
        
                              Ernst Adolf Willkomm
                                Die Europamüden
                                   Erster Teil
                                        1.
                                 An Ferdinand.
                                             Am Bord des Dampfschiffes Herkules.
                                                                  Ende Juli, 18-
    Die Angabe des Ortes sagt Dir, dass meine Wünsche in Erfüllung gegangen sind.
- Ja, ich bin frei, zum ersten Male, seit ich mir des Lebens bewusst geworden.
Keine Schranke drückt meine Gedanken mehr todt, kein sogenanntes Pflichtgefühl
martert mich in eine Ergebenheit hinein, die ich nie gekannt habe. Und dies sage
ich Dir, dem Friedsamen, hier am Fusse der dampfenden Esse, deren nachtdunkle
Rauchwolken die Freiheit und ihre unzerstörbare Kraft beurkunden! Wahrhaftig, es
klingt fast lächerrlich, das Edelste, was sich ein Menschenleben bewahren kann,
in einer Maschine finden zu wollen. Und doch ist es so. Die ewige Himmelstochter
hat sich der Zeit ergeben müssen, und erscheint in einem Gewande, das ihr den
leichtesten Eingang bei der argwöhnischen Menschheit sichert. So tief
herabgesunken ist das Jahrhundert, dass sich sein Genius bequemen muss, eine
heuchlerische Hülle anzulegen, um nicht abgewiesen zu werden wie ein lästiger
Bettler. Ich sehe Dich lächeln und die Achseln zucken, aber ich kehre mich nicht
daran und fahre fort, mein Herz auszuschütten. Die Last, die wie eine
zertrümmerte Welt auf mir liegt, muss ich von mir schleudern, wenn ich fernerhin
noch leben soll in dieser fluchschwangern Gegenwart. Danke Gott, dass ich mich
entschlossen habe, weit hinauszuschwärmen in die Welt. Die Heimat hauchte mich
an mit der Pestluft des Drachen in der Fabel, die eng gezogenen Grenzen stillen
Lebens mit ihrer gehäbigen Gutmütigkeit und dem freundlich lächelnden Gott
eines verkümmerten Friedens weckten Gelüste in mir, deren Befriedigung im Buch
geschriebener Gesetze blutige Marksteine bezeichnet. Es war hohe Zeit,
Ferdinand, dass ich floh, zwar nicht mehr rein und schuldlos im Gedanken, aber
noch unbefleckt durch eine Tat, die der stille Weise verflucht, während der
Schmerzenssohn einer gährenden Weltepoche sie bekränzt mit dem ernsten Laub der
Eiche oder dem dunkeln Zweige des Lorbeers. -
    Du siehst, meine Dämonen, wie Du die verschwiegenen Folterqualen des Herzens
nennst, haben mich noch immer nicht verlassen. Auch auf dem schimmernden,
goldgrünen Spiegel des Rheines arbeitet mit gleichem Ungestüm die Welt in meinem
Innern. Die Natur, die mich in diesem Moment umgibt, löset nicht die Fesseln, in
denen ich verschmachte. Eben rundet das Schiff um die Krümmung an der Marksburg,
die Ufer des Stromes verengern sich, romantisch stürzen die Berge in hundert
Täler ab, und tauchen ihre grünen Gewänder in die krystallenen Zauberwellen.
Fernab schimmert Lahneck mit seinen Trümmern, auf dem hohen Stolzenfels flammt
der Freibrief aller Welt, besiegelt vom Glanz der niedergehenden Sonne. Ein
wolkenloser Himmel zittert im dunkeln Blau, wie ein Baldachin, über diesem
paradiesischen Erdabriss. Am Horizont, aus silbernem Nebelglanz, steigt, ein
bleicher, eingeschlummerter Geist des Krieges, der Ehrenbreitstein, und wieder
verbirgt sich stumm und schüchtern der momentan freigegebene Gedanke.
    Meine Stimmung ist bei aller Freude, die mich bewegt, eine schmerzliche. Mir
scheint, ich bin nicht der Einzige, den, verfehmt und verspottet von der
bürgerlichen Friedsamkeit, dieses Schiff beherbergt. Unter dem lustigen Zelt
treiben sich die Kinder von sechs bis sieben Nationen herum. Jedes lallt in
seinem Sprachidiom - ein buntes Allerlei des Gedankenausdrucks - und Alle sind
vielleicht gerade jetzt glücklich, nicht weil der Augenblick gekommen, wo die
verschiedenartigsten Wünsche sich erfüllen, sondern weil die Aussenwelt mit dem
Friedensblick ihrer Reize den Schmerz in der Tiefe schweigen lässt. - Und dennoch
bin ich unter diesen etwa hundert Menschen, die zugleich mit mir von Mainz
absegelten, ein paar Gesichtern begegnet, die, wie der Abgrund einer versunkenen
Welt, geisterhaft mich anstarrten. Hier nun löse ich mein Dir gegebenes Wort,
auch auf die Gefahr hin, von Dir missverstanden oder als ein abenteuernder
Sonderling verlacht und bemitleidet zu werden. -
    Auf Reisen wird man schnell mit einander bekannt. Die Barrieren der
Etiquette und lächerlicher Convenienz sinken zusammen, sobald wir den
barkettirten Salon mit der Heerstrasse vertauschen. Man sucht sich, weil Reisende
in irgend einer Weise immer mit einander sympatisieren. Meine unglückselige
Neigung, mich abzusondern, wenn der Strom freier Weltbewegung seine Wellen um
mich peitscht, ist Dir bekannt. Eben so gut weisst Du, dass nicht in
aristokratischem Stolze die Ursache dieses Vereinsamens liegt, sondern ganz
allein in dem Ekel, immer und immer nur dem Gewöhnlichen wieder zu begegnen. So
kommt es, dass ich mich suchen lasse, oder in stiller Beobachtung mir wenigstens
erst aus der Ferne Denjenigen herauslese, an den mich ein etwaiges Interesse
fesseln kann. -
    Der Morgen war heiter, der Rheingau, im Schmuck der Frühlingszier, breitete
sich längs dem mächtigen Strome hin aus. Links dunkelte der Niederwald und barg
in seine historischen Schatten die versunkene Grösse Karls des Grossen, der fast
zur Fabel geworden ist wie sein Prachtpalast zu Niederingelheim, von dem man
auch vergebens eine Spur sucht. O, wenn ich zurücksehe in dieses Chaos todter
und begrabener Jahrhunderte, dann bricht erst recht mit vernichtender Gewalt ein
lauter Hohn in mir aus, der Alles verspotten möchte, was je geschehen ist auf
Erden! Dann könnte ich nicht etwa vor Schmerz, sondern vor bitterer, blutiger
Wut Tränen vergiessen über die Narretei der Welt, zu deren winzigem Complement
auch ich gehöre. Da seufze, ringe und rase ich nur nach einer Tat, dem
Einzigen, was der Zeit not tut; und ein Blick auf die Geschichte, die mit
gebrochenem Auge um uns den ewigen Schlaf der Vergessenheit träumt, genügt doch
schon mich selbst von der vielleicht lächerlichen Torheit dieses glühenden
Wunsches zu überzeugen. - Was nützt jetzt Karls Streben und Mühen? Es ist langst
vergessen und eingesargt in den Staub der Biblioteken, oder wohl gar verstreut
in alle Winde. Die Sohle des Wanderers nimmt ein Atom seiner sichtbaren Taten
mit sich hinweg, damit es vielleicht am andern Morgen der Schuhputzer abstäube.
- Und doch, lebt der Name nicht? Hat er nicht für ein ganzes Jahrtausend
geschaffen, und sind wir nicht zum Teil ein Product seiner Taten? Da werden
die Felsentrümmer um mich her lebendig, die grauen Ruinen, die den ewigen Strom
bewachen, zeigen wie verwitterte Fragezeichen gen Himmel, als wollten sie dort
Lösung des Rätsels suchen, dessen Deutung auf Erden keiner mehr unternehmen
mag. Sind dies nicht alles Anmahnungen zu neuem Beginnen? Stottert nicht der
Geist der Vergangenheit in diesen Leichensteinen seiner Helden die zornige
Frage: ob denn Alles vorüber sei auf ewig, und die Kraft völlig erlahmt, die sie
zu herausfordernden Wahrzeichen aller Jahrhunderte gemacht hat?
    Gefoltert von solchen Gedanken, Träumen, Empfindungen, hatte ich mich an das
Geländer gelehnt und starrte in die frühlingglänzende Gegend. Der Taunus legte
den dunkelblauen Gürtel seiner Berge um die Hüften des jungfräulichen Gaues.
Biberich, die alte Abtei Erbach, der Johannisberg mit dem Gold seiner Reben,
wallfahrteten vorüber an meinem Auge. Mainz sank in die silbernen Fluten und
der Rochusberg mit Bingen und dem alten Drususkastell, dem Klopp, drängten sich
näher in den Gesichtskreis. Das Verdeck füllte sich mit Neugierigen, die alle
das Bingerloch von fern schon bewundern wollten. Es ist viel Langweiliges in
diesen Passagieren. Die Meisten sind Engländer, die sich mit breiter
Verdrossenheit auf die Bänke werfen, oder an die aufgeschichteten Koffer lehnen
und die Gegend mit ihren Herrlichkeiten nur im Buche bewundern. Das nennen nun
diese Menschen reisen! Einer sass mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem
Kajütenfenster, die Rheincharte vor sich, das Reisehandbuch daneben. »Tat is
Johannisberg,« sagte er phlegmatisch-teilnamlos, und »tat is Geisenheim!« Er
hob kalt das Auge, sah wieder in's Buch und fuhr fort zu murmeln »a very
beautiful country!« Andere hüllten sich in ihre barocken Reisemäntel, oder
promenirten wie toll auf dem Verdeck umher. Man musste sich vorsehen, um nicht
von ihnen umgerannt zu werden. Einige Franzosen waren vergnüglicher. Sie
schwatzten ohne Ende von den Schönheiten der untern Seinegegenden, und stiessen
zuweilen einen komischen Sehnsuchtsseufzer nach Paris aus. Munter bewegten sich
ein paar junge Holländerinnen unter der Gesellschaft. Die nette, reinliche
Kleidung, das zierliche Mieder, der graue, an unsere Tyrolerinnen erinnernde Hut
mit den bunten hellfarbigen Bändern gaben den freundlich offenen Gesichtern
einen doppelten Reiz. Sie schwatzten allerliebst in ihrer weichen Muttersprache
und waren nicht spröde. Es ist ein gutmütiges Volk die Holländer, so lange man
ihrem Gelde nicht zu nahe kommt. Ich sah aber alle diese Gestalten nur Schatten
gleich an mir vorüberwandeln. Fest das Auge auf die satanische Krone des
Dampfschiffes geheftet, klang die Aussenwelt mit ihrem bunten Tongeräusch nicht
in reiner Wärme an mein Herz. Unheimliche Gefühle beschlichen mich, mir war, als
säh' ich den Teufel triumphiren über das wunderliche Menschengeschlecht. Die
Riesenkrone drohte auf dem Schlot wie ein Siegerkranz. Das böse Princip hatte
gesiegt, alle Welt fuhr sicher unter seinem Geleit. Die Satanskrone war das
allgemeine Weltpanier geworden, vor dem sich die Flagge jeder, auch der
stolzesten Nation, willig zusammenfaltete. Eben wollte ich laut ausrufen: »Der
Teufel ist Capitain auf der Fahrt durch Welt und Leben, und doch gelingt uns
keine Tat mehr!« - als ein lauter Aufschrei mich aus meinen überspannten
Träumereien emporschreckte. Ich kehre mich um und gewahre eine zarte
Frauengestalt von den schönsten Formen weit hinausgebeugt über das Geländer und
ein feines Umschlagetuch von dem Schaufelrade in die Wellen hinabschleudern. Die
Gewalt des Rades, die Schnelligkut des Umschwunges hätten sie beinahe über das
Geländer gerissen, ehe sie Zeit gewann, das herausflatternde Tuch vollends zu
lösen. Einer Ohnmacht nahe sank sie in meine Arme, die Gesellschaft drängte sich
um uns, zerstreute sich aber sehr bald wieder, als die Gerettete die Augen
aufschlug. Das Dampfschiff legte vor Bingen an und nahm neue Passagiere an Bord.
    »Haben Sie meinen Fächer?« fragte mit zitterndem Silberklang das schöne
Weib, auf dessen Stirn noch die Blasse der Angst lag. »Ihren Fächer? Ich habe
keinen bemerkt.«
    Ein peinliches Lächeln küsste die schönen Lippen. »Er liegt im Rhein,« sagte
sie kaum vernehmbar, »Bald wäre ich ihm gefolgt. Sie haben mich gerettet, nehmen
Sie meinen Dank, obwol es vielleicht besser gewesen, ich wäre mit ihm
hinabgesunken in den schönen Strom.«
    Mir starb das Wort auf der Zunge, ich konnte nur durch einen starren,
fragenden Blick antworten. Die schöne Frau musste ihn bemerkt haben, ihre Wangen
überzog ein leises, duftiges Rot. Sie reichte mir den Arm, der noch zitterte
und führte mich dem Steuerrade zu. Die Passagiere hatten sich meist nach dem
Vorderteil des Schiffes gedrängt, wir waren allein. Die Fremde setzte sich, ich
nahm Platz an ihrer Seite. Da sie schwieg, hatte ich Zeit genug, sie zu
betrachten. Ich schämte mich vor mir selbst, dass ich erst jetzt durch einen
Zufall diese Frau bemerkte. Sie konnte für ein Ideal moderner Weiblichkeit
gelten, denn sie war in Allem, auch dem Äußern, ein vollkommener Gegensatz der
antiken. In dieser hohen, bleichen Stirn, an deren Schläfen die blauen Adern wie
hüpfende Schlangen bebten, lag alles Leid, Sinnen und Träumen moderner
Weltbewegung. Das Auge schwamm in feuchtem Glanz und verriet ebensowol eine
unbegrenzte Hingebung an die Seligkeit der Liebe, als der Ausdruck
schwärmerischer Andacht in ihm zitterte. Und nun diese schlanke Gestalt, der
blühende Leib, umhüllt von dem schillernden Seidengewande, das sich
verräterisch schmeichelnd an die üppigen Formen legte!
    Du schüttelst missbilligend den Kopf. Deine Unempfindlichkeit, Dein
unerschütterlicher Gleichmut begreifen nicht, wie die Schönheit des Weibes den
Mann zu schwärmerischer Glut hinreissen kann. Bleibe Dir treu, Rigorist, nur
lasse mir die Seligkeiten des Augenblicks! Mein Himmel kettet sich um die Erde
nicht in der gläubigen Schönheit und Kindesanmut Deiner Dogmen, sondern
angetan mit der Fülle natürlicher Grazie. Auch in ihm ist die Liebe das höchste
Gesetz, nur nicht vereist und versteinert in der Kaltwassertaufe heilig
gehaltener Askese.
    Meine Schützlingin schwieg noch immer, das Dampfschiff flog, gejagt von dem
keuchenden Element, dem Bingerloch zu. Die Wellen tanzten in weissen
Schaumbüscheln um den fabelhaften Mäuseturm, überall strudelte der grüne Strom
an den Felsenriffen, und Alt und Jung wollte die Gefahren der berühmten Passage
mit Augen sehen.
    Ich fragte meine schöne Nachbarin, wie weit sie den Rhein hinabzufahren
gedenke.
    »Bis Köln.«
    »Werden Sie sich lange in der alten Stadt aufhalten?«
    »Es ist mein Wohnort,« gab sie freundlich lächelnd zur Antwort. »Und Sie?«
    »So lange es mir gefällt. Ich bin an keine Zeit gebunden.«
    »Dann müssen Sie glücklich sein.«
    »Die Ungebundenheit ist oft der Dieb des Glückes.«
    »Das sind Gedanken, die ein Mann von Ihrem Alter mit Gewalt verscheuchen
sollte. Will die jugendliche Manneskraft schon ihr tiefstes Leben der Laune
hingeben, so wird ihr das spätere Lebensziel in unerreichbare Ferne gerückt.«
    Ein Dritter unterbrach die Ermahnungen der liebreizenden Lehrmeisterin. Wir
kehrten dem Schiffsschnabel den Rücken, um die verschwindende Gegend besser
übersehen zu können. Eine sonore starke Mannesstimme sprach:
    »Das ist eine blosse Schwachheit mein Herr! Sobald ein vernünftiger Mensch
die Ueberzeugung gewonnen hat, dass für ihn auf Erden nichts mehr zu tun sei,
ist es Pflicht, die Welt zu verlassen.«
    »Ja, wenn dies in seiner Gewalt stände,« versetzte sein Begleiter. »Leider
oder vielmehr glücklicherweise können wir den Tod nicht commandiren, wenn es uns
aus Spleen etwa gerade beliebt, mit ihm Bekanntschaft zu machen.«
    »Ich bin kein Englander, mein Herr,« gegenredete der Erste. »Was ich sage,
ist immer Ausdruck tiefster Ueberzeugung. Ich hasse das Schwatzen und
Bramarbasiren.«
    »Dann werden Sie mir auch Recht geben.«
    »Recht geben! Als ob es mir nicht frei stände, mich hinabzuschwingen über
das Geländer, und diesem Dasein tatenloser Langweiligkeit ein schnelles Ende zu
machen!«
    »Richard,« rief das Weib an meiner Seite, und ergriff des Redenden Hand.
»Sprich nicht so, Du weisst, es ängstigt mich!«
    »Warum tun Sie es denn nicht?« fragte der Andere.
    Der Fremde von meiner schönen Geretteten mit »Richard« Angeredete zeigte auf
die reizende Gestalt und winkte seinem Begleiter, ihn allein zu lassen.
    »Dass es noch solche Affen geben muss,« fügte er hinzu. »Es täte not, ihnen
zu Gefallen allemal die Probe auf jede Behauptung, die man aufstellt, gleich mit
in den Kauf zu geben.« - Die junge Frau suchte den Blick Richards aufzufangen,
er zog ihre Hand an seinen Mund, und schien sein Auge versenken zu wollen in den
feuchten Glanz ihrer braunen Pupille.
    Mir ist noch kaum eine Gestalt so aufgefallen, wie dieser Richard. Denke Dir
einen jugendlichen kräftigen Mann, Ferdinand, tief in die dreissig, hoch
gewachsen, muskulös, aber hager. Eine Salonfigur seinem Äußern nach; die
Kleidung aus den feinsten Stoffen, nach dem elegantesten Schnitt, nur mit einem
Anfluge genialer Negligenz. Die blütenweissen Manschetten lose herabfallend über
die schöngeformten, weissen Hände. Ein buntes Tuch leicht um den Hals
geschlungen, das ovale Gesicht von einem dichten, schwarzen Bart umflossen. Aber
welch' ein Gesicht! Kaum kann ich es glauben, dass eine Stirn, weiss geglüht von
der verzehrenden Flamme des Gedankens, auf so fashionable Hüllung herabschauen
mag. Es ist kein Blutstropfen mehr in diesen bleichen, marmorbleichen Wangen,
und dennoch flackert in der Sonnenhelle seines Auges nicht das ungewisse,
irrende Licht, das gewöhnlich seinen falben Todtenschein über die Trümmer eines
verwüsteten Lebens wirft. Erschreckend freilich fliegt die finstere Wolke
unergründlicher Melancholie um das tiefliegende Auge, wie die Motte um ein
Licht, oder der stille Nachvogel um den kalten Schimmer einer offenen Gruft.
Noch weiss ich nicht, was dieser Richard, dessen Geschlechtsname Bardeloh ist,
für eine Rolle spielt in der grossen Welt. Meine schöne Gerettete ist sein Weib,
sein glückliches Weib, und doch scheinen Beide sehr unglücklich zu sein. Ich
hielt ihn anfangs für einen Diplomaten, dem aber widerspricht die Offenheit
seines Auges, der ehrliche Schnitt seines Gesichtes, wie die Verachtung aller
Heuchelei, die darin sichtbar ist.
    Nach den ersten Begrüssungen entspann sich bald ein Gespräch zwischen uns,
das schnell an Interesse gewann und für mich eine Hinneigung zu den kaum
gesehenen Fremdling zur Folge hatte. Seine Gattin Rosalie scheint ihn zu
umschweben wie ein Genius. Sie allein scheint er zu achten, aber glücklich ist
er dennoch nicht.
    Und kannst Du glauben, dass gerade diese Entdeckung mich ruhiger gemacht hat?
So erbärmlich ist der Mensch, dass er immer und ewig an den jüdischen Trost
Tubals: »Andere Leute haben auch Unglück,« die elende Hütte seines Glückes
anlehnt. Doch zu meiner eignen Ehrenrettung muss ich gestehen, dass meine
Beruhigung ihren Grund nicht in einer so gemeinen Gesinnung hat. Nur dass ein
gleicher Schmerz diesen Bardeloh das Gemüt belastet, und auch er bei äusserem
Glück ruhelos umhergetrieben wird, tröstet mich, weil es einen Beweis für meine
Behauptung abgibt, die Welt sei lahm und schwach geworden, und ersticke unter
dem Ekel erregenden Dunst einer raffinirten Civilisation. -
    »Watt und Fulton waren doch zwei grosse Männer,« begann nach einiger Zeit
Bardeloh. »Diese Menschen brauchen sich nicht der Jahrzehnte zu schämen, in
denen sie gelebt haben. Ihrer Tatkraft ist es gelungen, eine totale Umbildung
zweier Hemisphären vorzubereiten. Dampfschiffe und Dampfwagen sind eine
Erfindung, die ihrem Werte nach nur der Buchdruckerkunst gleichgestellt werden
kann. Haben Sie in Mainz den Gutenberger Hof besucht?«
    Ich bejahte die Frage, worauf Bardeloh fortfuhr: »Nun dieser Gutenberg war
ein ganzer, vollendeter Mensch. Das ist genug. Mehr darüber sagen zu wollen,
wäre Frevel. Ich hasse das Zerfasern einer Wahrheit. Aber unsere Zeit will Alles
spinnennetzfein haben. Für jeden Ausspruch muss der Grund angegeben, mit der
Sonde und nötigenfalls auch mit dem Senkblei untersucht werden, um zu sehen, ob
er denn auch wirklich gleich sei dem Boden; und erst dann, wenn man sich durch
Fühlen und Rechnen hinreichend davon überzeugt hat, begnügt man sich. Was halten
Sie von unserer Zeit?«
    »Sie ist nichts und kann Alles werden.«
    »Da treffen Sie zum Ziele,« versetzte Bardeloh. Rosalie trocknete ihm mit
ihrem Taschentuche die Stirn, auf der grosse Schweisstropfen standen. »Richard,«
bat das herrliche Weib, »Du bist noch unwohl und gerade diese Gespräche solltest
Du vermeiden. Hast Du die Vorschriften des Arztes schon wieder vergessen?«
    »Erinnere mich daran, mein Herz,« erwiederte Bardeloh, indem er einen Kuss
auf Rosaliens Hand drückte. »Uebrigens ist es Bedürfnis, mich wieder einmal
auszusprechen.« Er wandte sich abermals zu mir und fuhr fort: »Man spricht heut
zu Tage viel von neuen Lebensbahnen, unerhörten Umgestaltungen, grossen Epochen.
Man hat Recht, aber nur bedingt. Ich meines Teils bin überzeugt, dieser
Erdteil, auf dessen einer Ader wir eben wie ein rollender Pulschlag
fortgetrieben werden, gebiert nichts, oder doch nur wenig von alle dem, was erst
spät hineinleuchten wird in den dunkeln, annoch unerhellten Weltenbau. Europa
kommt nicht heraus aus dem ancien régime; der Fluch klebt ihm an und hält es
darnieder in einem halben Todesschlafe, wie der Fluch des kreuztragenden Gottes
das Volk des Unglückes, auf das er herabsank. Wie dieses Volk jetzt noch seufzt
unter der Schattenlast jenes Kreuzes, dessen Bürde es dem schuldlos
Verurteilten nicht wollte ablegen lassen; so hinkt das mattgehetzte Europa
schwindsüchtig in seinen Gedanken, mit verpesteter Lebenskraft immer und ewig um
sein offenes Grab, und schaufelt es täglich um einige Fuss tiefer. Es hat der
Einfachheit der Natur die Tür gewiesen, und an deren Statt das Raffinement der
Gelüste eingelassen. Dieser Unhold wird es umbringen und den erdrosselten
Leichnam seines Opfers dann hinwerfen zum Frass für hungerige Wölfe. Dieser Tag
aber wird der Anfang sein einer neuen Epoche, das Grabgeläute übertünchten
Elends, die Wiedergeburt frischer Tatkraft! Nur fürchte ich, es sterben zuvor
noch einige Jahrhunderte, aufgezehrt von Gram und Schwäche wie wir, der Einzelne
so gut als die Gesammteit, d.h. diejenigen, die befähigt sind, den Jammer zu
fühlen, weil sie sich einen Rest gesunder Urkraft aufbewahrt haben.«
    »Ist Ihnen ein Rettungsmittel bekannt, das man den Wenigen bieten könnte?«
unterbrach ich hier den Unzufriedenen, »oder meinen Sie, es sei bloss die Rache
des herausgeforderten Schicksals, gegen die Niemand ankämpfen dürfe?«
    »Was taten Cato Uticensis und Brutus? Was so viele Andere alter und mittler
Zeit?«
    »Einen freiwilligen Austritt aus dem Leben zählt unsere Religion unter die
ärgsten Verbrechen. Sie können unmöglich wünschen, dass ein Gedanke, verpestend
und entsittlichend, sich festsetzen solle in dem Gemüt unserer Jugend, der
leider ohnehin schon mehr als wünschenswert ist, die Herzen derselben umstrickt
hat. Mit der Gleichgiltigkeit gegen das Leben zerfällt jede moralische Regung.
Predigen wir den Selbstmord als eine Tugend, so sehe ich nicht ein, wie Rettung
kommen soll für die Unmündigen.«
    Bardeloh war aufgestanden, seine Gattin sass in schmerzliches Sinnen verloren
am Schiffsspiegel und starrte gefühllos in die grüne, schäumende Flut. Das
Schiff flog an Bacharach vorüber der Pfalz zu. Längs dem Ufer an die niedrigen
Hügel lehnten sich alte Römertürme in grosser Anzahl und erzählten, wie
umhergestreute Todtenschädel, von dem regen Leben früherer Zeiten. Bardeloh zog
mich an's Schiffsgeländer. »Junger Mann,« sprach er, »es gibt keusche, heilige
Sünden und daneben auch Tugenden, vor deren roher, schmutziger Unkeuschheit
jedes Herz, das noch im Zustande republicanischer Einfachheit sich selbst
bewacht, erröten und zusammenschrumpfen muss. Sind Sie so bewandert in der
heiligen Geschichte des Menschenherzens, dass Sie wagen, dieser gegenüber die
Satzung frommer Willkür zu erheben? Den möchte ich sehen, junger Freund, der
sein Herz zerschmetterte, wenn er es retten könnte durch einen zornigen Ausruf
gegen dasjenige Wesen, dem wir die Ehre der Schöpfung zugegestehen. Ich weiss,
dass die Masse lieber die Perle ihres Rosenkranzes küsst, als den süssen Mund der
Geliebten; dass sie frivol wird auf Kosten sanctionirter Untugenden, ehe sie frei
und mutig in dem ewigen Lebenselemente die geschwächten Glieder badet. Halten
Sie dies für Religion, so fürchte ich sehr, Sie reden oder fühlen sich nur aus
Langweiligkeit gewaltsam in ein Weh hinein, von dem Ihr rein menschlicher Teil
nichts empfindet. So lange Sie fest kleben an der Convenienz irgend einer
Societät, entschlagen Sie sich des Gedankens, als seien Sie mit berufen, den
Opfertod zu sterben für die Befreiung eines Geschlechts, das nur noch ein
Flechten- und Moosleben führt. Sehen Sie hinüber an das Ufer! Dort liegen die
zersprungener Glieder jener grossen Tatenkette, womit die Römer das Schicksal
einer ganzen Welt an sich banden. Was hat sie zersprengt und rostig
umhergestreut in allen Ländern, wo Civilisation herrscht? Nichts als die Tat,
die man ihnen entgegenstellte. Wären unsere Vorfahren elende Schwächlinge
gewesen, wie wir, entsittlicht durch das Gift des feigen Gedankens; sie hätten
nie der Tatkraft Roms sich widersetzen können! Wer etwas vollbringen will, mein
Freund, der darf sich durch die winzigen Scrupel der Gewissenhaftigkeit nicht
beengen und abschwächen lassen.«
    »Sie sind also in der Tat willens, den Mord, und zwar Selbstmord, als
Rettungsmittel zu empfehlen für unsere jetzigen Zustände?«
    Bardeloh lächelte mitleidig-ironisch. O, könnte ich Dir sagen, wie mich
dieses Lächeln zugleich entzückte und zermalmte! Nur die Welteiligkeit,
umflossen von der Glorie eines Märtyrtums, wofür die Geschichte bis jetzt noch
keine Belohnung erfunden hat, vermochte sich in diesen Schmerzenszuckungen um
Mund und Kinn zu flechten. Ich beneidete den gedankenbleichen Mann in seinen
mephistophelischen Qualen. Ein Anderer vielleicht wäre schüchtern mit dem Beben
tugendhaften Abscheu's davon geschlichen, indem er in Bardeloh die Gestalt des
ewigen Verführers erblickt hätte; mir aber, - ja Ferdinand, ich rufe Dir's zu
unter dem Purpurmantel, den eben die Sonne mildtätig über die entzückenden
Gefilde dieser Rheinlandschaft faltet - mir erschien er als ein Prophet, als ein
Johannes der Täufer, der vorausgesandt worden dem Christus des neuen
Jahrhunderts! - Da stand der bleiche Mann an dem keuchenden Schlot, unter ihm
seufzte die dämonische Maschine, der schwarze Rumpf des Schiffes durchbrach die
wallende, grüne Flut des Stromes und stürmte, wie ein infernalischer Vogel, mit
seinen blutroten Flossen durch das schimmernde Krystall. Da stand er, der
bleiche, unglückliche Sohn unsres Jahrhunderts, das in unnatürlicher Brunst die
Keuschheit seines Herzens abgetödtet an sich selbst. Ich sank auf das
Kajüttenfenster, denn es war mir nie klarer geworden als jetzt, dass Tausende und
Abertausende mit diesem Bardeloh sich nicht emporarbeiten können zum frohen,
lichten Tatendrange, weil die Kette der Ohnmacht angeschweisst worden an das
warme Fleisch ihrer Herzen!
    Nach langem Schweigen trat Bardeloh wieder zu mir und legte seine Hand auf
meine Schulter. »Sie sind noch ein schuldloses Kind in Ihrem Jammer,« sprach der
seltsame Mann. »Ich würde mit Ihnen sprechen von meinen Hoffnungen und
Befürchtungen, aber ich muss ausrufen wie Christus: Ihr könnt es noch nicht
tragen!«
    »Mord, Selbstmord!« stammelte ich halblaut vor mich hin, während Bardeloh's
Worte klagend durch meine Seele schrien.
    »Wer spricht von Selbstmord?« erwiederte mit der Sicherheit des klarsten
Bewusstseins mein neuer Bekannter. »Eine Tat ist kein Mord. Tun Sie etwas,
geisseln Sie die Menschen bis auf's Blut zur Tat, sein Sie ein Despot der
Freiheit, und lassen Sie die scharfen Drachenzähne der Freiheitspeitsche tief
einhauen in das Fleisch der Sklaven fluchwürdiger Erschlaffung; so morden Sie
nicht, sondern befreien bloss. Hat ein Mensch die Rückenmarkschwindsucht, weckt
nur der glühende Stahl das verdorrte Lebensmark, oder glauben Sie, dass eine
schwindsüchtige Welt mit Pfefferkuchen und Marzipan zu heilen sei? Schlagt sie
in die glühenden Ketten der Scham, so wird sie gesunden!«
    Hier klang wehmütig klagender Hörnerruf von dem linken Rheinufer herüber
und hüpfte von Fels zu Fels, von Berg zu Berg, vielfach gebrochen auf der
Tonleiter des Echo in die Ferne. Das Schiff steuerte vorüber an den Klippen des
Lurlei. Bardeloh's Auge schien die Töne zu trinken; er horchte lange den
fernzitternden Schwingungen der beschworenen Rheinnymphe, sah stumm und kalt das
Schiff über den Strudel des wilden Gefährts brausen und stieg dann hinab in den
unteren Raum zur Maschine, in dessen glühender Atmosphäre die Arbeitenden wie
Kyklopen von Glut und Asche gebräunt die bewegende Flamme unterhielten. -
    Rosalie hatte keinen Teil genommen an meinem Gespräch mit ihren Gatten.
Schweigend genoss sie die vorüberziehenden Reize der Ufer und schien übrigens
viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie dem lebhaften Verkehr der
manigfaltigen Fremden hätte Interesse abgewinnen können. Durch mein
Bekanntwerden mit ihr hielt ich mich für berufen, sie als eine Schutzbefohlene
zu betrachten und nahm wieder Platz an ihrer Seite. Sie gewahrte mich kaum, als
sie teilnehmend und bewegt nach Richard fragte. Beruhigt durch meine Antwort
fuhr sie fort, mir einiges Nähere über ihren Gatten mitzuteilen, wobei sie
jedoch mit weiblichem Zartsinn Alles umging, was mich tiefer in die geheimeren
Verhältnisse ihres gegenseitigen Lebens hätte blicken lassen. Ich erfuhr, dass
sie aus Wiesbaden zurückkehrten, wo sie während eines Monates die Heilquellen
gebraucht, um ihre beiderseitig wankende Gesundheit wieder herzustellen. Ihr sei
dies so ziemlich gelungen, bei Richard aber, meinte sie, träfen zu viele Uebel
zusammen, um eine Heilung des Körpers in so kurzer Zeit bewerkstelligen zu
können.
    »Richard,« sprach sie, »leidet weniger körperlich als geistig, und auch
dieses geistige Leiden ist nicht wie gewöhnlich ein Symptom seelischen
Krankseins, sondern eher der Beweis überkräftiger geistiger Gesundheit. Es wird
Ihnen dies sonderbar vorkommen, sollten Sie aber durch ein längeres
Zusammenleben mit uns Richard näher kennen lernen, so werden Sie meine
Behauptung bestätigt finden.«
    Rosalie schien sich zu erheitern, ich war daher bemüht, den Moment
aufknospender Gemütsfreudigkeit festzuhalten und wo möglich zu verlängern. Ich
tat einige unbedeutende Fragen, die jedoch selten bei einem weiblichen Gemüt
ihres Zweckes verfehlen. Ich gedachte der Häuslichkeit und der Rückkehr zu
gewohnten, liebgegewonnenen Oertlichkeiten.
    »Das wäre gewiss mein süssestes Vergnügen,« erwiederte Rosalie, »wenn für
Richard nicht gerade daraus der Giftquell neuen Schmerzes träufelte. Alles
Gewöhnte und Stillebehagliche hasst er mit einem Abscheu, der mich oft besorgt
macht um seinen Geist. Wohl begreife ich, woher sich dieser Hass schreibt, aber
es ist Unrecht, der stillen Freude, die lieblich und mit dem Friedensblick eines
Kindesauges voll gewinnender Unschuld sich uns anschmiegt, bitter
entgegenzutreten. Man soll den Himmel nicht verhöhnen, wenn er uns nur den Glanz
der Sterne gönnt, nicht die Flamme selbst, die jene Welten belebt. Warum einen
Frevel begehen an seinem Glück und an sich selbst unter Verhältnissen, deren
Aenderung nicht in die Hand Eines Individuums gegeben ist? Mir scheint es immer,
als schwelle die Qual der Seele zur unerträglichen Bergeslast an, wenn wir zu
stolz oder zu hart sind, den Moment zu erfassen, in dem oft ein wunderbarer
Zauber der Beschwichtigung liegt. Noch hat es - dies ist meine Ueberzeugung -
keine Zeit gegeben, in der sich alle Wünsche erfüllten. Hart freilich drückt der
Zwang der Verhältnisse auf die freie und glückliche Entfaltung unserer
Lebenskeime. Die Gegenwart ist zum Alp geworden, der uns ängstigt und selbst den
schönen Frieden eines kindlichen Herzens zerquetscht. Immer jedoch bleibt noch
eine Hoffnung, die zur Rettung werden kann bei sicherem Wagen und vorsichtigem
Umhertasten. Möchte nur die schroffe Männlichkeit, die in vielen unserer
bedeutenderen Menschen zu ungebunden hineinschlägt in das Getriebe des
Weltlebens, sich enger verschwistern mit dem weiblichen Teile des Daseins. Der
starke Geist sollte eine stille, heilige Ehe eingehen mit der hingebenden
Sanftmut weiblicher Empfindung. Wie das Streben so vieler tüchtiger Männer auf
Freibleiben zielt, so verachten sie auch eine geistige Ehe. Man trennt zu viel,
zu schroff, in der Absicht, durch unerbittliches Scheiden die zerrissenen Teile
zu freiwilliger Einigung zu nötigen; aber ich fürchte, aus diesem Zerspalten
entwickelt sich ein Cölibat, dessen Folgen mit Vernichtung der urewigen
sittlichen Weltordnung endigen werden.«
    Wahrlich! das Weib sprach so ruhig und wahr, dass ich mich einen Augenblick
vor mir selbst schämte, und nahe daran war, Bardeloh zu zürnen. Rosalie hatte
Recht. Dieses weibliche Element, das sie der modernen Welt gerettet sehen will,
lässt man allerdings zu sehr ausser Acht, allein wer mag denn die Frage
beantworten, ob es wohl jetzt auch schon an der Zeit sei, Rücksichten zu nehmen
auf das sanft Begrenzende, jetzt, wo es ja wesentlich auf ein Niederreissen alles
Begrenzten, Abgeschlossenen und Hemmenden ankommt? Nur so viel scheint mir
einleuchtend, dass dieser weltstürmende Bardeloh in Rosaliens liebreizender
Engelsgestalt eine Beschützerin zur Seite hat, die den Ungestümen nicht wird
sinken lassen in den Abgrund eines völligen Unterganges.
    Mich ergreift ein unaussprechlich schmerzhaftes Weh, ich möchte es das Weh
eines ganzen Weltteils nennen, wenn ich die Zukunft hineinrechne in die
Gegenwart. Zwar sollte ich diese Klage nicht vor das Forum Deines Herzens
bringen, das keinen Puls, kein Gefühl kennt für dies mein Leid. Indes ich will
es wagen und appellire an Deine Diskretion oder Toleranz, wie Du es nennen
magst. Bist Du bemüht, Proselyten zu machen, so wirst Du mir gewiss auch das
Recht zugestehen, das für wahr Erkannte dem Opponenten gegenüber zu
verteidigen. Ist es nicht ein wahnsinniges Beginnen, frische Lebenswege nach
dem Todten, Vergangenen abzumessen? Unsere Zeit siecht an der Epidemie, unsere
eigenen Lebenswirren nach Art langst in Staub zerfallener Epochen schlichten zu
wollen. Darüber ist sie in Streit geraten mit dem ewigen Geist der Geschichte
und dem Gott der Welt. Sie hat nicht bedacht, dass ein Vervollkommnen alles Seins
auch alte Zustände vernichtet. Nun ringt der Geist, eingesunken in den Schlamm
und Moder vieler Jahrtausende, ohne Rast und Erfolg, weil er zu bedenklich ist,
einen Frevel zu begehen, der in sich selbst keiner mehr wäre, sobald der Gedanke
sich consolidirte zur Tat. In diesem Schwanken und Zaudern besteht die
Unmoralität der Gegenwart wie aller Geschichte. Brechen wir los mit einer ganzen
vollen Tat, die in ihrer Offenbarung schon sich als Sieg darstellt, so erkennt
alle Welt das als blossen Wunsch für Unmoralität Verachtete in seinem Gelingen
als einen moralischen Fortschritt, und folgt willig dem Vorausgegangenen. Moral
ist ein vager, leerer Begriff, die Tat erst gibt ihr den Freibrief der
Göttlichkeit. Aus den Conflicten fällt die Wahrheit dem zu, der mit dem letzten
Wort den Gegner zum Schweigen bringt. Dies ist das Recht des Stärkeren im Reich
der Geister. Es wird gelten, so lange es eine Welt gibt, und darin besteht das
eigentliche Kriterium alles Wahren und Guten, das nur insofern ein absolutes
sein kann, als es sich in den verschiedensten Modificationen nicht als ein
Vernichtetes, Absorbirtes verliert. Die Form allein ändert sich, der Kern bleibt
immer derselbe, aber die Form ist kein Willkürliches, denn sie entspringt aus
der Notwendigkeit gegebener Begriffe, die ihrerseits wieder von der
jedesmaligen Lage der Societät und der Welt bedingt und bestimmt werden.
    Sollte denn in unsern Tagen die Notwendigkeit, alles bisher Dagewesene zu
ignoriren und es mitin zu vernichten, nicht klar bemerkbar sein? Warum also
noch länger zaudern und die Menschheit hinhalten, bis ein gewaltsamer Stoss sie
hinreisst zu unerhörten Greueln? Hätte man immer darauf geachtet, so würde die
Geschichte weniger Blutbäder aufzuweisen haben, aber freilich auch an Interesse
verlieren. Es scheint, das Juste milieu ist verhasst im Cabinet des
Weltregierers. Dort herrscht der Radicalismus mit seinen freien, bewegten
Formen, die nie veralten, weil sie sich immer verjüngen.
    Ich breche ab, Coblenz liegt vor uns, hinter den weinumzogenen Hügeln der
Mosel sinkt die Sonne. Lichte Schatten flattern herüber von den Bergen über die
schimmernde Flut. Die Glocken läuten, an den mosaikartigen Mauern des
Ehrenbreitstein rinnt, wie ein Blutstrom, der letzte Schein der Sonne nieder.
Ein Dampfboot segelt den Strom herauf, das Verdeck füllt sich, die Brücke fallt.
Das hervorstürzende Leben verscheucht den stillern, verschlossenen Unmut des
Herzens. Bardeloh ist wieder heraufgestiegen aus dem Raume. Was er dort gebrütet
haben mag! Sein Gesicht bedeckt eine fast noch tiefere Blässe als zuvor; er
sieht krank, lebenskrank, erdenmatt, europamüde aus. Nur sein Blick liegt auf
Welt und Menschen um ihn her wie ein Fernrohr, das die stille, sinnende Sphinx
der Zukunft gerichtet hat auf die Gegenwart, dieses colossale Grab alles
bisherigen Lebens, über dessen Hügel der finstere, blutbefleckte Schatten eines
ungeheuern Kreuzes schwankt. Aber der Leichnam ist herabgestürzt von diesem
Kreuze und nur die Nägel starren noch aus dem Holz. Man sieht nicht mehr den
Umriss des hingeopferten, zur Versöhung, gestorbenen Gottes, nein, nur seine
Marterbank. Und zu ihr - o Gott, zu ihr allein richtet die blödsüchtige Welt ihr
scheues Gebet? - -
    Es ist finster, die Passagiere haben grossenteils das Schiff verlassen. Die
Notwendigkeit zwingt mich, zu schliessen. Könnte ich mich doch, ein Geist,
hüllen in den silbernen Nebelglanz, der vom grünen, stillen Strome die
Rebenhügel hinanklimmt! Ach, diese Welt wäre schön, betete sie nicht
grösstenteils nur an am nackten, morschen Stamme des Kreuzes! -
 
                                       2.
                                 An Ferdinand.
                                                          Köln, am letzten Juli.
    Seit drei Tagen bin ich hier in dieser ehemaligen Reichsstadt, deren Anblick
schon imponirt und die Taten vieler Jahrhunderte erzählt. Wie ich geahnt, hat
mich das Verlassen der heimatlichen, stillen Täler nicht der Beruhigung
hingegeben, vielmehr stürmt mit lauterem Getöse als je die fremde unbekannte
Welt auf mich ein. Nur das Terrain ist ein anderes geworden. Früher wühlte ich
mich still und verschwiegen in den Gram meines eignen Herzens, und pflegte die
Angst sorgsam wie eine liebende Mutter ihr Kind, jetzt hat sich das Leid des
Allgemeinen mir zu Füssen gestürzt und es sind mir Menschen teuer geworden in
ihrer Qual, denen ich nur verwandt bin durch ein gleiches, menschlich reines
Mitgefühl.
    Ich habe viel erlebt in diesen kurzen drei Tagen. Eine Recapitulation
desselben wird eine heilsame Medicin für Dich sein und mir selbst vielleicht
einen Ausweg zeigen, so bald es gut ist, dieses Labyrint eines unheimlichen
Lebens zu verlassen. Ihr Friedsamen und in diesem Frieden so Glücklichen seid
mit all Eurer Toleranz ungerechter gegen die Welt, als Ihr meint. Freilich ist
das nicht sowol Eure Schuld, als die der Zustände, der Verhältnisse. Herz und
Geist des Menschen sind zwei wunderliche Polypen. Sie wachsen und dehnen sich
aus, je öfterer sie verwundet und blutig geritzt werden, aber sie schrumpfen
zusammen und werden eng, wenn sie in steter Sicherheit nur den kleinen Gram
ihres eigenen stillen Selbst zu verarbeiten haben. Will man Gerechtigkeit lernen
und Duldung üben, so muss man die Springflut des jubelnden Lebens eben sowol,
als das dumpfe Grollen des trauernden, um sich her toben gesehen haben. Ich
fühle jetzt erst, wie erbärmlich wir denken und urteilen in der Sicherheit
unserer kargen Beschränkteit. Diese Enge, dieses ungetrübte Stück des
Friedenshimmels macht uns frivol aus Gutmütigkeit und purem Biedersinn. Gerecht
gegen uns selbst zupft unser Eigendünkel die ewige Weltgeschichte bei der Nase,
und meistert Gott und Schicksal. Es ist nichts so entsetzlich, als ein
musterhaftes Leben in der Stille der Abgeschlossenheit. Darin liegt abermals ein
Grund für unsern Untergang, namentlich für uns Deutsche. Es seufzt keiner mehr
nach der gehäbigen Ruhe des Hauses als der Deutsche; es ist keiner mit grösserer
Mühe herauszuhetzen aus seiner Friedenshütte, als abermals der Deutsche. Wo denn
um des Himmelswillen soll Rettung herkommen, wenn der grosse Sinn für
Allgemeinheit unerschløssen bleibt? Nur Erdbeben, Zusammensturz der
Himmelsdecke, können uns noch ermuntern und durch Vernichtung gegenwärtiger Ruhe
eine schönere Zukunft sichern.
    Von dem Verlauf der Reise von Koblenz bis hierher will ich schweigen. Ich
gedenke noch mehrere Ausflüge zu machen an den Rhein und seine Umgebungen, und
werde dann vielleicht nachholen, was von einigem Interesse für Dich sein dürfte.
- Nur die Ankunft in Köln selbst darf ich nicht mit Stillschweigen übergehen.
Sie war bedeutend, weniger für mich, als für meinen Begleiter Bardeloh, in
dessen Hause ich wohne, wie Du Dir leicht denken kannst. Es schwankt ein
düsteres Geheimnis um die Person dieses Mannes, und mein Herz zittert wie
galvanisirt, so oft der entsagende Flammenblick seines Auges mit dieser
unaussprechlichen, tief ironischen Melancholie auf mir ruht. Das Gefühl,
unwillkürlich, wie durch Zaubergewalt, in die Lebenskreise eines Fremden
hineingerissen zu werden, hat etwas entsetzliches, und doch liegt in der Tiefe
der Verborgenheit auch wieder ein Reiz, der mit süssem Beben die Seele erfüllt.
Nicht Neugier möchte ich diesen Rausch der Erwartung nennen, lieber ein
schweigsames Forschen, ein psychologisches Experimentiren einer Seele mit der
andern.
    Die Fahrt, mannigfach belebt durch Menschen und Gegenstände, ward für mich
zu einem Ereignis. Rosaliens keusche Anmut trug zu meiner Erheiterung eben so
viel bei als der Zauber, womit Bardeloh sein Wort zu umspinnen versteht. In
feenhafter Lebensbewegung quellen die Gedanken aus dem kristallenen Born seines
Geistes herauf und schleichen sich mit hinreissender, ungesuchter Beredsamkeit in
das Herz jedes Hörers. Wir sprachen viel, Heiteres, Scherzhaftes und tiefere
Fragen der Zeit Berührendes. Bardeloh zeigte bei Allem gleiche Teilnahme; ein
hoher, freier Weltton umhüllt mit hinreissender Grazie sein zwangloses Benehmen.
Die Welt mag ihm viel gegeben haben und er ihr viel schuldig geblieben sein. So
verstrich der Tag, das Bild von Köln dämmerte in duftiger Schöne am Horizont
auf, als eben die Sonne tiefer hinabsank. Um den ungeheuren Torso
mittelalterlicher Tatkraft, dem Coloss des Domes, flammte zitternd bewegt,
gleich Tagfaltern mit purpurnen Schwingen, die Abendröte. Mein Auge hing mit
jener unerklärlichen Sehnsucht an dem halbverwitterten Gestein, die immer das
Ungeheure gegen unsern Willen in uns zu wecken pflegt. Da lief das Schiff in den
Hafen. Geschrei, wildes, hastiges Durcheinanderrennen, Eigennutz und Geldgier
tobten, schlugen, schimpften vom Quai in buntem, unterhaltenden Gemisch.
Holländische Schiffsknechte, Hafenarbeiter und Packträger rumorten mit Püffen
und Stössen durcheinander. Kaufleute und Aufseher bemühten sich Ruhe zu stiften
und wurden verlacht. Dazu ein Dialect, den, gemischt aus einigen Sprachen und
gründlichem Unsinn, nur ein Eingeweihter verstehen kann.
    Mehrere Waarenkrahne mit ihren weit hinausragenden Tragebalken sind am Ufer
erbaut und geben, fast immer in Tätigkeit, ein erfreuliches Bild regen
Gewerbes. Es fiel mir schon von fern auf, dass auf einem dieser
schieferbedeckten, hervorspringenden Arme ein colossaler Mensch von wildem
Aussehen in völliger Untätigkeit sass, um dessen wettergebräuntes Gesicht das
Haar verworren hing und seine grotesken Züge zum Teil verdeckte. Grosse
Wasserstiefeln an den Füssen war er nur bemüht, zu dem Geschrei der Lastträger
und Hafenbeamten den Tact damit zu baumeln und jedem Ausgeschifften einen Gruss
mit seinem formlosen Hut zuzuwinken.
    Nicht fern von diesem Schifferknechte lehnte zwischen Ballen und Fässern die
hohe Gestalt eines Juden, dessen feine, halb orientalische Tracht ihn als einen
der Begünstigten seines Volkes bezeichnete. Teilnahmlos, mit gekreuzten Armen,
den breitkrämpigen, feinen Castorhut auf dem Kopf, betrachtete er die
Ankommenden. - Nach einigem Zanken und Schimpfen hatten sich die Lastträger
endlich in unsere Koffer und Schachteln geteilt, Bardeloh wandte sich mit
Rosalie und mir der Stadt zu, als mit einem Male, wie vom Wahnsinn ergriffen,
der Schifferknecht herabstürzte von seinem Krahn, links und rechts mit
Riesenkraft die Menschen auseinander warf und in wenig Augenblicken vor
Bardeloh's Füssen niedersank. Mit der Inbrunst eines Büssenden küsste er Fuss und
Kleid meines neuen Freundes, drückte dessen Hand an seine Lippe, und ein Blick -
o Ferdinand! ein Blick flackerte aus dem Auge des Knieenden, der wie ein lautes
Wehgeschrei gellend an mein Herz schlug und das Blut erstarren machte. Der
knieende Mann sprach schnell einige Worte, aber in einem Jargon, der mir eben so
unverständlich als das Arabische war. Bardeloh schien betroffen, sein blasses
Gesicht rötete sich einen Augenblick, er hob den Armen liebreich auf und
reichte ihm eine ansehnliche Gabe. Rosalie ergriff krampfhaft meine Hand. Sie
zitterte heftig. Der Fischerknecht schwenkte johlend seinen Filz, und ehe ich
mich noch recht besinnen konnte, sass die groteske Figur schon wieder auf dem
Krahnarm, grüsste die Vorübergehenden und war bemüht dann und wann durch Ziehen
an der Kette eine Art von Tätigkeit zur Schau zu tragen. Dieser seltsame
Auftritt erregte einiges Aufsehen, obwol sehr Viele, namentlich von den Knechten
und Matrosen, den ganzen Act mit lautem Gelächter begleiteten. Bardeloh suchte
möglichst bald dem Gedränge zu entkommen. Schon hatten wir den Lärm hinter uns,
da trat der Jude vor und grüsste Bardeloh mit herzlichem Händedruck.
    »Der Friedrich kann's noch immer nicht begreifen,« sprach er, »dass ein
Unterschied sein soll zwischen Mensch und Mensch. Wäre er ein Israelit, wie ich,
er fände sich besser zurecht mit Zufall und Unglück.«
    »Sie besuchen mich doch bald, Mardochai?« warf hastig Bardeloh ein. »Mein
Haus, Sie wissen es, steht Ihnen jederzeit offen. Sie entschuldigen, meine
Gattin ist angegriffen von der Reise - wir müssen uns beeilen. Auf Wiedersehn!«
    »Ich werde nicht warten lassen auf mich,« erwiederte Mardochai, »und
erlauben Sie es, so bringe ich den Friedrich mit. Es ist eine ehrliche Haut, und
eine Seele steckt in ihm, die voller Narrheiten ist, wenn man ihm gestattet, sie
herauszulassen. Der Gedrückte wird schüchtern, der Mensch zur Maus. Die
Naturgeschichte hat überall einen auffallend engen Zusammenhang.«
    Bardeloh gab durch ein stummes Zeichen seine Einwilligung und beschleunigte
noch seine Eile. Vergebens richtete ich mehrere Fragen an Rosalie - ich erhielt
keine Antwort. Nach ziemlich langem Herumgehen in die Kreuz und Quer erreichten
wir Bardeloh's Wohnung, ein altertümliches Gebäude, dessen Äußeres mit der
Miene des vierzehnten oder funfzehnten Jahrhunderts auf das Grellste
contrastirte mit seinem ganz nach dem modernsten Geschmack eingerichteten
Innern.
    Du kannst leicht ermessen, dass dies neue Begegniss am Hafen meine Teilnahme
an Bardeloh und seiner Gattin noch vermehrte. Zwar weiss ich bis jetzt noch
nicht, welcher Zusammenhang besteht zwischen diesem gebildeten Weltmanne und dem
rohen Schifferknechte. Eben so wenig habe ich ermitteln können, was den Juden an
meinen Gastftreund fesselt, dass aber ein geheimes Band, vielleicht gewunden aus
Schmerz und Gram, diese Menschen sehr innig vereinigt, scheint mir gewiss.
    Der Eintritt in Bardeloh's Haus war geeignet, die Welt nur von der
glänzendsten Seite kennen zu lernen. In diesen saalähnlichen Gemächern weht eine
aristokratische Luft, die schreiend contrastirt mit der republikanischen,
bittern Skeptik ihres Besitzers. Gallonirte Diener empfingen uns, und - seltsam!
- Bardeloh spielte mit so graziösem Anstande den vollendeten Aristokraten, dass
eine argwöhnische Scheu höhnend an mein Herz rührte, als wolle sie mich mahnen
vor dem Geheimnisvollen Dies Alles hätte ich jedoch gern und leicht übersehen,
wäre nicht dies zersplitterte Dasein von dem grausamsten Miston der eigensten
Art noch unbarmherziger zerrissen worden. Die breite, glänzende Treppe herab
hüpfte jubelnd in seliger Freude ein bildschöner Knabe von etwa neun bis zehn
Jahren. Dunkle, kastanienbraune Locken fielen in natürlichen Ringeln und dichter
Fülle auf den antiken Nacken. Leben und Geist, Kindlichkeit und muntrer
Jugendsinn leuchteten aus dem hellen Auge. Mit übersprudelnder Freude warf sich
der Knabe in die Arme der Mutter, die ihn mit Küssen bedeckte, und riss sich
ungeduldig wieder los, um wie ein Eichhörnchen an dem Vater hinaufzuklettern,
und sich jauchzend wie die ewige, verkörperte Freude an seinen Hals zu hangen. -
    Da zuckte wieder der mephistophelische Zug wie ein Giftzahn um den
festgeschlossenen Mund Bardeloh's, und mit kaltem, schweigsamen Kuss der
stürmischen Liebe des Kindes begegnend, riss er es von sich los und rief, den
Knaben mir fast gewaltsam entgegenschiebend: »Da! dies ist ein liebes, frommes
Kind, das meine Gattin mir geboren hat unter Schmerzen der Liebe. Und doch kann
ich mich dieses Geschenkes des gütigen Gottes nicht freuen, weil meinen
Ansichten zufolge dem Kinde die Gewissheit einer schönen Zukunft fehlt. Und das
drückt schwer, sehr schwer einen liebenden Vater.«
    Ich erschrack über diesen Seufzer, der Knabe schmiegte sich liebevoll an
meine Seite, indem er ängstlich stotternd sprach: »Lieber Vater, Du brauchst
nicht böse zu sein, ich habe den ganzen Hafen gezeichnet und auch den närrischen
Friedrich mit seinen grossen Stiefeln. Auch von den Aepfeln habe ich nicht mehr
genascht, die mir doch so gut schmecken.«
    Es gehört zu den Eigentümlichkeiten Bardeloh's, Gegenstände, die bei
genauerer Besprechung nur dazu beitragen können, eine Spaltung der Meinungen
hervorzubringen, selten mehr als einmal zu erwähnen, so nahm er auch jetzt die
Miene an, als habe er die Antwort seines Kindes gar nicht gehört, erteilte den
verschüchterten Dienern mehrere Aufträge und suchte sich in seiner Wohnung
heimisch zu machen.
    Felix, so heisst der anmutige Knabe, vergass bei seiner Lebhaftigkeit schnell
die fast lieblose Äusserung seines Vaters. Beschäftigt der schweigenden Mutter
beim Auspacken zu helfen, schwatzte er ununterbrochen von dem, was ihm seiter
begegnet, oder merkwürdig erschienen war, und vermochte durch diese
unschuldvolle Heiterkeit auch den verdüsterten Sinn Rosaliens etwas zu erhellen.
    Bardeloh hatte sich sogleich in sein Zimmer zurückgezogen, das abgesondert
von den übrigen nach dem freien Platze hinaussieht, über dem der ehrwürdige Dom
heraufragt. Schon während der Rheinfahrt hatte ich dem geheimnisvollen Manne
versprechen müssen, längere Zeit in Köln zu verweilen, und in dieser Zeit sein
Haus als das meinige betrachten zu wollen. Lag dies auch nicht in meinem
ursprünglichen Reiseplane, so ward ich doch durch die Art und Weise der
gemachten Bekanntschaft an Bardeloh so innig gefesselt, dass es mir erwünscht
schien, die Einladung wenigstens so lange zu benutzen, bis ich auf irgend eine
Weise etwas Näheres über die Verhältnisse des Geheimnisvollen erfahren würde.
Ohnehin vermag Köln mit seiner grossen Vergangenheit, mit den Trümmern ehemaligen
Glanzes und unermesslichen Reichtums mich im Gedanken hinlänglich eine geraume
Zeit zu beschäftigen. So entsagte ich denn meinem früheren Entschlusse nach
England zu gehen, und überliess den ferneren Wechsel meines unruhigen Lebens ganz
dem Zufall.
    Bardeloh liess mich bald durch einen Bedienten ersuchen, auf sein Zimmer zu
kommen. Es geschah diese Einladung aber in einem Tone, der nicht geeignet war
mich zu erheitern. Mein Stolz regte sich, ich war im Begriff, verneinend zu
antworten. Rosalie ergriff meine Hand und flüsterte mir schnell zu:
    »Kein hartes Wort, lieber Freund! Gehen Sie. Dieser Ruf beweist, dass Sie
ganz besonders hoch in der Gunst meines Gatten gestiegen sind. Gewöhnen Sie sich
an seine Wunderlichkeiten; dadurch ist es Ihnen vielleicht vergönnt, vielen
Menschen nützlich zu werden.«
    Den Bitten einer schönen Frau habe ich nie widerstehen können. Hier knüpfte
sich noch die Ahnung zukünftiger Rettung daran, der sich - ich will es nicht
leugnen, ein Schimmer von neugierigem Egoismus zugesellte. Ich trat in
Bardeloh's Zimmer. Wie im ganzen Hause glänzte auch hier Reichtum mit Geschmack
gepaart aus allen Ecken. Die Wände waren mit modernem Luxus decorirt, die
Meubeln nach der neuesten Facon, englisches Comfort bot dem Leben jede
Bequemlichkeit.
    Grell stach dagegen die düstere Gestalt Bardeloh's ab, die bleich wie ein
Geist unter den Trümmern zerstörter Ueppigkeit umherwandelte. Wir setzten uns.
Da Keiner zuerst sprechen wollte, herrschte geraume Zeit ein ängstliches
Schweigen. Endlich begann Bardeloh.
    »Nicht wahr, es gefällt Ihnen in meinem Hause?«
    »Selbst der verwöhnteste Aristokrat,« versetzte ich, »würde alle Gelüste
befriedigt finden, die Erziehung und Vorurteil ihm unentbehrlich gemacht haben
im Leben.«
    »Sehr wahr! Ein Aristokrat von Geburt würde so sprechen und danach handeln.
Bei mir aber bringt es die entgegengesetzte Wirkung hervor.«
    »Dann sehe ich nicht ein, weshalb Sie sich mit dem Glanz aller nur
ersinnlichen Modeartikel umgeben?«
    »Warum? - Hm! Sie sind ein sonderbarer Mensch.«
    »Dasselbe würde ich von Ihnen mit Recht behaupten können.«
    Bardeloh stand auf und drückte gegen eine Tapetenwand, die ohne Geräusch
eine Tür öffnete. In der Nische brannte eine bläulich-rote Spiritusflamme aus
einem Todtenschädel; daneben lagen verschiedene Waffen.
    »Das werden Sie weder modern noch aristokratisch-genusssüchtig finden,« sagte
Bardeloh, indem er wieder neben mir Platz nahm.
    Die Tür blieb jetzt geöffnet, die Spiritusflamme wehte ein unheimlich
falbes Geisterlicht herein, und spottete mit dem Todenfahl ihres Flackerscheines
das Leben weg aus unsern Mienen. Ich fragte, wozu diese Gegensätze dienen
sollten.
    »Sie entalten die Doctrin des Hasses,« versetzte mit einiger Bitterkeit
mein Gastfreund. »Liebe ist eine heilige, göttliche Lehre, aber auf Erden nicht
jederzeit angewandt, so lange es noch Benennungen gibt, die einen Unterschied
bedingen zwischen der ewigen Gleichheit des Menschen. Darum übe ich hier in
stiller Abgeschlossenheit das Hassen, im Fall ich es für mich allein einmal
nötig haben sollte. Denn ohne die Möglichkeit des Hasses ist die Liebe
bedeutungslos. Ich verachte und verspotte alle Launen, die der Aristokratismus
mit raffinirtem Schönheits- und Geschmackssinn eingeschmuggelt hat in die
Gesundheit des natürlichen Daseins. Darum umgebe ich mich damit, so viel es
meine Mittel erlauben, und studire die Niedrigkeit dieser Gesinnungen in der
Hoheit äusseren Scheines, womit der kahlgewordene Verstand prunkt, wenn er kein
Urteil mehr besitzt über Fragen, die das Leben mit allen seinen Zeugungsepochen
an die Ewigkeit weltlicher und menschlicher Bildung stellt.«
    »Diese Lebensansicht und Beurteilung unserer Zustände ist eine outrirte,«
entgegnete ich, »sie wird und muss Sie elend machen.«
    »Sehr wahrscheinlich! Glauben Sie aber ja nicht, dass mein etwaiger und
möglicher Untergang den Beweis für die Torheit meiner Ansichten abgeben würde.
Es müssen überall Märtyrer sein. Darum haben Sie Unrecht, wenn Sie meine
Ueberzeugungen outrirt nennen, sie sind nur ungewöhnlich.«
    »Wozu aber diese gespenstische Lampe, diese Spiegelfechterei, die das
Nervenleben stachelt und matt kitzelt? Wollen Sie etwa durch dergleichen
Vorrichtungen ebenfalls eine wollüstige Verspottung aristokratischen
Sinnenreizes nachäffen?«
    Der Blitz jenes mephistophelischen Lächelns setzte abermals momentan das
ganze Gesicht meines so zweideutigen Freundes in Flammen: »Sie sollen beruhigt
werden,« sprach er, und drückte die Tapetentür wieder zu. »Ich kann es Ihnen
nicht verargen, dass Sie einige Abneigung gegen so tödtlich drohende
Vorrichtungen zeigen. Sobald wir uns näher kennen, will ich Sie über dieses
unter Schloss und Riegel gelegte Geheimnis belehren.«
    Er schellte, ein Diener zündete die Gaslampe an, die in geschmackvollen
glänzenden Messingröhren das Zimmer mit feenhaftem Glanz erleuchtete. Bardeloh
zog die rotseidenen Gobelins vor die Fenster und langte einige Productionen der
neuesten Literatur aus einem Mahagonischranke.
    »Diese Werke kennen Sie ohne Zweifel,« fuhr er fort mit einer Ruhe, die eben
so natürlich zu sein schien wie Alles an diesem ausserordentlichen Menschen. »Um
sie aber ganz zu verstehen, müssen Sie in Köln bleiben. Hier ist der Ort, dem
Leben in's tiefste Herz zu blicken, vorausgesetzt, dass überhaupt ein Organ in
Ihnen vorhanden ist, welches diesen Dienst verrichtet. Die Autoren dieser Bücher
eifern gegen Gebrechen der Societät, die allgemein gefühlt, aber schwer geändert
werden können. Man sollte nicht gegen Windmühlenflügel zu Felde ziehen, denn man
macht sich lächerrlich und verhasst. Um die Wunden zu heilen, die an diesem Erd-
und Menschenkörper aufklaffen, bedarf es zuerst des brennenden Eisens, damit das
Gift verzehrt wird, das sie verursacht. Was helfen alle Medicamente und Binden
der ganzen Welt, wenn man dem Uebel nicht auf den Grund geht? Ich kenne ein
Mittel für all' diese Gebrechen. Wollte man es anwenden, so wäre der
Gesellschaft geholfen.«
    »Und dies besteht?« -
    »In Vernichtung unserer Selbst.«
    »Gewiss,« erwiederte ich bitter-verdrossen, »eine solche Radicalcur müsste zum
Ziele führen. Wer den Menschen ausrottet, wird auch die Gesellschaft vertilgen;
nur ist schwer zu begreifen, was an die Stelle der so exstirpirten Menschheit
treten soll.«
    »Sie sind von schweren Begriffen,« sprach Bardeloh. Wer verlangt Vertilgung
alles Lebens? Niemand und ich am allerwenigsten! Nur ein halbjähriges Ruhen der
fortwachsenden Menschheit gebe ich zu bedenken; die Folgen würden nicht
ausbleiben, und der Gesundheitszustand einer sehr merklichen Veränderung
unterliegen.
    »Die Ausführung ist nur unmöglich.«
    »Weil Ihr Weichlinge seid, gegenredete mit schlechtverhehlter Heftigkeit der
aussergewöhnliche Weltverbesserer, warf die Bücher ungeduldig in den Wandschrank
und wünschte mir eine glückliche Nacht.«
    So endigte meine erste Unterredung mit einem Manne, der ohne Widerrede einer
der complicirtesten Charactere ist, den die Neuzeit aus den Conflicten ihres
Wollens und Nichtkönnens geboren. Ich habe Dir mit Vorbedacht dieses Gespräch
ausführlich erzählt, weil es mir zu bedeutsam schien für den Widerstreit in
Bardelohs Brust. Ein solches Schwelgen in Glanz und Herrlichkeit der Welt aus
reinem Ekel an der schimmernden Schale ist neu und charakterisirt das Carikirte
an unserer Epoche. Es sucht Jeder seinen Gram auszutoben, aber die Wege und
Mittel, die man ergreift, sind in der Tat noch unerklärlicher als das Uebel
selbst. Nie bin ich einem solchen Gegner der Civilisation begegnet, wie er sich
in diesem Bardeloh darstellt. Selbst gebildet bis auf den Gipfelpunct der
feinsten Weltsitte, verachtet und hasst er diese Bildung, man möchte fast meinen,
aus Idiosynkrasie. Ich will nicht zweifeln, dass Bardeloh alle Kraft in sich
besitzt, Grosses zu wirken, sich aber gelähmt fühlt in dem Zwange äusserer
Schranken. Es gibt Geister, die nur dann in der Sonnenhelle ihrer innern
Reinheit heraustreten können in die Welt, wenn auch der leiseste Schimmer eines
behindernden Ansichhaltens verglommen ist. Sie sind zu klar in sich, um im
Sturme eines wilden Genies, unbekümmert um den Erfolg, die flimmernden Meteore
ihres Gedankenlebens von sich zu schleudern, und müssen dann leider eingesenkt
in die Qual des schaffenden Gedankens, mit der unbezwinglichen Glut einer
grossen Lebenskraft sich selbst elend verzehren. Unter diese Unglücklichen rechne
ich Bardeloh. Seine ganze Gestalt, die verglühte Blässe des in Traum gestürzten
Gedankens auf seinem Gesicht sind laute Verkündiger der Pein, die ihn sicher
vernichtet. Und so muss ich ihm recht geben, wenn er, von sich auf Andere
schliessend, das Leben nur wie einen Fluch betrachtet, den das wandernde
Geschlecht noch nicht völlig zu sühnen vermocht hat.
    Mit dem Gefühl der Ohnmacht entfernte ich mich und schlich zurück auf mein
Zimmer. Die Unterredung gab Stoff genug zu stillem Denken, und liess ich einen
Blick durch's Fenster auf den Dom fallen, der im Mondglanz still und hehr in den
dunklen Nachtimmel emporstieg, ward die Geschichte lebendig in jedem Schnörkel
und Säulenschaft, an denen Jahrhunderte mit derselben Sonne auf und
niedergegangen sind. Wieder rief es laut in mir nach einer Tat, diesem einzigen
Retter aus der Verwirrung gegenwärtiger, schlaffer Zustände. Möchte nur das Wie
herabfallen in die Gemüter der Menschen wie ein schöner froher Traum! Denn mit
all unserm Ringen wird der heilige Moment nicht erhascht, der doch unentbehrlich
ist zum Gelingen.
    Die Doctrin des Hasses baut Bardeloh an in der verschlossenen Einsamkeit
seiner Zelle. In sie vergräbt er sich, wenn die Nacht mit heiligem Düster die
halbzertrümmerte Stadt umfängt. Dann sitzt der äusserlich kalte, innerlich aber
glühende Mann vor dem geöffneten Tapetenschranke und rechnet der Welt, beim
Geistesflackern seiner Todtenlampe, die Secunden ihres armen Lebens nach. Dann
brütet er still über der Möglichkeit einer Tat, die ihn und, wie er meint, auch
die Gesammteit retten könnte. Und draussen schleicht und klimmt der Mond wie das
verspätete Grubenlicht des ewigen Bergmannes um die Ruine des Domes, diese im
Entstehen zusammengebrochene Tat von sechs langen Jahrhunderten. Mein Gott, was
keuchen wir Menschen des neunzehnten Säculums denn mit der Hast der
Begehrlichkeit nach Taten? Lehrt uns denn nicht der Spukgeist der
Weltgeschichte da draussen, wohin es gekommen mit allem Ueberschwenglichen? Warum
klettert von Jahrhundert zu Jahrhundert der Maurer um diese verwitterten Zinnen,
wie der wimmernde Geist des ersten Baumeisters, der keine Ruhe findet im Grabe,
weil er den riesigen Wunsch nicht ausführen konnte, und er nun unvollendet
bleiben muss, bis ihn das Alter zerstört oder eine neue Erdrevolution? - Mich
dünkt wir könnten etwas lernen aus diesem Torso einer Menschentat, wir könnten
auf weise Beschränkung hingewiesen werden, wenn ein genialer Übermut uns
quälend Herz und Seele beengt! -
    Bis tief in die Nacht hinein sass ich am offnen Fenster und lüftete alle
Falten, die das Leben gebrochen hatte in mein Innerstes. Ich wollte mich bis in
die geheimsten Tiefen durchforschen, um meines eignen Selbst habhaft zu werden.
Nur den Menschen wollte ich rein behalten für mich und Alles von ihm ablösen,
was Satzungen, Lehren und Leben als störenden Rost an ihn angesetzt hatten. Mir
will es immer scheinen, als sei bloss deshalb das Glück einer erfreulichen Tat
von uns gewichen, weil wir uns an zu viel Fremdartiges hingegeben. Betrachte
diese Demut des Einzelnen wie der Gesammteit einmal recht genau und
vorurteilsfrei, Ferdinand, und frage Dich dann, wo die Wahrheit und Tugend
liegt, ob im Verschmähen des aus der Fremde Verabreichten oder im Annehmen
desselben? Wir lassen die Kraft und tauschen dafür die Fürbitte, die
Oberherrlichkeit einer demütig scheinenden Maxime ein. Wie der Indianer den Rum
ergreift, um die Freiheit seiner vollen Männlichkeit dem weissen Manne zu
überlassen, und die grünen Jagdgründe für einen seligen Rausch aufopfert; so
begeben wir uns der Selbstständigkeit und Gottähnlichkeit aus einer
misverstandenen Demut. Indem wir uns geistig für unmündig erklären, machen wir
uns selbst zu Knechten. Diese von Kindesbeinen an nachäffende Gesinnung stürzt
uns in's Unglück, schwächt die Kraft und erstickt alle Keime grosser Taten. -
Ich fürchte Bardeloh hat ein wahres Wort gesprochen. Er grübelte noch, wie ich
aus dem Lichtschimmer seiner Fenster vermutete, als mich bereits Schmerz und
Unruhe antrieben, in der Vergessenheit des Schlummers einen verdienstlosen
Frieden zu suchen. -
                                                                  Den 1. August.
    Hättest Du mir auch nur scherzend zugerufen, dass sich hier die Fäden meines
Lebens in ein dunkles Gewirr zusammenflechten würden, ich hätte es lächelnd
hingenommen und wäre um so sehnsuchttrunkener fortgeeilt. Aber dem Menschen
stürzt sich meist Leben und Geschichte unaufgefordert vor die Füsse, und zwingt
ihn selbst die Umrisse seiner Biographie zu schreiben oder durchzuleben, bis er
geworden, wozu er bestimmt ist in dem Kettengliede der Geister.
    Bardelohs Haus ist der Sammelplatz alles geistig Regsamen in Köln und der
Umgegend. Hier finden sich die heterogensten Elemente zusammen, und ich
bewundere den Gleichmut oder vielmehr die jesuitische Freisinnigkeit meines
Wirtes, womit er jede Meinung ruhig hinnimmt, und sich bis zu einem gewissen
Grade die Freundschaft Aller zu erwerben weiss. Der Mann hätte am Ende doch
Diplomat werden sollen. Bei seiner republikanisch-radicalen Grundgesinnung müsste
ihm durch Ausbildung weltlichfeinen Umgangstones Alles möglich werden. Denn dass
er es mit sich selbst und der Partei, dessen starrer, marmorgleicher
Repräsentant er ist, ehrlich meint, davon bin ich fest überzeugt.
    Seine Rückkunft aus dem Bade war kaum bekannt geworden, als eine Unzahl
Besuchender ankamen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Protestanten und
Katoliken drängten sich im Vorzimmer, die höchsten Beamten fanden sich ein, und
der Reichtum blieb eben so wenig aus als die Armut, für die Bardeloh grosse
Summen ausgeben soll. Auffallend war mir bei diesen Besuchen, dass nie auf den
Rang Rücksicht genommen ward. Die Anfragenden folgten wie sie gekommen, und ich
bemerkte, dass ein hoher Geistlicher bedeutend lange warten musste, ohne sich
dadurch beleidigt zu fühlen.
    Bardeloh ist Katolik, von edler Abkunft, man sagt, der Neffe eines zum
Christentum übergetretenen Juden. Ich habe zwar noch keine Gewissheit darüber,
aber ich glaube es, und kann mir in der Phantasie ein groteskes Bild seltsamer
Schicksale construiren. Du kennst diese meine Liebhaberei an dem Phantastischen
und wirst meinen Glauben sehr natürlich finden. Mich reizt nur die Möglichkeit
einer poetischen Lebenslage; die erkannt poetische macht mir schon Langeweile.
Wie unglücklich eine solche Manie für mich ist, fühle ich selbst, doch hat sie
das Treffliche, dass sie mich jeden Moment glücklich benutzen lässt, und oft aus
einem blossen Traumbilde den bleibenden Trost kräftiger Tat gestaltet. Kann man
sich anders retten aus dem Wirbel und Strudel des Tages? Ich lasse meine
Sehnsucht sich ansaugen an den Stumpf einer fast zurückgelegten Epoche, und die
spärlichen Tropfen gierig schlürfen, die Schmerz und Zukung ihr auspressen.
Diese Art das Leben zu fesseln, hält mich allein noch über Wasser, und bildet
selbst aus der Dunkelheit der um mich her taumelnden Gestalten etwas süss
Bezauberndes, woran ich mich aufrichte. Ich werfe den Zahlpfennig meines
individuellen Lebens in den grossen Losungstopf des allgemeinen und hoffe dabei
keine Niete zu ziehen.
    Die Anzeigen sind vielversprechend, nicht günstig, aber interessant. Mein
Herz klopft heftiger, denke ich an den gestrigen Abend, dessen mährchenhafte
Glanzesfülle mich immer noch wie ein brandendes Lichtmeer umschäumt Die Zukunft
greift sich seltsam heran und spinnt an die Gegenwart ihre bestimmenden Fäden.
Auch mich will sie nicht verschonen, und so werde ich hineingerissen in diesen
Taumel nur schwach bewachter Leidenschaften, die, würgten sie ihre Wächter, in
wilder Raserei das Leben unter die Guillotine schleppen könnten. -
    Bardeloh's Reichtum lässt den Meinungsverschiedenheiten keinen freien
Spielraum, daher kann man in seinem Hause die unversöhnlichsten Feinde ruhig und
anscheinend in brüderlicher Liebe neben einander sehen. Ein solches
Versöhnungsfest des weltlichen Gottes ward gestern Abend gefeiert. Die alte
Stadt liess alle Elemente einer gründlichen Weltbewegung in den schimmernden
Sälen des Bardeloh'schen Hauses zusammenfliessen. Der Anblick war seltsam genug,
und streifte an eine rührende Komik. Dieses Selbstverleugnen und Beherrschen,
dieses meinungslose Eingehen in die Ansicht jedes Dritten, dem es gerade passend
schien ein Wort von sich zu geben; und nun dazwischen die diabolisch lächelnde
Figur des bleichen Wirtes, dem es Vergnügen macht, Alle zu ärgern, und doch von
Allen wie ein Gott verehrt zu werden, - wahrlich, es war zu abstossend für einen
der glücklicheren Gewöhnlichkeit angehörenden Menschen! -
    Da Bardeloh Katolik ist, so fehlte natürlich die hohe Geistlichkeit nicht.
Allein mein Gastfreund ist zu sehr Weltmann, als dass er dem Bekenntnisse die
feine Sitte, den Anstand opfern sollte. Auch der Protestantismus ward durch
mehrere Anwesende repräsentirt. An ihn schloss sich die Lehre Mosis - es fanden
sich Juden ein in der halborientalischen Tracht, wie man sie auf Messen
allerwärts erblickt. Schwerlich würde der Islam gefehlt haben, hätte sich ein
Vertreter desselben in Köln gefunden. Unter diesen nun drängten sich wieder die
Anhänger der neuen, unseligen Weltreligion, die Nichtgläubigen, während der
Sectengeist in Pietisten und supernaturalistischen Schwärmern, nur mit Mühe
gedämpft, den Anforderungen einer Salon-Andacht entsprach. Eine Schaar junger
Mädchen, voll rheinischer Lebendigkeit und jener elastischen Grazie, die ihren
Gliederbau vor andern ihres Geschlechts auszeichnet, scherzten mit naiver
Bonhomie unter dieser barockernstaften Gesellschaft, nur dem Übermut des
Augenblickes sich hingebend.
    Gewiss, Ferdinand, Du würdest von einem sinnlichen Taumel ergriffen worden
sein, hättest Du zugleich mit mir nur diesen Reiz weiblicher Schönheit, diese
Gotttrunkenheit eines weltlichreinen Glücks in dem gewölbten Himmel so vieler
Jungfrauenaugen geniessen können. Mir gebrach es nur an einer Kleinigkeit, oder
vielmehr, ich hatte etwas Geringes zu viel, ich kannte Bardeloh! - Du lächelst
und nennst mich wieder einen seltsamen, abenteuernden Phantasten. - Immerhin!
Meine Ahnung war ein untrügliches Termometer für die gemischten Empfindungen,
die sich unter dem Deckmantel zahmer Geselligkeit feindselig genug stiessen.
    Es mochten schon einige Stunden unter Gespräch, Spiel und Gesang vergangen
sein, als mich die Unruhe in eines der Nebenzimmer trieb. Hier fand mich bald
darauf Rosalie, meine glühende Stirn in die Polster des Sopha gedrückt. Sie
setzte sich zu mir.
    »Was treibt Sie aus dem lustigen Getümmel so vieler Glücklichen in diese
Einsamkeit?« redete sie mich an. »Ein junger Mann sollte sich nie zurückziehen,
nie abschliessen. Es wirkt nachteilig, mein teurer Freund. Auch Sie werden dies
zeitig genug erfahren.«
    »Lieben Sie Maskenbälle, verehrte Frau?«
    »Als ein Kind dieser Stadt muss ich daran Gefallen finden. Die Gewohnheit,
alle Narretei, die man während eines ganzen Jahres aufgestapelt hat, auf einmal
in vollen Strömen überschäumen zu lassen, ist ein Vermächtnis mittelalterlichen
Gutes, das man, wie manches andere in der Gegenwart, zu wenig achtet.«
    »Es kann keinen grösseren Verehrer alles Narrentums geben auf Erden als
mich, nur habe ich bisher an der Möglichkeit gezweifelt, auch ohne Kostüm eine
Gesellschaft schreckenerregender Charaktermasken zu versammeln.«
    Rosalie entfernte sich. Dumpf rauschte aus den nahe gelegenen Sälen das
Leben der maskirten Menschheit, an die verschlossene Tür klopfte der Argwohn
charakterloser Gesinnung.
    Die Töne eines Fortepiano klangen in gedämpften Accorden herüber zu uns,
eine schöne volle Mädchenstimme sang mit hinreissender Glut die kunstlosen Verse
eines Volksliedes.
    »Gibt Bardeloh öfters ähnliche Gesellschaften?« fragte ich mehr aus Instinkt
als aus Bedürfnis, denn eine doppelt drückende Atmosphäre wirkte betäubend auf
alle meine Sinne.
    »Das ist seine Schwäche,« seufzte Rosalie. »Ohne diese leidenschaftliche
Lust, die haut volée der Stadt immer um sich zu versammeln, würde er glücklicher
sein, und selbst den verderbten Grundsätzen alter Lebensweise mehr
Gleichgiltigkeit als schweigende Wut entgegensetzen. Diese Gesellschaften,
zusammengeweht aus allen Winkeln der Stadt, verbittern ihm sein heiligstes
Leben. Mit der Wollust eines Rasenden sucht er umher nach immer grelleren
Gegensätzen, und je verbissener die Wut der Geladenen sich in feiner
Schmeichelei begegnet, desto glücklicher fühlt er sich in dieser Vernichtung
alles Edlen im Menschen.« - »Mein Freund,« fuhr sie fort, »was Sie bei uns
sehen, ist nur ein Experiment, an einem auserlesenen Gliede der Menschheit
gemacht.«
    »Getroffen!« unterbrach Bardeloh's sarkastisch schneidende Stimme dies
Bekenntnis eines Wesens, das mit reinstem Edelmut die versöhnende Liebe eines
Engels verband. Er war von uns unbemerkt durch die Seitentür eingetreten.
Verwirrt stand ich auf, die Ueberraschung liess mich umsonst nach einer Antwort
suchen.
    »Halten Sie mich für ein Kind,« sprach Bardeloh, als er meine Verwirrung
bemerkte, »dass Sie zusammenfahren wie ein Knabe, weil ich Sie im Gespräch treffe
mit meiner Frau? Nicht dieses Alleinsein, Ihr Stolpern über sich selbst könnte
mich zornig machen. Wissen Sie, junger Mann, dass ich kein Purist bin, wie Sie
einige finden dort in meinem grossen Studirzimmer der Menschheit. Kommen Sie,
mein Freund, und machen Sie mit mir einen Gang durch jene Schatten, die trotz
aller Verstellung ihre Seelen doch nicht verstecken können. Ich halte
allwöchentlich über Sie Revüe und erfreue mich meines Generalats. - Rosalie,
besorge für mich und unsern Freund ein Glas Limonade.«
    Wir traten in den Gesellschaftssaal, Bardeloh stellte mich den
ausgezeichnetsten Personen vor und ergetzte sich merklich an den Komplimenten,
die mir nach dem Gesetz der Convenienz gemacht wurden. An den Saal stiess ein
halbkreisrundes Cabinet, von dem aus man das Gewühl der Anwesenden übersehen
konnte. Dies kleine Apartement ward durch eine Glastür von dem Saale
geschieden, war nicht erhellt und lag in desto grösserem Dunkel, je blendendere
Lichtfülle die Gasflammen durch die übrigen Räume wehten. In dies kleine Gemach
führte mich Bardeloh. Ungesehen von Andern konnten wir genau jeden Einzelnen
beobachten.
    »Hier, mein Freund, befinden wir uns in meiner psychologischen Warte,«
begann Bardeloh und warf sich in die Polster einer Ottomane mit einer
verächtlichen Lebensmüdigkeit. »Sehen Sie,« fuhr er fort, »sehen Sie nun einmal
unverwandt auf diese gebildete Menge, beobachten Sie ihr Mienenspiel, ihr
Muskelzucken, ihr Augenverdrehen, und sagen Sie dann noch, dass wir im Zeitalter
der Civilisation leben.«
    Er schwieg, ich antwortete nicht und beobachtete mit klopfendem Herzen die
Gesellschaft. Da stand der stolze Prälat im traulichen Gespräch mit dem
Mennoniten; daneben betete eine pietistisch gesinnte junge Dame mit dem
Madonnaschnitt ihres Gesichtes zu der jugendlichen Kraft eines schönen Mannes,
während der begehrerische Blick vergeblich nach jener süssen Andacht haschte,
womit die geübte Sünderin die Natur eines gesunden Lebens zu bemeistern
versteht. Am glänzend polirten Ofen lehnte der Jude Mardochai mit dem bleichen
Ernst seiner Züge den orientalischen Tiefsinn schweigend hinaussendend in die um
ihn rauschende Menschenwelle. Er stand allein und höhnisch flog zuweilen eine
lächelnde Weltverachtung um den stolzen Mund. Dann griff er mit der
schöngeformten Hand in den faltenreichen Talar von schwerer Seide, und warf
spielend eine Menge neugeprägter Goldstücke in die sonnenhelle Atmosphäre. Der
Verachtete zeigte kaum die Hostien aus der Monstranz des Gottes der Welt, so
sanken auch schon die Herzen der Versammlung auf die Knie, und die civilisirte
Menschheit betete an vor der Majestät moderner Welteiligkeit. Viele traten an
Mardochai heran und suchten mit ehrerbietigem Lächeln seine Unterhaltung. Aber
der Sohn des Orients blieb ruhig und ernst. Er spielte von Zeit zu Zeit mit
seinem Golde, antwortete höflich, erniedrigte sich aber nicht, dem zu
schmeicheln, was er hasste. Einige katolische Patres drängten sich um einen
protestantischen Geistlichen, den ich an den feingestickten Ueberschlägeln
erkannte, die als Zeichen seiner Würde ein durchbrochenes Kreuz zur Schau
trugen. Mit diesem ausgehängten Christentume contrastirte die weltliche
Tournüre und der mephistophelische Blick seines schwarzen Auges, das aus den
tiefen Höhlen des eingesunkenen Gesichtes dialectische Fragen an alle Anwesende
tat. Dieser Mann ward mir unheimlich, weil ich den Schmerz um die verlorne
Welteiligkeit aus der dunklen Glut des eingestürzten Auges herausflackern sah.
Doch schien er froh, heiter gelaunt und voll Befriedigung mitten im Verkehr mit
der glänzenden Welt. Seine pikanten Bemerkungen, nicht selten tiefdunkle Rosen
auf die Wangen vorbeiwandelnder Mädchen zaubernd, sammelten stets einen bunten
Kreis begieriger Hörer um ihn. Einige stille Jünglinge drängten sich sehr in die
Nähe einer ältlichen Dame, die eben so bekannt war durch ihre Heiligkeit wie
durch den Besitz zweier Nichten, deren Schönheit mehr Verehrer zu finden schien
als ihre strengen Blicke. Die Jünglinge waren gut geschult, auch der
Ortodoxeste hätte nichts an ihrer Haltung, Handbewegung, an Auge und Mund,
aussetzen können. Weniger auffallend zeigten sich die jugendlichen Gestalten der
anwesenden Damenwelt. Hier wetteiferte meistens nur die angeborne Koketterie des
Geschlechts mit unverwüstlicher Herzlichkeit und sprudelnder Laune. Necken und
Kichern lauschte aus den schönen frischen Augen, und die blühenden Lippen
mochten nur dann stumme Lügen zerdrücken, wenn sie sich weigerten, einen
begehrten Kuss zu erwiedern.
    »Haben Sie die Menschheit gefunden in diesem Geschlecht?« unterbrach
Bardeloh mein Schweigen. Rosalie brachte uns Limonade. »Unterhalte die
Gesellschaft«, wandte er sich an die Gattin, »ich werde mit unserm Freunde bald
folgen.«
    »Sei nicht grausam, Richard,« bat das schöne Weib und verliess uns.
    »Zweifeln Sie wohl,« hob Bardeloh abermals an, »dass Sie da draussen im Saal
die Blüte europäischen Geistes versammelt sehen?«
    Ich seufzte.
    »O, schämen Sie sich, missmütige Seufzer auszustossen, wenn die Freuden der
Gesittung im schönsten Jubel um uns scherzen!« - Er schwieg und schlürfte die
Limonade. »Mir wird immer seltsam lächerrlich zu Mute,« fuhr er fort, »wenn ich
Gelehrte und Ungelehrte sich braunrot streiten höre und sehe über den Wert der
Universitäten in unsern Tagen. Mein Gott, der Gegenstand ist ja nicht der Rede
wert! Schickt die jungen Leute zu mir und gebt mir den zehnten Teil dessen,
was nur eine Universität Deutschlands jährlich kostet, so unterrichte ich Euch
die strebende studirende Jugend zehnmal besser als all' Eure Professoren. Hier,
dies ist mein Kateder, dort das Auditorium. Eine Nacht - ich lese bloss Nachts -
in diesem Hör- und Sehsaale zugebracht, wiegt zehn Jahre mühsamen Studirens
auf.«
    »Ist es nicht ein niederschlagender Anblick, den Menschen auf der Höhe der
Cultur doch so tief gesunken zu erblicken? Diese Vornehmigkeit der Civilisation,
die Sie dort draussen sich tummeln sehen, repräsentirt den Zustand unseres
socialen Lebens. Sie finden dort alle Tugenden beisammen, die im Katechismus
eines wohlgesitteten Menschen aufgezählt werden, und doch bleibt Alles bloss
Lehre, Satzung, glänzende Angewöhnung. Die Natur ist dadurch verloren gegangen
im Menschen, und er hat sich bewusstlos herausgehoben auf den Gipfel der
Gesellschaftlichkeit. Der Mensch ist dem Benehmen gewichen, die Natur der
Schule!«
    Soll man nun nicht darüber trauern und ernster, als es gewöhnlich ist, in
die Zukunft blicken? Ist es die Aufgabe der Civilisation, das Geschlecht zu
vervollkommenen, so darf in der Vervollkommnung selbst kein Rückschritt getan
werden. Lücken sind nirgends zu vermeiden, auch füllt die Lücke sich aus von
selbst. Die Geschichte handelt hier instinktartig. In unserm Leben aber gibt es
nicht blosse Lücken, hier sind tiefe Schlünde, über die man vergeblich die
cultivirte Epoche Sprünge machen heisst. Der Mensch würde es wohl versuchen, wenn
anders die Kleidung, in die er sich selbst schnürte, es nur erlauben wollte.
Oder meinen Sie etwa, dieser hehre Gott der Schöpfung werde unsere
Gesellschaftsmenschen für sein Ebenbild anerkennen? Mit Seufzen muss ich meinen
bescheidenen Zweifel in dieser Hinsicht gestehen. - Gut freilich hat man
nachgeformt, Zwirn und Steifleiwand sind nicht gespart worden, um dem Urbilde
eines Menschen analog sein nachgeahmtes auszustaffiren.
    »Und auf diese Blüte wollen Sie wirklich die schönere Zukunft der Welt
basiren?« fuhr bewegt mein Gastfreund fort. »Wollen Sie mich noch der
Unmoralität bezüchtigen, wenn ich behaupte, dieses Geschlecht sei nur zu
erretten durch gewaltsames Aufschütteln des Menschlichen, das sich in leisen
Funken noch erhalten hat zwischen den Trümmern, um die sich schmarotzend ein
unbeachtetes Verderben rankt? Um die Welt verstehen zu lernen, müssen Sie die
Meinungen zusammen sperren wie ich dort draussen. Dann erst erkennen Sie, wie
selten eine hohe Gesinnung sich findet. Nicht die Hartnäckigkeit der
verschiedensten Meinungen will ich tadeln, die farblose Charakterlosigkeit nur
erbarmt mich, die zu schwach ist, um eine Meinung öffentlich auszusprechen, wenn
der Andere ihr gegenüber mit einer heterogenen Ansicht debütirt. Dies nenne ich
unmoralisch. Zusammengetrieben durch Visitenkarten rennen jene Gebildeten hin,
wohin ich sie haben will, überall voll Heuchelei, voll Characterlosigkeit, voll
Schmeichelns und Begutachtens, und nur darin einander gleich, sich selbst mit
lächelndem Munde Buben zu schimpfen, ohne es zu bemerken. Sollte der tiefere
Denker nicht aufgefordert sein, auf ein Mittel zu sinnen, um diesen Krebsschaden
am allgemeinen Körper des grossen europäischen Weltlebens operiren zu helfen, ehe
er völlig unheilbar geworden ist! Es ist hart, dass eine Welt nicht eher todt
ist, als bis auch das letzte Atom des Lebens in unsichtbaren Staub zerfällt. -
Sind Sie davon überzeugt, und wünschen Sie einen Kranken zu heilen, selbst wenn
er, dem Schwindsüchtigen ähnlich, das Umsichgreifen des Uebels für Gesundheit
halten sollte, so sammeln Sie Ihre Gedanken und wagen Sie Alles daran, den
Getäuschten eine richtige Ansicht von seiner Lage beizubringen. Das ist jeder
Edle seinem irrenden Bruder schuldig. Und ich meines Teils will nicht müssig
bleiben, sonst würde ich vor Schmerz sterben.«
    Richard stand auf und trat in den Saal, wo die erwähnte Krankheit in Gestalt
liebreizender Masken, anmutig scherzend, geistreich witzelnd, umhertobte.
    Ein dumpfer Gram raubte mir fast die Besinnung. Bardeloh wandelte draussen im
Saal unter seinen Gästen herum wie ein vor Zorn schweigender Gott. Jede Meinung
zerfiel vor der seinigen, wenn es ihm beliebte, eine andere aufzustellen; denn
der ausserordentliche Mann hatte grosses Vermögen. Ich kann diese Manie, sich
selbst im tiefsten Elend der Zeit unterzutauchen, kaum begreifen. Mit einer Art
Wollust sammelt dieser Mensch alle Strahlen der Lebenssonne und badet sich in
ihrer fieberzeugenden Hitze. So viel unbestreitbar Wahres Bardeloh auch
aussprach, und so gut es sein mag, die Schlechtigkeit der Welt kennen zu lernen,
so ist es doch auch ratsam, sich vor raffinirter Lust daran zu hüten.
    Ich bin wahrhaftig nicht glücklich und so manche Schmach des Jahrhunderts
treibt mir die Schamröte auf das Gesicht, das einzige Abendrot, das bei den
Besseren noch als verklärender Schimmer über das Grab ihrer sterbenden
Mutterwelt zittert. Doch so elend als Bardeloh bin ich noch nicht! Gottlob, noch
wäre es mir nicht möglich, mein Kind dem Tode verfallen zu wünschen, noch eine
so grauenhafte Gesellschaft zu bitten, bloss um mich zu sättigen am Ekel. Ich
fürchte, dieser grosse edle Geist kann verrucht werden aus Edelmut. Er will sich
anspornen zur Tat, und wählt, wie es scheint, ein gefahrdrohendes Mittel. Möge
ihn die ewige Liebe beschirmen, die belebend durch die Nerven der Geschichte
geht und noch keinen verlassen hat, der mit der Andacht tiefster Humanität sich
ihr unbedingt hingab! -
    Es war mir unmöglich, nach dieser Lection meines Wirtes in den
Gesellschaftssaal zurückzukehren. Mir fehlte die Kraft der Heuchelei und
Verstellung, die Bardeloh in einem bewundernswürdigen Grade besitzt. Diese Moral
der Unmoralität ist leider ein Product der Civilisation, sobald sie zur
Caricatur ihrer selbst geworden. Sie muss, wie die Verhältnisse sich gestalten,
freilich vorhanden sein, nur soll man sie nicht als Mittel anwenden, um das
wahrhaft Moralische wieder zu Ehren zu bringen. Dazu kann nur die reine
Unschuld, die Zauberrute des ewig Heiligen, gebraucht werden.
    Wieder zu mir selbst gekommen, verliess ich die psychologische Warte
Bardeloh's und ging auf einem Umwege in Rosaliens Zimmer zurück. Ich traf sie am
Arbeitstisch Spielmarken zählend. Mit dem Lächeln einer tugendhaften Resignation
reichte sie mir die Hand.
    »Sie sind blass,« sprach sie, »Richard hat Ihnen gewiss eine seiner Phantasien
erzählt.«
    »Es war mehr als blosse Phantasie, teure Freundin!«
    »Werden Sie spielen?«
    »Ich pflege es nicht zu tun.«
    »Dann werden Sie eine Gesellschaft junger Damen unterhalten müssen. Ich will
unterdess zum Rechten sehen als Hausfrau, die auch bei den Studien ihres Mannes
die Pflicht über sich hat, dem Störenden eine Seite abzugewinnen, die nicht
aller Anmut entbehrt.«
    Rosalie verliess das Zimmer und trat in den Saal, dessen bisheriges Geräusch
bald in eine flüsternde Stille zusammensank. Ich blieb einige Zeit allein, dann
kam Felix, der schöne Knabe, hereingesprungen, dessen Name wie eine Satyre auf
sein Leben klingt.
    »Bist Du da, Sigismund?« rief er aus und kletterte behend an mir empor, um
mit dem Zeigefinger mir sanft nach den Augen zu stechen. Ich weiss nicht, worin
der Reiz dieser unschuldigen Spielerei für ihn liegen mag, er tut es aber bei
Jedermann, dem er meint vertrauen zu dürfen, und je geduldiger man sich der
sanften Berührung hingibt, desto fröhlicher wird das holde Kind. Als ich ihm
seine Augenvisitationen endlich untersagte, war er sehr vergnügt, küsste meine
Hand, und sprach: »Dich hab' ich gern, Sigismund, weil Du mich immer tun lässt,
was ich muss.«
    »Ei, wer treibt Dich denn zu Deinen wunderlichen Unternehmungen?«
    »Das kann ich so eigentlich nicht sagen. Der Vater spricht: es sei das Gift
der Civilisation, ich glaub's aber nicht, denn ich kenne dieses seltsame Gift
nicht. Und der Vater mag sich's wohl auch nur einbilden, denn letztin, als ich
Rattengift in der Apoteke holen musste, fragte ich nach dem Civilisationsgifte,
sie lachten mich aber nur aus und meinten, in ihrer Apoteke gäbe es keins.«
    »Schuldloser Engel!« rief ich und drückte den braunlockigen Knaben an mein
Herz.
    »Höre, Sigismund, ich wollte, Du würdest mein Vater,« schwatzte der
gemütliche Kleine fort. »Das ist mir noch nicht passirt, dass der Vater mich so
geherzt hätte wie Du. Und nach den Augen lässt er mich vollends gar nicht
stechen, obgleich ich Niemand damit wehe tue. Die Mutter hat nichts dagegen,
auch die hübsche Tante mag's gern leiden, wenn ich ihr ein bisschen nach den
Augen steche.«
    »Wer ist denn Deine Tante?«
    »Kennst Du meine Tante noch nicht? Wart', die soll gleich herkommen, und Du
wirst nur sehen, wie hübsch sie ist. Ihr Beide solltet Euch eigentlich
heiraten, weil Ihr so ganz nach einem Sinne seid. Lass mich! Gleich komme ich
wieder mit Tante Auguste.«
    Der allerliebste Schwätzer hüpfte mit einer Zierlichkeit hinaus, als ob er
auf elastischen Sohlen ginge und kehrte auch sehr bald mit einer jungen Dame
wieder zurück, deren Schönheit von dem süssen Zauber jungfräulicher Befangenheit
noch erhöht ward.
    »Der da ist's, Tantchen,« rief mit schalkhaftem Lächeln der Knabe, »den
sollst Du zu Deinem Mann machen, so hab' ich mir's ausgedacht, und das wird
gewiss ein prächtiges Brautpaar geben. O, wie freue ich mich, wenn Euch der
Bischof mit dem schönen blauen Bande die Hände zusammenbinden wird!«
    Ich kann Dir gestehen, Ferdinand, dass ich nicht weiss, wer von uns Beiden
durch diese naive Prophezeiung mehr in Verlegenheit gesetzt wurde. Mein erstes
Begegnen mit Auguste war sehr seltsam. Ich vermochte weder zu sprechen noch
aufzusehen, aus reiner Albernheit präsentirte ich der jungen Dame einen Stuhl.
Indes verflog der Rausch momentaner Betäubung, und wir mussten beiderseits unsern
sorgfältig verheimlichten Empfindungen Luft machen in einem herzlichen
Gelächter. Felix war darüber ganz glücklich und hätte uns durch seine
wiederholten Ausbrüche kindischer Freudigkeit bald auf's Neue in Verlegenheit
gesetzt. Unablässig klatschte er in die Hände und rief mit kindlicher Innigkeit:
»Sie lachen schon, Sie lachen schon! und Mutter sagt, was sich anlacht und
neckt, das liebt sich.«
    Auguste ist Rosaliens Stiefschwester und wie diese katolischer Religion.
Noch ganz Mädchen besitzt sie nicht die stille Sanftmut, die mehr ein Product
weiblicher Ergebung in das Schicksal als reine Ausgeburt sittlichen Bewusstseins
ist. Rosalie fesselt gleich der Madonna durch den lächelnden Schmerzenszug, der
um die bleiche schöne Stirn einen Kranz weisser Rosen flicht, und mit verborgenem
Stachel die schöne Dulderin verwundet; Auguste dagegen reisst hin durch die hohe
Unschuld der Weiblichkeit, deren bewältigende Kraft alles Spröde glättet und ein
geschworner Gegner des Gemeinen ist. Je länger ich in diese braunen Sterne
blicke, die unter dem zarten Seidenflor der Wimper im milden Feuer
hervorbrechen, desto fester wird in mir der Glaube, dass nur dem Weibe die
Erlösung möglich werden könne im Leben. Eine unerschöpfliche Fülle von Kraft und
Stärke liegt in dem keuschen Blick des Weibes, und ich möchte jedem feindlich
gegenübertreten, der frech oder gemein genug ist, der Weiblichkeit die süssesten
Reize zu rauben, und sie nur dann als begehrenswert zu schildern, wenn die
Psyche in ihr mit halbgebrochenem Fittig ein Emporschwingen zu erringen sucht.
Das Weib ist die Erlösung, und so wenig ich mich einen Anhänger nenne alles
dessen, was Dogma und Tradition im religiösen Leben als errettend aufgestellt
haben, die weltpoetische Myte von der Geburt des Erlösers könnte ich zum
lebendigen Glauben erheben selbst als Muhamedaner. Nur die keusche Jungfrau
konnte in der Poesie der Myte Mutter werden des Welterlösers, nur sie kann auch
in unser Tagen, welche die Uebergesittung und der skeptische Hang des
ausschweifend gewordenen Jahrhunderts zu dem blendenden Licht der Ungläubigkeit
hinreisst, einzig wiederum Gebärerin werden des rettenden Erlösers! - Dürfte ich
doch diese für mich zum Glaubensartikel gewordene Myte ausbilden in meinem
Sinne, unangefochten von dem Splitterrichter der Bigotterie oder der Angst des
Diplomaten und Staatsmannes, die in jedem ausgehauchten Kusse des Herzens einen
Dolchstoss fühlen, der die kalte Berechnung des Verstandes mordet! Mir,
Ferdinand, ist die Erlösung keine abgeschlossene, sondern eine ewig
fortdauernde. So lange das Weib noch webt in dem Himmelsäter ihres keuschen
Daseins, zeugt sich in erhabener Sabbatstille von selbst die Welterlösung fort.
Jeder Mann, den die Huld und Wonne des reinen, in junger Liebe erzitternden
Weibes fesselt, baut an dem Dom dieser Erlösung. Das Weib allein in seiner
Unschuld kann dem irrenden Geschlecht, dem zerrissenen Jahrhundert, wiedergeben,
was es verloren hat. Darum heiligt die Liebe, die im Moment der Begeisterung die
Gotteit zwingt, herabzusteigen auf die Welt! Scheidet zwischen dem Gelüst, das
Abtödtung sucht, und der heiligen Glut, die den sterbenden Gott beleben will
und aus dem todähnlichen Schlummer küssen im Arm der Keuschheit! Lasset dem
Weibe seine heiligen Schauer, seine ehrfurchtgebietenden Schutzengel - die
Anmut, die Grazie und die Sanftmut, denen jede Kraft sich gern hingibt. Das
Moralische des Weibes ist nur die Liebe, und die Liebe ist die Moralität aller
Welt! -
    Soll ich mich entschuldigen, dass die Einführung einer schönen Jungfrau mich
hinriss zu einem Glaubensbekenntnis, dessen religiöse Weihe zwar noch keine
Kirche sanctionirt hat? Ich überlasse es Deiner Discretion, entschuldigend oder
verdammend darüber zu Gericht zu sitzen, hoffe aber, dass sich auch in Dir das
menschliche Herz regen und von selbst eine Antwort geben wird auf Fragen, die in
allen Sprachen auch ohne Dolmetscher verständlich sind.
    Es war ein Glück für mich, dass nach dieser Introduction bald mehrere junge
Damen eintraten. Einige Männer folgten, weniger vielleicht aus Neigung als um
der Convenienz zu genügen. Von scherzenden Gesprächen, in die Felix seine naiven
Burleskerien wie zischende Schwärmer warf, ging man zu geselligen Spielen über.
Es mangelte nicht an beziehungsreichen Zufälligkeiten, die ein klopfendes Herz
so gern für glückverheissende Zeichen hinnimmt. Der verhaltenen Stimme im Innern
folgt der Blick, der mit sanft verschämtem Licht hinabsteigt in den feuchten
Himmelsglanz des bewegten Auges. Es herrschte eine freudige Ungebundenheit in
unserm Zirkel, die von ergreifender Wirkung gewesen sein würde, hätte man die
ängstliche Hast dagegen gehalten, mit der im anstossenden Saale Leidenschaft und
Heuchelei die Karten zerknitterten.
    Der muntere Felix scherzte von Mädchen zu Mädchen, hielt sich aber
vorzugsweise an Auguste, die seinen Eigentümlichkeiten am besten zu begegnen
verstand.
    »Ihr Andern,« sagte er, »seid mir zu geziert! Ihr lacht, wenn's gar nicht
passt, und bedankt Euch, wo ich lieber vor Aerger weinte. Tante Auguste aber
spricht immer, wie's ihr im Auge liegt, und Sigismund hält's eben so. Darum
nenn' ich sie Mann und Frau, was sie auch werden sollen, selbst wenn's der Vater
zu seinem Gift der Civilisation rechnete.«
    Es war uns Beiden sehr zu wünschen, dass der kleine Redner die Aufmerksamkeit
Aller im hohen Grade erregte. Die Mädchen stritten sich um den braunlockigen
Burschen und fragten ihn, welche von ihnen Allen er zur Frau haben wolle?
    »Gar keine,« erwiederte er sehr bestimmt, »Ihr müsstet Euch denn ändern.«
    Diese entscheidende Antwort brachte einen allgemeinen Aufstand unter den
mutwilligen Mädchen hervor. Man haschte und jagte sich gegenseitig, um den
Knaben zu fangen, und da sich Felix aus dem Staube machte, so war das Zimmer in
kurzer Zeit leer. Ich sass allein neben Auguste, vertieft in ein Gespräch, dessen
Inhalt sich schwerlich angeben liesse. Das Weib ist nie schöner, als wenn es sich
ganz dem Liebreiz angeborner Natürlichkeit überlässt. Diese graziöse Negligenz,
in der doch wieder so viel Würde und Zurückhaltung liegen, ist Augusten in hohem
Grade eigen. Wenn sie spricht, teilt jedes Glied ihres Körpers die Bewegung,
die aus der erregten Tiefe der Seele heraufzittert. Es ist eine Melodie der
Schönheit im Körper des Weibes, die tönend herausbricht, sobald der Sonnenstrahl
stillen Glückes mit goldenem Glanz Gesicht und Nacken übergiesst. Auguste neckt
und lockt wie der schmelzende Laut einer Nachtigall, wenn sie Erinnerungen der
Kindheit in leisem Gespräch erweckt. Dann flutet wie eine verdichtete Welle des
Rheines das grünseid'ne Gewand um die schönen Formen, und die langen dunkeln
Locken, die das Oval ihres Gesichts halb verstecken, ringeln sich schmeichelnd
um den lebendigen Marmor des Nackens. Dann küssen unsichtbare Grazien ein
lächelndes Lippenpaar in die vollen Schultern, und der Zug des Herzens verbindet
der Entaltsamkeit die Augen und lässt den Mund nach dem Geschenk der
schalkhaften Göttin ein glückliches Suchen anstellen.
    Bardeloh's Eintritt, der meist unerwartet und mit geisterhafter
Geräuschlosigkeit erfolgt, störte unser Gespräch, von dem ich nichts mehr weiss,
und ich hatte kaum Zeit Augusten einen Besuch in ihrer Wohnung zu versprechen.
    »Wieder so ganz allein?« fragte mein Gastfreund. »Man wird sie künftig an
Ketten in die Welt hineinziehen müssen.«
    »Das wird nicht schwer sein,« antwortete Auguste, »denn unser Freund ist von
ungemeiner Elasticität.«
    »Da haben Sie mehr entdeckt in wenig Stunden als ich seit mehreren Tagen.«
    »Sie wissen ja, dass Entdeckungen meine Force sind,« fiel Auguste lächelnd
ein, »und sind Sie es zufrieden, so nehme ich die Verpflichtung über mich,
unsern Freund in jede Gesellschaft zu führen, sei sie nun in der grossen oder
kleinen Welt. Ich glaube, Sigismund wird diesen Antrag nicht unbedingt von sich
weisen.«
    Bardeloh sah mich mit seinem durchbohrenden Blicke an, der glühend und kalt
zugleich ist. Ich führte Auguste's Hand an meine Lippen. »Der Antrag ist gut,«
sagte Bardeloh, »nur seid keine Närrchen!«
    Er reichte seiner Gattin, die eben eintrat, den Arm, ich fühlte Auguste's
Herz an meiner Seite klopfen.
    »Ersticken Sie die Gemütlichkeit, diese Kleinbürgertugend aller Deutschen,«
sprach Bardeloh zu mir »und sein Sie einmal ein kalter Verstandesmensch. Wer
seine Zeit und Zeitgenossen will kennen lernen, muss das Termometer seines
Herzens in der Gewalt haben.«
    Wir traten in den Saal, die Gasflammen warfen blendende Helle auf die
verschiedenen Gruppen der Gesellschaft.
    »Spiel vereinigt,« flüsterte mir Bardeloh zu, »Spiel ist ein Versöhner alles
Zwiespalts, weil es sicher neuen zu erwecken versteht. Als Gott die Versöhnung
stiftete, erfand der Teufel das Spiel. - Mir rast allemal der Schauer
wehmutsüsser Verzückung durch Mark und Bein, wenn ich des Würfelspiels der
Kriegsknechte gedenke unter dem Kreuze, an dessen Holz der blutende Versöhner
Barmherzigkeit und Vergebung mit brechendem zum Himmel gerichteten Auge
predigte. - Dass die Weltgeschichte so witzig, so grauenhaft witzig ist! Hier der
sterbende Gott, dort der lachende Teufel, dessen Freude aus jedem Würfelauge
triumphirt! - Sigismund, geben Sie Acht, ob das Spiel am Kreuzesstamme mehr
Anhänger gefunden hat, als die weinende Mutter und das Stammeln um Vergebung!«
    Wir gingen unbemerkt an den Gruppen der Spieler vorüber. Die katolische
Geistlichkeit hatte sich zusammengesetzt. Sie war sehr vergnügt, das unsichtbare
Haupt ihrer Kirche schien sie zu einigen. Diese Menschen spielten mit der Ruhe
todtgeschlagener Leidenschaftlichkeit.
    »Ich beneide diese Herren, weil ich ein Bedauern für sie empfinde,« sagte
Bardeloh. »Wo sich dies regen kann, hat das Glück noch immer einen Stein im
Bret.«
    Jetzt standen wir in der Nähe des Tisches, an dem jener kleine, blasse
protestantische Prediger Platz genommen hatte. Neben ihm sass die personificirte
Heiligkeit in Gestalt eines demütig frivolen Frömmlers. Gegenüber dem
Geistlichen der Jude Mardochai. Auguste's voller Arm zitterte in dem meinigen.
Ich drückte ihre Hand und suchte fragend ihr dunkles Auge.
    »Diese drei Menschen sind entsetzlich,« rief sie mit unverhehltem Abscheu.
»Wenn es deren viele in der Welt gäbe, würde gewiss in kurzer Zeit keine Tugend
mehr zu finden sein.«
    Bardeloh stiess mich an. Die drei Spieler waren so tief in ihre sogenannte
Zerstreuung versunken, dass die Aussenwelt für sie nicht vorhanden war.
    »Diese Dreimänner lieb' ich,« sagte mit unverkennbarem Vergnügen Bardeloh.
»Sie haben Charakter und repräsentiren die drei furchtbarsten Parteien der
jetzigen Weltbewegung. Hier der Pietist mit seinen aphoristischen Bestrebungen,
den Himmel zum Wohnort geistiger Invaliden zu machen, - er saugt seine
religiösen Bedürfnisse aus dem Unterleibe, und redet nicht mit Engelssondern mit
ganz andern Zungen. Daneben der Unglaube, das Kind einer wilden Ehe, die das
Raffinement der Civilisation eingegangen ist mit der Dialektik des
ultrarationalen Protestantismus. Gegenüber endlich der Radicalismus religiösen
Hasses, ein Produkt fanatischen Bekehrungseifers. Dieser Hass ist der Vater jener
unerbittlichen Rache, die mit Schlangenklugheit und der Scheu einer schuldlosen
Taube mittelst Küssen und Händedrücken am Christentume nagt. Mardochai, ein
Sohn des Orients in seinen Leidenschaften wie in seinen glühenden Phantasien,
ist er doch immer ein Kind der Zeit, worin er lebt. Er wuchert heut' mit dem
Aberglauben, nach dem die Bigotterie der ortodoxen Lehre Verlangen trägt, und
verkauft das Bild des Gekreuzigten, an dessen Stamm seine Nationalität unter der
Verwünschung des neuen Gottes in sich selbst zusammenbrach; und schachert morgen
mit den Zetteln, worauf mitleidige Christen für die Emancipation des
gottverfluchten Stammes stimmten, während er übermorgen die Ideen in seinen
Bettelsack schnürt und damit hausiren geht vor den Türen seiner Unterdrücker.
Dies Alles tut er aus Consequenz, aus Hass, aus unergründlich blutigem Hass.
Alles bringt ihm Gold - Gold, den Christus aller Welt! Wenn der Ostermorgen mit
harmonischem Glockengetön den Auferstandenen verkündigt und die noch Gläubigen
zur Anbetung ruft, schleicht der orientalische Rachegeist an die Pforten der
Münsterkirchen und erhandelt von dem blöden Kinde des Glaubens für seine
erschlaffende Demut den Klang des Goldes, das ihm neue Rache erkauft, und auf
dem gekrümmten Finger mit schmelzendem Kindeslaut das Geläut der Glocken
travestirt. - Diese Dreimänner, junger Freund, sind die Stützen unserer Epoche,
weil sie die Schöpfung der Zukunft vorbereiten helfen. Wie gesagt, ich liebe
sie. -«
    Bardeloh zog die Uhr, Mitternacht war vorüber. Ein Zeichen des Aufbruches
liess die Gesellschaft schnell das Vergnügen einer stillen Raserei vergessen. Man
empfahl sich. Bardeloh war wieder der liebenswürdige Wirt, der mit
aristokratischer Feinheit sich in die weltliche Etiquette hineinzuleben
verstand. - Der Jude Mardochai entfernte sich zuletzt, ich folgte dem
Halborientalen, um Auguste nach Hause zu geleiten. Beim Weggange reichte mir
Bardeloh den Hausschlüssel.
    »Dies ist ein Instrument, das Sie von heute an brauchen werden,« sagte der
wunderliche Mensch. »Köln hüllt sich in hellen Mondnächten in eine mährchenhafte
Pracht. Ich hoffe, Sie werden nicht versäumen, in diesem Genusse zu schwelgen.
Gute Nacht! -«
    Da stand ich, den Schlüssel in der Hand, ehe ich noch recht begriff, wie ich
dazu gekommen war. Auguste stützte sich schüchtern auf meinen Arm. Vor uns
gaukelte, vom Monde verlängert, der riesenhafte Schatten des Juden, der dem Dome
zuwanderte. Mir schien es, als breche ein höhnisches Lachen aus der tiefen
Nachtstille und klimme verhallend an den Säulenschäften des gotischen
Riesenbaues hinan. -
    Was konnte wohl Bardeloh für Absichten haben, mir einen so gefährlichen
Freundschaftsdienst zu erweisen? Halbträumend, halb in süssem Entzücken
schwelgend, geleitete ich meine schöne Begleiterin nach Hause. Ihre Wohnung
liegt dicht am Rhein, mit der Aussicht auf den breiten, belebten Strom, das
Städtchen Deutz und zur Seite auf die duftige Kette des Siebengebirges mit dem
Drachenfels.
    Als ich Abschied von meiner Begleiterin genommen, hörte ich vom Hafen her in
zitternden Klänge eine Violine, die eine lustige Tanzmusik mit einer
hinreissenden Virtuosität in die feierliche Nacht hineinjauchzte. Ich horchte
lange und ängstlich. Das Licht erlosch im Fenster, an dem ich zuvor noch die
Umrisse von Auguste's Gestalt vorüberschweben sah. Es ward still. Leise rauschte
der Strom durch die Schiffsbrücke, ungewisse Töne schwirrten wie Gedanken, die
leise Freiheitswünsche stammeln, vom andern Ufer herüber. Das Mondlicht schlief
gaukelnd auf den Blüten der Wellen, die lustig schaffend die Flut aus der
Tiefe hob. Ein feierlicher Friede zog durch die alt-katolische Stadt, nur in
mir war es nicht still. Ich ging noch lange in den engen, winklichen Strassen
umher, erst als der Tag im Osten das durchsichtige Augenlid zitternd
aufzuschlagen suchte, trat ich den Fussweg an. In Bardeloh's Zimmer flatterte
noch der bläuliche Glanz seiner melancholischen Lampe. Obwol ich eine unruhige
Nacht verlebte, war ich doch sehr, sehr glücklich. -
 
