
        
                               Bettina von Arnim
                                 Die Günderode
                                  Den Studenten
Die Ihr gleich goldnen Blumen auf zertretnem Feld wieder aufsprosset zuerst! In
fröhlichen Zukunftsträumen der Muttererde huldigt, harrend voll heiligem
Glauben, dass endlich Eurer Ahnung Gebild vollende der Genius und Fesseln der
Liebe Euch umlege und grosser Männer Unsterblichkeit in den Busen Euch säe. -
Die Ihr immer rege, von Geschlecht zu Geschlecht, in der Not wie in des Glückes
Tagen auf Begeistrungspfaden schweift; in Germanias Hainen, auf ihren Ebnen und
stolzen Bergen, am gemeinsamen Kelch heiligkühner Gedanken Euch berauschend, die
Brust erschliesst und mit glühender Träne im Aug Bruderliebe schwört einander,
Euch schenk ich dies Buch.
Euch Irrenden, Suchenden! Die Ihr hinanjubelt den Parnassos, zu Kastalias Quell;
reichlich der aufbrausenden Flut zu schöpfen den Heroen der Zeit und auch den
Schlafenden im schweigenden Tal, schweigend, feierlichen Ernstes die Schale
ergiesst.
Die Ihr Hermanns Geschlecht Euch nennt, Deutschlands Jüngerschaft! - Dem Recht
zur Seite, klingenwetzend der Gnade trotzt; mit Schwerterklirren und der
Begeistrung Zuversicht der Burschen Hochgesang anstimmt:
                        »Landesvater, Schutz und Rater!«
Mit flammender Fackel, donnernd ein dreifach Hoch dem Herrscher, dem Vaterland,
dem Bruderbunde jauchzt, und:
         »Strömen gleich, zusammenrauschet in ein gewaltig Heldenlied.«
Ihr, die mit Trug noch nicht nach nichtiger Hoffnung jagtet! - Wenn der
Philister Torengeschlecht den Stab Euch bricht, so gedenket, Musensöhne, dass
ihre Lärmtrommel des leuchtenden Pytiers Geist nicht betäubt; keine Lüge haftet
an ihm, keine Tat, kein Gedanke! Er ist wissend! - Und lenkt, dass, unberührt von
des Gesetzes Zwang, schnellen feurigen Wachstums, das Göttliche erblühe und in
der Zeiten Wechsel ein milder Gestirn über Euch hinleuchte.
 
                                  Erster Teil
                        Briefe aus den Jahren 1804-1806
 
                                An die Günderode
Der Plaudergeist in meiner Brust hat immerfort geschwätzt mit Dir, durch den
ganzen holperigen Wald bis auf den Trages, wo alles schon schlief, sie wachten
auf und sagten, es wäre schon ein Uhr vorbei, auf dem Land blasen sie abends die
Zeit aus wie eine Kerz, die man sparen will. Wie ich erzählte, dass Du
mitgefahren warst bis Hanau, da hätten sie Dich all gern hier haben wollen, ein
jeder für sich allein, da wär ich doch um Dich gekommen. Durch Dich feuert der
Geist, wie die Sonn durchs frische Laub feuert, und mir geht's wie dem Keim, der
in der Sonn brütet, wenn ich an Dich denken will, es wärmt mich, und ich werd
freudig und stolz und streck meine Blätter aus, und oft bin ich unruhig und kann
nicht auf einem Platz bleiben, ich muss fort ins Feld, in den Wald; - in freier
Luft kann ich alles denken, was im Zimmer unmöglich war, da schwärmen die
Gedanken über die Berg, und ich seh ihnen nach.
    Alles ist heut nach Meerholz gefahren zum Vetter mit der zu grossen Nas, ich
bin allein zu Haus, ich hab gesagt, ich wollt schreiben, aber die Hauptursach
war die Nas.
    Eben komm ich aus der Lindenallee, ich hab das ganze Gewitter mitgemacht,
die Bäum geben gut Beispiel, wie man soll standhaft sein im Ungewitter, Blitz
und Donner hintereinander her, bis sie ausser Atem waren, nun ruhen alle Wälder.
Ich war gleich nass, und so warm der Regen, hätt's nur stärker noch regnen
wollen, aber bald war's schön Wetter, und der Regenbogen auf dem Saatfeld, ich
war wohl eine halbe Stund weit gelaufen und ihm doch nicht näher gekommen, da
fiel mir ein, dass man oft denkt, es wär so nah alles, was man gern erreichen
möcht, und wie man mit allem Eifer doch nicht näherrückt. Wenn nicht die
Schönheit vom Himmel herab uns überstrahlt, von selbst ihr entgegenlaufen ist
umsonst, - ich hab den ganzen Nachmittag verlaufen, eben kommen sie schon
angefahren.
                                                                         Sonntag
Gestern ging ich noch allein in der Dunkelheit durchs Feld. Da fiel mir wieder
ein alles, was wir am Sonntag von Frankfurt bis Hanau im Wagen zusammen geredet
haben; - wer von uns beiden zuerst sterben wird. Jetzt bin ich schon acht Tag
hier, unser Gespräch klingt noch immer nach in mir. »Es gibt ja noch Raum ausser
dieser kleinen Tags- und Weltgeschichte, in dem die Seel ihren Durst, selbst
etwas zu sein, löschen dürfe«, sagtest Du. - Da hab ich aber gefühlt, und fühl's
eben wieder und immer: wenn Du nicht wärst, was wär mir die ganze Welt? - Kein
Urteil, kein Mensch vermag über mich, aber Du! - Auch bin ich gestorben schon
jetzt, wenn Du mich nicht auferstehen heissest und willst mit mir leben
immerfort; ich fühl's recht, mein Leben ist bloss aufgewacht, weil Du mir riefst,
und wird sterben müssen, wenn es nicht in Dir kann fortgedeihen. - Frei sein
willst Du, hast Du gesagt? - Ich will nicht frei sein, ich will Wurzel fassen in
Dir - eine Waldrose, die im eignen Duft sich erquicke, will die der Sonne sich
schon öffnen und der Boden löst sich von ihrer Wurzel, dann ist's aus. - Ja,
mein Leben ist unsicher; ohne Deine Liebe, in die es eingepflanzt ist, wird's
gewiss nicht aufblühen, und mir ist's eben so durch den Kopf gefahren, als ob Du
mich vergessen könntest, es ist aber vielleicht nur, weil's Wetter leuchtet, so
blass und kalt, und wenn ich denk an die feurigen Strahlen, mit denen Du oft
meine Seele durchleuchtest! - Bleib mir doch. -
                                                                         Bettine
 
                                 An die Bettine
Ich habe die Zeit über recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine. Vor einigen
Nächten träumte mir, Du seist gestorben, ich weinte sehr darüber und hatte den
ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele. Als ich den Abend
nach Hause kam, fand ich Deinen Brief; ich freute mich und wunderte mich, weil
ich glaubte, einen gewissen Zusammenhang zwischen meinen Träumen und Deinen
Gedanken zu finden.
    Gestern abend ist Clemens hier angekommen, ich wollte, Du wärst hier, es
würde ihm viel behaglicher und heimlicher sein, ich glaube, wenn Du nicht bald
hierher kömmst, so geht er nach Trages.
    In diesem ganzen Brief ist wohl noch kein einziges Wort, was Dich erfreut?
Du drehst das Blatt herum und siehest, ob nicht eine Art von russischem
Kabriolett gefahren kommt; aber es will nichts kommen; weisst Du, warum? Weil ich
Ihn in der ganzen Zeit nur zwei Minuten gesehen habe; weil Er geritten kam, und
weil Er kein vernünftiges Wort gesprochen hat. Sei lustig, Bettine, und lass Dir
nicht mit Kabrioletts im Herzen herumfahren.
    Grüsse den Savigny recht freundlich von mir, erinnere ihn doch zuweilen an
mich, ich habe ihn sehr lieb, aber nach Trages komme ich doch nicht.
    Tue mir den Gefallen und frage die Sanchen, ob ich nicht einen Chignonkamm
und eine Kette in Trages hätte liegen lassen? - Wenn Du noch nicht bald wieder
zu uns kommst, so schreibe mir wieder, denn ich habe Dich lieb, sage mir auch,
wie Ihr lebt.
                                                                        Karoline
Grüsse doch auch die Gundel von mir. Auf meiner Heimfahrt von Hanau hab ich das
Gespräch gedichtet, es ist ein bisschen vom Zaun gebrochen. - Ich wollt, die
Prosa wär edler, das heisst: ich wollt, sie wär musikalischer; es entält viel,
was wir im Gespräch berührt haben. Du schreibst mit mehr Musik Deine Briefe, ich
wollt, ich könnt das lernen.
                                   Die Manen
SCHÜLER. Weiser Meister! Ich war in den Katakomben der Schwedenkönige, ich nahte
mich dem Sarg des Gustav Adolf mit sonderbarem schmerzlichem Gefühl, seine Taten
gingen an meinem Geist vorüber, ich sah zugleich sein Leben und seinen Tod,
seine überschwengliche Tatkraft und die tiefe Ruhe, in der er schon dem zweiten
Jahrhundert entgegenschlummert; ich rief mir die grausenvolle Zeit zurück, in
der er lebte, mein Gemüt glich einer Gruft, aus der die schwankenden Schatten
der Vergangenheit heraufsteigen. Ich weinte so heisse Tränen seinem Tod, als sei
er heute erst gefallen. Dahin! Verloren! Vergangen! sagte ich mir, sind dies des
grossen Lebens Früchte alle? - Ach! - Ich musste die Gruft verlassen, ich suchte
Zerstreuung, ich suchte andre Schmerzen, aber der unterirdische trübe Geist
verfolgt mich, ich kann die Wehmut nicht loswerden, die wie ein Trauerflor über
meine Gegenwart sich legt, dies Zeitalter ist mir nichtig und leer, sehnlich und
gewaltig zieht mich's in die Vergangenheit dahin! Vergangen, so ruft mein Geist.
O möcht ich mit vergangen sein und diese schlechte Zeit nie gesehen haben, in
der die Vorwelt vergeht, an der ihre Grösse verloren ist. -
LEHRER. Verloren ist nichts, junger Schüler, und in keiner Weise, nur das Auge
vermag nicht des Grundes unendliche Folgenkette zu übersehen. Aber willst du
auch dies nicht bedenken, du kannst doch nicht verloren nennen und dahin, was so
mächtig auf dich wirkt; - dein eigen Geschick, die Gegenwart bewegen dich so
heftig nicht wie das Andenken des grossen Königs, lebt er da nicht jetzt noch
mächtiger in dir als die Gegenwart, oder nennst du nur Leben, was im Fleisch und
im Sichtbaren fortlebt, und ist dir dahin und verloren, was noch in Gedanken
wirkt und da ist? -
SCHÜLER. Wenn es Leben ist, so ist es doch nicht mehr als Schattenleben, dann
ist die Erinnerung des Gewesenen mehr als die bleiche Schattenwirklichkeit.
LEHRER. Gegenwart ist ein flüchtiger Augenblick, sie vergeht, indem du sie
erlebst, des Lebens Bewusstsein liegt in der Erinnerung, in diesem Sinn nur
kannst du Vergangnes betrachten, gleichviel ob es längst oder eben nur vorging.
SCHÜLER. Du sprichst wahr! - So lebt denn ein grosser Mensch nicht nach seiner
Weise in mir fort, sondern nach der meinen. Wie ich ihn aufnehme, wie und ob ich
mich seiner erinnern mag? -
LEHRER. Freilich lebt das nur fort in dir, was dein Sinn befähigt ist
aufzunehmen, insofern es Gleichartiges mit dir hat, das Fremdartige in dir tritt
nicht mit ihm in Verbindung, darauf kann er nicht wirken, und mit dieser
Einschränkung nur wirken alle Dinge. Wofür du keinen Sinn hast, das geht dir
verloren wie die Farbenwelt dem Blinden.
SCHÜLER. So muss ich glauben, nichts gehe verloren, da alle Ursachen in ihren
Folgen fortleben, dass sie aber nur wirken auf das, was Empfänglichkeit oder Sinn
für sie hat. - Der Welt mag genügen an diesem Nichtverlorensein, an dieser Art
fortzuleben, mir ist es nicht genug, ich möchte zurück in der Vergangenheit
Schoss, ich sehne mich nach unmittelbarer Verbindung mit den Manen der grossen
Vorzeit.
LEHRER. Hältst du es denn für möglich? -
SCHÜLER. Ich hielt es für unmöglich, als noch kein Sehnen mich dahin zog,
gestern hätte ich noch jede Frage danach für töricht gehalten, heute wünsche ich
schon, die Verbindung mit der Geisterwelt wäre möglich, ja mir deucht, ich wäre
geneigt, sie glaublich zu finden.
LEHRER. Mir deucht, die Manen des grossen Gustav Adolf haben deinem innern Auge
zum Lichte verholfen. So vernehme mich denn. So gewiss alles Harmonische in
Verbindung stehet, es mag sichtbar oder unsichtbar sein, so gewiss sind auch wir
in Verbindung mit dem Teil der Geisterwelt, der mit uns harmoniert. Ähnliche
Gedanken verschiedener Menschen, auch wenn sie nie voneinander wussten, ist in
geistigem Sinn schon Verbindung, der Tod eines Menschen, der in solcher
Berührung mit mir stehet, hebt sie nicht auf; der Tod ist ein chemischer Prozess,
eine Scheidung der Kräfte, aber kein Vernichter, er zerreisst das Band zwischen
mir und ähnlichen Seelen nicht, aber das Fortschreiten des einen und das
Zurückbleiben des andern kann wohl diese Gemeinschaft aufheben, wie einer, der
in allem Trefflichen fortgeschritten ist, mit dem unwissend gebliebnen
Jugendfreund nicht mehr zusammenstimmen wird. Du wirst dies leicht ganz
allgemein und ganz aufs besondere anwenden können.
SCHÜLER. Vollkommen! - Du sagst, Harmonie der Kräfte ist Verbindung, der Tod
hebt diese Verbindung nicht auf, da er nur scheidet und nicht vernichtet.
LEHRER. Ich fügte hinzu, das Aufheben dessen, was diese Harmonie bedingt, müsste
auch notwendig diese Verbindung aufheben - eine Verbindung mit Verstorbenen kann
also stattaben, insofern sie nicht aufgehört haben, mit uns zu harmonieren.
SCHÜLER. Ich kann es fassen.
LEHRER. Es kommt nur darauf an, diese Verbindung gewahr zu werden. Bloss geistige
Kräfte können unsern äussern Sinnen nicht offenbar werden, sie wirken nicht durch
Aug und Ohr, sondern durch das Organ, durch das allein eine Verbindung mit ihnen
möglich ist; durch den innern Sinn, auf ihn wirken sie unmittelbar. Dieser
innere Sinn, das tiefste und feinste Seelenorgan, ist bei fast allen Menschen
unentwickelt und nur dem Keim nach da. - Das Weltgeräusch, der Menschheit Handel
und Wandel, der nur oberflächlich und nur die Oberfläche berührt, lassen es zu
keiner Ausbildung, zu keinem Bewusstsein kommen, so wird es nicht erkannt, und
was sich zu allen Zeiten in ihm offenbarte, hat viele Zweifler und Schmäher
gefunden, und bis jetzt ist sein Empfangen und Wirken nur in seltnen Menschen
die individuellste Seltenheit. - Ich will nicht ungeistigen Gesichten und
Geistererscheinungen das Wort reden, aber ich fühle deutlich, dass der innere
Sinn so hoch angeregt werden kann, dass die innere Erscheinung vor das
körperliche Auge treten kann, wie auch umgekehrt die äussere Erscheinung vor das
geistige Auge tritt; so brauch ich nicht durch Betrug oder Sinnentäuschung alles
Wunderbare zu erklären, doch weiss ich, man nennt in der Weltsprache diese innere
Entwicklung der Sinne Einbildung.
Wessen Geistesauge Licht auffängt, der sieht dem andern unsichtbare, mit ihm
verbundene Dinge. Aus diesem innern Sinn sind die Religionen hervorgegangen, und
so manche Apokalypsen alter und neuer Zeit. Aus dieser Sinnenfähigkeit,
Verbindungen wahrzunehmen, die andere, deren Geistesauge verschlossen ist, nicht
fassen, entsteht die prophetische Gabe, Gegenwart und Vergangenheit mit der
Zukunft zu verbinden, den notwendigen Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen zu
sehen. Prophezeiung ist Sinn für die Zukunft. Man kann die Wahrsagerkunst nicht
erlernen, der Sinn für sie ist geheimnisvoll, er entwickelt sich geheimnisvoller
Art; er offenbart sich oft nur wie ein schneller Blitz, der dann von dunkler
Nacht wieder begraben wird. Man kann Geister nicht durch Beschwörung rufen, aber
sie können dem Geist sich offenbaren, das Empfängliche kann sie empfangen, dem
inneren Sinn können sie erscheinen. -
Der Lehrer schwieg und sein Zuhörer verliess ihn. Mancherlei Gedanken bewegten
sein Inneres, und seine ganze Seele strebte, sich das Gehörte zum Eigentum zu
machen.
 
                                An die Günderode
Du weisst, dass der Bostel hier ist, - der läuft mir immer nach und sagt:
»Bettine, warum sind Sie so unliebenswürdig?« - Ich frag: »Wie soll ich's
machen, um liebenswürdig zu sein?« - »Sein Sie wie Ihre Schwester Loulou,
sprechen Sie ruhig mit einem und bezeigen Sie doch nur ein klein wenig Teilnahme
an, was man Ihnen sagt, aber wenn man Sie auch aus Mitleid wie ein Mädchen, das
schon was bedeutet, behandlen wollt, es ist nicht möglich. Sie haben nicht
weniger Unruh als eine junge Katz, die einer Maus nachläuft; derweil man Ihnen
die Ehre antut, mit Ihnen zu sprechen, klettern Sie auf Tisch und Schränken
herum, Sie steigen zu den alten Familienporträten und scheinen weit mehr Anteil
an deren Gesichter zu nehmen als an uns Lebenden.« - »Ja, Herr von Bostel, das
ist bloss, weil die dort so ganz übersehen und vergessen sind, weil kein Mensch
mit denen spricht, da geht's mir grade, wie es Ihnen mit mir geht. Aus Mitleid,
weil ich übersehen bin, sprechen Sie mit mir jungem Gelbschnabel, und das steckt
mich an, dass ich dasselbe Mitleid mit den alten gemalten Perücken haben muss.« -
»Aber sagen Sie, sind Sie gescheut? - Wie wollen Sie Mitleid haben mit gemalten
Bildern?« - »Ei, Sie haben's ja auch mit mir!« - »Nun ja, aber die Bilder
empfinden's doch nicht.« - »Ei, ich empfind's auch nicht.« - »Aber bei Gott, ich
bemitleide Sie, - Sie sind auf dem Weg närrisch zu werden.« -
    Ich hätt Dir die Dummheiten nicht erzählt, wenn's nicht einen grossen Lärm
gegeben hätt, der Clemens wollte das vom guten Bostel nicht haben, sie redeten
so heftig hin und her von Schelmufsky und dem Grossmogul, und im kleinen
Häuschen, wo sie zusammen hingegangen waren, ward es so laut, dass es sich von
weitem wie Streit anhörte, ich ging hinunter und wartete, bis der Bostel
herauskam, der war ganz erhitzt, ich nahm alles auf mich und bat um Verzeihung,
dass ich so unartig gewesen sei, und was weiss ich, was ich alles sagte, bis er
endlich versprach, mit dem Clemens nicht mehr bös zu sein, und wenn ich meine
Unart eingestehe, so wolle er mir verzeihen. - Ich gestand alles zu, dachte aber
doch heimlich, was der vor ein possierlicher Kerl wär; der Clemens kam dazu, da
ward von beiden Seiten die Schuld auf mich geschoben; ich liess es ohne
Widerspruch geschehen und besänftigte beide, sie gaben einander die Hand und mir
gute Lehren.
    Die Menschen sind gut, ich bin es ihnen von Herzen, aber wie das kommt, dass
ich mit niemand sprechen kann? - Das hat nun Gott gewollt, dass ich nur mit Dir
zu Haus bin. - Die Manen les' ich immer wieder, sie wecken mich recht zum
Nachdenken. Du meinst, dass Dir die Sprache nicht drin gefällt? - Ich glaub, dass
grosse Gedanken, die man zum erstenmal denkt, die sind so überraschend, da
scheinen einem die Worte zu nichtig, mit denen man sie aufnimmt, die suchen sich
ihren Ausdruck, da ist man als zu zaghaft, einen zu gebrauchen, der noch nicht
gebräuchlich ist, aber was liegt doch dran? Ich wollt immer so reden, wie es
nicht stattaft ist, wenn es mir näher dadurch kommt in der Seel, ich glaub
gewiss, Musik muss in der Seele walten, Stimmung ohne Melodie ist nicht fliessend
zu denken; es muss etwas der Seele so recht Angebornes geben, worin der
Gedankenstrom fliesst. - Dein Brief ist ganz melodisch zu mir, viel mehr wie Dein
Gespräch. »Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst, so schreibe mir wieder,
denn ich habe Dich lieb.« Diese Worte haben einen melodischen Gang, und dann: »
Ich habe die Zeit über recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine! Vor einigen
Nächten träumte mir, Du seist gestorben, ich weinte sehr darüber und hatte den
ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele.« Ich auch, liebstes
Günderödchen, würde sehr weinen, wenn ich Dich sollt hier lassen müssen und in
eine andre Welt gehen, ich kann mir nicht denken, dass ich irgendwo ohne Dich zu
mir selber kommen möcht. Der musikalische Klang jener Worte äussert sich wie der
Pulsschlag Deiner Empfindung, das ist lebendige Liebe, die fühlst Du für mich.
Ich bin recht glücklich; ich glaub auch, dass nichts ohne Musik im Geist bestehen
kann, und dass nur der Geist sich frei empfindet, dem die Stimmung treu bleibt. -
Ich kann's auch noch nicht so deutlich sagen, ich meine, man kann kein Buch
lesen, keins verstehen oder seinen Geist aufnehmen, wenn die angeborne Melodie
es nicht trägt, ich glaub, das alles müsst gleich begreiflich oder fühlbar sein,
wenn es in seiner Melodie dahinfliesst. Ja, weil ich das so denke, so fällt mir
ein, ob nicht alles, solang es nicht melodisch ist, wohl auch noch nicht wahr
sein mag. Dein Schelling und Dein Fichte und Dein Kant sind mir ganz unmögliche
Kerle. Was hab ich mir für Mühe geben, und ich bin eigentlich nur davongelaufen
hierher, weil ich eine Pause machen wollt. Repulsion, Attraktion, höchste
Potenz. - -
    Weisst Du, wie mir's wird? - Dreherig - Schwindel krieg ich in den Kopf, und
dann, weisst Du noch? - Ich schäm mich, - ja ich schäm mich, so mit Hacken und
Brecheisen in die Sprach hineinzufahren, um etwas da herauszubohren, und dass ein
Mensch, der gesund geboren ist, sich ordentliche Beulen an den Kopf denken muss
und allerlei physische Krankheiten dem Geist anbilden. - Glaubst Du, ein
Philosoph sei nicht fürchterlich hoffärtig? - Oder wenn er auch einen Gedanken
hat, davon wär er klug? - O nein, so ein Gedanke fällt ihm wie ein Hobelspan von
der Drechselbank, davon ist so ein weiser Meister nicht klug. Die Weisheit muss
natürlich sein, was braucht sie doch solcher widerlicher Werkzeuge, um in Gang
zu kommen, sie ist ja lebendig? - Sie wird sich das nicht gefallen lassen. - Der
Mann des Geistes muss die Natur lieben über alles, mit wahrer Lieb, dann blüht
er, - dann pflanzt die Natur Geist in ihn. Aber ein Philosoph scheint mir so
einer nicht, der ihr am Busen liegt und ihr vertraut und mit allen Kräften ihr
geweiht ist. - Mir deucht vielmehr, er geht auf Raub, was er ihr abluchsen kann,
das vermanscht er in seine geheime Fabrik, und da hat er seine Not, dass sie
nicht stockt, hier ein Rad, dort ein Gewicht, eine Maschine greift in die
andere, und da zeigt er den Schülern, wie sein Perpetuum Mobile geht, und
schwitzt sehr dabei, und die Schüler staunen das an und werden sehr dumm davon.
- Verzeih mir's, dass ich so fabelig Zeug red, Du weisst, ich hab's mit meinem
Abscheu nie weiter gebracht, als dass ich erhitzt und schwindelig geworden bin
davon, und wenn die grossen Gedanken Deines Gesprächs vor mir auftreten, die doch
philosophisch sind, so weiss ich wohl, dass nichts Geist ist als nur Philosophie,
aber wend's herum und sag: Es ist nichts Philosophie, als nur ewig lebendiger
Geist, der sich nicht fangen, nicht beschauen noch überschauen lässt, nur
empfinden, der in jedem neu und ideal wirkt, und kurz: der ist wie der Äter
über uns. Du kannst ihn auch nicht fassen mit dem Aug, Du kannst Dich nur von
ihm überleuchtet, umfangen fühlen, Du kannst von ihm leben, nicht ihn für Dich
erzeugen. Ist denn der Schöpfernatur ihr Geist nicht gewaltiger als der
Philosoph mit seinem Dreieck, wo er die Schöpfungskraft drin hin und her stösst,
was will er doch? - Meint er, diese Gedankenaufführung sei eine unwiderstehliche
Art, dem Naturgeist nahzukommen? Ich glaub einmal nicht, dass die Natur einen
solchen, der sich zum Philosophen eingezwickt hat, gut leiden kann. »Wie ist
Natur so hold und gut, die mich am Busen hält.« - So was lautet wie Spott auf
einen Philosophen. Du aber bist ein Dichter, und alles, was Du sagst, ist die
Wahrheit und heilig. »Man kann Geister nicht durch Beschwörung rufen, aber sie
können sich dem Geist offenbaren, das Empfängliche kann sie empfangen, dem
innern Sinn können sie erscheinen.« Nun ja! Wenn es auch die ganze heutige Welt
nicht fasst, was Du da aussprichst, wie ich gewiss glaub, dass es umsonst der Welt
gesagt ist, so bin ich aber der Schüler, dessen ganze Seele strebt, sich das
Gehörte zum Eigentum zu machen. - Und aus dieser Lehre wird mein künftig Glück
erblühn, nicht weil ich's gelernt hab, aber weil ich's empfind; es ist ein Keim
in mir geworden und wurzelt tief, ja ich muss sagen, es spricht meine Natur aus,
oder vielmehr, es ist das heilige Wort »Es werde«, was Du über mich aussprichst.
- Ich hab's jetzt jede Nacht gelesen im Bett und empfind mich nicht mehr allein
und für nichts in der Welt; ich denk, da die Geister sich dem Geist offenbaren
können, so möchten sie zu meinem doch sprechen; und was die Welt »überspannte
Einbildung« nennt, dem will ich still opfern und gewiss meinen Sinn vor jedem
bewahren, was mich unfähig dazu machen könnte, denn ich empfinde in mir ein
Gewissen, was mich heimlich warnt, dies und jenes zu meiden. - Und wie ich mit
Dir red heute, da fühl ich, dass es eine bewusstlose Bewussteit gebe, das ist
Gefühl, und dass der Geist bewusstlos erregt wird. - So wird's wohl sein mit den
Geistern. Aber still davon, durch Deinen Geist haucht mich die Natur an, dass ich
erwach, wie wenn die Keime zu Blättern werden. - Ach, eben ist ein grosser Vogel
wider mein Fenster geflogen und hat mich so erschreckt, es ist schon nach
Mitternacht, gute Nacht.
                                                                         Bettine
 
                                 An die Bettine
Es kömmt mir bald zu närrisch vor, liebe Bettine, dass Du Dich so feierlich für
meinen Schüler erklärst, ebenso könnte ich mich für den Deinen halten wollen,
doch macht es mir viele Freude, und es ist auch etwas Wahres daran, wenn ein
Lehrer durch den Schüler angeregt wird, so kann ich mit Fug mich den Deinen
nennen. Gar viele Ansichten strömen mir aus Deinen Behauptungen zu und aus
Deinen Ahnungen, denen ich vertraue, und wenn Du so herzlich bist, mein Schüler
sein zu wollen, so werd ich mich einst wundern, was ich da für einen Vogel
ausgebrütet habe.
    Deine Erzählung vom Bostel ist ganz artig, nichts lieber tust Du, als die
Sünden der Welt auf Dich nehmen, Du trägst keine Last an ihnen, sie beflügeln
Dich vielmehr zu Heiterkeit und Mutwillen, man könnte denken, Gott habe selber
sein Vergnügen an Dir. Aber dahin wirst du es nicht bringen, dass die Menschen
Dich als etwas Bessers achten, als sie selber sind. Doch wie auch Genie sich
Luft und Licht mache, es ist immer äterischer Weise, und wär es selbst den
Ballast des Philistertums auf den Flügeln tragend. In solchen Dingen bist Du
gebornes Genie, darin kann ich nur Dein Schüler sein und trachte auch mit grossem
Fleiss Dir nachzukommen, es ist ein spassiges In-die-Runde-laufen, dass während
Dich jedermann so oft über Deine sogenannte Inkonsequenzen verklagt, ich
heimlich mir Vorwürfe mache, dass mein Genie hierzu nicht ausreicht. - »Sorglos
über die Fläche weg, wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben Du
siehst.« - Immerhin nur das einzige tue mir, und fange nicht alles untereinander
an, in Deinem Zimmer sah es aus wie am Ufer, wo eine Flotte gestrandet war.
Schlosser wollte zwei grosse Folianten, die er für Dich von der Stadtbibliotek
geliehen hat, und die Du schon ein Vierteljahr hast, ohne drin zu lesen. Der
Homer lag aufgeschlagen an der Erde, Dein Kanarienvogel hatte ihn nicht
geschont, Deine schöne erfundne Reisekarte des Odysseus lag daneben und der
Muschelkasten mit dem umgeworfenen Sepianäpfchen und allen Farbenmuscheln drum
her, das hat einen braunen Fleck auf Deinen schönen Strohteppich gemacht, ich
habe mich bemüht, alles wieder in Ordnung zu bringen. Dein Flageolet, was Du
mitnehmen wolltest und vergeblich suchtest, rat, wo ich's gefunden habe? - Im
Orangenkübel auf dem Altan war es bis ans Mundstück in die Erde vergraben, Du
hofftest wahrscheinlich einen Flageoletbaum da bei Deiner Rückkunft aufkeimen zu
sehen, die Liesbet hat den Baum übermässig begossen, das Instrument ist
angequollen, ich hab es an einen kühlen Ort gelegt, damit es gemächlich wieder
eintrocknen kann und nicht berstet, was ich aber mit den Noten anfange, die
daneben lagen, das weiss ich nicht, ich hab sie einstweilen in die Sonne gelegt,
vor menschlichen Augen darfst Du sie nicht mehr sehen lassen, ein sauberes
Ansehen erhalten sie nicht wieder. - Dann flattert das blaue Band an Deiner
Gitarre, nun schon seitdem Du weg bist, zum grossen Gaudium der Schulkinder
gegenüber, so lang es ist, zum Fenster hinaus, hat Regen und Sonnenschein
ausgehalten und ist sehr abgeblasst, dabei ist die Gitarre auch nicht geschont
worden, ich hab die Liesbet ein wenig vorgenommen, dass sie nicht so gescheut
war, das Fenster zuzumachen hinter den dunklen Plänen, sie entschuldigte sich,
weil's hinter den grünseidnen Vorhängen versteckt war, da doch, so oft die Türe
aufgeht, die Fenster vom Zugwind sich bewegen. Dein Riesenschilf am Spiegel ist
noch grün, ich hab ihm frisch Wasser geben lassen, Dein Kasten mit Hafer und was
sonst noch drein gesäet ist, ist alles durcheinander emporgewachsen, es deucht
mir viel Unkraut drunter zu sein, da ich es aber nicht genau unterscheiden kann,
so hab ich nicht gewagt, etwas auszureissen; von Büchern hab ich gefunden auf der
Erde den Ossian, die Sacontala, die Frankfurter Chronik, den zweiten Band
Hemsterhuis, den ich zu mir genommen habe, weil ich den ersten Band von Dir
habe. Im Hemsterhuis lag beifolgender philosophischer Aufsatz, den ich mir zu
schenken bitte, wenn Du keinen besondern Wert darauf legst, ich hab mehr
dergleichen von Dir, und da Dein Widerwille gegen Philosophie Dich hindert,
ihrer zu achten, so möchte ich diese Bruchstücke Deiner Studien wider Willen
beisammen bewahren, vielleicht werden sie Dir mit der Zeit interessanter.
Siegwart, ein Roman der Vergangenheit, fand ich auf dem Klavier, das Tintenfass
draufliegend, ein Glück, dass es nur wenig Tinte mehr entielt, doch wirst Du
Deine Mondscheinkomposition, über die es seine Flut ergoss, schwerlich mehr
entziffern. Es rappelte was in einer kleinen Schachtel auf dem Fensterbrett, ich
war neugierig sie aufzumachen, da flogen zwei Schmetterlinge heraus, die Du als
Puppen hineingesetzt hattest, ich hab sie mit der Liesbet auf den Altan gejagt,
wo sie in den blühenden Bohnen ihren ersten Hunger stillten. Unter Deinem Bett
fegte die Liesbet Karl den Zwölften und die Bibel hervor, und auch - einen
Lederhandschuh, der an keiner Dame Hand gehört, mit einem französischen Gedicht
darin, dieser Handschuh scheint unter Deinem Kopfkissen gelegen zu haben, ich
wüsste nicht, dass Du Dich damit abgibst, französische Gedichte im alten Stil zu
machen, der Parfüm des Handschuh ist sehr angenehm und erinnert mich und macht
mich immer heller im Kopf, und jeden Augenblick sollte mir einfallen, wo des
Handschuh Gegenstück sein mag; indes sei ruhig über seinen Besitz, ich hab ihn
hinter des Kranachs Lukretia geklemmt, da wirst Du ihn finden, wenn Du
zurückkommst; zwei Briefe hab ich auch unter den vielen beschriebenen Papieren
gefunden, noch versiegelt, der eine aus Darmstadt, also vom jungen Lichtenberg,
der andre aus Wien. Was hast Du denn da für Bekanntschaft? - Und wie ist's
möglich, wo Du so selten Briefe empfängst, dass Du nicht neugieriger bist, oder
vielmehr so zerstreut. - Die Briefe hab ich auf Deinen Tisch gelegt. Alles ist
jetzt hübsch ordentlich, so dass Du fleissig und mit Behagen in Deinen Studien
fortfahren kannst.
    Ich habe mit wahrem Vergnügen Dir Dein Zimmer dargestellt, weil es wie ein
optischer Spiegel Deine aparte Art zu sein ausdrückt, weil es Deinen ganzen
Charakter zusammenfasst; Du trägst allerlei wunderlich Zeug zusammen, um eine
Opferflamme dran zu zünden, sie verzehrt sich, ob die Götter davon erbaut sind,
das ist mir unbekannt.
                                                                        Karoline
Wenn Du Musse findest, so schreib bald wieder.
                        Beilage zum Brief der Günderode
                         (Ein apokalyptisches Fragment)
1. Auf hohem Fels im Mittelmeer stand ich, vor mir der Ost, hinter mir der West,
und der Wind ruhte auf der See.
2. Die Sonne sank, kaum war sie verhüllt im Niedergang, entüllte im Aufgang
sich das Morgenrot; Morgen, Mittag, Abend und Nacht jagten in schwindelnder Eile
um des Himmels Bogen.
3. Ich sah staunend sie sich drehen, mein Blut, meine Gedanken bewegten sich
nicht rascher; die Zeit, indes sie ausser mir nach neuen Gesetzen sich bewegte,
ging in mir den gewohnten Gang.
4. Ich wollte ins Morgenrot mich stürzen oder mich tauchen in die Schatten der
Nacht, eilend mit ihr dahinströmend, um nicht so langsam zu leben, aber im
Schauen versunken ward ich müde und entschlief.
5. Da sah ich ein Meer vor mir, von keinem Ufer umgeben, nicht im Ost, noch Süd,
noch West, noch im Nord; kein Windstoss bewegte die Wellen, aber in ihren Tiefen
bewegte sich, wie von innerer Gärung gereizt, die unermessliche See.
6. Und mancherlei Gestalten stiegen auf aus dem tiefen Meeresschoss, und Nebel
stiegen auf und senkten sich in Wolken, und in zuckenden Blitzen berührten sie
die gebärenden Wogen.
7. Und immer mannigfaltiger entstiegen der Tiefe Gestalten, mich ergriff
Schwindel und Bangheit, meine Gedanken wurden hiehin und dortin getrieben, wie
eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch.
8. Als ich wieder erwachte und von mir zu wissen anfing, da besann ich mich
nicht, ob ich Jahrhunderte oder Minuten geschlafen, denn in den dumpfen,
verworrenen Träumen war mir nichts begegnet, was mich an die Zeit erinnert
hatte.
9. Es war dunkel in mir, als habe ich geruht in dieses Meeres Schoss und sei wie
andere Gestalten ihm entstiegen. - Ich schien mir ein Tropfen Taues, ich bewegte
mich lustig in der Luft hin und wieder und freute mich, und mein Leben war, dass
die Sonne sich in mir spiegle und die Sterne mich beschauten.
10. Ich liess von den Lüften mich dahin tragen in raschen Zügen, ich gesellte
mich zum Abendrot, zu des Regenbogens siebenfarbigen Tropfen, ich reihte mit
meinen Gespielen mich um den Mond, wenn er sich bergen wollte, und begleitete
seine Bahn.
11. Die Vergangenheit war mir dahin, nur der Gegenwart gehörte ich an, eine
Sehnsucht war in mir, die ihr Begehren nicht kannte, ich suchte immer, und was
ich fand, war nicht das Gesuchte, und sehnend trieb ich mich umher im
Unendlichen.
12. Einst ward ich gewahr, dass alle die Wesen, die dem Meer entstiegen waren,
wieder zu ihm zurückkehrten und in wechslenden Formen sich wieder erzeugten.
Mich befremdete diese Erscheinung, denn ich hatte von keinem Ende gewusst. Da
dachte ich, meine Sehnsucht sei auch, zurückzukehren zu der Quelle des Lebens.
13. Und da ich dies dachte und lebendiger fühlte als all mein Bewusstsein, ward
plötzlich mein Gemüt wie mit betäubenden Nebeln umfangen. Aber sie schwanden
bald, ich schien mir nicht mehr ich, meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden,
mein Bewusstsein hatte ich überschritten, es war grösser, anders, und doch fühlte
ich mich in ihm.
14. Erlöset war ich von den engen Schranken meines Wesens und kein einzelner
Tropfen mehr, ich war allem wiedergegeben, und alles gehörte mir mit an, ich
dachte und fühlte, wogte im Meer, glänzte in der Sonne, kreiste mit den Sternen;
ich fühlte mich in allem und genoss alles in mir.
15. Drum wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht
Tausende, es ist eins und alles; es ist nicht Leib und Geist geschieden, dass das
eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist eins, gehört sich selbst
und ist Zeit und Ewigkeit zugleich und sichtbar und unsichtbar, bleibend im
Wandel, ein unendliches Leben.
 
                                An die Günderode
Wie wir hier leben, das will ich Dir erzählen. Morgens kommen wir alle im
Schlafzimmer von Savignys zusammen. Da wird gegalert und als ein bisschen Krieg
mit Kopfkissen und Rouleaux geführt, und im Nebenzimmer wird gefrühstückt dabei.
Wir nehmen uns zwar sehr in acht, den grossen Savigny zu treffen, aber er ist
gescheut, wenn's Gefecht heiss wird, da zieht er sich zurück. Später zerstreut
sich alles. Wir sind auch jetzt schon zweimal geritten, ich bin beidemal
heruntergefallen, einmal wie wir bergauf ritten und einmal vor Lachen.
Nachmittags gehen wir manchmal in den Wald, und Savigny liest vor, da hab ich
meine Not mit dem Zuhören, auf dem Waldrasen hab ich gar zu viel Zerstreuung,
alle Augenblick ist ein Kräutchen oder ein Spinnchen oder ein Räupchen oder ein
Sandsteinchen, oder ich bohr ein Löchelchen in die Erd und find allerlei da, der
Savigny sagt, ich sei hoffärtig und wollt nicht zuhören, er kann's nicht leiden,
drum setz ich mich hinter seinen Kopf, da merkt er's als nicht. Wir gehen auch
als auf die Jagd, und ich nehm die kleine Flint, ich schiess aber immer, was Du
wohl weisst, wonach ich immer auf die Jagd geh, Hirngespinste aus der Luft,
gestern wollte mir der Bostel lehren, nach den Vögelchen zielen, ich schoss, und
das Vögelchen fiel herunter, ich dacht gar nicht, dass ich's treffen würde, ich
war sehr erschrocken, aber der Bostel machte so grossen Lärm von meinem scharfen
Blick, und die andern lobten mich alle, dass ich so gut ziele, dass ich meine Reue
über diesen ersten Mord nicht merken liess. Ich nahm das Vögelchen in die Hand,
wo es vollends erkaltete, in der Nachtstille hab ich's begraben unter dem
Fenster von Deiner Schlafkammer und nicht ohne schwere Nachgedanken; wahrlich,
ich hab es nicht mit Willen getan, aber doch mit Leichtsinn. Was liegt am Vogel,
alle Jäger schiessen ihn ja! - Aber ich nicht, ich hätt es niemals getan, aus dem
Laub, in seiner heiteren Lebenszeit den Vogel herunterzuschiessen, den Gott mit
der Freiheit des Flugs begabt hat. Gott schenkt ihm die Flügel, und ich schiess
ihn herunter, o nein, das stimmt nicht!
    Eben kommt Dein Brief an, Deinen Kamm und die Kette hast Du wohl erhalten?
Ich hab sie an Mienchen geschickt in einer kleinen Schachtel, Clemens hat einen
kleinen Brief beigeschlossen an Deine Schwester und ein paar Zeilen an Dich;
mein Zimmer gefällt mir wohl in seiner Unordnung, und ich gefall mir also auch
wohl, da Du meinst, es stelle meinen Charakter vollkommen dar. Am liebsten ist
mir, dass Du zur rechten Zeit kamst, um die Schmetterlinge zu befreien. Du kommst
immer zur rechten Zeit, um meine Dummheiten gutzumachen. Den philosophischen
Aufsatz, wie Du ihn zu nennen beliebst, schenk ich Dir, ich nenne ihn einen
steifstelligen, verschnippelten, buchsbaumernen Zwerg, ein fataler grüner
Würgengel von superklugem Gewälsch, ohne Sprach, ohne Musik, es sei denn das
hölzerne Gelächter; dem gleicht's ganz im Ton und Inhalt; mach mich nicht
närrisch, - ich will nichts mehr davon wissen. Dein apokalyptisch Fragment macht
mich auch schwindlen; bin ich zu unreif, oder was ist es, dass ich so fiebrig
werd, und dass Deine Phantasien mich schmerzlich kränken. »Meine Gedanken wurden
hierhin und dortin getrieben wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine
Erinnerung erlosch.« Warum schreibst Du mir so was? - das sind mir bittere
Gedanken! Es macht mich unzufrieden und voll Bangigkeit, dass Du Deinen Geist in
eine Unbewussteit hineinversetzest. Ich weiss nicht, wie ich immer empfinde, als
sei alles Leben inner mir und nichts ausser mir, Du aber suchest in höheren
Regionen nach Antwort auf Deine Sehnsucht, willst »mit Deinen Gespielinnen den
Mond umwallen«, wo ich keine Möglichkeit mir denken kann mitzutanzen, willst »
erlöst sein von den engen Schranken Deines Wesens«, und mein ganz Glück ist
doch, dass Gott Dich in Deiner Eigentümlichkeit geschaffen hat; - und dann sagst
Du noch so was Trauriges: »Ich schien mir nicht mehr Ich und doch mehr als sonst
Ich.« Meinst Du, damit wär mir gedient? - »Meine Grenzen konnte ich nicht mehr
finden, mein Bewusstsein hatte sie überschritten, es war anders.« Mit dem allen
ist mein Urteil gesprochen, mich quält Eifersucht, mir scheint Dein Denken ausser
den Kreisen zu schweifen, wo ich Dir begegne. Du bist herablassend, dass Du vor
mir solche Dinge aussprichst, die ich nicht nachempfinden kann und auch nicht
mag, weil sie unsern engen Lebenskreis überschreiten, in dem allein mir nur lieb
denken ist. Straf mich nun mit Worten, wie Du willst, dass ich so dumm bin, aber
der Eifersucht Brand tobt in mir, wenn Du mir nicht am Boden bleibst, wo auch
ich bin. In diesem Fragment lese ich, dass Du nur im Vorübergehen mit mir bist,
ich aber wollte immer mit Dir sein, jetzt und immer, und ungemischt mit andern;
erst hast Du geweint im Traum um mich, und nachher im Wachen vergisst Du alles
Dasein mit mir, ich kann mir nichts denken als nur ein Leben, wie es gerad dicht
vor mir liegt, mit Dir auf der Gartentreppe oder am Ofen, ich kann keine
Fragmente schreiben, ich kann nur an Dich schreiben, aber innerlich weite Wege,
grosse Aussicht, aber nicht dem Mond nachlaufen und im Tau vergehen und im
Regenbogen verschwimmen. Zeit und Ewigkeit, das ist mir alles so weitläufig, da
fürcht ich Dich aus den Augen zu verlieren, was ist mir »Ein unendliches Leben
bleibend im Wandel«, jeder Augenblick, den ich leb', ist ganz Dein, und ich
kann's auch gar nicht ändern, dass meine Sinne nur bloss auf Dich gerichtet sind,
Du wirfst mich aus der Wiege, die Du auf dem grossen Ozean schwimmend vor Dir
hergetrieben hast, hinaus in die Wellen, weil Du in die Sonne fahren willst,
unter die Sterne und im Meer zerrinnen. - Mir ist schwindelig, taumelig. - So
ist einem, der vom Feuer verzehrt wird und kann doch kein Wasser dulden, das es
lösche. Du verstehst mich nicht, und wenn Du noch so klug bist und alles
verstehst, das Kind in Deine Brust geboren, das verstehst Du nicht. - Ich weiss
wohl, wie mir's gehen wird mein ganzes Leben, ich weiss es wohl. Leb wohl.
                                                                         Bettine
Heut haben wir den 19. Mai, am 7. Mai hat's zum erstenmal gedonnert in diesem
Jahr, das wird gerad gewesen sein, wo Du das verdammte apokalyptische Fieber
hattest.
    Noch vierzehn Tag bleiben wir, alles blüht, ein Abhang voll Kirschbäume, so
dunkelrote Stämmchen, so jung wie unsereins, ich geh alle Morgen früh hinaus und
such die Raupennester dort ab; soviel ich hinanreichen kann, bieg ich die Zweige
herab und brech die boshaften Raupennester heraus, sie sollen sich freuen dies
Jahr, die Bäume, und nicht mit kahlen Häuptern dastehen vor dem Herbst. - Ich
tu's auch, weil ich mich gegen Dich zusammennehmen will, hast Du Deine
Regenbogenkränzchen und Deine Mondkoterien, wo Du übers Bewusstsein
hinausspazierst und das Heimkehren vergisst, mit Deiner Haiden, mit Deiner Nees,
mit Deiner Lotte Serviere Reigen im Sternennebel tanzest, so hab ich meine
einsame Unterredungen mit den jungen Erbskeimen und mit den Mirabellen und
Reineclauden und Kirschbäumen in der Blüte, und gestern war ich mit dem
Gingerich drauss am Goldweiher, da haben wir eine Hütte gemacht von Moos, da
haben die zwei jungen Wiedertäufer geholfen, der mit dem braunroten Bart, der so
stolz drauf ist; der schöne Hans und der blonde Georg; sie liessen beide ihre
Pflüge stehen und kamen heran, mir zu helfen, und schnitten mir Tannenäste
herunter, und alles, was ich Loses an mir hatte, damit hab ich die Äste
festgebunden, mit meiner hellblauen Schärpe und mit dem rosa Halstuch, wovon Du
die andre Hälfte hast, hab ich sie zusammengeknüpft, und am Nachmittag kam der
Savigny heraus und legte sich in die Hütte, sehr vergnügt, und ich las vor,
Gedichte vom Bruder Anton, eine Wasserreise nach den verschiedenen
Sauerbrünnchen und ein Gedicht auf Euphrosyne Maximiliane und eine
philosophische Abhandlung von einem gläsernen Esel, der auf einer blumenreichen
Wiese sich sattgefressen hatte, und dem die seltensten Blumen durch den Bauch
schimmern und ihn so verschönen, dass er die Bewunderung aller Laubfrösche ist,
die alle auf ihn hinaufhüpfen und sich vergebens abmühen, in diesem schönen
Blumenlabyrint herumzuhüpfen, so müssen sie sich's vergehen lassen, weil der
gläserne Bauch es umschliesst, und dann die Moral ist von dieser wunderbaren
Fabel: »Streben nach unmöglichen Genüssen hilft zu nichts und verdirbt die
Zeit«, denn einmal hatte Gott schon früher diese schöne Blumenweide zur
Verschönerung des Esels bestimmt und nicht zur Schwelgerei der Frösche, und
zweitens war der vornehme Esel auch zu ganz was anderem bestimmt als zum
Belustigungsort gemeiner Frösche, denn als ihn zwei verständige Philosophen und
Gelehrte aus der an schönen Naturseltenheiten reichen Stadt Frankfurt
begegneten, so führten beide diesen wunderschönen Esel an einem grünseidnen Band
durch die Stadt. Am Gallentor, wo sie einpassierten, präsentierte die Stadtwache
das Gewehr vor ihm, und auf dem Rossmarkt (also grade vor Deinem Stift)
versammelten sich alle Bürger und begleiteten ihn mit Siegsgeschrei auf den
Römer, allwo der Herr Bürgermeister mit allen Ratsherren versammelt war, und die
Herren von der ersten Bank wie auch von der zweiten und dritten stimmten alle
ein in das Lob der Wunder Gottes, als sie in dem Bauch des Esels die schönen
Tulipanen, Levkoien, Narzissen, Hyazinten, Schwertlilien, Kaiserkronen und vor
allem die schönen Rosen herumflorieren sahen. Als sie dessen sattsam sich
erfreut hatten, so liess der Herr Bürgermeister fortfahren in den angefangenen
Ratschlägen und den gläsernen Blumenesel einstweilen auf einem erhabenen Platz
aufstellen; wie nun der Rat vollendet war, welcher wegen wichtigen
Angelegenheiten etwas lange gedauert hatte, und man den Esel in die
Raritätskammer führen wollte, so hatte dieser unterdessen seine Notdurft
verrichtet, und es war keine einzige Blume in seinem Bauch geblieben, sondern
war alles zu Mist geworden, und der Bauch des Esels sah nicht anders aus als
eine schmutzige, ranzige Ölflasche. Die Stadtmusikanten, welche auf Befehl des
Rates herbeigekommen waren, um diese schöne Naturseltenheit Gottes mit Trommeln
und Pfeifen durch die löbliche freie Reichsstadt zu geleiten, wurden zum grossen
Leidwesen der Gassenbuben verabschiedet, die aus Rache den armen Esel mit
Steinen warfen, dass sein gläserner Bauch in tausend Stücken ging und er
elendiglich sich auf dem Scherbelhaufen vom Dippenmarkt am Pfarreisen zum
Verscheiden hinlegte, wo er unter dem Gespött und boshaftem Zwicken seiner
langen Ohren mit lautem Gestöhn den Geist aufgab. Die Moral und grosse weise
Lehre von dieser Fabel ist: Brüste dich nicht vor deinem Ende; wenn das falsche
Glück dir den Bauch voll der schönsten Blumen stopft, so zwingt dich oft die
Notdurft, alles, worauf Du einst so stolz sein konntest, als stinkenden Mist
wieder von dir zu geben, und jene, so dir früher schmeichelten um deiner seltnen
Gaben willen, sind dann gerade die, welche dich am unbarmherzigsten verfolgen.
Hättest du, Esel, dich nicht von ein paar überspannten, hochtrabenden Gelehrten
verführen lassen, deine Blumenschönheit in der Stadt Frankfurt als eine
bewundernswürdige Seltenheit zu zeigen, sondern wärst du ruhig in deinen Stall
gewandert, so konntest du ruhig deine Verdauung abwarten und jeden Tag in der
Blumenzeit aufs neue deinen Bauch mit lieblichen, würzigen Speisen füllen, und
dein Ruhm würde auch nicht ausgeblieben sein, denn man würde zu dir
hinausgekommen sein ins Feld, um dich zu bewundern. Die dritte Moral ist die,
dass doch ein hochweiser Rat es sich zur warnenden Lehre nehme, alles, womit ein
Esel in seinem Bauche prahlt, ja nicht hoch anzuschlagen, da es nach kurzer Zeit
doch immer zu Mist werden muss. -
    Den Savigny und alle hat die Geschichte des Anton höchlich amüsiert, es
wurde noch viel gelacht und zuletzt unter Gesang beim Untergehen der Sonne nach
Hause gewandert.
    Ich wollte zwar früher zurückkommen, und mein Gewissen mahnt mich auch,
nicht alles, was ich dort angefangen, solang aus den Augen zu lassen; aber es
schleicht ein Tag nach dem andern so anmutig vorüber, und der Savigny ist so
anmutig und kindisch, dass wir ihn nicht verlassen können, alle Augenblick hat
eins ihm ein Geheimnis anzuvertrauen, der führt ihn in den Wald, der andre in
die Laube, und die Gundel muss sich's gefallen lassen, und Gescheitsein ist gar
nicht Mode, der Clemens hat ihm schon ein paar Wände mit abenteuerlichen Figuren
vollgemalt, und Verse und Gedichte werden mit schwarzer Farbe an alle Wände gross
geschrieben. Der Clemens hat Wieland, Herder, Goete und die Prinzessin Amalie
grau in grau gemalt und den Dir bekannten Vers dazu. - Heut muss ich aufhören,
ich schick Dir eine Schachtel mit dem grossen Maiblumenstrauss, schmücke Deinen
Hausaltar und verrichte eine Andacht für mich, es ist meine liebste Blum. Geh in
Dich und frag Dich, wer Dir am nächsten steht von allen Menschen; und frag Dich
recht deutlich, wer sich am liebsten an Dein Herz schmiegt ohne grosse
Anforderungen an ein hyperboräisches Glück, und da wirst Du sagen müssen, dass
ich's bin, die allein das Recht hat, Dir nahzustehen, und wenn Du das nicht
einsiehst, so ist der Schade mein, aber Dein auch.
                                                                         Bettine
                         Beilage zum Brief der Bettine
                      Der Aufsatz, der im Hemsterhuis lag
Es sind aber drei Dinge, aus diesen entspringt der Mensch, nicht nur ein Teil
oder eine Erscheinung von ihm, sondern er selber mit allen Erscheinungen in ihm,
und sein Same und Keim liegt in diesen drei Dingen, diese aber sind die
Elemente, aus welchen die ganze erschaffne Natur sich in dem Menschen wieder
bildet.
    Das erste ist der Glaube, aus diesem entspringt der gewisse Teil des
Menschen, nämlich der Leib oder das Kleid des Geistes; der Gedanke; dieser ist
die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes und eine Befestigung seines
Daseins. Der Glaube aber ist Befestigung, und ohne diesen schwebt alles und
gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, die die erschaffende
Natur noch nicht unter sich gebracht hat, so wie der Natur Eigenschaft aber ist,
den ewigen Stoff, die Zeit zu bearbeiten, so ist jener ihre Eigenschaft, die
Gestalt von sich abzustossen und nicht anzunehmen, bis sie von der Natur in
seligem Kampf besiegt ist.
    Der Glaube aber ist die Erscheinung Gottes in der Zeit, der Glaube ist
Gewissheit und Ewigkeit. Die Erscheinung Gottes ist immer ewig, in jedem
Augenblick, und so ist der Mensch ewig, denn sein Sein ist Gottes Erscheinung.
Gott aber ist alles, das das Gute ist als Gegensatz gegen nichts, das das Böse
ist.
    Daher ist auch alles in dem Menschen, der die Erscheinung Gottes ist; daher
begreift er einzig in sich Gott und den Glauben an ihn, weil sein Sein der
Glaube ist, sein Wesen aber Gott.
    Was also der Mensch erblickt mit seinen Augen ausser sich, das ist Gottes
Blick in ihm, was er aber hört mit seinen Ohren ausser sich, das ist Gottes
Stimme in ihm, was er aber fühlt mit seinem ganzen Leib und Geist ausser sich,
das ist Gottes Berührung, der Funke der Begeisterung in ihm, was aber in ihm
ist, das erschafft und bildet aus ihm, was aber erschaffen und ausser ihm ist,
das spricht ihn an und bildet sich wieder in ihn hinein, in ihm aber liegt auch
die Zeit, und es ist das Werk des Erschaffens nichts anders als die Zeit
umwandlen in die Ewigkeit, wer aber die Zeit nicht umwandelt in die Ewigkeit
oder die Ewigkeit herabziehet in die Zeit, der wirkt Böses, denn alles, was ein
Ende nimmt, das ist böse.
    Die Ewigkeit in die Zeit herabziehen aber heisst, wenn die Zeit der Ewigkeit
mächtig wird, wenn die Nichtigkeit mächtiger wird als die Gewalt des Schaffens,
wenn der Stoff des Meisters sich bemeistert, der ihn behandelt.
    Böse ist also der Selbstmord, denn der Willen der Vernichtung ist zeitlich,
und der Gedanke geht in sich selbst zugrund, weil er ein Kleid der Zeitlichkeit
ist, nicht aber eine sichtbare Erscheinung des ewigen Geistes, und hier lehnt
sich der Stoff - die Zeit, gegen seinen Meister (das Schicksal der Ewigkeit)
auf.
    Wenn man aber sagt, der Mensch ist im Guten geboren, so ist dieses wahr,
weil er im Glauben geboren ist; wenn man aber sagt, er hat das Böse nicht,
sondern er zieht es nur an, so ist dieses nicht wahr, denn er hat die Kraft, das
Böse von sich zu stossen, nicht aber es an sich zu ziehen, denn das Böse ist die
Zeit, und sie dient zur Nahrung für das Göttliche und Ewige, die Zeit aber frisst
die Ewigkeit und den Geist, der ewig sein soll, wenn er sich nicht ihrer
bemächtigt und sich zur Nahrung nimmt; denn das ist das Böse, dass das Zeitliche,
Irdische das ewige Himmlische verschlingt, das Gute aber ist, wenn das ewige
Himmlische das Irdische in sich umwandelt und alles zu Gott in ihm macht.
    Gott aber hat das Zeitliche nicht in sich, denn sein Sein ist die Umwandlung
des Zeitlichen ins Himmlische, weil er aber ist, so ist die Ewigkeit.
    Die Vernunft aber ist eine Säule, festgepflanzt in dem Menschen, sie ist
aber ewig und also eine Stütze des Himmels, und wie sie eingegraben ist in uns
und mit uns eins ist, so geht ihr Haupt in die Wolken, und in ihrer Wurzel liegt
die Zeit, aber wie sich aus dem Stoff der Geist entwickelt, so entwickelt sich
die Ewigkeit aus dieser Zeit und steigt in der Vernunft zur Ewigkeit, und der
Mensch wird durch die Vernunft aus einem Irdischen ein Himmlisches.
 
                                 An die Bettine
                                                                       Frankfurt
Melonen, Ananas, Feigen, Trauben und Pfirsich und die Fülle südlicher Blüten,
die eben in Eurem Hause sorglich verpackt werden, haben mir Lust gemacht, Dir
das Violen- und Narzissensträusschen (Wandel und Treue) beizulegen, ich hätte
mich gern selbst mit hineingelegt. Der Heliotrop mit den Nelken und Jasmin
zusammen ist ein aparter Strauss vom Gontard für Dich, er trug mir auf, es Dir zu
melden. Es ist mir jetzt recht traurig, da Du fort bist. - Das Schicksal frönt
Deiner Zerstreuteit, bei Euch auch ist ein ewiges Wandern, Kommen, Gehen. Ich
bitte Dich, schreib, wie lange Ihr bleibt oder zu bleiben gedenkt. Erst wollt
ich nicht, dass Du hier bliebst, und wärst Du nun schon wieder da! - Es ist keine
heitere Zeit in mir, viel Muse und keine Begeisterung für sie; man hängt von
manchem ab, dem man gar keinen Einfluss zugestehen würde, die Gewohnheit, Dich zu
erwarten am Nachmittag, hängt mir wie ein zerrissner Glockenstrang in den Kopf! -
Und doch muss ich immer in die Ferne lauschen, ob ich Deinen Tritt nicht höre.
    Der Sommer in der Stadt - es bedroht mich ganz dämonisch, den hellen Himmel
zu versäumen. - Meine Spaziergänge um das Eschenheimer Tor ertöten mich
gänzlich. Auch die Engländer wollen Euch diese Woche noch besuchen, alles geht
fort.
    Schreib mir viel, auch über meine Sachen, ich schicke dann mehr. Dass ich als
Narziss mich gegen Dich verschanze, besser wie im Gespräch, wo Du immer recht
behältst, musst Du Dir gefallen lassen, so mein ich's, und so hab ich recht, und
Du hast unrecht; und ich meine, Du könntest immer zufrieden sein damit, so
empfunden zu sein durch Deine eigne frische Natur, dass Du meiner sicher bist.
Wer im ganzen etwas sein kann, der wird sich auch fühlbar zu machen wissen, und
so wird der Wandel nirgend anders als bei der Treue heimkehren, denn sie ist die
Heimat. Du bist ja auch heute nicht, was Du gestern gewesen, und doch bist Du
eine ewige Folge Deiner selbst. Mir scheint es noch ausserdem höchst verkehrt,
durch selbstisches Bestehen auf dem, was nur wie Sonnenschein vorübergehendes
Geschenk der Götter ist, dem Geist die Freiheit zu verkümmern. Treue wächst in
dem Geist auf, der liebt, gedeiht sie zu einem starken Baum, so wird kein Eisen
so scharf sein, ihn auszurotten, aber ehe die Treue von selbst stark geworden,
kann man ihr nichts zumuten, sie würde nur bei einer Anforderung ihr
aufkeimendes Leben einbüssen; wenn sie aber einmal vollkommen ausgebildet ist,
dann ist sie kein Verdienst mehr, dann ist sie Bedürfnis geworden, Lebensatem; -
sie hat keine Rechte mehr zu befriedigen, weil sie ganz organisches Leben
geworden ist. - Das sei unsre Sorge, dass jede Lebensregung eigentümliches,
organisches Leben werde, das sei unsre Fundamentaltreue, durch die wir in allem
Erhabenen mit den Göttern uns vermählen. Bis dahin lass uns einander treffen in
ihrem Tempel, die Gewohnheit, uns da zu finden, einander die Hand zu bieten in
gleicher Absicht, die wird den Baum der Treue in uns pflegen, dass er als
selbständiges Leben von uns beiden ausgehe und stark werde.
    Ich habe mich mit dem Gedanken oft herumgetragen, ob nicht alles, was sich
vollkommen und also lebendig in der Seele ausbilde, ein selbständiges Leben
gewinnen müsse, das dann als willenskräftige Macht (wie jene Treue, mit der Du
mich magnetisierst) Menschengeister durchdringt und sie zu höherem Dasein
inspiriert. - Was sich im Geist ereignet, ist Vorbereitung einer sich
ausbildenden Zukunft, und diese Zukunft sind wir selber. - Du sagst, alles gehe
ins Innere herein und Du empfändest die Welt nicht von aussen. Aber ist denn die
äussere Welt nicht Dein Inneres? - oder soll sie es nicht werden? - Von innen
heraus lernt man Sehen, Hören, Fühlen, um das Äussere ins Innere zu verwandeln,
das ist nicht anders, als wie wenn die Bienen den Blumenstaub in die Kelche
vertragen, die für die Zukunft sich befruchten sollen. In der Seele liegt die
Zukunft in vielfältigen Knospen, da muss aus reiner Geistesblüte der lebendige
Staub hineingetragen werden. Das scheint mir Zukunft zu sein. - Jahre vergehen
gleich einem tiefen Schlaf, wo wir nicht vorwärts und nicht zurück uns bewegen,
und wirkliche Zeitschritte sind nur die, in denen der Geist die Seele
befruchtet, in der Zeiten Raum geht das wirkliche Leben aus solchen einzelnen
befruchtenden Momenten wie die Blütenperlen dicht aneinander auf. - Was ist auch
Zeit, in der nichts vorgeht? - die nicht vom Geist befruchtet ist? - Pause,
bewusstloses Nichts! - Raum, den wir durchschreiten, der noch unerfüllt ist. -
Aber jene Momente müssen noch so dicht gesäet werden, dass der ganze Raum ein
ewiges Blütenmeer von befruchtenden Lebensmomenten sei. - Alle Anreizung in
selbständiges Leben entwicklen, das geistbewaffnet nach eigentümlicher Weise die
Zukunftsblüten erweckt, das allein ist lebendige Zeit, aber uns selbst für
abgeschlossen halten und einer Zukunft entgegenschreiten, die nicht wir selbst
sind, das scheint mir Unsinn und ebensowenig wahr, als wenn unsere Einsicht
nicht Folge unseres Begriffs wäre. Ich habe mich zusammengenommen, um deutlich
zu sein, allein das ist das Schwerste, man empfindet etwas unwidersprechlich und
kann's dennoch nicht aussprechen. - Deine Eifersucht um mich, die ich wahrhaftig
erst für Laune hielt, später aber ihr Gerechtigkeit widerfahren liess, obschon
ich sie nicht billigen kann, leitete mich zu diesen Betrachtungen. Ich bin Dir
nicht entgegen, Bettine, dass Du mit Ernst und auch mit besonderem und vielleicht
auch mit mehr Recht teil an mir habest wie alle die andern; denn da wir so
unwillkürlich manchen lebendigen Begriff nur gegenseitiger Berührung zu danken
haben und ich mehr Dir als Du mir, so sollte dies organische Ineinandergreifen
uns auch frei machen von jeder kleinlichen Eigensucht, und wir sollten wie die
Jünglinge, während sie nach dem Ziel laufen, nicht uns Zeit gönnen, an was
anders zu denken als im schwebenden Lauf auszuharren. Und was habe ich auch am
Ende von allen andern? - Du kannst Dir das selbst wohl beantworten und Deiner
Seele darüber den höchsten Frieden gönnen. -
    Schreibe, wenn Du antwortest, auch einen Brief für den Clemens, er mahnt in
seinem Schreiben an mich darum, es wird ihm sehr überraschend sein, wenn er
Deinen Aufentalt im Schlangenbad erfährt. Adieu! schreib bald.
                                                                        Karoline
                        Beilage zum Brief der Günderode
                                Wandel und Treue
                                    Violetta
Ja, du bist treulos! Lass mich von dir eilen;
Gleich Fäden kannst du die Empfindung teilen.
Wen liebst du denn? Und wem gehörst du an?
                                     Narziss
Es hat Natur mich also lieben lehren:
Dem Schönen werd ich immer angehören,
Und nimmer weich ich von der Schönheit Bahn.
                                    Violetta
So ist dein Lieben wie dein Leben, wandern!
Von einem Schönen eilest du zum andern,
Berauschest dich in seinem Taumelkelch,
Bis Neues schöner dir entgegenwinket -
                                     Narziss
In höh'rem Reiz Betrachtung dann versinket
Wie Bienenlippen in der Blume Kelch.
                                    Violetta
Und traurig wird die Blume dann vergehen,
Muss sie sich so von dir verlassen sehen!
                                     Narziss
O nein! Es hat die Sonne sie geküsst.
Die Sonne sank, und Abendnebel tauen.
Kann sie die Strahlende nicht mehr erschauen,
Wird ihre Nacht durch Sternenschein versüsst.
Sah sie den Tag nicht oft im Ost verglühen?
Sah sie die Nacht nicht tränend still entfliehen?
Und Tag und Nacht sind schöner doch als ich.
Doch flieht ein Tag, ein andrer kehret wieder;
Stirbt eine Nacht, sinkt eine neue nieder,
Denn Tröstung gab Natur in jedem Schönen sich.
                                    Violetta
Was ist denn Liebe, hat sie kein Bestehen?
                                     Narziss
Die Liebe will nur wandlen, nicht vergehen;
Betrachten will sie alles Treffliche.
Hat sie dies Licht in einem Bild erkennet,
Eilt sie zu andern, wo es schöner brennet,
Erjagen will sie das Vortreffliche!
                                    Violetta
So will ich deine Lieb als Gast empfangen;
Da sie entfliehet wie ein satt Verlangen,
Vergönnt mein Herz ihr keine Heimat mehr.
                                     Narziss
O sieh den Frühling! Gleicht er nicht der Liebe?
Er lächelt wonnig, freundlich, und das trübe
Gewölk des Winters, niemand schaut es mehr!
Er ist nicht Gast, er herrscht in allen Dingen,
Er küsst sie alle, und ein neues Ringen
Und Regen wird in allen Wesen wach.
Und dennoch reisst er sich aus Tellas Armen,
Auch andre Zonen soll sein Hauch erwärmen,
Auch andern bringt er neuen, schönen Tag.
                                    Violetta
Hast du die heil'ge Treue nie gekennet?
                                     Narziss
Mir ist nicht Treue, was ihr also nennet,
Mir ist nicht treulos, was euch treulos ist! -
Wer den Moment des höchsten Lebens teilt,
Vergessend nicht, in Liebe selig weilet;
Beurteilt noch und noch berechnend misst;
Den nenn ich treulos, - ihm ist nicht zu trauen,
Sein kalt Bewusstsein wird dich klar durchschauen
Und deines Selbstvergessens Richter sein.
Doch ich bin treu! Erfüllt vom Gegenstande,
Dem ich mich gebe in der Liebe Bande,
Wird alles, wird mein ganzes Wesen sein.
                                    Violetta
Gibt's keine Liebe denn, die dich bezwinge?
                                     Narziss
Ich liebe Menschen nicht und nicht die Dinge,
Ihr Schönes nur, - und bin mir so getreu.
Ja, Untreu an mir selbst wär andre Treue,
Bereitete mir Unmut, Zwist und Reue,
Mir bleibt nur so die Neigung immer frei.
Die Harmonie der inneren Gestalten
Zerstören nie die ordnenden Gewalten,
Die für Verderbnis nur die Not erfand. -
Drum lass mich, wie mich der Moment geboren.
In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen;
Die Sterne wandeln ohne festen Stand,
Der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder,
Des Lebens Strom, er woget auf und nieder
Und reisst mich in seinen Wirbeln fort.
Sieh alles Leben! Es hat kein Bestehen,
Es ist ein ew'ges Wandern, Kommen, Gehen,
Lebend'ger Wandel! buntes, reges Streben!
O Strom! in dich ergiesst sich all mein Leben!
Dir stürz ich zu! Vergesse Land und Port!
                                An die Günderode
Den ersten Tag, als wir ankamen, war's so heiss, dass es mehr wie unerträglich
war; wir warfen unsere Nankingreisejacken aus und legten uns in den
Unterkleidern, in Hemdsärmeln, auf den Gang vor unserer Zimmertür ins Fenster,
von da kann man, versteckt hinter Bäumen, auf eine Terrasse sehen, wo sich die
Gesellschaft zum Tee bei der Kurprinzessin von Hessen versammelt, die grade
unter uns wohnt. Das machte mir Spass, man konnte manches verstehen, und ein Wort
aus der Ferne, wenn's auch an sich unbedeutend ist, ist immer anregend wie eine
Komödie. Doch hat das Vergnügen dran nicht lang gedauert; ein krebsroter
Kammerherr, der mir im Anfang Vergnügen machte zu sehen, wie er hin und wieder
lief und den Frauen allerlei in die Ohren zischelte, und dann ein Herzog von
Gota mit langen Beinen, rotem Haar und sehr melancholischen Gesichtszügen und
ein grosses weisses Windspiel zwischen den Knien, der trägt einen leberfarbnen
Rock; dann viele Damen mit überflüssigem Putz, die Hauben aufhatten, als wär's
die Flotte von Nelson mit aufgeschwellten Segeln, und dann französische Schiffe,
wenn so zwei miteinander parlierten, das war grad, als ob einzelne Schiffe
handgemein würden, bald brüstete sich das Schiff, dann tronte es wieder, dann
streckte es seinen Schnabel in die Höh, und Herren und Damen von besonderer
Affektion gegeneinander; bald zerstreuten sie sich auf der Promenade, und
plötzlich stand der rote Kammerherr hinter uns auf dem Gang. Die Tonie entsetzte
sich und ging ins Zimmer, ich aber war gar nicht erschrocken und fragte, was er
wünsche; er war verlegen und sagte, er wünschte der Dame Bekanntschaft zu
machen; ich fragte: »Warum werden Sie denn so rot?« Er ward noch roter und
wollte mich bei der Hand nehmen, ich sagte: »Nein!« und ging ins Zimmer, er
drängte sich mir nach, ich rief: »Tonie, helf mir den Mann bezwingen!« Sie war
aber so voll Angst, dass sie sich nicht vom Platz regte, denk Dir nur, und ich
lehnte mich mit aller Gewalt wider die Tür und der rote Mann dazwischen, der
durch wollte; ich rief: »Tonie, zieh an der Schelle!« Denn unsre Bedienten waren
alle noch am Packwagen beschäftigt, aber die Tonie fand den Schellenzug nicht; -
der unartige Mann, immer wollte er doch noch herein, wo er doch sah, dass man ihn
nicht wollte, ich konnt gar nicht begreifen, was er wollte, ich dachte einen
Augenblick, er wolle uns umbringen, ich erwischte einen Sonnenschirm, der an der
Tür stand, und stach mit dem nach seiner Lunge oder Leber, ich weiss nicht - er
zog sich zurück und die Türe fiel ins Schloss, da stand ich wie einer, der über
Berg und Tal gejagt war von einem Gespenst, ich konnte eine Viertelstunde keinen
Atem kriegen; ich dachte wirklich, er sei ein Mörder, ich hatte schon allerlei
Anschläge im Kopf, wie ich ihn erwürgen wollte. Die Tonie lachte und sagte: »Geh
doch, ein Kammerherr und ein Mörder!« Sie meinte, er sei nur ein boshafter und
gemeiner Schelm, wie's deren am Hof die meisten seien. - Wir haben aber den
Bedienten die Nacht vor der Schlafzimmertür schlafen lassen und die Lisette zu
uns ins Zimmer genommen, ich konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen, mich
störte es, dass der Diener vor der Tür lag. Es ist doch zum erstenmal in meinem
Leben, dass ich Angst hatte, aber denk doch nur, am andern Tag meldet uns der
Bediente den roten Herrn, er komme von der Fr. Kurprinzessin mit einem Auftrag
und liess sehr bitten, ihn anzunehmen, ich rufe, nein! Wir wollen von keiner
Kurprinzessin was wissen, die Tonie aber sagt, das geht nicht an, wir müssen ihn
annehmen. Ich bewaffnete mich mit dem Sonnenschirm, als er eintrat und uns zur
Frau Kurprinzessin zum Tee auf die Terrasse einlud, zugleich machte er viele
Entschuldigungen, er habe gar nicht geahnt, wer wir seien, weil wir in
Hemdsärmel im Fenster gelegen haben; ich war still, aber ich war sehr ergrimmt
über den roten Mann. Als wir bei der Kurprinzessin vorgestellt waren, die mich
bei der Hand nahm und ins Gesicht küsste, da sassen wir alle in einem Kreis, und
der Rote stellte sich hinter mich, dass ich seinen Atem fühlte, das kränkte mich
sehr, ich sagte: »Gehen Sie fort hinter mir, Sie garstiger Mann!« Da lief er
weg, aber die Tonie sah mich sehr ernstaft an, und wie wir wieder oben waren,
da schmälte sie, dass ich so laut gesprochen habe, das ist mir aber einerlei, ich
kann ihn nicht in meiner Nähe leiden, was liegt mir dran, ob's die Kurprinzessin
merkt, wenn sie frägt, so sag ich, er hat uns wollen ermorden in unserem Zimmer,
und dann kann er sich nachher verteidigen, wenn's nicht wahr ist, und kann
sagen, warum er uns so mörderischerweise angefallen hat. - Die Tonie will auch
nicht, dass ich abends allein spazieren gehe, sie sagt, der Kammerherr könnte mir
begegnen, so muss ich immer einen hinter mir dreinlaufen haben. - Es ist nichts
schöner als so ein Spaziergang im Nebel, mit dem sich, wenn die Nacht kommt,
alle Schluchten füllen und in tausenderlei Gestalten im Tal herumtanzt und an
den Felsen hinauf. - Aber einen hinter mir dreinlaufen zu haben, das ist mir
verdriesslich. - Ich kann nicht dichten wie Du, Günderode, aber ich kann sprechen
mit der Natur, wenn ich allein mit ihr bin, aber es darf niemand hinter mir
sein, denn grad das Alleinsein macht, dass ich mit ihr bin. Auf der grünen Burg
im Graben, im Nachttau, da war es auch schön mit Dir, es sind mir meine liebsten
Stunden von meinem ganzen Leben, und so wie ich zurückkomm, so wollen wir noch
acht Tage zusammen dort wohnen, da stellen wir unsere Betten dicht nebeneinander
und plaudern die ganze Nacht zusammen; und dann geht als der Wind und klappert
in dem rappeligen Dach, und dann kommen die Mäuschen und saufen uns das Öl aus
der Lampe, und wir beiden Philosophen halten, von diesen Zwischenszenen lieblich
unterbrochen, grosse tiefsinnige Spekulationen, wovon die alte Welt in ihren
eingerosteten Angeln kracht, wenn sie sich nicht gar umdreht davon. - Weisst Du
was, Du bist der Platon, und Du bist dort auf die Burg verbannt, und ich bin
Dein liebster Freund und Schüler Dion, wir lieben uns zärtlich und lassen das
Leben füreinander, wenn's gilt, und wenn's doch nur wollt gelten, denn ich möcht
nichts lieber, als mein Leben für Dich einsetzen. Es ist ein Glück - ein
unermessliches, zu grossen heroischen Taten aufgefordert sein. Für meinen Platon,
den grossen Lehrer der Welt, den himmlischen Jünglingsgeist mit breiter Stirn und
Brust, mit meinem Leben einstehen! Ja, so will ich Dich nennen künftig, Platon!
- Und einen Schmeichelnamen will ich Dir geben, Schwan will ich Dich rufen, wie
Dich der Sokrates genannt hat, und Du ruf mir Dion. -
    Es wächst hier viel Schierling in dem feuchten Moorgrund, ich fürchte es
aber nicht, obschon's Gift ist; es ist mir ein geheiligt Kraut, ich breche es ab
im Vorübergehn und berühre es mit meinen Lippen, weil der Sokrates den
Schierlingsbecher getrunken. Lieber Platon, es ist meine Reliquie, die mich von
bösen Schwächen heilen soll, dass ich vor dem Tod nicht verzagen muss, wenn es
gilt. - Gute Nacht, mein Schwan, gehe dort schlafen auf dem Altar des Eros. -
                                                       Am Sonntag - Schlangenbad
Hier ist auch eine Kapelle und eine kleine Orgel, die hängt an der Wand, die
Kapelle ist rund, ein mächtiger Altar nimmt fast den ganzen Platz ein, ein
grosser goldener Pelikan krönt ihn, der einem Dutzend Jungen sein Blut zu trinken
gibt. Das Ende der Predigt hörte ich aus, als ich hineinkam, ich weiss nicht,
war's der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben überflorten Zieraten und
Kränze von Golddraht, die frischen Sträusser daneben von Rosen und gelben Lilien
und die düsteren Scheiben, wo oben grad über dem Pelikan die dunkelroten und
gelben Scheiben die Sonnenstrahlen färben. Der Geistliche war ein Franziskaner
aus dem Koster bei Rauental. »Wenn ich jetzt von Unglück sprechen höre, so
fallen mir immer die Worte Jesu ein, der zu einem Jüngling sagte, der unter
seine Jünger wollte aufgenommen werden: Die Füchse haben Gruben, die Vögel des
Himmels haben ihre Nester, aber des Menschen Sohn hat keinen Stein, da er sein
Haupt hinlege. - Ich frage euch, ob durch diese Worte allein nicht schon alles
Unglück gebannt ist? - Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger einen
Gefährten, der ihm sein irdisch Leben heimatlich gemacht hätte, und doch wollen
wir klagen, wenn uns ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht wieder
aufrichten, finden es nicht der Mühe wert, ins Leben uns zu wagen, werden matt
wie ein Schlaftrunkner. Sollten wir nicht gern die Gefährten Jesu sein wollen,
wenn die Not uns trifft? Sollten wir nicht Helden sein wollen neben diesem
grossen Überwinder, der ein so weiches Herz hatte, dass er aus liebendem Herzen
die Kinder zu sich berief, dass er den Johannes an seiner Brust liegen hiess? Er
war menschlich, wie wir menschlich sind, was uns zu höheren Wesen bildet,
nämlich das Bedürfnis der Liebe, und zu selbstverleugnenden Opfern befähigt, das
war die Grundlage seiner göttlichen Natur, er liebte und wollte geliebt sein,
bedurfte der Liebe; weil nun die Liebe auf Erden nicht zu Hause war, so fand er
keinen Stein, da er sein Haupt ruhen konnte, da verwandelte sich dieses reine
Bedürfnis der Liebe in das göttliche Feuer der Selbstverleugnung, er brachte
sich dar, ein Opfer für die geliebte Menschheit, sein Geist strahlte wieder
himmelwärts, von wo er in seine Seele eingeboren war, wie die Opferflamme
hinaufsteigt ein Gebet für den Geliebten, und dies Gebet ist erhört worden, denn
wir fühlen uns allzumal durch diese Liebe geläutert, und wenn wir uns ihrer
Betrachtung weihen, so werden wir göttlich durch ihr Feuer, und dieses ist wie
der Odem Gottes, der alles ins Leben ruft, jeden Keim des Frühlings, so auch
ruft nun die Liebe Jesu, die auf Erden nicht begnügt und beglückt konnte werden,
zu sich alle, die mühselig und beladen sind, sie sind verschlossne,
tränenschwere Knospen, die mächtige Sonne der göttlichen Liebe wird sie zum
ewigen Leben der Liebe wecken, denn dies ist alles Lebens, alles Strebens Ziel
auf Erden. Amen.« Diese schönen Worte waren die einzigen, welche ich von der
Predigt hörte, aber sie waren mir genügend, um mich den ganzen Tag zu begleiten,
sie klangen wie ein himmlisch Geläut in mein Ohr, wie ein schöner Sonntagmorgen;
als alles zum Tempel hinaus war, ging ich von der Emporkirche herab in die runde
Kapelle, ein andrer Priester hatte eben die Messe gelesen, es kam ein alt
Mütterchen, die löschte die Kerzen und räumte auf; ich frug, ob sie Sakristan
sei, sie sagte, ihr Sohn sei Küster, aber der sei heut über Land, ich frug, wo
sie die vielen Blumen hernehme, da ich doch nirgend einen Blumengarten gesehen,
sie sagte, die Blumen sind aus unserem Garten, mein Sohn pflegt sie alle; ich
hatte eine rechte Lust, mit in den Garten zu gehen, das war sie zufrieden; das
ist ein Garten, so gross wie der Hof von unserem Haus, an der weissen Wand des
Hauses wachsen Trauben und ein paar hohe Rosenbüsche sind dazwischen
verflochten, Rosen und Trauben, ich kann mir keine schönere Vermählung denken,
Ariadne und Bacchus. Ein hölzern Bänkchen war da an der Mauer, ich setzte mich
ganz ans End und die Frau neben mich, es war kaum gross genug, dass wir Platz
hatten, ich musste recht dicht an die Frau heranrücken, ich legte meine Hand in
ihre auf ihren Schoss, sie hatte eine so harte Hand, sie sagt, das sind Schwielen
vom Graben im Land, denn hier ist ein felsiger Boden. Du glaubst nicht, wie
schön der Garten in der Sonne lag, denn jetzt ist grade die reichste Blumenzeit,
alles ist doch so schön; wenn die Natur mit Ordnung bedient wird, gleich ist's
ein Tempel, wo ihre Geschöpfe als Gebete aufsteigen, gleich ist's ein Altar, der
voll kindlicher Opfergeschenke beladen ist. - So ist das Gärtchen mit seinen
reinlichen Kieswegen und buchsbaumnen Felderteilchen; der Buchsbaum ist so ein
rechter Lebensfreund, von Jahr zu Jahr umfasst und schützt er, was der Frühling
bringt, es keimt und welkt in seiner Umzäunung, und er bleibt immer der grüne
Treue, auch unterm Schnee, das sagt ich der alten Frau, die sagte, ja, das ist
wohl wahr, der Buchsbaum muss alles Schicksal mitmachen. - Aber stell Dir doch
das hübsche Gärtchen vor, links vom traubenbewachsnen Haus die Mauer mit Jasmin;
gegenüber im Schatten eine recht dichte Laube von Geissblatt, der Eingang zum
Haus von beiden Seiten mit hohen Lilien besetzt. So viel Levkoien, so viel
Ranunkeln, so viel Ehrenpreis und Rittersporn und Lavendel, ein Beet mit Nelken,
ein Maulbeerbaum in der einen Ecke und in der andern geschützt gegen die kalten
Winde, zwei Feigenbäume mit ihren lieben rein gefalteten Blättern, ich war ganz
erfreut, Kameraden von meinem Baum zu finden, unter denen springt ein Quellchen
hervor in einen Steintrog, da kann die Frau gleich ihre Blumen begiessen, und in
den offnen Fenstern hing ein Käfig mit Kanarienvögeln, die schmetterten so laut.
Ach, es war recht Sonntagswetter und Sonntagslaune in der Luft und
Sonntagsgefühl in meinem Herzen. Ich bitte Dich, sorg, dass mein Baum von der
Liesbet nicht versäumt werde, er muss bald reife Früchte haben, wenn er so weit
ist, wie die im Küstergärtchen, die brech Dir ab. - Die Frau schüttelte mir
Maulbeeren ab, die sammelte ich auf einem Blatt, und einen Strauss von Nelken und
Ehrenpreis und Rittersporn hatte ich mir auch gepflückt; und wie ich so dasteh,
ganz still in der Sonn, da kommt der geistliche Herr aus der Tür, er hatte da
sein Frühstück genossen, was die Küsterfrau immer nach der Kirche bereitält. -
Der Geistliche ist ein schöner, ganz stiller Kopf, und sanfte Augen, und noch
jung. Mich strahlten die schönen Worte, die ich von ihm gehört hatte, noch
einmal aus seinem Gesicht an, ich konnte auch aus Ehrfurcht ihm nichts sagen, er
sah mich aber freundlich an und sagte: »Ei wie! schon reife Maulbeeren«; ich
reichte ihm die Maulbeeren, er nahm auch welche davon, und den Strauss nahm er
mir auch ab und steckte ihn in seinen Ärmel, denn ich war so überrascht, als ich
ihn kommen sah, dass ich nicht wusste, was ich tat, und ihm beide Hände
entgegenstreckte, ich wusste gar nicht, dass ich ihm den Strauss geboten hatte, und
erst als er mir ihn mit einem Dank abnahm, merkte ich's. Nun ging er weg, und
ich blieb betäubt stehen, der Spitzhund aber begleitete ihn sehr höflich vor die
Gartentür, ich hörte ihn noch vor der Tür freundlich mit dem Hund sprechen: »Geh
nach Haus, Lelaps,« sagte er. - Ich war recht vergnügt, und mehr als all die
Tage über auf der Terrasse, mit meinem Sonntagmorgen.
    Wie ich nach Haus kam, waren alle bei Leonhardi versammelt und tranken
Schokolade; sie fragten, wo ich geblieben war nach der Kirche, ich erzählte, dass
ich im Küstergärtchen gewesen und hätte den lieben Prediger gesehen. Da war aber
schon die Kritik drüber her gewesen und hatte die Unmöglichkeiten von
unchristlicher Gesinnung drin gefunden; der Mann ist berühmt, und Leonhardis
waren aus Neugierde auch drin gewesen und die Engländer und die Lotte und der
Voigt, und noch ein paar Stiftsfräulein, die Leonhardis kennen, der Fritz lag
auf dem Bett ganz blauschwarz von seinem Stahlbad, aus dem er eben gekommen war,
wenn das noch lange dauert, so wird er ein Mohr. Du hättest diesen
Schnattermarkt mit anhören sollen, und der Niklas Voigt, der im Mainzer Dialekt
sie alle auslachte, und die Lotte mit der besten Weisheit versehen und der
Christian Schlosser, was jeder sagte oder vielmehr über die andern hinausschrie,
das verstand ich nicht, also noch weniger, was jeder meinte, aber der Niklas
Voigt, dem Lotte in Ermanglung eines besseren Auditoriums ihre Weisheit
übermachte, taumelte wie ein Betrunkener um den geschlossenen Zirkel der
Disputierenden, bejahte alles, was sie sagten, und dann rief er wieder: »In
meinem Leben hab ich kein ärger Kauderwelsch gehört als die Narren da
durcheinanderschreien, hören Sie doch, Bettine, was die vor Zeug schwätzen«, und
dann schrie er wieder drein, sie hätten ganz recht, so ein Prediger wär ein
eitler Narr, ich sagte: »Ei Voigt!« - »Nun, was wollen Sie denn machen, wenn Sie
mitten unter den Wölfen sind, so müssen Sie mit heulen, dass dich, dass dich, was
vor kapitale Narren sind's! Ei freilich ist ein Prediger ein Narr, der seine
himmlische Weisheit so vor die Narren gibt«, - und so zerrte er mich zum Zimmer
hinaus auf die Terrasse, war ganz begeistert von der Predigt, »ein Mann ist's,
wie's unter Hunderttausenden keinen wieder gibt! Ein Mann, der seine
individuelle Natur von Gott durchdringen lässt! Ein lebendiger Mann, der leider
die Weisheit den hölzernen Maulaffen vorpredigt. Kein Mensch hat Andacht.
Geistesandacht hat kein Mensch! - Maulandacht, und eine Zucht und eine Sitte,
wie man Hunde dressiert: so dressiert die ganze Menschheit ihr eigen Gewissen,
sie verstehen's nicht besser, sie wissen nichts davon, dass der ganze Mensch gar
kein Richter mehr über sich selber sein soll, sondern ein lebendiger Anger, wo
kein Urteil mehr stattfindet, sondern lauter Seelennahrung, lauter Himmelsspeis'
der Weisheit; wahre Weisheit, die kann nur genossen werden, nicht beurteilt,
denn die ist grösser, als dass der geringe Verstand sie durchschaut, - aber so
geht's! - Was hilft mich die christliche Religion, die Menschen sind Narren und
werden's bleiben, und da hat's dem Herrn Christus auch nicht besser geglückt,
dass er da heruntergekommen ist. Ein Narr, der sich Christ nennt, ist halt eben
auch einer! - Wenn er hundertmal vom Himmelstron heruntergekommen ist, er hat
tauben Ohren gepredigt wie unser geistlicher Herr, oder Narren hat er gepredigt,
die es nach ihrem Behagen ausgelegt haben. - Wäsch mir den Pelz und mach mir ihn
nicht nass, das ist die ganze Geschicht mit der Frömmigkeit. Tu die Augen auf und
werd gescheut, denn unser Herrgott kann keine Esel brauchen, aber ihr werd' Esel
bleiben, und so tragt nur euer schwere Säck von Vorurteil auf euerm Buckel bis
in alle Ewigkeit, ihr seid doch zu nichts tauglich als die Mühl zu treiben, in
der euch der Kopf immer dusseliger wird.« - Aber das war nicht alles, was der
Voigt sagte, und dabei machte er Sätze links und rechts. Jetzt erzähl ich Dir
wieder weiter, wie's noch mit dem roten Kammerherrn weitergegangen ist, alle
Tage sind wir auf der Terrasse, da gibt bald eine Dame, bald die andre ein
Goutée, und dann wieder die Prinzess, aber der Krebs ist immer wieder hinter mich
gekommen, da hab ich mir eine Schawell aus unserm Zimmer geholt und dicht neben
die Kurprinzess gestellt und mich draufgesetzt; und nun ist das alle Tag mein
Platz, und da darf er nicht mehr an mich streifen, und wenn wir spazierengehen
über die Bergrücken nach dem Tee, da nimmt mich die Kurprinzess immer bei der
Hand; sie hat ein klein Blondchen, weiss und rot, dem fliegen die Sonnenhaare so
flammig um den Kopf, dem lieben Hessenkind, ich könnt recht gut mit ihm spielen,
sie halten mich ja doch für ein Kind, weil ich keine Gesellschaftsmanieren hab;
Ball werfen, um die Wett laufen; - aber so einem Prinzesschen ist nicht
beizukommen; da ist eine Frau von Gundlach, die führt das Regiment, und
Kammerfrauen, die begleiten es. Dann ist mir's auch nicht möglich, mit einem
Kind Komödie zu spielen, ich muss mit ihm sein können unter Gottes Schutz, nicht
unter Menschenaufsicht. - Prinzesschen, in Gold und Silber angetan, - zu ihrer
Geburt kommen gute Feen, die sie beschenken, - das erfährt man in Feenmärchen.
Was mögen sie dem feinen Kind alles geschenkt haben? - Gaben, die es noch nicht
zu brauchen weiss, wer wird's ihm lehren? - Scheu! - aber keine scheinheilige, -
ich hab sie vor allem Kinderschicksal, unentfaltet noch in so süsser Knospe
verschlossen, man hat auch Scheu, eine junge Knospe zu berühren, die der
Frühling schwellt. Ein Wiegenkindchen lallt so berührsam wie kein Gespräch mit
Menschen. Nur allein mit Dir ist Sprechen lebendig, wo wir ohne Vor- und
Nachurteil den Gedanken uns auf die Schwingen werfen und jauchzen und gen Himmel
fahren. Um so ein Kinderschicksal möcht ich einen Kreis ziehn, das
Erdenschicksal wollt ich aufheben von ihm, dass es ganz gleichgültig wär, ob ihm
dies oder jenes zuteil werde, und nur sein himmlisch Weisheitsschicksal darf
gelten. Lautere Güte, das ist der Erfrischungsquell für die Kindernatur, aus dem
sie Gesundheit trinkt - und abends, wenn's schlummert, da haucht es Segen, wie
die schlummernden Sträucher auch Segen duften, an denen man hingeht in der
Dämmerung. - Ein Kindchen einwiegen bei Mondenschein, dazu würden mir gewiss
schöne Melodien einfallen, was geht einem die Welt an, die verkehrt ist. Alles,
was ich seh, wie man mit Kindern umgeht, ist Ungerechtigkeit. Nicht Grossmut,
nicht Wahrhaftigkeit, nicht freier Wille sind die Nahrung ihrer Seele, es liegt
ein Sklavendruck auf ihnen. Ach, wenn ein Kind nicht innerlich eine Welt hätte,
wo wollt es sich hinretten vor dem Sündenunverstand, der bald den keimenden
Wiesenteppich überschwemmt. - Da sagen die Leute, ein Kind darf nicht alles
wissen. - Wie dumm! - Was es fassen kann, das darf's auch wissen, für was hätte
es die Macht zu begreifen? - Der Geist langt wie eine Pflanze mit jungen Ranken
hinaus in die Lüfte und will was fassen, und da kommt der Unverstand, an den
kann er sich freilich nicht ansaugen, da muss der Kindergeist absterben; sonst,
wie bald würde die Weisheit der Unschuld den Aberwitz der Unverschämteit
beschämen. Ungeduld und Zorn und Missstimmung werden ihnen wie Autoritäten
entgegengestellt, man schämt sich vor ihnen keiner bösen Regung, vor andern
hütet man sich wohl, da versteckt man die böse Natur, aber vor Kindern nicht,
man denkt, sie begreifen's noch nicht, man sollte doch lieber auf ihre Reinheit
bauen, die das Böse nicht gewahr wird, oder auf ihre Grossmut, sie verzeihen viel
und rechnen es einem nicht an. Deswegen sind sie aber nicht witzlos und
untüchtig für den höchsten Begriff. Aber die Menschen sind über sich selber so
dumm, sie glauben in ihrem schmäligen Unrecht noch an ihre eigne Weisheit wie an
einen Ölgötzen, dem sie Opfer bringen aller Art, nur die eigne Bosheit erwischen
sie nicht bei den Ohren, um sie einmal zu schlachten. Der knospenvolle
Lebenstrieb wird nichts geachtet, der soll nicht aufgehen, aus dem die Natur
hervor ans Licht sich drängen will; da wird ein Netz gestrickt, wo jede Masche
ein Vorurteil ist, - keinen Gedanken aus freier Luft greifen und dem vertrauen,
- alles aus Philistertum beweisen und erfordern, das ist die Lebensstrasse, die
ihnen gepflastert wird, und wo statt der lebendigen Natur lauter verkehrte
Grundsätze und Gewohnheiten es umstricken. Der Voigt sagte, ihm sei das Lachen
und Weinen nah gewesen beim Examen in der Musterschule, wo der Molitor mit so
grossem Eifer die Judenkinder examiniert habe über die Grosstaten der Römer und
Griechen, wenn er dächte, welchen schmutzigen Lebenspfad sie wandern müssten,
»Zieh, Schimmel zieh, im Kot bis an die Knie«, ja, da mag einer noch so ein
weisser Schimmel sein, er muss im Morast steckenbleiben; und das ganze Lehrgebäude
ist bloss wie Fabelwerk, alles lehrt man durch Exempel, aber grosse Taten, die
zeigt man nur wie die Chimära aus dem Bilderbuch, da dreht jedermann um und lässt
sie stehen ohne weitere Gebrauchsanweisung. Diese Bemerkungen sind alle aus
Gesprächen mit dem Voigt, der mir gern seine Weisheit bringt aus dem Grund, weil
ihn kein Mensch sonst anhört, er sagte: »Ich bin jedermann langweilig, aber ich
kann Ihnen versichern, die Leute sagen, Sie wären auch langweilig«; er sagte:
»Aus einem Kind sollte lauter Weisheit hervorblühen, dass alles Denken freudige
Religion in ihm würde, ohne ihm das Kreuzschlagen zu lehren, oder Heiden und
Christen zu unterscheiden, und seine Seele müsste aufblühen am Lebensstamm, ohne
zu fragen nach Gutem und Bösem.« - Weisst Du was, - heut hat sich das zarte Kind
in der Tür den Finger sehr arg geklemmt, und die Kurprinzess war sehr erschrocken
und ganz hinfällig geworden, denn es hat ihm sehr arg weh getan, mich hat's auch
geängstigt, es hatte Fieber, jetzt liegt's im Bett und schläft, als es beruhigt
war, ging die Kurprinzess zur Erholung spazieren, sie nahm mich mit, ich lief von
ihrer Seite, um ihr Blumen zu holen, die ich in der Ferne sah, die nimmt sie mir
immer freundlich ab und zeigt mir wohl selbst, welche ich pflücken soll, ich
brach aber so viele und kletterte jede steile Seite hinan; die Damen wunderten
sich über meine grossen weiten Sprünge und sagten, ich beschwere die Hoheit mit
den vielen Blumen, ich band einen Strauss mit meinem Hutband und gab ihn ihr zu
tragen, ich sagte, er sei fürs kranke Kind zum Spielen, nicht ins Wasser zu
stellen; sie trug den grossen Strauss und wollte nicht, dass man ihr ihn abnahm.
Die Gesellschaft wunderte sich über meine naive Art, damit meinen sie Unart, ich
merkte es; sie halten mich für einen halben Wilden, weil ich wenig oder nie mit
ihnen spreche, weil ich mich durchdränge, wohin ich will, weil ich mich ohne
Erlaubnis an der Prinzess Seite setze, als ob ich den Platz gepachtet habe, sagt
Frau von B.R., weil ich so leise geschlichen komm, dass mich keiner merkt, weil
ich davonlaufe und nur das Windspiel vom Herzog von Gota sich mit mir zu
schaffen macht, das mir nachsetzt und bellt, wenn ich ins Gebüsch spring; der
L.H. sagte mir, dass man sich über meine Unart aufgehalten, den Hund so laut
bellen zu machen; er erzählte mir aber nicht, was ich von der Tonie hernach
hörte, dass die Kurprinzess sagte: »Sie ist ein liebes Kind,« und dass der Herzog
von Gota sagte: »Ein allerliebstes Kind.« - Nun, ich gefall mir selbst gut. -
    Lieb Günderödchen, über allen Wechsel und Zerstreuung von heute hinweg
klingen noch immer die Worte der Predigt in mich hinein, als wär heut ein
feierlicher Tag gewesen. - Es ist ja wahr, Du und ich sind bis jetzt noch die
zwei einzigen, die miteinander denken, wir haben noch keinen dritten gefunden,
der mit uns denken wollt; oder dem wir vertraut hätten, was wir denken, Du nicht
und ich nicht; niemand weiss, was wir miteinander vorhaben, und wir lassen jetzt
schon ein ganzes Jahr die Leute sich wundern, warum ich doch alle Tag ins Stift
lauf. - Aber den Geistlichen, - wär's in Frankfurt gewesen, den hätt ich
angeredet, dass er mit mir zu Dir gegangen wär. - Der hat gewiss keinen Freund -
sein Geist wird sein Freund sein müssen, der wird ihm antworten. Ich denk, ob
einer mit seinem eignen Geist reden kann? - Der Dämon des Sokrates, wo ist der
geblieben? - Ich glaub, jeder Mensch könnte einen Dämon haben, der mit ihm
sprechen würde, aber worauf der Dämon antworten kann, das muss unverletztes
Forschen nach Wahrheit sein; da mein ich mit, es darf sich kein andrer Wille
dreinmischen als bloss die Begierde zur Antwort. - Frage ist Liebe und Antwort
Gegenliebe. Wo die Frage bloss Liebe zum Dämon ist, da antwortet er, der Lieb
kann Geist nicht widerstehen, wie ich nicht und Du nicht. Solang ich vom
Sokrates weiss, geh ich dem Gedanken nach, wie er einen Dämon zu haben; er hatte
wohl ein inneres Heiligtum, ein Asyl, wo der Dämon zu ihm kommen mochte, ich hab
in mir gesucht nach dieser Türe zum Alleinsein, wo ich diesem Wahrheitsgeist ins
Gesicht sehen könnt, flehend um Lieb. Aber Du hast recht, ein mutwilliger Wind
jagt meine Gedanken wie Spreu auseinander, ich werd fortgerissen von einem zum
andern von meiner Zerstreuteit, dann ist's so nüchtern in mir und so beschämend
öde, wenn ich mich sammeln will, wie soll da der Geist sich einfinden, wo es so
leer ist, der Sokrates hatte wohl grosse Taten getan vorher, und nie seinen
Genius verleugnet, dann kam er zu ihm. - Ich sag als zu mir, lass nur ab, der
Geist würde von selber kommen, könnt Deine Natur ihn beherbergen. Ich denk als,
der Geist muss entspringen aus vereinigten Naturkräften, und ich hab so keine
Feuernatur, die sich so konzentrieren kann, dass der Geist aus ihr entspringe,
aber ich wollt es doch, ich sehne mich nach ihm. Ich hab ihn nicht, ich denk mir
ihn aber und trag ihm alles vor in meinen Nachtgedanken, und manchmal schreib
ich an Dich, als wärst Du sein Bote, und er würde durch Dich alles erfahren von
mir. Manchmal, wenn wir zusammen schwätzten im Dunkel bei dem verglommenen Feuer
in Deinem Öfchen, wo der Märzschnee vom Baum vor Deinem Fenster herunterfiel, da
dacht ich, was schüttelt doch den Baum? - Und da war ich gleich so begeistert,
als lausche was und reize mich an, und Du sagtest, es fülle sich unser Gespräch
mit Gas, ein Gedanke nach dem andern stieg in die Wolken und verglichst sie mit
romantischen Lichtern, die hoch über uns sich in sanften Leuchtkugeln
ausbreiten. Das Rasseln im beschneiten Baum, an der Wand das neugierige
Mondlicht, das aufflammende Feuerchen, Du und ich, die mit Deinen Fingern
spielte beim Sprechen, das war als so, dass ich dacht, der Geist wär nah bei uns
und trenne uns von allem Unsinn; und das Leben war auch so weit ab, auf der
Strasse, wenn ich nach Haus ging, wenn mir da Menschen begegneten, so war's wie
eine Scheidewand zwischen mir und ihnen und zwischen allem, was in der Welt
vorgehe. - Ja, die Welt, die auch von Begeistrung leben sollte wie der Baum vom
Tau, die strömt soviel Stickluft aus (Langeweile), dass der Geist nicht eratmen
kann.
    Heut sind die Früchte angekommen und die Blumen all noch frisch, Dein Brief
duftet mit dem Heliotrop und gelben Jasmin in meiner Brust, wo ich ihn
hingesteckt hab. - Was Du mir sagst, scheint mir auch vom Dämon durch Dich
gemeldet, Du kleidest seine Weisheit in Balsam hauchende Redeblüten - ich soll
und muss Dir rechtgeben, nicht wahr? - Meinst Du, es wird den Dämon verdriessen,
wenn ich ihm nicht nachgebe mit der Eifersucht? - Und dass meine Leidenschaft in
so stolzen Flammen aufsprüht und will ihn gefangen nehmen, wo er sich verborgen
hat in Dir? - Eifersucht fährt heraus aus dem Geist der Liebe, als wär's der
Dämon selber, sie ist eine starke bewegende Kraft, ich weiss, was ich ihr zu
danken hab; - ja, vielleicht ist sie eine Gestalt, in die sich der Dämon
kleidet; wenn ich eifersüchtig bin, ist mir's immer göttlich zumut, alles muss
ich verachten, alles seh ich unter mir, weil es so hell in mir leuchtet, und
nichts scheint mir unerreichbar, ich fliege, wo andre mühselig kriechen; und
während mir's im Herzen ängstlich pocht, da rauscht's im Geist so übermütig, ich
biete Trotz, so arg Trotz, dass ich ohnmächtig werden muss, aber mein Mut sinkt
nicht, der ist noch stärker, wenn ich mich erhole, nach was verlang ich denn? -
Was will ich mir erzwingen? - Ja, es ist gewiss der Dämon, den ich wittere; als
ich Dir in die Hand biss und an zu weinen fing, so war es doch der Dämon, der
mich neckte, nicht Deine Geheimnisse, die Du mit andern hast, die mich nichts
angehen, ich weiss, dass die nicht zwischen uns treten, und Du, wo willst Du hin?
- Ich und Du, uns berührt nichts in unserer Eigentümlichkeit miteinander. Aber
es schlägt Feuer aus mir, dass ich ihn fassen will und will mich an ihn klammern,
denn er war gewiss oft zwischen uns beiden, meine Ahnung war nicht falsch, und
ich wollt ihn gern an mich reissen, als ich von Dir ging, drum biss ich Dich und
schrie. - Ja, es ist Eifersucht - wie soll ich aber nicht eifersüchtig sein, es
ist ja die einzige Möglichkeit meines Gefühls, schmeichlen kann ich ihm nicht,
ihm vertrauen, wie kann ich das, ich weiss ja nicht, ob er mir lauscht. Aber dass
meine Eifersucht rege wird, wo ich ihn ahne, dass ich da mächtig mit den Flügeln
schlage um ihn, der mich selber dazu reizt, das ist die Stimme der Wahrheit
heisser Liebe. Ja! ja! ja! - Da brauch ich mich nicht zu erschöpfen in
Vorbereitungen, da bin ich nicht mehr zerstreut und zaghaft gar nicht. Ach
Günderode! Und nun antwortet er mir so sanft in Deinem Brief, Du bist ganz
mitleidig geworden durch ihn, er hat Dich so gestimmt und verkündet mir in
Deinen Worten, wie der Baum der Treue zwischen uns erwachsen und erstarken
werde, und dass ich nicht verzage. - Ja, ich glaub's, dass er mir alles sagt, was
Du mir schreibst, er versüsst mir die Pausen mit Träumen von ihm und verheisst
mir, dass er allen Raum ausfüllen werde mit Geistesblüten, wie das Meer mit
Wellen ausgefüllt ist. Ewigkeit ist allumfassendes Empfinden, nicht wahr, das
sagt die Narzisse zur Viole, und die senkt den Blick in den eignen Busen und
beschränkt sich in die Unumkränzteit der Liebe, die sie da ahnt und fassen
lernt. - Nicht alles ist der Liebe fähig, aber wenn ich dem nachgehe, was ihrer
fähig ist, dann werd ich's durchdringen. Wo soll mein Geist den Fuss aufsetzen,
überall ist er fremd, wenn es nicht selbst erobertes Eigentum der Liebe ist. -
Versteh ich mich? - Ich weiss selbst nicht. - Die Augen sind mir vor Schlaf
zugefallen, so plötzlich über dem Besinnen, ich muss morgen früh um sieben Uhr
den Brief dem Boten mitgeben, überdies brennt mein Licht so düster, es wird bald
ausgehen, gute Nacht, Brief! Der Mond scheint so hell in meine Stube, dass sie
ganz klingend aussieht - die Berge gegenüber sind prächtig, sie dampfen Nebel in
den Mond. Alleweil will das Licht den Abschied nehmen, ich will aber sehen, ob
ich nicht im Mondschein schreiben kann. - Ich bin so vergnügt, wie die Blätter,
wenn sie ganz beregnet sind vom Gewitter in der Nacht, und der Himmel wird
wieder hell, und sie schlafen dann ruhig ein, weil's Gewitter vorbei ist. - Da
hör ich schon die ganze Zeit einen fremdartigen Vogel schreien, sollte das ein
Käuzchen sein, das die Frau Hoch einen Totenvogel nennt, er schreit ganz dicht
vor meinem Fenster; ach, Günderödchen, ich schäm mich ein wenig, weil ich mich
ein wenig fürchte. Meine Stube ist so düster, das Licht wird gleich ausgehn, die
Berge da üben sind so grausend, man sieht sonderbare Gestalten, die kleine Quell
unter meinem Fenster ruschelt so leis und bedächtig wie ein alt Hausgespenst.
Was bin ich so dumm? - Da fällt mir der Dämon ein, und sollt mich fürchten vor
dem Käuzchen, siehst Du, so albern bin ich, und doch macht die inwendig Seel
solchen Anspruch, der Geist soll sie heimsuchen, und fürcht mich vor dem
Käuzchen! - Gleich mach ichs Fenster auf und seh nach ihm, da fliegt's weg, die
Sterne funklen zu Tausenden am Himmel, da unter meinem Fenster steht meine alte
Invalidenschildwach und passt vermutlich auf ein Ständchen von meiner Gitarre,
was er gewohnt ist, alle Nacht zu hören, ich werd ihm ein Lied von der heiligen
Jungfrau Maria singen, denn es ist heut Maria Himmelfahrt und nicht Sonntag, wie
ich irrigerweise sagte, ich hab diese Seite im Mondschein geschrieben, Du wirst
nicht lesen können, nun, es schad nichts, es steht auch nichts drauf, was Du
notwendig wissen müsstest, es ist mir doch so wohl seit dem kleinen Schauerchen
von Furcht, ich hab auch keinen Schlaf mehr. Der Mond schwimmt so eilig hinter
den weissen Wölkchen hervor, dass es mir ordentlich im Herzen Gewalt antut. Ich
muss singen, sonst muss ich weinen.
                                                             Gute Nacht! Bettine
Günderödchen. Die Engländer sind recht närrische Passagiere, sie brachten mir
einen Brief vom L'ange mit, der mich warnt, mich nicht in sie zu verlieben. -
Der mit dem gepuderten Haupte, Mr. Haise liess sich gestern in einem
Nankingmorgenrock auf der Terrasse sehen und gelben Pantoffeln, die Tonie sah
zum Fenster hinaus, sie wollte nicht hinunter, sie schämte sich vor den Leuten,
wenn er mit ihr spreche, weil er so absonderlich aussieht. - Ich sah aber, wie
er herauflugte nach unsern Fenstern, und wie er die Tonie erblickte, da rief er
sie an, bei dem herrlichen Wetter herunterzukommen, ich musste mit; er spannte
einen grünen Parapluie über ihr auf, um sie vor der Sonne zu schützen, so musste
sie mit ihm die Terrasse auf und ab wandlen, ich lief herauf und machte eine
Zeichnung davon, die ich der Tonie ins Arbeitskästchen legte, was sie immer
mitnimmt auf die Terrasse zum Tee, und freute mich schon auf die Bewundrung,
wenn es erblickt würde. Aber sie legte das Papier schnell zusammen und wickelte
Seide drauf; sie wollte nachher schmälen, ich hatte ihr aber einen so schönen
Kranz gemacht von Farrenkraut, der ihr so gut stand und ihre Wunderschönheit
noch erhöhte, dass wir ganz kontent auf den Ball kamen, der beinah aus soviel
Karikaturen bestand, als Menschen da waren. Der Clemens hat mir aus Weimar
geschrieben und mich gewarnt vor dem Verlieben, - überflüssig! - wär er doch auf
dem Ball gewesen - höchstens, dass man einem Rippenstoss ausgesetzt ist, sonst ist
keine Gefahr. - L.H. war auch da mit seinen Schwestern, wird alle Tage
blauschwärzer von seinen Stahlbädern; sein extraweisser Jabot und Halsbinde
machten dies in die Augen fallend, er war sehr fein und elegant gekleidet, denn
da er eine diplomatische Ambition hat, so versäumt er keine Gelegenheit sich
standesmässig auszuzeichnen. Solange wir am Eingang sassen, wo viele Menschen sich
drängten, merkte keiner was, als L.H. aber vortrat, um irgendwem sein Kompliment
zu machen, entdeckte man und Franz, der an meiner Seite sass, zuerst, dass er
statt eines Fracks einen Joppel anhatte ohne Schössen, rund wie ein
Fleischerwams, dies sah gar zu närrisch aus, mit schwarzseidnen Beinkleidern,
weissseidnen Strümpfen und Schnallenschuh, kurz, vollkommene Hofetikette und
Federclaque unterm Arm. - Er hatte, während die Familie sich zum Ball fertig
machte, den Überrock angezogen, dann lief er in sein Zimmer, wo ihm der Wind das
Licht auslöschte, um den Frack anzuziehen, und ergriff statt dessen einen
englischen Halbrock, den die Herrn nach neuster Mode bei kühler Witterung über
den Frack anziehen. - Er hatte sich bis jetzt noch nicht von hinten dem grossen
Publikum präsentiert und noch mit dem Rücken gegen uns gewendet; es wurde in
Eile Konzilium gehalten und beschlossen, zwei Damen, Lotte und die B. sollten
ihn gesprächsweise sanft rückwärts schreiten machen, ohne ihm das verfänglich
Dilemma, in welchem er sich befinde, zu entdecken, bis er gerettet sei; dabei
sollten Tonie, Franz und Voigt eine kleine Hintertruppe bilden, um seinen
Rückzug zu decken; ich wurde ausgemerzt von dieser Expedition, weil ich vor
Lachen über die unerschöpflichen Witze von Franz untauglich dazu war. Der Zug
rückte aus und drängte sich schon zwischen manchen verwunderten Blick, der auf
dem schösslosen Rücken haftete, sie schlichen immer behutsamer heran, je näher
sie kamen, so schleicht man sacht hinter einem Vogel her, dem man Salz auf den
Schwanz streuen will, um ihn fangen zu können, aber er fliegt weg, ehe man nah
genug kommt; so kam es auch hier, als sie schon ganz nah waren und eben ihn zu
haschen meinten, wendete er sich plötzlich um. Ach! ich sprang hinter den
Vorhang am Fenster und wickelte mich hinein und biss in den Vorhang vor
Lachvergnügen und ging nachher auch fort, denn mir war's zu übermütig für den
Gesellschaftssaal; der Voigt begleitete mich und erzählte mir, dass die
Arrieregarde ihn durchpassieren lassen, sich dann dicht angeschlossen und wie
einen vornehmen Staatsgefangenen transportiert bis zum Eingang, dort habe er
sich niedergelassen, wo man ihm seine ästetische Fatalität mitteilte und er
sich umgeben von seinen Getreuen zurückzog; jetzt würden sie wohl die ganze
Nacht kein Auge zutun, denn da er bei dem hessischen Hof angestellt sein möchte,
so ist ihm gewiss bange, sein Schicksal untergraben zu haben durch den
zipfellosen Aufzug. Voigt ging noch eine Weile mit mir auf der Terrasse, wo es
so still war, man hörte die Violinen vom Ball; die Wolken überzogen prophezeiend
(ein Gewitter nämlich) das Sternenheer und senkten sich auf unsere Berge, die
Bäume standen so ehrfurchtsvoll still, den Gewittersegen erwartend; die ganze
Gegend sah aus, als ob sie sich zu ihrem Schöpfer wende, Voigt vergass darüber
seine unzähligen Witze, mit denen er mich überschwemmt hatte, die entfernten
Lichter und Feuer, die in den umliegenden Hütten brennten, funkelten durch das
Grün der Bäume wie Opferfeuer zum Alliebenden. Soweit man sehen konnte, sah die
Welt aus, als ob sie unsern Herrgott um eine sanfte Nacht bitten wolle für alle;
für Dich und für mich, für unser ganz Leben, bis an die letzte Nacht. - So ist
die Natur süsse Fürbitterin, immerdar; alle Seufzer wiegt sie ein, so wollen wir
ihr denn danken dafür und ihr vertrauen bis an die letzte Nacht.
    Der Clemens mit seinen Warnungen? - Ich hab ihm heut geschrieben. Die Linden
blühen wohl noch und hauchen einem süss an, aber keine Menschen, und die Natur
ist schöner und gütiger und grösser als alle Weisheit dieser Welt. Was einer mit
mir spricht, darauf möcht ich ihm antworten mit einem Tannenzapfen, den ich ihm
in die Hand drücke oder eine Schnecke, die am Weg kriecht, oder einen angebissnen
Holzapfel, es wär immer noch gescheiter als die Antwort, die mir einfällt. Mich
geht kein Erdenschicksal was an, weil ich doch nicht Freiheit es zu lenken hab.
- Wär ich auf dem Tron, so wollt ich die Welt mit lachendem Mut umwälzen, sagte
ich gestern abend zum Voigt. »Meinetwegen,« sagte er, »schad ist's nicht drum,
auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten. Alle die
mühseligen Personagen, die etwas unter Narren bedeuten, sind ein absurdes
Zeugnis von ihrer lächerlichen Autorität, solche haben so grossen Respekt vor
ihrer hohen Tendenz, dass sie sich nicht getrauen, sich ins Gewissen zu reden,
sie meinen, was durch sie geschähe, wär der Schicksalsschlüssel, der durch sie
die Zukunft aufschliesst, die schon fertig da läge und nicht erst durch ihren
Unsinn verkehrt gemacht wird, sie würden sich nicht getrauen, vollkommne
Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedürfnisse der höheren
Menschenrechte vor sich selber zu vertreten. O nein! Je dringender die
Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rücken, je mehr glauben sie sich mit
Philistertum verschanzen zu müssen und suchen sich Notstützen an alten
wurmstichigen Vorurteilslasten und erschaffen Räte aller Art, geheime und
öffentliche, die weder heimlich noch öffentlich anders als verkehrt sind - denn
das rechte Wahre ist so unerhört einfach, dass schon deswegen es nie an die Reihe
kommt. Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht
bekämen, es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal
verschnupfen würde sie.« - So politisiert mir der Voigt gewöhnlich unterm
Sternenhimmel noch eine Stunde vor, wo ich bei schönem Wetter auf der
menschenleeren Terrasse mit ihm wandle; er sagt: »Hören Sie mir immer zu, Sie
sind noch jung und haben mehr Energie im Judicium vor den andern allen oder
vielmehr: wo ist's geblieben, könnte man die andern fragen, denen die Ohren nach
Fabeln jücken, und die sich von der Wahrheit abwenden oder sie nach eignem
Gelüst auslegen, dass sie ihnen zur Fabel wird.« - Den Voigt will kein Mensch
anhören, jedermann schreit über ihn, ich aber fühl mich sehr geehrt, dass er mir
gern das ernste Grosse seines Geistes darlegt, ich hör ihm begierig zu. Er ist so
kurz und entschieden zwischen Recht und Unrecht, dass man keine Zeit im Schwanken
verliert, und dass man einen Heldencharakter bedarf, ihm zu folgen. »Für einen
Freund muss man in den Tod gehen können. - Wer nicht alles hingibt, den eignen
Genuss, die selbsterworbne Grösse, um den Freund zu stützen, gehört nicht zu der
Gattung Geschöpfe, die Freundschaft empfinden. - Was ist Gefühl? - Farbe, die
nicht lebendig ist als nur im Lichtstrahl, der ist die Liebe - also braucht man
vor keinem Sentiment Respekt zu haben, es ist lauter eingebildet Zeug. - Es gibt
tausend Handlungen, die man niemand verargen kann, wer aber Hochsinn hat, der
wird selbst aus Demut solche Handlungen töten, zum Beispiel: einer, der seinem
Freund alles Böse, was in seiner Natur ihm widerspricht, offenbarte, tötet der
nicht auf der Stelle alle Pharisäer?« - Das war noch gestern abend, was ich von
seinem Gespräch behielt, nicht der zehnte Teil, denn er ist rasch wie ein
Schmied beim glühenden Eisen; ich frug ihn, warum er vor andern nicht auch so
spreche, er sagte: »Wenn ich mit einem Wein will trinken, so muss ich einen
Becher haben, in den ich ihn eingiesse. Ihre Seele ist ein Becher.«
                                                                          Montag
Zwei-, dreimal zwischen Eichen und Buchen und jungem lichten Gebüsch, bergauf,
bergab - da kommt man an einen Fels, glatte glänzende Basaltfläche, die die
Sonnenstrahlen wie ein dunkler Zauberspiegel auffängt, dazwischen grüne
Moossitze; heute morgen war ich hierher gegangen, es ist mein gewöhnlicher
Spaziergang, wenn ich allein bin, nicht zu weit und doch versteckt - da sah ich
noch den Nebel wie jungen Flaum zwischen den Felsspalten hin und her schwimmen,
und über mir ward's immer goldner, die Morgenschatten zogen ab, die Sonne krönte
mich, sie prallte scharf vom schwarzen Stein zurück, sie brennte sehr stark, sie
drückte doch nicht meine Stirn, ich wollte eine Krone schon tragen, wenn sie
nicht schärfer drückt als die heisse Augustsonne, so sass ich und sang gegen die
Felsen hin und hörte aufs Echo, und die Regierungsgedanken stiegen mir in den
Kopf. So nach Grundsätzen die Welt regieren, die in innerster Werkstätte meiner
Empfindung erzeugt wären, und alles Philistertum um und um stossen, das sind
solche Wünsche, die an einem so heissen Sommermorgen mir in den Kopf steigen, und
wozu Voigts Sternengespräche einen starken Reiz geben; er sagte, alles Gefühl,
aller Begriff werde zu einem Vermögen, es ziehe sich wohl zurück, aber zur
unerwarteten Stunde trete es wieder hervor - und da setze ich mich an einsame
Orte und simuliere so ins Blaue hinein und komme zu nichts, zu keinem hellen
Augenblick, nur dass mir oft das Herz unbändig kopft, wenn ich dran denke, dass
ich das Geschrei der Philister, die des Geistes Stimme mit Grundsätzen
bedrängen, durch das blosse Regiment meiner Empfindung ersticken wolle; ja, es
wär eine himmlische Satisfaktion für die Rutenstreiche, womit sie blind alle
Begeistrung verfolgen. Günderode, ich wollt, Du wärst ein regierender Herr und
ich Dein Kobold, das wär meine Sach, da weiss ich gewiss, dass ich gescheut würde
vor lauter Lebensflamme. Aber so! - ist es ein Wunder, dass man dumm ist? - Und
so war ich bald im Sonnenbrand ganz träumerisch versunken und jagte im Traum auf
einem Renner wie der Wind nach allen Weltgegenden und richtete mit hoher
übertragner Begeistrung von Dir die Welt ein und kommandierte wohl auch hier und
da mit einem Fusstritt, mit einem Fluch dazwischen, damit es geschwind gehe -
aber Dein Dramolet zu lesen, was ich mitgenommen hatte, mich recht hinein zu
studieren, das hab ich versäumt durch die vielen heftigen Bewegungen meiner
Seele, ich musste mich beschwichtigen mit Schlafen, was mich immer befällt, wenn
mir die Schläfe so brennen vor heissem Eifer in die Zukunft. O Seelenbecher, wie
kunstreich und göttlich begabt ist Dein Rand geformt, dass er die brausenden
Lebensfluten fasst, wie unrettbar wär ich sonst über dich hinausgebraust. - Mein
Freund, das Windspiel, hatte mich aufgespürt, es weckte mich mit seinem Bellen
und wollte mit mir spielen, es bellte, dass alle Felsen dröhnten und echoten, es
war, als wenn eine ganze Jagd los wär, ich musste jauchzen vor Vergnügen und Lust
mit dem Tier; es hatte mir meinen Strohhut apportiert, den ich dem steilen Fels
hinabgeworfen hatte, mit so zierlichen langhalsigen Sprüngen - so ist's, wenn
man einem gut ist, da misst man nicht die Gefahr des Abgrundes, man vertraut in
die eignen Kräfte, und es gelingt. - Ach, Günderode, es wär viel, wenn der
Mensch nur erst so weit wär, seinem eignen Genie zu trauen wie so ein Windspiel,
es legte mir seine Pfoten um den Hals, wie es mir meinen Hut gebracht hatte,
ohne ihn zu verderben; ich nannte es zum Scherz Erodion und dachte, so müsse der
an der Göttin Immortalita hinaufgesehen haben; denn es ist so edel und schön und
kühn, und Menschen sehen nicht leicht so einfach gross und ungestört aus in ihrer
Weise, wie Tiere es oft sind. Der Herzog war dem Bellen seines Hundes
nachgegangen und kam hinter den Bäumen hervor, er fragte, warum ich den Hund so
nenne, dem er Cales ruft, und sagte, es sei der Name eines Wagenführers vor
Troja, den der Diomedes erschlagen, ich zeigte ihm Dein Gedicht, um zu erklären,
wo mir der Name Erodion herkomme, er setzte sich auf den Fels und las es
teilweis laut und machte mit dem Bleistift Bemerkungen, die send ich Dir, Du
siehst, er hat es mit Sammlung gelesen und dann sogar mit Liebe. Ich weiss nicht,
wie oft Dich der Zufall begünstigen wird, die feineren Saiten der Seele zu
rühren, so wird's Dich freuen. - Er frug mich, ob ich denn das Gedicht verstehe?
- Ich sagte nein! Aber ich lese es gern, weil Du meine Freundin seist und mich
erziehst. Er sagte, eine Knospe ist dieses kleine, sorgsam vor jeder fremden
Einwirkung geschützte Erzeugnis, die die grosse Seele der Freundin umschliesst,
und in diesen sanft gefalteten Keimen einer noch unentwickelten Sprache
schlummern Riesenkräfte. Die Inspiration der Wiedergeburt hebe ahnungsvoll die
Schwingen in Dir; und weil die Welt zu schmutzig sei für so kindlich reine
Versuche, Deine Ahnungen auszusprechen, so werde sie diesen anspruchslosen
Schleier, der Deine weit ausgreifende Phantasie und Deinen hohen philosophischen
Geist umschlinge, nicht entfalten. - Ich liess mir dieses Lob verwundert
gefallen; er begleitete mich, ich musste ihm auf dem Weg von Dir erzählen, von
unserm Umgang, von Deinem Wesen, von Deiner Gestalt, da hab ich mich zum
erstenmal besonnen, wie schön Du bist, wir sahen eine vollsaftige weisse
Silberbirke in der Ferne mit hängenden Zweigen, die mitten am Fels aus einer
Spalte aufgewachsen ist und vom Wind sanft bewegt gegen das Tal sich neigt;
unwillkürlich deutete ich hin, wie ich von Deinem Geist sprach und auch von
Deiner Gestalt, der Herzog fragte, die Freundin werde wohl jener Birke gleich
sein, auf die ich hinweise? - Ich sagte, ja. So wollte er mit mir zusammen hin
und Dich von nahem beschauen, aber es war so glatt und steil da hinan, ich
meinte nicht, dass wir hinkommen würden - er vertraute auf den Cales, der werde
uns schon einen Weg ausfinden. »Was hat sie denn für Haar?« - Schwärzlich
glänzend braunes Haar, das in freien weichen Locken, wie sie wollen, sich um
ihre Schultern legt. - »Was für Augen?« - Pallasaugen, blau von Farbe, ganz voll
Feuer, aber schwimmend auch und ruhig. - »Und die Stirn?« - Sanft und weiss wie
Elfenbein, stark gewölbt und frei, doch klein, aber breit wie Platons Stirn;
Wimpern, die sich lächelnd kräuseln, Brauen wie zwei schwarze Drachen, die, mit
scharfem Blick sich messend, nicht sich fassend und nicht lassend, ihre Mähnen
trotzig sträuben, doch aus Furcht sie wieder glätten. So bewachet jede Braue,
aufgeregt in Trotz und Zagheit, ihres Auges sanfte Blicke. - »Und die Nase und
die Wange?« - Stolz ein wenig und verächtlich, wirft man ihrer Nase vor, doch
das ist, weil alle Regung gleich in ihren Nüstern bebet, weil den Atem sie kaum
bändigt, wenn Gedanken aufwärts steigen von der Lippe, die sich wölbet frisch
und kräftig, überdacht und sanft gebändigt von der feinen Oberlippe. - Auch das
Kinn musst ich beschreiben, wahrlich, ich hab nicht vergessen, dass Erodion dort
gesessen und ein Dellchen drin gelassen, das der Finger eingedrückt, während
weisheitsvolle Dichtung füllet ihres Geistes Räume; und die Birke stand so
prächtig, so durchgoldet, so durchlispelt von der Sonne, von den Lüftchen, war
so willig sich zu beugen, hold dem Strom der Morgenwinde, wogte ihre grünen
Wellen freudig in den blauen Himmel, dass ich nicht entscheiden konnte, was noch
zwischen beiden liege, jenem zukömmt und dem andern nicht. - Cales fand mit
manchen Sprüngen erst den Weg zur Birke, dann der Herzog, ich blieb zurück, ich
hätte leicht nachkommen können, aber ich wollte nicht in seiner Gegenwart. Er
schnitt dort Buchstaben in die Rinde ganz unten am Fuss und sagte, er wolle, sie
solle die Freundschaftsbirke heissen; und er wolle auch unser Freund sein. Ich
war bereitwillig dazu. Ach lass ihn, er kommt den Winter nach Frankfurt, erstlich
vergisst ein Prinz leicht so was über vielen andern Zerstreuungen, denn der
glaubt gar nicht, dass es möglich wär, dass wenn man sich ganz an etwas hingäbe,
dass dadurch grade allein der Scharfblick, die Wägungskraft der Allseitigkeit
entspringe, nach der sie alle jagen und sich drin verflattern, und dann ist er
auch krank und hat wenig gesunde Tage, einem solchen muss man alle heilenden
Quellen zuströmen. - Adieu. Morgen nachmittag ist eine grosse Partie zu Esel, und
morgen vormittag geht die gute Kurprinzessin weg. - Und in aller Früh um drei
Uhr wollen die Engländer mit uns einen Berg ersteigen und die Sonne aufgehen
sehen, die andern wollten den Voigt nicht mit haben, ich hab's ihm aber doch
gesteckt, sonst langweile ich mich, so wie die andern behaupten, dass er sie
langweilt. Morgen früh kommt die Botenfrau, ich schicke diesen Brief mit,
obschon er noch nicht so gefährlich lang ist wie mein erster, aber Du bist
maulhängolisch, und da will ich Dich ein bisschen kitzeln, mit der anmutigen
Geschichte vom Herzog, dass Du mit Gewalt lachen musst, wenn Du auch noch so sehr
den Mund zusammenziehst. Gelt, es macht Dir doch Pläsier? Ich hab mir seine
Liebeserklärung abgeschrieben an Deine Immortalita, die von seiner Hand gehört
Dein - er hat's geschrieben für Dich, Du kannst Wert darauf legen, ich hör, dass
er sehr berühmt ist, grossartig, witzig und sehr gefürchtet deswegen von manchen
Menschen, er wär aber auch sehr grossmütig und gutmütig, aber viele wollen doch
nicht gern mit ihm zu tun haben aus Furcht, seine beste Freundlichkeit wär doch
ein heimlicher Witz. Was das für eine Narrheit ist, über mich möcht einer sich
lustig machen, soviel er wollt, es wär mir recht angenehm, wenn's ihm Pläsier
macht.
                                                                         Bettine
 
