cavallo in das Dir wohlbekannte Haus, wo wir schon
öfters Rates pflogen. Etwas höchst Wichtiges hat sich ereignet, welches den
frühern Beschluss umstösst, oder wesentlich verändert. Der Bewusste, den Du
ebensosehr liebst, wie fürchtest, rechnet mit Sicherheit auf Dein pünktliches
Erscheinen. Morgen, wie Du es selber weisst, ist alles zu spät. Wenn Dein Wohl
Dir lieb ist, so sieht Dich alsbald
                                                                 Dein Marcello.«
In der grössten Eile kleidete sich Peretti an, und liess den jüngern Diener
wecken, der ihn mit einer Fackel begleiten sollte. Guido hatte indessen das Haus
munter gemacht, und die erschreckten Frauen warfen sich schnell in die Kleider.
    Peretti kam ihnen schwankend schon auf dem Vorsaal entgegen. »Lieber Sohn«,
rief Donna Julia in Angst, »könnt Ihr wirklich die Absicht haben, jetzt in
später Nacht noch auszugehn?«
    »Ich muss«, erwiderte der junge Mann, »lasst mich, ich habe Eile und werde
alsbald wiederkehren.«
    Vittoria sagte: »Wenn ich über dich etwas vermag, Francesco, so bleibst du
im Hause. Du weisst es selbst, wie unsicher die Stadt ist, und wie mir Guido
sagt, ist es der nichtswürdige Mancini, der dich in so verdächtiger Stunde
abholt. Erwarte wenigstens den Morgen, wenn dein Geschäft denn so nötig ist, und
wir reisen lieber einige Stunden, oder einen Tag später nach Tivoli.«
    »Du kennst die Umstände nicht!« rief der geängstete Peretti, dem der Boden
brannte, sich eiligst auf dem bestimmten Platz einzufinden, wo, wie er
vorausetzte, sein mächtiger Gönner ihn erwartete. »Was sprecht Ihr mir von
Mancini? Dein eigner Bruder, Marcello ist es, der mich so dringend zu sich
entbietet. Vielleicht kann ich ihn vom Bann lösen; vielleicht gilt es sein
Leben.«
    Sowie der Name Marcello nur genannt wurde, schrie Donna Julia laut auf,
heftig erschreckend. - »Also der Unglückliche, Verlorne, wagt es doch wieder,
die verbotene Stadt zu betreten? Er bringt sein Haupt zum Block.«
    »So dumm ist er nicht«, antwortete Peretti; »ei was! er ist wohl schon öfter
hier gewesen, und hat fünf Tage hier in meinem Hause gewohnt, wovon ihr freilich
nichts habt wissen dürfen.«
    »O Gott! Gott! Jesus Maria! so steht es?« schrie Donna Julia, ganz und gar
aus der Fassung. Ein kalter Todesschweiss rann ihr in grossen Tropfen von der
Stirn über das leichenblasse Angesicht, das Hauptaar, weiss und braun gemischt,
floss aus der leicht geschürzten Kopfbinde nieder, sie stürzte jetzt, die Hände
in Verzweiflung ringend, auf die Knie und fasste krampfhaft den Mantel des
fortstrebenden Francesco, um ihn festzuhalten. »Ihr müsst bleiben!« rief ihre
bebende Stimme, »bei allen Heiligen beschwöre ich Euch, denn Ihr rennt, ich seh
es, in Euer Verderben. - Tochter! Vittoria! kniee mit mir, und flehe mit mir,
mit Tränen und Schluchzen flehe den Hartnäckigen, den Wahnsinnigen an, dass er
bei uns bleibt.«
    Sie stellte sich hoch aufrecht und erhob sich noch auf den Zehen, und
drückte mit beiden Händen, diese auf die Schultern pressend, die Tochter mit
gewaltiger Kraft auf den Boden nieder. Vittoria folgte dem Zwange nur mit halbem
Willen. »Du bleibst!« rief Virginia nun. »Sünder! du bleibst! Mein Fluch folgt
dir, Unsinniger, wenn du die Schwelle überschreitest! Sind nicht Ketten da, um
den Rasenden, den Bösewicht an die Mauern zu schliessen?«
    Erblasst standen die Diener umher, und schauten mit Entsetzen und zitternden
Lippen dieser furchtbaren Szene zu. Die alte Amme bekreuzte sich und betete
halblaut. Peretti aber stiess mit dem Fuss nach Vittoria, riss den Mantel so
gewaltig aus den Händen der Mutter, dass diese zurücktaumelte, und mit den
Ellenbogen auf den marmornen Fussboden schlug. So sprang er über die Türschwelle
und Vittoria sendete einen tötenden Blick dem Wütenden nach.
    Auf der Strasse angekommen, schüttelte sich Peretti schaudernd und murmelte:
»Die Weiber sind voll süssen Weines, und meine Übermütige spricht mir, als wenn
sie alles wüsste. Nun, morgen bin ich ihrer los.«
    Ein feiner Regen fiel, die Fackel leuchtete qualmend und rot in der
Dunkelheit. So kamen beide unten bei Monte Cavallo an. Da fielen zugleich drei
Schüsse und Peretti stürzte nieder. Der Diener entsprang. Dunkle Gestalten
näherten sich dem auf dem Boden Liegenden, welcher nur matt winselte. Sieben
Schwerter fuhren durch seinen Busen, er zuckte nicht mehr. Die Mörder
überzeugten sich von seinem Tode und entfernten sich stillschweigend in
verschiedenen Richtungen.
Der Diener war, nachdem er die Fackel ausgelöscht hatte, mit Entsetzen nach dem
Hause zurückgerannt. Hier waren alle noch in heftigster Bewegung und Aufreizung.
»O welcher Schutz«, rief Donna Julia aus, »war uns dieser schwächliche
Jüngling?« Vittoria, noch so unangekleidet, wie sie gewesen, sass in einer Ecke
und lehnte das Haupt in die Hand, den Arm auf den Tisch gestützt.
    Nun brachte man die Leiche, die der Diener mit den übrigen Leuten auf einer
Bahre von der Strasse geholt hatte. Caporale, der schon das Gerücht vernommen
hatte, kam wieder; alle waren stumm, oder nur einzelne Silben wurden im Saale
vernommen. Jetzt ward Montalto gemeldet. Der kranke gebückte Greis setzte sich,
ohne die andern zu begrüssen, auf den Boden zum Leichnam nieder. Er fasste dessen
Hand und benetzte sie mit Tränen. Man hatte ihn nie vor andern Menschen weinen
sehn. - Dann erhob er sich und tröstete Gattin und Mutter. Mit scheinbarer Ruhe
sprach er von den Schickungen, denen sich alle Menschen unterwerfen, und die
Hand des Vaters küssen müssen, auch wenn sie nach unserer Meinung etwas zu
strenge züchtige.
    Als er in seine Wohnung zurückgekehrt war, begaben sich die Trauernden,
Trostlosen auch wieder auf ihr Lager.
    Von der Reise nach Tivoli war nicht mehr die Rede.
 
                                Sechstes Kapitel
Ganz Rom war dieses Mordes wegen in Bewegung. Da man die Täter in finsterer
Nacht nicht hatte ergreifen können, da niemand sie gesehn hatte, so erschöpfte
sich jedermann um so mehr in Vermutungen. Leidenschaft und feindselige
Gesinnung, Parteihass und Vorliebe machten sich bei diesem tragischen Vorfall
geltend, und hundert verschiedene Namen wurden genannt, sowie viele Vornehme
angeklagt und von andern verteidigt.
    Der alte Kardinal sass noch angekleidet am frühsten Morgen auf seinem Zimmer,
Schreck und Kummer hatten es ihm nicht erlauben wollen, sich auf sein Lager zu
werfen und den Schlaf zu suchen. Seine Diener hatten ihm vieles, und mancherlei
durcheinander erzählt, widersprechende Gerüchte und Fabeln, aber auch Tatsachen,
die mit der Wahrheit übereinkamen. - »Also dieser Mensch«, sagte er zu sich
selber, »dieser verruchte Marcello - er ist der Mörder, oder der Eingeweihte des
Komplotts! Er, dem ich mich als Wohltäter erwies, den ich damals vom Tode
rettete, um den ich mein Gefühl des Rechtes unterdrückte, mir bittere Vorwürfe
im Gewissen seinetalb machte - nun ja, nun hat er es mir vergolten, und ich muss
mir in meinem stillen Innern sagen: dass mir recht geschieht, dass der Himmel so
meine sündliche Nachgiebigkeit bestraft; freilich schwer, hart; - so wird mir
meine Liebe, mein Mitleiden vergolten, dass ich einmal der Rührung meines
Herzens, den weinenden Klagen einer Mutter nachgegeben.« - Er weinte bitterlich
und legte sein Haupt zwischen den Armen auf den Tisch, auf welchem viele Papiere
lagen, die er noch nicht angesehen hatte.
    Als er sich am Weinen gesättigt, sass er aufrecht, um dem Papst den Vortrag
über wichtige Geschäfte halten zu können. So trafen ihn in seiner Ruhe mit
trocknem und festen Blick bei der Arbeit, die ihn besuchenden Kardinäle. Der
Medicäer war sehr gerührt und Borromäus konnte ihn nur, von Tränen unterbrochen,
begrüssen. Diese und andre Kardinäle bewunderten seine Standhaftigkeit und
Ergebung in den Willen des Schicksals. Fest und ungebeugt trat Montalto in die
Versammlung der Kardinäle, gefasst und scheinbar ruhig: Freund und Feind
begrüssten ihn dort mit der herzlichsten Rührung, viele reichten ihm die Hand,
und keiner war, der ihm nicht seine aufrichtige Teilnahme bewiesen hätte. Selbst
Farnese und die Partei, die sich bis dahin immer die Miene gegeben hatte, ihn zu
verachten, äusserte ihre Verehrung und Bewunderung über diese, wie sie sagten,
mehr als menschliche Fassung.
    Als Montalto in das Zimmer des Papstes trat, ging ihm der alte Gregor
entgegen, drückte ihm die Hand und weinte herzlich. »Wir wollen«, sagte er dann,
»diesen abscheulichen Meuchelmord mit der grössten Strenge und Gründlichkeit
untersuchen, und seid versichert, alter bewährter Freund, der Schuldige, mag er
auch sein, wer er will, soll zu Eurer Genugtuung furchtbar bestraft werden.«
    »Heiligster Vater«, erwiderte Montalto erschüttert, »wenn mein Wort etwas
gilt und meine Bitte, so lassen wir diese traurige Geschichte völlig ruhn, und
übergeben sie, wo möglich, der Vergessenheit. Ich mag nicht die Veranlassung
geben, dass neue Händel und Verwirrungen entstehn, unvermutete Entdeckungen, die
die jetzigen Faktionen verstärken und andere erschaffen könnten. Lassen wir dem
Herrn die Strafe, der mir nach seiner Weisheit und Liebe diesen Kummer in meinem
Alter gesendet hat.«
    »Der Papst sah den Redenden mit einem grossen, verwunderten Blicke an. - Sie
gingen zu den Geschäften über, und als diese geendigt waren, und andere
Kardinäle eintraten, sagte er zu einigen von diesen: Dieser Montalto ist ein
ebenso grosser als kluger Mann: sein unerschütterlicher Gleichmut verdient die
allerhöchste Bewunderung.«
    So gingen einige Tage vorüber, Peretti war, nach dem Wunsche seines Oheims,
mit wenigem Pomp, um das Aufsehen nicht zu verstärken, beerdiget worden. Eine
stille dumpfe Trauer herrschte in der Familie Accoromboni; sie nahmen nicht alle
Besuche an, welche ihnen von Teilnehmenden gemacht wurden, viele aber, die sich
bisher laut genug zu den Freunden des Hauses gerechnet hatten, blieben aus, so
wie der Kardinal Farnese; manche gaben nur schriftlich ihre trauernde Begrüssung
ab, und Bracciano war bei einem kurzen Besuche so erschüttert, dass er sich bald
wieder entfernen musste, und Vittoria keine Beruhigung von ihm empfangen konnte.
    Diese war endlich durch das Übermass der vielen, sie bestürmenden Gefühle,
völlig aufgelöst. Ihre Nächte waren schlaflos, die Nahrung stärkte und erquickte
sie nicht, und so, nach einem kurzen Fieberzustande sank sie in eine stumpfe
Bewusstlosigkeit. Sie war nicht mehr fähig, ihr Schicksal zu überdenken, sich
aller Umstände zu erinnern, die sie so nach und nach in diese abscheuliche Lage
geworfen hatten. Diese gewaltsame Wendung ihres Lebens hatte sie so plötzlich
überrascht, dass sie noch keines freien Entschlusses fähig war. Ihr Gemüt, das
sie für so reich gehalten hatte, schien ihr nun völlig verarmt: sie sah mit
Entsetzen in diese innere Leere, und begriff nicht, wohin alle diese Kräfte
entschwunden waren, die ihr sonst immer Halt gegeben, die Gefühle, von denen sie
in allen Lagen, selbst in der Verzweiflung Trost empfangen hatte.
    »Wozu«, rief sie in nächtlicher Einsamkeit in ihrem starren Unmut auf, »habe
ich mich denn immer für besser als viele andre gehalten, wenn jetzt der Brunnen
des Lebens so völlig in mir versiegt? - Ich glaubte ja immer von den Musen
begünstigt zu sein, und mich in unmittelbarer Berührung mit göttlichen Kräften
zu befinden; warum gestatte ich denn nun der toten kalten Erde die Herrschaft
über meinen Geist, und rufe nicht jene Bundesgenossen zu Hülfe, die mir in
Stunden des Übermutes fröhlich und lächelnd beistanden?«
    Sie setzte sich nieder, tat einige Griffe auf ihrer Laute und schrieb dann
ein Gedicht in Terzinen, dessen Inhalt ohngefähr folgender war:
    Ernst und Trauer des Lebens.
    Vielleicht sagt man mit Recht, wir seien alle verbannte Geister, die,
unwürdig ihres höheren Glückes, sich auflehnend gegen die Liebe, in den Zustand
versenkt wurden, der mit dem Tode verwandt ist und den wir Menschen unser Leben
nennen.
    So wachsen denn, gedeihen wir, und unsere Jugend ist ein Traum, der in uns
webt. Rosengewölk vor dem Aufgang der ersten heissen Sonne.
    Nun, da wir jagdfähig sind, treten die Dämonen mit Weidmannsgerät in das
Revier, die Hunde von der Leine los, jagen kläffend den armen Hirsch, bis er
zerfleischt, ermüdet, Blut schwitzend, unter ihren Bissen niedersinkt.
    So sitzt der Fischer lächelnd, schlautückisch am Fluss und senkt den
lockenden Köder hinein. Der arme, bunte Fisch, er spielt an der Angel, gereizt
verschlingt er den Hamen, und am Gaumen wird er aus seinem Element mit dem
grausamen Haken herauf gerissen.
    Das Kind spielt mit dem unschuldigen Lamm, beide hüpfen im Frühlingslicht.
Doch im Busche steht schon lauernd der Schlächter, und wetzt sein blutgieriges
Messer.
    Gibt es etwas anders, denn Verlust? denn jeder Gewinn wird uns nur geliehen,
damit der Schmerz des Verlierens folge. So scherzen grausame Menschen mit
Kindern: schenken ihnen glänzende Sachen zum Schein, und wenn sie sich recht
daran freuen, entreissen sie sie ihnen wieder, und lachen ihrer Tränen.
    So werden uns Eltern, Geschwister durch den unerbittlichen Tod entrissen,
die lieben Jugendfreunde - alles war nur Spielzeug, und liegt zertrümmert im
Staube.
    O schlimmer! andre, sie leben und weben noch in ihrer Gestalt, Verbrechen,
Unsinn, hat sie uns von der Brust gerissen, und wir zittern bei jedem Windhauch,
der uns leidige Nachricht von ihnen zuwehen möchte.
    Am fürchterlichsten - wenn wir hassen und verachten müssen, wo dasselbe
Mutterblut uns zuschreit: du sollst lieben! Welche Sprache, welche Tonweise
ermisst diesen Schmerz!
    Solon gab kein Gesetz gegen Vatermord, weil sich die Natur des Menschen
dahin nicht verirren könne. - So versagt die von Gott uns offenbarte Sprache den
Ausdruck diesem Jammer.
    Das Herz stirbt ab und bricht - der Seufzer schreit - die Verzweiflung sieht
starr. Das ist die Sprache. - So brüllt in öder Wüste der verhungernde Löwe nach
Raub, und die stummen Felsen hallen zitternd wider.
    Armer Peretti! Was warst du mir? Was konnt ich dir bedeuten? Wie in lebloser
Maschine kein Rad vom andern weiss, und doch das eine das andere treibt, so lief
mit uns, nebeneinander, das Getriebe unsers Daseins.
    Und du bist dahin! Dir und der Welt entrissen, nicht mir. Eigensinn,
Verblendung trieb dich deinem schaudervollen Untergange entgegen, die Hemmung,
die warnende der Freunde, zerbrachst du ungestüm.
    Und ängstigende Ahndung weht um mich. Mir dünkt, ich sehe die unsichtbaren
Dämonen schadenfroh lachen und die gierigen Zähne fletschen. Der Glanz der
weissen Hauer blitzt leuchtend durch die Nacht.
    Sie werden der Unschuldigen nachjagen - schon trieft das Blut aus meinem
Herzen - die Witterung macht sie nur lüsterner und wilder. - Ich sinke nieder,
todesmatt.
Der biedre, herzliche Caporale zeigte sich auch jetzt wieder als der treueste
Freund. Er kam täglich, tröstete, verweilte bei den Trauernden, und liess sich
von keinem Geschwätz, von keiner Verleumdung irremachen. In solcher Flut der
Verwirrnis erkannte Vittoria sowie ihre Mutter den Wert eines solchen Mannes der
in den Augen der Welt nicht glänzte.
    So trat er auch an einem Morgen in das Zimmer der Trauernden. Er war
tiefsinnig, ihm schien etwas sehr Schweres auf dem Herzen zu lasten.
    »Wie seid Ihr heut so anders, alter Freund«, begann endlich die Mutter, »ist
Euch ein Unglück zugestossen?«
    »Ja wohl«, erwiderte der Dichter, »und ein solches, dass ich davon ganz zu
Boden gedrückt werde. Es lebt hier in Rom seit einiger Zeit ein Cavalier aus
England, ein Katolik, der seiner Religion wegen, wie er vorgibt, aus seinem
Lande verbannt ist. Da ich aber sehe, dass er mit den einflussreichsten Kardinälen
und Prälaten in Verbindung steht, und mit dem Governador in einem ziemlich
vertrauten Verhältnis lebt, so vermute ich vielmehr, er ist ein maskierter
Beobachter und Unterhändler für seine verständige und politische Königin. Dieser
Mann hat mich seit einiger Zeit in sein Herz geschlossen und interessiert sich,
weil ich viel von Euch erzählte, für Euer Schicksal. So habe ich denn durch
diesen Ritter Carre etwas erfahren, das für Euch von der höchsten Wichtigkeit
ist. Der edle Montalto wünscht, dass diese Untat und das Unglück vergessen und
verschwiegen bleibe, was die Urheber betrifft, wer sie auch sein mögen und was
sie beabsichtiget haben. O dieser Alte ist ebenso klug als grossmütig. Er will
sich keine Feinde erregen, da ihm bei einem Wechsel der Regierung mächtige
Familien hemmend entgegentreten könnten, obgleich ihm alle die Gerüchte,
Vermutungen und Verleumdungen nicht unbekannt geblieben sind, und er auch im
stillen seine Meinung und Oberzeugung gefasst hat. Die Medicäer wollen aber die
Sache nicht auf sich beruhen lassen, und Farnese hat sich zu dem klugen
Ferdinand gesellt, so wie der fromme Borromäus; ihnen folgen noch einige
Unbedeutende, welche meinen, die Ehre des Staates verlange, dass dieses
Verbrechen untersucht und bestraft werde. Der Papst, welcher erbittert ist und
vom Schicksal Montaltos tief gerührt, lässt ihnen freie Hand. Der elende Mancini,
der an jenem Abend die Botschaft brachte, ist gefangen, oder hat sich fangen
lassen, bei ihm hat man noch jenen Zettel von Marcellos Hand gefunden; der
Verkäufliche soll auf der Folter schon allerhand ausgesagt haben, was, wie ich
glaube, ihm in den Mund gelegt ist, und so ist man im Begriff, Tugend und Ehre
der edelsten Menschen zu verunglimpfen. So hat denn auch, natürlich bestochen,
jener Valentini, von welchem Peretti damals schwer verwundet ward, einen Brief
eingesendet, in welchem er sich selbst zur Mordtat bekannt, weil er schon seit
lange Peretti gehasst habe, und nun noch von Schönheit, Huld, Überredung, und
tausend solcher Herrlichkeiten zur Tat getrieben sei, von jenen, die er
angedeutet habe, die er aber auch bestimmter bezeichnen könne.«
    »Redet ganz aus«, rief die Mutter, schon ausser Fassung gesetzt.
    »Ihr wisst«, fuhr Caporale mit bewegter Stimme fort, »dass Ihr nach den
Gesetzen hier in diesem Hause nicht bleiben könnt, denn da Peretti ohne Erben
gestorben ist, so fällt es mit allem Zubehör an Montalto zurück. Euch bleibt
also nichts übrig, als Euch in Eure frühere Wohnung zu begeben, oder Euch beide
unter den Schutz des Bischofs, Eures ältesten Sohnes zu stellen, der jetzt das
Haupt der Familie ist.«
    »Auf keinen Fall!« rief Vittoria und stand empört vom Sessel auf; »als
Sklavin wäre ich dann verhandelt. Ich habe mir längst gedacht, was die elenden
Menschen vermuten und ausschwatzen werden, und die am giftigsten, die am besten
die Wahrheit wissen.«
    »So ist es«, sagte Caporale; »den Mächtigen, der es vor seinem Gewissen
verantworten mag, was er getan hat, wird man nicht beschuldigen, man wird es
nicht wagen, in diesem Prozesse nur seinen Namen zu nennen. So ergiesst sich dann
die ganze Flut der Schmähung auf arme, wehrlose Weiber, die ohne Schutz dastehn,
ganz preisgegeben dem Sturm und Unwetter der Verleumdung. Da Ihr so ganz
ohnmächtig seid, und Euer kleines Haus Euch kein Asyl geben kann, so müsst Ihr
Euch durchaus unter den Schutz eines Grossen stellen. Doch ist der tugendhafte
Farnese, der jetzt der Gewaltigste wäre, ganz von Euch abgefallen.«
    »So bleibt uns nur«, rief Vittoria aus, »der Palast des Herzogs von
Bracciano übrig.
    Das war auch mein Gedanke«, antwortete Caporale. -
    »Wird er uns aber in dieser Bedrängnis aufnehmen, und seinen Namen
preisgeben wollen?« -
    »Ich komme von ihm her, meine Angst um Euch trieb mich zu ihm: er öffnet
Euch seine Tür, und Ihr seid dort wenigstens für den Augenblick vor Schimpf und
Gewalttat sicher.« -
    Die Mutter irrte verwildert im Saal umher und rang die Hände. - »So wird es
ja aber«, rief sie aus, »nur bestätigt, dass er der Urheber des Frevels ist, dass
wir um ihn wussten und ihn bewilligten, dass meine Tochter seine Geliebte ist, dass
ich Alte, Unglückselige, die Kupplerin vorstellte, und mein Jüngster, Flaminio,
sich auch deswegen hat abkaufen und bezahlen lassen. Nun sind ja Ottavio und
Farnese die Tugendhaften und wir die Verbrecher. O Himmel! Himmel! wie hart, wie
grausam bestrafst du meinen Stolz, mit dem ich früher auf meine Kinder hinsah.
Wohin, wohin hat uns das Notwendige, Gute, wohin das Schicksal geführt, dass wir
nun in diesem ehernen Netze gefangen liegen, und alle unsre Glieder tödlich
gelähmt sind. O du unbefleckter Ruf meines tugendhaften Hauses! - Es bleibt uns
nichts als Verzweiflung und Untergang.«
    »Fassung, Mutter«, sagte Vittoria in ihrer grossartigen Weise; »das Nächste,
Notwendigste müssen wir auch jetzt ebenso wie damals ergreifen. Konnt ich den
Entschluss zu jener unglückseligen Vermählung fassen, weil es die unerbittliche
Notwendigkeit so forderte, so kann ich mich auch jetzt diesem Zwange beugen.
Verleumdung! befleckter Ruf! O wohl ist Ehre und guter Name ein unschätzbares
Kleinod, aber Freund und Feind hat uns so in diese fürchterliche Enge
hineingezwängt, so an die Felsen gedrückt, dass weder Vorschritt noch Rückweg
möglich ist, dass ich mich gefangengebe. Nur sterben will ich nicht, nicht jetzt
endigen, wie ich es ehemals vermocht hätte, weil ich das Leben kennengelernt
habe, und weil ich es von der Zeit erwarte, die oft billig und selbst gerecht
ist, dass sie mich und die Meinigen wieder läutre. - Wir nehmen also den
grossmütigen Schutz Braccianos an, und werden uns als Flüchtige in dieser Stunde
noch in seinen Palast begeben.«
    So geschah es. Farnese wütete, als er diese Kühnheit erfuhr, weil er
geglaubt hatte, weder der Herzog noch die eingeschüchterte Familie würde eines
solchen Entschlusses fähig sein: er hatte gehofft, die armen Unterdrückten
würden ohne alle Bedingung seiner Gnade und Gewalt anheimfallen müssen.
    Bracciano war auf eine gewisse Art erfreut, die Geliebte in seinem Hause und
Schutze zu wissen, doch täuschte er sich auch nicht über die Gefahr, der er
selber ausgesetzt sei, wenn die Regierung jede Rücksicht fallenlasse und die
Untersuchung mit Strenge auf das Äusserste treibe. Indessen sprach er Vittorien
Mut ein und verhiess, dass er alle seine Gewalt daransetzen wolle, dass nichts
Schreckliches eintreten könne.
    Die Gerichte durften es nicht wagen, seinen Palast zu betreten, aber der
Governador erschien selber bei ihm, um Vittoria zu dem geistlichen Gericht der
Kardinäle vorzuladen.
    Im Saale des Vatikans hatten sich die Richter versammelt. Voran als
Präsident der Kardinal Farnese, ihm zunächst Karl Borromäus und Ferdinand der
Medicäer. Noch waren andre Kardinäle und Bischöfe zugegen, so wie einige
Schreiber und Richter der Kurie. Man wollte vorläufig die Angeklagte und
scheinbar Schuldige verhören, um nach den Aussagen und Bekenntnissen nachher den
eigentlichen Prozess zu beginnen. Durch Protektion war es dem Ritter Carre
gelungen, auch bei diesem Verhör zugelassen zu werden, denn er war sehr
begierig, diese Vittoria, von der ganz Rom sprach, über welche die Aussagen so
verschieden lauteten, persönlich kennenzulernen.
    Alle erstaunten, als sie statt einer Trauernden, Demütigen, die sie erwartet
hatten, die hohe Gestalt im vollen Glanz ihrer blendenden Schönheit stolz
hereintreten sahen. Sie hatte sich in ihre reichsten Gewänder gekleidet und ein
köstlicher Schmuck schimmerte von Hals und Nacken. Farnese erschrak fast, denn
er gestand sich, dass er diese blasse Schönheit noch nie in so erhabenem Reiz
gesehn habe.
    »Auf diese Weise«, begann Borromäus, »erscheint Ihr, die Sündige, in dieser
erlauchten Versammlung? Statt trauernde Witwe, wie eine reichgeschmückte
Fürstenbraut, statt der büssenden Magdalena, eine heroische Judit? Ist das Eure
Reue und Zerknirschung? Wollt Ihr auf diese Weise den zürnenden Schatten Eures
Gemahls versöhnen?«
    »Wäre ich die«, antwortete Vittoria stolz und mit fester Stimme, »für die
ihr, die sich meine Richter nennen, mich ausgeben möchten, so hätte ich schon
lange vorher mit kluger und berechneter Heuchelei meine Witwenschleier und
schwarzen Trauergewande fertig und bereit gehalten, um mit verhülltem Antlitz,
mit nachschleifendem Krepp und Tränen im Auge euer Mitleiden und Wohlwollen zu
erschleichen - aber Schreck und Kummer haben mich so plötzlich überrascht, dass
ich so künstlicher und hergebrachter Anstalten vergass und mich lieber schmückte,
weil dieser Tag meine Unschuld an das Licht bringen soll.«
    Ohne einen Wink oder die Erlaubnis ihrer Richter, nahm sie den Sessel ein,
der allein noch unbesetzt im Saale stand.
    Einer der Richter erhob sich und las mit lauter Stimme die Anklage vor. Er
erzählte die Vermählung des jungen Peretti, der den gütigen Oheim vermocht habe,
ihn, der so grössere Ansprüche hatte, mit einer nicht reichen, aber schönen Dame
zu vereinigen, welche er leidenschaftlich liebte. Vittoria aber habe sich
niemals dankbar bezeigt, sondern den Gemahl immer nur mit Kälte behandelt Sie
habe es vorgezogen, statt eines einsamen, stillen Lebens, wie es ihr als der
Nichte eines frommen Kardinals gezieme, ihr Haus zu einer poetischen Akademie,
zum Sammelplatz von Fremden und Vornehmen zu machen, um hier in Vorlesung,
Dichtkunst, Musik und Gesang, sowie sonderbaren und ärgerlichen Gesprächen, die
sich für philosophisch ausgaben, zu schwelgen. Sie und die Mutter hätten den
jungen Gemahl so sehr vernachlässiget, dass sich dieser am wohlsten ausser seinem
Hause befunden habe.