                                       3.
                                 An Ferdinand.
                                                            Köln, den 4. August.
    Mit jedem Tage spannen sich hier meine Erwartungen höher. Ich selbst gewinne
an Individualität unter diesen geheimen Stössen, seit ich mir nicht mehr allein
angehöre. Es ist Alles anders geworden in mir seit dem Abende, wo Bardeloh's
Haus jene wunderliche Gesellschaft versammelte. Noch dämmert jene stille
Mondnacht wie ein glückliches Mährchen in meiner Seele, in der mir zum ersten
Male das Geheimnis gelöst ward, von dem Niemand eine Ahnung spürt als
diejenigen, in denen es selbst in seligen Rätseln das Leben erzählt. Fürchte
nicht, dass ich dich mit Liebesgeflüster langweilen werde. Du sollst von meinem
eignen Sein nur dann etwas erfahren, wenn es sich mit dem Geschick von Personen
verflicht, die in ihren grossartigeren Eigentümlichkeiten einen Teil des
Weltlebens umfassen.
    In den letzt vergangenen Tagen war ich bemüht, das Innere der Stadt genauer
zu besichtigen. Köln ist hässlich, eng, finster. Ein dunkler Schatten, den die
Bigotterie des Mittelalters zurückgelassen hat, kriecht rastlos über die Stadt
fort und will sich nicht von ihr scheiden. Diese alt-katolische Atmosphäre hat
für einen Protestanten immer etwas Beängstigendes.
    In Köln fehlt es weder an Kirchen noch Klöstern. Auf allen Strassen ragt ein
solcher steinerner Zahn gen Himmel, halb zertrümmert oder doch dem Zerbrechen
nahe. Und in dem hohlen Gehäuse betet einsam die Andacht ihren Rosenkranz,
Weihrauch dampft als eine Ergänzung des ambrosianischen Lobgesanges um den
Hochaltar, und die Kerzen dunkeln dem Erlöschen zu, wie geschwächte Augen, die
das blendende Licht des hereinbrechenden Tages nicht mehr ertragen können.
    Ach, mir ward schwer und bang auf meinen einsamen Wanderungen! Gedanken,
vielleicht mehr als gross und unnennbar, weil zu neu, wühlten sich aus dem Schutt
der alten Religiosität hervor, und klopften mit dem hellen Puls jugendlich
stürmischen Lebens an das bemooste Herz des so verständig still gewordenen
Menschengeschlechts. Wie mir da seltsam zu Mute ward! Wie mir in diesem weiten,
eigentlich öden Köln die Religion unsers Jahrhunderts so verlassen, beinahe
verfallen erschien! Diese Stadt, noch voll innigen Glaubens an die Lehren des
katolischen Kirchentums, kommt mir vor wie ein grosses, gotisches Grabgewölbe,
das die Entwickelung der Jahrhunderte auseinandergesprengt hat. In den Riss
hinein stürzt ein milder Freudenblick des heitern Lebenshimmels und erhellt den
weihrauchstillen Raum, in dem der einbalsamirte Leichnam des Gottes schläft,
dessen Andenken die Welt mit vollstem Recht zur Religion erhob. Aber Himmel, wie
hat sich dieser duldende Versöhner verwandelt! Das edle Gesicht ist
zusammengesunken und darauf liegt der bunte Moderstaub von achtzehn langen
Jahrhunderten! Um den Gesalbten aber kniet, betet, stammelt und röchelt das
ungläubige Kind der armen Gegenwart, und ist erfreut, wenn der feuchte Stern der
Fäulnis, der auf der verwesten Pupille sein dämmerndes Licht anzündet, es
anstrahlt mit der Bewusstlosigkeit des Todes! - Ja, Ferdinand, komm hierher, in
diese heilige Stadt, da kannst Du erkennen lernen, wohin es gekommen ist mit
unserm verkannten Christus! Ich habe heute gekniet an seinem moderbedeckten
Leichnam, und bin aufgestanden mit gebrochenem Herzen und dem zitternden
Lebensweh: o dass doch Rettung erschiene vom Himmel oder der Hölle für die
verlornen Völker Europa's!
    Ob du mit mir fühlst, was mich beängstigt? Ob du begreifst, wie in der
Vernichtung des Göttlichen, das so grell überall heraustritt, auch ein
Zusammenbrechen menschlicher Lebenszustände gegeben sei? Es wird mir immer
gewisser, dass alle unsere modernen Verwirrungen nicht von Grund aus zu lösen
sind, wenn wir nicht zugleich die religiösen Elemente von dem angehängten
Schmutze zu reinigen suchen. Ein Heimweh des Geistes zieht den Menschen in das
Heiligtum seines Schmerzes, das durchduftet ist von einem Aeter, dessen
verschiedene Bestandteile sich consolidiren zur Religion. Nennt diesen Aeter
des Geistes, wie Ihr wollt, es kommt nichts dabei heraus. Immer wird er Religion
bleiben, wo er sich auch zeigen, wie er sich auch gestalten mag. Erscheine ich
unreligiös, so ist es nicht die innere Notwendigkeit, die mich dazu antreibt,
sondern eine unerklärliche Scheu vor diesem äusserlich Bindenden, die mir Herz
und Seele in einen Sklavenring zwängt. Wenn ich beten will, so brauche ich keine
Vorschriften. Die Lettern meines Gemüts sind dem Gotte verständlich, zu dem die
Begeisterung meine Worte hinweht. - Freilich ist es mir wohl bekannt, dass Ihr,
Du und deine Anhänger, immer nur behauptet, ohne Schale verderbe auch der Kern;
ich möcht' aber nur den Beweis dafür sehen. Gleichnisse führen hierbei zu keinem
Ziele, und ich bin gewiss, dass ein der Ueberzeugung des Individuums völlig frei
gegebener Cultus trotz seiner äusserlichen Verschiedenheit der innerlich
geeinteste sein würde. Das Herz ist sich immer gleich, und betet man bloss an,
wenn es das Bedürfnis erheischt, so gibt es auch nur eine Art der Anbetung. -
    Es kommt vielleicht sehr bald eine Zeit, wo ich Dir Ausführlicheres über
dieses Tema mitteilen kann. Durch den Kirchenbesuch zufällig darauf geführt,
kehr' ich jetzt wieder zu meiner Berichterstattung zurück. Auch ohne das
stillere Gedankenleben drang so Vieles mit wundersamer Gewalt auf mich ein, dass
ich mich veranlasst fühle, davon zu sprechen. Es geschieht nichts ohne Einfluss
auf das Ganze, und so trägt auch das kürzlich Gesehene und Erlebte bei, Dir
jenes Bild ergänzen zu helfen, zu dem sich mein kleines Leben formt im
Zusammenstossen mit dem anderer und bedeutenderer Individualitäten.
    Ich besuchte zuvörderst mehrere katolische Kirchen, unter denen ich als die
historisch merkwürdigsten nur die Peterskirche mit Ruben'schen Gemälden, die
Gereons-, Apostel- und St. Ursulakirche nenne. Letztere fesselt viele Fremde, da
in ihr die Schädel der 11,000 Jungfrauen aufbewahrt werden. Wie gewöhnlich jagte
mich von dannen, was Andere hält. Die Todtenschädel mochte ich nicht bewundern.
Ich liebe das Leben, das mir ohnehin noch zu todt ist, und Jungfrauenschädel
habe ich lieber in lebendiger Frische. Interessanter als diese Schädel war mir
daher auch eine in dunkle Seidengewänder gehüllte Gestalt, die in einer
Seitenkapelle anscheinend in Andacht versunken auf den Knieen lag. Die Welt
sprach zu lockend aus den edlen Formen, die unter der dunkeln Verhüllung
hervorschimmerten, als dass ich unbeachtet der Betenden hätte vorübergehen
können. Ein Altargemälde betrachtend war ich bemüht, den herabfallenden Schleier
mit dem Blick zu durchforschen. Dies schwierige Experiment gelang mir nur zur
Hälfte, doch glaubte ich zu bemerken, dass ein paar funkelnde, rheinische Augen
sich mehr der Aussenwelt zuwendeten, als in innere Tiefen blickten. Das schlanke
Mädchen erhob sich, ein Fehltritt machte es schwanken, es wäre beinahe die
Stufen herabgefallen. Behend erfasste ich es am Arm und verschob dadurch den
Schleier. Ein weltlich-frohes Gesicht von dem lieblichsten Oval, das ein
Stumpfnäschen noch mehr verschönte, lächelte mit naiver Verschämteit mich an.
    »Danke dem Herrn,« lispelte das holde Kind, zog, als wolle es mich necken,
den Schleier wieder herab und verschwand im Schiff der Kirche. An der Tür trat
ein junger Mann zu der Beterin, der lebhaft sprechend mit ihr fortging. Ich
folgte dem Paare durch einige Gassen und merkte mir das Haus, in dem es
verschwand.
    Müde des katolischen Wesens, und von Glück und Unglück gleichermassen
gefoltert, trat ich in die protestantische Kirche, weniger, um in diesem
Augenblicke meinem Bekenntnis ein Genüge zu tun, als den Contrast recht
innerlich durchzufühlen, der in einer ächt katolischen Stadt immer grell dem
Protestantismus gegenüber sich heraushebt. Die Kirche war einfach und gänzlich
schmucklos. Es musste eine Frühpredigt oder ein Gebet gehalten worden sein, denn
ich bemerkte den Pastor noch in der Sakristei. - Es gehört mit zu meinen
Liebhabereien, die Prediger aller Secten möglichst zu beobachten. Daraus lässt
sich oft ein ziemlich genauer Schluss folgern auf das Bekenntnis selbst, dessen
Vorsteher und Verteidiger wir in ihnen erblicken. Als der Mann aus der
Sakristei durch das Schiff der Kirche ging, traute ich kaum meinen Augen. Es war
die Gestalt, Haltung, Physiognomie des hagern, erdfahlen Mannes mit den
gestickten Ueberschlägeln, der mir in Bardeloh's Hause so widerlich aufgefallen,
vor dem sich Auguste entsetzt hatte und dessen ausgeprägte Charakterschroffheit
Bardeloh mit Entzücken erfüllte.
    Unbemerkt wollte ich mich entfernen, der Geistliche hatte mich gesehen und
redete mich an.
    »Sie sind fremd in Köln, nicht wahr?« - Ich bejahte die Frage.
    »Irre ich mich nicht,« fuhr der Prediger fort, »so haben wir uns schon im
Vorübergehen kennen gelernt. Waren Sie nicht vor einigen Tagen in der
Abendgesellschaft bei dem Particulier Bardeloh?«
    »Ich erfreue mich seiner Freundschaft und wohne in seinem Hause.«
    »Das ist viel behauptet! Bardeloh kennt keine Freundschaft. Dazu ist er zu
gebildet.«
    »Aus dem Munde eines evangelischen Geistlichen ein solches Wort zu
vernehmen, kommt mir seltsam vor.«
    »In der Tat? Nun wenn Sie ein Freund des Seltsamen sind, so können Sie bei
mir Befriedigung finden. Mein Haus steht Ihnen jederzeit offen. Ich wohne gleich
neben an und stehe zu Diensten. Jetzt entschuldigen Sie - meine Amtstracht -«
    Mit einer stummen Kopfbeugung, begleitet von jenem Glitzern des Auges, das
eben sowol Geist als Geringschätzung wo nicht Verachtung der Welt ausdrückt,
verliess mich der Prediger. Die wenigen Worte, die er an mich richtete, waren
ganz geeignet, eine nähere Bekanntschaft mit ihm zu wünschen. Ich entschloss mich
der Einladung zu folgen, sobald als möglich.
    Die Mittagszeit war bereits herangekommen, als ich den Rückweg antrat. Noch
zu wenig orientirt, verlief ich mich in dem Gewirr enger, dunkler Gassen und kam
in die Nähe eines der Klöster, die es hier gibt. Die grauen Mauern, die
schleichende Stille, die aus jedem Steine seufzt, liessen mich das alte, finstere
Gebäude eine Zeit lang betrachten. Das Leben schien ausgestorben um diese
Wohnungen des Friedens, wie die Gutmütigkeit religiös-barocker Gemüter die
Marterkammern des vom Geschick verfehmten Menschen genannt hat. Gerade über mir
in bedeutender Höhe vor einem schmalen Fenster blühte ein dürftiges Röschen, ein
Paar Vergissmeinnicht neigten die verweinten Augen schüchtern in das klare
Sonnenlicht, dunkle Winde rankte an dem Fensterstock hinan, Epheu mit dem
finstern, scheuen Laube griff sich phantastisch herab vom verwitterten
Schieferdache und umspann zur Hälfte die enge Öffnung. Dumpfe, hohle
Todtenstimmen begannen die Hora zu singen. Dieser Jammerlaut der Entsagung klang
wie der Verzweiflungsruf und das wüste Pochen eines Lebendigbegrabenen an den
mitleidslosen Sarg. Kein lebendiges Wesen ausser mir war zu erblicken; am hellen
Tage schrie im Turm die Eule. Der angeborne Abscheu gegen Klöster und Zellen
stürzte über mich, wie der Schauer eines kalten Bades; ich wollte forteilen, als
plötzlich mit humoristischem Tone in den fernen Horagesang eine schreiende,
lustige Männerstimme einfiel. Horchend blieb ich stehen. Der Ton kletterte an
den Wänden herab, ich sah hinauf nach dem Fenster - ein eingefallnes, bleiches
Mönchsgesicht leuchtete wie ein gefangener Geist durch das Gewebe des Epheu, das
die Winkelspinne der Weltgeschichte anheftet überall, wo die Dunkelheit über das
Licht triumphiren will. Anfangs konnte ich nur einzelne Worte verstehen, da aber
der singende Mönch sich selbst zu erheitern schien an seinen Versen, den
wahrscheinlichen Productionen hirnverzehrender Einsamkeit; so gestaltete sich
bald in der Wiederholung ein Ganzes aus den Bruchstücken. Ich möchte Dir gern
eine Probe dieser Klosterzellenpoesie geben, wenn ich nicht fürchten müsste, Dich
dadurch zu verwunden. Klöster sind ganz besondere Verwahrungsorte. Ich möchte
sie als die Büchsen in der Weltapoteke betrachten, in denen unter hermetischem
Verschlusse das potenzirte Gift des Geistes verwahrt wird, wenn die Heiligkeit
des reinen Menschen in ihm zu Tode gekitzelt worden ist. Doch ich bin still und
füge nur noch bei, dass der Mönch in seinem Liede weltlich frivole Ausdrücke, die
an die tiefste Gemeinheit grenzten, so barock, so furchtbar ergreifend mit den
feierlichernsten Worten der Hora und des erschütternden alten Kirchenliedes »
dies irae, dies illa« zu verschmelzen wusste, dass auch der kälteste Mensch mit
Entsetzen vor diesem Gesange zurückschaudern würde. dabei hielt er die Melodie
des angeführten Liedes mit einer wunderlichen Lustigkeit fest, was dem Ganzen
ein unaussprechlich grelles Gemisch von dämonischem Hohne und verrückter Brunst
verlieh. Nur des letzten Verses kann ich mich noch ziemlich deutlich erinnern.
Ich glaube er schloss ungefähr, wie folgt:
»Lustig, lustig, hört Ihr's girren?
- Ingemisco, tanquam reus -
Dirnen lachen, schäkern, kirren
Heil'ge Brüder - mit Monstranzen
- Stürzen hin im wilden Tanzen -
Culpa rubet vultus meus. -
Lustig, lustig, hört Ihr's girren?
- Preces meae non sunt dignae -
Sei gegrüsset, holde Schöne!
Dich, Maria, mit Gestöhne
Bet' ich an - 'nen Kuss, 'nen Kuss! -
- Sed tu, bonus, fac benigne,
Ne perenni cremer igne.
Deinem Leib fall' ich zu Fuss.
Heisa, lustig! dies illa - in favilla - in favilla!«
    Wie gefällt Dir das Lied, Ferdinand? Schüttle nicht den Kopf, verhülle nicht
Dein Auge! Immerhin lass die Träne rinnen vor dem Angesichte der Welt in den
Kelch der Gnade, den der sterngeschmückte Himmel allnächtlich dem Menschen
herabreicht. -
    Noch zittern mir die Glieder, wenn ich des singenden Mönchs gedenke, dessen
grauenhaftes Lied wie ein Abriss des Weltgerichts hereinheult in die vollen,
heiligen Stunden des Lebens. Hättest Du ihn singen hören, diesen Mönch, dessen
leise Umrisse ich kaum auffangen konnte! Ist er krank, ist er toll, oder
verpestet die Seuche des vom Gelübde der Keuschheit ausgemergelten Leibes ihm
den Sternenhimmel des Gedankens, der fleckenlos bleiben muss, wie sein Ebenbild,
wenn er in den bald stillen, bald von Leidenschaften erbebenden Dom der
Menschenbrust seine heiligen Schauer senden soll? -
    Das sind Entdeckungen, die gewaltig viel dazu beitragen, mich auf die
sündhafte Trennung hinzuführen, die leider noch immer besteht zwischen Fleisch
und Geist. Auch dies gehört zu den Folterqualen des europäischen Lebens. Man ist
so human gewesen, Daumschrauben, spanische Stiefeln und Hexenproben für
unvernünftig zu erklären und doch noch nicht darauf gefallen, jener geistigen
Folter ein Ziel zu setzen, die nur Schwärmerei und Bigotterie zu einer Gott
wohlgefälligen Uebung erheben konnten. Sobald einmal etwas erfunden wird, sind
die Menschen wie toll, es sich zuzueignen, tritt aber der Fall ein, dass eine
neue Zeit die Nichtigkeit des ehemals Erfundenen erkennt und auf Entfernung
desselben dringt; hält man es fest mit hundert Händen, sollte dabei auch die
liebe Vernunft in hunderttausend Fetzen zerreissen. Ach, es ist schwer, ein
Mensch zu bleiben!
    Das Kloster suche ich nächstens wieder auf, vielleicht auch erfrage ich
etwas Näheres über den Mönch von Bardeloh oder dem protestantischen
Mephistopheles. Heut Abend habe ich grosse Dinge vor. Würde ich so glücklich, als
ich in diesem Augenblicke vernichtet bin! -
                                                               Nach Mitternacht.
    Nur in der verschwiegenen Nachtstille kann ich Dir vertrauen, was ich in den
letzten Stunden erlebt habe. Man darf es nur darauf anlegen, Erfahrungen machen
zu wollen, und die Sammlung dieser herzzerreissenden Raritäten wächst an zu einem
grossartigen Kabinet. Schade, dass die Mitwelt so stumpf ist, wenig darauf zu
achten! Einer, der es sich vornehmen wollte, sein Leben mit Ausstellungen so
gesammelter Seltenheiten zu fristen, würde schlechte Geschäfte machen. Der
Gedanke wäre zu poetisch und im Grunde ist doch nur die verloren gegangene
Poesie in Wissenschaft, Leben und Religion das Aufreibende, Vernichtende im
modernen Dasein.
    Als ich von meiner Morgenwanderung zurück kam, fand ich Bardeloh in einer
ungewöhnlich heitern Stimmung. Felix war bei ihm und konnte sich ungestört
seinen naiven Scherzen überlassen. Dies war ein Blick des geöffneten Himmels in
meine gequälte Seele. Ich drängte den individuellen Schmerz zurück, liess die
hinter jedem civilisirten Menschenkopfe herabflatternde Lachmaske - diese
Kaputze des Jesuitismus - über mein Gesicht fallen und spielte eine erträgliche
Humoreske.
    »Sie müssen unser Nest gut durchstöbert haben,« sagte Bardeloh. Seit Tages
Anbruch fort kommen Sie eben jetzt erst zurück? Nicht wahr, Köln hat auch einige
Seiten, von denen es fesselt, lange, lange fesselt?
    »Das Altertum« versetzte ich, »hat es den Deutschen angetan, und mehr oder
weniger hat Jeder von uns seine altertümlichen Gelüste.«
    »Mich dürfen Sie davon ausschliessen.«
    »Nicht ganz. Ihr Reservoir dort hinter der Tapete fällt mit diesem
nationalen Hange der Deutschen zusammen.«
    Bardeloh verfärbte sich und an dem Spiel seiner Finger, das bei jeder
Aufregung sehr lebhaft wird, bemerkte ich ein innerliches leidenschaftliches
Toben.
    »Sie müssen Unterschiede machen, lieber Sigismund,« erwiederte mein
Gastfreund, die vorige Haltung frischer Ruhe wieder annehmend. »Ich sammle
nicht, ich forsche bloss; und wenn ich aus der Augenhöhle eines Todtenschädels so
glücklich bin, den Lebenslauf eines Jahrhunderts herauszulesen, so werden Sie
diese Fähigkeit nicht zu den Liebhabereien eines Altertümlers zählen können. Wo
das Lebende nicht ausreicht, psychologisch die Menschheit zu erforschen, zwingt
uns die Not, das Todte zu Hülfe zu nehmen. Und ich sehe nicht ein, warum nicht
in einem hohlen Schädel so viel Witz stecken soll als in einem mit Gehirn
erfüllten.«
    Felix, der unterdess an der Fensterscheibe den preussischen Zapfenstreich
getrommelt hatte, jauchzte hier laut auf, riss die Fensterflügel aus einander und
rief einmal über das andere: Guten Tag, guten Tag!
    »Was fällt Dir denn ein, Junge?« wandte sich der Vater an den Knaben.
    »Ach, da hat sich der Friedrich mit seinen grossen Wasserstiefeln uns
gegenüber an die Laterne gelehnt und stimmt seine Geige!« erzählte Felix. »Eine
ganze Schaar Gassenjungen sammelt sich um ihn und gib Acht, Vater, Friedrich
wird einen Tanz loslassen, dass die Häuser wackeln. Im Geigen tut's ihm nur der
Paganini zuvor.«
    »Was Du bewandert bist,« versetzte Bardeloh. »Weiss der Junge schon, dass es
einen Paganini gibt.«
    »Ja das kommt von deinem Geplauder, Vater. Du hast den Paganini immer gelobt
und nanntest ihn dazumal den Satansfiedler. Nun der Friedrich bringt's doch noch
weiter. Der wird Dir noch den Todtentanz streichen.«
    »Still!« gebot Bardeloh auf diese Bemerkung. Felix verliess das Fenster und
suchte verschüchtert Schutz bei mir. »Nun hab ich's wieder ganz versehen beim
Vater,« flüsterte er mir zu, »denn wenn er mich so kalt ansieht, hat er mich
nicht lieb. Du bist aber immer sanft, Dein Auge strahlt bloss. Das lieb' ich weit
mehr, als das knisternde Brennen, was ich beim Vater ordentlich hören kann, wenn
ich ihn recht genau ansehe. Hörst Du? Nun geigt der Friedrich.«
    Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass jener Friedrich kein Anderer war, als
der Schifferknecht, dessen Erscheinung mir am Hafen schon aufgefallen. Die Art
und Weise, die Violine zu handhaben, der Strich des Bogens, die Tanzweise, Alles
liess mich augenblicklich erraten, dass ich den Virtuosen vor einigen Tagen in
der stillen Nacht am Hafen gehört hatte. Wer dieser Friedrich sein mag, will mir
Niemand verraten. Gewiss hat er bessere Zeiten gekannt, und Felix hat in seiner
kindischen Unbefangenheit, ihn Paganini an die Seite zu stellen, nicht ganz
unrecht. Friedrich spielt die Violine nicht nur meisterhaft, sondern sogar
genial. In manchem Tone sieht man das Auge einer lang getäuschten Welt brechen
und ein Schluchzen, wie es aus diesen abgerissenen Tönen klingt, kann nur die
Melodie eines verkümmerten Genius aus der seelenlosen Saite weinen lassen.
    Bardeloh's Mienenspiel bei dieser wahnwitzigen Tanzmusik kann ich Dir nicht
schildern. Ein solches Gemisch von Ingrimm, tiefem Weh, frivoler Wollust,
grauenhafter Weltverachtung und fashionablem Anstande habe ich noch in keines
Menschen Gesicht in solch' trauter Innigkeit sich paaren sehen. War dies
Muskelzucken ein Schatten der Vibrationen, die Bardeloh's Herz folterten, so
liegt in diesem Menschen eine Welt verschlossen, die in ihrer naturgemässen
Entfaltung geeignet sein würde, Alles zu vernichten, was ihr entgegenträte und
über Europa die Sonne einer neuen Tatenära aufglänzen zu lassen.
    Eine Zeit lang hörten wir schweigend zu, ich zugleich meinen Wirt, wie den
Spieler beobachtend. Die Gassenjugend benutzte die Gelegenheit und sprang nach
Herzenslust um den fidelen Geiger. Bardeloh nahm einen Beutel aus dem Secretair
und rief den Buben zu, auseinander zu gehen; er wolle Jedem vier Groschen
schenken. Dem Versprechen folgte die Tat auf der Stelle. Jubelnd empfing die
Gassenjugend die verheissene Gabe und zerstreute sich. Den Rest des Beutels warf
er dem Geiger zu. »Hier, Friedrich,« rief er mit kaltem Tone, »trinke meine
Gesundheit und spiele nicht auf den Strassen. Merke Dir's, Friedrich, sonst lasse
ich Dich einsperren.«
    Friedrich nahm den Hut ab und küsste den Beutel. Er trat dem Hause näher.
Sein gutmütig-schlaues Gesicht wandte sich dem Sprecher zu, indem er
antwortete: »Die Erde lebt vom Sonnenschein. Es hat sich noch keine Maus vom
Speck gemästet, wenn die Katze im Speisegewölbe Reveille schnurrte. Mein Herr
und mein Meister, wäre ich nicht arm, so würde der Himmel ein paar Zwillinge
mehr in seinem Busentuche hätscheln.« Nach dieser Antwort lief er so eilig als
möglich mit den knasternden Teerstiefeln in die nächste Gasse.
    Ist das nicht eine Shakspearesche Narrenantwort? Wer kann hinter ihren
wahrhaftigen Sinn kommen? - Bardeloh hatte den Kopf sinnend an den Fensterstock
gelehnt, es vergingen fünf peinliche Minuten. Gern hätte ich gesprochen, aber
eine unerklärliche Scheu verhinderte mich daran. Selbst Felix, sonst immer
unbefangen, bedeckte mit beiden Händchen sein Gesicht, als fürchte er einem
Geheimnis in die geisterhaften Augen zu sehen. Der Eintritt Rosaliens unterbrach
diese peinliche Ruhe. Wir gingen zur Tafel, an der eine unerquickliche
Einsilbigkeit heimisch blieb. Erst bei dem Desert und als der schäumende
Moselwein ein künstliches Leben in uns angeregt hatte, begann Bardeloh ein
Gespräch, in das bald der kindlich heitere Felix seine Bemerkungen mischte.
Bardeloh brachte mich abermals auf meine Excursionen, und einmal in's Erzählen
geraten, erwähnte ich meines Irregehens und des Klosters. Schnell dazwischen
geworfene Fragen Bardeloh's verrieten ihm bald die Lage desselben und ehe ich
noch selbst das Gespräch auf den Mönch hingeleitet, hatte er mir bereits ein
unfreiwilliges Geständnis entrissen.
    »O, dass die ewige Gerechtigkeit des Weltenschöpfers Feuer vom Himmel regnen
liess,« rief er wie verstört aus, »damit doch endlich diesem Unsinn ein Ziel
gesetzt würde!«
    »Gottlob, er ist's!« seufzte Rosalie dazwischen. - Ich sass wie versteinert,
mein Blut gefror in den Adern; mich zu erwärmen stürzte ich ein Glas Wein nach
dem andern hinab.
    »Was ist's mit dem Mönch?« fragte ich endlich.
    »Eine blosse lustige Geschichte,« versetzte mit lächelnder Weltverachtung
mein Gastfreund. »Wenn Sie bibelfest sind, wie ich, so werden Sie sich erinnern,
dass Christus die Krämer gelegentlich einmal aus dem Tempel geisselte. Der Brut
geschah ohne Zweifel sehr recht, und es war verdienstlich von unserm Herrn, dass
er sich zu dieser Charge selbsteigen degradirte; wissen möchte ich nun aber
doch, was dieser selbige Herr Christus mit dem Gezücht anfangen würde, das sich
jetzt und zwar seit Jahrhunderten mit seinem vermaledeiten Schacher eingenistet
hat in den Kirchen. Sonst verkaufte man doch nur Tauben und Opfervieh, jetzt
aber legt man sich mit allem Raffinement pfiffiger Entsittlichung auf den Handel
mit Tugend und Moralität. Setzt sich die heilige Gesellschaft hin und scheert
sich den Kopf halb kahl, um der Erleuchtung nachzuhelfen, und ist doch nicht
klug genug zu bemerken, dass zum Gedeihen des Fettwerdens ein Capaunerschnitt
unerlässlich! Und wenn's nun einen muntern aufgeweckten Menschen zu Kopfe steigt
und das Fett, statt im Wanst sich anzusetzen, nach den Gehirnkammern treibt;
steckt man einen solchen misratenen Halbkapaun in ein enges Gemach, damit er
sich die unnatürlichen Fettwammen abwimmern kann.«
    »Es sind fast zehn Jahre, seit wir ihn vermissen,« fiel Rosalie dem
Erbitterten in die Rede. »Es wäre entsetzlich, wenn dies die Rache des
Geschickes für eine unzeitige, bigotte Rechtgläubigkeit sein sollte.«
    »Mir wär's angenehm,« versetzte Bardeloh und hob die Tafel auf. »Ohnehin muss
man ja immerfort gestachelt werden, wenn's frisch bleiben soll hier in dieser
Tropfsteinhöhle.«
    Er legte die Hand auf's Herz und mass das Zimmer mit grossen Schritten.
»Morgen, mein teurer Sigismund,« fuhr er zu mir gewandt fort, »morgen müssen
Sie mich zum Prior jenes Klosters begleiten. Dann will ich Ihnen eine Geschichte
erzählen, die Ihnen beweisen soll, dass ein Mensch wie ich in Europa
nötigenfalls wohl als Gestorbener aushalten kann, bei Lebzeiten aber den
Leichentuchgeruch doch zu aromatisch findet, um ihn zu ertragen, und wäre er mit
kölnischem Wasser versetzt. Einstweilen haben Sie Dank für die Nachricht. Ich
wusste wohl, dass ein Hausschlüssel in ihrer Hand zum Dietrich für Himmel und Hölle
sich gestalten würde.« -
    Damit endigte unser Gespräch und Beisammensein. Neue Zweifel, neue
Erwartungen waren in mir angeregt worden. Bardeloh schloss sich in seinem Zimmer
ein und hielt Zwiesprache mit der List seines Gedankens. Neugier und Unruhe
jagten mich hinaus an den Strom, der, ein ewig strahlendes Hoffnungsauge, aus
der heiligen Grotte der Alpen hervorblickt mit der Verheissung grosser Taten, und
mit bewegtem immer heller schimmerndem Lid durch Deutschlands Auen schweift, sie
deckend, schirmend und beschattend mit weintauender Wimper. O, wer nie
hineingeschaut in den goldgrünen Himmel dieses Auges, der kennt nicht den
Schmerz und die Freuden der Hoffnung! Ich habe die flüsternden Wellen über mir
zusammenschlagen lassen und mich gebadet lange Tage in dem Glanz der Verheissung.
Bis tief hinein in das Farbenchaos der Nacht stand ich am Bord der zuckenden
Flut und harrte des Momentes, wo der Puls des Weltalls durch die Schlagadern
des Himmels die funkelnden Stunden der Freude trieb und ihren matteren Abglanz
aus dem Kristall unter meinen Füssen vorüberjagte. - Ob ich auch nur eine dieser
glänzenden Stunden herausschöpfen werde aus meinem Lebensbrunnen? Ob ich
erhasche, was jedem Europäer die Geburt verheisst, ein befriedigtes Alter nach
bitterm Kindesschmerz und verwüstenden Lebensstürmen? - Sei's und werd' es, wie
das Recht der Geschichte will, meiner Hand soll weder Schwert noch Kreuz vor der
geeigneten Stunde entfallen! -
    Die Dämmerung wob ein warmes, farbenschillerndes Netz über die Trümmer der
vielen Türme und Kirchen. Ich war den Rhein entlang hinausgegangen bis an den
äussersten Turm, dessen Fuss in den Strom hinabsinkt. Duftig lag auf dem Azur des
Himmels das vom Abendrot umflammte Siebengebirge am Horizont, wie das
zerrissene Herz Deutschlands, dem Himmel dargereicht auf blauem Kissen, und
bluttriefend starrte daraus empor der Drachenfels als seine letzte verstümmelte
Schlagader. Dunkler und glühender stürzte der Abend herab und der Strom trieb
wie auf grünen Muscheln mit weissen Perlen gestickt das eingeschlürfte Blut des
Herzens dem Ocean entgegen. Ich wandte mich der Stadt zu. Aus dem vergitterten
Turmfenster klagte ein armer Gefangener. Es war schon dunkel als ich an der
Wohnung des protestantischen Predigers stand. Der Besuch ängstigte mich und doch
konnte ich kaum den Eintritt erwarten. Ich musste mehrere Male läuten, ehe
geöffnet ward. Pastor Gleichmut war zu Hause. Ich liess mich anmelden und ward
vorgelassen.
    Der Prediger empfing mich in einem comfortable eingerichteten Zimmer, dem es
jedoch keineswegs an den Insignien der Gelehrsamkeit gebrach.
    »Es ist mir sehr erfreulich, Sie als Mann von Wort kennen zu lernen,« redete
mich der Pastor mit zuvorkommender Freundlichkeit an. »Lassen Sie uns ein
Stündchen in traulichem Gespräche zubringen und die Störnisse vergessen, die
sich so gern an glückliche Momente wie neidische Schwämme ansetzen.«
    Mit einer civilen Artigkeit, wie das Herkommen eine zur Gewohnheit gewordene
Lüge schmeichlerisch nennt, setzte ich mich neben ihn auf's Sopha. Er liess Licht
bringen und eine zwar interessante aber körperlich verkümmerte Dame, die mir als
Frau Pastorin vorgestellt ward, bereitete im Nebenzimmer vortrefflichen Tee.
    »Gedenken Sie längere Zeit in Bardeloh's Hause zu bleiben?«
    »Wahrscheinlich so lange, als mein Aufentalt in Köln dauert!«
    »Und darüber dürften noch verschiedene Wochen und Monate vergehen, nicht
wahr?«
    »Schwerlich; doch kann ich darüber selbst nichts Genaues bestimmen. Hätte
ich immer eine Gesellschaft, wie Sie mir sie bieten dürften, so würde ich wohl
auf längere Zeit gefesselt.«
    »Sehr verbunden!« lächelte mit verachtender Höflichkeit mein Sophanachbar.
»Eine Tasse Tee? - Bitte, bedienen Sie sich.« - Wir tranken und waren sehr
still. Ich beobachtete den Prediger, auch sein kleines, tief eingesunkenes Auge
funkelte, wie das einer Klapperschlange, aus der braunen Höhlung.
    »Bardeloh ist ein guter Mann,« begann Pastor Gleichmut, indem er sich das
Ueberschlägel abband, »ein sehr guter Mann,« fuhr er rascher, belebter,
ungenirter fort und in sein ganzes Wesen schien ein elektrischer Funke gefahren
zu sein. »Ich liebe diesen Menschen, wie er mich, denn er verachtet Alles, was
nur leise zusammenhängt mit einer Doctrin der Willkür.« Sein Auge fixirte mich
bei diesen Worten mit der Schärfe eines Tigerblick's.
    »Aus Ihrem Munde, Herr Pastor, klingt dies paradox.«
    »Ich bin nicht Pastor,« sagte ruhig, fast kalt der Prediger.
    »Wie? Nicht Pastor!«
    »Der Pastor hat Abschied genommen mit diesen Läppchen,« versetzte Gleichmut
mit einer Ruhe, die seinem Namen Ehre machte. »Sie wundern sich, was ich sehr
begreiflich finde. Indes mache ich Ihnen bemerklich, Herr Sigismund, dass ich im
Priesterrock und Ueberschlägel Amt und Würde eines evangelischen Predigers
bekommen und übernommen habe. Der Mensch sass während der Ordination freilich
unter der Hülle, ich glaube aber nicht, dass er bei mir etwas von den Gelübden
wusste, die der Pastor tat. Ich schwor, gelobte, versprach als Maske - und was
ich als solche Maske geschworen, gelobt und versprochen habe, das werde ich als
Maske auch immer zu halten wissen. Jetzt sehen Sie in mir den Menschen
demaskirt, suchen Sie auch den Geist, der die Maske belebt, da, wo jene liegt.«
    Der Pastor trank eine zweite Tasse Tee, ich folgte seinem Beispiele und
hielt Rat mit meiner Vernunft, die wie ein erschrockenes Kind im Hintergrund
meiner Seele sass.
    »Wie gleicht sich denn bei einer solchen Gesinnung der Zweifel zwischen
Glauben, Lehre und Ihrer eigenen Ueberzeugung aus?« fragte ich den unheimlichen
Mann.
    »Sehr bequem. Als Pastor bin ich nicht mehr Ich. Mein Individuum ist
aufgegangen in den Falten des schwarzen Talars, der Mensch schläft in dem
gestickten Kreuze, das meinen Hals ziert. Nicht das Wort des Menschen, sondern
des Priesters spricht aus meinem Munde. Ich tue nicht mehr und nicht weniger,
als was die Kirche verlangt, ich bin ein Diener, ein doylos toy Ihsoy Xristoy.
Wer Knechtsdienste verrichtet, müsste sehr bornirt sein, wollte er dabei zugleich
auch seine eigenen Angelegenheiten verhandeln.«
    »Dem lässt sich weniger logisch widersprechen als menschlich,« versetzte ich,
»nur bin ich der Meinung, Sie selbst leben in einem Irrtume, der Ihnen weder
ein reines Glück, noch eine wahre Freude vergönnen wird. Als praktischer Teolog
müssen Sie unglücklich sein, da Sie immer lehren, was Sie nicht achten.«
    »Einbildung, Grillenfängerei! Das Kleid docirt, nicht mein chI, oder wenn
Sie lieber wollen, der in das Kleid eingenähte Geist. Diese feine Substanz kann
nicht heraus, und ängstigt sich ab im Bemühen, zu entfliehen. Die Stossseufzer,
die er vernehmen lässt, sind die Tröstungen wenigstens meiner Religion.«
    »Achten Sie sich noch selbst?« fragte ich.
    »Ich hoffe ein menschliches Antlitz zu tragen, wie Sie, mein Verehrtester.«
    »Und im Priesterrocke -?«
    »O, der Geist hat viele Gestalten, in die er zu Nutz und Frommen der
Menschheit sich hüllen kann.«
    »Ich beneide Sie nicht um Ihr Amt, Herr Pastor.«
    »Bitte sehr, nennen Sie mich schlechtweg Gleichmut. Der Pastor hängt dort,
das Kreuz und seine Lehren liegen unter meinem linken Ellbogen.«
    Gleichmut's Gattin brachte Backwerk, mir dunkelte es vor den Augen. Einen
solchen Diener des Herrn hatte ich noch nicht kennen gelernt. Ruhig fuhr der
Prediger fort:
    »Consequenz, mein Teurer, ist das grosse Geheimnis, das Alles zum Ziele
führt. Die Welt im Allgemeinen ist viel zu gutmütig-bornirt, als dass sie an
einer schlau durchgeführten Consequenz im Geringsten zu zweifeln wagte. Alle
Staaten hielten sich, so lange eiserne Consequenz der Verkündiger ihrer
Tugendhaftigkeit war, sie fielen langsam oder schnell, je nachdem ein
unvorsichtiger Moment die Maske verrückt oder gelüftet hatte. Dies erleidet auf
alle Religionen genau dieselbe Anwendung. Ich frage nicht nach dem Wert einer
Religion - denn es taugt keine sehr viel, sobald sie zu einer unwandelbaren Norm
und Form erhoben wird - sondern immer nur nach der Weisheit ihrer Maximen. Dem
zufolge nun ist heut zu Tage der Islam die beste, dem sich am engsten im
christlichen Bekenntnis der Katolicismus anschliesst. Der Protestantismus taugt
am wenigsten, weil er das Menschliche gutmütig einigen wollte mit dem
Priesterlichen. Das führt nur zu Spaltungen, zu Unglück der Einzelnen, wie der
Völker, und geistigpolitische Gährungen sind unvermeidliche Folgen. Soll ein
Cultus frommen, so muss er äusserlich phantastisch sein und innerlich hohl, oder
der Fanatismus der Leidenschaft, zur Moral erhoben, muss ihn beseelen. Beides
fehlt dem Protestantismus, der in kindischem Wahne das Gesetz der Liebe erfüllen
will, während die Skepsis seiner Verständigkeit ihm doch beweist, dass man
Schmetterlinge nicht angreifen darf, wenn sie den Schmelz der Farben nicht
verlieren sollen.«
    »Wie pflegen Sie es denn bei solcher Ueberzeugung zu halten?«
    »Ich trenne, weiss zu scheiden und bin nicht so töricht bigott oder tief
religiös verbinden zu wollen, was Gott selbst lächerrlich finden müsste. Die
Consequenz des Schweigens ist der Talismann meines Erfolgs. Meine Gemeinde
achtet mich und ich dulde sie. Was ich als Mensch, d.h. ohne Priesterrock, tu'
und denke, wird mir nicht eingerechnet in mein Amt.«
    »Hier freilich nicht« bemerkte ich, »sollten Sie aber nicht zuweilen in sich
selbst ein Warnen hören, das mit unwiderstehlichem Zittern durch Ihre Seele
bebt?«
    »Treffliche Anlagen zu einem Bussprediger! - Nein, Sigismund. Diese Qual
eines missratenen Gewissens kenne ich jetzt nicht mehr. Dieser Livreebediente
der ewigen Gerechtigkeit hat bei mir von Jugend auf eine sehr gute Erziehung
genossen, was mir ungemein zu Statten kommt, da er allen Fieberanfällen und
seelischen Epidemien ungehindert widersteht. In mancher Hinsicht freilich reut
mich diese strenge Erziehung, da sie Ursache ist, dass ich Vieles an mir jetzt
muss vorübergehen lassen, was doch zum Ausleben des menschlichen Daseins meinen
Jahren erst gehört. Ich zähle zweiunddreissig (ein bleicher Schatten wehte, wie
die rächende Hand der Sünde über sein eingestürztes Gesicht) und sehe für dieses
Alter etwas zurückgekommen aus. Wäre ich in der Jugend eben so Herr meines
Denkens gewesen, wie jetzt, so dürfte dies leicht anders sein. Meine Wünsche
aber tanzten nach der Wünschelrute älterlicher Machtvollkommenheit. Der Teolog
war geachtet, ein leidliches Auskommen ward jedem gesichert, sobald ein regerer
Lebenssinn ihn nicht hindrängte zu Genüssen, die in keinem Verhältnisse stehen
mit der Oekonomie seines Haushaltes. Dies bedachte ich frühzeitig und richtete
darnach mein Leben ein, was mir in meiner jetzigen Würde einen ungeheuchelten
Ernst oft wider Willen sichert und meine Gemeinde nicht auf den Gedanken bringt,
ich huldige dem Studium der heiligen Geschichte zu wenig. -«
    Der Teolog schwieg einige Augenblicke, in mir stritten sich Verachtung und
Bewunderung dieses Mannes um den Vorrang. Ein Zug um den Mund verriet mir
jedoch das Vorhandensein eines Grames, dessen tiefes Weh nur zu scharf
beobachtet ward, um laut aufzuschreien in der Qual seiner Fesseln.
    »Sie scheinen Teil zu nehmen an mir,« fuhr der Pastor fort, »und nicht
unempfindsam zu sein gegen den Menschen, der sich als Geistlicher erlaubt, einen
Unterschied zu machen zwischen Beiden. Ich will offen sein, um Ihnen nicht
verachtungswürdig zu erscheinen. Schenken Sie mir Ihren tiefsten Hass, so sollen
Sie dagegen von meiner verborgendsten Liebe getragen werden!«
    Er stand auf und öffnete einen Wandschrank. Aus einer sorgfältig mit vielen
Schlössern verwahrten Schatulle nahm er ein neunfach versiegeltes Manuskript.
    »Hier, mein Teurer,« sagte er, die Rolle mir zeigend. »Unter diesem
neunfachen Siegel (ich würde deren sieben darauf gedrückt haben, wenn ich, der
Ungläubige, aus Aberglauben diese Zahl nicht hasste) liegt der Schmerz eines
dreissigjährigen Lebens. Lesen Sie diese meine Lebensgeschichte, und lernen Sie
aus ihr die geheime Biographie des teologischen Menschen im Allgemeinen kennen.
Doch versprechen Sie mir, die Siegel nicht am Tage zu lösen, sondern nur unter
dem Schatten der Nacht. Die Keuschheit des Gedankens entsetzt sich vor diesen
Bekenntnissen, und selbst die Pracht der Sterne könnte verschiessen und der
Baldachin des Himmels zum Garderobestaat für die Fastnacht der Erde herabfallen,
wenn Sie nicht behutsam umgehen mit diesem Vermächtnis eines auf dem Altar des
Gehorsams geopferten Herzens.« -
    Gleichmut stiess das Fenster auf. Sternschnuppen, wie umhergestreute
Schwärmer spielender Engel, stürzten in schöner Silberglut über das Steingeripp
des Domes, der sich vor meinem Auge in der vollendeten Schönheit des ersten
Riesenentwurfes dunkel am Himmel abzeichnete, als wäre es eine fata morgana, aus
dem Todtenauge des Werkmeisters heraufzitternd in die Nacht. Gleichmut ergriff
meine Hand und führte mich an's offene Fenster.
    »Es ist finster, der Mond wenigstens scheint nicht. So darf ich mich zeigen
vor dem vielleicht Schuldlosen, weil er glücklicher war als ich.« - »Ein
unentweihtes Kreuz,« fuhr er fort, »steht am Zenit. Sehen Sie hinauf. (Er
zeigte nach dem Sternbilde des Schwanes, dessen helle Welten ein Kreuz
gestalten.) Um diesen Stamm zittert in schwärmenden Meteoren eine Krone. Bei
diesem Kreuz, umwunden von jener Krone, schwören Sie mir, Ihr Wort nicht zu
brechen!«
    Er hielt das Manuscript dem Himmel entgegen. Ich schwur in dumpfen Sinnen.
Ueber dem Krahne des Domturmes zerschmetterte mit Knistern eine Leuchtkugel.
Gleichmut schloss das Fenster, wir traten zurück, die Rolle lag in meiner Hand.
    »Narr!« sprach er, die Hand an die gerunzelte Stirn legend. »Hätte ich mich
doch kaum selbst für so kindisch gehalten.« - Halb bewusstlos eilte ich hinaus in
die weiche, warme Sommernacht. -
    Auf den weniger abgelegenen Strassen war es noch lebendig. Menschengruppen,
denen nur der Tyrrsusstab und die Weinranken im Haare fehlten, um für jubelnde
Bacchanten gelten zu können, durchstreiften singend und scherzend die Stadt.
Ungeachtet der nördlichen Lage hat das Volksleben hier, wie den ganzen Rhein
hinab, eine südliche Färbung. Die Rebe rankt sich mit ihrem saftigen Freudenauge
hinein in das verschwiegnere Leben und bringt den Strom der Rede in freieren
Fluss.
    Es gehört zu meinen Liebhabereien, an fremden Orten das Leben überall zu
fassen. Nacht und Tag sind mir gleich, und ist der Mensch in mir aufgeregt zu
üppigem Genusse, mäkele ich auch weniger an der Genossenschaft. Wie überall ist
es auch hier nur der Moment, der mich bestimmt, zum Glück oder zum Unglück, zu
Freude und Lust, oder zu Leid und Trübsal hinreisst. Hätte nicht ein zu tiefer
Eindruck die Lebenswoge meines Herzens zertrümmert gehabt, ich würde mich dem
göttlichen Leichtsinn angeschlossen und das Glück geschöpft haben aus reinstem
Kristall. Die Unterredung mit Gleichmut, das Manuscript, dessen Convolut ich in
der Brusttasche fühlte, zogen mich dem Schatten entgegen. Dennoch wagte ich
nicht, schon in dieser Nacht die Siegel zu brechen. Ich wollte mich erst laben
am Sonnenblick der Liebe, stürzte die steilen Gassen hinab zum Rhein und stand
mit klopfender Brust an der Wohnung Auguste's. Ihr Fenster war erhellt, ein Zug
an der Klingel öffnete mir den Eingang zum Paradiese.
    Die Hausflur war finster. Ich griff mit umherfahrenden Armen nach der
Treppe, stiess aber überall an und fiel endlich polternd über altes Gerümpel.
    »Ephraim!« rief eine warme Frauenstimme von Oben herab, in der ich sogleich
den silbernen Ton Auguste's erkannte. »Ephraim Klapperbein, so lass doch Dein
Singen und leuchte hinab! Die Menschen zerstossen sich ja Köpfe und Beine an
Deinen Korbflechtereien.«
    Während ich mich wieder aufzuraffen suchte, schimmerte ein Lichtstreif die
Treppe herab und mit ihm zugleich stolperte die lustige Sangesweise eines
jovialen Liedes an mich heran. Meine Lust am Gesange ist Dir bekannt, so wenig
auch meine eigne Kehle gesangsfähig erfunden wird. Ein lustiges Lied lässt mich
auf Augenblicke den Untergang einer Welt vergessen. Mit kindischem Kosen hänge
ich mich in die Locken eines singenden Greises, dessen Jugend glücklicheren,
heiteren Zeiten angehörte, als die unsern sind. Ephraim Klapperbein, ein Mensch,
so curios, wie sein Name, schlappte in Holzpantoffeln langsam die Treppe
herunter, und liess sich nicht im geringsten dabei in seiner Gesangübung stören.
Von seinem Liede verstand ich nur folgende Verse:
»Fehlt' mir's nicht an Geld und Wein,
Möcht' ich ewig leben,
Auf und ab den goldnen Rhein
Mit dem Schifflein schweben.
Müsst' ein muntres Dirnlein auch
Frei den Mund mir reichen.
'Sist ein guter alter Brauch,
Lockt zu losen Streichen.
Küssen, lieben, trinken, Geld -
Das ist mein Vergnügen.
Und wer's mit der Erde hält,
Dem wird's auch genügen.
Bleibt mir mit dem Himmel fort!
Kommt zurecht noch immer.
Selig bin ich hier und dort
Blinkt mir Weingeflimmer!«
    »So,« sagte Ephraim Klapperbein, ein alter rüstiger Greis von einigen
siebenzig Jahren, und beleuchtete mich von allen Seiten, »so! Also in meine
Körbe ist der Herr gefallen? Wunderliche Zeit, fremde Leute zu besuchen. Nachts
in der neunten Stunde! Als ich jung war, gingen nur junge Bursche an's Fenster
der Liebsten. Was will der Herr?«
    »Lieber Alter, meldet mich bei dem Fräulein vom Hause.«
    »Fräulein vom Hause!« wiederholte der schlaue Fuchs. »Ein ganz neues
Geschlecht; gibt keins dieses Namens in ganz Köln. Vor alter Zeit könnt' es
sein, es wäre so 'was von dieser Ausländerei hier zu Lande vorhanden gewesen,
dazumal, als das römisch Zeugs sich mausig machte am Rhein. Heut zu Tage aber
ist's ausgestorben ganz, rattenkahl, auf Ehre!«
    »Ich frage nach Fräulein Auguste.«
    »Ist mir ganz unbekannt.«
    »Ephraim!« rief es von Oben wieder in demselben lieblichen Flötentone. »Was
schwatzest Du denn?«
    »Gleich, gnädiges Fräulein,« antwortete Klapperbein.
    »Das ist die Jungfrau, der ich eine wichtige Nachricht zu bringen habe,«
fiel ich ein, »ich kenne sie an der Stimme.«
    Oberhalb der Treppe ward ein zweites Licht sichtbar, ich drängte den Alten
zur Seite und flog eilig die Treppe hinan. Unten hörte ich den Korbflechter noch
murmeln: »Kennt meine Herrschaft an der Stimme! Ueber die Einbildungen! Und ist
doch der Mensch ganz gewiss nicht mehr der Jüngste. Saubere Geschichten! Ephraim,
Ephraim, Du kömmst in die Jahre und magst Dir den Witz schleifen lassen, wenn er
künftig hin noch schneiden soll!«
    Auguste empfing mich mit banger Verschämteit. Sie machte mir Vorwürfe über
mein spätes Kommen und geleitete mich mit sanfter Eile in ihr liebliches Zimmer.
Der Genius weiblicher Ordnungsliebe waltete in diesem zierlich ausgeschmückten
Raume. Ein Fortepiano stand am Fenster, darüber hing eine Mandoline. Vor dem
einen Fenster duftete ein kleiner Blumengarten. Die warme Nachtluft wehte leis
durch die geöffneten Flügel. Ueberall sprach sich ein süsses Behagen aus und
reizte zu stillem, verschwiegenem Genusse. Schon wollte ich mich dem
ungebundenen Geschwätz überlassen, als ich bemerkte, dass eine dritte Person
gegenwärtig sei. Wie ein plötzlicher Nebel den Himmel, störte diese Erscheinung
meine aufspringende Freude. Mein innerstes Leben, die Ufer übersprudelnd, ebbte
zurück in die Borde zahmer Gewöhnlichkeit. Doch nur Minuten dauerte mein Unmut.
Es war eine volle, verführerisch üppig gebaute Mädchengestalt, die Auguste in
die Arme schloss und mich mit lächelndem Gruss bewillkommte. Ein Blick genügte,
mir zu sagen, dass dieses Mädchen meine jüngst durch Zufall neu erworbene
Bekanntschaft aus der Kirche der heiligen Ursula sei.
    »Bist Du doch glücklich, Auguste!« rief die Fremde mit einem fast komischen
Seufzer aus. »Dein Geliebter lässt nicht auf sich warten, während mein Oskar
grausam genug ist, oft einen ganzen Tag nichts von sich hören zu lassen. Seit
gestern ist er wie verschwunden. Ich glaube, er ist in den Rhein gesprungen. O
Auguste!«
    Sie schlang in komischer Angst ihren Arm um Auguste's Nacken, die ihrerseits
durch die naive Vermutung ihrer Freundin mit schöner Purpurglut übergossen
ward. Auch mir stieg das Blut in's Gesicht.
    »Lucie, Du bist närrisch,« sagte Auguste, die Ungestüme von sich losmachend.
    »Freilich,« erwiederte das lebhafte Mädchen, »das ist ja eben das Unglück.
Ich wollte lieber ganz toll sein!«
    Sie riss alle Fenster auf und setzte sich dann an das Fortepiano, auf dem sie
Töne anschlug, die im Reich der Harmonie noch kein Bürgerrecht erlangt haben.
    Auguste sass neben mir. In unsern Blicken lag tausendmal mehr Melodie als in
dem Geklimper Luciens. Die sanfte Gewalt, mit der uns ein jungfräuliches Auge in
seinen Kreis zu bannen weiss, hat für mich immer mehr Reiz gehabt, als die
momentan hinreissende Glut, die aus Wesen, wie Lucie ist, uns überflutet. Lucie
ist verführerisch, Auguste liebenswürdig. In Lucie jauchzt der Triumph, der
Liebe seine vorüberrauschenden Dityramben, durch Auguste's Wesen klingt ein
feierlicher Hymnenton, der den Genuss erhebt zur Innigkeit eines dauernden
Glückes. Wie Lucie nur den Moment, der in seiner keuschen Entschleierung heilig
ist, zur Erscheinung bringt, so feiert in Auguste die unschuldige, ewig reine
Weiblichkeit in nackter Schönheit ihre Apoteose. Lucie besitzt nur die neckende
Launenhaftigkeit dessen, was liebenswürdig ist am Weibe, Auguste aber verhüllt
diesen bleibenden Reiz unter einer Zurückhaltung, die eine intensivere Wärme
verrät.
    Ich will Dich nicht mit dem unterhalten, was wir mit einander plauderten.
Dazu taugt weit besser die halb natürliche, halb kokette Unruhe Luciens. Denn
diese Art der Liebe ist phantastisch und spricht in ihrer Launenhaftigkeit weit
mehr an, als jene stille Poesie der Liebe, die mit dem Senkblei tieferer
Seelenbeschauung herausgehoben sein will aus dem Perlenmutterschrein der
Keuschheit.
    »Oskar ist ein ekelhafter Mensch!« sagte Lucie und schlug einen noch nie
gehörten Accord auf dem Fortepiano an, in dessen herzzerreissendem Gewimmer
wirklich ein paar Saiten im Herzen des Instrumentes zersprangen. »Sobald er zu
mir kommt, geb' ich ihm Nasenstüber.«
    »Daran tust Du ganz recht,« sprach Auguste. »Besser aber wär' es noch, Du
liessest ihn gar nicht mehr herein. Wirklich, glaube mir! Der Mensch ist Deiner
Liebe nicht wert.«
    »Nein, das geht nicht, Auguste; ich muss ihn doch ärgern. Das kann ich nur
mündlich.«
    »Wenn Sie ihm einen Kuss geben,« fiel ich ein.
    »Da möchte er lange warten müssen. Ich hasse das Küssen.«
    »Immer?« fragte ich. »Die Erfahrung wäre ganz neu.«
    »O, mein Bester,« sagte Lucie, sich vor mich hinstellend, »glauben Sie denn
die ganze Welt von Erfahrungen schon hinter sich zu haben?«
    »Sie beweisen mir das Gegenteil, Fräulein Lucie.«
    »Bei mir sollten Sie zu raten bekommen!«
    »Wenn Sie es zufrieden sind, wollen wir einen Versuch mit einander wagen.«
    Hier schlug mich Auguste auf den Mund und meinte, ich sei ein
unausstehlicher Mensch. Lucie lachte und liess die Mandoline wie einen
Perpendikel an der Wand hin und herschwanken.
    »Mein Gott,« rief sie wieder aus, die Hände angstvoll über den Busen
kreuzend, »wenn er nun aus purem Wahnsinn in den Rhein gesprungen wäre! Herr
Gott, was sollte ich anfangen! Gestern schlug ich ihn so heftig mit dem Fächer
auf die Stirn, dass er bös ward und von mir ging. Ich wollte doch lieber, ich
hätt' ihn todt geschlagen, als -«
    Auf der Strasse ward ein lustiges Lied gesungen. Lucie sprang an's Fenster,
warf ein paar Blumenstöcke, die ihr im Wege standen, in das Zimmer und rief laut
und vernehmlich »Oskar!« hinunter.
    »Was Du für eine wilde Hummel bist!« schalt Auguste, die zerbrochenen Töpfe
aufhebend. »Vor Dir hat nichts Ruhe. Erst das Unglück wird Dich vernünftig
machen.«
    Lucie hörte nichts mehr. Sie griff nach Hut und Shawl, und hätte diesen im
Augenblick zerrissen, als ich ihr beim Umschlagen helfen wollte. »Gute Nacht,
Auguste,« sprach das wundersamlebhafte Mädchen, die Freundin flüchtig küssend.
Dann riss sie an der Klingel, dass die Glocke gar nicht läutete und rief dreimal
in einem Atem nach Ephraim.
    Der Alte war sehr schwer aus seiner Ruhe zu bringen. Ehe er erschien, hatte
das mutwillige Kind schon wieder sechsmal vergeblich gerufen und auch eine Art
Dialog mit Oskar auf der Strasse improvisirt.
    »Du bist also nicht ertrunken?« Fragte sie hinunter.
    »Ertrunken?« wiederholte verwundert Oskar.
    »Nun ja doch. Ich dachte, Du hättest Dich in den Rhein gestürzt.«
    »Nein, teuerste, süsse Lucie, nur in sein glühendes Rebenblut.«
    »Gut, gut, Oskar! Aber ich war recht böse auf Dich und hatte grosse Lust Dir
die Lippen blutig zu küssen.«
    »O die Nacht ist noch lang, mein süsses Leben! Komm nur herab, so wollen wir
nachholen, was wir seit gestern versäumt haben.«
    Endlich trat Ephraim ein. »Wer ist denn die leibhaftige Ungeduld,« fragte
der Korbflechter. »Das hat ja ein Mündchen und eine Kehle, wie gebohrt. Als ich
noch jung war, mussten wir Geduld haben. Ist das Jüngferchen bereit, so will ich
ihr den Arm reichen.«
    »Ueber den alten Gecken!« rief Lucie, warf uns Beiden ein Kusshändchen zu und
hüpfte zur Tür hinaus.
    »Was? Alter Stecken?« wiederholte Ephraim. »Mein allerliebstes Kind, zwar
heisse ich Ephraim Klapperbein, aber so gar steckenartig sehe ich doch noch nicht
aus. Und hören Sie, Jüngferchen, wenn Sie einmal in mein Alter getreten sein
werden, so wird sich's auch nicht mehr so rund und voll herumspringen lassen.«
    Für Lucie ging diese Rede verloren. Sie war schon die Treppe zur Hälfte
hinunter. In der Tür drehte sich Ephraim noch einmal um. »Und der Herr? Gehen
der Herr mit? Es ist ein Türaufmachen und so ziemlich an der Zeit, nach Hause
zu gehen. In fünf Minuten gehe ich zu Bett und kein Nachtschwärmer soll mich
wieder herausbringen, so wahr ich Ephraim Klapperbein heisse und in einem Jahre
zehn Eimer Wein getrunken habe.«
    »Geh nur, Ephraim,« sagte Auguste, »meinen Gesellschafter werde ich schon
selbst über die schwierigsten Passagen unserer Treppe hinwegbringen.«
    Wir blieben allein. In den Duft der Blumen mischte sich das Aroma der
säuselnden Sommernacht, Feuerfliegen schwärmten herein und glänzten in den
aufgelösten Locken Auguste's wie dunkle Rubinen. Bei allen Schrecken, die über
mir hingen, verlieh mir doch diese Nacht auch die seligsten Augenblicke. So
verketten sich die Ringe von Glück und Unglück, wie zwei Schlangen,
farbenschillernd, giftschäumend und doch bezaubernd im wandelnden Feuer, das auf
ihren Schuppen spielt. -
    Es schlug Mitternacht, als ich Auguste verliess, reich, wie ein Nabob, denn
ich war im Besitz ihres Herzens! - Du fragst, ob dies Alles sei? Ob mich der
heilige Rausch nicht hingerissen habe in seiner glücklichsten Betäubung und ich
mich gebadet in der Flammenglut des Fleisches, über dessen zitternde Wogen die
Psyche mit keuscher Hand den Himmel ihrer Flügeldecken wirft? - Ach, Ferdinand,
Du kennst sie nicht, die wunderlichen Launen der Weiber! Auguste hat mir Alles
gegeben, ihr Herz, den Glanz ihres Auges, in dessen lichter Wölbung ich die
wundersamste Sterndeuterei begann, Lust und Umarmung, aber die Seligkeit auf
Erden -? Das holde Kind meinte, nur die Verheissung sei beseligend. Sie entriss
sich mir; es gab noch mehr Unglück unter den Blumenstöcken, ich musste mich
beruhigen. -
    Du kannst es ebenfalls. Dein Begriff der Tugend und Unschuld, von dem ich
nie viel gehalten, steht noch sehr leserlich auf meiner Brust geschrieben. Bis
Du Dich an den Gedanken der Vernichtung dieser wundersamen Gotteit gewöhnt
haben wirst, soll er Dir bewahrt bleiben. Dann aber will ich ihn ausbrennen und
dennoch mich nicht schämen vor Deiner schneckenkalten Sittlichkeit. -
    Sieh! die Sommernacht neigt sich wieder dem Ende zu. Eine Welt in
Trümmerschutt ihres Chaos habe ich hingeworfen auf das geduldige Papier. Was
sich daraus formen wird, wer mag's bestimmen? Ueber eins aber freue ich mich.
Dies ist der alte Ephraim, der erste rein vergnügliche Mensch, der mir seiter
begegnet ist. Dieser brave Greis weiss nichts vom Schmerz des jugendlichen
Europäers. Seine Zeit ist mit ihm alt geworden und die schöneren Erinnerungen
aus der Sonnenwelt der Jugend trägt er wie Reliquien mit sich herum, in deren
Kusse er die welke Lippe des Alters frisch badet. Wir Andern alle, die wir uns
hier getroffen, sind mehr oder weniger dem Ungemach der Gährung hingegeben.
Selbst Auguste und Lucie, gewiss noch die Fleckenlosesten aus meiner
Bekanntschaft, fühlen dunkel die Qual, die mit dem Fortwandeln der Tage wie eine
dunkelgefleckte Boaschlange sich auf den Ast des Weltbaumes aufrollt, um sich
auf ihre Opfer zu stürzen.
    Der morgende Tag soll neue Rätsel lösen, vielleicht auch schürzen. Die
Geschichte der Ewigkeit ist über und um mir, wie der ferne, grause Donner des
Malstromes. In seinen Schlund hinab fährt, dünkt mich, das Schiff der Europa.
Übermut mit Schwäche und feigem Alter gepaart ist sein Kapitän, Koketterie und
Bedientendemut sein Steuermann. Glück auf die Reise, du europäischer Koloss mit
dem Colosseum deiner tausend und abertausend Heldengräber! Erweckt die alten
Schläfer das Donnergebraus' des Weltenstrudels, so wird dir ein Todtentanz
aufgeführt, der selbst den Schatten deines versunkenen Leibes noch einmal zur
Welt beleben könnte. Vergessenheit, zerdrücke den Docht meines Geistes, damit
ich nicht gegenwärtig sein darf bei der Grablegung Europa's! -
 
                                       4.
                                  An Raimund.
                                                            Köln, den 6. August.
    Es ist sehr unrecht von Dir, mich der Saumseligkeit zu beschuldigen. Weiss
ich doch, dass Ihr Brüder so eng in einander verwachsen seid, als wäret Ihr
Zwillinge. Nicht nur besteht Gütergemeinschaft zwischen Euch, die Ihr doch sonst
jeden Saint Simonistischen Gedanken unerbittlich verdammt, sondern auch Euer
tieferes Leben mündet sich gegenseitig in die Seele des Andern. Ich lobe und
achte dieses brüderliche Vertrauen, wiewol es nicht immer klug sein mag. Briefe
wenigstens sollte man nicht behandeln, wie ein gedrucktes Buch. Ein Brief ist
ein in Aufwallung aller Gefühle, Empfindungen, Leidenschaften verratenes
geheimes Liebesgeständniss an ein Herz, dessen Puls sympatisirende Vibrationen
mit dem unsern haben muss. Hast Du Dich übrigens vernachlässigt geglaubt, so wird
Dich dieser lange Brief von dem Gegenteil überzeugen.
    Meine bisherigen Erlebnisse sind Dir bekannt. Dein hohes Intresse an dem
Weltbewegenden, das sich darin ausspricht, wie Du meinst, bewegen mich, an das
schon Gegebene Eröffnungen zu knüpfen, die das Ansehen von Herzen haben, welche
im Sehnsuchtsdrange nach Taten zerbrachen. Das ist das Tragische in unserm
Leben. Es kann einer heut zu Tage ein ganz tüchtiger Kerl sein, die Conflicte,
das Aufgelöste, Zerrissene, machen ihn doch zum Lump. Darum ist nur der
Philister glücklich, dessen Horizont begrenzt wird vom Rande seines Kachelofens.
O, diese süss-behagliche Kleinbürgerlichkeit des Deutschen, welch' tiefe,
unergründliche Schmach hat sie über die ganze Nation gebracht! -
    Mit neugierigem Verlangen folgte ich an voriger Mittwoch Bardeloh. Meine
Mitteilungen hatten ihn ernstaft beschäftigt. Er verliess den ganzen Tag über
nicht einmal sein Zimmer und schrieb viel. Von Rosalie erfuhr ich zufällig
Abends beim Schachspiel, dass er Schriftsteller sei und zwar mit grossem Glücke.
Mehrere seiner Bücher waren sogar verboten worden, was ich aber grade nicht mit
zum Glück rechnen möchte. Der Name schien ihm dabei gleichgiltig zu sein, denn
er hatte sämtliche Schriften anonym herausgegeben. Vielleicht auch war es
Klugheit, die ihn dazu veranlasste. Ueber den Inhalt von Bardeloh's Büchern
konnte ich nichts erfahren, glaube jedoch zum Ziele zu treffen, wenn ich
behaupte, es seien wichtige Besprechungen europäischer und vorzugsweise
deutscher Zustände in poetischem Gewande, d.h. in einer Prosa, die den kühnsten
Gedanken in poetischen Formen leicht und graziös den Lebenden in den Schoss
wirft. Ebenso bekannte sie mir, dass er jetzt eben wieder schon seit längerer
Zeit an einem neuen, grossen Werke arbeite, das einen dialektischen Angriff auf
das Kirchendogma der Liebe, insofern es Anwendung erleiden will auf die Praxis
im socialen und politischen Leben, entalten wird. Es trifft diese Vermutung
sehr genau mit Bardeloh's eigenen Äusserungen zusammen und ich wünschte sehr
seine tieferen Gedanken über dieses Tema kennen zu lernen.
    »Ich muss mir heut erst eine Zerstreuung machen,« sagte Bardeloh,
»angestrengtes Arbeiten hat mich abgemattet. Lassen Sie uns rudern.«
    Wir gingen an den Hafen und bestiegen einen Nachen, der leicht wie ein Vogel
über die stille, hellgrüne Fläche hinflog. Wir trieben den Kahn erst
stromaufwärts und liessen uns dann von der Gewalt des Wassers hinab zur
Schiffsbrücke schaukeln. Bei unserer Zurückkunft sass Friedrich wieder auf dem
Krahnbalken und strich seine Geige. Er hatte uns kaum erblickt, als er johlend
herabsprang, uns zuwinkte und an Bord stieg. Dann ergriff er zwei Ruder auf
einmal und arbeitete mit einer Kraft den Nachen quer durch den Strom, die mich
in Erstaunen setzte. dabei wiederholte er mit herzbrechendem Lächeln von Zeit zu
Zeit nur das einzige Wort »Lebensfahrt.« Was er damit meint, ist schwer zu
erraten. Bardeloh versank, wie immer, wenn er diesem Menschen begegnet, in sein
quälerisches Brüten, sass stumm und bleich im Kahn, und spielte mit seinem
Siegelringe.
    Dieses Wasserexercitium hatte etwa eine halbe Stunde gedauert, als es
Bardeloh mit dem Worte »in den Hafen« unterbrach. Friedrich nickte mit dem Kopf
und landete. Ein Geschenk von Bardeloh nahm er mit seiner gewöhnlichen,
excentrischen Freudigkeit hin, schleuderte dagegen das von mir dargereichte in
den Rhein. Bei unserm Abgange sass er schon wieder auf dem Krahn und spielte die
Violine. Der Unglückliche hat etwas Grausenerregendes für mich, das durch ein
hartnäckiges Stillschweigen über ihn noch mehr Wirkung erhält.
    Bardeloh führte mich über den Heumarkt dem Dome zu. Noch hatte ich mich aus
einer Art heiliger Scheu nicht in die Majestät dieses Riesenbaues gewagt. Alles
Kleinliche, Beengende wollte ich zuvor beseitigen, um mit reinem, heiterem Geist
eintreten zu können in das Panteon mittelaltlicher Gedankengrösse.
    »Hier gibt es auch noch etwas zu sehen,« sagte mein Begleiter. »Sobald Sie
Stimmung haben, wollen wir uns einmal in dieser monströsen Unmoralität
untertauchen. Man darf jetzt nichts unversucht lassen.«
    Diese trockene Bemerkung war mir zu seltsam, um bei meiner damaligen
Stimmung mich in ein Disput mit Bardeloh einlassen zu können. Der Dom zu Köln
»eine monströse Unmoralität!« Das ist zu rund, um es begreifen und fassen zu
können.
    Nahe dem Dome befindet sich das berühmte Wallraffsche Museum. Dortin führte
mich Bardeloh. »Es ist nicht, um Ihnen grosse Merkwürdigkeiten zu zeigen,« sagte
er,»sondern bloss der Anregung wegen. Alles, was in diesen Sälen gesammelt ist,
trägt mehr den Stempel der Liebhaberei eines vermögenden Privatmannes, als den
einer wahrhaften Kunstsammlung. Aber es rüttelt doch auf, und das ist Grund
genug, ihm ein paar Stunden zu opfern.«
    Schnell durchwanderten wir die ersten Zimmer, in denen römische Vasen,
Altertümer verschiedener Art und einige merkwürdige Gemälde aus der frühesten
Zeit der deutschen Malerkunst aufbewahrt standen.
    »Das sind Alles sehr schöne Sachen für einen Kunst-Entusiasten,« sagte
Bardeloh »ein Mensch aber mit dem Orden des Weltschmerzes in der Brust kann
unmöglich grosses Behagen daran finden. Zu Altertümlern sind wir Modernen
verdorben.«
    Ein anderes Zimmer ward geöffnet und Bardeloh blieb auf der Schwelle stehen.
Der Koloss des Domes warf seine Schatten herein und hüllte die hier aufgestellten
Gemälde in ein Dunkel, das dem Beschauer keineswegs günstig war.
    »Was halten Sie von diesen Gemälden, Sigismund?« fragte Richard und lehnte
sich an die Türpfosten, die Arme über der Brust kreuzend.
    »Jenes uns gegenüber ist ein grosses Meisterwerk,« erwiederte ich und deutete
auf ein Gemälde, das mehr als die halbe Wand einnahm und dessen Figuren eine
fast übermenschliche Grösse hatten. Die Dämmerung liess im Anfang Licht und
Schatten sich nicht genau scheiden und ich bemerkte nur, dass ein paar Mönche die
Hauptfiguren bildeten.
    »Betrachten Sie es genauer,« sprach Bardeloh. »Sie müssen aber hier stehen
bleiben.«
    Ich befolgte seinen Rat und erkannte bald aus Farbenton und Auffassung den
Pinsel Rubens.
    »Es ist die Bekehrung des heiligen Franz von Assisi,« versetzte Bardeloh,
»ein Werk, das viel zu wenig beachtet wird von Künstlern und sogenannten
Kunstkennern. In diesem Gemälde liegt eine ganze Welt. Rubens hat sich selbst
übertroffen, ohne dass er es geahnt. Das Bild ist weit mehr wert, als die
Kreuzigung Petri in der Peterskirche, von der jeder Commis voyageur ein Langes
und Breites faselt. Jenes ist ein gutes Experiment, dies ist eine Tat. Der
ganze religiöse Wahnsinn mittelalterlicher Heiligkeit ist mit den genialsten
Schlaglichtern in dieses Gemälde verwebt, und Alles, was späterhin Möncherei und
jesuitischer Unsinn über die getäuschte Welt verhängten, das kann man
herauslesen aus diesem zusammenstürzenden Franz und seinen Begleitern. Will
einer erfahren, was es heisst, eine weltgeschichtliche Epoche moralisch
auffassen, und an ihr die Unmoralität der Zukunft nachweisen, der darf nur
dieses Gemälde mit productivem Gemüt betrachten.«
    Bardeloh liess mir jetzt hinlängliche Zeit, von allen Seiten aus dem
Rubens'schen Gemälde die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Ich will nicht
läugnen, dass es dem Künstler gelungen ist, mit grosser Genialität der
Menschengeschichte die verschwiegensten Seelentöne abgelauscht zu haben, um sie
als Harmonie durch Auflösung der grellsten Dissonanzen in diesem Gemälde
zusammenzustellen; aber es gehört eine Bardeloh'sche Art und Weise dazu, die
Dinge zu betrachten, um zu finden, was ihm bedünkte. Mir ist es genug, eine Tat
in dem Gemälde zu erblicken, die, bestehe sie, worin sie wolle, als Schöpfung an
sich immer moralisch ist. Das Werden, das Gestalten kann sich dem Unmoralischen
annähern, das Gewordene aber muss, als ein Fertiges, immer moralisch bleiben.
Freilich wird man dies vielfach bestreiten wollen und daraus die Moralität von
Jedem und Allem ableiten; es soll mich aber nicht irren. Die Kraft ist immer
gut, und die Tat als Manifestation der Kraft kann auch nur gut sein. Erst der
Conflict mit Zeit und Umständen erklärt sie für moralisch oder unmoralisch, wozu
als Ergänzung nicht wenig Vorurteile, Gewohnheiten, Sitten, Meinungen und
Satzungen beitragen, mit Einem Worte: die Philisterei des zahmen Gedankens gibt
den Ausschlag.
    Gesättigt von Kunst und Ideen verliessen wir das Museum.
    »Nun führen Sie mich nach dem Kloster, wo es so gesangreiche Mönche gibt,«
sagte Bardeloh. »Ich bin doch neugierig, wie sich ein Mönch des neunzehnten
Jahrhunderts im Gegensatz zu dem in Andacht aufgelösten Francesco ausnehmen
wird.«
    Einige Gässchen führten uns zu dem Gebäude. Dieselbe Stille wie vor einigen
Tagen! Grabesruhe lag um das öde Gemäuer, Todesröcheln schien aus jedem
Quadersteine heraufzustöhnen.
    »Hier also sitzt der fidele Vogel?« fragte Bardeloh. »Der Ort ist passend.
Die heilige Schaar ist so klug wie der profane Diplomat.«
    »Dort an jenem Fenster sah ich den Mann,« versetzte ich und deutete nach dem
engen Spalt. - Es blieb Alles still wie ausgestorben. Vor der Pforte wuchsen
Gras und Nesseln.
    »Unkraut,« murmelte Bardeloh. »Gleich und gleich gesellt sich gern. Lassen
Sie uns läuten.«
    Die Glocke dröhnte wie ein lauter, wehmütiger Lebensschrei in den weiten
Gewölben. Ein heiseres Lachen schallte von Oben herab. Es dauerte eine geraume
Zeit, ehe der Pförtner öffnete.
    »Ist der Prior zu sprechen?« fragte Bardeloh.
    »Tretet herein in das Haus des Herrn,« erwiederte der Pförtner, eine
Gestalt, in der das Menschliche, wie es schien, ohne Widerstreben der Regel
unterlegen war. Dieser Mensch konnte für eine simple Null gelten. Er führte uns
in das Sprachzimmer und entfernte sich dann, um den Prior zu rufen.
    Individuen, wie dieser Pförtner, taugen ins Kloster, überhaupt zu
gewöhnlichen Pfaffen. Es kommt ihnen nicht schwer an, Toren zu werden und bei
der notwendigen Metamorphose, die sie innerlich erleiden, geht es ab ohne
Todtschlag, ohne Seelenmord. Muss aber ein ganzer, voller Mensch sich dem
heiligen Wahnsinn der Satzung, des Dogma's fügen, so bleibt diese sogenannte
Moralität immer ein unmoralisches Factum. Verfehmung der Menschheit in uns, um
sich den sogenannten Himmel zu sichern, ist unsittlich.
    Der Prior trat ein. Bardeloh schrack gleich mir zusammen, als er in dem
Oberen des Klosters einen seiner Abendgäste erblickte. Auch dem Prior schien
diese Entdeckung zu geniren. Es war der gewandteste Weltmann im Salon des
Particulier's.
    Durch seine stets lächelnde Miene war er mir schon damals aufgefallen, doch
hatte ich nicht mit ihm gesprochen.
    »Was verschafft mir die Ehre Ihres wertvollen Besuches?« fragte etwas
verschüchtert der Prior.
    »Ei,« erwiederte Bardeloh, »ich konnte doch nicht unterlassen, Ihnen meinen
herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Versetzung abzustatten.« - Der Prior horchte
mit offenen Ohren und Augen. - »Ihr Avancement vom Weltgeistlichen zum
segenverheissenden Vorsteher eines Klosters ist für mich ein zu bedeutsames
Ereignis.«
    »Sehr verbunden, sehr verbunden!« erwiederte der Prior, mit schlauem Tact in
Bardeloh's Gedanken eingehend. Er drückte meinem Begleiter die Hand, die dieser
mit ächt katolisch-andächtiger Grazie an die Lippen führte.
    »Als alten Bekannten werden Sie mir gewiss einen kleinen Gefallen erweisen,«
fuhr Bardeloh fort.
    »Sie haben zu befehlen, trefflicher Mann, so weit Ihre Wünsche nicht gegen
die Ordensregeln verstossen, die ich als neugewählter Prior mit grosser Vorsicht
beobachten muss.«
    »O, es ist nur eine Kleinigkeit, Hochwürden! Mein Freund hier, ein ferner
Anverwandter, hat gehört, es soll sich in diesem Kloster ein Mönch aufhalten,
der aus hohem Stande entsprossen, sich den Unwillen seiner Familie zuzog und um
ihren Verfolgungen zu entgehen, die Priesterweihe empfing. Familienverhältnisse
machen ein Zwiegespräch unter vier Augen nötig.«
    »Dann würde ich den Herrn um Mitteilung des Namens bitten.«
    »Doch nicht! Ein Muttermal wird sicherer zum Ziele führen, da die
Hartnäckigkeit dieses Menschen bekannt ist und ihn wahrscheinlich aus Argwohn
abhalten dürfte, seinen Namen anzugeben. Ein Besuch der Zellen ist gewiss nicht
verboten?«
    »Keineswegs, nur muss es in meiner Begleitung geschehen.«
    Ein Lichtglanz, wie auf dem Ruben'schen Gemälde, umfloss Bardeloh's Gesicht.
Er schien gerade diese Begleitung zu wünschen. - Stillschweigend traten wir
unsere wunderliche Wanderung an. Die meisten Zellen waren leer, das Kloster
schien aussterben zu wollen, wie die bigotte Andacht.
    »Treten oft neue Mitglieder in den Orden?« fragte ich.
    »Seit zehn Jahren ist kein Novize mehr aufgenommen worden.« Jetzt kamen wir
an die bewohnten Zellen. Die Mönche begrüssten uns mit dem scheuen Argwohn, der
Menschen eigen ist, die nie oder höchst selten in die Welt kommen. Es lag in
ihren blassen Gesichtern mehr Stupidität, als vergramtes Leben. Sie zu
beherrschen konnte nicht schwer sein für Einen, der nicht ganz an Geist
verwahrlost war. - Unsere Musterung ging zu Ende. Wir verliessen die letzte
Zelle, das Gesicht dessen, den wir suchten, war uns noch nicht vorgekommen.
    »Es muss eine Täuschung sein,« sagte Bardeloh. »Wir bitten um Entschuldigung,
Ew. Hochwürden gestört zu haben.«
    Der Prior sagte eine verbindliche Schmeichelei und ward beredt. Er erzählte
verschiedene Wundersagen, die im Kloster seit Jahrhunderten heimisch geworden
waren. Die Gänge auf und abwandelnd schlug Bardeloh mit diplomatischer Feinheit
immer diejenigen ein, die wir noch nicht betreten hatten und war so vorsichtig,
bei jeder neuen Wendung einen seinen Rötelstrich unbemerkt an die Wand zu
machen, indem er sich den Anschein gab, als halte er sich daran. Der Prior
bemerkte diese strategische Vorsicht nicht. Plötzlich ward das Gespräch unsers
Führers durch ein lautes Lachen unterbrochen, dem unmittelbar eine Strophe aus
jenem mir schon bekannten Liede folgte. Wir waren am Ziele. Dieser Ton
wahnsinniger Lust brach dumpf aus einem Turme, der vor uns den Gang schloss und
mit einer ei- senbeschlagenen Tür wohl verwahrt wurde. Der Prior erbleichte,
biss die Lippe ein und wollte umkehren.
    »Was haben Sie denn da für einen lustigen Vogel?« sagte nachlässig lachend
mein Gastfreund. »Lassen Sie uns doch näher treten. In meinem Leben habe ich
noch kein so vergnügliches, frivolwitziges Lied in Klostermauern gehört.«
    Der Prior konnte uns nicht hindern. Wir standen an der eisernen Tür. »Es
ist ein Toller,« sagte unser Führer, »den wir der Sicherheit wegen in diesen
engen Gewahrsam gebracht haben.«
    »Ach Tolle, Sie wissen es, Hochwürden, Tolle sind meine wahre Passion!« rief
wie verzückt und in ganz verdachtloser Vergnüglichkeit Bardeloh aus. »Ich bitte,
lassen Sie mich das seltsame Menschenkind sehen! Ohnedies beschäftige ich mich
jetzt mit dem Studium der umgekehrten, will sagen, der rückwärts sich
entwickelnden Menschheit, und da könnte mir der Anblick einer solchen Curiosität
von ganz besonderm Nutzen sein. Bitte, Hochwürden, lassen Sie die Tür öffnen!«
    »Nur auf einen Augenblick,« versetzte der Prior, aus seiner Ordenstracht
einen Schlüssel hervorziehend. »Ich muss hier immer selbst Pförtner sein,« setzte
er hinzu, »damit keine Unordnung geschieht.«
    Die Tür drehte sich in ihren Angeln, eine abgemergelte Menschengestalt, in
die zerfetzte Ordenstracht gehüllt, sass auf einem Block. Eine starke Kette
schmiedete sie an die Mauer. Mehr aber noch als die Gebrechlichkeit seines
Körpers und die irre Glut, die aus dem tiefliegenden Auge brach, entsetzte mich
eine blutrote Narbe, die von der linken Schläfe in Form eines Halbmondes bis
auf die Mitte der Stirn herab lief. Gram, Angst und die Zerstörung des Wahnsinns
hatten den Scheitel fast aller Haare beraubt. Der Mensch glich einem lebendig
gewordenen Todtenkopfe.
    »Er ist es!« rief Bardeloh aus und packte zugleich mit Riesenkraft den
Prior. »Sieh mich an, Schurke!« fuhr er fort dem Erschrockenen in's Gewissen zu
donnern, »und läugne, dass wir Brüder sind.« Er riss den Hut vom Haupt und strich
von der linken Schläfe die Haare zurück, die eine eben solche Narbe, nur weit
kleiner und blässer verdeckten. »Das ist mein Zwillingsbruder. Wir tragen das
Schreckenszeichen, dessen Anblick unsrer Mutter das Leben kostete. Ich fordere
das Leben dieses Unglücklichen von Deiner Seele!«
    Der Mönch lachte zu diesem Austritt und sang in kurzen Zwischenräumen
Strophen aus seinem Liede. In der Kirche begann eben wieder die Hora. »Ja singt
nur, Ihr Heuchler,« schrie Bardeloh und warf sich auf die Ketten des
Wahnsinnigen, die seiner Kraft wichen und, morsch wie sie waren, zersprangen,
»singt nur und ruft die Strafe des Himmels herab auf die gottverlassenen
Gewölbe, wo die gesunden Sinne zur Tollheit erzogen werden.« -
    Entsetzen lähmte den Prior. Der entfesselte Mönch stand mit einem
schluchzenden Gelächter auf, ergriff seine Ketten und umschlang, ehe wir es
hindern konnten, mit den rostigen Gliedern den Prior. Dann fiel er in seinen
Gesang und raste im wilden Tanze unter dem Sterbegeläute des Kettengeklirrs mit
seinem Opfer in der Zelle umher. Mir vergingen die Sinne, ich hörte nur noch die
grässlichen Worte:
»Sei gegrüsset, holde Schöne!
Dich, Maria, mit Gestöhne
Bet' ich an - 'nen Kuss, 'nen Kuss! -
- Sed tu, bonus, fac benigne,
Ne perenni cremer igne! etc.«
    »Da haben Sie die Moral der Rache,« sagte Bardeloh, zurückgesunken in die
vernichtende Ruhe eines Menschen, der im Weh des Lebens das Glück verloren hat,
den Schmerz sichtbar werden zu lassen in seinen Mienen. Noch eine kurze Zeit und
der Mönch stürzte mit sammt dem Prior zu Boden. Eine bange Stille trat ein. Die
Jammergestalt des Unglücklichen zuckte fieberisch, der Prior, dessen Nacken von
der Kette des Wahnsinnigen umschlungen ward, hob und senkte nur noch die
Augenlider. Fester schnürte sich die Kette um seinen Hals. Das brechende Auge
schleuderte einen ewigen Fluch auf Bardeloh. Der Wahnsinnige ermattete mehr und
mehr, er wiegte sein haarloses Haupt hin und her und stammelte mit lächelnder
Lüsternheit die Sylben seines unsittlichen Gesanges.
    »Wie wird das enden?« seufzte ich aus meinem brechenden Herzen, als die
Blässe des Todes wie ein Leichentuch über das Gesicht des Priors fiel.
    »Sehr gut,« sagte mit unerschütterlichem Gleichmut Bardeloh. »Bleiben Sie
hier. Ich gehe zu den Confratres, erzähle ihnen, was sie zu wissen brauchen und
legitimire mich bei der geistlichen Behörde. Wie der Mensch gestorben, kann ein
unmündiges Kind begreifen.«
    Bardeloh ging fort, ich blieb bei dem Leichnam und dem in Ohnmacht
gesunkenen Mörder desselben. Es war die entsetzlichste Stunde meines Lebens, die
an mir vorüberzog. O, könnten wir einen Seherblick tun in die geheime
Geschichte klösterlichen Lebens, es würde die blutigste Biographie des
Menschenherzens sich herausheben aus verschwiegenem Schutt und Moder, und der
Anfang des Weltgerichts hereinbrechen über die Erde! Nur der Gedanke, dass in der
Gesammtgestaltung des innern Weltlebens ungesucht sich ein Frieden begründet,
welcher den bittern Widerstreit zwischen dem lauschenden Skepticismus des
Verstandes und den Irrungen des nach Heiligung trachtenden Menschenherzens
ausspricht, kann uns beruhigen.
    In kurzer Zeit erschienen die Brüder und knieten in stummen Gebet um ihren
todten Prior. Bald darauf kam Bardeloh zurück mit den Behörden. Die Legitimation
war schnell geschehen, über die Todtesart des Prior konnte kein Zweifel
aufkommen. Bardeloh erzählte den Vorgang der Wahrheit getreu mit Verschweigung
Alles dessen, was nachteilig für ihn hätte werden können. Der Wahnsinnige,
behauptete er, habe seine Ketten selbst zerrissen. Dies musste er auf das
Kruzifix beschwören, was er ohne Widerstand tat und mit grossem Ernste. Er
verlangte hierauf Auslieferung des Bruders, die man ihm um so weniger
verweigerte, als sorgsame Pflege sehr wahrscheinlich das einzige Mittel zu
seiner Genesung werden konnte. Alle Anzeichen, auch die Aussagen der ältern
Brüder, bestätigten, dass der Wahnsinnige gegen seinen Willen in's Kloster
gebracht und darin festgehalten worden sei. Wie weit der Prior daran Teil
gehabt, war schwieriger zu ermitteln, doch schien aus Allem hervorzugehen, dass
eine unerbittliche Feindschaft zwischen dem Todten und dem Mönch bestanden habe,
und die Einkleidung des Letzteren eine Art Rache von Seiten des Priors gewesen
sei. Bardeloh beobachtete, wie gewöhnlich, ein hartnäckiges Stillschweigen, wie
es schien, weil er selbst über die ächten Beweggründe nicht im Klaren war.
    Nach einer halben Stunde kehrten wir in Bardeloh's Wohnung zurück, etwas
später ward der Bruder meines Gastfreundes in einer verschlossenen Kutsche,
gefesselt an Händen und Füssen, dem Verwandten übergeben. Ein festes Zimmer ist
seitdem sein Aufentalt und seine Kräfte nehmen sichtlich zu. Er ist geduldig
wie ein Kind und spielt mit unverkennbarer Hinneigung zu Felix mit diesem. Ueber
den unglücklichen Tod des Priors gehen zwar verschiedene Gerüchte, doch
entfernen sie sich alle weit von der Wahrheit. Bardeloh ist seitdem noch viel
schwermütiger und schweigsamer geworden, behandelt mich aber mit der
freundschaftlichsten Aufmerksamkeit. Ich habe ihm versprechen müssen, das ganze
Jahr und auch den Winter hindurch bei ihm zu bleiben. -
    Dies waren die Folgen eines unschuldigen, harmlosen Spazirganges Wie seltsam
sich die Schicksale verketten! Fremd, ohne wahrhaftige Freunde zu besitzen, muss
ich die Veranlassung geben zu einem Morde, aber auch einen Unglücklichen
befreien, vielleicht um ihm zu einer nur mässigen Gerechtigkeit zu verhelfen. -
So Ausserordentliches kann sich nur in einer katolischen Stadt ereignen, in
deren rostigen Fesseln die Geschichte immer des Augenblicks harrt, der sie
wieder austreten lasst als Schöpferin einer Tat. Der Zwang ist unser Befreier,
die Kette der Laufring, worin die Tugend gehen lernt. Und nebenher trottet die
ewig geduldige Zeit, als gutmütige Amme, die besorgt um das lebhafte Kind den
Ring immer enger zieht, wenn es stolpert. Wann werden wir endlich aufhören zu
stolpern? Gott des Himmels, lass uns doch nicht mehr stolpern, sondern kräftig
wie junge Löwen umherspringen! Vielleicht macht das Alter die Amme blind. Dann
wird sie sich freuen ihrer Ziehkinder, die Taten vollbringen, um der Blinden
des Abends, wenn sie ruhen, die Zeit durch Erzählungen zu vertreiben. Eine Tat,
ach eine Tat, die ganze Welt für eine Tat! -
                                                                  Den 7. August.
    Es ist wieder Nacht, ich habe das neunfache Siegel gebrochen und einen Teil
von Gleichmut's Lebensgeschichte gelesen. Wenn der unsicher zitternde Buchstabe
Dich anstarrt aus diesem Briefe, wie das Bangen eines Geheimnisses, so wundere
Dich nicht darüber. Selten ist es uns vergönnt, im Herzen des Fremden eine
Lösung für Rätsel zu finden, die mit ertödtendem Nachsinnen eine halbe Welt von
der heitern Tat zurückhalten. Ich habe den Prediger schwören müssen, nur in der
Einsamkeit der Nacht Umgang zu pflegen mit seinem Leben, als wäre es eine
verschämte Geliebte, die sich nur im Dunkeln dem Freunde hingeben will. Das
Versprechen habe ich gelöst. Ob er auch Verschwiegenheit verlangt? Schwerlich!
Denn die Art seiner Erzählung klingt wie ein Aufruf an alle Welt und kann,
verbreitet, Tausenden zur Rettung gereichen. Ausserdem scheint es mir, als wolle
der fernere Verlauf dieser Mitteilungen sich in die Maschen des Lebensnetzes
verwickeln, das der Zufall auch über mich geworfen hat. Nimmst Du Teil an den
Leiden eines strebenden Geistes, so lies die folgenden Blätter, fürchtest Du
aber den Unmut, der wie ein finsterer Geist Dich umkreisen wird bei dieser
Lectüre, so überschlage sie. Nur für den Bewegten, Freundlosen und vom Weh des
Lebens Gequälten können diese Eröffnungen einen Trost entalten. Hier der
Anfang.
   Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Streben Irregeleiteten.
    »Meine Kindheit war ein langer Fluch in Mandelmilch aufgelöst. Ich trank den
süssen Saft, ohne zu merken, welches Gift ich genoss. Erst im dreizehnten Jahre
zeigten sich fühlbare Spuren der verschlungenen Mixtur. Dieser Fluch war die
übertriebene Frömmigkeit meiner Aeltern, wie man damals die Unbewussteit zu
nennen beliebte, die sich in unbedingter Hingabe an Altüberliefertes ausspricht.
Dagegen hatte ich selbst nichts einzuwenden gehabt; denn dasjenige, was durch
Gewohnheit überzeugende Kraft gewonnen, lässt sich schwer ausrotten. Der Fehler
lag nur in meiner unglücklichen Constitution. Mein frommer Vater hatte,
unbeschadet seiner Frömmigkeit, der Liebesgöttin zu tief in die feuchten Augen
gesehen, als der Himmel sein gnädiges Gedeihen gab zu einer ungleichen Liebe in
rechtmässiger Ehe. Das Kind der Ehe ward - seltsam genug - als ein Kind der Liebe
geboren, und kam auf die Welt mit farbigen Flügeldecken, die nur notdürftig den
Mut des Lebens und die Freude an heiterem ungenirten Genusse dieses Erdenlebens
verbargen.
    Die Liebe ist blind, selbst bei frommen Aeltern. Die meinigen bemerkten zu
spät, dass ihre Liebe zu mir sie das Berupfen meiner Schwungfedern hatte
vergessen lassen. Man wollte nachholen, was nur in einem einzigen glücklichen
oder unglücklichen Augenblicke gelingt; es war zu spät, die Federn liessen sich
nicht mehr ausziehen! Meine Aeltern gingen fleissig zu Kirche und Abendmahl und
schenkten dem heiligen Geiste zwei silberne Leuchter, wahrscheinlich, damit er
mich gnädig mit dem sanften Licht seines Taubengesichtes erleuchte. Diese
heilige Kur schien aber bei mir schlecht anzuschlagen, wie alles Heilige. Von
Stund an wuchs meine Lebenslust, die Gedankenzwiebel fing an zu keimen und ihr
narkotisches, neunhäutiges Gewand duftete so stark, dass meine Aeltern Kopf- und
Verstandesschmerzen davon bekamen. Ich dachte schon damals Dinge, die vor
zweihundert Jahren in der Schmelzglut eines Scheiterhaufens geläutert worden
wären.
    Diese Wahrnehmung brachte grosse Besorgnis in unser Haus. Es ward ein Rat
versammelt und die Friedenspfeife angezündet. Als ihre heiligen Dampfwolken
einen dichten Nimbus im Zimmer bildeten, beschloss man, mich der Kirche zu
offeriren. Dieser Beschluss ward mir bekannt gemacht und ich nahm ihn hin, wie
jeden andern. Konnte ich doch nebenbei tun und denken, was ich wollte. Das
Bewusstsein der Göttlichkeit hoffte ich mit der Zeit ebenfalls in mich
hineinzubringen.
    Dreizehn Jahre alt ward ich in die Schaar der erwachsenen Christen
aufgenommen. Die Confirmationshandlung unterhielt mich. Es vereinigte sich dabei
viel unnötiger Flitter und einige Repräsentation. Ich hatte selbst eine Art
öffentlicher Charge, konnte mich zeigen, und diese erste Probe von Ostentation
schmeichelte meinem ruhmsüchtigen Herzen. Das Heilige, wovon mir zwar endlos
vorgeschwatzt worden, dessen Wichtigkeit Lehrer und Aeltern mir salbungsvoll
eingeredet hatten, ohne mir doch das Warum? desselben auch vernunftgemäss dartun
zu können, dieses Heilige blieb mir leider völlig unbegreiflich! Auch lebe ich
noch heut der festen Ueberzeugung, dass alle jene andächtigernsten Gesichter
selbst nichts davon ahnten. Ihre Gutmütigkeit, ihre Glaubensschwäche oder
Stärke, ihre gottserbärmliche Gabe, sich an etwas Gegebenes eher anzuschliessen,
als aus sich selbst etwas Neues, diesem Gegebenen Entgegengesetztes zu
entwickeln, vermochte sie dazu.
    Unter solchen Verhältnissen nötigte mich die Confirmation zu einer Art
Meineid und die erste Abendmahlsfeier konnte ich - entsetzlich genug - späterhin
nur als meine erste Gotteslästerung betrachten. Sicher aber wird der gnädige
Gott mir diese Todsünde nicht hoch anrechnen. Wie konnte auch der weltlich
gesinnte Knabe mit der schäumenden Sinnenlust Geheimnisse begreifen, die ein in
Heiligkeit und beschaulichem Leben abgetödteter Mensch noch dunkel und
rätselhaft genug findet! Mein einziger Genuss bei dieser kirchlichen
Feierlichkeit war, dass ich Zeit dabei gewann, mich recht innerlich in meinen
eignen Gedanken zu ergehen. Nach der Handlung selbst wollte ich eine lustige
Geschichte erzählen; da nahm mich der Vater bei der Hand und sagte
feierlich-ernst: bedenke, was Du heut vorgehabt, mein Sohn! Ach, du lieber
Himmel, ich hatte ja gar nichts vor, und das war eben die Ursache meiner
kindlich-frommen Heiterkeit. Indes schwieg ich und war im Ernst bemüht, mich
hineinzuheucheln in den feierlich-trübseligen Ton der Uebrigen.
    Es vergingen Jahre, ehe mir der heilige Wahnwitz dieser Menschen deutlicher
ward. Noch aber weiss ich mich des Tages sehr wohl zu erinnern, weil an ihm die
Urkunde meines ferneren Lebensunglückes von mir selbst besiegelt wurde. Ich
gelobte nämlich meinem Vater, ein Gottesgelehrter werden zu wollen, ein
Versprechen, das ich bitter bereut habe, weil meine innerste Natur in einer
feindseligen Verfassung gegen dasselbe sich befand, und dadurch genötigt ward,
zum Schlimmen zu kehren, was unter anderen Umständen das Herrlichste hätte
entwickeln können. Gut, mein Sohn sagte der bewegte Mann, Du hast mein Herz
beruhigt, stärke Dich an heiliger Stätte. - Ich ging zur Beichte, und Tag's
darauf zum Tische des Herrn. -
    O wie brach an jenem Tage der Himmel über mir zusammen und bedeckte mich mit
dem Funkennebel seiner zertrümmerten Sterne! Von nun an sollte ich ja
ausschliesslich mein ganzes Dasein diesem geschäftigen Dunkel widmen, das ich nie
begreifen konnte, und grübeln über unbewussten heiligen Tand! Ich fühlte, dass der
Drang meines Herzens nicht dahin sich wendete, sondern der entgegengesetzten
Seite zu, wo das heitere Leben sich bewegte mit dem blühenden Scherz und der
offenen, unverhüllten Menschlichkeit! Ich begann zu sinnen und durfte nicht
lange nach einem Ausgange aus diesem Labyrinte suchen. Beruhigt tat ich
fortan, was man gewöhnlich Pflicht nennt und war dabei weder kalt noch warm. Es
war der erste Moment, wo ich anfing, im schlimmen Sinne ein Protestant zu
werden. In dieser Zeit bildete sich stillschweigend in mir ein eigenes
philosophisches System aus, das sich wesentlich von allen andern, ältesten und
neuesten, unterschied. Es ist zwar nicht gedruckt worden, doch sicher unter
vielen meiner lieben Amtsbrüdern sehr bekannt. Dieses System ist das jenes
Protestantismus, der nie gepredigt wird. -
    Abermals war eine kleine Reihe von Jahren an mir vorübergezogen. Sie
verwandelten nicht meine Denkart, sondern boten nur Stoff zu deren
eigentümlicher Ausbildung. Im Streit mit Allem, was Verjährung und altgewohnte
Sitte zum Gesetz gestempelt hatte, ward ich ein Sohn jener freieren
Weltbewegung, die erst zehn Jahre später Europa durchzitterte. Nur mit Mühe und
der Angst stiller Selbstbeherrschung konnte ich die Lehren ohne Widerspruch
hinnehmen, die uns als die alleinige Wahrheit von verschiedenen Seiten her
geboten wurden. Es war sogar wenig Fruchtbringendes in diesem schalen Einerlei.
Die Gedanken schwammen mit gebrochenen Augen darauf herum und wurden still
begraben im Zuguss des neuen, wasserdünnen Nichts. Mir hüpfte das Herz vor
Freuden, als die Hochschule endlich meinen Forschungen einen grösseren Spielraum
für Befriedigung meiner geistigen Gelüste verhiess.
    Strotzend von gesunder Lebenskraft betrat ich den Schauplatz der Welt. Mein
Geist schlief nicht, er tobte mit Ungestüm gegen die Fesseln, die Schulzwang,
unverständige kindliche Liebe und gepredigter Gehorsam wohlwollend ihm angelegt
hatten. Sie zersprangen von selbst, als die erste Welle des freien Lebens die
rostigen Glieder berührte. Es begann ein schönes Leben, voll blühender
Hoffnungen, voll süssen Glückes. Das Reich des unerschöpflichen Gedankens schlug
seine Flügeltore mit zauberischem Klange aus einander und neugierig,
erkenntnisssüchtig stieg der unbefangene Sohn der Natur in diese reichen Gänge
voll unbekannter, seltsam gestalteter Erze. Wie mit tausend Geisteraugen stammte
die neue Geheimnisswelt - ein zweiter Sternenhimmel - um mich und über mir; aber
auch dieser sollte bald getrübt werden durch die Doctrin neuer Satzungen.
    Hatte mich in der frühesten Jugend das Gemessene im Betragen, das Verlangen,
jede Regung einzudämmen in die eng gezogenen Grenzen des sogenannten
Schicklichen, erbittert, und dem Erfinder solcher Widersinnigkeiten fluchen
lassen; so wandte sich jetzt mein Zorn mit dem ganzen Grimm der erwachenden
Männlichkeit gegen ein Dogma, das, so fühle ich, dem Menschen seine Würde, dem
Herzen seine seligsten Freuden raubte. Der Mensch, immer geneigt, dem Scheine
zuerst zu huldigen, ehe die gesunde Vernunft ihm das Unhaltbare desselben zeigt,
hatte dem Vernichtenden die Hand gereicht, und im Lauf der Jahrhunderte auf zwei
Doctrinen, die allbekannt sind, das ganze Gebäude der neuen Religion gestützt.
Die Hauptlehre des Christentums die Liebe ward unerbittlich, obwol unmerklich,
aufgehoben durch jene beiden. Eigennutz und Ehrsucht ermangelten nicht, daran zu
bilden und zu feilen, bis ein künstliches Netz entstand, in dem sich bequem der
Mensch gefangen nehmen und die Heiligkeit seines Wesens einspinnen liess unter
der Vorspiegelung, er werde dadurch gottähnlicher gemacht.
    Früher, mehr beschäftigt mit der Profangeschichte als dem Kirchenleben, war
mir dies so gut wie unbekannt geblieben. Nun aber schlug mit der
Kirchengeschichte sehr oft ein zweitausendjähriger Jammer sein wahnsinniges
Gelächter vor mir auf, und alle Völker Europa's wimmerten im Chor das Echo
dieses entsetzlichen Weh's. Umsonst schloss ich die Augen, umsonst trocknete ich
den Schweiss von der erbleichenden Stirn, das Weh gebar sich immer wieder von
selbst aus jedem hinsterbenden Jahrzehnd, und wucherte fort, je dichter die
Leichname über einander hinstürzten. Ist denn das Christentum? fragte ich laut
und leise den Gram meiner Seele, und sollst denn Du ein Lehrer werden dieses
Wahns? - Aber es erfolgte keine Antwort auf meine Fragen, nur das Aechzen der
sterbenden Jahrzehende weinte aus der weiten Todtenhalle, und der Duft der
modernden Jahrhunderte hing seine feuchten, glänzenden Siegesfahnen in kaltem
Farbenschmuck über den hinsterbenden Völkern auf. - Dort auf dem Kateder aber
standen die schwarzen Männer mit den verwimmerten Gesichtern, in denen kein
frisches, fröhliches Leben mehr seine heiligen Rosen erblühen liess, und docirten
als geschichtliche Facta, als heilige Vermächtnisse grosser Vergangenheiten, was
mein seltsam gebildeter Verstand nicht fassen konnte.
    Nie war ich unglücklicher gewesen, nie grimmiger im Leben.- Das also sollte
ich mir aneignen, um eine Carriere zu machen? Das war der tiefe Sinn einer
Wissenschaft, die sich in terroristischer Demut eine heilige nennt? -
    Ueberall sprach man von dem Gesetz der Liebe und nirgends fand sich eine
Anwendung desselben in der Praxis. Diesem zur Seite stand die Toleranz, die aber
nur geübt ward in dem unmoralischen Sinne, der versteckt liegt in ihr. Ueber
beiden aber schwankte triumphirend das Gespenst der Ascese.
    Das Unglück macht den Menschen eben so oft verschlossen als gesellig. Man
will die Last abwerfen in der Rede zu Anderen, die gleiches Bedürfnis haben, und
mit dem Lichte des Verstandes beleuchten, was der Glaube in seinen dunstigen
Schleier hüllt. Nach langem, einsamen Denken schloss ich mich an einige Menschen
an, die ich bald kennen gelernt hatte und deren Wesen mich anzog, ohne dass es
mich gerade hinriss zur innigsten Freundschaft. Diese jungen Männer waren von den
verschiedensten Naturen, alle mehr oder minder geistig begabt, aber in ihrem
Denken eben so getrennt, als in den religiösen Bekenntnissen, denen sie
angehörten. Um eine klare Darstellung von dem zu geben, was als Folge aus diesem
Umgange für mich notwendig hervorgehen musste, sehe ich mich veranlasst, meine
damaligen Freunde einzeln zu charakterisiren.
    Am nächsten stand mir in früherer Zeit ein katolischer Jüngling, dessen
tiefes Gefühl wohltätig auf mich wirkte durch den Contrast, welchen es bildete,
mit meiner Superiorität des Verstandes. Eduard gehörte keineswegs jenen bigotten
Alltagsmenschen an, die man noch immer häufig genug unter Katoliken jedes
Ranges und Standes trifft. Er hatte sich aus Neigung dem Studium der Medicin
ergeben und würde dadurch allein, auch ohne ein tiefer liegendes Bedürfnis, zu
einer Anschauung von Welt und Zeit gekommen sein, die einem hoch ausgebildeten
geistigen Liberalismus entsprechend gewesen wäre. Eine derbe gesunde
Sinnlichkeit, die wohl im Scherz die Grenzen der Convenienz übersprang, machten
mir ihn besonders wert. Es war nichts in ihm krankhaft, und wo ihm nur die
Ahnung einer Schadhaftigkeit beschlich, war er gewiss sogleich auf die Vertilgung
derselben ernstaft bedacht.
    Bei dieser Freisinnigkeit war mir auffallend, wie er unerbittlich an der
Vortrefflichkeit der katolischen Kirchenlehre festalten und diese sogar mit
Geist und schlauer Dialektik verteidigen konnte. Am meisten Streit verursachte
zwischen uns die Lehre von der Ascese, deren beseligende, sittliche Kraft Eduard
unablässig anpries, ohne doch, wie ich gewiss glaube, von der Wahrheit seiner
Behauptung überzeugt gewesen zu sein. Er war unerschöpflich in Aufzählung von
Gründen und Beispielen, die alle dahin zielten, die Abtödtung des Fleisches zu
apoteosiren. Die ganze Geschichte der Heiligen wurde durchgegangen und an ihr
scharfsinnig nachgewiesen, wie ohne Ascese ein gottgefälliges Leben unmöglich
sei. Um ihn zu ärgern oder mindestens zu einem Ziele zu drangen, ermahnte ich
zur Nachahmung solcher Werkheiligkeit, und bestürmte sein Gemüt so lange und
heftig, bis ein unverkennbarer Trübsinn ihn befiel, seine Besuche seltener
wurden und fast jede Spur früherer Gesundheit sich gänzlich an ihm verlor.
    Von meinen sonstigen Freunden hörte ich, dass er seit einiger Zeit engen
Umgang pflege mit einem katolischen Teologen, dessen Ruf ein höchst
zweideutiger war. Man nannte mir damals den Namen dieses Mannes, die Zeit aber
hat ihn aus meinem Gedächtnisse verwischt. Die allgemeine Stimme Aller, die ihn
kannten, vereinigte sich dahin, dass jener Teolog ein vollendeter Jesuit sei und
eine glänzende Laufbahn ihm wohl nicht entgehen werde.«
    Eines Tages kam Eduard verstört zu mir. »Gleichmut,« redete er mich an,
»bist Du noch immer nicht überzeugt von dem Wert der Ascese, wie ihn die
katolische Kirche lehrt?«
    »Nein, Liebster,« versetzte ich, »vielmehr sehe ich immer mehr die
Unmoralität dieser Doctrin ein, und sieht man Dich an, Eduard, so könnte man
sehr leicht auf den Gedanken kommen, Du seist seit einiger Zeit von der Teorie
zur Praxis übergegangen. Eduard, Du siehst sehr krank aus.«
    »Ich bin es, weil ich erkannt habe, dass die Sünde an mir haftet.«
    »Du bist ein Narr!« fuhr ich heraus.
    »Womit willst Du diesen Beweis führen?« fragte Eduard, anscheinend
gleichgiltig.
    »Den Beweis Deiner Narretei?«
    »Ja, wenn ich bitten darf.«
    »Es gilt!«
    »Nun?«
    »Wenn ich verlange, Eduard,« fuhr ich fort, nur mit Mühe ein sardonisches
Lächeln unterdrückend, »Du sollst die Moralität Deiner so gepriesenen Ascese
durch Selbstausübung derselben an Dir dartun, bist Du dann geneigt, dieser
Forderung zu entsprechen?«
    Eine hohe Röte überflog Eduards Gesicht. Ohne Antwort zu geben, riss er die
Kleidungsstücke von seinem Körper und zeigte mir eine Schulter, die von
Geisselhieben grausam zerrissen war. »Du siehst,« setzte er hinzu, »Charlatanerie
liegt nicht in meinem Charakter. Was ich behaupte, kann ich auch beweisen, und
damit Du diese Pönitenz nicht etwa bloss für eine vorübergehende Grille hältst,
verspreche ich Dir, fünfzehn Jahre lang der Welt zu entsagen und in einem
Kloster die Frivolität meines früheren Lebens zu büssen.«
    Vergebens bot ich jetzt meine ganze Beredtsamkeit auf, um den Unglücklichen
von diesem Entschlusse, den ich grossenteils veranlasst hatte, zurückzubringen.
Eduard beharrte darauf, berief sich auf die heiligen Ermahnungen eines
wohlwollenden Priesters seiner Kirche und schied, meiner verhindernden Massregeln
ungeachtet, in wenig Tagen aus dem Kreise meiner Bekannten, um als Novize in ein
Kloster zu treten. Nach fünfzehn Jahren wollte er mir Nachricht geben und durch
die gewonnene Seelenruhe und Herzensheiterkeit meine Zweifel für beseitigt
erklären. - Er verschwand und ich habe seitdem kein Wort mehr von ihm gehört.
Seine Verwandten hielten ihn für todt; Allen blieb sein Verschwinden ein
Rätsel, mir aber gab es genug über den Wahnwitz schwärmerischer Gemüter zu
denken.
    Von ganz entgegengesetzter Denkart und fast roh in Allem, was er tat, war
ein Anderer meiner Freunde, Casimir. Selten ist mir ein Mensch von so
urkräftiger Natur wieder begegnet. Ihm galt nichts Fremdes, nichts Erworbenes,
nur das Eigentümliche hatte Wert für ihn und war sein Gott. Ohne viel zu
sprechen, gab er doch durch das Wenige, was er in geselligen Zirkeln etwa
äusserte, dem Gespräch damals noch eine glänzende Färbung; späterhin, wo sein
Denken sich wüster gestaltete, verlor sich dies. Jedes seiner Worte war ein
geborner Gedankenriese, oft wunderlich verwachsen, die ungeheuern Glieder noch
wild durch einander geschlungen. Casimir war Dichter und einer von denen, die
schon damals einen Ekel an dem Bestehenden offen aussprachen und ohne Anhänger
demokratischer Regierungsmaximen zu sein, Rettung europäischer Zustände nur in
völligem Umsturz des Alten für möglich hielten. Seine riesenkräftige Natur
verlangte nach raffinirten Genüssen, und konnte eine Scheidung des Menschen in
Geist und Materie durchaus nicht vertragen. Es grenzte an das Colossal-Burleske,
wenn er von dem Geniessen des Lebens sprach, was immer in den abenteuerlich
genialsten Bildern und Gleichnissen geschah. Jedem Anderen würde ein ähnliches
Gebahren als Münchhauserei vorgehalten worden sein, bei Casimir aber verknüpfte
sich der Gedanke immer mit der Tat. Er lebte genau, wie er sprach. Sein Leben
war so colossal, wie sein Wort.
    Dieser grauenhaft-erhabene Mensch fesselte mich wie ein Dämon in den Ring
seines Zaubers. Jeder, auch nur mässigen Entaltsamkeit Feind, verfluchte er die
Ascese in nicht zu wiederholenden Ausdrücken, und entwarf ein Bild von den
Folgen derselben, das geeignet gewesen wäre, einem nervenschwachen Menschen
Convulsionen zuzuziehen. Auch lebte er selbst in der Tat nichts weniger als
ascetisch und verlockte durch seine Ausschweifungen viele Schwache zu grossen
Extravaganzen. Machte man ihm darüber Vorwürfe, so erwiederte er ganz
gleichgiltig: »Lasst die Ratten umkommen, so zernagen sie nicht den grossen
Herzbeutel der Welt, die Erde.« - Einige Jahre währte unser Umgang, Casimir
machte sich bekannt durch originelle Dichtungen, verlor sich aber in späterer
Zeit ganz aus dem Gesichtskreise und ist gegenwärtig für mich so gut als
gänzlich verschwunden. Starb er, so ist sein Tod gewiss eben so originell
gewesen, als sein ganzes übriges Leben, und sollte er noch leben, so fürchte
ich, hat die zu grosse Originalität seiner Natur das Nivellement der neuesten
Zeit kaum ertragen können. Casimir war prädisponirt zu jener Göttlichkeit des
Wahnsinnes, die bei ausgezeichneten Geistern immer durch die Monstrosität der
Erscheinung selbst wie ein vulkanischer Glutstrom hindurchleuchtet.
    Durch Eduard lernte ich noch einen Dritten kennen, dessen hohe
Eigentümlichkeit in der Consequenz lag, womit er das an sich Unmoralische zur
Doctrin und damit selbst zu einer Art Moral erhob. Dieser Mann, ebenfalls
Mediciner, war ein Jude und hiess Mardochai. Später fanden wir uns wieder, er
mich als protestantischen Geistlichen, ich ihn als Handelsmann. Unsere
Freundschaft besteht jetzt, wie damals, in blossem Beharren auf den Principien
unserer gegenseitigen Systeme. Diese durchaus morgenländische Erscheinung
verschmolz das Charakteristische ihrer Nation mit der verderbten Schlauheit,
wozu tausendjährige Verfolgungen sie gezwungen, zu einem höchst pikanten
Allerlei, an dessen Duft man sich berauschen konnte. Mardochai stellte der
Hauptlehre des Christentums, der Liebe, die Süssigkeit des Hasses entgegen, und
verstand die Heiligkeit seiner individuellen Doctrin, an deren Verallgemeinerung
ich freilich nicht ganz zweifeln will, mit so diabolischer Dialektik
durchzuführen, dass Mancher verstummte und der Jude als Sieger das Feld
behauptete.
    Mit mir hatte dieser Todfeind alles christlichen Lebens und Denkens manchen
harten Straus zu bestehen. Mardochai versäumte nie, das Christentum die
Religion des Blödsinns, der Schwindsucht, der Schwäche, des geistigen Miswachses
zu nennen, und beantwortete unsere heftigen Einwürfe nur mit einem zuckenden,
halb mitleidigen Lächeln.
    Ihm zur Seite in sehr innigem Verhältnisse stand ein Musiker, Friedrich
Saindorf. Dieser Mensch, der mit schwärmerischer Liebe an Beetoven hing, hatte
sich so ganz in Mardochai's Wesen hineingelebt, dass er mir oft wie eine
Schmarotzerpflanze erschien, die ohne den Stamm, um den sie sich rankt, kein
selbständiges Leben zu führen vermag. Wenig tätig bei unseren häufigen
Disputationen, war er nur unablässig geneigt, auf seiner Violine Töne
hervorzuzaubern, die mir oft wie ein Tanz nackter Mädchengestalten alle Sinne
betäubten und mich in eine Gedankenwollust hinrissen, die mir wahrhaft grässlich
erschien. Bemerkte nun Mardochai die Wirkung dieses Spiels, so rieb er sich
lachend die Hände und überliess mich dem Stachel der aufgeregten Sinne, indem er
sagte: »Nun bleiben Sie doch einmal ein moralischer Rigorist! Nehmen Sie Ihre
christliche Liebe zur Stütze und bändigen Sie die Rache der Natur, die wütend
all' Ihre Nerven zerreisst.«
    Beide Männer verloren sich erst später aus meinem Gesichtskreise, und als
ich ihnen wieder begegnete, war, wie bemerkt, der Eine ein jüdischer
Handelsmann, der Andere ein blödsinniger Schifferknecht geworden. Das Warum?
habe ich nie erfahren können, wenigstens nicht die Veranlassung zur
Verstandesabwesenheit des Letzteren. -
    Hier breche ich einstweilen ab und verschiebe die Mitteilung des Ferneren
auf ein andermal. Ist es aber nicht seltsam, dass ich hier mit Männern bekannt
werden muss, die aussergewöhnlich in ihrem innern und äussern Leben mich
unwillkürlich zum Mitwisser schmerzlicher Geheimnisse machen. Mardochai und
Friedrich, diese beiden Gestalten, sind bereits in den Kreis meines Lebens
getreten, nicht um ihn zu erhellen, sondern nur dunkle Schlagschatten über die
wenigen Lichter zu decken, die etwa noch darin aufflackern. Wer mag enträtseln,
ob nicht auch noch die übrigen Figuren, die Gleichmut mit leichten
Pinselstrichen entwirft, mir begegnen in diesem verwirrten Aufentalt? Eine
drückende Ahnung beschleicht und hindert mich, weiter zu lesen in dem
verhängnisvollen Manuscript. Die ganze Gesellschaft haucht mich an, wie die
Atmosphäre um ein Pestaus Es' ist nichts Gesundes in ihr, es ist der Schmerz
und Gram einer müden, dem Leben schon halb abgestorbenen Societät. Dass ich
Aehnliches fühle, kann mich nicht veranlassen, in engere Bekanntschaft mit ihr
zu treten, nur die Teilnahme an Gleichmut's Schicksal, das tragisch ist in
seiner stillen Grösse, und eine Art Neugier, von der sich Keiner ganz
freizusprechen vermag, zwingen mich, fortzufahren in der begonnenen Lectüre.
    Das sind nun die Glanzseiten unseres gesitteten Lebens! Müssen wir uns nicht
schämen gegenüber der gesunden Kraft, die in Afrika's Wüste sich entwickelt zur
plastischen Schönheit? Oder in Arabiens Felsenklüften sich die Unabhängigkeit
des Geistes mit der körperlichen Kraft und Gewandheit bewahrt? Würde nicht der
dunkle Sohn in Amerika's Urwäldern den Giftschaum seiner Rede aussprudeln über
die Entartung unserer Sinnesweise, sähe er die Natur in ihrer heiligen Schöne
zusammenbrechen unter der zierlichen Last der Convenienz, der Bildung, der
unächten Civilisation? Warum opfern wir der Einbildung so viel auf von unserer
Göttlichkeit? Sind wir denn wirklich so ertrunken in dem Parfüm der Cultur, dass
wir keinen Sinn mehr haben für das ewig Schöne, Grosse und Herrliche? Erst der
Vergleich unseres armen Glanzes mit dem Reichtum jener natürlich grossen
Einfachheit lässt uns die Versunkenheit erkennen, in die uns die Verweichlichung
hinabgestürzt hat. Es ist kein Wohlsein, kein wahres Behagen, in dem wir uns
bewegen. Künstlich nur erhebt sich der gefallene Geist auf dem Aroma der
Verfeinerung, weil seinen überreizten Nerven die Gesundheit nicht mehr genügt.
Politik, Religion, sociales Leben, diese grosse Dreieinigkeit, aus der alles
Volksglück erwächst, ist in Europa zum Raffinement geworden, und wer dies
erkannt hat, ist müde dieser unnatürlichen Zustände. Die Zahl der Europamüden
wird sich vermehren von Monat zu Monat, und wohl denen, die alsdann in der Tiefe
ihres Geistes ein Mittel entdecken, dass sie diesem Müdesein an dem Weltteile
entreisst, bevor es ausartet in eine Weltmüdigkeit!
    Da singt der verrückte Mönch wieder sein tolles Lied in die stille Nacht
hinein, diese bleiche Sphinx, deren beredte Zunge vielleicht das Dunkel erhellen
könnte, das über meiner eigenen Zukunft liegt. - Bardeloh hat seit zwei Tagen
sein Arbeitszimmer nicht mehr verlassen, Rosalie, eines jener schweigsamen
Gemüter, die Alles über sich ergehen lassen, ohne zu murren und den Schmerz nur
einsenken in ihr grosses Herz, bewacht in lautloser Stille den Lebensgang ihres
Gatten.
    Soll ich auch schweigen, verkümmern, hinsiechen in unbekannter Stille? -
Vielleicht! Doch jetzt lockt mich die Verheissung der Liebe zur Stärkung meiner
Kräfte. - Auch ich, Raimund, bin matt und müde dieser europäischen Versumpfung,
aber ich habe einen Rettungsstern am Himmel der ewigen Gerechtigkeit erkannt -
und gewiss, er wird mich nicht täuschen! - O, könnte ich es hineinrufen in die
Herzen aller Zerrissenen, vom Weh der Gegenwart Verstörten und Niedergedrückten,
dass es für jeden grössern Erdenschmerz nur eine lindernde Arzenei gibt, bereitet
von der Welt - die versöhnende Liebe! Die heilige, keusche, kindlichreine
Unschuld des Weibes! Nur die Liebe kann uns herausheben aus dem Strudel moderner
Lebensverschlammung. Drückt ein liebendes Weib an Euer Herz, ihr europamüden
Märtyrer, und die Dornenkrone wird Rosen treiben, deren süsser Liebesatem sich
befruchtend um die arme Erde legen und sie einhüllen wird von neuem in das junge
Morgenrot Eurer Kraft! Mag von Auguste's Munde die gleiche Kunde sich in meine
Seele einschmeicheln! Ihr Kuss soll mir die Gewissheit stammeln von der nahen
Welterlösung; an ihrem Busen will ich mich zum Leben wieder hinanfühlen, das mir
entflohen ist unter der Angst verborgener Stürme. Heiligt die Welteiligkeit mit
dem Kusse der Liebe, so wird sich die alte Europa wieder erheben in
jungfräulicher Schönheit, und als ewige Jungfrau den blühenden Kranz der
Unvergänglichkeit unverwelkt auch hinübertragen in die dereinstige Geschichte
der Zukunft! -
    Der Mond weht seine kühlen Strahlen herein in mein Gemach, ein hoher Friede
stickt am Königsmantel der Nacht seine flammenden Gebilde. - Ob nicht noch
schönere Sternbilder am dunklen Himmelsbogen in Auguste's Auge für mich
aufsteigen sollten? - - Ich will heut keine Blumenstöcke zerbrechen, mein Mund
nur soll, ein sanft schmeichelnder Meissel des Phidias, um den Marmorglanz ihres
Nackens gleiten und eine Kette brennender Rosen darein graben. Sie bat mich
letztin um einen Rosenkranz - o, wie will ich lauschen, wenn sie an meinem
Geschenk den süssen Fehl eines welteiligen Lebens abbüsst! »Ave Maria! Heilige
Mutter der Liebe, bitte für uns!« -
 