                       Beilage zum Brief an die Günderode
                                  Immortalita
                                    Personen
    Immortalita, eine Göttin
    Erodion
    Charon
    Hekate
                                  Erste Scene
 Eine offene schwarze Höhle am Eingang der Unterwelt, im Hintergrunde der Höhle
sieht man den Styx und Charons Nachen, der hin und her fährt, im Vordergrund der
 Höhle ein schwarzer Altar, worauf ein Feuer brennt. Die Bäume und Pflanzen am
 Eingang der Höhle sind alle feuerfarb und schwarz, sowie die ganze Dekoration,
Hekate und Charon sind schwarz und feuerfarb, die Schatten hellgrau, Immortalita
weiss, Erodion wie ein römischer Jüngling gekleidet. Eine grosse feurige Schlange,
     die sich in den Schwanz beisst, bildet einen grossen Kreis, dessen Raum
                         Immortalita nie überschreitet.
IMMORTALITA aus der Betäubung erwachend. Charon! Charon!
CHARON seinen Kahn innehaltend. Was rufst du mich?
IMMORTALITA. Wann kommt die Zeit?
CHARON. Sieh die Schlange zu deinen Füssen, noch ist sie fest geschlossen, der
Zauber dauert, solange dieser Kreis dich umschliesst, du weisst es, warum fragst
du mich?
IMMORTALITA. Ungütiger Greis, wenn es mich nun tröstet, die Verheissung einer
bessern Zukunft noch einmal zu vernehmen, warum versagst du mir ein freundlich
Wort?
CHARON. Wir sind im Land des Schweigens.
IMMORTALITA. Wahrsage mir noch einmal.
CHARON. Ich hasse die Rede.
IMMORTALITA. Rede! Rede!
CHARON. Frage Hekate
                                Er fährt hinweg.
IMMORTALITA streut Weihrauch auf den Altar. Hekate! Der Mitternacht Göttin! Der
Zukunft Entüllerin, die schläft in des Nichtseins dunklem Schoss! Geheimnisvolle
Hekate! Hekate! erscheine.
HEKATE. Mächtige Beschwörerin! Was rufst du mich aus den Höhlen ewiger
Mitternacht; dies Ufer ist mir verhasst, sein Dunkel zu helle, ja mir deucht, ein
niederer Schein aus des Lebens Lande habe hierher sich verirrt.
IMMORTALITA. O vergib Hekate! und erhöre meine Bitte.
HEKATE. Bitte nicht, du bist hier Königin, du herrschest hier und weisst es
nicht.
IMMORTALITA. Ich weiss es nicht! Warum kenn ich mich nicht?
HEKATE. Weil du nicht dich selber sehen kannst.
IMMORTALITA. Wer wird mir einen Spiegel zeigen, dass ich mich schaue? -
HEKATE. Die Liebe.
IMMORTALITA. Warum die Liebe?
HEKATE. Weil ihre Unendlichkeit nur ein Mass für deine ist.
IMMORTALITA. Wie weit erstreckt sich mein Reich?
HEKATE. Über jenseit einst, über alles.
IMMORTALITA. Wie? - die undurchdringliche Scheidewand, die mein Reich scheidet
von der Oberwelt, wird sie einst zerfallen?
HEKATE. Sie wird zerfallen! Du wirst wohnen im Licht! - alle werden dich finden.
IMMORTALITA. O wann wird dies sein? -
HEKATE. Wenn gläubige Liebe dich der Nacht entführt.
IMMORTALITA. Wann? - in Stunden? - in Jahren?
HEKATE. Zähle nicht die Stunden, bei Dir ist keine Zeit. Siehe zur Erde! - die
Schlange, die ängstlich sich windet - fester beisst sie sich ein, vergeblich
möcht in ihrem engen Kreis sie dich gefangen halten, vergeblich ist ihr
Widerstand - des Unglaubens Herrschaft, der Barbarei und der Nacht sinkt dahin.
                               Sie verschwindet.
IMMORTALITA. O Zukunft, wirst du ihr gleichen? - jener seligen fernen
Vergangenheit, wo ich mit Göttern in ewiger Klarheit wohnte. Ich lächelte sie
alle an, und ihre Stirnen verklärte mein Lächeln, wie kein Nektar sie verklären
konnte, und Hebe dankte ihre Jugend mir, und immer blühender Aphrodite ihre
Reize. Aber durch der Zeiten Finsternis getrennt von mir, noch ehe mein Hauch
ihnen Dauer verliehen, stürzten von ihren Tronen die seligen Götter und gingen
zurück in die Lebenselemente; Jupiter in des Urhimmels Kräfte, Eros in die
Herzen der Menschen, Minerva in die Sinne der Weisen, die Musen in der Dichter
Gesänge; und ich Unseligste von allen wand nicht des unverwelklichen Lorbeers um
die Stirne dem Helden, dem Dichter. Verbannt in dies Reich der Nacht, der
Schatten Land, dies düstere Jenseit, muss ich der Zukunft nun entgegenleben.
CHARON fährt mit Schatten vorüber. Neigt euch, Schatten, der Königin des Erebos,
dass ihr noch lebt nach eurem Leben, ist ihr Werk.
                               Chor der Schatten
Stille führet uns der Nachen
Nach dem unbekannten Land,
Wo die Sonne nicht wird tagen
An dem ewig finstern Strand. -
Zagend sehen wir ihn eilen,
Denn der Blick möcht noch verweilen
An des Lebens buntem Rand.
                                Sie fahren weg.
                                Die vorige Szene
 Charons Nachen landend. Erodion springt ans Ufer. Immortalita im Hintergrund.
ERODION. Zurück, Charon, von diesem Ufer, das kein Schatten darf betreten! Was
siehst du mich an? - Ich bin kein Schatten wie ihr; eine frohe Hoffnung, ein
träumerischer Glaube haben meines Lebens Funken zur Flamme angefacht.
CHARON für sich. Gewiss ist dieser der Jüngling, der die goldne Zukunft in sich
trägt.
                         Er fährt ab mit seinem Nachen.
IMMORTALITA. Ja, du bist's, von dem Hekate mir weissagte, bei deinem Anblick
werde des Tages Strahl durch diese alten Hallen, durch diese erebische Nacht
hereinbrechen.
ERODION. Wenn ich der Mann bin deiner Weissagungen, Mädchen oder Göttin! Wie ich
dich nennen soll, so glaube, du bist die innerste Ahnung des Herzens mir.
IMMORTALITA. Sage, wer bist du, wie heissest du, und wo fandst du den Weg zum
pfadlosen Gestade hierher? - wo Schatten nicht noch Menschen wandlen dürfen, nur
unterirdische Götter.
ERODION. Ungern möcht ich zu dir von anderm reden als nur von meiner Liebe. Aber
red ich dir von meiner Liebe, so ist's ja mein Leben. Höre mich denn: Eros' Sohn
bin ich und seiner Mutter Aphrodite, der Liebe und Schönheit Doppelverein hatte
in mein Dasein schon die Idee jenes Genusses gelegt, den ich nirgend fand und
überall doch ahnete und suchte. Lange war ich ein Fremdling auf Erden, von ihren
Schattengütern mocht ich nichts geniessen, bis träumend mir durch deine Eingebung
eine dunkle Vorstellung von dir in die Seele kam. Überall geleitete mich dieser
Idee Abglanz von dir, überall verfolgte ich ihre geliebte Spur, auch wenn sie
mir untertauchte im Land der Träume, und so führte sie mich zu den Toren der
Unterwelt, aber nie konnt ich zu dir durchdringen; ein unselig Geschick rief
mich immer wieder zu der Oberwelt.
IMMORTALITA. Wie Knabe! - so hast du mich geliebt, dass lieber den Helios und das
Morgenrot du nicht mehr sehen wolltest, als mich nicht finden?
ERODION. So hab ich dich geliebt, und ohne dich konnte die Erde nicht mehr mich
ergötzen, nicht mehr der blumige Frühling, der sonnige Tag, die tauige Nacht,
die zu besitzen der finstere Pluto gern sein Zepter hätt vertauscht. Aber wie
eine grössere Liebe in meiner Eltern Umarmungen sich vereint hatte als alle andre
Liebe - denn sie waren die Liebe selbst - so die Sehnsucht auch, die zu dir mich
trieb, war die mächtigste, und über alle Hindernisse siegreich war mein Glaube,
dich zu finden; denn meine Eltern wussten, dass, der aus Lieb und Schönheit
entsprungen, nichts Höheres auf Erden finde als sich selbst, und hatten diesen
Glauben zu dir mir gegeben, dass meine Kraft nicht sollt ermüden, nach Höherem zu
streben ausser mir.
IMMORTALITA. Aber wie kamst du endlich zu mir? Unwillig nimmt Charon Lebende in
das morsche Fahrzeug, für Schatten nur erbaut.
ERODION. Einst war mein Sehnen dich zu schauen so gross, dass alles, was die
Menschen erdacht, dich ungewiss zu machen, mir klein erschien und nichtig. Mut
begeisterte mein ganzes Wesen: ich will nichts, nichts als sie besitzen, so
dacht ich, und kühn warf ich dieser Erde Güter alle weg von mir und führte mein
Fahrzeug hin zu dem gefahrvollen Fels, wo alles Irdische scheitern sollte. Noch
einmal dacht ich: wenn du alles verlörst, um nichts zu finden? - aber hohe
Zuversicht verdrängte den Zweifel, fröhlich sagt ich der Oberwelt das letzte
Lebewohl, die Nacht verschlang mich - eine grässliche Pause! - ich fand mich bei
dir. - Die Fackel meines Lebens flammt noch jenseits der stygischen Wasser.
IMMORTALITA. Die Heroen der Vorwelt haben diesen Pfad schon betreten, der Mut
hat herüber zu streifen gewagt, aber der Liebe nur war vorbehalten, ein dauernd
Reich hier zu gründen. Die Bewohner des Orkus sagen, mein Dasein hauche ihnen
unsterbliches Leben ein; so sei denn auch du unsterblich; denn du hast
Unnennbares in mir bewirkt, ich lebte ein Mumienleben, aber du hast mir eine
Seele eingehaucht. Ja, teurer Jüngling! In deiner Liebe erblicke ich mich
verklärt; ich weiss nun, wer ich bin, dass ein sonniger Tag diese alten Hallen
beglänzen wird.
                     Hekate tritt hinter dem Altar hervor.
HEKATE. Erodion, trete in den Kreis der Schlange. Er tut es: die Schlange
verschwindet. Zu lange, Immortalita, warst du, durch die Macht des Unglaubens
und der Barbarei, von wenigen gekannt, von vielen bezweifelt, in diesen engen
Kreis gebannt. Ein Orakel, so alt als die Welt, sagt, der gläubigen Liebe werde
gelingen, dich selbst in dem erebisschen Dunkel zu finden, dich hervorzuziehen
und deinen Tron in ewiger Klarheit zu gründen, zugänglich für alle. Die Zeit
ist nun gekommen, dir, Erodion, bleibt nur noch etwas zu tun übrig.
 Der Schauplatz verwandelt sich in einen Teil der elysäischen Gärten, die Szene
  ist matt erleuchtet, man sieht Schatten hin und wieder irren. Zur Seite ein
               Fels, im Hintergrund der Styx und Charons Nachen.
                                  Die Vorigen
HEKATE. Sieh, Erodion, diesen einsturzdrohenden Fels, er ist die
unübersteigliche Scheidewand, der des sterblichen Lebens Reich von dem deiner
Gebieterin scheidet, er verwehrt der Sonne, ihre Strahlen her zu senden, und
getrennten Lieben, sich wieder zu begegnen. Erodion! versuch es, diesen Felsen
einzustürzen, dass deine Geliebte auf seinen Trümmern aus der engen Unterwelt
steigen möge, dass ferner nichts Unübersteigliches das Land der Toten von dem der
Lebenden mag trennen.
     Erodion schlägt an den Felsen, er stürzt ein, es wird plötzlich helle.
IMMORTALITA. Triumph! Der Fels ist gesunken, von nun an sei den Gedanken der
Liebe, den Träumen der Sehnsucht, der Begeisterung der Dichter vergönnt, aus dem
Lebenslande in das Schattenreich herabzusteigen und wieder zurückzugehen auch.
HEKATE. Heil! Dreifaches, unsterbliches Leben wird dies blasse Schattenreich
beseelen, nun dein Reich gegründet ist.
IMMORTALITA. Komm, Erodion, steige mit mir auf in ewige Klarheit; und alle
Liebe, alles Hohe soll meines Reiches teilhaftig werden. Du, Charon, entfalte
deine Stirn, sei freundlicher Geleiter denen, die mein Reich betreten wollen.
ERODION. Wohl mir, dass ich die heilige Ahnung meines Herzens wie der Vesta Feuer
treu bewahrte; wohl mir, dass ich, der Sterblichkeit zu sterben, der
Unsterblichkeit zu leben, das Sichtbare dem Unsichtbaren zu opfern Mut hatte.
     Von der Hand des Herzogs Emil August von Gota auf das Manuskript der
                            Immortalita geschrieben.
Es ist eine Kleinigkeit, die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist, dass ich es
ein Geschenk des Himmels achte, dich zu verstehen, du edles Leben. Siehst du zur
Erde nieder, gibst gleich der Sonne du ihr einen schönen Tag, doch auf zum
Himmel wirst du vergeblich schauen, suchst deinesgleichen du unter den Sternen.
    Wie frische Blütenstengel so schmückt deiner Gedanken sorglos Leben den
bezwungenen Mann; sein Busen bebt von tiefen Atemzügen, wenn dein Geist gleich
aufgelösten Locken, die jetzt dem Band entfallen, ihn umspielt.
    Er sieht dich an, ein Liebender! Wie stille Rosen und schwankende Lilien
schweben deiner segnenden Gedanken Blicke ihm zu. Vertraute, nahe dem Herzen
sind sie. Wahrhaftiger, heller und schöner beleuchten sein Ziel sie ihm und
seinen Beruf, und auf schweigendem Pfade der Nacht sind hochschauende Sterne
Zeugen seiner Gelübde dir.
    Doch ist eine Kleinigkeit nur, die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist, dass
ich als ein Geschenk des Himmels es achte, dich zu verstehen, du edles Leben.
                                                                     Emil August
 
                                 An die Bettine
Dein Brief, liebe Bettine, ist wie der Eingang zu einem lieblichen Roman, ich
habe ihn genippt wie den Becher des Lyäus, der ein Sorgenbrecher ist, es tat mir
auch sehr wohl, mich bewegten grade Sorgen um Dinge, die eine notwendige Folge
des Lebens und daher nicht unerwartet sind; die ich Dir nicht mitteile, weil sie
in Deinen Lebensgang nicht einstimmen1. Du bist mein Eckchen Sonne, das mich
erwärmt, wenn überall sonst der Frost mich befällt. Ich werde die Stadt auf ein
paar Wochen verlassen, ein Brief wird mich am Donnerstag noch treffen, dann
aber, den nächsten find ich, wenn ich zurückkomme, und dann sind wir bald wieder
ganz beisammen. Lasse Deine Briefe recht heiter sein ohne schwermütigen
Nachklang, Deiner Natur ist eine freie ungehemmte Lebenslust gemäss; die trüben
missmutigen Regungen, mit denen Du zuweilen prahlst, sind nur Zeichen
geheimnisvoller Gärungen, denen der Raum zu eng ist, sich zu läutern, das muss
ich glauben, wenn ich Deine jetzige natürliche Stimmung vergleiche mit jener
gereizten, die Dich zuletzt hier befiel, wo mir ganz bange um Dich war. Es war
Dir nichts weiter nötig, als die beengende Stadtluft nicht mehr zu atmen. Du
bist wie eine Pflanze, ein bisschen Regen erfrischt Dich, die Luft begeistert
Dich, und die Sonne verklärt Dich. - Die Tonie schreibt hierher, dass Du gesund
aussähest und keine Spur von der interessanten Blässe übrig sei; - rate, wer
darüber seinen Ärger nicht verhehlen kann? - »Elle ne sera plus ce quelle a été«
gab er mir auf alle Trostgründe zur Antwort. Indessen hoffe ich, dass unsereins
auch noch bei Dir gilt, und mir ist's lieber, dass Du auf Kosten jener
interessanten Blässe zunimmst, als dass ich immer hören muss, Deine Lebendigkeit
werde Dich noch töten, was komisch klingt und auf mich gestichelt ist. Ich habe
mir selber die Vorwürfe nicht erspart. - Was Du Schlaftrunkenheit nenntest, das
war nach Sömmering Nervenfieber, er sagt, Du habest keinen Sinn für
Krankheitszustände, Du habest die Kinderkrankheiten wie lustige Spiele
durchgemacht, diesmal sei es von überspanntem Studieren gekommen. Die
philosophischen Ausdrücke Absolutismus, Dualismus, höchste Potenz usw., mit
denen Du in Deinen Fieberphantasien spieltest, zeugten wider mich. Ich habe mir
fest vorgenommen, diesen Winter nur solche Sachen mit Dir zu treiben, die Dir
recht von Herzen zusagen. - Ich bin zwar nicht so ganz allein an diesem Missgriff
schuld, andre, denen ich vertraue, die, wie mir schien, nicht mit Unrecht Dir
viel philosophischen Sinn zusprechen, meinten, er müsse entwickelt werden, ich
folgte unschuldig diesen Weisungen und nahm Deinen Widerspruch für die gewohnte
Unbequemheit, Dich etwas Ernstem zu fügen. Der Hohenfeld sagte mir, Ebel
erzähle, Du habest aus überreiztem Widerwillen gegen die Philosophie starkes
Erbrechen gehabt, daraus sich ein galliges Nervenfieber gebildet habe; er warnte
mich und sagte, Du seist ein unbedeutendes Mädchen und kein philosophischer
Kopf, der Deine könne zwar übermütig und überspannt, weiser aber nicht werden
usw. - Ich erriet, dass er ein diplomatischer Abgesandter sei von klugen Leuten,
die viel von einem wissen, und von denen man nichts weiss; seine Zitationen von
überspannten Reden und absurden Behauptungen, die hier unter den Philistern im
Umlauf sind, ergötzten mich: Dein eigner Brief, der wie der junge Strauch das
kränkelnde Laub abwirft und in frischen Trieben ergrünt, macht mich mit dem
guten Hohenfeld einverstanden über Deine Unbedeutenheit, auch gefällt sie mir
besser, als was ich an Gelehrteit Dir zuschanzen könnte, Du bist gefühlig für
die Alltäglichkeit der Natur, Morgendämmerung, Mittagschein und Abendwolken sind
Deine lieben Gesellen, mit denen Du Dich verträgst, wenn kein Mensch mit Dir
auskommt. - Wenn Du willst, so können wir umtauschen und ich Dein Jünger werden
in der Unbedeutenheit, so wie Du Dich für meinen Schüler hieltest, als ich einen
starken Geist aus Dir bilden wollte. Jetzt, wo es rückwärts geht, musst Du mein
Lehrer sein, ein Zaghafter kann sicherer bergauf gehen, aber einen steilen Weg
hinab, dazu gehört Entschlossenheit, die hast Du, Du schwindelst nicht und hast
Dich noch nie besonnen, über Hecken und Gräben zu setzen. Es dämmern mir schon
ganz glückliche Spekulationen über den Geist der Unbedeutenheit auf; ich hatte
unsägliche Lust, dem Domdechant, der mich so hoch stellt, als Überläufer ein
paar Dummheiten zu sagen, die ihm Zweifel in sein Urteil gäben, ich habe ihm
auch eine gesagt, worüber er die Hände zusammenschlug und meine Behauptung, dass
ich viel von Dir empfange und Dein Umgang mich belehre, auf mein Unvermögen,
mich selbst zu schätzen, schob, das mir da einen absurden Streich spiele, alle
Welt wundere sich, dass ich meine Zeit mit dem Sausewind verbringe und ihm vor
andern solche köstliche Minuten schenke. - Nun, es wird mir nicht fehlen, dass
mir nächstens die ergötzliche Unbedeutenheit aus diesen meinen Verkehrteiten
zuerkannt werde, um die mich keiner beneiden wird, weil man eben das Bedeutende
nicht zu schätzen weiss. Ich ahne sehr hell, dass, wenn in dem bescheidenen
Knospenzustand Unbedeutenheit verborgen, nicht der volle innere Lebenstrieb
wirkte, das Bedeutende nie ans Licht blühen würde, am wenigsten, wenn diebischer
Eigennutz sich der Zeit vordrängt, bloss um auf der Höhe zu stehen, wo die andern
zu seinen schimmernden Phantomen aufsehen müssen. Wie die Titanen mit grossem
Gepolter ihre Treppe zu der Götter Burgen auftürmten und die stillen Gipfel des
Olympos als unbedeutend hinabstürzten. Eins empfinde ich in Dir, dass die Natur
das Ideal des Menschengeistes gleichwie das Pflanzenglück unter warmer,
nährender Decke vorbereiten muss, sonst werden die Menschen davon nicht wachsen
und reifen und im Sonnenglanze grünen.
    Deine Begebenheiten, Deine Bemerkungen, alles macht mir Freude, sorge, dass
mir nichts verloren gehe, wenn's nur Deiner Gesundheit nicht schadet, so
schreibe doch jeden Abend, darum bittet der Dämon, der mir's zuflüstert und gern
alles von Dir bewahren will.
    Wo soll ich mit Deinem Kanarienvogel hin? Ich nehme ihn mit in fremde Lande,
es wird nicht viel Mühe machen, ich kann ihn niemand anvertrauen, so wenig wie
Dich. - Apropos! Wenn ich nun auch eifersüchtig sein wollte auf die Prinzess, mit
der Du immer Hand in Hand gehst! Hast Du Dich je von mir an der Hand führen
lassen, wenn wir draussen waren? - Summtest umher wie eine wilde Hummel durch
alle Gebüsche und liessest mich allein nachsteigen? Was vermag doch diese
Fürstlichkeit über Dich, dass Du Dich so zahm an der Hand führen lässt im Freien?
- Dein Vogel ist mir ebenso zahm geworden, dass er mir in den Mund pickt, das ist
nichts anders als Liebe zu mir, ich weiss nicht, ob er mir jetzt nicht mehr
zutunlich ist wie Dir, grad wie Du mit der Kurprinzess. - Ich war in Sorgen um
ihn; denn wie ich einmal zur Gartentür hinausging, flog er mir nach in den
Garten, aber wie er eine Weile unter den Bäumen herumgeflattert war, setzte er
sich mir auf den Kopf und liess sich ruhig wieder hineintragen, ich war recht
froh; denn ich hätte nicht gewusst, wie ich bestehen solle, wenn Du ihn nicht
wiederfandst. - Der Feigen waren elf an Deinem Baum, ich habe am Montag Ernte
gehalten, drei davon habe ich vom Baum verspeist, drei habe ich in Gesellschaft
verzehrt mit dem Jemand, der mir in der Tür begegnete, er begleitete mich nach
Haus und schien sich zu freuen, dass der Baum, der von ihm stammt, so süsse
Früchte bringt. Nun liegen noch fünf Früchte, die noch etwas härtlich waren,
unter der Glasglocke beim Apoll, die ich in die Sonne gestellt habe, sie haben
auch schon nachgereift, ich werde sie vor meiner Abreise in Kompagnie verzehren,
aber mit niemand, der sie allenfalls wie eine unbedeutende Frucht mit Stumpf und
Stiel hinunterschluckte, sondern mit jemand, der Deiner Pflege für den Baum die
Süssigkeit der Früchte zuschreibt und sie dankbar geniesst. -
                                                                        Karoline
Eine Merkwürdigkeit muss ich Dir noch melden von Deiner Altan, die Spinnen haben
eine grosse Brabanter Spitze gewoben von einem Ende zum andern, von der kleinen
Edeltanne über den Orangenbaum, über die Bohnenlaube, in die man nicht hinein
kann, wenn man dies Kunstwerk nicht durchbrechen will, dann über den Granatbaum
zum Feigenbaum; ich habe alles geschont beim Brechen der Früchte. Dein Bruder
Dominikus kam herunter und spritzte im Kreis sie alle an mit der kleinen
Giesskanne, die Mittagsonne schien sehr hell. Da spiegelten die kristallnen
Tropfen allerliebst in den Netzen, Dein Bruder meinte, wenn die Netze noch
weiter gingen, so könne das eine Voliere für Schmetterlinge sein, die er
vergeblich sich bemüht als Raupen zu zähmen; denn wenn sie aus der Puppe
ausflögen, so hätten sie aller Pflege und Nahrungssorgen, die er für sie als
Raupen getragen, vergessen. - Mich amüsierte sehr seine ernstafte Behauptung,
bei der Raupe und Puppe auf die Seele des Schmetterlings wirken zu wollen. - Ich
meine, die ungeheuren Spinnen würden wohl alle Dankbaren und Undankbaren
verzehren, die in dieser Voliere eingefangen wären. - Noch soll ich Dir sagen
von ihm, dass der Hopfen übers Dach hinaufgewachsen ist in die offnen Fenster
herein. - Du hörst gern von Deinem kleinen Paradiesgarten, in dem alles so schön
ist und kein Baum, von dem man die Äpfel nicht essen darf.
 
                                An die Günderode
Mit der einen Hand hab ich meinen Brief dem Bot' gereicht, mit der andern Deinen
genommen, wir kamen eben von unserm Sonnenaufgang zurück, so sah ich den Bot'
überm Tal am Berg hersteigen, ich wollt mit ihm zusammen ankommen, ich lief, die
andern wussten nicht warum, sie riefen mir nach, ich galoppierte als an der
Bergwand hin und schlug mit dem Stecken an die Äst, das regnete im heissen Lauf
kühlen Tau auf mich, dann schoss ich bergab ins Tal und konnt nicht einhalten,
der gut Bot' stellte sich gegenüber und fing mich auf; oben stand die ganze
Gesellschaft, ein Kopf über dem andern, der Mstr. Haise in der Mitt und guckt
durchs Perspektiv, ich legt mich ins Gras und schnaufte aus. - Potztausend,
wieviel Hämmerchen pochten in meinem Kopf, lauter Goldschmied, und der grosse
Hammer in meiner Brust, das war ein Grobschmied; die andern kamen herbei, wie
ich im hohen Gras verschwand, glaubten sie, ich sei ohnmächtig oder sonst was,
der Voigt schrie, Gott bewahr, solche Einbildungen hat sie nicht; ich guckte aus
dem Gras hervor und lachte sie aus, aber da schrie alles: ich hätt können den
Hals abstürzen, ich hätt können Arm und Bein brechen, mich hätt können der
Schlag rühren, unvorsichtig, tollkühn, sinnlos schrien sie. - Was Guckuck, ich
wollt's nicht mehr hören, ich setzt mich wieder in Galopp, der Badepeter hatte
grad die Bäder angelassen, ich rief ihm zu: »Sagt nicht, wo ich geblieben bin!«
Und sprang ins Wasser mit Schuh und Strümpf und allen Kleidern; da unterm Wasser
warf ich die Kleider ab und dacht nicht gleich, dass ich Deinen Brief im Busen
stecken hatt, bis er auf dem Wasser schwamm, ich hab ihn gleich auseinander
gelegt und an dem Strick festgemacht in der Mitte vom Badegewölb, womit man die
Klapp aufzieht, wenn's zu heiss ist, er flatterte im Luftzug über mir und drehte
sich hin und her, ich bin ihm immer nachgeschwommen, links und rechts und hab
ihn buchstabiert, hier ein Teil und dort wieder, wie der Wind das Blatt drehte,
das hat mich ergötzt, und auch hab ich mich gefreut, wenn ich aus dem Bad käm',
ihn zu lesen, und dann stimmt ich an: »O du der Götter Höchster, der über
Olympia mächtiglich waltet, lass beim Laufe der Flur günstige Winde in den
schläfebeschattenden Kränzen mir wehen.« - Da wussten sie auf einmal, wo ich
geblieben war; denn alles war in den Bädern und meine Stimme schallte laut am
Gewölb, und da hört ich sie rufen: La voila! - und: wieder eine Tollheit, so
erhitzt ins Wasser zu springen. - Wollt ich nicht von allen Seiten schreien
hören, so musst ich wieder singen: »Lass, o Jupiter, mit leichten Füssen mich
hingleiten dem schnellfüssigen Tage zuvor, der mich sieggekrönt am Abend begrüsse
mit der Unsterblichkeit süss hallendem Ruf.« - Da kam die Lisett als
Gesandtschaft von den andern, was war die verwundert, als sie die Kleider unter
Wasser sah und die Schuh auf der untersten Treppe, zwei volle Becher. - Ich sah
ihr die Bestürzung an, sie glaubte, ich sei toll geworden, sie reichte mir
verstummt ein Zettelchen, darauf stand: »Wohlan Füllenbändiger, opfere einen
feisten Stier der Rossebezähmerin Pallas Atene und ihren goldgewirkten Zügel
wirf schnell um den jungfräulichen Hals.« - Ich frag, wer ihr den Zettel gab,
sie sagt der Badpeter, ich frag den Badpeter, der sagt sein Sohn Lipps, ich frag
den Lipps, der sagt am Röhrbrünnchen ein Herr in Schlappschuhen, eine Zigarre im
Mund. - Was hatte er an, wie sah er aus? - Weisser Mantel, graue Sammetmütze. -
Ich hielt fürs beste zu schweigen und niemand was vom Zettel zu sagen, den
Zettel legt ich zu meiner merkwürdigen Naturaliensammlung, worunter ist ein
goldglänzendes Horn von einem Weinschröter, das hohl ist und so zierlich, dass es
sehr gut als Trinkhorn könnt passen für ein Elfchen, das ein Jäger wär, ich
hab's deswegen aufgehoben, wenn mir einmal eins begegnet, ferner mehrere
durchsichtige Steine, die sehr gut Edelsteine sein könnten, wenn die Sonn nur
noch ein bisschen besser durchschien, und eine Puppe, aus der ich selbst den
Schmetterling hab auskriechen sehen, die tut sich auf und entlässt den
Schmetterling und schliesst sich wieder, sie hat inwendig wie kleine Stahlfedern,
an die rührt der Schmetterling, wenn er reif ist, und dann öffnet sie sich,
aussen ist die Puppe ganz hart, dass man sie nicht verletzen kann. - Ich hab mir's
express aufgehoben für Dich, ich will Dir's zeigen und über die Unsterblichkeit
mit Dir nachdenken dabei. - Wenn ich so was seh in der Natur, wovor gesorgt ist,
dass alles geschützt ist so sorgsam, dass es nicht gestört wird, bis es reif ist,
das schauert mich an, und gewiss ist nichts so traurig als sie stören; denn so
zärtlich wie sie ist, muss es ihr durch die Seele gehen. - Ich mag mich nicht an
ihr versündigen, nicht mich empordrängen und was sein wollen vor der Zeit, mag
nicht ein starker Kopf werden, sie will's nicht, die Natur, sie sagt, ich soll
laufen und springen und Überlegung soll ich gar nicht haben, und in Deinem Brief
steht's nun auch geschrieben, was mich so sehr freut, unbedeutend! - Da bin ich
von Herzen dabei, wenn Du nur auch so dumm sein willst und mich den bedeutenden
Leuten vorziehen. Du musst allen Leuten zugeben, dass nichts ist mit mir, da wird
sich's bald geben; eigentlich wer schuld ist, das ist der Clemens, der hat aus
grosser Lieb zu mir sich immer an allem gefreut, was ich getan hab, und hat meine
unbedachtsame Reden als wunderschön gefunden. Nun, was liegt dran? - Aber auf
die Burg kommst Du doch noch? - Nicht wahr? Da sind wir zwei mit dem Dämon
zusammen und fragen nach sonst niemand. - Ich freu mich so drauf, dass mir
manchmal das Herz klopft, und wenn ich mich besinn, was es ist, so sind es die
acht Tage, wo wir zwei zusammen in einer Stube schlafen, und der Herbstwind geht
dann schon und schüttelt das Laub ab von den Platanen, und nachts wecken wir
uns, wenn wir einen Gedanken haben, und schlafen dann gleich wieder. Ich kann
Dir auch viel von hier erzählen, ich hab eine Menge Gedanken, die ich nicht
aufschreiben kann, manchmal spring ich auf, als müsst ich zu Dir und Dir gleich
was ganz neu Gedachtes sagen. - Aber ich hab Dir ja noch nicht erzählt, was heut
noch vorgefallen ist. Um zwölf Uhr sind wir hinunter, bloss ich und die Tonie zur
Kurprinzessin, um Abschied von ihr zu nehmen, die Tonie hatte ihr auf den Tisch
im Vorsaal all die schönen Früchte aufgestellt und die Blumen dazwischen, sie
nahm sehr freundlich von allen und sagt so viel herzlich Gutes zur Tonie, dass
ich zum erstenmal empfand, als wenn es wahr wär, was ich bei andern nie glaub,
wenn sie höflich sind. Du fragst: wenn Du nun auch eifersüchtig sein wolltest
auf die Kurprinzess. Ei warum bist du's nicht? - Das ist eben, was mir leid ist,
wenn ich Dir heut sagte, sie wollt mich mitnehmen und ganz bei sich behalten, da
würdest Du am End ganz kalt schreiben: »Liebe Bettine, es tut mir zwar leid, dass
unser Umgang hierdurch unterbrochen wird, aber ich rate Dir sehr, lass Dich
dadurch nicht abhalten.« - Und ich würde das aber nicht tun, selbst wenn ich mir
denk, dass Du mir so kalt antworten könntest und könntest es leicht verschmerzen,
obschon mir die Kurprinzess am liebsten ist von allen, die ich gesehen hab, denn
ausser der Grossmama und Dir hab ich nie Frauen gesehen, die mir edel vorkamen,
denn ich häng innerlich mit Dir zusammen, das weiss ich, und der Dämon hält mich
auch fest bei Dir; und wo sollt ich noch einmal fühlen so vertraulich? - Kann
man so bei Prinzessinnen simulieren, so im Mondschein im Zimmer an der Erde
liegen und ihm nachrücken und Geschichten erfinden wie wir den Winter, und wenn
ich Dein Haar flechten wollt, da hast Du mich's lassen aufflechten und wieder
flechten und erfandest Ossians Gesänge, während ich es kämmte.
Deine Locken gleich den Raben düster,
Deine Stimme wie des Schilfs Geflüster,
Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.
Weisst Du noch, wie ich's Dir still nachsang, was Du so schauerlich mir
vorsagtest, und weisst Du wohl, dass da mein Herz ganz voll Tränen war, mehr wie
einmal, und heimlich stritt ich mit mir, dass ich stark sein wollt und meine
Schmerzen bezwingen? - Ich wollt Dir's nicht zeigen, wie tief das in mich ging:
Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flügel
Dich, du Liebliche, du schönes Licht. -
Wie oft hab ich das gesungen für mich und war ein Held. -
Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,
O! Wann grüssest du den Morgen wieder?
Schöngelockte, wirst du lange ruhn? -
Ach! Die Sonne tritt nicht an dein Bette,
Spricht: »Erwach aus deiner Ruhestätte,
Collas schöne Tochter, steig herauf!« -
Junges Grün entkeimet schon dem Hügel,
Frühlingslüfte fliegen drüber her.
Sonne, birg in Wolken deinen Schimmer!
Denn sie schläft, der Frauen erste! - Nimmer
Kehret sie in ihrer Schönheit mehr.
Das hab ich so oft gesungen und auch am Fels vorgestern, und ich kann so schöne
Melodien drauf, die mir alle durchs Herz gehen, und wenn wir auf der Burg sind
den Herbst, dann wollt ich Dir's vorsingen, wenn's dunkel ist, eh das Licht
kommt; wie kannst Du denn nur denken, dass ich die Kurprinzess lieber haben könnt?
- Aber Du denkst es auch nicht, Du stellst Dich nur so, denn sonst wär's gar zu
traurig für mich, dass Du nicht betrübt darüber wärst. - Ich kann mir unter
Collas Tochter immer nur Dich denken; denn sie schläft, der Frauen erste! - Und
so hab ich in mancher Stunde mit Tränen Dich besungen; denn ich kann das nicht
singen, ohne dass es mein Herz so stark bewegt, abends wenn ich allein bin, dass
ich oft meinen Kopf in die Kopfkissen stecke und will alle Wehmut ersticken,
weil sie mich gar zu schmerzlich befällt. - Aber was soll ich doch hier, so fern
von Dir, Dir von meinen bitteren Stunden sagen, das kann Dich nur traurig
machen, und Du bist jetzt so betrübt. - Aber lass dich's nicht betrüben von mir,
das ist nur so vorübergehend, wie eben die check, die hier fielen, ich will
Dir lieber noch weiter erzählen von der Kurprinzess, Du weisst, dass ich traue in
Deine Lieb und gar nicht denk, dass ich Dir gleichgültig bin, und auch nicht, dass
Du an mir zweifelst. Die Kurprinzess verlangte heut morgen, ich sollte ihr noch
ein Lied singen zur Gitarre, das sie als zuweilen vom Fenster gehört habe, das
erschreckte mich sehr, denn der Herzog stand dabei und zog den Mund so kurios
zusammen und sagte, er hab auch meine Stimme gehört, sie sei sehr schön; ich
hätt gern ausgewichen, aber ich fühlte, dass es unschicklich war, ich holte also
meine Gitarre, und unterwegs bezwang ich meine Angst vor dem Herzog, vor der
Prinzess hätt ich mich auch nicht gefürcht; denn ich hatte schon oft die Abende
in dem Laubgang vor ihrem Fenster allerlei Melodien improvisiert, weil mich
einmal eine geheime Neigung zu ihr anregte, dass ich als recht zärtliche Melodien
erfand. Vor dem Herzog hätt ich mich auch nicht gefürcht, aber weil ich den
Morgen im Bad gesungen hatte, so dacht ich, er hätt's gehört und möcht wohl gar
davon anfangen, und an den Zettel dacht ich auch. - Aber da kam mir mit einmal
ein Gedanke, der half mir drüber hinaus, ich nahm Dein Dartulagedicht2 aus
meiner Brieftasche mit und sang draus, was ich da oben Dir hingeschrieben, aus
dem Kopf in eine Melodie hinein, im Anfang war's ein wenig steif, aber bald
ging's recht, wie ich manchmal selbst überrascht bin und tief erschüttert, wie
die Melodie soviel gewaltiger es ausdrückt und erst das Herz empfinden lehrt,
und ich wiederholte es, da war's so schön, ach, wenn ich's doch noch einmal so
singen könnt vor Dir; - der Herzog verlangte, ich sollte noch fortsingen, da war
ich nicht mehr bang, ich sang gleich:
Lass zehntausend Schwerter sich empören,
Usnot sollt von meiner Flucht nicht hören,
Ardan! Sag ihm, rühmlich war mein Fall.
Winde! Warum brausen eure Flügel?
Wogen, warum rauscht ihr so dahin? -
Wellen! Stürme! Denkt ihr mich zu halten?
Nein, ihr könnt's nicht, stürmische Gewalten!
Meine Seele lässt mich nicht entfliehn.
Wenn des Herbstes Schatten wiederkehren,
Mädchen, und du bist in Sicherheit,
Dann versammle um dich Etas Schönen,
Lass für Natos deine Harfe tönen,
Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht. -
Und dies zweite Mal sang ich noch besser, mit tieferer Stimme und war
selbstfühliger; es sind die zwei Stellen, die ich aus Deinem Lied auswendig
weiss, weil Du sie in meiner Gegenwart gemacht hast im Dunkel und sagtest zu mir:
»Behalt es auswendig, bis Licht kommt, ich will unterdes weiter dichten,« und
ich wiederholte immer vier Verse, bis noch vier dazu fertig waren, die Du auch
meinem Gedächtnis vertrautest und immer weiter schifftest im Ozean, Günderode,
wie schön war doch das? - Wie werd ich je Schöneres erleben als mit Dir? - Dem
Herzog hab ich Dein Gedicht gegeben und gesagt, es sei von Dir und auch den Don
Juan3 hab ich ihm geschenkt, er lag dabei, ich dacht, du gibst mir's wieder; ich
wollt ihm es so gern geben, weil ich sah, dass er grosse Freude dran hatte, Du
gibst mir's wieder. - Die Kurprinzess verlangte, ich soll ihr die Melodie
abschreiben lassen von dem Lied, ich sagte ja, aber wo ist die hin? Ich weiss
nicht mehr - sie hat mich auch noch herzlich geküsst auf beide Wangen; und der
Tonie sagte sie sehr freundlich, wenn sie es erlaube, so wolle sie den Strauss
aus der Ananas mitnehmen und zum Andenken in ihrem Treibhaus pflanzen lassen. -
Gelt, das war so freundlich, und ich will Dir's nur gestehen, dass mir heimlich
recht leid getan hat, wie sie fort war, und alles kam mir so leer vor, dass ich
doch drüber weinen musste, obschon ich nicht wollt, ich hielt mich auch gar nicht
dabei auf, eben weil ich an Dich dachte und Dir keine Untreue wollte begehen. -
Wir begleiteten sie bis zum Wagen, und sie sagte mir noch, wo ich ihr begegnete,
da sollte ich immer zu ihr kommen, ich küsste ihre Hand und ging zurück; denn der
Herzog sprach noch mit ihr. - Sein Wagen war auch vorgefahren, er legte mir die
Hand auf den Kopf und sagte: »Auf Wiedersehen!« - und lachte mich an, und ich
dachte: »Ach Gott, am End hat er den Zettel dem Lipps gegeben.« Er stieg in den
Wagen im leberfarbnen Rock, und wie das Windspiel nachsprang und sich zu seinen
Füssen legte, da sah ich wohl so etwas auf dem Rücksitz liegen wie einen weissen
Mantel, der hellblau gefüttert war, aber er sah doch nicht ganz weiss aus,
sondern mehr hellgrau, aber die graue Mütze sah ich, wie mich deucht, auch. -
Ja, ich sah sie gewiss, ich wollt sie nur nicht erkennen, weil ich mich schämte;
- aber das dauerte noch eine Weile, dass ich mich gar nicht trösten konnte, und
so oft mir's einfällt, werd ich aufs neue rot vor mir selber. - Aber ich denk
nur immer, ein Prinz hat kein lang Gedächtnis, er wird's bald vergessen. Ach,
wenn er's nur recht bald vergässe! - Gute Nacht. Morgen erzähl ich Dir noch mehr
von heut, von unserm Sonnenaufgang hab ich Dir noch gar nichts erzählt, dass wir
den gar nicht gesehen haben, und dass die Sonne hinter uns aufging, - und dass
alles über die in der Ferne liegenden Berge sah und meinte, sie sollt dort
hervorkommen, und dass sie hinter der Felswand in unserm Rücken aufstieg und der
Mstr. Haise, mit dem Perspektiv bewaffnet, und der Voigt, der mir immer ins Ohr
sagte: »Geben Sie acht, was passieren wird, Sie werden sich alle bald
verwundern.« Kein Mensch achtete seiner Reden. - Es ward hell und hell und die
Sonn kam nicht, und auf einmal war sie hinter uns, ganz mässig und vernünftig,
ohne Aufwand, wie wir sie beim Frühstück auf der Terrasse auch hätten sehen
können, aber der grosse Streit, der vorfiel, keiner wollte der sein, der es nicht
gleich gedacht hatte, jeder sollt den andern verführt haben, es war wirklich ein
wunderlicher Streit, und der Mstr. Haise mit dem Perspektiv, mit dem er die Sonn
zuerst hatte entdecken wollen! - Der Voigt wurde am meisten gezankt, und er
sollte zuletzt allein dran schuld gewesen sein, er hätt sie mit Fleiss all
herumgewendet, und er hätte davon gesprochen zuerst, dass dort gen Morgen läg. Er
sagte aber, nein, er hätt sie nicht verführt, er hätt es aber wohl gewusst, drum
hätt er auch gesagt: sie würden sich bald alle sehr verwundern, aber er wüsst, er
stände in so schlechtem Kredit bei ihnen, dass er sich nicht getraut hab, es
ihnen zu sagen; denn sie hätten's doch nicht geglaubt.
                                                                    Am Samstag -
Den Kanarienvogel schenk ich dir, Du sollst ihn behalten, er hat Dich lieber wie
mich, und ich bin ihm gut, was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud
verketzern. Ich bin aber kein Kanarienvogel, und Du kannst mich nicht hingeben
wollen; denn ich schenk Dir alles, Du sollst mich nicht hergeben. - Meine Altan
ist doch schön, nicht wahr? - Als Kinder hat uns da der Herr Schwab die
biblische Geschichten vorerzählt, abends, eh wir zu Bett gingen, da hab ich den
Mond zum erstenmal scheinen sehen. Wie wunderlich war's doch, und die Fenster
von den Stuben nebenan, wenn da abends Licht drin war, die malten den Schatten
von den Sträuchern auf den Boden, da sass ich so gern allein auf dem Boden und
sah den Schatten rund um mich sich bewegen. Ich hab mich wohl immer gefürchtet
als Kind, aber mehr bei Tag, wenn ich allein war und im Zimmer, wo alles so
nüchtern aussah, aber in der Nacht war was Vertrauliches, was mich lockte, und
noch eh ich was von Geistern gehört hatte, war die Empfindung in mir, dass etwas
Lebendiges in der Umgebung sei, dessen Schutz ich vertraute; so war mir's auf
der Altan als Kind von drei oder vier Jahren, wo beim Sonnenuntergang immer alle
Glocken den Tod des Kaisers einläuteten, und wie's da immer nächter ward und
kühler, und es waren keine Leute um mich und als ob die Luft lauter Geläute sei,
was mich umfing; da kam eine Traurigkeit über mein kleines Herzchen und dann
wieder so rasches Zusammennehmen, ich fühl's noch, wie wenn der Schutzengel mich
auf den Arm nähm. Jetzt muss ich aber sagen: Was ist doch das Leben für ein gross
Geheimnis, das so dicht die Seel umschliesst wie die Puppe den Schmetterling,
kein Licht strahlt durch den Sarg, aber die Sonnenwärme empfindet die inwendige
Seele und wächst und wächst unter schweren Ahnungen, unter Tränen. Ach
verzeih's, dass ich gleich traurig war, aber die Altan! - Dort hab ich ganz
sehnsüchtige Augenblicke schon gehabt, die mir wie Schwerter durchs Herz gingen,
und ich wusste nicht, was es war, und weiss es noch nicht. - Grad in der schönen
blühenden Zeit war mir's immer so traurig, grad am hellen Mittag, wenn da so ein
Bienchen eine Weile herumschwärmte. - Ach was! - Ich will lieber was anders
denken. - Du bist recht gut, dass Du allerlei so sub rosa hervorleuchten lässt,
was mich heimlich freut. - Was mir doch noch wird? - Ob ich je aus dem Licht
heraustrete, was Dein lebendig Aug auf mich strahlt? - Denn Du kommst mir vor
wie ein ewig lebender Blick - und als wenn von ihm mein Leben abhing. - Aber
davon will ich auch nicht reden. - Von der Eselspartie gestern nach Rauhental,
sie ist zu Wasser geworden, aber erst am End, es kam ein ungeheurer Platzregen,
wie wir noch eine halbe Stunde von der Heimkehr entfernt waren, das
zusammenlaufende Wasser von den Bergen herab ins Tal gab ordentlich Seen, die
der Wind wellig kräuselte. - Und wie die Esel mitten durchs Wasser pfatschten
mit uns, kam ein ungeheurer Donnerschlag, die meisten schrien auf, die Esel
schrien nicht, aber sie warfen uns alle mit einemmal herunter in die Pfützen,
und da konnt keiner sich halten, nur der Engländer wollte es zwingen mit seinen
langen Beinen, der Esel warf sich nieder und bäumte sich, und so galoppierten
alle Esel fort, dass sie im Nu aus den Augen waren, die Eseltreiber hinterdrein,
denen nachgerufen wurde, uns Laternen zu schicken. Der ganze Haufe konsultierte
in der Pfütze, setzte sich nach wieder erlangter Besinnung in Bewegung, auf das
verwirrte Untereinanderschreien folgte bald Stille, der Weg war zu beschwerlich,
als dass man auf etwas anders denken konnte als nur, wie man den Fuss mitsamt dem
Schuh wieder aus dem Morast heben wolle, dies aber war nicht möglich, die
meisten Schuhe blieben stecken, die Laternen kamen uns bald entgegen, die
beschwichtigten Esel wurden wieder herangeführt, und so kamen wir zwar beritten
an, aber in welchem Zustand? - Alle Strohhüte hatten im Morast gelegen. Die
Schuhe fehlten, die Damengewande so nass, als sollten sie zu Statuen Modell
stehen, und die Herren nicht minder; man verfügte sich in die Bäder und kam
neugeboren und neugestrählt heraus, ein Gesamt-Abendtee, in Pantoffel und
Schlafröcken und Pudermäntel eingenommen, machte den Beschluss, alles beschrie
des Unfalls Jammer und lachte sich halbtot drüber. Mstr. Haise, dessen
natürliche Haarfarbe jetzt zutag kam, war nicht mehr zu erkennen, aber seine
Schönheit wurde allgemein bewundert, sein braunrotes Haar stand ihm so viel
schöner als der Puder, womit er's hatte verbergen wollen, dass man schrie: jetzt
könne er erst interessieren, was man vorher für unmöglich hielt. Wer war
vergnügter wie er, der feierlich dem Puder abschwor und mit himmlischer
Selbstzufriedenheit bei den Frauen herumspazierte, sich bewundern zu lassen. -
Ich und die Lisett haben noch bis Mitternacht die Strohhüte renoviert, ich
schlug sie alle auf der einen Seite mit einer Kokarde auf, wenn man nun im
Schatten sein will, so setzt man die Schippe nach vornen, wo die Sonne nicht
scheint, dreht man sie herum; die Verwandlung fand allgemeinen Beifall und sieht
nach Voigt malerisch aus. Heut morgen kamen die Eseltreiber mit den verlornen
Schuhen auf ihren Stecken in Prozession angerückt; sie hofften ein Trinkgeld, es
musste auch bezahlt werden, obschon die Schuhe besser wären geblieben, wo sie
begraben waren; man war ärgerlich, dass sie die beschmutzten Schuhe so öffentlich
zur Schau trugen. Das war die gestrige Geschichte. Voigt hatte schon lange drum
gebeten, die ganze Gesellschaft zu Esel in sein Skizzenbuch zeichnen zu dürfen,
heut morgen war ein schöner heller Himmel, und doch war's abgekühlt vom
Gewitter, wir machten uns so malerisch wie möglich, liessen Bänder flattern,
Schleier wehen, die Herren steckten Sträucher auf den Hut, gaben sich
nachlässige Posituren, schaukelten mit den Beinen, so ging's langsam vorwärts,
Voigt war voran mit seinem Malkasten, hatte die Palette aufgesetzt, sass auf
einem Zeltstuhl vor der Höhe, wo wir herabkamen, und beobachtete den Zug mit dem
Fernglas, auf einmal rief er Halt, ich war voran mit einer grünseidenen Fahne,
die ich mir gemacht hatte, die stemmt ich in die Seite und hielt recht feierlich
still, die Gitarre hing auch am Sattel. Voigt malte eifrig auf ein Stück
Wachsleinwand, das auf ein Brett genagelt war. Es dauerte ein Weilchen, die Esel
hingen die Ohren und waren eingeschlafen, die Sonne brannte, die Mücken stachen,
die Schleier und Bänder hingen schlaff, sie glaubten alle, sie könnten's nicht
länger aushalten, ich hätte doch dem guten Voigt so gern das Pläsier gegönnt,
dass seine Skizze fertig wurde; ich nahm meine Gitarre und stimmte den Kosiusko
an, Crotwit begleitete mich auf dem Flageolett, mehrere Maultrommeln der
Eseltreiberjungen fielen ein, es erhob die Stimme Bass und Diskant, andere
pfiffen, Haise neben mir an gab einen Ton von sich, mit dem er eine Pauke
nachmachte, die mit einer Rute und einem Klöppel geschlagen wird, pfitsch
pfitsch, bum bum. Die Esel wachten auf und spitzten die Ohren wieder, die
Lüftchen regten sich wieder in den flatternden Bändern, alles war begeistert,
und Voigt malte schneller als eine Windmühle, in die der Sturmwind bläst; die
Eseljungen hatten sich auch in nachlässigen Stellungen postiert, bald war's so
weit, dass wir umwenden konnten, Voigt bestieg seinen Esel, und wir zogen
vergnügt und singend zurück. Die Skizze ist allerliebst kräftig, er will sie zu
Frankfurt fertig malen, wärst Du doch auch dabei gewesen. - Im Nachhausereiten
sah ich die Birke von fern, die so leise wehte, in der ich ohne daran zu denken,
wie eine Vision Dein Bild gesehen hatte. Ich dachte daran, ob ich's doch
versuchen wollte, Dich hier zu besuchen, wenn man allein ist, da kann man viel
besser klettern, und wie heut nachmittag alles Siesta hielt, bin ich hierher
gekommen und hab gesehen, was der Herzog für Buchstaben in den Baum geschnitten
hat: Z D F und seinen Namen drunter, ich weiss, was es heisst, grade, was er unter
Dein Manuskript von der Immortalita geschrieben hat. - Der Voigt sagt mir, sein
Buch sei sehr witzig, und hat mir noch manches Schöne erzählt von ihm und auch
Sonderbares. - Das Buch müssen wir zusammen lesen den Winter. Heut nachmittag
war alles versammelt beim Tee auf der Terrasse. Die Lust auf weite Partien ist
gedämpft, wir spielten Federball und machten Seifenblasen, die flogen zwischen
die Bäum und bald hier- oder dortin, auch eine auf dem Haise seine Nas' glaub
ich.
                                                                         Sonntag
Heut morgen war man zum letzten Frühstück versammelt; denn morgen geht alles
fort, der ganze Vormittag verging mit Spaziergängen von Paar und Paar im Wald,
ich schlenderte mit dem Voigt nach einem grünen Platz und las ihm vor aus Deiner
Brieftasche, ich las ihm die Manen vor und knüpfte allerlei Ideen dran, die ich
nicht recht aussprechen konnt, ich kann vor niemand sprechen wie vor Dir, ich
fühl auch die Lust und das Feuer nicht dazu als nur bei Dir, und was ich Dir
auch sag oder wie es herauskommt, so spür ich, dass etwas sich in mir regt, als
ob meine Seele wachse, und wenn ich's auch selbst nicht einmal versteh, so bin
ich doch gestärkt durch Deine ruhigen klugen Augen, die mich ansehen, erwartend,
als verständen sie mich, und als wüssten sie, was noch kommen wird, Du zauberst
dadurch Gedanken aus mir, deren ich vorher nicht bewusst war, die mich selbst
verwundern, andre Leute haben mit mir keine Geduld, auch der Voigt nicht, der
sagt: »Ich weiss schon, was Sie wollen,« und sagt etwas, was ich gar nicht
gewollt hab. - Dann mach ich's aber wie Du und hör ihm zu, und da hör ich
allemal was Kluges, Gutes. - Heut sagte er: die Vernunft sei von den Philosophen
als ihr Gott umtanzt und angebetet, wie jeder seinen Gott anbete, nämlich als
ein Götze, der zu allem gelogen werde, was man nur in der Einbildung für wahr
halte, Dinge, die man auf dem Weg des Menschensinnes und der Empfindung allein
finden könne und solle; die würden zu Sätzen, die auf keiner empfundenen
Wirklichkeit beruhen, nur als willkürliche Einbildungen gelten und wirken. -
Philosophie müsse nur durch die Empfindung begriffen werden, sonst sei es leeres
Stroh, was man dresche, man sage zwar, Philosophie solle erst noch zur Poesie
werden, da könne man aber lange warten, man könne aus dürrem, geteertem Holz
keinen grünen Hain erwarten, und da möge man Stecken bei Stecken pflanzen und
den besten Frühlingsregen erbitten, er werde dürr bleiben, während die wahre
Philosophie nur als die jüngste und schönste Tochter der geistigen Kirche aus
der Poesie selbst hervorgehe, dies sagte er dem Mstr. Haise, der studierter
Philosoph ist, der war darüber so aufgebracht, dass Voigt die Poesie die Religion
der Seele nenne, dass er mit beiden Füssen zugleich in die Höhe sprang - und
nachher mir allein sagte: ich möge dem Voigt nicht so sehr trauen; denn seine
Weisheit sei ungesund und könne leicht ein junges Herz verführen, sonst war
alles ganz gut, wir tranken nachmittag auf dem Musenfels Kaffee und machten ein
lustig Feuer im Wald an und tanzten zuletzt einen Ringelreihen drum, bis die
letzten Flammen aus waren, und alle waren wie die Kinder so vergnügt, und mir
kam es vor, als wenn gar kein Falsch oder versteckte Gesinnung mehr unter allen
wär. Ein freies Gemüt ist doch wohl das Höchste im Menschen. Nie eine Periode
des Menschenlebens verlassen, so wie sie rein erschaffen ist, um in eine andre
überzugehen, dabei nie eine derselben vermissen, ewig Kind sein, als Kind schon
Mann und Sklave des Guten sein, Gott anbeten in Ehrfurcht und mit ihm scherzen
und spielen in seinen Werken, die selbst ein Spiel seiner Weisheit, seiner Liebe
sind, sagte Voigt auf dem Heimweg zum Mstr. Haise, und der war zufrieden und
reichte ihm die Hand. -
                                                                      Gute Nacht
                                                                       Am Montag
Gestern hätt ich nun rechte Zeit gehabt, Dir zu schreiben, alles ist fort, aber
ich war müde. Tonie liegt auf dem Bett und schläft, man war bis spät in der
Nacht aufgewesen, ich ging noch auf die Terrasse, um Abschied zu nehmen, weil am
Morgen alles vor Tag abreiste; nur der Voigt blieb da bis Mittag, weil er nur
bis Mainz ging. Er ging mit mir in die kleine Kapelle zur Messe, da war eben die
Predigt wieder am Ende, es war unser Franziskaner. »Warum hat Jesus, da er ans
Kreuz geschlagen ist und die bittersten Schmerzen leidet, zugleich eine
himmlische Glorie um sein Haupt, die allen Anwesenden das Mitleid verbietet, die
zugleich das seligste ruhmvollste Entzücken andeutet mit dem menschlichen Kampfe
im Elend? - Warum liegt in jedem seiner Taten, seiner Worte, das Irdische mit
dem Ewigen so eng verbunden? - Er hat seine Leiden nicht mit Freuden vertauscht,
da er es wohl vermochte. - Also, Mensch hab dein Schicksal lieb, wenn es dir
auch Schmerz bringt, denn nicht dein Schicksal ist traurig, wenn es dir auch
noch so viel Menschenunglück zuführt, aber dass du es verschmähest, das ist
eigentlich das grosse Unglück, und so schliess ich, wovon ich ausging, dass allemal
das Schicksal des Menschen das höchste Kleinod sei, das nicht wegwerfend zu
behandeln ist, sondern es soll mit Ehrfurcht gepflegt und sich ihm unterworfen
werden.« - Der Voigt bereuete sehr, dass er die Predigt nicht ganz gehört habe,
und meint, da er in wenig Worte so viel zusammendränge, so müsse er in der
Entwickelung sehr geistreich sein. Ich aber war froh, dass wir zu spät gekommen
waren, denn mir schien das Tema sehr traurig, Leiden im voraus zu ahnen und
sich darauf vorzubereiten, das will mir nicht in den Sinn. - Am Abend waren wir
ganz einsam, die Tonie und ich, es ist gar niemand mehr hier, ich wär so gern
noch hinaus spazieren gegangen und liess mir den Lelaps holen, den Hund von der
Küstersfrau, der mich kennt, weil ich ihn schon oft mitgenommen habe auf dem
Spaziergang, der kam mit einem Laternchen am Hals mit einem brennenden Lämpchen,
womit er immer bei nebligem Wetter seinen Herrn begleitet; das machte mir gross
Pläsier, ich nahm meinen guten Stock, der zusammengeflochten ist von drei guten
spanischen Rohren, und den mir der Savigny geschenkt hat, und ging mit meinem
guten Lelaps als fort zwischen die Schluchten, in denen der Nebel hin und her
wogte, und sein klein Lichtchen verschwand oft, dass ich ihn nicht mehr sah, aber
wenn ich rief, da kam er durch den dicken Nebel herbeigelaufen, da wurde das
Lichtchen wieder sichtbar, was mir das für Spass gemacht hat, der Hund und ich
allein, und die Nebel, die herumflankierten wie Geister, herüber und hinüber,
aufstiegen und hinabkletterten, es war eine Geschäftigkeit in diesen Felsritzen
und an den Bergwänden hinab, wo man einen freien Blick ins Tal hatte, ich konnt
mir gar nicht denken, dass es nicht Geister wären, und ich glaub's noch, und ich
war innerlich recht glücklich und froh, dass ich dazugekommen war, und dass ich
und der Hund von den Geistern so gut gelitten war, denn Du glaubst nicht, wie
gut der Nebel tut, wie sanft, wie weich er sich einem anschmiegt, mein Gesicht
war ganz glatt davon, und wir sind auch glücklich wieder nach Haus gekommen. -
Ich bin so froh, dass ich unbedeutend bin, da brauch ich keine gescheiten
Gedanken mehr aufzugabeln, wenn ich Dir schreib, ich brauch nur zu erzählen,
sonst meint ich, ich dürfte nicht schreiben ohne ein bisschen Moral oder sonst
was Kluges, womit man den Briefinhalt ein bisschen beschwert, jetzt denk ich
nicht mehr dran, einen Gedanken zurecht zu meisseln oder zusammen zu leimen, das
müssen jetzt andre tun, wenn ich's schreiben soll, ich selbst denk nicht mehr.
Ach, von dem Einfältigsten, Ungelehrtesten verstanden und gefühlt zu werden ist
auch was wert; und dann dem Einzigen, der mich versteht, der für mich klug ist,
keine Langeweile zu machen, das kommt auf Dich an.
    Wir waren am Rhein und sind wieder den andern Tag zurück spät abends, so ist
heut schon Donnerstag, es war schön in Rüdesheim, die Tonie hatte dort über
jemand zu sprechen, der als Geistlicher in unser Haus soll, ich guckte indes auf
der Bremserin aus dem grossen schwarzen Gewölb auf die Wiese im Abendschein, es
flogen all die Schmetterlinge über mich hinaus, denn da oben auf der Burg wächst
so viel Tymian und Ginster und wilde Rosen, und alles hat der Wind
hinaufgetragen; man meint als, der fliegende Blumensamen müsst eine Seel haben
und hätt sich nicht weiter wollen treiben lassen vom Wind und wär am liebsten
dageblieben, alles blüht und grünt, so viel Glockenblumen und Steinnelken und
Balsam, ich dacht, wie ist's doch möglich, dass das alte Gemäuer so überblüht
ist. - Blum an Blum! Unten in der Ruine wohnt ein Bettelmann mit der Frau und
zwei Kindern, sie haben eine Ziege, die bringen sie hinauf, die grast den
duftenden Teppich mir nichts, dir nichts ab. - Ich war eine ganze Stunde allein
da und hab hinaus auf dem Rhein die Schiffe fahren sehen, da ist mir's doch
recht sehnsüchtig geworden, dass ich wieder zu Dir will, und wenn's noch so schön
ist, es ist doch traurig ohne Widerhall in der lebendigen Brust, der Mensch ist
doch nichts als Begehren sich zu fühlen im andern. Du lieber Gott! Eh ich Dich
gesehen hatt, da wusst ich nichts, da hatt ich schon oft gelesen und gehört,
Freund und Freundin, und nicht gedacht, dass das ein ganz neu Leben wär, was
dacht ich doch vorher von Menschen? - Gar nichts! - Der Hund im Hof, den holt
ich mir immer, um in Gesellschaft zu sein; aber nachher, wie ich eine Weile mit
Dir gewesen war und hatte so manches von Dir gehört, da sah ich jed Gesicht an
wie ein Rätsel und hätt auch manches gern erraten, oder ich hab's erraten; denn
ich bin gar scharfsinnig. Der Mensch drückt wirklich sein Sein aus, wenn man's
nur recht zusammennimmt und nicht zerstreut ist und nichts von der eignen
Einbildung dazutut, aber man ist immer blind, wenn man dem andern gefallen will
und will was vor ihm scheinen, das hab ich an mir gemerkt. Wenn man jemand lieb
hat, da sollt man sich lieber recht fassen, um ihn zu verstehen und ganz sich
selbst vergessen und ihn nur ansehen, ich glaub, man kann den ganz verborgnen
Menschen aus seinem äussern Wesen heraus erkennen. Das hab ich so plötzlich
erkannt, wie ich Menschen sah, die ich nicht verstand, was sie mir sollten, und
nun sind mir die meisten, dass ich sie nicht lang überlegen mag, weil ich nichts
merk, was mir gefällt oder mit mir stimmt, aber mit Dir hab ich wie eine Musik
empfunden, so daheim war ich gleich; ich war wie ein Kind, das noch ungeboren
aus seinem Heimatland entfremdet, in einem fremden Land geboren war und nun auf
einmal von weit her übers Meer wieder herübergetragen von einem fremden Vogel,
wo alles neu ist, aber viel näher verwandt und heimlicher, und so ist mir's
immer seitdem gewesen, wenn ich in Dein Stübchen eintrat: und so war's auch auf
den alten Burgtrümmern gestern; so lachend wie die Wiesen waren und die lustigen
Mädchen, die sangen, und der Abendschein und die Schiffe und die Schmetterlinge,
alles war mir nichts, ich sehnt mich nach Dir, nur nach Deinem Stübchen, ich
sehnt mich nach dem Winter, dass doch drauss Schnee sein möcht und recht früh
dunkel und drin brennt Feuer; der Sonnenschein und's Blühen und Jauchzen
zerreisst mir's Herz. - Ich war recht froh, wie die Tonie mit dem Wagen vorfuhr,
wie ich unten hinkam, waren dem Bettelmann seine zwei hübschen Kinder bloss im
Hemdchen und kugelten mit Lachen übereinander und hatten sich so umfasst; ich
sagt, wie heisst ihr denn? - Röschen und Bienchen. - Das Röschen ist blond mit
roten Wängelchen, und das Bienchen ist braun mit schwarzen stechenden Augen. Das
Bienchen und Röschen hatten sich so recht ineinander gewühlt. - Um Mitternacht
heimgekehrt - höchst angenehmer Schlaf beim Rauschen von Springbrunnen.
                                                                       Am Montag
Ich hab Deinen letzten Brief noch oft gelesen, er kommt mir ganz besonders vor,
wenn ich ihn mit andern vergleiche, die ich auch hier in derselben Zeit erhalten
hab, so muss ich denken, dass es Schicksale gibt im Geist, die so entfernt sind
voneinander und so verschieden, wie im gewöhnlichen Tagesleben, der eine wird
sich's nicht einbilden vom andern, was der denkt und träumt, und was er fühlt
beim Träumen und Denken. - - Dein ganz Sein mit andern ist träumerisch, ich weiss
auch, warum; wach könntest Du nicht unter ihnen sein und dabei so nachgebend,
nein, sie hätten Dich gewiss verschüchtert, wenn Du ganz wach wärst, dann würden
Dich die grässlichen Gesichter, die sie schneiden, in die Flucht jagen. - Ich hab
einmal im Traum das selbst gesehen, ich war erst zwei Jahr alt, aber der Traum
fällt mir noch oft plötzlich ein, dass ich denke, die Menschen sind lauter
schreckliche Larven, von denen ich umgeben bin, und die wollen mir die Sinne
nehmen, und wie ich auch damals im Traum die Augen zumachte, um's nicht zu sehen
und vor Angst zu vergehen, so machst Du auch im Leben aus Grossmut die Augen zu,
magst nicht sehen, wie's bestellt ist um die Menschen, Du willst keinen Abscheu
in Dir aufkommen lassen gegen sie, die nicht Deine Brüder sind; denn Absurdes
ist nicht Schwester und nicht Bruder; aber Du willst doch ihr Geschwister sein,
und so stehst Du unter ihnen mit träumendem Haupt und lächelst im Schlaf, denn
Du träumst Dir alles bloss als dahinschweifenden grotesken Maskentanz. - Das lese
ich heute wieder in Deinem Brief, denn es ist jetzt so still hier, und da kann
man denken - Du bist zu gut, für mich auch, weil Du unter allen Menschen gegen
mich bist, als wärst Du mehr wach; als machtest Du die Augen auf und trautest
wirklich mich anzusehen, o, ich hab auch schon oft dran gedacht, wie ich Deinen
Blick nie verscheuchen wollte, dass Du nicht auch am Ende nachsichtig die Augen
zumachst und mich nur anblinzelst, damit Du alles Böse und Schlechte in mir
nicht gewahr werdest.
    Du sagst: »Wir wollen unbedeutend zusammen sein!« - Weisst Du, wie ich mir
das ausleg? - Wie das, was Du dem Clemens letzt in einem Brief schriebst: »Immer
neu und lebendig ist die Sehnsucht in mir, mein Leben in einer bleibenden Form
auszusprechen, in einer Gestalt, die würdig sei, zu den Vortrefflichsten
hinzuzutreten, sie zu grüssen und Gemeinschaft mit ihnen zu haben. Ja, nach
dieser Gemeinschaft hat mir stets gelüstet, dies ist die Kirche, nach der mein
Geist stets wallfahrtet auf Erden.« - Du sagst aber jetzt, wir wollen
unbedeutend zusammen sein, - weil Du lieber unberührt sein willst, weil Du keine
Gemeinschaft findest; - und Du glaubst wohl jetzt noch, dass irgendwo eine Höhe
wär, wo die Luft so rein weht und ein ersehnt Gewitter auf die Seele
niederregnet, wovon man freier und stärker wird? - Aber gewiss ist's nicht in der
Philosophie; es ist nicht der Voigt, dem ich's nachspreche, aber er gibt mir
Zeugnis für meine eigne Empfindung. Menschen, die gesund atmen, die können nicht
sich so beengen, stell Dir einen Philosophen vor, der ganz allein auf einer
Insel wohnte, wo's so schön wär, wie der Frühling nur sein kann, dass alles frei
und lebendig blühte und die Vögel sängen dann, und alles, was die Natur geboren
hätt, wär vollkommen schön, aber es wären keine Geschöpfe da, denen der
Philosoph was weismachen könnt, glaubst Du, dass er da auf solche Sprünge käm,
wie die sind, die ich bei Dir nicht erzwingen konnt? - Hör, ich glaub, er biss'
lieber in einen schönen Apfel, aber so eine hölzerne Kuriosität von
Gedanken-Sparrwerk würde er wohl nicht zu eigner Erbauung aus den hohen Zedern
des Libanon zurecht zimmern; so verbindet und versetzt und verändert und
überlegt und vereinigt der Philosoph also nur sein Denkwerk, nicht um sich
selbst zu verstehen, da würde er nicht solchen Aufwand machen, sondern um den
andern von oben herab den ersten Gedanken beizubringen, wie hoch er geklettert
sei, und er will auch nicht die Weisheit seinen untenstehenden Gefährten
mitteilen, er will nur das Hokuspokus seiner Maschine Superlativa vortragen, das
Dreieck, das alle Parallelkreise verbindet, die gleichschenkligen und
verschobenen Winkel, wie die ineinander greifen und seinen Geist nun auf jener
Höhe schwebend tragen, das will er, es ist aber nur der müssige Mensch, der noch
sich selber unempfundne, der davon gefangen wird; ein andrer lügt, wenn er die
Natur verleugnet und diesem Sparrwerk anhängt und auch hinaufklettert, es ist
Eitelkeit, und oben wird's Hoffart, und der haucht Schwefeldampf auf den Geist
herab, da kriegen die Menschen in dem blauen Dunst eine Eingebildeteit, als
nähmen sie den hohen Beweggrund des Seins wahr; ich bin aber um dies Wissen gar
nicht bang, dass es mir entgehen könnt, denn in der Natur ist nichts, aus dem der
Funke der Unsterblichkeit nicht in Dich hineinfährt, sobald Du's berührst;
erfüll Deine Seele mit dem, was Deine Augen schöpfen auf jener segensreichen
Insel, so wird alle Weisheit Dich elektrisch durchströmen, ja ich glaub, wenn
man nur unter dem blühenden Baum der Grossmut seine Stätte nimmt, der alle
Tugenden in seinem Wipfel trägt, so ist die Weisheit Gottes näher als auf der
höchsten Turmspitze, die man sich selbst aufgerichtet hat. Alle Früchte fallen
zur Erde, dass wir sie geniessen, sie haben seine Flügel, dass sie davonfliegen,
und die Blüten schwenken ihren Duft herab zu uns. Der Mensch kann nicht über den
Apfel hinaus, der für ihn am Baum wächst, steigt er hinauf in den Wipfel, so
nimmt er ihn sich, steht er unterm Baum und wartet, so fällt der Apfel ihm zu
und gibt sich ihm, aber ausser am Baum wird er sich keine Früchte erziehen. - Du
sprichst von Titanen, die die Berge mit grossem Gepolter aufeinander türmen und
dann die stillen Gipfel der Unsterblichkeit hinabstürzen, da meinst Du doch wohl
die Philosophen, wenn Du von ihnen sagst, dass ihr diebischer Eigennutz sich der
Zeit vordrängt und sie mit schimmernden Phantomen blendet. - Ach, aller
Eigennutz ist schändliche Dieberei, wer mit dem Geist geizt, mit ihm prahlt, wer
ihn aufschichtet oder ihm einen Stempel einbrennt, der ist der eigennützigste
Schelm, und was tun denn die Philosophen, als dass sie sich um ihre Einbildungen
zanken, wer zuerst dies gedacht hat; - hast Du's gedacht oder gesagt, so war es
doch ohne Dich wahr, oder besser: so ist's eine Schimäre, die Deine Eitelkeit
geboren hat. Was geizest Du mit Münze, die nur dem elenden Erdenleben angehört,
nicht den himmlischen Sphären? Ich möcht doch wissen, ob Christus besorgt war
drum, dass seine Weisheit ihm Nachruhm bringe? - Wenn das wär, so war er nicht
göttlich. Aber doch haben die Menschen ihm nur einen Götzendienst eingerichtet,
weil sie so drauf halten, ihn äusserlich zu bekennen, aber innerlich nicht;
äusserlich dürfte er immer vergessen sein und nicht erkannt, wenn die Lieb im
Herzen keimte. - Ich will Dir was sagen, mag der Geist auch noch so schöne
erhabene Gewande zuschneiden und anlegen und damit auf dem Teater
herumstolzieren, was will's anders als bloss eine Vorstellung, die wir wie ein
Heldenstück deklamieren, aber nicht zu wirklichen Helden werden dadurch. Du
schriebst an den Clemens: »Sagen Sie nicht, mein Wesen sei Reflexion oder gar,
ich sei misstrauisch, - das Misstrauen ist eine Harpye, die sich gierig über das
Göttermahl der Begeistrung wirft und es besudelt mit unreiner Erfahrung und
gemeiner Klugheit, die ich stets jedem Würdigen gegenüber verschmäht hab.« Diese
Worte hab ich oft hingestellt wie vor einen Spiegel Deiner Seele, und da hab ich
immer ein Gebet empfunden, dass Gott einen so grossen Instinkt in Dich gelegt hat,
der einem aus den Angeln der Gemeinheit heraushebt, wo alles klappt und
schliesst; und wenn's sich nicht passen wollt, zurechtgerichtet wird fürs Leben,
ach nein, Du bist ein Geist ohne Tür und Riegel, und wenn ich zu Dir mein Sehnen
ausspreche nach etwas Grossem und Wahrem, da siehst Du Dich nicht scheu um, Du
sagst: »Nun, ich hoff es zu finden mit Dir.«
                                                                       Am Montag
So ernstaft hab ich geschrieben, ich weiss selbst nicht, wie ich dazukomme, doch
ist's der Nachklang von vor Mitternacht. Ich weiss selbst nicht, wenn ich's
ansehe, warum's dasteht. Du gehst weit über mich hinaus im reinen Schauen; denn
Du bist ein Seher, ich betrachte nur die Schatten des Geistertanzes in den
Lüften, die Dich umschweben. Was soll das alles vor Dir, ich fühl, dass ich von
einer viel niederen Stufe zu Dir hinanrufe, ob dies und das so ist; ich ahne
auch, dass Du mit einem leisen Zauberschlag mich strafen kannst, dass ich bei
solchen Nachgedanken mich aufhalte. Ich weiss und weiss nicht. - Im Tau baden, in
den Mond schauen bei nächtlicher Weile ist schöner, als sich wenden und den
Schatten messen, den man in die beleuchtete Ebene wirft; ja, ich war auch
traurig, wie ich gestern schrieb, und aus der Traurigkeit steigt mir immer
solcher Qualm von Hyperklugheit auf, Philistergeist! - Ich schäme mich - es ist
eine schlechte Sonate, deren Tema man bald auswendig kann, und die einem
abgeleiert vorkommt, wenn man sie wiederholen wollt, das kommt vom Einsamsein
her, da meint man, man müsse was Bessers vorstellen, wenn man mit sich selber
spricht. Ich merkt es, als beim Schreiben das selbstgefällige Geschwätz, was
sich so schön fügte, mich verführte, und nun auf einmal bin ich's satt. Wie
anmutig und scherzend hast Du alles ausgesprochen und mit Deinem Zauberstab Dir
spielend einen Kreis gemacht, mit mir drin zu scherzen, und ich hab mit Dornen
und Nesseln und Disteln um mich gepeitscht; ach ich fühl einen Widerwillen gegen
meine Schreiberei von gestern. - Hätt ich Dir nicht besser den wunderlichen
Abend beschrieben, die seltsame Nacht, die ich mit der Tonie erlebt habe. - So
eine Wundernacht vergeht nicht, sie besteht ewig mit ihren leisen
Schattenbildern, mit ihren Lichtdämmerungen und eiligen Luftzügen und wie sie
den Schlummer Woge auf Woge wälzt; gewiss, wie die Welt geboren wurde, da war es
Nacht, und da stiegen die Gipfel der Unsterblichkeit, die stillen, von denen Du
sagst, zuerst auf aus den Wassern, und da drängte sich die Welt ihnen nach und
liegt nun, und über ihr strömen die Sprachen jener Einsamen durch den
Nachtimmel. - Ja, ich find mich nicht zurecht, wenn in einer solchen Nacht
alles schläft weit und breit und der Geist mächtig mit seinen Flügeln die Luft
durchsegelt. - Und alle die Philosophen, die die Menschheit erwecken wollen,
schlafen doch so fest und fühlen's nicht. - Und ob bloss, wenn's einem gegönnt
wär in jeder Nacht die Augen zu öffnen und ihren tiefen Faltenmantel zu
durchschauen, den sie über die Natur ausbreitet und dann ihre heimlichen Geister
umherschweifen, anhauchen - alles Lebende; ob der nicht hierdurch ein Seher
würde himmlischem Wissen. Es ist doch so Seltsames in der Nacht, man sollte
meinen, der Tag sei einmal schon in Beschlag genommen von der Verkehrteit, aber
die Nacht sei noch ganz frei davon; man fühlt sich in der lautlosen silbernen
Mondzeit aufgezogen wie die rankende Pflanze, die hinausstrebt in die Lüfte, -
den vorüberschweifenden Geistern sich anzuhängen und hier und dort von ihrem
Hauch zu trinken. Aber was steig ich und schwindel ich denn immer noch, als lief
ich am Waldrand hin? - Ja, in der Nacht war's so klar in meinem Sinn, dass ich
laut lachte, und nun schweift's von Berg zu Tal und betastet die Erinnerung. -
Und all mein Denken solcher Nachhall, wie wär ich in eine Kluft gefallen. Wir
waren am Nachmittag zum weiten Spaziergang fortgewandert und wussten wohl nicht
genau die Zeit, die später war, als wir glaubten, und weil überall der Pfad an
etwas Neugierigem sich hinzog, bald ein brausend Bächlein zwischen Klippen, bald
sonnenhelles Grün und Hügel und Gemäuer und dann ein Wald mit mächtigen Kronen,
da kamen noch Scharen von Vögel über uns hingezogen, denen wir nachsahen, da
war's bald gar aus, wir wussten nicht, wo wir hergekommen waren, und wo wir
hinwollten, gern wären wir wieder umgewendet, wenn wir nur ahnen konnten, wo der
Heimweg war. Wir machten einander Mut, durch den Wald auf einem breitern Weg,
der quer lief, fortzuwandern; weil frische Spuren da waren, so musste er dort zu
Menschen führen, noch hielten wir den Wind, die allmählich sinkende Helle für
vorüberziehende Wolken, aber es war der Abendwind, der das Laub vor uns her
wehte, wir sagten es einander nicht, aber merkten es bald, schritten immer fort
und sahen bald zwischen den hohen Wipfeln durch den roten Himmel glänzen, und
wie der sich verzog in ein dämmerndes Gold, aber ohne Schein und endlich ein
Blau, schweigende Sternchen glitzerten, und der Pfad lief immer fort im Wald und
die Sterne sahen hoch herab, und keins wagte die Stille zu unterbrechen,
schweigend, ein Tritt nach dem andern raschelte durchs Laub. - »Ach,« sagt ich,
»lass uns einen Augenblick ausruhen, Du wirst sehen, dann wird der Wald auf
einmal sich auftun.« »Ach,« sagte die Tonie leise, »was wird das werden, wo
kommen wir hin?« - Statt zu klagen, musste ich laut lachen; - »Um Gotteswillen,
wie kannst Du so schaurig lachen, schweig still, es können böse Leute in der
Nähe sein, die uns hören.« Ich meint aber, wenn wir so sacht redeten und
wanderten, das könnt noch viel gefährlicher sein, und die Tonie liess sich
überreden, dass ich ein Lied sang. - Das schallte! - Das machte mich so
glücklich, und der schweigende Wald, - und dann ich wieder, und dann er wieder.
Die Tonie hatte sich auf dem Pfad so gesetzt, um die Richtung nicht zu
verlieren, der wir schon die ganze Zeit gefolgt waren, ich aber lag rückwärts
und sah in die Höh, auf einmal entdeckte ich, dass der Wald links lichter ward,
und dass der Himmel ganz frei war; ich sagte, dort müssen wir hin, da sind wir
gleich aus dem Wald. »Um Gotteswillen verlass den Pfad nicht; denn so im Dickicht
herumzustolpern in der Nacht, da können wir in Gruben fallen, lass uns ruhig auf
dem Weg fortgehen,« ich war aber schon vorwärts geschritten und stolperte
wirklich und raffte mich auf und fiel wieder und kletterte über Stock und Stein,
und die Tonie rief von Zeit zu Zeit, ich antwortete, und da war ich plötzlich im
Freien auf der Höhe, die sich abflachte in eine weite Ebene, die ich nicht
ermessen konnt, aber ganz in der Ferne sah ich's glänzen, ich rief: »Hier steh
ich und seh den Rhein, Du musst aus dem Wald heraus; denn auf dem Waldpfad kannst
Du noch stundenlang unnütz fortwandern.« Wir kamen uns entgegen mit Rufen durch
die Nacht, doch rückt ich nicht weit herein, aus Furcht, den Weg zu verlieren,
endlich reichten wir einander die Hand, und nun zog ich sie hinter mir her. Es
ist ein dumm klein Abenteuerchen, aber es machte mich doch so froh, uns so aus
dem finstern Wald herausgefunden zu haben. Da standen wir nun und guckten uns um
- ob das dort ein Dorf ist oder dort, ob das ein Licht ist? - Wir setzten uns am
Waldrand hin und lugten, es liess sich nichts hören, kein Vögelchen, es war gewiss
schon spät, vielleicht bald elf Uhr, und da brannte auch kein Licht mehr in den
Örtern, drum konnten wir sie in der Ferne nicht sehen; wir ruhten gelassen ein
Weilchen, und da war es so gross um uns her, und das tat so wohl, und dann ward
es heller, der Mond musste bald kommen, da wussten wir, dass es um elf Uhr war. -
Jetzt sah die Tonie einen Ort für ganz gewiss, sie sah das Kirchdach deutlich
glänzen, wir schlenderten, rutschten, kletterten und kamen in die Ebene. Die
Tonie behielt das Kirchdach im Aug, ich war zu kurzsichtig, aber ich lief voran;
denn einen Weg zu bahnen, das kann ich besser. - »Links! - rechts!« - rief sie,
und so ging's über abgemähte Felder, endlich an einen Graben mit Wasser, den wir
glücklich übersprangen, dann über Zäune, dann Wiesen, dann Gärten, und der Mond
war auf, beleuchtet einen breiten Weg, der nach dem Ort führt, aber ein grosses
festes Tor schliesst diese verwünschte Stadt, die in ihrem Mondschein in
Totenstille versunken liegt, dass nicht ein Hund bellt, nicht eine Katze mauzt.
Da stehen wir mit unsern Stecken in der Hand und gucken das Tor an, das war mir
schon sehr lächerrlich, ich sag: »Ob ich versuch hinüberzuklettern?« - Denn es
war oben offen, aber unmöglich, denn es war sehr hoch, von eichnen Bohlen in ein
Paar glatte dicke Pfähle die Angeln eingefügt. »Da seh mal,« sagt die Tonie, »da
ist zwischen dem Pfahl und der Stadtmauer ein Ritz,« - handbreit - wenn ich die
Oberkleider abwerf und den Atem anhalt', so kann ich durch, und nun geschwind
alles was mich hinderte, an die Erd' geworfen und durch war ich, da setzte ich
mich aber erst auf den Eckstein am Tor und lachte, und das schallte die Strasse
hinab und fand ein Echo und schallte wieder herauf. - »Ach, ich bitte Dich, lach
nicht, Du weckst alle Leute auf, und die können uns wer weiss was tun,« flehte
sie durch den Ritz, - ich nahm mich zusammen, besichtigte das Tor, fand, dass es
mit zwei starken eisernen Riegeln zugebummst war, nahm einen Stein und klopfte
die Riegel zurück. »Mach keinen Lärm, poltere nicht so«, - aber das half nicht,
ich war im heissen Eifer, das Tor musste weichen, auf einmal gingen beide Flügel
auseinander, und da stand sie vor mir und hielt ihren Einzug; jetzt wanderten
wir schweigend durch die Strassen und musterten die Häuser, wir klopften an den
Türen, an den Läden, kein Laut gab Antwort, endlich öffnet sich ein
Giebelfensterchen, ein Männchen guckt heraus mit einem brennenden Kienspan in
die Luft leuchtend, bei dessen Flamme wir ein bebartetes Kinn entdecken und also
auf ein ungetauftes Mitglied der Menschheit schliessen, welches seine Stimme auch
nicht leugnet. »Wir sind Kurgäste aus Schlangenbad, die sich verirrt haben, und
hätten gern einen Führer.« - Er bedeutet, dass gegenüber der Torwächter wohnt.
Wir klopfen an, - eine Weile dauert es, auf einmal tut sich ein Loch am Boden
auf, und unter der Erde kommt herauf ein in braunem Pelz eingehüllter Riese mit
einem Baum in der Hand, ein Stock war's nicht, dazu war's zu gross, er setzt sich
in Trapp und treibt uns vor sich her zum Tor hinaus, immerzu, den Pfad am Berg
hinauf, - bald aber sagte mir die Tonie ins Ohr: »Wenn der gewaltige Mann
dahinter uns mit seinem Kolben einen Schlag gäbe, es ist mir recht bang«, - nun,
wir lassen den Mann vor uns gehen, da sehen wir doch, wenn er uns was tun will.
So marschierte denn der Goliat vor uns her, ach, wie rauschten die Birken neben
uns her und malten ihren Schatten uns unter die Füsse, wie quoll das Dunkel aus
dem Wald dem Mondlicht entgegen, und die kleinen Wässer rauschten von den Bergen
nieder und wallten zwischen Weiden fort, und an manchem schlafenden Dorf ging's
vorüber und dann auf der Höh, noch einmal musst ich mich noch umsehen nach dem
Silberstreifen des Rheins im Mondglanz, und Berge in der Ferne sanken und
stiegen, aber am meisten war doch das Regen in der Luft, was umherschwirrte und
flüsterte in den Zweigen, und Träume, kindische, die mir das Herz beben machten,
und dunkle Bilder, die aus dem Wald nebenan hervortraten, das hielt mir die
Seele wach, und doch war's, als schlummere ich sorglos und wandle nur im Traum,
und die Himmelssterne erblassten allmählich - und die einzelnen Hütten im Tal
waren noch unbewusst des Tages, der sich ahnen liess, aber die Wachteln schlugen
im Feld und kündeten ihn an, da sahen wir Schlangenbad. Wer war froher wie wir,
ich aber über alles, mich freut die herrliche Nacht. Die Schatten am Weg, die
unsern beleuchteten Weg still umstanden, und der Abschied der Nacht, wie sie
noch einmal die Wipfel schüttelte, das alles ist mir lieb, es ist ein Geschenk
von den Göttern, wie so manche andre Stunden, wo's war, als wollten sie mich
beschenken mit süssem schwärmerischem Gefühl von innerlicher Kraft des
Entzückens. - Das war's, was ich Dir erzählen wollt, und was viel schöner ist
wie alles Denken und Urteilen: sich dem Leben der Natur nahen und still und
stumm ihre Vorbereitungen mit ansehen und wie sie weiht und reinigt in
feierlicher Nachtstille.
 
                                An die Günderode
                                                             Offenbach, Mai 1805
Sorg nicht um meine Gesundheit; im Dachstübchen bin ich ganz fidel; ich muss mit
meinem Schatten an der Wand lachen. Drei Sätz die Trepp herauf, und die Flügel
gespreizt und herunter hinter die Pappelwand, wo was Weisses flattert. - Da, wo
wir vorm Jahr den Spitz begraben haben, spielte der Wind im Mondschein mit einem
Papier; es flog aber gleich über die Gartenwand, wie ich's haschen wollt. Mit
dem guten Spitz fürchtete ich mich nicht in der Nacht; er bellte mir als immer
die Geister aus dem Weg. Der Klavierhofmann ist noch immer unser Nachbar; heut
nacht, wie ich im Bett lag, da jagte er wieder wie sonst seine enharmonischen
Läufe im gestreckten Galopp auf und ab; ich gab meinen Schlaf auf und meine
Sinne freudig drein, die jagten mit. - Mit dem Verstand Musik fassen wie die
musikalischen Philister, das geht nicht - ich muss empfinden. - Sinnegewiegt von
der Musik - mich hingeben wie schlummernd, dann hab ich Gedanken, schnell - wie
die Sterne dahinfahren, oft - am Himmel. Ich bekümmre mich als, dass ich nicht
denken kann, was ich will, und muss von allem mich irren lassen, wie auf dem
Markt, wo man hin und her läuft vom Guckkasten zum Puppenspiel, zum Bär, der
tanzt, oder mit den Zigeunern mich ergötzen am Mainufer, wenn's Marktschiff
Philister ausspeit und die betrunknen Musikanten schmettern sie hinaus. Allerlei
geht mir im Kopf herum, aber wenn ich schreiben will, ist die Luft leer von
Gedanken, und die meisten Worte sind überflüssig, ich muss sie wieder
wegstreichen wie hier im Brief. Bei Musik bin ich gesammelt, die Gedanken fahren
nicht herum, sie sind still und schauen innerlich Ding, was mich vergnügt. Die
Seel wächst, die Knosp springt auf und saugt Mondlicht. - Eine Weil hört ich zu
im Bett, wie's Gewitter kam, sprang ich heraus und setzte mich aufs Fenster. -
Musik bringt alles in Einklang, sie donnert durch die hellsternige Nacht ihren
gewaltigen Strom, dann tanzt sie hin und grüsst mit jeder Well die Blum, die da
heimlich blüht am Ufer. Wenn dann die Wolken vom Windsturm daher gejagt kommen,
dann werden sie als gleich, als von ihrem Hauch bezaubert; der Regen rollt
Perlen unter ihren tanzenden Schritt, beim leuchtenden Blitz vom Donner durch
die schwarze Nacht geschnellt, die er mit schallenden Schwingen durchrast, das
ist alles ein Hymnus mit der Musik - nichts widerspricht, noch stört's das
stille Brüten der Sinne. So hab ich die halbe Nacht verlebt, ein Leben, wie's
nicht besser ist, noch sein wird mit der Zeit. - Jetzt steh ich in der Blüt,
Honig bis an Rand voll, alles aus dem Innern. Mit den andern hab ich kein
Verstehen, ich schäm mich, vor ihnen anders zu sein wie sie. Du bist mir gut,
und der Clemens, mit dem kann ich doch nicht sein, wie ich bin, er fürchtet sich
und kann nicht vertragen, dass ich mich ausström, bald ist's zu feurig, bald zu
wehmütig, wo ich doch gar nicht traurig bin, aber weil er schön ist wie ein
Gedanke aus meiner Seel, so muss ich liebvoll zu ihm sein. - Das weiss er nicht,
dass es Musik ist in mir, die ihn liebt, ich muss es so gehen lassen, alles muss
reifen mit der Zeit. - Mit Dir ungestört sein, da fühl ich das junge Grün, wie
das aus mir hervorkeimt, Du machst kein Wesen davon, dass im Frühjahr die
frischen Grashalme und Kräuter duften - so bin ich zufrieden und blüh all meine
Gedanken heraus vor Dir.
                                                                         20. Mai
Gestern war Sonntag, heut morgen war ich gar nicht ärgerlich, wie mich die
Hühner aus dem besten Traum gegagst haben wie als in Frankfurt, wo die Liesbet
als grad Holz in Ofen geworfen hat, wie eben ein goldner Vogel mir wollt auf die
Hand fliegen. Die Akazien im Hof sind recht gewachsen, sie schneien im
Sonnenschein ihr letztes Silber aufs Grün. Der Garten lag so morgentrunken vorm
Fenster, ich ging hinab, meinen alten Weg nach der Bretterwand hinter den
Pappeln und kletterte herüber ins Boskett, wo ich Dir hier schreib. - Dass doch
immer meine Kleider reissen, wenn ich recht jauchzend bin. Zank nur nicht, dass
ich mein Gewand nicht geschont habe. Dornenröschen hat mir ein Fetzchen davon
behalten, wie ich versucht hab, ob ich noch zwischen dem Eisengeländer vom
Boskett durchwitschen kann; es geht noch, ich hab noch nicht zugenommen an
Erdenballast - da sitz ich auf der Terass' am Main, auf dem die Wasserspinnen
lustig in der Frühsonne herumfahren. Käm der Genius doch daher gewandelt - ich
könnt ihm mehr nicht sagen, als was die Bienen summen. - Ist mir doch, als gehör
ich zu dem blühenden Zitronenbaum; ist so still alles - wie am Feiertag, und der
reinliche Kies mir unter den Füssen klirrt schüchtern - alles voll Schauer und
Harren, dass er komme, der, auf den auch ich harre, oder war er schon hier? - und
hat es früher so geordnet für mich, dass ich merke, er sei's gewesen, dem die
sonnenbelasteten Äste sich gebeugt und die Welle nachmurmelt zu meinen Füssen.
Ich wollt's besingen, aber's Lüftchen, das nach ihm sucht im Gebüsch, kehrt
wieder und hat ihn nicht gefunden und schweigt und regt sich nicht mehr, so muss
ich auch stumm sein.
 
                                 An die Bettine
Dein Brief macht mir Freude, es ist ein gesundes, munteres Leben darin, das ich
immer lieb in Dir gehabt habe. Du führst eine Sprache, die man Stil nennen
könnte, wenn sie nicht gegen allen herkömmlichen Takt wär. Poesie ist immer
echter Stil, da sie nur in harmonischen Wellen dem Geist entströmt, was dessen
unwürdig ist, dürfte gar nicht gedacht werden, oder vielmehr darf alles Ereignis
den Geist nur poetisch berühren, sonst leidet er Abbruch, wie ich das heute
morgen habe erfahren müssen, wo mir von Hanau eine veraltete
Familien-Schuhmacherrechnung von 17 Flr. zugeschickt wurde, die ich nicht
bezahlen kann, meine Verlegenheit poetisch aufzulösen, schicke ich Dir den
kleinen Apoll als Geisel samt Türkheims Lorbeerkranz, gib mir das Geld.
    Wenn Du einige Stunden in der Geschichte genommen hast, so schreibe doch
darüber; besonders in welcher Art Dein Lehrmeister unterrichtet, und ob Du auch
rechte Freude dran hast. - An dem Märchen hab ich die Zeit sehr fleissig
geschrieben, aber etwas so Leichtes, Buntes, wie mein erster Plan war, kann ich
wohl jetzt nicht hervorbringen; es ist mir oft schwer zumut, und ich habe nicht
recht Gewalt über diese Stimmung.
    Grüsse den Clemens, wenn Du schreibst, ich denke daran ihm zu schreiben und
warte nur den Moment ab, wo mir's wieder leichter ist, damit ich ihm mit gutem
Gewissen seinen Unmut und seine Launen vorwerfen kann.
                                                                        Karoline
 
                                An die Günderode
Geld liegt im Pult am grossen Spiegel, in der dritten Schublad links, in den
andern Schubladen liegt aber auch vielleicht noch, zieh alle Schubladen ganz
heraus, ob etwas dahinter gefallen ist. Der Schlüssel liegt unter dem
Blumenkasten auf der Altan, wo die Kapuzinerblumen stehen, den Apoll halt rein
vom Staub, und dass ihn die Fliegen nicht bedippeln mit samt dem Lorbeerkranz;
und vom Stil weiss ich nichts als von Dir, nichts Überflüssiges, nur was zur Sach
gehört, sollt ich schreiben. Ich hab meinen Brief verputzt wie beim Apfelbaum,
alle Raupennester und Zweige ohne Fruchtkeime ausgebrochen, bis er ganz kahl
war. - Man soll von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben, geschrieben kann man
nicht ableugnen, so muss man sich zusammennehmen. Der Mensch empfängt den Geist
mit Gedanken und Worten, es sind die Gemächer, in denen er ihn herbergt, die
Ehrengewande, die er ihm umlegt, aber die müssen durchsichtig sein und knapp
anliegen und die Räume einfach; denn was er nicht ausfüllt, das verbaut ihn. Ich
merk als, dass die Menschen sehr dumm sind und fürchterliche Umwege machen ums
Zentrum, ja, mir scheint jede Wahrheit ein Zentrum zu sein, das wir nur
umkreisen, nie berühren. Gestern musst ich der Grossmutter aus dem Hemsterhuis
vorlesen, sie sagte: »Das ist ein herrlicher Gedanke«, und legte mir eine
Pfeffernuss drauf, da kam mir dieser Gedanke.
                                                                       Am Montag
Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag,
eingeklammert hinten und vorn in zwei Faulenzer, Freitag, Samstag am End,
Sonntag, Montag am Anfang. - Er unterrichtet mich so, dass ich wahrscheinlich der
Zukunft ewig den Rücken drehen werde und so auch um die liebe Gegenwart geprellt
wär, wenn die unreifen Aprikosen in der Grossmutter Garten nicht meinen Diebssinn
weckten, mit dem ich doch für meinen Verstand etwas Handgreiflicheres zu
erbeuten gedenke, als: »Die Geschichte Ägyptens ist in den ersten Zeiten dunkel
und ungewiss.« Das ist ein Glück, sonst müssten wir uns auch noch darum bekümmern
- »Menes ist der erste König, von dem wir wissen« - mir auch recht, wenn wir nur
was Gescheites von ihm erfahren haben. - »Er erbaute Memphis und leitete den Nil
in ein sicheres Bett. Möris grub den See Möris, die schädlichen Überschwemmungen
des Nils zu hindern. - Dann folgt Sesotris der Eroberer, der sich selbst
entleibte.« - Warum? - War er schön? - Hat er geliebt? - War er jung? - War er
melancholisch? - Auf all dies erfolgt vom Lehrer keine Antwort, nur die
Bemerkung, er möge wohl eher alt zu denken sein. - Ich demonstrierte ihm vor,
dass er jung war, bloss um das Rad der Zeit in Schwung zu bringen, das im
Geschichtskot der Langenweil immer steckenbleibt. - Es rumpelte auch noch über
den Busiris, der Tebä erbaute, Psamtichus, der die geteilten Staaten unter
seine Flügel nahm, dann die Kriege mit Babylonien, Nebukadnezar, dem's der
Kambyses, Cyrus' Sohn, wieder abnimmt. Die Ägypter vereinen sich mit Lybien,
machen sich wieder frei, kriegen mit den Persern, bis Alexander dem Streit und
zu meinem Vergnügen dieser Geschichte ein End macht. - Das ist der Inhalt der
ersten Stunde, Du siehst, dass ich aufgepasst hab. Hätt ich aber den Sporn nicht
gehabt, Jagd auf die Langeweile zu machen und Dir zu zeigen, wie unnütz es ist,
die Asche, von der die Natur nicht einmal das Salz verbrauchen kann, wieder
anzufachen, es gibt doch keine Glut mehr; ich dächte, wir liessen einstweilen die
alten Herrscher in ihren Pyramiden fortschimmeln. - Frühling schwellet die Erde,
ringsum drängt er die Keime - und grünt in entfaltenen Blättern - drängt auch
wohl meinen Sinn, berauschet mir schwellend die Lippe, dass in erneuerter Sonne
die spröden Hüllen und Knospen meiner Gedanken zerbersten. - Ich war heut morgen
im Wald, an der Chaussee schon mit der Morgenröt, die eine Saffranbinde um seine
Wipfel legte, der feuchte Grund wechselte die blauen Vergissmeinnichtbeete mit
den goldnen Butterblumen; es war so feucht, so warm, so moosig, es war so
brennend im Gesicht und so kühlig am Boden.
    Der Tau war so stark, ich war ganz nass geworden; als ich nach Hause kam, da
trat mir der Lehrer schon mit dem achtzehnhundertsten Jahr der Welt entgegen, wo
Nimrod Babylonien gestiftet. Ich wollte nicht fragen, wer der Nimrod war, aus
Furcht, er möcht mir's sagen, und es wär eben auch unnütz, es zu wissen. Wenn
nun der Nimrod ein guter Kerl war, um den es schad wär, und der mir besser
gefallen könnt, als die jetzigen Menschen, so wollt ich ihm wohl die Dauer der
Unsterblichkeit gönnen, aber der Lehrer jagte gleich den Assyrer Ninus
hinterdrein, der das Reich erobert, von wo er Mittelasien beherrscht, ich jagte
also ohne Aufentalt mit, bis das Reich wieder befreit wird durch Nabopolasar,
von dem ich auch nicht weiss, woher er geflogen kam. - Nebukadnezar erobert
Ägypten; Babylonier, Assyrer, Meder führen Krieg - bis Cyrus, der Perser, alle
Reiche wieder erobert. - Babylonische Geschichte umfasst sechzehnhundert Jahr,
hat um elf Uhr angefangen und Glockenschlag zwölf Uhr aus, ich spring in Garten.
 
                                                                         Freitag
Heut morgen war der Geschichtskerl nicht da, da hab ich Generalbass studiert, von
dem könnte ich eher sagen, dass ich was gelernt hab, über den hab ich Gedanken,
er spricht mich an wie Geheimnis, obschon der Hoffmann sagt: Alles ist klar wie
der Tag - ich geb's zu - deswegen ist der klare Tag mir auch ein Geheimnis, so
gut wie der einfache Harmoniensprung, von dem Hoffmann heut sagte: »Betrachtet
man die Tonika nicht allein als solche, sondern auch in bezug auf jede andre
Tonika, als eine ihr verwandte Tonart, wo sie vermöge und in dem Grade ihrer
Verwandtschaft wieder Beziehung hat auf alle Seitenverwandtschaften und daher
immer wieder als solche sich geltend machen kann; so sieht man leicht, wie alle
möglichen Gattungen von Dreiklängen vermittels einfacher Harmoniensprünge
aufeinander folgen können.« Ich glaub's, aber begreif's nicht - betrachten? -
kann man denn alles betrachten, wie man will? - kann ich die Wolken da oben
betrachten wie mein Daunenbett, so werden sie doch nicht herunterkommen, mich
zudecken. Der kleine Hoffmann sieht mich an, erstaunt über meine Dummheit, und
wird selbst ganz dumm, denn er verstummt. Endlich sagt er ganz freundlich, das
nächste Mal werde er gewiss eine Form gefunden haben, um mir's begreiflich zu
machen, er ging in die Musikprobe, wo er tausend Harmoniensprünge mitspringen
wird. Käm doch bald die nächste Stund, am Tanz der Dreiklänge möcht ich
erproben, ob mein Geist auch einen kühnen Sprung tun kann, oder ob ich geboren
bin, kriechend zu lernen wie die Raupe. - Wahrlich, ich möchte gern wissen -
nicht wie mit der alten raupenfrässigen Geschichte. - Ach Gott! - ich hab keine
Aussicht! - Gestern abend ging ich noch nach dem Nachtessen hier im Garten; da
hört ich ordentlich das Gras wachsen, aber so was gilt nicht für Gescheiteit
oder Verstand. Die grünen Äpfel am Spalier unterm grauen Laub, die bepelzten
Pfirsich muss ich respektieren, die kommen vorwärts, aber ich - da wollt ich mich
besinnen, auf was ich von je an gelernt hab, da kann ich doch nicht die
Gebetchen mehr, die ich vier Jahr lang jeden Tag hersagte. Das Vaterunser, den
Glauben, den englischen Gruss kann ich nur noch bruchstückweis; den ganzen
Sommerabend, auf den ich so lüstern war, hab ich versimuliert, um den Glauben
wieder zusammenzuflicken: »Aufgefahren zu den Himmeln« - so weit - schreibe
mir's im nächsten Brief was folgt. - Aber im Grund: - Aufgefahren zu den
Himmeln, wär ein gut End, wenn Du's also auch vergessen hast, so schad's nichts,
so brauchen wir beide es nicht zu wissen; aber nachkommen tut noch was, das weiss
ich. -
                                                                         Samstag
Ach gestern war ein Tag voll Sonnenschein, die Mückchen und Käfer haben ihn
vertanzt und versummt, die verstehen das Schwelgen im Genuss; ich hab sie
belauscht, im hohen Gras überbaut von der Leinwand, die da auf der Bleiche
liegt. Die alte Cousine begoss sie ein paarmal in der Mittagsglut, es dauerte
eine Weile, bis die einzelnen Tropfen durchkamen und mich benetzten, ich hörte
da unten der Musikprobe zu von den Symphonien, die aus dem Boskett
herüberschallten in mein ungebildet Ohr und es in Erstaunen setzten über alles,
was es nicht fassen konnt. Musik - in Tönen daher getragen durch die Lüfte, die
ganze Gewalt der Offenbarung über uns ausströmend und dann verschwebend - wer
kann sie wieder wecken, wenn sie verhallt ist; ich bin so närrisch, mir deucht,
ich müsst verzweifeln, dass sie verklungen ist und hab ihr nichts abgewinnen
können. So wird's noch manchmal gehen, es wird klingen und ich werd's nicht
fassen. Gestern sprach ich mit der Grossmutter, die sagte: »Was der Verstand
nicht fasst, das begreift das Herz.« - Ich begreif das wieder nicht.
    Heut morgen sagt der Hoffmann: »Der einfache Harmoniensprung ist, wenn
zwischen zwei aufeinander folgenden Akkorden eine Harmonie im Verstande gehört
wird.« - Ich hör nicht im Verstand diese Harmonie, ich bin ganz durchdrungen von
dem, was ich fühle, nicht was ich versteh. - Glaub's, Musik wirkt, begeistert,
entzückt, nicht dadurch, dass wir sie hören, sondern durch die Macht der
übergangnen dazwischenliegenden Harmonien, diese halten den hörbaren
körperlichen Geist der Musik durch ihre unhörbare geistige Macht verbunden mit
sich. - Das ist das ungeheure Einwirken auf uns, dass wir durchs Gehörte gereizt
werden zum Ungehörten; denn wir sind durch einen Ton mit allen verwandt und
durch alle mit jedem einzelnen besonders; allein ich kann's sagen - gewiss, ich
bin während der Musikprobe auf einen Gedanken gefallen, wie Gott die Welt
erschaffen hat. - Das grosse Wort: Es werde, leuchtet mir ein. Ohne das Eine ist
Alles nichts; ohne Alles ist nicht das Eine. Im Atemzug wallt die ganze
Schöpfung: Feuer, Erde, Luft und Wasser, und alles Leben, und alles Sein ist
Vermählung dieser vier Geister, die das Leben des Weltalls sind. Diese vier
schaffen und erzeugen auch sich selbst im Geist, den sie ineinander vereinigen.
Musik ist Selbsterzeugung dieser vier Elemente ineinander. In jedem Wesen, das
lebt, erzeugen sich die Elemente; das ist Geist, der ist Musik. Auch das Tier
hat Musik, es ist sinnlich durchdrungen von Wasser, Luft, Erde und Feuer, von
ihrem Geist, der in ihm sich erzeugt, darum wird's so aufgeregt durch Musik,
weil seine Sinne in ihr schlummern, träumen, und alles hat gleiche Rechte an die
Gotteit, was durch Selbsterzeugung der Elemente in ihm zu Geist erhoben wird. -
Ich hab's aufgeschrieben, ich starr diese Zeilen an und weiss nicht, was ich
sagen wollte. -
    Am lichten Tag zerstiebt das Geisterheer der Gedanken, aber dort unter der
Leinwand, wo die Sonne durch die gesammelten Wassertropfen auf mich tropfte, wo
ich im Netz gefangen lag all der blühenden Gräser, dort war mir's klar: Nicht,
was wir mit den Sinnen vernehmen, ist wahre Wollust, nein! - vielmehr das, was
unsere Sinne bewegt - zum Mitleben, Mitschaffen, das ist Leben, das ist Wollust
- wirkend sein! - Genug, die Geister waren mächtig in mir während der Musik;
deutlich riefen sie mir zu: »Eine Geige nimm und fall ein, so wie du fühlst, dass
du zur Entfaltung des Harmonienstroms mitwirken kannst, und kannst ihn heben und
dich geltend machen im Verbrausen deiner Begeistrung - und dort auf der Höhe
dich ausdehnen, dich fühlen in jedem Ton durch die Verwandtschaft deiner Stimme
mit.« - Sollte einer Harmonielehre verstehen und mit Verstand anwenden, er müsste
heimlich die Welt beherrschen, ohne dass es einer merkt, und das ganze Universum
kläng ihm wie eine Symphonie, und die ganze Weltgeschichte trommelte und pfiff
und schalmeiete zu seinem grossen Weltpläsier.
    Ja, ich versteh's, dem Hoffmann werd ich's zwar so nicht sagen, dem werd ich
den ersten, zweiten und dritten Grad aller Verwandtschaften darlegen, und wie
alles mir unterworfen ist zu dienen, wie ich jedem die Herrschaft übertragen
kann und wieder abnehmen und wie ich also immer herrsche, solang ich im Strom
göttlicher Harmonie mitschwimme.
    Adieu! Ich strecke wie ein Krebs meine Scheren aus dem seichten Grund meiner
Wahrnehmungen und packe, was ich zuerst erwische, um mich aus dem eignen
Unverstand loszuwinden.
 
                                 An die Bettine
Halte doch noch eine Weile aus mit Deinem Geschichtslehrer; dass er Dir möglichst
kurz die Physiognomien der Völkerschaften umschreibt, ist ganz wesentlich. Du
weisst jetzt, dass Ägypten mit Babylonien, Medien und Assyrien im Wechselkrieg
war, fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung
sein. Regsam und zu jeder Aufgabe kräftig - waren ihre Unternehmungen für unsre
Fassungsgabe beinah zu gewaltig; sie zagten nicht, bei dem Beginn das Ende nicht
zu erreichen, ihr Leben verarbeitete sich als Tagwerk in die Bauten ihrer
Städte, ihrer Tempel, ihre Herrscher waren sinnvoll und umfassend heroisch in
ihren Plänen, das wenige, was wir von ihnen wissen, gibt uns den Vergleich von
der Gewalt ihrer Willenskraft, die stärker war als die jetzige Zeit zugibt, und
leitet zu dem Begriff hin, was die menschliche Seele sein könnte, wenn sie fort
und fort wüchse, im einfachen Dienst ihrer selbst. Es ist mit der Seelennatur
wohl wie mit der irdischen, ein Rebgarten auf einen öden Berg gepflanzt, wird
die Kraft des Bodens bald durch den Wein auf Deine Sinne wirken lassen; so auch
wird die Seele auf Deine Sinne wirken, die vom Geist durchdrungen den Wein Dir
spendet der Kunst oder der Dichtung oder auch höherer Offenbarung. Die Seele ist
gleich einem steinigten Acker, der den Reben vielleicht grade das eigentümliche
Feuer gibt, verborgne Kräfte zu wecken und zu erreichen, zu was wir vielleicht
uns kein Genie zutrauen dürften. Du stehst aber wie ein lässiger Knabe vor
seinem Tagwerk, Du entmutigst Dich selbst, indem Du Dir den steinigten Boden,
über den Dorn und Distel ihren Flügelsamen hin und her jagen, nicht urbar zu
machen getraust. Unterdes hat der Wind manch edlen Keim in diese verwilderte
Steppe gebettet, der aufgeht, um tausendfältig zu prangen. - Dein scheuer Blick
wagt nicht den Geist in Dir selber aufzufassen. Du gehst trutzig an Deiner
eignen Natur vorüber, Du dämpfst ihre üppige Kraft mit mutwilliger Verschwörung
gegen ihren Wahrnehmungsgeist, der Dir's dann doch wieder über dem Kopf
wegnimmt, denn mitten in Deiner Desolationslitanei sprühst Du Feuer, wo kommt es
her? - Haben Dich die Erdgeister angehaucht? - Fällt Dir's vom Himmel? -
Schlürfst Du's mit der Luft in Dich? - Ich weiss es nicht, soll ich Dich mahnen,
soll ich Dich stillschweigend gewähren lassen? - Und vertrauen auf den, der
Dir's ins Gesicht geschrieben hat? Ich weiss es wieder nicht. - Ich möchte wohl,
aber dann wird mir zuweilen so bange, wenn ich, wie in Deinem letzten Brief, das
Vermögen in Dir gewahr werde, wie das lässig in sich verschränkt keinen Mucks
tut, als ob der Schlaf es in Banden halte, und wenn's sich regt, dann ist's wie
im Traum, nur Du selber schläfst um so fester, nach solchen Explosionen! - Ob
ich recht tue, Dir so was zu sagen? - Das quält mich auch, man soll den nicht
wecken, der während dem Gewitter schläft! - Du kommst mir nun immer vor, als
entlüden sich elektrische Wolken über Deinem verschlafenen Haupt in die träge
Luft, der Blitz fährt Dir in die gesunkne Wimper, erhellt Deinen eignen Traum,
durchkreuzt ihn mit Begeisterung, die Du laut aussprichst, ohne zu wissen, was
Du sagt, und schläfst weiter. - Ja, so ist's. Denn Deine Neugierde müsste aufs
höchste gespannt sein auf alles, was Dir Dein Genius sagt, trotzdem, dass Du ihn
oft nicht zu verstehen wagst. Denn Du bist feige - seine Eingebungen fordern
Dich auf zum Denken; das willst Du nicht, Du willst nicht geweckt sein, Du
willst schlafen. Es wird sich rächen an Dir - magst Du den Liebenden so
abweisen? - der sich Dir feurig nähert? - Ist das nicht Sünde? - Ich meine nicht
mich, nicht den Clemens, der mit Besorgnis Deinen Bewegungen lauscht, ich meine
Dich selbst - Deinen eignen Geist, der so treu über Dir wacht, und den Du so
bockig zurückstösst. - Je näher die Berge, je grösser ihr Schatten, vielleicht,
dass Dich die Gegenwart nicht befriedigt, was uns näher liegt, wirft Schatten in
unsre Anschauung, und daher ist gut, dass der Vergangenheit Licht die dunkle
Gegenwart beleuchte. Darum schien mir die Geschichte wesentlich, um das träge
Pflanzenleben Deiner Gedanken aufzufrischen, in ihr liegt die starke Gewalt
aller Bildung - die Vergangenheit treibt vorwärts, alle Keime der Entwicklung in
uns sind von ihrer Hand gesäet. Sie ist die eine der beiden Welten der Ewigkeit,
die in dem Menschengeist wogt, die andre ist die Zukunft, daher kommt jede
Gedankenwelle, und dortin eilt sie! Wär der Gedanke bloss der Moment, in uns
geboren? - Dies ist nicht. Dein Genius ist von Ewigkeit zwar, doch schreitet er
zu Dir heran durch die Vergangenheit, die eilt in die Zukunft hinüber, sie zu
befruchten; das ist Gegenwart, das eigentliche Leben; jeder Moment, der nicht
von ihr durchdrungen in die Zukunft hineinwächst, ist verlorne Zeit, von der wir
Rechenschaft zu geben haben. Rechenschaft ist nichts anders als Zurückholen des
Vergangenen, ein Mittel, das Verlorne wieder einzubringen, denn mit dem Erkennen
des Versäumten fällt der Tau auf den vernachlässigten Acker der Vergangenheit
und belebt die Keime, noch in die Zukunft zu wachsen. - Hast Du's nicht selbst
letzten Herbst im Stiftsgarten gesagt, wie der Distelbusch an der Treppe, den
wir im Frühling so viele Bienen und Hummeln hatten umschwärmen sehen, seine
Samenflocken ausstreute: »Da führt der Wind der Vergangenheit Samen in die
Zukunft.« Und auf der grünen Burg in der Nacht, wo wir vor dem Sturm nicht
schlafen konnten - sagtest Du damals nicht, der Wind komme aus der Ferne, seine
Stimme töne herüber aus der Vergangenheit und sein feines Pfeifen sei der Drang
in die Zukunft hinüberzueilen? - Unter dem vielen, was Du in jener Nacht
schwätztest, lachtest, ja freveltest, hab ich dies behalten und kann Dir nun
auch zum Dessert mit Deinen eignen grossen Rosinen aufwarten, deren Du so
weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umherstreust. - Du gemahnst mich
an die Fabel vom Storch und Fuchs, nur dass ich armes Füchslein ganz unschuldig
die flache Schüssel Geschichte Dir anbot, Du aber Langschnabel, hast Dir mit
Fleiss die langhalsige Flasche der Mystik im Generalbass und Harmonielehre
erwählt, wo ich denn freilich nüchtern und heisshungrig dabeistehe. Den
Blumenstrauss hat der Jude4 abgegeben, den Wacholderstrauch hab ich hinter dem
Apoll aufgepflanzt, sie umduften ihn, die blauen Perlen, und die feinen Nadeln
sticheln auf ihn. - Wenn Du kommst, so verbrennen wir sie im Windöfchen in
meiner Kammer, und alle bösen Omen mit, drum sei nicht ungehalten, wenn ich Dir
manchmal ein wenig einheize, ich freu mich aufs lustige Feuerchen.
                                                                        Karoline
Sei mir ein bisschen standhaft, trau mir, dass der Geschichtsboden für Deine
Phantasien, Deine Begriffe ganz geeignet, ja notwendig ist. - Wo willst Du Dich
selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast? - Kannst Du Dich nicht
sammeln, ihre Einwirkung in Dich aufzunehmen? - Vielleicht weil, was Du zu
fassen hast, gewaltig ist, wie Du nicht bist. - Vielleicht weil der in den
Abgrund springt freudigen Herzens für sein Volk, so sehr hatte ihn Vergangenheit
für Zukunft begeistert, während Du keinen Respekt für Vaterlandsliebe hast -
vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt für die Wahrheit, während Du Deine
phantastischen Abweichungen zu unterstützen nicht genug der Lügen aufbringen
kannst, denen Du allein die Ehre gibst und nicht den vollen süssen Trauben der
Offenbarung, die über Deinen Lippen reifen.
    Ob Hoffmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand
begreifen wird, bin ich begierig zu erfahren. - Wenn er verstehen soll, ob Du
recht verstanden hast, so wirst Du ihm wenigstens in deutlicheren Modulationen
Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir. - Das ist es eben - die
heilige Deutlichkeit - die doch allein die Versicherung uns gewährt, ob uns die
Geister liebend umfangen. - Wenn's nur nicht bald einmal aus wird sein mit der
Musik wie mit Deinen Sprachstudien, mit Deinen physikalischen Eruptionen und
Deinen philosophischen Aufsätzen und dies alles als erstarrte Grillen in Dein
Dasein hineinragt; wo Du vor Hochmut nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen
können, ohne jeden Augenblick einen Purzelbaum wider Willen zu machen. -
                                                                        Karoline
 
                                An die Günderode
Du strahlst mich an mit Deinem Geist, Du Muse, und kommst, wo ich am Weg sitze,
und streust mir Salz auf mein trocken Brot. - Ich hab Dich lieb! Pfeif in der
schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster, und ich reiss mich aus meinem
mondhellen Traum auf und geh mit Dir. - Deine Schellings- philosophie ist mir
zwar ein Abgrund, es schwindelt mir, da hinabzusehen, wo ich noch den Hals
brechen werd, eh ich mich zurecht find in dem finstern Schlund, aber Dir zulieb
will ich durchkriechen auf allen Vieren. - Und die Lüneburger Heid der
Vergangenheit, die kein End nimmt, mit jedem Schritte breiter wird - Du sagst im
Brief, der mir zulieb so lang geschrieben ist, sie sei mir notwendig zum
Nachdenken, zur Selbsterkenntnis zu kommen; ich will nicht widersprechen! -
Könntest Du doch die neckenden grausenerregenden Gespenster gewahr werden, die
mich in dieser Geschichtseinöde verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel
der Begeistrung vertreten, auf dem Du so ruhig dahinwallest, und mir die
Zaubergärten der Phantasie unsicher und unheimlich machen, die Dich in ihre
tausendfarbigen Schatten aufnehmen. - Tut der Lehrer den Mund auf, so sehe ich
hinein wie in einen unabsehbaren Schlund, der die Mammutsknochen der
Vergangenheit ausspeit und allerlei versteinert Zeug, das nicht keimen, nicht
blühen mehr will, wo Sonn und Regen nicht lohnt. - Indes brennt mir der Boden
unter den Füssen um die Gegenwart, um die ich mich bewerben möcht, ohne mich grad
erst der Vergangenheit auf den Amboss zu legen und da plattschlagen zu lassen. Du
sprichst von meinem Wahrnehmungsvermögen mit Respekt; hab ich's aus der
Vergangenheit empfangen, wie Du meinst - wenn ich Dich nämlich recht versteh, so
weiss ich's doch nicht, wie's zuging. - Ist's der Genius, der dort herübergewallt
kommt? - Das willst Du mir weismachen! - Feiner Schelm! - Mein Genius, der
blonde, dem der Bart noch nicht keimt - sollte aus dem Schimmel herausgewachsen
sein wie ein Erdschwamm! - Wahrlich, es gibt Geister, die drehen sich um sich
selber wie Sonnen; sie kommen nicht woher und gehen nicht wohin, sie tanzen auf
dem Platz, Taumeln ist ihr Vergnügen, der meinige ist ganz berauscht davon, ich
lasse mich taumelnd dahintragen. Der Rausch gibt Doppelkraft, er schwingt mich
auf, und wenn er mich auch aus Übermut den vier Winden preisgibt, es macht mir
nicht Furcht, es macht mich selig, wie sie Ball mit mir spielen, die Geister der
Luft! - Und dann komm ich doch wieder auf gleiche Füsse zu stehen, mein Genius
setzt mich sanft nieder - das nennst Du schlafen in träger Luft, das nennst Du
feige? - Ich bin nicht feige; seine Eingebungen fordern mich auf zum Denken,
meinst Du - und dass ich dann lieber schlafe, meinst Du - Ach Gott! - Denken, das
hab ich verschworen, aber wach und feurig im Geist, das bin ich. - Was soll ich
denken, wenn meine Augen schauen jene Vergangenheit hinter mir im Dunkeln, wie
kann ich sie an den Morgen knüpfen, der mit mir vorwärts eilt? - Das ist die
Gegenwart, die mich mit sich fortreisst ins ungewisse Blaue, ja ins Ungewisse;
aber ins himmlische, blonde, goldstrahlende Antlitz des Sonnengotts schauen, der
die Rosse gewaltig antreibt und weiter nichts. Der Abend fängt mich auf in
seinem Schoss, sinnend lieg ich ein Weilchen, lausch in die Ferne! Grössere Helden
deucht mir da auf der vollen Heerstrasse der Geschichte, am heutigen Tag ihre
mutigen Rosse tummeln zu hören; ja, ich will, ich möcht hin, das Banner vor
ihnen hertragen, wie wollt ich mich des Lüftchens freun, das drin flattert, wie
wollt ich mich der eignen Locken freun, die getragen im jauchzenden Galopp mich
umspielen mit leisem Schlag auf meine Wangen, wie kühn ins Leben hineingejagt,
wie rasch hinter ihm drein, über die Heid! - Wie lustig! Aufwärts, vorwärts,
hinab durch den Dampf. - Der auf dem Berg winkt, sein Aug ruht auf mir, seine
Trommeln lenken, seine Trompete ruft! - Und dann in der Nacht - vor seinem Zelt!
- Und schlaf fest, denn er, der Zeiten Genius, weckt zur rechten Stund, und im
Schutze seines Gefieders schau ich die Gefilde ihn überwallen, die Völker
wecken, sie anglühen mit seinem Feuerblick, dass sie freudig Hochzeit machen mit
dem Tod, auf lorbeerumsprosstem Bett - nun, Kamerad, willst Du mit?
    Heute hat die Vergangenheit ausgespien, so kurz wie möglich, denn ich sass
ihr auf dem Dach, das assyrische Reich, von Asser gleich nach dem babylonischen
Reich gestiftet; das Wort »gestiftet« macht mir immer Zerstreuung, vom Kloster
her noch, wo ich so oft hab vorlesen müssen, der heilige Bonifazius stiftete den
heiligen Orden der Benediktiner, oder der Antonius von Padua oder Franziskus und
so weiter, es gemahnt mich an jene Kämpfe, die diese heiligen Feldherrn mit der
Legion Teufel zu bestehen hatten, und da denk ich mir gleich alle Völker, mit
denen sie im Kampf waren, gehörnt mit Bocksfüssen, feuerspeiend und
pestilenzialischen Gestank verbreitend, den mir die Vergangenheit herüberweht. -
Die heiligen Assyrer aber in Kutten, die ihnen das Kämpfen erschweren. - Ich
denk, ich denk - alle Teufel, unterdes Ninus der Eroberer von Mittelasien
herüberwitscht, Ninive die Hauptstadt von Assyrien, erbaut, mit Tod abgeht,
seinem kriegs- und baulustigen Weib Semiramis noch ein Stück Babylon zu bauen
übrig lässt, worauf sie glänzende Feldzüge macht - das alles versäumt über dem
Kloster und Waldteufel samt heiligen Ordensmännern. - Durch Winkelzüge und
Fragen kriegt ich's aus dem Lehrer noch heraus, dass weiter nichts passiert war.
Über der Geschichte der Semiramis hat Vergangenheit so dicken Schimmel wachsen
lassen, dass sie noch eben mit dem blauen Aug der Unsterblichkeit ihres Namens
davonkommt, sonst wüssten wir gar nichts. In der Folge beherrschten die Meder
Assyrien, es machte sich wieder frei, bis der Babyloner König Nabopolasar (unter
welchem ich mir einen Centaur denk, der Silbenfall seines Namens hat etwas
Ähnliches mit dem Galopp eines leichten arabischen Renners) es erobert und mit
den Persern teilt. - Damit hat die Vergangenheit für heute noch nicht genug,
sondern meldet ferner: Die älteste Geschichte der Meder ist unbekannt, Arbazes,
ihr Stattalter, befreit durch Überwindung des Sardanapal vom assyrischen Joch
im Jahr der Welt 3108, genau gemessen, des Lehrers Phantasie erstreckt sich
lediglich aufs Jahr der Welt. Dejozes erbaut Eckbatana (lies Tians Offenbarungen
über diese herrliche Stadt). - Astyages (wo kommt der her?) vermählt seine
Tochter dem Perserkönig Kambyses, dessen Sohn Cyrus seinen Grossvater vom Tron
stiess (der also zu lang sitzen geblieben war) -, er vereinigt Medien, Assyrien
und Persien und stiftet das grosse medopersische Reich, der Jud Hirsch vom
Geschlecht Esau streckt seine rauhe Hand herein, es in Besitz zu nehmen, er
wird's unterjocht halten in seinem alten Sack, bis Du's befreiest, schmeisst Du's
ins Ofenloch mit dem alten Papier, so bringst Du mich um einige schwer eroberte
Vergangenheit. -
    Schreib vom Märchen. -
    Schreib dem Clemens nichts von mir, sag ihm nur nichts von meiner
Ausgelassenheit, er meint gleich, ich wär besessen, er tut mir tausend Fragen,
er ist ganz verwundert, dass ich so bin, er forscht, er sucht eine Ursach und
frägt andre Leut, ob ich verliebt sei, wo ich doch nur im heiligen Orden meiner
eignen Natur lebe. Zum Beispiel wenn er wüsste, dass ich abends auf dem Dach vom
Taubenschlag sitz und der untergehenden Sonne auf dem Flageolett vorblase, würde
er's guteissen? - Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts
versagen. - Red nichts von mir, lass die Leute bei ihrer herzlich schlechten
Meinung von mir, es ist meine beste Freud, ich geh mit meinem Dämon um, der
sagt: Du sollst dich nicht verteidigen. - Ich tu, was er will, alles andre ist
mir einerlei; einmal hab ich Visionen von ihm, so gut ward's der Psyche nicht,
sie sah doch nicht seinen Widerschein; denn es war stockfinstre Nacht um sie,
ich aber, wenn ich's im Herzen fühl, so seh ich's auch, was mich entzückt, warum
ich leben mag, himmlisch feucht Leben im Jugendstrahl, vortretend, ein bisschen
auf die Seit geneigt, steht er immer vor mir, nicht den Blick mir grade
zuwendend, nein, bescheiden zeigt er sich in meiner Brust, der Gott, dem ich
mich einschmeichle, mit süssen Tränen, der mich morgens vom Lager schüttelt, wo's
kaum tagt, ich soll mich aufmachen, vielleicht begegne ich ihm bei Tagesanbruch,
so eil ich flüchtig vorwärts, ich fühl mich schön im Herzen, ich fühl meine
Schönheit, mein Geist ist ein Spiegel, der ist voll himmlischem Reiz - jeder
Tautropfen am Weg sagt mir, ich gefalle meinem - ihm, was braucht's mehr, wem
sollt ich noch gefallen wollen ausser ihm? - Nein, glaub's doch nur, er ist
wirklich! Er schreitet so leicht, er entschwindet mit jedem Tritt, aber er ist
gleich wieder da! Wie sich das Licht im Auge spiegelt, mich blendend deckt es
sich im Schatten, dann fasst es wieder Licht, dann schwindelt's, es sieht den
Strahl verschweben, doch leuchtet der fernerhin wieder auf, das Auge sucht ihn,
es hat ihn schon gefunden, dann schliesst sich's und sieht innerlich, das ist
ein still Geniessen. - O, ich weiss alles! - Ich weiss zu lieben, aber nur den
Genius. - Keiner darf wissen das Geheimnis, was sich im Feuerkreis um mich
schwingt. - Wenn ich so dasteh, still - mit geschlossenen Armen. - Und der
Blick, den nennt die Grossmama starr - »Mädele, was starrst - sollt man glauben,
Du wärst ausser der Welt entrückt.« - Ich fuhr auf - da lacht sie. - »Gutes Kind,
wo bischt? - bischt beim Schutzengel?« - und zieht meine Hand an ihre Brust -
»so sagen die Schwaben, wenn einer so in sich verstummt.« - Ich wollt's bejahen
und konnt doch nicht. - Der ruft mir: »Schweig!« - und sollt ich einen Laut tun?
-? Nein, er sagt: »Schweig!« Das schliesst mir den Mund auf ewig. - Ewig,
Günderod. - Du bist der Widerhall nur, durch den mein irdisch Leben den Geist
vernimmt, der in mir lebt, sonst hätt ich's nicht, sonst wüsst ich's nicht, wenn
ich's vor Dir nicht ausspräch. - Dem Clemens sag nichts, als dass ich brav
studier, wie's vom Himmel regnet, und dass nichts dabei herauskommt, das sage
auch, aber von mir - von uns sag nichts. Er braucht's nicht zu wissen, dass wir
so himmlische Kerle sind, heimlich miteinander, wo er nicht dabei ist und
keiner. Schau auf, Günderod, gleich wird ein himmlischer Tänzer aus den Kulissen
hervorschweben. Tanz ist der Schlüssel meiner Ahnungen von der andern Welt. Er
weckt die Seel, sie red't irr wie ein Kind, was in Blumenlabyrinten sich
verliert, da schwankt's Kindchen, und die Ärmchen streckt's aus, nach blühenden
Zweigen, weil's taumelt, weil's so lang im Kreise sich drehte - schaut's auf, da
steht der Mond über ihm und sänftigt den Schwindel - mit angehaltenem, stillem
Blick, an dem erholt's sich wieder. - Was meinst Du, was ich Dir da vorschwindel
und muss die Tränen verbeissen. - Ich mein als, ich könnt die ganz Welt auf die
Welt bringen mit meinem Mund, wenn der nur sprechen wollt, wie's Gott ihm auf
die Zung legt, aber wenn sie heraus damit soll, dann stockt sie. Aber dabei
bleibt's, wir mögen stammeln oder lallen oder auch nur seufzen, wir wollen's
einander alles still verborgen abhören, nicht wahr? - wie auf der grünen Burg im
Abendrot, wo wir im Feldgraben lagen, da war ich freudig mit der Zung, da war's
immer, als wär einer hinter mir, der mir's einflüstre, Du frugst, was ich mich
denn umdreh so oft? - ich sagt: »Hinter mir tanzt's« - denn ich wollt nicht
sagen: spricht's, denn es war mehr so getanzt und flüchtig geschwungen im Kreis,
Nymphen, die sich bei der Hand hielten hinter den drei grossen Zypressen hervor,
schmiegten sich anmutig, die Füsschen zusammen und die Köpfchen, Du guckst mich
an und sagtest: »Sei kein Narr!« - haha, ich muss lachen - das war zu spät,
freilich bin ich ein Narr! - denn was ich Dir da vorplaudre, das ist eine Weise,
nach der wird getanzt hinter mir, und so war unser tiefer Philosophentext in die
Luft gesprengt, was war's doch? - von der innerlichen Wahrnehmung und von der
Anschauung im Geist, ob die verschieden wären, und wo sie herkämen, aus der
Empfindung oder aus dem Gefühl, und wo diese Quellen sich herleiten, ob links ob
rechts; das alles wolltest Du da im zunehmenden Dämmerlicht aus mir
herauspumpen. Schwernot! - Das war zu arg, ich möcht Dir heut noch eine Ohrfeig
geben drüber - aber das war grad mein Himmlischstes, dass Du nicht bös geworden
bist und hast die geschlagne Wange sanft an mich gelehnt und hast gegirrt wie
eine Taube und sagtest: »Ja«, wie ich fragte, tut's weh, »aber es tut nichts.« -
Hier hab ich's hingeschrieben; denn wenn so viel unnütz Zeug geschrieben steht,
so kann auch geschrieben stehen, dass ich Dir eine Ohrfeig gab. - Aber die grosse
schöne Versöhnungsstille über uns - die Dämmerung, die immer breiter ward und
grösser und der Nebelvorhang vor dem Weidengang vom Feldberg herab - und der
Feuersaum längs dem ganzen Horizont, wie werd ich's vergessen? - Erst hingen wir
einander im Arm, ganz still, und dann lag ich quer über Deinen Füssen, so dacht
ich, Du schläfst, weil ich Dich hart atmen hörte, und wollt eben auch
einschlafen. - Da fingst Du an zu reden (da hast Du's in Musik gesetzt):
Liebst du das Dunkel
Tauigter Nächte,
Graut dir der Morgen?
Starrst du ins Spätrot,
Seufzest beim Mahle,
Stössest den Becher
Weg von den Lippen,
Liebst du nicht Jagdlust,
Reizet dich Ruhm nicht,
Schlachtengetümmel,
Welken dir Blumen
Schneller am Busen
Als sie sonst welkten,
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen -
Ach, Du stocktest. Das hab ich meiner Ungeduld zu danken - zu hören, nein, zu
fühlen Deinen süssen Wörtertanz, wie er sich mit vollem Busen sanft hinablehnte
zu den Wellen, die ihn umfassen wollten und kühlen. - Ich konnt's nicht
erwarten, dass Du weiter tanztest Deiner Seele Tanz. - Und da war's vorbei; da
macht ich einen Vers dazwischen, um Dich in Trapp zu bringen, Du sagtest: »Geh,
Du Esel« - da war's aus. - Ach, wieviel Melodien hab ich auf diesen Vers
gesungen, alle Stimmungen hat er müssen aufnehmen, heut noch längs der
Gartenwand schlug ich mit einem Stock ans Eisengitter, das dröhnte mir im Herzen
wider, als wär's Herzpochen, und sang dazu so kühn, so laut, so schreivoll, als
stünd mein Herz mitten in Flammen und eilte sich mit Pochen über alle Massen.
Weisst Du nicht weiter zu singen, was passiert, wenn sich das Blut pochend zum
Herzen drängt? - Oder willst mir's nicht sagen? - Bin ich Dir dazu auch noch zu
jung? - Wenn Du das meinst, dann will ich Dir beweisen, dass ich weit drüber
hinausgreif, und dass ich mehr weiss als viele, denen das Herz schon gepocht hat
wie mir nicht. - Einmal erregt sich das Herzpochen durch Anlächeln - das hab ich
aus eigner Wahrnehmung, gestern abend erst auf der Bank vor der Hoftür, da sass
ich - es war elf Uhr, alles schlief, beim Nachbar brannte ein Nachtlämpchen.
    Adieu, schlaf recht wohl, denn es ist elf Uhr, alles schläft wieder, ich
will wieder mich auf die Bank setzen vor die Hoftür, es ist Vollmond, geht
gleich auf, ich will ihn steigen sehen. Gute Nacht.
 