    Seinen Freunden habe er oft geklagt, wie sehr es ihm empfindlich falle, dass
er in seiner eigenen Familie zurückgesetzt werde. Nun sei plötzlich dieser
Jüngling in der Mitternacht auf ebenso schreckliche als verräterische Weise
ermordet worden. Lange habe man schon davon geflüstert, dass diese Vittoria ihren
Mann loszuwerden wünsche, um vielleicht eine andre noch vornehmere Ehe zu
schliessen. Schon einmal sei der verfolgte Peretti von einem Valentini fast
tödlich verwundet worden. Seit lange sei ihr älterer Bruder, der ehrwürdige
Bischof Ottavio mit der Schwester und Mutter in Zwist und habe sie fast niemals
besucht, dagegen sei der zweite Bruder Marcello, der Mörder und Bandit, oft im
Hause versteckt gehalten worden. Dieser Marcello habe in jener Nacht durch einen
Vertrauten den Signor Peretti nach jenem Mordplatze beschieden: dieser
Vertraute, Mancini, habe ausgesagt: noch beim Abschiede in jener Nacht habe die
junge Gemahlin dem Manne, der zum Tode bestimmt war, laut ihre Verwünschungen
nachgesendet. Die Mutter, Donna Julia, habe das tödliche Komplott mit Klugheit
geführt, und Ursula, die alte Amme, sei Mitwisserin der Bosheit. Die Mörder
seien alle, wie dieser Mancini aussagte, entflohen, der eine von ihnen ein
Untertan eines grossen, mächtigen Herrn, den er aber nicht nennen könne und
wolle. Valentini habe aber seitdem geschrieben, dass er auf Anstiften die Tat
verübt habe. Was sei also wahrscheinlicher, als dass dieser Marcello, der
offenbar der Mitwisser des Mordes sei, wo nicht das Haupt des abscheulichen
Komplotts, mit der Schwester Vittoria vereinigt, um den im Wege stehenden
unglücklichen Peretti zu entfernen, mit dem ruchlosen Bruder und der gottlosen
Mutter für die Mörder anzusehn seien.
    Jetzt erhob sich vor dem Saale ein lautes Geräusch. Die Türen wurden
gewaltsam aufgerissen, ein grosser starker Mann stiess mit Ungestüm die Diener
zurück und trat stolz herein. Es war der Herzog Bracciano, in seiner reichsten
und kostbarsten Fürstenkleidung, mit allen Orden geschmückt und Ketten und
Juwelen auf der Brust, sowie glänzende Steine am Hut. Er verneigte sich
nachlässig, als er hereintrat.
    Vittoria ward rot, als sie ihn erkannte, senkte dann das Haupt und lächelte
still in sich. Die Kardinäle waren bei dieser unvermuteten Erscheinung verlegen,
und einer der Richter erhob sich in ängstlicher Eile, um für den Fürsten einen
Sessel zu suchen. Er fand keinen und näherte sich Vittorien, als wenn er ihr
bedeuten wollte, aufzustehen und dem Höheren Platz zu machen. Sie sah ihn nicht
an und blieb ruhig, worauf er Miene machte, als wolle er sie vom Sessel
aufheben. Da eilte der Herzog herbei, fasste mit starker Hand den Arm des
Richters, führte ihn nach seinem Sitze zurück und drückte ihn hastig und
gewaltsam auf diesen nieder. Hierauf nahm er eine Art Fussbank, oder kleinen
Schemel, der im Winkel stand, trug ihn in die Mitte des Saals, legte seinen
kostbar gestickten Mantel ab, breitete diesen über das demütige Brett und setzte
sich darauf, ohne im mindesten seine stolze Miene zu verändern.
    Jetzt erhob sich Vittoria und trat vor ihre Richter. Sie vermied es, Farnese
anzuschauen, der über ihre Gegenwart halb verlegen und halb erfreut war. »Wie
schmerzt es mich«, begann sie mit fester Stimme, »in dieser hochehrwürdigen
Versammlung den tugendhaften Montalto zu vermissen, dem ich vertraue, der mich
einst liebte, in dessen Gegenwart, von seinem Blick befeuert, es mir noch
leichter sein würde, alle diese leeren gehaltlosen Anklagen niederzuschlagen,
und diese Verleumdung wie Staub von mir zu schütteln. Meine ehrwürdige,
tugendhafte Mutter, die ihr ganzes Leben nur ihren geliebten Kindern zum Opfer
gebracht hat, die von allen Freunden und Bekannten verehrt wurde, diese eine
Mörderin? Und wofür? Weshalb? Hat sie je Rang und Grösse auf niedrige, oder gar
schändliche Weise zu erringen gesucht? Ihr ganzes Leben mit allen seinen
Aufopferungen spricht für das Gegenteil. Ich darf wohl daran erinnern, denn die
Sache ist ja stadtkundig, wie weder ich noch sie den Bewerbungen jenes jungen,
reichen und mächtigen Luigi, der sich sogar Gewalttätigkeiten erlauben wollte,
nachgab oder entgegenkam. War es uns denn um Glanz und Reichtum zu tun, so wurde
er uns ja hier gewissermassen aufgedrungen. Der grosse ehrwürdige Kardinal Farnese
hat meine tugendhafte Mutter seit vielen Jahren gekannt, ja ich darf es sagen,
ohne seine Würde zu kränken, er ist immerdar ihr wahrer Freund gewesen, und hat
es niemals an Beweisen der Achtung und des Vertrauens fehlen lassen. Er mag
jetzt dreist und entschlossen sagen, ob er diese abgeschmackte Anklage auch nur
für möglich hält. - Ja, ich nenne sie abgeschmackt, und die hohe Versammlung
verzeihe mir diesen Ausdruck, denn ich finde kein andres Wort für diese
unzusammenhängenden, sich widersprechenden Aussagen. Sei es, ich liebte Peretti
nicht; - weiss denn der fromme, tugendhafte Borromäus, oder der hohe Medicäer, ob
ich irgend Ursach hatte, diesen Mann zu lieben? Hat er mich geliebt? War er ein
treuer Ehegatte? Hat er mich nicht vielleicht tödlich verletzt und beleidigt?
Doch ich will nicht anklagen, wenn ich auch meinen Wandel nicht zu rechtfertigen
brauche. - Mein unglücklicher Bruder Marcello - ja dieser ist das Unglück, der
wahre Schmerz meines Lebens - wenn er mit den Mördern, wie es scheint, in
Verbindung war, wenn er sie vielleicht führte - so ist es doch unbegreiflich,
wie auf ein dunkles Wort von ihm, Peretti so wahnsinnig sein konnte, nach dem
Ort der Bestimmung zu eilen. Er muss diesem Marcello also doch unbedingt vertraut
haben, er muss sein Herzensfreund, sein Verbündeter, wer weiss zu welcher
Freveltat gewesen sein. Und ich, die ich erst spät erfuhr, die ich mich
entsetzte, als ich es vernahm, dass Marcello von Peretti oft in unserm Hause
versteckt gewesen sei: ich soll gegen meine Ehre, Wohlfahrt und Leben ein
solches Komplott geleitet haben? - Ja, ich bekenne offen und laut: verwünscht
habe ich diesen Peretti, als er in jener furchtbaren Nacht, trotz aller Bitten
und Warnungen von uns eilte, als meine ehrwürdige Mutter, wie wahnsinnig vor
Schmerz, weinend und schluchzend seine Knie umfasste und er sie zurückstiess. -
Man stelle doch diesen elenden, verächtlichen Mancini mir gegenüber, er
wiederhole, Auge im Auge mir, jene furchtbare Anklage - ich weiss, ich behaupte
es, er wird vor meinem Blick zuschanden werden, der Verächtliche, er wird meine
Anrede und Frage nicht ertragen können. Man rufe den Valentini herbei, der jenen
Brief soll geschrieben haben. Und dann - wenn ich denn dahin gezwungen werde -
werde ich auch statt Abbitte und Bekenntnis eine Anklage anregen können, die
vielleicht den Dreistesten und Übermütigsten, der sich so sicher dünkt, in
Verwirrung, ja Betäubung versetzen möchte. Ich habe erfahren, was in jener Nacht
vorfiel, als der arme, berauschte Peretti in sein Haus früher von jenem Festino
zurückkehrte, als er uns gesagt hatte; vielleicht lässt es sich wahrscheinlich
machen, dass diese Nacht das Vorspiel zu jener trübseligen war, die wir alle
beklagen.« -
    Die letzten Worte hatte sie an den Kardinal Farnese gerichtet, jetzt ging
sie ganz nahe zu ihm, und sah ihn fest mit jenem durchbohrenden Blicke an,
dessen Feuer noch niemand hatte ertragen können. Der Alte ward sichtlich
verwirrt, er erblasste, er wollte sich zusammenfassen, und man bemerkte das
Zittern seiner Hände. Borromäus und Medici, als aufmerksame Beobachter, sahen
alles und errieten noch mehr; sie ahneten jetzt, dass die traurige Begebenheit
ganz anders zusammenhänge, als man ihnen hatte vorspiegeln wollen. Borromäus
ward sogar beschämt, und der Medicäer beschloss, die Sache so zu wenden, wie er
es schon vor der Sitzung bedacht hatte, die nicht stattgefunden, wenn der fromme
erzürnte Papst nicht mit zu grossem Ernst sie verlangt hätte.
    »Und meine Lebensweise«, fing Vittoria wieder an: »also soll es verdächtig,
tadelnswürdig sein, sich mit Poesie und Philosophie zu beschäftigen? Mit
Fremden, einem Tasso, Caporale und berühmten, edlen Männern, wie dem ernsten
Greise Sperone, zu verkehren? Ärgerliche Gespräche? Wen haben sie geärgert?
    War dies alles doch die einzige Ursache, wie er es selber hundertmal erklärt
hat, dass der grosse Farnese unsre Familie so fleissig besuchte. Sind denn etwa
geschminkte oder berüchtigte Buhlerinnen zu uns gekommen, wie es doch an so
manchen Höfen geschieht, die dort geduldet, ja bewundert werden, die herrschen
dürfen, - So mag nach meiner Rechtfertigung, die ich, wenn ich muss, noch viel
bestimmter aussprechen kann, die Versammlung über mich beschliessen.«
    Es war nicht zu verkennen, dass alle in Verlegenheit waren, denn sie hatten
einen ganz andern Ausgang erwartet. Es schien auch dem Befangensten
einzuleuchten, dass nur die Tugend so stolz und dreist sprechen könne. Man
vermutete, dass ein andres, schlimmeres Geheimnis hinter diesem laure. Man sah,
wie still und verlegen, fast demütig, der grossherzige Kardinal Farnese war, der
in seiner triumphierenden Schadenfreude erst dieses Verhör am eifrigsten
gefordert hatte. Auch dem nicht Scharfsichtigen fielen jetzt die Widersprüche in
der sonderbaren Anklage auf und alle waren still und sahen vor sich nieder. Man
wusste ja, wie oft Zeugen oder Verbrechern Worte in den Mund gelegt wurden, um
ihnen auf diesem Wege ihre Verzeihung zu erleichtern, um irgendeinem Gegner zu
schaden. War doch auch der elende Mancini, der auf der scharfen Folter alles
sollte ausgesagt haben, schon freigelassen, man hatte ihn nur verwarnt, das
römische Gebiet bei Todesstrafe niemals wieder zu betreten. Wusste man denn die
Summe, die er vielleicht von jenen erhalten hatte, denen seine Entfernung
notwendig war? Valentinis Selbstanklage hatte noch weniger zu bedeuten.
    Ohne dass es mit einer Silbe ausgesprochen wurde, hatte Vittoria schon einen
vollständigen Sieg erfochten, worüber der Engländer entzückt war, den die schöne
grosse Frau und ihre heroische Entschlossenheit begeistert hatte. Jetzt erhob
sich der stolze Bracciano und wendete sich, nachdem er alle durch eine
Verbeugung begrüsst hatte, an den Kardinal Farnese, der sich die Miene gab, als
wenn er tiefsinnig in seinem Gedenkbuch etwas Wichtiges einzeichnete.
    »Ihr, verehrter Freund«, sprach Bracciano mit lauter Stimme, »werdet also,
wie die edle Witwe wünscht, ihre Tugend und Unschuld am besten und kräftigsten
bezeugen können. Soll Euer Stillschweigen nicht für Lossprechung gelten, oder
verlangt der Heilige Vater und das Kollegium der Kardinäle die Fortsetzung des
Prozesses, so erkläre ich hiermit, dass ich imstande bin, den wahren Mörder
anzuzeigen, was ich auch gewiss tun werde, wenn man mich zum Äussersten zwingt.
Aber zum Äussersten, ich wiederhole es, werde ich dann getrieben. Alle meine
Macht, Mannschaft, mein Ansehn, meine Reichtümer, meinen Einfluss werde ich dann
rücksichtslos daran strecken, mit meinem Gut und Blut eine verleumdete Unschuld
zu verteidigen und zu erretten. Es komme dann, was kommen mag, und meine Gegner
mögen sich dann selber die möglichen Folgen zuschreiben. Dann eröffne ich aber
zugleich, wie und wo ich es erfahren habe, wozu dieser arme Peretti von einem
grossen, mächtigen Manne gemissbraucht werden sollte; wird dies weltkundig, so
steht es dahin, ob noch irgend jemand, selbst der edle Oheim, das Schicksal des
Unglücklichen sonderlich bedauern würde.«
    Alle verstummten, und sahen nach Farnese, der heftig in sich kämpfte, seine
Fassung nicht völlig zu verlieren. Er war vernichtet, denn was Vittorias Rede
nur angedeutet, sprach der Herzog deutlich aus: dass er selbst in jener Nacht die
schändliche Abrede angehört hatte. Mit einem stolzen Gruss wendete sich Bracciano
nach der Tür. Einer der Schreiber eilte ihm nach und sagte demütig: »Exzellenz,
Ihr habt Euern Mantel vergessen«; er machte Miene, ihn herbeizuholen. »Kind«,
sagte der stolze Mann, »was kümmert dich das? Lass liegen, ich bin es nicht
gewohnt, die Stühle, auf denen ich sitze, mit mir zu nehmen.« - So verliess er
den Saal. -
    Jetzt erhob sich Farnese, und sagte, indem er die Versammlung eilig verliess:
»Ich bin in meinem Gewissen gezwungen, alles das zu bestätigen, was der edle
Herzog oder die verständige, tugendhafte Witwe selbst ausgesagt haben, ich halte
sie für völlig unschuldig, und erkläre, dass wir durch falsche Angeber sind
getäuscht worden.«
    Der Medicäer erhob sich hierauf und sprach: »Vittoria Accorombona,
verwitwete Peretti, wir sprechen Euch hiermit jedes Verdachtes an dem Morde des
Gemahls frei, los und ledig. Aber in dieser unruhigen Zeit, verfolgt von
mächtigen Feinden, wie Ihr es seid, bedrängt von gewalttätigen Bewerbern, die,
wie Ihr selber wisst und ausgesagt habt, keine Mittel scheuen, selbst die
schrecklichen nicht, ist es unsre Pflicht, Euch auf einige Zeit von der Welt
abzusondern, um Euch Sicherheit zu gewähren. Dass Euer kleines Haus Euch diese
nicht verleiht, dass es nicht ziemlich ist, länger im Palast des Herzoges zu
verweilen, muss Eurem hohen Verstande selber einleuchten. Der Governador in
eigner hoher Person, der Neffe und weltliche Stellvertreter unsers Heiligen
Vaters, hat Euch die Ehre erwiesen, Euch hierherzuführen, er wird Euch
gleichfalls zurückbegleiten, und Euch einen Teil seiner eignen Wohnung, zum
Schutz, in Castell Angelo anweisen. Nicht als Gefängnis bezieht Ihr diese Burg,
sondern als wahres Asyl, um Euch wie vor Verleumdung, so auch vor persönlichen
Angriffen zu schützen. Der Heilige Vater wird sich auch erweichen lassen, und
Euch die völlige ungehemmte Freiheit wiedergewähren, die Ihr scheinbar nur auf
einige Zeit verliert, wenn sich alle diese ungestümen Wogen verlaufen haben.«
    Im Vorsaal empfing der Governador die Losgesprochene und führte sie nach der
Engelsburg, wo sie mehrere Zimmer bewohnen sollte, um weder Bracciano, noch
andre ihrer Freunde oder Feinde auf einige Zeit zu sehn.
    Als im Palast der Medicäer der Kardinal Fernando und der Ritter Carre
angekommen waren, sagte der letztere: »Diese herrliche Frau sollte die Königin
eines grossen Reiches sein.«
    »Man sagt«, erwiderte der Medicäer, »dass sie sich schon jetzt mit Bracciano
verlobt habe. Sei sie übrigens unschuldig, so darf doch unsre Familie diese
unkluge Ehe nicht zugeben, damit die rechtmässigen Kinder nicht in der Erbschaft
verkürzt werden Diese Missheiraten haben schon Unglück genug hervorgebracht Ich
zitterte, dass sie mir von meiner jetzigen Schwägerin, Bianca Capello sprechen
würde. Aber die Frau ist hochbegabt und verständig.«
 
                                  Fünftes Buch
                                 Erstes Kapitel
Es schien, als sollte in Rom und dem Kirchenstaate mehr Ruhe einkehren und doch
zeigte sich plötzlich eine Landplage, die schlimmer, als alle früheren, auch
noch das gemeine Volk drückte und es zur Verzweiflung brachte. Eine Hungersnot
brach ein, so gewaltig und furchtbar, wie man sich keiner ähnlichen erinnern
konnte. Es war dem Armen, dem gemeinen Manne unmöglich, das zu erschwingen, was
nur das gewöhnliche Brot, die alltäglichsten und wohlfeilsten Nahrungsmittel
kosteten. In solchem Elende wird der Mensch zum Tier und es lässt sich nichts
erdenken, was der aufgereizte wütige Pöbel dann nicht für erlaubt hält: jede
Schranke erscheint ihm dann als Grausamkeit, und jedes Gesetz als Willkür und
Wahnsinn.
    Alle Welt entsetzte sich vor den Greueln, die jetzt täglich und stündlich
zur Sprache kamen. Auch dem Feigsten zwang Notwehr und Verzweiflung die Waffen
in die Hand. Man raubte und stahl, man ermordete sich am lichten Tage, vor aller
Augen, und die Gerechtigkeit war viel zu schwach, diesen Abscheulichkeiten
Einhalt zu tun.
    Öffentlich zogen die Banditen in grossen Scharen durch die Stadt. Die Grossen
quartierten sie in ihren Palästen ein, unter dem Vorwand, dass sie ohne diese
Bewachung ihres Lebens nicht sicher sein würden. Sooft der Kardinal Farnese
ausfuhr oder ritt sei es zum Besuch, sei es zu Geschäften, so begleitete ihn zum
Schutz ein Heer gemieteter und bewaffneter Banditen, deren Anblick so
schreckerregend war, dass alle Welt mit Entsetzen vor ihnen floh. Auch die
verschiedenen Parteien dieser Banditen gerieten zuweilen in den Strassen der
Stadt ins Handgemenge, und nicht selten blieben die Erschlagenen auf den Plätzen
liegen.
    Der alte Papst war in Verzweiflung, als er diesen Unfug mit jedem Tage mehr
anwachsen sah. Er fühlte die Abnahme seiner Kräfte und sein herannahendes Ende.
Er vergoss bittere Tränen, dass alle Versuche, dem furchtbaren Unheil und der
Verzweiflung des Volkes Einhalt zu tun, vergeblich waren. Alle Klugen und
Verständigen seiner Umgebung, alle Entschlossenen sprach er um Rat und Hülfe an.
Borromäus und der Medicäer rieten; aber alle Mittel, die versucht und aufgeboten
wurden, waren zu schwach. Diese furchtbaren Banditen wurden von Grafen und
Baronen angeführt, die sich verarmt und verzweifelnd zu ihnen geschlagen: sie
machten aus Raub und Mord und bezahlter Rache ein ehrenvolles Gewerbe, und da
sie von den grössten Baronen, Herzogen und Kardinälen in der Stadt öffentlich
beschützt und als Freunde anerkannt wurden, so überstieg, wie es begreiflich
ist, ihre Frechheit alle Grenzen.
    Auch der Sohn des Papstes, Buoncompagno, der Governador von Rom, suchte
seinem ehrwürdigen Vater zu helfen und ihm Rat zu erteilen. »Glaubt mir«, sagte
dieser in einer traulichen Stunde zu ihm, »dieses Übel ist mehr in der Stadt,
als ausserhalb der Mauern. Diese Frevler und freien Banden sind alle miteinander
einverstanden, sie werden dadurch reich, dass unsre armen Römer des Hungertodes
sterben. Sie streifen bis vor die Tore Roms und nehmen den Landleuten die
Lebensmittel, Mehl, Korn, Gemüse, alles, was diese zur Stadt führen. Dann lassen
sie es durch die Ihrigen zu ungeheuren Preisen auf den Märkten verkaufen. Das
Volk weiss es auch, und lästert nicht diese Bösewichter, sondern die schwache
Regierung. Es ist keine andre Hülfe, wir müssen einmal mit Strenge, Gewalt, ja,
wenn es nicht anders möglich ist, mit Grausamkeit einschreiten. Die meisten
Paläste sind mit diesem Raubgesindel angefüllt, sie wohnen sicher darin, wie in
Festungen, machen ihre Ausfälle, plündern, morden und kehren öffentlich in diese
zurück.«
    Der Papst war selber schon längst dieser Überzeugung gewesen. Jetzt liessen
er und der Gouverneur den Obersten der Häscher Roms, den Barigell Bozela zu sich
entbieten. Ihm ward strenge anbefohlen, alle Häscher um sich zu versammeln, neue
anzuwerben, und sie zu bewaffnen. Sein Auftrag war, alle Banditen, die sich
betreffen liessen, in der Stadt zu ergreifen, und diejenigen, die sich in den
Palästen versteckt hielten, aus diesen mit Güte oder Gewalt herauszunehmen, weil
die Gerechtigkeit des Asyls diesen Häusern schon längst von den Päpsten genommen
sei, es also nur ein schädlicher Missbrauch heisse, wenn die Adlichen unter diesem
nichtigen Vorwande Mördern und Räubern einen Zufluchtsort gestatten wollen.
    Der Barigell folgte dem Befehl, und man hoffte, jetzt dem Übel gesteuert zu
sehn. Die Hungersnot liess endlich nach, aber aus dieser Massregel erzeugte sich
neues Unglück.
    Man hatte wiederum mit dem berüchtigten Piccolomini kapitulieren müssen, der
die zahlreichsten Banden, viele Herren und Edelleute unter ihnen, führte, und
mit Rom in einem förmlichen Kriege begriffen war. Er zog sich wieder in das
florentinische Gebiet zurück, dankte für jetzt viele seiner Söldlinge ab, und
versprach, sich ruhig zu verhalten.
    Auch mit andern Anführern wurde unterhandelt, und so konnte Rom wieder etwas
freier atmen, allgemach fiel wieder der hohe Preis der Lebensmittel, und man
hoffte auf Ruhe.
    Jetzt glaubte man sich kräftig genug, um mit jenen Banditen, die zu Zeiten
sich in Rom selbst aufhielten, dreister verfahren zu können. Es war ein Haus
ausgeraubt, einige der Frevler waren gefangen worden und andre hatten sich in
den Palast des Raimund Orsini gerettet, um hier eine Zuflucht zu suchen. Der
Barigell, der durch die neuesten Vorfälle mehr Mut bekommen hatte und der durch
den strengen Befehl des Governador, wie des Papstes, bevollmächtigt war, drang
mit seinen Häschern in das Haus, um die Flüchtlinge zu fordern und in das
Gefängnis zu führen. Der Graf war abwesend und mit einigen Freunden auf einem
Spazierritt begriffen. Die Diener weigerten sich, die Banditen herauszugeben und
beriefen sich auf das Recht des Asyls und die Unverletzlichkeit des Hauses. Der
Anführer widersprach, das Recht sei längst aufgehoben und vernichtet, und kein
Mensch dürfe sich seiner rechtmässigen Obrigkeit widersetzen. Während dieses
Streites und Zankes kam Graf Raimund mit seinen Genossen vom Spazierritt zurück.
Der junge Mann war nicht ganz so wild und ungestüm, wie sein Bruder, Luigi, aber
nicht minder stolz und hochfahrend, auf seinen Adel und die Hoheit seines Blutes
eitel, und unfähig eine Beleidigung, oder was er die Verletzung seiner Rechte
nannte, zu erdulden. Er erstaunte, den Obristen der Häscher mit seinem Gefolge
in seinem Hause zu finden. Er zwang sich erst höflich zu sein, und erkundigte
sich nach der Ursache dieses Besuchs. Der Barigell antwortete dass er auf
allerhöchsten Befehl verschiedene Banditen verlange die der Graf ihm ausliefern
möge.
    »Ich erstaune, Mann, über Eure Dreistigkeit«, rief Graf Raimund: »habt Ihr
vergessen, wem dieser Palast gehört, und wer ich bin? Dürft Ihr mein angebornes
Recht so frech verletzen, und mit diesen Euren saubern Gesellen über die
Schwelle meines Hauses schreiten?«
    »Herr Graf«, rief ihm Bozela entgegen, »mein und Euer Gebieter ist der
erlauchte Governador, von Seiner päpstlichen Heiligkeit gar nicht einmal zu
sprechen. Auf deren ausdrücklichen Befehl bin ich hier, und so wie ich diesen
allerhöchsten Gewalten Gehorsam leisten muss, werdet Ihr es auch.«
    »Welche neue, nie erhörte Sprache!« rief der erbitterte Graf. »Woher diese
Frechheit? Ich befehle Euch, augenblicks mein Haus zu räumen, und jene beiden
Gefangenen sogleich in Freiheit zu setzen, wenn Ihr nicht meinen Zorn und Eure
Züchtigung erfahren wollt.«
    »Züchtigung?« schrie jetzt im Jähzorn Bozela. »Wer seid Ihr denn eigentlich,
Ihr kleines Männchen, dass Ihr also sprechen dürft?«
    Jetzt machte sich der eine Begleiter des Grafen, Rusticucci, auch ein junger
Mann, herbei, sowie der dritte, Graf Savelli, ein Schwager Raimunds. Sie waren
besorgt, dass Orsini sich in seinem Zorn vergessen könnte und ritten jetzt ganz
nahe zu ihrem Freunde heran.
    »Männchen?« schrie Raimund erbost, »wenn ich jetzt meinen Dienern dort
befehle, Euch zu züchtigen, Unverschämter, so bekommt Ihr nur, was Euch gebührt.
Dankt es meiner Mässigung und Grossmut, dass es nicht geschieht, weil Ihr meinem
Zorne zu niedrig seid.«
    Rusticucci wollte vermitteln, Savelli riet abzusteigen, aber schon hatte
sich das Volk bei dem lauten Gezänk versammelt, und drängte sich an das Haus;
die Diener, die sich im Palast befanden, waren durch die Häscher abgeschnitten
von ihren Herren, und konnten nicht durchdringen, um diesen beim Absteigen zu
helfen. So schrie jetzt alles durcheinander, und im Volksgedränge bemerkte man
den alten gebrechlichen Montalto, der sich vergeblich bestrebte, die freie
Strasse zu gewinnen, um zur Kirche, die er besuchen wollte, hinzulenken. Nun
hatte der Barigello auch schon alle Fassung verloren und schrie mit seiner
donnernden Stimme: »Ihr, der Herr Raimund? Grossmütig? Elender Wicht! Ihr seid
selber ebenso schlimm, wie jenes Gesindel, denn Ihr beschirmt diese Räuber und
Mörder, Ihr zieht Vorteil von diesen Landflüchtigen, Ihr seid ein Empörer und
Rebell gegen Eure Obrigkeit und unsern Heiligsten Vater, und wenn ich wollte, so
könnte ich Euch selber als Gefangenen in den Kerker werfen, und wenn ich es
jetzt nicht tue, so bin ich, als Amtsverwalter der Grossmütige gegen Euch!«
    »Nichtswürdiger Hund! Bestie!« schrie der Graf, von Wut ganz ausser sich:
»die Kanaille will wie ein Prinz reden.«
    Und mit diesen Worten holte er mit der Reitpeitsche aus, und schlug von oben
dem nahe stehenden Barigello so heftig über das Antlitz, dass dieser im ersten
Augenblick glaubte, blind zu sein. Als der plötzlich reissende Schmerz, der ihn
betäubt hatte, entwichen war, sah er sich nach seinen Leuten um, winkte, und auf
dies früher verabredete Zeichen donnerten zehn Schüsse aus den scharf geladenen
Doppelhaken. Ein Schuss ging dicht dem Kardinal Montalto vorüber; entsetzt sprang
das Volk auf die Seite, die Strasse ward für den Augenblick frei. Der junge
Rusticucci lag, aus der Brust blutend, seinem Rosse hintenüber, er griff
ohnmächtig mit den Händen auf die Steine, als wenn er sich aufrichten wollte,
das Pferd schlug hinten aus, sprang seitwärts und schleppte ihn eine Strecke
über das Pflaster, bis er als Leiche niederfiel. Graf Raimund war totenbleich,
er blutete stark, auch in die Brust getroffen, seine Leute hoben ihn vom Ross und
trugen den Ohnmächtigen nach seinem Zimmer, andere Diener rannten nach Ärzten.
Savelli hing über den Hals seines Pferdes vorn, er nannte wimmernd den Namen
seines Schwagers, Luigi Orsini; ein Stallmeister empfing ihn in seinen Armen,
und da er ebenfalls ohne Besinnung war, ward er auch, indem er viel Blut verlor,
in den Palast getragen.
    Ein stummes Entsetzen hatte sich des Volkes bemächtigt. Aber, sosehr diese
geringen Menschen vom Adel waren gequält und misshandelt worden, so betrachteten
sie doch mit Grauen diese blutige Tat der Häscher. Die Jünglinge, die so
schmählich endigen mussten, dauerten sie so sehr, dass sie Tränen vergossen, und
sich nicht fassen konnten, wie sie mit ihren Augen etwas so Ungeheures erlebt
und gesehn hatten, was ihnen selbst nach der Tat als etwas Unmögliches erschien.