                                       5.
                                 An Ferdinand.
                                                           Köln, den 19. August.
    Heut ist der Geburtstag des muntern Felix und ein origineller Genuss wartet
mein. Ich schreibe diese Zeilen aus der psychologischen Warte Bardeloh's, die
ich mir zum Aufentaltsort von ihm erbeten habe für die Dauer des heutigen
Abends. Es ist grosse Gesellschaft geladen, und eingeweiht, wenigstens zum Teil
in die Geheimnisse des hiesigen Lebens, will ich Beobachtungen anstellen, deren
Erfolge für mich eben so belehrend als genussreich sein werden. Du kannst auf ein
lebensvolles Bild mit Sicherheit rechnen, denn ich werde mit Gewissenhaftigkeit
aufschreiben, was mich der Fernblick durch diese Spiegelfenster erkennen lässt.
    Schon ist es Abend, die gallonirten Diener Bardeloh's gleiten, wie gewichste
Gespenster, in den Sälen auf und nieder, fegen und putzen, zünden die
Kronleuchter an, und ordnen Stühle und Ottomanen. Bardeloh und Rosalie sind
bemüht, zum Rechten zu sehen, Ersterer mit der Miene einer weltverachtenden
Ironie, Letztere nur den Dank erfüllter Mutterwünsche auf den Zügen der
Entsagung. Es bettet sich auf dieser sanften Stirn die Anmut des Weibes mit
allen verwandten Tugenden in die Kissen der Versöhnung. -
    In den letzten Tagen war Bardeloh ausschliesslich mit Durchsicht der Papiere
beschäftigt, die sich in dem Klosterarchive fanden und etwa Aufschluss über das
Schicksal seines Bruders geben können. Der unglückliche Mönch lebt still hier im
Hause. Noch hat er kaum ein Wort gesprochen, nur zu Felix scheint er ein
unbegrenztes Vertrauen zu haben. Dieser bringt oft stundenlang bei ihm zu und
erzählt, was ihm eben in den Sinn kommt. Dann lacht der Unglückliche vergnügt,
summt die Melodie seines unseligen Liedes und zählt die wenigen Haare, die ihm,
wie Dornenbüschel, über die Stirne herabhängen. Die Dienerschaft ist
verschüchtert durch diesen neuen Hausgenossen und hält sich möglichst fern von
dem Zimmer, das er bewohnt. Mich selbst, ich läugn' es nicht, überläuft zuweilen
ein Frostschauer, wenn ich alle die Möglichkeiten durchdenke, die ein etwaiger
Ausbruch wilder Raserei bei dem Mönche zur Folge haben könnte. Bardeloh wird
ohnehin noch manchen Angriff abwehren müssen, den offen und versteckt die
erbitterte Geistlichkeit gegen ihn leiten dürfte. Zwar fürchtet man die
Verbindungen des geheimnisvollen, reichen Mannes nicht minder, als seine
geistige Ueberlegenheit; dennoch aber kann es den jesuitischen Ränken und
Kniffen gelingen, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Der Pförtner des Klosters
scheint Zeuge gewesen zu sein von dem unseligen Auftritte, und die beleidigte
Kirchenautorität wird gewiss nicht säumen, Rache dafür zu nehmen. Man sagt, das
ausserordentliche Ereignis werde genau untersucht werden und dann könnten sich
grosse Schwierigkeiten für Bardeloh ergeben, wenn nicht etwa Furcht vor
Entdeckung mancher Geheimnisse Kirche und Geistlichkeit zu grosser Vorsicht
nötigt. -
    Es gibt kein grösseres Unglück, Ferdinand, als das Vermögen zu tief in die
Welt und ihre Geschicke blicken zu können! Das ist der wahre Gram des Lebens,
der Alles, auch das Schönste gänzlich vernichtet. In dem süssen Namen Vater
schliesst sich gemeiniglich die irdische Seligkeit ein. Der Geburtstag eines
Kindes ist der Sonnenblick im Leben. Er glättet die sorgenvolle Stirn des Vaters
und um die schmerzentstellte Lippe legt sich sanft lächelnd der Rosenkranz
junger Hoffnungen. - Aber glaubst Du, dass Bardeloh Aehnliches empfinde? Gott im
Himmel, diesem Manne des Geschickes ist der heutige Tag bloss ein neuer,
gewaltiger Schlag auf sein blutendes Herz! Unter seiner Last schleicht er
geistig gekrümmt einher, wie die verkörperte Busse der Welt. Seine ganze
Erscheinung ist ein einziger, entsetzlicher Seufzer!
    Hättest Du das Auge gesehen, als ihn heut Morgen beim Frühstück das
glückliche Kind begrüsste. Die schuldlose, strahlende Hoffnung beugte sich vor
dem Modergeruch des Grabes. Rosalie küsste den Knaben mit der Innigkeit
mütterlicher Liebe und schenkte ihm Blumen und andere Kleinigkeiten, Bardeloh
aber fasste die Hand seines Sohnes und fragte ihn, ob er sich freue. Auf das
Bejahen dieser wunderlichen Frage versetzte der Vater: »Nun, so wisse, dass ich
mich nicht freue! Zwar ist mir es lieb, dass Du mein Sohn bist, besser aber war'
es, Du hättest das Licht der Welt nicht erblickt! Denn so lange die Zeit Zeit
bleibt, ist Fluch und nur Fluch der Segen für ein europäisches Menschenleben!
Dies bedenke, Felix, und nimm die Zeit wahr. Damit Du es kannst, empfange diese
Uhr. Je kürzere Zeit Du davon Gebrauch machen darfst, desto besser wird es sein
für Dein eignes Heil.« -
    Mit diesen Worten überreichte ihm Bardeloh eine wertvolle, goldene Uhr.
Felix nahm sie, zitternd vor Angst, hin und küsste die Hand des Vaters. Grosse
Tränen hingen an seinen kastanienbraunen Wimpern, er eilte fort und erst
Mittags sahen wir ihn wieder.
    Nach diesem unerhörten Auftritte hatte ich eine Unterredung mit Bardeloh.
»Warum können Sie sich noch wundern über meine Äusserungen,« sagte er, »da Sie
doch von meiner Weltansicht einen hinlänglichen Teil kennen?«
    »Nicht die Äusserung, nur die Grausamkeit derselben dem Kinde gegenüber
entsetzt mich.«
    »Schwachheit! Der Junge muss bei Zeiten erkennen lernen, dass Leben nichts
ist, als eine Uebung in allen Arten von Qualen.«
    »Felix ist noch zu sehr Kind, um dies zu begreifen.«
    »Es gibt kein Kind in Europa!«
    »Ein starkes Paradoxon, dessen Beweis Ihnen schwer fallen würde.«
    »Mir? Lieber Sigismund, mir fällt nichts schwer, was sich mit einem blossen
Beweise abtun lasst. Ich will Ihnen so strict und firm beweisen, Sie seien ein
Grashüpfer, dass Sie sich nur darüber wundern sollen, wie Sie schon nicht längst
selbst zu dieser Einsicht gekommen sind.«
    »Sie lächeln,« fuhr er nach kurzem Schweigen fort, »und doch ist noch nichts
Wahreres als jener Ausspruch behauptet worden. Europa kennt weder Kinder noch
Menschen, es trägt nur noch Caricaturen. Wie also wollen Sie von Unschuld reden
und mir Vorwürfe über meine Grausamkeit machen? Nichtgeborensein ist jetzt das
einzige Glück, was sich ereignen kann in Europa.«
    »Daran sterben wir ja eben,« fiel ich ein. »Es wird keine Tat mehr
geboren.«
    »Freilich,« versetzte Bardeloh, »ich sprach aber von Menschen. Ein
nichtgeborner Mensch ist Alles, ist glücklich, weil er nichts ist. Für die Tat
wird gesorgt werden.«
    »Haben Sie Hoffnung auf Erfolg?«
    »Genug.« - Der Mönch liess seinen Gesang in diesem Augenblicke erschallen,
Bardeloh erhob die Hand. »Hören Sie's? Dort lallt die Hoffnung. Macht aus dem
alten Weltteil ein solch fideles Ungetüm und Ihr habt Alles errungen. In
geistigem Todtschlage liegt die neue Zeugung.«
    Damit verliess er mich und verschloss sich wieder in seinem Zimmer. Es nimmt
Alles mehr und mehr die Form der Zerrissenheit in ihm an. Selten gibt er einen
ganzen, ausgeborenen Gedanken, es sind blosse Gedanken-Embryone. Diese Verwüstung
seines tiefsten Lebens muss zu irgend einer gewaltigen Eruption führen. Es keucht
und tobt Alles in Bardeloh nach einer Tat, und ich glaube mich nicht zu irren,
wenn ich behaupte, dass er mit sich zu Rate geht, um diese vorzubereiten. Er
schreibt und liest viel. Oefters hört man ihn auch laut mit sich selbst reden,
namentlich des Nachts; dann dringen die Laute seiner abgerissenen Gedanken, wie
irreguläre Pulsschläge eines Fieberkranken, bis in mein entlegenes Zimmer. Eben
jetzt sitzt er noch emsig an seinem Pult. Der geheime Wandschrank steht offen,
die fahle Lampe loht empor aus dem weissen, glänzenden Schädel, und in einem
Doppelkreuz darüber senkt sich eine Menge glänzender Dolche. Schwerlich ahnet
er, dass ich ihn beobachte. Ein kleines Fenster in der Tür, die aus der Warte
nach Bardeloh's Studirzimmer führt, ist wahrscheinlich durch ein Versehen offen
geblieben. Vor ihm liegen mehrere Bücher und eine Menge Manuscripte. Alles um
ihn ist so geordnet, dass es eine künstliche Aufregung der Seele verursachen muss.
Weihrauch steigt, wie bei der Messe am Hochaltar, von einem Kohlenbecken aus der
geheimen Nische auf und bildet seltsame Formen. Aus dem mephistophelischen Zuge
um Bardeloh's Lippen lässt sich schliessen, dass auch dieses nur eine Mummerei sei,
angestellt, um den Ekel an dem zu vermehren, was er nicht mit Unrecht die
verstandesschwache Nachgeburt des übercivilisirten Europa nennt. Nochmals sage
ich, wir sind Alle europamüde, Bardeloh aber ist unter den Müden der Müdeste und
darum auch der Tätigste! - Jetzt erlischt die Lampe, Richard hat seine
weltverfluchenden Studien beschlossen.
                                                            Zwei Stunden später.
    Die Säle füllen sich, die blendenden Gasflammen strömen Tageshelle weit
umher. Flüsternd schleicht das in die Seidenstoffe der Convenienz gehüllte
Europa über das Parquett, weich und biegsam, bleich und schmiegsam wie eine
Seele, die ihre Zeugungskraft abgetödtet. O, ich könnte hier einen Vergleich
hinschreiben, der treffend wäre und zerschmetternd, wie ein Donner in den
Hochgebirgen Mexikos, aber ich muss schweigen aus Etiquette. Bardeloh und Rosalie
spielen die graziösen Wirte. Für jeden Ankömmling ist eine neue Redeblume
bereit, wie ein abgewürgtes Leben wirft man sie den Gästen vor die Füsse, die
ihrerseits die Schuhsohlen daran putzen. Es liegt eine höllische Malice in
diesen Empfangsfeierlichkeiten! - Verdient es aber das befrackte Geschlecht
anders? Kann man wohl einen ganzen Menschen herauslesen aus diesem verstümmelten
Habitus, der nichts weiter ist, als ein trefflicher Schnitt für den
zusammengeschrumpften Geist?
    Wenn diese Menschen wüssten, dass ein Geheimschreiber ihre Physiognomien
belauschte und auf die Lippen achtete, an deren Bewegung die Heuchelei saugt,
wie ein Blutegel! Das ist ja notwendig die Folge der Unmoralität, dass sie Alles
um sich her mit hineinreisst in ihre Strudel, und die Menschheit zur Huldigung
zwingt, um das Gefühl der Versunkenheit wieder in ihr zu wecken. -
    Buntgeschmückte Damen flattern, wie farbige Schmetterlinge, um die
strahlenden Lüstres. Auch Lucie und Auguste sind bereits eingetreten. Lucie ist
die scherzende Nymphe, die sich auf der sprudelnden Silberpalme der Freude und
Lust hinaufschaukeln lässt in die zusammenstürzende Krone, und jauchzend wieder
herabfällt, um das süsse Spiel von Neuem zu beginnen. Auguste scheint verstimmt.
Ihr braunes Auge fliegt, ein fragender Liebeskuss, von Gruppe zu Gruppe; es
klopft mit flüsterndem Licht an die trügerische Spiegelwand und bricht, wie ein
zu früh ausgesprochener Wunsch, schüchtern zusammen, um in sich selbst einen
Ausgang über gegenwärtige Hindernisse zu finden.
    Gleichmut, das Kreuz am Halse, wie eine Kette, die ihn hinrichten soll,
bringt seine frommen Wünsche dem überraschten Felix. Ihm folgt der fromme
Pietist, Steinhuder, dann der junge Mann, an dem Lucie ihr lustiges Herz
verschenkt hat, der Mennonitenprediger und Mardochai, der morgenländische
Rachegott in einem abendländischen, christlich frivolem Salon. Eine Flut von
Dandies und lieblichen Grazien schwärmen überall umher, während Bardeloh mit
diplomatischer Schlauheit den Heitern spielt, und Rosalie das Glück erfassend,
über den Moment die düstre Leerheit eines langen Lebens vergisst. - Jetzt muss ich
lauschen, vielleicht errate ich die hohe Gesinnung eines gebildeten Publicums
im Prachtsalon eines feinen Europäers.
    »Fräulein N. hat heute Abend eine sehr anmutige Toilette gemacht,« sagte
ein junger Mann seinem Nachbar in's Ohr. »Ich finde, dass fallende Locken sie
besser kleiden, als festgesteckte.«
    »Ja, Fräulein N. weiss, wodurch sie fesselt,« antwortet der Nachbar. Beide
gehen vorüber, eine Gruppe Mädchen drangt sich nach dem Spiegelfenster und
kokettirt im Vorübergehen mit ihren Fächern.
    »Als mich Otto jüngst auf dem Rhein nach Mühlheim hinabfuhr, war er wirklich
ganz allerliebst.«
    »Ich begreife Deinen Geschmack nicht, Marie,« erwiederte ihre Gefährtin.
»Otto geht nie nach der neuesten Pariser Mode gekleidet.«
    »In der Tat, vier Wochen ist er immer zurück in der Weltgeschichte,« fallt
eine dritte, allerliebste Blondine ein.
    »Das ist gerade meine Passion,« beteuert Marie. »Nur das Augenblinzeln
sollte er sich abgewöhnen.«
    »O, er geht auch mit einwärtsgewandtem Fuss!«
    »Darum gewiss tanzt er nie eine Francaise.«
    »Ja es hat Alles seine Ursachen.«
    Sie gehen vorüber, Matronen wallfahrten an meinem Dionysiusohr vorbei, sie
näseln, aber so geheimnisvoll, dass ich nichts verstehen kann. Abermals ein Trupp
verliebter Dandies, fashionable gekleidet und gebürstet, vom Wirbel bis zur Zeh.
    »Es wird getanzt, Mardochai sagt' es und der weiss immer, was vorgeht im
Hause dieses Nabob.«
    »Wenn er nicht so reich wäre, möchte ich ihn am liebsten nasenstübern,«
versetzt ein junger, neidblasser Mensch mit gelddummem Gesicht. Ich glaube der
Laffe ist Zahlbrett in einem Wechselgeschäft, denn seine ganze Physiognomie ist
eine abgegriffene Münze, die das Aussehen eines tombackenen Zahlpfennigs hat.
Pfui! steckt eine Menschenseele in dem ausgebügelten Schneidergeschöpf? - Die
Lüstlinge haben eine Entdeckung gemacht am andern Ende des Saales, sie drängen
sich mit civilisirter Anmut durch den bunten Menschenwald. Gern möchte ich
diese Kreuzritter in einem amerikanischen Urwalde sich winden und wenden sehen;
was sie wohl für affenverwandte Gesichter schneiden würden! -
    Hinweg jetzt mit Scherz und Bitterkeit! Mardochai kommt Arm in Arm mit
Bardeloh herauf, die übrige Gesellschaft stärkt sich in umhergereichten
Erfrischungen. Felix hat sich an Auguste geschmiegt, die Unschuld an den Engel.
Der Mensch ist immer glücklich, kann er sich und die Welt vergessen mit all'
ihren Schmerzen in der Erinnerung an das Lallen der Kindheit, und ihren schönen,
heiligen Zaubermährchen.
    »Sie haben also meinen Bruder gekannt?« fragt Bardeloh den Juden.
    »Wir waren oft beisammen. Unsere Studien und Neigungen liessen uns bald enger
mit einander bekannt werden und es entstand eine Art Freundschaft, die der
Blutsverwandtschaft nahe kam, wodurch unsere Vorfahren sich früher berührten.«
    »Dies ist vorbei, Mardochai. Ueberdies wissen Sie, dass ich jedes Bekenntnis
hasse, wenn es bevorzugt sein will.«
    »Ich auch, Richard, das meinige ausgenommen!«
    »Gut. Davon ein andermal. Wie zeigte sich mein Bruder in jener Zeit?«
    »Wie ein Mensch von gesunder Vernunft. Er hasste Europa, als die Made, die
sich selbst verzehrt.«
    »Weiter, Mardochai.«
    »Wir hatten oft lange Gespräche über die Wiederbelebung des Fleisches im
Geiste. Woher kommt es, sagte Eduard, dass Ihr Juden Alle regsamer, spekulativer
und in einem gewissen Sinne auch productiver seid als wir Christen? Daher,
antwortete ich, weil wir gedrückt und gegeisselt von Euch, die Kraft in uns
zusammenraffen und nur einen einzigen Zweck bei allen unsern Handlungen haben,
den Hass! Wir Juden setzen die Consequenz des Hasses dem Terrorismus entgegen,
und dieser Hass wird siegen, weil er ein Kind der Liebe unserer
sechstausendjährigen Nationalität ist. Ein Jude ist immer Jude, ein Christ aber
ist nur Christ, wenn er Appetit dazu hat.«
    »Sehr schön, Mardochai. Wie kam es denn aber, dass Eduard so plötzlich seine
Gesinnungen änderte?«
    »Es gab damals einen jungen Mann in Bonn, der hinsichtlich seines Geistes
nur Ihnen gleich kam. Dieser Mann hielt sich eng an Eduard, weil sein
Widerspruchsgeist die Skepsis seiner eigenen Brust schärfte und seine Seele
geisselte. Auch ich lernte ihn kennen, gewann ihn lieb, weil ich ihn gern gehasst
hatte - denn wir lieben, wenigstens unter den Männern, nur die, welche wir
hassen möchten - und so entdeckte ich in ihm alle Anlagen zu einem Reformator.
Dieser Mann unterhält sich eben mit dem frommen Kopfhänger dort. Es ist der
Pastor Gleichmut.«
    Bardeloh fährt zusammen wie vom Blitz getroffen. Schon haben sich beide
unter die Gesellschaft gemischt. Das fernere Gespräch ist mir entgangen. - Die
Feder schwankt hin und her in meiner zitternden Hand, der Vorhang, der bisher
die schlafenden Dämonen verhüllte, ist plötzlich gerissen. Der unglückselige
Mönch ist jener Eduard, der, verlockt durch die Schlauheit eines jesuitischen
Priesters, die entsetzliche Wette einging mit Gleichmut. Tausend Zweifel legen
sich wie gefleckte Schlangen um mein Herz, ich muss hinaus, muss Bardeloh, muss
Gleichmut sprechen, und wenn ich zur Entdeckung der priesterlichen Schleichwege
beigetragen habe, dann fort aus dieser blendenden Pracht. In Auguste's Armen
will ich wieder finden den Menschen, den ich verliere, sobald der gleissnerische
Basiliskenblick des siechen Europa mich anlächelt, wie das sündengeschwächte
Auge einer verbuhlten Dirne. Gib mir Leben, Liebe, Seligkeit, Du Himmelsglanz,
der in Deinen Augen zittert, bebt, flammt und Frieden webt über jedes Erdenleid!
Bedecke mich, Auguste, mit den dunklen Flechten wie mit den Schatten der Liebe,
und lass mich mitten in dieser schmachvollen Zerrissenheit erkennen, dass es einen
Frieden gibt im Kuss der Geliebten! -
                                                                   Gegen Morgen.
    Endlich haben sich die Stürme wieder gelegt, es ist still, todtenstill um
mich. Nur in mir klingen die erregten Töne im schmerzlichen Vibrationen aus. Ich
möchte schweigen, um nicht die Unschuld des jungen Morgens zu entweihen mit
Dingen, die besser nie hereinbrächen in den vollen Tag des Lebens; aber mein
eignes Herz zwingt mich, die Qual von mir zu stossen, soll es nicht brechen und
sich selbst verzehren. Es ist eine niederschlagende Erscheinung, dass sich Lust
und Leid im modernen Dasein so grauenhaft eng verketten! Bald wird es kein Fest
mehr geben, wo nicht die Sorge verstohlen umherschleicht, und die stillgenährte
Sünde ihr kahles Haupt ausruht auf dem Polster schuldloser Freuden.
    Die Verkettungen, in denen mich ein seltsames Ungefähr zu handelndem
Mitgliede ausgesucht, spornten mich an, Bardeloh's Verhältnis zu dem Juden
Mardochai näher zu erforschen. Das gesellschaftliche Umhertreiben verliert bald
seinen Reiz, wenn nicht Schönheit und Grazie ihren Doppelkranz unablässig
darüber schwingen. Das Leben in dem Salon meines Gastfreundes bot zu so enger
Verschwisterung dieser beiden Erdengöttinnen wenig Gelegenheit. Ein finsterer
Unhold kroch durch den bunten Tand; er zerdrückte jede Freude, die jubelnd
aufspringen wollte, und verzerrte den Nachtigallenschlag der Liebe in das
Wimmern eines Gefolterten. Wenn das Leben in Gesellschaften zu ernst wird,
zerbrechen die Staubfäden der Freuden in sich selbst. - So bei Bardeloh. Das
Heitere, Ungenirte, Harmlose zog sich bald zurück in enger begrenzte Räume, nur
dem lächelnden Verdacht blieb das bunte Parquett. Die Schlange mit dem
civilisirten Gebiss kokettirte im Schillern ihrer Farben auf der gefleckten Haut
der künstlichen Erde, von der allein sie ja nur leben kann.
    Bardeloh war nicht habhaft zu werden. Mit der leichten Tournüre eines
Weltmannes hatte er Angst, Sorge, Verdacht und Verachtung schnell aus seinen
Zügen entfernt, und den Sonnenstrahl gutmütiger Gastlichkeit in den
lebenswilden Falten sich anhängen lassen. Ich suchte die frohe Geschwätzigkeit
der jungen Damenwelt. In einem Nebenzimmer, den glücklichen Geburtstäger in der
Mitte, überliess sich das lustige Völkchen den Eingebungen anmutiger Scherze.
Felix hüpfte, froh, des Zwanges überheben zu sein, von Einer zur Andern und übte
sein wunderliches Augenstechen.
    »Wer am längsten ausdauert,« sagte er, »der hat das meiste Herz.«
    Es war leicht zu begreifen, dass Alle gleich viel Herz haben wollten. Der
Knabe konnte seine Liebhabereien bis zur Ausgelassenheit treiben. Das Schauspiel
war amüsant und wurde desto interessanter, je mehr Männer sich nach und nach um
den Herzensprüfer versammelten. Als der kleine Held des Tages sein Mütchen
gekühlt hatte, wurden Spiele vorgeschlagen und Schabernack getrieben nach
Herzenslust. Wir vergassen das Beengende, Rosalie gesellte sich von Zeit zu Zeit
zu uns, und bald verbreitete sich eine allgemeine Heiterkeit. Man gab das
Zeichen zum Tanz. Rosalie spielte das Fortepiano. Mit dem Springquell der Musik
stiegen die Empfindungen auf den Gipfel der Verzückung. Ich war sehr glücklich,
zog mich aber nach einigen Touren wieder zurück in Bardeloh's Warte. Es war
keine Absicht in diesem Absondern, nur der Trieb, eine Welt, berauscht im Aeter
der Musik und dem Zittern aufgeregter Gefühle, sich buntfarbig durch einander
winden zu sehen, wie einen brennenden Blumenkranz, liess mich den Tummelplatz
lautklopfenden Lebens verlassen, um zu beobachten. Auch im Tanz lassen sich
Studien machen.
    Ein unterdrückter Ausruf des Erstaunens im Nebenzimmer wandte meine
Aufmerksamkeit ab von dem Gewimmel der Tanzenden. Ich erblickte durch das schon
erwähnte Fenster Auguste vor dem geöffneten Wandschranke in Bardeloh's
Studirzimmer, mit neugieriger Hast die ungewöhnlichen Dinge betrachtend. Die
Gasflamme goss ihren vollen Glanz herab auf die schlanke Gestalt, die ein dünnes
Rosaseidenkleid, wie das Morgenrot der Liebe, durchsichtig umflatterte. Der
schöngeformte Nacken stieg blendend weiss aus der blassen Rosenwelle, die
schlanke Schulter winkte zum Kuss mit süssem Beben. Das dunkle Haar legte sich in
zierlich losem Gelock um Nacken und Schultern und ein heimliches Verlangen hob
in fröhlicher Bewegung den sanft verhüllten Busen. Instinct trieb mich vom
Beobachten zum Handeln. Meine Hand suchte das Schloss zur Tapetentür, ein leiser
Druck öffnete es - ich stand hinter der in süsse Träume Verlorenen. Wenige
Augenblicke und eine heisse Umarmung weckte sie aus den beschaulichen Sinnen. Sie
wollte rufen, aber das bange Sehnen der Liebe bog mit schalkhaftem Finger das
gefaltete Rosenblatt ihrer Lippe zum reizenden Lächeln der Vergebung. Wir hatten
keine Worte, die Flügeldecken der Liebe drückten uns mit sanfter Gewalt
schmeichelnd in die schwellenden Kissen. Wie eine volle Rose brach die weiche
Frische der reizenden Körperfülle aus den zuckenden Gewändern. Unter uns sank
die Erde ein mit ihrer irdischen Qual, der Himmel warf seinen Sternenschleier
auf uns herab. Wir glaubten selig zu sein, als eine kalte, dürre Hand an meine
glühende Brust klopfte. Todesschauer durchrieselte mich, der Frost des
Entsetzens setzte sich wie Reif an in den Kanälen des Lebens. Ich schreckte
empor, Auguste sank mit verdecktem Auge zurück wie vom Schlage getroffen. Hinter
mir stand das bleiche Geripp des Mönchs. - Die Kutte hatte sich verschoben, eine
knöcherne, von Geisselhieben in tausend Narben zerwühlte Brust, ward sichtbar -
das unfruchtbare Ackerfeld blöder, grauenhaft misverstandener Demut! - Auf
seinem fahlen Gesicht stand das versteinerte Lächeln jahrelang einsam gehegter
Wollustgedanken. Die Runzeln der Haut buhlten blutschänderisch mit der Ohnmacht
ihres ausgemergelten Lebens. Sein Blick, starr, bleich, von momentanem Glühen
grässlich erleuchtet, schien uns durchbohren zu wollen, die Lippen, zwei über zu
früh begrabenem Leben eingebrochene Sargwände, bebten wie im stummen Gebete, und
wie aus weiter Ferne wimmerte aus der öden Brustöhle die Melodie des bekannten
frechen Liedes.
    Der Entsetzliche würde in der Raserei des Augenblicks, die ihm
übermenschliche Kräfte verlieh, vielleicht mir und Auguste gefährlich geworden
sein, hätte nicht ein abermaliges Ungefähr - Du wirst es die ewige Vorsehung
nennen - mich und die Geliebte gerettet. Eine Violine, durchdringend, jauchzend
in klagender Wehmut, weinte herüber aus dem Saale. So konnte nur ein Einziger
den Bogen führen und die leblosen Saiten ertönen lassen. - Der Mönch stutzte, er
liess den Dolch, nach dem seine Knochenhand schon gegriffen, wieder fallen, und
laut den letzten Vers seiner unkeuschen Dichtung wiederholend, stürzte er fort -
ein Bild des wahnsinnig gewordenen Todes. -
    Auguste lag regungslos, die vollen, weissen Glieder quollen marmorrein aus
den aufgelösten Seidengewändern. So steigt der Tag aus dem Flammenbade des
Morgens! Eine unwillkürliche Bewegung bedeckte die keusche Aphroditengestalt.
Ich beugte mich über sie, meine Küsse weckten sie auf zu neuem, warmem Leben.
    »Haben Sie schon die neun Siegel des anvertrauten Manuscripts erbrochen?«
fragte eine bekannte Stimme, die selbst in ihrer stillen Sanftmut wie das
Grollen eines fernen Donners klang. Pastor Gleichmut stand neben mir; auf den
schwarzen Rock fiel das weisse, kreuzgeschmückte Zeichen seines Standes. Ich fand
keine Worte und nahm Auguste am Arm.
    »Lassen Sie das jetzt, mein Bester,« fuhr Gleichmut fort. »Es wird besser
sein für Sie, wenn Sie sich entfernen und das Fräulein meiner zärtlichen
Sorgfalt anvertrauen.«
    »Ihnen!« rief ich mit schlecht verhehltem Unmut, in dem sich ein leiser
Abscheu mischen mochte.
    »Ja mir, lieber Sigismund. Fräulein Auguste ist sicherer bei mir, als bei
Ihnen. Denn von mir hat kein Weib, und wär' es das schönste, das Geringste zu
fürchten. Lesen Sie das Manuscript!«
    Ich verstand den Unglücklichen. Sein wehmütiges Lächeln, in das der Triumph
der Hölle seinen faunischen Hohn, wie zuckende Lichter, verstreute, liess mich
das Entsetzliche erraten. Im Saal entstand ein wilder Lärm, Frauen schrien laut
auf, Männerstimmen tobten dazwischen, die Tanzmusik verstummte, nur die Violine
jammerte, johlte, sprang und raste in allen Tonnüancen, wie der tollgewordene
Genius der Musik, durch den hundertstimmigen Lärm.
    Ich trat in den Salon und noch jetzt, indem ich mir das Bild allgemeiner
Bestürzung zurückrufe, lähmt Entsetzen all meine Kräfte.
    An eine Türpfoste gelehnt stand Friedrich, der blödsinnige Virtuos. Seine
Tracht war die gewöhnliche; grosse, beteerte Wasserstiefeln reichten weit über
die Knie herauf, schmutzige Matrosentracht deckte den übrigen Körper, ein
breitkrempiger Hut, gestaltlos, beschattete das Gesicht. Anscheinend unbekümmert
um den Wirwarr, den sein Erscheinen in der Gesellschaft angerichtet hatte,
spielte er den schreiendsten Wahnsinn heraus aus der Violine, in genialer
Wildheit aus einer Tonart überspringend in die andere. Es war kein Spiel mehr,
es war ein Wühlen und Rasen in allen Tönen und Accorden. Auf's Rad der Folter
geflochten wurden den Aechzenden die Herzen gebrochen und zuckend vor den
sterbenden Augen hin und hergeschwenkt. Es war der Ausbruch einer neuen
Revolution; die Schreckenszeit begann im Reich der Musik, und Friedrich war
Richter und Henker zugleich, und mordete mit kaltem Gleichmut Alles dahin.
    Neben ihm stand, ein neuer Mephistophiles, Mardochai. Behaglich strich er
sich mit der Hand den vollen Bart, das einzige Stück Vaterland, das sich das
Volk der Unruhe gerettet hat aus dem allgemeinen Untergange. In seinem dunklen
Auge glaubte ich die Sättigung einer langgenährten Rache lesen zu können.
Shylock konnte nicht mit grösserer Begier auf den Moment harren, wo des Richters
Wort ihm das bedungene Pfund Fleisch zuerkennen werde, als Mardochai auf das
Schauspiel höhnisch lächelnd herabsah, das seine suffisante Schlauheit
angerichtet hatte. - Denn während Alles unstätt und verstört durcheinander
rannte, Frauen und Mädchen, wie verscheuchte Rehe sich flüchteten, und umsonst
an den wie durch Zufall verschlossenen Türen rüttelten, tobte ganz allein in
der Brunst fleischlicher Lust die Gestalt des wahnwitzigen Mönch's mit Luciens
voller Körperschöne in abenteuerlicher Tanzimprovisation durch die gasbestrahlte
Halle des Salons. Spieler und Tänzer schienen zu wetteifern in der Poesie der
Raserei. Töne, die kein Mensch gehört, weinten aus den Saiten der Violine,
Accorde, die grell und doch harmonisch in das Wirrsal dieser unkeuschen
Belustigung hereinschrieen, lösten sich in den süssesten Wohllaut auf. Wie
glühende Küsse schwammen sie durch den Saal und fielen als Rosen der Scham
nieder auf Nacken und Busen der unfreiwilligen Tänzerin. Die eisernen Glieder
des Mönchs hielten die Ohnmächtige umschlungen und zerrten die leichten Gewänder
in eine bedenkliche Unordnung. Entfesselt wogte die milchweisse Welle des Busens
und schaukelte wie in gaukelndem Scherz eine duftige Rosenknospe. Darein fiel in
Pausen die parodirte Hora des Mönchs, dessen Lebenskraft zu wachsen schien mit
den Klangen der Musik.
    Nach langem vergeblichen Mühen gelang es endlich Luciens Geliebten, mir und
Bardeloh dem Rasenden seine Beute zu entreissen. Oskar schäumte, man musste ihn
halten, um Blutvergiessen zu verhindern. Der Mönch ward gleichfalls überwältigt
und in seinen Gewahrsam zurückgebracht. Zum ersten Male sah ich Bardeloh
herausgerissen aus seinem felsenfesten Gleichmut. Er wollte wissen, wer
Eduard's Gefängnis geöffnet habe - Alles schwieg. Da trat mit der Offenheit
bewusster Schuldlosigkeit Felix zum Vater und bekannte sich als den Täter. »Der
arme Mann rief mich,« sagte der Knabe, »und als ich die Tür aufschloss, und die
Musik im Saale begann, vergass er mit mir zu spielen und lief singend davon.«
    Bardeloh schwieg und stiess den Knaben von sich. Er trat zu Lucien, die
todtenblass, ohnmächtig in meinen Armen hing. Mehrere Frauen schafften sie in ein
Nebenzimmer. Gleichmut trat ein und lispelte mir in's Ohr »Auguste ist
geborgen. Sie können Sie in ihrer Wohnung besuchen, zuvor aber - lesen Sie das
Manuscript.«
    In einer Fensterbrüstung stand der Pietist und brach die Hände. Der gute
Mann konnte nicht begreifen, dass die Welt an seltsamen Conflicten eben so reich
ist, als an religiösen Narren. Er sprach vom Untergange Sodoms und Gomorrha's,
von der Rotte Korah und vielen andern alttestamentlichen Raritäten. Der Mönch
war mir furchtbar, der Violinspieler ergriff mich dämonisch, dieser Pietist aber
regte meinen ganzen Abscheu gegen alles frömmelnde Sectenwesen bis zum Ekel in
mir auf. Erst später erfuhr ich, dass er Luciens Onkel ist und Oskar als einen
Freigeist wie die Pest fürchtet. dabei steht er mit den bigotten Katoliken auf
freundschaftlichem Fusse.
    Bardeloh setzte sein Examen fort und begehrte zu wissen, wer die Türen zu
den übrigen Zimmern so plötzlich verschlossen habe? Frauen und Mädchen
entfernten sich eiligst, bald waren nur noch lauter Männer zugegen. Friedrich
spielte, aller Verbote spottend, unablässig seine infernalische Geige.
    Mardochai hatte bisher einen stummen Zuschauer abgegeben. Jetzt verliess er
seinen Platz und trat in die Mitte der Männer zu Bardeloh.
    »Richard,« sagte er, die Hand fest auf seine Schulter legend, »Richard, das
war ein amüsantes Stück Christenarbeit. Ich bin zwar nur ein elender Jude, aber
ich muss gestehen, dass mir bis heut Ihre Religion noch nie in so schöner
Märtyrerglorie erschienen ist.« Der furiöse Mensch war ein guter Christ - wer
will's läugnen? - Die hübsche Tänzerin war eine schöne Christin - habt Ihr 'was
dagegen? - Der händeringende Mann dort am Fenster ist ein frommer Christ. - Wer
kann sagen: Nein! - Pastor Gleichmut muss ein ausserordentlich trefflicher Christ
sein - wer möchte daran zweifeln, da er Priester ist? Und der arme Mensch dort,
das Geigengenie mit dem hirnverrückten Schädel - ist's nicht ein Christ nach
Noten? - O, ich beuge mich tief in den Staub vor der Majestät Eurer vielfaltigen
Religion! Sie hat viele, grosse Tiefen; es liegt ein unergründlicher Abgrund der
Tiefsinnigkeit in ihr, den ich erst heut Nacht erkannt habe. Seltsam, dass sie
verschlossene Türen so nackt zeigen und brünstig machen!
    »Mardochai,« sprach Bardeloh, »hast Du die Türen verschlossen?«
    »Ich musst' es, Richard,« versetzte mit der Ruhe eines Geschäftsmannes, der
einen Handelsbrief unterschreibt, der Jude, »sonst wäre ich in Gefahr gekommen,
für den engagirten Violinisten dort mein Geld umsonst ausgegeben zu haben. Der
Schwank trägt mir überhaupt keine reellen Zinsen.«
    »Du hast also auf ideelle gerechnet?« fragte zitternd mein Gastfreund.
    »Du sagst es!« sprach kalt Mardochai. »Sie sind mir in der Tat reichlich
geflossen!« »Sieh« fuhr er fort, und streckte die lange, weisse Hand aus wie ein
Prophet über die schweigenden Männergruppen,»sieh! Das ist Europa, umarmt vom
Christentume, und hier steht eine Trümmer meines von diesem Christentume
zertretenen Stammes. Bardeloh, ich rufe Dich auf zum unparteiischen Richter! Wer
ist der Gesündere? Ich bin ein Jude und versammle ich hunderttausende meiner
Brüder um mich, so ist jeder Einzelne ein Jude, wie ich; keiner mehr, keiner
weniger. Wir sind krank, tief krank, wir kranken noch an dem Kreuziget ihn!
unserer Vorfahren. Wo ist hier die Consequenz? Ist Eure Liebe so arm, dass sie
sich nicht auch erstrecken kann über das kleine Häuflein eines sterbenden
Volkes? Und wo ist Eure Einheit in Liebe? Hier stehen dreissig Christen und mehr.
Wer ist gleich dem Andern? Wer glaubt und verteidigt in seinem Glauben, was
sein nächster Bruder lehrt? Und doch nennt Ihr Euch Christen? Wehe, wehe, Eure
Religion ist verkäuflich! Wer da zahlt am glänzendsten, dem ist der heilige
Geist am gnädigsten! Das beweist der Katolicismus auf eine grauenhaft prägnante
Manier. Und wollt ihr entgegnen: hier steht der Protestantismus, so strecke ich
meine Hand auch aus über ihn, und frage: Wo ist in ihm die Liebe, das weiche
Sterbekissen Eurer ganzen Religion? Die Liebe grübelt und läugnet nicht, sondern
glaubt und sättigt sich an der stillen Hingebung zu dem aufflatternden Himmel.
Eure Religion aber ist nicht belebt von der Liebe, die Ihr predigt; der
Gleichmut nur, die Kette des Verstandes, sind es, die sie erhalten haben
bisher. Was Ihr so nennt, das ist die Religion der Welt, wenn sie herabsinken
wird zum blossen Wechselgeschäft. Sie wird zur Weltreligion aufsteigen, wenn das
letzte Herz verwelkt ist in der Welt. Ich beneide Keinen darum, der es erlebt,
zuvor aber will ich sterben als Jude, in mir ein Herz bewahrend, das zwar
gebrochen wurde von der Perfidie der Weltgeschichte, aber doch noch frisch genug
blieb, um bis zum letzten Schlage mit Liebe zu verehren den Stolz seines Volkes.
Werdet stolzer, ihr Christen, und Eure Religion wird gewinnen an innerem Leben.
Der Bettlermantel der Demut, der Euch um die dürren, lieblosen Schultern
flattert, deckt nicht mehr Eure Blössen! - Schlaft wohl, christlich liebende
Brüder! Mardochai, der arme, vernachlässigte Jude wollte nur sehen, wie eine im
Christentum geborne Civilisation sich gebehrde, wenn bei verschlossenen Türen
ein durch die sogenannte Liebe gebrochenes Herz spiele, ein anderes tanze und
ein drittes in wahrhafter Liebe weinendes dirigire. Mardochai hat genug gesehen.
Der Jude bleibt immer noch stolz auf sein armes, verspottetes Bekenntnis; er mag
nichts wissen von Eurer Religion der falschen Liebe!«
    Still und stolz wie ein Prophet ging der Sohn des Morgenlandes durch die
verblüfften Secten der Christenheit. Ihm folgte spielend der blödsinnige
Friedrich. Bardeloh und Gleichmut waren die Einzigen, welche dem Verschwindenden
in unterdrückten Seufzern den Hauch der Versöhnung nachsandten. Die Uebrigen
sprachen, nickten und blickten ein finsteres Anatem über und auf ihn herab.
    Fünf Minuten später war ich mit Bardeloh allein, die Diener löschten die
Lichter. »Sigismund,« sprach Richard, »Gleichmut hat Ihnen seine
Lebensgeschichte gegeben, wie er mir sagte. Wir wollen diese zusammenlesen, aber
nicht hier. In ein paar Tagen reisen wir den Rhein hinaus. Ich muss Luft
schöpfen, wenn ich nicht ersticken soll im Gram dieses schmachvoll costumirten
Europäismus!«
    Auf der Strasse weinte Friedrich's Violine noch immer ihre dämonischen
Accorde. Wir schieden. Das Resultat meines nächtigen Lebens ist in diesen
Blättern bewahrt. Denke der Liebe, wenn Du sie gelesen und schleudere keinen
Fluch, auch nicht einmal im Gedanken, auf denjenigen, der zu schreiben wagt, was
das Leben sich nicht schämt zu gebären. Ist die Geburt erlaubt, so konnte auch
die Zeugung nicht sündhaft sein. Warum also davon schweigen? Wahrlich, das
Unmoralische wird nur in der Jämmerlichkeit unseres abgestumpften, demutfrechen
Geistes geboren! -
 
                                       6.
                                  An Raimund.
                                                           Köln, den 21. August.
    »Haben Sie schon das Innere des Domes gesehen?« Mit dieser Frage brachte mir
gestern Rosalie ihren Morgengruss. Ich war verstört und wüst von den Erlebnissen
der vergangenen Nacht und konnte mich kaum besinnen. »Der Bischoff liest heut
die Todtenmesse für den verstorbenen Prior,« fuhr Rosalie fort, »finden Sie
Vergnügen an der Kunst, so begleiten Sie mich. Des Cultus halber, den Sie gewiss
längst genau kennen, will ich Sie nicht bemühen.«
    Ich sagte dankend zu. Der schmerzliche Vorwurf in den letzten Worten des
duldenden, schönen Weibes traf mich hart, weil unverschuldet. Es scheint,
Rosalie lebt des Glaubens, ich verachte jeden Cultus. Das ist eine Täuschung.
Mir kann der Cultus heilig werden, nur verlange ich mehr Innerlichkeit, weniger
Tand! Und gesetzt, ich wiess jede Erinnerung daran als Individuum von mir, so
will ich damit nicht die Aufhebung des Cultus für die Gesammteit ausgesprochen
haben. Lasst der Gemeinde, was ihr frommt, aber bekehrt Euch selbst zuvor und
anatematisirt nicht den Eklektiker!
    Wir frühstückten ganz allein mit Felix. Bardeloh erschien nicht. »Er
arbeitet sich zur Ruhe,« sagte Rosalie, »unter ein paar Tagen wird er sich
schwerlich sehen lassen.« Felix war der unbefangene Knabe wie immer.
    »Sigismund,« sprach er und kletterte auf meinen Schoos, »nun bin ich schon
zehn Jahre und einen halben Tag alt, wenn ich noch einmal so lange gelebt habe,
werde ich ein Märtyrer sein.« Lächelnd, ohne den tragischen Sinn des Wortes zu
fassen, grub er seine zierlichen Finger in meine Augen. »Das blitzt!« fuhr er
fort. »Wenn Auguste hier wäre, kriegte ich gewiss einen Kuss von ihr; denn das
närrische Mädchen behauptet, jeder Kuss sei ein Blitz der Liebe. Da muss die Liebe
oft blitzen.«
    Ich fragte, warum er denn in zehn Jahren ein Märtyrer zu sein glaube.
    »Das ist so ein Einfall des Vaters,« erwiederte Felix mit rührender
Harmlosigkeit. »Auch will ich's ihm gern zu Gefallen tun, wenn's nun eben sein
muss, nur mag ich mich nicht auf dem Rost braten lassen, wie's ehemals Sitte
gewesen sein soll im Märtyrerleben. Kann man denn nicht lustig bleiben und
lachen, wenn man ein Märtyrer wird?«
    Mir war es unmöglich, dies Gespräch ohne Erschütterung fortzusetzen. Die
letzte Frage blieb ich dem Knaben schuldig und suchte seine Aufmerksamkeit auf
etwas Anderes zu lenken.
    »Begleitest Du die Mutter in die Messe?«
    »Ich soll, lieber Sigismund« oder »Mund des Sieges,« wie Auguste spricht
(ich hätte den Knaben vor Seelenfreudigkeit mit Küssen ersticken mögen für seine
kindische Offenheit. Die Verräterei eines Kindes ist erhaben und heilig!) »aber
ich will nicht.«
    »Und warum denn nicht, mein Herzenskind?«
    »Weil ich zu oft fromm sein muss.«
    »Wie denn das?«
    »O Du stellst Dich entsetzlich albern,« lächelte Felix. »Weisst Du denn
nicht, dass in einem Todtenamt aller zwei Minuten ein- und mehrmal geläutet wird
zum Niederknieen und Bekreuzigen? Das aber ist mir langweilig, denn ich bin oft
gar nicht betselig, wenn die steinerne Kuppel so sinnend über mir hängt. Da hat
der Vater einmal Recht! Der spricht, wenn der Weihrauch dampft und die Glocke
ruft, schmoren die Sünder ihr Gewissen.«
    »Du könntest Dir ganz andere Lehren des Vaters merken,« fiel Rosalie ein,
»aber Du hast nur Ohren für die Bitterkeiten, die der Vater nicht Dir, sondern
mir sagt.«
    »Ja, siehst Du, Mutter, das ist wieder nicht meine Schuld. Du gibst mir
immer nur Süsses und Angenehmes zu hören und zu essen, und wenn nun der Vater zu
uns kommt, merke ich mir immer bloss das Bittere und Wunderliche, weil mir das
etwas ganz Neues ist. Versuch's einmal und kehre die Gewohnheit um, da wirst Du
Dich ganz wundern, wie ich mich dann über Deine Süssigkeiten erfreuen werde.«
    Rosalie küsste des Knaben Stirn und entfernte sich, um Toilette zu machen.
»Da siehst Du's,« wandte sich Felix an mich, »war das nicht hübsch von der
Mutter? Hätte ich dem Vater so was gesagt, so würde ich bloss ein finsteres
Gesicht dafür gekriegt haben. Ach, Sigismund, wenn Du den Vater heiter und
lustig machen könntest, ich wollte Dich küssen, so herzlich wie Auguste.«
    Der tiefgefühlte Schmerz des so gut als verwaisten Kindes ergriff mich
tiefer als manch' anderes, allgemeineres Weh. Es ist hart, dass ein schuldloses
Kind in den Blütenmonaten seines Lebens so gewaltsam hineingerissen werden muss
in den grossen Trauerzug, der eine halbe Welt zu Grabe geleitet. Dieses Ertödten
der zarten Kindlichkeit erscheint mir grauenhafter als Alles, was uns bedrückt,
und wollte man unsere Zustände durch alle ersinnlichen Fechterstreiche der
Dialektik zu rechtfertigen suchen, ein einziges Kindesherz, das gebrochen und
zerquetscht wird von den stillen, innerlich wühlenden Kämpfen, beweist die
Verdorbenheit unseres Lebens. Jetzt erst fasse ich den Gram Bardeloh's, der ihn
wie ein Erzittern der Nerven an der galvanischen Batterie durchbebt beim Anblick
seines Kindes. Er fühlt, dass keine Rettung gegeben ist für ein harmloses
Kindesherz, und dass die Pflicht, der Allgemeinheit zu Hilfe zu eilen, mächtiger
ist als die specielle Vatersorge. Ein Mensch wie Bardeloh sollte nicht Vater
sein! Dieser ironische Zufall kann den grossen Menschen zu einer Tat verleiten,
die gewiss immer eine unsittliche bleiben würde, wenn auch der Conflict, aus dem
sie geboren wird, ein milderndes Urteil fällen möchte. Versetze ich mich an
Bardeloh's Stelle, nehme ich mit seinem Geist und seiner Stellung auch all'
seine Schmerzen in mich auf, so fühle ich tief, dass ich als Vater entweder ein
Tyrann aus Liebe sein könnte gegen mein Kind, oder freiwillig aus dem Leben zu
scheiden für die grösste meiner Pflichten ansehen würde. - Wahrhaftig, kann der
Einzelne, dem im Tiefblick seines Geistes die Monstrosität der Weltlage in
zwerghafter Verkrüppelung klar geworden ist, nichts tun zur Errettung des
Ganzen, so ist es wohl an der Zeit zu sterben. Ach, es ist weit gekommen in
Europa! -
    Felix begleitete uns nach dem Dome. Eine unzählbare Menschenmenge drängte
sich durch das Portal, den langen Gang hinab, dessen linke Seite von
riesenhaften Fenstern durchbrochen wird, die uns in den brennendsten Farben die
Kunst der Glasmalerei bewundern lassen. Man fühlt sich niedergedrückt,
vereinsamt in diesem gigantischen Baue. Der ungeheure Raum verschlingt den
Blick, das Oede, Trümmerartige weckt tragische Empfindungen. Ein Gebäude wie der
kölner Dom ist eine Tragödie des Mittelalters, die nicht fertig geworden und nun
von allen Jahrhunderten besprochen und befühlt wird, ob sie sich wohl vollenden
lasse. Es ist aber eine abgeschmackte, gotteslästerliche Torheit, sich mit
einem solchen Gedanken nur zu tragen. Unserer Zeit fehlt die religiöse
Begeisterung zur Vollendung, ja zum Verständnis eines solchen Baues. Unsere Dome
sind langgestreckte, dünnleibige Fabrikgebäude. Die Begeisterung für das
Materielle, reell Nutzbare harmonirt wenig mit dem erhabenen Schwung einer
mittelalterlichen Phantasie. Dazumal hatte der productive Mensch in seinen
Gedanken noch etwas Riesenmässiges, Himmelstürmendes. Er baute seine Wünsche aus
zu Himmelsstiegen, die auch in ihrer Zertrümmerung noch grossartig genug sind, um
den nachgebornen Geschlechtern Stoff zu klugen und unklugen Diatriben zu geben.
    Wir traten in den hohen Chor, den einzigen vollendeten Teil des Domes. Wie
heisse Dankgebete stürzen sich aus der Tiefe der Muttererde die Springquellen der
Säulen hinauf zum Himmel und vereinigen sich in tausend auseinander wachsenden
Armen zur Palmenkrone des Gewölbes. Ein religiöses Gemüt muss beten können unter
dieser steinernen Himmelsdecke, wem aber die Seele erkaltete in der
Matterzigkeit des Weltlebens, oder, wer sich mit Ekel abwendete von der
Profanation des Göttlichen, die wohl auch hie und da Jahrhunderte lang vollzogen
ward in solchen Tempelräumen; der fühlt sich wie unter einem steinernen
Sargdeckel begraben.
    Ich weiss nicht mehr, mit welchen Empfindungen ich diesen Chor betrat, aber
eine unaussprechliche Angst ergriff mich, als die Bigotterie kniebeugte und
Kreuze schlug, und an dem Hochaltare, von tausend Kerzen erhellt, in den Nimbus
des sündenverdeckenden Weihrauchduftes gehüllt, der amtaltende Bischoff sein
lateinisches Formular herlallte Der Opferduft stieg hinauf in den ungeheuern
Raum und kräuselte in blauen Wolken an der Wölbung.
    »Macht uns denn dieser Rauch andächtiger?« fragte Felix.
    »Gewiss, wenn wir glauben. Darum, Kind, bestrebe Dich nur zu glauben, so
wirst Du Dich nie unglücklich fühlen.«
    »Da sprichst Du grade, wie der Vater,« meinte der Knabe.
    Ein Kirchendiener stiess mich an und fragte, ob ich das Grab der Heiligen
drei Könige sehen wolle. Diese Menschen haben eine merkwürdige Gabe, die Fremden
aus Hunderten und Tausenden heraus zu erkennen. Ich bemerkte, dass uns das
Hochamt wohl daran verhindern möchte.
    »Keineswegs, Herr Baron,« versetzte der Cerberus der heiligen drei
Schädelknochen, »ich bin jederzeit zum Herumführen disponirt.«
    Das,»Herr Baron,« kitzelte zwar meine echt deutsche Seele, dennoch liess ich
mich nicht verführen. Ich wiess den dienstfertigen Geist ab und suchte eines
andächtigen Gedankens habhaft zu werden.
    »Gib acht, Sigismund,« sprach Felix, »der Bischoff hat schon die Monstranz
in den Händen.«
    Der aufmerksame Knabe hatte richtig prophezeit. Lautes Geläut brach sich an
dem Gewölbe, die Menge stürzte blindlings auf die Knie, wider Willen ward ich
mit niedergerissen. Als wir uns wieder erhoben, fuhr Felix fort zu plaudern:
    »Wissen möchte ich doch, ob im Himmel auch Messe gelesen wird?«
    »Es kann uns gleichgiltig sein,« versetzte ich.
    »Nein, Sigismund,« erwiederte der Knabe, »mir wär's gar nicht gleichgiltig.
Denn ich sehe nicht ein, wo die Menschen alle hinsollten mit dem Kniebeugen, und
wenn sie übereinander fielen, müsst's doch recht curios lächerrlich sein im
Himmel.«
    »Ist das Dein Ernst, Felix?«
    »Ja, Sigismund, man darf's aber nicht laut sagen.« -
    Mir ward zu eng. Der dampfende Weihrauch erregte mir Schwindel, ich wandte
mich dem Ausgange zu. »Mutter,« rief Felix leise, »wir gehen fort, ich mag den
Leib des Herrn nicht räuchern sehen.«
    Rosalie lag in Andacht hingesunken im Betstuhl. Sie hörte die kindische
Bemerkung ihres Sohnes nicht, sie war in der Tat noch glücklich! Nur das Weib
in der Reinheit seines geistigen Seins, auch hier die Empfangende, kann sich
ohne Argwohn der Innigkeit einer künstlich erregten Begeisterung überlassen. Dem
Manne, diesem suchenden, forschenden und zerstörenden Ableger der Gotteit, sind
jene künstlich-stillen Freuden des Seelenlebens nicht mehr verstattet in der
Gegenwart. Ich meines Teils glaube sogar, es gibt von Natur gar keinen
religiösen Mann mehr, und was sich in ihm noch dafür halten lässt, ist zur
Religion gewordene Gewohnheit oder ein Aufnehmen des Weiblichen durch Entsagung
kräftiger Männlichkeit. Auch besteht die Religion des Mannes jetzt mehr in der
Tat, als im Gebet, und nur, weil unsere Zeit zu weibisch geworden, ist sie zu
schwach zur Production einer gewaltigen Tat. Der Mann, welcher den Dom zu Köln
erbaut hat, ist gewiss kein Frömmler, kein religiöser Beter im Sinne der
Gewöhnlichkeit gewesen. - Niedergeschlagen, schweigsam, und fast, möcht' ich
sagen, zerrissen, weil ich nicht glücklich sein konnte, wie Rosalie, kehrte ich
an ihrer und Felix' Seite nach Hause zurück.
    Es war gut, dass der Knabe mich durch sein kindisches Plaudern unterhielt.
                                                                     Des Nachts.
    Indem ich jetzt in heiliger Nachteinsamkeit das heut Morgen an Dich
Geschriebene wieder überlese, beschleicht mich der Gedanke, ich sei zum
Gotteslästerer, zum Heretiker geworden, ohne es zu wissen und zu wollen. Die
Unergründlichkeit unserer geistigen Natur ist die Säugamme unseres Elends! Wir
Alle suchen umher in den verstecktesten Winkeln des Lebens nach einem
Rettungswege aus diesen dunklen Labyrinten, die Weltirrtum und Weltforschung
über uns hingebreitet. Der Zorn über unsere eigene Ohnmacht zupft die liebe
Vernunft bei der Nase, und im liebevollen Hingeben unseres Selbst an das
vermeint Göttliche brechen wir die Säulen wie der blinde Simson und begraben uns
unter ihren tönenden Trümmern. Es muss, scheint mir, noch viel gelästert werden,
Raimund, ehe der Tag neuer Welteiligung über unser unglückliches Jahrhundert
heraufleuchten wird. -
    Wenn ich hinausschiele durch das Fenster und die graue Masse des Domes
emporsteigen sehe in den sternenbesäten Nachtimmel; so beugt sich der
friedliche Gott meines Herzens vor dem Heiligenschreine, den sich eines grossen
Mannes Begeisterung ausgemeisselt hat für seinen Gott. Dieser Bau weckt grosse
Gedanken; der Angstruf einer verschütteten Welt stammelt wie ein Sterbender in
mir, ich möchte gern helfen und retten in dem allgemeinen Unglück, aber die
Kraft will sich nicht erheben, weil der Einzelne in sich zu keiner
Selbstbegeisterung mehr emporwachsen kann. Diese Impotenz ist entsittlichend und
verweichlichend, weil durch sie die Männlichkeit anschwillt zur trägen,
phlegmatischen Fettmasse. Bleibt wohl noch etwas anderes übrig, als Bardeloh's
verzweifelnde Verachtung, Mardochai's auflösender Hass, des Mönches Wahnwitz,
Friedrich's Blödsinn oder Gleichmut's raffinirte Selbstentweihung? Hier liegt
der Todtschlag des Jahrhunderts, der Mord unserer Kinder, die Selbstentleibung
eines müden, lebensmattenund satten Weltteils! O mir stürzen die Tränen über
die Jammergestalt unserer Zeit, über mich, ihr unseligstes Kind, in die
überwachten Augen! -
    Es ist an der Zeit, Dir wieder ein Bruchstück aus Gleichmut's
Lebensgeschichte mitzuteilen. Anatomischer hat noch kein Gelehrter sein
Seelenleben zergliedert. Dass es mir vergönnt wäre, diese Biographie von
Religion, Cultus und kräftiger Menschlichkeit aller Welt in die tauben Ohren zu
schreien! Vielleicht lernte sie wieder hören und bekäm' ein helles Auge und
besseren Geschmack. Eine Restauration der gesunden fünf Sinne könnte ihr nur von
Nutzen sein.
   Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Streben Irregeleiteten.
                                 (Fortsetzung.)
    »Das Verschwinden Eduard's stimmte mich anfänglich überaus lustig. Es war
mir neu, zu sehen, wie ein Mensch, hingerissen von der finstern Macht einer
fixen Idee, die heitere Welt mit ihren spielenden Freudenklängen verlassen und
freiwillig einer funfzehnjährigen Sklaverei sich hingeben konnte, aus der die
Rückkehr zu den grössten Unwahrscheinlichkeiten gehörte. Viele meiner sonstigen
Bekannten spotteten gleich mir über den bigotten Schwärmer, waren aber in's
Geheim der Meinung, der Verschwundene werde einmal unversehens in unserm
lustigen Kreise wieder erscheinen. Das Letztere traf nun zwar nicht ein, wohl
aber erhielten wir unsichere Nachrichten von Eduard, die uns seinen Eintritt in
ein Kloster sehr wahrscheinlich machten.
    Die Jugend hält sich nicht gern an Vergangenes; ihr grösster Reiz liegt im
Erfassen des Augenblicks, der sie hinweghebt über Angst und Sorge des Lebens.
Nach einigen Wochen war Eduard vergessen, nur meine Wette trieb unruhig, wie ein
Nachtvogel, in düstern Träumen um meine verdämmerten Sinne.
    Die Notwendigkeit oder, wenn man lieber will, ein ironisches Pflichtgefühl,
zwang mich, dem Studium der Teologie Zeit und Kräfte zu opfern. Anfangs
vermeinte ich noch immer, es würde sich, aller Widersprüche ungeachtet, die der
wahrhafte Mensch in mir gegen die starre Inquisitionsmiene dieser und jener
Lehre erhob, ein Weg stiller Vereinigung ausmitteln lassen, doch mein Hoffen
blieb vergeblich und erfolglos. Die Lehrer waren zu sehr befangen in
Engherzigkeit. Das, was ich das Urmenschliche nennen möchte, und was zugleich
der glänzendste Abdruck der Gottähnlichkeit in uns ist, war längst erblindet von
unablässigem Gebrauch, den die solide Gewöhnlichkeit davon gemacht hatte. Mangel
an schöpferischer Gedankentiefe und ein Hang zur Bequemlichkeit, die jedem
Gelehrten anhängt, liessen sie nicht den Zwiespalt erkennen, der zwischen dem
Gelehrten und dem Angeborenen entstehen musste. Freilich war auch die Mehrzahl
derer, an die das todte - gewöhnlich sagt man das lebendige - Wort gerichtet
ward, von zu gemeiner Constitution, um zu erkennen, woran es gebreche. Die Masse
der Menschen, auch der gebildeten, will nichts, als sich Fremdes zu eigen
machen. So Zugeeignetes, wenn es das Aussehen geistiger Färbung hat, nennt man
Gelehrsamkeit, und wer die grössten Schober davon um sich aufhäuft, erhält den
Beinamen eines tüchtigen Kopfes, eines talentvollen Menschen. O, der Schmach und
Verläumdung des Heiligsten in uns! Als ob der Esel, welcher vermöge seines
Knochenbaues im Stande ist, die grössere Last zu tragen, dadurch auch befugt
werde, einer höhern Ordnung der Geschöpfe anzugehören. Wahr ist es freilich, er
bekommt weniger Püffe! -
    Mir regte diese Art, Vorgetragenes als wahr hinzunehmen oder durch öfteres
Betrachten dafür zu halten, die Galle auf, und je deutlicher ich sah, dass, wie
fast in allen Wissenschaften - die Medicin etwa ausgenommen - nur das
Mechanische als das Grosse und Wahre auch in der Teologie docirt, abgefragt und
geachtet werde, desto heftiger ward die Opposition dagegen in mir. Da ich keinen
fand, der mir Rede stehen wollte, meine Zweifel löste und die verzehrende Unruhe
stillte; so ging ich mit mir selbst zu Rate. In stiller Einsamkeit fand ich nun
geschieden den reinen Menschen von dem starren Teologen, und in wie fern dieser
als bevorzugter Repräsentant aller christlichen Lehrsätze betrachtet ward,
zugleich auch von dem gewöhnlichen Christen. Denn es konnte mich nicht
beruhigen, dass Reinchristliches von dem Dogmatisch-Begründeten eben so weit
abstehe, als die Sonne von der Erde.
    Ich empörte mich oft vor mir selbst, wenn ich meine gesunde Vernunft
hinableuchten liess in diesen Wust von Satzungen, wo jede Gesundheit des Geistes
verkümmert. Ich konnte mich eines bitter-wehmütigen Lachens nicht entalten,
wenn ich das Auge aufschlug zu dem blauen Himmelsgewölbe, das tiefsinnig wie das
niedergeschlagene Augenlid der Gotteit über mir hing, sich schämend der
Geschöpfe der Erde! - Gern wäre ich umgekehrt und hätte einen Weg verlassen, der
nach allen Seiten hin mich nur zu einem abgeschwächten, eingebildeten Glück,
oder zu einem elenden Untergange führen musste. Schon war ich entschlossen, ihm
zu entsagen; da bedachte ich, dass es wohl grösser und edler sei, darauf zu
verharren, vielleicht wäre ich bestimmt, beizutragen zur Aufklärung dunkler
Zustände. Der böse Geist eines zweideutigen Ruhmes umdüsterte mich, ich gab
nach, ich sah mich als Märtyrer für das geistige Wohl einer halben Welt
dastehen, und schwur Treue dem, was ich doch von ganzem Herzen nicht achten
konnte.
    Dies war meine erste Ordination zum Geistlichen, zum Gottesgelehrten. Mein
Entschluss stand fest - ich wollte ganz Mensch sein und ganz Teolog - wie sich
beides bei meiner zerbröckelnden Characteranlage mit einander werde in Einklang
bringen lassen, blieb mir noch unklar.
    In dieser Zeit innerer Zerrissenheit, in der die Unschuld des Menschen mit
der Befleckteit der geschichtlichen Teologie rang, trat der Jude Mardochai
langsam meinen Kreisen näher. Es hatte dieser Mann mit der Jugendlichkeit seiner
morgenländischen Phantasie etwas Bewältigendes für Alle, die in engere Berührung
mit ihm kamen. Mardochai war voll geistiger Regsamkeit; ich habe nichts gekannt,
was seiner Fassungskraft zu schwer gewesen wäre. Er liebte die Kunst, namentlich
die Poesie und Musik und wählte seine Freunde so, dass diesen mannigfachen
Gelüsten durch die Wahl selbst schon eine Befriedigung erwuchs. Seine
unablässigen Begleiter waren Friedrich, Casimir und ich; doch schien er bei
dieser Auswahl sein geheimstes Augenmerk nur auf mich gerichtet zu haben,
während die andern Beiden mehr das aufflackernde Kunstmoment nähren und
unterhalten mussten. Mardochai war bewandert in den heiligen Büchern seines
Volkes, er kannte genau die Lehren des Talmud und hielt sich streng an die
Vorschriften seiner Religion. Dies fiel mir auf, da ich wohl bemerken konnte, dass
nicht Ueberzeugung, sondern nur Gewohnheit, wo nicht gar schlaue Berechnung, ihn
zu so widersinniger Pflichtübung vermochten. Seltsamer Weise deuteten einige
Bemerkungen in unsern Gesprächen darauf hin und Mardochai berührte mit frivoler
Grazie Gegenstände, die eine sinnliche, leicht erregbare Natur zu wilder Glut
entstammen mussten. Der beabsichtigte Eindruck blieb nicht aus; er sah mich
zittern, vernahm meine Seufzer, die mehr unterdrückten Flüchen als Gebeten um
Abwendung der Verführung glichen. Seine Ruhe blieb dieselbe, nur einzelne, wie
zufällig hingeworfene Fragen, mussten mich beredt machen und ihm das Geheimnis
entlocken, an dem mein begehrerisches Leben freudlos verkümmerte.
    Wir hatten unsern gewöhnlichen Spaziergang angetreten, die dunklen
Kastanienalleen entlang, die nach Poppelsdorf führen. Der Kreuzberg lag, gehüllt
in sonnige Nebelschleier, vor uns, die Kapelle glänzte wie ein ins Grab
stürzendes Kreuz. Wir stiegen den Berg hinan, immer tiefer in ernste Gespräche
uns versenkend.
    Sind Sie ein wunderlicher Mensch, sagte Mardochai, als ich offen die Ursache
meines gramvollen Lebens ihm entüllt hatte. Nichts leichter, als hier Einigung
und Befriedigung. Sie kennen gewiss die Geschichte ihrer Kirche besser, als ich,
der Jude, Sie werden auch als Protestant nicht fremd sein in der Geschichte der
katolischen Kirche. Sagen Sie mir doch offen, was Sie von den Heiligen dieses
christlichen Bekenntnisses halten?
    Die Frage war mit so liebevoller Harmlosigkeit gestellt, dass ich ohne
Argwohn meine Meinung dahin gab. Ich erklärte die gesammte Geschichte für ein
Denkmal bald aufrichtiger, bald erheuchelter Schwärmerei und bedauerte nur, dass
bei so viel Poesie, die unbestritten darin liege, so wenig Erklekliches für die
Menschheit daraus hervorgegangen sei. Wäre ich Dichter, fügte ich noch hinzu, so
würde mein tiefstes Bemühen darin bestehen, das Weltpoetische in dieser
Erscheinung menschlich zu lösen. Es gibt kein reicheres Feld, Ruhm zu ärndten,
und Grosses und Bleibendes zu wirken für den Dichter, als ein Aufsuchen und
künstlerisch-poetisches Ordnen der seinen psychologischen Fäden, die verborgen
liegen in der Geschichte der Heiligen. Daraus würde eine Geschichte des
Menschenherzens sich gestalten, an der sich der sinnende Mensch eben so erfreuen
als belehren könnte.
    Darin will ich Ihnen recht geben, versetzte Mardochai, nur glaub' ich die
Heiligkeit selbst auf ganz andere Gründe zurückführen zu müssen.
    Wir standen an dem Kloster, die Sonne neigte sich dem Untergange zu, der
Rhein quoll, ein dunkelgrüner Königsmantel, aus der Schlucht des Siebengebirges
in die freie Ebene, die wie ein Untertan seinen Saum mit liebender Lippe
berührte. In der Kapelle ward die letzte Messe gesungen.
    Da drin, fuhr Mardochai fort, lebt auch noch ein Rest aussterbender
Heiligkeit. Was gibt ihnen das Vorrecht zu diesem Titel?
    Ihr Gelübde.
    Freilich! Wenn man nur nicht wüsste, warum das Gelübde dem Menschen
verbietet, sein Herz als Herz schlagen zu lassen.
    Diese Bemerkung verstehe ich nicht.
    Sonderbar! rief Mardochai, ein Teologe versteht nicht, was er selbst
beklagt! -
    Es trat eine Pause ein, ich versank über die Worte des Juden in tiefe
Gedanken. Wir hatten uns auf die Treppenstufen gesetzt, die zur Klosterkirche
führen. Vor uns lag das Siebengebirge mit den Ruinen des Drachenfels und
Godesberg. Es war ein Abend, mit Wollustreiz überströmt, und wenig geeignet für
Gespräche, wie das unsrige.
    Es muss ein eigener Kitzel sein, begann mein Begleiter, der den Geist in
gänzlicher Scheidung von aller sinnlichen Erregung Befriedigung finden lasst. Ob
nur diese Menschen keine Sinne besitzen?
    Wer weiss, erwiderte ich, welch' Unglück die Meisten zur Verläugnung
irdischer Freudigkeit getrieben haben mag!
    Ja, wer weiss es! wiederholte Mardochai und schwieg abermals. Einige Zeit
darauf fuhr er fort: Bei alle dem hat das Klosterleben doch mancherlei für sich,
z.B. ist es gar nicht zu tadeln, dass dem Weltmüden ein Asyl geboten wird, wenn
er, geschwächt vom Genuss, sich einem stillgeweihten Leben in Gott überlassen
will. Und meiner Ansicht nach kann ein Leben in Gott, ja überhaupt ein
teologisches Leben erst nach vorhergegangenem Schwelgen in allen Freuden der
Welt wahrhaft fruchtbar werden.
    Glauben Sie das wirklich? fiel ich dem Redenden mit einiger Heftigkeit in's
Wort.
    Wahrhaftig! Auch habe ich an mir selbst schon erfahren, dass Einigung des
geistigen und sinnlichen Menschen nicht denkbar, Scheidung beider aber
vernichtend ist. Sollte es da nicht weise sein, der Natur freien Lauf zu lassen
und diese geschiedenen Elemente für das Leben aufzufassen jedes zu seiner Zeit?
Namentlich hart ist mir es erschienen, dass die Kirche von dem Gottesgelehrten
eine immerwährende Entaltsamkeit oder doch grosse Mässigung fordert, die
gewöhnlich nachteilig selbst auf die freisinnige Entfaltung des Geistigen
einwirkt. Ich habe immer gefunden, dass die unbedeutendsten kirchlichen Lehrer
auch die entaltsamsten waren. Sehr natürlich! Es kann Einer leicht, was man
sagt, fromm sein, wenn keine Leidenschaft ihn verzehrt und der Leidenschaftslose
ist immer ein Simpler. Kommt es aber zufällig vor, dass ein geistig lebendiger,
gedankenreicher Mensch sich dem heilig genannten Studium hingibt, so muss er auch
dem sinnlichen Lebensreize auf irgend eine Weise den natürlichen Tribut zollen,
oder es entstehen unnatürliche Laster. Mir als Juden werden Sie es verzeihen,
wenn ich alle Klöster die versteinerte Lasterhaftigkeit der gegen den Willen der
Natur unterdrückten Sinnenlust nenne. Diese Mauern sind stumm, aber ein
geistiges Ohr kann sie seufzen hören.
    Was folgern Sie daraus? warf ich ein, denn eine bange Scheu hielt mich
zurück, das selbst zu sagen, wonach mein eignes Leben doch verlangte.
    Folgern! lächelte Mardochai. Ich bin Arzt und verweise aus
Gewissenhaftigkeit den Menschen immer an die Natur. Was die Natur verlangt, ist,
jedem Sittengesetz oft zum Trotz, immer das Weltmoralische. Man versuche es und
zwinge ihr Fesseln auf, sie rächt sich früher oder später! Gibt es nun Satzungen
in der Welt, die Klugheit und Politik für notwendig erachteten, oder an deren
Befolgung gegenwärtig das Geschick ganzer Nationen gebunden ist - gut: so
befolge man sie als öffentlicher Mensch! Die Natur hat ihren Tempel für sich,
ihre Priester und Priesterinnen. Habt Ihr keine Scheu, dem Gesetz der Klugheit
die verborgene Sittlichkeit Eures individuellen Menschen aufzuopfern, so sehe
ich nicht ein, was Ihr anstehen wollt, im vollen Arm der Natur einen
Freudenbecher zu leeren, der Euch die Leiden und Mühen eines erkünstelten,
angelernten Lebens leichter ertragen lässt. Scheidet das Gesetz, sei's heilig
oder profan, den Menschen in zwei Wesen, so ist es Pflicht der Natur, die
Geschiedenen in neuer Schöpfung zu vereinigen. Als Teolog - das Bekenntnis wäre
für mich kein Hindernis - würde ich in den Jahren, wo es meine Kraft erlaubte,
den Reiz der Weltlust, dem sinnlichen Leben geben, was es verlangt, um später
desto freier, umsichtiger, durchlebter, der stillen Gottesbetrachtung obliegen
zu können.
    Die Liebe ist das höchste Gesetz unserer Religion, seufzte ich laut in die
dunkler herabstürzende Dämmerung.
    Das ist's, was mich von jeher zum Christentum hingezogen hat, versetzte
Mardochai. Wäre ich nur nicht ein wunderlicher Kauz, so würde ich mich taufen
lassen, allein - ich halte nichts von Ceremonien bei einem Religionswechsel.
Ohne Taufe will's nicht gehen, gut, so bleib' ich Jude.
    Ich fürchte, Mardochai, Sie verwechseln den Begriff der christlichen Liebe
mit dem der weltlichen.
    Diesen Einwurf konnte ich erwarten, ich will Sie aber beruhigen. Scheinbar
mag ein Unterschied bestehen zwischen geistiger oder christlicher und weltlicher
oder sinnlicher Liebe. Der Unterschied liegt aber nur in der Einbildung.
Scheidet nicht, so habt Ihr Einigung, und wollt Ihr consequent sein in der
Befolgung Eurer Vorschriften, so müsst Ihr auch sinnlich lieben können mit einer
Andacht und Inbrunst, die der geistigen Liebe nichts nachgibt.
    Daraus würde eine wollüstige Religion entstehen.
    Nichts weniger, fuhr Mardochai fort. Liebt Ihr Euren Nächsten wie Euch
selbst, so werdet Ihr doch wohl auch die Nächste nicht ausschliessen von dieser
demokratischen Gesinnung. Liebe ist Hingebung, Aufgehen des. Einen in den
Andern, sei's im Geist, sei's in der Glut sinnlich zitternder Andacht! Und wäre
ich ein christlicher Lehrer, ich würde mich hineinstürzen in die glühendste Woge
der Liebe, um in der Lust bebender Sinne, in Kuss und Umarmung einen Massstab zu
finden für meine dereinstige geistige Liebe, die ich predigen soll dem Volke der
Verblendung. O, dass ich kein Christ bin, ich Elender! Dass ich nur die Eine Liebe
kenne und nicht die Seligkeit der Andern, die erst emporsteigt aus dem Genuss,
der ihre Mutter ist! Das ist der Fluch Eures Gottes oder Propheten, der jeden
Einzelnen meines Volkes verfolgt bis an das verachtete Grab. Danken Sie Ihrem
Gott, dass er Sie zum Christen erschuf und Ihnen das Glück der Liebe eröffnete in
all seinen entzückenden Reizen!
    Während dieses Gesprächs waren wir langsam wieder herabgestiegen von dem
Kreuzberge. Die gesunde Begehrlichkeit meiner Natur regte sich immer lauter und
forderte ungestüm Gehör. Mardochai erbarmte mich, ich liess mich hinreissen von
unzeitiger Weichheit und forderte ihn mit fieberischzitterndem Händedruck auf,
fortzufahren. Die Dunkelheit der Nacht verbarg mir sein Mienenspiel, ich hörte
nur den Sohn des rätselhaften, ewig jungen Morgenlandes. Er sprach, was ich
längst mir zu gestehen nicht gewagt, aber von einem Dritten zu hören sehnlichst
gehofft hatte.
    Sie werden es erfahren in Ihrem spätern Leben, fuhr der Jude fort, dass
beinahe alles Verbotene das Erlaubte ist, nur hingestellt, um den Mut des
Menschen zu erproben. So war's schon zur Zeit der Schöpfung. Ohne den
berüchtigten Apfelbiss fehlte uns alle Geschichte, mindestens alle Romantik des
Lebens. Das für sündhaft Gehaltene ist das Poetische, die Schallheit der
tagesflachen Wirklichkeit Heiligende. So auch mit der Moral. Versuch' Einer
erst, diese Moralität in schönen Leichtsinn seines göttlichen Bewusstseins
einzuhüllen und mit ihr davon zu laufen; glauben Sie wohl, es erfolge irgend
eine Reue darauf? Nur die Schwäche bereut, weil sie nicht productiv ist in sich
und das Erschaffen eines Neuen weder begreifen noch ertragen kann. Wollten wir
moralisch, tugendhaft, religiös sein im strengen Sinn dieser Worte; so wäre jede
Productivität des Geistes eine Sünde, weil sie immer eng verknüpft ist mit dem
Zertreten eines Festen, Gegebenen. Jeder Fortschritt wäre dann unmoralisch, denn
in ihm liegt die Verachtung des eben Geltenden; jede neue Tat wäre eine
Lästerung der Geschichte, weil sie so frei ist, ohne Compliment sich neben oder
über das Vorhandene zu stellen. Es dürfte überhaupt nichts Gedankliches mehr
geduldet, alles eigentlich Lebendige müsste todtgeschlagen werden, und heilig
allein, tugendhaft und religiös wäre nur der Automat und die Maschine. - Dies
führe ich nur an, um zu beweisen, dass jedes Verbot eine versteckte Aufforderung
ist, es zu übertreten. Seid mutig, keck, dreist und Niemand wagt es, Euer Tun
unmoralisch zu nennen; wollen Sie mir aber Einwürfe machen, so bin ich so frei,
Ihnen zu sagen, dass alsdann Ihre ganze Religion, das Christentum mit seinen
hundert Ablegern und Aesten, als die consequenteste Unmoralität in der
Geschichte der göttlichen Schöpfung dastehen würde, weil grade durch diese
grösste Tat des Geistes alles früher für heilig Geachtete umgestossen und
vernichtet wurde. Es ist nichts leichter als dies, aber auch nichts
wahnsinniger, als ein solcher Einfall. Nur im ewigen Umsturz des als absolut
moralisch Hingestellten und von den Schergen des Verstandes, der Ortodoxie und
Bigotterie, gehüllt in die aschgraue Livree der Bornirteit, Verteidigten,
liegt die ewig wandelbare und eben nur im Wandel heilig bleibende Moralität der
Weltgeschichte.
    Diese Deduction, mit der schlauen Unbefangenheit jüdischer Skepsis
vorgetragen, entschied über mich. Mardochai dolmetschte meine Gedanken, Gefühle,
Empfindungen. Die Sinnlichkeit brach wie ein Orkan in mir an und eh' eine Stunde
verging, lag ich zum ersten Male vor dem Altar einer Gotteit, dessen Namen zur
Bezeichnung leiblicher Schönheit in allen Weltteilen bekannt ist. Vielleicht
wäre ich nicht gefallen, hätte nicht Mardochai den Stachel der Lust listig zu
schärfen verstanden durch die Poesie der Situationen. Als es längst zu spät war,
begriff ich erst, mit welchem Vorbedacht mich dieser schweigsam zürnende Mensch
verführt hatte. -
    Eine dämmernde Mondnacht zitterte über Flur und Stadt. Mardochai sprach mit
so folternder Ruhe, dass ich ihn vor Ungeduld hätte ermorden können. Er führte
mich in ein abgelegenes Haus. Ringsum die geheimnissvollste Stille. Ein Zimmer,
klein, reinlich, von Ambraduft durchzogen, öffnete sich. Auf dem Ofen, der in
Adlergestalt sich erhob, glommen noch die Ueberreste der Kohlen, von denen das
Räucherwerk verzehrt ward. Kein Licht brannte, nur der Mond dämmerte still und
heimlich durch die halbgeschlossenen Jalousien. Am Fenster stand ein Bett, mit
weissem Seidenstoff überzogen.
    Treten Sie näher, sagte Mardochai, wenn es Ihnen hier gefällt. Mit sanfter
Gewalt stiess er mich hin zum Lager. Eine geschickte Handbewegung schlug die
Jalousien am Fenster zurück, das volle Mondlicht erleuchtete Zimmer und Bett,
ich erblickte in stillem Schlummer eine schöne Frauengestalt. Eugenie! rief
Mardochai laut. Die Schlummernde regte sich, im nächsten Augenblick umschlang
sie mich mit warmem Arm - ich erlag der Aufregung - Eugenie, das schönste Weib,
das je mein Auge erblickte, gab mir den Himmel, um mein Herz der Hölle als Pfand
zu überreichen. - Mardochai war verschwunden. Ich hörte seine Stimme erst
wieder, als die Morgenröte mich übergoss mit dem erborgten Purpur der Scham, die
ich nicht mehr kannte. Eugenie ruhte neben mir; - es hätte ein Gott straucheln
können bei diesem Reiz der Schönheit! -
    Mardochai! rief ich, Mardochai, wo bin ich!
    Wo Sie fortan immer sein können, wenn Sie in dieser Nacht gefühlt haben, dass
ein mutiges Uebertreten weniger schmerzhaft ist, als ein feiges Folgen.
    Und von Stund' an ward Eugenie, Mardochai's Geliebte, wie ich erst späterhin
erfuhr, auch die Meinige. Die Eifersucht kannte Mardochai nicht, ob aus
Klugheit, Diplomatie oder sonstigen Gründen, habe ich nie ermitteln können. -
Das sinnlich glühende Fleisch ward nunmehr meine Speise, die ich von Stund an in
welteiliger Begeisterung mir reichen liess von der schönsten Priesterin der
Natur. Ich hing in süsser Verzückung an den Brüsten, die Weisheit spendeten in
der Glut ihrer schwellenden Bewegung. Ich betete an in Liebe die Schönheit
fleischgewordener Göttlichkeit und suchte den Himmel mit seiner äterischen
Liebe zu begreifen in auflösender Umarmung. Ich ward ein Schüler Mardochai's und
folgte doch nur meiner Ueberzeugung. Die Lehre der Ascese zu verstehen, das
Geheimnis heilig gewordener Menschen zu fassen, lebte ich wie ein Bacchant in
unstetem Rausche. Kein Gedanke der Reue warnte mich vor diesem gefährlichen
Dasein. Es war Liebe und nur Liebe, die mich führte, trieb, geisselte von Genuss
zu Genuss. Ich glaubte tief zu fühlen, dass nur derjenige das Leben verstehen
könne, der es genossen habe wie ich; ob ich nach solchen Wollustbädern auch ein
Lehrer der Liebe würde sein können, daran dachte ich nicht, wenn die schäumende
Flut des Genusses in tausend scherzenden Perlen über mich zusammenstürzte. -
    Es lag eine hohe Poesie in diesem Leben. Keine spätere Zeit hat mich so
duftig umhaucht, wie jene, ganz an die Unschuld der entfesselten Leidenschaft
hingegebene. Mich riss nicht die Gemeinheit an den wollüstigen Leib der
Schönheit, sondern eine Anschauung der Welt, die irrig sein mochte, aber mir
doch erhaben schien. Erst später, als sich eine Art Besonnenheit, wie der Spion
umherschleichender Satanstücke in den Rausch mischte, ergriff mich ein Schwindel
der Feigheit. Ich sah mich umgeben von ähnlich Handelnden, aber anders
Denkenden. Da schauderte ich, zog mich zurück, ward schwermütig. Der Leichtsinn
meiner Genossen suchte mich auf, es kam zu Erklärungen. Meine Fragen wurden mit
bornirter Gutmütigkeit beantwortet oder mit ekelhaft gemeiner Frivolität. Diese
Rotte schnobberte am sinnlichen Leben umher, wie ein Hund, der die Küche wittert
am Duft der Speisen. Das war keine Poesie, kein süsses zauderndes Entschleiern
der Geheimnisse der Menschennatur - das war nur gemeines Schwelgen in grober,
entarteter Sinnenlust. -
    Man muss sich's mitnehmen, weil es Gelegenheit gibt, später tritt die
Ernstaftigkeit und die Strenge der Lebensregeln ein.
    So sprachen Hunderte der Jünger des Herrn, unbewusst den Fluch ausstossend
über sich selbst und ihre Genossenschaft. Es war die nackte Wahrheit, nur in
grasser Wirklichkeit hingestellt wie ein Skelett! -
    Betäubung, Ekel, Widerwillen am Leben und Forschen hielten mich lange in
tiefster Einsamkeit. Mardochai rüttelte mich endlich aus diesem dumpfen
Hinbrüten auf.
    Geht Ihre Poesie schon zu Ende? redete er mich mit derselben
zurückgehaltenen, leidenschaftlichen Wärme an, die ihm eigen war. Sie fangen an
zu kartäusern, ein unpassendes Spiel für einen Protestanten.
    Ich erzählte ihm meine Erfahrungen und legte offen und bloss den mit Asche
bedeckten Heerd meiner Gedanken. Das ist ein Gemälde unserer christlichen Welt,
schloss ich, an solch wurmgefrässiges Holz lehnt sich die Kirche.
    Diese Entdeckung ist nicht neu, erwiederte Mardochai. Betrachten Sie die
Sache jedoch ruhig, als Christ, mit Liebe, Duldung und unparteilichem Auge!
Gehen Sie Lehre und Leben durch und ziehen Sie Parallelen zwischen beiden. So
lange Sie trennen, wird keine Einheit geboren. Das Leben im Genuss sinnlicher
Lust, ist's etwas anderes, als die in heiliger Umzäunung verrückt gewordene
Liebe? Mögen Sie's dem Menschen verdenken, dass er an der Natur sich erheben
will, wenn ihn zuvor die Unnatur herabgewürdigt hat durch Demut zur Carikatur
des Hundes? Lieber Freund, ich finde, Sie sind ungerecht! Harte Gesetze
verlangen raffinirte Witze, um sie unschädlich zu machen. Besässe ihre Kirche
keine Wissenschaft der Moral, so hätten Sie keine Unmoral zu bekämpfen; ohne
Ascese gäb' es keinen outrirten Wollustgenuss. - Wo wollen Sie hin mit Ihrem
Seufzer über Sündhaftigkeit? Es ist keine Sünde, was sich der gesunden Vernunft
als notwendige Folge einer törichten Vorschrift zeigt. Auch der begabte Mensch
tut aus Instinkt, was aus Freiheit zu tun ihm seine papiernen Herrscher
verbieten. Es ist bloss das jus talionis, das er an sich selbst, dem
ursprünglichen Frevler, vollzieht. Dass Untergang des Gestraften oft eng damit
verknüpft ist, gehört unter die vielen tragischen Witze, die der Schalksnarr
Gottes oft auf Kosten seiner eigenen Ehrlichkeit an dem Rande der Weltgeschichte
reisst. Auch Gott ist humoristisch, wenn er verdriesslich wird! -
    Mit diesem vernichtenden Troste verliess mich Mardochai. Ich begann zu feiern
in der Poesie des Liebesgenusses und suchte mein gefoltertes Herz im Forschen
nach Wahrheit zu erfrischen. Das Leben der Vergangenheit und Gegenwart brachte
ich unter die Lupe meines vernichtenden Gedankens. Beide nahmen gleiche Gestalt
an, die Geschichte war und blieb Kokette von Anfang bis zu Ende, das christliche
Element schmückte sie nur aus zu haltbarer Liebenswürdigkeit. Mardochai's Worte
fanden Bestätigung in allen Nuancen - ich war beruhigt; denn geschieden auf
immer ward von Stund an in mir Mensch und Priester.
    Die Liebe lag, wie eine Jungfrauenleiche mit gebrochenen schönen Augen auf
dem blutroten Sarge meines Herzens. Ueber sie gebeugt streute die Unschuld die
letzten Sonnenfunken ihrer Herrlichkeit, dann sank sie zusammen, ein farbloser
Schleier. Sie ward zum Grabtuch für Liebe und Herz. Eins verging und verweste
mit dem andern.
    Von jener Zeit an datirt sich die Zeit meines ungetrübten Glücks.
Leidenschaftlich bewegt für alle Interessen der fortschreitenden Menschheit, war
ich teilnahmlos als Lehrer derselben. Ich konnte nicht mit Ueberzeugung Christ
sein, weil ich ohne Ueberzeugung Kirchendiener war. Das Menschentum stand
ausgeschlossen von beiden, wie ein betender Zöllner an der Schwelle des Tempels.
Ein dumpfer, schrillender Ton fuhr wie Memnonsklingen durch die gewitterschwüle
Luft meiner Gedanken, und schlug die Rosenflügel eines neuen Morgens auf in
meinem Herzen. Heuchele, sprach die Stimme des Gottes der Welt in mir, heuchele
der Moralität zu Liebe und erringe auf protestantisch-jesuitischem Wege der
Zukunft und ihren Kindern, was Offenherzigkeit dem bornirtem Umherblinzeln der
Gegenwart nicht anbieten darf. Schicke dich in die Zeit, sei klug und in der
Klugheit glücklich!
    Es fehlte mir nicht an Gelegenheit, die Trefflichkeit dieses Grundsatzes
praktisch zu erproben. Die Meisten von denen, welche sich der Teologie ergaben,
waren geistesarme, beschränkte Menschen, denen eine dereinstige Anstellung und
leiblich solides Auskommen das höchste Ziel aller Wünsche blieb. - Glückliche
Einfalt, Göttin der Dummheit, warum verehrst du nicht Jedermann bei Zeiten eine
warm wattirte Schlafmütze, dieses Ruhekissen der Gedanken, unter deren Knistern
wohltätiger Schlaf auf die armen Schlucker herabfallt? - Die Wenigen, deren
gleiche Zweifel die Seele zerrissen, wussten nur auf ähnlichem Wege mit mir
Befriedigung zu finden. -
    Immer damit beschäftigt, ein Mittel ausfindig zu machen, das geeignet sein
könnte, die Welt aus jener misslichen Lage zu befreien, in die sie gerückt worden
ist durch verstellte Frömmigkeit und unbegriffenen Bekehrungseifer, glaubte ich
es gefunden zu haben in dem stillen Untergraben der Gläubigkeit. Man darf nur
gleichgiltig, teilnahmlos auftreten, um Kälte zu erzeugen. Das tödtet, das
mattet wenigstens ab, und wo Schlaffheit eintritt, ist der umgestaltenden Kraft
bedeutend vorgearbeitet.
    Mit dieser Ueberzeugung ward und blieb ich Teolog. Mein Leben unterwarf ich
keiner Aenderung. Ich setzte es jetzt aus Verachtung der zukünftigen
Abgeschlossenheit fort, wie ich es früher begonnen in begeisterter Liebe.
Seltsam nur und bitter ironisch war mir der Gedanke, dass ich gerade im
Gegensatze von dem, was Eduard als Heiligendes und Vollendendes anerkennen zu
müssen glaubte, meine Heiligung und Vollendung ohne langes Suchen gefunden
hatte. Ich sehe mit Verlangen dem Ablaufe des fünfzehnjährigen Cyclus entgegen,
um Gewissheit darüber zu erlangen, wer von uns beiden der Glücklichere geworden
sein wird.« -
    Hier breche ich abermals ab, Du wirst ohnehin genug zu denken finden an dem
Mitgeteilten. Der Arme, er ahnt noch nicht, dass ein unseliges Geschick ihn
selbst triumphiren liess über den frommen Wahn des Andern. Eduard ist jener tolle
Mönch Bonifacius, den ich aus dem Kloster gerettet habe, den die rasend
gewordene Sinnlichkeit, zum Mörder seines Priors gemacht, in dem ich seinen
Verführer zu erkennen glaube.
    Mardochai aber, Mardochai, Du bist ein entsetzlicher Mensch! Denn glaube
mir, Raimund, dass nur Rache an dem Christentum diesen stolzen Geist einen
Glauben erfinden liess, der bei einzelnen Wahrheiten ein blendendes Gewebe
verführerischer Dialektik ist! Ich kann nicht glauben, dass Gleichmut, dieser
Mensch der Besonnenheit, jetzt den Betrug nicht merken sollte. Mardochai hat
sich in der Tat Shylok zum Muster genommen und sein Pfund gerissen aus der
Brust des Christentums als Zinsen der Rache. Er hat einen seiner edelsten Söhne
an den Rand des Verderbens gelockt und als Aschenhaufen mit kümmerlicher Flamme
wie ein Irrlicht daran herumgaukeln lassen, um ewig zu zittern vor der Angst des
Todes! Es ist eine grosse, poetische Rache des Judentums, aber dennoch
entsetzlich! Und nun ist dieser Mardochai ein Handelsmann geworden! Wie liegt
hier Ironie neben Ironie; wie springt ein verzweifelter Humor mit hellem
Gelächter durch die Lebensgeschichte zweier Religionen in ihren Repräsentanten!
    Morgen oder übermorgen verlasse ich diese Stadt der Dumpfheit auf einige
Tage. Unterwegs will ich Bardeloh das Manuscript mitteilen, er soll mir
enträtseln, was noch im Dunkeln liegt. Das Ende dieser Verkettungen, alle
geboren aus der Unnatur europäischen, religiösen, socialen und politischen
Lebens, kann kein friedliches sein. Ich beklage mich oft selbst, dass ich ein
Kind heisse dieser Zeit und dieses Erdteils! - Aber wohin fliehen, um dem Gift
misverstandener Civilisation, verkannter Glaubenslehren und boshaft verdrehter
Menschenrechte zu entgehen? Kein Land ist so rein und heilig, dass die Gemeinheit
sich nicht anranken könnte mit dem kletternden Finger ihrer reizenden
Frivolität. Wie die Einfachheit das Bezaubernde der Tugend, so ist die Grazie
das Verführerische des Lasters. Unschuld besticht durch Natürlichkeit, Sünde und
Verderben durch den Glanz einer erheuchelten Natur, der Koketterie! Dieser
Verführerin entgeht kein Land und kein Volk, nur der sittliche Gedanke, dieser
Augenstern der wahren Gotteit, mag sie verscheuchen, so lange er nicht ganz
verdunkelt wird von der Trunkenheit des Augenblicks. -
    Da erhalte ich einen Brief - er ist von Auguste! - Alles Elend wird mir
entrückt, in weite, weite Ferne. Wie ein Wüstenbild nur steht es drohend am
Horizont der umwälzenden Zeit, und wieder als leitender Magnet, zitternd bewegt
und doch friedlich still, glänzt die Liebe mir entgegen und hüllt mit tausend
süssen Träumen mich ein in das beseligende Sterbekissen aller Welt! - Ja, es ist
und bleibt wahr - die Geliebte ist mein Erretter! -
 