                                 An die Bettine
Dein buntes Füllhorn fröhlicher Verschwendung erlöst mich vom Übel. - Gedanken
sind mir oft lästig in der Nacht, die mir am Tage einen trüben Nachklang geben,
so war's heute! - Dein jung frisch Leben, das Schmettern und Tosen Deiner
Begeisterung und besonders Dein Naturgenuss sind Balsamhauch für mich, lass mir's
gedeihen und schreib fort, auch Deine dityrambisschen Ausschweifungen, die so
plötzlich der Flamme beraubt verkohlen, als habe sie ein mutwilliger Zugwind
ausgeblasen, sind mir gar lieb. - - Bleib mir zulieb noch eine Weile bei der
Geschichte, so wie Du es jetzt treibst, kann es Dir nicht lästig fallen, wenn
sie auch jetzt Dir noch nicht viel Ausbeute gibt, so weisst Du sie doch ins
Kunstgeflecht Deines Tags zu verwenden, ich seh Dich bald, George hat mir
versprochen, mich im Gig mit hinauszunehmen, verbring Deine Nächte nicht ohne
Schlaf, klettre nicht auf die Dächer und Bäume, dass Du den Hals nicht brichst,
und denk, dass dies der Weg ist, Deine Gesundheit zu stärken. Was sagt denn die
Grossmama dazu, ist sie damit zufrieden? -
    Dem Clemens will ich gern von Deinen Briefen an mich nichts sagen, weil Du
es nicht willst, und ich fühl auch, dass es nicht sein kann, es wär Störung ohne
Gewinn, er sieht Dich so ganz anders, ohne dass er Dich falsch beurteilt, nur
sieht er in jedem Farbenstrahl Deines Wesens wie Diamanten, die er meint fassen
zu müssen und doch nicht erfassen kann, weil es eben nur Strahlenbrechen Deiner
Phantasie ist, die ihn und jeden verwirrt. Glaubst Du denn, dass ich ruhig bin,
wenn Du so mit mir sprichst, von einem zum andern springst, dass ich Dich jeden
Augenblick aus dem Auge verliere? Du hebst mich aus den Angeln mit Deinen
Wunderlichkeiten! - Doch ich will nicht freveln! - Dein Lachen, das mich oft
ausser mir gebracht hat, womit Du mich beschwichtigen wolltest - nun, ich muss mir
es gefallen lassen, dass Du mit allen Pfeilen wie ein armes Wild mich hetzest. -
Und der Clemens, der mich immer spornt mit Dir zu lernen, der immer von mir
wissen will, was und wie Du es treibst. Dem es leid tut um jeden Atemzug, der
von Dir verloren geht, der hingerissen ist von Deinen kleinen Briefen an ihn, wo
Du ganz anders wie ein Kind schreibst, so fromm, und an mich so ausgelassen, was
soll ich dem nur sagen? - Das eine tu mir nur und rappel mir nicht einmal vom
Dach herunter mit Deinem Flageolett; hätt ich nicht Vertrauen in Gott, dass der
weiss, zu was alles in Dir so ist und nicht anders, und dass es ja doch nur ihn
angeht, da es sein Belieben war, Deine Seele so zu bilden. - Was sollt ich von
Dir denken? - Clemens schreibt, Du müsstest fortwährend dichten und nichts dürfe
Dich berühren als nur was Deine Kräfte weckt, es ist mir ordentlich rührend, dass
während er selber sorglos leichtsinnig, ja vernichtend über sich und alles
hinausgeht, was ihm in den Weg kommt, er mit solcher Andacht vor Dir verweilt,
es ist, als ob Du die einzige Seele wärst, die ihm unantastbar ist, Du bist ihm
ein Heiligtum, wenn er manchmal von Offenbach herüberkam, da war er ganz still
in sich vertieft, wo sonst seine Koketterie fortwährend gespannt war, kleine
Kritzeleien von Dir hat er oft sorgfältig aufgehoben, es wäre traurig, wenn Du
keinen liebenden Willen zu ihm hättest; schreib doch nicht mehr »passiert«, das
Wort ist nicht deutsch, hat einen gemeinen Charakter und ist ohne Klang, kannst
Du nicht lieber in den reichen deutschen Ausdrücken wählen, wie es der reine
Ausdruck fordert. Vorgehet, ereignet, begibt, geschieht, wird, kömmt; das alles
kannst Du anwenden, aber nicht: passiert. Ich muss Dir aber doch antworten,
weiter passiert nichts. - Und Du weisst's ja schon alles besser wie Du schreibst,
da Du in der Nacht auf der Hofbank so grosse Abenteuer erfahren haben willst, die
Dein Herz bewegten. Ich bin nicht bange, dass Du mir es nicht sagen solltest,
wenn's wirklich was Erlebtes ist und Du Deine Lügen bis zum nächsten Brief nicht
vergessen hast. - Dann auch bitt ich, dass Du nicht mehr fluchst, Deine Briefe
sind mir so lieb und Deine Extravaganzen alle sind mir verständlich und lieb,
aber Worte, die Du bloss um zu prahlen hinzufügst, wie Schwerenot, und die keine
Bedeutung haben in Deinem Mund, die kannst Du ungesagt lassen, denn sonst glaub
ich nicht, dass der Wohllautenheit und des Tanzes Genius Deine innern Erlebnisse
begleiten. - Zweitens schieb mir nichts zu, was ich nicht verschuldet habe; des
Abends auf der Burg erinnere ich mich deutlich, grade wie Du ihn beschreibst,
ich war auch sehr heimlich und bewusst, und bis zum andern Tag war die Stimmung
mir geblieben von den Worten, die Du mit mir wechseltest, aber Esel hab ich Dich
nicht geschimpft, das ist wieder eine von Deinen ungeeigneten Erfundenheiten, -
lass nichts dergleichen wieder auf mir belasten, ich bin empfindlich; im Anfang
Deines Briefes nennst Du mich Muse, und am End lässt Du Deine Muse Dich Esel
schimpfen, es wär zum Lachen, wenn's nicht zum Weinen wär, dass Du Deine eigene
Muse so zu beschimpfen wagst. -
                                                                        Karoline
 
                                An die Günderode
Drei Uhr morgens! - Hier bin ich - auf der Terrasse am Main, ich wollt als immer
einmal hergehn in der Früh, wenn der Tag noch nicht auf den Beinen ist und Lärm
macht, am Tag bin ich zerstreut, was mir immer wie Sünde deucht, dass ich Anteil
nehm an was mich nichts angeht. - Aber in der Früh, da hab ich ein ganz lauter
Herz; und schäm mich nicht, die Natur zu fragen, und ich versteh sie auch,
gestern abend war mir so wohl hier, wie Bernhards Schiff mit der Harmonie hin
und her fuhr auf dem Main, die meisten Leut waren nachgefahren auf Nachen, wir
blieben am Ufer, ich hatt mich ganz in die Ecke gesetzt, da steht ein grosser
Zitronenbaum, es war Wetterleuchten, aber die Hitz war doch nicht abgekühlt, und
die Blüten vom Baum wetterleuchteten auch, oder sollt ich mich getäuscht haben?
- denn ich war eingeschlafen über der Musik, und wie ich aufwachte, da sah ich
ganz verwundert, wie der Zitronenbaum Flammen hauchte aus den Blüten. - Ich
kann's doch nicht geträumt haben? - Denn ich guckte eine ganze Weile zu, bis ein
leiser Regen kam, da gingen wir nach Haus. Wer weiss, was doch alles vorgeht in
der Natur, was sie uns verbirgt. Der Mensch hat ja auch als Gefühle, die er
nimmer wollt belauscht haben. Dass aber der Baum über mir fortleuchtete, wie ich
mich besann und ihm zuschaute, das ist mir so lieb, - ich konnt nicht schlafen
im Bett, es war mir zu wohl dort gestern, wo ich den Herzschlag der Natur
fühlte, und wo sie mit ihren Blumen mich anflammte. Im Dunkel haucht man die
Lieb aus und schämt sich nicht vor dem Schatz, weil's dunkel ist. - Nun bin ich
mit Zagen hergeschlichen, heimlich, dass es nicht gewusst sei, wie auch jenes
Leuchten nicht gewusst ist. - Erst greinte die Hoftür, aber heut abend will ich
sie salben, wie der Properz, wenn er einen Liebesweg vor hat; dann krachte die
Gartentür, dann schurrte der Kies unter den Füssen. - Man scheut das Gebüsch zu
wecken, so still ist alles mit Ruh gedeckt. Die verschlafnen Federnelkchen
schuckern zusammen im frühen Tau, und mich schauert auch das stille Wirken der
Natur, hier über der schlafenden Welt, obschon der Wind nicht so scharf ist, der
den Tag heraufweht. Heut ist doch ganz milde, gestern abend war der Himmel grün
und mischte sich mit dem Rot, das vom Untergang heraufzog, unten waren
Purpurstreifen und Violett mit Feuer umsäumt, dann kam die Nacht herauf. - Heut
früh schlagen die Morgenwolken ihre Feuerflügel um Euern schwarzen Dom, man
denkt als, sie wollten ihn in der Glut verzehren; dazu schmettern die
Nachtigallen, und das blaue Gebirg drüben, so stolz und kühl! - das alles freut
mich besser als Weisheit, - hier unter dem Zitronenbaum, der gestern Flammen und
heut Tränen über mich schüttelt.
    Und jetzt geh ich, Dir hab ich alles eingeprägt, das ist nicht
ausgeplaudert, mich lockt's, damit es nicht vergessen sein soll, dass ich Dir's
vertraut hab.
                                                                 Nr. 2. Am Abend
Heut ist der Jud erst um sieben Uhr kommen.
    Mit der Grossmama bin ich im besten Vernehmen, solang die Tante im Bad ist,
bleib ich hier, es gefällt ihr, dass ich gern bei ihr bleib, ich hab aber noch so
manch andres, was mich anzieht, wovon sie nichts weiss. Heut morgen kam ich dazu,
wie der Bernhards-Gärtner mit einem Nelkenheber die dunkelroten Nelken in einen
Kreis um einen Berg von weissen Lilien versetzte, in der Mitte stand ein
Rosenbusch. Diese Früharbeit gefiel mir wohl und hab mit Andacht dabei geholfen,
der Dienst der Natur, der ist wie Tempeldienst. Wenn der Knabe Jon vor die
Tempelhalle tritt und die ziehenden Störche bedeutet, dass sie ihm die Zinne des
Tempels nicht verunreinigen sollen, wenn er dann die Schwelle mit kühler Flut
besprengt, die Halle fegt und schmückt, so fühl ich in diesem einsamen Tagwerk
ein hohes Geschick, vor dem ich Ehrfurcht habe. Ach ich möcht ein Knab sein,
Wasser holen in der Morgenfrische, wenn alles noch schläft, den Marmor polieren
von den Säulen, meine Götterbilder still bedeutsam waschen und alles reinigen
vom Staub, dass es leuchte im Dämmerlicht; dann, nach der Arbeit die heisse Stirn
auf die kühlen Stufen legen und ruhen, in heimlichem Genügen; ruhen die Brust,
die schwillt von Tränen, dass es so schön ist in der dämmrigen Stille im Tempel;
so scheint mir auch die heutige Arbeit ein Tempeldienst der Natur; dann ihre
Blumen in Kreisen schön verschlingen, ist das nicht ihr gedient? - Die Blumen,
die ihren Duft unter einander schwenken in so dichter Fülle, ist denen nicht ein
schönerer Frühling bereitet? - denn was uns schöner ist in der Natur, ist das
nicht auch ihr selber schöner? - Und ihre Bäume vom Moos reinigen, in
nachbarliche Reihen pflanzen, ihre Blumenkelche füllen, ist das nicht ihrem
Willen sich hingeben? - Lässt sie die Sorge nicht gedeihen, und gibt der Früchte
vom gepfropften Reis mehr und schöner und süsser dafür? - Tempel und Natur,
friedliche Nachbarn, Freunde! wie ich und Du, teilen ihre Gaben wie ich und Du.
- Vom Frühling bis zum Winter - (da hast Du mein Gelübde) teil ich mit Dir, wie
mit dem Tempel der Naturgarten, der ihn umzieht - im Frühling hast Du meine
Keime, die alle dicht um Dich her aufwachen. Im Sommer wilder Vögelgesang, der
anschlägt in einsamer Nacht an Deinen verschlossnen Pforten, und dann in der
Ferne auch, wenn die Pilger heimziehen, die am Tag Deinen Göttern huldigten, da
glühen die Blumen, am Weg von mir zu Dir. - Im Herbst da roll ich meine Früchte
zu Dir hin, leg sie auf Deinen Altar, und den Honig meiner Bienen, die Dich
umsummen, bewahr ich in Deinen Opferschalen. Dann rausch ich die falben Blätter
herab auf Deine Stufen, die umtanzen Dich im Winterwind, begraben sich unterm
Schnee, den meine belasteten Äste auf Dich niederstürzen, dann braust es draussen
und stürmt, aber meine Seele wohnt in Dir und pflegt Dich, gibt der Lampe reines
Öl zu, die Deine stille Halle erleuchtet, und die Sterne vom hohen Firmament
herab leuchten über Deiner Zinne. Still ist's dann und verlassen von allen
Menschen sind wir, die gebahnten Wege verschneit, allein in Dir zu wohnen, wenn
wir des Lebens Grenzen mit einander ermessen haben. -
    Wie die Natur eingeht zum Tempel im Winter und ruht da im Gottfühlen aus,
das nennen die Menschen Winterschlaf, dann kehrt sie wieder mit neuer Blütekraft
und taut und duftet den eingesognen Himmelsatem, und ewig ist der Tempel Gottes
angehaucht von der Liebe der Natur.
    Ich schreib's dahin, dass mir's so wohl ist heut, weil die Sonn mir aufs
Papier scheint und meine Gedanken beleuchtet, da lese ich so deutlich in meinem
Herzen. -
    Der Gärtner ist so gut, er suchte mir aus allen Büschen die schönsten Blumen
heraus, der Strauss ragte mir über den Kopf mit schönem Bandgras, auch frisches
Laub dabei, und vom Lerchenbaum und von der Scharlacheiche. Dieser Baum ist, was
man schön gewachsen nennt, er streckt sein scharlachrot Laub in die blaue Luft
hinaus zum Tanzen, der leiseste Wind bewegt ihn. - Im Heimgehn hatt ich
Gedanken, die mich ergötzten, an denen mir gelegen ist, dass sie wahr sein
möchten, sie waren nicht in mich gepflanzt, sie wuchsen von selbst auf wie jene
Blumen auf der Heide. - Morgenstund hat Gold im Mund - wär ich nicht früh draus
gewesen, so hätt ich sie nicht denken können. - Natur ist lehrsam, wer ihre
Lehrstund nicht versäumt, der hat zu denken genug, er kriegt die trocknen
Lebenswege gar nicht unter die Füsse, auf denen andern die Sohlen brennen. Was
hast Du zu sorgen um meine Nachtwachen? - So viel Blumen, die nur des Nachts
duften! - Müssen denn alle Menschen in der Nacht schlafen? - können sie nicht
auch wie der Nachtschatten und Viola matronalis am Tag schlafen und nachts ihren
Duft aushauchen? - Warum sind manche Menschen so unaufgeweckt und können nicht
zu sich selbst kommen am Tag, als weil es Nachtblüten sind, aber die leidige
Tagsordnung hat sie aus den Angeln gerückt, dass sie kein Gefühl haben von ihrem
Naturwillen. - Drum verlieben sie sich auch verkehrt, weil ihre Sinne ganz
verwirrt sind. - Manche Leut sind nur gescheut zwischen Licht und Dunkel, am
Abend verstehen sie alles, morgens haben sie lebhafte Träume, am Tag sind sie
wie die Schaf, so geht mir's, mein Wachen ist früh, ich muss dem Sonnengott
zuvorkommen, wie jener Tempelknabe seinen Tempel reinigen - dann kehrt er ein
bei mir und lehrt mir Orakelsprüche - alles passt, - fügt sich, wollt ich sagen -
auch dass ich immer so unaufgeweckt bin, wenn der Geschichtslehrer kommt in der
Mittagsstund, das ist grad meine verschlafenste Zeit. - Du bist auch keine
Tagsnatur, Dein Wachen deucht mir anzufangen, wenn der Taggott sich neigt und
nicht mehr so hoch am Himmel steht - Dir neigt er sich herab, und wandelst
anmutig mit ihm die Bahn vom späten Nachmittag zum späten Untergang, und winkt
Euch noch mit Eurer Gewande Saum fern hin, dann leuchtet der Abendstern zu
Deinen Nachgedanken von ihm, und wogst einsam in der Erinnerung wie die
Meereswelle am Fels wogt zur Zeit der Flut und ihn abspült von den Gluten, die
ihm der Tagesgott eingebrannt hat zur Zeit der Ebbe. Der Jud kommt, adieu. Was
hast Du denn, dass Dich so unmutig macht, lass Dich anhauchen von meinem Brief.
Savignys sind noch drei Wochen auf dem Trages, geh doch hin. Aber, »Teufel,
Donnerwetter« ist das auch geflucht? Darf ich das auch nicht sagen? -
    Vom Clemens glaub doch nicht, dass ich ihn belüg, ich bin anders mit ihm in
meinen Briefen, weil ich so sein muss. In Bürgel die kleine Orgel hat elf
Register, gross und kleine Choralstimm, Harfenstimm, Trompetenstimm, Posaunenton,
schnarrende Engelsstimm, was weiss ich's alles - und vox humana, der Hoffmann hat
mir gestern eine halbe Stund lang davon erzählt, und dass es Orgeln gibt, die
dreissig Register haben, er sagt, meine Kehl wär wie so eine Orgel, ich zög
allemal ein ander Register, wenn ich sanft oder begeistert sing, oder
schmetternd, wenn ich tob, oder bewegt, wenn's zum Seufzen stimmt in meiner
Brust, oder gewaltig, wenn mir's ist, als ob ich's allein alles zwingen müsst. -
Das hat der kleine Kerl alles gewusst, er hat mir zugehört gestern abend, wie ich
einen homerischen Hymnus an die Diana ableierte auf dem Dach, weil's Vollmond
ist. Das deuchte mir so schön, dieser Göttin einen vollen strömenden
Gottesdienst aus meiner Brust zu halten, dass ich nicht dran dachte ans
Belauschen und hab recht geschmettert. - Der Hoffmann sagt, es war zum
Verwundern. - Nun ich mein, der Clemens zieht immer das Register der Kinderstimm
aus meiner Brust. - In Frankfurt, in der Gesellschaft beim Primas, da
prädominiert die quarrende Engelsstimm. Bei Dir da muss ich immer das
Gewaltsposaunenregister mit Gewalt mit der sanften vox humana unterdrücken.
 
                                 An die Bettine
Mit dem Clemens versteh ich Dich, oder ahne doch wie es zusammenhängt, ich hab
auch gar nicht die Idee, dass es anders sein solle, nur über das, was er von Dir
sagt, wie er Dich ausspricht, und das geschieht oft, ist mir manchmal so
wunderlich zumut, weil er ganz prophetisch Dich durchsieht, andre Leute sagen,
er schneide auf, und das ist auch eigentlich so, aber er trifft die Wahrheit,
wie ich unter allen allein es am besten weiss. - Dann um seine Extravaganz zu
beweisen, fällt wohl alles hinter seinem Rücken über Dich her, was in seiner
Gegenwart man nie wagt, wo man immer stillschweigt, mir ist's oft peinlich
gewesen, über Dich urteilen zu hören, jetzt aber hab ich diese kleinliche
Ängstlichkeit überwunden. Gestern war Ebel, St. Clair, Link, die Lotte und ich
im kleinen Kabinett bei der Tonie, da ich weiss, wie weit die Pfeile vom Ziele
ablenken, die man gegen Dich schnellt, so hatt ich keine Furcht um Dich, Ebel
ist nicht aus persönlichem Widerwillen, sondern aus Abgeneigteit seiner Natur
wider Dich. Und weil er während dem Hiersein von Clemens immer am meisten
erdulden musste, da er aus Zaghaftigkeit seinem Eifer nie auszuweichen wagte, so
ist's ihm nicht zu verdenken, dass er jetzt mit vollem Genuss sich schadlos halte.
St. Clair schüttelte mit dem Kopf und sah mich an, weil die Lotte perorierte:
gänzlicher Mangel an historischem Sinn und gar keine Logik beweise, dass du ein
Narr seist. Er sagte: Gebt ihr eine Fahne in die Hand und lasst sie uns
voranschreiten, so führt sie uns sicher, trotz ihrem Mangel an historischem
Sinn, zu einem gesunden Wendepunkt der Geschichte. Möcht Ihr mit Eurer Logik in
Gefahr schweben, so wird sie ihr entgehen lehren, so unlogisch sie's nach Eurer
Weise auch anfangen würde. Und geht doch, sagte er, mit Eurem Weisheitsurteil
über ein Naturkind, das von ihr nicht stiefmütterlich behandelt ist, es ist ihr
an der Stirne geschrieben, dass ihr keine Sorge zugemessen ist. Er reichte mir
die Hand, er sah mir's an, dass es mich freute; auf der Lotte ihre breite Rede,
die nun mit verdoppeltem Eifer sich durchdrängte mit ihrer Weisheit, sagte er
nichts weiter, und keiner; das Gespräch ging aus wie ein Licht, das ein starker
Windzug ausgeblasen. - Um so mehr bin ich geneigt, Dich vor allen zu
verschweigen. - Der Clemens - er wird Dich einst nach hundert Jahren auf dem
Berge Arafat finden, - wie Adam, als er nach seiner Verbannung aus dem Paradiese
die Eva aus den Augen verlor, die in der Nähe von Mekka auf jenem Berge weilte,
er aber auf Serendib oder die Insel Ceilon verschlagen war, er kannte sie wohl,
ihre Seele war in seine Seele eingeprägt, und suchte sie fleissig; oft auch
redete er die wilden Tiere an und die Gewitter auf den Bergen und die Vögel,
dass, wenn sie hinziehen und ihr begegnen, sie sollen sie ehren; und so suchte er
nach ihr, und sprach von ihr zu dem Gevögel und den Pflanzen und Tieren des
Waldes, bis der Engel Gabriel den Adam auf den Gipfel jenes Berges bei Mekka
führte, wovon der Berg seinen Namen Arafat, heisst auf arabisch: Erkennen,
erhielt. - Auf welchem die Pilgrime von Mekka am Tage Arafah, dem neunten im
letzten Monat des arabischen Jahres, ihre Andacht auf diesem Berge verrichten.
Mag denn Clemens wie Adam den Untieren und Bergklüften von Dir vorpredigen, ich
bin zufrieden unterdes, dass Du mich zum Hüter Deiner verborgnen Wohnung bestellt
hast und mich zum Kerbholz Deiner heimlichen Seligkeiten machst; ich möchte Dir
immer still halten, so anmutig fühle ich mich bemalt und beschrieben von Deinen
Erlebnissen, versäume nichts, schreib mir alles, wie wenn es gesungen wär, wo Du
auch keinen Ton auslassen darfst, ohne die Harmonie zu zerstückeln, ich werd
gewiss stillhalten und stillschweigen. Und die Gedanken, »die Dich ergötzen, von
denen Du wünschest, dass sie wahr sein mögen, und die von selbst in Dir
aufwachsen«, willst Du sie nicht auch aufzeichnen für mich? - Ich warte alle
Tage auf Deine Briefe, mir bangt immer, Du mögest einen Tag überschlagen, bis
jetzt warst Du sehr gütig gegen mich - ich geh mit Zuversicht, wenn ich abends
nach Hause komme und fasse den Brief auf meinem Kopfkissen, wo er hingelegt wird
von der Magd, im Dunkeln und halt ihn, bis Licht kommt - im Bett lese ich ihn
noch einmal, das macht mir gute Gedanken, ich bin auch jetzt ganz heiter, nur
kann ich selbst nichts tun. - Deine Erzählungen und Ahnungen beschäftigen mich,
ich träum mich in den Schlaf, in dem ich Dir alles nachfühle und nachdenke. Ich
hab einen innerlichen Glauben an Deine Schwindeleien von mir, ich ging heut
hinaus vors Gallentor, als der Sonnengott hinabstieg, weil Du meinst, es sei
meine Zeit mit ihm, ich war auch da ganz durchdrungen von seiner grossen
Gegenwart, allein beim Nachhausegehen verdarben mir zwei Frankfurter Philister
die Andacht, die hinter mir gingen und von Dir und mir sprachen; die Frau sagte
zum Mann: Im Stift wird dem Mädchen noch ganz das Konzept verdorben, dass sie am
End gar närrisch wird, sie ist so schon zu allen Tollheiten aufgelegt, sie soll
im Stiftsgarten immer aufs Dach steigen, vom Gartenhaus oder auf einen Baum, und
von da herunterpredigen - und die lange G ...s, die Günderode, steht unten und
hört zu. - Jetzt gingen sie an mir vorüber, ich erkannte die Frau Euler mit
ihrer Tochter Salome und den Doktor Lehr, der erkannte mich in der Dämmerung und
sagte es ihr, sie blieb stehen und sah mich an, bis ich wieder an ihr
vorbeigegangen war, was doch gewiss noch dümmer war, als wenn ich unterm Baum
stehen blieb, wo Du predigst. - Teufel und Donnerwetter ist auch zum Fluchen
üblich, hat aber einen anregenden kriegerischen Geist, also unter gewissen
Bedingungen, wenn zum Beispiel Du jenes Banner wehen liessest, das St. Clair, Dir
Glück und Heil vertrauend, überantworten wollte, allen Philistern zum Trotz;
dann magst Du Deiner Zunge den Zügel schiessen lassen, bis dann aber lasse Deinen
Mut nicht in vergeblichen Ausbrüchen verrauchen.
    Adieu! Am Märchen schreib ich nicht. - Der vergisst mit dem Pflug umzudrehen;
über den Sternen, die er im Wasser blinken sieht. Leb wohl und gedenke meiner.
                                                                        Karoline
Die Ursache, warum der Streit angegangen war über Dich, war ein Brief von Dir,
den Du im achten oder neunten Jahr, kurz vor Deines Vaters Tod aus dem Kloster
an ihn geschrieben hattest, und der Deinen Vater sehr gefreut haben soll, so dass
er ihn in seiner Krankheit oft gelesen, St. Clair hatte ihn vom Clemens, der ihn
aufbewahrt, abgeschrieben, und sagte, in diesem Briefe läge Deiner ganzen Anmut
Keim. Das wollte die Lotte nicht zugeben und meinte, es sei lächerrlich nur ihn
als Brief zu rühmen, der Clemens verdrehe Dir den Kopf. Der Brief lautete wie
folgt, da magst Du selbst Dich beurteilen: »Lieber Papa! Nix - die Link (da war
eine Hand mit der Feder gezeichnet) durch den Jabot gewitscht auf dem Papa sein
Herz, die Recht (wieder eine Hand gemalt) um den Papa sein Hals. Wenn ich keine
Händ hab, kann ich nit schreiben.
                                                      Ihre liebe Tochter Bettine
                                                   Fritzlar 1796 am 4 ten April«
Was mich verstimmte, war, dass die Lotte den Brief fortwährend mit gellender
Stimme vortrug und die Dummheit eines achtjährigen Kindes und die Liebe des
verstorbenen Vaters nicht schonte, ich warf dem St. Clair vor, dass er ihn
herausgegeben hatte. »Ach!« sagte er, »ich hab's schon hundertmal bereut. - Man
kann ihr auch einst zurufen wie dem Simson: Bettine, Philister über dir, zum
Glück liegt ihre Stärke nicht in den Locken, die man abschneiden kann, sondern
im Geist, und der wird sich nicht gefangengeben.« Gelt, das ist ein gut
Geschichtchen, ich glaub, der St. Clair liebt Dich, die Lotte meinte, Du habest
letzt auf der Gerbermühl eine so lange Unterhaltung heimlich mit ihm gepflogen.
 
                                An die Günderode
Vor ein paar Jahren wohnte hier nebenan in dem jetzt leerstehenden Haus ein
Mann, der war aus der Fremde gekommen, ich glaub, es war die Schweiz, der tat
Wunder mit seiner Willenskraft, bei Tisch war viel die Rede, er könne mit seinem
Blick die kranken Menschen zum Schlafen bringen, dass die ihm dann über ihre
Krankheit im Schlaf mitteilen, wie man sie heilen könne, und dass sie auch
hellsehen in die Zukunft und in die Vergangenheit, beim Erwachen aber nichts
mehr davon wissen - dieser Mann hatte mir was Geheimnisvolles, da die Leute so
unheimlich von ihm sprachen. Auf einer Rasenbank an der Gartenwand konnt ich in
seinen Garten sehen, wo er im Mondschein auf und ab wandelte, er kam auf mich zu
und reichte mir ein paar Erdbeeren über die Wand und sagte: »Esse sie mit
Bedacht und koste sie recht, so hast du mehr davon, als wenn du einen ganzen
Korb voll unbedachtsam isst.« - Ich stieg von der Bank mit meinen Erdbeeren und
ass eine nach der andern, verwundert über den freundlichen Mann. Und am andern
Tag, wie ich ihn im Garten wandeln sah, ging ich wieder hin, er kam und reichte
mir die Hand, die hielt ich fest und sagte: »Die Erdbeeren hab ich geschmeckt.«
»So? - Nach was schmeckten sie denn?« - »Nach schönem Wetter und ganz
fruchtbarem Erdboden.« - Dem Mann gefiel die Antwort, er sagte: »Jetzt ist's zu
dunkel, aber morgen, bei Tag, nehme ein Blatt von einem Baum oder sonst von
einer Blume und halte es so, dass die Sonnenstrahlen durchschimmern, da wirst du
eine Menge Gefässe drin erkennen, die vom Licht durchströmt sind; so ist es auch
mit deinem kleinen Kopf, er ist geeignet, dass das Licht leichtlich durchströme
und dich reife, dass du auch dann schmeckst wie die Erdbeere, nach schönem
Wetter, nach Sonnen- und Mondstrahlen.« - Ich sagte ihm, dass ich gehört habe, er
schaue mit seinem Willen in die Menschen, dass sie denken müssen, was er wolle. -
Er sagte: »Ja, ich will immer, dass sie die Wahrheit denken von sich - und da
folgen sie ganz leicht, weil es ihrer Natur gemäss ist; von dir will ich auch,
dass du die Wahrheit denkst, die dir gemäss ist, wenn du dem folgst, wirst du so
manches in dir erleben, was dir vollauf genügt.« - Ich redete noch mehr mit ihm
- er sagte ein paarmal: »Du tust recht wunderliche Fragen, aber ich muss immer ja
dazu sagen, denn sie sind wahr.« Er ehrte mich noch mit manchen freundlichen
Lehren, ich hab ihn nicht mehr gesehen und hab auch nichts mehr von ihm gehört,
er war wenige Tage darauf weggezogen, man wusste nicht wohin. - Es wurde noch
mancherlei von ihm gesprochen, als sei er ein Betrüger, ich nahm mir das nicht
an, ich hielt am Wort, was er mir gesagt hatte, dass die Sonne und Mond mich
wollten wohlschmeckend machen, obschon es mir beinah so ging wie den andern, die
beim Erwachen nichts mehr wissen; ich konnte mich nicht mehr auf das besinnen,
was ich mir doch gewiss vorgenommen hatte, nicht zu vergessen. Aber wenn mir so
Gedanken kommen, die mich belehren, da denk ich manchmal auf den Mann zurück,
ich möchte sie zwar gern behalten oder aufschreiben, aber sie ziehen mich immer
weiter, und um den nächsten nicht zu versäumen, muss ich den früheren aufgeben,
so ist's, dass ich nicht anders kann; es muss doch so in der Natur des Lichts
liegen, was den Menschen durchströmt und ihn nährt, wie die Sonnenstrahlen die
Pflanze - dass das frische Licht immer das frühere verdrängt, wie im Strom eine
Welle die andere, so mag es denn hingehen, dass ich kein Buch schreiben kann, wie
der Clemens will, ich müsst ein Herbarium machen und sie trocknen, dass ich sie
könnt nebeneinander hinlegen, unterdessen würden so manche Blumen verblühen, das
will ich nicht, weil ich aber auf Dich gerichtet bin, fliegen so manche Gedanken
auf zu Dir von selbst. Ja sie kommen sogar zwischen uns, wenn ich mit Dir bin.
Du bist eben gar nicht wie ein Mensch, der mich fassen und halten will, Du bist
wie die Luft, der Sonnenstrahl fährt nieder durch Dich in meinen Geist, so hell
bist Du.
    Die Eule, die Jungfer Salome, der weise Meister im Abendschein, eine Vision
des Philistertums, in dessen Geist sie versammelt waren.
    In der Bibliotek hab ich heute einen geschnittnen Stein gefunden; der
blecherne lackierte Kerl, der heut aus Homburg herüberkam, der G.r.g., der die
Welt durchs Perspektiv beguckt, um alles zu durchschauen (zufällig passiert
nichts vorm Guckloch), erklärt den Stein für antik, sonst wollt die Grossmama mir
ihn schon schenken für Dich. - Daphnis, vom Apoll verfolgt, wurzelt fest mit der
flüchtigen Sohle und spriesst in Lorbeer auf. Das passt so schön auf Dich. Dein
Schicksal, Du siehst's vor Augen. Geliebt, verfolgt, umfangen vom Gott der
Musen, und dann, ewig immerdar goldne Keime aufschossend, und der Dichter reiner
Orden, der Dich umwandelt, mit Dir sich zu berühren, das ist kein Philistertum,
solche Geschicke wie heilige Gefässe umfassten ein Menschenleben zur Zeit der
Griechen. (Ist mir doch, als spräch ich mit Deinen Lippen.) Aber heut! Aber ich
- mein Kopf ein Feld, das brach liegt - ich wandle zwischen Hecken, seh jede
Erdscholle benutzt, der Salatkopf in der Mitt, die Bohnenstangen oben drüber,
und mir bangt, dass ich nicht angepflanzt bin, ich denk, dass Du Dir Müh gibst mit
mir, dass es nichts hilft. Nachts denk ich als, wenn die Sonn aufgeht, will ich
lernen, am Tag wollt ich, die Nacht käm doch, dass ich allein wär und könnt mich
selbst verstehen, ich armes Käuzlein kleine.
    Und stiftete das grosse Medopersische Reich. - Da sind wir geblieben, da hab
ich ein gross Medusenhaupt in mein Geschichtbuch gezeichnet mit aufgesperrtem
Rachen, fräss es doch die ganze alte Geschichte mit samt dem Arenswald auf. Ich
war so froh über die Pfingsttage - eine ganze Woche war er ausgeblieben, ich
hatte mich so schön entwöhnt! - Die Perser, von den Griechen Cephonen genannt,
von Cepheo, dem Sohne Belli, dessen Tochter Andromeda Perseus, der Sohn Jupiters
und der Danae, geehelicht, ich glaub, der Kerl hat gefaukelt, ich mein den
Geschichtslehrer. Wird ein Götterjüngling ein Philister sein und ehelichen.
Indes meldet Arenswald einen Sprössling dieser Ehe, der das Cephonenland
beherrscht unter dem Namen Persien, Cyrus vereint's mit Medien, erobert Babylon,
Kleinasien, bleibt in der Schlacht gegen die Königin der Masageten. Ich frag gar
nicht mehr, wer und woher - wer kann das Volk all im Kopf behalten! - 3458,
Kambyses erobert Ägypten, bekriegt die Ätioper, der Magier Smerdis schwingt
sich auf den Tron und hätt das Land bezaubern können, die Grossen des Reichs, zu
eselhaft, von einem Zauberer sich beherrschen zu lassen, enttronten ihn durch
Mord. - 3462, Darius Hystaspis bezwingt Babylon im Aufruhr, erobert Trazien,
Mazedonien, Indien. - Sein Sohn Xerxes bezwingt Ägypten im Aufruhr, zieht gen
Griechenland, wird besiegt - heimkehrend ermordet. Artaxerxes schliesst Frieden,
sein Feldherr kehrt die Waffen gegen ihn, wird vom zweiten Xerxes unterjocht,
Sogdian aber mordet seinen Burder Xerxem, Ochus aber mordet seinen Bruder
Sogdian, beherrscht als zweiter Darius Persien, der zweite Artaxerxes aber
mordet seinen Bruder Ochus, zerstört das Reich, der dritte Artaxerxes aber
mordet seine Brüder alle, erobert Ägypten, Togoas aber ermordet den dritten
Artaxerxem. - Togoas aber mordet dessen Sohn Aëstes und den grössten Teil der
königlichen Familie, damit's gleich in einem hingeht (Bemerkung des Lehrers),
der Stattalter aber mordet den letzten Königssprössling Darius Kodomanus.
Zweihundertfünfundzwanzig Jahr bestand die Fürstenschlachtbank von Persien.
Alexander kommt und beherrscht's 3654. - Der Lehrer sieht mir den Ärger über
seine lederne Geschichte an, reisst aus, Gott weiss, wie's zuging, dass die Tür
seine Hosen fasste, es blieb ein Fetzen dran hängen, jetzt muss ich ihm für seine
Mordlitanei noch eine Gratifikation geben, damit er sich ein paar neue kaufen
kann. - Clemens verfolgt mich mit Bitten, dass ich Bücher oder Verse oder
Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Kloster aufschreiben soll. - Da hast Du
seinen Brief. - Der Abgrund der vermoderten Geschichte unter mir, der
unerreichbare Sternenhimmel über mir - und nachts Gedanken, die mir den Kopf
zerbrechen.
                                                                        (Am 10.)
Heut morgen hab ich Deinen Brief beim Frühstück der Grossmama vorgelesen, sie ist
schon so alt, sie nimmt's all mit ins Grab, sie hat Dich so lieb, sie sagt, Du
wärst die edelste Kreatur, die sie je gesehen, und dann sprach sie von Deiner
Anmut; sie spricht immer schwäbisch, wenn sie recht heiter ist. »Siehst, Mädele,
wie anmutig und doch gar bequem deine Freundin ist.« - Sie ist wirklich
liebreizend, und da las ich ihr auch meinen Brief vor, sie sagt, »Du bischt
halter e verkehrt's Dingele,« und dann hat sie mir den Stein mit der Daphnis
doch geschenkt für Dich, ich lasse ihn fassen, Du musst ihn tragen und musst nicht
sagen, von wem er ist. - Was ist Dein Brief voll schöner Geschichten, nur der
Clemens ist doch mein Adam nicht, das prophezeist Du schlecht, dass er mich erst
nach hundert Jahren auf dem Berg der Erkenntnis treffen werde. Ich hab ihn so
lieb, so lang kann ich nicht Versteckelches mit ihm spielen, und doch hast Du
vielleicht recht, im nächsten Brief will ich's sagen, aber dem Clemens fall ich
um den Hals und küss ihn, da hat er mich, wie ich bin. Aber! - es geht ein Weg -
der führt in die Alleinigkeit. - Ist der Mensch in sein eignen Leib allein
geboren, so muss er auch in seinen Geist allein geboren sein. - Der St. Clair ist
gut, voll Herz, er wollt ja zum kranken Hölderlin reisen - er soll doch hin!
nach Homburg - ich möcht wohl auch hin. - Er sagt, es würde dem Hölderlin gesund
gewesen sein, ich möcht wohl, ich darf nicht. - Der Franz sagte: »Du bist nicht
recht gescheut, was willst du bei einem Wahnsinnigen? willst du auch ein Narr
werden?« - - Aber wenn ich wüsst, wie ich's anfing, so ging ich hin, wenn Du
mitgingst, Günderode, und wir sagten's niemand, wir sagten, wir gingen nach
Hanau. Der Grossmama dürften wir's sagen, die litt's, ich hab heute auch mit ihr
von ihm gesprochen und ihr erzählt, dass er dort an einem Bach in einer
Bauernhütte wohnt, bei offnen Türen schläft, und dass er stundenlang beim
Gemurmel des Bachs griechische Oden hersagt, die Prinzess von Homburg hat ihm
einen Flügel geschenkt, da hat er die Saiten entzwei geschnitten, aber nicht
alle, so dass mehrere Klaves klappen, da phantasiert er drauf, ach, ich möcht
wohl hin, mir kommt dieser Wahnsinn so mild und so gross vor. Ich weiss nicht, wie
die Welt ist, wär das so was Unerhörtes, zu ihm zu gehen und ihn zu pflegen? Der
St. Clair sagte mir: »Ja, wenn Sie das könnten, er würde gesund werden, denn es
ist doch gewiss, dass er der grösste elegische Dichter ist, und ist's nicht
traurig, dass nicht ein solcher behandelt werde und geschützt als ein heiliges
Pfand Gottes von der Nation, sagte er, aber es fehlt der Geist, der Begriff,
keiner ahnt ihn und weiss, was für ein Heiligtum in dem Mann steckt, ich darf ihn
hier in Frankfurt gar nicht nennen, da schreit man die fürchterlichsten Dinge
über ihn aus, bloss weil er eine Frau geliebt hat, um den Hyperion zu schreiben,
die Leute nennen hier lieben: heiraten wollen, aber ein so grosser Dichter
verklärt sich in seiner Anschauung, er hebt die Welt dahin, wo sie von Rechts
wegen stehen sollte, in ewiger dichterischer Fermentation; sonst werden wir nie
die Geheimnisse gewahr werden, die für den Geist bereitet sind. Und glauben Sie,
dass Hölderlins ganzer Wahnsinn aus einer zu feinen Organisation entstanden, wie
der indische Vogel in einer Blume ausgebrütet, so ist seine Seele, und nun ist
es die härteste rauhe Kalkwand, die ihn umgibt, wo man ihn mit den Uhus
zusammensperrt, wie soll er da wieder gesund werden. Dieses Klavier, wo er die
Saiten zerrissen, das ist ein wahrer Seelenabdruck von ihm, ich hab auch den
Arzt darauf aufmerksam machen wollen, aber einem Dummen kann man noch weniger
begreiflich machen als einem Wahnsinnigen.« - Er sagte mir noch so viel über
ihn, was mir tief durch die Seele ging, über den Hölderlin, was ich nicht wieder
sag, und ich hab mehrere Nächte nicht schlafen können vor Sehnsucht hinüber nach
Homburg, ja wollt ich ein Gelübde tun ins Kloster zu gehen, das könnt doch
niemand wehren, gleich wollt ich das Gelübde tun, diesen Wahnsinnigen zu
umgeben, zu lenken, das wär noch keine Aufopferung, ich wollt schon Gespräche
mit ihm führen, die mich tiefer orientieren in dem, was meine Seele begehrt, ja
gewiss weiss ich, dass die zerbrochnen umbesaiteten Tasten seiner Seele dann wieder
anklingen würden. - Aber ich weiss, dass es mir nicht erlaubt würde. So ist es,
das natürliche Gefühl, was jedem aus der Seele tönt, wenn er nur drauf hören
wollte (denn in jeder Brust, auch in der härtesten, ist die Stimme, die ruft:
hilf deinem Bruder), diese Stimme wird nicht allein unterdrückt, sondern auch
noch als der grösste Unsinn gestraft, in denen sie sich vernehmlich macht. Ich
mag gar von Religion und von Christentum nichts mehr hören, sie sind Christen
geworden, um die Lehre Christi zu verfälschen. - Brocken hinwerfen und den
nackten Leib decken, das nennt man Werke der Barmherzigkeit - aber Christus in
die Wüste folgen und seine Weisheit lernen, das weiss keiner anzufangen. -
Bildungsflicken hängt man einem auf, mit denen man nichts anzufangen weiss, aber
die Tiefe und Gewalt eines einzigen Seelengrunds zu erforschen, da hat kein
Mensch Zeit dazu, glaubst Du denn nicht, dass ich statt dem Geschichtsgerümpel
wohl mit der grössten Sammlung, mit der tiefsten Andacht hätte jenem folgen
wollen, wenn er mir gelehrt hätte, wie er andern lehren musste, um sein Leben zu
gewinnen, und wahnsinnig drüber werden musste. Wenn ich bedenk - welcher Anklang
in seiner Sprache! - Die Gedichte, die mir St. Clair von ihm vorlas - zerstreut
in einzelnen Kalendern - ach, was ist doch die Sprache für ein heilig Wesen! Er
war mit ihr verbündet, sie hat ihm ihren heimlichsten innigsten Reiz geschenkt,
nicht wie dem Goete durch die unangetastete Innigkeit des Gefühls, sondern
durch ihren persönlichen Umgang. So wahr! Er muss die Sprache geküsst haben. - Ja
so geht's, wer mit den Göttern zu nah verkehrt, dem wenden sie's zum Elend.
    St. Clair gab mir den Ödipus, den Hölderlin aus dem Griechischen übersetzt
hat, er sagte, man könne ihn so wenig verstehen oder wolle ihn so übel
verstehen, dass man die Sprache für Spuren von Verrückteit erklärt, so wenig
verstehen die Deutschen, was ihre Sprache Herrliches hat. - Ich hab nun auf
seine Veranlassung diesen Ödipus studiert; ich sag Dir, gewiss, auf Spuren hat er
mich geleitet, nicht der Sprache, die schreitet so tönend, so alles Leiden,
jeden Gewaltausdruck in ihr Organ aufnehmend, sie und sie allein bewegt die
Seele, dass wir mit dem Ödipus klagen müssen, tief, tief. - Ja, es geht mir durch
die Seele, sie muss mittönen, wie die Sprache tönt. Aber wie mir das Schmerzliche
im Leben zu kränkend auf die Seele fällt, dass ich fühl, wie meine Natur schwach
ist, so fühl ich in diesem Miterleiden eines Vergangnen, Verlebten, was erst im
griechischen Dichter in seinen schärfsten Regungen durch den Geist zum Lichte
trat, und jetzt durch diesen schmerzlichen Übersetzer zum zweitenmal in die
Muttersprache getragen, mit Schmerzen hineingetragen - dies Heiligtum des
Wehtums, - über den Dornenpfad trug er es schmerzlich durchdrungen. Geweihtes
Blut tränkt die Spur der verletzten Seele, und stark als Held trug er es
herüber. - Und das nährt mich, stärkt mich, wenn ich abends schlafen gehe, dann
schlag ich's auf und lese es, lese hier dem Päan gesungen, den Klaggesang, den
sing ich abends auf dem Dach vom Taubenschlag aus dem Stegreif, und da weiss ich,
dass auch ich von der Muse berührt bin, und dass sie mich tröstet, selbst tröstet.
O, was frag ich nach den Menschen, ob die den Mangel an historischem Sinn und
der Logik an mir rügen, ich weiss den Teufel, was Logik ist. - Und dass mir St.
Clair so viel zutraut, dass ich die Fahne glücklich schwingen werde und sicher,
und die Besseren und Hohen unter ihr sammeln. - Sag ihm von mir, ich werde nicht
fehlen, was mir einer zutraut, alle Kräfte dran zu setzen. Den kleinen Brief vom
Papa hab ich ihm selbst geschenkt, er wollte ein Andenken von mir zum
Gegengeschenk für den Ödipus, da hab ich ihn wählen lassen unter meinen
Papieren, da hat er den hervorgezogen.
    Lese hier den Klaggesang, dem Päan geweiht, ob's Dir nicht durch die Seele
weint.
Weh! Weh! Weh! Weh!
Ach! Wohin auf Erden?
Jo! Dämon! Wo reisest du hin?
Jo! Nachtwolke mein! Du furchtbare,
Umwogend, unbezähmt, unüberwältigt!
O mir! Wie fährt in mich
Mit diesen Stacheln
Ein Treiben der Übel!
Apollon war's, Apollon, o ihr Lieben,
Der das Wehe vollbracht,
Hier meine, meine Leiden.
Ich Leidender,
Was sollt ich sehn,
Dem zu schauen nichts süss war.
Was hab ich noch zu sehen und zu lieben,
Was Freundliches zu hören? - Ihr Lieben!
Führt aus dem Orte geschwind mich,
Führt, o ihr Lieben! den ganz Elenden,
Den Verfluchtesten und auch
Den Göttern verhasst am meisten unter den Menschen.
So hab ich mir die Zeilen zusammengerückt, sie zu singen, diese Leidensprache,
und sie fesselt mich an seine Ferse, der sich Frevler nennt.
Wirf aus dem Lande mich, so schnell du kannst,
Wo ich mit Menschen ins Gespräch nicht komme.
In die Ferne sehend, nach dem Taunus, still getränkt im Abendschein, der die
Nebel durchlichtet, die flüchtenden, die ihn umschweifen; - da denk ich mir das
Grabmal selber ihm erkoren von Vater und Mutter, sein Kitäron. Da sing ich
meinen Gesang hinüber, und der Wind spielt mich an, und gewiss, er bringt mein
Lied hinüber zum Grab; mir ist's eins, ob der Zeiten Last sich drüber gewälzt,
doch dringt die Trän hinab, das Grab zu netzen, drang doch sein Weh herauf zu
mir; und heute nur stieg's auf mir im Herzen, als ich die Laute dem Gott - die
jammernden, der ganzen Welt geschrien - zaghaft in Musik verwandelte. - Und dort
wohnt auch er, der die noch lebenswarme Brust voll Wehe, und gesäet voll der
Keime des Dichtergottes, jetzt zermalmt im Busen die Saat, - in aufseufzenden
Tönen herübertrug ins Mutterland und wärmte - das Jammergeschick des
Zwillingsbruders - in der Liebe, die aus der Verzweiflung Abgrund ihn mit heisser
Begierde heraufrief, das müde jammervolle Haupt sanft zu lehnen, zusammen mit
dem Geschick, das ausgeblutet hat. Ja, wer mit Gräbern sich vermählt, der kann
leicht wahnsinnig werden den Lebenden - denn er träumt nur hier am Tag, wie wir
träumen in der Nacht, aber drunten im Schlaf wacht er und geht mit jenen
mitleidsvoll Hand in Hand, die längst verschollen der geschäftigen Eile des Tags
sind. Dort fällt der Tau auf die Seele ihm, die hier nicht Feuchtung in der
Kehle mehr hatte zum Seufzen. Dort grünen die Saaten und blühen, die hier der
Dummheit Pflug - die Wurzel umstürzend wie Unkraut der Luft preis gab, und die
tauvolle Blüte, rein vom Staube, stürzt in der Erde Grab. - Denn irgendwie muss
die Saat der Götter lebendig werden, sie können Ewiges nicht verdorren lassen.
Seine Seele wächst, die hier unten schläft und verwirrte Träume hat, hinauf als
himmlisches Grün, die schwebende Ferse der Götterjünglinge umspielend, wie der
frische Rasen hier seine tanzenden Blumen an meinem flüchtigen Lauf hinbewegt. -
Ach Poesie! heilig Grabmal, das still den Staub des Geistes sammelt und ihn
birgt vor Verletzung. - O du lässt ihn auferstehen wieder, lass mich hinabsteigen
zu ihm und die Hand ihm reichen im Traum, dass er mit heiligem Finger die goldnen
Saatkörner mir auf die offne Lippe streue und mich anblase mit dem Odem, den er
nach dem Willen der Götter aus ihrem Busen trinkt. Denn ich begehr sehnsüchtig,
mit zu tragen gemeinsam Weh des Tags, und gemeinsam Tröstung zu empfangen in den
Träumen der Nacht. -
    Was willst Du? Halte mir's zugut, Günderode, dass ich so spreche, verfolg den
Faden meiner Gedanken, so wirst Du sehen, es geht nicht anders. Du trägst ja
auch mit mir, dass sie Dich meiner Narrheit beschuldigen. Mangel an historischem
Sinn - ist es doch, das Weh, was in der Fabelwelt begraben liegt, mit dem zu
mischen des heutigen Tages. - Sie haben Recht, mir keine Logik zuzusprechen, da
müsst ich ja den dort verlassen, der aufgegeben ist, da müsst ich mich aufgeben,
was doch nichts fruchtet. - Sei nicht bang um mich, ich bin nicht alle Tage so,
aber ich komm eben vom Taubenschlag, wo die Sonne mir die blauen Berge
anglänzte, wo Hölderlin schläft über dem Grabe des Ödipus, und hab ihnen den
Gesang gesungen, mit Tönen unzurechnungsfähig der Kunst, auffassend, was sie
vermochten an scharfem Wehe, und es besänftigend mit dem Schmelz der Liebe, den
ich durch die Stimme hinzugoss aus dem Herzen, dass der durch die Wolken dringe -
hinab am Horizont, hinauf - wo die gewaltigen Geschicke immer auch weilen - und
sich mische mit ihren bitteren, salzigen Fluten. Was wären doch die Dichter,
wären sie es nicht, die das Schauervolle ins Göttliche verwandeln. - Wo der
Gesang doch allein aus meinen Sinnen hervordringt, nicht aus dem Bewusstsein, da
spricht's nachher so aus mir, dass Stimmen aus mir reden, die mit keinem andern
im Einklang sind, der Ton, der Rhytmus, den ich übe, ist es auch nicht; keiner
würde zuhören wollen, aber jene, denen ich singe, die müssen's doch wohl hören,
nicht wahr? -
    Es ahnt mir schon, Du wirst wieder bange werden um mich wie vorm Jahr! -
aber Du weisst ja, es ist nichts, ich rase nicht, wie die andern mich
beschuldigen und mir die Hand auf den Mund legen, wenn ich sprechen will. Sei
nicht dumm, lasse Dir nicht von den Philistern bange machen um meine Gesundheit,
wo sie mir schon den Verstand absprechen; wer seinen Bruder einen Narren schilt,
ist des Todes schuldig, sie sind unschuldig, ich bin ihr Bruder nicht, Du bist
mein Bruder. Noch einmal, ich bin nicht krank, störe mich nicht damit, dass Du
mir das geringste sagst, denn ich will Dir noch mehr sagen, wenn's möglich ist,
was hättest Du an mir, wenn ich nicht lernte Dir meine Seele geben, nackt und
bloss. Freundschaft! Das ist Umgang der Geister, nackt und bloss. -
 
                                 An die Bettine
Liebe Bettine! - Du drückst mir die Schreibefinger zusammen, dass ich kaum atme,
noch weniger aber es wage zu denken, denn aus Furcht, ich könne willkürliche
Gedanken haben, denke ich lieber gar nicht, magst Du am Ende meines Briefes
fühlen, ob ich in den engen Grenzen meiner geistigen Richtungen Dich nicht
verletzte, so dass Dein Vertrauen ohne Hindernis hinabströme zu mir, ja hinab,
denn ich bin nichts. So lasse mich denn gesund mit Dir sprechen, da nichts mir
fremd ist in Dir, denn in Deine Töne eingehen, das wäre Deinen Lauf stören.
    In Dein Lamento über Deine Geschichtsmisere stimme ich ein, sie macht mich
mit kaputt, kauf in Gottes Namen ein paar Beinkleider als Sühnopfer und entlasse
Deinen Arenswald in Gnaden. Clemens schreibt, dass ich ihm Antwort schuldig sei,
ich wusste nicht, dass er in Marburg ist, wenn Du ihm schreibst, so gib ihm die
Einlage, er ist mehr wie unendlich gut gegen Dich, und es ist ein eigen
Schicksal, dass unser beider Bemühung, Dich zu einer innern Bildung zu leiten
oder vielmehr sie Dir zu erleichtern, nicht gelingen will, so schreibt er mir
heute. Unter vielen Witzfaseleien, träumerischem Geseufze und Beteuerungen, dass
er gar nicht mehr derselbe sei, ist es das einzige, was auf Dich Beziehung hat.
Weil er Dich immer auffordert, Deine phantastischen Ahnungen zu sammeln, diese
Fabelbruchstücke Deiner Vergleiche, Deiner Weltanschauung in irgendeiner Form
niederzulegen, so meinte ich wie ein guter Bienenvater Deinen Gedankenschwärmen
eine Blumenwiese umher zu bauen, wo Deine Gedanken nur hin und her summen
dürfen, Honig zu sammeln. Ein glücklicher Schiffer muss guten Fahrwind haben; ich
dachte, Deine Studien sollten wie frischer Morgenwind Dir in die Segel blasen. -
Ich schrieb heute an Clemens, es werde sich nicht tun lassen, Deinen Geist wie
Most zu keltern und ihn auf Krüge zu füllen, dass er klarer trinkbarer Wein
werde. Wer nicht die Trauben vom Stock geniessen will, wie Lyaeus der Berauscher,
der Sohn zweier Mütter, der aus der Luna geborne, endlich sie reifen lasse, der
Vorfechter der Götter, der Rasende; - und heilige Bäume pflanzte, heilige
Wahrsagungen aussprach.
    Der Naturschmelz, der Deinen Briefen und Wesen eingehaucht ist, der, meint
Clemens, solle in Gedichten oder Märchen aufgefasst werden können von Dir - ich
glaub's nicht. In Dich hinein bist Du nicht selbsttätig, sondern vielmehr ganz
hingegeben bewusstlos, aus Dir heraus zerfliesst alle Wirklichkeit wie Nebel,
menschlich Tun, menschlich Fühlen, in das bist Du nicht hineingeboren, und doch
bist Du immer bereit, unbekümmert alles zu beherrschen, Dich allem anzueignen.
Da war der Ikarus ein vorsichtiger, überlegter, prüfender Knabe gegen Dich, er
versuchte doch das Durchschiffen des Sonnenozeans mit Flügeln, aber Du brauchst
nicht Deine Füsse zum Schreiten, Deinen Begriff nicht zum Fassen, Dein Gedächtnis
nicht zur Erfahrung und diese nicht zum Folgern. Deine gepanzerte Phantasie, die
im Sturm alle Wirklichkeit zerstiebt, bleibt bei einer Schwarzwurzel in
Verzückung stocken. Der Strahlenbündel im Blumenkelch, der Dir am Sonntag im
Feldweg in die Quere kam, wie Du dem rückwärts gehenden Philosophen Ebel Deine
Philosophie eintrichtern wolltest, ist eine blühende Scorza nera, so sagt Lehr,
der weise Meister. - Ich werd eingeschüchtert von Deinen Behauptungen, ins Feuer
gehalten von Deiner Überschwenglichkeit. Hier am Schreibtisch verlier ich die
Geduld über das Farblose meiner poetischen Versuche, wenn ich Deines Hölderlin
gedenke. Du kannst nicht dichten, weil Du das bist, was die Dichter poetisch
nennen, der Stoff bildet sich nicht selber, er wird gebildet, Du deuchst mir der
Lehm zu sein, den ein Gott bildend mit Füssen tritt, und was ich in Dir gewahr
werde, ist das gärende Feuer, was seine übersinnliche Berührung stark in Dich
einknetet. Lassen wir Dich also jenem über, der Dich bereitet, wird Dich auch
bilden. - Ich muss mich selber bilden und machen so gut ich's kann. Das kleine
Gedicht, was ich hier für Clemens sende, hab ich mit innerlichem Schauen
gemacht, es gibt eine Wahrheit der Dichtung, an die hab ich bisher geglaubt.
Diese irdische Welt, die uns verdriesslich ist, von uns zu stossen wie den alten
Sauerteig, in ein neues Leben aufzustreben, in dem die Seele ihre höheren
Eigenschaften nicht mehr verleugnen darf, dazu hielt ich die Poesie geeignet;
denn liebliche Begebenheiten, reinere Anschauungen vom Alltagsleben scheiden,
das ist nicht ihr letztes Ziel; wir bedürfen der Form, unsere sinnliche Natur
einem gewaltigen Organismus zuzubilden, eine Harmonie zu begründen, in der der
Geist ungehindert einst ein höheres Tatenleben führt, wozu er jetzt nur
gleichsam gelockt wird durch Poesie, denn schöne und grosse Taten sind auch
Poesie, und Offenbarung ist auch Poesie, ich fühle und bekenne alles mit Dir,
was Du dem Ebel auf der Spazierfahrt entgegnetest, und ich begreife es in Dir
als Dein notwendigstes Element, weil ich Deine Strömungen kenne und oft von
ihnen mitgerissen bin worden, und noch täglich empfinde ich Deinen gewaltigen
Wellenschlag. Du bist die wilde Brandung, und ich bin kein guter Steuermann,
glücklich durchzuschiffen, ich will Dich gern schirmen gegen die Forderungen und
ewigen Versuche des Clemens, aber wenn auch in der Mitte meines Herzens das
feste Vertrauen zu Dir und Deinen guten Sternen innewohnt, so zittert und erbebt
doch alles rings umher furchtsam in mir vor Menschensatzung und Ordnung
bestehender Dinge, und noch mehr erbebe ich vor Deiner eignen Natur. Ja, schelte
mich nur, aber Dir mein Bekenntnis unverhohlen zu machen: mein einziger Gedanke
ist, wo wird das hinführen? - Du lachst mich aus, und kannst es auch, weil eine
elektrische Kraft Dich so durchdringt, dass Du im Feuer ohne Rauch keine Ahnung
vom Ersticken hast. - Aber ich habe nichts, was mich von jenem lebenerdrückenden
Vorläufer des Feuers rette, ich fühle mich ohnmächtig in meinem Willen, so wie
Du ihn anregst, obschon ich empfinde, dass Deine Natur so und nicht anders sein
dürfte, denn sonst wär sie gar nicht, denn Du bist nur bloss das, was ausser den
Grenzen, dem Gewöhnlichen unsichtbar, unerreichbar ist; sonst bist Du unwahr,
nicht Du selber, und kannst nur mit Ironie durchs Leben gehen. Manchmal deucht
mir zu träumen, wenn ich Dich unter den andern sehe, alle halten Dich für ein
Kind, das seiner selbst nicht mächtig, keiner glaubt, keiner ahnt, was in Dir,
und Du tust nichts als auf Tisch und Stühle springen, Dich verstecken, in kleine
Eckchen zusammenkauern, auf Euren langen Hausgängen im Mondschein
herumspazieren, über die alten Böden im Dunkeln klettern, dann kommst Du wieder
herein, träumerisch in Dich versunken, und doch hörst Du gleich alles, will
einer was, so bist Du die Treppe schon hinab, es zu holen, ruft man Deinen
Namen, so bist Du da und wärst Du in dem entferntesten Winkel; sie nennen Dich
den Hauskobold, das alles erzählte mir Marie gestern, ich war zu ihr gegangen,
um sie zu fragen, ob es tunlich sein möchte, dass ich mit Dir nach Homburg reise,
sie ist gut, sie hätte es Dir gern gegönnt und ich wär Dir zu Gefallen gerne mit
Dir hingereist; St. Clair hatte uns begleiten wollen, und ich sagte auch der
Marie nichts als, ich möchte wohl nach Homburg reisen und Dich mitnehmen, dort
den kranken Hölderlin zu sehen, das war aber leider grad' das Verkehrte, sie
meinte im Gegenteil, dahin solle ich Dich nicht mitnehmen, sie glaube, man müsse
Dich hüten vor jeder Überspannung - ich musste doch lachen über diese
wohlgemeinte Bemerkung, nun kam Tonie, der es Marie mitteilte, sie meinten, Du
seist so blass gewesen im Frühjahr und auch letzt habest Du noch krankhaft
ausgesehen, nein, sagt Tonie, nicht krank, sondern geisterhaft, und wenn ich
nicht wüsste, dass sie das natürlichste Mädchen wär, die immer noch ist wie ein
unentwickeltes Kind, was noch gar nichts vom Leben weiss, so müsste man fürchten,
sie habe eine geheime Leidenschaft, aber hier in der Stadt befindet sie sich nur
wohl in der Kinderstube, sie schleicht immer weg aus der Gesellschaft und vom
Tisch und geht an die Wiege, nimmt die kleine Max heraus, hält sie wohl eine
Stunde auf dem Schoss und freut sich an jedem Gesicht, das sie schneidet. Das
Kind hatte die Röten, niemand kam zu mir. Sie allein sass stundenlang beim Kinde,
es hat ihr nicht geschadet; sie kann alles aushalten, noch nie hab ich sie
klagen hören über Kopfweh oder sonst etwas, wie lange hat sie bei der Claudine
gewacht, kein Mensch könnte das, ich glaub, sie ist vierzehn Tage nicht ins Bett
gekommen, sie ist wie zu Haus in jeder Krankenstube und amüsiert sich köstlich,
wo andre sich langweilen. Aber ihr ganzer Geist besteht in ihrem Sein, denn ein
gescheites Wort hab ich noch nie von ihr gehört, ihr Liebstes ist, den Franz zu
erschrecken, alle Augenblick sucht sie sich einen andern Ort, wo sie ihn
überraschen kann, letzt hat sie sich sogar auf den einen Bettpfosten gehockt,
ich dachte sie könne keine Minute da aushalten, nun dauerte es eine
Viertelstunde, bis Franz kam, als der im Bett lag, schwang sie sich herunter,
ich dachte sie bricht den Hals, wir konnten sie die ganze Nacht nicht aus dem
Zimmer bringen. - Über dieser Erzählung war Lotte gekommen, die behauptete
ernstaft, Du hättest Anlage zum Veitstanz. Deine Blässe deute darauf, Du
klettertest auch beim Spazierengehen immer an so gefährliche Orte, und letzt
wärt Ihr im Mondschein noch um die Tore gegangen mit dem Domherrn von Hohenfeld
und da seist Du oben auf dem Glacis gelaufen bald hin, bald her Dich wendend,
ohne nur ein einzigmal zu fallen, und der Hohenfeld auch, habe gesagt, das ging
nicht mit natürlichen Dingen zu. Kaum hatte Lotte ihre Geschichte, wo immer der
Refrain war, Mangel an historischem Sinn und keine Logik, geendet, so trat Ebel
ein, er wurde auch konsultiert wegen der Fahrt nach Homburg (ach hätt ich doch
nicht in dies Wespennest geschlagen), der fing erst recht an zu perorieren, der
wusste alles: »um Gottes willen nicht«, Lotte sass im Sessel und sekundierte; nein
um Gottes willen nicht, man muss logisch sein. Ebel sagte: Wahnsinn steckt an, ja
sagt L.: besonders, wenn man so viel Anlage hat. Nun Lotte, Du machst's zu arg,
sie kann wohl dumm sein, und das ist noch die Frage, denn sie ist eigentlich
weder dumm noch gescheit, oder vielmehr ist sie beides, dumm und gescheit. -
Ebel aber sagte: ich muss hier als Naturphilosoph sprechen, sie ist ein ganz
apartes Wesen, das von der Natur zu viel elektrischen Stoff mitbekommen, sie ist
wie ein Blitzableiter, wer ihr nahe ist beim Gewitter, der kann's empfinden, er
war nämlich letzt auf der Spazierfahrt mitten im Gewitter unter Donner und Blitz
im stärksten Platzregen trotz Schuh und Strümpfen bloss wegen Dir aus dem Wagen
und im kurzärmeligen Rock querfeldein nach Hause gesprungen. Die Tonie sagte ihm
dies, und er gestand es ein, es sei Furcht gewesen, das Gewitter könne durch
Deine elektrische Natur angezogen werden, er glaubt steif und fest, der Schlag
sei so dicht vor den Pferden niedergefahren, weil Du in Deiner Begeistrung zu
viel Elektrizität ausströmtest. - Der arme Freund, seine Rockärmel sind vom
Regen noch mehr verkürzt. - Lotte behauptete, es sei unlogisch von Ebel zu
sagen, Begeisterung, denn dazu müsse ein logischer Grund sein und der sei in
Deiner Seele nicht zu finden. - dabei kam St. Clair auch zur Teestunde, ich
hatte ihn hinbestellt, um zu hören wie der Versuch ausfallen werde, wär's
gelungen, so hätten wir Dich heute überrascht und Dich gleich mit dem Wagen
abgeholt, aber Franz kam herauf und George, denen wurde es vorgetragen. Lotte
behauptete fort und fort, es würde das Unlogischste der Welt sein, Dich hingehen
zu lassen, denn trotz Deiner Unweisheit, Faselei und gänzlichem Mangel usw.
seist Du doch sehr exzentrisch, und es wurde einmütig beschlossen, Du sollest
nicht mit; Tonie behauptete noch, Du seist ihr von Clemens noch mehr auf die
Seele gebunden, und der würde ihr ein unangenehmes Konzert machen, wenn sie
ihren Beifall dazu gäbe. - Ich weiss einen, der ihnen allen gern die Hälse
herumgedreht hätte, das war St. Clair, er war so ernst, er tat den Mund nicht
auf, aber ich sah seine Lippen beben, kein Mensch wusste, welchen Anteil er daran
nahm, er nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut und ging, und ich sah, dass ihm
die Tränen in den Augen standen, Deinem Ritter.
                                   An Clemens
Die Hirten lagen auf der Erde
Und schlummerten um Mitternacht,
Da kam mit freundlicher Gebärde
Ein Engel in der Himmelspracht.
Mit Sonnenglanz war er umgeben,
Und zu den Hirten neigt er sich,
Er sprach: »Geboren ist das Leben,
Euch offenbart der Himmel sich.« -
Auch ich lag träumend auf der Erde,
Ihr dunkler Geist war schwer auf mir,
Da trat mit freundlicher Gebärde
Die heil'ge Poesie zu mir,
In ihrem Glanz warst Du verkläret,
Vertrauet mit der Geisterwelt,
Den Becher hattest Du geleeret,
Der Dich zu ihrem Chor gesellt.
Dein Lied war eine Strahlenkrone,
Die sich um Deine Stirne wand,
Die Töne eine Lebenssonne,
Erleuchtend der Verheissung Land
Der Liebe Reich hab ich gesehen
In Deiner Dichtung Abendrot;
Wie Moses auf des Berges Höhen,
Als ihm der Herr zu schaun gebot;
Er sah das Ziel der Erdenwallen
Und mochte fürder nichts mehr sehn.
Wohin, wohin soll ich noch wallen,
Da ich das Heilige gesehn? -
 
                                An die Günderode
Ich hab mir's nicht gedacht, dass ich so sein könnt in diesen schönen Tagen. In
Deinem Brief, Zeile für Zeile, lese ich nichts Trauriges und doch macht er mich
schwer. - Du redest von Dir, als seist Du anders wie ich, ganz anders, ach und
stehst mir doch allein unter allen Menschen gegenüber, und alles, was wir
miteinander besprachen, da waren wir nicht eins, Du warst anders gesinnt und ich
anders, und doch hast Du mich immer vertreten, ja gewisslich ich bin anders wie
Du, ich fühl's auch heut aus jeder Zeile Deines Briefs, die mir doch so wahr
sind und den tiefen Grund Deiner Seele beleuchten. Wie ist doch jeder Mensch ein
gross Geheimnis, und bis alles ins Himmlische sich verwandelt, wieviel bleibt da
unverstanden. Aber ganz verstanden sein, das deucht mir die wahre alleinige
Metamorphose, die einzige Himmelfahrt. - Im Gartenhäuschen, wo wir vorm Jahr um
die Zeit uns zum erstenmal gesehen haben - also ein ganz Jahr sind wir schon gut
Freund miteinander???!!! - - - Und so könnt ich fortfahren Zeichen zu machen der
Verwunderung, des Stummseins, des Denkens - Seufzens, ja wenn ich ein Zeichen
des Schauderns, der Tränen zu machen wüsste, so könnte ich die Blätter voll der
merkwürdigsten Gefühle bezeichnen, denen ich keine Namen zu geben weiss. - Das
Geissblatt, das da herabschwankt über die Latten, blüht dies Jahr viel üppiger.
Weisst Du, das war unser erst Wort, ich sagte zu Dir: »Es war ein recht kalter
Winter dies Jahr, der Hahnenfuss hat seine meisten Zweige erfroren, die Laube
gibt wenig Schatten«; da sagtest Du: »Die Sonne gibt und die Laube nimmt, was
sie nicht fassen kann vom Licht, das muss sie durchlassen zu uns,« und dann
sagtest Du, diese Pflanze sei schöner benannt Geissblatt als Hahnenfuss, weil man
dabei eine schöne Ziege sich denke, die mit Anmut gewürzige Blumen fresse, und
dass die Natur für jedes Geschöpf ein idealisch Leben darbiete. - Und wie die
Elemente in ungestörter Wirkung das Leben erzeugen, tragen, nähren und
vollenden, so bereite sich im Genuss einer ungestörten Entwicklung abermal ein
Element, in dem das Ideal des Geistes blühen, gedeihen und sich vollenden könne.
- Und dann sagtest Du, ich solle mich doch weiss kleiden der Natur zulieb, die
rund um uns her so herrliche Blumen aufspriesse, dabei ein Kleid tragen zu wollen
mit gedruckten Blumen, das sei geschmacklos und man müsse im Einklang leben
wollen mit der Natur, sonst könne die Knospe des Menschengeistes nicht
aufblühen. - Ich dachte ein Weilchen über Deine Reden, so waren wir beide still
- die Antwort war an mir - ich getraute mich gar nicht, Du kamst mir so
weisheitsvoll vor, es schien mir Dein Denken wirklich mit der Natur
übereinzustimmen, und Dein Geist rage über die Menschen hinaus, wie die Wipfel
voll duftiger Blüten im Sonnenschein, im Regen und Wind, Nacht und Tag immerfort
streben in die Lüfte. Ja, Du kamst mir vor wie ein hoher Baum, von den
Naturgeistern bewohnt und genährt. Und wie ich meine Stimme hörte, die Dir
antworten wollte, da schämte ich mich, als sei ihr Ton nicht edel genug für
Dich. - Ich konnt's nicht heraussagen, Du wolltst mir helfen und sagtest: »Der
Geist strömt in die Empfindung, und die geht aus allem hervor, was die Natur
erzeugt, der Mensch habe Ehrfurcht vor der Natur, weil sie die Mutter ist, die
den Geist nährt mit dem, was sie ihm zu empfinden gibt.« - Wie sehr hab ich an
Dich gedacht und Deine Worte, und an Deine schwarzen Augenwimpern, die Dein blau
Aug decken, wie ich Dich gesehen hatt zum allererstenmal, und Dein freundlich
Mienenspiel und Deine Hand, die mein Haar streichelte. Ich schrieb auf: Heut hab
ich die Günderode gesehen, es war ein Geschenk von Gott. - Heut lese ich das
wieder, und ich möcht Dir alles zulieb tun, und sag mir's lieber nicht, wenn Du
mit andern Menschen auch gut bist. Das heisst: sei mit andern, was Du willst, nur
lass das uns nichts angehen. Wir müssen uns miteinander abschliessen, in der
Natur, da müssen wir Hand in Hand gehen und miteinander sprechen nicht von
Dingen, sondern eine grosse Sprache. Mit dem Lernen wird's nichts, ich kann's
nicht brauchen, was soll ich lernen, was andere schon wissen, das geht ja doch
nicht verloren, aber das, was grad nur uns zulieb geschieht, das möcht ich nicht
versäumen, mit Dir auch zu erleben, und dann möcht ich auch mit Dir all das
überflüssige Weltzeugs abstreifen, denn eigentlich ist doch nur alles comme il
faut eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen die grosse Stimme der Poesie in
uns, die weist die Seele auf alles Rechte an. Einmal ist mir die Höflichkeit
zuwider, die sich immer neigt vor andern und doch keinen Verkehr mit einem hat,
als ob das unhöflich wär, dem auszuweichen, der einem nichts angeht; - wär die
Natur so verkehrt, so intrigant und unsinnig wie die Menschen sind, es könnte
kein Erdapfel reifen, viel weniger denn ein Baum blühen, alles ist die reine
Folge der Grossmut in der Natur, jede Kornähre, die den Samen doppelt spendet,
gibt Zeugnis. Engherzigkeit wird nimmer ihren Samen spalten zum Licht, sie
verkeimt. Jetzt fang ich an zu fühlen, zu was ich da bin. Alle Morgen bet ich,
wenn ich aufwache: »Lieber Gott, warum bin ich geboren«, und jetzt weiss ich's, -
darum, dass ich nicht so unsinnig sein soll, wie die andern sind, dass ich den
reinen Pfad wandle, in meinem Herzen bezeichnet, für was hätt ihn der Finger
Gottes mir eingeprägt und meine fünf Sinne in die Schule genommen, dass ein jeder
ihn buchstabieren lerne, wenn es nicht wär diesen Weg zu bekennen. - Ja, man muss
dem Menschen Weisheit zumuten und sie ihm als den einfachen Weg der Natur
vorschreiben, aber das Verleugnen eines grossen mächtigen Weltsinnes in uns ist
immer Folge unseres Sittenlebens mit andern, das hängt sich einem an, dass man
keinen freien Atemzug mehr tun kann, nicht gross denken, nicht gross fühlen aus
lauter Höflichkeit und Sittlichkeit. Gross handeln, das dank einem der Teufel,
das müsste von selbst geschehen, wenn alles natürlich im Leben zuging. Es ist
eine Schande, was die Menschen alles mit dem Namen Grossmut belegen, als ob nicht
ein rasches selbsttätiges Leben immer das als elektrisches Feuer ausströmen
müsse, was man grosse Handlung nennt. -
    Das mühselige Menschengeschlecht plappert wie die Elstern, es versteht nicht
das Stöhnen der Liebe, das muss ich sagen, weil die Nachtigallen so süss stöhnen
über mir. Vier Nachtigallen sind's, auch im vorigen Jahr waren's vier. Ja,
lieben werd ich wohl nie, ich müsst mich vor den Nachtigallen schämen, dass ich's
nicht könnt wie die. - Wie hauchen sie doch ihre Seel in die Kunst der Wollust,
in die Musik - und in einen Ton hinein, so rein, so unschuldig - so wahr und
tief - was keine Menschenseele weder durch die Stimme noch durch das Instrument
hervorbringen kann. Warum doch der Mensch erst singen lernen muss, während die
Nachtigall es so rein, so ganz ohne Fehl versteht, tief ins Herz zu singen, ich
hab noch gar keinen Gesang gehört von Menschen, der mich so berührt wie die
Nachtigall - eben dacht ich, weil ich ihnen so tief zuhör, ob sie mir wohl auch
zuhören wollten, wie sie eine Pause machten, kaum heb ich die Stimm, da
schmettern sie alle vier zusammen los, als wollten sie sagen, lasse uns unser
Reich. Arien, Operngesänge sind wie lauter falsche Tendenzen der sittlichen
Welt, es ist die Deklamation einer falschen Begeisterung. Doch ist der Mensch
hingerissen von erhabner Musik, warum nur, wenn er nicht selbst erhaben ist? -
Ja, es ist doch ein geheimer Wille in der Seele gross zu sein. Das erquickt wie
Tau, den eignen Genius die Ursprache führen zu hören, - nicht wahr? - O wir
möchten auch so sein wie diese Töne, die rasch ihrem Ziele zuschreiten, ohne zu
wanken. Da umfassen sie die Fülle, und dann, in jedem Rhytmus ein tief
Geheimnis innerlicher Gestaltung, aber der Mensch nicht. Gewiss, Melodien sind
gottgeschaffne Wesen, die in sich fortleben, jeder Gedanke aus der Seele hervor
lebendig, der Mensch erzeugt die Gedanken nicht, sie erzeugen den Menschen. -
Ach! Ach! Ach! - Da fällt mir ein Lindenblütchen auf die Nas - und da regnet's
ein bisschen; was schreib ich doch hier dumm Zeug hin, und kann's kaum mehr
lesen, jetzt dämmert's schon stark - wie schön doch die Natur ihren Schleier
ausbreitet - so licht, so durchsichtig - jetzt fangen die Pflanzenseelen an
umherzuschweifen, und die Orangen im Boskett. Und der Lindenduft - es kommt Well
auf Well herüber geströmt - es wird schon dunkel - Nachtigallen werden so eifrig
- sie schmettern recht in die Mondstille, - ach, wir wollen was recht Grosses tun
- wir wollen nicht umsonst zusammengetroffen haben in dieser Welt - lass uns eine
Religion stiften für die Menschheit, bei der's ihr wieder wohl wird - ein Sein
mit Gott - Dein Mahomet hat's mit ein paar Ritt in den Himmel auch zuwege
gebracht. - Ein bisschen Spazierenreiten in den Himmel.
 
                                An die Günderode
Gestern hab ich vergessen Dir zu schreiben, dass ich Dein Gedicht an den Clemens
geschickt hab nach Marburg, ich hab mir's aber erst abgeschrieben, ich wollt Dir
auch sagen, wie schön ich's find. Aber vor Dankbarkeit, dass ich Dich als
Freundin hab, hab ich's versäumt. Aber Du siehst's doch im Brief gespiegelt, dass
es Dein gross Herz ist, das mich rührt, und dass ich mich unwert halt, Deine
Schuhriemen zu lösen. - Du wählst Dir einen schönen Gedanken und fügst ihn in
Reime zu einem Ehrenmantel für den Clemens, ach, was hast Du da für eine schöne
Tugend, hebst den Geist heraus aus dem Erdenleben. - Gott schuf die Welt aus
nichts, predigten immer die Nonnen, - da wollt ich immer wissen, wie das war -
das konnten sie mir nicht sagen und hiessen mich schweigen, aber ich ging umher
und schaute alle Kräuter an, als müsste ich finden, aus was sie geschaffen seien.
- Jetzt weiss ich's, er hat sie nicht aus nichts geschaffen, er hat sie aus dem
Geist geschaffen, das lern ich vom Dichter, von Dir, Gott ist Poet, - ja - so
begreif ich ihn - heut las ich bei der Grossmama aus dem Hemsterhuis vor: der
Choiseil sagte: »Il faut que Dieu ait la figure de l'homme comme il l'a crée
d'après son image.« Der d'Allaris meinte: »C'est fort singulier, monsieur, de se
figurer la figure de Dieu avec un visage humain, comme celui-là est fait pour
des besoins et des fonctions terrestres auxquelles Dieu ne doit avoir aucun
rapport, en raison de sa force et de son grand courage le monde entier devrait
s'en aller en poussière si par exemple le bon Dieu s'amusait une seule foix a
éternuer de bon coeur.« - Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild
geschaffen, so begreife ich dies so: Gott hat eine Persönlichkeit, die kann aber
er selbst nur fassen, denn er steht sich selbst allein gegenüber, aber als Poet
verschwindet ihm seine Persönlichkeit, sie löst sich auf in die Erfindung seiner
Erzeugung. So ist Gott persönlich und auch nicht. Der Dichter stellt dies dar -
der ist persönlich und auch nicht, eben ganz nach Gottes Ebenbild, denn er
erschafft mit dem Geist, was ganz ausser dem sinnlichen Dasein liegt, und doch
ist es sinnlich, da es die Sinne fassen und sich hierdurch gewiegt fühlen und
genährt, und da doch Nahrung der Sinne nur ihre höhere Entwicklung ist, so löst
der Dichter, wie Gott, seine Persönlichkeit auf durch sein Denken in eine höhere
Form und bildet sich selbst in eine höhere Entwicklung hinüber. - Was sag ich
Dir da? - Ach, ich hab's einen Augenblick verstanden, was Gott ist, als könnt
ich's in den Wolken lesen, und da sah ich am Himmel, wie der Mond hervorschwippt
und zerstreut mir die Gedanken, dass ich eben gar nichts mehr lesen kann, alles
ist zerflossen, und die Worte da oben, in denen ich's festalten wollt, die sind
verschwommen, ich hab's mit andern Worten müssen reden, es ist nicht recht, wie
ich's gemeint hab. Ja, Gott lässt sich nicht fangen, ich dacht, ich hätt ihn
schon. - Aber das eine hab ich behalten, dass Gott die Poesie ist, dass der Mensch
nach seinem Ebenbild geschaffen ist, dass er also geborner Dichter ist, dass aber
alle berufen sind und wenige auserwählt, das muss ich leider an mir selber
erfahren, aber doch bin ich Dichter, obschon ich keinen Reim machen kann, ich
fühl's, wenn ich gehe in der freien Luft, im Wald oder an Bergen hinauf, da
liegt ein Rhytmus in meiner Seele, nach dem muss ich denken, und meine Stimmung
ändert sich im Takt. - Und denn, wenn ich unter Menschen bin und lasse mich von
ihrem Takt oder Metrum, was ganz auf den gemeinen Gassenhauer geht, mit
fortreissen, da fühl ich mich erbärmlich und weiss nichts mehr als lauter dumm
Zeug, fühlst Du das auch, dass dumme Menschen einem noch viel dummer machen, als
sie selber sind, - die haben nicht so unrecht, wenn sie sagen, ich sei dumm.
Aber Herz, was mich versteht, komme nur, und ich will Dir ein Gastmahl geben,
was Dich ehrt. - Aber hör doch nur weiter: - Alle grosse Handlung ist Dichtung,
ist Verwandlung der Persönlichkeit in Gotteit, und welche Handlung nicht
Dichtung ist, die ist nicht gross, aber gross ist alles, was mit dem Licht der
Vernunft gefasst wird - das heisst: alles, was Du in seinem wahren Sinn fassest,
das muss gross sein, und gewiss ist es, dass jeder solcher Gedanke eine Wurzel muss
haben, die in den Boden der Weisheit gepflanzt ist, und eine Blume, die blüht im
göttlichen Licht. Hervorgehen aus dem Seelengrund, nach Gottes Ebenbild,
hinüber, hinauf in unsern Ursprung. Gelt, ich hab recht? - Und wenn es wahr ist,
dass der Mensch so sein kann, warum soll er anders sein? - Ich begreif's nicht,
alle Menschen sind anders als wie es so leicht wär zu sein; - sie hängen an dem,
was sie nicht achten sollten, und verachten das, an dem sie hängen sollten.
    Ach, ich hab eine Sehnsucht, rein zu sein von diesen Fehlern. Ins Bad
steigen und mich abwaschen von allen Verkehrteiten. Die ganze Welt kommt mir
vor wie verrückt, und ich schussbartele immer so mit, und doch ist in mir eine
Stimme, die mich besser belehrt. - Lasse uns doch eine Religion stiften, ich und
Du, und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein, ganz im stillen, und
streng danach leben und ihre Gesetze entwickeln, wie sich ein junger Königssohn
entwickelt, der einst der grösste Herrscher sollt werden der ganzen Welt. - So
muss es sein, dass er ein Held sei und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise
und die ganze Welt umfasse, und dass sie müsse sich bessern. Ich glaub auch, dass
Gott nur hat Königsstämme werden lassen, damit sie dem Auge den Menschen so
erhaben hinstellen, um ihn nach allen Seiten zu erkennen. Der König hat Macht
über alles, also erkennt der Mensch, der seinem öffentlichen Tun zusieht, wie
schlecht er es anfängt, oder auch wenn er's gut macht, wie gross er selber sein
könne. Dann steht grade der König so, dass ihm allein gelinge, was kein andrer
vermag, ein genialer Herrscher reisst mit Gewalt sein Volk auf die Stufe, wohin
es nie ohne ihn kommen würde. Also müssen wir unsere Religion ganz für den
jungen Herrscher bilden. - O wart nur, das hat mich ganz orientiert, jetzt will
ich schon fertig werden. Ach ich bitt Dich, nehm ein bisschen Herzensanteil dran,
das macht mich frisch, so aus reinem Nichts alles zu erdenken wie Gott, dann bin
ich auch Dichter. Ich denke mir's so schön, alles mit Dir zu überlegen, wir
gehen dann zusammen hier in der Grossmama ihrem Garten auf und ab, in den
herrlichen Sommertagen, oder im Boskett, wo's so dunkle Laubgänge gibt, wenn wir
simulieren, so gehen wir dortin und entfalten alles im Gespräch, dann schreib
ich's abends alles auf und schick Dir's mit dem Jud in die Stadt, und Du bringst
es nachher in eine dichterische Form, damit, wenn's die Menschen einst finden,
sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran haben, es ist ein schöner Scherz, aber
nehm's nur nicht für Scherz, es ist mein Ernst, denn warum sollten wir nicht
zusammen denken über das Wohl und Bedürfnis der Menschheit?
    Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht, was andere nicht
überlegen, als weil's der Menschheit fruchten soll, denn alles, was als Keim
hervortreibt, aus der Erde wie aus dem Geist, von dem steht zu erwarten, dass es
endlich Frucht bringe, ich wüsste also daher nicht, warum wir nicht mit
ziemlicher Gewissheit auf eine gute Ernte rechnen könnten, die der Menschheit
gedeihen soll. Die Menschheit, die arme Menschheit, sie ist wie ein Irrlicht in
einem Netz gefangen, sie ist ganz matt und schlammig. - Ach Gott, ich schlaf gar
nicht mehr, gute Nacht, alleweil fällt mir ein, unsre Religion muss die
Schwebereligion heissen, das sag ich Dir morgen.
    Aber ein Gesetz in unserer Religion muss ich Dir hier gleich zur Beurteilung
vorschlagen, und zwar ein erstes Grundgesetz. Nämlich: Der Mensch soll immer die
grösste Handlung tun und nie eine andre, und da will ich Dir gleich zuvorkommen
und sagen, dass jede Handlung eine grösste sein kann und soll. - Ach hör! - Ich
seh's schon im Geist, wenn wir erst ins Ratschlagen kommen, was wird das für
Staubwolken geben. -
                          Wer nit bet, kann nit denken,
das lass ich auf eine erdne Schüssel malen, und da essen unsre Jünger Suppe
draus. - Oder wir könnten auch auf die andre Schüssel malen: Wer nit denkt,
lernt nit beten. Der Jud kommt, ich muss ihm eilig unsere Weltumwälzung in den
Sack schieben, auch wir werden einst sagen können, was doch Gott für wunderbare
Werkzeuge zum Mittel seiner Zwecke macht, wie die alt Nonn in Fritzlar. Siehst
Du den St. Clair? - Grüss ihn.
 
                                 An die Bettine
Oder am besten können wir sagen: Denken ist Beten, damit ist gleich was Gutes
ausgerichtet, wir gewinnen Zeit, das Denken mit dem Beten, und das Beten mit dem
Denken. Du willst ungereimtes Zeug vorbringen, Du bist ungeheuer listig und
meinst, ich soll es reimen. Deine Projekte sind immer ungemein waghalsig, wie
eines Seiltänzers, der sich darauf verlässt, dass er balancieren kann, oder einer,
der Flügel hat und weiss, er kann sie ausbreiten, wenn der Windsturm ihn von der
Höhe mit fortnimmt. Übrigens hab ich Dich wohl verstanden, trotz der vielen
süssen Lobe, die Du einstreust wie Opfergras, dass ich das Opfer bin, was Du
geschächtest hast, um mit dem Jud zu reden. Ich fühl's, dass Du recht hast, und
weiss, dass ich zu furchtsam bin, und kann nicht, was ich innerlich für recht
halte, äusserlich gegen die aus der Lüge hergeholten Gründe verteidigen, ich
verstumme und bin beschämt grade, wo andre sich schämen müssten, und das geht so
weit in mir, dass ich die Leute um Verzeihung bitte, die mir unrecht getan haben,
aus Furcht, sie möchten's merken. So kann ich durchaus nicht ertragen, dass einer
glaube, ich könne Zweifel in ihn setzen, ich lache lieber kindisch zu allem, was
man mir entgegnet, ich mag nicht dulden, dass die, welche ich doch nicht eines
Bessern überzeugen kann, noch den Wahn von mir hegen, ich sei gescheiter als
sie. Wenn sich zwei verstehen sollen, dazu gehört lebenvolles Wirken von einem
dritten Göttlichen. So nehm ich auch unser Sein an als ein Geschenk von den
Göttern, in dem sie selber die vergnüglichste Rolle spielen; aber meine inneren
Fühlungen, folgelosen Behauptungen ausstellen, dazu leiht mir weder die
blauäugige Minerva, noch Areus der Streitbare5 Beistand. Ich gebe Dir aber
recht, es wäre besser, ich könnte mich mannhafter betragen und dürfte diesen
grossmächtigen Weltsinn in dem Sittenleben mit andern nicht mir untergehen
lassen. Aber was willst Du mit einer so Zaghaften aufstellen, die sich immer
noch fürchtet, im Stift das Tischgebet laut genug herzusagen. - Lasse mich und
vertrage mich, wie ich bin, hab ich das Herz nicht, meine Stimme zu erheben
gegen allen Unsinn, so hab ich auch dafür an diesem harten Fels keine kleinste
Welle Deiner brausenden Lebensfluten sich brechen lassen. Er steht trocken und
unbeschäumt von Deinen heiligen Begeisterungen, so kannst Du auch unbekümmert
darum Dein Leben dahin fliessen. - Ich weiss, dass es Dir weh tut, weil wir den
Hölderlin nicht besuchten. St. Clair ist gestern abgereist, er war noch vorher
bei mir, er sah Deinen dicken Brief, er war so sehnsüchtig, etwas daraus zu
vernehmen, und die Zaghafte war kühn genug auf ihr richtiges Gefühl hin, ihm die
Stelle zu lesen, wo die Bettine über den Ödipus spricht. - Er wollte es
abschreiben, er musste es abschreiben, seine Seele wär sonst vergangen, und die
Zaghafte war zu mutlos, es ihm abzuschlagen. Er sagte: »Ich lese es ihm vor,
vielleicht wirkt es wie Balsam auf seine Seele, und wo nicht, so muss es doch so
sein, dass die höchste Erregung, durch seine Dichternatur erzeugt, auch wieder an
ihm verhalle, so wie er verhallte. Ich muss es ihm lesen, es wird doch zum
wenigsten ihm ein Lächeln abgewinnen.« - Nun sieh mich schon wieder voll
Zagheit, dass Dir meine Kühnheit missfalle, aber doch - betrog mich mein Ohr
nicht, so war jener Hymnus auf dem Taubenschlag dem armen Dichter gesungen, dass
er solle dort mit in sein zerrissnes Saitenspiel eintönen.
    Ich hab jetzt so viele Gesellschaftsnot, ich muss diese Woche schon zum
zweitenmal in den schwarzen Stiftstalar kriechen, auch dahinein verfolgt mich
meine närrische Feigheit, ich komme mir so fremd drin vor, es ist mir so
ungewöhnlich, eine angelehnte Würde öffentlich zu behaupten, dass ich immer den
Kopf hängen muss und muss auf die Seite sehen, wenn ich angeredet werde. Gestern
haben wir in corpore beim Primas zu Mittag gespeist, da verlor ich mein
Ordenskreuz, es lag unterm Stuhl, ich fühlte es mit der Fussspitze, das machte
mich so konfus, und denk nur, der Primas selbst hat es aufgehoben und bat um
Erlaubnis, es anzuheften auf die Schulter, dazu kam unsere Duenna und nahm die
Mühe auf sich, Gott sei Dank, - ich konnte doch die ganze Nacht nicht vor der
Geschichte schlafen, ich muss rot werden, wenn ich dran denke, - dann war ich bei
der Haiden - der Moritz im Kabriolett ist mir begegnet, von da in die Komödie in
Eurer Loge, George führte mich hinein. »Die Geschwister«. - Es war sehr leer
wegen der Hitze, George war fortgegangen, die Frau Rat sass ganz allein auf
meiner Seite, sie rief aufs Teater: »Herr Verdy, spielen Sie nur tüchtig, ich
bin da«, es machte mich recht verlegen, hätte er geantwortet, so wär ein
Gespräch draus geworden, in dem ich am Ende noch eine Rolle hätte übernehmen
müssen. - Im Parterre sassen keine fünfzig Menschen, Verdy spielte recht gut, und
die Rat klatschte bei jeder Szene, dass es widerhallte, Verdy verbeugte sich tief
gegen sie, es war gar wunderlich, das leere Haus und die offnen Logentüren wegen
der Hitze, durch die der Tag hereinschien, dann kam Zugwind und spielte mit den
lumpigten Dekorationen, da rief die Goete dem Verdy zu: »Ah, das Windchen ist
herrlich«, und fächelte sich, es war doch grad, als spiele sie mit, und die zwei
auf dem Teater, so gut als wären sie allein in vertraulich häuslichem Gespräch,
dabei musst ich an den grössten Dichter denken, der nicht verschmähte, so prunklos
seine tiefe Natur auszusprechen. - Ja, Du magst recht haben, es ist was Grosses
darin, und es ist schauerlich, und daher tragisch gewesen diese Leere, diese
Stille, die offnen Türen, die einzige Mutter voll Ergötzen, als habe ihr der
Sohn den Tron gebaut, auf dem sie weit erhaben über den Erdenstaub sich die
Huldigung der Kunst gefallen lässt. - Sie spielten auch recht brav, ja
begeistert, bloss wegen der Fr. Rat, sie weiss einem in Respekt zu setzen. Sie
schrie auch am Ende ganz laut, sie bedanke sich und wolle es ihrem Sohn
schreiben. Darüber fing eine Unterhaltung an, wobei das Publikum ebenso
aufmerksam war, die ich aber nicht mit anhörte, weil ich abgeholt wurde. Morgen
wird sie wohl in der ganzen Stadt herumkommen.
    Ich bin nicht wohl, sonst wär ich heut hinausgekommen - so sehr interessiert
mich Dein Brief, Du hängst Dich an die Gipfel der Lebenshöhen wie das junge
Gefieder und siehst Dich gleich um, wie am besten nach der Sonne zu steuern sei,
dann zerstreuest Du Dich ebenso leicht wieder. Wenn ich wohl bin, so komme ich
die Woche noch, ich glaube, die Angst vor dem Aderlassen macht mich krank, ich
kann mich nicht drein finden, wenn ich denk, dass ich Blut vergiessen soll, so
wird mir übel. - Schreibe mir doch heute noch von der Schwebereligion, was das
heissen soll, dass ich was zu denken und zu faseln hab, weil ich nichts anfangen
kann und das Zimmer hüten muss.
                                                                        Karoline
 
                                An die Günderode
Ach lasse doch ja nicht zur Ader, aus tausend Gründen, denn (vielleicht): wenn
einer nur einmal zur Ader gelassen hat, so kann er kein Soldat mehr sein, kein
Held! Man kann gar nicht wissen, was so ein Eingriff in die Natur für Verändrung
im menschlichen Geist macht, und wozu er als die Fähigkeit verlieren kann. Ich
bitte Dich, lasse nicht zur Ader, im Kloster, da, wenn der Tag kam, wo das
Aderlassmännchen im Kalender steht, ich glaub, es war grad in der heissen Zeit wie
jetzt, da liessen die Nonnen alle am linken Fuss zur Ader, da kam ein Chirurg, ich
war immer im Anstaunen seiner Hässlichkeit verloren, er hiess Herr Has. - Eine
alte Nonne sagte einmal, man könne in seine Pockengruben, in denen sehr viel
erdiger Schmutz war, Kresse säen, so würde er einen grünen Bart bekommen, ich
hielt also immer Kresse bereit und passte auf die Gelegenheit, ihm den Samen
einzustreuen, und habe auch einen Augenblick, wo er über dem Warten auf die
Nonnen eingeschlafen war, benutzt, und Du magst's glauben oder nicht, die Kresse
hat einen sehr günstigen Boden, sie begann mit Macht emporzuschiessen, man
brauchte ihn nur mit Essig und Öl einzuseifen, so hatte man den trefflichsten
Salat von seinem Bartschabsel. Aber gelt, Du gläubest nicht? - Aber hör, da
fällt mir ein, esse doch eine recht tüchtige Schüssel voll Salat, das kühlt das
Blut ab, aber wenn Du bei einer Entzündung noch Blut verlierst, so wird
natürlich diese verstärkt, denn wenn Du ein Dippen mit Wasser kochend hast und
schütt'st einen Teil davon weg, so kocht's viel stärker. - Die Hahnen krähen, es
ist schon nach Mitternacht, und nun will ich Dir fortschreiben bis morgen früh,
dass Du recht viel zu lesen hast auf Deinem Krankenlagerchen, gleich fang ich von
der Neureligion an, aber erst will ich Dir noch was erzählen, wie der Jud kam
mit Deinem Brief, das war vier Uhr, da dacht ich auf was, was Dir recht gut wär,
da dacht ich gleich, die Aprikosen in der Grossmama ihrem Garten müssten Dir
gesund sein, da ging ich um die Bäum herum und erspähte die besten und lernte
sie alle auswendig, wo sie hingen, und so spazierte ich in einem Wiederholen
meiner Lektion, bis die Sonne unterging, denn bei Tag konnt ich sie nicht
stehlen, ich musste warten, bis alles am Spieltisch sass, es war Dir das schönste
Pläsier, diese Aprikosen zu stehlen, erstens die Angst ist ein wahrer Spass, das
Herz klopfte mir so, ich musste so lachen vor Freud; Herzklopfen ist so was
Angenehmes, und denn war's grad, als liessen sie sich recht gern stehlen, sie
fielen mir in die Hand, ich hatte mir ein Tuch um den Hals gebunden, da warf ich
sie hinein, zwanzig! - Ich war recht froh, wie ich sie all hatte und glücklich
auf meiner Stube war, da hab ich sie alle in die jungen Weinblätter gepackt, die
sind vom zweiten Schuss und haben einen so weichen Samt auf der linken Seite. Da
liegen sie in der Schachtel und gucken mich an, als hätten sie Appetit auf einen
Biss von meinem Mund, aber da wird nichts draus, sie sind all für Dich, sie
müssen sich's vergehen lassen, von mir gespeist zu werden. Esse sie, Günderod,
sie sind gut, Gott hat sie geschaffen für Entzündungen, damit die aus dem Blut
wieder in den Geist zurückgehen soll, aus dem sie eigentlich nur ausgetreten war
ins Blut. Lass nur nicht zur Ader, denn wie gesagt, es ahnt mir, dass dadurch
etwas im Menschen zugrunde gehen könne, vielleicht das echte Heldentum; wer
weiss, ob nicht einer, der einmal Ader gelassen hat, hierdurch nicht seine ganzen
Nachkommen um die Tapferkeit gebracht hat, und dass diese Tugend eben darum jetzt
so rar ist. - Das Aderlassmännchen ist der Teufel, der hat sich so ganz sachte in
den Kalender geschlichen, um die Menschen um das einzige zu betrügen, was ihm
Widerstand leisten kann, um den Stahl im Blut, der übergeht in den Geist, und
den fest macht, dass er tun kann, was er will. Weisheit und Tapferkeit! Der
Mensch will immer die Weisheit, er hat aber den Mut nicht, sie durchzusetzen.
Eins bedingt das andere, denn wenn der Mut dazu wäre, so wär auch die Weisheit
da. Denn es ist nicht möglich, dass, wenn Kraft in der Seele ist, das Höchste zu
tun, dass in ihr nicht auch der Same der Weisheit aufblühen sollte, der das
höchste Tun lehrt. Wer zum Beispiel Mut hat, das Geld zu verachten, der wird
bald auch Weisheit haben zu erkennen, welch fürchterlicher Wahnsinn aus diesem
grausamen Vorurteil hervorschiesst, und wie Reichtum und Macht so sehr arm sind.
Weisheit und Tapferkeit müssen einander unterstützen. Ach, in unserer Religion
soll die Tapferkeit obenan stehen, - denn wenn wir nur darüber wachen, dass wir
kühn genug sind, das Grosse zu tun und die Vorurteile nicht zu achten, so wird
aus jeder Tat immer eine höhere Erkenntnis steigen, die uns zur nächsten Tat
vorbereitet, und wir werden bald Dinge beweisen, die kein Mensch noch glaubt.
Zum Beispiel man kann nicht von der Luft leben! - Ei, das könnt doch sehr
möglich sein, und es ist eine sehr dumme Behauptung, die der Teufel gemacht hat,
um den Menschen an die Sklavenkette zu legen des Erwerbs, dass man nicht von der
Luft leben könne, dass er nur recht viel habe. Wer viel hat, der kann vor lauter
Arbeit nicht zur Hochzeit kommen; und von der Luft lebt man doch allein, denn
alles, was uns nährt, ist durch die Luft genährt, und auch unsere erste
Bedingung zum Leben ist das Atemholen. Und Gott sagt damit: Du teilst die Luft
mit allen, so teile auch das Leben mit allen, und wer weiss denn, wie sehr die
Natur sich noch ändern kann und kann sich dem Geist anschmiegen, wenn der einmal
die Seele mehr regiert, ob dann der Leib nicht auch mehr Luft bedarf und weniger
andere Nahrung. Alle albernen Gedanken, Begierden und verkehrten Einbildungen,
die machen so hungrig nach tierischer Nahrung, ich weiss an mir, dass, wenn mir
etwas durch den Geist fährt, dem ich nachgehen muss aus Ahnung, dass es Lebensluft
entalte, so hab ich gar keinen Hunger, und die Franzosen, wenn sie witzig sind,
so haben sie immer auf was Petillantes oder Gewürztes Appetit, es käme also sehr
auf den Geist an, dass wir am End gern von der Luft leben. - Und unser Tischgebet
soll heissen: Herr, ich esse im Vertrauen, dass es mich nähre, und die alten
Küchenzettel und Bratspiess und Backgeschichten all dem Teufel in die Garküch
geschmissen, dass er den Hals drüber bricht, wir haben keine Zeit, uns dabei
aufzuhalten, geh zum Nachbar und nehm Brot von ihm und nehme die Frucht vom Baum
dazu und vom Opfermahl ein weniges und dulde nicht, dass sich Bedürfnisse des
Mahls bei Dir einnisten zu dieser oder jener Stunde; oder sonst Dinge, die den
Leib abhängig machen. Da fällt mir noch etwas ein, mit dem verdammten Zugwind,
oder mit der Nachtluft, alle Augenblick heisst's: »Hier zieht's!« - Und dann
reissen die Leute aus, als ob ihnen der Tod im Nacken säss, oder der Nachtwind
hindert sie, die nächtliche Natur zu geniessen, oder der Abendtau ist ihnen
gefährlich, und doch - hat man je bei einem Gefecht in der Schlacht gesehen, dass
ein Held vor dem Nachttau ausreisse? - Also auch über die Verkältung hinweg im
Nachtwind wie im Sonnenschein sein eigner Herr bleiben, das muss ein Gesetz
unserer schwebenden Religion sein. - Ich weiss nicht, es duftet mir ordentlich im
Geist, als würden wir auf sehr wunderbare Entdeckungen kommen. Jetzt haben wir
schon entdeckt, dass man nicht Aderlassen muss, damit der Stahl im Blute nicht
abgelassen werde, der die Begeisterung der Tapferkeit erzeugt, - da könnte einer
sagen, durch eine Wunde im Krieg könne denn auch dieser Geist des Stahls
entfliehen, so dass ein Tapferer könne zu einem Feigen werden, - dem ist aber
nicht so, denn bei einer Wunde, die in der Begeistrung selbst empfangen wird, da
haucht das Blut selbst Unsterblichkeit aus. Wenn nämlich die Tugend (die
Tapferkeit) wach ist in dem Menschen, das heisst: wenn der Genius in sein Blut
gestiegen ist und kämpft, und er geht auf die Wunde los, die er empfangen soll,
da ist die Kühnheit so Herr, dass keine sklavische Entweichung stattfinden könne,
denn dann ist grad aller Stahl im Blut in den Geist übergegangen, - denn wie
Gott immerdar in jedem Hauch erzeugt, weil er ganz Weisheit ist, so erzeugt auch
das Genie, weil es mit Gottes elektrischer Kette verbunden ist, ewig seine
Schläge empfängt und wieder einschlägt ins Blut. - Ich bitte Dich, wie willst Du
denn die elektrische Kraft erklären, anders, als dass durch Gottes Geist die
Natur zuckt und bis ins Blut geht, wo sie im Menschen wieder den Weg in die
Begeistrung findet, weil der Geist hat. - Und siehe da! - Die Kraft empfängt den
Blitzstrahl, und so erzeugen Weisheit und Tapferkeit sich ineinander. - Was hab
ich im vorigen Brief gesagt: - Gott sei die Poesie, und heute, dass er die
Weisheit ist, - das ist schon eine alte Geschichte, das haben, glaub ich, die
Kirchenväter herausgestellt und haben deswegen grossen Respekt vor Gott, aber
heute haben wir herausgekriegt, dass Gott die grosse elektrische Kraft ist, die
durch die Natur fährt und ins Blut des Menschen und von da sich als Genius in
den Geist des Menschen hinüber bildet. Der Genius steigt aus dem Stahl auf im
Blut, und dort dringt er auch wieder ein, wenn er wirkend ist in den Sinnen. Wer
keinen Stahl im Blut hat, kann auf die Weise Gott nicht empfangen. Es ist schon
drei Uhr, wenn ich so fortschreib, ich glaub, ich brächt allerlei kuriose Sachen
heraus, die mich selbst verwundern. - Ich wittre schon den Tag, mein Licht
brennt ganz nüchtern. Ich sollt schlafen gehen, aber ich will Dir doch für einen
ganzen Tag zu denken geben, weil Du allein bist. - Aber jetzt muss ich erst von
der Religion abspringen und Dir was dazwischen erzählen. - Du schreibst, der
Moritz hat Dich im Kabriolett begegnet, ich bedanke mich, aber ich hab grad auf
vierzehn Tag, wo ich noch hier bin, ein Gelübd getan und kann also Deiner
Mahnung kein Gehör geben, sag's ihm, wenn Du ihn siehst. - Der Bernhards-Gärtner
ist ein junger schlanker Mann, er hat eine feingebogne Nase, blaue Augen,
schwarze Wimpern, schwarze Haare und hat eine sanfte Stimme - zum wenigsten
gegen mich, denn wie er letzt den Hund wollt zurückhalten, der mich anbellte, da
hatte er eine sehr kräftige Stimme. - Dem Moritz wird das wunderlich vorkommen,
aber mir ist es keine Scheidewand, weil er von der gebildeten Klasse übersehen
wird. Ein Mensch von Rasse müsste seine Rasse auch unter der Sklaventracht
wittern, aber das ist die Unechteit des Adels, denn gewiss ist, dass das echte
Blut zerstreut ist in der Welt und viel ungestempelt herumläuft, und doch will
man nur das gelten lassen, was gestempelt ist, aber das sag ich Dir, ich halte
alle Menschen für unadelig, die ihre Rasse nicht erkennen auch im Kittel. - Der
Gärtner also, der mir immer Arbeit gibt morgens früh Du weisst, - ich hab ihm die
abgeblühten Federnelken von den Rabatten geschnitten, ich hab die Erdbeeren
umgesetzt, ich hab die Reben ausgelaubt, ich hab das Geissblatt binden helfen,
ich hab die Pfirsich spaliert, ich hab die Nelken gestengelt, ich hab die
Melonenräuber ausgebrochen, und noch mancherlei anders hab ich immer morgens
früh tun helfen, wenn ich in der Früh zum Mainufer lief, weil ich schreiben
wollt oder dichten für den Clemens, und es wollt nicht gehn, weil mir nichts
einfiel, weil die Natur zu gross ist, als dass man in ihrer Gegenwart sich
erlaubte zu denken, da hab ich denn mit dem Gärtner lieber Erbsen gepflückt als
auf der Lauer nach grossen Gedanken - da hat mir der Gärtner als immer einen
Strauss verehrt, erst recht schön voll und seltne Blumen, dann weniger und
einfacher, ich denk, weil ich alle Tag kam, es wär ihm zu viel, aber zuletzt -
es war grad am Tag, wo ich Zuckererbsen brach, da gab er mir bloss eine Rose und
- - -
                                                                         Morgens
Da hab ich so nachgedacht und bin drüber eingeschlafen. Die Rose hab ich mit ins
Bett genommen. - Was soll sie im Glas langsam welken - überall sollt man ein
Heiligtum der Natur mit herumtragen, das frei macht vom Bösen, wer kann in
Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken erfüllt sein, ich hab's lieb, das
Röschen, mit dem ich geschlafen hab, - es war matt, nun hab ich's ins Wasser
gestellt, es erholt sich. - Ich bin so dumm, ich schreib so einfältig Zeug - der
arme Gärtner. -
 