    Der Barigell führte mit seinen Häschern die Gefangenen triumphierend in das
Gefängnis, denn es fiel im Hause keinem mehr ein, die Banditen zu verweigern, da
sie vollauf mit ihren sterbenden Gebietern zu tun hatten.
Vittoria lebte völlig einsam und zurückgezogen, aber nicht als eine Gefangene im
Kastell. Ihre Zimmer waren angenehm geschmückt, zwar nur mit einer Aussicht in
den innern Hof, aber doch nicht unerfreulich. Der Gouverneur besuchte sie
zuweilen, und zeigte ihr die grösste Hochachtung, dessen Lieutenant Vitelli, ein
jüngerer Mann mischte einige Zärtlichkeit, ja Leidenschaft in den Ausdruck
seiner Verehrung, weil er von der Schönheit Vittorias, die er früher noch
niemals gesehn hatte, bezaubert war. Sie verstand recht gut, dass diese
Gefangennehmug, wie sie es mit allem Anstand doch war, sie vom Herzog trennen
solle, damit nicht geschehe, was die Familie und auch die Medicäer fürchteten,
dass er sich mit ihr vermähle, und so auf neue Erben viele von den Gütern der
Bracciano übergehen möchten. Da sie aus dem ihr angedrohten Prozess mit Triumph
geschritten war, so überliess sie der Zeit, ihr künftiges Schicksal zu
entwickeln. Sie war jetzt damit zufrieden, dass sie die Verlobte des Mannes war,
den sie verehrte und liebte.
    Dass ihre Mutter, wie man ihr sagte, nicht wohl sei, betrübte sie innigst, da
es ihr unmöglich war, sie zu pflegen und zu trösten. Sonst wies sie alle
Besuche, die zuweilen die Erlaubnis des Governadors erhielten, zurück; denn da
sie den Herzog Bracciano nicht sehen sollte, er auch keinen Versuch machte, bei
ihr einzudringen; so wollte sie kein anderes menschliches Angesicht schauen,
ausser ihre Wächter und die alten Freunde ihrer Kindheit, Guido und Ursula,
welche sie mit sich genommen hatte.
    Bracciano hatte dem Papst und dem Medicäer versprechen müssen, jetzt seine
Verbindung mit Vittorien aufzugeben. Unter dieser Bedingung hatte man die
Anklage fallenlassen, die Gerüchte unterdrückt, keine andre Zeugen verhört, und
Vittoria selbst auf anständige Weise bewacht. Bracciano sah ein, dass, wenn er
nicht nachgäbe, und zum allgemeinen Ärgernis unmittelbar nach des Gatten Tode
sich mit der Witwe vermählte, der verletzte Papst unerbittlich, seine Familie
unversöhnlich sein und er alle Gunst des Volkes verlieren würde. Alles, was
boshafte Feinde gegen die Accoromboni aufbringen konnten, erhielt dann eine
grosse Wahrscheinlichkeit, und da nur die äussere Tatsache erschien und die
innersten geistigen Ursachen, das moralische Getriebe verborgen bleiben mussten:
so setzten sich beide dem allgemeinen Abscheu aus, und es entstand dann die
Frage, ob der Herzog, trotz seiner Stellung, mächtig genug sei, der Kabale
gegenüber Vittorien vor Schande, Einkerkerung, vielleicht gar schimpflichem Tod
zu schützen, ja ob er nicht selbst, überwältigt, den Sturz teilen würde. So
waren es denn doch die Umstände welchen diese beiden starken Naturen nachgeben
mussten. Sie beugten nur ungern den stolzen Nacken, aber das Schicksal, das sie
selbst herbeigerufen hatten, bezwang sie dennoch.
    In dieser ruhigen, fast anmutigen Einsamkeit war alle Bitterkeit aus dem
Gemüt Vittorias verschwunden. Sie erlebte jetzt den Zustand, in welchem auch der
starke Geist sich nicht ungern einer unbedingten Passivität hingibt. Dies ist
kein Verzagen, Sichaufgeben, oder ohnmächtiges Verzweifeln, sondern die Seele
taucht sich willig, wie in einen erquickenden Schlaf, in ein behagliches
Vergessen unter, um wieder neue Kräfte für andre, vielleicht nahe Stürme zu
sammeln.
    Nur einmal war ihr Zorn in seiner ganzen Stärke wieder aufgewacht. Der
älteste Bruder, Ottavio, hatte sich, mit Erlaubnis des Gouverneurs, bei ihr
melden lassen, und dringend ein Gespräch verlangt. Sie war nicht zufrieden
damit, ihn kurz abzuweisen, sondern schickte ihm noch ein Billet, voll
Bitterkeit durch den Diener, in welchem sie ihm von neuem seine Schlechtigkeit
vorwarf. Man sagte ihr, dass er mit sehr bekümmerten Mienen sich entfernt habe.
 
                                Zweites Kapitel
Ganz Rom war in der heftigsten Bewegung. Der Adel, der das, was geschehn war,
für Verletzung aller seiner Rechte, für Beschimpfung und gewalttätigen Mord
erklärte, rottete sich in den Häusern, Strassen und auf den Plätzen zusammen;
auch die Feindseligsten versöhnten sich und schwuren Rache und Vergeltung. Die
Bürger verschlossen sich in ihren Häusern, weil sie einen gewaltsamen Ausbruch
fürchteten. Die Regierung war ungewiss, was sie tun sollte, der Barigell war mit
seiner Mannschaft allentalben auf Wacht.
    Es fehlte dem Adel nur ein Haupt, um die verschiedenen schwankenden
Entschlüsse auszuführen, und zu diesem schwang sich durch Wut und ungebändigte
Wildheit Luigi Orsini auf. Die alten Barone und Grafen, selbst der Geistlichen
viele, billigten die Rache, von welcher alle durchglüht waren, wenn jene auch
selber keinen tätigen Anteil nehmen wollten. Luigi war derjenige, welcher sich
mit Recht von allen am meisten gekränkt fühlen konnte. Schon am folgenden Tage
war Raimund, sein Bruder, so wie sein Schwager Savelli, an den Wunden gestorben
sie wurden zugleich mit dem jungen Rusticucci mit grossem Pomp und vielem Tumult
und unter Geschrei und heftigen Reden beerdiget. Im Palast des Luigi hatten sich
nach dem Begräbnis alle jungen Adlichen von den verschiedenen Familien
versammelt. Die junge Gattin Luigis flehte umsonst. »Du hast es mir so feierlich
versprochen«, sagte sie, »dich aller jener gewaltsamen Taten, aller jener
Wildheit völlig zu entwöhnen, die deinen Namen so berüchtigt gemacht haben: ich
habe deinem heiligen Wort vertraut und mein Schicksal an das deinige geknüpft;
und nun sollen jene schadenfrohen Prophezeiungen meiner Feindinnen dennoch in
Erfüllung gehn, dass du deinen grausamen Sinn niemals ändern könntest? Ich
beschwöre dich, bleibe dieser abscheulichen Unternehmung fern, verweile bei mir,
rate deinen jungen ungestümen Freunden ab, denn deine Stimme gilt alles bei
ihnen. Wohin soll dieser Aufruhr führen? Und wenn du fällst? Wenn jene siegen
und die Regierung dich bannt, oder gefangensetzt, oder gar -«
    »Wie!« schrie er im wildesten Zorn, »dulden sollten wir es, wir Fürsten und
Barone, dass diese gemeinen, elenden, feigen Söldlinge uns so ungestraft
mordeten? Uns wie das Vieh hinschlachteten? Und wenn ich in Stücke gerissen
werde, wenn Papst und Kardinäle und Rom untergehn, so müssen wir uns rächen.
Dahin sollte es kommen, dass wir die Sklaven von Häschern würden? Und wir die
Hände in den Schoss legen? O du bist keine Savelli, du bist das hochherzige Weib
nicht, für das ich dich erkannt habe, wenn du mir im Ernst eine solche
Niederträchtigkeit anraten kannst? Und wo ist die Gefahr? Du wirst sehn, wie
leicht, wie schnell dies Gesindel von uns zertrümmert wird.«
    Er verliess sie und sein Gemüt jauchzte. Er mochte wohl nur eine Gelegenheit,
einen Vorwand erwartet haben, um seine Wut, die immerdar in ihm brannte,
entzügeln zu können. Nun ward die versammelte Menge nach verschiedenen Palästen
und Strassen gesendet und plötzlich stürzten die Jünglinge von verschiedenen
Punkten, mit Schwert, Dolch und Schiessgewehr bewaffnet, auf Plätze und Gassen
hinaus. Orsini lief zuerst auf die Wacht zu, die der Barigell um sich versammelt
hatte. Toben, Schreien, das Knallen der Gewehre, die Wehklage der Fallenden,
alles erregte den zitternden Bürgern, die aus ihren sichern Häusern der Metzelei
zusahn, Schauder und Entsetzen. Mancher der Edlen fiel, aber diese Hauptwacht
war vernichtet; der Barigell, als er seine Leute fallen sah, entfloh mit wenigen
Lebenden, die sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten.
    Aus andern Strassen strömten dem blutberonnenen Luigi fliehende Häscher und
ihre Verfolger entgegen. Alle diese Sbirren wurden überwältigt und grausam,
schnell, unter Hohngelächter massakriert. »Welche Freude«, rief Luigi im Taumel
zu seinen Begleitern, »welche Lust muss das vor zehn Jahren in Paris gewesen
sein, als man auf diese Weise die Bartolomäusnacht feierte, als jedermann auf
diese verdammten Hugenotten loshieb und stach, und von dem verruchten
ketzerischen Blut heiss übergossen wurde!«
    Wo sich nur ein Häscher zeigte, wurde er diesseit und jenseit der Tiber
niedergemacht: es war keine Strasse, die nicht vom Blute des Mordes befleckt
wurde. Mancher Wandernde, der nicht in seinem Hause geblieben war, ward
niedergestossen, weil sich die Wütenden auf Frage und Antwort nicht einliessen,
und ihn für einen verkleideten Feind annahmen. Wo sich die Parteien der Rasenden
begegneten, drückten sie einander die Hände, umarmten sich und frohlockten über
ihr gelungenes Werk. - Allentalben lagen Leichen, oder Sterbende, die sich in
ihren Schmerzen krümmten und die klaffenden Wunden zu decken suchten. Aber
nirgend war Mitleid.
    Bracciano sah aus seinem hohen Gemach vieles von diesem Unheil und hatte es
den Seinigen streng verboten, aus dem Hause zu gehn, und an diesem Mordfeste
teilzunehmen.
    Als Luigi schon die ganze Stadt durchraset hatte und von allen seinen
Begleitern getrennt war, sah er noch einen Häscher in ein kleines Haus
hineinspringen, um sich dort zu verbergen. Die Wohnung war ihm nicht unbekannt
und er sprang dem Fliehenden nach. Dieser rann durch das Vorgemach und stürzte
sich in eins der innern Zimmer: Luigi ihm nach mit dem geschwungenen Dolch.
Unter ein Ruhebett wollte der Zitternde sich verkriechen, doch hatte ihn der
Wütende schon ereilt, und stiess ihm den Dolch in die Brust. Ein Blutstrom, ein
kurzes Röcheln, und er war verschieden. Nun erhob er den Blick und sah vor sich
auf dem Ruhebette ein Wesen sitzen, das ihn entsetzte, sowenig er Furcht und
Grauen kannte. Es war ein Weib, das ihm wie ein Gespenst erschien. Ein schwarzer
Blick aus dem tief eingefallenen Auge fuhr stechend in das seine, die Wangen
aschgrau und eingesunken, das greise lange Haar ungekämmt und ohne Ordnung über
die Brust hängend, Nacken und Arme vermagert.
    »Um des Himmels willen«, schrie Luigi, und schlug die Hände zusammen; »erst
jetzt erkenne ich Euch, Ihr seid Donna Julia!«
    »Und warum nicht?« antwortete sie mit heiserer Stimme: »irgend was muss der
Mensch sein, und ich habe diese mühselige Rolle übernommen.«
    »Ihr Ärmste!« rief Luigi innigst bewegt, »- also so weit ist es mit Euch
gekommen? Wo ist nun Euer Glück? Wo die Bewunderer, die hier in diesem Zimmer
Eure und Eurer Tochter Gedichte lobpriesen? Nicht wahr, die Vermählung mit
diesem Peretti ist herrlich ausgegangen? Eure Klugheit hat Wunder ausgerichtet!
Ist das die stolze, herrische Donna, die es damals wagte, mir so herbe Worte zu
sagen? Die poetischen Werke Eures Übermutes haben wenig gefruchtet.«
    »Eines Eurer schönen Werke«, antwortete sie, »habt Ihr mir hier überreicht«
- sie wies auf den Leichnam - »und Euer Ende ist auch noch nicht gekommen - aber
es wird - glaubt mir - die Stunde wird kommen, wo Euer Weib sich die Haare
ausrauft, dass sie die Eurige ist: im dumpfen, engen, finstern Kerker werdet Ihr
schmachvoll verscheiden, und Stadt und Land werden ein Jubelgeschrei anstimmen,
dass der Bösewicht endlich sich seinen verdienten Lohn selbst herbeigeholt hat.«
-
    Mit Schauder verliess Luigi die Prophetin, indem er noch einmal das Zimmer
musterte, in welchem er früher mit der hohen Jungfrau als Freund und Feind
gewesen war, wo er noch zuletzt, als er zuerst Peretti erblickte, jene Zornworte
ausstiess, die doch, sosehr die Familie Accoromboni gesunken war, sich nicht
erfüllt hatten. -
    Die Regierung Roms war in der grössten Verlegenheit. Der alte Papst, von
Natur ein weicher Mann, und ebenso schwach, hatte alle Fassung verloren. Ihn
gereuten die Befehle, die er gegeben hatte, denn er hatte diesen Aufstand nicht
erwartet, der noch gefährlicher werden konnte. Dazu ängstigten ihn Schadenfrohe,
wie der Kardinal Farnese, der seine Befürchtung aussprach, ganz Rom könne in
eine allgemeine Empörung ausbrechen, und den Papst wie die Regierung zur Flucht
zwingen, wenn sie sich nicht in Tod und Verderben begeben wollten, denn alle
Bürger, auch die Landleute drohten, die Partei des Adels zu ergreifen.
    Montalto, Ferdinand der Medicäer und Karl Borromäus waren im einsamen Zimmer
versammelt, um diese Begebenheit zu besprechen. »Es ist keine Hülfe«, sagte
Montalto, »der Heilige Vater ist allzu schwach, er hat keine Kraft, den
übermütigen Adel zu bändigen. Er beweint den Befehl, den er kürzlich dem
Oberhaupt der Sbirren gegeben hat.«
    »Ja wohl«, sagte Fernando, »und er schmäht unsre Regierung, den Governador,
den er doch so innig liebt und sich und uns alle, denn soeben hat er das
Todesurteil für die wenigen Sbirren unterschrieben, die sich in seinen Palast
geflüchtet haben, und er lässt sie als Empörer und Rebellen hinrichten, die sich
gegen ihn und die Stadt eigenmächtig aufgelehnt haben. Wie muss nun der Übermut
jener zügellosen Adelsjugend, dieses rohen Volkes wachsen, wenn ihnen der
Souverain, vor dem sie zittern müssten, öffentlich so schimpfliche Abbitte tut,
indem er diejenigen seiner Diener schmählich aufopfert, die nichts getan haben,
als seinen Befehlen Folge leisten.«
    »Es ist nichts mehr darüber zu sprechen«, fügte Borromäus hinzu: »der
Barigell, ein braver mutiger Mann, hat sich nach der Grenze gerettet. Man hat
schon hingesendet, um ihn ausliefern zu lassen, und ein peinlicher Prozess soll
ihn wegen Veruntreuung von Geldern, wegen einer geheimen Verbindung mit einem
andern Obristen, einem gewissen Antonio in Subiaco, und Verrat und
Einverständnis mit Banditen gemacht werden. Ihm wird auch der Kopf abgeschlagen,
wegen veralteter undeutlicher Klagepunkte, weil man es nicht wagt, den
Verständigen wegen des letzten Unglücks zur Rede zu stellen. So wird diesem
jungen Volk geschmeichelt und allen Patrioten sowie dem Auslande unsre Schwäche
aufgedeckt. Und werden denn diese grausamen Sühnopfer jene Unbändigen
zufriedenstellen? Ich glaube es nicht. Man weist ihnen ja selber die Bahn an,
auf welcher sie immer mehr und mehr fordern können. Ich fürchte noch
Schlimmeres.« -
    Vittoria sass indessen ruhig in ihrem behaglichen Gefängnis. Sie hatte, von
dicken Mauern beschützt, selbst nichts vom Tumult in den Strassen, keinen Laut
des wilden Geschreis, nichts von dem Gewehrfeuer vernommen. Während dieses
Aufruhrs, indessen der Gouverneur, und Vitelli, dessen Stellvertreter, im
stillen Anstalten trafen, das Kastell zu verteidigen, falls die Wütigen in ihrer
Frechheit einen Angriff wagen sollten, schrieb und dichtete sie in ihrem stillen
Zimmer. - - Ist mir nicht sein Andenken, dachte sie, ein Paradies und
Himmelreich? Er sinnt hierher, und ich sehe und höre ihn immer dar, denn seine
Gedanken klingen in meinem Herzen wider.
    Und bin ich nicht glücklich? Meine Feinde verstummt, ihre Angriffe
zurückgeschlagen, meine Kerkermeister fein, artig, gefällig: jeder erlaubte
Wunsch wird mir erfüllt, sowie ich ihn ausgesprochen habe. - Wie glücklich,
ärmster Tasso, bin ich, wenn ich mein Schicksal an dem deinigen messe!
    Zweimal hat dich dein böser Dämon zurückgejagt, nach dem verhassten Ferrara.
Alle Warnungsstimmen hörtest du nicht, das leise Flüstern deines Genius ward
überschrieen von deiner Leidenschaft. Nun schmachtest du, Edelster, in dumpfer,
finstrer, enger Zelle, preisgegeben den hämischen Launen deiner Wächter. Wenn du
sinnst und dichtest, bist du vom Geheul der Wahnsinnigen betäubt, die in deiner
Nähe hausen. Du, ein Tor, ein Wahnwitziger! Im Narrenhause festgehalten! Und die
frech Blödsinnigen, die Aberwitzigen draussen in Freiheit, dich belachend, über
dich spottend, wenn sie dem Kerker vorübergehn, höhnisch und mitleidig die
Achseln zuckend. - Und jener schwatzende Malespina gibt verstümmelt sein Werk
heraus, um dem Armen den letzten Trost zu rauben, eigenmächtig, ungefragt, und
sendet es mir, das schöne und in diesem Zustand so traurige Werk, dem
Götterbildnis ähnlich, dem Haupt und Arme fehlen - und der Schwätzer schreibt
mir, dass es doch besser so getan sei, als wenn das Gedicht ganz verlorengehe;
sein Herzog habe ihn zu der Herausgabe gedrängt. Bianca habe es auch so herzlich
gewünscht. Mit Heeresmacht sollten die Guten ausrücken, um all die Tyrannei, die
Aberweisheit, die schlecht verhehlte Schadenfreude, um alles dies Gewürm zu
zertreten und zu zerstören.
    Jetzt trat Vitelli, der Lieutenant, herein. Er erzählte Vittorien, nachdem
die Ruhe scheinbar wiederhergestellt war, vom Tumult und Morde. »Jetzt hat der
Heilige Vater«, beschloss er, »alle Faktionen durch die Opfer besänftigt, die er
den Empörern gebracht hat.«
    »O Luigi!« rief Vittoria aus, »dieser böse Geist, dieser Entsetzliche ist
mir bekannt, und der Himmel wird es mir gewähren, dass ich sein Antlitz niemals
wieder erblicke. In ihm ist Wut und Roheit verkörpert, und sein Wesen ist um so
furchtbarer, weil er auch mit höflichem Gleissen den feinen Mann, den Galanten
spielen kann. Wenn er am freundlichsten lacht, sinnt er auf das Abscheulichste.«
    »Ihr eifert zu sehr, schöne Frau«, antwortete Vitelli, »dieser Luigi wird
wohl, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, zu seinen Taten mehr durch
die äussern Umstände, als durch seine innere Bosheit getrieben. Was die
schlechten Menschen tun, darf man nicht immer ihrem Charakter zuschreiben. Wir
sind einmal so in unsrer Schwachheit, dass wir vieles nicht unterlassen oder
vermeiden können, wenn wir auch wollen. So, was jetzt der Heilige Vater und der
verehrte Gouverneur haben tun müssen; sie beweinen den Schlag, zu welchem sie
notgedrungen die Hand erheben. - Lebt wohl, der Papst hat mich rufen lassen.«
    »Mann!« rief Vittoria geängstigt - »nach allem, was Ihr mir eben erzählt
habt, nach diesen kürzlich verübten Greueln, werdet Ihr Euch doch nicht in den
Strassen von Rom sehen lassen wollen? Lasst Euch warnen, Freund. Nein, Ihr geht
heute nicht aus, der Papst wird Eure Entschuldigung annehmen, und der Gouverneur
sollte es Euch verbieten, heute einen Fuss aus dem Kastell zu setzen.«
    Vitelli lächelte und sagte: »Weiberfurcht!«
    »So seid ihr Männer«, antwortete sie, »alle seid ihr so; - als wenn wir
Frauen nur Wesen der Furcht und Bildnisse der Angst wären! Es gibt ein Zagen,
das ebenso weise, als männlich ist: Tollkühnheit und Leichtsinn muss man nicht
mit dem Namen Mut stempeln wollen. Bleibt heute in Euern Zimmern, wenn ich nicht
Todesangst um Euch erdulden soll: denn ich sehe einen schwarzen, tückischen
Geist hinter Euch stehn, welcher grinset und hohnlacht.« -
    »Glücklich«, antwortete der junge Mann, »dass Ihr so warmen Anteil an meinem
Schicksale nehmt.«
    »O keine Phrasen!« rief sie aus; »zu dergleichen ist die Zeit allzu ernst.
Wenn ich mir Euer sanftes Antlitz, Euer edles weiches Wesen diesem Luigi und
seinen wilden Genossen gegenüber denke! Bleibt, mein Freund, wir wollen lesen
und musizieren, Ihr habt dies Befreite Jerusalem, wie wir es nun einmal
besitzen, noch nicht zu Ende gelesen. Seid nicht halsstarrig aus einer
missverstandenen Männlichkeit.«
    Vitelli lächelte wieder, küsste ihr zärtlich die Hand und hüpfte zur Tür.
»Auf Wiedersehn!« rief er zurück.
    »Sie können nicht ernstaft sein, diese Männer«, sagte Vittoria zu sich:
»uns gegenüber soll immer Liebe und Zärtlichkeit gespielt werden, auch in
Momenten, wo es völlig unziemlich ist. Auch das gehört zu den Drangsalen von uns
armen Weibern, dass wir keinen echten, unbestochenen Freund unter den Männern
finden können. Diese scheinbare Vergötterung, in demselben Augenblick, wo sie
uns geringe achten. So dieser sanfte, liebenswürdige Vitelli. Für den Posten,
der ihm von Vater und Grossvater anvertraut ist, müsste er etwas mehr von einem
Helden haben. Es gäbe keinen männlichen, echten Freund, so sagte ich eben? - o
du guter, getreuer Caporale, wie muss ich bei dir abbitten!« -
    Vitelli fuhr zum Papst, um dessen Befehle zu empfangen. Man wollte, da die
Stadt wieder ruhig war, gegen die Banditen auf dem Lande, die ganze Städte
eingeäschert hatten, mit Strenge verfahren. Nur war es bedenklich, dass nach
diesem Tumulte kein Barigell und Häscher in den Provinzen sich wollte gebrauchen
lassen: in der Stadt waren sie für diesen Augenblick alle vertilgt, und es war
zu fürchten, dass sich neue zu diesem gefahrvollen Dienst schwerlich würden
anwerben lassen. Man ratschlagte, ob nicht Banditen, denen man unbedingte
Amnestie gewährte, am besten zu gebrauchen wären, um die Ruhe einigermassen
wiederherzustellen. Doch erschien dieser Versuch auch wieder allzu misslich, weil
sich dadurch die Regierung völlig in ihre Hände lieferte. Im äussersten Falle
musste man sich auf die bewaffneten Haufen, auf die Soldaten und selbst die
wenigen Schweizer, sowie auf die Freiwilligen verlassen, die bei dringender
Gefahr aufgerufen wurden.
    Der Papst sagte endlich dem geliebten Vitelli Lebewohl. Er trat an das
Fenster, um ihm nachzusehn. Vitelli bestieg seinen kleinen offenen Wagen, und
grüsste noch einmal ehrerbietig zum Palast hinauf. Indem trat über den Platz
Luigi Orsini mit seinem abscheulichen Begleiter, dem Grafen Pignatello, auf das
Fuhrwerk zu. Dieser Pignatello trug wieder ein solches schwarzes Wams und den
Federhut, wie ihn früher Pepoli im Gebirge gesehen hatte. Seit einiger Zeit war
er Orsinis Herzensfreund geworden, und liess sich von diesem zu den verruchtesten
Diensten gebrauchen. Vitelli wurde blass, als er des Luigi ansichtig wurde, doch
befahl er seinem Stallmeister, diesen beiden sorglos aber schnell
vorüberzufahren. In demselben Augenblick aber schrie Orsini: »Halt!« und griff
in den Zügel, so dass das Pferd stillstand. Zugleich erschallte ein Schuss, und
Vitelli stürzte, von dem Pistol des Pignatello getroffen, zurück, dass das Haupt
über den kleinen Wagen hing. »Dein Vater«, schrie Orsini, »ist der Schurke, der
den verruchten Rat gegeben hat, den Adel von niederträchtigen Häschern ermorden
zu lassen: nimm dies zum Lohn.« - Sie entfernten sich, langsamen Schrittes, noch
trotzig zum Palast hinaufdräuend. - Der Stallmeister führte bestürzt den
Leichnam seines Herrn in den Palast des Papstes zurück.
    Der Papst, als er die verruchte Tat sah, war einem seiner Cameriere, der
hinter ihm stand, in die Arme gestürzt. - Dieser Anblick hatte ihn zu plötzlich
überrascht, und ihn mit Entsetzen erfüllt. So weit war es gediehen? So wenig
hatte seine zu nachgiebige Milde auf diese verhärteten Herzen gewirkt?
    Es war natürlich, dass diese Untat ganz Rom von neuem aufregte. Dieser Mord
erschreckte selbst die Freunde Orsinis, viele seiner Partei fielen von ihm ab,
und schalten mit lauter Stimme und öffentlich diesen Frevel. Als Luigi dies
gewahr ward, wie die Mehrzahl der Empörer sich von ihm wendete, konnte er selber
sein Schicksal sich voraussagen. Dies entmutigte ihn aber nicht, sondern er
lachte laut und rief den Braven, die ihm treu geblieben waren, zu: »Nun beginne
ich also ein Leben, das ich mir eigentlich seit lange gewünscht habe. Wie
Piccolomini, wie Sciarra führe ich nun offenen Krieg mit meinem Vaterlande. Man
wird mir meine Häuser und Güter nehmen, man wird den Bann über mich sprechen und
mein Todesurteil, wenn ich mich wieder im römischen Gebiet betreffen lasse.
Immerhin! meine Gattin sende ich nach Venedig und folge ihr künftig vielleicht
nach. Bis dahin sind wir freie Männer in Wald und Gebirge, quartieren uns ein,
ohne anzufragen: die Reben des Weinbergs, das Wild der Jäger, die Weiber in den
Kastellen, alles ist unser, und Schwert, Dolch und Feuer unsre Brüder!« -
    So verliess er mit so viel Geld und Juwelen, als er eilig zusammenraffen
konnte, die Stadt. - Als der Papst sich wieder erholt, und die Regenten des
Staates berufen hatte, ward beschlossen, dass Luigi Orsini als Meuter, Rebell und
Meuchelmörder auf ewige Zeit aus dem Gebiet des Römischen Staates und aller
Provinzen verbannt sein sollte; ein Preis ward ausserdem auf seinen Kopf gesetzt,
und ein grosser Lohn dem verheissen, der ihn tot oder lebendig herbeischaffen
würde. - Man rechnete hierbei auf die Banditen und seine Raubgesellen selbst.
    Als Vittoria die Mordtat erfuhr, war sie kaum verwundert und nicht
erschrocken, weil ihr voraussehender Geist ihr dieses Ende gesagt hatte. Sie
weinte mit dem Gouverneur, der plötzlich ein trostloses Geschick auf sich
hereinbrechen sah.
 
                                Drittes Kapitel
Mit allen seinen Gesellen, Vornehmen und Geringen, begab sich der Graf Luigi
Orsini in die freie Landschaft, um dem Staate, dem er sich empört hatte, so
vielen Schaden zuzufügen, als in seiner Gewalt stand. Man vernahm bald die
Klagen über Beschädigungen, die er an den Städten und Landbewohnern ausübte.
Auch rüstete er ein Schiff aus, um die See zu beunruhigen und die Fahrzeuge,
welche nach Rom segelten, aufzufangen. Auch warb er neue Banden, und verstärkte
sich durch Galeerensklaven, die teils ihre Strafzeit überstanden, teils sich
empört und mit Gewalt befreit hatten.
    Der nächste nach Luigi im Kommondo der Banden war der Graf Pignatello, der
grausame Mörder des Vitelli, sowie der Graf Ubaldi aus Arezzo, ebenfalls ein
verwegner Mensch, der auf unwürdige Art sein Vermögen verschwendet hatte und
jetzt in Verzweiflung und leichtsinniger Frechheit keine Rücksicht der
Menschlichkeit mehr anerkannte.