                                       7.
                                 An Ferdinand.
                                                           Köln, den 23. August.
    Sind die Weiber doch wunderliche Geschöpfe! Wenn sich alle Gefühle in ihnen
nach Hingebung an den Geliebten sehnen, springt die Laune, dieser unablässige
Begleiter aller Weiblichkeit, herbei und dictirt Bedingungen, Vorschriften,
Verhaltungsregeln, als gälte es die Erhaltung eines künstlich regierten Staates.
Glaube aber Niemand, dass in solchem Tun Entaltsamkeit liege; es ist nur
Steigerung des Reizes, Vorgenuss der heiligsten Lust.
    Die Weiber sind die Götter der Erde, die lebendig gewordenen Gesetze jener
schönen Religion, die allein unangefochten bleiben wird für immer. Unsere
Religion nennt sich die Religion der Liebe. Seltsam! »Die Religion der Kälte«
würde zuweilen bezeichnender sein. Liebe ist nicht denkbar ohne Hingebung, und
wo diese möglich sein soll, muss Glut, Begeisterung und Auflösung in heilige
Lohe als erstes und letztes Gesetz anerkannt werden. Gibt es eine Religion, die
uns dies gewährt, die sich die Schönheit der Form zum Muster genommen für innere
und äussere Ausbildung? Mir scheint, dem Gesetz der Liebe fehle zuweilen das
Ueberzeugende. Die Sucht, recht äterisch und erhaben zu werden, hat die
Flachheit geboren; es ist Alles kahl, glatt, sogar solid langweilig geworden!
Nur die pulsirende Wärme des Fleisches kann Leben und Seele diesem zu geistigen,
idealistisch-todten Wunderbau wieder einhauchen. - Aber höre, was mir Auguste
schreibt, das seltsame Mädchen, voll unschuldiger Koketterie, ein Weib in jedem
Gedanken!
                             Auguste an Sigismund.
    »Wir werden uns nicht wiedersehen, trauter Freund, bevor Du nicht Busse
getan hast. Du sollst zwar immer wissen wo ich bin, meine Tür aber wird für
Dich verschlossen sein. Bist Du böse, mein Geliebter? Ich küsse das Wort, um
Dich zu versöhnen. Aber was denkst Du von mir, dass es Dir in den Sinn kommen
konnte, unter heidnischem Jubel und Wahn so mir nichts Dir nichts meinen vollen
Besitz erstürmen zu wollen? Jedes Mädchen ist ein verschleiertes Bild zu Sais.
Kein Ungeweihter darf mit roher Gewalt den Schleier lüften, er sinkt sonst
ohnmächtig zu Boden und seine Ruhe ist dahin für immer. -
    Es ist unglaublich, Sigismund, was ich mir Alles einbilde. Was glaubst, was
denkst, was rätst Du wohl? - Ich will Dir helfen. Da halte ich mich zum Beispiel
für recht hübsch und stütze mich dabei auf Dein eignes Urteil; auch klug bin
ich zuweilen, schlau immer und boshaft nicht selten. Am meisten übe ich diese
letzte süsse Tugend meines Geschlechts Dir gegenüber, trauter Freund! Ich muss
necken, stacheln und reizen können, was ich lieben soll. Ihr Männer ärgert Euch
freilich darüber, und das ist mir gerade recht. Dir, Geliebter, mache ich gewiss
das unbedeutenste, ungraziöseste Compliment in Gesellschaft, weil mich's
ergötzt, ein eifersüchtiges Grübeln über Deine Mienen hinwegklettern zu sehen.
Ein Fegefeuer vor dem Eintritt in den ganzen Himmel unserer Gunst ist Euch
harten Seelen sehr zuträglich. Eure Küsse sind dann wärmer, dauernder,
beseligender. Es sind Sterbekissen unserer Seelen mit Goldfunken umsäumt. Auch
die meine hofft sich darauf einzuwiegen in den wonnedurchflüsterten Traum des
reinsten, glückseligsten Lebens! -
    Nun, wirfst Du mir jetzt noch Zurückhaltung vor, Du böser Verführer? - Sieh,
wenn ich des vorgestrigen Abends gedenke, so schlägt die Glut meines brennenden
Herzens hell leuchtend an den bleichen Himmel meiner Stirn, und die
Jungfräulichkeit meiner Empfindungen versteckt sich in die tiefsten Falten des
Mieders, wie ein Kind, das sich vor der Strafe fürchtet. Es war sehr, sehr bös
von Dir, Sigismund, dass Du Deinen Mund so misbrauchen konntest und bald eine
neue Firmelung für Dich nötig gemacht hättest! - Aber ich kann Dir nicht lange
zürnen, schmollen ist langweilig und mein ehrenwerter Cerberus, Klapperbein,
hat einen so richtigen Blick, dass er sogleich weiss, ob ich auf der rechten oder
linken Brust Schmerzen empfinde.«
    »Willst Du mich besuchen, Sigismund? - Bitte, komm, aber nur bis an die
Türschwelle. Wart', ich will nachsehen im Kalender, wie lange Deine Busse dauern
soll. Nicht barfuss im Schnee und im Hemd sollst Du Busse tun, sondern recht
anständig verhüllt, ganz sittsam und in der verzehrenden Glut der Erwartung. -
Sehr gut - sechs Tage dauere diese Qual, mein geliebtes Herz! Dann will ich den
Riegel, wie von Geisterhand gelüftet, niederklirren lassen und farbiger
Dämmerschein, wogend auf dem Blütenaroma meiner Lieblingsgewächse, soll Dich
umschmeicheln. Dann suche, suche und irre umher in der durchdufteten Halle! Du
stehst am Hochaltar der Liebe, die Natur schwenkt in ihren Blumenkelchen tausend
Weihrauchfässer, und die glimmernden Kerzen der Feuerfliegen leuchten mit
sanftem Glanz zu dem heiligen Lebensfest. - Der Hohepriester aber legt das
Gewand der Hohheit an. In stiller Andacht, wonnebeglückt, sehnsuchtumrauscht,
wirst er das schwellende Gewand der Menschheit um sich. Es verschwindet die
hemmende Sitte und nur die Natur waltet frei. - Es ist Alles bereit zum
erhebendsten Liebesdienst, und es liegt nur an Dir, mein Sigismund, wenn Du
nicht hinsinkst in die Andacht des Genusses, betäubt, ohnmachtsüss,
wonneschwelgend.«
    »Hinweg mit aller Heuchelei zwischen Herzen, die ihren Pulsschlag schon
gefühlt in unmittelbarster Berührung! Prüderie ist der Tod aller Liebe - Willst
Du mein Glaubensbekenntnis hören? Es ist einfach, so einfach wie ich, der
Abdruck meiner innersten Gedanken. Nicht wahr, Sigismund, Du bist, was man so
Protestant nennt? Versteh' ich das Wort recht, so bin ich eine sehr starke
Protestantin, obwol ich mich für eine gute und fromme Tochter der
alleinseligmachenden Kirche halte. Ich protestire eifrig gegen alle zierlichen
Verührungen und liebe die Freigeisterei, die Keckheit in der Liebe. Freilich ein
sonderbares Gemisch von Rechtgläubigkeit und Frivolität, die mir aber ganz
wohlgefällt, weil sie reizt.«
    »Liebe, mein glühender Freund, heisst das erste und letzte Wort meines
Katechismus. Das ist ein vieldeutiger, schwer zu interpretirender Ausdruck, und
dennoch bin ich so leicht damit fertig, wie mit einem Kusse Kann dieser nicht
die Stelle eines langen Commentars vertreten? - Ach, ist dies ein langweiliges
Leben jetzt! Und nun vollends, seit ihr Männer so trübsinnig zerfallen seid mit
dem Dasein und an nichts mehr eine heitere Freude findet! Was sucht ihr denn,
Törichte? Freiheit, Ausgleichung verworrener Zustände, politische Reformen,
eine Umbildung des socialen Lebens. Ich glaube, so ungefähr lauten die Titel zu
den Klageliedern, die Ihr nun schon seit Jahren in verschiedenen Tonarten
variirt. Sigismund, ich sage Dir und Allen, die Dir gleichen, dass ihr Toren
seid, rechte blöde, mondsüchtige Toren! - Liebt, und Ihr seid frei, aber liebt
menschlich-natürlich, nicht weltlich-frivol. - - Ach Du lieber Himmel, da hab'
ich so eine Art Lästerung geschrieben, ich kann sie aber unmöglich wiederrufen,
wenn ich ehrlich bleiben soll. Und nicht wahr, Ehrlichkeit gehört auch zu den
Tugenden der Frauen?«
    »Hast Du mich verstanden, Sigismund? Ich bin ziemlich unerfahren, schlicht
und wenig bekannt mit der Qual des männlichen Lebens, aber eben deshalb glaub'
ich ein Recht zu haben, schuldlos und unparteiisch meinen Rat hinwerfen zu
dürfen in dieses freudenlose Schwanken und Irren. Versucht zu lieben, ihr
Unglücklichen, liebt mit aller Genialität des Geistes, der in Euch bewegter ist,
als in früheren Geschlechtern, und Ihr werdet gesunden!
    Wir Weiber sind seltsam, wir fühlen auch das Unglück der Zeit, aber uns
drückt es nicht nieder, wie den Mann. Das Weib hat Kraft, Alles zu ertragen, so
lange sie lieben kann; nur mit der Fähigkeit zu lieben endigt ihr Dasein.
Frevelt nicht, ihr europamüden Männer, an der Allmacht der Liebe, sonst vertilgt
Ihr Euch selbst und Euren Tatendrang. Frei werdet Ihr sein, sobald Ihr es wagt,
frei zu lieben.«
    »Die Liebe ist die Religion der Welt. Dies sollst Du lernen, Sigismund, nach
abgelaufener Bussezeit. Warum schlingt sich diese Weltreligion so fest an einen
gemachten Himmel, jenen unbestimmten Begriff alles Ungewiss-Schönen,
Traumhaft-Erhabenen? Warum ist die Liebe so feig gewesen, sich binden zu lassen
mit dürren Binsen versengter Gesinnung? Warum hat sie sich erniedrigt und ist
hingesunken unter das kalte Douchebad verständiger, gut gemeinter Gesetze? Das
Leben bewegt und gestaltet sich am schönsten, wenn ihm wohlwollend alle Wege der
Entwickelung geöffnet werden, und jede Schranke fällt, die nicht begründet ist
in der Natur. Ist Liebe etwas anders als die Umarmung zweier Flammen, die sich
auflösen in eine? Bedarf ich Ermahnung, wo Alles glüht? oder Mässigung, wo sie
allein sittenlos, fluchwürdig und Lästerung des Lebens wäre? Sieh, mein
Geliebter, das ist es, was ich der Männerwelt rate zu bedenken. Genialität in
der Liebe gebiert Genialität im Leben. Aus der Gewohnheit, und hätte sie sechs
Weihen empfangen, wird kein Sprössling erwachsen, von Sonnenduft und Aeterglanz
umwallt. Nur die Freigeisterei der Liebe erzeugt den Heroen der Freiheit!«
    »Ach, was ich mutig bin und doch so traurig! Sigismund, mir bangt, wir
werden uns nicht gar lange besitzen. Dringe nicht in mich, verlange nicht zu
schnell das Band der Ehe um meine auf freien Flammen sich wiegende Seele gelegt!
Nicht etwa, dass ich etwas gegen die Ehe habe, ich achte und ehre sie und wünsche
dereinst ihr Glück zu geniessen, aber die Erinnerung an die freie Vergangenheit
würde meine Liebe schwächen und die Begeisterung herabsinken zu gewöhnlicher
Liebelei. Und wäre dies nicht entsetzlich, entwürdigend? - Sei nur nicht böse
über meine Zweifel. Es kommt mir nun einmal so vor. Irre ich, so belehre mich
eines Besseren!«
    Die Menschen haben wunderliche Begriffe von Wahrheit, Tugend, Religion und
Sittlichkeit. Ich fühle, wie ich blutdürstig werden könnte als Mann, wenn mir
das Gesetz die Heiligkeit des Lebens vorschreiben oder zum Verbrechen machen
wollte, sobald ich unbegrenzt forderte, wozu die Vernunft ein Recht hat!
Gottlob, dass ich ein Weib bin und nicht zurechnungsfähig! Stimme nicht für die
Emancipation der Frauen, Sigismund, ich gebe Dir statt hundert Küssen hundert
Ohrfeigen, die Zinsen nicht mitgerechnet! Ich mag nicht emancipirt sein zur
Gebundenheit männlicher Qual! Ich will kindisch bleiben und eigenwillig, um
lieben zu können, frei, begeistert, ohne Mass, genial, wie der Augenblick es
heischt, der mein Gott und mein Heiland ist! Sigismund, tausend Küsse Deinem
Sieg begehrenden Munde! Diese Rosenblätter hier nimm statt verkörperter
Liebeshauche. Ich habe sie alle geweiht im Duft meiner heissesten Gedanken. Wenn
Du ein liebendes Auge besitzest, findest Du in jedem ein getreues Conterfei des
Lippenpaares, dem Du vertraut hast, dass es keinen Gott gibt im Himmel und auf
Erden, ohne die Liebe. Es war ein süsses Geständnis, es hatte meinen Beifall.
Nicht allein »Gott ist die Liebe,« sollte es heissen, sondern auch: »die Liebe
ist Gott!« -
                                                                  Deine Auguste.
    Nein, Raimund, noch bin ich nicht unglücklich. Wer ein Wesen an seiner Seite
fühlt, wie dieses Mädchen, der hat noch zu hoffen Grosses, Schönes, Ewiges in der
Welt. Auguste hat recht, sie löst spielend, wie die Unschuld immer, die
schwierigsten Probleme weltlicher Gestaltung. So lange die Weiblichkeit rein
bleibt und frei, steht der Menschheit mit ihren tausend Schmerzen noch kein
Untergang bevor. Wäre uns nur vergönnt, das auch eben so leicht zur
Allgemeinheit der Anschauung zu erheben, was die Genialität des liebenden Weibes
in ihrer göttlichen Unmittelbarkeit erkennt. Aber das ist es ja eben! Wir
verkümmern in der Einsamkeit unseres Wunsches, dem kein Hebel gegeben zur
Tatgestaltung. Es fehlt an einer Basis, die Frucht jahrhundertlangen Denkens
gross zu wiegen zur Jugend. Die Kinder der Taten sind vorhanden, aber sie
ersticken am Zulp, den ihnen das Zeitalter der Priesterherrschaft, mit saurem
Brei gefüllt, in den Mund gedrückt hat. Die Zeit kriegte die Schule davon und
stirbt nun an Krämpfen. -
    Während ich dies schreibe, fühle ich im Stillen, dass nur die Schrift der Weg
ist, über dem die Verdorbenheit und Unnatürlichkeit der Gegenwart das neu zu
gebärende Leben hinüberführen muss in den Paradiesesgarten der neuen Unschuld.
Sperrt die Gedanken in eherne Laternen mit geschliffenen Gläsern, damit sie
leuchten, wie Gasflammen in einem Mikroskop, und sendet sie hinaus auf den Markt
der Nationen. Es wird nicht an Buben fehlen, die mit den Kieseln der Gemeinheit
nach den hellen Lichtern werfen und die Laternen zertrümmern. Aber kümmert Euch
nicht um die Brut, das Licht ist eben so ewig, als die Wahrheit. Verdämmern
könnt Ihr es, aber nie ganz verlöschen.
                                                                  Am 14. August.
    Mir ist ein grosses Unglück begegnet. Die Verheissung hoher Seligkeit in
Auguste's Brief versetzte mich in eine der Trunkenheit verwandte Stimmung. Wer
mag auch ruhig und gemessen bleiben, wenn tausend Freuden unser Herz beengen?
Ich vergass Alles um mich her, nur der warme Himmel, der sich herabstürzen zu
wollen schien, lockte mich, denn er war gleich mir, trunken von
Liebesbegeisterung. Ich eilte hinaus, unbekümmert um Offenes und Geheimes.
Gleichmut's Manuscript, dieses vieldeutige Rätsel einer verkümmerten Societät,
lag auf dem Tisch; ich vergass es einzuschliessen - es ist entwendet,
verschwunden! - Zwar will es Niemand gesehen, Keiner mein Zimmer betreten haben,
um die kostbaren Blätter zu erbeuten, aber ich traue Keinem, am wenigsten meinem
Gastfreund Bardeloh. Sein Läugnen macht ihn nicht ehrlich in meinen Augen. Der
Wahrheit zu Liebe befiehlt uns die gesunde, natürliche Vernunft, hundert Lügen
zu ersinnen, und wir freuen uns nur über unser eigenes Poetentalent. - Auch kann
ich mich unmöglich grämen über den Verlust; denn ich besitze ja ein Herz, das
Herz Auguste's, diesen sprudelnden Brunnen unerschöpflicher Liebe! Was geht mich
im Genuss dieser Gewissheit die Welt noch an mit ihren grossen und kleinen
Erbärmlichkeiten? Ach, ich fühle es, die Liebe macht egoistisch, rigoristisch,
aristokratisch, Alles, Alles, nur nicht kosmopolitisch! Ich werde ganz irre am
Laufe der Welt, an Demokratie und Freiheit. Ich weiss nicht mehr, was ich halten
soll von mir und dem Streben derer, denen ich so gern meinen brüderlichen Kuss
eindrücken möchte in ihr tiefstes Herz! Ach, Auguste, ich werde Dich noch
hassen, weil Deine Liebe mich zur Apostasie verführt! -
    Eben komm' ich zurück von meiner zweiten Bussfahrt, gestern hielt ich die
erste, die süsseste! Glaubst Du, Raimund, dass mich Hunderttausende beneiden
würden, könnten sie nur im geringsten ahnen, mit welchen tönenden Fittigen die
Stunden um mich fliegen, die Nachtigallen der Zeit, während eine ewige Dämmerung
um Himmel und Erde ihre heiligen Grotten baut? Erst im Zaudern der Geliebten
lernen wir das Glück kennen. Die Erwartung ist der schöpferische Gott, der
Genius aller Begeisterung, das Erlangen ist nur süsse Ermattung, keine reine,
ewige Freude!
    Aber Auguste ist consequent, reizend consequent, eine Philosophien nach
allen Regeln der Logik, die im Kateder ihres Herzens der wunderliche kleine
Professor, Eigensinn und Laune, mit meisterhafter Virtuosität vorträgt. Ephraim
Klapperbein begegnete mir auf der Flur, sein Lächeln weissagte nichts Gutes. Er
flocht einen Korb und hielt ihn mir, ziemlich fertig, entgegen, ein lustiges
Lied vor sich hinbrummend. Eine halbgeleerte Flasche Moselwein stand auf einem
umgestürzten Fasse, beinerne Würfel lagen daneben, Karten, Spielmarken, Bohrer
und Pfriemen bunt unter einander. Mir ward gar seltsam- unheimlich, als ich den
halbfertigen Korb erblickte. Gebe der Himmel und die Liebe, seufzte ich in der
stillen Kirche meines Herzens, dass diese Symbole keine Bedeutung für mich haben
mögen! Ephraim mochte meine Gedanken erraten, er biss die Lippen und lud mich
ein, mit ihm auf die Gesundheit des Fräulein Auguste zu trinken.
    »Wollen Sie eins riskiren?« fragte Ephraim, griff nach einem Stückchen
Weissbrod und drehte die Krumen zu Kügelchen. Dazwischen flocht er an seinem
Korbe, trank Wein und brummte sein joviales Lied.
    »Was soll ich denn riskiren?«
    »Nur 'nen Wurf. Mögen sehen, ob Sie Kreuz kriegen oder keins.«
    »Gott behüte mich; es ist ohnehin Kreuz genug in der Welt! Wir schleppen
seit Menschengedenken entsetzlich viel Kreuz mit uns herum, und werden weder
froh noch satt davon.«
    »Schaun's!« rief Ephraim, »ich hab' doch 'n Kreuz geworfen und das freut
mich, der Korb wird allerliebst werden!«
    »Hole der Teufel Dich und Deinen Korb!« sprach ich im Stillen und griff nach
den Brodkügelchen. Denn jetzt erst fiel mir's ein, dass es mit dem Kreuzwerfen
eine ganz eigene Bewandtnis habe. Am Rhein werfen alle Mädchen ihre Wünsche in
Kreuze, und geht's nicht, rücken sie die verzogene Figur sehr naiv in die rechte
Form. Das ist allerliebst von den rheinischen Mädchen. Wer doch so harmlos sein
und auch Kreuze werfen könnte, um aus den gelungenen, graden oder schiefen die
Erfüllung seiner heissesten Wünsche zu lesen! - Nun ich warf lauter schiefe
Kreuze von der curiosesten Art; es wollte keins nach Wunsche gelingen, und doch
fehlte es wahrhaftig nicht an Wünschen. Von Oben herab hörte ich Auguste's
Silberstimme singen:
»Kommt er nicht, so lässt er's bleiben
Gräm' ich mich doch nicht zu todt,
Andern auch gefällt mein Füsschen,
Meiner Wangen duftig Rot.«
    »Es ist gut, dass mein Korb bald fertig ist,« sagte Ephraim. »Ich will mich
dazu halten, damit Sie nicht warten dürfen. Denn Sie kriegen im Leben nicht, was
Sie wünschen.«
    Ich stiess das Fass um sammt Würfeln, Karten, Wein und Gläsern und stürzte die
Treppe hinauf. Ephraim lachte, jeder Andere würde geflucht haben. Die
Rheinländer sind aber gebildete Leute, sie trinken keinen Schnaps, und das
schützt sie vor brutaler Gemeinheit. Grob sind sie dessenungeachtet, aber es ist
eine aromatische Grobheit. Sie duftet immer nach einer Art Grazie.
    Vor der Tür angekommen, klopfte ich. Niemand rief, »herein!« auch die
muntre Sangesweise war verklungen. Ich rief Auguste's Namen. »Sigismund?«
flötete die Stimme, deren Echo nie verklingt in meinem Herzen, des Nachts die
wunderlichsten Variationen anstimmt und klimpert auf dem Harmonikord meiner
zitternden Seele, »Sigismund, willst Du Busse tun?«
    »Nein,« rief ich, »küssen will ich Dich und nicht büssen!« Ich rüttelte an
der Tür, sie war verschlossen. Meine lose Peinigerin lachte und sang wieder:
»Kommt er nicht, so lässt er's bleiben.«
    Beinahe hatte ich angefangen zu schimpfen, doch hielt ich es für
angemessener, mich auf's Bitten zu legen. Ich drückte meine fieberglühende Stirn
an den Messingbeschlag der Tür und bat in den beglückendsten Schmeichelworten
um Erlass der Busse. Nur den Hauch ihres Mundes sollte sie mich fühlen, ihre Lippe
sehen lassen, den Blick ihres Auges untertauchen in den sich trübenden Schimmer
des meinigen!
    »Das ist billig,« kicherte die Mutwillige, der Schlüssel klirrte im Schloss,
mir ward ein Blick vergönnt in das blumendurchduftete Heiligtum. Niederknieend
verdammte ich hundertmal alle Schlosser in den Abgrund der Hölle, der
Lichtschimmer erlosch, Auguste legte den Mund an die Öffnung; nur unser Atem
berührte sich warm und lind. »So, nun ist's genug,« sagte Auguste und ich sah,
wie sie im durchleuchtenden Kleide von Rosaseidengaze durch das Zimmer hüpfte,
und sich in die Kissen des Sopha warf in der reizendsten, kindlich
unbefangensten Stellung. Ein liebendes Mädchen ist grausam, je liebgeglühender
desto grausamer! Auguste verschloss mir nicht die Einsicht in ihr Zimmer, sie
marterte mich mit dem hingebendsten Lächeln, aber sie liess mich draussen vor der
Tür warten, seufzen, bitten! »Busse muss sein!« lallte sie liebreich vergebend,
»nach sechs Tagen erhöre ich mich selbst.«
    Sie löste die blauseidenen Schuhe, die mild und warm, wie ein Stück
Frühlingshimmel ihren schönen Fuss umspannten. Sinnend grub sich die weisse Hand
in ihr dunkles Haar. Mit dem nackten Fuss zeichnete sie meinen Namen auf den
buntfarbigen Teppich, legte sich dann zurück in das Sopha, und liess die warmen
Lüfte mit den Blumenstaubfächern sie einwiegen in sanften Schlaf. Ein Luftzug
spielte in wunderlichem Necken mit der leichten Kleidung. Eine unschuldige Venus
lag sie in der Fülle jugendlicher Schönheit wie unter Rosen begraben. Dann
tauchte ein zweiter Hauch die schlummernde Anadyomene wieder in den Rosenschaum
der schmeichelnden Gewänder.
    Glücklich, sie doch gesehen zu haben, schlich ich die Treppe hinunter.
Ephraim überreichte mir den fertigen Korb, den ich zum Dank unter meinen Füssen
zerbrach und die Stücke dem alten Manne recht derb auf sein graues Haar drückte.
Ephraim versteht Scherz; er lachte und hiess mich wiederkommen, denn über Nacht
sei der Schade schon wieder herzustellen. Zwar ist mir der schadenfrohe Wächter
heut nicht begegnet, aber der Verlauf meiner Bussfahrt blieb ziemlich derselbe,
nur ward ich nicht durch eine gleich reizende Ein- und Aussicht wie gestern
entzückt. Auguste ist unerbittlich; sie hält erstaunlich viel auf ihre eigenen
Gesetze. dabei unterlässt sie nicht, für Andere zu denken. Sie ist zärtlich
besorgt für das Wohl ihrer Freunde und Freundinnen, und erinnerte mich an eine
Pflicht, deren Vernachlässigung ich nur dem Drange meiner Liebe Schuld geben
muss. Auguste trug mir auf, Lucie zu besuchen, von deren Zustande ich seit dem
verhängnisvollen Abende nichts mehr gehört hatte.
    Eine Viertelstunde später liess ich mich anmelden. Ich ward vorgelassen und
traf ausser Lucien ihren Geliebten Oskar, den Pastor Gleichmut! und jenen
Pietisten, dessen ich schon einmal Erwähnung getan habe. Diese Gesellschaft
fiel mir auf. Was suchte der Pietist bei Lucien, der Katolikin? Oskar erklärte
mir mit wenig Worten den Zusammenhang. Der Pietist, ein reicher Kaufmann, Namens
Steinhuder, ist Luciens Vormund, gleich bewandert im Wechselgeschschäft des
Himmels wie der Erde, und ein Todfeind des reinen Protestantismus. Ich begreife
recht wohl, wie der bigotte Katolicismus und der evangelische Pietismus sich
umarmen können. Sie haben beide ein Ziel, wenn sie es auch nicht immer ahnen.
    Lucie hatte sich längst wieder erholt. Sie war flatterhaft, von schalkhafter
Laune, wie immer, und ich kann nur nicht begreifen, wie der verständige Oskar,
ein junger Jurist, dieser heiteren, gesunden Sinnlichkeit genügen kann. Doch ist
mir Oskar noch zu fremd, als dass ich ein bestimmtes Urteil über ihn fällen
könnte. In seinem Auge glüht Leidenschaft, nur der Nebel der Vorsicht scheint
blöd und gleichgiltig darüber hinzustreifen.
    »Wie geht's denn meinem unberufenen Chapeau d'honneur?« fragte Lucie, indem
sie mir den Arm reichte. »Ich möchte nicht zum zweiten Mal eine Extratour mit
ihm tanzen, er ist zu feurig, zu wild, flammender als Ihr jungen Herren, die Ihr
Euch schämen solltet!« - Sie gab mir mit dem warmen, feuchten Händchen einen
Schlag auf die Wange. Ich küsste ihr die Hand.
    »Das ist gut,« fuhr sie fort. »Aus Ihnen kann noch etwas werden; ich an
Ihrer Stelle hätte mir jedoch die Lippe zum Ruhepunkt gewählt.«
    Oskar stand am Fenster und warf heimliche Blicke auf uns. Die beiden
christlichen Männer sassen am runden Tisch und disputirten eifrig über Sein und
Nichtsein des Himmelreiches.
    »Lieber Sigismund,« sprach Lucie, was halten Sie denn um der Liebe willen
von dem Himmelreich? Seit drei langen Stunden brechen sich diese beiden
vortrefflichen Menschen im Geiste die Hälse und zwar um die liebe Zukunft nach
dem Tode! Ich muss zwar lachen, aber 's wird mir auf die Dauer doch gefährlich;
und wenn nun gar der sehr ehrenwerte Steinhuder Recht hat, so bin ich in grosser
Versuchung, mich ganz gehorsamst für dies sein Himmelreich zu bedanken. Will der
Mann nichts wissen von einem liebevollen Leben in seinem Himmel, nur gebetet,
gesungen, gekopfhängert, und in einem fort biblische Geschichte soll darin
gelesen werden.
    Ich suchte sie dadurch zu beruhigen, dass ich ihr versicherte, eben so wenig
in diesen Himmel der Frömmler zu kommen, als sie, deshalb würde Gott wohl ein
Einsehen haben und den Himmel in zwei Teile zerfallen lassen, um die
allzustrengen Anhänger einer immerwährenden kalten Ernstaftigkeit von den
Verehrern einer freudigeren Art von Seligkeit zu scheiden. Denn anders wäre es,
menschlich betrachtet, kaum möglich, einen fortdauernden Frieden aufrecht zu
erhalten.
    Lucie bekreuzte sich aus purer Gewohnheit, denn sie musste lächeln über meine
Interpretation des Himmelreichs. Scherzend hüpfte sie durch's Zimmer, küsste in
ausgelassener Freude ihren Oskar, und erklärte ihm rund und nett, dass er ganz
und gar nicht auf eine langweilige Liebe bei ihr rechnen sollte. »Sigismund
gefällt mir,« sagte sie, »und wer mir gefällt, den lieb' ich. Wie lange, geht
mich nichts an. Heut bin ich gut, wen ich morgen hassen kann. Wie mein Puls
geht, schlägt meine Liebe. Der Puls ist der Stundenzeiger und Termometer meiner
Leidenschaft. Ich habe grosse Lust, den Sigismund einmal von ganzem Leibe zu
lieben.«
    Oskar mochte wohl wissen, dass Luciens Worte keine Taten seien, denn er musste
nur lachen über die drollige Beteuerung. Das verdross aber seine Verlobte. »Mein
lieber, holder Junge,« sagte sie und klopfte mit ihrem heissen Finger die Lippe
des jungen Mannes. (Pfui, wer wird so unanständig sein und Alles beissen und
essen wollen, wie die Kinder!) Wenn ich nur Zeit hätte und nicht gar so
aufgeregt wäre, so machte ich meine Worte wahr, bloss um Recht zu haben. Ich will
Recht haben, mein Bester! Nicht wahr, Du lieber, allerwunderlichster,
verliebtester Oskar, ich habe immer Recht?
    Es ist gefährlich, mit einem geliebten Mädchen rechten zu wollen. Die Liebe
ist der parteiischste Richter und der schlechteste Advocat von der Welt. Wenn
Auguste von mir verlangte, ich sollte Seiltänzer werden und mit verbundenem Auge
auf einem Seile über den Rhein laufen, so würde ich sagen: Närrchen, das ist
unmöglich, ich purzele hundertmal in den Strom; beharrte sie aber darauf und
beteuerte, dass es ein Leichtes sei oder ich liebe sie nicht, so würde ich unter
hundert Küssen bei ihren leuchtenden Augensternen schwören, dass sie Recht habe,
und wir wären gegenseitig zufrieden und lachten uns zwei Frühlinge mit allem
Schmelz ihres klingenden Lebens in die lichtfunkelnden Augen hinein.
    Gleichmut's unerschütterliche Ruhe hatte das Himmelreich des Pietisten zum
Wanken gebracht. Steinhuder stand auf und schlug mit der Faust auf die
aufgeschlagene Bibel. »Das ist Ketzerei, Herr Pastor!« rief er aus,
»gottverfluchte, in alle Ewigkeit vermaledeite Ketzerei! Was! Keine Engel sollte
es geben?« Und doch steht's klar und deutlich geschrieben: »ich werde aussenden
meine Engel. -«
    »Nun denn,« fiel Gleichmut ein, »wenn Sie durchaus ohne Engel kein
Himmelreich haben wollen, so mögen sie Ihnen bleiben, nur muss ich Ihnen
bemerklich machen, dass mit diesem Beweis auch zugleich die Nichtexistenz der
Pietisten im Himmel klar dargetan ist.«
    »Das möcht' ich wissen!« rief Steinhuder. »Bin ich nicht, und ist mein Sein
nicht gewichtiger als das von tausend Andern?«
    »Alle Achtung vor Ihrer Gewichtigkeit! In der Bibel, Ihrer einzigen
Autorität, ist aber weder der Pietisten, noch Ihrer, Herr Steinhuder, jemals
Erwähnung getan worden, also -«
    »Ha!« seufzte der Frömmler und sank in der Positur eines vollwichtigen
Wollsackes auf seinen Sitz. »Engel gibt's doch und ich werde auch einer werden
-«
    »Und sollen die Posaune blasen beim jüngsten Gericht,« fiel Lucie ernstaft
ein. »Sie haben ohnehin immer eine Anlage zu solchen Instrumenten gehabt, das
wird sich dann vollends ausbilden zur wahren Virtuosität. Ach, wie freu' ich
mich darauf, wenn mein lieber Vormund mit muntern Bausbacken seine himmlischen
Fanfaren wird erschallen lassen!«
    Die Frömmigkeit der recht eingefleischten Pietisten ist immer bis auf einen
gewissen Grad dumm. Steinhuder war sehr vergnügt über den freundlichen Trost
seiner Mündel, streichelte sie herzlich und wandte sich triumphirend gegen
Gleichmut, indem er ausrief: »der Sieg ist mein, Herr Pastor, denn was ein
unschuldiges Kinderherz spricht, das ist Wahrheit und der ewigen Göttlichkeit
Stimme! Abgemacht - es gibt Engel und ich werde die Posaune blasen!«
    Gleichmut hielt eine Antwort für überflüssig. Ich empfahl mich dem
Frömmler, und führte Luciens Hand an meinen Mund. »Das ist ungezogen,« sprach
sie, »wenn Sie wiederkommen, geben ich Ihnen zur Strafe den Backen zu küssen.
Nicht wahr, Oskar, Du erlaubst es?«
    »Buben und Unzüchtige!« rief Steinhuder dazwischen. »Habt Ihr vergessen, was
da steht im Worte des Herrn?« »Die Unreinen lassen sich betasten die Brüste
etc.« Küsse sind sündlich; Liebe ist eine Schändlichkeit der Natur, eine blosse,
dumme Affenwirtschaft, die sich der gefallene Mensch nebenbei angewöhnt hat.
    »Sie sind sehr gütig,« sprach Oskar dazwischen.
    »Ein reiner Mensch,« fuhr Steinhuder fort, der nun einmal wieder im Zuge
war, »ein frommes Geschöpf liebt Niemand als Gott, den Heiland, und die heilige
Jungfrau Maria. Ein Mensch nach dem Herzen Gottes küsst nur fein sittsam,
zierlich und mit sanftem Erröten sein rechtmässiges Ehegemahl, mit andächtigem
Aufblick zum Himmel und innigem Dankgebet zu Gott, dem Allmächtigen, für solch
grosse Gnade!«
    »Da tut er sehr recht dran,« brummte Oskar und zog Lucien an sich.
    »Gehen wir?« fragte Gleichmut. »Es ist schwer, ruhig zu bleiben, wenn man
die Tollheit so sanftmütig rasen sieht.«
    Im Weggehen warf mir Lucie eine Menge Kusshändchen zu trotz dem
hochrotglühenden Posaunenengelgesicht ihres Vormundes. -
    Es war ein schöner, weicher Sommerabend. Die Lust wehte sanft und lind;
weisse, leichte Wolken zogen über den Himmel, die Sonne sank glühend hinter dem
Dome hinab und hüllte ihn in einen dunklen Purpurmantel. Wir gingen über die
Rheinbrücke hinüber nach Deuz.
    »Diese Menschen,« sagte Gleichmut, »sind wie das Ungeziefer. Sie buhlen mit
ihrer eigenen Frömmigkeit und diese Art ist fruchtbar wie Froschlaich.«
    Nach mancherlei Gesprächen fragte mich der Pastor nach seinem Manuscript;
ich versprach es ihm nächstens wiederzugeben.
    »Behalten Sie es an sich,« entgegnete der Geistliche, »ich glaube, dies
Vermächtnis guten Händen übergeben zu haben, und sind Sie der Meinung, es könne
durch Mitteilung meiner Lebensgeschichte der Menschheit ein wesentlicher Dienst
geleistet werden, so soll es Ihnen unverwehrt sein, der Offentlichkeit davon zu
übergeben, was Sie wollen. Nur Verschweigung meines Namens bedinge ich mir aus.
Es ist der Sache, nicht meinetwegen.«
    Ich war sehr erfreut durch dieses Vertrauen. An Bardeloh's stillem Hause
schieden wir. »Ich bin neugierig,« sagte Gleichmut, »wie unser beiderseitiges
Leben endigen wird.«
    »Ruhiger als wir vielleicht meinen.«
    »Sehr möglich; doch wünschte ich das Gegenteil. Denn sterben wir einmal
sanft und selig, so hat die Welt wieder umsonst Hoffnungen gehegt, die im Tau
des Himmels ertränkt worden sind. Irdische Seligkeit ist unter Verhältnissen,
wie die der Zeit, eine Perfidie des eigenen Geistes. Ich wollte Niemand gelänge
es mehr, sich diese zu erwerben, so wären wir reif zu neuen Schöpfungen!«
    Er sah hinauf nach Bardeloh's Zimmer. »Der Mann dort oben,« fuhr er fort,
»ist der Einzige, von dem ich gewiss weiss, dass er nicht selig stirbt. Darum ist
er der Grösste. Sein Andenken verflucht zwar vielleicht die zahme kopfhängerische
Nachwelt, Alles das aber macht ihn nur grösser. Geben Sie ihm Terrain und er wird
ein moderner, zeitgemässer Napoleon. Jede Tat von ihm wird eine Schlacht sein.
Wie abgeschmackt, dass die blasirte Sittlichkeit der Civilisirten von einem
grossen Manne verlangt, er solle gleich dem dümmsten Leinweber auch ein
gutmütiger Hansnarr, ein fideler Kerl und ein regulärer Kirchgänger sein! Als
ob das Grosse je Brüderschaft machen könnte mit der vergnüglichen Gutmütigkeit
des Kleinen!«
    Meine Hand heftig schüttelnd versank die dürre Gestalt in den Schatten der
hohen Häuser. Es ist ein seltsam-mystisch-dämonischer Mensch, dieser
protestantische Gottesgelehrte.
    Indem ich dies schreibe, entsteht ein heftiges Hin-und Herlaufen der
Dienerschaft. Bruder Bonifacius singt wieder einmal den Rachegesang seiner
Sinne, Bardeloh gibt laut und stürmisch Befehle!
    Neben mir hör' ich, wie Rosalie ihrem schönen Sohne Felix mit mütterlicher
Liebenswürdigkeit Unterricht in der Geographie erteilt.
    »Gibt's in Amerika auch so grosse und alte Städte wie Köln?« fragt das
glückliche Kind.
    »Nein, mein Liebling,« erwiedert die Mutter, »dort ist Alles jung, neu und
frisch; aber die Menschen haben keine Herzen.«
    »Wie fangen sie's denn da mit dem Leben an? Kann man denn auch leben ohne
ein Herz zu haben?«
    »Weit besser, mein Sohn, als mit einem Herzen. Menschen ohne Herzen fühlen
nichts. Sie empfinden keine Schmerzen und keine Freuden; sie haben keine Poesie
und keine Kunst, nur Dampfboote, grosse Schiffe, Wälder und Wildpret die Menge
und sehr, sehr viel Geld.«
    »Da können sie sich ja wohl ein Herz kaufen? Warum kommen sie nicht herüber
zu uns nach Europa, wo es so viele Herzen gibt, die nichts haben und gewiss recht
gern einiges Geld für ihr armes Herz geben würden?«
    »Lieber Felix, das Herz ist Niemand feil für Gold.«
    »Vater sagt aber doch, uns Allen wäre geholfen, wenn wir den Verstand
Amerika's hätten.«
    »Und der Vater hat Recht, wenn er hinzusetzt, und unser europäisches, durch
eine sechstausendjährige Geschichte erprobtes Herz behalten.«
    »Das ist närrisch Mutter! Ich möchte doch gern einmal so einen herzlosen
Amerikaner sehen. Wie kann man frei und froh sein ohne Herz, ohne einen alten
Dom und ohne die wunderlichen Geschichten, die mir so warm und süss im Herzen
liegen?«
    Ich hörte, wie die glückliche Mutter das harmlose Kind mit Küssen der Liebe
bedeckte. Meine Tür ward heftig aufgerissen, Bardeloh trat ein. Verstört
stammte sein dunkles Auge, er war bleich, wie immer, die seine Kleidung in
Unordnung.
    »Sigismund, halten Sie sich bereit, Morgen reisen wir. Ich habe vor kurzem
einen Brief erhalten, der mich zwingt, schnell den Rhein hinauf in einer
ehemaligen Abtei einen Besuch zu machen. Sie werden sich europäisch dabei
amüsiren, denn unser Besuch steht in innigem Zusammenhange mit dem, was diese
Blätter entalten.« Lächelnd legte er hierbei Gleichmut's Manuscript auf den
Tisch.
    »Also Sie hatten doch« -
    »Ja, ich fand das Manuscript auf Ihrem Pult. Geheimnisskrämereien lieb' ich
nicht; es gibt deren ohnehin schon viele. Gleichmut ist ein Mann nach meinem
Sinn. Werden Sie schlecht, wie er, so zwingen Sie die Menschheit, gut zu werden!
Das ist der einzige Weg, Leben und Gesundheit in ein bloss noch vegetirendes
Geschöpf zu bringen. Ehe ein Jahr vergeht, bin ich im Sinne der Alltagswelt
grundschlecht, ein Verbrecher - und das wird gut sein für das Allgemeine. Die
Tüchtigsten müssen alle Begriffe umändern, wenn die grosse Maschine, die man Welt
nennt, grossenteils nur von Miasmen lebt, welche entstehen aus den Ausdünstungen
der Gesinnungslosigkeit und der Schwüle des zürnenden Gedankens. Gute Nacht!
Morgen um sechs besteigen wir das Dampfboot.«
    Eine schlaflose Nacht gab mir hinlänglich Zeit, über Bardeloh's fast an
Wahnsinn grenzende Worte und den stillen, sanftmütigen Unterricht Rosaliens
nachzudenken.
 
                                       8.
                                 An Ferdinand.
                                                                Bonn, im August.
    Ueber Deine Antwort habe ich recht lachen müssen. Bist Du doch ein
sonderbarer oder vielmehr, ordinärer Mensch! Ist es denn sogar schwer,
herauszutreten aus seinem engen Kreise und zwei Schritte in die Welt zu tun?
Wie kannst Du mir ein sündhaftes Leben vorwerfen, weil sich die Liebe mit
heiligen Küssen in mein Herz drängt? Und auch Auguste wagst Du zu schmähen!
Wisse, dass ein Liebender jede Gotteslästerung gering zu achten im Stande ist,
den zweideutigen Tadel seines geliebten Gegenstandes aber nie vergibt. Ich bin
ganz wie ein Anderer, nur etwas heftiger. Ich räche mich an Dir für Dein
schlechtes Zutrauen, und zwar auf eine Art, von der ich weiss, dass sie Dich am
tiefsten ärgern wird. Ich setze einen Brief her, den ich an Auguste schrieb.
Dies sei Deine Strafe für Deine böse, bornirte und deshalb, trotz der sittsamen
Verhüllung, sehr unsittliche Meinung. Wenn Du nicht so gar fromm wärst, so würde
ich Dich dumm nennen. Zur Dummheit aber gehört auch eine Art Genialität, wenn's
auch nur eine umgekehrte ist. Sei nicht bös, lieber Ferdinand, ich bin Dir doch
gut bloss der Solidität wegen, die Dich nie zum Schuldenmachen hat kommen lassen.
Lies diesen Brief und nimm Dir ein Exempel daran, wenn Du so unsittlich sein
solltest, Dich vor lauter Sittlichkeit zufällig einmal zu verlieben. Ein Schema
ist gar nicht zu verachten, das hilft aus vielen Verlegenheiten.
                             Sigismund an Auguste.
    »Meinen Kuss zuvor, holdselige Schwester in der Liebe! Du hast mich verdammt
zu sechstägiger Busse für meinen begangenen Frevel, ich verdamme mich aber selbst
zu einer zwölftägigen und hoffe Dir damit zu zeigen, dass ich nicht aller
Geschicklichkeit ermangle, Deinem seidenen Pantoffel zu entgehen. Du bist zwar
allerliebst anzusehen, wenn Du den Scepter Deines Hausrechtes auf dem Goldfinger
der linken Hand balancirst, und ich verstehe mich lebensgern zum Pantoffelkuss,
weil ich immer so klug bin, statt des Absatzes die warme Muskel Deines hübschen
Ballen zu küssen. dabei weiss ich auch noch andere Künste in aller
Geschwindigkeit zu üben, denn ich habe früher Unterricht genommen bei einem
Taschenspieler. Lachen magst Du, nur nicht weinen; denn dann flattern die
Amouretten um Deinen schwarzbraunen Lockenkopf wie arme, verscheuchte
Nachtvögel, wiewol Deine schlanke Schulter beim Schluchzen ein allerliebstes
Grübchen bildet, um, wie ich mir einbilde, meine Liebesseufzer aufzufangen.
    Ich gehe auf Reisen, mein süsses Leben, aber ich vergesse nicht, Dich ganz
und gar im Schrein meines Herzens mitzunehmen. Ach, bin ich ein arger
Götzendiener! Da kniee ich nieder vor Dir, wie weiland vor dem silbernen
Kruzifix in der Pfarrkirche, wo ich confirmirt und unter die guten Christen
aufgenommen wurde von der segnenden Hand des Priesters!
    Wo ich hingehe, möchtest Du wissen? Fort in die Welt, um zu sehen, ob Du mir
lieb bist. Und verlasse Dich darauf, ich kehre nicht heim, ohne mit zwanzig
hübschen Mädchen gescherzt zu haben; denn ich weiss, dass Du mich deshalb nur noch
lieber hast. Ein Mädchen, das von ihrem Geliebten verlangen kann, er solle mit
keinem anderen tändeln und kosen, ist eine christliche Kokette, die widerlichste
Kreatur, die sich denken lasst. Die Geliebte muss den Schönheitssinn lieben an
ihrem Geliebten. Küsst er sie nur am öftersten, inbrünstigsten und kehrt immer
mit grösserer Lust zum Spiel dieser Seelenmundharmonika zurück, so muss sie
glücklich sein, weil sie öffentlich als eine Göttin der Schönheit von ihm
hingestellt wird. Und die Liebe ist der Weihrauch, der aufdampft um die
angebetete Schönheit. Küsse sind die läutenden Chorknaben, die den stillen
Weltdienst der Liebe ansagen den betend hingebeugten Empfindungen. In Andacht
zitternd liegen alle schönsten Gefühle auf dem pulsirenden Mosaik des Herzens,
und die Seele spielt in leisen Zaubertönen die Orgel, und Hymnen und jauchzende
Dityramben springen herab aus dem Irisbogen der beschwingten Psyche in die
aufflackernde Wolke des Weihrauchs. Und erst, wenn durchduftet von dem Aroma der
Liebe auch die rosigen Chorknaben gebeugt niederstürzen vor dem Altar der
Lippen, verstummt in heiligster Feier des Hochamtes Orgelton und Glockengeläut,
und geweiht und versühnt im Opfer der Liebe erhebt sich die Schönheit zu neuer
Anbetung.
    Freue Dich, Auguste, auf diese Feier! Geschmückt mit den schönsten Gaben
unbegrenzter Verehrung hebt sich der Tempel in meinem Innern empor. Seine
Baumeister sind Schönheit und Liebe. Heiterkeit wird wohnen in seinen lustigen
Bogenschwingungen, alle Düsterheit dieser oder jener Sectenvorschrift wird
verdrängt von Scherz und Glanz eines freien menschlichen Lebens. - Du musst aber
nicht blöde sein, Auguste! Deine braunen Augen müssen überall hin als lächelnde
Sonnen fliegen und einen Kranz munterer Sterne flechten um die dunkelglühende
Kuppel unserer Liebeskapelle Besinne Dich auf eine recht auserlesene Forderung,
die schwer von mir zu leisten ist, und wenn ich nicht tue, was Dein fragender
Liebesstern verlangt, so verwandle Dich in einen Basilisk und blicke mich zu
Tode!
    Die phantastischen Morgenländer haben eine Sage, nach welcher die höchste
Liebe im Stande sein soll, den Gegenstand ihrer Leidenschaft auseinander zu
blicken. Ja, das ist lächerrlich, mein süsses Leben, aber ich wollte doch, es wäre
wahr, und ich könnte, wie ich nun hier sitze, durch die Mauer hindurch bis in
Dein Zimmer hinein blicken, und Dich mit liebe- wütendem Auge zerreissen und
heranziehen an mein Herz! Es soll gar nicht schmerzhaft sein, Gustchen, die
ganze morgenländische Operation soll auch morgenländisch wollüstig,
mährchenhaft- süss und beglückend sich vollziehen lassen. Wahrhaftig, ich
bedauere von ganzem Herzen, dass ich kein morgenländisch-magnetisches Auge
besitze und kein so phantastischer Narr bin! Wir Abendländer sind viel zu kalt,
nur braune Augen, von dem perlenden Blut der Rebe mit sonnigen, belebten
Gardinen umhangen, wie die Deinigen, könnten vermögend sein, mich aus einander
zu reissen, wenn ich nicht so gar leicht wäre. Das ist ein glückseliges Unglück
und hat mich ganz in Dein Herz hinein gebracht. Sieh nun zu, wie Du noch Platz
darin behältst, die Lebenselemente zu ordnen. Denn Ordnung, mein Auge, muss sein,
sonst gibt's einmal eine schlechte Haushaltung.
    Wirst Du denn milder geworden sein bei meiner Rückkunft. Ich werde Deines
Zuspruchs bedürfen; denn ich fürchte, diese improvisirte Reise wird mich viel am
Stege reif gewordenes Unglück sehen lassen. Darauf bin ich gar nicht begierig,
denn Gottlob, für Unglück darf ich kein neues Gebet ersinnen! Das ist mir von
jeher ganz unvermutet unter die Beine gesprungen. Neugierig bin ich aber
dennoch, weil es mein fester Glaube ist, dass Deine Liebe mich retten wird aus
aller Kreuzes- und Lebensnot. Der Jammer soll zwar erst recht angehen, da ich
vorläufig noch nicht einmal in Getsemane bin. Heut Abend ist diese Mission
angesagt worden. Nun nimm Vernunft an, Auguste, ich bitte Dich, und schicke mir
keinen neuen Judas auf den Hals, denn ich wäre ohne Zweifel zu wenig christlich-
sanftmütig gesinnt, als dass ich dem Kussräuber nicht den Hals durch einen
raschen Griff umdrehen sollte. Bitte für mich, kleine Heilige, mit dem klugen,
bewegten Gazellenauge; zur nächsten Frühmesse bringe ich Dir ein in lebendigem
Feuer brennendes Herz.
    Bleibe treu und untersage dem alten Ephraim das Korbflechten! Ich mag's
nicht leiden, dass in Deinem Hause, wo die Liebe ihre genialsten Gedanken
gebiert, und in der schönsten Gestalt ihrer ewigen Poesie den Morgen einer
schönern und menschlicheren Welt verkündigt, die Prosa des Lebens ein so fatales
Geschäft betreibt.
    Lucie ist munter; in ihrer Ausgelassenheit gefällt sie mir momentan besser,
als Du, meine Schönste! Dann küsse ich Sie und bin ihr gut. Mache Du's eben so
mit Oskar, wenn Du Flecken finden solltest an mir. Diese poetisch gehandhabte
Eifersucht wird uns zu sehr guten Menschen und unwandelbar treu Liebenden
machen. Nur kein Erkalten des Herzblutes zu ekler Prosa! Lass' Deine Sonnen
leuchten, Auguste, Du heilige Göttin der duftig umsponnenen Welt, und glühend
herabsinken ihre Strahlen auf die Reben unserer sich umarmenden Herzen, damit in
purpurner Pracht der schäumende Perlentau sich in den Kelch unseres Lebens
stürze! Hebe die Schale, Auguste, und geniesse Himmelsfunken, Erdenglück,
Lebensschaum! Genuss ist Alles, Genuss ist Himmel, Genuss ist Gott! Hätte Gott
nicht genossen und sich berauscht im Aeter seines heiligsten Gedankens, so gäbe
es keine Welt, keine Sterne, keinen Tag und keine Nacht! Es gäbe keine Liebe,
diesen ewigen entzückenden Rausch des Gottes in seinem geliebtesten Kinde, dem
Menschengeschlecht!
    Ohne Mass und Ziel, unaufhörlich schwelgend im Rosenduft Deines Mundes,
umarmt Dich
                                                                Dein Sigismund.«
    Solltest Du dies etwa bloss für Tirade halten, wie meist alles poetisch
Empfundene, so nimm den Fond meiner ganzen aufgeregten Bosheit zu
unvergänglichem Erbe dahin, denn ich kann eben so unbegrenzt hassen als lieben.
-
    Bardeloh vergass nicht, mich zur festgesetzten Zeit abzuholen. Felix
begleitete uns mit einem Diener bis an den Hafen und bedauerte nur, dass er
daheim bleiben müsse. »Komm hübsch wieder, Sigismund,« sprach er, »sonst gibt's
bei uns lauter Elend.« Er schwenkte sein Hütchen so lange, bis das Dampfboot aus
dem Gesichtskreise verschwand.
    Der Morgen war heiter und warm. An den Ufern des breiten Stromes zogen die
Landleute der Stadt zu. Die Landmädchen sind in diesen Gegenden meist von hoher
Statur und vereinigen mit gesunder Grazie etwas Majestätisches in Gang und
Haltung. Viel mag dazu die Gewohnheit tun, Alles in zierlich geflochtenen
Körben auf dem Kopfe zu tragen. Ein voller schlanker Wuchs, gehoben durch eine
gefällige Kleidung, gibt einer solchen Mädchen-Caravane einen phantastisch-
heiteren Anstrich. Die Rheinländerinnen sind weder wortkarg noch blöde. Die
Traube der Mosel lacht in jedem Mädchenauge, ihr leichter süsser Schaum perlt in
der rosigen Wange, und freundlich geben sie den Gruss des Fremden zurück. Am
liebsten scheinen diesen Hebegestalten die strohhuttragenden Fremden zu sein.
Scherz und Gruss springt von Gruppe zu Gruppe, man vergisst die tieferen Aengste
des Lebens und glaubt wieder an ein heiteres, freudenerlaubtes Dasein.
    Ein Musikchor auf unserm Schiff spielte lustige Sangesweisen, die
Reisegesellschaft, wieder bunt zusammengewürfelt aus allen Nationen, um nicht zu
sagen Weltteilen, summte erst leis dann lauter die Melodie, als aber das
Rheinweinlied mit vollem Jauchzen der Instrumente: »Am Rhein, am Rhein, da
wachsen unsr'e Reben etc.« angestimmt ward, fiel jeder deutsche Passagier lustig
in den beglückenden Gesang, und eilte auf dem dämonischen Wasserross den grünen
Rebenhügeln zu, die nah und fern schon ihre lockenden Ranken uns
entgegenstreckten. Ein paar Citronen- und Pomeranzenbäume, am Mast aufgestellt,
grüssten mit dunkelglühender Frucht die laute Freude, der Süden schien sich
vereinigen zu wollen mit dem Norden. Ein Lorbeerbaum stieg zwischen beiden ernst
und sinnend in die Luft und darüber hisste die Industrie die schwarze
Todtenflagge auf, als wolle sie die Vergangenheit sühnen mit ihren stilleren
uneigennützigen Bestrebungen. Die Morgenlerchen warfen ihre gellenden Triller in
den Gesang der Menschen herab, die Sonne steckte hellfarbige Rosenbänder halb
lächelnd halb vedriesslich um ihre goldenen Locken und zerbrach die rasche Flut
in funkelnd dahinrollende Erzstufen. Ein ungeheuerer Chrysopras schimmerte der
Strom, eingefasst in den Reif silbernen Nebels.
    In wenig Stunden lag Bonn vor uns, das Siebengebirge mit seinen romantischen
Tälern in blauen Duft gehüllt am Horizont, der Drachenfels starrte hinein in
die Gegend, wie das blöde Auge eines greisen Burgwarts. Was würde ein solcher
Turm erzählen können, dürfte er auch nur beim Frührot ertönen auf wenige
Secunden! Die zahlreichen Ruinen am Rheim erscheinen mir immer wie verzauberte
Seufzer, die vergeblich von Jahrhundert zu Jahrhundert auf den Erlöser warten.
Einzelne Pulsschläge der Vergangenheit, die sich bei dem entfliehenden Leben
verspätet haben und in Stein verwandelt worden sind. O, es ist nicht gut, wenn
irgend ein Mensch oder eine Sache zu lange lebt! Je früher gestorben, desto
süsser und traumloser ist die Ruhe! -
    Als das Schiff bei Bonn anlegte, vermisste ich Bardeloh. Ich fand ihn, dem
Ansehen nach eingeschlafen am Vorderteil auf dem Glockengestell sitzen, aber er
grübelte nur über Gedanken der Zukunft, wofür die Gegenwart noch keine Furche
zur Aussaat aufgerissen hat. Er hatte nicht den geringsten Anteil genommen an
Freude und Lust der übrigen Reisenden. Mich beschäftigte die naive Laune eines
hübschen Landmädchens mit frischem Gesicht und muntern lebenslustigen Augen. Sie
erzählte mir, dass sie einen Schatz habe, der Winzer sei, aber gar jammervoll arm
und so blieb's immer nur bei einem Kusse, den er ihr Sonnabends regelmässig mit
herzlicher Freude gebe. Das sei aber langweilig, meinte Nanette, und ich gab ihr
recht. Zur Abwechselung bot ich ihr auch einen Kuss. Sie lachte hell auf, ich
liess nicht auf mich warten und sie schien über meine Freiheit nicht eben sehr
böse zu sein. Bei der Einmündung der Sieg liess sich Nanette ausschiffen, ich
versprach sie zu besuchen und das liebe Kind lachte und grüsste mich noch aus der
Ferne, bis sie an's Ufer gestiegen war. Es haust ein munterer, natürlicher
Menschenschlag an dem glücklichen Strome.
    Bardeloh fragte gleichgiltig, ob wir schon in Bonn seien, und verliess mit
mir das Schiff. Wir bezogen einen freundlichen Gastof und gingen dann aus, ich
um die heitere Lage der Stadt mir einzuprägen, Bardoloh mehr aus Gewohnheit und
um doch sprechen zu können, wenn die Stunde der Mitteilung für ihn kommen
sollte. Oft scheint es mir, als sei Alles an diesem Menschen Instinct, aber ein
höherer, intensiverer. Es hat selbst das Seltsame, Abschreckende in seinem
Handeln etwas Göttliches. Es ist das Abnorme vermenschlichter Göttlichkeit, was
bald laut und offen, bald geheimnisvoll verschwiegen, wie das dumpfe Donnern
einer Lawine, losbricht in dem Eisgletscher der Brust dieses Menschen. Doch
glaube ja Keiner, Bardeloh sei herzlos! Sein Herz ist nur so dicht mit Wunden
bedeckt, dass Niemand die ursprüngliche Gestalt aus dieser zitternden Muskel des
Schmerzes erkennen kann.
    Durch Gleichmut's Selbstbiographie war mir Bonn merkwürdiger geworden als
durch seine Sehenswürdigkeiten. Dass Beetoven hier geboren, wusste ich, die Stadt
selbst aber mit ihren Bewohnern schien wenig Notiz davon zu nehmen. Die uralte
gotisch- byzantinische Münsterkirche mit der vortrefflichen Statue der Kaiserin
Helena, die ihre Gründerin gewesen, mag für Liebhaber der Baukunst interessanter
sein, als für einen Menschen, der dem Leben abzugewinnen sucht, was ihm bisher
entzogen blieb - freie Bewegung. Freundlich stürzt uns die Natur in die Arme auf
der prachtvollen Rheinterrasse, zum alten Zoll genannt. Hier wirst der
verschwenderische Rheingau die letzten Blüten aus seinem Füllhorn der
Landschaft zu Füssen, und der Strom ergiesst sich mit königlicher Pracht in die
weite Ebene.
    Bardeloh führte mich nach Poppelsdorf hinaus, dem Kreuzberge zu. Das Schloss
Clemensruhe liegt wie schlummernd unter dem Schirmdach hundertjähriger
Kastanien, hinter ihm steigt der Weg an zum Teil niedergestürzten
Stationenbildern den Berg hinan. Die Kapelle liegt friedlich in heiterer Lust.
    »Das ist ein verhängnissvoller Weg,« sagte Bardeloh, »wenn Pastor Gleichmut
Wahres erzählt in seinem Manuscript. Sie haben es doch gelesen?«
    »Noch nicht ganz; der Lebensabschnitt, welcher sich eng anschliesst an diese
Partie, ist mir bekannt.«
    »Es ist Kraft in Gleichmut, wenn auch keine gesunde. Was überhaupt kann
jetzt noch gesund sein! Wir atmen ja lauter bösartige Dünste; ist's da ein
Wunder, wenn die Seele Pestbeulen treibt und der Schweiss des Geistes
krystallisirtem Arsenik gleicht?«
    »Gleichmut muss sehr unglücklich sein,« versetzte ich, »wenn er auch das
Gegenteil versichert.«
    »Wie Sie wollen! Oder meinen Sie, er würde glücklicher sein, wenn er weniger
gesündigt hätte, wie die gewöhnliche Welt seine moralische Experimentalphysik
nennen würde? Das kann Ihnen nicht einfallen. Sind Sie glücklich, der gegen
jenen Mann Unschuldige? Bin ich es, weil ich nur sündige im Zorn und Fluch
meines stillsten Gedankens? Es ist gleich, wie wir leben, tun wir es nur für
einen Zweck!«
    »Das sind jesuitische Grundsatze, die Sie selbst verwerflich finden müssen.«
    »Nichts finde ich verwerflich, mein moralisirender Freund. Gott hassen ist
bei mir eben so erhaben, als Gott lieben - es kommt dabei nur auf die Zustände
an. Ich möchte ein Buch schreiben himmlische Zustände. Das sollte sehr belehrend
sein, aber bitter wie Galle und kitzelnd wie Niesswurz. Die Welt ist verschnupft,
gebt ihr starke Priesen, das Prosit wird sie sich selbst rufen.«
    Die Kapelle lag vor uns, ein milder Wind spielte auf der schönen Höhe. Die
Aussicht war bezaubernd. Ein Heller Himmel breitete sich sanft und wärmend über
das Land, Fernen und Nähen lagen in scharf gehobenen Tinten, glänzend bewegt, um
und unter uns, ganz fern ragte Köln mit seinen vielen Türmen und dem Bruch des
schöpferischen Menschengedankens, dem Dom, aus violettem Duft und weisslich
glimmernden Nebelstreifen. Die ganze Stadt ist ein zerbrochener Satz von Typen,
der von der religiösen Begeisterung des Mittelalters auf das Gedenkbuch des
Herrn, die Erde, gedrückt wurde. - Es liegt viel Beruhigendes, aber auch nicht
minder Entnervendes in solcher Betrachtung. Unser eigener geistiger Tod tritt
vor den Blick, grell, ohne Schminke, ein Fratzenbild des Geistes, der sich gern
jugendlich maskirt. Meine Hoffnung fliegt allemal auf wie eine verschüchterte
Taube, wenn die Vergangenheit mit ihrem Gelächter, das sich nur in der
veränderten Miene kund gibt, mein Ohr zerreisst.
    In der Kapelle war Alles still. Keine Hora, wie vor zehn Jahren, erklang in
der Kirche. Die Heiligkeit schien ausgestorben zu sein mit den Mönchen, die sie
herumtrugen und wiegten unter ihren Kutten. Was soll auch ein Klosterbruder
anders tun? An Etwas muss die Liebe sich anhangen; hat das Vater stammelnde Herz
kein Kind zu wiegen, so hegt und pflegt es irgend einen Gedanken als todten Balg
verkümmerter Vaterschaft! Ach, es gibt viel, sehr viel Elend auf Erden!
    Auf den Stufen der Kirche sass ein steinalter Greis. Weisses Haar umflutete
das freundliche Gesicht, wie zu Schaum geschlagene Gedanken von Sanftmut und
Liebe. Ein Krückenstab lag neben ihm, er spielte mit einem jungen Dachshunde,
der sich kläffend gegen uns wandte, sogleich aber wedelnd zu seinem Herrn
zurückkehrte.
    Wir grüssten den Alten und fragten, ob wir das Innere der Kapelle sehen
könnten.
    »Gleich, gleich, meine Herrn,« versetzte der Greis und erhob sich mühsam mit
Hilfe des Krückenstabes. »Es geht langsam bei mir,« fuhr er fort, »aber desto
sicherer. Ich bin dreiundneunzig Jahre alt und hab's noch nicht satt das lustige
Leben. Zehn Jahr seh' ich mir's noch mit an. Ich möchte schon wissen auf meine
alten Tage, was das junge Geschlecht noch anfangen wird mit dem Bischen Leben.«
    »So alt und so neugierig!« sagte Bardeloh. »Grelle Gegensätze, die man nicht
erwarten sollte unter dem silbernen Käppchen, das Euer Haupt bedeckt.«
    »Ja, ja, mein Herr,« lächelte der Alte, dessen obwol etwas gekrümmte Gestalt
doch noch Rüstigkeit und Lebenskraft beurkundete. Alles, wie's Gott will und die
Natur. Das Kind ist neugierig, der Greis ist's - ein allerliebstes Gespann.
Kinder und Greise vertragen sich am besten bei allen Spielen. Ich hab' noch den
Vorteil, dass ich glücklich genug bin, mit mir selber spielen zu können. O,
meine Gedanken sind lustige, purzelbäumig gesinnte Bursche! Laufen herbei, wenn
ich sie rufe und wir kollern eins zusammen, ich alter Narr und meine
Kindeskinder, das luftige Volk des Gehirns -, dass es eine Lust ist! Mein Haar
aber, setzte er ernster hinzu mit einem zufriedenen Lächeln, »das ist ehrlich
verdientes Silber und ich bin wahrhaftig stolzer darauf, als mancher junge Mann
es sein kann auf seine Brille und geborgten Locken. - Bitte, liebe Herrn, treten
Sie ein.«
    Der Mann gefiel mir. Das Alter, blickt es zufrieden und ohne Schmerz zurück
auf ein bewegtes, lang hingestrecktes Leben, ist ehrwürdig, rührend,
beneidenswert! Das eben ist der Fluch unserer Zeit, dass sie zu carikirt, zu
spirituell-besoffen und materiell-dickwanstig geworden ist, um eine reine Freude
aufkommen zu lassen in der Jugend. Wir müssen unglücklich werden schon
frühzeitig, weil uns das Glück, zur Rute geflochten, gepeitscht hat. Es liebt
keiner ein Instrument, das ihn züchtigte.
    »Ob es nur wirklich noch Menschen geben kann, die von jetzt an gerechnet
neunzig Jahre erreichen möchten, ohne wahnsinnig, dumm, niederträchtig oder
Götter zu werden?« rief Bardeloh aus. Gib mir Vernunft, Vater der Skepsis, damit
der Docht nicht einst noch fortglimmt, wenn die Speise der Flamme längst schon
verzehrt ist!
    Der Greis war auf einen Augenblick in sein Zimmer gegangen, um die Schlüssel
zur Kapelle zu holen. Er kehrte zurück mit einem brennenden Lichte.
    »Gab's hier nicht Mönche in früherer Zeit?« fragte ich den freundlichen
Kastellan.
    »O ja, genug! Aber seit ein paar Jahren ist's aus mit dem Mönchtum Sie sind
alle gestorben und ich hab' sie alle in den Sarg gelegt, ihnen Rosenkranz und
Kruzifix in die Hände gegeben und sie begraben helfen drin in der Kapelle?«
    »Seid Ihr denn Todtengräber?«
    »So ein Stück davon; ich tu', was verlangt wird, d.h. wenn's manierlich
geschieht und wie sich's gehört.«
    Er schloss die Kirche auf, und führte uns in den stillen, friedlichen Raum.
»Da ist was gebetet und gesungen worden,« fuhr der redselige Greis fort, »und
manch Gelübde hat junges, frisches Blut getan hier am Altar, dass mich's
manchmal dauerte, wenn das Auge des Novizen halb brach in Verzückung, halb in
Schmerz und Gram über die verlorene Welt!«
    »Habt Ihr dies oft erlebt?«
    »Ost genug, um eine Chronik davon zu schreiben. Es war aber nie meine
Passion, über Dinge nachzudenken, die ich nicht ändern konnte; auch bin ich ein
gut katolischer Christ.«
    »Sind Alle bereits gestorben, die ihr Gelübde hier ablegten in die Hand des
Priesters?«
    »Die Meisten, lieber Herr, die Meisten; und nun ruhen sie da unten aus von
der überstandenen Drangsal des Heiligseins - Gott hab' sie selig!« Er stampfte
mit seinem Krückenstocke auf eine hölzerne Tür zu unsern Füssen. »Mancher
freilich mag wohl auch noch leben,« erzählte der Kastellan weiter, »wenn ich's
auch nicht gerade behaupten will. Nur wissen möcht' ich gern, was aus dem Einen
geworden ist, der vor zehn Jahren ungefähr, ja richtig! an Maria Reinigung
waren's runde, glatte zehn Jahre - hier am Altar das Gelübde tat. Liegt mir
doch das Gesicht des jungen Mannes noch so deutlich vor Augen, als hätt' ich ihn
gestern erst gesehen.«
    »Warum nehmt Ihr so grossen Anteil an dem gelobenden Mönche?« fragte ich.
    »Je nun, 's ist so 'ne Art Liebhaberei bei mir aus dem Blick beim Schwur die
Zukunft zu lesen. Lacht immer, lieber Herr, lacht, ich habe so meine Art zu
prophezeien, die nicht ohne Vernunft ist. Und gerade jener Novize hatte Blicke,
ach Blicke, lieber Herr, zum Erbarmen! Ich glaube, 's ist nicht ganz richtig
geblieben unter der Stirn.«
    »Wie!« rief Bardeloh dazwischen, der unterdess die wenigen, unbedeutenden
Gemälde teilnamlos betrachtet hatte, »was toll - wer soll toll sein!«
    »Behüte der Himmel!« erwiederte der Kastellan! »'s war pure Schwärmerei, was
man so Ideenaction nennt, weiter nichts. Toll! Wo denken Sie hin! Hunde sind
toll, nicht Menschen. - Und nun vollends ein christkatolischer Klosterbruder!«
Der Greis bekreuzte sich und sah mit klug lächelndem Auge in Bardeloh's bleich
gegrämtes, lebenverglühtes Gesicht.
    »Und doch ist die Welt immer toll,« seufzte Bardeloh.
    »Wenn ich nur wissen sollte, wie ihr jungen Männer es anfangt, um so jung
schon, so welk, so lebendig, und doch so matt zu werden? Das war zu meiner Zeit
ganz anders, und wir lebten doch auch nicht wie die Heiligen im Himmel.«
    »Wisst Ihr Euch nicht mehr auf den Namen jenes Mönchs zu besinnen?« warf ich
ein, um das Gespräch nicht lästig werden zu lassen für beide Teile.
    »Doch, doch! Jener junge Mönch hiess Eduard und ward Bruder Bonifacius
genannt in der Umfirmelung.«
    »Eduard! Bonifacius!« riefen ich und Bardeloh beide in einem Moment.
    »Sie scheinen den Mann zu kennen,« sagte der Greis und hob die Falltür zur
Gruft, um uns in das Todtengewölbe zu führen. Wir stiegen zitternden Herzens
hinab; denn es blieb kein Zweifel, der Ort war gefunden, wo der unglückliche
Eduard sein Lebenselend besiegelt hatte.
    »Haben Sie etwa irgend eine Nachricht erhalten vom Bruder Bonifacius?«
fragte mit freundlicher Gutmütigkeit der greise Todtenwächter. »Freilich ist's
Neugier, aber gewiss sehr verzeihliche, und es liegt mir was dran, meine
Reputation zu behalten, namentlich solchen Herren gegenüber.«
    »Das ist sehr kurz zu erklären,« versetzte Bardeloh, der nie Anstand nahm,
das Entsetzlichste mit den bezeichnendsten Worten zu nennen, wenn er sich selbst
retten wollte aus dem Druck eines zu grossen Jammers. »Bruder Bonifacius oder
Eduard ist toll geworden aus Heiligkeit. Er war mein Bruder.«
    Dem Greise entfiel der Krückenstock, die Gebrechlichkeit des Alters rüttelte
an seinem morschen Körper, er sank auf die Leiche des Mönches, dessen geöffneter
Sarg ihm zunächst stand. Der Staub des Todes bedeckte mit fahlem Schleier den
silbernen Scheitel, die freie Stirn des Alten schlug tief in die vermoderte
Brust des schlafenden Klosterbruders. Ich sprang ihm zu Hilfe und richtete ihn
auf.
    Eine ergreifende Wehmut schlug ihre Wimper auf in dem Lächeln, das über des
Greises runzelvolles Antlitz bebte. »Mein Gott,« sprach der wankende Mann, »wer
hätte mir vor siebzig Jahren vorausgesagt, dass ich meine alte müde Stirn heut
baden solle in dem Staub gewordenen Herzen dieses Mönches, des ersten, welchen
ich mit eigener Hand in den Sarg gelegt habe! Grade das Herz habe ich ihm
zerbrochen, und noch dazu aus Kummer über das Unglück des Letzten, dem ich die
Ordenskleidung anlegen half und die Haare aufhob beim Scheeren der Tonsur!
Närrisch, sehr närrisch; aber wir wollen munter bleiben, da wir ja doch nur
einmal leben!«
    »Das ist der erste wahrhafte Philosoph, der mir in dem philosophischen
Deutschland begegnet,« sagte Bardeloh. »Und stellt ihr den Greis auf's Kateder,
so lacht der ganze Schwarm der Zuhörer, und nennt ihn einen verrückten Faseler.
Klare Faselei gilt nicht mehr, sie muss recht compact sein in der Verrückteit.
Da bringe Beelzebub Metode hinein.«
    Wir gingen durch die Reihen der Mönche, die alle in offenen Särgen wohl
erhalten, nur morsch gebeizt von der Gewalt des Moders, in langen Reihen hier
den ewigen Tod schlafen oder dem Aufblicken des neuen Lebensmorgen
entgegenharren. Der Castelan hatte bei fast Jedem eine Bemerkung zu machen,
etwas aus dem stillen Leben des Verstorbenen zu erzählen und einzelne
Curiositäten einzuflechten. Die Meisten hatte er selbst begraben helfen. »Lieb
wär' mir's gewesen,« schloss er seinen Bericht, »wenn Bruder Bonifacius auch noch
von mir bestattet worden wäre. Da hatte ich sie doch Alle beisammen, die ich
gekannt, mit denen ich gebetet, gescherzt und gelacht, die ich so oft begleitet
habe in die Stadt hinunter und mit denen ich mich nicht selten neckte, wenn sie
ein paar Minuten zu spät von einem Spaziergange zurückkamen. Es fehlt mir nur
der Bruder Bonifacius, der gerade, weil er wirblich geworden ist - verzeih'
mir's Gott! - besonders gut mit die Lücke füllen hilfe, die noch offen steht.
Denn einen Verrückten suchen Sie vergeblich unter diesen Todten. Andere
Absonderlichkeiten gibt's zwar! Da z.B. ist einer, der an der Maulsperre starb,
weil der wunderliche Narr sich vorgenommen hatte, eine ganze Nacht mit offenem
Maule ein Madonnenbild anzustaunen. Der Narr meinte, das sei die ächte, heilige
und gläubige Anbetung und Verehrung eines christlich-katolischen Menschen! Nun
zwei Tage darauf war er verhungert, weil's Maul nicht mehr zuschnappen wollte.
Der schnurrige Esel, Gott hab' ihn selig! - Und so könnt' ich Ihnen noch andere
wundersame Geschichten erzählen von diesen Todten. Allein die Kirche hat's nicht
gern, dass man von ihr schwatzt. Auch stört man die Ruhe der Seligen, und da mein
Licht abgebrannt ist, meine lieben Herrn, so rate ich zum Rückzuge. Wollen Sie
mir die Stufen hinauf ein wenig helfen, soll's Ihnen Gott lohnen. Bei drei und
neunzig Jahren sind Treppen überflüssige Erfindungen für dem, der auf ihnen
wandeln soll. Wenn aber Bruder Bonifacius stürbe, ging ich doch ganz allein und
ohne Krückenstock mit ihm hinab in das Gewölbe.«
    Von den besten Wünschen des Greises begleitet, verliessen wir Kapelle und
Kreuzberg. Bardeloh hoffte bei dem hartnäckigen Schweigen des sinnverwirrten
Bruders später noch Näheres über ihn von dem Castelan zu erfahren. Nach Bonn
zurückgekehrt fragte mich Richard, ob ich schon in einem Irrenhause gewesen sei?
    Ich deutete rund um mich. »Sehr wahr,« sagte Bardeloh, »es fehlt hier nur an
Intensität. Morgen wollen wir eins besuchen. Sie werden einen Bekannten daselbst
kennen lernen, der Ihnen von Neuem beweisen soll, dass die Tüchtigen müde sein
müssen dieses Erdteils. Mein Gott, war's anders wo nur besser! Aber ich bin
neugierig auf die unbekannte Bekanntschaft.« -
 
                                       9.
                                 An Ferdinand.
                                                                Bonn, im August.
    Körperlich und geistig abgemattet sollte ich zwar nicht schreiben wollen,
aber wohin mit der Unruhe? Wie sie bewältigen ohne lindernde Mitteilung? Hälst
Du mich doch ohnehin für siech, warum also anstehen, Deine Meinung von mir
bestätigen zu helfen? Was Dir ungeniessbar erscheint, kannst Du ja überschlagen,
wenn nicht das Interesse für die Sache der Menschheit das Unbequeme der
Erzählung überwindet.
    Gestern Abend verliess ich mit Bardeloh unsern gegenwärtigen Aufentaltsort.
Richard hatte einen Segelkahn gemietet, der uns bei einem sanften Winde rasch
stromabwärts führte. Die Sonne war schon untergegangen, als die niedrigen
Hügelreihen am Ufer des Siegflusses mit Rosenflor und duftigem Nebelweiss
umglänzt aufstiegen. Die Nacht versprach hell und warm zu werden. Das erste
Mondviertel lag, wie eine zerbrochene Hostie im Heiligtum der sterngestickten
Weltmonstranz. Anbetend sank in demütigem Gewande Lebendiges und Todtes nieder
als knieende Schatten und wartete des vorüberwandelnden Gottes.
    Bei der Einmündung der Sieg legte der Schiffer an, wir stiegen aus und
gingen den Fluss entlang in das Tal hinein, dessen Hügel bald anschwellen zu
niedrigen Bergen. Der Mond streute funkelnde Lichter durch die Gebüsche; auf dem
Flusse gab es noch viel Leben. Heimkehrende Arbeiter grüssten freundlich und
sangen muntere Lieder in einem Jargon, der, obwol sehr unverständlich, doch naiv
und gutmütig klang. An diesen Menschen war kein Lebensüberdruss, kein Weltekel
zu entdecken. Ich glaubte bisweilen die Erfahrung Anderer bestätigt zu finden,
dass dieser Vorzug nur den Gebildeten, der feinern Gesellschaft verliehen worden
sei. Laut rief es in mir: kehrt zurück zur einfachen Natürlichkeit und ihr
werdet glücklich sein, wie diese. Bildung soll nicht der Todtengräber der
Herzensruhe sein, sondern ihr Brautführer.
    Nach zweistündigem Gehen lag Siegburg vor uns, ein freundliches Städtchen,
an dem nichts merkwürdig, als die alte Abtei, in deren Zimmern jetzt Geistesirre
aufbewahrt und geheilt werden. Dieses Umkehren der ursprünglichen Bestimmung
eines Gegenstandes, oder einer Sache rechne ich allemal zu den Spässen der
Geschichte, die unbewusst und mit einer Art vergnüglichen Blödsinn's von ihren
gallonirten Bedienten, den Menschen, aufgeführt werden. Es gibt keinen bessern
Ort für Wahnsinnige, als ehemalige Mönchszellen und Refectorien. Der Kreuzgang
dient zur Spazierhalle, wo die neumodischen Mönche ihre Siesta verträumen. Der
Irrsinn ist nur die Kutte moderner Möncherei, die der heilige Geist der Zeit
über die tonsurirten Scheitel seiner liebsten Kinder stülpt. Im Wahnwitz betet
der Weltwitz seine unzeitigen Geburtsschmerzen ab. Geistesirre sind Heilige der
Neuzeit, Märtyrer der civilisirten Menschheit. Dass ihre Herzen im Kopfe
schlugen, hat sie so elend gemacht! Deshalb müssen sie das blasse
Cisterziensergewand, die schimmernde Toga des um Erhörung bittenden Geistes,
über die Fetzen des weltarmen Lebens werfen. O seht, wie sie einhergehen die
stolzen neuen Römer, deren Gedanken nicht Taten werden können, weil das
Tribunat jetzt unter die antiquarischen Merkwürdigkeiten gehört.
    »Hier wollen wir Hütten bauen,« sagte Bardeloh und lehnte sich an eine
breitästige Linde, deren duftende Blütenlocken der Mond mit keuschen Küssen
durchwühlte. Ringsum herrschte tiefe Stille. Die Sieg brach ihre hellen Wellen
flüsternd an den Fischerkähnen, aus Erlengebüsch und Birkenwaldung rief die
Nachtigall ihre melancholischen Klagetöne herüber. Finster lag die Abtei vor
uns, wie eine grosse Lavaschlacke. Auf dem Dach hing grünes, üppiges Moos, dies
saftlose Gewächs aller Gräber. Im Schatten der Buchen bemerkte ich ein
Liebespärchen schwatzend und kosend auf- und abspazieren. Einen Augenblick
traten die Liebenden in das helle Mondlicht. Ich erkannte Nanette, die ein
glückliches Stündchen mit ihrem Partner verlebte.
    »Einem Vernunftlosen kann hier wohl sein,« sprach Bardeloh und ging in's
Städchen, wo wir die Nacht ziemlich unruhig zubrachten. Noch kannte ich nicht
den Zweck unserer Wanderung. Richard blieb, wie fast immer einsylbig, oder warf
nur bittere Brocken in das Gespräch, als wolle er mir den Appetit damit
verderben.
    Im Gastof ward eine Hochzeit gefeiert. Gesang, Spiel und Tanz währten die
ganze Nacht und raubten uns den Schlaf. Bardeloh stand stundenlang am geöffneten
Fenster und sah hinüber nach der ehemaligen Abtei, in dessen Scheiben sich der
Mond lächelnd bespiegelte.
    Am frühen Morgen liessen wir uns bei dem Irreninspector melden und baten um
einen Besuch. Ich habe immer gefunden, dass Zuchtausund Narrenhaus-Inspectoren
gegen Fremde die humansten Menschen der civilisirten Erde sind, dass aber diese
Humanität sich auch auf ihre Untergebenen erstrecke, will ich nicht behaupten.
Die chronique scandaleuse erzählt wunderbare Geschichten. Man darf ihr nicht
trauen; denn sie ist eine Verläumderin aller Gerechtigkeitspflege und strenger
gewissenhafter Pflichterfüllung.
    Bardeloh konnte nur mit Mühe eine ängstliche Unruhe bemeistern. Er hatte
etwas Schweres auf dem Herzen. Der Inspector empfing uns mit der freundlichsten
Zuvorkommenheit, denn wir trugen feine Kleider, hatten ein nobles Ansehen und
konnten recht gut für reisende Engländer gelten. Bardeloh überreichte dem
Irreninspector eine Schrift, die dieser mit grosser Aufmerksamkeit las und uns
hierauf bereitwillig den Narren vorstellte.
    Verlange nicht etwa, dass ich Dir eine Beschreibung des tiefsten menschlichen
Elends geben soll. Dies überlasse ich Anderen, die weniger fühlen, aber desto
mehr schwatzen können bei dem Anblick zerrissener Menschenherzen. Geistesirre
gleichen Schmetterlingen, die an den Fensterscheiben auf- und abflattern. Sie
denken, das Helle sei der freie, warme Himmelsraum, und jemehr sie sich gefangen
fühlen, desto heftiger mühen sie sich ab. Der heilige Staub verschwindet von den
Flügeldecken, farblos, eine dunkle Ahnung des Gewesenen, hängen sie herab, nur
das Flattern dauert fort, dieser bewusstlose Drang nach Leben ohne die Kraft, es
zu können. Geistesirre sind Psychen, die unaufhörlich mit den staublosen
Flügeldecken ihres Geistes an den Fensterscheiben der Welt sitzen und sich
wundern, dass die Luft so compact geworden ist und doch ihren Glanz behalten hat.
    Wir gingen an verschiedenen stillen Gruppen vorüber, die uns meist
ignorirten, nur Einzelne sprachen uns zuvorkommend an. Man hätte sie für
gescheit halten können, wäre der Blick nicht Verräter der spukenden Seele
gewesen, die in ihrer eigenen Wohnung umgeht und sich grauliche
Gespenstergeschichten erzählt. Es ist unglaublich, wie gross die Productionskraft
des menschlichen Geistes ist, wie unendlich viele Variationen er auf sich selbst
spielen kann!
    Der Inspector öffnete die Tür einer hübschen Zelle. Wir traten ein. »Das
ist Herr Casimir,« sagte unser Führer. »Es steht Ihnen frei, sich ungehindert
mit ihm zu unterhalten. Was man mir befiehlt, tu' ich; die Folgen fallen nicht
auf mich zurück. Ich inspicire bloss, ich urteile nicht.«
    Wahrhaftig der Mann war geboren zum Inspektor und nebenbei auch zum
Deutschen. Gib mir Geduld Himmel, damit ich sein ruhig bleibe und nicht Lust
kriege, Urteile zu fällen. Ein Deutscher gehorcht, aber urteilt nicht.
    Am Fenster sass ein Mann, dem Ansehen nach in Bardeloh's Alter. Um seine hohe
Stirn legten nur wenig hellbraune Locken einen dürren Kranz. Die Lippen, fest
zusammengebissen, schienen im Begriff zu fein, die Welt in einem Sturzbad von
Hohn und Spott zu ersaufen. Das Auge, beschattet von dünnen Brauen, glänzte wie
das Wetterleuchten eines ausgetobten Vulkans aus der schwermutdunkeln,
verachtunggesättigten Höhlung.
    »Casimir!« rief Bardeloh und trat dem schweigenden Manne näher, der, ein
Buch vor sich, beide Füsse auf Papierbündel stützte. Sein ganzes Äussere liess
erraten, dass Cynismus aus Grundsatz oder Misachtung ihm zur andern Natur
geworden sei. »Casimir,« wiederholte Bardeloh, da der irrsinnige Mann noch kein
Lebenszeichen von sich gegeben, »Casimir, kennst Du mich nicht mehr?«
    Der Angeredete hob jetzt verdrossen das Auge, sah meinen Begleiter scharf an
und rief: »Richard?«
    »Richard Bardeloh,« sagte mein Gastfreund, »ich komme als lebendige Antwort
auf Deinen Brief. Du bist frei und wirst mich begleiten.«
    »Frei!« wiederholte Casimir verächtlich. In Eurer Welt ist nicht einmal der
Witz frei, wenn er nicht Hosen trägt; oder glaubst Du, es sei erlaubt, nackt zu
sterben? Behüte, Du musst den letzten Heller für einen Fetzen Tuch ausgeben. Eure
angejackte Freiheit sollte man knuten, bis die Jacke zerriss und das Fleisch
blutige Tränen für den Ritz bezahlte, durch den man hineinsehen kann in die
Freiheit.
    »Beruhige Dich,« versetzte Bardeloh. »Bei mir kannst Du jeden Wunsch Deines
Herzens befriedigen, Niemand soll Dich hindern. Ich bin reich und brauche nicht
zu sparen; ich bin gefürchtet, denn ich hasse Alles, was ein eingebildetes
Wohlsein heuchelt; man gehorcht mir, weil ich Geld habe, und darum fluche ich
mir selbst! Aber das Alles soll Dich nicht stören. Tue und vollbringe, wozu
Dich die Neigung treibt, vielleicht findet Dein Streben Anklang.«
    »Den möcht' ich hören,« erwiederte der Irre. Er stand auf und zerschlug mit
der Faust das Fenster. »Sieh,« fuhr er zu Bardeloh gewandt fort, »was ist das
hier herum? Wie sieht das aus?«
    »Die Gegend ist schön,« sprach Bardeloh. »Nicht jeder hat eine solche
Aussicht.«
    »Das trifft. Nur der Todtengräber kann mich beneiden. Ich sehe immer nur
einen hohlen Schädel - die Erde, die Jahr aus Jahr ein von dem Todtengräber der
Zeit herüber und hinüber gekollert wird und täglich mehr schadhafte Stellen
kriegt. Er hat sich den Kopf abgebissen vor Wut über das törichte Herz.
Gebleicht von der Hitze der Jahrtausende liegt er nun modernd im Weltraum, der
Gott kollert ihn hinüber herüber, aber es bleibt immer ein Schädel. Schlägt er
ihm die Backenknochen, so gähnt das hirnlose Ding und weist ihm die Zähne, auf
denen Haare gewachsen sind, die Künsteleien des Friseurs der Verwesung. Gibt das
Anklang? Hat ein hohler Schorb ein Echo? Wenn doch der Welt ein neuer Kopf
wüchse!«
    »Das wäre allerdings sehr wünschenswert, lieber Casimir, indes, da es nun
einmal nicht geschieht, so lass uns mit Hand an's Werk legen.«
    »Das Geschäft der Barbiere ist mir immer zuwider gewesen,« versetzte
Casimir. »Ich möchte nicht einmal den Heiligen ihre Bärte verstutzen, wie viel
weniger - - brr! bleib mir vom Leibe.«
    »Du bist ungerecht, Casimir, und machst Dich unglücklich durch das
unverhüllt Grandiose, das in Dir lebt. Schleife den Riesenedelstein Deines
Geistes, so trägt Dich die Welt auf Sternenkränzen zum Himmel.«
    »Soll ich eine Eisenbahn aus mir machen lassen, damit jeder
Schornsteinfegerjunge Nutzen ziehen kann von mir? Das vermaledeite Nivelliren
ist der Blutegel des Genie's. Geht's so fort, wird bald eine Zeit kommen, wo ein
Genie so teuer ist und rar, wie eine pommerische Gänsebrust. Euer
demokratisches Hüsteln taugt nichts. Es ist die Schwindsuchtcur der Völker.
Kranke Lungen sollen am Besten heilen im Dunst der Viehställe. Da müsst Ihr
gesund werden bei Zeiten, denn Euer ganzes Treiben ist eine
Viehstallwirtschaft.«
    »Dich zwingt Niemand Demokrat zu sein,« erwiederte Bardeloh. »Besingst Du
den Stolz und Glanz königlicher Zeiten, wird keiner Dich tadeln; aber fasse das
Gold des Gedankens in einen silbernen Reif. Ohne Scheidemüuze kommt Keiner mehr
durch die Welt.«
    »Ei so will ich ein Goldfresser werden und mich mästen mit meinen eigenen
Gedanken. Der Abfall meines Leibes wird dann die goldsüchtigen Leute gierig
machen.«
    »Was hast Du denn da unter den Füssen?« fragte Bardeloh.
    »Meine Eingeweide.«
    »Und Du zitterst nicht vor dem Gedanken dieses geistigen Selbstmordes?«
    »Wer sagt das! Nicht ich! Ich mache Würste d'raus. Gedankenwurst ist noch
nicht dagewesen; ein neuer Gastwirt könnte sein Glück damit machen.«
    »Ich werde nicht zugeben, lieber Casimir, dass Du Dich selbst zu Tode
folterst Diese Papiere lasse ich drucken auf meine Kosten und Du wirst berühmt
werden.«
    »Am Galgen?« fragte Casimir mit wegwerfenden Lächeln. »Ich wollte« -
    »Was?« unterbrach ihn Bardeloh.
    »Eine Ratte wollte ich sein, und die Sterne herunterfressen vom Himmel.
Durch dieses Manöver würde die Natur doch gezwungen, wieder einmal etwas Neues
zu schaffen. Das Alte ennuyirt mich.« Bardeloh seufzte und lehnte sinnend am
Fenster. Der Bewohner des Zimmers las wieder in dem Buche. Zufällig ward er
jetzt erst mein ansichtig. »Was ist denn das für ein zweibeiniges Geschöpf?«
fragte der unerbittlich Harte meinen Gastfreund.
    »Ein Freund von mir und Dir.«
    »Ich bin nicht so niederträchtig, Jedermann Freund zu nennen. Wer dieser
Mensch ist, kümmert mich wenig.«
    Jetzt hielt ich es an der Zeit, mich in das Gespräch zu mischen.
Entschuldigungen, Einleitungen und andere Complimente, die unter dem Teile der
Menschen, der für civilisirt gelten will, nötig sind, waren hier nicht am Orte.
Ich versuchte es daher, durch sackgrobe Dreistigkeit zu imponiren. Ohne zu
wissen, ob ich wirklich jenen Casimir vor mir sehe, dessen Erwähnung getan ward
in Gleichmut's Manuscript, nahm ich es auf gut Glück an und flocht in die kurze
Anrede dies mit ein.
    »Der Kerl ist orientirt in der Geschichte,« murmelte er halb beruhigt, halb
verdrossen zwischen den Zähnen, »man muss ihn doch anerkennen.« »Nun dann guten
Tag, wenn Ihr mich kennt,« fuhr er fort, »und bind' Euch der Teufel an seinen
Schwanz und schleppe Euch in einer Sekunde neuntausendmal durch alle Moräste
rund auf der Erde, wenn Ihr ein Lump seid, wie hunderttausend Andere. Die
Menschen sind weich und matt, wie gequirlte Heringsmilch.«
    Du wirst gestehen, dass dies ein Gruss ganz neuer Art war; indes ging ich auf
die Redeweise meines neuen Bekannten ein und wir wurden in einem gewissen Sinne
fidel. Casimir bewies, dass er nicht geistesirr, wohl aber ein Monstrum geistiger
Kraft sei, deren ungeglättete Erscheinung eine dem Wahnsinn nicht unähnliche
Hülle annahm.
    Der seltsame Dichter erkundigte sich nach Gleichmut, dem Juden Mardochai
und Friedrich. Bardeloh gab über jeden die nötige Auskunft und wiederholte dem
als wahnsinnig Bewachten sein Anerbieten.
    »Dass ich hier fort komme, nehm' ich an,« erwiederte der Dichter, »versucht
aber nicht, mich in die Uniform Eurer Cultur kleiden zu wollen sonst werden die
zierlichen Nähte platzen und mit den blinkenden Knöpfen werfe ich mir die Sterne
vom Himmel herunter. Deinen Jungen aber will ich unterrichten, Richard, das soll
ein ganzer Mensch werden und kein Wollsack für das kommende deutsche Parlament.
Auch die demokratischen Mucken will ich bei Zeiten todtschlagen in seinem Kopfe.
Der Absolutist allein, der strenge Monarchist, ist der ächteste Mensch!«
    »Dein Glaubensbekenntnis will ich nicht corrigiren,« versetzte Bardeloh,
»mein Kind aber wird entweder frei und unglücklich werden, wie sein Vater, oder
als Demokrat sterben auf dem Rosenbeet der glücklichsten Jugend. Zum Hofmeister
bist Du verdorben, Casimir.«
    »Dummheit!« brummte der Dichter. »Ein geschichtlicher Mensch kann kein
Demokrat werden, das ist nur Sache der ungeschichtlichen Ignoranz. Ich sterbe
als Monarchist auf dem Trone, wenn es auch keine Kreatur glauben will. Das
Ungeziefer wird nie Verstand kriegen.«
    Das Eintreten des Inspectors unterbrach ein Gespräch, das unter die
seltsamsten gehört, die ich je erlebt habe. »Mann des Wortes,« redete Casimir
den Eintretenden an, »Du siehst, dass ich wahr gesprochen habe und mein Arm
weiter reicht als Dein demütiger Blick. Du hast bloss Gallert im Auge, kein
Licht; als Dich Gott schuf, klebte er Dir eine herabgefallene Sternschnuppe in's
Gesicht; darum phosphorescirst Du auch des Abends! Armer Mensch, ich beklage
Dich Deiner Stellung wegen, denn es ist eine verwirrte Stellung. Du sollst aber
einmal geheimer Finanzminister werden bei der Wiedergeburt des deutschen
Reiches, wenn Dir's glückt, die grosse Menge pickender Uhren in diesem Gebäude
tactmässig zu tractiren und in gefälliger Einheit zu erhalten. Du sollst den
Orden des durchlauchtigsten Gehorsams dafür empfangen. Bleibe treu und sei kein
Hund, glücklichster, begabtester Frosch, den der Himmel geschaffen hat in
Ermangelung besserer Substanzen.«
    »Ist nun da Vernunft d'rin, meine Herrn?« seufzte achselzuckend der
Inspector.
    »Ja, piepsende Ente,« fiel Casimir ein »weit mehr Vernunft, sage ich, als in
Deiner Frage.«
    Kraft des Erlaubnissscheines, den Bardeloh überreichte, folgte uns der
unglückliche Dichter. Seine »Eingeweide,« wie er die vorhandenen Scripturen
nannte, nahm er unter den Arm. Bardeloh hatte einen Wagen besorgt, der uns
schnell aus Siegburg entführte. Gegen Mittag bereits trafen wir in Bonn wieder
ein. Die freie Luft, eine Art Zutrauen zu mir und die Aussicht, dem Walten
seines seltsamen Genius sich hingeben zu können, machten aus Casimir einen weit
heiterern Menschen, als ich erwartet hatte. Er scherzte, nur etwas ungewöhnlich.
Denn jeder Scherz ballte sich in seinem Munde zum Koloss zusammen, und es gehörte
eine geistige Konstitution, wie die seines Erfinders dazu, um solche Scherze nur
erträglich zu finden. Es ist mir nie einleuchtender gewesen, als während jener
kurzen Fahrt, wie eine ganze Generation ungerecht gegen einen grossen Geist sein
kann, wenn er es verschmäht, den Gedanken in fashionable Formen zu kleiden. Auch
der Geist bedarf der Hülle, wenn er die prüde Menge nicht zurückschrecken soll.
    Casimir sah sich nicht sobald an dem Orte seines früheren
kameradschaftlichen Lebens, als ihm die Jugendlust wie eine verwelkte,
abgerissene Rose an's Herz sank. Eine lebendige Sphinx lehnte er am Fenster und
stierte die bekannten Gassen und Plätze an. Seine Muskeln waren versteinert, das
Gesicht hing wie ein in Falten gebrochener Mumienabzug gelb und nerventodt an
dem fast kahlen Haupte, nur die Augen wühlten - zwei glühende Salamander - in
den tiefen Schädelhöhlen, und höhnend sprang der Gott der Dichtung, als
cynischer Faun gekleidet, um den einsinkenden Altar der Schönheit.
    »Eduard,« rief er, im lindernden Tau der Erinnerung Herz und Auge badend,
»Eduard, Friedrich, Mardochai, Gleichmut! Wo seid Ihr hin? Hat Euch allesammt
die Boaschlange der Zeit gefressen, deren sterngeflecktes Abbild allnächtlich am
Himmel glühend aufrollt? Was taugt eine Erde, die Menschen verschlingt wie Euch
und mich langsam zerreibt, an dem doch jedes Haar ein königliches Scepter ist!«
    »Das Mass ist bald voll,« sagte Bardeloh zu mir gewandt. »Das ist nun ein
Mann, geschieden von allen neuweltlichen Bestrebungen, und doch ist er müde, wie
wir. Es ist ihm gleichgiltig, ob Dampf die Welt bändigt und die Wut der
Elemente, oder die Geissel des Vogtes, die Kette der Gewalt. Ihm ist jeder
Schmuck verächtlich, trage ihn nun die Gemeinnützigkeit, oder Eigenliebe und
Selbstsucht. Die Industrie mit ihren vulkanischen Kräften der Bewegung kümmert
ihn wenig. - Der neue Heuchler des Jahrhunderts, der tönende Grossinquisitor
aller Nationen, Gold mit seinem Schergen, dem Eisen, beide die Henker des
menschlichen Herzens, sind ihm so uninteressant, wie zwei Hunde, die nach ihrem
Schwanze laufen - und dennoch liegt der Fluch über dieses Dasein auf seiner
dünnen Lippe giftiger zusammengekrümmt, als in unserm Gemüt. Dieser Mensch ist
Royalist, Monarchist, Absolutist und doch müde Europas - denn in ihm ruft nach
Freiheit der verhungernde Geist eines Dichters! Sein Sie nicht ungerecht,
Sigismund! Der Mann tut mit seinem stammenden Geiste nur, was Gleichmut
vollzog an der Glut seiner Sinne - Beide stutzten sich für diese Welt zurecht
und Beide gehen dabei zu Grunde. Zustutzen macht Caricaturen, keine freien
Menschen.« -
    Es erfolgte eine lange Pause. Ich beobachtete scharf die Figur Casimir's,
der noch immer regungslos hinabsah auf die belebten Strassen. Es lag viel
Modernes in diesem Dichter. Die ganze dramatische Poesie feierte ihr
Leichenbegängnis in seinem zerlodderten Körper. Es war eine Hekatombe,
dargebracht den Göttern in innerlichem Verbrennen eines grossen Menschen.
    »Wie machst Du's denn, Richard,« fragte Casimir, »dass Dich die Menschen
verstehen, wenn Du schreibst?«
    »Ich lüge.«
    »Bist ein Lump! Hat uns der Herrgott deshalb gelaicht aus dem Schlamme der
Sündflut, dass wir Löschpapier aus unsern Herzen machen sollen, um die
Tintenklekse einzusaugen, die der sudelnde Sekretair der wohl geschulten
Weltordnung auf die Schreibtafel seines Herrn macht? Ich sage die Wahrheit« -
    »Und wirst für einen Narren gehalten,« ergänzte Bardeloh.
    »Besser als Narr aufsteigen zum Olymp, als in Dampf verbraucht werden von
der Speculation, weil einer Gold zu Kohlen gebrannt hat der Dummheit zu Liebe.
Wenn ich sterbe, krepirst Du.«
    »Das ist verständlich,« erwiederte Bardeloh, »Du kannst es aber nur einmal
sagen im Salon der Welt.«
    »Verdammt!« schrie Casimir. »Soll ich Respect haben vor Euren Salons, so
müsst ihr sie parketiren können mit Sternen und Sonnen. Ich tanze nur auf
bewegten Sphären oder auf den gaukelnden Schwibbogen meiner Phantasie. Eure
Salons sind zu flach, um mich zu fassen.«
    Ich schlug einen Spaziergang vor, da der Abend in Purpurglanz über das
Rheintal flog. Bardeloh war es zufrieden, Casimir respectirte die Natur unter
Allem noch am meisten, so sehr er sich auch oft über sie ennuyirte. »Auch sie
ist stach geworben und lässt sich alle Tage glätter rasiren!« Dies war seine
stehende Redensart. Wir verliessen die Stadt unter dem Geläut der fünf
Münsterglocken, die einem Verstorbenen das letzte irdische Ave Maria nachbeteten
in's Grab.
    Casimir schlug ungefragt den Weg nach dem Kreuzberge ein. In den breiten
Alleen dämmerte manch unerfüllter Wunsch, leis umschlichen uns die Abendlüfte,
wie verlockende Dirnen. Ihre weichen Lippen entrissen der Seele Geständnisse,
die sich vor dem Tage scheuen. Schmerz und Lust sanken vereint an den Busen
ihrer gemeinsamen Mutter, das in heissen Pulsschlägen schluchzende Menschenherz.
    »Auf diesem Wege habe ich dem Jahrhundert Schröpfköpfe gesetzt,« begann
Casimir, »das Aas aber hatte kein Blut mehr, es schwitzte nur Salzwasser.«
    »Fand sich denn überhaupt ein Mensch, der mit Dir Umgang pflog?« fragte
Bardeloh. »Wenn unser Einer mit bunten Steinchen spielt, nimmst Du Granitblöcke
und wirfst sie Einem an den Kopf. Das nennst Du dann freundschaftliche
Neckereien.«
    »Es ist nicht meine Schuld, dass Andere statt Schädelknochen nur behaarte
Eierschaalen tragen. Dem Schöpfer muss der Stoff ausgegangen sein.«
    »Mardochai, glaub' ich, war in jener Zeit Dein Freund.«
    »Was Freund! Ich hatte nie einen Freund. Der eine war mir zu rund, der
andere zu dünn, der dritte zu lang. Man sah das Zeug ja kaum, wenn man's nicht
unter die Lupe brachte.«
    »Du musst mit kolossalen Augen begabt sein,« meinte Bardeloh.
    »Mein Auge ist das Sehrohr meines Gedankens, und wenn dieser nach ganzen
Sonnensystemen umherirrt, muss ich die Atome nur für Staub ansehen, der auf- und
niederfällt innerhalb der bewegten Atmosphäre. - Aber Mardochai und Gleichmut
waren immer noch erträgliche Trümmerstücke. Die Kerl's konnten doch nichts sein,
wenn sie wollten, und darauf geb' ich was, denn es gehört 'ne grosse, aschgraue
Malice dazu.«
    Ich würde nicht fertig werden und Dich vielleicht langweilen, wollte ich
Alles wiedererzählen, was auf diesem Spaziergange Seltsames zwischen meinen
Begleitern verhandelt wurde. Gespräch konnte man dies Hin- und Herspringen wild
gewordener Gedanken nicht nennen. Wie rasende Bestien stürzten die kolossalsten
Einfälle aus Casimir's Munde, erfreuten sich eine kurze Zeit der Freiheit und
legten sich dann wie das leibhaftige Ennui müssig in den tiefsten Schmutz.
    Nach Verlauf einer Stunde sassen wir auf den Stufen der Kreuzberg-Kapelle.
»Was das nun für Heiligenschreine sind,« sagte Casimir, »wahre Amulets, die sich
der liebe Gott an den Gürtel gehangen hat, um, die Apatie gegen seine
sublimsten Geschöpfe damit zu unterdrücken. Es muss langweilig werden, immer Ein
Amt zu verwalten. Ich möchte den Schöpfer einmal in einem andern Geschäft sehen,
das würde ihm bei mir mehr Reputation verschaffen.«
    »Warst Du vielleicht zugegen,« fiel Bardeloh ein, »als mein Bruder die
Weihen empfing hier in der Kapelle?«
    »Der Narr!« lachte Casimir. »Kam der Mensch aus purer Commiseration mit sich
selbst auf den famosen Einfall, sich die Gedanken aus zustreichen! Hat das noch
eine vernünftige Menschenseele gehört in unsern Tagen? - Nein Richard, ich
versprach dem Narren, zu derselbigen Zeit, wo er das Gelübde ablegen würde, mich
in süssen Schlaf einwiegen zu lassen auf den Armen eines Weibes, und so gewiss ich
meinen überwüchsigen Witz nicht vor Jedermann abspielen darf, ohne für toll zu
gelten, ich hab's ehrlich gehalten, wie 'n deutscher Spitz! Unser Einer wird
dumm vor Treue.«
    »Kanntest Du den katolischen Geistlichen, der vor der Einkleidung Eduard's
in enger Freundschaft mit ihm lebte?«
    »'S war 'ne H .... seele,« rief Casimir, »die nur warm ward, wenn man sie
kitzelte.«
    »Weisst Du seinen Namen?« fragte Bardeloh gleichgiltig weiter.
    »Das Wiesel schwänzelte sich bei guter Zeit in ein warmes Priorat hinein und
soff der erhaltenden Weisheit die Eier aus, als wär's Moselwein. Ich hoffe, wenn
die Vogelscheuche noch lebt, wird sie bald auseinander fallen.«
    »Vortrefflich!« sagte Bardeloh zu mir. »Die Rache hat dem Elenden die Seele
bereits aus den Lumpen seines Fleisches geschüttelt. Jetzt bin ich beruhigt. Der
zerschmetterte Prior war der Geistesmörder meines unglücklichen Bruders.«
    An der Klostertür erschien der Kastellan. »Guten Abend, meine Herren,« rief
er uns grüssend zu. »Es ist eine sanfte, milde Luft, die einem alten Manne wohl
tut. Erlauben Sie's, dass ich eins mit Ihnen plaudere? O wie schön ist die Welt!
Wie herrlich, erfrischend ein einziger stiller Sommerabend! Ich möchte doch um
Alles nicht sterben in der schönsten Jahreszeit, und ich denke, der liebe Gott
wird ein Einsehen haben und mein Gebet erhören! Wie die Pappeln duften - die
Schmetterlinge still sich wiegen auf den Strahlen der Sonne, hier tief blau,
dort purpurn und sammetgrün funkelnd! Das sind gewiss umherfliegende Engelsaugen,
die der heilige Gott aussendet als seine Boten, um sich zu erkundigen nach dem
Befinden seiner lieben Menschen.«
    »Bei meinem dürren Gebein,« rief Casimir, die Hand an die vergelbte Stirn
legend, »der unverwüstliche Mensch lebt noch immer, und ist heut noch eben so
versessen auf das Leben, wie vor zehn Jahren. Der Kerl muss eine Amphibie sein,
halb auf Erden, halb im Himmel vegetirend. Hast's noch nicht überdrüssig,
Alter?«
    »Was? Ueberdrüssig? Lieber Herr, seht nur hinunter, wenn Ihr noch gesunde
Augen habt, (er deutete mit dem Krückenstocke rings aus die Gegend, in der hin
und wieder Nebelflocken aufflatterten,) wie kann da ein Mensch aufhören zu
bewundern! Meine Freude liegt hier rings um uns. Siebenzig Jahre und darüber
habe ich den Strom wie einen immergrünen Lenz die Landschaft begrüssen sehen, der
unerschöpflich neue Blumen brachte. Und da soll ich mich nicht freuen, Herr, so
lange meine Augen frisch und kräftig bleiben?«
    »Das mache den Maulwürfen weiss, die blind sind von Geburt an, weil sie so
frech waren, die Augen aufzuschlagen, ehe sie aus ihrer Mutter Leibe krochen.
Wenn Du siehst, ewiger Mensch, warum kennst Du mich nicht?«
    »Sie?« sagte der Greis und öffnete weit das erden-und himmelgetränkte Auge.
Er schüttelte das silbergelockte Haupt, rieb sich die Augen, legte die Hand an
seine Stirn und fügte dann mitleidig hinzu: »es kann nicht an meinen Augen
liessen, dass ich Sie nicht kenne.«
    »Nun dann liegt's an der Sonne,« sprach Casimir, »denn ihr Blick lag immer
wie ein fauler Bassa ägyptisch heiss auf meinem Gesicht. Davon bin ich
dunkelhäutig geworden. Wenn Du mein Gesicht aber schälen kannst, wie eine
Zwiebel, ohne Tränen zu vergiessen, so wirst Du eine europäisch menschliche
Couleur darunter entdecken. Das Häuten hab' ich den Schlangen noch nicht
abgelernt.«
    Nochmals beleuchteten des Greises Augen die schwefelgelben Narben des
Dichters, die der Meissel des Gedankens und die heisse Pulverglut des Herzens
hineingeschlagen hatten in sein Gesicht, dann sank er mit einem lauten Seufzer
an die Mauer.
    »Nicht wahr, es steckt etwas in mir, das sich nicht vergessen lässt?«
    »Ich denke,« sagte der Kastellan, »Sie sind der Iudenfreund, der einmal
Hostien aus der Monstranz entwendete, um ein paar zärtliche Briefe damit zu
siegeln.«
    »Du sollst Chronikenschreiber werden, wenn ich Kaiser bin, versetzte
Casimir, denn Du hast ein gutes Gedächtnis.«
    Der Greis stand auf und trat einige Schritte zur Seite. Um ihn dampfte das
Abendrot, über dem Siebengebirge zog ein Gewitter auf und warf grelle Lichter
in die Täler. »Armer Herr,« sagte der Kastellan, auf seinen Krückenstock
gelehnt, »Jugend hat nicht Tugend, ist ein altes Sprichwort, das immer
eintrifft, und vergeben und vergessen ist ein christlicher Brauch, den ich gern
üben will bis an's Grab; aber lieber Herr, wenn Sie sich im Spiegel besehen, so
fragen Sie, ob die entwendete und entweihte Hostie nicht alles Blut aufgezehrt
hat in Ihrem Angesicht!«
    »Lieber Alter,« versetzte Casimir, dem Greis nachäffend, »das hat der Witz
getan, der sich selbst fressen musste.«
    Der Greis schlug ein Kreuz; von fern stürzte der Donner brüllend in die
Täler und schleuderte die hundert Briareusarme seiner Blitze hell leuchtend
über die Berge. Nebel flogen wie verscheuchte Nymphen an den Hügeln hin und
versteckten sich hinter die grünen Schleier der Weinranken. Auf dem Strome lag
tiefes Dunkel.
    Bardeloh stand auf. »Hast Du einen Auftrag an Bruder Bonifacius?« fragte er
den Greis.
    »Ja, lieber Herr,« versetzte dieser. »Sagt ihm, er solle hierher kommen und
sterben. Es ist Zeit, sich zur Ruhe zu legen, wenn die Hostien verbraucht
werden, um Briefe damit zu siegeln.«
    »Ich verspreche Dir wenigstens seine Leiche,« erwiederte Bardeloh. Denn ob
auch unsere Ansichten eben so weit von einander abliegen mögen, als Sonne und
Mond, der Zwischenraum ist geebnet und verbunden durch ein unsichtbares Band der
Verschwisterung. Als Du anfingst, zu glauben, war dieses Glauben eine hohe
Tugend, als es aber mir gelehrt wurde, hatte man mit dem Glauben schon
mancherlei Missbrauch an geweihten Schwellen getrieben. Dieser Glaube war gefärbt
und voll Unrat, wie ein Kleid, das durch langes Tragen farblos geworden. Ist es
Deine Pflicht zu sterben im Anschaun Deiner unbefleckten Tugend, so ist es auch
die meinige, das unsaubre Kleid abzuwerfen und ein neues, reines an dessen Statt
anzulegen. Was dabei eher zerreisst, das Herz, dessen Blut keucht und stöhnt nach
dem Frieden der Tat, oder das Kleid, welches fest geworden im feuchten Schmutz
- das liegt so tief im Dunkeln, dass nicht einmal jene Blitze es hell beleuchten
können. -
    Wir stiegen langsam den Berg hinab und sahen noch lange die hohe Gestalt des
ehrwürdigen Greises im aufflammenden Himmel stehen.
    Casimir versank wieder in sein sphinxartiges Hinstieren. Es ist, als wolle
er die Geburt der kommenden Geschichte herauslesen aus den Schatten, die jetzt
verblasst an dem Sonnenzeiger der Zeit vorübereilen. -
    Morgen in der Frühe kehren wir zurück nach Köln. Alle Personen, die
Gleichmut's Manuscript erwähnt, sind nun vereinigt in einem stillen Kreise. Was
die Confrontation Aller auf Alle und jeden Einzelnen in's besondere für eine
Wirkung hervorbringen wird, sollst Du später erfahren. Ich fürchte, es werden
einige Herzen dabei ihr letztes Blut hinströmen müssen.
                                                               Einen Tag später.
    So eben hat mich Richard über den Zusammenhang des jüngst Erlebten belehrt,
und ich bin nun wenigstens im Stande durch Vergleichung und Combination das noch
Fehlende zu ergänzen. - In seinem früheren Leben ward Bardeloh durch ein
unruhiges Umherschweifen in der Welt angezogen, und er überliess sich diesem
Hange rücksichtslos. Die Mittel, jede, auch die ausschweifendste Reiselust, zu
befriedigen, fehlten ihm nicht, und fand er auch nicht hinreichende Befriedigung
in dem ununterbrochenen Wechsel, so gewährte die damit verknüpfte Zerstreuung
doch eine Art Befriedigung.
    Auf diesen Reisen begegnete er auch Casimir, dessen groteske Erscheinung ihn
fesselte. In ihm fand er, was er lange vergeblich gesucht hatte, einen Menschen,
der alle Kräfte besass, um Ungeheures zu leisten, durch die Unnatur der
Verhältnisse aber an deren Entfaltung verhindert, jedes Vermögen dadurch
vernichtete, dass er es im Ueberbieten zu einer colossalen Fratzenhaftigkeit
verzerrte. Casimir gab Bardeloh den ersten Anstoss zu seinen nachmaligen Studien,
aus denen er sich nur Groll und einen langsamen, aber sicher um sich greifenden
geistigen Tod sog. Der Ideenreichtum in Casimir überwog Richard's eigenen,
tiefen Schatz von Gedanken. Casimir schleuderte in brockenweis verstreuter Rede
Gedanken um sich, die einem Gott entsprungen schienen, aber, weil sie des
Lichtes entbehrten, in zackiges Krystall verwandelt, wohl blenden, nur nicht
beglücken konnten.
    Mehrere Tage verlebte Bardeloh in traulichem Umgange mit Casimir, der eben
damals, nach Richard's Bericht, im Begriffe stand, einen Ausflug in die neue
Welt zu machen. In jener Zeit hatte die Vereinsamung des Denkens, wie es sich in
Casimir gestaltete, noch nicht so sehr um sich gegriffen, dass seine Erscheinung
dem gewöhnlichen Menschenschlage allzu auffallend gewesen wäre. Noch wusste er
sich im Fall der Not zu zähmen, wiewol mit grosser Anstrengung. Ihn konnte das
allgemeine Leid stundenlang bewegen und durch Teilnahme daran von seiner
colossalen Art, zu denken und zu sprechen, abhalten. Casimir war noch nicht
untergegangen im Stolz auf sich selbst, wozu ihn später die Flachheit der Masse
getrieben haben mag.
    Schon damals hatte Casimir meinem Gastfreunde viel erzählt von Mardochai,
den er ihm jedoch mehr als eine jüdische Curiosität schilderte. Denn es lag
nicht in Casimir's Denkungsweise, den Menschen so tief in die Seele zu blicken,
dass er ihr Tun und Wollen genau hätte erkennen sollen. Richard ward durch diese
Schilderung gefesselt. Er erinnerte sich eines fernen Verwandten dieses Namens
und beschloss mit Mardochai in eine engere Verbindung zu treten, um, wo möglich,
durch ihn für die Emancipation der Juden gemeinsame Schritte zu tun. Einen
Antrag, den er dem Dichter machte, ihn zu begleiten, schlug dieser aus, und so
schieden Beide von einander mit dem Versprechen, dass derjenige, welcher zuerst
die Unterstützung des andern bedürfen möchte, diese Kunde davon ungesäumt
entweder brieflich, oder auf dem Wege der Oeffentlichkeit an ihn gelangen lassen
solle.
    Die natürliche Art, sich der Gewöhnlichkeit gegenüber zu benehmen, die
Ausdrucksweise und ein geflissentliches Vernachlässigen aller hergebrachten
Gewohnheiten verdächtigten Casimir in den Augen Aller. Sein Reiseplan zerschlug
sich; er trieb sich in Deutschland umher, von dem Wenigen, was er besass, lebend,
und als auch dies endlich aufgezehrt war, liebte er es, sich im Cynismus
auszuzeichnen. Der Anstoss, den er dadurch der feinen Sitte gab, und die Art und
Weise, seine unbegriffenen Gedanken an den Mann zu bringen, brachte die Mehrzahl
zu der Ueberzeugung, die gesunde Vernunft sei dem wunderlichen Manne abhanden
gekommen. Der Staat fand sich veranlasst, mildtätig aufzutreten, und liess dem
unverstandenen Casimir eine Wohnung im Irrenhause anweisen. Ein Jahr und drüber
ergötzte sich der Dichter an den Narren, die ihn umgaben. Er machte Studien an
ihren Physiognomien, notirte ihre Reden und Einfälle und schuf aus diesen und
seinen eigenen ungeheuerlichgenialen Gedanken seine sogenannten »Eingeweide.«
Erst, als ihm der Spectakel zu toll ward und er sich alles Ernstes unter allen
Narren als den Gewichtigsten behandelt und bewacht sah, trieb ihn der Stolz auf
seine geistige Grösse zu dem Briefe an Bardeloh, dessen fester Aufentaltsort ihm
bekannt war. -
    So brachten Zufall und eigentümliche Schicksalsfügung eine Figur in unsern
an sich schon merkwürdigen Zirkel, die gewiss auf die fernere Gestaltung dieser
verworrenen Verhältnisse nicht ohne bedeutenden Einfluss bleiben wird. Ein Glück
war es, dass Bardeloh zuvor Gleichmut's Manuscript lesen konnte. Durch dieses
stieg seine Teilnahme an Casimir, und ich irre mich wohl nicht, wenn ich
behaupte, dass Richard durch den Dichter manches zum Ziele zu drängen versuchen
wird, was ohne diese Mittelsperson vielleicht sehr schwer zu erlangen sein
möchte. Freilich wird dieser Mensch an eigenen Fäden geleitet werden müssen!
Aber Bardeloh versteht das Versteckspielen und übersieht in seiner Ruhe auch
Geister, die an Schöpferkraft ihm weit überlegen sind.
    Begierig fast geb' ich mich der Zukunft willenlos hin. Ich muss einmal
versuchen, wohin das Folgen führt, wenn es kein knechtisches ist. Wie seltsam
Casimir schon in der frühesten Zeit den Personen nahe trat und welch furchtbare,
abenteuerliche Rolle er in ihren Lebensschicksalen spielte, dies lehrt der an
Raimund eingeschlossene Brief, in dem sich der Schluss von Gleichmut's
Autobiographie befindet. Lies diese Blatter mit dem Willen, Versöhnung zu finden
auch im Frevel. Wir Alle müssen dies, sonst würden wir uns bald gezwungen sehen,
die Weltgeschichte als eine in's Unendliche hinauswachsende Unmoralität zu
verdammen. Und davor behüte uns Gott und die Heiligkeit unseres eigenen Geistes!
 