                                An die Günderode
Der Jud kommt heut um fünf Uhr und sagt, er hatt den Brief heut morgen im Stift
abgegeben und hat nichts von Dir gehört, der ungeheure Esel musste heute wie ein
Windspiel herumlaufen, er hätt müssen Paradiesäpfel zum Lauberhüttenfest
einkaufen, da hätt er nicht warten können, der Kerl sah so närrisch aus, aus
seinem Sack guckten lange Palmzweige über seinen Kopf, mit der einen Hand hielt
er seinen langen Bart fest, mit der andern stellt er seinen langen Stab weit von
sich und schwört immer bei seinem Bart, und keuchte unter der Last; ich liess ihn
eine Weile stehen, so gut gefiel's mir ihn anzusehen, ein Bild, wer's verstünd
zu malen. Diesmal haben also meine Religionsdepeschen wegen der
Lauberhüttenangelegenheit nicht können befördert werden; - wenn Du nur gesund
bist wieder. - Heut abend musst ich mit der Grossmama spazieren gehen, am Kanal im
Mondschein. Sie erzählte mir aus ihrer Jugendzeit, wie sie noch mit dem Grosspapa
in Wartausen beim alten Stadion wohnte, und wie der den Grosspapa weit lieber
gehabt als die andern Söhne, und wie der ihn erzogen hat, gar wunderlich mit
grosser Sorgfalt, er liess ihn als Jüngling von nicht achtzehn Jahren schon eine
grosse und ausgebreitete politische Korrespondenz führen, er gab ihm Briefe von
Kaiser und König, von allen Reichsverwesern und Staatsbeamten aller Art zu
beantworten, es kamen Verhandlungen über alle möglichen Staatsangelegenheiten
vor, Handel, Schiffahrt, alte Anrechte, neue Forderungen, Länderteilung,
Verrätereien, Umtriebe, Gefangennehmung grosser Personen, Mönchssachen,
klösterliche Stiftungen, Geldangelegenheiten, kurz alles, was einem grossen
Staatsminister obliegt zu untersuchen und zu ordnen, dies alles besprach der
Stadion mit ihm, liess ihm seine Meinung drüber darstellen - Aufsätze darüber
machen, dann mit eignem Beifügen von Bemerkungen liess er diese von ihm ins reine
schreiben, Briefe an verschiedne Potentaten schreiben, namentlich führte er die
Korrespondenz mit Maria Teresia, zuvörderst über Tronbesteigung, über
Mitregentschaft ihres Gemahls, dann über die leere Schatzkammer, dann über die
Heereskraft des Landes, über Missvergnügen des Volks, über die Ansprüche von
Bayern an die östreichischen Erblande, und wie die Kurfürsten wollten die
Erbfolge der Teresia nicht anerkennen, über den Krieg mit Friedrich II., mit
England, Anträge um Hilfsgelder; Briefe an einen französischen General
Belle-isle, dann ein Briefwechsel mit Karl von Lotringen, mit dem Kardinal
Fleuri, mit dem östreichischen Feldherrn Fürsten Lobkowitz, dann endlich einen
Briefwechsel mit der Marquise de Pompadour, immer im Interesse der Kaiserin,
diese letzte Korrespondenz war erst ins Galante und endlich ganz ins Zärtliche
übergegangen, es kamen Briefe mit Madrigalen als Antwort, worauf der Grosspapa im
Namen Stadions wieder in französischer Poesie antworten musste, da habe der
Grosspapa manche Feder zerkaut, und der Stadion habe ihm gelehrt, die Politik mit
einfliessen zu lassen, und hat Anspielungen machen müssen auf Reize, auf blonde
und braune Locken, - und dem Stadion ist's häufig nicht zärtlich genug gewesen.
Die Antworten sind dann mit grosser Freude vom Stadion ihm mitgeteilt worden,
besonders wenn sie Empfindlichkeit für des Grosspapas Galantrien hatten spüren
lassen, da hat der Stadion so gelacht und ihn angewiesen, wie die feinste
Delikatesse zu beobachten sei. - Und endlich einmal, als nach der
Tronbesteigung der Maria Teresia und ihrer Krönung als Kaiserin die
Gratulationen abgefertigt waren, an seinem einundzwanzigsten Geburtstage, da
schenkte Stadion dem Laroche einen Schreibtisch, worin er alle seine Briefe in
drei Jahren geschrieben, die er über Land und Meer gegangen wähnte, noch
versiegelt wiedergefunden, und die Antworten, welche von Stadion selbst erfunden
waren und von verschiedenen Sekretären abgeschrieben, dazu, und er sagte ihm,
dass er ihn so habe zum Staatsmann bilden wollen. Dies hat den Grosspapa erst sehr
bestürzt gemacht, dann aber ihn tief gerührt, und hat diese Briefe als ein
heilig Merkmal von Stadions grossem liebevollem Geist sich aufbewahrt. Die
Grossmama hat diese Briefe noch alle und will mir sie schenken. - Sie war
gesprächig heut, sie wird alle Tage liebevoller zu mir, sie sagt, mir erzähle
sie gern, obschon manches in die Erinnerung zu wecken ihr schwer werde; sie
sprach viel von der Mama, von ihrer Anmut und feinem Herzen, sie sagte: »Alles,
was ihr Kinder an Schönheit und Geist teilt, das hat eure Mutter in sich
vereint«; und dann hat sie zu sehr geweint, um von ihr weiter zu sprechen, die
Tränen erstickten ihre Stimme. - Sie legte die Hand auf meinen Kopf, während sie
sprach, und als der Mond hinter den Wolken hervorkam, da sagte sie: »Wie schön
dich der Mond beleuchtet, das wär ein schönes Bild zum Malen.« - Und ich hatte
in demselben Augenblick auch den Gedanken von der Grossmama, es war gar
wunderlich, wie sie unter einem grossen Kastanienbaum mir gegenüberstand, am
Kanal, in dem der Mond sich spiegelte, mit ihren grossen silberweissen Locken ihr
ums Gesicht spielend, in dem langen schwarzen Grosdetourkleid mit langer
Schleppe, noch nach dem früheren Schnitt, der in ihrer Jugendzeit Mode war,
lange Taille mit einem breiten Gurt. Ei, wie fein ist doch die Grossmama, alle
Menschen sehen gemein aus ihr gegenüber, die Leute werfen ihr vor, sie sei
empfindsam, das stört mich nicht, im Gegenteil findet es Anklang in mir, und
obschon ich manchmal über gar zu Seltsames hab mit den andern lachen müssen, so
fühl ich doch eine Wahrheit meistens in allem. - Wenn sie im Garten geht, da
biegt sie alle Ranken, wo sie gerne hinmöchten, sie kann keine Unordnung leiden,
kein verdorbenes Blatt, ich muss ihr alle Tage die absterbenden Blumen
ausschneiden, gestern war sie lange bei der Geissblattlaube beschäftigt und
sprach mit jedem Trieb: »Ei kleins Ästele, wo willst du hin«, und da flocht sie
alles zart ineinander und band's mit roten Seidenfaden ganz lose zusammen und da
darf kein Blatt gedrückt sein, »alles muss fein schnaufen können«, sagte sie -
und da brachte ich ihr heute morgen weisse Bohnenblüten und rote, weil ich ihr
gestern eine Szene aus ihrem Roman vorgelesen hatte, worin die eine Rolle
spielen, sie fand sie auf ihrer Frühstückstasse. Sie liess sich aus über das
frische Rubinrot der Blüte, hielt's gegen's Licht und war ergötzt über die Glut
- mir ist's lieb, wenn sie so schwätzt - ich sagt ihr, sie komme mir vor wie ein
Kind, das alles zum erstenmal sehe. - »Was soll ich anders als nur ein Kind
werden, sind doch alle Lebenszerstreuungen jetzt entschwunden, die dem
Kindersinn früher in den Weg traten, so beschreibt das Menschenleben einen Kreis
und bezeichnet schon hier, dass es auf die Ewigkeit angewiesen ist,« sagte sie,
»jetzt wo mein Leben vollendet, so gut als mir's der Himmel hat werden lassen -
so viel der schönen Blüten sind mir abgeblüht, so viel Früchte gereift, jetzt wo
das Laub abfällt, da bereitet sich der Geist vor auf frische Triebe im nächsten
Lebenskreislauf, und da magst du ganz recht ahnen.« - Ach Günderode, ich will
auch erst wieder ein Kind werden, eh ich sterb, ich will einen Kreis bilden,
nicht wie Du willst, recht früh sterben, nein, das will ich nicht, wo ist's
schöner als auf der schönen Erde, und dann als Kind, wo's am schönsten ist,
wieder hinüber, wo die Sonne untergeht. Die Grossmama erzählte auch noch eine
schöne Geschichte, die ich Dir hierherschreiben will, weil ich sie nicht gern
vergessen möchte, von dem Vater des Stadion, der habe einen Löwen gehabt, der
sei zahm gewesen, der habe nachts an seinem Bett geschlafen, da sei er eines
Morgens aufgewacht, weil ihn der Löwe gar hart an der Hand leckte, da war er von
seiner rauhen Zunge bis aufs Blut geleckt, und dem Löwen hat das Blut sehr gut
geschmeckt, der Stadion hat sich nicht getraut, die Hand zurückzuziehen und hat
mit der andern Hand nach einer geladnen Pistole gegriffen, die am Bett hing, und
dem Löwen vor dem Kopf abgedrückt. - Und als die Leut auf den Lärm
hereingedrungen waren zu ihrem Herrn, da hat der Stadion über dem toten Löwen
gelegen und ihn umhalst und ihn ganz starr angesehn, und hat einen grossen Schrei
getan: »Ich hab meinen besten Freund gemordet«, und da hat er sich mehrere Tage
in sein Zimmer eingeschlossen, weil es ihn so sehr gekränkt hatte. - Ach, ich
hätte dies Tier lieber nicht umgebracht und hätt auf seine Grossmut gebaut, ob
der Löwe mich gefressen hätt, ich glaub's noch nicht, und mir wär lieber
gewesen, die Geschicht wär nicht so ausgegangen. - Sie erzählte noch manches von
ihm, was seine grosse Gegenwart des Geistes bewies, und sprach so weise über
diese grosse Eigenschaft, dass ich ganz versunken war im Zuhören; sie sagte, dass
die Menschen als lang sich abmühen, was Genie sei, sie kenne kein grösseres Genie
als in dieser Macht über sich selber, und dass die endlich über alles sich
ausbreite, da man alles beherrschen könne, wenn man sich selber nicht mit Zaum
und Gebiss durchgehe, »wie du, kleines Mädele«, sagte sie zu mir, »so steil
hinansprengst mit den Füssen wie mit dem Geist und der Grossmama Schwindel
machst«; - und wenn je grosse Herrscher gewesen, so wären sie durch diese
Geisteskraft allein hervorgebildet worden, die sie in einem früheren Leben
genötigt waren zu üben. - Die Grossmama glaubt, die Seele, das Wesen des Menschen
gehe aus einem Geistessamen in ein ander Leben über, dieser Same sei, was er
während einem Leben in sich reife und dann sich durch allmähliche Erkenntnis,
durch geübtere Fähigkeiten immer in höhere Sphären erzeuge. Dann erzählte sie
mir von dem Ahnherrn unseres Grossvaters, der im Dreissigjährigen Krieg sei auf
dem Schlachtfeld gefunden, bei Duttlingen, wo die Franzosen eine grosse
Niederlage erlitten, als Fahnenjunker die Fahne um den Leib gewickelt, und die
Stange durch Brust und Leib gestossen und eingehauen, und sein Bruder auch tot
über ihm gelegen, der hat die Fahne schützen wollen und mit seinem Leben
bezahlt; sie waren in französischen Diensten, das hat der grosse Condé gesehen
und gesagt: ferme comme une roche, da sie sonst Frank von Frankenstein geheissen,
so haben sie jetzt sich genannt Laroche, weil der König der Witwe seines
Bruders, der auch in jenem Gefecht geblieben, ein Landgut im Elsass geschenkt hat
und ihnen drei Fahnen zu dem Fels ins Wappen gegeben, über diese letzte
Geschichte hab ich meine eignen Betrachtungen angestellt, eine so einfache und
doch so grosse Handlung hab ich mir im Geist dargelegt, er war Fahnenjunker,
dieser Ahne von mir, und haben eine unsterbliche Tat getan, beide Brüder, indem
sie die Fahne, zu der sie geschworen, treu verteidigten, und liessen ihr Leben
dafür, da der Junker die Fahne sich um den Leib gebogen und so den Tod fand, so
schützte sie sein Bruder, der Wachtmeister war, noch im Tod mit seinem Leib, und
retteten dem Heer die Fahne des Condé, dass sie nicht als Siegeszeichen in die
Hände des kaiserlichen Tilly komme, obschon sie von Geburt Deutsche waren. - Ein
Schwur muss doch Erwecker einer grossen Kraft im Menschen sein, und die gewaltiger
ist wie das irdische Leben. - Ich glaub, alles was gewaltiger ist wie das
irdische Leben, macht den Geist unsterblich. - Ein Schwur ist wohl eine
Verpflichtung, eine Gelobung, das Zeitliche ans Geistige, ans Unsterbliche zu
setzen - da hab ich's gefunden, was ich mein, was der innerste Kern unserer
schwebenden Religion sein müsst. - Ein jeder muss ein inneres Heiligtum haben, dem
er schwört, und wie jener Fahnenjunker sich als Opfer in ihm unsterblich machen
- denn Unsterblichkeit muss das Ziel sein, nicht der Himmel, den mag ich denken,
wie ich will, so macht er mir Langeweile, und seine Herrlichkeit und Genuss lockt
mich nicht, denn die wird man satt, aber Aufopferung und Not, die wird man nicht
müde. - Und im Glück, im Genuss wird der Mensch nicht wachsen, in dem will er
immer stille stehen. Und was ist denn das wahre, das einzige Fünklein Glück, was
von dem grossen Götterherd herüber sprüht ins Leben? - Das ist Gefühl, dass
Bedrängnis das Feuer aus dem Stahl im Blut schlägt, ja das ist's allein; - die
geheime innerliche Überzeugung der lebendigen Mitwirkung aller Kräfte, dass alles
tätig und rasch sei in uns, einzugreifen mit dem Geist, und die eigne irdische
Natur wie ihr Besitztum und alles dran zu setzen. - Nun wohl, geistige Kraft,
die die irdische zum eignen Dienst verwendet, die ist das einzige menschliche
Glück. - Ja ich glaub, Besitz ist nur insofern Glücksgüter zu nennen, als sie
uns gegeben sind, damit wir sie verleugnen können um der höheren Bedürfnisse der
inneren Menschheit willen. - Dies Verleugnen, dies Dahingeben, dass es durch jene
Glücksgüter in die Hand gegeben ist, uns über sie hinaus zu schwingen, das
deucht mir göttliche Gabe, ach! ach! Die lassen wir aber fallen; wir lassen die
Begeisterung, die im Göttertrank des Glücks unsre Sinne durchrauschen dürfte -
und fürchten uns davor, und wenn wir schon lüstern wären, doch deucht es
gefährlich wie ein Gott trunken den Becher in die Weite hinzuschleudern, wenn er
ausgetrunken ist. - Merk's, zu unserer schwebenden Religion gehört das auch, dass
wir den Wein den Göttern trinken und trunken die Neige mitsamt dem Becher in den
Strom der Zeiten schleudern. - So ist's, sonst weiss ich nichts, was glücklich
wär zu preisen, als nur tatenfroh immer Neues schaffen und nimmer mit Argusaugen
Altes bewachen. - Ausserdem wüsst ich nichts, was mich anfechte, was ich möcht
sein oder haben als nur mit meinem Geist durchdringen. - Von mir soll niemand
hören, ich sei unglücklich, mag's gehen wie's will, und was mir begegnet im
Lebensweg, das nehm ich auf mich, als sei's von Gott mir auferlegt. Merk's
wieder, das gehört auch noch zu unserer schwebenden Religion - und mein inneres
Glück, das mach ich mit den Göttern ab. Diese Momente, wo ein Gefühl:
Göttertriebe seien in uns wach, dem Stolz das Gefieder aufblättert, dass die
Gedanken Respekt vor uns haben, die gemeinen, - und uns aus dem Weg gehen. Ach,
das ist's - dann steigt man allein auf die Berggipfel und atmet die Lüfte ein im
Nachtwind, in denen der Genius uns anhaucht vor Lust und Dank, dass er ohne
Sünde, ohne Verleugnung wiedergeboren ward in uns; und dann weiht man aufs neue
sich ihm und verschwistert sich mit sich selber, alles zu tragen, zu dulden.
Nichts ist zu klein, was solche grosse Seelenkräfte in Anspruch nimmt, denn eben
diese zu üben ist ja das Grosse; und versäumen kann man nicht das Höhere um das
Geringere, denn eben dass an das Geringe alle Seelenkraft gewendet werde, mit
Fürsorge gleich der des Lebenspenders, das ist das wahre Opfer, was uns göttlich
macht. »Man muss alles dem lieben Gott überlassen«, sagen die guten Christen - ja
wohl, von ihm nehme ich an, was er mir zuerst entgegensendet, wozu die erste
Regung meines Geistes mich mahnt, und lass' auf dem Zeitenstrom mich
dahinschwimmen, den er mir geschenkt, und ob ich da Früheres versäume oder
Grösseres, das kann ich nicht wissen, und wenn's ein Bienchen wär, das ohne meine
Hilfe ertrinken müsste, so reich ich erst den Zweig ihm, sich zu retten, das ist
das Fundament von meinem innerlichen Glück, überhaupt was sollt ich doch um
irdisch Glück für Not haben, es ficht mich nicht an. Soll sich einer glücklich
preisen, ich müsst ihn auslachen. - Sagt mir einer, dir geschieht nichts, die
Tage gehen vorbei, und kannst dein Wirken nicht vereinen mit der Zeit, sie will
nichts von dir, und läuft ihren Weg, sie hat taube Ohren im Gebrause aller,
deren jeder einer für sich sorgend seine Stimme will geltend machen und sich
durchfechten, nun, das ist mir nichts. - Ob handelnd oder fühlend,
tiefempfindend mit dem Genius umgehen, das ist dasselbe, was ist denn Handeln
anders als fühlbar werden das Rechte und es tun. Handeln ist nur der Buchstabe
des Geistes, es ist noch nicht so süsse als die heimliche himmlische Schule des
Geistes. Wo ich auch hinaus denk, mir deucht nichts glücklicher als im Schatten
liegen jener grossen Linde unter ihren fallenden Blüten und durch ihr rauschend
Gezweig dem Geliebten entgegen lauschen, dem heiligen Geist. Der ist mein
Geliebter, der kommt und besucht mich jetzt in der heissen Jahreszeit, wenn ich
im Boskett lunze, und es regnet Lindenblüten auf mich mit jedem leisen Lüftchen.
Ach, er macht kein Wesen von der Weisheit, von Gottesgelehrteit, von Tugend,
von Religion. - Ich bin ihm recht, wie ich bin, er lacht mich aus, wenn ich
belehrt sein will, und bläst mich an; - »da hast du Weisheit,« sagt er. - Dann
spring ich auf und glüh im Gesicht von seinem Hauch - ich lauf ins Haus, ich
denk, wie bin ich doch glücklich! - Ich werf mich auf die Erd mit dem Angesicht
und küss' die Erde. Das ist mein Gebet - wie soll ich ihn umfassen als bloss,
wenn ich die Erde küss'? - Einsam - bin ich nicht - ist der Schatz überall, -
die dritte Person in der Gotteit überall; auch im Blumenstrauss vom Gärtner, der
an meinem Bett steht, vom Mond beleuchtet in der Nacht, wenn's alles still ist
und tief schläft alles und kein Licht mehr brennt in den Nachbarhäusern, da
fangen diese bunten Farben das Mondlicht auf; - wenn ich den anseh, dann sag
ich: »Gelt, das ist deine Rede zu mir, heiliger Geist, dies Farbenspiel in den
Blumen?« - Das leugnet er nicht, dass ich ihn versteh. Dir kann ich's alles
sagen, denn durch Dich hab ich ihn fassen gelernt, wenn ich Dir gegenüber sass
und Du lasest mir vor am Morgen, was Du am Abend gedichtet hattest, da sah ich
mich immer nach dem um, der Dir's vorbuchstabiert hätt, der Klang, der riss mich
hin, ich ahnte, es war der Geist, der auch mir begegnet drauss, wenn ich auf der
Höh steh, und er braust von ferne daher, beugt die Wipfel auf und nieder und
kommt näher und näher und fährt grad auf mich zu - umschlingt mich! Wer soll's
sein? - Wer kann's wehren? - Ich fühl seine Weisheit, seine Liebe ist Rhytmus.
- Was ist Rhytmus? - Widerhall der Gefühle am grossen Himmelsbogen, dass es
schallt! - Zurück! Macht sich uns hörbar, was wir fühlten, dass es zärtlich
anschlägt ans Ohr der Seele bis tief ins Herz, das ist Rhytmus, das ist der
heilige Geist, aus der eignen Gedankenkelter gibt er uns zu trinken süssen Most,
der süsse heilige Geist.
                                                                       Am Mittag
Ach Günderode, ich weiss was das ist, die Weltseele, ich hab oft gedacht, was
doch so braust, wenn ich ganz allein sitze in der Mittagssonne, denn da ist das
Brausen am stärksten; das ist mein Geliebter, der unter der Linde mit mir ist
und im Abendwind. - Der heilige Geist ist die Weltseele. - Er berührt alles, er
weckt von den Toten auf, und hätt ich ihn nicht, so wär alles tot. - Und Leben
ist Leben wecken, ich war verwundert, als der Geist mir's sagte. - Ich besann
mich, ob ich Leben wecke oder ob ich tot sei. - Und da fiel mir ein, dass Gott
sprach: Es werde, und dass die Sprach Gottes ein Erschaffen sei; - und das wollt
ich nachahmen. Ich ging am Mainufer am Abend, ich sah in der Ferne den blauen
Taunus und sah ihn drauf an, dass er lebendig solle werden. Wie bald war mein
Wille erfüllt! Du hättest sehen sollen und fühlen den Strom lebendigen Atems,
der herüberwallte von ihm auf mich, wo ich sass. - Die Schwalben kamen
vorausgeflogen, die Nebel stiegen herab, die Abendstrahlen überleuchteten ihn
flüchtig und die Wiesen am Abhang, die Blumengärten, alles strömte er hinab aus
seinem Talschoss mir zu und entüllte sich vor mir, dass der Blick ihn deutlich
fassen konnt, wie sah mein Aug gewaltig. - Aha! - Sonst hab ich weiter nichts
gedacht, er war mir der langerwartete, innigbekannte Geliebte! - So wandelt sich
denn der Geist in alles, was ich mit Leben weckendem Blick anseh. Und keiner
wird mir begegnen mich zu lieben, es ist der heilige Geist, der aus ihm zu mir
spricht. - Ach ja! - Ich kann von Glück sagen! - Seelenlauschen! Himmlische
Grazie! Du trägst mich ins Liebesbett, auf den grünen Rasen. - Was du weckst,
das weckt dich wieder - und was uns weckt, das ist der heilige Geist, der an
ferne Gipfel über den Nebeln mir aufstieg, denn weil ich gern mit Augen ihn
sehen wollt. - Wie vertiefte sich doch mein Blick in ihn und merkte nichts vom
Abenddunkel und dass er mich im Schleier fing der Nacht und ganz drin
einwickelte. Ja, wecke Du das Leben, so ist's gleich selbständig und überrumpelt
Dich. Und Du gehörst ihm, statt dass es Dein gehöre. - Ich hab aber noch was ganz
anders im Schild, das will ich Dir hier sagen: Je stärker die Gewalt, je
lebendiger ist sie, drum ist Schönheit der lebendige Geist, denn sie weckt
allein Leben - alles andre weckt den Geist nicht. Ach, wie schmachtet doch die
Seele nach Schönheit, nach Leben - die Schönheit ist Lebensnahrung der Seele.
Das ganze Unglück ist, wenn nicht alles Schönheit um uns ist, da stirbt alles ab
und auch für die Ewigkeit ist alles verloren, was nicht Keim der Schönheit ist.
Sehnsucht ist Schönheitskeim, der sich entfaltet. - Sehnsucht ist inbrünstige
Schönheitsliebe.
    Heute nachmittag brachte der Büri der Grossmama ein Buch für mich - Schillers
Ästetik - ich sollt's lesen, meinen Geist zu bilden; ich war ganz erschrocken,
wie er mir's in die Hand gab, als könnt's mir schaden, ich schleudert's von mir.
- Meinen Geist bilden! - Ich hab keinen Geist - ich will keinen eignen Geist; -
am Ende könnt ich den heiligen Geist nicht mehr verstehen. - Wer kann mich
bilden ausser ihm. - Was ist alle Politik gegen den Silberblick der Natur! -
Nicht wahr, das soll auch ein Hauptprinzip der schwebenden Religion sein, dass
wir keine Bildung gestatten - das heisst kein angebildet Wesen, jeder soll
neugierig sein auf sich selber und soll sich zutage fördern wie aus der Tiefe
ein Stück Erz oder ein Quell, die ganze Bildung soll darauf ausgehen, dass wir
den Geist ans Licht hervorlassen. Mir deucht, mit den fünf Sinnen, die uns Gott
gegeben hat, könnten wir alles erreichen, ohne dem Witz durch Bildung zu nahe zu
kommen. Gebildete Menschen sind die witzloseste Erscheinung unter der Sonne.
Echte Bildung geht hervor aus Übung der Kräfte, die in uns liegen, nicht wahr? -
Ach, könnt ich doch alle Ketten sprengen, die uns daran hindern, jeder innern
Forderung Genüge zu leisten; - denn dadurch allein würden die Sinne in ihre
volle Blüte aufbrechen. -
    Ich lese eben meinen Brief durch und wundre mich über den Paradegaul von
prahlerischen Gedanken, der drin an der Leine im Kreis läuft. - Ein
philosophischer Harttraber, ich fühl mich nicht bequem, wenn ich ihn reite, was
kommt mir doch so viel in den Kopf, was ich selbst gar nicht wissen mag - könnt
ich nur immer von der Himmelsleiter des Übermuts herab unter die Philister
speien. - Gute Nacht - das ist der vierte Tag, wo ich nichts von Dir weiss,
jetzt, wenn morgen kein Brief kommt, so frag Dich doch selber, was ich dann
denken soll. -
 
                                 An die Bettine
Gestern abend kam ich von Hanau, wo ich drei Tage in prosaischen
Geschäftsaufträgen verbrachte. Deine zwei Briefe lagen auf meinem Kopfkissen,
und einer von Clemens, der nach Dir frägt, weil er die ganze Zeit nichts von Dir
gehört habe, keine Antwort auf mehrere Briefe. Er meint, Du könntest krank sein,
hast Du ihm denn gar nicht geschrieben? - Versäume doch nicht, gleich zu
schreiben, er frägt nach Deinen Studien und meint, Dein Generalbasseifer, von dem
Du mit so viel Begeistrung ihm geschrieben, sei wohl auch wieder ins Stocken
geraten. Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen, und schilt mich
einen Faselhans und klagt mich an, ich versäume Dich, ich mache mir selber
Vorwürfe und kann doch nach allem Überlegen zu keinem besseren Resultat kommen,
als eben Dich ganz Dir selber überlassen. - Der Clemens meint, Du habest ein
enormes Talent zu jeder Kunst, und es müsse die Steine am Wege erbarmen, Dich so
dahinschlampen zu lassen, Deine Selbstzufriedenheit hänge davon ab, dass Du Dich
mit Leib und Seel einmal dran gebest, es sei der Schlüssel Deines ganzen Lebens.
- Ich darf ihm nicht sagen, dass Du ein Religionsstifter bist und die ganze
Menschheit auf Dich genommen hast und willst sie lassen von der Luft leben und
bildungslos dahertappen und willst nichts Gekochtes mehr essen, von lauter rohen
Mohrrüben und Zwiebel leben und die Bratspiesse alle zum Teufel werfen und Dir
das ganze Taunusgebirg zur Gesellschaft bitten, und dass Deine Religion schweben
solle, und dass Du in dem Gärtner einen adeligen Herrn entdeckt hast, das darf
ich ihm doch alles nicht sagen. Was soll ich ihm denn sagen? - Da helf' mir doch
einmal ein bisschen drauf. - Der rasche Wechsel von Anregungen in Deinen Briefen
würden dem Clemens die Haare zu Berge stehen machen, und Dein zärtlicher Umgang
mit dem Heiligen Geist, wie Du das nennst, den Du gleich einem Jagdhund
witterst, das würde ihm unsägliche Sorge machen. Er frägt mich, was Du mir
schreibst, denn er wisse, dass ich enorm lange Briefe von Dir bekomme. Wo er das
her weiss, das ist mir ein Rätsel, ich hab mit niemand davon gesprochen. Ich
mein, dass der Clemens recht hat, denn wenn Du auch ein neues Leben ausgefunden
hast, indem Du mit Dir selber zusammentriffst, wie Du sagst, so musst Du doch
auch fühlen: so gut wie in jenen Naturerscheinungen, die Dein Genius, wie Du
meinst, benutzt, um zu Dir zu gelangen, so würde er jede Kunst wohl auch
benutzen dazu, wenn Du ihm nur die Pforte öffnen wolltest, aber der Arme! Ich
glaube, Du würdest ihn eher zerquetschen, ehe Du ihn da durchliessest. - Was Dich
einen Augenblick anregt, wozu sich wirklich Dein Feuer sammelt, das zerstreuest
Du mit allem Fleiss wieder und gibst es den vier Winden preis. Du kannst nicht
leugnen, dass die Musik mit allem, was Anregung in Dir bedurfte, übereinstimmt.
Du hast mir selber geschrieben, Dein eigner Lebensgeist rufe Dir immer zu, eine
Geige nimm und verstärke den Strom der Harmonien, sonst kannst Du nimmer
glücklich werden. Dies war's oder doch was ganz Ähnliches, was Du mir vor vier
Wochen geschrieben, und dass Du fühlest, die Musik sei der Urgeist aller Elemente
und sie allein wecke den Geist im Menschen und Geist könne nur Musik sein, und
was dergleichen prahlerische Gedanken mehr waren, die, wie ich sehe, aber
gänzlich aus Deinem Kopf verschwunden sind. - Wo ist nun Dein musikalischer
Urgeist jetzt hin? - Ich will Deinem Lebensweg gar nicht in den Weg treten, aber
dass Du dem Geist, der Dir auf geheimen Wegen entgegenkommt, den Du so liebst,
dass Du meinst, in allem sei nur er es, den Du je lieben werdest, dass Du dem
zulieb nicht einmal eine Kunst üben willst, Dich zu nichts anstrengen, kein Buch
lesen; nur spazierengehen, auf Dächer klettern und über die Hecken auf
Nebelpfaden umherschweifen, schwebende Religionen zu erfinden, das ist ein
wahrer Jammer! Wie gerne wollte ich alles an Dir versuchen, was Clemens als
meine Pflicht mir vorhält, aber Du stehst mir ja doch nicht Rede und haspelst
wie ein Schmetterling über Dich selber hinaus. - Wie lang bleibst Du noch
draussen? - Die Tonie lässt Dir sagen, sie werde Dich am Mittwoch abholen, abends
um halb neun Uhr, auf einen Ball, den der Moritz in Niederrat gibt; sie
konsultierte mit Marie und Claudine über Deine Kleidung, weil Du keinen
Ballanzug in Offenbach hast, eine weisse Krepptunika, eine breite blaue Schärpe
und blaue Achselschärpe, meinte Claudine, und was auf den Kopf? - Du trügest
nichts auf dem Kopf, meint die Marie - ich will aber doch diesmal Dich
auffordern, dass Du Dir einen Kranz von Aschenkraut aufsetzest, das muss gar gut
stehen, der Moritz will Dir einen Strauss schicken. Heut haben wir Samstag, am
Mittwoch also, wenn Du nicht abschreibst.
 
                                An die Günderode
Ich schreib nicht den Ball ab, ich freu mich recht drauf, ich bin jetzt schon
vier Wochen recht vergnügt hier und will auch durchaus noch bei der Grossmama
bleiben, bis die Tante aus dem Bad kömmt, wir haben uns gar sehr ineinander
gewöhnt, die Grossmama und ich, ich hab sie um Erlaubnis gefragt, ob es ihr nicht
unlieb sei, wenn ich auf den Ball gehe. Sie sagt: »Nein, gut Mäuschen, hast lang
genug hier ausgehalten, wann kommst du wieder? - Denn du wirst doch wohl den
andern Tag in Fr. bleiben?« - Ich sagte, ich wolle noch in der Nacht wieder
herauskommen, denn ich sah ihr an, dass sie fürchtete, ich möchte in der Stadt
bleiben, und das könnt leicht kommen, dass die Brüder mich dann nicht wieder
herauslassen, und ich will doch nicht eher fort, bis die Grossmama selber will
und nicht mehr allein ist, richte es also mit Tonie und Marie so ein, dass die
zusammen fahren und ich mit dem George seinem Gig herausfahren kann, denn ich
fürcht mich nicht vor der Nachtluft, das weisst Du ja, dass das ein Gesetz ist in
unserer schwebenden Religion. - Und Dein fürchterlich Gebrummel, davor fürcht
ich mich gar nicht, denn ich weiss doch, dass es Dir grad so gefällt, und mach dem
Clemens weis, was Du willst, aber sag ihm nichts wieder aus meinen Briefen;
wer's ihm gesagt hat, dass ich Dir so lange Briefe schreib, das war der St.
Clair, dem hast Du ein Stück aus meinem längsten Brief gezeigt und
abgeschrieben, wenn er ihm nur nicht auch vom Inhalt gesprochen oder ihm gar
mitgeteilt hat, dann weiss ich gewiss, dass mich der Clemens lang ansehen wird und
wird mit Fragen hintenherum kommen, ich weiss gewiss, er wird allerlei
Kuriosigkeiten fragen und so lang über mich hinausfahren ins Kreuz mit
Segensprüchen, um mich von der Behexung loszumachen. Wie ich Dir sag, mit dem
Clemens führ ich ein ganz ander Leben, es ist ein ander Register, das da
aufgezogen ist, wenn ich an ihn schreib, es hat gar denselben Ton nicht, wie mit
Dir.
    Es ist noch nicht aus mit der Musik, es sind noch keine erstarrten Grillen.
Ich bin aufrichtig, und die einzige Tugend der Wahrheit geht durch mein
Nervensystem, alles ist in ihr aneinandergereiht wie's menschliche häusliche
Leben in meinem Geist. Wenn ich Dir den grossen Einfluss, den die Musik auf mich
hat, zu verschiedenen Malen mitgeteilt hab, so kannst Du denken, dass ich dabei
nicht stehenblieb, allein wenn man Wege betritt, die noch zu keinem Ziel geführt
haben, wo alles noch wüste ist, noch keine Lösung hat, noch selber mir nicht
einleuchtet, was kann ich da viel sprechen? - Die Bekanntschaft mit dem innern
Leben einer Musik wird von den Virtuosen ganz auf eine Weise gemacht, die bloss
auf Auseinandersetzung ihrer einzelnen Teile geht, und sie wissen sich recht
viel mit ihrer gelehrten Unterhaltung darüber; sie wirbelt mir auch nicht wie
ein blauer Dunst durch den Kopf -, mir geht noch zugleich ein romantisch oder
geistig Bild dabei auf, das eine gibt mir Stimmungen, das andere wohl
Offenbarungen -, erst gestern wurde im Boskett unter verschiedener neuer Musik,
die mich gar nicht anregte, eine Symphonie aufgeführt von Friedrich II. Gleich
vorne steigt er mit klirrenden Sporen in Steifstiefeln mutig auf, von allen
Seiten her tönt's ihm wider, er müsse keck über die schüchterne Menschheit
weggaloppieren, und bald macht er sich kein Gewissen mehr draus; nur die einzige
Muse, die Tonkunst, tritt ihm fest entgegen, sein Ross hat ihn in die einsamste
Öde getragen, fern von den Menschen, die er wie eine Koppel Hunde mit einem
Pfiff lenkt. Hier sinkt er vor der einzig Übermächtigen nieder, hier bekennt er
die weite Leere seines Gemüts, hier will er Balsam auf alle Wunden gelegt haben,
ungeduldig und zärtlich, demutsvoll küsst er die Spuren ihres Wandels, und mit
Vertrauen beugt das gekrönte Haupt sich unter ihrem Segen. - Gereinigt,
getröstet, wie wenn nichts geschehen wär mit ihm, kehrt er aus diesem
Flötenadagio wieder zu den Seinigen in das brillante Geklirre der Violinen und
Hoboen zurück. - Ich aber spür's, was die Kunst für Weisheit übt. Wo keine Hand
hinreicht, wo keine Lippe sich öffnet, kein Gedanke sich hinwagt, da tritt sie
als Priesterin auf, und das Herz bricht vor ihr, legt flehend seine Bekenntnisse
dar, will jedes Fehls sich zeihen, will ganz im Busen ihr aufgenommen sein. Ja,
Musik - sie schrotet Gold und Stahl, kein Helm sitzt so fest auf dem Haupt, und
kein Harnisch auf der Brust, sie dringt durch, und es gelobet sich ihr der König
wie der Vasall.
    Wie aber ist's mit der Symphonie von Beetoven, die gleich drauf folgte? -
Willst Du mit hinüber unter jenes Ölwalds gleiche Stämme mit Laub wie Samt,
schwimmend im Wind, der Wellen schlägt in ihren grünen Schleiern und sanft auf
flockigem Rasen den einsam lautlosen Tritt Dir umflüstert? - Komm! - Schau die
Sonne im Feuerpanzer ihre Pfeilstrahlen vom Bogen strömend ins ewige Blau. -
Bald vom Wechsel der Wogen getragen, schwankt unter Dir das unendliche Meer. Der
Wind fährt daher zwischen türmenden Wellen - bahnt Weg silbernen Göttern, die
aufrauschend sich umschlingen mit Dir, nach himmlischen Rhytmen Dir aus der
Brust geboren. So nah ist alles verwandt Dir. - Doch ohne End wechselnd dies
Meer, fährt es dahin, in seiner Launenverzückung durchschlüpft Färbung auf
Färbung sein Wellenspiel, fesselt Dein Schauen - durchdringt Deine Sinne,
schmachtend und dann feurig, lächelnd, weinend, blendend und verhüllt wieder -
so rasch vorüber streift's wie von geliebten Augen der Begeistrung Blick; kannst
ihn nicht fassen, nicht lassen von ihm. - - Rein von Gewölk der Himmel, sein
Hauch sanft jagt vor sich her Wellchen - unzählige - eins ums andere, und
sterben am Ufer alle mit leisem Geseufz. - Ach! - süsser Moment herrschend über
der Leidenschaften Meer! - Da stockt Dein Atem und möchtest halten - ganz und
immer, was jeden Augenblick ohne Aufhören Dir alles entschwindet. -
    Was ist's, die Seele im Meer der Musik? - fühlt sie Schmerzen? - Hat sie
Wonnen, die wunderbar Bewegliche? - Kein Gedanke mag ihr folgen - fühlt sie mit
durch Rückwirkung alle Regungen? - Liebt sie, wenn wir lieben? - Schmeichelt's
ihrem Schäumen, wenn unsre Tränen hinein sich mischen? - O ich möcht hinein mich
werfen in die smaragdnen Lagunen, über die leise hingetragen durchs ungeheure
Meer bis zu seiner Höhe, uns zwei verwandte Seelen harmonisch der Kahn wiegt bis
zum letzten Ton - und dann - dieselbe Luftstille, dieselbe Himmelsreinheit,
derselbe Atem, süss - unberührt - dasselbe Sonnenlicht im Geist - trunken von
süssem Schwanken der Töne, die durch den Busen wühlen. Doch bald erhebt sich's!
Der grosse Geist des Erschaffens - Du hörst im Brausen seine Stimme, der alles
sich schmiegt, veratmen - dann hebt im Schauer Deiner Brust ihr Hauch sich
wieder - und jetzt - gewaltig - in unermüdlichem Steigen und Sinken strömt sie
schäumend den Winden entgegen, die dröhnen - in Abgrund sich wühlend - sie
zurück. - Ja, das ist Beetovens Meer der Musik, von Himmel zu Himmel steigen
die Töne und kühner, je öfter hinab sie wieder strömen, und fühlst hoch über
diesem Doppelschall Dich geborgen auf freiem Fels, umkreist von jenen wütenden
Orkanen, jenen Wogen, die ohne Ende Dir ans Herz steigen und ohne Ende
zurückgeworfen, ohne Aufhören wiederkehren mit erneuter Macht, Dich
umschmettern, einander überwogend, und doch sich wieder teilend im Sonnenozean
der Harmonie. Und endlich die sehnenden Stimmen all, tummelnd in fröhlicher
Verwirrung des Jauchzens der Wehmut und der tausend Gefühle, die von seiner
Meisterhand ein einzig leises Zeichen - alle zugleich einstimmen: »Jetzt ist's
genug!« -
    Ach, wie ist's doch da in der Brust? - Ja, gesteh! - Ist sie nicht das Meer,
die Musik? - Und er, der Beetoven, ist er es nicht, der ihm gebietet? - Und
fühlst nicht auch hier: das Göttliche, was den Geist des Erschaffens gibt, sei
die ungebändigte Leidenschaft? - Und glaubst nicht, dass Gottes Geist sei nur
lauter Leidenschaft? - Was ist Leidenschaft, als erhöhtes Leben durchs Gefühl,
das Göttliche sei Dir nah, Du könnest es erreichen, Du könnest zusammenströmen
mit ihm? - Was ist Dein Glück, Dein Seelenleben als Leidenschaft, und wie erhöht
sich Deines Wirkens Kraft, welche Offenbarungen tun sich auf in Deiner Brust,
von denen Du vorher noch nicht geträumt hattest? Was ist Dir zu schwer? -
Welches Deiner Glieder würde sich nicht regen in ihrem Dienst, - wo bleibt Dein
Durst, Dein Hunger? - Siehst Du wohl, da fängst Du schon an von der Luft zu
leben; leicht wie ein Vogel übersteigst Du Unersteigliches, und in die Ferne
hinüber sendest Du Deiner Unsterblichkeit Flammen, und sie entzünden Ewiges, und
es weiht sich Deinem Dienst, ergiesst sich auch in Leidenschaftsströmen, in den
grossen Ozean, über dem die ewigen Sterne Dir leuchten und die Nacht in ihrem
Glanz erbleicht und die Morgenröten freudig aufwachen. - Ja drum! - der Irrtum
der Kirchenväter, Gott sei die Weisheit, hat gar manchen Anstoss gegeben; denn
Gott ist die Leidenschaft. - Gross, allumfassend im Busen, der alles Leben
spiegelt wie der Ozean, und alle Leidenschaft ergiesst sich in ihn wie
Lebensströme. Und sie alle umfassend ist Leidenschaft die höchste Ruhe.
    Jetzt will ich Dir was sagen: ich will nicht mehr haben, dass Du voll Angst
seufzest um mein Nichtstun! Ich weiss wohl - und wenn ich's beim Licht betracht,
so konnt ich meine Zeit besser zubringen, als sie zu dem verdammen, was mein
Herz nicht erfüllt, so hätt ich mir selbst mehr gewonnen, und meine Liebe zum
Besten, zum Höchsten hätt die Ungerechtigkeit nicht zur Stütze gehabt, ich weiss
wohl, dass ich im Eifer allem, was mir nicht unmittelbar Lebensnahrung war,
unrecht getan hab. Ich hab mich immer im voraus gewaffnet, da ich nicht wusst, ob
es Streit geben werde; ich hab hundertmal die Wahrheit selbst über die Klinge
springen lassen, wenn ich sagte, dieses oder jenes rege meinen Geist nicht an,
denn alles regt ihn an, ja alles, und ich fühle Deinen Beruf, mich zu leiten,
mich zu lehren mit einer innern Stimme zusammentönend, die mich eben mahnt wie
Du; aber der Drang, mich meiner Leidenschaft zu überlassen, ist so mächtig in
mir, dass ich glaub, eine so starke Stimme überwinden zu wollen ist Unsinn! Nicht
möglich, - nein, nicht möglich ist mir's, auf irgend etwas auch nur mehr
achtzugeben als nur im Vorüberschiffen, so, wie man die Ufer kommen und
schwinden sieht; - mein Blick fängt sie auf und fasset sie scharf, dass ich sie
fest mir einpräge, aber im innern Gefühl nur vorüberstreifend. Das Weiterziehen
liegt mir im Herzen, das Abschiednehmen, wo ich kaum anlange, liegt schon im
Willkomm; und das geringste, was meine Fahrt belangt, sei's nur ein Schiffsseil
teeren, tu ich mit mehr Genuss, als an jenen Ufern der Kunst und des Wissens mich
aufhalten; sollte ihr Sand auch lauter Gold sein, ihre Felsen Diamant und ihr
Tau Perlen. - - Und wo will ich hin? - auf die Insel, wo's Äpfel und Birn gibt,
hätt ich bald gesagt. - Aber ja freilich - dortin, wo's Moos duftet, wo's
Blüten regnet, wo die Himmelslüfte sprechen, wo der Sommerwind die Äste
schüttelt, wo die Wälder die Nacht in ihren Schatten hüten, dass sie sich
gefangen gibt, solange der Tag weilt, wo auf blühender Wiese die Adler
niederfahren und holen die Jünglinge hinan zum Allvater, dass er ihnen kose einen
Augenblick und wieder sie entlasse zum Spiel am Bach. - Wo die Bienenscharen von
Dichterlippen und in seinen blumensprossenden Tritten Honig sammeln, und wo
Geister lichte Berggipfel umtanzen, wo die Seele sich aufschliesst leis wie eine
Knospe und des Geistes Strahlen in ihrem Kelch eingebettet, wie die goldnen
Staubfäden in der Rose, ihr Leben entwicklen und auch beenden. Dort will ich
hin, das liegt mir im Sinn, nichts wie Blütenmeer, Duft einatmen, Birn speisen
und reife Trauben und süsse Pfirsich geteilt mit mir von Doppellippen, ich die
Hälfte, und die er, der heute noch am Scheideweg meiner harrte, als die Sonne
hinunter war. Was ist's? - Es wird mich schon erziehen, Tränen wird's geben, das
weiss ich, aber auch Lust, so ist's immer, wo Schönheit reifen soll, und das ist
alles, was ich verlang vom Schicksal, es soll mich scheiden vom Schlechten, es
soll keine Sünde in mir dulden, - in meinen unaufhörlichen Träumen nur möcht ich
eine Vollendung empfinden - der Liebe, der Schönheit - das ist mein Ziel, und
mein Geist strebt eine Natur da herauszufinden, in dem ich dem Schönen
fortwährend begegne. Das ist's und nichts anders. Und alles, was ich erfahre von
der Kunst, von Poesie und Wissen, das schlägt an wie Echo in den unbekannten
Tiefen meiner Brust, da erschreck ich, dass es doch wohl wahr sein möge, was
manchmal nur wie Traum in mir wogt, da toben alle Pulse vor Hoffnung, es sei ein
Doppelleben, was wirklich auch Doppelliebe kann haben, und dass, wenn ich heiss
mich sehne, verstanden zu sein, dass ich dann verstanden sei, wo? - wie - ach,
was weiss ich's! - Vom Nebel, der dort flattert, vom Wind in der Ferne, vom
letzten Lichtstreif, wenn die Nachtkuppel schon sich senkt über mir - kurz, ich
weiss nicht, alles, was ich anseh, das müsste Geist haben, liebenden Geist -
wahrlich, sonst tut mir's unrecht. Welche Wege übernehme ich doch? - Welche
Gefahren besteh ich im Geist? - - Da schwimm ich im Dunkel in uferlosen Fluten,
eine Woge stürzt mich auf die andre, aber ich vertrau, und eine Stimme in mir,
dass ich dem Genius zulieb so kühn bin! - O das lebendige Feuer, und trotz den
Stürmen halt ich die Palme hoch und eile dem leisen Schein des Morgenrots
entgegen, weil das er selber ist. -
    Gott sei die Poesie, hab ich in meinem letzten Brief gesagt, und die
Weisheit, sagen die Kirchenväter, ich hab's geleugnet und gesagt, Gott sei die
Leidenschaft, die Weisheit, die kommt ihm zugut, das Leidenschaftsall zu
bestehen, aber sie ist nicht er selber; meine Gründe: was sollte Gott mit aller
Weisheit, wenn er sie nicht anbringen kann! Wenn aus allem, was geschaffen ist,
sich Neues erzeugt, wenn keine Gewalt, keine Kraft überflüssig ist, sondern grad
um ihrer höchsten Entwickelung willen sich ewig selbst anregend steigern muss, so
kann die Weisheit Gottes nicht selbst die Händ in den Schoss legen wollen. -
Himmel und Erde regieren, wo Sonn und Mond und alle Stern schon für die Ewigkeit
angepappt sind, das kann der Weisheit kein Reiz sein; sich in
Menschenangelegenheit mischen, ihre Gebete erhören, die alle verkehrt sind, das
muss bei himmlischer Hofhaltung doch wohl von selber gehen. Sollte Gott sich des
Dings selber annehmen - es wäre unweise - denn der Hauch Gottes überwiegt alles
geistige Wehen der Menschheit, so würde diese denn nimmer der eignen Weisheit
Keim lösen können in sich. Unser Geist ist feuermächtig, er soll sich selbst
anfachen; wir haben die Leidenschaft, sie soll im Geistesfeuer gen Himmel
steigen zum ewigen Erzeuger, in seiner Leidenschaften Glut mit allem übergehen;
nicht umsonst steigt in der Leidenschaft der mächtige Geist der Unsterblichkeit
auf, jeder Hauch, jeder Blick soll ewig währen, das sagt eine innere Stimme.
Alles, was mich entzückt in der Natur, dem schwör ich ewige Treue, der Lüfte
Liebkosungen, wie könnt ich ihnen den heissen Atem weigern, der heiss nur ist, um
in der Lüfte Liebe sich zu kühlen. Die klaren schwankenden Wässer, wie sollt ich
ihnen nicht vertrauen, die mich tragen, ruhig gebettet, auf ewig regem Leben,
wie die Liebe das Geliebte trägt, und die sanfte weiche Erde, wie sollten die
Sinne ihr sich abwenden, die keine Regung ungeboren lässet, jeden Keim in die
Lüfte trägt und Flügel gibt, heimlich in die Wiege alles Geschaffnen, die der
Geist mächtig zum Himmel einst entfalte, wenn er gereift ist durch ihre Spende -
sie, die himmlische Erde - auf der frohlockend sich alles Leben tummelt und
alles trägt im Busen und über ihm - die sie auf sich herumtrapplen lässt, all die
Lebendigen - und gibt ihnen die Milch ihrer Kräuter und Früchte, die in so
grosser Fülle aus dem Busen ihr springen - ja, wie sollt ich nicht mit heisser
Liebe sie lieben, die Doppelliebige? - Und dann - das Licht, das niedersteigt
ins Dunkel einsam drin zu spielen; - und der Einsamkeit Odem einbläset und der
Erde Kräfte nährt und tränkt, die dann den Geist umspielen, dass er im
verschlossenen Dunkel seiner selbst des Lichtes Leidenschaft für ihn sich
erinnere und auch ihm zuwachse sich mit ihm zu küssen. Wenn Ihr alle dichtet von
jenen Wahrheiten, so mächtig, so selbstlebend, dass sie dem Dichter den Busen
bewegen, dass er ihr Element werde, und sie ewig ausspreche, o, so lasset sie für
mich geboren sein, dass ich ihnen traue, dass ich mich ihnen hingebe und sie
geniesse, für was drängten sie sich ewig in Euren Geist, für was rührten sie Eure
Lippen, die Ihr sie aussprecht, wenn sie nicht wahrhaft lebendig Leben wären,
das durch Euch wiedergeboren soll werden in die Sinne der Menschen. Nun, meine
Sinne sind fruchtbarer Acker, sie haben Euren Samen aufgenommen, o denket, dass
nichts von Euch geahnet war, nichts, was Ihr nur in den Wolken gelesen, was mir
nicht lebendig geworden. Das ist's! - Und was wollt ich doch sagen? - Ach, wie
weit hab ich mich verlaufen, und wollte doch nur sagen von dem Gott, und dass er
nicht die Weisheit könne sein, sondern die Leidenschaft, die der Weisheit
bedürfe, um kühn und tapfer zustande zu bringen, was in ihr gärt. - Wie sag ich
Dir's doch, wenn Du's nicht von selbst verstehst, wenn Du nicht verstehst, dass
alles Wesen durch Leidenschaft ausgesprochen sein wolle, ja, selbst die Ruhe
nichts anders sei, als nur Leidenschaft, dass der Mensch nur mit einem
Götterbusen geschaffen sei, in dem die Leidenschaften ihren Herd haben, dem
Göttlichen ewig lebendige Glut zu opfern. - Wenn Du nicht dazu ja sagst, wie
kann ich's Dir abdringen. - Drum komm und lasse uns Weisheit sammeln, um unserer
Leidenschaften Glut damit zu schüren. -
    Dass Gott die Weisheit sei, das haben wir protestiert, aber dass Weisheit und
Tapferkeit ineinander verliebt seien - aber nicht die der Kirchenväter - das ist
unsere Lehre; sie sind der Herd, auf dem die Leidenschaften flammen, ohne sie
kann Leidenschaft nicht atmen. - Und wenn es keine brennenden Leidenschaften
zwischen der Kraft und dem Geist gäbe, wo sollt ihr Feuer herkommen? Denn um
nichts ist wieder nichts - sie würden sich schlafen legen und absterben, die
Kräfte und der Geist - aber der heisse Trieb ineinander zu schwelgen, einander zu
besitzen, die schüren das Lebensfeuer in ihnen, da ist fortwährend innerlich
Bewegen zueinander. Gefühl in jeder Regung, sie sei empfunden von der andern -
das ist das innere lebendige Leben, und alles andre ist nicht lebendig in uns.
Für was würde man sich vor sich selber schämen, wär nicht diese innerliche
Liebesdespotin, die das Gefühl zur Rechenschaft forderte, dass man einem inneren
Mächtigen die Treue gebrochen oder einer Schwäche sich hingegeben vor dem
Geliebten. Was ist das Gewissen anders als der Minnehof des Geistes mit den
Sinnen - wo sie sich einander hingeben, und Opfer, Heldentaten für einander tun,
und innerlichen Minnesold empfangen. Und dann jene Stimme, die jegliche Stimmung
prüft; je tiefer und weiter sich dies Leben ausbildet, je fester gründet sie die
Ansprüche und Berechtigungen, je leichter verletzbar. Ach ich sag Dir, es liegt
ein Adel, ein steigernder Trieb in der Seele, der auf die Aussenseite des Lebens
zurückstrahlt, alles aus leidenschaftlicher Berührung der Sinne mit dem Geist;
wenn Du schreitest, wenn Du Dich wendest, wenn Du die Stimme erhebst - was auch
des geringsten nur, Dich einen Augenblick aus der Gegenwart (Einwirkung) jener
Lebensregungen entfernt, fühlst Du nicht Vorwürfe? - ein Stocken, eine Ohnmacht
in Dir? -
    Schlägt nicht Dein Herz in Pein, als müsse es rückkehren? - dahin, wo die
Sinne sich geliebt wähnen vom Geist, sich zärtlich umarmen mit ihm. - Ach, ich
muss solchen Unsinn reden - mit Tränen, denn ich bin so tiefbewegt von etwas, wie
soll ich Dir das sagen? - Der edle Mensch ein Tummelplatz von Leidenschaften,
lauter Kräfte, die aufstreben ins Leben durch die Liebe untereinander! - Die
regt jene auf, zärtlich oder feurig, alle mitsamt glühen füreinander durch den
Geist, und da glüht's, und da sprüht's, und da scheint endlich der Alletagstag
so nüchtern hinein und reisst die Feuer auseinander, und löscht die Brände und
macht den Alltagsmenschen aus einem; das ist Eure Not um mich, und diese
Schicksale schweben mir in der Brust indessen und fordern Antwort jeden
Augenblick. Auch da gibt's Streit, Versöhnung, heimlich Glückspenden, und dies
alles ist wie der laue Abendwind, der von selbst herübergeklettert kommt, ich
hör ihn schleichen, sacht an mich heran, und mir am Herzen flattern, und dann
bin ich schmerzzerrissen; von was? - Ich kann's nicht sagen; - mein Herz - zu
schwach ist's. - Dass es geliebt wär von einer höhern Macht, süss begehrend! es
kann's nicht tragen. - Den Geist ausser mir, in der Luftwelle oder im Mondglanz,
oder sonst - spricht der mit mir, das ertrag ich nicht - dann bitt ich, lass mich
schlafen - Dir im Schoss. Denn ich kann ihm nicht ins Antlitz schauen, und sag
ihm, ich wolle sterben, er soll mich zudecken - mit grünen Zweigen, er, der
neben mir steht, oder über mir, und mich ansieht so still. Was ist Vernichtendes
in der Liebe? - Dass ich sag, ich wolle sterben? - Denn ich hab nichts anders in
der Seel als diese Sprache; denn meine Hände können nicht hinlangen. Wollt ich
in die Luft reichen? - Nein, ich darf nicht, er verschwindet, und mein Blick,
der sieht nur auf, wenn's Nacht ist, nicht bei hellem Tag. - Aber in der Nacht
im Finstern, da geh ich ihm entgegen, da treibt mich's oft eilig in die dunkeln
Laubgänge, und ganz am End, da seh ich, wie wenn ich überzeugt sein dürfte, er
sei es. - Nicht freudig, nicht traurig - tiefe Stille in mir, manchmal schlägt's
Herz bang, dann seh ich den Schatten vor ihm herstreifen über den Rasen. Dann
ruf ich mich auf: lass mich doch denken können! - Und sammle meine Sinne, und
immer so vorwärts schreit ich, eilig, und immer näher, dann, am Baum leg ich
mich nieder auf die Wurzeln, die küss' ich, diese Wurzeln - es sind die Füsse des
Dichtergeistes über mir. - Aber ich muss schlafen gehen, zu müde bin ich, - schon
zweimal eingeschlafen während dem Schreiben.
    Heut seh ich, dass ich Dir von nichts geschrieben hab, was Du mich frägst,
und bin aus Mangel an Logik ins Geschwärm geraten. Und doch wollt ich Dir nur
sagen, ich studier noch Geschichte fort, nur wollt ich Dir keine trocknen
Auszüge mehr davon in meinen Briefen machen, dafür zeichne ich Landkarten und
hab andre Spekulationen, so studier ich die Woche zweimal mit Hoffmann Musik,
nicht mehr Generalbass, er meint, ich werd den von selbst in mich kriegen, ich
soll lieber meine Melodien aufschreiben, auf die er einen Wert legt und mir gern
zuhört, wenn ich abends sing, auch hat er mehrere Gänge mir abgehört und sie
aufgeschrieben, und letzt hat er im Konzert phantasiert bloss auf Tema, die er
von mir erlauschte, drum, es war mir auch so wunderlich, es stand mir die ganze
Musik so spöttisch gegenüber, ich wusst gar nicht, was ich dazu sagen sollt, ich
hatte es nicht erraten, am Morgen frug er, wie mir's gefallen hätt, ich sagt, es
sei mir gewesen, als müsse ich ihm immer voranlaufen, und wisse schon alles,
wie's kommen werde; es sei gewesen, als haben seine Phantasien einen Verstand,
den ich begreife. - »Ja, das war, weil es Ihre eignen Wege waren, die Sie
gegangen sind«; und seitdem will er, dass ich aufschreiben lerne, das ist mir
viel schwerer als alles andre, kein Gedanke hält eine Minute fest, und gelingt
mir's an einem Ende, ihn zu fassen, dann reisst er mitten entzwei, und ich kann
das andre nicht dazu finden, so wie es anfänglich aus meinem Geist
hervorgegangen war, dann find ich wohl ein ander End, aber weil es nicht das
erste war, was von selbst aus meinen Sinnen hervorgegangen, dann bin ich
unruhig, als sei es falsch, und den Takt zu finden, das ist mir ganz unmöglich -
der Hoffmann will mir oft Taktteile zusammenrücken, das kann ich nicht wollen,
oft geb ich's zu, dann will's mein Gefühl wieder anders, der Hoffmann hat eine
unsägliche Geduld mit mir und meint, dies alles werd sich finden, sowie ich erst
gewohnt sei, aufzuschreiben, da werde ich der Sache schon Meister werden; wenn
er mir das sagt, das macht mich ganz traurig - ich mag nicht Meister werden, ich
will mich bemeistern lassen von diesen Musikfluten, von denen ich nicht weiss, ob
sie Wert haben können für ein ander Ohr, das schadet nicht, sie reden mit mir
und sagen mir volle Lebensakkorde, die ich erkenne als eins mich machend mit der
Natur, das ist's, was mich hindert. Es ist mir, als wolle ich in Weissagungen
pfuschen. - - Ja, es wird schwer gehen mit dem Lernen. Und doch! - ich hab den
Willen und tue das mögliche in dieser Einöde von Talentlosigkeit; - und von dem
Geist, der Leben in mir ist, da muss ich Abschied nehmen, wenn ich lernen will,
da sag ich mir, es sei nur auf Zeiten, er werde wiederkehren der Geist, und dann
fühl ich mich reif zum Abschied und sterb, wenn ich lernen will.
    Jetzt will ich Dir auch noch auf Deine letzte Frage antworten von der
gemeinen Frau, das war kurz ehe ich von Frankfurt hier herauskam, da war ich
allein von dem Bockenheimer Tor aus dem Garten, wo die Tonie wohnt,
hereingegangen in die Stadt. Da begegnete mir eine Frau, der war das Band
aufgegangen am Schuh, und sie konnte sich nicht bücken, denn sie ging mit einem
Kinde und seufzte sehr unter ihrer Last, ich liess sie ihren Fuss auf mein Knie
stellen, um das Schuhband ihr zuzubinden, dann aber führte ich sie nach ihrer
Wohnung, weil sie so sehr jammerte über Schmerzen, es war schon dämmerig, als
wir in die Stadt kamen, da begegnete mir eben auch die Frau Euler, welche unser
beider böser Dämon zu sein scheint, ich machte ihr eine tiefe Verbeugung zu
meinem Pläsier, und schleppte die Frau weiter, die fing aber an, mir bang zu
machen, denn sie seufzte so schwer und ward so blass und der Schweiss trat ihr auf
die Stirn, da kam der gute Doktor Neville, dem übergab ich die Frau, und als ich
auf den Rossmarkt kam, da begegnete mir der Moritz, der sagte: »Ach, wie blass
sehen Sie aus, es fehlt Ihnen was.« »Ich habe so grossen Hunger«, sagte ich - und
es war auch wahr, die Angst mit der Frau hatte mir Hunger gemacht, der Moritz
griff in die Tasche, die hatte er voll getrockneter Oliven, die esse ich gern,
er leerte seine Tasche in meinen Handschuh aus, den ich ausgezogen hatte, um sie
hineinzufüllen, da führt der Kuckuck die Lotte vorbei; der Moritz ging, die
Lotte kam an mich heran und fragte: »Wie kannst du nur auf offner Strasse mit dem
Moritz Hand in Hand stehen?« Das ärgerte mich, ich ging ins Stift zu Dir herein,
wo ich meine Oliven speiste und die Kerne alle in eine Reihe legte aufs
Fensterbrett, Du standst neben mir und warst ganz still versunken in die
Dämmerung, und endlich sagtest Du: »Warum bist Du heute so schweigsam?« Ich
sagte: »Ich esse meine Oliven, das beschäftigt mich, aber Du bist doch auch
stille, warum bist Du still?« - »Es gibt ein Verstummen der Seele,« sagtest Du,
»wo alles tot ist in der Brust.« - »Ist es so in Dir?« fragte ich - Du schwiegst
eine Weile, dann sagtest Du: »Es ist grade so in mir wie da draussen im Garten,
die Dämmerung liegt auf meiner Seele wie auf jenen Büschen, sie ist farblos,
aber sie erkennt sich, - aber sie ist farblos,« sagtest Du noch einmal, und dies
letzte Mal so klanglos auch, dass ich Dich im Nachtschimmer ansah, verwundert und
verschüchtert, denn ich traute mich nicht mehr zu reden, ich sann auf Worte, wie
ich mit Dir anheben sollt; ich suchte in weiten Kreisen umher, nichts schien mir
geeignet, diese Stille zu unterbrechen, die immer tiefer und tiefer sich
wurzelte und mir wie einen Schlummer durch den Kopf strömte, dem ich nicht mehr
widerstand - ich legte mich träumend auf die Fensterbank mit dem Kopf, und so,
wer weiss, wieviel Zeit verging, da kam Licht ins Zimmer, und als ich aufsah, da
standst Du über mir gebeugt und sahest auf mich, und als ich Dich fragend ansah,
da gabst Du zur Antwort: - »Ja, ich fühle oft wie eine Lücke hier in der Brust,
die kann ich nicht berühren, sie schmerzt;« ich sagte: »Kann ich sie nicht
ausfüllen, diese Lücke?« - »Auch das würde schmerzen,« sagtest Du; da reicht ich
Dir die Hand und ging, und lang verfolgte mich Dein Blick, der so still war und
so innerlich und doch nur wie über mir hinstreifte. O ich hatte Dich im
Heimgehen so lieb, ich schlang meine Arme um Dich so fest in Gedanken, ich
dacht, ich wollte Dich tragen auf meinen Armen ans End der Welt und dort Dich an
einen schönen moosreichen Platz niedersetzen, da wollt ich Dir dienen und nichts
Dich berühren lassen, was Dir wehtun könne; ja, so war's in meinem kindischen
Herzen, mit Gewalt wollt ich Dich fröhlich machen und dachte einen Augenblick,
es solle mir gelingen, aber ich weiss wohl, dass mir so was nicht gelingen kann,
und dass es nur Verwechslen ist von meinen Sinnen, die wie Kinder Fernes und
Nahes nicht unterscheiden können, die auch meinen, sie können den Mond
herablangen mit der Hand und können den Spielkamerad damit trösten, wenn er
stumm und traurig ist. - Als ich nach Hause kam, da waren alle beim Tee
versammelt, und ich war stumm, weil ich an Dich dachte, und setzte mich auf
einen Schemel am Ofen, und da ging ich tief in mein Herz hinein, wie ich doch
ein inneres Leben aus meinem Geist wecken wolle, das Dich ein bisschen berühre,
da Du mir bisher alles allein gegeben hast, und ich hab nie die Stimme in meiner
Brust können vor Dir laut werden lassen; da dacht ich, wenn ich fern von Dir
wär, da würd ich in Briefen wohl eher zu mir selber kommen, weil das
vielfältige, ja das tausendfältige Getümmel in mir mich verstummen macht, dass
ich nicht zu Wort komme vor mir selber. - Und ich erinnerte mich, dass, wie wir
einmal von den Monologen des Schleiermacher sprachen, die mir nicht gefielen, so
warst Du andrer Meinung und sagtest zu mir: »Und wenn er auch nur das einzige
Wort gesagt hätte: der Mensch solle alles Innerliche ans Tageslicht fördern, was
ihm im Geist innewohne, damit er sich selber kennenlerne, so wär Schleiermacher
ewig göttlich und der erste grösste Geist.« - Da dacht ich, wenn ich von Dir fern
wär, da würd ich in Briefen wohl Dir die ganze Tiefe meiner Natur offenbaren
können - Dir und mir; und ganz in ihrer ungestörten Wahrheit, wie ich sie
vielleicht noch nicht kenne, und wenn ich will, dass Du mich liebst, wie soll ich
das anders anfangen als mit meinem innersten Selbst, - sonst hab ich gar nichts
anders, - und von Stund an ging ich mir nach wie einem Geist, den ich Dir ins
Netz locken wollt. Am Abend hatte mir der Franz noch ein paar freundliche, aber
doch mahnende Worte darüber gesagt, dass ich mit dem Moritz auf der Strasse
gestanden hatte und geplaudert; - die Lotte hatte es der Schwägerin gesagt; -
ich antwortete ihm nicht darauf, denn verteidigen schien mir nicht passend, wie
denn das meiner Seele ohnedem nicht einverleibt ist, dass ich solche Irrtümer
aufklären möchte, und am Ende schien mir der Moritz doch wert, dass man
freundlich mit ihm Hand in Hand stehe, obschon er mir bei jener Vermahnung sehr
schwarz gemacht wurde, er begegnete mir am andern Morgen auf dem Vorplatz, und
ich sah mich um, ob niemand mich erspähen könne, und zog ihn in die Ecke, wo die
Wendeltreppe hinaufführt zu meinem Zimmer, da küsste ich ihn auf seinen Mund,
zwei-dreimal, und dass er meine Tränen auf seinem Gesicht fühlte, denn er wischte
sie mit der Hand ab, und sagte, »Was ist das? - was fehlt dir, Kind, was ist
dir?« Ich riss mich los und sprang hinauf auf die Altan hinter die Bohnen - und
war sehr schnell oben, dass er's nicht sah, er glaubte mich in meinem Zimmer und
kam herauf und klopfte an, und weil er keine Antwort bekam, so machte er leise
auf und weilte einen Augenblick im Zimmer, als er herauskam, sah er nach der
Altan, mir war recht bang, er würde mein weiss Kleid erblicken, denn das
schimmerte durch das dünne Bohnenlaub. Ich weiss nicht, ob er mich sah und mein
Verbergen achtete, aber ich glaub's, und das gefiel mir so wohl von ihm; als ich
ins Zimmer kam, fand ich auf meinem Tisch im Kabinett am Bett ein Fläschchen in
zierlichem Brasilienholz mit Rosenöl; - am Abend auf dem Ball bei seiner Mutter
sprach er nichts zu mir - wie sonst - aber er kam in meine Nähe, und weil das
Fläschchen so süss duftete hinter dem Strauss von Aschenkraut und Rosen, da
lächelte er mich an, und ich lächelte mit, aber ich fühlte, dass gleich mir die
Tränen kommen wollten, ich musste mich abwenden, er merkte es und ging zurück und
stellte sich unter die andern, er musste auch tanzen mit den Prinzessinnen und
hatte viel Geschäfte und musste eine Weile mit dem König von Preussen sprechen,
aber ich sah doch, dass er mich im Aug behielt den ganzen Abend, und selbst
während er mit dem König sprach, sah er herüber, sehr ernstaft immer, ich war
heimlich vergnügt, aber doch hätt ich jeden Augenblick weinen mögen, als wir
weggingen, flüsterte er mir ins Ohr: »Du gleichst der Sophie.« Was war das
alles, was mir durch die Seele ging? - ich weiss es nicht. Am andern Tag, wo ich
nicht wie gewöhnlich zu Dir kam, da hatte Moritz am Morgen seinen Gärtner
geschickt mit einem Wagen voll schöner seltner Blumen, die stellte er ohne mein
Wissen hinter der Bohnenwand auf - und als ich sie sah, war ich erst gar
erschrocken und verstand nicht, wie die Blumen daher gekommen waren, aber bald
verstand ich, er müsste mich doch wohl gesehen haben hinter der Bohnenwand am
vorigen Tag. - - Ach, ich war während dieser Stunden so wunderlich bewegt
gewesen: von Dir, von Kränkungen, von Mitleid, dass er verleumdet war; von seinem
feinen Wesen zu mir, und dann, dass er mir gesagt hatte so leise: »Du gleichst
der Sophie,« die ihm doch gestorben war, - dass ich nicht mehr wusste, was ich
wollte. Am Nachmittag kam Christian Schlosser, vom Neville geschickt, der der
Frau beigestanden hatte bei der Geburt von einem kleinen Mädchen, denn das war
gleich in der Stunde auf die Welt gekommen, der liess mich fragen, ob ich nicht
wolle zur armen Frau kommen, die sei sehr krank und auch das Kindchen, und ich
solle es aus der Tauf heben, der Christian Schlosser wolle mit Taufzeuge sein,
ich ging mit, da war der Pfarrer, der taufte das Kind, und die Frau war sehr
krank, wie der Pfarrer weg war, so nahm die Wartfrau das Kindchen auf den Arm
und sagte: »Es wird gleich sterben,« da war mir so bang, ich hatte niemals
jemand sterben sehen, und die kranke Frau im Bett weinte so sehr ums Kind, die
Hebamme sagte, eben stirbt's; und schüttelte es, da war's plötzlich tot. - Ach,
wie ich nach Hause kam, war ich so traurig - der Franz sagte: »Du siehst seit
einiger Zeit so blass aus, deine Gesundheit scheint mir gar nicht fest,« und als
am Abend wieder das Gespräch auf den Moritz kam, wobei er gar nicht geschont
wurde, da schrieb ich an die Grossmama, sie solle mich vom Franz zu sich begehren
nach Offenbach. Das war allen recht und mir auch, so war ich ihrer Meinung nach
dem Moritz aus dem Weg geschafft, und ich meiner Meinung nach brauchte doch
nichts Böses von ihm zu hören, denn ich will nichts Böses von ihm hören, nein,
nimmermehr will ich was Böses von ihm hören. Aber hier in Offenbach war ich
gleich wieder ruhig, und da ward mir mein Gelübde gleich wieder klar, das ich an
jenem Abend vor Deiner Tür noch aussprach, als Du so kalt warst und so traurig,
- dass ich eine Gabe Dir wollt geben von meiner Seele, dass ich mein Innerstes
wollt Dir zu Lieb zu Tage fördern, weil Du das so hochschätzest wie jener
Schleiermacher. Und da hab ich in meinem Innersten Wege geschritten und bin
dahin geraten, wo Du jetzt stockst und willst nicht weiter und fürchtest Dich,
mich anzuhören; denn ich hab's wohl gemerkt an Deinem Brief, Du fürchtest Dich
vor meinen Abwegen. O fürcht Dich nicht, ich gab Dir treulich wie's Echo, was
widerhallte aus mir. Ach! -
    Ich bin jetzt glücklich, sei Du's auch! - Schöne Träume hab ich, und das ist
ein Zeichen, dass die Götter mit mir zufrieden sind. - Im Herzen ist mir's, wenn
ich erwache am Morgen, als ob ich von Dichterlippen geküsst sei, ja merk Dir's,
von Dichterlippen. Nein, ich fürchte mich nicht mehr vor der Zukunft! - Ich
weiss, durch was ich sie mir zum Freund mache, ja ich weiss es. Ich will auch wie
die Grossmama einen Ewigkeitspreis mit meinem Leben schliessen, nicht wie Du
gesagt hast, jung sterben. Viel wissen, viel lernen, sagtest Du, und dann jung
sterben, warum sagst Du das? - Mit jedem Schritt im Leben begegnet Dir einer,
der was zu fordern hat an Dich, wie willst Du sie alle befriedigen? - Ja sage,
willst Du einen ungespeist von Dir lassen, der von Deinen Brosamen fordert? -
Nein, das willst Du nicht! - Drum lebe mit mir, ich hab jeden Tag an Dich zu
fordern. Ach! - wo sollt ich hin, wenn Du nicht mehr wärst? - Ja dann, gewiss vom
Glück wollt ich die Spur nimmer suchen. Hingehen wollt ich mich lassen, ohne zu
fragen nach mir, denn nur um Deinetwillen frag ich nach mir, und ich will alles
tun, was Du willst. - Nur um Deinetwillen leb ich - hörst Du's? - Mir ist so
bang - Du bist gross, ich weiss es - nicht Du bist's - nein so laut will ich Dich
nicht anreden - nein, Du bist's nicht, Du bist ein sanftes Kind, und weil's den
Schmerz nicht tragen kann, so verleugnet es ihn ganz und gar - das weiss ich, so
hast Du Dir gar manchen Verlust verschleiert. Aber in Deiner Nähe, in Deiner
Geistesatmosphäre deucht mir die Welt gross; Du nicht - fürchte Dich nicht, -
aber weil alles Leben so rein ist in Dir, jede Spur so einfach von Dir
aufgenommen, da muss der Geist wohl Platz gewinnen, sich auszudehnen und gross zu
werden. - Verzeih mir's heut, ein Spiegel ist vor meinen Augen, als hätte einer
den Schleier vor ihm weggezogen, und so traurig ist mir's, lauter Gewölk seh ich
im Spiegel, und klagende Winde - als müsst ich ewig weinen, weil ich an Dich denk
- ich war draus heut abend am Main, da rauschte das Schilf so wunderlich - und
weil ich in der Einsamkeit immer mit Dir allein bin, da fragte ich Dich in
meinem Geist. »Was ist das? Redet das Schilf mit Dir?« hab ich gefragt. Denn ich
will Dir's gestehen, denn ich möchte nicht so angeredet sein, so klagvoll, so
jammervoll, ich wollt's von mir wegschieben! - Ach Günderode, so traurig bin
ich, war das nicht feige von mir, dass ich die Klagen der Natur abwenden wollt
von mir, und schob's auf Dich - als hätte sie mit Dir geredet wie sie so
wehmutsvoll aufschrie im Schilf. - Ich will ja doch gern alles mit Dir teilen,
es ist mir Genuss, grosser Genuss, Deine Schmerzen auf mich zu nehmen, ich bin
stark, ich bin hart, ich spür's nicht so leicht, mir sind Tränen zu ertragen,
und dann spriesst die Hoffnung so leicht in mir auf, als könnt wieder alles
werden und besser noch, als was die Seele verlangt. - Verlass Dich auf mich! -
Wenn's Dich ergreift - als woll es Dich in den Abgrund stossen, ich werde Dich
begleiten überall hin - kein Weg ist mir zu düster - wenn Dein Aug das Licht
scheut, wenn es so traurig ist. - Ich bin gern im Dunkel, liebe Günderode - ich
bin da nicht allein, ich bin voll von Neuem, was in der Seele Tag schaffet -
grade im Dunkel, da steigt mir der lichte hellglänzende Friede auf. - O
verzweifle an mir nicht, denn ich war in meinen Briefen auf einsamen Wegen
gegangen, ja, zu sehr als such ich nur mich selbst, das wollt ich doch nicht,
ich wollte Dich suchen, ich wollt vertraut mit Dir werden, nur um mit Dir die
Lebensquellen zu trinken, die da rieseln in unserm Weg. - Ich fühl's wohl an
Deinem Brief, Du willst Dich mir entziehen - das kann ich nicht zugeben, die
Feder kann ich nicht niederlegen - ich denk, Du müssest aus der Wand springen
ganz geharnischt wie die Minerva und müsstest mir schwören, meiner Freundschaft
schwören, die nichts ist als nur in Dir - Du wollest fortan im blauen Äter
schwimmen, grosse Schritte tun, wie sie, behelmt im Sonnenlicht wie sie, und
nicht mehr im Schatten traurig weilen. Adieu, ich geh zu Bett, ich geh von Dir,
obschon ich könnt die ganze Nacht warten auf Dich, dass Du Dich mir zeigst, schön
wie Du bist und im Frieden und Freiheit atmend, wie's Deinem Geist geziemt, der
das Beste, das Schönste vermag. Eine Ruhestätte Dir auf Erden, das sei Dir meine
Brust. - Gute Nacht! - Sei mir gut - ein weniges nur. -
                                                                          Montag
Jetzt hab ich schon drei Tage an diesem Brief geschrieben, und heute will ich
ihn abschicken, ach, ich mag ihn nicht überlesen, geschrieben ist er,
wahrheitsvoll ist er auch, wenn Du die augenblickliche Stimmung der Wahrheit
würdigest, wie ich sie deren würdige und nur sie allein, obschon die Philister
sagen, sie sei die Wahrheit nicht, nur was nach reiflichem Überlegen und
wohlgeprüft vom Menschengeist sie angenommen, das sei Wahrheit. Ach diese
Stimmungen, sie bauen das Feld, und was uns zukommt, als sei die Seele mit im
Abendrot zerschmolzen, oder als löse sie sich frei vom Gewölk und tue sich auf
im weiten Äter - das bringt uns auch wie das fruchtbare Wetter Gedeihen. Ist
mir's doch, da ich meinen Brief schliessen will, als ob das schönste Leben uns
bevorstehe, wenn Du nur willst und willst so viel mich würdigen, dass Du ruhig
Deine Hand in der meinen liegen lässest, wenn ich sie fasse. - Ich war heut
morgen draus und hab mir den Aschenkranz zum Ball bestellt - wie Du's gesagt
hast - aber, gelt der Moritz hat Dir's gesagt, ich soll den Kranz aufsetzen? -
Ich kam hin zum Gärtner, er stand zwischen der Tür vom Boskett und dem
Blumengarten gelehnt, gewiss er hat auf mich gewartet, denn ich war schon zwei
Tage nicht da gewesen. Aber gestern abend, wie ich schlafen ging, da hatt ich
mir fest vorgenommen, ich wollt gewiss keinen Menschen unglücklich machen, oder
besser, ich wollt gewiss jedem geben an Glück, was ich kann. - Und mir soll's
nicht zu gering sein, und was ist ehrender, als wenn Du mit einem Blick oder
Wort wohltun kannst! - Nun hör nur mein lieb Gespräch mit dem Gärtner an. - Weil
ich kam, so sagt ich: »Ich hätt wohl eine Bitte an den Anton. (Denn ich rede ihn
nicht anders an, denn ich mag ihn nicht Er nennen.) Ich geh auf den Ball heut
und da möcht ich einen Kranz, und weil ich gar nicht vergnügt bin, dass ich zum
Tanz soll gehen, so wollt ich einen traurigen Kranz gern haben von Aschenkraut,
und keine Blumen wollt ich gar nicht. Ist wohl so viel Aschenkraut da, dass wir
einen Kranz können machen, ohne die Büsche zu verderben?« - Da ging er voran und
brach mir eins nach dem andern, und ich band's am Draht fest. Er hatte mir doch
noch kein Wort gesagt und legte mir die Sprossen nacheinander auf den Schoss, ich
sass auf der Blumenbank am Treibhaus, er rückte die Blumen über mir und um mich
her zusammen, während ich meinen Kranz flocht, und holte noch mehrere aus dem
Treibhaus, dass ich wohl merkt, ich war ganz eingerahmt, und da war eine grosse
purpurrote Passionsblume, die hing herab an meiner Seite, er schnitt sie ab und
legte sie schweigend an das Geflecht, ich band sie auch schweigend mit ein, ich
probierte ihn auf, er war weit genug, er nahm ihn mir aus der Hand, streifte
sich den Ärmel auf, mass am Arm die Länge vom Kranz und band ihn selber fest,
schnitt die überflüssigen Stiele und Blätter ab, und gab ihn mir. Das alles war
schweigend geschehen. »Es ist heut so schönes Wetter,« sagte ich - »find ich
Euch morgen im Garten - wenn ich früh komme?« - »Oh, das werden Sie wohl
verschlafen, weil Sie die Nacht durch tanzen.« »O nein, um halber zwölf fahr ich
schon wieder zurück, und Ihr könnt mich heimfahren hören, an Eurer Wohnung
vorbei - ich fahr im Kabriolett, nur mit einem Pferd hier vorbei, da könnt Ihr
hören, ob ich Euch nicht Wort halt, da! Ich geb Euch meine Hand drauf.« - Er
ward rot, der Gärtner, als ich ihm die Hand reichte und's Schnupftuch fallen
liess, das er mit der andern Hand auffing und mir reichte, ich sah es an, nahm's
ihm aber nicht ab. - Ich sagte: »Der Kranz ist unbezahlbar, Ihr habt ihn aus der
Mitte von jedem Busch geschnitten - wie werd ich's Euch lohnen, ich werd ihn
Euch wiedergeben müssen!« - »Ja,« sagt er plötzlich, - »der Kranz gehört mein.«
»Nun,« sagt ich, »verlasst Euch drauf, ich bring ihn wieder.«
    Gestern, um halb acht Uhr fuhr ich mit der Tonie auf den Ball, auf dem Weg
nach dem Forstaus waren die Leute vom Moritz mit Fackeln zu Pferd und
begleiteten die Wagen, von weitem war's ergötzlich, all die Fackeln galoppierend
durch den hochstämmigen Weg im Wald. Das Wäldchen war mit bunten Lampen
erleuchtet. Ach, wie schön war's! - Und dazu lächelten die unendlichen Sterne! -
Der Moritz empfing uns, - ich sagte: »Ach, wie schön ist's hier!« - »Ja? -
gefällt dir's? - Du bist auch schön!« - und so ging er wieder. - Ach ich war so
vergnügt - ich musste lächeln mit mir, - es weckte mich aus dem Traum, als ich
tanzen musste, und der Traum war so schmeichelig selbstvergessen - mitten im
Getümmel ein Wonnegrab, da kamen die Grabesschauer mir nachgeflogen und weckten
Gedankenseelen in der Brust begraben, die gaukelten über mir im Blauen, und der
Tag heut spiegelt die Nacht und die Nacht wieder den Tag, die ist so
helleglänzend, dass die Sterne erblassen und der Tag so schattig kühl, dass die
Sonne nichts vermag. -
    Beim Nachtessen kam der Moritz, wir sassen an kleinen Tischen, ich am
allerletzten mit der Pauline Chameau und Willig. Der Moritz setzte sich neben
mich, er fragte: »Wer hat heut Ihre Toilette besorgt, so einfach, so originell!
- Die blaue Schärpe! - Was bedeuten die blauen Bänder? - und der graue Kranz! -
Wer hat den aschgrauen Kranz besorgt?« - Ich sagte: »Der Widerhall.« - »Gris de
cendre, joyeux et tendre, so muss denn der Widerhall freudiger Zärtlichkeit an
Ihr Ohr geschlagen haben?« - Er ging. - So ein Liebesgespräch, mitten an offner
Tafel, von keinem verstanden, nur von mir, so leicht - so luftig - wie nimmst
Du's? - Ist's nicht Blütenstaub, vom lauen Westwind Dir ins Gesicht geweht? -
Ja, alles müssen wir der Natur vergleichen, was voll heiteren Entzückens uns
durchdringt, nichts anders kann's aussprechen noch wiedergeben im Bild. Will ich
mir von jenen Worten die Regung im Herzen lebhaft wieder in die Sinne rufen, so
muss ich doch an Blütenbäume denken, die ihre Geschenke dem Morgenwind auf die
Flügel laden für mich, und dann schauert's mich so frühlingsmässig, wenn ich das
denke. - Als wir alle wegfuhren, die Schwägerinnen im Stadtwagen zuerst, und ich
ins hohe luftige Gig vom George, da liess der Moritz seinen Mantel holen, mir auf
die Füsse zu werfen, weil's kühl sei, er fragte, ob ich froh gewesen sei? - »Ja!«
sagte ich, »alles war schön und stimmte ineinander, der Rasenteppich und die
bunten Lichter und die Sterne am Himmel, rauschende Bäume und die Musik der
Geigen und Flöten, und auch die der süssen Reden.« - Er drückte mich an sich und
sagte: »Du warst die Königin vom Fest, Dir hab ich die Lichter angezündet und
die Flöten rufen lassen, es schmeichelt mir unendlich, dass du Gefallen hattest
dran, und schenk mir was zum Lohn und zur Erinnerung der schönen Nacht.« - »Ich
hab nichts, was soll ich Ihnen geben?« - »Der Kranz steht Dir zu gut, den will
ich nicht, gib mir die blaue Schärpe, ich will sie heut nacht um den Hals
schlingen.« Ich gab sie ihm, - er hob mich ins Gig, warf mir seinen Mantel über,
vier Reiter jagten mit Fackeln voran durch den Wald. Wie war's mir doch? ein
Zauber - so schnell die Schatten der Bäume - im Flammenschein verschwindend -
und wieder da gleich, im stillen Nachtimmel; ich freute mich - es dauerte so
eine Weile, dass die Sterne mit den Fackeln um die Wette mich auffingen, und als
wir vor den Wald kamen, da war der Mond aufgegangen, da waren die Reiter ebenso
schnell wieder in den Wald zurück und jagten wie die Pfeile, ich sah ihnen nach,
mein Blick war ganz trunken vom Flammenwind, der da durchbrauste. Schreib dir's
ins Herz, sagt ich mir heimlich, das ist dein Leben, wie ein fliegender
Feuerdrache ist dein Geist, er leuchtet die heilige Natur an, ihre dunklen
Räume; mit heisser, durstiger Zunge leckt er an ihr hinauf, aber er versehrt sie
nicht - der Drache ist nicht wild und giftig, nein! zahm und sanft auch; er
schwingt sich in zärtlicher Unruh im Kreis und strömt seine Feuer in sanften
Laven in die Bäche am Weg, und sein glühender Atem erlischt in den Nachtnebeln.
Ja, der Drache ist zärtlich und liebend auch, nicht giftig und tötend, nur will
ihn keiner verstehn, und alle fürchten sich vor ihm, aber nicht Du, meine
Günderode, Du scheust den Drachen nicht, Du kosest ihm und legst seinen
Flammenrachen zärtlich in Deinen Schoss. - Jetzt war ich aufgewacht aus meinen
Träumen, ich nahm dem Reitknecht an meiner Seite die Zügel und jagte durch die
breite Ebne, ganz im Mondlicht schwimmend. - Ach, wie lustig! - Allerlei
Glücksempfindung! - Mit Dir hab ich den Pindar gelesen, Du hast auf Deinen
Lippen die Begeistrung aufgefangen und mir auf die Seele geträufelt. Wenn der
Sänger mit sausenden Schwingen dahinflog, an uns vorüber! - Weisst Du's noch? -
»Dahin raste der heissbrausende Hymnensturm Latonens Sohn zum Preis!« - Weisst
Du's, Günderode, noch? - Das Licht war ausgebrannt, Du lagst auf dem Bett, die
Seele voll Klang, und wiederholtest die Verse in fester prägenden Rhytmen, wo
ich das Versmass sinken liess, und bei der Nachtlampe las ich weiter:
Hört mich, ihr Söhne stolzer Helden und der Götter! -
Denn ich verkünde diesem meergepeitschten Land,
Einst werde Epaphus' Tochter eine Städtewurzel pflanzen
Auf des Hammoniers Boden, den Sterblichen zur Wonne,
Die kurzbefiederten Delphine vertauschen alsdann
Mit schnellen Rossen werden sie, die Ruder mit Zügeln, -
Und fahren auf sturmfüssigen Wagen dahin.
Ich nahm diese letzten Zeilen zwischen die Lippen von Zeit zu Zeit und stiess sie
im Gesang hinausrufend in die weit schlafende einsame Weite, und der Mond eilte
mit hinter leichtem Gewölk hervor. »Hörst du auch wieder die alten Hymnen,
Latone, deinen Söhnen gesungen?« rief ich, - und so füllten sich allmählich
meine Sinne und rauschten auf, als seien sie von einem Harfenrührer erschüttert
mit goldnem Plektron und jugendbrausendem Mut. - Glückliche Nacht, wo die
Gedanken wie Blüten im Südwind sich auftun fröhlicher Hoffnung voll - und ein
Gefühl heitern Geschickes wie glänzende Strahlen aus den feurigen Blitzen sich
ergiesst, die der Drache in die kühlen Mondlüfte spie!
    So kamen wir nach Offenbach, ich wendete links ab, statt in die Domstrasse zu
fahren, der Reitknecht wollt mir in die Zügel greifen, weil ich den Weg
verfehle, ich wehrte ihm, und so fuhr ich rasch am Boskett vorüber, wo die
Pappeln so anmutig sich neigten, so schüchtern rauschten, als wollten sie mich
grüssen. Ich lenkte in den engen Weg nach des Gärtners Haus, ich hatte gesagt, um
halb zwölf Uhr, es war drei Uhr in der Nacht, der Tag war im Aufwachen, der
Gärtner stand vor seiner Tür und nahm die Mütze ab, als er mich kommen hörte.
»Guten Morgen,« sagte ich, »heut werd ich nicht in den Garten kommen, ich will
ausschlafen, da ist Euer Kranz,« und lenkte wieder um voll Vergnügen, dass ich's
durchgeführt hatt mit dem Kranz, denn ich war unterwegs voll Zweifel, ob ich's
tun solle oder nicht. - »Dem Moritz den Gürtel, dem Gärtner den Kranz,« sagte
ich mir immer; aber eine innere Stimme sagte mir, warum soll der Gärtner den
Kranz entbehren, er gehört doch sein, und er war ihm früher versprochen, und
dann fühlt ich, wie weh es ihm tun werde, wenn ich mein Versprechen nicht halten
würde, und wie das ohne Lüge nicht abgehen könne, ich müsse ihm sagen, der Kranz
sei verloren oder zerrissen, und das wär eine doppelte Unachtsamkeit und müsse
ihn doppelt verletzen, nein, ich musst ihn ihm geben. Meine Seele war ordentlich
leicht, als er hingeworfen war und er ihn mit der Hand auffing, er errötete so
freundlich, grad mit der Morgenröte! - die aufstieg. - Dem Moritz den Gürtel,
ihm den Kranz! Ja beiden gehört's. - Denn beide sind freundlich gesandt vom
Dichtergenius, der in der lautlosen Stille, wenn's, von Menschen nicht gewusst
oder nicht bedacht, mir durchs Labyrint der Brust schweifet in der Nacht. -
    Zu Haus im Bett wie war mir's da? - Letzt sah ich dem Franz sein Kindchen an
der Amme trinken, da musste es so schnell schlucken, es konnt nicht eifrig genug
trinken, so strömte ihm die Milch zu. Grad so war mir's im Herzen, ich schluckte
süsse Milch, alle süsse Erinnerung strömte, so wie meine Gedanken nur einen
Augenblick wollten an ihr saugen, und wie's Kindchen sich von einer Brust zur
andern wendet, weil sie zu voll strömen, bis es vor Ermüdung des Saugens
einschläft, so wendete ich mich von einer Seite zur andern und schlief auch
endlich vor Ermüdung des Geniessens ein. - So hab ich geschlafen bis Mittag, da
brachten sie mir einen Strauss, der war mir aus dem Boskett geschickt worden. -
Hör nur, was das für ein Strauss war, und wie witzig der Gärtner ist; und wie
gebunden, und was das bedeuten mag, - in der Mitte eine Moosrosenknospe, da
herum Vergissmeinnicht und Heidekraut, die einen Kranz bilden, dann rund herum
höher herauf Wacholderzweige und Nesseln, die schirmt wieder allerlei Dornwerk
und Laub, was höher steigt, so zierlich gebunden wie ein Kelch, in dessen
tiefster Mitte die Moosrose glüht. Das lese ich so: Die Moosrose ist mein
Geschenk, der Kranz; das Heidekraut, was die Rose schirmt, das ist der
bescheidne Gärtner, eine Blume, wie sie unzählig sich auf dem Feld ausbreitet,
die Vergissmeinnicht, das ist das ewige Andenken; er wird's nimmer vergessen, dass
ich ihm den Kranz geschenkt hab, der Wacholder ist der schlichte Weihrauch, den
er meiner Gabe als Opferrauch duftet, die Nesseln bedeuten, dass es ihm im Herzen
brennt und schmerzt, das Dornwerk und das Laub, was rundum in Kelchform
aufsteigt, die Rose zu verbergen, die sagen, dass es in seinem Herzen soll geheim
bleiben, und dass er es im Herzenskelch vor aller Augen still bewahren wolle. -
Der St. Clair ist wieder zurück, hat mir die Tonie gesagt. War er bei Dir? - Was
hat er vom Hölderlin erzählt? -
 
                                 An die Bettine
Der St. Clair war bei mir, er kam von Mainz, heut erst geht er nach Homburg,
bleibt acht Tage oder länger dort, wenn er zurückkommt, das wird am Sonntag
sein, will er nach Offenbach kommen, er glaubt, Du werdest dann am Morgen wohl
ein paarmal mit ihm im Garten auf und ab gehen, da will er Dir vom Hölderlin
alles erzählen.
    Am Mittwoch reise ich auf drei Wochen zur Nees auf ihr Gut bei Würzburg; von
dort will ich Dir deutlicher schreiben, hier im Augenblick von kleinen
Reiseangelegenheiten gestört, kann ich nicht, wie ich wohl möchte, antworten auf
Deine Liebe, der ich eben auch vertrau wie dem untadeligen Grund Deiner Seele.
Schon fühl ich mich bewogen, Deine Empfindungen, Dein Tun ohne Einwurf gelten zu
lassen, tue, wie Dir's der Geist eingibt, weil es das beste und einzige ist, wo
keines Menschen Rat auslangt; und auch weil Du so nur den unberufnen
Vorkehrungen und Ratgebern kannst ausweichen; das ist, was hier zu befahren ist;
- nicht Dein kühner Sinn; Dein sicher abwägendes Gefühl haben wir nicht zu
befahren, aber das Messen mit dem Massstab, der nirgendwie mit Dir
zusammenstimmt. Ich selber weiss oft nicht, mit welchem Winde ich steuern soll,
und überlasse mich allen. Hab Geduld mit mir, da Du mich kennst, und denke, dass
es nicht eine einzelne Stimme ist, der ich zu widersprechen habe, aber eine
allgemeine, die wie die lernäische Schlange immer neue Köpfe erzeugt. Was Du
sagst und treibst und schreibst, geht mir aus der Seele oder in die Seele; ich
fühle zu nichts Neigung, was die Welt behauptet; und mustere ich gelassen ihre
Forderungen, ihre Gesetze und Zwecke, so kommen sie allesamt mir so verkehrt vor
wie Dir, - aber Deine absurdesten Demonstrationen, wie sie Deine Gegner nennen,
habe ich noch nie in Zweifel gezogen, ich hab Dich verstanden wie meinen eignen
Glauben, ich hab Dich geahnt und begriffen zugleich, und doch muss ich in die
Sünde verfallen, Dich zu verleugnen; es ist mir nicht gleichgültig, dass ich
diese Schwäche habe, kannst Du sie mir ausrotten helfen, so bin ich willig zur
Busse. Das sei Dir genug zum Fühlen wie die Vorwürfe, die Du Dir um mich machst,
mich nur drücken können. Das Produkt jener Stunde, wo Deine Liebe dieser
gewaltsamen Stimmung in mir so streng entgegentrat, leg ich Dir hier bei. -
Dichten in jedem Herzensdrang hat mich immer neu erfrischt, ich war nicht länger
gedrückt, wenn ich mein Verstummen konnt erklingen lassen.
                            Des Wandrers Niederfahrt
                                    Wandrer
Dies ist, hat mich der Meister nicht betrogen,
Des Westes Meer, in dem der Nachtwind braust.
Dies ist der Untergang, von Gold umzogen,
Und dies die Grotte, wo mein Führer haust. -
Bist du es nicht, den Tag und Nacht geboren,
Des Scheitel freundlich Abendröte küsst!
In dem sein Leben Helios verloren
Und dessen Gürtel schon die Nacht umfliesst?
Herold der Nacht! Bist du's, der zu ihr führet,
Der Sohn, den sie dem Sonnengott gebieret?
                                     Führer
Ja, du bist an dessen Grotte,
Der dem starken Sonnengotte
In die Zügel fiel.
Der die Rosse westwärts lenket,
Dass sich hin der Wagen senket,
An des Tages Ziel.
Und es sendet mir noch Blicke
Liebevoll der Gott zurücke,
Scheidend küsst er mich;
Und ich seh es, weine Tränen,
Und ein süsses stilles Sehnen
Färbet bleicher mich;
Bleicher, bis mich hat umschlungen,
Sie, aus der ich halb entsprungen,
Die verhüllte Nacht.
In ihre Tiefen führt mich ein Verlangen,
Mein Auge schauet noch der Sonne Pracht,
Doch tief im Tale hat sie mich umfangen,
Den Dämmerschein verschlingt schon Mitternacht.
                                    Wandrer
O führe mich! Du kennest wohl die Pfade
Ins alte Reich der dunklen Mitternacht;
Hinab will ich ans finstere Gestade,
Wo nie der Morgen, nie der Mittag lacht.
Entsagen will ich jenem Tagesschimmer,
Der ungern nur der Erde sich vermählt,
Geblendet hat mich trügrisch nur der Flimmer,
Der Ird'sches nie zur Heimat sich erwählt.
Vergebens wollt den Flüchtigen ich fassen,
Er kann doch nie vom steten Wandel lassen,
Drum führe mich zum Kreis der stillen Mächte,
In deren tiefem Schoss das Chaos schlief,
Eh, aus dem Dunkel ew'ger Mitternächte,
Der Lichtgeist es herauf zum Leben rief.
Dort, wo der Erde Schoss noch unbezwungen
In dunkle Schleier züchtig sich verhüllt,
Wo er, vom frechen Lichte nicht durchdrungen,
Noch nicht erzeugt dies schwankende Gebild,
Der Dinge Ordnung, dies Geschlecht der Erde,
Dem Schmerz und Irrsal ewig bleibt Gefährte.
                                     Führer
Willst du die Götter befragen,
Die des Erdballs Stützen tragen,
Lieben der Erde Geschlecht.
Die in seliger Eintracht wohnen,
Ungeblendet von irdischen Sonnen,
Ewig streng und gerecht;
So komm, eh mein Leben ganz verhauchet,
Eh mich die Nacht in ihre Schatten tauchet.
Horch! Es heulen laut die Winde,
Und es engt sich das Gewinde
Meines Wegs durch Klüfte hin.
Die verschloss'nen Ströme brausen
Und ich seh mit kaltem Grausen,
Dass ich ohne Führer bin.
Ich sah ihn blässer, immer blässer werden,
Und es begrub die Nacht mir den Gefährten.
In Wasserfluten hör ich Feuer zischen,
Seh, wie sich brausend Elemente mischen,
Wie, was die Ordnung trennet, sich vereint.
Ich seh, wie Ost und West sich hier umfangen,
Der laue Süd spielt um Boreas' Wangen,
Das Feindliche umarmet seinen Feind
Und reisst ihn fort in seinen starken Armen:
Das Kalte muss in Feuersglut erwarmen.
Tiefer führen noch die Pfade
Mich hinab, zu dem Gestade,
Wo die Ruhe wohnt,
Wo des Lebens Farben bleichen,
Wo die Elemente schweigen
Und der Friede tront.
                                   Erdgeister
Wer hiess herab dich in die Tiefe steigen
Und unterbrechen unser ewig Schweigen?
                                    Wandrer
Der rege Trieb: die Wahrheit zu ergründen!
                                   Erdgeister
So wolltest in der Nacht das Licht du finden?
                                    Wandrer
Nicht jenes Licht, das auf der Erde gastet
Und trügerisch dem Forscher nur entflieht,
Nein, jenes Ursein, das hier unten rastet
Und rein nur in der Lebensquelle glüht.
Die unvermischten Schätze wollt ich heben,
Die nicht der Schein der Oberwelt berührt,
Die Urkraft, die, der Perle gleich, vom Leben
Des Daseins Meer in seinen Tiefen führt.
Das Leben in dem Schoss des Lebens schauen,
Wie es sich kindlich an die Mutter schlingt,
In ihrer Werkstatt die Natur erschauen,
Sehn, wie die Schöpfung ihr am Busen liegt.
                                   Erdgeister
So wiss'! Es ruht die ew'ge Lebensfülle
Gebunden hier noch in des Schlafes Hülle
Und lebt und regt sich kaum,
Sie hat nicht Lippen, um sich auszusprechen,
Noch kann sie nicht des Schweigens Siegel brechen,
Ihr Dasein ist noch Traum -
Und wir, wir sorgen, dass noch Schlaf sie decke,
Dass sie nicht wache, eh die Zeit sie wecke.
                                    Wandrer
O ihr, die in der Erde waltet,
Der Dinge Tiefe habt gestaltet,
Entüllt, entüllt euch mir!
                                   Erdgeister
Opfer nicht und Zauberworte
Dringen durch der Erde Pforte,
Erhörung ist nicht hier.
Das Ungeborne ruhet hier verhüllet
Geheimnisvoll, bis seine Zeit erfüllet.
                                    Wandrer
So nehmt mich auf, geheimnisvolle Mächte,
O wieget mich in tiefem Schlummer ein.
Verhüllet mich in eure Mitternächte,
Ich trete freudig aus des Lebens Reihn.
Lasst wieder mich zum Mutterschosse sinken,
Vergessenheit und neues Dasein trinken.
                                   Erdgeister
Umsonst! An dir ist unsre Macht verloren,
Zu spät! Du bist dem Tage schon geboren;
Geschieden aus dem Lebenselement.
Dem Werden können wir und nicht dem Sein gebieten,
Und du bist schon vom Mutterschoss geschieden
Durch dein Bewusstsein schon vom Traum getrennt.
Doch schau hinab, in deiner Seele Gründen,
Was du hier suchest, wirst du dorten finden,
Des Weltalls seh'nder Spiegel bist du nur.
Auch dort sind Mitternächte, die einst tagen,
Auch dort sind Kräfte, die vom Schlaf erwachen,
Auch dort ist eine Werkstatt der Natur.
Der Tonie hat Clemens geschrieben, er komme in wenig Tagen - er hofft, mich hier
zu finden, ich kann's nicht ändern, dass ich fortgehe, grade wie er kommt, es tut
mir leid, wie gern ich ihn gesprochen hätte, - Du, sag's ihm doch, in drei
Wochen bin ich zurück, bitte ihn, dass er so lange bleibe, ich werde gewiss um
keinen Tag zögern, es liegt mir daran, ihn zu sehen, das einliegende Blatt gib
ihm, er hat's von mir verlangt, es ist ein Gedicht, was ich schon früher gemacht
habe. Clemens wird zu Dir hinauskommen, ich glaube, Du tust wohl, noch so lang
in Offenbach zu bleiben, bis ich wieder zurück bin, Du bist vergnügt dort, und
niemand legt Dir was in den Weg, hier würden Sitten- und Splitterrichter Dich
verdriesslich machen, Clemens würde dabei manche Frage an Dich tun, die Dir
unlieb sein dürfte, und mir ist's unangenehm, wenn er Dich ins Gebet nimmt.
    Du schreibst mir doch! - Schicke Deine Briefe ins Stift, dort ist am Samstag
und den Donnerstag drauf Gelegenheit, etwas an mich zu schicken. - Ich wäre gern
noch hinausgekommen, glaubst Du, dass George mich im Kabriolett hinausfahren
liesse? - Wolltest Du wohl bei ihm drum fragen? -
    Was Dir die Grossmama aus ihrem Leben erzählt, das merk Dir doch alles,
wenn's auch nur mit wenig Zeilen ist, später ist es einem gar interessant. Adieu
und bleib mir gut, ich will Dir's abzuverdienen suchen.
                                                                        Karoline
Ist alles stumm und leer,
Nichts macht mir Freude mehr,
Düfte, sie düften nicht,
Lüfte, sie lüften nicht,
Mein Herz so schwer!
Ist alles öd und hin,
Bange mein Geist und Sinn,
Wollte, nicht weiss ich was
Jagt mich ohn Unterlass,
Wüsst ich, wohin? -
Ein Bild von Meisterhand
Hat mir den Sinn gebannt,
Seit ich das Holde sah,
Ist's fern und ewig nah,
Mir anverwandt. -
Ein Klang im Herzen ruht
Der noch erfüllt den Mut,
Wie Flötenhauch ein Wort,
Tönet noch leise fort,
Stillt Tränenflut.
Frühlinges Blumen treu,
Kommen zurück aufs neu,
Nicht so der Liebe Glück.
Ach, es kommt nicht zurück,
Schön, doch nicht treu.
Kann Lieb so unlieb sein,
Von mir so fern, was mein? -
Kann Lust so schmerzlich sein,
Untreu so herzlich sein? -
O Wonn, o Pein.
Phönix der Lieblichkeit,
Dich trägt dein Fittich weit
Hin zu der Sonne Strahl -
Ach, was ist dir zumal
Mein einsam Leid?
 
                                An die Günderode
Warum Du aufs Landgut grade gehst, wie wir im besten Verkehr sind, das begreif
ich nicht, es war schon als hätt ich Wurzel gefasst in diesem schönen Briefleben,
wie die Erdbeeren beim Erröten fühlt ich einen aromatischen Duft in mir, wenn
ich mich heiss geschrieben hatte, Du bist immer unterwegs, ich begreif nicht, wo
Du Zeit hernimmst zu allem! - Dies schöne Gedicht! - Wann hast Du's geschrieben?
- Es dreht sich im Tanz und spielt sich selbst dazu auf - so leicht, als ob
sich's so nur aus Deiner Brust atme ohne Anstoss. - Dein Gedicht, was Du in der
klanglosen Stunde geschrieben, ist doch klangreich, es schöpft die Töne aus der
Brust und stimmt sie zu Melodien. - Doch weile ich lieber bei dem ersteren, denn
das hast Du doch später gemacht, nicht wahr? Und fühlst auch wie ich, dass die
Schmerzen im Geist immer mit auf die Pein der Langeweile gegründet sind. - Denn
nehm's, wie Du willst; bräche das Leben sich mit einmal eine neue Bahn und wär
sie auch noch so uneben und holprig, die Verzweiflung hätt ein Ende. Denn alles
Schmerzgefühl, alle Sehnsucht kommt doch nur daher, weil die grade Bahn des
Lebens gehemmt ist. - Besinn Dich doch auf unsere Reiseabenteuer, die wir den
Winter miteinander durchmachten, keiner von uns hatte eine trübe Minute den
ganzen Winter nicht, Deine Sehnsucht ins Innere von Asien hinein brachte uns
immer unter die wilden Tiere, Tiger und Löwen und Elefanten haben uns
Schabernack gespielt. Was haben wir für Sonnenhitz ausgestanden mitten im Eis;
erst später merkte ich, wie sehr wir uns in dies Leben vertieft hatten, da alle
Leute diesen Winter als einen der kältesten durchgehustet haben. Weisst Du, am
Neujahrstag kam ich zu Dir! Alle Räder pfiffen an den vielen Staatswagen, die
gepuderten Kutscher mit den rotgefrornen Gesichtern! - Da kam ich zu Dir in die
Stube herein und sagte: Gott, es ist so heiss hier in Asien, dass wir nur so
hinschmachten, und drauss vor der Tür in Frankfurt, da hängen dem Kutscher die
Eiszapfen am Knebelbart. - Was haben wir gelacht, Günderode; - und haben unter
Zimmetbäumen eine Tasse Schokolade getrunken, die wir in Deinem Öfchen kochten
mit wohlriechendem Sandelholz; und da kam ein Salamander ins Feuer und färbte
sich da in allerlei Farben und warf die Schokoladenkanne um, und wir melkten die
weisse Elefantin, die ihr Junges in unserer Nähe säugte, und machten
Elefantenbutter, ich wollt als immer Löwenbutter machen, das littest Du nicht,
denn Du warst sehr vorsichtig, Du meintest, es sei zuviel Gefahr dabei, die
Löwin könne mir einmal wild werden über dem Melken. - Und die Erlebnisse am
Ganges und Indus. Die schönen Knaben, die uns da begegneten, wo wir uns
versteckten und sahen sie vorübergehen und sich waschen in den heiligen Fluten
und Gebete tun, da sagtest Du, es müssen wohl Tempelknaben sein, wir müssen nach
dem Tempel hier in der Gegend suchen. Da führte eine Allee von grossen Tulipanen
hin, die hab ich entdeckt, wir brachten stundenlang hin mit der Bewundrung der
Blumen, und da waren Goldfruchtbäume und Trauben und Melonen, alles das wuchs in
schönster Fülle rund um die Säulen der Tempel, zu denen wir fremde Völkerstämme
hinwallen sahen, da sagtest Du einen Hymnus her, den hätten sie gesungen beim
Sonnenaufgang: Äterwüste! - So fing Dein Hymnus an, und ich machte eine Melodie
drauf, die liessest Du Dir vorsingen zur Ziter von mir, - und Du hörtest zu, so
still, als wär es indischer Tempelgesang; abends im Mondschein, das war unsre
beste Zeit, wo wir phantasierten und hielten uns einander bei den Händen, wenn
wir die Berge hinanstiegen, und ruhten unter Dattelbäumen aus, Du machtest immer
die Reiseroute, weil Du die Kenntnisse des Landes hattest, und da stiegen wir
auf einen Berg, der hiess Bogdo, von da aus, sagtest Du, könne man alle
Gebirgsketten übersehen, da eilte ich mich voranzukommen, um zuerst oben zu
sein, und da schrie ich Dir entgegen, ich sähe das rote Korallenmeer mit der
Todespforte. Da hatte ich mich aber geirrt, denn Du bewiesest mir, dass man es
von da aus nicht sehen könne, da es an der Grenze von Afrika liege, und der
Bogdo liege in der Mitte von Hochasien. - Wir waren doch so glücklich, wie
schwärmte mein Kopf von brennenden Farben der Blütenwelt, wie waren wir entzückt
vom Duft, der uns umwallte! - Das dauerte den ganzen Winter, und kein Mensch
wusste, dass wir in einer südlichen Welt lebten, wir gingen grade in den Gärten
von Damaskus spazieren, ganz entzückt von dem Blumenparadies und trunken von
ihrem Duft, da kam der alte Herr von Hohenfeld und brachte Dir das erste
Veilchen, was er auf seinem Spaziergang im Stadtgraben gefunden hatte. Ach, da
verliessen wir Damaskus und liessen uns von Hohenfeld hinausführen, wo er das
Veilchen gefunden hatte, und suchten noch mehrere; und von da an war der Zauber
aufgehoben, und wir lachten recht, dass uns das Veilchen so schnell aus Asien
herübergezaubert hatte nach Frankfurt auf die alten Festungswälle, denn wir
gingen von nun an in den schönen Frühlingstagen jeden Mittag hinaus - und
machten uns Kränze, die standen Dir so schön, so war die geringste Wirklichkeit
schon wieder ein Paradies für uns. Sieben Spaziergänge haben wir so gemacht,
Günderode, ich hab mir sie gezählt, sie kamen mir wie das Köstlichste im Leben
vor. Du sassest immer unter der grossen Eiche und bedauertest Deinen arabischen
Renner, dass Du den nicht mit aus Asien herübergebracht hattest; während ich am
Abhang niederkletterte, wo Du immer Furcht hattest, dass ich hinunterfalle; am
Neujahrstag war ich wirklich da hinuntergekollert, ich war mit George da
spazierengegangen, es war Glatteis, ich glitt aus und er den Augenblick, ohne
sich zu besinnen, mir nach, da fasste er mich und hielt sich mit der andern Hand
an einer Wurzel fest. Er war ganz blass und wankte, denn er konnte schwer das
Gleichgewicht halten. Oben sagte er: »Jetzt wären wir beide zerschmettert, hätte
Gott mir nicht beigestanden, denn ich hätte mich Dir nachgestürzt.« - Ich war
bis dahin gar nicht erschrocken gewesen, denn ich bin so faselig und merk nie
Gefahr. - Aber das erschütterte mich, dass des Bruders Leben an dem meinen hing
wie an einem Haar, und dass es Gott nicht reissen liess. - Wie Geschwister doch
aneinanderhängen wie Glieder eines Leibes, eins stürzt dem andern nach in den
Abgrund; eins rettet das andere. Möge ich's doch nie vergessen, dass Vater und
Mutter mir den Bruder geschenkt haben. -
    Was wollt ich Dir doch sagen! - Ja, dass damals mir zuerst der Gedanke kam,
wie das Leben nur als Notbehelf vernutzt werde. Ich dachte, dass wir Gedanken
haben, so rasch, und dass die Zeit hinten nachkommt und mag nichts erfüllen, und
dass die Melancholie allein aus dieser Quelle des Lebensdranges fliesst, der sich
nirgend ergiessen kann. - Die Welt muss voll dessen sein, was unser Leben
entwickelt, kämen die Taten und überflügelten unsere Sehnsucht, dass wir nicht
immer ans Herz schlagen müssten über den trägen Lebensgang, - nicht wahr, Du
fühlst es auch - das wär die wahre Gesundheit, und wir würden dann scheiden
lernen von dem, was wir lieben, und würden lernen die Welt bauen, und das würde
die Tiefen der Seele beglücken. So müsste es sein, denn es ist viel Arbeit in der
Welt, mir zum wenigsten deucht nichts am rechten Platz. - Und was ich niemand
sage wie nur Dir, ich mein immer, ich müsse die ganze Welt umwenden, ja, ich
sage Dir, es liegt mir so nah, dass ich oft in Träumen mich nach dem Szepter
umsehe, wo Gott den für mich hingelegt hat, und würde gewiss die Verwirrung
lichten. Nur ein einzig Ding, am rechten Ende angefasst, zieht eine Menge andere
nach sich, die von selbst dann ins rechte Geschick kommen würden. Die Menschen
lernen dann allmählich auch das Rechte denken, wenn sie erst eine Weile das
Rechte haben tun müssen. Denn ich sage nur immer so: konnten sie so fest in der
Unnatur sich einwurzeln, wieviel fester und kräftiger dann im Boden, der ihre
höhere Natur erzieht? Sollt ich irren? - Menschengeist horcht auf Göttergebot in
der eignen Stimme; horcht auf jene heilige Urphilosophie, die ohne Lehre als
Offenbarung jedem sich gibt, der mit reinem Willen zur Wahrheit betet. - Das
hast Du selber gesagt, es sind Deine eignen Worte. Wie oft hab ich doch einsam
um Wahrheit gefleht! - Und wie unermesslich ist doch Vollendung über die Sterne
hinauf, - und die Zeit darf nicht mehr sein, da, wo wir sie gegenwärtig fühlen.
- O bessere Tage, wo seid ihr? O kommt uns entgegen, lasst nicht immer nur harren
auf euch, dass nicht auch wir nur wie Schattenbilder an euch vorübergehen. Lasset
euch dienen, ihr Tage, die ihr den Geist der Liebe sollt hinüberschiffen; still
und heimlich euch landen helfen und den Genius aufnehmen, lehren die Menschen,
dass sie ihn nimmer verschmähen, der in allem allein nur darf gelten! - So red
ich das Morgenlicht an, das mich weckt, und denke dabei Deiner und meiner. - Was
sind Freundschaftsbande? - Was ist Zusammenleben und Austausch der Gedanken,
wenn der dritte nicht niedersteigt, der Göttliche - der herab sich lässt, um das
Leben genesen zu machen? - Ach - so deutlich steht es geschrieben in meiner
Brust! - Gefasst und besonnen muss der Geist sein, - das weiss ich - und das Herz
ist oft ein ungeduldiger Kranker, aber der Geist wird auch alles für es
aufbieten, und eine Höhe muss es geben, wo grade durch den Geist es mit allem
Leiden versöhnt werde. - Das denke, wenn es zu hart Dich bedroht, lasse Dir
nicht schwindeln und denk, dass Begeistrung immer das höchste Erdenschicksal ist,
und dass die aus dem Schmerz sich erzeuge, wie aus der Freude. - Und mag's
kommen, wie's will, so sollen zu Helden wir uns bilden, mit der Freude wie mit
dem Schmerz unsre Freiheit erkaufen. - O kommt mir das Feld der Schicksale doch
vor wie der Blumengarten Gottes, wo jede Knospe in ihren eigentümlichen Farben
sich erschliesst, der weise Gärtner gibt Schatten den einen und Kühle und harten
Boden, den andern Sonne und fruchtbare Erde, so wie jedes bedarf zum Blühen. -
Und das Blühen ist ja die Erfüllung aller Sehnsucht. Drum lasse uns das Leben
lieben, weil es uns zu dieser Blüte bringt, und denken, die Wolke über uns
schütte sich aus, den Staub von uns abzuwaschen, und dass dann die Sonne aufs
neue uns anglänzt.
    Ich bin traurig - ich kann nicht von Dir los - Dein Lied schmerzt mich - ja
es weckt Melodien - aber so schmerzliche - dass ich in ihrem Gesang den Widerhall
Deines Wehs empfinde und mich schäme, dass ich so heiter war diese Zeit über, an
jedem Weg mir Blumen sammelte und Dir zuwarf in Scherz und Übermut, und das war
schlecht lieben gelernt von mir, wo ich doch herausgezogen war, um dieser Schule
mich ganz zu widmen.
    Was werd ich dem Clemens sagen, wenn er auf meine Bildung zu sprechen kommt?
- Ich freu mich sehr auf den Clemens, das wird mich für Dein Fortlaufen trösten,
ich mag gar nicht dran denken, dass Du mit so viel Menschen umgehen kannst, mit
denen ich kein ungescheut Wort zu sprechen vermag. - Wie ist mir doch Hören und
Sehen verkürzt durch Dein Weggehen! - Gestern abend noch blies mir die
hundertjährige Cousine das Licht aus, ich solle nicht die ganze Nacht durch
schreiben, meinte sie, oder sie wolle es der Grossmama sagen, dass ich meine
Gesundheit verderbe, ich hatte einen Schachteldeckel vors Licht gestellt, dass
sie's nicht sehen sollt durchs Schlüsselloch, aber sie bemerkte den Widerschein;
- ich sagte: »Sie alte Hundertjährige, was will Sie mit mir auf der Welt, Sie
kann doch unmöglich noch einmal hundert Jahr leben, dann gehen wir zusammen.« -
»Nein, wenn Du's so machst, dann kannst Du mir nit e mal Quartier bestellen, ich
überleb Dich hundertmal.« Ich musst mir's gefallen lassen, das Licht war aus, ich
nahm sie aber dafür auf den Arm und trug sie mitsamt ihrem Laternchen hinunter
auf ihren Ledersessel. Sie schrie erst, ich werde sie die Treppe herunterwerfen,
aber mitten in der Todesgefahr war sie vor Angst ganz still, unten auf dem
Sessel wollte sie anfangen zu zanken, ich nahm aber ihr Federbett und warf's ihr
auf den Kopf und lief fort. - Jetzt kommt sie gewiss nicht wieder. - Obschon ich
müde war, hätt gern noch geschrieben, was ich jetzt nicht mehr weiss, heut
schwärmt mir's nur vor Augen und Ohren, dass Du nicht mehr auf Deinem alten
Plätzchen meine Briefe bekommen sollst. Die Grossmama hatte gestern einen Anfall
von Schwindel, ich mag nicht nach Frankfurt verlangen, und auch mag ich nicht
hin, was soll ich dort, wenn Deine Haiden, Deine Holzhausen, Deine Nees Dich in
Beschlag nehmen! - Ich glaubte, ja wahrhaftig, ich glaubte, ich wär Dir lieber
wie die andern und es wär Dir Ernst mit unsrer religiösen Weltumwälzung, wie's
auch mir ist, und so war's auch recht von Gott angeordnet, dass wir beide nicht
beisammen und doch so nah waren, dass jeden Tag unsere Briefe sich erreichten, so
kam es doch zu Papier, sonst hätten wir's verschwätzt. Was hilft's! - Übermorgen
gehst Du bis Würzburg, das liegt ausser der Welt, und lässt mich hier auf dem Dach
vom Taubenschlag schmachten. - Wenn Du gut sein willst, so komm morgen früh um
sieben Uhr auf die Gerbermühl; hierher komme nicht, weil die Grossmama unwohl
ist, da ich jetzt immer in ihrem Vorzimmer bin, aber bis morgen um zehn Uhr, wo
ich erst zu ihr gehe, kann ich mit Dir sein, um sechs Uhr geh ich auf die
Gerbermühl, der George lässt Dich hinfahren, ich hab's ihm geschrieben. Hinter
der Mühl in dem langen Heckengang auf dem Stein am Kreuz wollen wir uns ein
bisschen hinsetzen zusammen, Du kannst nach der Stadt zurückfahren, Du kannst
auch das Kabriolett zurückschicken und zu Wasser heimfahren, das wär mir lieber,
damit Du nicht ängstlich sein sollst, ums Kabriolett halten zu lassen, solang
mir beliebt. Ach, am Sonntag hab ich auch eine Wasserfahrt gemacht mit Jeannot
und Dorwille auf Bernhards Nachen hinter dem Schiff mit der Harmonie, alles war
in Scherz und Liebesreden begriffen, wenn die Musik pausierte, ich aber hatte
keinen Anteil dran, der Gärtner sass am Steuer, dem wollt ich nicht Leid tun, er
hatte schöne feine Hemdärmel und mein Schnupftuch um den Hals geknüpft.
 