    Ein besserer Mensch war durch Verarmung und traurige Schicksale in die
Gesellschaft dieser Verworfenen geraten, der Graf Francesco Montomellino. Er war
von mittleren Jahren, wohlgebaut, stark und sein Wesen hatte den Ausdruck eines
edlen Mannes. Auch ihn hatte Unglück und Verzweiflung, aber nicht Bosheit diesen
Banden und einem Luigi zugeführt. Es war eine von den Erscheinungen in der
menschlichen Natur, welche öfter wiederkehrt, dass Orsini sich mit Vertrauen, ja
Liebe, an diesen besseren Mann anschloss, der ihm so unähnlich war, den er mehr
achten musste, als sich selber: Graf Montomellino war ihm bald so unentbehrlich,
dass er keine Stunde ohne ihn leben konnte und er in dessen Gesellschaft sogar
seine Gattin und alle früheren Freunde, die ihm nicht gefolgt waren, vergass.
    Unter den Galeerensklaven hatte sich auch jener junge Camillo Mattei, der
Neffe des alten Priesters Vinzenz in Tivoli, eingefunden. Er wagte es nicht,
nachdem er seine Strafzeit überstanden, nach Rom zu seinen Eltern
zurückzukehren, da ihn Schande und Schmach bedeckte, und er nicht hoffen konnte,
auf irgendeine Weise in seine frühere Stellung zurückzukehren. Ein glühender Hass
gegen die Familie Accoromboni war in ihm entbrannt, so wie gegen alle Vornehmen,
und da er wusste, wie sehr die stolze Vittoria den Luigi Orsini verabscheute, so
hatte er sich diesem und seinen Freibeutern am liebsten angeschlossen.
    Von Marcello hatte man nur wenig erfahren können. Das Gerücht sagte, dass er
sich beim Heere des Piccolomini befinde welches bald in den florentinischen,
bald in den neapolitanischen Staaten umstreifte und oft wieder die Grenzen des
römischen Gebietes beunruhigte.
    Als Flaminio sich in Rom wieder nach seiner Mutter umsah, um ihr Hülfe zu
bringen, war sie ohne Spur verschwunden, und jede Forschung und Nachfrage
vergeblich. In der Verwirrung ihres Geistes hatte sich die unglückselige Matrone
scheu und tief bekümmert von allen Menschen zurückgezogen. Sie zürnte sich und
aller Welt, den Menschen wie dem Himmel, weil sie sich nicht still ergeben und
fügen konnte, sondern ihr Gefühl ihr zurief, dass in ihrem Unglück ihr vom
Schicksal das herbste Unrecht zugefügt sei. So liess sie auch oft ihren
liebevollen Sohn Flaminio abweisen, und wollte ihn nicht sprechen, weil sie über
seine weiche und charakterlose Unbestimmteit zürnte: auch auf den Herzog
Bracciano war sie erbost, und wies mit schnöden Worten alle Hülfe zurück, die er
ihr grossmütig anbot; denn sie meinte, er hätte sich bei dieser Entwicklung der
grossen Begebenheit mit mehr Kraft und Kühnheit betragen sollen. Gegen den
Bischof, ihren ältesten Sohn, gab sie ihren Hass offen kund; sie sah ihn nicht
wieder, so oft er auch bei ihr einzudringen suchte. Selbst auf die freundlichen
Botschaften und Briefe ihrer Tochter Vittoria nahm sie keine Rücksicht. So, von
aller Welt verlassen und Freunden wie Feinden unsichtbar geworden, war sie nun
endlich, ohne Spur, verschwunden. -
    Auch in der Landschaft war allentalben die Kunde erschollen von der
Ermordung Vitellis, der Empörung des Orsini, und der Verhaftung der Vittoria
Peretti, sowie von der Anklage gegen sie. Das Volk, welches sich so gern mit
Märchen trägt und diese am liebsten glaubt, verband damit tausend unmögliche
Bosheiten und wunderbare Zufälle: von Bezauberung, Gift, Gespenstern und
Geständnissen auf der Folter war die Rede, und in der kleinen Stadt Tivoli, in
welcher die Familie Accoromboni oft gewohnt hatte und in ihr gewissermassen
einheimisch war, wurde am meisten über diese neuesten Begebenheiten geschwatzt
und geurteilt, verschieden und mannigfaltig, je nachdem man den Angeklagten
freundlich oder feindlich gesinnt war. Doch hatte auch hier das Märchen bei den
meisten Eingang gefunden, Vittoria habe durch einen Liebestrank den Herzog
Bracciano bezaubert, auf dieselbe Weise den jungen Luigi Orsini unsinnig
gemacht, den Gemahl Peretti durch den Bruder umbringen lassen, so wie sie den
Kardinal Farnese habe vergiften wollen und jetzt sitze sie mit der Mutter im
Kastell gefangen, weil sie der Papst in kurzer Zeit beide als Hexen öffentlich
wolle verbrennen lassen. -
    Der alte Pfarrer Vinzenz wandelte langsam durch die Stadt und überlegte sich
diese tollen und törichten Erzählungen, sowie so manches, was er in seinem Leben
schon gesehn und erfahren hatte. Alles, sagte er zu sich, gleicht diesem
Teverone hier. Da oben fliesst er glatt und freundlich, die Ufer mit ihren
Gebüschen und Hügeln spiegeln sich in der klaren Flut, sie kommt näher und
rennt, und rennt, immer schneller, nun stürzt sie wogend, unaufhaltsam,
brausend, in Klagen und Verwünschungen tief hinunter in den Abgrund. - Wie
freundlich, erquicklich lebten sie hier und schienen so sicher und fest, stolz
und selbstständig. Und nun - zu hoch wollten sie hinaus - die Ebne war ihnen zu
gering, und nun dieser Absturz!
    Er stand jetzt vor einem zierlichen Hause, welches einzeln lag. Er war seit
lange nicht diesen Wänden, die mit Efeu bewachsen waren, vorbeigegangen. Nun
ward er hier durch ein seltsames Getön festgehalten. Er hörte nämlich mit
heiserer Stimme einzelne Strophen aus Volksliedern übertrieben laut und
kreischend singen, dann plötzlich Stille, ohne die Melodie zu beschliessen -
Aufschrei, Schluchzen - dann wieder Gesang, von lauten Flüchen und
Verwünschungen unterbrochen. Jetzt tat es einen harten Fall, und nun vernahm der
Alte Winseln und Schluchzen und vielfältige Klagelaute. Die Fenster waren gegen
die Sonne verschlossen, er konnte nicht hineinsehn, ob sich hier ein Unglück
zugetragen habe. Er näherte sich der Tür, sie war nicht verriegelt, und er trat
in das freundliche Haus, welches nicht zu einem Aufentalt des Elends bestimmt
schien, mit zögernder Furcht und einem leisen Schauer. Das Winseln und
Schluchzen liess sich nach einer Pause wieder vernehmen. So öffnete er
entschlossen die Tür des Zimmers, aus welchem er den Ton vernahm, und trat in
das halb dunkle Gemach.
    »Bedarf jemand einer menschlichen Hülfe?« frug er mit gedämpfter ängstlicher
Stimme - und fuhr mit lautem Schrei, sich entsetzend, zurück, denn eine grosse
weibliche Gestalt lag ausgestreckt auf dem Boden, die man für eine Leiche hätte
halten können, wenn nicht die schwarzen feurigen Augen im kreideweissen, alten,
ganz abgemagerten Gesicht sich heftig bewegt hätten.- »Wer ist da? Welcher
Sterbliche?« sagte die mächtige Gestalt, und erhob sich langsam vom Boden. Ihr
greises langes Haar schüttete sich bei der Bewegung über das Gesicht, sie
lächelte furchtbar und warf es nun ganz über das Antlitz hinüber, bückte sich
nach vorn und nahm ein Gebetbuch vom Ruhebett auf, stellte sich gekrümmt so in
die Mitte des Zimmers, als wenn sie in Andacht lesen wollte, und sah in dieser
Gestaltung einem wilden reissenden Tiere oder einem Ungeheuer nicht unähnlich.
Nun fuhr sie mit einem Sprunge auf den alten Priester los und schrie: »Nun,
warum weichst du nicht dem Banne, wenn du doch ein Gespenst bist?«
    »Nichts weniger«, sagte der Alte mit erzwungener Ruhe, »ich bin ein ganz
gewöhnlicher Mensch, und wollte der Himmel, dass ich Euch so betiteln könnte.
Aber mir scheint, als wenn Ihr gewaltig über die Stränge geschlagen hättet. -
Seid Ihr denn nicht mit Verlaub, jene Dame Julia Accorombona, die sonst mit
ihrer schonen Tochter hier in diesem Hause wohnte, das ich freilich erst jetzt
wiedererkenne?«
    »Meine Tochter?« rief die Wahnsinnige, und setzte sich mit Majestät auf
einen hohen Sessel. Sie nahm einen Kranz, von Stroh geflochten, und rückte ihn
auf den grauen Scheitel zurecht, indem sie die Masse der verwirrten Haare über
den Rücken warf - »meine Tochter? elender Sklave! wie wagst du es, diese nur zu
nennen? Sie ist die weltberühmte Kaiserin Semiramis, und sitzt da droben unter
goldenem Baldachin, hoch, hoch in ihren schwebenden Gärten, und sinnt, so wie
sie die Elfenbeinhand an die glänzend weisse Stirn legt, und sich mit der andern
auf den goldenen Szepter stützt, auf neue Weltwunder. O solch himmlisches Bild
von Schönheit, Würde und Majestät ist noch niemals auf Erden gesehen worden, und
Raffael, der grosse Maler, hat vorgestern bei unserm Pluto um die Erlaubnis
nachgesucht, dass er aus seinem Grabe kommen und die Himmlische malen dürfe.«
    »Lasst die Dummheiten, liebe, unglückselige Frau Julia«, sagte der Priester,
dessen Sinne halb verwirrt waren: »der Himmel hat Euch heimgesucht, fügt Euch
seinem Willen in gelinder Demut, und er wird Euch Euern Verstand, der recht
ansehnlich war, wiedergeben.«
    »Meine Königreiche soll er mir zurückgeben!« rief sie mit Ungestüm: »- aber
still - schon hat mein David, mein Sohn den Riesen überwunden - nun geht er, der
gesalbte König, mit seiner tapfern Schar und streift durch das Gebirge - sie
bewirten, sie fürchten ihn - der Herr hat ihn gesalbt durch Samuel seinen
Hohepriester - er wird den Saul überwinden, und dann wird David vor allem Volke
gekrönt. Dann führt er die Mutter, die Unbekannte, Verschleierte, zu seinem
Tron, und alle Völker beten sie an, die Unsterbliche, die solche Kinder zur
Welt gebracht hat.«
    »Was die Gottlose für Reden führt!« rief Vinzenz unwillig aus: »versündigt
Euch nicht an der Schrift und dem heiligen Wort. Der verruchte Marcello soll wie
David sein, der königliche Prophet? der Auserwählte des Herrn? Wo steht das
geschrieben? Banditen und Mörder sind keine Heilige: mit Blut, nicht vom Samuel
sind sie mit dem heiligen Öl gesalbt und getauft.«
    »Was?« rief sie, sprang auf, und ergriff den Erschrockenen heftig bei der
Hand: »seid Ihr ein Levit und versteht die Gesetze und Prophezeiungen so ganz
und gar nicht? Habt Ihr vom Daniel gelesen, der ein Liebling des Königs war?
seht, Einfältiger, das ist mein Sohn Flaminio, er mit dem flammenden römischen
Geist, jetzt Geheimschreiber bei dem grossen Tyrannen Holofernes. Und der fromme
Bischof, mein Sohn, der grosse Kirchenpfeiler, beredter wie Chrysostomus,
gelehrter wie Origines, heiliger als Augustin; er wird morgen zum Papst erwählt
vom Heiligen Geist.«
    »Nun, das fehlte uns gerade noch«, sagte Vinzenz murrend. »Sündiges Weib!«
rief er, »haltet inne, ist es nicht genug, dass Ihr selber rasend seid, müsst Ihr
mich auch noch toll machen?«
    »Gelinde, Männchen«, erwiderte sie mit jenem furchtbaren Lächeln der
Wahnwitzigen, und streichelte ihn unter dem Kinn: »- sprecht nicht so mit der
berühmten Cornelia - wisst Ihr? Mein Sohn, der Cajus Gracchus ist viel
ungestümer, als jener ältere, der Tiberius, er lässt Euch sogleich hinrichten,
wenn ich Euch bei ihm verklage. Dann werdet Ihr vom Tarpejischen Felsen, gleich
hier nahebei, in den Wasserstrom hinuntergeworfen. Das haben wir hier recht
bequem. - Ach!« schrie sie - und sprang plötzlich auf und rannte heulend durch
das Gemach; alle Stühle und Sessel packte sie an - »Hülfe! Hülfe!« rief sie -
»sie versinkt, meine Tochter! mein Kind! der Mörder, der verruchte, der
schändliche Camillo hat sie hineingestürzt!«
    »Warum nicht gar!« schrie ihr der Geistliche entgegen; - »nehmt Vernunft an,
kurioses, altes Weib, oder jeder Mensch muss Euch für toll halten, wenn Ihr so
alberne Dinge sprecht!«
    »Nun, so lass uns tanzen, Schatz!« sagte sie, »wenn es denn wirklich nicht so
böse gemeint ist.« - Sie sprang auf, und fiel gleich wieder in den Sessel.
»Nein«, sagte sie matt, »mein Gebein ist zu schwach geworden, der Gram hat mich
ausgehöhlt. Ich kann auch nicht mehr singen. Wisst Ihr meine schönen Verse? Ja,
mein Befreites Jerusalem haben sie nun auch herausgegeben und mich obenein in
den Narrenturm gesperrt: Ihr seht es, mit den Verrückten, wovon Ihr einer seid,
muss ich nun sprechen und poetische Akademien halten. Nun improvisiert gleich
über ein Tema, das ich Euch geben will.«
    »Das ginge mir ab«, sagte Vinzenz: »ich verrückt und die da klug.«
    »Wie Asträa die Welt so ganz und gar verlassen hat!« fuhr die Alte fort. »O
über den Greuel, die Schandtat, die sich seitdem entwickelt. Wie die Unschuld
nun unterdrückt wird, wie der Arme blutet, das Gesetz den Gerechten zerschneidet
und Bosheit und Frevel in Purpur gekleidet geht. Den Farnese wollen sie zum
Papst machen, dann wird Luigi Governador von Rom und alle die Meinigen sind dem
Untergang geweiht! Betet, dass Christus und Maria uns die Asträa wiederschicken.«
    »Einen Funken Verstand sollten sie an Euch wenden«, sagte jener: »aber sie
denken vielleicht, das wäre doch nur ein weggeworfnes Gut.«
    Als er sah, dass die Kranke sich etwas beruhigt hatte, war es ihm auch
möglich, verständiger und eindringlicher mit ihr zu reden. Sie hörte ihn an und
begriff sein Wohlwollen, da jetzt nach jener Erhitzung die gute Stunde bei ihr
herrschte. Sie brachte ihr Haar in Ordnung, warf einen Mantel über, und
versprach, mit Gelassenheit den Willen des Himmels zu tragen.
    Ihre Dienerin kam, eine junge, einfältige Bauernmagd, die ihr das wenige von
Speise und Trank brachte, welches sie genoss. Nur diese, die ihr nie antwortete,
sich über ihre tollen Reden weder verwunderte, noch sie anhörte, durfte zu ihr,
sonst war vor aller Welt ihre Tür verriegelt, und niemand erfuhr es, selbst die
Einwohner von Tivoli wussten es nicht, dass die Signora Julia, welche sie ehemals
wohl gekannt hatten, sich in ihrer Nähe aufhielt.
    So gewöhnte der redliche Vinzenz die arme Kranke an seine Gegenwart, und es
schien in mancher Stunde, als wenn dieser, freilich zu ihrem Schmerz, Vernunft
und Bewusstsein zurückkehrte.
    Oft zankten sie wieder heftig, denn er wollte es nie dulden, dass sein Neffe,
der unschuldige Camillo, Ursache am Unglücke der Familie sein solle. Verglich
sie wieder den abtrünnigen Marcello mit David, so geriet der Priester ausser
sich, so dass es in solchen Momenten schwer zu entscheiden sein mochte, wer von
beiden der Törichte sei. Denn, wenn er ihr die mytologischen und
geschichtlichen Torheiten christlich nachsah, wenn sie sich bald diese bald jene
grosse Königin, oder Juno, Minerva, manchmal Niobe nannte, so war er desto
strenger und unerbittlicher, wenn sie in die Geheimnisse der Religion anmassend
hineingriff, und sich und den Ihrigen die grossen heiligen Personen der Bibel
oder Legende aneignen wollte. Da sie seine Unversöhnlichkeit in diesem Punkte
kennenlernte, entwöhnte sie sich auch dieses Frevels und begnügte sich mit der
weltlichen Geschichte und der heidnischen Poesie. - Aber, ohnerachtet dieser
Torheit, ward sie auf diesem Wege milder, und selbst christlicher und
vernünftiger. - Hätte ich je von mir geglaubt, sagte der Priester zu sich
selbst, als er an einem Abend von ihr ging, dass ich noch einmal so ein starker
Heidenbekehrer werden könnte? Und dass sich wirklich doch zuweilen Beelzebub
durch Satan vertreiben lässt? Vielleicht haben aber auch andre, viel grössere
Männer als ich Ärmster, schon ehemals diese Künste geübt und ihre heilsame
Wirkung erfahren.
 
                                Viertes Kapitel
Obgleich der Papst Gregor nicht krank war, so konnte doch jedermann bemerken,
dass in seinem hohen Alter seine Kräfte sichtbar abnahmen. Vielerlei Bewegungen,
Verbindungen, mancherlei Versprechen waren geschehn und im Kollegium der
Kardinäle, sowie unter den Prälaten und den Gesandten der fremden Mächte
vorgefallen. Alles rüstete sich schon auf den Fall einer so wichtigen
Veränderung. Der Nepote, oder Sohn des Papstes, Buoncompagno, der Stattalter
von Rom und Oberbefehlshaber des römischen Heeres hatte Ursach, am meisten bei
einem vorfallenden Wechsel besorgt zu sein. Der Papst, der immer gern rechtlich
und im christlichen Sinne handelte, war nicht darauf ausgegangen, sosehr er und
mit Leidenschaft diesen Buoncompagno liebte, ihn zu einem unabhängigen Fürsten
zu machen, und er sprach den Ungeduldigen, der höher hinaufzusteigen wünschte,
oft zufrieden, und riet ihm, sich mit seinem bedeutenden Posten zu begnügen.
    Um nicht zu viel zu wagen, hatte der Stattalter sich mit dem Grossherzoge
von Florenz versöhnt, der ihn hafte, und alle Zerwürfnisse, aus welchen die
Entzweiung hervorgegangen war, hatte Buoncompagno jetzt durch die Vermittlung
des klugen Kardinals Ferdinand beigelegt.
    Vittoria leistete dem Governador oft Gesellschaft, um ihn aufzuheitern, und
dieser fand stündlich Gelegenheit, ihren Verstand und festen Charakter zu
bewundern. Selten nur ward eine ausgelesene kleine Vereinigung von Freunden
hinzugelassen, weil der Stattalter von seiner Milde und Freundschaft nicht viel
reden machen wollte, da der Papst unversöhnlich schien, und Vittorien noch
ebensosehr, wie im Moment der Anklage, zürnte. Diese erfuhr von diesem Hasse des
Oberhauptes nichts und hoffte von einem Tage zum andern ihre völlige Freiheit zu
erhalten, sie suchte sich daher an ihren geliebten Dichtern und eignen Arbeiten
zu erheitern, sie sang und war gegen die Dienerschaft und alle Menschen, die mit
ihr in Berührung kamen, mitteilend und freundlich.
    Nur gegen den einen hatte sie ihren bittern Zorn nicht verhehlen können und
mögen, gegen ihren ältesten Bruder Ottavio. Dieser Unglückselige, von den Furien
des Stolzes und Hochmutes unablässig verfolgt, hatte sich kürzlich mit ihr
versöhnen wollen, als sie ihn mit so vieler Bitterkeit abgewiesen hatte. Schon
seit einiger Zeit fühlte er sich gekränkt und unglücklich, da alles, was er
gehofft und gewünscht hatte, sich nicht der Erfüllung nähern wollte. Die Partei
des Montalto wies ihn von sich, wegen des Bruders Marcello und des Unterganges
des Peretti, auch der Papst war ihm erzürnt, und die Florentiner, die sich mit
andern dem Medicäer anschlossen, vermieden ihn ebenfalls. Es war schon jetzt
ziemlich ausgemacht, weil die Verbindung gegen den Mächtigen allzustark war, dass
bei Erledigung des päpstlichen Stuhles nicht dem Farnese die hohe Stelle
zugeteilt würde. Dies schmerzte den Bischof Ottavio, weil er darauf wie auf eine
feste Hoffnung gebaut, und darnach seinen ganzen Lebensplan eingerichtet hatte.
Noch mehr aber ward er gekränkt, dass sich Farnese nicht nur völlig von ihm
abwendete, sondern ihm auch öffentlich seine Feindschaft erklärte. Der Kardinal,
welcher gern jede Spur seines Verhältnisses zu Peretti, Vittoria und ihrer
Mutter in Vergessenheit bringen wollte, behandelte seinen Schmeichler Ottavio
als einen Verdächtigen, der vielleicht in Verbindung mit seinen Feinden
gestanden habe, um ihm in der öffentlichen Meinung zu schaden. Er mochte selbst
davon überzeugt sein, dass Ottavio ein zweideutiger Charakter sei, da er gesehn,
wie er sich gegen die eigne Familie hatte brauchen lassen. Dem Herzog Bracciano
und allen Freunden dieses grossen Hauses durfte Ottavio sich nicht nähern, weil
ihn der Fürst, der seinen Charakter kannte und alles Böse wusste, das er der
Schwester hatte zufügen wollen, hasste. Selbst Flaminio, der jüngste Bruder und
der Vertraute Braccianos, wollte ihn nicht sehn, auch die kranke Mutter hatte
ihn mit Verwünschungen zurückgewiesen und sich vor ihm verschlossen. So war sein
Herz halb gebrochen, als er noch erfuhr, die Mutter sei ohne Spur verschwunden.
Lange waren alle Nachforschungen vergeblich, endlich sagte ihm ein dunkles
Gerücht, dass sie sich wahrscheinlich nach Tivoli gewendet habe. -
    So sah man nach einiger Zeit einen kranken blassen Mann in Tivoli mit
schwankenden, ungewissen Schritten umherirren. Er lehnte sich oft, wie
erschöpft, an einen Baum oder eine Mauer: er schien viel zu sinnen und sich
mancher Dinge mit Trauer und Leid zu erinnern. Schon lange hatte den wie im
Schwindel Umhertaumelnden der alte Pfarrer Vinzenz von seinem Fenster aus
beobachtet. Da der Kranke jetzt einer Ohnmacht nahe schien, so trat er aus
seiner Tür, um ihm Beistand zu leisten. »Tretet zu mir ein, kranker Herr«, sagte
der Priester, »erquickt Euch in meiner kleinen Hütte, und lasst mich, wenn Ihr es
bedürft, den guten Apoteker herbeirufen.« - »Nein«, erwiderte jener, »setzt
Euch, wenn Ihr Zeit habt, ein wenig zu mir, auf diese Steinbank, und beantwortet
mir einige Fragen.«
    »Gern«, sagte der Priester.
    »Wisst Ihr denn vielleicht, ob sich eine Donna Julia Accorombona hier im Orte
aufhält, und wo sie ihre Wohnung genommen hat?«
    Jetzt erst erkannte, fast mit Entsetzen, der Alte diesen Fragenden. In
dieser unscheinbaren, kümmerlichen Gestalt, so ganz zerbrochen und ohne Würde,
sass jener hochmütige, starke, straff aufgerichtete Ottavio neben ihm, der, als
er nur noch Abt war, den armseligen Priester von oben herab kaum eines Blickes
gewürdiget hatte. Ein Schauer über den Wandel menschlicher Schicksale und die
Unbeständigkeit des Glückes ergriff ihn: es kostete ihn Mühe, sich zu fassen und
seine Erschütterung zu verbergen.
    »Ihr wisst also«, fing der Bischof mit schwacher Stimme wieder an, »wo diese
Donna Julia sich aufhält und könnt mich zu ihrer Wohnung führen?«
    »Gewiss«, sagte der Priester, »auch bin ich der einzige, den sie seiter
gesehn und gesprochen hatte.«
    »Ich war an jenem Hause«, sagte Ottavio, »aber alles war verschlossen und
fest verriegelt. Wie geht es ihr? Ist sie genesen und mehr beruhigt?«
    »Jetzt ist sie ganz ruhig«, antwortete Vinzenz.
    »Nun so gehn wir, doch gebt mir vorerst einen Becher Wasser.«
    »Kommt, geehrter, ehrwürdiger Herr«, rief Vinzenz, indem er hastig aufstand,
»würdigt meine Hütte, hineinzutreten, geniesst etwas und erstarkt Euch mit einem
Trunke Weins.«
    »Nein«, sagte Ottavio, »nur Wasser.« Jener ging in das Haus, und jetzt
erinnerte sich auch Ottavio, dass dieser jener armselige Priester sei, den er
vormals, als einen unwissenden, geringen Menschen schnöde behandelt habe. Der
Alte kam mit dem Wasser, das er in seinem zierlichsten Becher auf einem
Untersatz brachte. Zitternd vor Rührung nahm der Bischof das Gefäss, dankte und
trank. Er gab den Becher zurück und blickte in den klaren blauen Himmel hinauf.
- »Wie hart und undankbar sind wir Menschen doch«, sagte er dann: »welcher
Wohlschmack, welche Wonne, ja welche lautre Offenbarung entüllt sich dem
Durstenden, Matten, in einer einzigen Welle des kühlen Elementes. In Kunst und
Wissenschaft, in hochgetürmten Tempeln und Palästen, oder einzig in der Schrift
und ihren begeisterten Auslegern suchen wir das Wort des Ewigen - und sehn ihn
stets dicht neben uns, wo wir auch sein mögen: er winkt, er reicht uns die Hand,
und immerdar will der Stolz unsers pharisäischen Herzens ihn nur finden, wo
Weihe und Würde, Pracht und Wissenschaft, Zeremonie und Weihrauch ihn uns
kenntlich machen sollen. - Führt mich jetzt, mein lieber Gastfreund, der mich
erquickt hat.« -
    Sie gingen durch die Stadt. - »Hier verlieren sich die Häuser und
Wohnungen«, sagte der Bischof - »ist sie denn so weit weggezogen?«
    »Wir sind gleich zur Stelle«, sagte der Priester wehmütig. -
    »Dort!« - Sie näherten sich dem Kirchhof. Ein Hügel war neu, und mit
frischem Rasen belegt. - »Hier schläft sie«, sagte Vinzenz: »endlich hat ihr
wildes Herz Ruhe gefunden, da unten steht es still.« -
    Mit einem irren Blick sah Ottavio seinen Begleiter an, sank dann in die
Knie, weinte laut und heftig und umarmte das Grab. Vinzenz entfernte sich und
setzte sich trauernd hinter einen Busch, um den Unglückseligen nicht zu
beobachten, oder seine einsamen Gebete zu stören. - Vernichtend, das Herz
zerschneidend drängten sich jetzt wie stürmende Hagelschauer alle Erinnerungen
der Jugend und Kindheit in das Gemüt des Betenden. Wie die Mutter ihn immer
geliebt, wie so willig sie ihm so manchen Genuss, Bequemlichkeit, ja oft das
Unentbehrliche in ihrem bedrängten Wittum aufgeopfert hatte, um ihm nur die Bahn
des Lebens und der Wissenschaft zu ebnen: wie sie sich seiner Fortschritte,
seines Gedeihens gefreut, wie er ihr Stolz gewesen, wie sie auf ihn ihr
irdisches Glück und die ganze Hoffnung ihrer Zukunft habe bauen wollen. Welche
Wonne es der Mutter gewesen, wenn sie ihn durch ein Geschenk, zuweilen ein
kostbares, habe überraschen und erfreuen können, an seinem Namenstage, dann, als
er die Priesterweihe erhalten, welches Entzücken in ihrem Auge glänzte, als er
nun Abt geworden. - Und er! - Wie Stolz, Hochmut und Härte ihn früh dem
mütterlichen Hause abgewandt, wie er immerdar ihre Sorgfalt und Liebe verkannt
habe. - »O ja!« rief er, indem er innigst bewegt die Hände rang: »- ja, wir
Kinder sind Ungeheuer: statt der Liebe und Verehrung saugen wir Undank,
Verschmähung aus der Brust und dem Herzen unserer Mutter. O wieviel
Verworfenheit nistet in unserem Gemüt; - ach! und dem Mann dort, ja dem Himmel
da oben war ich eben noch in Rührung dankbar für den Schluck kühlen Wassers, den
mir der Fremde gönnen wollte - und ihr, dieser hochherzigen Mutter, die ganz
Liebe, deren Leben ununterbrochene Aufopferung für die Kinder war - wie haben
wir ihr gelohnt! Und ich der Verruchteste, schlimmer als Marcello! ich! - Ja,
jetzt, da es zu spät ist, möcht ich zu ihren Füssen hinsinken, und mich auflösen
in reumütigen Tränen. - Und sie - könnte sie sich jetzt unter dieser grünen
Decke ihres Bettes erheben - durch einen Blick, ein Wort, eine Träne wäre sie
mir versöhnt, ganz nur Liebe und Mutter wieder - ja sie würde alle Schmerzen,
die sie meinetalb erduldet, für Gewinn, für Freude achten, wenn meine Liebe
ihr, wie ein Gefühl meiner frühen unschuldigen Kindheit, wiederkehrte. - Und er,
den wir stammelnd Gott nennen - das Liebeherz aller Welten - er sollte sich
weniger des reuenden Sünders erbarmen?« -
    Er hatte sich auf das Grab hingeworfen, und konnte sich in Tränen nicht
ersättigen. Aber ihm ward wohl. Die starre, eherne Schale, die wie ein Panzer
sein Herz umschlossen hatte, zersprang und brach, und alles Harte in ihm löste
sich schmelzend in diesem Erguss der Tränenfülle. Er hatte in diesen grossen
Momenten die Welt und sich völlig überwunden. -
    Der Priester glaubte schon, weil Ottavio sich nicht wieder erhob, er sei zur
Leiche geworden. Als er sich näherte, schaute ihm vom Grabhügel ein verklärtes
Angesicht entgegen, eine Begeisterung des Schmerzes leuchtete in allen Zügen,
und so wie die Zeichen der Krankheit verschwunden waren, glänzte das Antlitz,
wie das eines selig Sterbenden, der schon im toten Ohr die Stimme der Engel
vernimmt. Vinzenz, erschüttert, war im Begriff niederzuknien, und um den Segen
des zu bitten, der ihm ehemals so feindlich gegenüberstand. -
    »Könnt Ihr mich«, sagte der Bischof, »für die wenigen Stunden oder Tage, die
ich noch zu leben habe, in Eurem Hause aufnehmen, wollt Ihr meine Beichte hören
und mich als geistlichen Vater zu meiner irdischen Auflösung vorbereiten?« -
    Vinzenz weinte und küsste ihm die Hand - »Soll ich nicht zur Stadt senden«,
sagte er, »soll nicht einer der Grossen zu Euch kommen? Wollt Ihr Euch nicht
selbst nach Rom begeben?«
    »Nichts von all dem«, sagte Ottavio sanft lächelnd, und fasste den Alten
unter dem Arm, um sich von ihm führen zu lassen. So schritten sie langsam nach
dem kleinen Hause.