                                      10.
                                  An Raimund.
                                                                Bonn, im August.
    Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Leben Irregeleiteten.
                                   (Schluss.)
    »Es gibt nichts so Seltsames, Unnatürliches, Widervernünftiges, das nicht
durch consequente Skepsis zum Gesetz und dadurch zur Lebensregel erhoben werden
könnte. Äusserlichkeiten bestimmen auch hier viel, wie bei Allem, und übernehmen
das Amt eines Schulmeisters oder Zuchtknechtes. Mir hat mein Lebenlang nicht in
den Sinn gewollt, dass irgend ein Individuum verpflichtet sei, der Willensmeinung
eines andern seine geistige Freiheit zu opfern. Und dennoch strebt unsere ganze
Erziehung darauf hin, die kräftige Gottesnatur möglichst frühzeitig aus uns
herauszutreiben. Die unglückliche Maxime: man muss dem Kinde frühzeitig den
Willen brechen, ist Lebensregel geworden und hat heiligende Gesetzeskraft
erhalten. Wir leben sehr curios, wenn wir Alles tun, was uns von Kindesbeinen
an als Grundsatz vorgepredigt wird.
    Für ein freies, vernünftiges Geschöpf kann es nichts Heiligeres geben, als
sich einen festen Willen zu bewahren. Jedes Titelchen davon, das ihm abgeht, ist
ein Verlust an seiner Gotteit. Wir dürfen, Andern zu gefallen, nichts von
unserm Willen opfern, nur, insofern Beschränkung aus Ueberzeugung eine
moralische Förderung sein mag, ist es uns anheimgestellt, ob wir uns freiwillig
derselben unterwerfen wollen.
    Es müssen sehr schwache Seelen gewesen sein, die zuerst auf den Gedanken
gekommen sind, mit der Liebe zu verfahren, als sei es eine Waare. Können wir
schachern mit dem Gott in uns? Darf die Erde eine Psalmensängermiene annehmen,
wenn es der Sonne gefällt, einen überschwenglichen Lichtstrom auf sie
herabzugiessen? Es gibt nirgend etwas Uberflüssiges, nur die nackte Armut, der
beschränkte Verstand kann sich ärgern über den Reichtum und Abzugskanäle für
ihn erfinden. -
    Diese Gedanken wurden mir von Tage zu Tage geläufiger in dem Leben, das ich
von jetzt an führte. Ich mag nicht verteidigen, was der Taumel aufgeregter Lust
in mir beging; aber ich gewann durch das Zügellose sinnlicher Bewegung doch eine
Freiheit des geistigen Ueberblickes, die mich selbst überraschte. Durch sie
vergass ich Druck und Gram schwacher Momente, lernte aber leider die Neue als ein
lebentödtendes Ungetüm auffassen! - In meiner Stellung war dieser Gewinn
offenbar ein Verlust zu nennen; denn er entzweite mich täglich mehr mit dem
Gesetze, dem ich meinen Willen untertänig machen sollte. Nach der gewonnenen
Ueberzeugung konnte ich diesen Forderungen nicht entsprechen, ohne mir selbst
das Verdammungsurteil zu schreiben. Dennoch sah ich ein, dass die Gegenwart nur
dauern könne, wenn sie in der schlaffen Willenlosigkeit fortgeschoben werde, die
nun einmal Leiterin ihrer Schritte geworden war. Wie schon früher, führte mich
auch dies wieder auf das Spalten des Menschen von dem Diener des gemachten
Lebens. Ich wollte mir selbst, als einem Atom der Gotteit, den Kreis des
Wirkens nicht verengern, aber dem irdischen Zwiespalt geben, was er forderte.
Der Gehorsam in mir sollte Mittel werden, ihn zu vertilgen in der Menschheit.
Ich wollte Teolog sein, um den Menschen zu retten, nicht durch die anerkannte
Heiligkeit der Doctrin, sondern durch ein allmähliges Aufdecken des
Widerspruchs, worin eine menschlich geordnete Wissenschaft mit der freien Kunst
des religiösen Gemütslebens steht. Ein Märtyrer zu werden für die Erlösung
eines Teiles der Gemeinde aus den Fesseln selbst auferlegter Beschränkungen
ward Ziel meines Lebens.
    Die Leidenschaftlichkeit meiner Natur legte mir hierbei tausend Hindernisse
in den Weg. Zum Märtyrer taugt nur ein Schwärmer, wie zum Reformator
Besonnenheit allein und ein fester Charakter befähigen. Ich ging still mit
meinem Leben zu Rate. Anatomisch zerlegte ich jede Faser meines Herzens, prüfte
jeden Gedanken und wog ihn ab mit gewissenhafter Pedanterie auf der Wage des
redlichsten Willens. Ich fand mehr spezifische Schwere in ihnen als äterische
Schwungkraft, und mein Mut wuchs, je lauter die Notwendigkeit einer Aenderung
mir aus allen Enden der Welt in die Ohren schrie. Allein Leben, Lust und Reiz
hatten sich schon zu tief eingewühlt in das Mark meiner Seele, als dass eine
heftige und schnelle Scheidung von diesen für mich möglich gewesen wäre.
Ausserdem umschlich jeden meiner Schritte ein unheimlicher Geist und mass ihn aus
mit heimtückischem Lächeln, ohne dass es doch in meiner Macht stand, ihm
zuzurufen: Du bist ein Schurke!
    Dieser Geist war Mardochai. Er liess nicht von mir und umkreis'the mich, wie
mein eigner Schatten. Immer stand er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite.
Mardochai besuchte mich, ging in meine Pläne ein, gab vor, selbst wirksam dafür
zu sein und wiederholte unablässig seinen Refrain:« Wollen Sie bleibend wirken,
so müssen Sie zuvor auch jede Gemeinschaft mit irgend einer Secte völlig in sich
vernichtet haben. Sie müssen ein freier Sohn der Natur werden, der Alles tun
kann, wenn er will, und Alles lassen, wenn er nicht will. Sie müssen auch Alles
erprobt haben, weil Sie sonst in Diesem und Jenem irrige Ansichten Ihren Zwecken
unterschieben könnten. Studium ist nie Sünde, und das Laster selbst, nur so
lange verächtlich, als es aus den Lüsten geboren, wird Tugend, wenn es für die
Tugendhaftigkeit geübt werden kann. Lassen Sie uns zusammen studiren, sagte er,
ich halte es für die Pflicht eines aufgeklärten Juden, den Christen ihre
Ungerechtigkeiten gegen unsern Stamm zu vergelten durch Liebe.
    Ich ging darauf ein, weil es mir nicht möglich ward, den seltsamen Menschen
zu entfernen. Auch würde dies wenig genützt haben, da mein ganzes Wesen schon
auf das Innigste mit jener Zweideutigkeit des Genusses verwachsen war, die immer
Produkt eines zerbrochenen Gewissens ist. So setzte ich meine sinnlichen
Ausschweifungen fort, ohne dem Geist die üppigste Nahrung zu entziehen. Der
Geist war mächtiger, als meine Sinne und fruchtbarer als sie. Die physischen
Kräfte erschöpften sich nach und nach, aber die geistigen wuchsen und tobten um
so ungestümer, je spärlicher sie einen Gegensatz und Widerstand fanden im Tumult
sinnlichen Rausches. Mardochai stand treu ausharrend an meiner Seite. In seinem
dunklen Auge lag ein eigner Glanz. Nicht die Sonne der edlen Freiheit schien
dieses Licht entzündet zu haben, sondern irgend ein Dämon. Die Glut warf keinen
Schimmer auf den Himmel, aus dem sie herabflammte, vielmehr spielte die Blässe
eines ewiges Todes mit winterlich kältendem Hauch um das edelgeformte Antlitz.
Ein abstossender Ernst lag auf den kalten Zügen, eine zurückhaltende Scheu
dämmerte oft um sein Auge und schien Traumgebilde zu formen, die nicht Leben
empfangen hatten am Busen der Liebe und Schönheit.
    Bald zog Mardochai auch Casimir in unsern seltsamen Bund. Nun ist die
Dreieinigkeit fertig sagte er, als wir zum ersten Male beisammensassen und die
Rettung der Menschheit besprachen aus dem Tod fesselnder Gesetze. Casimir war
aber eher ein störender, als helfender Gefährte. Diesem Menschen lag in der
Bizarrerie seines ganzen Daseins mehr daran, Unerhörtes vorzuschlagen, als
ernstlich auf ein rettendes Mittel zu sinnen für die trübselig dahin sterbende
Menschheit. Dennoch sträubte sich Mardochai immerdar, den einmal Angeworbenen
wieder zu entlassen.
    Solche Käuze sind nötig, um unsere zu grosse Zahmheit immer zu stacheln,
meinte er. Casimir vertritt die Stelle eines Sporns. Er haut uns die Weichen
wund und treibt die deutsche Sentimentalität aus unsern Leibern.
    Ich gab mich zufrieden und lebte dem Ziele entgegen, das ich mir gesteckt
hatte. Mardochai begleitete mich überall hin. Sein Geist war unermüdlich, selbst
in Dinge einzudringen, die ihm völlig fremd geblieben. Mit erstaunenswerter
Pfiffigkeit erlauschte er die Schwächen der christlich- teologischen Doctrin,
indem er zugleich feine, ich möchte sagen, graziöse Blicke der Misbilligung auf
Christum warf. Ich würde mich wundern, pflegte er dann wohl zu sagen, wie es
möglich gewesen, dass einer meiner früheren Stammesgenossen so leise dem Irrtum
nahe treten konnte, hätte nicht die Liebe zu allgewaltig gesprochen in seinem
Herzen. Liebe frommt und treibt zu bewundernswürdigen Taten, es ist aber doch
gut, sich nicht von ihr beherrschen zu lassen. Dadurch gibt man zu leicht der
Rache Gelegenheit und dem Hasse, sie mindestens zu kecken Neckereien zu
verlocken. Ware ich ein Prophet, die Religion meiner Liebe würde eine gepanzerte
Jungfrau sein!
    Und ist die unsrige das nicht? warf ich fragend dazwischen.
    Nein, Gleichmut, Eure Religion ist ein unschuldiges Mädchen. Man kann es
betören durch unbefangene Zärtlichkeit. Es wäre ein tragischer Scherz, wenn ein
Jude so liebenswürdig bezaubernd, so galant siegreich sein könnte, dass diese
unschuldsreine Heilige seinen Einflüsterungen Glauben schenken und sich ihm in
freudiger Hingebung überliefern könnte.
    Sapperment, fiel Casimir ein, ich wollte die Unschuld seufzen lassen und ihr
blutige Tränen auspressen. Die Lust ist eine Schraube ohne Ende in der
nachgiebigen, weichen Mutter der Dummheit. -
    »Solche Fratzenschneidereien der Gedanken würden mich verletzt haben, wären
sie nicht aus Freundes Munde gekommen und ein Beweis gewesen für das
Gefallensein unserer ganzen Verbrüderung. Auch trug das abgestumpfte Nervenleben
dazu bei, mich vor nichts mehr erröten zu lassen. Ich hielt für Gleichmut
weisen Ueberblick und ein grenzenloses freies Denken, was doch nur Ergebniss war
einer langsam gesuchten und erlangten Entsittlichung. Die Heiligkeit des
göttlichen Ebenbildes war mit Schleiern in mir bedeckt, die nur aufstiegen vor
dem zitternden Auge, wenn es die Wollust berührte mit dem schmeichelnden Finger
der Dunkelheit. Es war ein grauenvoller Irrtum, in dem ich mich selbst zu Tode
tobte, aber der Irrtum war verzeihlich, ja sogar natürlich; denn ihn hatte
geboren die Unnatur des Seelenlebens, in dessen heiligen Schlingen die Religion
des Herzens unter Wonneschauern abgewürgt wird.
    Mardochai mochte ahnen, dass meine Physis sich erschöpfe, teils durch die
Zügellosigkeit, der ich mich anfangs überlassen hatte, teils durch das geistige
Ueberspannen aller Kräfte, das aufreibend wirken musste auch auf den Körper. Ich
brach zusammen, wie eine Eiche, an dessen Stamm der Zahn der Vernichtung feilt.
Mardochai riet zur Mässigung, der er selbst sich hingab. Dieser Mensch war nie
entaltsam aber immer mässig. Es gibt keinen mehr auf Erden, den ich so
zerrüttet, so durchpeitscht gesehen habe von Leidenschaften, als diesen Juden.
Die entsetzlichste seiner Leidenschaften war aber doch die Ruhe. Und nur so kann
die Rache gross sein, weil sie eine Errettung erzielt.
    Ungeachtet ich Mardochai's Rat befolgte, musste ich doch mit innerm
Entsetzen wahrnehmen, dass sich die Natur und Gott in ihr nur einmal foppen und
höhnen lasse. Ich ward physisch, was bei geistiger Ermattung der Blödsinn ist.
Die Lust der Sinne erlosch, weil die Kraft erschöpft war, aus der sie
hervorgetobt. - Noch hielt ich es für Täuschung und Mardochai bestärkte mich
darin. Als Arzt vertraute ich ihm, bat um Hilfe, und ein Lächeln, das den
bleichen Schleier seines Gesichtes zerriss, wie das Erdbeben beim Tode Christi
den Vorhang vor dem Allerheiligsten des Tempels, schlug eine Öffnung in das
Herz Mardochai's, durch die ich nur einen Augenblick lang hinabschauen konnte in
die unerforschten Geheimnisse, die darin ihre stammenden Häupter träumerisch zu
Boden gesenkt hielten.«
    »Ich kenne ein Mittel,« sagte er, »aber Sie werden sehr wahrscheinlich
anstehen, es zu gebrauchen, schon deshalb, weil ein starker Glaube an die
Unfehlbarkeit desselben durchaus unerlässlich ist. Sie glauben nicht mehr, da Sie
wissen, darum. -«
    »Der Ungläubige ist mindestens abergläubig,« fiel ich ein, »und die
Verzweiflung gebiert zuweilen eine Gedankenfestigkeit, die an Glauben grenzt.
Sollte sie nicht dieselbe Kraft haben?«
    »Gewiss,« versetzte Mardochai, »und sind Sie im Stande sich einige Tage lang
mit diesem Gedanken zu tragen, so will ich Ihnen das Mittel sagen.«
    »Ich war es zufrieden. Der Schmerz, vielleicht weniger um meine Unschuld,
als um die Entbehrung einer Sünde, die mich im Genusse den Ekel vergessen liess,
womit das blosse Leben mich sonst berührte, steigerte meine Ungläubigkeit zu
wahrhaftigem Glauben. Mit Ungeduld erwartete ich den Tag, wo Mardochai als ein
zweiter Schöpfer meines Ich's mir die verlorne Hälfte des Lebens wiedergeben
wollte. Der Tag erschien, es war ein Busstag - und indem ich dies schreibe,
wütet noch die Erinnerung daran, wie ein Tiger in allen meinen Nerven, und ich
flehe Denjenigen, dessen Auge zuerst diese Bekenntnisse überfliegt, in der Angst
meines ohnmächtigen Gewissens an, Gott zu bitten um ein Verhüllen der Sonne und
Sterne, damit Niemand belausche die Zornröte auf seiner reinen Stirn, und ist
er selbst ein Frevler, die Schamglut, die purpurn fällt über sein Angesicht!
    Mardochai trat in mein Zimmer, zum ersten Male in der Tracht des Orients,
als Jude, als Hoherpriester seiner Brüder. Ihm folgten Casimir, in einem langen
Mantel, unter dem er ein Harlekinskleid trug. Der Dritte war Friedrich mit
seiner Geige. - Ich war verwundert über diesen Aufzug und verlangte den Grund
davon zu wissen.
    Sind Sie bereit? fragte der Jude. Ich bejahte dies. Dann kommen Sie mit uns.
Unterwegs sollen Sie erfahren, was zu Ihrer Gesundheit dient.
    Dämmerung umhüllte schon das Tal, als wir die Stadt verliessen. Mardochai
führte mich die Allee hinaus nach Poppelsdorf. Um das Kirchlein des Kreuzberges
flogen die Funken der niedergehenden Sonne, wie brennende Rosenblätter aus dem
Brautkranz der Natur. Casimir und Friedrich gingen uns voran, ich folgte mit
Mardochai in einiger Entfernung.
    Lieber Gleichmut, hob der Jude an, im Fall Sie nicht der starke Geist sind,
den ich immer in Ihnen zu erblicken glaubte und der mich so fest an sich
kettete, dass ich selbst Liebe und Freundschaft Ihnen gegenüber fühle; so muss ich
bitten, abzustehen von dem, was ich verlange und sich in Ihr Schicksal zu
ergeben. Es trägt unser jetzt durch Not gebotenes Handeln den Schein der Sünde,
doch, ruhig betrachtet, es ist keine, überhaupt nichts, als ein Hingeben an die
Natur, die ja etwas Anderes nie verlangt, diese aber stets fordert. Es ist
nötig, Gleichmut, dass Sie jetzt einmal den Glauben und die Natur des Glaubens
lieben, wie Sie die Schönheit umarmt und an ihren Brüsten der Natur einen zu
reichen Zoll gegeben haben.
    Wie soll ich dies verstehen? fragte ich meinen Begleiter.
    Einfach und mystisch zugleich, wenn Sie wollen, fuhr der Jude fort. Durch
Sympatie heilt die Natur leichter und sicherer Uebel, die von einer Art
Sympatie erzeugt wurden, als durch andere künstliche Mittel. Diese Heilung will
ich an Ihnen versuchen und sie wird gelingen, wenn Sie Glauben haben.
    Wahrlich den Hab' ich! rief ich beteuernd aus. Nur schnell gesagt, wodurch
mir geholfen wird!
    Ruhe ist auch beim Glauben zu empfehlen, fiel Mardochai ein. Sobald wir an
Ort und Stelle sind, werden Sie das Uebrige erfahren.
    Unter zitterndem Bangen erreichte ich Poppelsdorf. Mit der Last einer
einstürzenden Welt auf dem Herzen erstieg ich an Mardochai's Hand den Kreuzberg.
In der Kirche hatte die letzte Messe begonnen, viele Menschen lagen vor der
Kirchtür auf den Knien. Andacht senkte ihren Fittig schützend über den Tempel
und die dämmernde Natur.
    Wir sind zur Stelle, sprach Mardochai. Er rief Casimir herbei und flüsterte
ihm einige Worte ins Ohr. Der grauenhaft-geniale Mensch lachte und ging in die
Kirche. Der Jude setzte sich an die Erde neben die heilige Treppe, die nahe der
Kirche liegt und von welcher der letzte Gläubige auf den Knien herabstieg.
    Aus der Kirche hallte dumpf das Benedicite! das Dominus vobiscum! Der ganze
tönende Stolz der Messe zog im Echo vorüber an meinen umdüsterten Sinnen. -
    Ich hörte Casimir zurückkommen, er lachte und warf einige jener colossalen
Gedanken bedachtlos in die warme Abendluft, wie sie ihm nun einmal zur Natur
geworden waren. Unterdess trug Mardochai in kalten, skeptischen Reden mir die
Notwendigkeit gewisser Lebensversuchungen vor, und wusste seine Gedanken dabei
doch in eine so fromme Mystik zu hüllen, dass ich momentan sogar die Ueberzeugung
gewann, mein geheimnisvoller Freund und Ratgeber sei, wann nicht längst schon
Christ, doch nahe daran, es zu werden. Lauschend seinen mild erwärmenden Worten,
ergab mein selbstständiges Denken sich dem Willen meines Begleiters. Ehe ich es
noch ahnte, hatte Mardochai docirend, erzählend, Mährchen dichtend, oft seine
Seele in schluchzender Wehmut auszittern lassend, mein ganzes Wesen auch so
völlig in sein goldenes Sündennetz verstrickt, dass ich zusagte und unversäumt
zuletzt tat, was er verlangte.
    Es wäre mir eine Erleichterung, hier auszusprechen, worin dies bestand,
allein auch der in den Schlamm der Verbrechen tief Hinabgesunkene bewahrt sich
doch immerdar jene Weihe der Scheu, die ihn erst verlässt, wenn der letzte
göttliche Funken in ihm erloschen ist. Und, Gottlob, noch fühle ich, wenn auch
nur schwach, das belebende Flimmern desselben still und vergebend in mir pulsen.
Darum bleibe verschwiegen, was ohne mich selbst zu entweihen, meine Feder nicht
aufzeichnen kann. Es gibt Taten, die geschehen können, ohne dass die Geschichte
errötet und der Tag erbleicht, an dem sie entweihend sich einschleichen in die
offenen Hallen, wo die Vergangenheit zur Auferstehung der Zukunft sich ordnet,
aber ein offenes, wenn auch reuiges Wiedererzählen derselben verbreitet
pestartige Dünste um sich. Darum sei mir vergönnt, hier nur schweigend zu
sprechen, stumm zu bekennen, im Gebehrdenspiel einer wach gewordenen Angst
abzubüssen den Frevel einer unseligen, im Rausch des Schmerzes und dem
Sirenengesange der Verführung vermaledeiten Lebensstunde!
    Noch lebt ein Zeuge jener Tat, der Kastelan, dessen Aufsicht die Kapelle
anvertraut ist. Er weiss, wer an jenem Abende dem Priester administrirte, und was
dieser Administrant vollzog während des erschlichenen Dienstes. Seine Tat und
meine durch Mardochai bewerkstelligte Wiederbelebung des erschlaffenden
Naturlebens hingen sehr eng zusammen. Ware Casimir noch am Leben, so würde er in
der ungenirten Weise, sich zu offenbaren, dem Fragenden wohl schwerlich eine
Antwort versagen. Es war eine herzbrechende Farce, die Mardochai, Casimir und
Friedrich, diese letzten Beiden freilich, ohne zu wissen, mir zum Heil
aufführten. - Genug, Mardochai kam zu seinem Ziele und ich erlangte, wonach ich
begehrte. Der Jude reichte mir den Arm und führte mich langsam den Berg hinab,
während Friedrich aufregende Melodien, heitere, ergötzliche Lieder zu spielen
schon früher beauftragt worden war. Mardochai blieb dabei ruhig, wie immer, er
sprach von Unsterblichkeit, Glaube, Liebe und andern erhabenen Gegenständen,
während in meinen erhitzen Adern eine Raserei der Lust tobte, wie ich sie in
diesem Grade nie gefühlt hatte.
    Mein Wille war völlig gefangen während dieser Begebenheiten. Mardochai blieb
mein Begleiter oder vielmehr Führer in der darauf folgenden Nacht, aber die
Trefflichkeit seines Mittels ward ausser Zweifel gesetzt. Ich gesundete, und erst
später erlag ich für immer der strafenden Rache der Natur. O, damals ahnte ich
noch immer nicht, warum Mardochai so gehandelt hatte! Die späteren Jahre erst
liessen mich erkennen, dass ich Teilnehmer einer Rache geworden sei, wie sie nur
ein zweitausendjähriger Hass und ein gleich langes Dulden der himmelschreiendsten
Ungerechtigkeiten ausbrüten konnte.
    Allein jene Rache hatte auch einen Zweck, einen heiligen Zweck, der
ebenfalls, bei mir wenigstens, erreicht wurde, obwol mein Handeln dafür der
trotzigen, dummen Menge gegenüber nur von geringer Wirkung geblieben ist. Von
diesem Zwecke zu reden, kommt jedoch nur dem zu, der für ihn keine Sünde
scheute! Die Zukunft wird auch diesen dereinst bekannt werden lassen. - -
    Mardochai sprach nicht mehr von dieser Geschichte, denn seine Ruhe ist
gleich mächtig in ihrer Consequenz, als der Hass unaustilgbar, den er in sich
nährt und dessen Befriedigung seine eigenste Religion zu sein scheint. Mardochai
ist entsetzlich, aber doch ein grosser Mensch! Denn er steht als strafender
Rachegott auf für sein Volk, treu seiner Lehre, die in Gott ja nur einen
starken, eifrigen Gott erkennt. Obwol ich Mardochai's Opfer geworden bin, ahne
ich doch in ihm den reinen Menschen und weiss ihn zu sondern von dem Henker, wozu
ihn das Jahrhundert berufen hat in der Notwendigkeit seiner läuternden
Auswüchse. -
    Es vergingen einige Tage und Mardochai liess sich nirgends blicken. In mir
stritten sich Ingrimm, eine lächerliche Verzweifelung und entschiedener Hohn
gegen Alles, was bisher der Gewohnheit lieb und wert gewesen war, um den Besitz
meines Herzens. Des Juden ausgesuchte diabolische Rache an dem Heiligsten, was
unser Glaube geboren hat, schreckte mich auf aus dem Traume geistiger
Vernichtung. Ich wollte den Schrecklichen meiden, aber ich hatte weder die
Kraft, ihm zu fluchen, noch den Mut, zu behaupten, seine Handlungsweise sei die
schandbarste, welche je geschehen unter der Sonne. Und dann - hatte er mich
nicht gerettet, wieder hergestellt? Ein neues Leben durchwärmte ja mein
frierendes Nervenmark! Ich fühlte mich ganz wieder Mensch, frei und stolz auf
die Kraft einer vollen Männlichkeit. Es war ihm leicht, mich der niedrigsten
Undankbarkeit zu beschuldigen, - sich als Retter, als grossmütiger Freund mir
gegenüber hinzustellen! Hätte nur der furchtbare Blick nicht noch immer meinen
zerrissenen Herzenshimmel, wie ein blendender Blitz, zerspalten! Ich zweifelte
an der Rache des Juden und fand mich beruhigt, indem Gleichgiltigkeit bald den
tiefern Eindruck verwischte.
    Als ich endlich Mardochai wieder sah, ging er gekleidet, wie am Tage der
Enteiligung. Er trauerte und meldete mir ruhig, Eugenie, seine Geliebte, sei
gestorben. Diese Nachricht erschütterte mich, obwol ich furchtbar drohend die
Vergeltung auch hier die Fahne des Sieges schwingen sah. Mardochai zeigte sich
von nun an immer auch in seinem Äußern als Jude. Mich befremdete dies und ich
forschte nach der Ursache. Mein zweideutiger Freund zuckte die Achseln und
schwieg. Späterhin bemerkte ich, dass er mehr als früher mit seinen
Glaubensgenossen umging. Er stand in vielfachen Verbindungen und mir schien es,
als betreibe er neben seiner medicinischen Praxis noch ein Geschäft.
    Ich habe immer gefunden, dass Juden, wenn sie sich den Wissenschaften widmen,
das Studium der Medicin erwählen. Der Grund davon ist leicht zu ermitteln. Als
Arzt findet der Nichtchrist auch bei den Christen noch immer das sicherste Aus-
und Unterkommen. Man vergisst über der Geschicklichkeit des zu Rate Gezogenen
den Makel des Bekenntnisses, den alle Aufklärung der Neuzeit noch immer nicht
ganz zu tilgen vermocht hat. Dennoch wagt nicht jeder Ort und jede Bevölkerung,
sich selbst zu diesem so beschränkt liberalen Standpunkte zu erheben. Ich habe
Städte gekannt, in denen keine Familie, weder aus den höhern noch niedern
Ständen sich je entschlossen haben würde, die Pflege der Gesundheit einem
jüdischen Arzte anzuvertrauen. Die Tyrannei der Angst, die Geissel der
Beschränkteit, sind kaum zu vernichten.
    Mardochai, bereits der Praxis sich hingebend, machte aus Stolz und geistiger
Ueberlegenheit kein Geheimnis von seinem Judentume, eher setzte er eine Ehre
darein, gegenüber einer oft sehr bornirten Christenheit mit den Funken seines
Geistes das Jämmerliche, dem Menschen so tief Herabwürdigende gewisser
moralischer Maximen so stark zu beleuchten, dass sie am Ende in Asche aufgelöst
niedersielen Weil er den Menschen in sich achtete und auch in Andern
hervorsuchte, entzog man ihm die Gegenachtung. Viele zuckten die Achseln, wenn
des geistreichen, scharfsinnigen Mardochai gedacht wurde und bedauerten, dass er
ein so starrer Jude sei.
    Man muss anstehen, ihn in Gesellschaft zu bitten bei seinen Grundsätzen,
sagte irgend ein Kirchenrat, denn der sonderbare Mann ist im Stande, laut zu
gestehen, dass er Jude ist. Man kommt in Verlegenheit bei Umherreichen der
Speisen und möchte jedesmal Waschwasser an der Tafel herumgehen lassen.
    Diese Stimmung ward bald allgemein. Die Weiber hatten zwar gern sein
schneidendes und dabei doch galantes Wesen, allein den Juden konnten sie ihm
nicht vergeben, weil er ihn nicht vergessen mochte. Mardochai sah sich ausser
Connexion gesetzt, eh' er selbst noch daran dachte. Die Freisinnigsten, genugsam
bekannt mit seiner Gesinnung, rieten ihm zum Uebertritt, fanden sich aber
sarkastisch abgewiesen.
    Mein Stamm handelt mit allen Lumpen, die es auf Erden gibt, sagte er, mit
seiner Religion aber hat er noch nie geschachert. Ein Jude wird Alles zu Gelde
machen, weil er es muss. Er wird ein Hund sein, ist es seit Jahrhunderten gewesen
und ist es noch, aber ein Schuft ist er nicht. Christen sind Apostaten geworden
aus elendem Ehrgeiz, Geldsucht und andern Erbärmlichkeiten, ein wahrer Jude aber
wird als Held sterben, wenn ihm Jemand den Antrag macht, entweder seiner
Religion zu entsagen, oder des elendesten Todes zu verbleichen. Ich bin stolz
auf meinen Stolz.
    Es war natürlich, dass diese Art, offen zu sein, nicht fördernd wirken konnte
auf seine Carrière. Die Familien suchten sich ihm fern zu halten, man nahm
Anstand, einen solchen Juden Blicke in das Hauswesen und Familienleben tun zu
lassen, die Vertrauen voraussetzten, und um der unangenehmen Notwendigkeit zu
entgehen, schied man sich lieber ganz von dem Hartnäckigen und überliess ihn
seinem Schicksal.
    Keiner seiner nähern Freunde würde irgend etwas davon erfahren haben, hätte
nicht die plötzliche Aenderung in den äusseren Gewohnheiten auf eine Revolution
im Innern Mardochai's hingedeutet. Nicht allein das Anlegen jüdischer Kleidung
fiel auf, auch sein Vernachlässigen der Wissenschaft musste befremden. Er machte
Reisen, blieb Wochen lang fern, kehrte dann wieder, und setzte seinen Umgang mit
mir, Casimir und Friedrich fort. Unser Forschen führte zu nichts. Das Schweigen
Mardochai's blieb sich gleich, seine Gesinnung war unwandelbar, seine Ruhe
tödtend. So oft ich auch noch mit ihm zusammentraf, immer verteidigte er nur
die Moral der Consequenz, nicht ihre Basis. Es kam ihm nie auf das Was? an,
sondern nur auf das Warum? Und Mardochai war und blieb Jude, und wollte Jude
sein, weil er Jude geboren war.
    Mit mir stand er fortwährend in engem Verkehr und zeigte nach jener Handlung
der Rettung eine zärtliche Anhänglichkeit. dabei aber unterliess er nie, in jedem
Gespräch Gift in meine Seele zu träufeln und jeden Gedanken der Reinheit in mir
zu verpesten. Er erklärte mir das jüdische Gesetz mit einer Schlauheit der Ruhe,
versteckter Liebe und grimmigen Hasses, die Bewunderung verdiente. Ihm entging
kein Zug der Schwäche in unserm Religionsbekenntniss, und so oft er nur einen
leisen Zweifel in mir aufspürte, versäumte er gewiss nicht, ihn anzuschwellen zum
Gebirge, das drückend meine Seele belastete. So stiess mich dieser böse Dämon des
Christentums immer tiefer in die Entsittlichung meiner selbst, angeblich um
mich zur Erlösung der gesunkenen Religiosität zu stärken, eigentlich aber zum
Kampf für die Emancipation der Juden zu treiben. -
    Casimir entschwand mir in dieser letzten Zeit des Zusammenlebens mit
Mardochai aus dem Gesicht. Seine colossalen Sünden des Gedankens gegen die
Zimperlichkeit des parfümirten Zeitalters trieben ihn fort in die Welt. Ich
erhielt noch einige Briefe von ihm aus der Umgegend, den letztern aus H., wo er
sich eine Zeit lang aufhielt, und mir seinen Enschluss, nach Amerika zu gehen,
meldete. Ich füge diesen hier bei, um einer spätern Zeit etwas von
Urmenschlichkeit aufzubewahren, wenn sie längst keinen Begriff mehr davon haben
wird.«
                                     H. am Tage der luterischen Gedankenallianz
                                     gegen die päpstliche Heiligen .... cht 18 -
                                 Fromme Bestie!
    »Ich habe meinen Leichnam begraben unter den Schuhsolenstaub unserer Ahnen.
Diese Lage bekommt ihm gut und er conservirt sich sehr wohl, namentlich gefällt
der Wildleder-Duft meiner Nase ganz ausnehmend. Sonst ist es sehr langweilig
hier, wie überall. Es liegt Alles krank an herrnhutischen Gedanken. - Mich hat
der Teufel, will sagen, ich bin ein ganzer Kerl, und ich rate Dir, nimm auch
die neue Kokarde, damit Du Deinem ausgeschwefelten Gesicht etwas Farbe wieder
eintättowirst. Ich würde Dich für den Handschuhmacher seiner infernalischen
Majestät halten, wärst Du nicht englischer Schneidergeselle geworden in der
Werkstalt Michaels des Ewigen. Guten Appetit zum Massnehmen! Doch pass' auf und
nimm's glatt, damit die Tugendhaftigkeit nicht Falten wirst und das Laster eine
Hecke d'rin anlegt! -
    Ich bin ein steissiger Gott, was ich an meinem Gehirn verspüre, mit dem das
des Ewigen nicht Schritt halten kann im Kreisen. Er schuf eine Welt in sechs
Tagen und ich sechs in einem Tage. Das will was heissen und mattet einen
ehrlichen Kerl ab, der keine Zeit hat, sich an irgend einem Fixstern den müden
Leib auszuruhen. Es bedarf dessen nicht.
    Das Vieh gedeiht hier zu Lande gut, wie allerwärts, am besten aber das
Hornvieh. Ein Drechsler müsste gute Geschäfte machen, wenn er alle Ehemänner zu
Kunden kriegte. Ich würde ihm in dieser Hinsicht sehr gute Empfehlungsbriefe
mitgeben können, weil ich's aus dem Fundamente kenne. Es muss Alles einen festen
Grund haben.
    Morgen breche ich ein in das Allerheiligste des Sternenhimmels. Ich brauche
einen Dom, der mir leicht hinfliegt über den Scheitel, da ein grosses Geheimnis
in ihm verborgen liegt. Ich schreibe eine Tragödie Besuch Gottes in der Hölle
und einen Roman Neuigkeiten aus dem Boudoir stiller Frömmler. Das ist himmlisch
galantes Zeug und soll meine Landsleute packen. Den Pfaffen flechte ich dabei
einen Knochenkranz, um ihnen ihre hohlen Hirnkasten zusammenzuquetschen Meine
Seele aber träumt himmlische Träume, und säugt sich gross und reich an den
Brüsten der Sternenwelt. Gestern Nacht sah ich's, dass die Milchstrasse weniger
hell glänzte. Mein Seelen-Soff hatte sie geebbt. Ja, Gleichmut, Casimir wäre
ein grosser, erhabener Gott, wenn er nicht zufällig bei dem heiligen Geist in
Ungnade gefallen wäre. - Ich gehe nach Amerika, um dort eine neue Poesie zu
stiften, und schreibe ein Prairiendrama, in dem Büffel die Rolle des Narren
spielen sollen. Es werden stössige Narren werden und die Erde soll zittern vor
ihren Witzen.
    Gott befohlen, mein lieber Hostieur - sieh das Wort recht an, denn es ist
ganz buttersemmelweich - und sei kein Narr, wenn der Teufel die Messglocke zieht.
                            Dein collossaler Mensch,
                                                               genannt Casimir.«
    »Von meinen sonstigen Bekannten war jetzt nur noch Friedrich übrig
geblieben. Dieser Mensch, der von Mardochai's Geist aufrecht gehalten ward, floh
mich seit jener entsetzlichen Nacht, wo er die Geige spielte, während ich den
sündengebrochenen Leib wieder auffütterte mit der dargereichten Arzenei. In ihm
hatte die Natur nicht so viel trotzige Kraft gelegt, dass vermögend gewesen wäre,
jedem gewaltigen Eindrucke zu widerstehen. Er ward still und schlich um die
Kirchtüren, wie die reuige Sünde, die ihren Gott sucht, an dem sie einst
glaubte. Es vergingen einige Wochen und Mardochai sagte mir, Friedrich sei ein
Frommer geworden, ein Pietist! Er hielt lange Reden in den Versammlungen der
Feinen, wie man die Auserwählten des Himmels nannte, und war angesehen bei
ihnen. Zuweilen unterhielt er die fromme Schaar auch durch sein vortreffliches
Geigenspiel, in dem allein noch eine frische Weltlust lebte.
    Mardochai hätte bei diesem Abfall eines seiner vertrauten Freunde eigentlich
den Kopf schütteln oder sich kräftig in's Mittel legen müssen. Dennoch geschah
von alle dem nichts. Vielmehr schien diese Art, sich dem Leben zu entfremden und
den eigenen Geist einzusargen in die schwüle Atmosphäre einer tödtenden Liebelei
der Seele mit dem heiligen Geiste, ganz nach seinem Sinne. Der entsetzliche
Mensch, glaube ich, ahnte, wohin es kommen würde mit Friedrich. Das
Geschehenlassen war nur ein Grundstein mehr zu dem grossen Colosseum, das sich
seine raffinirte Rache erbaute auf und im Christentume.
    Mein eigenes Leben, abgeschwächt in sinnlichen Genüssen, raffte sich
zusammen und gebar aus Trotz eine Opposition, die selbst Mardochai gegenüber
ihre Kraft bewährte. Ich war, obwol körperlich erschlafft, doch geistig regsam
genug, um nun aus Verzweiflung an mir, an dem Leben, an Gott und Christentum,
ein eifriger Streiter zu werden für das, was mir doch nur als schöner Tand vor
dem Auge flimmerte. Als ich nicht mehr sündigen konnte, durfte ich getrost über
die Sünde zu Gericht sitzen. Ich war ein unparteischer Richter. - Todt und
begraben lag in mir die Heiligkeit des ewigen Menschen. Auf seinem Leichnam
schwebte hin und her, wie der ölige Dunst eines Irrlichtes auf feuchtem Moor,
der Geist meines Lebens, halb beleuchtend mit dem getrübten Scheine die
Grabstätte seines Friedens, und halb hinaufbetend mit flammender Zunge zu dem
gnadenreichen Himmel. Ich ward ein sehr frommer Mann, weil ich ohne Leidenschaft
lebte. Ich hatte ja keine Sinne mehr, nur der Geist noch tobte in wunderlichen
Sprüngen durch die entweihten Zellen, in denen einst die Göttlichkeit des
Menschen gebetet und geweint, geschluchzt und geküsst hatte von dem ewigen
Christus die welterlösenden Tränen. - Es bedurfte keines halben Jahres, mich
als Teolog auszuzeichnen. Ich ward angesehen, meine lüderliche Gesichtsfarbe
machte mich interessant, der Schmerz um den Verlust meiner Menschenwürde konnte
für die Folge grosser Studien gelten. Dass ich unglücklich geworden, weil ich
geboren war in einer Zeit, die vom Christentum nichts gerettet haben will, als
den Namen und die Maske, das wusste freilich nur der Traum, dies Weltgericht
Gottes, das allnächtlich sich einschlich in mein elendes Leben. -
    Ich verlor Mardochai aus dem Gesicht. Als ich zufällig einmal das Bedürfnis
fühlte, mich nach ihm zu erkundigen, erfuhr ich, dass er seit Wochen schon die
Stadt verlassen habe. Friedrich war mit ihm gegangen, man wusste nicht, wohin. Es
war mir gleichgiltig. Von Casimir hörte ich auch nichts mehr. Er, wie Eduard,
waren verschollen.«
    »So stand ich allein, als Ruine eines Menschen, der das Gefühl verloren hat,
aber das Bewusstsein gerettet, um Zeuge zu sein von dem Einstürze einer ganzen
Epoche, eines grossen Erdteiles. Ich fand, dass es überall zugehe, wie in mir
selbst. Ich war der Spiegel des siechen Europa, das seine Lüste gebüsst und nur
noch den frivolen Teil des Geistes gerettet hatte, um mit ihm die Blössen des
geschichtlichen Lebens aufzudecken.
    Der Mangel an leidenschaftlicher Kraft machte mich zum stillen Beobachter
und sogar - zufrieden, glücklich! Ein Mensch, wie ich, taugte in dieses Europa;
ich war sein würdigster Bürger. Krank, wie das heilige Land, eine Lebenstrümmer,
wie dieses, frivol witzig, raffinirt, cultivirt, geistig sublim und sinnlich
ohnmächtig, ein zürnender Eunuch, der nur noch tauglich ist zum Beaufsichtiger
der Tugend, die anderwärts eingesperrt wird im grossen Harem der Welt. -
    So war ich berufen zum Moralisten. Ich betrieb im Kleinen, was ich eben so
gut in ein en gros Geschäft verwandelt haben würde, hätte sich die Gelegenheit
dazu geboten. Nur so, wie ich jetzt war, konnte ich mich wohlbefinden, mich
fühlen als ein europäischer Mensch. Ich durfte nicht anstehen, in mir einen
Helden zu sehen, den Helden einer Carrikatur der Civilisation! Wo das Heldentum
zur Hure geworden ist, da kann der Held nur als kraftloser Wüstling ihr
Liebhaber sein. Ich fühlte es, dass ich in dieser Lage wenigstens negativ
beitragen könne zur Erhebung, zur Aufrüttelung des nervenschwachen Geschlechts.
Ich entschloss mich dazu und bildete im Stillen den Entschluss aus zur Tat. Der
sittenlose Teufel übernahm das Geschäft der erlösenden Kraft.
    Nach zwei Jahren trat ich das Amt eines Seelsorgers an auf dem Lande. Mein
Vortrag gefiel, ein leises Durchklingen von Ironie zog die gebildete Welt
herbei, die sich so gern an dem geistigen Kitzel erfreut. Zwei Jahre später
bezog ich die Stadt und lebte nun dem heiligen Berufe, der wahrhaftigen ewigen
Lehre des gekreuzigten Christus wieder Boden zu gewinnen. Mancherlei Anzeichen
liessen mich hoffen, dass meine Bemühungen nicht unfruchtbar blieben. Ich tat,
was ein Gottesgelehrter in Europa allein zu tun hat, ich predigte das
Evangelium. Ich füllte meine Zeit aus und meinen Platz, weil ich jene begriffen
hatte, und ward nun glücklich, da die Kraft zum Unglücke aus meinem Körper
gewichen. Ich will und werde aber auch in Europa, dem müden Weltteile, sterben
und Todtengräberdienste verrichten oder Leichenrednersein so lange, bis Alles
verloren oder Alles gewonnen ist. Weil ich selbst so grenzenlos glücklich
geworden bin durch den Verlust des Unglücks, wünsche und flehe ich ein lautes,
zerfleischendes Unglück herab auf alle meine Brüder und rufe denen, die es
bereits in sich tragen, zu: Fliehet, fliehet aus dem öden, dumpfen Weltteil, wo
man die Gedanken lebendig eingräbt in den Sarg des Herzens, und den Segen
darüber spricht und das Rauchfass schwenkt! Fliehet und geht hin in alle Welt,
um zu lernen von den Heiden, was ihr verloren habt in Euren verpallisadirten
Lehren! -
    Ich habe mich später verheiratet. Ob meine Gattin glücklich ist? Gewiss,
denn sie fühlt nicht in ihren Gliedern die Müdigkeit des Weltteiles, unter
dessen Töchter sie sich zählt. Meine Frau ist ein tugendhaftes Weib, sie ist
sehr gut, sehr edel, aber auch etwas einfältig. - Nur eine solche Frau konnte
ich brauchen. Frauen von Geist und Sinnenfrische müssen eben so europamüde sein,
als wir Männer, und können ihr Treibhausleben auch nur durch gleiche Mittel
fristen. Die Sünden der Welt sind die Folgen der fluchwürdigen Verhältnisse, die
geboren wurden aus socialer Unnatur, mystischer Heuchelei - weil man den Sinn
aller Religiosität von Anfang an misverstand - schwächender Knechtsgesinnung und
schlaffer Lebenssitte, die Alles mit der Schminke der Etiquette besudelte. Daran
stirbt Europa, dadurch wird es der Sclave werden des Westens, in dem es zwar
Sünden gibt und Laster, aber nur Sünden der Kraft und des Uebermutes. Diese
erobern und gewinnen, denn sie sind - weil zur Tugend fähig - gottebenbürtig,
aber die Sünden der Schwäche - und diese gehören Europa an - bedingen den
Untergang. Der Geist allein wird uns nicht retten, weil er ein Sclave geworden
der Skepsis, die Natur nur kann die Unnatur bekämpfen, und sie selbst ist
geflohen aus Europa! Drüben aber über den Wogen des atlantischen Oceans liegt
das Land der Verheissung im heiligen Schatten des Urwalds gebettet, der es
umfängt und mit den Locken der Hoffnung umschmeichelt, wie eine Mutter ihr
lächelndes, kraftvolles Kind! Dortin hat sich geflüchtet die Natur, als Europa
sie vertrieb. In der durchsichtigen Flut des Ohio bespiegelt sie sich,
schuldlos, weil sie stark, und fromm, weil sie frei ist. Ueber ihr aber zittert
das Auge Gottes, und Freudentränen rollen als Welten über ihr hin, und
Amerika's Söhne blicken hinauf zu dem grossen Tempel, den der freie Gott in ihnen
gewölbt hat zur allgemeinen Verehrung. Und sie beten arbeitend und arbeiten
betend, und es ist kein Elend unter ihnen, weil keine Armut sie drückt. Sie
sind froh, glücklich, fromm, gläubig, weil die Freiheit den Orden der Menschheit
in sechs und zwanzig silbernen Sternen auf ihre Brust geheftet hat. Die Flagge
ihrer Nation ist das Abbild des Himmels, und es muss sich schön und gross leben
lassen in einem Erdteile, wo der Himmel mild hinzieht über den Scheitel eines
Jeden, und milder und sanfter noch sich wiederspiegelt in dem Herzen eines
Jeden!
    Ich aber bin ein Europamüder, ein protestantischer Gottesgelehrter, der die
Liebe sucht und sie nicht findet, weil fein Land sie verstossen und entweiht hat
in ihm, wie in Jedem, der Treue gelobt hat der Scholle, die ihn geboren. Nur
eine frische junge Natur, geholt aus Amerika's Wäldern, wie wir entlehnt haben
von dorter die bewegende Kraft des Dampfes - nur eine solche Natur kann Europa
erlösen, und wieder zu Göttern beleben sein geschwächtes und gebrochenes, aber
auch im Sterben noch edles Geschlecht! - Möge es der Reine erleben, ich der
Unreine will sterben in Frieden, wenn mich das Glück Europa's zum
Unglücklichsten der Sterblichen machen wollte. -
                                                                    Gleichmut.«
    Gewahrst Du durch den dämmernden Schleier Deines Auges die Tränenflecken,
die wie die Siegel des Schmerzes dieses Testament eines Herzens unterzeichnet
haben, das dem Henker eines Erdteils zum Opfer fiel? Wenn Du noch Mitgefühl
hast, Raimund, so halte es fest in Dir, denn wahrlich, es ist eine Zeit, über
die Gott Ursache hätte zu trauern! - Und um so entsetzlicher, als nun Tausende
kommen werden, um diese Bekenntnisse zu lästern, gebe ich sie erst der Welt
preis, wie ich gesonnen bin. Warum verschweigen, was ihr die Augen öffnen kann?
Ist nicht Jeder berufen mitzuarbeiten an der Erlösung, die so schüchtern
umherschleicht und nur im Dunste des Mondlichtes noch ungestört um das grosse
Grab des Lebens zu wanken wagt? Aber ich will nicht schweigen, ich will handeln!
Und Bardeloh soll mir die Hand reichen zum Werke. - Raimund, Du wirst mich nicht
wiedersehen - ich gehe nach Amerika! Bardeloh soll mich begleiten, er besitzt,
was uns Unabhängigkeit verschafft in jenem Lande, wo im Anfange nur der Besitz
Achtung gebietet. Meine Geliebte, der verwüstete Casimir, Friedrich, der
Pietist, den die heilige Demut geistig so impotent gemacht hat, wie
Gleichmuten physisch - sie Alle sollen mich begleiten und am Ohio genesen von
dem Fieber, das Europa verpestet, seine Frechheit ihnen eingeimpft hat von
Jugend auf!
    Dann, Raimund, denke ich zurück in hohem, heiligen Schmerz an meine
Mutterwelt, die ich fliehen musste, um ein Mensch zu bleiben, und greife zur
Feder, die ich dem Schweif des Flamingo entreisse, und schreibe die Schmerzen
Europa's, decke auf seine Gebrechen, singe seinen Jammer und heile sein Weh,
indem ich seine Kinder zum Bewusstsein ihres Unglück's bringe. - Schon fühle ich,
wie ein neuer Tag seine tausend Küsse mir als Kreuz um mein zitterndes Herz
bindet, brennend heiss und glückverheissend, wie die Küsse meines Mädchens. Fort
nur trage ich aus Europa, als einzigen Raub vom Busen der Mutter, meine
Geliebte. Ich will Europa's poetische Liebe verpflanzen in Amerika's poetische
Urwelt. Da soll ein Geschlecht entstehen mit deutschem Blut, deutscher Ausdauer,
deutschem Gemüt und deutscher Glaubenskräftigkeit, das sich Leben gesogen hat
aus dem unversiegbaren Born der Freiheit. Hinter mir schon seh' ich die
Leuchtfeuer der Küste versinken, dunkel schattet die Nacht über dem Meere, aber
der Morgen zündet an einer neuen Küste die begrüssenden Flammen an. Die
Apallachen sprühen im Morgenrot wie Riesenhelme empor, zum Himmel stürmen die
Zypressen am Missisippi, und tragen die stolze Frage hinauf: ob es wohl erlaubt
sei, auf Erden göttlich frei zu sein neben Gott? -
    Raimund, ich werde glücklich sein, weil ich mein Unglück begreife. Mit
Ehrfurcht küsse ich das Manuscript, in Scheu beuge ich mich vor Gleichmut's
Todtenantlitz. Genug, ich gehe nach Amerika, und will von dort herüber wirken
und handeln für mein armes, geliebtes Europa, für meine unglücklichen Brüder,
für mein Mutterland - das heilige Grab der modernen Welt! -
 
                                 Zweiter Teil
                                       11.
                                 An Ferdinand.
                                                             Köln, im September.
    Durch Raimund wirst Du meine Erlebnisse vom vergangenen Monat erfahren
haben. Sie werden Dich, wie ich hoffe, ergreifen, aber nicht ungerecht stimmen
gegen Welt und Menschen. Um zu erkennen, wie unerforschlich die Weisheit der
Vorsehung ist, muss man Kleines und Grosses zusammenfassen, die Lücken ausfüllen
mit Ergänzungen, die erst oft die Zukunft spendet, und so weit dies Menschen
erreichbar ist, von so humaner Gesinnung sein, wie Gott selbst. Oft wünschte ich
mir eine Professur der Weltgeschichte, um den Wissbegierigen nachzuweisen, was
eigentlich heilig und profan sei in Zeit und Ewigkeit. Ich würde aber schwerlich
lange dabei aushalten, denn ich fürchte, die Masse bleibt nach wie vor roh und
unbildsam, und handhabt immer nur das zunächst Liegende als Elle, um der
werdenden Geschichte eine taugliche Hanswurstjacke damit anzumessen. -
    Seit einem Monate bin ich wieder hier. Gleichmut's Manuscript ist der
Schlüssel geworden zu einem Gewölbe, in dessen Innerm man Todte lebendig werden
sieht. Dieses Spuken des Vergangenen am hellen Tage mit seinen neuen Reizen ist
das wahrhaftige Weltgericht. In Bardeloh's Hause wird nun bald ein solches
Tribunal seine Sitzungen halten, und es müsste eine Lust und ein Grauen zugleich
sein, diesen beizuwohnen. Ein solches Parlament müsste sich dann nirgends mehr
auf Erden finden.
    Sie sind nun alle beisammen, die Zufall oder Schicksal oder der Geist der
Vorsehung in seiner Voraussicht zusammenberufen hat, um wirksam zu sein bei der
Ausgleichung moderner Wirren. Es ist eine seltsame Gesellschaft, in der sich
eigentlich drei Könige bewegen, Bardeloh, Mardochai, Gleichmut. Die übrigen
drei sind Vasallen, von denen Friedrich noch immer die Schleppe des Juden trägt,
der tolle Mönch sicher dem Pastor zufallen wird und Casimir in glücklich
ruhigeren Momenten Bardeloh's Meinung unterstützen dürfte. Von mir selbst kann
ich nicht sprechen, denn ich stehe am Ende doch allein, so sehr ich getragen
werde vom Schicksal Aller. Mein minder grosses Unglück berechtigt mich
vielleicht, bei geeigneter Zeit noch am sichersten das Ziel zu erreichen, nach
dem die Andern in leidenschaftlicher Angst streben.
    Um nicht zu Fremdartiges unter einander zu mischen, muss ich auf meine
Rückkehr von der Reise nach Bonn zurückkommen. Casimir begleitete mich und
Richard nach Köln. Mein Herz schwoll über vor Wehmut und stolzen Gedanken.
Gleichmut's Lebensgeschichte hatte zu tiefe Wunden in mein Gemüt geschlagen.
Seine letzten Seufzer schrieen noch immer laut auf in mir, und und ungeachtet
mich der grelle Farbenton des ganzen Gemäldes als Mensch von dem entschieden
zurückstiess, der unter dem Formellen die Natürlichkeit begraben hat, so musste
ich doch die Wahrheit anerkennen, die in der Tiefe dieser Geständnisse laut
aufschrie zum Himmel um Gerechtigkeit. Mein Entschluss wurzelte immer fester,
Amerika blieb der Endpunkt meiner Wünsche. Von dort herüber muss, dünkt mich, dem
kranken Europa die heilende Medicin gereicht werden. Die Aerzte aber müssen
Europäer sein und auswandern, um nicht zu früh zu sterben den Märtyrertod der
neuen Erlösung. Denn dieser möchte jetzt nicht retten und sühnen, wie jener! Nur
das Leben kann eine Besiegelung sein für die Unfehlbarkeit und Wahrheit der
neuen Weltbestrebungen. Hierin liegt ein hoher Trost; denn wir mögen daraus
erkennen, wie nahe die Zeit ist, wo die Gesammterlösung für vollendet betrachtet
werden kann.
    Bardeloh war darauf bedacht, Casimir, dieses Phänomen unter den jetzt
lebenden Menschen unbemerkt in sein Haus zu führen. Diese Vorsicht war
notwendig, denn eine unzeitige Begegnung mit Eduard hätte zu den unerhörtesten
Scenen Veranlassung geben können. Es war tiefe Nacht, als wir unbemerkt das Haus
betraten. Casimir brütete dumpf über seinen colossalen Einfällen, von denen sich
zuweilen einzelne Brocken ablösten, und wie Mauertrümmer eines einst
majestätischen Baues in die heimliche Stille der Nacht hinabrollten. Als er die
glänzende Einrichtung in Bardeloh's Hause bemerkte, blieb er auf der Treppe
stehen.
    »Bei Dir riecht's königlich,« sagte er. »Das gefällt mir zwar, ich liebe es
aber nicht, denn es ist Zwang dabei nötig. Glanz und Dreck, wie in Polen, das
wäre so mein Geschmack.«
    »Du sollst's haben, wie Dir's behagt,« versetzte Bardeloh. »Befiehl und es
geschieht.«
    »Du gehst trächtig mit Complimenten, spür' ich; da sieh nur zu, dass Dir die
Hagelsaat meiner Wortschlachten nicht den Schlachtplan verdirbt. Wo ist mein
Stall? Ein König, voll Kraft wie ich, darf nur in einem Stalle wohnen.«
    Bardeloh wiess ihm ein Zimmer an, das nur durch eine dünne Wand geschieden
ward von seinem eigenen Kabinet. Auf der entgegengesetzten Seite lag Eduard's
Gefängnis.
    »Zu nobel für einen Poeten,« sprach Casimir, als er eintrat. »Was soll nun
ein Kerl von meinem Kaliber anfangen mit diesem Gepolster, das Ihr
moslemitischen Gefühlsstümper Ottomanen nennt? Gebt mir einen Strohsack, damit
eine solide Seele sich die unbequemen Gedanken darauf zurecht legen kann. Wer
auf solchen vermaledeiten Polstern seine Knochen herumwirft, verliert alle
Originalität des Gefühls. Die immenseste Grösse liebt das Einfache, und ich zum
Beispiel, an dem doch zwei Jahre lang gearbeitet worden ist, bin ein Freund der
Lumpen. Fort also mit diesen Venuscommoditäten! Ich kenne das Alles und habe die
Natur doch auf Stroh und blosser Erde immer am schönsten gefunden in ihrer
Nackteit. -«
    Der seltsame Mensch gab sich nicht eher zufrieden, als bis Bardeloh durch
einige Diener die Bequemlichkeiten eines civilisirten Lebens hatte entfernen und
an deren Stelle einen rohen Tisch, ein paar Schemel und einen Strohsack bringen
lassen. Sobald dies geschehen war, riss Casimir das Fenster auf, dass die Scheiben
in Stücke brachen und warf sich auf den Strohsack. »So ist's recht,« sagte er.
»Nun will ich sehen, wer zuerst die Augen zudecken wird, ich, oder der Himmel
mit seinen Wolkenwimpern! Er zeigte nach dem gestirnten Himmel, stützte sein
zerwühltes Gesicht auf die Hand, und starrte unverwand hinauf in den flimmernden
Sternenbrand.«
    »Packt Euch,« rief er uns zu, die wir dieser neuen Art sich einzuquartieren
mit einigem Staunen zugesehen hatten, »oder denkt ihr, ein Kerl, wie ich, hat
alle Minuten Zeit, sich mit englischer Bastardrace abzugeben? Ich bin ein
Deutscher, wisst's, Einer von denen, die an keiner Grobheit ersticken. Prosit!
Sobald Ihr Menschen sein werdet, bin ich bereit, Euch eine Audienz zu
bewilligen. -«
    Der Morgen brachte einmal eine reine Heiterkeit in unsern kleinen Zirkel.
Rosalie war glücklich, den geliebten Gatten wieder zu sehen, Felix hatte viel zu
erzählen, brachte mir tausend Grüsse von Auguste, die er besucht hatte, und biss
mir fast die Augenlider ab. »Ja das muss sein,« sagte der schöne Knabe, »Auguste
hat mir's befohlen, Dich so lange zu küssen und zu beissen, bis Du ganz boshaft
wirst, weil Du dann erst recht liebevoll werden sollst.« Ich hatte jetzt nichts
mehr gegen seine zähneknirschenden Zärtlichkeiten einzuwenden. -
    Bardeloh unterrichtete seine Frau von den jüngsten Erlebnissen, so weit sie
diese wissen durfte, und suchte ihr den Character Casimir's mit möglichster
Schonung zu entwerfen. Diese war nötig, denn ich bin überzeugt, kein Weib hätte
Casimir in seiner barocken Genialität mehr um sich geduldet. Ein weibliches
Gemüt schätzt das Seltsame und Pikante am Manne, wenn es umgeben ist mit einem
idealischen Duft und getragen wird von der Schwärmerei der Lebensansicht. Ein so
ungenirtes Herabfallen aber in die fast schmutzige Barbarei verwundet die Anmut
und erzeugt eher Abscheu, als Duldung.
    Noch an demselben Tage besuchte ich Gleichmut. Das verhängnisvolle
Manuscript trug ich bei mir. Jetzt erst konnte ich diesen Mann des Jammers mit
wahrhaftem Mitgefühl betrachten. Ich fand ihn an seinem Pult, beschäftigt mit
den Vorarbeiten zu einer Geschichte der Heiligen. Helyot's Geschichte der
Klöster- und Ritterorden lag vor ihm aufgeschlagen. Er las emsig in der
Lebensgeschichte des heiligen Franz von Assisi und prüfte die Schlüsse, welche
die Consequenz der Heiligkeit aus den ersten angeblichen Würden zu entwickeln
sich berufen fühlte. Freundlich kam mir der unglückliche Mensch entgegen. Seine
Hand war kalt, sein Schritt unsicher. Ich fragte, ob er krank sei?
    »Nein,« versetzte er, »nur etwas aufgeregt. Sie müssen wissen, dass ich der
Praxis nunmehr ganz entsagt habe. Von heut an werde ich gar nicht mehr predigen,
was ich auch früher immer nur hier als Gast, ich möchte sagen, aus einer
Liebhaberei, die Reue in mir fühlbar zu machen, getan habe. - Ja,« fuhr er
fort, »Sie staunen, ich aber freue mich des Entschlusses. Ich habe mich selbst
des Priesterrockes entledigt, den ich zu tragen nicht mehr würdig bin. Ich werde
ferner nur als Teoritiker zu wirken suchen und hoffe dabei auf weit grössern
Erfolg. Hier liegt die Geschichte der Heiligen vor mir - ein Lächeln überflog
sein Gesicht - und wahrlich, wollte ich mich zurückversetzen in das sechszehnte
Jahrhundert, ich würde nicht der Kleinste geworden sein unter ihnen. Sobald der
Geist sich rächt an der Natur, bäumt diese empor und gebiert monströse Formen.
Die Heiligkeit ist oft nur ein gewaltiger Ueberwuchs der Natur, der an das
Erhabene streift. Nun sagen Sie selbst, ob ich dann nicht der Mann dazu wäre,
eine recht pikante Secte neuer Heiligen zu stiften?«
    Als Antwort überreichte ich ihm das Manuscript. »Sehr gut,« sagte der
ehemalige Pastor. Diese Wendung ist sein und macht der europäischen Etikette
Ehre. Aber behalten Sie dies Testament eines Herzens, das menschlich genug war,
um glühend zu sündigen, und nicht so ganz verlassen von der Göttlichkeit der
Natur, um im Sündigen unterzugehen. - Ich weiss, was es sagen will, Lehrer zu
sein, wenn man sich verworfen fühlt, aber immer noch reiner, als der
Gesammtinhalt von schielenden Worten, die unserer Befleckung Mutter sind. Was
sie beschliessen über Ihre Zukunft, darf ich nicht erfragen. Möge sich aber Ihr
Leben auch gestalten, wie es immer wolle, dies Manuscript halten Sie wert,
nicht heilig! Seine Benutzung kann ihm vielleicht erst später Anspruch auf
Heiligsprechung verschaffen.
    Unser Gespräch stieg nun in die Tiefen religiöser Anschauungen und berührte
Manches, was keiner Mitteilung unterliegen kann. Sehr richtig bemerkte
Gleichmut, dass ein Befreien Europa's, solle es dauernd sein, nur durch eine
neue Reformation möglich werden könne. »Denn,« sagte er, »Politik und
Kirchentum sind in der Gegenwart so fest durch ihre Auswüchse in einander
verschlungen, dass sie das wahre religiöse, wie politische Leben durch die
Wechselwirkung ihres Zwanges niederhalten. Darin liegt die Gedrückteit aller
europäischen Völker, die vielleicht auf den Mächtigen noch schwerer lastet, als
auf den Bürgern. Ich klage nicht die Gewalt an, sondern die Verhältnisse, die
sie bedingen, und nur in so fern die Macht zu bequem, oder zu furchtsam ist,
sich selbst einmal geistig zu enttronen, ist sie verbrecherisch. Wollte man so
kühn und frei sein, recht vollkräftig die Dämme zu durchstechen, so würde eine
frische Lebensflut durch den kranken Erdteil pulsiren, und es wäre gerettet
die Religion, die Gesellschaft und der Staat! So aber feilt einer am andern und
jeder an sich, und das Elend wächst nur mit der Verzweiflung. Darum wird der
Verzweifeltste einmal in der Geschichte des künftigen Europa der Tugendhafteste
genannt werden.«
    Diese Reden führten uns wieder auf den Inhalt des Manuscriptes, auf die
Personen, die eine so entsetzliche Rolle darin spielen, und ich eröffnete
endlich dem Pastor, dass sämmtliche Charactere noch am Leben seien und zwar an
Einem Orte mit ihm und mir.
    Gleichmuts Angesicht überzog sich mit der Farbe des Todes. »Es ist nicht
möglich, Sie irren sich,« sagte er. »Dieser Casimir kann nicht mehr leben und
noch weniger Eduard. Die Uebrigen kenne ich, und es läuft nicht gegen die Natur,
dass sie noch das Licht der Sonne schauen und trinken.«
    Die Aufregung und Abspannung des siechen Mannes hielt mich ab, ihm noch mehr
zu entdecken. Ich schied von ihm und bat ihn um einen baldigen Besuch. Er sagte
ihn auf den dritten Tag zu. »Nun, dann sollen Sie überzeugt werden,« sprach ich
und verliess ihn in einer Unruhe, wie ich sie einem durch's Leben gehetzten
Menschen kaum zugetraut hätte. -
    Bei meiner Zuhausekunft fand ich ein Briefchen von Auguste. Sie hatte meine
Ankunft erfahren und schrieb mir:
                             Auguste an Sigismund.
    »Ich bin sehr böse, weil Du sehr garstig bist. Schon ist ein ganzer Tag
vergangen und noch habe ich von Dir nicht einmal selbst erfahren, dass Du wieder
zurückgekehrt bist von Deiner Entdeckungsreise. Zürnen sollte ich Dir, doch
verzeihen will ich, Du sollst nicht Ursache haben, mich zu grosser Schwächen
anzuklagen.
    Aber was ist denn das? Was habt Ihr denn wieder für neue Narrenzufuhr
angeschafft? Ist's doch, als sei Bardeloh's Haus ein Sammelplatz für alle Tolle
in ganz Deutschland! Hatten wir denn nicht schon übergenug solch Gelichter?
Genügst Du Dir nicht selbst? Denn, sei nicht bös, mein geliebter Freund, aber Du
hast eine recht ehrliche Anlage zu einem Narren, die nur ausgebildet werden
darf, um sich auszuzeichnen in der Welt.
    Die Zeit ist mir sehr lang geworden, holder Freund! Es ist sehr leicht
Befehle zu geben, sie aber selbst halten, finde ich, bleibt eine entsetzliche
Aufgabe. Sigismund, ich könnte martialische Dinge tun, wenn ich ein Gesetzgeber
wäre. Oder seid Ihr Männer etwa ruhiger, als wir Mädchen? Manchmal mag's so
scheinen, doch Du - nun Du bist eben auch ein Schalk, wie Alle. Hätte ich Dich
nur hier, wie wollt' ich Dir die Locken zerzausen und Dich strafen für Dein
impertinentes Wartenlassen durch eine Lavine von Küssen.
    Es muss anders werden mit uns, ich ertrage dies Leben nicht mehr! Bardeloh
ist zu entsetzlich ruhig, und Rosalie, das arme Weib, grämt sich im Dulden zu
Tode. Warum musste diese Frau gerade an diesen Mann verfallen? Oft hat es den
Anschein, es freue sich der schadenfrohe Zufall, die fremdartigsten, geistig
verschiedensten Personen zusammenzuknüpfen durch einen Blick, einen Moment, um
sie an diesem Funken langsam hinschmelzen zu lassen auf der Folterbank eines
ewigen Schweigens. Das ist grässlich, das ist lieblos, das ist europäisch, wie
ich fühle. Nur hierin hat Bardeloh recht und Du oben drein. Aber ich bitte mir
aus, mich nicht etwa auf gleiche Weise zu behandeln! Sigismund, Du kämst dabei
ganz in das Hintertreffen! Mein Arm ist stark, meine Hand sehr elastisch, meine
Lippe verführerisch - aber sie verbirgt sehr spitze Zähne. Diese fürchte, mein
Teurer, und noch mehr die Angst meines Herzens. - Garstiger, warum kannst Du
mich auch so lange warten lassen!
    Bitte, Sigismund, heute Abend - darf ich glücklich sein im Hoffen? -
Klapperbein flicht heut keine Körbe. Er ist nach Mühlheim gefahren und wird uns
nicht stören. Weisst Du schon die Geschichte mit Lucie? Das kommt Alles her von
dem unseligen Kopfhängen. Wenn wird wohl die Zeit vom Himmel herabfallen, in der
es erlaubt ist, heiter zu sein ohne Entschuldigungsgründe?
    Wenn Du recht liebenswürdig bist, habe ich Dir etwas Grosses zu schenken. Nun
rate! - Du rätst es aber doch nicht. - So lockt man hungrige Vögel.«
                                                                  Deine Auguste.
    »Ich war sehr glücklich, Ferdinand, glücklicher als ich je gewesen in meinem
ganzen Leben. Die wenigen Tage schienen das reizende Kind mit neuem Glanz
übergossen zu haben. Diese hohe Gestalt war wert, die Königin eines
Nichteuropäers zu sein. Ich war so frei, mich in dem Stolze meiner Hoffnungen
als weit verschlagen aus Europa zu betrachten, und sog vom Munde der Geliebten
die Kraft für ein hundertjähriges Wirken. Und Auguste hatte mir etwas Grosses zu
schenken und schenkte mir es. Und ich war ein Gott in ihrem Arm und der Himmel
war mir zu dunkel, die Sonne zu kalt. Liebe, Ferdinand, denn Liebe erlös't! Dass
wir so tief gesunken sind, daran ist nur der Verlust der wahrhaftigen Liebe in
unserm Europa schuld. Der Poesie der Zukunft muss es vorbehalten sein, diese
wiederzugeben dem Leben. Auguste hat Recht, wie jedes Weib, das frei und rein
ist in seiner unschuldigen Weltanschauung. Ehe man nicht allgemein erkannt hat,
dass ohne ein unbedingtes Hingeben an die Natur der Liebe all unser
Emancipationsbestreben bloss eine Experimentalphysik der Weltgeschichte ist, darf
keiner auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Die Hoffnung ist überhaupt todt und
farblos, nur die Liebe macht stark, ruft auf zur Handlung und schiebt der
Zukunft das Polster der Freiheit unter das träumende Haupt. Rege die Hand,
Ferdinand, damit Du Teil haben kannst an dem Freudenruf, der sich erheben wird
beim ersten Aufblick des heiligen, lang verschlossenen Auges der Träumenden! -«
                                                                 Ende September.
    Gestern erhielt ich Deinen Brief, für den ich Dir eben so herzlich danke,
als Dich beglückwünsche. Ich gestehe gern, dass ich Dich für weniger unparteiisch
gehalten habe, als Du Dich jetzt zeigst. Es liegt aber grade in diesem
Hingerissenwerden zu lauter Anerkennung der Wahrheit das grösste Bedürfnis
unserer Zeit. Darum gebe ich Dir vollkommen recht, wenn Du sagst: »Der Irrtum
Gleichmut's würde, allein und aus dem Zusammenhange gerissen mit den Freveln
seines Jahrhunderts, die unerhörteste Gotteslästerung sein, die je gewagt worden
ist. Ein feiger Lügenknecht oder ein bornirter Moralist, den es nie um den
Zusammenhang, sondern immer nur um die Tatsache zu tun ist, würde deshalb das
Anatema aussprechen über einen solchen Menschen. Ich gestehe, dass mein eignes
Bewusstsein mich kaum freisprechen möchte von einem ähnlichen, harten Urteil,
aber ich bin nicht so verwimmert in den Gebrechen meines Standes, dass ich nicht
herauslesen könnte, wo hier der Grund zur Schuld und wo die Notwendigkeit der
entsetzlichen Sünde liegt. Nur dies spricht Gleichmut frei. Er steht da als ein
Mittel der Ausgleichung; denn er sündigt für die Sühne der Zukunft und
Vergangenheit. Und so nehmen seine Geständnisse durchaus den Rang einer hohen
moralischen Lehre ein. In ihnen entüllen sich leicht und natürlich die Sünden
eines Jahrhunderts, das sich im Streben zu leichtsinnig abzuwenden beginnt vom
Geiste Christi, weil leider die Masse seiner Stellvertreter keinen Begriff mehr
von ihm hat.«
    So, lieber Ferdinand, drücke ich Dir von Herzen die Hand. Ich erkenne, dass
die Hoffnung noch nicht aufgegeben werden darf. Brächte man nun nur alle oder
doch die meisten Deiner Genossen zu derselben Ansicht, so würde Alles gewonnen.
Aenderung dieser oder jener Lehre, ein grösseres Freigeben des Denkens in
religiösen Dingen, und vor Allem ein Anerkennen der Entdeckungen des
unparteiisch prüfenden Laien, ist Erhebung und ewige Befestigung des
Christentums.
    Nach diesem Beweise Deiner innigsten Teilnahme an meinen Begegnissen teile
ich Dir von Neuem mit, was sich hier gestaltet. Das Individuelle nimmt die Form
einer Welt an. Zufall und Zusammentreffen von Umständen lassen grade auf meinem
Lebenswege eine Formgebung zu, die anderwärts sehr wahrscheinlich eben so
entschieden herausgetreten sein würde.
    Des blöden Friedrich's Figur tauchte bisher nur in unsichern Umrissen aus
dem trüben Chaos auf, das sich um mich her bewegte. Erst Gleichmut's Manuscript
stellte diesen Menschen entschiedener hin, ohne mich doch ihm selbst näher zu
bringen. Ich hatte mir vorgenommen, dem Zufalle das Weitere zu überlassen, da
grade diese Person mich am wenigsten fesseln konnte. Denn das Passive, selbst
wenn es durch die Folgerichtigkeit des Nichtstuns sich zum Handeln erhebt, hat
mich niemals angezogen.
    In diesen Tagen nun, durch Auguste's scheue Eröffnungen über Luciens
missliche Lage dazu bewogen, besuchte ich das heitere Mädchen. Von Luciens
Vormunde habe ich wohl schon einmal gesprochen und seines bigotten Pietismus
gedacht. Ich traf den reichen Steinhuder ganz allein. Rechnungsbücher lagen vor
ihm, Gebetbücher, Hauspostillen und was sonst noch zur Oekonomie eines
Privatfrommen gehört, auf allen Tischen und Stühlen. Abgeschmackte Bilder, die
eine Parodie auf die Kunst zu sein schienen, hingen in den prachtvollsten
goldenen Rahmen an den Wänden und verunzierten das Zimmer. Diese Verzerrung des
Schmerzes und heiliger Andacht zur Carikatur bildete eine stumme Farce, die nur
ein so befangener Pietist erbauend finden kann. Jeder wahre Mensch sieht auf den
ersten Blick, dass eine solche genotzüchtigte Kunst Product der Unsichttlichkeit
des pietistischen Lebens ist. Aber das Volk spürt den Teufel nie!
    Steinhuder empfing mich mit einer salbungsvollen Anrede, die ich möglichst
abzukürzen suchte. Lucie, im Nebenzimmer beschäftigt, hatte kaum meine Stimme
erkannt, als sie in leidenschaftlicher Aufregung die Tür aufriss und laut
rufend: »Retten Sie mich! Retten Sie mich!« an meine Brust sank. Ich war
überrascht, in Verlegenheit. Ihr warmer Atem berührte mir Lippen, Wange und
Stirn. Heftig umschlang sie mich mit den vollen Armen. Ich musste sie zum Sopha
führen.
    Noch hatte ich nicht Zeit gehabt, nach der Ursache dieser Scene zu fragen,
als Steinhuder bereits geharnischt mit Sprüchen und Verdammungsworten auf mich
und das arme Mädchen anrückte. Gott weiss, was er Alles salbaderte, Sinn und
Unsinn durch einander, wie's ihm einfiel; erinnern kann ich mich nur noch, dass
seine ganze Rede aus Bibelsprüchen zusammengesetzt war. Denn diese geistlosen
Menschen glauben jeden Andern damit aus dem Felde schlagen zu können, und
bedenken gar nicht, dass der kräftige Mensch nie sich hingibt an eine Autorität,
käme sie auch unmittelbar aus dem Munde des geistvollsten Stellvertreters.
    Luciens Ermattung dauerte nicht lange. Der fromme Unsinn ihres Vormund's
regte ihren Unwillen auf. »Schweigen Sie,« rief sie erzürnt aus und stampfte mit
dem zierlichen Füsschen heftig auf den Boden. »Sie sind ein gemeiner Mensch und
so albern wie Ihre Traktätchen und neumodischen Heiligen. Ich mag keinen Narren
und keinen Frommen zum Manne! Ich will einen Gottlosen, Ihnen zum Trotz, mein
Herr Vormund.«
    »Dass Dir die Zunge verdorrete!« rief Steinhuder. »Wer sich dem Vater
widersetzet, und der Mutter spottet, den werden die Raben am Bache aushacken und
-«
    »Genug, genug!« fiel Lucie ein. »Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihrem
alttestamentlichen Zeter; er rührt mich eben so wenig als Ihr Augenverdrehen.
Und kurz und gut, ich will nicht! - Oskar ist mein Geliebter!«
    »Oskar ist Einer von denen,« predigte Steinhuder, »die da sitzen bei den
Spöttern! Seine Seele wird brennen in dem Pfuhl, wo nicht aufhöret Heulen und
Zähnklappen. Denn verdammt ist, wer nicht achtet des Alters und Spott trägt auf
seiner Zungenspitz.«
    »Sie fallen aus der Rolle, gestrenger Herr Vormund. Ihr Gedächtnis wird
löchericht, die besten Bissen, womit Sie Ihre Heiligkeit nähren, fallen durch.«
    »Du bist anvertraut meinen Händen, Deine Seele ist befohlen worden meinem
Gewissen,« fuhr der Kaufmann fort. »Ich will wachen über Dich, wie die Henne
über ihre Küchlein und der Esel über seine Füllen. Darum befehle ich Dir zu
gehorchen und abzulassen von dem Scheusal, das einherschleicht, wie ein Engel in
Lichtgestalt und doch ist ein Teufel, gehüllt im Pelz der Unschuld. Oskar nennet
sich dieses Ungetüm, sein wahrer Name aber ist Legion, das heisst: Teufel ohne
Zahl!«
    Mir ward drehend. Lucie tobte vor Ungeduld und Zorn gegen sich selbst. Unter
ihren Händen lockerte sich das Haar und wiegte sich entfesselt in glänzend
schwarzen Locken ohne Zwang auf den Schultern. An der Wand hing eine Reitgerte.
Schnell riss sie Lucie herunter, schlug nach dem Spiegel, der ihr ein
zornglühendes Gesicht entgegenhielt und klirrend stürzten die Stücke zu Boden.
    Da ward die Tür geöffnet und wunderbar sanfte Töne zogen, wie um Friedend
bittend, durch das Zimmer.
    Auf der Schwelle stand Friedrich mit seiner dämonischen Geige. Das leere
Lächeln des Blödsinns dehnte sich gemächlich aus auf seinen markirten, aber
geistlos verworrenen Zügen, der zergriffene Filzhut hing nur lose auf dem
ungeordneten Haar und der Mensch selbst schien bei seinem Spiel ohne alle
Teilnahme zu sein.
    Lucie sank schwer aufatmend in's Sopha, Steinhuder aber ging dem Geiger
entgegen und führte ihn freundlich herein.
    »So recht, spiele was, Friedrich,« redete er den Blöden an. »Es ist zwar
keine Gitit des frommen David, die da vertrieb den bösen Geist vom Haupte
Sauls, aber eine Geige ist doch ein Saiteninstrument, welches das Herz erquickt,
und die Seele still und hungrig macht nach himmlischem Manna. Komm, spiele
Deiner Braut einen Psalm vor, ich will Dich begleiten mit Lispeln und Lallen.
Denn Harfenspiel und Psalmgesang gefallen Gott wohl.«
    Friedrich liess sich geduldig zu Lucien führen, die ihrerseits ein paar
Stühle vor das Sopha schob und sich so gegen einen etwaigen Angriff bestens
verteidigte. Ein Blick ihres schönen Auges rief mich zum Beistande auf. -
Kannst Du es glauben, Ferdinand, dass der Pietist diesen blödsinnigen Friedrich
alles Ernstes Lucien zum Gatten bestimmt hat? Man könnte lachen über einen
solchen Einfall, wäre die Erscheinung nur nicht so betrübend. Diese flach
getretene Frömmigkeit errötet vor nichts mehr. Sie hält für unmittelbare
göttliche Eingebung, was scheinbar ihr heilloses Treiben zu fördern verspricht,
und es gibt nichts so Abgeschmacktes auf Erden, das ein rechter eingefleischter
oder eingeseelter Pietist nicht auszuführen im Stande wäre.
    Der blöde Spieler machte dem reichen Steinhuder eine tiefe Referenz.
Sinnlichkeit lag nicht in seinen Mienen. Das Auge war gebadet in jener düstern
Nebelwelle, die eine sichere Verkündigerin ist des gefangenen Gedankens. Und
dennoch funkelte eine Begeisterungsflamme aus diesem getrübten Himmel, wie
Meteorgeflimmer, wie unsicheres Umherwanken eines Nordscheines. Es war der
letzte Rest der Göttlichkeit, der sich in das trübe Auge rettete, wenn der Ton
die Trauerklage in der besaiteten Violine weckt. Friedrich spielte - keine
Psalmen, keine Kirchenlieder - nein, Dityramben, die den Wahnsinn apoteosirten
und dem Irrtum nutzloser Werkheiligkeit den Staupbesen gaben. Nackt und bloss
unter dem gellenden Gelächter des vergnüglichen Pöbels peitschten die Töne aus
Friedrichs' Geige die seichte Tugendhaftigkeit durch die Welt, bis sie keuchend
niederstürzte und die Menge achtlos über sie hinschritt. -
    Ich weiss nicht, ob Friedrich auch nur dunkel eine Ahnung hatte von dem
Geiste seines Spieles, doch zweifele ich daran. Und dies ist das Unerforschliche
in der menschlichen Seele, dass sie, gemisbraucht und abgestumpft in ihrer vollen
Tätigkeit, doch gern das tiefste Vermögen, womit sie begabt von Natur war, auch
noch beim Versinken in das Gemeine allein in einen sichern Winkel zu flüchten
sucht. Dort baut sie sich an, bildet heimlich und unbewusst an der eigenen
Göttlichkeit und wird nicht selten zum Rächer an dem, was die Veranlassung gab
zu ihrem Ruin. Törichte, geistig schwache, verrückte Musiker sind eine
gewöhnliche Erscheinung. Es ist dies nichts Zufälliges, sondern eine notwendige
Folge der geistigen Construction eines durchaus musikalischen Menschen.
Friedrich nun, glaub' ich, hat nur das ihm ganz und allein Ursprüngliche in den
Hintergrund seines Daseins geflüchtet, als Zufälle und Lebensverwickelungen ihm
den hellen allgemeinen Glanz des Geistes verhüllten. Der Blödsinn ward zur
Ironie in seinem musikalischen Menschen, und wenn dieser geschiedene Gott, der
wie auf einem lichten Sterne lebt in der Nacht des übrigen Daseins, sich erhebt;
dann weint er die Trauer um den übrigen verlornen Menschen hinaus in die Welt,
und scherzt und kos't in tollen Bajazzosprüngen um seinen eigenen Leichnam, ihn
bekränzend mit Küssen und Rosen. -
    Während des Spiels kam Oskar. Friedrich, ohne sein stereotypes Lächeln zu
verändern, drehte sich tanzend mit den knarrenden Teerstiefeln auf der
gebohnten Diele. Lucie lag, einen türkischen Schawl über das Gesicht gezogen,
auf dem Sopha. Steinhuder mit salbungsvollem Blick und gefalteten Händen brummte
den 109 Psalm, dessen Inhalt zu Friedrich's Musik passte, wie ein Faunentanz zu
der Arie »Wie sie so sanft ruhn.« - Käme nun Einer und veranstaltete einen
solchen burschikosen Gottesdienst, so schrien alle Heiligen »Wehe!« schleicht
sich aber der Schalksnarr der Weltgeschichte hinter die Perücke der Kopfhänger
und treibt allerlei seltsame Dinge, so verbietet sich das Zetern von selbst. In
solchen Conflicten erblickt man die Gerechtigkeitspflege der Vorsehung, die gern
im furchtbarsten Ernste eine spasshafte Miene annimmt. Möchten doch unsere
modernen Dichter dies der Weltpoesie ablauschen, die im Leben offen zu Tage
liegt, und deren lebendiger Commentar die fortschreitende Menschheit selbst ist!
    Eine kleine Weile sah und hörte Oskar dem tollen Treiben ruhig zu, als dem
Gesinge und Getanze aber kein Ende ward, trat er entschlossen zu Steinhuder'n,
schlug ihn derb auf die Schulter und sprach: »Treiben Sie keinen Götzendienst
und schicken Sie augenblicklich diesen blödsinnigen Geiger fort, oder ich zeige
Sie der geistlichen Behörde an.«
    Dies half. Steinhuder'n blieb erschrocken der Mund offen, und Friedrich
spielte sich tanzend selbst zur Tür hinaus, während er mit unaussprechlicher
Vergnüglichkeit hohl in sich hineinlachte. Ich hörte ihn noch auf Treppe, Flur
und Strasse spielen, und glaube gewiss, er hat die Geige gestrichen bis in seine
Wohnung am Hafen.
    Lucie, von dem unheimlichen Liebhaber befreit, gab sich jetzt in der ganzen
Natürlichkeit ihres Wesens an Oskar hin. Steinhuder aber begann abermals die
Litanei seiner Secte abzusingen, schwor beim Wundertier in der Offenbarung St.
Johannis, dass Friedrich Luciens Gatte werden solle und Oskar, als ein ketzerisch
gesinnter Freigeist, nie seine Mündel heiraten dürfe. Ermattet von Zorn und
Aerger verliess er endlich das Zimmer, und als Lucie alle nur erdenklichen
Zärtlichkeiten an Oskar verschwendet hatte, befahl sie ihm kurz und bestimmt,
jetzt solle er sich packen.
    Diese Launenhaftigkeit ist bei Lucie so hinreissend liebenswürdig, dass sich
niemand davon beleidigt fühlt. Ohne dieselbe würde das Mädchen matt, gewöhnlich
erscheinen, und nichts Entsetzlicheres für einen Mann von Geist, als eine
gewöhnliche Frau! Die Gewöhnlichkeit allein ist in der Liebe unsittlich, denn
jede ächte Liebe wird als Kind eines genialen Gedankens geboren. Genialität
verträgt immer nur die selbst bestimmte Schranke, wie die Gewöhnlichkeit sich,
um leben zu können, anschmiegen muss an die von fremder Hand gezogene. Darum
liegt das Moralische und Unmoralische von beiden gerade auf der
entgegengesetzten Seite. Natürlich! Von Gott fordert man, was dem Menschen
verboten wird, und das Geniale ist das Göttliche im Menschen. -
    Oskar und ich mussten dem grillenhaften Mädchen nachgeben. Als ich ihre Hand
küssen wollte, schlug sie mir eine sanfte Ohrfeige. »Wol etwa für den tapfern
ritterlichen Beistand, den Sie mir geleistet haben während der frommen
Bänkelsängerei?« sagte sie. »Wenn Sie wieder kommen, sein Sie anfangs kühner,
dann werde ich beim Abschiede zärtlicher sein.« Die Hand war zu weich und warm,
ich konnte dem bösen Kinde nicht zürnen, und an der Tür erhaschte ich doch
einen Kuss. Zum Fenster herab warf sie eine ganz frisch aufgeblühte Lilie mir
in's Gesicht und wollte sich ganz ausser Atem lachen, als mir der Blumenstand
in's Auge flog, und mich am Sehen und Gehen eine Zeit lang verhinderte. -
    Der farbige Herbstabend war mild und warm. Wir lustwandelten durch die
Strassen in's Freie hinaus, durch Laubgänge dem Rheine zu. Von Holland herauf war
ein Dampfboot angekommen. Der schwarze Rauch zog in dicken Wolkenwirbeln über
den Strom hin. Es war mit Passagieren überfüllt, die sich am Zoll drängten und
stiessen. Unter den Ankömmlingen befanden sich ein paar Mohren, wie es schien,
Diener reicher Amerikaner, deren das Schiff Einige in das alte Europa
herübergetragen hatte. Wir erkannten sie schon von Ferne an ihrer Tracht, nach
der sie Pflanzer vom Missisippi oder irgend einem Nebenflusse dieses Stromes
sein mochten. Ehe wir noch den Hafen erreichen konnten, hatten sich die Fremden
bereits in die Hotels zerstreut. Die Matrosen erhoben ihren eintönigen,
melancholischen Gesang und wogen die Waarenballen aus dem Schiffsraume herauf.
Ich stellte mich mit Oskar auf die Brücke und sah dem geschäftigen Treiben in
stillem Behagen zu. Als es dunkler wurde, liess sich Friedrich's Geige wieder
hören, die Hafenarbeiter, Schifferknechte und Matrosen begrüssten die
willkommenen Töne mit einem Freudenruf, den Friedrich durch jenes unnachahmliche
Gelächter beantwortete, vor dem die Majestät des Geistes selbst in ihrer
erhabensten Sicherheit noch erschrickt. Der unglückliche Mensch sass wieder auf
dem Krahnbalken, baumelte mit den Beinen und spielte Melodieen, als wolle er
alles Herzeleid der ganzen Welt darin aufgehen lassen.
    »Wie sind Sie doch mit diesem Törichten in nebenbuhlerische Conflicte
geraten?« fragte ich meinen Begleiter, dem des Blödsinnigen Geigenspiel
sichtbar ergriff.
    »Das möchte sich schwer beantworten lassen,« versetzte Oskar. Sie kennen den
alten Steinhuder und sein pietistisches Närgeln und Kopfhängen. Solche Menschen,
selbst halb blödsinnig, haben oft wunderliche Grillen. Steinhuder war mir nie
gewogen, weil ich ihm zu freisinnig, zu menschlich, zu modern bin, und sobald er
meine Neigung zu Lucie entdeckte, begann er zu intriguiren. Nun muss der Zufall
mich noch arm machen, um dem Jämmerlichen eine Stütze für seine Pläne zu geben.
Friedrich schien ihm der geeignetste Mensch für seine Mündel. Er lässt sich
leiten, zu Allem gebrauchen und so erwählte sich der pietistische Geizhals ihn
zum Mann für Lucie.
    »Um des Himmels Willen,« rief ich aus, »besitzt denn Friedrich Vermögen!«
    »Er ist arm wie eine Kirchenmaus. Das bringt der Pietist jedoch bei seinen
sonstigen geistigen Vorzügen, wie er den dummen Glauben des Blödsinnigen nennt,
nicht in Anschlag. Wäre ich dem geistigen Narrentum so verwandt, wie Friedrich,
so zweifelte ich gar nicht an meinem Glück.«
    »Man könnte vor Lachen sterben,« sprach ich, »wenn eine solche Erscheinung
nicht gar zu niederschlagend wäre und die Versunkenheit des Zeitalters wieder
von einer neuen Seite dem umsichtigen Geiste näher brächte.«
    »Ja wahrlich!« seufzte Oskar, »und gebe der Himmel, dass der Alte Vernunft
annimmt, denn bei Gott, erlaubt sich der blöde Narr, in dem bei aller Dummheit
zuweilen doch eine gesunde Sinnlichkeit die geistige Schwäche aufhebt, nur eine
einzige Freiheit, so ist er meiner gewissesten Rache verfallen!«
    »Keine Uebereilung,« bat ich den Heftigen. Friedrich kann Ihnen nicht
gefährlich werden.
    »Doch, doch!« beteuerte dumpf der Liebende. »Wüssten Sie, was ihn töricht
gemacht hat, Sie würden meine Unruhe mit mir teilen.«
    »Erzählen Sie,« bat ich, indem mein Gedächtnis Alles wiederholte, was ich
jüngst in Gleichmut's Biographie über diesen noch so rätselhaften Menschen
erfahren hatte. »Sagen Sie mir,« fuhr ich fort, »was Sie von Friedrich's
Schicksalen wissen, vielleicht steht es dann auch in meiner Macht, Ihnen
Aufschlüsse zu geben und zu Ihrer Beruhigung beizutragen.«
    »Guten Abend!« sprach dicht neben uns eine sonore Männerstimme. Die hohe,
dunkle Gestalt des Juden im faltigen Kaftan strich wie ein Schatten in der
Dämmerung an uns vorüber. Mardochai ging dem Krahne zu, neben dem viele mit dem
Dampfboot angekommene Kisten und Ballen standen.
    »Kennen Sie diesen?« fragte Oskar.
    »Ich glaube genauer, als Sie, und tiefer, als er selbst es ahnt.«
    »Dann wenden Sie sich an ihn. Er allein kann die Hülle von Friedrich's
blödem Leben ziehen, wenn er Lust dazu hat.«
    »Wollen wir ihn aufsuchen?«
    »Halten wir uns in seiner Nähe, bis er jene Ballen gezeichnet und in
Sicherheit gebracht hat. Es sind neue Handelsartikel vielleicht aus beiden
Indien und Gott weiss, woher sonst noch! Sobald er seine Geschäfte beendigt hat,
folgen wir ihm auf dem Fusse nach seiner Wohnung. Ich hoffe er wird aufrichtig
sein. Mardochai ist kein gewöhnlicher Jude.«
    Ich wusste das Letztere genau genug und wartete mit Ungeduld auf das Ende der
Besichtigung, die der Jude den Kisten und Ballen mit ungemeiner Sorgfalt zu
Teil werden liess. Die Nacht brach darüber ein, der Strom ward stiller, nur
wenige Kähne gauckelten mit ihren weissen Segeln noch über die bewegte Fläche,
aus der die Sternbilder dunkel heraufleuchteten. Glockengeläut scholl von
Mühlheim her und ward durch den Abendwind verweht. Nur die Klänge aus
Friedrich's Geige schluchzten immer lauter, greller, ungestümer, und brachten
die Wirkung einer Musik hervor, deren Entstehung sich nicht enträtseln lässt.
Dieses Spiel übte eine eben so dämonische Gewalt aus über die gesundesten Sinne,
wie etwa ein gespenstisches Heranflattern körperloser Schatten, die ein
rätselhaftes Leben in sich tragen.
    Mardochai, den orientalischen Kaftan enger um sich zusammenschlagend, trat
jetzt den Rückweg an. Er gab mehreren Knechten Befehl, einige der Ballen
sogleich in seine Wohnung zu schleifen. Als er uns noch immer an der vorigen
Stelle antraf, schien er betroffen zu sein, blieb stehen, grüsste nach
orientalischer Weise und sprach: »Die Nacht wird erquickend, da die Jugend sich
ihr so lange aussetzt.«
    »Ist dies eine so seltene Erscheinung?« entgegnete ich.
    »Heut zu Tage gewiss,« erwiederte der Jude. »Wer kann auch wissen, mit
welchen Stoffen die Nachtluft geschwängert ist? Vorsicht kann nie schaden, mit
Vorsicht lässt sich selbst der Teufel täuschen.«
    Er schritt an uns vorüber, da wir ihm aber folgten, mässigte er die
Schnelligkeit seines Ganges und war bemüht ein gleichgültiges Gespräch
anzuknüpfen. Grade diese Vorsicht aber machte ihn, vielleicht zum ersten Male,
unvorsichtig und brachte uns schnell dem Ziele näher, das wir erreichen wollten.
Friedrich geigte noch immer und zwar in so grauenhaft-barocken Tönen, dass sie
Mark und Bein, wie galvanische Schläge, durchschütterten. Auch Mardochai musste
so etwas fühlen, er seufzte einigemal tief und sprach endlich: »Der Mensch dort,
wer er auch immer sein mag, spielt wie eine vor Gram und Gewissensbissen toll
gewordene Seele!«
    »Sollten Ihnen diese Melodien so neu, ihr Schöpfer so ganz unbekannt sein?«
versetzte ich, gleich ihm die Arme kreuzend und ruhig neben ihm herschreitend.
    Mardochai ward zwar durch diese Frage überrascht, wusste dies aber geschickt
zu verheimlichen. »Sie wohnen bei dem Particulier Bardeloh?« fragte er mich.
    »Seit länger als zwei Monaten. Auch lernte ich während meines Aufentalts
einen gewissen Gleichmut kennen, mit dem ich genauer bekannt zu werden
Gelegenheit hatte. Dieser starke Mensch, der dem Geiste eines noch Stärkeren vor
etwa zehn Jahren erlag, hat mir Ereignisse mitgeteilt, die geeignet wären,
Himmel und Erde in Trümmer zu schlagen. Ein jüdischer Arzt war dabei im Spiele,
ein Virtuos auf der Violine tat zugleich mit einem barocken Dichtergenie
Bajazzodienste, und jener Virtuos, glaub' ich, ist eine und dieselbe Person mit
dem Spieler, dessen wahnwitzige Melodien in dunkler Nacht ihre Silenensprünge
machen.«
    Mardochai war stehen geblieben. Die Kärner und Träger schleppten die Ballen
an uns vorüber. »schafft sie in mein Haus,« rief er ihnen zu, »ich komme
sogleich nach, den Lohn wird Euch meine Tochter auszahlen.«
    Seine Tochter! Diese Entdeckung überraschte mich. Als die Träger uns aus dem
Gesicht waren, wandte er sich zu mir und fuhr fort: »Haben Sie über eine Stunde
in Ihrer Zeit frei zu gebieten?«
    »Ich bin Herr meiner Zeit, wie meines Lebens.«
    »Dann begleiten Sie mich in mein Haus, falls Ihnen die Wohnung eines Juden
nicht zu gering ist. Es dürfte nötig sein, dem, was Sie erfahren haben, noch
einige Worte der Erläuterung beizufügen.«
    »Kann uns ein Dritter begleiten?« fragte ich den Rächer des Judentums.
    »Wenn er Mann genug ist, um nicht zu erröten vor einem nackten Geheimnis.«
    Oskar begleitete mich und den Juden, dessen Haus wir in wenig Minuten
erreichten. Dunkle Gänge waren überfüllt mit Waarenballen, Kisten und Kasten.
Ueberall herrschte Ordnung, aber auch eine öde fröstelnerregende Todtenstille.
Ein geräumiges Gemach nahm uns auf, ausgeschmückt mit allen Luxusgegenständen
modernen Lebens. Lange, niedrige Ottomanen zogen sich an den Wänden hin, mit
purpurrotem Sammet überspannt, persische Teppiche bedeckten den Fussboden.
Tische und Stühle waren vom feinsten Mahagony mit schwarzem Ebenholz zierlich
ausgelegt. Auf einem derselben vor der Ottomane standen zwei Armleuchter von
gediegenem Silber, auf denen weisse Wachskerzen brannten. Das Zimmer war leer,
durchduftet von einem angenehm reizenden und das Gemüt erheiternden
Wohlgeruche.
    Mardochai legte sich nach orientalischer Sitte auf die schwellend weichen
Kissen und lud uns ein, ihm zu folgen. »Ich lebe nach den Vorschriften meiner
Väter,« sagte er, »und erfreue mich so an dem künstlich geschaffenen Vaterlande
der Verheissungen, die der Gott Abraham's seinen Nachkommen gegeben. Dieses
Morgenland, das mich hier umgibt, läss manche andere Annehmlichkeiten vergessen.
Unsere Nationalität ist hartnäckig und der Einzelne kann sich ihr nicht ganz
entziehen, wenn er nicht laut als Apostat geschmäht sein will.« Er schellte,
eine fein gefugte Tür öffnete sich und ein Mädchen von höchstens funfzehn
Jahren, ächt orientalisch gekleidet, von den edelsten Formen, trat ein, sich vor
dem Juden tief verbeugend.
    »Sara,« sprach Mardochai, »bringe unsern Gästen Wasser und besorge das
Nachtessen.« - Die schöne Jüdin verliess das Zimmer und kehrte sogleich wieder
zurück mit einem glänzenden silbernen Waschbecken und feinen Linnen. Sie bot
zuerst ihrem Vater das Becken, dieser wiss sie jedoch zurück und mir zu. Obwol
ein Feind aller Ceremonien konnte ich doch der reizenden Jüdin den Dienst nicht
abschlagen. Ich tauchte die Hand in die krystallene Welle, aus der in zitternder
Bewegung Sara's schönes Profil mich ansah. Nach der Abluition dankte ich dem
holden Wesen, das in glücklicher Kindlichkeit die ganze Fülle seiner Schönheit
meinem prüfenden Auge preis gab. Sara trug ganz die Züge ihres furchtbaren
Vaters, nur gemildert durch des Weibes anmutvolle Grazie und die schuldlose
Sanftmut ihres Alters. Das schwärzeste Haar quoll unter dem blau- und
weissseidenen Turban hervor, und legte sich weich und schmeichelnd an den
alabasterweissen Nacken. Ohrringe von orientalischen Perlen, eine unheimliche
Flamme in sich tragend, schaukelten hin und wieder, wenn sie den Kopf bewegte.
Das grosse, schwarze Auge beschatteten die längsten und zartesten Wimpern, die
ich je gesehen hatte, und das feine Lid hob und senkte sich wie eine
Wolkenflocke um den Glanz eines schönen Sternes. Gelbe Stiefeln schmiegten sich
an den kleinen Fuss und das feine Knöchel, dessen Zarteit durch das weite
Beinkleid noch mehr bemerkbar ward, das unter dem reichen Ueberwurf
hervorlauschte.
    »Hast Du die Lastträger abgelöhnt?« fragte Mardochai, eine lange türkische
Pfeife, die neben der Ottomane lehnte, anbrennend.
    »Ich bin gehorsam gewesen Deinen Befehlen,« antwortete Sara und verschwand,
wie sie gekommen, in der Tür. Ich glaubte in ein Mährchen aus tausend und eine
Nacht versetzt zu sein, und hätte bald den Zweck vergessen, der mich in
Mardochai's Zauberhöhle führte.
    »Während Sara für unsern Körper Sorge trägt,« begann Mardochai, »wollen wir
selbst unser geistiges Heil bedenken.« - Er blies weisse Rauchwolken aus seiner
Pfeife und legte sich bequem wie ein türkischer Bassa in die Kissen. »Wenn Sie
längere Zeit mit Gleichmut verkehrt haben,« fuhr er fort, »so werden Ihnen auch
die frühern Schicksale Friedrich's nicht unbekannt geblieben sein. Vieles
freilich weiss Gleichmut selbst nicht, und ich, der sich nur gezwungen, aus
Not, Politik, Vorsicht, oder wie Sie's sonst nennen mögen, in die
Angelegenheiten Fremder mischt, fühle mich jetzt gedrungen, über Friedrich's
Zustand ein Wort zu sprechen, um sehr nahe liegenden Verläumdungen vorzubeugen.
    Wir lebten vor vielen Jahren in Bonn zusammen, ich als Arzt, Friedrich als
Musiker. Gleichmut, ein Mensch voll Leidenschaft, aber von dem launenhaften
Zufall bestimmt, Teolog zu werden, schloss sich eng an uns an. Andere kamen dazu
und es bildete sich ein kleiner Kreis, der originell genug war und sobald wohl
nicht wieder in dieser widerstrebenden Curiosität zusammentreten möchte. Es ward
Manches probirt, was der Gemeinheit frevelhaft erscheinen könnte. Wir studirten
das Leben der Nationen, den Geist der Religionen und den Ungeist der Culte.
dabei wurden denn Entdeckungen gemacht, die nicht zu den gewöhnlichen gehörten.
Auch ohne Streit und heftiges Widersprechen ging es nicht ab. Mancher schied
aus, um die besprochene Teorie in die Praxis zu übersetzen, ja ein Narr war so
begeistert von den witzigen Einfällen, womit einige gutmütige Schwachköpfe vor
vielen hundert Jahren einmal die Weltgeschichte ergötzten, dass er augenblicklich
beschloss, ein Märtyrer zu werden.
    Dies Alles gehört indes wenig zu dem, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Eng
an mich und Gleichmut drängte sich Friedrich und ein gewisser Casimir, der seit
langer Zeit verschollen ist. Friedrich war mir nächst Gleichmut der
Interessanteste, nicht, weil seine geistige Kraft überwiegend der meinigen sich
opponirte, sondern des unwiderstehlichen Hanges wegen nach tiefer religiöser
Befriedigung. Es gehört zu meinen geheimen Inclinationen, dasjenige fördern zu
helfen, was in irgend eines Menschen Natur sich durcharbeiten will, aber nicht
genug eigne Kraft dazu besitzt. Hier trete ich gern mild helfend in's Mittel und
suche durch Wort oder Tat die Schleussen der Natur zu öffnen, um in freiem
Strome das Leben sich austummeln zu lassen. Denn Leidenschaft gehört zum
wahrhaftigen Leben, und ein irdisches Dasein kann nur dann dem Himmel Bürger
erziehen, wenn es sich in Genuss und Tat selbst zu begreifen sucht. Der
Erdenmensch sollte im Stillen zu der Einsicht kommen, dass er in einem gewissen
Sinne mächtiger sein könnte als Gott, weil er aufhören darf, in diesem Dasein zu
leben, sobald es ihm gefällt, Gott aber gebunden wird an Seine Existenz durch
den errungenen Sieg der Unsterblichkeit. In dieser schaffenden Schranke
aufgefasst, könnte man, als Skeptiker, Gott wohl den Diener seiner eigenen
Unsterblichkeit nennen. Eben darum aber, weil Gott als ein Unsterblicher fertig
ist, braucht man ihn nicht zu fürchten. Nur das Werdende bringt Gefahr, ist
aufgelegt zu Revolutionen und muss daher unterstützt werden im Entfalten, nicht
im Vollenden.
    Nach diesem Grundsatze, der bloss ein Ergebniss meiner naturhistorischen
Studien war, indem ich diese nicht als todte Sache, sondern als ein grosses Leben
behandelte, dessen Seelenregungen ich belauschen wollte am Tact ihres Pulses, am
Tritt und Klang ihres ewigen Schaffens, suchte ich auch das Leben Anderer
psychisch zu durchfühlen. Ich trieb angewandte Psychologie, wie man angewandte
Matematik lehrt. Die Menschheit war das grosse Rechenexempel, an dem ich den
Witz der Schöpfung oft zu Tode zu hetzen Lust verspürte, und der Mensch selbst
diente mir zum Magister Mateseos.
    Nun fanden sich grade in Gleichmut und Friedrich zwei Individuen zusammen,
die in ihrer natürlichen Opposition meine Experimentirlust reizten. Beide wurden
getragen von schwärmerischer Leidenschaftlichkeit. Sie beherbergten viel
europäische Poesie in sich, die aber in Keinem zu rechter Reife gedeihen konnte.
Das erbarmte mich. Tyrannisch in die Brust eines Andern zu greifen und ihm zu
sagen: das steckt in Dir, Mensch! diese Verfahrungsart liebe ich nicht. Semiotik
war von jeher mit Eifer von mir betrieben worden, und psychische Semiotik blieb
nun gar meine specielle Liebhaberei. Ich spürte bald, woran es beiden gebrach.
Sie hatten sich mit der Vorsehung schon in der Wiege überworfen. Das musste
ausgeglichen und wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Ich tat, was mir -
als Arzt - oblag, und Beide gestanden mir, dass sie sich wohl befänden bei den
diätetischen Verhaltungsregeln, die ich ihnen anriet, und die, bei Moses und
den Propheten! nicht gar sehr streng waren. Gleichmut kam früher zum Ziele, als
Friedrich, und da ich voraussetzen kann, dass sie ziemlich genau bekannt sind mit
Gleichmut's Lebensbekehrung, so halte ich mich hier bloss an Friedrich und sein
Schicksal.«
    Sara's Eintritt unterbrach hier Mardochai's Erzählung und gab mir Raum, die
Gefühle wieder in wohlgezogene Ordnung zu stellen. Denn Du wirst es natürlich
finden, dass jede unverdorbene Faser meines tiefsten Menschen in aufrührerische
Bewegung geriet bei der Erzählung dieses göttlich-dämonischen Juden. Es gehörte
diese Schlauheit, diese Ruhe, diese fein nüancirte Ueberredungskunst dazu, um
einen zwar leidenschaftlichen, aber geistig so hell sehenden Menschen, wie
Gleichmut ist, so consequent zu betören. Mardochai ist wahrlich ein Gott in
der Rache, und gibt es Belohnungen, Kronen für solche Taten, so muss sie alle
dieses Juden Scheitel einst schmücken. Als Sara den Tisch gedeckt und sich
wieder entfernt hatte, fuhr unser Gastfreund fort:
    »Friedrich betrieb, wie schon gesagt, die Musik, und zwar mit Talent und
Glück. Musikalische Naturen sind immer in einem gewissen Sinne von
schwärmerischer Gemütsart, und wird dies nicht immer sichtbar, so liegt es bloss
an der Nichterweckung der Schwärmerei. Sie schläft in jedem Musiker, und es
sollte mir, wollte ich meine Experimentirübungen fortsetzen, nicht gar schwer
fallen, Diesen und Jenen zu einen vollendeten Schwärmer zu erziehen. Ein Musiker
ist selten ungläubig, meist abergläubig, zuweilen auch Beides. Nichts leichter
nun für einen psychisch gewandten Arzt, als den Unglauben durch langsames
Aufrollen des Aberglaubens zu erdrücken. Friedrich glaubte an nichts, als an die
Göttlichkeit der Musik, doch konnte er meinen tieferen Blick nicht täuschen. Ich
bemerkte, dass die Göttlichkeit seiner eigenen Musik in der Mystik religiöser
Ahnungen ruhe. Dies war mir genug; ich wartete nur auf die günstige Stunde, um
ihm dies selbst fühlen zu lassen.
    Sie kam, als unerwartet ein katolischer Jüngling aus unserm Kreise schied,
um Mönch zu werden. Friedrich erstaunte, war tief ergriffen und schrieb auf der
Stelle eine Messe, in der eine unendliche Mystik die wehmütige Ahnung seiner
eigenen Seele an meinen klaren Verstand verriet. Als er mir diese Töne
vorspielte auf seiner Violine, mit jener Begeisterung künstlerischen Aufgehens
in der eigenen Schöpfung, klopfte ich dem Virtuosen auf die Schulter und sagte:
Friedrich, das ist Dein Fach! Du musst ein christlicher Componist werden.
Schreibe, wenn ich Dir raten darf, Messen, Cantaten - schreibe musikalische
Seelenmessen; doch lass immerhin ein wenig frivoles Weltgetümmel hineinschreien
in Deine Melodien. Das wird Dich erst recht belehren, wie Du so ganz zur
Kirchenmusik geboren bist.
    Friedrich's Auge glänzte in Begeisterung, er sah lange Zeit prüfend in das
meinige, sank dann an meine Brust und rief aus: Du hast immer Recht, Mardochai,
man muss Dir gehorchen, ohne es zu wollen. So waltet Gott über seiner Schöpfung,
und bedürfte er eines Stellvertreters, Du könntest ihm vorgeschlagen werden.
Schade dass Du ein Jude bist! - Es war Schade, ich muss Friedrichen noch jetzt
Recht geben, aber es war auch gut. Der Jude eben befähigte mich, der Versuchung
zu entgehen, die mir Friedrich's zu wohlwollende Güte zudachte.
    Zu jener Zeit lebte ein wohlhabender, aber schwachköpfiger Mann in der Nähe
Bonn's, der zuweilen auch mich besuchte. Dieser Mann, schon bejahrt, ward von
der jüngeren Männerwelt seiner religiösen Einbildungen wegen gewöhnlich nur der
veilchenblaue Engelhüter genannt; denn er behauptete mit unerschütterlicher
Festigkeit, alle Engel trügen im Himmel veilchenblaue Roben mit rosaroten
Bändern, und ein ehrwürdiger Greis in weissen Strümpfen mit gelben Zwickeln führe
sie früh und abends durch den Himmel spaziren. Es war mir nun zwar ziemlich
gleichgiltig, was der Mann von sich hielt und den Amusements in seinem Himmel,
nur durch Friedrich's Aufmerken ward er mir interessant und sogar bedeutsam. Sie
wissen, Christus ritt unter dem Jauchzen des Volkes, von Palmzweigen umweht,
über ausgebreitete Teppiche auf einer Eselin in Jerusalem ein, um ein paar Tage
später gekreuzigt zu werden von meinen hartörigen Vorfahren, warum sollte denn
nicht ein moderner Virtuos an der Hand eines Pietisten dem Ziele seines Lebens
entgegengehen?
    Jener Mann hiess Steinhuder und hatte Geld die Fülle.«
    »Steinhuder!« rief ich und Oskar zu gleicher Zeit.
    »Sie haben richtig gehört,« fuhr Mardochai ruhig fort. »Der Mann ging und
kam; ich vermochte Friedrichen, sich mit ihm zu unterhalten - denn Steinhuder
sprach nur himmlische Dinge, und diese auch in himmlischer Weise. Bald fand
Friedrich Gefallen an diesem Umgang, wie ich bestimmt glaube, weil er durch jene
mystisch-dunklen Gespräche eine Begeisterung in sich aufflammen sah, die seine
musikalisch schöpferische Natur zu bisher ihm unbekannten Tongebilden hintrieb.
Musik will an andern Gegenständen gross gezogen werden, als die Poesie. Ein in
Knechtschaft ergebenes Gemüt wird musikalisch Grösseres schaffen, als die
Freiheitsbegeisterung eines radikalen Republikaners.
    Von jetzt an componirte Friedrich die herrnhutisch mystischen Lieder des
Grafen von Zinzendorf, das Monstrum aller religiösen Geschmacklosigkeit, die
lächerrlich-ekelhafte Wundenlitanei und andere in ihrer Manie heilig sein zu
wollen profan und frivol gewordene Gesänge z.B. den Seelenbräutigam.
Gewissenhaft teilte er mir diese Compositionen mit, und ich lobte oder tadelte
seine Producte, je nachdem ich es nötig fand. dabei unterliess ich nie, den
Virtuosen consequent fortzustossen auf seinem Pfade, der ihm angewiesen war von
der Vorsehung oder - wenn Sie wollen - von dem Zorne des Himmels. Friedrich
gehorchte. Sein Gemüt erschloss sich in jener Tränenflut, die eine
misverstandene Sentimentalität in überreicher Fülle über die Erde ausgiesst. Er
besuchte die Versammlungen der Frommen, bei denen der reiche Steinhuder
präsidirte. Die Gesangstücke wurden von Friedrichen componirt, genial-barock,
mystisch-verrückt, aber mir zu unendlicher Freude! - Bleiben Sie ruhig, meine
Herren, das Ende wird Ihnen die Gerechtigkeit meiner Freude schon erklären.
    Während dieses allmähligen Uebertretens zum Pietismus von Seiten Friedrich's
ward Gleichmut durch ein Hineinstürzen und leidenschaftliches Durchtoben seiner
Lebensphasen der Vollendung entgegengerissen. Ich konnte nur matterzig wirkend
eingreifen, um ihn zu verhindern an gänzlichem Abschluss. Dazu bedurfte ich einer
kleinen Charlatanerie. Friedrich musste tätig dabei sein, bereute aber später
seine Teilnahme und legte nun seine schmerzerfüllte Seele in einen Zuckerguss
von pietistischer Frömmelei zur Ruhe. Ich hatte hier abermals hindernd
eingreifen können, aber ich wollte nicht. Dieser Lebenslauf war Friedrich's
psychische Bestimmung. Nur zur Rundung musste ich noch Hand anlegen, und so weit
meine Kräfte reichten, war ich nicht müssig. Steinhuder ward meinem Geiste
zinsbar durch seinen Ungeist. Ich pfändete ihn aus, wenn er mit Friedrich nicht
gebahrte, wie seine Natur es verlangte, und - Steinhuder fürchtete in mir - den
Juden. -
    So kleidete sich Friedrich immer tiefer ein in die Harlekinsjacke einer
Frömmelei, die halb aus protestantischen Dogmenflittern, halb aus katolischer
Mystik zusammengesetzt war. Sein Gemüt sank zusammen, wie ein übergangener
Mehlteig auf einem heissen Ofen, er ward etwas beschränkt, schwerfällig von
Begriffen, aber eminent und erhaben in Stegreifcompositionen auf der Violine.
Als er ein vollendeter Dummkopf geworden, als seine Seele brach lag auf dem
Acker der Weisheit und stiller Forschung; da befahl ich Steinhuder'n, er solle
diesen durch seine potenzirte Religiosität verpfuschten Bürger der Erde
ernähren, und ich liess mir von ihm einige tausend harte Taler geben, um mit
ihrer Hilfe für die Erlösung Israels zu arbeiten nach meiner Weise.
    So ward Friedrich blödsinnig. Heilig allein und göttlich unverfälscht blieb
in ihm nur die Musik. Unbewusst schafft jetzt der Genius derselben in wilden
Inprovisationen, was kein Sectengeist tödten, aber wohl zu sündhafter Aufreizung
anspornen kann. Friedrich spielt die originellsten Parodien auf die mystische
Composition seiner Wundenlitanei, und ich sporne ihn an zu immer heller
aufjauchzendem Frevelspiel, weil anders für Euch und mich keine Rettung ist.«
    Hier wurde der kalte Erzähler durch den Eintritt eines Dieners, der die
Abendmahlzeit auftrug, unterbrochen. Sara folgte, Mardochai liess das Tema
fallen, änderte seine ganze Redeweise und ward der heiterste Wirt. Er erzählte
artige Scherze aus seinem Leben als Handelsmann, Verwechselungen und
Täuschungen, wie sie ihm wiederholt auf Reisen begegnet waren. Ein feiner Humor,
der nur leise, aber doch treffend die bedeutendsten Fragen der Zeit berührte,
würzte das Mahl. Der Ernst schien aus des Juden Gesicht völlig gewichen zu sein,
und wer ihn zum ersten Male in solcher Umgebung gesehen hätte, würde ihn eher
für einen sanguinisch vergnüglichen Lebemann gehalten, als jenen vernichtenden
Feind des gäng und geben christlichen Denkens in ihm entdeckt haben.
    Mit seiner schönen Tochter scherzte und neckte er sich mit liebenswürdiger
Schalkhaftigkeit. Und Sara war auch in der Tat so zurückhaltend launig, so
lockend verführerisch, dass wohl selbst ein Vater, der so hohe Zwecke in seinem
Handeln verfolgte, wie Mardochai, von dem Liebreiz des schönen Geschöpfes
hingerissen und dem tödtenden Ernst des täglichen Strebens entzogen werden
konnte.
    Es wunderte mich, dass die Speisen streng nach den Vorschriften des Mosaismus
bereitet waren. Aus Gleichmut's Lebensgeschichte hätte ich in Mardochai eher
einen Verächter so nichts sagender Regeln gesucht. Der Jude musste, gewöhnt an
ein schlaues Durchforschen aller Begegnenden, etwas Aehnliches in mir argwöhnen,
denn schnell sich zu mir wendend, sprach er: »Sie wundern sich wahrscheinlich,
dass ich streng an dem Gesetz meiner Väter halte und es doch keineswegs verachte,
in Dingen des Luxus der neuesten Zeit grosse Opfer zu bringen. Es ist dies
nötig, weil wir in Europa sind. Der Ekel an dem, was anbrüchig ist in dieser
Zeit und Welt, treibt uns wider Willen entweder zu gänzlicher Entsagung oder zu
einer scheinbaren Verehrung. Da jene oft zweckwidrig bleibt, so hält man sich an
diese. Ich befolge das Gesetz meiner Väter, nicht weil ich es für untrüglich
halte, sondern dem Zwecke zu Liebe, den ich damit verknüpfe, und dieser ist gross
und heilig! - Aber wozu solch' Geschwätz? - Lassen Sie sich's wohl schmecken bei
einem Juden, und Du Sara, unterhalte die Herren mit Deinen Künsten.«
    Sara stand lächelnd auf. Mit einer graziösen Verbeugung, noch gehoben durch
die naive Verschämteit, die sie begleitete, schlüpfte das reizende Kind fort
und verschwand hinter einem Vorhang von schwerer grüner Seide. Bald darauf
rauschte die Hülle zurück, Sara ruhte nach orientalischer Sitte in der
anmutigsten Stellung auf einem Divan von himmelblauem Sammet, über dem eine
weisse Marmorbüste aus der Wand ragte. Sie schien mir Aehnlichkeit mit Moses zu
haben, wie er gewöhnlich abgebildet wird. Von oben herab fiel ein blendendes
Licht auf die schöne Gestalt. Sara hielt eine Ziter im Arm, und spielte und
sang mit gleicher Geschicklichkeit ein sanftes Lied. Als sie geendigt, sprach
Mardochai: »Nicht diese melancholischen Klänge unsern werten Gästen! Etwas
Heiteres, Lustiges, und zeige, dass Du auch geübt bist in der Kunst, den Körper
melodisch zu bewegen, wenn Harmonieen die Luft in den vollsten Schwingungen
erbeben machen.« Die schöne Jüdin schlug scherzhaftere Klänge an, ihr schlanker
und doch üppig gerundeter Körper erhob sich, je mehr die Töne anschwollen, zu
Lust und Scherz. Bald jubelte eine ausgelassene Freude aus den Saiten der
Ziter, und Sara schwebte mit Silphydenleichtigkeit nach dem Tact des Spieles in
dem schimmernden Boudoir, wie eine körperlose Erscheinung umher. Auf einen Wink
Mardochai's fiel der Vorhang wieder zusammen und das überraschende Intermezzo
war vorüber. Sara kam wieder zur Tafel. Sie reichte eingemachte Früchte umher.
Das Echauffement hatte ihre Schönheit mehr gehoben. Ich suchte ihren Blick
aufzufangen, Sara unternahm ein ähnliches Manöver, und das kurze
Vorpostengefecht, das sich bei diesem Wollen und Nichtsollen zwischen unsern
recognoscirenden Blicken entspann, war ganz dazu geeignet, uns beide in eine
bedenklich glückliche Lage zu versetzen. Sara hatte alle Leidenschaftlichkeit
geerbt von ihrem Vater, und nur die empfindliche Eitelkeit ihres Geschlechtes
von der Natur noch mit in den Kauf bekommen. Sie errötete, begann zu zittern
und verschüttete die Süssigkeiten, als sie mir die geschliffene Krystallschale
reichen wollte und zufällig dabei meine Hand berührte.
    »Du kannst uns nun verlassen, Sara,« sprach Mardochai, dessen Blicke
basiliskenartig Alles durchspähten. Sara gehorchte, sie schied mit einer
Verbeugung, die schönen Hände auf dem Busen kreuzend. Ich folgte ihr mit den
Augen. An der Tür wandte sie sich, Mardochai sprach mit Oskar, schnell warf mir
das schöne Kind des Morgenlandes ein paar Kusshändchen zu und schlüpfte
geräuschlos in das anstossende Gemach. Da stand Mardochai auf und sprach laut zu
Oskar. »Kommen Sie und überzeugen Sie sich, wie elend sich ein Jude behelfen
muss, um sein Leben zu fristen, weil Ihr Christen immer noch kein Gehör habt für
eine gänzliche Emancipation des unglücklichen Volkes.«
    Mardochai ergriff einen der silbernen Armleuchter und führte uns durch
lange, schmale Gänge und Gewölbe in ein Hinterzimmer. Hier standen die neu
angekommenen Kisten. Die Fenster waren dicht verschlossen, so dass kein
Lichtstrahl hereinfallen konnte in dieses verborgene Gemach. Rings an den Wänden
hingen eine Unzahl zierlich geschnitzter Kreuze und elfenbeinerner Kruzifixe.
Auch lange Tafeln waren damit bedeckt, Heiligenbilder, wie sie noch immer in
katolischen Ländern von den niedern Volksklassen gern gekauft werden, lagen in
hohen Stössen aufgeschichtet am Boden. Viele waren schlecht auf ganz gemeines
Fensterglas gemalt, andere roh in Cedernholz geschnitzt. Doch gab es auch
Arbeiten von sauberster Feinheit, die wahrhaftigen Kunstwert hatten.
    Des Juden Gestalt schien sich zu heben, sobald die Tür hinter uns in's
Schloss gefallen war. Er zündete mehrere Wandleuchter an, die ich ihrer Form nach
für Türkenköpfe mit Turbanen umwunden hielt und den Wachskerzen zu Dillen
dienten. Als nun ein magischer Lichtglanz das Zimmer erfüllte, schritt der Jude
wie ein zürnender Gott durch die Reihen der Kisten und Ballen, die teils offen,
teils verschlossen, den Raum des Gemaches erfüllten.
    »Mit solchem elenden Schacher muss sich ein verachteter Jude behelfen,« sagte
Mardochai, seine hohe Gestalt stolz aufrichtend in dem schimmernden, weissen
Seidentalar, den er vor der Mahlzeit angelegt hatte. Er stand da gleich einem
Hohenpriester Israels zur Zeit seines Glanzes. »Ich will doch sehen, was mir da
meine Handelsfreunde zugesendet haben.«
    Ein kleiner Hammer öffnete eine der Kisten mit wenig Schlägen. Wohlriechende
Körner rollten am Boden. Der Duft frischer Myrrhen erfüllte das Zimmer mit
süssem, betäubendem Aroma.
    »Wohl bedient,« sagte Mardochai, die Körner sammelnd und sie behutsam in
eine silberne Schale legend. »Man muss vorsichtig mit so edlem Gut umgehen, denn
wer kann wissen, ob nicht jedes dieser verdampfenden Körner eine Seele mehr
hinaufkräuseln hilft zum Himmel, der minder casuistisch gesinnt ist, als die
Erde.«
    Die dunklen Worte lagen wie Blei auf mir, meine Zunge war gebunden, Oskar
lehnte, einer Marmorgestalt gleich, an der Tür.
    »Sie glauben nicht,« fuhr Mardochai fort, indem er eine zweite Kiste
besichtigte, »wie gesucht meine Artikel sind. Der wunderliche Jude, der alle
Jahre eine Reise durch Deutschland und Frankreich macht, sagt man fern und nah,
hat doch eine recht lobenswerte Anhänglichkeit an Alles, was nur irgend dem
kirchlichen Leben förderlich sein kann. Ein Wort schon genügt, und man wird
versorgt, nicht direct, aber doch immer durch seine Verwendung. Der gute Mann
muss recht unglücklich sein, dass ein jüdisches Kleid seine Glieder umfliesst. Sein
Blick ist so sanft melancholisch, sein Gesicht so bleich. Und doch bleibt er
immer derselbe, immer ruhig, heiter, gefällig, ohne gehorsamst zu danken oder
den Hut zu ziehen. - So, meine Herren, spricht man von mir, und, ich meine, mit
einigem Recht. Denn das Bischen Wohlstand, was ich mir zusammengehandelt,
verdanke ich bloss dem Geschäft, auf das mich ein glücklicher Gedanke führte.
Ohne übrigens Rücksicht zu nehmen auf den reellen Profit, sehe ich darin auch
einen ideellen. Das Christentum profitirt von dem Judentum ein Stück geistiger
Force, und das Judentum vom Christentum mehr klingengen Halt. So bildet sich
zwischen beiden eine recht lustige Harmonie aus, die gar nicht zu verachten ist.
Ein speculativer Kerl geht nie zu Grunde, wär's auch nur ein armer jüdischer
Arzt, der als Mann der Wissenschaft nicht bestehen konnte, weil er seinen
Appetit nicht ganz emancipiren wollte und der Humor ihm deshalb Bauchgrimmen
verursachte. Der Zufall ist witzig, meine Herren, und mich hat mein Nichtappetit
wohlhabend gemacht, doch bei Gott, nicht zu meinem eigenen Nutzen! Es gilt,
Grösseres zu vollbringen.«
    Den Hammerschlägen hatte sich die Kiste geöffnet. Eine feine Substanz, von
durchsichtiger Weisse, fiel über die Ränder heraus. »Halt,« sprach Mardochai und
sein Gesicht zuckte zusammen in einer Mischung diabolischer Schadenfreude und
schluchzender Wehmut, »Halt! dass nichts verloren geht von dieser gebleichten
Körperlichkeit.«
    Ich riss die Augen weit auf, Mardochai's Blick begegnete dem meinigen, sein
Auge glänzte und glühte, er griff mit der ringgeschmückten Hand in die feine
Substanz und bestreute mir mit dem Mehlstaube das Hauptaar. »So,« sagte er,
»ich sollte meinen, eine Decke solchen Staubes müsste für jeden etwaigen
revolutionären Gedanken ein undurchdringlicher Panzer sein.« - »Ich für mein
Teil,« fuhr er fort, »habe dabei nur gelernt, wie leicht es ist, mildtätig zu
werden, wenn der Geist der Speculation gewaltiger ist, als das Gewissen, oder
der stille Groll eines tief verwundeten Volksherzens heftiger klopft, als das
Rauschen der Gerechtigkeit, deren Zähne beim Kusse sich verbissen haben in die
tönende Schaale! Mardochai, meine Herren, möchte gern Mensch sein, und das fällt
ihm schwer! Darum wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.« -
    Unter den letzten Worten hatte er eine verborgene Tür geöffnet. Die kühle
Nachtluft wehte herein. Auf den Köpfen, die sich wie jammernd hervorbäumten aus
dem Wandgetäfel, und deren Turbane ich jetzt erst für Dornenkronen erkannte,
stammten die hellen Kerzen. Das Wachs rann herab über sie und bohrte sich ein in
die Augenhöhlen des grössten Propheten. - Mein Herz schwoll auf in furchtbarem
Zorn. Ich erhob die Hand, um einen heftigen Schlag gegen den Entsetzlichen zu
führen, allein Mardochai war gefasst auf Alles. Ein rasch geführter Stoss mit dem
Hammer lähmte meinen Arm, der Luftzug blies die Kerzen aus, nur der weissseidene
Talar des Juden flatterte gespenstisch in der dunklen Kammer. Er stiess uns
hinaus in's Freie und rasselnd schlug die Türe hinter uns zu. Ich glaubte ein
dämonisches Gelächter zu hören, dann ein tiefes wehklagendes Schluchzen. Doch
hatte ich mich wahrscheinlich geirrt. Der Nachtwind murrte um die Giebel und das
Schluchzen hallte herüber vom nahen Rhein, dessen eilende Wellen sich an den
Kielen der Schiffe brachen.
    Die halbe Nacht irrte ich mit Oskar, dessen ganze Seelenkraft gebrochen war,
in der Stadt, am Ufer des Stromes und den einsamen Spaziergängen umher. - Ja ich
seh' es, dass Gleichmut in seinen Ahnungen mit Friedrich nahe zum Ziele
getroffen hat. Mardochai ist ein Teufel unter den Göttern und ein Gott unter den
Teufeln. Wer aber mag den ersten Stein aufheben gegen ihn und wer es wagen, zu
sprechen: Du allein bist der Verworfene? Mardochai ist so gut, wie wir Alle, ein
Kind der Notwendigkeit. So gut es Christen gibt, die sich abwenden möchten vom
Dienst, den Worte gebieten, weil bloss ein finsterer Schatten den Ort bezeichnet,
wo einst der wahrhaft hehre Tempel der Heiligung sich zum Himmel erhob, warum
sollten sich nicht eben so gut Juden finden dürfen, die im Herzen ledig und baar
ihres Mosaismus, bloss durch die Schmach der Gegenwart noch zu erheucheltem
Festalten an das Gesetz gezwungen werden? Starre Juden sind schon fertige
christliche Proselyten. Wollten wir nur das unglückliche Volk emancipiren, so
pfropften wir frische Reiser auf den welkenden Baum der Religiosität, und ein
neuer, reinheiliger Geist würde die absterbende Masse wieder beseelen. Aber die
solide Bequemlichkeit der Privilegirten mag nichts davon wissen. Und hätte
Pilatus hundert Leben, und könnte mit tausend Stimmen fragen, er würde laufen
müssen durch die ganze Welt bis zum jüngsten Tage ohne Antwort zu erhalten auf
seine Frage: »Was ist Wahrheit?«
    Es ergeht mir, wie Jedem mit diesem Juden. Ich hasse ihn grimmig und liebe
ihn doch mit erschütternder Wehmut. Ein Mensch wie Mardochai kann nicht Jude
sein und darf nicht Christ werden. Er hat zu viel Göttliches neben dem
Dämonischen in sich. Das blosse Menschentum aber kann nicht genügen, weil es den
heiligen Glanz verloren hat im Umhertoben der Geschichte. Es trägt nur noch den
Kampfrock, bespritzt mit Blut und Staub, zerfetzt vom Getümmel der Schlacht. Das
Menschentum wird erst dann an die Stelle des Christentums treten dürfen, wenn
dieses zurückgekehrt ist zu seiner ursprünglichen Reinheit und in seine Lehren
die Sätze aufgenommen hat, die ein zweitausendjähriger Fortschritt der
Geschichte unbeachtet in das Gedenkbuch des Himmels eintrug. -
    Ob dies möglich ist auf europäischem Boden wie er jetzt sich gestaltet hat?
- Nein, Ferdinand! Glaube an Gott, an Christum, Glaube an die Allmacht der Liebe
und Erlösung, an diesen Wahn aber glaube nicht! Europa wird durch den Schmerz,
den es fühlt über seine verlorene Ewigkeit und Freiheit, beitragen zur Schöpfung
einer neuen, aber nur der Schleppenträger dieser Freiheit und Religion wird es
sein, nicht ihr eigenster Besitzer. Und diese Freiheit ist die Freiheit von
Leben und Gedanken, und diese Religion nennt sich die Religion der Humanität!
Sie beide aber bringt nicht die Morgenröte, sondern nur der duftige, warme
Glanz des Westens, der die Lippe der Atlantis bewegt und tönen macht das noch
ungeahnte Lied einer freien Religion und einer religiösen Freiheit - vielleicht
aber auch ein neuer Stern, der mit hellem Licht bestrahlt die Trümmer der alten
Burg Zion im Lande Palästina! -
 