                         An die Günderode nach Würzburg
Weil ich jetzt weiss, dass Du ausser der Welt bist, so hab ich ein ganz ander Leben
angefangen, und mein Sinn hat sich ganz geändert. - Ich möcht auch fort in die
Welt, ja ich möcht fort! - Ich bin doch in meinem Leben noch auf keinen Berg
gestiegen, von wo aus man die ganze Welt übersieht, und in meiner Seel überseh
ich doch die Welt. - Du zankst, dass ich alles besser wissen will, und ich weiss
doch alles besser, und ich kann doch nichts davor, dass mir's anders und besser
einfällt. - Ja mir kömmt vor, als sei mein Bewusstsein ein Gesang meiner Seele,
dem ich mit Vergnügen zuhör, denn wenn ich einmal etwas nicht weiss, so ist es
nur, als hätt ich's vergessen gehabt, aber ich hatte es doch schon einmal
gewusst. - Nur bei kleinen Dingen steht mir manchmal der Verstand still, zum
Beispiel gestern bei einer wilden Kastanie, die ich aus ihrer grünen Hülse
losmachte, da lagen drei Kastanien ineinandergefügt, noch unreif, blendend weiss,
da mein ich immer, ich müsst mit Gewalt wissen lernen, was alle diese Formen
sprechen, denn gewiss ist's, alles Geschaffene ist durch den Heiligen Geist
erzeugt. Es ist unmöglich, dass eine Form sei, sie ist denn durch Gottes Wort »Es
werde!« hervorgegangen. Nun, was durch den ewigen Erzeugungswillen hervorgeht,
das muss doch eine Selbstsprache haben, das muss sich nämlich aussprechen und sich
auch beantworten. Dein Leben muss doch eine Sprache führen, denn sonst ist es ja
nichts. Also, wen Gott liebt, mit dem führt er Gespräche, also bloss
Liebesgespräche, - ja was ist auch Gespräch als bloss die Liebe, - so ist denn
alle Form in der Natur ein Ausdruck der Liebe. Die Sprach der Lieb ist also
Sprach Gottes. Gott ist der Liebende - ist denn Gott persönlich? - Hat er ein
Antlitz? - Kann ich ihm die Hand reichen? - Wo find ich ihn, dass ich
Liebesgespräch mit ihm führ. - Meine Lieb zu Menschen ist Mitleid, ich muss um
sie trauern, dass es so und nicht anders ist. - Liebe ist, glaub ich, nur
Göttergespräch. - Weil ich weiss, dass ich alles weiss, nur kann ich's nicht
finden, so such ich alles in mir, das ist ein Gespräch mit Gott. Das ist also
Liebesgespräch, wenn ich mich aufs Gesicht leg im Schatten und hör den Bach
rauschen neben mir, was der redet alles und Antwort drauf geben muss! Und streck
die Ärm aus im kühlen Gras überm Kopf und frag in meine Seel hinein alles, was
ich wissen will. Da wird mir Antwort, ich kann sie aber nicht gleich in Worte
übertragen. Aber es gibt auch ein Gespräch ohne Worte. Aber Liebe ist doch wohl
bloss Gotteitsgespräch? - Ja was soll sie anders sein? - Frage und süsse Antwort;
könnt ich aufhören, danach mich ewig zu sehnen? - Ich wär mir selber gestorben.
Und die Seele, die mich am tiefsten versteht - mir am sehnsüchtigsten Antwort
gibt, mich wieder frägt um Antwort, die muss ich lieben. - Wissen wollen, ist ja
schon Wissen, es ist Anschauen; und wenn ich anschaue, so nehm ich ein Bild in
mich auf, und das ist Wissen. Wie kann sich doch der Mensch nicht entalten,
irgendwas anders sein zu wollen als ein Liebender? - Wie komm ich doch darauf? -
Das ist von heut früh auf der Gerbermühl unser Gespräch; - ich sag Dir, wenn ich
geschwiegen hab, so ist das, weil mir die Worte nicht wohltönend genug vorkamen,
ich seh mich im Geist um nach Klang, wenn ich etwas sagen will, da find ich
keinen Ton, der stimmt, und Du kannst mir's glauben, manches lass' ich ungesagt,
weil ich's nicht edel genug auszusprechen vermag, durch Musik hab ich's
herausgefühlt, dass aller Geist im Menschen liegt, dass er aber nicht die Melodie
dazu findet, ihn auszusprechen. Denn jeder Gedanke hat eine Verklärung, das ist
Musik, die muss Sprache sein, alle Sprache muss Musik sein, die erst ist der
Geist, nicht der Inhalt, der wird nur Liebesgespräch durch die Musik der
Sprache. - Geist ist grösser wie der Mensch, immer will der an ihm hinaufragen,
spricht er ihn aus, so hat er selber sich in den Geist übersetzt, Geist ist
Musik, so muss auch die Sprache, durch die er uns in sich aufnimmt, Musik sein.
Wie könnten wir ihn begreifen mit den Sinnen zugleich, in unwürdiger Gestalt! -
Nein! - Geist ist verinnigt mit Schönheit, er ist nur dann Geist, wenn er
Schönheit ist. - Durch den Dichter spricht er sich aus, denn der hat's Gefühl,
dass Geist nur Schönheit ist. Alle schöne Handlung, alles Grosse ist ein Gedicht
des Geistes. - Ach ich streck die Händ zum Himmel und möcht was anders, als was
die Menschen tun. Denn ich fühl wohl, mein Nichtstun ist Sünde. - Aber was soll
ich tun, was mich weckt? - Die Kunst, meint der Clemens! - So ist's bloss, weil
er mich innerlich nicht kennt, mit was ich alles zu tun hab. - Denn das muss wohl
meine grösste Anlage sein, was mich am schnellsten aufregt und mich ganz mit sich
fortnimmt. - Nun, obschon ich keine Weltgeschicht studieren mag und bei dem
Zeitunglesen vor Ungeduld mich kaum zusammennehmen kann, so ist's doch die Welt,
die ich regieren möcht, und mich reisst's hin, darüber nachzudenken. Wenn Du an
den Clemens schreibst, so sag's ihm, das scheine mir mein entschiedenstes
Talent, die Welt regieren; weiss er Gelegenheit, mich darin zu üben, so will ich
fleissig sein Tag und Nacht. Schon jetzt nehmen mir die Regierungsgedanken den
Schlaf, von allen Seiten, wo ich die Welt anseh, möcht ich sie umdrehen. Eine
Zeitlang hat alles, was ich im Leben erfahren hab, wie eine hölzerne Maschine
auf mich gewirkt. So der ganze Religionsunterricht, der machte mich völlig dumm.
- Zum Beispiel die Lehre, mit welchen Waffen die Ketzer zu bekämpfen, mit
welchen Grundsätzen sie bekämpfen? - Da kam mir Ketzer und Waffe und Glaube
alles wie ein Unsinn vor, und hätt ich nicht meine Zuflucht dazu genommen, gar
nicht zu denken, so wär ich ein Narr geworden. - Wie denn wirklich alle Menschen
Narren sind, meine grosse Courage, dies zu glauben und ohne viel Sperenzien, sie
auch danach zu respektieren, das hat mich freigemacht von der Narrheit. - Und
wie sollt doch einer aus dem Schlamm des Philistertums herauskommen, als von
frischem sich in die Hände Gottes geben, der hat nicht umsonst den Menschen aus
Lehm gemacht, da er ihn nur anzuspeien braucht, dass er wieder feucht wird, um
ihn von Grund auf neu durchzukneten und seine erste reine Gestalt wiederzugeben.
- Woran erkennt man einen katolischen Christen? - Am Zeichen des heiligen
Kreuzes! - Dies schlug mir den ersten widerspenstigen Funken aus dem Geist. Denn
was braucht doch der natürliche Mensch ein katolischer Christ zu sein und sich
bekreuzigen? - Ist das der nächste Weg, Gott ähnlich zu werden? - Ist Gott ein
katolischer Christ? - Oder ist er wie Du ein Ketzer? - Und warum machen wir
doch das Kreuz, als bloss um wie die Hunde dem Ketzer die Zähne zu fletschen. -
Als wir aus dem Kloster zurückgeholt wurden ins väterliche Haus, da liess uns die
Frau Priorin vor sich kommen und schärfte uns ein, ja nicht den katolischen
Glauben zu verlassen, wenn wir zu unsrer Grossmutter kommen, die eine luterische
Dame sei, sondern wir sollten alles dranwenden, sie zu bekehren. Sie sagte das
mit so viel Herzenswärme, ich hätte ihr die Hand drauf geben wollen, aber ich
wusste nicht, was katolisch sei - ich half mir; alles, was nicht luterisch ist,
das sei katolisch. Alles, was man lernen muss, hüllt den Verstand in eine
Nebelkappe, dass die Wahrheit uns nicht einleuchte. Alles, was wir zu tun bewogen
sind, ist Eselei. - Meinungen von geistreichen Männern zu hören, was der
Grossmama ihre Passion ist, das scheint mir leeres Stroh, liebe Grossmama. - »Du
kannst doch nicht leugnen, liebes Kind, dass sie die Welt verstehen und dazu
berufen sind, sie zu leiten?« sagte sie gestern. - »Nein, liebe Grossmama, mir
scheint vielmehr, dass ich dazu berufen bin.« »Geh, schlaf aus, Du bist e
närrisch's Dingle.«
    Bei der Grossmama wird jetzt abends allerlei Politisches unter den Emigranten
verhandelt, da wird die Umwälzung des grossen Weltkürbis von allen Seiten
versucht, er deucht ihnen angefault. Ausser Choiseil, Ducailas, d'Allaris, die
immer das Wort führen, kamen gestern noch ein Herr von Marcelange und Varicourt,
dieser letztere besonders schön von edler Haltung, ritterlich, ich könnt keinen
Augenblick glauben, dass ihm je etwas Unebenes in den Sinn komme; er wendete sich
immer zu mir, als ob er um meinen Beifall werbe - ai-je raison? Seine Reden
machten mir Eindruck, er war in Begleitung einer Herzogin von Bouillon
(Hessen-Rotenburg) und einer Prinzess Biron, die mittags auch die Grossmama
besucht hatten, durch Frankfurt gekommen, ein Graf Catälan hat ihn zur Grossmama
geführt, die litt nicht, dass die Emigranten wie gewöhnlich Politik sprachen,
weil sie meistens geteilter Gesinnung sind, später erzählte sie, dass sein Bruder
jener Varicourt sei, der als garde du roi am 6. Oktober 1790 in Versailles an
der Tür der Königin ermordet wurde, als er ihr zurief: »Königin! Retten Sie
sich, es ist der letzte Dienst, den ich Ihnen leiste!« Die Grossmama erzählte mir
von seiner Mutter, die sie kurz nachher in der Schweiz auf einem verfallenen
Landsitz bei Nyon getroffen hatte in einer düstern grossen Vorhalle, die zugleich
Küche war, mit alten wollnen Tapeten so faltig behangen, ein altes Ruhebett, auf
dem der Hut ihres Sohns mit weisser Kokarde lag, ein paar Strohstühlchen, ein
ungeheuer grosser Kamin mit einem kleinen Feuer von einigen Rebenreisern, wo ein
Kesselchen mit Teewasser für die kranke alte Frau kochte, eine schlafende Katze
zu ihren Füssen, ein einziges schmales hohes Fenster in diesem zerfallenen
Wohnsitz einer ausgestorbenen Familie, da habe die Frau den Hut ihr gezeigt und
gesagt, es war eine Zeit, wo das weisse Band ganz Frankreich zum Gehorsam für
seinen König aufrief usw. - Ich hörte der Grossmutter gern zu, solang sie dies
erzählte, dabei brachte sie aber noch so manches andre vor, was keinen
Zusammenhang damit hatte, so sprach sie von einer Herde mehrerer hundert Kühe,
die man damals an einem Ort zusammengetrieben, wo sie wegen einer Seuche alle
totgeschossen wurden; - sie jammerten und tobten bei den ersten Schüssen, als
aber der Bulle niedergeschossen war, hat keine Kuh sich mehr gewehrt, alle haben
ruhig den Tod erwartet, vergleiche: Emigranten und ihren König -, dann hat die
Grossmama noch Unendliches von unschätzbaren Leuten erzählt; von Seidespinnerei,
von 360 Kokons, eine Unze Seide, von 2893 ein Pfund, soviel Simmer Seidenwürmer
spinnen an 5 Pfund Seide - frassen zu viel Maulbeerblätter, man gab ihnen Latuk,
Spinat und Blätter von Johannistrauben, welches sie mit Vergnügen frassen, recht
gut Seide spannen, nur dass sie etwas grüngelb wurde, zuletzt erzählte sie mir
noch aus dem Leben der heiligen Jutta, welche Naturgeschichte und Seelenlehre
studiert hatte, und dies führte sie auf den Mirabeau; als ich zu Bett ging, war
ich ganz verwirrt und konnt an nichts Liebes mehr denken, ich musst gleich
einschlafen. - Wie's doch in der Grossmama ihrem Kopf aussehen mag? - So viel
aneinandergehängt, wozu kein Mensch die Lösung fände, ob ich wohl auch so bin! -
Das Haus wird jetzt nicht leer an merkwürdigen Leuten, alle französischen
Journale werden gelesen und besprochen, ich muss wider Willen Anteil nehmen an
ihren Witzen über Hof und Hofstaat, Kostüm, Livreen, Uniformen, Schmuck und
Spitzenbehänge des weiblichen Personals, alles wird durchgemustert, dann die
allgemeine grosse Ablassannonce von dreissig Tagen, um die Franzosen aus des
Teufels Sklaverei zu befreien. Ich stehe unter den Disputierenden wie unter
einer Traufe; Protestant, Philosoph, Enzyklopädist, Illuminat, Demokrat,
Jakobiner, Terrorist, homme de sang, alles regnet auf mich herab, worunter man
immer dasselbe versteht. »Von oben herab verkennen sie alles,« sagte der
Varicourt, »von unten ist alles Bosheit und Lüge der Hinanklimmenden«, und
sprach noch über die ungeheuren Schmeicheleien, die Bonaparte einschlucke: »Ce
n'est pas du bon style que d'avaler de si gros mensonges, la véracité est le
seul moyen de cultiver la nature humaine; pour la grandeur il y fait faute, il
n'a point le sens céleste pour l'avenir pour lequel seul s'immolera un grand
coeur; il est le grand monstre de la médiocrité encombrant un monde qui s'ignore
soi même.« Die Emigranten hörten ihm feierlich zu, als spreche er von der Kanzel
herab. »Nous n'avons que trop bien pu comprendre ce que c'est que l'esprit
régénérateur, ce n'est que l'âcheté que de nous soumettre à une tyrannie, qui a
recours aux moyens puérils dont se sert Buonaparte pour captiver une nation qui
a sacrifié son meilleur sang pour la liberté. C'est une juste punition pour
avoir attenté au sang inviolablement sacré des rois, que de n'avoir pas reconnu
ce que le grand génie de Mirabeau nous avait prophétisé. La révolution faite, la
première des lois était d'honorer la loi, mais point cet expédient des têtes
bornées, qui pour maintenir leur pouvoir, ne font que faire trembler; il faut
gagner les coeurs, et puis c'est si facile! - Le peuple est déjà reconnaissant
si ses supérieurs ne lui font pas tout le mal qui est en leur pouvoir; ce n'est
que la bêtise, qui punit, la véritable grandeur prévient les fautes; c'est
abuser du pouvoir que d'agir autrement, il est maladroit de ne point se servir
des hommes tels qu'ils sont, c'est la sagesse qui est souveraine, elle exploite
le bien du mal, mais non pas en tranchant les têtes!! - Les lois doivent être
tracées par le génie de l'humanité, ce que Buonaparte ne sera jamais.« - Und ich
möchte auch über allen Plunder von menschlichen Zurüstungen hinausstiefeln
können, ihre Zankäpfel ihnen aus den Händen winden und ihnen dafür
Selbstbeschauung, Selbsterzeugung empfehlen. Ja! Ist's nicht der einzige Zweck
der menschlichen Natur, dass sie lerne sich selbst erzeugen? - Und ist die
Wahrheit nicht das Geheimnis, aus der die Selbsterzeugung hervorgeht? - Und wenn
ein Herrscher aus sich hervorgehen könnte ins reine Licht der Wahrheit, würde er
nicht die ganze Menschheit regenerieren? - Ich frag Dich! - Besinn Dich - hab
ich nicht recht, es schwebt mir so dunkel vor, als ob aus dem Geist des einen
die Wiedergeburt aller hervorgehen müsse. - Ach, ich würde gar nicht drum
verlegen sein, dies keck anzugreifen, denn verderben kann man nichts, alles was
noch grünt und zu blühen scheint, steckt doch im Sumpf der Dummheit und ist es
eine so grosse Sache, klüger zu sein? - Wie soll einem da nicht der Verstand
aufgehen, wenn man rund um sich her sieht, wie alles Narrheit ist! - Und liegt
es nicht in der gesunden Menschennatur, die Idee einer göttlichen Menschheit in
sich zu entwicklen? - Und was ist doch alles Denken als bloss diese ideale
Richtung? - Und ist doch ein Mensch geboren, dessen Aufgabe es nicht wär, sein
eignes Ideal zu erzeugen? - Und wenn das ist, wie soll mir da nicht jeder
unschuldige Mensch wichtig sein, ihm meine Gedanken mitzuteilen? - Man braucht
mich auch nicht zu beschuldigen, dass ich alles durcheinander werfe und von einem
zum andern spring, es gibt etwas, was andre gar nicht fassen, von dem spring ich
eben nicht ab, mein Geist bildet sich selbst seine Übergänge. - Sobald der reine
Wille in uns liegt, das Göttliche zu suchen, so ist die Religion da, von der ich
meine, dass sie den Menschen allein entwicklen könne, denn ohne sein Zutun ist es
der ihn erfüllende Gott, der aus ihm redet, und dies eine ist es allein, was mir
Religion deucht; und wie aus einem edlen Samen alles sich bildet, wie es
organisch muss, so bin ich gewiss, dass aus einem Geist, der bloss das Göttliche
denkt um sein selbstwillen, auch alles folgerecht sich entwickelt und in der
menschlichen Handlung nichts mir ein Anstoss sein würde. Denn gegen Denken ist
das Handlen nichts, denn der Gedanke selbst ist Gott, hingegen Handlen ist nur
sich nach Gott richten, wenn ich also Gott durch mein Denken suche, empfinde,
erlebe, wie sollt ich da verlegen sein ums Handlen, ums Regieren? - Ei nein! Das
ging ganz von selbst, ich würd mich auch keinen Augenblick besinnen, denn wer
den Geist der Wahrheit einatmet, wie sollte der ihn nicht auch aushauchen? -
Nebenabsichten muss der Menschengeist gar nicht haben, er muss eine heilige
Richtung haben. - Der Mensch ist sich immer eine Hauptnebenabsicht, drum muss er
sich ganz verleugnen, sonst erreicht er sich selber nicht, das lautet zwar ganz
verkehrt und ist doch wahr. Das wahrhafte Ideal des Menschen ist die lautere
Selbstverleugnung, aus ihr auch allein kann alle Weisheit hervorgehen in allen
Handlungen, die das Schicksal erheischt; zu derselben Selbstverleugnung sind wir
berechtigt, alle Menschen aufzufordern, denn sei das Resultat eines solchen Tun,
was es wolle - sie handlen in Gott, und das ist Religion, und da mach's Kreuz
oder sei Ketzer oder Heid oder Jud. - - - Himmlischer Sinn fürs Unsichtbare,
Unendliche, aus dem allein die wahre Religion hervorgeht, weil dies allein zur
Gotteit führt. - Das alles fällt mir so ein, wenn ich meine Gespräche mit dem
Franzosen in Gedanken weiterführe. - Ich brauch nur auf eine Natur zu treffen,
die mir liebreizend scheint, so bin ich gleich voller Gedanken, die mich
belehren, als seien sie geweckt von jenem; so jagt der Franzose in seinem
adeligen Wesen jetzt eine Begeistrung nach der andern in mir auf, und ich glaub:
keine Frage, die ich nicht beantworten könnte, sobald ich mir innerlich denke,
er höre mir zu, keine Handlung, die ich nicht kühn genug wäre zu vollbringen,
wenn er mir zusähe, und was das auch sein möge, was mich so anreizt - gewiss ist
es was Grosses, was ganz Göttliches, dass der Mensch, wo er das Göttliche ahnt,
das Schöne und Grosse gewahr wird, gleich harmonisch mit einstimmt und alle Feuer
in ihm aufflammen. Ach, ich denk mich schon in eine Schlacht auf einem Schimmel
neben ihm herreitend zwischen allem Donner der Geschütze, Rauch und Pulverdampf,
in der Verwirrung grosser entscheidender Momente, wie seinem sicheren Blick
vertrauend ich alles glücklich vollende, ich denk noch mehr, alles was glühender
Ehrgeiz nur zu unternehmen wagt, das fährt durch meine Seele, ich erleb's - ich
bin glücklich, freudig, jauchze im Gelingen, und alles Volk umringt mich
mitjauchzend und harrt meiner, dass ich ihm Labung zutröpfle heiliger Freiheit.
All dies erleb ich mit dem Franzosen, der sich vor meinen Augen zum Heros
entwickelt. - Ich möchte doch wissen, wenn man alle Erlebnisse sich
zusammenrechnet, ob da nicht diese eingebildeten auch gelten, sie glühen und
damaszieren doch die Seele durch diesen feinen Stahl der Begeistrung, der mit
ihr zusammengeschweisst, gebeizt und geätzt wird und mir edler deucht wie jede
andre Politur und besser zu benützen, zäher, fester, der Kraft des Willens
nachgebend und ihr folgend. Kühne feste Handlung, Tatkraft muss doch auch einen
Samen haben in die Seele geborgen, ist dies nicht Same? Mich deucht, etwas
gedacht zu haben ist Samen im Boden der Seele, der ans Licht dringt und sich
erschliesst, heute oder morgen.
    Da ging die Tür auf, Clemens kam herein, grosse Freud! - Sie stärkt - es
blitzt innerlich. - Ist mein Verstand mir verloren und such ihn an der leeren
weissen Wand und find ihn nicht, aber in dem schönen grossen Aug von Clemens find
ich ihn. Du sagst, Du kannst ihm nicht in die Augen sehen, weil er einen
verzehrenden Blick habe, ich nicht, ich schöpf Freud drin, und ich weiss nicht
was, von lebendiger Nahrung Unübersetzbares. - Vor allem möcht ich Herr werden
über mein Denken; dass ich nämlich die Zeit ausfülle mit lebendigem
(lebengebendem) Denken. Es gibt ein Denken, was verlebt, und eins, was erlebt. -
Wie mich sammeln, dass ich meinen Geist immer auf das Erleben richte? - Dies eine
nur! und das Auffahren gen Himmel ist mir gewiss.
    Das Schlafen kann mit dem Denken im Rapport gesetzt werden, das Schlafen,
was aus dem Denken entspringt, erzeugt wieder Denkkraft, - so kann sich der
denkbeflissne Geist erschaffen. - Überall mit Geist durchdringen, so ist das
Schlechte gesprengt, denn es hat keinen Platz mehr, denn es ist zu schwach und
zu eng, um Geist zu fassen.
    Ich wundre mich über meine Gedanken! - Dinge, über die ich nie etwas
erfahren, die ich nie gelernt, oder vielleicht grade das Gegenteil davon, stehen
hell und deutlich in meinem Geist. - Kann ich denn wissen, ob ich nicht
vielleicht von einem Geist besessen bin? - Und ist Besessensein nicht vielleicht
ein Aufgeben der Individualität, und sind die Widerspenstigen, die sich dem
Geist widersetzen, nicht vielleicht individuell stärker, als die vom Geist
Durchdrungnen? - Ach, liegt wohl die Stärke im Hingeben? - Ist nicht manches im
Geist und in der Seele Wirkung anderer Welten? - Die Liebe, die Leidenschaft,
ist die nicht Anziehungskraft von der Sonne? -
    Wir sassen auf der Hoftreppe, ich und der Clemens, in der Dämmerung und
schwatzten allerlei. - »Es ist alles recht lieblich, was du da vorbringst«,
sagte er - »aber werd nur nicht faselig, manchmal ängstigt mich's, was aus dir
werden soll, du zersplitterst deinen Geist, mit dem du dir eine so herrliche
Freiheit erringen könntest. - Ach, kannst du dich denn nicht auf eins hinwenden
mit deinen fünf Sinnen und das ganz auffassen? - Wenn du sprichst, bist du
gescheit und gibst manchen Aufschluss, von dem die Philosophen noch nichts
wissen. - Schreib doch was! - Hast du mir nicht Kindermärchen versprochen? -
Schreib doch alles auf, was du im Kloster erlebt hast, du kannst so schön davon
erzählen. - Was treibst du denn mit der Günderode? - Lernst du mit ihr? - Ich
hab so grosse Sorge um dich, ich muss manchmal die Hände ringen, dass alle Anmut
deines Geistes den vier Winden preisgegeben ist.« - Der liebste Clemens! - Ich
musste ihn küssen in der stillen Nachtdämmerung auf seine leuchtende Stirn unter
den schwarzen Locken für seine Liebe. Es ward windig, da sassen wir beide in
seinem Mantel gewickelt und sahen den Wolken zu, wie sie sich eilten, da sagte
der Clemens so viel von Dir, was Dich gewiss freut, Du seist so hell wie der
Mond. - Das flüchtige unstete Wesen, was Dich oft befalle, sei nur wie Wolken,
die über den Mond hinziehen und verdunklen - aber Du selber seist reines
poetisches Licht und Du drängest tief ins Gehör, der Klang Deiner Gedichte sei
Geistesmusik, - - und dies sei jetzt nur der Eingang zum Geisteskonzert, in dem
sich immer und nach allen Seiten Melodien entfalten; und es sei so edel, sich
innerlich einem solchen Leben hingeben, und so könnte und sollte ich auch mich
sammeln, dass ich meinen Geist nicht wegwerfe und ein Leben führe, das würdig
sei. - Was meinst Du, dass ich zu all diesem gesagt hab? - Nichts! - Mir wird
bang einen Augenblick, dass ich so selbstverlassen bin, und dass sich mein Geist
nichts um mich bekümmern will, in die Weite hinausschweift, wo eine Biene sich
unscheinbare Blüten sucht, von denen nippt - aber Honig will er nicht machen, er
verzehrt alles selber. - Da nun die Biene aus Instinkt Honig macht, mein Geist
aber nicht, so wird der wohl nicht überwintern, wo er dann keinen Vorrat
braucht, - er gehört wohl ins Land, wo ewiger Frühling ist. Der Clemens ist eben
wieder in die Stadt, der ganze Himmel ist überzogen - da regnet's schon so
gewaltig - ob er wohl schon in der Stadt ist? - Er geht in ein paar Tagen zu
Schiff nach Mainz und Koblenz und bleibt drei Wochen am Rhein, also wirst Du ihn
sehen.
                                                                         Bettine
Ich hab ihm versprechen müssen, dass ich bei seiner Rückkehr was wollt
geschrieben haben, ich werde nie besser verstehen lernen, wie die Welt mit
Brettern zugenagelt ist, als wenn ich versuche ein Buch zu schreiben, und wenn
nun gar der Clemens von einer freien Zukunft spricht, und dass ich, ohne ein Buch
zu schreiben, nie meine Zukunft werde geniessen! - Ein Buch ist dick und hat viel
leere Seiten, die alle vollzuschreiben kann ich doch nicht aus der Luft greifen,
mir deucht dies erst recht eine Fessel meiner Freiheit. - Wenn ich mich an den
kienernen Schreibtisch setze und es fällt mir gar nichts Extraes ein und ich
schneide mit dem Federmesser eine dumme Fratze nach der andern in den Tisch, die
mich alle auslachen, dass mir nichts einfällt, da werf ich mein Buch weg, wo
lauter Versanfänge drin stehen und kein Reim drauf. - Es ist wirklich eine
Unmöglichkeit. Ich möcht dem Clemens alles zulieb tun, was er will, aber ich hab
einmal keine Gedanken; andre Leute waren schon vor mir da, ich bin zuletzt
gekommen, also was ich auch vorbringen könnt, so haben's andre schon früher
erlebt; ich ging einmal mit dem Clemens dies Frühjahr spazieren, da waren
allerlei neu aufgeblühte Kräuter, die ich nicht kannte, die wollt ich brechen;
er sagte: »Wenn du bei jedem Mauseöhrchen oder Vergissmeinnicht hocken bleibst,
so werden wir nicht weit kommen.« Daran denke ich jetzt immer, wenn ich was
Neues in mir selber erfahr, dass andre dies alles wohl schon wissen und nichts
Neues mehr für sie mehr sein mag, wie jene Violen und Gänseblümchen am Weg, die
ich mir sammeln wollte. So schreib ich's denn nicht auf, und auch weil die
Gedanken sich an mich hängen wie Schmetterlinge an die Blumen, wer soll sie
haschen? - Sie merken's gleich und fliegen davon, und fasse ich einen, so hab
ich bald seine schöne Farbe abgewischt mit dem Schreibefinger oder seine Flügel
erlahmen. Und so ein Gedanke in der Luft flattert so lustig, aber auf dem Papier
kann er sich nicht wiegen wie auf der Blume; und kann sich nicht auf die Rosen
setzen von einer zur andern, er sitzt da wie angespiesst. Ich seh's ja an denen
paar, die ich so erwischt und aufgeschrieben hab. - Da war ich grad am End vom
Garten, ich lief eilig hinein, weil ich ihn geschwind ins Buch schreiben wollt,
eh ich ihn vergesse und jetzt, so oft ich das Buch aufmache, lacht mich der
Gedanke aus und sagt: »Du bist recht dumm.« Jetzt will ich Dir nur gleich das
Blatt herausreissen und da les' die Gedanken, die ich wie Hasen auf einer
dürftigen Jagd hab zusammenschiessen müssen, und bin mit jedem einzelnen aus
meinem Gedankenwäldchen nach Haus gelaufen, um ihn aufzuschreiben, und immer die
drei Treppen hinauf. - Weisst Du was? - Die drei Treppen waren mir nicht zu hoch,
aber ich hab mich geschämt vor den drei Treppen, wahrhaftig, ich hab die Augen
zugedrückt, weil ich dacht, sie merken's, dass ich so eine kümmerliche Natur hab
und bring da die armen nackten Gedankenpfeilmuter an; so heissen im Tirol die
Schmetterlinge, ich hab's vorm Jahr auf der Messe gelernt bei dem Tiroler, der
im Braunfels Handschuh verkauft, der mit dem schönen schwarzen Bart, Du weisst,
Du sagtest, der habe ein Antlitz und kein Gesicht, ich fragte: »Was ist das, ein
Antlitz?« - Du belehrtest mich, das sei noch aus der Form Gottes, nach seinem
Ebenbild geschaffen, aber Gesichter, die seien nur so nachgepetert, wo die Natur
nicht hat wollen mit dabei sein und die Philister allein sich erzeugen lassen;
und da hab ich Dich gefragt: »Hab ich ein Antlitz?« - Da hast Du gelacht und
gesagt: »Es steckt noch zu tief in der Knospe, ich kann's nicht erkennen.« Noch
an jenem Abend hab ich mich vor den Spiegel gestellt und gebetet, Gott soll mich
doch aus der Knospe herauslassen mit einem Antlitz und nicht mit einem Gesicht;
denn wenn ich kein Antlitz hab, wie kann ich da einem Antlitz gefallen! Noch an
jenem Abend fragte ich die Frau Hoch, weil Wartfrauen von Schönheitsmitteln
manches wissen, sie meinte, wenn man keine Sünde tue, so könne man nicht unschön
werden, und wenn es darauf ankomme, so werde ich gewiss mich vor allen Sünden
hüten; wie aber die Frau Hoch drauss war, um den Kindchen die Suppe zu kochen, da
kletterte ich vors Fenster auf das Blumenbrett und hockte mich ganz klein
zusammen, wie sie wieder hereinkam, war's ganz still, es war dunkel und noch
kein Licht angezündet, da meinte die Hoch, sie wär allein und wollte ihr
Abendgebet hersagen, weil das Kindchen noch schlief. - »Jetzt geh ich ins ewige
Leben, sprach er mit freudiger Seele, neigte das Haupt und erbleichte.« Das
hörte ich auf dem Blumenbrett vom Gebet der Frau Hoch. Ich dachte, ob es wohl
unrecht sein möge, sie zu belauschen, und da fiel mir meine Antlitzknospe ein,
ob die vom Meltau der Sünde hierdurch könne angegriffen werden, denn so gescheit
war ich wohl, dass dies keine Kapitalsünde sei, aber weil ich absolut wollt
wunderschön sein und ohne den geringsten Tadel, so hielt ich mir die Ohren mit
beiden Händen zu, um nichts zu hören, da liess ich die Stange los vom Brett und
wär schier in den Hof gefallen. Ich konnt mir die Ohren nicht versperren, wenn
ich nicht fallen wollt, und da hört ich sie noch singen:
Wenn der goldne Morgen blinkt,
Der zu dieser Hochzeit winkt,
Wo die reinen Seraphinen
Bei der hohen Tafel dienen. -
Da sang ich die zweite Stimme, die Hoch sieht sich in allen Ecken um, holt
Licht, sucht oben auf dem Ofen, auf dem Vorhanggestell und überall und kann mich
nicht finden. Ich pflückte eine Nelke vom Stock und stellte mich in den
Fensterrahm, den stiess ich auf und reicht ihr die Nelke. Da stand sie mit ihrem
kleinen Wachsstock und beleuchtet mich und meint, ich wär eine Erscheinung. Ich
bin ihr aber um den Hals gefallen, denn ich hab die Frau sehr lieb. Ich fragte,
ob's eine Sünde sei, dass ich ihr zugehört hab, sie sagte: »Das ist grad keine
Sünde, aber Sie hätten können in den Hof fallen, und da wollen wir lieber ein
Danklied singen, dass Sie nicht gefallen sind.« - Hier hast Du das Lied, zu dem
ich eine Melodie gemacht hab.
Der du das Land mit Dunkel pflegst zu decken,
Ach, reine mich von jedem leisen Flecken.
Reich mir der Schönheit Kleid,
Dass ich an jedem Morgen meiner Blüte
Erkennen mag, wie deine Gnad sie hüte.
Obschon die Sonne entzogen ihre Wangen,
Obschon ihr Gold der Erde ist entgangen,
Das kränket mich nicht sehr.
Erleucht in mir nur deines Geistes Licht,
Dadurch der Schönheit Geist wird aufgericht.
Kann ich des Nachts gleich nicht zum Schlafen kommen,
So mag dies meiner Schönheit dennoch frommen,
Das endet, wenn man stirbt.
Gib nur, o Gott, dass ich so Nacht wie Tag
Der Schönheit Ruhe mir erhalten mag.
Wenn du mich willst, o Schöpfer, einst geniessen,
Muss über mich der Born der Schönheit fliessen,
Wie wollt ich fröhlich sein! -
Sonst acht ich nichts, was Mut und Blut beliebt,
Noch was die Welt, noch was der Himmel gibt.
Die Hoch sagte: »Sie haben das Lied schön verketzert, kein Mensch wird's für ein
Andachtslied erkennen.« - »Ich hab es doch mit wahrer Andacht gesungen, ist es
eine Sünde, so wollen wir lieber ein Busslied singen, damit mir nicht gar noch
ein Bart davon wächst.« Die Hoch sagte: »Ach, gehn Sie doch, das wär Ihnen grad
recht, wenn Ihnen ein Bart wüchse.«
    Am andern Morgen ging die Tonie zum Tiroler und ich ging mit, um mir sein
Antlitz einzuprägen, ich dachte, wenn man sich so was tief in die Seel schreibt,
so blüht's am End mit einem auf, und weil die Tonie Handschuh aussuchte, setzte
sich ein Schmetterling, der vom Main herübergeflogen kam, auf den Strauss an
seinem Hut. »Ach, guck den Schmetterling, den haben die Blumen an deinem Hut
herbeigelockt!« - Der Tiroler fragte: »Was ist das für ein Ding, ein
Schmetterling?« und sieht ihn fliegen und ruft: »Ei was, das ist ja ein
Pfeilmuter und kein Schmetterling. Du bist ein Schmetterling!« und kriegt mich
um den Hals und küsst mich auf den Mund. Die Tonie macht ein bös' Gesicht und
kauft gleich keine Handschuh mehr bei ihm und geht fort. »Na,« ruft er ihr nach,
»nehm' Sie's nit übel, das Mädel nimmt's ja auch nit übel auf«, und die Tonie
musst' lachen und die Handschuh kaufen. Die Geschicht wollt ich als immer
aufschreiben, weil sie mir gefällt, aber zu einem Buch passt sie nicht, denn sie
ist ja gleich aus, und was soll dann weiter passieren? - Der Clemens meint, ich
soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, er denkt, es wär Markt da; er
schreibt, ich soll aus dem Kloster alles aufschreiben, aber nun les nur erst die
dummen Gedanken, die in meinem Buch stehen, ob man da was Vernünftiges dran
schreiben kann, und hab's noch dazu auf den Deckel inwendig geschrieben weil ich
meint, ich wollt's recht voll schreiben, ja, hat sich was, ich bin schon über
vier Wochen noch immer am Deckel. Da steht erstens obenan:
    Ob Tugend nicht auch Genialität sein möchte, und ob wir vielleicht nur
deswegen so mühselig hinanklettern zum Erhabenen, weil wir kein Genie haben.
    Das war auf der Pappel, an der ich so bequem hinaufklettern kann, ich sah
die Vögel geflogen kommen und dacht in mir, du hast kein Genie, du musst mühselig
zu allem hinanklettern, und dann kannst du dich nicht oben erhalten, musst immer
wieder hinunter. - Und da fühlt ich recht in mir, wie alles in mir schwankt,
nichts erreichen kann, wie ein Feuer in mir braust, jede Kunst liegt in mir so
nah, ich mein, ich hätte sie schon in mir, die Wangen glühen mir gleich so hoch,
sie brennen mir, wenn ich nur in die Ferne denk, da liegen mir goldne Berge. Ich
steh da, als hätt ich nur den Zauberstab in der Hand, alles inwendig im Geist,
aber wenn's heraus soll, da bleib ich beim Buchdeckel und muss mühselig
Sandkörnchen für Sandkörnchen zusammentragen. Wie ich von der Pappel herunter
die Trepp herauf war und hatte meinen ersten papiernen Gedanken aufgeschrieben,
der mich noch immer anlachte - so wollt ich doch noch ein bisschen im Abendschein
mich wiegen, denn beim Wiegen kommen mir Gedanken. Kaum war ich der halben
Pappel hinaufgeklettert, so fiel mir schon wieder was ein, ich klettert also
gleich wieder herunter und wieder die Trepp hinauf und schrieb auf:
    Der ganze Mensch muss in sich einverstanden sein nämlich Herz und Kopf und
Hand und Mund.
    Da stand ich noch so eine Weile vor dem Gedanken still und dacht, vor dem
hätt ich immer auf der Pappel können sitzen bleiben, und es tat mir schon leid,
dass ich das Buch mit bekleckst hatte, aber weil der Clemens gesagt hatte, ich
soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, so wollt ich's durchsetzen.
Jetzt gefällt mir aber doch etwas in dem Gedanken, ich kann ihn ja zu was Grossem
machen, wenn ich einen grossen Sinn hineinlege, und wenn ich alles, was ich so
schreib, ohne zu wissen warum, mit Gewalt wahr mache. - Ja, ich fühl, es hängt
mit dem ersten Gedanken zusammen, es ist die Genialität der Tugend, wenn der
ganze Mensch in sich einverstanden ist, und es ist gewiss, was die meisten nicht
tun. Ach, nun kommt mir gar die Moral in Weg, lass mich nur lieber die Gedanken
weiter abschreiben, dann kleb ich den Deckel zu vom Buch, dass ich sie nicht mehr
seh. - Dann fallen mir vielleicht bessere Sachen ein, die nicht so steifstellig
sind. Ich bin also wieder auf meine Pappel geklettert, denn es ist mir grad, als
kämen mir nur da oben Gedanken, aber kaum war ich droben, so musst ich auch schon
wieder herunter, und der kam mir ganz begeisternd vor, so dass ich mit grossen
Freuden meine drei Treppen heraufgesprungen kam.
                      Den Geist nähren, das ist Religion.
Ja, wenn ich das könnt, dacht ich, wie ich wieder auf meiner Pappel sass und
jetzt nicht mehr herunter wollt; denn es war so schön geworden der ganze Himmel,
Abendrot, und der Luftkristalle unendlich viele, die schnell im Purpur
anschossen, was hab ich alles gesehen von Farben und von wogenden Wipfeln, die
sich einschmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne, und wie war die Natur
so gütig gegen mich, grad als ob ich sie nicht verleugnet hätt gehabt mit meinem
Aberwitz auf dem Papier. Alles Selbstdenken kommt mir wie Sünde vor, wenn ich in
der Natur bin; könnt man ihr nicht lieber zuhören? - Ja, Du meinst, davon denkt
man ja, dass man ihr zuhört, nein, das ist doch noch ein Unterschied. Wenn ich
der Natur lausche, Zuhören will ich's nicht nennen; denn es ist mehr, als man
mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen, das tut die Seele. - Siehst Du, da fühl
ich alles, was in ihr vorgeht, ich fühl den Saft, der in die Bäume hinaufsteigt
bis zum Wipfel, in meinem Blut aufsteigen, ich steh so da und lausch - und dann
- da empfind ich - ich denk aber nicht grad oder doch nicht, dass ich's wüsst,
aber wart nur einmal, wie's weiter geht. - Alles, was ich anseh - ja, das
empfind ich plötzlich ganz - grad, als wär ich die Natur selber oder vielmehr
alles, was sie erzeugt, Grashalme, wie sie jung aus der Erd heraustreiben, dies
fühl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen, alles fühl ich
verschieden. - Seh ich den grossen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg, er hatte
beinah schon abgeblüht, jetzt ist ein Nachschuss da, das betracht ich alles, das
dringt mir alles mit etwas ins Herz, soll ich's Sprach nennen? - Mit was berührt
man denn die Seel, ist die Sprach nicht die Lieb, die die Seel berührt, wie der
Kuss den Menschen berührt? - Vielleicht doch, nun, so ist das, was ich in der
Natur erfahr, gewiss Sprache; denn sie küsst meinen Geist, - jetzt weiss ich auch,
was Küssen ist; denn sonst wär's nichts, wenn's das nicht wär', jetzt geb acht:
        Küssen ist, die Form und den Geist der Form in uns aufnehmen, die wir
        berühren, das ist der Kuss, ja, die Form wird in uns geboren.
Und darum ist die Sprache auch Küssen, es küsst uns jedes Wort im Gedicht, alles
aber, was nicht gedichtet ist, das ist nicht gesprochen, das ist nur gegautzt
wie die Hunde. Ja, was willst Du denn anders mit der Sprache als die Seele
berühren, und was will der Kuss anders, er will die Form in sich saugen und die
Seele berühren, alles das ist eins, ich hab's von der Natur gelernt, sie küsst
mich beständig, ich mag gehn und stehn wo ich will, sie küsst mich, und ich bin
auch schon so ganz dran gewöhnt, dass ich ihr gleich mit den Augen entgegenkomme;
denn die Augen sind der Mund, den die Natur küsst, siehst Du, so fühl ich auch,
dass mich eine Knospe anders küsst als eine Blume; denn warum, sie sind
verschieden in der Form, dies Küssen ist aber Sprechen, ich könnt sagen: »Natur,
dein Kuss spricht in meine Seele hinein« - ja, das ist auch ein Gedanke, den ich
ins Buch geschrieben hab, aber den wollt ich stehen lassen, an ihn kann ich noch
weiteres anknüpfen. Ach, wenn ich mich so umseh, wie sich alle Zweige gegen mich
strecken und reden mit mir, das heisst küssen meine Seele, und alles spricht,
alles, was ich anseh, hängt sich mit seinen Lippen an meine Seelenlippen, und
dann die Farbe, die Gestalt, der Duft, alles will sich geltend machen in der
Sprache, nun ja, die Farbe ist der Ton, die Gestalt ist das Wort, und der Duft
ist der Geist, so kann ich wohl sagen, die ganze Natur spricht in mich hinein,
das heisst, sie küsst meine Seele, davon muss die Seele wachsen, es ist ihr
Element; denn alles hat sein Element in der Natur, was Leben hat. Der Seele ihr
Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form, das ist
Sprache der Natur. Aber die Natur hat nun auch selbst eine Seele, und diese
Seele will auch geküsst sein und genährt, grad wie meine Seele von ihrer Sprache
genährt wird, wenn ich so durchdrungen war von ihr (denn es gibt Augenblicke, wo
die Seele wie ein Feuer ist von Leben, wo sie ganz und gar nur das ist, was sie
in sich aufgenommen, nämlich Selbstsprache der Natur, da erkennt sie die Natur
wieder als nahrungsbedürftig), so hab ich vor ihr gestanden und hab mich wieder
in sie hineingesprochen, ich hab sie geküsst mit meinen Seelenlippen. Sieh, das
war Geist, der war nicht gedacht, der war ursprünglicher Lebensgeist ohne
Erdform, Gedanken ist die Erdform des Geistes - aber mein Geist hat diese Form
nicht angenommen, als er mit ihr sprach, es war nicht Gedanke, es war nicht
Gefühl oder Empfindung; denn das deucht mir auch noch verschieden, es war Wille
- ja Wille war's, der sah so rasch und fest die Natur an, als wolle er ihr nun
wieder schenken alles, was sie ihm gab, nämlich Leben. - Das ist's, alles ist
ein Wechselwirken, alles, was lebt, gibt Leben und muss Leben empfangen. - Und
glaub nur nicht, dass alle Menschen leben, die sind zwar lebendig, aber sie leben
nicht, das fühl ich an mir, ich leb nur, wenn mein Geist mit der Natur in dieser
Wechselwirkung steht. - Da weiss ich auch, dass Tränen noch gar keine Folgen von
Schmerz zu sein brauchen oder von Lust - sie können auch eine natürliche Folge
sein, wie auch Schlaf die Folge ist vom aufgeregten Geist. - Denn ich muss oft
plötzlich weinen, ohne vorher gerührt zu sein, das ist also gewiss, wenn die
Natur mich so erfasst, heimlich meine Seele erschüttert, dass sie weinen muss. Und
oft leg ich mich auch am Boden auf die sammetschwarze aufgepflügte Erde, die so
warm von untenauf dampft, und das wärmt mich, weil ich dann frier - ja, der
Geist friert in mir, da leg ich mich am Boden hin, da wird gleich der ganze
Geist wieder warm, da fühl ich's, wie's durch den Kopf zieht und durch die
Brust, und da muss ich gleich die Hände betend zusammenhalten. Siehst Du, das ist
alles nicht gedacht und ist doch Geist. - Geist, der mit der Natur in
Wechselwirkung ist - ich bin ordentlich froh, dass ich heut das Wort gefunden
hab, ich hätt schon früher mit Dir davon gesprochen, aber ich fand die Worte
nicht - aber ich könnt Dir noch ganz andere Sachen sagen - ach nein, ich fürcht
mich gar nicht vor Dir, dass Du mich schelten solltest, Du wirst wohl auch mit
mir einverstanden sein, dass, soweit der Geist seinen Flug erheben mag, soweit
darf er auch, warum hat ihm Gott Flügel gegeben, Geist ist ja eigentlich
Fliegen. - So muss ich lachen über die Lotte, wenn die von Konsequenz spricht,
das ist kein Geist - Inkonsequenz ist Geist - im Flug hin und her schweben,
alles, was er berührt, gleich mit ihm zusammenfliessen, das ist Geist, dass er
gleich sich verwandle in das, was er berührt, so verwandelt der wahre Geist sich
in die Natur, weil die ihm begegnet allüberall, weil ihr Berühren mit ihm allein
Geist ist, er wär nicht, wär die Natur nicht leidenschaftlich seiner bedürftig,
das eben ruft ihn jeden Augenblick ins Leben, Geist ist fortwährendes
Lebendigwerden, um die Natur zu küssen, seine Formen in sie prägen; die Natur
saugt die Geistesformen in sich, davon lebt sie, und Geist fliesst durch alle
Gestalten mit ihr zusammen, so fasst die Natur sich selber in ihren Formen, das
ist eben der ganz göttliche Reiz in ihr, Reiz ist Zauber, wo kann Zauber her
entstehen als durch das Sichselbsterfassen? - Ja, das ist schon wieder was
Neues, das wollen wir morgen besprechen. Heute abend tut mir der Nacken weh vom
Schreiben - das wollt ich nur noch sagen: mein Geist oder durch mich spricht der
Geist mit ihr, und dabei bin ich ganz unregsam, ich besinn mich nicht, ich denk
nichts, ich hab keine Betrachtung, aber nachher kann ich davon erzählen, wie Du
siehst, heut zum erstenmal, also erzeugt das Ineinanderfliessen des Geistes mit
der Natur doch Gedanken, die man nachher hat. - Was sind das aber vor Gedanken,
einer könnt sagen, es sind Lügen oder Dummheiten, Fabeleien und also keine
Gedanken; denn was kann ich's beweisen, oder zu was frommen und führen diese
Gedanken. Ja, das ist es eben, Geistesgedanken berühren nichts, was schon da
ist, sie erzeugen neu, da siehst Du wieder, dass ich recht hab; weil der Geist
und die Natur sich einander berühren, so sind sie fortwährend lebendig und
erzeugen fortwährend neu; denn wir sollen übergehen in ein neu Leben nach diesem
Leben, wie sollen wir's aber anfangen, wenn der Geist sich nicht selber hinüber
erzeugt in die andre Welt? - Er muss sich also selbst wie ein klein Kind im
Mutterleib tragen, er muss mit sich gesegnet (guter Hoffnung) sein und muss sich
nähren, bis er selbst als Frucht in sich reif wird, dann bringt er sich zur
Welt, wo, wie und wann, - das ist alles einerlei; eine reife Frucht kommt
allemal zur Welt, die Welt ist da vor der Frucht, sie kann nicht aus jener Welt,
in das ihr Leben überstrebt, herausfallen, sie kann nur in sie geboren werden.
Der Geist also, der fortwährend mit der Natur sich küsst, das heisst, der ihre
Sprache trinkt, der nährt sich selbst in ihr, um sich zu gebären, die Natur tut
das auch, sie reift sich für die künftige Frucht des Geistes in ihrem Bemühen
mit ihm, und so wird die neugeborne Frucht des Geistes in die Welt einer höher
gereiften Natur übergehen; denn Gott lässt nie von der Natur, überall ist sie es,
die der neugebornen Seele wieder begegnet, wieder ihre Formen ihr zu küssen
gibt, das heisst, ihre Sprache, die ihr in die Seele spricht, wovon die Seele
sich nährt, so ist es gewiss mit allen lebenden Kreaturen, die so weit sind, dass
der Geist schon gelöst ist und selbst denken kann. - Alle Menschen erleiden
dieselbe Berührung von der Natur, sie wissen's nur nicht, ich bin grade wie sie,
nur der Unterschied ist, dass ich bewusst bin; denn ich hab das Herz gehabt,
dringend und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen, andre Menschen lesen's wohl
als poetische Fabel, dass die Natur um Erlösung bitte, andre Menschen empfinden
wohl eine Unheimlichkeit, wenn sie so in der lautlosen stillen Natur dastehen,
es bedrängt ihr Herz, sie wissen weder den Geist zu wecken in sich, noch zu
bezwingen, da gehen sie ihr fühllos aus dem Weg, ihr Inneres sagt ihnen wohl,
hier geht was vor, du solltest dich dem hingeben, dann überkommt sie eine Angst,
und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben, wo eine Mahlzeit die andere
verabschiedet, bis der Schlaf obendrauf sich einstellt, und dann ist der Tag und
die Nacht herum; und dafür hätte man gelebt? - Nein, das ist nimmermehr wahr! -
der Gedanke hat mich schon lang verfolgt: »Warum lebst du doch?« - besonders
eben, wenn ich so manchmal bei Sonnenuntergang spazierenging - im Wald auf der
Homburger Chaussee, da stand ich als still und fragte mich das, da hörte ich
diese traurige Stille der Natur, da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr,
da fühlt ich deutlich, dass ich nicht bis zu ihr drang; da dacht ich, wenn's
nicht eine lebendige nähere Beziehung gäb zu ihr, so würdest du das nicht so
deutlich empfinden, du fühlst ja ordentlich in deiner Seele, wie sie traurig
ist, also geht sie doch lebendig an dich heran, und du fühlst, dass sie einen
Geist hat, der ihr allein angehört, und der sich mitteilen will, da fasst ich mir
einmal ein Herz und wollte sprechen, da wusst ich nicht, sollt ich laut mit ihr
sprechen wie mit den Menschen; denn ans Küssen ihrer Form und so mit ihr
sprechen, das war mir nicht deutlich, obschon gewiss ich es unbewusst im Kloster
getan; denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen. - Ich
dachte an einem Sonntagmorgen, als wir den Weg von Bürgel aus der Kirche
zurückkamen, heut wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen
und wollt da mit ihr sprechen ganz laut, wie man mit den Menschen spricht, und
es war mir ganz schauerlich, als ich aus einem grossen Garten, wo wir zusammen
mit andern waren, herausschlich und längs der Chaussee am Wald ging, dann den
Bach verfolgte, der mir entgegengerauscht kam, und so kam ich an eine Stelle, wo
Felssteine liegen, und der Bach teilt sich und muss Umwege machen und schäumt und
braust, da blieb ich eine Weil stehen, das Brausen war mir grad so ein Seufzen,
das lautete mir, als wär's von einem Kind, da redete ich auch zu ihr wie zu
einem Kind. »Du! - Liebchen - was fehlt Dir?« - und als ich's ausgesagt hatte,
da befiel mich ein Schauer, und ich war beschämt, wie wenn ich einen angeredet
hätte, der weit über mir stehe, und da legt ich mich plötzlich nieder und
versteckte mein Gesicht ins Gras, und im Anfang war ich ganz betäubt, dass ich
gar nicht wusste, warum ich dahergekommen war, aber nach und nach besann ich
mich, und nun, wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht, da war ich einmal
zärtlich. Ach! Ich sag Dir - tausend süsse Dinge drängten sich aus meinem
Seelenmund, ein Begehren, sie zu lieben, ich weiss nicht, wie's nachher gewesen
ist, ich konnt ungern vom Platz aufstehen, aber da ward mir so heiss auf dem
Kopf, und wie ich ihn aufhob, schien die Sonne so kräftig, und nichts war mehr
düster und traurig, alles lebendig, ich war in der Seele, als hab ich ein neu
Leben empfangen, und die Wellen im Bach, die über die Steine sich teilten,
schienen mir voller zu rieseln und lauter, und ich musste alles so tief ansehen,
und da lernt ich gleich ihre Formen fassen, ich sah sie viel kräftiger an, und
ich hatte unter zwei Tannen gelegen, die ihre Äste noch bis am Erdboden hängen
hatten, und guckte die feinen Nadeln an, wie sie so gleichmässig gereiht waren,
und wie sie die klebrigen Knospen so schützend in ihrer Mitte tragen. Da dacht
ich, ist doch kein Gedanke so kräftig und so wahr wie dieser Baum, und ich hab
noch nichts gehört von Menschen sagen, wo der Gedanke gleich schon seine Knospe
der Zukunft in sich bewahrte; und drum ist auch alles platt und kein Leben drin;
denn alles was lebendig ist, das muss die ganze Zukunft in sich tragen, sonst ist
es nichts, und alles Tun der Menschen muss so sein, sonst ist's Sünde, und da
dacht ich, wie ist es möglich, dass jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in
sich fasse? Aber da wusst ich's gleich, nämlich jede Handlung muss den höchsten
Zweck haben, und ein hoher Zweck ist ja doch die Knospe der Zukunft. O, ich
wollt gleich die Welt regieren, und die Leute sollten sich verwundern, das hab
ich in jenem ersten Moment gelernt von der Natur, wie ich das machen soll, und
glaub nur, ich würde nie fehlgehen, im Anfang würde es viel Staub setzen, wenn
ich gegen das alte Gemäuer anrennen liess, wenn aber erst die Staubwolken sich
gelegt hätten, dann um so schönerer hellerer Himmel. - Aber als ich am Boden
lag, da mischten sich auch meine Tränen mit dem Erdreich, aber der Nacken tut
mir so weh, ich kann nicht mehr schreiben, und ich wollt Dir doch noch so viel
sagen! - Es ist schon Morgen, die Sonn kommt schon, gute Nacht!
                                                                          Montag
Ich hab heut im Schlaf gedacht, ich bin doch recht glücklich, alles was ich Dir
gestern aufgeschrieben hab, das war in meinem Buch mit folgenden ledernen
Gedanken bezeichnet:
        Alle Form ist Buchstabe, wisse die Formen zusammenzusetzen, so hast du
        das Wort (Kuss), und durch dieses den Sinn (Gedanken) Liebesnahrung des
        Geistes. -
Nein, daraus würde wohl keiner klug werden! - und auch keiner sich drum kümmern,
so ein Gedanke, den man aufbewahrt, ist wie eine gedürrte Pflaume, ganz
verhutzelt und verkohlt. Nein, es ist eine Unmöglichkeit, ein Buch zu machen aus
dem, was mir durch den Kopf geht, es ist ungehobeltes Zeug, was sich sperrt,
wenn's in Gedanken soll gefasst werden. - Und kein Mensch kann's brauchen, selbst
der Clemens würde fürchten, dass ich übergeschnappt sei, von Dir erwart ich, dass
Du mich ungestört anhörst, es ist doch einmal nicht zu ändern, Ihr gebt Euch
Mühe, meine Gedanken zu konzentrieren (auf etwas fest richten soll das, glaub
ich, heissen), das ist aber grad, was nie geschehen wird; denn ich selbst kann's
nicht erzwingen von mir, ich sag mir oft, nur jeden Tag eine halbe Stunde
Geduld, so wirst du gewiss Herr über alles, was du lernen magst. - Aber wenn ich
das denk, so schaudert's mich, als ob ich gesündigt hätt mit dem Gedanken.
Gestern nahm mich die Grossmama ins Gebet über meine vermöglichen Fähigkeiten,
sie sagt, wer den Most nicht fassen kann in Gefässe, der kann ihn nicht bewahren,
da hielt sie mich mit beiden Händen und sah mich so gross an, da versprach ich
ihr alles, da sagte sie: »Lern doch Latein,« und ich versprach's ihr, aber
gleich befiel mich eine frevelige Angst, und mir klopfte das Herz vor Ungeduld,
dass sie mich loslassen solle, aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen, und
wie sie sah, dass meine Wangen so brennten, da sagt sie: »Geh hinaus, lieb's
Mädele, in die Luft, und morgen wollen wir weiter sprechen.« - Gleich klettert
ich aufs Dach von der Waschküch und erwischte so einen Akazienzweig und
kletterte hinüber auf den Akazienbaum und hab ihn umhalst und wieder abgebeten,
dass ich gesagt hab, ich wollt Latein lernen.
                                                                         Bettine
 
                                 An die Bettine
Ich habe Deine Briefe erhalten, die Du seit meiner Abreise mir schreibst. Ich
muss mich kalt machen, dass Dein Flammen mich nicht angreifen, doch such ich Dir
nachzuempfinden, und meine Mühe ist nicht ganz umsonst - doch staun ich, wie
gewaltig Dich alles ergreift, und dass dies alles nicht Deine Gesundheit
aufreibt; denn wie mir einleuchtet, so kannst Du unmöglich viel schlafen? - Und
dabei dies unruhige Leben, wo jeder Augenblick Dich aufs neue reizt - ich glaub
selber, dass Du einen Dämon hast, der Dich wieder stärkt, wie könntest Du sonst
alles fassen? - Und Dein Herz, ist es nicht voll zum Überlaufen, der Gärtner,
der Moritz, der Franzose, der Clemens und ich doch auch - und Deine frühen
Wanderungen im Boskett, Du schläfst nicht aus, es wird nicht lange so fortdauern
können - ich selbst fühl mich hier anders wie sonst. - Die Zukunft leuchtet mir
nicht helle, und ich hab so grosse Lust nicht mehr am Lebendigen, an der
Märchenwelt, die unsre Einbildung uns damals so üppig aufgehen liess, dass sie die
Wirklichkeit verschlang, doch wird sich's ändern, gewiss, wenn wir wieder
zusammen sind, diesen Winter denk ich ernstlich mich zu überwinden, ich hab mir
einen Plan gemacht zu einer Tragödie, die hohen spartanischen Frauen studiere
ich jetzt. Wenn ich nicht heldenmütig sein kann und immer krank bin an Zagen und
Zaudern, so will ich zum wenigsten meine Seele ganz mit jenem Heroismus erfüllen
und meinen Geist mit jener Lebenskraft nähren, die jetzt mir so schmerzhaft oft
mangelt und woher sich alles Melancholische doch wohl in mir erzeugt. - Doch
fürchte nichts für mich, es sind nur Minuten, wo mich's überfällt wie starker
Frost, doch Deinen frühlingsheissen Briefen widersteht er nicht. - Heut und
gestern war ein Grünen und Blühen in mir - und ich lese sie gern wieder, dann
bin ich immer wieder glücklicher gestimmt, ich danke Dir dafür. - Auch von
Clemens sagst Du mir, was mich freute. - Lebe wohl! - Dein Naturbrief besonders
hat mir Freude gemacht, er ist wie das Zwitschern junger Vögel, die sich noch im
Nest der Ätzung freuen - die die Mutter in Fülle ihnen gibt, sind sie erst
flügge, dann werden vielleicht auch da Geistesgesetze herausfliegen, von der
Natur gegründet für den Geist, der sie als göttlich zu fassen vermag, aber sie
werden wohl nimmer im Buchstaben können gefasst werden, zum wenigsten nicht in
unserm Jahrhundert. -
    Ist denn das alles von Gedanken, was Du in Dein Buch aufgeschrieben, o
verliere nichts. Hier sende ich Dir ein paar Lieder, lese sie, wie man Gedichte
liest, ohne zu grossen Affekt. Denk, dass der Reim auch die Stimmung leitet, und
glaub nicht gleich, ich sei zu traurig. - Gedichte sind Balsam auf Unerfüllbares
im Leben; nach und nach verharscht es, und aus der Wunde, deren Blut den
Seelenboden tränkte, hat der Geist schöne rote Blumen gezogen, die wieder einen
Tag blühen, an dem es süss ist, der Erinnerung Duft aus ihnen zu saugen.
    Die »Pilger« hab ich vor acht Tagen geschrieben, auf das letzte: »Der
Lete-Fluss«, hatte Dein Emigrantenverkehr Einfluss; ich weiss nicht wie.
    Ist St. Clair noch nicht zurückgekehrt? War er bei Dir? -
 
                                    Beilage
                                   Die Pilger
                                Der eine Pilger
Ich bin erkranket
An Liebespein,
Möcht nur genesen,
Wolltst mein du sein.
Dein liebreich Wesen,
Dein Lippenrot
Hält mich gefangen
Bis an den Tod.
Mein Aug ist trübe,
Meine Jugend verdorrt,
Muss Heilung suchen
An heil'gem Ort.
Ich greif zum Stabe,
Ich walle zum Meer,
Es brausen die Winde,
Es tobet das Meer.
Die Vöglein fliegen
so lustig voran,
Sie suchen den Frühling
Und treffen ihn an.
Es hält mich die Liebe,
Ich bliebe so gern,
Doch ziehet mich Wehmut
Zum Grabe des Herrn.
Mich sehnet, o süsse
Geliebte, nach dir,
Doch wähl ich das Grab mir
Des Heilands dafür.
Da knie ich nieder
Voll bitterem Schmerz,
Da kann ich dich lassen,
Da bricht mir's Herz.
Lebt wohl denn, ihr Augen,
Voll freundlichem Schein,
Mein Blick soll zum Himmel
Gerichtet nur sein.
Die Heilung ist bitter,
Der Weg ist wohl weit,
Doch greif ich zum Stabe
Und ende mein Leid.
                                Der andre Pilger
Ich scheide froh vom Vaterland
Und suche den geliebten Strand,
Wo Jesus Christus wallte.
Wo er in Demut angetan,
Des Erdenlebens schwere Bahn
Mit stillem Sinne wallte.
Was ist die Herrlichkeit der Welt
Und alles, was dem Sinn gefällt? -
Ich will ihm froh entsagen.
Die ird'sche Kette fällt von mir
Und Jesu! - Nur zu dir! zu dir! -
Will ich mein Sehnen tragen.
Die Märterkrone windet mir
Und Seligkeit wohl für und für,
Wenn ich vollendet habe.
O süsse Busse! Himmlisch Leid!
In frommer Einfalt, Seligkeit,
Ihr wohnt am heiligen Grabe.
                                     Lete
Du rollst, o Bach, mit stillem Stolz die Flut
Und düstergrün umhüllen dich Gesträuche,
In deiner Well erstirbt die Rosenglut,
Die lieblich glänzt vom fernen Geisterreiche.
Dir schmeichelt nicht die Gunst der Gegenwart
Mit Blütenduft, mit Zephyrs kühlem Säuseln,
Kein Glück, das in der Zukunft Schleier harrt,
Wird deine Wog in holden Spielen kräuseln.
Erbebend schaut es die Vergangenheit,
Wann deine Flut der Schatten Heer umweben,
Wie die Gebilde der entflohnen Zeit
Zum öden Nichts auf deiner Well entschweben.
Du wallest stolz! - Des Helden Lorbeerkranz,
Die Myrte durch Zyterens Hauch erzogen,
Der Tugend Palm in des Olympos Glanz
Verlieren sich in deinen düstern Wogen,
Entführt durch sie, dahin, wo Zeit und Raum
Verschwinden, wo in trüber Nebelferne
Dein dumpfer Fall ertönt, dein weisser Schaum
Im Chaos strahlt, statt lichtbegabter Sterne.
Hinweg von dir! - Die blütenreiche Luft,
Der Zauber in Elysiums Gefilden
Verführ mich nicht, der rosenfarbne Duft
Mag sich umsonst an deinem Ufer bilden.
Vergebens weht hier magisch süss ein Ton
Zu mir herab aus seliger Geister Chören,
Erschiene selbst Latones grosser Sohn,
Sein Phöbusauge wird mich nicht betören.
Für Seligkeit, die ich noch nie genoss,
Sollt ich in Lete meine Lust versenken?
Und Schmerzen, die ich lang in mir verschloss,
Für unbekannte Freuden hinzuschenken.
Nein! Jed' Gefühl, zur Qual und auch zur Lust,
Vom Hauch der Erdenluft in mich geboren,
Die Leidenschaft bekämpft in meiner Brust -
Den Siegerstolz! - Ich geb ihn nie verloren.
Es drückt das Herz, wenn eine fremde Macht
Ihm Gotteit gibt, es sträubt sich dieser Würde,
Mit höherem Stolz entsagt es dieser Pracht
Und schmiegt sich liebend seiner Erdenbürde.
Kann ich die Seligkeit auf jener Flur
Nur durch den Tod von diesem Ich erringen,
So leite fern von ihrer Zauberspur
Mich die Erinnerung auf ihren zarten Schwingen.
Ich trag im Busen mein Elysium,
Und dieses blühe mir auf Blumenmatten
Elysischer Gefild! Ich bringe stumm
Es sonst zum Styx, zu ungeweihten Schatten.
Dich aber fleh ich an, Erinnerung!
O Göttin! Die den Gram um Freuden tauschet
Und wie ein Lilienduft mit leisem Schwung
Durch die Verzweiflungsnacht zum Troste rauschet:
Nimm deinen Wanderstab und schlage kühn
Der stolzen Lete Flut, dass ihre Wellen
In nichts verdürstend, ewig schüchtern fliehn,
Elysiums Strand nicht spottend mehr umschwellen.
Die Schatten jauchzen dann, im Götterglanz
Der Tugend Traum entfaltend, wie der Fehler Bürde,
Wo Lete floss; umschwebt vom ewigen Tanz
Der Anmutschwestern, in ihrer Selbsteit Würde.
                                Der Kuss im Traum
Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefes Schmachten,
Komm Dunkelheit, mich traulich zu umnachten,
Dass neue Wonne meine Lippe saugt.
In Träume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb ich ewig, Träume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
Weil mir die Nacht so süssen Balsam haucht.
Der Tag ist karg an liebesüssen Wonnen,
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen,
Und mich verzehren diese heissen Gluten.
Drum birg dich Tag, dem Leuchten ird'scher Sonnen,
Hüll dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Letes kühle Fluten.
 
                                An die Günderode
Schon zehn Tage bist Du fort, alle Tag kommt der Jud mit dem leeren Sack, ich
liess ihn heut den Sack um und um kehren, weil ich dacht, es müsse sich Dein
Brief drin finden, den ich so sicher erwartete, aber es war nichts
herausgefallen als Brotkrümel und kein Krümelchen Deiner Feder für mich - wonach
ich gar nicht so hungrig bin, wenn ich nur weiss, dass alles noch beim alten ist,
und dass Du gesund bist. - Weisst Du mir nichts zu schreiben, so such mir aus
meinen Briefen meine Religionsprinzipien zusammen, ich hab noch allerlei
Nachgedanken berauschender Quellen der Natur hervorströmen, und mir deucht, ich
sollte sie auch noch zu schöpfen versuchen. -
    Bei der Grossmama ist ewiger Besuch, heute spazierte man zu siebzehn
Fürstlichkeiten im Garten auf und ab, die Grossmama zum Bewundern, in Anmut und
Würde alle überstrahlend, Isenburg, Reuss, Erbach und etliche hessische
Durchlauchten und nebenbei noch der Herzog von Gota, der schon längere Zeit
täglich Brot ist im Haus, nämlich alle Mittag um drei Uhr kommt er
herausgefahren und lässt sich von mir die Depeschen vorlesen und Journale, dann
geht er in den Garten, wo er Bohnen gepflanzt hat, die muss ich ihm begiessen
helfen. Die Grossmama spricht von seinem Genie, mir gefällt, dass er mit mir
umgeht wie mit einem Kind, er nennt mich Du! Frägt mich nie nach was anderm, als
was ich mit Ja oder Nein beantworten kann, weiter hab ich ihm nichts gesagt bis
jetzt - im Garten lässt er mich in der Sonnenhitze den Regenschirm tragen, und er
trägt die Giesskanne, letzt war er so matt, dass er sie hinstellen musste, ich
sagte, er solle den Parapluie tragen, ich wolle die Giesskanne nehmen, er meinte,
die sei wohl zu schwer für mich, als er aber sah, dass ich sie mit ausgestrecktem
Arm weitab durch die Luft trug, um mein Kleid nicht nass zu machen, so nennt er
mich seitdem die starke Magd. - Seine roten Haare, die einen verzweiflungsvollen
Schwung haben wie ein schweres Ährenfeld, das der Hagel verwüstet hat, und sein
blasses Angesicht geben ihm in der Abenddämmerung das Ansehen von einem Geist;
ich hab mich vor ihm gefürchtet, wie er mich abends durchs Boskett begleitete.
Die Grossmama hatte alle Fürstlichkeiten an der Wagentüre begrüsst und dagegen
protestiert, dass sie unter das Dach ihrer Grillenhütte kommen, sie wollten aber
absolut in die Grillenhütte herein, und so ward diese bald zu eng. - Im Garten
machte der Herzog selbst eine Weinkaltschale mit Pfirsich; denn er panscht gern,
ich musste dazu alles herbeiholen in die Geisblattlaube, da er mich nun immer
starke Magd nannte, so passierte ich bei der hohen Gesellschaft für ein so
seltnes Monstrum; zuletzt sagte er noch: »Geh an unsern Bohnenstangen und sorge,
dass die breitfüssigen und krummbeinigen Spaziergänger sie nicht umtreten!« Ich
holte mir die Schawell und setzte mich mitten ins Bohnenfeld, wo ich nicht mehr
bemerkt wurde, es war mir eine Labung; denn ich war betäubt und müde, alles kann
ich ertragen, nur nicht das Brausen der Menschenreden, die kein Feuer, keinen
Zweck haben und immer in der Luft herumgreifen und nichts fragen und nichts
anregen; besser wär's, schweigen. Bis das Ton wird, was unendlichen Vorteil
bringen mag, da kann noch viel Wasser dem Main hinunterfliessen. Am Abend ging
alles ins Boskett, die Musik zu hören, es war mit bunten Lampen erleuchtet, die
Orangerie auf der Terrasse am Main jetzt in ihrem schönsten Flor, ach, ich war
so müde und betäubt - was ich geträumt habe weiss ich nicht mehr, es war schön;
denn ich wachte auf, wie trunken von Behagen, aber doch so schwindlig, dass sich
die starke Magd an der Hand vom Herzog nach Haus führen liess, er fuhr in die
Stadt, er rief mir noch aus dem Wagen zu: »Leg dich zu Bett, starke Magd, du
siehst ganz blass aus!« -
                                                                           17ten
St. Clair war heute hier, zwischen zehn und ein Uhr, ich lag noch zu Bett, ich
hatte die Grossmama um Erlaubnis fragen lassen auszuschlafen, weil mich am Abend
der Duft der Orangerie ganz betäubt hatte, er wartete auf mich hinter der
Pappelwand. - Es gibt Weh, darüber muss man verstummen; die Seele möchte sich mit
begraben, um es nicht mehr empfinden zu müssen, dass solcher Jammer sich über
einem Haupte sammeln könne, und wie konnte es auch? - O ich frage! und da ist
die Antwort: weil keine heilende Liebe mehr da ist, die Erlösung könnte
gewähren. Oh, werden wir's endlich inne werden, dass alle Jammergeschicke unser
eignes Geschick sind? - Dass alle von der Liebe geheilt müssen werden, um uns
selber zu heilen. Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst,
nicht der erstarrten Sinne; dass das Krankheit ist, das fühlen wir nicht - und
dass wir so wahnsinnig sind und mehr noch als jener, dessen Geistesflamme seinem
Vaterland aufleuchten sollte - dass die erlöschen muss im trüben Regenbach
zusammengelaufner Alltäglichkeit, der langweilig dahinsickert. - Hat doch die
Natur allem den Geist der Heilung eingeboren, aber wir sind so verstandlos, dass
selbst der harte Stein für uns ihn in sich entbinden lässet, aber wir nicht -
nein, wir können nicht heilen, wir lassen den Geist der Heilung nicht in uns
entbinden, und das ist unser Wahnsinn. Gewiss ist mir doch bei diesem Hölderlin,
als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar
die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend und diese
darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die
Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. - Und St.
Clair sagt: ja, so ist's - und er sagt noch: aber ihm zuhören, sei grade, als
wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche; denn er brause immer in Hymnen
dahin, die abbrechen, wie wenn der Wind sich dreht - und dann ergreife ihn wie
ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee, dass er wahnsinnig sei, ganz
verschwinde, und dass sich anhöre, was er über die Verse und über die Sprache
sage, wie wenn er nah dran sei, das göttliche Geheimnis der Sprache zu
erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er
in der Verwirrung und meine, es werde ihm nicht gelingen, begreiflich sich zu
machen; und die Sprache bilde alles Denken; denn sie sei grösser wie der
Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im
Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig
hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der
Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen er das Göttliche
aussprechen müsse, und solange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht
vom Rhytmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit;
denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist
Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: dass eben der Geist nur sich
rhytmisch ausdrücken könne, dass nur im Rhytmus seine Sprache liege, während
das Poesielose auch geistlos, mitin unrhytmisch sei - und ob es denn der Mühe
lohne, mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo
nichts mehr übrigbleibe als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen, das dem
Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm
eingebornen Rhytmus in sich trage, und nur mit diesem Rhytmus könne er
lebendig und sichtbar werden; denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte
seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen. -
    Es gebe höhere Gesetze für die Poesie, jede Gefühlsregung entwickle sich
nach neuen Gesetzen, die sich nicht anwenden lassen auf andre; denn alles Wahre
sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei
anheimgegeben, dies Licht zu verbreiten, drum müsse der Geist und könne nur
durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. - Nur allein dem
füge sich der Rhytmus, in dem der Geist lebendig werde! - wieder: -
    Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn, der müsse den Geist des
Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich und müsse das Gesetz ihm preisgeben;
nicht wie ich will, sondern wie du willst! - und so müsse er sich kein Gesetz
bauen; denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen, sondern der Versbau
werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten.
Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, könne er die Poesie als Gott
nicht fassen. - Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist müsse sich in
dieser bewegen und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz, was der Mensch dem
Göttlichen anbilden wolle, ertöte die Ideengestalt, und so könne das Göttliche
sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die
Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde
tödlich faktisch; denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten, die
Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde - so sei aber ein
Tragisches, was Leben ausströme in der Ideengestalt - (Poesie); denn alles sei
tragisch. - Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung (lebendig
faktisch), die bloss aus dem Gemordeten hervorgehe. - Der Tod sei der Ursprung
des Lebendigen.
    Die Poesie gefangennehmen wollen im Gesetz, das sei nur, damit der Geist
sich schaukle, an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung, als ob er
fliege. Aber ein Adler, der seinen Flug nicht abmesse - obschon die
eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke - mit geheim arbeitender Seele im höchsten
Bewusstsein dem Bewusstsein ausweiche und so die heilige, lebende Möglichkeit des
Geistes erhalte, in dem brüte der Geist sich selber aus und fliege - vom
heiligen Rhytmus hingerissen oft, dann getragen, dann geschwungen sich auf und
ab in heiligem Wahnsinn, dem Göttlichen hingegeben; denn innerlich sei dies eine
nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhytmus sich fest. -
    Dann sagte er am andern Tag wieder: es seien zwei Kunstgestalten oder zu
berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Höhe im Anfang
eines Kunstwerks und neige sich gegen das Ende; die andre wie ein freier
Sonnenstrahl, der vom göttlichen Licht ab sich einen Ruhepunkt auf dem
menschlichen Geist gewähre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da
steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern
der höchste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachäusserung
übertreffe, und führe der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann
und ganz getränkt vom Licht, und es erdürre ihre ursprüngliche üppige
Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im
Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Übermenschlichen. Und nur
die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie nämlich. - Und es sei
Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam
Heroischen, wie im leidenden Verhalten. - Und jedes Kunstwerk sei ein Rhytmus
nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist,
und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So
offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige
Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. - Die
Begeistrung, welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe
ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie, die aus dem Urlicht schöpfe und
hinabströme den ganzen Rhytmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur,
der ihm das Sinnliche - den Gegenstand - entgegentrage, wo dann die Begeistrung
bei der Berührung des Himmlischen mächtig erwache im Schwebepunkt
(Menschengeist), und diesen Augenblick müsse der Dichtergeist festalten und
müsse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben - und so
begleite diesen Hauptstrahl des göttlichen Dichtens immer noch die eigentümliche
Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von
göttlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig
noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren
Umschwung erhalte, bald auch eine träumerisch naive Hingebung an den göttlichen
Dichtergeist oder die liebenswürdige Gefassteit im Unglück; - und dies
objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der
heroischen Virtuosität des Göttlichen hinein. -
    So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem, was sich St. Clair in
den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen
Sätzen; denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen, was St. Clair noch
mündlich hinzufügte. Einmal sagte Hölderlin, alles sei Rhytmus, das ganze
Schicksal des Menschen sei ein himmlischer Rhytmus, wie auch jedes Kunstwerk
ein einziger Rhytmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des
Gottes, und wo der Menschengeist dem sich füge, das seien die verklärten
Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um
die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in atletischem, wo das
Wort den Körper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der
Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle
der Dichterklang erschalle, während die Sinne versunken seien in die notwendigen
Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. - Diese letzte
Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermählungsbegeistrung und bald
tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch ströme
sie im Tageslicht über alles, was dieses beleuchte. - Der gegenüber, als der
humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; - und wer dies
nicht verstehe, meinte er, der könne nimmer zum Verständnis der hohen
griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein göttlich organischer sei, der
nicht könne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich
Undenkbarem geweiht. - Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil,
seinen Rhytmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem
schmiege, der werde nie weder Geschick noch Atletentugend haben zum Dichter und
zu schwach sei ein solcher, als dass er sich fassen könne, weder im Stoff, noch
in der Weltansicht der früheren, noch in der späteren Vorstellungsart unsrer
Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter, die
sich in gegebene Formen einstudieren, die können auch nur den einmal gegebenen
Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vögel auf einen Ast des Sprachbaumes und
wiegen sich auf dem, nach dem Urrhytmus, der in seiner Wurzel liege, nicht aber
fliege ein solcher auf als der Geistesadler, von dem lebendigen Geist der
Sprache ausgebrütet.
    Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist, was die Dichtkunst
belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich
hab besser durch diese Anschauungen des Hölderlin den Geist gefasst, als durch
das, wie mich St. Clair darüber belehrte. - Dir muss dies alles heilig und
wichtig sein. - Ach, einem solchen wie Hölderlin, der im labyrintischen Suchen
leidenschaftlich hingerissen ist, dem müssen wir irgendwie begegnen, wenn auch
wir das Göttliche verfolgen mit so reinem Heroismus wie er. - Mir sind seine
Sprüche wie Orakelsprüche, die er als der Priester des Gottes im Wahnsinn
ausruft, und gewiss ist alles Weltleben ihm gegenüber wahnsinnig; denn es
begreift ihn nicht. Und wie ist doch das Geisteswesen jener beschaffen, die
nicht wahnsinnig sich deuchten? - Ist es nicht Wahnsinn auch, aber an dem kein
Gott Anteil hat? - Wahnsinn, merk ich, nennt man das, was keinen Widerhall hat
im Geist der andern, aber in mir hat dies alles Widerhall, und ich fühle in noch
tieferen Tiefen des Geistes Antwort darauf hallen als bloss im Begriff. Ist's
doch in meiner Seele wie im Donnergebirg, ein Widerhall weckt den andern, und so
wird dies Gesagte vom Wahnsinnigen ewig mir in der Seele widerhallen.
    Günderode, weil Du schreibst, dass Dir mein Denken und Schreiben und Treiben
die Seele ausfülle, so will ich nicht aufhören, wie es auch kommen mag, und
einst wird sich Dir alles offenbaren, und ich selber werde dann, wie Hölderlin
sagt, mich in den Leib des Dichtergottes verwandeln; denn wenn ich nur
Fassungskraft habe! - Denn gewiss, Feuer hab ich, - aber in meiner Seele ist es
so, dass ich ein Schicksal in mir fühle, das ganz nur Rhytmus des Gottes ist,
was er vom Bogen schnellt, und ich auch will mich bei der Zäsur, wo er mir ins
eigne widerstrebende Urteil mein göttlich Werden gibt, schnell losreissen und in
seinem Rhytmus in die Himmel mich schwingen. Denn wie vermöcht ich sonst es? -
Nimmer! Ich fiel zur Erde wie alles Schicksallose. -
    Und Du, Günderode, so adelig wie Du bist in Deinen poetischen Schwingungen!
Klirrt da nicht die Sehne des Bogens des Dichtergottes? Und lässet die Schauer
uns fühlen auch in diesen leisen träumentappenden Liedern:
Drum lass mich, wie mich der Moment geboren,
In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen,
Die Sterne wandlen ohne festen Stand.
Sagst Du nicht dasselbe hier? - Klingt nicht so der Widerhall aus der Öde in
Hölderlins Seele? -
    Ach, ich weiss nicht zu fassen, wie man dies Höchste nicht heilig scheuen
sollte, dies Gewaltige, und wenn auch kein Echo in unseren Begriff es übertrage,
doch wissen wir, dass der entfesselte Geist über Leiden, die so mit Götterhand
ihm auferlegt waren, im Triumph in die Hallen des Lichts sich schwinge, aber
wir! - Wissen wir Ungeprüften, ob je uns Hellung werde? - Jetzt weiss ich's, ich
werd ihm noch viel müssen nachgehen, doch genug zwischen uns davon; eine
Erscheinung ist er in meinen Sinnen, und in mein Denken strömt es Licht. -
 
                                     Anhang
                             Gedichte der Günderode
                                       I
                              Dartula nach Ossian
Natos schiffet durch den Sturm der Wogen,
Ardan, Altos, seine Brüder mit,
Caibars, Erins König, Zorn zu meiden,
In geheimnisvolle Schatten kleiden
Dunkle Wolken ihren fliehnden Schritt.
Wer? o Natos! ist an deiner Seite!
Traurig seufzt im Wind ihr braunes Haar,
Lieblich ist sie, wie der Geist der Lüfte,
Eingehüllt in leichte Nebeldüfte;
Schön vor allen Collas Tochter war.
Ach Dartula! Deine irren Segel
Eilen nicht dem wald'gen Eta zu.
Seine Berge heben nicht die Rücken,
Und die seeumwogten Küsten bücken
Turas Felsen schon dem Meere zu.
Wo verweiltet ihr, des Südes Winde?
Schwelltet Natos' weisse Segel nicht?
Trugt ihn nicht zum heimatlichen Strande?
Lange blieb er in dem fremden Lande
Und der Tag der Rückkehr glänzt ihm nicht.
Schön, o König Etas! warst du in der Fremde
Wie des Morgens Strahl dem Angesicht.
Deine Locken, gleich dem Raben, düster,
Deine Stimme wie des Schilfs Geflüster,
Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.
Deine Seele glich der Sonne Scheiden,
Doch im Kampfe warst du fürchterlich.
Brausend wie die ungestümen Wogen,
Wenn vom Nord die stürm'schen Winde zogen,
Stürztest du auf Caibars Krieger dich.
Auf Selamas grau bemoosten Mauern
Sah dich Collas Tochter, und sie sprach:
»Warum eilst du so zum Kampf der Speere!
Zahlreich sind des düstern Caibars Heere,
Ach! und meiner Liebe Furcht ist wach.
Freuen wollt ich dein mich, deiner Siege,
Aber Caibars Liebe lässt mich nicht.«
So sprachst du. Jetzt haben dich die Wogen
Mädchen! und die Stürme dich betrogen,
Nacht umringt dein schönes Angesicht.
Aber schweiget noch ein wenig, Winde!
Überbraust Dartulas Stimme nicht!
Fürst von Eta, sind dies Usnots Hallen?
Jene Ströme, die von Felsen fallen,
Sind es Etas blaue Ströme nicht?
Hier empöret Erin seine Berge,
Etas Felsenströme brüllen nicht.
Dennoch ruh hier an des Ufers Hügel,
Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flügel
Dich, du Liebliche, du schönes Licht.
Natos: sagt das braungelockte Mädchen,
Niemand hat Dartula ausser dich,
Denn die Freunde sind mir früh gefallen,
Lass um sie noch meine Klage schallen,
Hör der Trauer Stimme, höre mich.
Abend ward einst, in der Wehmut Schatten
Bargen meines Landes Ebnen sich,
Über hoher Wälder Wipfel schritten
Einzle Lüfte, die aus Wolken glitten,
Da umgaben Trauerschatten mich.
Die Gestalten meiner Freunde gingen
Traurig, Geistern gleich, an mir dahin.
Da kam Colla mit gesenktem Schwerte,
Seinen Blick geheftet an die Erde,
Brennend glühte noch die Schlacht darin.
»Collas letzte einz'ge Hoffnung,« sprach er;
»Braungelocktes Mädchen! Trutil fiel.
Siegreich kehrt dir nicht der Bruder wieder,
Zu Selama naht Erins Gebieter,
Mit ihm Tausende im Schlachtgewühl.«
»Ist des Kampfes Sohn gefallen?« seufzt ich!
»Hat der lange Schlaf sein Aug verhüllt?
O! so schütze mich der Jagden Bogen,
Glücklich oftmals meine Pfeile flogen,
Tödlich für das dunkelbraune Wild.«
Freud umstrahlt den Greisen. Ja Dartula!
Deine Seele brennt in Trutils Glut,
Geh, ergreif das Schwert vergangner Schlachten!
Also Colla: seine Worte fachten
Höher noch in mir des Kampfes Mut.
Wehmutsvoll verging die Nacht; am Morgen
Schimmerte im Stahl der Schlachten ich. -
Caibar sass zum Mahl in Lonas Wüste,
Als Selamas Waffenklang ihn grüsste;
Seine Führer rief er da zum Krieg.
Warum soll ich, Natos! dir erzählen
Von des Kampfes schwankendem Geschick?
Ach! Umsonst bedeckt von meinem Schilde,
Sank der Vater mir im Schlachtgefilde,
Und in heissen Tränen schwamm mein Blick.
Treulos zeigte da des Mädchens Busen
Caibar mein zerrissenes Gewand;
Freundlich naht er, sprach der Liebe Worte,
Führte mich zu meiner Väter Pforte,
Aber Trauer meine Stirn umwand.
Da erschienst du, Natos! meinen Augen,
Freundlich wie ein abendlich Gestirn.
Caibar schwand vor deines Stahles Sprühen
Wie der Nachtgeist vor des Morgens Glühen,
Doch es wölbte Trauer deine Stirn?
Meine Seele glänzte in Gefahren,
Eh ich dich, du schönes Licht! gesehn.
Aber unsre Segel sind betrogen,
Wolken kommen gegen dich gezogen.
Und du wirst in ihrer Nacht vergehn.
Oskar weilet noch an Selmas Küste!
Oskar schiffe durch das dunkle Meer!
O dass Winde deine Segel schwellten!
Zittern würden dann Temoras Helden,
Friede wäre um Dartula her.
Wo wird Natos deinen Frieden finden?
Wo Dartula! wo ist für dich Ruh?
Geister der Gefallnen! sprach Dartula:
Trutil! Colla! Führer von Selama!
Winkt ihr mir aus euren Wolken zu!
Natos! Reiche mir das Schwert der Tapfern,
Vater! Ich will deiner würdig sein,
In des Stahles Treffen werd ich gehen,
Nimmer Caibars düstre Hallen sehen,
Nein! Ihr Geister meiner Liebe! Nein!
Freude glänzt in Natos bei den Worten,
Die das schöngelockte Mädchen sprach:
Caibar, meine Stärke kehret wieder!
Komm mit Tausenden, Erins Gebieter!
Komm zum Kampfe! Meine Kraft ist wach!
Ja, er kömmt mit Tausenden! rief Ardan;
Schreckbar tönet ihrer Schwerter Schall. -
Lass zehntausend Schwerter sich empören:
Usnot soll von Natos' Flucht nicht hören,
Ardan: sag ihm, rühmlich war mein Fall.
Winde! Warum brausen eure Flügel?
Wogen! Warum rauscht ihr so dahin?
Wellen! Stürme! Denkt ihr mich zu halten?
Nein, ihr könnt's nicht, stürmische Gewalten,
Meine Seele lässt mich nicht entfliehn.
Wenn des Herbstes Schatten wieder kehren,
Mädchen! Und du bist in Sicherheit,
Dann versammle um dich Etas Schönen,
Lass für Natos deine Harfe tönen,
Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht. -
Natos blieb gestützt auf seinem Speere;
Schaurig pfiff der Nachtwind um ihn her,
Aber bei des Morgens erstem Strahle,
Drang er vorwärts mit gezücktem Stahle,
Mit dem Führer eilt Dartula her.
Komm zum Zweikampf! ruft er, Fürst Temoras!
Für Selamas Mädchen! - Caibar spricht:
Stolzer, du entflohst mir mit der Schönen,
Wähnst du, Caibar kämpft mit Usnots Söhnen?
Nein, er kämpft mit Unberühmten nicht.
In des königlichen Natos Augen
Glänzen Tränen; und er wendet sich
Zu den Brüdern, ihre Speere fliegen
Rachedürstend und gewiss zu siegen,
Erins Reihn verwirren schwankend sich.
Da ergrimmet Caibars finstre Seele,
Und er winket, tausend Speere fliehn,
Usnots Söhne sinken wie drei Eichen,
Die zur Erde ihre Wipfel neigen,
Wenn des Nordens Stürme sie umziehn.
Gestern sah sie noch der Wandrer blühen,
Ihre stolze Schönheit freute ihn,
Heute beugte sie der Sturm der Wüste,
Sie, die gestern noch die Sonne grüsste.
Sprachlos starret Collas Tochter hin.
Höhnend naht ihr Caibar: »Mädchen sahest du
Natos' Land, in fernes Blau gehüllt?
Oder Fingals dunkelbraune Hügel?
Ha! Entrannst du auch des Sturmes Flügel,
Über Selma hätte meine Schlacht gebrüllt.«
Caibar sprach's. Da rauscht ein Pfeil, getroffen
Sinkt sie, und ihr Schild stürzt vor sie hin.
Wie des Schnees Säule sank sie nieder,
Über Etas schlummernden Gebieter
Spreiten sich die dunklen Locken hin.
Da versammelten die hundert Barden
Caibars um Dartulas Grabmal sich,
Ihre Harfen rauschten um den Hügel,
Und es schwang sich des Gesanges Flügel,
Für der Mädchen Erins Schönste! dich!
Trauer schreitet an Selamas Strömen,
Schweigen wohnet in den Hallen nun.
Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,
O wann grüssest du den Morgen wieder?
Schöngelockte! Wirst du lange ruhn?
Weit entfernet ist dein Morgen, nimmer
Stehst du mehr in deiner Schönheit auf;
Ach, die Sonne tritt nicht an dein Bette,
Spricht: »Erwach aus deiner Ruhestätte!
Collas schöne Tochter! Steig herauf!«
Junges Grün entkeimet schon dem Hügel,
Frühlingslüfte fliegen drüber her.
Sonne, birg in Wolken deinen Schimmer!
Denn sie schläft, der Frauen erste! Nimmer
Kehret sie in ihrer Schönheit mehr.
                                       II
                                    Don Juan
Es ist der Festtag nun erschienen,
Geschmücket ist die ganze Stadt.
Und die Balkone alle grünen,
In Blumen blüht der Fürstin Pfad.
Da kommt sie, schön in Gold und Seide
Im königlichen Prunkgeschmeide
An ihres Neuvermählten Seite.
Erstaunet sieht sie die Menge
Und preiset ihre Schönheit hoch!
Doch einer, einer im Gedränge
Fühlt tiefer ihre Schönheit noch.
Er möcht in ihrem Blick vergehen,
Da er sie einmal erst gesehen,
Und fühlt im Herzen tiefe Wehen.
Sein Blick folgt ihr zum Hochzeitstanze
Durch all der Tänzer bunte Reih'n,
Erstirbet bald in ihrem Glanze,
Lebt auf im milden Augenschein.
So wird er seines Schauens Beute,
Und seiner Augen süsse Weide
Bringt bald dem Herzen bittres Leiden.
So hat er Monde sich verzehret
In seines eignen Herzens Glut;
Hat Töne seinem Schmerz verwehret,
Gestählt in der Entsagung Mut;
Dann könnt er vor'gen Mut verachten
Und leben nur im tiefen Schmachten,
Die Anmutsvolle zu betrachten.
Mit Philipp war, an heil'ger Stätte,
Am Tag der Seelen fromm geweiht,
Sein Hof versammelt zum Gebete,
Das Seelen aus der Qual befreit;
Da flehen Juans heisse Blicke:
Dass sie ihn einmal nur beglücke!
Erzwingen will er's vom Geschicke.
Sie senkt das Haupt mit stillen Sinnen
Und hebt es dann zum Himmel auf;
Da flammt in ihm ein kühn Beginnen,
Er steigt voll Mut zum Altar auf.
Laut will er seinen Schmerz ihr nennen,
Und seines Herzens heisses Brennen
In heil'ger Gegenwart bekennen.
Laut spricht er: Priester! Lasset schweigen
Für Tote die Gebete all.
Für mich lasst heisse Bitten steigen;
Denn grösser ist der Liebe Qual,
Von der ich wen'ger kann genesen,
Als jene unglücksel'gen Wesen
Zur Qual des Feuers auserlesen.
Und staunend sieht ihn die Menge
So schön verklärt in Liebesmut.
»Wo ist, im festlichen Gepränge,«
Denkt manche still, »die solche Glut
Und solches Wort hat jetzt gemeinet?«
Sie ist's, die heimlich Tränen weinet,
Die Juans heisse Liebe meint .
War's Mitleid, ist es Lieb gewesen,
Was diese Tränen ihr erpresst?
Vom Gram kann Liebe nicht genesen,
Wenn Zweifelmut sie nicht verlässt.
Er kann sich Friede nicht erjagen;
Denn nimmer darf's die Lippe wagen,
Der Liebe Schmerz ihr mehr zu klagen.
Nur einen Tag will er erblicken,
Der trüb ihm nicht vorüberflieht,
Nur eine Stunde voll Entzücken,
Wo süsse Liebe ihm erblüht,
Nur einen Tag der Nacht erwecken,
Es mag ihn dann, mit ihren Schrecken
Auf ewig Todesnacht bedecken.
Es liebt die Königin die Bühne,
Erschien oft selbst im bunten Spiel.
Dass er dem kleinsten Wunsche diene
Ist jetzt nur seines Lebens Ziel.
Er lässt ihr ein Teater bauen,
Dort will die reizendste der Frauen
Er noch in neuer Anmut schauen.
Der Hof sich einst zum Spiel vereinet,
Die Königin in Schäfertracht
Mit holder Anmut nur erscheinet,
Den Blumenkranz in Lockennacht.
Und Juans Seele sieht verwegen
Mit ungestümem wildem Regen
Dem kommenden Moment entgegen.
Er winkt, und Flamm und Dampf erfüllen
Entsetzlich jetzt das Schauspielhaus;
Der Liebe Glück will er verhüllen
In Dampf und Nacht und Schreck und Graus;
Er jauchzet, dass es ihm gelungen,
Des Schicksals Macht hat er bezwungen,
Der Liebe süssen Lohn errungen.
Gekommen ist die schöne Stunde;
Er trägt sie durch des Feuers Wut,
Raubt manchen Kuss dem schönen Munde,
Weckt ihres Busens tiefste Glut.
Möcht sterben jetzt in ihren Armen,
Möcht alles geben ihr! - Verarmen,
Zu anderm Leben nie erwarmen.
Die eilenden Minuten fliehen,
Er merket die Gefahren nicht
Und fühlt nur ihre Wange glühen;
Doch sie, sie träumet länger nicht,
Sie reisst sich von ihm los mit Beben,
Er sieht sie durch die Hallen schweben -
Verhaucht ist der Minute Leben.
Mit sehnsuchtsvollem, krankem Herzen
Eilt Juan durch die Hallen hin.
In Wonne, Gram und süsse Schmerzen
Versinket ganz sein irrer Sinn,
Er wirft sich auf sein Lager nieder,
Und holde Träume zeigen wieder
Ihm ihr geliebtes, holdes Bild.
Die Sonne steiget auf und nieder;
Doch Abend bleibt's in seiner Brust.
Es sank der Tag ihm, kehrt nicht wieder,
Und sie, nur sie ist ihm bewusst,
Und ewig, ewig ist gefangen
Sein Geist im quälenden Verlangen
Sie wachend, träumend anzuschaun.
Und da, erwacht aus seinem Schlummer,
Ist's ihm, als stieg er aus der Gruft,
So fremd und tot; und aller Kummer,
Der mit ihm schlief, erwacht und ruft:
»O weine! Sie ist dir verloren,
Die deine Liebe hat erkoren,
Ein Abgrund trennet sie und dich!«
Er rafft sich auf mit trüber Seele
Und eilt des Schlosses Gärten zu;
Da sieht er, bei des Mondes Helle,
Ein Mädchen auf ihn eilen zu.
Sie reicht ein Blatt ihm und verschwindet,
Eh er zu fragen Worte findet,
Er bricht die Siegel auf und liest:
»Entfliehe! Wenn dies Blatt gelesen
Du hast, und rette so dich mir.
Mir ist, als sei ich einst gewesen,
Die Gegenwart erstirbt in mir,
Und lebend ist nur jene Stunde,
Sie spricht mir mit so süssem Munde,
Von dir, von dir, und stets von dir.«
Er liest das Blatt mit leisem Beben
und liebt's und drückt es an sein Herz.
Gewaltsam teilt sich sein Leben
In grosse Wonne - tiefen Schmerz.
Sollt er die Teuerste nun meiden?
Kann sie dies Trauern ihm bereiten!
Soll er sie nimmer wieder sehn?
Er geht nun, wie sie ihm geboten;
Da trifft ein Mörderdolch die Brust.
Doch steigt er freudig zu den Toten,
Denn der Erinnrung süsse Lust
Ruft ihm herauf die schönste Stunde.
Er hänget noch an ihrem Munde -
Entschlummert sanft in ihrem Arm.
 
                                  Zweiter Teil
 Wenn dich eine höhere Vorstellung durchdringt von einer Menschennatur, so
zweifle nicht, dass dies die wahre sei; denn alle sind geboren zum Ideal, und wo
du es ahnst, da kannst du es auch in ihm zur Erscheinung bringen; denn er hat
gewiss die Anlage dazu.
    Wer das Ideal leugnet in sich, der könnte es auch nicht verstehen in andern,
selbst wenn es vollkommen ausgesprochen wär. - Wer das Ideal erkannte in andern,
dem blüht es auf, selbst wenn jener es nicht in sich ahnt.
 
                            Die Günderode im Jahr 4
                          Mahomets Traum in der Wüste
Bei des Mittags Brand,
Wo der Wüste Sand
Kein kühlend Lüftchen erlabet,
Wo heiss, vom Samum nur geküsset,
Ein grauer Fels die Wolken grüsset,
Da sinket müd der Seher hin.
Vom trügenden Schein
Will der Dinge Sein
Sein Geist, betrachtend hier, trennen.
Der Zukunft Geist will er beschwören,
Des eignen Herzens Stimme hören,
Und folgen seiner Eingebung.
Hier flieht die Gotteit,
Die der Wahn ihm leiht,
Der eitle Schimmer zerstiebet.
Und ihn, auf den die Völker sehen,
Den Siegespalmen nur umwehen,
Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.
Des Sehers Traum
Durchflieget den Raum
Und all die künftigen Zeiten,
Bald kostet er, in trunknem Wahne,
Die Seligkeit gelungner Plane,
Dann sieht er seinen Untergang.
Entsetzen und Wut,
Mit wechselnder Flut,
Kämpfen im innersten Leben,
»Von Zweifeln«, ruft er, »nur umgeben!
Verhauchet der Entschluss sein Leben!
Eh Reu ihn und Misslingen straft.
Der Gotteit Macht,
Zerreisse die Nacht
Des Schicksals vor meinen Blicken!
Sie lasse mich die Zukunft sehen,
Ob meine Fahnen siegreich wehen,
Ob mein Gesetz die Welt regiert!«
Er spricht's; da bebt
Die Erde, es hebt
Die See sich auf zu den Wolken,
Flammen entlodern den Felsenklüften,
Die Luft, erfüllt von Schwefeldüften,
Lässt träg die müden Schwingen ruhn.
Im wilden Tanz
Umschlinget der Kranz
Der irren Sterne die Himmel;
Das Meer erbraust in seinen Gründen,
Und in der Erde tiefsten Schlünden
Streiten die Elemente sich.
Und der Eintracht Band,
Das mächtig umwand
Die Kräfte, es schien gelöset.
Der Luft entsinkt der Wolken Schleier,
Und aus dem Abgrund steigt das Feuer
Und zehret alles Ird'sche auf.
Mit trüberer Flut
Steigt erst die Glut,
Doch brennt sie sich stets reiner,
Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget,
Das lodernd zu den Sternen reichet
Und rein und hell und strahlend wallt.
Der Seher erwacht
Wie aus Grabesnacht,
Und staunend fühlt er sich leben,
Erwachend aus dem Tod der Schrecken,
Harrt zagend er, ob nun erwecken
Ein Gott der Wesen Kette wird.
Von Sternen herab
Zum Seher hinab
Ertönt nun eine Stimme:
»Verkörpert hast du hier gesehen,
Was allen Dingen wird geschehen,
Die Weltgeschichte sahest du hier.
Es treibet die Kraft,
Sie wirket und schafft
In unaufhaltsamem Regen;
Was unrein ist, das wird verzehret,
Das Reine nur, der Lichtstoff, währet
Und fliesst dem ew'gen Urlicht zu.«
Jetzt sinket die Nacht,
Und glänzend ertagt
Der Morgen in seiner Seele.
»Nichts!« ruft er, »soll mich mehr bezwingen:
Das Licht nur werde! sei mein Ringen,
Dann wird mein Tun unsterblich sein!«
 
                                An die Günderode
                                                                       Frankfurt
Günderödchen, der Clemens lässt Dich tausendmal grüssen. Ich muss es zuerst
schreiben, denn er steht hinter mir und zwingt mich dazu, er spricht von einem
Dompfaffen oder Blutfinken, der in Dich verliebt sei, und er sei so anmutig
dumm, dass er Dir prophezeit, Du werdest ihm nicht widerstehen; denn die Dummheit
sei Deine Schwäche, Du fallest drüber her wie ein Raubvogel über ein neugeboren
Gänschen, und er hab Dich mehrmals sehen lauern und schweben mit gierigem Blick
über Dummheitsphänomenen, und die würdest Du Dir auch nie haben abjagen lassen,
und Du seist gewiss im Rheingau auf der Jagd danach, während hier die
merkwürdigsten Exemplare Dir in die Hände laufen würden und auch mehrere für ein
Geringes an Geld zu sehen sind.
    Alleweil hat er den Hut genommen, um zu dem Puppenspiel Plätze zu bestellen,
er will die Pauline hineinführen, um ihr augenscheinlich zu machen, wie es in
ihrem Magen aussieht. Denn sie habe ein Puppenspiel im Leib und wenn sie mit ihm
spricht, so antwortet er dem Pantalon, dem Skaramutsch, dem Hanswurst, der
Colombine usw. - und sooft sie was sagt, so oft antwortet er einer andern Person
vom Puppenspiel und so passend, dass das Puppenteater, nämlich der Pauline
Magen, am meisten vom Lachen erschüttert wird. Er ist unerschöpflich an Witz,
und alles läuft ihm nach. Dass Du nicht hier bist, hat ihn merklich betroffen, er
wollt, ich könnt Dich bewegen zu kommen, aber Du wirst die Gärten des Dionysos
nicht verlassen, wo Du jeden Morgen reife Beeren kostest, die der Gott Dir zum
Fenster hinanreicht, um hier auf der schmutzigen Mess die Bären tanzen zu sehen.
Hätt der Clemens nicht hier auf mich gewartet, so hätt ich mögen mit Dir im
Rheingau bleiben, der Franz hätt's wohl erlaubt, ich hab mehrmals dran gedacht;
wie schön wär's gewesen, da wären wir herumgeschweift - überall - wo andre
Menschen nicht hinkommen - oft ist ein klein verborgen Plätzchen, das niemand
kennt, das Schönste von der Welt. - Ich sag Dir, wir hätten Quellchen entdeckt,
tief im Gras und Gestein und einsame Hüttchen im Wald und vielleicht auch Höhlen
- ich durchforschel gar zu gern die Natur Schritt vor Schritt. Ich dächt, wir
sähen uns auch einstweilen um nach einem Ort, wo wir unsre Hütten bauen wollen -
Du auf dem Berg weit ins Freie hinaus und ich im Tal, wo die Kräuter hoch
wachsen und alles versteckt ist, oder im Wald, aber nah beisammen, dass wir uns
zurufen können. Du rufst durchs Sprachrohr: »Bettine, komm herauf!« und da komm
ich, und der Kanarienvogel fliegt voran, der weiss schon, wo's hingeht, und der
Spitz kommt nachgebellt; denn im Tal muss man einen Hund haben. Hör! - Und im
Frühjahr nähmen wir unsere Stecken und wanderten; denn wir wären als Einsiedler
und sagten nicht, dass wir Mädchen wären. Du musst Dir einen falschen Bart machen,
weil Du gross bist; denn sonst glaubt's niemand, aber nur einen kleinen, der Dir
gut steht, und weil ich klein bin, so bin ich als Dein kleiner Bruder, da muss
ich mir aber meine Haare abschneiden. - So eine Reise machen wir im Frühjahr in
der Maiblumenzeit, aber da versäumen wir die Erdbeeren! Denn im Tal wär als
alles übersäet, erst mit Veilchen und dann mit Erdbeeren, davon leben wir sechs
Wochen; Kohl pflanzen wir nicht. - Im Herbst sind wir wieder da und essen die
Trauben, ach, könnt's nur einen Sommer wahr werden! - Mir kommt's vor, als könnt
man so immer und immer sein wollen. Denn wahrhaftig, mir strömt alle Weisheit
aus Deinem Angesicht, ich hab mehr als zuviel, was in mich hineinspricht, wenn
ich Dich seh, und wenn Du auch nur stillschweigst, so redst Du doch, Du bist ein
gross Geheimnis, aber ein offenbares, aber ich schlafe in Deiner Gegenwart, Dein
Geist schläfert mich ein, so träum ich, dass ich wache und empfinde nur alles im
Traum und das ist gut; denn sonst würd ich verwirrt sein.
    Wie der Clemens nach Haus gekommen war, hat er gleich nach meinem Brief
gefragt, er wollt auch dran schreiben, ich hab ihn aber zerstreut durch
allerlei, was ich von Dir erzählte; denn ich wollt ihn nicht gern lesen lassen,
dass ich als Einsiedler mit Dir leben wollt, denn er hätt's gewiss im Puppenspiel
angebracht, so erzählt ich ihm von unsrer Rheinfahrt in der Mondnacht mit der
Orangerie auf dem Verdeck, das machte ihm so viel Freude, er frug nach allem,
was noch vorgefallen, nach jedem Wort, nach den Ufern, nach dem Mond; und ich
erzählte ihm alles; denn ich wusste alles, jed Lüftchen, was sich erhoben hatte,
und wie der Mond durch die Luken und Bogen hinter den Bergfesten geschimmert
hat, und alles, und er frug auch, was wir gesprochen, ich sagte: nichts oder nur
wenig Worte, denn es sei die ganze Natur so schweigend gewesen. - Und wie er
alles ausgeforscht hatte, da ging er fort und sperrte mich ein und sagte, ich
sollt ein Gedicht davon machen, grad so wie ich's erzählt habe, und sollt es nur
aufschreiben immer in kurzen Sätzen, wenn es sich auch nicht reime, er wolle
mich schon reimen lehren, und so ging er hinaus und schloss die Tür ab, und vor
der Tür rief er: »Nicht eher kommst Du heraus, bis Du ein Gedicht fertig hast!«
- Da stand ich - ganz widersinnig im Kopf. - Ans Aufschreiben dacht ich nicht. -
Aber ich dacht an das Versmachen, wie seltsam das ist. - Wie in dem Gefühl
selbst ein Schwung ist, der durch den Vers gebrochen wird. - Ja, wie der Reim
oft gleich einer beschimpfenden Fessel ist für das leise Wehen im Geist. Belehr
mich eines Besseren, wenn ich irre, aber ist es nicht wahrscheinlich, dass Reim
und Versmass auf den ursprünglichen Gedanken so einwirke, dass er ihn verfälscht?
- Überhaupt, was seelenberührend ist, das ist Musik, das hab ich schon lang in
mir erfahren; denn es kann nichts die Sinne rühren und durch diese die Seele als
nur Musik; was Dich bewegt, gibt Klang, der weckt seine Mittöne, die rühren das
Echo doppelt und allseitig, und die ganze Harmonie erwacht - und zwischen dieser
durch wandelt der Gedanke und wählt sich seine Melodie und offenbart sich durch
die dem Geist. - Das deucht mich die Art, wie der Gedanke sich dem Geist
vermählt. Nun kann ich mir wohl denken, dass der Rhytmus eine organische
Verbindung hat mit dem Gedanken, und dass der kurze Begriff des Menschengeistes,
durch den Rhytmus geleitet, den Gedanken in seiner verklärten Gestalt fassen
lernt, und dass der den tieferen Sinn darin beleuchtet, und dass wie die
Begeistigung dem Rhytmus sich füge, sie allmählich sich reiner fasse, und dass
so die Philosophie als höchste geistige Poesie erscheine, als Offenbarung, als
fortwährende Entwicklung des Geistes und somit als Religion. Denn was soll mir
Religion, wenn sie stocken bleibt? - Aber nicht wie Du sagst, dass Philosophie
endlich Poesie werden soll, nein, mir scheint, sie soll sein oder ist die Blüte,
die reinste, die ungezwungenste, in jedem Gedanken überraschendste Poesie, die
ewig neu Gottessprache ist in der Seele. -
    Gott ist Poesie, gar nichts anders, und die Menschen tragen es über in eine
tote Sprache, die kein Ungelehrter versteht, und von der der Gelehrte nichts hat
als seinen Eigendünkel. - So wie denn das Machwerk der Menschen überall den
Lebensgeist behindert, in allem, in jeder Kunst, dass die Begeistrung, durch die
sie das Göttliche wahrnehmen, von ihnen geschieden ist, - und ich muss mich kurz
fassen, sonst wollt ich mich noch besser besinnen.
    Die Berührung zwischen Gott und der Seele ist Musik, Gedanke ist Blüte der
Geistesallheit, wie Melodie Blüte ist der Harmonie.
    Alles, was sich dem Menschengeist offenbart, ist Melodie in der
Geistesallheit getragen, das ist Gottpoesie. Es entüllt sich das Gefühl in ihr,
sie geniessend, empfindend, keimt auf in der Geistessonne, ich nenn es Liebe. Es
gestaltet sich der Geist in ihr, wird Blüte der Poesie Gottes, ich nenn es
Philosophie. Ich mein, wir können die Philosophie nicht fassen, erst die Blüte
wird in uns. Und Gott allein ist die Geistesallheit, die Harmonie der Weisheit.
- Ach, ich hab das alles nicht sagen wollen, der Kopf brennt mir, und das Herz
klopft mir zu stark, wenn ich will denken, als dass ich deutlich sein könnt. Ich
wollt vom Reimen sprechen.
    Mir kommen Reime kleinlich vor, so wie ich sie bilden soll, ich denke immer:
ach, der Gedanke will wohl gar nicht gereimt sein, oder er will wo anders
hinaus, und ich stör ihn nur, - was soll ich seine Äste verbiegen, die frei in
die Luft hinausschwanken und allerlei feinfühlig Leben einsaugen, was liegt mir
doch daran, dass es symmetrisch verputzt sei! Ich schweife gern zwischen wildem
Gerank, wo hie und da ein Vogel herausflattert und mich anmutig erschreckt oder
ein Zweig mir an die Stirne schnellt und mich gedankenwach macht, wo mich die
alte Leier eingeschläfert hätt. -
    Und ist nicht vielleicht die Gedankenseele selbst Rhytmus, der die Sinne
lenkt; und sollen wir dem nicht nachstreben? Nun kurz, aus meinem Gedicht ist
nichts geworden, wie hätt ich unsre orangenblühende Nacht, unsre selige
Alleinigkeit verpfuschen sollen, sie, die in jeder verlebten Minute jenes Gefühl
aussprach, was ich da oben Gottpoesie, Weisheitsgefühl nenne. - Nein, ich wollt
nicht ein so süss Dämmern zu einzelnen Gedankenschatten zusammenballen. Lass es
fortdämmern oder sich verflüchtigen; aber nicht in engherzige Verse einklammern,
was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt, lass es fortblühen, bis es welkt; Du
siehst, ich mache mir diese poetischen Unbemerkungen (Ungeheuer) bloss in
Beziehung auf mich, ich lieb die Poesie, sie erfüllt mich in Dir und in andern
mit Begeistrung, aber nicht in mir.
    Als der Clemens mich aus der Prison entliess, hatte ich das Märchen gereimt
von der alten Frau Hoch, vom Hofnarren, der seinem König lehrt Fische fangen,
und ihn selber im Hamen fängt und ins Wasser taucht und sagt, so fangen die
Narren Fische, aber der König im Hamen wird keinen fangen. Im Puppenspiel war
Clemens von beseligtem Humor, die Witze echappierten ihm, wie wenn ein Feuerwerk
ihm in der Tasche sich entzündet hätt, jeden Augenblick flog eine Rakete auf,
bis endlich das Puppenspiel ihn übermannte, wo er vor Lachen nicht mehr witzig
sein konnt.
    Gestern wanderten wir durch die Judengasse, es liefen so viel sonderbare
Gestalten herum und verschwanden wieder, dass man an Geister glauben muss, es ward
schon dämmerig, und ich bat, dass wir nach Haus gehen wollten, der Clemens rief
immer: seh den, seh da, seh dort, wie der aussieht, und es war, als liefen sie
mir alle nach, ich war sehr froh, als wir zu Haus waren.
    Leb wohl, es ist mir nicht geheuer, dass Du nicht da bist, wo ich mich
erholen kann, wo ich zu mir selbst komme; es ist mir so fremd. -
                                                                         Bettine
                                 An die Bettine
Liebe Bettine, so wie Dein Brief anfängt mit den tausend Grüssen von Clemens, so
beantworte sie ihm doch auch in meinem Namen, es tut mir auch recht leid, dass
ich nicht mit Euch bin, allein die Luft und die Trauben tun meinen Augen so gut
und ist mir wohltätig im ganzen. - Obschon mich Euer Treiben höchlich ergötzen
würde und namentlich das Puppenspiel; - ich übergehe alles, - was Du vom
Rhytmus sagst, leg ich Dir so aus: Du ahnest ein höheres rhytmisches Gesetz,
einen Rhytmus, der Geist ist im Geist, der den Geist aufregt und zu neuen
Offenbarungen leitet, Du glaubst, dass der Reim die geringste, ja oft
erniedrigende Stufe dieses metrischen Sprachgeistes ist und oft die Ahnung oder
die Gewalt des Gedankens brechen könnte, dass der sich nicht zu jener Höhe
entwickelt, zu der er ursprünglich berufen war - das will ich nicht
widersprechen, denn Du kannst recht haben; nämlich, Du kannst recht haben, dass
es ein höheres musikalisches Gesetz gebe, dass die Anlage zu diesem in jedem
freien Gedanken liege und durch den Versbau mehr oder weniger unterdrückt werde.
    Du wirst aber auch zugeben, dass im Dichter auch eine Begeistrung waltet, die
von höherer Macht zeugt, da diese kindlichen Gesetze, zu denen er sich bequemt,
ihn grade zur Kunst anleiten, die an sich schon ein höherer Instinkt ist. Du
sagst zwar in bezug auf Kunst, das Machwerk der Menschen behindre überall den
Lebensgeist, das glaube doch ja nicht, dass jene, die vielleicht kein hohes Genie
im Gedicht entwickeln, nicht hierdurch zu Höherem gebracht würden; denn erst
werden sie doch auf eine Kunst vorbereitet, sie haben eine Anschauung von
Gedanken oder Gefühlen, die durch Kunstform eine höhere sittliche Würde erlangen
oder behaupten, und dies ist der Beginn, dass der ganze Mensch sich da
hinübertrage; es ist nicht zu verachten, dass im Unmündigen sich der Trieb zum
Licht regt. - Und darum mein ich, dass kein Gedicht ohne einen Wert sei.
    Gewiss, jedes Gefühl, so einfach oder auch einfältig es geachtet werden
könnte, so ist der Trieb, es sittlich zu verklären, nicht zu verwerfen, und
manchen Gedichten, die keinen Ruf haben, habe ich doch zuweilen die Empfindung
einer unzweifelhaften höheren Wahrheit oder Streben dahin angemerkt, - und es
ist auch gewiss so. Die Künstler oder Dichter lernen und suchen wohl mühsam ihren
Weg, aber wie man sie begreifen und nachempfinden soll, das lernt keiner, -
nehme es doch nur so, dass alles Streben, ob es stocke, ob es fliesse, den Vorrang
habe vor dem Nichtstreben. - Gute Nacht, für heut kann ich nicht mehr sagen;
nicht alles, ist mir gleich deutlich in Deinem Brief, Du sagst mir wohl über
manches noch mehr oder dasselbe noch einmal. - Der Ton in der Sprache tut auch
viel zum Verstehen, wären wir beisammen, würde sich leichter und vielseitiger
ergeben, was wir wollen und meinen, und auf den Sprachgeist vertraue ich auch
schon, dass er uns nicht verlassen würde. - Himmlische Nächte sind hier -
winddurchbrauste, und Gewitter, die Sommer und Herbst auseinander donnern. -
 
                                An die Günderode
Du führst eine heilige Sprache, Du bist heilig, wenn Du sprichst; in Dir fühl
ich den Rhytmus, der deinen Geist trägt zu höherer Erkenntnis; - und ich fühl,
dass die Güte, die Milde die Erzeugerin ist all der reinen Wahrheit in Dir, wie
Du ihr Abdruck bist; wollt ich doch nicht alles auf einmal sagen, so wär ich
deutlicher, Du bist mässig, drum ist alles so überzeugend, was Du sagst; wüsst ich
doch noch, was ich Dir geschrieben hab, nur um Dich wieder zu hören, mag ich
denken, nur dass Du aus dem Anklang meines Geistes Melodien bildest. Jeder Ton
besteht für sich, aber er bildet durch den Anklang mit andern Tönen Melodien,
Gedanken. Aus allen Melodien, aus allen Gedanken besteht die Geistesallheit, die
Gottespoesie, die Philosophie. - Es ist Gottespoesie, Harmonie, die den Gedanken
die Melodie erzeugt, sie hebt sich aus dieser, wie aus den Frühlingselementen
die Blüte ersteigt, der blühende Geist steht mitten im Frühlingsgarten der
Poesie. -
    Musik ist sinnliche Natur der Geistesallheit. Wir möchten wissen, was Musik
ist, die so fühlbar ist und doch so unbegreiflich - das Ohr rührt und dann das
Herz und dann den Geist weckt, dass der tiefer denke. Sie ist die sinnliche
Geistesnatur; aller Geist ist sinnenbewegter Leib des Geistigen, ist also auch
Musik, drum sind Gedanken in der Musik unwillkürliche, sie erzeugen sich in
dieser Sinnenregung der Seele. - Ach, Worte fehlen - und zu allseitig dringt es
auf mich ein - und es bangt mir um den Ausdruck von dem, was mir in der Seele
blitzt - und hab Angst, der könne meinen Begriff umtauschen - und - »o gib vom
weichen Pfühle träumend ein halb Gehör!« so leiert's im langweiligen Hintergrund
meiner schlummernden Denkkraft, und dann wühle ich mich ein bisschen aus meiner
Faulheit heraus und lausch träumend dem Traum, und dann singt's wieder bei der
Gedanken Spiele, - ach schlaf, was willst du mehr. Wenn eine schlummernde Ahnung
wach wird in der Musik, da breiten sich alle Gefühle mächtig aus, und jeder Ton
spricht verstärkte Empfindung aus, und ein inneres Streben zum Höheren, zum
Bemächtigen gewaltigerer Fähigkeiten begleitet den rhytmischen Gang, ja wird
von ihm geleitet, ich hab's erfahren: Bei meinem Saitenspiele segnet der Sterne
Heer die ewigen Gefühle. -
    Und so wahr ist's, dass aller Geist sinnliche Musik ist, dass wie in der
Harmonie jedes Bewegen eines Tons neue Wege öffnet oder, wenn ich in andern
Beziehungen nur augenblicklich vorempfinde, so dringt die Harmonie wie durch neu
geöffnete Bahn mächtig ein, so ist im Geist jedes Vorempfinden eines inneren
Zusammenhangs mit ferner liegendem ein ewiger Harmonienwechsel, und die Melodie
der Gedanken weicht aus den engeren Schranken zu höherer Anschauung. Die ewigen
Gefühle heben mich hoch und hehr aus irdischem Gewühle. -
    Und so ist alles, was unabweisbare Wahrheit ist, in ewig wechselnder
Lebensbewegung - und ich fürcht mich vor dem Denken so allein. - Wenn wir
beisammen wären! Da teilen wir uns, und durch Dein Begreifen gibst Du meinem
Geist die Fassung, der muss nach dem sich richten, und dann hab ich auch Ruhe und
Versichrung im Geist, dass ich mich ausdrücken lerne: Vom irdischen Gewühle
trennst Du mich nur zu sehr, bannst mich in diese Kühle.
    Und könnten wir doch immer zusammen sprechen, der lieblichen Unordnung
entsteigt alles. - Ja, da fühl ich, wie das ist, dass der Geist aus dem Chaos
aufstieg, nehm's nicht zu genau. Gib nur im Traum Gehör, ach, auf dem weichen
Pfühle schlafe! Was willst Du mehr?
 
                                 An die Bettine
Denn; wie auch das Allebendige sich berühre, es entsteigt Wahrheit aus ihm, aus
dem chaotischen Wogen und Schwanken entstieg die Welt als Melodie? -
                                                                        Caroline
 
                                An die Günderode
Ja! Und alle Sterne sind Melodien, die im Strom der Harmonie schwimmen,
Weltseelen, die den Geist Gottes hervorblühen, Töne, die mit verwandten Tönen
anklingen, und wenn wir zu den Sternen aufsehen, so klingen unsere Gedanken an
mit ihnen; denn wir gehören in die Sippschaft ihnen verwandter Akkorde - und wie
jeder Gedanke, jede Melodie Seele ist, so soll der Menschengeist durch sein
Allumfassen Harmonie werden - Poesie Gottes - nehm's nicht zu genau und gib es
deutlicher wieder, als ich's sagen kann.
 
                                 An die Bettine
So wär der Menschengeist durch sein Fassen, Begreifen befähigt, Geistesallheit,
Philosophie zu werden, also die Gotteit selbst? - Denn wär Gott unendlich, wenn
er nicht in jeder Lebensknospe ganz und die Allheit wär? - So wär jeder
Geistesmoment, die Allheit Gottes in sich tragend, aussprechend? -
                                                                        Caroline
 
                                An die Günderode
Ja! Das beweist die Musik, jeder Ton spricht seinen Akkord aus, jeder Akkord
spricht seine Verwandtschaften aus, und durch alle Verwandtschaft strömt der
ewig wechselnde Gang der Harmonien zu, der ewig erzeugende Geist Gottes. Denken
ist Gott aussprechen, ist sich gestalten in der Harmonie, - ich wage nicht einen
Seitenblick zu tun, aber ich fühl's, dass im Begreifen der Geist Gottes sich
erzeugt im Menschengeist, und zu was wär dieser Keim der Gotterscheinung im
Menschengeist, wenn er nicht durch ewiges Streben ihn ganz entwickeln sollte? -
Der einzige Zweck alles Lebens: Gott fassen lernen, und das ist auch unser
innerer Richter. Was Gott nicht entwickelt, das bliebe lieber ungeschehen; denn
es ist nicht Melodie, - was aber unmelodisch ist, das ist Sünde; denn es stört
die Harmonie Gottes in uns, es klingt falsch an, aber alle grosse Handlung weckt
die Harmonie, alle Sterne klingen mit ein, drum ist gross Denken, gross Handlen
auch so selbst befriedigend, es löst die gebundnen Akkorde in uns auf in höhere
Harmonien, und steigern sich die musikalischen Tendenzen durch allseitiges
Erklingen aller mittönenden Akkorde. - Aber ich kann nicht mehr weiter drüber
denken, ich träume nur und schlafe tiefer über dem Saitenspiel meiner Gedanken
ein, und mir entschlüpft alles ungesagt. -
    Du lebst und schwebst in freier Luft, und die ganze Natur trägt Deinen Geist
auf Händen; ich dräng mich durch zwischen Witz und Aberwitz, und hier und dort
nimmt mich die Albernheit in Beschlag; und wenn ich abends zum Schreiben komm
und muss das Unmögliche denken, was unmöglich ist auszusprechen, dann bin ich
gleich traumtrunken, und dann schwindelt mir, wenn ich die Augen öffne; die
Wände drehen sich, und der Menschen Treiben dreht sich mit. - Und ob's doch
nicht noch in der Sprache verborgne Gewalten gibt, die wir noch nicht haben? -
noch nicht zu regieren verstehen; - das schreib mir, ob Du es auch glaubst, und
ob wir da hindringen könnten, das Ungesagte auszusprechen; denn gewiss, so wie
die Sprache sich ergibt, so muss der Geist hineinströmen; denn der ganze Geist
ist wohl nur ein Übersetzen des Geist Gottes in uns. Gute Nacht.
                                                                         Bettine
 
                                 An die Bettine
Du meinst, wenn Du taumelst und ein bisschen trunken bist, das wär
unaussprechlicher Geist? - Und Du besäufst Dich aber auch gar zu leicht, - weil
Du den Wein nicht verträgst, Du meinst, es müssten neue Sprachquellen sich
öffnen, um Deine Begriffe zu erhellen. Werd ein bisschen stärker oder trinke
nicht so viel auf einmal, wolltest Du Dich fester ins Auge fassen, die Sprache
würde Dich nicht stecken lassen.
    Von der Sprache glaub ich, dass wohl ein Menschenleben dazu gehört, um sie
ganz fassen zu lernen, und dass ihre noch unentdeckten Quellen, nach denen Du
forschest, wohl nur aus ihrer Vereinfachung entspringen. Den Rat möchte ich Dir
geben, dass Du bei Deinem Aussprechen von Gedanken das Beweisen aufgibst, dies
wird Dir's sehr erleichtern. Der einfache Gedankengang ergiesst sich wohl von
selbst in den Beweis, oder was das nämliche ist: die Wahrheit selbst ist Beweis.
Beweislos denken ist Freidenken; Du führst die Beweise zu Deiner eignen
Aushilfe. Ein solches freies Denken vereinfacht die Sprache, wodurch ihr Geist
mächtiger wird. Man muss sich nicht scheuen, das, was sich aussprechen will, auch
in der unscheinbarsten Form zu geben, um so tiefer und unwidersprechlicher
ist's. Man muss nicht beteuern, weil das Misstrauen gegen die eigne Eingebung wär.
- Nicht begründen: weil es eingreift in die freie Geisteswendung, die nach
Sokrates vielleicht Gegenwendung wird, und nicht bezeugen oder beweisen wollen
in der Sprache, weil der Beweis so lang hinderlich ist, dem Geist im Wege ist,
bis wir über ihn hinaus sind; und weil diese drei Dinge unedel sind, sowohl im
Leben wie im Handeln, wie im Geist. Es sind die Spuren des Philistertums im
Geist.
    Freier Geist verhält sich leidend zur Sprache und so verhält sich auch die
Sprache leidend zu dem Geist, beide sind einander hingegeben ohne Rückhalt, so
wird auch keins das andre aufheben, sondern sie werden sich einander aussprechen
ganz und tief. - Je vertrauungsvoller, um so inniger. - Wie es in der Liebe auch
ist. - Was sollte also die Sprache am Geist zu kurz kommen? - Liebe gleicht
alles aus. - Trete nicht zwischen ihre Liebkosungen, sie werden einander so
beseligend, dass nur ewige Begeistrung aus beiden strömt. - Und hiermit wär Deine
Ahnung von der Gewalt des Rhytmus wohl auch berührt, beweisen wollen wir ja
nicht. -
    Alles, was wir aussprechen, muss wahr sein, weil wir es empfinden. Mehr
müssen wir für andre auch nicht tun; denn das sondert jene nur von dem
kindlichen ursprünglichen Begriff. - Wir müssen des andern Geist nicht als Gast
in unsre Begriffe einführen, so wie ein Gast auch weniger das Heimatliche
begreift, er muss selbst durch das Mangelnde im Ausdruck auf die Spur des
Begriffs geleitet werden, da nur im unverfälschten Vertrauen oder im vollkommnen
Hingehenlassen, selbst in scheinbar Nachlässigem (was doch nur vertrauungsvolle
heilige Scheu der Liebe ist) sich der Geist oft erst orientiert; zum wenigsten
wird's ihm viel leichter. -
    Mag nicht oft tiefere Wahrheitsspur verschwunden sein, wo nach ihrer
Bekräftigung suchend ihr ursprünglicher Keim verletzt wurde?
    Haben nicht die geistschmiedenden Zyklopen mit dem einen erhabenen Aug auf
der Stirne die Welt angeschielt, statt dass sie mit beiden Augen sie gesund
würden angeschaut haben? - Das frag ich in Deinem Sinne die Philosophen, um
somit hier alle weitere Untersuchung aufzuheben, und erinnere mich zu rechter
Zeit an Deine leichte Reizbarkeit.
    Leb wohl! An meinem Fenster gibt's heute zu viel Einladendes, als dass ich
widerstehen könnt der Muse, die mich dahin ruft. - Leb wohl! Ich habe Dich recht
lieb.
                                                                        Caroline
Mit Dir kann ich so sprechen, Du verstehst es, kein andrer wahrscheinlich. -
Oder wer müsste das sein? -
 
                                An die Günderode
Ich war heut drauss bei der Grossmama, sie war allein, den ganzen Nachmittag, und
wir sprachen erst von Dir, die Grossmama war einen Augenblick beschäftigt, so
lief ich in den Garten, um ihn nach langer Zeit wiederzusehen, aber wie war ich
da erschrocken, wie ich auf die Hoftreppe kam, ich erkannte den Garten nicht
wieder; denke! - Die hohe schwankende Pappelwand, die himmelansteigenden
Treppen, die ich alle wie oft hinangestiegen bin, um der Sonne nachzusehen, um
die Gewitter zu begrüssen, durchgeschnitten! - Zwei Drittel davon in grader Linie
abgesägt! - Ich wusste nicht, wie mir geschah, und alles will ich gern begreifen
und lernen, was soll mir das schaden, aber diese Pappeln, die Zeugen meiner
frühsten Spielstunden, die mich als Kind von drei Jahren mit ihren Blüten
beregneten, in die ich hinaufstaunte, als ob ihre Höhe in den Himmel reiche. Ach
was soll ich dazu sagen, dass die als Stumpfe mit wenig Ästen noch versehen
nebeneinander stehen, gemeinsamen Schimpf und Leid tragend. Ach ihr Baumseelen,
wer konnte euch das tun? - Nun ziehen alle frühen Kindheitsmorgen an mir
vorüber, wo ich ihre Wipfel von weitem im Gold glänzen sah, und dass sie mir
winkten, ich soll mich eilen und kommen, und wie hab ich oft ihre jungen
Blättchen betrachtet und keins abgebrochen je! - Ach, es schneidet mir ins Herz
- es war, als könnten sie nicht mehr sprechen, als sei ihnen die Zunge genommen;
denn sie können ja nicht mehr rauschen. So war ihr Stummsein eine bittere,
bittere Klage zu mir, die ich ewig mit mir herumtragen werde und keinem sagen
als nur Dir. Du weisst, wie Du oft sagtest, wenn wir da gingen, dass ihr Rauschen
mitspreche, und wie sie uns absonderten von der ganzen Welt, und wie sie einen
Dom über uns bauten, und gegenüber die hohe Rosenhecke, die über die Wand vom
Boskett hereinschwankte, die steht jetzt auch ohne Schutz, und die Nachtigallen,
die das heilige Dunkel gewohnt waren, wie wird's da sein, wenn die im Frühjahr
wiederkommen! - Ach, ich bin betrübt darüber. - Die Kindertage, wo ich dort mit
dem reinlichen Kies spielte und mit rosenfarbnen Steinchen und schwarzen und
gelben bunte Reihen um ihre Stämme legte! - Und konnte so versteckt
hinüberklettern ins Boskett, wie kann einem doch das Paradies, wo die Seele all
ihren Zauber einpflanzt, so jämmerlich zerstört werden? - Aber bedaure Du mich
nur nicht; denn hör nur, - als ich zurückkam zur Grossmutter - sah ich blass und
zerstört aus, und sie sah wohl die Spuren von meinen Tränen. - Sie sah mich an
ein Weilchen - und sagte: »Du warst im Garten?« - Da reichte sie mir die Hand. -
Was sollt ich sagen? - Ich schwieg und sie auch. - Sie sagte: »Ich werd wohl
nicht mehr lang leben!« - Ich wagte nichts zu sagen - aber bald darauf machte
sie das Nebenzimmer auf, von wo man nach dem Garten sieht, und sagte: »Das
Rauschen im Abendwind war meine Freude, ich werd's nicht mehr wieder hören, ich
hätt mir's lassen gefallen, wenn ich unter ihrem Rauschen am letzten Abend wär
eingeschlafen! Sie hätten mir diesen feierlichen Dienst geleistet, die lieben
Freunde, die ich jeden Tag besuchte, die ich mit grosser Freude hoch über mir
sah; - du hast sie auch geliebt, es war dein liebster Aufentalt - ich hab dich
oft vom Fenster sehen in ihrem Wipfel abends steigen, und glaubtest, es säh es
niemand - nimm meinen Segen, liebes Kind, ich hab an Dich gedacht, wie man sie
trotz der schmerzlichen Verletzung meiner Gefühle verstümmelte.« - Ich wagte
nicht zu fragen, wer die Schuld trüge; denn das wär zu kränkend für die Grossmama
gewesen, und ich wusste auch gleich, dass nur aus grausenhaftem Philistersinn
solche Untat geschehen konnt; denn der ahnt nicht die tiefsten Wunden, der hält
alles für Empfindelei, was mit den geheimsten geistigen Bedürfnissen
zusammenhängt; - wie könnte der eine wahrhafte Liebe denken zu einem leblosen
Ding; denn so nennt der Philister die Pflanzen, die Bäume, die ganze Natur, -
wie könnte der ahnen, dass ein höchst geistiger Umgang mit ihren schönen
untadeligen Erzeugnissen stattfinden könne? - Ein Wechseltausch von
Empfindungen, der eine reine Leidenschaft zu ihr nährt und beglückt, - wie
könnte dem je begreiflich werden, dass ein innerliches Dasein sich in sie
überträgt, und dass, während die ganze Welt vergeblich unter Mitgeschöpfen
herumschwärmt, von Liebe, von Freundschaft faselt, der beglückte Besitzer eines
Baumes, der vor seiner Tür steht, in ihm den Freund gefunden hat. -
    Die alte hundertjährige Bas kam mir vor der Tür auch damit entgegen: »Ist's
nicht barbarisch? - Und dass die Grossmama stillschweigt dazu, - wärst du nur hier
gewesen, es wär nicht geschehen.« -
    Ich bin noch einmal in den Garten gegangen, wie es dunkel war; denn am Tag
hingehen schien mir beleidigend für die edlen Bäume; - ich hab Abschied genommen
vom Garten, ich mag nicht wieder hineingehen. - Ich hab auch den Gärtner besucht
im Boskett, der sagte mir, es habe ihn sehr betrübt, dass diese Bäume abgehauen
wären, er habe so manches sich immer gedacht dabei, jetzt könne er nichts mehr
von ihnen sehen und hätt auch die Lust verloren, die Rosenhecke zu pflegen. -
»Nun!« - sagte ich, »aber in Gedanken können wir immer alles sehen, was wir lieb
haben?« - Das gab er zu. - »So gebt doch auch die Rosenhecke nicht auf, je höher
sie wächst, je mehr könnt Ihr Euch dabei denken, dass im Gedächtnis alles Schöne
fortblüht.« - Das bewilligte er mir, und er meinte, ich solle gewiss nicht
klagen, dass er sie versäumt hätte, wenn ich wieder käm. - Im Gärtner liegt
wahres Genie zu einem solchen Umgang mit seiner Umgebung in der Natur. -
    Noch kurz, eh ich mit Dir bekannt war, hab ich manchmal oben in dem
Baumwipfel meine Stimmungen über die Naturerscheinungen aufgezeichnet; so
kindisch und unvermögend mich auszusprechen, ich hab sie in einer Mappe
aufgehoben, da schreib ich Dir eines auf zur Gedächtnisfeier.
                                      Vor zwei Jahren geschrieben am Ostermontag
O himmlisch Grün, das unter Eis und Schnee in brauner Hülle sich barg und jetzt
dein glühend Haupt im Antlitz der Sonne krönt.
    Geliebter Baum! Könnt ich umwandeln doch in dein sanft rauschend Laub jene
flüsternde Sprossen, die mit glänzendem Finger die Muse bricht, himmlischer
Glorie voll, die Stirn zu umflechten dem Liebling, der mit Helm und Speer oder
bogengerüstet, wo viel goldne Pfeile dahinfliegen, oder Rosse jagend oder mit
leichtem Fuss zwölfmal umrennend das Ziel oder aufleuchtend mit der Flamme des
Lieds, um sie wirbt.
    O Baum, dich umdrängt heute der Bienen Schar, sie ziehen dem Duft nach der
honigregnenden Blüte, sie sammeln ihren befruchtenden Staub und versummen die
Tagesglut in deiner Krone kühlem Rauschen. Aber dann würd in deinem Schatten
ruhn, der König ist am Mahle des Geists, und nähren würde deine Wurzel die Flut,
die den eignen Gott im Busen ihm begeistert, zu alleroberndem Triumph.
    Begegne dir nichts, was dich beleidigt, o Baum! Den keiner der Unsterblichen
umwandelt. Ich zwar träume den Frühling in deinem Schatten, und mir deucht von
Unnennbarem widerhallen zu hören rings die Wälder und die Hügel.
 