    In seinen letzten Stunden behandelte der Bischof den Priester als seinen
rettenden Engel und liebenden Vater. Er ergoss ihm sein ganzes Herz, beichtete
ihm alle seine Verirrungen, Fehler und Sünden, empfing von ihm Absolution und
die Sakramente. Der demütige Priester drückte ihm die Augen zu, und beerdigte
ihn dann dicht neben seiner Mutter, wie Ottavio es gewünscht hatte.
    Alles, was er bei sich trug, Gold, Juwelen und Kostbarkeiten, alle seine
Habe in Rom vermachte er in seinem Testament Vinzenz, dem Freund seiner letzten
Stunden. Dieser ward durch dies Erbe wohlhabend und konnte dadurch sein
bekümmertes Alter aufheitern und sich und andern Armen eine bessere Pflege
zukommen lassen. Er selbst legte aber auch das Harte und Schroffe seines
Charakters ab, und seine Liebe, die sich unter einem fast wilden Äussern
verborgen hatte, zeigte sich nun weich und offen als christliche Liebe. -
    Indessen war in Rom der Papst Gregor in diesen Tagen gestorben. Die
Kardinäle vereinigten sich zum Konklave, und alles war in der höchsten Spannung,
wer an seine Stelle treten würde. Viele jubelten über den Tod Gregors, weil sie
seine Schwäche und Unentschlossenheit für die Ursache aller jener Leiden
hielten, die den Staat während seiner Regierung bedrückt hatten. Andre, die
seine Liebe und Wohltätigkeit erfahren hatten, beklagten das Hinscheiden des
menschenfreundlichen Fürsten.
    Sowie der Tod des Papstes bekanntgemacht war, fuhr der Herzog Bracciano, der
auf diesen Fall schon alles vorbereitet hatte, in allem Prunk seines Standes,
und von Grafen, Baronen und Edelleuten, die von ihm abhängig waren, sowie mit
einer grossen Schar von Dienern, die Vornehmen in kostbaren Kleidern, die
Geringeren in schimmernden Gewändern, vor das Kastell. In dieser wichtigen,
kritischen Zeit konnte es der Gouverneur nicht wagen, ihm und seinem Gefolge den
Einzug zu verweigern.
    Buoncompagno war in Verwirrung, als der grosse Mann mit dem Anstande eines
Herrschers und Fürsten zu ihm trat. »Ich verlange von Euch meine Gemahlin«,
sagte er im befehlenden Ton.
    Der Gouverneur wollte sich entschuldigen, bat um Aufschub, meinte, der
neuerwählte Papst dürfte vielleicht seine Nachgiebigkeit schelten, und riet, die
neue Wahl abzuwarten, damit er dann vom Herrscher dessen Befehle empfangen
könne.
    Zwischen Zorn und Lachen antwortete Bracciano: »Mein edler Freund, denn das
seid Ihr, und werdet Ihr bleiben, der Papst ist gestorben, wir haben jetzt in
Rom keinen Herrscher, es bleibt zweifelhaft, ob der neue Euch in Eurer Würde
bestätigen wird. Jetzt ist also keine Regierung, und der Fürst, in dessen Hand
ich mein Versprechen gab, mich nicht zu vermählen, ist verschieden. Ihr wisst,
wie oft während des Konklave das unruhige Volk zu Meuterei und Aufruhr
ausgebrochen ist: versagt Ihr jetzt bestimmt mein rechtmässiges Verlangen, so
werde ich nicht scheuen, mir mit Gewalt zu nehmen, was nach menschlichen und
göttlichen Gesetzen mein ist. Wollt Ihr es wagen, in diesen Tagen der Anarchie
es zu einem Kriege zwischen uns kommen zu lassen? Wollt Ihr Euch meine und der
Meinigen unauslöschlichen Hass zuziehn, der Ihr vielleicht bald unsere Hülfe
brauchen könnt? Diese, wie meine Freundschaft und Liebe bleibt Euch versichert,
wenn Ihr Euch jetzt als ein verständiger und nachgiebiger Freund zeigt.«
    Der Gouverneur hatte weiter keine Antwort: er sagte nur, wie ihm Vittoria
unaufgefordert bezeugen werde, mit welcher Hochachtung, wie einer Tochter, er
ihr in dieser traurigen Zeit begegnet sei. Er führte ihn hierauf selbst in die
Zimmer der Gefangenen und liess sie nach einigen Bezeugungen der Höflichkeit
allein, indem er die schöne Gefangene als frei dem Gemahle feierlich übergab. -
    Beide umarmten sich in Freude und Rührung weinend. »So hat die Zeit«, sagte
der Herzog, »doch endlich die glänzende Woge heraufgewälzt, die mein Glück,
meine Seligkeit trägt. Nicht wahr, das Leben ist doch ein grosses Geschenk, ein
himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen, unnennbaren Geistes? Ja, er liebt seine
Geschöpfe, und wir wollen es dankbar erkennen.«
    »Wenn uns nur nicht immer«, sagte Vittoria, »in diesen grossen Momenten ein
sonderbarer Schwindel ergriffe. Es ist kein Zagen, kein Zweifeln, keine
Ungewissheit unsrer selbst, auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft - nein,
mein Geliebter, nur, als wenn dem Dichter im Moment der höchsten Begeisterung,
wenn er alle seine glühenden Strophen in die Saiten rauschen möchte - plötzlich
die goldne Lyra in der Hand zerbräche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit
stumm gemacht würde - so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck für das höchste
Glück, die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt; für Unglück
und Leid sind tausend Fühlungen in uns.«
    »Gedankenreiche, melancholische Braut«, sagte der Herzog lächelnd, »so
möchten wir uns dem Krebse vergleichen, der ungeschickte Glieder zum
Rückwärtskriechen, aber keine zum Vorschreiten hat.«
    Er umarmte sie herzlich mit einem glühenden Kuss und führte sie hinab, um mit
ihr den Wagen zu besteigen.
    Der Bischof erwartete sie schon im Palast. In der Kapelle ward von ihm die
Trauung feierlich vollzogen. Die Braut war geschmückt und in den reichsten
Kleidern. Sie trug, weil es der Herzog gewünscht hatte, dieselben Gewande, mit
denen sie am Tage ihres sogenannten Verhörs war bekleidet gewesen; ihr Benehmen
an jenem Tage hatte ihn so entzückt, dass er sie wieder in der nämlichen Tracht
sehn wollte.
    Die Priester entfernten sich, und nur wenige der Vertrautesten versammelten
sich im aufgeschmückten Saal. Bracciano war weit davon entfernt, ein grosses
prächtiges Vermählungsfest zu feiern, er vermied an diesem Tage seines Glückes
die grosse, vornehme und geschwätzige Gesellschaft. Die Menge wäre ihm an diesem
Tage lästig gewesen. So lud er nur einige seiner Verwandten, von deren
Ergebenheit und Liebe er überzeugt war, und seinen Schwager, Flaminio, den er
heut seiner Dienste als Geheimschreiber entliess und ihm, damit er ein
selbstständiger Mann sein könne, ein bedeutendes Vermögen übergab: Caporale, der
treue Freund, der sich in Rom befand, ward nicht vergessen.
    So war gerade nur die Zahl der Musen am Tisch und das Mahl, das nicht zu
lange währte, ward unter Scherz, Lachen, und ernsten Gesprächen genossen. Der
Herzog hatte es, als einen besonderen Luxus ersonnen, dass sie nur von schönen
Mädchen bedient wurden, die alle poetisch, als Nymphen oder Göttinnen der Fabel
leicht und bunt bekleidet waren. Caporale war so glücklich, so heiter, sein
Gesicht so lachend, als wenn er selbst der glückliche Bräutigam gewesen wäre.
Aber er triumphierte, dass sich nun doch, trotz aller Hemmung und des Unglücks,
das erfüllt hatte, was sein Herzenswunsch immer für seine Freunde gewesen war.
Er jauchzte darüber, dass er zuerst, und ohne ihn zu kennen, den edlen Freund in
das Haus der schönen Geliebten eingeführt hatte. Diese betrachtete er mit immer
wachsendem Erstaunen, denn sie war, was auch der Herzog behauptete, noch schöner
geworden, und in ihrer strahlenden Majestät schimmerte lächelnd eine so süsse
Jungfräulichkeit, dass nicht bloss der Bräutigam in ihrem Anblick entzückt und wie
trunken sich verlor. Alle Dienerinnen, so schön und reizend sie in Blumenkranzen
und poetischen Gewändern glänzten, so lieblich und holdselig sie auch waren, so
lockend Busen, Nacken und Schultern leuchteten, waren in der Nähe Vittorias doch
nur wie dienende Sklavinnen, und ihr Licht ward von diesem Sonnenglanz durchaus
verfinstert und dunkel.
    Caporale liess beim Bankett und Nachtisch die Rosenkränze hereinbringen, die
man auf seine Anordnung geflochten hatte. Nach alter Weise musste sich jeder mit
einem schmücken und nun wurden auch die Dienerinnen entlassen. Jetzt
extemporierte Caporale ein Lied und sang es herzlich, wenn auch mit etwas
heiserer Stimme. Jeder Gast folgte dem Beispiel und nur Bracciano, an den Busen
seines Weibes gelehnt, sagte, dieser stumme Ausdruck seines Gefühls sei das
wahre und beste Gedicht, das er aus seinem Herzen in seine Augen, aber nicht auf
seine Zunge hinaufbringen könne.
    Vittoria improvisierte ohngefähr in folgender Weise, indem sie die Laute
ergriff und in schöner, malerischer Haltung mit ihrer Silberstimme sang:
    »Gibt es Götter? Lebt und webt die unsterbliche Lust noch droben im Olymp?
Komm, du ernster, trüber Zweifler, und siehe uns hier und unser Glück. Kannst du
schauen, und ist dein Auge nicht blöde vom Erdenstaub, dein Geist nicht stumpf
vom irdisch trüben Geschäft - so siehe dort die holde Kypria stehn und lachen,
mit Amor, der zu uns herüber schalkhaft blickt: auch der magdliche Bacchus ist
zugegen, er, von allen Göttern der Jungfrau am ähnlichsten. - Wenn ihr Mut genug
habt, ihm ins Auge zu schauen, so wagt es, und seht den mächtigen Jupiter an,
den Vater der Geschicke, und die hochedle Juno, die auch in guter Laune ein
weniges von Eifersucht bemerken lässt. - Hütet euch, es mit dieser Beschützerin
der Ehe zu verderben, denn auch den Zeus bezwingt sie endlich. Wer ist stark
genug, dem Schmollen zu widerstehn? - Beschütze du mich Regent, mein
Auserwählter, der Widerschein des Hohen, des Übermenschlichen, dass keine
neidische, dich liebende Gotteit uns jemals entzweit.«
    Als es Abend war, trennte man sich und die Mädchen geleiteten die Braut zur
Kammer, um sie zu entkleiden. Als Bracciano durch Hülfe seines alten
Kammerdieners die Hülle von sich warf, sagte der Herzog: »Was fehlt dir, alter
Freund, dass ich dich so bewegt sehen muss? Hat jemand dir etwas Leides zugefügt?«
    »O nein, erlauchter Herr«, sagte der Alte; »im Gegenteil, ich freue mich
Eures hohen Glückes. O mein gnädiger Fürst, es ist ja eine Göttin, die Ihr
heimgeführt habt, mehr als Armida, oder Helena. Wohl mir, dass es mir vor meinem
Tode noch vergönnt war, eine solche Schönheit mit meinem schwachen Auge zu
erblicken; und beseligt ich! dass sie Euch gehört, Euch die Gattin, mir die
Gebieterin! Welcher Fürst, welcher Sterbliche kann sich rühmen, je der Gemahl
einer Himmlischen gewesen zu sein? ja, Venus soll mehr wie einen Erdgebornen
beglückt haben - aber hier, Venus, Juno, Minerva und Diana in ein Wesen
verschmolzen: und dieser Ernst, Tiefsinn und diese Schalkheit und kindliche
Plauderei, und dies Necken, Witz und grosse Gesinnung.«
    »Höre auf, alter Freund«, sagte Bracciano lachend, »du fängst an zu
schwärmen, und du wirst mich eifersüchtig machen.«
    »Es ist zuviel für einen Menschen«, beschloss der Alte, »alles dies in seine
Arme zu fassen, und es sein Eigentum zu nennen.«
    Die Mädchen, als sie nach Hause gingen, schwatzten untereinander auf
ähnliche Weise. Die eine sagte weinend: »Ich habe mich für hübsch gehalten, man
hat mich selbst schön genannt - wie erbärmlich, schlecht, matt und leblos dieser
gegenüber. Wenn er nicht treu ihr bleibt, verdient er des schimpflichsten Todes
zu sterben.«
    Als Bracciano sich der Tür der Kammer näherte, sagte er zu sich: wer bin
ich, dass die Unsterblichen mir diese Wonne haben auferblühen lassen? Mit
heiligem Schauer nur, mit erhabener Furcht, mit wollüstigem Zagen kann ich euch
danken. Das ist meines Lebens wichtigster Moment. Und hätte ich nur für diesen
einen Augenblick gelebt, so wäre mein Leben ein reiches gewesen.
 
                                Fünftes Kapitel
Nach vielfältigen Verhandlungen, Widersprüchen, Annäherungen, und in Ausübung
jener Künste, welche immerdar die Geschichte der Konklaven, wenn sie umständlich
und wahrhaft erzählt sein konnten, so lehrreich machen ward endlich der Kardinal
Montalto zum Papst gewählt, weicher den Namen Sixtus des Fünften annahm.
    Viele hatten ihre Stimme für ihn gegeben, weil sie ihn für so schwach und
unbedeutend hielten, dass sie glaubten, in seiner Stelle und seinem Namen
regieren zu können. Einige gaben in der Überzeugung nach, er sei so alt und
krank, dass er unmöglich lange leben könne, und dass also der Stuhl bald wieder
erledigt sei, und ihnen eine neue Hoffnung aufgehn würde. Viele waren für ihn,
um nur dem klugen, ehrgeizigen Farnese entgegenzustreben, und so geschah
endlich, was der Medicäer vom Anbeginn gewollt hatte, dass Montalto die höchste
geistliche Würde der Christenheit erhielt.
    Es hatte dem Greise auch die Hochachtung bei der Wahl geholfen, die er sich
durch seine ruhige Fassung beim Tode seines Neffen Peretti erworben hatte. Und
so sah denn Montalto den ehrgeizigen Wundertraum seiner Kindheit erfüllt, dass er
zum Teil durch seine Klugheit und Beharrlichkeit auf dem Trone sass, vor welchem
alle zu seinen Füssen knieen mussten.
    Aber wie erschrak das Kollegium, als sie statt eines schwachen, kranken,
zaghaften Greises nun plötzlich einen rüstigen, starken, gebietenden
Kirchenfürsten vor sich sahen, der gleich in den ersten Augenblicken deutlich
zeigte, dass er zu befehlen wisse, und Kraft besitze, seine Gebote geltend zu
machen. Viele, die ihm zu seiner Würde geholfen hatten, wünschten, dass es
möglich sei, die Wahl rückgängig zu machen, und Farnese, sowie manche andre, die
dem schwachen, stets schweigenden Montalto so oft ihre Verachtung gezeigt
hatten, waren jetzt sehr verlegen, als sie sich vor ihm demütigen mussten.
    Auch in der Stadt verbreitete sich sogleich Furcht und Entsetzen. Es war
altergebrachte Sitte, dass am Tage, wenn der neue Papst gekrönt ward, allen
Verbrechern in den Gefängnissen Gnade widerfuhr. Dies wurde auch jetzt allgemein
erwartet. Viele Verbannte stellten sich freiwillig, um so an der Amnestie
teilzunehmen, und für die Lebenszeit wegen früherer, oft vergessener Verbrechen,
freigesprochen zu werden. Sixtus aber, dessen fester Vorsatz war, diesen Untaten
für immer einen Damm entgegenzusetzen, liess alle des Todes Würdigen, selbst am
Tage seiner Krönung, öffentlich hinrichten. Alle Vorbitten, Einreden waren
vergeblich. Einen Burschen, der nur mässig sich gegen einen Häscher im Wortgezänk
verteidigt hatte, liess er, sosehr auch selbst die vornehmsten Kardinäle sich für
den Unglücklichen verwendeten, hängen. - Alle, die sich im stillen mancher
Vergehen bewusst waren, entflohen aus der Stadt. Auf dem Lande wurde auf seinen
strengsten Befehl ebenso unerbittlich verfahren, denn diejenigen, die seine
Gebote nicht befolgten, oder nur lau und lässig sie ausrichteten, wurden selbst
für das Gesetz in Anspruch genommen, und er liess keinem, der solcher Fehler
überwiesen war, Gnade widerfahren.
    Jedermann sah ein, dass man sich in der Person des gebrechlichen, alten und
hinfälligen Montalto geirrt hatte, und dass man, fast wider Willen, einen
strengen und wahren Regenten der Kirche gewählt habe, einen echten Papst, der
auch, ohne zu zagen wenn er es für notwendig hielt, den Tyrannen spielen würde.
Es endeckte sich nun auch, dass er bis jetzt sein Lebensalter vorsätzlich zu hoch
angegeben hatte, denn seinen Jahren nach, sowie seiner jetzt entwickelten Kraft
und Rüstigkeit war die Aussicht, dass er lange den päpstlichen Stuhl besitzen
könne.
    Als die grosse Audienz angesagt war, begab sich auch der Herzog Bracciano mit
den andern Grossen in den Palast des Vatikans. Es schien, dass der Papst ihn gar
nicht beachtete, er redete ihn nicht an, übersah ihn, und Bracciano musste
glauben, dass dies vorsätzlich geschehe und ein Zeichen seiner Ungnade sei.
    Beunruhigt wendete sich der Herzog an den Kardinal Ferdinand von Florenz; er
ersuchte diesen, ihm eine Privataudienz bei Sixtus zu verschaffen. »Der Papst«,
sagte dieser, »ist natürlich ungehalten, dass Eure Exzellenz, gegen Euer
feierliches Versprechen, sich mit Vittoria dennoch vermählt hat.«
    »Ich gab dies Versprechen«, erwiderte Bracciano, »nur dem Papst Gregor, der
nicht mehr ist. Ich gab es, weil ich sah, dass der erzürnte Greis es ausserdem zu
gefährlichen Extremen treiben würde, die, wenn er ohne Rücksicht handelte, mich
zwängen, offen als Rebell ihm gegenüberzutreten. Dann war das Dasein meiner
Gemahlin gefährdet, und alle meine öffentlichen wie heimlichen Feinde hätten
schnell diesen rechtlichen Vorwand benutzt, auch mich zu stürzen und zu
vernichten, denn es war wohl deutlich, dass die Kabale mehr gegen mich, als gegen
die arme Vittoria gerichtet war: denn sie wurde dem Papst nur hingestellt, um
den Verblendeten, der den Zusammenhang nicht kannte, zu Gewaltschritten
anzureizen, damit ich in Gefahr käme. Und wer weiss, wie es diesem Farnese und
andern geriet wenn sie durch ihren heroischen Mut nicht diesen Hauptfeind
schamrot gemacht und gedemütigt hätte.«
    »Gesteh ich es nur, geehrter Schwager, dass ich mich Euch auch nicht völlig
versöhnen kann«, erwiderte der Medicäer. »Ist sie denn so vorzüglich, grossartig
und tugendhaft, als Ihr sie wähnt? Hat Euch die Leidenschaft nicht verblendet
und zu einem unziemlichen Schritte verleitet? Ich rede jetzt nicht vom Tode
meiner Schwester, sie ist ihrem Schicksal erlegen, sei es Strafe, sei es
Krankheit, sie hatte sich tief gegen Euch verschuldet, und Ihr wisst es selbst,
wie weder der Fürst, mein Bruder, noch ich, Euch nach diesem Unglück unsre
Freundschaft entzogen. Wir verbanden uns im Gegenteil inniger mit Euch und Eurem
Interesse. Eures Sohnes wegen, und auf Euren Wunsch strengten wir Mittel und
Kredit an, um Eure Güter von der Schuldenlast zu befreien, die Euch drückte, die
durch Eure Grossmut und Freigebigkeit so angehäuft war. Ihr verspracht auch mir,
Vittoria aufzugeben.«
    »Eminenz!« rief Bracciano, »seid billig und setzt mich nicht auf diese Weise
in Verlegenheit, indem Ihr Worte und Versprechungen anders nehmt, als sie jemals
gemeint sein konnten.
    Bedenkt doch, was meine Liebe und Leidenschaft bedeuten könnte, wenn ich so
ruhig auf immer diesem Besitz meiner angebeteten Gemahlin hätte entsagen mögen.
Ich musste ja notwenig voraussetzen, dass Ihr, als ein weiser Mann, mein Wort so
nahmt, wie es nur gemeint sein konnte: dass ich in diesem Zwiespalt, in diesem
kritischen Moment ihr entsagte, und es duldete, dass die Unschuldige eingekerkert
wurde. Und sie, Vittoria? Ja, wäre sie eine Bianca Capello, oder nur entfernt
ihr ähnlich, so wäre der Handel mit einer listigen Buhlerin bald geschlossen
gewesen; sie hätte dann die günstigen Umstände, wie jene abgewartet, falls meine
Schwachheit für sie, wie bei jener des Gemahls, fortgewährt hätte. Denn Ihr wisst
und bedauert es gewiss, verehrter Freund und Schwager, was Euer erlauchter Bruder
sich alles für jene hat zuschulden kommen lassen. Dort werdet Ihr zu sorgen
haben, dass nicht untergeschobene Kinder Eure Rechte kränken. Nicht soll mein
Virginio je darunter leiden, dass ich mich in meinem Alter noch den glücklichsten
aller Menschen nennen darf. Und Euer grosser Vater: gab er nicht in Krankheit und
Schwäche noch einer Leidenschaft nach, die auch viele, selbst von seinen
Freunden, tadeln wollten? Ich bin Euch und Eurem Bruder verbunden, dass Ihr
Ordnung in mein Hauswesen und Vermögen habt einführen wollen; es wird meinen
Kindern zugute kommen. Aber arm, ohne Rang und Titel, ein Bettler möchte ich
lieber sein, als den Besitz meiner Vittoria aufgeben, die noch tiefer in mein
Herz eingewurzelt ist, die ich noch leidenschaftlicher liebe, seit ich sie meine
Gattin nenne. Ihr selber würdet sie verehren, wenn Ihr sie näher kennenlerntet.«
-
    Der Medicäer schien mit dieser Auseinandersetzung nicht unzufrieden, und er
musste sich gestehn, dass Vittoria, von fast ebenso edler Abkunft, wie jene, ihm
verhasste Bianca, war, und dass ihre Schönheit, Betragen, Tugend und edle Weise
weit über die Eigenschaften jener vorragten und die gealterte Buhlerin in den
Schatten stellten. -
    Sixtus bewilligte das Gespräch, um welches Bracciano angesucht hatte. Dieser
musste einige Zeit im Vorsaal warten, was seinen Stolz aufreizte, indem er sich
jener Zeiten erinnerte, in welchen er mit Geringschätzung auf diesen Montalto
hinabgesehen hatte. Er wurde eingeführt, und traf den Papst allein, in seinem
Sessel sitzend. Als der Herzog die herkömmliche Veneration geübt hatte, sah ihn
Sixtus mit seinem scharfen hellgrauen Auge blitzend an, doch Bracciano war
gefasst und vorbereitet:
    »Indem ich Euern Segen, Heiligster Vater, für mich und die Meinigen
erflehe«, sprach er, »empfehle ich mich und uns alle in Euern Schutz und Eure
Gnade. Die Gnade aber, die ich am höchsten stelle, ist, dass Ihr meinen Sohn
Virginio, der sich den reifen Jahren nähert, würdiget, dass er der Gemahl Eurer
Nepotin, der Tochter Eurer verehrten Schwester Camilla, werden möge. Dann
sichert Ihr auf immer das Wohl meiner Familie und ich kann ruhig sterben.«
    »Ihr seht nicht aus, wie ein Mann des Todes«, antwortete Sixtus, »und ein
neu verehlichter Gatte sollte nicht vom Sterben sprechen. Was Euren Sohn und
meine geliebte Nichte betrifft, so danke ich Euch für Euer Anerbieten, durch
welches Ihr sie ehrt. Und so wünsche ich Euch auch zu Eurer Verbindung alles
Glück, obgleich mir diese schöne Vittoria mehr gefallen würde, wenn sie damals,
als sich jenes Unglück ereignete, sich in ein Kloster als fromme Schwester
verborgen, und der sündigen Welt völlig entsagt hätte.«
    Jetzt stand der Papst auf und ging mit schnellen Schritten durch den Saal.
Soeben wurden Verbrecher auf dem Platze hingerichtet. Er trat an das Fenster und
rief den Herzog zu sich hinan: »Seht!« rief er, »auch Banditen und Mörder, denen
ich niemals, unter keiner Bedingung, Gnade erweisen werde! - Ja!« rief er aus,
indem seine kräftige Stimme wie Donner tönte und sein blitzendes Auge wilder in
das Gesicht des Herzogs sah - »und wenn ein regierender Fürst, der
durchlauchtigste, so vor mir stände, so würde ich ihm ungesäumt sein Urteil
sprechen, und ebenso dort unten an ihm vollstrecken lassen! - Alles sei
vergessen, was meinen Neffen betrifft - aber jeder neue Frevel, jede Verbindung
mit Banditen, jede Gewalttat in meinen Staaten - bei Gott und meiner Ehre und
der des Stuhls« - er schlug heftig mit der Faust auf seine Brust - »nur Strang
und Beil sollen sie richten, ohne Ansehn der Person!«
    Bracciano, so kühn er sich fühlte, erschrak und musste vor diesem Feuerblick
sein Auge scheu niederschlagen. Die Kämmerer im Vorsaal entsetzten sich, weil
sie nicht wussten, was vorging, und sie diese Donnerstimme des Papstes von ihm
noch niemals vernommen hatten. - Mit der gewöhnlichen Zeremonie entfernte sich
Bracciano. -
    »Was ist dir, Geliebter?« fragte Vittoria besorgt, als der Herzog in seinen
Palast zurückgekommen war; »du siehst bleich aus, dein Auge ist ohne Glanz: du
wirst erkranken.«
    »Lass, Liebste«, erwiderte der Gatte, »ich bin wohl und gesund, und diese
Erschütterung wird bald vorübergehen. Aber wir verlassen Rom, schon morgen mit
der Frühe.«
    Vittoria erstaunte. »Ja«, sagte Bracciano, »ich habe in Schlachten dicht vor
den morderfüllten Kanonen gestanden, türkische Säbel blitzten tödlich nahe über
meinem Haupte, aber bis heute wusste ich nicht, was Zittern sei. Doch der Alte
dort im Vatikan brüllt wie ein wütiger Löwe und hat den Blick eines Tigers. Er
lechzt nach Blut und Mord: ihm wage ich nicht gegenüberzustehn.«
    »Dieser alte, milde, schwächliche Montalto?« sagte Vittoria lächelnd.
    »Zum Drachen ist er hinausgewachsen«, sagte der Herzog: »unser Untergang,
unsre Hinrichtung würde ihn mit trunkner Lust erfüllen, und wie leicht, dass
einer meiner Anhänger sich vergisst, dass selbst dein Bruder, der Marcello, mich
in Gefahr bringt, dass die Geschichte vom Tode Perettis wieder aufwacht, die er
nun nicht, wie damals, beschwichtigen wird. Wir müssen fort von hier, je weiter,
je besser, bis an die Grenzen der Schweiz und Deutschlands. Dort oben, am
schönen Gardasee, in Salo, besitze ich ein anmutiges Sommerhaus: der Frühling
hat erst begonnen, dort wollen wir in schöner warmer Zeit bis zum Späterbst,
uns selbst und der Liebe leben: ein Paradies ist dort; Menschen bedürfen wir
nicht, Musik und Bücher nehmen wir mit uns, und, das höchste Kleinod, die
Liebe.« -
    Vittoria, als sie ihr Erstaunen überwunden hatte, fügte sich gern dem
plötzlichen Entschluss, und der folgende Tag sah sie schon auf der Reise. -
    Sie verweilten in Bologna, beim Grafen Pepoli, der entzückt war, in seinem
Palast so edle Gäste aufnehmen zu können.