                                      12.
                                 An Ferdinand.
                                                             Köln, Ende October.
    Ungeachtet Deiner Verstimmung fahre ich doch von Zeit zu Zeit fort in meinen
Berichten. Du hältst noch zu sehr an dem Herkömmlichen und bist furchtsam, wo Du
mutig sein solltest. Grade wie es jetzt hergeht in der Welt, hat ein recht
frischer Mut nichts zu fürchten. Die Hoffnung auf das Gelingen hält das zagende
Herz immer aufrecht und lässt es die schweren Stunden des Kampfes vergessen. So
wenigstens fühle ich, seit der Wille der Vorsehung mich in diese Wirren gestellt
hat. Ich finde, dass am Ende kein Zustand völlig unerträglich werden kann, mag
man sich nur im Geiste eine Aussicht in die Zukunft frei erhalten. Das ist
freilich unklug gesprochen, aber die unbewusste Politik des Menschenherzens
drängt früher oder später jeden Einzelnen dazu hin. Ich gehöre gewiss nicht unter
die Matterzigen, aber das immerwährende Hereinbrechen zerstörender Lebensstürme
hat mich abgehärtet und seit einiger Zeit mit grösserer Besonnenheit dem Ziele
entgegenstreben lassen. Was ich will, ist mir klar, das Wie? kann allein von den
Verhältnissen bestimmt werden.
    Seit meinem näheren Zusammentreffen mit Mardochai haben sich die Dinge hier
fortgeschoben in dem breiten Gleis der Gewöhnlichkeit. Ein unaufmerksamer
Beobachter würde nichts Auffallendes entdecken, mein Auge ist jedoch für die
geheimen Lebensregungen geschärft worden, und so kann ich aus dem stillen
Fortschieben der Tage eine nahende Krisis herauslesen.
    Bardeloh kommt wenig aus. Er arbeitet viel, wie er mir sagt, an seinem
Testamente. Dieser Ausdruck möchte wohl schwerlich in dem gewöhnlichen Sinne zu
verstehen sein; er schreibt an der Gestaltung der Welt, wie sein ungestümer
Geist diese sich in der Zukunft denkt. Niemand darf ihn stören, selbst seine
Gattin nicht, die ein wahrhaft kummervolles Leben führt. Felix nur hält das
beklagenswerte Weib aufrecht und beglückt es auf Augenblicke. Warum musste doch
grade Rosalie die Frau dieses Mannes werden! Sie wär glücklich gewesen ausser der
Ehe.
    Eduard oder Bonifacius hat dann und wann eine Art lichter Augenblicke. Ich
besuche ihn öfters und weiss man ihn zu behandeln, so ist es nicht eben schwer
mit ihm zu verkehren. Nur einzelner Worte darf man sich nicht bedienen, sonst
kommt der Geist des Irrsinns mit Furienwut über ihn und das Leben eines Jeden
ist dann gefährdet. Diese Worte sind »Kloster,« »Liebe,« »Gelöbnis,«
»Priestereid,« »Mönch« und der Name »Gleichmut.« - Eine Zeit lang machte mich
dieser Abscheu gegen den nicht minder unglücklichen Pastor unmutig, da ich von
ganzem Herzen eine Confrontation dieser beiden Menschen zu bewerkstelligen
wünschte. Mich trieb nicht Neugier dazu, sondern eine Art Instinct, der mich
erwarten liess, ein plötzliches Sehen derjenigen Person, die den Armen vermocht
hatte, das unselige Gelübde zu tun, werde wie eine heilsame Medicin auf den
Irren wirken. Ein unerwarteter Schreck kann bei Geisteskranken Wunder tun, und
grade Bonifacius schien mir seiner ganzen Natur nach geeignet, durch ein solches
Mittel allein den Gebrauch seines Verstandes wieder zu erlangen. Die Gelegenheit
blieb lange ungünstig, Gleichmut begierig auf die Lösung meines gegebenen
Wortes, bestürmte mich jedoch täglich, ihn der Ungewissheit zu entreissen und ich
wagte endlich einen Versuch. Zuvor unterrichtete ich Bardeloh von meinem Plane
und schlug vor, auch Casimir Teil nehmen zu lassen an der Erkennungsscene. Mein
Gastfreund war es zufrieden und Tag und Stunde wurden festgesetzt.
    Du wirst Dich vielleicht wundern, dass ich hier von einer Confrontation
zweier Menschen spreche, die sich schon vor längerer Zeit begegnet sind. Du
magst aber nur bedenken, dass jene Begegnung zu einer Zeit sich zutrug, wo
Gleichmut wenig Acht darauf hatte und Eduard durch die lange Kerkerhaft und
seine furchtbaren Seelenleiden jede frühere Aehnlichkeit gänzlich verloren
hatte. Jetzt verliehen ihm Ruhe und liebevolle Behandlung wieder ein
menschliches Aussehen, und ein prüfendes Auge mag wohl sogar einige Aehnlichkeit
mit Bardeloh in ihm entdecken, auch ohne jenes furchtbare Muttermal dabei zu
Rate zu ziehen.
    Es war ein heiterer Abend, die Sonne beschien warm und malerisch die alten
grauen Türme und Giebeldächer. Aus dem Garten, in den die Fenster von Eduards
Zimmer hinabsehen, stieg Blumenduft in die Atmosphäre auf. Der Mönch war ganz
heiter, sein Auge bekam Leben und Licht, die Angst der Seele schien gänzlich von
ihm gewichen zu sein. Guter Hoffnung voll holte ich Gleichmut ab, der täglich
siecher wird und mir ängstlicher Hast an seiner Geschichte der Heiligen
arbeitet. Bardeloh war bereit; in seinem fast Jedermann verschlossenen Cabinet
fanden wir bereits den dramatischen Dichter und den heitern Felix.
    Casimir ist nach seiner Weise zufrieden. Er schreibt an einem neuen
wunderlichen Werke, lebt dabei ganz nach Belieben, cynisch, wie's ihm recht ist,
und kann seinen Unmut ungestört auslassen. Mehr verlangt dieser colossale
Mensch eigentlich nicht, und ist man ihm dabei zu Willen in Kleinigkeiten, so
ist schon ein Auskommen mit ihm. Er stelzte auf eine höchst scurrile Weise in
dem feinen Gemache Bardeloh's umher und fluchte dabei still für sich hin, dass
die Erde hätte weinen mögen. Um nur etwas zu haben, woran er sich halten konnte,
ergriff er einen der drei Todtenschädel, womit Bardeloh seinen Schreibtisch
verziert hat, und die ihm des Nachts zu Lampen dienen. Es ist dies nun einmal
seine Liebhaberei.
    »Kerl,« sagte er eben zu Bardeloh, als ich mit Gleichmut das Zimmer betrat,
»hättest Du nicht diese Gehäuse hier um dich aufgepflanzst, so hielt ich Dich
für eine gewichste Lavendelseele. Daraus aber erkenne ich, dass eine solide
Wildheit noch immer auf Dich wirken kann.« Kaum ward er Gleichmut's ansichtig,
als er den Schädel dem Pastor gerade vor das Gesicht hielt und fort fuhr: »So
soll mich doch der Satan zu einem Mädchen machen, wenn Du nicht einer
verschütteten Leichenpredigt so ähnlich siehst, wie ich einem Narren! Gelt, Du
bist eine ambulirende Predigt?«
    »Ist's möglich,« sagte Gleichmut, »Casimir, Du lebst noch?«
    »In Sack und Hose, wie ein europäischer Kernphilister, aber weniger sauber.
Urdr... ist mein Element, denn aus ihm hat - offen gesprochen - Gott die Welt
gemacht.« -
    »Und Du hältst Dich wohl für seinen Substituten?« warf Gleichmut fragend
ein.
    »Behüte der Teufel! Ich bin bloss sein Spucknapf. Zu Substituten taugen nur
solche Lumpensammler, wie Du, Kerl. Du bist ein wahrhaftiger Leichdorn an der
kleinen Zehe des Allmächtigen!«
    »Wenn Sie bereit sind,« unterbrach Bardeloh das Gespräch der beiden alten
Bekannten, »so wollen wir einen Dritten besuchen. Dir, Casimir, befehle ich
Ruhe, oder ich werfe Dich unverzüglich aus dem Hause!«
    »Ein majestätischer Spruch wird immerdar respectirt,« versetzte Casimir.
»Denkt so eine parfümirte Schneiderseele,« brummte er für sich, »sie sei reif,
neue Staaten zu gründen und Republiken auszuspeien, und schleppt doch noch die
Eierschalen aller aristokratischen Teufeleien an den Fersen mit sich herum. Dass
Du zünftig wirst, macht Dich noch nicht gross.«
    Bardeloh schickte seinen Sohn zuerst in das Gemach des Mönches. Aus den
wenigen Worten, die er mit dem Knaben sprach, liess sich eine glückliche Stimmung
erraten.
    »Treten Sie ein, Gleichmut,« sagte Richard, »Ihnen gebührt hier der
Vortritt.« -
    Der Pastor überschritt mit mir zugleich die Schwelle. Der Mönch sass am
offenen Fenster, eine Laute lag vor ihm auf der Tafel, denn zuweilen verlangt
ihn nach Musik und er klimpert dann ohne Harmonie auf den Saiten. Felix kniete
auf einem Schemel und strich dem Wahnsinnigen die wenigen greisen Locken aus der
scharf hervortretenden Stirn. Gleichmut blieb erschrocken stehen. »Wer soll
dieser Mann sein? Doch nicht etwa Einer, den ich früher kannte?«
    »Fassen Sie ihn in's Auge,« sprach Bardeloh, »und wenn Sie ihn dann
erkennen, so gedenken Sie nur der richtenden Geschichte!«
    Gleichmut und Eduard sahen einander unverwandt an, ohne das geringste
Zeichen einer früheren Bekanntschaft zu geben. Endlich sprach der Pastor
kopfschüttelnd: »Ich kenne den Menschen nicht; es muss ein Irrtum sein.«
    »Dann ist Ihre Lebensgeschichte eine Lüge!« sprach Bardeloh.
    »Bei Stola und Pritsche,« fiel Casimir ein, »Du hast Recht. Denn dieser von
Gebeten auseinandergetriebene Schädel dort hat die Weihen da empfangen, wo ich
das Tabernakel plünderte.«
    »Himmel und Erde!« rief zusammenbrechend Gleichmut, »Eduard, der
Verteidiger der Askese? Er, der meine Wette annahm? - Du bist unglücklich, ich
seh's an Deinem versunkenen Auge! - Du hast ein elendes Dasein hingeschleppt als
Kette, die der Fluch der Natur an Deinen Eid schmiedete. Eduard, Eduard, kennst
Du mich?«
    Der Aufgeregte stürzte sich auf den bisher teilnahmlos gebliebenen Mönch.
Er ergriff in krampfhafter Wut seine Hand, suchte in seinen Zügen die Leiden
eines mehr als zehnjährigen Lebens zu lesen und bedeckte dann, um Vergebung
bittend, die Hand des Wahnsinnigen mit heissen Küssen.
    Da schien eine grauenhafte Erinnerung höhnisch lebendig zu werden in
Eduard's wahnwitziger Seele. Ein gellendes Gelächter lief schreiend und
händeringend an den Wänden hinan; er nahm die Guitarre, griff mit den knöchernen
Fingern hinein, dass schrillend die Saiten zerrissen, und wirbelnd sich im Kreise
drehend, heulte er den letzten Vers aus seinem Liede, bis er ohnmächtig zu Boden
sank. Felix kniete neben ihm nieder, in der Unschuld Tränen das Gesicht des
Wahnsinnigen badend. Auch Gleichmut verliessen die Kräfte. Sein siecher Körper
konnte wohl eine in ruhiger Mässigung genossene Seelenqual ertragen, nicht aber
den Sturm aufgerüttelter Leidenschaften. Er kniete auf die andere Seite des wie
todt Hingestürzten, und seine Hand auf die Stirne des Mönchs legend, sprach er:
»Du hast verloren wie ich, gewonnen hat allein der tragische Witz des
Schicksals. Du fielst ein Opfer der Entaltsamkeit und ich der entfesselten
Begierden. Am Ende aber bist Du doch noch glücklicher als ich. Denn Dein ist nur
der Wahn, und Dein Wehe kam aus einem reinen Herzen, mich aber erdrückte die
Lust des Gedankens und der umherwandernde Rachegeist des gemisshandelten,
urältesten Volkes der Erde.«
    »Nicht doch, Hochwürden,« fiel hier eine mir wohl bekannte Stimme mit
eiskalter Ruhe ein. »Es waren Studien, Experimente, angestellt mit der Physis
der Seele, zu Nutz und Frommen der Nachwelt. Dass der Physiker dabei geschickter
war, als sein Famulus, war Sache der Vorsehung. Wenn ich mich räche, so baue ich
an der Zukunft der Welt, indem ich wohl weiss, dass das Fertigwerden dieses neuen
Völkerdomes den Tod des Baumeisters bedingt. Doch haben Sie noch je ein Kind aus
dem Stamme Juda's töricht gesehen? Mardochai kann elend sein, dumm ist er
nicht! Mardochai stirbt weder am Christentum, noch unter Christen. Er stirbt
allein am Tode des Mosaismus und der Unbarmherzigkeit derer, die sich brüsten,
das Privilegium der Barmherzigkeit zu besitzen.«
    Der Jude stand hinter uns und musterte die Umgebung. »Lauter alte Bekannte,
wie ich sehe,« fuhr er fort, Casimir's Hand kräftig schüttelnd, die er zum
ersten Male wieder sah.
    »Der Sinn ist Canaille geblieben,« sagte dieser, »nur die Jacke hat sich
geändert. Nun darauf geb' ich nichts, die Hauptsache ist immer, dass einer nicht
dumm wird an eingemachten Liebesseufzern. Alter, wie geht's Dir? Bist Du munter
und schacherst Du noch immer mit gut angelegten Gedanken?«
    »Das Gewerbe blüht,« sprach Mardochai, »aber ich hoffe, nicht mehr gar
lange! Die geistigen Zungen der Völker sind gewählter geworden.«
    »Bravo! Trüffelsauçen für das Pack! Jude, ich sage Dir, geh' in die Pilze.
Du bist der Kerl darnach, die giftigsten herauszulesen zur Betäubung dieser
sublimen Himmelsfliegen.« - Er deutete auf die kniende Gruppe.
    Casimir kam immer tiefer in seine Redeweise hinein, und da Mardochai ihm
keinen Widerstand leistete durch vieles Dazwischenreden, so gab uns seine Laune
noch Dinge zu hören, wofür keine Schriftsprache Worte besitzt. - Der Mönch
erholte sich unterdess wieder, allein das Bewusstsein war dahin. Wilder und
glühender als je, irrten seine Augen in den tiefen Höhlen, er murmelte nur
unverständliche Worte, Gleichmut's Namen allein konnte man deutlich aus dem
Wirrwarr heraushören. Da sich eine heftige Tobsucht seiner bemächtigte, musste er
gefesselt werden. Erschüttert verliessen wir alle den Schauplatz des Jammers.
Gleichmut war wie vernichtet, Bardeloh brütete still für sich hin. Felix hing
sich weinend an meinen Arm. Nur Casimir liess sich den Humor, wie er es nannte,
durch diese »gut durchgeführte Farce der unvermögenden Weisheit« nicht verderben
und Mardochai stand einsam da in der Grösse seiner Ruhe, wie ein prophetisches
Bild, für dessen Sprache die Stunde noch nicht gekommen ist.
    Meine Absicht scheiterte an der unheilbaren geistigen Zerstörung Eduard's. -
Ich begleitete den Pastor nach Hause und schlich mich dann unter Sternenschein
in die Nähe von Mardochai's Wohnung, um irgend wo die liebliche Sara zu
entdecken. Ich hatte seit jenem Abende die schöne Jüdin nur ein einziges Mal
gesprochen, konnte aber zu kurze Zeit bei ihr verweilen, um sichere Schritte für
meine Pläne zu tun. Auch werde ich mich keineswegs durch vorschnelles Handeln
übereilen. Ist doch ohnehin Alles bereits so weit zum Abgrunde hingerissen, dass
es jetzt wahrlich nicht auf ein Dutzend Elendigkeiten mehr oder weniger viel
ankommt! Dem Juden kann ich nicht zürnen, so entsetzlich er mir auch ist. Sein
Zweck ist vielleicht eben so edel, als der meinige, aber diese Zerklüftung des
Menschen und der Secten nötigen ihn, zu Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, die
vielleicht in der schöpferischen Begeisterung eines Gottes noch als Frevel
erschienen.
    Sara war nirgends zu entdecken, dagegen leuchteten die Fenster Auguste's so
liebelockend und sehnsuchtswarm, dass ich nach langer Entsagung wieder einmal
ganz dem ungebundesten Glück anzugehören für ein notwendiges Opfer meiner Natur
hielt. Klapperbein, schon gewohnt an mein unvorhergesehenes Kommen und Gehen,
wird nach und nach gefüger. Der alte Narr macht mir Spass, und wollen wir beide
recht kindlich glücklich sein, so muss sich der alte Ephraim zu uns setzen und
Sagen und Schnurren erzählen. Darin ist er denn Meister, immer vergnügt,
sangeslustig und weinselig von früh bis in die Nacht hinein. Erst, wenn man eine
so kernfrische Natur sieht bei der Bleichsucht, die unser ganzes Geschlecht
ergriffen hat, fühlt man, wie unendlich tief uns diese künstlichen Lebensmaximen
herabgestossen haben von der reinen unverfälschten Menschlichkeit; und immer
heisst der Refrain all' meines Wünschens und Denkens: Wiedereinsetzung der Natur
in ihre Rechte, oder Auswanderung dahin, wo sie noch tront, und lebt und
schafft in ihrer ganzen, ungeschwächten, heiligen Kraft! Wüsste ich nur, wie man
schnell diesem so lebenbedürftigen Europa das Nötige wieder geben könnte! Aber
hier sind wir Alle mit unserer Weisheit zu Ende, und nur die Geschichte kann
retten und erlösen, was der Misbrauch derselben auf das Rad der Schmach und des
Entsetzens geflochten hat. -
                                                                    Im November.
    Das Kirmesfest in Deuz führte in den jüngst vergangenen Tagen eine grosse
Anzahl Fremder daselbst zusammen. Nicht allein die Bewohner Köln's wallfahrteten
hinüber nach den öffentlichen Vergnügungsorten, auch die nahe gelegenen
Ortschaften entsandten eine Menge fröhlicher Menschen zu dem heiteren
Volksjubel. Die Tage waren warm und sonnig. Der Herbst schien in einem kurzen
Spätsommer nochmals aufleben zu wollen.
    Ich hatte viel reden hören von den bei dieser Festlichkeit gewöhnlichen
Volksbelustigungen, und fand mich deshalb bei guter Zeit an Ort und Stelle ein.
Felix begleitete mich, er war froh einmal aus der gewitterschwülen Atmosphäre
des väterlichen Hauses in die freie Luft heraustreten zu können. Unterwegs
begegnete uns Mardochai mit seiner Tochter, die ausser dem Hause die
Liebhabereien des Vaters dem Modegeschmacke zum Opfer bringt. Seit unserm
feindlichen Zusammentreffen hält mich ein unheimliches Gefühl ab, in engerem
Verkehr mit Mardochai zu leben. Wir gingen daher ruhig grüssend an einander
vorüber, nur Sara wechselte ein paar bedeutungsvollere Blicke mit mir. Das
wunderliche Mädchen ist in der Tat zu verführerisch, um es mit kaltem Blute
betrachten zu können. Es lag eine offene Einladung in ihrem Blicke, ihr ganzes
Auge war eine mit Lächeln dargereichte Visitenkarte. Ein Wink von mir diente als
Antwort und ruhig ging ich weiter mit dem plaudernden Felix.
    »Das ist recht meine Lust,« sagte der Knabe, als wir der Bellevue
vorübergingen. Unter lustigen Menschen bin ich lebensgern, lache und springe und
singe mit ihnen, und vergesse alles Hässliche, was mich zu Hause immer so
trübsinnig macht. Begreifen kann ich's doch nicht, warum der Vater immer so
verdriesslich ist und die Mutter weinen macht. Wir könnten recht lustig sein,
wenn wir viel spazieren gingen und die Natur mehr liebten.
    »Freilich,« erwiederte ich, »die Natur aber kann nicht jeden Mangel
ersetzen, liebes Kind, den wir im Herzen fühlen, und dessen Ursprung in dem zu
finden ist, was man Leben und Welt nennt.«
    »Nun das mag sein, Sigismund, ich kann es aber nicht glauben, dass ein Mensch
heiter werde, so lange er bloss in der trüben Stube sitzt.«
    »Eben darum nehme ich Dich mit in die offene Natur, unter Volksjubel und
Festesfreuden. Du wirst Dir schon Heiterkeit sammeln für die nächsten acht
Tage.«
    »Schade, dass wir den Bruder Bonifacius nicht mitgenommen haben, fiel der
Knabe ein. Dem würde die Luft erst recht gut tun und das Lachen und Scherzen
der Kinder. Lass mich umkehren, Sigismund, ich will ihn herüberbringen.
    Wenige Worte genügten, den gutmütigen Knaben davon zurückzubringen. Wir
hatten die Gesellschaftsorte erreicht, Spiel, Gesang, Festjubel schallte uns
entgegen, bunte, lachende Menschengruppen wandelten sorglos umher, die
blinkenden Römer in den Händen.
    Felix war unermüdlich, er hüpfte von Laube zu Laube, knüpfte mit Jedermann
ein Gespräch an und ward Allen lieb und wert. Viele der Anwesenden kannten den
Knaben schon und bedauerten mit Achselzucken, dass grade Bardeloh sein Vater sei.
Der Mann ist zwar unermesslich reich, sagten sie, aber nicht minder unermesslich
unglücklich. Das kommt heraus vom Kosmopolitismus und übertriebener
Menschenliebe.«
    »Ja,« fiel ein dicker Weinküper ein, »dies kosmopolitische Unwesen taugt
nicht hier in unser Land. Wir wollen trinken und leben, uns nicht um die
Elendigkeiten von Hinz und Kunz viel bekümmern. Reines Haus halten war immer die
Hauptsache und wird's bleiben, so lange ein ehrlich gefülltes Weinglas Herz und
Auge erfreut. Bleibt mir mit der Kosmopolitik vom Leibe, die pure, simple
Politik macht mir schon Kolikbeschwerden.«
    Es fanden sich viele solche echtdeutsche Sauerkrautphilister zusammen, und
käme es bei einem wahrhaftigen Urteilsspruch auf die Menge der Mäuler an, so
würde sich die Zahl der Stimmfähigen auf ein sehr kleines Häuflein reducirt
haben. - Mir lag wenig daran, Politik zu verhandeln und alle Miseren des Lebens
abermals durchzukosten. Der Nachgeschmack entgeht einem ja ohnehin keinen Tag.
Schon Felix zu Liebe gab ich mich der Unbefangenheit hin und war einmal kindisch
froher Mensch, so weit dies in unserer Zeit möglich ist.
    Gegen Abend ward das Menschengedränge immer heftiger. Bunte Laternen wurden
angebrannt, die Weinlust warf Schwärmer in die Luft und ergetzte sich am Zeter
der furchtsamen Mädchen, die in reicher Anzahl versammelt waren. Ich zog mich
zurück aus dem ärgsten Getümmel, um in der Dämmerung meinen kleinen
Schutzbefohlenen nicht zu verlieren. Der Abend war warm und still. Auf dem
breiten Strome schwammen unzählige Gondeln. Das Ufer entlang schwärmten singende
Gruppen. Unter den Spazierengehenden fiel mir eine kräftige Männergestalt auf,
die in Gang, Haltung und Tracht etwas Fremdartiges hatte. Der Mann war muskulös
gebaut, hoch gewachsen, sein Haar zwischen blond und braun. Die Kleidung sehr
fein, aber durchaus nicht europäisch. dabei schien weltmännische Bildung ihm
nicht fremd zu sein. Da er ohne Begleitung ging, gesellte ich mich zu ihm. Auf
seinem Gesicht lag eine Heiterkeit, wie ich sie fast noch nie gesehen hatte. Es
war nicht jener scherzend lose Frohsinn, wie ihn der Sanguiniker unseres
Schlages gewöhnlich zur Schau trägt, es lag mehr Kraft, mehr Bewusstsein
männlicher Stärke in diesen offenen Zügen. Das Gesicht war stark gebräunt, aber
schön, einige leichte Falten umzogen die hohe Stirn, der Mund sprach Festigkeit
aus, das Auge blickte frei und besonnen umher. Keine Tücke bog sich verstohlen
in den glänzenden Himmel hinein.
    Eine solche Physiognomie macht den nämlichen Eindruck, wie jene
melancholisch-tiefsinnigen Gesichter, denen wir, namentlich in Deutschland, so
oft begegnen. Die gedankenbleichen Gesichter unserer Jünglinge ziehen an, aber
wecken auch ein Schmerzgefühl in uns, das mit einem Male jede wahrhaftige Freude
lächelnd umbringt. Man kann sich nicht erfreuen an diesem Tiefsinn eines
grübelnden Lebens, er drückt nieder, so interessant er ist, es ist der Tod
unseres Volkes, der uns auf jedem Schritte heimlich nachschleicht.
    Der Fremde blieb an einer Krümmung des schmalen Fusspfades stehen und
betrachtete den Strom, die Stadt mit ihren alten vielen Türmen und dem
ungewohnten Leben, das herüber und hinüber zog über die Schiffsbrücke. Sein Auge
blieb heiter, ein sanftes Lächeln bewegte in glücklichem Stolz die männlich
reifen Züge, die starke Brust schien nie geschwächt worden zu sein durch
angstvolles, öfteres Seufzen.
    »Das Volk ist heut einmal recht vergnügt,« sprach ich, zu dem Fremden
tretend, »man findet eine solche ungebundene Fröhlichkeit nicht alle Tage.«
    »Es ist ein mächtig lustiges Leben,« erwiederte der Fremde in reinem
Deutsch, aber mit fremdartigem Accent. Das »mächtig lustig,« liess mich sogleich
den freien Sohn Nordamerika's in ihm erkennen. Eine junge Hoffnung schoss üppig
auf in meinem Herzen bei dieser Wahrnehmung. Es war der erste Amerikaner, den
ich sprach, und die letzten Wochen hatten mir das ferne Land im Westen so nahe
gebracht, so eng in den Kreis meiner Wünsche und Lebenserwartungen eingesponnen,
dass ich mich selbst einen Bürger dieses fabelhaften Weltreichs fühlte.
    »Haben Sie Ihr überatlantisches Vaterland schon längst verlassen?« fragte
ich, in der Absicht des Fremden Stolz zu wecken und dadurch zu einem Gespräch
über Amerika zu nötigen.
    »Woher wissen Sie, dass Amerika mein Geburtsland ist?«
    »Ihr freies Wesen, ihr männlich froher Blick verrieten es mir.«
    »Wahrlich, Sie verraten mir gleichermassen,« erwiederte der Amerikaner, »dass
Sie ein Europäer sind. Das ist ein mächtig schmeichelndes Volk, unbehaglich für
uns mehr als grade, etwas derbe Menschen. Warum schmeicheln Sie mir, der ich Sie
eben so wenig kenne, wie Sie mich?«
    Es ist beschämend, gestehen zu müssen, dass ich nicht im mindesten die
unbewusst ausgesprochene Schmeichelei gefühlt hatte. So unnatürlich sind wir
geworden durch die Verhältnisse, dass selbst die offenste Ehrlichkeit nicht mehr
fühlt, wenn sie aus Ehrlichkeit unehrlich wird. Complimente sind so dicht
verwachsen mit unserm Leben und Denken, dass ein glücklicher Gedanke gewiss das
Halsbrechen riskirte wenn er nicht in gehörigem Schritt dem Leben Reverenz
machen dürfte. Es ist zum verzweifeln! Du glaubst nicht, Ferdinand, wie
erbärmlich klein ich mich fühlte mit all meiner sublimen Bildung gegenüber der
Gradheit dieses ehrlich stolzen Amerikaners. Ich machte keine Entschuldigung,
sondern gestand offen und frei meinen Fehler. Dies gefiel dem Amerikaner. »Wie
heissen Sie?« fragte er, meine Hand tüchtig schüttelnd. Ich nannte meinen Namen.
»Schön,« sprach er, »und der meinige ist Burton. Ich bin aus Cincinati am Ohio.
Kommen Sie. Der Rhein ist ein mächtiger schöner Strom, mit dem Ohio aber kann er
sich nicht messen.«
    Wir gingen den Strom entlang. Der Jubel des Volks versank in die Ferne. Die
Sterne blinkten mild herab vom blauen Himmel, in stillem Glanz stieg der Mond
auf und überstrahlte das alte Köln mit duftigem Schimmer. Felix, der bisher den
Amerikaner von allen Seiten betrachtet hatte, ergriff jetzt Burton's Hand, indem
er sagte: »Lass' mich sie küssen, Amerikaner! Vater hat immer gesagt, ein
Amerikaner sei ein ganzer Mensch, und das ist einmal ganz wahr gewesen vom
Vater. Ich bin Dir gut, Amerikaner, und ich möchte wohl auch einer werden, wenn
die Mutter es nur erlauben wollte. Du siehst grade aus, wie ein ganzer Mensch.«
    »Ein liebes Kind,« sprach Burton, »nur etwas idealisch. Das taugt nichts, am
wenigsten für Amerika. Indes der Knabe würde sich schon ändern.«
    »Auf dem Ohio würde ich Schiffe bauen,« sprach Felix »und damit in den
Missisippi fahren. Das muss ein recht grosser Strom sein.«
    »Es ist ein mächtig grosses Wasser, der Vater der Gewässer, mein Sohn.«
    Nach einigem Hin- und Herfragen erfuhr ich von Burton, dass er bereits seit
zwei Jahren sein Vaterland verlassen habe, um Europa und vor allem Nordamerika's
Mutterstaat, England, zu besuchen. Handelsverbindungen und die Lust, Menschen
und Länder kennen zu lernen, hatten ihn jüngst nach Deutschland geführt, dessen
Volk ihn vor allen europäischen am meisten anzog. Er hatte in seiner Heimat
deutsche Ansiedler gesprochen und in ihrem Umgang unsere Sprache erlernt. Das
tiefe Gemüt jener Menschen, die durch harte Entbehrungen und unermüdliche
Ausdauer alle Schwierigkeiten siegreich überwunden und sich zuletzt zu einem
Wohlstand heraufgeschwungen hatten, wie er selten in so geordneter Schönheit
sich findet, weckten den Wunsch in ihm, das eigentliche Vaterland dieses im
Dulden so grossen Volkes kennen zu lernen. Allein noch war ihm bis jetzt jene
Lebenskraft nicht begegnet, die er an den Ausgewanderten bewundert hatte. Es
ward ihm unheimlich unter diesem gutmütigen Ceremonienwesen, das nicht Product
einer freien Gesinnung, sondern bloss Auswuchs einer schiefen Stellung zur
Weltgeschichte ist. Der freie, naturfrische Sohn Amerika's konnte nicht fassen,
wie es eine Convenienz geben müsse, um mühselig durch's Leben zu schleichen.
Dieses hüstelnde Herumpinseln nach irgend einer lockern, schon im Entstehen aus
einander fallenden Tat, widerstrebte dem Stolz seiner Männlichkeit, und er war
nahe daran, den Stab zu brechen über die ganze Nation, weil er den Geist des
Wollens so wenig sich kund geben sah in Äusserlichkeiten. Bereits hatte er den
Rhein bereis't bis Strassburg hinauf, war erst vor Kurzem wieder zurückgekehrt,
und stand eben im Begriff, auf einige Zeit nach Paris zu gehen, um an den
dortigen Zuständen die Zukunft des europäischen Festlandes zu erproben. Aus
Allem sprach ein gesunder, heller Verstand, gross und stark geworden im Kampf mit
der riesigen Natur. Kein sanftes Heucheln bog die Lippe zum Geständnis einer
wohl erzogenen Lüge, wie der Europäer sie so gern hört. Das Auge heftete fest
auf den Dingen und erhob aus dem kalt Reellen nur die Zukunft der Welt zu einer
idealen Gestalt. Es ist wahr, Burton hatte für Vieles keinen Sinn, womit des
Europäers ganzes Dasein auf das Engste zusammengewachsen ist. Die Kunst schien
ihm ein völlig törichter Tand zu sein. »Das ist ein mächtig verweichlichendes
Geschäft,« sagte er, »diese Kunstliebhaberei! dabei kommt nichts heraus, das
bildet weder Bürger, noch Menschen, das macht nur idealische Schwätzer.«
    Man kann dies zugeben, ohne einem Amerikaner deshalb ein Recht zu
überliefern, das er in Anwendung bringen könnte gegen Europa's geistige
Civilisation. Es wäre sogar lächerrlich, wollte man von dem jungen Nordamerika
verlangen, es solle in Kunst und Wissenschaft sich messen mit Europa.
Nordamerika ist frei geworden, ohne den blutigen Krankheitslauf einer
tausendjährigen Weltgeschichte durchgefühlt zu haben. Es ward frei und ein Mann,
als ihm die Geschichte die ersten Zähne ausriss. Es musste dies werden, weil die
Erinnerung an die europäische Weltgeschichte als drohendes Gespenst es anspornte
zur Tat. Nun aber sollte Europa sich von ihm borgen die weise Nüchternheit des
im Kampf und Freiheit erstarkten Geistes, um seiner zerbrechlichen Natur wieder
aufzuhelfen, und von den tieferen, poetischeren Gütern seines Lebens
hinüberflüchten in den grossen Tempel der Natur und in die Walhalla der Freiheit,
was in Europa nur schwächend und demoralisirend wirken, in Amerika aber dem
materiell starken Leben einen heiligeren Geist einhauchen kann. Europa wäre
geholfen mit einem ehrlichen Tauschhondel und Amerika könnte dabei auch nur
gewinnen.
    Das lebhafte Intresse, welches ich an Amerika's Lebensgestaltung nehme,
entging Burton nicht. Meine Teilnahme schloss sein Herz auf und liess ihn
Zugeständnisse machen, die ich kaum erwartet hätte.
    »Der Europäer,« sagte er, »täuscht sich oft, wenn er unser glückliches Land
betritt. An den Küsten wohnt nicht die Freiheit im schönsten Schmuck ihrer
jugendlichen Unschuld. Wie das Treibholz vom Nordpol sich ansetzt an Islands
kahle Küstenstriche, an die Faröer und Shetlands-Inseln, so steigen rings am
Strande des Hudsons, Delaware, Susquehannah, Connectitut, die grau gewordenen
Laster aus, die in Europa nicht mehr hinlänglichen Spielraum finden für ihr
lüsternes Leben. Die Küstenstriche Nordamerika's sind bloss die Vorhöfe der
wahren Freiheit. Da treibt sich allerhand Gesindel umher, und wenn auch der
Congress des Volkes Heil berät nahe an dem Wogenschwall der donnernden Atlantis,
die wahre Wohnung der Freiheit muss man suchen im stillen unentweihten Innern
Amerika's. Darum, wen aus Europa der Schmerz vertreibt und wer Heilung sucht für
sein brechendes Herz, der fliehe die grossen volkreichen Städte, in denen, wie
überall, wo die Menschheit sich stösst, der Egoismus herrscht und die Sucht nach
Gewinn und eitlem Tand. Schnell dringe er vor in das Innere. Die Staaten
Tenessee, Ohio, Indiana, Illinois bieten die ungeheuersten Länderstriche dar für
ein glückliches Leben. Nur tätig muss Jedermann sein, das Träumen darf er nicht
mir herüberschiffen über den Ocean. Wir können jetzt nur mächtig fleissige
Menschen gebrauchen, die moralisch aufleben, weil sie kräftig natürlich bleiben.
Vielleicht nach hundert Jahren bietet dann auch das amerikanische Familieenleben
mehr Künste des Friedens dar.«
    Mit Freuden hatte ich den Amerikaner sich aussprechen lassen. Wie schmerzte
es mich, dass ein ähnliches Lob ohne Lüge nicht über meine Lippe gehen konnte von
meinem Vaterlande! Ich eröffnete Burton, dass ich willens sei, in einiger Zeit
nach Amerika zu gehen.
    »Tun Sie dies,« erwiederte er. »Sie kommen fort, Sie sind noch jung und
hoffnungskräftig. Ich werde Ihnen fortelfen, wenn Sie mir Vertrauen schenken
wollen.«
    »Ich gehe aber nicht allein,« sagte ich, »mich sollen noch Mehrere
begleiten, Männer und Frauen. Es lebt hier eine Gesellschaft, die nur todt in
Europa Frieden finden kann. Sie sind geistig und physisch zerbrochen worden von
dem tödtenden Rade, das Europa zermalmt.«
    »Diese Menschen möcht' ich kennen,« versetzte Burton. »Das würde mir einen
klaren Begriff beibringen von europäischer Civilisation, die mir noch gar nicht
recht zu Sinne will. Die Leute sind hier mächtig gescheidt, aber doch im Grunde
wenig klug. Ihr seid allesammt zu gelehrt. Ihr habt viel Geschichte, aber wenig
Leben.«
    Diese Distinction war amerikanisch verständig und sehr bezeichnend. Die
überhand nehmende Dunkelheit hatte uns zurückgeführt nach Deuz. Das Kirmesfest
ging ruhig seinen Gang, in mir aber fanden sich keine verwandtschaftlichen
Regungen mehr. Ich überschritt an Burton's Seite die Schiffsbrücke. Felix merkte
genau auf unser Gespräch und liess sich von dem Amerikaner führen.
    »Wo wohnen Sie?« fragte ich meinen neuen Bekannten, als wir den Brückenzoll
erlegten.
    »Gleich hier am Rheinberge,« erwiederte Burton, »wenn Sie aber weiter in der
Stadt logiren, so begleite ich Sie noch eine Strecke. Der Abendwind wehte ein
paar wehmütig auszitternde Violinentöne vom Hafen herüber, ein Fieberfrost
überlief mich kalt, Burton blieb stehen.«
    »Was ist das für ein seltsamer Spieler oder Virtuos,« sagte der Amerikaner.
»Beinahe alle Abende und oft tief in die Nacht hinein höre ich das Wehklagen
seiner Geige, in das sich nicht selten ein so überlautes Jubeln, fast ein
Orgiengejauchz von wild tobenden Melodien mischt, dass ich mich einer Wehmut
nicht entalten kann, die doch sonst meinem ganzen Wesen sehr fremd ist. Ich
verstehe wenig von Musik und dennoch wittere ich etwas Geniales heraus aus
diesem Spiele! Können Sie mir Auskunft darüber geben?«
    »Später,« sagte ich, »nur so viel mögen Sie erfahren, dass jener Spieler
einer von denen ist, die ich gern hinüber retten möchte nach Amerika.«
    »Sie machen mich neugierig,« erwiederte Burton. »Ihre Bekanntschaft wird
mich länger in Köln aufhalten, als ich vor Kurzem willens war.«
    »Es wäre dies sehr viel Ehre für mich« - fiel ich ein, doch der Amerikaner
unterbrach mich und legte seine kräftige Hand so derb auf meine Schulter, dass
ich erschrack.
    »Keine Ehre, Sir,« sprach der Sohn des freien Amerika. »Wenn ein Mann offen
gesteht, dass ihm eines Fremden Bekanntschaft freut, so begreife ich nicht, wie
dies diesem zur Ehre gereichen kann. Es ist Pflicht, Wahrheitsliebe, das zu
sagen und weiter nichts. Kein Geschwätz und keine Blumen, Sir, sonst geh' ich.«
    Abermals erkannte ich meinen geschminkten Menschen im Spiegel einer
gesunden, urkräftigen Natur. Burton begleitete mich an Bardeloh's Haus. »Hier
also wohnen Sie?« sagte er und küsste den Knaben auf die freie Stirn. »Ein
schönes germanisches Kind, ich beneide den Vater darum.«
    »Das würden Sie nicht, wenn Sie ihn kennten!«
    »Wie, ist der Knabe nicht Ihr Sohn?«
    »Ach ich möchte es wohl sein,« fiel Felix recht wehklagend ein, »aber
Sigismund meint, es ginge nicht und der Vater hat mich doch gar nicht lieb.«
    »Wie kann ein Vater sein Kind nicht lieb haben, und nun gar ein so liebes,
talentvolles!«
    »In Europa kann dies vorkommen. Ja, Sie zittern, Burton, und können das
Entsetzliche dieses Wortes nicht fassen. Jetzt erschrecken Sie vor einer
Wahrheit, die eines Europäer's Blut schon längst nicht mehr in Aufruhr bringen
kann. Der Sohn wird den Vater, oder der Vater den Sohn hassen, weil es die
Verhältnisse bedingen. Es ist der Wille der Weltgeschichte, gegen deren Walten
Niemand auch nur einen Finger erheben darf. Bedenken Sie, Burton, dass Sie in
einer zweitausend Jahr alten Stadt Europa's wandern! Da liegt viel begraben und
mancher Todte könnte mit seinen Seufzern selbst das feste Amerika in seinen
Grundfesten erbeben machen.«
    »Ihr Europäer seid grauenhaft, wenn Ihr prophetisch werdet!« sprach Burton.
»Das Prophezeihen, ja, wahrhaftig, das ist Eure Stärke! Ihr seid mächtig gross im
Wort und mächtig klein im Umbilden des Wortes zur Tat! - Nun, und wer ist denn
der Vater dieses schönen Kindes?«
    »Der Besitzer dieses Hauses, der reiche Particulier Bardeloh.«
    »Bardeloh, Bardeloh!« wiederholte der Amerikaner. »Ist mir's doch, als hätte
ich einen Gruss aus England an diesen zu überbringen gehabt. Bardeloh! Hm! Und
das Geschäft des Mannes?«
    »Die Erziehung des Grames über sein Volk zum rettenden Engel für dasselbe.«
    »Ein europäisches Geschäft!« seufzte Burton. Ich hörte ihn zum ersten Male
seufzen, man merkte dem Tone an, dass er noch nicht geübt und gebildet war zur
Virtuosität. »Und das Ihrige, Sir?«
    »Ich vertrete Famulusdienste bei Bardeloh und bin nebenbei Spürhund, um die
Hasen aufzujagen.«
    »So, so! Und Sie leben?« -
    »Von unsern Renten.«
    »Warum betreibt Ihr dabei kein einträgliches Geschäft?«
    »Sie kennen das einträglichste für arme Europäer. Unser bestes Geschäft ist
ein unablässiges Sinnen auf Erlösung!«
    »Ihr seid krank, Alle,« sagte Burton, »aber ich besuche nächstens Sie und
diesen Bardeloh. Amerika wird Euch brauchen können!« - Wir schüttelten uns die
Hände und schieden. -
                                                                 Am 3. November.
    Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück kam, fand ich Rosalie in einer
glücklich heiteren Stimmung. Felix kniete auf dem Tabourettchen vor ihr, und
lachte die Mutter so freundlich und kindlich überzeugend an, dass es mich
dauerte, diese Friedensscene abzukürzen. Felix hatte mich jedoch schon bemerkt,
hüpfte auf mich zu und sprach:
    »Nun, da ist ja der Sigismund. Frage ihn nun selbst, Mutter, ob es nicht
wahr ist, dass mich gestern Abend ein schöner Amerikaner auf die Stirn geküsst
hat?«
    Rosalie zog den Knaben an sich, einen fragenden Blick auf mich heftend. »Sie
bestätigen des Knaben Behauptung,« sagte sie, »wie aber kämen Amerikaner mit
meinem Knaben in Berührung.«
    »Ja siehst Du Mutter, das ist so meine Freundlichkeit, die mir alle fremden
Menschen an den Hals wirft. Frage nur den Sigismund, der kann Dir's haarklein
erzählen, wie lieb mich der Amerikaner hat. Auch soll ich mit ihm nach dem
schönen Lande gehen, da will er einen freien Mann aus mir machen, und mir einen
Vater geben, der mich lieb hat.«
    »Armes Kind,« seufzte Rosalie, »Du begreifst nicht, dass Dein Vater Dich von
sich stösst aus Liebe.« - Sie wandte sich zu mir und bat mich um nähere
Aufschlüsse über die neue Bekanntschaft. Ich erzählte ihr unser Zusammentreffen
mit Burton und was sich daraus gesprächsweise ergeben habe.
    »Ich bin neugierig den Mann kennen zu lernen,« erwiederte Rosalie. »Nach
dem, was Sie mir von ihm sagen, muss er den Gebildeten seiner Nation angehören.
Ich gestehe, dass mein europäischer Sinn diesem Volke nicht gern Zugeständnisse
macht, die erniedrigend sind für uns selbst. Ein Mann kann anders fühlen, wir
Frauen aber vermögen nicht, uns altgewohnten Verhältnissen so ganz zu entziehen,
selbst wenn dies erforderlich wäre zu einer unparteiischen Gerechtigkeit. Seid
Ihr oft hart und streng im Verwerfen des Verjährten, so sind wir nicht minder
hartnäckig im Festalten der Überlieferung.«
    Bardeloh trat ein, still wie immer. Er grüsste mich nur im Vorübergehen,
führte mehr aus Gewohnheit als Zärtlichkeit die Hand seiner Gattin zum Munde,
und wehrte entschieden und kalt seinen Sohn von sich ab. »Geh'«, sprach er, »was
tu' ich mit Dir? wozu die Fratzen!«
    Felix kam zur Mutter zurück und nahm stillschweigend das Frühstück ein.
Unsere Stimmung war gestört, wie ein kältender Reif legte sich die
melancholische Teilnahmlosigkeit Bardeloh's um unsere so vollen Herzen. Da mein
Gastfreund in kein Gespräch zu ziehen war, hielt ich ein völliges Ignoriren
seiner Person für angemessen und fuhr fort, mit Rosalie über Burton und Amerika
zu sprechen. Diese Frau könnte einen jeden Mann glücklich machen, lebte sie in
einer Atmosphäre, deren duftiger Hauch der Seele mehr Nahrung zuführte, als die
unsrige.
    »Was Sie da sagen,« sprach sie, »das würde mich beglücken, wäre es mehr als
eine blosse jugendliche Schwärmerei der Hoffnung. Sie kennen mich zu genau, um in
mir ein Weib zu finden, das sich der Chimäre mit Leichtsinn hingibt. Die Welt
hat mich frühzeitg gefunden und durch Prüfungen mein tieferes Wollen erprobt.
Ungerecht mag ich nicht sein und mich deshalb beklagen. Es gibt Tausende, die im
Elende verschmachten, ich kann mich hüllen in Purpur und Seide. Und dies ist
nichts wertloses in unseren Tagen. Höher als Alles muss ich aber doch den
Frieden achten, welcher am Herde seine Wohnung errichtet. Dieser geht mir ab
durch die Zustände, in die nun einmal die ganze Zeit hinabgestossen worden ist.
Ich weiss dies ruhig zu ertragen, mich sogar zu begnügen - kann dies aber den
Ungestüm der Männer zügeln? Euer stürmisches Verbessern reisst jede Stütze
nieder, an der sich die allgemeine Schwäche zu einem erträglichen Ziele
schleppt. Freilich nennt Ihr das kleinlich, aber seid doch nur gerecht und Ihr
werdet den Menschen mit Leichtigkeit aus der Schwäche herauserkennen.«
    »Haben Sie etwas von Casimir gehört?« fragte Bardeloh. »Mein Bedienter sagte
mir, er sei die ganze Nacht über nicht nach Hause gekommen.«
    Ich wusste gar nicht, dass er ausgegangen war. »Die alberne Festlichkeit
drüben in Deuz,« fuhr Richard fort, »lockte ihn mit hundert andern Narren, und
ich glaube, das ist recht sein Element, um sich zu sättigen in barocken
Torheiten.«
    »Wir waren auch dabei, Vater,« fiel Felix ein, »und da haben wir einen
Amerikaner gefunden.«
    »So,« sprach Bardeloh. »Einen Amerikaner? Ich höre, es sind Einige
angekommen. Erwecken die Menschen Interesse?«
    »Es kommt auf uns an,« versetzte ich. »Ein Amerikaner sollte keinem Europäer
gleichgiltig sein. Sehen wir doch in ihnen die Vorbilder dessen, was wir suchen
und nicht finden können.«
    »Ein Narr, wer noch sucht, ein Schwächling, der nicht längst gefunden hat!«
Mit dieser dictatorischen Grobheit stand Bardeloh auf und wollte das Zimmer
verlassen. An der Tür stiess Casimir auf ihn in einer Verfassung, die eben nicht
geeignet war, ihn liebenswürdig zu finden. Die Spuren einer durchschwärmten
Nacht zeigten sich deutlich auf seinem ohnehin schon leidenschaftlich
zerrissenen Gesicht. Weindunst schien noch seine Sinne zu umnebeln, er fasste
Bardeloh an der Brust und taumelte mit ihm zugleich auf einen Sessel.
    »Willst Du denn durchaus an der Gemeinheit zu Grunde gehen?« sagte Bardeloh,
sich losmachend aus Casimirs Umarmung.
    »Ich bin Casimir der Vogler,« erwiederte lallend der Dichter, »das wird mir
der vermoderte Heinrich nicht übel nehmen. So lang' es Vögel gibt, müssen Vogler
sein. Ich find' es richtig und wollt Ihr's nicht glauben, fragt 'mal nach bei
Abrahams Schwiegersohne. -«
    »Der Mensch ist weintrunken,« sprach Bardeloh und rief einigen Dienern, um
ihn auf sein Zimmer zu schaffen. Casimir liess sich fortführen, perorirte aber
ungenirt weiter und rief einmal über das andere: »Mardochai ist dumm, sehr dumm,
und Casimir ein ungeheurer Elephant in der Klugheit. Ein Esel, wer Casimir nicht
für den Fürsten der Weisheit anerkennt!«
    »Was soll dies Geschwätz?« sagte Rosalie, »der Mensch scheint etwas auf dem
Herzen zu haben.« - Vergeblich sann ich nach, was Casimir wohl mit dem Juden
verhandelt haben möchte. Von irgend Einem dieser beiden Menschen selbst etwas zu
erfahren, war mehr als unwahrscheinlich, und am Ende sprach doch aus Casimir nur
der Wein und seinen Worten fehlte die tiefere Bedeutung.
    Richard zog sich wieder auf sein Zimmer zurück. »Kommen Sie,« sprach
Rosalie, »und lassen Sie uns noch eins plaudern.« Wir setzten uns auf den Divan,
Felix spielte Dame mit sich selbst und blieb natürlich jederzeit Sieger. »Sie
wissen,« fuhr Rosalie fort, »dass mein Gatte Schriftsteller ist, aber pseudonym.
Was er eigentlich schreibt, ist mir unbekannt, so viel aber weiss ich, dass es das
Testament seines Gedankenlebens an die Zukunft Europa's entalten wird. Von
früherer Zeit her wird es Ihnen noch erinnerlich sein, dass Richard von einer
Doctrin des Hasses sprach, die er gegenüber der Doctrin der Liebe zu errichten
für notwendig hielt. Ich kenne Bruchstücke aus diesem Product, und ich muss als
wahrheitliebende Frau offen bekennen, dass die darin niedergelegten Gedanken eine
Art Cultus begründen könnten, weil sie die Grundzüge sind einer neuen Religion.
Wissen Sie, Sigismund, welchen Namen diese Religion führt?«
    »Kann es einen bezeichnenderen geben, als den der modernen?«
    »Man sollte daran zweifeln,« versetzte Rosalie, »Bardeloh jedoch hat einen
andern zu erfinden gewusst. Er nennt diese Religion, in der Hass und Liebe gleiche
Rechte haben, die Religion der Ausgleichung oder der Humanität.«
    »Und wer soll ihr Verkündiger werden?«
    »Europa's Tod!« hauchte Rosalie leis und zitternd. »Bardeloh sagt in seiner
Doctrin des Hasses: für das Christentum starb sein heiliger Verkündiger,
Christus, für die Humanität wird auf dem Golgata der Welt Europa seinen Geist
aushauchen. Denn Europa hat Christi Kreuz auf sich genommen und es fast
zertrümmert durch den Fanatismus, in welchen es die verkündigte Liebe sobald zu
verwandeln suchte. Darum erhebt sich jetzt der Fluch, welcher lastet auf dem
irrenden Volke Juda's, und schlägt an's Kreuz der neuen Versöhnung, die eine
Versöhnung aller Völker und aller Welt sein muss, den Erdteil, welcher frevelte
am heiligen Geist der Geschichte. Und so stirbt Europa den Kreuzestod für die
Erlösung zweier Weltteile, und sein Opfertod ist die Besiegelung der Wahrheit
derjenigen Religion, die sich mit dem Tode Europa's erhebt!«
    Nicht die Wahrheit, sondern die poetische Erhabenheit dieses Gedankens riss
mich hin zu einer Art gläubigen Bewunderung. Einen Weltteil zum Opferlamm zu
machen für die Entsühnung der ganzen Welt, dies - Du wirst es zugeben - ist
gross, und nur ein Europäer, reif und tief geworden im Schmerz seines
geschichtlichen Lebens, konnte diesen Gedanken fassen. Aber es liegt auch eine
jammernde Verzweiflung verborgen in dieser letzten Hoffnung, die dicht an den
Wahnsinn hinstreift. Lassen wir fünf Jahrhunderte noch vergehen und in dieser
Zeit den in der Einsamkeit gebornen Rettungsgedanken Bardeloh's zur Myte sich
gestalten; dann frage ich, ob diese Myte nicht mit dazu beitragen wird dem
fortschreitenden Menschengeschlecht die Göttlichkeit begreiflich zu machen,
welche in der Idee der Erlösung allerwärts zur Erscheinung kommen will?
    »Wie jetzt die Sachen stehen,« fuhr Rosalie fort, »kann ich kaum auf eine
befriedigende Endschaft hoffen. Es ergeht Bardeloh wie Jedem, der seiner Zeit
vorauseilt in Bildung und gedanklicher Weltgestaltung. Sie Alle, die sich hier
zusammengefunden haben, sind entweder verloren, oder sie müssen mit dem Fluch
der Vernichtung sich Bahn brechen. Deshalb bitte ich Sie, Sigismund, suchen Sie
Bardeloh zu bestimmen, bevor er zum Äussersten schreitet, eine Probefahrt nach
Amerika zu unternehmen! Reisen zerstreuen, Reisen können retten, Reisen sind
nicht selten auch schon Bekehrer geworden. Ist Bardeloh, sind Sie krank in Herz
und Geist, so werden Sie gesunden durch den Anblick einer fremden Welt. Ist es
Europa und seine Völker, so haben Sie nichts verloren, wenn Sie Ihren gesunden
Geist flüchten aus dem Pestause. Ich bin bereit Sie zu begleiten. Und nun
still, Sigismund. Gehen Sie, bedenken Sie meine Worte. Ich mag den Gedanken
nicht fassen, dass ein Vater seinem Kinde verloren sein sollte, weil er begreift,
es ist kein Boden für ein freies Leben in dem Lande, worin es geboren wurde.«
    Rosalie drückte zitternd meine Hand und verliess schnell das Zimmer. Felix,
ganz hingegeben an sein Spiel, hatte nicht auf unser Gespräch gemerkt und
wunderte sich, dass die Mutter fortgegangen war.
    »Sigismund,« redete er mich an, »wenn besuchst Du denn den Amerikaner? Nicht
wahr, Du nimmst mich mit? Denn wenn Ihr nach Amerika geht, so muss ich doch auch
ein Wort mit drein reden. Die Mutter sagt immer, ein Kind habe die klügsten
Anschläge.«
    Ich versprach ihm, was er verlangte, und sann nur über die Art und Weise
nach, wie Bardeloh am leichtesten zu einer Reise nach Amerika zu bewegen sein
möchte. Es fiel mir ein, dass er jeden Donnerstag Abend ganz allein einen
Spaziergang um die Stadt macht, und ich entschloss mich, ihn hier, wie durch
Zufall zu begegnen, um mein Anliegen vorzubringen. Burton lässt sich vielleicht
auch bewegen, mich zu begleiten, und ist es nur möglich, Richard's tief liegende
Phantastik der Hoffnung aufzuregen, so kann ich auf einen erwünschten Erfolg mit
Gewissheit rechnen.
 
                                      13.
                                  An Raimund.
                                                          Köln, den 6. November.
    Die Hoffnung ist nicht ein blosser Ersatz für ein glückliches Sein, sondern
das einzige und wahrhaftige Glück. Ich habe dies früher bestritten, eifrig,
leidenschaftlich, hartnäckig, wie es meinem Naturell angemessen war. Seit ich
aber so tief untergesunken bin in der Trauer über das Nichtdasein des Ersehnten,
fühle ich, wie nur die Hoffnung glücklich machen kann. Es wird mir wunderselig,
wenn ich der Zukunft gedenke, die ich jetzt nur noch jenseits des Oceans suchen
kann unter Cypressenwaldungen, im Schatten tausendjähriger Eichen, umweht vom
lebendigen Gelock des wunderbaren Tillandsea. In dieser Freiheit der Sehnsucht
lösen sich auch die Ketten, an denen mein heisses Herz angstvoll klopft und
vergeblich der Freiheit wartet in reinem Glanze. Ich kenne kein Elend mehr auf
Erden, die verworrene Societät, die unsern natürlichen Menschen erdrückt hat
unter frivolen, heuchlerischen Küssen, streicht unbeachtet an mir vorüber. Das
politische Unwesen, eben so mannigfach zerrissen, wie die Secten, wodurch man
Gott zu verehren wähnt, lässt mich kalt, weil ich in der Hoffnung bereits ein
Bürger bin jenes unbekannten Landes, dessen Bestimmung die Erlösung der profanen
Welt ist. Nimm auch Teil an dieser Hoffnung, Raimund, so zählt die unglückliche
Welt einen Glücklichen mehr!
    Und, Gottlob, die Stunden eilen vorüber in der rätselhaften Schnelligkeit,
womit der Dampf die Zeit beschwingt hat. Nicht glaube ich mehr ein Jahr lang die
Last des alten Joches zu tragen, das Europa's Glieder zermalmt. Es stossen sich
die Begebenheiten, wider Willen drängt Alles dem Ausgange zu, ich muss scheiden,
sei's freiwillig oder als gezwungener Flüchtling; denn anders seh' ich nur Tod
für mich und die, an dessen Geschick auch das meinige von jetzt an eng geknüpft
ist.
    Vor zwei Tagen unternahm ich eine Spazierfahrt nach Düsseldorf, um Auguste,
Lucie und Oskar zu zerstreuen. Diese armen Menschen träumen auch so hin im
Nichtstun, weil eben Alles erschlaffen muss in dieser Flachheit der Gesinnung.
Auguste wird zwar weniger bedrängt von der allgemeinen Not der Ueberfeinerung.
Sie ist frei, vermögend, liebt und liebt glücklich, nicht weil sie mich liebt,
sondern weil sie mit feinem Sinn den Geist der Liebe zu erfassen weiss. Nur, dass
sie mich umstrickt sieht von den Verhältnissen, macht sie unruhig. Mit Freuden
ging sie ein in meinen Vorschlag, Amerika zu besuchen. Es soll einstweilen bloss
eine Probefahrt werden, keine völlige Uebersiedelung, wiewol ich eine Rückkehr
nicht ahne.
    Gedrückter lebt Lucie, deren Unglück noch gesteigert wird durch ihre
zügellose Heftigkeit. Ihr Vormund und Onkel Steinhuder hat nicht angestanden,
Oskarn geheimer Verbindungen verdächtig zu machen. Der Zufall will es, dass Oskar
aus jugendlichem Frohsinn früher einer erlaubten Verbindung angehörte und als
Mitglied derselben mit der Burschenschaft correspondirte. Sein späteres Leben,
das sich ungebundener auf Freiheitsgedanken in eine ideale Welt emporschwang,
harmonirte zum Teil mit jenen chimärischen Plänen. Oskar schrieb, liess drucken
und sprach scharf über die Misslichkeit unserer politischen Lage. Er stand mit
französischen Propagandisten in Briefwechsel, flüchtige Deutsche in Paris
ergriffen mit Eifer die Gelegenheit und suchten durch ihn auf ihre Landsleute zu
wirken. In der letzten Zeit erregte der häufige Briefwechsel mit Paris die
Aufmerksamkeit der Behörden. Oskar's Amtlosigkeit und sein starrer Sinn trugen
noch mehr zur Verdächtigung bei. Es ward eine Haussuchung angeordnet und seine
Papiere in Beschlag genommen. Gleich nachher ergab es sich, dass Steinhuder durch
Lucie's Äusserungen veranlasst den ganzen schlimmen Handel angestiftet hatte.
Oskar war ausser sich, er vergriff sich tätlich an dem Kaufmann und kam noch in
der fürchterlichsten Aufregung zu Bardeloh und mir, um wenigstens für den
Augenblick einer precären Sicherheit gewiss zu sein.
    Dieser Handel ist schlimmer, als er scheint. Du weisst es, wie man jetzt
ängstlich darauf bedacht ist, jeden den Eintritt in den Staatsdienst zu
verschliessen, der auch nur einmal als Knabe im Gedanken gegen die Legitimität
einer Einrichtung gesündigt hat. Diese unselige Maxime, den Staat innerlich zu
sichern gegen äussere Angriffe, setzt jetzt oft die besten Köpfe ausser
Tätigkeit. Mangel und Armut, beleidigtes Ehrgefühl, die geschmähte
Menschlichkeit empören sich und der Staat gibt auf diese Weise, ohne dass er es
will und ahnt, wohl gar Anlass zu Unruhen.
    So stehen die Sachen überall, im In- und Auslande. Nie sind eine solche
Menge fähiger Köpfe ausser Connex gesetzt worden mit der Bedürftigkeit des
Zeitlebens, als heut zu Tage. Mein eigener Kreis von Bekannten ist zwar nur
klein, aber doch ausgedehnt genug, um zu erkennen, woran der Staat krank liegt.
-
    Der erste Sturm nun ging freilich vorüber, denn ob auch die Behörden Oskar's
Versteck ahnen mochten, Bardeloh's Name, sein unheimliches Wesen erregen noch
immer eine wunderbare Scheu. Und wahrlich, Bardeloh würde in seinem Hause gewiss
keine Haussuchung geduldet haben!
    Am unglücklichsten war Lucie gestellt. In ihrer Heftigkeit vergass sie Alles,
überhäufte Steinhudern mit Schmähungen und verwundete den unglücklichen
Friedrich gefährlich mit einem Messer, als ihr Onkel abermals den jämmerlichen
Menschen ihr als Bräutigam vorstellte. In der Angst entrann sie und stürzte,
kaum ordentlich gekleidet, zu Rosalie in's Zimmer, als ich eben der besonnenen
Frau einige Stellen aus Tomas Paine vorlas. Schnell ward der Entschluss gefasst,
das Geschehene wenigstens vorläufig durch Entfernung der Beteiligten vergessen
zu machen. Ich eilte zu Burton, der, wie ich seitdem von ihm erfuhr, Kapitain in
Diensten der freien Staaten ist, und bat ihn, die Führung eines kleinen
Segelkahns zu übernehmen. Denn mit dem Dampfboot abzureisen, war nicht rätlich;
Burton verstand sich gern dazu und noch an demselben Tage spät Abends hatten wir
uns unterhalb Deuz eingeschifft. Obwol der Amerikaner das Strombett nicht
kannte, hat ihm lange Erfahrung doch einen so richtigen Blick erworben, dass wir
ohne den geringsten Anstoss einige Meilen den Strom hinabschifften, und hier das
am andern Morgen ankommende Dampfboot erwarteten. Dieser Umstand verhinderte ein
Zusammentreffen mit Bardeloh, um diesen für unsern Plan zu stimmen. Auf der
andern Seite war damit aber auch wieder eine sehr bedeutende Förderung
verbunden. Die Wasserfahrt gab mir hinlängliche Gelegenheit, mich mit Burton zu
besprechen, jedes Für und Wider reiflich zu überlegen und meinen gefassten
Entschluss zu befestigen. -
    Wir waren erst einige Stunden in Düsseldorf und trieben uns am Ufer des
Stromes unter dem geschäftigen Leben herum, als eine Menge Auswanderer nach
Amerika ankamen. Es waren meist arme Leute, zum Teil schon hoch in die Jahre.
Kummer und Gram, das Brandmahl, welches die Armut ihren Kindern eindrückt,
prangte mit seinem blassen Todtenfahl auf den Gesichtern derselben. Burton
mischte sich unter sie, fragte, in welchem Staat sie sich niederzulassen
gedächten, welche Mittel ihnen zu Gebote ständen und Anderes. Die Antworten
fielen sehr dürftig aus. Nur Wenige konnten mit Mühe die Ueberfahrtskosten
bestreiten. Die ganze Gesellschaft hatte in Rotterdam ein Schiff gemietet, das
sie der neuen Welt entgegen führen sollte. Burton kannte das Fahrzeug, es war
leck, im höchsten Grade gebrechlich und nur beim unwahrscheinlichsten Glück,
noch dazu so spät im Jahre, eine günstige Fahrt denkbar.
    »Es ist entsetzlich,« sprach der Amerikaner, »mit welchem Leichtsinn man die
Auswanderer den Launen des Meeres übergibt. Die sittenlose Speculation der
Rheder verdiente mit Todesstrafe belegt zu werden, und übten die Behörden immer
mit mildem Sinn und nach dem Buchstaben die Gerechtigkeit aus, so müssten sie
darauf sehen, denjenigen ihrer Untertanen, die Not und Unglück aus dem
geliebten Mutterlande vertreiben, auch ein sicheres Geleit über das Meer zu
geben. Man glaubt es kaum, wie viele Tausende elend zu Grunde gehen! Der
Leichtsinn nimmt mächtig sehr überhand, alle Jahre steigt die Zahl der
unglücklichen Opfer, die durch die Sorglosigkeit egoistischer Speculanten
entweder den Wellen oder dem Hunger Preis gegeben werden. Diese Armen hier
werden ein gewisser Raub des Elementes, wenn sie sich jenem Fahrzeug
anvertrauen. Allein es soll nicht geschehen! Ich kenne den Besitzer, ich werde
ihm schreiben und über ein anderes Schiff disponiren, das fest und ein
Schnellsegler ist. Den Armen soll geholfen werden. Es sind mächtig brave Leute.
Solcher Menschen bedarf Amerika. Ihre Nachkommen werden dereinst Europa wieder
segnen helfen.« -
    Die edle Uneigennützigkeit des Amerikaners erwarb ihm meine höchste Achtung.
Ich zweifle gar nicht, dass ein so kräftig gesunder Sinn nicht Allgemeingut der
Nordamerikaner ist, in ihm aber spricht sich die unerschütterliche
Tugendhaftigkeit eines wahrhaftigen Republikaners aus, das heisst eines Menschen,
der frei ist in politischer, socialer und religiöser Beziehung; und solche
Menschen kennt nur Amerika. -
    Burton zauderte nicht. Er liess sich den Anführer der Gesellschaft
vorstellen. Es war ein Greis von beinahe siebenzig Jahren. Er hatte sein kleines
Gütchen verkauft in Würtemberg und mit seinen Kindern und Enkeln, einer
Seelenzahl von einigen Dreissig, den Entschluss gefasst, nach Amerika zu gehen.
Land hatte er noch nicht gekauft, nur vorläufig sich am Delaware bei einem
früheren Auswanderer auf zwei Monate ein Unterkommen ausbedungen. Der Mann hiess
Tannenstädt.
    »Mir wird's freilich schwer,« sagte der Greis, »mein liebes Deutschland zu
verlassen. Was kann's aber helfen? Die Zukunft ist so düster, dass ich fürchten
muss, meine Kinder und Kindeskinder verwünschen mich noch im Grabe, wenn sie
einst bettelnd von Tür zu Tür schleichen. Es ist nicht mehr möglich, als
ehrlicher Mann durch die Welt zu kommen in jetziger Zeit. Alles bricht zusammen,
die Armut macht widerspenstig und irreligiös. Wir sind nicht gewohnt, herrlich
zu leben und in Freuden, nur das liebe tägliche Brod verlangen wir, und ein
stilles sicheres Plätzchen für den arbeitsmüden Leib. Nun, was mich anlangt, so
bringe ich mich wohl durch. Was aber soll aus meinen Kindern werden? Ich seh's
ein, dass wir uns nur Elend erwarten. Nun, sagt' ich da, in Gottes Namen, Kinder,
gehen wir hinüber nach Amerika. Ein Plätzchen für mich zur ewigen Ruhe wird sich
in dem weiten Lande wohl finden, und Ihr habt die gewisse Aussicht, eine schöne
Zukunft zu erleben. Auch plagen wird man Euch nicht mehr mit überflüssigen
Abgaben. Darum auf und davon! Der Deutsche Gott ist auch Amerika's Vater.«
    Also auch in den niedern Ständen ist das Gefühl heimisch geworden, dass in
der blossen Ausdauer, und werde sie getragen von der edelsten Tugendhaftigkeit,
keine Erlösung mehr zu hoffen ist. Der arme Bauer und Bürger ist eben so
europamüde, als der gebildete Weltmann. Nur dass bei jenen der geistige Ekel
nicht so überschwenglich zu Tage liegt und in Ironie und Hohn sich ausgeifert.
Diesen bedauernswerten Vorzug hat bis jetzt bloss der feine Weltmann, weil er
eine grössere Last der Sünden in sich beherbergt, als das schlichte Kind der
Natur.
    Burton war gerührt von der Ehrlichkeit des Alten. Er schrieb einige Briefe
an amerikanische Kaufleute und gab sie dem Greise mit dem Bedeuten, sie ja wohl
zu verwahren, und käme er glücklich an mit den Seinigen auf dem
nordamerikanischen Festlande, sie in Washington an das bezeichnete Handelshaus
abzuliefern. Den Vorschriften, welche darauf an ihn ergehen würden, solle er
unbedingt vertrauen. Sie würden ihm eine heitere Zukunft und herzliche
Teilnahme sichern.
    Gerührt dankte der Greis mit seinen Kindern dem Amerikaner. Alle küssten
Burton die Hand, und ehe noch der Abend herankam, war das Schiff in der Ferne
unsern Augen entschwunden. Meine Sehnsucht hing sich als Wimpel an seine
schwanken Maste und brachte die ersten wärmsten Schläge meines stürmischen
Herzens dem Lande der Hoffnung, dem Erdteil der Erlösung.
    »Diese guten Menschen werden dennoch mächtig zu leiden haben in meinem
Vaterlande,« sagte Burton. »Sie sind zu sehr gewöhnt an den Bückling des
Gehorsams. Das Gespenst einer überlieferten Gewalt hockt auf ihren Schultern,
der Schatten des gebrochenen Joches, das so lange als Schmuck enger Gebundenheit
sie begleitete, legt sich noch immer um den der Freiheit ungewohnten Nacken. Das
müssen sie verlernen, wollen sie geachtet sein von meinen Landsleuten. Der
Deutsche ist der beste der Ansiedler, aber der am wenigsten geachtete von dem
Amerikaner, weil er zu fest an seinen alten Gewohnheiten hängt. Doch wird sich
auch dies verlieren, denn wir Amerikaner sind mächtig derbe Menschen.«
    Wohl hatte Burton recht, mein eigenes Gefühl sagte mir dies, und so wenig
ich selbst ein Freund bin des überlebten Alten, diese Untugend deutscher
Tugendhaftigkeit wird auch mich nicht sogleich verlassen wollen. Doch Hoffnung,
Hoffnung ist mein Glück und dieses Glück steht so fest, als das Firmament.
                                                                 Um Mitternacht.
    So eben komme ich von einer langen Unterredung mit Burton. Ich habe meine
Zukunft erbaut an dem grossen Welterzen dieses Menschen, der frei ist und
glücklich, und doch teilnehmend und empfänglich für den Schmerz Anderer. Burton
will mit Bardeloh sprechen; er ist nicht abgeneigt, selbst den wahnsinnigen
Mönch nach Amerika überzusiedeln. »Die Seelust,« sagte er, »kann ihn heilen, und
wo nicht, die Unbegreifbarkeit der grossartigen Natur meines Vaterlandes.«
    Darüber kann ich nicht entscheiden, die gesunde Vernunft aber findet nichts
Unwahrscheinliches in einer solchen Behauptung. Auch Casimir und Friedrich,
dessen Geschichte, soweit ich sie selbst kenne, der Amerikaner von mir erfuhr,
werden und begleiten. Eine mir selbst unbegreifliche Anhänglichkeit an Mardochai
liess mich auch diesen vorschlagen. Burton stutzte, und zum ersten Male glaubte
ich eine nicht ganz menschliche Regung in ihm zu entdecken.
    »Sigismund,« erwiederte er nach kurzem Schweigen, »bestehen Sie darauf, so
will ich Ihnen nicht zuwider sein, etwas aber gebe ich Ihnen zu bedenken. So wie
Sie mir diesen ausserordentlichen Mann geschildert haben, fürchte ich entweder,
dass er den Antrag höhnisch ausschlägt oder, nimmt er ihn an, die Ruhe stört, die
Gesellschaft in Gram und Angst des Kummers und alter, bitterer Erinnerungen
niederdrückt. Wofür auch Mardochai immer gehandelt haben mag, er hat mächtig
gesündigt an dem Einzelnen, um das Ganze zu sühnen. Können wir wissen, ob den
tiefwurzelnden Hass des Sturmes Toben und die leuchtende Geisterflamme des Oceans
in ihm auszubrennen im Stande sind? Ein nationaler Hass scheint mir unaustilgbar
zu sein, ein persönlicher lässt sich versöhnen. Bei Mardochai haben sich beide so
seltsam verzweigt, dass nur der Tod sühnend dazwischen treten kann. Darum,
Sigismund, rate ich nicht nur, den Juden zurückzulassen, sondern ihm auch
unsern ganzen Plan zu verschweigen. Ohnedies ist ja Ihr Freund Bardeloh noch
erst dafür zu gewinnen, was, dünkt mich, eine mächtig schwierige Aufgabe sein
wird.«
    Ein ruhiges Ueberlegen der Verhältnisse und des geistigen Zusammenhanges
dieser seltsamen Lebensverwickelungen, musste Burton Recht geben. Ich bin
entschlossen, gegen Mardochai ein Geheimnis daraus zu machen. Nun meldet sich
aber ein eigenes Mitgefühl in mir, das mich bedauern lässt, auch Sara, dies
liebliche Geschöpf, der hiesigen Sumpfluft zum Opfer fallen zu lassen. Es ist
nicht Liebe, was ich empfinde, mein Herz gehört ganz nur der Göttin meines
Lebens, Auguste, zu eigen. Die Unschuld allein besticht mich, die
Hilfsbedürftigkeit des Weibes, die sich unmöglich an Mardochai's starker Hand
kräftig fühlen kann. Und wer soll Sara retten, wenn der Zug des Geschickes uns
fortreisst über die unermesslichen Meere? Wird Sara Christin werden, wird sie
Jüdin bleiben und einem Gatten die Hand reichen, der wohl die Aeusserlichkeit von
dem Streben Mardochai's begreift, aber nicht hineinsehen kann in den Abgrund
dieser speculirenden Seele? Hier bin ich mir unklar und weiss noch nicht, was ich
tun oder lassen soll. Indes vertraue ich abermals der Hoffnung und Auguste's
schwesterlicher Liebe. Vielleicht weiss das Gemüt des Weibes in seiner
Unmittelbarkeit eher einen Rat, als der berechnende Verstand des Mannes. -
    Oskar und Lucie glühen verlangend nach Amerika's Freiheit. Beide wollen
nicht wieder zurück nach Europa, sie gehen mit dem festen Entschluss zu Schiffe,
sich jenseits des Weltmeeres ein neues, schöneres Vaterland zu suchen. Jetzt, wo
das Unglück schnell und unvorgesehen Oskar's Seele berührt hat, steht der
kräftige Mann in ihm auf. Es ist unglaublich, wie rasch das Unglück den innern
Menschen hintreibt zu einer schönen Reife. Bisher fand ich in Oskar nur den
verliebten Jüngling, der hinschwankte zwischen Leidenschaft und einem unstäten
Wollen und Suchen. War auch sein Sinn gerichtet auf das Höhere und Zukünftige,
was verborgen nur zuweilen die prophetischen Augen aufschlägt im tobenden
Geräusch des Tages, so fehlte es ihm doch an jener Elasticität eines
unternehmenden Geistes, die allein im Stande ist, die fesselnde Schmeichelei des
Jahrhunderts an den Pranger zu stellen. Dies ist mit einem Male verschwunden,
seit die Willkür der Macht seinen persönlichen Willen berührt hat. Und daraus,
lieber Raimund, leite ich einen neuen Beweis her für die europäische
Entsittlichung. Wir sind klug genug zu begreifen, dass wir hinsiechen im
Nichtstun, in der Lauigkeit unseres Herzens, aber die Tugend ist viel zu lumpig
geworden unter den gewaltsamen Stössen, als dass sie für die Allgemeinheit sich in
Kampf und Tod stürzen könnte. Erst, wenn der Egoismus berührt wird mit
unheiligem Finger, dann weckt die kleine Beleidigung das Sittlichkeitsgefühl
auf, und die Unmoralität muss so generös sein, der Tugend die Schleppe aufzuheben
und ein Uebriges zu tun für die Weltgeschichte. Bilde Dir ja nicht ein,
Raimund, dass unser Kosmopolitismus ein Verdienst sei unserer Ehrlichkeit; bei
Leibe! Es ist nur das Gewinsel des Geprügelten, der im Schmerz grosse
Heldentaten verspricht. O, pfui dieser Tugend! Aber wir dürfen eigentlich nicht
murren; denn eine niedergehaltene Kraft lehrt erkennen, wie stark sie werden
kann, wenn der Absolutismus derselben wieder Geltung gewinnt.
    Wir haben beschlossen, Oskar soll sich in der Nähe von Düsseldorf bis zu
unserer Abreise aufhalten, die im Mai des künftigen Jahres angesetzt ist. Lucie
bleibt bei einer Verwandten Auguste's. Beide Mädchen sind hier sicherer und in
einer ihrem Geschlecht angemessenern Stellung. Oskar hat sich vorgenommen, eine
sehr freie Darstellung des Rechtszustandes in Deutschland auszuarbeiten und noch
vor seiner Auswanderung in Druck zu geben. Ich riet ihm ab, da ich es weder für
zweckmässig noch edel halte. Allein wer mag dem beleidigten Zorne widerstehen!
Oskar beharrt darauf und so mag er immerhin seinen Ingrimm noch aussprudeln.
Auch dies kann Europa's Genesung oder schnelleren Tod herbeiführen, wo dann ja
eine Wiedergeburt nicht so gar fern sein wird. Es ist merkwürdig, wie seit
langer Zeit schon die Unmoralität an sich als ein Heilmittel aufgegriffen wird
für die krankhaften Zustände. So wird der Vergiftete nur durch Gift gerettet!
    Oskar's Arbeit dürfte viel Gutes entalten. Sein Sinn ist klar, er besitzt
eine scharfe Combinationsgabe, die Wut macht ihn bitter, lange erduldetes
Unrecht gebiert jenen schneidenden Witz der Ironie, der vorzugsweise leider eine
Geburt unserer Zeit genannt werden muss!
    Auguste will nicht wieder zurück nach Köln. Mich schmerzt dies tief, doch
kann ich mich durch die Aussicht beruhigen, öfters einmal mit dem Dampfboote den
Rhein hinabzuschwimmen. Ein lebhafter Briefwechsel wird ohnedies unsere Herzen
immer in engster Verbindung erhalten. - Einige Tage werde ich noch hier bleiben,
um einleitende Briefe nach Amerika zu schreiben. Von Köln aus erhältst Du
ebenfalls einige an meinen Geschäftsführer. Ich trage ihm auf, mein kleines
Besitztum im Gebirge zu veräussern. Die Kaufsumme mag aber darauf stehen
bleiben. Von Amerika aus gebe ich Dir oder Ferdinand dann bestimmtere
Verhaltungsregeln.
    Beobachte ein tiefes Stillschweigen gegen meine Geschwister und den Vater.
Sie sollen nichts erfahren von meinem Vorhaben; es würde ihnen die Ruhe rauben.
Abschied mag ich nicht nehmen, um die Sentimentalität unserer Nation nicht auch
in mir wieder aufleben zu lassen. Die Trennung ist unerlässlich. Ausserdem kennst
Du ja meine Lage und Stellung zu den Meinigen. Das Herz gehört ihnen, mein Geist
und Streben der Welt. Hier muss geschieden werden streng und unerbittlich, sonst
frevele ich an beiden. Freilich werden dies weder Vater noch Geschwister
begreifen. Ihr Gott ist nicht der meinige, ihre Hoffnung mein Sterbegeläut. Das
ist hart, ich fühl' es, aber es ist europäisch, und dies tröstet mich wieder. -
    So bald ich zu Schiffe steige in Rotterdam, sende ich einen Brief ab mit
meinen wärmsten Grüssen. Was mein Herz dabei fühlen wird, mag ich mir selbst
nicht gestehen. Hoffnung und Liebe begleiten mich, und sollen diesen beiden
Engeln des Lebens nicht alle übrigen weichen? -
    Dies einstweilen Dir, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Ich fürchte
nur den Winter, mehr aber Bardeloh's Gram und Mardochai's diabolische
Spionirkunst. Errät er unsern Plan, so lässt sich immer nichts Bestimmtes sagen
über unsern Ausgang.
    Gute Nacht! Burton tritt ein, um mich zu einem Spazirgange abzuholen. So
spät in der Nacht spazirengehen? Ja, Raimund. Ein wunderherrliches Nordlicht
überstreut den nächtlichen Himmel wie mit blühenden Rosen. Ich habe es noch
selten so gesehen, dem Amerikaner ist die Erscheinung fast ganz neu. »Europa hat
auch seine mächtig süssen Reize,« sagte er, »aber Amerika's Freiheit überstrahlt
doch alle, und die Flagge mit ihren sechsundzwanzig Sternen, sollte sie nicht
eben so schön anzusehen sein, als das Mitleid des Himmels, das er herabflattern
lässt in verheissendem Glanz über das überwachte, lebensschlaffe Europa?
Nord-Amerika for ever!«
    So spricht ein freier Mann, darum schweige ich. Denn noch lebt kein
Europäer, der sich ganz frei und gross fühlen könnte, wenn ein Sohn Amerika's das
tatenfrische Auge aufblitzen lässt in den euerflammenden Himmel. -
 