                                An die Günderode
Ich lese Deinen Brief und schäme mich vor Dir, wie Du so edel und einfach mein
verwirrtes Denken zurechtrichtest, und ich kann nicht ans Antworten denken, weil
ich so voll Unruh bin. Die Bäume kränken mich; ich kann's nicht begreifen, wie
die Grossmama sich nicht besser gewehrt hat, das ist ihre zu tiefe
Empfindlichkeit, unterdessen hat man ihren Lieblingen den Hals abgeschnitten,
man muss sich wehren für die Seinigen und dem Schlechten in den Arm greifen, der
es antastet. Alles Erhabne und Schöne ist Eigentum der Seele, die es erkennt,
und durch die Erkenntnis ist sie schutzverpflichtet. Alles ist der Teufel, es
sei denn reine freie Gewissenswahrheit, und ich weiss keine höhere Anweisung an
den Geist als: frag dich selber! Und wenn da einer nicht das Rechte findet, so
ist er ein Esel, und alles, was sich Schreckendes dem inneren Willen
entgegenwirft, das muss bekämpft und verachtet werden, er ist der Ritter, der das
Wasser des Lebens zwischen feuerspeienden Drachen und eisernen Riesen schöpft,
vor seiner Verachtung und seinem Mut werden sie ohnmächtig. In Feenmärchen ist
die heiligste Politik und auch die mächtigste; ich wollt der grösste Staatsmann
werden und die ganz Welt unter meinen Fuss bringen, bloss dass die blaue Bibliotek
mein geheimer Kabinettsrat wär; und die Leut würden sich erstaunen, was ich als
für Weisheit besäss. - Der Grossmama möcht ich's sagen, sie wird es ganz gut
aufnehmen; und ich brauch sie auch nicht zu schonen. - Was ist? - Die Grossmama
hat eine tiefe Seele, - andre nennen's Empfindsamkeit, Tiefe ist allemal Gewalt,
aber sie ist gebunden und die Gewalt weiss nicht, wie leicht sie die Fessel
abwerfen kann, hab ich mir doch manchmal den Atem fast ausgeblasen, wenn wir
morgens im Wald uns ein Feuerchen wollten machen zu unserm Pläsier, und es ist
immer wieder ausgegangen, und ich hab's immer am kleinsten Köhlchen wieder
angezünd't, ich will auch blasen in der Grossmutter ihr Judizium, warum ist sie
betrübt, wenn es nicht ist, dass sie dadurch begreifen lernt, was sie den Bäumen
schuldig war, alle Kraft ist man der Welt schuldig und dem der uns am nächsten
steht, am ersten. Alle Anregung ist ein Aufwühlen des inneren Herzgrund, und das
Unkraut muss untergepflügt werden, dass es die Wahrheit muss düngen, ich weiss
nicht, was ich sagen wollt; ich bin unruhig, verzeih mir's, ich kann Dir nicht
auf Deinen Brief antworten, ich wär so gern heut wieder nach Offenbach, aber
alles fuhr nach Rödelheim, und wir haben im grossen Himmelspurpurmantel mit
eingehüllt, auf der Wiese uns amüsiert, bis es Nacht war, ich ging mit dem Franz
zu Fuss nach Haus, die andern fuhren, der Franz hat mir allerlei Schönes und
Gutes gesagt unterwegs, ich hing mich mit beiden Händen an seinen Arm und
verhopste alles, wie wir an die Bockenheimer Wart kamen, sagte er: »Häng dich
doch jetzt an den linken Arm; denn der andre ist mir schon eine Viertelelle
länger gereckt, damit der doch auch so lang wird.«
                                                                       Am Montag
Die Meline geht mit Savigny nach Marburg und sagt, ich soll auch mit, ich sag
nicht ja, aber die Meline sagt: »Wer soll für dich sorgen, wenn ich's nicht tu,
du wirst hier alles verschlampen, alles vergessen, alles verreissen, alles
verschenken, alles verderben, Du musst mit.« - Kommst Du früher, als die gehen,
so bleib ich hier; denn da hab ich einen Altar, an den ich mich festalte,
kommst Du aber nicht, so weiss ich, dass ich auf dem Glatteis, wie mir's unter den
Fuss kommt, dahinfliege ohne Widerstand, es führt mich ja auch ebenso schnell
zurück zu Dir, aber der Savigny schreibt, ich soll Dir sagen, dass er in den
Sternen gelesen habe, Du werdest nach Marburg kommen. - Da leg ich Dir noch ein
Blatt aus meiner Pappelbaumkorrespondenz bei, ich hab doch alle Pfingsten, der
ich mich erinnere, unter diesen Pappeln zugebracht, - dies schrieb ich ihnen am
letzten Pfingstfest, die schönsten Tage im Jahr sind Pfingsten, der Frühling
feiert gekrönt seinen Sieg. Wie war ich so seelenzufrieden an jenen Tagen, alles
ging aus ins weite Feld spazieren, alles fuhr über Land in schönen Kleidern, ich
war auch weiss geputzt, und die Haare schön gelockt und mit flatterndem Band und
gelben Schuhen besucht ich schon früh den Baum; heut konnt ich nicht
hinaufklettern, ich hätte Schuhe und Kleid verdorben, darum dauerte mich der
Baum, so fuhr ich lieber nicht mit spazieren und hielt ihm Gesellschaft, und
weisst Du, was mich der Natur so anhängig macht? - Dass sie manchmal so traurig
ist, - andre nennen das Langeweile, was einem zuweilen so mitten im Sonnenschein
wie ein Stein aufs Herz fällt, ich aber leg es so aus: plötzlich steht man, ohne
es zu wollen, ihr, der Allgöttin gegenüber, ein geheim Gefühl der unendlich
zärteren Sorge, die sie auf uns verwendet, als auf alle anderen Geschöpfe, macht
uns schüchtern; alles umher gedeiht, jed Stäudchen, jed klein Käferchen zeigt
von so tiefer feingegliederter Bildung, aber wo ist auch nur ein Knöspchen in
unserm Geist, was nicht vom Wurm angenagt wär, sind wir nicht von Staub befleckt
und zeigt sich ein Blättchen unserer Seele in seinem glänzenden Grün? - Wenn ich
einem Baum begegne, der vom Meltau oder vom Raupenfrass erkrankt ist, oder eine
Staude, die verkeimt, dann mein ich, das ist Sprache der Natur, die uns das Bild
einer ungrossmütigen Seele zeigt. - Und wären alle Fehler des Geistes überwunden,
wären seine Kräfte in voller Blüte, wer weiss, ob dann in der Natur noch solcher
Misswachs oder schädlich Unkraut wär, ob der Brand noch ins Kornfeld käm, ob noch
giftige Dolden wüchsen, wer weiss, ob noch solche traurige Augenblicke in ihr
wären, die einem das Herz spalten; und man wendet sich ab, weil man nicht ahnen
will, was tief im Herzen schmerzlich mit wehklagt. Nein, sie findet kein Gehör,
die Mutter, obschon ihre Vorwürfe so zärtlich sind, dass sie einem gleich in
ihren Schleier hüllen möcht, und das Gift der Krankheit möcht sie mit ihren
Lippen aussaugen und aus ihrem Blut Balsam mischen, uns zu heilen.
    »Beweislos denken ist frei denken!« Dies eine nur lass mich Dir mit einem
Beweis noch bekräftigen zum Beweis, dass ich Dich versteh! - Denken selbst ist ja
von der Wahrheit sich nähren, sonst wär's Faseln und nicht Denken, Denken ist,
jenen Balsam trinken, den die Mutter aus ihrem Blute mischt, der uns von
Schwächen heilt, ist ja Gehör geben ihren zärtlichen Vorwürfen; und durch Beweis
dem eignen Herzen die Liebe darlegen wollen, die so ohne Rückhalt sich uns
ergibt, ist Beweis genug, dass sie das Herz nicht rührte. - Die Wahrheit rührt
das Herz, ist Geist, der augenblicklich höher steigt im Empfangen der Wahrheit
selbst und sich nach Höherem umsieht. Du bist höher gestiegen in dieser
Erkenntnis der reineren Geistesform, Du hast seine Krücken weggeworfen. - Sie
sagen: wie will der Geist fortkommen ohne Krücken? - Er hat ja keine Füsse! - Er
wirft des Anstands enges Wams auch noch ab. - »Seht, ich habe Flügel!« Und Deine
Verteidigung, wie willst Du die führen, wenn Du keine Waffen hast, fragen die
Philister. - »Ich bin Gottatlete, wer mit mir ringen wird, der mag meinen
Triumph ohne Waffen um so tiefer fühlen, ich bin dann, und sie sind nicht mehr,
die mit mir ringen; und wen ich nicht überwinde, der reicht auch nicht an mich
heran, mich zu bekämpfen.« - Ja, ich fühl's deutlich, wie tief recht Du hast, es
ist einzig reine und heilige Sprachquelle, die Wahrheit ohne Beweis führen.
Sprach und Geist müssen sich lieben, und da braucht's keiner Beweise
füreinander, ihr gegenseitiges Erfassen ist Liebe, die sich in ewigen Gefühlen
zu den Sternen hebt, - Du bist überwunden, Du bist ein Gefangner des Geistes -
er besitzt Dich und tritt vor und spricht Dich aus. - Gute Nacht! Schon sehr
spät. -
                                    Vor zwei Jahren geschrieben am Pfingstmontag
Bäume, die ihr mich bergt, mir spiegelt in der Seele sich euer dämmernd Grün,
und von euern Wipfeln seh ich sehnend in die Weite.
    Dortin fliesst der Strom und hebt nicht zum Ufer die Wellen, und es jagt
nicht mit den Wolken seine fröhlichen Schiffe der Wind.
    Der hellere Tag flieht und mein Gedanke lauscht, ob Antwort vielleicht ein
sausender Bote von dir ihm bringe, Natur!
    O du! - du, der ich rufe, warum antwortest du nicht? - Immer gleich
Herrliche! Allebendige!
    Schauder über Schauder flösst mir, Herr! Herr! deine Natur ein.
    Da senkt sich der Wagen des Donnerers, die Berge hallen, es braust und
duftet und weht! - Wohin ihr Nebel? - Ihr Rauchsäulen? - Wohin wandelt ihr alle?
- Warum bin ich! - Warum mich an deinen Busen Natur, wenn nicht erquickend mir's
quillt aus deinen Tiefen, wie aus den Bergen quellen die rauschenden Wasser.
    Ich hör dich Donnerer, langsam ziehn am windstillen Tag übers Gebirg, in
meiner Seele Saiten tönt's nach, sie bebt, die Seele, und kann nicht seufzen.
    Lust und Hoffnung, ihr habt oft mich gewiegt wie die rauschenden Wipfel, ihr
schienet endlos mir einst wie jetzt mein düsterer Tag.
    Da brechen die Wolken und strömen unter dir, Befreier! - Und rings trinkt
die Erde - und deine Donner - wohin? - Und ihr atmet wieder, Wiegengesang
flüstert, wogt in eurem Laub, das mich umfängt.
    Und ich will gern wieder leben mit euch allen, ihr Bäume, die ihr trinkt
segnende Ströme vom Himmel und fröhlich wieder säuselt im Wind.
 
                                An die Günderode
Heut morgen wach ich auf vom Rufen der Italiener, die Parapluies feiltragen, die
wahre Lockstimme für mich, - unwiderstehlich, ich denk gleich, der Italiener mag
Regen wittern; denn sonst gehn sie nicht so früh herum, ich lass' die Liesbet
den Mann heraufholen und lauf zur Meline - die liegt noch im Bett, - ob wir
nicht einen Parapluie wollen kaufen, mitzunehmen nach Marburg? Die Meline kriegt
einen Schrecken - sie glaubt, ich hab's Fieber, dass ich nach einem Parapluie
frag, unterdessen war il signor Pagliaruggi vor der Tür, und ein grünseidner
Regenschirm gekauft, den ich auch gleich probieren wollt, so ging ich vors Tor
in die Mess am Main, und so blieb ich bei den Klickerfässern stehen und kauft an
dreissig Klicker, einer schöner wie der andre, von Achat und Marmor und Kristall,
damit ging ich hinunter am Main, wo die Steinergeschirrleut halten, und besuchte
die in ihren strohernen Hütten und die Esel, die mit herzlichem Geschrei mich
begrüssten, und die kleinen Hemdlosen, die da herumlaufen und klettern - und
teilt ihnen meine Klicker aus, sie hatten keine Taschen, weil sie nackend
laufen, so musst ich ihnen meine Handschuh geben, dass sie die Klicker konnten
aufheben, die banden sie sich mit Bindfaden um den Leib fest, das war kaum
geschehen, so rief mich ein Schiffer an, ob ich nicht wollt überfahren. - Ich
frag: »Es wird wohl regnen?« - »Nun, was schad's, Sie haben ja ein Wetterdach
bei sich.« Wie ich drüben war, so denk ich, ich will nach Oberrat gehen zur
Grossmama ihrer Milchfrau und da Milch trinken, wie ich an der Milchfrau ihr Haus
komm, so sagen die Leut, alleweil ist die Annemarie fort mit der Milch nach der
Gerbermühl, wie ich auf die Gerbermühl komm, so läuft mir die Annemarie schon
fort nach Offenbach mit der Milch, ich sag, ich will mit ihr gehen, sie hat ihre
zwanzig Gemüskörb auf dem Kopf und ihre Milchkann am Arm, und so schlendert der
gross Gemüsturm und ich als hintereinander durch die Hecken, sagt die Annemarie:
»Es fängt schon an zu trepele, es werd gleich e dichtiger Schitel komme, warte
Se, ich will Ihne ans von dene klene Körbercher gebe, des könne Se uf den Kop
setze, do kommt ihne ken Rege an.« - Nun fällt mir ein, dass ich doch das
Wetterdach, den Parapluie mitgenommen hab, wo ist der geblieben? Entweder ich
muss ihn haben bei den nackigen Büberchen lassen stehen, oder ich hab ihn im
Schiff liegen lassen, beides ist gleich möglich, ich konnt ihn also die
Wasserprob nicht halten lassen; so setzt ich der Milchfrau ihr rundes
Gemüskörbchen mit Blumenkohl auf den Kopf. Sie sagt: »Sie sehn so schön drunter
aus wie die schönst Pariser Madam.« - Es war recht lustig, es begegneten mir
allerlei Leut, die dachten, ich wollt balancieren lernen, der Regen hatte bald
wieder aufgehört, so war ich ohne dran zu denken bis Offenbach gelaufen, an der
Kastanienallee nahm ich den Korb ab. In der Stadt war recht Sonntagswetter,
alles voll Sonnenschein, und in der Domstrass lag auf jeder Haustrepp vor der Tür
ein Jolie mit dem blauseidnen Halsband, alle Jolies kennen mich, sie kamen an
mich herangebellt, und da kamen die Spitze auch, und Bommer, und endlich auch
dem Anton Andree seine englische Dogge mit siebzehn Jungen, die schon ziemlich
herzhaft bellen. Die Milchfrau blieb ein paarmal stehen, um das Springen und
Toben der Hunde zu sehen und auch aus Furcht, sie möchten ihr den Gemüsturm aus
der Balance bringen. »Ei«, sagte sie, »der türkisch Kaiser kann nicht schöner
begrüsst werden, die bleiben ja in einem Vivatrufen.« - So klingelten wir an der
Haustür, die Cousine meldete, dass die Grossmama noch schlief, in den Garten wollt
ich nicht gehen, ich blieb vor der Tür stehen bei den Hunden, da kam mein guter
Herr Arenswald vorbei, er nahm den Hut ab, ich sagte ihm nicht, dass er ihn
wieder aufsetzen solle; denn ich hatte gesehen, dass ein Loch drin war, und
wollte diese Wissenschaft gern vor ihm verbergen. Er erzählte mir, er habe
diesen Sommer eine Reise nach der Schweiz gemacht, weil er seinem Drang, die
Natur dort zu betrachten, nicht habe widerstehen können, er bereue es auch gar
nicht, obschon es ihm viel gekostet, ja, er glaube, es sei sein letzter Heller
draufgegangen, ich war etwas beschämt und wollte ihm bei dieser vertrauten
Mitteilung nicht grad ins Gesicht sehen, meine Augen fielen auf seine Stiefel,
da präsentierte sich ganz ungerufen der kleine Schelm, sein grosser Zehe, welchen
Arenswald durchaus nicht bei der Audienz dulden wollte; denn er drückte ihn
unter den Absatz vom andern Stiefel, der leider wie ein schlechtgeschlossner
Laden vom Wind auffuhr, wo sollt ich meine Augen hinrichten? - Ich sah auf
seinen Bauch, da fehlten alle Knöpfe und die Weste war mit Haarnadeln
zugeklemmt, wo er die mag her erwischt haben; denn er trägt einen Caligula,
welches bekanntlich die höchste geniale Verwirrung im Haarsystem ist, wozu man
weder Pomade, noch Kamm, noch Haarnadel braucht, sondern nur Staub und Stroh,
damit die Schwalben und Sperlinge immer Material für ihre Bauten da finden.
Unterdes erzählte er mir, es sei ihm in der Schweiz was Sonderbares geschehen,
man habe ihm nämlich erzählt, dass es in waldigen Berggegenden eine Art Schnecken
gäb, die sehr schmecken, und dass es auf dem Weg von Luzern irgendwohin auf einem
Berg sehr viel solcher schmeckender Schnecken gibt, er habe solche auch in Masse
im Wald angetroffen und einen so starken Appetit danach bekommen, dass er ihrer
mehrere gegessen und ganz satt davon geworden sei, als er ins Wirtshaus
zurückkam, verbat er sich sein Mittagessen, weil er zu viel von den so gut
schmeckenden Schnecken gefunden, und habe sie mit so grossem Appetit verzehrt,
dass er unmöglich noch was geniessen könne. »Wie?« - sagte der Wirt, »Sie haben
die schmeckenden Schnecken gegessen?« - »Nun ja, warum nicht, sagten Sie nicht
selbst, dass die Schnecken sehr wohlschmecken, und dass die Leute gewaltig danach
her sind, sie zu sammeln?« - »Ja, sehr schmecken hab ich gesagt, aber nicht:
wohl! - Schmecken heisst bei uns stinken, und die Leute sammeln sie für die
Gerber, um das Leder einzuschmieren.« - »So hab ich also dieses Gerbermittel
gespeist und mich sehr wohl dabei befunden«, erzählte Herr Arenswald, während
ich sehr errötet in die Luft guckte; denn es war kein andrer Platz da, ohne auf
eine grobe Sünde des gänzlichen Mangels zu stossen. - Die Schneckenmahlzeit mag
nun wahr sein oder auch erfunden, um mir auf eine feine Art verstehen zu geben,
dass ihn der Hunger dazu gezwungen. Die Cousine rief mich herein, und Arenswald
nahm, wie bei hohen Potentaten, rückwärtsgehend Abschied von mir, woraus ich
schloss, dass es von hinten auch nicht besser mit ihm bestellt sein möge. Also
erst die Begrüssung bei meinem Einzug, der Jubel war türkisch-kaiserlich nach der
Milchfrau, der Gemüskorb mit Blumenkohl war meine Kron, den Baldachin, den
Parapluie, hatt ich im Schiff gelassen, die erst Audienz war auch mit allen
kaiserlichen Ehrenbezeugungen vor sich gegangen, unterwegs hatt ich grossmütige
Geschenke gemacht an die nackigen Büberchen, Arenswalds Audienz war auch eine
untertänigste Ansherzlegung des menschlichen Elends. Was will ich mehr? - Immer
hat's mir im Sinn gelegen, ich werde noch zu hohen Würden steigen. -
    Ich werd auch geruhen, des schmeckenden Schneckenfressers ausserordentliche
Verdienste um die Selbsterhaltung zu belohnen, durch den Jud Hirsch, der morgen
nach Offenbach geht; wenn mir's nur nicht bis morgen aus den Gedanken kommt wie
der Parapluie, ein Fehler, den ich mit allen hohen Häuptern gemein hab. - Die
Grossmama war mir sehr freundlich, wir sprachen von Dir, sie will, dass Du sie
besuchst, wenn Du zurückkehrst. Ich sagte ihr, dass ich, wenn sie es erlaube,
nach Marburg gehen werde mit der Meline, diese kleine Ehrfurchtsbezeugung, um
ihre Einwilligung zu bitten, schmeichelte ihr sehr, sie gab mir ihren besten
Segen dazu, nannte mich »Tochter ihrer Max, Kindele, Mädele«, ringelte mein
Haar, während sie sprach, erzählte im schwäbischen Dialekt, was sie nur in
heiterer Weichherzigkeit tut und einem Ehrfurcht mit ihrer Liebenswürdigkeit
einflösst, ihr Bezeigen war mir auffallend, da ich vor vier Tagen sie so tief
verletzt, beinah erbittert fand über die Schmach, die ihrem gütigen Herzen
widerfahren war. - Sie zeigte mir ein Wappen in Glas gemalt in einem prächtigen
silbernen Rahmen mit goldnem Eichelkranz, worum in griechischer Sprache
geschrieben steht: Alles aus Liebe, sonst geht die Welt unter, es ist dem
Grosspapa von der Stadt Trier geschenkt worden, weil er als Kanzler in
trierischen Diensten sich gegen den Kurfürsten weigerte, eine Abgabe, die er zu
drückend fand, dem Bauernstand aufzulegen; als er kein Gehör fand, nahm er
lieber seinen Abschied, als seinen Namen unter eine unbillige Forderung zu
schreiben; so kamen ihm die Bauern mit Bürgerkronen entgegen in allen Orten, wo
er durchkam, und in Speier hatten sie sein Haus von innen und aussen geschmückt
und illuminiert zu seinem Empfang. Die Grossmama erzählte noch so viel vom
Stadionischen Haus, worin sie so lang mit dem Grosspapa lebte, wenn ich's nur
alles behalten hätt, doch vergess ich die Beschreibung ihrer Wasserfahrten nicht
auf dem See von Lilien, wo immer ein Nachen vorausfuhr, um in dem Wald von
Wasserpflanzen eine Wasserstrass mit der Sense zu mähen, wie da von beiden Seiten
die Schilfe und Blumen über den Kahn herfielen und die Schmetterlinge - und
alles weiss sie noch, als wenn es heut geschehen wär. -
    Der Pappeln wollt ich nicht gedenken, die jammervolle Person des Arenswald,
der so munter und grün über sein Elend hinaussteigt ins Freie, hatte mich aus
den Angeln der Empfindsamkeit gehoben, ich will wetten, jetzt, wo er
Waldschnecken fressen kann, dass er noch viel mehr wagt, und wenn er nur so viel
hat, dass er seine Beine reisefertig kriegt, so muss das andre mit und muss
allerlei andre Dinge noch dazu fressen lernen. Die Grossmama fing aber von selbst
von den Bäumen an, bei Gelegenheit des Wappens, sie erzählte, der Spruch sei
wirklich Ersatz dem Grossvater geworden, und er habe oft bei der Einschränkung,
in der er später leben musste, gesagt: »Besser konnt ich mir's nicht wünschen.« -
Das Wappen hing über seinem Schreibtisch, und da er bei Bauer und Bürger in
grossem Ansehen stand, so kamen sie oft zu ihm in schwierigen Angelegenheiten, da
hat er denn durch den Spruch vom Wappen manchen zur Gerechtigkeit oder zur
Nachsicht bewogen, er sei dadurch so im Ansehen gestiegen, dass sein Urteil mehr
wirkte wie alles Rechtsverfahren, und mancher, der dem Buchstaben des Gesetzes
nach sich durchfechten konnte, hat, um nicht das Urteil des Grossvaters gegen
sich zu haben, sich verglichen, und der Kurfürst hat sich auch wieder mit ihm
versöhnt und ihm vollkommen recht gegeben, aber der Grossvater schlug seine
Anstellung aus, die der Kurfürst ihm wieder anbot; er sagte: »Hat mir Gott das
Hemd ausgezogen und gefällt's ihm, mich schon auf Erden nackt und bloss
herumlaufen zu sehen, so will ich mir keine Staatslivree als Feigenblatt für den
menschlichen Ehrgeiz vorhalten, dem Herrn Kurfürst steh ich zu Diensten in allen
gerechten Dingen, so wie mich Gott geschaffen hat, und der sich nicht vor ihm zu
schämen braucht; ich mag nicht aus meinem Paradies heraus, denn ich mag mich mit
keinem Feigenblatt inkommodieren, ich bin der unverschämteste Kerl von der Welt,
und der Kurfürst ist die sittsamste Jungfer, die unter den geistlichen Würden zu
treffen ist, er will keinen seiner Freunde nackt und bloss herumlaufen oder vor
sein Angesicht kommen lassen; aber mir gefällt es besser, ganz nackend mit
seinen Mummenschanzen herumzuspringen, denn da hab ich den Vorteil, dass sie sich
selbst nicht mehr kennen; denn sie wissen so wenig, was das ist, ein Mensch
sein, dass einer, der ohne Bemäntlung ihnen die Natur eines Menschen, wie sie vor
Gott bestehen kann, darstellt, ihnen natürlich zeigen muss, dass sie selber
Missgeburten sind.« - In dieser Art hat der Grosspapa auf des Kurfürsten Anträge
geantwortet. - Die Grossmama besitzt noch eine Korrespondenz, wo mehrere Briefe
von des Kurfürsten eigner Hand dabei sind, mit den Abschriften vom Grossvater; -
der Grossvater hatte ein Buch gegen das Mönchswesen geschrieben, was gar viel
Aufsehen in damaliger Zeit machte, ins Französische übersetzt wurde, das hat mir
die Grossmama geschenkt; es war die erste Veranlassung zur Unzufriedenheit
zwischen dem Kurfürsten und ihm, weil darin so viel Skandal der Mönche
aufgedeckt ist, und war auch die erste Veranlassung zur Versöhnung; denn der
Kurfürst gibt ihm in einem Brief sehr recht und sagt: »Wir werden diesem
Ungeziefer, das mich mehr plagt als den armen Lazarus, dem ich mich gar sehr
vergleiche, seine Schwären, noch eine Umwälzung in unserer Religion zu verdanken
haben, es vergehet keine Woch, dass nicht verdriessliche Berichte dieser
unflätigen Mönche einlaufen, der Mantel der christlichen Kirche, unter dem sie
alle eingekeilt stehen wie ein Ballen Stockfische, reicht nicht mehr zu, ihren
Unflat zu bedecken.« - Schreibt der Grossvater hierauf einen wunderschönen Brief
über Religion und Politik, den ich nicht behalten hab, worin mir aber jedes Wort
wie Gold klang, - er sagt: in einem grossen Herzen müsse die Politik bloss aus der
Religion hervorgehen oder sie müssten vielmehr ganz dasselbe sein, ein tätiger
Mensch, der seine Zeit anwende, zu was sie ihm verliehen sei, habe sie nicht
übrig, sie in verschiednes zu teilen, so müsse denn seine Religion als
vollkommner Weltbürger in ihm ans Licht treten - usw. - Dieser Brief ist so
herrlich, so seelenrein, so über alles erhaben, wonach kleinliche Menschen
zielen, aber auch so lebendig, dass ich glauben muss, aus einem lebendigen Herzen
entspringt alle Philosophie, aber mit Fleisch und Bein und klopfendem Herzen
fürs Gute, die sich ewig regt und das irdische Weltleben reinigt, gesund macht
wie ein Strom frischer gewürzreicher Luft; - das tut doch die Philosophie nicht,
die aufs Dreieck sich stützt, zwischen Attraktion und Repulsion und höchster
Potenz einen gefährlichen Tanz hält, die dem gesunden Menschenverstand die
Rippen einstossen und er als Invalidenkrüppel sich endlich zurückziehen muss. Und
einmal ist doch die natürliche Geschichte unseres Lebens auch unsere Aufgabe,
und ich denke, dass wenn der Scharfsinn sich von Hoffart unbeleibter Spekulation
losmachte und sich ganz auf den Zustand der sinnlichen Tagsgeschichte wendete:
dann müsste kein Gedanke so tief oder so erhaben sein, der nicht im irdischen
Treiben sich Platz verschafte und in sittlichem Sinn sich bekräftigt und
aufwächst. - So wie der Grossvater möcht ich sein, dem alle Menschen gleich
waren, Fürsten und Bauern gleichmässig auf den Verstand anredete und nur allein
durch diesen mit ihnen zurechtkam, dem nie eine Sache gleichgültig war, als läge
sie ausser seinem Kreis; er sagte: »Was ich mit meinem Verstand beurteilen kann,
das gehört unter meine Gewalt, unter mein Richteramt, und ich muss laut und
öffentlich entscheiden, wenn ich mich vor Gott verantworten will, dass er mir den
Verstand dazu gegeben, wer seine Pfund benützt, dem wird noch mehr dazu, und er
wird Herr über alles gesetzt.« - Ja, das bin ich überzeugt, aber ich glaub
nicht, dass die Philosophen dies Ziel erreichen werden, ich glaub eher, dass man
auf dem Grossvater seine Weise die tiefste Philosophie erwerbe, nämlich den
Frieden, die Vereinigung der tiefsten geistigen Erkenntnis mit dem tätigen
Leben. -
    Der Grossvater schrieb noch in einem andern Brief an den Kurfürst über den
Missbrauch der vielen Feiertage und Verehrung der Heiligen, er wollte, dass eine
reinere Grundlage eine verbesserte Religion sei. - Statt so viel
Heiligengeschichten und Wundertaten und Reliquien, alle Grosstaten der Menschen
zu verehren, ihre edlen Zwecke, ihre Opfer, ihre Irrungen auf der Kanzel
begreiflich zu machen, sie nicht in falschem, sondern im wahren Sinn auszulegen,
kurz die Geschichte und die Bedürfnisse der Menschheit als einen Gegenstand
notwendiger Betrachtung dem Volk deutlich zu machen, sei besser, als sie alle
Sonntagnachmittag mit Brüderschaften verbringen, wo sie sinnlose Gebetverslein
und sonst Unsinn ableierten; - und schlägt dem Kurfürst vor, statt all dieses
matterzige zeitversündigende Wesen unter seinen Schutz zu nehmen, so soll er
doch lieber eine Brüderschaft stiften, wo den Menschen der Verstand geweckt
werde, statt sie zu Idioten zu bilden durch sinnlose Übungen; da könne er ihnen
mit besserem Gewissen Ablass der Sünden versprechen; denn die Dummheit könne Gott
weder in dieser noch in der andern Welt brauchen; aber Gott sei ein besserer
Haushalter wie der Kurfürst, der lasse den gesunden Geist in keinem zugrunde
gehen, aber in jener Welt könne nichts leben als der Geist, das übrige bleibe
und gehöre zur Petrefaktion der Erde. -
    Es ist eine einfache edle Korrespondenz, wo der Grosspapa seinen Charakter
nicht einmal verleugnet, der Kurfürst schreibt schön und edel, und schon das ist
ein Verdienst, dass er ein Wohlgefallen an so tüchtigen Wahrheiten findet; - man
hielt ihn wegen seinem dicken Leib für gar nicht besonders geistbeweglich. - Ich
frug die Grossmama, ob der Grossvater denn Einfluss gehabt habe auf ihn. - Sie
sagte: »Mein Kind, die geringste Luft hat ja Einfluss auf die menschliche Seele!
Warum sollte der reine uneigennützige Geist deines Grossvaters keinen Einfluss auf
den Kurfürst gehabt haben, der eben noch durch die Anerkenntnis des ganzen
Landes auf einer so hohen Stufe stand, so dass der Kurfürst gegen sein eignes
ungerechtes Verfahren es zugestehen musste.« - Schon dies beweist auch, dass im
Kurfürsten eine edle Grundlage war, es war auch gar nichts Geringes, was der
Grossvater aufopferte. - Er hatte in hohem Ansehen und Würden gestanden, hatte
fünf Kinder, die noch so jung waren, und er vertauschte alles mit einer kleinen
Hütte in Speier, wo er am Wasser ein kleines Gärtchen pflegte und in der
Beschäftigung mit diesem sich gar glücklich fühlte, der Grossvater war auch ein
besonderer Liebhaber von dunkelroten Nelken, ich habe mich sehr gefreut, weil
ich eine Ähnlichkeit mit ihm hab. Ich war zwei Jahr, als er starb. Er hatte
einen Stock mit goldnem Knopf und liess mich mit dem Stockband spielen, ich
erinnere mich noch deutlich, wie er mich anlächelte und seine grossen schwarzen
Augen mich verwunderten, dass ich darüber den Stock fallen liess und ihn
anstarrte, das war das erste- und letztemal, wo ich ihn sah, - denn noch an
demselben Abend ward er vom Schlag gerührt. Von diesen Erzählungen der Grossmama
ward mein Gedächtnis so lebhaft geweckt, dass ich glaubte, mich aller seiner
Gesichtszüge deutlich zu erinnern, er trug einen zimmetfarbigen Samtrock, und
sogar auf einen kleinen dreieckigen Hut mit goldnen Borten besinn ich mich, den
er vom Kopf nahm und mir aufsetzte und mich damit vor den Spiegel trug, daran
hatte ich niemals gedacht, und jetzt weiss ich diesen Umstand ganz genau. - Ist
das nicht wie eine Geistererscheinung? - Und mag die Liebe nicht Geister
beschwören können? - Denn in jenem Augenblick war ich so begeistert und voll
Liebe für ihn, dass ich meinte, ich müsse einen Geisterumgang durch die Kraft
meiner Einbildung möglich machen können, worin mir der Grosspapa alles Gute, was
mir wach würde, im Kopf einflüstern werde, und ich glaub es auch; sollte denn
das Wirken so wahrhafter Gesinnung mit dem Tode für uns aufhören müssen? Ich
sagte dies der Grossmama, die antwortete: »Der Geist deines Grossvaters regiert
mich ja jetzt noch, wie hätte ich den Schmerz meiner lieben Bäume sobald
verwinden können, wenn ich mich nicht seiner Lehren erinnert hätte; darum hab
ich ja das Wappen der Stadt Trier hervorgesucht und diese Briefe des Kurfürsten.
Und besonders diesen, wo der Kurfürst ihn wegen seinem Unrecht um Verzeihung
bittet und dein Grossvater so wahrhaft grossmütig und doch heiter antwortet. Denn
er schrieb dem Kurfürsten, er werde nie vergessen, dass er der Gründer seines
Glückes sei, er habe ihm hierdurch Gelegenheit gegeben, sich selber in seiner
Gesinnung zu erproben, und da er sich glücklich durchgekämpft habe, so fühle er
sich jetzt wohl und in besonderer Glücksstimmung.« Sie sagte: Dies bewege sie
zur Nachsicht gegen die, welche sie beleidigt haben, - es komme drauf an, wie
hoch eine Beleidigung aufgenommen werde; man solle keine stärkere Schuld dadurch
auf andre wälzen, Verzeihung sei Aufheben der Schuld, und Gott sei versöhnlich
durch menschliche Grossmut. - Der Grossvater habe gesagt: »Was dir geschieht, das
rechne für garnichts!« Keine Rüge gilt etwas, sie sei denn zum Besten dessen,
den man straft, sonst ist jede Strafe unnütze Rache, nur um den elenden Sünder
noch elender zu machen und nützlose Rache sei eine viel ärgere Sünde am
Verbrecher, der dem Menschen heiliger sein müsse, insofern er so gut seiner
Gnade anheimgegeben sei wie der Gnade Gottes, und Gott sei versöhnlich aus
menschlicher Grossmut, so müsse man aus Liebe die Welt nicht untergehen lassen
und allen verzeihen, wozu der Spruch auf dem Wappen auffordere. Und sie tue es
ihrem Laroche zulieb, dass sie ohne Bitterkeit es ertrage. Die Bäume seien dies
Jahr abgehauen, sie selber werde gewiss sie nur kurze Zeit noch vermissen und
wolle durch den Verdruss, den sie dabei beweise, keine spätere Reue veranlassen;
denn sie wolle, dass alle Menschen glücklich seien und am meisten die Ihrigen,
für die sie so viele Opfer schon gebracht. - Vom Grossvater erzählte sie mir
noch, das ganze Land habe ihm Unterstützung angeboten und er habe auf einem
grossen Fuss leben können, wenn er gewollt hätte, doch all diese Bezeichnungen,
die mit so viel Adel der Seele verbunden waren und von so reiner Gesinnung
ausgingen, habe er ausgeschlagen von den Reichen, aber von seinen Bauern, denen
er noch vieles geholfen, habe er angenommen, was ihm nötig war; denn, sagte er:
»Das Scherflein der Witwe muss man nicht verschmähen.« - Sie hat mir noch manches
zu erzählen versprochen von ihm, als ich so feurig danach war, so werd ich
nächstens wieder zu ihr kommen. - Das Wappen wollt sie mir aufheben und mir vor
ihrem Tod noch schenken, ich hätte lieber den Briefwechsel gehabt. - Ich glaub,
zu so etwas hätt ich Verstand, es einzuleiten und zu bereichern für den Druck,
da wollt ich wohl noch viel hinzufügen, mir kommt immer nur der Verstand, wenn
ich von andern angeregt werd, von selbst fällt mir nichts ein, aber wenn ich von
andern grosses Lebendiges wahrnehme, so fällt mir gleich alles dazu ein, als sei
ich aus dem Traum geweckt, vielleicht könnt ich hierdurch dem Clemens ein Genüge
leisten, der mich zu so manchem aufgefordert hat, was mich ganz tot lässt.
Erfinden kann ich gar nichts. Aber ich weiss gewiss, wenn ich diese Briefe des
Grosspapa durchläse, es würde mir alles einleuchten, was dazu gehört, ich weiss
noch so viel von ihm, und die Grossmama würde mir noch manches erzählen, ich hab
sie noch nie ordentlich ausgefragt, und besonders hab ich mich immer gescheut,
sie über ihre religiösen Ansichten zu fragen, weil ich fürchtete, sie zu
beleidigen, aber bei diesem Gespräch sagte sie von selbst: »Siehst du mein Kind,
so trägt die goldne Au der Vergangenheit die Ähren, ohne welche so mancher an
Geistesnahrung Hunger sterben müsste, und rund um uns, wo die Sonne ihren Lauf
öffnet und wo sie ihn schliesst, wo sie mit sengendem Strahl die Fluren brennt
und wo sie lange ihr freundlich Antlitz verbirgt, allentalben keimen Blumen,
deren vereinter Strauss uns ein Andenken ist an die Kindheit unseres Geschlechts.
So gehört die Vergangenheit zum Tag des Lebens. Sie ist die Wurzel des meinen.
Dein Grossvater war guter Mensch und guter Staatsbürger, er hat als solcher auf
Fürsten und Untertanen gewirkt und auch bis heute noch auf seine Frau. Eine
Vergangenheit ist also nicht für das wahre Gute, es wirkt ohne Ende, es kommt
aus dem Geist, wie dein Grossvater sagte, und alles andre, was vergänglich ist,
das ist auch geistlos.« -
    Es war Mittag, ich wär gern den ganzen Tag bei der Grossmama geblieben, wenn
man in Frankfurt gewusst hätte, wo ich war. - An der Gerbermühl begegnete mir
Clemente mit meinem verlornen Parapluie, er war gleich hinter mir übergefahren
und hatte ihn vom Schiffmann mitgenommen, war aber bei Willemers geblieben,
jetzt fuhren wir zusammen im Sonnenschein unter aufgespanntem Baldachin auf dem
Main zurück. Der Clemens geht morgen nach Mainz, er besucht Euch am End. - Beim
Primas gestern grosse Parade, alle altadeligen Flaggen wehten. - Über die fünf
Ellen langen Schleppen mussten die Herren mit hocherhobnen Beinen hinaussteigen,
der Primas führte mich ins Kabinett, wo die Blumen stehen, und liess zwei Sträusse
binden für mich und die Meline, dies war als eine hohe Auszeichnung bemerkt
worden, man hatte grossen Respekt, der sich noch sehr steigerte, als mir der
Primas beim Abschied ein Paket gab, sehr sauber in Papier eingesiegelt. Alle
glaubten, es sei ein fürstlich Präsent, vielleicht ein
Schnupftabaksdosen-Kabinettstück. Kein Mensch bedachte, dass der Primas zu witzig
ist, um mir eine solche Albernheit anzutun. Nur wunderte man sich, dass ich mein
Geschenk so ohne Umstände, ohne mich zu bedanken, unter den Arm geklemmt habe;
ich hatte tausend Spass, die vielen Glossen zu hören und konnte am End vor
Vergnügen über die Neugierde nicht umhin, im Vorzimmer zu tanzen, während mich
alles umringte mit Bitten, es zu öffnen, wozu ich mich nicht bewegen liess, sonst
wär der Spass aus gewesen. Besonders quälte die Neugierde den Moritz im grünen
Samtrock, der den ganzen Abend alle Spiegel mit der eignen Bewundrung seiner
Person besetzt hielt. So wie er die Überreichung dieses mystischen Pakets gewahr
ward, lief er mir nach, dem hätt ich's aber grad nicht gesagt, im Paket war
nichts, als was Du wohl schon denken kannst, ein paar alte Judenjournale und die
Drusenfamilie für die Grossmama; ich soll's lesen, was mir eine harte Nuss ist. -
Sagt ich's, so würde man den Primas wohl eher für einen Narren halten, dass er
auf mein Urteil einen Wert legt, als mich für gescheit genug, dieser
Auszeichnung Ehre zu machen, so mag's denn die Leut mir im Respekt halten;
wüssten sie, es sei nur Papier und keine Dose, hielten sie mich zum Narren
gehalten vom Primas.
    Heut nacht fiel mir ein, dass ich meinen Kanarienvogel dem Bernhards-Gärtner
geben will, der hebt ihn gewiss gut auf und macht ihm Freud, dann weiss er doch,
dass er wieder was von mir erfährt, es waren doch liebe Tage, wo er mich pfropfen
lehrte, Du weisst noch gar nicht alles, was ich da lernte, vom Fortpflanzen der
Orangenbäume mit einem Blatt von Nelken - und dann will ich ihm auch meine
Granatbäume schicken und den Orangenbaum und den grossen Myrtenbaum, er gibt sich
gewiss Müh, dass er den zum Blühen bringt, ich hab so immer fürchten müssen, dass
sie verdarben im Winter. - Das eine tut mir auch leid, dass ich von der Grossmama
weg muss, weil sie sich's in den Kopf gesetzt hat, sie werde nicht mehr lang
leben wegen den Bäumen, sie sagt, sie wolle nicht erleben, diese Bäume, die sie
so lange Jahre gepflegt habe, im nächsten Jahr im Ofen knattern zu hören. -
Jetzt möcht ich gern noch so viel von ihr wissen, ich schäm mich, dass ich die
ganze Zeit so leichtsinnig war, was hätte sie mir alles von der Mama erzählen
können, von der ich so wenig weiss, als bloss dass sie angebetet war. - Die
Grossmama sagte: »Sei versichert, hätte die Venus-Urania noch ein Kind gehabt
ausser dem Amor, so musste es das Ebenbild deiner Mutter sein.« - Manchmal zweifle
ich ob ich noch nach Marburg mitgehen soll, meinst Du nicht auch, es wär besser,
ich blieb hier - es ist doch auch schön, wenn ich noch das letzte Lebensjahr der
Grossmama recht freundlich mit ihr zubrächt, mich durstet nach dem Segen alter
Leute, seitdem ich vom Tod weiss, so deucht mir die letzte Lebenszeit eines
Menschen etwas Heiliges, und wie ich als Kind so gern Spielsachen, Dinge, die
ich liebte, in die Erde vergraben hab, so möcht ich auch meine Geheimnisse, mein
Sehnen, meine Gedanken und Ahnungen gern in die Brust legen von Menschen, die
keine Forderungen mehr ans Irdische haben und bald unter der Erde sein werden,
schreib mir doch darüber! Auf der andern Seite reizen mich die Briefe vom
Christian auch sehr, er freut sich drauf, dass ich ein halb Jahr mit ihm zusammen
sein werd, wir sind zusammen in unserer Kindheit gewesen und seitdem nicht
wieder, er verspricht mir so viel von meinem Dortsein und was und wie er mir
alles lehren will, les' die beiden Briefe von ihm an mich und schreib mir, was
Du willst, das will ich tun. - Adieu und schreib recht bald.
    Es ist hier alles beschäftigt mit dem Empfang von Bonaparte, es wird ein
grosser Triumphbogen erbaut auf dem Rabenstein, wo der Galgen gestanden hat. -
 
                                 An die Bettine
Was Du von Arenswalds ausserordentlichem Heisshunger nach der Natur schreibst, so
dass er darüber sich selbst zu speisen vergisst, dauert mich sehr, versäum's
nicht, ihm zu helfen, und schreib mir's, ob Du's auch nicht vergessen hast. Die
Geschichte von den Bäumen ist höchst betrübt; war's Deine Schilderung oder sind
auch mir diese Stimmen, die so friedlich mitrauschten, wenn wir dort wandelten,
so zu Herzen gegangen, ich kann mich auch nicht darüber trösten. Wir waren
gestern auf dem Ostein, da rauschen die Eichen königlich. - Die Grossmama und die
Geschichten vom Grossvater haben mich gefreut und gerührt, wenn ich auch nicht so
viel Interesse an solchen erlebten Dingen hätte, als ich wirklich habe, so würde
mir eine solche Beschäftigung, als diese Erzählungen aus der Grossmutter Mund zu
sammeln, für Dich sehr schön erscheinen und lieblich. - Alles, was das Gemüt
anregt, erfrischt und erfüllt, ist mir heilig, sollte auch im Gedächtnis kein
Monument davon zurückbleiben, hier aber, wo Du zugleich Dich üben würdest, etwas
in konsequenter Ordnung zu behandeln, Deinen eignen Geist in seinen Anschauungen
zu entwickeln, würde es noch mehr Wert haben. Ich hab immer Biographien mit
eigner Freude gelesen, es ist mir dabei stets vorgekommen, als könne man keinen
vollständigen Menschen erdichten, man erfindet immer nur eine Seite, die
Komplizierteit des menschlichen Daseins bleibt unerreicht und also unwahr, denn
alle Momente müssen immer den einen bestimmen oder begreiflich machen. - Dein
Verhältnis zur Grossmama würde auch schön sein, Dein Sammeln von Deiner Mutter
Kinderzügen ein Werk der Pietät, was Dir jetzt und vielleicht später noch ein
grosses Interesse gewährt, besonders wenn es Dir gelänge, es mit dem Dir so
eigentümlichen Geist des unmittelbaren Mitfühlens niederzuschreiben, das alles
sehe ich recht gut ein - aber ich bin dennoch nicht entschieden, ob ich Dir dazu
raten soll; wenn ich überleg, welcher ungeheuren Zerstreuteit Du in Eurem Haus
ausgesetzt bist, der Du unmöglich entgehen kannst; alles Durchreisende, was zu
Euch kommt, der Primas, der Dich vorzieht, und wo Du gar nicht ausweichen kannst
hinzugehen - - was das alles die Zeit zersplittert, und wenn Du auch selbst
nicht viel Umstände mit Deiner Toilette machst, so wirst Du in dem Nest voll
schöner Frauen doch alle Augenblick Dich der gemeinsamen Beratung hingeben und
bei Deiner Lebhaftigkeit und Deinem Talent zum Malerischen seh ich schon den
Winter vergehen bloss mit Putzwählen und dergleichen, und die Grossmama wird wenig
von ihren Schätzen Dir mitteilen können. - Marburg ist im Gegenteil ein Nest, wo
Du ganz als Einsiedler wirst leben können, zum wenigsten kannst Du keiner
Zerstreuung dort ausgesetzt sein, die Briefe vom Christian versprechen so viel
Gutes für Dich, Du hast lange nicht mit ihm gelebt; es ist doch auch schön mit
ihm, der so viel grosses Genie hat, so reine Begriffe von der Wissenschaft und so
tief und so würdigend mit Dir spricht, wieder eine Weile zusammen zu sein; ein
Bruder wird oft auch von der Schwester weggerissen durch allerlei Schicksale,
sie begegnen sich vielleicht nicht zum zweitenmal, so muss man denn einen so
glücklichen Zufall nicht leichtsinnig verscherzen, und im ganzen genommen,
welche Lage deucht Dir edler: jene in der winterlichen Einsamkeit in Marburg in
dem engen beschränkten Kreis, aber mit dem lieben Savigny, der so viel höher
steht wie andre, der Dir dann so nah ist und Deine Gegenwart auch zu seinen
freundlichen erquickenden Momenten rechnet und Dich gegen Deine eignen Launen
verteidigen wird, die so oft ins Träge und Melancholische spielen.
    Und ich denke mir darin einen grossen Genuss für Dich, dass Du die grosse, weite
Natur im Winterkleid vor Dir hast; denn die Gegend von Marburg ist sehr schön
und lacht einem zum Fenster herein - oder ist es Dir lieber in jener
Zerstreuung, bald dies, bald jenes beginnend und endlich mit Verdruss an Dir
selber verzweifelnd, dass Du zu nichts gekommen bist? - Ich glaub, dass Du alle
Deine guten Vorsätze sehr erleichtern könntest und Deine Zwecke erreichen, wenn
Du von Marburg aus einen korrekten Briefwechsel mit der Grossmama führtest, Deine
Briefe würden ihr gewiss Freude machen, sie würde nicht versäumen, Deine Fragen
nach der Jugend und dem Geist Deiner Mutter zu beantworten so wie nach Deinem
Grossvater; Du könntest Deine eignen Bemerkungen hinzufügen und brauchtest nur
die Vorsicht zu haben, Deine Briefe von irgendeinem unschuldigen Kopist
abschreiben zu lassen, so hättest Du als Nebenarbeit und wahrscheinlich viel
vollständiger und gelungner, wozu Du vielleicht vergebliche Anstalten in
Frankfurt machen würdest - das ist meine Meinung, jedoch will ich nicht damit
einen Machtspruch getan haben. Leb wohl!
                                                                        Caroline
 
                                An die Günderode
Buonaparte ist durch und hat seinen Tempel nicht gesehen, der Galgen ist
abgeschlagen worden und auf das alte Postament ein Tempel gebaut, ich glaube gar
mit seiner Bildsäule, und das Ganze ist illuminiert worden zum Volksfest, wobei
noch allerlei Belustigungen vorfielen; dass das Galgenfeld zu diesem Platz
ausersehen war, machte besonders den Sachsenhäusern Spass. -
    Clödchen ist krank und liegt auf dem Kanapee, ich bin meistens den ganzen
Tag bei ihr und wache auch nachts, wenn sie sich unwohler fühlt. Es geht hier
wieder alles nach der alten Leier, Dein Brief kam zu rechter Zeit, um mit allen
Umständen zusammen mich zu überzeugen, dass Du recht hast, die Engländer sind
Hauptpersonen hier; abends wird im Teezimmer vom Moritz die »Delphine« von der
Staël vorgelesen, für mich das Absurdeste, was ich hören kann, ich mach einen
Plumsack von meinem Schnupftuch und amüsiere die Kinder derweil, das hat den
Lekteur nicht wenig verdrossen, ja ich muss fort. - Am Montag war Ball bei
Leonhardi, um seine neue Einrichtung zu zeigen, lauter ägyptische Ungeheuer hat
er an die Wand malen lassen. - Gestern war schon wieder Cour beim Primas, ich
war's so satt, dass ich mich versteckte beim Wegfahren, sie suchten mich überall;
ich war in meinem Bett versteckt, und der Franz war bös, aber um ihn wieder gut
zu machen, hab ich mir eine besondre List ersonnen, ich fand in der Tonie ihrem
Küchenrevier einen grossen Korb mit weissen Rüben, den hab ich vorgenommen mit den
Leuten, sie ganz dünn abgeschält und ausgehöhlt inwendig, in jede ein Wachslicht
gesteckt und so die ganze Treppe illuminiert und den Vorplatz - ich hab bis nach
Mitternacht mit zu tun gehabt, es war recht dumm, es wär besser gewesen, ich wär
mitgangen; denn der Primas liess mir sagen, weil ich nicht mitgekommen wär, so
soll ich am Freitag mit ihm und dem Weihbischof zu Mittag speisen und Fasttag
halten. Ja, ich geh fort, ich bin in Gedanken schon unterwegs, die Meline hat
auch schon alle Vorkehrung getroffen, ja, ich geh! - Es tut mir nichts leid, als
dass ich geh, eh Du wieder kommst, dass ich geh, und dass Du hier bleibst, aber ich
tu es, weil Du es sagst, weil ich Dich als meinen Genius anerkenne - nein, nicht
Du - aber er nimmt Deine Stimme an, ich freu mich, wenn meine Empfindungen
diesen Winter ein bisschen hart frieren - ich freu mich auf alles. -
    Dem Arenswald hab ich, ohne mich im geringsten arm zu machen, Geld
geschickt, ich hab beim Durchsuchen meiner Papiere allerlei verloren Geld
zusammengefunden, von dem ich gar nicht wusst, dass es da war, ich hab alles in
einem kleinen Beutel ihm geschickt und dem Gärtner den Kanarienvogel. Eh wir
abreisen, geh ich noch mit der Meline hinaus zur Grossmama, dann will ich sie
bitten, dass ich, wie Du meinst, Briefe mit ihr wechsle. Adieu, vielleicht
schreib ich Dir nicht mehr von hier. - Ich bin so lustig, dass ich fortgeh, ich
freu mich so drauf, auf die schöne Winterlandschaft, die Du mir beschrieben
hast, die mir ins Fenster hereinsehen wird - ich weiss es schon, ich werd selig
sein. - Ich hab keine Ruh zum Schreiben, das Reisen steckt mir in den Gliedern,
ich spring treppauf, treppab, die arme Claudine, wer wird sie pflegen? Sie hat
mir aber versprochen, sie wollt, solang ich fort bin, nicht krank werden; denn
ich bin eifersüchtig drauf, wie manche Nacht hab ich da gewacht und simuliert
und hübsche Bücher gelesen, aber wenn sie krank wird, so gehst Du wohl als zu
ihr. - Drauss auf dem Wall war ich auch, um noch von unserm Lieblingsspaziergang
Abschied zu nehmen, die meisten Blätter sind schon gefallen, ich ging in einem
Rauschen durch, alle Bäum regneten noch Blätter auf mich. - Der Moritz bleibt
also mit seiner »Delphine« hier sitzen, das macht mich auch ganz vergnügt, dass
ich das auch nicht mehr anzuhören brauch.
                                                                         Bettine
                                                                         Marburg
Weisst Du denn, wer meine erste Bekanntschaft ist, die ich hier gemacht hab? -
Ein Jud! - aber was für einer? - Der schönste Mann! - Ein weisser Bart von einer
halben Elle, grosse braune Augen, so schöne einfache Gestalt, die ruhigste Stirn,
prächtige, majestätische Nase, Rednerlippen, aber von denen die Weisheit süss
hervortönen muss. Unser Hauswirt, der Professor Weiss, rief mich und sagte:
»Wollen Sie einen schönen Juden sehen, so kommen Sie in meiner Frau ihr Zimmer,
sie verhandelt ihm eben ihr Hochzeitkleid.« Die Meline wollte nicht mitgehen und
war verwundert, dass Weiss uns einlud, einem Handelsjud die Aufwartung zu machen,
ich hab's aber nicht bereut, es war ein Bild zum Malen, er sass in einem sehr
reinen Rabbiner- oder Gelehrtengewand am Tisch, seine Hand guckte aus dem
schwarzen weiten Ärmel, und das Abendrot leuchtete durch die Scheiben; die Frau
Professorin stand vor ihm und hielt ihren Hochzeitkontusch oder war's der von
ihrer Mutter, denn es schien sehr altertümlicher Stoff, an beiden Ärmeln
ausgebreitet, ihre Kinder standen zu beiden Seiten und hielten die Schleppe
auseinander, es war ein orangenfarbner Stoff mit silbernen Sträussen und
granatfarbnen Blumen durchwirkt, was sehr schön mit dem starken Abendrot
kontrastierte, es war das schönste Bild, und gern hätt ich die Meline gerufen,
es mit anzusehen, wenn nicht eine Scheu, um nicht zu sagen Ehrfurcht, mich auf
dem Platz gehalten hätt, ich hätte diesen Mann nicht mögen als Gegenstand der
Neugierde behandeln. - Es hatte mir auch was ganz Rätselhaftes, die Leute mit so
grosser Ehrfurcht vor ihm stehen zu sehen und ruhig seinen Ausspruch bei einem
Handel abzuwarten. - Sie sprachen über eine Summe, wozu noch mehrere andre
altertümliche Stoffe gehörten, die auf dem Tisch lagen. - Ich tat, als sei ich
begierig, sie zu sehen, bloss um mit Anstand noch bleiben zu können; denn je
länger ich ihn ansah, je mehr fühlte ich mich angezogen und doch schüchtern, und
der Weiss hätt mich gewiss nicht der Tür hinausgebracht, solang er da war, der
Jude liess mir von seinem Enkelsohn, der hinter ihm stand, die Stoffe ausbreiten,
ich tat, als wär ich höchlich erfreut über das Vert de pomme-Kleid mit
Apfelblüte, und mein Alter sah mich unterdes von der Seite an, das merkt ich,
das machte mir heimlich Freud. - Der Professor Weiss sagte: »Nun, Ephraim, müssen
wir erst ein Glas Wein zusammen trinken, und Sie trinken auch mit,« sagte er zu
mir, er schenkte dem Juden zuerst ein, der aber reichte mir sein Glas, ich
sagte, dass ich keinen Wein trinke. »Aber nippen können Sie doch wohl,« sagte er
- ich nahm's ihm ab und schluckte ein wenig davon, er dankte mir und trank es
auf der Stelle aus, dann sah er mich lächelnd an, als wollt er sagen: »Freut's
Dich, dass ich Dir so viel Achtung bezeige?« - Ich lächelte mit ihm, und ich war
ganz rot geworden vor Vergnügen. Weiss sprach noch allerlei mit ihm, was bewies,
dass er ihn sehr in Achtung hält. - Weiss sagte von mir: »Was meint Ihr, Ephraim,
dass wir jetzt so allerliebste Studenten haben, hier wird das erste Semester
gehalten, und ich werd Euch bei so feinen Studenten empfehlen, das wär Euch wohl
ein gross Vergnügen, diesem kleinen Studenten Unterricht zu geben?« - Es war ein
so liebenswürdiger Adel in allem, was er sagte und wie er den guterzigen
Scherzen des Weiss eine feine Wendung gab, dass sie mich nicht verletzen sollten,
dass ich ganz eingenommen von ihm war und mich wirklich sehr in acht nahm, ihm
solche Antworten zu geben, die ihm Interesse sollten für mich geben; zwei Stund
hab ich so mit ihm geplaudert, und ich dacht schon drauf, wie ich's machen
wollt, dass ich ihn öfter sehen könnt, so sagt ich, wie er wegging an unserer Tür
vorbei, dass ich da eine Schwester noch habe, und ich wünschte gar sehr, dass sie
auch seine Bekanntschaft machen möchte, er versprach mir, dass, wenn er wieder
käme, so wolle er bei mir anklopfen. Ich freu mich recht drauf.
    Von Frankfurt hab ich Abschied genommen wie ein Has übers beschneite Feld
jagt, man sieht kaum seine Pfötchen im Schnee, und es war auch kein Jäger da,
der mich gern geschossen hätt. Beim Primas war ich sehr lustig auf der
Fastenmahlzeit, wie ich Abschied nahm, sagte er: »Ich freu mich auf Ihre
Wiederkunft,« und nahm mich bei der Hand und begleitete mich durchs. Vorzimmer.
In Offenbach hab ich alles mit der Grossmutter besprochen, aber in den Garten,
der nicht mehr rauscht, konnt ich nicht gehen, um Abschied zu nehmen, so gern
ich gewollt hätt und lieber als von allen andern, denn ich war vertrauter mit
ihm; dann war ich auch beim Gärtner und fragte, ob er meine Bäume ins
Winterquartier wollt nehmen, und wenn Du aus dem Rheingau kämst, so würdest Du
den Kanarienvogel abholen, er fragte, ob ich den nicht bei ihm wollt lassen, ich
versprach ihm, dass wenn Du einwilligst, so darf er ihn behalten, und einer
kleinen Koketterie machte ich mich aufs pläsierlichste schuldig, ich nahm den
Vogel aus dem Käfig, küsst ihn auf sein klein Schnäbelchen und sagt: »Adieu,
lieber Gärtner.« Als ich zur Grossmutter zurückkam, war's schon bald Nacht, die
Meline und Tonie wollten zurückfahren, ich bat sie, noch eine Viertelstund zu
bleiben, und wie es schon ganz Nacht war, da hab ich mich doch in den Garten
geschlichen und hab die Augen zugemacht, bis ich an den Pappeln war, und hab sie
alle getröst mit Worten, denn ich dacht, wer weiss, wie mir's geht, ob ich nicht
auch einmal so trostlos dasteh, sollt sich da mein Freund vor mir scheuen,
weil's ihm zu traurig ist? - Und das Herz war mir viel leichter, ich würde auch
jetzt wieder hingehen, wenn ich noch dablieb, denn wie könnt ich ihnen alles
vergelten, wenn ich jetzt nicht wollt mit ihnen sein wie früher, und das wär
doch das schönste Geheimnis dieses Umgangs mit ihnen, wenn ich sie jetzt
verleugnen wollt, es wär grad wie eine ewige Liebe zum Helden, die wie Spreu
auseinander fliegt, weil der zum Krüppel geschossen worden. - Es ist mir da im
Garten recht deutlich geworden und viel empfundner in der Seele, dass das Beleben
Genie ist - eine Seele, die aus meiner Seele aufsteigt und das, was mich erregt,
bewohnt, so zärtlich, so edel ich empfinden kann. Die rauschenden Bäume haben
mich bewegt, davon ist meine Seele wach geworden und ist aufgestiegen und hat
jene Bäume belebt und sollte diese Seele ihnen jetzt absterben, weil sie irdisch
elend sind? - Da würd ich mich ja selbst töten in ihnen. Nein, in jedem
Unglücklichen soll man doppelt lebendig werden. -
    Eh wir abreisten, hatte ich noch manchen Kampf mit den andern, man war nicht
einig, ob ich dem Savigny nicht lästig sein würde, weil man glaubt und gewiss
weiss, dass er nichts auf mich hält. Ich halte nun auch eben nichts Besondres von
mir; ich hab ihn immer noch wie sonst lieb, und so scheu ich mich gar nicht mit
ihm zu leben, obschon er einen Widerwillen gegen meine Natur zu haben scheint,
um so glanzvoller erscheint mir Deine Nachsicht mit mir; und er behauptet, ich
sei hochmütig - manchmal glaub ich's gar, weil er doch gescheiter ist als wir
alle - und kann also einen Charakter besser beurteilen. - Und dann kann ich Dir
sagen, freu ich mich ordentlichermassen über diesen Hochmut und denke, es muss
doch wohl auch was hinter mir sein; denn ohne Ursache dazu würd er nicht drauf
kommen; was glaubt er wohl, dass mich so hochmütig macht? - Ha ha ha! - Das
heisst: ich lach! - Über was? - Dass der Savigny nichts weiss von meiner zärtlichen
Neigung für den Jud - und wie ich alle vornehme Leut nicht leiden kann, weil sie
mir zu gemein sind, und weil kein Mensch im Haus weiss, warum ich als übermütig
bin, und das ist heut einmal wieder, weil ich ein besonders angenehm Abenteuer
hatte; ich war im Garten, der am Berg liegt, und guckte über die Mauer und sah
den Ephraim den Weg heraufkommen. Ich lehnt mich über die Mauer und liess mein
Sacktuch im Wind fliegen, dass er mich sehn sollt; und wie er herankam, sprach
ich mit ihm ein ganz Weilchen - aber nicht wie gewöhnlich die Menschen sprechen.
Ich sagte ihm, dass es mir Freude mache, ihn wieder zu sehen und auch darum, weil
mir sein Wesen einen Naturmoment vergegenwärtige, mit dem sich mein Gesicht und
mein Gemüt näher verwandt fühle als mit jedem andern, ich sagt ihm, das sei die
Dämmerung am Abend; so komme mir sein Blick und sein ganz Wesen vor - wie
Dämmerung, die über einer erhabnen Natur ausgebreitet sei; in solcher Stunde ist
mein Gesicht schärfer und mein Gefühl sehr zum Vertrauen geneigt. - Du kannst
wohl denken, dass es der Mühe wert ist, mit ihm zu reden; denn sonst wär ich
darauf nicht gekommen, ihm so was zu sagen. Er sagte: »Die sichtbare Welt ist
trüb, aber mit hellem Blick braucht einer nicht lang zu forschen, in wenig Zügen
erkennt er, was ihm verwandt ist.« Ich sagte: »Aber wie erlangt man einen so
hellen Blick?« - »Man muss allein die Natur anschauen und kein Vorurteil
zulassen, das gibt einen hellen Blick.« - Ich frag: »Traut Ihr mir das zu, dass
ich die Natur mit hellem Blick anschau und ohne Vorurteil?« »Ja!« sagt er, »und
ich weiss, dass ich nicht irre - und dass Sie scharfsichtig sind.« - »So hab ich
also recht, wenn ich in euch einen begeisterten Mann erkenne?« - »Zum wenigsten
sind Sie dem Wahren näher als andre, die den Juden für einen gedrückten Mann
halten, innerlich quillt die Freiheit, und ein Tropfen ist genug über alle
Verachtung uns zu heben.« - Ich hörte Leute den einsamen Weg heraufkommen und
brach ab, weil mir das Geheimnis schon zu lieb war mit ihm. Ich sagte: »Leb
wohl, Jude, denk an unser Gespräch, und wenn du von deiner Reise heimkehrst,
komm zu mir.«
    Wer mag nun schärfer sehen, der Savigny meinen Hochmut oder der Jud meinen
vorurteilsfreien, zutraulichen Blick? - Ich geb aber dem Savigny nicht unrecht;
denn was ist doch die überglückliche übermütige Lust, dass ich ihn mit dem Jud
anführ, als nur Hochmut? - Es haben mir's auch schon mehr Leut gesagt, noch wie
ich Abschied nahm, sagte der Moritz, ich sei hochmütig, weil ich behauptete, ich
gehe von Frankfurt, dass er seine fünf Bände lange »Delphine« abends vorlesen
könne, wenn er damit fertig sei, wolle ich wiederkommen. Da schrie das ganze
Teegewimmel auf mich ein, ich sei das hoffärtigste Ding von der Welt, für alles
scheine ich mir zu gut, von nichts meint ich noch was lernen zu können, die
»Delphine«, von der ersten Schriftstellerin Europas geschrieben, die ennuyiere
mich; wenn irgend jemand was Gescheites vorbrächt, so lege ich mich an den Boden
und strample eine Weile mit den Füssen oder schlafe ein, aber jeder dumme Spass
mache mir Vergnügen. - Ich sag, ist das Hoffart? Das scheint mir eher Unverstand
zu sein, dass ich euch in eurem Genuss nicht nachkann. - »Ja, Hoffart ist eben
Unverstand.« - Siehst Du! - Es ist die allgemeine Ansicht. - Sie haben am End
den Savigny mit angesteckt. -
    Nächstens schreib ich Dir von allem genauer, von der ganzen Gegend, von den
Leuten, von unserer Wohnung. Meline wohnt mit mir ganz hoch oben am Berg,
Savignys unten, alles ist hier terrassenförmig. - Adieu, ich muss der Meline
helfen, einen Diwan für uns zurechtpolstern.
                                                                         Bettine
 
                                An die Günderode
Schon die dritte Woch ist's, und ich hab noch nicht geschrieben und Du auch
nicht, was ist schuld dran? - Ich hab in der Zeit die neugierig Gegend rund um
mich durchspäht, auf dem Boden nach allen Seiten durch die Gaublöcher mich
orientiert, im dichtesten Laubregen den Wald durchwallfahrtet, von einem hohen
Stamm zum andern. Bäume sind Bäume, aber sie sehen doch verächtlich auf die
Menschen herab, die um der Gesundheit willen so hastig unter ihnen herlaufen und
nicht einmal den Blick zu ihnen hinaufrichten; ich hab dort mit dem Savigny die
ganze motionmachende Fakultät begegnet; im mottenfrässigen Pelz, Nebelkappe,
grossen Filzschuhen und antiken Stiefelmanschetten durchkreuzen sie die Wege.
Hügeliger Boden, dichtes Moos überglast vom Reif, reine kalte Luft, die herzhaft
macht, alles neu, überraschend, die Muse führte mich über Stock und Stein und
schenkte mir den ganzen Wald für Dich, ich hab auch bei jeder vornehmen
Waldkrone stillgestanden und bis zum Wipfel betrachtet und zum Zeichen der
Besitznahme mit dem Stock dran geschlagen, jetzt lass den alten Kurfürst von
Hessen-Kassel meinen, was er Lust hat, der Wald gehört Dein, und wenn ich drin
herumlauf, so hab ich meine Freud, dass ich auf Deinem Grund und Boden bin. Im
Frühjahr muss es hier sein, wie inwendig in der Seel; Frühling draus, Frühling
drin, ein Wille und ein Tun - blüht der Apfelbaum, so hab ich rote Backen,
stürzt sich der eigensinnige Bach die Klippentrepp hinab, so setz ich ihm nach
und spring kreuz und quer über ihn weg, ruft die Nachtigall, so komm ich
gerennt, und tanzen die Mühlräder mit der Lahn einen Walzer ins Tal hinab, so
pfeif ich auf dem Berg ein Stückchen dazu und guck über die rauchenden Hütten
und über die schirmenden Bäume hinaus, wie sie ihren Mutwill verjuchzen und der
Müller und sein Schätzchen auch, die denken, kein Mensch säh's. - Morgenrührung,
Abendwehmut wird nicht statuiert, in den Hecken blüht Frühlingsfeier genug,
Schnurren und Summen und Windgeflüster. Aber weil's Winter ist und kein
Frühling, so wollt ich nur sagen, wie alles so herzhaft und sorgenfrei ist in
der Natur hier, so unverhehlte Lebenslust, man müsste sich schämen, der
Ahnungswehen und Sehnsuchtträume, statt lustig mit zu grünen und zu sausen und
zu plätschern; ich mein nur, es ist nicht möglich, hier mitten im drallen
Hessenland anders zu sein als das heimatlich Fleckchen Welt selbst, was so
kugelig unter Deinen Füssen, Dich kollernd, stolpernd hinab und hinan verlockt
und doch überall so herzlich Dich einladend zum Sitzen, zum Ruhen am Rasen, am
Berg und in Dir selber. - Es haben sich frühe Wintertage eingestellt, Meline
leidet am Hausfieber, woran hier alles krank liegt, Gunda auch geht wegen
Unwohlsein alle Tage vor Sonnenuntergang zu Bett. Savigny wohnt mit ihr in einem
andern Teil des Hauses, der unter unserer Wohnung liegt, durch Terrassen und Hof
geschieden; so bin ich ganz allein mit der Meline, die hübsch ruhig im
Schlafzimmer nebenan liegt. Diese Einsamkeit erquickt und ergötzt mich. Der
schwärmerische Hausarzt ist Poet, er bringt Gedichte, die er in der
Dämmerungsstunde vorliest - Träume, Schäume, Liebe, Triebe gleiten sanft am
Gestade meines Ohrs dahin; man reicht dem Doktor die Hand, er drückt sie mit
stillem Ernst, mit seelenvoller Miene; weiter wird nichts gereicht von Lob. - So
schwillt die Knospe des Leichtsinns leise, leise in der Brust, bald wird sie
bersten und in einen fröhlichen Blust ausbrechen, so nennen die hessischen
Bauern die Blüte. - Nichts von Rührung, Erhabnem, Verinnigung, Wonnegefühl,
Begeistrung und aller gebildeten Geisteswirtschaft. - Was ich an mir selber bin,
das teil ich Dir mit und strenge mich nicht mit Verschönerungsprinzipien der
Sittlichkeit an, ich muss einmal erproben, was meine Seele für einen Ton angibt,
ob sie vielleicht von Natur so derb ist wie's liebe Hessenland. - Ich fang an zu
glauben, dass ich gar nicht fürs Gesellschaftliche geboren bin, konnt ich je
meiner Phantasie nachgeben, ohne mich zu erhitzen über den sinnlosen Widerspruch
der andern? - Und bin ich nicht eingeschlafen beim Primas über dem Gesumse von
geputzten Leuten und hab ich mir nicht eingebild't, meine liebsten Leut wären
verrückt geworden mit dem Jabot von Point d'alencon, der eine halbe Elle
vorstand und mit brillantnen Knöpfen und mit - und mit - einem Haarbeutel hinten
angeklemmt, hab ich mich da nicht zu tot geschämt, dass einer mit einem
Haarbeutel so vergnügt herumlaufen konnt, als wär's ein Verdienst, und ist's
nicht auch beschämend für die freie Seele, sich äusserliche Zeichen des Wahnsinns
anzuhängen auf Befehl, dass Buonaparte damit geehrt soll werden? - Der George hat
seinen Haarbeutel aber abgerissen und ihn mitten in den Salon unter die Leut
geworfen, die Königin von Holland schlurrte ihn mit der Schleppe durch alle
Zimmer, ich hab's gesehen und mich drüber heimlich erlustigt. Aber bloss, um
nicht zu sehen, was all für dummer Wahnsinn dort an der Tagesordnung ist, mag
ich den Winter nicht hin, man kann sich nicht lang amüsieren mit den
Albernheiten, die der Kreis von Menschen ausgehen lässt, der sich die gebildete
Welt nennt und sonst keine Grundlage. Eine hat der andern dicht neben mir in ihr
Halsband gebissen, um zu sehen, ob es wahr sei, dass ihre Perlen echt wären, und
hat sich sehr geärgert, dass sie nicht entzweigingen, und so ärgert sich alles
über alles, was echt ist, und so konnt ich doch nichts Besseres und
Christlicheres tun als lieber einschlafen, ich hab's auch dem Primas gesagt, wie
er mich geneckt hat; es sei, um Ärgernis zu vermeiden; denn ich sei echt, und es
kommt mir ordentlich herabwürdigend vor, mich unter ihnen herumzutreiben. - Hier
bin ich glücklich durch die Freiheit, in der freien Natur herumzuschwärmen, in
deren Mitte ich wohne. Des Einsiedlers Klause in tiefer Wildnis kann nicht mehr
mitten ihr im Schoss liegen als ich, ja, ich darf mich selbst als einen Teil von
ihr empfinden, was mich nicht beschämt wie die Gesellschaft, dass ich
ihresgleichen bin, aber mich freudig und selbstfühlend macht, dass sie so gut
gegen mich ist vor andern. Wenn ich aus dem Fenster im Schlafzimmer so grad auf
den winterlich grünen Berg steigen kann und dann hinunter und hinauf, auf alten
gefährlichen Mauern, die bald einbrechen, bald himmelan steigen, bis zum Wall
vom alten zerfallnen Festungsschloss oben auf dem Berg - über Löcher und Hecken,
wo nur Kühnheit und Leichtsinn sich hin wagen und nicht eine menschliche
Erscheinung in der Weite umher - so recht allein und laut hallend kann ich mit
ihr sprechen, es hört's keiner, und jetzt, wo ich bekannt schon bin, nickt jeder
Strauch mich freundlich an mit den paar braunen Blättern, die ihm der Winterwind
noch nicht genommen hat, wenn ich wieder komm und setz mich neben ihn auf die
Mauer und schwindelt mir nicht; ach, welch Vergnügen zu klettern, wie entzückend
die kecke Jugend! - wenn ich auch manchmal mit geschundnem Knie, wie heut, oder
aufgerissnem Arm heimkomm, das fühl ich gar nicht, ja, wenn mir recht ist,
freut's mich gar! - Werd hart, sagte der Schmied im Wald und schlug das glühende
Eisen auf dem Amboss, das hörte der Türinger Landgraf und ward hart wie Eisen. -
Werd hart, rief ich heut auf der gefährlichen Mauer, von der ich hinabglitt,
weil ich nicht anders hinunterkommen konnte, und da hat mir's auch gar nicht weh
getan. Werd hart, sagt ich, wie ich zur Meline ins Zimmer eintrat, die gar
erschrecken wollt, als sie die Blutspuren an meinen Kleidern sah, ich musste
leiden, dass sie mich ein bisschen heilte mit beaume de chiron; du wirst noch Hals
und Bein brechen, prophezeite sie, wo jetzt so viel glatte Stellen am Berg sind
vom schmelzenden Schnee. Ich schrieb's hierher, wenn's geschieht, so hat sie
richtig prophezeit. Aber gewiss, solche Übungen, die einem die Natur lehrt, sind
Vorbereitungen für die Seele, alles wird Instinkt auch im Geist, der besinnt
sich nicht, ob er soll oder nicht, es lehrt ihn das Gleichgewicht halten wie im
Klettern und Springen, es entwickelt eine Kraft, die degagiert und detachiert;
das heisst: das Sehnen nach einem Pfeiler, sich in der Welt anzulehnen oder nach
einem Stock, um weiter zu kommen, wird einem lächerrlich; bald merkt man, dass man
auf ziemlichen Wegen recht gut allein gehen kann, und auf steilem Pfad lässt sich
durch Übung grosse Freiheit erwerben. Ängstlichkeit und Unerfahrenheit verleiten
doch nicht nach dem ersten Strauch am Weg zu greifen, der durch Biegen und
Brechen zum Verräter wird und dem Vertrauen den Hals bricht; und ich möcht
wissen, ob der ganze innere Mensch nicht deutlich und kräftig hervorgehen könnt
aus dem äussern, und ob »auf dem Seiltanzen« nicht eine höhere diplomatische
Kunstanlage entwickeln könnt wie all der Wust von Intrigengeist und
Korrespondenz voll Leerheit und Observanzen voll Kleinlichkeit - oder »mit Anmut
auf dem Eis Schlittschuh laufen«, ob das nicht lehren könnt, ohne
Selbstverletzung eigner Würde, zwischen allen Verkehrteiten mit leichter Grazie
sich durchwinden, und ob ein wildes Ross bändigen, mit Kälte und Ruhe, nicht auch
die Kraft in der Seele weckt, den eignen Zorn zu bändigen und mit Gelassenheit
das Gute aus dem Bösen entwickeln in andern und zur Selbstbeherrschung in der
Gefahr, oder auch eine rasche Flamme der Selbstbesonnenheit, mit der wir einen
Entschluss fassen und freudig begrüssen das Höhere, sei's auch aus unmündigem
Geist ersprosst, und nicht fort und fort die alte Schlangenhaut anbeten, die der
Götterjüngling, der Genius, der über den Zeiten schwebt, längst von sich
schleuderte. Ja - ob überhaupt dies freie Bewegen in der Natur, dies Üben aller
Kräfte in ihren Reizungen, so wie es die Glieder ausbildet und stärkt, nicht
auch die inneren Seelenkräfte stärkt, dass sie zu hoch, zu edel für diese
erbärmliche Weltschule, der Schere entwachsen, die nicht mehr hinanreicht, um
sie zurecht zu stutzen; dass sie das Kleinliche nicht mehr ertragen, sondern
übern Haufen stürzen. Ebenso wie ich in der einsamen Natur keinen frage, soll
oder soll ich nicht da hinüber springen, sondern mich auf den eignen Trieb
verlasse; sollte eine innere Kraft nicht auch für den Geist gutsagen? - Und
bedürfen oder suchen wir vielleicht nur deswegen Rat, weil wir furchtsam sind? -
Kommt's uns zu fabelhaft vor, dass der Geist, inmitten unserer, aufsteigen
könnte, der uns die Weisheit des Himmels kundtue? - Nun, was vermag uns denn,
lieber der unserem Instinkt fremden Macht des alten Vorurteils uns zu
unterwerfen, als jenes Instinktes jungem Keim nur so viel Luft und Licht zu
lassen, dass er aufblühen könne? - Der höhere Geist kann nur aus sich selbst sich
erzeugen; denn der mächtige Trieb der Entwicklung in uns ist grade nur, was uns
der Entwicklung bedürftig macht, und also ist jedes freie Geistesregen schon ein
Vorrücken des Keims, also: den innern Geist walten lassen und keinen fremden,
ist, was ihn erzeugt. - Und wär's nicht tausendmal besser, wir fehlen aus eignem
Irren als auf fremden Rat? - Wenn einer in die Heimat will und läuft über die
Grenze, um nach dem Eingang zum eignen Haus zu fragen? - Wie ist das? - Werden
da nicht die heiligen Kräfte, deren Gesamtmacht wir Gewissen nennen, im Keim
erstickt; wird da nicht aller Ahnungstrieb stocken, des Geistes Spürkraft
absterben? - Und wenn ich die eigne Stimme schweigen heiss und einer fremden
folge, dann bin ich nicht mehr in eigner Macht und muss mir's aufbürden lassen,
dass ich aus Rücksichten mein besseres Selbst verwerfe. Hör! Wenn ich eine
schwierige Aufgabe im Leben hätte, ich würde nicht zu erfahrnen Weltleuten
gehen, die zu fragen, nicht zu solchen, die es verstehen mit dem irdischen Leben
einen Handel abzuschliessen, nicht zu denen, die das Recht der Welt handhaben,
ich würde die Unmündigen fragen; ich würde denken, die Kinder haben die
himmlische Weisheit, zu der wir müssen zurückkommen, wenn wir das Rechte tun
wollen, was eigentlich unser Teil am Himmelreich ist; denn wir bauen selbst den
Himmel durch unser edles freies Tun, sonst kommt er nicht zur Welt; aber es ist
Verwirrung in aller Sprache, jeder will das andre, und keiner versteht den
andern, und drum kann die innere Stimme allein die Sprache des Rechts wieder
lehren; o, wer sie sprechen lässt, der tut Grosses und bleibt dennoch einfache
Natur; denn Natur ist gross, und der Mensch soll gross werden; wächst er am Leib
und breitet seinen Stamm aus, so soll er auch am Geist wachsen und seinen Stamm
ausbreiten. Und wie in der sinnlichen Natur Nahrung, Pflege, Wachstum, Sicherung
aus dem eignen Organismus sich hervorbildet, warum nicht im Geist? Was ist
Geistesleben als sein Entstehen durch sein Erzeugen? - Und was lassen wir
weniger zu, als dass er sich frei bewege, und das geht schon so von Ewigkeit zu
Ewigkeit, dass er uns mit den unwürdigen Ketten in den Ohren klirrt, und wir
fürchten uns vor diesem Klirren und halten die Ohren zu, und ein reines
Hervortreten des Geistes würde die Welt umstürzen, ja! Aber wie himmlisch würde
sie aus ihren eignen Trümmern aufblühen! - Ist Furcht nicht ein böser Dämon? -
Furcht vor dem Irren ist Menschenfurcht; horchten wir auf die Kinderstimme in
der Brust, dann würde die Furcht vergehen - ist Irren Irrtum? - Kann's nicht
bloss freies Wandeln sein? - Versuch in einer urteilüberschwingenden Sphäre sich
zu bewegen? - Ist Urteil nicht ein Schlachtmesser, mit dem wir die neugeborne
Geistesfrucht im Leib des Irrtums töten? - hat's einer so weit gebracht im
Geist, dass er wie der kühne Gemsjäger ohne Schwindel über die Spalten und
Schluchten setze, mit treffendem Sprung mit Leidenschaft das Wild ereilend? -
Was ist doch Leidenschaft? - Ist es nicht jene ungeübte Kraft, die sinnlich
ausbricht und sich üben will! - Sei's die Spur der Gemse, die der Jäger
verfolgt, wenn nicht jener weissen Hindin mit goldnem Geweih, die lockend tausend
Umwege macht, ihn ins Dickicht zu leiten, wo im Eingang von Labyrinten
rätselhafte Mächte ihn ergreifen, die sein Aug berühren und sein Ohr, dass er
begreife, was nur unschuldvoller, kühner, sich selbst regender Geist ahnen und
fassen kann. Ach, könnt ich nur ins Tirol reisen, um meinen Geist frei zu machen
auf der Gemsjagd - dann würd ich gewiss mir selbst genug sein und das Grosse, zu
dem mein Geist Anlag haben könnt, sollte nicht zugrund gehen, es sollte recht
nach allen Seiten hin mächtig sich zeigen. -
    Der Molitor hat mir einen Erziehungsplan geschickt von Herrn Engelmann, weil
ich so gern mit ihm in die Musterschule ging, muss er glauben, Erziehung
interessiere mich überhaupt; das war aber nur wegen der armen Judenkinder, die
dort mit den Christen zusammen ihr kleines Fleckchen Anteil an menschlicher
Behandlung hatten, und wenn ich sagen soll, so schien mir dies eine
Alleinerziehung; nämlich: Kinder gleichen Alters, gleicher Fähigkeiten früh dran
zu gewöhnen, dass sie auch gleich menschliche Rechte haben, sie mögen Juden oder
Christen sein; sei also so gut und mache den Molitor mit dem bekannt, was ich
hier über meine eigne Erziehung sage, dass ich's mit Klettern zu zwingen suche,
mich vor bösen Fallstricken zu bewahren, die meinen Geist darnieder werfen, um
ihn nachher zu knebeln, dass aber die Gedanken »über Erziehung und Unterricht
besonders der Töchter« von Engelmann mir nicht einleuchten, da die beste
Erziehung die ist, wenn er sie Gott anheimstellt, so sind neunzig Karolin
zuviel. - Hier lege ich Dir ein Blatt ein, das gib dem Molitor und sag ihm
beiläufig, ich zähle es zu den Philistertorturen, einem mit so was zu
behelligen, Leute, die solche Erziehungspläne aushecken, mögen ihre eigne
Verkehrteit dran setzen, sie zu beurteilen, sie würden sich von mir nicht
bedeuten lassen, sie würden schreien, ich schütte das Kind mitsamt dem Bade aus,
und das tu ich auch; denn das Kind ist ein garstiger Moppel und soll nicht im
Bad sitzen wie ein Menschenkind. - Es tut mir ordentlich leid, dass ich hierüber
hab an ihn schreiben müssen, ich mag nicht meine Feder mit philisterhaftem Zeug
besudeln, es ist mir Sünde, ich hab's diesmal nur aus Gutmütigkeit getan, aber
ich schreib nichts wieder, tu mir den Gefallen und sag's ihm, er soll mich
ungeschoren lassen mit allem, was schon da ist und was noch kommen wird, aber
die Sulamit soll er schicken, sooft sie herauskommt, wenn's auch ungefüges Zeug
ist; ich muss alles wissen über die Juden, wenn ich nach Frankfurt zurückkomm,
der Primas liest's auch. Für den Primas will ich Dir einen Auftrag geben, richt
ihn ja pünktlich aus, ich hab an die Grossmama geschrieben, dass sie an Dich die
Drusen-Weihe zurückschicke, packe beiliegenden Brief an den Primas dazu und
schicke es an den Weihbischof ins Taxische Haus, mache eine doppelte Adresse die
oberste an den Weihbischof, der wird's ihm zurückgeben oder nachschicken, wenn
er in Aschaffenburg ist, verschieb's nicht.
                                                                         Bettine
Ich hab unwillkürlich meinem Brief da mit Aufträgen ein End gemacht und wollte
Dir noch so viel anders sagen über Moose und über Pflanzen, die ich im Wald
gefunden hab, reine architektonische Figuren. Sind Worte nicht einzelne
architektonische Teile? Sind sie nicht symmetrisch zu ordnen im Gedanken? - Ein
Wort ist immer schön an sich, aber Gedanken sind nicht schön, wenn die schönen
Worte nicht in einer heiligen Ordnung ihn aussprechen; es gibt aber eine gewisse
romantische Unordnung oder vielmehr Zufallsordnung, die so was Lockendes, ja
ganz Hinreissendes hat in der Natur; die einem so mit Lust und Lieb durchdringt,
dass sie allen Luxus und alle Erhabenheit weit überwiegt in ihrer Verwandtschaft
mit der Seele; so hab ich mir immer gedacht, wenn in Feenmärchen über Nacht ein
prächtiger goldner Palast entstand gegenüber der Hütte von zwei Bettelkindern,
wie traurig es sei, dass die nun die Mooshütte verlassen müssten, um in den
stolzen Palast zu ziehen, und dann war mir bang, er könne die Gegend verstecken,
und nichts deucht mir schöner, als wenn die Natur ihre Launen zärtlich
durchflechten kann, wo der Mensch etwas einrichtet; sollte das nicht im Gefühl,
im Gedanken auch sein? - Sollte Poesie nicht so vertraut mit der Natur sein wie
mit der Schwester und ihr auch einen Teil der Sorge überlassen dürfen? - So dass
sie manchmal ihre geheiligten Gesetze ganz aufgäb aus Liebe zur Natur und alle
sittlichen Fesseln sprengt und ihr sich in die Arme stürzt voll heissem Drang,
ungehindert nur an ihrer Brust zu atmen. Ich weiss wohl, dass die Form der schöne
untadelhafte Leib ist der Poesie, in welchen der Menschengeist sie erzeugt; aber
sollte es denn nicht auch eine unmittelbare Offenbarung der Poesie geben, die
vielleicht tiefer, schauerlicher ins Mark eindringt, ohne feste Grenzen der
Form? - Die da schneller und natürlicher in den Geist eingreift, vielleicht auch
bewusstloser aber schaffend, erzeugend, wieder eine Geistesnatur? - Gibt's nicht
einen Moment in der Poesie, wo der Geist sich vergisst und dahin wallt wie der
Quell, dem der Fels sich auftut? Dass der nun hinströmt im Bett der Empfindung,
voll Jugendbrausen, voll Lichtdurchdrungenheit, voll Lustatmen und heisser Lieb
und beglückter Lieb; alles aus innerer Lebendigkeit, womit die Natur ihn
durchdringt? -
    In Deinen Gedichten weht mich die stille Säulenordnung an, mir deucht eine
weite Ebne; an dem fernen Horizont rundum heben sich leise wie Wellen auf
beruhigtem Meer die Berglinien; senken und heben sich wie der Atem durch die
Brust fliegt eines Beschauenden; alles ist stille Feier dieses heiligen
Ebenmasses, die Leidenschaften, wie Libationen von der reinen Priesterin den
Göttern in die Flammen des Herdes gegossen, und leise lodern sie auf - wie
stilles Gebet in Deiner Poesie, so ist Hingebung und Liebesglück ein sanfter
Wiesenschmelz tauigter Knospen, die auf weitem Plan sich auftuen dem
Sternenlicht und den glänzenden Lüften, und kaum, dass sie sich erheben an des
Sprachbaus schlanker Säule, kaum dass die Rose ihren Purpur spiegelt im
Marmorglanz heiliger Form, der sie sich anschmiegt; so - verschleiernd der Welt,
Bedeutung und geheime Gewalt, die in der Tiefe Dir quellen - durchwandelt ein
leiser schleierwehender Geist jene Gefilde, die im Bereich der Poesie Du Dir
abgrenzest. - So ist mir immer, wenn ich mich erkühne, aus meinem kindischen
Treiben hinaufzuschauen nach dem Deinen, als säh ich eine geschmückte Braut,
deren priesterliche Gewande nicht verraten, dass sie Braut ist, und deren Antlitz
nicht entscheidet, ob ihr wohl ist oder weh vor Seligkeit. - Mir aber liegt ein
Schmerz in der Seele, den ich oft unterdrückte in Deiner Gegenwart, und was mir
schwer war; aber eine geheime Sehnsucht, Dich Dir selber zu entführen, Dich Dir
selber vergessen zu machen, nur einmal jene Säulengänge, vor denen die Myrte
schüchtern erblüht, zu verlassen und in meiner Waldhütte einzukehren, auf ihrer
Schwelle am Boden sitzend mit mir, von tausend Bienchen umsurrt, die sich satt
trinken in meines Gartens blühenden Kelchen, von den Tauben zärtlich umflattert,
die unter mein Dach heimkehren am Abend und da mehr zu Haus sind, mehr
Wirtschaft machen als Freundschaft und Liebe der Menschen, denn sie behaupten
ihr Vorrecht, alle Gedanken zu übertönen mit ihrem Gegurre. Ja, so erschein ich
mir im Geist gegen Dir über, Du mein liebstes Gut! - So seh ich Dich
dahinwandeln, am Hain vorüber, wo ich heimatlich bin; nicht anders als ein
Sperling, vom dichten Laub versteckt, den Schwan einsam rudern sieht auf ruhigen
Wassern und sieht heimlich, wie er den Hals beugt mit reiner Flut sich
überspülend, und wie er Kreise zieht, heilige Zeichen seiner Absonderung von dem
Unreinen, Ungemessnen, Ungeistigen! - Und diese stillen Hieroglyphen sind Deine
Gedichte, die bald in den Wellen der Zeiten einschmelzen, aber es ist
segenwallender Geist, der sie durchgeistigt, und es wird einst Tau niederregnen,
der aufstieg von Deinem Geist. Ja, ich seh Dich, Schwan, ruhig Zwiesprache
haltend mit den flüsternden Schilfen am Gestade und dem lauen Wind Deine
ahnungsvollen Seufzer hingebend und ihnen nachsehend, wie er hinzieht, weit,
weit über den Wassern - und kein Bote kommt zurück, ob er je landete. - Aber
keinen Geist tragen die Schwingen so hoch, dass er die Weite erfasse mit einem
Feuerblick, es sei denn, er fache das heilige Schöpfungsfeuer mit seinem Atem
an, und so werden Flammen aufsteigen, bewegt vom Gesetz Deines Hauchs aus Deiner
Seele, und zünden im Herzen jugendlicher Geschlechter, die, knabenhaft männlich
sich deuchtend, nimmer es ahnen, dass der Jünglingshauch, der ihre Brust erglüht,
niemals erstieg aus Männergeist. - Was denk ich doch? - Der Geist atmet, denk
ich? - Ihn nähren die Elemente, er trinkt die Luft, dies feine Beben und Treiben
in ihr. Auch in und unter der Erde zeugen Gesetze, sittliche und bürgerliche der
Natur. - Die Luft vermählt sich mit der Erde als Geist mit dem Wort; und dass des
Windes Brausen, der Fluten Stürzen Lebensmelodien aussprechen; und dass jedes
Wesen in sich, auch jede Liebe, jede Sehnsucht und jede Befriedigung in sich
trage und die Flamme die Pforte sprenge zu ewiger Verjüngung, das denk ich. -
Dir mehr wie jedem gehört der goldne Friede, dass Du geschieden seist von aller
Störung jener Mächte, die Dich bilden; und drum mein ich als, ich müsse Dich
einschliessen und Wächter vor Dir sein, und dass ich nächtlich möcht an Dein Lager
treten und gesammelten Tau auf Deine Stirne tröpfeln - ich weiss nicht, was Du
bist, es schwankt in mir, aber wo ich einsam gehe in der Natur, da ist es immer,
als suche ich Dich, und wo ich ausruhe, da gedenk ich Deiner. - Es ist eine alte
Warte hier am Ende des Berggartens, eine zerbrochne Leiter inwendig, die keiner
zu ersteigen wagt, führt da hinauf, ich kann mich aber hinaufschwingen mit
einigen Kunstsprüngen, da bin ich also ganz allein und sehe wie weit? - Aber ich
sehe nicht, ich trage mich hin, wo's in der Ferne nur nebelt und schwimmt, und
fordere nicht Rechenschaft vom Auge, froh, dass ich allein bin, und dass mein
gehört, soweit ich mich fühle, da oben bin ich mit Dir, da segne ich die Erde in
Deinem Namen. Und leb wohl, bald schreib ich mehr und deutlicher, ich fühl in
diesem Brief ein elektrisch Beben, wie wenn ein Gewitter sich unter den Wogen
hebt, und doch weiss Jupiter Tonans noch nicht, ob er seinen Konsens dazu geben
soll.
                                                                         Bettine
 
                                 An die Bettine
Meine Abwesenheit von Frankfurt hat gedauert bis im Anfang dieser Woche, ich
dachte sicher Briefe von Dir zu finden und bin etwas besorgt, doch sagt mir ein
geheimer Geist, Du wirst nächstens in Fluten angeströmt kommen und mich
wegschwemmen. Mein Aufentalt in Heidelberg war angenehm und lehrreich, welches
letztere Du nicht wirst gelten lassen, wenn ich Dir aber sag, es waren die alten
Mauern und nicht die Menschen, die ihren Geist über mich ergehen liessen, da
wirst Du gleich gläubig sein. Du hast bei Deiner Abreise Ostertags schlechte
Übersetzung des Suetonius in meine Behausung geschickt, vermutlich soll sie auf
die Bibliotek zurück, noch in keinem Buch fand ich so viel Spuren Deines
fleissigen Studiums als in diesem; vier bis fünf Blätter mit Auszügen, wo Du alle
Missetaten der zwölf Kaiser auf eine Rechnung gebracht hast. Was bewegt Dich zu
solchen Dir sonst ganz fremden Forschungen? Ich such mir's zu erläutern, denkst
Du in Ansehung jener, die als grosse Männer nicht frei ausgingen von der Tyrannei
Sünde, Deinen grossen Mann zu absolvieren? - Ich scherze, aber ich möchte doch
dabei in Dein Gesicht sehen, ob Du ganz frei von jener Begeistrung bist, die aus
aufgeregtem Gefühl entsteht bei dem ewigen Gelingen aller Schicksalslösungen,
und die ich lieber Schwindel nennen möchte, und den andre Weltpatriotismus
nennen und sich leicht verführen lassen eine Rolle zu spielen, wenn sie ihnen
geboten würde, weil es heisst, er hat einen Glücksstern, und da fühlt man sich
gedrungen dem zu frönen, aus astralischem Emanationsgefühl, und da tritt man
bald von der reinen Einfalt zum Götzendienst über. - Aber ich will Deinen Zorn
nicht auf mich laden, sondern Dir offenherzig sagen, woher mir die bösen
Gedanken kommen. Sie kommen nicht aus mir, die Leute sagen nämlich, Dich habe
alles so aufgeregt, als der Kaiser durchkam, und Du habest geweint, und seist
ganz ausser Dir gewesen, als Du ihn gesehen hattest, das hat die Claudine mir
gesagt, ist's wahr, so braucht doch das nicht wahr zu sein, dass Du von ihm
hingerissen bist, denn man kann erschüttert werden ohne Begeistrung für das, was
uns erschüttert, mehr will ich Dich nicht mit diesen misslichen Worten peinigen,
die nur Scherz sein sollen und auch Dich ein wenig strafen, dass Deine Briefe
sich verspäten.
    Von Offenbach ist mir ein Pack Schriften zugekommen für Dich, die Novelle
wahrscheinlich - soll ich sie Dir aufbewahren oder zurückschicken? - Von Clemens
hab ich Dir auch noch viel zu sagen, Gutes und Vergnügliches, heisse
Anhänglichkeit an Dein Wohl; - es ist sein tiefer Ernst, wenn er sagt, Du gehest
durch Deinen Leichtsinn der Zukunft verloren, und dieser Ernst geht so weit,
dass er im Eifer meint, ich sei mit dran schuld. Einen Brief hast Du ihm
geschrieben, wo Du meine Ansicht über Dich als Zeugnis zitierst, dass es nicht in
Deinem Charakter liege, zu dichten oder vielmehr etwas hervorzubringen. Dies hab
ich büssen müssen, denn er zeigte mir Deinen Brief und meinte, wer so schreibe,
der dichte auch, ich hab schweigsam und bejahend alles über mich ergehn lassen;
tue, wie Du kannst. Dort in Marburg hast Du wahrscheinlich wenig Zerstreuung,
wer weiss, was Dir gelingt oder vielmehr einfällt, denn fiel es Dir ein, so fiel
es Dir auch vom Himmel, aber dies schon so lang erharrte Phänomen will immer
nicht sich ereignen. - Ich bitte Dich, schreibe bald, dass ich wieder ins Geleis
Deiner Ereignisse und Erfahrungen komme; es ist mir ganz tot hier, meine Augen
hindern mich sehr am Schreiben.
                                                                        Caroline
 
                                An die Günderode
Lieber Widerhall, ich hab Dir was zu sagen von meiner schmerzlichen Langenweil,
die ich bei allem empfinde, weil ich immer noch nichts von Dir weiss, ich mein,
wann ich nicht rufe, so musst Du rufen, aber nein, Du bist der Widerhall, und ich
darf nun nicht eher hoffen, als bis mein Rufen bei Dir angeschlagen hat. Gestern
hab ich meinen Brief zugemacht dem Bedienten mit auf die Post gegeben, und
siehe, er brachte ihn mit einem grossen Paket angekommener Briefe wieder zurück,
in der Meinung, ihn dort für mich empfangen zu haben, jetzt ging er erst heute
um vier Uhr ab, dies Verzögern, dies Vormirliegen meines Briefes, dem ich Flügel
angewünscht hätte, und den ich gewohnt bin, nie eher zuzumachen, als bis er die
Reise antritt, war mir sehr unheimlich, ich bin so gedächtnislos, dass wenn ich
den Brief schliesse, ich schon nicht mehr weiss, was er entält; und nur ein
Nachgefühl lässt mir die Ahnung zurück, wie er Dich berühren werde; aber bald
fang ich an zu zweifeln, ob's nicht lauter Einbildung sei, dass ich mir denke,
Dir tiefe innere Anschauungen mitgeteilt zu haben, und so fühl ich ermattende
Zweifel, und ich denk, was soll doch das dicke Briefpaket, da kann doch
unmöglich lauter Klugheit drin stehen, wo soll ich's her haben, ist's doch so
leer mir im Kopf! - Und dann tut mir's so leid, dass ich Dir nicht meine Seele
konnt hingeben, nackt und bloss, wie sie Gott zu sich aufnimmt, dass ich statt
ihrer Dir einen Schwall von Worten schickte, die suchen und suchen, Dir eine
Flamme aus den Wassern dieses bodenlosen Ozeans, in dem wir alle schwimmen,
entgegen zu hauchen; da möcht ich den Brief aufbrechen und nur einen Augenblick
wahrnehmen, dass ich's Herz auf der Zunge hatte, und doch kommt er mir so
versiegelt vor, als sei er Dein Eigentum schon, was mich nichts mehr angeht,
weil's immer Gott gleich von mir nimmt, sobald ich's in der Glut meines
Angesichts hingeschrieben hab. Ja es ist mir ein paarmal geschehen, dass ich
einen Brief von mir bei Dir gefunden hab, so war er mir ganz fremd, und die
Worte und Gedanken wunderten mich recht. Heute hab ich also Deinen Brief
unverletzt entlassen aus wahrer Pietät, weil er Dein gehört, und weil ich mich
nicht in die Geheimnisse eindringen will, die Gott Dir durch meine Hand
vertraut, denn sonst würde er nicht so schnell das Gedächtnis von mir nehmen, um
so mehr kannst Du an das drin glauben, was vielleicht Dich berührt.
    Christian, der mir nach Frankfurt so ernste und liebende Briefe geschrieben
hatte, vor denen ich mich oft schämte, weil sie viel höhere Kräfte mir zutrauten
und wecken sollten, als je erwachen werden, der geht hier um mich herum und
betastet mein Ingenium, und entdeckt, dass die Fundgruben des Genies zum Teil
leer sind und die Felder des Wissens steinigter Acker, und das Licht der
Begeistrung lauter Nebel, doch verlässt er mich nicht und sorgt für Lehrer. Der
Schäfer sollte Geschichte mit mir treiben, da er aber sehr ernst und gründlich
ist und durchaus will, dass der freie aufgeweckte Mensch mit vollem Interesse
dabei sei, so konnte er's nicht mit mir aushalten, es ging gegen sein Gewissen,
er hat dem Christian bedeutet, es sei besser, mich auf andre Weise zu
beschäftigen; da ich eine nervenangreifende Empfindung habe, wenn ich Zahlen
wahrnehmen soll, wenn ich das Frühere vom Späteren unterscheiden soll, wenn ich
Namen behalten soll, so sei es nicht möglich, bei gutem Gewissen mir Zeit und
Geld zu rauben. Es tut mir leid, dass auch der mit Blindheit geschlagen ist über
mich und von der närrischen Idee besessen, ich lerne, um was zu wissen, um
Kenntnis zu sammeln; Gott bewahr, da könnte ich nur innerlichen Raum mit Dingen
ausfüllen, die mir im Weg sind, wenn sich ein Reisender viel Besitztum
anschaft, so hat er erst die Not, alles unterzubringen, und hat er sich an
Überflüssiges gewöhnt, so muss er einen Bagagewagen hinter sich drein fahren
haben. Den Mantel umgeschwungen und damit zum Fenster hinaus und alles Gerümpel
dahinten gelassen, das ist meine Sinnesart, lernen will ich wie Luft trinken. -
- Geist einatmen, wodurch ich lebe, den ich aber auch wieder ausatme, und nicht
einen Geistballast in mich schlucken, an dem ich ersticken müsst. Das will mir
aber keiner zugeben, dass solche Unvernunft naturgemäss sei. Ich würde am End
freilich nichts wissen, was ich ihnen gern zugebe, aber ich würde wissend sein,
was die mir nicht zugestehen - aber durchgeistigt sein von des Wissens
flüchtigem Salz, einen Hauch der Belebung durch es empfinden, einen Kuss, wenn
Du's erlaubst, einen flüchtigen - dem ich eine Weile noch nachfühle, der in mir
sich verwirklicht, verewigt.
    Wissen und Wissendsein ist zweierlei, erstes ist eine Selbständigkeit
gewinnen in der Kenntnis, eine Persönlichkeit werden durch sie. Ein
Matematiker, ein Geschichtsforscher, ein Gesetzlehrer - gehört alles in die
versteinert Welt, ist Philistertum in einem gewissen tieferen Sinn. Wissendsein
ist Gedeihendsein im gesunden Boden des Geistes, wo der Geist zum Blühen kommt.
Da braucht's kein Behalten, da braucht's keine Absonderung der Phantasie von der
Wirklichkeit, die Begierde des Wissens selbst scheint mir da nur wie der Kuss der
Seele mit dem Geist; zärtliches Berühren mit der Wahrheit, energisch belebt
werden davon, wie Liebende von der Geliebten, von der Natur. - Die Natur ist die
Geliebte der Sinne, die Geistesnatur muss die Geliebte des Geistes sein; durch
fortwährendes Leben mit ihr, durch ihr Geniessen geht der Geist in sie über oder
sie in ihn, aber er führt kein Register über alles, er buchstabiert sich's nicht
und rechnet's nicht zusammen. Nun was liegt mir dran? - Solang mir's so geht wie
hier, kann ich nicht klagen, ich schwindel wie ein Bienchen herum, und wo ich
ein offnes Kelchelchen find, da schwipp ich hinein und versuch und trink mich
satt, wenn mir's schmeckt. Der alt Professor Weiss, bei dem wir im Haus wohnen,
ist so ein kleiner Hausgarten, an dem mir allerlei Blüten noch offen stehen. Der
gute Alte klopft an die Tür, da steht er mit der Zipfelmütze im Schlafrock und
will gern seine Pfeife anzünden, weil bei ihm noch kein Licht brennt, ich
spazier noch ein bisschen mit in den Garten, wo er die Pfeife raucht, er zeigt
mir die Sternbilder am Himmel, der Orion, der gross Bär und der klein Bär, und
pafft mir den Rauch ins Gesicht, so hat er mich die drei Wochen unterhalten,
sooft gut Wetter war, von aller Planeten Tanz, und das hat grade mein Begehren
zu wissen mässig genährt; aber wissenschaftlicher Ansatz ist's nicht geworden,
vielmehr Schleierlüften von geheimen Reizen des Geistigen. Und ich hab dann am
Abend und in der Nacht noch Gedanken gehabt, Nachzügler - worüber ich beseligt
einschlief. Weisst Du, was das ist, beseligt einschlafen? - Das ist grad mit der
Natur im süssesten Alleinsein sich befinden, wo sie allein den Blick auf Dich
richtet und in Dich hineinschaut und Du in sie und eine Decke Euch umhüllt wie
zwei Kinder, die einer des andern Atem trinken. So ist's mit mir, wenn ich
zufällig etwas von ihr gewahr werd; aber wenn's mir abgemessen wird, wenn ich
Rechenschaft geben soll, dann fühl ich mich in der Seele beleidigt, denn ich mag
nichts wissen, ich schäme mich und kränke mich, dass auf dem Spielplatz meiner
Seele all das lustige übermütige Springen und Schwingen nicht mehr sein soll, wo
ohne Umsehens alles verfliegt, wie es gewonnen worden, und von keiner
Aufspeicherung die Rede ist.
    Da hab ich noch eine Lust, - der alt Herr hat ein klein Treibhaus, eine
Kammer mit zwei Fenstern nach der Sonne hin, wo er selbsterzogne und jahrelang
gepflegte Gewächse bewahrt. Ich bin mit ihm gewesen und hab ihm helfen die
Gewächse vom Staub reinigen, viele hab ich nicht gekannt, er sagte mir ihren
Namen, ihr Vaterland, ihre Geschichte, wie er dazu gekommen, was er für Glück
und Unglück mit ihrer Pflege gehabt, das alles ist lebendig und interessant,
denn er ist alt und hat viel Kinder und also viel Sorgen und ist kränklich; und
nun ist seine Freude aus der sogenannten Fülle dieses grossen weiten
wissenschaftlichen Lebens, die paar südliche Pflanzen, die hier unter seiner
Liebe Schutz ihr Leben im fremden Klima fristen, mit einer dürftigen Blüte ihn
erfreuen; im Keim schon unterscheidet er, ob der Knospen bringen wird oder bloss
Blätter, zählt alle, betrachtet alle Tage, wie sie vorrücken, da regt sich kein
Blättchen, er sieht's und versteht's, Du solltest zuhören, wie er ihre Färbung,
ihr Erschliessen bemerkt, wie er ihnen das bisschen Licht ökonomisch austeilt, dass
keins zu kurz kommt, und dabei geht als sein altes ledernes Kolleg, was er nun
schon im einundzwanzigsten Jahr jährlich zweimal den Studenten vorträgt, mit
herabhängenden Ohren den gewohnten Weg zur Mühle, ob ein gesunder
Menschenverstand es aushält, dies immer und immer, das Erlernte, Erstudierte
durchzukauen? - Nein, einmal muss es aufhören, und einer möcht wohl lieber aufs
ewige Leben verzichten als ewig das Erlernte wieder den Nachkommen mitteilen; so
muss man es denn einmal abdanken, nicht wahr! - Sollte man den alten Satz mit in
die Ewigkeit zu nehmen gedenken? Mitnichten, so wenig wie den Tressenrock, die
Staatsperück, die Ordensbänder, die Titel, die Ehrenämter, man fühlt recht gut,
dass sich solches Zeug vor Gott nicht schickt, aber wie der Geist übereinstimme
mit der Natur, die seine Freundin, seine Geliebte ist, wie er in ihr und durch
sie sich entwickelt hat, das ist vor Gott alles. Wenn denn alles Wissen, Haben
übergehen muss in Nichtwissen, Nichtaben, was hat's denn auf sich, dass ich
gleich alles verdampfen lasse!
    Wissen ist Handwerker sein, aber wissend sein, ist Wachstum der Seele, Leben
des Geistes mit ihr in der Natur; Leben ist aber Liebe. - Sei nachsichtig gegen
mich, ich muss Dir alles zurufen, lieber Widerhall, keine Sorge um mich, wenn
Dir's nicht wie gesunder Menschenverstand vorkommt, man ahmt ja wohl den Vogel
im Busch nach oder den Wind zum Vergnügen oder das Wild im Wald. - Der Weiss hat
mir ein botanisch Buch gegeben, wie er sah, dass ich so viel Freud hab an
Pflanzen, ich hab mir die Moose heraus gesucht, weil man die unterm Schnee noch
finden kann, ich hab eine Lupe, ich betrachte sie, ich entdeck eine Welt, alles
läuft und stürmt durch, wie durch einen Forst, es fehlt nur der
Jagdhörnerschall, das Hundgebell und der Schuss; so könnt man denken, man wär auf
einer königlichen Jagd; ich hab noch das Pläsier, von oben herab wie Gott vom
Himmel da hinein zu sehen; wenn ich's dem Weiss vorerzähl, wie mir alles
vorkommt, das hört er an wie's Evangelium, es erquickt ihn, die Lügen und Fabeln
meiner Einbildung zu hören, er sagt: »Wenn ich nicht im Pflug gehen müsst, so
schwätzt ich den ganzen Tag mit Ihnen.« - Das ist gut für mich, sonst wär mir's
zu viel.
                                                                         Samstag
Der gestrige Abend war ein gedulderprobender, es war wieder Dämmerungsstunde,
erfüllt mit allerlei Gaben der Muse. Schäfer, der ein feiner und geistreicher
Mann ist, hörte mit zu; Savigny ist gar liebenswürdig mit seinen Freunden und
Bekannten, die höchste Güte leuchtet aus ihm, so befindet sich alles kindlich
wohl und heiter um ihn her. Es wurden Gedichte vorgelesen vom Autor; das ist
schwierig für den Leser und für den Hörer, da sind zwei Fragen: wo kommen die
Gedichte her, und wo wollen sie hin? Die meisten behaupten ihre Abkunft aus dem
Feuergeist der Liebe und behaupten ihr Recht, ins Herz einzukehren. - Ich sass in
der Ecke und hörte ein lang Gedicht mit den Ohren, die Seele sehnte sich hinaus
in den Schnee, in die sternenhallende Luft; die Sterne haben einen Ton, einen
sprechenden Laut, der viel vernehmlicher ist in klarer Winternacht wie im
Sommer; - vernehmlich, nicht hörbar, wie denn alles in der Natur vernehmlich
ist, wenn's auch die äusseren Sinne nicht gewahr werden. Ich dachte mich hinaus
in alle Welt während dem Rollen auf der Verse-Chaussee; meinem Nachbar mochte es
wohl auch schwer auf dem Herzen liegen, denn er seufzte mehrmals und holte
endlich sein Taschenbuch, worin er mit dem Bleistift was einkritzelte, - ich
nahm's ihm aus der Hand und probierte Verse zu machen im Takt des Lesenden, das
Gelesene schoss Worte zu, wie eine Fabrik, wo einer dem andern in die Hand
arbeitet, und so setz ich Dir's der Kuriosität halber hin. Der Dichter las
nämlich klagende Gespräche im Minneliederstil zwischen zwei Liebenden, die nicht
zu Rande kommen können mit ihrer Sehnsucht, in Frühlings- und Sommerzeiten.
Es waren nicht des Maien wilde Blüten,
Violen süss und Rosen überall,
In grüner Lind die freie Nachtigall,
Die mich vor Sehnsuchtschmerzen sollten hüten.
Ich klage nicht die lichte Sommerzeiten,
Den kühlen Abend nach dem heissen Tag; -
Der meiner Träume Sinn verstehen mag,
Der wolle ihnen Störung nicht bereiten.
Nicht, dass sich bald das grüne Laub will neigen,
In dem der Vöglein muntre Schar sich wiegt,
Dass Sonnenschein und Blumenglanz verfliegt,
Macht, dass mein Herz sich sehnt und meine Freuden schweigen.
Der rauhe Winter nicht, der alle Lust bezwinget,
Die lust'gen Gauen überdeckt mit Schnee,
Mir seufzt die Langeweil im Herzen Ach und Weh,
Die mit dem Dichter stöhnt und in den Versen klinget.
                                                                          Montag
Nun kam gestern ein Brief von Clemente an mich mit feierlichen Mahnungen, doch
mein Leben nicht zu verscherzen, so innig, so herzlich, als wär ich eine
Blumenknospe, die auf seinem Stamm wüchse, und der Stamm treibt sorglich alle
Kräfte dahin, dass sie sich auftue, aber die Knospe ist so fest, dass nicht Regen
und nicht Sonnenschein sie weckt - was kann ich da? - Der Christian straft mich
mit Worten, es sei kein Ernst in mir, und wenn ich wollte nach Italien reisen,
so sollt ich Winckelmanns Kunstgeschichte studieren und Italienisch lernen, das
hab ich probiert, aber die Kunstgeschicht, wie sollt ich mit der mich abgeben,
wenn ich dran denk, dass ich nach Italien reisen sollt. Ei, lass doch alles mit
Augen sehen, und wenn ich trunken bin vor Seligkeit, dass dort andre Bäume, andre
Blumen und Früchte sind, wenn ein schönerer Himmel über mir wogt, wenn Menschen,
Knaben, Jünglinge, die mir verwandter sind im Blut, in der Faulheit, als die
kalten deutschen fleissigen Brotstudenten, mir begegnen auf der Strass, mich sanft
grüssen, umkehren, mich noch einmal grüssen, feuriger, - ei werd ich da noch das
geringste vom Winckelmann, von der alten Geschichte wissen? Wenn rings die
Schönheit der Erde aufwallt, da wär ich wohl der närrische Pedant dazu? - Mit
Dir, Günderode, möcht ich Arm in Arm dahinschlendern, kommst Du heut nicht, so
kommst Du morgen, alle Zeit füllt sich ja so himmlisch, was sollen wir sorgen,
wo wir hinkommen? - Sturm und Gewitter schreibt in die Brust Unvergängliches wie
der heitre Tag; jeder Weg führt zu geheimen Reizen der Natur, warum sollen wir
nicht, wenn's uns lockt, folgen dem strebenden Herzen, den Gestalten, dem Glanz
der Fluren - irren hier und dort herum, wie die Lämmer weiden? - Warum nach
einem Plan das Schöne aufsuchen? - Am End ist doch der Zufall der Reichen
grossmütigster; warum nicht ihm anhängen? - Lässt sich Gott nicht in ihm am
innigsten mit der Seele ein? Befriedigt am liebendsten ihre geheimen Wünsche?
    Ich denk mich so oft mit Dir wandelnd zum nächsten Tor hinaus, den
reizendsten Pfad entlang, der Clemens aber drängt mich an des Parnassus Stufen
und will, ich soll hinauf, und so hab ich ihm geschrieben: »Am Dichten hindert
mich mein Gewissen, wenn ich denk, wieviel reiner tiefer Sinn dazu gehört, um so
weniger kann ich mir's zutrauen; manchmal wandelt es mich freilich an, ich sehne
mich danach wie ein eingesperrtes Kind nach dem Spiel in freier Luft, auf grüner
Wiese im Sonnenschein; ja es schmerzt mich tief, dass ich nicht kann, wie ich
will, und dass alle Sprache, mit der ich mein Sinnen festzuhalten versuche, nur
wie dürres Holz in der Glut meines Herzens zusammenbrennt; wie oft hatte ich
Momente, deren feierliche Mahnung mich auf etwas Ernstes, Tiefes vorbereiteten,
die Poesie schien mir dann ein reifer Schmetterling, der mit dem leisesten Regen
die leichte Hülle sprengte und auf in die Lüfte steigend in den mannigfaltigsten
Blüten meiner Seele schwelgend. Dann fühlt ich wie ein göttlich Unsichtbares,
dem ich geboren, ich war stolz, und wenn die Natur rings mich mit feurigem Blick
anglühte, dann war ich spröde und verschlossen gegen die Feuerkraft, und doch
hätt ich mein Herz dargereicht dem ersten kühnen Augenblick, der mir die Sprache
gelöst hätt, in der meine Lieder geflossen wären. Doch all dies Leben, dies
innere Beben und Aufrauschen ging vorüber, ohne etwas festzuhalten oder zu
erzeugen, und wird vielleicht noch tausendfach in mir erscheinen - und keine
Spuren zurücklassen.«
    Das hab ich Dir abgeschrieben aus meinem Brief an ihn, weil's etwas Erlebtes
ist, was sich mit unendlichen Modulationen mir im Geist wiederholt, ich hab
Visionen, wenn ich die Augen zumache, ich seh nicht allein, ich hör auch
entzückende Töne, wie wenn himmlische Empfindung zu Ton könnt werden; nun fehlt
ja nur die eine Stufe, dass der Ton sich in Geist der Sprache übersetzte; aber in
dies Inselland will's keine Brücke schlagen, im Gegenteil, alle Erscheinung
zerfliesst vor der Sprache. - Ich hab wohl einen dunkeln Begriff, warum ich nicht
dichte, weil eben das Tiefe, was mich gewaltig ergreift, so dass es elektrische
Kraft auf die Sprache hätte, etwas ist, was sich in der Empfindungswelt nicht
legitimiert, oder um schneller und ohne Umweg mich auszudrücken, weil's Unsinn
ist, was mir in der Seele wogt, weil's Unsinn ist, was meine Gedanken mir
vorbeten, weil's Unsinn ist, der mich ahnend als höchstes Gesetz der Weisheit
ergreift. - Wo ich hinsehe, wo ich hinspüre, darf ich nicht ankommen mit meinen
Wahrnehmungen, ich weiss, dass, wenn der Dichterschwung mich ergriff, sich das
Unendliche, das Ungeborne vor mir auftun würde, mich durchzulassen. - Ich seh! -
Und wenn ich was Wahres schaue, sei der Keim so klein noch, so in sich gedrängt,
mich begeistert der ihm selbst bewusstlose Lichtweg, den er wandelt. - Du
begeisterst mich, weil Dein einfaches Streben mir so deutliche Lehre gibt, Du
seist der eignen Seele ewiger Wohllaut, der sie wiegt und schlummernd ihr die
Gesetze der Harmonie einflösst. Ahnungen sollen dem Geistesblick Wahrheiten
werden, soll eine Ahnung wirklich Dasein werden, so muss sich der Geist erst
vermählen mit einem andern Geist - mit dem Genius - die Ahnung verwirklicht den
Genius in uns. - Alles ist wirkliches Leben durch die Feier der Liebe mit dem
Genius. - Alles verwirklicht sich durch Vermählung des höheren Lichts mit dem
Geist - es strömt dem Geist herab, er darf's nur liebend wollen, es erfüllt ihn
in tiefer Nacht gestaltlos, es strömt ihn an, es umschweift ihn ganz, o es ist
kein zahmer Liebhaber, das Licht. - Und ist es ein Wunder, dass wer ohne Grenze
sich ihm ergibt, dass der dann sehe, wo andre nicht sehen? Und sollt ich mich
schämen vor Dir, die in manchen heiligen Augenblicken mir erschien, wie das
Licht zärtlich mit Strahlenkränzen sie umflocht und krönte Dein Haupt mit
doppelter Krone? - Dass ich Dir sage, nicht die Sprache ist zwischen mir und dem
Licht, nein, es ist das Licht unmittelbar, es nimmt meine Sinne auf - nicht
durch die Sprache meinen Geist! - Drum kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht
nah genug, es besinnt sich zu sehr auf sich selber. - Ach, da red ich so, wo wir
ausgemacht haben, dass Du niemals drauf eingehest, damit ich nicht vor der Zeit
unsinnig werde - schweig und ich will auch schweigen, der Dämon möcht mich sonst
durch die Lüfte davontragen. -
    Dem Clemente hab ich geschrieben, dass ich hier sehr vergnügt bin, nicht
sowohl um Savignys willen, dessen Gegenwart freilich einem Aufentalt alle Reize
verleiht, sondern um der reinen Einsamkeit halben, in der ich von aller
Kleinheit entfernt lebe, die mich in Frankfurt immer bedrängte und meine
Freiheit schmälerte, wenn ich so sagen darf. Hier kann ich doch leichtsinnig
sein, ohne dass die Inkonsequenzen davon mich gleich erschrecken, und ruhig und
ernstaft, ohne dass man glaubt, ich sei verliebt oder krank, und verliebt in
Himmel und Erd, die einzig und allein schön hier sind, ohne dass man mich der
Koketterie beschuldigt.
    Da kommt Dein Brief, Du gibst ihn der Claudine, dass die ihn beischliesse, und
die hat grad noch zwei Tage ihn liegen lassen, denn so lang hat sie an ihrem
Brief geschrieben - und nun schliess ich diesen, in dem keine Antwort steht, aber
gleich würde ich antworten, wenn nicht es so in mir rumorte, was Du schreibst,
ich mein, dieser Brief von Dir ist nicht an Deinem Schreibtisch, der ist an
fremdem Tisch geschrieben, gewiss bei der Claudine. - Ich muss die Sonn untergehen
lassen und mich besinnen auf morgen früh.
                                                                         Bettine
                                                               Marburg. Dezember
Heut morgen bin ich aus dem Bett gesprungen, um das Eis mit meinem Hauch zu
schmelzen. Um halb acht kamen die Studenten den Berg herauf gejubelt, es war
noch dämmerig und der Nebel so dicht, dass sie wie Schatten bloss
durchschimmerten. Die Meline und ich sehen jeden Morgen mit grossem Gaudium, wie
sie zu unserm Professor Weiss ins Kolleg marschieren, - sie können uns nicht
sehen, denn unsre Fenster sind hart gefroren, wir steigen auf den Tisch und
hauchen an der obersten Scheibe ein Löchelchen ins Eis, wo grad ein Aug
durchsehen kann; ein jeder hat ein verschiednes Abzeichen, treiben sich immer
eine Viertelstunde herum, bis sie im Gang nach dem Kolleg verschwinden, den der
Professor Weiss präzis acht Uhr aufschliesst, indessen treiben sie lauter Übermut,
wir dachten schon, dass sie vielleicht uns zu Ehren die grossen Sätze machen von
einer Trepp zur andern, einer über des andern Kopf weg, sie können uns zwar
nicht sehen, weil die Fenster verhängt sind und jetzt auch gefroren, so leuchten
ihnen doch unsre grünen Vorhänge ganz mystisch in die Augen, uns macht's tausend
Spass, die Liebschaft mit dem ganzen Kolleg ist im besten Gang, wir haben sie
geteilt, die Meline sagt, der ist mein, und ich, der ist mein, so haben wir zwei
Regimenter, und ihre Balgereien werden mit grosser Freude und Triumph belacht,
jede Partei hat einen Hauptmann, der eine mit der roten Mütze, die er nie auf
dem Kopf hat, sondern immer auf einem dicken Stock (der Student nennt ihn
Ziegenhainer) herumschwenkt, ist meiner, er ist immer der erste auf dem Platz,
die andern versammeln sich um ihn und hören zu, was er sagt, er mag wohl das
Haupt einer Burschenschaft sein; er ist so jung und schön, er ist der grösste von
allen, wenn er den Mund auftut, kommt eine grosse Duftwolke heraus, die setzt
sich gleich als Reif an seinen kleinen Bart, mit dem er sehr gross tut, denn er
zieht ihn alle Augenblick durch die Finger. Wir nennen ihn den Blonden, er hat
braunes Haar, er hat aber ein so blondsonnig Gesicht, das mit seinen roten
Backen so freundlich durch den Morgennebel lacht, und dann hat er auch einen
hellen Rock; der Meline ihrer heisst der Braune, der ist ganz blond, aber er hat
einen braunen Rock, dieser trägt eine blaue Mütze mit einer Quaste, die ihm auf
der Nase herumspielt, er sitzt gelassen auf der Mauer und sieht zu, wenn die
andern sich mit Schneeballen werfen, ringen, übereinander wegspringen, dazu
ringelt er sich seine blonden strahlenden Phöbuslocken über die Finger; ich
beneid ihn oft der Meline und wollt ihn mit einem Ansehnlichen aus meinem
Regiment umtauschen, aber sie will ihn nur gegen meinen General, den Blonden,
herausgeben, das will ich nicht. Früh ist's im Hof wie im Elysium, der dichte
Nebel von der Morgensonne angestrahlt, in dem die Gestalten sich bewegen, die
allerlei miteinander hantieren. Wenn's Kolleg aus ist, sehen wir sie wieder
abziehen, da ist ihr Übermut noch grösser. Ach, hätt ich doch so ein Regiment, da
wollt ich Dir schon antworten auf Deinen Brief mit Deinen unsinnigen Anklagen
über den Napoleon. - Betet und ihr werdet erhört werden. Ich bete ohne Unterlass,
dass mir doch Flügel wachsen, ich wollt über die Scharen wegfliegen und ihm in
die Zügel fallen. Ach Günderode, Deine fatale Idee, als habe ich eine närrische
Ehrfurcht vor dem Napoleon, peinigt mich, das Ross des Übermuts tobt unter ihm,
es setzt in wildem Feuer über Abgründe und durchfliegt in stolzem Selbstgefühl
die Eb'ne, um über neue zu setzen, dahin eilt er, an den Zeiten vorüber, die
umgewandelt sich nicht mehr erkennen. Die Menschen schlafen ohne Ahnung vom
Erwachen, aber unter seinem brausenden Huf reissen sie plötzlich die Augen auf,
und seine Glorie blendet sie, dass sie sich selber nicht begreifen, ihr dumpfer
Schlaf geht in Taumel über, sie umjauchzen ihn im Gefühl ihrer Trunkenheit.
    In mir ist's wunderlich. Vor Menschen versink ich in mir selbst, vor denen
fühl ich mich nicht, nur wenn ich, durch den ersten Schlaf in der Nacht
abgetrennt von allem, wieder erwache, dann stellen sich grosse ungeheure Fragen
vor meine Gedanken, es sind Fragen in mein Gewissen, vor dem ich verstummen muss.
- Tugenden! - Was sind die? - Denk ich doch an die letzte Zeit mit den
Emigranten bei der Grossmama, es ging alles durcheinander, es war, als ob das
Unglück vor der Tür geschehen sei mit dem Tod des Enghiens, was für bittere
Tränen vergoss der alte Choiseul mit dem Ducailas und dem Maupertuis, wie rangen
sie die Hände und riefen zu Gott um diesen jammervollen Tod, meinst Du, das habe
mir nicht einen tieferen Eindruck gemacht als alles glorreiche Durchbrausen der
Welt? - Meinst Du, ich könne je dem Unrechterliegenden mich lossagen und auch
nur in Gedanken übergehen zu dem Unrecht, das vor der Welt Recht behält, ich
fühle, es liegt grössere Freiheit darin, mit dem Unterdrückten die Ketten tragen
und schmählich vergehen, als mit dem Unterdrücker sein Los teilen. Was ist mir
Talent, das seine Bahn bezeichnet mit Friedensbruch, mit Meuchelmord? - Ich
würde selbst solche Bahn durchfliegen wollen? Ja gewiss! - Ich möchte hoch bauen,
dass keiner mir nahen könnt, er müsste denn fliegen, aber nicht wie ein Raubvogel,
der die Göttin Fortuna zerfleischt, um sich satt an ihr zu fressen und sie dann
als Aas liegen lässt; - aber durch heiligen Friedensschluss, nicht durch Verrat an
ihm; durch Schutz der Kindlichen, nicht durch ihren Mord; durch freie, heilige,
unantastbare Posaunenstimme der Wahrheit, nicht, dass ich ihr die Kehle zudrücke!
- Dein Scherz erzürnt mich, ich wollte mir Gelassenheit erschreiben, aber ich
muss durchglühen. - Der da! - Eine schwindelnde Eingebildheit, ohne Scham, ohne
Gefühl? - Den Gekrönte und Ungekrönte wie Frösche umhüpfen, der von allen
Schwächen hin und her gezerrt, seine Abkunft verleugnet, sich um ein paar
silberne Sterne im Wappen streitet, alle Franzosen wahnsinnig macht, der
vergiftet, erdrosselt, erschiesst, seiner Brüder Familienbande zerreisst, für den
der Taumel des Volks sich erhält, weil ihm alle Frechheiten glücklich ablaufen,
und dann meinst Du, »ich fühle eine Neigung zu diesem Treiben!« - »Mein
aufgeregt Gefühl gehe mit mir durch,« - Du sagst alles im Scherz, es kränkt mich
doch - aber der Scherz kommt nicht aus Dir. - Du scherzest wie ein tauigter
Zweig, der mich ansprjetzt, wie das Morgenlüftchen, das mich neckt, aber nicht
mit brandigen Hadern mich andampft. - So viel prophetische Gabe kannst Du mir
zutrauen, dass es mir ahnend im Geist liegt, diese Strohflamme, so gewaltig sie
um sich griff, so schneller wird sie verflackern; bald wird alles in Asche
versunken sein, - und Du machst mir's zum Vorwurf, dass ich mit des Ostertags
schlechter Übersetzung mich so lang geplackt hab, - weil ich wolle die grossen
Kaiserrollen studieren? Freilich hab ich diese zwölf Kaiser mit Interesse
studiert und hab gefunden, was ich vorher hätte sagen können, dass alle Tyrannen
arglistige kleinliche Naturen waren, sie gaben Befehle, wo ihre Bitten genügt
hätten, der Fortgang ihrer Macht entwickelt sich aus des Pöbels Eitelkeit,
überall war so viel Knechtsinn für Hofpracht, so viel Wahnsinn, die Seele diesem
Götzen zu verschreiben, und wie denn alles Narrheit wird, so ergoss sich alles in
die Quelle der Hoffart, - das ist's, was ich in diesen zwölf Kaisern studierte,
aber ich suchte nicht nach Ähnlichkeiten seiner Grösse, sondern danach, ob nicht
alle Tyrannen niederträchtig sind wie er? - Ob nicht alle einen Toussaint
Louverture vergiftet, einen Pichegru erdrosselt und Enghiens erschossen haben,
ob nicht alle durch Hofetikette das Halfter der Sklaverei auch ihren nächsten
Freunden umwarfen? - Ob irgendeiner einen freien Atemzug um sich dulden konnte?
Und ob diese Sklaven nicht bloss ihr Joch duldeten, um wieder die geringeren
unterdrücken zu können; und siehe, bis auf den kleinsten Zug ist es immer wieder
derselbe ungerechte eigennützige Heuchler, immer dasselbe Ungeheuer der
Mittelmässigkeit; kein Trieb zum wahren Geist, keine Sehnsucht, die Weisheit als
Ägide seiner Handlungen aufzustellen, keinen Verstand von dem Pflanzenboden der
Künste und Wissenschaft, noch wie der Mensch sich erzieht; sogar gegen alles
Selbstgefühl ohne innere Zucht fährt er mit ungesitteten Spottreden heraus, und
da schreit alles, er hat einen Stern! - Ach, er kann nicht ewig leuchten, und da
wird alles mit erlöschen.
    Schreib nicht mehr so ungefüg, sonst kriegst Du ungefüge Briefe; ich ärgere
mich über alles, was ich so schreib, weil's ist, als ob ich einen Prozess mit
Deiner gesunden Vernunft führe, und allen Zeitungswitz und Emigrantenpolitik
zusammenhielt, um recht gegen Dich zu behalten.
    Jetzt muss ich auf die alte Wart, es ist Neumond, ich muss sehen, wie er seine
stumme verzauberte Silberwelt anstrahlt. Die Meline schläft schon, ich steig zum
Schlafzimmerfenster hinaus auf den Berg. - Heut war Speisemahl bei Savigny, da
erzählten die Professoren von der Spitzbubenbande, die schon mehrmals
eingebrochen hat in unserer Nachbarschaft, die Spitzbuben könnten sich da oben
auf der Wart verstecken, - ich fürcht mich, aber grad weil ich mich fürcht, so
muss ich hinauf. - Die Menschen fürchten sich auch vor der Unsterblichkeit.
                                                                      Am Sonntag
Ich bin gestern noch droben gewesen; beim Aufsteigen grosse Angst vor nichts,
oben himmlische grosse Befreiungsluft, - Stille - allumfassende, - tief
schlummernd alles umher. - Ruhe und Freiheit winkten alle Sterne! - So einsam,
so sicher! - So muss einem sein, der das Leben abgeschüttelt hat, - unterwegs
schreckten mich ein Kohlstrunk und ein krummer Ast, ich wusst, dass es nichts war,
und fürchtete mich doch. So weiss der innerliche Mensch, dass alle Furcht nichtig
ist, er muss das Reich der Einbildung durchkämpfen zur Wahrheit, die kann nicht
fürchterlich sein, weil sie lebendig ist und frei und auch nur das Lebendige und
Freie berührt, nicht den gebundnen Geist, der alles fürchtet, weil er es nicht
fasst. Erkenntnis hebt jede Gegenmacht auf. Ich will Dir sagen, wie es ist beim
Sterben, ich hab's auf der alten Warte gelernt. - Unten mit schwebender Angst
hinauf geklettert, - die innerliche Wahrheitsstimme half mir die Einbildung, die
so frech selbst mit Erscheinungen mich bedrängte, bezwingen, ein paarmal zagte
ich zwischen Erd und Himmel auf der morschen Leiter, aber die Luft hauchte schon
herab, so erhob ich mich plötzlich, und von allen Seiten atmete mich Freiheit
an, so grad ist's beim Sterben; je weniger das Leben Licht erstritten hat, Geist
geworden ist, je mehr scheut es den Geist, je mehr drängt sich am Lebensende die
Einbildung ihm auf und beschränkt den Lichtkreis des Lebendigen, der Wahrheit.
Der Mensch ist Sklave der Einbildung, die ihm sein Inneres leugnet, aber die
göttliche Wahrheit haucht schon in den dunklen baufälligen Turm zu ihm nieder,
dass er die morschgewordne Leiter, die zur Freiheit führt, mit doppelter Kühnheit
erschwingt, und unmöglich kann diese im finstern Turm mit dem Aufschwung ins
Freie fortdauern, denn sie war Einbildung. - Man könnt vielleicht das, was ich
vom Sterben sag, gering achten, weil's so einfältig ist und so fabelmässig und
vielleicht schon oft gesagt, ja es war mir selbst nichts Neues, aber doch ist's
was anders, weil ich's erlebt hab und nicht bloss mit den äusseren Sinnen erfasst,
der freie Sternenhimmel hat mich's gelehrt, und ich war so vergnügt da bei der
Sterbelektion, und ich werd noch mehr lernen da oben.
                                                                     Am Dienstag
Heut hab ich Dir was Lustiges zu erzählen, es war Studentenkomödie, und wir
waren drin, unter dem Schutz von einer grossen Begleitung; das Stück war eine
Selbsterfindung der Studenten, worin drei Duelle vorkamen von Schuss, Stich und
Hieb; wie der Schuss vorkam, war der Meline schon nicht wohl zumut, wie der Stich
vorkam, ward uns grün und blau vor den Augen, wie aber der Hieb kam, gab's ein
Lärm und Gepolter, und man sprang übers Orchester hinüber, über die Öllampen weg
hinauf aufs Teater, die Öllampen gingen zum Teil aus, und aus der bisherigen
Dämmerung entwickelte sich Finsternis, unsre Begleitung umstellte uns auf den
Bänken und hielt uns in ihrer Mitte, um uns vor jedem Unfall zu schützen, bis
wir wagen konnten, aus dieser Konfusion und dem Ölqualm herauszukommen, und auf
freier Strasse wieder Luft schöpften, die Verwirrung war daher entstanden, dass
der Pedell dem Rektor, der inmitten des Saals auf einem Ehrensessel zusah,
steckte, das Duell mit dem Hieber sei ein wirkliches, er wollte es erlauscht
haben, auch sah es sehr gefährlich aus in ihrer Studentenarmatur; der Rektor
hielt für seine Pflicht, in grader Linie auf dies Wagnis loszuschreiten, er
bahnte sich einen Weg durch die Mitte des Orchesters, wo die Bassgeige angelehnt
war, vor dem Rektor umfiel und einen schauerlichen Ton von sich gab, die
Gesellschaft schreckte auf, der Dekan und wie die hohen Universitätschargen alle
heissen, drängten sich über alle Hindernisse weg ihrem Rektor nach, wo denn den
Pauken und Bass noch mancher unwillkürliche Ton entlockt wurde. - Viel lautes
Hin- und Herreden unter den Damen, die bald das Unglück verhüten, bald es nicht
mit ansehen wollten, viel Gelächter unter den Studenten, die ihre Freude an der
Verwirrung hatten, am interessantesten war die Szene auf dem Teater; der Rektor
mit Beistand uns en face ganz feierlich; ein Student, der eine Dame vorgestellt
mit langer Schleppe und schon früher beim Stichduell die Hälfte davon verloren
hatte, wendete jetzt, wahrscheinlich aus Mutwill, dem Publikum den Rücken, man
sah grosse Kanonenstiefel, einen Hieber an der Seite, der die halbe Schleppe
trug, und einen grossen Florschleier, der den Rücken hinabwallte und mit jeder
Bewegung bald die paar Lampen zu erlöschen, bald sich zu entzünden drohte, so
dass mehrere Stimmen riefen, der Schleier brennt. - Es war bald ausgemacht, alles
sei nur blinder Lärm gewesen, indessen konnte das Stück nicht weiter spielen,
die Lampen waren aus und die Honoratioren fort, eine Masse Strassengesindel hatte
sich der Bänke bemächtigt, um zu sehen, was es gab. Am andern Tag hörten wir von
unserm Professor Weiss den Ausgang der Tragikomödie; es sei in dubio geblieben,
ob wirklich ein ernstlich Duell habe sein sollen, die Studenten haben es
geleugnet, der Pedell aber beschworen, dass er ihre Unterredung auf dem Gang mit
angehört habe, und dass der eine, der die Dame vorstellte, der eine Sekundant und
mein getreuer Hauptmann der andre sein sollen, und dass sie vor der Tür ihre
Klingen gemessen, und dass er gehört habe, auf wieviel Gänge und wie sie ihre
Halsbinden, ihre Stürmer und ihre Faustbinden besichtigt hätten. Die Studenten
blieben dabei, sie hätten nur ihre Rollen repetiert und das habe alles sollen
auf dem Teater vorgestellt werden; es war nichts zu machen, man musste sie
laufen lassen, sie gaben dem Rektor ihr Ehrenwort, keine Händel anzufangen,
hielten noch einen Kommers und jubelten bis spät in die Nacht. - Der Gang des
Stücks hatte noch kein Licht auf seinen Inhalt geworfen, die eigentliche Pointe
des Ereignisses war, dass sie die mangelnde Katastrophe desselben ersetzen
wollten, und daher in Gegenwart des Pedells, den sie nicht zu bemerken schienen
und der sich hinter einen Schrank versteckt hatte, die ganze Geschichte ihm
weismachten; sie hatten ihm schon früher Argwohn beigebracht und liessen so die
ganze Versammlung mitspielen, die sich dabei auch höchlich amüsiert hatte, und
gewiss hat sich jung und alt noch eine Weile von allem Komischen zu erzählen, was
dabei vorfiel. Der Professor Weiss war entzückt über seine lieben Studenten, er
sagte, man muss selbst Student gewesen sein, um ihnen nachzufühlen, welch Gaudium
es ist, wenn so was gelingt, er blieb bei uns sitzen, wir erlaubten ihm sein
Pfeifchen zu rauchen, und er erzählte uns aus seinen Studentenjahren nichts wie
dummes Zeug, was uns die Zeit sehr anmutig vertrieb. - Heut morgen, als die
Studenten ins Kolleg kamen, konnten wir deutlich bemerken, dass sie noch ganz
entzückt davon waren, das Lachen war heut ihr einzig Exerzitium, und wir beiden
wie zwei unsichtbare Schutzgöttinnen hinter den gefrornen Fenstern freuten uns
der heiteren Laune unserer Lieblinge.
                                                                         Bettine
 