    Beim frohen Gastmahl sagte der Herzog wie im Scherz: »Mich jagt der wütende
Sixtus aus meinen römischen Besitzungen hinweg, obgleich er mein Schwager
geworden ist, und ich meinen Sohn ihm mit der Tochter seiner Schwester verlobt
habe. Ja, mir dünkt noch dies Bologna, als ihm gehörend, unheimlich und ich
werde eilen, diese mit Blut gefärbten Staaten zu verlassen.«
    »Wie erfreulich«, sagte Pepoli, »wenn ein Mann und Fürst, der hohe und
mutigste, sich in solchen Scherzen ergeht. Es ist, als wenn der Mond sich
wirklich fürchtete, von den tessalischen Zauberinnen auf die Erde herabgezogen
zu werden.«
    »Ei, Freund!« sagte der Herzog, »der Zauberkünste und Formeln gibt es gar
viele und mannigfaltige. Die Wirkung kommt, künstlich und magisch vorbereitet,
so unerwartet um eine unschuldige Felsenecke, wie eine kriechende Schlange
schleichend heran, und plötzlich sieht sich plötzlich mit seinen Söhnen
verstrickt, unentrinnbar, und der Tod grinst hämisch da, wo vor Minuten noch
Gesundheit und Übermut lachten.« -
    Noch am Abend, als eine kleine Gesellschaft sich versammelt hatte, brachte
der Kammerdiener dem Grafen ein versiegeltes Blatt. Er eröffnete es in Gegenwart
des Herzogs und es entielt nichts, als eine Chiffre. »Aha!« rief Pepoli aus,
»da werde ich nach Jahren an ein feierliches Versprechen gemahnt, das ich um
alles nicht brechen darf.«
    Er rief dem Haushofmeister. Dieser musste sogleich ein Fuhrwerk besorgen, um
in Begleitung zweier Diener diejenigen, die sich so rätselhaft angemeldet
hatten, noch in der Nacht weiterzuschaffen. Er liess ihnen schnell ein Gastmahl
anrichten, damit sie erquickt und gestärkt die nächtliche Reise unternehmen
könnten, um in der Landschaft, auf einem einsam gelegenen Kastell, einige Tage
zu verweilen.
    »Als sie allein waren, sagte der Graf: Ihr dürft es wohl erfahren, dass die
Fremden von jenen proskribierten Verbannten sind, die der Papst mit
unerbittlichem Sinne zu vertilgen sucht. Ein guter Mann, Ascanio, ist mit einem
ehemaligen Barigell, Antonio, unten in meinem Hause. Jetzt darf ich davon
sprechen, da die Zeit alles Geheimnis jener Sache längst entkleidet hat. Dieser
Ascanio hat mir in jener Zeit, als ich einen alten Verwandten im Sabiner Gebirge
aufsuchte, auf eine edle Art das Leben gerettet. Dem berüchtigten Piccolomini
musste ich als Ersatz dafür mit einem feierlichen Handschlag versprechen,
diejenigen zu retten, die sich mir mit dieser Chiffer anmelden würden. Nun muss
der weichherzige Ascanio doch wieder in die schlimme Verbrüderung, durch
Unglücksfälle geraten sein, da er meine Hülfe in Anspruch nimmt.«
    »Aber«, fiel Bracciano ein, »Ihr setzt Euch durch Euer Mitleid einer Gefahr
aus.«
    »Die strengen Edikte des neuen Papstes«, antwortete Pepoli, »sind auch zu
uns hierher gekommen; ich werde es auch niemals wagen, hier in Bologna einen
Verbannten aufzunehmen und zu beschützen. Ich sende sie nach dem Kastell dort,
das ausserhalb des päpstlichen Gebietes liegt, und das unter Schutzherrschaft des
deutschen Kaisers steht, dessen Vasall ich ebenfalls bin.«
    Man beschloss, sich am folgenden Tage nach diesem Schloss zu begeben, denn
Bracciano zog es vor, soviel als möglich das päpstliche Gebiet, sowie das
Florentinische zu vermeiden, weil er, unter den jetzigen Umständen, in
Begleitung der jungen Gemahlin, mit seinen Verwandten dort weder in freundliche
noch zornige Berührung kommen wollte.
    Bracciano wie Vittoria freuten sich über die Verehrung und Liebe, die ihr
Freund Pepoli in Bologna genoss. Erst an diesem Tage hatte er eine Menge
verwaister Kinder beiderlei Geschlechts reichlich ausgestattet, und ihnen den
Eintritt in das Leben erleichtert. Er sorgte grossmütig für Blinde und hülflose
Alte. Jeder Arme, der rechtlich war und den Unglück gebeugt hatte, wandte sich
mit Vertrauen an den edlen Grafen, und keiner ging ungetröstet von ihm. So
nannten ihn die Bedürftigen, Bettler und Kranke nur den Schutzgeist von Bologna,
und wenn er sich öffentlich zeigte, drängte sich das Volk um ihn, um ihm ihre
Liebe und Verehrung kundzutun. Nicht minder achtete ihn, seines
menschenfreundlichen Wesens halb, der ältere und jüngere Adel, er galt allen für
ein Muster, nach dem sich der Jüngling bilden müsse. Auch Priester und Gelehrte
schätzten ihn hoch, weil er die Wissenschaften ebenfalls auf alle Weise
unterstützte. Kurz, er konnte für das Vorbild eines sanften, edlen, wohltätigen
Mannes gelten. Er war unvermählt, und hatte bis jetzt die Anmutung sich zu
verheiraten, abgewiesen, weil er fürchtete, dass er doch als Gatte, so gross sein
Vermögen war, in seiner Wohltätigkeit gehemmt werden dürfte; obgleich seine
Freunde auf seine nächsten Verwandten hindeuteten, die, falls er ohne Erben
stürbe, seine Reichtümer auf ganz entgegengesetzte Weise anwenden möchten.
    Mit der Frühe reiseten die drei befreundeten Wesen von Bologna ab, um sich
nach jenem Kastell des Grafen zu begeben. Unterwegs sagte Pepoli: »Ihr werdet
einen sonderbaren alten Verwandten von mir kennenlernen: diesen Velluti, den ich
damals mit einiger Anstrengung befreite. Er war früher der Ausbund eines
übermütigen Mannes, keine Unternehmung war ihm zu kühn, man nannte ihn in der
kleinen Stadt nur den tollkühnen Alten. So war er denn auch den Banditen dort
sehr gefährlich, die vor seinem Namen zitterten, bis es den Bösewichtern gelang,
ihn aus dem eignen Hause wegzurauben, und ihn unter stündlicher Todesbedrohung
viele Tage im innern Gebirge zu verstecken. Seitdem denkt, sieht und hört der
Arme nichts, als Banditen, denkt und träumt nur Mord und Brand, und aus dem
verwegensten Menschen ist die feigste Seele geworden.«
    Sie gelangten an das Schloss, das in einer schönen, grünen Einsamkeit sich
stattlich zeigte. Es war fest, wie es die damaligen unruhigen Zeiten notwendig
machten, da Kampf und Überfall täglich sich ereignen konnten.
    Schon vor dem Tore kam ihnen der zitternde Velluti entgegen. Weinend küsste
er die Hand des Grafen und rief bewegt: »O mein Wohltäter! so sehe ich Euch doch
noch einmal in meinem Leben wieder. Ich dachte, Euer liebes Angesicht nicht
wiederzuerblicken. O nein, ich muss vergehn in meiner Angst, und Ihr werdet
sterben, mein Hochverehrter. Ach! da sind zwei greuliche Menschen unten im
Schloss, zwei von denen, die Ihr auch wohl in den schrecklichen Bergen
kennenlerntet. Kommt ihnen nicht zu nahe, lässt Euch mit ihnen nicht ein,
wechselt kein Wort mit den Bösewichtern.«
    Sie betraten unter fröhlicher Begrüssung der Dienerschaft das Schloss. In den
untern Gemächern traf Pepoli die beiden Flüchtigen. Der riesengrosse Antonio war,
wie immer, ruhig und barsch: »Ich dachte nicht«, sagte er mit grobem Ton, »dass
ich noch einmal so herunterkommen würde, Eure Hülfe in Anspruch nehmen zu
müssen, aber der Sixtus ist schlimmer als ein toller Eber, so dass sich auch der
wilde Piccolomini von ihm hat ins Bockshorn jagen lassen. Und so sind wir, so
gut wir auch organisiert waren, ausgerissen, denn der verrückte Pfaffe weiss sich
nichts Köstlicheres, als Rädern, Köpfen, Verbrennen und Strangulieren. Das ist
sein Konfekt des Nachtisches, die Folterqualen selber mit anzusehn. O wohin ist
unsre goldene Freiheit?«
    Ascanio erzählte wehklagend eine traurige Geschichte, wie klägliche Umstände
ihn wieder jener früheren Verbrüderung zugeführt hätten. Der Graf gab ihnen
bedeutende Summen, um sich mit diesen in das Venezianische, oder nach Korfu und
Dalmatien, oder selbst nach Deutschland zu begeben. Sie eilten von dem freien
Gebiete, wo ihnen keine Gefahr drohte, nach fern liegender Zuflucht, um dort ein
neues Leben zu versuchen.
    Als die Herrschaften in heitern Gesprächen beim Abendessen sassen, stürzten
atemlos und bleich einige Diener herein: »Was gibt es«, fragte der Graf. »Ist
ein Unglück geschehn?«
    »O weh!« schrie der eine, »das Haus ist mit Soldaten und Truppen umstellt.«
    »Und der alte Velluti«, rief der andre, »ringt schon mit dem Tode; so hat er
sich über diesen Anblick entsetzt.«
    Alle erhoben sich vom Tische. »Was ist das?« rief der Graf; »was kann man
von mir wollen? - Sind es denn Kaiserliche?«
    »Nein«, stammelte der Diener; »römische Krieger und Häscher.«
    In der Verwirrung hatte man den Anführer schon in das Haus gelassen, er trat
höflich grüssend herein, und mahnte den Grafen, sich mit ihm nach Bologna zu
begeben.
    »Weshalb? Was hat es zu bedeuten?«
    »Ihr wisst«, fuhr jener fort, »die strengen, geschärften Befehle unsers
Heiligen Vaters: wie jeder, der Banditen eine Freistätte gewährt, dem Gesetz
verfallen ist.«
    »Wisst Ihr auch«, sagte der Graf stolz und fest, »dass ich hier in diesem
meinem Kastell der Vasall des Römischen Kaisers bin? dass in diesem Distrikt hier
der Papst nicht mein Oberherr ist, und er mir hier gar nichts zu gebieten oder
zu befehlen hat?«
    »Ich folge der Ordre meiner Obern«, antwortete der Barigello, »mich
kommandiert mein General, Graf Cordori, dieser steht unter dem Kardinal
Salviati, welcher im Bolognesischen die Befehle des Heiligen Vaters mit aller
Strenge auszuüben hat. Wollt Ihr uns nun, Herr Graf, gutwillig folgen, oder
sollen meine Leute Euch mit Gewalt fortführen?«
    »Dieser Friedensbruch«, sagte jetzt Bracciano, »und Verletzung des Bannes
ist in der Geschichte unerhört.«
    »Ich bitte um Antwort«, sagte der Barigello.
    Man übersah aus dem Fenster die ansehnliche Mannschaft der Soldaten und
Häscher, alle zum Kampf gewaffnet, an Widerstand war also nicht zu denken, an
Flucht noch weniger. »Ich muss mich ergeben«, sagte Pepoli, »ich hoffe am
Kardinal Salviati, der mir persönlich bekannt ist, einen verständigen Richter zu
finden.«
    »Salviati ist mir von alter Zeit befreundet«, sagte der Herzog, »und ich
begleite Euch zurück nach Bologna. Er wird Vernunft hören und annehmen. Kann er,
oder der Papst den deutschen Kaiser so mutwillig kränken und beleidigen wollen?«
    Vittoria sah die beiden Männer mit Erstaunen und Wehmut an. Sie begriff
eigentlich den Handel nicht. Unten lag Velluti als Leiche. Er hatte sterbend
seinen Wohltäter grüssen lassen. -
    Traurig, finster, kam Bracciano am folgenden Tage zurück. »Die Unmenschen!«
rief er der erschreckten Gemahlin zu; »sie haben ihn sogleich als überführt im
Gefängnis erdrosselt. Möchten die Erben doch ihre Klage bei Papst und Kaiser
erheben, sagte der blutdürstige Salviati; - o welcher Tiger, dieser Sixtus. -
Als ich zornig sprach, drohte man mir selbst, als einem Banditenfreunde! Lass uns
dem Schlachtause entfliehen.«
 
                                Sechstes Kapitel
Am Gardasee, in der Nähe der kleinen Bergstadt Salo, lebte der Herzog mit seiner
Gemahlin glückliche Tage. Sie lasen, sangen, dichteten, er ritt auf die Jagd,
und sie begleitete ihn auf kleinen Reisen in der schönen und mannigfaltigen
Umgegend. Die Nähe von Deutschland und der Schweiz, diese Bergnatur mit ihrem
stets neuen Wechsel geben diesen Landschaften einen eigentümlichen Reiz. Von
einem so einfachen, idyllischen Leben ist nur wenig zu berichten, das ruhige,
ungestörte Glück kann niemals die Imagination des Dichters vielfach bewegen: nur
von Wechsel, Unglück, Schlacht und Tod, Gram und Verzweiflung, oder Wunder,
berichtet Legende und Romanze, das epische Gedicht wie das Drama.
    In dieser holdseligen Einsamkeit störte sie fast niemals ein Besuch. In
Venedig waren sie gewesen, und die Republik hatte dem tapfern Herzoge eine hohe
und rühmliche Befehlshaberstelle angetragen: er war gerührt von der ihm
zugedachten Ehre, schlug aber diese Würde aus, was den Dogen und den Rat
einigermassen kränkte. Man hatte ihm und seiner Gemahlin mit einem feierlichen
Aufzuge entgegenkommen wollen, welches aber nun, so viel Ehre sie ihm auch
erwiesen, unterblieb.
    Es erfreute ihn aber, hier in dieser weltberühmten Stadt seine Vittoria im
Glanz einer Fürstin auftreten zu sehen; es schmeichelte ihm, wie der Doge und
hohe Adel ihrer Schönheit huldigte, und jedermann sich ihr nur mit Erstaunen und
Bewunderung näherte. Auch die Gelehrten und Dichter brachten ihr Opfer des Lobes
und der Schmeichelei, da man in Italien, wenn sie auch ohne Namen gedruckt
waren, ihre feurigen Lieder kannte.
    Nachdem sie das grossartige Verona besucht hatten, begaben sie sich wieder in
die Einsamkeit ihrer Berge und nach dem schönen, romantischen See, den sie auf
einer Barke, mit Musik begleitet, überschifften, und sich an den alten Romanzen
ergötzten, die man in diesem Lande vernahm.
    Zuweilen erfüllte die hohe Schönheit den Wunsch des Geliebten, sich ihm in
der Gestalt und Tracht der Diana zu zeigen, und er rief einmal in seinem
Entzücken: »Ja, du mein Herz und meine Seele, in dieser herben Jungfräulichkeit,
du wildes Kind, wurdest du mein, denn ein Mägdlein, nicht eine Frau gönnte mir
an jenem Abend, wo Hymen uns vereinte, den kostbarsten Schatz ihrer Liebe. Oh,
du Wunderwerk der unerschöpflichen Natur! wie wandelst du dich in alle
Gestalten, und in jeder neuen bist du schön und herrlich. Wenn ich dich als
Pallas anbeten muss, so hüpft mein Herz im Rausche der Wonne, wenn ich dich auch
im Taumel der Liebe als Bacchantin sah, und immer weiblich edel, immer von
Grazie und Holdseligkeit umgossen. Wenn andere Frauen sättigen, entzündest du
die Liebe und ihr Verlangen nur mehr und mehr. Wie ich nach dir brannte, wie
mein Herz nur dein und deiner immer und ewig begehrte, und der Moment, dass du
mein werden konntest, mir von feindseligen Dämonen festgeschmiedet schien, um
mich ohne Labsal verschmachten zu lassen; - so - oh, missverstehe mich nicht,
mein Abgott - so sehne ich mich jetzt, dass ich mir nur ein einzig armes Mal
sagen könnte: jetzt ist mein Herz und Sinn gesättigt, ich bin, auf diesen
Augenblick doch, der Sehnsucht und dieses Rausches frei.«
    Da zog jene wundersame Glut der Schamröte über ihr Lilienantlitz, und sie
schmiegte, ihr Auge verbergend, das Lockenhaupt an seine Brust. »Oh, mein Paul!«
flüsterte sie ihm zu, »- du mein Gott und alles - was bin ich durch dich
geworden? Eine Selige, der Olympischen eine. - Aber warum, du Wilder, bist du so
wild und ungestüm? Ist es denn nicht oft, als wolltest du Seele und Leben, die
ganze Ewigkeit in diesen Momenten des Rausches opfern? Oh, mein Gatte, mein
Held, mein liebliches Kind, mein sanftes Lamm und auch Bacchus und Apoll und
Jupiter - willst du, kannst du nicht sanfter, demütiger - ach! Himmel! - Was
soll ich sagen? - Du verstehst mich gewiss.«
    Er lächelte selig und sah auf sie nieder, etwa wie Herkules mag auf die
Göttin der Jugend sanft und stolz hinabgesehen haben.
    Wenn sie einmal allein war, was sich nur selten zutrug, so war ihr Sehnen
nach ihm so milde und genügend, die Erinnerung so still behaglich, dass das Herz
sich immerdar in sanfter Freude wiegte. »Dass den Sterblichen«, sagte sie dann,
»ein solches Glück zugewiesen werden könne, ist mir ehedem nicht glaublich
gewesen; ja, ich habe keine Ahnung von einem solchen Leben gehabt.«
    Ein andermal neckten sie sich wieder, wie die Kinder, und übten tausend
kleine Schalkheiten aneinander aus. Im Garten stellten sie einst einen Wettlauf
an, und er blieb weit zurück.
    »Du bist zu stark«, sagte sie lachend und ihn verspottend; »wie willst du
die Last eines grossen Körpers, deine hohe Gestalt so schnell bewegen und so
behende? Ich darf dir viele Schritte vorausgeben, und du wirst mich doch nicht
einholen.«
    »Mit der Atalante«, erwiderte er, »kann keiner rennen, ich müsste dir denn,
wie jener Freier, die goldnen Äpfel zum Abirren weit wegwerfen.«
    »Und so kann ich dir also doch weglaufen, sobald ich nur will.«
    »Dann schleudere ich, dein Zeus, Donner und Blitz dir nach, die sind doch
rascher als deine schönen Beine: meine Liebesgedanken ereilen dich dann, wie sie
dich ja auch so eingeholt und überlaufen haben, dass du mein Weibchen geworden
bist.«
    »Bin ich es denn?« sagte sie, ihn küssend, »deine Geliebte bin ich, dein
wildes Kind, wie du mich so oft nennst. Wie du mich neulich schlugst, mit meinen
eigenen schweren Locken, als ich deine Heldentaten gegen den Türken nicht
glauben wollte, du Prahler!«
    »Prahler!« fuhr er auf, und umschloss sie mit seinen kräftigen Armen, »und
eben ermahnte sie mich noch, in meiner Liebe mässiger zu sein, die nüchterne,
ungläubige Heidin! Ja, morden könnte ich dich, du Gottlose, liebste Liebe, in
diesen höchsten Momenten der Liebe.«
    »Und warum nicht gern sterben?« antwortete sie, »und mit Freudentränen im
Auge? - Ach, Paul, mein Giordano! wenn wir uns nach dem Tode wiederfinden, wenn
ich dir entgegenstürze, in jenem uns unbekannten Lande: wird dann die Wonne
nicht vielleicht noch grösser sein? oder anders? oder ist es, wie mir im Leben
vorher war, dass wir es uns jetzt nicht denken können?«
    »Tod und Leben in deiner Nähe ist mir eins«, antwortete Bracciano: »für dich
nur hat mich das Schicksal auf einer langen, und oft rauhen Bahn erzogen. So ist
mein Lieben jetzt die Schule, deiner in Zukunft noch würdiger zu werden.«
    »Ja«, fuhr sie fort, »und so schweben wir in jenen, uns jetzt unsichtbaren
und undenkbaren Gebieten, wir beide eins, und zugleich mit Andacht, Anschauen
der vorigen Kräfte eins, wie wir schon jetzt in begeisterten Momenten aufgehen
mit der schönen Natur umher, mit Luft, Himmel, Licht, den Gestirnen der Nacht,
und wir in Entzücken die ewigen Kräfte fühlen, die magisch im Gestein und
Wasser, in Mond und Sonne weben: wir hören dann, wir fühlen den Pulsschlag der
allgewaltigen Natur, Gotteit weht durch unser ganzes Wesen, und auch die
kleinste Faser unsers Daseins ist geweiht und klingt, wie die windbewegte Saite
der Harfe, in den Akkord der Unendlichkeit hinein.«
    »Und auch dies Gespräch«, fuhr er fort, »ist bacchantischer Natur. Wir
Menschen können nicht anders. Wohl dem Eingeweihten in Eleusis' Mysterien, wenn
er in jeder Chiffer, die ihm die Wirklichkeit vorhält, ein Geheimnis findet, ihm
verständlich.«
    »Oder ein Rätsel«, sagte sie, »das, als unerraten, lieblicher und tiefer
unser Wesen durchschauert, als wenn sich uns die sogenannte Wahrheit entüllte.«
    »Darum ist jede Wirklichkeit, jede Erscheinung Symbol«, sagte Bracciano,
»und wieder, oft in anderer, irdischer Begeisterung angesehen, bedeutet es doch
nur sich selbst, genügt sich selbst, und ist sich selbst das Höchste. Es ist
Abend geworden, lass uns ruhen, und jene sich genügenden höchsten Mysterien
feiern.«
    Sie sah ihn mit leuchtenden, aber keuschen Blicken an und schüttelte
lächelnd das Haupt. Er küsste sie aber und sie folgte ihm nicht unwillig. -
    So zählten sie in immer neuem Glück nicht Zeit und Stunde. - Flaminio war in
Padua, und hatte dort den Palast für sie eingerichtet, wenn sie mit dem Beginn
des Winters diesen beziehen würden. Der Herzog hatte den ältern Bruder Marcello
auch dortin beschieden, der jetzt, durch den erlauchten Schwager in
Wohlhabenheit versetzt, sich vornahm, fortan ein anständiges Leben zu führen.
Der Sommer war vergangen, aber die beiden Glücklichen dachten noch nicht daran,
ihre schöne Einsamkeit zu verlassen.
    Es war schon im Herbst, und einer von jenen wunderbaren Tagen, wie man sie
nur in den südlichen Berggegenden erleben kann. Er wollte das wundersam schöne
Wetter einmal ganz für sich allein im Walde geniessen. Vittoria blieb einsam
zurück und sass sinnend und schreibend bei offenen Türen im Saal, welcher die
Aussicht auf die schöne Landschaft erlaubte.
    »Wie selig müde«, so schrieb sie, »wie erregt in schlummernde Mattigkeit,
wie wach und bewusst in diesem seligen Traum! Die Liebe ist es, durch die ich
alles verstehe, durch welche auch das scheinbar Tote lebt. Der See schimmert und
rauscht und flüstert unter seinen wechselnden und spielenden Lichtstrahlen. Oft
klingt wie aus dem Grunde ein Glockenton herauf und tönt fort, wie mahnend unter
die kosenden, vielfach schwatzenden Laute hinein. Ist es des Wassers ernster
Geist, der die plaudernden Kinder ermahnt? Denn wie die kunstbegabte Hand durch
die vielfach tönenden Saiten der Harfe sich klug auf und ab bewegt, wie auf dem
Spinett die angeschlagenen Tasten klingen, so hält die Fee der Wasser die
glänzenden Finger hinein, und spielt mit den vor Freude zitternden Wellen und
lässt sie rieseln und klingen. Der ernste Felsen drüben zieht schon, wie zum
Schlaf, die ernste Nebelkappe über sein rauhes Haupt, um andächtig zuzuhören,
und die Wälder fragen sich: wird die Nacht kommen und die Traumgestalt, die dann
durch das dunkele Grün poetisch wandelt? Das kleine Gesträuch schwatzt am Ufer
von jener Zeit, in welcher es zu Bäumen wird, und statt der Amsel und der
Nachtigall der Adler sie besucht, und der Reiher in ihnen sein Nest baut. Wie
spiegelt sich die schlüpfende Eidechse noch in den letzten Strahlen der
untergehenden Sonne! Nun wandelt und wimmelt das kleine Wurmgeschlecht, die
Völkerschaft der kleinen Käfer auf mannigfachen Wegen durch das dunkler
leuchtende Gras. Der Adler fliegt zu seinem Horst und trinkt die Strahlen der
Abendröte: die Schafe kommen blökend von der Weide, die Glocken der Kühe tönen
den einförmigen Schall - ein Schweigen ruht auf Wasser, Feld und Berg - es
horcht brütend und aufmerksam in die Tiefe der Erde hinein, was die Geister dort
ausschwatzen, die niemals an die Oberwelt kommen. Nun stehen die Kuppen der
Berge hell blühend im Rosenlichte, die Nebel ziehen sacht, vom Strahle geküsst,
in den Wald hinab, die grossen Wolken malen kühn Schlacht und Tumult und
Ovidische Metamorphose in das dunkelnde Himmelsgwölbe. Nun geht sie fort, die
Abendröte, die Königin; bläulich grau, wie Leichname, stehn die Felsenkuppen,
wie Gespenster fast, und mich ergreift ein Schauer, und zittert an mein Herz
hinan.« -
    Wirklich ergriff sie ein fröstelndes Zittern, und sie stand auf die Fenster
und Türen gegen die eindringende Abendluft zu schliessen. Indem sie sich umsah,
nahm sie in der Ecke des Saales ein zusammengekauertes, kleines graues Wesen
wahr, das sich in der Nähe einer Tür gelagert hatte. Ihr erster Gedanke war,
einen jener blödsinnigen Bettler, oder die Gestalt eines Kretins vor sich zu
sehn, wie sie wohl in jenen Gegenden zu finden sind. Sie wollte die Diener
rufen, um das kleine Wesen mit einem Geschenke abzufinden, als dieses sich erhob
und den nebelgrauen Finger warnend ausstreckte. Es war nicht Wirklichkeit, so
sagte sie zu sich selbst, sondern eine Schöpfung ihrer aufgeregten Phantasie.
Sie trat dem Fremden dreist näher und heftete die Augen fest auf ihn, aber er
verschwand nicht, wie sie erwartet hatte. Sein hängendes Gewand war grau, mit
einem schwärzlichen Gurt in der Mitte zusammengehalten, die weiten Ärmel
schlotterten, und Arme, Finger, und Hände waren unendlich mager: sein Angesicht
war wie das eines halb verweseten Leichnams, die Lippen blassbläulich und die
Augen dunkel mit stechendem Blick. So mutig sie war, so genau sie den
Unheimlichen zu betrachten wagte, so konnte sie sich doch einer angstaften
Furcht nicht erwehren. - »Wer bist du?« redete sie ihn an; »was willst du von
mir?« »Dein Warner«, krächzte kaum vernehmlich der Kleine; »sollst dich hüten! -
Er - jetzt eben -«
    Da ging sie ganz nahe, aber ihre Hand erfasste nur die Mauer, es war nichts
da, was gesprochen haben konnte, aber viel finsterer war die Stelle des Saales,
als vorher, als der Kleine noch dort in seinem grauen Schimmer gestanden hatte.
- Aber sie fasste sich und rannte schnell aus dem Hause, da sie glaubte, soviel
begriffen zu haben, er sei in Gefahr. - Sie eilte in den nahen Wald. Hier war
die Dämmerung schon in Dunkel und Finsternis verdichtet. Es war, als wenn ein
unsichtbarer Führer sie auf den Fusssteigen geleitete, die sich nach allen Seiten
ausstreckten, denn sie zweifelte nicht, dass sie ihrem Gemahl begegnen müsse. Er
kam ihr auch nach geraumer Zeit entgegen, schwankend, ungewissen Schrittes, auf
einen fremden Mann gestützt. Sie eilte in seine Arme, er lehnte sich auf sie und
rief: »Nun bin ich getrost, da ich dich wiederhabe!«
    Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. »Dank Euch, mein guter Mann«,
sagte Bracciano, »dass Ihr mir bis hierher geholfen habt, jetzt ist mir besser.«
- Sie sah sich um, der Wald war an dieser Stelle um ein weniges lichter, und
schnell hatte sie mit einem kräftigen Stoss den unbekannte Begleiter zu Boden
geworfen. »Du Elender!« rief sie, »willst uns auch bis hierher verfolgen?«
Bracciano stand verwundert still. »Es ist ja der verächtliche Mancini, ein
Spiessgesell von Mördern, der uns damals von meinem unglücklichen Bruder den
Zettel brachte in der verhängnisvollen Nacht. Seitdem hat mich eben Marcello
wiederholt und dringend vor diesem Menschen warnen lassen, der im Solde unserer
Verfolger steht.« - »Mancini!« rief Bracciano, »ich kenne ihn als meinen Feind,
ob ich ihn gleich früher niemals sah.« Der Niedergestürzte raffe sich auf und
floh mit grösster Eil in das Dickicht des dunkeln Waldes. Sie wollte ihm nach,
aber das Zittern und Schwanken des Gemahls hielt sie bei diesem zurück und der
Verdächtige entkam.