                                      14.
                                 An Ferdinand.
                                                          Köln, Anfang December.
    Ich irre umher, wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat und nicht weiss,
wo er ihn suchen soll. Der Sinn der Zeit ist mir abhanden gekommen; wohin ich
auch gehe und nachspüre, ich finde überall nur den Unsinn oder die
Gesinnungslosigkeit anstatt des Gesuchten. Seit ich hier allein stehe, nur
umgeben von Figuranten des Komödie spielenden Jahrhunderts, wird mir so kahl und
kalt, dass ich wirklich verzweifeln könnte, besässe ich noch so viel unverfälschte
Tugend. Aber auch diese sitzt nicht mehr in den Falten meines glänzenden
Frack's, und gern will ich sie umherlaufen lassen, bis ich Abschied genommen
habe von meinem Geburtslande.
    Bardeloh mag nichts hören von einer Fahrt nach Amerika. Zwar gibt er mir und
dem hellsehenden, verständigen Burton vollkommen Recht, aber mit Gleichmut
behauptet er auch, dass er nichts mehr tauge für das Land der Freiheit. Und -
fühle mit mir den Schmerz dieses Bewusstseins - ich kann ihm nicht widersprechen!
Das gerade ist unser eigentlicher Tod, dass die edelsten Kräfte die Weihe der
Tat verlieren durch die abschwächenden Umgebungen. Bardeloh würde, in Amerika
geboren, mit jedem Tüchtigsten gewetteifert und dem Siege niemals die Fersen
gezeigt haben, so aber ging er unter in der Grübelei, die, wenn auch im
Einzelnen nützlich, doch fruchtlos bleibt für das Ganze. Was nützt es nun, dass
er durch die Speculation dahin gelangt ist, auf ein Haar zu bestimmen, was
unserm Weltteile mangelt, wenn mit diesem Gewinn jener grosse Verlust sich
einschlich in sein Leben, dass nur Gleichgiltigkeit geduldig das Elend ertragen
könne? Diese Niete aus der weltgeschichtlichen Existenz zu ziehen, bedurfte es
kaum so raffinirter Mittel. -
    Bei alle dem sehe ich die Notwendigkeit einer veränderten Stellung für
Bardeloh deutlich genug ein. Wie Cäsar von Cassius sagt: er sei gefährlich, weil
er dünn und schmächtig, und zu viel denke und grübele, so lässt sich auch von
Bardeloh Aehnliches behaupten. Du müsstest diesen Menschen sehen, um zu
begreifen, dass nie in einem Geiste mehr Göttlichkeit verloren ging an die
Versunkenheit eines Zeitalters und seiner schlaffen Genusslosigkeit, als in
diesem. Ich fürchte für Bardeloh allein, für Niemand sonst. Die Unbarmherzigkeit
des Tageslebens hat ihn bereits so gleichgiltig gemacht, dass das Allgemeine nur
in so fern noch an ihn tastet, als er ein Glied der grossen Kette ist, die sich
erwürgend um den Hals des Jahrhunderts legt. Bardeloh brütet über einer witzigen
Rache, fürcht' ich, die seinem Tode mit der Farbe des Pikanten zugleich den
Anschein der Kraft geben soll. Es wird aber am Ende doch eine blosse scandalöse
Rauferei, wobei die Tugend Haare lassen muss, und das Laster als lustiger, geiler
Bock über die Hecke springt, die den Paradiesesgarten umfriedet. dabei kommt im
Leben nichts heraus, und ich will vereint mit Burton Alles aufbieten, um Unheil
zu verhüten.
    Gleichmut ist nicht mehr tätig. Er kann als abgetreten vom Schauplatz
betrachtet werden. Der Schatten seines seltsamen Charakters nur ragt herein in
die Dämmerung des Werdenden und wehrt, gleich einem umgekehrten treuen Eckardt,
Jedermann ab, Teil zu nehmen an diesen aufreibenden Bestrebungen.
    Seit der Zusammenkunft mit Casimir und Eduard bin ich ihm nicht mehr auf
offener Strasse begegnet. Er arbeitet ruhig fort an der Geschichte der Heiligen
und scheint mit einiger Unruhe auf etwas Gewaltsames zu warten. Ich besuche ihn
oft. Gestern war ich des Abends bei ihm, wir sprachen von unserer bevorstehenden
Reise und ein Funke des niedergebrannten Lebensglückes glomm auf in seinem Auge.
    »Es freut mich,« sagte er matt, aber herzlich, »dass meine Lebensgeschichte
so viel zu diesem Entschlusse beigetragen hat. Darauf hoffte ich im Stillen
schon, als ich diese Bekenntnisse niederschrieb. Ich wusste zwar nicht, wer
berufen sein würde, durch diese Wunderlichkeiten gerettet zu werden, indes die
Ahnung war doch einmal da. Ein feiner Instinct liess es mich erraten und
Beruhigung in meinem Gedanken finden. Und so möchte ich der Vorsehung, oder mir
selbst, oder auch gar dem Juden danken für all' das frevelhafte Beginnen, dem
ich erlag. Ich sehe jetzt eine notwendige, weltgeschichtliche Consequenz in
diesem moralischen Versumpfen, und gesetzt auch, darin läge mehr Islamismus als
Christentum, so bleiben sich die Folgen doch immer gleich. Eine recht
furchtbare Immoralität ist die sicherste Erweckerin der vergessenen Moral. Nur
die Werkzeuge sind zu beklagen, in so fern jedoch, als sie eben Werkzeuge der
Besserung werden, auch wieder zu beneiden. Sie sehen, Sigismund, die Skepsis hat
nie ein Gewissen und weiss sich in jedem Falle zu trösten.«
    »Bei alle dem,« fiel ich ein, »kann ich noch immer nicht begreifen, warum
Sie so hartnäckig darauf bestehen, in Europa zu sterben. Das Glück kann Sie
nicht halten, dem Unglücke haben Sie keinen Tribut mehr abzutragen. Ihr
Wirkungskreis schloss sich von selbst ab, die Hoffnung versank, nur jenes Land in
der Ferne könnte belebende Streiflichter nochmals in Ihren Geist werfen.«
    »Meine Antwort,« versetzte Gleichmut, »liegt schon in Bardeloh's Weigerung
- und doch ist er ein Gott an Reinheit und Kraft mir gegenüber! Nein, Sigismund,
ich will doch sterben auf dem zerbrochenen Trone meiner Herrlichkeit.«
    Meine Einwürfe fruchteten nichts, der starre Mann, an consequentes Handeln
gewöhnt, beharrte bei seinem Entschlusse und ermahnte mich nur wiederholt,
Bardeloh's sich gestaltende Handlungsweise genau zu beobachten.
    »Er zimmert,« sagte er, »und zwar an dem Sarge seines Liebsten.« - Näher
wollte er nicht darauf eingehen, vielleicht um meine eigene Wachsamkeit zu
vermehren. -
    So lange ich auch wieder zurück bin von Düsseldorf, ich habe den Juden noch
nicht wieder gesprochen. Begegnet bin ich ihm oft, aber er scheint mich
absichtlich vermeiden zu wollen. Vielleicht sieht er dunkel in mir einen Feind
seines geheimen Schaffens. Desto öfterer komme ich mit Sara zusammen. Dieses
Mädchen scheint aus jüdischem und christlichem Blute entsprungen zu sein.
Verschiedene Anzeichen lassen mich dies vermuten, ohne dass ich mich näher
darüber aussprechen möchte. Das seltsame Kind hat eine Neigung zu mir und -
erstaune - zugleich auch zu Casimir gefasst! Dieser Nebenbuhler macht mich
beinahe lachen. Doch finde ich es nicht unnatürlich, dass ein so ganz seiner
eigenen Natürlichkeit überlassenes Kind sich angezogen fühlt von der
Ursprünglichkeit in Casimir's Wesen. Nimmt sich nun der Mensch noch zusammen,
was er in seinen reinsten Momenten wohl im Stande ist, so kann er sogar einem
Mädchen interessant werden.
    Ich sprach mit dem lieben Kinde davon; denn Sara macht gar keine Geheimnisse
aus ihren Herzensregungen.
    »Ob mir Casimir gefällt, wollen Sie wissen?« antwortete die Jüdin. »Das
kommt mir nicht in den Sinn! Aber er hat so was Phantastisches und das kann ich
wohl leiden. Er heitert mich auf durch seine Possen.«
    »Und weiss es Dein Vater?« -
    »Pst!« fiel sie ängstlich ein und legte ihre weiche Hand an meinen Mund.
»Der Vater darf nichts wissen, er würde mich sonst morden. Nur Friedrich weiss
darum und führt Casimir sicher herein, denn Friedrich ist klug, wenn er auch so
albern aussieht.«
    »Bist Du mir gut, Sara?« fragte ich, um über ihre Neigung Gewissheit zu
erlangen und sie selbst vor Unglück zu bewahren.
    »Ja, Dich liebe ich,« versetzte sie anmutig lächelnd, »darum schmücke ich
mich auch immer mit den schönsten Kleidern meines Vaterlandes, das ich nicht
kenne. Als ich Dich zum ersten Mal sah, klopfte mein Herz so ängstlich und doch
so munter, wie ein Vöglein, das sich freut, eine süsse Nahrung gefunden zu haben.
Du warst so ernst und doch wieder so heiter im Auge, und das hab' ich gern.
Darum tat ich auch dem Vater den Willen und spielte und tanzte. Und wenn Du mir
nur auch gut sein willst, so vergesse ich, dass ich eine Jüdin bin - ein
verfluchtes Geschöpf, wie der Vater sagt.«
    »Gut bin ich Dir, Sara,« erwiederte ich, »aber lieben darf ich Dich nicht,
denn ich habe mein Herz schon an ein anderes Mädchen verschenkt.«
    »So?« lächelte die Jüdin und zeigte ein paar Reihen Zähne, die wie Perlen
durch die Rubineinfassung der Lippen glänzten. »Teil's doch, so kannst Du mich
auch lieben.«
    »Wenn ich es auch teilen könnte, so würde dies Auguste nicht zufrieden
sein.«
    »Auguste? Wer ist Auguste?«
    »Meine Geliebte« - ich hätte bald gesagt - meine Gattin.
    »Auguste ist ein hübscher Name.«
    »Der schönste, den ich kenne! Es gibt keinen herrlicheren, keinen
glückverheissenderen Namen.«
    »Auguste - Auguste - ich möchte wohl so heissen. Aber Sara klingt auch recht
artig. Sara klingt so wehmütig, wie Alles Jüdische. Liebst Du Auguste heiter,
so liebe mich traurig. Das ist erlaubt, es ist morgenländisch. Liebe mich
morgenländisch, Sigismund.«
    »Konnte das schuldlose Kind genügsamer, reizender sein in dieser
Genügsamkeit? Ich liess sie dabei und versprach sie halb so viel zu lieben, als
Auguste. Darüber ward sie ganz ausgelassen glücklich, nahm die Ziter, spielte
und tanzte vor mir auf dem persischen Teppich und vergass ganz die beschränkte
Lage, in der sie sich befand. Ehe ich sie verliess, bat ich nochmals, sie solle
behutsam umgehen mit Casimir und ihm in keiner Weise Freiheiten erlauben, denn
ich fürchte dieses Menschen Tollheiten, wenn grade einmal der Teufel der
liederlichen Genialität über ihn kommt. Sara versprach mir zu gehorchen und
küsste mir beim Fortgehen Hand und Kleid.«
    So komme ich alle Tage in seltsamere Verwickelungen und Situationen. Sara
meine Geliebte! Gott im Himmel, das Kind verdient einen Bessern, als mich, und
doch ist es unmöglich, sie davon zurückzubringen. Ich halte es sogar für nötig,
einstweilen ganz ernstlich die Rolle des Begünstigten zu spielen, um andere
Lüsterne vor dem Unerlaubten zurückzuschrecken.
    Aus einzelnen Andeutungen vermute ich, dass Sara's Mutter eine Christin
gewesen ist. Ob diese gestorben oder von Mardochai verlassen worden sein mag,
kann ich noch nicht ermitteln. Ausser dem Kreise der Wahrscheinlichkeit läge es
wohl nicht, wenn dieser raffinirte Rachegeist alle nur denkbaren Auswüchse
seines angebornen Talentes überall hin hätte greifen lassen, um das Terrain sich
möglichst zu erweitern. Sei dem auch, wie ihm wolle, schuldlos, ein reines Kind
glücklicher Unbefangenheit, steht Sara vor meinen Augen. Sie hat ihre Mutter nie
gekannt. Friedrich, der nicht ohne Mitwissen zu sein scheint, ist vielleicht zu
bewegen, Winke über die frühern Verhältnisse Mardochai's zu geben, und könnte
dies geschehen, so liesse sich wohl auch gegen ihn machiniren, ohne mit Gewalt
seine fein geschürzten Netze zu zerreissen.
                                                               Den 17. December.
    Man sollte kaum glauben, dass eine im Ganzen doch aufgeklärte Bevölkerung so
lange und hartnäckig an alten Gebräuchen fest halten könnte. Zwar liegt wenig
daran, die Cultur wird nicht niedergehalten, aber es fällt doch auf. In früherer
Zeit gab es in Köln einen ausgezeichnet fröhlichen Carneval. Grosse Maskenzüge
wurden angeordnet, an denen vorzüglich die Geistlichkeit, wie Du weisst, regen
Anteil nahm. Die neuere Zeit hat diese Maskenfahrten zwar vielfach verwischt,
aber doch nicht ganz zu tilgen vermocht. Mir nun gefällt dies, so wenig mein
eigener Sinn am Alten sich sättigen kann. Ein Stück romantischer Poesie aus den
Zeiten des Mittelalters greift vermittelst dieses Spieles noch herein in unser
ernüchtertes Zeitalter, und sucht man dies, wenn auch nur künstlich, fest zu
halten, so ist der Instinct, der es tut, sogar lobend anzuerkennen. Es sollten
dergleichen Festlichkeiten heut zu Tage nur mit mehr Geist angeordnet werden, so
könnten sie sogar Form und Gestalt einer Volksbelehrung annehmen. In die blossen
Farcen muss man jetzt Tiefe zu bringen suchen, sonst werden sie fade und
widerlich.
    Schon seit einiger Zeit spricht man von dem bevorstehenden Carneval, ohne
sich zu etwas Grossartigem zu vereinigen. Wie Alles bei uns, wird auch dies nur
stückweise betrieben und Jeder folgt seinen eigenen Eingebungen,
Privatliebhabereien und philisterhaften Albernheiten, wobei dann freilich ein
Harlekinswesen zu höchster Ergötzlichkeit des Pöbels herauskommen muss.
    Auffallend ist mir hierbei nur die grosse Tätigkeit Mardochai's. Läuft der
Mann von früh bis in die Nacht hinein Gass' auf, Gass' ab, als gelte es dem
Wiederaufbau Jerusalems! Und kein Mensch erfährt, was er schmiedet, wonach er
eigentlich rennt. Ich kann nicht glauben, dass ihn der Schwank selbst so gewaltig
interessirt, denn wahrhaftig, die Juden kamen nicht allezeit ungehänselt hinweg!
Der feige Schmerz ward oft bitter verhöhnt, und unternahm der Pöbel auch nicht
grade etwas Widerrechtliches, so war er doch auch nicht jederzeit in den Grenzen
erlaubter Scherze zu halten.
    Mir kommt dieses unstäte Wesen Mardochai's sehr gelegen. Oft, fast täglich
wiederhole ich meine Besuche bei Sara und komme dadurch Friedrichen näher, der
übrigens unbefangen bleibt wie immer, wenig auf uns achtet, desto mehr aber auf
seiner Geige spielt. Wäre ich diese Töne nicht schon gewohnt, so würde mich
entweder ein halber Wahnsinnstaumel erfassen, oder vollendete, colossale
Narrheit wäre das Ende meines Lebens. So aber gleicht sich Alles auf das
Einfachste aus, die Gewohnheit macht mir sein Spiel gleichgiltig und Sara's
naives Geschwätz wiegt mich in heitere Träume einer längst verloren gegangenen
Kindlichkeit.
    Vor einigen Tagen war Sara besonders scherzhaft gestimmt. Sie zeigte mir
alle Künste, die sie im schönen Müssiggange erlernt hatte und gefiel sich
namentlich darin, sich vor meinen Augen schnell und fast unmerklich zu
verwandeln durch ein wunderbar geschicktes Handhaben ihres Shawl's und des
faltigen Oberkleides. Dieses harmlose Spiel ergötzte mich eben so sehr als das
Mädchen. dabei erzählte sie mir orientalische Mährchen, voll Duft und
scherzhaftem Kinderglauben, spielte dazwischen die Ziter oder führte auch einen
kurzen Tanz auf. Friedrich kam dazu, und geigte. Glücklich gestimmt, hatte er
Neigung zu sprechen, was er sonst fast nie tut, oder doch nur sehr lakonisch.
    »Sara tanzt heut', wie ihre Eugenie,« sagte er dumpf vergnüglich in sich
hineinlachend, und strich seine Geige so possirlich, dass ich selbst ebenfalls
lachen musste. »Ich denke, gescheidte Menschen lachen nie,« fuhr er fort, etwas
beleidigt, wie es schien. »Das soll ja nur den Dummen und Narren frei stehen. Es
ist ihr Monopol; 's kostet ihnen eine ganze, splitternackte Seele.«
    »Wer war denn Eugenie?« fragte ich den Blödsinnigen.
    »Eugenie?« wiederholte er, pfiffig und doch auch einfältig dazu lächelnd.
»Ja, Eugenie war ein Wesen, das Niemand kennen darf, als zwei Menschen.«
    »Und diese zwei, Friedrich? Sieh, dies schöne Goldstück, ist's nicht mehr
wert, als ein albernes Geheimnis?«
    »Mardochai gab mir zehn solche Goldstücke, damit ich schweigen kann, nur
zehn andere, wenn sie recht glänzen, heben sich.«
    Ich warf ihm die blinkenden Dukaten zu. »Besinne Dich Friedrich!«
    »Besinnen? Eugenie war Bardeloh's Schwester.«
    »Und was ist sie jetzt?«
    Er warf die Geige auf den Teppich und ahmte, durch das Zimmer gehend, die
Haltung eines Leidtragenden nach.
    »Was hat denn Eugenie in's Grab gebracht?« fragte ich weiter.
    »Die dumme Liebe,« sagte der Blöde und fing wieder an zu geigen. »Wer hiess
es auch dem albernen Dinge, einem Juden zu vertrauen! Dafür musste sie bei guter
Zeit die Welt verlassen.«
    »Ist Eugenie kinderlos gestorben?«
    »Nun das freut mich,« erwiederte der Geiger und unterbrach abermals sein
Spiel. »Nun kenne ich doch einen, der noch dümmer ist, als für gewöhnlich der
Allerweltsesel Friedrich gehalten wird. Dieser weiss doch wenigstens, dass Sara
Eugenien's Tochter ist, aber der Mensch kann auch das nicht begreifen. O über
diese dummen Klugen!« -
    Ein weiteres Ausfragen hielt ich für unnötig. Ich war zufrieden und
überliess Friedrichen wieder seiner Gedankenlosigkeit. Sara hatte kaum auf unser
Gespräch geachtet, das oft unterbrochen wurde, indem immer lange Pausen zwischen
Frage und Antwort eintraten. Da sie ohnehin ihre Mutter nicht kannte und den
Geiger für eine blosse willenlose Kreatur ihres Vaters hielt, den man sich durch
Goldspenden vergewissern konnte, so legte sie überhaupt gar keinen Wert auf
sein Geschwätz. Mir aber genügte die erhaltene Auskunft. Ich nahm mir vor,
Bardeloh zu sprechen, um ihn von meinen Entdeckungen in Kenntnis zu setzen. -
    Noch an demselben Abend traf ich mit ihm zusammen. Er war in einem Gespräch
begriffen mit seinem Bruder. Eduard fängt seit einiger Zeit an zwar nicht
verständiger, aber doch umgänglicher zu werden, und in glücklichen Momenten ist
eine Unterhaltung mit ihm möglich. Freilich kreuzt der Irrsinn sich oft
wunderbar genug mit einem lichten Gedanken. Sein früheres Leben streicht dann in
haltungslosen Bildern an ihm vorüber. Erinnerungen blitzen auf und verschwinden
wieder im Entstehen. Dann reibt er sich das blutrote Muttermal, schüttelt den
kahlen Scheitel und wundert sich über die seltsamen Besuche, die ihm der lichte
Tag abstattet.
    In einer solchen Stimmung traf ich ihn. Beide Brüder sassen einander
gegenüber, Bardeloh düster und schweigend, Bonifacius in heitere Spiele loser
Phantastik aufgegangen.
    »Das magst Du glauben, mit dem Frommsein ist's ein gefährlich Ding;« sagte
der tolle Mönch. »Das fängt gar wunderlich an sich zu melden im Menschen. Erst
prickelts wie Nadelstiche am ganzen Körper, im Herzen meldet sich eine Art
Wehmut, die vertrackt viel von Blutgier an sich hat. Darum gibt sie den Frommen
auch sogleich die Geissel in die Hand. Nun geht der Tanz los, bei dem der Geist
Director ist und Tactschläger. Was aber sonst noch drum und dran hängt, das
drischt drauf los auf die taube Seele, bis sie Vernunft annimmt und Körner aus
ihr herausfliegen. Der dürre Gevatter Tod aber grinst die schönsten Fratzen und
unterhält den jungen Frommen mit lauter schaurigen Geschichten. Zuckt der Leib
und mauzt die Seele, so fangen die lieben Engel an zu zimbeliren, und Juchhei!
mitten in den Himmel hinein springt die gepeitschte Menschenhaut, dass der
Erzengel Michel, der in der Ecke sitzt und den hungrigen Frommen Honigbemmen
streicht, zusammenfährt vor Entsetzen, und die Bemmen auf's Gesicht fallen lässt.
Darum müssen auch alle neue Heiligen so viel Hunger leiden, und aus Hunger
werden sie toll, wild. Der Himmel mag nichts von ihnen wissen, Petrus klopft
ihnen mit dem Schlüssel auf die nackten Schädel und schmeisst sie kopfüber wieder
hinaus aus der lieben Seligkeit, und pardautz! da geht's wieder hinein in
Kellergewölbe unb Klosterzellen, und die Hora wird gebrummt, damit man das
Quicken der Lust nicht hört, das in allen Nerven zwitschert und wimmert, wie
geprügelte Kinderseelen. - Siehst Du, Bruder, das muss Einer nur begreifen
können, um's erst heilig zu finden. Kinder schreien, sie mögen nun wirklich
herumlaufen in der freien Luft, oder noch in Saft und Blut sitzen. Wer sie
nicht'raus kriegen kann, dem geht's höllisch schlecht. Das Fleisch juckt ihn und
die Seele windet sich wund und blutig im Nesselfieber. Manchen macht das
Gequicke toll, und ich habe einen Narren gekannt, der sehr gescheidt gewesen
wäre, hätte er statt des Peitschens sich einen vergnüglicheren Zeitvertreib
wählen dürfen.«
    So konnte der Unglückliche stundenlag fortschwatzen, tollen Unsinn gemischt
mit bittern Wahrheiten. Es wurde jedem Zuhörer seelenangst dabei, nur Bardeloh
verzog keine Miene, antwortete kaum auf etwaige Fragen des Verrückten, und
notirte sich diese oder jene Bemerkung des Mönchs in sein Taschenbuch.
    Ich wunderte mich nicht wenig, als ich auf meine Erzählung von Bardeloh bloss
ein gleichgiltiges: »Das weiss ich,« erhielt. Auch war der rätselhafte Mann
durchaus nicht zu bewegen, auf eine weitere Erörterung einzugehen. Er blieb
dabei: Eugenie sei Mardochai's Geliebte gewesen mit seiner Bewilligung, und Sara
ihr Kind, nach dessen Geburt sie bald gestorben. - Nun finde sich ein Mensch in
dieses Gewirr! - Von Rosalie war noch weniger zu erfahren, da sie Bardeloh zu
jener Zeit noch gar nicht gekannt hatte. Ich muss daher annehmen, Mardochai sei
ehrlich, wie er es oft scheint, und Friedrich spreche in der Tat mehr aus
Instinct, als aus Bedürfnis. Es ist trostlos, wenn man von Dummen und Verrückten
die Wahrheit begreifen lernen soll.
    Felix kam bald nach mir in des Mönchs Zimmer. »O, wie freu' ich mich,« rief
er aus, »dass ich Dich wieder einmal finde, Sigismund!« Gib nur acht, wie mein
Onkel klug spricht, so toll er auch immer ist. In dem Menschen steckt ein gar
wunderlicher Geist, der sich gar nicht um des Vaters schöne Redensarten kümmert,
sondern so frisch von der Leber weg räsonnirt, dass es gar gar eine Lust ist,
zuzuhören. Onkel Eduard macht's beinah so arg, als der schmutzige Casimir dort
drüben.
    Bardeloh beharrte in seinem Schweigen und der Mönch fing wieder an, in
seiner Weise zu erzählen, Erlebtes und wüste Einfälle bunt durch einander zu
werfen, wie's kam und ihm Behagen gewährte.
    »Einstmals war ich ein fideler Kerl,« fuhr Bonifacius fort, »da kam ein
Pfiffiger Luteraner und sprach: Deine Religion ist nichts wert, denn sie
verduftet sich. Haltbar muss Alles sein und recht nüchtern; das macht gescheidt,
das nährt und schützt vor Drüsengewächsen. Ich wollt's ihm anfangs nicht
glauben, weil ich viel auf schimmriges Poetenzeug hielt, und so wurde ich ein
rundköpfiger Heiliger. Der Luteraner hatte so unrecht nicht, vielleicht aber
lag's auch in meinen Nerven. Das ungezogene Gespinnst wollte immer Schultert's
Gewehr! spielen, sicherlich weil ich im Befreiungskriege mit gefochten habe. Das
brachte die Heiligkeit bei mir in Miscredit, und so ward ich lieber
Obercommandant der Nerven und commandirte, dass mir die Lunge schmerzte:
Präsentirt's Gewehr! Bei alledem kam's zu keinem richtigen Einhauen und
Bajonettgefecht, sondern 's blieb eben beim blossen Präsentiren. Und das machte
mich ärgerlich und so, was man sagt, etwas wirblich im Kopf. Merk Dir's, Bruder,
Nervenobercommandant zu sein, ist ein sehr kitzliches Generalat, und trägt
nichts ein, als grobe Kutten und schwere Ketten. Weil ich ein neues Land
entdeckt hatte, schloss man mich an, wie den Allerweltscapitain Columbus.«
    »Onkel, das war auch ein tüchtiger Mensch,« fiel Felix ein, »und wenn mir
der hübsche Amerikaner Burton das Schifferhandwerk lehrt, so will ich schon auch
einmal eine Welt entdecken und mich nicht in Fesseln schmieden lassen.«
    »Es wäre auch sehr unnötig,« sprach Bardeloh, »Du liegst so fest drinn, dass
ich nicht wüsste, wo man noch eine anbringen wollte.«
    »Sigismund,« sagte der Knabe zu mir, »das bildet sich der Vater wieder
einmal ein, gerade wie sein Civilisationsgift, das auch kein Apoteker kennt.
Ich und Fesseln! Kann ich nicht springen und laufen, wie mir's gefällt? Hat der
Vater wunderliche Einfälle! Ach wenn er dadurch nur nicht so gar traurig und
düster würde! Da muss die Mutter weinen und ich fürchte mich, und dann freilich
ist mir's, als ob ich Ketten trüge.«
    »Gewöhne Dich an den Gedanken,« sprach Bardeloh, »so kannst Du sie noch
einmal abschütteln.«
    »Ketten sind ein schlechtes Geschmeide fuhr Bonifacius fort, für die
Heiligen wüsst' ich aber doch kein besseres. Das hält einen so warm und treibt
jeden Gedanken hinein in seine eigene Hülfe, dass man ihn zuletzt gar nicht mehr
sehen kann. Und so muss es sein! Ein wahrer Heiliger darf keinen Schimmer seines
eigenen Gedankens in sich spüren, ein ächter Mansch eben so wenig. Das muss Alles
in das unsichtbare Blut und Fleisch aufgehen, von dem der Geist lebt. Und wenn
wir so diese Gedankenspeise hinunterschlingen, da geht einem der Himmel erst
auf, wie alle fünf Wunden des Heilands, blutrot - o das ist eine Lust! Werdet
Heilige, wie ich! Ihr Lumpengesindel sollt schon noch Gott erkennen lernen!«
    In dieser Manier sprach der bedauernswürdige Mönch noch lange, und ich würde
nicht müde geworden sein, ihm zuzuhören, wäre mir nicht ein Brief von Auguste
überbracht worden, die mir ihre Lage in Düsseldorf schilderte und nichts
sehnlicher wünscht, als die Herankunft des Frühjahr's, um der neuen
hoffnungverheissenden Welt entgegen zu schwimmen. Damit Du nicht aus dem
Zusammenhange gerissen wirst, schreibe ich Dir ab, was Dich interessiren kann
und sich mitteilen lässt. Denn nun wir so innig mit einander verbunden sind,
fängt die Geheimnisskrämerei erst an. Liebende, die dem höchsten Glück
entgegenharren, werden egoistisch. Ich mag keine Ausnahme machen von dieser
Regel, eine der wenigen, die ich respectire und auch in die neue Welt
hinüberretten will. Man muss das Gute dem Alten vollends ganz entreissen und in
sicheren Gewahrsam bringen; denn anders fehlt es dem Neuen an dem Poetischen des
Vergehenden, und diesem wird die Möglichkeit benommen, sich im Gefühl gänzlicher
Nichtigkeit wieder zur wahrhaftigen Tat empor zu schwingen. Hier ein Auszug aus
Auguste's Schreiben:
                             Auguste an Sigismund.
    »Unser Leben gestaltet sich hier recht heiter, geliebter Freund. Ich bedaure
nur, dass die Nähe des Winters uns meist in's Zimmer verweist, was ich nicht
liebe. Kleine Ausflüge an heitern Tagen in die Umgegend haben wir zwar nicht
unterlassen, und ich bin sogar ein paar Tage in Pempelfort gewesen, wo ich,
angeregt durch die Erinnerung an die Vergangenheit, die Schriften Jakobis zu
lesen begann. Sie können mich jedoch nicht mehr so recht fesseln. Dergleichen
hat seinen eigentlichsten Wert verloren für uns moderne Unglückskinder.
    Ganz anders erfasst mich Börne, in dessen Briefen aus Paris uns Oskar des
Abends viele Stunden lang vorliest. Ich kann nicht müde werden, diesen
göttlichen Menschen zu lieben, der es wagt in dem Bewusstsein seiner reinen
Tugendhaftigkeit den Schleier von dem Antlitz der Zeit zu heben und dem lebenden
Geschlecht zu zeigen, was für ein fahler Todtenkopf darunter verborgen ist. Gabe
es auch nur diesen einzigen Börne in Europa, so läge in ihm schon der schlagende
Beweis, dass dieser Erdteil sehr krank sei. Börne ist nicht als Deutscher
aufzufassen, sondern als ein Product des europäischen Lebens. Und ihm zur Seite
wandeln bereits Jüngere, die freilich dem Titanen erst bis an die Knie reichen.
Solche wittere ich in manchen gegenwärtig Verfehmten, und wenn Du's nicht übel
nimmst, mein Geliebter, so behaupte ich, diese Menschen werden noch einmal hoch
verehrt werden von der Nachwelt, und zwar ihrer angeblichen Frevel halber. -
    Bitte, bitte, lies weiter und vergib meinen Ketzereien! Ich armes Ding kann
ja doch nichts tun, als die Brosamen meiner Gedanken mühsam zusammenlesen und
sie Dir zu beliebiger Verspeisung vorlegen. Einen Willen möcht' ich aber gern
haben.
    Während Oskar an seiner Brochüre über die Rechtszustände in Europa und
vorzugsweise in Deutschland arbeitet, bin ich mit der ausgelassenen,
mutwilligen Lucie beschäftigt, für mich und Dich Pflanzerkleidungen zu
verfertigen. Ach, ich freue mich wie ein Kind auf unsere amerikanische Zukunft!
Aber ich bitte Dich, Sigismund, lass nicht ab, Bardeloh zuzureden. Ohne Rosalie
und Felix kann ich mir in der neuen Welt keine Existenz denken. Ich bedarf
europäischer Gesichter, um die fremden Physiognomien erträglich zu finden. Ich
will Parallelen ziehen und vergleichen.
    Du solltest mich sehen in meinem leichten Pflanzeranzuge. Ich gehe wie ein
lustiger Bursch, der sich verwandelt hat in ein fröhliches Mädchen. Muss das eine
Lust sein, so aller Mode fremd nur seinem Behagen zu leben, und zu wissen, es
gibt keinen Zwang, so weit Dein Auge reicht, und Deine Gedanken! Die Freiheit
ist das Grösseste, was der Mensch erstreben kann! Ich will Jedem Alles vergeben,
ich will Mörder und Spötter umarmen, wenn sie nur die Freiheit ehrten und
liebten, für die Freiheit als zürnende Titanen, Blasphemien donnerten! Ich fühle
amerikanische Freiheitslust durch meine Adern sprudeln, und mein armes, kleines
Mädchenherz erhält in seiner Schüchternheit die Ahnung eines Kosmopolitismus,
den ich in Worten nicht ausdrücken kann. - - -
    Letztin kam ein Brief von Steinhuder an Lucie. Er nahm sich aus, wie eine
mit Rosmarin, Beifuss und Salbeiblättern gespickte Gans. Ein Psalmist, wenn er
sich in Buttermilch betrunken hat - falls dies möglich sein sollte - könnte
seiner Feder keinen erhabneren Schwung geben. Ein solches
Storchschnabelgeklapper von forcirtem Unsinn kann es unmöglich mehr geben auf
Erden. Lucie soll zu ihm zurückkehren und sich einen andern Bräutigam selbst
erwählen dürfen. Nur von Oskar soll sie lassen. Unter diesen Bedingungen
verspricht er ihr, den Oelkrug der Verzeihung und die köstliche Nardenmixtur der
vormundschaftlichen Gnaden über ihr sündiges Haargeflecht auszuschütten und zu
baden das verpestete Fleisch ihres Fusses in der Melodie süsser Gewässer. Es ist
rührend, wenn ein Mensch so dumm wird. Ach Gott im Himmel, wie dank' ich's
meinem Gott, dass er mir keinen solchen Vormund bestellt hat!«
    »Du hättest Lucien sehen sollen. Ein wildes Füllen kann nicht tollere
Sprünge machen. Die kleine, schöne, böse Grazie setzte sich augenblicklich an
den Sekretär und schrieb ihre Willensmeinung, die schwerlich den Mystiker
erfreuen wird. Mag er sich doch seinen Plunder behalten, sagte sie, mein
Erbteil kann er mir nicht schmälern und das reicht auch hin, mir in Amerika ein
Besitztum zu erwerben.
    Lucie's Brief wird zugleich mit diesem bei Euch eintreffen. Ich möchte schon
Steinhuder's Mimik belauschen, um daraus zu ersehen, ob ein Frömmler Europa's
oder ein Wilder Amerika's den Preis des ausgezeichnetsten Grimassenschneidens
gewinnen würde. So etwas kann mich ergötzen und auf ein paar Tage heiter
stimmen.
    Gib mir nur recht oft Nachricht von dem, was Ihr treibt, nur hülle Dich
nicht zu sehr in den Schleier der Wehmut. Das mag ich nicht leiden, das gefällt
mir nicht am Manne. Du musst immer kräftig sein, denn Du kannst es, und gegen
eine fernere Zerrissenheit will ich Dich schützen. Bin ich doch schon - - - -.
Nun komme nur erst wieder her, verjage den Winter rufe den Lenz herauf mit
seinem blühenden Helmsturme - dann soll es Freude geben auf Erden, weil noch
eine Zukunft vorhanden ist!
    Adieu, adieu, mein süsser Freund. Sei nicht böse, dass ich abbreche. Oskar
kommt, um mir und Lucie wieder aus Börne vorzulesen. Dass ich Dich Börnen jetzt
nachsetze, wirst Du bei meiner Unparteilichkeit sehr verzeihlich finden. Werde
erst ein so starker Mensch wie Börne, und Du sollst erstaunen, wie ich Dich
neben meiner grenzenlosen Liebe auch noch grenzenlos verehren werde. Ich bin
sehr bewandert im Scheiden, wie Du siehst. Distinctionen sind meine Force.
Träume von mir. Meine Augen will ich sanft betten an Deinen Schläfen, damit sie
Dein Denken durchspähen können. Ich bin sehr böse, Teurer.«
                                                                  Deine Auguste.
    Wenn die Frauen Börne lesen und so gerecht sind, über den Charakter selbst
die Liebe zu vergessen, dann steht Grosses zu hoffen. Wüsste ich nur, wie viele
Frauen so geistig schön sich bilden könnten in Deutschland, dass sie Börne's
Erhabenheit ganz begriffen. Wären es auch nur tausend, diese Tausend schon
würden mich veranlassen, noch eine Reihe von Jahren in Europa zu bleiben, um die
Wiedergeburt desselben sich vorbereiten zu sehen. Aber so - ich zweifle sehr! -
und darum flüchte ich mich hinüber, wo der Gedanke fessellos sich ausdehnen
darf.
                                                               Den 23. December.
    Vor sechs oder sieben Tagen trug sich ein originelles Schauspiel zu in
Bardeloh's Hause. Wir waren um den Frühstücktisch versammelt, als plötzlich mit
grossem Ungestüm die Tür aufgerissen ward und zornglühend, die Kleidung in
Unordnung, Steinhuder hereinstürzte. Bardeloh, der sich nicht leicht aus der
Fassung bringen lässt, ging ihm entschlossen entgegen und fragte nach seinem
Begehr.
    »Da, da,« rief der Frömmler ausser Atem, zerrte einen Brief aus der Tasche
und hielt ihm Bardeloh vor die Augen, »da,« sagte er, »da, lesen Sie! Ist dies
die Sprache einer Tochter Zions? Darf ein Mädchen so reden und schreiben, wenn
nicht einstürzen sollen die Mauern der Tempel und wehe schreien die Todten in
den Gräbern?«
    »Nein,« versetzte Bardeloh ganz ruhig, »eine Tochter Zions dürfte so
wahrscheinlich nicht schreiben, wie dieser Brief geschrieben sein mag, den ich
nicht lesen kann, weil Sie ihn mir nicht geben, aber einer Tochter unserer Stadt
darf so etwas wohl erlaubt sein.«
    »Erlaubt, sagen Sie,« schrie der Pietist, »erlaubt! Was ich hören muss!
Dacht' ich's doch. Freilich! freilich! Hier ist das Gehennah der neuen Welt, wo
ausgebrütet werden die Teufeleien der Vernunft! Sie sind der Satan, der da
verführet alle Kinder des Lichtes und umhergehet nicht wie ein brüllender Löwe,
sondern wie ein schleichender Fuchs und suchet, welch' Mägdlein er verführe mit
seinem Streicheln. Dass Dich zermalme die Brut Deiner Gedanken! Dass Du
vermaledeit werdest von dem Fluch Deines eigenen Geistes! Sie sind schuld an
meiner Mündel Verworfenheit, denn hier hat sie kennen gelernt den Gabriel,
welcher ihr verkündigte den Wahnwitz der Freiheit. Jetzt habe ich Dich erkannt
und will prickeln an Deinem Leibe, bis er zusammenfällt, wie ein Häufchen Asche,
das da nichts ist, als gar Nichts -«
    »Bemühen Sie sich nicht, lieber Steinhuder,« fiel Bardeloh dem Eifernden in
die Rede, an dessen Gesalbader sich der kleine Felix königlich ergötzte. »Was
Sie tun, ist mir gleichgiltig. Eifern und Schimpfen hält die Welt nicht auf in
ihrem Gange, und wenn Lucie so frei und kräftig gewesen ist, sich Ihrer Macht zu
widersetzen, so muss ich das Mädchen nur achten. Denn es gehört wahrlich eine
hohe Tugend dazu, rein zu bleiben unter solchen äffischen Grimmassen, wie Sie
uns hier eben zum Besten gegeben haben.« -
    Steinhuder war entwaffnet durch diese offene Erklärung. »So,« sagte er,
zusammenklappend, wie eine Claque, »so! Ich sehe mich also am Ziele und darf
nicht ferner hoffen, Sie zu bekehren!«
    »Ganz und gar nicht,« warf Bardeloh ein. »Darf ich Ihnen etwas geräucherten
Lachs anbieten?«
    »Danke, danke - ich will nicht essen mit den Gottlosen.«
    »Ganz nach Belieben. Sehen Sie nicht, wie sich mein Junge über Ihre
Torheiten freut?«
    »Darob ihn Gott strafen wird an seinem sterblichen Leibe!«
    »Danke für Ihre gute Meinung von Gottes Barmherzigkeit!«
    »Vater,« sprach Felix, »da las ich einmal in einem Buche von Eulenspiegel,
der ein ganzer Narr gewesen sein soll, und auch hier in Köln. Ist Steinhuder
vielleicht eine verbesserte Auflage dieses Eulenspiegels?«
    »Die Kinder werden klug und die Alten einfältig,« rief der Pietist, »das ist
die Zeit, von der geschrieben stehet: sehet Euch vor, denn der Welt Untergang
ist nahe!« -
    Mit diesem heroischen Entsagungsspruche zog sich Steinhuder zurück. Wir
erfuhren am nächsten Tage, dass Lucie von ihm enterbt sei. Ihr eigenes Vermögen
hat er gerichtlich an Bardeloh gegeben, und den blöden Friedrich zu seinem
Universalerben eingesetzt, damit er »ruhig seine Geige stimmen und spielen könne
zum Lobe des Herrn« lautet die Formel.
    So wäre denn ein Knoten gelöst. Lucie ist frei, Steinhuder für uns nicht
mehr als vorhanden zu betrachten, nur durch Friedrich hängt er unmittelbar noch
zusammen mit unserm Kreise. -
    Nächstens erhält Raimund von mir einen Brief. Er wird Dir mitteilen, was
sich ferner begibt. Ich bin müde des Wartens und sehne mich nach der Stunde der
Befreiung. Dieses Hoffen ist peinigend und erzeugt in mir eine Angst vor dem
Nächsten, die mich wie eine düstere Prophezeihung auf jedem Schritte verfolgt.
Möchte nichts Gewaltsames geschehen und Bardeloh noch bewogen werden, uns zu
begleiten. Rosalie ist sehr betrübt, da sie nun allein zurückbleiben muss. So ist
auch die gerechteste Freude nicht denkbar ohne das bitterste Schmerzgefühl! -
 
                                      15.
                                  An Raimund.
                                                              Anfang Januar 18 -
    Mit innigem Dank seh' ich die Zeit immer näher herankommen, wo ich vom
Hoffen zum Handeln übertreten werde. Ein solches Renegatentum ist wohl noch
erlaubt in unsern Tagen, so geringen Beifall es auch bei der grossen Menge finden
möchte. Aber ich bin auch bereits freiwillig aus allen Banden geschieden, die
mich noch fest verknüpften mit dem europäischen Leben. Im Herzen traure ich um
den Verlust meiner Heimaterde, aber der Geist erhebt mich hoch über die Qual
des Augenblickes und lässt mich der Zukunft goldene Träume in feste Formen
zwingen. Das ist meine amerikanische Tatenlust, die erst erwachen kann, sobald
ich gänzlich todt bin für Europa. - Darum begrüsste ich auch den ersten
Sonnenstrahl dieses neuen Jahres mit einem stillen Jauchzen, in dem die
Verheissung einer neuen Lebensära für mich lag. Nicht ohne Schmerz war dies
Gefühl, aber es war nur der Schmerz der Grösse, der mich bewegte. Er drückt nicht
nieder, sondern erhebt, und erhaben wandele ich seitdem auf den Palmenzweigen
meiner eigenen Gedanken. -
    Nach den stillen Beobachtungen, die ich in den letzten Wochen angestellt
habe, reut es mich fast, dass ich Bardeloh zur Auswanderung nach Amerika zu
bewegen suchte. Er war früher zwar sinnender, mehr dem finstern Grübeln ergeben,
als jetzt, aber es verbreitete sich doch auch eine gewisse Ruhe über sein ganzes
Wesen. Dies hat sich in der letzten Zeit verloren. Der stille Mann scheint aus
seinen eigenen Charakter herausgejagt zu sein. Unser schneller Entschluss,
gereift durch Gleichmut's Lebensgeschichte und das plötzliche Erscheinen
Burton's, wird ihm unbequem. Ein Durchkreuzen seiner Pläne muss für ihn darin
liegen und dies stösst sein stilles Brüten zu einem hastigen Tun. Könnte ich nur
ermitteln, was er bezweckt, wohin er zielt und wem sein geheimnisvolles Begehren
gilt!
    Du kennst meine Abneigung gegen Mardochai, die freilich vielleicht mehr eine
Geburt der Furcht, als der Verachtung ist. Aber ich entsetze mich nun einmal vor
diesem Menschen, weil ich begriffen habe, was eine misbrauchte geistige Kraft
für entsetzliche Frevel begehen kann, wenn sie die Vergangenheit sich zum Leiter
erwählt für die Gegenwart. Und gerade mit diesem Menschen verkehrt Bardeloh
jetzt mehr als sonst. Er weiss, dass ich den Juden nicht leiden mag, dass ich sogar
im geheim ihn beaufsichtige, und dennoch lässt er unverhohlen seine Vorliebe zu
ihm durchblicken. Mardochai besucht fast jeden Abend meinen seltsamen
Gastfreund. Eingeschlossen in Richard's Kabinet verkehren sie bis tief in die
Nacht hinein mit einander, und Niemand erfährt, was sie sinnen und träumen. Ich
fürchte aber, es wird das Erwachen entsetzlich genug sein, denn gestern Mittag
sagte Bardeloh ganz unaufgefordert mit einem unbeschreiblichen Lächeln: »Nun bin
ich bald fertig mit meiner Doctrin des Hasses, in etwa vier Wochen will ich eine
Probevorstellung geben.« Ich stutzte, auch Rosalie zeigte einige Ueberraschung
und Felix lag mit kindischer Neugier dem Vater um das Wie? an und bat, ihn ja
dabei nicht zu vergessen. Richard schien erschrocken über sich selbst, wusste
sich aber bald zu fassen und versetzte auf das Bitten seines Sohnes: »dazu kann
Rat werden, liebes Kind. Vielleicht darfst Du Dich ganz besonders eigenen, eine
Hauptrolle bei der Probe zu übernehmen.«
    »Das wäre prächtig!« rief Felix aus. »Das Schauspielern habe ich immer
geliebt. Ich wollte meine Rolle gewiss recht gut auswendig lernen. Gib mir sie
nur bei Zeiten, Vater.«
    »Zu gehöriger Zeit,« versetzte Bardeloh und lenkte das Gespräch auf andere
Gegenstände.
    Eine unbezwingbare Unruhe trieb mich fort. Ich ging zu Gleichmut, um von
ihm zu erfahren, was er etwa selbst wissen konnte. Ich erzählte dem Pastor
Bardeloh's Äusserung, erwähnte seines häufigen Verkehrs mit dem Juden und der
Besorgnisse, die ich daran zu knüpfen mich bewegen fühlte.
    »Lassen Sie geschehen, was immer will,« versetzte Gleichmut. »Dies allein
kann hier oder dort zum Ziele führen. Nur kein eigenmächtiges Eingreifen in das
Handeln Anderer! Es steht jeder Einzelne in der Hand der Weltgeschichte, die ihn
führt und leitet, und die Gerechtigkeit fällt so von selbst aus dem Conflict der
verschiedensten Handlungen heraus, dass es wahnsinnig sein würde, wollte hier
Dieser oder Jener hemmend oder beschleunigend eingreifen. Ich ahne Bardeloh's
Tun, aber ich werde kein Tor sein und es verraten. Es ist gut, weil es der
Notwendigkeit, der Krisis der Zeitbewegung, angehört.«
    All mein ferneres Experimentiren blieb vergeblich. Der Pastor schwieg
hartnäckig über dieses Tema und sprach von seiner Geschichte der Heiligen.
»Diese Arbeit,« sagte er, »wird meinem Namen dereinst Renomée verschaffen bei
den Deutschen. Darüber vergisst man sogar mein Leben. O, es ist gar nicht so
übel, mit wissenschaftlichem Charpie die Wunden seines zerschlagenen, geistigen
Lebens sauber zu verstopfen!«
    Wich verdrossen die ausweichenden Antworten des Pastors. Aergerlich besuchte
ich Sara, die noch immer auf ihrem süssen Wahne beharrt. Das Kind erbarmt mich
und doch kenne ich kein Mittel, es zu heilen. Wäre Mardochai ein Anderer, so
wäre dem Mädchen schnell geholfen; ich kann aber diesem stolzen Rachegeist nicht
die Schuhriemen lösen. Härte gebiert Härte, und müsste Sara, dieser Engel der
Unschuld, als Sühnopfer fallen für viele, himmelschreiende Frevel, es könnte
mich nicht bewegen auch nur ein heimliches Wort dem Juden zu gönnen.
    Die Liebe plaudert gern aus, Sara verriet mir, was sie wusste von dem Tun
ihres geheimnisvollen Vaters. »Du glaubst es gar nicht,« sagte das liebe Kind,
»wie beschäftigt der Vater jetzt ist. Alle Tage kommen eine grosse, grosse Menge
von Deinen Brüdern zu ihm, um zum grossen Firmelungsfeste oder wie sie's sonst
heissen, blanke Schmucksachen zu kaufen. Und der Vater ist so freundlich dabei
und so gut! Du solltest ihn nur sehen, wie glücklich er lächelt und wie er
manchmal ein Stück Geld wieder zurückgibt. Alle Christen handeln gern mit meinem
Vater, das magst Du glauben! - Letztin kamen auch die Kleinhändler wieder, um
zum Feste ihre Einkäufe zu machen.« -
    »Was verkauft ihnen denn Dein Vater,« fiel ich der Schwätzerin in's Wort.
    »Alles, was sie gern haben und brauchen: kleine Marienbilder,
Heiligenscheine, Kruzifixe und solche Korallenbänder, wie Ihr sie tragt, wenn
Ihr betet.« - »Nun ja,« fuhr sie fort, wenn nun erst die Fastnacht herankommt,
dann soll's gross hergehen, sagt mir der Vater. Es wird ein grosser Aufzug
geschehen und recht viel Scherz dabei getrieben werden. Der Vater ist ganz
glücklich darüber und rennt von früh bis in die Nacht hinein, dass er oft ganz
ermattet zurückkommt. Wenn ich ihn dann liebkosend den Schweiss von der bleichen
Stirn trockne, spricht er: lass das, Sara! Es geschieht Alles zur Ehre unseres
Gottes. Wir werden bald frei sein. Ich verstehe ihn aber nicht; denn so hat er
schon oftmals gesprochen und ich habe doch hinterher nie eine Aenderung
wahrnehmen können.
    Dies und Anderes erzählte mir Sara. Meine Neugier stieg mit dem Verdacht,
welchen ich seit dem Tage gegen Mardochai hegte, wo er mich und Oskar in sein
Waarenmagazin führte. Was die Unschuld des Mädchens nicht ahnte, das erriet der
Argwohn meiner Furcht. Ich witterte irgend einen neuen Streich in der ausgesucht
pikanten Manier, wie sie Mardochai bereits zur Genüge bewiesen hat. Möglichst
bald verliess ich das holde Kind des Morgenlandes, diesmal weniger aufgelegt,
mich seinen liebenden Tändeleien zu überlassen, als gewöhnlich. Ich eilte nach
Hause. Schon von fern bemerkte ich in Bardeloh's Cabinet den falben Schimmer,
den die künstlich bereitete Spiritusflamme gegen die Fenster strahlte. Behutsam
schlich ich die Treppe hinan - der Argwohn macht den Besten zum Schurken -
Niemand begegnete mir, ich kam glücklich an des Mönches Zimmer vorbei, den ich
harmlos mit Felix plaudern hörte. Auch Casimir's Stimme klang von der andern
Seite herüber. Er declamirte ein Bruchstück aus seinem colossalen Werke: »Besuch
Gottes in der Hölle,« mit Donnerstimme, in die sich oft ein helles Gelächter
mischte, ich weiss nicht, ob aus Freude über das Gedichtete oder aus Verachtung
über die Zeit, die es möglich machen kann, solchen genialen Wahnsinn zu Tage zu
fördern.
    Vor Bardeloh's Zimmertür stand ich einige Secunden lauschend. Es war um die
Zeit, wo der Jude gewöhnlich kommt. Sein Klopfen hatte ich ihm längst
abgehorcht. Mit heuchlerischem Finger berührte ich die Tür, Bardeloh rief laut
sein »herein!« Ich folgte dem Rufe, der Mantel verhüllte mein Gesicht, den Hut
hatte ich in die Augen gedrückt. Ehe noch Bardeloh ahnen konnte, wer ihn störte,
war ich eingetreten, hatte rasch die Tür hinter mir verriegelt und stand mitten
im Zimmer.
    Bardeloh sass am Pult. Der geheimnisvolle Wandschrank war geöffnet. Eine
Pyramide von zehn Todtenköpfen grinste mich schauerlich daraus an. Aus dem
obersten brannte eine blendende Gasflamme und verbreitete Tageshelle rings
umher. Im Hintergrunde der Nische lagen eine sehr grosse Menge Maskenanzüge,
Larven, falsche Haare, darunter lange Locken, wie sie die Altdeutschen trugen
oder der Kopf des Johannes abgebildet wird, kurz ein ganzer Teatertrödel.
    Nur wenige Augenblicke waren mir zum Ueberschauen dieser Dinge vergönnt.
Bardeloh kam auf mich zu und rief ein »guten Abend, Mardochai,« als er seinen
Irrtum erkannte und mit zitternder Lippe verstummte. Ich war gefasst auf einen
bittern Gruss und hatte mich deshalb mit Gründen hinlänglich gewaffnet. Allein
die Tiefe von Bardeloh's Leidenschaftlichkeit hatte ich nicht mit eingerechnet
in meinen Plan. Kaum wusste er, wer sich unberufen zu ihm geschlichen hatte, als
er mit Blitzesschnelle einen Dolch ergriff, deren eine grosse Anzahl die
Todtenschädelpyramide wie ein Wald spanischer Reiter umhegten, eben so geschwind
die Tapetentür zudrückte und mich mit riesenstarker Faust so unversehens
erfasste, dass ich dem Grimm des Beleidigten erlag. Der Mantel hinderte mich an
der Gegenwehr, ich taumelte, niedergehalten von Richard, auf die Ottomane,
Bardeloh stämmte sein Knie gegen meine Brust und setzte mir mit wildem Blick den
Dolch darauf.
    »Sind Sie des Lebens so überdrüssig,« raunte er mir leise murmelnd zu, »dass
Sie mit Gewalt es verscherzen wollen? Wer hiess Sie eindringen in mein Heiligtum
zu einer Zeit, wo Sie wissen, dass nur Einer erscheinen darf?«
    »Ich bin ein Christ,« stammelte ich.
    »Ein Schurke sind Sie,« rief Bardeloh und drückte heftiger den scharfen
Stahl gegen meine Brust, »und es wäre am Ende wohlgetan von mir, wenn ich Ihnen
augenblicklich jedes fernere Schleichen und Lauschen verbitterte. Was wollen
Sie?«
    »Warnen.«
    »Vor wem?«
    »Vor Unrecht und Wahnwitz.«
    »Blöder Tor!« versetzte Richard und liess ab von mir. »Spricht der Mensch,
als käme er erst hinter dem Grossvaterstuhl hervor. Sind Sie denn umsonst ein
halbes Jahr bei mir gewesen?«
    »Um einen Mord schön zu finden, allerdings!« versetzte ich. »Auch glaube ich
in sofern auf unbedingtes Vertrauen Anspruch zu haben, als ich noch nicht Handel
trieb weder mit dem Geiste des Christen- noch Juden- noch Menschentums. Ich
lebte bloss der Freiheit und war bemüht, Sie zu eben diesem Leben herüber zu
ziehen.«
    »Und was soll dies Alles hier und eben jetzt?«
    »Es soll Ihnen die Augen öffnen. Hören Sie mich,« fuhr ich eifriger und
warmer fort, »und achten Sie das Wort eines Christen wenigstens eben so hoch,
als die schlaue Rede eines zweideutigen Juden. Mardochai ist ein grosser Geist,
aber kein edler Mensch. Mardochai lebt bloss der Rache!«
    »Glauben Sie mir denn damit etwas Neues zu sagen?«
    »Nicht im Allgemeinen, wohl aber im Speciellen.«
    »So reden Sie!«
    »Mardochai,« fuhr ich fort, »sinnt auf irgend eine Tat, womit er der grossen
Menge öffentlich Anstoss geben kann, wie er dies schon früher in der Stille
getan hat. Erinnern Sie sich an Gleichmut's Manuscript!«
    »Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, lieber Sigismund. Was haben Sie sonst
noch entdeckt?«
    »Ist das Gesagte nicht genug? Oder wollen Sie etwa auch ein blosses Werkzeug
der Rache werden in der Hand des Juden?«
    Ein verächtliches Lächeln spielte um Bardeloh's Mund. »Dieser Sorge hätten
Sie sich doch wohl entschlagen können,« erwiederte er. »Mich äfft kein Mensch,
nur der Zeit könnte es gelingen, durch einen schnellen Umschwung meine
Berechnungen zu vernichten. Darüber würde ich mich aber freuen. Ich weiss, was
ich will, Sigismund, weiss, was der Jude treibt und bin einig mit ihm. Und nun,
Lieber, schweigen Sie still und stören Sie nicht meine festgezogenen Kreise.
Gehen Sie nach Amerika, wenn Sie zu feig sind, auszuhalten bis zum letzten
Atemzuge in unserm hilfsbedürftigen Vaterlande. Der Starke versucht Alles,
bevor er Alles aufgibt. Das ist mein Glaubensbekenntnis, dem sich das
Mardochai's anschliesst, obgleich dieser Mann des Schicksals nicht nur die
Gegenwart zu berichtigen, sondern auch noch die Vergangenheit zu sühnen hat.
Gehen Sie, ich höre ihn kommen. Sie werden es noch erleben, dass ich kein
Feigling bin, noch weniger ein Betrogener. Gehen Sie! Ihre Gegenwart wäre
überflüssig bei unsern Verhandlungen, weil Sie wohl die Zeit begreifen, aber noch
lange nicht ihre unendlichen Schmerzen in sich durchgelebt haben.«
    Fast gewaltsam drängte mich der rätselhafte Mann fort. An der Tür
begegnete ich dem Juden. Ich war froh, als die Unheimlichen meinen Blicken
entschwanden. -
    So scheitert an der unerbittlichen Hartnäckigkeit dieses Mannes jeder
Versuch, ihn zu stillem, besonnenen Handeln zu nötigen, in dem ich, wie nun
eben die Zeit vorliegt, doch das einzige sichere Heil erblicke, so wenig auch
mein eigenes Naturell sich mit langsamem Umhertasten vereinbaren lässt. Gern will
ich zugestehen, dass es beleidigend ist für einen reifen Geist, immer nur die
Feinde siegen zu sehen, aber wo hinaus mit dem Sturm und Drange, selbst, wenn er
nur heimlich sich austobt? Die Betrachtung der Welt hat Bardeloh auf den Punkt
getrieben, wo er selbst des Sohnes nicht mehr schonen würde, wollte er sich ihm
- und sei es aus wahrhaftiger Güte - widersetzen. Dies muss unglücklich enden!
Denn ein solches Erfassen der Umstände ist selbst schon ein fertiges Unglück,
das nur in sich selbst hinein seine Tränen weint. Wahrhaftige Männlichkeit
vermag ich nicht zu erblicken in solchem Tun. Auch mutige Ausdauer liegt nicht
im Harren und Hoffen, wo eben jedes Hoffen ein blosses Morden des heiligsten
Gedankenlebens ist! Darin kann ich nicht stimmen mit Bardeloh. Was er bei mir
Feigheit nennt, das halte ich für rüstige Kraft, seine Kraft aber ist krankhaft
und wird, bricht sie aus, nur verwüstend, gleich einer Pest, Alles um sie her
ergreifen. Raimund, mir graut vor dem Grimm des starken, europamüden Mannes!
                                                               Drei Tage später.
    Ein Brief des Amerikaners aus Paris meldet mir seine Zurückkunft in etwa
vierzehn Tagen. Burton hat ganz Frankreich durchstreift und sich längere Zeit an
den wichtigsten Orten aufgehalten, um die Sitten und den Willen des Volkes
kennen zu lernen. Mit grossen Erwartungen trat der Mann die Reise an, und arm
daran kehrt er zurück. Burton hat sich bitter getäuscht gefunden, nur wenig
Hoffnung ist ihm geblieben. »Die Franzosen von heut,« schreibt er mir, »sind
nicht mehr die Franzosen von 1789. Der Heldenmut ist zum Speculanten geworden,
der nur nach Pfunden die Freiheit abwiegt. Das Volk scheint mir gegenwärtig sehr
erschlafft zu sein und wird es täglich mehr durch den scheinbaren Wohlstand, den
die Klugheit Philipps der Hauptstadt zu geben weiss. Jammer und Elend aber nisten
im Innern der Provinzen. Ein Anblick, wie ihn Lyon bietet, war mir neu, obwol
ich die Welt kenne und gewohnt bin an Schreckensscenen. Das war ein schweigender
Schrecken, der mir in dieser Stadt begegnete, und ich wundere mich nur wie der
lebhafte Geist des Volks diesen Jammer so geduldig erträgt. Solche Armut ist
kein Zeichen der Freiheit, denn wo wahre Freiheit wohnt, da verhungert Niemand.-
- - Die Politik behandeln die Franzosen gegenwärtig wie eine
Boulevard-Liebschaft. Sie ist ihre Grisette, sie müssen mit ihr tändeln und
wär's auch bloss zum Zeitvertreib während des Frühstück's. Aber wohin ist der
republikanische Ernst, der in den Zeiten der Revolution mit Blitz und Donner die
Welt erschütterte? Schauspiele und Gassenemeuten, gleich dazu eingerichtet, um
sie am nächsten Tage im Guckkasten für einen lumpigen Sou dem Pöbel zu zeigen;
das sind die schmachvollen Vergnügungen der grossen Nation. - O, wohin ist es
gekommen mit den blühenden Hoffnungen der Julisonne von 1830! - Oder wäre auch
dies bloss eine allgemeine St. Simonistische Liebschaft des ganzen Volkes
gewesen? Es scheint beinahe so, und mein Argwohn, der nie viel Gutes hoffen
konnte von dieser dreitägigen Farce in der europäischen Weltgeschichte, steigert
sich, je länger ich den Geist des Volkes erforsche. Zwar lebt noch die alte
Lust, die alte Hoffnung in diesem Geschlecht, aber sie liegt verschleiert unter
einer merkwürdigen Apatie, die mir eine völlig neue Erscheinung bleibt an den
Franzosen. Eine recht eclatante Dummheit könnte sie wohl wieder zur Vernunft
bringen, oder irgend ein vielversprechender Krieg. Nur mit der Industrie allein
ist den Franzosen nicht geholfen, überhaupt dem ganzen Europa nicht. Der
europäischen Freiheit fehlt es noch immer an dem allseitig Beglückenden, doch,
hoffe ich, wird ihr auch dies mit der Zeit zu Teil. Gegenwärtig lässt sich aber
auf nichts mit Gewissheit bauen. Wer darauf warten will, kann zu Grunde gehen und
als ein gutmütiger Narr der Zeit sterben. Mir wird mächtig bange in Europa, und
ich fange an einzusehen, dass die Jugend nicht Unrecht hat, wenn sie eine
schönere Gestaltung der Zustände herbeiwünscht, oder sich offen und frei als
müde dieses Daseins erklärt. Bitter beklage ich, dass ein so mächtig schönes Land
dem Zorn, ich weiss nicht welchen Geistes, erliegen muss. Und doch kann ich immer
noch nicht an den Untergang glauben. Es ist gewiss nur eine Krisis, die
vielleicht bald vorübergeht. Dann wird sich der alte Weltteil wieder erheben in
seiner ganzen Pracht, und eine Art Instinct lehrt mich fürchten für mein schönes
Vaterland. Denn schwerlich erhält sich Amerika's Freiheit so lange, als Europa's
Kampf um dieselbe. Und tritt irgend wie einmal ein neuer Umschwung ein, dann
erfolgt eben so schnell auch wieder eine neue Völkerwanderung. Ueberhaupt glaube
ich, das Wandern der Völker wird permanent werden. Sollte dies wirklich
geschehen, dann wäre aller Welt geholfen, denn nur im Wandel liegt die
unerschütterliche Stätigkeit aller Freiheit.« - - -
    So schreibt mir Burton. Ich entalte mich aller Anmerkungen. Du magst sie
selbst machen, wenn Du glaubst, es bedürfe deren. Jedenfalls ist es interessant,
die Ansicht eines freien Amerikaners über Europa's gegenwärtige Lage und seine
etwaige Zukunft zu vernehmen. Ein Brief ist kein Buch, aber doch der
unmittelbare Abdruck eines tiefen augenblicklichen Empfindens. Und darin liegt
immer eine grosse Wahrheit, die man nie ganz unberücksichtigt lassen sollte. -
    Hier dauern die geheimen Machinationen fort. Ich habe es aufgegeben,
Bardeloh zu gewinnen, suche aber Rosaliens Mismut durch stäten Hinweis auf die
rettende Zukunft zu verscheuchen. Eine Art Instinct lässt mich ein merkwürdiges
Vertrauen auf meine Worte setzen, das vielleicht nur Ergebniss der Sicherheit
ist, die sich jetzt meines nächsten Lebens bemächtigt hat. Man kann sich nie
genaue Rechenschaft ablegen über das heimliche Spiel der Seele mit Ruhe und
Unruhe. Ueberdies glaube ich wirklich, Rosalie wird mich mit Auguste und den
Andern begleiten. Bis zum Mai ist es ja noch lange hin!
    Seit Bardeloh so bestimmt fast jeden Verkehr mit mir abgebrochen hat, macht
es mir ein peinigendes Vergnügen mich etwas angelegentlicher mit Casimir, Eduard
und Friedrich zu beschäftigen. Das ist ein Triumvirat, wie es wohl nicht gleich
wieder zusammentreten möchte. - Casimir wird zu Grunde gehen! Das fühle ich tief
und schmerzlich, aber er kann nicht ausdauern in unserer Zeit, selbst nicht in
Amerika. Es gibt eine Art des geistigen Versinkens in geniale Tollheiten, das
fast eben so widerlich ist, als ein sinnlich-tierisches Verschlammen. Sobald
sich ein Mensch heraus nimmt, mit dem Geist der Weltgeschichte (Gott mag ich
hier nicht sagen) »Kämmerchen vermieten« zu spielen und dabei unanständige
Geberden zu machen, wahnsinnige Fratzen zu schneiden, so schüttelt er die
Menschheit freiwillig ab. Hat er Glück bei diesem Manöver, so wird er ein
grossartiges Vieh! Höher aber kann er es nicht bringen. Auf diesem Punkt ist
Casimir angekommen. In ihm waltet eigentlich nichts wahrhaft Heiliges mehr, nur
einzelne Funken, die sich vom rein Göttlichen etwa noch in ihm herumtreiben,
blitzen zuweilen durch die scheussliche Nacht seines chaotisch gewordenen
Geistes. Das ist kein Wahnsinn, auch nicht Blödsinn, es ist die Brunst eines
Genies, das geil geworden ist in unerlaubt raffinirten Schöpfergedanken.
Casimir's Geist - erlaube den etwas starken Ausdruck - meckert sich selbst an,
wie ein brünstiger Bock - kann dabei etwas Anderes herauskommen, als das pure
Nichts? Eine geistige Schöpfung Casimir's ist eine Zote, die aussieht, als hätte
sie die ungezähmte Geistigkeit, oder die schaffende Natur gerissen, in einem
Augenblicke, wo die ordnende Kraft sich von ihr entfernte. Und auf diese geniale
Seelenraserei bildet sich der ideenbesoffene Mensch noch etwas ein! Seinen
»Besuch Gottes in der Hölle, eine Tragödie mit umgekehrten Lettern,« wie er das
Ding nennt, hält er für das grösste Product, was je geboren worden ist. Das
confuseste, vielleicht auch das wahnsinnigst genialste mag es unbedingt sein,
aber nur kein Kunstwerk, nur nicht schön! Es ist das Hässlichste, was ich kenne,
es kann die Grundzüge entwerfen helfen zu einer wissenschaftlich scharfsinnigen
Lehre vom Hässlichen. - Und das Ding will Bardeloh drucken lassen! »Es muss in die
Welt,« sagt der starre Mann, »damit Europa sieht, was aus ihm werden kann, wenn
eben nichts aus ihm wird.« -
    Das ist sehr witzig von Richard und um diesen Preis muss man dem tollen
Treiben schon billiger zusehen. Vielleicht bewege ich Casimir zur Mitteilung
seiner Schöpfung. Dann sollst Du sie späterhin erhalten, und wäre es mir auch
erst möglich, Dir sie von Amerika aus zuzusenden.
    dabei zeigt sich Casimir ruhiger als früher. Nur seine Redeweise bleibt
dieselbe auch, wenn er Sara besucht, die den widerlichen Menschen immer
gewogener wird. Oder läge es wirklich in der Natur der Unschuld, dass sie so
etwas ganz ausser allem Gewohnten Stehendes anziehend finden könnte, und darin
nur das Gewaltsame der Natürlichkeit erblickte, nicht das Monströse der
Carikatur, hervorgerufen durch den Gegensatz, der in der Verfeinerung der Zeit
zu Tage liegt? Es muss doch irgend so etwas sein.
    Ich treffe ihn öfters bei der schönen Jüdin und halte dann Gespräche mit
ihm, die ich lebensgern von irgend einem Geheimschreiber nachgeschrieben
wünschte. Denn das Wenige, was sich etwa im Gedächtnis davon aufbewahren lässt,
ist doch kaum nennenswert. Zuweilen kommt auch noch Friedrich dazu, der jedoch
nie spricht, wenn er nicht mit Gewalt dazu aufgefordert wird. Er spielt uns
wunderliche Tänze, Serenaden, Jammeriaden und andere Dinge vor und weiss manchmal
auf eine merkwürdig passende Weise unsere Gedanken zu accompagniren.
    Casimir erbarmt mich. Dieser Mensch, so ganz abgestorben dem Leben der Zeit,
für das er in dem Sinne von uns Modernen durchaus keine Sympatie hat, fühlt
doch das Bedürfnis, sich anzuschliessen. Er hat von jeher Alles unter die Füsse
getreten und sich dadurch innerlich mit aller Welt verfeindet. Leidenschaft und
Verachtung, selbst der Natur, liessen ihn ausschweifen über die Gebühr und am
Ende auch den reinen Genuss verachten. Nun aber rächt sich die Sehnsucht darnach
und die naive Natürlichkeit in Sara's Wesen hat einen Eindruck auf ihn gemacht,
der, wie die Ahnung der Liebe, sein teilnahmloses Gemüt gefangen hält. Casimir
wird unwiderstehlich hingezogen zu Mardochai's Tochter und würde vielleicht
Erhörung finden, wäre er minder Cyniker und Mardochai nicht Sara's Vater! Ich
begreife nicht, wie sich hier irgend ein dauerndes Verhältnis gestalten soll.
Und so oft ich auch diese geschiedenen Naturen betrachte, und von Mitgefühl
hingerissen, beide verbunden wünschte, so oft zerreisst Friedrich's parodirendes
Spiel immer von neuem wieder das fertige Netz meiner Entwürfe.
    Neben diesen Beiden rumort Eduard auch wieder nach seiner Weise. Der Mensch
wird jetzt von Tag zu Tag beredter und mag es gern leiden, wenn wir ihn häufig
besuchen. Die gesunde Vernunft geht in einem Tollen eigentlich nicht unter, sie
verpuppt sich nur. Eduard spricht vernünftig, wenn man die Wortmaskerade, die er
dabei aufzuführen sich erlaubt, durchschauen kann. Solche toll gewordene Narren
sind die Schalksnarren des Himmels, ihnen steht es gar wohl an, die
entsetzlichsten Dinge auszusprechen, ohne dass sich die ehrsame
Hausbürgerlichkeit der Tugend die Schürze vor die Augen zu halten braucht. Ein
Narr spricht immer noch anständig, wenn ein Mensch mit gesunden fünf Sinnen
bereits als ein gemeiner Strick von aller Welt geflohen werden müsste. Das ist
die göttliche Grobheit des Narrentums, die allein unangefochten bleibt in
Europa. Es lebe die Narrheit, hoch! Stimme mit ein, Raimund, es geht mir recht
warm von Herzen. Abermals hoch die Narrheit, und nochmals hoch! -
 
                                      16.
                                 An Ferdinand.
                                                             Den 29. Januar 18 -
    Du erhältst in der Beilage die nötigen Briefe, um meine Angelegenheiten zu
ordnen. Aengstige Dich nicht, Lieber! Es ist notwendig, dass man streng wird
gegen sich selbst. Den Brief an meinen Vater gibst Du erst ab, wenn Du definitiv
den letzten von mir erhalten haben wirst. In einem Vierteljahre ist auch dies
geschehen. Dann zeige Dich würdig Deiner Stellung und mache Deinem Amte Ehre,
wenn es nötig sein sollte! Mein Vater wird des Trostes bedürfen. Mich schmerzt
schon jetzt sein Kummer, aber ich kann nicht anders. Dieser Gram ist unerlässlich
und muss sich noch hunderttausend Mal wiederholen, wenn Europa gerettet werden
soll. Die übrigen kleinen Zettel gib nach ihren verschiedenen Adressen ab. Du
kannst Dir Zeit nehmen, da es nicht eilt.
    Gestern ist Burton zurückgekommen von Paris. So wenig Mutlosigkeit in dem
Charakter eines ächten Amerikaners liegt, so niedergeschlagen erschien mir doch
dieser freie, starke Mann. Dies erst kann uns lehren, wie gewaltsam die Schwäche
eines Erdteils auch den Tüchtigsten zu erlahmen im Stande ist. Ich hatte mich
über den Grund von Burton's Mismut nicht geirrt. Ein Gespräch, das ich heut
morgen mit ihm hielt, bewies mir dies. Seine Worte bestätigten jede Zeile seines
Briefes.
    »Machen Sie sich bereit,« sagte er zu mir, »denn wir müssen reisen, sobald
als möglich. Hier breche ich in mir selbst zusammen, weil Alles gehemmt ist. Ihr
habt ja nicht den Willen, glücklich zu werden. Wie könnt Ihr da leben und
wirken! Nichts wundert mich mehr, als die Zähigkeit, wodurch Ihr das fröhliche
Schaffen einer freien Natur manchmal klug genug zu ersetzen wisst. Für mich taugt
dies nichts, auch Sie werden ohnmächtig dabei, oder zum Schurken. Sammeln Sie
also, was Sie bedürfen. Wer uns begleiten will, schliesse vorläufig ab mit der
alten Welt. Ich habe nach Rotterdam geschrieben, wo man mir die Führung eines
Schiffes anvertrauen wird. Ich erwarte nur bestimmte Antwort, um alsdann
sogleich in See zu stechen.«
    Unverzüglich setzte ich Auguste davon in Kenntnis. Meine eigenen
Angelegenheiten sind bereits ziemlich in Ordnung gebracht. Am meisten Kummer
verursacht mir Rosaliens Trauer über die Hartnäckigkeit Bardeloh's. Nochmals
haben wir alle vereint ihn gebeten, er solle sich losreissen von seinem
Vaterlande, das ihm ja doch nichts gibt, als Qualen und Schmerzen, aber dieser
Mann hat ein Herz von kaltem Marmor, oder geht noch mit etwas Grossem schwanger
in seinem düstern Geiste. Bald werde ich fast daran glauben, wenn ich seine
abgerissen hingeworfenen Worte zusammenstelle, sein geschäftiges, aber geheimes
Tun betrachte und des häufigen Verkehrs mit dem Juden gedenke. Casimir will
tun, was ihm einfallen wird, Eduard kann nicht ohne Bardeloh's Einwilligung
fortgebracht werden, und Friedrich ist so eng an Mardochai gekettet, dass es
grausam wäre, ihn aus dem gewohnten Kreise herauszureissen. So muss ich beinahe
völlig untätig dem Zufall Alles anheim stellen.
    Die Aufmerksamkeit der Bewohner richtet sich jetzt übrigens ausschliesslich
auf den nahe bevorstehenden Carneval. Bardeloh hat, wie gewöhnlich, bei den
Anordnungen der Festlichkeiten eine Charge und betreibt diese Spielereien mit
einer seltsamen Ernstaftigkeit. Mehre angesehene Männer kommen zu ihm, um sich
über Dies und Jenes zu besprechen, Bardeloh gibt Rat, tut Vorschläge und
befiehlt doch eigentlich, wie immer. Seiner besondern Aufsicht ist der grosse
Saal in dem altertümlichen Kaufhause anvertraut, der Dir gewiss bekannte
Gürzenich. Letztin forderte mich Richard auf, ihn dahin zu begleiten. Auch
Felix durfte mitgehen. Der Saal ist nichts weniger, als schön, aber geräumig und
interessant durch seine Bauart. Die Säulen, auf denen das mächtige Gewölbe ruht,
stellen Champagnergläser vor, aus denen statt des Schaumes wunderliche
Carikaturen hervorquellen. Bardeloh lässt nun Alles geschmackvoll drappiren, die
ringsum laufende Galerie mit Devisen lustig verzieren, die in Rätselform
abgefasst sind. Ueber den Inhalt hat er mir noch nichts gesagt, gewiss aber ist er
nicht ohne tiefere Bedeutung. Sein höhnisches Lächeln verriet es mir.
    Das Fest in diesem Saale, der wohl einige tausend Menschen fasst, soll
grossartig sein und einem wahrhaftigen Volksfeste nahe kommen. Der Carnevalsjubel
schliesst allemal in dieser altertümlichen Halle, und da es jeder Maske erlaubt
ist, zu treiben, wozu Lust und Laune sie aufreizen, so mangelt es selten an
freien Scherzen, zu denen das so beengte Leben sonst sich nicht oft erheben
kann.
    Ein grosser Maskenzug soll das Fest eröffnen, und wie ich höre, ist für
dieses Jahr Bardeloh's geräumige Wohnung zum Sammelplatz bestimmt worden. Daraus
kann ich mir die vielen Maskenanzüge erklären, aber noch nicht das Heimlichtun
meines Gastfreundes, der mir immer vorkommt, als handele es sich noch um etwas
ganz Besonderes. Mein Gott, was lässt sich denn viel aus einer Maskerade bilden,
und noch dazu bei uns, in unserm lieben Deutschland! Nun, Gott besser's!
    Ein paar Tage vor dem Carneval soll eine grosse Feierlichkeit, ich glaube
eine Firmelung, im Dome gehalten werden. Auf diese kirchliche Feier freue ich
mich mehr, als auf den Fastnachtsspectakel. Wol erinnere ich mich, früher einmal
als Knabe einer Firmelung beigewohnt zu haben, aber damals wusste ich weder den
tieferen Sinn dieses Sakraments zu erfassen, noch den Gedanken eine Richtung in
die Zukunft der Geschichte zu geben. Beides wird diesmal nicht schwer sein, um
so mehr, als es wohl der letzte Act kirchlicher Weihe sein möchte, dem ich in
Europa beiwohne. - Wie sonderbar mir doch bei dem Gedanken an die nahe Abreise
mein ganzes bisheriges Leben erscheint! Mir ist nicht anders, als finge ich
jetzt erst an, in die Welt zu schauen und den Tag zu begreifen mit seinen
tausend widersprechenden Wünschen. Scheiden ist schwer, ich fühl' es, und für
einen Deutschen immer ein halbes Sterben. Aber die Hoffnung hält mich aufrecht,
und aus dem Saum der Zukunft, der kaum erkennbar hereinflattert in die
Gegenwart, bilde ich für den neuen Körper meines unbekannten Lebens auch ein ihm
angemessenes Kleid zurecht. Ich will glücklich sein, wenn ich das Unglück meines
armen Mutterlandes unbehindert werde erzählen können den Völkern der Zukunft! -
                                                                 Den 31. Januar.
    Ein unerwarteter Zufall hat mich tief bewegt. Aus ihm kann ich lernen, wie
oft wir die Handlungen der Menschen falsch beurteilen, weil uns die Beweggründe
derselben nicht bekannt sind. In Ländern, wo die Einfachheit allgemeine Sitte
ist, geschieht dies freilich weniger, aber bei uns, die wir ja fast einzig und
allein nur im Künstlichen noch bestehen können, ereignet sich ein so
bedauernswerter Fall fast täglich. Darum fort, fort! Ich will nicht
verschmachten in erkältender Dämmerung, in der Atmosphäre eines gesinnungslosen
Geräusches, das man fälschlich für Leben hält! -
    Träumerisch, wie dies oft einem europäischen Menschen geschieht, war ich
hinausgegangen am Rhein. Der Wind wehte scharf von Holland herauf, Schneeflocken
schwankten zitternd und glänzend in der Luft. Der Rhein trieb einzelne dünne
Eisschollen, zum ersten Male in diesem Winter. Mein Geist war in Amerika, die
Zukunft bog sich herein in meine Brust und steckte einen schönen, warmen
Lebenshimmel über dem zusammenbrechenden alten auf. Ich hatte die Rheinbrücke
überschritten und mich in den kahlen Alleen von Bellevue verloren. Vor mir sah
ich auf einer der höher gelegenen Terrassen eine dunkle Gestalt hin und her
schwanken. Ich hielt es für Täuschung und kümmerte mich nicht weiter darum. Die
nächsten Tage ängstigten mich, Bardeloh's geheimes Walten ergriff wie
Fieberhitze mein ganzes Wesen, ich glühte, fing an murmelnd zu phantasiren und
fühlte mich recht elend. Da hörte ich einen tief gezogenen Seufzer in meiner
Nähe. Die Dunkelheit ist geneigt, durch jeden ungewohnten Laut unser
Nervensystem in eine zitternde Bewegung zu versetzen. Meine Gedanken flohen wie
schüchterne Rehe in das Dunkel ihrer Wohnstätte, ich lauschte aufmerksam und
gewahrte, den Rücken mir zugekehrt, auf einer Bank der obersten Terrasse einen
Mann sitzen. Gestalt, Haltung und Kleid liessen mich Mardochai erkennen. Die
Wolken entüllten auf einige Zeit die wankende Sichel des Mondes, ein heller
Strahl fiel auf des Juden bleiches Gesicht - ich glaubte eine tiefe Bewegung
darauf zu lesen.
    Neugier und eine Art Teilnahme, die fast an Freundschaft grenzte, so wenig
ich mir dies selbst gestehen mochte, trieben mich an, dem Rätselhaften näher zu
treten. Eine Zeit lang bemerkte er mich nicht - dumpf vor sich hin murmelte er
Worte, und Seufzer, die mir gleich unerklärbar blieben, stiegen schwer aus der
beengten Brust. Ein Geräusch, das ich absichtlich machte, verkündigte ihm meine
Anwesenheit.
    »So allein?« fragte er, die Maske der Gleichgiltigkeit mit gewohnter
Verstellungskunst seinen Mienen anlegend.
    »Allein, wie Sie,« versetzte ich. »Unruhe macht menschenscheu, Unglück
träumerisch. Deutschland ist so träumerisch geworden, weil es so lange nach dem
Glücke rang.«
    »Das ist eine sehr trügerische Psychologie der Länder, die Sie da zum Besten
geben,« erwiederte Mardochai, stand auf und ergriff meinen Arm. »Wäre
Völkerunglück wirklich geeignet, Träume zu erzeugen, so müsste mein Volk am
meisten daran leiden. Und das werden Sie doch wohl nicht behaupten wollen?«
    »Ich würde es, hielt Ihr Volk die Rache, der Hass und andere Leidenschaften
nicht von dem träumerischen Wesen zurück. Ich habe auch schon träumerische
Israeliten gekannt.«
    »Sie wollen mich foppen,« sagte Mardochai, »ich verstehe. Begleiten Sie
mich; grade heut könnte es gut sein, wenn wir uns etwas tiefer gegenseitig in's
Herz blickten. Es ist schade, dass Sie Christ sind.«
    »Nicht mehr, als dass Sie Jude bleiben,« entgegnete ich und drückte
krampfhaft die Hand meines Begleiters.
    »Auch möglich, sehr möglich! Doch können Sie jetzt eben die Sonne scheinen
lassen?«
    »Warum?«
    »Nun stände dies in Ihrer Macht, so würde ich wohl auch ein Christ sein
dürfen.«
    Der ganze Starrsinn dieses grübelnden Mannes sprach sich in dieser Antwort
aus. Wir gingen schweigend nebeneinander her über die Brücke nach Köln hinüber.
Am Rheinberge wollte ich mich von dem Juden trennen.
    »Sind Sie so eilig?« fragte er mich mit einer Stimme, die fast liebevoll
bewegt klang. - Ich zauderte einen Augenblick, meine Hand ruhte in der seinen.
Mardochai ging fort und zog mich fast willenlos mit sich. »Begleiten Sie mich in
mein Haus,« sprach er in demselben Tone, »es wäre mir peinlich, wenn grade Sie
einen falschen Begriff von mir festielten. Ich bin nicht Alles, was ich
scheine.«
    Ohne zu antworten, folgte ich der Einladung. Mardochai führte mich in das
längst bekannte Zimmer. Sara war nirgends zu sehen, überall tiefe Stille. Der
Prunk war verschwunden, an die Stelle des orientalischen Luxus war
abendländische Nüchternheit getreten. Es befanden sich Kisten und Ballen auch in
diesem Zimmer, mit einer unzähligen Menge von Kleinodien bedeckt, wie die
katolische Kirchenandacht sie um wenige Kreuzer an allen Strassenecken und sehr
oft auch in den Hallen ihrer Tempel selbst verkauft.
    Dieser Anblick weckte meinen Stolz, mein Selbstvertrauen. Ich stiess unwillig
die Hand des Juden von mir und blieb mit finstrer Stirn unter dem Krame stehen.
    »Nun ja,« sagte Mardochai achselzuckend und seufzend, indem er auf einem
einfachen Sessel Platz nahm und mir ein gleiches Möbel zurecht stellte, »so seid
Ihr Christen alle, und doch verlangt Ihr, es solle besser werden! Die alten
Versündigungen, die wir uns gegenseitig nicht vorzuwerfen, sondern zu verzeihen
haben, sollen vergeben und vergessen sein!«
    »Juda's Stamm will es nicht,« fiel ich ein, »selbst wenn die Christen grosse
Opfer dafür bringen.«
    »Mich wundert's, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,« gegenredete
Mardochai, »nicht weil mir diese Bemerkung neu ist, sondern weil Sie ein
Heuchler sind. Ihr Herz schlägt anders, als Ihre Zunge. Jenes tönt
Nachtigallmelodieen und diese zwitschert wie ein dummer Staar.«
    »Mein Herr,« fiel ich entrüstet dem Juden in's Wort, »Sie erlauben sich
Redensarten, die -«
    »Ihnen das Blut zu Kopfe steigen lassen,« ergänzte Mardochai. »Sehr richtig,
und das bezwecke ich grade. Bald werde ich mir noch ganz andere Dinge erlauben,
damit Ihren Brüdern Zorn und Schamröte zugleich das Blut in's Gesicht jagen.
Anders kann man nicht mehr Eindruck machen und Gutes stiften. - Indessen lassen
wir das. Ich will Ihnen nur einige Neuigkeiten teils zeigen, teils erzählen.«
    Ein Wandschrank öffnete sich unter dem Druck seiner Hand. Mardochai nahm die
silbergestickte, feine und weissschimmernde Talis aus der Vertiefung, wickelte
sie auf und liess einige Papierrollen daraus zu Boden fallen. »Betrachten Sie
diese Schriften,« sagte er ruhig zu mir, indem er das Zeichen der Andacht leise
mit den Lippen berührte und sorgfältig wieder im Schranke verwahrte.
    Aufmerksam betrachtete ich die Rollen. Es waren mit vielem Geist und
Scharfsinn verfasste Petitionen an verschiedene Regierungen, in denen auf eine
eben so einfache, als bescheidene Art und Weise die Gründe für die
Notwendigkeit einer baldigen Emancipation der Juden aus einander gesetzt
wurden. Diesen beigefügt waren die abschlägigen Antworten darauf. »Und wozu
zeigen Sie mir diese Schriften?« fragte ich. »Es ist allgemein bekannt, dass
nicht allein die Regierungen, sondern auch die Völker auf diese Vorschläge nicht
eingehen können.«
    »Sagen Sie lieber: nicht eingehen wollen,« erwiederte Mardochai. »Allein
davon abgesehen,« fuhr er fort, »was, glauben Sie, muss ein Volk tun, das ohne
Vaterland, ohne Staatsverfassung, zerstreut auf der ganzen Erde umherirrt, und
dem es nicht nur Sache der Existenz, sondern auch des Herzens ist, sich ein
Vaterland zu erringen, wenn ihm jeder Weg vermauert wird, der es zu einem
solchen Besitztum führen könnte?«
    »Die Antwort ist sehr einfach,« sprach ich, obwol mit Zagen und nicht aus
voller Ueberzeugung, »dieser Stamm muss Teil der Völker werden durch den
Uebertritt zur Religion dieser Völker.«
    »Wären Sie nicht zu verständig, um die Albernheit Ihrer Behauptung selbst
einzusehen, so würde ich Sie töricht schimpfen,« versetzte mit Lächeln der
Jude. »Angenommen indes, Ihre Äusserung sei Ihnen auch Ueberzeugung, so
vernehmen Sie meine Erwiederung darauf.« - Mardochai rollte die Papiere wieder
zusammen und legte sie vor sich auf eine der Kisten.
    »Ihr Christen werft den Brüdern meines Stammes vor, sie hingen zu fest und
innig an einander, um ihnen durch eine Gestattung gleicher bürgerlicher Rechte
einen Vorteil zu gewähren über die minder einige Brüderschaft der Christen.
Diese Folgerung ist richtig, doch wahrlich nicht eben sehr ehrenwert für Euch.
Spüren wir nun dem Grunde dieser Erscheinung nach, ganz unbefangen, ohne
Bitterkeit. - Der Jude ist seit Jahrhunderten gedrückt, gepeinigt, gehöhnt
worden von den Christen und hatte dieser grässlichen Qual nichts
entgegenzusetzen, als den Stolz der Ausdauer, den Mut einer erheuchelten
Demut, geschminkt mit dem Herzblut des furchtbarsten Hasses. Consequenz ward
des Juden Religion, das Bewusstsein, listiger zu sein als menschlich, entwürdigte
ihn öffentlich vor dem Auge der Welt, ehrte ihn aber doch in der Tiefe seiner
Seele. Der Adel einer Rache, deren Ausführung abzweckt auf Befreiung aus den
himmelschreiendsten geistigen Fesseln wird nur von grossen Herzen gefühlt, von
tiefen Geistern begriffen. Die Juden erduldeten Alles, um damit jene Sünde
abzubüssen, die sie meinetalben begangen haben mögen durch die Kreuzigung des
Gottmenschen. Ich will und mag darüber nicht sprechen, es sind achtzehnhundert
Jahre vergangen, und gäbe es einen Gott, der so lange strafen könnte - wahrlich,
so wie ich dies mein Kleid hier zerreisse, so vernichtete ich den Gedanken in mir
an diesen Gott! Mit den Seelenschmerzen eines Volks darf auch ein durch Irrtum
einmal verhöhnter Gott nicht Wucher treiben! -
    Sagen Sie nicht etwa, die Christen hatten den Juden irgend etwas geschenkt
für jenen Frevel an ihrem Gott. Die Juden haben hohe Zinsen dafür gezahlt. Die
Zeiten, sagt man, sind milder geworden, der Hass ist verjährt, die Gerechtigkeit
der Weltgeschichte verlangt eine Ausgleichung. Sehr wohl, ich bin es zufrieden.
Die Edelsten von Euch sind geneigt, den Juden zu gestatten, was der Mensch
fordern muss, wenn er sich selbst als Mensch achten will, aber Millionen schreien
Wehe! wie ehemals der Wahnsinnige auf den Mauern Jerusalems. Woher erschallt
dieses entsetzliche Wehe? Aus der ledernen Kehle eurer Geldbeutel! - O,
erschrecken Sie nicht, ich will bloss verständlich sprechen! Der verachtete Stamm
Juda's bittet um Erteilung der Menschenrechte, in soweit diese von den Christen
selbst besessen werden. Er stellt diese Bitte im Gefühl seines religiösen
Schmerzes, nicht aus Eigennutz. Die Christen aber bringen nicht jene Wehmut in
Anschlag; sie berechnen nur den Zinsfuss, betrachten die Börsenlisten und
vergleichen genau den Stand der Metallique's, der Staatsschuldenscheine, des
goldenen Kalbes, um das die Welt in wilden Sprüngen tanzt. - Sein Sie gerecht,
Sigismund, und urteilen Sie selbst, wer hier edler verfährt! - Ich will meine
Stammesbrüder nicht verteidigen. Es ist ein schmutziges, feiges, oft
nichtswürdiges Gesindel, aber nach der Ursache dieser Erniedrigung spähe ich
gern umher, und ich finde sie in den Verwünschungen, die man über Israel's
Kinder aussprach.
    Gehen Sie noch einen Schritt weiter mit mir. Viele von Ihnen fühlen, dass es
grausam ist, den Edlen unsers Stammes eine Emancipation gänzlich abzuschlagen.
Man will mild sein und lässt Gnade für Recht ergehen, etwa wie der gerechte Fürst
einen zum Tode Verurteilten mit lebenslänglichem Kerker beschenkt - man schlägt
vor, uns zum Teil zu emancipiren! - Ich hätte ein solch nüchternes, unedles
Spiel den christlichen Völkern nicht zugetraut. Diese Gnade ist entsetzlicher,
als die grausamste Ungerechtigkeit! - Andere sagen: werdet Christen und Ihr seid
gleich den Geringsten unter uns! Wiederum sehr wahr; doch bedenkt man nicht, dass
eine Religion, die sich so lange aus ihren Schmerzen Trost gesogen hat, etwas
Hochheiliges in sich bewahren muss, wenn man auch nicht Rücksicht nehmen wollte
auf die Lieblosigkeit einer derartigen Forderung, noch dazu von Völkern, deren
ganzer Glaube nur auf Liebe gegründet sein soll.«
    Mardochai schien ergriffen, er legte die Hand an seine Stirn und verdeckte
eine kleine Weile sein Gesicht mit dem dunklen Talar. Ich betrachtete den
trauernden und doch so stolzen Mann, Mitleid und Furcht bewegten mich gleich
stark.
    »Warum aber,« fiel ich ein, »warum wollen Sie nicht, eingedenk Ihres ersten
Frevels, auch einen entgegenkommenden Schritt tun? Können Sie nicht Beruhigung
und Trost finden selbst für tausendjährigen Kummer in der Religion der Liebe?«
    Langsam entüllte Mardochai sein Antlitz. Das schwarze Gewand sank nieder,
wie Lavaasche, unter der hervorleuchtet der glühende Kegel eines feuerflammenden
Gebirges. Mardochai's Antlitz schien Funken zu sprühen, noch nie hatte ich die
erhabene Herrlichkeit des Zornes in so göttlicher Schönheit bewundern können.
    »Und Sie wagen es, ein solches Wort auszusprechen?« flüsterte mit
zornbewegter Zunge der geheimnisvolle Jude. »Sigismund,« fuhr er fort und stand
auf, »seht, das ist es, was mich von Euch und Eurer Religion zurückschreckt.
Wäret Ihr Christen so einig, so ganz, so im Hasse verbunden, so liebebegeistert
einig, Ihr könntet nie eine ähnliche Frage tun! Aber Ihr prahlt mehr mit dem
hohen Geschenk des erbarmenden Gottes, als Ihr es achtet. Ihr pocht auf Euer
Vorrecht, das Ihr ohne Mühe gewonnen habt durch den Zufall der Geburt, wir Juden
aber lieben und ehren unsern Glauben, obwol er nur Schmach und Verachtung über
uns gebracht! Wer ist der Grössere?«
    »Stolz und Hartnäckigkeit ist nicht Grösse,« fiel ich beschämt ein, ohne es
merken zu lassen.
    »Freilich nicht,« sagte Mardochai, »dennoch finde ich mehr Adel in diesem
Stolz, der sich stützt auf Glaubensmysterien, als in jener kleinlichen Neckerei,
die wie ein ungezogenes Kind bloss den Willen behalten will, ohne auf die
Heiligkeit der Weigerung zu achten, die uns abhält, Gebrauch zu machen von den
getanen Vorschlägen.«
    »Mardochai,« unterbrach ich den Redenden, »ich weiss Ihre Gründe zu ehren,
darum verlange ich auch von Ihnen Gerechtigkeit. Ihre Glaubensgenossen sind
grösstenteils eben so blöd und kurzsichtig, als die meinigen, nur den pecuniären
Gewinn mögen sie schlauer zu handhaben verstehen. Der gemeine Jude ist
hartnäckig aus Gemeinheit, und wohl auch tief wurzelndem Hasse, wie der gemeine
Christ. Es können also bei der Emancipationsfrage nur die Edlen zu Rate gezogen
werden. Nun denn, so verlange ich von dem hochgebildeten Juden, dass er Christ
werde, um dadurch die Emancipation factisch befördern zu helfen und seine minder
gebildeten Glaubensbrüder zu ähnlichen Schritten zu veranlassen.«
    Du wirst den Kopf schütteln über diese Worte, die Du mit meinen sonstigen
Ansichten wohl schwerlich in Einklang bringen möchtest. Und daran tust Du recht.
Ich war nicht ehrlich, während ich so sprach, aber ich wollte den Juden zwingen,
sich ganz vor mir zu entüllen, und ihn durch Opposition zu Geständnissen
bewegen, die sonst wohl schwerlich über seine Lippen gekommen wären. Meine
Absicht wurde zum grössten Teile erreicht.
    »Auf diesen Vorschlag,« sprach Mardochai, »sage ich bloss, dass ich ihn
unmoralisch finde und deshalb verwerflich. Der Führer darf seine ihm anvertraute
Heerde nicht verlassen. Das wissen Sie eben so gut, als ich. Unsere
Glaubensbrüder würden uns nicht folgen, sondern uns bloss strafen mit Verachtung.
Ihre Hartnäckigkeit aber würde wachsen und die Fessel der Satzungen alle
Herrlichkeit, allen tieferen Geist in ihnen vollends erdrücken. Die Sache liesse
sich einfacher lösen und naturgemässer. Wollt Ihr Christen uns wirklich
betrachten als einen Volksstamm, der Euch nachsteht an innerer Civilisation,
gut, tut es! Doch zeigt Euch dabei als liebende Christen, und seid als solche
Menschen! Drückt dem Philistertum, der Kleinigkeitssucht, der Pedanterei, die
Augen zu, setzt Euch selbst der Gefahr aus, reell übervorteilt zu werden von
der Schlauheit unseres Stammes, die Folge einer in Schmutz entstandenen
Entsittlichung ist. Es wird Euch Ehre bringen und Früchte. Emancipirt uns und
Ihr macht alle Juden dadurch allein schon reif zum Christentume. Indem Ihr den
Juden gleiche Interessen einflösst mit Euch, kettet Ihr sie an Euch, der Hass
verliert sich, schlägt um in Liebe, die Macht der Satzung fällt, weil sie keinen
Haltpunkt mehr hat in der früheren Abgeschlossenheit, und wenige Jahrhunderte
werden genügen, die Juden zur Taufe eilen zu sehen, jetzt nicht mehr aus
weltlichen Rücksichten und bloss zum Schein, sondern aus innerm Herzensdrange! -
Und warum ist man nicht darauf eingegangen? Warum hat Niemand den Schmerz
empfinden wollen, den ich als ein Kind dieses unglücklichen Volkes fühle und
auszusprechen wagte, um es zu retten? Glaubt man uns durch die Verweigerung
einer nur menschlichen Forderung zu zwingen? O, der Schmerz ist allmächtig, wie
die Rache! Er ist das Samenkorn der Rache, das aufschiesst aus ihm und noch
grauenhafte Früchte tragen wird! - Sigismund, ich tat Alles für mein Volk; ich
war ruhig, ich war ein Knecht, ich bat, ich flehte, ich kroch mit zitternder,
angstgebrochener Lippe von Tron zu Tron und berührte den Purpursaum der
Majestät, das Hoffnungsrot für mein Volk - aber ich fand kein Gehör, keine
Erwiederung meines bittenden Schmerzes! - Da ging ich heim in meine Kammer und
zog zu Rate den Geist, der sich nährte im Giftschaum jener Leiden, die
Jahrtausende lang der Übermut der Christen über uns verhängte. Ich ging zu
Rate, sage ich, mit Blut und Fluch und Tod, mit den Seufzern, begraben in den
Höhlen der Folterkammern, verpuppt im trüben Gespinnst, das sich ansetzt an den
ekelfeuchten Wänden der Kerker. In diesen Nestern, wo der Schmerz meines Stammes
vergeblich sich versteckte, fand ich die Notwendigkeit, gewaltsame Schritte zu
tun, um Gerechtigkeit zu erlangen noch während meines Lebens. Funfzehn Jahre
und drüber blätterte ich in den Anhängseln der Weltgeschichte herum, um mir
Gewissheit zu verschaffen über das, was wir gelitten haben. Mein Mut wuchs mit
meinem Zorne. Ich ward zum Lästerer für das Heil meiner Brüder; ich sündigte
furchtbar vor dem Herrn, ich ward ein Verworfener für die zukünftige
Emancipation der Juden.« -
    Mardochai hatte die letzten Sätze mit strafendem Prophetenfeuer gesprochen.
Jetzt schien eine Wehmut über ihn zu kommen, vor der sich selbst der Stolz und
die Kraft seiner irdischen Bestimmung auf kurze Momente zurückziehen musste.
Gesammelt erfasste er meine Hand.
    »Letztin,« fuhr er fort, »führte ich sie mit Ihrem damaligen Begleiter in
ein Gemach, wo Liebe und Hass sich stritten um den Vorrang. Damals haben Sie mir
geflucht, ich weiss es; jetzt erinnere ich Sie nochmals daran und frage zugleich,
ob Sie nunmehr Gleichmut's, Casimir's, Friedrich's Lebenswege begreifen?« -
    Er schwieg, sein dunkles Auge ruhte forschend auf mir, mit der weissen Hand
spielte er mit dem schimmernden lang herabwallenden Barte. »Entsetzlicher!« rief
ich aus, »Deine Sünden waren grässlicher als Deine edlen Absichten, durch die
jene hervorgerufen wurden.«
    »Das ist ein Irrtum,« versetzte Mardochai, »und ich glaube nicht daran.
Wären Sie ein Jude, hätten Sie, wie ich, sich bemüht um das Recht, Mensch sein
zu dürfen bei dem Bewusstsein, es mehr als hunderttausend Andere zu verdienen,
und hätte mit der Bitte sich jede erdenkliche Tat schüchtern, aber doch sicher
vereinigt; so würden Sie nach jeder neuen zerschlagenen Hoffnung auch wie ich
rachedüster umhergeschlichen sein auf dieser Erde. Ich nährte meinen gerechten
Ingrimm mit altem Schmerzensweine. Ich trank zu viel davon, ich ward halb
wütend, und in dieser Halbraserei des zürnenden, gemisshandelten Menschen tat
ich, was Sie wissen! - In meiner Rache wirkte ich liebend für die Zukunft meiner
Brüder. Ich schacherte mit des Christentums Geist für die Befreiung Juda's aus
seiner Sklaverei. Meine Rache verschafte mir die Mittel und meine Liebe weiss
sie zu nützen für einen Zweck, den nur die Zukunft der Geschichte begreifen
wird!« -
    »Mardochai,« rief ich aus, als die Scheu vor dem Geständnisse ihn in sich
selbst erbeben machte, »Mardochai, hören Sie auf, der richtenden Geschichte
vorzugreifen! Es ist schon zu viel gefrevelt worden, und nimmer kann der Friede
ihre Schritte begleiten!«
    »Friede!« wiederholte grollend der Jude. »Den suche ich nicht, den mag ich
auch nicht. Mein Amt ist die Vorbereitung der Erlösung meiner verachteten
Brüder. Darum ward ich ein gemeiner Schacherjude und verkehrte mit dem Auswurf
der Menschheit, ohne nach ihrem Bekenntnis zu fragen. Erst, wenn ich errungen
habe, was ich bezwecke, will ich rasten, und das Uebrige der Langsamkeit des
Ewigen überlassen.«
    »Ich sollte meinen, Sie wären längst am Ziele,« versetzte ich, weil ich noch
ein Geheimnis entüllen zu können glaubte.
    »Noch nicht, doch bald.«
    »Lassen Sie ab!« rief ich halb bittend, halb befehlend, und erfasste
Mardochai's beide Hände. »Genüge es Ihnen, dass Sie zwei Christen elend gemacht
haben durch Ihre Rache und einen bewegen, Sie zu bitten, wie ich.«
    »Sie sind kein Christ im Sinne jener,« sagte er kalt und entzog mir seine
Hände. »Ueberdies lasse ich mich nie von Andern bestimmen.« - »Wir standen uns
wie zwei Todfeinde gegenüber, die beide die Tapferkeit, den Mut, den Stolz der
Gesinnung im Andern achten.«
    »Finden Sie Befriedigung in Ihrem Cultus?« fragte dumpf Mardochai.
    »Mein Leben gibt Ihnen Antwort.«
    »Warum sagen Sie sich nicht los von der Gemeinschaft, offen, entschieden?«
    »Die Gründe liegen in Ihrem eigenen Festalten an Moses Lehre.«
    »Nur zum Teil,« sagte der Jude, »denn unser Bekenntnis ist schön in seinen
Irrtümern, das Ihrige aber sollte ganz davon frei sein. Sie alle fühlen dies,
wagen aber kein Wort darüber auszusprechen. Die Feigheit macht Sie zu Tyrannen,
ungerecht, sclavisch, gotteslästerlich, irreligiös, zu Feinden der Freiheit des
Gedankens, zum Henker desselben Gottes, den Sie anzubeten vorgeben! Wie glauben
Sie diesem grauenhaften Unfuge steuern zu können?«
    Ich zuckte die Achseln. »Hoffnung, die Zukunft, - Geduld. -«
    »Nein,« schrie Mardochai mit einer Stimme, die noch jetzt in meiner tiefsten
Seele fortwimmert, »nur eine Tat kann helfen und zwar - eine recht grauenhafte!
Euch muss man höhnen! Gott muss sich von Euch abwenden, die Wolken müssen wie ein
sprudelnder Giftschaum des empörten Himmels über Eure Häupter hinstreifen, sonst
seid Ihr nicht zu retten! Hohn aber wird Euch wieder aufrütteln und lehren, dass
Ihr nichts besitzt, als die schalste, dümmste Ergebenheit. Was ist das hier?«
    Mardochai hatte eine Schnur ergriffen, die jenen Vorhang zusammenhielt,
hinter dem ich zuerst Sara in den reizendsten Stellungen einer Odaliske, nur
umflossen vom Zauber der Unschuld, erblickt hatte. Der Vorhang fiel auseinander.
Die Maske eines lebensgrossen Christuskopfes mit wunderbarer Geschicklichkeit auf
in Wachs getränkte Seide gemalt, ward sichtbar. Sie verdeckte die Büste, die ich
schon früher bemerkt hatte, und ward von starken, seidenen Schnüren an derselben
festgehalten. Erstaunt sah ich den Juden an. »Was soll Ihnen dies?« fragte ich.
    »Mich aufrecht halten und Euch Christen zu der Ueberzeugung bringen, dass ihr
wirklich sehr mühselig seid und an dieser Krankheit hinsiechen werdet, könnt Ihr
Schein von Wahrheit nicht unterscheiden.«
    Der Vorhang fiel wieder zusammen, ich sank auf den Stuhl zurück und
verdeckte mein Gesicht. Ich war nicht im Stande, Mardochai's Worte zu deuten.
Der Jude überliess mich meinen schmerzlichen Gedanken, ich hörte ihn langsam auf
und nieder durch das Zimmer schreiten. Draussen an der Tür vernahm ich ein
Schlürfen, als entferne sich Jemand behutsam. Auch ein gewaltsam unterdrücktes
Lachen glaubte ich zu hören. Der Jude achtete nicht darauf. -
    Es mochte wohl eine Viertelstunde vergangen sein, die uns beiderseits mit dem
Belauschen unserer verborgensten Gedanken beschäftigte, als Mardochai's Hand
sich kalt an meine Stirn legte. Unwillkürlich fuhr ich zusammen. »Gehen Sie,«
redete er mich an, »unser gegenwärtiges Zusammensein muss Ihnen genügen können,
um mich zu begreifen. Sie haben die Wahrheit gehört, es drängen sich keine
schwülstigen Geheimnisse mehr zwischen unsere Herzen. Was auch noch geschehen
mag, bevor Sie Europa fliehen wollen, ich hoffe von Ihnen auf eine gerechte
Beurteilung. Die Zeit ist unsere Mutter; da sie aber klirrend in hundert Ketten
einhergeht, so rasseln auch wir mit diesem Geschmeide. Wer sich am wildesten
schüttelt, der ist der lustigste Gaukler. - Das bedenken Sie, dann entgehen Sie
der Misdeutung Ihres eigenen Herzens.«
    Als ich, überwältigt von dem ausserordentlichen Gemisch von Edelmut,
Hochsinn und zügelloser Rachsucht in diesem Charakter den Juden verliess, sah ich
von der Haustür eine Gestalt hinweg schlüpfen und mit schnellen Schritten in
den Strassen der Stadt verschwinden. Ich hielt den Schatten für Friedrich und
hatte kein Arg. In Bardeloh's Hause war Alles ruhig, mein Gastfreund schien noch
beschäftigt. Erschüttert, von den widersprechendsten Gedanken geängstigt,
verlebte ich die Nacht und war froh, als die späte Morgensonne wieder Licht in
das Dunkel meiner Seele goss.
    Wider alles Erwarten überraschte mich am frühen Morgen Casimir durch einen
Besuch. Diese Ehre war mir noch nie wiederfahren. Es musste eine eigene Bewandtnis
haben, wenn Casimir sich die Mühe nahm, irgend Jemand ohne zehnmalige
Aufforderung zu besuchen. Er sah überwacht, zerrissen aus. Seine Augen glühten
und waren entzündet. Ohne Complimente trat er vor mich hin und sprach:
    »Was tut ein Mensch, wenn ihn ein toller Hund gebissen hat?«
    »So viel ich gehört habe, soll er meistenteils in die Hundswut verfallen.«
    »Das heisst kurz und bündig, dieser Gotteitsharnisch, Kopf genannt, findet
es billig, sein Inneres mit Bestialitäten auszustopfen, und das Blut kochen und
glühen zu lassen, bis der ganze Plunder zum Vieh wird. Rasen und Toben sind
keine menschenwidrigen Dinge.«
    »Man erlebt's wenigstens oft genug,« warf ich ein, verwundert über dieses
Gesprächstema.
    »Das Beissen ist einem hundstollen Menschen doch auch erlaubt?« fragte
Casimir.
    »Wenn einer die Jacke der Vernunftlosigkeit anzieht, lieber Casimir,«
versetzte ich, »so finde ich es sehr praktisch, dass er consequent die Rolle
durchführt, die er nun einmal übernommen hat.«
    »So denk' ich auch, und das ist gut! Wie denn aber, kann ein hundstoller
Kerl nicht auch beissen, zerknirschen und zermalmen, wen er will? Oder darf er
sich just nur an das bissige Beest wenden, dem er die Toll-Virtuosität zu
verdanken hat?«
    Mich begann diese hundstolle Verhandlung zu ergötzen. »Casimir,« sagte ich,
»meines Erachtens darf sich ein genialer Rasender ganz und gar nicht geniren,
ich wenigstens würde mich jedem Gelüst hingeben, und zerbeissen, zermalmen und
zerknirschen, was mir eben in den Weg käme. Das finde ich gentil gehandelt von
einem Tollen. Ich halte ein solches Gebahren für das vollendetste Dandyleben
eines Hundstollen.«
    »Gut,« erwiederte Casimir, »das wollte ich nur wissen. Nun wundere Dich aber
nicht, wenn die Tollwut recht bald ganz genialiter sich gebehrden wird. Ich bin
hundstoll und habe sehr viel zu zerbeissen. Fleisch und Knochen, Haut und Haar.
'S wird sich ein höllisches Gequick erheben. - Kerl mit den genialen Ohren, Du
solltest mein Obersattelmeister werden bei dem Ritte, den ich mir jetzt eben
bestellt habe, wäre die Natur nicht eifersüchtig.«
    Lachend verliess er mich nach diesem unverständlichen Kauderwelsch, in das
ich jetzt noch keinen Sinn zu bringen weiss. Es muss ihm irgend etwas Bitteres
begegnet sein, der Himmel mag wissen, durch welchen Zufall! Uebrigens zeigt er
sich seit dieser Stunde ernstafter und gemessener als früher. Er bleibt auf
seinem »königlichen Gölterstalle,« wie er sein Zimmer nennt, arbeitet nach
seiner Weise fleissig und geht nur Abends auf wenige Minuten aus, um dreimal um
den Dom zu laufen. Dies tut er meist im Schlafrocke, ohne sich im geringsten zu
geniren, ohne Hut, oft auch ohne Stiefel oder Schuhe. Die Nacht über schreibt er
wieder, oder spielt das Geschriebene, es laut declamirend, sich selber vor.
Bardeloh sagte mir erst heute, dass er höre, wie er sich seines Talentes freue.
»Einen Mimen wie mich,« hat er letztin gesprochen, »knetete noch keine Zeit
zurecht. Ich würde Deutschlands Bühne retten, wollte man mich nur spielen
lassen, wie der Geist meiner Arbeiten es mit sich bringt.«
    Darin will ich ihm Recht geben, der Geist seiner Arbeiten bringt es aber mit
sich, dass ein Schauspieler von gewöhnlichem Talent eben gar nichts mit einer
solchen Rolle anzufangen weiss. -
    Lege nun auch diese neuen Mitteilungen liebend zu den frühern. Bald wird
sich die Reihe derselben schliessen und Du alsdann zurücksinken in den alten
Frieden, der Dich beschirmte, ehe die Leidenschaftlichkeit meiner Natur den
schimmernden Nebelschleier zerriss. Mein nächster Brief soll wieder Deinem Bruder
angehören; ich selbst bin begierig, wie der Stoff dazu sich gestalten wird, ob
glückverheissend oder unglückdrohend. Diesen Kuss Deinem Herzen, das ich zu
schätzen weiss, selbst wenn seine Schlage nicht die Pulse des meinigen zu zählen
vermögen. Ich bitte nur um stille Duldung, eine laute würde ich zurückweisen,
weil ich selbst öffentlich nichts weniger als mild und nachgiebig auftreten mag.
-
 