                                 An die Bettine
Wenn Du recht behalten willst, so hast Du gewiss recht, ich will auch nicht noch
einmal wiederholen, dass ich scherzte, denn dies ist ja grade doppelte Sünde,
weil der ganze Scherz sich nicht zwischen uns beiden eignet, Du kannst es von
mir am wenigsten ertragen, dass ich falsch in die Saiten greife, - es war ein
Erdenscherz und kein luftiger leichter, und es war noch dazu ein Notanker, ich
war verwirrt geworden durch das Reisen hin und her vom Rhein zum Neckar und dann
zum alten Haushalt; da ist mir so manches verronnen, was mir lieb und leid ist,
der Winter hat mich auch doppelt hier betroffen.
    Clemens hat mir geschrieben. Wie ein böser Traum sind mir manche bitteren
und trüben Erinnerungen von ihm vorübergegangen, sein Brief hat mich betrübt,
weil er mir die verworrnen Schmerzen seines Gemüts deutlich und doch wieder
dunkel darstellt, auch wenn ich ihn nie gesehen hätte, würde mich dieser kalte
Lebensüberdruss tief und schmerzlich bewegen. - Er stellt sich so an den Rand der
Jugend, als habe sie ihn ausgestossen, wie mich das schmerzt, wollt er es doch
anders sein lassen, lieber die vergangne Zeit zurückrufen und fortleben ewig
frisch, jung und träumerisch, wie er es gewiss könnte; es wird und muss wieder so
mit ihm werden, und Du musst ihm jetzt recht anhänglich schreiben, Dein freieres
Bewegen, wo Du sonst so von ihm abzuhängen schienst, wird ihm wohl auch
ungewohnt und empfindlich sein; Du kannst es nicht ändern, aber ersetze es ihm,
Du schriebst ja immer nur kurze Briefe an ihn, aber schreib doch öfter. - Sein
Beifall an meinen Gedichten erfreut mich, und mehr wird es keiner. Er schreibt,
Savigny habe die Nachricht aus Paris, dass eine Übersetzung dort vom Tian gemacht
sei, ihm mitgeteilt, frag ihn doch und schreib mir etwas Näheres darüber.
    Dem Molitor hab ich Deine Ansichten über die Erziehungen lesen lassen, es
freute ihn und verspricht Dich nicht mehr zu stören, das ist mir lieb, denn wenn
auch Deine Argumente, womit Du das Philistertum bestürmst, keinen Bodensatz
haben und unleugbar aus der Luft gegriffen sind, so ist mir doch lieber zu
lesen, wie Du unmittelbar mit den Elementen verkehrst, als wenn Du Deinen Sinn
im Widerspruch auf irgendein gegebenes Bestehendes anwendest. Deine Wahrheiten
streifen wohl den inneren Sinn der Menschen; sie möchten Dir recht geben, aber
was ist's damit? - Bis einmal das Morgenlicht der Poesie in jeder Brust den
Geist weckt, da wird wohl manches verstanden und doch muss es wieder versinken;
drum ist es mir lieber, Du selbst erschaffst Dich, bist Dir Lehrer und Schüler
zugleich, weil es da was fruchtet und Deine Lehren einen so gründlichen tiefen
Eingang in Dich haben. - Hast Du Dich doch gegen die Philosophie gesperrt, und
Deine Natur spricht sie doch so ganz persönlich aus, als Geist und Seele und
Leib. Ich will damit Dich nicht auf Dich selbst zurückführen, es ist eine
Bemerkung, die ich im Spiegel mache, und Du kannst ja gleich davonfliegen und
den Spiegel leer lassen, auch gibt meine Bemerkung Dir recht; denn wenn Deine
organische Natur ganz Philosophie ist, so wird sie sich nicht in der Anschauung
erst erwerben sollen. - Sie wird einen Jugendleib haben, der mit einem anderen
Frühling zusammentrifft, und ein anderes Verständnis haben mit dem Geistigen der
Welt. - Um so mehr deucht es mir Missgriff, wenn Du mit dem Wirklichen Dich
begegnest und ihm Deinen Geist anmessen magst. Ich suche in der Poesie wie in
einem Spiegel mich zu sammeln, mich selber zu schauen und durch mich
durchzugehen in eine höhere Welt, und dazu sind meine Poesien die Versuche. Mir
scheinen die grossen Erscheinungen der Menschheit alle denselben Zweck zu haben,
mit diesen möcht ich mich berühren, in Gemeinschaft mit ihnen treten und in
ihrer Mitte unter ihrem Einfluss dieselbe Bahn wandeln, stets vorwärts schreiten
mit dem Gefühl der Selbsterhebung, mit dem Zweck der Vereinfachung und des
tieferen Erkennens und Eingehens auf die Übung dieser Kunst, so dass wie
äusserlich vielleicht die hohen Kunstwerke der Griechen als vollkommne göttliche
Eingebung galten und auf die Menge als solche zurückstrahlten und von den
Meistern auch in diesem Sinn mit dieser Konzentration aller geistigen Kräfte
gebildet wurden, so sammelt sich meine Tätigkeit in meiner Seele; sie fühlt
ihren Ursprung, ihr Ideal, sie will sich selbst nicht verlassen, sie will sich
da hinüberbilden. Du aber bist das Kind, geboren im Land, wo Milch und Honig
fleusst, die Sorge ist da überflüssig, die Trauben hängen Dir in den Mund, alles
ist Gedeihen und Klima Deiner Wiege, alles trägt Dich und nährt und schützt
Dich, solang Du das Klima nicht wechselst, und ob das, was Du dadurch erbeutest,
der Welt geniessbar sei, darauf kömmt es hier fürs erste gar nicht an, wenn Du
nur durch eigne Sünde nicht im Werden gestört wirst, denn das ist die einzige
Sünde. - Schweig über Dich und gelte ihnen, für was sie wollen, versprich mir
das heilig, denn sonst würden sie Dich aus Deinem ursprünglichen Land
verpflanzen, sie würden Dich aus Deiner Kindheit herausheben und etwas aus Dir
machen wollen. - Und wie klagevoll wär's, wenn Du selbst Deinem inneren Leben,
Deiner eignen Religion, die so sanft, so glücklich Dir dient, Dich aus eigner
Schuld entfremdetest, o nein, ich will's nicht hoffen, bleib immerdar mit Deinen
Geistern im Bund, die Dir Speise bringen, und verwerfe sie nicht um fremde Kost.
Ich hab mir schon oft Vorwürfe machen lassen um Dich, wie hätte ich mich wehren
können? Es wär Verrat an Dir gewesen, nein, ich liess Dich unberührt von ihren
Augen. Was bist Du auch? - Nichts als nur wie die Natur sich tausendfältig
ausspricht - wie jene Schmetterlingshülle, die Du diesen Sommer aus dem
Schlangenbad mitbrachtest, die äusserlich so fest war, dass nichts Fremdes sie
verletzen konnte, und beim geringsten Berühren des Schmetterlings sich auftat,
ihn zu entlassen, und dann sich wieder schloss. Wenn die Natur sich so eigen dazu
verwendet, jede Störung ihrer Bildungen zu verhüten, sogar die leere Kammer,
woraus sie ihr geflügeltes Geschöpf entlässt, sorgsam wieder schliesst, wie sehr
muss da der Instinkt in dies lebende Wesen eingeprägt sein, dass es sich keiner
fremden Gewalt hingebe. - Du verstehst die Natur ja mannigfach, so wirst Du mich
auch hier begreifen, nicht besser, nicht mehr kommst Du mir vor als alles, was
in der Natur lebt, denn alles Leben hat gleiche Ansprüche ans Göttliche; aber
sorge nur, dass Du Dein eignes Naturleben nicht verletzest, und dass es sich ohne
Störung entwickle.
    Dein klein Gedicht, was Du bei Gelegenheit der Langenweile gemacht, beweist
mir, dass wir beide recht haben, für jeden andern wollt ich es als Gedicht
rechnen, aber für Dich nicht, denn Du sprichst darin eine äussere Situation aus,
nicht die innere, und ein Gedicht ist doch wohl nur dann lebendig wirkend, wenn
es das Innerste in lebendiger Gestalt hervortreten macht, je reiner, je
entschiedner dies innere Leben sich ausspricht, je tiefer ist der Eindruck, die
Gewalt des Gedichts. Auf die Gewalt kommt alles an, sie wirft alle Kritik zu
Boden und tut das ihre. Was liegt dann dran, ob es so gebaut sei, wie es die
angenommne Kunstverfassung nicht verletze? - Gewalt schafft höhere Gesetze, die
keiner vielleicht früher ahnte oder auszusprechen vermochte; höhere Gesetze
stossen allemal die alten um, und - wir sind doch noch nicht am End! - Wenn doch
der Spielplatz, wo sich die Kräfte jetzt nach hergebrachten Grundsätzen üben,
freigegeben wäre, um der Natur leichter zu machen, ihre Gesetze zu wandlen! Ich
will nicht, dass Du auf meine Produkte in der Poesie anwendest, was ich hier
sage; ich habe mich auch zusammengenommen und gehorchen lernen; und es war gut,
denn es sammelte meinen Stoff in meinem Geist, der mir vielleicht als Inhalt
nicht genügt haben würde, wenn mir die Form, die ich der Anmut zu verweben
strebte, nicht den Wert dazu geliehen hätte; ich glaube, dass nichts wesentlicher
in der Poesie sei, als dass ihr Keim aus dem Inneren entspringe; ein Funke aus
der Natur des Geistes sich erzeugend ist Begeistrung, sei es aus welchem tiefen
Grund der Gefühle es wolle, sei er auch noch so gering scheinend. Das Wichtige
an der Poesie ist, was an der Rede es auch ist, nämlich die wahrhaftige
unmittelbare Empfindung, die wirklich in der Seele vorgeht; sollte die Seele
einfach klar empfinden und man wollte ihre Empfindung steigern, so würde dadurch
ihre geistige Wirkung verloren gehen. -
    Der grösste Meister in der Poesie ist gewiss der, der die einfachsten äusseren
Formen bedarf, um das innerlich Empfangne zu gebären, ja dem die Formen sich
zugleich mit erzeugen im Gefühl innerer Übereinstimmung.
    Wie gesagt, wende nichts auf mich an von dem, was ich hier sage, Du könntest
sonst in einen Irrtum verfallen. Ob zwar ich grad durch mein Inneres dies so
habe verstehen lernen. Ich musste selbst oft die Kargheit der Bilder, in die ich
meine poetischen Stimmungen auffasste, anerkennen, ich dachte mir manchmal, dass
ja dicht nebenan üppigere Formen, schönere Gewande bereit liegen, auch dass ich
leicht einen bedeutenderen Stoff zur Hand habe, nur war er nicht als erste
Stimmung in der Seele entstanden, und so hab ich es immer zurückgewiesen und hab
mich an das gehalten, was am wenigsten abschweift von dem, was in mir wirklich
Regung war; daher kam es auch, dass ich wagte, sie drucken zu lassen, sie hatten
jenen Wert für mich, jenen heiligen der geprägten Wahrheit, alle kleinen
Fragmente sind mir in diesem Sinn Gedicht. Du wirst wohl auch dies einfache
Phänomen in Dir erfahren haben, dass tragische Momente Dir durch die Seele gehen,
die sich ein Bild in der Geschichte auffangen, und dass sich in diesem Bild die
Umstände so ketten, dass Du ein tief Schmerzendes oder hoch Erhebendes mit
erlebst; Du kämpfst gegen das Unrecht an, Du siegst, Du wirst glücklich, es
neigt sich Dir alles, Du wirst mächtig grosse Kräfte entwickeln, es gelingt Dir,
Deinen Geist über alles auszudehnen; oder auch: ein hartes Geschick steht Dir
gegenüber, Du duldest, es wird bitterer, es greift in die geweihte Stätte Deines
Busens ein, in die Treue, in die Liebe; da führt Dich der Genius bei der Hand
hinaus aus dem Land, wo Deine höhere sittliche Würde gefährdet war, und Du
schwingst Dich auf seinen Ruf, unter seinem Schutz, wohin Du dem Leid zu
entrinnen hoffst, wohin ein innerer Geist des Opfers Dich fordert. - Solche
Erscheinung erlebt der Geist durch die Phantasie als Schicksal, er erprobt sich
in ihnen und gewiss ist es, dass er dadurch oft Erfahrungen eines Helden innerlich
macht, er fühlt sich von dem Erhabenen durchdrungen, dass er sinnlich vielleicht
zu schwach sein würde, zu bestehen, aber die Phantasie ist doch die Stätte, in
der der Keim dazu gelegt und Wurzel fasst, und wer weiss, wie oder wann, als
mächtige und reine Kraft in ihm aufblüht. - Wie sollte sonst der Held in uns
zustande kommen? - Umsonst ist keine solche Werkstätte im Geist, und wie auch
eine Kraft sich nach aussen betätigt, gewiss nach innen ist ihr Beruf der
wesentlichste. - So fühl ich denn eine Art Beruhigung bei dem Unscheinbaren und
Geringfügigen meiner Gedichte, weil es die Fusstapfen sind meines Geistes, die
ich nicht verleugne, und wenn man mir auch einwerfen könnte, ich hätte warten
dürfen, bis reifere und schmackhaftere Früchte gesammelt waren, so ist es doch
mein Gewissen, was mich hierzu bewog, nämlich nichts zu leugnen, denn wenn je
eine reine selbstgefühlige Gestalt hieraus sich entwickelt, so gehört auch dies
hinzu, und was ich bis jetzt auf diese Weise in mir erlebte, ist ja, was mich
bis hierher führte, zu diesem Standpunkt meines festen Willens. -
    Ich habe Dir jetzt genug gesagt, ich hab es aus Liebe zu Dir getan, so wie
Du so manches aus Liebe zu mir gesagt und getan hast, und Du hast ausserdem noch
einen nahen Anteil an allem, wie denn dies nicht anders möglich ist. - Ich bitte
Dich aber dringend, lasse es in Deine Stimmung nicht einwirken, sondern sorg,
dass Du mir hübsch ganz Du selbst bleibst, Dein Manuskript ist an den Primas
besorgt worden.
                                                                        Caroline
Was hast Du denn für einen Brief an Voigt geschrieben von einem polnischen
Juden?
 
                                An die Günderode
Das Wetter hat sich geändert, der grüne Bergrasen lacht das bisschen Schnee aus,
was Winter sein will, ich bin den ganzen Tag nicht zu Haus. Die Sonn und der
Mond gehn abends zusammen am Himmel spazieren, ich war gestern früher oben, um
zu sehen, wo sie bleiben, ich guckte in die Luft, die so weich weht, und in die
veränderte Landschaft, weil über Nacht der Schnee weggeschmolzen war, und konnt
mich auf nichts mehr besinnen in der schmeicheligen Natur, so geht's gewiss den
schneeentlasteten Tannen auch und den Wiesen; und die gelben Weiden und die
Birken taumeln in dem lauen Wehen wähnend und schwankend, als könnt der Frühling
wohl einmal den Winter überhüpfen; sie sind im Winterschlaf vom Frühlingstraum
geneckt, ich auch, - ob nicht alle Seligkeit hier Traum von später ist? Sie ist
so kurz, so zufällig. - Frühling ist Seligkeit, weil's Begeistrung ist von der
Zukunft, Seligkeit ist Begeistrung zum Leben, das ist Frühling. Wer ewig zum
Leben begeistert ist, der ist immerdar Lebensfrühling, das Leben ist aber bloss
Begeistrung, denn sonst ist's Tod; und so ist das Leben heut und immer
knospenschwankend im Wind, der die Zeit ist, knospenschwellend in den Sinnen,
was die Natur ist, und knospenduftend im Geist, der die Sonne ist. Das ganze
Leben ist bloss Zukunftsbegeistrung, nicht ein Moment kann aus dem andern
hervorgehn, wär's nicht Begeistrung der Natur fürs Leben. Die Zeit würde
aufhören, wär die Natur nicht mehr frühlingbegeistert, denn bloss dass sie ewig
nach der Zukunft strebt, macht, dass sie lebt; und dass sie ewig den Frühling
erneuert, das ist ihre Seele, ihr Wort, das Fleisch geworden ist. Sie öffnet die
Lippen und schöpft Atem der Zukunft, das ist der Frühling, der blüht schnell
alles heraus, das ist Ausatmen der Begeistrung, Frucht der Blüte, Bestätigung
des begeisterten Lebensatems, Sommer, wo der Busen der Natur atemerfüllt die
Lebenskraft in der Frucht, im Apfel, in der Traube wieder aushaucht in den
Herbst hinüber, in dem er reift, absetzt; das ist im Busen der Natur
Winterpause, da regt sie sich einen Moment nicht, wie die Brust sich auch nicht
regt zwischen Sinken und Steigen vom Atem; - und dann hebt sich der Busen ihr
allmählich wieder, mächtig und mächtiger - trinkt Lebensbegeistrung heiligen
Atems voll. So ist das Leben frühlingbegeistert Atemschöpfen, und Sommer und
Herbst sind der Begeistrung Aushauch, und der Winter ist nur Frühlingspause; in
ihr sind alle Sinne schon wieder auf das Atemschöpfen hingewendet.
    Alt ist keiner als nur, wer die Zeit achtet als bestehend. - Die Zeit ist
nicht bestehend - Schwinden ist Zeit. An Schwindendes kann sich Begeistrung
nicht hängen, an nichts kann sie hängen, sie muss frei sein, bloss in sich; denn
sonst wär sie kein Leben. Also die Natur atmet Begeistrung, das ist Frühling;
Sommer und Herbst entströmen dem Atem der Natur, das ist, wo sie alles hingibt,
um aufs neue den Frühling einzuatmen. - Da ist's deutlich, dass der Geist auch
nur Frühlingsatem schöpft, und dass Jugend nicht in Zeit sich einschränkt, die
vergeht, da Lebenslust nicht vergehn kann, weil, wie Natur Frühling aufatmet,
wir Lebensbegeistrung aufatmen. -
    Es ist dumm, was ich hier sag, ist nicht uneingehüllter Geist, der den Wahn
vernichtet, aber unter der armseligen Hülle des zwanzigmal wiederholten
Vergleichs liegt einer zerschmetternden Antwort Keim auf das, was Du mir schon
mehr als einmal gesagt hast: »Recht viel wissen, recht viel lernen, und nur die
Jugend nicht überleben. - Recht früh sterben!« Ach Günderode! Atme aus, um
wieder aufzuatmen, Begeistrung zu trinken - denn: ist Natur nicht bloss dieser
Begeistrung Leben? - Und wär Jugend etwas, wenn's nicht ewig wär? - Wie ich auf
der Warte sass gestern und sah, wie die Natur dem Frühling schon voraus träumte -
da fiel mir's ein, dass Jugend ja ein ewiger Lebensanspruch ist, wer den aufgibt
allein, atmet nicht mehr auf, er lässt den Atem sinken. - Ich weiss nicht, was Du
Jugend nennst? - Ist's nicht jugendlich, den Leib dem Geist aufopfern? - Strebt
sie nicht mit allen Kräften, Geist zu werden? - Was ist denn also die Zeit? -
Nichts als Jungwerden. - Leben muss man immer wollen, denn wenn der Tod kommt,
das ist grade, wo die Jugend sich mündig fühlt zur Unsterblichkeit; wessen
Jugend aber früher abstirbt, wie kann der unsterblich werden? - Wer dächte: ich
will nicht über die Jahre hinaus, wo ich mit zwanzig zähle, denn mit dreissig ist
der Jugend der Stab gebrochen, der müsste einer sein, der Zeit hätt, so was zu
denken, und stünd ebensogut müssig am Ufer als Ladung für den Charonsnachen, mir
deucht aber, Dein Geist, der wie die Natur blütenaufatmend ist, kann nicht vor
späterer Zeit zurückweichen wollen. Nein! - Geistessehnsucht bildet
Frühlingskeime, und Lebenwollen ist Liebe zu diesen Keimen, des Geistes
Lebensbegierde ist dasselbe Treiben, was in der Natur ist, wo Keim auf Keim
aufspriesst; und eine Lebensmelancholie kann nur sein, wo der Geist stockt, wo er
den Trieb verliert, der Natur gleich, mit heissem Blut seine Triebe zu nähren;
das wär die Jugend aufgeben; - das ganze Leben ist nur einmal Frühlingsaufatmen,
und ob wir zwanzig oder dreissig oder hundert Jahr zählen, so lang muss der
Atemzug aushalten, aufstrebend ins Leben, mit allen Kräften, in vollster
reichster Blüte den Duft ausbreitend in die Weite auf schwingenbeladenen Winden.
- Wie kannst Du da nur um Jugend Dich grämen? - Und wer anders lebt, der ist
kein Lebender im Geist. - Und an was denkst Du in Dir selber? - Zu was
empfindest Du Dich hin, als bloss zum Ziel! - Zur Umarmung mit einem Ideal, was
innerlich Dir vorschwebt, - Du sehnst Dich ihm entgegen innerlich, alles was Du
tust, ist Aufstreben; Kindschaft, Jünglingschaft das ganze Leben; wie kann da
von der Jugend Ende auf Erden die Rede sein. - Jugend bricht in voller Blüte
hervor, erst wenn's Leben am Ende ist. Hast Du nicht gesehen an manchen
Pflanzen, dass die erste Hülle, die ihre Blüte verschliesst, welken muss, eh jene
aufbrechen kann? - Und sollte man, um der jungen Kraft der Hülle wegen, die nur
Schutzmantel ist der verschlossenen Blüte, den innern Keim ausbrechen wollen,
damit die Narren nicht sagen, die Jugend sei verwelkt? - Das ganze irdische
Leben ist nur einhüllende Mutterwärme, Hülle der Geistesblüte, wir wollen sie
ihr nicht rauben, wir wollen sie verborgen in dieser Hülle lassen, bis die zu
Staub auf ihr verfällt, - und die geheimen Lebenstriebe, mit denen Du mich
durchdringst, von denen ich ohne Dich nichts empfunden haben würde, die lass sich
verdoppeln tausendfaltig, - Du liebst! - Anders kann ich Dich nicht ausdrücken,
- das ist ja nur Jugendblüte! - Da der Charakter Deines Geistes also Jugend ist,
was hast Du für Not ums Altwerden? - Und was tu ich denn? - Ich leb mit von der
Wärme, die Deines Geistes Lebenskeim schützt und nährt, und alles, was in mir
treibt, würde vielleicht ohne Regung geblieben sein, wär es nicht in Dir vom
Lebensfeuer ergriffen, ja ich bin ein Zweig, der am vollblühenden Stamm Deiner
unsterblichen Jugend durch dies Erdenleben mitgenährt ist. -
    Erdenleben ist Mutterhülle der geistigen Jugend, mag sie uns schützen wie
die Zwiebel den Keim des Narzissus schützt, bis sie im Spiegel ihr eignes Ideal
erkennt.
                                                                  Am Mittwoch! -
Ich war gestern lustig, aber ein Brief der Claudine über Dich, den ich fand, als
ich vom Turm kam, hat mich bewegt, Dir so ernst zu schreiben: wenn's dunkel ist,
kann man sich allerlei weismachen, eben weil Gelegenheit ist, so mannigfaltig
mit Schatten zu spielen; glaubt man auch nicht an den verzognen Schatten, so
duldet man doch nicht gern das groteske und doch so ähnliche Bild, und man kann
am wenigsten leiden, was man doch nicht glaubt; so nimm meinen Brief; ich hab
nie Deine Reden über Leben und Sterben leiden mögen, obschon ich weiss, dass es
nur Schatten waren, die an der Wand Deines Geistes spielten, gleichsam als wär
das Licht Deines Geistes schief gerückt, und sei mir gut und lass mich's nicht
entgelten, wenn ich nicht damit in Deine Träume eingreife, die vielleicht golden
sind im verjüngten Morgenglanz, während ich trübe Regenwolken wollte
verscheuchen, mit denen weit in den Abend hinein mir Dein Himmel überzogen
schien, als mir die Claudine von Deinem Trübsinn schrieb. Es ist ja natürlich,
dass wer Dich von aussen nur sieht, über Dein Inneres keinen treffenden Bericht
kann erstatten, von dem ich jetzt ahne, dass es heiter tront über Wolken, die
ihren Schatten zwar nach der Erde werfen, auf denen Du aber, himmlisch getragen,
im Licht schwelgst. -
    Hier leg ich Dir das Blatt bei, das ich, eh der Claudine Brief kam,
geschrieben hatte, am Montag, wo's auf dem Turm so frühlingsmässig war, dass ich
an keinen Winter mehr glaubte.
                                                         Erstes Blatt vom Montag
Der poetische Vortrag vom Sonnabend hat mir seinen wechselnden Rhytmus wie in
eine Orgelwalze eingehämmert, der sogar meine Reden einschnürt; so leicht kann
eine fremde Kraft meinen Geist überwältigen. Dem Weiss hab ich gestern meinen
Gutenachtgruss, wie er behauptet, in Hexametern vorgestammelt, wundre Dich nicht,
dass ich diesem Plaggeist, weil ich so abendmüde bin, die Zügel schiessen lasse
und Dir die Naturseltenheit eines frühlingsträumenden Winterabends in
aufdringlichen Rhytmen vortanze.
Eilt die Sonne nieder zu dem Abend,
Löscht das kühle Blau in Purpurgluten,
Dämmrungsruhe trinken alle Gipfel.
Jauchzt die Flut hernieder silberschäumend,
Wallt gelassen nach verbrauster Jugend,
Wiegt der Sterne Bild im Wogenspiegel.
Hängt der Adler, ruhend hoch in Lüften,
Unbeweglich wie in tiefem Schlummer;
Regt kein Zweig sich, schweigen alle Winde.
Lächelnd mühelos in Götterrhytmen,
Wie den Nebel Himmelsglanz durchschreitet,
Schreitet Helios schwebend über Fluren.
Feucht vom Zaubertau der heil'gen Lippen,
Strömt sein Lied den Geist von allen Geistern,
Strömt die Kraft von allen Kräften nieder
In der Zeiten Schicksalsmelodien,
Die harmonisch ineinander spielen
Wie in Blumen hell und dunkle Farben.
Und verjüngter Weisheit frische Gipfel,
Hebt er aus dem Chaos alter Lügen
Aufwärts zu dem Geist der Ideale.
Wiegt dann sanft die Blumen an dem Ufer,
Die sein Lied von süssem Schlummer weckte,
Wieder durch ein süsses Lied in Schlummer.
Hätt ich nicht gesehen und gestaunet,
Hätt ich nicht dem Göttlichen gelauschet,
Und ich säh den heil'gen Glanz der Blumen,
Säh des frühen Morgens Lebensfülle,
Die Natur wie neugeboren atmet,
Wüsst ich doch, es ist kein Traum gewesen.
Weisst Du noch jenen Abend, im Frühjahrsanfang, wo der Arnim auf dem Trages seine
Gedichte uns vorlas? - Da hab ich mich auf dem Turm in dem laulichen
keimetreibenden Wetter wieder dran erinnert, und der Rhytmus, der, wie gesagt,
noch aus jener Vorlesung mich verfolgt, schien mir dies alles, was hier auf dem
Papier so ganz dürr aussieht, in grosser Fülle auszusprechen; ich wollt es Dir
auch nicht schreiben, aber wo soll ich hin mit? - Meine Briefe an Dich sind wie
das Bett der Quelle, alles muss durchströmen, was in mir ist.
    Meine Bemühungen, Lieder fürs Wunderhorn aufzufinden, haben mich mit
wunderlichen Leuten zusammengeführt, die wie angenehme Schäferspiele mich
ergötzen. - Ich brauch Überredungskünste, um ein Bauermädchen dahinzubringen,
ihre Lieder herzusingen. Da kommen sie meistens zuerst mit verkruzten
Opernarien, ich hab noch wenig Körnlein aus dieser Spreu gesammelt, die sie aus
Mangel an Unschuld, im Überfluss an Unwissenheit ersticken und vermodern lassen,
und die man endlich doch nur stückweise ans Tagslicht bringen kann; - ich tu's
dem Clemens und Arnim zu Gefallen.
    Letzt war mir ein allerliebst Mädchen vom Pfarrer Bang geschickt worden,
weil es sehr viel schöne Lieder kann; die ganze Familie gehört zu dem
Singgeschlecht, das sich ernährt mit Kräutersuchen für die Apoteken in der
Umgegend und im Frühjahr mit Erdbeeren- und Heidelbeerensuchen. Das Kind war
zwei Tage bei mir, es schlief im Vorzimmer; so ein allerliebst Kind kannst Du
Dir gar nicht denken, auch von Schönheit; ich nahm's mit hinaus, da hat's mich
neue Wege geführt, wo ich noch gar nicht gewesen war, ich sagte, wir wollen
einmal gradaus gehen, es mag in Weg kommen, was will, so ging's bergauf, bergab,
bis wir hinter die Brunnenleitung in den Wald am See kamen, und ich war
mutwillig übermässig, bis ich mich endlich, überrascht, weil ich rückwärts ging,
in einem Sumpf befand. -
    Was mich am meisten ergötzt, ist die Kenntnis aller Kräuter und Wurzeln, die
das Kind hat, ohne doch je gelernt zu haben, es ist eine traditionelle Botanik,
die aber so vollständig ist und mit so viel historischen Belegen versehen, und
zu so manchen Vergleichen führt, dass wohl auf diese Weise ein gross Teil
Gottesphilosophie auch in den unstudierten Bauern übergeht. Ich grub viel
Wurzeln aus, die wusste das Kind alle zu nennen, und jedes verdorrte Hülschen,
das noch einen Samen bewahrte, kannte es, das gute Kind. - Da war ein kleiner
Storchschnabel im Winter ausgefroren, es holte ihn aus einer Felsritze hervor,
wo die Pflanze ganz unverletzt geblüht hatte und so verdorrt war; dies
Blumengerippe war so schön, wie die Blume gar nicht ist. In ihrer Einfachheit
kann die Pflanze nicht grösseren Anspruch machen als andre Feld- und Waldblumen,
aber ihr feines Gerippe ist wie ein gotisch Kunstwerk. Der kleine Spiess, der aus
der Blumenkrone hervorwächst, teilt sich von unten in fünf Fingerchen, die sich
aufwärts schwingen und mit jedem in einem kleinen verschlossnen Becher ein
Samenkörnchen der Sonne entgegenhalten, das so fein und wunderschön geformt und
geschliffen ist wie ein Edelstein, wenn nun die Sonne drauf scheint, so tun
diese Samenkörnchen nach allen Seiten einen mutigen Sprung, so sind sie alle
fünf um die Mutterstaude versetzt, ein bisschen Erde, ein bisschen vermodert Moos
gibt ihnen Nahrung, dass sie im nächsten Jahr im Familienkreis aufblühen. - Nein!
Ich hab die Natur lieb, mag ich auch nur, wie ein trockner Storchschnabel, das
geringste aller Pflänzchen - später unter den Füssen des Wanderers zertreten
werden, so will ich ihr doch mich hinhalten, solang sie ihren kunstfühligen
Geist über mich strömen lässt; wollte sie doch meiner einfachen unscheinbaren
Blüte nach einen schönen Zepter aus mir bilden, der seine Kleinodien um sich
streut, neues Leben zu verbreiten, und dann in die leeren Schalen Himmelstau
sammelt; so denk ich mir, wird des Grossmütigen Zepter die Welt berühren.
    In allen Wandlungen der Natur deucht mich Salomonis Weisheit mit
Geistesbuchstaben eingezeichnet, die klein oder gross - die Seele mit Schauer
erfüllen, weil sie alle rufen: »Hebe wie der Vogel die Schwingen über den
Erdenstaub hinaus und fliege aufwärts, so hoch du vermagst. Der Vogel fliegt mit
seinem Leib, du aber kannst mit dem Geist fliegen, dein Leib hat keine Flügel,
weil du lernen sollst, mit dem Geist dich aufschwingen.« - Du weisst, wie oft wir
uns besannen, warum die Sehnsucht zu fliegen durch jeden Vogel rege werde.
Hätten wir Flügel wie die Vögel, so würde diese Sehnsucht nicht wach sein, die
jetzt uns bewegt, immer dran zu denken, und so unsern Geist befiedert, mit dem
wir einst fliegen werden; denn alles Denken ist doch das im Geist, was das
Wachsen und Treiben in der Natur ist. - Nun weisst Du auch, warum in meiner
botanischen Taufe der Storchschnabel die Zepterblume heisst. - Mein botanisch
Heft hat sich schon vergrössert bis zur siebzehnten Pflanze, die ich genau
beobachtet und so bezeichnet hab, wie mein Beschauen es mir lehrte, bald ist's
das Blatt, bald die Krone oder Wurzel, bald die Form der Staude, die mir
irgendein Rätsel löst oder eine Zauberformel aufgibt; dem alten Weiss bring ich
meine Exemplare, er muss sie mir einlegen und sauber ordnen; im Anfang meinte er,
ich spasse, als ich ihm meine neue Botanik vortrug, als ich aber ganz ernstaft
dabei blieb, dass wie andre eine Botanik geschrieben, so könne ich auch eine
schreiben, so sah ich ihm heimlich an, dass er mir meine Kinderunschuld nicht
verderben wollt und sich hineinfügte, ich las ihm meine Entdeckungen vor,
besonders erfreute ihn die Geschichte der Kuhblume, die ihren Samen wie eine
Sternenkugel ausdehnt, und von der ich ihm zu verstehen gab, dass die Sterne wohl
auch mit einer so feinen Röhre auf dem Samenschaft der Gotteit haften, wenn die
ausgeblüht hat und einer zuweilen dahin fliegt, um in einem neuen Boden zu
blühen, und dass alle Himmelskörper reifende Samen sein könnten. - Der Weiss sagt:
tolle Vergleiche, aber sie machen mir Freude und rücken mir die alte Pelzmütze
vom Ohr und wehen mir frische Luft zu; so bring ich denn manches zum Vorschein,
woran ich nicht gedacht hätt, bloss um den alten Nachbar in Verwundrung zu
setzen; es ist doch schön von ihm, dass er sich zu solchen Dingen, die er
Narrenspossen nennt, so gerne hergibt. - Manchmal ruft er aus: das geht über
alle Unmöglichkeit hinaus. -
    Mit dem Erdbeermädchen bin ich noch einen Nachmittag im Freien am Waldrand
gewesen, wo wir Feuer machten, und wo die Sonne glühendrot unterging und wir
durch die einsamen Felder auf dem Heimweg sangen, da hab ich ein paar schöne
Lieder entdeckt, es hatt ihrer gewiss noch manche im Kopf stecken, Melodien, die
wie durch einen Magnet mit dem Inhalt zusammenhängen, die tragen eines durchs
andre die Stimmung auf einem über. -
    Heute erhalte ich einen Brief von Dir, die Claudine schrieb mir, dass sie
Dich schreibend getroffen, schon am zweiten Blatt, ich weiss, dass, wenn ich
meinen Brief jetzt fortschicke, dass mir der Bote einen zurückbringt, ich freu
mich, unterdessen will ich auf den Turm laufen und meine freudige Ungeduld mit
den Geistern verjackern. -
                                                                         Bettine
 
                                An die Günderode
Ich habe grosse Liebe zu den Gestirnen, ich glaub, dass alle Gedanken, die meine
Seel belehren, mir von ihnen kommen. Auf die Warte zu gehen möchte ich keine
Nacht versäumen, ich dächte, ich hätt ein Gelübde gebrochen, was sie mir
auferlegten, und sie hätten dann umsonst auf mich gewartet. Was mir Menschen je
lehren wollten, das glaubte ich nicht, was mir aber dort oben in nächtlicher
Einsamkeit in die Gedanken kommt, das muss ich wohl glauben. Denn: der Stimme vom
Himmel herab mit mir zu reden - soll ich der nicht glauben? - Fühl ich denn
nicht ihren Atem von allen Seiten, der mich anströmt? - Das ist, weil ich hier
einsam in der Nacht ihnen so ganz vertraue. Ich gehe den Weg, der mich ängstigt,
um zu ihnen zu gelangen, ich komme zum dunklen Turm, da zittert mir das Herz,
ich steig hinauf mit solcher Beklemmung - und auf der obersten Sprosse, wo ich
mit der Hand mich aufstützen muss, um mich hinaufzuschwingen, da ist mir schon so
leicht, - da leuchten mir alle Sterne entgegen, - und wen ich liebe, befehle ich
ihrem Schutz, und Dich zuerst. - Wenn ich um Dich betrogen würde, dann wär's aus
mit ihnen. - In den Schnee, der oben auf der Warte liegt, schreib ich Deinen
Namen, dass sie Dich schützen sollen, das tun sie auch gewiss. - Dann setz ich
mich auf die Brustwehr und verkehr mit ihnen lustig, nicht traurig. Du denkst
wohl, ich wär da feierlich gestimmt? Nein, sie necken mich. »Hast du das Herz,
da auf der schmalen Mauer im Kreis herumzulaufen, vertraust uns, dass wir dich
nicht herunterfallen lassen?« - so fragen sie; und denn ist's, als könnt ich sie
mit der Hand greifen, so nah sind sie mir. Denn wenn ich auf ihren Wink das
Leben in ihre Hut geb, das muss mich mit ihnen vertraut machen. Ich weiss wohl,
was Menschen denken würden von mir, wenn die so was wüssten, ich sag Dir aber, es
ist eine Saat, die sie mir ins Herz säen, das hält so still und ist so hingebend
wie das Erdreich, und es sammelt seine Kräfte, diese Saat zu nähren. Meinst Du,
ich würde je zagen vor dem Geschick, wenn ein guter Geist mich heisst vorwärts
gehen? - Gewiss nicht! Die Sterne haben's in mich gesäet, dies Vertrauen in das
Rechte, ins Grosse, was so oft unterbleibt aus Mangel an kühnem Mut. Das ist die
Blume dieser Saat, die blüht hervor: und meiner Brust prägt sich ein, dass ich
nicht mehr nach der Menschen Rat frag, oder auf ihre Meinung, ihren Willen mich
berufe und mich so meiner inneren Stimme entziehe, die mir vielleicht befiehlt,
was mich gefährdet, aber mir das Reine, Echte, Grosse, was auf kein Gerüste der
Falschheit sich stützt, sondern rein aus der Brust mit Gottes Stimme einklingt,
als heiligen Gegensatz aller menschlichen Vorsicht darstellt. Ein Inneres sagt
mir: Wie du den Sternen zusagst, - so sage der innern Stimme auch zu, der nicht
umsonst ein so dringender Laut eingeboren, die fühlbar macht das Unversöhnliche
einer fremden Handlung mit diesem heiteren Umgang der Natur. Nie könnte ich
etwas tun, wo nicht mein eigner Geist ja dazu sagte, und nie sollten mich Folgen
kränken, schienen sie auch noch so herbe, wären sie diesem Vertrauen in die
innere Stimme entsprungen. - Denn Erdenschicksal! - Was ist Erdenschicksal? -
Erhaben kann der Menschengeist nie genug handlen! - Alles kleinliche Denken und
Treiben ist weit grösseres Elend, vergeudet viel edleres Gut, als mir je könnt
aus Schicksalstücke geraubt werden. Aber gross handlen heisst nichts als die reine
Gewissensstimme mit der Harmonie der Geister, der Sterne, der Natur einklingen
lassen; klingt sie nicht ein mit ihr, so kann ich nimmermehr mich zu ihr wenden,
nicht den Mond mehr zur Rede stellen, nicht die Sterne, nicht die Nebel, nicht
die Finsternisse mehr durchwandlen und mit Geistern flüchtig durch Wies' und
Fluren schweifen wie mit bekannten und vertrauten Mächten; ich hab kein lebendig
Gefühl mehr zu ihr, zur Natur. Bescheint mich die Sonne, so ist's nicht, weil
sie ihren Geist auf mich richtet und meinem Durst den Kelch der Wahrheit von
ihren Strahlen erfüllt darbietet, und überschau ich wie heute die frisch
gefallne Schneedecke über die Weite hingebreitet, so kann sie mich nur traurig
anglänzen, die das Licht der Sterne so rein in ihren diamantnen Flächen
spiegelt; und in meinem Geist, der von Gott gebildet ist, sein Bild aufzunehmen,
ist dann dies Licht erblindet.
    Was soll's, ob Jugend oder Alter mein Leben genannt werde, wenn die Natur
ihre Sprache mir lehrt, die Geduld nicht mit ihrem Jünger verliert, wenn alles
von Tag zu Tag feuriger mich begeistert bis zum letzten Tag! Welcher von denen,
die mir Jugend absprechen, wird so elektrisch aufblühen, auf welchem Herd werden
so hohe Flammen lodern, und wo wird des Lebens Fülle in hohen Wellen dahin sich
ergiessen als in meinem Lebensstrom? - Lasse sie doch, die was wissen von Jugend,
lasse die kalte Welt, die dich berechnet, kleinlich nach Jahren sagen, Du seist
alt oder jung, - wer der Natur vertraut, der lässt von ihr sich umschmelzen,
sooft und wie sie will.
    »Willst du was,« sagen die Sterne, »komm zu uns.« - Das gelobe ich ihnen. -
Wo sollt ich mich auch sonst noch hinwenden? - Wo sollt ich suchen? - Keines
Menschen Arm ist so zärtlich umfassend als der Sterne Geist, er umfasst mich und
Dich, denn wenn ich mich sammle innerlich, so hab ich Dich im Sinn. Was ich mit
ihnen spreche, das hör ich nicht, ich les es auch nicht, es ist ihr Geflimmer,
das wirkt mir's ein, und mit meinem Zutrauen versteh ich's; - und wer könnt mir
meinen Glauben nehmen? - Und wenn einer balsamtrunken ist und fühlt's in den
Adern, wie könnt der zweifeln? - Es ist auch nicht, dass sie mir treffende
Wahrheiten mitteilen, oder dass ich was vernehm im Geist, was mir wie Weisheit
dünkt. - Sie nicken nur meinen geheimen Wünschen Gewährung, - Du weisst wohl, was
das ist. - Innerlich siegend wegfliegen über alles; äusserlich nicht erkannt,
nicht verstanden; ja lieber verachtet als nur ahnen lassen, wie es ist. Diese
göttliche Dreieinigkeit zwischen mir und Dir und den Sternen. - Wenn ich für
Dich mit ihnen was vorhab - ich streck die Hände aus zu ihnen, sie wissen's. -
    Dein Brief hat heute einen Geisterring um mich gezogen, Du hast mich in
einen tieferen Kreis eingelassen, das macht mich wehmütig und doch macht es mich
eifersüchtig auch, ich empfind, dass Du mich hinter Dir lässt, wenn Du mit Deinen
grossen weiten Flügeln Dich aufschwingen wolltest. -
    Du hast recht in allem, was Du sagst. Das heisst, ich versteh Dich, - aber es
drängt sich mir ein Gefühl auf, ein schmerzliches, das überwiegt alles Grosse,
was Du mir über Dich sagst, allen heiligen Rat, den Du mir über mich gibst. -
Der Freund, der weit über Land reisen wollt, würde so sprechen zum Abschied! Es
ist nicht wie Deine früheren Briefe, die mitten drin sind im Spiel meiner
Gedanken, Du stehst auf der Höhe, übersiehst alles, befiehlst mir alles an, als
wolltest Du von mir scheiden. Du sagst zwar, was ich von Dir schreibe, habe Dich
gerührt, darum seist Du mir näher gerückt, und es ist auch eine tiefe Harmonie
in dem, was Du von Dir sagst, mit meinem Gefühl von Dir, aber mich macht's
traurig, dass Du willst, ich soll dem Clemens mehr schreiben, ich soll Dir
heilige Versprechungen geben meiner Natur treu zu bleiben, und am meisten tut
mir's weh, dass Du so deutlich die Verschiedenheit unserer Geisteswege
bezeichnest und Dir den angestrengten dornenvollen aneignest, von mir aber
sagst, ich dürfe mich nicht bemühen, ich sei in dem Land von Milch und Honig.
Soll ich nicht mit Dir sein, soll meine Milch und Honig, meine Früchte nicht Dir
darbringen, für wen fliesst dann diese Milch und Honig? - Ach, wenn nur diese
Dreieinigkeit fortbesteht zwischen Dir und mir und dem Geist, der dem einen und
dem andern mitteilt für beide, so bin ich befriedigt für immer, und mag mir
geschehen was da will, nur das Schicksal soll sich mir nicht aufdrängen, was
diese Dreiheit scheidet. - Mit Deinem Brief ging ich auf die Warte. - Zu wem
soll ich gehen, mit wem soll ich sprechen von Dir? - Mit welcher Sehnsucht ging
ich hinauf, und die Sterne! - Wie verwirrte mich da oben ihr Drängen um mich
her, immer höher und höher hinauf unzählige, und alle winkten, soweit mein Auge
reicht, und so ist's mit jedem Tag mehr, dass ich mich an sie wenden muss, und was
Traum war, muss mit der Wirklichkeit vermählt werden, wenn ich mir durchhelfen
soll. So ist's, wenn der Keim durchbricht, da genügt nicht mehr Wasser und Luft
und Erde, da ist kein Wahrscheinliches mehr, kein Unwahrscheinliches, da ist
kein Rat, kein Beweistum mehr gültig. -
    Glaube ist Aberglaube, - aber Geist ist Glaube. - Da könnte einer fragen,
was mein Vertrauen in die Sterne ist, wenn nicht Glaube, und also Aberglaube?
Zwischen den Sternen und mir ist nur der Geist, ich fühl's, alle sind Spiegel
des Geistes, der aus meiner Brust steigt, sie fangen ihn auf und strahlen ihn
zurück; was Du denkst, das einzig ist die Wahrheit, sagen sie, klemme nicht
Deine Flügel ein, fliege so hoch und so weit Dich deine Flügel tragen, ihre
Kraft zu proben ist nicht Sünde; wie der Kolumbus dahinfuhr auf uferlosem Meer,
so fürchte Du nicht die Ufer aus dem Aug zu verlieren, an denen Menschenwitz
gelandet und furchtsam sich dran festklammert; nicht umsonst ist Gott überall,
so darf der Menschengeist auch überall sein; denn er trifft mit Gott zusammen in
der ungangbaren Wüste; das Umherschweifen nach einer neuen Welt, die Deine
Ahnung Dir weissagt, ist nicht Sünde, denn der Geist ist geschaffen, der Welten
unzählige zu entdecken, und diese Welten sind, und sind das Leben des Geistes,
ohne diese würde er nicht leben, denn des Geistes Leben ist Welten zu entdecken,
und der Welten Leben ist im Geist aufzusteigen. Denn alle sind im Geist geboren,
die wollen zu Schiff und fort, um neue Welten zu entdecken. Aber die
Menschenfurcht ist so gross vor dem Geist, dass sie den Hafen sperrt, und duldet
nicht, dass er die Segel ausspanne, sondern alle rufen: »Steiniget ihn, steiniget
ihn, denn seht, er will den Hafen verlassen, in dem wir gelandet sind«, und so
steinigen sie ihn und töten ihn, eh sie zugeben, dass er den Hafen verlasse,
damit nie Gottes Weisheit den Menschenwitz auf freiem Meer geleite; denn sie
wollen der neuen Welten keine zugeben, aber gewiss: so unendlich der Sterne Zahl,
so unendlich auch die Welten, die der Geist noch zu entdecken hat; und wie aller
Sterne Licht zu uns aus weiter Ferne niederstrahlt, so strahlt aller Welten
Geist herab in den Menschengeist, und dies Licht ist der Keim, der aufgeht im
Geist, dass er die Welten des Geistes entdecke. - Und wie alle Wahrheit Fabel
ist, das heisst Gottesverheissung in der körperlosen Geistigkeit der Idee, und wie
alle Geschichte Symbolik ist, das heisst Gottessprache mit dem Menschengeist, um
ihn auf die Wahrheit steuern zu lehren, so ist denn auch die Geschichte des
Kolumbus ein göttlich Bereden und Berufen des Menschengeistes, seine Segel
aufzuspannen und kühn auf jene Welt loszusteuern, die er, sich selber
weissagend, sehnsüchtig erreichen möchte; - und die Fabel dieser wahrgewordnen
Ahnung ist die Verheissung, dass auch der Menschengeist glücklich landen werde,
wenn er seinem Mut vertraut, denn wie wollten wir den Mut wecken und erziehen in
uns, vertrauten wir nicht der eingebornen Kraft - dem Genius. Was Tugend ist,
hat keine Grenze, es umspannt die Himmel, wir können ihm kein Ziel setzen: so
können wir dem Geist kein Ziel setzen, er ist göttliche Kraft, und dieser
vertrauen, das ist der Geisteskeim, der ins Leben tritt. Was aber der Mut
erwirbt, das ist immer Wahrheit, was den Geist verzagen macht, das ist Lüge. -
Verzagteit im Geist ist gespensterhaft und macht Furcht. - Selbstdenken ist der
höchste Mut. - Die meisten Menschen denken nicht selbst; das heisst, sie lassen
sich nicht von der Fabel des göttlichen Geistes belehren, die alle Wirklichkeit
durchleuchtet und zur Hieroglyphik sie bildet, durch deren weisheitbewahrende
Rätsel der Mensch hinauftreibt zur Blüte und sich zeitigt in ihr, dass er
vermöge, neue Welten organisch zu durchdringen und so sich selber ewig und ewig
bis zur Gotteit zu erziehen. - Aber im engen Hafen eingeklemmt, aus Furcht vor
dem Scheitern, da wird er die Gotteit auf hohem Meer nicht erkennen. Und ist
doch alle Geschichte Symbolik, das heisst Lehre Gottes, und wenn das nicht wär,
so würde den Menschen nichts widerfahren. Wer wagt, selbst zu denken, der wird
auch selbst handeln, und wer nicht selbst denkt, nicht aufs freie uferlose Meer
steuert mit seinem Geist, der wird die Gotteit nicht selbst erreichen, nicht
selbst handeln, denn sich nach andern richten, das ist nicht handeln, handeln
ist Selbstsein, und das ist: in Gott leben. -
    So hab ich heute gedacht auf der Warte, weil mich Dein Brief ergriffen hat;
ein Zorn ist in mir aufgelodert, der mir diese Gedanken zurief, es ist ein
Fordern an Dich, Du sollst Dir und mir treu sein, da ein Geist sich mit uns
beiden eingeschifft hat, so verlass seine Flagge nicht, der Eid, den Du
geschworen, heisst: freudiger Mut, da Geist in ihm nimmer verloren gehen kann und
ausser ihm aber erstirbt. - Nun versteh mich da heraus. - Der Traum leuchtet zu
stark in mich hinein, als dass ich nicht etwas verwirrt sollte reden müssen. -
Ich kehre zurück in tieferen Schlaf; - wo ich's nicht mehr fasse wie eben, was
in mir webt und will. - Wie wär das Wunderbare möglich? - Ja wohl! Wie wär der
Geist möglich in der Menschenbrust, ohne alle Sterne? - Sie alle leiten ihr
Licht in ihn, sie alle sind seine Erzeuger, sie alle richten sich nach ihm, der
in der Brust wie in der Wiege liegt, und sind Hüter seines Schlafs; so er
erwacht, so nährt er sich von ihrem Geist, schlafend saugt er ihr Licht. Und
siehst Du, ich spanne die Segel auf und fahr vorwärts und sprenge die Ketten,
die den Hafen sperren, denn mein Wille ist, dem Gott auf offnem Meere zu
begegnen, und dieser Wille ist rein und frei von Sünde, so ist er die Wahrheit
und kann nicht trügen und wird Gott finden. - Mein Geist wacht noch nicht, er
schläft aber doch unter ganz leiser Schlummerdecke, wie ein Kind mit süssem
Bewusstsein schläft in der Sonne und fühlt ihren Schein.
                                                                      Donnerstag
Ich muss Dir alles sagen; alles was mit luftiger Eile sich mir durch den Kopf
schwingt. - Ist mir's doch, als fahren wir auf Wolken dahin, und meine Worte
verhallen in der Weite, aber ich muss Dir rufen - wie ich Dich dahinschwimmen seh
am Himmelsozean, als hätten Dich die Winde aufgerafft - und mich auch, und als
flög Dein Wolkenpferd weit vor mir; - meine Stimme flattert an Dich heran: Du
hörst doch? - So hell der Mond auch scheint im unendlichen Blau der Nacht, das
Dich dahinnimmt? - Es gibt nichts wie die Liebe! - Doch weisst Du wohl! -
Menschen unterscheiden zwischen Lieb und Freundschaft und zwischen besonderer
Treue für diesen oder jenen, aber nicht ich und Du? - Was spricht mich an? - Das
sag mir doch? - Vielleicht der Dämon - der findet mich hier auf der einsamen
Warte und spricht mit mir von Dir - und lehrt mich beten für Dich. Dich denken,
wie Dein Geist sich höher und höher entfaltet, das ist beten. - Und warum wüsst
ich von Dir, wie Du bist, nach was Du dürstest, warum vernehm ich Dich so tief
und fühlte Dein Sein? - Lieb will ich das nicht nennen - wenn's nicht ist, dass
ich vor Gott Dich aussprechen lerne? - Denn alles Sein ist Geist Gottes, und
Geist will sich aussprechen, sich in den Geist übertragen, und die Sprache ist
der Widerhall, das Gedächtnis des Seins. Ich spreche Dich aus vor Gott, so ist
mein Gebet rein vor Gott, so hat es mich Dein Genius heute gelehrt oben auf der
Warte, - und hab ruhig, wie Du bist, mit den Sternen überlegt; und dann hab ich
Deinen Namen eingezeichnet in den Schnee; und dann den Namen des Königs der
Juden, der kindlich zu Gott ruft: Vater! hab ich Dir als Wächter
hinzugeschrieben und dies Zeichen von Dir im kalten Schnee; da ist Dein Geist
frei von bösem Wahn, da oben in reiner kalter Luft, die Dich anweht. Und der
Geist Gottes über Dir, und der menschgewordene Geist der Liebe Dich umschwebend
- dass Du sein musst - und nicht Dich aufgeben wollend auf dieser leuchtenden
Bahn. - Ja, so muss es sein, denn Du bist ein Schosskind Gottes, denn wenn ich in
der kalten Nacht hinaufseh, dann seh ich Dich sanft hinaufschreiten, als sei es
Dein gewohnter Weg, und gehest ein und vorwärts, aber Dein Geist verzweifelt
nicht. - Leb doch wohl, jetzt bin ich wieder still - und fürchte nichts für Dich
- eins will ich Dir sagen von meinen Briefen, ich lese sie nicht wieder - ich
muss sie dahinflattern lassen wie Töne, die der Wind mitnimmt, ich schreib sie
hin, versteh's, wie Du willst, sie sind ein tiefes Zeichen, wie mein Geist durch
den Deinen schreitet und von ihm wieder durchdrungen wird, und sonst ist's
nichts. - Und wenn es kein Geist ist, was ich damit mein, so ist's Ton -
Geschrei meines Herzens nach Dir hin, es verhallt oder es dringt bis zu Dir, -
da denkst Du, das ist der Bettine ihre Stimme, das ruft Dich auf, dass Du im
Geist meiner wahrnehmest, wie kann ich anders mit Dir reden, was kann ich Dir
zurufen? - Was versteht sich zwischen uns, als nur allein die Modulation des
Gefühls, das andre wissen wir ja alle schon. -
                                                                         Bettine
 
                                 An die Bettine
Du wirst mir doch nicht übel deuten, dass ich mich ein wenig vor Dir fürchte? -
Und machst mir auch Furcht vor mir selber! - und dann fürchte ich auch für Dich,
nimm Dich um Gotteswillen in acht, dass Du nicht fällst. Deine Turmbegeistrungen
erfreuen mich, aber ich will gewiss sein, dass Du keiner Gefahr ausgesetzt bist,
sonst machst Du mich krank, schreib mir gleich, dass Du nicht mehr auf der Mauer
herumlaufen willst, sonst kann und will ich nichts mehr von da oben hören, mir
war's wohltätig, Deine Stimme von da oben herab, so frei und leicht wie Wolken
jagen, zu vernehmen, aber wollt ich doch, der Turm fiel eines Morgens ein,
lieber als dass du am End in der Nacht selbst herunterfällst. - Ich weiss nicht,
bist Du das Spiel böser Dämonen? - Oder sichern Dich die Guten, so gib ihnen
wenigstens nicht so viel zu tun, die bis zu mir dringen, ich soll Dich mahnen,
nicht zu freveln. Liegt darin nicht schon der Beweis, dass sie Dich nicht
schützen können? - Nehme ich Deine Weissagungen in mich auf und ergrüble das
Tonspiel Deines Geistes, in das der Zufall so oft eingreift wie der Wind, der
alle Töne auseinandersprengt, und sammle gern, was Du zerstreuest in die Lüfte:
so folg mir doch auch - und ich bitte Dich darum, sonst kann ich nicht ruhig
denken an Dich; - aber wenn Du es nicht lassen willst, oder wie Du meinst, dass
Du es nicht lassen kannst, dann schweig lieber ganz, oder wie soll ich's machen,
dass ich die Furcht überwinde, Du möchtest elend und unwillkürlich da hinab ins
Grab stürzen.
    Du hast eine Bangigkeit um mich, als läge mir was Trauriges im Sinn; das
solltest Du ja nicht - es war im Gegenteil ein ganz freier Augenblick, wo alle
störenden oder zerstreuenden Bilder erblasst waren, wo ich mit hellen Sinnen mein
Inneres vor Dir aufschloss. -
    Warum ich Dich mahnte, an den Clemens zu schreiben, das will ich Dir hier
offenbaren. Du sagst, Du liebst den Clemens, der Idee nach kann ich ihm auch
herzlich gut sein, allein sein wirkliches Leben scheint mir so entfernt von
demjenigen, das ich ihm dieser Idee nach zumute, dass es mir immer ein wahres
Ärgernis ist, deswegen kann ich auch nie eine feste Ansicht über ihn haben, -
aber in Deiner Liebe zu ihm fasse ich auch wieder Glauben zu ihm und habe eine
Art Zutrauen zu einem inneren Kern in ihm, der nur durch allerlei Unarten
verborgen und zurückgehalten ist, wie wenn ein gesunder und reiner Born sich
teilweise im Schlamm und Sand versickert; nun mein ich, Dein Schreiben an ihn
räumt diese trübenden und schmälernden Hindernisse wohl hinweg, da Du so grade
an sein Herz gehest, wo ich vielleicht zu ungeschickt bin, durchzufinden. Es ist
nur der Wille, mich selbst besser zu ihm zu stellen, und alles, was sich immer
durch seine Briefe aufs neue zwischen uns drängte, zu überwinden, warum ich
wünsche, dass Du ihn nicht versäumst; dann ist es auch mein Gewissen, was mich
auffordert, dass Dich ihm nichts entfremde, denn wenn ich ihn je als treu und
aufrichtig fassen kann, so ist's Dir gegenüber; um so mehr muss ihm dies erhalten
bleiben, es ist die Quelle, aus der er verklärt aus dem Bad steigt. Hier hast Du
seinen Brief an mich, was er von Dir sagt, ist so aufrichtig natürlich innig;
aber das andre ist um so wunderlicher, dass es mir ganz seltsam vorkam. Ich
bestrebe mich immer, wenn ich an ihn schreibe, sehr fasslich zu sein und ganz
wahr, allein es ist, als müsse grade dies dazu dienen, die verkehrtesten
Ansichten bei ihm über mich hervorzubringen, es war mir, als ich den Brief
gelesen hatte, und ist mir noch so, als ob er gar nicht für mich geschrieben
sei. - Aber wenn ich ihm das schreibe, so muss ich schon gewärtigen, dass er es
für eine künstliche Anstalt halte, obschon ich ihm versichere, dass es ganz von
selbst so gekommen, denn er kann sich wohl unmöglich denken, dass sein tieferes
Eingehen auf meine Natur, wo er mich lobt, und wo er mich tadelt, mir ganz fremd
erscheine. - Ich verstehe nur den Augenblick, in dem er mir geschrieben hat; -
ich bin überhaupt nie weiter gekommen, als seine Augenblicke ein wenig zu
verstehen, von dieser Augenblicke Zusammenhang und Grundton weiss ich gar nichts.
Es kömmt mir oft vor, als hätte er viele Seelen, wenn ich nun anfange, einer
dieser Seelen gut zu sein, so geht sie fort, und eine andre tritt an ihre
Stelle, die ich nicht kenne, und die ich überrascht anstarre, und die statt
jener befreundeten mich nicht zum besten behandelt, ich möchte wohl diese Seelen
zu zergliedern und zu ordnen suchen. Aber ich mag nicht einmal an alle seine
Seelen denken, denn eine davon hat mein Zutrauen, das nur ein furchtsames Kind
ist, auf die Strasse gestossen; das Kind ist nun noch viel blöder geworden und
wird nicht wieder umkehren, darum kann ich ihm auch nicht eigentlich von mir
schreiben; sein Brief an Dich, über Wahrheit, hat mir viel Freude gemacht, und
zugleich seh ich hell, was mir vorher nur dunkel und schwankend war, ich kann
ihn viel besser durch Dich verstehen und ihm gerecht sein, und auch liebend, wie
er es zu bedürfen scheint. Das alles macht mich wünschen, dass, was ich ihm
liebend antun kann, durch Dich befördert werde, sprich ihm von mir, wie ich ihm
recht natürlich vorkommen muss, dass es sich gut zwischen uns gestalte, denn durch
unmittelbare Berührung kann nichts werden.
    Savigny hat mir selbst geschrieben, tue mir doch den Gefallen und schicke
mir gelegentlich die Übersetzungen ins Französische, von denen er mir gesagt und
sie mir auch versprochen hat. -
    Und nun möcht ich wohl diesen Raum an Papier hier mit etwas ausfüllen, was
Du nicht erwartest, weil es etwas Altes und oft Wiederholtes ist; aber doch
liegt es mir auf der Zunge und auch immer im Geist, wenn ich Deine Briefe lese,
mit denen mir's freilich ganz anders geht wie mit denen von Clemens, wo ich nur
nachsinne und überlege, während ich bei den Deinen nur empfinde und zwar so
wohltätig, als käme mir ein Luftstrom aus dem gelobten Land. Um so mehr wird
Dich befremden, wenn ich frage, aber was wird bei Deinem zwischen Himmel und
Erde Schweben, aus der Musik, aus dem Generalbass, aus der Komposition? - Ist es
nicht dumm, dass ich so frage? - Aber bedenk, wieviel Genuss es Dir schon in
Offenbach gewährte, was Du Dir selber und dem, was Dir lieb war, schon zu
Gefallen tun konntest, wie wohltätig wirkte es auf Dein Aufbrausen, wie oft
beschwichtigtest Du es damit, wie schön versöhntest Du oft Deine Stimmungen in
dem Unerreichbaren durch Dein Singen, - und was hast Du mir alles selbst
beglaubigt, wie tief Musik in Dich eingreife; sollte nun auf einmal dies alles
verschwunden sein? Oder hast Du nur versäumt, mir drüber zu schreiben? - Lebe
wohl, Liebe, und ermüde doch nicht mir zu schreiben.
                                                                        Caroline
Deine Kolumbusansicht erfreut mich ungemein und macht mich ganz scharfsinnig, -
schicke dem Clemens Deine rhytmische Vision, es macht ihm vielleicht Freude,
ich empfinde darin mehr lebendige als gemalte Flamme, schon fliesst die
Abendschilderung und das Ganze aus lebendiger Erinnerung, die prophetischer Sang
dem Untergang der Welt ist und dem neu erblühenden tausendjährigen Reich
erwartet. Prophezeit doch Apoll auch aus der Vermählung der Poesie und
Philosophie. Ich erinnere mich noch des seligen Übermuts in dem Liede von Arnim:
Wie der trunkne Pag in warmen Nächten in geheimnisvoller Liebe Mantel wohl
verkappt der Herrin Lager suchend, taumelnd in die Höhle war geraten, wo die
Löwin ihre Jungen säugte.
 
                                An die Günderode
Hab ich Dir denn nicht vom Koch erzählt, der mich wöchentlich zweimal kreuzigt
mit dem Generalbassunterricht? - und dass er mir alles korrigiert, was ich
komponiere? - Er schneidet mir alles zurecht, bis nicht ein Ton mehr, nicht ein
Taktteil am alten Fleck sitzt, und wenn er's so weit verputzt hat, dass es sich
ausnimmt wie ein geschorner Blumenstrauss, so hängt er ihm noch Manschetten an
aus seiner eignen Garderobe. Arnims irdische Lieder werden da heilige Märtyrer
unter meinem Musikstudium, und ihre Seligkeit kann ich weder durch Vor- noch
Nachspiel ausdrücken und tröste mich damit, dass Seligkeit etwas ist, was nie
eines Menschen Ohr gehört hat. - Aber mit meiner Musik geht es im ganzen
schlecht, das leugne ich Dir nicht, das ist aber nicht far niente, es ist
unüberwindliche Schweigsamkeit in meiner Kehle, ich muss vermuten, dass für die
Menschenarten wie die Vögelarten gewisse Zeiten gibt im Jahr, wo sie den Drang
zum Singen haben. In Offenbach, das war im Juni und Juli, da wacht ich gleich
mit Singen auf, und abends stieg ich immer hoch, wie die Vögel in den besonnten
Gipfel fliegen, um der scheidenden Sonne nachzusingen, da war der Taubenschlag
meine Tempelzinne, da kamen mir Melodien, sie entsprossten aus leiser Berührung
zwischen Ton und Gefühl, sie lösten die Fesseln dem, was in meiner Brust wie im
Kerker schmachtete, dem gaben sie Flügel auf einmal, dass es sich heben konnt und
ganz frei ausdehnen. - Ich hab oft darüber gedacht, dass Musik so leicht und
gleichsam von selbst sich melodisch ins Metrum füge, die doch vom Verstand weit
weniger erfasst und regiert wird wie die Sprache, die nie ohne Anstrengung das
Metrum des Gedankens ergründet und entwickelt. Die Melodie, die so in der
Singezeit auffliegt, in sich fertig gebildet, der Kehle entsteigt, ohne von dem
Geist gebildet zu sein, ist so überraschend, dass sie mir als Wunder erscheint. -
Ist die Sprache eine geistige Musik und noch nicht vollkommen organisch
gebildet? - Und Dichterdrang ist der Trieb des Sprachgeistes, sich zu reifen? -
Sollen vielleicht Gefühl, Empfindung, Geist ineinander durch die Sprache der
Poesie organisch verbunden werden als selbständige wirkende Erscheinungen? -
Haben Gedichte nicht geistige Verwandtschaften? Nicht Leidenschaften? Reisst ein
Gedicht nicht das andere mit Flammenglut an sich, sind Dichtungen nicht blosse
Begeistrung, heisse Leidenschaft füreinander? - Spricht ein Gedicht Liebe aus,
dann muss es ja in sich liebend sein, - es entzündet ja! - Ich muss ja jeden
Gefühlsschritt, jeden Atemzug mitleben, ich lieb ja so heiss wie die
gedichterzeugende Begeistrung der Liebe.
    Es wär Frevel, wollt ich dichten, weil ich den Wein trinke und im Rausch den
Gott empfinde. Weil der Vergötterungstrieb des Geistes mich durchschauert. Ich
kann's nicht erzeugen, das Göttliche, so sag ich Dir, und doch - es ist mir
gewiss, dass ich es inbrünstig liebe und es auch im einfachsten Keim erkenne, aber
ich selbst werd nicht Lieb erzeugen so wenig als ein Gedicht, ich fühl's, und es
liegt auch ein geheimer Widerspruch in mir, dass ich nicht gestört sein will in
der inneren Werkstätte meines Geistes, durch Gegenliebe.
    Es begegnet mir aber nichts oder wenig in der Menschenwelt, was einfach
genug ist, was ganz reiner Lebenstrieb ist, - was mich rührt, wie der Grashalm,
- die frischen Spitzen der Saat, ein Vogelnest mit Treue gebaut, das Blau des
Himmels! - Das alles ergreift mich, als ob's menschlich wär, und inniger wie das
Menschliche, und die Entzückungen, die es mir erregt, von der Natur berührt zu
sein, sind, als ob es eine mich mitfühlende Gewalt berühre, und das wird wohl
der liebende Inhalt meiner Seele sein und nichts andres.
    Es wird Dichtung meiner Natur sein, dass ich so liebe; - aufnehmend,
hingebend, aber nicht aufgenommen werdend. - Drum! Es ist die Liebe, die dichtet
den Menschengeist, und des Gedichtes Inhalt ist Liebe ohne Gegenliebe - die
höchste elektrische Kraft! - Geistestrieb! - - Der meinige! - -
    Vielleicht sind Naturen Gedichtkeime, sie sollen ohne Fehl sich entwickeln,
und ist das ihr einziger Beruf. Ich wollt, ich sprosst aus einem grossen
Dichtergeist, der allerhaben fühlt und menschlich doch auch; - keine üppige
schwärmende Aufregung, nein süsse Naturkraft, selbstbewusste - gefühlige, - die
aus Innigkeit mich erzeugte, - aus beglückendem Reiz des Frühlingslichts! Ja,
ich wollt, ich wär kein schlecht Gedicht. Gedrängter quellet Zwillingsbeeren und
reifet schneller und glänzend voller! Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick,
euch umsäuselt des holden Himmels fruchtende Fülle; euch kühlet des Mondes
freundlicher Zauberhauch, und euch betauen - ach, - aus diesen Augen, - der ewig
belebenden Liebe vollschwellende Tränen. - Dies Gedicht, ist mir's doch, als sei
ich es! So reifend unter den Berührungen der Natur und unter den Tränen des
Dichters. Und wie oft hab ich in der Singezeit dies Lied gesungen und mich ganz
drin gefühlt, die wachsende Beere, die der Tau der Liebesträne nährt, der nicht
ihr geflossen ist.
                                                                          Montag
Gestern waren wir in der Elisabeterkirch, der Reif um den Turmknopf war von der
Sonn zum Diamant umgeschmolzen, in allen kleinen Rosetten hingen Diamanttropfen;
und der Kreis von Rosen, der um die Pforten in Stein sehr fein gemeisselt ist,
war ein Diamantkranz! Die Kirch sah aus wie im Brautschmuck. Auf dem Kirchhof
spielten die Wipfel im spiegelnden Geschmeide. Die Kirch, von der Wintersonne
aussen so herrlich geschmückt, war so still innen, so einsam helldunkel, und der
Teppich, von den heiligen Händen der Elisabet gewebt, lag vor dem Altar,
erblasst von Farben ohne Prunk, nicht dem Aug erfreulich, nur die Seele rührend;
und da sah ich mich um, dass nur ein blinder Mann an der Tür sass, sonst war die
Kirch leer. Da fühlt ich mich elektrisch berührt, wie's der Geist der Poesie mir
tut. »Herbstgefühl?« Ja - sollt ich meinen Erzeuger nicht lieben? - Die ich im
Tau seiner heissen Tränen mich wachsend fühl! - Es beredet mich in der Einsamkeit
der Geist der Poesie, wenn der Mond mich anhaucht da oben in den Nächten, und
die Luft spielt um mich, dann fühl ich den Dichter über mir, der um Gedeihen für
mich fleht zu ihnen, und gibt die vollschwellende Träne hinzu. Nur den
Zwillingsbeeren, die frisch und kindlich zu ihm aufstreben, keinem andern
schenkt er der ewig belebenden Liebe Tau, so kann ich ja nichts anders sein
wollen als die herbe Traube, die milde reift von seinen Feuertränen; ich hab
mir's einmal so gesagt und sage mich nicht davon los, wie es auch mein inneres
Sein ausspricht und mein Schicksal unter den Menschen.
    Es ist ein grosser Unterschied zwischen den Geistern der Poesie. Manches ist
die Natur selbst, die mit deutlichen sinnlichen Worten mich anredet, manches ist
vom Genius nach allen Richtungen geprüfter Geist, der in der Unsterblichkeit
einfachem Stil die Seele beruft, dass sie den Göttern den Herd weihe und nur
immer des Göttlichen gedenke - der Genius bleibend werd ein ihr - in grossen
Gestalten heilig kühner Gedanken. Und so sind viele Bewegungen im Geist gar
verschieden, als könne die Poesie die Seelen rühren wie Saiten, die erbrausen im
Feuer, - und wieder still und schüchtern aufblühen wie Keime, die sich umsehen
im Lebenslicht, neu geboren, nicht begreifend dies Leben, aber zum Leben
vereint. Wenn ich Dir dies sagen könnt, was mich ohnmächtig macht, dass ich
schüchtern werd und mich wehre gegen den Eindruck, als müsse ich ihm mein Ohr
versagen, und ihm doch heimlich lausche, weil's mich hinreisst, und weiss nicht,
ob's der Klang ist oder der Inhalt, und wie beide wechselnd mich bewältigen und
wie ich - ja ich will Dir's sagen: - ein göttlich persönlicher Geist dringt auf
mich ein, den ich lieben will, lieben muss im Gedicht, dass ich herzzerrissen bin
von grosser Wehmut. - Nein mehr! - Tiefer geht's: - dass ich ausbrechen muss in ein
schmerzlich Ach. - Und wenn ich's nicht fühlte, dies Geistige, Persönliche in
der Dichtung - über mir schwebend, wie beglückt über seinen Triumph, ich glaub,
ich müsste wie wahnsinnig ihm nachirren - aufsuchen und nicht finden - und
wiederkommen und mich besinnen und vergehen dran; und das ist der Goete, der so
wie Blitze in mich schleudert und wieder heilend mich anblickt, als tuen ihm
meine Schmerzen leid, und hüllt meine Seele in weiche Windeln wieder, aus denen
sie sich losgerissen, dass sie sich Ruhe erschlummere und wachse, schlummernd -
im Nachtglanz, in der Sonne; und die Luft, die mich wiegt, denen vertraut er
mich, und ich mag mich nicht anders mehr empfinden zu ihm als in diesem Gedicht,
das ist meine Wiege, wo ich mich seiner Teilnahme, seiner Sorge nah fühle und
seine Tränen der Liebe auffang und mich wachsend fühle. - Du hast gesagt, wir
wollen ihn sehen den Grossen, Wolkenteilenden, Äterdurchglänzenden, und ich hab
gesagt, ja wir wollen ihn sehen! - Aber wie ich's gesagt hatte, aus Liebe und
Mitfühlen mit Dir, da wurd ich eifersüchtig und weinte zu Haus in der Einsamkeit
bittere Tränen, weil ich's gesagt hatte: wir wollen ihn sehen! - Und das kommt
daher, weil er so lange schon mächtig mir die Seele besaitet hat und dann
hineingreift, sturmaufregend, und mich sanft wieder einlullt wie ein Kind, - und
ich bin gern das Kind, auf dem sein Blick befriedigt weilt. Und wär ich nicht
genährt von der Natur und wie es aus tiefster Brust ihm hervorquillt! - wie
könnt ich sein, wie ich bin? - Und weiter will ich doch nichts sein. Und ich
weiss gewiss, und nicht alle sind geeignet wie ich, dass der Geist persönlich aus
der Dichtung hervor über mir walte und mich reife in seiner geheimsten
Seelentiefe vollschwellendem Übermass. Aber sag Du! Wie könnt ich atmen und ruhen
und keimen, wär's nicht in jener Wiege seines Gefühls, im Gedicht? Und nicht
wahr, ich lieg wohl gebettet und kannst mir's nicht süsser wünschen? Ja, Du
verstehst es, wie ich's meine; in den Manen hab ich mich zurecht gefunden in
Dir, dass Du alles verstehst, und viel tiefer! - Denn ich empfinde nur, was
Deines Geistes Spur Dir lehrt, Du aber weisst alles.
    Du sagst selbst, wo kein Wunsch uns hinzieht, das ist für uns verloren, und
man hält wohl für unmöglich, was nur des Begehrens bedürfte, um wirklich zu
sein, und seit Du es mir gesagt hast - und Du sagst, Harmonie der Kräfte ist
Verbindung - so hab ich mir's denn getraut, weil ich ihn liebe, so nehm ich
alles willig hin, Schmerz und Entzücken; - denn es ist immerdar Entzücken, ihn
empfinden! - Denn er schenkt mir's ihn zu fühlen, wie er aus seiner Dichtung
Blüte mich anhaucht, das will er, das beglückt ihn, - dass ich erschüttert bin,
das begeistert den Dichtergeist, und andre kennen nur die verschlossne Knospe,
mir aber öffnet sich die Blüte, und das nimmt mich weg! - Drum bin ich ihm
allein und er mir allein! - - Und die ganze Welt mag sich seiner teilhaftig
meinen, ich weiss, dass es anders ist, und muss drauf beharren, denn sonst verzehrt
mich die Eifersucht. - Und Du hast gesagt, »das Aufheben dessen, was eigentlich
diese Harmonie ausmachte, müsse auch notwendig diese Verbindung aufheben.« Das
wird mir nicht geschehen. Du sagst, »das Geräusch der Welt, das Getreib der
Geschäfte, die Gewohnheit, nur die Oberfläche zu berühren, die lassen dieses
tiefste und feinste Seelenorgan nicht zur Ausbildung kommen.« - Was spricht mich
denn an in dem Geliebten? - Fühl ich denn nicht das Grosse und Gewaltige, was
viel höher ist als ich selber? - Ja, was mir höher oft vorkommt als der Geliebte
selbst; und ist es nicht dies, dem ich nachgeh? - Und erscheint dieses Gewaltige
mir nicht auch ganz allein ausser ihm? - Und ist das nicht die Erinnerung an ihn
und zugleich auch noch jene höhere Erscheinung, von der Du sagst, dass sie sich
durch die Harmonie mit ihr offenbare? - und kann ich ihm untreu sein in dieser,
wenn ich mich der hingebe? - Und ist es nicht immer dasselbe, was Begeistrung zu
erregen vermag? - Ach nein! Man kann in der Liebe nicht untreu sein, nur ausser
ihr. - Ich fühl's an der Heiterkeit, die mich beflügelt, dass in der Begeistrung
keine Untreue ist. - Ich weiss von keiner Untreue und glaube oft, ich versündige
mich an was ich liebe, wenn ich nicht alles liebe. Es sind Dinge (Naturen,
Geister), die muss ich lieben, weil sie mich nähren, wie die Pflanze vom Licht,
vom Wasser, von Erde und Luft sich nährt. Alles, was mich begeistert, ist mir
der Sonne Strahl.
    Wenn die Sonne eine Blume durchglüht, da fühlt man wohl, dass sie die
herablassende ist, und dass die Blume von ihr mit heisser Leidenschaft zehrt. Wer
wollte das nicht Liebe nennen, und ob die Sonne Gegenliebe geniesst, wer weiss
das? - Ja, wer weiss, ob die Blume ihr wieder gibt? - Du weisst wohl, wenn die
Sonne recht heiss brennt, dann duftet keine Blume, aber abends, wenn sie
scheidet, dann duften ihr alle Blumen nach, und morgens, wenn sie kommt, dann
duften ihr alle entgegen. - Ob das bis zu ihr hinaufsteige?
    - Das frag ich mich, danach sehn ich mich. Und Du sagst, wonach der Wunsch
uns hinziehe, das wird möglich, und das glaub ich Dir; gewiss steigt der Blume
Duft zur Sonne, sind ihre Strahlen nicht Gefühlfäden? - Kann mich was Lebendes
berühren, ohne dass ich's wieder berühre? - Sind ihre Strahlen nicht Saugrüssel,
mit denen sie aus den Blütenkelchen den Duft saugt? - Und der Dichter, der sich
durch seiner Begeistrung Strahlen die Blumen erschliesst, saugt der nicht ihren
Duft? - Ist's Begeistrung nicht, wenn vor der Geistessonne die Wolken sich
teilen und sie strahlt die Knospe der Seele an? - Ei, darum duften eben die
Blumen nicht, grade wenn die Sonne auf ihnen liegt, weil sie dann mit ihren
Strahlenlippen alles selbst trinkt. Nach einem Gewitter, da duftet alles. - Dann
kommt sie eilig und wirft sich über sie her, und bald trinkt sie alle Kelche
aus, wo denn der Duft nur in ihren Strahl übergeht; - und wenn sie scheidet,
dann duftet ihr alles noch nach, und der Duft zieht nach über die Berge; denn
wenn man bei Sonnenuntergang auf einem Berg steht, da fühlt man den Balsam aus
den Tälern heraufsteigen, der Sonne nach; - das ist am Mittag in der heissen Zeit
nicht, weil da die Sonne bis hinuntersteigt und alles allein trinkt; so ist es
zwischen beiden wie zwischen Liebenden, - so können wir auch nicht an ihrer
Seligkeit zweifeln. - Nun ist noch die Erde und das Wasser, die nähren noch die
Pflanze, diese hält sie in ihrem Schoss, und jenes kommt zu den Wurzeln gedrungen
und fällt vom Himmel herab auf sie; sie verwandeln ihre feinsten Nahrungskräfte,
das Heilige ihrer Natur in eine sprechende Erscheinung. - Sind vielleicht Blüten
und Kräuter Worte? - Sprache, in der die Gefühle, der Geist der Erde, des
Wassers sich deutlich machen? - Ist der Duft der Blumen, ihr Schmelz, wohl das
Sehnen der Erde - die Begeistrung des Wassers, die in den offnen Kelchen
Freiheit hat, aufzusteigen zur Sonne, zu dem was sie lieben? - Die dunkle Erde
stösst aus dem Innersten ihre duftenden Seufzer auf aus den Kelchen ihrer
Pflanzen, die aus ihrem Busen aufblühen, hinauf in die fessellose Freiheit? -
Das Wasser, das von seinen kräuselnden Wellen sich immer weiter treiben lässt,
hier in der Blume Stengel, im Saft des Baumes gemischt mit allen Kräften der
Natur, steigt, nimmt Gestalt an, wird zum Geist, zum Wort, das die Andacht
seiner Triebe aushaucht. - Was ist denn aber die Luft? - Ist die nicht
Vermittler zwischen allen? Der Genius der Welt, der leitet, Leben gibt, ewig den
Geist durchatmet? - Was ist aber Geistesatem? - Ist der nicht Erkenntnis,
Streben, emporzusteigen, sich abzulösen vom Mutterschoss und aufzusteigen zum
Geist? Ist Atmen im sinnlichen Leben nicht dasselbe? - Drängen sich die Gefühle
nicht in Seufzer auf? - Ohne dies ewige Einsaugen des himmlischen Elements kann
der Leib nicht leben, und der Geist stirbt jeden Augenblick ohne jenen leitenden
Genius, der sein eigentlicher Lebensatem ist. Die Luft ist der Genius des
Lebens, sein höheres Ich, so wie Wasser und Erde seine Erzeuger sind. - Die Luft
ist Vermittlerin zwischen dem göttlichen Liebesfeuer und dem jungen kindlichen
Streben danach, küssen die Strahlen zu heiss, dann kühlt sie mit sanftem Wehen
und erleichtert den verhaltnen Lebensatem; wie doppelt schlägt das Herz, wenn
ihr Strom rascher eindringt! - - Wie ganz gibt sich ihr das Leben hin, wenn es
von mächtigeren Regungen bewältigt wird. Ja, ihr allein vertraut es sich, wenn
es von sich selber nicht mehr weiss, sie umlebt das erstorbene, bis Leben
eindringt wieder, mächtiger und gewaltiger wie früher. So fühl ich deutlich,
wenn mein Geist erstarrt war, es ist Genuss zwischen mir und der Gotteit, der
mich weckt, die Luft, die mich nährt und erhält, ohne welche Geist erstorben
wär, nie der Seele könnt Nahrung bringen von oben. - Ja alle Offenbarung ist die
Geistesluft, die ihn durchatmet, ohne welche er nicht leben kann einen
Augenblick, sondern müsst ersticken, und ob er schläft oder wacht, so atmet er
doch immer den Genius, die Luft. - Ich bin so glücklich, Günderode, wenn ich
hier auf den Bergen stehe und der Wind braust, dass er mich davontragen will, -
dann muss ich lachen vor Mutwillen und denk, ob mich der Geist doch auch versucht
zu heben und mit mir aufzufliegen. -
    Die Sonne hat einen heissen Schein, mit dem sie brennt, so hat der Geist auch
ein heisses Licht, das brennt, wohin es leuchtet.
    So kam heut einer nach dem andern zum Beichtstuhl geschlichen in der Kirche,
und der Pater, der Beicht sass, guckte mich an, ob ich nicht auch kommen wollt? -
Und aus Blödigkeit geh ich in den Beichtstuhl und beicht, dass ich mich immer
verwundern müsse, warum die heiligen drei Könige das göttliche Kind nicht in
ihren Schutz genommen haben, sondern haben es im Stall liegen lassen und wären
doch überzeugt gewesen, es sei Gottes Sohn, da noch obendrein ein Stern sich am
Firmament aufgemacht, um sie hin zu geleiten, sie hätten das Kind sollen
mitnehmen in ihr Land. Und doch wären sie weiter gezogen, das käme mir nicht
vor, als wenn sie heilig wären, sondern zerstreute Weltleute; der Beichtvater
sagte: »So ist der Weltlauf, sie haben ihre Geschäfte gehabt wie heutzutag auch.
- Aber«, sagte er, »das braucht man nicht zu beichten, das sind Sünden wie für
die Katz vom Tellerchen zusammengekratzt, da gibt Gott keinen roten Heller
davor. - Da bet sie ein halb Vaterunser zur Buss, oder meinetwegen ein viertel.«
- Und wie ich aus der Kirche kam in die frische Luft, da war's schon drei Uhr
vorbei, die Sonne wollt schon bald untergehen. Da kam ich auf den Turm und
besann mich, dass ich Dir wollt alles beichten, wie ich Eifersucht gegen Dich
gehabt, und hatte Dir nicht wollen gönnen, dass Du mit mir zugleich bei ihm
wärst, ich wollt ganz allein mit ihm sein. Aber jetzt bin ich dieser Sünde los,
und im Denken teilt sich alles Böse wie Nebel vor den Augen, dass man sieht, es
war nur Wahn; alles, was nicht Grossmut ist, das ist nur Wahn. Denn ich mein, der
Dichter ist meine Sonne, so bist Du die Luft, die das Böse um mich her verweht
und meinen Geist aufsteigen lehrt. Wie kann ich ohne Dich bestehen vor ihm! - So
mag wohl jeder Menschengeist von Elementen genährt werden, die einer dem andern
sein muss, und merk Dir's, dass Du meine Luft bist, ohne die ich nicht aufatmen
kann auch nur einmal.
                                                                         Bettine
 
                                An die Günderode
Dem Clemens hab ich geschrieben, einen langen Brief, und ihm auch von Dir
gesagt, dass Du ihm gut bist, und dass ich Dir lange Briefe schreibe, auf die Du
nur kurz oder auch wohl gar nicht antwortest. Ich hab ihm erzählt, ich spreche
zu Dir, wie zum Widerhall, um mich zu fühlen, zu hören, und lege meinen Gedanken
und Einbildungen keinen Zaum an; und dass es sei, als ob ein guter Genius diese
Briefe hervorbringe; - so antwortet er: »Um deine Briefe ist die Günderode zu
beneiden, wenn sie das sind, was dein Genius hervorbringt, wenn sie aber so
wenig antwortet, so ist das gar wunderlich, entweder ist nichts zu antworten
oder alles schon abgetan.« -
    Heute schreibt er mir den langen Brief über Dich, ich hab doch recht, er hat
Dich lieb und hat Dich nicht wollen beleidigen, und seine Seelen alle sind doch
nur eine gute, denn bist Du ein Kind, so ist er es auch zu Dir; aber Kinder
lassen sich nicht drauf ein, empfindlich zu sein, sie sind gleich wieder gut und
lassen den Strom vom Ufer wegspülen die Spielzeuge, die sie einander zerbrochen
haben, und erfinden sich neue, ergötzlichere. Lese den Brief nicht mit
Vorurteilen und denk, dass es neckende Stimmen sind in ihm von Kobolden, die ihm
oft selber einen Streich spielen, aber die Seele - die eine, gütige, die sie
umschwärmen, die ist doch nur ein Kind wie Du, und was ein freier
himmelanstrebender Geist nicht in noch höherem Sinn nimmt als er selber ist, das
ist für ihn kleinlich, und was kleinlich ist, das muss man gar nicht annehmen,
sonst lernt man die Wahrheit nicht begreifen. - Und ich denk: von allen
Geschichten des Herzens und der Seele Berührungen geben wir den Leitfaden der
Gotteit in die Hand, die leitet immer zum richtigen unmittelbaren Verstehen. -
Und wenn Du missverstanden wirst, so sieh doch nur den Gott selber an in der
Liebe, gegen den kannst Du alles wagen, denn der muss Dich verstehen. -
    Ich geb Dir Lehren, Günderode, die Dir nicht fremd sind, besinn Dich, auf
dem Rhein, wie wir unsren Briefwechsel besprachen, da sagtest Du, es sei eine
Seele, die uns mit Liebe an sich ziehe, in jedem Verhältnis, es müsse eine
Zeitigung erlangen in uns, sonst sei es Untreue, Mord, Ersticken eines
göttlichen Keims. - Und wo eine Anziehungskraft sei, da sei auch eine
Strebekraft und wir sollten ihre Empfindung festalten, dadurch allein könne die
Seele wachsen, jede Berührung mit des andern Geist sei bloss Seelenwachstum, so
wie alles Reizerweckende bloss sei wie das Erwecken und Entfalten des
Pflanzenlebens. - Der Menschengeist bereite sich auf die jüngste Stufe der
Natur, auf die der Pflanze, während der Leib auf der letzten stehe, auf der des
Tieres, der Leib ersterbe, aber im Geisterreich sei des Geistes erste
Metamorphose die Pflanzenwelt. - Du meintest da, ich sei zerstreut und höre auf
die Waldhörner am Ufer, nun hörst Du, dass ich doppelte Ohren hab, und dass ich
alles nicht allein für mich gehört hab, sondern auch für Dich, denn Du hast es
vielleicht schon vergessen. - Du sagtest, Du liebst Dich selbst in mir; so lieb
Dich doch auch selbst im Clemens; - ich weiss nicht, was ich Dir all sagen möcht.
- Erzieh Dir ihn doch, wie Du ihn haben willst, wie Du fühlst, dass er sein
müsste, um Dich nicht zu kränken, zu eben dem Leben, das Du ihm der Idee nach
zumutest, es ist gewiss das Wahre, was ihm zukommt, und Du selbst sagst ja damit,
dass Du ihn der Idee nach höher stellst wie die andern, diese Idee ist ja doch
der eigentliche Wirkliche, und denk doch an die andern, die Du der Idee nach gar
nicht wohin stellen kannst, sondern musst sie lassen, was sie sind. Und wenn Du
einen Spielkameraden fändest mit so herrlichen, grossen Augen, mit so
elfenbeinerner Stirn, und er hätte solche Momente, wo die Götter aus ihm
prophezeiten, aber er wär unartig und tückisch im Spiel, er biss' Dir in die
Hand und kratzte Dich, wenn Du ihn streichelst, oder er schlüg Dich mit der
Peitsche, wolltest Du bloss ihn als einen tückischen Knaben achten und wolltest
die frühere Idee von ihm aufgeben? - So liessest Du ihn also laufen wegen einem
Rippenstoss, den er Dir gab, und wolltest von der höheren Idee nicht mehr Notiz
nehmen? - Ach, lass Deine Rippen nicht so empfindlich sein! Tut's doch Gott
nicht! - Er hält sich an das Hohe im Menschen, und alles andere ist nicht für
Gott da. - So soll auch alles nicht für Dich da sein, wie bloss das Gute, und
wenn es Dir auch gar nicht mehr aufleuchtet, so sollst Du dennoch von ihm wissen
und dran glauben. -
    Entlasse ihn nicht, liebe Günderode, kämpf Dich mit ihm durch, der die Idee
in sich trägt, die Du ihm zumutest, und die so hoch ist, dass er hinter ihr
zurückbleibt; denn die andern tragen gar keine Idee in sich, und bleiben nicht
zurück und kommen nicht vorwärts. -
    Da hab ich mich so vertieft in Gedanken, dass ich einschlief, es geschieht
mir so oft, dass ich einschlafen muss im besten Denken, wenn ich eben empfind, als
wolle ein tieferer Geist in mir wach werden, wo ich höchlich gespannt bin zu
erfahren, was sich in mir erdichten will, und statt dass es in mir erwacht, so
muss ich drüber einschlafen, als ob eine idealische Natur mir nicht wolle wissen
lassen, wie sie in mir denkt und empfindet. Es ist ein Zauberer in uns, der
sieht uns streben nach seinem Wissen, der macht all mein Streben zunichte, wenn
ich nah bin und die Offenbarung schon durchschimmern seh, so schläfert er mich
ein. - Ich lese jetzt zum zweitenmal den »Wilhelm Meister«, als ich ihn zum
erstenmal las, hatte mein Leben Mignons Tod noch nicht erreicht, ich liebte mit
ihr, wie ihr, waren die andern in der Geschichte des Buchs mir gleichgültig,
mich ergriff alles, was die Treue ihrer Liebe anging, nur in den Tod konnt ich
ihr nicht folgen. - Jetzt fühl ich, dass ich weit über diesen Tod hinaus ins
Leben gerückt bin, aber auch um vieles unbestimmter bin ich, schon so früh
drückt mich mein Alter, wenn ich hier dran denke. - Ich hab mit ihr empfunden,
ich bin mit ihr gestorben damals, und jetzt hab ich's überlebt, und sehe auf
meinen Tod herab.
    Gewiss stirbt der Mensch mehr wie einmal, mit dem Freund, der ihn verlässt,
muss er sterben, und wenn ich mit jenem Kind leiden und sterben musste, weil ich
sein Geschick als das meine in ihm empfand, und weil ich es zu sehr liebte und
konnte es nicht allein in den Tod gehen lassen. - Wenn Du das alles überlegst,
so wirst Du nachsichtig sein, dass ich so furchtsam bin um Dich.
    Ich hab auch jetzt schon lange wieder nichts von Dir gehört, auf den
Clausner kann ich mich nicht verlassen, von Dir will ich keine Briefe fordern,
Du hast viel zu denken, und vielleicht Deine Augen sind leidend, aber doch bin
ich immer voll Sorgen, wenn ich an dem Tag keine Briefe von Dir hab, wo ich
mir's in Kopf gesetzt hab; dann steigert sich's bis zur Angst, wenn noch ein
Posttag vergeht, und dann hilft mir's nur, wenn ich in der Sternennacht auf der
Warte an Dich denke, da trau ich's meinem Geist seinem mächtigen Willen zu, dass
er Dich schütze. Die Nächte war so tiefer Schnee gefallen, dass ich mir erst am
Tag einen kleinen Pfad zum Turm schaufeln musste, denn so lang ich vermag, wird
mich nichts abhalten, dass ich da hinaufgeh und in Gedanken zu Dir dringe und für
Dich bet, bis ich wieder bei Dir bin. - Im Rheingau hast Du mir auch
geschrieben, nur kurz, weil Du Augenweh hattest, aber ich las doch in den zwei
Zeilen, wie Du gestimmt warst, zutunlich. -
 
                                 An die Bettine
Deine Briefe haben mir viele Freude gemacht, zweifle nicht daran, liebe Bettine,
weil ich Dir selbst so sparsam geschrieben habe, aber Du weisst, viel denken und
oft schreiben ist bei mir gar sehr zweierlei; auch hab ich die Zeit schrecklich
viel Kopfweh gehabt.
    Du schreibst mir gar nichts von Gundel und Savigny, tue es doch.
    Ich stelle mir Eure Lebensart recht still, vertraulich und heimlich vor. -
Aber ich fürchte nur, Du kommst wieder zu gar nichts. - Dem Clausner hast Du
geschrieben, Du treibst Matematik mit einem alten Juden, und vielleicht werdest
Du auch Hebräisch lernen, Du habest schon einen Teil vom Abc inne - mit der
Geschichte treibst Du Dich herum wie ein Kätzchen mit einem Spielball, der am
Faden hängt; Du wirfst ihn hin und her, solang es Dich ergötzt, und dann lässt Du
ihn müssig liegen, was Du über Musik vorbringst, ist lauter Larifari, meinst Du,
wenn etwas schlecht gelingt und sich gegen den Geist sträubt, das sei ein
Zeichen, dass man es aufgeben solle? - Da bin ich grade der entgegengesetzten
Meinung, und wenn auch etwas Dir trivial erscheint, so ist deswegen die Sache es
gar nicht, sondern Dein Begriff ist nicht gelichtet, an was willst Du Deine
Kräfte üben, wenn nicht an dem, was Dir noch schwer dünkt? - Ich glaube, so
manches, was Du Dir jetzt fremd glaubst, würde seine innere Verwandtschaft zu
Dir geltend machen. - Du hast Wissenstrieb ohne Beständigkeit, Du willst aber
alles zu gleicher Zeit wissen, und so weisst Du keinem Dich ganz hinzugeben und
setzest nichts recht durch, das hat mir immer leid an Dir getan. Dein Eifer und
Deine Lust sind keine perennierenden Pflanzen, sondern leicht verwelkliche
Blüten. Ist es nicht so? - Sieh, darum ist es mir gleich fatal gewesen, dass Dein
Lehrmeister in der Geschichte Dich verlassen hat, die Begebenheiten unterstützen
ordentlich Deinen natürlichen Hang, noch dazu, da er so geistreich und so
fasslich und - so liebenswürdig sein soll, - so nehm ich es ihm übel, dass er
nicht mehr Interesse an Dir nahm. Übrigens muss ich Deine Ausschweifungen im
Lernen wieder tragen; es wurde mir im vorwerfenden Ton mitgeteilt, und ich
merkte, dass meiner Verwundrung hierüber, und dass ich nichts davon gewusst habe,
nicht Glauben beigemessen wurde.
    Vom Clemens weiss ich nicht, ob ich wohltun würde, ihm so nachzugehen, wie Du
es meinst, es lässt sich da nicht einbiegen und ihm in den Weg treten, um ihm zu
begegnen, wo ich ihn aber begegnen werde, da sei überzeugt, dass es nur
friedliche und herzliche Gesinnung sein wird, ich bin weit entfernt, ihn
aufzugeben, er steht mir vielmehr zu hoch für meine Kräfte, die nicht an ihn
reichen. Mein Tadel ist, dass er diese hohen Anlagen alle vergeude, aber ich
glaube Dir, dass dies kleinlich von mir ist, und hab mich auch schon gebessert.
    Ich weiss nicht, ob ich so reden würde, wie er meinen Brief in dem seinigen
reden lässt; aber es kommt mir sonderbar vor, dass ich zuhöre, wie ich spreche,
und meine eignen Worte kommen mir fast fremder vor als fremde. - Auch die
wahrsten Briefe sind meiner Ansicht nach nur Leichen, sie bezeichnen ein ihnen
einwohnend gewesenes Leben, und ob sie gleich dem Lebendigen ähnlich sehen, so
ist doch der Moment ihres Lebens schon dahin; deswegen kommt es mir vor, wenn
ich lese, was ich vor einiger Zeit geschrieben habe, als sähe ich mich im Sarg
liegen, und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an.
    Mein Zutrauen war freilich kein liebenswürdiges Kind, es wusste sich nicht
beliebt zu machen, nichts Schönes zu erzählen, dabei flüsterten ihm die
Umstehenden immer zu: »Kind sei klug! gehe nicht weiter vorwärts, der Clemens
wird Dir plötzlich einen Streich spielen und Dir die Schuld geben, dass er Dich
nicht mehr ausstehen könne.« Da wurde das Kind verwirrt und ungeschickt, es
wusste nicht recht, wie man klug sei, und schwankte hin und her, darf man ihm das
so übelnehmen? - Aber eigensinnig ist das Kind nicht. Wenn es im Hause
freundlich und gut aufgenommen wird, kehrt es sicher lieber um, als dass es
länger auf der Strasse verweile.
    So kannst Du dem Clemens über mich berichten, auch dass seine Scherze über
meine Art zu schreiben und die ungefügen Worte, die ich gebrauche, mich nicht
verdriessen, ich muss mich bei dieser Stelle seines Briefs immer auslachen und
werde das Wort Ratschläge gar nicht mehr gebrauchen können, überdem erinnert es
mich auch noch an Purzelbäume. -
    Ich kenne wenig Menschen und vielleicht niemand ganz genau, denn ich bin
sehr ungeschickt, andre zu beobachten. - Wenn ich daher einen Moment verstehe in
ihm, so kann ich von diesem nicht auf alle übrigen schliessen. Es mag wohl sehr
wenige Menschen geben, die dies können, und ich wohl mit am wenigsten. Jetzt
denke ich, es sei gut, den Clemens zu betrachten, und erfreulich; und er will,
man solle ihn nur betrachten wollen. Ist diese Ansicht wahr oder falsch?
                                                                        Caroline
Ich lese Deinen Brief und den meinen und erkenne, wie verschieden unsre
Stimmungen sind, aber ich fürchte nicht, dass Du an mir zweifelst, oder mein
Übergehen unrichtig auslegest; was soll man dazusetzen oder einfallen wollen, wo
sich etwas frei und wahr ergibt wie Deine Mitteilungen, aber das, was Du
übergehst, das muss ich berühren. Du kommst mir vor wie ein Eroberer, der alle
Waffen verschmäht aus Heldenmut, der alles verachtet, was ihn schützen,
verteidigen könnte, und jede Waffe, die er zum Erobern bedarf; ja, ich glaub,
das Hemd möchtest Du abwerfen. Doch sind Wissen, Begreifen, Lernen nicht allein
die Armaturen des Geistes, sie sind vielmehr seine Glieder, mit denen er sich
wehrt, und sich aneignet, was seinem Genie zukommt. Bedenk's alles und neige
meinen Lehren ein herablassend Gehör. -
    Deine Beichte hab ich mit Sanktion angehört und erteile Dir Absolution und
verspreche Dir, auch Dich zu begleiten, wenn Du deinen Erzeuger aufsuchst. Ich
werde wohl nicht die erste Rolle übernehmen müssen bei dieser Überraschung
langgehegten Begehrens. -
    Schreibe mir ein bisschen ordentlich über das Chaos Deiner Verwirrungen.
 
                                An die Günderode
Die Frankfurter haben mir geschrieben und haben mich schon ausgepelzt mit
allerlei verwunderlichen Prophezeiungen. - Erstens: ich soll mir häusliche
Tugenden angewöhnen. Zweitens: wo ich einen Mann hernehmen will, wenn ich
Hebräisch lern? - So was ekelt einem Mann, schreibt der lieb, gut Engels-Franz,
als wie die spartanische Suppe; an einen solchen Herd wird sich keiner
niederlassen wollen und eine Schüssel Matematik, von einem alten schwarzen
Juden assaisonniert, sei auch nicht appetitlich, darauf soll ich mir keine Gäste
einladen, und der Generalbass als Dessert, das sei so gut, wie eingemachter
Teufels-Dr. - Das wär eine schöne häusliche Tafel usw. und man spotte meiner
allgemein, dass die Lulu eher geheiratet habe, und dann meint er ganz guterzig,
dass, wenn ich ebensoviel häusliche Tugenden geäussert hätte, ich gewiss auch einen
Mann bekommen haben würde. - Ich schrieb ihm, er soll nur immer mitspotten, denn
es sei jetzt nicht mehr Zeit mich zu ändern; und der ganz Jud sei nur in meine
Tagsordnung einrangiert, um mich vor dem Mottenfrass der Häuslichkeit zu
bewahren, und ich hätt gemerkt, dass man in einer glücklichen Häuslichkeit
Sonntags immer die Dachziegel gegenüber vom Nachbar zähle; was mir so
fürchterliche Langeweile mache, dass ich lieber nicht heiraten will. - Ich hab
aber auch dem Doktor einen ironischen Lügenbrief wieder mit Lügen beantwortet
und dem Clausner auch einen. Und es sind auch allerlei Anspielungen, recht
liebliche auf Dich, die ich mit charmantem Humor beantwortet hab. So kommst Du
zuletzt an die Reih.
    Dem Clemens hab ich alles übermacht. - Deine eigne Sorge um meine
Ausschweifungen im Lernen, die lasse sich legen. Der Wind zaust mich und
schüttelt mir alles aus dem Kopf. - Wenn Du meinst, ich könnt was dafür, dass ich
nichts kann, da tust Du mir unrecht. Es ist nicht möglich, meine Lerngedanken
zusammenzubringen, sie hüpfen wie die Frösche auf einem grünen Anger herum.
Meinst Du, ich mach mir keine Vorwürfe? - Meinst Du, ich raffel mich nicht alle
Tage zusammen? - mit dem festen Vorsatz es durchzunehmen, bis es mir ganz
geläufig ist? - Aber weisst Du, was mich zerstreut? - Dass ich's allemal schon
weiss, noch eh es der Lehrer mir ganz auseinandergesetzt hat, nun muss ich warten,
bis er fertiggekaut hat, da nehmen unterdes meine Gedanken Reissaus, und dann ist
es nachher nicht, dass ich es nicht gelernt hab, sondern ich hab's nur gar nicht
gehört, was er gesagt hat; mit dem Hofmann in Offenbach war's eine andre Sach,
er lehrte so problematisch, er liess mir hundert interessante Fragen, die er
freilich oft unbeantwortet liess, die oft zu ganz fremden Dingen führten, aber
dies regte mich an, immer darauf zurückzukehren. Ich will mich damit nicht
entschuldigen, ich weiss, dass es ein Fehler, eine Schwäche, eine Krankheit ist;
ich geb's auch nicht auf, sie zu bekämpfen, und sollt ich bis an meines Lebens
End damit zu tun haben, ich geb's nicht auf, das fort zu lernen, was mir einmal
Begierde, ja ich kann wohl sagen, Leidenschaft erregt hat. - Generalbass! - Wenn
Du ahnen könntest, welches Ideal mir in diesem Wort vor den Sinnen schwebt, und
welchen alten Manschettenkerl mir die Lehrer vorführen und behaupten, das sei
er, Du würdest mich bedauern, dass ich den Genius unter dieser Gestalt sollte
wieder erkennen müssen. Nein, er ist es nicht. Die ganze Welt ist eben
Philistertum, so haben sie nicht eher geruht, bis sie auch das Wissen
dahingezerrt haben. Wär es frei behandelt mit Genie, dann wär sein Beginnen
kindlich, nicht aberwitzig mit lauter Gebot und Verbot, die sich nicht
legitimieren: Das darfst Du nicht, das musst Du - warum? - weil's die Regel ist.
- Nun aber! - ich fühl's, das soll mich nicht abhalten, und ich werde tun nach
Kräften, und das andre wird der Gott meinen mangelnden Kräften zugut halten, und
auch musst Du etwas auf einen bestimmten Naturtrieb rechnen, der mich mit Gewalt
zu andern Gedanken reizt, einen Vorteil hab ich davon, meine grossen Anlagen
werden jetzt sehr in Zweifel gezogen oder vielmehr mir gänzlich abgeleugnet, und
meine Genialität gilt für Hoffart, und mein Charakter für einen Schussbartel, dem
man alle Dummheiten zutrauen kann, ohne ihm eine zum Vorwurf machen zu können.
Da fühl ich mich sehr bequem in meiner Haut, und es ist mir noch einmal so
behaglich unter den Menschen; - niemand denkt zwar dran, dass ich nie Prätension
an jene hohe Eigenschaften machte, von denen man erwartete, dass sie aus dem Ei
kriechen würden, und dass es nur unser lieber Posaunenengel war, der all diese
Dinge über mich hinter meinem Rücken in die Welt hinein trompetete, und man gibt
mir die Schuld, dass ich ein eingebildeter, aufgeblasner Kerl wär, der meine,
seine Phantasie regne Gold; aber das kränkt mich gar nicht, und beschämt mich
auch nicht und es steckt mich vielmehr an, dass ich allerliebst dumm sein kann
und mich mitfreue, wenn sie mich auslachen, und da lacht man als weiter. -
    Du fragst nach Savigny. Der ist eben wie immer. Die höchste Güte leuchtet
aus ihm, die höchste Grossmut, die grösste Nachsicht, die reinste Absicht in
allem, das edelste Vertrauen zu dem Willen und Respekt vor der individuellen
Natur. Nein, ich glaub nicht, dass es ein edleres Verhältnismass gibt. Das stört
mich also gar nicht, dass er mich hundertmal hoffärtig nennt, und dass er über
meine Albernheiten lacht, und dass er mir noch grössere zutraut, und dass er keinen
Glauben an meinen gesunden Menschenverstand hat, er tut das alles mit so
liebenswürdiger Ironie, er ist so gutmütig dabei, so willenlos einem zu stören,
so verzeihend; ei, ich wüsst nicht, wie ich mir's besser wünschen könnte, als so
angenehm verbannt zu sein, und ich komme mir vor wie ein Schauspieler, der sich
unter einem Charakter beliebt gemacht hat, und der diesen nun immer beibehält,
weil er sich selbst drin gefällt. Der Clemens klagt zwar und meint, er habe
immer keine Antwort von ihm erhalten auf all sein Vertrauen und habe sich immer
zurückgestossen gefühlt - und der Savigny liesse gleichsam das Tretrad der
Studiermaschine so lang aus Höflichkeit stehen, bis einer ausgeredet habe, er
habe sich oft geärgert, dass, wenn er zu ihm ins Zimmer kam, um ihm was warm
mitzuteilen, so habe er keine Antwort, nur Gehör erlangt, und kaum sei er draus
gewesen, so rumpelte die Studiermaschine wieder im alten Gleis. - Da hat aber
der Clemens unrecht. Erstens ist Savignys Anteil am Leben ausser seiner
wissenschaftlichen Sphäre nur ein geliehener, und vielleicht bloss gutmütig; und
dann ist es ein Irrtum vom Clemens, der meint, er müsse ihm Mitteilungen machen,
da er sie ihm nicht honoriert, oder sich ihm mitteilen will, wo Savigny einer
anderen Ansicht über ihn zugetan ist. - Mir fällt's gar nicht ein, ihm etwas der
Art sagen zu wollen, mir ist's ganz recht, dass er mir die Fehler und
Albernheiten, die in mir nun einmal vorausgesetzt werden, noch als erträglich
anrechnet. - »Was willst du wieder für eine Dummheit vorbringen,« sagen sie oft,
oder: »Ich bitt dich, schwätz nicht so extravagant,« oder: »Wie kannst du denn
so was sagen, die Leute verstehn dich nicht.« - Und es fallen mir dann auch
immer die Extravaganzen ein, und ich sag sie immer nur, um's zu hören, wie ich
ausgezankt werd. - Da siehst Du also, es geht mir pläsierlich; und eifersüchtig
darfst Du nicht sein, kein Mensch teilt dies Vertrauen, dies tiefere zu Dir, -
drum aber, bin ich auch eifersüchtig auf Dich und oft auch bang, denn nicht
allein die Menschen sind mir im Weg, ich fürchte auch jeden Zufall, jede Laune
von Dir, jede Zerstreuung, ich möchte Dich immer heiter wissen. Wenn Du
Kopfschmerzen hattest, so seh ich mich noch nach ihnen um, wie nach frechen
Gewalten, die ich noch auf dem Rückzug verfolgen möcht. - Wenn einer mir
schreibt, Du seist still, oder man habe Dich nicht gesehen, oder man glaube, Du
seist nicht in der Stadt, das alles kümmert mich, so leichtsinnig ich bin, und
sobald ich drauf vergesse, so kommt mir die Idee leicht wieder und steigert
meine traurigen Gedanken über Dich, denn die hab ich als oft, das ist wahr.
    Mein Lehrer in der Matematik ist mein alter Herbstjud. Morgens an meiner
Tür in einem schwarzen Kleid, weissem Kragen und der Bart spiegelglatt, stand er
an meiner Tür und fragte um Erlaubnis, mich zu besuchen, ich freute mich über
ihn, er sieht soviel edler aus als die andern Menschen, mit denen man täglich
verkehrt, die man in grossen Versammlungen sieht; ich hab im Schauspielhaus mich
oft vergeblich nach einem erhabnen Gesicht umgesehen. Er setzte sich auch gleich
in anständiger Bequemlichkeit an den Tisch, den Arm drauf legend, merkte meine
Verwundrung über seine Angenehmheit, lächelte mich an und sah aus wie ein Fürst,
- ich fragte: »Wo sind Sie denn so lang gewesen?« - »Nun!« sagte er, »was reden
Sie doch so fremd, bin ich nicht noch der Alte? - heiss ich nicht mehr: Lieber
Jud?« - Ich musst ihm die Hand reichen, ich sagte, ja! - Hättest Du nur die
ironische Miene gesehen in dem erhabnen Gesicht und das milde herablassende
Lächeln zu mir; - er sagte: »Nicht aus jedem Mund gefällt einem das Ihr oder Du,
mit dem der Jude sich muss anreden lassen, aber Ihrem lasse ich's nicht gern
abgewöhnen.« - Dir hätte der Mann so viel Freud gemacht, Günderod, er erzählte
nur Gewöhnliches aus seinem Leben, von seinen siebzehn Enkeln, wie die sich
gefreut haben, ihn wieder zu sehen; ich frug nach allen, wie alt sie sind, wie
sie aussehen; da sind ihm doch die fünf, die Vater und Mutter verloren haben,
die liebsten, von denen sagte er: »Der älteste, der gleicht mir, man erkennt ihn
schon von weitem für meinen Enkel - und der zweite? - - Der schlägt ganz nach
mir, der hat für nichts Sinn wie für die Matematik und hält sich so apart.« -
»Wie ist denn der dritte, gleicht der Euch auch?« - »Der ist noch ein klein
Jüngelchen, aber er verleugnet den Grossvater nicht, und die Töchter sind schon
so hilfreich, die eine ist dreizehn und die andre elf Jahr, aber sie sorgen fürs
Haus und für die Kleidung.« - Das waren alles gewöhnliche Reden, aber wie
erfüllt von Herzlichkeit - ganz wie die Natur, mit Entusiasmus Sorg und Plage
tragend. - Er war früher bloss Lehrer der Matematik und lehrte in Giessen, in
Marburg die Studenten, und in der Ferienzeit ging er nach Haus zu den Seinen. -
Zwei Söhne und eine Tochter verheiratet; seine Tochter starb, nachdem sie ihren
Mann begraben hatte, den sie sehr liebte, und liess die fünf Kinder zurück. - Der
alte Ephraim konnt keinen andern Erwerbszweig ergreifen, sie zu ernähren, als an
den er von Jugend gewohnt war, der seine Leidenschaft ist - worüber er so
manches Schmerzliche hat vergessen, sagte er, - so ist er denn auf dem Heimweg
in den Ferien in den nächsten Orten herumgeschlendert und hat alte Kleider
eingehandelt, um die seinen Enkeln mitzubringen, denn sie neu zu kleiden, dazu
wollte sein Erwerb nicht hinreichen. Nach und nach hat sich der Handel
erweitert, alte Hochzeitskleider aus dem vorigen Jahrhundert, verlegne
altmodische Spitzen, die die Kaufleute nicht mehr absetzen, verhandelt er jetzt
nach Polen, so war er diesmal in Leipzig - und hat ein sehr gut Geschäft
gemacht, - Du hörst, ich hab einen ganz kaufmännischen Stil. - Ich möcht mit dem
Alten Kompanie machen und die Enkel ernähren helfen, weil aber das doch
Schwierigkeit hat, so hab ich einstweilen matematische Stunde bei ihm, das
macht ich ganz kurz, ich sagt ihm: »Da komm nur die Woch auch zweimal zu mir,
denn ich muss Matematik lernen,« er lachte und wollt's nicht glauben, ich holte
ihm aber meine matematischen Bücher hervor, die Christian mir hier gelassen,
und mein Heft, was ich bei dem Christian geschrieben, das gefiel ihm sehr, denn
es war meist alles vom Christian diktiert, der wohl der scharfsinnigste Mensch
von der Welt ist. - Jetzt hab ich schon drei Stunden ausgehalten und auch
allemal seine Aufgaben richtig gemacht, denn ich hab Respekt vor dem Alten, ich
möcht um alles nicht ihm die Idee geben, als sei ich ein flatterhafter
Schussbartel, wie mich die andern nennen, woran mir gar nichts liegt, aber an ihm
liegt mir, weil er so ganz ohne Überspannung doch nicht an meinem Ernst
zweifelt, weil er eine so schöne Liebe zu seiner Wissenschaft hat, dass er die
für gering achten muss, die das nicht mitfühlen. Und meine Du, was Du willst;
aber Du wirst mir recht geben, dass unter solchem Druck, unter so erniedrigenden
Bedingungen der Adel des Lebens, so frei und untadelhaft bewahrt, dass sie nicht
einmal durch das niedrigste Geschäft sich gebeugt fühlt, für eine hohe Seele
spricht; dass sie um so mehr Recht hat auf unsere feierliche Achtung, als sie
vielleicht dem Äusseren nach der Missdeutung, der Verachtung ausgesetzt ist; er
nannte mich gestern sein liebes Töchterchen und legte mir die Hand auf den Kopf,
wie er wegging; ich hielt so still, er strich mir über die Wangen und sagte: »Ja
so!« - Das hiess so viel: nun in dir ruht der Menschenkeim. - Er kommt zwischen
drei und fünf, da wird's schon dämmerig, wenn er geht, ich führte ihn durch den
Garten und zeigte ihm den Turm, von wo ich die Lande überseh. - »Da kann kein
Mensch hinauf wie ich, denn seht, die Leiter ist zerbrochen,« sagt ich, - und
ich hab ihm vorgetragen, wie mir's geht mit dem Generalbass, er sagt, das wär,
weil ich nicht alles zu gleicher Zeit überschaue, warum meine Begriffe stockten;
und manches, woran Menschen ihr Lebenlang kauten, das müsse von andern in einem
Blick erfasst werden, sonst ging Zeit und Müh verloren; ich sagte, mir sei bang,
so werde es mir auch ergehen. »Ich hab doch in meinem Leben noch keine kleine
Eichel gesehen, der bang war, es werde kein Baum aus ihr wachsen,« gab er zur
Antwort; und dabei legte er mir wieder die Hand auf den Kopf und sagte so
freundlich: »Jetzt haben wir die Eichel in die Erde gelegt und gedeckt, und
jetzt wollen wir sie ruhig liegen lassen und sehen, was Sonne und Regen tut.«
    - Du glaubst gar nicht, wie fabelig mich der Mann macht, zu den andern darf
ich nicht von ihm sprechen, das kannst Du wohl denken, denn sonst würde meine
Andacht mir für Verrückteit ausgelegt werden; aber die Patriarchenwürde strahlt
mich an aus ihm, und ich spreche der ganzen Welt Hohn, dass solche einfache grosse
und heilige Charaktere nicht Platz finden unter ihren Lappalien, und überhaupt
geh ich nach Vornehmheit, und diese hat der Mann; und seh doch nur einen
auftreten in der menschlichen Gesellschaft, ob nicht aller mühselig erzwickter
Rang ihn so des gesunden Verstandes beraubt, dass er nur als Narr sich selbst
genug zu tun glaubt. - Weise sein kann keiner, der der Narrheit eine höhere
Überzeugung opfert, denn aller Verstand deucht mir ein Spiel von Aberwitz, wenn
der heiligen Weisheit nicht alle Opfer gebracht sind. Das meine ich so: wenn
nicht alle äusseren Vorteile, Würden und Ruhm, nichts gelten vor dem inneren Ruf
zum Göttlichen. Ich bin noch jung, mir kommt es wohl noch einmal, dass mich das
Schicksal frägt, - und da werde ich des alten Handelsjuden Ephraim gedenken. - O
pfui, wer seinen Umgang wollte richten nach dem äusseren Rang, von Vorurteilen
sich wollte Fesseln lassen anlegen; und mit denen prangen! - Der einzige Stolz,
den ich habe, der ist frei sein von ihnen, - und der schon auf andern Wegen
seinen Vorteil sucht als in der heiligen Überzeugung seines Gewissens, der ist
nicht mein Geselle. - Aber der Jude, der gibt mir keinen Anstoss, der ist frei
von allem. -
                                                                           Adieu
                                                                         Bettine
Noch eins setz ich hier hin: alles, was Dir geschieht, soll Dein Geistesleben
befördern, - so, auf die Weise begreif meinen Umgang mit dem Juden.
 