    Vittoria führte ihn, ihn sicher stützend, in das Haus; er legte sich tu
Bett, und mit grösster Eil wurden Ärzte aus der nächsten Stadt herbeigerufen. Sie
wachte indessen bei seinem Lager, und er, so matt er sich fühlte, konnte nicht
einschlafen. -
    »Was ist dir geschehn?« sagte Vittoria in der Nacht: »du siehst bleich,
deine Hand zittert, dein Auge ist matt und sieht starr.«
    »Ich fürchte«, antwortete der Herzog, »ich bin durch mein Verschulden meinen
listigen Feinden in die Hände geraten: dass du diesen Mancini, vor welchem mich
seit lange schon freundschaftliche Briefe warnen, wiedererkannt hast, gibt mir
fast die Gewissheit davon. Ich glaube, dass ich ihnen und ihren Künsten
unterliege, und dass du zu spät zu meiner Rettung herbeigeeilt bist.
    O Vittoria! wir sind alle schwache, gebrechliche Menschen. Indem uns die
eine Torheit verlässt, meldet sich schon die andre bei uns an, und wir gestatten
ihr gern den Eingang. O freilich war es eine Lüge, dass deine Liebe mir eins und
alles sei, denn wäre dies, so hätte ich mich nicht von dieser Schwachheit so
gröblich hintergehn lassen.
    Schon vor Jahren laborierte ich mit meinem Schwager, dem Grossherzog. In
seinem Kabinett bewahrt er Wundersachen, die ich mir nicht zu erklären weiss. Und
mag man disputieren und klug sein, wie man will, mich hat noch kein Argument so
getroffen, dass es meine Überzeugung sei, nur ein Tor könne auf die Verwandlung
der Metalle und auf das Erringen des Goldes hoffen.
    Wie dieser Wonnerausch der Liebe alle unsre Kräfte erhöht, wie wir im
Glauben, oder Aberglauben, so selig sind, so kamen auch die alten, vergessenen
Träume wieder zu mir. Wer kann die Scheidewand ziehn zwischen Glauben und
Aberglauben? Ich erinnerte mich nun, dass ich schon einmal mit dem berufenen
Deutschen, dem Turneiser gearbeitet hatte, dass ich zu verschiedenen Zeiten die
Hoffnung genährt, dem Geheimnis ganz nahe auf der Spur zu sein.
    Vor einiger Zeit traf ich in diesem Walde einen alten Mann welcher Kräuter
suchte. Wir kamen ins Gespräch, er sagte mir einiges von Blumen, von der Kraft
mancher Gewächse, was mir ganz neu war. Seine Wohnung wollte er mir nicht
anzeigen, er war überhaupt in allen seinen Reden kurz angebunden, und er schien
vielmehr mich vermeiden, als aufsuchen zu wollen.
    Ich traf ihn ein andermal wieder, und nun erzählte er mir von einem viel
ältern Manne, dessen Schüler er sei, und welcher das grosse Mysterium besitze. Es
lag ihm aber, so tat er, nichts daran, dass ich den Greis kennenlernte.
    Nur wie zufällig fand ich ihn noch einmal, und nun führte er mich auf mein
Ersuchen zu einer Waldhütte, wo ich den Magier traf. Auch dieser rückhaltend,
kannte mich nicht, wollte mich auch nicht näher kennenlernen. Aber auf meine
dringenden Fragen gab er Antwort. Kurz, er war nicht abgeneigt, mir einen
sichtlichen Beweis seiner Kunst zu geben, wenn ich nämlich Mut genug dazu
besitze. Es war von nichts Geringerem die Rede, als mir die Geister meiner
Eltern zu zeigen, was mir um so merkwürdiger war, da der Zauberer, so wie ich
glaubte, mich gar nicht kannte.
    Zu keinem Sterblichen, so hatte ich mein feierliches Versprechen gegeben,
durften ich eine Silbe von diesem Abenteuer erwähnen, darum verschwieg ich auch
dir alles, was ich nicht hätte tun sollen. Heute, so war die Verabredung, ging
ich zu ihm. Nun die gewöhnlichen Vorbereitungen: er gab mir einen Trank der
Weihe, wie er ihn nannte, der mich stärken sollte, um das Ungewöhnliche, oder
Erschreckende leichter zu ertragen. Auch er trank davon, um mich ganz sicher zu
machen. Kein Mensch war im Zimmer als wir; die Fenster wurden gegen das
Sonnenlicht geschlossen, geweihte Kerzen angezündet, magische Kreise zog der
Beschwörer, und ein sinnebetäubender Rauch stieg aus seiner Pfanne, und erfüllte
das ganze Zimmer. Schon fing meine Nachgiebigkeit an, mich zu gereuen, als
wirklich im Dunst meine Eltern erschienen, und mit drohender Gebärde die
Zeigefinger gegen mich erhuben. Vielleicht hatte man auf Schrecken oder
Entsetzen von meiner Seite gerechnet, da ich aber kaltblütig blieb, so musste man
weiterschreiten. Ich war jetzt schon überzeugt, dass der Gaukler mich kenne, und
dass alles, vom ersten Augenblick an, auf eine gröbliche Täuschung berechnet
gewesen sei. Ich schämte mich vor mir selber. Da erschien im Dampf das Bild
jener Isabella von Florenz, dann der ermordete Peretti blutend. Ich wollte mich
entfernen, als der Dampf so vermehrt wurde, dass ich zu ersticken fürchtete, und
plötzlich standest du, in Qualen, halb nackt, aus vielen Wunden blutend,
verzerrten Angesichts da. Dem unerwarteten Anblick war ich nicht gewachsen, ich
stürzte nieder, bewusstlos. Nach einiger Zeit traf ich mich im Walde wieder, von
jenem Menschen geführt, den du wiedererkanntest. - Meine Feinde haben mich
überwältigt, und diese meine Schwachheit benutzt; ich fühl es, von diesen
Dämpfen bin ich vergiftet und jede Hülfe wird vergeblich sein.« -
    Noch in der Nacht erschienen einige Ärzte.
 
                               Siebentes Kapitel
Es war der Winter eingetreten, welcher in Oberitalien eine rauhe und traurige
Jahreszeit ist und viel Regen und Kälte mit sich bringt. Der Herzog Bracciano
war gestorben und zur Erde bestattet. Vielfache Gerüchte waren seinerhalb
verbreitet. Waren es die Orsini, die Gegner in Florenz, die Freunde des in Paris
ermordeten Troilo, die sich ihm in Masken genähert und ihn listig fortgeschaft
hatten? Das Haus, wo jene Geisterscheinungen vor sich gegangen sein sollten,
konnte man im Umfange des Waldes, sosehr man sich auch bemühte, nicht auffinden;
derjenige, welchen Vittoria als Mancini erkannt hatte, war seitdem nirgend
gesehen worden. So glaubten manche, die sich für die Einsichtigen hielten, ein
Fieber habe den Herzog hingerafft, und seine sonderbaren Aussagen zeugten nur
von der Krankheit seines Gemütes und einer schon ganz irregeleiteten Phantasie.
Die Wundergläubigen dagegen behaupteten, seine Visionen in dem rätselhaften,
verschwundenen Hause hätten sich, sei es durch einen Magier, sei es auf andre
übernatürliche Weise, dem Verstorbenen wirklich gezeigt, um ihm alle Sünden und
Verbrechen seines Lebens vorzuhalten, und keine giftigen Dünste oder Getränke,
sondern die Qual des aufgescheuchten Gewissens habe seinen frühen Tod
herbeigeführt.
    Vittoria ertrug ihren Schmerz, wie grosse Seelen fast immer die herbsten
Verluste zu tragen pflegen. Man sah sie nicht klagen und weinen, ihr Unglück war
zu gross, um sich in solchen Leiden kundzutun. Sie lebte in einer stillen,
erhabenen Resignation. Ihr Leben war beschlossen: ein Frühling, Sommer und
Herbst war ihr Glück gewesen, in diesen wenigen Monaten war der Inhalt ihres
eigentlichen Daseins befangen. Die Erinnerung dieser ländlichen Einsamkeit war
jetzt ihr Genuss, sich jede, auch die kleinste Begebenheit, den unbedeutendsten
Scherz wieder lebhaft herbeizurufen.
    Sie hatte den für sie bestimmten Palast in Padua bezogen. Der Magistrat der
Stadt, der hohe Adel, sowie einige der vornehmsten Geschlechter aus Venedig
hatten sie ehrerbietig als Herzogin von Bracciano begrüsst und ihr Schutz und
Sicherheit zugesagt.
    Viele Diener, einige Stallmeister, alles was zum Gefolge einer mächtigen
Familie gehört, umgab sie. Der Herzog hatte schon früher ein Testament zu ihrem
Vorteil gemacht, in welchem er ihr alle baren Summen, das Geschmeide, Juwelen
und Kostbarkeiten, alles Silbergeschirr, den Marstall und alle Mobilien seiner
Güter gerichtlich übergab, sowie den wohleingerichteten Palast in Padua. Das
Testament war unter den Schutz des Herzogs Alfons von Ferrara, sowie einiger
anderer Grossen gestellt, weil Bracciano gegen die Familie der Orsini ein
gerechtes Misstrauen hatte, er auch wohl überzeugt sein konnte, dass das Haus der
Medicäer dieser Verfügung nicht hold sein würde. Sollte und konnte der Fürst von
Este die Herzogin Vittoria Bracciano schützen und mit Kraft vertreten, so war
dies freilich auch Veranlassung, den Fürsten von Florenz gerade deshalb zu
Streit und Eifersucht zu bewegen, weil schon seit lange Ferrara und Florenz in
beständigem Zwiespalt lebten. Alle Güter und übrigen Schlösser des Bracciano,
seine grosse Herrschaft, alles verblieb dem Sohn Virginio, welchen er mit der
Schwester des Grossherzogs von Florenz, Isabella, erzeugt hatte. Man konnte also
billigerweise wohl nicht behaupten, dass der verstorbene Herzog seinen Kindern zu
viel entzogen habe, um die kinderlose Vittoria allzusehr zu begünstigen.
    Wäre die grossgesinnte Witwe irgend geneigt gewesen, viele Menschen um sich
zu sehn, so war der Adel der Stadt und der Umgegend geneigt, ihr seine Huldigung
darzubringen. In ihrer Stimmung zog sie aber die Einsamkeit vor und den Umgang
einiger Gelehrten und edlen Priester. Wer so grosse, unnennbare Schmerzen
durchlebt, der wendet sich gern in der Einsamkeit seines verwaiseten und
verarmten Herzens an die ewige Liebe des Unnennbaren, die dem Menschen am ersten
im Unglück sichtbar wird. Poesie und Gelehrsamkeit verliessen die Ärmste nicht
und ihre Stimmung war auch nicht der Art, dass sie diese Göttergaben, diese
himmlischen Begleiter des Lebens, vorsätzlich als Torheit verabschiedet hätte;
aber so, wie ihr sonst der Olymp und Parnass, Apollo und sein liebliches Gefolge,
der Tanz der Grazien und das Necken der Amorinen persönlich anschaulich gewesen
und in ihren dichtenden Stunden immer näher getreten war: so erwachte jetzt das
Bedürfnis bestimmter in ihr, sich jenen Unsichtbaren, den in der Andacht
Geahneten, in Bildung und Gestalt als Vater und Tröster zu verwirklichen, sich
diesem Vater der höchsten Liebe ganz hinzugeben, der sich durch den Schmerz, das
Mitleid mit dem Menschengeschlecht und die Inbrunst seiner Liebe sich selbst und
dem Vater der armen Sterblichen so himmlisch verständlich gemacht hatte. Sie
fühlte deutlich, dass, soviel sie geschaut und empfunden hatte, doch eine Lücke,
eine Kluft in ihrem Herzen geblieben war, die der tiefste Lebensschmerz ihr erst
entdeckt und beleuchtet, und ihr zugleich gewiesen hatte, wie diese Leere durch
Liebe auszufüllen sei. Sie erfuhr nun an sich, dass die ewige Liebe sich keinem
entzieht, der sie wahrhaft und mit ernster Anstrengung sucht, und auch in diesen
Übungen der Andacht fühlte sie den teuren Gemahl wieder ganz nahe in ihrer
Gegenwart.
    Unter den merkwürdigen Besuchenden trat auch der mehr als achtzigjährige
Sperone wieder zu ihr, mit dem sie von Literatur, den Gelehrten, und dem armen
eingekerkerten Tasso sprach. Es schmerzte sie innig, dass der Greis weder Tassos
Talent noch Unglück in seiner ganzen Grösse anerkennen wollte.
    Als diese grosse ehrwürdige Gestalt sich entfernt hatte, trat auf sein
dringendes Verlangen der schmächtige, zitternde Camillo Mattei ein, der so
herzlich wünschte, seine ehemalige Jugendgespielin nach zehn vollen Jahren als
grosse, reiche Herzogin und mächtige vornehme Dame wiederzusehn. Vittoria musste
wider ihren Willen über die sonderbare Verlegenheit ihres Jugendfreundes
lächeln. Sie suchte ihn zu beruhigen und sicher zu machen, indem sie ihren Ton
jener ehemaligen Vertraulichkeit näherte. Er fasste endlich mehr Mut, und
erzählte von seinen Eltern, welche beide schon seit Jahren gestorben seien, sein
Oheim Vinzenz mache sich in Tivoli gute Tage, indem er durch den Bischof Ottavio
wohlhabend geworden sei, auch eine bessere Pfründe erhalten habe. Er selbst habe
in diesen zehn Jahren vielfaches Elend durchgemacht und kennengelernt. Die
Lebensweise auf der Galeere sei eben nicht die schlimmste gewesen, oft sei er in
der Gesellschaft der Banditen noch schrecklicher gemisshandelt worden, wenn es
freilich auch hie und da gute Tage gegeben habe. Seit nun der grausame Sixtus
der Fünfte den päpstlichen Tron bestiegen, hätten alle sich mit der grössten Eil
und Angst aus dem Kirchenstaat geflüchtet, jeder, der ergriffen, sei
hingerichtet worden, und so hätten viele der bravsten Männer auf erschreckliche
Weise ihr Leben eingebüsst. So habe sich Piccolomini und Sciarra und andre
Bandenführer fortgemacht, ebenso der unvergleichliche Luigi Orsini, in dessen
Diensten er gewesen, seit er von der Galeere frei geworden. »Jetzt ist dieser
Herr Luigi hier in Padua«, so beschloss er.
    »Hier?« rief Vittoria in der grössten Bestürzung aus.
    »Ja wohl«, sagte Camillo, »er hat den grossen Palast Barbarigo dort am Wasser
eingenommen, er mit allen seinen braven und furchtbaren Männern. Die Republik
hat den tapfern Grafen schon seit einiger Zeit in ihre Dienste berufen, und er
geht in wenigen Tagen mit uns allen als Militär-Gouverneur nach Korfu ab.«
    »Nach Korfu? und bald?« fragte die Herzogin, etwas beruhigt.
    »Ja wohl«, sagte Camillo, »denn Venedig, so sagt man, will dort eine tapfere
Besatzung und einen kühnen Anführer hinlegen, weil von den Türken grosse Gefahr
zu besorgen sei.«
    Camillo entfernte sich wieder, in seiner Imagination diese Vittoria mit
jener vergleichend, die er vor zehn Jahren geküsst, deren Reize er ohne Schleier
gesehn hatte. Jetzt zitterte er vor der, welche er damals so kühn umarmte.
    Auch Vittoria mass ihren jetzigen Zustand mit jenem kindlichen von damals.
Jetzt hatte sie nun den Brunnen und den grossen Saal des Apone oder des Pietro
von Abano gesehn, auch dessen Bildnis, und wie gleichgültig und unbedeutend war
ihr alles erschienen.
    Nicht lange, so erschien Luigi Orsini selber vor ihr, den sie nicht,
wenigstens diesen seinen ersten Besuch, hatte abweisen können. Er war stärker
geworden, im Antlitz ganz gebräunt, doch hatten ihm die Erfahrungen von zehn
Jahren ein milderes Ansehn gegeben. Er bemerkte es wohl, wie Vittoria bei seinem
Eintritt zitterte, er aber näherte sich verbindlich, küsste mit Anstand und fein
sich verbeugend die Hand und sagte: »Schöne Muhme, ich muss vor Euch erscheinen,
wenn Ihr mich auch vielleicht ungern seht, um Euch mein Beileid über Euern
grossen schmerzlichen Verlust, das Abscheiden des edelsten Mannes zu bezeugen,
den wir Orsini alle immerdar gern und ohne Widerspruch für das edelste Haupt
unsrer Familien anerkannten, dessen Wille uns fast immer für einen Befehl galt,
und dem sich auch die Kecksten unter uns in Ehrfurcht beugten.«
    Vittoria sah in verwundernd an, und bestätigte gern, was er von den Tugenden
und dem Adel ihres Gemahls ausgesprochen hatte. »Ihr habt«, fuhr Luigi fort, »an
Schönheit gewonnen, erlauchte Herzogin, die Zeit vermag nichts über Eure Reize,
eine erhabne Majestät regiert in Euren Zügen, aber doch ist es noch viel zu
früh, dass ihr Euch den Matronen zugesellen könntet. Nun solltet Ihr so bald als
möglich diese Trauergewande ablegen, denn sie heben Euern Reiz so strahlend
hervor, dass Ihr nur um so vieles verführerischer erscheint.«
    Vittoria wollte ihn mit einem strengen Blicke strafen, der aber an seinem
feinen, fest stehenden Lächeln abglitt.
    »Zürnt mir nicht«, fuhr er ungestört fort: »zwar widerfuhr es mir ehemals
ebenso, und ich darf mich wohl keiner andern Begegnung von Euch erfreun,
obgleich ihr jetzt Witwe, und widerum ganz frei seid. Was aber könnte mir Liebe
und Leidenschaft nutzen, da ich an eine schöne Frau gefesselt bin, die auch aus
einem hohen Hause stammt? Und sie etwa umbringen, um mich einer andern Schönheit
würdig zu machen, wäre doch zu grausam, obgleich man sagt, dass Liebe und
Grausamkeit wohl aneinander grenzen. Habe ich Euch doch in meiner Jugend auch
dergleichen vorgeschwatzt, wodurch ich Euch erzürnte. Ich drohte Euch damals,
wenn ich mich recht erinnere, sogar mit Tod und Untergang, und ich muss über
meine törichte Heftigkeit selber lachen, wenn ich sehe, wie wir uns jetzt, in
diesem Augenblick gegenüberstehn.«
    Er lachte mit dem Ausdruck des albernsten Leichtsinnes, indessen Vittoria im
Innersten erschauderte und ihr Angesicht von ihm abwenden musste. Doch, um wieder
ernstaft zu sein, fing er von neuem an: »Ich bin bei Euern würdigen und sehr
angesehenen Rechtsgelehrten gewesen, und diese werden es Euch auch wohl
mitteilen, verehrte Muhme, dass ich gegen das Testament Eures erhabnen Gatten
einen Einspruch erhoben habe, zum Besten meines armen Neffen Virginio, und der
Grossherzog von Florenz, sowie der Kardinal Ferdinand sind darin mit
einverstanden, dass er, der Verwaiste, nicht so sehr darf beschädigt werden: ich
bin auch überzeugt, dass der strenge, feste Papst auf unsere Seite treten wird.«
    »Von diesen Sachen«, erwiderte sie, »verstehe ich so wenig, dass ich bitten
muss, alles dies mit meinen Advokaten abzumachen, die man mir als sehr gelehrte
und rechtschaffene Männer anempfohlen hat: auch mögt Ihr mit dem Dogen wenn ihr
es gut findet, darüber sprechen, oder Euch an den Herzog von Ferara wenden, die
sich als meine Beschützer erklärt haben.«
    »Ich wenigstens«, antwortete Luigi, »kann dergleichen nicht abwarten, denn
ich segle schon in diesen Tagen mit meinen Leuten nach Korfu ab, kann also erst
später die Entscheidung erfahren. Aber was, reizende Dame, wollt Ihr nur mit dem
ganzen grossen Marstall eines so berühmten Reiters und Jägermeisters, wie es der
Herzog war, anfangen? Alles Mobiliar ist Euch vermacht, kann man aber wohl
rennende und springende Rosse, wenn sie sich gleich bewegen, ein Mobiliar
nennen? Diese Tiere sind Euch ganz unbrauchbar. Ja, wärt Ihr eine wilde
Reiterin, wie jene Margareta von Parma es war, so liesse sich dieser Punkt des
Testamentes, oder die Auslegung eher begreifen.«
    Er lachte wieder und Vittoria sagte: »Lasst das, werter Graf, ich hoffe, dass
wir uns über alle etwa streitigen Punkte vereinigen werden.«
    »Noch an einen Punkt muss ich erinnern«, fing der Redselige wieder an. »Euer
Gemahl war in aller Zeit sehr grossmütig und freigebig, er liebte, wie Ihr es
wisst, Pracht und Aufwand, und so musste ich ihm einmal, als er sich in Not
befand, mit einer sehr bedeutenden Summe aushelfen. Ich kann Euch durch meinen
Advokaten die bündige Verschreibung, von ihm selbst unterzeichnet, vorweisen
lassen. Für diese grosse Summe, die ich jetzt bei meiner Ausrüstung nach Korfu
sehr gut brauchen könnte, würde mir, so wie ich es kenne und überrechne,
ohngefähr der Schatz Eures Silbergerätes ausreichen. Was die Juwelen und
altererbten Schmuck und Kostbarkeiten betrifft, so kann der Grossherzog und
Kardinal unmöglich diesen fast königlichen Juwelenschatz aus der Familie
entführen lassen.«
    Vittoria stand auf und der Graf ebenfalls. »So soll ich denn«, sagte sie,
ohne Zorn, aber ihn fest anblickend, »völlig beraubt und geplündert werden. Wie
ich Euch sagte: persönlich werde ich mich nicht darein mischen, das Recht und
meine hohen und höchsten Beschützer mögen für oder gegen mich sprechen: diesem
Ausspruche werde ich mich unbedingt fügen.« - Sie gab dem lästigen Besucher das
Zeichen, dass sie ihn verabschiede. - »Nicht in Zorn«, sagte er, sich tief
verneigend, »entfernt mich so, schönste Muhme, erlaubt mir vorerst noch einen
Kuss der Ergebenheit auf diese himmlische Hand zu drücken. Ich muss doch wieder
lachen seid mir nicht böse deshalb. Gedenkt Ihr des Tages, als Ihr Euch mit dem
kleinen Peretti vermähltet? In der Kirchtür stand ich grimmig und erbost hinter
Euch, meine Leidenschaft war so ungeheuer, dass ich ihn und Euch mit dem Dolch
hätte niederstossen können, und ich sagte Euch ins Ohr: Wir sehn uns, oder wir
treffen uns wieder! - Nun freilich sind wir auch wieder zusammengekommen, und
sprechen hier, wie alte Handelsleute über Geld und Geldeswert,«
    Vittoria war nach diesem unglückseligen Besuch des Frechen in einer
Stimmung, dass sie in eine Wüste hätte ziehen mögen, um nur kein menschliches
Antlitz mehr zu sehen. Sie liess ihren alten, ehrwürdigen Rechtsgelehrten ruf en,
um sich an seinem Gespräch wieder etwas zu beruhigen. Er tröstete sie, und sagte
unter andern: »Sorgt nicht zu sehr, Exzellenz; diese Anfälle des rohen Menschen
geschehen mehr, Euch zu kränken, als dass er irgendeinen festen Grund hätte, auf
welchem er fussen könnte. Es wäre unerhört, wenn ein mächtiger, reicher Herzog,
der im Bewusstsein aller seiner Seelenkräfte stirbt, nicht in einem legalen
Testamente seiner rechtmässig von der Kirche angetrauten Gemahlin sein Mobiliar,
bares Geld und Schmuck sollte vermachen dürfen. Wenn Ihr Euch dieser und jener
Sache, vielleicht des zahlreichen Marstalls, der Euch mehr belästigen, als
nutzen mag, entäussert, so kann das nur durch Euern freien Entschluss und auf dem
Wege des Vergleichs geschehen, auf keine Weise durch Zwang. Über seine alte
Schuldforderung an Euern Gemahl möchte man lachen; er, der Verschwender,
Verschuldete, war wohl niemals in der Lage, dem Herzoge einen so grossen,
bedeutenden Vorschuss leisten zu können. Wäre es aber selbst der Fall, so müsste
er um Wiederbezahlung bei den Haupterben, dem Sohn, der die Herrschaft und alle
Güter bekommt, nicht aber bei der Nebenerbin, seine Forderung einreichen. Es ist
keine Frage, dass die Medicäer und die Orsini dies Testament des weisen Herzoges
umstossen möchten, aus Eigennutz und Hass: auch der Papst, der Euch, erhabene
Frau, aus begreiflichen Ursachen nicht gewogen ist, riet Euch, wie Ihr wisst, die
Erbschaft fallenzulassen, und Euch in ein Kloster zurückzuziehn, in welchem er
Euch dann mit einer jährlichen ansehnlichen Summe versorgen würde: Ihr habt dies
Anerbieten aber, und mit Recht, zurückgewiesen. Da der Herzog Euch keins (wie er
es immer noch gekonnt hätte) von seinen vielfachen Gütern vermacht hat, um Euch
nicht Euern Feinden auszusetzen, so kann nach Recht, Gesetz und Herkommen auch
von diesem übermachten Vermögen Euch nichts entrissen werden. Ihr seid als
adliche Tochter der Republik anerkannt, der Herzog von Ferrara hat Euch auf
bestimmte Weise seinen Schutz zugesagt und so darf Florenz nicht wagen, die
Orsini noch weniger, gegen die grosse, gewaltige Familie, einer Nebensache wegen,
in offne Feindschaft auszubrechen: und der Papst am wenigsten, der seinen
Vorschlag nur als Rat einsendete, und der das gewaltige Ferrara, das schon oft
verletzt wurde, schonen muss Dieser Luigi will sich auch nur, nach seinem
schlechten Lebenswandel, bei den Florentinern und den Erben von Bracciano
wichtig machen, um etwas zu gewinnen: vom Papst möchte er gern die eingezogenen
Güter wiederhaben, und meint auch diesen für sich zu erobern, wenn er Euch etwa
einschüchtern könnte: befehlt darum strenge, dass der Freche niemals wieder über
Eure Schwelle gelassen werde, und wir alle werden mit Erfolg Euer Recht
beschützen.«
    »Wenn ich nur meiner Stimmung folgte«, antwortete Vittoria, »so würde ich
alles von mir werfen, und mich mit wenigem in die entfernteste Einöde
zurückziehn, um niemals wieder in die Nähe von Menschen zu kommen: ich brauche
ein Geringes; meine würdige Mutter, die sich meines Glanzes erfreut haben würde,
ist gestorben, so wie mein ältester Bruder, Marcello wie Flaminio sind durch die
Grossmut meines Gemahls reichlich versorge; ich kann mich aber, so denke ich,
nicht zurückziehn, das Testament als ungültig hinwerfen, und mich in ein Kloster
verkriechen und von der unwilligen Gnade eines erzürnten Papstes leben. Dadurch
würde die Ehre meines Gemahls gekränkt, und ich erklärte mich öffentlich für
unwürdig, jemals an seiner Grösse teilgenommen zu haben. So zwingen uns immer
wieder Bedingungen und Umstände zu Handelsweisen, sie legen uns Pflichten auf,
von denen wir in gewöhnlichem Verhältnis, wenn wir alles aus der Ferne
betrachten, keine Vorstellung haben.«
    Der Graf Luigi kam sehr verdriesslich von seinen Advokaten zurück, die ihm
alle Schwierigkeiten des Prozesses auseinandergesetzt und ihm vorgestellt
hatten, dass er wenigstens nicht so schnell, als er es gedacht, beendige werden
könne, da die mutige Frau sich nicht einschüchtern lasse. Auch sei der Ausgang
selbst sehr bedenklich, da sie so hohen Schutzes geniesse, der Vorwand, das
Testament umzustossen, auch kein hinreichender sei.
    »Diese Hunde von Advokaten!« rief er in Wut, als er wieder zu den Seinigen
im Palast zurückgekehrt war. »Diese Federfechter mit ihren Klauseln und
Praktiken! Ich habe alles dem Kinde, meinem Vetter, so fest versprochen, er
tritt mir gern einen Teil des Vermögens ab, künftig, als Schwiegersohn des
Papstes muss er mir meine Güter wiederschaffen.« -
    Er versammelte seine Vertrauten um sich. Der den meisten Einfluss auf ihn
hatte, war der verruchte Graf Pignatello, der vor keiner Tat und keinem Morde
zurückschreckte: seine Liebe und Freundschaft besass aber der mildere Graf
Montemellino, ein naher Verwandter jenes Blutdürstigen. Diese beiden und noch
einige der Entschlossensten wurden zum geheimen Rate berufen.
    »Je schneller geendigt, je besser«, sagte Pignatello. »Kinder sind nicht da,
die Toten schweigen und Prozess und Testament sind von selbst zu Boden gefallen.«
Luigi war derselben Meinung und der mildere Montemellino konnte seine Einwürfe
nicht geltend machen. »Nein!« schrie Luigi: »abgesehen von allen meinen
Vorteilen, so muss ich an dieser Kreatur Rache, blutige Rache nehmen. Nur wer
jemals rechten, innerlichen, ewigen, wahren Hass empfunden hat, kann wissen und
ermessen, welchen Grimm und welche Wut mir diese Buhlerin seit so vielen Jahren
erregt hat. Kein Drache, Krokodil, Ungeheuer, keiner, der mir Vater und Mutter
ermordet hätte, könnte je meine Seele mit diesem Abscheu anfüllen, wie er in Wut
gegen dieses schöne Untier in meinen Eingeweiden kocht und siedet. Wie sie mich
immer verletzt, zurückgestossen und gekränkt hat; nicht gegen den räudigen Hund
kann man so viel Ekel und Widerwillen zeigen, als sie mir mit ihrer Mutter so
unverhohlen bewies. Es war ein innerlichster Schwur, eine Aufgabe meines Lebens,
und beides habe ich in keinem Augenblick, auch in meiner Brautnacht nicht,
vergessen und aufgegeben, mich blutig an dieser Sirene oder Harpyie zu rächen.