                                      17.
                                  An Raimund.
                                                           Köln, den 8. Februar.
    Dicht am Pulverfass glimmt die Lunte, der Vulkan, auf dem wir stehen, fängt
an zu zittern, jede Minute kann ihn öffnen und in Rauch und Flammen weit und
breit Verwüstung ausspeien lassen. - Diesen Eingang wirst Du nicht verstehen,
und wohl Dir, wenn Dein Lebensweg Dich immer fern hält von diesem Verständnis.
Oder soll ich wehe rufen? Fast bin ich mir selbst nicht mehr klar über den Wert
oder Unwert des grossen Schmerzes, der ein Vater ist jener Weltpoesie, von
welcher schon die ersten blühenden Klänge in die Zukunft hineingrüssen. -
    Das Fest der Firmelung ist vorüber. Ich würde schweigen, beging ich dadurch
nicht einen Verrat an der Geburt, die sich unter furchtbaren Wehen an den Tag
der Freiheit drängt. Raffe Deinen Mannesernst zusammen, knüpfe die Enden der
Schellenkappe als Fühlfäden der kommenden Lust um die finstern Falten der
schwülen Gegenwart, und so, halb Faust, halb Don Juan, halb Eulenspiegel, stürze
Dich mitten in den heulenden Schlund, in dessen Tiefe die Grauen der
Gerechtigkeit zu Gericht sitzen über die Frevel der Völker. -
    Die Stadt war allgemein festlich bewegt, selbst Bardeloh, sonst kalt und
schneidend höhnisch, zeigte eine Art passiver Teilnahme. Er wehrte Felix nicht,
mit mir den Dom zu besuchen. Der Vormittag verging mir recht angenehm unter
Gesprächen mit Rosalie und Burton, der seit einigen Tagen unser Gast ist. Felix
nahm, wie gewöhnlich, auf seine harmlose Weise daran Teil. So begierig der
Amerikaner auch ist, einen tiefern Blick in die verschiedensten Zustände unseres
deutsch-europäischen Lebens zu tun, lange festalten kann man ihn nicht. Man
sieht es dem kräftigen Menschen recht an, wie fremd und gewissermassen abstossend
diesen rein tatkräftigen Naturen das blosse Besprechen ist. Sie haben keinen
Massstab für diese unsere Pein. Sie begreifen kaum, dass der Zwang der
Verhältnisse uns allen nur die Rede als Schmerzensstiller, statt der entrissenen
Tat in die krampfhaft zuckenden Hände gegeben hat. Ich bemerkte irgend etwas
derartiges, um Burton's Meinung zu hören.
    »Ich kann nicht widersprechen,« antwortete er mir, »eben so wenig, als ich
Euer vieles Reden zu billigen vermag. Wenn Ihr nun einmal ein Abkommen träft
unter einander, es sollte Jeder nur ein paar Monate hindurch die halbe Zahl der
gewöhnlichen Worte verbrauchen und dafür grade die Hälfte mehr tun, glauben Sie
nicht, dass von selbst, ganz ungerufen, gewaltige Taten geschehen würden?«
    »Nein,« versetzte ich, »nimmermehr! Sie gehen von ganz falschen Grundsätzen
aus. Hindern Sie uns am Reden, so wissen wir uns im Träumen zu entschädigen, bis
zur Tat aber kam' es gewiss nicht.«
    »Das ist traurig, mächtig traurig!«
    »Ich muss unserm Freunde beistimmen,« fiel Rosalie ein. »Im Allgemeinen hat
Sigismund recht, ausnahmsweise aber würde ein solches Experimentiren, um eine
Tat zu gebären, höchstens misglückende Revolutionsversuche erzeugen, wie wir
dies ja oft genug schon erlebt haben; oder im allerbesten Falle wahre
Misgeburten von Taten, Riesen im Entwurf am Kopfe, Zwerge an den Gliedmassen,
deren Anblick nur Schreck einflössen kann und von einer allgemeineren Teilnahme
jeden Besonnenen zurückhält.«
    Als Rosalie mit jener schönen weiblichen Ruhe, die ihr so ganz zu Gebote
steht und sie schmückt, wie selten ein Weib, diese Worte sprach, ahnte sie wohl
kaum, dass sie noch an demselben Tage als Prophezeihung in Erfüllung gehen
würden.
    »Sie fühlen dies so tief,« erwiederte Burton, »und können es doch über sich
gewinnen, in dieser Untätigkeit selbst zu erlahmen?«
    Rosalie lächelte bitter. Sie drückte Felix an ihre Brust. »Sind Sie Vater?«
fragte sie den Amerikaner.
    »Vater von drei mächtig muntern Kindern,« sprach Burton mit glänzendem Auge,
»zwei Knaben und ein Mädchen nenne ich mein.«
    »Dann wissen Sie, weshalb ich verkümmere,« seufzte Rosalie. »Lebte mir
dieser Knabe nicht, so würde ich Alles ertragen, vielleicht gleichgiltiger,
vielleicht auch teilnehmender.«
    »Dennoch sollten Sie mir folgen,« versetzte Burton. »Wollen Sie nur recht,
Ihr Gatte wird sicher nicht zurückbleiben.«
    »Meine Frau hat ihren freien Willen,« sagte Bardeloh, der eintretend die
letzten Worte gehört hatte. »Unsere Ehe war glücklich, sollt' ich meinen, hing
aber nie an Kleinigkeiten. Nicht wahr, Rosalie?«
    Ein bittender Blick traf Bardeloh's Auge. Bewegungslos hielt er ihn aus.
»Gewiss, Richard, Du hast wieder die ganze Nacht hindurch gearbeitet. Täglich
wirst Du bleicher; warum doch folgst Du gar nicht mehr meinen Ermahnungen?«
    »Weil ich wünsche, Du mögest so unabhängig leben, wie ich.«
    »Siehst Du, Mutter,« fiel Felix ein, »da sagt es Dir der Vater ja ganz
deutlich, dass Du mit mir nach Amerika reisen sollst.«
    »Mit Dir nicht,« erwiederte Bardeloh, »allein aber könnte es sich wohl noch
treffen.«
    Diese rätselhafte, düstere Kälte lähmte uns allesammt. Burton, obwol fern
aller Sentimentalität, erschrak doch vor einer solchen Art und Weise, das
Teuerste, was ein Mann besitzen kann, zu behandeln. Er empfahl sich von
Rosalie, nahm meinen Arm und führte mich mit sich in seine Wohnung.
    »Es ist zu entsetzlich,« rief er aus, »ich mag's nicht mehr ertragen! Und
doch schlägt mich noch weit mehr, als die Erscheinung selbst, die Ueberzeugung
nieder, dass bedeutende, wenn auch nicht leicht erkennbare Gründe vorhanden sein
müssen, da solche Auswüchse sich bilden können! Bardeloh ist reich, besitzt
ausgezeichnete Geistesgaben, ein liebendes Weib, ein glückliches, aufgewecktes
Kind - und doch verschwinden vor seinem Auge alle diese grossen Reichtümer, weil
er, sei's mit Grund, sei's aus Ueberspannung, für die Zukunft besorgt ist. Es
fasst's Keiner der es nicht selbst gesehen hat - aber ich begreife jetzt die
Auswanderer! Es gehört Mut und Tugend dazu, als ein Europäer mit menschlicher
Ausdauer, mit liebendem Herzen zu sterben!«
    Den Rest des Vormittags brachte ich bei dem Amerikaner zu. Während meines
Dortseins empfing er Briefe aus Rotterdam, in deren einem sein Kapitänspatent
zur Brigg »die Hoffnung« sich vorfand. Die Zeit des Absegelns war seinem Willen
überlassen.
    »Jetzt können Sie über mich verfügen,« sagte er, mir das Patent zeigend.
»Wir können eilen oder zaudern, je nach Ihrem Gutdünken, doch scheint mir,
Beschleunigung wird in keinem Falle schädlich sein. Je eher Sie Amerika's Boden
betreten, desto mehr gewinnen Sie an Lebensfrische.«
    Da Burton schnelle Antwort geben sollte, benutzte ich die Zeit, um einige
Zeilen an Auguste zu schreiben. Flüchtig meldete ich ihr, wie nahe der Zeitpunkt
gekommen sei, wo wir für immer vereinigt sein würden. Die misslicher werdende
Lage verschwieg ich ihr ebenfalls nicht, indem ich zugleich bat, Alles für die
Reise vorzubereiten. Denn es war mir immer, als müsse noch irgend etwas
geschehen, das einen plötzlichen Aufbruch wünschenswert machen könnte. Du
kennst ja meine Ahnungsgelüste, die mir schon oft gramvolle Tage bereitet haben.
    Unterdess nahte sich die Mittagszeit. Auf Burtons Einladung speiste ich mit
ihm, ächt amerikanisch, indem ich mir nur von Amerika erzählen liess. Es gewährt
mir dies einen unbeschreiblichen Genuss. Burton ist begeistert, wenn Amerika's
Glück in schönen Bildern vor dem hellen Spiegel seines Gedächtnisses
vorüberwandelt. Der entschlossene, praktische Mann wird Dichter, ohne es zu
wissen. Sein Geist baut Welten auf, die er wohl schwerlich selbst ahnt, und grade
in dieser Unwillkürlichkeit liegt ein hoher Reiz, ein Genuss, der namentlich
einen Europäer bezaubern muss. -
    Zum nahen Carneval finden sich bereits viele Fremde aus der Umgegend ein.
Mancher kommt wohl auch, um dem kirchlichen Feste beizuwohnen. Schon seit einigen
Tagen war die Anzahl der Fremden bedeutend gestiegen, heut wollte es gar nicht
mehr aufhören. Die dem Rheine nahe gelegenen Hotels sind überfüllt. Dennoch
sperrt man zusammen, so Viele sich irgend unterbringen lassen und jeder gibt
gern nach, wenn es möglich ist. Noch sass ich mit Burton zu Tisch, als der
Kellner den Amerikaner fragte: ob er wohl eine kleine Kammer auf einige Tage
entbehren könne? Ein sehr ehrwürdiger Greis, der alljährlich um diese Zeit hier
einspreche, sei eben angekommen und nirgends wolle sich ein Plätzchen für ihn
finden. Burton war es zufrieden, dankend entfernte sich der Kellner und bald
darauf hörten wir den neuen Ankömmling im Nebenzimmer sprechen. Die Stimme
schien mir sehr bekannt, doch wusste ich nicht, wo ich ihm früher begegnet sein
mochte und vergass über den Erzählungen des Amerikaners auch schnell wieder den
momentanen Eindruck.
                                                                         Abends.
    Frühzeitig schon drängte sich eine zahlreiche Menschenmenge in die Nähe des
Domes. Individuen von allen Religionsbekenntnissen wollten dem feierlichen
Kirchenact beiwohnen und vergassen leicht im Taumel einer neugierigen
Lüsternheit, was zahllose Menschenalter ihnen nicht entreissen konnten. So ist
der Mensch immer und ewig. Fest hängt er an Vorurteilen, ob sie auch noch so
töricht sein mögen, nur der Reiz einer augenblicklichen Aufregung kann, wie ein
spottender Harlekin, ihn herausjagen aus seiner seltsamen Ernstaftigkeit. -
    Grade noch zu guter Stunde fand ich mich in Gesellschaft Bardeloh's nebst
seiner Gattin und Felix mit dem Amerikaner ein, um in der Nähe des Eingangs eine
behagliche Stelle zu erobern. Aus dem Innern des Doms wehte schon ein
betäubender Weihrauchduft, die Hallen selbst waren geschmückt mit Blumen,
zwischen denen geweihte brennende Kerzen in blassem Zitterlichte
hervorleuchteten. Unter der andrängenden Menge wanderten mit einiger Mühe arme
Knaben herum, um deren Schultern geflochtene Strohkörbchen hingen, angefüllt mit
Heiligenbildern, Rosenkränzen, kleinen Kruzifixen und andern Dingen, die einem
katolischen Gemüte zu Krücken der Andacht dienen. Laut riefen diese Knaben
ihre Kleinigkeiten aus unter dem gaffenden Volke.
    »Kauft schöne, blanke Kruzifixe! Neue, geweihte Rosenkränze! Kauft, kauft,
schöne Herren! - Alles billig - Stück für Stück nur drittehalb Silbergroschen!«
    
    So schrieen wohl dreissig Kehlen bunt durcheinander, die glänzenden Waaren den
Umstehenden vor den Augen hin und her schwenkend. Die betriebsame Jugend machte
ein leidliches Geschäft, denn Viele kauften, um die Störenfriede nur los zu
werden, der bigottere oder meinetalb auch andächtigere Teil der Anwesenden wohl
auch aus einem tiefern Bedürfnis.
    Mir fiel diese Betriebsamkeit, die kirchliche Feste in eine Art Jahrmarkt
verwandelt, nicht auf. Aehnliche Scenen hatte ich oft erlebt, da ich von Jugend
auf in katolischen Ländern viel verkehrte und mit den Sitten und Gewohnheiten
seiner Bewohner vertraut war. Grade da, wo sich die Anhänglichkeit an dem
katolischen Ritus am unumwundesten ausspricht, wie in Böhmen, findet man auch
am häufigsten diese an eine frivole Parodie grenzende Leichtfertigkeit, mit dem
Heiligsten des Herzens einen gewinnsüchtigen Handel zu treiben. Anders
betrachtete der Amerikaner die ihm völlig neue Erscheinung. Auf sein Gesicht
trat ein zürnender Ernst, mehrmals stiess er die zudringlichen Buben zurück und
nur, als Niemand seinen Widerwillen gegen diese Art, Geschäfte zu machen, mit
ihm zu teilen schien, kaufte er endlich einem schwarzlockigen Jungen ein
Kruzifix und auch einen Rosenkranz ab.
    »Wie heisst Du?« fragte ich den kleinen Burschen, als er ihm die Münzen
gereicht hatte.
    »Benjamin, der Sohn des blinden Salomo,« erwiederte der Bursche und drängte
sich, wie ein Wiesel durch die Menge, von neuem mit lauter Stimme rufend:
»Gnädige Herrschaften, schöne Fräulein, kauft Kreuze, silberne, goldene! Kauft
Rosenkränze, schön geschnitzt, rund und glatt, und auch kleine Josephel, kauft,
kauft, kauft, meine gnädigen Herrschaften!«
    »Das ist mächtig seltsam!« flüsterte mir Burton in's Ohr, eine Erscheinung,
wie sie mir noch nie vorgekommen. »Wir leben doch in einem freien Lande, aber
ich bin gut dafür, dass ein Volksaufstand ausbrechen würde, wagte irgend Einer am
Eingange zum Heiligtum mit der Industrie zu tändeln. Ihr Europäer scheint
gerade da Freiheiten zu besitzen, wo Zwang besser wäre. Euch verwundet es nicht,
das Bild des Gekreuzigten feil geboten zu sehen an der Schwelle des Tempels, in
dem Ihr zu ihm fleht, wenn aber einer auf offenem Markte es sich einfallen
liesse, die ganze Freiheit auszurufen und feil zu bieten, so fürchte ich, wäre
Mord und Todschlag das Ende. Wahrhaftig, Ihr habt eine mächtig verderbte
Civilisation!«
    Ich konnte nur die Achseln zucken und schweigen.
    »Kauft blanke, schöne Kreuze!« rief es wieder, »kauft, kauft meine gnädigen
Herrschaften, kauft!«
    »Und was für einer Menschenklasse sind denn diese Kleinodien in die Hände
gefallen?« sprach der Amerikaner. »Jener Knabe nannte sich Benjamin, sein
Aussehen kam mir asiatisch vor.«
    Jetzt erst fielen auch mir die umherlaufenden Knaben auf. Mein Auge suchte
finstern Blickes in der wogenden Menschenmenge, ich sah Niemanden der Verkäufer,
nur unablässig traf der schnarrend singende Ton des »Kauft, kauft, meine
gnädigen Herrschaften!« mein betäubtes Ohr. Gedankenlos, wie man Altgewöhntes
meist hinzunehmen pflegt, hatte ich die schachernden Knaben an mir vorübergehen
lassen. Ich war zu tief in die nichtssagende Civilisation verstrickt, um in
einem so grellen Auswuchse irgend etwas Anstössiges zu entdecken. Jetzt aber
angeregt und gleichsam neu gekräftigt durch die gesunde Frische einer
jungfräulichen Natur, fühlte ich plötzlich mit einer erschütternden Wehmut den
ganzen Schmerz einer verloren gegangenen Welt rein menschlicher Unschuld. Aber
es gesellte sich auch noch ein tiefergreifendes Weh dazu. Ich gedachte meiner
Unterredung mit Mardochai, meines Gespräches mit der holden Sara, und erblickte
in den handeltreibenden Knaben nicht mehr die blosse industrielle Betriebsamkeit
der Zeit und der Hebräer, sondern eine eigentümlich sich gestaltende Rache. Und
als wolle der Himmel mich bestärken in der Qual meines Gedankens, entdeckte ich
in demselben Augenblicke, wo sich der Zug der geschmückten jungen Christen
nahte, die hohe Gestalt des Juden hinter der gaffenden Menge umherschleichen.
Mehr als grell stach sein feiner, schwarzseidener Talar gegen den Glanz der
Freude ab, womit Jung und Alt sich umgeben hatte. Ein langer Zug von Priestern,
in dem schimmernden Schmuck der kirchlichen Festgewänder, nahte dem Dome. In
ihrer Mitte der Erzbischoff unter dem rotsammtnen Baldachin, den Krummstab in
der Hand. Die Glocken läuteten, feierlicher Gesang erscholl, umdampft von
Weihrauchdüften trug der heilige Mann die von Edelsteinen strahlende Monstranz
in den Dom. »Kauft, kauft, schöne Herrschaften, kauft, kauft!« rief es mitten in
den feierlichen Gesang der Chöre, die dunkellockigen Buben mit den pfiffigen
Gesichtern hüpften wie Kobolde an dem Zuge der jungen Christen vorüber, die
ausgerufenen Kleinodien darreichend zum Verkaufe.
    Vor meinen Blicken liefen die Gegenstände durcheinander. Mir erschien der
ganze feierliche Aufzug wie ein grosses Schattenspiel, von unsichtbaren Händen
geleitet. Fest drückte ich Burton's Arm an meine Brust. »Was ist Ihnen?« fragte
er mich. »Dort,« stammelte ich zitternd, zähneknirschend, und deutete nach dem
Hintergrunde. »Was wollen Sie? Ich sehe doch nur Menschen, geistlos gaffend,
sich freuend des lebhaften Gedränges.«
    »Kauft, kauft« hallte es abermals in der Ferne.
    Im Gedränge war Bardeloh mit den Seinigen von unserer Seite gerissen worden,
die Menge stiess uns der Domtür zu, ich wandte mich nochmals um. Wie ein
gespenstischer Schatten wandelte langsam und stolzen Schrittes Mardochai mit dem
ernsten, weissen Antlitz über den Domplatz. Ihm nach liefen die schachernden
Knaben, den Vorübergehenden noch immer ihre Formel zurufend. -
    Gebückt wie Sclaven, schlichen sich meine Gedanken an das Licht des Tages.
Die Musik schwirrte gleich pfeifenden Geisselhieben um mich und grub blutige
Spuren in mein zitterndes Herz. Der Weihrauchdampf verwandelte sich in eine
erstickende Sandwolke, die vom Samum ausgewirbelt den Sonnenstrahl vom Himmel
raubt, um mit ihm die lechzende Seele der armen Menschheit noch furchtbarem
Qualen hinzugeben. Eindruckslos blieb für mich die hehre Feier. Ich war weit
hinweggeführt von dem Orte, wo ich stand; ich lag an der Stelle, wo einst die
Burg von Zion ihre schimmernden Säulen emporhob und kühlte meine brennenden
Glieder in dem Staube, geheiligt von Blut und Tränen eines Erlösers und eines
hinsterbenden Volkes. -
    Die Handlung war zu Ende, der Strom der Zuschauer stiess uns zur Tür. Am
Ausgange trafen wir durch Zufall wieder auf Bardeloh, Rosalie und Felix. Der
Amerikaner redete den verschlossenen Mann freundlich an und nahm den
herbeispringenden Knaben bei der Hand. »Ein solches kirchliches Schauspiel,« hob
er an, »hat mächtig viel Bestechendes für die Menge. Ich fühle, wie ein nur
irgend schwärmerisches Gemüt glücklich sein kann im Katolicismus. Dieser Pomp
überrascht, bewältigt und zwingt das Gemüt nicht zur Andacht, sondern zu einer
Verzückung, die ungefähr denselben Erfolg hat.«
    »Es gehört Phantasie dazu,« sagte Bardeloh trocken. »Früher war ich jedesmal
von einer solchen Handlung entzückt, schon seit langen Jahren aber lässt sie mich
kalt und erweckt sogar ein Gefühl des Widerwillens.«
    »Mir gefällt der flunkernde Schmuck,« sagte Felix. »Denn es ist doch gar zu
hübsch, von einem so schön gekleideten Manne, wie dem Bischoff, erst mit dem
Weihwedel besprengt zu werden und dann irgend einen lieblichen Namen zu
erhalten, von dem man doch weiss, woher er gekommen ist. Wann werde ich denn
gefirmelt, Vater?«
    »Uebermorgen.«
    »So bald? Wie soll denn das zugehen?«
    »Erwart's in Geduld, so bist Du nicht davon überrascht.«
    »Mutter,« sagte Felix, »ich halte mich zu Dir. Bleibst Du bei mir, dann mag
meinetalb ich und Alles um mich her gefirmelt werden.« -
    Ich fühlte mich zu aufgeregt, um einer Einladung Rosalien's, den Tee bei
ihr zu nehmen, folgen zu können. Burton sagte zu, ich empfahl mich an der Tür
und ging an den Rhein hinab. Es lag mir viel daran, den Juden noch heute zu
sprechen. Ich hatte so viel auf dem Herzen und doch so wenig Worte dafür! Was
mich bewegte, konnte nur ein Augenblick heiliger Begeisterung überzeugend dem
Manne vortragen, in dessen Augen es nichts der Schonung Würdiges mehr gab.
    Auf dem Wege zur Wohnung des Juden bemerkte ich einen steinalten Greis, der
mit Hilfe seines Krückenstabes und eines ebenfalls schon bejahrten, aber doch
noch rüstigen Mannes, in dem ich auf den ersten Blick den lustigen Klapperbein
erkannte, vor mir her ging. Es war der greise Castellan vom Kreuzberge. Eifrig
unterhielt er sich mit Ephraim, und der Klang der Stimme verriet mir, dass
dieser Ankömmling derselbe sei, welcher in einem der Gemächer des Amerikaners um
Aufnahme nachgesucht hatte.
    Ich mag wohl gestehen, ohne deshalb für charakterschwach zu gelten, dass der
Anblick und die Begegnung dieses ehrwürdigen Greises in der Stimmung, die eben
mein ganzes Wesen erfüllte, etwas sehr Beruhigendes für mich hatte. Heiter
grüssend trat ich zu dem Castellan und schüttelte ihm auf derbe deutsche Weise
die Hand. Der heiter-rüstige Greis erkannte mich sogleich wieder und war
erfreut, mir nochmals zu begegnen. Da er zu den wenigen Glücklichen gehörte, die
in einem langen Leben nicht den Glauben an die Güte der Menschheit und das
Vertrauen zu jedem Einzelnen verloren haben, so erfuhr ich nach wenig
einleitenden Worten, dass er regelmässig alle Jahre zur Carnevalsfeier die alte
Stadt besuche. Einmal in's Reden gekommen, erzählte er von den Festlichkeiten
früherer Jahre und, wie er in der Zeit der ungeschwächten Kraft oft selbst mit
Teil genommen habe an den ergötzlichen Torheiten.
    »Jetzt ist das Alles anders geworden,« fuhr er fort. »Seit die
Unzufriedenheit als Modeartikel im Leben mit feil geboten wird, denken die Leute
gar nicht mehr so recht von ganzem Herzen an die pure, sich überstürzende
Lustigkeit. Sie schwatzen ein Langes und Breites von Absichten und Zwecken, die
Gott weiss, welche grosse Dinge, hervorbringen sollen, während die Fastnacht nun
doch einmal bloss für's ehrliche Lustigsein da ist. Ich bin ein Mann von Glauben,
der ganz und gar das lustige Leben nicht missen will, aber diese Kopfhängerei
auf der einen Seite, und die frivole Düsterheit auf der andern, die heut zu Tage
aller Orten sich misbilligend begegnet und stösst; die mein lieber Herr, ist von
grossem Uebel!«
    »Bei den ersten beiden Weinküpern, Noah und Bachus!« rief Klapperbein aus,
»Du hast recht, alter Kumpan. Beten und Singen ist gut und ein gar schönes Ding
um ein armes Herz, aber Absicht darf man keine dabei haben. Ich bete just, wenn
mir's ankommt. Das ist bei mir, wie der Hunger. Verspüre ich Leerheit, so muss
ich drauf denken, wie ich ihr abhelfen kann. Und in diesem Punkte hat die Seele
oder das liebe Gewissen eine erstaunliche Aehnlichkeit mit dem Magen.«
    »Es sind nun wohl schon zehn Jahre her,« fuhr der Castellan fort, »dass mich
die grosse Narretei nicht mehr recht erfreuen will. Ich könnte nun freilich
wegbleiben, alt genug war' ich ohnehin, indes, was man so ein siebenzig Jahre
und darüber unter den seltsamsten Lebens- und Weltereignissen mitgemacht hat,
dabei muss ein ehrlicher Kerl aushalten so lange es nur möglich ist. Erfreue ich
mich nicht mehr an dem Spectakel, den Zwecke leiten, so macht es mir doch Spass,
wie der Schalks- und Koboldsgeist solcher Tage, der im Spasse versteckt liegt,
den grossen, klugen Weisheitshelden die übermütigsten Rübchen schabt. Und das
bleibt niemals aus und wird auch Heuer nicht fehlen.«
    »Möglich wäre es doch,« erwiederte ich, »denn die Anordnung der diesmaligen
Festlichkeiten liegt in den Händen des ernstaftesten Mannes -«
    »Desto besser, desto besser!« sprach lächelnd der Castellan und stiess
wiederholt mit seinem Krückenstabe auf's Pflaster. »Grade den Ernstaftesten
wächst der Fuchsschwanz am Rockkragen fest, und je höhere Zwecke diese
Grosshändler der Weltgeschichte verfolgen, desto sicherer kann man auf die
Nichterreichung derselben bauen.«
    »Mir ist's all eins', meinte Klapperbein, wenn's nur auch eine Rammelei
dabei gibt; und dafür, denk' ich, ist diesmal gesorgt.«
    »Wie so?« fragte ich.
    »Curiose Frage, das! Es ist ja die ganze Hetze der Frommen rings aus der
unendlichen Nachbarschaft hergekommen, um einmal zu sehen, wie die Gottlosen
ihren Sabbat feiern, und wenn die Böcke mit ihrem Widerspiel zusammentrafen, da
hab' ich immer gesehen, dass es an ein ergötzliches Hörnerwetzen ging.«
    Etwas Aehnliches hatte ich bereits gehört und zwar mit dem Beisatze, man
habe absichtlich eine Art Einladung an die strengen Sittenprediger ergehen
lassen. Jetzt trug dies nicht wenig bei, mich noch heftiger als früher zu
beunruhigen. Ich knüpfte Bardeloh's hingeworfene Worte mit Mardochai's laut
ausgesprochenen Verwünschungen zusammen, gedachte des nur zur Hälfte gesehenen
Apparats und tausend anderer Dinge. Davon aber gegen die beiden Alten etwas zu
äussern, hielt ich für indiskret und unklug.
    »Wie geht's denn meinem Novizen?« fragte der Castellan. »Ich möchte den
armen Narren doch lebensgern noch einmal sehen; mein Herz hängt ordentlich an
ihm. Und sollte er früher sterben als ich, so mag sein trübselig reicher Bruder
nur immerhin sein Wort halten.«
    »Ich erzählte dem Greise, was ich etwa sagen zu dürfen glaubte, ohne ihn gar
zu sehr zu betrüben. Gut, erwiederte der Castellan, und da, wie Sie mir sagten,
auch Bardeloh mit zu schaffen hat beim Carneval, so komme ich in sein Haus, und
dann halte ich mich an Sie. Meinen Bonifacius muss ich sehen.«
    An der Brücke schieden wir. Der pfiffige Klapperbein steckte mir beim
Weggehen ein Briefchen zu und flüsterte mir in's Ohr, dass, ginge sein liebes
Fräulein wirklich ausser Landes, er allein nicht im Lande bleiben werde. Der
Brief kam aus Düsseldorf. Ich steckte ihn zu mir und beeilte mich, den Juden
aufzusuchen, voll seltsam stürmischer Gedanken und süss beglückender
Herzensregungen. Es dunkelte schon sehr stark, als ich an seine Wohnung kam.
Friedrich sass auf einem Steine vor der Tür mit der Geige auf dem Schoss. Den
Kopf hatte er in beide Hände gestützt, den Blick zur Erde gesenkt. Er schien zu
schlafen, da er mein Räuspern durchaus nicht beachtete. Ich stiess ihn an und
fragte, was er hier treibe.
    »Ei tausend,« erwiederte er mit wichtiger Miene, »sehen Sie mir's denn nicht
an, dass ich ein stiller Wächter bin?«
    »Hast Du mich nicht gehört?«
    »Fühlen und hören ist bei mir all' eins.«
    »Was bewachst Du denn?«
    »Narr und Närrchen.«
    »Ist Mardochai zu Hause?«
    »Ich will des Teufels werden, wenn er drinnen ist, und das wäre mehr als ein
rechtschaffener Christ werden soll, denn jetzt bin ich noch durch und durch des
Gottes.«
    »Nun so steh' auf, Friedrich, und lass mich hinein.«
    »Das läuft gegen Controlle und Parole. Ei tausend, kennst Du denn meine
Parole?«
    »Freilich kenne ich sie, Du hast mir sie ja gesagt. Die Geige führt die
Narrheit spazieren. Nicht wahr ich habe ein gutes Gedächtnis?«
    »O ja,« versetzte der Blödsinnige, »heut aber trägt meine Parole eine
poetische Narrenjacke, sie heisst: tolle Hunde beissen Unschuldige und werden
geil, wenn die Lerchen im Himmel zwitschern. Gefällt Dir der Spruch?«
    »Der Spruch ist gut, der ihn erfunden hat, aber gefährlich.«
    »Das will ich meinen,« lachte Friedrich, »denn vor einer halben Stunde gab's
ein lustiges Lachen da drin. Als ich noch Junggeselle war, hörte ich den Ton
gern. All' meine lustigen Lieder gingen aus diesem Tone. Es war der Jungfernton
- jetzt aber spiel' ich Alles aus dem Strohwittwertone, und der ist recht lappig
und ohne alle Sprung- und Schwungkraft. Es ist ein gewallachter Ton.«
    »Friedrich,« rief ich dem blöden Geiger laut und erschrocken zu, indem ich
ihn, der noch immer ruhig vor der Türe sass, heftiger schüttelte, »Friedrich,
wer ist im Hause?«
    »Mein Himmel, wer denn sonst, als Täubchen und Täubrich.«
    »Hast Du Casimir gesehen?«
    »So lustbetrunken, wie noch nie.«
    Die Häuser wankten vor meinen Augen. Mit mächtiger Faust zerrte ich
Friedrichen von der Tür hinweg und wollte sie öffnen. Sie war verschlossen.
Voll Angst und Wut schlug ich erfolglos mit beiden Fäusten dagegen; Friedrich
stimmte, vergnüglich lachend, seine Geige. Ich bat ihn, er solle mir helfen die
Tür einschlagen. »Das bedarf's nicht,« erwiederte er, »Fromme sind
unangreifliche Naturen. Aber warte nur, meine Geige soll die Mauern Jericho's
schon umstülpen, wie eine Schlafmütze.«
    In diesem Augenblicke erschien Mardochai. Kalt und ruhig fragte er, weshalb
ich einen solchen Lärm an seiner Tür mache? Ich bat ihn, schleunigst zu öffnen,
ein Blick auf meine Mienen, in denen Angst und Erwartung des Entsetzens mit
scharfen Krallen, wie Nachtvögel an die Gitter eines erleuchteten Fensters, sich
festgeklammert hatten, bewog ihn meiner Bitte zu willfahren.
    »Aber, lieber Sigismund, was fällt Ihnen denn ein?«
    »Die Rache,« schrie ich, »die Rache, Mardochai, nimmt Rache an der Rache!«
    Diese jedem Andern unverständliche Redeweise galvanisirte die Hand des
Juden. Klirrend flog der Schlüssel in's Schloss, die Tür auf Wir traten in die
dunklen, von Wohlgerüchen durchdufteten Gänge. Friedrich folgte, bald laut
auflachend, bald ein paar Accorde mit grellen Bogenzügen der Violine entlockend.
Es war das Schluchzen der Erwartung, das aufröchelte in bitterer Angst, während
das Auge gebrochen zurücksank in seine Höhle.
    Ich rüttelte an der Tür des Zimmers und fand auch dieses verschlossen.
»Seltsam,« sagte Mardochai, mit bebender Stimme, »was bedeutet dies?« Ohne
Antwort zu geben, rief ich laut: Sara, Sara! - Mir war es, als vernähme ich ein
leises Seufzen, erdrückt von einem dumpfen Hohnlachen.
    »Ja immer ruft,« sagte Friedrich, »das wird aber nicht gleich Antwort
geben.«
    Wir traten in's Zimmer. Eine einzige trüb brennende Lampe beleuchtete mit
unstätem Flackern die Gegenstände. Es war Alles still, wie in einer Todtenhalle.
Der laute Ruf: »Sara,« bebte zu gleicher Zeit von meinen und Mardochai's Lippen.
Hinter dem Vorhange, der die Nische verhüllte, schien sich etwas zu regen,
Mardochai zündete schnell ein paar Kerzen an, ich riss den Vorhang aus einander
und blieb erschrocken regungslos stehen.
    Auf derselben Ottomane, die vor wenig Monden Sara zum reizenden Ruhekissen
diente, um in die Zauber ihres Spiels die hinreissende Anmut ihrer unschuldigen
Grazie zu flechten, ruhte das schöne Mädchen, aber bleich. Ihr Auge war,
obgleich es offen stand, gebrochen. Um ihren Hals hing fest die silberglänzende
Talis geschlungen. - Es konnte Niemand in Zweifel bleiben über das, was sich
hier zugetragen hatte. - Mich lähmte Zorn und Entsetzen, Mardochai stand mit
gekreuzten Armen regungslos, ohne zu wanken, keine Wimper zuckend. Er löste
seinen weissen Talar, der an der Wand hing, und sanft, wie der Schleier der
Versöhnung, sank er herab auf sein lebloses Kind.
    Da erst regte es sich im dunklen Hintergrunde unter der maskirten Büste, die
mir jüngst Mardochai bei so ergreifenden Gesprächen gezeigt hatte, und Casimir's
verwüstetes Gesicht ward erkennbar. Mit zweideutigem Lächeln erhob er sich
langsam, kniete auf den Divan neben die Jüdin, und sprach, seine Hand
ausstreckend gegen den Juden:
    »Mardochai, wir sind fertig mit einander. Als Du vor zehn Jahren mich
veranlasstest, das Tabernakel zu plündern, tat ich's, weil's mir gefiel, als ein
raffinirter Witz, seitdem ich aber von Dir selber hörte, dass Du den ganzen
Spectakel angestiftet habest, um Deinen Zorn abzukühlen, da stieg mir die
poetische Raserei meines Herzens in's Gehirn. Ich dachte nach, wie eben ein
Mensch, wie ich zu denken vermag, den allerhand satanische Spitzfindigkeiten in
die Livree eines lüderlichen Commödianten gekleidet haben, und fand, dass es doch
sehr burschikos sei, liesse sich ein gewitzigter Christ von einem Juden
ungestraft die Ohren reiben. Ich hab's nicht vertragen, wie Du siehst.«
    Trotzig riss der furchtbare Rächer der vor Jahren verübten Gotteslästerung
die Talis von der Jüdin. »Sieh,« rief er und entfaltete sie vor Mardochai's
Augen, »jetzt bin ich fertig, ich weiss, wofür ich lebte, denn ich habe einen
sehr klugen Juden doch noch überlistet. Morgen schick' ich einen Eilboten in den
Himmel. Sein Ordner soll ein Langohr in der Welten Tagebuch brechen, damit der
Tag dieser Wiedervergeltung nicht vergessen werde in seinem Reiche!«
    Mit diesen Worten schwang er hoch die schimmernde Talis, um sie Mardochai
in's Gesicht zu schleudern. Zufall oder Gottes ewige Gerechtigkeit liessen es
aber geschehen, dass sie sich im Schwunge um die Büste schlang, die über der
Ottomane stand. Die Gewalt des Schwunges riss diese herab und donnernd stürzte
der marmorne Block nieder auf den Unglücklichen. Die Maske aber löste sich ab,
und die Hülle, auf welche mit Meisterhand die Züge des Erlösers gemalt waren,
fiel leis, wie ein versöhnender Kuss, auf den Busen Sara's, während die marmor'ne
Statue - Mardochai's eigenes Bild darstellend - Casimir's Brust zerschmetterte.
    Lautlos brach der Dichter zusammen, die Talis zitterte, eine schillernde
Schlange, um Hand und Haupt des Unglücklichen. Da erhob sich Mardochai, dessen
feste Ruhe ihn keinen Augenblick verlassen hatte. Ich lag über Sara's bleichen
Busen gebeugt und suchte mit dem heissesten Schmerzenskusse das Leben wieder in
die weissblauen Lippen des schuldlosen Opfers zu hauchen.
    »Casimir,« sprach Mardochai, »wenn Du sterben willst, lass mich's wissen. Ich
will Dir einen Priester schicken.« »Gleichmut,« schrie er im Ton tiefster
Seelenpein und wildester Verzweiflung, »Gleichmut mag Deine Beichte hören. Doch
ich tröste mich, setzte er ruhiger hinzu, war's doch mein Ebenbild, das ihn
zerschmetterte.«
    »O, ich sterbe noch nicht,« stotterte Casimir röchelnd. »Den Triumph sollst
Du nicht haben. Hat mein Witz Dich gepritscht, soll mein Tod auch die Messglock
lauten zu Deiner Sterbestunde. Beim Fluch meiner civilisirten Sünden, zerzaust
sollst Du werden, wie ein Frosch!« -
    Die Kräfte des Sterbenden wichen. Ich wälzte die schwere Büste vollends ab
von seiner Brust. Sie war tief eingedrückt, Blut quoll aus seinem Munde. »Gott -
in der - Hölle,« murmelte er zwischen den Zähnen, »will sehen - wie weit - ich -
richtig - porträtirt - habe. - - Gott - Gott!« - - Sein Haupt sank zurück, ein
krampfhafter Frost schüttelte alle Nerven, wie ein Windstoss die Wipfel der
Bäume, die hohe Stirn berührte mit kaltem Finger der Tod - Casimir verschied. -
Wenige Minuten vorher hatte sich Friedrich auf den Tisch des Zimmers gesetzt; er
fing an mit den Füssen zu baumeln und spielte unter lustigem Lachen die Melodie:
»O du lieber Augustin« etc. Mardochai erschrack. »Auf dem Kreuzberge,« sagte er
dumpf vor sich hin, »ward das Ding auch getanzt. - Gott ist doch mächtiger als
ein Mensch!«
    Ich hatte unterdess die Maske von Sara's lebloser Gestalt gehoben. Mardochai
verbarg sie sorgfältig und versuchte seine Tochter durch stärkende Essenzen zu
beleben. Allein um ihr Auge floss nicht mehr der Tau des neuen Lebenstages, sie
war verschieden.
    »Was gibt es?« fragte Mardochai, ein Geräusch beachtend, das sich im Zimmer
erhob. Ich wandte mich mit flüchtigem Blick um; - zur Tür herein trat ein Zug
von Knaben, Körbchen um die Schultern tragend, jeder einen Beutel in der Hand.
Ich hatte genug gesehen. Es waren die betriebsamen Handelsleute am Dome. Sie
wollten Rechenschaft ablegen und dem grossen Rächer, der Gott in sein Amt zu
greifen gedachte, den Gewinn einhändigen. Mardochai winkte den Buben, sich zu
entfernen. Zum ersten Male trat eine Träne - ich glaube, der Neue - in sein
Auge, er zerriss sein Kleid und verhüllte schluchzend an dem zerbrochenen Körper
der geliebten Tochter niederstürzend, sein Angesicht. So kniet die Schuld an dem
Opfer, das ihrer eigenen Sühne fällt! -
    So furchtbar, Raimund, endigte dieser Tag. Wie ein Taumelnder schlich ich
zurück nach Bardeloh's Wohnung. Hell glänzte, als die erhabene Stirn der Welt,
durch deren majestätische Wölbung die Sternbilder als des Gedankens
unauslöschliche Flammen leuchteten, der Himmel über mir. Aber ich hatte kein
Auge für diese stille Pracht des schaffenden Gottes, für das Schwanken und
Schwärmen, Funkeln und Sprühen dieser Ideen einer weltumfassenden Zukunft. Mein
Herz war gebrochen vom Gewicht des Augenblicks. -
    Der Amerikaner unterhielt sich noch lebhaft mit Rosalie. Auch Bardeloh tat
sich Gewalt an und sprach teilnehmender, als sonst. Mein Eintritt, noch mehr
mein Aussehen, brachte eine grosse Störung hervor. Von hundert Fragen bestürmt
rief ich meinen Gastfreund und Burton in Richard's Warte und teilte ihnen mit
wenigen Worten das Vorgefallene mit. Der Amerikaner wich entsetzt zurück,
Bardeloh sagte bloss: »Schade! Warum konnte der Mensch nicht noch zwei Tage
länger leben? Und Mardochai?« setzte er fragend hinzu. Ich erzählte das
Notwendigste.
    »Nun, wenn Er nur lebt,« erwiederte, von Neuem auflebend der mir
Unbegreifliche. »Dann ist ja nichts verloren! Dass Casimir untergehen würde auf
irgend solch eine Weise, habe ich mir längst gedacht. - Lebt Sara noch, meine
Nichte?«
    Eine bestimmte Antwort hierauf konnte ich nicht geben. »Armes Kind, ärmer
noch als deine Mutter!« fuhr Richard fort, für sich sprechend. »So strebt doch
Alles zu einer gerechten Versöhnung hin, selbst durch Frevel und Verbrechen.
Diese Welt ist ein wunderlicher Guckkasten! - Ich gebe meine Schwester dem
Juden, weil sie ihn liebte, Mardochai gebraucht sie, wie ein Möbel, die Lust der
Rache schon in sich tragend, und das Kind dieser liebenden Rache muss wieder der
Rache zum Opfer gebracht werden! Das ist seltsam, sehr seltsam! - Man könnte
zweifelhaft werden. - Doch nein! Nein! Nein! rief er laut aus, und die Stimme
sogleich wieder abdämpfend zu leisem Gemurmel, setzte er hinzu: Es liegt ja
Alles bloss an unsern verdorbenen Zuständen. Darum vorwärts! Ohne Zaudern,
sicher, fest, dem Ziele entgegen! Dieser Granitblock bedarf furchtbarer Hebel,
wenn er in Schwung geraten soll. -
    Bald darauf wünschte uns Bardeloh eine gute Nacht, ich begleitete Burton
noch eine Strecke, der mich ermahnte, Alles zur Abreise bereit zu halten.
    Als ich zurückkam, hörte ich den Mönch wieder einmal singen, doch nicht
brünstig, eher mit grossem Wohlbehagen. -«
 
                                      18.
                                  An Raimund.
                                                           Köln, den 6. Februar.
    Heut Morgen sah ich Casimirs hinterlassene Papiere durch, die ich
unordentlich durch einander geworfen auf seinem Zimmer fand. Das Meiste ist
bedeutungslos, wenigstens für die Welt, ein so wichtiger Beitrag es auch sein
würde zur geheimen Geschichte der menschlichen Seele. Nur zwei Papiere haben
Wert für mich; in dem einen findet sich das fertige Manuscript seiner Tragödie
mit umgekehrten Lettern »Besuch Gottes in der Hölle.« Das andere entielt einen
Brief an mich, den Casimir in einer Ahnung seines baldigen Todes geschrieben
haben muss. Aus ihm erklärt sich genau die entsetzliche Katastrophe. Eingeweiht
in den Lebensabriss, der nun bald hinter mir liegt, teile ich Dir dieses letzte
Testament des unglücklichsten und doch auch begabtesten Sohnes unseres an
Widersprüchen überreichen Zeitalters unverkürzt mit.
                             Casimir an Sigismund.
    »Du hast mir geantwortet, wie ich es wünschte, und ich bewundere dabei nur
Deine capriciöse Ehrlichkeit. Ein Hundstoller, hast Du mir gesagt, tobt, beisst
und zerreisst, was ihm vor die Zähne kommt. Brav gesprochen! Du sollst Dich an
meinem Gebiss ergötzen. Sollten mir zufällig dabei die giftigen Hauer ausfallen,
oder fromme Zuckungen der nervenschwachen Erde einen kleinen Spectakel im
Weltall improvisiren, so nimm's nicht übel, dass ich den frechen Gedanken einen
frechen Ausdruck gebe auf dem gewalkten Leichentuche, dessen grauester Zipfel
den weisesten Kopfteil Europa's bedeckt.
    Ich habe Deine Unterredung mit Mardochai, meinem früheren Bundes-, Studien-
und Sündengenossen angehört, nicht aus Neugier - denn ich erliege dieser
Schwäche nicht, weil ich allmächtig genug bin, um ihr zu trotzen - sondern durch
Zufall. Ich ward höflich, gesittet, wie Du's nennst, und fand dabei, was sich
aus jeder Zurückhaltung und Rücksichtnahme ergibt, die Pöbelhaftigkeit der
Gesinnung. Mein Ohr hörte, dass Mardochai aus Liebe zu seinem Stamme recht
pfiffig gehandelt habe mit dem Symbolischen in unserm Bekenntnisse. Ich strich
mir eine anziehende Ohrfeige, aus Verdruss über meine Dummheit. Ich war ein
gehörnter Siegfried, aus jenem Affentanz vor der Kapelle die vermaledeite
Gesinnung des Juden nicht herauszuschmecken. Das verdross mich als Mensch, als
Christ und als Poet. Rache muss sein, heisst mein Wahlspruch, und je raffinirter
desto süsser. Der Jude hat uns wahrlich keine Limonade eingeschenkt, warum sollte
man ihm eingemachte Apfelsinen bieten? Nein! Fluch wider Fluch! Gift wider Gift!
So lieb ich's, als ein deutscher Sappermenter. Darum will ich den Juden seinen
Witz beschneiden.
    Sara ist ein frisches Kind. Sie hat süsses Fleisch. Die Juden halten sammt
und sonders grosse Stücke auf ihre Nachkommenschaft. Sie bewachen und pflegen das
Fleisch ihrer Töchter eben so sorgsam, als sie das von einem andern Geschöpfe
verachten. Da hab' ich nun einen erbaulichen oder vielmehr einen zuschnürenden
Plan vor. Das Ding konnte sich nur gestalten im Kopfe Casimir's des Dichters der
barocken titanenhaften Tragödien. Rätst Du's? - Nein, Kerl, das rätst Du
nicht, sonst wärst Du ja gleich mir, und ich geriete in einen Streit, ich weiss
nicht, mit wem.
    Sara soll mir zur Grundlage einer lustigen Tragödie dienen. Ich weiss, das
wird den Juden packen und zausen, wie weiland der hilfreiche Ast Absalom's Zopf.
Sara ist mir zuweilen gut. Das benutze ich, obwol ich nicht als parfümirter
Liebhaber, sondern als bissige Hyäne ihr meine Liebesanträge machen will. Ich
werde umwunden mit dem wunderlichen Läppchen, das alle Juden in der Synagoge
tragen, vor ihr erscheinen, und sie damit so fest umschlingen, dass ihr die
Verbindung beschwerlich wird.
    Nun, wie gefällt Dir das, Du amerikanischer Zettelträger? s' Ist 'n Bischen
schweflig ausgedacht, mit spanischem Pfeffer und Lauch gewürzt; aber so taugt's.
Die Juden lieben ja das Narkotische. Weiss Gott, ich bin eben kein sehr frommer
Hans, aber die Juden lass ich mir nicht über mein Glaubenszeug kommen. Mardochai
hat's getan, dafür soll er schnattern, dass ihm die Weichen klappern, wie
Windmühlenflügel. Mein Bekenntnis muss gerächt werden und wär's durch die
ausgesuchteste Sünde! Ich bin der Kerl dazu! Mir ist's ganz gleich, wodurch ich
zum Ziel gelange. Nur kleine Seelen erschrecken vor dem Furchtbaren, die grossen
Geister zünden sich an den glühenden Nüstern der Hölle ihre Cigarren an. Also
prosit Jude!
    Im Fall der Engel Raphael mich unter die Cherubim versetzen sollte, nimm
dies als meinen letzten Gruss. Ich habe Dich immer geliebt, weil Du so helle
Taubenaugen hast. Diese sind meine Passion.
    Auf Himmel- oder Höllenwiedersehen, je nachdem! - Da ich kein Siegellack
besitze, klebe ich das Ding mit Speichel.
                                                          Dein starker Casimir.«
    Die Glossen zu diesem Schreiben kannst Du Dir selbst machen. In ihm entüllt
sich, was mir verborgen war in den furchtbaren Augenblicken, wo ich das Traurige
erlebte. Man könnte rechten mit der Weltgeschichte und ihrem ordnenden Geiste,
läge nicht grade in dem Zusammentreffen so ungeheurer Verbrechen die ewige
Sühne! Dies muss auch Mardochai gefühlt haben, denn ein Brief, den er mir vor
kurzem schrieb und den ich Bardeloh mitteilen soll, lässt mich erkennen, dass
noch weit grössere Frevel, als die bisher verübten, im Werke waren. Du wirst
sagen, es sei unmöglich, allein verworrenen, unnatürlichen Zuständen ist nichts
unmöglich. Das gährende Chaos kann in jeder Stunde mit der hohen Besonnenheit
des Schöpfers in die Schranken treten. Diese Extreme berühren sich, wie alle
andern, und unsterblich und unbesiegbar sind Gott und der Tod, - ewiges Schaffen
und ewiges Zerstören! Was sich ereignen sollte, erzählt unumwunden genug
Mardochai's Schreiben, in dem der alte klare Geist, umwunden mit dem Dornenkranz
des Völkerschmerzes, wie früher spricht, schafft, Entsetzen erregt und zur
Bewunderung hinreisst. Nochmals muss ich es laut bekennen, ich liebe diesen
seltenen Menschen, weil mein tiefstes Gemüt sich danach sehnt, ihn hassen zu
können. So ärgert sich der gewaltige Geist über die göttliche Kraft und droht
mit seiner kleinen Faust und dem Geifer seines Mundes hinauf zum ruhigen Himmel,
weil er die Lust fühlt, Gott sein zu wollen und doch die Schwäche ahnt, die ihn
an der Verwirklichung des unerlaubten, aber doch natürlichen Gedankens
verhindert.
    Auch diesen Brief teile ich Dir mit, vielleicht spricht er eben so gewaltig
zu Deinem Herzen, wie er mich bewegt hat in Schmerz und zürnendem Grimme.
                            Mardochai an Sigismund.
    »Der Stolz meines Volkes liegt gebrochen vor meinem Auge und der Gott
Israels trauert, weil heimgegangen ist der letzte Spross aus dem Stamme Davids!
    Ich klage nicht, denn ein Mann kann sich fassen, wenn auch über ihn der
Himmel seine Flammen donnernd zusammenschlägt und unter ihm die Erde sich
bewegt, wie ein Blachfeld rollender Schädel. Noch sehe ich ja leuchten in ihren
Augenhöhlen die Pracht des jungen Morgenlandes, als leuchtende Opale wandeln mit
flimmerndem Fuss die Zaubermährchen meines Mutterlandes um die bleichen Stirnen,
und das Morgenland lebt immer, wie auch das Abendland aufschiessen möge in Blüte
und Frucht. -
    Mein Leben war der Versöhnung gewidmet, der Versöhnung, die achtzehnhundert
Jahre vergeblich zu stiften suchten zwischen Juden und Christen. Ich hielt mich
berufen, als ein Messias aufzutreten unter meinem Volke, ich bat, ich flehte,
ich dachte für sein Heil. Meine Träume klangen wie das Rasseln verrosteter
Ketten - ich suchte sie zu lösen, aber in meinem Wachen sah ich blank
geschliffene Panzer um den Leib Israels schlagen, nicht um ihn zu rüsten,
sondern zu erdrücken. Was ich darauf tat, Sie wissen es. Als ich Ihrer
ansichtig wurde, stieg die Furcht auf aus dem Boden und ringelte, eine bleiche
Schlange, sich um mein Haupt. Ich hasste Sie, weil ich Sie fürchtete; aber ich
gestand es mir selbst nicht. Ihr Umgang mit Bardeloh, noch mehr mit Gleichmut,
liessen mich eben sowol Hoffnungen fassen, als Zweifel in mir entstehen. Die
Kälte und schneidende Schroffheit des Erstern konnte Sie abschrecken, die
ausgebrannte Ruhe des Letzteren anziehen. Ich hatte mich nicht geirrt, aber auch
nicht geglaubt, dass Gleichmut seine Geschichte Ihnen mitteilen würde. Sobald
ich dies erfuhr, reute mich, dem Pastor den tiefer liegenden Zweck meines
Wirkens nicht entdeckt zu haben. Bardeloh's wachsender Ekel an europäischer
Civilisation bewogen mich, mit ihm zu complotiren und einen letzten,
verzweifelten Versuch zu einer gewaltsamen Aufregung eines im Ganzen schnell
erregbaren Volkes zu machen.
    Ich weiss, dem Deutschen ergreift nichts mehr, berührt nichts tiefer das
Gemüt, als ein Angriff auf religiöse Institutionen. Dies fasste ich auf mit
Bardeloh, und wir beschlossen, in einem Maskenzuge das Törichte und völlig
Todte der Äusserlichkeiten im Cultus so ergreifend zu verspotten, dass ein
Aufstand unmöglich unterbleiben konnte. Hätte nun dieser begonnen, dann wollte
Bardeloh mit der überzeugenden Macht seiner Rede auftreten und dem erhitzen
Volke vorhalten, was notwendig sei, wolle es sich retten aus einem langsam
hereinbrechenden Tode. Damit hofften wir etwas Grosses zu bewirken, ein
europäisches Aufsehen zu erregen, und den Grundstein zu legen zu einer neuen
aber gewaltigeren Reformation. Ich wollte aus Pikanterie und - gesteh' ich's
offen - vielleicht auch aus einem weniger edlen Antriebe die bedeutendste Rolle
dabei übernehmen. Gedenken Sie der Maske hinter dem Vorhange, gedenken Sie aber
auch des Strafgerichtes, das unter ihrem blinden Auge sich dort ereignete! -
    In Casimir's Tat erschien der Racheengel des Himmels früher als ich sein
erschütterndes Amt übernehmen konnte. Diese Tat mit ihren unmittelbaren Folgen
hat meine Welt der Zukunft mit hohen Lavaschichten bedeckt. Ich habe eingesehen,
dass ein Mensch sehr gross sein kann, es aber nie wagen darf, dem Gange der
Weltgeschichte voraneilen zu wollen. In ihrer Hand allein ruhen die
Lebensstunden der Völker. Die Tränen dieser sind ihr Rosenkranz, der glänzend
an ihrem Halse zittert, und es erfolgt kein Frieden, bis die Zahl dieser Tränen
nicht vollzählig geworden ist! Aber wir unruhigen Söhne der Zeit, die wir
geboren wurden im Nervenfeuer der Begeisterung, wir können nicht ruhen und
rasten, wir wollen stürmen und schlichten, zertrümmern und bauen, und müssten wir
auch die Sterne uns dazu vom Himmel herabreissen.
    Ein grosser Irrtum ist jedoch schöner und erhabener, als eine gewöhnliche
Wahrheit. Am Irrtum wird die Welt gross, von ihm wird sie reich. Der Irrtum ist
die Weltpoesie! - Darum reut mich mein Wollen und Streben, ob es auch oft sündig
war, nicht; denn es war notwendig, weil es vollbracht wurde im Auftrage der
Weltgeschichte! - Doch jetzt trete ich ab vom Schauplatze. Nach dem Gericht in
meinem Hause, in dessen blutigem Ausgange Christus und Moses sich versöhnten,
bin auch ich versöhnt worden, nicht mit der flachen Masse, sondern mit dem
Geschicke. Ich fühl' es, dass für mich die Zeit der Tat vorüber ist. Die Frucht
meines unstätten Lebens ist nicht unbedeutend - mein Volk wird dies dereinst
fühlen und mich segnen dafür. Aber Europa kann mich nicht trösten, nicht retten,
nicht versöhnen. Ich will es verlassen, damit ich nicht noch einmal genötigt
bin, mit orientalischer Phantasie die Glut meiner Rache zu vereinigen und
abermal zu höhnen, was doch nur Bewunderung verdient!
    Sie gehen nach Amerika, habe ich gehört. Tun Sie es, Amerika ist nicht ein
Land für jedermann, wohl aber für die Meisten. Die Freiheit kann auch Sie frei
machen, die dortige industrielle Macht Ihnen geben, was grade dem Europäer fehlt
- die Frische der Speculation, die Verständigkeit eines geregelten Naturlebens,
die gesunde Prosa des Herzens. Verschmelzen Sie diese drei Gaben des fernen
Westens mit den beglückenden Träumen, dem Ueberreiz Ihrer hoch gesteigerten
Cultur und der unergründlichen Poesie des deutschen Gemütes; so kann jenes
höchste Erdenglück nicht ausbleiben, das ein phantasiereicher Mensch mit dem
Worte Eden am besten bezeichnet. -
    Mein Eden, lieber Sigismund, öffnet seine Pforten nicht in Amerika. Ich
kenne jenes Land, denn ich war schon einmal dort. Es ist eben so wenig ein Land
für den Juden, als Europa. Aber die Wiege der Freiheit aller andern Völker wird
es sein und bleiben, wenigstens für die nächste Zukunft - nur der irrende Sohn
aus dem Stamme Juda ist von jenem Glück des freien Daseins ausgeschlossen. -
    Ich gehe zurück nach dem Orient, nach Syrien, nach Jerusalem!
    Teilen Sie diese Zeilen Ihrem Freunde Bardeloh mit. Der Maskenzug muss
unterbleiben, wenigstens kann der angeordnete nicht Statt finden. Ich mag und
kann nach dem Geschehenen keinen Teil daran nehmen. Die Kraft zu verschwenden
an der lächelnden oder gähnenden Ohnmacht ist Torheit. Hüten wir uns also vor
den Folgen dieser Torheit.
    In wenig Tagen verlasse ich Deutschland und Europa. Nur meine Tochter will
ich noch bestatten, d.h. ich werde sie durch Specereien der Verwesung entreissen.
Sie soll im Boden ihrer Väter ruhen. Ehe ich scheide, sehe ich Sie noch.
                                                                     Mardochai.«
    Nach diesem Geständnisse schweige ich, weil Niemand berechtigt ist, zu
sprechen, wo der Geist Gottes selbst so sichtbar die fertigen Netze der Menschen
zerreisst. Darum also häufte Bardeloh Masken und Larven in seiner Wohnung auf und
wühlte sich allnächtlich ein in die blutigen Träume seiner wirren Gedanken? Nun
fasse ich auch seine Wut bei meinem unvermuteten Eintritte in sein Kabinet,
seinen Apparat von Dolchen und andern Waffen, seinen ganzen Kirchhofs- und
Beinhauspomp! Gottlob, dass der ungeheure Plan in sich selbst zerfiel, obwol ich
glauben möchte, ein solcher Stoss würde nicht erfolglos unser wankendes Leben
berührt haben.
                                                    Fastnacht, in der Dämmerung.
    So eben ist Casimir's Leichnam in Bardeloh's Wohnung geschafft worden. Mir
bangt vor dem Tage; der Pöbel ist unruhig; die Freuden der Fastnacht tragen noch
mehr dazu bei und ich muss bekennen, dass ich nicht ohne bange Besorgnis dem
Abende entgegensehe.
    Bardeloh hat Mardochai's Brief gelesen. Ich war zugegen, es malte sich ein
furchtbarer Kampf auf Richard's Mienen. Lange Zeit sprach er kein Wort, er mass
mit grossen Schritten das Zimmer, sann, runzelte die Stirn, sprach dumpf vor sich
hin und liess zuweilen den niederschmetternden Hohn um seine feinen Lippen
spielen, der diesem Mann das Aussehen eines idealen Dämon gibt.
    »Haben Sie den Brief aufmerksam gelesen?« fragte er mich endlich. - Ich
bejahte.
    »Nun was meinen Sie denn zu unserm Plane, denn nun Mardochai seine Humanität
so weit getrieben hat, steht es mir wohl auch frei, Ihre Ansicht darüber zu
hören.«
    In wenig Worten sprach ich mich frei darüber aus und verhehlte gar nicht
meinen Widerwillen gegen so verzweifelte Mittel.
    »Sie haben die Gespräche vergessen,« erwiederte Bardeloh, »die wir bei
unserm ersten Begegnen auf dem Dampfboote führten. Wissen Sie nicht, dass ich
damals sagte, ein halbjähriges Zwingen der europäischen Menschheit zum Tode oder
zum Handeln sei die alleinige Rettung für sie?«
    »Dies Alles weiss ich recht wohl,« versetzte ich, »doch bin ich auch noch
heut der Meinung, dass ein solches Handeln wohl vorübergehend eine Tat erzwingen,
ihr aber nie jene heiligende Flamme einhauchen würde, ohne welche jede
Unternehmung nur ein Schritt weiter zum Untergang ist.«
    »Und deshalb wollen Sie nach Amerika gehen?« warf Bardeloh ein.
    »Aus Lebensmut, nicht aus Todesfeigheit.«
    »Nun ja, der Eine nennt es so, der Andere so! - Wann gedenken Sie Europa zu
verlassen?«
    »Sehr bald; nur Mardochai's Abreise und Casimir's Bestattung will ich noch
abwarten. - Begleiten Sie mich, nicht mir zu Gefallen, Ihrem Weibe, Ihrem Sohne
zu Liebe!«
    »Hm. Vielleicht!« Bardeloh machte wieder ein paar Gänge durch's Zimmer, und
liess die Tapetentür aufspringen. »Wie gefällt Ihnen jetzt mein Studirzimmer?«
    In der Nische standen die Todtenköpfe wie immer, auf dem obersten lag eine
vielfach versiegelte Rolle. Ich schwieg und beobachtete scharf Richard's
Mienenspiel.
    »Mit diesen Boten des Hasses,« fuhr Bardeloh fort, auf die Rolle deutend
»glaube ich heut mein Testament verkündigen zu können. Der Zufall hat es anders
beschlossen. Sei's darum!«
    Ruhig liess er die Tapetentür wieder in's Schloss fallen. Ein abermaliger
Gang durch's Zimmer gab seinen Gedanken eine andere Richtung. »Sigismund,« sagte
er und ergriff mit herzlichem Druck meine Hand, »da dieser Gedanke zur Bekehrung
der Welt, an den ich doch mein ganzes Leben hingegeben habe, auf eine so
verrückte Art und Weise vernichtet worden ist, so bitte ich Sie, tun Sie mir
einen Gefallen. Wollen Sie?«
    »Von Herzen gern.«
    »Genug; nur keine langen Beteuerungen! Uebermorgen wollen wir Casimir's
Leiche bestatten. Ich traure um ihn so gut, wie um meine Nichte, Mardochai's
Tochter. Ich könnte Ihnen noch mehr darüber sagen, aber wozu? Es kann uns Beiden
nicht weiter helfen. Aus dem Maskenzuge wird nichts, das ist so gut als
entschieden. Die Bevölkerung aber verlangt einen Scherz. Sie mag ihn haben. Ich
mache einen Anschlag am Gürzenich und lade, so viel deren Raum haben, auf heut
Abend zu einem Souper in mein Haus. Es mag dieses Gastgebot zugleich Ihre,
meine, unser aller Abschiedsmahl, das Abendmahl der Zeit sein, wenn Sie wollen.
Aber ich bedinge mir aus, dass Jedermann schwarz gekleidet erscheine! Wir feiern
auch ein Todtenfest. Gehen Sie zu Mardochai?«
    Ich verneinte es.
    »Es ist auch besser,« fuhr Mardochai fort, »ich werde ihm ein paar Zeilen
schreiben und ihn ebenfalls nochmals zu mir einladen. Casimir's Leiche soll im
Hausflur auf den Katafalk gestellt werden. Die Besorgung dieser Angelegenheit
übertrage ich Ihnen, wie die Anordnung des etwaigen Schmuckes, wie er diesem
sonderbaren Geiste ziemen mag. Sprechen Sie meiner Frau Trost zu, ich gehe ganz
sicher aus Europa, auch Felix! Rosalie wird dann nicht zurückbleiben. - Um
Mardochai's Brief bitte ich noch einige Zeit.« -
    Mit einer Art religiöser Freudigkeit verliess ich Bardeloh. Ich würdigte im
Stillen Casimir's Tat und Tod, und eilte auf Rosaliens Zimmer, um ihr sogleich
den tröstlichen Entschluss ihres Gatten mitzuteilen. Ruhig hörte mich das
duldende, schöne Weib an und schien einiges Mistrauen in meine Worte zu setzen.
Auch meine wiederholten Beteuerungen nahm sie ganz in gleicher Weise auf.
    »Sie meinen es gut und ehrlich,« erwiederte sie, »darum kränkt Sie mein
Zweifel. Allein nicht in Ihr Wort, nur in Richard's Willen setze ich Argwohn.
Tun Sie indes, was Sie für Recht halten, auch ich will durch Zaudern der
Möglichkeit einer glücklichen Vollendung des gefassten Entschlusses nicht
vorbeugen. Schicken Sie mir Felix, das arme Kind wird sehr glücklich sein.«
    Diese Mutlosigkeit des Gemütes lähmte meine Kräfte. Wenn Frauen aufhören
zu hoffen, dann müssen sie das Zittern des Bodens, das dem Erdbeben vorangeht,
unter ihren Füssen bereits fühlen.
 
                                      19.
                           An Ferdinand und Raimund.
                                  Einige Tage später, am Bord der amerikanischen
                                                            Brigg: die Hoffnung.
    Ein grauer Nebel schwimmt auf dem Meere, die Luft ist still, eintönig
schlagen die Wogen gegen den Kiel des Schiffes. So habe ich Zeit, ein letztes
Wort Euch zuzurufen, wie ich versprach. Ich tue es, obwol noch immer
schmerzlich bewegt, doch mit weit leichterem Herzen, denn eine Versöhnung hat
das ausgleichende Schicksal eintreten lassen, wie ich sie nimmer geahnt hätte.
Glaubt aber nicht, es bestehe dieselbe in einer glücklichen Ruhe! Die Ruhe wird
erst jetzt langsam aus dem Toben der Leidenschaften sich erheben. Ich will mir
nicht vorgreifen, um Euch und mich selbst zu schonen, und, wie ich es bisher
getan habe, als möglichst unparteiischer Berichterstatter den Ereignissen einen
Weg zu Euren Herzen bahnen.
    Mein letztes Schreiben erzählte Euch die unerwartet eingetretene
Katastrophe, der Casimir und und Sara erlagen. Ich fürchtete sogleich irgend
eine Gewaltsamkeit, da Mardochai's briefliche Mitteilung an mich den
Machinationen ein Ziel setzte, die eben sowol seinen als Bardeloh's Geist bewegt
hatten. Es war der Klugheit gemäss, irgend etwas geschehen zu lassen, und Richard
ergriff auch sogleich geeignete Massregeln. Sein Plan war durch des Juden
Weigerung, daran Teil zu nehmen, völlig zerstört, und wenn mich darüber Freude
bewegte, so werdet Ihr mir nicht zürnen können. Der starre, nur dem Wink der
Consequenz und seinem ungeheuren Zwecke lebende Jude hatte freiwillig sich jedes
ferneren Eingreifens in das Richteramt der Geschichte begeben. Diese Demut des
Stolzes ward mir wertvoll, und konnte ich früher einen argen Abscheu selbst
gegen die Person Mardochai's nicht völlig besiegen; so sprach jetzt unverhohlen
die Milde menschlichen Erbarmens, christlicher Liebe für den reuigen, wenn auch
grossen Frevler. Ich hielt mit einiger Zuversicht fest an dem Glauben, auch
Bardeloh werde in sich gehen, und jetzt, nach so vielen gewaltsamen Auftritten,
die mehr oder minder teils als Producte ungestümen Strebens, teils als
Ergebnisse trauriger Lebenswirrnisse betrachtet werden müssen, endlich zu der
Einsicht kommen, dass dem Einzelnen auch bei der überwiegendsten geistigen Kraft
doch nie ein volles Recht zustehe, zu richten, wenn die Gesammteit ihre
Einstimmung noch nicht dazu gebe.
    In dieser Hoffnung, die noch an Wert gewann durch verborgene Befürchtungen,
sah ich ruhig den Vorbereitungen zu, die zum Empfang der Fastnachtsgäste
getroffen wurden. Das Briefchen, welches mir der ehrliche Klapperbein am Abend
der erschütternden Tat einhändigte, war von Auguste, die eine alte Sehnsucht
der Kindheit zum Carneval zurück in ihre Vaterstadt trieb. Auch Oskar und Lucie
meldeten ihre Ankunft und baten vorläufig um bereitwillige Aufnahme. Sie kamen
frühzeitig am Tage der Volksbelustigung an, noch gänzlich unbekannt mit dem
Vorgefallenen. Dass ein kalter Schrecken sich Aller bei der Benachrichtigung
desselben bemächtigte, werdet Ihr natürlich finden. Lucie indes, in ihrer
raschen Beweglichkeit, wusste doch sehr bald den Eindruck wieder von sich
abzuschütteln und betrachtete mit der ihrem Naturell eigenen Neugier die
schwarzen Tapeten, womit Bardeloh die Hausflur ausschlagen liess. Da es nun
einmal hiess, es werde ein Fastnachtsmahl angeordnet, so hoffte Jeder auf
Zerstreuung und ausgelassene Lustbarkeiten. Auguste blieb jedoch ängstlich. Eine
bange Unruhe liess sie fast krankhaft erscheinen, und ich ward besorgt für die
schon mannigfach Aufgeregte. Rosalien's mütterliche Milde allein konnte sie
beruhigen und glückliche Bilder dem schwarzen Maskengrauen unterschieben, das so
bang und kalt durch die glänzenden Räume des ganzen Palastes wankte.
    Der Anschlag Bardeloh's war von sehr erfreulicher Wirkung. Ungeachtet die
Klugheit es befahl, die Art und Weise von Casimir's Tode geheim zu halten, hatte
doch die heimliche Verräterei des Gerüchtes ungewisse, aufreizende Worte unter
die Bevölkerung verstreut. Die Masse liebt es, dem Unverbürgten zuzufallen,
schon weil ein dunkles Gefühl unzulänglicher Lebensbefriedigung sie gern die
Gelegenheit ergreifen lässt, sich auf Augenblicke zu erobern, was sie für
gewöhnlich und dauernd entbehren muss. So lief denn auch frühzeitig genug die
Sage von einem Morde um, der in der Wohnung eines Juden verübt worden sein
sollte, und als eine Unterbrechung oder wenigstens Abänderung in den
Festlichkeiten angekündigt ward, reihte man Mögliches und Unmögliches rasch
zusammen und construirte sich ein wundersames Bild, in denen die Hauptfarben
genug des Grellen und Blutigen an sich trugen. Sobald indes nur der Scherz auf
den Strassen in alter Weise begann, vergass man ungezwungen die Geheimnisse des
häuslichen Unglückes und begnügte sich mit Spässen, wie der Augenblick sie
erfand. Diese Improvisationen waren übrigens gar nicht zu verachten, und gaben
von Neuem einen Beweis, wie die Natur immer die glücklichste Schöpferin bleibt,
wenn sie ungestört sich frei bewegen darf. Ohne eigentliche Anleitung bildete
sich ein höchst ergötzlicher Maskenzug, der, wie gewöhnlich, zuletzt noch Besitz
nahm vom Gürzenich. Nur kürzere Zeit währte der Scherz, der freilich zuweilen
die Derbheit etwas in zu grosser Ungenirteit an den Nächsten verhandelte.
    Ein eigenes Interesse nahmen die grosse Menge der Pietisten, an Bardeloh's
Einladung. Mit sicherm Takt hatte mein Gastfreund die Eitelkeit unter der
demütigen Kopfbinde bei diesen Menschen herausgefühlt, und deshalb eine ganz
specielle Aufforderung, sein Fest zu besuchen, an sie ergehen lassen. Dass er
dabei schwarze Kleidung sich ausbedang, erhob ihn noch mehr in ihren Augen; denn
sie vermeinten darin gewissermassen den Widerschein der Reue zu erblicken, die
bereits im Herzen des stolzen Mannes sowol über sein früheres Leben, als über
den Schwank des gegenwärtigen Tages sich zu äussern beginne.
    Der Abend war herangekommen und in besonnener Eile jedes Nötige besorgt
worden. Bardeloh liess noch eine besondere Einladung an Mardochai ergehen, Teil
zu nehmen an dem Feste. Er schrieb ihm ein kurzes Billet, das er mir zeigte,
bevor er es abschickte. Die Worte lauteten: »Da Sie der Zufall genötigt hat,
zum ersten Male der Allgemeinheit nicht Wort zu halten, hoffe ich, dass Sie
mindestens den Freund, den Einzelnen, nicht versäumen werden. Das Fest der Sühne
wird gestört, da Sie nicht Teil daran nehmen mögen. Halten Sie also vereint mit
mir das Trauermahl und vergessen Sie nicht, durch den Ueberbringer dieser Zeilen
mir die Maske zurückzuschicken, die Sie eigentlich heut zieren sollte!«
    Mardochai sagte bereitwillig zu, indem er zugleich meldete, dass die
Einbalsamirung seiner Tochter geschehen und überhaupt sein ganzes Hauswesen
bestellt sei. In einem Packet überreichte der Diener meinem Gastfreunde die
verlangte Maske. Ueber Bardeloh's Gesicht flog ein Zucken, das wie die Freude
wilder Dämonen seine männlich schönen Züge nur auf Sekunden verunstaltete. Ich
erschrack, ohne das Warum zu begreifen; ich hatte keine Ahnung von dem Inhalt
des Packets.
    Unterdess war der Salon geordnet, die Divane mit schwarzem Stoff überzogen,
statt der bunten Teppiche schwarzwollene aufgerollt worden. Bardeloh selbst, so
wie alle Hausgenossen und Dienstboten hatten tiefschwarze Kleidung angelegt. Der
Lärm am Heerde contrastirte grell genug mit diesen Todesschauern.
    In der Hausflur war der Katafalk errichtet. Hohe Kandelaber standen um den
Sarg, aus dessen schwarzer Tiefe das bleiche Gesicht des todten Casimir, ähnlich
einer Wachsmaske, hervorsah. Einen Lorbeerkranz im spärlichen Haar, eine Lyra in
der Linken, verbarg die Rechte einen Dolch. Um den Sarg schritten ernste
Wächter, um jeden Neugierigen in die Schranke der Sitte zurückzuweisen.
    Die anberaumte Stunde erschien, und mit ihr die zahlreich geladene
Gesellschaft, der sich anschliessen konnte, wer Lust hatte, sobald er sich nur
schwarz gekleidet zeigte. Schon die ersten Ankömmlinge stutzten beim Anblick des
Katafalks mit Sarg und Leiche. Es erfolgte indes, was ich erwartet hatte. Jeder
hielt diese Anordnung für einen pikanten Scherz des Hausherrn und sah in dem
wirklichen Leichname nur eine meisterhafte Maske. Da nur Wenigen Casimir
persönlich bekannt war, liess die Täuschung sich um so leichter bewerkstelligen,
und zeigte auch dann und wann ein allzu Neugieriger Lust, den Sarg einer
genaueren Besichtigung zu unterwerfen, so wiesen den Zudringlichen die Wächter
noch zu rechter Zeit in die Schranken der Mässigung zurück. Es unterblieb daher
jede Störung, so arg der Zudrang war. Eine Menge müssigen Gesindels fand sich
ebenfalls ein, über die Kleidung der Dürftigkeit den pomphaften Staat der Trauer
geworfen, nicht selten verschossen oder gar Lumpen ähnlicher als Kleidern. Die
kecke Zudringlichkeit dieser Menschenklasse wusste Bardeloh auf das glücklichste
zu stillen. Es fehlte weder an Speise, noch Trank, und die beliebten Spirituosen
wurden reichlich, doch mit Vorsicht, umhergereicht. Das ganze Erdgeschoss war für
die Belustigung der lauten Volksmenge vorgerichtet, und es währte auch nicht
lange, so war der Scherz im vollen Gange und Niemand dachte sehr an das störend
ernste Gerüst auf der Flur.
    Bardeloh sah, in feinstes Schwarz gekleidet, diesem Staunen, verblüfftem
Lächeln, der unablässigen Mischung von geahntem Schreck und gewünschter Freude,
im Hintergrunde zu, wo er die feinere Gesellschaft begrüsste, die alsdann nach
den oberen Gemächern sich verfügte, wo die sinnende Rosalie sie freundlich, wenn
auch befangen, empfing. Schon hatten sich Gleichmut und Steinhuder mit dem
ganzen langen Schweif seiner Anhänger eingefunden, denen er hier gleichsam zum
Führer diente. Er war demütig-höflich, kriechend heiter, und wusste sogar seinen
Zorn beim Anblick Lucien's und Oskar's zu unterdrücken. - Von den Geladenen ward
nur Mardochai noch immer vergeblich erwartet, Bardeloh zeigte einige Unruhe,
traf aber zugleich Anstalt, die Tafeln ordnen zu lassen. In einem Vorzimmer
sammelte sich das Orchester.
    Gleichmut suchte mich allein zu sprechen, wir traten zusammen in die
psychologische Warte. »Sigismund,« sprach der schwer Geprüfte, »was ist dies für
ein Fest? Wissen Sie, was Bardeloh beabsichtigt? Oder sollte ich mich irren in
dem Argwohne, der das Leben mit seinen täuschenden Scheinfreuden mir
zurückgelassen hat? Unten der Katafalk, die Leiche, von der man nicht weiss, ob
sie Maske oder Wirklichkeit ist, und hier die wandernde
Leichenbittergesellschaft, die umher schleicht, als gälte es die Grablegung der
Menschheit! Geben Sie mir Aufklärung!«
    »Es gilt, zu versühnen,« erwiederte ich. »Sie ahnten das Rechte in Bardeloh,
aber die Vorsehung ist mächtiger gewesen, als die leidenschaftliche Aufregung
geistig grosser Menschen. Im Sarge liegt Casimir's Leiche!« -
    Gleichmut musste sich an das Getäfel lehnen, um Kraft zu sammeln. Bardeloh
trat mit seinem Sohne Felix in die Versammlung. Ich setzte den Pastor mit kurzen
Worten von dem Vorgefallenen in Kenntnis.
    Mein Gastfreund begrüsste mit bitterm Lächeln seine zahlreichen Gäste. »Ich
bedauere,« sprach er mit der Ruhe eines umsichtigen Diplomaten, der seinen Zweck
um jeden Preis erreichen will, »ich bedauere, dass ich das Vertrauen, welches man
mir zu schenken so wohlwollend war, auf eine so wenig genügende Art und Weise
rechtfertige. Ein trauriger Vorfall hat die Freude meines Hauses gestört, eine
geliebte Nichte von mir ist auf eine höchst betrübende Weise aus dem Leben
geschieden. Mein Herz fühlte sich zu tief verwundet, um in dieser Stimmung mit
Glück die Leitung eines heitern Festes übernehmen zu können. Doch musste ich auf
irgend eine passende Weise der einmal übernommenen Verpflichtung nachzukommen
suchen, und dies bezweckte ich, indem ich Sie, meine Verehrten, zu mir lud.
Ueberlassen Sie sich jetzt der Heiterkeit, ich selbst will dazu beitragen.
Wohlan, es beginne die Lust!«
    Richard klatschte in die Hände, die Flügeltüren sprangen auf und ein
Bacchuszug schwärmte jauchzend herein und durch den Saal. Der Scherz und Humor
würde vollständig gewesen sein, hätte nicht die durchaus schwarze Tracht auch
dieser Darsteller dem überreizt Lustigen einen Anstrich finstern Ernstes
verliehen. Anstatt wahrhaft zu erheitern, wirkte dieser Jubelchor mit umflorten
Tyrsusstäben fast dämonisch. Man ahnte ein Grauen hinter der Tollheit der Lust,
das drückend auf die Versammelten niederfiel. Dazu noch das überlaute Getümmel
der Menge im Erdgeschoss, die nur den Augenblick des reichsten Genusses fest
hielt und jeder Laune frei den Zügel schiessen liess. Noch hatte der Zug den Saal
nicht wieder verlassen, als ein durchdringender Aufschrei unzähliger Stimmen
etwas Ausserordentliches verkündigte. Eben so schnell trat eine lautlose Stille
ein, nur dumpf unterbrochen von dem fernen Gemurmel der neugierig gaffenden
Menge. Ein paar Diener traten bestürzt ein, und raunten Bardeloh einige Worte
zu. Dieser verliess den Saal, ich folgte. Auguste hatte sich an meinen Arm
festgeklammert. Alles drängte nach, ernste und lustige Gesichter, da Viele die
lächerlichsten Masken trugen. Von unten her wuchs der Lärm. Die Luft schien zu
brausen, wie vor dem Ausbruch eines zerstörenden Orkanes.
    Zugleich mit Bardeloh erreichte ich die Hausflur. Ein Anblick, der noch
jetzt in der Rückerinnerung mich tief ergreift, machte uns Alle stutzen. Nahe am
Sarge Casimir's stand die ehrwürdige Gestalt des neunzigjährigen Castelan's.
Seine Linke auf die Brust des Todten gelegt, mit der Rechten den Krückenstab
gegen die gierige Menge, halb drohend, halb besänftigend erhebend, sah er mit
der Ruhe eines Mannes umher, den kein noch so trübes Ereignis den fest
gewurzelten Glauben an Gott und die ewige Gerechtigkeit hat entwenden können.
    »Casimir ich vergebe Dir!« sprach jetzt laut und vernehmlich der Greis, »und
Euch Allen, die Ihr hier gaffend und zürnend mich umgebt, sage ich als der
Aelteste, es gibt kein Verbrechen auf Erden, das sich nicht selbst strafte!
Dieser Todte, dessen Hülle im Prunk des Sarges noch höhnt, war ein grosser Mensch
und ein grosser Sünder. Er plünderte das Heiligtum aus reinem Übermut, aus
Lust und Freude am Seltsamen, und dafür hat das sanfte Auge Gottes seine Seele
geplündert und ihr den Frieden entwendet, von dem jeder wahre Mensch einen
kleinen Teil in sich tragen muss, soll er glücklich werden. Ruhe aber und
Vergebung dem Todten! Es lebt ein Gott, es sitzt zu Gericht sein heiliger
Geist!« -
    »So ist es!« sagte eine feste, männliche Stimme, und die hohe Gestalt
Mardochai's schritt, im schwarzen, faltigen Talar, ernst, bleich, mit
geisterhafter Ruhe durch die dicht geschaarte Menge der Zuschauer. Er trat neben
den Greis. »Kennst Du mich, Castelan?« fragte er den zitternden Alten. »Das
Werkzeug starb, der Werkmeister lebt noch. Ich befahl dem da die Sünde, weil ich
wusste, sie würde ihn reizen in der Monstrosität seines Geistes. Und dieser
Mensch nahm Rache an mir, weil der Herr der Welt es zuliess. Friede seiner Asche,
Ruhe seiner Seele! Mir wird sie vielleicht zu Teil werden an der Schwelle des
heiligen Grabes.« -
    »Der Jude, der furchtbare Jude!« lispelte der Greis. Burton, der auch dazu
gekommen war, stützte den Wankenden, an dem Mardochai vorüber auf Bardeloh
zuschritt. »Sie wünschten meine Gegenwart. Hier bin ich,« sprach er zu seinem
Geistesgenossen. Bardeloh reichte ihm die Hand, sein Gesicht zuckte fieberhaft
zusammen. Sie schritten die Treppe hinauf. Langsam folgte der Greis und
Gleichmut.
    Bis dahin hatte Staunen und eine Art Scheu die erregte Menge ruhig gehalten,
jetzt aber fassten die Einzelnen und Argwöhnischsten Worte und halbe Sätze
zusammen, und bildeten daraus ein trübes Bild, dessen dunkle Fratze sie
erstarrte und zur Wut hinriss. Man drängte mit Gewalt die Wächter zurück vom
Sarge, um den Leichnam zu sehen. Einige erkannten den Todten; denn Casimir hatte
es wohl zuweilen geliebt, in die niedrigsten Winkel des geselligen Verkehrs
herabzusteigen, um, wie er sich auszudrücken pflegte, »die Genialität der Zoten«
zu studiren. Halb rasend fielen die einmal Erhjetzten über die Leiche her. Sie
entdeckten den Dolch und glaubten, man habe ihn damit ermordet. Sogleich rissen
ihm ein paar die Oberkleider ab. Man sah die eingeschlagene Brust, fühlte die
zerbrochenen Rippen. Geschrei, Getümmel, erfüllte die Hausflur. »Der Jude hat
ihn ermordet - Casimir wollte sich rächen - Mardochai ist ein Mörder! - Nieder,
nieder mit ihm!« - So tobte Alles wüst durcheinander. Im Gedränge ward der
Katafalk verrückt, die Kandelaber wurden umgestürzt. Dunkel lodernd brannten sie
trüb fort unter der finstern Bahre. - Die Leiche ward von den Neugierigen fast
zerrissen, die Lichter ergriffen die Bahrtücher, durch Rauch und Qualm starrten
die Gesichter der Erbitterten. Man wollte in die obern Gemächer - da erschienen
Bardeloh und Burton. Beiden gelang es, die Tobenden zu besänftigen, indem sie
klar und ruhig die Torheit der Annahme dartaten. Die rohe Menge zog sich
murrend zurück, und entfernte sich auf Bardeloh's Befehl, grollend im Herzen,
und die Kleidung des todten Dichters fast in kleine Fetzen zerreissend. Der
Tumult ward gestillt und beruhigt traten wir wieder in die Versammlung. Jetzt
erst ward Bardeloh in einem gewissen Sinn lebhaft. Er klopfte mir vertraulich
auf die Achsel, indem er sprach: »Nun ist's gut. Die Zeit der Tat ist
gekommen.« -
    Die Menge der Gäste verhinderte mich, länger mit Richard zu sprechen. Es
drängten sich so viele an den unergründlichen Mann, dass immer Einer dem Andern
weichen musste, um nicht nach unserer Ausdrucksweise unhöflich zu erscheinen.
Während nun die schwarz gallonirten Diener die Tafel bereiteten, benutzte ich
die Gunst des Augenblickes und plauderte mit Auguste. Lucie und Oskar hatten
sich ebenfalls in eine Fensternische zurückgezogen und überliessen sich harmlosen
Scherzen und verliebten Neckereien, wie sie dem Naturell des ungewöhnlich
lebhaften Mädchens zusagten.
    Zu mir und Auguste gesellte sich bald wieder Felix, der in seiner schwarzen
Sammetkleidung ganz allerliebst unter der burlesken Ernstaftigkeit so vieler
Erwachsenen herumlief.
    »Tante,« sprach er, »heut soll ich eigentlich gefirmelt werden, wenn der
Vater sein Wort hält, ich weiss aber immer noch nicht, wie er es anstellen will.
Denn das sieht mir curios aus und gar nicht besonders heilig. Willst Du Dich
nicht mit firmeln lassen, Tante? So allein mag es mir gar nicht recht gefallen.«
    »Lass das gut sein, liebes Kind,« erwiederte Auguste. »Der Vater spricht oft
Worte, die wir nicht verstehen, und da wird es mit Deiner Firmelung wohl auch
nicht anders gemeint sein.«
    »Vielleicht ist es grade so, wie mit dem Civilisationsgift, das der Vater
ordentlich recht im Leibe hat.«
    »Das hat er,« sprach nahe bei uns Bardeloh's starke Stimme, »ich sage Dir
aber, Kind, heut Abend noch wird es ihn verlassen.« Hierauf wandte er sich mit
seiner gewöhnlichen graziösen Leichtigkeit zu Auguste, und reichte ihr den Arm.
»Kommen Sie, liebe Schwägerin; die Tafel ist bereit, für Toaste gesorgt.
Sigismund, meine Frau wartet auf Sie.«
    Die übrigen Versammelten folgten unserm Beispiele und ordneten sich um die
lange Tafel, die fast in Form eines Kreuzes sich durch den weiten Saal hinzog.
Am obersten Ende war für Mardochai ein Sitz bereitet. Ihm zur Rechten sass
Steinhuder, zur Linken Gleichmut. Grade gegenüber am untersten Teile nahm
Bardeloh selbst Platz zwischen Auguste und Felix. Ich sass mit Rosalie in der
Mitte des Saales, uns gegenüber der greise Castelan. Neben ihm Lucie, der
lustige Ephraim, Oskar und Burton. Auf beiden Seiten gemischt die recht-, irr-
und ungläubige übrige Gesellschaft. Von den Bekannten vermisste ich nur
Friedrichen und den Mönch. Ich fragte Rosalien, weshalb diese beiden nicht Teil
nähmen an dem Mahle, da sie doch in der letztern Zeit meistenteils eine
anständige Ruhe zur Schau getragen hätten.
    »Richard hat über sie verfügt,« antwortete sie achselzuckend. Bangigkeit lag
in ihrem Auge, aber auch die Zuversicht eines gewissen, wenn auch noch fernen
Glückes.
    Es herrschte Anfangs eine etwas peinliche Einsylbigkeit. Nur einzelne
sprachen, doch meist leise mit ihren nächsten Nachbarn. Unter die Lautesten
gehörte Klapperbein, der sehr bald seine gewöhnlichen Spasshaftigkeit ein paar
übermütige Sprünge machen liess und dadurch herzliches Gelächter erregte.
    Heut ist Fastnacht, das heisst, es fehlt nur noch ein Linschen, so ist's ganz
Nacht. Man sieht's aber nicht, weil's zu hell ist, und eben darum wollen wir
lustig sein und trinken. Alle tausende fällt mir da ein Lied ein, just ein
Studentenlied. Es tut jedoch nichts, auch ein alter Kerl mit einem ganzen
Herzen darf's immer noch mit singen. Heda, eingestimmt! Jung und Alt, Gottlos
und Fromm. Es ist Fastnacht, wo Jeder sagen darf, was er will. Wohlan denn,
Gläselein klinget:
        »Stosst an,
        Mann für Mann,
        Wer den Flammberg schwingen kann etc.«
Und nun sang der alte, rüstige Bruder Lustig mit so munterer Kehle, als sei er
noch keine zwanzig Jahre alt. Es stimmten Viele mit ein, wenn es auch nicht
Jedem von Herzen ging. Indes bewirkte dieser frische Anfang ein schnelleres
Erwachen einer zum Teil freilich nur erzwungenen Lust, und Lieder bald
humoristischen, bald ernstaften Inhalts wurden von Diesem und Jenem angestimmt.
Dadurch erheiterte sich auch Burton's Laune. Man liess Amerika leben und ein
allbekanntes Nationallied ward mit steigendem Entzücken von der ganzen
Gesellschaft gesungen.
    Der Castelan sah diesem Treiben mit nicht sehr billigenden Blicken zu, und
wirklich lag auch in dem Kontrast, welchen die Lustigkeit Einzelner mit der
Trauergewandung Aller hervorbrachte, für einen stillen Beobachter etwas
unaussprechlich Beengendes. Dagegen zu reden, wäre freilich unnütz und, wenn man
will, für den Wirt sogar beleidigend gewesen.
    Nach den ersten Gängen trat die Musik aus dem Nebenzimmer in den Saal, wo
eine besondere Estrade für sie errichtet worden war. Alle Musiker waren schwarz
gekleidet, trugen aber buntfarbige Bajazzokappen mit Schellen, was einen so
allgewaltig komischen Eindruck auf die ganze Versammlung hervorbrachte, dass sich
ein »unauslöschliches Göttergelächter« erhob. Da jeder Einzelne maskirt war,
versuchten wir umsonst die Gesichter zu mustern. Bardeloh befahl inzwischen
einen Straussischen Walzer, und bald flogen die Fiedelbogen, dass alle
Mädchenfüsse in zuckende Bewegung gerieten.
    Die Meisten der hervorragenden Anwesenden, unter Andern auch Steinhuder und
Oskar, hatten Toaste ausgebracht, die sich freilich in feindseliger Rüstung
trotzig gegenüber standen. Die Fastnacht war und blieb der allgemeine Versöhner.
Wein und sonstige Aufregung hatte die Gemüter entflammt. Lauter ertönten die
Stimmen, man wog nicht mehr das Wort und gestattete dem Gedanken eine
ungewöhnliche Freiheit. Da erhob sich Bardeloh, ruhig, ernst, mit spöttischer
Lippenbewegung. Schweigen fiel herab auf die Versammelten, denn man erwartete
nicht mit Unrecht etwas Bedeutsames aus dem Munde des Geheimnisvollen zu
vernehmen.
    »Es ist Fastnacht,« begann mit unsicherer Stimme der bleiche Mann, »und da
ist es von jeher erlaubt gewesen, die Wahrheit zu sagen, ein Narr zu sein, ein
Allerweltsnarr! Auch ich fühle heut die Lust dazu in mir, bin aber nicht
geneigt, viele Worte zu machen. Ich erhebe nur das Glas, und fordere meine
ehrenwerten Gäste auf, mit mir vereint die Idee leben zu lassen, welche in dem
heut unterbliebenen Maskenzuge zur Erscheinung kommen sollte. Wer ein Freund der
Wahrheit ist, der fülle sein Glas und stosse mit mir an! Heda, Musik! Es lebe
diese verschleierte Idee!«
    Die Musiker begannen zu spielen. Sie hatten die Masken abgeworfen, ich
erkannte in ihrem Dirigenten den blödsinnigen Friedrich, dessen Bogenstriche
übrigens jetzt in alter Weise sich wieder kenntlich machten. Die Gesellschaft
war aufgestanden, doch rief es von allen Seiten wiederholt: »Sag' an die Idee! -
Was sollte sie verwirklichen?« -
    Wie zerstreut fuhr sich Bardeloh mit der Hand über die Stirn, griff im Busen
und zog - Mardochai's Brief an mich hervor. Lächelnd reichte er denselben einem
der zunächst Sitzenden. Es war ein Pietist. Der Mann gebot Ruhe und begann laut
das Schreiben vorzulesen. Bardeloh erfasste die Hand seines Sohnes, Mardochai
stand ruhig auf, näherte sich unserm Gastfreunde und sprach fest, aber
erbleichend: »Richard, was tun Sie?« - »Was ich muss,« erwiederte der Gefragte.
»Nach Gewissheit verlangt meine Seele. Ich muss noch in dieser Stunde erfahren, ob
meine Gedanken auch die der Welt sind.« -
    »Der Segen Abrahams sei mit Dir!« flüsterte Mardochai, »doch fürcht' ich, Du
hast nicht gut daran getan.« -
    In diesem Moment erhob sich ein Murmeln, Schimpfen, Drohen. Der Pietist
hatte den Brief fast zu Ende gelesen. Alles stand auf. »Lästerung! Lästerung!«
schrien die Frömmler, Steinhuder an ihrer Spitze. »Ergreift sie!« tobten Andere.
»Den Juden fasst! - Den reichen Nabob tödtet! - - Schleppt sie vor Gericht! -
Nein, nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!« -
    Alle Schrecken des bigottesten Fanatismus schritten zügellos durch die
schimmernden Säle. Mardochai war schon erfasst worden, er wusste sich zu befreien,
und schritt zwar fliehend, aber doch mit stolzer Haltung, der Tür zu, die nach
Bardeloh's Kabinet führte. Dieser selbst bahnte sich, seinen zitternden Knaben
im Arm, rasch den Weg eben dahin. Die Stimme des greisen Castelans sprach Worte
des Friedens, die Frauen baten und suchten die Aufgeregten zu beruhigen, sich
fest an sie klammernd. Burton, Oskar und ich, auch Gleichmut, wir Alle boten
die Kraft des Wortes auf, um die empörten Gemüter zu besänftigen. Allein der
Aufstand war zu allgemein, die Gemüter verletzt in ihrem verborgensten
Heiligtum. -
    Bardeloh öffnete die Tür seines Cabinets und stürzte mit Felix hinein, am
Boden kniete in schwarzem Mönchsgewande, den Rosenkranz in der Hand, Bonifacius.
Ein Druck gegen die Wand spregten die Tapetentür, und es ward der bekannte
Apparat sichtbar, beleuchtet von den dunkel flatternden Spiritusflammen. Hastig
ergriff er einen Dolch, riss seinen Sohn zu sich empor, drückte ihn fest gegen
seine linke Brust, und dann den blinkenden Stahl schwingend, rief er drohend
gegen die Heranstürmenden, in deren Mitte ohnmächtig Mardochai gegen hundert
Arme kämpfte: »Ich seh's, Euch ist nicht zu helfen. Die Wahrheit mögt Ihr nicht
hören, selbst die Fastnacht darf sie nicht mehr laut aussprechen. Ihr lebt in
der Lüge, im Wahn, in Unfreiheit! Ich und mein Sohn aber, wir wollen frei sein.
Gott sei Deiner Seele gnädig!«
    Der Dolch zuckte in der Luft und fuhr gegen die Brust des Knaben. Doch ein
gewaltiger Stoss Oskar's, der hinter Bardeloh gesprungen war, schleuderte in
demselben Augenblick das zitternde Kind aus des Vaters Hand. Es stürzte vorwärts
auf einen Divan, der mit Gewalt geführte Stoss aber traf des Vaters eigene Brust.
Dröhnend sank Richard zusammen auf die Pyramide und über ihn rollten die Schädel
zu Boden. Ein Blutstrom kroch, wie eine rote Schlange, über das Parquett.
Friedrich's Geige aber jauchzte in wunderbaren Tönen - ich gedachte des Knaben
Worte: »der Friedrich, Vater, wird Dir noch den Todtentanz streichen.« -
    Mehrere sprangen dem Gefallenen bei, allein noch war es nicht Zeit, Ruhe zu
suchen. Der Tumult dauerte fort, des Juden Kräfte wichen unter den Händen seiner
Verfolger. Mit dem kalten Blick der Verzweiflung sah Mardochai umher, ob nirgend
ein Mittel der Rettung sich darböte. Hinter der eingestürzten Pyramide erhob
sich eine Art Altar. Darauf lag eine versiegelte Rolle; drüber gebreitet jene
bedeutungsvolle Maske. Die Angst des Entsetzens, das sichere Gefühl von der Nähe
des Todes lassen den Bedrängten zu jedem Mittel, auch dem abenteuerlichsten
greifen. Mardochai erblickte nicht sobald jenes Bild, als ein Lichtstrahl der
Hoffnung über seine Mienen zog, wie der Bogen des Friedens und der Versöhnung.
Er übersah rasch seine Verfolger - es waren lauter Pietisten - eine gewaltige
Anstrengung machte ihn frei. Mit heftigem Sprunge schwang er sich zu der
Erhöhung hinauf, die unter seiner Schwere zerbrach, ergriff das wohlgemalte
Maskenbild, und es schnell über sein Haupt herabziehend, streckte er die Hand
aus und rief laut dem gereizten Haufen die Worte zu: »Ecce homo!«
    Ein paar Secunden trat eine schwüle Stille ein, dann aber brach ein grelles
Zetergeschrei aus, Steinhuder und viele Andere ergriffen den unglücklichen Mann,
und die Schnüren an der Maske zusammenziehend, sank Mardochai mit leisem Röcheln
langsam zurück gegen die Wand. Seine Finger zuckten krampfhaft, aber kein Laut
entschlüpfte seinem Munde. Das Haupt neigte sich auf die Brust, der Dornenkranz
sank tiefer und tiefer. Der Mann, welchem die Geschichte zu langsam war in ihrer
Gerechtigkeit, schied lautlos aus der Reihe der Lebendigen.
    Jetzt aber ergriff auch die erhitzen Henker die Furcht. Sie flohen Saal und
Haus, das Toben sank herab zur Ruhe des Todes. Auf dem Divan lehnte Felix
weinend am Busen seiner Mutter. Die Leiche seines Vaters hatten Oskar und Burton
aufgehoben und neben die ruhig lächelnde Gestalt seines irren Bruders gelegt,
der in glückliche Gedanken versunken nur mit leisem Finger die blutende Wunde
berührte und eben so ruhig, als ergeben sprach: »Das ist Dir gut, Bruder. Blut
versöhnt und bändigt die Leidenschaften. Ich weiss es am besten, denn ich habe
was Ehrliches für diese Bändigung geblutet. Nun Du so ruhig bist, Bruder, wollen
wir zusammen schlafen gehn in's Kloster.« -
    Der lebensmüde Mann erhob sein Haupt und fuhr fort, den Rosenkranz zu beten.
Vor ihm, mitten unter uns, stand der greise Castelan. Die Erscheinung dieses
ehrwürdigen Alten, auf dessen gefurchter Stirn mit schönen Lettern die Nachricht
eines über alle Stürme der Welt errungenen Sieges zu lesen war, berührte auch
mich wie die Erscheinung eines versöhnenden Engels.
    »Friede sei mit Euch!« sagte zitternd bewegt der edle Greis, und von der
grauen Wimper herab floss der Tau mildernder Tränen. »Friede sei mit Euch! rufe
ich nochmals, wenn ich auch kein geweihter Priester bin. Aus Nacht und Nebel
erhebt sich immer wieder das Licht des Tages. Ihr alle wandeltet in Nacht, ein
greller Blitz hat die Dunkelheit zerrissen und Einige getödtet. Das war keine
Strafe, das war die Liebe Gottes! O, werdet ruhig, Ihr, die Ihr zurückbleibt,
und bedenkt, dass es Ärgernis geben muss, der aber nicht zu beneiden ist, von
welchem es kommt. Friede sei mit den Lebenden, Friede mit den Todten! Den Mönch
nehme ich in meinen Schutz. Er gehört mir zu; sein todter Bruder hat ihn mir
übergeben.«
    »Gebrechlicher Greis,« fiel Gleichmut ein, »fürchtest Du nicht einen
Schuldigen, der aber seine Schuld bereut, so folge ich Dir ebenfalls, nicht
etwa, um Klosterbruder zu werden, sondern um fern vom Sturme der Welt mein
ganzes Leben wiederzufinden.«
    Der Castelan legte seine zitternde Hand auf den Scheitel Gleichmut's - es
war, als spräche dieses Handauflegen eine vollständige Absolution aus über
Jedermann, über die ganze Welt. -
    Ich hatte unterdess die Maske von Mardochai's Haupte gelöst. Sein Gesicht
trug die nämliche trotzige Ruhe des Stolzes, die ich immer an dem Manne
bewundert hatte. Nur die Augen standen halb offen, als hafteten sie noch auf den
Irrtümern der Welt. Mit Schmerz drückte ich sie dem eigentümlich grossen Manne
zu. Da löschte ein Luftzug die Lichter, tiefe Finsternis sank über den Todten.
Felix hing sich an meinen Hals und rief zärtlich: »Nicht wahr, jetzt wirst Du
mein Vater werden?« -
    Ich habe nichts mehr zu erwähnen. Zwei Tage später, nachdem Alles so gut als
möglich geordnet worden war, beschlossenen wir übrig Gebliebenen, durch so
wunderbare Ereignisse hart Geprüften, aber auch dem stillen Frieden der
Verheissung Wiedergegebenen, das Vaterland zu verlassen. In Mardochai's Wohnung
fand sich eine Kiste mit einer sehr grossen Menge von Schriften und Documenten,
alle auf die Emancipation seiner Brüder abzweckend. Sie wurden dem Ober-Rabbiner
in H. gesendet, für den ein Zettel von Mardochai sie, im Fall seines Todes,
bestimmt hatte. Reiche Legate für »Christen, die Juda's Schmerz mitfühlen und
Balsam für seine Wunden bereiten,« hatte der seltsame Mann ebenfalls ausgesetzt.
- Die Rolle, welche auf dem altarählichen Tischchen in Bardeloh's Cabinet lag,
entielt seine »Doctrin des Hasses,« von der sich vielleicht später Einiges
mitteilen lässt.
    Sara's Leichnam war bereits gegen die Verwesung gesichert. Rosalie wünschte
dasselbe ihrem Gatten und Mardochai. Wir willfahrteten den Bitten des armen,
aber doch im Besitz ihres hoffnungsvollen Sohnes glücklichen Weibes. Burton
besorgte ein Fahrzeug zur Aufnahme der drei Leichen, und am dritten Tage nach
dem traurigen Ereignisse, noch in neblicher Dämmerung geschah die Einschiffung.
    Gleichmut, der Greis und Bonifacius standen schweigend am Ufer. Sara's und
Bardeloh's sterbliche Ueberreste waren bereits am Bord, die Matrosen hissten
eben Mardochai's Sarg herauf. Im Osten dämmerte der erste Strahl des neuen
Tages. Da zerriss ein seltsamer Zufall das eine Tau, der Sarg schlug um und
versank in den Wogen des Stromes. Schluchzend stürzten die Wellen darüber
zusammen, der Greis faltete die Hände und sprach ein nochmaliges: »Friede seiner
Asche!« -
    Der Anker ward gehoben, in schnellen Stössen flog das Schiff den Rhein hinab.
Wir alle standen auf dem Verdeck, Rosalie, Oskar, Lucie, Auguste, Felix, ich und
Ephraim, und grüssten mit tränenschwerem Auge die Zurückbleibenden so lange wir
sie erkennen konnten. Als der Morgennebel ihre Umrisse verhüllte, vernahmen wir
die Töne aus Friedrich's Violine, und die Melodie eines alten, tief ergreifenden
Kirchenliedes flog zu uns herüber, wie ein Segensruf Gottes. Da trat die Sonne
hinter den Wolken hervor, und als wolle sie alle Schmerzen stillen, allen Kummer
in Freude verwandeln, übergoss sie mit versöhnendem Strahle die Erde, so weit
unsere Blicke reichten.
    Wir schieden versöhnt mit dem Geschick, mit der Menschheit vom Vaterlande,
und wankten auf der Brigg »die Hoffnung,« geführt von Burtons erfahrener Hand,
hinaus auf die unermesslichen Meere. Der Anblick des gewaltigen Elementes erhob
unsere Gemüter; geeint in Liebe, riefen wir dem in den Wellen versinkenden
Vaterlande ein lautes, herzliches Lebewohl zu, den hohen Trost mit uns nehmend,
dass die Liebe versöhnt und der Glaube errettet, wenn sie beide das Product einer
in tiefster Brust ewig verschlossenen Wahrheit sind.
    Lebt wohl in Europa! Vom Ufer des Missisippi schreib' ich Euch wieder.
 
                                  Nachschrift.
Ehe ich diesmal von meinen Lesern Abschied nehme, habe ich ihnen noch ein Wort
zuzuflüstern. Bücher sind oft seltsamen Schicksalen unterworfen und zwar
meistenteils bloss deshalb, weil Autor und Leser auf einem ganz verschiedenen
Standpunkt der Betrachtung stehen. Kann auch die Masse der Leser, als
Repräsentant einer stimmberechtigten Gesammteit, von dem Autor verlangen, er
solle für sie schreiben und also in einer Weise, die Allen gleich leicht
verständlich, bequem und erquicklich sei; so hat doch der Autor auf der andern
Seite auch wieder höhere Zwecke zu verfolgen, wenn er überhaupt schreibt, weil
er die Weihe dazu von der Natur empfangen zu haben überzeugt ist. Hier Jedem zu
geben, was Rechtens sein mag, hat seine grossen Schwierigkeiten. Ein
Schriftsteller von heut, der seine Stoffe dem unmittelbaren Leben entnehmen
will, um die Mistöne auflösen zu helfen, an denen es leider noch so reich ist,
kommt in vielfache Conflicte. Nicht nur mit sich selbst hat er zu ringen, Stoff
und Form zu berücksichtigen, ästetischen Feinschmeckern auf die Lippen zu
sehen; auch die Freunde, die Bekannten, die sogenannten Gleichgesinnten (wiewol
es manchmal scheint, als sei dies ein leeres Wort), die Prüderie der
Gesellschaft, die Schminke der spazierengeführten Tugendhaftigkeit, die
umherstolzierende Anmassung der liberalen Quacksalber, die grosse Menge, gemischt
aus tausend sich widersprechenden Atomen, und endlich die Idee, diese Sonne, an
deren Strahl die Zukunft lebendig wird, soll ein Autor der Gegenwart beachten!
dabei können aber die Gedanken selbst sich verlieren, und es macht sich daher
oft nötig, aus Liebe zur Wahrheit Dies und Jenes unberücksichtigt zu lassen.
Schleicht sich darüber die Lückenhaftigkeit ein, so sei man billig und bedenke,
dass auch ein productiver Mensch doch immer nur Mensch ist und als solcher nicht
Jedermann nach dem Munde reden kann. Auch möge man noch die etwas misslichen
Verhältnisse betrachten, unter denen es nicht erlaubt ist, den Gedanken in der
geeignetsten Weise auszusprechen. Mit dem Wegfall der Gedanken verliert aber
auch die Form, denn wo ich die Seele einer allgemeinen Beschneidung unterwerfe,
da kann sie nicht den Körper so durchleuchten, wie es zu wünschen wäre. Findet
nun dieser oder jener Leser oder Kritiker ähnliche Verwundungen an meinem Buche,
so bitte ich, er möge sich dafür andern Ortes bedanken oder beschweren. Ich
wasche meine Hände in Unschuld; ich kann die Sonne nicht scheinen lassen; denn
ich fühle die Schwachheit meiner Menschennatur, und bin auch bloss ein allein
stehendes Individuum.
    Es kommen vielleicht einige geschickte Kreuzer, deren es allerwärts
übergenug gibt, und schreien mir die Ohren voll über Grades und Ungrades, was
angeblich in meinem Buche zu finden sein soll. Diesen habe ich bloss zu sagen,
dass ich kein Kreuzer bin, in der Kunst des Lavirens überhaupt schlecht
bewandert, vielmehr nur mit vollen Segeln durch Wetter, Sturm und brausende See
steuere, oder lieber ganz im Hafen bleibe. Ich weiss, dass ich mir keinen Dank
damit verdienen werde; doch von Dank will ich auch nicht leben. Meine Speise ist
die Wahrheit, die ungeschminkte. Sie ist aber auch mein Wimpel, an dem die
Hoffnung flattert, frisch und kräftig in die blaue Luft der Zukunft hinein. Auf
meine Gegenwart will ich keine Actie nehmen, ich fürchtete baldigen Bankerott,
auf die Zukunft aber, so viel man will; auf sie basire ich das Glück von Völkern
und Ländern. Und diese Zukunft ist licht in meinem Buche, wie in meiner Seele,
wenn auch sonst schwarze Wetterwolken drin blitzen und donnern.
    Den Gehäbigen werden meine Charaktere nicht gefallen. Die etwas radicale
Menschennatur, die heut zu Tage in Vanillentee, Himbeereis und Bonbons zu
Grunde gegangen ist, wird den guten Leuten viel zu schaffen machen. Sollten sie
Choleraschmerzen darüber bekommen, so bitte ich, sie mögen nicht mich, sondern
ihre schwache, verdorbene Constitution deshalb anklagen. Mir verursacht die
Natur, und wenn sie auch grotesk sich zeigt, keine Indigestionen, nur die
geschminkte widert mich an. Meine Charaktere aber, wie sie in Mardochai,
Gleichmut, Casimir, Friedrich, Steinhuder, Bardeloh, Lucie, Rosalie etc. zu
Tage liegen, tragen keine Schminke. Sie sind Menschen, wie sie aus der
Verworrenheit gegenwärtiger Zustände, sobald man diese concentrirt, von selbst
hervorwachsen. Auf den Kreuzwegen und Strassen freilich laufen sie uns nicht in
die Arme, in der mit der Aeusserlichkeit der perfiden Gewohnheitssitte grollenden
Stille des Hauses aber begegnen sie dem Forscher. Mir wenigstens sind sie
begegnet; denn ich habe nur porträtirt; versteht sich, mit Benutzung der
Licenzen, ohne welche sich nun einmal Charaktere nicht wohl anschaulich zeichnen
lassen. Man sei deshalb nicht böse, und zürne, fühlt man sich überhaupt dazu
berufen, mit der Welt, nicht mit mir. Ich würde bei solchem Zorne schweigen.
Nachdenken und Anschauung von Welt und Zeit, und ein gewagter kecker Blick in
die Zukunft haben mich die Feder eintauchen lassen. Die Eitelkeit hat keinen
Teil daran.
    Wer mein Buch als Kunstwerk auffasst, gerät in die Brüche. Ich habe ein Bild
grosser Lebensschmerzen, kein Kunstwerk schreiben wollen. -
    Sollten diese Mitteilungen Freunde finden, nicht solche, die gerne sich in
süsse Träume wiegen lassen auf den rhytmischen Wellen anmutig geschürzter
Perioden, sondern solcher, welche aufzuwachen geneigt sind, so werde ich seiner
Zeit die Fortsetzung derselben folgen lassen. Dann verlege ich die Scene an den
Missisippi, und dort, unter dem Schirm der sternbesaten Flagge, wird jeder
Zwiespalt vollends ausgeglichen werden, falls die von mir beabsichtigte
Versöhnung am Ende dieser Bände vielleicht noch nicht mit vollem lichten Strahl
aus Schmerz und Leidenschaft sich erhoben haben sollte. - Dies heut mein
Abschiedsgruss an die Leser, wobei wir uns, denk' ich, von Herzen die Hände
drücken.
    Leipzig, im September 1837.
 
    