                                An die Günderode
Ein matematischer Vergleich vom Jud: Begeisterung ist ein Reich des Seins, das
wir zwar aus der Wirklichkeit verbannt haben, aber in dem wir seine Gewissheit
fühlen. - Wie könnte dies Reich nicht wahrhaft sein, da der Geist die
Wirklichkeit verlässt, denn wo soll der Geist leben als in der Begeisterung, da
er immer nur lebt, wenn er begeistert ist. - Aus dieser Schlussfolge legte er mir
nun aus, was er von mir gefasst wollte wissen - und ich ergriff seine Hand und
sagte: »Ach Ephraim, jetzt weiss ich, wer Ihr seid, Ihr seid der Sokrates.« -
»Ich bin der Sokrates nicht, aber er ist ein Stück von meiner Religion.« - »So?«
- sagt ich, »habt Ihr ihn studiert; wie seid Ihr denn dazu gekommen?« - »Da
könnt ich ja wohl fragen, wie ist ein so junges Töchterchen dazu gekommen, von
ihm zu wissen?« - »Ich hab ihn der Günderode stückweis vorgelesen, aber ich war
zerstreut und weiss nichts von ihm, als nur, dass er solche Schlussfolgen macht wie
Ihr.« - »Wer ist die Günderode?« - »Meine Freundin, der ich alles von Euch
erzähl und auch, dass Ihr mich gefangen habt wie in einem Hamen, dass ich lernen
muss, und dass Ihr der einzige Mensch seid, vor dem ich Furcht hab.« - »Wenn das
nur wahr wär,« sagte er, »so wollt ich noch strenger sein.« - »Ach nein!
zerreisst den Hamen nicht, er ist gar fein gewebt, lasst dem Fisch Platz, dass er
ein bisschen schnalzen kann.« - Das macht ihm nun so viel Vergnügen, so ein
Weilchen mit mir zu sprechen, - er sagte: »Das ist alles gut, aber wir wollen
einander nicht umsonst kennengelernt haben, und Sie sollen manchmal noch des
alten Ephraim Spuren in Ihrem Geist verfolgen, wenn er schon lange nicht mehr
lebt,« - wahrlich, ich hatte auf der Zunge, ihm zu sagen, dass ich ihn
unaussprechlich liebe, und dass mir an seinem Segen mehr gelegen sei als an der
ganzen Welt; aber ich schwieg still, was soll man so was sagen, er sieht's ja
und fühlt's auch gewiss innerlich als Wahrheit. Ich frag ihn alles, was mir in
den Kopf kommt, mir deucht gar nicht, dass es möglich sei, dass ihm sein Geist
nicht alles klar und deutlich mache - nur scheu ich mich, ihm zu sagen, wie sehr
ich ihm vertrau, gestern sprachen wir vom Napoleon, ich sagte: »Mit Euch wollt
ich Schlachten gewinnen! - Ich hab mir oft gedacht, wenn ich Feldherr wär und
von meiner Gegenwart des Geistes alles abhing, dass ich alles verantworten müsst,
ob ich da nicht zwischen Begeistrung und Furcht schwanken würde; aber wenn ich
Euch an der Seite hätt, dann wollt ich meiner Entschlossenheit gewiss sein.« -
»Warum? - Trauen Sie mir so viel Mut zu? - Hab ich ihn doch noch nie bewiesen,
und vielleicht noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn zu proben, denn des Juden Weg
ist, sich zwischen Dorn und Disteln durchzuschleichen, mit denen der Christ ihm
die Strassen verhackt, und er muss sich scheuen, dass die Hunde wach werden, die in
die Dornen hinein ihn verfolgen, dass er nicht mehr vor- noch rückwärts weiss und
oft im Schweiss seiner Mühen zugrunde geht, und was noch trauriger ist, - seinen
Gott nicht mehr im eignen Herzen findet,« - und er faltete seine Hände und
verfärbte sich - er ist eine feinorganisierte Seele -, es bewegte mich, ich
sagte: »Ich hab nicht an Euren Mut dabei gedacht, aber mir deucht, in Euer
Antlitz zu sehen, das würde meine zerstreuten Gedanken sammeln und meine
Entschlossenheit festmachen wie einen Pfeiler, denn ich würde nie vor Euch
beschämt stehen wollen; und dann fühl ich, dass Ihr in der Gefahr wachsen würdet,
denn Ihr würdet gewaltig sein, wo es des Geistes bedürfte, weil böse
Leidenschaften in Euch abwesend sind und Euren Geist nicht hindern, gegenwärtig
zu sein, denn ich glaub, Gegenwart des Geistes hat man nur der Abwesenheit der
Leidenschaften zu danken, die einem ins Handwerk pfuschen. Aber Ihr seid
vollkommen ruhig und habt doch Euren Zweck im Auge und steht über den
Vorurteilen des Lebens und habt Jahre und seid so fest, so ernst, so gar nicht
ermüdet von den strengen Prüfungen, Ihr klagt nicht, Euch ist das Leben gerecht,
wie es Gott Euch gab; das ist Weisheit, mein ich.« - »Und doch ist der Ephraim
nur ein Handelsjude,« sagte er. - »Ja, aber Ihr habt Euer Leben zum Tempel
gemacht und seid Hoherpriester darin.« - Das Gespräch führte noch weiter und
endlich dahin - was ich mir für Dich aufschrieb: -
    »Dass der Leib in sich begeistigt ist - einen Geist in sich habe, erkennen
wir darin, dass er sich geheiligt empfindet im Denken. - Ein Denkender, ein
geistig Erregter hat einen geheiligten Leib.«
    Dies war das letzte von unserem Gespräch, was dazwischen lag, weiss ich nicht
mehr; - aber auf dem Turm, in der kalten Winternacht plauderten die Sterne
weiter mit mir:
    »In der Liebe ist das erste, was wir weihen, der Leib - und dies ist die
Wurzel und der Keim der Liebe - und ohne diese Weihe wird keine Liebe bestehen,
sie welkt wie eine Blume, die man bricht, aber durch diese Weihe, mit ihr, muss
die Liebe bestehen, jede Erkenntnis des Höheren fängt mit dieser Weihe an; wenn
der Geist göttlich empfindet, das heiligt den Leib.«
    »Jedes Annähern im Geist sucht den Sitz des Geistes im Innersten und das
empfindest Du umgeben vom Leib, - wie Du die Tempelhalle geweiht achtest, von
der Du weisst, dass inner ihren Mauern die Opferflamme lodert.«
    »Der Tempel stellt den eignen Leib dar und des Gottes Lehre den eignen
Geist.«
    »Den Geist des andern empfinden, so wie der sich selber empfand, als er
dachte, das befruchtet den Geist.« -
    »Verstehen ist unmittelbares Berühren der Geister, und dies ist
Lebendigsein, erzeugt selbständig Leben, und alles andre ist nicht Verstehen, -
und der geringste Keim selbständig in der Brust ist Offenbarung.«
    »Drum befruchtet das wahre Verstehen den Geist.«
    »Fürchte nicht, dass Deine Liebe verloren sei, die Geister tragen sie hin, wo
sie wirkt, wo sie erzeugt, wo sie ins Leben eindringt des Geistes. - Und das ist
ja der Liebe einziger Bedarf, aufgenommen zu sein; und was nicht ihrer
Empfängnis fähig ist, das ist auch nicht der Liebe Gegenstand, drum fürchte
nicht, dass die Liebe ihr Ziel nicht fände, alles wahrhafte Leben hat ein Ziel.«
    »Also hast Du eine lebendige, aus der Grossmut entsprungne Liebe, so verfehlt
sie nicht ihr Ziel, denn es liegt in ihr selber, wie der Atem in der Brust
liegt.«
    »Alle Handlung, die nicht Grossmut ist, ist Lüge, ist Scheinleben; alles was
nicht Geist ist, ist Lüge - Grossmut muss Scheinleben in wahres Leben verwandeln.«
    »Was ist Grossmut? - Geist? - Denken, Handeln und Fühlen zugleich. - Grossmut
muss aus dem tiefsten Geist sich entwickeln - Geist umfasst alles, jede Regung
fliesst aus ihm. Je mehr Du Geist ausströmst, je mehr strömt er Dir zu.«
    »Grossmut ist recht eigentlich sinnlicher Geistesstrom, alles was die Grossmut
hemmt, ist geistlos.«
    Das waren so die Nachzügler von meinem Gespräch mit dem Juden. Bin ich nicht
glücklich, Günderode, dass mir Gott einen solchen an die Tür geschickt hat in so
verachteter Gestalt, und dass seine Hoheit um so mehr drunter hervorleuchtet? -
Und der mir zu trinken gibt, wo mein Herz lechzt und nicht die Quelle finden
konnt, denn gewiss, dieser Mann beschenkt mich fürstlich, und ich kann ihm nicht
vergelten, und er hat mich gewiss auch so lieb wie seine Enkel, für die er mit
Herz und Seele sorgt. Er gefiel mir gleich so wohl, wie ich ihn zum erstenmal
sah, er zog mich an, und ich scherzte freundlich mit ihm, weil ich ihm wohltun
wollte, da ich weiss, dass niemand freundlich mit solchen Leuten ist und nur ihrer
spottet - jetzt aber denk ich jedesmal, wenn ich ihn seh, wie hoch er über mir
steht, und wie gütevoll und herablassend er gegen mich ist, er auch behandelt
mich wie der Meister seinen Zögling, ich fühl jeden Augenblick seine Übermacht.
- Während ich mit ihm rede, schreibt er immer kleine Sätze ins matematische
Heft, die er mir noch zuletzt anweist, wie ich sie herausfinden soll, das macht,
dass unser Gespräch sich in Pausen einteilt und feierlich und langsam ist, das
macht mir auch so viel Freud. -
    Wenn ich zu Savigny hinunterkomm, da bin ich immer ganz ausgelassen lustig
vor heimlicher Freud, dass ich so einen liebenswürdigen Meister hab, dem ich so
von Herzen zugetan bin, ich würde für ihn durchs Feuer laufen, - für Dich auch -
ich hab immer die Studenten drum beneidet, wenn ich mir dacht, dass sie so ein
Verhältnis zu ihrem Professor haben, dass sie so stolz drauf sind, seine Schüler
zu sein, und ihm die Stange zu halten; damit mein ich, dass sie sich ihm widmen
mit ihrem ganzen jugendlichen Entusiasmus. - Es ist nichts Schöneres in der
ganzen Welt als dies. Wär ich ein weiser Meister; wenn mir die Studenten aus
vollem Herzen ein freudig Lebehoch brächten, wenn sie im Fackelzug anmarschiert
kämen, ja, das wär mir am liebsten von allen Ehrenkränzen. - Der Ephraim hat so
einen Charakter, der imponieren und die Schüler anziehen muss, wenn der Philosoph
wär, was er doch eigentlich ist, so müssten die Schüler mit Leidenschaft an ihm
hängen, - er sagt, meine Schüler lieben mich auch, aber die Vorurteile liegen
wie unersteigliche Berge zwischen uns. - Savignys fragen als: »Nun, war dein
alter Matematikus bei dir, hast du wieder Judenweisheit studiert? - Bist du
heut wieder klüger wie die andre Menschheit, hat dich dein Jud eingeweiht?« -
Ich sag ja und lach mit und freu mich, dass ich allein alles weiss von ihm - ich
will Dir was sagen, ich hab ihm die Manen vorgelesen und ihn gefragt darüber
manches, er hat mit Bleistift drunter geschrieben: »Du solltest Geister rufen
und sie sollten deinem Ruf nicht folgen? - das glaub nimmer.«
    Wenn ich abends auf den Turm geh, an Tagen, wo er da war, sind die Gedanken,
die mir da oben von den Sternen kommen, immer so übereinstimmend mit seinen
Reden, dass ich manchmal meinen muss, sie hätten's ihm eingegeben für mich. -
Solche Gedanken, die mir lieb sind, schreib ich in ein Buch, um die schönsten
draus zu wählen und Dir zu schreiben; am Tag vorher, als ich vom Turm kam - es
war spät, ich war müde und schrieb eilig, ohne mich zu besinnen, was mir noch im
Kopf schwärmte, von da oben: »Darum ist's auch oft, warum das Göttliche nicht in
uns haftet, weil wir selbst schlecht werden, indem wir mit dem Bösen streiten;
wir wurden boshaft, indem wir das Böse verfolgten.« -
    »Gott hat den Adam nicht aus dem Paradies verjagt, der Adam ist ihm von
selbst entlaufen. Wo könnt ein Engel eine gottgeschaffne Kreatur aus dem
Paradies jagen wollen? - Alles Göttliche ist Steigen, was nicht mitsteigen kann,
das sinkt.«
    »Wo könnte aber das Göttliche aufsteigen, wenn nicht aus dem Ungöttlichen? -
Wie könnte das Göttliche vom Ungöttlichen sich sondern wollen? - Nein, es ist
recht seine göttliche Natur, sich nicht von ihm zu sondern; es mischt sich mit
ihm und reizt es, des Göttlichen inne zu werden, nur Verachtung löst sich ab vom
Göttlichen, nur der Tod löst sich ab, und vieles ist der Tod selbst, wodurch die
Menschen sich vom Ungöttlichen absondern wollen, - sich des ewigen Lebens
teilhaftig machen wollen.« -
    »Die Freiheit muss zur Sklavin werden des Sklaven, sie muss sich dem
Sklavensinn erobern, wie könnt sie sonst Freiheit sein? - In was kann Freiheit
sich aussprechen als im Gebundensein und unterworfen dem göttlichen Trieb, das
Ungöttliche göttlich zu machen! - Wer ist mächtig die Ketten zu tragen, wenn
nicht die Freiheit? - Und wer kann die ohnmächtigen Sinne beleben als nur das
Leben selbst?« -
    »Man sagt zwar, das Göttliche vertrage nicht das Ungöttliche, aber es muss
alles vertragen können, nur in ewigem Verwandeln in sich besteht das
Göttlichsein.«
    Das hab ich heut auf dem Turm gelernt, und dann hab ich noch gedacht:
    »Wenn du dich im Geist begegnest mit dem, was du liebst, so trete auf im
Schmuck deiner Begeistrung, sonst würde es dich nicht erkennen.«
    »Dass dich der Geliebte berühre im Geist, kann nur aus Begeistrung geschehen,
so kann auch nur Begeistrung zu ihm reden.« -
    Als ich den Ephraim begleitet hatte, ging ich gleich auf den Turm, obschon
das nicht gilt, wenn die Sterne noch nicht am Himmel stehen; aber ich mochte
nicht wieder ins Haus, es war mir zu behaglich in freier Luft. Fühlst Du das
auch, das Glücklichsein, bloss weil Du atmest, - wenn Du im Freien gehst und
siehst den unermesslichen Äter über Dir - dass Du den trinkst, dass Du mit ihm
verwandt bist, so nah, dass alles Leben in Dich strömt von ihm? - Ach, was suchen
wir doch noch nach einem Gegenstand, den wir lieben wollen? - Gewiegt, gereizt,
genährt, begeistigt vom Leben - in seinem Schoss bald, bald auf seinen Flügeln;
ist das nicht Liebe? Ist das ganze Leben nicht Lieben? - Und Du suchst, was Du
lieben kannst? - So lieb doch das Leben wieder, was Dich durchdringt, was ewig
mächtig Dich an sich zieht, aus dem allein alle Seligkeit Dir zuströmt; warum
muss es doch grade dies oder jenes sein, an das Du Dich hingibst? - Nimm doch
alles Geliebte hin als eine Zärtlichkeit, eine Schmeichelei vom Leben selbst,
häng mit Begeistrung am Leben selbst, dessen Liebe Dich geistig macht; - denn
dass Du lebst, das ist die heisse Liebe des Lebens zu Dir; es allein hegt in sich
den Zweck der Liebe, es vergeistigt das Lebende, das Geliebte. - Und alle
Kreatur lebt von der Liebe, vom Leben selbst.
    Ja, so ein Gedanke, Günderode! Einer könnt fragen, ob er nicht Einbildung
sei? - Aber mich kümmert's nicht, ob alle es nicht glauben, ich bin mir genug
und brauch keine Beglaubigung dazu. Tiefere Wahrheit erkennen ist ja das Leben
verstehen - so empfindet man ja, dass grosse Taten die schönsten Momente des
Lebens sind; also ein wirkliches heisses Umarmen mit dem Leben selbst. Solche
himmlische Momente, aus denen sich nachher die Gewissheit der Liebe ergibt. - Ja,
eine grosse Tat allein ist Feier der Liebe mit dem Leben, und sind die Menschen
nicht lebentrunken, wenn sie gross gehandelt haben, wie der Liebende trunken ist
vom Genuss, von der Gewissheit, geliebt zu sein? - Ist das nicht jene Seligkeit,
deren jeder andere bar ist, der nicht den Mut hat, der heiligen Inbrunst des
Lebens sich liebend hinzugeben, und an der grossen Tat vorbeischleicht? - Ja, was
ist der innere Genuss solcher Beglückter, als trunken sein von Begeistrung, die
zu ihnen strömt als Gegenliebe; denn rein und gross sein im innersten Gewissen,
das ist von dem Leben durchdrungen sein. -
    Man sagt, die grosse Tat belohnt sich selbst, oder, er hat den Lohn in der
eignen Brust, - und so ist keiner zu ermessen, in dessen Brust dies Verheissen
ewiger Inbrunst zwischen Leben und Lebendem diesen Lohn erzeugt. Es ist der
einsame tiefverborgne Glücksmoment, der keinen Zeugen hat, der nie sich
nachfühlen lässt, den jeder wahrhaft Liebende verschweigt, der ihn über alles
Erdenschicksal hebt, und der auch über alles, was in der Welt anerkannt wird,
ihn stellt, was ihm das Gepräg des Erhabnen gibt.
    Ja, die Grosstaten, die leidenschaftlichen Küsse des Lebens lassen einen
sichtlichen Eindruck zurück, der sich selbst, ich will's glauben, auf Kinder und
Kindeskinder vererbt, denn wo käme der Adel her? - Ist der nicht aus der
heiligen Kraft entsprossen, wo das Leben mit seiner Liebe den Geliebten errungen
hat? - Dies heimliche innerliche Geniessen einer den andern ungekannten
Seligkeit? Wo man alles aufgibt, bloss um dem Liebenden - dem Leben zu genügen? -
Ja, das muss wohl auch in der Erscheinung - im Leib sich abdrücken; und man
könnte darauf kommen, in den Gesichtern alter Geschlechter nachzuspüren, was
wohl für eine Art von Begeistrung den Keim zu diesen veredelnden Zügen, zu
dieser erhabnen Vornehmheit legte, ob es kühnes Tun, mutiges oder
selbstverleugnendes war, was diese Liebesopfer einst vom Ahnen heischten - das
ist mir schon bei Arnims Zügen eingefallen -, und ein Mann göttlicher
Leidenschaft fürs Leben, der ist ein Gründer des erhabensten Geschlechts, der
ist ein Fürst unter den Menschen und sollte er selbst in Lumpen unter den
Menschen wandeln, und wer vor diesem Adel nicht Ehrfurcht hat, das ist der
Pöbel, der nimmer zum Adel taugt, weil er das verkennt, was sein Ursprung ist,
ihn also nicht in sich erzeugen kann, er nenne sich Fürst oder Knecht. - Das war
mein Gespräch heut mit den Sternen.
                                                                        Dienstag
Heute ist der siebente Tag, dass ich meinen ersten Brief abschickte, am Samstag
der zweite und heut? - Soll ich diesen schliessen und Dir schicken? - Ich mein
als, es sei Dir zuviel vielleicht - das wird aber nicht, ich hab Dir's
versprochen, Dir alles von da oben zu schreiben, Du hast mich mehrmals dazu
aufgefordert, was kann ich davor, dass mir so viel in den Kopf kommt, oder
vielmehr in die Feder, denn, wenn ich glaub, mit einer Zeil fertig zu sein, so
bring ich die selbst nicht aufs Papier vor so viel hundert andern, die sich
dazwischendrängen. So hatt ich gestern im Sinn, wie es doch so dumm ist, wenn
man sich über sein eigen Leben wollt besinnen und glauben, es läg schon hinter
einem, was doch noch nicht der Anfang ist vom Leben, sondern nur der Grund, die
Veranlassung dazu. -
    Wenn der deutsche Kaiser gekrönt ist, vom Dom bis zum Römer über eine Bahn
von Scharlachtuch geht, so fällt das Volk dicht hinter ihm über das Tuch her und
schneidet es unter seinen Tritten ab, zerreisst's in Fetzen und teilt es unter
sich, so dass, wenn er auf dem Römer ankommt, so ist nichts mehr von der
Scharlachbahn zu sehen. So scheint mir auch aller Lebenseingang wie die rote
Kaiserbahn, gleich nach jedem Schritt aufgehoben und nichts sein, bis das Leben
Dich wie den Kaiser in so grosse Verpflichtung nimmt, dass kein Augenblick mehr
Dein gehöre, sondern Du ganz im Leben aufgehest, da kannst Du erst Deines Lebens
Anfang rechnen, dann aber hebt sich das Sterbenwollen von selbst auf. Alles
Leben, was sich mit Dir berührt, hängt von Dir ab, aber Du bist kein
abgesondertes Leben mehr, - und wirkliches Leben ist ein Ausströmen in alles,
das lässt sich nicht aufheben, - wie's mich verwundert hat, wie Du sagtest, viel
lernen und dann sterben, jung sterben! - Es kam mir in den Sinn, als hätt ich
wohl meine Zeit sehr vernachlässigt, dass ich nun schon so alt sei und noch gar
nichts gelernt, so würd ich wohl das Jungsterben bleiben lassen müssen, oder
lieber gar nichts lernen. - Aber die kaiserliche Scharlachbahn! - Ich sag Dir,
alles, was Du Dir vom Leben abschneiden kannst, ist bloss das Präludium dazu, und
das hebt sich von selbst auf, es ist vielleicht ein idealischer Voranfang; -
willst Du mit diesem das Leben aufheben? - Das heisst den Kaiser mit samt dem
Tuch zerrissen. - Und doch ist das ganze Leben nur, dass Du eine Ehrenbahn
durchwandelst, die Dich wieder ins Ideal ausströmt. Ich fühl's, wie kann man zu
was Höherem gelangen, als dass man sich allen Opfern, die das Leben auferlegt,
willig hingebe, damit der Wille zum Ideal sich in das Leben selbst verwandle -
wie kann man Selbst werden als durch Leben? - Und so muss man auch willig das
Alter ertragen wollen, und die ganze Lebensaufgabe muss aufgenommen sein und kein
Teil derselben verworfen. - Wenn Du früh sterben willst, wenn Du es unwürdig
achtest, weiterzugehen, wirst Du damit nicht jeden schmähen, der seine
Lebensbahn nicht aufhob? - Die da mühselig ihre Last tragen, sind die zu
schmähen? - Heldentum ist höher als Schmach! -
    Vor der Philisterwelt, die meinen Geist doch nicht begreift, schäm ich mich
nicht, für sie nicht Jugend zu sein, die von den heiteren Frühlingstagen nichts
weiss, welche der Geist durchlebt. - Weisst Du, was schlecht ist im Alter? - Wenn
es ein Aufbau, ein Übereinandertürmen rumpliger Vorurteile geworden, durch das
die heilige Anlage der Jugend nicht mehr durchdringt, aber wo der Geist durch
alles gehäufte Elend des Philistertums, dieser ganz unwahren aber wirklichen
Wahnwelt, durchdringt zur Himmelsfreiheit, zum Äter und dort aufblüht, da ist
Alter nur das kräftigste Lebenszeichen der Ewigkeit. - Mir scheinen alle
Menschen um mich wie nichts oder doch eine geringe und unzuverlässige Gattung
von Naturen, eben weil der Geist nicht in ihnen liegt, die höchste Blüte im
Alter zu erreichen, - eine zernagte Blüte. - - Aber der Ephraim deucht mir eine
vollkommne Geistesblüte, die jetzt im Frühlingsregen steht; die Tage sind lau,
aber trüb - aber die Ahnung ist voll himmlischem Jugendreiz, die andern fühlen
und sehen ihn nicht, wo steht aber auch je ein Philister bei der knospenden Zeit
still, voll Schauer, voll Gebet zur erwachenden Blüte? -
    Was war's also mit Deinem Frühsterbenwollen? - Wem zu gefallen willst Du
das? - Dir selbst zulieb? - Also rechnest Du die scharlachne Kaiserbahn für
Deine Jugendblüte, bloss weil sie so glanzvoll schimmert, aber sieh doch, die
Welt achtet sie ja nicht, sie zerreisst sie in Fetzen, und Du stehst an ihrem
End, und ist nicht mehr eine Spur davon, und da willst Du Dich mit zerreissen?
Aber der Trieb zu blühen ist erst dann wahre Geisteseingebung, wenn jene
Scheinblüte Dich nicht mehr täuscht, wenn Du die Blüte ganz aus Dir selbst
erzeugst, dann will ich sagen: »Ja, Du bist der Geist des Frühlings« - aber
mutlos das Leben verwerfen ist nicht Jugendgeist -, ach ich fühle wohl, dass ich
hier weit mehr recht hab wie Du, und dass ich Dir Trotz bieten kann; aber ich
weiss auch, dass Du die tiefere Geisteswahrheit, die in meinem Vergleich liegt,
deutlicher wahrnimmst als ich, und dass Du gewiss Gewaltigeres ahnest, als ich
begreife. Es geht immer so zwischen unseren vertrauungsvollen Reden, dass ich
stottere, und dass Du mir dann reiner begreiflich machst, was ich wollte. - Mir
steht hier nur der Jude vor Augen, der über die sinkende Blüte der Eltern hinaus
die schweren Lebensbedingungen erfüllt, jeden mühevollen Weg zur Erhaltung der
Enkel macht, keinen Tag mehr als den seinen verlebt, nicht um sich selber sich
kümmert, in der Tagshitze zu den Seinen hinwandernd, sich mühsam beugt, um die
Brosamen zu sammeln auf dem Weg und sie den verwaisten Kindern zu bringen. -
Sein Weg war sonst Wissenschaft, Studium der alten Sprache, Philosophie; und
nun! - Wirft ihn das Geschick hinaus aus der Bahn, durch seine Aufgaben, die
mehr mit dem wirklichen Leben zusammenhängen? - Mir deucht nicht, - mir deucht,
es sei die erste heilige Blütezeit seines jugendsprossenden Geistes, - so ist er
auch friedevoll und ruhig im jungen Sonnenlicht keimend und treibend, lebenswarm
ist der Boden, die Luft und sein Wille und sein Denken - und was er sagt, ist
wie die Rebe, in die der Saft steigt einstiger Begeisterung - und ich weiss
nichts mehr von Veralten, Verwelken, seit ich diesen Mann angeschaut hab; jeder
Tag auf Erden ist ein Steigern der Blütebegeistigung, so nenn ich's, in der Eil
weiss ich's nicht anders auszudrücken - und der letzte Tag ist immer noch
lebentriebvoller wie der vorletzte. Wie es auch sei, es ist ein ewig Vorrücken
in den Frühling; - und unser ganz Leben glaub ich, hat keinen andern Zweck. -
    Die Sterne haben mir's gesagt für Dich. -
 
                                An die Günderode
Es ist ja noch gar nicht so lang, dass Du mir geschrieben hast, es sind jetzt
vierzehn Tage, und wenn ich Deinen Schreibetag hinzurechne und die Reise und das
Abgeben des Briefs, so sind es sechzehn oder siebzehn Tage; - Du bist nicht Herr
Deiner Zeit wie ich - denn ich hab gar nichts anders zu tun, als alles Leben zu
Dir hinzuschicken, ich wollt auch lieber gar nicht denken, wenn ich Dir's nicht
wiedergeben könnt, mir kommt express alles in den Sinn wegen Dir. Aber ich weiss,
dass es Dummheit ist, sich immer ängstigen zu wollen. Nur das eine kann ich nicht
ausstehen, wenn sie mir schreiben, die Günderod lässt Dich grüssen. - Ich kann
noch eher leiden, wenn sie sagen, man sieht die Günderod nicht. - Aber das eine
nur, es ist mir wie ein Nebel zwischen mir und Dir, ich glaub Dich an meiner
Seite und sprech mit Dir immerfort und der Nebel ist so dicht, dass ich Dich
nicht seh, und auf einmal ruf ich: Bist Du noch da? - Du gibst keine Antwort. -
Da ängstige ich mich und weiss nicht, wo mich hinwenden. Da mein ich als, alles,
was ich Dir gesagt hab, sei nur ein Abirren von Dir, statt dass es mich hätt an
Dich ziehen sollen; und da denk ich, deswegen hättst Du Dich von mir entfernt,
weil ich Dir so manches sag, was Deine Seele nicht hören will, was sie stört. -
Ach, Deine Seele, ich bin einmal geboren dazu, dass ich sie umflattere. Es ist
mir zwar jetzt nicht mehr so heimlich auf dem Turm, weil mir immer zuerst
einfällt, ob das, was mir da oben in den Sinn kommt, Dir auch recht sein mag,
aber ich geh doch hinauf - nein, es treibt mich hinauf, - wie der Wind da oben
als geht, das glaubst Du nicht, er könnt einen gleich forttragen, das jagt
alles, - Wolken und Mond aneinander vorbei - jedes seinen Weg, - recht
zwieträchtig, ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll. - Der Weg hinauf wird mir
täglich ängstlicher. Ich war schon beinah dran gewöhnt und freut mich auf den
Weg, und jetzt ist's wieder wie ein Stein, der auf mir liegt, manchmal bin ich
so zerstreut, dass ich's gar vergess und erst dran denk, ganz spät, und jeder
Schatten macht mir bang. Aber wo soll ich hin, ich muss doch hinauf, ich mein,
ich muss da oben die Welt helfen festalten. - Was das heut für ein Gestürm war!
- Es wächst da oben auf der Mauer ein Vogelkirschbaum, der hatte bis jetzt noch
seine roten Beeren an sich hängen, ich hatte recht meine Freud dran, und ich
dacht, das soll mir ein Zeichen sein, dass es zwischen uns beiden heiter ist und
fröhlich. - Und die Beeren sollen hängen bleiben den ganzen Winter, ich hab sie
auch zusammengebunden, dass sie der Wind nicht so leicht forttragen konnt; aber
da war kein Halten, er drehte sich wie eine Kriegsfahne im Sturm, ich sprang auf
die Mauer und wollte ihn schützen und nahm ihn in' Arm und hab das Äusserste
gewagt, ihn festzuhalten, bis der Wind sich legen wollt, und hätt ihn gehalten,
wenn's bis zum Morgen gedauert hätt, aber da flogen mir die Beeren über den Kopf
weg, einzeln - und ganze Trauben, bis die letzte fort war, da hab ich ihn
losgelassen. Da legte sich der Wind und war's ganz hell und ruhig am Himmel -
dass ich noch eine Weile so dasass, wieder - ganz ruhig, und mich verwunderte, wie
ich eben noch so mit stürmen konnt, und warum mir doch das Herz so geklopft
hatte, da grade sonst ich und Du immer so heimlich und so lustig waren, wenn wir
manchmal auf freiem Feld einen Sturm mitmachten. - Aber ich mag Dir's gar nicht
sagen, was mir alles vorkommt und sich mir weismachen will, und an was für
Dingen es hängt, dass meine Fröhlichkeit sich in Trübsinn verwandelt, oder dass
der sich wieder zerstreut. - Oft im Sommer, wenn ich einen Vogel singen hörte,
war ich wie von einer freudigen Botschaft belebt. - Und oft, wenn ich die reifen
Kornähren so vom Wind durchstürmt und geknickt sah, musst ich in tiefen Gedanken
stehen, mich besinnen, wie ich soll einen Boten schicken, der sich den Winden
ins Mittel lege. So wollen wir auch meinen jetzigen Aberglauben auf diese
Rechnung schreiben. - Es wird vergehen und wird wieder ruhig werden.
    Am Sonntag hat der Bang hier gepredigt, ich versprach ihm zuzuhören, wenn er
wollt von den Juden predigen, wie die Christen ihr unchristlich Herz gegen die
verschliessen, dass die Juden gar nicht das Christentum empfinden können. Der Bang
predigte, wie Christus seine Jünger aufforderte, dem Volk das wenige, was sie an
Nahrungsmitteln bei sich hatten, hinzugeben, ohne sich selbst zu bedenken.
»Siehe! da war plötzlich Überfluss für alle! Und wenn es ein Wunder ist, dass der
Überfluss in den Körben gesammelt ward, über das ihr staunt und Gott anbetet, so
wollet doch auch als göttliches Wunder achten, dass die Liebe aus dem Herzen
aller strömte, wie durch elektrische Berührung der Liebe des Sohns Gottes zu
allen, so dass von Nachbar zu Nachbar sie einander mitteilten, und wollten lieber
darben als darben lassen. Und so waltete der Segen in den wenigen Broten, als
jeder das seine mit dem andern teilte, und kam daher der grosse Überfluss. - Wenn
ihr das nicht als Wunder bekennt, sondern es als ein natürliches Ereignis nicht
würdig achtet, zu den göttlichen Wundern gezählt zu werden, ist es dann nicht um
so mehr von denen zu erwarten, die sich seine Jünger nennen, dass dieses
natürliche Wunder infolge des Göttlichen erspriesse? - Und da es doch zwischen
euch, die ihr Jünger Christi seid, nicht auf die göttliche Weisheit ankommt,
sondern bloss ums tägliche Brot euch streitet, so mag nun die göttliche Kraft des
Wunders in den Broten gewirkt haben, dass sie sich mehrten oder in den Herzen der
Juden, dass sie aus Hunger nach dem göttlichen Wort der leiblichen Sorge nicht
achteten und sich einander im christlichen Sinn, der schon in ihnen zu keimen
begann: Liebet euch untereinander, die leibliche Speise mitteilten und gönnten,
so liegen denn immer diese Lehren darin: Richtet die Seele auf göttliche
Weisheit, so wird die Sorge um das Irdische von euch gehoben durch göttliche
Kraft. Oder auch: Die Sorge um Irdisches ist allein in die Welt geboren, damit
ihr sie überwinden lernt um eurer Brüder willen und gemeinsam nach dem
Göttlichen trachtet, was jedem zuströmt, soviel er zu fassen vermag. Der
göttliche Segen aber regnet über alle Lande, und euch brüderlich in den
irdischen zu teilen, achtet ihr das nicht als göttliches Wunder in euren Herzen?
-
    Mögen doch eure Herzen geschickt sein, Bruderliebe zu üben, so ist euch
gewiss, dass das Wunder göttlicher Weisheit in euch erblühen werde, was von innen
als Fülle des Segens über alle gleich sich ergiesst, und nicht über diesen
allein, weil er Christ ist, und über jenen nicht, weil er Jude ist. - Denn so
oft wir den Segen, sei er irdisch oder himmlisch, abteilen wollen, so erstirbt
er in uns, denn sein Leben ist: Gemeinschaft des Heiligen. Mit dem inneren Sinn
sollen wir die Welt regieren, das äussere Regiment greift in ihre Gestaltung nur
vorübergehend oder gar nicht ein und kann nur das Geistige, die wirkliche
Entwicklung hindern, aber der innere Sinn, durchdrungen von dem höheren Regiment
der Welt, breitet sich aus und greift um sich, ihm ist nicht Einhalt zu tun,
erzeugt sich in allen Herzen, jeder pflanze den Kern dieser süssen Frucht ins
eigne Herz, er ist der Frühling des Lebens, ohne den werden wir nicht ernten und
keine Gewalt haben.« -
    Bang sagte mir nach der Kirche, er habe wohl gemerkt, dass ihm niemand
zugehört habe als nur ich allein, die ganze Kirch hab geschlafen. -
    Ich hab von dieser Predigt in einem Brief an den Voigt geschrieben, weil ich
ihm nichts Besseres zu erzählen wusste, so hat er mir geantwortet: »Der innere
Sinn greift mehr um sich wie alles Regiment der Welt, der Flügelsame des Geistes
kann nicht abgesperrt werden, der treibt umher, und der Wind der geistigen Natur
überwältigt alle Vorkehrungen, drum ist's lächerrlich, was die Menschen sich für
Mühe geben, alles in der Zucht halten zu wollen oder durch etwas anders die
Freiheit zu erkaufen als durch den Geist. Freiheit ist die strengste Zucht, denn
sie greift da ein, wo kein Gebot noch Verbot was wirkt, sie zermalmt das
Schlechte in der Wurzel; denn Freiheit ist eine göttliche Kraft, die nur Gutes
wirken kann, aber die Menschen verstehen nicht, was Freiheit ist, sie wollen
sich ihrer bemächtigen, das ist schon sie ertöten. Der Freiheit kann man sich
nicht bemächtigen, sie muss als göttliche Kraft in uns erscheinen, sie ist das
Gesetz, aus dem sich der Geist von selbst aufbaut. Innere Gebundenheit und
äussere Freiheit sind doppelt schwere Ketten, weil die Trunkenheit noch
dazukommt, die die Sinne bindet und verwirrt.« - Das ist ungefähr das
Bedeutendste, was ein zehn Seiten langer, sehr kritzlich geschriebner Brief
entält, ich wollt Dir ihn nicht schicken, ich fürcht, es möcht Deine Augen
angreifen, ihn zu lesen. Er hat noch viel Hübsches und Freundliches geschrieben
über Deinen Franken in Ägypten6. - Er sei der Franke, aber das Mädchen werde er
nimmer finden, das ihn in des Vaters Hütte führt, denn was ihm in der Seele
woge, das sei nicht mit Schönheitslettern ihm ins Antlitz geprägt, seine
fränkische Nase umschreibe kein schönes Profil. Den Brief kann ich Dir einmal
vorlesen, wenn das Füllhorn eigner Mitteilungen ausgeleert ist, - aber wann wird
das je sein? - Ach, ich hab das Herz so voll zu Dir, nur heut hab ich von
fremden Menschen geredet statt von meiner Seele, weil ich Dich nicht betrüben
will mit meinen Klagen. Aber gewiss ist es wahr, auf dem Turm kann ich nur
Seufzer ausstossen, und meine Gedanken sind wie abgerissne Zweige und zerstreute
Blätter - Laub, das im Winterwind herumwirbelt! - - Ich kann keins haschen, und
was mir zufliegt, das zerfällt und hat keine sybillinischen Zeichen; aber ich
will nicht klagen, denn es ist ja doch nur Einbildung von mir, Du bist nur so
schweigsam, weil Du so in Gedanken versunken bist, wie Du schon als diesen
Herbst warst. Wolltest Du nicht manchmal den Voigt sehen? - Er ist doch gut, der
könnt mir als von Dir schreiben. Er ist heiter und bescheiden und erzählt so
viel Schönes aus seiner frühen Jugend, sein Leben ist Musik und Malerei, seine
Bekanntschaft ist, wie wenn einer mit fröhlichem Gemüt umherschaut und einem
unbefangnen Blick begegnet, dem er alles erzählt, was in seinem Innern vorgeht.
Dass er schlecht geschrieben hat, will ich wohl glauben, aber es verdirbt mir ihn
nicht, denn das war vermutlich die besessene Herd Schweine, die in die hohe
Meeresflut gestürzt sind; wie es denn gewöhnlich bei guten Menschen geht, die
was Schlechtes hervorbringen; es muss ihnen ganz leicht sein, wenn sie es los
sind, - so ist er auch ausnehmend vergnügt. Ich hab ihn kennen lernen, wie er
als Schulrat in Frankfurt vorgestellt war, da hat er mich mit seinem witzigen
Humor ergötzt, und es lag so viel Wahres und Richtiges, zum wenigsten mir
Zusagendes in seinen Bemerkungen, dass ich immer meine, er würde das Beste
gewirkt und geraten haben, er sagte aber damals zu mir: »Ach, ich bin ein
Wickelkind, mir sind die Hände mit dem Wickelband festgebunden, ich kann nur
Gesichter schneiden, und da meinen die Leute, ich lach und weine im Traum, sie
meinen gar nicht, dass ich mit meinen fünf Sinnen dabei bin, wenn ich was sag.« -
Wenn es Dir nicht störend ist, dass er Dich einmal besucht, so schicke ich ihm
einen Brief an Dich. -
    Vom Hölderlin hab ich auch erzählen hören, aber lauter Trauriges, was ich
Dir jetzt nicht erzählen mag, denn wir beide würden nichts darüber erdenken
können; und in meinem Herzen steht geschrieben: Streue die Saat der Tränen auf
sein Andenken, vielleicht dass aus diesen die Unsterblichkeit einst ihm aufs neue
erblüht! - Ach, auch er hat gesagt: Wer mit ganzer Seele wirkt, irrt nie! Ja,
wer unzerstreut und mit ganzer Seele dabei wär, der könnte wohl Tote erwecken,
drum will ich mich sammlen und an Dich denken, dass ich Dich mir wach erhalte,
dass Du mir nicht stirbst. - Aber ich will meinen Brief nicht so traurig
schliessen. - Ein Brief, den ich kürzlich von Goete gelesen habe, den er anno
Achtzehnhundert an Jacobi schrieb, wird Dich auch freuen: »Seit wir uns nicht
unmittelbar berührt haben«, sagt er ihm, »habe ich manche Vorteile geistiger
Bildung genossen, sonst machte mich mein entschiedner Hass gegen Schwärmerei,
Heuchelei und Anmassung, oft auch gegen das wahre ideale Gute im Menschen, das
sich in der Erfahrung nicht wohl zeigen kann, oft ungerecht. Auch hierüber, wie
über manches andere belehrt uns die Zeit, und man lernt: dass wahre Schätzung
nicht ohne Schonung sein kann; seit der Zeit ist mir jedes ideale Streben, wo
ich es antreffe, wert und lieb.« - So sehr ich sonst eine Sehnsucht hatte,
allein und heimlich ihn aufzusuchen, jetzt ist's nicht mehr so; - ich möchte gar
nicht zu ihm, wenn ich nicht Dich an der Hand führte - nur als zeigte ich Dir
den Weg, - und nur, dass ich mir den Dank von ihm und Dir verdienen will, denn
was er im Brief sagt, berechtigt Euch, gegenseitig aufeinander Anspruch zu
machen, denn wie freudig würd er erstaunen über das Ideal in Deiner Brust, so
wie Du Dich aussprichst in jenem Brief, wo Dir auf einmal so hell dies Ideal
erschien, als sähest Du voraus in Deine Unsterblichkeit. - Und mit was könnt ich
ihm entgegenkommen? - Ich hab keine Vorrechte, ich hab nichts, als den geheimen
Wert, von Dir nicht verlassen zu sein, sondern angesehen mit Deinen
Geistesaugen, die Gedanken in mich hineinzaubern, welche ich nie geahnt haben
würde, läse ich sie nicht in Deinem Geist.
    Gestern abend haben sich jung und alt beschert, mir sind die leeren
Weihnachtsbäume zuteil geworden, ich hab mir sie ausgebeten, ich hab sie vor die
Tür gepflanzt, man geht durch eine Allee von der Treppe über den breiten
Vorplatz bis zu meiner Tür, diese grünen Tannen, so dicht an meiner Tür,
beglücken mich - und die Welt ist noch so gross! Ach es steigt mir die Lust im
Herzen auf, dass ich reisen möcht - mit Dir - wär das denn nicht möglich? - Bin
ich denn so ganz gefangen, kann ich mir hierin nicht willfahren? - Und willst Du
auch nicht das Unglück meiden, jener die sterben, ohne den Jupiter Olymp gesehen
zu haben? - Ich fühl, dass mir alle Sehnsucht gestillt könnte werden, hoch auf
dem höchsten Berg die Lande, die Weite zu überschauen, ich würde mich wahrlich
erhaben und mächtig fühlen, denn wessen das Aug sich bemeistert, dessen fühlt
der Grossherzige sich Herr. Ach, Günderode, ich weiss nicht, ob Du's auch schon
gefühlt hast, aber mir ist jetzt vor allem der Sinn des Aug's gereizt, sehen
möcht ich, nur sehen. - Wie gross und herrlich die Kraft, mit dem Aug alles zu
beherrschen, alles in sich zu haben, zu erzeugen, was herrlich ist, - wie würden
da die Geister uns umflügeln auf einsamer Stelle? - Und dann kennen wir uns, wir
würden ineinander so einheimisch sein, es bedürfte keiner Mitteilung, die
Gedanken flögen aus und ein, in' einen wie in' andern, was Du siehst, das ist in
Dir, denn ich auch, ich hab mich nicht vor Dir verschlossen; - ja, Du bist
tiefer in meiner Brust und weisst mehr von meinem Seelenschicksal, als ich
selber, denn ich brauch nur in Deinem Geist zu lesen, so find ich mich selbst.
Und wie glücklich hab ich mich doch hingehen lassen in Deinem Kreis? - Als
schütze Dein Geist mich, so hab ich alles Unmögliche gewagt zu denken und zu
behaupten, und nichts war mir zu tollkühn, überall fühlt ich den Faden in Deinem
klugen Verstehen, der mich durchs Labyrint führte. Ach, ich möchte alles haben,
Macht und Reichtum an herrlichen Ideen und Wissenschaft und Kunst, um alles Dir
wiederzugeben; und meinem Stolz, von Dir geliebt zu sein, meiner Liebe zu Dir
genug zu tun. Denn diese Freundschaft, dies Sein mit Dir, konnte nur einmal
gedeihen. Ich zum wenigsten fühle, dass keiner mit mir wetteifern könnte in der
Liebe, und darum siegt auch meine Grossmut, - ich mag niemand eine Schuld
aufbürden, um die er ewig büssen müsste.
    Mein Brief ist zerstreut geschrieben, das ist, weil ich Dich suche, - sonst
stehst Du vor mir, wenn ich Dir schreibe, da spreche ich mit Dir, die Hälft sind
da meine Gedanken, und die Hälft Deine Antwort, denn ich weiss allemal, was Du
antwortest, wenn ich Dir was sage; so lerne ich immer das Tiefere, das Weise,
das Bestätigende aus Dir. - Die Post geht ab - ich lasse den Brief noch liegen,
vielleicht kommt ein Brief, dann bitte ich Dir gleich noch in diesem meine
Beschwerde ab. - Ach käm doch ein Brief. -
    Nein, es ist kein Brief gekommen.
    Ich bin böse - aber nicht auf Dich - auf mich bin ich böse, woher kommt mir
die Krankheit? - Ja, es ist Krankheit, und schon lange lag es in mir; - es ist
ja als ob ich nichts von Dir wisse, so verzage ich ganz, war ich denn im vorigen
Jahr so bang? - Da sind doch auch Zeiten vergangen, wo Du nicht schriebst. Du
hast mich verwöhnt mit Deinen kleinen Briefen aus dem Rheingau, ich kenne ja
doch Deine grosse Ruhe, in die Du manchmal so schweigsam versunken warst, dass ich
oft stundenlang mit Dir war, und Du sprachst nicht, so wird's jetzt auch sein -
der Nachhall Deiner stillen Begeistrung ist's, oder es wiederholen sich tiefe
Melodien Deiner Seele in Dir, denen horchst Du zu. Ja! Wie's in jener
himmlischen zauberhaften Nacht war, auf dem Rhein, wo wir zusammen unter der
blühenden Orangerie auf dem Verdeck sassen. - Wie schön war's doch, dass die grade
von Köln nach Mainz fuhr, und dass wir beide auf dem Schiff die einzigen waren,
die in der Nacht da oben blieben, die andern fürchteten die kalte Nachtluft, das
war ein rechtes Glück. Wir freuten uns, als der letzte hinabgeflüchtet war und
wir waren ganz allein und bloss der Steuermann und die Ruder und die grosse
Stille, - und meinen Pelz warf ich um Dich und sass zu Deinen Füssen, und der
deckte mich auch noch, und wie schön war die Mondnacht, es sollte nicht ein
Wölkchen am Himmel sein, der unermessliche Luftozean, in dem allein der Mond
schwamm. - Da warst Du auch so stille, und wenn ich ein Wort sagte, so verlor
sich's gleich im tiefen Schweigen - dass ich auch nicht mehr reden mochte aus
Ehrfurcht vor der stillen Versunkenheit der ganzen Natur! - Und wer kann's je
vergessen, der in so heller Nacht auf dem Rhein schifft, wenn beide Ufer sich im
Mondglanz baden; - und dann kam der Wind und rauschte erst leise in den Kronen
und dann stärker, und es fielen Blüten auf Dich und mich, und da sah ich mich um
nach Dir, hinauf zu Dir, da lächeltest Du, weil es zu schön war, was uns da
widerfuhr, aber wir beide schwiegen still, um nicht zu stören, alles was sich an
Schönheit rund um uns ausbreitete, und wir fuhren um die stillen Inseln und
kamen näher ans Ufer, dass die Weiden herüberhingen und verwickelten ihre Zweige
in unsre Bäume, und schüttelte über Dir die Krone, dass sie all ihre Blüten Dir
in den Schoss warf, da warst Du erschrocken aufgewacht, denn Du warst
eingeschlafen grade - einen Augenblick. - Ja, ich auch schlaf gern, wo es grad
mir am seligsten ist, da ist immer die Ruhe über mir, als wäre Seligkeit nur
eine Wiege und schaukelte die Seele und wiegte sie aus einem Traum in den andern
hin und her, wo es schön und schöner wär. - Ich dachte da, es war ein köstlich
Wohlgefühl in mir, und betete es vor Gott, ich wollte nicht glücklicher sein in
der ganzen Fülle der Welt als so, wie es uns beiden da beschert war, und ich
fühlte mich so gestärkt und knüpfte mich getreuer an Dich. - Und gelobte mir
meinen Geist waffenfähig zu machen, und da gingen in Eile viele grosse kühne
Taten vor mir vorüber, die ich all im Geist entschieden hatte, und da war ich so
heiss einen Augenblick vor raschem Lebensentschluss und reiner Begeistrung. Und
daher hab ich verstanden, was Du in Deinem Brief sagst von dem einfachen
Phänomen, wo tragische Momente uns durch die Seele gehen, die sich ein Bild
unsrer Lebensgeschichte auffangen, und wo die Umstände sich so ketten, dass man
ein Tiefschmerzendes oder Hocherhebendes im Geist mit erlebt. - Mein Gefühl aber
war nicht tragisch, es war glorreich, es war jubelnd, überall war ich Sieger; -
ja recht wie ein Adler, der sich aufschwingt über den Erdenballast von allen
Geschicken, und der nur fliegen will, und so bin ich da auch ein paar Minuten
über jenen Gelübden eingeschlafen, als wenn der Schlaf die Bestätigung aller
Geisteserhebung wär! - Oder ist es vielleicht im Schlummer, dass der Geist in
seinen Gelübden aufsteigt? - So war's mir nach jenem kurzen Schlaf, als sei ich
im Port meines Lebens angelangt, und als brauche ich keine fremden Wege mehr zu
suchen. - Es war, dass ich immer Dir verbleiben wollt, dass alles Glück, was uns
entgegenkomme, nur Dein sein solle, und dass ich's nur durch Dich geniessen wolle.
Drum schieden wir auch am Morgen so leicht und heiter, ich stieg in den Wagen,
der mich am Ufer erwartete, um nach Frankfurt zu fahren, und Du bliebst auf dem
Schiff, und ich hatte Dir nicht einmal die Hand gereicht und rief nur hinüber:
»Adieu Günderode!« und Du riefst meinen Namen. Und es war, als ob die Welt uns
nicht trennen könne. - Aber wie ich eine Weile vorwärtsgefahren war und sah Dein
Schiff mit seinem südlichen Garten noch von weitem, da fiel mir's auf einmal
ein, dass ich Dir nicht die Hand gereicht hatte und Dich nicht geküsst hatte und
Du mich auch nicht auf meine Stirn, was Du doch sonst immer tatst und jeden
Abend, wenn ich von Dir ging. - Und es war mir so angst drum, dass ich gern
umgekehrt wär, wenn ich gedurft hätte. - Und jetzt, wenn ich an Dich denk und Du
schreibst nicht, so fällt mir's ein und ängstigt mich. Aber doch ist es ja ein
gutes Zeichen, ein so sicheres Gefühl, dass wir nicht getrennt seien, und wenn
doch diese schönste idealische Nacht unseres Lebens die letzte war, die wir
miteinander zubrachten, so wird uns auch der Genius wieder so zusammenführen, -
und hin durch heisse Länder, wo kein Sehnen ist, und wo wir am Morgen nicht um
den Abschied sorgen, weil wir uns nicht trennen werden. - Nur, dass ich jetzt in
die beschneiten Felder sehe, und dass mir der Winter so tot jetzt erscheint, wo
mir eine italienische Sommerglut im Herzen wogt! -
    Ja, wir wollen fort, Günderode, wir zusammen; - es war ein Schicksalsruf,
jene himmlische Nacht unter südlichen Blüten, - sie rief uns zu dem Land, dort
wohin mein Sehnen geht, um das ich schon mit der Mignon meine Nächte verweint
habe. - Das erste, wenn wir uns wiedersehen, soll es sein, dass wir einen festen
und reifen Plan machen. - Es ist am End ganz lächerrlich, wenn wir alles Schöne
und Herrliche, von dem gesprochen wird, im Geist berühren und geniessen, und wir
sitzen in der Wirklichkeit wie eingefroren. Ich bin begierig, ob wir's nicht
dazu bringen, in der pappendeckelnen Welt; das ist's eben, dass sie von
Pappendeckel ist. - Da fällt mir wieder mein Kindertraum ein, wo ich auf einem
backsteinernen Fluss auf der Reise war und die Ruderer vergeblich Wellen schlagen
wollten, und nur mit den Stechstangen ging's langsam vorwärts, - und das krachte
so unangenehm, es pfiff, dass es mir zwischen den Zähnchen weh tat. Ach und die
Reisegefährten schnitten so fürchterliche Gesichter, - da hab ich recht in
Natura gesehen und ohne Schleier, was ein Philister für eine fürchterliche
Lebenslarve hat. - Der Trieb zur Schönheit ist doch wohl noch das einzige, was
von einer höheren Natur übrig ist. -
    Am Feiertag wollt ich, der Ephraim sollt mich besuchen, es war mein Lerntag,
aber weil's Feiertag war, so konnt ich einmal die Stund verplaudern mit ihm,
wozu ich so grosse Lust hatte, und mit meinen Tannenbäumen eine Laube um seinen
Sitz gebaut, das hat mir gross Vergnügen gemacht, ich schenkte ihm auch Wein ein,
da kam der Professor Weiss dazu, der hatte mit ihm zu reden wegen zwei Schülern,
der sprach auch mit grosser Achtung mit ihm, dass er so grosse Kenntnisse habe.
Sein Enkel holte ihn ab und blieb noch eine Weile da, aber er setzte sich nicht
vor seinem Grossvater und blieb stehen, und von dem Wein nippte er nur - und ich
will Dir gestehen, dass ich die ganze Zeit von Dir gesprochen hab, denn ich kann
auch nicht gut von anderem sprechen, weil ich doch immer dran denk, ob ich bald
einen Brief von Dir krieg. - Was soll ich noch von ihm erzählen, er hat eine
eigne Art, es scheint nur Bescheidenheit, aber man fühlt, dass es Herablassung
ist und Güte; ich möcht Dir auch gern noch manches von ihm sagen, aber weil ich
gar nichts weiss von Dir, das bricht mir den Mut, ich weiss ja nicht einmal, ob Du
es mit Anteil liest. - Er sagte mir, dass er bis nach den Feiertagen, bis nach
Neujahr eine kleine Reise zu den Seinigen machen wolle, weil seine Schüler alle
fort sind. Es ist eine Reise von acht Meilen - bei Butzbach, - den Weg macht er
zu Fuss in dem Wetter, - es ist hier ein Sausen, davon hat man in der Stadt
keinen Begriff; auf dem Turm kommt allerlei Gezweig vom Wald oder von unten aus
der Allee angeflogen. Gestern setzte ich mich gleich an den Boden nieder, um
nicht davongetragen zu werden. -
    Ich fürchte mich für den Ephraim, oder ich wollt, ich könnt mit ihm gehen, -
so, ein Stock in der Hand, und immer vorwärts geschritten, in neue Lande, wo
andre Luft weht, andre Bäume blühen, - jetzt hat's aber noch eine Weile Zeit
damit; - so - ruhig sprechend - mit einem Weisen aus Morgenland. - Ich bin von
Natur so neugierig, wenn ich nur in ein unbekannt Dorf komm, da kommt mir alles
so sonderbar vor, und die kleinen Reisen, die ich bis jetzt gemacht hab, - wie
war mir alles so auffallend -, wenn wir im Dunkeln vor einem Postaus hielten,
wie sah mich da der halberleuchtete Gang so seltsam an, als könnt er sprechen
und erzählte mir: Ja, hier gehen allerlei Geschichten vor! - Und so eine Nacht
in unbekannte Gegend gefahren, oder im fremden Nachtquartier, wenn man da aus
dem Traum aufwacht und hört die Glock schlagen, und noch eine, und dann wieder
eine. Da dacht ich als: da sind also viel Kirchen, wie mögen die aussehen? Und
dann der Nachtwächter, der ein ganz fremd Lied singt mit heiserer Stimme, und
die Schellen an den Häusern, die man noch läuten hört, und dann am Morgen sieht
alles wieder anders aus, und ist wieder so neu und überraschend, als wär die
ganze Welt wie ein Spielsachenladen und Häuser und der Markt vor der Tür und die
Leute, die da wohnen und laufen, das sei lauter Spielzeug, und die Hunde, die
herumspringen, die Brunnen, wo die Leut Wasser holen, das kommt einem alles vor
bloss wie zum Vergnügen, lauter Bilder, man freut sich, dass alles so niedlich
eingerichtet ist und gar nichts vergessen. So fremde Orte, sie sind wie
Feenmärchen. - Das alles möcht ich mit Dir geniessen! Es ist ja nur der Eingang,
aber Himmel und Erde, im Freien - in die Weite hinaus, - wo man stumm steht und
sieht die Berge sich aufrichten und mit dem Morgenlicht sich küssen, und alles
Unendliche, was da vorgeht, was stumm macht und alle Weisheit überflüssig, denn
wie's Kindchen, wenn ihm die Milch zuströmt aus der Mutter Brust, genug damit zu
tun hat, sie zu schlucken, mit der Fülle fertig zu werden, so ist's auch mit der
Natur, sie gibt so vollauf dem Blick, dem Herzen, dass es nicht zu Atem kommen
kann. - Aber der Ephraim liegt mir am Herzen, dass der jetzt, wo die Natur
schläft und nur aufrührische Träume hat, die eisige bergige Strasse wandert, wo
es so früh Nacht ist, und wo er in schlechte Herbergen kommt; aber er sagt, er
habe einen Tag schon versäumt wegen dem Wetter und seine Enkel warten alle auf
ihn, die würden so schon in grossen Sorgen um ihn sein, und das Sturmwetter werde
er schon ertragen, er habe es schon mehr mitgemacht, und sein Enkel trägt den
Bündel. - Er muss die Kinder sehen; da muss man ihn nicht abwendig machen, er sah
auch gar nicht sorglich aus. - Dürft ich nur, wie ich wollt, so hätt ich einen
bequemen Wagen ihm vor die Tür fahren lassen; und ich hatte Lust dazu, hätt
ich's nur heimlich tun können, aber ich fürcht, man hätt geschrien, ich wär
extravagant, ich wollt die Sonderbare spielen, und gelitten wär's doch nicht
worden, denn von Verkehrteiten muss ich abgehalten werden. - Ausser dem Clemens,
der hätt das gewiss recht gern gewollt. - Nun hab ich doch diese acht Tage Sorge
um Dich und um den alten Mann. - Ich fürcht mich vor dem Turm. Ich will aber,
oder ich muss hinauf. - Das ist zum drittenmal, dass mir so was begegnet; dass mich
so was fesselt, nächtlich und geheim an einen Ort zu gehen, wo mich die Geister
hin bestellen.
    Wie ich ganz klein war; der Vater hatte mich am liebsten von allen Kindern,
ich kann kaum zwei Jahr alt gewesen sein, wenn die Mutter was von ihm zu bitten
hatte, da schickte sie mich mit einem Billett zu ihm, denn sie schrieben sich
immer, sie sagte, wenn der Papa das Billett liest, so bitte, dass er Ja schreibt,
und er richtete oft nach meinen Bitten seinen Beschluss. Er sagte: »Mein liebes
Kind, weil Du bittest, so sag ich ja, ja.« - Alle Kinder fürchteten sich vor dem
Vater, denn so freundlich er war, so hatten alle eine Ehrfurcht, die sie
hinderte, ihrer Lustigkeit nachzugeben, und ein ernstes Gesicht vom Vater
machte, dass sie alle vor ihm wichen; ich hatte viel mehr Lust mit ihm zu
spielen, und wenn ich wusst, dass er nachmittags allein auf dem Sofa schlief, wo
niemand sich ins Zimmer getraute, da schlich ich auf den Zehen herbei und kroch
in den Schlafrock auf der einen Seite herein und konnt mich so geschickt um
seinen Leib schmiegen und auf der andern Seite wieder heraus, das konnt ich so
geschickt, da gab er mir allerlei italienische Schmeichelnamen im Schlaf und
schlief dann weiter fort. - Er war niemals verdriesslich. - Wie die Mutter starb,
da fürchteten sich alle Kinder vor seinem Schmerz, keiner wagte sich in seine
Nähe. Abends war er allein im Saal, wo ihr Bild hing, da lief ich hinein und
hielt ihm den Mund zu, wenn er so sehr schmerzvoll seufzte. - Ich besinn mich,
dass ich als gern in der Karmeliterkirch war, wo niemand mehr hineinging, sie war
immer leer, weil sie so düster ist, und weil so viel Tote da begraben liegen;
Vater und Mutter liegen auch da und viele Geschwister. Ich hab mich niemals
gefürchtet vor traurigen Orten. - Wie manchmal, wenn die Sonn drauss schien, da
ging ich da hinein, da war's so feucht und so trüb, dass man glaubte, es sei der
traurigste Herbsttag. - Ich erzähl Dir's, - ich wollt Dir nur sagen, ich scheu
mich nicht vor traurigen Orten und auch nicht vor traurigen Menschen, und wenn
Du was hast, was Dich trübsinnig macht, so brauchst Du mir's nicht zu sagen,
aber scheu Dich doch nicht vor mir, ich weiss so stillzuhalten.
    
    Gestern hatt ich mich den ganzen Tag gesehnt nach dem Abend, weil ich auch
am Tag keine Ruh hab. Wenn ich doch ein einzig Wort von Dir hätt nur, über Dich!
- Ich hab nur lauter Halbgedanken, sie kommen tief aus der Brust, aber ich mag
sie nicht prüfen. - Wenn Du mir das einzige schreibst: »Bettine, ich bin Dir gut
«, das wär genug! Wär ich doch wie die Uferfelsen, die den stürzenden,
versprjetzten Lebensstrom wieder im ruhigen Lauf sammeln, und jede Welle, jeder
Gedanke in Dir würde freundlich an mir vorüberbrausen, ich wollt sie nicht
fesseln. - Ach, ich sag nicht, dass ich Dich liebe, aber doch mein ich, ich wollt
gern Dir mein ganz Leben aufopfern, und ich kenn niemand, dem ich das wollt,
aber Dir wollt ich's. Aber wenn Du mir auch nicht vertrauen kannst, darum will
ich nicht bitten. Es ist mir alles eine grosse Schrift in Dir, es ist mir alles
Geist! - Mein Gott! Was hast Du getan, gedacht, was ich nicht mit vollen Sinnen
genossen hätt. - Und so oft hab ich in Dir erkannt, was ich in mir selber nicht
zur Gewissheit bringen konnt! - wenn mir ahnte. Die ersten kühnen Gedanken, die
zum erstenmal die engen Lebensgrenzen überbrausten, dass ich verwundert war über
Geist und überrascht, wo hab ich sie doch gelesen? - Sie standen auf Deiner
Stirne geschrieben, - wieviel kreuzende Stimmen hast Du doch entwirrt in meiner
Brust, und meine wilde Gedankenlosigkeit - Du hast sie so sanft eingelenkt und
mir gelehrt, freudig mitspielen. - Der Sinn der Welt ist mir einleuchtend
geworden durch Dich, ich hätt ihn nimmer geheiligt, ich hätt ihn immer
verachtet. Denn früher dacht ich oft, zu was ich doch geboren sei? Aber nachher,
wie Du mit mir warst, da hab ich nicht mehr so gefragt, - da wusst ich, dass alles
Leben ein Werden ist, und nur eine freudige Ungeduld hat mich zuweilen noch
übermannt, ein übereilend Erharren der Zukunft, keine Trauer mehr, nein, ich
weiss nichts mehr, was mich geschmerzt hätt seit dem Augenblick, wo ich Dich
kenne. - Dort in Offenbach, der Tage erinnere ich mich; kann's dem Busen der
Erde so üppig entkeimen, als mir die Lebensfülle unter Deinem warmen belebenden
Hauch? - O glaub mir's, ich taumelte oft im Geist, weil die Gedanken so weich
sich mir unter das strömende Gefühl betteten, oft, wenn ich am Abend in die
weite Purpurlandschaft sah, dort, wo ich aufs Dach stieg, bloss um zu fühlen,
wie's Leben doch tut in der Brust, es war mir ja noch so neu, da musst ich
denken, dass ich ganz alles mit sei, was ich sah, - solche Purpurwogen
durchwallten mich, - und es war ein Reichtum, den ich in mir ahnte, und es war
mir alles durch Dich geschenkt! - Ja, ich zweifle nicht, es ist ein Kern, ein
edler in mir, der wurzelt, und der mich mir selber wiedergibt. Du hast diesen
Kern in mir gebildet, Mut! Umsichtige Heiterkeit sind seine ersten Blüten
gewesen, und jeden Tag will er mehr Blüten treiben, wie der Baum inmitten
wohltätiger Natur! - Alles Schicksal nehm ich hin wie Wind und Wetter, und
kann's tragen, denn Du hast mich gesund gemacht, - aber wenn ich nun ausgerissen
wär aus dem Boden, das wird doch nicht sein? - Nein, das kann niemals wahr
werden. O kein Erdbeben, das den Berg verschlinge, dessen Gipfel den schwachen
Stamm trägt - blühend weit hinaus in die Ferne - und so wohl sich fühlt, weil er
alle Güte der Sonne empfindet, weil ihm alle Echo erklingen von den weiten
Bergen, und weil er so weit umher die lachende Natur beherrscht, weil er so hoch
steht, so einsam, so glücklich, und alles allein, weil er in Deinen Busen
gepflanzt ist. -
    Dann bin ich schlafen gegangen, wie ich so weit geschrieben hatte, und hab
vergessen auf den Turm zu gehen, wo ich doch den ganzen Tag unruhig danach war,
und schlief so fest ein. Ach, war ich denn krank gewesen, dass ich wieder so ganz
gegen meinen eigentümlichen Willen nicht traurig zu sein, so an Dich schrieb? -
Aber wie ich aufwachte, da besann ich mich, dass es zum erstenmal war, wo ich den
Turm versäumte, sprang auf und warf einen Mantel um, so war ich oben angelangt,
noch eh ich mich besann, ob's nicht die Geisterstund sein könne, meine Hast war
zu gross, als dass ich mich hätt fürchten können, - denn ich dacht, wenn nun schon
Mitternacht vorbei wär, so hätt ich einen Tag versäumt. Nein, das will ich
nicht, ich hab Dich da oben in der freien Natur allen guten Mächten hingegeben,
die Sterne wissen von Dir, und mag's gehen wie es will, ich will nichts versehen
bei meinen Gelübden. Ich hab zu ihnen gesagt von Dir und sie in Pflicht genommen
über Dich, ich bleib ihnen zugetan, und mein Gefühl ihrer Erhörung, ihres
Bewusstseins meiner heissen Lebensbedürfnisse, das will ich nicht schwächen, indem
ich nicht feierlich mein Versprechen achten sollt. - Es war auch schön dort
oben, der reinliche Schnee bewahrte noch Deinen Namen unverletzt vom vorigen
Tag, und ich setzt mich auf die Mauer, und lauschte in die Stille, und da
schreib ich Dir hin, was mir so im Geist ist aufgegangen; so wie ein Sternbild
nach dem andern ist hell geworden.
    »Ich trinke die Liebe, um stark zu werden, wenn ich denke, so bewegt mich
heimliche Begeistrung für meine eigne Erhöhung; - wenn ich liebe auch. - Nur: in
der Liebe fühl ich mich flehend wie im Tempel; wenn ich denke, kühn wie ein
Feldherr.«
    »Alles von sich selber verlangen, ist der nächste und unmittelbarste Umgang
mit Gott; dem Göttlichen geben die Sterne die sicherste Gewährleistung für die
Erfüllung eines höheren Willens. - Die dreiste Überzeugung, dass wir unserer
Forderung genug tun sollen.« - So raten uns die Sterne. - Günderode, drum sei ja
mutig zu allem, und endlich kann auch kein falscher Trieb sich dazwischen
durchwuchern, denn die Seele ist ganz erfüllt von eigenem Geist und allein für
ihn tätig.
    Das haben mir die Sterne für Dich gesagt, als ich sie fragte um die tiefen
Lebensgeheimnisse in Deiner Brust, sie wollen, Du sollst Deinen Schild tragen -
kühn und frei über die Lebensgipfel weg. Alles ist Höhe, nichts ist Tiefe. Du
sollst sie schauen, die so hoch sind, vor denen nichts Abgrund ist, was ihr
Licht nicht entbehrt.
    »Es gibt eine Zauberkunst, ihre Hauptgrundlage ist des Geistes fester Wille
zum Mächtigen, der sich auflöst in die Übermacht dessen, was er im Geist
erkennt.«
    So hast Du mir einmal gesagt, und die Sterne haben mich gemahnt, ich soll
Dich dran erinnern.
    »Nie muss man dem Höheren gegenüber selbst etwas wollen, sonst wehrt man sich
gegen den eignen Willen.«
    Das haben die Sterne noch hinzugefügt und mich gemahnt, ich soll Dir das
scharf und eindringlich wieder sagen. -
    Ich leg mir das so aus, der Mensch soll nicht dem eignen Schicksal
nachgehen, denn es gibt kein Schicksal für den Geist als das Göttliche, - diesem
gegenüber sollen wir alles als klein verachten. -
    Noch sagen die Sterne: »Ohne Zauber kann sich der innere Mensch nicht
erscheinen«, - o die Sterne sind gütig, sie sagen viel und Grosses und bedeuten
uns, dass wir selber gross sind.
    »Ach, das Endziel aller Wahrheit ist, sie hinzugeben an höhere Wahrheit, sie
ist Zauber, durch den der innere Mensch sich erscheint, sie ist Entwickeln der
göttlichen Natur; der Himmel entwickelt sich aus der Sehnsucht, und aus des
Himmels unendlichem Frieden wird höhere Sehnsucht sich entwickeln; - die
Wahrheit geht hervor aus der Wahrheit und geht über in Wahrheit.
    Das Höchste, was die Wahrheit vermag, ist, sich auflösen in höhere Wahrheit;
- ja, sie sagt Nein! - Verneint sich. -
    Nie darf der Geist sich am höchsten halten, sondern jene muss er höher
halten, auf die er wirkt, denn die befördern ihn - entwicklen ihn.
    Die Wahrheit, die Lieb ist Sklave, der ist Herr, den sie nährt.«
    So reden die Sterne, wenn ich mit ihnen von Dir spreche, - sie lieben Dich,
sie sind Deine Sklaven, die höhere Erkenntnis, die sie auf Dich herabblitzen,
die entwickelt ihr Vermögen, auf den Menschengeist zu wirken, das Hohe
auszusprechen, und sie werden mehr noch sagen, wenn's Dein Ohr trifft. - O sie
sagten es mir für Dich in der Neujahrsnacht - - und viel reicher war die Saat
liebender Mahnungen, aber ich konnt's nicht alles tragen in meinem Geist, was
sie sagen; - vertrau ihnen und Du wirst erleben - schwere Garben bring ich Dir
heimgeschleppt; - da siehst Du, was Leben ist, Keime der Erkenntnis säen die
Sterne Dir in' Geist, und Du wolltest verzweifeln, weil Deine Füsse am Boden
wurzeln. - Ja, das ist's, Deine Seele hat Licht getrunken und will nun schlafen,
so leg Dich doch und ruhe, ich will sorgen, dass Du schlafen kannst und wachen
zugleich, - und wart doch, was die Sterne endlich mit uns anfangen, bist Du
nicht neugierig? - Was gottgesandte Boten Dir zuflüstern, magst Du das nicht
erlauschen und kannst nicht alles andre darüber vergessen? -
    O hör, denn als sie so gesprochen hatten, da bekräftigte der Schlag von
Mitternacht in die tiefe Einsamkeit hineinschallend, dass, so die Jahre
hinabrollen, der Geist doch ewig blühend am Himmel steht; und dass unsere
Begeistrung dieser Jugend zuströme, das stürmte mir herauf aus der tiefen Stadt,
wo alles lebend, jubelnd die verjüngte Zeit begrüsste. Warum rührten sie die
Trommeln und schmetterten von den Kirchtürmen - die Trompeten! - Und warum
erfüllte das Jauchzen die Luft? Als weil die ewig sich verjüngende Zeit alle
kindliche Freudenstimmen weckt über die unsterbliche Jugend. - Mir war so selig
dort auf der schwindelnden Höh, wo die Studentenlieder wie ein Meer um mich
himmelan brausten und mich einhüllten in ihren Jubellärm wie in eine Wolke und
aufwärts trugen. O wie schön ist's in der Welt, denk doch, so viel junge Stimmen
hier im kleinen Städtchen, alle freudebrausend! - Wer wollte im Leben wohl etwas
beginnen, was dieses heitere Jugendleben zu schwerem inneren Verantworten
niederbeugte! - O nein, schon wegen der Jugend heiligem Recht in Fülle den Strom
auszubrausen, möcht ich im eignen Busen die ewige heitere Lebenskraft nicht
ablenken. - Sieh, junge Günderode, Deine Jugend ist die des heutigen Tages,
Mitternacht hat's bekräftigt, die Sterne mahnen Dich und verheissen Dir, dass Du
ihnen Deinen Geist sollst zuströmen, die auffahren voll jubelndem Feuer, in
Chören ihre Begeistrungslieder herüberjauchzen ins neue Jahr! - Sie begrüssen
Deine Zeit! - Dass sie Deiner Begeistrung geboren sind, das macht die jungen
Herzen jauchzen, o verlasse die Deinen nicht und mich nicht mit ihnen; verlasse
Dich auf den Genius, dass er aufrecht stehe in Dir und gross walte zwischen Geist
und Seele.
    Was könnte Dich doch verzagen machen? - Sieh doch, wieviel Leben verdirbt,
aber doch ist's nur scheinbar, es steht mit verschwisterten Gewalten wieder auf
und versucht's von neuem. Aber das muss nicht sein, dass Du Dich aus ihren Reihen
loskettest, denn alle gehören einander, und das muss Dich nicht traurig machen,
dass manches, was sie als Tugend preisen, nur glänzende Fehler sind. Ist doch oft
auch Tugend, was Fehler ist.
    Ich mag diesen Brief nicht schicken; ich bin nicht zu entschuldigen,
schieb's aufs Wetter in meiner Brust. Es ist Gewitterzeit in mir, wie konnt es
so angstvoll in mir aufsteigen sonst? - Gewitter sind's, die über mich
hinstürzen und alle blühende Kraft niederdrücken, und das Gewölk hängt schwer
über mir, und das Herz arbeitet und glüht und möcht sich Luft machen und zückt;
denn sonst könnt ich nicht so schmerzvolle Augenblicke haben und immer so
schwere Gedanken über Dich. Aber es ist auch traurig, heut erhalt ich erst
Nachricht von der Claudine, dass Du sie beauftragt hattest, mir Deine Abwesenheit
von Frankfurt zu schreiben, und dass Du bei der kranken Schwester bist. Mein Herz
ist der brausende Brunnen, ein paar Tropfen Öl besänftigen ihn ja, ich war ganz
verkehrt, ich erwache vom bösen Traum. Ach, Gott sei Dank, dass es anders ist. -
Ich bin noch niedergeschlagen und seh die Träume unwillig dahinziehen am düstern
Tag, sie hätten mich wohl länger noch gepeinigt. - Wie Du auch meine Briefe
aufnehmen magst, ich will Dich der Mühe überheben, mich darüber zurechtzuweisen,
und will's alles vor Dir aussprechen, was ich von mir denk. Ich hab Dir eine
Reihe von Briefen geschrieben, ich weiss nicht mehr was; - sollt ich mir
Rechenschaft geben, was ich damit wollte, entielten sie selber eine
Rechenschaft meines Seelenlebens? - Ist ein einziger früherer Vorsatz drin nur
berührt? - Ist mir nicht alles fern abgeschwunden, was ich mir als heilig
Gelübde auferlegte? Hab ich nicht mir und Dir zugesagt, ich wolle mich streng
den Bedingungen einer Kunst unterwerfen? Hab ich nicht immer und immer aufs neue
wieder alles Begonnene verfaselt? - und was konntest Du mit mir endlich
anfangen? Ich gestand Dir immer alles zu, ja, ich sagte mir täglich Deine
wahren, Deine tiefen Begriffe vor, über die Anstrengung des Geistes in sich zu
erzeugen, was noch ungeboren ist in ihm. Einmal sagtest Du: »Ich begreife aus
dem Sehnen des Geistes sich der Künste und Wissenschaften zu bemächtigen, dass
die fruchtbare Erde nach dem Samen sich sehnt, den sie zu nähren vermag.« Und Du
sagtest zu mir: »Deine ewige Unruh, Dein Schweifen und Jagen nach allem, was im
Geist erwachsen könnt, selbst Dein Widerspruch dagegen beweist, dass Dein Geist
fruchtbar ist für alles.« Und wolltest, ich sollte nur das eine Opfer bringen
und eine Zeit mich einem ganz unterwerfen, dann werde sich zu allem Platz und
Reife bilden. Und sagtest: »Was ist denn Zeit, wenn sie nicht ewiges Bilden der
Kräfte ist? - Und ist eben die Mühe des Erwerbens nicht auch sein höchster
Ertrag? - Und keine Anstrengung ist umsonst, denn am End ist jede Anstrengung
die höchste Übung des Erzeugens, und wer seinen Geist mit Anstrengungen nährt,
der muss zum Erschaffen, zum Wiedererzeugen verlorner Geistesanlagen, nicht
allein in sich, sondern in allen seiner Zeit geschickt werden.« Und Du sagtest
noch viel, wo ich voll Feuer war, Dir allein zu folgen und alles mir zuzumuten,
ich musste mir sagen, dass ich allein in Dir Licht fand über das Leben, und dass
Dein Geist heilige Religion sei, und dass ich eine Ahnung fasste, zu was der
Mensch geboren sei; ja, und dass er immerdar vereinigt sein soll mit Gott, das
heisst immer in heiliger Anstrengung begriffen, ihn zu fassen. Ja, was ist denn
Kunst und Wissenschaft? wenn es nicht die tiefen Anlagen sind eines geistigen
Weltgebäudes. Was ist denn irdisch Leben, wenn nicht der sinnliche Boden, aus
dem eine geistige Welt sich erzeugt, - und Du sagtest: »Wär man nicht zornig,
wie könnt einer sanftmütig werden, und wär die Lüge nicht, wie könnten wir zu
Helden der Wahrheit werden?« Und weil ich Dich nicht verstand, so sagtest Du:
»Hätte die Welt nicht widerstanden, wie konnte Cäsar ein Eroberer werden?« - Da
war mir plötzlich alles deutlich, und ich war so glücklich, mein eignes Selbst
meiner Anstrengung zu danken zu haben, dass ich wohl begriff: dies sei die
einzige göttliche Gewalt in uns, uns zu freien Naturen zu bilden, nämlich, alles
aus eigner freier Anstrengung zu erwerben, und was ist Freiheit, wenn nicht:
Gott sein? Alles aus freier Anstrengung erwerben ist die erste Bedingung einer
göttlichen Natur.
    Und diesen Forderungen von Dir habe ich geschworen, wie einer auf die Fahne
schwört, und war meiner eignen Begeistrung so gewiss und hätte mir's zugetraut,
alles mit Ernst und Treue zu verwalten, was die innere Stimme mir auferlegte,
und dieser geheime Trieb, göttlich zu werden, durchdringt mich noch. Und wenn
ich hundertmal eins ums andre verlassen hab, so verzag ich nicht, wieder zu
beginnen. Ich will zu Dir, in Deinem Schoss will ich lernen; ich weiss, dass es so
sein muss, dass wir beieinander sind. Wenn ich Dir nicht jeden Tag entüllen kann,
was für Gedanken in mir aufsteigen, dann bin ich gleich weggerissen. Ja, das muss
ich Dir auch noch von mir sagen, dass ich's oft nicht weiss, wie es kommt, dass ich
oft plötzlich weit von dem, wozu ich mich ganz hingewendet hab, hinweggerissen
bin; - nicht mit meinem Willen, aber ich bin dann erfüllt und bestürmt vom
Denken, dem muss ich folgen; und ermüdet bin ich dann - aber so ermüdet, wenn ich
mich wieder zu dem finde, was ich erlernen oder mir aneignen will. Und das ist
meine Sünde. Ich sollte diese Schwäche abweisen. Der Geist soll nicht ermüdet
sein, er soll die Müdigkeit abweisen. - Weiss ich doch, dass ich im Rheingau bei
langen Wegen, die oft vier bis fünf Stunden weit waren, mir sagte, ich will
nicht müde sein, und dann, als sei ich neugeboren, den Weg wieder zurücklegte.
Das vermag der Geist über den Leib, aber über den Geist selbst, da ist der
innerliche Geist, der ihn zähmt oder weckt, noch nicht stark. - Ja, vielleicht
bin ich's selbst, der ihn verleugnet; aber Dich nicht. In Dir konnt er mit mir
sprechen. Und es ist nicht aller Tage Abend, betrachte alles als ein Vorspiel,
als ein Strömen noch verwirrter und verirrter Gefühle und Kräfte. Ach,
verzweifelst Du, dass je das Gewölk in meinem Geist sich teile? und das Licht
Ordnung herabstrahle? - Ich hab Zuversicht, ich verzweifle nicht, ein ewiger
Trieb zu empfangen, ein rasches Bewegen in meiner Seele, die sagen mir gut. -
Und Du wirst mich nicht verwerfen. - Es wird ja schon wieder Tag! Die Eos tritt
aus der Dunstluft hervor, und mir ist wohl geworden über dem Schreiben; ich
träume nicht mehr, dass der Donnerer mein Schiff zerschmettre und in die Wellen
versenke, - weil es gefrevelt ist, an ihm, der auf hephästischen Rädern die
Rosse zum Sonnenmeer treibt, sie da zu baden. Nein! Ich führ neben Dir her am
Strand die reinen Lämmer ihm entgegen; und ich gehöre zu Dir, wenn Du sein
gehörst. -
                                                                         Bettine
                                 An die Bettine
Ich musste abreisen und konnte Dir nicht einmal ausführlich schreiben. Eine
Schwester, die schon länger unwohl ist und jetzt nach mir verlangte. Das wird
mich auch wohl sobald nicht dazu kommen lassen. Denke nicht, ich vernachlässige
Dich, liebe Bettine, aber die Unmöglichkeiten, dem nachzukommen, was ich in
Gedanken möchte, häufen sich, ich weiss sie nicht zu überwinden und muss mich
dahin treiben lassen, wie der Zufall es will, Widerstand wär nur Zeitaufwand und
kein Resultat, Du hast eine viel energischere Natur wie ich, ja wie fast alle
Menschen, die ich zu beurteilen fähig bin, mir sind nicht allein durch meine
Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner
Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass Dir etwas möglich
wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte, Du musst dies bei Deinen Blicken
in die Zukunft auch bedenken. Willst Du eine Lebensbahn mit mir wandlen, so
wärst Du vielleicht veranlasst, alles Bedürfnis Deiner Seele und Deines Geistes
meiner Zaghaftigkeit oder vielmehr meinem Unvermögen aufzuopfern, denn ich wüsste
nicht, wie ich's anstellen sollte, Dir nachzukommen, die Flügel sind mir nicht
dazu gewachsen. Ich bitte Dich, fasse es beizeiten ins Aug und denke meiner als
eines Wesens, was manches unversucht muss lassen, zu was Du Dich getrieben
fühlst. Wenn Du auch wolltest manches Recht, was Du ans Leben hast, aufgeben, um
mit mir zusammenzuhalten, oder besser gesagt, Du wolltest von dem Element, das
in Dir sich regt, nicht Dich durchgären lassen, bloss um Dich meiner nicht zu
entwöhnen; das wär ja doch vergeblich. Es gibt Gesetze in der Seele, sie machen
sich geltend, oder der ganze Mensch verdirbt, das kann in Dir nicht so kommen,
es wird immer wieder in Dir aufsteigen, denn in Dir wohnt das Recht der
Eroberung, und Dich weckt zum raschen, selbstwilligen Leben, was mich vielleicht
in den Schlaf singen würde, denn wenn Du mit des Himmels Sternen Dich beredest
und sie kühn zur Antwort zwingest, so würde ich eher ihrem leisen Schein
nachgeben müssen, wie das Kind der schlummerbewegenden Wiege nachgeben muss. -
Alle Menschen sind Dir entgegen, die ganze Welt wirst Du nur durch den
Widerspruch in Deiner Seele empfinden und erfahren, keine andere Möglichkeit für
Dich, sie zu fassen. Wo wirst Du je eine Handlung, weniger noch eine Natur
treffen, die mit Dir einklänge? - Es ist noch nicht gewesen und wird auch nie
sein (von mir will ich Dir nachher reden). Was andern Menschen die Erfahrung
lehrte, wozu sie sich bequemen, das ist Dir der Unsinn der Lüge. Die
Wirklichkeit hat als verzerrtes Ungeheuer sich Dir gezeigt, aber sie hat Dich
nicht gescheucht, Du hast gleich den Fuss draufgesetzt, - und obschon sie unter
Dir wühlt und ewig sich bewegt, Du lässt Dich von ihr tragen, ohne nur der
Möglichkeit in Gedanken nachzugehen, dass Du einen Augenblick mit ihr eins sein
könntest. Ich spreche von heute und mehr noch von der Zukunft; ich wollte Dir
wünschen, es kämen Augenblicke in Deinem Leben, wo Dir dieses Zusammenströmen
mit andern Kräften gewährt wär. Erinnerst Du Dich Deines Traums auf der grünen
Burg, den Du mir in der Nacht erzähltest, wo ich Dich weckte, weil Du sehr im
Schlaf geweint hattest. Ein Mann, der zum Wohl der Menschheit - ich weiss nicht
mehr welche Heldentat - getan hatte, sei zum Richtplatz um dieser grossen Tat
willen geführt worden. Das Volk habe in seiner Unwissenheit darüber gejubelt,
und in Dir sei grosse Begierde gewesen, zu ihm aufs Schafott zu gelangen, aber
der Streich sei gefallen noch kurz vorher, wie Du eben glaubtest, oben zu sein.
Du kannst den Traum nicht vergessen haben, Dein schmerzlich Weinen bewegte mich
mit, so dass ich kaum wagte, Dich zu erinnern, dass es nur ein Traum sei, aber
dies war eben, worüber Du untröstlich warst. Du meintest, nicht im Traum sei
Dir's gegönnt, das auszuführen, was in Deiner Seele spreche, vielmehr noch
verzweifeltest Du an der Wirklichkeit. Damals, in der Nacht, habe ich gescherzt,
um Dich ein wenig zu trösten, aber heute fühl ich mich bewogen, jene Frage, ob
es nicht ein Verlust sei, nicht zusammen mit jenem Helden im Traum gestorben zu
sein, wieder aufzunehmen; ja, es war ein Verlust, denn das Erwachen, das
Fortleben nach so bestandner Prüfung Deiner tiefen inneren Anlagen, die ja doch
so selten in der Wirklichkeit sich bewähren und bestätigen, musste Dir ein
Triumph sein, einen Genuss gewähren, wenn es auch nur im Traum war; denn im Traum
scheitert die edelste Überzeugung wie oft. - Und ich stimme mit Dir ein, dass es
ein Streich war, den Dir Dein Dämon spielte, aber ein Weisheitsstreich; - wärst
Du befriedigt worden im Traum, so wär Deine Sehnsucht, das Grosse getan zu haben,
vielleicht auch befriedigt. Und was konnte daraus hervorgehen für Dich? -
Vielleicht jene nachlässige Zuversicht in Dich selber, was Savigny allenfalls
Hochmut nennen würde? - Nein, das wohl nicht, aber doch würde die Spannung
wahrscheinlich nicht geblieben sein, die jetzt, ich wollt es wetten, bei der
leisesten Anregung jener unerfüllten Sehnsucht sich wieder erneuen wird.
    Ich wollte Dir wünschen, Bettine (unter uns gesagt, denn dies darf niemand
hören), dass jede tiefe Anlage in Dir vom Schicksal aufgerufen würde und keine
Prüfung Dir erlassen, dass nicht im Traum, aber in der Wirklichkeit Dir das
Rätsel auf eine glorreiche Art sich löse, warum es der Mühe lohnt, gelebt zu
haben. - Pläne werden leicht vereitelt, drum muss man keine machen. Das beste
ist, sich zu allem bereit finden, was sich einem als das Würdigste zu tun
darbietet, und das einzige, was uns zu tun obliegt, ist, die heiligen
Grundsätze, die ganz von selbst im Boden unserer Überzeugung emporkeimen, nie zu
verletzen, sie immer durch unsre Handlungen und den Glauben an sie mehr zu
entwickeln, so dass wir am End gar nicht mehr anders können, als das ursprünglich
Göttliche in uns bekennen. Es gibt gar viele Menschen, die grosse Weihgeschenke
der Götter mitbekommen haben und keines derselben anzuwenden vermögen, denen es
genügt, über dem Boden der Gemeinheit sich erhaben zu glauben, bloss weil der
Buchstabe eines höheren Gesetzes in sie geprägt ist, aber der Geist ist nicht in
ihnen aufgegangen, und sie wissen nicht, wie weit sie entfernt sind, jenen
Seelenadel in sich verwirklicht zu haben, auf den sie sich so mächtig zugut tun.
- Dieses scheint mir also die vornehmste Schule des Lebens, darauf zu achten,
dass nichts in uns jene Grundsätze, durch die unser Inneres geweiht ist,
verleugne, weder im Geist noch im Wesen. Jene Schule entlässt den edlen Menschen
nicht bis zum letzten Hauch seines Lebens. Dein Ephraim wird mir recht geben und
ist ein Beweis dafür. Ich glaub auch, dass es die höchste Schicksalsauszeichnung
ist, zu immer höheren Prüfungen angeregt zu sein. - Und man müsste wohl das
Schicksal eines edlen Menschen aus seinen Anlagen weissagen können. - Du hast
Energie und Mut zur Wahrhaftigkeit, und zugleich bist Du die heiterste Natur,
die kaum das Unrecht spürt, was an ihr verübt wird. Dir ist's ein leichtes, zu
dulden, was andre nicht ertragen können, und doch bist Du nicht mitleidsvoll, es
ist Energie, was Dich bewegt, andern zu helfen. - Sollt ich Deinen Charakter
zusammenfassen, so würd ich Dir prophezeien, wenn Du ein Knabe wärst, Du werdest
ein Held werden; da Du aber ein Mädchen bist, so lege ich Dir all diese Anlagen
für eine künftige Lebensstufe aus, ich nehme es als Vorbereitung zu einem
künftigen energischen Charakter an, der vielleicht in eine lebendige regsame
Zeit geboren wird. - Auch wie das Meer Ebbe und Flut hat, so scheinen mir die
Zeiten zu haben. Wir sind in der Zeit der Ebbe jetzt, wo es gleichgültig ist,
wer sich geltend mache, weil es ja doch nicht an der Zeit ist, dass das Meer des
Geistes aufwalle, das Menschengeschlecht senkt den Atem, und was auch
Bedeutendes in der Geschichte vorfalle, es ist nur Vorbereiten, Gefühl wecken,
Kräfte üben und sammeln, eine höhere Potenz des Geistes zu erfassen. Geist
steigert die Welt, durch ihn allein lebt das wirkliche Leben, und durch ihn
allein reiht sich Moment an Moment, alles andre ist verflüchtigender Schatten,
jeder Mensch, der einen Moment in der Zeit wahr macht, ist ein grosser Mensch,
und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind, so kann ich sie
nicht zu den Wirklichkeiten rechnen, weil keine tiefere Erkenntnis, kein reiner
Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt, sondern der Leidenschaft ganz
gemeine Motive. Napoleon zum Beispiel. - Doch sind solche nicht ohne Nutzen fürs
menschliche Vermögen des Geistes. Vorurteile müssen ganz gesättigt, ja gleichsam
übersättigt werden, eh sie vom Geist der Zeit ablassen. Nun! welche Vorurteile
mag wohl dieser aller Held schon erschüttert haben? - und welche wird er nicht
noch bis zum Ekel sättigen? Wie manches werden die zukünftigen Zeiten nicht mit
Abscheu ausreuten, dem sie jetzt mit leidenschaftlicher Blindheit anhängen. Oder
sollte es möglich sein, dass nach so schauderhaften Gespensterschicksalen der
Zeit nicht gegönnt sei, sich zu besinnen? - Ich zweifle nicht dran, alles nimmt
ein End, und nur was lebenweckend ist, das lebt. - Ich habe Dir genug gesagt
hierüber, Du wirst mich verstehen. Und warum sollte nicht ein jeder seine eigne
Laufbahn feierlich mit Heiligung beginnen, sich selbst als Entwicklung
betrachtend, da unser aller Ziel das Göttliche ist, wie und wodurch es auch
gefördert werde? - Ja, ich habe Dir genug gesagt, um Dir nahzulegen, dass jene
Anlagen des höheren Menschengeistes das einzige wirkliche Ziel Deiner inneren
Anschauung sein müsse, dass es Dir ganz einerlei sein müsse, ob und wiefern Dein
Vermögen zur Tätigkeit komme. Innerlich bleibt nichts ungeprüft im Menschen, was
seine höhere ideale Natur hervorbringen soll. - Denn unser Schicksal ist die
Mutter, die diese Frucht des Ideals unterm Herzen trägt. - Nehme Dir aus diesen
Zeilen alles, was Deine angehäuften Blätter berührt, beschwichtige Deine
Ängstlichkeit um mich damit. Lebe wohl und habe Dank für alle Liebe und auch den
guten Ephraim grüsse in meinem Namen und schreib mir von ihm und sprich auch mit
ihm von mir.
    Deine Schwester Lulu fragte mich, ob Du wohl mit ihnen auf ein paar Monat
nach Kassel gehen werdest. Tu es doch, mir ist's, als würde eine Unterbrechung
Deines Lebens Dir jetzt recht gesund sein, obschon ich sonst nicht dafür sein
würde.
                                                                        Caroline
 
                                An die Günderode
Ich hab einmal tief aufgeatmet. Dein Brief ist da! Weisst Du, was ich getan hab?
Drei Tag hab ich mich hingelegt und mich gestreckt und geruht, als wär ich einer
schweren Arbeit los. - Ich will gewiss nie wieder so sein. Doch wer kann für
solche Gewitterluft. Über Deinen Brief will ich gar nicht mit dir sprechen, als
bloss, dass ich Dich mit heimlichen Schauern gelesen hab. - Es ist vielleicht noch
nachziehende Schwermut, ich weiss nicht, was es ist; ich will Dein Herz nicht
anrühren, mir ist, als wollt es ausruhen in sich, mir ist der ganze Brief wie
ein Abschluss - ach nein, das nicht - wie ein Ordnen vor dem Abschied, wo Du mich
ins Leben schickst wie ein älterer Bruder den jüngeren, nicht wahr? - aber nicht
auf lang? - Du willst nur, ich soll mich mit mir allein besinnen, damit ich auch
lerne, mir selbst raten. Drum vom Brief wollen wir nichts reden. Ich verstehe
alles. Und entweder empfind ich manches noch mit Weh, weil ich noch verwundet
mich fühl, oder weil ich nicht stark bin, eine göttliche Stimme aus Dir zu
vernehmen; mit Weinen horch ich auf Dich. Ich lese aus Deinem Brief Deiner
Stimme Laut, dieser rührt mir die Sinne, sonst nichts. Ich bin ein krankes Kind
von müd gewordner Liebesanstrengung, und so muss ich jetzt weinen, dass die Sorge,
ach ja! die Verzweiflung mir genommen ist! - Dumm bin ich und launisch! - So
heftig klopfte mir das Herz, als Dein Brief da war, es war schon Nacht, - ich
nahm ihn aber mit auf den Turm und bat die Sterne, dass alles sehr gut sein möge,
was drin steht, und hab gefragt, ob es mir wohl Ruh geben werde, was drin steht?
Was mir die Sterne geantwortet haben? - Ach, ich weiss es gar nicht! Aber ich
wollt die Unruh einmal nicht wieder auf mich nehmen. - Günderode! Wenn ich auch
je verdiente an Dir, dass Du Dich von mir wendest, ist hab's im voraus abgebüsst.
- Dein Brief kam mir wie Nebel vor - ja wie Nebel -, und dann war's, als wenn
dadurch ein Altar schimmert mit Lichtern, dann ist es wie ein Flüstern, wie
Gebet in diesem Brief. - Ein Zusammenfassen all Deiner Geisteskräfte, als
wolltest Du den Geist der Trauer in mir beschwören. - - Als der Ephraim heut
kam, ich war gar nicht geneigt zum Lernen; - ich vergass ihn zu grüssen, da er
doch eben von der Reise gekommen war, er sprach aber von selbst von seinen
Enkeln allen, er sass, und ich stand am Tisch; aber weil er so freundlich immer
meine Stille durch sanfte melodische Mitteilungen anglänzte, wie sanfter
Abendschein eine Wolke anleuchtet! - Die Wolke war so weich geworden von dem
Leuchten der scheidenden Sonne, dass sie weinen musste; ich traute nicht den Mann
anzuschauen, den alles Schicksal zur Schönheit reifte; - und sein Leben eine
lautere Sprache mit dem Göttlichen. - Denn was konnt ich vorbringen, warum ich
so war? - Ich sagte, bleibt noch, als er glaubte, ich wollt gern allein sein; -
denn, sagt ich: die Wände da sagen, du bist für nichts auf Erden, wenn ich
allein bin. - Aber wenn Ihr da seid, so tun sich die Wände auf und ich seh
hinaus in den unendlichen Osten. Ich nahm seine Hand in die meine, die er
festielt, und nun sprachen wir von seinen Kindern, denn ich wollt mich nicht so
hingehen lassen, es ist auch einerlei, von was man mit ihm spricht, denn sein
Wesen und sein Sprechen ist geistige Menschheit, und so heilströmend ist diese
ideale Gesundheit in ihm, dass man immer mehr von seinen reinen Worten trinken
möcht. Ach, Du schreibst, ich soll Dir recht viel von ihm erzählen. Wärst Du
doch selbst hier! - Vorgestern fiel mir's ein, wie die Abendröte schon dem
Dunkel wich und das reine, kalte Blau durch die Fenster hereinleuchtete, dass es
unendlich schön sein müsste, wenn wir drei zusammensässen und sprächen so in die
Nacht hinein. Alles Grosse spricht er so heiter aus, alles ist so einfach, so
notwendig, als sei das Leben reiner geistig durchgebildet in ihm. Und das ist es
auch. - Ich gab ihm Deinen Brief und sagte ihm, er solle es mir auslegen, warum
ich mich nicht besinnen kann; und was es ist, dass ich mich nicht in die gewohnte
Stätte sichern Vertrauens hineinfinde in diesem Brief, als sei die Pforte zu
Deinem Herzen nebelverhüllt. Aber wie er wegging, war ich schon viel heiterer
geworden, und am Tag vorher war ich auf dem Turm gewesen, aber die Sterne sagten
mir nichts, ich besann mich nur da oben auf meine frühere Kindheit, auf meinen
Vater, wie ich dem so schmerzstillend war. Wie die Mutter gestorben war und
keiner sich zu ihm wagte, abends in den langen Saal, wo er im Dunkel allein sass
vor dem Bild der Mutter, und die Laternen von der Strasse warfen zerstreute
Lichter hinein. Da kam ich zu ihm - nicht aus Mitleid, denn ich weinte nicht mit
ihm, gerad wie Du in Deinem Brief sagst, es sei kein Mitleid, sondern Energie, -
oft hab ich mich selbst gewundert, dass ich immer kalt bin beim sogenannten
Unglück, andere, denen es schwer auf der Seele liegt, die können oft nicht
helfen, aber teilnehmen. Ich kann nicht teilnehmen, mich treibt's, die Dornen
aus dem Pfad zu reissen. - Aber mit dem Vater war es anders. Ich glaub, es gibt
vielleicht Augenblicke im Leben, wo ein rein Verhältnis zwischen Gotteit und
Menschheit ist, so dass die Menschennatur sich dazu eignet, das zu übernehmen,
was die Menschen Botschaft Gottes nennen, also das Amt der Engel verrichten.
Denn ich lief unwillkürlich zum Vater hinein und umhalste ihn und blieb still
auf seinen Knien sitzen, und solang es schon her ist und damals auch meine
Gedanken nicht drauf gerichtet waren, so besinne ich mich doch der ruhigen Kälte
in mir, und wie dem einsamen Vater die Schwere vom Herzen fiel, und er liess sich
von mir aus dem Zimmer führen. - Später im Kloster, in Fritzlar, als man uns
seinen Tod mitteilte, da frug uns die Oberin, ob wir keine Anzeige von seinem
Tode gehabt hätten? Ich sagte: »Ja, ich habe im Springbrunnen es gelesen.« Da
weckte mich nachts der Mondschein und ich ging einen sehr ängstlichen Weg durch
viele dunkle Gänge, bis ich zum Garten kam an den Springbrunnen, weil ich mit
der Seele meines Vaters im Wasser reden wollte. Und ich ging alle Nacht
hinunter, da redeten die Wellen mit mir, wie jetzt die Sterne; es waren aber
Geister damals, denn ich sah sie herumgaukeln in der Luft quer durch den
Mondschimmer und bald hier im Gras oder in den hohen Taxusbäumen. Wenn Du aber
fragst, wie es aussah, was ich zu sehen meinte, so muss ich Dir sagen, es war
mehr ein Gefühl von etwas Höherem als ich, von dem ich durch meine Augen gewahr
ward, dass es sei, und wo mir's im Gefühl war, dass es mit meinen Lebensgeistern
sich zu schaffen mache, und was mir diese Erscheinungen oder Nichterscheinungen
mitteilten. Das war so, dass ich ganz willenlos war, wie der Erdboden auch
willenlos ist, in den man Samen streut. - Ich sah nur zu, dass diese Geister mein
Schauen durchkreuzten, und ein reines Bejahen ihres Willens war in mir, ohne dass
ich mir diesen Willen in Gedanken hätt übersetzen können. O ich glaub gewiss, die
Geister müssen den Geist in die Menschenseele legen. Denn alles Wahrhaftige, was
man denkt, ist Geschenktes, es überrascht später als Gedanke den Begriff, wie
die Erscheinung der Blüte aus der Erde hervor uns auch überraschen müsste. - Und
dann ist es so seltsam, dass diese Geistesbezauberung einen gleichsam betäubt,
dass man alles vergessen muss, dass es wie tiefer Schlaf ist eine Weile in der
Seele, und dass dann gar nichts erinnerlich ist. - Phantasie? - Was ist
Phantasie? - Ist das nicht der Geister bunter Spielplatz, auf den sie Dich als
freundliches Kind mitnehmen, und so sehr auch alles Spiel ist, so hat es doch
Beziehung auf die Geheimnisse in der Menschenbrust. - Und die Menschen wissen's
nicht, wie sie zum Licht des Geistes kommen, denn dies ist eins von den
Lebensgeheimnissen. Aber wie weiss ich's doch? - Vielleicht, weil ich gleich so
festen Glauben in sie hatte, vielleicht ist's der Glaube, der die Geister
fesselt, dass sie einem näherrücken müssen. Denn der Glaube bannt alles in einem
hinein, und der Unglaube verjagt alles. - Aber - in Offenbach bei der Grossmama,
da war's wohl schon zwei Jahre her, dass ich aus dem Kloster war, ich war schon
zwölf oder dreizehn Jahre alt, - und guckte so um mich und hatte so ein dumpf
Gefühl, als wenn alles närrisch wär rund um mich, alles Erziehungswesen, aller
Unterricht, alle Sittenpredigt und Religionslehre, alles warf ich über einen
Haufen, ich konnt's nicht begreifen als lebendig und konnt's nicht verwerfen,
denn ich wusst nichts vom Leben. - Da war's auch so, dass ich in der Nacht
fortgezogen wurde an eine ferne, öde Stätte, und da war's mir schon viel
deutlicher, was ich erfuhr, es war mir viel gewisser, keinen Augenblick hatte
ich mehr einen Zweifel, dass nicht alles nur beengende Narrheit sei, was um mich
vorging, und was ich vom Leben und wie man's nahm, gewahr ward, - und niemals
hätte mir irgendwer imponieren können, aber wie ich Dich sah, da war mir's klar
in Dir, ich hätt nie an einem Wort können zweifeln, im Gegenteil war so manches,
was wie Rätsel klang, als wenn jene Geister von Deiner Zunge mich anlispelten;
und es dauerte auch gar nicht lang, so öffneten sich mir tiefe Lichtwege, und so
wie ich meinte, eben dass wohl die unmündigen, aber dem Göttlichen noch ganz
vertrauten Sinne der Kinder zu Botschaftern göttlichen Einflusses auf die kranke
Menschennatur sich eignen, so mögen wohl hochstrebende Naturen, deren Bahn sich
nicht trennt vom Geist, wohl auch dazu taugen, dass die Geister sich mit Wort und
elektrischer Wirkung durch sie mitteilen. So sind jene Geister meiner
Kinderjahre durch Deinen Geist sprachselig zu mir geworden. - Ja, was wollt ich
doch mit Dir reden? - Das war, dass ich den ersten Tag, nachdem ich Deinen Brief
empfing, nichts wie derlei Erinnerungen hatte und kein Reden mit den Sternen
war; und gestern aber war ich so heiter geworden, und hier will ich Dir
herschreiben, was ich da oben von den Sternen erfahren hab.
    Der wahre Geist ist nicht allein, er ist mit den Geistern, - so wie er
ausstrahlt, so strahlt es ihn wider, seine Erzeugnisse sind Geister, die ihn
wiedererzeugen.
    Geist sind Sonnen, die einander strahlen, - Licht nimmt Licht auf, - Licht
sehnt sich nach Licht, - Licht geht über ins Licht, - Licht vergeht im Licht. -
Vielleicht ist das die Liebe. -
    Was sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon
Licht, die Rose trägt das Licht in der Knospe verschlossen. -
    Die Schönheit, die sinnlich vergeht, die hat einen Geist, der sich
weiterentwickeln will, der Rose Geist steigt höher, wenn ihre Schönheit
verblühte. - Im Geist blühen tausend Rosen, die Sinne sind der Boden, aus dem
das Schöne in den Geist aufblüht, die Sinne tragen die Rosen, sie blühen in dem
Geist auf. - Der Geist ist der Äter der Sinne, - die Rose berührt den Atem, das
Gesicht und das Gefühl! - Warum bewegt die Rose das Gefühl? - Atme ihren Duft,
und Du wirst bewegt; - gewiss liegt in ihrem Dasein Seligkeit, die nur ihr eigen
ist, - gewiss war diese Seligkeit einmal die Deine - und jetzt, wo Du ihren Duft
einatmest, fühlst Du den Geist der Rose, die längst verblühte, in Dir
fortblühen.
    Was ist Erinnerung? - Erinnerung ist viel tiefer, als sich auf das besinnen,
was wir erlebten. Auch in ihren Verwandlungen berührt sie ewig den Geist - sie
ist unendlich - sie wird Gefühl - dann wird sie Gedanke, der reizt den Geist zur
Leidenschaft; als Leidenschaft erzeugt sie den Geist aufs neue.
    Aus jedem Lebenskeim entsteht Leben, Leben erzeugt fortwährend Lebenskeime,
die alle blühen müssen. Alles Erlebte ist Lebenskeim, die Erinnerung trägt sie
im Schoss.
    Ich weiss wohl, warum von Rosen die Rede war mit den Sternen. - Einmal war
ich heiter geworden, wie der Ephraim fort war, - und dann schwamm noch rötlich
Gewölk am Himmel, als ich oben auf der freien Warte ankam, und dann will ich nie
wieder unfrei atmen! Das ist nicht meine Sach, unter der Last keuchen! - Setzest
Du mir nicht einmal ums andre immer wieder neue Flügelpaare an, und die Sterne,
wie lehren die mich doch die Flügel schwingen! Und trag ich nicht Dein Leben in
meiner Brust und meines auch? - Und wenn ich so viel Flügel hab, was soll mir
eine Last sein? - Alles schwing ich auf gen Himmel, Schweiss wird mir's kosten,
warum nicht Lasten tragen, wenn ich sie aufschwingen kann in die Himmel. - - Was
ist das, ein Atlet sein und nicht den Erdball auf den Fingern tanzen lassen? -
    Haben wir's nicht ausgemacht, wir wollen das gemeine Leben unter uns sinken
lassen, haben wir nicht zueinander gesagt, lass uns schweben und nicht an diesem
oder jenem festalten? - Und war's nicht das erste, worauf wir unser Sein
begründeten, dass wir alles wollten wagen zu denken? - Und ist der nicht
unsinnig, der das Denken wollt vor die Türe stossen, weist der nicht göttliche
Botschaft ab, - und warum ist denn nur Geist, was frei schwebt, und was sich
anlehnt, ist nicht Geist? - O ja! das begeistert mich, so zu denken, und der
Nebel umflort Dich nicht mehr, und es ist hell, wie ich Dich denk - und wenn
auch. - Wir können wohl über die Nebel hinaussteigen, - Deine Fittiche wolle Dir
nicht brechen lassen, ich sag Dir gut, dass ich die Erde und ihren Frevel am
Geist in Banden halten werd. - Was ist? - Was kannst Du gewinnen, was Du nicht
wagst? - Und was Du verlieren kannst, lohnt es der Mühe es zu bewahren, Du
verlierst nur, was Du nicht wagst. -
    Ein Held sein und sich vor nichts fürchten, da kommt der Geist geströmt und
macht Dich zum Weltmeer. - Die Wahrheit erfüllt Dich, der Mut umarmt die
allumarmende Weisheit. - Die Wahrheit sagt zum Mut, brich deine Fesseln, - und
dann fallen sie ab von ihm. - Der Schein ist Furcht, die Wahrheit fürchtet
nicht, wer sich fürchtet, der ist nicht wirklich, der scheint nur. - Furcht ist
Vergehen, Erlöschen des wahrhaften Seins. - Sein ist der kühnste Mut zu denken.
Denken ist gottbewegende Schwinge. - Wie sollte das göttliche Denken sich an die
Sklavenfessel legen? - Ist das, was Ihr für wahr ausgebt, Wahrheit, so schwing
ich mich im Denken zu ihr auf. -
    Wenn ich mich aufschwinge, so ist's in die Wahrheit, lieg ich an der Fessel,
so bin ich nicht an die Wahrheit gekettet. Freisein macht allein, dass alles
Wahrheit sei, von was ich mich fesseln lasse, das wird zum Aberglauben. Nur was
geistentsprungen mir einleuchtet, das ist Wahrheit, - was aber den Geist
fesselt, das wird Aberglaube. Geist und Wahrheit leben ineinander und erzeugen
ewig neu. -
    So hab ich mich freigemacht von meiner Furcht, weil Furcht Lüge ist. - Und
Mut muss die Lüge überwinden. Und ich bin wieder eins mit Dir.
    Ach, wieviel Strahlen brechen sich doch heut in meiner Seele!
    Adieu und der Lulu hab ich versprochen, dass ich mit nach Kassel geh, sie
schreibt: nur auf drei Wochen. -
 
                                An die Günderode
Ich bin heut auf mancherlei Weise beglückt, erstlich hab ich heut wirklich einen
Rosenstock in meinem Zimmer stehen, den mir einer heimlich hereingestellt hat,
mit siebenundzwanzig Knospen, das sind Deine Jahre, ich hab sie freudig gezählt
und dass es grad Deine Jahre trifft, das freut mich so; ich seh sie alle an, das
kleinste Knöspchen noch in den grünen Windeln, das ist, wo Du eben geboren bist.
Dann kommt das zweite, da lernst Du schon lächeln und dahlen mit dem kleinen
grünen verschlossenen Visier Deines Geistes, und dann das dritte, da bist Du
nicht mehr festgehalten, bewegst Dich schon allein, - und dann winkst Du schon
mit den Rosenlippen, und dann sprechen die Knospen, und dann bieten sie sich dem
Sonnenlicht, und dann sind fünf bis sechs Rosen, die duften und strömen ihre
Geheimnisse in die Luft, und dieser Duft umwallt mich und ich bin glücklich. -
Wer hat sie mir wohl ins Zimmer gestellt? - Heut morgen kamen die Studenten
herauf, und gleich war aller Blick auf den Rosenstock am Fenster gerichtet, -
denn es ist was seltnes um diese harte Winterzeit hier in Marburg, denn ich
glaube wohl nicht, dass Treibhäuser hier sind.
    Der Ephraim war nicht da heute, wo sein Tag ist, - den er sonst nicht
versäumt, und als ich abends auf den Turm wollt, da kam sein Enkel mir zu sagen,
dass er unwohl ist, - ich sag, was fehlt ihm? - Nur matt ist er, sagte der Enkel,
sonst ist er ganz wohl, ich sag, sieh den schönen Rosenstock, er sagt, ich kenne
ihn wohl, der Grossvater hat ihn heute morgen durch mich geschickt, und weil es
noch früh war, so hab ich ihn vor die Tür gesetzt, - ich frag: »Habt Ihr ihn
denn selbst gepflegt?« - »Ja, der Grossvater hat ihn schon zum zweitenmal zur
Blüte gebracht.« -
    Es ist schön, dass der Rosenstock mein ist, wär doch der Ephraim wieder
gesund, denn Du hast mir ja geschrieben, ich soll mit ihm von Dir sprechen, das
letztemal konnt ich nicht, weil ich zu bang war; - vielleicht aber ist's, dass er
meint, ich wär zum Lernen nicht aufgelegt, warum er sich's verbietet, zu kommen,
ich hab ihn aber bitten lassen, zu kommen, wenn er besser ist, ich hab ihm auch
alten Madeira geschickt, er wird schon besser werden; es war sehr schön heut auf
dem Turm, es ist Frühlingsluft, und die Abende sind heiter und rein, ich geh
früher jetzt, schon immer, wenn die Sonne untergegangen ist, eh ich nach Haus
geh, ist doch schon sternige Nacht, nun werd ich den Turm bald verlassen, die
Lulu schreibt, am siebzehnten wird sie kommen, Du hast's gesagt, ich soll mit
ihr gehen, und ich wollt ihr's auch nicht abschlagen, - es war schön hier und
vielbedeutend, und was soll ich mich fragen, was in mir geworden ist? Mein Geist
ist voll geheimer Anregung, das ist genug, die Natur hab ich nicht beleidigt und
meine innere Stimme auch nicht verleugnet.
    Was den Geist verleugnet, das versiegt eine Geistesquelle, - Busse ist ein
Wiedersuchen, Wiederfinden dieser Quelle, denn echter Geist strömt Geist, -
Grossmut verzeiht alles, aber duldet nicht, was gegen den Geist ist.
    Grossmut ist Stammwurzel des Geistes, durch die der Geist einen Leib annimmt,
Handlung wird. Was nicht aus ihr hervorgeht, ist nicht Tugend.
    Grossmut dehnt sich willenlos aus über alles, wo sie sich konzentriert, da
ist sie Liebe.
    In der Liebe brennt Deine Seele in der Flamme der Grossmut, sonst ist's keine
Liebe. - Nur in der Grossmut hat alles Wirklichkeit, weil in ihr allein der Geist
lebt, - so also nur kann die Liebe selig machen. -
    Jede Liebe ist Trieb, sich selbst zu verklären. Wenn nicht dem Liebenden die
Gotteit, die Weisheit das Haupt salbet und die königliche Binde umlegt, da
ist's nicht die wahre Liebe.
    Ein Liebender ist Fürst, die Geister sind ihm untertan, wo er geht und
steht, begleiten sie ihn, sie sind seine Boten und tragen seinen Geist auf den
Geliebten über. -
    Das war meine gestrige Sternenlektion, seit die Rosen in meinem Zimmer
blühen, sprechen sie als mit mir von Liebe.
    Heut morgen hab ich den Rosenstock wieder ans Fenster gestellt, eh die
Studenten kamen, und hab hinter dem Vorhang gelauscht, ob sie wieder
heraufgucken, sie haben sich bemüht, die Rosen zu zählen, einer zählte siebzehn,
der andere fünfzehn, soviel sind grade zu sehen, die andern sind noch zu klein,
- könnt ich jedem eine hinunterwerfen, sie an seine Mütze zu stecken.
    Heut war der Ephraim bei mir, er wusste, dass ich die andre Woche geh, wir
sprachen von meinem Wiederkommen, denn ich bleib nur drei Wochen mit der Lulu
aus. - Wir sprachen von Dir, er sagte soviel Gutes von Dir, er las auch meine
letzten Blätter an Dich, er sagte, man müsse nicht fürchten, dass was man liebe,
einem verloren gehn könne, weil er wohl erkannte, etwas in Deinem Brief mache
mir bang um Dich; er sagte, Du seist einzig in Deiner Art, Du habest eine grosse
Bahn, und wer nicht andre Wege gehe als die schon gebahnten und angewiesnen, der
sei nicht Dichter. Es sind nicht tausend Dichter, es ist nur einer, die andern
klingen ihm nur nach; - klingen mit. - Wenn eine Stimme erschallt, so weckt sie
Stimmen. Dichter ist nur, der über allen steht. Der Dichtergeist geht durch
viele, und dann konzentriert er sich in einem. - Oft wird er nicht erkannt und
doch steht er höher als alle. - -
    Wer nicht andre Wege geht, als die schon gebahnten und angewiesenen, der ist
nicht Dichter. Und wenn nicht auf eignem Herd das Feuer brennt, das ihn
erleuchte und wärme, der wird kein anderes dazu beraten finden. Lodert aber auf
Deinem Herd die Flamme, dann wird jede Dir leuchten und alle Dich wärmen. - Man
kann ruhen im Geist, man kann tätig sein im Geist; aber alles was nicht im Geist
geschieht, ist verlorne Zeit. - Es wird wohl selten dem Dichtergeist sein Recht
getan, der kühne Adel jener Gedanken, die wir als Dichtung erfahren, sollte wie
Helden uns ewig imponieren. - - - Und so schwätzten wir noch ein Weilchen, und
nicht alles hab ich behalten, was sich da ergab, - aber der Ephraim war blass,
und sein Enkel brachte ihm noch einen Mantel; einmal will ich ihn noch sehen. -
    Auf dem Turm gewesen, aber nichts aufgeschrieben, es tut mir leid, dass ich
mich vom Turm trenne; wo wird's wieder so schön sein und was hab ich den Sternen
nicht alles zu verdanken. Sie haben mir Wort gehalten. Nicht wahr, sie haben uns
beide zusammen gepflegt, und was sie mir sagten, das haben sie auch Dir gesagt,
- und wir waren beide recht verschwistert in ihrer Hut. - Wie wird's sein, wenn
ich wiederkehre? - Diese vier Monate meines Lebens, ich konnte sie nicht schöner
zubringen. - Nicht wahr, Natur und tiefer Geist, die haben mich hier freundlich
empfangen, die zwei Genien meines Lebens. Der Ephraim. - In was für einer Welt
leb ich denn? - Ich träume, jawohl, ich schlafe, und die grossen Geister haben
mich in den Traum begleitet und haben zwischen die irdische Welt sich gestellt
und mich, und so hab ich ein himmlisch Leben geführt. Wenn ich in diese Zeit
schau, so ist sie wie ein Diamant, der mir vielmal die Sonne spiegelt. - Du hast
mir gleich gesagt: »Geh mit,« und Du hast recht gehabt, - so hast Du auch gewiss
recht, dass ich mit nach Kassel geh, ich geh auch mit grossem Zutrauen, nichts
darf länger währen, als nur die leiseste Anregung es mochte gestatten.
    Ihr guten Studenten! Heut haben sie wieder nach den Rosen gesehen, - ich
möcht sie euch alle abbrechen, eh ich weggeh, und sie euch auf den Kopf werfen.
-
    Der Ephraim darf nicht mehr den Berg heraufkommen, es ermüdet ihn zu sehr,
auf seiner Reise zu den Enkeln da war's so kalt, da hat er sich zu sehr
angestrengt, er darf nicht mehr herauf, vielleicht wenn ich wiederkehr, ist er
wieder gesund, einundsiebzig Jahr ist er alt, aber mir wird er gesund bleiben; -
wenn wir dies Frühjahr zusammen auf dem Trages sind, Savigny meint, Du werdest
hinkommen, dann wollen wir ihm zusammen Briefe schreiben, nicht wahr? - Und
recht heitere, - dies wird der letzte lange Brief sein, den ich Dir von hier
schreib.
    Die Lulu hat mir viel Grüsse von Dir gebracht und sagt, Du freust Dich aufs
Trages zu kommen, und Dein kleiner Brief bestätigt es auch, sie sagt, Du bist
recht heiter, so bin ich auch ganz glücklich, ach, was hab ich Dich doch
gepeinigt mit meiner Ängstlichkeit, die mir sonst nicht eigen ist. Gott weiss,
wo's herkam, ich bin ganz lustig, ich begreif's nicht, dass ich so dumm war. Ich
glaub, der Winterwind und die Sterne haben mich im Kopf und Herzen verwirrt
gemacht, übermorgen reisen wir ab.
    Weisst Du, was ich getan hab? - Ich liess dem Ephraim sagen, ich werde zu ihm
kommen, gestern, und ich hab mich zu ihm führen lassen um dieselbe Stund, wo er
gewöhnlich kommt, aber es war gestern Freitag, und wie ich kam, sass er
feingekleidet auf seinem Sessel, und eine Lampe mit vier Lichtern war angezündet
auf dem Tisch. Er wollte aufstehen, aber er ist müde. Und wie ist es doch? - Ob
er wohl heimgeht zu seinen Vätern? - Ich brachte ihm zwei Goldstücke für meinen
Unterricht, er machte ein kleines Kästchen auf, wo ein Paar Trauringe drin
liegen und allerlei Schmuck, er sagt, es sei von seiner verstorbenen Frau und
von seinen Kindern. Er legte die Goldstücke dazu, das alles ist so fein, so
edel. Welch ein geistig Gemüt. O Ephraim, du gefällst mir unendlich wohl. Ich
hatte ihm seinen Rosenstock zurückgebracht, er sollt ihn aufbewahren, die Rosen
sind viel mehr aufgeblüht, wie schön standen sie bei der hellen Lampe zu seinem
schneeweissen Bart. Ich sagte, die Rosen und euer Bart gehören zusammen, und es
ist mir lieb, dass ich keine abgebrochen habe, denn Ihr seid vermählt zusammen
mit den Rosen, sie sind Eure Braut. Ich war ein paarmal versucht, sie
abzubrechen und sie den Studenten hinunterzuwerfen, weil sie so lüstern danach
hinaufsahn. Er sagte: »O wenn Sie es erlauben, so will ich sie schon unter den
Studenten austeilen, es besuchen mich alle Tage welche, und dann werden schon
mehrere kommen, wenn sie wissen, dass es Rosen bei mir gibt.« Das war ich
zufrieden, und ich freu mich recht drüber, dass meine Studenten noch meine Rosen
kriegen.
    Er hat mich aber gesegnet, wie ich von ihm ging, und ich hab ihm die Hand
geküsst; und wie ist doch der Geist so schön, wenn er ohne Tadel reift. Sein
Enkel musste mich nach Haus begleiten auf seinen Befehl, weil ich nur eine Magd
bei mir hatte. Ich schickte ihn aber bald wieder zurück und hab dem Enkel
gesagt, er soll dem Grossvater sagen, dass er alle Tage meiner gedenke, bis ich
wiederkomm. - Als ich wegging vom Ephraim, legte er mir die Hand auf den Kopf
und sagte: »Alles Werden ist für die Zukunft.«
    Ich ging zu Hause gleich nach dem Turm, weil ich mich noch einmal recht
deutlich besinnen wollt auf dieses mächtige und doch so einfache
friedenhauchende Geistesgesicht, so wie ich ihn eben verlassen hatte im Schimmer
der hellen polierten vierfachen Lampe, die Rosen bis zu seinem weissen Bart sich
neigend, so hab ich ihn zum letztenmal gesehen. Deutet dies nicht auf seinen
Abschied vom Erdenleben, das er so mühevoll, so friedlich, so freudevoll
durchführte, denn auch mir hat er beim Abschied gesagt: »Sie haben mir viel
Freude gegeben.« - Und wie ich eine ganze Weile an ihn gedacht hatte, so besann
ich mich auf seine Worte: »Alles Werden ist für die Zukunft.« - Ja, wir nähren
uns von der Zukunft, sie begeistert uns. - Die Zukunft entspringt dem Geist wie
der Keim der nährenden Erde. - Dann steigt er himmelauf und blüht und trägt
Erleuchtung. - Der Baum, die Pflanze ist der Geist der Erde, der aufsteigt zum
Licht, zur Luft. Der Geist der Erde will sich dem Licht vermählen, das Licht
entwickelt die Zukunft.
    Alles echte Erzeugnis ist Auffahren zum Himmel, ist Unsterblichwerden.
    Und die Schönheit dieses Mannes leuchtete mir da in der letzten Stunde auf
dem Turm so recht hell auf, denn das Bild mit den Rosen, es war, als hätt es
mein Genius bestellt, dass ich's recht fassen solle, wie Du die Tempelhalle
geweiht achtest, von der Du weisst, dass inner ihren Mauern die Opferflamme
lodert, der Tempel ist nur dann heilig, wenn er den Menschen, den eignen Leib
darstellt, - und des Gottes Lehre den eignen Geist. - Das hat er einmal gesagt
zu mir.
    Und eben sah ich noch die Studenten ins Kolleg gehen, und sie waren recht
verwundert, dass der Rosenstock nicht mehr da war. Ich sah's ihnen an, es war
ihnen leid, sie hatten nun schon acht Tage hintereinander die Rosen gezählt. -
Wartet nur, ihr werdet ihn bald ausfindig machen, und dann werden die Artigsten
unter euch meine Rosen in der Weste tragen dürfen.
                                                                         Bettine
 
                                     Anhang
                             Der Franke in Ägypten
Wie der Unmut mir den Busen drücket,
Wie das Glück mich hämisch lächelnd flieht.
Ist denn nichts, was meine Seele stillet?
Nichts, was dieses Lebens bange Leere füllet? -
Dieses Sehnen, wähnt ich, sucht die Vorwelt,
Die Heroenzeit ersehnt mein kranker Geist,
An vergangner Grösse will dies Herz sich heben,
Und so eilt ich deinem Strande zu,
Du der Vorwelt heiligste Ruine,
Fabelhaftes Land, Ägypten du!
Ha! Da wähnt ich aller Lasten mich entladen,
Als der Heimat Grenze ich enteilet war.
Träumend wallt ich mit der Vorzeit Schatten,
Doch bald fühlt ich, dass ich unter Toten sei,
Neu bewegte sich in mir das Leben,
Antwort konnte mir das Grab nicht geben. -
Ins Gewühl der Schlachten
Warf ich durstig mich,
Aber Ruhm und Schlachten
Liessen traurig mich:
Der Lorbeer, der die Stirne schmückt,
Er ist's nicht immer, der beglückt.
Da reichte mir die Wissenschaft die Hand,
Und folgsam ging ich nun an ihrer Seite,
Ich stieg hinab in Pyramidennacht,
Ich mass des Möris See, des alten Memphis Grösse;
Und all die Herrlichkeit, die sonst mein Herz geschwellt,
Sie reicht dem Durstigen nur der Erkenntnis Becher.
Ich dachte, forschte nur, vergass, dass ich empfand. -
Doch ach! Die alte Sehnsucht ist erwacht,
Aufs neue fühl ich suchend ihre Macht,
Was geb ich ihr? Wohin soll ich mich stürzen?
Was wird des Lebens lange Öde würzen?
Ha! Sieh, ein Mädchen! Wie voll Anmut,
Wie lieblich, gut erscheint sie mir!
Soll ich dem Zuge widerstehn?
Doch nein! Ich rede kühn zu ihr.
Ist dies der Weg der Pyramiden?
O, schönes Mädchen! sag es mir!
                                    Mädchen
Du bist nicht auf dem Weg der Pyramiden,
O Fremdling! Doch ich zeig ihn dir.
                                     Franke
Brennend sengt die heisse Mittagssonne,
Jede Blume neigt das schöne Haupt,
Aber du der Blumen Schönste hebest,
Jung, und frisch, das braungelockte Haupt.
                                    Mädchen
Willst du in des Vaters Hütte dich erkühlen?
Komm, es nimmt der Greis dich gerne auf.
                                     Franke
Welchen Namen trägst du, schönes Mädchen?
Und dein Vater, sprich, wo wohnet der?
                                    Mädchen
Lastrata heiss ich; und mein guter Vater
Er wohnt mit mir im kleinen Palmental,
Doch nicht des Tales angenehme Kühle,
Nicht Bäche Murmeln, nicht der Sonne Kreisen
Erfreuet meinen guten Vater mehr.
                                     Franke
Wie! Freut den Vater nicht des Stromes Quellen,
Der Palmen lindes Frühlingssäuseln nicht?
Ich fass' es; doch, wie es ein Gram mag geben,
Der deiner Tröstung möchte widerstreben,
Das nur, Lastrata, fass' ich nicht.
                                    Mädchen
Italien ist das Vaterland des Greisen,
Und vieles Unglück bracht ihn nur hierher.
Mit sehnsuchtsvollem Blick schaut er am Mittelmeere
Hinüber in das vielgeliebte Land.
Und seufzend sehn auch ich hinüber
Nach jenen blütenreichen Küsten mich.
Erkranket ruht mein Geist auf jener blauen Ferne,
Und schöne Träume tragen mich dahin.
Sag, wogt nicht schöner dort der Strom des Lebens?
Sehnt dort die kranke Brust auch sich vergebens?
                                     Franke
Mädchen! Ach! Von gleichem Wunsch betrogen,
Wähnt ich: Schönes berg die Ferne nur,
Doch umsonst durchsegelt ich die Wogen,
Hat auch diese Ahnung mir gelogen,
Die du, Mädchen, jetzt in mir erweckt? -
                                    Mädchen
Fremdling! Kannst du diese Sehnsucht deuten?
Fühlst du dieses unbestimmte Leiden?
Dieses Wünschen ohne Wunsch?
                                     Franke
Ja, ich fühl ein Sehnen, fühl ein Leiden.
Doch jetzt kann ich diese Wünsche deuten,
Und ich weiss, was dieses Streben will.
Nicht an fernen Ufern, nicht in Schlachten!
Wissenschaften! Nicht an eurer Hand,
Nicht im bunten Land der Phantasien
Wohnt des durst'gen Herzens Sättigung.
Liebe muss dem müden Pilger winken,
Myrten keimen in dem Lorbeerkranz,
Liebe muss zu Heldenschatten führen,
Muss uns reden aus der Geisterwelt. -
Mächt'ger Strom! Ich fühlte deine Wogen,
Unbewusst fühlt ich mich hingezogen,
Nur wohin! Wohin! - Das wusst ich nicht.
Wohl mir! Dich und mich hab ich gefunden,
Liebe hat dem Chaos sich entwunden.
 
    