Und diese wonnevolle Stunde soll nun endlich geschlagen haben. Wer als ein Lump
mir die Freundschaft aufsagen will, mag es jetzt tun, denn ich bin mir selbst
genug.«
    Alle sagten mit Schwüren ihre Hülfe zu und Orsini sprach: »So muss es bald,
so muss es eilig geschehn, noch vor dem Fest, denn unmittelbar nach Weihnachten,
wie ihr es wisst, sollen wir nach Korfu absegeln. Die Kreatur muss morgen
vernichtet sein.«
    Vittoria war zur Beichte gewesen, und hatte mit mehr Erbauung als je das
heilige Abendmahl genossen. Mit einem Gefühl des Schauers trat sie in ihren
grossen, einsamen Palast. Sie sprach mit ihren Brüdern, dann war sie wieder
allein. Flaminio, seit er nicht mehr für den Herzog beschäftigt war, wusste nicht
recht, wie er seine Zeit anwenden sollte. Marcello, der sich mit Büchern nicht
unterhalten konnte, wünschte als Soldat von der Republik angestellt zu werden,
nur dünkte es ihm schmählich, bei Orsini, dem Feinde seiner Schwester, Dienste
zu nehmen.
    Vittoria suchte sich in Büchern zu zerstreuen und zu erheben. Aber ihr
Schmerz war noch zu neu; sie betete oft im Stillen: »O gütiger Vater, gib,
schenke mir nur eine, eine einzige Minute, in welcher ich meinen Verlust völlig
vergessen kann, nur so viel, um auszuruhn, damit ich dann neu gestärkt zum
Gefühl meiner Leiden zurückkehren möge.« Aber wie sie die Hand ausstreckte, wie
sie ein Buch ausschlug, wie sie den Bissen zum Munde führte, war es ihr immer,
als wenn Bracciano nun neben ihr stände, mit jenem sterbenden Leichenblick, der
sich ihr so tief, so unvergesslich eingeprägt hatte.
    So war es Abend, so war es Nacht geworden. Sie war in ihrem Schlafzimmer,
arbeitete, betete und las abwechselnd. Würde mir ebenso sein, sagte sie zu sich
selbst, wenn ich ein geliebtes Kind von ihm an meinem Busen nähren könnte?
    Marcello hatte schon beim Mittagsessen darauf angetragen, den Pförtner des
Hauses zu entlassen, weil dieser ihm verdächtig erschien. Vittoria, ganz in
ihren Gedanken vertieft, hatte diesen Vorschlag keiner Aufmerksamkeit gewürdigt.
Jetzt schlich sich Camillo zu Flaminio, der im Vorzimmer schrieb, und wollte ihm
mitteilen, was er glaubte, gehört, oder vielmehr erraten zu haben: Flaminio riet
ihm zu warten, weil er den kräftigen Bruder Marcello rufen und suchen wolle.
Sowie sich Flaminio entfernte, entfloh der geängstigte Camillo wieder, weil er
sich vor Marcello fürchtete, und nicht den Mut hatte, diesem seine Gedanken
mitzuteilen.
    Vittoria begriff es nicht, was sie in dieser Nacht mehr als jemals ängstigen
könne. Sie kniete auf den Betschemel, und strebte im Gebet wiederum ihre Seele
zum allmächtigen Vater emporzuheben. Nun ging sie wieder in den Saal, und
beleuchtete mit der Kerze die Bilder, die dort an der Wand hingen. Mit einem
Male stiess sie einen lauten gellenden Schrei aus, denn hinter ihr, wie sie sich
umwendete, dicht an ihr, stand eine grosse, furchtbare Gestalt, mit geschwärztem
Angesicht, die sie aus den dunklen Augen gross anstierte. Sie wollte nach der
entgegengesetzten Seite entrinnen, und eine andre entsetzliche Figur trat ihr
entgegen, und die dritte, vierte, und mehr, alle mit unkenntlichen Gesichtern,
geschwärzt, oder in dunkeln Masken. »O Gott!« schrie sie »der abscheuliche Traum
meiner Kindheit geht in Erfüllung!«
    Auf ihren gellenden Schrei war aus dem innern Zimmer Flaminio
hereingesprungen. Sowie sie ihn erblickten, rannten die Verlarvten auf ihn zu
und hieben ihn nieder. Da öffnete Marcello die äussere Türe, sah die
Abscheulichkeit, und sprang schnell Fassung gewinnend, zurück, und so aus dem
Fenster auf die Gasse hinaus, um Hülfe, oder die Wächter der Stadt anzurufen.
    »Du stirbst!« sagte die grosse, finstre Gestalt mit dumpfem Ton zur
geängstigten Vittoria. - »Ich ergebe mich«, klagte sie, denn sie sah und hoffte
keine Rettung, da ringsum die blanken Degen und Dolche ihr drohten, und einige,
niederknieend, noch ihren Stahl in den zerhauenen Leichnam des Bruders, wie aus
Übermut bohrten.
    Also heut, diese Nacht, jetzt, erfüllt sich mein Schicksal, sagte sie zu
sich selbst. - »Wirf das Kleid, diese Gewänder und Tücher von der Brust zurück,
wenn du eines leichten Todes sterben willst« - sagte die dunkle Gestalt.
    Folgsam wie ein gehorsames Kind, warf sie das Nachtleibchen ab, denn sie
hatte sich schon zum Schlafen aus- und angekleidet. - »Auch das Busentuch!« -
rief jener; - sie tat es - er zog hierauf selbst das letzte Leinengewand von der
Brust zurück und die herrliche Gestalt stand in ihrer glänzenden Schönheit,
nackt bis zu den Hüften hinab, wie das herrlichste Marmorbildnis da, die festen,
getrennten Brüste im Dämmer des wenigen Kerzenlichtes schimmernd. So sank sie
auf den Betschemel knieend nieder. Man hätte denken sollen, der roheste Barbar,
der Kannibal müsste sich bei diesem Anblick erweichen lassen. Da stiess er den
scharfen Dolch zielend neben der Brust in den Leib. Sie sank zu Boden. - »Oh,
wenn ich tot bin«, so klagte sie, »habt die Barmherzigkeit und kleidet mich
wieder an.« - »Vielleicht«, sagte jener und stiess das Eisen wieder in die Wunde,
indem er es wie prüfend, zwei-, dreimal drin bewegte. - »Wie ist dir?« fragte
er. - »Kühl ist die Schneide«, sprach sie lallend, »- o lass jetzt - ich fühle,
das Herz ist getroffen.« - »Noch nicht«, sprach der Schreckliche mit
entsetzlicher Kälte - »noch einmal«: und wieder an einer andern Stelle stach er
in den edlen, marmorweissen Körper. Da sank sie ganz zu Boden, das Haar löste
sich und schwamm in dem Blutstrom, der sich auf dem steinernen Fussboden hingoss.
    Andre hatten auf einen Wink indessen schon die Schränke hier und in den
andern Zimmern erbrochen, was sie an Gold, Juwelen und Kostbarkeiten fanden,
nahmen sie mit sich und verschwanden dann so still, wie sie gekommen. Wohl
hundert Bösewichter waren es gewesen, die alle Türen und Zimmer bewacht hatten,
damit die Mörder nicht gestört werden könnten.
    Orsini erwartete scheinbar ruhig den Ausgang: er hatte sonderbar genug, bei
der Ermordung nicht zugegen sein wollen: der abscheuliche Pignatello hatte sich
zu dieser Exekution gedrängt.
 
                                 Achtes Kapitel
Marcello, der entsprungen war, hatte keine Häscher oder Wächter in der öden
finstern Nacht antreffen können, auch hatte er bemerkt, dass das ganze grosse Haus
von jenen Mördern und Raubgesellen angefüllt war, so dass eine Hülfe von wenigen
Menschen nutzlos und für diese nur gefährlich geworden wäre. -
    Gegen Morgen erst kehrte er zurück: in allen Zimmern waren die Dienstleute,
der alte Guido, die alte Ursula, der Haushofmeister, die Kammerdiener, alle
gebunden und geknebelt, einige fast tot vor Furcht und Schrecken.
    Nun verbreitete sich das Gerücht von dem schrecklichen Ereignis durch die
Stadt. Man kam und sah mit Entsetzen die Greuelszene des Mordes. Einige Damen
erbarmten sich der Leiche und bekleideten sie, indem sie die hohe Schönheit des
entseelten Körpers mit Bewunderung betrachteten.
    Mit scheinbarer Betrübnis kam nun auch Graf Orsini wehklagend herbei. Er
liess die Leichname in die nahe Kirche bringen und dort ausstellen. Flaminio war
so entstellt und zerhauen, dass man ihn nur mit Mühe wiedererkennen konnte.
    Die Tat war so abscheulich, so frech unternommen und ausgeführt, dass weder
Padua noch der Staat von Venedig sich ruhig dabei verhalten konnten. Auf
dringendes Ansuchen ward der Türhüter eingezogen, und erst gütlich, dann auf der
Folter befragt; der zerknirschte Camillo meldete sich von selbst, und bekannte
so viel, als er vom Komplott wusste.
    Indessen liess Orsini, der sich als naher Verwandter aller Anstalten
bemächtigte, die beiden Leichname ohne alles Gepränge und so still, wie möglich
beerdigen. Der Adel wie das Volk murrten darüber, dass so wenig für das
Gedächtnis einer der vornehmsten Damen geschah, dass auf das Andenken und den
Namen eines mächtigen Herzogs nicht mehr Rücksicht genommen wurde. Sosehr man
auch gesucht hatte, die Feierlichkeit des Begräbnisses zu vermindern und das
Ganze gleichsam zu verschweigen, so strömten doch viele Menschenmassen hinzu,
und klagten laut über den Frevel und beweinten die Ermordete.
    Der Magistrat der Stadt berichtete den ungeheuren Vorgang sogleich nach
Venedig. Nach der Angabe des Camillo Mattei, sowie nach einigen Anzeigen fiel
der nächste Verdacht des Verbrechens auf Luigi Orsini: der Stattalter, der für
Venedig in Padua residierte, liess den Grafen also zu sich in das Stadtaus
laden. Der Übermütige erschien mit seinem ganzen Gefolge, allen jenen
Verbündeten, die am Morde teilgehabt hatten. Da sie alle bewaffnet waren, liess
die Magistratsperson nur den Grafen herein, alle übrigen mussten auf der Strasse
und im Hofe warten.
    Der Unverschämte trat wie ein König vor den Gouverneur hin, und statt auf
dessen Fragen zu antworten, fuhr er selber als Fragender auf den alten Mann los:
»Wie kommt Ihr dazu, Signor, mich wie einen Eurer Klienten oder einen Bürger der
Stadt auf diese Weise vor Euch zitieren zu lassen? Was niemals als ich in Rom
lebte, der Papst Gregor wagte, was ich meinem Verwandten, dem Grossherzog von
Florenz, ja, was ich keinem Könige der Erde einräumen würde, das wagt Ihr an
meiner Person? Kennt Ihr mich? Wisst Ihr von meinem Herkommen und meinen
Vorfahren? Ganz andre Männer, als ich jetzt einen vor mir sehe, haben vor mir
gezittert. Wenn Ihr mich sprechen wolltet, so war es geziemlich, dass Ihr Euch
bei mir melden liesset, und ich würde Euch gern Gehör erteilt, und vernommen
haben, was Ihr begehrt oder wünscht.«
    Der alte Mann, ein fester Charakter, liess sich durch diese Grosssprechereien
nicht verwirren, sondern antwortete: »Mein Herr Graf, von alledem ist hier die
Rede nicht. Ihr seid für jetzt ein Einwohner dieser Stadt, Ihr steht in Diensten
der erlauchten Republik Venedig: eine ungeheure Tat ist vorgefallen, die
Sicherheit der Stadt ist verletze, eine hohe Person schändlich ermordet, Euer
Name ist genannt, und ich frage Euch, als Vorstand der hiesigen Bürgerschaft, ob
Ihr, und was Ihr von dieser Begebenheit wisst.«
    Indem hörte man schreien, laut fluchen und Getöse von Waffen. Jene Begleiter
hatten die Wache des Stadtauses überwältigt und traten nun mit Lärmen und
trotzigem Anstand alle in den Saal. Der Stattalter war über diese Frechheit
verwundert, aber nicht erschrocken. »Was soll ich nun«, rief Orsini aus, »in
Gegenwart dieser meiner Freunde sagen und erklären? Würden sie es dulden, wenn
ich mich, einem alten unbedeutenden Manne gegenüber, feige oder furchtsam
zeigte? Ich erkläre Euch also hiermit, dass ich, als Verwandter, über den Tod
meiner Muhme, der Herzogin Bracciano, geborne Accorombona, am meisten zu trauern
Ursach habe: im Prozess war ich, auf Ansuchen des nächsten Erben, des jungen
Herzogs Virginio mit ihr begriffen, und das ist dem Magistrat hier und den
Richtern bekannt. Nur einmal habe ich sie hier in der Stadt besucht, um mich mit
ihr wegen unsers Rechtsstreites zu besprechen, sonst weiss ich nichts von ihr und
ihren Verhältnissen, am wenigsten aber, was ihr dieses traurige Ende zugezogen
haben mag. Ich hörte am Morgen, wie alle Einwohner, das Gerücht von diesem
nächtlichen Überfall, ich erschrak, und die Bürgerschaft ist Zeuge meiner Trauer
gewesen, und wie ich selbst die Bestattung der Ärmsten besorgt habe. Dies alles,
und so wie ich von der Ermordung hörte, habe ich ebenfalls, wie es als
Verwandter meine Pflicht war, dem Magistrat melden und anzeigen lassen.«
    »Ihr werdet vergönnen«, sagte der Stattalter, »dass wir diese Eure Aussage
zu Protokoll nehmen, und dass Ihr sie, als eine wirklich gesprochene, mit Eurem
Namen unterzeichnet.«
    »Das werde ich keineswegs«, antwortete Orsini, »ich kann mich nicht
vernehmen lassen, erkenne Eure Auctorität nicht an, und weiss, dass Ihr mich dazu
nicht zwingen könnt. Aber ich ersuche um die Gefälligkeit, dass ich diesen Brief
nach Florenz durch meinen Boten senden darf: er ist an den jungen Bracciano, in
dessen Namen ich den Prozess gegen diese seine Stiefmutter eingeleitet habe; ich
gehe morgen oder übermorgen nach Korfu ab, und ich melde mit diesem Blatte ihm
nur, welche Aussicht ihm seine Sachwalter wegen seiner Ansprüche geben.«
    Der Gouverneur las den Brief, der in der Tat auch nichts anders entielt,
und deswegen gern gestattete, dass der Bote ihn nach Florenz bringen dürfe.
    So entfernte sich Orsini und lachte mit seinen Vertrauten über die Art, wie
er den Alten verhöhnt und betört habe. Dieser Stattalter aber war klüger, als
die Übermütigen dachten, und Luigi war einfältig genug, sich fangen zu lassen.
Sowie dieser sich entfernt hatte, gab der Stattalter Befehl, den Boten zu
beobachten, und als dieser ungehindert durch das Tor gegangen war, ward er
plötzlich in der Einsamkeit des Feldes angehalten und genau durchsucht. Ausser
jenem Briefe fand man in den Schuhen versteckt einen andern, folgenden Inhalts:
    »Alles ist abgemacht. Wir haben sie fortgeschaft. Die Affen hier habe ich
zum besten, wie es sich gehört. Sie halten mich für ein unschuldiges Kind.
Sendet nun die nötigen Leute, wie wir es verabredet.«
    Beide Briefe wurden zurückbehalten und der Bote heimlich in Verwahrung
gebracht. Orsini und die Seinigen jubelten indes, hielten die Sache für
abgemacht, rüsteten sich zur Reise und lachten über den schwachen und
einfältigen Magistrat, den man eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht habe.
    Sie verwunderten sich aber, als sie vernahmen, dass man alle Tore
verschlossen hielt und sie bewache, kein Mensch durfte die Stadt verlassen. Ein
Ausrufer ging durch alle Gassen, und verkündete mit lautem Ruf: dass diejenigen,
die vom Morde wüssten, bei härtester Strafe aufgefordert würden, die Umstände und
Teilnahme anzuzeigen: wer Folge leistete, sollte belohnt werden, selbst wenn er
am Verbrechen teilgehabt.
    In der Nacht vom zweiundzwanzigsten Dezember war Vittoria ermordet worden,
und morgens früh um sieben Uhr am ersten Weihnachtstage kam schon von Venedig
Bragadino mit unumschränkter Vollmacht, vom Senat, auf alle Gefahr, es möge Blut
und Leben kosten, sich des Luigi Orsini, lebendig oder tot zu bemächtigen. Der
Senat zu Venedig hatte diese unerhörte Freveltat, die Frechheit des Grafen nach
den Berichten des Stattalters und den Aussagen Camillos, sowie des gefolterten
Türhüters, sehr ernst genommen, da ausserdem des Grafen eigenhändiger Brief für
ein vollständiges Bekenntnis gelten konnte.
    Sogleich begaben sich Bragadino, der Kapitän und der Podesta in das Kastell.
Es wurde Sturm geläutet, alle Glocken der Kirchen stürmten ebenfalls. Wohl noch
niemals war das Fest der Weihnachten auf diese Weise in Padua begangen worden.
Die ganze Stadt, gross und klein, vornehm und gering war in Aufruhr und Bewegung.
Bei Lebensstrafe war geboten, dass alle Milizen, die Reiterei und alle
waffenfähige Mannschaft sich vor das Kastell, das dem Palast Barbarigo nahe war,
versammeln sollten, und, wenn es nötig wäre, diesen Aufentalt des Orsini zu
stürmen und mit Gewalt einzunehmen. Sowie der Tag ganz hell war, ward ein Aufruf
erlassen, dass alle Einwohner bewaffnet herbeikommen sollten, wer nicht mit
Gewehr oder Degen versehn wäre, was er begehre, im Kastell erhalten würde, um
tot oder lebend den Luigi Orsini der Gerechtigkeit zu überliefern; zweitausend
Dukaten solle erhalten, wer den Grafen, fünfhundert Scudi, wer einen von seinen
Leuten einbringe.
    Auch vom Lande wurden Männer herbeigerufen, um die Anzahl der Freiwilligen
zu verstärken. Von allen Seiten wurden Wachen gestellt, damit keiner entrinnen
könne.
    Auf die alte Mauer, dem Palast gegenüber, wurden Kanonen aufgepflanzt,
Bollwerke wurden eilig an der Seite des Flusses errichtet, ebenso auf der
Strasse, damit die Leute sicher wären, wenn die Belagerten etwa einen Ausfall
wagen sollten. Barken lagen mit Bewaffneten auf dem kleinen Flusse, damit auch
hier keiner entkommen könne.
    Als von den Fenstern aus Orsini alle diese Anstalten gewahr wurde, schrieb
er kalten Blutes einen langen Brief an den Senat von Venedig und den edlen
Bragadino, in welchem er sich über diese Behandlung beschwerte, dass man ganz
vergesse, welche Dienste seine Vorfahren der Republik geleistet hätten, dass man
ihm selber die Stattalterschaft von Korfu anvertraut habe, und ihn jetzt auf
einen oberflächlichen Verdacht hin ohne Ursach wie einen ausgemachten Verbrecher
und Rebellen behandle.
    In der Nacht begaben sich auf Befehl einige Edelleute aus Padua zum Orsini.
Sie fanden, dass Türen, Fenster und alle Zugänge mit Gerät, Brettern, Steinen,
und was man hatte habhaft werden können, verschanzt waren. Die Männer rieten
ihm, sich der Übermacht freiwillig zu ergeben, weil jeder Widerstand doch nur
unnütz sein könne; füge er sich, so möchte er vielleicht bei seinen Richtern
noch einige Milde finden, sonst gewiss nicht, da der Senat auf keine Weise von
seinem Entschluss abgehen würde, ihn in seine Gewalt zu bekommen.
    Er antwortete in seiner sichern Art, er wolle sich ergeben, doch nur, wenn
man alle Truppen und Wachen von seinem Hause entferne, dann sollte man ihm, von
seinen Vertrautesten begleitet, eine Unterredung mit Bragadino und den
Vornehmsten gestatten, und ihm versichern, dass er nachher ungefährdet in den
Palast zurückkehren könne. Bragadino war über diese Anmutung empört, dass er mit
ihm, wie dem Gouverneur einer Festung, unterhandeln solle und verwarf unbedingt
dies Ansuchen. Noch einmal gingen die Edlen zu ihm, er gab keine andere Antwort
und erklärte fest, er würde sich bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.
    Nun machten die Belagerer ernstliche Anstalten. Einer der eifrigsten unter
den Freiwilligen war Marcello, der Bruder der Ermordeten; er hatte eine
Compagnie der bewaffneten Bürger aufgestellt und verfuhr als ihr Hauptmann.
Alles rührte sich, die Gewehre und Kanonen wurden geladen und auf das Haus
gerichtet. Das Volk schrie, die Glocken stürmten, Bewaffnete zogen durch die
Strassen, Neugierige versammelten sich auf den Plätzen und alles war in der
bangsten Erwartung.
    Orsini lief durch die Säle des Palastes, ordnete an, und sprach seinen
Freunden und den Gesellen Mut ein. Alle schrieen verwirrt durcheinander und
schwangen die Degen. Da nahm der Graf Montemellino seinen Freund Orsini beiseit
und sagte zu ihm: »Luigi, Ihr seht es doch wohl, dass wir verloren sind: meine
Warnung wolltet Ihr nicht hören, und es ist gekommen, wie ich vorher sagte. Da
keine Rettung ist, lasst uns wenigstens wie Soldaten sterben, und diesen
Paduanern auf ewige Zeiten ein blutiges Andenken zurücklassen. Wir, die
Obersten, scheuen den Tod nicht, und haben ihm oft genug ins Angesicht geschaut,
aber auch der Geringste unserer Bande ist frech und tollkühn. So lasst uns denn
alle zugleich unter diese Bürger und Milizen hinausbrechen, niedermachen,
schiessen, was wir erreichen: Ihr seht, wie vorsichtig, wie furchtsam sie sind,
welche Haufen sie gegen unsere kleine Schar zusammengetrommelt haben. So fechten
wir einen tapfern offenen Kampf in den Strassen, verfolgend und verfolgt, siegend
und besiegt, und da gewiss keiner von uns entrinnen kann, und jeder dies sieht,
so morden alle wie Verzweifelnde, und die feindliche, gelehrte Stadt wird zum
Schlachtfeld, das unsern Namen tragen wird, solange diese Mauern stehen. Aber -
wollt Ihr dem Henker verfallen und dem Volke zum schadenfrohen Schauspiele
dienen, dann habe ich mich sehr in Euch geirrt.«
    Gewiss war dieser Rat der klügste und eines tapfern Kriegers würdig, so
blutig und grausam er auch, wenn man ihn befolgte, für die Stadt ausfallen
musste. Aber Orsini war in diesem höchsten und wichtigsten Moment seines Lebens
wie betäubt, er zog es vor, zu zaudern, und sich, was doch unmöglich war, hinter
den Mauern zu verteidigen.
    Plötzlich rollte der Kanonendonner durch die Stadt und schlug als Echo, wie
ein nahes Gewitter, zurück. Die ruhigen Einwohner entsetzten sich. Die Kugeln
hatten die Säulen und einen Teil der untern Mauern niedergeworfen. Aus den
Fenstern schossen mit Gewehren die Belagerten, mit geschwungenem Degen sah man
ihnen vorbei den wütenden Orsini laufen, der immerdar laut schrie: »Krieg!
Krieg! Blut! Vertilgung!« Nun wurden die Kanonen etwas höher gerichtet, aber nur
wenige, weil man nicht die Absicht hatte, wie man es wohl gekonnt, das ganze
Haus in Grund und Boden zu schiessen. Indessen, da es den Belagerten an Kugeln
fehlte, schmolzen sie eilig das Zinngeschirr der Küche, sie hoben die Fenster
aus, zerschlugen sie, um das Blei zu gewinnen, und gossen schnell im Hinterhause
Kugeln. Es schien sogar, als wollten die Verzweifelten einen Ausfall wagen. Die
Angreifer führten zwei grössere Kanonen auf, um schneller zu endigen, ob sie
gleich, hinter ihren Verschanzungen ziemlich gesichert, noch keinen Mann
verloren hatten. Der zweite Schuss nahm von der Mauer und dem Hause ein viel
grösseres Stück hinweg, mit dem Schuss stürzte einer der gefährlichsten Banditen,
Levonetti, tot mit den Steinen herunter. Er hatte auf Befehl des Orsini viele
abscheuliche Mordtaten begangen. Wieder donnerten die Kanonen, und diesmal fiel
mit der Mauer zugleich zerschmettert der Graf Montomellino. So ward auf gewisse
Weise der Wunsch dieses tapferen Mannes erfüllt. Nun erschrak Luigi. Wütend war
der Oberst, ein herzhafter Mann, Lorenzo dei Nobili; da dieser sah, wie
unglücklich dieser tolle Krieg sich wendete, stürzte er mit seinem geladenen
Gewehr aus dem Hause heraus; er wollte in die Masse des Volkes hineinschiessen,
um sich im Tode zu rächen, aber das Pulver fing nicht Feuer, und so ward er im
Augenblicke von einem jämmerlichen, furchtsamen Menschen niedergeschossen, einem
Aufwärter in einem Schulhause. Andere gemeine Männer stürzten hervor und nahmen
ihm schnell Ring, Schärpe, seine Flinte und das Geld, das er bei sich trug.
Einer schnitt ihm den Kopf ab.
    Auf Befehl des Orsini winkte jetzt sein Sekretär, Filelfo, mit einem weissen
Tuche aus dem Fenster, als ein Zeichen einer friedlichen Unterhandlung. Man
hielt mit Schiessen inne, und Orsini befahl seinen zurückbleibenden Leuten, sich
nur zu ergeben, wenn sie einen schriftlichen Befehl dazu von seiner Hand
erhielten. Der Lieutenant Anselmo Suardo wurde abgeordnet: auf die Forderung des
Luigi, in einem Wagen nach dem Kastell gebracht zu werden, um dem Volke nicht
zum Schauspiel zu dienen, machte ihn Anselmo darauf aufmerksam, wie unmöglich es
sei, dies Begehren zu erfüllen, wegen der Volksmassen, der aufgefahrnen Kanonen
und der aufgerichteten Parapetten, welche die Strasse sperrten. Anselmo, um ihn
sicherzustellen, nahm ihn unter den Arm, und allentalben machte man ihm Platz.
Marcello, der Wütende, drängte sich jetzt hinzu, weil er ihn mit seinen Leuten
bis in das Kastell führen wollte. Orsini achtete nicht die dräuenden Blicke, die
dieser ihm zuwarf, und zuckte nur mit den Achseln über seine zornigen Gebärden.
Als er vor seine Richter trat, affektierte er eine grosse Nachlässigkeit, er war
gleichgültig in seinen Reden und kurz in seinen Antworten. Er übergab seinen
Degen und sagte nachher: »Oh, hätte ich nur fechten wollen, wie mein Freund
Montemellino riet, so hätten wir wohl ganz andere Dinge erlebt, aber jetzt reut
mich die ganze Geschichte, besonders weil dieser liebste Freund dabei hat
umkommen müssen. Die Albernheit hat Blut gekostet, obgleich ihr, meine Herren,
wohl nicht bedeutend eingebüsst habt.«- Er schrieb hierauf an seine Leute den
Befehl, sich zu ergeben weil man indessen von beiden Seiten noch mit Schiessen
fortgefahren hatte. Dann, indem er jeden seiner Richter freundlich und höflich
begrüsste, näherte er sich dem Kamin, nahm eine Schere, die er dort fand, und
beschnitt sich langsam und mit vollkommener Ruhe die Nägel.
    Die Bande wurde nun eingefangen und alle führte man nach den Gefängnisse der
Stadt. Aus seinem Kerker schrieb Orsini seiner Gattin, die in Venedig war, einen
sehr gefassten Brief, den man edel nennen möchte, wenn der Schreiber nicht in
einer so verruchten, sondern bessern Sache gefallen wäre. Der Stadt Venedig
vermachte er seine schöne Waffensammlung, die im Arsenal zu seinem Angedenken
aufbewahrt wurde. Dann erlitt er den Tod und wurde im Gefängnis erdrosselt. Im
Dome wurde sein Leichnam am Morgen dem Volke zur Schau ausgestellt.
    Der Graf Paganelli, oder Pignatello, jener Verruchte, der die Dame Vittoria
so kaltblütig gemordet hatte, wurde auf grausame Art öffentlich hingerichtet,
mit Zangen gezwickt, und ihm ebenso, wie er getan, ein Dolch lange und oft im
Busen umgekehrt, so dass er wohl eine halbe Stunde diese Martern litt, ehe der
starke, kräftige Mann seinen Geist aufgab. Vielen wurden die Köpfe abgeschlagen,
die andern gehenkt. Niemals noch hatte Padua so viele Hinrichtungen gesehn. So
ward das Weihnachtfest dort im Jahre 1585 gefeiert.
    Camillo, der weniger schuldig war, und den Mord zuerst freiwillig angegeben
hatte, wurde nur auf zwei Jahr auf die Galeeren verdammt. -
    Als der Papst diesen ernsten Hergang und das strenge Gericht erfuhr,
forderte er vom Staate von Venedig diesen Marcello, welcher am Morde des Peretti
teilgenommen hatte. Der Senat meinte, die ernste Forderung nicht zurückweisen zu
dürfen. Sixtus liess ihn in Rom hinrichten.
    So war das ganze Geschlecht der Accoromboni, einst so bekannt, erloschen,
untergegangen und bald vergessen. Die Verleumdung verdunkelte den Namen der
einst so hoch gepriesenen Vittoria und nur mangelhafte, zweideutige Zeugnisse
werden von den Zeitgenossen und den Nachkommen ihrem Namen beigefügt. Nur zu oft
wird das Edle und Grosse von den kleinen Geistern so verkannt und geschmäht.
 
    